»Individuum est effabile«: Spekulativ logische Erkenntnis des Einzelnen in Hegels Wissenschaft der Logik 9783787340835, 9783787340828

Anhand der Zielbestimmung des Einzelnen (in seiner Effabilität oder logischen Aussagbarkeit) wird in dieser Arbeit in er

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»Individuum est effabile«: Spekulativ logische Erkenntnis des Einzelnen in Hegels Wissenschaft der Logik
 9783787340835, 9783787340828

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HEGEL-STUDIEN BEIHEFT 72

Thomas Auinger

»Individuum est effabile« Spekulativ logische Erkenntnis des Einzelnen in Hegels Wissenschaft der Logik

HEGEL-STUDIEN BEIHEFTE

HEGEL-STUDIEN



Beiheft 72

In Verbindung mit Walter Jaeschke und Ludwig Siep herausgegeben von Michael Quante und Birgit Sandkaulen

FELIX MEINER VERL AG HAMBURG

Thomas Auinger

»Individuum est effabile« Spekulativ logische Erkenntnis des Einzelnen in Hegels Wissenschaft der Logik

FELIX MEINER VERL AG HAMBURG

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar. ISBN 978-3-7873-4082-8 ISBN eBook 978-3-7873-4083-5

Umschlagabbildung: © Ruth Tesmar / VG Bild-Kunst 2021 © Felix Meiner Verlag Hamburg 2021. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspei­cherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, ­soweit es nicht §§  53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Satz: Jens-Sören Mann. Druck: Stückle, Ettenheim. Gedruckt auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier, hergestellt aus 100% chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in Germany.

Inhalt Geleitwort von Friedrich Grimmlinger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Vorrede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1. Freie Wirklichkeiten – Anfängliches, Modales und Vorbegriffliches . . . . . . 37

1.1

Einleitung: Die Setzung eines eigenständigen Anfangs und die ­methodische Begriffsbestimmung des Anfangs überhaupt . . . . . . 37

1.2

Der Blick auf die objektive Logik und ihre ansichseiende ­Notwendigkeit. Erster Vorblick auf das Freiheitsmoment der freien Wirklichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

1.3 1.3.1

Die formelle Stufe der Modalitätskategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Konjunktivische Perspektive auf die Bestimmung der Einzelheit als in die Dialektik der formellen Modalitätskategorien projiziert 74 Der Form-Inhalts-Aspekt als Einstieg in den Realisierungsschritt der Modalitätskategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

1.3.2 1.4 1.4.1 1.4.2 1.5

Die reale Stufe der Modalitätskategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Reale Möglichkeit in rekonstruktiver Perspektive. Absolute Möglichkeit bzgl. kontinuierlicher und diskreter Größe . 99 Der Übergang zur absoluten Stufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Die absolute Stufe der Modalitätskategorien. Freie Wirklichkeiten und Emergenz der Substanz . . . . . . . . . . . . . . 103

2. Aufweis der Einzelheit über die Bewegung des absoluten Verhältnisses . 133

2.1

Problemaufriss: Ding – Substrat – Substanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133

2.2

Einleitung in das Absolute Verhältnis: Die Notwendigkeit – Das Notwendige – Ein Notwendiges Die Einzelheit – Das Einzelne - Ein Einzelnes . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

2.3 2.3.1

Das Verhältnis der Substantialität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Vorausschauend rückblickende Rekapitulation aus der Perspektive des Begriffs (Erster Punkt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

6

Inhalt

2.4 2.4.1

Das Kausalitätsverhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die formelle Kausalität in ihrer selbstbestimmenden ­Vorbegrifflichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.2 Die Kausalität in ihrer endlichen Realität. Das bestimmte Kausalitätsverhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.2.1 Die formelle Stufe der bestimmten Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.2.2 Die reale Stufe der bestimmten Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.3 Wirkung und Gegenwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4.3.1 Vorausschauend rückblickende Rekapitulation aus der Perspektive des Begriffs (Zweiter Punkt und Hauptteil des dritten Punktes) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.5

169 171 186 188 195 212

231

Die Wechselwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236

3. Einzelheit im Kanon der Begriffsmomente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293

3.1 3.1.1 3.1.2

Zum Eintritt in die Sphäre des Begriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 Rückblick und Ergänzungen zum bisherigen Verlauf . . . . . . . . . . . 293 Subjektive Logik – Subjekt und Selbstbestimmung . . . . . . . . . . . . . 305

Der allgemeine Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Allgemeines zum Allgemeinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bestimmung des Allgemeinen als solchen: Unbeschränktes ­selbstkontinuatives Sollen in sich und der a­ ufscheinende Schein des ­A llgemeinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3 Das Allgemeine in seiner Bestimmtheit: Formierende ­Selbstbestimmung und Doppelschein. Abstraktion und S­ elbstabstraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3.1 Erläuterungen des Scheinens nach außen im Vorblick auf das ­synthetische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3.2 Der doppelscheinende Vollzug als Einheit des Scheinens nach ­außen und des Scheinens nach innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 3.2.1 3.2.2

3.3 3.3.1

3.3.2 3.3.3 3.3.4

Der besondere Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der besondere Begriff in seiner Verschiedenheit und in seiner ­prinzipiellen Selbstbestimmung als Entgegensetzung gegen sich selbst: Gattung und Arten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Besondere und die bekleidende abstrakte Allgemeinheit . . . . Abstraktion und Selbstabstraktion – Verstand und Vernunft . . . . Der Übergang zur bestimmten Bestimmtheit der Einzelheit . . . .

323 323

325

330 336 342 352

352 366 379 389



3.4 3.4.1 3.4.2

Inhalt

7

Das Einzelne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 Die Einzelheit als der vollendete Begriff in seiner Rückkehr zu sich. Die Effabilität des Einzelnen oder Individuellen . . . . . . . . 392 Die Einzelheit als gesetzte Abstraktion und der Verlust des Begriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411

4. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441

Geleitwort

T 

itel und Thema des vorliegenden Buches deuten dem ersten Anschein nach auf eine Untersuchung zu einem speziellen Thema zu Hegels Wissenschaft der Logik hin. Bei genauerem Blick auf die Fülle des Dargelegten hingegen erweist sich die Untersuchung im Zentrum des Werkes angesiedelt. Die Einzelheit im Verbund mit den beiden anderen Momenten des Begriffs, der Allgemeinheit und Besonderheit, formiert den Begriff, d. h. den Hegelschen Begriff, in seiner ersten und grundsätzlichen Ausprägung. Der Begriff erweist sich für Hegel als die Wahrheit des Seins und des Wesens, also der objektiven Logik. Aufgrund des universalen Zusammenhanges aller reinen Denkbestimmungen stellt sich für den Autor, Thomas Auinger, die Aufgabe, die Genesis des Begriffs von der objektiven Logik her, zwar in wohl gewählter Einschränkung, aber in unentbehrlicher Weite und Tiefe darzulegen. Hegels Wissenschaft der Logik stellt nach Überzeugung der meisten um sie Bemühten einen Höhepunkt, für einige auch den Höhepunkt der europäischen Metaphysik dar. Intensive Forschungen bisher, in deutschsprachigen, aber auch anderen Ländern haben sich um die Entschlüsselung und Interpretation des Werkes bemüht. Aber dennoch scheint vorerst die Hebung des Schatzes des Logischen der Wissenschaft der Logik nicht gelungen zu sein. Dieses Desiderat leitet zum Ansporn und zur Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, den Begriff, die große Errungenschaft von Hegels Wissenschaft der Logik, in genauen Blick zu nehmen und einer differenzierten Ausarbeitung zuzuführen. Thomas Auinger und mich verbinden viele gemeinsame Jahre oder vielmehr Jahrzehnte in der Bemühung um die Errungenschaften der Philosophie Hegels, und zwar zunächst der Phänomenologie des Geistes. Hier konnte ich ihn bei der Abfassung seiner Arbeiten zur Phänomenologie des Geistes zu Magisterium und Doktorat begleiten. Die Bemühungen um die Wissenschaft der Logik erwiesen sich als noch umfangreicher und ließen deren Abschluss in einer gehaltvollen Arbeit erwarten. Besondere Schätzung verdient es und hervorzuheben ist es, dass der Verfasser geduldiges Warten und Ausharren bewies, bis mit der Reife des entwickelten eigenen Verständnishorizontes der Impuls und damit der Kairos sich einstellte, die Abfassung der vorliegenden Arbeit vorzunehmen. Der Verfasser hat mit dieser Arbeit eine klare und eigenständige Position zu Hegels Wissenschaft der Logik vorgelegt. Sie zeugt von deren umfassender Kenntnis, was im vorliegenden Text immer wieder deutlich und eindrucksvoll bestätigt wird.

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Geleitwort

Zu erwähnen ist, dass der Autor trotz oder gerade wegen der erreichten reifen Sicht in den vielen Seminaren, Arbeitstagungen und auch anderswo sich als offen gezeigt hat für das Mitsein der Anderen, deren Fragen, Überlegungen und Positionen. Die Arbeit erscheint hinsichtlich ihrer sprachlichen Ausführung sehr anspruchsvoll und spekulativ hocheloquent. Dabei wird vom Verfasser das Potential der Sprache äußerst profund ausgelotet, insbesondere im Schöpfen neuer Termini, eigener Formulierungen und Interpretamente, dabei stets geleitet von dem Ziel, das Spekulative in Hegels Text aufzuspüren und zur Darstellung zu bringen. Im Ergebnis ist festzuhalten, dass mit dieser Arbeit ein entscheidender Schritt zur Entschlüsselung des Reichtums und der Tiefe von Hegels Wissenschaft der Logik gelungen ist. Die Frage Kants »Was kann ich wissen?« hat so vor der Folie des Hegelschen Werkes eine völlig neue Dimension gewonnen. Offensichtlich ist gerade damit der unerlässliche Boden für die weitere Forschung zu drängenden Fragen der Philosophie Hegels und darüber hinaus gewonnen, wie unter anderem zur Rolle des Verhältnisses von Sprachlichem und Logischem, zur Beziehung von Logik und Realphilosophie sowie zu theologischen Implikationen und nicht zuletzt zum Problem von Theorie und Praxis. Die Qualität der Arbeit zeugt von einer ungeheuren Anstrengung, wofür besonders gedankt sei. Es ist ihr die breite Aufnahme in ebenso bemühter Lektüre, Erarbeitung und Rezeption zu wünschen. Thomas Auinger wünsche ich persönlich alles, alles Gute für seinen weiteren Weg. Friedrich Grimmlinger

Vorrede

D  

en Widerspruch, ohne zu denken erklären zu wollen, ist ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Es verhielte sich wie die Bemühung um ein Kochrezept, worin etwa die Vermengung von Mehl und Eiern (und diversen weiteren Zutaten) die Entstehung eines Teiges erklären soll. Hierbei ließe sich über die Konsistenz des Mehles sprechen, könnte die Eiermasse genau beschrieben werden etc. und, wohl am wichtigsten, der Prozess des Mischens im richtigen Verhältnis erläutert werden. Im Falle des Widerspruchs, sofern er überhaupt in seiner Bestimmtheit von äußerlich bekleidenden Allgemeinheiten, d. h. beliebig verschiedenen Ausgestaltungen, befreit ist, kann es nur zwei Zutaten geben: Positives und Negatives. Der Versuch, den Widerspruch nun herstellen zu wollen, in Analogie zur Herstellung eines Teiges, wird jedoch nicht davon ausgehen können, zuerst und im Vorhinein das Positive und das Negative getrennt voneinander zu bestimmen oder, mit welchen Herangehensweisen auch immer, irgendwie zu beschreiben. Noch viel abwegiger wird es sein, eine Vermengung des Positiven und Negativen anzustreben, vielleicht gar noch in einem bestimmten Mengenverhältnis, um schlussendlich ein Denkrezept für den Widerspruch anzugeben. Wie dem auch sei, so soll ersichtlich werden, dass die Erklärung des Widerspruchs, wie sehr dies auch gegenüber der plumpen Teiganalogie verbessert und formalisiert werden kann, nie ausreichen wird, um den Widerspruch tatsächlich zu denken. Der äußerliche Zugang, den Widerspruch aufzuschlüsseln, ihn zu untersuchen, nach seinen Komponenten zu gliedern, sogar ihn bloß zu erkennen oder festzustellen sowie Vergleiche und Beispiele heranzuziehen, all dies wird die Anhaftung dieser Äußerlichkeit nie mehr abstreifen können. Er bliebe immer nur Material und Untersuchungsgegenstand, äußerlich reflektierend betrachtet, aber käme nie in sein eigenes Anundfürsichsein. Warum ist dieser ziemlich unvermittelte Hinweis auf den Widerspruch zum Zwecke einer Vorrede überhaupt relevant? Es wird ja an dieser Stelle wohl kaum eine Denkbemühung rund um die Thematik des Widerspruchs einsetzen können. Wäre dies der Fall, so müsste logisch exakt dargelegt werden, wie es überhaupt zu den sogenannten Zutaten, also zum Positiven und Negativen kommt. Außerdem wäre nicht klar, ob diese äußerst spezielle Zutatenliste nicht auch für andere Bestimmungen (was übrigens so ist) kennzeichnend sein könnte. Als Ingredienz einer Vorrede zu einer Arbeit, die sich mit Hegels Wissenschaft der Logik beschäftigt, ist jedoch der Verweis auf den Widerspruch mehr

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Vorrede

als angebracht. Es ist nämlich schlichtweg so, dass alle Bestimmungen, die hier einer spekulativen Darstellung zugeführt werden, Bestimmungen des Widerspruchs sind, und zwar deshalb, weil sie zugleich an und für sich selbst Denkbestimmungen sind. Auch wenn der Widerspruch im Kanon der logischen Bestimmungen als Reflexionsbestimmung des Wesens seine genuine Stelle in der Darstellung einnimmt, so kann jegliche Denkbestimmung nur als Bestimmung des Denkens gelten, wenn sie an ihr selbst den Widerspruch exekutiert. Freilich erfolgt dies in absoluter Formierung, die es nicht erlaubt, den Widerspruch in jeder spezifischen logischen Konstellation gleichartig zu wiederholen. Vielmehr kann es ganz und gar keine Widerspruchsfigur geben, die wir dann nur mehr hie und da aufzufinden hätten. Jede spekulative Bestimmungskomplexion formiert an ihr selbst ihre eigene Widersprüchlichkeit, wobei selbst noch der ganze Widerspruch in Selbstnegation, d. h. in der (wiederum bestimmten oder formierten) Nichtwidersprüchlichkeit einer Unmittelbarkeit als Totalität oder als Moment, vorkommen kann. Ist dies nicht der Fall, so ist die anvisierte Bestimmung schlichtweg keine logische Bestimmung. Um die anfängliche Rede vom Kochrezept wieder aufzunehmen, so handelt es sich nicht um ein Kochbuch, aber durchaus um ein Denkbuch, obwohl es kein einziges Denkrezept enthält und überhaupt keiner Rezeptur folgt. Es bewegt sich jedoch durchaus im Reich des reinen Gedankens und damit auch im Reich des reinen Denkens. Das Stichwort Bewegung ist dabei von allergrößter Wichtigkeit. Die verhandelte Logizität muss als logische Bewegung begriffen werden und ist, wenn dies tatsächlich so erfasst wird, viel mehr noch und noch viel eminenter als logische Selbstbewegung zu bestimmen. Die Bewegung der Bewegung ist Bewegung aus sich. Diese aus sich kommende Bewegung wird im Rahmen der Darstellung des Wesens eindringlich anhand der setzenden Reflexion thematisiert. Sie ist jedoch überhaupt Prinzip des logischen Fortschritts, obwohl die spekulative Logik Dehypostasierung des Prinzipiellen ist. Hierin unterscheidet sie sich von jeder transzendentalen Logik und von jeder formalen Logik ohnedies. Die Einsicht in die logische Selbstbewegung ist jedoch kein Erkenntniswerkzeug, kein Schlüssel und schon gar nicht Entschlüsselung irgendeiner verborgenen Strategie. Wird eine reine Denkbestimmung aber tatsächlich gedacht und nicht bloß beschrieben oder nacherzählend irgendwie ausgedeutet, so stellt sich dieser Bewegungscharakter als Fortbewegung von selbst ein. Dann wird klar, dass sie sich nicht als solche festhalten lässt, sondern ihre eigene Auflösung und bestimmte Weiterdisposition (was durch den inflationär gebrauchten Terminus des Aufhebens gekennzeichnet wird) schon von Haus aus mit sich bringt. Über die genaue Bestimmtheit dessen, was sich hierbei in einem nächsten Schritt einstellt und welche Bezeichnung hierfür herangezogen wird, lässt sich durchaus streiten, aber dass die vorliegende Bestimmtheit nicht diese Bestimmtheit bleiben

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Vorrede

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kann bzw. eine bestimmte aufhebende Entgegnung gegen sich selbst nach sich zieht, wird bezüglich des tatsächlichen Denkvollzugs, wenn er nicht mit anderen Denkinhalten konfundiert wird, nicht geleugnet werden können. Freilich lässt sich alles leugnen, aber der Autor der hier niedergelegten Ausführungen (i. e. Thomas Auinger) legt sich auf die eben formulierte Behauptung als Grundthese fest. Mit dem Behaupteten geht einher, dass es sich bei den angesprochenen Bestimmungen nicht um beliebige Bestimmungen handeln kann, welche dann und wann gedacht werden. An etwas zu denken oder nur überhaupt etwas zu denken, heißt noch nicht, eben hiermit die logische Bestimmung des Etwas zu denken. Es reicht auch nicht aus, um gleich ein häufiges Missverständnis aus dem Weg zu räumen, aus dem Denken von etwas überhaupt auf irgendeine Weise die reine Denkbestimmung oder Kategorie des Etwas zu abstrahieren. Im Hauptteil dieser Abhandlung wird das Thema der Abstraktion eine entscheidende Rolle spielen, wobei jedoch kein Abstraktionsverfahren porträtiert wird, sondern die Bestimmung der gesetzten Abstraktion als einer Bestimmung des Begriffs spekulativ exakt interpretiert wird. Das bloße Abstrahieren im Sinne eines zur Anwendung kommenden Vorgangs kann nur zu in sich toter, leerer Bestimmungslosigkeit führen. Letzteres führt uns Hegel bei der Bestimmung des Wesens drastisch vor Augen, aber es gilt für jede Denkbestimmung, sofern sie durch äußerliche Abstraktion zustande kommen soll. Um es kurz zu sagen, so liegt der Hauptfehler einer nicht-spekulativen Kategorienfindung darin, eine bestimmte vorliegende Mannigfaltigkeit zu unterstellen, die entweder mehr in Richtung einer Reduktion (wie bei der äußerlichen Abstraktion) oder in Richtung einer prinzipialisierenden Konstitution (wie bei transzendentalen Ansätzen) auf die Zurückführung auf wesentliche logische Bestimmungen abzielt. Diesen Zugängen schwebt jedoch nur eine Vorstellung von Bestimmtheit vor, worin jegliche logische Bestimmtheit von vornherein desavouiert ist. Am abwegigsten wird es, wenn dabei eine bestimmte Vorstellung einer endlichen Welt als Maßstab herangezogen wird, nach welchem sich die in dieser Welt auch vorkommenden Denkbestimmungen letztlich zu richten hätten. Hierin wird mit der Bestimmtheit und mit Bestimmtheiten nur hantiert, so dass das Logische keine Eigenbestimmtheit, geschweige denn eine Eigenfortbestimmung aufweisen kann. Demgegenüber besteht die spekulative Logizität in einer aus sich kommenden und auf sich zeigenden Bewegung, worin an der Bestimmtheit nur ihre eigene Entgegnung gegen sich zum Austrag kommt. In ihrer einfachsten Ausprägung besteht diese Selbstentgegnung in einer bestimmten Negation. Wie wir wissen, so weist Hegel eindringlich darauf hin, wie immens wichtig (und zudem völlig ausreichend) es ist, diese bestimmte Negation in all ihren Konsequenzen genau zu erfassen und sie auch genau zu befolgen, ohne irgendwelche Fremdbestimmtheiten hereinzuziehen. Das Fremde, das sich sehr leicht einschleichen

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Vorrede

kann und dabei die Rigidität der spekulativen Logizität untergräbt, entstammt jenem bestimmten Hintergrundkonvolut, das zwar weder geleugnet noch als irrelevant abzutun ist, jedoch auch nicht zur Verdrehung, Verfälschung oder Verstellung des Gehalts der reinen Denkbestimmungen eingeschleust werden sollte. Der Eindruck von ermangelnder Bestimmtheit in diesem rein logischen Vollzug entsteht nur aus der Annahme anderer Bestimmtheit, die gewöhnlich mit anderen Bestimmungen des Natürlichen oder Geistigen verbunden ist. Die rein logische Bestimmtheit ist jedoch keine Unterbestimmtheit, sie ist bereits vollständige, aber sich prozessual im Zeigen auf sich aufschließende und sich entwickelnde Bestimmtheit in den Konkretisierungsschritten der absoluten Form. Nur die Reinheit dieser Form gewährleistet die sich aus sich entfaltende und von Anfang an gehaltvolle Bestimmtheit, ohne hierin bloß prinzipiell oder bloß ab­ strakt zu sein. Die angesprochene Reinheit darf dabei, wie jetzt schon ziemlich klar geworden sein sollte, nicht mit Inhaltslosigkeit verwechselt werden. Die absolute Form der Denkbestimmungen führt das auf sich bezogene Aufzeigen des Inhalts, der jedoch nie durch äußerlich willkürliches oder unwillkürliches Einbringen von Fremdinhalten angereichert werden darf, selbst mit sich. Nichtsdestoweniger ist der im logischen Fortschritt sich einstellende Inhalt vollständig und kann daher legitimerweise, wie es auch Hegel selbst immer wieder macht, für Erläuterungen anhand von Beispielen genutzt werden. Das Beispielartige kann hierbei logisch angemessen sein, weil die Logizität manchmal etwas Beiherspielendes völlig stringent impliziert, aber das Logische selbst darf nie durch Beispielartiges verwirrt, mit nicht angebrachter Konkretisierung aufgeladen oder überladen und schon gar nicht mit einfallsweise aufgerafftem Beiwerk korrumpiert werden. Die absolute Form ist ein sich von sich aus in den Inhalt versetzender Vollzug und der Inhalt ist stets in vollständiger (wenn auch erst in sich explizierender Differenzierung) und absoluter Formierung präsent. Somit gilt: Keine Form ohne Inhalt, kein Inhalt ohne Form. Form ist Inhalt und Inhalt ist Form. Die Weise der Abhebung oder der Einheit von Form und Inhalt liegt in jeder spezifischen logischen Konstellation in einer jeweilig spezifischen Ausprägung vor. Es kann kein Form-Inhalts-Schema geben, obwohl in bestimmten logischen Zusammenhängen und Übergangsschritten sehr wohl ganz eindeutige und klare Indikatoren für einen expliziten Abhebungsvollzug von Form gegen Inhalt bzw. von Form als Formbeziehung an einem Inhalt vorliegen können. Der spekulativen Komplexionen von Form- und Inhaltsmomenten stets im Begreifen der reinen Denkbestimmungen eingedenk zu sein und die spezifischen Konsequenzen daraus ziehen zu können, ist ebenso schwierig wie die Einsicht in die bestimmte Negation und in die Negativität überhaupt. Wiederum ist

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Vorrede

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es unerlässlich, Stringenz zu bewahren und nicht von Voraussetzungen auszugehen, die der verhandelten logischen Sache selbst1 fremd sind. In diesem Zusammenhang kann an Hegels berühmtes Diktum erinnert werden, welches besagt, dass der Inhalt der Logik im Sinne des Reichs des reinen Gedankens auch aufgefasst werden könne als die Darstellung Gottes in seinem ewigen Wesen vor Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes. Dies mag einigermaßen provokant, überheblich oder sogar blasphemisch klingen, es ist aber ein entschiedener Beleg dafür, dass alles darauf ankommt, die Thematisierung des Reichs des reinen Gedankens in sich immanent vollziehender Bewegung aus sich nicht mit Bestimmtheiten des Natürlichen oder Geistigen zu konfundieren. Wie bereits betont, so heißt dies nicht, dass die Logizität stets gegen diese Bereiche gerichtet wäre oder sie von sich fern halten würde. Vielmehr sollte sich (und muss sich sogar) für (fast) jede logische Konstellation ein Bezug zu natürlichen oder geistigen Konstellationen herstellen lassen, so dass klar aufgewiesen werden kann, wie das Logische als das schlechthin Formierende eben hierin völlig präsent ist. Die Vollständigkeit des logischen Inhalts ist Vollständigkeit des Inhalts überhaupt, was also auch jeglichen Inhalt aus den Sphären der Natur und des Geistes betrifft. Von der anderen Seite her muss ebenso wieder betont werden, dass es kein Einschleusen von daseienden oder bereits realen Bestimmungen in die per se logischen Bestimmungen geben darf, nur um sie eventuell für die Zwecke der realphilosophischen Belange wieder aus dem Hut zaubern zu können. Leider werden derlei Unterstellungen tatsächlich an das Hegelsche Vorgehen herangetragen. Die vorliegende Arbeit soll in ihren detaillierten Ausführungen dazu beitragen, diese Unterstellung als völlige Missinterpretation zu erweisen. Die gegebenen Hinweise auf die sich bewegend aus sich formierende (und inhaltserfüllte) negativ logische Bestimmtheit in ihrer Widersprüchlichkeit führen nun noch näher heran an die ins Zentrum dieser Abhandlung gestellte Bestimmung. Die Fortschrittsbewegung der Bestimmtheit hebt an mit einer noch nicht einmal explizit gewordenen Bestimmtheit der Unbestimmtheit, so dass selbst noch dem Werden eine logische Entstehungsgeschichte im Rücken liegt. Freilich ist dies, wie wir in einer Vorrede etwas kokett sagen dürfen, die kürzeste Geschichte überhaupt. Ihr logisches Übergangsgeschehen ist, abermals kokett formuliert, so rasch, dass selbst noch das Übergehen als solches unter- oder auch überboten wird. Das unbestimmt Unmittelbare und radikal Bestimmungslose, ohne jegli1

Vgl. Rüdiger Bubner, Die »Sache selbst« in Hegels System, in: Rolf-Peter Horstmann (Hrsg.), Seminar: Dialektik in der Philosophie Hegels, Frankfurt a.M. (2.  Aufl.) 1989, S. 101–123. Ders., Zur Struktur dialektischer Logik, in: Wilhelm R. Beyer (Hrsg.), Hegel-Jahrbuch 1974, Köln 1975, S. 137–143.

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Vorrede

chen Schein der Bestimmungslosigkeit, von Sein und Nichts2 ist so übergänglich, dass, wie Hegel äußerst eindringlich und in einer berühmt gewordenen Formulierung festhält, das Sein in Nichts und das Nichts in Sein – nicht übergeht, sondern übergegangen ist. Ab dem Werden vollzieht sich das weitere Fortschreiten der Bestimmtheit in den Schritten der sich aus sich bewegenden absoluten Form, die wiederum als diese Form einer längeren Entwicklung bedarf, um überhaupt als solche und sich selbst explizierend in ein zeigendes Aufscheinen auf und gegen sich zu treten. Die hier verwendete Terminologie wird später im Hauptteil exakt in ihrer entsprechenden Logizität aufgewiesen und dargelegt. Zunächst verläuft die Fortbestimmung selbst wieder in einer bestimmten logischen Sphäre, die leicht als Seinssphäre zu überblicken ist, jedoch in ihrer spekulativen Logizität bereits immense spekulative Implikationen in sich birgt. Da die vorliegende Abhandlung die Herleitung einer Denkbestimmung aus der Sphäre des Begriffs betrifft, so ist es nicht erforderlich, alle Bestimmungen der Seinslogik in extenso zu interpretieren. Dennoch sind im Hauptteil eine Reihe von Bezugnahmen auf seinslogische Kategorien enthalten, weil auch die bereits konkreteren Bestimmungen immer noch und vollkommen in (sich erst im Wesen ausdifferenzierender rein negativ formierter sowie absolut begründeter und absolut grundloser) Einheit mit dem Sein bleiben. In der Seinssphäre als solcher ist das Sein in seiner Negativität zunächst Dasein und das Sein der Boden und das Element dieser Negativität. In der Wesenssphäre ist der Boden und das Element bereits das Sein in seiner absoluten oder reinen Negativität. Dem Dasein entspricht dann das Gesetztsein, ein Terminus, der für das Begreifen des Spekulativen überhaupt von allerhöchster Wichtigkeit ist. Wie aber schon in dieser bestimmten Sphärenabhebung ersichtlich, so ist das Sein letztlich nie zu überschreiten, obwohl es selbst und aus sich selbstüberschreitend ist, sich aus sich negierend und damit in Selbstexplikation begriffen. Die absolute Negation des Seins ist Sein in absoluter Negativität. Das heißt jedoch ganz und gar nicht, dass das Sein nicht verloren gehen könnte oder dass es sich stets kontinuieren würde oder dass es im Prinzip immer erhalten bliebe, all das würde die Negation und Selbstnegation des Seins nicht ernst nehmen und nie erkennen, welche Wucht und spekulativ-logische Bedeutung mit dieser sich vollkommen vollziehenden Negation des Seins verbunden ist. Das bloß unterstellte Beibehalten des Seins 2

Vgl. Stephen Houlgate, Der Anfang von Hegels Logik, in: Anton Friedrich Koch/Friedrike Schick/Klaus Vieweg/Claudia Wirsing (Hrsg.), Hegel – 200 Jahre Wissenschaft der Logik (Deutsches Jahrbuch Philosophie Bd. 5), Hamburg 2014, S. 59–70. Alessandro Bertinetto/ Christoph Binkelmann (Hrsg.), Nichts – Negation – Nihilismus. Die europäische Moderne als Erkenntnis und Erfahrung des Nichts, Frankfurt a.M./Berlin/Bern/Bruxelles/New York/ Oxford/Wien 2010 (insb. die Beiträge von Christoph Asmuth, Elena Ficara, Roberto Morani und Cristiana Senigaglia).

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führt nur zu einer Vorstellung vom Sein und auch nur zu einer Vorstellung von der Negation des Seins. Um einem bloß vorgestellten Wesen zu entgehen, gilt es, nicht der Versuchung zu erliegen, es aus einem Abstraktionsprozess hervorgehend zu betrachten. Das Wesen ist weder ein aus der Fülle des Seins Abstrahiertes, noch ist es so etwas wie die Arché und damit das Durchherrschende des Seins. Es ist sich selbst überschritten habendes Sein, logisch Gewesenes in völlig unzeitlicher Bedeutung, aber mit der radikalen Bedeutung, Resultat und Wahrheit des Seins zu sein, indem es das völlig Bodenlose des Seins, das absolut Negative des Seins ist. Weil aber das Sein als Element in seiner Selbstentfaltung (in den Untersphären der Qualität, der Quantität und des Maßes) sich wieder in das Nichts (einer, noch seinsmäßig ausgedrückt, absolut indifferenten Gleichgültigkeit gegen sich selbst) auflöst, in die reine Negativität, so ist das hiermit erreichte Wesen nicht bloß bestimmte Negation, sondern Negation der Negation oder absolute Negativität. Freilich gehört zu seiner logischen Entstehungsgeschichte, dass die sich einstellende Unmittelbarkeit einem Anderssein entstammt, von dessen Momenten, dem Dasein und dem Nichtdasein, nur mehr das Nichtdasein übrig geblieben ist. Diese Unmittelbarkeit des Nichtdaseins ist der Schein des Seins, der jedoch nicht neuerlich Anderes gegen das Wesen sein kann und auch nicht dem (damit nur hypostasierten) Wesen anhaften kann, sondern Schein an sich, eigener Schein, Schein des vollständig selbsnegierten Seins oder eben der Schein des Wesens selbst ist. Der Schein zeigt auf, dass die Bewegung aus sich an der Schnittstelle von Sein und Wesen ihren (zwar auch nur hypostasierten) Beginn nur mehr an der Selbstnegativität des Seins und das (genauso nur hypostasierte) Ende ebenso nur an der Unmittelbarkeit des Nichtseins haben kann. So ist sie negierte Seinsunmittelbarkeit, nur Unmittelbarkeit als Bewegung oder die absolute Scheinbewegung von Nichts zu Nichts und dadurch zu sich selbst zurück. Diese Bewegung der absoluten Reflexion läutet eine Dimension von Bestimmtheit ein, die weder aus einer Unmittelbarkeit allererst hervorgeht, noch auch Unmittelbarkeit durch einen weiteren Bewegungsvollzug zustande kommen lässt. Die Unmittelbarkeit als solche ist selbst nur rein als Bestimmtheit, wodurch sie keinen Resultatscharakter, aber auch keinen Anfangscharakter besitzt. Eben hierin besteht aber das oben schon hervorgehobene Gesetztsein, worin die Unmittelbarkeit in sich auseinandergenommen ist, obwohl es gar kein Aus­ein­ andergenommenes gibt. Darin löst sich jegliches Hypostasieren auf, so dass nicht einmal ein Bewegungsanfang und auch kein Bewegungsende ausgemacht werden kann. In der Bewegung, die ankommt, hebt das Ankommen erst an, und das Ankommen, das anhebt, ist eben hierin schon die Rückkehr aus eben diesem Ankommen. Die Reflexion ist hierin setzend, indem sie voraussetzend ist, und voraussetzend, indem sie setzend ist. Der damit angesprochene Duktus der setzenden

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Reflexion ist im nächsten spekulativen Moment sich gegen sich veräußernd und versetzt in einem weiteren (vermittlungslosen) Schritt das Gesetztsein in Reflexionsbestimmung. Diese Reflexionsmomente können zum Zwecke einer Vorrede nicht eigens interpretiert werden, die Ausführungen im Hauptteil der Abhandlung kommen aber immer wieder auf die Momente dieser Reflexivität zurück und nur hierin reichert sich letztlich ihr Erkenntnisgehalt an. Sie lassen sich nicht vorerzählen und nicht nacherzählen. In einer Vorrede lässt sich aber zumindest der sich eröffnende Fragehorizont bezüglich der Bestimmtheit als solcher ansprechen. Weil die Reflexionsbewegung als solche keinen Anfangspunkt darstellt, so lässt sie sich nicht als Anfängliches und auch nicht als Punktuelles fassen. Sie steht in der Spannung des Wesens, worin ein spekulativer Verlauf von der Scheinabhebung von Sein und Wesen zu einer sich wiederherstellenden Scheinabhebung von Sein und Wesen beschritten wird. Die Einheit von Sein und Wesen verläuft dabei von einer rein scheinenden Einheit von Sein und Wesen bis zu einer inhaltsvollen und als Schein scheinenden Einheit von Sein und Wesen. Die Bewegung reicht von der reinen Bestimmtheit der Unmittelbarkeit als einer reflektierten Unmittelbarkeit bis zur wiederhergestellten einfachen Unmittelbarkeit, worin das Wesen das Sein erfüllt und das Sein das Wesen. In der dann noch ausstehenden Entfaltung dieses Seins, das ist, weil es ist, kommt die Reflexion des Scheins als Scheins in sich dazu, nur mehr aufzuzeigen, dass dieser Schein Schein ist. Warum ist jedoch in dieser knappen Wesensvollzugsskizze überhaupt etwas grundsätzlich Fragliches enthalten und worin könnte sich der entsprechende Beantwortungshorizont auftun? Die Reflexionsbewegung hat zunächst ihren Halt nur an der Bewegung selbst. Diese äußerst eigentümliche und spekulativ höchst bedenkenswerte logische Konstellation ist keine Bewegung, die von einer Sache vollzogen würde oder die sich an einer Sache vollziehen würde. Wie Hegel bei den Ausführungen zum Grund betont, handelt es sich um eine reine Vermittlung oder auch um eine reine Beziehung, aber ohne Bezogene. Die Komponenten der Bewegung (also Nichts und Nichts) seien nur Substrate der Einbildungskraft, wodurch die Rückkehr und das Rückkehren der Bewegung in einem Scheinen verbleiben und selbst die bestimmende Reflexion nur zu bestimmten Beziehungen kommt. Demgegenüber stellt erst der Grund die reale Vermittlung des Wesens mit sich dar. Ohne hier die weiteren Realisierungsschritte zu benennen, so wird am Ausgang des Wesens selbst bereits klar, dass die verhandelte Bestimmtheit auf einen Halt an ihr selbst oder einen Selbsthalt ausgerichtet ist. Das Aufkommen eines Substrats, das sich schon in der Maßlogik seinsmäßig bekundet hatte, wird zum Signum für das Haltgebende, das zugleich Gehalt und Gestalt bieten soll. In der Bestimmung der Wirklichkeit kulminieren dann das gestaltlose Wesen und die

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haltlose Erscheinung, aber selbst das Absolute bedarf einer ihm angemessenen Reflexion, worin die absolute Wirklichkeit in ihre Wirklichkeitsmomente auseinandergelegt ist. An dieser logischen Stelle wird die detailgenaue und exakte Bestimmung der darin sich entfaltenden Logizität einsetzen. Im Einleitungsteil des ersten Kapitels werden die spezifischen Argumente geliefert, warum gerade dieser Einstieg gewählt wurde. Wir befinden uns jetzt aber noch in der vorausliegenden Darlegung, die die Motivation für die Auswahl der logisch herzuleitenden Hauptbestimmung erläutern soll. Wie geschildert, so steht die in der Wesenslogik verhandelte Bestimmtheit im Horizont des Gesetztseins, wodurch das in der Seinslogik sich exekutierende Dasein abgelöst wird. Die Bestimmtheit ist im Wesen reflektierte Bestimmtheit oder auch eine in sich selbst relativierte Bestimmtheit. Die jeweiligen Bestimmungen werden nicht von außen relativiert, sie sind an ihnen selbst in Relationalität begriffen, stellen den sich in der Wesenssphäre implizit selbstbestimmenden Begriff als Abfolge von einheitlichen Begriffen dar, die jedoch selbstrelationale Begriffe als gesetzte Einheiten darstellen. Im Gesetztsein ist das Unterschiedene zwar eine Einheit, aber eine reflektierte Einheit, worin die Beziehung auf Anderes auf sich zurückkehrendes Scheinen ist. Die Relationalität von Grund und Begründetem, von Ganzem und Teilen oder auch von Ursache und Wirkung, um willkürlich derlei bestimmt scheinende Begriffe herauszugreifen, ist im damit gesetzten Unterschied noch nicht als eine Bestimmtheit. Hegel macht deutlich, dass die jeweiligen Komponenten des Scheins nicht als Verschiedene oder als Besondere gelten können, weil die sich in ihnen ausdrückende Einheit noch nicht die Allgemeinheit erreicht hat. Der Unterschied habe darin noch nicht die Form, dass er eine Bestimmtheit ist. Genau dies eröffnet die grundlegende Fragestellung: Kann es diese eine Bestimmtheit geben, wie kommt sie zustande und wie ist sie an und für sich zu denken? Etwas anders formuliert, so stellt sich aus den Zusammenhängen der sogenannten objektiven Logik heraus die Frage, ob die Negativität der Bestimmtheit auf sich selbst zurückführbar und damit in gewisser Weise fixierbar ist. Noch in anderen Fragen formuliert: Lässt sich der Unterschied in seiner sich selbst dirimierenden und differenzierenden Bestimmtheit nichtsdestoweniger als Punktuelles bestimmen und denken? Wie muss sich die Bewegung der Bestimmtheit vollziehen, um rückkehrend gegen und auf sich selbst zu einer Totalität von Inhalt und Unterschied in der Form einer sich auf sich selbst beziehenden Negativität zu führen? Kann es einen Selbststand der Bestimmtheit in sich geben, womit sich eventuell auch die Bestimmung eines Selbsts oder Subjekts verbinden kann? Wie wenig überraschend und aus dem Titel der vorliegenden Arbeit unschwer abgelesen werden kann, so sollten all diese Fragen in der Bestimmung

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der Einzelheit ihre Beantwortung finden. Dabei kommt alles darauf an, sich auf die logische Herleitung dieser Begriffsbestimmung, die nur im Verbund mit den anderen Begriffsmomenten zur Darlegung kommen kann, zu konzentrieren. Da es sich überdies um eine Bestimmung aus dem von Hegel so titulierten Reich der Freiheit handelt, so wird in den Herleitungssequenzen, die noch in der objektiven Logik angesiedelt sind, insbesondere auf diese Freiheitsdimension oder aufkeimende Freiheitsdimension zu achten sein. In diesem Zusammenhang werden sich die sogenannten freien Wirklichkeiten als noch in die objektive Logik versenkte Freiheitsknotenpunkte oder anhebende Freiheitsverbindungspunkte zur subjektiven Logik herausstellen. Die angedeutete Punktualität verwirklicht noch keine begriffliche Punktualität, aber nichtsdestoweniger können diese freien Wirklichkeiten in gewisser Weise bereits als Vorläufer von Substantialität und darüber hinaus auch schon als Vorläufer von Subjektivität gelten. Im ersten Kapitel werden sie exakt abgeleitet und ebenso als jene Bestimmungen aufgewiesen, die zunächst einmal in die Bestimmung der Substanz als solcher münden. Das anschließende Kapitel über das absolute Verhältnis führt letztendlich zum Aufweis der Einzelheit in unmittelbarer Einheit mit der Allgemeinheit und Besonderheit. Das eröffnende Unterkapitel zum Verhältnis der Substantialität darf nicht damit abgetan werden, es nur im Sinne der Auseinandersetzung Hegels mit Spinoza zu lesen.3 Was das betrifft, so sind in gewisser Weise bereits die Ausführungen zum Absoluten aufschlussreicher.4 Das Substantialitätsverhältnis bie Vgl. allgemein zu Spinoza: Andreas Arndt, »Enthüllung der Substanz«. Hegels Begriff und Spinozas dritte Erkenntnisart, in: Violetta Waibel (Hrsg.), Spinoza  – Affektenlehre und amor Dei intellectualis. Die Rezeption Spinozas im Deutschen Idealismus, in der Frühromantik und in der Gegenwart, Hamburg 2012, S. 231–242. Hermann Braun, Spinozismus in Hegels Wissenschaft der Logik, in: Friedhelm Nicolin/Otto Pöggeler (Hrsg.), Hegel-Studien Bd. 17, Bonn 1982, S. 53–74. Friedrich Grimmlinger, Spinoza in Hegels Wissenschaft der Logik, in: Max Gottschlich/Michael Wladika (Hrsg.), Dialektische Logik. Hegels Wissenschaft der Logik und ihre realphilosophischen Wirklichkeitsweisen. Gedenkschrift für Franz Ungler, Würzburg 2005, S. 252–266. 4 Diesbezüglich ist ein wichtiger Aufsatz von Birgit Sandkaulen hervorzuheben. Sie stellt die zwei Versionen der eingehenden Behandlung der Spinozanischen Substanz in der Wissenschaft der Logik markant gegenüber und kritisiert Hegels Umgang mit Spinoza ungewöhnlich heftig: »Wenn man es drastisch formulieren möchte, dann kann man sagen, daß es sich um einen planmäßigen Mißbrauch der Spinozanischen Philosophie handelt«. Birgit Sandkaulen, Die Ontologie der Substanz, der Begriff der Subjektivität und die Faktizität des Einzelnen. Hegels reflexionslogische »Widerlegung« der Spinozanischen Metaphysik, in: Karl Ameriks/Jürgen Stolzenberg (Hrsg.), Internationales Jahrbuch des Deutschen Idealismus/ International Yearbook of German Idealism 5/2007, Metaphysik/Metaphysics, Berlin/New York 2008, S. 254.  – Die wiedergegebene Einschätzung Sandkaulens teile ich in keinster Weise. Meine ausführliche Darstellung soll demgegenüber zeigen, wie eigenständig Hegels Thematisierung der Substanz und der Substanzen ist und dass die Position Spinozas zwar mitaufgehoben wird (was für Hegel ein durchaus wichtiges Anliegen war), aber die ganz 3

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tet vielmehr einen klaren Einblick in die Ambivalenz der Bestimmtheit, weil die Selbsthypostasierung zur absoluten Macht mit einer radikalen Dehypostasierung oder Hypostasierungskritik einhergeht. Substantialität und Akzidentalität, Sub­ stanz und Akzidenzen, ihre verhältnismäßige Bezüglichkeit stellt eine vollkommene Einheit von Totalität und sich realisierender Bestimmtheit dar, aber es wird zugleich ein gravierendes und ebenso vollkommenes Manko eben dieser Einheit aufgewiesen. Der ruhige Selbsthalt der Bestimmtheit in der Macht führt letztlich nur zur Gewalt, die jedoch wiederum nur eine Steigerung der bestimmten Selbstbegegnung der Substanz mit sich zum Austrag bringt. Die Kausalitätsbewegung setzt aber zunächst damit ein, dass die Reflexivität der Substanz nicht nur Gesetztsein exekutiert, sondern sich als Gesetztsein im immanenten Einbeziehen der aufgehobenenen Substantialität in das Verhältnis selbst hervorbringt. Die Kausalität in ihrer ersten Ausformung als formeller Kausalität enthält dabei schon eine dezidiert vorbegriffliche und das Begriffliche äußerst gut bestimmende Charakteristik. Es handelt sich um eine spekulative Wiederholung, worin das schon Bestimmte als bestimmt gesetzt wird. Die Bestimmtheit wird somit in einer ersten Weise gegen und auf sich selbst fixiert. Dennoch bleibt dieser Begriffsvollzug einbezogen in die sich etablierende Formbeziehung von Ursache und Wirkung, die jedoch gerade durch diese Form und durch diese Konstellation an dieser Stelle der logischen Entwicklung die Kausalität insgesamt zum Erlöschen bringt. Dies sehr genau darzulegen und in die Gesamtbewegung der Kausalität überhaupt einzubetten, ist eine Aufgabe, der in ganz besonderem Maße in den entsprechenden Partien nachgegangen wird. Die Bestimmtheit in ihrer Inhaltlichkeit führt des Weiteren zu einer Verendlichung und vorerst zu zufälliger Kausalität. Die Strenge und Rigidität der Formbeziehung erhält dabei ihren angemessenen Ausdruck im Tautologischen des Kausalitätsverhältnisses, das jedoch das schon Bestimmte gerade nicht als bestimmt belässt, sondern sehr viel mehr die Formbestimmung selbst zur Inhaltsbestimmung macht. Der an ihm selbst und gegen sich selbst verschiedene Inhalt führt dazu, ein der Bestimmtheit selbst Haltgebendes zu konstituieren. Es ist dies die Bestimmung des Substrats, welches nun dafür steht, ein bestimmtes Bestehen zu verbürgen. Aufgrund der unmittelbaren Identität kann es sich aber nur um ein unmittelbares Bestehen handeln, noch nicht um ein Bestehen der Formeinheit selbst. eigentümlich spekulative Logizität von Substantialität in der Wissenschaft der Logik den Spinozanischen Ansatz bei weitem übersteigt. Damit erübrigt sich meines Erachtens die unterstellte Annahme, Hegel sei es in seinen eigenen Ausführungen nur um eine Abarbeitung Spinozas (und auch Jacobis) gegangen. Dies hätte er ansonsten mit sehr viel weniger Aufwand bewerkstelligen können.

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Nichtsdestoweniger ist die Substanzhaftigkeit der inhaltlichen und dinglichen Grundlage, welche den Formmomenten ein jeweilig eigenes Bestehen bietet, ganz und gar nicht verloren. Es generiert sich hieraus eine komplexe logische Konstellation, worin die Inhaltsmomente und die Formmomente sowie die Substrathaftigkeit und die Substanzhaltigkeit so ineinander das Gesetztsein zur Rückkehr auf sich aus der Äußerlichkeit bringen, dass dies insgesamt die Sichselbstäußerlichkeit der Kausalität als solcher zum (vorläufigen) Resultat hat. Die sich auf sich selbst beziehende Bestimmtheit ist in der verschiedentlich inhaltlichen Bestimmtheit die Bestimmtheit einer gegen sich selbst veräußerten Form, welche hier die absolute Form der Kausalität selbst ist. Damit kommt die Bestimmtheit nicht als eine Bestimmtheit auf sich selbst zurück und das in bestimmte Inhalte Veräußerte führt nicht zu einem bestimmten Inhalt, der in der Veräußerung selbst die Form als absolute Form bewahren könnte. In den diesbezüglichen Passagen ist es entscheidend, den Zusammenhang von Substrat und Substanz exakt aufzuweisen. Für das Begreifen der hierin verhandelten Logizität muss insbesondere die Stellung des Substrats genauestens aufgeklärt werden. Nur so erschließt sich auch der weitere Substanzverlauf und die Bedeutung von Substantialität überhaupt. Das Sich-selbst-äußerlich-Werden der Kausalität ist ein Anderswerden, welches ebenso sehr zum eigenen Setzen gegen sich selbst gediehen ist. Die Kausalität versetzt sich damit selbst in ein Voraussetzen gegen sich und etabliert somit nicht nur bestimmte, sondern dezidiert bedingte Kausalität. Das Voraussetzen ist hierbei so sehr setzend, dass das Substrat als Vorausgesetztes und als das unmittelbar Identische gegen das substantiell Ursächliche selbst substantiell ist. Damit ist das Substantielle in sich und gegen sich substantiiert, wodurch die eine Substanz in substantiell Ansichseiendes und substantiell Fürsichseiendes auseinandergenommen wird. Die Bewegungen des Wesens und Seins, Setzen und Werden, sind hier zwar einheitlich, aber zueinander und gegeneinander bestimmt in Substanzen, in welchen sich nun die absolute Form der Kausalität realisiert. Dieses spezifische Zueinander in Bewegung ist das Zueinander von aktiver und passiver Substanz. Es ist immens wichtig, die hiermit sich vollziehende Wirkung und Gegenwirkung als Bewegung und in den Momenten der Bewegung zu begreifen. Die Mächtigkeit der Substanz erscheint in diesem Vollzug auch als Gewalt, wobei das Gewalttätige nur die weitere Eigenbestimmung der Substanzen befördert. In diesem Bestimmungsprozess ist das Begriffliche oder noch Vorbegriffliche so präsent, dass das Bestimmen des schon Bestimmten eine Bewegung ausmacht, in der erstens dasjenige, was an sich ist, eben als solches gesetzt wird, und zweitens, eben das hierdurch Gesetzte nur wiederum das Ansichsein darstellt. Es ist damit eine nicht parallel verlaufende gegenseitige Bewegung des Verkehrens vorhanden,

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worin das Verkehren ebenso ein ansichseiendes und setzendes oder sich setzendes Verkehren der aufeinander und gegeneinander wirkenden Substanzen ist. Der Status der Bestimmtheit ist hierin in der kausalen Bewegung rückläufig auf oder gegen sich, wobei in der Rückkehr und im Rückkehren Ansichsein und Gesetztsein sowie Sein und Wesen zu einer Einheit gebracht sind, die die Seinsbewegungen und die Wesensbewegungen immer noch als solche bewahren. Die Bestimmtheit enthält ein immer wieder neu aufkeimendes Moment von Äußerlichkeit, welches gerade durch das intensivierte Identitätsmoment rückkehrend hervorgetrieben wird. Diese Kennzeichnung gilt schließlich von der gesamten endlichen Kausalität. Nichtsdestoweniger wird in der sich vollziehenden Wirkung und Gegenwirkung die Endlichkeit bereits überschritten. Die schlecht-unendliche Regressivität oder Progressivität biegt sich um oder re- oder progrediert in ein positivunend­liches Wechselwirken in und mit sich selbst. Die Wechselwirkung stellt die größte Herausforderung dar, weil in ihr die objektiv verbliebene Relationalität hin auf die nicht-relationale oder transrelationale Sphäre des Begrifflichen oder Subjektiven überschritten wird. Werden und Scheinen scheinen nicht nur ineinander und werden nicht nur auseinander, vielmehr ist das Übergehen in Anderes als solches Reflexion in sich selbst. Die für die gesamte objektive Logik kennzeichnende Notwendigkeit wird zur Freiheit aufgeschlossen, wobei dieser Prozess als mit der kausalen Ent-Innerlichung oder einer sich aufhebenden Innerlichkeit durch die Kausalität selbst einhergeht. Dieser Schritt in die Freiheit besteht nicht in der Tilgung, sondern rein in der Manifestation der inneren Identität der Notwendigkeit. Diese manifestierende Bewegung ist die Bewegung des expliziten oder sich explizierenden Scheinens des Scheins als Scheinen in sich, so dass die Identität aufgezeigt und bewahrt wird, jedoch die Momente dieser Identität als Totalitäten wiederum frei oder explizit hervortreten. Der sich befreiende Vollzug der Notwendigkeit ist ebenso der Vollzug der Zufälligkeit, deren Bewegung des abwechselnden Ineinanderkippens der Seiten der Notwendigkeit die bereits sich totalisiert habenden freien Wirklichkeiten betrifft. Die in ihrer Inhaltlichkeit bereits die bloße Zweiheit überschritten habenden freien Wirklichkeitspunkte sprengen im manifestierenden Befreiungsschritt die Relationalität als solche und schließen sie zu einer Einheit auf, die in der Zuspitzung des Wechselwirkens nicht mehr zur Eröffnung einer weiteren Wesenskategorie führt, sondern in der gleichen logischen Ebene als gleichberechtigte Bestimmung verbleibt. Damit tritt der entscheidende Schritt von der objektiven in die subjektive Logik ein. Die in sich und für sich aufscheinenden Totalitäten sind in ihrer zweiwertigen Relationalität auf einen dritten Bezugspunkt gerichtet, der ebenso total und ebenso in sich bestimmt ist, aber in keiner Metaebene liegt, sondern nur das sich auf sich beziehende Zeigen auf sich der sich eben hierdurch aufhebenden Seiten bewerkstelligt. Die Zweiheit eröff-

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net sich eine (freiwerdende oder sich freisetzende) Offenheit in sich, worin die Komponenten in gleicher Berechtigung zueinander als eine Totalität von Totalitäten bestehen. Diese Totalitäten sind die Momente einer logischen Sphäre, die in ihrem Zustandekommen die notwendigen Vollzüge der Sphären des Seins und Wesens aus der Dialektik dieser Vollzüge selbst heraus überschritten hat. Klarerweise kann in einer Vorrede nur eine sehr eingeschränkte Vorschau gegeben werden. Das Deutlichmachen der tatsächlichen Logizität kann sich nur durch die ausführlichen Darlegungen im Haupttext ergeben. Ebenso erforderlich ist es, die logische Entstehungsgeschichte der Wechselwirkung immer wieder aktualisiert zu berücksichtigen. Die begreifende Rückschau ist dem Begreifen einer aktuell im Fokus stehenden logischen Konstellation immanent eingeschrieben. Die weitere Vorschau kann ebenso nur äußerst komprimiert ausfallen. Sich auf derartig Komprimiertes zu verlassen, würde zwar nicht falsch sein, aber im besten Fall auch nur zu einer unbegriffenen Nacherzählung führen. Was jedoch durchaus als sinnvoll zu erachten ist, ist der Rückblick auf diese Vorschau nach der Lektüre und Erarbeitung des Haupttextes. Eine adäquate Komprimierung zu Wege zu bringen, ist selbst eine spekulativ hohe Kunst und eine große Herausforderung. Es lohnt, die Komprimierung so sehr zu forcieren, bis sie schließlich in der Verkürzung falsch wird oder eben in dieser Kürze den tatsächlichen Gehalt noch bewahren kann. Ebenso sinnvoll ist es, sich übungsweise sehr genau zu überlegen, warum eine bestimmte Kurzform falsch ist und wodurch dies der Fall ist. Es lässt sich in aller Kürze ein für den Begriff ausschlaggebender spekulativer Chiasmus formulieren, der jedoch in all seinen Implikationen allererst zu konkretisieren und zu realisieren ist: Anundfürsichsein ist Gesetztsein. – Gesetztsein ist Anundfürsichsein. Aus der Perspektive der Wechselwirkung heraus, so ist all das, was substantiell Bestehendes verbürgen kann, jegliche objektive und wesensgemäß relationale Substantialität in der absoluten Selbstbegegnung der Substanz in Substanzen, nur Gesetztsein. Das absolut ursprünglich Ungesetzte, das Selbstbestehende aus sich, es ist vollständig negiert und lediglich Gesetztsein. Es gibt Nichts, das sich dem Gesetztsein entzieht, wobei es bestimmte Spannungen im Gesetztsein gibt, die das sich selbst enthaltende Gesetztsein dirimieren. Umgekehrt ist das Gesetztsein das Anundfürsichsein. Die sich in der aktiven und passiven Substanz selbstbegegnende Substantialität ist in der gesetzten Selbstauflösung zugleich Konstitution einer ansichseienden und einer fürsichseienden Totalität, die als identische Einheit eine sie nicht übersteigende anundfürsichseiende Totalität formieren, worin sie selbst wieder als anundfürsichseiend gelten. Das ins Gesetztsein Aufgelöste, alles ins Gesetztsein Eingehende ist

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in bestimmter Formierung, worin sich lediglich die Reflexion aus der Bestimmtheit in sich formiert, das Anundfürsichsein. Der Begriff ist dieses Anundfürsichsein als Gesetztsein und dieses Gesetztsein als Anundfürsichsein. Die Begriffsmomente sind nichts anderes als die zunächst erwähnten bestimmten Spannungen im Gesetztsein oder die zuletzt erwähnte bestimmte Formierung als anundfürsichseiende Reflexion aus der Bestimmtheit in sich. Die Bestimmung der Einzelheit, die wir bewusst und in bestimmter Setzung ins Zentrum gerückt haben, kann überhaupt nur im Verbund mit den anderen Begriffsmomenten betrachtet werden. Dabei ist sie ganz und gar keine Bestimmung, auf die irgendeine Entwicklung zulaufen oder hinauslaufen würde. Dieser Eindruck, der leicht entstehen kann, wenn eine Denkbestimmung herausgegriffen wird, muss sofort im Keim erstickt werden. Jede Denkbestimmung nimmt eine bestimmte und damit eigentümliche Stelle im Kanon aller Denkbestimmungen ein. Es wäre unrichtig, sie alle auf die gleiche Stufe stellen zu wollen, es gibt sehr wohl Ebenen, Tiefen und Höhen in den logischen Vollzugsschritten, jedoch nie Räumliches oder Spatiologisches im Logischen selbst. Sobald wir vermeinen, eine bestimmte Struktur oder ein zu bezeichnendes oder gar zu zeichnendes Gebilde entdeckt zu haben, haben wir die Logizität schon verfehlt. Der Versuch, eine bestimmte logische Konstellation tatsächlich grafisch in einer bildlichen Darstellung aufzuzeichnen, ist nichtsdestoweniger äußerst hilfreich. In der Ausarbeitungsphase dieser längeren Arbeit, die sehr viele logische Konstellationen behandelt, hat auch der Autor mit unzähligen Zeichnungen, Skizzen, Illustrationen und Strukturbildern gearbeitet. Es wäre einmal durchaus lohnend, diese Vorarbeiten und Beiarbeiten in einer Publikation anschaulich zu veröffentlichen, weil dies all jenen, die sich selbst einer sehr intensiven Beschäftigung aussetzen oder sich darauf einlassen, eine große Hilfe sein könnte. Für die vorliegende Publikation wurde jedoch darauf verzichtet, um eine sehr konzentrierte Ausrichtung auf den reinen Gedankenvollzug zu gewährleisten. Wie nämlich auch immer bestimmte Veranschaulichungen und Hilfskonstruktionen aussehen mögen, sie sind aufgrund ihrer räumlichen Dimension prinzipiell und in jedem Fall falsch. Es führt jedoch zu einem sehr eindringlichen Erkenntnisgewinn, wenn anhand einer räumlichen Darstellung, die eine logische Konstellation verdeutlichen soll, genau angegeben werden kann, worin exakt das Falsche besteht und warum die richtige Wiedergabe prinzipiell nicht zu erreichen ist. Was nun die Denkbestimmung der Einzelheit betrifft, so ist sie nebst ihrer nicht räumlich darzustellenden Bestimmung, wie bereits erwähnt, keine Zielbestimmung, sondern lediglich eine Durchgangsbestimmung. Aber auch dies zeichnet sie nicht in einem besonderen Maße aus, weil es in einer dezidiert spekulativen und nicht widerspruchsfreien, sondern durch und durch widerspruchsvollen Logik nur Durchgangsbestimmungen geben kann. Das liegt auch daran, dass alle

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in dieser Logik verhandelten Bestimmungen Bewegungsbestimmungen sind. Selbst das Statischste ist in Bewegung begriffen. Dies wäre herakliteisch noch immer keine große Sache, vielmehr auch nur eine Allerweltseinsicht. Die spekulative Einsicht, die einer hohen Anstrengung bedarf und die in diesem Sinne sehr wohl eine große Sache ist, beginnt erst mit dem Begreifen und dem Nachvollziehen-Können der immanenten Selbstbewegung einer Denkbestimmung. Die Selbstbewegung der Einzelheit ist dabei eingebettet in das Zueinander, Ineinander und Miteinander aller Begriffsmomente. Dennoch wählt auch Hegel eine Reihenfolge, welche jedoch nie vorstellungsmäßig fixiert werden kann. Somit wechselt auch die spekulative Reihung der Begriffsmomente, weil sie ohne­ dies keiner Zählung und keinem Hintereinander unterworfen sein können. Wiederum darf daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass die Begriffs­momente in einem beliebigen Nebeneinander aufgelistet werden könnten. Die spekulative Logik duldet keine Grundsatznivellierungen, sie duldet grundsätzlich nichts Grundsätzliches, außer in jenen Fällen, in denen das Grundsätzliche thematisch sein muss. So wird es wohl nicht unbegründet sein, wenn dem Grund eventuell auch Grundsätzliches anhaften sollte. Das Einzelne ist keine Grundsatzbestimmung. Ohnehin könnte jede Denkbestimmung mit einem grundsätzlichen Allheitsoperator ausgestattet werden. Alles ist werdend, alles ist daseiend, alles ist existierend, alles ist kausal, alles ist begrifflich. Alles kann derartig herausgegriffen werden. Der diesbezügliche Erkenntnisgewinn ist jedoch sehr schmal, auch wenn es manchmal sinnvoll sein kann, diesen Allheitsbezug eigens hervorzuheben, um sich den Gültigkeitsbereich ins Gedächtnis zu rufen. Die gleiche Eintönigkeit entsteht, wenn das Absolute zum Subjekt der Denkbestimmungen gemacht wird, obwohl dies von Hegel selbst sehr wohl in Anspruch genommen wird. Hier gilt es ebenso zu klären, inwieweit dies einen Erkenntniszuwachs bedeuten kann. Dabei muss wiederum auf das Spezifische jeder Denkbestimmung geachtet werden, das grundsätzliche Alles-über-einen-Leisten-Scheren verbietet sich auch hier. So gibt Hegel etwa zu bedenken, dass das Unendliche klarerweise als eine Definition des Absoluten angesehen werden könne. Demgegenüber spricht er dies aber den Formen des Daseins ab. Sie könnten nur als Bestimmtheiten gelten, weil sie endliche überhaupt wären und eben hierin nicht als Absolutheitsdefinitionen taugen würden. In einem umfassenderen Sinne sind jedoch selbst die bloßen Formen des Daseins Formierungen der absoluten Form und damit doch auch wieder Formierungen des Absoluten. Es wird schnell ersichtlich, dass ohne Einsicht in den Gehalt einer Denkbestimmung selbst eine so hehre Bezogenheit wie jene auf das Absolute kaum Erkenntnisdignität besitzt. Auch anderes, wie die ebenso hehre Bezogenheit auf Gott oder auf die Gedanken Gottes, was von Hegel durchaus in seine Überlegungen zum Stellenwert des Logi-

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schen eingebracht wird, bleibt doch in den Bestimmungen der logischen Formen an und für sich selbst außen vor. Wir können uns das Begreifen dieser logischen Formen nicht durch derlei Bezüge erleichtern, wir sind stets dazu gezwungen, die sachlichen Gehalte als solche erkennend zu begreifen oder sie in diversen Erkenntnisversuchen nicht oder noch nicht zu begreifen. Der sachliche Gehalt der Bestimmung der Einzelheit ist nur im Kanon aller Begriffsmomente zu erfassen. Die Einzelheit ist dabei, wie betont, kein Endpunkt, obwohl sie durchaus als Kulminationspunkt betrachtet werden muss. In ihr kulminiert auf spezifische Weise die Bestimmtheit. Diese Bestimmtheit ist aber ganz und gar nicht die exklusive Eigenbestimmung der Einzelheit. Diese Bestimmtheit ist ebenso sehr die Bestimmtheit der Allgemeinheit wie auch die Bestimmtheit der Besonderheit. Das Besondere der Einzelheit besteht darin, gerade keine eigene Bestimmtheit zu kreieren. Die Einzelheit ist aber jene Stelle im logischen Gang, an der die Bestimmtheit als solche völlig ohne Zusatzbestimmtheit auf sich selbst zurückgebracht und damit auf sich selbst fixiert wird. Es wird genau dargelegt werden, in welcher Weise exakt dieser logische Vollzug, jedoch vorbegrifflich oder noch nicht explizit begrifflich, bereits in der formellen Kausalität vorkommt. Außerdem ereignet sich dieser Schritt nicht erst nach der ausführlichen Exponierung des allgemeinen und des besonderen Begriffs. Schon im ersten Auftreten der Einzelheit am Ende der Wechselwirkung muss die erwähnte Bestimmtheitsfixierung vorliegen. Dennoch kann sie nur vollständig begriffen werden, nachdem die ausführlichen Darlegungen zum Allgemeinen und zum Besonderen gegeben wurden. Wiederum zurück zur Kurzkür. Worin besteht die Allgemeinheit? Die Allgemeinheit ist Bestimmtheit, die ebenso und zugleich aufgehobene Bestimmtheit ist. Darüber hinaus geht sie in ihrer logischen Herkunftsgeschichte auf die passive Substanz zurück, ist im in sich aufscheinenden Schein auf sich Reflexion aus der Bestimmtheit in sich und nicht bloß anundfürsichseiendes Gesetztsein, sondern das Gesetztsein explizit in sich enthaltend. Letzteres macht es auch aus, dass die Allgemeinheit nicht als ein Vermitteltes, sondern als absolute Vermittlung in sich zu betrachten ist. In sich auf sich beziehender Negativität ist das Allgemeine durchgängig und unbeschränkt sich selbst erfüllend, wird nicht bloß von dem in es Gesetzten oder von dem mit ihm Verbundenen äußerlich erfüllt. Es ist als solches und in seiner Begriffsdimension kein Gliederwerk, kein Eingeteiltes, und wenn, dann lediglich sich gegen sich selbst einteilend. In seiner Inhaltlichkeit ist es durch und durch kompakt, ohne auch nur irgendwie zusammengesetzt zu sein. Die Bestimmtheit in sich ist hierin kein träges Sammelsurium, nicht etwas bloß Versammelndes und Einheitsstiftendes für eine schon daseiende Mannigfaltigkeit. Das wohl begriffene Allgemeine ist vielmehr schaffend aus sich, schöp-

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ferisch und sich bestimmend. Eben dies ist die größte Herausforderung für die Spekulation, das Schaffen des Begriffs in der unendlichen Bestimmung seiner Allgemeinheit zu begreifen. Jegliches andere Allgemeine ist demgegenüber abstrakt, egal in welcher sonstigen Konstellation (wie etwa im Syllogismus) es eingebettet sein mag. Wenn es bezüglich dieses sich selbst bewegenden und schaffenden Prozesses nicht bei einer bloßen Behauptung bleiben soll, sind wir erneut auf den logischen Herkunftsvollzug zurückverwiesen. Erneut gilt es, die Bewegung des Substantiellen in der vollinhaltlichen und absoluten Form eines Wechselwirkens gegen sich zu erkennen. Im genauen Hinblick darauf geht ein positiv sich auf sich beziehendes Setzen hervor, worin die absolut notwendige Scheinbewegung in sich zum schöpferischen Aufscheinen befreit wird oder befreit ist. Die Negativität der Scheinbewegung geht dabei mit einer Selbstnegation einher, worin jedoch die bestimmte Negation die Vollständigkeit der Bestimmtheit bewahrt. In dieser Reflexivität ist die Selbstbesonderung, d. h. die das Allgemeine bewahrende Negation des Allgemeinen, gesetzt, und der Schein ist eine Negationsbewegung gegen Anderes und gegen sich. Beides ist ein Doppelschein als scheinend nach außen und scheinend nach innen. Letzteres ist Setzen der Bestimmtheit in selbsterhaltender Selbstbestimmung, so dass die Bestimmtheit aus der Äußerlichkeit wieder in sich zurückgebogen wird. Das Scheinen des allgemeinen Begriffs eröffnet aber ebenso den sich immer weiter vollziehenden Weg des Veräußerns im Scheinen nach außen, worin die Allgemeinheit zwar durchaus aufrecht bleibt und sogar noch weiter intensiviert wird, jedoch eben hierin ein Abstraktheitsvollzug im Prozess des Verallgemeinerns eintritt oder mitinvolviert ist. Es wird sich herausstellen, dass die sich ins Begriffsexterne erstreckende Abwegigkeit und die sich ins Begriffsinterne erstreckende Einwegigkeit der Ab­ strak­tion als entscheidende Interpretamente in der Bestimmung des logischen Selbstbewegungsvollzugs in den Begriffsmomenten fungieren. Das Abstrahieren verbindet sich bereits mit dem allgemeinen Begriff, weil die zur Negation der Negation fortschreitende bestimmte Negation als eine bloß bedingende Vermittlungskomponente genommen werden kann. Das Verweilen beim Abstrakten, das noch nicht als ein Selbstabstrahieren begriffen ist, resultiert aus dem Verweilen beim bloßen Ansichsein der Totalität der Besonderheit. Sie ist dann lediglich herabgestuft zum Inhalt des Allgemeinen, wogegen die Form der Allgemeinheit selbst abgehoben werden kann bzw. umgekehrt wieder auf das Besonderte (wie ein überstülpbares Kleid) aufsetzbar oder applizierbar ist. Dieses Kleidartige ist nur bedeckend, gewährt aber nicht die freie Durchsicht auf die Begriffsbestimmtheit selbst. Indem jedoch erkannt wird, dass die Negativität des Allgemeinen ein Sichzur-Seite-Stellen impliziert, worin das Gesonderte oder Besonderte ebenso neben wie auch unter das Allgemeine gestellt wird, so ergibt sich die Totalität der Allgemeinheit als identisch mit der anundfürsichseienden Totalität der Besonder-

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heit selbst. Diese Bewegung der Koordination und Subordination betrifft dann nicht nur die Gesamtbestimmtheit der Totalität, sondern tangiert immanent auch die besonderen Momente einer Bestimmtheit gegen eine andere. In der Entgegnung der besonderen Bestimmtheiten zueinander entsteht wiederum eine nur bestimmte Entgegnung zur Einheit als Allgemeinheit. Hierdurch rückversetzt sich die absolut negative Abhebung nach dem Prinzip des Begriffs, d. i. das Sichwiederfinden der begrifflichen Gattung auf der Besonderungsebene der Arten, in die einfache Bestimmtheit der Negation. Innerhalb des Besonderungsprozesses selbst gewinnt die bestimmte Negation, welche ehemals das Seinsspezifische oder das Daseinsmäßige ausgemacht hatte, die Oberhand. Der Begriff setzt sich selbst im Vollzug des Sichbesonderns herab und degradiert sich gleichsam zum nur daseienden Begriff. Obwohl der Begriff noch nicht dazu gekommen ist, sich aus sich sein ihm angemessenes oder genuin entsprechendes Dasein zu geben, ist das Setzen von gegeneinander besonderten Bestimmtheiten bereits eine Daseinssetzung, worin das Moment des Seins, aber nun dezidiert im Begriff hervortritt. Freilich kann dieses Sein nur mehr den Status eines allgemeinen Seins haben, weil es eben begriffliches Sein ist. Umgekehrt führt jedoch diese Seinsbestimmung dazu, dass die Bestimmtheit als solche entweder dem Allgemeinen unterworfen oder das Allgemeine über das Bestimmte (wie ein Kleid) geworfen wird. Beide Vollzüge sind nur abstrakte Verallgemeinerungen, aber keine Bestimmtheit kann sich dem entziehen und ist dadurch, zumindest an dieser Stelle der Begriffsentwicklung, ein nur unmittelbarer Inhalt, dem die vermittelnde Form als Begriffsform lediglich übergestülpt ist. Die Form als absolute Form distanziert sich in der Besonderheit von ihren eigenen Inhalten, gibt ihnen aber ein (vorerst) beständiges Sein, worin sie als gegeneinander und voneinander losgelöst und in der Loslösung als (vorerst) fixiert erhalten sind. Diese Fixierung ergibt sich nur aus dem besonderen Daseinsvollzug, der das unmittelbar Seinsmäßige aktiviert, ist aber noch nicht jene Begriffsfixierung, die schließlich mit dem Einzelnen gesetzt sein wird. Das hiermit an dieser Stelle noch einhergehende Unmittelbarkeitsmoment nach dem ideellen Moment des Seins bekräftigt noch einmal die nur bekleidende (und den Form-Inhalts-Hiatus aufmachende) Allgemeinheit als abstrakte Allgemeinheit. Zugleich treibt diese verständige Abstraktion die Macht des Allgemeinen auf die Spitze und verleiht den Bestimmtheiten eine unendliche Härte des Seins, die noch nicht einmal die Unendlichkeit als solche hatte zuwege bringen können. Die damit einhergehende Härte der Abhebung oder Überhebung der Allgemeinheit verhärtet die Bestimmtheiten selbst, macht sie fix, unveränderlich und unvergänglich, sofern sie nämlich aus der absoluten Form des Allgemeinen selbst zehren. Der Inhalt ist jedoch dieser Form nicht angemessen, weil er nicht aus sich allgemein ist, sondern die Allgemeinheit nur als auferlegt erhält. Die absolute Fixierung der Bestimmtheit, die im Fixen Vergänglichkeit und

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Veränderlichkeit zulassen müsste, kann im einfach bestimmten Begriff nicht gelingen, denn die Bestimmtheiten sind aus dem sich noch weiter erstreckenden Abstraktionsvollzug nichtsdestoweniger abstrakt herausgenommen. Das verständige Erkennen blickt auf diese Bestimmtheiten, hält sie fest und getrennt, aber erkennt gerade nicht, dass es etwas fixieren und bestimmen möchte, das sich nicht aus sich selbst bestimmt hat. Es bleibt einem Suchen und einem sehr vernünftigen Geschäft verhaftet, worin es in aller gebotenen Wissenschaftlichkeit wohlfundierte Strukturen und Ordnungen entdeckt, die aber keine Erklärung für ein einzelnes Phänomen in seiner Einzigartigkeit erlauben, nur allgemeine zu verifizierende oder zu falsifizierende Theorien zulassen, die nie mehr das Vereinzelte aus sich betreffen können. Das spekulativ Begriffliche übersteigt jedoch diese allgemeine Fixierleistung, weil das Fixieren hierin keinen bestimmten Vollzug erfordert, gar keine neue Bestimmtheit aufruft, sondern lediglich die Selbstaufhebung der sich verallgemeinernd in den Gegensatz treibenden Bestimmtheiten selbstvollziehend sein lässt. Die Leistung des Verstandes selbst treibt die Abstraktion in die Selbstab­ straktion, in die sich auf sich beziehende Negativität, die die wahre Beziehung der Bestimmtheit auf sich selbst ist. In dieser Bestimmtheit ist dem Bestimmungsprozess des Bestimmten freier Lauf gelassen, so dass hierin die absolute Form der Allgemeinheit nur mehr das schon Bestimmte bestimmt, gegen die Bestimmung der Bestimmung keinen eigenen Vollzug setzt, nur mehr spekulative Wiederholung ist, worin aufscheinend auf sich der Begriff (ohne Etablierung einer Metaebene) auf sich selbst zeigt. Dieses Aus-sich-auf-sich-Zeigende oder Sichmonstrierende ist das Einzelne, in welcher die Abstraktion nicht getilgt, sondern lediglich zu gesetzter Abstraktion avanciert ist. Für eine prägnante Kurzangabe von Besonderheit und Einzelheit ergeben sich daraus folgende Merksätze: Die Besonderheit ist die Bestimmtheit als gesetzte Bestimmtheit. Die Einzelheit ist die Bestimmtheit als bestimmte Bestimmtheit. Im Haupttext wird die Dynamik des Einzelnen in der Spannung einer vollkommenen Rückkehr des Begriffs zu sich und dem Verlust des Begriffs gegen sich selbst exakt herausgearbeitet. Aus dem hier schon Skizzierten, das in den entsprechenden Kapiteln aufgewiesen und untermauert wird, sollte der Leitsatz der gesamten Abhandlung, d. i. die Effabilität des Einzelnen, bereits einsichtig werden. Die Gegenthese, also das Festhalten am Diktum ›Individuum est ineffa­ bile‹,5 koppelt die Erkennbarkeit oder den Bereich des generell Erkennbaren an 5

Vgl. Birgit Sandkaulen, »Individuum est ineffabile«. Zum Problem der Konzeptualisierung

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die Sphäre der Allgemeinheit, worin jegliche Bestimmtheit in einer GattungsArt-Verzahnung oder in sonstigen Methodiken einer Festlegung durch Anderes bestimmbar wird. Demgegenüber entzieht sich das Einzelne einer derartigen Bestimmbarkeit, weil es aus dem konnektiven Netzwerk von gegeneinander besonderten Allgemeinheiten herausfällt. Über eine bestimmte Art lässt sich noch etwas Allgemeines sagen, weil bezüglich einer derartigen Auffassung auch das sprachlich Begriffliche prinzipiell in der gleichen Sphäre angesiedelt ist. Umgekehrt kann auch dafür plädiert werden, dass Außersprachliches nicht mit Sprachlichem abgeglichen werden kann. In diesem Sinne propagiert etwa Donald Davidson eine Kohärenztheorie,6 aus der sich erst in der Folge eine bestimmte korrespondenztheoretische Wahrheitsauffassung ergeben könne. Mit welcher Herangehensweise aber man auch immer sympathisieren mag, das Entzogensein des Einzelnen korrespondiert stets mit einer letztlich unspekulativen Bestimmung des Allgemeinen. Die Herleitung der spekulativen Sphäre des Begriffs und die dem vorerst formellen Begriff zugehörigen Begriffsmomente weisen jedoch auf, dass es ein nur vorstellender und verständiger Zugang bleibt, der davon ausgeht, ein angenommenes Einzelnes allererst (synthetisch einteilend) eingliedern zu müssen oder es auf sonstige Weise einbeziehbar und bestimmbar zu machen. Es mangelt aber nicht am nicht realisierbaren letzten Schritt, die Ebene der untersten Arten noch bis auf das Einzelne herab zu durchbrechen und selbst noch dies Veräußerte erkennend ein- oder aufzuschließen. Es mangelt schon am Eigenerkennen des Standpunkts, von dem aus dieser Versuch unternommen wird, und am Erkennen von Allgemeinheit, die noch über das Abstrakte (als einem nur stetig nach außen gehenden Scheinen) hinausginge. Dagegen ist das Hinausgehen über das Abstrakte kein Akt des Kreierens einer positivierten Konkretion, sondern sehr viel mehr ein Sicheinlassen auf einen Selbstvollzug, der zur Selbstabstraktion und zur gesetzten Abstraktion führt. Für ein begreifendes Erfassen des Einzelnen ist es nun absolut entscheidend, nicht nur zuzugeben, dass es an ihm selbst im Zusammenhang mit der Abstraktion als solcher und den abstrakten Vollzügen eines sich selbst nicht erkennenden Erkennens steht, sondern tatsächlich einzusehen, dass es diese gesetzte Abstraktion selbst ist. von Individualität im Ausgang von Leibniz, in: Wilhelm Gräb/Lars Charbonnier (Hrsg.), Individualität. Genese und Konzeption einer Leitkategorie humaner Selbstdeutung, Berlin 2012, S. 153–179. 6 Vgl. hierzu den einschlägigen Aufsatz von Donald Davidson, der ursprünglich bereits 1981 ersonnen wurde. Die deutschsprachige Übersetzung des Originaltextes (›A Coherence Theory of Truth and Knowledge‹) findet sich (im Kontext weiterer kleinerer Texte) in einer Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2004: Eine Kohärenztheorie der Wahrheit und der Erkenntnis, inkl. Nachtrag, in: Donald Davidson, Subjektiv, intersubjektiv, objektiv, Frankfurt a.M. 2004, S. 233–269.

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Eine Vorrede reicht nicht dazu aus, diese Bestimmung zu erklären, sie in ihrem Gehalt vorwegzunehmen oder auch nur den Weg zu bereiten, der einmal auf ein derartiges Begreifen zulaufen würde. Wir müssen uns auf den Hinweis beschränken, dass es gilt, sich auf alle Fälle von einem Vorstellen zu befreien, das mit einem nicht logischen, sondern nur spatiologischen Umgang mit den in einer spekulativen Logik verhandelten Kategorien und Denkbestimmungen verbunden bleibt. Demgegenüber kommt, wie noch häufig betont werden wird, alles darauf an, zu einem Denkvollzug der Denkbestimmungen vorzudringen, nur hierin wird die Sache selbst in den Schein des Erkennens gestellt, offen für freie Bestimmung, Weiterbestimmung und gehaltvolle Kritik. Sich zu dieser Freiheit aufzuschwingen, bedarf jedoch der Bereitschaft, sich dem immanenten Zwang der jeweilig gesetzten Denkkonstellation zu unterwerfen. Diese Zugangsweise lässt sich nicht vorschreiben und erfüllt sich auch nicht durch den bloßen Willen dazu, aber es wäre fatal, sie aus vorgeschobenen Gründen gar nicht mehr für anstrebenswert zu halten. Wer auch immer die Anstrengung unternimmt, durch echte Auseinandersetzung (die Zeit, Muße und große Beharrlichkeit erfordert) einmal zu spekulativer Denkerfahrung zu kommen, wird es selbst beurteilen können, inwieweit sich dies von anderen philosophischen Herangehensweisen unter­scheidet. Der Einwand, dass die von Hegel ins Feld geführten Denkkonstellationen letztlich gar nicht gedacht werden können, stellt jedoch eine durchaus ernstzunehmende Einlassung dar.7 Es wird damit zumindest zugegeben, dass hier eine Aufgabe vorliegt, die einen immensen Schwierigkeitsgrad besitzt und die nicht damit erledigt werden kann, zu konstatieren, dass diverse metaphysische Überzeugungen philosophischer Vorgängerpositionen weitergeführt, abgewandelt und im besten Falle vertieft worden seien. Vielmehr wird erkannt, dass das von Hegel Geforderte eine Überwindung jeglicher gewöhnlicher, auch philosophi7

Dieser Einwand, in nur partieller oder auch umfänglicher Geltung, und die sich damit auftuende Fragestellung war Diskussionsgrundlage eines sich über viele Jahre hinweg erstre­ ckenden Austausches mit Urs Richli, dem ich bezüglich der Schärfung meines eigenen spekulativen Blicks auf die Sache selbst sehr viel verdanke. Im Zuge einer ganzen Reihe von Arbeitstagungen und Lehrveranstaltungen haben wir uns sehr eingehend gemeinsam mit engagierten Studierenden dieser sich aufdrängenden Frage gewidmet. Dabei kam es immer darauf an, genau auszuloten, wo einerseits eine Denkanforderung mit einer kategoriellen Bestimmung legitimerweise verknüpft sein müsse, und wo andererseits möglicherweise eine Überforderung zu konstatieren wäre, die dann letztlich auch dazu führen müsste, diese logische Konstellation in ihrer spekulativen Disposition zu kritisieren oder gar gänzlich zu verwerfen. Diese Fragestellung war von ihrem Anspruch her stets auch mit der Frage verbunden, wie es mit dem Status einer behaupteten reinen Betrachtung der Kategorien an und für sich selbst bestellt sein könne. Die gründliche Diskussion dieser Frage, die von vielen Missverständnissen begleitet sein kann, findet sich tatsächlich in allen Publikationen von Urs Richli wieder. Diesbezüglich ist es sehr lohnend, sich mit seinen Texten, die im hier zusammengestellten Literaturverzeichnis aufgelistet werden, auseinanderzusetzen.

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scher, Denkkonventionen darstellt. Nirgendwo sonst wird es eindringlicher vor Augen geführt, was es heißt, nicht nur über den Widerspruch zu reden, sondern ihn schlichtweg zu denken. Im Falle der spekulativen Logik heißt dies auch, nicht nur Widersprechendes beiläufig gelten zu lassen oder den Widerspruch einmal thematisch und explizit zu machen, sondern konsequent und in extenso aufzuweisen, dass der Widerspruch und, was viel wichtiger ist, wie der Widerspruch in allen Denkbestimmungen enthalten ist. Erst hierdurch handelt es sich überhaupt um Bestimmungen des Denkens, andernfalls sind es Vorstellungen von Denkinhalten, die aneinandergereiht werden, um zumindest das Gepräge äußerlicher Systematik aufrecht zu erhalten. Wenn nun die Undenkbarkeit behauptet wird, so hieße das, dass die Denkbestimmungen allenfalls eine implizite Bedeutung für all unsere Tätigkeiten haben könnten, sie aber nicht als solche, an und für sich selbst, thematisierbar wären. Sie hätten bestenfalls eine konstituierende Bedeutung für Anderes, aber keine Eigenbedeutung, geschweige denn eine Eigenbewegung. Letzteres ist aber gerade das Spekulative, nämlich Bestimmungen so auf sich selbst zu fokussieren, dass die nicht durch äußerliche Reflexion angestoßene Bewegung gegen sich und aus sich heraus zum Vor-Schein kommt. Freilich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass dies dennoch nicht aufgrund des Denkens als solchen zustande käme, sondern nur aufgrund des Willens desjenigen, der sich angeblich auf das Denken als solches bezieht. Ob dies der Fall ist, lässt sich jedoch wiederum nur im Denken und durch das Denken bestätigen oder widerlegen. So ist das Denken unausweichlich, obwohl es dennoch nur in den allerseltensten Fällen stattfindet, weil es genügend Wege (inklusive vieler philosophischer Wege) gibt, es zu umgehen. Denken ist hochgradig unangenehm. Das führt dazu, dass sich das Vorstellen, welches sich durch Verräumlichung bzw. Verzeitlichung im bloß spatiologisch Bildlichen auszeichnet, vorrangig durchsetzt, weil es die viel angenehmere Weise ist, sich auszudrücken, sich zu vermitteln und etwas zu gestalten. Die Selbstgestaltung der Denkbestimmungen, sofern sie an und für sich betrachtet werden, ist völlig unvertraut, ungewohnt und so fremdartig, dass sie, wenn überhaupt jemals von ihr die Rede ist, ganz leichtfertig als inexistent abgetan wird. Die These der Undenkbarkeit ist freilich nur eine Vorstufe dazu, weil sie darauf abhebt, dass ohnehin eine nicht zu bewältigende Aufgabe gestellt wird, also eine ganz und gar zu schwierig zu überwindende Hürde errichtet wird, die allenfalls noch als Faszinosum gewürdigt werden kann. Die Meinung, dass die spekulative Logik faszinierend ist, wird daher auch noch von vielen geteilt, aber es gilt, diese Meinung zu überwinden und die Faszination zu wirklicher Denkerfahrung werden zu lassen. Hierzu will die vorliegende Arbeit einen Beitrag leisten, aber nicht durch den Versuch, die spekulative Logizität durch eine andersgeartete Logik lediglich zu erklären, sondern sie durchzudenken und denkerisch durchzuarbeiten, weil nur so vindiziert werden kann, dass das reine

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Denken8 tatsächlich vollziehbar ist. Die noch darüber hinausgehende These besagt, dass wir erst in der Einsicht und Wiedereinsicht in die Bewegung des Denkens einen Ansatz haben, um uns mit anderen Bestimmungen, die bei Hegel selbst dem Bereich der sogenannten Realphilosophie zugerechnet werden, zu beschäftigen und um diese Thematiken adäquater bestimmbar zu machen. Bevor wir jedoch zu schnell zu irgendeiner Anwendung (die leider allzu leicht ins Unspekulative abdriften kann) voranschreiten, müssen wir uns nun tatsächlich der Selbstanwendung des Denkens auf sich (die nur im Spekulativen vorkommt) widmen. Zuletzt sei noch hervorgehoben, dass diese Arbeit einen Hauptrezipienten besitzt, der auch alleinig den gesamten und langwierigen Entstehungsprozess mit voller Aufmerksamkeit und mit äußerst genauer und gediegener Lektüre mitbegleitet hat. Es handelt sich dabei um Friedrich Grimmlinger,9 der über viele Jahre hinweg als Philosophielehrer, und zwar im besten Sinne dieses Wortes, am Institut für Philosophie der Universität Wien tätig gewesen ist. Gemeinsam mit ihm habe ich den Sammelband zum 200jährigen Jubiläum von Hegels Phänomenologie des Geistes herausgebracht. Auch nach seiner Emeritierung und bis zum heutigen Tag hält er (neben anderen Seminaren und Proseminaren) stets auch Lehrveranstaltungen zur Wissenschaft der Logik, die ich meinerseits gerne und bereitwillig bereichern durfte. Neben meinen eigenen Lehrveranstaltungen durfte ich auch gemeinsam mit ihm viele Arbeitstagungen zur Wissenschaft der Logik durchführen, wobei bei diesen Terminen immer wieder Gäste, wie etwa Urs Richli, Stephan Haltmayer, Ryosuke Ohashi u. a., ihre diskussionsbelebenden Expertisen eingebracht haben.10 Ebenso möchte ich mich bei meinem Kollegen und Freund Kurt Appel bedanken, der mir in Bezug auf einige Textstellen beratend zur Seite stand und nach »Hegel fragt […] nicht nach dem »Minimum des theoretisch Denkbaren«, sondern nach dem Maximum dessen, was reines Denken zum Thema haben kann«. Alexander Riebel, Negativität und Reflexion. Letztbegründung bei Hegel und Heinrich Rickert, in: Reinhard Hiltscher/Stefan Klingner (Hrsg.), Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2012, S. 199. 9 Vgl. Friedrich Grimmlinger, Zum Begriff des Erkennens in Hegels Wissenschaft der Logik, in: Thomas Posch/Gilles Marmasse (Hrsg.), Die Natur in den Begriff übersetzen. Zu Hegels Kritik des naturwissenschaftlichen Allgemeinen, Frankfurt a.M./Berlin/Bern/Bruxelles/ New York/Oxford/Wien 2005, S. 86–95. 10 Wichtige Publikationen der genannten Autoren: Urs Richli, Form und Inhalt in G.W.F. Hegels »Wissenschaft der Logik« (Überlieferung und Aufgabe XXI), Wien/München 1982. Stephan Haltmayer, Logik und Erkenntnistheorie. Istanbuler Vorlesungen, Hrsg. von Erhard Oeser, Frankfurt a.M./Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien 2019. Ryosuke Ohashi, Zeitlichkeitsanalyse der Hegelschen Logik. Zur Idee einer Phänomenologie des Ortes, Freiburg/München 1984. 8

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Fertigstellung des vollständigen Manuskripts die Verlagsfindung übernommen hat. Auch mit ihm gemeinsam sind bereits einige Publikationen entstanden, die in erster Linie auf die Phänomenologie des Geistes ausgerichtet waren.11 Nebst seiner Professorentätigkeit und der Leitung einer Forschungsplattform liegen von ihm auch viele wichtige Publikationen (auf englisch, deutsch und italienisch) zu philosophisch-theologischen Themen vor.12 Das Literaturverzeichnis führt nur einen geringen Teil der von ihm vorliegenden Monographien und Aufsätze an. Ein diesbezüglicher Aufsatz trägt nicht von ungefähr denselben Haupttitel wie die vorliegende Abhandlung, in den Zeitläuften war auch mein Arbeitstitel einigermaßen bekannt geworden.13 Ein weiterer Dank ergeht an Marian Weingartshofer, der mir bei der Zitierung der Hegel-Stellen in den Gesammelten Werken behilflich gewesen ist. Zu guter Letzt danke ich noch meiner Freundin Renate Strohmaier, ihres Zeichens beamtete Regierungsrätin, die wissentlich oder unwissentlich dafür verantwortlich ist, dass der Faden nie ganz gerissen ist.

Vgl. Kurt Appel/Thomas Auinger, Zum Verhältnis von Glauben und Wissen in seiner Relevanz für das ›Heute‹, in: Andreas Arndt/Karol Bal/Henning Ottmann (Hrsg.), HegelJahrbuch 2003. Glauben und Wissen. Erster Teil, Berlin 2003, S. 90–95. Dies. (Hrsg.), Eine Lektüre von Hegels Phänomenologie des Geistes. Teil 1: Von der sinnlichen Gewissheit zur gesetzprüfenden Vernunft, Frankfurt a.M./Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien 2009. Dies. (Hrsg.), Eine Lektüre von Hegels Phänomenologie des Geistes. Teil 2: Von der Sittlichkeit zur offenbaren Religion, ebd. 2012. 12 Vgl. u.a. folgende umfangreichere Monographien: Kurt Appel, Entsprechung im WiderSpruch. Eine Auseinandersetzung mit dem Offenbarungsbegriff der politischen Theologie des jungen Hegel, Münster/Hamburg/London 2003. Ders., Zeit und Gott. Mythos und Logos der Zeit im Anschluss an Hegel und Schelling, Paderborn/München/Wien/Zürich 2008. 13 Vgl. Kurt Appel, Individuum est effabile. Hegels Versuch einer Weiterführung Kants in der Sicht des Menschlichen, in: Saša Josifović/Arthur Kok (Hrsg.), Der »innere Gerichtshof« der Vernunft. Normativität, Rationalität und Gewissen in der Philosophie Immanuel Kants und im Deutschen Idealismus, Leiden/Boston 2016, S. 219–243. 11

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1. Freie Wirklichkeiten – Anfängliches, Modales und Vorbegriffliches

1.1 Einleitung: Die Setzung eines eigenständigen Anfangs und die ­methodische Begriffsbestimmung des Anfangs überhaupt Um das Hauptthema dieser Abhandlung, die präzise Interpretation der Einzelheit bzw. des Einzelnen in Hegels Wissenschaft der Logik, ins Visier zu nehmen, läge es vielleicht nahe, lediglich die entsprechenden Seiten der sogenannten Begriffslogik aufzuschlagen und mit einer Auslegung des Unterkapitels ›C. Das Einzelne‹ zu beginnen. Hier würde sich dann wohl ausreichend Aufklärung finden, um zu verstehen, in welcher Weise die Denkbestimmung des Einzelnen im Kanon der vielfältigen Kategorienlandschaft zu verorten sei und wie den vermuteten dialektischen Schwierigkeiten im sukzessiven Nachvollzug der (vermittels einer von Hegel genau disponierten Absatzfolge) klar gegliederten Darlegung beizukommen wäre. Dies, so die Unterstellung der äußerlichen Reflexion, müssten wohl die paar Seiten dieses Unterkapitels offerieren, um dem geneigten Interpreten1 alle Ressourcen für ein adäquates Verständnis an die Hand zu geben. Demgegenüber lehrt die Erfahrung (aus einer mittlerweile jahrzehntelangen Beschäftigung mit Hegels spekulativer Logik), dass wir stets darauf angewiesen sind, die Abkunft und logische Entstehungsgeschichte, welcher Bestimmung auch immer, sehr genau zu betrachten und möglichst exakt nachzuvollziehen. Nur wenn dies auf ausführliche Weise geschieht, ist überhaupt mit einem einigermaßen passablen interpretatorischen Erfolg zu rechnen. Je besser die prozedurale Herkunft erhellt und in der jeweils spezifisch logischen Dynamik aufgeschlüsselt werden kann, desto eher wird sich das Eigentümliche einer neuen Stufe erschließen. Sofern nun diese Herangehensweise auch tatsächlich beherzigt wird, bleibt jedoch noch offen, an welcher Stelle die zunächst als rückwärtsgewandt erscheinende Aufarbeitung einsetzen sollte. Wenn dabei nicht schon ein fundiertes Überblickswissen über den Gesamtverlauf der Wissenschaft der Logik vorausgesetzt werden kann, wird diese Entscheidung einen völlig willkürlichen und sachfernen Charakter annehmen. Die Sache selbst erfordert jedoch einen 1

Nachfolgend ist bei allen derartigen Ausdrücken immer auch die weibliche Lesart (hier: der geneigten Interpretin) zu ergänzen.

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durchaus wohlüberlegten Ansatz, wobei sich diesbezüglich vielfältige Zugänge als sinnvoll herausstellen können. Jedenfalls gilt es, die Auswahl der als wichtig erachteten vorausgehenden Passagen argumentativ zu untermauern. Diese Überlegungen werden sich als lohnend erweisen und sind nicht so unerheblich, wie dies vielleicht auf den ersten Blick aussehen mag. Die Suche nach diesem Einstiegspunkt kann im Gegenteil sogar schon manches über den prinzipiellen Interpretationsansatz offenbaren. Nun wäre es die sicherste, aber zugleich auch formellste und ziemlich oberflächlich verstandene Methode, in allen Fällen mit einem Rückgriff auf den Anfang der Logik zu beginnen, um dann von dort her alle relevanten Thematiken abzuleiten. Das mag zwar durchaus sachgemäß sein, ergäbe jedoch eine überbordende Darstellungsverlängerung und, was noch wichtiger ist, es würde zu einer Interpretationseinebnung führen, die das prägnante Herausstreichen rele­ vanter logischer Strukturen und das Herauspräparieren von kategorienübergreifenden Zusammenhängen tendenziell verhindert. Es kann letztlich nicht opportun sein, bei einer bloß mitbegleitenden Auslegung stehen zu bleiben. Sie wird einerseits zu einem gewissen Grad antiquiert wirken und andererseits erschwert sie Bezüge zu anderen philosophischen Positionen sowie Anknüpfungen an moderne Zugänge, die dem Hegelschen Denkduktus meist fremd sind. Die Bedeutung der Hegelschen Denkbemühung wird viel eher zu Tage treten, wenn auch eine Einordnung in aktuelle philosophische Debatten erfolgt. Von Pseudoaktualisierung und erzwungener Konfrontation mit willkürlich herangezogenen Philosophemen ist jedoch abzuraten. Auch in diesem Punkt müssen wir uns an sachlicher Angemessenheit orientieren und derartige Bezüge sollten, wenn sie dezidiert gesetzt werden, stets einen reziproken Gewinn abwerfen, d. h. auch zu einem besseren Verständnis des Hegelschen Standpunktes führen. Es ist, wie schon angedeutet, beim vorliegenden Fokus auf das Einzelne, als einer Denkbestimmung aus der Sphäre des Begriffs, nicht sinnvoll, auf abstrakte Weise die (freilich implizit sehr wohl gegebene) Beziehung zu den allerersten Kategorien der Logik herzustellen. Dies verrät nur eine Unbeholfenheit und unangebrachte Vorsichtigkeit, die sich für den eigenen Anfang nur auf das von Hegel gesetzte Anfangsszenario verlassen will, sich aber keinen eigenständig motivierten Beginn zutraut. Hierfür wäre es nötig, die Anstrengung und das Risiko auf sich zu nehmen, eine interpretatorische Selbstpositionierung, auch schon in der Frage nach der Wahl des Einstiegspunktes, vorzunehmen. Dieses Risiko wird hier nicht gescheut und explizit die Behauptung aufgestellt, dass die Aufklärungsbemühung in Bezug auf den spekulativ logischen Gehalt von Einzelheit nicht bei der Anfangsdialektik von Sein und Nichts einsetzen sollte. Der anfänglich durchaus nötige Rückbezug auf Dispositionen, die in der objektiven Logik (Seins- und Wesenslehre) gesetzt werden, sollte auf eine Entsprechungs-

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Anfängliches, Modales und Vorbegriffliches

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und Anknüpfungsstelle ausgerichtet sein, die dem Begriffsniveau eines Begriffsmoments tatsächlich entsprechend sein kann. Anfangs- und Endpunkt der objektiven Logik, Qualität bzw. reines Sein/reines Nichts und die Kategorie der Wechselwirkung, wären hierfür zwar mögliche Kandidaten, legen sich aber nur in formellster Hinsicht nahe, wenn es dem geschärften Blick auf die Logizität der Seins- und Wesenskategorien nicht gelingt, eine entscheidendere Schnittstelle ausfindig zu machen. Der logisch banale und simple Rückgriff auf die Bestimmtheit des unbestimmt Unmittelbaren wirkt zwar konsequent, zeugt aber andererseits nur von Einfallslosigkeit und Zurückhaltung bzgl. eines selbstbestimmten Ansatzes. Sofern die Einzelheit in bewusst bestimmter Zwecksetzung zur Sache selbst gemacht wird, genügt es nicht, bloß die Kategorienabfolge, die durch die Wissenschaft der Logik vorgegeben ist, von Beginn an nachzuzeichnen. Es ist vielmehr gefordert, die von dieser themenspezifischen Zugangsweise her entstehende Perspektivenbrechung in solche Bahnen zu lenken, die dem Interpretationsziel am ehesten dienlich sein können. Wir müssen also zunächst nach einem sachlich geeigneteren Einstiegspunkt Ausschau halten, wobei jedoch noch genügend Entwicklungsschritte vor dem Erreichen des Einzelnen als thematischer Kategorie gegeben sein sollten. Nur so erhöht sich die Aussicht auf ein tatsächliches Begreifen, das sich erst einstellt, wenn wir die logische Herkunftsgeschichte in ihren essentiellen Evolutionsschritten sehr genau erzählen können. Vorrangig gilt es zu bedenken, in welcher Hauptsphäre die Bestimmung des Einzelnen verortet ist. Es handelt sich dabei um die Begriffslogik bzw. die subjektive Logik und näher besehen um den formellen Begriff, der wiederum mit dem ersten Abschnitt über die Subjektivität 2 gleichzusetzen ist. Äußerlich betrachtet folgt die weitere Einteilung dieses Abschnitts der klassischen dreigliedrigen Stufung in Begriff, Urteil und Schluss. Im Begriff als solchen, der damit zugleich als allgemeiner Begriff gesetzt ist, sind die Begriffsmomente von Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit auseinandergelegt, wobei auffällig ist, dass die Unterkapitel mit ›A. Der allgemeine Begriff‹, ›B. Der besondere Begriff‹ und ›C. Das Einzelne‹ betitelt sind. Für den Anfang sind die sich hieraus eventuell ergebenden Fragestellungen noch nicht relevant, die Anfangsfrage muss den Begriff per se in den Mittelpunkt rücken. Wodurch ist der Begriff charakterisiert, wenn wir für die Beantwortung nur ein einziges Wort zulassen? Die Antwort ist, dem äußerlichen Wortausdruck nach, leicht: Freiheit. Hegel bestimmt die »Freiheit als […] die

2

Vgl. Friedrike Schick, Die Lehre vom Begriff. Erster Abschnitt. Die Subjectivität, in: Michael Quante/Nadine Mooren (Hrsg.), Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik (Hegel-Studien Beiheft 67), Hamburg 2018, S. 457–558.

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Verhältnisweise des Begriffs«,3 den Begriff überhaupt als das »Reich der Freiheit«4 und diese Freiheit ganz ausdrücklich als die »Identität des Begriffs«.5 Für das Verstehen dieser Freiheit reicht es nicht aus, sich auf gängige Alltagskonnotationen zu verlassen, auch nicht anderweitige philosophische Freiheitskonzeptionen in Anschlag zu bringen, es reicht nicht einmal, um sich vielleicht innerhegelianisch abzusichern, auf Ausführungen zurückzugreifen, die sich in anderen Hegelschen Werken finden. Die einzig adäquate Weise, sich diesem Freiheitsbegriff zu nähern, besteht darin, abermals die spekulativ logische Herkunft und Entstehungsgeschichte in Betracht zu ziehen. Dies kann, aufgrund des immanenten Zwangs des Anfangens, hier und überhaupt, auch wieder nur in äußerlich formaler Manier (d. h. ansichseiend) geschehen. Die diesbezügliche Auskunft lässt sich dann aber, sofern wir dabei nur auf das Resultat achten, wiederum ganz einfach angeben: Die im letzten Kapitel der objektiven Logik (d. i. das absolute Verhältnis) sich zu ihrer intensivsten Ausprägung steigernde Notwendigkeit befreit sich an ihrem eigenen Umschlagspunkt zur Freiheit, d. h. zur Freiheit des Begriffs. Die Entwicklung der Substanz bzw. der Substanzen, vollzogen in den Schritten des Substantialitätsverhältnisses, des Kausalitätsverhältnisses und der Wechselwirkung, führt aus dem Reich der Notwendigkeit in dasjenige der Freiheit, wobei die in der Zufälligkeit verborgene Freiheit (im Rahmen der objektiven Logik) eben hiermit auch als Freiheit des Begriffs zu Tage tritt: »Die Notwendigkeit wird nicht dadurch zur Freiheit, daß sie verschwindet, sondern daß nur ihre noch innere Identität manifestiert wird, – eine Manifestation, welche die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich ist. – Umgekehrt wird zugleich die Zufälligkeit zur Freiheit, indem die Seiten der Notwendigkeit, welche die Gestalt für sich freier, nicht ineinander scheinender Wirklichkeiten haben, nunmehr gesetzt sind als Identität, so daß diese Totalitäten der Reflexion-in-sich in ihrem Unterschiede nun auch als identische scheinen oder gesetzt sind nur als eine und dieselbe Reflexion.«6

G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik II, Bd. 6 der Werke in 20 Bänden, auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe, Redaktion Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt/M. 19902, (nachfolgend angegeben mit WdL II, entsprechend wird der Bd. 5 mit WdL I ausgewiesen) S. 246; G. W. F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Zweiter Band. Die Subjektive Logik (1816), Bd. 12 der Gesammelten Werke. In Verbindung mit d. Hegel-Komm. d. Rhein.-Westfäl. Akad. d. Wiss. u.d. Hegel-Archiv d. Ruhr-Univ. Bochum, hrsg. von Friedrich Hogemann u. Walter Jaeschke, Hamburg 1981, (nachfolgend angegeben mit GW 12, entsprechend wird der Bd. 11 mit GW 11 u. der Bd. 21 mit GW 21 ausgewiesen) S. 12. 4 WdL II, S. 251; GW 12, S. 15. 5 Ebd. 6 WdL II, S. 239 f.; GW 11, S. 409. 3

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Anfängliches, Modales und Vorbegriffliches

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Auch wenn wir uns von den Bürden des Anfangens noch überhaupt nicht befreit haben, ist an dieser Stelle, neben dem Hinweis auf die Abkunft der Freiheit aus der Selbstmanifestation der Notwendigkeit, ein weiterer Hinweis enthalten, der dem geschulten Interpretationsauge den entscheidenden Ansatzpunkt offeriert, sofern sich der Blick, wie besprochen, nicht erneut so ablenken lässt, dass er sich wieder allzu sehr – rückblickend – auf das Anfangen mit dem reinen Sein ausrichtet. Diese Option – aus sachlichen Gründen – außer Acht lassend, so eröffnet sich hier eine andere Option, die sich – wiederum aus sachlichen Gründen – für die Erörterung einer Begriffsbestimmung als bei weitem adäquater erweist. Es handelt sich um die im Zitat genannten freien, nicht ineinander scheinenden Wirklichkeiten. Nachdem wir die Anfangsproblematik nochmals etwas tiefgehender aufwerfen, wollen wir uns der Aufgabe widmen, genau zu klären, was es mit diesen sogenannten freien Wirklichkeiten auf sich hat. Sie sind jedenfalls die Schnittstelle, an welcher die Freiheitsdimension des Begriffs mit der Freiheitsdimension, so wie sie in der objektiven Logik aufblitzen kann, zusammenhängt. Vorerst müssen wir uns aber noch vergewissern, worin wir uns bewegen, wenn wir anfangen, in die Dynamiken des spekulativ Logischen einzutreten, und wie das Ziel aussehen mag, dem die Aufgabe, eine Denk- und Begriffsbestimmung möglichst exakt zu verdeutlichen, zustreben sollte. Es bedarf einer Methodenreflexion, die jedoch im Falle der Wissenschaft der Logik keine zweite, nur über die ursprüngliche Logizität der vorliegenden Kategorienentwicklung übergestülpte Logik sein darf und es auch nicht sein kann. Darin besteht übrigens der Fehler der allermeisten Interpreten, logische und metalogische Strukturen und Organisationsprinzipien ausfindig machen zu wollen, die einen noch grundlegenderen Einblick in das bereits ausgeführte logische Gebäude gewähren sollen. Die Fallhöhe ist dabei sehr hoch. Was bei solchen Versuchen herauskommt, ist stets nur eine verkümmerte Kleinlogik, die zwar äußerlich Modernisierung und Aktualisierung heischt, in Wahrheit aber nicht einmal den Ausdruck Logik verdient. Der immanente und höchst einfache Maßstab müsste es hingegen sein, die Interpretation auf der Höhe des Interpretierten zu halten, was in Bezug auf die Wissenschaft der Logik allerdings eine durchaus unendliche Aufgabe ist. Eine meiner Hauptthesen, die ich in dieser Hinsicht vertrete und auf die ich immer wieder zurückkommen werde, besteht darin, dass in der Abfolge von Sein, Wesen und Begriff mit der Begriffssphäre eine Stufe erreicht ist, in welcher logisch alle Ressourcen schon in einer Weise ausgearbeitet sind, die es ermöglicht, von da aus die noch ausstehende Entwicklung ein reines Zeigen auf sich sein zu lassen, ein Bestimmen des schon Bestimmten, das keinen herkömmlichen Hinzufügungscharakter mehr besitzt. Alle nicht spekulativen Logiken sind spätestens an dieser Stelle gezwungen, anhand von Metaebenen auf die primäre logische Ebene zu verweisen. Demgegenüber ist es das Spezifikum des Hegelschen Begriffs, die unausweichlich nötige Erhöhung in eine Metaebene von Haus aus

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schon wieder in die eine einzige Sachebene eingeebnet zu haben. Es ist eine Art des Zeigens auf sich, worin im Akt des Zeigens kein Abstand benötigt wird, keine Distanz vorkommt und auch gar kein Abstand erlaubt ist, in welchen sich dann die Reflexion, als per se äußerliche oder als Methodenreflexion,7 einfügen könnte. Eine derartige Thesenpräsentation muss freilich an dieser Stelle noch abstrakt anmuten, es ist bezweckt, den sich damit verbindenden Gehalt in weiterer Folge klarer werden zu lassen. – Was die erwähnte Methodenreflexion betrifft, so ist es bezüglich der Wissenschaft der Logik nicht ziemend, neuartige Methodenüberlegungen anzustellen, es ist vielmehr nur der Weg offen, die »absolute Methode«8 zu berücksichtigen, die im Kapitel über die absolute Idee9 zur Darstellung gekommen ist. – Mit der anfänglichen Intention, einen »Inhalt […] des Begriffes«10 zu thematisieren, also eine Begriffsbestimmung anzuvisieren, sind, so paradox das klingen mag, bereits zwei Begriffsbestimmungen im Spiel. Der assertorisch unmittelbare Entschluss, das Begriffsmoment der Einzelheit in all seinen Komplikationen zu enthüllen, ist, methodisch gesehen, ein Anfangsakt, der schon als Anfang per se als Begriffsbestimmung aufgefasst werden muss, insofern sich nämlich die logische Auslegung auch der logischen Methodik verpflichtet fühlt. Im Anfang, auch wenn er als in gewisser Weise äußerlich gesetzter Anfang gelten muss, weil eine Bestimmung herausgegriffen wird, die sich nicht von sich aus als Anfangsbestimmung aufdrängt, ist dennoch jegliche Anfangsdialektik11 mitgesetzt, die etwa auch dann schlagend würde, wenn wir, Vgl. Lars Heckenroth, Konkretion der Methode. Die Dialektik und ihre teleologische Entwicklung in Hegels Logik (Hegel-Studien Beiheft 71), Hamburg 2021. 8 WdL II, S. 556; GW 12, S. 241. 9 Vgl. Andreas Arndt, Hegel und die absolute Idee. Zum Konzept der Dialektik bei Hegel, in: Martin Küpper/Marvin Gaßer/Isette Schuhmacher/Hans-Joachim Petsche (Hrsg.), Dialektische Positionen. Kritisches Philosophieren von Hegel bis heute. Eine Vorlesungsreihe, Berlin 2015, S. 63–82. Ders., Wer denkt absolut? Die absolute Idee in Hegels »Wissenschaft der Logik«, in: Revista Electrǒnica Estudos Hegelianos 16, 2012, S. 22–33. 10 WdL II, S. 553; GW 12, S. 239. 11 Die prinzipielle Anfangsdialektik kommt auch in der von Platon diskutierten und problematisierten Behauptung ›DAS EINE IST‹ höchst eindringlich zum Vorschein. Wir können versuchen, den Satz so zu interpretieren, dass hierbei ohnehin nur eine kompakte Einheit vorkommt, also das Eine und das von ihm prädizierte Sein völlig unterschiedslos sind, oder – wenn wir den dabei schon erforderlichen äußerlichen Standpunkt vergessen – nur zwei Namen für ein und dieselbe Sache vorliegen. Ist dem so, so hat sich dieser Satz schon aufgelöst, weil es dann überhaupt kein Prädizieren, kein Behaupten, kein Differenzieren und kein Differenziertes gibt. – Umgekehrt, wenn wir zulassen, dass diese Aussage überhaupt sinnvoll getroffen werden kann, müssen wir eingestehen, dass schon der bloße Versuch des unterschiedslosen Ineinssetzens von Einem und Sein misslingen muss, weil das Prädizieren und Differenzieren schon das Dritte ist, nicht nur als äußerliche Reflexion, die wir wieder wegstreichen könnten, sondern als immanente, sich veräußert habende Reflexion, die untilgbar ist. Über das Dritte, das wieder jeweils auf die Zweiheit bezogen werden kann, entsteht Viertes, Fünftes usw., d. h. letztendlich die Mannigfaltigkeit der Welt. – Diese 7

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Hegel mitbegleitend, das reine Sein in den Mittelpunkt unserer Überlegungen rücken wollten. Worauf uns jedenfalls Hegel in diesem Zusammenhang aufmerksam machen will, ist der Umstand, dass das Erkennen schon anfänglich als Denken, und nicht als Anschauen oder Vorstellen oder als ein sonstiger Prozess, aufzufassen ist und das Erkennen dabei zu eben diesem Selbstverständnis gekommen sein muss, d. h. sich selbst wissendes, begreifendes Denken zu sein. In Bezug auf das Einzelne heißt das, dass wir nicht ein Einzelnes, ein Vereinzeltes, heranziehen können, um es etwa auf eine Weise zu untersuchen, die uns dann das Wesen des Einzelnen offenbaren würde. Sich dem Einzelnen so zu nähern, hieße, nicht gewahr zu sein, die Bewegung des Erkennens im Elemente des Denkens zu vollziehen. Auch wenn wir uns das Einzelne zur näheren Bestimmung vornehmen, so nötigt uns die spekulativ logische Methode, das Einzelne zunächst in seiner Allgemeinheit und als Allgemeines zu bestimmen. Erst in den nächsten Schritten ist es darum zu tun, diese im Anfang unvermeidlich gesetzte abstrakte Allgemeinheit12 zu übersteigen, d. h. zu konkretisieren. Wenn wir nicht in äußerlichen Beschreibungen stecken bleiben wollen, muss es das oberste interpretatorische Ziel sein, die Selbstbewegung des Allgemeinen in das Einzelne, das Selbstkontinuieren13 des Allgemeinen ins Einzelne mit zu vollziehen, im besten Sinne des Wortes mitzudenken. Dialektik müssen wir stets vor Augen haben, insbesondere gegenüber allen Einwänden der äußerlichen Reflexion, die sich unentwegt und stets auf subtile Art in Selbstvergessenheit übt. – Vgl. Martin Gessmann, Skepsis und Dialektik. Hegel und der Platonische Parmenides, in: Hans Friedrich Fulda/Rolf-Peter Horstmann (Hrsg.), Skeptizismus und spekulatives Denken in der Philosophie Hegels, Stuttgart 1996, S. 50–63. Franco Chiereghin, Plato­ nische Skepsis und spekulatives Denken bei Hegel, in: Hans Friedrich Fulda/Rolf-­Peter Horstmann (Hrsg.), Skeptizismus und spekulatives Denken in der Philosophie Hegels, Stuttgart 1996, S. 29–49. 12 »…die Allgemeinheit […] ist insofern auch die abstrakte, und […] bestimmte Allgemeinheit. Der Begriff ist in ihr außer sich, insofern er es ist, der darin außer sich ist, so enthält das abstrakt Allgemeine alle Momente des Begriffs; es ist α) Allgemeinheit, β) Bestimmtheit, γ) die einfache Einheit von beiden; […] An sich ist sie auch […] Totalität und Vermittlung; sie ist wesentlich ausschließende Beziehung auf Anderes oder Aufhebung der Negation, nämlich der anderen Bestimmtheit – der anderen, die aber nur als Meinung vorschwebt, denn unmittelbar verschwindet sie und zeigt sich als dasselbe, was die ihr andere sein sollte. Dies macht also diese Allgemeinheit zur abstrakten, daß die Vermittlung nur Bedingung ist oder nicht an ihr selbst gesetzt ist. Weil sie nicht gesetzt ist, hat die Einheit des Abstrakten die Form der Unmittelbarkeit, und der Inhalt [hat] die Form der Gleichgültigkeit gegen seine Allgemeinheit, weil er nicht als diese Totalität ist, welche die Allgemeinheit der absoluten Negativität ist. Das abstrakt Allgemeine ist somit zwar der Begriff, aber als Begriffloses, als Begriff, der nicht als solcher gesetzt ist.« WdL II, S. 283 f.; GW 12, S. 39 f. 13 »Die […] Begriffsbestimmung ist an ihr selbst ein Allgemeines, gesetzt als sich in ihre andere Kontinuierendes.« WdL II, S. 319; GW 12, S. 66.

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Die Begriffsbestimmung als solche und die Begriffsbestimmung des Anfangs erfordern das Festhalten von Einfachheit und Allgemeinheit, die nie übergangen werden können: »Das, was die Methode hiermit ausmacht, sind die Bestimmungen des Begriffes selbst und deren Beziehungen, die in der Bedeutung als Bestimmungen der Methode […] zu betrachten sind. – Es ist dabei erstens von dem Anfange anzufangen. Von demselben ist bereits bei dem Anfange der Logik selbst, wie auch vorhin beim subjektiven Erkennen gesprochen und gezeigt worden, daß [er], wenn er nicht willkürlich und mit einer kategorischen Bewußtlosigkeit gemacht wird, zwar viele Schwierigkeiten zu machen scheinen kann, jedoch von höchst einfacher Natur ist. Weil er der Anfang ist, ist sein Inhalt ein Unmittelbares, aber ein solches, das den Sinn und die Form abstrakter Allgemeinheit hat. Er sei sonst ein Inhalt des Seins oder des Wesens oder des Begriffs, so ist er insofern ein Aufgenommenes, Vorgefundenes, Assertorisches, als er ein Unmittelbares ist. Fürs erste aber ist er nicht ein Unmittelbares der sinnlichen Anschauung oder der Vorstellung, sondern des Denkens, das man wegen seiner Unmittelbarkeit auch ein übersinnliches, innerliches Anschauen nennen kann. Das Unmittelbare der sinnlichen Anschauung ist ein Mannigfaltiges und Einzelnes. Das Erkennen ist aber begreifendes Denken, sein Anfang daher auch nur im Elemente des Denkens, – ein Einfaches und Allgemeines.«14

Das Weitere, das sich als Einsicht und Vorgabe aus der Reflexion der absoluten Methode ergibt, besteht im eingehenderen Erkennen der Verfasstheit dieses Allgemeinen. Es ist sich erhaltend und sich aufhebend, niemals im bloß Abstrakten verharrend, denn das ist nur der Verstand und die äußerliche Reflexion, die es vermeintlich so festsetzen, es selbst ist jedoch sich aus ihm heraus überwindender Mangel, was dann erkennbar wird, wenn wir diese allgemeine Bestimmung begrifflich und als echten Anfangsbegriff erfassen. Es bringt uns nichts, die Konkretisierung anhand einer Anreicherung von darüber hinaus gehenden oder daneben gestellten oder lediglich hinzugefügten Bestimmungen bewerkstelligen zu wollen, wir sind vielmehr angehalten, die Immanenz der Selbstaufhebung zu begreifen. Im Erkennen des spekulativ logischen Anfangsakts eröffnet sich, dass der Anfang selbst eine Begriffsbestimmung ist, die nicht wie ein monolithischer Brocken von außen beschrieben, bearbeitet und aufgeschlossen werden muss, sondern, das Denken dem Denken begegnend, eine Bestimmung vorliegt, worin die Einseitigkeit des nur Allgemeinen von ihm her zur Bestimmtheit drängt – was Hegel Trieb nennt  – und so die ansichseiende Negativität zum Austrag bringt. Dieses Negative ist keine Zutat, kein konfrontativ Hinzugefügtes, um 14

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endlich eine Initialzündung zustande zu bringen, es ist Ursprungsbestimmtheit, die auch schon im absoluten Einssein und absoluten Unterschiedensein von reinem Sein und reinem Nichts gegeben ist. Das rechtfertigt auch die Einbettung der anfänglichen Minimalauskünfte über Sein und Nichts in den ersten Abschnitt, Bestimmtheit (Qualität), die in diesem Sinne keine nur überblicksweise vorangestellte Überschrift darstellt. Das sich bestimmende Aufscheinen des Negativen im unmittelbar, einfach Allgemeinen ist aber keine Sache nur des Seins15 als solchen, sie kann, wie Hegel ausdrücklich anmerkt, überhaupt einen »Inhalt des Seins oder des Wesens oder des Begriffes«16 betreffen. Auch in der hier anfänglich gesetzten Perspektive, im bewusst vollzogenen Hinblicken auf das Begriffsmoment der Einzelheit, ist zunächst das Allgemeine präsent, das Begriffliche des Einzelnen in seiner Allgemeinheit, in welchem wir wiederum erkennend alle Negativität zu entbergen haben. »Der Anfang hat somit für die Methode keine andere Bestimmtheit als die, das Einfache und Allgemeine zu sein; dies ist selbst die Bestimmtheit, wegen der er mangelhaft ist. Die Allgemeinheit ist der reine, einfache Begriff, und die Methode als das Bewußtsein desselben weiß, daß die Allgemeinheit nur Moment und der Begriff in ihr noch nicht an und für sich bestimmt ist. Aber mit diesem Bewußtsein, das den Anfang nur um der Methode willen weiterführen wollte, wäre diese ein Formelles, in äußerlicher Reflexion Gesetztes. Da sie aber die objektive, immanente Form ist, so muß das Unmittelbare des Anfangs an ihm selbst das Mangelhafte und mit dem Triebe begabt sein, sich weiterzuführen. Das Allgemeine gilt aber in der absoluten Methode nicht als bloß Abstraktes, sondern als das objektiv Allgemeine, d. h. das an sich die konkrete Totalität, aber die[se] noch nicht gesetzt, noch nicht für sich ist. Selbst das abstrakte Allgemeine als solches, im Begriffe, d. i. Jegliches Anfangen ist allgemein, auch der Anfang im und mit dem Sein. D.h. aber nicht, worauf stets genau geachtet werden muss, dass hiermit die anfängliche Bestimmung schon mit dem Allgemeinen qua Kategorie identifiziert werden darf. Alle sich in der Seinssphäre einstellenden Kategorien erreichen prinzipiell nicht den Level von Allgemeinheit, so wie aber die Seinssphäre als solche kein Jenseits oder auch Diesseits zum Begriff darstellt, sondern ihn in seinem Ansichsein zum Austrag bringt, so ist in ihr auch das Allgemeine präsent, jedoch ebenso ansichseiend. In der Einleitung zum Abschnitt über die Objektivität kommt diese immanente, sachliche Ambivalenz gut zum Ausdruck, außerdem findet sich an dieser Stelle ein Hinweis auf das Seinsmoment der Einzelheit: »Das Sein, als die ganz abstrakte, unmittelbare Beziehung auf sich selbst, ist nichts anderes als das abstrakte Moment des Begriffs, welches abstrakte Allgemeinheit ist, die auch das, was man an das Sein verlangt, leistet, außer dem Begriff zu sein; denn sosehr sie Moment des Begriffs ist, ebensosehr ist sie der Unterschied oder das abstrakte Urteil desselben, indem er sich selbst sich gegenüberstellt. Der Begriff, auch als formaler, enthält schon unmittelbar das Sein in einer wahreren und reicheren Form, indem er, als sich auf sich beziehende Negativität, Einzelheit ist.« WdL II, S. 404; GW 12, S. 128. 16 WdL II, S. 553; GW 12, S. 239. 15

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nach seiner Wahrheit betrachtet, ist nicht nur das Einfache, sondern als Abstraktes ist es schon gesetzt als mit einer Negation behaftet.«17

Wie wird die Bewegung vom Ansichsein zum Fürsichsein am besten zum Ausdruck gebracht? Worin liegt das Ansichsein der Einzelheit beschlossen? – Auf alle Fälle ist festzuhalten, dass die Bestimmung des Einzelnen das Allgemeine nicht überspringen kann, es läge dann nur das Missverständnis vor, das Einzelne schon durch Einzelnes erklären zu wollen, ein Zugang, der sich nicht auf dem Niveau des begreifenden Denkens bewegt. Wir dürfen aber das Einzelne auch nicht mit dem Allgemeinen nur vergleichen, es würde bedeuten, diese Bestimmungen nur nebeneinander zu stellen, d. h. das Begriffliche wiederum nur auf begrifflose Weise äußerlich zu beschreiben. Die Forderung taucht abermals auf, die Bewegung vom Ansichsein zum Fürsichsein, vom Allgemeinen zum Einzelnen, mitzubeschreiten. Einerseits heißt es, das Ansichsein anzuerkennen, es aber andererseits auch nicht als etwas Negativitätsloses zu verfehlen, es viel eher so zu bestimmen, dass das Werden oder besser die eigene Entwicklung zum Fürsichsein sichtbar wird. Weil die absolute Methode den Weg vom Allgemeinen zum Einzelnen vorschreibt, so ist das Bestimmen des Einzelnen, auch wenn dies für die unspekulativ äußerliche Reflexion widersinnig wirkt, der Weg, das Einzelne als Allgemeines so in seiner Allgemeinheit zu erkennen, dass es nicht so ansichseiend allgemein verbleibt, sondern für sich selbst zum Einzelnen als Einzelnen wird. Die Bestimmung des Einzelnen, gesehen vor der Folie der absoluten Methode, erscheint als Verdopplung ihrer selbst, was jedoch zwangsläufig durch die von uns gesetzte Themenwahl zustande kommt. Die nähere Klärung der ansichseienden Bewegung wird dann zeigen, dass es sich um keinen unmittelbaren Selbstbezug handelt, weil der interpretatorisch immanente Fortgang mit der Klärung des logischen Entstehungsprozesses von Einzelheit bzw. Einzelnem zusammenfällt. Hielten wir nur das abstrakte Ansichsein fest, kämen wir über den Anfang nie hinaus, wüssten wir in letzter Konsequenz gar nicht, worüber wir sprechen. Hielten wir nur das abstrakte Fürsichsein fest, bliebe nur eine äußerliche Schale, bloße Umhüllung, die sich zwar vielleicht abgegrenzt und ausschließend darböte, es fehlte ihr aber jeglicher Gehalt, Inhalt und Tiefe. Wenn wir das Ansichsein in der sich selbst forttreibenden Bestimmung erfassen, ist der Prozess des Fürsichwerdens, die sich selbst setzende Bewegung zum Fürsichsein, schon in Gang gekommen. Wir haben jedoch auch die Abwege, auf die uns Hegel allenthalben hinweist, zu erkennen, zu verstehen und womöglich zu vermeiden, um die Zuspitzung zum Fürsichsein (= das Heruntersteigen zur

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WdL II, S. 554 f.; GW 12, S. 240.

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Einzelheit) begriffsentsprechend zu realisieren.18 Nur dieser Fortgang ist absolut methodisch: »Vorhin wurde das Anfangende als das Unmittelbare bestimmt; die Unmittelbarkeit des Allgemeinen ist dasselbe, was hier als das Ansichsein ohne Fürsichsein ausgedrückt ist. […] Der Fortgang ist daher nicht eine Art von Überfluß; […] das Fortgehen besteht vielmehr darin, daß das Allgemeine sich selbst bestimmt und für sich das Allgemeine, d. i. ebensosehr Einzelnes und Subjekt ist.«19

Bevor wir jedoch dazu kommen, auch etwas über die Subjekthaftigkeit des Einzelnen aussagen zu können, müssen wir uns nun tatsächlich auf den erläuterten ansichseienden Prozess einlassen. Das Ansichsein des Einzelnen kann aber nirgendwo sonst zu finden sein, als in seiner eigenen logischen Entstehungsgeschichte. Dazu ist es nötig, den Blick auf die objektive Logik zu richten. Wie dargelegt, stünde uns hierzu das bloße Zurückgehen auf den Anfang der Logik offen, was zwar eine abstrakt nie ganz unrichtige Vorgangsweise darstellt, es aber verunmöglicht, schon anhand des selbstgewählten Einstiegspunkts einen Fingerzeig auf das Spezifische des eigenen und eigenständigen Interpretationsansatzes zu geben. Bloße Willkür sollte freilich diesbezüglich nicht walten, ansonsten ist die Eigenständigkeit auch gleich wieder verspielt. Weiter oben habe ich bereits argumentiert, dass das Begriffliche der Einzelheit nur im Horizont der Freiheit zutage treten kann. Abgesehen davon, dass die Sphäre des Begriffs als das Reich der Freiheit bestimmt ist, ist es diese prinzipielle Dimension, die hier als Leitfaden für die Interpretationsarbeit, der Arbeit am und mit dem Begriff, dient. Es ist jedoch nicht die bloß negative Freiheit, sich von möglichst vielen Zwängen loszusagen, im Gegenteil sollten wir uns stets dem freien Zwang der Sache selbst unterwerfen, es ist die positive Freiheit, die eigene Interpretationskraft in die Waagschale zu werfen, das von Hegel grundgelegte Projekt zu durchdringen, durchzuarbeiten, zu befragen, auch die Tiefen und Untiefen auszuloten und dieses schwierige Terrain so aufzubereiten, dass einmal ein befreiter Blick auf den unendlichen Gehalt des spekulativ Logischen möglich wird. Nur diese aufrichtige Bemühung setzt uns in den Stand, einmal eine echte Bewertung vorzunehmen, und nicht in stereotypen Ansichten zu verharren, die es in Bezug auf Hegel zu abertausenden gibt. »…es ist damit die Forderung der Realisierung des Begriffs überhaupt gemeint, welche nicht im Anfange selbst liegt, sondern vielmehr das Ziel und Geschäft der ganzen weiteren Entwicklung des Erkennens ist.« WdL II, S. 554; GW 12, S. 240. 19 WdL II, S. 555 f.; GW 12, S. 240 f. – Die im Zitat ausgesparten Stellen beinhalten Bezugnahmen auf das Absolute. Es ist hier nicht sinnvoll, die Behandlung der damit einhergehenden Fragestellungen mit dem jetzigen Kontext zu vermengen. 18

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1.2 Der Blick auf die objektive Logik und ihre ansichseiende Notwendigkeit. Erster Vorblick auf das Freiheitsmoment der freien Wirklichkeiten Wenn wir nun von der Warte des explizit Freien des Begriffs auf die objektive Logik schauen, dann ist der in ihr statthabende Fortgang keine nur allmähliche Entfaltung, die stetig auf ein immer größeres Freiheitspotential zustreben würde. Bereits die Sphäre des Seins steht unter der Ägide der Notwendigkeit, auch wenn sich diese Kategorie dort thematisch nicht hervortun kann. Das Übergehen in Anderes, die Weise der Fortbestimmung im Sein, an sich bereits einsetzend mit der Einsicht in »die Ungetrenntheit des Seins und Nichts«,20 ist ein Prozess der Intensivierung von Negativität, die sich von der qualitativen Gültigkeit des Negativen über die quantitative Gleichgültigkeit bis hin zur Verabsolutierung in der maßlosen »Gleichgültigkeit gegen sich selbst«21 steigert. Bevor sich jedoch der Übergang in das Wesen ergibt, sind Qualität und Quantität in einer komplexen Weise vereinigt, worin zwar einerseits deren unmittelbare Vereinheitlichung durch das Maß gegeben ist, andererseits und darüber hinaus eine Verhältnisbestimmung vorliegt, deren Bestimmtheit nicht mehr als differenzierendes Prinzip angegeben werden kann, sondern lediglich als Indifferenz präsent ist, gleichsam als Schiene, die das gegenseitige ineinander Kontinuieren der Seiten des (abermals umgekehrten) Verhältnisses trägt. Die Negativität ist noch nicht als sich auf sich beziehend gesetzt, sie ist in eine Einheit, die gegen ihre Unterschiede und damit gegen sich selbst gleichgültig geworden ist, veräußert. Immens wichtig ist hierbei, dass diese Indifferenz den Charakter eines Substrats besitzt, einer sich durch die Unterschiede hindurchziehenden Ebene, die aber nicht als setzend hervortritt, sondern (zumindest zunächst) in ihrer Gleichgültigkeit verbleibt. Diese zur Spitze getriebene Seinsmäßigkeit gibt die hier noch seinsartige Notwendigkeit am besten kund. Innerhalb der Seinssphäre manifestiert sich die Notwendigkeit nur so, dass die zustande kommenden Bestimmungen von Einheit an ihnen zugleich aus sich herausgetrieben sind, sich dadurch wieder ins Anderssein weitertreiben. Wir werden sehen, dass die Bestimmung des Substrats auch für die Wesenslogik allerhöchste Relevanz haben wird, so dass wir uns an entsprechender Stelle auch wieder auf die hier nur vorläufig angesprochene Komponente des Substrats (bzgl. Indifferenz und absoluter Indifferenz) zurückbesinnen müssen. Für den jetzigen Kontext soll festgehalten werden, dass die für die ganze objektive Logik maßgebliche Notwendigkeit am Ende der Seinslogik einen spezifischen Status annimmt, der durch eine Kippe gekennzeichnet ist, worin die in der Indifferenz noch nicht realisierte ab WdL I, S. 111; GW 21, S. 92. WdL I, S. 456; GW 21, S. 382.

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stoßende Beziehung auf sich zur Realisierung kommt. Die Kippe bezeichnet den Umschlagspunkt, in welchem die sich widersprechenden, aber sich auch noch im Gleichgewicht haltenden Momente der Indifferenz in die unausweichliche Selbstaufhebung des Widerspruchs, so wie er hier noch seinsartig ausgeprägt ist, übergehen. Das ist dann auch das letzte seinsmäßige Übergehen, denn es hebt sich hier zugleich als Übergehen auf. Dieses Umschlagen ist eine Kippe in der Bestimmung der Indifferenz, in der Bestimmung des Seins – auf das Wesen hin – und charakterisiert auch die Kippbewegung der Notwendigkeit selbst, so wie sie sich an dieser Stelle ansichseiend vollzieht. Als gesetzt begegnet uns diese Kippbewegung wieder in den Modalitätskategorien, wo dann ersichtlich wird, dass das Umschlagen ebenso die Zufälligkeit betrifft. In der Zufälligkeit ist das Kippen der Momente ein Ineinanderfallen,22 das sich wieder ins Auseinander auslegt, in der Notwendigkeit ist das Kippen der Momente ein Auseinanderfallen, das zugleich eine Identität erzeugt, die anhand des Negativen wiederum einen Seinssinn generiert, der sich bis zum frei entgegenstehenden Nichts steigern kann. Dazu werden wir alsbald kommen. Die Ausführungen zur Notwendigkeit sind deshalb so wichtig und nötig, weil sich nur aus dem Verständnis der Notwendigkeit heraus die Freiheitsdimension des Begriffs (und freilich auch die Freiheitsdimension des Begriffsmoments der Einzelheit) aufschließen kann. Je mehr wir die Notwendigkeit, auch in Abhebung zu dem Notwendigen und zu einem Notwendigen, entschlüsseln, desto unverschlüsselter wird sich auch die Freiheit auftun. Wenden wir nun die Aufmerksamkeit bereits auf die Wesenslogik, so taucht die Notwendigkeit als solche erst im dritten Abschnitt auf. Dennoch, wenn wir es schon gewagt haben, den Status der Notwendigkeit am Ende der Seinslogik zu bestimmen, so muss es auch eine legitime Fragestellung sein, wie denn der Status der Notwendigkeit am Anfang der Wesenslogik zu kennzeichnen wäre. Das entpuppt sich als gar keine leichte Aufgabe, insbesondere dann nicht, wenn wir eine differenzierte Antwort in Bezug auf die drei Unterkapitel des ersten Kapitels über den Schein, d. i. ›A. Das Wesentliche und das Unwesentliche‹, ›B. Der Schein‹ und ›C. Die Reflexion‹, geben wollen. Für das Wesentliche und Unwesentliche lässt sich lediglich eine Art von relativer Notwendigkeit ansetzen. Insofern in der Aufhebung des Seins, in diesem ersten Negationsvollzug, das selbst noch unmittelbar Negative zum Tragen kommt, erhält sich ein Unmittelbarkeitssinn, der Sein und Wesen wieder auf seiende Weise auseinanderhält. So ist etwas Voraussetzungsartiges präsent, 22

Im Ineinanderfallen (wie im Auseinanderfallen) ist ein gewisser Anklang an die Bewegung des Fallens gegeben. Diese Konnotation des Fallens im Ausdruck Zufälligkeit kommt auch im letzten Absatz der Anmerkung 3 zum Widerspruch vor. Dort spricht Hegel ausdrücklich von der »Zufälligkeit« als »von einem nur fallenden, sich an sich selbst widersprechenden Sein«. WdL II, S. 79; GW 11, S. 289.

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weil in der bestimmten, ersten Negation sogar das Aufgehobensein mit Negation behaftet ist, das Wesen als aufgehobenes Sein sich die Negativität durch das Anderssein geben lässt, nicht als Negativität aus sich bestimmt ist. Damit kann auch nur eine voraussetzungsartige Notwendigkeit vorliegen. Diese Notwendigkeit ist kein Bestimmen aus sich, sie hat einen Anfang, der zwar kein Seiendes ist, aber ein Negatives, das als seiend oder daseiend genommen wird. Der vorläufige Rückfall ins Dasein, der jedoch unvermeidlich ist und im Sinne des Einhaltens eines unhintergehbaren logischen Schrittes selbst notwendig ist, macht die Notwendigkeit auch zu einer realen. Wir können zwar von keinem Inhalt sprechen, als das Identische einer Formbeziehung, zu dieser Konkretion ist das anfängliche Wesen noch nicht fortgeschritten, die sich einstellende Abhebung von Wesentlichem und Unwesentlichem verbürgt jedoch einen Realitätssinn in der Festsetzung ihrer daseienden Gleichwertigkeit. Die Notwendigkeit ist nicht aus sich und nicht in sich gehalten, sie enthält die Rückbezogenheit auf das Sein des Aufgehobenseins als Anderssein. Im Schein, worin sich das Unwesentliche als Unwesen23 auftut, ist der Status der Notwendigkeit genau derjenige, der sich dann bei den Modalitätskategorien an der Schnittstelle des Übergangs von realer Notwendigkeit zu absoluter Notwendigkeit einstellt. Zwar ist durch »das reine Moment des Nichtdaseins«24 und durch das Festhalten der einen »Unmittelbarkeit des Nichtseins«25 die Notwendigkeit schon ansichseiende Rückkehr in sich, aber immer noch nicht aus sich selbst zu sich. Im ersten Satz des zweiten Punktes der Ausführungen zum Schein ist sogar noch dezidiert ein Voraussetzungsmoment festgehalten,26 das zwar in Auflösung begriffen ist, jedoch die implizit hierin enthaltene Notwendigkeit noch keine absolute Notwendigkeit sein lässt. Die Schritte des Aufzeigens, »daß die Bestimmungen, die ihn [den Schein, Hinzufügung T.A.] vom Wesen unterscheiden, Bestimmungen des Wesens selbst sind, und ferner, daß diese Bestimmtheit des Wesens, welche der Schein ist, im Wesen selbst aufgehoben ist«,27 formieren zugleich das Aufheben der Relativität der Notwendigkeit. Erst das Erreichen der reinen absoluten Reflexion verbürgt dann das implizite Erreichen der absoluten Notwendigkeit, sofern wir eben diese Perspektive daran anlegen wollen. »Das Sein oder Dasein hat sich somit nicht als Anderes, denn das Wesen ist, erhalten, und das noch vom Wesen unterschiedene Unmittelbare ist nicht bloß ein unwesentliches Dasein, sondern das an und für sich nichtige Unmittelbare; es ist nur ein Unwesen, der Schein.« WdL II, S. 19; GW 11, S. 246. 24 Ebd. 25 WdL II, S. 21; GW 11, S. 247. 26 »Der Schein also enthält eine unmittelbare Voraussetzung, eine unabhängige Seite gegen das Wesen.« WdL II, S. 21; GW 11, S. 247. 27 Ebd. 23

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Die angesprochenen Passagen werden vorerst nicht genauer interpretiert, weil wir uns immer noch auf dem Wege der Hinführung zu unserem eigentlichen Einstiegspunkt befinden. Für das genauere Verstehen des Gesetztseins, das auch für das Verstehen des Begriffs alleroberste Priorität besitzt, werden wir späterhin den Schein und die Reflexion, in ihrer Untergliederung in die setzende, äußere und bestimmende Reflexion, noch sehr genau unter die Lupe nehmen müssen. Nachdem wir nun die Frage des Anfangs selbst und die Verzahnung von Notwendigkeit und Freiheit aufs Tapet gebracht haben, kehren wir wieder zum sachlichen Einstiegspunkt zurück. Wie schon besprochen, halten wir Ausschau nach jener Stelle, an welcher die Freiheit noch vor dem Erreichen des Begriffs, also in der objektiven Logik, auftaucht. Weil wir, wie ebenfalls dargetan, diesen Funken der Freiheit für so wichtig erachten, müssen wir uns dieser Passage sehr eingehend widmen. Es handelt sich dabei um die letzten Absätze von ›C. Absolute Notwendigkeit‹, d. i. das dritte Unterkapitel des Kapitels über die Wirklichkeit im engeren Sinne.28 Dort werden dezidiert »freie Wirklichkeiten«29 erwähnt und es ist nachdrücklich von der »Freiheit ihrer scheinlosen Unmittelbarkeit«30 die Rede. Eine derartige Wortwahl ist bei Hegel nie beiläufig, es handelt sich tatsächlich um den Knotenpunkt, der die Fäden der prinzipiellen Notwendigkeit der objektiven Logik mit den Fäden der prinzipiellen Freiheit der subjektiven Logik zusammenzurrt. Um jedoch die »Freiheit als die Wahrheit der Notwendigkeit«31 zu erweisen, sind die Ausführungen zur absoluten Notwendigkeit noch nicht geeignet, das kann sich erst durch die vollständige Entfaltung des absoluten Verhältnisses ergeben. Trotzdem bleibt zunächst die allerwichtigste Aufgabe, diese freien Wirklichkeiten genau zu verstehen. Wiederum reicht es an dieser Stelle nicht aus, geradewegs mit einer Erörterung der absoluten Notwendigkeit (in deren Umkreis die, mindestens terminologisch, ziemlich ominös wirkenden freien Wirklichkeiten auftreten) zu beginnen. Wir müssen uns auf alle Fälle der formellen Stufe zuwenden, um uns dort mit der formellen Notwendigkeit vertraut zu machen.

Der ganze dritte Abschnitt trägt den Titel ›Die Wirklichkeit‹ und enthält die Kapitel ›Das Absolute‹, ›Die Wirklichkeit‹ und ›Das absolute Verhältnis‹. 29 WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. 30 WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 31 WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. 28

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1.3 Die formelle Stufe der Modalitätskategorien Das erste Unterkapitel geht nicht von der Notwendigkeit aus, sondern weist die Zufälligkeit als prioritär aus: ›A. Zufälligkeit oder formelle Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit‹. Die gesamte formelle Stufe steht unter der Ägide der Zufälligkeit, nicht nur weil sie dort hergeleitet oder abgeleitet wird, sie ist vorerst das Bestimmende im Zueinander aller sich einstellenden Modalitätskategorien.32 Wie uns schon Aristoteles zeigte, kann es philosophisch nie opportun sein, die bloße Möglichkeit als das Erste anzusetzen. Hegel konfrontiert uns ebenfalls sofort mit einem Satz, der wie die Umkehrung der landläufigen Abfolge aussieht, indem er uns eine Folgerung – quasi in die falsche Richtung – hinstellt: »Was wirklich ist, ist möglich.«33 Viel eher zu erwarten wäre gewesen, das Mögliche, als potentiell auf die Wirklichkeit hin angelegt, voranzustellen, etwa in der Wendung: Was möglich ist, kann wirklich werden oder kann sich verwirklichen. Demgegenüber klingt die Hegelsche Formulierung fast absurd, denn wenn wir von der Wirklichkeit ausgehen, was soll es dann überhaupt noch bringen, sie als möglich zu bestimmen, das ist ein redundanter Hinweis auf einen Prozess, der (fast möchte man sagen notwendigerweise) schon geschehen ist. Der Ausweg, die angesprochene Wirklichkeit als real aufzufassen, also als Wirkliches, das Möglichkeiten zur Weiterentwicklung enthält, ist ausgeschlossen. Dieser Konkretisierungs- und Realisierungsschritt ist noch gar nicht in Sicht. Wir sind tatsächlich gezwungen, die Behauptung des Enthaltenseins der Möglichkeit in der Wirklichkeit ernst zu nehmen, so banal es auch wirken mag, wenn wir uns lediglich auf dieses prinzipielle Aufgehobensein des Möglichen im Wirklichen einlassen. Freilich ist dieser Zugang keine Marotte, er leitet sich seinerseits vom Zustandekommen der Wirklichkeit aus der Selbstmanifestation des Absoluten ab. Wir werden später sehen, dass der Absolutheitscharakter der absoluten Notwendigkeit auf einen Vorbegriffsstatus verweist, der im Modus des Absoluten aufzufinden ist. Jetzt ist nur wichtig, die »Wirklichkeit […] als diese reflektierte Absolutheit zu nehmen.«34 Wir fallen gar nicht in den leeren Formalismus einer reinen Möglichkeitswelt herab, so dass wir aus ihr das Hervorkommen der Wirklichkeit herausfantasieren müssten. Die absolute Modalität des Absoluten ist schon Wirklichkeit, »gesetzte Einheit der Reflexion Vgl. in einem kurzen Aufriss die Entfaltung der Modalitätskategorien: Marcin Pańków, Die Zufälligkeit ist absolute Notwendigkeit. Dialektik der Modalität in Hegels »Wissenschaft der Logik«, in: Andreas Arndt/Paul Cruysberghs/Andrzej Przylebski (Hrsg.), Hegel-Jahrbuch 2006, Das Leben denken. Erster Teil, Berlin 2006, S. 168–173. 33 WdL II, S. 202; GW 11, S. 381. 34 WdL II, S. 201; GW 11, S. 380. 32

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und der Unmittelbarkeit.«35 Der Modus, wirklich zu sein, entsteht nicht aus der Reflexion der reinen Möglichkeit, er ist ganz im Gegenteil schon diejenige Einheit, die zwar als das Unmittelbare reflexionslos hervortritt, jedoch das Reflektiertsein von Haus aus in sich enthält. Dies ist der Sinn von Manifestation, den es gilt, genau zu bestimmen. Die Wirklichkeit gibt nichts Verborgenes kund, irgendetwas aus dem vorstellungsweise festgehaltenen Reich des Möglichen, sie ist sich selbst veräußernd, ohne sich in dieses Äußere zu verlieren, vielmehr im Äußeren vollkommen in sich reflektiert. So ist es Manifestation, die als Wirklichkeit weder der seins­mäßigen Veränderung unterliegt, noch auch nur in wesensmäßiger reiner Reflexion verbleibt: »Das Wirkliche ist […] Manifestation; es wird durch seine Äußerlichkeit nicht in die Sphäre der Veränderung gezogen, noch ist es Scheinen seiner in einem Anderen, sondern es manifestiert sich, d. h. es ist in seiner Äußerlichkeit es selbst und ist nur in ihr, nämlich nur als sich von sich unterscheidende und bestimmende Bewegung, es selbst.«36

Die Manifestationsbewegung ist ein Vollzug, in der das Veräußerlichen des Innerlichen und die Verinnerlichung des Veräußerten als ein und dieselbe Identität gesetzt sind. Es gibt keine Zwischensphäre, die es erlauben würde, zu bestimmen, wie denn das Innere als solches geartet sein möge, um es vielleicht mit dem zu vergleichen, was demgegenüber als das Äußere festgehalten wird. Das Veräußern entbirgt nicht ein ihm fremdes Inneres, es entbirgt sich selbst, ist es selbst. Die im Modus des Absoluten »als Äußerlichkeit gesetzte Äußerlichkeit«37 ist das innerste Sein der Wirklichkeit. Die sich dabei vollführende Bewegung des Manifestierens ist an sich schon ein Umschlagen der Momente, obwohl sich dies erst in der Dialektik von Möglichkeit und Wirklichkeit hervortut. Da mit der Wirklichkeit ein Unmittelbarkeitsstatus erreicht ist, der unmittelbar auch das erreichte Niveau der wesensmäßigen Reflexionsentwicklung manifestiert, so ist das Abheben von Reflexionsmoment und Unmittelbarkeits­ moment voneinander auch wieder in einer Identität. Das Wirkliche, das möglich ist, ist in keinster Weise ein Teilaspekt, von dem wir vermuten könnten, dass das in ihm enthaltene Mögliche irgendeine Kleinigkeit aus der Fülle des Möglichen bezeichnet, das, wie auch immer, eben einmal zu etwas Wirklichem geworden ist. Vielmehr sind das Wirkliche und das Mögliche völlig identisch, das Mögliche ist lediglich das Selbstreflexionsmoment des Wirklichen. »Das Wirkliche als solches ist möglich; es ist in unmittelbarer positiver Identität mit der Mög Ebd. WdL II, S. 216; GW 11, S. 380 f. 37 WdL II, S. 193; GW 11, S. 374. 35 36

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lichkeit«, 38 so sind Reflexionsaspekt und Unmittelbarkeitsaspekt völlig ausgeglichen. Wird der bloße Unmittelbarkeitsaspekt in seiner Positivität betrachtet, dann ist diese Wirklichkeit »weiter nichts als ein Sein oder Existenz überhaupt«,39 wird hingegen der bloße Reflexionsaspekt in seiner Positivität betrachtet, so haben wir nur »die bloße Formbestimmung der Identität mit sich oder die Form der Wesentlichkeit«40 vor uns. Die Positivierung der Reflexion belässt das Enthaltensein im Unmittelbaren selbst so unmittelbar, dass die Identität sich selbst unterschreitet. Die Möglichkeit als »die in sich reflektierte Wirklichkeit«41 soll das Identitätspotential ausmachen, vorerst ist aber »nur die Bestimmung der Identität mit sich oder des Ansichseins überhaupt«42 vorhanden. Die Formeinheit als nur unmittelbares Zusammensein ihrer Komponenten ist kein Identischsetzen, es liegt nur eine Identität vor, die auf diese Weise nur darauf angelegt ist, Identität zu sein. Wir können so weit gehen, zu sagen, dass in der anfänglichen Möglichkeit sogar ihr eigenes Identitätsmoment nur als möglich bestimmt ist. Noch diesseits der sich entwickelnden Negativität und der sich bestimmenden »Totalität der Form«43 ist selbst das Identische nur eine (zwar immanente) positive Setzung, aber noch nicht selbstsetzend. Begnügen wir uns mit der Stagnation des Positiven, so verbleiben wir in einem Status, der dem Ankleben von Etiketten oder dem Anbringen von Schildern im Museum entspricht. Zwar soll es sich um das Museum des Denkens handeln, was die Sache aber nicht besser macht, weil wir dann nur auf Bilder des Denkens, in welchen die Bewegung des Denkens schon völlig erstarrt ist, schauen würden. Freilich nützt es auch nichts, Leben in diese Tristesse bringen zu wollen, indem wir versuchen, komplexe bewegte Bilder zu kreieren, vielleicht das wunderbare Potential der Digitalisierung zu nutzen, um einen anschaulicheren Zugang zu gewinnen. Das Angenehme und Wohlvertraute der gemütlichen Betrachtung, so diffizil und performativ die Betrachtungsgegenstände auch sein mögen, müssen wir leider aufgeben, wenn wir denn tatsächlich das Museum des Denkens zum Leben erwecken wollen. Leider wird es dann auch kein Museum mehr geben, das lebendige Denken ist in gar keinen Ausstellungsstücken verfügbar, die Aktivierung des Denkens zwingt uns, einfach zu denken, d. h. einen Akt zu vollziehen, der nicht vom Negativen abstrahiert und letztlich den Widerspruch fasst, was dann bedauerlicherweise keiner äußerlichen Darstellung mehr fähig ist. WdL II, S. 205; GW 11, S. 383. WdL II, S. 202; GW 11, S. 381. 40 WdL II, S. 203; GW 11, S. 382. 41 WdL II, S. 202; GW 11, S. 382. 42 WdL II, S. 203; GW 11, S. 382. 43 Ebd. 38 39

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Achten wir also darauf, was sich ergibt, wenn wir das positive Modalitätsmuseum verlassen und uns der Negativität der absoluten Form, jener völlig unbildhaften Form, aussetzen. Die Möglichkeit als Reflexionsmoment ist Beziehung. In dieser Beziehung setzt sie sich selbst und setzt sich als aufgehoben. Wird die Reflexion einerseits nur als Rückbezogenheit auf das Positive festgehalten, dann degradiert sich die Möglichkeit zu unreflektierter Unmittelbarkeit, wird aber andererseits nur ihre Aufhebung abstrakt vollzogen, landen wir wieder nur bei unreflektierter Unmittelbarkeit. Die allererste Einsicht muss also lauten, das »Reflektiertsein«44 als positiv und negativ zu setzen. Um jedoch die Möglichkeit überhaupt als Möglichkeit zu erhalten, dürfen wir die absolute Form nicht als Zusammenfügung auffassen, als bloßes Miteinander von Positivem und Negativem, obwohl zunächst diese reinen Richtungen offenstehen. In der selbst noch unmittelbaren Ausprägung der Möglichkeit ist die Negativität der »Totalität der Form«45 ihrerseits gedoppelt. Das eine Mal ist sie, und das ist wichtig zu betonen, negativ gegen sich und setzt sich dadurch wieder zum positiven (abstrakt identischen) Moment herab. In dieser Positivität lässt sich dann überhaupt alles abstrakt Identische verorten: »Nach der ersten, der bloß positiven Seite ist die Möglichkeit also die bloße Formbestimmung der Identität mit sich oder die Form der Wesentlichkeit. So ist sie der verhältnislose, unbestimmte Behälter für alles überhaupt. – Im Sinne dieser formellen Möglichkeit ist alles möglich, was sich nicht widerspricht; das Reich der Möglichkeit ist daher die grenzenlose Mannigfaltigkeit.«46

Das andere Mal ist die Negativität nur als Negieren in der Totalität der Form, ein Auseinander, das die Möglichkeit zur Selbstaufhebung bestimmt. Hierin ist die Möglichkeit entweder »als wesentlich nur in Beziehung auf die Wirklichkeit, als das Negative von dieser, gesetzt als Negatives«, 47 oder sie kehrt sich in der Selbstaufhebung nur wieder gegen sich selbst, wodurch das Negieren alles Mögliche zugleich als unmöglich bestimmt. Sofern wir alles Identische nur abstrakt in seiner Einfachheit fixieren, »ist alles möglich, was sich nicht widerspricht«,48 sofern wir aber die Identität (über die Stufen des Unterschieds) als sich zum Widerspruch aufhebend erkennen, »ist alles ebensosehr ein Widersprechendes und daher Unmögliches.«49 WdL II, S. 202; GW 11, S. 382. WdL II, S. 203; GW 11, S. 382. 46 Ebd. 47 Ebd. 48 Ebd. 49 Ebd. 44 45

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Die Reflexion der Möglichkeit ist keineswegs mehr nur die reine Reflexion qua Wesen.50 Sie ist die in die Formtotalität eingebettete Bestimmung, den Identitätspol ausdrücken zu sollen. Im Gesetztsein der Form fungiert die Möglichkeit als das nur Gesetzte, die Einseitigkeit, die nicht als eine Seite des Gesetztseins bleiben kann, sich in die Totalität hinein aufheben muss. Weil sie nicht die Reflexion-in-sich als solche darstellt, sondern nur als die reflektierte Seite des Insichseins gesetzt ist, lässt sie sich als »das reflektierte In-sich-Reflektiertsein«51 kennzeichnen. Die Möglichkeit soll zwar das Ansichsein ausmachen, ist aber zugleich dazu bestimmt, nicht bei sich zu bleiben, nicht im abstrakten Ansichsein zu verharren, sofern es nämlich als Moment der Form gesetzt ist. In der Formtotalität kann die Einseitigkeit des Gesetzten im Gesetztsein nicht aufrecht bleiben, die Reflexion reflektiert die Reflexion-in-sich gegen die Reflexion-in-Anderes. Das für die Reflexion nötige Anderssein zum insichseienden Moment der Reflexion qua Möglichkeit ist die Unmöglichkeit. Nicht nur das als möglich Gesetzte zeigt sich als widersprechend und zugleich als unmöglich, es ist noch viel schlimmer, die Möglichkeit ist »an ihr selbst auch der Widerspruch, oder sie ist die Unmöglichkeit.«52 Landläufig würden wir zugeben, im Denken der Möglichkeit auch die Unmöglichkeit berücksichtigen zu müssen. Wenn wir uns zunächst leicht dabei tun, alles für möglich zu halten, so stellt sich bei näherer Betrachtung auch Skepsis ein, und der Alltagsrealist, dem Schwärmen schon etwas abholder, kommt eher dazu, manches für möglich zu erachten, weil ja auch manches unmöglich sei. Das Gerede taucht auf, dass das schon im Denken Widersprüchliche als unmöglich qualifiziert werden müsse, oder, wenn etwas zwar als denkmöglich behauptet wird, es sich zumindest im Realisierungsversuch dann doch als ein unmögliches Vorhaben herausstellen kann. Das spekulativ-logische Denken erlaubt es nicht, sich auf diesen vagen Diskurs des angeblich gesunden Menschenverstandes mit irgendwelchen präzisierenden Überlegungen einzulassen, die Härte des Gedankens ist hier ziemlich unerbittlich: Die Möglichkeit lässt nicht nur Raum für das möglicherweise auch Unmögliche, sie ist selbst, so betont es Hegel, die Unmöglichkeit. Das Denken muss und kann diesen Widerspruch aushalten, der Alltagsverstand und die gelehrte Pseudophilosophie suchen sich Ausflüchte und Auswege, um sich möglichst nicht im zu vermeidenden Widerspruch zu verheddern. Wird die Wesensdimension aus der Formeinheit, die schon einen gewissen Vereinigungsgrad von Sein und Wesen erreicht hat, herausgelöst, dann gilt sie nur als »Wesentlichkeit als solche«. WdL II, S. 204; GW 11, S. 382. 51 WdL II, S. 204; GW 11, S. 382. 52 WdL II, S. 204; GW 11, S. 383. 50

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Diesen Widerspruch jedoch anzuerkennen, heißt hier, die Formbestimmung als aufgehoben zu setzen, wodurch die abstrakte Identität zumindest einen Gehalt im Aufgehobensein gewinnt. Die Identität verbleibt nicht als Gesetztheitspol der ganzen Totalität, mit dem Austrag des Widerspruchs sind die sich widersprechenden Glieder selbst als jeweils Identische gesetzt. Damit erhalten sie eine Gleichgültigkeit gegeneinander und eine Gleichgültigkeit gegen ihre Einheit. Die sich als gleichgültig formierende Einheit ist gegen den negativen Formunterschied als solchen ein Inhalt überhaupt. Das Auftauchen des Inhalts ist stets dem Selbstaufhebungsprozess der absoluten oder unendlichen Form geschuldet, »die Form, welche insofern den Gegensatz zum Inhalt ausmacht, als dieser die in sich gegangene und in der Identität aufgehobene Formbestimmung so ist, daß diese konkrete Identität gegenüber der als Form entwickelten steht«,53 das Gegenüber damit eine prinzipielle Entgegnung in der absoluten Form ausmacht. Weil dies für die gesamte Logizität so entscheidend ist, sei auf eine Stelle aus der Vorrede zur zweiten Ausgabe (vom 7. 11. 1831) verwiesen. Dort findet Hegel eine für den Zusammenhang von Form und Inhalt sehr deutliche Formulierung: »Es zeigt sich von selbst bald, daß, was in der nächsten gewöhnlichsten Reflexion als Inhalt von der Form geschieden wird, in der Tat nicht formlos, nicht bestimmungslos in sich sein soll – so wäre er nur das Leere, etwa die Abstraktion des Dings-an-sich –, daß er vielmehr Form in ihm selbst, ja durch sie allein Beseelung und Gehalt hat und daß sie selbst es ist, die nur in den Schein eines Inhalts sowie damit auch in den Schein eines an diesem Scheine Äußerlichen umschlägt.«54

Die absolute Form ist Selbstdiremtion in Inhalt und Formunterschied, der als Bestimmtheit gesetzt ist. Der Formunterschied des Inhalts oder der Formunterschied am Inhalt ist das Scheinen am Inhalt, der jedoch selbst ein Scheinphänomen der absoluten Form ist. Im ersten Unterkapitel (›a. Form und Wesen‹) zu ›A. Der absolute Grund‹ finden sich die weiteren hierzu nötigen Leitsätze: »Der Form gehört überhaupt alles Bestimmte an; es ist Formbestimmung, insofern es ein Gesetztes, hiermit von einem solchen, dessen Form es ist, Unterschiedenes ist«,55 ein Unterschied, in den sich die Form selbst setzt. In diesem Setzen setzt sie sich als aufgehoben und ist zugleich Beziehung auf dieses Aufgehobensein, das als identische Inhaltskomponente fungiert. Als solche ist sie setzend und bestimmend:

WdL II, S. 550; GW 12, S. 237 (Abs.2, ›Die absolute Idee‹). WdL I, S. 29; GW 21, S. 17. 55 WdL II, S. 86; GW 11, S. 295. 53

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»Die Form […] enthält auch diese Bestimmung derselben, aufgehobene zu sein; daher ist sie ebensosehr, als sie eine Einheit ihres Bestimmens ist, auch bezogen auf ihr Aufgehobensein, auf ein Anderes, das nicht selbst Form, sondern an dem sie sei. Als die wesentliche sich auf sich selbst beziehende Negativität gegen dies einfache Negative ist sie das Setzende und Bestimmende;«.56

Die Einsicht in diesen Zusammenhang verbietet es jedoch, Inhalt und Form gegeneinander auszuspielen, der Inhalt ist genauso gediegen wie die Form, was ­inhaltlich präsent ist, dürfen wir nie rückauflösen in eine bloße Form, das ist äußerliche Reflexion, die den Inhalt als schlechtes Scheinphänomen versteht, als haltlosen Schein, den wir auch durchstreichen oder abstreifen könnten. So wäre die ganze Logik eine schlechte Form, eine nur hypostasierte Form, die hinter ­a llem Inhalt werkt und wirkt, ein Unding, das der Mühe dieser ausgedehnten Betrachtung nicht würdig wäre. Kehren wir nun zurück zum Inhalt der formellen Modalitätsstufe. Bevor wir mit dem Ausdruck Inhalt schon zu sehr darauf hoffen, endlich eine gewisse Realisierung erreicht zu haben, müssen wir diesen verfrühten Hoffnungsfunken sofort wieder dämpfen. Hegel spricht ganz ausdrücklich vom Inhalt überhaupt, was zunächst nur heißt, dass eine Struktur vorliegt, die es erlaubt, irgendein abstrakt Reelles einzusetzen, völlig abgesehen von seiner weiteren Verfasstheit. Der Inhalt ist nicht verbunden mit einer als möglich gesetzten Entität, jeder Inhalt überhaupt ist fähig, in das selbst noch abstrakt Negative des Formunterschieds auseinandergenommen zu werden. Der Inhalt bleibt dabei, was er ist, die Negativität der Reflexion führt nur dazu, dem positiv Identischen ein negativ Identisches gegenüberzusetzen. Das sich aufhebende Ansichsein der Möglichkeit führt so zu einer inhaltlich gesetzten Gegenteiligkeit, die genau das zum Ausdruck bringt, was die Möglichkeit eines Inhalts überhaupt impliziert, dass nämlich auch sein Gegenteil möglich ist: »Zunächst drückt sich dies so aus, daß die Möglichkeit als aufgehoben gesetzte Formbestimmung einen Inhalt überhaupt an ihr hat. Dieser ist als möglich ein Ansichsein, das zugleich ein aufgehobenes oder ein Anderssein ist. Weil er also nur ein möglicher ist, ist ebensosehr ein anderer und sein Gegenteil möglich. A ist A; ebenso – A ist – A. Diese beiden Sätze drücken jeder die Möglichkeit seiner Inhaltsbestimmung aus.«57

Welchen Inhalt wir auch immer heranziehen, die Bestimmtheit der Möglichkeit ist negativ an ihr selbst. Ist A möglich, so ist auch Non-A möglich. Es liegt kein WdL II, S. 86 f.; GW 11, S. 296. WdL II, S. 204; GW 11, S. 383.

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Inhalt vor, der nur auf sich selbst beruhend und von sich aus die Bestimmung der Möglichkeit an ihm hätte, eine eindimensionale Entität, die darauf angelegt wäre, im nächsten Schritt als Wirklichkeit gesetzt zu werden. Diese Auffassung verbliebe wieder nur im äußerlichen Verschieben von Etiketten, einmal eine Sache als möglich zu bestimmen, das andere Mal die Sache mit dem Etikett wirklich zu versehen. Die Reflexion der Möglichkeit liegt dann außerhalb ihrer selbst, d. h. sie ist überhaupt keine Möglichkeit. Demgegenüber ist die Möglichkeit an ihr selbst, so wie sie einzig gesetzt werden kann, schon Beziehung und eben nicht der Bezugspunkt einer außer ihr vorgehenden Reflexion. Sie ist reflektierendes Aufheben gegen sich, zunächst so, dass der Inhalt überhaupt Aufhebung und Anderssein so impliziert, dass das positiv Identische gegen das negativ Identische gestellt ist. Es herrscht die Beziehung, dass im Setzen der positiven Identitätsaussage zugleich die negative Identitätsaussage gültig ist, und zwar auf eine Weise, die sie in ihrer Gleichgültigkeit gegeneinander belässt, die Negation nicht als das eigene Anderssein gesetzt ist. Dem Inhalt überhaupt entspricht so ein Anderssein überhaupt, eine Gegenteiligkeit überhaupt. In der Möglichkeit wird gerade nicht darauf abgehoben, dass das inhaltlich positiv Identische das Negative in sich zieht, vielmehr bleibt etwas so lange möglich, wie auch das Negative ein gleichwertiges Bestehen besitzt. A ist A und in gleicher Gültigkeit: Non-A ist Non-A. »Aber als diese identischen Sätze sind sie gleichgültig gegeneinander; es ist mit dem einen nicht gesetzt, daß auch der andere hinzukomme. Die Möglichkeit ist die vergleichende Beziehung beider; sie enthält es in ihrer Bestimmung, als eine Reflexion der Totalität, daß auch das Gegenteil möglich sei. Sie ist daher der beziehende Grund, daß darum, weil A = A, auch – A = – A ist; in dem möglichen A ist auch das mögliche Nicht-A enthalten, und diese Beziehung selbst ist es, welche beide als mögliche bestimmt.«58

Die Möglichkeit kommt nicht in einer äußerlichen Vergleichung vor, sie ist selbst die vergleichende Beziehung, in welcher festgehalten ist, dass für eine abstrakte Inhaltsbestimmung die Minimalforderung gilt, im Auseinander des gegenteiligen Gesetztseins zu bestehen. Die noch tote Grundlage eines Inhalts überhaupt ergänzt sich an der Grundbeziehung, worin die Negativität zumindest präsent ist, auch wenn sie sich nur im negativen Entgegenstellen kundtut. Im nächsten Schritt zeigt sich aber, dass dieses bloße Gegeneinander nicht aufrecht zu erhalten ist. Die Durchführung der Gleichung dieser Vergleichung hebt die Reflexion ins Unmittelbare auf:

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»Als diese Beziehung aber, daß in dem einen Möglichen auch sein Anderes enthalten ist, ist sie der Widerspruch, der sich aufhebt. Da sie nun ihrer Bestimmung nach das Reflektierte und, wie sich gezeigt hat, das sich aufhebende Reflektierte ist, so ist sie somit auch das Unmittelbare, und damit wird sie Wirklichkeit.«59

Die hehren Erwartungen an die Wirklichkeit, die aus der ersten Möglichkeits­ reflexion heraus entstanden ist, werden sogleich wieder ziemlich heftig enttäuscht. Zunächst zeigt sich nur das als gesetzt, was im unmittelbaren Ineinander von Wirklichkeit und Möglichkeit selbst auf noch unmittelbare Weise vorgelegen ist. Der hauchdünne Fortschritt besteht in der Einsicht, dass eine Auffassung, welche die Wirklichkeit nur als durch und durch wirklich, quasi als eine einzige Wirklichkeitsmasse festsetzen möchte, keine Plausibilität besitzt. Die Reflexion zu leugnen, um die »unmittelbare, unreflektierte Wirklichkeit«60 möglichst zu bewahren, führt nur dazu, den Sinn von Wirklichkeit ins Gedankenmuseum zu transferieren, also ein Vorstellungsbild zu erzeugen, dem jegliche Negativität entzogen ist. Was auf diesem Bild zu sehen wäre, bleibt fraglich, der potentialitätslose Einheitsbrei ist ein Ungeformtes, das nicht einmal fähig ist, aus dem Rahmen zu fallen. Demgegenüber landen wir bei der spekulativ-logischen Wirklichkeitsbetrachtung, und sei es auch nur die Betrachtung der formellen Wirklichkeit, bei einer sich »als Einheit ihrer selbst und der Möglichkeit«61 setzenden Wirklichkeit. Was sollte daran enttäuschend sein? Die Einheitssetzung ist wohl ein logischer Gewinn, der folgende Umstand könnte aber vielleicht sogar als herber Rückschlag angesehen werden. Im Vereinheitlichen wird nämlich auch die Disposition der Möglichkeit in die Wirklichkeit hineingezogen. Da sich aber die Möglichkeit als nicht auf sich beruhend, vielmehr als sich im Reflektieren aufhebend, mit der Bestimmung versehen, »nur ein Mögliches zu sein«, herausgestellt hat, so geht diese Verfasstheit auch in die Einheit ein. Dadurch ist der Wirklichkeitsstatus exakt von diesem Möglichkeitssinn affiziert, und die Wirklichkeit konsequenterweise als auf demselben Level wie die Möglichkeit positioniert: »Das Wirkliche als solches ist möglich; es ist in unmittelbarer positiver Identität mit der Möglichkeit; aber diese hat sich bestimmt als nur Möglichkeit; somit ist auch das Wirkliche bestimmt als nur ein Mögliches.«62

Im Zustandekommen der Einheit lassen sich zwei logische Bewegungen ausmachen. Es stellt sich ein Moment der Rückläufigkeit ein, das im Allgemeinen Ebd. WdL II, S. 202; GW 11, S. 381. 61 WdL II, S. 205; GW 11, S. 383. 62 Ebd. 59

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darin besteht, die lineare Weiterentwicklung zu brechen, der erwarteten Anreicherung des logischen Gehalts entgegen zu sein. Wie logisch so oft, begegnen wir einer Struktur, die wie eine Sackgasse bzw. ein sich schließender Kreislauf aussieht, eine Bewegung in sich und auf sich zurück. Spekulativ ist dies kein Übel, sondern letztlich ein Zeichen, auf dem richtigen Pfad zu sein, sofern wir nur fähig sind, an diesem entscheidenden Punkt den Blick nicht abzuwenden, keine äußerliche Erklärung zuzulassen und keinen Deus ex machina zu bemühen, um doch noch einen Fortgang zu gewährleisten. Zunächst müssen wir fragen, worin die mutmaßliche Kreisbewegung überhaupt besteht? Ganz einfach: Die formelle Wirklichkeit, die sich aufgrund der Möglichkeitsreflexion als ein an sich unhaltbarer Status gar nicht fixieren lässt, wird nichtsdestoweniger in der sich aufhebenden Möglichkeitsbeziehung wieder erreicht. Das Wirkliche in seinem unmittelbaren Zusammensein mit dem Möglichen enthält auch nur die unmittelbare Aufhebung des Möglichen. Die sich setzende Einheit mit diesem unmittelbaren Aufheben generiert nur eine Wirklichkeit, die denselben Aufhebungsstatus besitzt, sie ist selbst nur Möglichkeit. Das passt genau zu der Sichtweise, die auch dem Möglichen ein Sein zuspricht: »Die Möglichkeit ist nämlich noch nicht alle Wirklichkeit […], sie ist nur erst diejenige, welche zuerst vorkam, nämlich die formelle, die sich bestimmt hat, nur Möglichkeit zu sein, also die formelle Wirklichkeit, welche nur Sein oder Existenz überhaupt ist. Alles Mögliche hat daher überhaupt ein Sein oder eine Existenz.«63

Die Rede von dem Sein oder der Existenz überhaupt kennzeichnet einerseits die unreflektierte Wirklichkeit als solche (siehe Punkt 1 der formellen Stufe), und andererseits trifft sie auf jenes Mögliche zu, das sich nun als der Status jener Wirklichkeit entpuppt hat, die aus dem Reflektieren der Möglichkeit entstanden ist (siehe Punkt 3 der formellen Stufe, die ersten beiden Absätze). Darüber hinaus lässt sich auch noch eine Gegenläufigkeit konstatieren. Im unmittelbaren Enthaltensein der Möglichkeit in der Wirklichkeit ist das Mögliche nur als sich aufhebend gesetzt. Die Bewegung des Aufhebens setzt aber wiederum eine Wirklichkeit, die nur den Wert eines Möglichen (Sein oder Existenz überhaupt) besitzt. Umgekehrt, wenn wir von der Wirklichkeit, die sich schon in Einheit mit der Möglichkeit gesetzt hat, ausgehen, so zeitigt sie nur die aufgehobene Unmittelbarkeit, also den Umstand, gerade nicht bei der unreflektierten Wirklichkeit stehenbleiben zu können. Diese eigentümliche Konstellation, in welcher die rückläufige und gegenläufige Vermittlung die Unmittelbarkeit und die Vermittlung selbst in eine Einheit setzt, nennt Hegel die Zufälligkeit. 63

Ebd.

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Die Zufälligkeit ist das Kreisen von Wirklichkeit und Möglichkeit in sich, so aber, dass sie als kreisend, als durch unmittelbares Umschlagen ineinander vermittelt, erkannt sind. Wie schon weiter oben angemerkt (siehe die Ausführungen zu Kippe und Umschlagspunkt bzgl. der Indifferenz), so fallen im Zufälligen die Möglichkeit und Wirklichkeit ineinander, bewahren aber die Momente ihrer Bestimmung als auseinander gesetzt. Ziemlich definitorisch lässt sich sagen: »Das Zufällige ist ein Wirkliches, das zugleich nur als möglich bestimmt, dessen Anderes oder Gegenteil ebensosehr ist.«64 Die Negativität der Möglichkeits­ beziehung, als Entgegenstellung des positiv und negativ Identischen, ist im Zufälligen zugleich die Entgegenstellung des Wirklichen gegen sich. Das Geeinte der Möglichkeit und Wirklichkeit enthält das Gesetztsein und das aufgehobene Gesetztsein oder die Unmittelbarkeit. Überdies basiert auch die Zufälligkeit wieder auf dem Inhalt überhaupt, dem der Formunterschied entgegengesetzt ist. Das inhaltlich Identische ist auseinandergelegt in die Form, in welcher das Gesetztsein als gesetzt auftritt, d. h. das eine Mal als das gesetzte Gesetztsein, das Aufgehobensein und Nicht-in-sich-sein (bezogen auf Anderes), das andere Mal als aufgehobenes Gesetztsein, das sich bewahrende Ruhen in sich der Unmittelbarkeit. Beides ist in einem Bestimmung der Zufälligkeit, sofern es sich als Wirkliches wie ein Zufälliges verhält. Die Bewegung des Umschlagens geht von der Unmittelbarkeit (Sein oder Existenz überhaupt) zum Gesetztsein, und, weil dieses auch wieder nur den unmittelbaren Wirklichkeitssinn generiert, zu dieser zurück: »Diese Wirklichkeit ist daher bloßes Sein oder Existenz, aber in seiner Wahrheit gesetzt, den Wert eines Gesetztseins oder der Möglichkeit zu haben. Umgekehrt ist die Möglichkeit als die Reflexion-in-sich oder das Ansichsein gesetzt als Gesetztsein; was möglich ist, ist ein Wirkliches in diesem Sinne der Wirklichkeit; es hat nur soviel Wert als die zufällige Wirklichkeit; es ist selbst ein Zufälliges.«65

Beispielhaft an den Inhalten überhaupt betrachtet, so ist das zufällig Wirkliche ein solches, zu dem sich stets auch ein Anderes, ein Gegenteiliges auffinden lässt. Das schlichte Gegenteil, das Non-A, ist dabei als B daneben vorkommend, so wie dieses wieder in seinem Negativen als C usf. Das Gegenteilige etwa eines Trinkglases, das Non-Trinkglas oder das Nicht-Trinkglasartige, wenn man sich so ausdrücken darf, ist der Tisch und dessen Anderes die Flasche und wieder so weiter. Das Zufällige enthält die Ambivalenz, dass jeder Inhalt zwar an ihm selbst als einmalig zu bestimmen ist, die Inhalte gegeneinander aber völlig nivelliert sind, d. h. wiederum so bestimmt sind, dass es keine Einmaligkeit und keine WdL II, S. 205; GW 11, S. 383 f. WdL II, S. 205; GW 11, S. 384.

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Einzigartigkeit gibt, weil das ebenso bestehende Gegenteilige diese wieder aufhebt. Nehmen wir etwa die Einzigartigkeit Gottes (zumindest im monotheistischen Sinne), dann würden wir wohl behaupten, dass diese Einmaligkeit es ausschließt, hier von Zufälligkeit zu sprechen. Weil er der eine Gott ist, so kann dies nichts Zufälliges mehr sein. Gehen wir aber davon aus, die Schöpfung in ihrem Insgesamt als das bestehende Gegenteil zum Göttlichen als solchen anzusehen (sofern wir nicht pantheistische Monotheisten sind), so ist selbst die Zufälligkeit der Bestimmung Gottes nicht fremd. Der Setzungsakt der Schöpfung setzt das Gesetztsein als gesetzt und ebenso als aufgehobenes Gesetzstsein qua Unmittelbarkeit. Schauen wir in die Unruhe des Umschlagens der Momente ineinander, so erblicken wir darin die Zufälligkeit, sehen wir aber darin auch schon die in die Identität zusammengehenden Umschlagsmomente, so eröffnet sich hierin, in diesem Exempel, die Notwendigkeit Gottes. Logisch gesehen sind wir noch nicht zur Notwendigkeit vorgedrungen, es gilt zunächst die spezifische Disposition des Gesetztseins in der Zufälligkeit noch näher unter die Lupe zu nehmen. Die Zufälligkeit enthält Momente in sich, deren Gesetztsein zu keiner Höherschichtung führt, es gibt keinen Aufbau, der vielleicht dazu führen würde, ein Moment logisch mehr anzureichern. Die Setzungsprozesse im Zueinander von Möglichkeit und Wirklichkeit ergeben stets eine Angleichung, in der weder das Mögliche noch das Wirkliche zu einem Überschuss kommt. Es gibt kein Möglichkeitsreservoir, das tiefer hinabreichen würde, und es gibt keine Verwirklichung, die dem Möglichen entkommt und es übersteigt. Im aufhebenden Höherheben eines Moments wird dieses wieder auf das Ursprungsniveau eingeebnet. Es ist aber kein Block, in welchem die Momente einzementiert wären, so dass kein sich ausbildendes Relief ermöglicht wird, die logische Setzungsbewegung ist vielmehr eine Aktivität, worin das Wesensmäßige der Reflexion und das Seinsmäßige der Unmittelbarkeit ins »unvermittelte Umschlagen«66 gebracht sind. Wiederum inhaltlich überhaupt betrachtet, so sind die zufälligen Gehalte mit allen anderen Inhaltsbestimmungen vollkommen, aber abstrakt verbunden, und doch ist das Zufällige wiederum dasjenige, das als völlig unverbunden, singulär und bindungslos aufzufassen ist. Hierin besteht die immanente Paradoxie des Zufälligen, dass alles ineinander und aneinander gekettet, aber auch völlig bindungslos und solitär besteht. Nur darin ist etwas zufällig, wenn reines Abhängigsein (ohne Komplexionen spezifischer Abhängigkeitsrelationen) und reines Unabhängigsein (ohne Komplexionen, welche die Unabhängigkeit vermittlungsweise generieren) vereint sind. Auf die immanente Logizität achtend, so ist die gesetzte Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit in der Zufälligkeit zwar eine Herabsetzung des Wirklichen 66

WdL II, S. 206; GW 11, S. 384.

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auf das Nur-als-möglich-Gelten, aber auch eine Höhersetzung des Möglichen auf das Wirklichkeitsniveau, wobei wir stets wieder beim Sein oder der Existenz überhaupt anlangen. Dieses ist als solches sich nur in Anderes reflektierend, hat somit nur den Wert eines Gesetztseins, das aber in der unmittelbaren Exekution eben dieses Gesetzseins nur aufgehobenes Gesetztsein, nicht vermitteltes Unmittelbares ist. Das im Zufälligen gegen sich gekehrte Gesetztsein, das sich zugleich auf dem Unmittelbarkeitsniveau bewegt, korreliert logisch mit der gegen sich gesetzten Grundbeziehung, so dass das Zufällige als solches bestimmt ist, einen Grund zu haben und keinen Grund zu haben, begründet und unbegründet in einem zu sein: »Das Zufällige bietet daher die zwei Seiten dar; erstens insofern es die Möglichkeit unmittelbar an ihm hat oder, was dasselbe ist, insofern sie in ihm aufgehoben ist, ist es nicht Gesetztsein noch vermittelt, sondern unmittelbare Wirklichkeit; es hat keinen Grund. – Weil auch dem Möglichen diese unmittelbare Wirklichkeit zukommt, so ist es sosehr als das Wirkliche bestimmt als zufällig und ebenfalls ein Grundloses. Das Zufällige ist aber zweitens das Wirkliche als ein nur Mögliches oder als ein Gesetztsein; so auch das Mögliche ist als formelles Ansichsein nur Gesetztsein. Somit ist beides nicht an und für sich selbst, sondern hat seine wahrhafte Reflexionin-sich in einem Anderen, oder es hat einen Grund. Das Zufällige hat also darum keinen Grund, weil es zufällig ist; und ebensowohl hat es einen Grund, darum weil es zufällig ist.«67

Das Zufällige ist auf einen Grund angewiesen, weil ein Wirkliches dem anderen Wirklichen nur ein abstraktes Ansichsein bietet, es darüber nur so weit konstituiert, dass es seinen Gehalt auch wieder nur ansichseienderweise weiterträgt. Der Akt der Wirklichkeitssetzung ist sich rücksetzend auf die Geltung als Möglichkeit, und die Möglichkeit ist ein Reflexionsbezug, der das Wirkliche auseinandersetzt, es nicht gegeneinander relativiert als gleichsam Selbständige, sondern die Relativität ins Wirkliche selbst setzt, es damit so zersetzt, dass es sein Bestehen wieder nur im sich aufhebenden Ansichsein hat. Umgekehrt hat das Zufällige gerade keinen Grund, weil das reflektierende Mögliche im Wirklichen untergegangen ist, es keine Möglichkeit für sich gibt oder sie im Fürsichsetzen auch wieder nur bloß Seiendes ist. Im Zufälligen ist die Möglichkeit so ins Wirkliche inkorporiert, dass die Reflexionsbeziehung nicht als Beziehung gesetzt ist, kein Dazwischen etabliert wird, sondern sie im Konstitutionsprozess so aufgeht, dass das Konstitutierte keine Reflexion an ihm zeigt, es vielmehr wieder nur gänzlich unmittelbar und völlig grundlos ist. 67

Ebd.

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Im Zufälligen ist die Grundbeziehung gesetzt und aufgehoben zugleich, als eine Umschlagsbeziehung, die das Reflektierte und Unmittelbare ineinander verkehrt, sofern nämlich die Momente als wiederkehrend sich stets gegenseitig neu erzeugen. – Spekulativ-logisch gibt es jedoch keine platte Wiederkehr! Die sich einstellende schlichte Wiederankunft beim Ausgangspunkt ist nur Verstellung, in welcher die sich anbahnende Regression (bzw. die nur mehr abstrakt sich in sich drehende Kreisbewegung) noch nicht in ihrer Selbstaufhebung erkannt worden ist. – Um dies einzusehen, müssen wir noch genauer auf die sich vollziehende Gegenbewegung im Ineinander von Möglichkeit und Wirklichkeit eingehen: »Es ist das gesetzte, unvermittelte Umschlagen des Inneren und Äußeren oder des In-sich-Reflektiertseins und des Seins ineinander, – gesetzt dadurch, daß Möglichkeit und Wirklichkeit jede an ihr selbst diese Bestimmung hat, dadurch daß sie Momente der absoluten Form sind.«68

In der absoluten Form sind die Momente in unendlicher Bestimmtheit gehalten, sie sind bestimmt gegen sich selbst, keine gehandhabten Bestimmtheiten einer äußerlichen Reflexion, die sie mit Fremdartigem nach Belieben vermischt, um sie möglichst sinnvoll einzusetzen. Auch Möglichkeit und Wirklichkeit werden so zu verwendbaren und instrumentell verfügbaren Bestimmungen, die wir auf dieses und jenes anwenden, um damit unsere kommunikativen Fähigkeiten zu erweitern und, so glauben die meisten, diverse Sachverhalte zu präzisieren. Freilich ist dies kein unnützes Geschäft und allenthalben auch sehr verdienstvoll, insbesondere dann, wenn wir einmal methodisch in Richtung Explikationsbemühung bzgl. der sich implizit formierenden Normativität unserer Sprachhandlungen und unserer Handlungen als solcher unterwegs sind. Dennoch, im allerbesten Falle kommt es zu einem Kreisen um die absolute Form, ergibt sich, ebenfalls implizit, vielleicht einmal eine Berührung, der jedoch jeglicher Sinn für das fehlt, dem sie hier nahe kommt. Logisch unspekulative Methodologien erlauben es nicht, überhaupt jemals mit dieser unendlichen Form in Bekanntschaft zu treten, geschweige denn, dass sie diese artikulieren könnten. Dabei ist die absolute Form weder etwas Mysteriöses noch Mystizistisches, sie ist die Totalität aller Bestimmtheiten der Sache selbst, worin die Nötigung enthalten ist, diese Sache an und für sich selbst zu betrachten. Sich jedoch dem von dieser Sache gesetzten freien Zwang zu stellen, erfordert eine nicht geringe Anstrengung, weil ein derartiger Zugang nicht unserer Gewohnheit entspricht, die in fast allem auf Denkvermeidung hin angelegt ist, auch und gerade weil das Gerede vom Denken und dem Denken in der Philosophie weit verbreitet ist. 68

Ebd.

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Als der absoluten Form gemäß, so sind Möglichkeit und Wirklichkeit aneinander und gegeneinander bestimmt, weder gibt es eine Vergleichung von einem äußeren Standpunkt her, noch auch eine Anwendungsperspektive, die nach immanenten Gründen sucht, warum manches der Möglichkeit zuzurechnen sei, manches der Wirklichkeit. Passieren diese Abwegigkeiten nicht, so entsteht ein sachlicher Zwang, der es unvermeidlich macht, die Bestimmungen als ineinander umschlagend zu begreifen. Hierbei liegt sogar eine doppelte Gegenbewegung vor, weil die Umschlagsbewegung, von welcher Seite auch immer anfangend, selbst wieder gebrochen in sich ist und das andere Moment schon als gegenteilig in sich enthält. Beginnend bei der Wirklichkeit, so bestimmt sie sich wie folgt als in die Möglichkeit umschlagend: »So ist die Wirklichkeit in ihrer unmittelbaren Einheit mit der Möglichkeit nur die Existenz und bestimmt als Grundloses, das nur ein Gesetztes oder nur Mögliches ist; – oder als reflektiert und bestimmt gegen die Möglichkeit, so ist sie von der Möglichkeit, von dem In-sich-Reflektiertsein getrennt und somit ebenso unmittelbar auch nur ein Mögliches.«69

Beginnen wir umgekehrt bei der Möglichkeit, so zeigt sich ihre Bestimmung, so gegen sich gekehrt zu sein, dass stets wieder nur die unmittelbare Wirklichkeit des bloßen Existierens resultiert: »Ebenso die Möglichkeit, als einfaches Ansichsein, [so] ist sie ein Unmittelbares, nur ein Seiendes überhaupt, – oder entgegengesetzt gegen die Wirklichkeit, ebenso ein wirklichkeitsloses Ansichsein nur ein Mögliches, aber eben darum wieder nur eine nicht in sich reflektierte Existenz überhaupt.«70

Auf dem Unmittelbarkeitsniveau der formellen Stufe formiert sich auch die Kippbewegung in einer unmittelbaren Weise. Das Reflexionsmoment generiert keine Selbständigkeit, im Ansetzen des Reflektierens setzt es sich wieder zum Unmittelbaren herab, das aber seinerseits keinen Selbststand besitzt, vielmehr ins Gesetztsein oder Gesetztwerden hineingezogen ist, wodurch ihm jedoch erneut auch wieder nur der Wert einer unmittelbaren Existenz gesichert wird. Das wesentliche Auftauchen des Reflexionsmoments kippt ins Verschwunden-Sein im Unmittelbaren und dieses ist wiederum nur das gegenteilig positionierte Reflektierte, ansichseiend sich neuerlich gegen das andere Moment aufhebend, so dass »unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also Ebd. Ebd.

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diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: das Werden«,71 jedoch nicht das bloße Werden der Seinssphäre, sondern werdende, immanente Modalität: »Diese absolute Unruhe des Werdens dieser beiden Bestimmungen ist die Zufälligkeit. Aber darum weil jede unmittelbar in die entgegengesetzte umschlägt, so geht sie in dieser ebenso schlechthin mit sich selbst zusammen, und diese Identität derselben, einer in der anderen, ist die Notwendigkeit.«72

Das Ineinanderkippen ist hier Bewegtheit der reflektierten Bestimmungen, worin das Reflexionsmoment und das sich wieder einstellende Unmittelbare ein unmittelbares Umschlagen ergeben. Darin ist aber ebenso das unmittelbare Zusammengehen der getrennten Bestimmungen gesetzt, die Gegenseitigkeit ist reflektiertes Ankommen bei sich im sich unmittelbar einstellenden Gegenteil, Setzen der Identität im Unterscheidungsprozess der Zufälligkeit. Im Identischsetzen ist so das gegen sich gekehrte Gesetztsein der Zufälligkeit nicht mehr nur sich perpetuierend, vielmehr ist das unmittelbare Ansichsein im Identischen als Ansichsein gesetzt, wodurch das Wirkliche ebenso zu einem die Möglichkeit in sich selbst aufhebenden wird: Das ist das Notwendige. Hierin ist wiederum Grundlosigkeit und Gesetztsein des Grundes in einem, aber die identische Beziehung ist zugleich rücksetzende Negativität, weil die mit dem Grund gesetzte Reflexion-in-Anderes zum eigenen Gesetztsein wird, das Notwendige also in diesem Gesetztsein in sich selbst reflektiert ist. Das vom Grund Gesetzte schlägt auf den Grund zurück, es bestimmt sich dazu, bestimmt zu werden, so dass die Bestimmung der Rückfälligkeit auf das nur Mögliche des Zufälligen keine Bestimmung des Notwendigen ist. Das Zufällige ist so nicht das Notwendige, aber das Zufällige ist sehr wohl notwendig, weil es selbst schon Grundbeziehung und aufgehobene Grundbeziehung ist. Der Möglichkeitsaspekt als solcher liegt im Reflektiertsein, im Auseinandergelegtsein in Grund und Begründetes. Der Wirklichkeitsaspekt als solcher liegt im Reflektierten als einer Seite oder, was hier unmittelbar dasselbe ist, in der aufgehobenen Grundbeziehung. – So zählen wir aber leider nur die Aspekte auf, glauben, dem Möglichen einen Charakter zuschreiben zu können, ebenso dem Wirklichen. Damit kreieren wir jedoch nur Vorstellungsgehalte, in welchen der immanenten Reflexion eine äußerliche übergestülpt ist, um sie handhabbar zu machen, was aber nichts anderes bedeutet, als sie nicht denken zu müssen. Als gedacht, so besteht das Zufällige darin, dass in ihm das Wirkliche ebenso als ein Mögliches bestimmt ist, der Wirklichkeitsaspekt also in seiner Möglichkeit zu 71

WdL I, S. 83; GW 21, S. 69 f. WdL II, S. 206; GW 11, S. 384.

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fassen ist. Das ist die Herausforderung des Denkens, das Nebeneinander abzulegen und das zu denken, was auch nur zu denken ist, was also nicht mehr in verortbaren Bildern vorgeführt werden kann. Das heißt auch, dass wir entweder denken oder eben nicht, den Widerspruch entweder aushalten oder eben nur im gewohnheitsmäßigen spatiologischen Vorstellen verbleiben. – Wir müssen, um das Zufällige festzuhalten, ohne Abweichung die Möglichkeit in die Wirklichkeit hineinlesen, müssen erkennen, dass das unmittelbar Seiende nicht nur seiend, sondern in seinem Sein absolut in sich reflektiert, absolut in sich gebrochen und auseinandergenommen, auseinandergehalten ist. Erst wenn wir in diesem ansichseienden Getrenntsein selbst, und nicht in einem Moment daneben, der Identität gewahr werden, dann ist darin schon das Notwendige offenbar. Umgekehrt heißt es, die Möglichkeit in ihrer Wirklichkeit zu fassen, was hier noch nicht mit der realen Möglichkeit verwechselt werden darf, so weit sind wir in der Logizität der Modalität noch nicht vorangeschritten, so ist die sogenannte reine oder bloße Möglichkeit nur die unmittelbare Aufhebung der in ihr gesetzten Negativität ins Seiendsein, gar nicht in einer allmählichen Evolution auf das Wirkliche hin verwickelt, sondern als völlig immanente Möglichkeit gedacht, schon schlagartig als in Wirklichkeit begriffen. Mögliches und Wirkliches, Wirkliches und Mögliches, sie sind das Identische im negativen Ansichsein, das Notwendige als sich durch die Prozessualität des Zufälligen entbergend. Das Identische im Wirkmöglichen des Notwendigen taucht jedoch nicht so auf, dass es sich über der Abgründigkeit der Zufälligkeit erhebt, um endlich einmal einen Zwischengipfel der Logik zu erreichen. Das fällt unter die Stereotypisierung, die sich bei Hegel nur allzu leicht einstellt. Dem Kontingenten würde nicht ausreichend Platz gelassen, die nicht in metaphysische Ordnung zu bringenden Differenziertheiten seien nur einem Identitätswahn geopfert, worin letztlich das Kleine, das Unscheinbare, das Unspektakuläre, eben das Zufällige nicht entsprechend zur Entfaltung kommt und nicht angemessen gewürdigt wird. Wer in diesen Chor einstimmt, der malt am Vorstellungsgemälde munter weiter, Meinungen mit Meinungen beurteilend, sich ergötzend am Ressentiment, das sich gütlich daran tut, die Niederungen einer veralteten Metaphysik schon lange überstiegen zu haben. Wenn wir jedoch wieder davon abkommen, philosophische Positionen in Wertungshierarchien gegeneinander auszuspielen, kann sich der Blick wieder etwas freier auf Gehalte ausrichten, und etwas weniger auf Ansichten, die wir kritisieren oder verteidigen müssten. Das Identische des Notwendigen übersteigt das Zufällige nicht, ist keine Überkategorie, die sich über die anderen Modalitäten darüberlegt. Im Gegenteil, die Modalbestimmungen sind in ihrer Eigendisposition so nahe aneinander, wie es sich wohl anhand äußerlicher Zuschreibungen kaum jemals ausdrücken lässt. Die Notwendigkeit selbst ist so formell, dass sie der Form der Zufälligkeit völlig entspricht, ihre Formierung enthält nur die Gegenreflexion, die in

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der entgegnenden Reflexion des Zufälligen noch nicht als solche gesetzt ist. Das Notwendige ist nicht Resultat, es ist Moment der Form, in der die Modalbewegung akut ist, nicht abschließend und nicht ausschließend, vielmehr in das noch auszu­w ickelnde Ansichsein völlig einbezogen. Dennoch ist das Identitätsmoment auch nicht zu eliminieren, es ist eingeschrieben in die Negativität des Ansichseins selbst, so ist das Notwendige ebenso negativ an ihm selbst. Wie nun die Identität des Unterschiedenen der Zufälligkeit Setzen der Notwendigkeit ist, so ist das Ansichsein und aufgehobene Ansichsein des Zufälligen mit dem Identischsetzen das Ansichsein und aufgehobene Ansichsein des Notwendigen. Bevor wir das noch näher betrachten, achten wir nochmals auf das Spezifische der Reflexivität des Grundes im Notwendigen: »Das Notwendige ist ein Wirkliches; so ist es als Unmittelbares, Grundloses; es hat aber ebensosehr seine Wirklichkeit durch ein Anderes oder in seinem Grunde, aber ist zugleich das Gesetztsein dieses Grundes und die Reflexion desselben in sich; die Möglichkeit des Notwendigen ist eine aufgehobene. Das Zufällige ist also notwendig, darum weil das Wirkliche als Mögliches bestimmt, damit seine Unmittelbarkeit aufgehoben und in Grund oder Ansichsein und in Begründetes abgestoßen ist, als auch weil diese seine Möglichkeit, die Grundbeziehung, schlechthin aufgehoben und als Sein gesetzt ist.«73

Das Notwendige als Identitätsmoment in der Prozessualität des Zufälligen ist gegen sich reflektiertes Wirkliches, wodurch die bloße Möglichkeit des Notwendigen anhand der Grundgegenbewegung aufgehoben wird. Das unmittelbare Wirklichkeitsmoment ist negativ an ihm selbst, aber in der das Zufällige kennzeichnenden Entgegnung von Grund und Grundlosigkeit kommt mit dem Identischsetzen auch der Grund auf sich selbst zurück, das Emergieren des Notwendigen besteht im Erweisen, dass in der sich entgegensetzenden Grundbewegung der an sich äußerliche Grund zum eigenen Gesetztsein wird, das Notwendige sich über diese Äußerlichkeit in sich selbst reflektiert. Das Kippen des nur Möglichen kippt in den mit sich zusammengehenden Momenten der Zufälligkeit gegen sich, die sich einstellende Identität ist einerseits als bloße Wirklichkeit und andererseits als Möglichkeit dieses Wirklichen, wobei sich diese Möglichkeit zugleich aufgehoben hat, indem das Negative (Setzen und Gesetztsein des Grundes) sich wieder nur in sich selbst reflektiert. Die Möglichkeit wird zur Eigenbewegung, die das Wirkliche auf sich selbst zurückbringt. So macht die unmittelbare Möglichkeitsbestimmung des Wirklichen das Zufällige selbst notwendig, weil die sich setzende und die sich als aufgehoben setzende Grundbeziehung vereint sind, das Notwendige als solches nur 73

WdL II, S. 207; GW 11, S. 384 f.

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das Hervortreten dieser Einheit in der rückbezüglichen Grundgegenbewegung ist. Diese Gegenbewegung liegt auch im negativen Ansichsein vor, das den Inhalt überhaupt, d. i. das Seiende als solches, prägt: »Das Notwendige ist, und dies Seiende ist selbst das Notwendige. Zugleich ist es an sich; diese Reflexion-in-sich ist ein Anderes als jene Unmittelbarkeit des Seins, und die Notwendigkeit des Seienden ist ein Anderes. Das Seiende selbst ist so nicht das Notwendige; aber dieses Ansichsein ist selbst nur Gesetztsein, es ist aufgehoben und selbst unmittelbar. So ist die Wirklichkeit in ihrem Unterschiedenen, der Möglichkeit, identisch mit sich selbst. Als diese Identität ist sie Notwendigkeit.«74

Im identisch Unmittelbaren ist das Seiende selbst das Positiv-Notwendige. Das aber in seinem Ansichsein ebenso sehr Negativ-Notwendige ist Auseinandersetzen des Seienden, das als solches nicht selbst das Notwendige ist. Notwendiges und Seiendes ist auseinandergenommen, der Notwendigkeitsaspekt ist punktuell selbst ein Anderes, eine übersachliche Modalität, sofern wir die sich erst einschleifende Grundgegenbewegung hier unterbrechen. So kommen wir an dieser Stelle zu einer Kreuzung, die einen leider sehr häufig eingeschlagenen Abweg bereithält. Diese Zwischenkonstellation könnte zu einer Interpretation verleiten, in der schließlich das Feld des Seienden von den modalen Hinsichten getrennt wird. Es böte sich dann an, das pure Seiendsein als das einfach Wirkliche aufzufassen, demgegenüber die Zufälligkeit und die Notwendigkeit nur bestimmte Blickwinkel wären, so wie wir jeweils den Zusammenhang des Wirklichen betrachten möchten. Meist geht dann auch noch die Totalität der Zufälligkeit und Notwendigkeit (die Grundbeziehung als gesetzt und als aufgehoben enthaltend) verloren, so dass die Zufälligkeit nur mit dem unverbundenen Nebeneinander identifiziert wird, die Notwendigkeit hingegen als eine absolute und strikte Verbindung vorschwebt. Schwebend gehalten sind aber tatsächlich nur diese Hinsichten quasi über der Wirklichkeit, wobei die Möglichkeit nur mehr in die Beliebigkeit der Perspektive fällt. Die Einheit soll zwar im Wirklichen gegeben sein, es ist aber in ihm gar nichts mehr zu Vereinigendes vorhanden, und die Zufälligkeit und Notwendigkeit bleiben ohnehin so getrennt, dass an ihnen die Einheit nicht einmal gefordert wird. All das passiert, wenn das negative Ansichsein, das Notwendige, das als solches nicht das Seiende ist, nicht in seinem Gesetztsein erkannt wird. In einer subtileren und diffizileren Weise hat letztlich auch Kant diesen Weg beschritten, indem er etwa vom Dasein der Dinge (die zwar freilich in dieser Diktion nur in kritischer Absicht, im Sinne von Substanzen, wie er ausdrücklich 74

WdL II, S. 207; GW 11, S. 385.

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hinzufügt, aufzufassen wären) weggeht, um demgegenüber nur von Zuständen (in ihrer jeweiligen Kausalbestimmung) zu sprechen. Nur in Bezug auf letztere könne von Notwendigkeit die Rede sein.75 Weil die Kategorien und die Grundsätze der Modalität den Begriff, von welchem sie prädiziert werden, nicht im mindesten vermehren, so gilt umgekehrt, dass der Begriff eines Dinges oder die Bestimmungen des Objekts als so vollständig gedacht werden, dass die Modalitätsbestimmungen diesem prinzipiellen Seiendsein enthoben sind, also gar nicht auf derselben Stufe stehen. Damit fixieren wir nur das Auseinander von Seiendem und Notwendigem, was jedoch bedeutet, beim negativen Ansichsein, bei der Andersheit von Reflexion und Unmittelbarkeit, beim Aufgetrenntsein des Seienden selbst, stehenzubleiben. Demgegenüber heißt es, sich daran zu erinnern, dass das Notwendige als solches sich nur über die rückbezügliche Grundgegenbewegung einstellt. Erst durch die Umschlagsbewegung der Zufälligkeit, die das Identitätsmoment generiert, reflektiert sich das Auseinander-Gesetztsein des Grundes in sich selbst, erweist sich also der äußerliche Grund, d. h. der Umstand, die Wirklichkeit durch ein Anderes zu haben, als eigenes Gesetztsein, nur so ist überhaupt das Notwendige. Lassen wir diese in und mit dem Unmittelbaren sich vollziehende Reflexionsbewegung beiseite, dann gibt es gar kein Notwendiges, es wird dann nur eine Richtung aus der schon doppelten Gerichtetheit des Zufälligen herausgenommen, um so eine Abhebung von Zufälligem und Notwendigem zustande zu bringen. Diese Abgehobenheit äußert sich dann in Bezug auf den Inhalt überhaupt so, dass das Notwendige nur als etwas dem Seienden Entnommenes verstanden wird. Die spezifisch kantische Abhebung, die seine Modalitätsauffassung kennzeichnet, besteht dabei im logischen Absehen von der Dialektik des Gesetztseins, ohne der jedoch die modalen Bestimmungen ganz äußerliche Hinsichten bleiben, die auch wieder äußerliche Rechtfertigungsgründe erfordern. So wird bei Kant etwa die Möglichkeit mit dem Übereinstimmen mit den formalen Bedingungen von Erfahrung überhaupt in Zusammenhang gebracht, für die Wirklichkeit ein materialer Aspekt der Wahrnehmung, respektive Empfindung, gefordert, und die Notwendigkeit zu einer Verhältnisbestimmung der Erscheinungen aufgrund des Kausalitätsprinzips erklärt. Obgleich diese Zuordnungen innerhalb der kantischen 75

Das Hervorheben des Zustandes, als Abkehr vom Dasein der Dinge, findet sich in der Kritik der reinen Vernunft im Kontext der Ausführungen zum dritten Postulat des empirischen Denkens überhaupt: »Da ist nun kein Dasein, was, unter der Bedingung anderer gegebener Erscheinungen, als notwendig erkannt werden könnte, als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen nach Gesetzen der Kausalität. Also ist es nicht das Dasein der Dinge (Substanzen), sondern ihres Zustandes, wovon wir allein die Notwendigkeit erkennen können, und zwar aus anderen Zuständen, die in der Wahrnehmung gegeben sind, nach empirischen Gesetzen der Kausalität.« Kant, KrV A 227/B 279 f. – Das Thema der Kausalität selbst ist vorläufig noch nicht relevant, es kommt momentan lediglich auf die herausgehobene Rolle der sogenannten Zustände an.

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Konzeption einiges an Plausibilität besitzen, so wird dennoch auf diese Weise das Modale aus der Sache selbst entfernt, und so ist es auch konsequent, dass die diesbezüglichen Grundsätze gemäß kantischer Terminologie nicht mehr als objektiv-synthetisch gelten können.76 Ihnen aber nur mehr eine subjektiv-synthetische Bedeutung zuzubilligen, führt dazu, dass sogar der Notwendigkeitsaspekt dazu degeneriert, nur eine Vollzugsform des Erkenntnisvermögens zu betreffen, damit aber von der immanenten Objektbestimmtheit abgehoben bleibt. Das Notwendige lässt sich aber, wie naiv oder elaboriert dies auch bewerkstelligt wird, gerade nicht abheben, herausheben oder sonst irgendwie der Einheit der absoluten Form, um wieder zur Hegelschen Diktion zurückzukehren, entnehmen, so dass es vielleicht auf diese Weise greifbar oder auch postulatorisch bestimmbar gemacht wird. Es gilt, überhaupt bis zur Notwendigkeit vorzudringen, was sich nur einstellt, wenn sich die folgende Bewegung vollständig vollzieht: Von der unmittelbaren Einheit des Notwendigen qua Seiendem als solchen über das negative Ansichsein, d. i. das Auseinander von Reflexion und Unmittelbarkeit als Möglichkeit dieses wirklich Seienden bis hin zum eigenen vom Identitätsimpetus initiierten rückbezüglichen Gesetztsein dieses Ansichseins, als Vollendung der Grundgegenbewegung, die eben dadurch wieder auf das Unmittelbare zurückführt. Bleiben wir dabei stehen, den Notwendigkeitsaspekt nur mit der Negativität im Auseinander-Gesetztsein des Seienden zu identifizieren, so wird die Notwendigkeit nur zu einer schlechten Überkategorie, die den verbindlichen und verbindenden Zusammenhang repräsentieren soll, was im besten Fall als Identitätsmoment angesehen wird, jedoch auch nur eine äußerlich an das Seiende herangebrachte Identität darstellt, den Hiatus zwischen dem Seienden und dem Notwendigen nur fixierend. Das passiert der Logizität nach auch im Aufstellen oder sogenannten Herausfinden einer Gesetzmäßigkeit, die dann wunderbar verfügbar etwa anhand einer bestimmten Formel zum Ausdruck gebracht werden kann. Der notwendige Zusammenhang ist dann ganz anschaulich nachvollziehbar und erkennbar, so dass wir uns dadurch das unmittelbar Phänomenale erklärlich und auch verstehbar machen. Diese sehr wohl wissenschaftlich zu nennende Vorgangsweise zählt abermals zu den durchaus verdienstvollen Tätigkeiten, dem logischen Gehalt nach stellt sie jedoch nur, so hart muss das leider ausgespro76

»Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektiv-synthetisch, weil die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, dadurch daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten. […] Die Grundsätze der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anders, als die Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird. […] So können wir […] die Grundsätze der Modalität postulieren, weil sie ihren Begriff von Dingen überhaupt nicht vermehren, sondern nur die Art anzeigen, wie er überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird.« Kant, KrV A 233–235/B 286 f.

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chen werden, ein Hantieren mit unverstandener Notwendigkeit dar. Letztlich wird nämlich hierbei die Notwendigkeit überhaupt nicht als solche thematisch, allerhöchstens wird der Versuch unternommen, sie anschaulich zu machen, was spekulativ-logisch nichts anderes bedeutet, als sie nicht zu denken, sie nicht an und für sich selbst zu betrachten. Das stellt nun keineswegs eine Gegenthese dar oder gar die Leugnung der Dignität derartiger Unternehmungen, es ist nicht einmal ironisch, sie als verdienstvoll zu bezeichnen, es sei nur auf den schlichten Umstand hingewiesen, dass damit die Notwendigkeit als reine oder echte Denkbestimmung noch nicht einmal ansatzweise in den Blick gekommen ist. Das Herausheben der Notwendigkeit gleicht der Verbildlichung (und sei es auch in der Form mathematischer Abstraktion), wodurch aller Widerspruch getilgt und der Chorismos zwischen Reflexion und Unmittelbarkeit unüberbrückbar aufrecht bleibt und noch immer weiter vertieft wird. Wie formell die Notwendigkeit in der ersten Stufe der Modalitätskategorien auch sein mag, sie ist bereits Einheit von Voraussetzen und Setzen, indem sie beim unmittelbar Wirklichen beginnt, das ansichseiende Negativitätsmoment exekutiert und im Setzen dieses Gesetztseins wieder zum Unmittelbaren zurückkehrt. Auf unmittelbare Weise ist »dieses Voraussetzen und die in sich zurückkehrende Bewegung«77 in einer Einheit, die sich in der Realisierung anhand der immanenten Inhaltlichkeit wieder als negativ erweisen wird, so dass sich das Reale auch in der Konkretion des Aufgetrenntseins dieser Einheit zeigen wird. So weit sind wir freilich noch nicht, weil es im Formalen noch überhaupt an eigentümlicher Bestimmtheit der Notwendigkeit fehlt. Sie hat noch keinen Inhalt als solchen, ist nur dargelegt anhand eines abstrakten Inhalts überhaupt, der sich noch nicht zum in sich selbst differenzierten, konkreten Inhalt bestimmt hat. Dennoch müssen wir auch in der formellen Notwendigkeit schon ihre Bestimmung erkennen, dürfen sie nicht mit einem Teilmoment gleichsetzen, auch wenn dies für viele Anwendungen als der leichtere Weg erscheinen mag. Es ist Herausforderung der spekulativen Logik, sich stets auf der Höhe des Begrifflichen zu bewegen, wie ansichseiend und unentwickelt dieses Begriffliche auch vorliegen mag. Deshalb ist es so entscheidend, auch schon die ganz formelle Notwendigkeit adäquat zu erfassen, was auch heißen muss, sie nicht mit ver­ waschenen und vagen Notwendigkeitsvorstellungen zu kontaminieren. Der Unmittelbarkeitsaspekt des Wirklichen, der sich an sich wieder zum bloß Möglichen depotenziert, und der unmittelbare Möglichkeitsaspekt, der in seiner Unmittelbarkeit dem bloßen Seiendsein in nichts nachsteht, sind in der Zufälligkeit so ineinander umschlagend, dass die hierin sich formierende Identität zu einer Einheit führt, worin die Unmittelbarkeit als in sich gedoppelte Einheit zum Austrag kommt. Einerseits basiert sie auf der Einheit qua Voraussetzung 77

WdL II, S. 212; GW 11, S. 388.

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der Bewegung und holt andererseits diese Voraussetzung als rückbezügliches Setzen wieder ein, ist hiermit gesetzte Einheit der ansichseienden unmittelbaren Einheit. Das Wirkliche als Notwendiges ist über die Möglichkeit, das Ansichsein qua Negativitätsmoment, mit sich selbst vermittelt, hebt also als Notwendiges die Möglichkeit in sich auf, ist aber auch nur über das negative Ansichsein dieser Möglichkeit als notwendig gesetzt. Die Wirklichkeit ist so in der Möglichkeit als identisch mit sich, diese Identität ist die Notwendigkeit. 1.3.1 Konjunktivische Perspektive auf die Bestimmung der Einzelheit als in die Dialektik der formellen Modalitätskategorien projiziert Bevor wir uns nun der realen Stufe zuwenden, sollte schon hier, zumindest in vorläufiger Manier, die Frage aufgeworfen werden, wie es sich mit der Einzelheit im Kontext der formellen Modalitätskategorien verhalten könnte. Freilich lässt sich eine derartige Fragehinsicht nur konjunktivisch in den Raum stellen, weil die betreffenden Kategorien ihrer immanenten Logizität nach durchaus weit voneinander entfernt sind. Wenn wir jedoch nicht so sehr auf die lineare Entwicklung achten, so werden wir schon bei einem noch ziemlich oberflächlichen Überblick bemerken, dass den modalen Bestimmungen (insbesondere bzgl. Notwendigkeit und Zufälligkeit) auch in der Begriffslogik, etwa in der Urteils- und Schlusslehre, eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommt. Freilich ist es nicht sinnvoll, diese Bezüge bereits in das Zueinander der formellen Modalitätskategorien hineinzudeuten, es geht hier vielmehr darum, eine Voreinschätzung auf den Weg zu bringen, die sich, auch bei einer etwaig sich später einstellenden Falsifikation, dennoch als interpretatorisch gewinnbringend erweisen kann. Selbst der Umweg über eine nicht ganz geradlinige Annäherung schärft den Blick und erhöht die Aufmerksamkeit auf bestimmte logische Dimensionen, die ansonsten vielleicht im Verborgenen blieben. Beginnen wir bei der Möglichkeit, so böte es sich an, das negative Ansichsein mit der Negativität der Einzelheit in Verbindung zu bringen. Das Aufgetrenntsein, die Beziehung auf Anderes und der Aufhebungscharakter könnten für den Effekt des Abgetrenntseins des Einzelnen und für eine Bewegung der sich aufhebenden Entgegnung in Betracht kommen. Auf das Reflexionsmoment achtend, so würde es sich nahelegen, den positiven Aspekt der Möglichkeit, als »ein Reflektiertsein in sich selbst«,78 mit einem positiven Aspekt der Einzelheit gleichzusetzen. Das würde dazu führen, Inhalte in erster Linie gemäß ihrer »Bestimmung der Identität mit sich«79 zu erfassen. Einzelnes gegen Einzelnes gehal78 79

WdL II, S. 203; GW 11, S. 382. Ebd.

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ten, wäre demnach auch nur so viel wie Identisches gegen Identisches gehalten, es könnte heißen, einzelne Dinge wie bestimmte Identitäten in ihrer Vielheit gegeneinander zu betrachten. Das »bloß formelle von etwas Aussagen »es ist möglich««80 entspräche der Aussage, dieses oder jenes sei ein Einzelnes, beides, wie Hegel betont, so richtig und so nichtssagend wie der formelle identische Satz A ist A. Das jedoch nicht zu leugnende Negative berücksichtigend, so haben wir gesehen, auch das Gegenteilige ansetzen zu müssen, dass also in diesem Sinne »alles ebensosehr ein Widersprechendes und daher Unmögliches«81 ist. Auf das Einzelne umgelegt, so hieße das, alles ebenso als ein Nicht-Einzelnes zu nehmen. Hierfür wäre dann das Allgemeine oder Besondere einsetzbar bzw. kämen wir dazu, auch zu sagen, alles sei ein Allgemeines oder alles sei ein Besonderes. Der Fortschritt besteht dabei zwar im Einbringen der Negation, die Beziehung auf Anderes zumindest in der Hinzunahme bestimmter Momente gefasst zu haben, trotz allem ist aber leicht ersichtlich, dass ein und derselbe Formalismus nur ausgeweitet wird. Anders verhält es sich, wenn wir das Reflexionsmoment, wie beim Möglichen geschehen, nicht bloß als das Reflektiertsein überhaupt, sondern als das Reflektiertsein in oder gemäß der Totalität der Form genauer betrachten. Dann ist das Mögliche bestimmt als »das reflektierte In-sich-Reflektiertsein oder das Identische schlechthin als Moment der Totalität«.82 Dieses auf sich selbst bezogene Reflektiertsein könnte einer auf sich selbst bezogenen Bestimmtheit des Einzelnen entsprechen, und so wie sich die Möglichkeit gezeigt hat, »daher an ihr selbst auch der Widerspruch«83 zu sein, d. h. als Möglichkeit Unmöglichkeit zu sein, so wäre auch das Einzelne als solches als Nicht-Einzelnes zu bestimmen. Wir blieben nicht dabei stehen, die Perspektiven auszuwechseln und das Nicht-Einzelne nach wie vor als abstrakt Identisches zu fassen, wir gingen zumindest dazu über, den immanenten Widerspruch zu erkennen, um die Begriffsmomente nicht mit dem Auch zu verbinden, sie vielmehr als Totalitäten einer Totalität zu begreifen. Indem nun, wie oben dargelegt, der Widerspruch sich aufhebt und das Mögliche ebenso als »das sich aufhebende Reflektierte«84 bestimmt ist, resultiert das Unmittelbare als Wirklichkeit, »gesetzt als Einheit ihrer selbst und der Möglichkeit.«85 In dieser Unmittelbarkeit ist diese Wirklichkeit, wie ausgeführt, freilich auch nur formelle Wirklichkeit, dennoch müssten wir, in der vorgenommenen Parallelisierung, diese Art der Einheit auch dem Einzelnen zusprechen. Wie ist aber diese Einheit näherhin bestimmt? In ihr sind Möglichkeit und Wirklich Ebd. Ebd. 82 WdL II, S. 204; GW 11, S. 382. 83 WdL II, S. 204; GW 11, S. 383. 84 Ebd. 85 WdL II, S. 205; GW 11, S. 383. 80 81

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keit als gegeneinander so gesetzt, dass sie gegeneinander bzw. ineinander umschlagen, weil die Wirklichkeit nur »den Wert eines Gesetztseins oder der Möglichkeit«86 hat, die Möglichkeit aber über das Entgegensetzen sich wieder nur in »eine nicht in sich reflektierte Existenz überhaupt«87 übersetzt. Diese Umschlagsbewegung ist die Zufälligkeit. Einzelheit und Zufälligkeit zusammenzubringen oder bestenfalls zusammenzudenken, wirkt wie eine leichte Übung. Wenn wir davon sprechen, dass etwas nur ein Vereinzeltes sei, ein Ding oder auch ein bestimmtes Vorkommnis, so fällt es irgendwie aus einem gleichsam als normal verstandenen Gesamtzusammenhang heraus, lässt es sich nicht ordentlich einbetten und so ist die Konnotation eines bloß zufälligen Auftretens nicht weit. Umgekehrt kommt es auch vor, die Fülle des Vorkommenden, das, was, wiederum als Normalität verstanden, im ständigen Ablauf auftritt, als eine schlichte Aneinanderreihung von dinglichen Einzelheiten, Begebenheiten, Geschehnissen oder Ereignissen aufzufassen. Hierbei hat nicht das Seltene, sondern das Häufige zugleich auch Zufälligkeitscharakter. In beiden Richtungen gibt es Anknüpfungspunkte, die Einzelnes und Zufälliges eng aneinander bringen. So entstünde für den Alltagsverstand keine sonderliche Hürde, wenn davon ausgegangen wird, beide Bestimmungen nahezu synonym zu verwenden. Wie sieht es jedoch damit aus, das Umschlagen von Möglichkeit und Wirklichkeit ineinander und die »absolute Unruhe des Werdens dieser beiden Bestimmungen«88 mit der Einzelheit in Verbindung zu bringen? Sofern es stimmig ist, die Charakteristik des Möglichen wie auch jene des Wirklichen mit bestimmten, noch ganz vorläufig in Anschlag gebrachten Kennzeichnungen des Einzelnen in eine gewisse Nähe zu setzen, so müssten wir schon allein hierdurch zugeben, dass auch eine Korrespondenz von Zufälligkeit und Einzelheit nicht abwegig sein dürfte. Dennoch ergibt sich hier eine Schwierigkeit. Da sich uns die Zufälligkeit als ein Umschlagen bzw. als Umschlagsbewegung gezeigt hat, so entsteht die Frage, ob eine derartige Prozessualität auch mit der Bestimmung der Einzelheit einhergehen könnte? Intuitiv sträubt sich der Alltagsverstand wohl dagegen, Einzelheit und Bewegung in ein Naheverhältnis zu bringen, ganz zu schweigen von der noch gravierenderen Zuspitzung, die Einzelheit als solche als eine Art von Bewegung aufzufassen. Nichtsdestoweniger läge jedoch hierin, um es abermals vorsichtig konjunktivisch zu formulieren, die spekulative Pointe. Es bieten sich sehr wohl gewisse Optionen an, wie die Umschlagsbewegung mit dieser Begriffsbestimmung assoziiert sein könnte. Schon aufgrund unserer WdL II, S. 205; GW 11, S. 384. WdL II, S. 206; GW 11, S. 384. 88 Ebd. 86 87

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Überlegungen zum gesetzten Widerspruch, Einzelnes und Nicht-Einzelnes als Einheit zu fassen, die Negation also nicht bloß äußerlich anzusetzen, so ließe sich das Umschlagen auf die Negativität der Begriffsmomente beziehen. Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit gehen nicht bloß ineinander über, sind auch nicht, in Anlehnung an die Einheit von Sein und Nichts, schon ineinander übergegangen, sie sind vielmehr (bezogen auf die Diremtion von Allgemeinem und Einzelnem) »als vollkommener Gegensatz […], der aber so sehr Schein ist, daß, indem das eine begriffen und ausgesprochen wird, darin das andere unmittelbar begriffen und ausgesprochen ist.«89 Das Begreifen der Begriffsbestimmungen ist ein Begreifen ihrer Umschlagsbewegung ineinander, wobei sich jedoch der nur vorgestellte Wechsel bereits in ein Kontinuieren verwandelt hat. Die spezifische Logizität des Umschlagens ist in erster Linie in der Sphäre der objektiven Logik verortet, in der triadischen Verfasstheit des Begriffs ist die absolute Form in Momenten, die selbst schon Totalitäten sind, präsent, jedoch nicht mehr als Dialektik von Momenten in oder gegen Totalitäten, wie dies für die Wesenslogik der Fall ist. Dennoch ließe sich durchaus die Bewegung des Umschlagens als eine Vorform der sich selbst unterscheidenden Negativität der Begriffsbestimmungen auffassen. Darüber hinaus könnte in forcierterer Weise das Umschlagen als Bewegung des Begriffs gegen sich gedeutet werden, so wie sich dies an der Schnittstelle von Begriff und Urteil vollzieht. Die durch die Einzelheit selbst gesetzte »ursprüngliche Teilung«90 des Begriffs ist die begriffliche Bewegung der »Rückkehr in sich«,91 worin der Begriff aber zugleich in die Negation seiner selbst verloren ist. Die Urteilssetzung wäre somit als ein Umschlagen der Bestimmtheiten interpretierbar, wodurch sich der Begriff selbst zum »Gegeneinanderstellen seiner Bestimmungen«92 bestimmt. Das notwendige Umschlagen der Zufälligkeit hätte sich durch die Zuspitzung der Einzelheit zum freien Umschlagen der Begriffsbestimmtheiten gegeneinander fortentwickelt. In dem, was Hegel als objektiven Sinn des Urteils bezeichnet, wird ersichtlich, dass sich die logischen Bewegungen der Seins- und Wesenssphäre als solcher, das Übergehen und das Scheinen, in die logische Bewegung des Begriffs gegen sich, in das ursprüngliche Teilen (und nicht Geteiltsein) seiner selbst übertragen haben: »Dies Übergehen und Scheinen ist nun in das ursprüngliche Teilen des Begriffes übergegangen, welcher, indem er das Einzelne in das Ansichsein seiner Allgemeinheit zurückführt, ebensosehr das Allgemeine als Wirkliches bestimmt. Dies beides WdL II, S. 252; GW 12, S. 16. WdL II, S. 301; GW 12, S. 52. 91 Ebd. 92 WdL II, S. 301; GW 12, S. 53. 89

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ist ein und dasselbe, daß die Einzelheit in ihre Reflexion-in-sich und das Allgemeine als Bestimmtes gesetzt wird.«93

Ohne an dieser Stelle auf die spezifische Urteilslogizität eingehen zu wollen, enthält dieser Verweis zumindest die Andeutung, dass es plausibel sein kann, die begriffliche Dynamik der Einzelheit mit einer durch sie selbst initiierten Begriffsbewegung, hier als Teilen des Begriffs im Sinne einer Bewegung des Begriffs gegen sich, in Zusammenhang zu bringen. Schon hieraus wird ersichtlich, dass es gar nicht so absonderlich ist, die Einzelheit mit einer bestimmten Bewegungscharakteristik, die auch eine Entsprechung zur Umschlagsbewegung der Zufälligkeit aufweist, zu verknüpfen. Die Frage ist, ob es eventuell eine noch innigere Ausprägung dieser interpretatorischen Verknüpfung geben könnte? Wenn wir uns diesbezüglich noch eingehender auf das Negativitätsmoment der Einzelheit konzentrieren, eröffnet sich tatsächlich ein dritter Aspekt, bei dem die Bewegung nicht so sehr mit dem Ineinander der Begriffsmomente, sondern viel eher mit der Selbstbezüglichkeit der Einzelheit als solcher einhergeht. Die Begriffsentgegnung kann als negatives Unterscheiden, als Selbstunterschied der Einzelheit von sich, bestimmt werden. Solange Allgemeinheit und Besonderheit nicht ihre Verankerung und Konkretion in der Bestimmung der Einzelheit finden, verbleiben wir beim abstrakt Allgemeinen und bei einem äußerlichen Einteilungsprinzip, das sich ebenfalls einer Abstraktion verdankt, welche letztlich nur ein bestimmtes Verfahren im Umgang mit dem Gattungs- und Artbegriff zulässt. Diese Vorgangsweise ist verbildlicht im arbor porphyriana und geht zurück auf die platonische Dihairesis und das eidologische Verständnis des Aristoteles.94 Später wird uns in diesem Kontext insbesondere die Frage nach dem atomon eidos beschäftigen, denn klarerweise ist gerade hiermit das Problem angesprochen, welchen Stellenwert Einzelheit bzw. Einzelnes überhaupt annehmen kann. Diese Bezüge hier noch nicht thematisierend, sei zunächst nur auf thetische Weise darauf aufmerksam gemacht, dass die Negativität des Begriffs sich nur dann erfüllt, wenn die richtigen Konsequenzen aus der sich bei der Bestimmung des Allgemeinen und Besonderen unvermeidlich einstellenden Abstraktion gezogen werden. Eine Konsequenz führt (auf einem später noch auszuführenden Weg) zum angesprochenen Unterscheiden, das nicht auf die Ebene des Allgemeinen und der Besonderung eingeschränkt werden kann, sofern wir einsehen, dass die bestimmte Allgemeinheit bereits die selbstbezügliche Bestimmtheit der Einzelheit impliziert. Da es hier nur um eine Vorausbestimmung des Konnexes von Zufälligkeit und Einzelheit 93 94

WdL II, S. 307; GW 12, S. 57. Vgl. Pierre Aubenque, Hegelsche und Aristotelische Dialektik, in: Hegel und die antike Dialektik. Frankfurt a.M. 1990, S. 208–224.

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zu tun ist, wird die nähere Betrachtung dieses fundamentalen Begriffskomplexes noch aufgeschoben. Was jedoch jetzt schon aufblitzt, ist der Umstand, dass die Bewegungskomponente in der sich unterscheidenden Negativität der Einzelheit, abermals vorsichtig formuliert, wohl kaum vernachlässigt werden kann. Das Unterscheiden, von dem wir noch sehen werden, dass es mit dem Thema der Abstraktion aufs innigste zusammenhängt, lässt sich als Selbstunterscheidung der Einzelheit von sich auslegen. Damit ist die sich durch die sich auf sich beziehende Negativität ergebende Prozessualität angesprochen, wodurch die Einzelheit zugleich als Diremtion in viele Einzelne bestimmt ist. Das Unterscheiden ist damit nicht nur unterscheidende Bewegung der Begriffsmomente, es ist ebenso Bewegung der Einzelheit gegen sich, so dass der Begriff als einzelner sich entgegensetzt und, zumindest in einem ersten Schritt, andere Einzelne voraussetzt. Diese Bewegung können wir dabei als Umschlagsbewegung deuten, wobei das Einzelne als immanent in Einzelnes umschlagend zu begreifen ist, was wiederum nichts anderes heißt, als das Einzelne in seiner gesetzten Konkretion als Vielheit von Einzelnen zu bestimmen. Diese Vielheit ist in dieser Begriffsform nicht etwas bloß Vorkommendes, Daliegendes, Vorliegendes, nicht einmal etwas Zugrundeliegendes (im Sinne des hypokeimenon), es ist vielmehr Setzungsbewegung, die letztlich aus der gesetzten Abstraktion resultiert, was freilich in späterer Folge noch eingehend zu erörtern sein wird. Jedenfalls sei betont, dass die gesetzte Umschlagsbewegung der Zufälligkeit durchaus in Korrespondenz zum Gesetztsein der Einzelheit, d. h. zur umschlagenden Bewegung des Einzelnen gegen sich, betrachtet werden kann. Zum Abschluss dieser querperspektivischen Interpretationsüberlegungen zur Verschränkung der (noch völlig formellen) Modalitätsbestimmungen mit der Bestimmung der Einzelheit bleibt noch offen, ob auch bezüglich der Notwendigkeit ein Verbindungsstrang ausfindig gemacht werden kann. Um die genauen logischen Verbindungslinien nachzeichnen zu können, müssten wir uns vorwegnehmend schon mit einer eingehenden Betrachtung des Übergangs von der Wesenslogik zur Begriffslogik, d. h. mit einer Aufschlüsselung der komplexen Logizität der Wechselwirkung, beschäftigen. Da dies in extenso noch nicht in Angriff genommen werden kann, begnügen wir uns mit einer noch gänzlich formalen Charakteristik, die jedoch aufzeigen soll, dass das Identitätsmoment der Notwendigkeit zwar in der Einzelheit präsent ist, sich jedoch einem Aufhebungsprozess verdankt, der auf einer absoluten Veräußerung eben dieser Identität basiert. Die gesamte Dynamik der Wechselwirkung kreist um die Darstellung der Enthüllung dieser innerlich notwendigen und notwendig innerlichen Identität auf ihre eigene Scheinbarkeit hin, worin sich Notwendigkeit und Zufälligkeit als die Freiheit des Begriffs und der Begriffsmomente manifestieren. Im Resultat, das auch mit dem Erreichen der subjektiven Logik gleichzusetzen ist, ist das Identitätsmoment so in den Begriffsmomenten gesetzt, dass sich hierin die

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Klärung95 der noch inneren Identität der Notwendigkeit ausdrückt. Diese Identität, als noch im Wesen notwendig verinnerlicht, entbirgt sich über die Widerspruchsbewegung der kausal wechselwirkenden Substanzen auf die Triplizität der Begriffsmomente hin. Ihr Identisches ist damit nicht ein sich nur fortgesetzt habender Aspekt, das begriffliche Identitätsmoment verdankt sich vielmehr einer Selbstaufhebung der Identität, in welcher sie im Schein gegen sich gekehrt wurde, sich aus dem Entwicklungsstrang der Kausalität heraus manifestierend, – »eine Manifestation, welche die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich ist.«96 Dieser scheinenden Bewegung der Manifestation kann hier nicht weiter nachgegangen werden, es soll zunächst nur herausgestrichen werden, dass die letzte Entwicklungsstufe der Notwendigkeit in der objektiven Logik zwar einen viel reicheren Gehalt als die oben besprochene formelle Notwendigkeit besitzt, jedoch immer noch die beschriebene rückbezügliche Grundgegenbewegung exekutiert. Anders sieht es jedoch mit dem Identitätsmoment in den Begriffsbestimmungen aus. Letztere markieren die Freiheitssetzung, die zwar das Identitätsmoment der Notwendigkeit nicht zum Verschwinden bringt, es aber auf eine Weise transformiert, die es nicht mehr erlaubt, das Identische des Begriffs geradezu mit der ausgewiesenen wesensgemäßen rückbezüglichen Grundgegenbewegung zu identifizieren. Die Notwendigkeit im und die Notwendigkeit des Begriffs ist dennoch sehr wohl gegeben, wir haben jedoch stets ihre ganz spezifische Abkunft aus der Manifestationsbewegung ihrer inneren Identität zu bedenken. – Obwohl wir uns alsbald erst auf die Interpretation der realen Stufe der Modalitätskategorien einzulassen haben, sei nichtsdestoweniger schon hier die erste Hälfte des letzten Absatzes der Wechselwirkung zitiert. Bei der Lektüre des Zitats sei das Augenmerk also insbesondere auf die Identitätsmomente gelegt, um sie in der angedeuteten gebrochenen Perspektive zu rezipieren: »Die absolute Substanz, als absolute Form sich von sich unterscheidend, stößt sich daher nicht mehr als Notwendigkeit von sich ab, noch fällt sie als Zufälligkeit in gleichgültige, sich äußerliche Substanzen auseinander, sondern unterscheidet sich einerseits in die Totalität, welche – die vorhin passive Substanz – Ursprüngliches ist als die Reflexion aus der Bestimmtheit in sich, als einfaches Ganzes, das sein Gesetztsein in sich selbst enthält und als identisch darin mit sich gesetzt ist: das Allgemeine, – andererseits in die Totalität – die vorhin ursächliche Substanz – als in die Reflexion ebenso aus der Bestimmtheit in sich zur negativen Bestimmtheit, welche so als die mit sich identische Bestimmtheit ebenfalls das Ganze, aber als die mit sich identische Negativität gesetzt ist: das Einzelne.«97 Für Klärung ließe sich hier auch sagen: Sichtbarmachung in einem scheinenden Aufscheinen. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 97 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 95 96

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Abgesehen von der Erwähnung der Substanzen, die vom jetzigen Standpunkt aus noch gar nicht thematisch in die Interpretation einbezogen werden können, fällt auf, dass die Bestimmung des Identischen sowohl für die Charakterisierung des Allgemeinen als auch für die Charakterisierung des Einzelnen einen markanten Stellenwert besitzt. Es wird nicht verwundern, dass auch in der noch nicht zitierten zweiten Hälfte dieses Absatzes die Identität im Vordergrund steht. Die Besonderheit wird darin als in Bezug auf die beiden ersten Begriffsmomente schlichtweg als deren »einfache Identität«98 gekennzeichnet. Dass sich somit die Bestimmung der Begriffsmomente in äußerster Nähe zueinander vollzieht,99 ist schon eher eine Untertreibung. Jedenfalls lässt sich für den aktuellen Interpretationszweck konstatieren, dass die Einzelheit auf alle Fälle das Identitätsmoment der Notwendigkeit in sich bewahrt, sofern wir stets die diffizile Brechung dieser Identität im Spiegel des Scheins der Manifestationsbewegung am Ende der Wesenslogik mitberücksichtigen. Darüber hinaus betreffen die kongruierenden Aspekte von Notwendigkeit und Einzelheit eher die begriffskonstitutiven Komponenten sowie all jene Bestimmungen, welche die Einheit des Begriffs herstellen, aufrechterhalten oder auch wiederherstellen. Demgegenüber beziehen sich die Entsprechungen von Zufälligkeit und Einzelheit eher auf das Gesetztsein des Begriffs, auf sein Herausgesetztsein in der Verwirklichung sowie allgemein auf das Unterscheiden, sowohl in sich, gegen sich und gegen Anderes. 1.3.2 Der Form-Inhalts-Aspekt als Einstieg in den Realisierungsschritt der Modalitätskategorien Nachdem wir nun die diversen Korrespondenzlinien zwischen den Modalitätskategorien (in ihrer Formalität) und der Bestimmung der Einzelheit in Betracht gezogen haben, kehren wir zu jenem Übergang zurück, der die modale Realisierung einleitet. Es handelt sich dabei um eine Konstellation, die dem geneigten Interpreten der Wissenschaft der Logik bereits vollkommen vertraut sein sollte, weil sie die Form-Inhalts-Dialektik betrifft, die nicht nur hin und wieder auftaucht, sondern als unendliche Form des Logischen durchgängig methodisch (im Sinne der absoluten Methode) präsent ist. Da dies so wichtig ist, sei abermals auf jene Stelle aus dem zweiten Absatz der absoluten Idee verwiesen, wo dieser Zusammenhang völlig stringent ausgedrückt wird: 98

WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. Es ließe sich schon allein hieraus ableiten, dass die Setzung einer strikten Demarkationslinie, welche die unterste Art, die noch zur Sphäre des Allgemeinen gehört, vom Einzelnen abtrennt und dieses hiermit als von begrifflicher Bestimmung ausschließt, so nicht ganz stimmig sein kann.

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»Die logische Idee hat somit sich als die unendliche Form zu ihrem Inhalte – die Form, welche insofern den Gegensatz zum Inhalt ausmacht, als dieser die in sich gegangene und in der Identität aufgehobene Formbestimmung so ist, daß diese konkrete Identität gegenüber der als Form entwickelten steht; er hat die Gestalt eines Anderen und Gegebenen gegen die Form, die als solche schlechthin in Beziehung steht und deren Bestimmtheit zugleich als Schein gesetzt ist.«100

Im vorliegenden Kontext heißt dies, dass die unmittelbare Identitätssetzung der Notwendigkeit, als sich in der absoluten Form vollziehend, eine Einheit darstellt, in welcher die Unterschiede als Formbestimmungen gegen das Identische qua Inhalt auseinandergelegt sind. Das Eintreten des Inhalts ergibt sich näherhin aus dem Gleichgültigwerden der Einheitsbestimmung gegen die in ihr sich unterscheidenden Momente. Dabei ist diese Gleichgültigkeit101 tatsächlich eine Sache der gleichen Gültigkeit, weil die Identität nichts anderes ausdrückt als die Totalität der sich formiert habenden Unterschiede, so dass das Identische die Gestalt einer gegebenen Bezugsgröße, d. i. der Inhalt, annimmt, die gegen das Feld aller Beziehungen, d. i. die Form, gesetzt ist. Das Formierte ist dann Form an einem Inhalt,102 der jedoch seinerseits die gesamte Einheit darstellt. Die Formbestimmungen, hier Möglichkeit und Wirklichkeit, gehen zwar im Identischen des Inhalts unter, wodurch dieser als nur gleichgültig vorkommender Gegenpol gesetzt ist, jedoch gleichzeitig auch die sich durchziehende Identität in den Formbezügen ausmacht. Wie wir im Unterkapitel zu Form und Inhalt aus dem Abschnitt über den absoluten Grund ersehen können, so ist der Inhalt einerseits gleichgültige Identität, er ist aber auch »zugleich die negative Reflexion der Formbestimmungen in sich; seine Einheit, welche zunächst nur die gegen die Form gleichgültige ist, ist daher auch die formelle Einheit«,103 hier die Ein WdL II, S. 550; GW 12, S. 237. Oliver Schlaudt hat den Begriff der Gleichgültigkeit in Hegels Wissenschaft der Logik genauer betrachtet und »vier verschiedene Grundformen« (S. 102) herausgearbeitet. Die Konnotation der gleichen Gültigkeit, die bei Hegel stets zu beachten ist, korreliert dabei mit einem bestimmten Begriff der Äquivalenz. Darüber hinaus bestehen auch Verbindungen zum Thema der Abstraktion, was in unserer Interpretation insbesondere bei der Bestimmung der Einzelheit eminente Wichtigkeit besitzt. Freilich ist Vorsicht geboten, sogenannte technische Begrifflichkeiten festmachen zu wollen. Derlei Bestrebungen sind einem spekulativen Begreifen prinzipiell nicht angemessen. Vgl. Oliver Schlaudt, Über den Begriff der Gleichgültigkeit in Hegels »Wissenschaft der Logik« und seine Anwendung in der Analyse des Größenbegriffs bei Hegel und Marx, in: Hegel-Studien Bd. 47, hrsg. von Michael Quante und Birgit Sandkaulen, Hamburg 2013, S. 93–116. 102 »Die Form ist […] das vollendete Ganze der Reflexion; sie enthält auch diese Bestimmung derselben, aufgehobene zu sein; daher ist sie ebensosehr, als sie eine Einheit ihres Bestimmens ist, auch bezogen auf ihr Aufgehobensein, auf ein Anderes, das nicht selbst Form, sondern an dem sie sei.« WdL II, S. 86 f.; GW 11, S. 296. 103 WdL II, S. 94 f.; GW 11, S. 301. 100 101

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heit der Beziehung der Modalbestimmungen selbst. Anhand des Gesetztseins formuliert, so ist die Form das eine Mal vollständig als in sich zurückkehrendes Gesetztsein, d. i. die genannte formelle Einheit oder die auch noch das Identitätsmoment umgreifende Form, und das andere Mal ist die Form als unmittelbares Gesetztsein oder als das Gesetztsein in seiner Unmittelbarkeit, d. i. die sich selbst gegen die Identität formierende Form oder die Bestimmtheit als ihr eigenes Auseinander. In diesem Auseinander ist dann das Identitätsmoment als Inhalt bestimmt. Ersteres entspricht dem »freien Gesetztsein«,104 zweiteres ließe sich als bestimmtes Gesetztsein bezeichnen. Diese Bestimmtheit des Gesetztseins ist dann Bestimmtheit der Form und Bestimmtheit des Inhalts, wobei zur Formbestimmtheit jegliches Unterscheiden gehört, die Inhaltsbestimmtheit aber als ein Unterscheiden in sich gesetzt ist, d. i. eben der in einem bestimmten Umfang vorliegende Inhalt. Wie bereits früher betont, dürfen wir dabei nie den Fehler begehen, den Inhalt in eine reine Form rückabzuwickeln, sollten aber auch niemals dabei stehen bleiben, die Form nur als dem Inhalt übergestülpt oder diesem aufgepfropft aufzufassen. Umgelegt auf die formelle Notwendigkeit, so ist sie die über die rückbezügliche Grundgegenbewegung sich wiederherstellende Unmittelbarkeit und, als die unterschiedenen Modalbestimmungen der Möglichkeit und Wirklichkeit vereinheitlichend, selbst eine unmittelbare Einheit. Einerseits sind in ihr Möglichkeit und Wirklichkeit im (ebenfalls noch unmittelbaren) unterscheidenden Umschlagen aufgehoben, andererseits exekutiert sich die rückbezügliche Grundgegenbewegung als Bewegung, die von einem Unmittelbaren beginnend auch wieder auf Unmittelbares hinausläuft. Letzteres führt dazu, dass die Einheit als solche wiederum das Gepräge der Wirklichkeit besitzt. Formal gesprochen besteht das Notwendige darin, eine Wirklichkeit darzustellen, die in reflexiver (nach der wesensgemäßen rückbezüglichen Gegenbewegung) Weise sich selbst und ihren Unterschied von sich in sich enthält. In dieser Wirklichkeit, die sich selbst als Wirklichkeit und ihr Anderes als Möglichkeit enthält, erkennen wir schon eine vorbegriffliche Struktur,105 obwohl sie einen ansichseienden und noch völlig formellen Charakter besitzt.

WdL II, S. 95; GW 11, S. 302. Es fällt sofort auf, dass die vertraute formale Bestimmung der Identität, die als Identität die Identität von Identität und Unterschied ist, auch die Einschätzung verdient, eine ansichseiend vorbegriffliche Struktur aufzuweisen.

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1.4 Die reale Stufe der Modalitätskategorien Die sich unmittelbar formierende Einheit der Notwendigkeit ist Einfachheit, die sich als Identität den in ihr sich unterscheidenden Momenten gleichgültig gegenüberstellt. Als auf den unmittelbar sich vollziehenden Unterscheidungen der formellen Stufe basierend, ist sie zugleich eine unmittelbare Wirklichkeit, in der die absolute Form in die gleichgültigen Formbestimmungen und in den an ihm selbst gleichgültigen Inhalt dirimiert ist. Die sich über die Notwendigkeit erhalten habende Reflektiertheit gegen sich wird die Formbestimmungen in ihrer Realisierung noch weiter entfalten, wogegen die Reflektiertheit gegen sich als die sich selbst zur Seite stellende absolute Form den in sich selbst unterschiedenen, umfänglichen und daher an ihm selbst mannigfaltig ausdifferenzierten Inhalt ergibt: »In dieser formellen Notwendigkeit ist daher die Einheit zunächst einfach und gegen ihre Unterschiede gleichgültig. Als unmittelbare Einheit der Formbestimmungen ist diese Notwendigkeit Wirklichkeit; aber eine solche, die – weil ihre Einheit nunmehr bestimmt ist als gleichgültig gegen den Unterschied der Formbestimmungen, nämlich ihrer selbst und der Möglichkeit – einen Inhalt hat. Dieser als gleichgültige Identität enthält auch die Form als gleichgültige, d. h. als bloß verschiedene Bestimmungen und ist mannigfaltiger Inhalt überhaupt.«106

Dieser Inhalt ist nun nicht mehr der bloße Inhalt, den wir in der formellen Stufe abstrakt einsetzen konnten, er ist Inhalt der Modalbeziehung selbst, also in seiner spezifischen Disposition in die Modalbestimmung eingehend. Die Wirklichkeit ist so an ihr selbst inhaltsvoll, d. h. real, und die Vollzüge der prozessual dinglichen Welt zeitigen stets nur sie selbst, d. h. das Wirkliche verwirklicht sich. Was sich uns in den Geschehnissen der Welt zeigt, ist, in spekulativ logischer Diktion, in sich zurückkehrendes Scheinen (als Aufscheinen) des unmittelbaren Gesetztseins, Wirklichkeit als Bestimmtheit gegen sich, innerliche Entgegnung, die sich vollkommen veräußert, d. i. Manifestationsbewegung: »Die reale Wirklichkeit als solche ist zunächst das Ding von vielen Eigenschaften, die existierende Welt; aber sie ist nicht die Existenz, welche sich in Erscheinung auflöst, sondern als Wirklichkeit ist sie zugleich Ansichsein und Reflexion-in-sich; sie erhält sich in der Mannigfaltigkeit der bloßen Existenz; ihre Äußerlichkeit ist innerliches Verhalten nur zu sich selbst. Was wirklich ist, kann wirken, seine Wirklichkeit gibt etwas kund durch das, was es hervorbringt. Sein Verhalten zu Anderem ist die Manifestation seiner: weder ein Übergehen, so bezieht das seiende Et106

WdL II, S. 207 f.; GW 11, S 385.

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was sich auf Anderes, – noch ein Erscheinen, so ist das Ding nur im Verhältnis zu anderen, ist ein Selbständiges, das aber seine Reflexion-in-sich, seine bestimmte Wesentlichkeit in einem anderen Selbständigen hat.«107

Die Reflexion-in-sich, die im Prozess der Erscheinung sich nur als Beziehung auf anderes Selbständiges realisierte, ist nunmehr bereits im Äußeren der unmittelbaren Existenz präsent. Dem Dasein der mannigfaltigen Dingwelt als Anderssein und Anderswerden ist die Reflexion-in-sich schon eingeschrieben, das Veräußern ist innerster Vollzug des Wirklichen, »d. h. es ist in seiner Äußerlichkeit es selbst und ist nur in ihr, nämlich nur als sich von sich unterscheidende und bestimmende Bewegung, es selbst.«108 Wirkliche Vorgänge sind reflektierte Manifestationsbewegungen. Selbst das wesentliche Verhältnis war »noch unvollkommene Vereinigung der Reflexion in das Andersein [sic] und der Reflexion-in-sich; die vollkommene Durchdringung beider ist die Wirklichkeit.«109 Diese ist nach ihrer Modalität ebenso sehr ansichseiend und das modale Moment der Reflexion-in-sich ist die Möglichkeit, denn die »Möglichkeit ist die in sich reflektierte Wirklichkeit«,110 das gilt auch für die reale Stufe. Da sie aber weder ein Diesseits noch ein Jenseits zur Wirklichkeit sein kann, so ergibt sich konsequenterweise, dass sie eine wirkliche Möglichkeit oder reale Möglichkeit ist: »Diese reale Möglichkeit ist selbst unmittelbare Existenz, nicht mehr aber darum, weil die Möglichkeit als solche, als formelles Moment, unmittelbar ihr Gegenteil, eine nicht reflektierte Wirklichkeit ist; sondern weil sie reale Möglichkeit ist, hat sie sogleich diese Bestimmung an ihr selbst. Die reale Möglichkeit einer Sache ist daher die daseiende Mannigfaltigkeit von Umständen, die sich auf sie beziehen.«111

Die Möglichkeit als das Reflektiertsein der Wirklichkeit in sich ist als »das inhaltsvolle Ansichsein«112 differenziert an ihr selbst, so dass die Reflexion am Wirklichen auseinandergenommen ist. Die Reflexion in ihrer Gesamtheit ist zwar beständig und hat ein Bestehen, das nicht in die Veränderung gezogen wird und auch nicht Scheinen in einem Anderen ist, aber der gesetzte modale Inhalt ist zugleich Entgegensetzung der absoluten Form in sich selbst. So ist das Moment der in sich zurückkehrenden Reflexion gesetzt als die Identität des Inhalts, dem die Formbestimmungen gegenüberstehen. Dieser Inhalt ist jedoch keine bloß ruhige Grundlage, er ist das Identische in den Differenzierungen der Form. 109 110 111 112 107

108

WdL II, S. 208; GW 11, S. 385 f. WdL II, S. 201; GW 11, S. 381. WdL II, S. 125; GW 11, S. 324. WdL II, S. 202; GW 11, S. 382. WdL II, S. 208 f.; GW 11, S. 386. WdL II, S. 208; GW 11, S. 386.

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Die Differenziertheit ist dabei einerseits als ein Bedingungskomplex, der auf Realisierung hin ausgerichtet ist, eben die reale Möglichkeit einer Sache, d. i. »die daseiende Mannigfaltigkeit von Umständen, die sich auf sie beziehen.«113 Andererseits ist die Differenziertheit Unterschied der ganzen Form, d. h. von Wirklichkeit und Möglichkeit, die beide in der realen Möglichkeit unmittelbar vereint sind. Sie enthält die Wirklichkeit in ihrer Unmittelbarkeit und die Möglichkeit als abstrakt ansichseiend. Damit ist das Ansichsein aus sich herausgesetzt, nicht nur einfache Identität in bloß in sich bleibenden Wirklichkeitsentitäten, sondern Ansichsein im Anderssein, Ansichsein für Anderes, d. h. sich aufhebendes Ansichsein. Nur darin wird die Möglichkeit real, ansonsten verbleibt sie ein Vorstellungskonstrukt, das lediglich äußerlich Möglichkeit und Inhaltlichkeit in eine behauptete Einheit zusammenwirft. Das Ansichsein und die bestimmte Form sind in der Mannigfaltigkeit des wirklich Seienden auseinandergespannt, die Differenz der Formbestimmungen ist zugleich eine Differenz im Zusammenhang des Wirklichen selbst. Die Negativität des Reflektiertseins ist nicht mehr unmittelbar ins Gesetztsein einbezogen, vielmehr ist die Unmittelbarkeit in die eine Formbestimmung zurückgegangen, die jedoch in sich gedoppelt ist, so wirklich wie auch möglich. Als der absoluten Form angehörig, aber in der Wirklichkeit auseinandergesetzt, weist das Ansichsein aus sich heraus und ist darauf hin angelegt, sich im Realisierungsprozess erst wieder einzuholen. Die gesetzte Form-Inhalts-Beziehung sorgt für reale Modalität, versetzt sie aber auch in eine (durchaus notwendig zu nennende) Aufspaltung in bestimmte Wirklichkeitsdimensionen der einen Wirklichkeit. Die inhaltlich daseiende Mannigfaltigkeit zeigt auch die Manifestationsbewegung in ihrer mannigfaltigen Formierung: »Diese Mannigfaltigkeit des Daseins ist also zwar sowohl Möglichkeit als Wirklichkeit, aber ihre Identität ist nur erst der Inhalt, der gegen diese Formbestimmungen gleichgültig ist; sie machen daher die Form aus bestimmt gegen ihre Identität. – Oder die unmittelbare reale Wirklichkeit, darum weil sie unmittelbare ist, ist gegen ihre Möglichkeit bestimmt; als diese bestimmte, somit reflektierte ist sie die reale Möglichkeit. Diese ist nun zwar das gesetzte Ganze der Form, aber der Form in ihrer Bestimmtheit, nämlich der Wirklichkeit als formeller oder unmittelbarer und ebenso der Möglichkeit als des abstrakten Ansichseins. Diese Wirklichkeit, welche die Möglichkeit einer Sache ausmacht, ist daher nicht ihre eigene Möglichkeit, sondern das Ansichsein eines anderen Wirklichen; sie selbst ist die Wirklichkeit, die aufgehoben werden soll, die Möglichkeit als nur Möglichkeit. – So macht die reale Möglichkeit das Ganze von Bedingungen aus, eine nicht in sich

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WdL II, S. 209; GW 11, S. 386.

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reflektierte, zerstreute Wirklichkeit, welche aber bestimmt ist, das Ansichsein, aber eines Anderen zu sein und in sich zurückgehen zu sollen.«114

In der realen Möglichkeit ist die ganze Form unmittelbar mit sich zusammengegangen und vereinigt so alle formellen Modalitäten in sich. Sie ist notwendigerweise eine Einheit von Wirklichkeit und Möglichkeit und ist auch noch eine zerstreute Wirklichkeit, d. h. in dieser Ausprägung ebenso eine nicht in sich reflektierte Zufälligkeit. All dies ist die reale Möglichkeit aber nicht als Selbständigkeit, sondern nur als im Selbstaufhebungsprozess, der stets auf eine andere Wirklichkeit ausgerichtet ist, begriffen. In der Bewegung des Wirklichen, die selbst hierin noch Manifestationsbewegung bleibt, muss und soll die Möglichkeit allererst auf sich selbst zurückkommen. Hierin wird sie die Reflexion-in-sich vollenden, vorerst ist sie jedoch in ihrer sich aufhebenden Wirklichkeit gerade nicht in sich reflektiert, ist nur als ein Bedingungskomplex, der ein Ansichsein für Anderes darstellt. Das, was sich erst verwirklichen soll, ist seinem Ansichsein nach in bestimmten Umständen gegeben, die sich zusammenfinden müssen, um zu dieser bestimmten Wirklichkeit zu kommen. Die Vorstellung begegnet hier der Schwierigkeit, zwei Wirklichkeitsdimensionen zu vergleichen, um sie einerseits auseinanderzuhalten und andererseits in eins zu setzen. Auf der einen Seite sollen verschiedene Umstände festgehalten werden. Das betrifft eine Vielheit, unterschiedliche Komponenten, etwas, das aufgezählt werden kann oder soll. Wir könnten etwa an eine bestimmte Menge Wasser denken, zu welchem nun verschiedene Umstände hinzukommen, beispielsweise ein bestimmtes Gefäß von bestimmtem Material, in welchem sich das Wasser befindet. Darüber hinaus wäre die ganz spezifische Konsistenz des Wassers zu berücksichtigen, welche bestimmten Stoffe in wiederum unterschiedlichen Zusammensetzungen in ihm gelöst wären usf. Darüber hinaus käme die Beschaffenheit der Luft in Betracht, die das Gefäß und das in ihm befindliche Wasser umgibt. Es müsste auch hierbei festgehalten werden, welche Partikel die Luft beinhaltet und dergleichen. Zuletzt käme es auf die Temperatur an, die nun in einem bestimmten Fall dazu führen könnte, dass dieses Wasser gefriert. Auf der anderen Seite hätten wir dann den Zustand des Eises, der sich als ein bestimmter Wirklichkeitszustand begreifen lässt. Dieser ließe sich nun mit den vorherigen Faktoren vergleichen, wobei diese Umstände der Möglichkeit entsprächen, d. h. den Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit aus dem flüssigen Wasser Eis wird. So weit, so gut. Bis hierher dürfte die Vorstellung noch kein Problem haben. Die tatsächliche Schwierigkeit taucht auf, wenn gefordert wird, alle Umstände in ihrer wirklichen Konkretion und Vollständig114

WdL II, S. 209; GW 11, S. 386.

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keit anzugeben und sie zugleich noch von jener Wirklichkeit zu unterscheiden, die sich hier, aus dieser Möglichkeit hervorgehend, verwirklicht hat. Es ist auch nur dann die reale Möglichkeit dieser Wirklichkeit, wenn die Bedingungen in ihrer ganz spezifischen Gesamtheit vorliegen, ein Abschweifen zu einem ähnlichen Fall oder zu einer allgemeinen Regel oder einem Gesetz wäre nicht zulässig. Solche Überlegungen beträfen eben nicht diese Umstände. Wir sehen, dass in letzter Konsequenz die Totalität der Umstände gar nicht von der wirklichen Sache selbst, in unserem Beispiel diese ganz bestimmte gefrorene Wassermenge, abgetrennt werden kann. Wäre es jedoch so, dass sich in diesem Geschehen jeglicher Unterschied verlieren würde, dann fielen wir in die abstrakt-formelle Stufe zurück, d. h. wir würden die Wirklichkeit nur nach ihrer eigenen Möglichkeit betrachten, was nichts anderes bedeutet, als eine abstrakte Identität zu unterstellen. So abstrakt-formell ist jedoch, wie eingehend oben ausgeführt, nicht einmal die formelle Stufe. In der konkret-formellen Stufe, wie sie freilich allein spekulativ abgehandelt wird, ist schon der Unterschied ganz und gar nicht getilgt. Die Wirklichkeit ist Bewegung der absoluten Form, daher absolutes Unterscheiden in sich, wodurch und worin alle Modalitäten, selbst in ihrer Formalität, gesetzt sind. Noch viel mehr ist in der realen Stufe der Unterschied präsent, was wiederum nichts anderes heißt, als zuzugeben, dass es zur Realität der Modalität notwendigerweise dazugehört, in einem reellen Auseinander zu bestehen, also das Wirkliche der realen Möglichkeit nicht als ihre eigene Möglichkeit aufzufassen, sondern als diejenige einer anderen Wirklichkeit. Dieses Anderssein ist demnach absolut konstitutiv für jegliches Wirklichkeitsgeschehen. Nichtsdestoweniger, und hierin liegt die nächste Hürde und die für das Vorstellen letztlich nicht zu begreifende Zumutung, ist es ebenso notwendig, die Modalitätsbeziehung als eine der Identität zu fassen, und zwar als konkrete Identität. Das Moment des Ansichseins muss als Identitätsmoment gedacht werden, nur hierin ist die Möglichkeit die bestimmte Möglichkeit der Wirklichkeit, ansonsten bleiben es nur Zustände, die von einem dritten Standpunkt aus verglichen und verbunden werden. Dieses äußerliche Angleichen ist jedoch niemals Wirklichkeitsprozess als solcher, also überhaupt nicht wirklich. Demgegenüber sind wir abermals gezwungen, die Untiefen des Vorstellens zu verlassen, denn es ist nötig, die identische Beziehung als und im Unterschied zu begreifen, d. h. den Widerspruch zu denken. Dieser Widerspruch betrifft dabei die Modalbeziehung selbst und das inhaltliche Bedingungsgefüge, dessen Verschiedenartigkeit sich über den Gegensatz zum Widerspruch steigert: »Dies ist aber nicht ein Widerspruch der Vergleichung, sondern die mannigfaltige Existenz ist an sich selbst dies, sich aufzuheben und zugrunde zu gehen, und hat

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darin wesentlich die Bestimmung, nur ein Mögliches zu sein, an ihr selbst. – Wenn alle Bedingungen einer Sache vollständig vorhanden sind, so tritt sie in Wirklichkeit; – die Vollständigkeit der Bedingungen ist die Totalität als am Inhalte, und die Sache selbst ist dieser Inhalt, bestimmt, ebenso ein Wirkliches als Mögliches zu sein.«115

Die Verwirklichung besteht hier im sich auflösenden Widerspruch116 des mannigfaltig Existierenden, weil es sich gemäß seiner Möglichkeit (als einer realen) an ihm selbst als Bedingung117 bestimmt, deren Reflexion eigene Bewegung des Wirklichen ist. Es liegt kein äußerlicher Widerspruch vor, den wir am besten von den Dingen abhalten sollten, es handelt sich um den Wirklichkeitsprozess selbst, der nur aufgrund der Widersprüchlichkeit des bedingten Andersseins und der sich aufhebenden Widersprüchlichkeit auf eine bestimmte Identität hin im Gang ist. Dies ist die sich immanent vollziehende reale Manifestationsbewegung, die nur sich selbst manifestiert und daher keine Dynamik darstellt, die vielleicht dahinter oder verborgen waltet und die wir allererst aufdecken oder entdecken müssten. Was es in der Wirklichkeit zu entdecken gibt, ist ihre absolute Modalität, sich auf sich selbst hin aufzuheben. Philosophisch ist es somit allererste Aufgabe, diesen Aufhebungsprozess zu verstehen, einzelwissenschaftlich bleibt es unendliches Ziel, die realen Umstände immer noch genauer zu untersuchen, um zumindest das Wirklichkeitsniveau der ansichseienden Welt in ihrer Negativität zu erreichen,118 d. i. solche allgemeine Bestimmungen zu formulieren, die das Negative in sich enthalten und nicht bloß äußerlich Negatives erklären. Wenden wir uns nun aber dem Selbstaufhebungsprozess der realen Möglichkeit zu. Welche modalen Momente sind es, die aufgehoben werden?

WdL II, S. 209 f.; GW 11, S. 387. Es gilt, die Selbstaufhebungsbewegung des Widerspruchs im Verlauf der Reflexionsbestimmungen stets vor Augen zu haben. 117 Schon in den Ausführungen zur Bedingung, genauer in ›c. Hervorgang der Sache in die Existenz‹, wird die Bestimmung der Totalität der Sache im Sinne des Erinnerungsvorgangs der Bedingungen thematisch: »Wenn also alle Bedingungen der Sache vorhanden sind, d. h. wenn die Totalität der Sache als grundloses Unmittelbares gesetzt ist, so erinnert sich diese zerstreute Mannigfaltigkeit an ihr selbst. – Die ganze Sache muß in ihren Bedingungen dasein, oder es gehören alle Bedingungen zu ihrer Existenz; denn alle machen die Reflexion aus; oder das Dasein, weil es Bedingung ist, ist durch die Form bestimmt, seine Bestimmungen sind daher Reflexionsbestimmungen und mit einer wesentlich die anderen gesetzt.« WdL II, S. 122; GW 11, S. 321. 118 Vgl. hierzu das zweite Unterkapitel zum Kapitel über die Erscheinung, d. i. ›B. Die erscheinende und die an sich seiende Welt‹. 115 116

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»In der sich aufhebenden realen Möglichkeit ist es nun ein Gedoppeltes, das aufgehoben wird; denn sie ist selbst das Gedoppelte, Wirklichkeit und Möglichkeit zu sein. 1. Die Wirklichkeit ist die formelle oder eine Existenz, die als selbständige unmittelbare erschien und durch ihr Aufheben zum reflektierten Sein, zum Moment eines Anderen wird und somit das Ansichsein an ihr erhält. 2. Jene Existenz war auch bestimmt als Möglichkeit oder als das Ansichsein, aber eines Anderen. Indem es sich also aufhebt, so wird auch dies Ansichsein aufgehoben und geht in Wirklichkeit über.«119

Im ersten Punkt wird festgehalten, was wir weiter oben bereits angedeutet hatten, dass nämlich in der realen Möglichkeit Wirklichkeit und Möglichkeit zunächst in unmittelbarer Weise zusammenkommen. Diese Wirklichkeit ist daher formell und die Möglichkeit auch nur ein abstraktes Ansichsein.120 Dies lässt sich jedoch in diesem Nebeneinander nur solange behaupten, als noch der Status aufrecht ist, welcher besagt, dass die Aufhebung sich noch vollziehen soll. Wir betrachten nun jedoch diesen Aufhebungsvollzug selbst. Darin bleibt es richtig, dass Wirklichkeit und Möglichkeit vereint sind, es zeigt sich dies aber in der Prozessualität einer Gegenseitigkeit oder Gegenläufigkeit, wodurch das Nebeneinander-Bestimmtsein zu einem Auseinander-Bestimmtsein wird. Die Bestimmungen hängen voneinander ab und gehen auseinander hervor. Im Akt der Aufhebung setzt sich allererst die bloß unmittelbare Existenz als ansichseiend, das Ansichsein ist nicht bloßes Reflektiertsein, es entsteht erst durch das Reflektiertwerden. Im Aufheben wird das unmittelbare Sein zum reflektierten Sein, das Ansichsein ist erst in der Aufhebungsbewegung selbst. In diesem ersten Punkt ist das Identitätsmotiv angesprochen, weil hier die Identität des Ansichseins als das Identische im Reflektiertwerden oder Anderswerden zum Tragen kommt. Umgekehrt wird im zweiten Punkt nicht von der Identität ausgegangen, sondern vom Ansichsein im Anderssein. Die existierenden Umstände des Bedingungsgefüges sind bereits in ihrer Unmittelbarkeit als ansichseiend bestimmt, auf dieser Unterschiedsseite jedoch als das Ansichsein eines Anderen. Vollzieht sich nun die Aufhebung, so bringt diese Bewegung das Identitätsmoment gerade hervor, d. i. die Verwirklichung, das Setzen der unmittelbar identischen Wirklichkeit, eben durch Aufheben des Ansichseins nur für Anderes. Im ersten Punkt setzt sich also das Identitätsmoment als identisch mit dem Unterschied, im zweiten Punkt setzt sich das Unterschiedsmoment als sich in die Identität aufhebend. Beide modalen Richtungen sind jedoch eins, weil jedes Moment sich im Aufhe119

WdL II, S. 210; GW 11, S. 387. Vgl. den dritten Absatz des zweiten Punktes der realen Stufe: »… die reale Möglichkeit […] ist nun zwar das gesetzte Ganze der Form, aber der Form in ihrer Bestimmtheit, nämlich der Wirklichkeit als formeller oder unmittelbarer und ebenso der Möglichkeit als des abstrakten Ansichseins.« WdL II, S. 209; GW 11, S. 386.

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ben selbst begegnet, die schon vorhandenen Momente erzeugen sich neu in ihrer Dieselbigkeit, jeweils aus der anderen Richtung entstehend: »Diese Bewegung der sich selbst aufhebenden realen Möglichkeit bringt also dieselben schon vorhandenen Momente hervor, nur jedes aus dem anderen werdend; sie ist daher in dieser Negation auch nicht ein Übergehen, sondern ein Zusammengehen mit sich selbst.«121

Achten wir auf diese Bewegung als von der unmittelbaren Existenz beginnend und sich über die Prozessualität des rückläufigen und hier auch gegenläufigen Gesetztseins wieder zur Unmittelbarkeit herstellend, so erkennen wir in ihr sofort das Motiv der Notwendigkeit. Wenn dann noch darauf abgehoben wird, dass sich diese Bewegung hierdurch in eine Identität bringt, wird es vollends klar, dass es sich um eine notwendige Bewegung handelt. Wodurch entsteht jedoch diese Identität? Welche Momente gehen mit sich selbst zusammen? Formal können wir dies so beantworten, dass sich das Anderssein im Anderswerden als Anderssein herstellt, damit in der Prozessualität werdend bei sich bleibt. Das Anderssein ist eigenes Anderssein der Möglichkeit, das sich im Verwirklichungsprozess nicht verliert. Die Wirklichkeit bleibt in der sich aufhebenden Möglichkeit Manifestationsbewegung, die nur sich manifestiert. Diese Wirklichkeit ist aber keine sich fortwälzende träge Masse, sie enthält den absoluten reflektiven Gegenstoß in sich, ist als Identität nur im Unterscheiden der sich entgegenstehenden Momente, die zugleich gegen sich auf sich zulaufen. Das Anderssein ist gesetzt, sich aufhebend und sich setzend, der wirklichen Möglichkeit immanent. Eben darin enthüllt sich, dass die Wirklichkeit kein Übergehen in Anderes mehr ist, sondern nur ein Übergehen in sich, in welchem jedoch das Anderssein nicht getilgt ist, es letztlich nur zur Manifestation seiner selbst gebracht wird. Nochmals: Wie gehen die Momente mit sich selbst zusammen? »Nach der formellen Möglichkeit war darum, weil etwas möglich war, auch – nicht es selbst, sondern – sein Anderes möglich. Die reale Möglichkeit hat nicht mehr ein solches Anderes sich gegenüber, denn sie ist real, insofern sie selbst auch die Wirklichkeit ist. Indem sich also die unmittelbare Existenz derselben, der Kreis der Bedingungen, aufhebt, so macht sie sich zum Ansichsein, welches sie selbst schon ist, nämlich als das Ansichsein eines Anderen. Und indem umgekehrt dadurch zugleich ihr Moment des Ansichseins sich aufhebt, wird sie zur Wirklichkeit, also zu dem Momente, das sie gleichfalls selbst schon ist. – Was verschwindet, ist damit dies, daß die Wirklichkeit bestimmt war als die Möglichkeit oder das Ansichsein

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WdL II, S. 210; GW 11, S. 387.

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eines Anderen und umgekehrt die Möglichkeit als eine Wirklichkeit, die nicht diejenige ist, deren Möglichkeit sie ist.«122

Die Momente lassen sich nur solange getrennt auseinanderhalten, als wir die Bewegung in Zustände gliedern, die statisch aneinandergereiht werden. Sobald sich jedoch die Bewegung als Bewegung vollzieht und dieser Vollzug gedacht wird, so löst sich die nur vorgestellte Abfolge, die den Unterschied nicht in die Identität fallen lassen möchte, auf. Die schon vorhandenen Momente werden nicht perennierend hinzugesetzt und wie in einer Kette aufgefädelt, so entstünde nur eine äußerliche Zusammenfügung, ohne jeglichen Zusammenhalt. Die schon vorhandenen Momente gehen vielmehr aus ihrer Aufhebung auseinander hervor, d. h. im Anderssein und in der widersprüchlichen Entgegnung gehen sie einerseits unter und setzen sich andererseits wieder neu, einander entgegengesetzt und zugleich mit sich selbst zusammengehend. Das Ansichsein wird erst im Aufheben des Bedingungsgefüges und bestimmt sich damit zu dem, was sie als Möglichkeit schon ist. Umgekehrt hebt sich das bloße Ansichsein für Anderes auf und bestimmt sich als Wirklichkeit, die sie jedoch auch schon als reale Möglichkeit ist. Das werdende Ansichsein begegnet im Aufheben dem seienden Ansichsein so, dass dieser Unterschied sich als identisch setzt, und die werdende Wirklichkeit begegnet im Aufheben der seienden Wirklichkeit so, dass dieser Unterschied sich als identisch setzt. Die Negativität von Möglichkeit und Wirklichkeit setzt sich in eine Identität, welche diese Negativität allererst ermöglicht. Wir müssen nicht darauf warten, dass sich ein Identitätsstrang als einzig notwendige Verbindung ergibt, diese Identität erweist sich als vorausgesetzt, obwohl sie sich zugleich nur dem Setzungsprozess verdankt. Bleiben wir bei dem Voraussetzungsmoment stehen, so verbleiben wir bei einer transzendentallogischen Argumentation, die stets aufweisen kann, dass die Synthesis immer schon als a priori sich vollziehend gar nicht äußerlich hergestellt werden muss und auch nicht hergestellt werden kann. Bleiben wir bloß beim Setzungsmoment stehen, so geraten wir in eine schlechte Spekulation, die darauf pocht, dass in allen Unterscheidungen, Analysen und Differenzierungen immer nur eine Identität herauskommen wird, das scheinbare Auseinanderdriften somit in einer Totalität eingeschlossen bleibt, deren absolutem Setzungscharakter keine Bestimmung entkommen kann. Drittens verlassen wir uns vielleicht auf eine angebliche Synthese dieser Richtungen, was jedoch leider auch nur schlechte Spekulation ergibt. Was bleibt übrig? Nichts anderes als der genaue Blick auf diese Identität und die spezifische Modalität ihrer Momente. In der Realisierungsstufe realisiert sich auch erst diese Identität, sie kann weder in ihrer Formalität weitergezogen werden, noch kann sie als eine Identität unterstellt werden, die noch 122

WdL II, S. 210 f.; GW 11, S. 387 f.

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gar nicht vorliegt. Vorerst lässt sich nur sagen, dass sich das Anderssein der auseinandergehaltenen Wirklichkeitsmomente und das Anderssein der auseinandergehaltenen Möglichkeitsmomente im Aufhebungsprozess der zur Vollständigkeit gekommenen Bedingungen verloren hat. Die unmittelbare Wirklichkeit schließt sich über die aufhebende Entgegnung der Momente der realen Möglichkeit wieder mit sich selbst zusammen. Diese Wirklichkeit wird im Aufhebungsprozess also wieder zur Wirklichkeit in ihrer reflektierten Innerlichkeit und die Möglichkeit wird wieder eigene Möglichkeit der sich veräußernden Wirklichkeit. Das Negative der realen Möglichkeit wird sich entgegensetzendes Negieren ihrer Momente, wodurch sich die Wirklichkeit im realen Unterscheiden als reale Identität generiert. Die Realität dieser Identität ist jedoch inhaltsgebunden und das Anderssein, auch in der Entgegnung von Form und Inhalt selbst, ist nicht getilgt, es ist in gewisser Weise unüberbietbar. Das, was auseinandergehalten werden soll, hebt sich gegeneinander auf, verliert sich in sich, das, was jedoch nicht verloren geht, ist das Anderssein als solches. Die Modalität verläuft sich in die für den Verstand unbegreifliche Paradoxie, dass das Anderssein selbst nicht mehr anders sein kann. Ist dies notwendig? Bevor wir zur Conclusio aus der sich negierenden realen Möglichkeit kommen, sei darauf hingewiesen, dass das Zueinander der Momente in diesem Aufhebungsprozess eine typisch vorbegriffliche Struktur aufweist. Dies ist wichtig, markant hervorzuheben, um eine Ahnung entstehen zu lassen, wie das Begriffliche als solches verfasst sein könnte. Was besonders auffällt, ist die eigentümliche Konstellation, die dazu führt, dass in der Aufhebungsbewegung »dieselben schon vorhandenen Momente«123 hervorgebracht werden. Die Momente erzeugen sich zwar jeweils neu »aus dem anderen werdend«,124 was sie aber dabei erzeugen, ist, hinsichtlich der Momente als solcher, nichts Neues. Die sich realisierende reale Möglichkeit ermöglicht die Verdeutlichung ihrer Bestimmtheit, ohne eine Bestimmtheit zu benötigen, die als Gegenbestimmung fungiert. Sie macht sich lediglich »zum Ansichsein, welches sie selbst schon ist«,125 und sie wird »zur Wirklichkeit, also zu dem Momente, das sie gleichfalls selbst schon ist.«126 Entscheidend also ist, dass die schon vorhandene Bestimmtheit bestimmt wird und dabei ohne (eventuell metalogischen) Umweg als Bestimmtheit zum Austrag kommt. Freilich, das ist für die weitere Realisierung des sich Seinsbedeutung gebenden Wesens ebenso entscheidend, passiert dies nicht linear, denn die Bewegung hat nicht den Charakter, das Ansichsein und die Wirklichkeit nur weiter in den Vordergrund zu rücken. Diese Momente sind nur im Aufheben und nur in gegenläufiger Entgegnung, sie werden nicht als solche ver WdL II, S. 210; GW 11, S. 387. Ebd. 125 WdL II, S. 210 f.; GW 11, S. 387. 126 WdL II, S. 211; GW 11, S. 388. 123 124

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deutlicht, sie verdeutlichen sich nur durch das negative Untergehen ineinander. Dabei wird die gegebene Bestimmtheit wieder bestimmt, jedoch nicht von einem äußeren Standpunkt aus oder von einer Metaebene her, die Bestimmtheit weist vielmehr negativ auf sich, ohne hierfür einer äußerlichen oder auch innerlichen Abhebung zu bedürfen. Dieses Zeigen auf sich ist noch eingebunden in die spezifische Relationalität des Wesens und durchaus auch noch vorübergehend, nichtsdestoweniger kommt uns das Begriffliche zumindest in einer ansichseienden Protostruktur entgegen. Die Aufhebungsbewegung als Bewegung des Zeigens generiert jedoch an dieser Stelle keine negative Stabilität des Insichseins127 (als Subjekt), sie gehört der Gesamtbewegung der objektiven Logik an, die immer noch am Weg ist, die Notwendigkeit oder die notwendige Bewegung auf die Spitze zu treiben und zu klären. Klar ist bisweilen nur, dass in der sich aufhebenden realen Möglichkeit über ihr eigenes Gesetztsein und Anderssein ihre eigene Identität mit sich entsteht. Als aus der sich aufhebenden Entgegnung resultierend, so ist damit die Notwendigkeit in ihrer inhaltlichen Ausprägung gesetzt: »Die Negation der realen Möglichkeit ist somit ihre Identität mit sich; indem sie so in ihrem Aufheben der Gegenstoß dieses Aufhebens in sich selbst ist, ist sie die reale Notwendigkeit. Was notwendig ist, kann nicht anders sein; aber wohl, was überhaupt möglich ist; denn die Möglichkeit ist das Ansichsein, das nur Gesetztsein und daher wesentlich Anderssein ist. Die formelle Möglichkeit ist diese Identität als Übergehen in schlechthin Anderes; die reale aber, weil sie das andere Moment, die Wirklichkeit, an ihr hat, ist schon selbst die Notwendigkeit. Was daher real möglich ist, das kann nicht mehr anders sein; unter diesen Bedingungen und Umständen kann nicht etwas anderes erfolgen.«128

Die Aufhebungsbewegung der realen Möglichkeit ist in sich selbst bleibendes, gegenläufiges Aufheben, wodurch die Identität nicht erst hervorgebracht wird, sondern sich durch das Gesetztsein und Anderssein entbirgt. In der formellen Möglichkeit ist das Anderssein noch einfaches Anderssein, die Identität damit auch nur im einfachen Gesetztsein, als erste Aufhebung der Gegenteiligkeit, gegeben. In der realen Möglichkeit wird das Gesetztsein selbst gesetzt, die Aufhebung der Gegenteiligkeit passiert im rückläufigen Gegenstoß, der die Gegenteiligkeit einerseits wieder neu erzeugt, sie aber andererseits zu keiner Dieses noch unentwickelte Insichsein, das mit der Struktur der bestimmten Bestimmtheit einhergeht, hebt als beginnende Subjektivität bereits mit der Negation der Negation des Etwas an: »Das Negative des Negativen ist als Etwas nur der Anfang des Subjekts; – das Insichsein nur erst ganz unbestimmt.« WdL I, S. 123; GW 21, S. 103. 128 WdL II, S. 211; GW 11, S. 388. 127

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Andersartigkeit kommen lässt. Die aus dem Anderssein neu entstehenden Momente sind »dieselben schon vorhandenen Momente«,129 zwar »jedes aus dem anderen werdend«,130 aber damit doch zusammengehend mit sich. Das Anderssein zeigt im auf sich selbst zurückkommenden Anderswerden eine Identität, die weder erst entsteht noch auch vergehen kann. Im Unterscheidungsprozess der sich verwirklichenden realen Möglichkeit waltet eine Identität, die gerade durch die bestimmten inhaltlichen Unterschiede aufrecht ist und aufrecht bleibt. Was also anhand der realen Möglichkeit zur Wirklichkeit kommt, realisiert vollständiges Anderssein, das, so paradox es auch klingen mag, kein anderes Anderssein zulässt. Darin besteht hier also tatsächlich die Notwendigkeit, ein Anderssein aufzuzeigen, das nicht mehr anders sein kann. Dabei ist zu bedenken, dass dies keinen Formalismus beschreibt, der vielleicht einer bloßen Wortspielerei mit dem Ausdruck Anderssein entstammt. Die Notwendigkeit ist mit dem unmittelbaren Anderssein nur in der rückläufigen Gegenbewegung vereinheitlicht, es gibt kein sich bewahrendes Anderssein, das nur auf bloßer Fortsetzung von unmittelbarer Andersheit beruhte. Überdies ist der »Gegenstoß dieses Aufhebens in sich selbst«131 in realer Bestimmtheit zu denken, das Anderssein beschreibt nicht den Leerlauf einer formal wiederkehrenden und nur hierüber selbstbezüglichen Struktur. Das Identitätsmoment der realen Notwendigkeit basiert vielmehr auf dem Zueinander einer sich in sich verkehrenden Formbeziehung und einem Inhalt, der an sich auch eine Inhaltsbeziehung darstellt. Der Inhalt ist in die Bedingungen und Umstände auseinandergenommen, eine bestimmte Mannigfaltigkeit, die jedoch nicht in ihrer Zerstreuung verbleibt, sondern nur dann die Verwirklichung der realen Möglichkeit ist, wenn sie vollständig in Identität mit dieser Sache besteht. Die »Sache selbst ist dieser Inhalt, bestimmt, ebenso ein Wirkliches als Mögliches zu sein«,132 also bereits real und sich dennoch realisierend, wodurch ersichtlich wird, dass diese Sache als in Bewegung begriffene Wirklichkeit vorliegt. Es ist kein starres Ding und kein fixierter Sachverhalt, es ist reale Manifestation der Andersheit des Wirklichen selbst. Das Anderssein ist Gesetztsein und Identität im Gesetztsein, so dass das Moment der Möglichkeit und das Identitätsmoment der Notwendigkeit in der Scheinbeziehung einer in sich bleibenden Andersheit vereint sind: »Reale Möglichkeit und die Notwendigkeit sind daher nur scheinbar unterschieden; diese ist eine Identität, die nicht erst wird, sondern schon vorausgesetzt ist und zugrunde liegt. Die reale Notwendigkeit ist daher inhaltsvolle Beziehung; denn der WdL II, S. 210; GW 11, S. 387. Ebd. 131 WdL II, S. 211; GW 11, S. 388. 132 WdL II, S. 210; GW 11, S. 387. 129

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Inhalt ist jene ansichseiende Identität, die gegen die Formunterschiede gleichgültig ist.«133

Die scheinbare Unterschiedenheit von realer Möglichkeit und Notwendigkeit ist Unterschiedenheit des Scheins, der jedoch nicht als Scheinen in Anderes ausgeprägt ist, weil das Andere nur als gegen sich gekehrtes Anderssein ist, so dass die Wirklichkeit in ihrer Veräußerung schon an sich Sein und Wesen vereinigt hat. Das Wirkliche ist, so unbegreiflich dies auch für eine verständige Herangehensweise sein mag, sogar in der realen Stufe weder der bloßen Veränderung unterworfen, noch auch bloßes Scheinen in Anderes, ist vielmehr schon vorbegriffliche Bewegung als sich vollziehende Aufhebung der Seinsbewegung und Wesensbewegung. Nochmals also lohnt es sich – auch an dieser Stelle – an die prinzipielle Kennzeichnung aus der Einleitungspassage zum zweiten Kapitel über ›Die Wirklichkeit‹ zu erinnern: »Das Wirkliche ist darum Manifestation; es wird durch seine Äußerlichkeit nicht in die Sphäre der Veränderung gezogen, noch ist es Scheinen seiner in einem Anderen, sondern es manifestiert sich, d. h. es ist in seiner Äußerlichkeit es selbst und ist nur in ihr, nämlich nur als sich von sich unterscheidende und bestimmende Bewegung, es selbst.«134

Allmählich sollten diese Formulierungen griffiger werden. Wenn wir genau darauf achten, lässt sich nun besser nachvollziehen, warum hier das Scheinen in einem Anderen verneint wird. Es bedeutet nicht, dass hier kein Scheinen vorläge, es wird lediglich darauf abgehoben, dass die Scheinbeziehung nicht ein Anderes involviert. Was aber in der realen Stufe durchaus der Fall ist, ist ein Scheinen in einem nicht mehr anders sein könnenden Anderssein, genau das ist notwendig. Die Modalität ist hierin zu einer scheinbaren Vollkommenheit gediehen, sie beruht aber auf der zugrundeliegenden Identität, die einerseits Inhaltlichkeit verbürgt, andererseits ihren Gegenpart an einem Formunterschied besitzt, der in der Aufhebungsbewegung, also im Manifestationsprozess, ebenfalls identisches Gesetztsein in einem sich erhaltenden Anderssein realisiert. Diese Realisierung führt zu modaler Vervollkommnung, in der das modale Anderssein, d. h. die Entgegnung von Möglichkeit und Wirklichkeit, und das bestimmte Anderssein, d. i. die spezifische Ausprägung nach bestimmten Inhalten, als sich perpetuierend gesetzt sind. Das führt dazu, dass sich zwar alle emergierenden Gegensätzlichkeiten notwendigerweise auflösen, ihre Abkunft aus der in sich gebrochenen Bestimmtheit der Wirklichkeit, dem Ineinanderkippen von Wirklichkeit und Möglich133

WdL II, S. 211; GW 11, S. 388. WdL II, S. 201; GW 11, S. 380 f.

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keit, bestehen bleibt. Die Setzungsbewegung ist zugleich voraussetzend, weil die Identität von der ihr zugehörigen Unterschiedlichkeit abhängig bleibt. Das Charakteristische dieser real in sich gebrochenen Wirklichkeit besteht im Auseinandergespanntsein über ihre eigene Bestimmtheit. Diese inhaltliche Bestimmtheit setzt beim sich aufhebenden Formalismus als einer vorläufigen Unmittelbarkeit an, exponiert dann das hierin untergegangene Negative neu, d. i. die Verkehrung des Andersseins in sich, und kommt an einer unmittelbaren Bestimmtheit wieder zu sich zurück. Das Rückkehren ist die bestimmte Setzungsbewegung der sich enthüllenden Notwendigkeit und das sich perpetuierende Unmittelbare ist Voraussetzen, »Negation des Negativen als des Negativen«135 in der Umschlagsbewegung der Zufälligkeit. Die reale Notwendigkeit ist gesetzte Negativität, gegen sich gekehrtes Anderssein, das jedoch im Aufheben zugleich das Negative als Negatives negiert, wodurch sich das Unmittelbare als Vorausgesetztes ergibt. Da die Unmittelbarkeit der realen Wirklichkeit in der Umschlagsbewegung von Wirklichkeit und Möglichkeit ineinander begriffen ist, so erweist sich diese Zufälligkeit, die wir auch reale Zufälligkeit nennen könnten, als Voraussetzungsmoment: »Diese Notwendigkeit aber ist zugleich relativ. – Sie hat nämlich eine Voraussetzung, von der sie anfängt, sie hat an dem Zufälligen ihren Ausgangspunkt. Das reale Wirkliche als solches ist nämlich das bestimmte Wirkliche und hat zunächst seine Bestimmtheit als unmittelbares Sein darin, daß es eine Mannigfaltigkeit existierender Umstände ist; aber dies unmittelbare Sein als Bestimmtheit, ist es auch das Negative seiner, ist Ansichsein oder Möglichkeit; so ist es reale Möglichkeit. Als diese Einheit der beiden Momente ist sie die Totalität der Form, aber die sich noch äußerliche Totalität; sie ist so Einheit der Möglichkeit und Wirklichkeit, daß 1. die mannigfaltige Existenz unmittelbar oder positiv die Möglichkeit ist, – ein Mögliches, mit sich Identisches überhaupt, darum weil sie ein Wirkliches ist; 2. insofern diese Möglichkeit der Existenz gesetzt ist, ist sie bestimmt als nur Möglichkeit, als unmittelbares Umschlagen der Wirklichkeit in ihr Gegenteil – oder als Zufälligkeit. Daher ist diese Möglichkeit, welche die unmittelbare Wirklichkeit, indem sie Bedingung ist, an ihr hat, nur das Ansichsein als die Möglichkeit eines Anderen. Dadurch daß, wie gezeigt, dies Anderssein sich aufhebt und dies Gesetztsein selbst gesetzt wird, wird die reale Möglichkeit zwar Notwendigkeit, aber diese fängt somit von jener noch nicht in sich reflektierten Einheit des Möglichen und Wirklichen an; – dieses Voraussetzen und die in sich zurückkehrende Bewegung ist noch getrennt – oder die Notwendigkeit hat sich noch nicht aus sich selbst zur Zufälligkeit bestimmt.«136 WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. Vgl. die an dieser Stelle vorgenommene Charakterisierung von Setzen und Voraussetzen in der setzenden Reflexion. 136 WdL II, S. 211 f.; GW 11, S. 388 f. 135

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Die Notwendigkeit ist noch relativiert, abhängig von der modalen Komplexion der Bestimmtheit, die in ihrer Inhaltlichkeit Wirklichkeit und Möglichkeit zwar absolut zusammenfügt, diese Fügung aber einen nicht gesetzten Unmittelbarkeitsaspekt involviert, d. i. die Zufälligkeit als Beschränktheit der mannigfaltigen Existenz und als Umschlagsbewegung der Wirklichkeit in ihr eigenes Ansichsein. So lässt sich zwar das Erreichen der Totalität der Form konstatieren, aber diese bleibt sich selbst äußerlich, weil die ganze modale Reflexion in der Mitte des bestimmten Unmittelbaren137 nur als äußere Reflexion zustande kommt. Die Extreme zu dieser Mitte sind die Unmittelbarkeit selbst und die Negation, die in der Negativität der Notwendigkeit schon vollkommene Setzungsbewegung des gegen sich gekehrten Andersseins geworden ist. Die im zitierten Absatz ausgewiesenen zwei Punkte heben die Unmittelbarkeitsmomente hervor, die in der Bewegung der Totalität der Form vorkommen. Im ersten Punkt ist die unmittelbare oder positive Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit in der mannigfaltigen Existenz als solcher hervorgehoben, und im zweiten Punkt ist der Bewegungsaspekt des unmittelbaren Umschlagens genannt, wodurch auch von dieser Hinsicht her die Zufälligkeit als Ausgangspunkt der weiteren Aufhebungsbewegung aufgezeigt ist. Obwohl nun das Ansichsein das Identitätsmoment nur in der Beziehung auf Anderes realisiert, kommt es in der Aufhebungsbewegung der realen Möglichkeit zur Aufhebung des Andersseins, das, wie oben ausgeführt, die schon vorhandenen Momente neu hervorbringt und das Anderssein gegen sich kehrt. Die im real Wirklichen schon gesetzten Momente werden also erneut gesetzt, so dass das Gesetztsein selbst gesetzt (=das schon verdeutlichte vorbegriffliche Zeigen auf sich) wird und sich die reale Möglichkeit als Notwendigkeit erweist. Dennoch hebt die Aufhebungsbewegung bei den Unmittelbarkeitsaspekten der Zufälligkeit an, wodurch die Notwendigkeit in ihrer in sich zurückkehrenden Bewegung voraussetzend ist. Diese Notwendigkeit ist aber gerade dann nicht notwendig, wenn sie sich nicht aus sich selbst zur Zufälligkeit138 bestimmt. Schon aus dieser kleinen Lek Vgl. hierzu den Schluss der äußeren Reflexion, in welchem das bestimmte Unmittelbare ebenso als Mitte fungiert, d. i. der 3. Absatz der äußeren Reflexion, WdL II, S. 29; GW 11, S. 253. 138 »So erweist auch die Kategorie der Zufälligkeit die Offenheit des Hegelschen Systems, in dem es gerade nicht darauf ankommt, Schreibfedern zu deduzieren und der empirischen Wissenschaft in der Einsamkeit der Studierstube Konkurrenz zu machen. Das Zufällige muss philosophisch ernst genommen werden, aber nicht ernster, als es ist. Dies gilt auch im Praktischen: Gerade die Akzeptanz des Zufälligen durch seine Integration in das Wirkliche erlaubt es Hegel, den Zufall nicht als Bedrohung zu überhöhen […]. Vor allem wird mit dem Zufall das Willkürliche und damit ein wesentliches, obschon für sich keinesfalls hinreichendes Moment des Hegelschen Freiheitsbegriffs erst begreifbar.« Folko Zander, Die Logik des Zufalls. Über die Abschnitte A und B des Kapitels »Wirklichkeit« der Wesenslogik, in: Anton Friedrich Koch/Friedrike Schick/Klaus Vieweg/Claudia Wir137

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türeeinsicht heraus kann es also nicht darum zu tun sein, möglichst alle zufälligen Komponenten der Wirklichkeit hinweg zu erklären, um dann letztlich eine in sich abgeschlossene Weltsicht zu generieren, die alles und jedes in ein notwendiges System zu integrieren vermag. Das ist ziemlich verquere Hegel-Idolatrie, zwar ein netter Zeitvertreib für die, die sich ihre Philosopheme gerne durch ein paar Bezüge auf alte und überwunden geglaubte Metaphysiker aus dem hero­ ischen Zeitalter der Philosophie139 absichern möchten, basiert aber auf einer sehr oberflächlichen und meist auch nur indirekten Rezeption. 1.4.1 Reale Möglichkeit in rekonstruktiver Perspektive. Absolute Möglichkeit bzgl. kontinuierlicher und diskreter Größe Bevor wir uns nun dem Erreichen der absoluten Notwendigkeit (die in äußerlicher Lesart auch wieder nur ein stereotypes Hegel-Bild befördert) widmen, sei noch eine wichtige Anmerkung in Bezug auf die reale Möglichkeit gemacht. So wie sie sich im Verlauf der Modalitätskategorien ergeben hat, ist sie in konstitutiver Perspektive gefasst. Aus ihr konstituiert sich der immanente Gehalt der realen Notwendigkeit und in Konsequenz die Bestimmung der absoluten Notwendigkeit. Von realer Möglichkeit lässt sich aber auch in einer rekonstruktiven Perspektive sprechen. Die beste Verdeutlichung hierfür ist ein Hinweis, der sich in der ersten Anmerkung zur reinen Quantität in der Seinslogik findet. Dort wird die reale Möglichkeit zur Charakterisierung des Moments der Diskretion in der Quantität herangezogen: »Die reine Quantität hat noch keine Grenze oder ist noch nicht Quantum; auch insofern sie Quantum wird, wird sie durch die Grenze nicht beschränkt; sie besteht vielmehr eben darin, durch die Grenze nicht beschränkt zu sein, das Fürsichsein als ein Aufgehobenes in sich zu haben. Daß die Diskretion Moment in ihr ist, kann so ausgedrückt werden, daß die Quantität schlechthin in ihr allenthalben die reale Möglichkeit des Eins ist, aber umgekehrt, daß das Eins ebenso schlechthin als Kontinuierliches ist.«140

In der reinen Quantität, die sich als erste Kategorie nach dem Erreichen der Quantität als solcher einstellt, finden sich die Momente der Kontinuität und Diskretion als Bestimmungen, die sich ihrerseits aus der Dialektik des Fürsichseins sing (Hrsg.), Hegel – 200 Jahre Wissenschaft der Logik (Deutsches Jahrbuch Philosophie Bd. 5), Hamburg 2014, S. 188. 139 Die Formulierung spielt an auf den Untertitel der Hegel-Biographie von Althaus. Vgl.: Horst Althaus, Hegel und die heroischen Jahre der Philosophie, München 1992. 140 WdL I, S. 213; GW 21, S. 177.

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und näherhin des Fürsichseienden in der spezifischen Ausdifferenzierung und »Entwicklung des Eins«141 ergeben haben. Die für das Eins charakteristische erste Repulsion (als die an sich seiende, erzeugende Repulsion) und die zweite Repulsion (als die äußerliche, nur abhaltende Repulsion) sind aufgehoben im Diskre­ tionsmoment der Quantität und das Setzen des einen Eins, die Attraktion, ist aufgehoben im Kontinuitätsmoment der Quantität. Ohne an dieser Stelle genauer auf die Beziehung von Repulsion und Attraktion (als dem der Quantität vorausgehenden Kategorienpaar) einzugehen, ist für das Verständnis der rekon­ struktiven realen Möglichkeit nur wichtig, dass eine Auflösung, Abspaltung oder Zerteilung der Quantität in die in ihr gesetzten fürsichseienden Eins nur der Möglichkeit nach geschehen kann und diese Möglichkeit niemals eine abstrakte oder leere Möglichkeit bleiben darf. Die Realität der in diesem Kontext vorkommenden Möglichkeit ist durch die nicht äußerlich aufzubrechende Einheit von Repulsion und Attraktion bzw. Diskretion und Kontinuität selbst gekennzeichnet. Wenn wir das Eins aus dieser Einheit herausnehmen und isolieren möchten, so kann es nicht mehr in die ursprünglich sich selbst äußerlich fürsichseienden Eins zurückfallen, es behält vielmehr das andere Moment an ihm selbst. Auch das der Möglichkeit nach herausgegriffene Eins ist Eins in seiner Vielheit und zugleich Eins als »das als Eins gesetzte Eins«,142 d. h. repulsiv und attrahierend in einem. So wie in der konstitutiven realen Möglichkeit das Anderssein gegen sich gekehrt ist in seinem nicht mehr Andersseinkönnen, so ist auch in der rekonstruktiven realen Möglichkeit das Anderssein im Sinne der gegeneinander gesetzten Momente so gegen sich gekehrt, dass in jeglichem Akt des Trennens auch ebenso wieder ihre Einheit auftaucht oder schon unmittelbar gesetzt ist. Die Quantität lässt sich nicht mehr in Bestandteile aufgliedern, die dann erst zu einer Einheit formiert werden müssten, auch nicht der bloßen Möglichkeit nach. Sie ist eben nur der realen Möglichkeit nach diszerniert, jedoch nicht mehr aufspaltbar in äußerlich aufeinander bezogene Eins, die dann in einer auch wieder nur äußerlichen Zusammensetzung eine Kontinuität ergeben sollen. Das ergäbe gar keinen Zusammenhalt der Quantität, so wie auch die Wirklichkeit keinen in sich notwendigen Zusammenhalt hätte, verbliebe die in ihr waltende Möglichkeit nur abstrakt und leer. Diese schlechte Möglichkeitsvorstellung haben wir jedoch vor uns, wenn wir auf die atomistisch gefassten Paradoxien blicken. Weil das kontinuierliche Bewegungsgefüge als tatsächlich nur aus sich ausschließenden Einzelkomponenten (!) aufgebaut erachtet wird, so ergibt sich letztlich nur der Ausweg oder die schon im Vorhinein gesetzte These, die Bewegung selbst als ein illusionäres Unding aufzufassen, nicht fähig, den Rang wahren Seins für sich in Anspruch nehmen zu können. Demgegenüber enthält schon die aristotelische 141

WdL I, S. 182; GW 21, S. 151. WdL I, S. 195; GW 21, S. 162.

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Dynamis-Lehre eine spekulative Auflösung, weil in ihr die Möglichkeit, auch in dieser abstrakt konstruierten Ausgangssituation, schon als wirkliche oder reale Möglichkeit eingesehen ist. Dynamis und Energeia verbleiben nicht in äußerlicher Zusammenfügung oder in äußerlicher Abwechslung, vielmehr hat das Auseinandergenommene schon in und an ihm selbst die Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit gesetzt. Das potentielle Anderssein und die Einheit der gegeneinander gesetzten Momente verlieren sich nicht in der von außen herbeigeführten Auftrennung in atomar sein sollende Bestandstücke, die, in Hegelscher Diktion, jegliches Gesetztsein eingebüßt hätten. Auch dieses der Möglichkeit nach Einsseiende ist einheitlich dynamisierte Energeia oder ebenso energetisierte Dynamis. So weht auch schon in der aristotelischen Überwindung der atomistisch gedachten Einseitigkeiten ein nicht unerheblicher Hauch von Spekulation. In einer ganz ähnlichen Weise wie in der ersten Anmerkung zur reinen Quantität kommt Hegel in der Anmerkung zur kontinuierlichen und diskreten Größe abermals auf die Möglichkeit zu sprechen. Dabei kennzeichnet er sie als absolute Möglichkeit, die er dort von bloß leerer Möglichkeit abhebt: »In gewöhnlichen Vorstellungen von kontinuierlicher und diskreter Größe wird es übersehen, daß jede dieser Größen beide Momente, sowohl die Kontinuität als die Diskretion, an ihr hat und ihr Unterschied nur dadurch konstituiert wird, welches von beiden Momenten die gesetzte Bestimmtheit und welches nur die an sich seiende ist. Raum, Zeit, Materie usf. sind stetige Größen, indem sie Repulsionen von sich selbst, ein strömendes Außersichkommen sind, das zugleich nicht ein Übergehen oder Verhalten zu einem qualitativ Anderen ist. Sie haben die absolute Möglichkeit, daß das Eins allenthalben an ihnen gesetzt werde; nicht als die leere Möglichkeit eines bloßen Andersseins (wie man sagt, es wäre möglich, daß an der Stelle dieses Steines ein Baum stünde), sondern sie enthalten das Prinzip des Eins an ihnen selbst, es ist die eine der Bestimmungen, von denen sie konstituiert sind.«143

Um noch näher auf die absolute Möglichkeit einzugehen, wird es nötig sein, rasch zur absoluten Stufe der Modalitätskategorien vorzudringen. Doch schon jetzt entsteht aufgrund der angestellten Überlegungen die vielleicht nicht ganz unberechtigte Ahnung, dass der geschilderte Zusammenhang auch für die weitaus konkretere Bestimmung des Einzelnen Gültigkeit haben wird. Hierauf umgelegt hieße es, dass die Herauslösung des Einzelnen aus dem Allgemeinen bzw. Besonderen oder der Versuch, dieses Einzelne möglichst zu isolieren, selbst dann, wenn es nur der Möglichkeit nach geschähe, die gesetzten Bestimmun143

WdL I, S. 229; GW 21, S. 190.

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gen des Allgemeinen und Besonderen an ihm beibehielte, also kein bloß Vereinzeltes bzw. viele Einzelne resultieren würden, worauf allererst ein induktiver Verallgemeinerungsprozess stattfinden müsste. Möglicherweise stellt das Ineinander oder besser die Einheit von Allgemeinheitsaspekt und Einzelheitsaspekt einen noch viel innigeren Zusammenhalt dar, als dies bei den Momenten der Kontinuität und Diskretion bzw. der kontinuierlichen und diskreten Größe aufgezeigt wurde. 1.4.2 Der Übergang zur absoluten Stufe Kehren wir nun zum Ende der realen Stufe der Modalitätskategorien zurück. Warum ergibt sich aus der spekulativ porträtierten Voraussetzungsstruktur der inhaltlich bestimmten Modalität die Überführung zur absoluten Notwendigkeit bzw. absoluten Wirklichkeit? Reale Notwendigkeit und Zufälligkeit sind vorerst noch so miteinander verbunden, dass die notwendige Bewegung der realen Möglichkeit an der Zufälligkeit ihren Ausgangspunkt, aber noch nicht ihren Endpunkt oder besser Erfüllungspunkt besitzt. Wie kann nun die Notwendigkeit die Zufälligkeit nicht bloß als äußerliche Bestimmung enthalten oder wie kann sich die Realität der Notwendigkeit tatsächlich vollkommen erfüllen? Wie so oft im spekulativen Duktus vollführt sich dies über den Hinweis, dass diese Erfüllung schon an sich geschehen ist. Was uns aber überrascht, ist der Umstand, dass die Richtung, aus welcher sich die Vervollkommnung (nicht im Sinne eines Aufkommens des Vollen, gerade im Gegenteil!) ergibt, eine völlig unerwartete Seite betont. Wir würden landläufig wohl eher davon ausgehen, dass der Schritt zur absoluten Notwendigkeit darin liegen sollte, das noch nicht Notwendige auch noch als notwendig zu erweisen. Hegel zielt aber auf den Zufälligkeitsaspekt gerade in jenem Bereich, der sich schon als gänzlich notwendig herausgestellt hat, d. i. die Formbeziehung, und konzentriert sich nicht so sehr auf den Inhalt, an welchem die Zufälligkeit ohnehin ganz offensichtlich gesetzt ist: »In der Tat ist somit die reale Notwendigkeit an sich auch Zufälligkeit. – Dies erscheint zunächst so, daß das real Notwendige der Form nach zwar ein Notwendiges, aber dem Inhalte nach ein Beschränktes sei und durch ihn seine Zufälligkeit habe. Allein auch in der Form der realen Notwendigkeit ist die Zufälligkeit enthalten; denn wie sich gezeigt, ist die reale Möglichkeit nur an sich das Notwendige, gesetzt aber ist sie als das Anderssein der Wirklichkeit und Möglichkeit gegeneinander. Die reale Notwendigkeit enthält daher die Zufälligkeit; sie ist die Rückkehr in sich aus jenem unruhigen Anderssein der Wirklichkeit und Möglichkeit gegeneinander, aber nicht aus sich selbst zu sich.

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An sich ist also hier die Einheit der Notwendigkeit und Zufälligkeit vorhanden; diese Einheit ist die absolute Wirklichkeit zu nennen.«144

In der realen Stufe bleibt ein relatives145 Unmittelbarkeitsmoment erhalten, das zunächst als Voraussetzungsmoment virulent ist. Es hat, wie im dritten Absatz des dritten Punktes dargelegt, zwei Ausprägungen. Einerseits ist es in der unmittelbaren Existenz präsent, die als solche schon Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit darstellt, und andererseits ist es zugleich als unmittelbare Umschlagsbewegung von Möglichkeit und Wirklichkeit ineinander, d. i. die Zufälligkeit. Anhand der sich vollführenden Bewegung der realen oder selbst schon wirklichen Möglichkeit wird nun zwar das Anderssein aufgehoben und das Gesetztsein gesetzt, aber im ersten Schritt gelingt dies nur über das Voraussetzen der angegebenen Unmittelbarkeitsmomente. Erst im nächsten logischen Schritt erweist sich, dass die Entgegnung des Andersseins gegen sich auch nur dann real notwendig erfolgt, wenn das Anderssein als solches nicht nur einmalig vorausgesetzt wird, sondern auch vorausgesetzt bleibt. Diese Aufrechterhaltung des Andersseins als ständiger und beständiger Prozess inkorporiert die Zufälligkeit in die Notwendigkeit und zeigt sich im Weiteren als Setzen der Voraussetzung selbst. Vorläufig ist so auf ansichseiende Weise, über die Identitätsgrundlage der Unmittelbarkeit, die Zufälligkeit in der Notwendigkeit enthalten. Schon diese ansichseiende Einheit ergibt einen neuen Wirklichkeitsstatus, d. i. die absolute Wirklichkeit. 1.5 Die absolute Stufe der Modalitätskategorien. Freie Wirklichkeiten und Emergenz der Substanz Die absolute Stufe beginnt somit mit einem Rückblick und einem neuen Blick auf das Ansichsein: »Die reale Notwendigkeit ist bestimmte Notwendigkeit; die formelle hat noch keinen Inhalt und Bestimmtheit an ihr. Die Bestimmtheit der Notwendigkeit besteht darin, daß sie ihre Negation, die Zufälligkeit, an ihr hat. So hat sie sich ergeben. Diese Bestimmtheit aber in ihrer ersten Einfachheit ist Wirklichkeit; die bestimmte Notwendigkeit ist daher unmittelbar wirkliche Notwendigkeit. Diese Wirklichkeit, die selbst als solche notwendig ist, indem sie nämlich die Notwendigkeit als ihr Ansichsein enthält, ist absolute Wirklichkeit – Wirklichkeit, die nicht

WdL II, S. 212 f.; GW 11, S. 389. Die Relativität der realen Notwendigkeit spiegelt sich in der relativen Unmittelbarkeit.

144 145

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mehr anders sein kann, denn ihr Ansichsein ist nicht die Möglichkeit, sondern die Notwendigkeit selbst.«146

Wir erreichen einen Wirklichkeitsstatus, der wiederum dadurch gekennzeichnet ist, in sich selbst sich und das Negative, die Möglichkeit, zu enthalten. Darüber hinaus ist aber in dieser Wirklichkeitsstufe an sich die Notwendigkeit in Einheit mit der Zufälligkeit, die Positivität des Identischen in Einheit mit der Negativität des Unterschiedenen, des sich aufhebenden Andersseins. Auch diese Wirklichkeit emergiert nur über ihr genuin zugehöriges Ansichsein, welches sich aber als die Notwendigkeit, die in Beständigkeit die Zufälligkeit an sich zieht, gezeigt hat. In einem ersten ansichseienden Sinn ist dieser Bezug und Rückbezug auf das unmittelbare Umschlagen ein Unmittelbarkeitsvollzug des Werdens, d. i. die werdende Zufälligkeit in der Notwendigkeit selbst. In einem weiteren gesetzten Sinn muss sich hierin ebenso die notwendige Wesensbewegung, das Setzen, hervortun. Bevor sich das logisch konstatieren lässt, ist jedoch darauf zu achten, was passiert, wenn sich die Wirklichkeit über die Vervollkommnung und Erfüllung der Notwendigkeit verabsolutiert. Was jedoch noch etwas näher besehen das zentrale Thema des Ansichseins betrifft, so hat sich nun neu eingestellt, dass das Ansichsein der Wirklichkeit bereits selbst als Notwendigkeit bestimmt ist. Heben wir dies von der formellen Stufe ab, so war dort das ansichseiende Moment nur im Sinne der »Bestimmung der Identität mit sich oder des Ansichseins überhaupt«147 vorhanden. Die Identität ist also dort in ihrer Bestimmung eine erst zu vollziehende, die Möglichkeit ist mit dem Anspruch des Identischen versehen, jedoch in ihr selbst negativ so bestimmt, dass sie zugleich die Unmöglichkeit an ihr enthält. An sich ist sie als Identität und als die Reflexion der Wirklichkeit in sich zu bestimmen, gesetzt ist sie aber gerade hierdurch als Moment, eingebettet in die Reflexion der absoluten Form, in welcher diese Reflexion-in-sich nur ein Extrem der gesamten Reflexion ausmacht. So ist sie ebenso dazu bestimmt, sich in ihr Anderes aufzuheben, im In-sich-Reflektiertsein in Anderes so reflektiert zu sein, dass sich die Reflexion nur hierin als Unmittelbarkeit setzt. Darin vollzieht sich Verwirklichung, d. i. der sich in sich widersprechende Aufhebungsprozess der Möglichkeit. Das Mögliche ist »somit auch bestimmt, nicht an sich zu sein«,148 nicht im Extrem fixiert zu bleiben und das Verharren im schlechten Wesen als negiert zu zeigen. So entsteht erst jene Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit, die zunächst das nur Mögliche und die nur formelle Wirklichkeit zur Zufälligkeit verbindet. Wie geschildert verbleibt dann im Zusammengehen der Momente, worin die WdL II, S. 213; GW 11, S. 389. WdL II, S. 203; GW 11, S. 382. 148 WdL II, S. 204; GW 11, S. 382. 146 147

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Identität positiv vollzogen ist, auch die Notwendigkeit vorerst nur eine formelle. Das Ansichsein der Wirklichkeit ist hierin auf die Notwendigkeit gerichtet, aber noch nicht diese selbst. Erst im Eintreten des modalen Inhalts, der in der formellen Stufe nur Inhalt überhaupt gewesen ist bzw. in der formellen Notwendigkeit nicht als ein der Modalität unterworfener Inhalt aufzufassen war, gewinnt das Ansichsein einen Gehalt, der an ihm selbst einen explizit notwendigen Vollzug aufweist, jedoch, und dies ist die verbleibende Unvollkommenheit, ebenso noch nicht als Notwendigkeit selbst vorliegt. Die Möglichkeit ist zwar in der realen Stufe »das inhaltsvolle Ansichsein«,149 aber aufgrund der in den Bedingungen ausgeprägten Bestimmtheit ist die Negativität und das Gesetztsein abermals Reflexion-in-Anderes, immanent aus sich heraus verweisend und bezogen auf Anderes, so dass diese Möglichkeit, gemessen an ihrem schon entwickelten Wirklichkeitsstatus, nur »das Ansichsein eines anderen Wirklichen«150 darstellt. Das Ansichsein enthält daher wieder die Identität als Forderung, in seiner ersten Inhaltsbestimmtheit ist es aber in den Unterschied der sich verändernden Wirklichkeit verloren. Gerade dieser Veränderungsprozess, als der sich tatsächlich vollziehende Aufhebungsvorgang der realen Möglichkeit, ist dagegen Auffinden und Aufscheinen der Identität im Negieren. Weil jedoch dieser Negationsprozess auf dem Anders-Werden und Anders-Setzen basiert, ist die Formeinheit »die sich noch äußerliche Totalität«,151 immanente äußere Reflexion, die »im Negieren das Negieren dieses ihres Negierens«152 ist. Das ist das Signum des Voraussetzens, wodurch die reale Notwendigkeit vorerst als relative Notwendigkeit gesetzt war, und zwar der Modalität nach die Zufälligkeit voraussetzend. Indem nun aber im letzten Schritt der realen Stufe der Bezug auf die Zufälligkeit in die ansichseiende Identität hineingenommen ist, erweist sich das Ansichsein als vollkommen und schon selbst als Notwendigkeit. So ist es Ansichsein der absoluten Wirklichkeit, in der sich die Notwendigkeit völlig entfaltet und völlig erfüllt. – Ist mit dieser Erfüllung einer derartigen Wirklichkeit der Höhepunkt der Modalität erreicht? Mitnichten: »Aber damit ist diese Wirklichkeit – weil sie gesetzt ist, absolut, d. h. selbst die Einheit ihrer und der Möglichkeit zu sein – nur eine leere Bestimmung, oder sie ist Zufälligkeit. Dies Leere ihrer Bestimmung macht sie zu einer bloßen Möglichkeit, zu einem, das ebensosehr auch anders sein und als Mögliches bestimmt werden kann. Diese Möglichkeit aber ist selbst die absolute; denn sie ist eben die Möglichkeit, ebensosehr als Möglichkeit wie als Wirklichkeit bestimmt zu werden. Damit, 151 152 149

150

WdL II, S. 208; GW 11, S. 386. WdL II, S. 209; GW 11, S. 386. WdL II, S. 212; GW 11, S. 388. WdL II, S. 29; GW 11, S. 253.

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daß sie diese Gleichgültigkeit gegen sich selbst ist, ist sie gesetzt als leere, zufällige Bestimmung.«153

Die Verabsolutierung der Wirklichkeit führt nicht dazu, ein Verständnis von Wirklichkeit zu gewährleisten, das nun endlich zulässt, wirkliches Geschehen, wirkliche Vorgänge und wirkliche Abläufe in ihrer Prozeduralität zu erklären und sie, welch wunderbare Errungenschaft, in ihren notwendigen Zusammenhängen zu begreifen und möglichst lückenlos nachzuvollziehen. Wenn wir einem derartigen Anspruch aus wissenschaftlicher Sicht ohnehin Skepsis entgegengebracht hätten, so sollte es doch wohl nicht ganz abwegig sein, solch eine Absolutheitsauffassung einem absoluten Idealisten zu unterstellen. Gegenüber Ausführungen, die mit dem Titel ›Absolute Notwendigkeit‹ überschrieben sind, wird eine derartige Erwartungshaltung wohl gerechtfertigt sein? – Dennoch verhält es sich gar nicht so. Diese vorstellungsmäßige Erwartung muss enttäuscht werden. Was aber hat sich logisch sachlich eingestellt? Die mit der absoluten Wirklichkeit wieder einhergehende und schon ausführlich beschriebene Kippbewegung der Zufälligkeit ergibt sich erneut aus der Vereinheitlichung von Möglichkeit und Wirklichkeit, wobei die Wirklichkeit an ihr selbst Einheit von Wirklichkeit und Möglichkeit ist, aber ebenso formuliert werden kann, dass die Möglichkeit Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit ist. Diese Ausgeglichenheit liegt an sich auch schon in der formellen Vereinheitlichung vor, sie ist also auch schon an sich absolut, jedoch dort nur in »unmittelbarer positiver Identität«154 gegeben. Die absolute Wirklichkeit hingegen hat diese ausgeglichene Identität an ihr selbst durch Negation und durch den sich selbst aufhebenden Negationsprozess gesetzt. Wie zwar ebenso schon in der formellen Stufe, so hat auch noch die absolute Wirklichkeit nur »den Wert eines Gesetztseins«,155 ist reines Ergebnis einer Setzungsbewegung, worin die Unmittelbarkeit ausschließlich über Negativität und über einen Negationsprozess generiert wird, dieser Generierungsvorgang als solcher aber zugleich zum Erlöschen gebracht ist. Die dieser absoluten Wirklichkeit entsprechende Möglichkeit ist ebenso, exakt wie in der formellen Stufe schon gezeigt, »gesetzt als Gesetztsein«,156 d. h. dass das schon vorhandene Gesetztsein, also das durch das Mögliche ausgedrückte »reflektierte In-sich-Reflektiertsein«157 nochmals gesetzt wird, konkret durch die Aufhebungsbewegung der realen Möglichkeit, die nie in einer Wirklichkeit enden kann, welche nicht abermals Gegenstoß in sich, Widersprechendes als ein in der Totalität der positiven Reflexion Vereinseitigtes WdL II, S. 213; GW 11, S. 389 f. WdL II, S. 205; GW 11, S. 383. 155 WdL II, S. 205; GW 11, S. 384. 156 Ebd. 157 WdL II, S. 204; GW 11, S. 382. 153

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wäre. Diese Einseitigkeit ist dabei ein Negatives, das als Gesetztsein sich ins Anderssein verläuft. Noch formell wird dies zu einem Übergehen, das bei einer Wirklichkeit anlangt, die ihrerseits nur ein Gesetztes darstellt, also auch nur Mögliches ist und erneut in diesen Kreislauf versenkt wird. Es entsteht eine Gegenseitigkeit, die als »absolute Unruhe des Werdens«158 Zufälligkeit ist, aber auch im Zusammengehen der Momente jene notwendige Identität entbirgt, die sich dann sogleich in der realen Stufe als Inhalt, der gegen die Formbeziehung gesetzt ist, hervortut. Mit der realen Möglichkeit ist jedoch der übergehende (aber dem Manifestationscharakter gemäß dennoch in sich bleibende) Verlauf ins Anderssein in die Gegenseitigkeit der sich selbst begegnenden negativen Momente (also das Moment des identisch werdenden Ansichseins und das Moment der identisch werdenden Wirklichkeit) zurückgenommen. Die daraus resultierende reale Notwendigkeit in ihrer noch ansichseienden Inkorporierung der Zufälligkeit, d. h. der im immanenten Anderswerden sich perennierend einholenden Voraussetzung, führt zum Absolutheitsstatus der Wirklichkeit, die nun keine Bestimmtheit mehr offen lässt, welche noch geeignet wäre, die Totalität der Form zur Selbstentäußerung159 zu zwingen. Damit erhärtet sich der Anschein, dass nunmehr ein Stadium erreicht ist, in welchem alle logischen Möglichkeiten der Modalität vollkommen erschöpft sind und somit gar keine Möglichkeit mehr besteht, irgendwelche Vollzüge zu entdecken, zu beschreiben oder auch nur der bloßen Möglichkeit nach sich auszudenken, die nicht, zumindest in irgendeiner Zuordnung zu den dargestellten Stufen, notwendigerweise ihrer Logizität nach erklärbar und verstehbar sind oder sogar sein müssen. Das sollte nun endlich einmal dem hehren Namen der anvisierten absoluten Notwendigkeit gerecht werden. – Was ist jedoch passiert? Die absolute Wirklichkeit hat die durch den Inhalt zustande gekommene bestimmte Differenzierung vollständig in sich inkorporiert, es gibt keine Inhaltlichkeit mehr, die in der zustande gekommenen absoluten Perspektive einen Unterschied ausmachen könnte. Die aus der Phänomenologie des Geistes wohlvertraute Formulierung, dass ein Unterschied entstanden sei, der zugleich keiner ist, trifft auch auf die absolute Wirklichkeit vollkommen zu. Deren Absolutheit bringt zwar nicht die Negativität zum Verschwinden, sie versetzt aber die negativen Momente, hier die bereits wirkliche Möglichkeit, also die reale Möglichkeit, und nunmehr ebenso die mögliche Wirklichkeit, also jene Wirklichkeit, die bereits das ihr selbst zugehörige Ansichsein vollständig zum Austrag gebracht hat, in eine gleichwertige und gleichgültige Aufhebungsbeziehung. Diese Gleichgültigkeit, die aufgrund des real möglichen Aufhebungsprozesses, in wel WdL II, S. 206; GW 11, S. 384. Vgl. »die sich noch äußerliche Totalität« (WdL II, S. 212; GW 11, S. 388) der Form in der realen Stufe.

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chem »dieselben schon vorhandenen Momente«160 hervorgebracht werden, eine »Gleichgültigkeit gegen sich selbst«161 ist, impliziert vollkommene Beliebigkeit,162 die nichts anderes ist als die Möglichkeit in ihrer äußersten Verabsolutierung oder die reine Zufälligkeit selbst. Es ist dabei keine nur der äußeren Reflexion zugehörige oder nur schlecht subjektive Beliebigkeit, die auch erspart werden kann, um sich besser reelleren Angelegenheiten zu widmen, es ist vielmehr eine der absoluten Wirklichkeit völlig immanente Beliebigkeit, weil sie eine »leere Bestimmung«163 ist, in der alle modalen Unterschiede an keine inhaltlichen Unterschiede mehr gekoppelt sind oder es auch keine Möglichkeit mehr gibt, diese modalen Unterschiede, also das modale Kategorienrepertoire, auf bestimmte inhaltliche Zustände zu applizieren. Es ist ein völlig leerer Vorgang, der es ermöglicht, Möglichkeit und Wirklichkeit beliebig auszutauschen oder folgenlos ineinander zu verkehren, weil eben die gesamte Leistung der Möglichkeitsbestimmung nur mehr darin besteht, »ebensosehr als Möglichkeit wie als Wirklichkeit bestimmt zu werden.«164 Die Leere steht so für die erlaubte und gänzlich zufällige Wahl, etwas als möglich oder als wirklich aufzufassen. Die absolute Wirklichkeit tilgt damit das modale Unterscheiden nicht, sie ist und bleibt absolut negativ, sie führt aber zur Erniedrigung oder Erhöhung dieses Unterscheidens zu einem leeren oder zufälligen Vollzug. Diese Leere ist dabei nicht bloß in pejorativer Bedeutung zu nehmen, sie entspricht in positiver Bedeutung der Durchsichtigkeit oder dem durchsichtigen Schein, der auch an diversen anderen Stellen der Logik auftaucht, aber letztendlich stets einen Vorverweis auf »die zum Begriffe befreite Substanz«165 darstellt, welche damit »zur sich selbst durchsichtigen Klarheit«166 gediehen ist. Diese Klarheit liegt jedoch hier noch nicht vor, weil die aktuelle kategoriale Struktur eingebettet bleibt in den Vollzug einer Notwendigkeit, welche sich hier noch nicht selbst durchsichtig geworden ist oder deren Reflexion in einer Ebene verläuft, die es nicht erlaubt, den Blick auf die Grundlage dieser Notwendigkeit freizugeben, ohne eine der immanenten Logizität fremde Metaebene einzunehmen. WdL II, S. 210; GW 11, S. 387. WdL II, S. 213; GW 11, S. 390. 162 Diese Beliebigkeit taucht in einer eher beiläufigen Bemerkung schon in der Seinslogik auf, und zwar in der zweiten Anmerkung zur Differentialrechnung, d. i. die Anmerkung 2 zur Unendlichkeit des Quantums, die überschrieben ist mit ›Der Zweck des Differentialkalküls aus seiner Anwendung abgeleitet‹. Dort kommt die Wendung »Belieben oder eine Möglichkeit« (WdL I, S. 331; GW 21, S. 280) vor, so dass also, zumindest en passant, schon an dieser Stelle der Zusammenhang von Beliebigkeit und Möglichkeit zum Ausdruck gebracht ist. 163 WdL II, S. 213; GW 11, S. 389. 164 WdL II, S. 213; GW 11, S. 389 f. 165 WdL II, S. 251; GW 12, S. 16. 166 Ebd. 160 161

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Dennoch lässt die entstandene Leere eine gewisse Tuchfühlung mit dem Begrifflichen zu, weil sie die Basis darstellt, auf welcher letztendlich jener Selbstwiederholungsschritt (als ein Akt der Selbstbestimmung) stattfinden kann, anhand dessen der spezifische Begriffsvollzug des Bestimmens des schon Bestimmten explizit zum Tragen kommt. Die fortschreitende logische Konkretisierung wird diesen Umstand noch eindeutiger zum Vorschein bringen. Vorerst entstand aus den modalen Verwicklungen nur jene vorbegriffliche Leere, die weder eine gründende noch begründende Funktion besitzt, weil sie nur noch auf die sich auf sich selbst beziehende Selbstbegründung alles Wirklichen verweist. Dennoch verbleibt diese Leere noch im Kontext der Modalität und so stellt sie die entleerte absolute Modalitätsbestimmung dar, das ist die »absolute Zufälligkeit«,167 wie sie Hegel dann letztlich erst am Ende des absoluten Verhältnisses ganz deutlich hervorhebt. So erweist sich, dass im Realisierungsprozess der Notwendigkeit nicht nur der stetige Rückgriff auf die Zufälligkeit enthalten ist, also die nur ansichseiende Inkorporierung der Zufälligkeit, sondern auch der Vorgriff auf die entstehende Zufälligkeit, die sich jedoch in einem das Ansichsein neuartig charakterisierenden Zweischritt einstellt. Dies ist gekennzeichnet durch das Werden einerseits und das eigene Werden andererseits: »So enthält die reale Notwendigkeit nicht nur an sich die Zufälligkeit, sondern diese wird auch an ihr; aber dies Werden als die Äußerlichkeit ist selbst nur das Ansichsein derselben, weil es nur ein unmittelbares Bestimmtsein ist. Aber es ist nicht nur dies, sondern ihr eigenes Werden; – oder die Voraussetzung, welche sie hatte, ist ihr eigenes Setzen. Denn als reale Notwendigkeit ist sie das Aufgehobensein der Wirklichkeit in der Möglichkeit und umgekehrt; indem sie dies einfache Umschlagen des einen dieser Momente in das andere ist, ist sie auch ihre einfache positive Einheit, indem jedes, wie sich zeigte, in dem anderen nur mit sich selbst zusammengeht. So ist sie aber die Wirklichkeit; jedoch eine solche, die nur ist als dieses einfache Zusammengehen der Form mit sich selbst. Ihr negatives Setzen jener Momente ist dadurch selbst das Voraussetzen oder Setzen ihrer selbst als aufgehobener oder der Unmittelbarkeit.«168

Im aktuellen logischen Schritt wird deutlich, wie die Zufälligkeit über die prozessuale Konkretisierung der realen Notwendigkeit entsteht. Aufgrund des Einmündens in die absolute Wirklichkeit ist diese Entstehung ein Vorgang des Werdens, weil im ersten Resultat lediglich eine seiende Entgegnung und Abhebung zustande kommt. Diese zunächst nur aus dem bloßen Resultieren heraus 167

WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. WdL II, S. 213 f.; GW 11, S. 390.

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sich einstellende Negation ist dabei ein äußerliches »unmittelbares Bestimmtsein«,169 das jedoch in einem umfassenderen Sinne exakt der Charakterisierung des Ansichseins, als dem Negativen der unmittelbaren Wirklichkeit, entspricht. So ist dieses Werden hier nicht mehr ein bloßer in den Verwirklichungsprozess eingebetteter Vollzug, wie das etwa noch für das sich selbst aufhebende Bedingungsgefüge der realen Stufe gelten konnte, es ist vielmehr das selbst prozedural gefasste Ansichsein und damit die genuine Möglichkeit der Einheit von Notwendigkeit und Zufälligkeit, also der absoluten Wirklichkeit. Wenn die Zufälligkeit nur als ein Gewordensein gefasst bleibt, so verbleibt auch der ganze Wirklichkeitsstatus in seiner Absolutheit nur im Status der Möglichkeit. Dies ist ein neuer Gehalt von Ansichsein, der nur auftreten kann, wenn das Ansichsein selbst zur Totalität, und zwar genau genommen zur Totalität der nicht mehr in bloßer Relativität zum Inhalt gesetzten Form, gediehen ist. So enthält das Ansichsein den gesamten negativen modalen Prozess in der Ausprägung des Werdens, als der Seinsspezifikation dieses Prozesses, an ihm selbst. Schon das sprengt jede Vorstellung, die stets einen Raum von Möglichkeit festhalten möchte, dem immer noch etwas abgeht, der immer noch etwas braucht, um dann endlich einmal, aufgrund welcher Konstellationen auch immer, einer Verwirklichung zuzustreben. In einer solchen Auffassung verhaftet, kann sich die Vorstellung auch noch eher mit den Modalitäten der formellen und realen Stufe anfreunden, weil auch dort der Gehalt des Ansichseins stets mit einer genuinen Mangelhaftigkeit verknüpft bleibt. Freilich ist aber auch in diesen Stufen nie eine nur der Vorstellung vorschwebende äußerliche Veranlassung zur Aufhebung ins Wirkliche nötig, weil die Totalität der Form stets vollkommen (und als in sich selbstreflexiv) präsent bleibt, nur läuft sie zunächst, vor dem Verabsolutierungsschritt, darauf hinaus, dass diese »Totalität der Form«170 als »sich noch äußerliche Totalität«171 gesetzt ist. Mit dem Erreichen der absoluten Wirklichkeit wird nun diese Selbstäußerlichkeit der Totalität der Form zugleich zur innerlichen Bestimmung dieser Wirklichkeit selbst. Als aus der Selbstverkehrung in sich zurückkehrend sind damit ihre Momente selbst wieder Totalitäten, die als Möglichkeit einerseits, d. i., wie gezeigt, das Seinsmoment des Werdens, und andererseits als Wirklichkeit vorliegen, d. i., wie gleich zu zeigen sein wird, das Wesensmoment des Setzens. Im zweiten logischen Schritt zeigt sich, dass beim bloßen Werden nicht stehengeblieben werden kann, weil es zugleich nur der realen Notwendigkeit völlig immanentes, »eigenes Werden«172 der Zufälligkeit ist. Dieses eigene Werden ist dabei nur der Möglichkeit nach vom unmittelbaren Bestimmtsein, das hier WdL II, S. 213; GW 11, S. 390. WdL II, S. 212; GW 11, S. 388. 171 Ebd. 172 WdL II, S. 213; GW 11, S. 390. 169 170

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formal als erste Negation aufgefasst werden kann, abhängig, als die Totalität der Form des Wirklichkeitsmoments der absoluten Wirklichkeit, die ja »Einheit ihrer und der Möglichkeit«173 ist, ist es aber als Selbstgenerierung der Zufälligkeit gesetzt. Da nun, und das ist hier die entscheidende Einsicht, die Zufälligkeit als das Voraussetzungsmoment der realen oder relativen Notwendigkeit gesetzt war, so erweist sich jetzt, dass eben diese »Voraussetzung, welche sie hatte, […] ihr eigenes Setzen«174 ist. Es stellt sich also auch noch in der absoluten Stufe die weiter oben schon sehr genau dargelegte rückbezügliche Grundgegenbewegung wieder her. Das »Voraussetzen und die in sich zurückkehrende Bewegung«175 sind nun nicht mehr getrennt. Mit dem eigenen Hervorbringen der Zufälligkeit durch die absolute Wirklichkeit stellt sich die noch zuvor vermisste Rückkehr der realen Notwendigkeit aus sich selbst zu sich selbst tatsächlich ein. Dieser Schritt exekutiert zunächst die Selbstaufhebung jenes der Totalität nach vorliegenden Ansichseins, worin die vollständige modale Negativität im Seinsmodus des Werdens vorliegt. Im sich vollziehenden Aufhebungsprozess, den wir zugleich als Verwirklichungsprozess dieses Ansichseins begreifen können, setzen sich nun die internen Momente der absoluten Wirklichkeit negativ verkehrend gegeneinander, wodurch »das Aufgehobensein der Wirklichkeit in der Möglichkeit und umgekehrt«176 markiert wird. Hierdurch wird das Ansichsein gesetzt und dessen Negativität selbst negativ auf sich bezogen, was also die formal zu benennende zweite, sich auf sich selbst beziehende Negation ausmacht oder eben das Wesensmoment. Schließlich nimmt sich diese negative Umschlagsbewegung wieder in eine positive Einheit zusammen, so dass aus der reflexiven Wesensbewegung wieder Unmittelbarkeit und Sein resultiert. So zeigt sich das einfache Sein (des bloßen Werdens) und das sich aus der gesetzten Negativität ergebende Sein (des eigenen Werdens) als ein und dasselbe. Der sich an dieser Stelle immer noch weiter ausformende Wirklichkeitsstatus ist von seiner anfänglichen Herkunft her so Form, dass diese noch in den Inhalt und in die sich an dem Inhalt verlaufenden Formbestimmungen auseinandergenommen ist, bis dann im vorläufigen Resultat diese Formtrennung anhand der sich ineinander verkehrenden Totalitäten des Ansichseins (als der sich vervollständigt habenden Möglichkeitswerdung) und des Gesetztseins oder auch Gesetztwerdens dieses Ansichseins (als der sich vervollständigt habenden Wirklichkeitssetzung) sich aufhebt. Diese sich selbst durchdringende Form beinhaltet das notwendige Auftauchen des Unterschieds von Inhalt und Form sowie das ebenso notwendige Verschwinden dieses Unterschieds, letzteres ein logischer 175 176 173 174

WdL II, S. 213; GW 11, S. 389. WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. WdL II, S. 212; GW 11, S. 388. WdL II, S. 214; GW 11, S. 390.

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Vorgang, der aktuell in Anbahnung begriffen ist. Die formelle und die absolute Stufe kommen darin überein, dass die Inhaltlichkeit selbst unter die Ägide des Ansichseins fällt und keinen gesetzten modalen Unterschied nach sich zieht, sich immer nur in den spezifischen Weisen des Auseinanderseins und der Auseinandersetzung wie auch des Ineinanderseins und der Ineinandersetzung von Ansichsein und Gesetztsein spiegelt. Hier nun generieren die durch die Umschlagsbewegung sich ineinander aufhebenden und somit der Totalität der Form angehörigen Momente (die, wie erläutert, im Absolutheitsstadium selbst auch als Totalitäten aufzufassen sind) ein Zusammengehen mit sich, wodurch die Wirklichkeit als solche auch nur noch »dieses einfache Zusammengehen der Form mit sich selbst«177 ist. So enthält die formvollendete Wirklichkeit das Setzen ihrer eigenen Voraussetzung oder jene Setzungsbewegung, die zu einer Selbstaufhebung führt, in welcher sich die logische Schleifenbewegung von Unmittelbarkeit zu Unmittelbarkeit erfüllt. Ist damit das negative modale Potential zur Gänze ausgeschöpft? Nein: »Eben darin aber ist diese Wirklichkeit bestimmt als Negatives; sie ist ein Zusammengehen aus der Wirklichkeit, welche reale Möglichkeit war, mit sich; also wird diese neue Wirklichkeit nur aus ihrem Ansichsein, aus der Negation ihrer selbst. – Damit ist sie zugleich unmittelbar als Möglichkeit bestimmt, als Vermitteltes durch ihre Negation. Diese Möglichkeit aber ist somit unmittelbar nichts als dies Vermitteln, in welchem das Ansichsein, nämlich sie selbst und die Unmittelbarkeit beide auf gleiche Weise Gesetztsein sind. – So ist es die Notwendigkeit, welche ebensosehr Aufheben dieses Gesetztseins oder Setzen der Unmittelbarkeit und des Ansichseins sowie eben darin Bestimmen dieses Aufhebens als Gesetztseins ist. Sie ist daher es selbst, welche sich als Zufälligkeit bestimmt, – in ihrem Sein sich von sich abstößt, in diesem Abstoßen selbst nur in sich zurückgekehrt ist und in dieser Rückkehr als ihrem Sein sich von sich selbst abgestoßen hat.«178

Was ist in diesem Zusammenhang dasjenige, worauf wir das Hauptaugenmerk legen sollten? Im Unterschied zur ansonsten gehandhabten Vorgangsweise sei nun einmal gleich vorweggenommen, welcher Umstand hier den allerwichtigsten Stellenwert besitzt: Es handelt sich darum, dass die wiederum ganz neuartig zu verstehende Möglichkeitsdimension des reinen Vermittelns die Konsequenz hat, Ansichsein und Unmittelbarkeit beide auf gleiche Weise als Gesetztsein zu bestimmen. Nähern wir uns jedoch sukzessive der Entstehung dieser logischen Konstellation. Zunächst gilt es einzusehen, dass der Status der absoluten Wirklichkeit WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. Ebd.

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durch die zustande gebrachte Formvollendung nicht in ein bloßes Kreisen in sich verfällt. Vielmehr ergibt sich nun erst eine dezidiert negative Abhebung, die sich in dieser Schroffheit davor noch nicht einstellen konnte. Erst durch den an der absoluten Wirklichkeit gesetzten Vollzug des Zusammengehens der Form mit sich, was zur aus der Formtotalität heraus motivierten Selbstsetzung der Unmittelbarkeit führt, zeigt sich, dass der Wirklichkeitsstatus der realen Möglichkeit, worin die Unmittelbarkeit nur über die Selbstäußerlichkeit der Totalität der Form vindiziert werden konnte, die reine eigene Negation und Selbstnegation der absoluten Wirklichkeit darstellt. Hierdurch wird klar, inwieweit die absolute Wirklichkeit als Negatives zu fassen ist. All jene modalen Strukturen, in welchen die Unmittelbarkeitsweisen mit Äußerlichkeit oder Selbstäußerlichkeit behaftet bleiben, sind das ihr prinzipiell Andere. Sie ist aber diesen Ausprägungen nicht enthoben, ist nicht von ihnen abgelöst in diesem Sinne von absolut, sondern vielmehr das Zusammengehen aus ihnen mit sich. Also ist dies ihr eigenes Entfaltungspotential, d. h. der nunmehr anspruchsvollste Gehalt von Ansichsein und Möglichkeit. Diese absolute Wirklichkeit geht »aus ihrem Ansichsein, aus der Negation ihrer selbst«179 hervor, weil sie zeigt, dass die gesamte ansichseiende negativ identische Reflexion-in-sich eine grundlegende (aus der jetzigen Perspektive eine Mehrheit von logischen Schritten beinhaltende) Bewegung darstellt, die einerseits stets auf Verwirklichung (in einem nunmehr noch umfassenderen Sinne) zustrebt, aber andererseits erst dessen bedarf, als Negatives logisch (der Reflexion nach rückbezüglich) entlarvt zu werden. Erst mit der Formvollendung tritt zu Tage, dass die sich manifestierende absolute Wirklichkeit negativ so auf das ihr logisch Vorausliegende bezogen ist, dass sich dieser Bezug selbst als ihre (immer noch die Leere tradierende) genuine Möglichkeit herausstellt. Die vorangegangenen modalen Stufungen bleiben aber nicht daneben liegen, sie haben kein Bestehen, das gegenüber dieser neuen Wirklichkeit (wie sie Hegel hier tituliert) als ein bestimmter Entstehungs- und Vermittlungskomplex aufrechterhalten werden könnte. Sie sind das sich selbst Aufhebende, schon an ihnen selbst negativ gesetzt und anhand ihrer gehaltvollsten Ausformung eingegangen in den momentanen Status. In ihrer höchsten Spitze ist diese Ausformung absolute Form, in welcher die negative Setzungsbewegung (als »das Aufgehobensein der Wirklichkeit in der Möglichkeit und umgekehrt«,180 wodurch Zufälligkeit als Umschlagsbewegung verbürgt ist) und die daraus resultierende Unmittelbarkeit ineinander gesetzt sind. Nun folgt ein entscheidender Schritt: In der Negativität der absoluten Wirklichkeit wird dieser (schon auf die Höhe der absoluten Form gehobene) Zusammenhang 179

Ebd. Ebd.

180

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selbst zu ihrem negativen (und der Leere nach reinen) Vermittlungsvollzug, also zur Bestimmung der ihr adäquaten Möglichkeit, die »unmittelbar nichts als dies Vermitteln«181 selbst ist. In dieser (ebenso neuartigen) absoluten Möglichkeitsdimension des reinen Vermittelns stellt sich dadurch ein, dass ihre eigene Bestimmung, also das Ansichsein, und die Bestimmung der Unmittelbarkeit, beide, im Sinne des schon in der realen Stufe vorgekommenen vorbegrifflichen Umstands, dass das »Gesetztsein selbst gesetzt wird«,182 gleichermaßen zum Gesetztsein herabgesetzt sind. Dies ist der hauptsächliche Verständnispunkt, der nur mehr noch durch den nächsten entscheidenden Schritt ergänzt zu werden braucht: Der Prozess des (identisch-unterscheidenden) Aufhebens der nun noch ausständigen adäquaten (bereits als absolut zu kennzeichnenden) Notwendigkeit richtet sich auf eben diesen reinen der absoluten Wirklichkeit zugehörigen Vermittlungsvollzug, was dazu führt, dass notwendigerweise nur dieses soeben ausgewiesene Gesetztsein aufgehoben werden kann, also darin Ansichsein und Unmittelbarkeit sich wieder setzen, sie aber auch zugleich in ein und demselben Aufhebungsvorgang wieder zum Gesetztsein zurückgeführt werden. Nochmals in komprimierter Hegelscher Diktion, die nun nachvollziehbar sein sollte: »So ist es die Notwendigkeit, welche ebensosehr Aufheben dieses Gesetztseins oder Setzen der Unmittelbarkeit und des Ansichseins sowie eben darin Bestimmen dieses Aufhebens als Gesetztseins ist.«183

Im hierauf folgenden Satz, der nun den (durchaus krönenden) Schlusssatz des schon oben zur Gänze angeführten Absatzes bildet, wird dieses Zwischenergebnis nur auf die Perspektive jener modalen Entgegnung gegen sich umgelegt, die eindeutiger erkennen lässt, wie mit dem jetzt erreichten Status von Notwendigkeit auch die gesamtsphärischen Dimensionen des Seins und Wesens selbst ebenso zur Entgegnung gegen sich gediehen sind. Welche Konsequenz hat sich also mit dieser Notwendigkeit eingestellt? »Sie ist daher es selbst, welche sich als Zufälligkeit bestimmt, – in ihrem Sein sich von sich abstößt, in diesem Abstoßen selbst nur in sich zurückgekehrt ist und in dieser Rückkehr als ihrem Sein sich von sich selbst abgestoßen hat.«184

Diese Bewegung ist wieder als ein »absoluter Gegenstoß in sich selbst«185 zu nehmen, womit jene Bestimmung erneut eingeholt wird, die ehedem die Spitze der Ebd. WdL II, S. 212; GW 11, S. 388. 183 WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. 184 Ebd. 185 WdL II, S. 27; GW 11, S. 252. 181

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setzenden Reflexion, das In-sich-selbst-Verkehren von setzender und voraussetzender Reflexion im Sinne der »Selbstbewegung«,186 ausgemacht hat. Es war jedoch noch ausständig, über die äußere und insbesondere die bestimmende Reflexion, das Gesetztsein zur Reflexionsbestimmung zu erheben, die dann ihrerseits erst den Ausgangspunkt der sich in den sich differenzierenden Unterschied setzenden Identität gebildet hat. Über alle Stufen des Grundes und alle logischen Schritte der Erscheinung hinweg wurde sodann die Reflexion so weiter konkretisiert, dass sie im Zuge des sich Dasein gebenden absoluten oder noch unbestimmten Wesens letztlich zur »Einheit des Wesens und der Existenz«187 im Begriff der Wirklichkeit gekommen ist. Umgekehrt hat sich der Seinssinn, welcher nicht einmal in der absoluten Reflexion verloren gegangen ist, über denselben Weg so intensiviert, dass die »erste Unmittelbarkeit«188 des Seins über die Existenz und die Erscheinung zur Wirklichkeit heranreifen konnte. Die nun ihrerseits ausgereifte Wirklichkeit, die ihre grundsätzliche Disposition als »gesetzte Einheit der Reflexion und der Unmittelbarkeit«189 zum Austrag gebracht hat, vereint nun die modalen Bewegungen der Zufälligkeit (als Umschlagsbewegung) und der Notwendigkeit (als rückbezügliche Grundgegenbewegung) in der einen Bewegung der absoluten Notwendigkeit, die sich als reflektiert-werdende oder werdend-reflektierte Oszillationsbewegung ansprechen lässt. Diese absolute Notwendigkeit versetzt sich an und aus ihr selbst in die (erst im Verhältnis der Substantialität dezidiert seinsspezifisch charakterisierte) »Zufälligkeit als die Sphäre des Entstehens und Vergehens; denn nach der Bestimmung der Unmittelbarkeit ist die Beziehung der Möglichkeit und Wirklichkeit unmittelbares Umschlagen derselben als Seiender ineinander, eines jeden als in sein ihm nur Anderes.«190 In eben diesem Sein der absoluten Notwendigkeit ist zugleich die wesensspezifische Abstoßung von sich gesetzt, worin die Unmittelbarkeit in selbst unmittelbarem Vollzug die Negativität setzt, die in den diversen modalen Stufungen in Aspekten der setzenden, äußeren und bestimmenden Reflexion vorgekommen ist. Aus diesem Abstoßen heraus ist sie jedoch mit einem Schlag wieder in ihr Sein zurückgekehrt, wodurch sie sich aber schon wieder »in dieser Rückkehr als ihrem Sein sich von sich selbst abgestoßen hat.«191 Es gilt nun nur noch in diesen auseinander werdenden und auseinander gesetzten Momenten die Einfachheit oder die einfache (selbst unmittelbare und nicht in Schlussmomenten auseinandergelegte) Konklusion zu erkennen. Sie besteht darin, dass die »absolute Notwendigkeit nur diese einfache Identität des WdL II, S. 28; GW 11, S. 252. WdL II, S. 186; GW 11, S. 369. 188 WdL II, S. 201; GW 11, S. 380. 189 Ebd. 190 WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 191 WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. 186 187

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Seins in seiner Negation oder in dem Wesen mit sich selbst«192 ist bzw. ebenso auch nur diese einfache Identität des Wesens, das nur in seiner Bestimmung zum Sein Wesen ist. Das ist das Ergebnis der in ihrer Realisierung alle Unterschiede durchdringenden Form, die sich darin selbst offenbart und durchsichtig macht. So kann nun von diesem erreichten Standpunkt aus die Form-Inhalts-Beziehung klar vor Augen geführt werden: »Der Unterschied von dem Inhalte und der Form selbst ist ebenso verschwunden; denn jene Einheit der Möglichkeit in der Wirklichkeit und umgekehrt ist die in ihrer Bestimmtheit oder im Gesetztsein gegen sich selbst gleichgültige Form, die inhaltsvolle Sache, an der sich die Form der Notwendigkeit äußerlich verlief. Aber so ist sie diese reflektierte Identität beider Bestimmungen als gegen sie gleichgültig, somit die Formbestimmung des Ansichseins gegen das Gesetztsein, und diese Möglichkeit macht die Beschränktheit des Inhalts aus, den die reale Notwendigkeit hatte. Die Auflösung dieses Unterschiedes aber ist die absolute Notwendigkeit, deren Inhalt dieser in ihr sich durchdringende Unterschied ist.«193

Der Inhalt, den die absolute Notwendigkeit hat, ist nichts mehr, das sich zu einer bloßen Grundlage machen ließe, von welcher dann gefragt werden könnte, auf welche Weise sie wohl ausgeformt wäre oder in welchen Formierungen sie vielleicht vorkäme. Das Inhaltliche ist hier vielmehr als die sich selbst durchsichtig machende Totalität der Form vorhanden, worin die Durchsicht freigegeben ist auf jene Unterschiede, die zu ihrer eigenen Konstituierung erforderlich waren. Freilich zeigt sich dann erst, dass sie selbst es ist, die als Formeinheit diese Selbstdifferenzierung beinhaltet, so dass der ursprüngliche Unterschied von Form und Inhalt zugleich kein Unterschied ist. Bei dieser Betonung der absoluten Form dürfen wir jedoch nie zwei sehr leicht sich einstellende Fehler begehen. Einerseits kann es nicht opportun sein, den Unterschied in eine schlechte Einheit nur zusammenzufassen, weil darin die Negativität wieder nur als das fälschliche Reservoir alles Möglichen aufbewahrt bliebe, aber keinerlei Bestimmtheit aus sich zustande kommen könnte. Außerdem bleibt in einer derartigen (nur willkürlich behaupteten) Einheit das Unterschiedene trotz aller Vereinigungsmetaphorik nur nebeneinander liegen, wird also weder aufgelöst noch aufgehoben. Die Formbestimmungen verhalten sich so auch nur wie gegebene Inhalte zueinander, die zudem häufig noch prinzipiell aufrecht erhalten werden, um stets klar umrissene Bezugspunkte als Gegenstände der Untersuchung und Beobachtung, wie etwa in den Einzelwissenschaften, garantieren zu können. 192 193

Ebd. WdL II, S. 214 f.; GW 11, S. 390 f.

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Andererseits dürfen wir die Dignität des Inhaltsaspekts nicht unterschätzen, weil wir dann nur dem Popanz einer alles in sich einebnenden und alles aus sich heraus kreierenden Form aufsitzen, somit aber nur einer leider gar nicht seltenen Illusion erliegen, der (durchaus unbewusst) in den allermeisten Interpretationen kritisch oder auch apologetisch gefrönt wird. Auf diese Weise basiert ein vorgebliches Verständnis immer nur auf zustimmender oder ablehnender Nacherzählung, wobei sich auch diese häufig nur als entstellte und verschwommene Vorstellung erweist. Demgegenüber gilt es stets, sich auf der Höhe jener spekulativen Logizität zu halten, die tatsächliches Denken erfordert und herausfordert, weil nur darin (sich aus sich entwickelnde) Denkbestimmungen bzw. reine Denkbestimmungen zu erfassen sind. Soll dies nicht bloß Slogan bleiben, heißt es, den sich selbst durchdringenden Unterschied der absoluten Form in seiner aktualen logischen Konstellation exakt festzuhalten und exakt in seiner sich daraus ergebenden Fortbestimmung denkend zu realisieren. An der vorliegenden Stelle bedeutet dies, zu erkennen, dass die im Gesetztsein der Formbestimmungen sich selbst gegenüber gleichgültig gewordene Form der Inhalt oder die »inhaltsvolle Sache«194 selbst ist, woran dann die (immer noch auch als Abhebungsbeziehung gestaltete) Dialektik der Form- und Modalbestimmungen sich (inklusive der nie zu erübrigenden Zufälligkeit) bis hin zur Notwendigkeit formiert. Da nun die mit dieser Notwendigkeit einhergehende Identität den Charakter des Sollens abgestreift hat und sich als gesetzte Identität bestimmte, so ist sie als reflektiert, d. h. in sich formierender Beziehung, sich gegen die (ebenso an und gegen sich reflektierten) Formbestimmungen gleichgültig machend. Das ist exakt die »inhaltsvolle Beziehung«195 der realen Notwendigkeit, die sich jedoch aufgrund dieser Gleichgültigkeit selbst in die »Formbestimmung des Ansichseins gegen das Gesetztsein«196 versetzt. Somit wird nunmehr, aus der Perspektive der die Unterschiede durchsichtig gemacht habenden absoluten Form, klar, dass die inhaltliche Komponente in der realen Stufe insgesamt den Wert einer Möglichkeit hat und in weiterer Folge vom Standpunkt der absoluten Notwendigkeit aus die reale oder relative Notwendigkeit zugleich als eine mögliche Notwendigkeit anzusehen ist. Wenn wir nun, die absolute Form missinterpretierend, davon ausgehen, dass jeglicher Inhalt letztlich ohnedies wieder nur als ein noch verdecktes oder bloß verstelltes Formphänomen aufgefasst werden kann, sich also nur vermeintlich (obwohl richtigerweise als Schein)197 zum Gegenspieler der Form etabliert, so 196 197 194 195

WdL II, S. 215; GW 11, S. 390. WdL II, S. 211; GW 11, S. 388. WdL II, S. 215; GW 11, S. 390 f. Vgl. (die schon einmal zitierte Stelle aus der Vorrede zur zweiten Ausgabe) WdL I, S. 29; GW 21, S. 17.

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entwertet sich letztendlich überhaupt die Bestimmung der Möglichkeit und, was noch schlimmer ist, es entwerten sich (zumindest dem Anspruch der spekulativen Logik nach) damit auch alle modalen Bestimmungen überhaupt. Was dann übrig bleibt, sind definierbare Operatoren (als Zeichen), die so reduziert in einem Kalkül formal notierbar und hantierbar gemacht werden können, was beispielsweise in der sogenannten Modallogik198 ausgeführt ist. Umgekehrt führt die Überschätzung des Inhalts dazu, dass die Äußerlichkeit (in der Weise einer subjektivistisch sich perpetuierenden äußerlichen Reflexion) aufgrund des an ihr nicht erkannten und nicht durchdrungenen Bezie­ hungsgefüges künstlich, d. h. nicht der Natur der Sache angemessen, aufrecht erhalten und in tausenderlei, oft sehr ausgeklügelten und dem wissenschaft­ lichen wie unwissenschaftlichen common sense sehr begreiflichen Doktrinen der Weltanschauung, erzeugt und in nie sich erfassenden infiniten Progressionen wiedererzeugt wird. Diese Äußerlichkeit schafft so nicht einmal den Schritt zur Selbst­äußer­lichkeit, wie dies logisch in der realen Stufe sehr wohl geschehen ist, was dann dazu führt, dass alle Bezüglichkeit in lediglich positivistischer Relationalität fixiert bleibt, nie zu immanenter Rückbezüglichkeit fortschreiten kann bzw. der ebenso äußerlich applizierten Methodik nach auch nicht fortschreiten darf. Die Formbestimmungen sind so nur Zwischengefüge, weit entfernt von sich durchdringender absoluter Form. Die absolute Notwendigkeit ist demgegenüber jedoch die Auflösung der in der formellen und realen Stufe sich einstellenden Unterschiede und so ist ihr Inhalt nur diese Bewegung (als ansichseiende Konstitutionsbewegung in den logischen Stufen und als an ihr gesetzte reflektiert-werdende oder werdend-reflektierte Oszillationsbewegung) der absoluten Form selbst: »Die absolute Notwendigkeit ist also die Wahrheit, in welche Wirklichkeit und Möglichkeit überhaupt sowie die formelle und reale Notwendigkeit zurückgeht. – Sie ist, wie sich ergeben hat, das Sein, das in seiner Negation, im Wesen, sich auf sich bezieht und Sein ist. Sie ist ebensosehr einfache Unmittelbarkeit oder reines Sein als einfache Reflexion-in-sich oder reines Wesen; sie ist dies, daß dies beides ein und dasselbe ist. – Das schlechthin Notwendige ist nur, weil es ist; es hat sonst keine Bedingung noch Grund. – Es ist aber ebenso reines Wesen; sein Sein ist die einfache Reflexion-in-sich; es ist, weil es ist. Als Reflexion hat es Grund und Bedingung, aber es hat nur sich zum Grunde und Bedingung. Es ist Ansichsein, aber sein Ansichsein ist seine Unmittelbarkeit, seine Möglichkeit ist seine Wirklichkeit. – 198

Es fällt auf, dass die Grundoperatoren auf »möglich« und »notwendig« beschränkt sind. »Es ist möglich, dass p« wird notiert mit einem Rautezeichen (engl. Diamond): ◊p und »Es ist notwendig, dass p« wird notiert mit einem Quadrat (engl. Box): □p, wobei für die Verknüpfungen noch mindestens die gewöhnlichen Ausdrücke für Negation, Konjunktion und Disjunktion hinzukommen.

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Es ist also, weil es ist; als das Zusammengehen des Seins mit sich ist es Wesen; aber weil dies Einfache ebenso die unmittelbare Einfachheit ist, ist es Sein.«199

An der absoluten Notwendigkeit erkennen wir die sich in sich verkehrende Zufälligkeit, welche aber darüber hinaus zugleich die real ausgestaltete Form-­InhaltsDialektik aufgehoben enthält, was zwar scheinbar die Vorzeichen verkehrt, jedoch nichtsdestoweniger die ansichseiende Charakteristik der Zufälligkeit so setzt, dass dies zu absoluter Grundlosigkeit und absoluter Grundbestimmtheit in einem führt. In der ursprünglichen Zufälligkeit ist so auch schon diese Notwendigkeit angelegt, sie bleibt aber vorerst noch »formell, weil ihre Momente formell sind, nämlich einfache Bestimmungen, die nur als unmittelbare Einheit oder als unmittelbares Umschlagen des einen in das andere Totalität sind und somit nicht die Gestalt der Selbständigkeit haben.«200 Die absolute Notwendigkeit hat sich nun verselbständigt, weil sie nicht mehr bloß unmittelbare Einheit, sondern, den Begriff der Wirklichkeit als solcher realisierend, »gesetzte Einheit der Reflexion und der Unmittelbarkeit«201 ist. Die Momente dieser Einheit sind dabei aufgrund der dargelegten Oszillationsbewegung, die an ihr selbst als reflektiert-werdend oder werdend-reflektiert zu betrachten ist, sich vollständig im rückbezüglichen Abstoßen dirimierend, wodurch das eine Moment, die Reflexion, zu völliger Reinheit geläutert ist, und das andere Moment, die Unmittelbarkeit, ebenso zu völliger Reinheit geläutert ist. Letzteres ist nichts anderes als das reine Sein, ersteres nichts anderes als das reine Wesen, jedoch so, dass sie in der absoluten Notwendigkeit nur eine Einheit ausmachen. Bei den nun folgenden Charakterisierungen müssen wir sehr genau darauf achten, wovon sie gelten. Das Subjekt dieser Bestimmungen ist das »schlechthin Notwendige«,202 wodurch schon angedeutet ist, dass hierin zwar die oben erwähnte Reinheit zum Ausdruck gebracht ist, jedoch der Schritt zum Dasein (wie jener ursprüngliche vom reinen Sein zum bestimmten Sein und jener des unbestimmten Wesens zum sich Dasein gebenden Wesen)203 noch ausständig ist. Das Notwendige hebt auf den rein notwendigen Gehalt der absoluten Notwendigkeit ab, der seiende oder daseiende Gehalt dieser Notwendigkeit ist damit noch nicht angesprochen. Wir werden später sehen, dass die Emergenz von Substantialität als Verhältnisbestimmung sich nur einstellt, wenn der Vollsinn von absoluter Notwendigkeit ausgeschöpft wurde, denn es genügt letztlich nicht, diese Notwendigkeit nur als das Notwendige zu fassen. 201 202 203 199

200

WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. WdL II, S. 207; GW 11, S. 385. WdL II, S. 201; GW 11, S. 380. WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. Vgl. WdL II, S. 15; GW 11, S. 242 f.

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Der reine Begriff der absoluten Notwendigkeit ist aber sehr wohl mit dem schlechthin Notwendigen gesetzt, so dass von ihm gilt: Es ist, weil es ist. (1) Es ist, weil es ist. (2) Es ist also, weil es ist. (3) Die einfache Unmittelbarkeit und die einfache Reflexion-in-sich sind zunächst selbst wieder unmittelbar ein und dasselbe. In seinem Seinsaspekt ist das Notwendige völlig bedingungs- und grundlos. Es ist einfach, ohne eine weitere Vermittlung zu benötigen. Es ist gleichsam selbstgenügsam und bestätigt sich nur, indem es ist. Die Reflexion ist in dieser Härte des Notwendigen nicht einmal die sich über die Selbstaufhebung der Vermittlung mit sich vermittelnde Unmittelbarkeit, der Vermittlungsweg muss im schlechthin Notwendigen gar nicht beschritten werden, das Weil ist selbst nur ein Sein. (1) Dass die einfache Unmittelbarkeit und die einfache Reflexion-in-sich ein und dasselbe sind, dies besteht nur im Akt der Reflexion. In seinem Wesensaspekt hat das Notwendige Grund und Bedingung. Es ist ausschließlich durch die Vermittlung und schlichtweg auf Begründung angewiesen, wobei die Härte des Notwendigen darin besteht, keiner äußerlichen Vermittlung zu bedürfen. Die Grundbeziehung ist abermals notwendigerweise nichts anderes als die rückbezügliche Grundgegenbewegung. So hat zwar das Notwendige durchaus »Grund und Bedingung, aber es hat nur sich zum Grunde und Bedingung.«204 Nur das, woraus sich das Notwendige ergibt, seine sich vermittelnde ansichseiende Konstituierung, »ist seine Unmittelbarkeit, seine Möglichkeit ist seine Wirklichkeit.«205 Die Vermittlung muss im Notwendigen vollzogen werden und nur das Weil ist sein Sein. (2) Die Konklusion hieraus kann als einfache Schlussbewegung oder überhaupt als Bewegung gefasst werden. Das schlechthin Notwendige ist also, weil es ist. (1) und (2) sind hierin nicht bloß zu einer Einheit zusammengefasst, sich darin irgendwie neutralisierend und vermengend, nicht einmal als Widerspruch sich auflösend und aufhebend, was ohnedies nur wieder in ein neues Grund- und Bedingungsgefüge münden würde, sondern negativ in sich gegenläufige Bewegungen als eine positive Einheit. Die einfache Unmittelbarkeit des Seins ist damit schon als solche ein reflexives Zusammengehen mit sich, d. h. Wesen, dessen Einfachheit aber auch wieder nur unmittelbare Einfachheit ist, d. h. Sein. Das Sein ist Weil und das Weil ist Sein. (3)

WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. Ebd.

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Im folgenden Absatz ist nun endlich die Zielbestimmung dieses ersten längeren Kapitels erreicht, das sind die sogenannten freien Wirklichkeiten, deren Eigentümlichkeit nur aufgrund der bisher exakt dargelegten Modalbestimmungen und der ihnen zum Ausdruck kommenden Bestimmungen des Seins und Wesens verständlich wird. In ihnen kulminieren Zufälligkeit und Notwendigkeit so, dass deren Fortbestimmung auch eine neue konkretere Stufe des Logischen eröffnet. Außerdem stellt, was für unser Hauptthema äußerst wichtig ist, die in ihnen auftauchende Freiheitsdimension das logische Scharnier dar, wodurch die objektive mit der subjektiven Logik in eine erste Verschränkung tritt. Das schärft erst den Blick auf die begriffliche Bestimmung der Einzelheit, deren spezifische Verfasstheit wir ins Zentrum unserer Interpretationsbemühungen gerückt haben. Auf welche Weise taucht also die Freiheit im Wirklichen auf? »Die absolute Notwendigkeit ist so die Reflexion oder Form des Absoluten; Einheit des Seins und Wesens, einfache Unmittelbarkeit, welche absolute Negativität ist. Einerseits sind ihre Unterschiede daher nicht als Reflexionsbestimmungen, sondern als seiende Mannigfaltigkeit, als unterschiedene Wirklichkeit, welche die Gestalt von selbständigen Anderen gegeneinander hat. Andererseits, da ihre Beziehung die absolute Identität ist, ist sie das absolute Umkehren ihrer Wirklichkeit in ihre Möglichkeit und ihrer Möglichkeit in Wirklichkeit. – Die absolute Notwendigkeit ist daher blind. Einerseits haben die Unterschiedenen, welche als Wirklichkeit und als die Möglichkeit bestimmt sind, die Gestalt der Reflexion-in-sich als des Seins; sie sind daher beide als freie Wirklichkeiten, deren keines im anderen scheint, keines eine Spur seiner Beziehung auf das andere an ihm zeigen will; in sich gegründet ist jedes das Notwendige an ihm selbst. Die Notwendigkeit als Wesen ist in diesem Sein verschlossen; die Berührung dieser Wirklichkeiten durch einander erscheint daher als eine leere Äußerlichkeit; die Wirklichkeit des einen in dem anderen ist die nur-Möglichkeit, die Zufälligkeit. Denn das Sein ist gesetzt als absolut notwendig, als die Vermittlung mit sich, welche absolute Negation der Vermittlung durch Anderes ist, oder als Sein, das nur mit dem Sein identisch ist; ein Anderes, das im Sein Wirklichkeit hat, ist daher als schlechthin nur-Mögliches, leeres Gesetztsein bestimmt.«206

Erst jetzt ist im Verlauf der Konkretisierungen der Modalitätskategorien ein logisches Niveau erreicht, das es erlaubt, die Einlösung des Anspruches der Wirklichkeit überhaupt, nämlich »die Reflexion oder Form des Absoluten«207 darzustellen, tatsächlich gerechtfertigt zu behaupten. Hierbei muss jedoch sofort WdL II, S. 215 f.; GW 11, S. 391. WdL II, S. 215; GW 11, S. 391.

206 207

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daran erinnert werden, dass die Momente der »eigentliche[n] Wirklichkeit«,208 so wie sie im zweiten Kapitel des gleichnamigen größeren Abschnitts209 auseinandergelegt sind, dennoch nur »die formellen Momente des Absoluten oder die Reflexion desselben«210 ausmachen. Zwar sind wir schon zur »Einheit des Seins und Wesens«211 gekommen, aber diese ist, im durchaus zweideutigen Sinne, noch völlig formell, also einerseits sehr wohl bereits die vollständige Totalität der absoluten Form, aber andererseits noch dessen bedürftig, vollinhaltlich realisiert zu werden. Es ist noch die gesetzte »Einheit des Absoluten und seiner Reflexion«212 ausständig, was in dieser Formulierung als Zusammenschluss des Absoluten als solchen, welches im ersten Kapitel des vorliegenden Abschnittes abgehandelt wurde und das wir nicht eigens interpretiert haben, und der Reflexion, d. i. die im zweiten Kapitel sich formierende und hier exakt und ausführlich porträtierte Bewegung der Modalität, zu verstehen ist. Die genaue logische Darstellung dieser Einheit geschieht dann im dritten Kapitel (des ganzen Abschnittes über die Wirklichkeit) und wir widmen uns dieser Thematik (d. i. das absolute Verhältnis) im zweiten längeren Kapitel der vorliegenden Abhandlung. Vorerst müssen wir aber noch die Ableitung dieses Verhältnisses, das letztlich als Substanz »das Absolute als Verhältnis zu sich selbst«213 ist, aus der Dialektik der freien Wirklichkeiten heraus klar vor Augen führen. Ein weiterer ganz entscheidender Schritt wird gemacht, wenn eingesehen wird, wie das sich zum Dasein bestimmende rein Notwendige der absoluten Notwendigkeit in seiner Unterschiedenheit zu fassen ist. Dieser Schritt muss vollzogen werden, weil die absolute Notwendigkeit ansonsten im Mangel des nur-Notwendigen verharrt, was wiederum nur bedeuten würde, ein unverwirklichtes Ansichsein zu statuieren oder eine bloße Möglichkeit für ein fertiges Resultat zu halten. Der fokussierte Blick auf die spekulative Logizität ist aber ohnedies stets Selbstbehebung jener Mangelhaftigkeit, die nichts anderes ist als die Immanenz der sich aufhebenden Beziehung des Negativen auf sich. Die der absoluten Notwendigkeit immanenten Unterschiede bewahren und formieren nun den Status (3) des oben ausgewiesenen schlechthin Notwendigen, von dem wir gesehen haben, dass es seinerseits auf den logischen Richtungen von (1) und (2) beruht. Im oben zitierten Absatz tradiert sich nun der Status (3) so weiter, dass er zunächst anhand der Unterschiede in sich (1) und (2) verkehrt WdL II, S. 186; GW 11, S. 369. Vgl. Dina Emundts, Die Lehre vom Wesen. Dritter Abschnitt. Die Wirklichkeit, in: Michael Quante/Nadine Mooren (Hrsg.), Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik (­HegelStudien Beiheft 67), Hamburg 2018, S. 387–456. 210 WdL II, S. 186; GW 11, S. 369. 211 WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. 212 WdL II, S. 186; GW 11, S. 369. 213 WdL II, S. 187; GW 11, S. 369. 208 209

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(d. i. das im Absatz zuerst vorkommende Paar von Einerseits und Andererseits), und danach gemäß seinem Seinsaspekt weiter thematisiert wird, was formal mit den Ausführungen zu dem noch unergänzten Einerseits zu identifizieren ist. Die Ergänzung zu diesem Einerseits findet sich dann erst im Folgeabsatz, der mit einem Aber anhebt, das sprachlich das noch fehlende Andererseits ersetzt. Ab da wird dann der Wesensaspekt näher thematisiert, bis, um diese (freilich nur äußerlich schematische) Gliederung vorwegzunehmen, das sich bemerkbar machende Wesen (dort mit der Bewegtheit eines Hervorbrechens charakterisiert) gegen Ende dieses vorletzten Absatzes hin selbst noch einmal in einen Seinsund in einen Wesensaspekt unterschieden wird. Was bedeutet dies nun sachlich? – Das Unterscheiden der absoluten Notwendigkeit wendet sich nicht mehr zurück in die bloß wesensmäßige Ausgestaltung nach Reflexionsbestimmungen, die Unterschiede sind vielmehr, als bereits die Einheit des Seins und Wesens exekutierend, eingelassen in die Gestalt seiender Mannigfaltigkeit. Diese unterliegt aber ihrerseits nicht mehr einer nur daseienden Veränderung, die gegeneinander Anderen in dieser Vielheit oder Mehrheit von seienden Komplexionen enthalten selbst die Einheit des Seins und Wesens, verhalten sich also wie völlig Selbständige zueinander. Einerseits tritt hier die Seinsausprägung dieser Einheit zu Tage, andererseits ist ihre Beziehung aufeinander ebenso vom Wesen geprägt. In ihrem Unterscheiden herrscht die Identität der Reflexion, so dass sie sich der Modalität nach nur wie Möglichkeit und Wirklichkeit zueinander verhalten, wobei es aber keinerlei Gefälle zwischen diesen Bestimmungen gibt, sie ausschließlich als das »absolute Umkehren«214 inein­ ander vorliegen. So springt ein Seinszustand in den anderen, ohne Vermittlungsbewegung, Einheit von Sein und Wesen nur in einem reinen Geschehen vollziehend, ohne Veranlagung und ohne eine Bezüglichkeit anzuzeigen, nicht füreinander und nicht gegen ein Drittes. Die so gesetzte seiende Mannigfaltigkeit ist nur in einem unscheinbaren Fortschritt begriffen, so dass die Zwischenbilanz hart und prägnant lautet: »Die absolute Notwendigkeit ist daher blind.«215 Mit dem nun folgenden Einerseits wird im Rest des Absatzes diese Art von Blindheit (als Dunkelheit der Scheinlosigkeit) anhand der sich nur in das Sein hinein und sich nur durch das Sein (als in diesem sogar eingeschlossen) ausdrückenden Reflexion dargestellt. Hierdurch gewinnt diese logische Sachlage das reine Gepräge von Zufälligkeit. Möglichkeit und Wirklichkeit reflektieren sich verkehrend und umschlagend in sich nur als seiend, was dazu führt, dass sich beide Formbestimmungen wie Wirklichkeiten zueinander verhalten. Zudem herrscht in ihrer Beziehung aufeinander kein Schein und keine Reflexion, diese ist nur eingebunden und in gewisser Weise gänzlich aufgebraucht für die Kon­ 214 215

WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. WdL II, S. 215 f.; GW 11, S. 391.

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stitution des Seins. Hierdurch sind diese Wirklichkeiten gegeneinander völlig frei und absolut, an dieser Stelle nun tatsächlich im Sinne von losgelöst. Bezogen auf die modalen Formbestimmungen (schematisch im Andererseits anvisiert) sind es zwei Momente und »daher beide als freie Wirklichkeiten, deren keines im anderen scheint, keines eine Spur seiner Beziehung auf das andere an ihm zeigen will«,216 wodurch an ihnen wieder das rein Notwendige in den Vordergrund tritt, von dem wir jedoch schon wissen, dass es nicht den vollkommenen Status von absoluter Notwendigkeit ausmachen kann. Hingegen bezogen auf die seiende Mannigfaltigkeit (schematisch im ersten Einerseits anvisiert), handelt es sich um mehrere oder viele solcher freien Wirklichkeiten, die zunächst noch nicht nach den Konsequenzen ihrer Progressionsbewegung beleuchtet werden. Davon handelt dann erst der nächste und zugleich vorletzte Absatz dieses Kapitels über die absolute Notwendigkeit. Für den vorliegenden Absatz ist nur festzuhalten, dass das Wesen, vorläufig zumindest, im Sein oder auch Dasein eingebunden bleibt, womit sogar die Notwendigkeit selbst in die Zufälligkeit eingebunden ist: »Die Notwendigkeit als Wesen ist in diesem Sein verschlossen; die Berührung dieser Wirklichkeiten durch einander erscheint daher als eine leere Äußerlichkeit; die Wirklichkeit des einen in dem anderen ist die nur-Möglichkeit, die Zufälligkeit.«217 Die freien Wirklichkeiten sind zugleich absolute Wirklichkeiten und die Leere der absoluten Wirklichkeit als solcher ist an ihnen vollkommen präsent. Jede von ihnen fungiert gegenüber der anderen als absolute Möglichkeit, wodurch es wieder völlig beliebig ist, wie sich Möglichkeit und Wirklichkeit verteilen, es wird nur ein Unterschied gesetzt, der zugleich kein Unterschied ist. Die Identität der Notwendigkeit muss sich im Sein dieser Wirklichkeiten gar nicht herstellen, weil dieses absolut notwendige Sein sich mit sich vermittelt, fremde Vermittlung prinzipiell ausschließt und im formell möglichen Identisch-Setzen nur »leeres Gesetztsein«218 produziert. Die Notwendigkeit kann sich so gar nicht entfalten, denn das Sein ist als das die Reflexion in sich aufgenommen habende Sein schon so gesetzt, dass es als Sein »nur mit dem Sein identisch ist«,219 also gar kein sich erst einstellendes Identitätsmoment braucht. In diesen Wirklichkeiten taucht damit ein erster auf den Begriff vorverweisender Freiheitsaspekt auf. Dieser aufkommende Hauch von Freiheit, um es etwas literarisch auszudrücken, muss dann letztlich auch in der Bestimmung der Einzelheit und auch in der Vielheit des Vereinzelten noch wehen. Mit dem Blick auf die Verfasstheit dieser freien Wirklichkeiten hebt jedenfalls auch die Einsicht in die Freiheitsdimension des Begriffs und seiner Begriffsmomente an. WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. Ebd. 218 Ebd. 219 Ebd. 216 217

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An der aktuellen Stelle ist diese Freiheit ein Frei-Sein, eine Weise von Selbständigkeit und Unbedürftigkeit, die auf dem Sein beruht, das sich das Wesen, zumindest für einen logischen Augenblick lang, untertan gemacht hat bzw. es als nur in ihm waltend eingebunden hat. Dieses Freisein steht dabei unter der Ägide der Zufälligkeit, die, freilich auch nur für einen logischen Augenblick lang, aufgrund des bereits Notwendigen des Seins das Setzen des Wesens in leeres und quasi leerlaufendes Gesetztsein verwandelt. Dabei ist schon spürbar, dass dies ein sehr ephemerer Status ist, weil in dieser Freiheit des Frei-Seins noch nicht einmal die wesensmäßige Freiheit, die sich jedoch gleich im nächsten logischen Augenblick kundtun wird, erkannt ist. In der vorläufigen Seinsgenügsamkeit ist noch nicht explizit, wie das Wesen hier seinen Beitrag leistet, denn es ist verschlossen im Sein und Frei-Sein. Nichtsdestoweniger ist das Wesen hiermit nicht getilgt, vielmehr wird es in seiner Zurückdrängung in die Innerlichkeit gegen die »leere Äußerlichkeit«220 so gesetzt, dass es in seiner sich auf sich beziehenden Negativität letztlich sogar die Härte dieses Seins bricht. Es wird dies vollbringen, weil die freien Wirklichkeiten seiende sind, aber nicht reines Sein. Das ist zwar ihr konkreter absoluter Vorzug, aber auch ihre absolute Schwachstelle. In dieser Zufälligkeit kommt nun gerade deshalb die Notwendigkeit nicht eigens zum Vorschein, weil diese Zufälligkeit die absolute Notwendigkeit ist. Das und die damit einhergehenden Konsequenzen sind aber nicht zu leugnen: »Aber diese Zufälligkeit ist vielmehr die absolute Notwendigkeit; sie ist das Wesen jener freien, an sich notwendigen Wirklichkeiten. Dieses Wesen ist das Lichtscheue, weil an diesen Wirklichkeiten kein Scheinen, kein Reflex ist, weil sie nur rein in sich gegründet, für sich gestaltet sind, sich nur sich selbst manifestieren, – weil sie nur Sein sind. – Aber ihr Wesen wird an ihnen hervorbrechen und offenbaren, was es ist und was sie sind. Die Einfachheit ihres Seins, ihres Beruhens auf sich ist die absolute Negativität; sie ist die Freiheit ihrer scheinlosen Unmittelbarkeit. Dieses Negative bricht an ihnen hervor, weil das Sein durch dies sein Wesen der Widerspruch mit sich selbst ist, – und zwar gegen dies Sein in der Form des Seins, also als die Negation jener Wirklichkeiten, welche absolut verschieden ist von ihrem Sein, als ihr Nichts, als ein ebenso freies Anderssein gegen sie, als ihr Sein es ist. – Jedoch war es an ihnen nicht zu verkennen. Sie sind in ihrer auf sich beruhenden Gestaltung gleichgültig gegen die Form, ein Inhalt, damit unterschiedene Wirklichkeiten und ein bestimmter Inhalt; dieser ist das Mal, das die Notwendigkeit – indem sie, welche absolute Rückkehr in sich selbst in ihrer Bestimmung ist, dieselben frei als absolut wirkliche entließ – ihnen aufdrückte, worauf sie als den Zeugen ihres Rechts sich beruft und an dem sie ergriffen nun untergehen. Diese Manife220

WdL II, S. 216; GW 11, S. 391.

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station dessen, was die Bestimmtheit in Wahrheit ist, negative Beziehung auf sich selbst, ist blinder Untergang im Anderssein; das hervorbrechende Scheinen oder die Reflexion ist an den Seienden als Werden oder Übergehen des Seins in Nichts. Aber das Sein ist umgekehrt ebensosehr Wesen, und das Werden ist Reflexion oder Scheinen. So ist die Äußerlichkeit ihre Innerlichkeit, ihre Beziehung ist absolute Identität, und das Übergehen des Wirklichen in Mögliches, des Seins in Nichts [ist] ein Zusammengehen mit sich selbst; die Zufälligkeit ist absolute Notwendigkeit; sie selbst ist das Voraussetzen jener ersten absoluten Wirklichkeiten.«221

Mit dem anfänglichen Aber dieses Absatzes wird nun das (zweite) Einerseits aus dem vorherigen Absatz ergänzt. Die absolute Notwendigkeit ist mit der sich einstellenden Zufälligkeit nicht verschwunden, es ist vielmehr ihre eigene Zufälligkeit. Als in den freien Wirklichkeiten internalisiert ist die Notwendigkeit dennoch deren innerstes Wesen, das sich letztlich als mit der reinen Äußerlichkeit identisch erweisen muss. Bevor dieser Prozess anhebt, wird die Ausgangslage noch einmal anhand einer eindringlichen Formulierung, die wieder die metaphorische Verbindung zwischen Schein (dem logisch auch das »Unwesen«222 immer eingeschrieben bleibt) und Licht als Ausdruck für Sichtbarkeit und Sichtbarmachung heranzieht, gekennzeichnet: »Dieses Wesen ist das Lichtscheue, weil an diesen Wirklichkeiten kein Scheinen, kein Reflex ist, weil sie nur rein in sich gegründet, für sich gestaltet sind, sich nur sich selbst manifestieren, – weil sie nur Sein sind.«223 Das Wesen ist zwar lichtscheu (und unwesenhaft), aber der unvermeidbare Widerspruch zwingt es gleichsam dennoch dazu, sich darstellen zu müssen, aus seiner Verborgenheit hervorzubrechen. Das Verborgen-Sein ist selbst das sich als Wesen offenbarende, die Einfachheit des Seins ist eben nicht mehr die »erste Unmittelbarkeit«,224 sondern in seinem Einfach-Sein ist es selbst die absolute Negativität. Diese ist somit nicht nur ein Frei-Sein, sie ist als verantwortlich für die Unscheinbarkeit des Seins die »Freiheit ihrer scheinlosen Unmittelbarkeit«.225 Die absolute Negativität garantiert nicht nur seinsbasiertes Frei-Sein, sie verleiht auch wesensbasierte Freiheit, in welche die Wirklichkeiten entlassen sind. Der »absolute Schein«226 des Wesens hat sich zwar in diesen freien Wirklichkeiten unscheinbar und unsichtbar gemacht, er ist aber zugleich der innerste Grund ihrer (nun wesenhaften) Freiheit und so wird er sich über die sich ein 223 224 225 226 221

222

WdL II, S. 216 f.; GW 11, S. 391 f. WdL II, S. 19; GW 11, S. 246. WdL II, S. 216; GW 11, S. 391 f. WdL II, S. 201; GW 11, S. 380. WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. WdL II, S. 25; GW 11, S. 250.

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stellende Selbstwidersprüchlichkeit des Seins hervortun, bis er sich ganz enthüllt und zum »als Schein gesetzte[n] Schein«227 avanciert. Wie tut sich nun die Negativität gegen das Sein kund, in welcher Weise bricht das Negative zunächst auf oder hervor? Weil das Sein die Negativität in sich, aber nicht außer sich, konzentriert hat, so hat es damit auch den Widerspruch in ihm und auch gegen sich gesetzt. Dieser Widerspruch ist die Negation der Wirklichkeiten, worin jedoch deren (zunächst noch gar nicht des Andersseins fähiges) Sein als solches nicht gebrochen werden kann, die Negativität sich selbst nur in radikaler Seinsdimension äußern kann. Das ins nur Innere zurückgedrängte Negative ist somit nur ein Äußeres, jedoch ohne selbst irgendeinen seienden Gehalt an sich haben zu können, so ist es in dieser Radikalität nur Nichts. Die ausschließlich nur in ihnen selbst seiend gesetzten Wirklichkeiten sind in ihrer Vielheit nur durch, ebenso ins Mannigfaltige gezogene, viele Nichts[e] voneinander abgehoben und bilden so nun das prinzipiell Andere zu den seienden Entitäten. Die Wirklichkeiten sind völlig frei in ihrem Zueinander und das sie jeweils (quasi unausgedehnt) trennende Nichts ist hiermit »ein ebenso freies Anderssein gegen sie, als ihr Sein es ist.«228 Um nun der Vorstellung ein (der exakten Logizität nach freilich gänzlich falsches) Bild zu geben, so haben wir in diesem Status der absoluten Notwendigkeit eine Seinskette vor uns, die aus vielen seinsharten (seiend mannigfaltigen) Gliedern besteht, welche zu ihren Zwischenstücken nur Nichts[e] haben. Wenn wir diese Konstellation äußerlich reflektierend oder künstlich (d. h. nicht der spekulativ logischen Natur nach) festhalten und dabei Bewegung und Veränderung zu denken versuchen, so haben wir das oben schon erwähnte vermittlungslose Springen von einem Seinszustand in den anderen vor uns, das wäre also, um im Bild zu bleiben, eine Selbstfortpflanzung von Glied zu Glied, worin jedoch Nichts übersprungen wird. Der immanenten Logizität nach generiert sich aus dieser »auf sich beruhenden Gestaltung«229 heraus eine Bewegung, die abermals Sein und Wesen eint, aber auf eine Weise, in der letztlich die Vielheit der Wirklichkeiten untergeht oder auch aufgeht in eine neue logische Stufe. Gerade weil die freien Wirklichkeiten »nur rein in sich gegründet, für sich gestaltet sind«,230 so ist ihre Formbeziehung reine Gleichgültigkeit, wodurch zugleich (wie der spekulativ logischen Stringenz nach schon genau dargelegt) Inhalt gesetzt ist, an welchem sich die Formbestimmungen (d. i. hier die Möglichkeit und Wirklichkeit, welche sich beide wie Wirklichkeiten zueinander verhalten) verlaufen. Der Unterschied der Wirklichkeiten ist somit dezidiert bestimmter Unterschied und diese Bestimmt WdL II, S. 217; GW 11, S. 393. WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 229 Ebd. 230 Ebd. 227 228

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heit ist es, welche die Notwendigkeit in ihrer rückbezüglichen Grundgegenbewegung, als »absolute Rückkehr in sich selbst«,231 der eigenen Zufälligkeit, also den frei entlassenen und frei gewährenden Seinsbestimmtheiten, mitgegeben hat. Dieser bestimmte Inhalt, in seiender Mannigfaltigkeit manifestiert, »ist das Mal, das die Notwendigkeit […] ihnen aufdrückte, worauf sie als den Zeugen ihres Rechts sich beruft und an dem sie ergriffen nun untergehen.«232 Dieser Untergang besiegelt sich nun durch die bestimmtheitsinitiierte Veränderung, die als Seinsbewegung oder als die anhand des Seinsaspekts sich vollziehende Bewegung »Werden oder Übergehen des Seins in Nichts«233 ist. Darin zeigt sich noch einmal »das hervorbrechende Scheinen oder die Reflexion«234 als nur zurückgezwungen ins Seinsmäßige und in den blinden (im Nichts scheinlos gehaltenen) Fortgang bzw. Untergang in das Anderssein hinein. Mit dieser erneuten (der Bewegung geschuldeten) Zurückdrängung des Wesens intensiviert sich jedoch auch die unaufhaltsam sich einstellende Wesensbewegung. Das hervorbrechende Scheinen kämpft sich dann so ans logische Tageslicht, dass es auch als Scheinen zu Tage tritt. Der alles entscheidende Schritt hin zur Emergenz des absoluten Verhältnisses besteht in der einfachen Einsicht, dass sich die reine Seinsausprägung dieser Konstellation nicht halten kann, denn das Sein selbst in seinem Werden, das kurzfristig über das Wesen zu einem freien Bestehen gekommen ist, ist nur Werden zum Wesen. Das Sein hat sich, einschließlich der vollständigen Ausnutzung des Wesens zur Selbstkonstitution, bis auf die Spitze getrieben, »Sein, das nur mit dem Sein identisch ist« voll ausgestaltend: »Aber das Sein ist umgekehrt ebensosehr Wesen, und das Werden ist Reflexion oder Scheinen. So ist die Äußerlichkeit ihre Innerlichkeit, ihre Beziehung ist absolute Identität, und das Übergehen des Wirklichen in Mögliches, des Seins in Nichts [ist] ein Zusammengehen mit sich selbst«,235 nicht in eine tote Einheit, sondern in die gegen sich und auf sich scheinende Einheit, die aber eben darin zugleich Sein (in allem Sein) ist, dabei den gesamten Seinsgehalt auch in seiner Bestimmtheit in sich aufgehoben darstellend und absolut auslegend. Darin ist die seinsausgerichtete »Zufälligkeit […] absolute Notwendigkeit; sie selbst ist das Voraussetzen jener ersten absoluten Wirklichkeiten.«236 Im gänzlich als Schein hervorbrechenden Scheinen scheint der Gesamtzusammenhang so auf, dass ersichtlich wird, wie die rückbezügliche Grundgegenbewegung nicht nur Moment, sondern Totalität ist, in welcher die WdL II, S. 216 f.; GW 11, S. 392. Ebd. 233 WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 234 Ebd. 235 Ebd. 236 Ebd. 231

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freien Wirklichkeiten setzend-voraussetzend zu bestimmender und sich neu bestimmender Reflexion erhoben oder in das nur Anfängliche einer neuen logischen Stufe erniedrigt sind. Um wieder dem bloßen Vorstellen näher zu treten, so haben wir den Umstand vor uns, dass die Seinsbewegung der sich forttreibenden Seinskette, worin Sein und Nichts fortlaufend (und abwechselnd) progressives Übergehen manifestieren, in die Wesensbewegung kippt, die in ihrer Beziehung absolute Identität manifestiert, sich als in sich unterscheidend absolut identisch setzend. Die sich also in fortsetzender Seins-Nichts-Gliederung nur in Horizontalität ausbreitende Seinskette geht vollständig in eine Vertikalität zusammen, in welcher sich der nur in die Seinsvielfalt ausgelegte Schein als ein einziger Schein sich auf sich selbst bezieht. Erst dieser Schein ist scheinendes Sein, »Identität des Seins in seiner Negation mit sich selbst«,237 wodurch die Notwendigkeit des Seins in einer Zufälligkeit besteht, die sich nicht in Progressivität oder Regressivität verliert, sondern vereinheitlicht seiend-scheinendes Unterscheiden in der Identität der Einheit von Sein und Wesen ist. »Diese Identität des Seins in seiner Negation mit sich selbst, [so] ist sie nun Substanz. Sie ist diese Einheit als in ihrer Negation oder als in der Zufälligkeit; so ist sie die Substanz als Verhältnis zu sich selbst. Das blinde Übergehen der Notwendigkeit ist vielmehr die eigene Auslegung des Absoluten, die Bewegung desselben in sich, welches in seiner Entäußerung vielmehr sich selbst zeigt.«238

Vergleichen wir die nunmehrige Formulierung mit jener, die den Begriff der absoluten Notwendigkeit schon (im sechsten Absatz) angegeben hat. Dort ist ebenfalls von der »Identität des Seins in seiner Negation […] mit sich selbst«239 die Rede, genau so wie das auch hier am Ende des Kapitels der Fall ist, wenn wir einmal von der leicht abweichenden Kursivierung absehen. Dennoch fällt eine sachlich deutlichere Nuancierung ins Gewicht, die wir nicht außer Acht lassen sollten. Die Negation wurde im noch nicht gesetzten Begriff der absoluten Notwendigkeit mit dem »Wesen«240 identifiziert, jetzt wird sie aber mit der »Zufälligkeit«241 in Verbindung gebracht. Was kann das heißen? In dem vor den freien Wirklichkeiten erreichten Status ist die Notwendigkeit so charakterisiert, dass sie selbst es ist, »welche sich als Zufälligkeit bestimmt«,242 und zwar genauer genommen in jener abstoßenden Bewegung gegen sich, die Ebd. Ebd. 239 WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. 240 Ebd. 241 WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 242 WdL II, S. 214; GW 11, S. 390. 237

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wir als reflektiert-werdende oder werdend-reflektierte Oszillationsbewegung interpretiert haben. Die Zufälligkeit ist dabei noch Moment, weil sie das Seinsspezifische gegen das Negative, d. i. das Abstoßen des Wesens selbst, vertritt. In der »Identität des Seins in seiner Negation oder in dem Wesen mit sich selbst«243 ist die Zufälligkeit der momentane Faktor der Unmittelbarkeit, die sich zugleich wieder ins Negative (das in dieser Perspektive nicht das Wesen per se, sondern jeweils Sein und Wesen ist) abstößt und abgestoßen hat. – Demgegenüber ist der durch die Dialektik der freien Wirklichkeiten hindurchgegangene und wiedererreichte (d. h. gesetzte) Begriff der absoluten Notwendigkeit immer noch »Identität des Seins in seiner Negation mit sich selbst«,244 wodurch ebenso die »Einheit des Seins und Wesens«245 vorliegt, jedoch mit der Weiterbestimmung, dass die Zufälligkeit nun vom Moment zur Totalität gediehen ist. Hierin ist sie nicht nur in die Scheinbewegung einbezogen, sie ist in dieser selbst »scheinende Totalität«,246 was in der folgenden logischen Stufe noch klarer hervortreten wird. Somit ist sie zwar der gleich gebliebene andere Negationspart, aber nun auch der Totalität des absoluten Scheines nach gesetzt. Die Zufälligkeit ist so selbst ein Totalitätsfaktor der Unmittelbarkeit, der in dieser Konstellation den absoluten Schein als Schein in Sein und Wesen versetzt. Dieser Schein ist in seiner Totalität Bewegung, und zwar unendliche Bewegung von Unscheinbarkeit und Scheinbarkeit, so dass wir dem Begriff nach schon »das unmittelbare Verschwinden und Werden des absoluten Scheines in sich selbst«247 vor uns haben. Als identische Totalität, die sich auch in Totalitäten unterscheidet, liegt wieder ein Verhältnis vor, das terminologisch als Verhältnis der Substantialität auftreten wird und hier im letzten Absatz einfach mit der »Substanz als Verhältnis zu sich selbst«248 markiert wird. Das »Verhältnis […] hat solche zu seinen Seiten, welche als selbständige Totalitäten gesetzt sind«,249 ist ein Satz, der für das wesentliche Verhältnis gilt, aber dem Ansichsein nach überhaupt für jedes Verhältnis Gültigkeit besitzt. Dies ist also auch hier der Fall, wobei es lohnt, eine Mangelhaftigkeit des wesentlichen Verhältnisses in Erinnerung zu rufen, die gleich einen ersten Aufschluss über die Substanz offenbart. In den Einleitungsabsätzen zum Kapitel über ›Das wesentliche Verhältnis‹, welches das dritte Kapitel des Abschnittes über die Erscheinung bildet, wird eine Art von Identitätsbestimmung hervorgehoben, die in der Identität der Substanz überwunden ist:

Ebd. WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 245 WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. 246 WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 247 WdL II, S. 218; GW 11, S. 393. 248 WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 249 WdL II, S. 165; GW 11, S. 353. 243

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»Seine Identität ist daher nur eine Beziehung, außerhalb welcher ihre Selbständigkeit fällt, nämlich in die Seiten; es ist noch nicht die reflektierte Einheit jener Identität und der selbständigen Existenzen vorhanden, noch nicht die Substanz.«250

Die Rede von den selbständigen Existenzen im wesentlichen Verhältnis verweist auf »die eigene Selbständigkeit jeder der beiden Seiten«,251 die jeweils nur gesetzt sind »in einer der Bestimmungen der negativen Einheit«,252 wir können aber aufgrund der nun erfolgten logischen Fortbestimmung auch davon ausgehen, die selbständigen Existenzen mit den freien Wirklichkeiten zu identifizieren. Der Sache nach hat dies dieselben Konsequenzen, weil über die absolute Notwendigkeit die Verselbständigung integriert ist in die eine Identität des sich in sich unterscheidenden absoluten Scheins. So ist die Substanz bzw. die Substantialität nicht mehr nur wesentliches Verhältnis, sondern absolutes Verhältnis oder das Absolute als Verhältnis zu sich selbst. Damit eröffnet sich im letzten Satz des schon zitierten Abschlussabsatzes des Kapitels über die absolute Notwendigkeit noch eine Konnotation von Blindheit, die mit der Scheinlosigkeit zusammenhängt, aber noch etwas anders gelagert ist: »Das blinde Übergehen der Notwendigkeit ist vielmehr die eigene Auslegung des Absoluten, die Bewegung desselben in sich, welches in seiner Entäußerung vielmehr sich selbst zeigt.«253

Die absolute Auslegungsbewegung der Notwendigkeit erfüllt erst den Anspruch, die paradoxe Einheit von Blindheit und Zeigen oder Aufzeigen zu ermöglichen. In ihrer Blindheit zeigt die Notwendigkeit auf sich, ohne dass ein ihr enthobener (der äußerlichen Reflexion anheimfallender) Standpunkt eingenommen werden müsste. Im blinden Übergehen bleibt sie eingeebnet in die eine logische Ebene, die in ihrer Selbstdarstellung keine Metaebenen braucht und zur Aufrechterhaltung des Spekulativen keine Metaebenen zulassen darf. Nur so ist sie reines Zeigen auf sich, das hier noch durch die Blindheit zuwege gebracht wird, jedoch erst im Begriff als Zeigen aufzeigbar wird. Zum Abschluss dieses ersten Kapitels sei wieder eine Verbindungslinie zu unserem Hauptthema, d. i. die exakte Klärung der Begriffsbestimmung der Einzelheit bzw. des Einzelnen, gezogen. Es fällt dabei von selbst auf, dass sich die freien Wirklichkeiten wie Prototypen des Einzelnen, im Sinne von vereinzelten Entitäten, ausnehmen. In ihrer ebenfalls prototypischen Freiheit ist zwar die notwendige Härte des Seins, über die Inkorporierung des gesamten Wesens WdL II, S. 165; GW 11, S. 354. Ebd. 252 Ebd. 253 WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 250 251

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potentials, manifestiert, aber noch nicht die Festigkeit des Begriffs. Diese verdankt sich zunächst dem allgemeinen Begriff: »Das Feste der Bestimmtheiten, […] die Form des Unvergänglichen ist die der sich auf sich beziehenden Allgemeinheit.«254 Weil jedoch das Allgemeine des Begriffs Bestimmen in sich selbst ist, so ist der »reine oder allgemeine Begriff […] aber auch nur ein bestimmter oder besonderer Begriff, der sich auf die Seite neben die anderen stellt.«255 Die alle Momente durchdringende Identität des Allgemeinen bestimmt sich gerade hierin selbst dazu, »nur das Allgemeine gegen die Unterschiedenheit der Momente zu sein.«256 Das führt zur Besonderung gegen sich und zur Totalität der Bestimmtheit, welche dann auch begriffliche Verschiedenheit impliziert. Eben diese Bestimmtheit ist es, die begrifflich wieder nur als »die sich auf sich beziehende Bestimmtheit«,257 d. i. »das bestimmte Bestimmte«258 gedacht werden kann. Dies ist die Einzelheit. Ohne nun an dieser Stelle weiter auf diese Identität des Begriffs in seinen Momenten eingehen zu wollen, ergibt sich zumindest die Abhebung zum Status der Bestimmtheit in den freien Wirklichkeiten. Ihr Versuch, sich zu vereinzeln, scheitert, weil die negative Beziehung auf sich zugleich aus sich herauskatapultiert ist in das Nichts, worin das Übergehen nur zu einem blinden Übergehen wird. Ebenso fehlt die dem Allgemeinen eignende Reflexion-in-sich, die nötig wäre, um eine freie Bestimmtheit zu einer einzelnen Bestimmtheit werden zu lassen. Doch auch die Bestimmtheit selbst ist in seiner Binnenverfasstheit keine Totalität, keine sich durchdringend selbstdifferenzierende Entität, weil die Differenz nur eine zufällige ist. Die Seinsbestimmtheit kann in sich selbst das Wesenhafte, welche es zwar in den freien Wirklichkeiten besitzt, nicht auf das Begriffliche hin übersteigen, bleibt eine ansichseiende und in diesem Sinne auch nur mögliche Einheit von Sein und Wesen. Das inhaltlich Bestimmte der freien Wirklichkeiten findet keine Beziehung, die es zustande brächte, diese Bestimmtheit als bestimmt zu setzen, sie als solche aufzuzeigen, so dass die Blindheit zum Sehen, zur Schau, zur wohl verstandenen Theoria gebracht werden könnte. So wird das bestimmte Bestimmte nicht erreicht, und die logische Fortentwicklung bedarf einer Intensivierung der ansichseienden SeinsWesens-Identität, die in den folgenden Schritten noch zu vollziehen ist. Dies ist der Weg durch das absolute Verhältnis, worin sich schlussendlich der noch vermisste Status von Bestimmtheit einstellen wird. Wir widmen uns dieser Thematik nun im zweiten längeren Kapitel dieser Abhandlung.

WdL II, S. 287; GW 12, S. 42. WdL II, S. 273; GW 12, S. 32. 256 WdL II, S. 274; GW 12, S. 32. 257 WdL II, S. 296; GW 12, S. 49. 258 Ebd. 254 255

2. Aufweis der Einzelheit über die Bewegung des absoluten Verhältnisses

2.1 Problemaufriss: Ding – Substrat – Substanz Anhand des Kapitels über das absolute Verhältnis erörtert Hegel den spekulativen Übergang von der objektiven in die subjektive Logik und unternimmt den Versuch, aufzuzeigen, wie sich die Logizität des Wesens von ihr selbst her in eine neue Sphäre überschreitet. Im Folgenden sollen nun einige wichtige Komponenten dieser Bewegung dargestellt werden, wobei einleitend auf eine bestimmte Problemstellung schon im Voraus hingewiesen sei: Die freien Wirklichkeiten können als so in sich differenziert gelesen werden, dass sie eine Bewegung darstellen, welche sogar (einige) Momente der Realisierung der Kausalität schon an sich (oder der bloßen Möglichkeit nach) in sich enthält. In diesem Sinne stellt eine solche Wirklichkeit zunächst einen Inhalt überhaupt dar, was dann auch dem Resultat der formellen Kausalität entspricht. Dieser Inhalt erweist sich dann im bestimmten Kausalitätsverhältnis als »eine unmittelbare Existenz […und] daher [als] irgendein Ding, das mannigfaltige Bestimmungen seines Daseins hat, unter anderem auch diese, daß es in irgendeiner Rücksicht Ursache oder auch Wirkung ist.«1 Da in den nächsten Schritten dieses Ding weiter entwickelt wird als Substrat und dann als Substanz, so entspricht dieser zu überwindende Status jener Dingmetaphysik, welche die Welt als Gesamtheit von Dingen auffasst, also das, was Wittgenstein schon ganz zu Beginn des Tractatus ablehnt und wogegen sich überhaupt alle Philosopheme richten, die das Urteil oder den propositionalen Gehalt als zentralen Ausgangspunkt des Begrifflichen verstehen. Dennoch gehört eine dingliche Substanzmetaphysik, worin also die Dinge selbst als Substanzen begriffen werden,2 zur genuinen 1 2

WdL II, S. 229; GW 11, S. 401. Diese vorübergehende Option wird von Hegel in der Logik für die Mittelklasse von 1808/09 dezidiert festgehalten und auch dort mit dem Substrat in Verbindung gebracht: »Jedes einzelne Ding ist eine besondere Substanz, denn es ist als seiend überhaupt, in reiner unbestimmter Gleichheit mit sich selbst, die seine einfache Materie ausmacht; in diese Gleichheit mit sich aber fällt keine Veränderung, sondern sie ist das Substrat alles Wechsels des Daseins.« (NHS, § [51/83], S. 100; GW 10,1, S. 47 f.). Aber schon am Ende dieses Paragraphen wird wieder in strikter Abhebung hierzu geschlossen: »…die besonderen Dinge als solche sind somit keine Substanzen, und es ist nur eine Substanz.« (ebd.; GW 10,1, S. 48) In der Wissenschaft der Logik wird demgegenüber die umgekehrte Reihenfolge eingeschlagen: Es

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Kapitel 2

Möglichkeit, das Wirkliche zu interpretieren. Doch andererseits zeigt sich sehr rasch, dass der Begriff des Dinges zu schwach ist, um die Formbestimmungen von Ursache und Wirkung adäquat an ihm zur Darstellung zu bringen. Freilich kann aber das Ding als an sich Ursächliches (von der Substantialität zur Kausalität fortschreitend) betrachtet werden, insofern es eine immanente Eigenschaft des Dinges ist, zu wirken: »Ein Ding hat die Eigenschaft, dies oder jenes im Anderen zu bewirken und auf eine eigentümliche Weise sich in seiner Beziehung zu äußern. […] Es geht darin in eine Äußerlichkeit über, aber die Eigenschaft erhält sich darin. Das Ding wird durch seine Eigenschaften Ursache, und die Ursache ist dies, als Wirkung sich zu erhalten. Jedoch ist hier das Ding nur erst das ruhige Ding von vielen Eigenschaften, noch nicht als wirkliche Ursache bestimmt; es ist nur erst die ansichseiende, noch nicht selbst die setzende Reflexion seiner Bestimmungen.«3

Wird jedoch bei der Bestimmung der Kausalität beim bloß Dinglichen stehen geblieben, ergeben sich sogleich Schwierigkeiten. Auf ein Beispiel bezogen, hieße das nämlich Folgendes: Einem Stein, der gegen eine Fensterscheibe geworfen wird, die hierauf zerbricht, inhäriert einerseits eine gewisse Bewegungsenergie als Ursache und andererseits eine Wirkung, die etwa als Kratzer oder sonstige (auch noch so kleine) Deformierung ebenfalls wieder am Stein vorkommt. So bleibt der Stein die identische Grundlage, an welcher sich die Formbeziehung von Ursache und Wirkung verläuft. Wie man sieht, ist das aber nicht jener kausale Zusammenhang, der zumeist von Interesse ist. Man will nicht ein einzelnes Ding für sich selbst in seiner Kausalität betrachten, sondern die kausale Beziehung im Zusammenhang von Dingen. Man wollte die Beziehung von Stein und zerbrochener Fensterscheibe thematisieren, das ist aber in der Einschränkung auf ein Ding gar nicht möglich. Trotzdem wird der Kausalprozess zwischen Stein und zerbrochener Fensterscheibe von einer identischen Grundlage durchzogen, weil sich nur dadurch »die ansichseiende Identität der Ursache und Wirkung«4 realisiert. Dieses Identische nennt Hegel Substrat, und das ist es, woran die Formbestimmungen »ihr wesentliches Bestehen«5 haben. Das Substrat kann zwar einfach als Ding genommen werden (und in dieser Weise beginnt mit der einen Substanz im Sinne der Substantialität und erst im Kausalitätsverhältnis kommt es zu vielen Substanzen, die in einem spezifischen Status des bestimmten Kausalitätsverhältnisses auch mit Dingen identifiziert werden können. Wesentlich ist dann der Schritt zur Zweiheit von aktiver und passiver Substanz, eine Dialektik, die in dieser Form in den Schullogiken noch gar nicht vorkommt. 3 WdL II, S. 134; GW 11, S. 330. 4 WdL II, S. 229; GW 11, S. 401. 5 Ebd.

Hegel-Studien

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führt es auch Hegel selbst vor), aber es verbirgt sich dahinter eine abstraktere und letztendlich (spekulativ betrachtet) auch eine konkretere Bestimmung. Abstrakt bleibt es dann, wenn wir uns mit der Beispielsebene zufrieden geben,6 denn dann wird das Substrat zu einem konstruierten Verbindungsbereich, der völlig beliebig auch weit auseinander liegende Ursachen und Wirkungen aneinander knüpft.7 Freilich ist schon die Hinsicht auf einen größeren oder geringeren Abstand zwischen Ursache und Wirkung ohnehin eine schlechte äußerliche Verstandesreflexion, aber es ist wichtig zu sehen, dass das Substrat keine durch schlechte (oder gute) Beispiele erzeugte Bestimmung ist, sondern im Gang der Sache selbst (welche auch die Sache der Kausalität sein wird) in notwendiger Weise beschlossen ist. Generell kann es beim Substrat nicht um Quantifizierung zu tun sein, wenn überhaupt, dann steckt die reine Quantität dahinter, welche die Momente der Kontinuität und Diskretion auf zunächst wiederum kontinuierliche Weise in sich enthält. Nicht von ungefähr zitiert dann Hegel in der Anmerkung I zu ›A. Die reine Quantität‹ Leibniz, und zwar mit dem Satz: »Non omnino improbabile est, materiam et quantitatem esse realiter idem.«8 Auf diesen Zusammenhang mit der Materie werde ich in den weiteren Überlegungen ebenfalls eingehen. Zunächst hat sich aber die Quantität via Maß9 ins Wesen10 aufgehoben und das Wesen ist es selbst, sich als sein eigenes Substrat dar Der Aufgabe, dieser Abstraktionsgefahr, in welcher sich die äußerliche Reflexion über Gebühr stark macht und im Gegenteil mit Konkretisierung prahlt, entgegenzuwirken, hat sich Urs Richli in vielen seiner Arbeiten verschrieben. Dies ist auf alle Fälle eine äußerst würdigenswerte Bemühung, weil es nicht wenige Interpreten gibt, die dieser (sehr subtilen) Gefahr, auch in elaboriertesten Analysen, unterliegen. Wenn sich jedoch ein gewisses Verständnis der Logizität der Sache selbst eingestellt hat, bekommen Beispiele eine andere Funktionalität, sie spiegeln im Idealfall sogar die schöpferische Freiheit des Begriffs wider. Das beste Beispiel hierfür ist wohl Hegel selbst, der sich vor derartigen Exemplifikationen nicht scheut und eigentlich ziemlich locker und salopp damit umgeht. – Zur Kategorienbetrachtung, wenn sie weder auf Instanzen eines außerlogischen Applikationsbereichs bezogen und auch nicht als Inhalt höherstufiger Prädikationen thematisiert werden, vgl.: Urs Richli, Gedanke und Sache, in: Synthesis Philosophica 43 (vol. 22 fasc. 1), Zagreb 2007, S. 33–58. 7 Vgl. Hegels Hinweis auf folgende Pseudoursächlichkeit: »So wenn z. B. ein Mensch dadurch unter Umstände kam, in denen sich sein Talent entwickelte, daß er seinen Vater verlor, den in einer Schlacht eine Kugel traf, so könnte dieser Schuß (oder noch weiter zurück der Krieg oder eine Ursache des Kriegs und so fort ins Unendliche) als Ursache der Geschicklichkeit jenes Menschen angegeben werden.« (WdL II, S. 227; GW 11, S. 400). Auch in diesem Fall würde es ein Substrat geben, das zwischen willkürlich fixierter Ursache und Wirkung die Verbindung aufrecht erhält oder diese – aus umgekehrter Perspektive – unterbricht. 8 »Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß Materie und Quantität in Wirklichkeit dasselbe sind.« (Leibniz zitiert nach WdL I, S. 215; GW 21, S. 179). 9 In der Entwicklung des Maßes stellt übrigens das Substrat ebenfalls eine wichtige Bestimmung dar. 10 »Das Wesen ist im Ganzen das, was die Quantität in der Sphäre des Seins war; die absolute Gleichgültigkeit gegen die Grenze.« (WdL II, S. 15; GW 11, S. 243) 6

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zustellen. Das bewerkstelligt sich über die reine Vermittlung des Scheinens der Reflexionsbestimmungen, die in ihren Grund zurückgehen. Erst der Grund ist dann die »reale Vermittlung des Wesens mit sich.«11 Die reine Reflexion als solche ist der Sache nach substratlos, die gegeneinander Scheinenden sind nur für uns Substrate, und zwar »Substrate, eigentlich nur der Einbildungskraft; sie sind noch nicht sich auf sich selbst Beziehende. Die reine Vermittlung ist nur reine Beziehung, ohne Bezogene.«12 Der Grund jedoch ist der Beziehungsgrund, indem er sich zur Grundlage der Formbestimmungen macht: »Das Wesen hat eine Form und Bestimmungen derselben. Erst als Grund hat es eine feste Unmittelbarkeit oder ist Substrat.«13 Das Scheinen der Form als Form generiert sich durch einen Prozess, in welchem sich die gegenseitig vermittelnden Reflexionsbestimmungen in eine Gleichgültigkeit gegen sich selbst bringen. In dieser gleichen Gültigkeit kommt die Negativität zu einer Ruhe, die nicht mehr nur ein Moment der Binnenstruktur der sich (positiv/negativ) für sich ausschließend auf sich beziehenden Reflexionsbestimmung als solcher darstellt. Es entsteht eine Beruhigung zur Unmittelbarkeit, welche die ganze Form umgreift und dieser Form dabei eine Basis schafft, wodurch sie erst als Form präsent werden kann. Dieses Unmittelbare oder Identische wird somit zum Substrat, wodurch allein sich eine weitere Zuspitzung der Formbestimmungen ermöglicht. Das Wesen unterscheidet sich also formhaft von sich nur durch seine eigene Grundlegung und es zeigt sich, dass eben dies das Seinsmoment im Wesen ist. Diese Grundlage, in welcher Ausprägung auch immer, lässt sich aber im Wesen nicht so eingrenzen, dass das Sein in einer bestimmten Bestimmtheit, das hieße als Einzelheit oder zumindest als ein genuin einzelner Aspekt, fixierbar wird. Das wäre zwar im Dieses-Sein des Dinges anvisiert und so wird das Ding als Substrat auch in der Kausalität auftauchen, aber die Grundlagendimension ist das schlechthin Dingübergreifende und so enthüllt sich auf einen ersten Blick das Substrat als eine Bestimmung, die jene Charakteristika aufweist, die durch die Materien ausgedrückt wurden. Das Substrat ist eine ebensolche Kontinuierungsschiene wie es die Materien waren, und zwar gegen das noch kraftlose Einssein des Dinges, worin das Sein noch nicht als Sein bestätigt werden konnte. Es bleibt noch ein Reflex des Wesens, eine noch zu wesenhaft konstituierte Beziehung auf sich, in der das Ausschließen die Festigkeit der Bestimmtheit nicht garantieren kann. Umgekehrt ist aber der Bestimmungsfaktor der Materien ebenfalls zu schwach, um die Dinge gegeneinander als selbständige Entitäten zu bewahren. Sie erhalten sich letztlich nicht einmal selbst, weil sie an ihrer eigenen Durchdringungsfähigkeit zugrunde gehen und in ihrer aufhebenden Beziehung auf sich das Unbestimmte WdL II, S. 81; GW 11, S. 292. Ebd. 13 WdL II, S. 85; GW 11, S. 295. 11

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des Dings-an-sich wiederherstellen. Diese Unbestimmtheit ist aber damit gesetzt, wodurch klar wird, dass die Bestimmtheit überhaupt nicht an sich ausdrückbar ist. Als Totalität wird dies ausschließlich sichtbar in der erscheinenden Welt, die immer nur zeigt, dass das aus ihr extrahierte beständig sein sollende Ansichsein nur eine negative Bestimmung bleibt, die – wird sie auch in Gesetzen, Regeln, Systemen etc. festgehalten – die Herkunft aus dem Schein nicht abstreifen kann. Spekulativ betrachtet heißt dies, dass hier eine Schleife im Begriff des Substrats vollzogen wird, deren es bis zur Substantiierung des Substrats noch mehrere gibt. Die Existenz nämlich hat sich als eine Grundlagenbestimmung des Wesens eingestellt, wodurch das Sein als wesentliches Sein die Funktion des Substrats für das Wesen als Form übernimmt. Aber eben dies, was Substrat sein sollte, die Existenz in ihrem Ansichsein, hat sich wiederum erwiesen »zu ihrer Grundlage ihre Nichtigkeit zu haben.«14 In anderen Worten: Das Wesen bestimmt aus sich selbst das Sein zu seiner Grundlage und dieses (freilich verwesentlichte) Sein hat zu seiner Grundlage abermals die Negativität (Nichtigkeit) des Wesens. Das nicht äußerlich vorausgesetzte Substrat emergiert so in bestimmten Zyklen der logischen Bewegung selbst, dass die Sphären des Seins und des Wesens sich gegenseitig als Substrat auslegen, bis sich schließlich anhand der Kategorien der Kausalität und der Wechselwirkung zeigt, dass sich die relationale Grundlagenbestimmung in den Begriff aufhebt, der – formal gesprochen – die »absolute Grundlage«15 darstellt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass zwar der Ausdruck Grundlage ein typischer Wesensbegriff ist, dessen Verabsolutierung jedoch gerade den Überstieg in eine neue Sphäre markiert. Deshalb wird betont, dass der Begriff nur Grundlage ist, »insofern er sich zur Grundlage gemacht hat.«16 Wir sind also wieder auf die Tätigkeit der objektiven Logik zurückgeworfen, aus deren Dialektik allein ein weder seins- noch wesenhaftes Grundlagenverständnis gewonnen werden kann. 2.2 Einleitung in das Absolute Verhältnis: Die Notwendigkeit – Das Notwendige – Ein Notwendiges Die Einzelheit – Das Einzelne – Ein Einzelnes Nach diesem kurzen Problemaufriss, worin schon die wichtige Thematik der logischen Funktion des Substrats und die Frage nach seiner möglichen oder auch notwendigen Substantiierung aufgeworfen wurde, widmen wir uns nun den An WdL II, S. 144; GW 11, S. 337. WdL II, S. 245; GW 12, S. 11. 16 Ebd. 14 15

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fängen des absoluten Verhältnisses, wie es sogleich mit dem Substantialitätsverhältnis anheben wird. Der erste Absatz der Einleitung zum dritten Kapitel über ›Das absolute Verhältnis‹ bietet nun durchaus den besten Einstieg, weil die sich darin findenden Kennzeichnungen aufgrund der genauen Ausführungen im ersten Kapitel nun sehr klar und verständlich sein sollten. Außerdem lässt sich diesbezüglich die bisher absichtlich unthematisch gehaltene Korrelation bzw. die spezifische Aspektsetzung, anhand deren die Termini Einzelheit und Einzelnes gegeneinander nuanciert werden, zumindest in einer vorläufigen (noch nicht ganz dem Niveau des Begrifflichen angemessenen) Weise illustrieren. Wie haben wir also die absolute Notwendigkeit als Verhältnisbestimmung zunächst vor uns? »Die absolute Notwendigkeit ist nicht sowohl das Notwendige, noch weniger ein Notwendiges, sondern Notwendigkeit, – Sein schlechthin als Reflexion. Sie ist Verhältnis, weil sie Unterscheiden ist, dessen Momente selbst ihre ganze Totalität sind, die also absolut bestehen, so daß dies aber nur ein Bestehen und der Unterschied nur der Schein des Auslegens und dieser das Absolute selbst ist. – Das Wesen als solches ist die Reflexion oder das Scheinen; das Wesen als absolutes Verhältnis aber ist der als Schein gesetzte Schein, der als dies Beziehen auf sich die absolute Wirklichkeit ist. – Das Absolute, zuerst von der äußeren Reflexion ausgelegt, legt nun als absolute Form oder als Notwendigkeit sich selbst aus; dies Auslegen seiner selbst ist sein Sich-selbst-Setzen, und es ist nur dies Sich-Setzen. – Wie das Licht der Natur nicht Etwas, noch Ding, sondern sein Sein nur sein Scheinen ist, so ist die Mani­ festation die sich selbst gleiche absolute Wirklichkeit.«17

Die absolute Notwendigkeit wird hier (durchaus markant im ersten Satz des neuen Kapitels) mit eindringlichem Nachdruck als Notwendigkeit angesprochen und dabei deutlich von anderen Ausdrücken abgehoben, die nicht adäquat wären, um den nunmehr erreichten Status zu kennzeichnen. So ist es an dieser Stelle nicht opportun von dem Notwendigen oder pointierter noch (wie sehrwohl zuvor im siebten Absatz des Kapitels über die absolute Notwendigkeit wohlweislich und demonstrativ so formuliert) von dem schlechthin Notwendigen zu sprechen. Wie sind aber diese Ausdrücke spekulativ überhaupt auseinanderhaltbar? Einerseits ist nämlich die absolute Notwendigkeit zugleich und vollumfänglich das Notwendige, andererseits drückt letzteres, wie oben interpretatorisch exakt belegt, den rein notwendigen Aspekt aus, der in dieser Reinheit sogar fähig ist, wie ebenfalls bereits ausgeführt, das reine Sein und das reine Wesen in einer Ein-

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WdL II, S. 217 f.; GW 11, S 393.

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heit zu fassen. Das Notwendige18 ist eine Zuspitzung von Notwendigkeit, die jedoch, wird sie hierin festgehalten, die Totalität der Form in all ihren Unterschieden, die wiederum das reine Sein in seiner Selbstbestimmung zur Bestimmtheit und das reine Wesen in seiner Selbstbestimmung zur Bestimmtheit, d. i. übergängliches Dasein (im Sinne von seiender Mannigfaltigkeit) und sich bestimmende Reflexion (im Sinne der sich in sich reflektierenden Form in den Formbestimmungen) nicht als Unterschiede zum Austrag bringt. Umgekehrt verliert sie sich daher auch nicht in ihren Unterschieden und bringt so ihren Begriff (und implizit den Begriff überhaupt) rein auf den Punkt. Beide Richtungen (als identitätsorientiert und unterschiedsorientiert) lassen sich nicht gegeneinander ausspielen und wir können uns auch nicht der trügerischen Erkenntnis hingeben, zu meinen, dass sich ein Standpunkt möglicherweise als einer herausstellen könnte, der den anderen (der naiven Logizität nach) in sich aufhebend bewahrt. Es handelt sich hier um eine eminent logische Spannung, die, wird sie einseitig aufgelöst oder, was allzu häufig passiert, in eine Formalisierung gezwängt, nur dazu führt, jeglichen spekulativen Gehalts verlustig zu gehen. Sachlich dürfen wir die zu ihrem gesetzten Begriff gekommene absolute Notwendigkeit auch nicht in einer Weise fassen, die sie nur als ein Notwendiges fixiert. So begingen wir nur den Rückschritt, die Mehrzahl der freien an sich selbst notwendigen Wirklichkeiten ohne Berücksichtigung ihrer logischen Fortbestimmung auf den neuen Status zu übertragen. Wir nähmen dann ein Notwendiges an, zu welchem auch andere Notwendige auffindbar sein müssten, was jedoch der Verfasstheit der Momente als Totalitäten, die zugleich »nur ein Bestehen«19 ausmachen, überhaupt nicht entspricht. Wiederum können wir uns jedoch nicht darauf verlassen, dies als eine endgültige Auslegung (wohlverstanden als nicht äußerlich hypostasierte Auslegung des Absoluten) anzunehmen und die Vielheit des an ihm selbst Notwendigen nur als eine Aufhebungsstufe (was abermals sehr naiv wäre) zu deuten. Die sich im absoluten Verhältnis auftuenden Konstellationen würden uns ohnedies gleich eines Besseren belehren. Aber auch per se ist darin die (durch dieses Moment erweiterte) logische Spannung aufrecht, die nur zu Ungunsten des logisch denkerischen Vollzugs getilgt werden Das Notwendige bzw. das schlechthin Notwendige verweist, wie bereits mehrmals erläutert, auf den rein notwendigen Aspekt der Notwendigkeit, von welcher zwar richtigerweise gesagt werden kann, dass sie zugleich auch dieses Notwendige ist, jedoch in ihrem Vollsinn nicht darauf beschränkt bleiben kann. Die in ihr sich auseinanderlegenden Unterschiede (bzw. ihr tatsächliches Dasein), nach den konkreten Bestimmungen des in ihm vereinheitlichten Seins und Wesens, blieben so gänzlich unterbelichtet und die damit einhergehende äußerlich aufrecht erhaltene Ausklammerung würde die Notwendigkeit auf einen Status des Möglichen degradieren oder, begrifflich ausgedrückt, eine nur schlecht allgemeine Notwendigkeit zulassen. Das ist dann eine Notwendigkeit, die nur von einer Sache gilt, nicht aber diese Sache selbst ist. 19 WdL II, S. 217; GW 11, S. 393. 18

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kann. Leider geschieht diese Tilgung häufig unabsichtlich und gerade in dem falschen Vertrauen, die verwirrend anmutenden Komplexionen der spekulativen Logik in einfachere und formeller zu verstehende Strukturen aufgelöst zu haben. Was wir aus diesen spannungsvoll bleibenden Abhebungen lernen können, ist nun auch sehr aufschlussreich für unser Generalthema. Wenn wir in diesem Zusammenhang eine Parallelisierung wagen, die sich freilich erst später bestätigen kann und die auch offen bleiben muss für Adaptierungen, die nur über das erreichte Begriffsniveau sinnvoll getroffen werden können, so lässt sich aus dem Bisherigen (mindestens als plausible Hypothese, um stets große Vorsicht walten zu lassen) konstatieren, dass sich auch das Einzelne als eine Zuspitzung der Einzelheit verstehen lässt bzw. als eine Aspektsetzung, in der eben der rein einzelne Aspekt im Vordergrund steht. Dies kann jedoch zugleich bedeuten, was aus den Darlegungen zur Notwendigkeit sehr klar geworden sein sollte, dass die Termini Einzelheit und Einzelnes an vielen logischen Stellen dennoch in völlig adäquater Weise austauschbar verwendet werden können. Umgekehrt lehrt es aber auch, dass wir äußerst genau darauf achten müssen, warum an einer bestimmten Stelle und bezüglich welcher spezifischen Konstellation entweder der eine oder der andere Terminus zum Einsatz kommt. Es könnte nämlich sein, dass sich gerade dann ein noch präziseres Verständnis der auch bei diesen reinen Denkbestimmungen immanent logisch zu denkenden Spannungsgeladenheit eröffnet. Darüber hinaus könnte es ebenso sein, dass die angesprochene Spannung auch noch ein weiteres Moment aufweist, das der vorgenommenen Parallelisierung nach ebenfalls zu berücksichtigen ist. Neben der Einzelheit und dem Einzelnen muss es dann wohl ebenso legitim und sachlich geboten sein, ein Einzelnes bzw. ein Vereinzeltes anzusetzen. Damit wäre es auch logisch spekulativ gerechtfertigt, was freilich der bloß in äußerlicher Reflexion verhaftete und etwas euphemis­ tisch als gesund titulierte Menschenverstand für eine banale Selbstverständlichkeit hält (die es aber nicht ist), von der Vielheit der Einzelnen oder der Vielheit der Vereinzelten auszugehen. Zunächst gilt es aber, die spezifische Ausgangskonstellation des absoluten Verhältnisses weiter zu charakterisieren. In der Identität des Seins in seiner Negation mit sich selbst bestimmt sich die Negativität in einer Entgegnung, welche die Momente zugleich als Totalitäten so setzt, dass sie nur die eine Bewegung des sich auf sich beziehenden Scheins darstellen und diese nichts anderes ist als die Auslegungsbewegung des Absoluten. Dieser Schein der absoluten Notwendigkeit ist absolutes Manifestieren oder das reine Manifestieren des sich auslegenden Absoluten, das im reflexiven Sein, dem sich in seiner durch die bisherigen Stufen des Wesens ausgestalteten Negativität wiederherstellenden Sein, seine ihm eigene Reflexion, die über den Weg des Setzens der Voraussetzung der äußeren Reflexion in der absoluten Wirklichkeit bestimmend wurde, gefunden hat.

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So ist es nur das »Sich-selbst-Setzen«,20 das wieder mit der Metapher des Lichts veranschaulicht wird, welches als Scheinen dem als Schein gesetzten Schein entspricht. Die Blindheit der Notwendigkeit ist vollkommen in dieses Licht getaucht, aber noch ist nicht klar, wie ein Sehend-Werden in dieser Umgebung stattfinden könnte. Ebenso ist nicht klar, wie das darin möglicherweise Aufscheinende aussehen könnte. Klar ist vorläufig nur, dass der als Schein gesetzte Schein notwendig seine Unterschiede als Totalitäten setzt, diese aber eben hierin nur in den einen Schein zurückgesetzt sind, der zugleich wieder nur an und in ihm selbst in Totalitäten unterschieden ist. Wir sehen, was bisher logisch noch nicht in dieser Klarheit zu Tage treten konnte, dass die sich selbst zum Verhältnis bestimmt habende absolute Notwendigkeit die Momente als Totalitäten und den Schein als Schein so herauspräpariert hat, dass diese Bestimmungen sich als vollkommen gegenseitig bedingend herausstellen: »Die Auslegerin des Absoluten […] ist die absolute Notwendigkeit, die identisch mit sich ist, als sich selbst bestimmend. Da sie das Scheinen ist, das als Schein gesetzt ist, so sind die Seiten dieses Verhältnisses Totalitäten, weil sie als Schein sind; denn als Schein sind die Unterschiede sie selbst und ihr Entgegengesetztes, oder [sie sind] das Ganze; – umgekehrt sind sie so Schein, weil sie Totalitäten sind. Dies Unterscheiden oder Scheinen des Absoluten ist so nur das identische Setzen seiner selbst.«21

Das Absolute in seiner sich selbst setzenden Auslegungsbewegung ist gehaltvolle Identität, als Gleichheit des reflexiven Seins mit sich, und gehaltvoller Unterschied, als Ungleichheit (die ein immanentes Ungleich-Werden und Ungleich­Setzen impliziert) des reflexiven Seins mit sich. Der Unterschied ist als Unterscheiden des absoluten Scheins die Einheit des Scheins in seinen Momenten, die als Totalitäten gesetzt sind, und die Identität ist als das sich Identischsetzen des absoluten Scheins die Einheit des Scheins als die eine Totalität des Absoluten selbst. In der Verabsolutierung des Identitätsmoments ist der absolute Schein nur scheinloses reflexives Sein und verschwindet so in sich, und in der Verabsolutierung des Unterschiedsmoments ist der absolute Schein scheinendes reflexives Sein und stellt sich so aus sich selbst nur als Schein wieder her. Beides ist ein und dasselbe, aber der Unterschied des Absoluten besteht, so ist er nur die Totalität als das Beständige und das Unbeständige an ihm selbst. Ersteres ist die Substanz oder die Substantialität, letzteres sind die Akzidenzen in ihrer Totalität oder die Akzidentalität. So verhält sich das Absolute als absoluter Schein zu sich selbst:

WdL II, S. 218; GW 11, S. 393. Ebd.

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»Dies Verhältnis in seinem unmittelbaren Begriff ist das Verhältnis der Substanz und der Akzidenzen, das unmittelbare Verschwinden und Werden des absoluten Scheines in sich selbst.«22

Das absolute Verhältnis ist »das Absolute als Verhältnis zu sich selbst«,23 so ist es Substanz als »die Einheit des Absoluten und seiner Reflexion«,24 d. i. der Begriff der absoluten Wirklichkeit, in welcher die Reflexion die adäquate Entsprechung zum Status der Unmittelbarkeit (als »Einheit des Wesens und der Existenz«25 in identischer Formbestimmung) erreicht hat. Die logische Bewegung der Modalitätskategorien ist der eigene Reflexionsprozess des Absoluten, worin sich die bestimmende Reflexion, die sich aus der noch äußerlichen Auslegung über die Attributierung und den Modus als »äußerste Äußerlichkeit«26 gesetzt hat, formal, real und absolut ausgestaltet hat. Um diese Charakterisierung nicht wieder selbst nur äußerliche Reflexion bleiben zu lassen, müsste die Darstellung aus dem ersten Kapitel in ihrer differenzierten Aufschlüsselung stetig präsent gehalten werden. Der mit dem Erreichen der Substanz neu formierte Unmittelbarkeitsstatus verführt nämlich dazu, die interpretatorischen Kennzeichnungen nur äußerlich reflektierend vorzunehmen, was auch bei den allermeisten Auslegungsbemühungen tatsächlich geschieht. Wir werden sehen, dass dieses Abdriften ins Vorstellen im Falle der Substanz durch deren eigene Verfasstheit motiviert ist. Es verlangt große denkerische Anstrengung, dieses Umstands überhaupt gewahr zu werden und als weitere Konsequenz, den immanent sich einstellenden Vorstellungsgehalt wieder in die spekulative Logizität angemessen einzugliedern. Das Wichtige ist, zu erkennen, dass diese Dynamik mit dem Charakter von Substantialität notwendig einhergeht. Wenn Hegel darauf zu sprechen kommt, hat dies keinen Anmerkungscharakter und es ist ein schwerer Interpretationsfehler, diesen nur anmerkend wirkenden Hinweis zu übergehen.27 Dieser Fehler unterläuft sehr vielen, die sich diesem ersten Unterkapitel des absoluten Verhältnisses gewidmet haben. Wer jedoch darauf nicht eingeht, wird die Akzidentalität von Grund auf falsch verstehen.

WdL II, S. 218; GW 11, S. 393. WdL II, S. 187; GW 11, S. 369. 24 WdL II, S. 186; GW 11, S. 369. 25 Ebd. 26 WdL II, S. 193; GW 11, S. 375. 27 Es handelt sich hier um die Rede von der sogenannten »Substanz des Vorstellens« (WdL II, S. 220; GW 11, S. 395), worauf im weiteren Verlauf noch genauer Bezug genommen wird. Der betreffende Absatz (vier des Unterkapitels ›A. Das Verhältnis der Substantialität‹) ist generell zentral für das Verständnis des Zusammenhangs von Substanz und Akzidentalität. 22 23

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2.3 Das Verhältnis der Substantialität Zunächst erfolgt eine prinzipielle Standortbestimmung: »Die absolute Notwendigkeit ist absolutes Verhältnis, weil sie nicht das Sein als solches ist, sondern das Sein, das ist, weil es ist, das Sein als die absolute Vermittlung seiner mit sich selbst. Dieses Sein ist die Substanz; als die letzte Einheit des Wesens und Seins ist sie das Sein in allem Sein, – weder das unreflektierte Unmittelbare noch auch ein abstraktes, hinter der Existenz und Erscheinung stehendes, sondern die unmittelbare Wirklichkeit selbst, und diese als absolutes Reflektiertsein in sich, als anundfürsichseiendes Bestehen. – Die Substanz als diese Einheit des Seins und der Reflexion ist wesentlich das Scheinen und Gesetztsein ihrer. Das Scheinen ist das sich auf sich beziehende Scheinen, so ist es; dies Sein ist die Substanz als solche. Umgekehrt ist dieses Sein nur das mit sich identische Gesetztsein, so ist es scheinende Totalität, die Akzidentalität.«28

Die zum Verhältnis gediehene absolute Notwendigkeit bewahrt das schlechthin Notwendige, das Sein, das ist, weil es ist, in sich und als die im absoluten Schein gesetzte Identität ist es die Substanz, das reflexive »Sein als die absolute Vermittlung seiner mit sich selbst.«29 Sofort lässt sich der Scheinkonterpart anführen, der die Gegenseite zum schlechthin Notwendigen darstellt, das schlechthin Zufällige. Beides ist ein Bestehen, die Totalität der Wirklichkeit selbst, welche die Reflexion nicht nur als Möglichkeit, nicht nur als das sich schlechthin Aufhebende enthält, sondern als Reflexionsentsprechung, als das Gesetztsein einer setzenden Reflexion, die in der Unmittelbarkeit des Seins, der Gleichheit mit sich, bestimmend geworden ist. So ist das Gesetztsein nicht nur Reflexionsbestimmung, es ist reflektierende Bestimmung als des Seins, eines Seins, das nicht nur identisch ist mit anderem Sein, sondern schlichtweg »Sein in allem Sein«30 ist. Diese Bestimmung der Substanz verleitet jedoch zu substantiell schlechter Allgemeinheit, zu einer Auffassung, die einerseits dem äußerlich reflektierenden Verstand (eher offensichtlich) zu eigen ist, aber andererseits ebenso häufig (nicht offensichtlich, weil vielfältig verbrämt durch strukturierende Pseudoanalysen oder durch apologetisch motivierte Überhöhungen) in der philosophischen Zunft vertreten ist. Die Allheit oder auch Allgegenwärtigkeit wird mit der Breite des Vorkommenden, mit einer Art von Durchdringungsfähigkeit und Ubiquität in Verbindung gebracht, um sich damit ein ungefähres Bild von jener Substantialität zu machen, die entweder als eine der höchsten Bestimmungen WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. Ebd. 30 Ebd. 28

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der Metaphysik angeführt oder als eine typisch phallozentristische oder phallogozentristische Figur eines überwundenen Logosdenkens gebrandmarkt wird. Wenn man demgegenüber ein angemesseneres Bild suchen wollte, so betrifft das Sein in allem Sein eher die Tiefe des Seins, die dabei etwas mit der logischen Geschichte und der logischen Abkunft zu tun hat. Aber wie immer man auch an einer bildlichen Präzisierung arbeiten mag, so bleibt diese Bemühung stets falsch, denn das Sein hat spekulativ logisch weder Breite noch Tiefe, es ist völlig simple (und wohlverstandene begriffliche Abstraktheit, die hier noch nicht thematisiert werden kann, ausdrückende) Gleichheit mit sich, die sich jedoch an einer bestimmten Stelle des Logischen einer jeweilig spezifisch negativen Bewegung verdankt, wodurch sie mehr oder weniger Konkretion besitzt. Dieses Konkrete kann nur gedacht werden, also in jenem fast nie sich einstellenden Vollzug bestimmt werden, der nicht im Logos und nicht im Mythos zu verorten ist, der letztlich nur durch den Zwang der Sache selbst hervorgetrieben wird. Dieser Zwang, der nicht zur Unterwerfung einlädt und so auch meistens, mit allerlei Verstellungen und gebildeten Selbstbetrugsstrategien,31 vermieden wird, zeigt auf, dass Verortung, Spatiologie und Veranschaulichung überhaupt keine Mittel des Begreifens sein können. Dies zu lernen, muss sich stets in anstrengender momentaner Auseinandersetzung ereignen, und es kann nie fertig abgelegt zwischen Buchdeckeln, deren es Unmengen mit äußerlich ähnlichen Betitelungen gibt, festgehalten werden. Die vorliegende Arbeit versteht sich in diesem Sinne auch als Impulsgeber, sich dieser denkerischen Bemühung, die hart erarbeitet sein will, um als solche zu gelten, eigenständig zu widmen. Kehren wir zurück zur Substanz. Die Abwegigkeit, sie in allgemeiner Weise zu missinterpretieren, haben wir angeführt, es stellt sich aber ebenso leicht ein, sie einer (vielfältig oder einfältig) konstruierten Vereinzelung bzw. einer unsachgemäßen Bestimmtheit zuzuführen, die nicht aus ihrer eigenen Fortbestimmung resultiert. Der ehrwürdigste Vertreter dieser Auffassung ist Aristoteles, der von Haus aus eine Vielheit von Substanzen ansetzt, wobei er noch dazu zumindest einige dezidiert als wahrnehmbare Substanzen32 bestimmt. Diese Vielheit ist letzt Vgl. hierzu meinen Aufsatz mit dem (provokanten) Titel Bildung als Betrug und Selbstbetrug, in: Thomas Auinger/Friedrich Grimmlinger (Hrsg.), Wissen und Bildung. Zur Aktualität von Hegels Phänomenologie des Geistes anlässlich ihres 200jährigen Jubiläums, Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Bruxelles; New York; Oxford; Wien 2007, S. 53–68. 32 Vgl. hierzu Hegels Ausführungen zur aristotelischen sinnlich empfindbaren Substanz in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (VGPh II, S. 156 f.; vgl. GW 30,1 u. 30,2), wobei dort diese Substanzart als endliche Substanz charakterisiert wird. Demgegenüber sieht Hegel die absolute Substanz in der Bestimmung des unbewegten Bewegers als reiner energeia und weiter in der Bestimmung der noesis noeseos realisiert. Diese Entsprechungen sind wohl durchaus legitim, wir würden jedoch hervorheben, dass das Belassen einer »Reihe von verschiedenen Arten der Substanzen« (ebd., S. 156) in einem bloßen Nebeneinander dazu führt, dass auch die Bestimmung der absoluten Substanz nur eine angenom31

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endlich nur angenommen (und durch vielerlei Argumente plausibilisiert), sie ist aber nicht aus dem Begriff der Substanz heraus entstanden, denn, so hart muss es leider ausgedrückt werden, Aristoteles ist zu diesem Begriff nicht vorge­drungen. Ohne hier noch weitere Proponenten dieser Art von Missinterpretation anzuführen, ist schlichtweg zu konstatieren, dass (wie am Ende des ersten Kapitels genau dargelegt) im Begriff der Substanz qua Substanz die Mannigfaltigkeit untergegangen ist. Das heißt nicht, dass sie getilgt wäre, denn wir werden gleich sehen, wie ihre substantielle Ausprägung zu charakterisieren ist, aber es wäre völlig unstatthaft, die aufgehobene Mannigfaltigkeit (in unmittelbarer Weiterleitung) sofort im Sinne von mannigfaltigen Substanzen zu interpretieren. Dies heißt wiederum nicht, dass ein derartiger Status (der sich aufgrund der immanenten Logizität noch einstellen wird) ausgeschlossen wäre und diesbezüglich ein quasi spinozistisches Denkverbot herrschen würde. Wir dürfen jedoch in der spekulativen Denkentwicklung keinen Status überspringen und schon gar nicht von Annahmen ausgehen, wie selbstverständlich und verständig plausibel diese auch immer sein mögen. Geschieht dies dennoch, so sind auch alle nachfolgenden Schritte korrumpiert und wir verbleiben im Duktus, etwas lediglich plausibel machen zu wollen, es aber nicht zu denken. Aufgrund der Konstellation der freien Wirklichkeiten, deren schon durch das Scheinen initiiertes Werden sich nochmals als Scheinen bestimmte, um hierin absolute Identität aus der Seinsnegativität zu generieren (siehe die Schlusspassagen des ersten Kapitels), kann das hieraus resultierende Verhältnis nur als ein Verhältnis des Scheinens begriffen werden. Dieser Schein hat sich im Verhalten der absoluten Notwendigkeit zu sich nach Totalitäten auseinandergenommen und verabsolutiert, denn wir haben nur Reflexionsmomente, die den Unterschied der absoluten Identität in gegeneinander scheinenden Seiten darstellen. In ihnen ist die gesamte wesensmäßige Konstitution des Seins (in den genuinen Seins- und Wesensunterschieden), so wie sich dies in der blinden Notwendigkeit rein gezeigt hat (was wiederum in seiner detaillierten Logizität anhand der Ausführungen im ersten Kapitel nachvollzogen werden kann), vollkommen präsent. Weil nun die Substanz »das Absolute als Verhältnis zu sich selbst«33 ist, ist es auch angebracht an die Form-Inhalts-Beziehung zu erinnern, die das Absolute als solches kennzeichnet. Das reicht freilich nicht aus, um die konkretere Bestimmung der Substanz ganz zu erfassen, es macht jedoch begreiflich, dass auch für die Substanz der Boden der Bestimmung des Absoluten grundgelegt ist. So lautet der zweite Absatz des Unterkapitels ›A. Die Auslegung des Absoluten‹ wie folgt: mene ist, auch wenn sie als actus purus in der aristotelischen Argumentation (bzgl. der erwogenen Zusammenhänge von dynamis und energeia) äußerst plausibel bestimmt wird. Das nicht zu unterschätzende Manko dieser bloßen Plausibilität, das auf zu anspruchsloser Bestimmung des Denkens beruht, wird im Folgenden noch hervorgehoben. 33 WdL II, S. 187; GW 11, S. 369.

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»Hieraus ergibt sich, daß die Bestimmung des Absoluten ist, die absolute Form zu sein, aber zugleich nicht als die Identität, deren Momente nur einfache Bestimmtheiten sind, – sondern [als] die Identität, deren Momente jedes an ihm selbst die Totalität und somit, als gleichgültig gegen die Form, der vollständige Inhalt des Ganzen ist. Aber umgekehrt ist das Absolute so der absolute Inhalt, daß der Inhalt, der als solcher gleichgültige Mannigfaltigkeit ist, die negative Formbeziehung an ihm hat, wodurch seine Mannigfaltigkeit nur eine gediegene Identität ist.«34

Die Substanz fällt nicht mehr hinter den Status zurück, die absolute Form und den vollständigen Inhalt in einer Einheit darzustellen. Was jedoch die Mannigfaltigkeit betrifft, so ist diese im Substantialitätsverhältnis ebenso nicht als bloß »gleichgültige Mannigfaltigkeit«35 präsent und auch nicht als gleichgültige Auffächerung im Sinne von vielen Substanzen, sie geht aber aufgrund des Scheinverhältnisses (d. i. der als Schein gesetzte Schein) darüber hinaus, »nur eine gediegene Identität«36 im Sinne der Absolutheit als solcher zu formieren. Die Bestimmung der Identität, und das ist eine der wichtigsten Denkaufgaben in der Bestimmung von Substantialität und Akzidentalität, ist durch den Schein selbst so scheinend in sich, dass sie nicht auf einer Seite fixierbar ist. Sie ist bestimmend für Substantialität und Akzidentalität, ist qua Substanz einmalig, qua Akzidentalität mehrmalig, und dennoch stets nur die eine Identität des Verhältnisses selbst. Das erfordert echte Denkleistung und diese Konstellation zeigt abermals eindrücklich, dass das einmalige und mehrmalige Vorkommen von Identität als einer Identität niemals durch ein Bild oder anhand einer Grafik darstellbar ist. Die beste Übung (die wir übrigens in jeder Lehrveranstaltung und bei jeder Arbeitstagung ausgiebig praktizieren) ist es, eine möglichst exakte Grafik anschaulich zu erstellen, um hierauf sehr anschaulich aufzeigen zu können, was nun an dieser Grafik ganz genau falsch ist. Diese Übung ist tatsächliche Einübung ins Spekulative, alles andere ist nur ein äußerliches Jonglieren mit den mannigfach zur Verfügung stehenden Termini aus der Primär- und Sekundärliteratur. – Begrifflichkeiten zu wälzen und zu denken, das sind jedoch Vollzüge, die wir nie miteinander verwechseln sollten. Warum haben wir überhaupt (wie es sich auch ausdrücken lässt) Identitätsmomente der Identität vor uns? Das liegt am (der Totalität nach) akzidentellen Verhalten der Substanz zu sich. Die Substanz als solche ist identische »Einheit des Wesens und Seins«37 oder auch »Einheit des Seins und der Reflexion«, 38 wodurch sie eine Unmittelbarkeit darstellt, die völlig reflexiv bestimmt ist, »als absolutes WdL II, S. 188; GW 11, S. 371. Ebd. 36 Ebd. 37 WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 38 Ebd. 34 35

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Reflektiertsein in sich«,39 den Schein rein in sich und auf sich formierend. Würden wir jedoch diese Einheit nur als einseitige Identität, sich nur in sich unterscheidend, annehmen, so hätte die Substanz den Schein nur in einer Unmittelbarkeit integriert und die Bewegung des Scheins wäre zur Ruhe gekommen, oder anders gesagt, es wäre kein Scheinen gesetzt und der Schein überhaupt nicht als Schein präsent. Das würde somit einen substantiellen Rückfall auf jenen Status bedeuten, in welchem das Scheinen nur als Seinsbewegung zum Tragen kommt, aber nicht als Schein hervortritt bzw., wie Hegel sich ausgedrückt hatte, hervorbricht. Dieses Hervorbrechen ist aber selbst die Substantiierung oder das Setzen des Verhältnisses, das eben nur verhältnismäßig Substanz sein kann. Die Einheit des Seins und der Reflexion ist nicht nur »die unmittelbare Wirklichkeit selbst«,40 sie ist ebenso die als Schein scheinende Unmittelbarkeit. Nur so ist sie tatsächlich »Scheinen und Gesetztsein ihrer.«41 Die Substanz ist nicht nur Scheinbeziehung, sondern vollkommen scheinende Beziehung auf sich. Dass sie sich scheinend verhält, dies ist ihr akzidenteller Vollzug, der durch das Verhältnis als Totalität, also als Akzidentalität, gesetzt ist. Die Bestimmungen von Substantialität und Akzidentalität bleiben jedoch unspekulativ gefasst, wenn Identität und Schein auf Seiten aufgeteilt bleiben. Dann ist die Substanz nur eine Pseudoidentität und die Akzidentalität ein haltloser Unterschied oder auch nur ein Pseudo­ unterschied, welcher einer äußerlichen Reflexion bedarf, um ihm ein (nichtsubstantielles) Bestehen zu verleihen. Die Substanz ist aber ihr eigenes Scheinen und Unterscheiden, und die Akzidentalität ist, was unbedingt eingesehen werden muss, ihre eigene Identität. Diese Eigenheiten sind das ganze Verhältnis, und zwar von der Gegenseite her betrachtet, die stets auch die Berücksichtigung der anderen Scheinseite erfordert. Dies ist keine äußerliche Zuordnung, sondern nur die Identität von Identität und Unterschied sowie der Unterschied von Identität und Unterschied, freilich als scheinendes »Verhältnis in seinem unmittelbaren Begriff«42 gesetzt. Die Identität ist nun im Vollzug des scheinenden Verhaltens zu sich nach Identitätsmomenten formiert. Der Totalität nach ist es entscheidend, bereits die Akzidentalität als solche in ihrer Identitätsbestimmung zu fassen, so wie sie qua Akzidentalität von der Substanz als solcher unterschieden ist. Gegen die substantielle unmittelbare Wirklichkeit ist diese Totalität nicht das nur Vermittelte oder Abhängige, sie ist vielmehr in ihrer Veräußerung ebenso Unmittelbarkeit. Es ist aber die Unmittelbarkeit des Gesetztseins, welches im Scheinen die Identität der Akzidentalität gegen die Identität der Substantialität darstellt. Das zwingt schon unmittelbar dazu, die Identität nicht auf eine Seite schieben zu können, sie Ebd. Ebd. 41 Ebd. 42 WdL II, S. 218; GW 11, S. 393. 39

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letztlich überhaupt gar nicht mehr einer Ortbarkeit im Sinne von logischer Lokalisierbarkeit aussetzen zu können. Dabei dürfen wir aber nicht den Folgefehler machen, der darin bestünde, die Identität im Nebulosen einer Unlokalisierbarkeit zu belassen. Wir müssen hier äußerst genau sein und erkennen, worin hier die Identitäten bestehen, die zugleich nur eine Identität darstellen. Die Substanz als »Identität des Seins in seiner Negation mit sich selbst«43 formiert sich als die sich über die Negativität wiederherstellende Unmittelbarkeit des Seins und die Akzidentalität formiert sich als die nur rückkehrend anfängliche Unmittelbarkeit des Gesetztseins, die hierin ebenso identisch mit sich ist. In der Substanz ist der Schein selbst eine blinde Macht, in der Akzidentalität scheint diese Macht als Schein auf. So ist letztere »das mit sich identische Gesetztsein«,44 das den Begriff des Gesetztseins aus der setzenden Reflexion im absoluten Verhältnis realisiert. Das Gesetztsein als solches ist »die Unmittelbarkeit rein nur als Bestimmtheit oder als sich reflektierend.«45 Die Akzidentalität ist ebenso diese Unmittelbarkeit, aber als bloße Reflexivität des absoluten Reflektiertseins der Substanz in sich selbst. Der Charakter der Unmittelbarkeit und der Identität ist, solange wir noch nicht auf den sich in sich unterscheidenden Scheinprozess blicken, der reine Effekt von Bestimmtheit selbst, das bloße Zurückgeworfensein, ohne dabei irgend eine aufgehobene Vermittlung in sich zu enthalten. Die Akzidentalität qua Akzidentalität ist nur diese Unmittelbarkeit als Gesetztsein, die Vermittlungsbewegung ist hingegen gänzlich gegen ihr Identitätsmoment als Totalität gekehrt. Daher kommt die Identität, und zwar als Vielfalt von Identitäten, wieder in der gesetzten Vermittlungsbewegung, dem akzidentellen Scheinprozess, vor. Dieser Scheinprozess selbst ist nichts anderes als die Unmittelbarkeit der Akzidentalität als »sich selbst aufhebende Unmittelbarkeit.«46 Um dies näher einzusehen, wäre es nötig, auf das Gesetztsein, so wie es in der setzenden Reflexion dargestellt wird, ausführlicher einzugehen. Hier, beim absoluten Verhältnis, kann dies nicht in extenso durchgeführt werden, aber es wird sich erweisen, dass es spätestens bei der Bestimmung des Begriffs unerlässlich sein wird, den spekulativen Gehalt des Gesetztseins genau auseinanderzusetzen. Hierfür ist ein Exkurs in einem eigenen Kapitel vorgesehen, worin die gesamte Setzungsbewegung der Reflexion bis hin zum sich auflösenden und sich aufhebenden Widerspruch in einem detaillierten Überblick erläutert wird. Nur so wird die später gegebene resultathafte Kennzeichnung des Begriffs, »daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es ebensosehr Reflexion oder Gesetztsein ist und daß das Gesetztsein das Anundfürsichsein ist«,47 gehaltvoll verständlich. WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 45 WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. 46 Ebd. 47 WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. 43

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Das »sich auf sich beziehende Scheinen«48 enthält immer noch die abstraktere »Beziehung des Negativen auf sich selbst«,49 welche als »Rückkehr in sich«50 negativ gegen sich gekehrte Unmittelbarkeit ist. Die Akzidentalität ist das konkretere Rückkehren, worin im als Schein aufscheinenden Schein das Identitätsmoment als reine Rückkehr und das Unterschiedsmoment als (dabei den vollständigen Inhalt und die absolute Form enthaltende) Rückkehrbewegung gesetzt ist. Die Unmittelbarkeit des Gesetztseins ist darin nur »Unmittelbarkeit als […] sich selbst aufhebende Unmittelbarkeit«,51 wobei in der Bewegung der Akzidentalität dieser Selbstaufhebungsprozess als Scheinen der Bestimmungen des Seins und Wesens ineinander ausgeformt ist. Dieses Scheinen ist die Identität selbst in ihrer Formierungsbewegung, so dass sie als scheinend gegen sich eine Vielheit von Identitätsmomenten enthält, deren erstes die Seinsunterschiede mit den Wesensunterschieden in Verbindung oder besser als einen einheitlichen Prozess setzt: »Dies Scheinen ist die Identität als der Form, – die Einheit der Möglichkeit und Wirklichkeit. Sie ist erstlich Werden, die Zufälligkeit als die Sphäre des Entstehens und Vergehens; denn nach der Bestimmung der Unmittelbarkeit ist die Beziehung der Möglichkeit und Wirklichkeit unmittelbares Umschlagen derselben als Seiender ineinander, eines jeden als in sein ihm nur Anderes. – Aber weil das Sein Schein ist, so ist die Beziehung derselben auch als identischer oder scheinender aneinander, Reflexion. Die Bewegung der Akzidentalität stellt daher an jedem ihrer Momente das Scheinen der Kategorien des Seins und der Reflexionsbestimmungen des Wesens ineinander dar.«52

Im Scheinen des absoluten Scheines in sich ist die identische Formbeziehung Einheit ihrer unterschiedenen und sich unterscheidenden Formbestimmungen, die immer noch als Möglichkeit und Wirklichkeit zu bestimmen sind. Diese Einheit des Scheinens (als scheinendes Vereinheitlichen) ist einerseits Seins­ bewegung, d. i. das Werden oder als modale Totalität die Welt der Zufälligkeit in ihrem endlichen Seinsprozess des Entstehens und Vergehens, und andererseits die Wesensbewegung, d. i. die Reflexion, die Beziehung der Seinsmomente »als identischer oder scheinender aneinander«.53 Die Bewegung der Akzidentalität enthält an ihr selbst wieder das Substanz- und das Akzidentalitätsmoment, und zwar als Unmittelbarkeit des Seins, so wie »die Beziehung der Möglichkeit und WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. 50 Ebd. 51 Ebd. 52 WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 53 Ebd. 48 49

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Wirklichkeit unmittelbares Umschlagen derselben als Seiender ineinander«54 ist, und als Unmittelbarkeit des Gesetztseins, so wie die Unmittelbarkeit rein im Reflektieren bestimmt ist. So ist diese Bewegung der Akzidentalität eine Bewegung der Seins- und Wesensbewegung und »stellt daher an jedem ihrer Momente das Scheinen der Kategorien des Seins und der Reflexionsbestimmungen des Wesens ineinander dar.«55 Hegel zeigt nun beispielhaft (und ohne eine Vollständigkeit, die nur Pseudoeinheit suggeriert, zu beanspruchen), wie die Verschränkung von Seins- und Wesenskategorien aufgefasst werden kann: »Das unmittelbare Etwas hat einen Inhalt; seine Unmittelbarkeit ist zugleich reflektierte Gleichgültigkeit gegen die Form. Dieser Inhalt ist bestimmt, und indem dies Bestimmtheit des Seins ist, geht das Etwas über in ein Anderes. Aber die Qualität ist auch Bestimmtheit der Reflexion; so ist sie gleichgültige Verschiedenheit. Aber diese begeistet sich zur Entgegensetzung und geht in den Grund zurück, der das Nichts, aber auch Reflexion-in-sich ist. Diese hebt sich auf; aber sie ist selbst reflektiertes Ansichsein, so ist sie Möglichkeit, und dies Ansichsein ist in seinem Übergehen, das ebensosehr Reflexion-in-sich ist, das notwendige Wirkliche.«56

Das Ineinander setzt ein beim Etwas, dem sofort Inhaltsbestimmtheit zugesprochen wird, obwohl die Kategorie des Inhalts thematisch erst im absoluten Grund abgehandelt wird. Der Unmittelbarkeitscharakter des inhaltlich bestimmten Etwas wird sodann reflexionslogisch über die Gleichgültigkeit gegen die Form legitimiert, eine aufgrund unserer Ausführungen zwar sehr vertraute und stringente logische Figur, die jedoch als solche für die Bestimmung des Etwas nicht angebracht ist. Außerdem wird das Übergehen des Etwas in Anderes von der Bestimmtheit des Inhalts abgeleitet, wofür diese Wesensbestimmtheit als Bestimmtheit des Seins ausgegeben werden muss. Danach wird die qualitative Verfasstheit gleich schlichtweg zu einer Bestimmtheit der Reflexion erklärt, was per se völlig unzulässig wäre. Es ist müßig, auch noch die weiteren Schritte, die wieder zu den Modalitätskategorien führen, in ihrer Inadäquatheit nachzuzeichnen, die dann gegeben wäre, wenn wir die ab dem nunmehr erreichten logischen Status veraltete Zuordnung zu Seinskategorien auf der einen Seite und zu Wesenskategorien auf der anderen Seite dennoch aufrecht erhalten wollten. Die Bewegung der Akzidentalität ist jedoch exakt jener logische Vorgang, der die Verschränkung und die spezifische Identifizierung, für welche allerdings ein sehr geschulter spekulativer Blick erfordert wird, von seinslogischen und wesenslogischen Kategorien völlig adäquat macht. Ohne diesen Blick führt dies Ebd. Ebd. 56 WdL II, S. 219 f.; GW 11, S. 394. 54 55

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nur zu einem heillosen Durcheinander, dessen Kehrseite sich in den Vorwürfen spiegelt, die Hegel gemacht werden, weil er etwa in der seinslogischen Darstellung, zumindest operativ, mit Kategorien hantiert, die erst in der Wesenslogik thematisch fundiert werden. Je leichter das Erheben dieser Vorwürfe fällt, desto eher bekundet sich hierin Ahnungslosigkeit bezüglich des Spekulativen. In der Bewegung der Akzidentalität wird nun die wirkliche Vereinheitlichung der Bestimmungen des Seins und Wesens immanent vollzogen. So wird etwa eine seiende Entität nicht erst im Wesen als identisch erwiesen oder reflektierend auf diese Weise betrachtet, sie ist an und für sich identisches Etwas, das im Übergehen in Anderes sogar stets den absoluten Unterschied exekutiert. So beantwortet sich auch die oben aufgeworfene Frage, warum wir hier Identitäts­momente der Identität vor uns haben. Die Akzidentalität als solche ist schon »das mit sich identische Gesetztsein«,57 ihre tatsächliche Scheinbewegung ist »Identität als der Form«,58 und schlussendlich sind auch noch alle Momente dieser Form (seiend und wesenhaft) im Unterscheiden gesetzte Identitäten der einen Identität des Verhältnisses selbst. Diese Einsicht kann nicht als bloß plausibel vorausgesetzt werden, sie bedarf all jener logischen Schritte, die nur in ihrer sich genuin auslegenden Exposition schließlich bis zur aktuell vorliegenden absoluten Verhältnismäßigkeit führen. Aufgrund des Dargelegten sollte nun auch klar werden, weshalb der erste tätige Vollzug des Verhaltens des Absoluten zu sich noch nicht den Charakter von Effizienz (im Sinne von expliziter Bewirkung) aufweist und auch nicht aufweisen muss. Die Macht der Substanz ist in der Scheinbewegung (als Selbstbewegung, die auch ohne Bezugnahme auf die Bestimmung der causa sui logisch eindeutig zu bestimmen ist) ruhig und gewaltlos präsent: »Diese Bewegung der Akzidentalität ist die Aktuosität der Substanz als ruhiges Hervorgehen ihrer selbst. Sie ist nicht tätig gegen Etwas, sondern nur gegen sich als einfaches widerstandsloses Element. Das Aufheben eines Vorausgesetzten ist der verschwindende Schein; erst in dem das Unmittelbare aufhebenden Tun wird dies Unmittelbare selbst oder ist jenes Scheinen; das Anfangen von sich selbst ist erst das Setzen dieses Selbsts, von dem das Anfangen ist.«59

Das im Sein tätige Wesen und das im Wesen sich bestimmende Sein machen die Tätigkeit der Substanz so aus, dass sie sich in keine Entgegnung, kein Einwirken und in keinen Bezug auf ein ihr Äußeres einlassen muss. Es ist ein Selbstvollzug, der aufgrund der notwendigen Scheinbewegung von selbst abläuft. Die hier WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. Ebd. 59 WdL II, S. 220; GW 11, S. 394 f. 57

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hineininterpretierte causa sui rekurriert auf eine Weise der Selbstverursachung oder Selbstbewirkung, die genau genommen eine Aktivität unterstellt, die in ihrer Energie von der Substanz, so wie sie an dieser logischen Stelle disponiert ist, gar nicht eingesetzt werden muss. Das Scheinen ist vollkommen bewegend (als Bewegung, die einfach ist), aber die sich darin bekundende Macht ist völlig mühelos am Werk. Dies ist es, was Hegel (in Anspielung an die gleichlautende mittelalterliche theologische Bestimmung, die zur Klärung der Logizität aber keinen Beitrag leisten kann) Aktuosität nennt. Wichtig ist vielmehr, dass dieser Terminus auf eine ganz exakt zu bestimmende spekulativ-logische Konstellation referiert. Sie besteht in der mit dem absoluten Verhältnis substantiierten setzenden Reflexion, worin die Unmittelbarkeit als sich aufhebende Unmittelbarkeit die Bewegung des Setzens und Voraussetzens ausgeglichen (bzw. in Folge Ausgeglichenheit prozesshaft immer wieder herstellend) exekutiert. Vorwegnehmend kann dazu bemerkt werden, dass eben diese Ausgeglichenheit dennoch dem Voraussetzen einen Überhang verschaffen wird,60 weil im Scheinen die Unterschiede so zum Verschwinden gebracht werden, wie dies umgekehrt in Bezug auf die Identität nicht geschieht. So ist die Selbstvoraussetzung der Substanz so im Vordergrund, dass jedoch andererseits gerade dies das Setzen (d. i. dann der Schritt zur Ursache) auf eine Weise intensiviert, die den Charakter des ganzen Verhältnisses neu bestimmt (was den Fortschritt zur Kausalität markiert). Doch schon die setzende Reflexion als solche ist »Verhalten zu sich selbst«,61 aber sie ist dennoch kein Verhältnis, weil die sich in ihr weiterbestimmende »reine absolute Reflexion«62 gar keine Seiten zulässt. Der »absolute Schein«63 tritt im ersten Reflexionsmoment in sein eigenes Gesetztsein, dessen Unmittelbarkeit »rein nur als […] sich reflektierend«64 bestimmt ist. Diese Reflektivität ist dabei noch so rein, dass diesbezüglich nicht einmal, was spekulativ-logisch durchaus ungewöhnlich ist, von Momenten die Rede sein kann, geschweige denn von Seiten. Das gilt sogar vom Setzen und Voraussetzen, die im Status der setzenden Re Wir werden später sehen, dass hierin (aus einer Perspektive, die dann schon den ganzen Verlauf des absoluten Verhältnisses überblickt) geradezu das Typische des Substantialitätsverhältnisses besteht. Aufgrund der bisherigen Konstellation ist dies noch gar nicht in den Fokus gerückt und darf hier auch nicht als Interpretament äußerlich herangezogen werden. Die Ausgeglichenheit von Setzen und Voraussetzen zersetzt sich allererst selbst in Ausgeglichenes und Unausgeglichenes (in Bezug auf die Macht der Substanz in den vielfältigen Bezügen der Akzidenzen zueinander). Das (in der Darstellung dieses Unterkapitels noch ganz implizit gehaltene) Voraussetzungsmotiv wird aus der Positivität der substantiellen Vermittlungsleistung resultieren. Hiervon sind wir allerdings noch ein Stück entfernt. 61 WdL II, S. 27; GW 11, S. 251. 62 WdL II, S. 25; GW 11, S. 250. 63 Ebd. 64 WdL II, S. 26; GW 11, S. 251.

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flexion in einer derartigen logischen Nähe zueinander gefasst sind, die es genau betrachtet nicht einmal erlaubt, sie momentartig voneinander abzusetzen. Eben diese Verfasstheit macht auch die rein aktuose Substanz aus, denn in ihr hat sich die Bewegung »des absoluten Scheines in sich selbst«65 als Schein und als Scheinen gesetzt. Dass sie in Abhebung zur bloßen setzenden Reflexion verhältnisartig ist, ergab sich durch die schon vom reinen Wesen her anhebende Seinsformierung im Wesen selbst, was schließlich zu jenen freien Wirklichkeiten führte, die in ihrer höchsten Zuspitzung in den Schein des absoluten Verhältnisses kippen. In der Aktuosität ist nun dieser sich zur setzenden Reflexion fortbestimmende absolute Schein als substantiiert wiederhergestellt. Die Aufhebungsbewegung ist dabei eine Scheinbewegung, die nur im Aufheben des Unmittelbaren dieses Unmittelbare setzt, was dem Aufheben von Vorausgesetztem entspricht, das seine aufzuhebende Unmittelbarkeit erst im Setzungsprozess des Aufhebens selbst erhält. Die Bewegung des über die Unmittelbarkeit Hinausgehens hat einen Anfang, der allererst durch dieses Hinausgehen selbst gesetzt wird. Das ist die dem Begreifen unendlich vorgelegte Aufgabe, die durch die setzende Reflexion und die setzende aktuose Substanz aufgeworfen ist. Wenn sie begriffen wird, ist die Bewegung als Selbstbewegung gedacht, wodurch sich die hier nur als Hilfskonstruktion herangezogene causa sui (die zwar den an und für sich seienden, aber noch unentwickelten Begriff von Ursächlichkeit als solcher darstellt) erübrigt. Nochmals: »Das Aufheben eines Vorausgesetzten ist der verschwindende Schein«,66 worin schon beschlossen liegt, dass der Unmittelbarkeitscharakter des Vorausgesetzten so aufgehoben wird, dass der Schein selbst sich im Aufheben zu diesem Unmittelbaren in seinem Verschwinden macht; also »erst in dem das Unmittelbare aufhebenden Tun wird dies Unmittelbare selbst oder ist jenes Scheinen«;67 nur so ist Unmittelbarkeit als sich aufhebende Unmittelbarkeit. Das »Anfangen von sich selbst ist erst das Setzen dieses Selbsts, von dem das Anfangen ist.«68 Die Vorstellung muss an dieser für sie völlig paradoxen Sachlage verzweifeln, sofern sie überhaupt weiß, was hier zu denken wäre. In den meisten Fällen wird schon die Aufgabenstellung per se überhaupt nicht begriffen, weil es dem Vorstellen unangenehm ist, sich diesem auftauchenden Zwang der Sache selbst, welcher in den sonstigen Zugängen nie vorkommt, auszusetzen. Wenn wir wieder auf das Logische zurückkommen, so können wir uns dieser Denkaufgabe, die sich durch die Bestimmung der aktuosen Substanz stellt, genauso gut anhand der Charakterisierung der setzenden Reflexion widmen. Was es hier zu denken gilt, wird uns auch anhand der dort zu findenden Formulierungen aufgegeben: WdL II, S. 218; GW 11, S. 393. WdL II, S. 220; GW 11, S. 394. 67 Ebd. 68 WdL II, S. 220; GW 11, S. 395. 65

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»Das Hinausgehen über das Unmittelbare, von dem die Reflexion anfängt, ist vielmehr erst durch dies Hinausgehen; und das Hinausgehen über das Unmittelbare ist das Ankommen bei demselben. Die Bewegung wendet sich als Fortgehen unmittelbar in ihr selbst um und ist nur so Selbstbewegung – Bewegung, die aus sich kommt, insofern die setzende Reflexion voraussetzende, aber als voraussetzende Reflexion schlechthin setzende ist.«69

Wer das erfassen kann, für den wird die genaue Bestimmung der aktuosen Bewegung der Substanz auch keine Hürde darstellen. Wer sich jedoch um dieses Erfassen nicht bemüht, und wer vermeint, sich durch andere Beschreibungen die Aktuosität erklären zu können, wird völlig fehlgehen. Insbesondere werden diejenigen in die Irre gehen, die den Versuch unternehmen, andere Bewegungen, wie jene, die physisch vorliegen und beobachtbar sind, zu untersuchen und in ihrer Spezifität zu erforschen, um aufgrund dieser Erkenntnisse die Bewegung der aktuosen Substanz besser begreifen zu können. Alle Bewegungen, in welchen, wie auch immer geartet, Raum-Zeit-Komponenten70 eine Rolle spielen, werden niemals in ihrem Fortgehen eine unmittelbare Umwendung in sich selbst vollziehen. Ganz exakt hierin besteht aber die Bewegung der setzenden Reflexion, welche daher durch keinerlei Veranschaulichung, d. i. das Lieblingsmetier und auch das einzige Metier der Vorstellung, begriffen werden kann. Diese Bewegung als genuine Selbstbewegung kann nur gedacht werden, und wird sie nicht gedacht, dann müssen alle sonstigen Versuche der Interpretation ganz prinzipiell misslingen. Diese (in der setzenden Reflexion der noch unsubstantiierten Denkbestimmung nach vorgezeichnete) Setzungsbewegung der aktuosen Substanz hat nun Konsequenzen für die Bestimmung der Identität und der Identitätsmomente sowie für die Bestimmung des Unterschieds und der Unterschiedsmomente als scheinender Verhältnisbestimmungen. Die Ausgeglichenheit von Setzen und Voraussetzen bedeutet im tatsächlichen Vollzug des Scheinens ein Gleichwerden WdL II, S. 27 f.; GW 11, S. 252. »Es wird in der spekulativen Logik, in der Metaphysik eine Frage gestellt, die wir gewöhnlicherweise nicht stellen, weil wir auf das Eigensein dessen, was nicht an Raumzeitstellen anzutreffen ist, nicht zu achten pflegen.« Peter Rohs, Der Grund der Bewegung des Begriffs, in: Dieter Henrich (Hrsg.), Die Wissenschaft der Logik und die Logik der Reflexion (HegelStudien Beiheft 18), Bonn 1978, S. 49. – Abgesehen von dieser kurzen und richtigen Bemerkung enthält dieser Aufsatz von Rohs so viel Fehlerhaftes, dass hier nicht der Platz sein kann, all dies zu erörtern. Herausgegriffen sei nur beispielsweise etwas, das sich auch bei anderen Interpretationen findet. Es wird etwa ein Substrat (das in unseren Ausführungen ein eminent wichtiges Interpretament darstellt) unterstellt, welches bei den betreffenden logischen Konstellationen (wie bei der Identität) definitiv nicht vorkommen kann. Außerdem ist von einem »formtranszendente[n] Boden« (ebd. S. 47) die Rede, den es in einer Wissenschaft der absoluten Form ganz prinzipiell nicht geben kann.

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des Unausgeglichenen und ein Ungleichwerden des Ausgeglichenen. Blicken wir nur auf die Bewegung der Unterschiedsmomente (als die sich unterscheidenden Akzidenzen) in der Totalität der Bewegung der Akzidentalität, so ist das Setzen als Gleichsetzen der Ungleichheit von Setzen und Voraussetzen sowie das Voraussetzen als Ungleichsetzen der Gleichheit von Setzen und Voraussetzen insofern leichter nachzuvollziehen, als diese Bewegung nur mit dem Wechsel der Akzidenzen identifiziert wird. Diese Logizität (die quasi nur eine Teil-Logizität ausmacht) kommt der Vorstellung näher, weil sie, oberflächlich verstanden (und damit der vollen Logizität nicht angemessen), durch den die Reflexion noch gar nicht gebührend berücksichtigenden Prozess des Werdens, d. i. »die Zufälligkeit als die Sphäre des Entstehens und Vergehens«,71 illustriert werden kann. Bevor jedoch Hegel die (setzend) identisch gesetzt werdenden Unterschiedsmomente, die sich ebenso wieder (voraussetzend) in den Unterschied setzen, als Beziehung der Akzidenzen zueinander, eingehender betrachtet, legt er uns die schwieriger zu fassende Aufgabe vor, die Ausgleichsbewegung der setzenden Reflexion für die Beziehung der ganzen Substanz und der ganzen Akzidentalität zueinander in ihrer nicht zu tilgenden logischen Spannung zu bedenken. Die Hauptschwierigkeit besteht dabei darin, dass die sich auch hier notwendigerweise einstellende Vorstellung als genuines Moment in der vollen Logizität aufzuweisen ist. Geschieht dies, dann wird eingesehen, wie die Vorstellung nicht bloß entäußerte äußerliche Reflexion bleibt, sondern in ihrer notwendigen Momenthaftigkeit immanente äußerliche Reflexion sein kann und sein muss. Wie schon weiter oben angedeutet, darf der nun im nächsten Absatz vorkommende Verweis auf die Substanz des Vorstellens keinesfalls als bloße Anmerkung verstanden werden. Vielmehr gilt es zu erkennen, in welcher spezifischen Weise die immanente Integrierung in die Verfasstheit des ganzen Verhältnisses zu denken ist: »Die Substanz als diese Identität des Scheinens ist die Totalität des Ganzen und begreift die Akzidentalität in sich, und die Akzidentalität ist die ganze Substanz selbst. Der Unterschied ihrer in die einfache Identität des Seins und in den Wechsel der Akzidenzen an derselben ist eine Form ihres Scheins. Jenes ist die formlose Substanz des Vorstellens, dem der Schein sich nicht als Schein bestimmt hat, sondern das als an einem Absoluten an solcher unbestimmten Identität festhält, die keine Wahrheit hat, nur die Bestimmtheit der unmittelbaren Wirklichkeit oder ebenso des Ansichseins oder der Möglichkeit ist, – Formbestimmungen, welche in die Akzidentalität fallen.«72

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WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395.

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Die sich setzend-voraussetzend bestimmende Schein-Ausgeglichenheit führt zur Substanz, die in der scheinenden Identität den ganzen Unterschied der Akzidentalität in sich enthält, und sie führt, was in umgekehrter Betrachtung genau dasselbe ist, zur Akzidentalität, die im scheinenden Unterschied zugleich die ganze Identität der Substanz ist. Diese Form als Form des Scheins kann sich auch dann nicht verlieren, wenn ihr Negatives, der formlose Unterschied, an ihr und in ihr gesetzt wird. Es gehört sogar so immanent zu ihrer Scheinbeziehung, dass ihr das Auseinandernehmen in die Identität auf einer Seite und in den Unterschied auf der anderen Seite nicht fremd ist. Diese formlose Identität, welche vorstellungsgemäß nur einer Seite zugeordnet wird, ist freilich nicht die Identität des Wesens, sie ist nur »einfache Identität des Seins«,73 und der formlose Unterschied, welcher ebenso auf eine Seite geschoben wird, ist nicht der Unterschied des Wesens, sondern eine seiende Unterschiedenheitsweise, d. i. der Wechsel von Unterschiedsmomenten (als werdend-vergehende Akzidenzen) an einer nur positiv bestehenden oder beharrenden Identität. Die anhand dieser unverhältnismäßigen Bestimmungen aufgefasste Substanz ist »formlose Substanz des Vorstellens, dem der Schein sich nicht als Schein bestimmt hat, sondern das als an einem Absoluten an solcher unbestimmten Identität festhält, die keine Wahrheit hat, nur die Bestimmtheit der unmittelbaren Wirklichkeit oder ebenso des Ansichseins oder der Möglichkeit ist«.74 Diese Substanz des Vorstellens kommt letztlich in all jenen Philosophemen zum Tragen, in welchen sich die Identität nicht im sich unterscheidenden Scheinen zur Identität bestimmt. Was aber die spezifische Logizität an dieser Stelle ausmacht, ist der Umstand, dass die erste oder selbst wieder nur unmittelbare Bestimmung der Substanz im Verhältnis der Substantialität (als dem ersten absoluten Verhältnis) zu dieser Unterbestimmung der Identität nötigt, weil die Identität der Substanz per se nur in den Identitätsmomenten der Akzidentalität gespiegelt wird, aber nicht zugleich als Identität ebenso dem akzidentellen Prozess unterworfen ist oder wird. So taucht die Dimension des Vorstellens (im ständigen Hantieren mit der substantiell »unbestimmten Identität«75 als dem Topos eines formlosen und nur wechselhaften, aber nicht verhältnismäßigen Unterschieds) so auf, dass sie sogar als bloßes Vorstellen zum Moment der absoluten Form wird. Weil jedoch die absolute Form, in striktestem Sinne, nicht auftrennbar ist, und die Bewegung der Akzidentalität in all ihren Momenten die Bestimmungen des Seins und die Bestimmungen des Wesens vereinheitlicht, so zählt selbst die vorgestellte Identität des Seins und der vorgestellte Unterschied des Seins zur gar nicht aufteilbaren Totalität der Akzidentalität selbst. Die Bewegung der Akzidentalität wird erst zur Akzidentalität, wenn sie selbst Ebd. Ebd. 75 Ebd. 73 74

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noch die scheinende Unterbestimmtheit oder die Unterbestimmtheit des Scheins in sich begreift. Die Substanz des Vorstellens verleitet zu einer Auffassung von Wirklichkeit und Möglichkeit, die ausschließlich an der »Bestimmtheit der unmittelbaren Wirklichkeit oder ebenso des Ansichseins oder der Möglichkeit«76 hängen bleibt, ohne die Bewegung und Scheinbewegung der ganzen Wirklichkeit, in all ihren Modalitätsdimensionen, zu begreifen. Dies entspricht exakt jener Erkenntnis aus dem Scheinkapitel, worin sich die rein anfängliche Unmittelbarkeit des Wesens lediglich als »die Bestimmtheit der Unmittelbarkeit«77 erweist. Diese Bestimmtheiten sind Spiegelungen an der Scheinoberfläche, sind also an sich der Form nicht fremd, aber sie sind nur das dem Vorstellen Zugängliche und erreichen nicht, »was die Bestimmtheit in Wahrheit ist, negative Beziehung auf sich selbst«,78 worin die Rückkehr nicht durch Äußerliches initiiert wird. Aber der mit dem Erreichen der Akzidentalität einhergehende Fortschritt führt nun dazu, dass eben diese unvollständige Bestimmtheit, die sich in anderen Kontexten selbst disqualifizieren würde, genuin zur vollständigen Bestimmtheit der absoluten Form dazugehört. Erst dies vervollständigt die Akzidentalität, der ansonsten eine mögliche, aber auch wirkliche und damit notwendige Dimension von Bewegung fehlen würde. Demgegenüber muss noch in den Blick genommen werden, in welcher Weise sich die Identität zu den sich unterscheidenden Identitätsmomenten und Unterschiedsmomenten in der Scheintotalität der Akzidentalität verhält. Das betrifft die Frage, wie die Substanz in den sich auseinanderlegenden Formbestimmungen (als den Akzidenzen) in der absoluten Formeinheit präsent ist. Gegenüber der Bestimmung des setzend-voraussetzenden Zueinanders von ganzer Sub­ stanz und ganzer Akzidentalität handelt es sich hier um die noch ausständige »andere Bestimmung« (als Teil-Bestimmung oder Teil-Bewegung oder auch Bewegung der Teile der ganzen Akzidentalität) des Substantialitätsverhältnisses: »Die andere Bestimmung, der Wechsel der Akzidenzen, ist die absolute Formeinheit der Akzidentalität, die Substanz als die absolute Macht. – Das Vergehen der Akzidenz ist Zurückgehen ihrer als Wirklichkeit in sich als in ihr Ansichsein oder in ihre Möglichkeit; aber dies ihr Ansichsein ist selbst nur ein Gesetztsein, daher ist es auch Wirklichkeit, und weil diese Formbestimmungen ebensosehr Inhaltsbestimmungen sind, ist dies Mögliche auch dem Inhalte nach ein anders bestimmtes Wirkliches. Die Substanz manifestiert sich durch die Wirklichkeit mit ihrem Inhalte, in die sie das Mögliche übersetzt, als schaffende, durch die Möglichkeit, in die sie das Wirkliche zurückführt, als zerstörende Macht. Aber beides ist identisch, Ebd. WdL II, S. 23; GW 11, S. 249. 78 WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 76

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das Schaffen zerstörend, die Zerstörung schaffend; denn das Negative und Positive, die Möglichkeit und Wirklichkeit sind in der substantiellen Notwendigkeit absolut vereint.«79

Obwohl die akzidentelle Bewegung in ihren akzidentellen Unterscheidungen, deren Prozessualität vom Bleiben oder Beharren der Identität abhängt, die Totalität der Teile als Teil-Bestimmung des ganzen Verhältnisses exekutiert, wird sie dennoch zum Bestimmenden der Ganzheit, weil diese nicht als Ganzheit in die Bewegung hineingezogen wird. Wie schon erwähnt, ist diese werdende Scheintotalität dem Vorstellen vertrauter und es fällt leichter, den Versuch des Begreifens der Scheinbewegung so auszugestalten, dass die Einheit des Seins und der Reflexion aufgeteilt wird in die Seinsbewegung und in die sie nur motivierende Wesensbewegung. So ist die Wesensbewegung nur aufgehoben im akzidentellen Prozess des Werdens und Vergehens, sie scheint aber nicht als Scheinen auf. Wichtig hierbei ist, dass diese Konstellation, die im Vollzug der Akzidentalität im Akzidentellen zum Tragen kommt, keine bloße Sache der äußerlich reflektierenden Vorstellung ist, sondern genuin zum Gepräge der nur ansichseienden Substanz avanciert. Wir werden noch sehen, wie dieses Ansichsein näher zu verstehen ist. Es geht aber jedenfalls mit der absolut machtvollen Substanz einher, die sich völlig mühelos selbstvoraussetzend in der akzidentellen Setzungsbewegung erhält. Die absolute Macht als schaffend ist das Übersetzen der inhaltlich bestimmten Möglichkeit ins Wirkliche und die absolute Macht als zerstörend ist die Zurückführung der ebenso inhaltlich bestimmten Wirklichkeit ins Mögliche. Beides ist nur ein Prozess und der Wechsel der Akzidenzen ist kein Wechsel von Bewegungen, so dass einmal eine Richtung und ein andermal die andere (bzw. die entgegengesetzte) Richtung den Vorrang hätte. Vorrangig ist jedoch die Identität, wodurch jegliche Setzungsbewegung im Gleichwerden von Setzen und Voraussetzen setzend und im Ungleichwerden von Setzen und Voraussetzen zersetzend ist. Die korrelierende Rede vom zerstörenden Schaffen und der schaffenden Zerstörung geht dabei sogar der Vorstellung leicht von den Lippen, weil sie sich mit der »unbestimmten Identität«80 auch dieses Paradoxon ganz gut erklären oder plausibilisieren kann, obwohl sie vom Denken der Identität meilenweit entfernt ist. Wiederum ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Tätigkeit der Vorstellung, Anschauliches mit Hilfe der bloß unbestimmten Identität zu imaginieren, hier auf eine spekulative Logizität trifft, die von der Sache her eine bestimmte Identität formiert, die sich jedoch als unmittelbare (beharrend positiv) zumindest in 79

WdL II, S. 220 f.; GW 11, S. 395. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395.

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eine (in ihrer Vermittlungsfunktion) relative Unbestimmtheit versetzt. Im Wechsel der Akzidenzen fungiert diese Identität als die absolute Macht und Fähigkeit, die (negative und positive) Verbindung der Akzidenzen stetig so aufrecht zu erhalten, dass sie diese entzweit, wodurch inhaltlich mit dem Vergehen Entstehendes und mit dem Entstehen Vergehendes verbunden ist, aber auch wieder vereint, wodurch sich die Entzweiung in eine Unmittelbarkeit aufhebt, die jedoch als gesetzte sich wieder an ihr selbst in die sich unterscheidenden Formbestimmungen entzweit. Die scheinende Gesamtbewegung ist hierbei ein derartiges Subsistenzgefüge, worin der Schein der Macht im akzidentell prozessualen Werden zwar scheint, aber das Scheinen diese Bewegung nicht zur Rückkehr in sich zwingt. Ohne diese Rückkehr ist aber das Verhältnis (bzw. dieses Verhältnis) selbst als verschwindend gesetzt, was sich sogleich noch als Konsequenz einstellen wird. Im substantiell vermittelten Zueinander der Akzidenzen wird aber schon sichtbar, wie die nur unmittelbare und sich unbestimmt verhaltende Identität bloß einen werdenden Kreislauf in Gang hält. In diesem sind die Seins- und Wesensbestimmungen zwar vereint, die Extrapolation der Identität gegen die Identitäts- und Unterschiedsmomente macht aber das Wesen unscheinbar. Der Untergang der Akzidenzen ineinander wird somit zu einem Untergang dieses Verhältnisses selbst oder es zeigt nur auf, dass die erste Bestimmung der Substanz ansichseiend oder voraussetzend bestimmt ist. Die Ohnmacht der Akzidenzen basiert auf der absoluten Macht der Substanz, die in der akzidentellen Bewegung aber als lediglich ruhige aktuose Substanz ebenso ohnmächtig wird. Die seiende Kreisläufigkeit der Akzidenzen bleibt nur für die Vorstellung ein ewiges Bild der Wirklichkeit: »Die Akzidenzen als solche – und es sind mehrere, indem die Mehrheit eine der Bestimmungen des Seins ist – haben keine Macht übereinander. Sie sind das seiende oder für sich seiende Etwas, existierende Dinge von mannigfaltigen Eigenschaften oder Ganze, die aus Teilen bestehen, selbständige Teile, Kräfte, die der Sollizitation durch einander bedürfen und einander zur Bedingung haben. Insofern ein solches Akzidentelles über ein anderes eine Macht auszuüben scheint, ist es die Macht der Substanz, welche beide in sich begreift, als Negativität einen ungleichen Wert setzt, das eine als Vergehendes, das andere mit anderem Inhalte und als Entstehendes, oder jenes in seine Möglichkeit, dieses daran in Wirklichkeit übergehend bestimmt, – ewig sich in diese Unterschiede der Form und des Inhalts entzweit und ewig sich von dieser Einseitigkeit reinigt, aber in dieser Reinigung selbst in die Bestimmung und Entzweiung zurückgefallen ist. – Eine Akzidenz vertreibt also eine andere nur darum, weil ihr eigenes Subsistieren diese Totalität der Form und des Inhalts selbst ist, in der sie wie ihre andere ebensosehr untergeht.«81 81

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In der Welt der akzidentellen Veränderung herrscht das vorstellungstypische Werden und Vergehen im Sinne der Veränderung der Dinge, die in mannigfaltigen sich gegenseitig bedingenden Zusammenhängen (wobei hier die etwa für die Naturwissenschaften naheliegende Orientierung an Kräften dem bloß akzidentellen Blick, für welchen die Substanz als absolute Macht völlig im Hintergrund bleibt und die ohnehin nach streng einzelwissenschaftlichen Gesichtspunkten gar nicht wissenschaftlich erforschbar ist, am ehesten entspricht) zueinander stehen. Es taucht damit jene Dingmetaphysik auf, die schon in der Einleitungspassage dieses Kapitels (vorgreifend in Bezug auf die Ausprägung im Kausalitätsverhältnis) angesprochen wurde, wobei klarerweise die Dinge hier noch nicht als Substanzen aufgefasst werden. In einer derartigen Sichtweise, sofern sie als prinzipielle philosophische Herangehensweise (explizit oder implizit) angesetzt wird, spiegelt sich sehr deutlich eine Missinterpretation des Begrifflichen. Dass für Hegel ein derartiger Standpunkt, um in diesem Rahmen das Begriffliche oder den Begriff genau zu bestimmen, nicht in Frage kommt, ist offensichtlich, aber warum und in welcher Weise eine andersgeartete Bestimmung vorgenommen werden muss, dies gilt es, insbesondere im Augenmerk auf das Begriffs­ moment der Einzelheit exakt darzulegen. Wie aber schon anfänglich erwähnt, ist etwa auch Wittgenstein ein prominentes Beispiel für die Ablehnung einer solchen Dingmetaphysik, was sich bei ihm (und auch bei seinen Nachfolgern in der Tradition der analytischen Philosophie) ebenso in der Begriffsauffassung deutlich niederschlägt. In der postanalytischen Philosophie bietet uns dann Robert Brandom die besten Argumente, warum unser Begriffsverständnis einer völlig anderen Basis bedarf. Hier besteht auch, was (noch) nicht näher ausgeführt werden kann, die größte Nähe zu Hegel, obwohl, freilich nur unspekulativ oberflächlich betrachtet, völlig divergente Theorieansätze vorliegen. Die mit der akzidentellen Akzidentalität vorliegende spekulative Logizität kann sich jedoch nur von ihr selbst her überwinden oder übersteigen, eine nur von der äußeren Reflexion aufgeworfene Mangelhaftigkeit ist selbst völlig mangelhaft. Für die spekulative Logik gilt dabei überhaupt, was übrigens den meisten Interpreten nicht klar geworden ist, dass der dialektische Fortschritt nicht mit der Unangemessenheit zu einem bestimmten Begriff zu erklären ist, die spekulative Dialektik sich demgegenüber diesem Erklären und Plausibilisieren ganz und gar entzieht, weil nur die Selbstunangemessenheit einer Denk-Bestimmung das Begriffliche exekutiert. Wenn dies nicht selbst wieder nur ein äußerlich reflektierendes Schlagwort sein soll, muss die Dialektik in jeder Kategorienkon­ stellation neu bedacht werden. Setzen wir nun die Bestimmung der akzidentellen Akzidentalität sachlich weiter fort. Die Selbstunangemessenheit zeigt sich an der Bestimmung der Akzidenz so, dass diese in ihrem mehrheitlichen Vorkommen nur dann Bestand haben kann, wenn sie die Totalität der Form und des Inhalts in voller Negativi-

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tät in sich aufnimmt. Ist dies jedoch tatsächlich gesetzt, führt die Negativität zu akzidenteller Ungleichsetzung, mit einer ungleichen Verteilung bezüglich des Entstehens und Vergehens, die zwar in der akzidentellen Bewegung ausgeglichen wird, aber in dem zustande gekommenen Ausgleich wieder der negativen Entzweiung verfällt. Es ist dies die nur in die werdende Kreisläufigkeit versetzte Bewegung der setzenden Reflexion, die im Ausgleichen Setzen und Voraussetzen gleich setzt und in der Entzweiung Setzen und Voraussetzen ungleich setzt, wobei, das ist hier entscheidend, die akzidentell werdende Kreisläufigkeit nicht reflexiv auf sich selbst zurückkehrt, so dass in der Gesamtbewegung das Voraussetzen einen Überhang erhält. Die in die (prototypisch vereinzelte) Akzidenz eingehen sollende Form- und Inhaltstotalität sprengt die Akzidenz auf, weil sie in der noch zufällig bestimmten Vereinzelung diese Totalität nicht in sich fassen und aufnehmen kann, sie vielmehr daran zugrunde geht oder einem Untergang unterliegt, der einerseits nur das Verschwinden einer Akzidenz gegen eine andere beschreibt, aber damit andererseits auch schon das Verschwinden dieser Verhältnisbestimmung selbst zum Ausdruck bringt. Dieser Untergang deutet sich an, weil die substantielle Identität im Spiel der Akzidenzen nur als Bestandgeber fungiert, aber dabei keine substantielle Entgegnung formiert wird. So wird die Substanz in ihr eigenes Ansichsein zurückgedrängt, gerade weil sie als Identität nicht mehr der negativen Auseinandersetzung unterworfen ist bzw. nur die extremlose Mitte im tobenden akzidentellen Auseinandersetzungsprozess darstellt. Die substantielle Beständigkeit geht so weit, dass sie den sich einstellenden verschwindenden Schein aus dem Aufheben eines Vorausgesetzten, was noch für die Aktuosität als solche kennzeichnend war, wieder als Voraussetzung setzt, jedoch dabei beharrt und die ganze setzende Reflexion als selbst­voraussetzend bestimmt. Die Identität der Substanz bietet den Akzidenzen jenen verbindenden Anhalt, der sie selbst nicht mehr nur stetig in die sich aufhebende Unmittelbarkeit zurückversetzt, sondern eine Unmittelbarkeit kreiert, in welcher sie in dem in die Akzidenzen ausgelagerten Aufhebungsprozess auf sich als ein zugrundeliegendes Vorausgesetztes zurückgeworfen wird. Die Akzidenzen sind in ihrer Wechselbestimmung noch zu schwach, um eine reelle Entgegnung zu ihrer eigenen Identitätsgrundlage auszubilden, so dass diese noch nicht den gesetzten Charakter eines Substrats aufweist, obwohl das die Akzidenzen Verbindende schon an sich als eine Art von Kontinuierungsschiene fungiert. Der weitere logische Fortgang in seiner Realisierung führt zunächst noch zu einer (Selbst-) Bestimmung gegen sich, die nur substratlos gedacht werden kann, bevor dann ein Status zustande kommt, der eine substratbestimmte Logizität erzwingt. Der Charakter dieses Substrats schwingt sich noch nicht zur absoluten Grundlage (die der Begriff sein wird) auf, denn es bedarf noch des Schrittes, die realen substrathaften Manifestationen in einer starken, wieder substratlosen Wechselhaftigkeit aufzulösen.

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Noch befinden wir uns in einem Status der Protosubstrathaftigkeit, die mit der unmittelbaren voraussetzungsmäßigen Substanzbestimmung einhergeht: »Um dieser unmittelbaren Identität und Gegenwart der Substanz in den Akzidenzen willen ist noch kein realer Unterschied vorhanden. In dieser ersten Bestimmung ist die Substanz noch nicht nach ihrem ganzen Begriffe manifestiert. Wenn die Substanz als das mit sich identische Anundfürsichsein von ihr selbst als Totalität der Akzidenzen unterschieden wird, so ist sie als Macht das Vermittelnde. Diese ist die Notwendigkeit, das in der Negativität der Akzidenzen positive Beharren derselben und ihr bloßes Gesetztsein in ihrem Bestehen; diese Mitte ist somit Einheit der Substantialität und Akzidentalität selbst, und ihre Extreme haben kein eigentümliches Bestehen. Die Substantialität ist daher nur das Verhältnis als unmittelbar verschwindend, sie bezieht sich auf sich nicht als Negatives, ist als die unmittelbare Einheit der Macht mit sich selbst in der Form nur ihrer Identität, nicht ihres negativen Wesens; nur das eine Moment, nämlich das Negative oder der Unterschied, ist das schlechthin verschwindende, nicht aber das andere, das Identische.«82

Die Substanz fixiert sich selbst in ihrer Selbstunterscheidung, die wieder die sich unterscheidenden Identitäts- und Unterschiedsmomente in sich vermittelt, als das nur vermittelnde Identische. Die Vervielfachung der Identitätsmomente gegen sich, die aus der Totalitätsbestimmung des Verhältnisses resultiert, führt dazu, dass die substantielle Identität als eine sich stetig abhebende Instanz verbleiben kann, obwohl sie oder weil sie absolut anundfürsichseiend gesetzt ist. Sofern jedoch die Unterschiedskomponente in ihrer Negativität dieses Anundfürsichsein nicht realisiert, verkommt auch die Identitätskomponente zu einer positivierten oder »unmittelbaren Identität«.83 Sie entzieht sich so der negativen Bewegung, obwohl oder weil sie an sich die Negativität der absoluten Notwendigkeit ist. Der negative Prozess per se ist zwar das Gesetztsein in der ganzen Setzungsbewegung des Verhältnisses der Substantialität, aber wenn sich »das mit sich identische Gesetztsein«84 gegen die Identität der Substanz in seiner tatsächlichen (akzidentellen) Bewegung vollzieht, gerät die substantielle Identität so in den Hintergrund, dass sie nur noch als das beharrend Vorausgesetzte den die Vermittlung tragenden Unmittelbarkeitsanker darstellt. So verliert sie sich aber selbst als Extrem, als Seite des Verhältnisses, und rückt so in die Mitte eines Schlusses, worin Substantialität und Akzidentalität nur in ihrer Unbeständigkeit zusammengeschlossen werden. Die Seiten formieren nicht mehr das Bestehen WdL II, S. 221 f.; GW 11, S. 395 f. WdL II, S. 221; GW 11, S. 395. 84 WdL II, S. 219; GW 11, S. 394. 82

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des ganzen Verhältnisses, sie sind vielmehr abhängig geworden von einer Bestand gebenden und Voraussetzung bietenden Unmittelbarkeit. Das wird umgekehrt eine Gegenbewegung initiieren, die selbst wieder die nur mittige Substanz sprengt und zu substantiierter Entgegnung führt. Die Substanz kann aber nicht mehr in ihrer ruhigen machtvollen Aktuosität verbleiben, sie geht in ihrer ersten Verhältnisbestimmung zugrunde oder wird als »das unmittelbare Verschwinden und Werden des absoluten Scheines in sich«85 selbst zum Verschwinden gebracht. Diese Verhältnisart verschwindet hinein in ihr eigenes Ansichsein, weil nur der Unterschied schlechthin verschwindend gesetzt ist, das Identische aber nicht. Doch es genügt nicht, wie es die Vorstellung gerne fixieren möchte, dass der Unterschied auf einer Seite sich unterscheidend in sich gesetzt ist und dagegen eine andere Seite besteht, worin die Identität identisch mit sich ist. Das ist spatiologische Imagination, die das Denken durch Struktur und durch Kalküle ersetzt, worin nur tote Identitäten und tote Unterschiede hantierbar, einsetzbar und beherrschbar gemacht werden. Die Macht dieser Denkmittel, die kein Mittel zum Denken darstellen, leitet sich auch von der machtvollen Substanz her, weil diese in ihrer eigenen Bewegung sich zu dieser unbestimmten Identität bestimmt, diese Bestimmtheit selbst aber keinen Bestand haben kann, sich nur auflöst und zeigt, dass die Negativität des Wesens ihre eigene Bestimmung nicht unberührt lässt. Jegliche Logizität, die es nicht schafft, die Identität ins Verschwinden zu zwingen, kommt nicht über positiv substantiierte Entitäten hinaus und begreift nicht, wie sich die absolute Festigkeit der Identität gerade hierin beweist. Was nun, paradox ausgedrückt, die Substanz zu viel an Substantialität besitzt, besitzt die Akzidentalität zu wenig. Das ist die Kehrseite dieser logischen Konstellation und in ihr wird sich erweisen, wie das Substantialitätsverhältnis an sich begrifflich zu verstehen ist: »Dies ist auch so zu betrachten. Der Schein oder die Akzidentalität ist an sich wohl Substanz durch die Macht, aber er ist nicht so gesetzt als dieser mit sich identische Schein; so hat die Substanz nur die Akzidentalität zu ihrer Gestalt oder Gesetztsein, nicht sich selbst, ist nicht Substanz als Substanz. Das Substantialitätsverhältnis ist also zunächst sie nur, daß sie sich als formelle Macht offenbart, deren Unterschiede nicht substantiell sind; sie ist in der Tat nur als Inneres der Akzidenzen, und diese sind nur an der Substanz. Oder dies Verhältnis ist nur die scheinende Totalität als Werden, aber sie ist ebensosehr Reflexion; die Akzidentalität, die an sich Substanz ist, ist eben darum auch gesetzt als solche; so ist sie bestimmt als sich auf sich beziehende Negativität, gegen sich, – bestimmt als sich auf sich beziehende

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WdL II, S. 218; GW 11, S. 393.

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einfache Identität mit sich, und ist für sich seiende, mächtige Substanz. So geht das Substantialitätsverhältnis in das Kausalitätsverhältnis über.«86

Solange die Macht der Substanz auf sich als Identität zurückfällt und diese nicht auch selbst dem Verschwinden anheimfällt, solange ist die Macht nur formell, weil sie es nicht schafft, ihre eigene Bestimmung auf das Gesetztsein zu übertragen und die Bestimmung des Gesetztseins an sich und an ihr selbst zu exekutieren. Die Akzidentalität ist aber schon von ihrer Seite her an sich Substanz, wodurch die zu leistende Übertragung, die im Status der bloßen Aktuosität eben nicht zu leisten ist, bereits geschieht. Dieses Geschehen ist aber nur passiv, wobei, was wichtig ist, diese Passivität noch nicht gesetzt ist, sondern von der Substanz her nur vorausgesetzt wird. Die Substanz ist (auf Unmittelbarkeit hin) selbstvoraussetzend gegen sich selbst, indem sie sich selbst die Passivität der nur an sich seienden Substanz der Akzidentalität voraussetzt. Im Status dieses (Überhang gewinnenden) Voraussetzens, welches Substantialität und Akzidentalität gleichermaßen betrifft, ist die an sich seiende Substanz der Akzidentalität noch akzidentell und die Substanz als solche noch so identitätslastig, dass sie diese noch nicht aus sich auf das Gesetztsein übertragen kann. Wir befinden uns nun aber exakt an der Schnittstelle, an der die nur »scheinende Totalität als Werden«87 abermals die Reflexivität hervorbrechen lässt, so dass sich das Ansichsein der Akzidentalität tatsächlich offenbart und die Substanz (als sich setzende und sich aufhebende) die Identität nicht nur als Vermittlung bewahrt, sondern als Übermittlung setzt. Der sich gegen die werdende Kreisläufigkeit der Akzidenzen wieder durchsetzende Schein des negativen Wesens, der sich in der positiv beharrenden Identität unscheinbar gesetzt hatte, führt zur Selbstgestaltung der Substanz, die davor die »Akzidentalität zu ihrer Gestalt oder Gesetztsein«88 hatte. Ohne die (durch die negative Abhebung selbst initiierte) neu wieder zum Vor-Schein kommende scheinende Reflexion ist die formelle Macht der Substanz nur »als Inneres der Akzidenzen«,89 erst in der scheinenden Veräußerung ihrer selbst entäußert sich auch ihr verschwindendes Aufheben und ihre Setzungsmacht. Das, was sie zum Gesetztsein macht, ist sie selbst in der Dimension ihrer Selbstaufhebung und Selbstsetzung. Die Akzidentalität wird so aus ihrer ansichseienden Substantialität erweckt, aber auch als aufgehoben, als das nur Gesetzte gesetzt. In Bezug auf ersteres erweist sie sich selbst als »für sich seiende, mächtige Substanz«,90 in Bezug auf zweiteres ist sie eben hierin aber auch nur als das rein Gesetzte gesetzt. Da WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. Ebd. 88 Ebd. 89 Ebd. 90 Ebd. 86 87

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mit zeigt die sich generierende substantiierte Entgegnung die ursprüngliche Voraussetzungshaftigkeit, wodurch sich die eine Seite als das Ursprüngliche an ihm selbst erweist und die andere Seite sich zwar ebenso als ursprünglich hervortut, jedoch nur als das schlechthin ursprüngliche Gesetztsein. Diese sich überschreitende Schnittstelle ist der Schritt in ein neues Verhältnis, d. i. das Verhältnis der Kausalität. 2.3.1 Vorausschauend rückblickende Rekapitulation aus der Perspektive des Begriffs (Erster Punkt) Bevor wir uns der zweiten absoluten Verhältnisart widmen, ist es nunmehr angebracht und vom erreichten Status her sinnvoll, auf jene begriffliche Rekapitulation der gesamten Substanzentwicklung zu blicken, so wie diese von Hegel im Einleitungsabschnitt zur Begriffslogik, die ›Vom Begriff im allgemeinen‹ handelt, gegeben wird. Diese spekulativ begriffliche Zusammenfassung weicht dabei in keinster Weise von der Substanzentwicklung im Wesen ab, sie ist damit völlig kompatibel, aber sie stellt die Sache von der Höhe des Erreichten aus dar und diese Höhe ist der Begriff, der schon die »Vollendung der Substanz«91 (worin er die Selbstaufhebungsbewegung der Substanz bereits im Rücken hat) darstellt. An der betreffenden Stelle wird also in einem ersten von drei Punkten das Verhältnis der Substantialität, unter begriffsperspektivischer Berücksichtigung der schon vollständig realisierten Substanzentwicklung in all ihren Stufen, folgendermaßen charakterisiert: »Die Bewegung der Substantialität […] besteht darin, I. daß die Substanz als absolute Macht oder sich auf sich beziehende Negativität sich zu einem Verhältnisse unterscheidet, worin jene zunächst nur einfachen Momente als Substanzen und als ursprüngliche Voraussetzungen sind. – Das bestimmte Verhältnis derselben ist das einer passiven Substanz, der Ursprünglichkeit des einfachen Ansichseins, welches machtlos sich nicht selbst setzend, nur ursprüngliches Gesetztsein ist, – und von aktiver Substanz der sich auf sich beziehenden Negativität, welche als solche sich als Anderes gesetzt hat und auf dies Andere bezieht. Dies Andere ist eben die passive Substanz, welche sie sich in der Ursprünglichkeit ihrer Macht als Bedingung vorausgesetzt hat. – Dies Voraussetzen ist so zu fassen, daß die Bewegung der Substanz selbst zunächst unter der Form des einen Moments ihres Begriffs, des Ansichseins ist, daß die Bestimmtheit der einen der im Verhältnis stehenden Substanzen auch Bestimmtheit dieses Verhältnisses selbst ist.«92 91

WdL II, S. 249; GW 12, S. 14. WdL II, S. 246 f.; GW 12, S. 12.

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Auf den ersten Blick besehen, finden sich hier gravierende Abweichungen im Vergleich zur Darstellung in der Wesenslogik. Dies rührt einerseits vom fehlenden Überblick über den weiteren Fortschritt im absoluten Verhältnis her, aber andererseits auch von der fehlenden Einsicht in den spekulativen Duktus. Wer die Hegelsche Darstellungs- und Vorgangsweise näher kennt, wird kaum die von manchen Interpreten aufgebrachten Vermutungen ernst nehmen, die entweder einen Schlendrian unterstellen, der aber so nur von einer ungefähren Erinnerung an die früheren Ausführungen herrühren könnte, oder vermeinen, Hegel hätte eben seine Ansichten geändert und würde die alten Bestimmungen nur ersetzen wollen. Es lassen sich nicht einmal die tatsächlichen Umarbeitungen Hegels so naiv erklären, aber wenn wir einmal auf die äußerst stringenten innerlogischen Verzahnungen und die auch an sehr vielen anderen Stellen gegebenen spekulativ komprimierten Rekapitulationen aufmerksam geworden sind, erübrigen sich derartige Annahmen, die ohnehin nur auf vage persönliche Befindlichkeiten des Autors abstellen. Letztlich kommt es nur auf die Sache selbst an und wer sich die Textstellen nicht anders als durch die angedeuteten Weisen erklären kann, der sollte zumindest die Gehalte der jeweiligen Partien als solche sachlich genau darlegen können, um etwaige Inkompatibilitäten transparent zu machen. Wenn wir jedoch mit geschärftem spekulativen Blick an die Sache herangehen, so werden wir bemerken, dass Hegel das Substantialitätsverhältnis aus der Warte der bereits erfolgten logischen Diremtion des Substanzbegriffs in eine aktive und passive Substanz auf den Begriff bringt. Diese Diremtion ist schon begriffliche Selbstunterscheidung in und gegen sich, worin das Allgemeine in seiner Negativität sich gegen sich selbst subsumiert. Das ist die Selbstbesonderung, die begrifflich Koordinierung und Subordinierung impliziert. Beides ist eine einfache Einheit, die zur Konsequenz hat, dass der Begriff der Substanz an sich in seiner Selbstunterscheidung nur sich selbst als Anderes seiner selbst zum Bezugspunkt haben kann. Die durch das substantiierte Absolute als einfach gesetzten Momente des Ansichseins und Fürsichseins, die hinsichtlich der Identitätsbestimmung »an sich als die einfache Identität der Möglichkeit und Wirklichkeit«93 und ebenso »für sich diese Identität als […] sich auf sich beziehende Negativität«94 vorliegen, nehmen sich ihrerseits als Substanzmomente in der »Bewegung der Substantialität«95 auseinander. Die erste Bewegungstat des Begriffes der Substanz ist die Setzung des Verhältnisses als sich unter der Ägide des Ansichseins vollziehend, was nichts anderes heißt, als »daß die Bestimmtheit der einen der im Verhältnis stehenden Substanzen auch Bestimmtheit dieses Verhältnisses selbst ist.«96 Begrifflich ist der Part des Gesetztseins im Verhältnis derjenige, der die WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. Ebd. 95 Ebd. 96 WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. 93 94

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»Ursprünglichkeit des einfachen Ansichseins«97 vertritt, d. i. eben diejenige Identität, die nur in ihrem Gesetztsein identisch ist. Es ist dies das Ansichsein der Möglichkeit, die zwar schon absolut identisch mit der Wirklichkeit ist, jedoch als substantiiertes Ansichsein im absoluten Verhältnis den Scheinkonterpart für jene Identität darstellt, die nur in ihrem Setzen identisch ist. Die entscheidende spekulative Umkehrung besteht nun darin, dass das substantielle Setzen in seiner tatsächlichen Bewegung nur selbstvoraussetzend auf sich zurückkehrt und das Gesetztsein sich in dieser Bewegung als selbstsetzend erweist. Solange wir uns jedoch noch im Status des Substantialitätsverhältnisses befinden, verbleibt das substantielle Gegeneinander ansichseiend, d. h. im Scheinen akzidentell geprägt, und die Setzungsbewegung macht (als Ausgleichungsbewegung) zugleich das Voraussetzen zur Bestimmung des ganzen Verhältnisses selbst. Nur aus begrifflicher Perspektive kann die sich auf sich beziehende Negativität als substantielle Selbstdiremtion in eine passive (wesentlich vorausgesetzte) und in eine aktive (wesentlich voraussetzende) Substanz beschrieben werden. Demgegenüber ist es aus wesenslogischer Perspektive (wie oben genauer dargelegt) völlig unzulässig, Substanzen (in einer Mehrheit oder Zweiheit) für das Verhältnis der Substantialität zu unterstellen. Es ist dies nur eine begrifflich richtige Unterstellung, deren eigene Voraussetzungen mit dem Eintritt ins absolute Verhältnis noch nicht gegeben sind. Doch es zeigt sich begrifflich auch, warum die Disposition des Substantialitätsverhältnisses keine dezidierte Entgegnung von Substanzen ermöglicht. Die Akzidentalität als Scheintotalität ist zwar »die ganze Substanz selbst«,98 aber sie avanciert nicht zu einem beharrenden Extrem, wird vielmehr in die mittig identische Vereinheitlichung von Substantialität und Akzidentalität hineingezogen und ist so nur ansichseiende oder auch eine nur mögliche Substanz. Die Bewegung der absoluten Macht, sich selbst zur bleibenden Mitte zu bestimmen, verleiht ihr einen (Selbst-)Voraussetzungscharakter und bestimmt auch die Akzidentalität dazu, nur das von der setzenden Substanz her Vorausgesetzte zu sein. Beide können nur »als ursprüngliche Voraussetzungen«99 zueinander und gegeneinander begriffen werden, so dass sich aus dem Begriffsrückblick heraus das ganze Verhältnis der Substantialität als ein voraussetzendes Bedingungsverhältnis entpuppt. In der einen Aktuosität liegt dabei die Ursprünglichkeit des Voraussetzungszusammenhanges beschlossen. Das Voraussetzen ist selbst so absolut, dass es kein zugrundeliegendes Voraus geben kann, weil das Setzen nicht gegen das Voraussetzen bestimmt ist, sondern die Setzungsbewegung es selbst ist, die sich ins Voraussetzen setzt. Dieser Gesamtzusammenhang, der zwar ein Ursprüngliches des Setzens (als Ursache) hervortreibt, das dabei jedoch auf ein ebenso Ebd. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395. 99 WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. 97

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Ursprüngliches, aber als Gesetztsein (d. i. die Wirkung) trifft, ist Selbständigkeit des ganzen Verhältnisses, worin die substantielle Verselbständigung einbehalten bleibt im sich selbst setzenden absoluten Schein. Der tatsächliche Vollzug der Bewegung des Setzens bringt dann erst den Begriff dieses Verhältnisses hervor, der darin besteht, dass sich an sich Substanzen im ursprünglichen Voraussetzen begegnen. Deren Substantiierung erlaubt jedoch keinen Schritt ins Begriffliche, weil sie in ihrem Zueinander in einem Gesetztsein verbleiben, das keine eigene Selbständigkeit zulässt. Die das Ansichsein abstreifende Substanzbewegung ist aufhebend gegen sich und erzeugt im Voraussetzen weiterhin Relationalität, weil das Aufheben des Wesens nicht in der Diremtion aufgehoben ist, sondern die Diremtion selbst noch aufhebend umfasst. Für das Substantialitätsverhältnis als solches ist »die scheinende Totalität als Werden«100 noch nicht ins Wesen aufgehoben, so dass dieser Schritt sich mit der gegenseitigen Substantiierung noch vollziehen muss. Dieses Aufheben verstärkt sich sogar noch durch die Substanzintensivierung und Setzen und Gesetztsein verbleiben nicht im Voraussetzen, sondern werden als Setzen und Gesetztsein gesetzt. Exakt dies ist der Schritt in das nächste absolute Verhältnis, worin sich Setzen und Gesetztsein nicht (wie auch immer das vorstellbar wäre) vereinheitlichen, sondern in ihrer Extremität zum Vor-Schein kommen. In der neuen Verhältnisbestimmung, die sich als Kausalitätsverhältnis bestimmt, besteht zunächst die Hauptschwierigkeit, das voraussetzende Setzen im Aufheben zu fassen. Die aufhebende Macht der Substanz besondert sich dabei gegen sich, so dass die eigene Mitte in substantiierte Extreme auseinandergesetzt wird, die dennoch in ihrer aufkeimenden Verselbständigung als aufgehoben und unaufgehoben gelten können, wobei sich in ersterem die voraussetzende Setzungsbewegung ins Gesetztsein als Gesetztsein setzt und in zweiterem das Setzen in seiner Reinheit erst als Setzen erscheint. Begrifflich wird diese Erscheinung das Ansichsein fürsichseiend setzen. Bevor wir jedoch dies wieder in begrifflicher Perspektive betrachten können, müssen wir uns zunächst der wesenslogischen Kausalität in ihren drei Unterstufen widmen.

100

WdL II, S. 222; GW 11, S. 396.

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2.4 Das Kausalitätsverhältnis Einleitend charakterisiert nun Hegel das Kausalitätsverhältnis wie folgt: »Die Substanz ist Macht und in sich reflektierte, nicht bloß übergehende, sondern die Bestimmungen setzende und von sich unterscheidende Macht. Als in ihrem Bestimmen sich auf sich selbst beziehend, ist sie selbst das, was sie als Negatives setzt oder zum Gesetztsein macht. Dieses ist somit überhaupt die aufgehobene Substantialität, das nur Gesetzte, die Wirkung; die für sich seiende Substanz aber ist die Ursache. Dies Kausalitätsverhältnis ist zunächst nur dies Verhältnis von Ursache und Wirkung; so ist es das formelle Kausalitätsverhältnis.«101

Die Bewegung von der Substantialität zur Kausalität in deren Verhältnisbestimmung ist etwas schwieriger nachzuvollziehen, als dies zunächst den Anschein hat. Die Haupthürde lässt sich dabei einfach benennen: Einerseits kommt der Fortschritt dadurch zustande, dass die ansichseiende Substanzhaftigkeit der Akzidentalität sich als substantiell und fürsichseiend setzt, aber andererseits eben dieselbe Bestimmung des Gesetztseins nur »die aufgehobene Substantialität«102 ist. Zugespitzt heißt das: Substanz oder aufgehobene Substanz? Ist die sich weiter bestimmende Akzidentalität entweder substantiell oder in ihrer Substantialität aufgehoben, d. h. gar nicht substantiell? Zusätzlich kann sich hier die Verwirrung noch steigern, weil im letzten Absatz des Verhältnisses der Substantialität die Fortentwicklung der Akzidentalität von ihrem Ansichsein zum Fürsichsein so gekennzeichnet wird, dass sie sich selbst als »für sich seiende, mächtige Substanz«103 setzt. Auf der anderen Seite steht aber der aufgehobenen Substantialität als Wirkung »die für sich seiende Substanz«104 als Ursache gegenüber. Es sieht also so aus, als hätten wir eine Verkehrung der fürsichseienden Bestimmung und eine verkehrte Zuordnung der Substantialität vor uns. Was liegt hier tatsächlich vor? Wenn wir genau auf unseren Interpretationsfokus achten, werden wir bemerken, dass wir uns vornehmlich an der Akzidentalität orientieren und diese vergleichend im ansichseienden Status des Substantialitätsverhältnisses und im anhebenden Status des fürsichseienden Kausalitätsverhältnisses festhalten. Dieser Vergleich selbst ist schon äußere Reflexion, aber die interpretative Äußerlichkeit verstärkt sich, weil wir zwar der überfixierten Seite der Akzidentalität in ihrer logischen Selbstveränderung sehr genau gewahr werden, jedoch implizit unterstellen, dass die Mächtigkeit der Substanz als solcher, in ihrer Be WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. Ebd. 103 Ebd. 104 Ebd. 101

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stimmung völlig gleichbleibend, sich einfach in die »für sich seiende Substanz«105 der Ursache weitertradiert. Welche Herangehensweisen sind hier falsch? Beide Interpretationshinsichten verbleiben unspekulativ, sind aber selbst keine voneinander getrennten Irrwege. Der Fokus auf das Entweder-Oder und der Fokus auf die einseitige Ungleichheit (mit der unveränderlichen Gleichheit im Hintergrund) stellen nur eine dialektische Missinterpretation dar. Die interpretatorische Fixierung der Substanz im bloßen Setzen, die dabei den Schritt zum (Selbst-)Voraussetzen in äußerlicher Reflexion missdeutet, und darüber hinaus auch nicht einbezieht, wie dieser Vorgang eine Sache des ganzen Verhältnisses bzw. des akzidentellen Verhaltens der Substanz zu sich selbst ist (worin, etwas paradox überhöht formuliert, das Akzidentelle im beharrend scheinbaren Gegenüber eine scheinbare Verdopplung zu erfahren scheint), erkennt nicht, wie sich die Substanz eben in ihrer substantiellen Ausübungsbewegung, die ihren Begriff (aber noch nicht den Begriff) manifestiert, ebenso zu aufgehobener Substantialität bestimmt. Diese lässt sich also nicht einer eigenständigen Seite zuordnen, obwohl, und das macht die Sache noch schwieriger, gerade die Kausalität die Seitenhaftigkeit intensiviert. Unsere Bemühung muss aber darauf gehen, die der Substantialität selbst innewohnende Vorstellungs-Hintergründigkeit zum Vor-Schein zu bringen. Dann werden wir auch sehen, dass die Kausalität die Bestimmungen nicht verkehrt, sondern vielmehr eindeutiger und aufscheinender in den Vordergrund schiebt. Dabei kommt alles darauf an, die Substantialität nicht nur als setzend, sondern ebensosehr exakt hierin als sich aufhebend voraussetzend zu denken, was nichts anderes heißt, als die Akzidentalität nicht mehr als Anderes (zu dieser Bewegung) festzuhalten. Es ist dies die wiederkehrende Denkaufgabe, eine Bewegung zu denken, deren Richtungen seitenhafte Gegenbewegungen sind. Diese spezifische Dialektik werden wir jedoch nicht im noch immer weiter sich intensivierenden Blick auf den Anfang der Kausalität begreifen, dies gelingt nur, wenn wir uns auf deren Entfaltung einlassen. Jedenfalls gilt für die Ausgangslage der Kausalität, dass die sich in sich reflektierende Substanz sich im Unterscheiden so setzt, dass sie das Gesetztsein gänzlich in sich zieht, wobei eben dies zu einem substantiellen Auseinander führt, welches Setzen und Gesetztsein als Setzen und Gesetztsein gegeneinander stellt. So verteilen sich Setzen und Gesetztsein nicht neu, sie generieren aber einen neuen Status von Reflexivität, der über die setzende Rückkehr aus der (Selbst-) Voraussetzung (selbst-)bestimmend wird. Erst hierin eröffnet sich der vorerst nur angekündigte Gehalt von Ursache und Wirkung. Dies vollzieht sich im ersten Unterabschnitt zum zweiten Unterkapitel des absoluten Verhältnisses, ausgewiesen mit dem Titel ›a. Die formelle Kausalität‹:

105

Ebd.

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2.4.1 Die formelle Kausalität in ihrer selbstbestimmenden Vorbegrifflichkeit »I. Die Ursache ist das Ursprüngliche gegen die Wirkung. – Die Substanz ist als Macht das Scheinen oder hat Akzidentalität. Aber sie ist als Macht ebensosehr Reflexion-in-sich in ihrem Scheine; so legt sie ihr Übergehen aus, und dies Scheinen ist bestimmt als Schein, oder die Akzidenz ist gesetzt als das, daß sie nur ein Gesetztes sei. – Die Substanz geht aber in ihrem Bestimmen nicht von der Akzidentalität aus, als ob diese voraus ein Anderes wäre und nun erst als Bestimmtheit gesetzt würde, sondern beides ist eine Aktuosität.«106

Die einheitliche Aktuosität in ihrer reflexiven Rückkehr aus dem voraussetzenden akzidentellen Werden zersetzt die Gleichursprünglichkeit in »nicht gesetztes Ursprüngliches«107 und in »ursprüngliches Gesetztsein«,108 wobei ersteres die immanente ursächliche Ursprünglichkeit darstellt, weil sie das ihr Andere erst als Gesetztsein setzt. Die Substanz in ihrer Reflexion auf und gegen sich ist nicht bloß ein angenommenes Ursprüngliches, sie macht sich dazu, bestimmt sich dazu, weil sie aus dem voraussetzenden Setzen so auf sich zurückkehrt, dass dieses Setzen sich als »bestimmendes Setzen«109 (und als Bestimmen des Scheins als des Scheins) setzt. Das werdend akzidentelle Übergehen wird von der Substanz in eben diesem Prozess ausgelegt, was nichts anderes heißt, als dass diese Bewegung im Werden selbst als reflektiert auf das Substantielle zurückgebogen wird. Das war im Substantialitätsverhältnis noch der entscheidende Mangel, dass sich nämlich die werdende Kreisläufigkeit nur ins wieder und wieder Akzidentelle verlaufen hat, dieser Kreis jedoch nie geschlossen werden konnte. Dies drängte die Substanz in die nur vermittelnde Mitte, welche sie verschwindend macht, aber zugleich das Substantielle im Verschwinden beweist. Die Substanz exekutierte das Aufheben der Substantialität im (Selbst-)Voraussetzen und die Akzidentalität entbarg ihre nur ansichseiende Substantialität, indem der Wechsel der Akzidenzen zumindest eine Setzungsbewegung in Gang setzte. Erst diese gegenläufigen Bewegungen brachten den Schein als Schein auf sich zurück und ließen die Reflexion als Reflexion gegen den nur werdenden Vorgang der ab- und zunehmenden Substantiierung zum Vor-Schein kommen. In der sich wiederfindenden eigenen Reflexivität findet sich auch die Bewegung der Notwendigkeit wieder, die einerseits unmittelbar identitätssetzend und andererseits nur über die sich (voraussetzend) aufhebende Identität vermittelt ist. Diese notwendige Bewegung setzt die ansichseienden Identitäten und setzt die sich ansichseiend 108 109 106 107

WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. WdL II, S. 223 f.; GW 11, S. 397. WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. WdL II, S. 224; GW 11, S. 398.

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unterscheidenden Momente als so rückkehrend gegen sich, dass sie zugleich als Extreme aufscheinen. Damit wird die Reflexion, indem sie aus ihrem veräußerten Voraussetzen wieder auf sich selbst zurückkommt, bestimmend und, indem sie nur sich selbst zur Voraussetzung hatte, selbstbestimmend. So entsteht eine noch sehr marginale Richtung hin auf das bestimmte Bestimmte, also eine prototypische Ausrichtung auf dasjenige, was als einzeln gelten könnte, obwohl das in dieser logischen Konstellation nicht realisierbar ist. Im Verhältnis der Substantialität ist dies durch die (vereinzelte) Akzidenz anvisiert, die jedoch ihr »eigenes Subsistieren«110 nur im Untergehen und Vergehen in eine andere Akzidenz bzw. in das ganz Andere der »Totalität der Form und des Inhalts«111 zeigen kann. Die sich in sich wieder reflektierende Substanz verfolgt nun diese aufkeimende (Vereinzelungs-)Richtung, weil sie die dem (ursprünglichen) Gesetztsein verhaftete Akzidenz reflektiv so verfolgt (d. h. im werdenden Übergehen auslegt), dass sie dieses Gesetztsein als gesetzt zum Vor-Schein bringt. Es ist entscheidend, diese Auslegungsbewegung zu verstehen, sie nicht als einen bloß äußerlich angewendeten Operator hinzunehmen oder zu kritisieren. Für eine ausführliche Interpretation müsste diesbezüglich das gesamte Kapitel über ›Das Absolute‹ durchgenommen werden, denn es ist ausschließlich »die Auslegung, und zwar die eigene Auslegung des Absoluten und nur ein Zeigen dessen, was es ist.«112 Die Selbstauslegung und das immanente Zeigen sind eine logische Angelegenheit, die, kurz gesagt, darin besteht, dass die Reflexionsbewegung in ihrem Anfangen schon mit einem Bestimmten beginnt, das sie zugleich erst durch die reflektierende Bewegung als Bestimmtes zu bestimmen scheint. So ist die Bestimmtheit nicht mehr dasjenige, das von einer Sache gilt und daher gegen diese abhebbar ist (und daher auch von anderen Sachen gelten kann), sondern Bewegung der absoluten Form, die mit dieser Sache identisch ist. Nur so kann im absolut Vereinzelten die allgemeine Bewegung immanent tätig sein, was letztlich erst im Begriff zu begreifen ist, aber schon in den Modi des Absoluten dezidiert zum Austrag kommt. Für die Substanz heißt dies, dass ihre gegen den werdenden akzidentellen Prozess hervorbrechende Reflexion die Prozessbeteiligten (also die Akzidenzen) nicht äußerlich beeinflusst, sondern sie nur als der Reflexionsbewegung nicht fremd aufzeigt. Sie zieht sie nur in den Schein als Schein, der in seiner Absolutheit durch die Substanzbewegung selbst in die Selbstvoraussetzung notwendigerweise gehen musste. Die Reflexion hebt so das Gesetztsein nicht auf, denn es ist ja ihre eigene Bestimmung, sie zeichnet aber dessen Weg nach (oder vor), um es als sich in dieser Bewegung vollziehend aufzuweisen. Die Reflexionsmacht braucht auch hierzu WdL II, S. 221; GW 11, S. 395. Ebd. 112 WdL II, S. 187; GW 11, S. 370. 110 111

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noch keine Gewalt, denn sie vollzieht keine Veränderung, gibt dem Schein nur den Ausdruck des Scheins und lässt das Gesetztsein fürsichseiend gewähren. Dennoch versetzt sie dieses in eine Position des Extrems, aber nur so, dass aufgezeigt wird, was ohnedies ist. Sie legt das schon Bestimmte aus, wodurch sie sich gegen sich selbst auch auf eine Seite legt, so dass die Gesamtheit des gesetzten Scheins in Gesetztes und Ungesetztes auseinandergenommen wird. Das Bestimmungsextrem der Akzidenz, das als solches noch rückkehrlos verloren ist, wird nur auf diesen Umstand hingewiesen, was schon ausreicht, um es der Reflexivität zu vindizieren. Es wird nicht eingegriffen ins Gesetztsein, es wird nur als Gesetztsein gesetzt. Der mit dem Werden aufgehende Schein zeigt das Wesen der Akzidenz und sie ist eben hierdurch das Akzidentellste, rein »gesetzt als das, daß sie nur ein Gesetztes sei.«113 Der Formalismus in diesem kausalen Anfang liegt gerade in dieser Reinheit, die jedoch so klar erkennen lässt, wie die Bestimmungsmacht der Substanz die in ihr angelegte Bestimmtheit auslegt, sie rückkehrend als bestimmt gegen sich kehrt: »Die Substanz als Macht bestimmt sich; aber dies Bestimmen ist unmittelbar selbst das Aufheben des Bestimmens und die Rückkehr. Sie bestimmt sich, – sie, das Bestimmende, ist so das Unmittelbare und das selbst schon Bestimmte; – indem sie sich bestimmt, setzt sie also dies schon Bestimmte als bestimmt, hat so das Gesetztsein aufgehoben und ist in sich zurückgekehrt. – Umgekehrt ist diese Rückkehr, weil sie die negative Beziehung der Substanz auf sich ist, selbst ein Bestimmen oder Abstoßen ihrer von sich; durch diese Rückkehr wird das Bestimmte, von dem sie anzufangen und es als vorgefundenes Bestimmtes nun als solches zu setzen scheint. – So ist die absolute Aktuosität Ursache, die Macht der Substanz in ihrer Wahrheit als Manifestation, die das, was an sich ist, die Akzidenz, die das Gesetztsein ist, unmittelbar im Werden derselben auch auslegt, sie setzt als Gesetztsein, – die Wirkung. – Diese ist also erstlich dasselbe, was die Akzidentalität des Substantialitätsverhältnisses ist, nämlich die Substanz als Gesetztsein; aber zweitens ist die Akzidenz als solche substantiell nur durch ihr Verschwinden, als Übergehendes; als Wirkung aber ist sie das Gesetztsein als mit sich identisch; die Ursache ist in der Wirkung als ganze Substanz manifestiert, nämlich als an dem Gesetztsein selbst als solchem in sich reflektiert.«114

Die mit der sich reflektierenden Aktuosität gesetzte Scheinbewegung geht so gegen sich, dass sie ihr eigenes Gesetztsein als bestimmte und bestimmende Bewegung aufzeigt. Dabei zeigt sie nicht auf eine zugrundeliegende Sache, macht keine Bestimmungen an einem Anderen und hat keinen vorausliegenden Be113 114

WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. Ebd.

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zugspunkt, sondern ist nur in der Reflexionsbewegung reines scheinendes Hervorheben des Gesetztseins, auf welches hin die Setzungsbewegung in bestimmender Negativität ausgerichtet ist. Diese anfängliche Kausalität basiert dabei schon auf der sich ins Voraussetzen veräußert habenden setzenden Reflexion der ruhigen machtvollen Aktuosität und wird im Reflektieren auf diese selbstgesetzte Voraussetzung bestimmend. Die Reflexion erweist sich aber hier als reine bestimmende Reflexion gegen sich, die nicht mehr den Weg vom Gesetztsein zur Reflexionsbestimmung beschreitet und die auch nicht mehr das Gesetztsein in seinen Unterschiedenheitsmomenten bis hin zum Gesetztsein als dem aufgehobenen Gesetzsein im Widerspruch aufzeigen muss, sondern nunmehr in der sich auslegenden Substantialität selbstbestimmend geworden ist. Die »scheinende Totalität als Werden«115 wird in der hervorbrechenden Reflexion so rein ausgelegt, dass die machtvolle Bewegung der Substanz sich im eigenen scheinenden Aufweis des Gesetztseins selbst begegnet. Sie ist noch wesenhafte substantiierte Selbstbestimmung, enthält aber als Bewegung schon den Begriffsakt, das »schon Bestimmte als bestimmt«116 zu setzen. Die hiermit auf den Begriff vorverweisende Bewegung der Anfangskausalität ist im Bestimmen kein Generieren von Bestimmtheit oder von Bestimmtheiten, wie dies etwa in der Seinsübergänglichkeit der Fall ist, sie setzt lediglich den für die Vorstellung überflüssigen und redundanten Akt, das ohnehin Bestimmte erneut zu bestimmen. Dabei kommt Nichts (sic) heraus und es kann auch Nichts herauskommen, denn sie exekutiert selbst im reflektierenden Bestimmen noch die »Bewegung von Nichts zu Nichts und dadurch zu sich selbst zurück.«117 Dennoch ist sie schon sehr viel konkreter als diese »reine absolute Reflexion«,118 die sie zwar im Wesen und in ihrem Wesen nie ganz hinter sich lässt, die aber hier auslegend in den Reichtum des absoluten Inhalts, in der Ausprägung der scheinend-werdenden Totalität des Akzidentellen, eingedrungen ist. Dabei spielt sie sich nicht daneben ab, ist nicht einmal so absolut durchdringend wie dies die »absolute Porosität«119 der akzidentellen Dingwelt erlauben würde, sondern durchdringt sich in den bestimmten Beziehungen selbst. Dabei gilt es hier äußerst genau auf die vorliegende logische Konstellation zu achten, um nicht in irgendwelche Floskeln, die sogenannte dialektisch-kategoriale Selbstbezüglichkeit betreffend, zu verfallen. Die Selbstbestimmungsbewegung der formellen Kausalität hat ihre exakte und logisch ganz spezifische Herkunft in der in das akzidentelle Werden eintretenden Scheinbewegung, die sich 117 118 119 115 116

WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. WdL II, S. 24; GW 11, S. 250. WdL II, S. 25; GW 11, S. 250. WdL II, S. 142; GW 11, S. 336.

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nicht darüber legt, es nicht als ein Anderes bestimmt, dieses Werden nur auslegt und die strömende Kreisläufigkeit gleichsam so begleitet, dass sie sich im Bestimmen wieder gegen sich aufhebt. Nur hierin zeigt sie das Gesetzte als gesetzt auf und zeigt sich selbst in ihrer ganzen Reflexionsmacht als ungesetzt. Die sich selbst bestimmende Bewegung muss auf ihre Bestimmtheit zeigen, also zeigt sie so auf sich, dass sie selbst das Bestimmte ist und als das Bestimmende zugleich das Unmittelbare. Indem sie aber tatsächlich bestimmt, so bestimmt sie notwendigerweise das schon Bestimmte, und eben hierin hebt sie die Bestimmungsdistanz wieder auf, macht sich mit dem Gesetztsein gleich und ist aus dem Bestimmen zur Unmittelbarkeit zurückgekehrt. Diese Unmittelbarkeit ist aber selbst nur bestimmendes Setzen, also negatives Herstellen der Bestimmungsdistanz, so dass erst hierin jenes Bestimmte wird, auf das sich der Bestimmungsprozess bezieht. In dieser ganzen Bewegung, welche die Selbstscheinbestimmung im akzidentellen Werden darstellt, liegt die Ursache-Wirkungs-Beziehung beschlossen. Die sich im setzenden Bestimmen zur Unmittelbarkeit hergestellt habende Setzungsmacht, welche selbstbestimmend bestimmt, bestimmt das äußerste Gesetzte, d. i. die als bestimmt bestimmte Akzidenz, als gesetzt. Ersteres ist die (als nicht gesetzt ursprüngliche) Ursache, zweiteres die Wirkung (als gesetzt ursprüngliches Gesetztsein). Nochmals: »So ist die absolute Aktuosität Ursache, […] die das, was an sich ist, die Akzidenz, die das Gesetztsein ist, unmittelbar im Werden derselben auch auslegt, sie setzt als Gesetztsein, – die Wirkung.«120

Wäre das Extrem der ursprünglichen (oder sich zur Ursprünglichkeit selbst-­ bestimmenden) Setzungsmacht schon ganze »unendliche Einheit der Negativität mit sich selbst«121 und nicht im Scheinverhältnis stehend, hätte es, um sehr vorsichtig zu formulieren, einen allgemeinen Charakter, und wäre die als bestimmt gesetzte Bestimmtheit der Akzidenz »ebenfalls das Ganze, aber als die mit sich identische Negativität gesetzt«122 und nicht im Scheinverhältnis stehend, hätte sie einen vereinzelten Charakter. Wir werden aber sehen, dass diese konjunktivischen Parallelisierungen auch heikel und bisweilen ziemlich fehlerhaft sein können, denn es wird sich herausstellen, dass die Wirkung, sofern sie substantiell ins Passivische verfällt, eher, um wieder sehr vorsichtig zu formulieren, dem Allgemeinen entspricht, und die Ursache, sofern sie sich substantiell aktiv betätigt, eher dem Einzelnen entspricht. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. WdL II, S. 274; GW 12, S. 33. 122 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 120 121

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Ohnehin gilt es wiederum, keine Schritte zu überspringen, weil sich ansonsten zu viele plausible Annahmen und Vorannahmen einschleichen, die dem Denken nicht standhalten können. Die dem Vorstellen nicht plausibel zu erklärende Verdopplung des substantiellen Fürsichwerdens am Ende des Substantialitätsverhältnisses, das den Eintritt in das Verhältnis der Kausalität hätte erklärlich machen sollen, klärt sich nun erst, nachdem die Bewegung der reflektierend absoluten Aktuosität das Auseinander von Ungesetztheit und Gesetztsein tatsächlich zum Vor-Schein gebracht hat. Die Ursache wurde nämlich als »die für sich seiende Substanz«123 gekennzeichnet, die Akzidentalität dabei aber ebenso als »für sich seiende, mächtige Substanz«124 charakterisiert. Erst die selbstbestimmende anfängliche Kausalbewegung lässt es aufscheinen, warum das Gesetztsein der Akzidentalität in seinem Wirkungscharakter »als mit sich identisch«125 gesetzt wird. Die reflektiert werdende Akzidenz verleiht erst dem Gesetzten als Gesetzten eine Identitätsbestimmung, worin nun »die Ursache […] in der Wirkung als ganze Substanz manifestiert«126 ist. So ergibt einerseits das reflektive Gesetztsein die Bestimmung des Fürsichseins, und andererseits wird das Fürsichsein der Ursache bloß über das als an sich Setzen der im Substantialitätsverhältnis sich an sich gesetzt habenden Substanz erreicht. Diese substantielle Komplexion wird zu Beginn des zweiten Punktes der formellen Kausalität aufgezeigt und es zeigt sich auch sogleich die erste Konsequenz aus der Herleitung der Ursache-Wirkungs-Beziehung: »2. Diesem in sich reflektierten Gesetztsein, dem Bestimmten als Bestimmten, steht die Substanz als nicht gesetztes Ursprüngliches gegenüber. Weil sie als absolute Macht Rückkehr in sich, aber diese Rückkehr selbst Bestimmen ist, so ist sie nicht mehr bloß das Ansich ihrer Akzidenz, sondern ist auch gesetzt als dies Ansichsein. Die Substanz hat daher erst als Ursache Wirklichkeit. Aber diese Wirklichkeit, daß ihr Ansichsein, ihre Bestimmtheit im Substantialitätsverhältnisse, nunmehr als Bestimmtheit gesetzt ist, ist die Wirkung; die Substanz hat daher die Wirklichkeit, die sie als Ursache hat, nur in ihrer Wirkung. – Dies ist die Notwendigkeit, welche die Ursache ist. – Sie ist die wirkliche Substanz, weil die Substanz als Macht sich selbst bestimmt, aber ist zugleich Ursache, weil sie diese Bestimmtheit auslegt oder als Gesetztsein setzt; so setzt sie ihre Wirklichkeit als das Gesetztsein oder als die Wirkung. Diese ist das Andere der Ursache, das Gesetztsein gegen das Ursprüngliche und durch dieses vermittelt. Aber die Ursache hebt als Notwendigkeit ebenso dies ihr Vermitteln auf und ist in dem Bestimmen ihrer selbst als das ursprünglich sich auf sich Beziehende gegen das Vermittelte die Rückkehr in sich; denn das WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. Ebd. 125 WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. 126 Ebd. 123 124

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Gesetztsein ist als Gesetztsein bestimmt, somit identisch mit sich; die Ursache ist daher erst in ihrer Wirkung das wahrhaft Wirkliche und mit sich Identische.«127

Die Verursachung im Sinne des logischen Entstehens der Bestimmung von Ursache und ursprünglicher Ursächlichkeit überhaupt verdankt sich der reflexiven Rückkehrbewegung aus dem Auslegen der werdenden Akzidenz, der als solcher die sich (selbst-)voraussetzend ins eigene Ansichsein zurückgesetzt habende Substanz (als bloße beharrende Mitte des ganzen Verhältnisses der Substantialität) gegenübergestanden ist. Die Reflexivität des Auslegens erhebt nun nicht einfach dieses Ansichsein ins Fürsichsein, was dem Resultate nach zwar nicht falsch ist, aber nur einen sich irgendwie von selbst vollziehenden Vorgang unterstellt, sondern führt lediglich dazu, dass die ohnehin vorliegende Konstellation (also das auf dieser Seite Bestimmte) in den Schein der Bestimmtheit gestellt wird. Damit wird die Bestimmtheit selbst nicht einer, von wo auch immer ausgehenden, Veränderung unterworfen, sie wird nur aufgewiesen und aufgezeigt, was dann die Sache sehr wohl ändert, aber in einer Begriffsform, die nur im Begreifen der absoluten Form, nicht im bloß vorstellend-unterstellenden Verschieben von Bestimmtheiten bestehen kann. In den absoluten Schein gestellt, ist das substantielle Ansich der Akzidenz schlicht als Ansichsein gesetzt. Es handelt sich nicht um ein Aufheben, nicht um ein Übergehen in ein anderes Moment und auch nicht um ein Verkehren, es zeigt nur das Ansich als an sich. Damit zeigt sich zugleich, dass die Substanz in ihrem Begriff noch ansichseiend geblieben ist, also noch als auf Verwirklichung hin angelegt gewesen ist. Die ins Werden gesetzte Reflexivität ist nun eben dieser Verwirklichungsschritt, die Verursachung als das Aufscheinen von ursprünglicher Ursächlichkeit im oben genannten Sinne. Die ansichseiende Substanz verwirklicht sich in der auslegenden Reflexivität jener scheinend-werdenden Totalität, die ehemals als »absolute Formeinheit der Akzidentalität«128 bestimmt war. In dieser bestimmte sich zwar »die Substanz als die absolute Macht«,129 aber als das bloß »positive Beharren«130 im Reigen der kreisläufigen Akzidenzen versetzte sich die setzende Reflexion ins Voraussetzen gegen sich. Erst diese Entgegnung gegen sich entbarg aber erst recht die Reflexion, die in dieser Selbstbegegnung selbstbestimmend wurde. Hierin sind die machtvoll ausgelegten Bestimmtheiten als bestimmt gesetzt und das Ansichsein kommt als Ansichsein hervor. Ist das Ansichsein als Ansichsein gesetzt, ist es schon überhoben ins Gesetztsein und in diesem, gegenüber seinem bloßen Ansichsein, als wirklich gesetzt. Die Substanz benötigt für ihre eigene Bestimmung den scheinenden Aufweis ihres eigenen Ansichseins, um als wirkliche Substanz WdL II, S. 223 f.; GW 11, S. 397 f. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395. 129 Ebd. 130 WdL II, S. 221; GW 11, S. 396. 127 128

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zu gelten. Hierin sind erst Ansichsein und Gesetztsein so scheinend gegeneinander gesetzt, dass das Gesetztsein des ganzen Verhältnisses als fürsichseiend gelten kann. Die Negativität des Verhältnisses kommt so für sich selbst zum Vor-Schein und das Setzen ist aufhebende Beziehung auf das von ihm selbst her Vorausgesetzte. Dieses Fürsichsein ist nur durch die reflektierende Rückkehr der Macht in sich und auf sich, so dass sie in ihr eigenes Ansichsein scheint und dadurch die Bestimmtheit aufzeigen kann. Das als an sich gesetzte Ansichsein setzt die ansichseiende Substanz erst als wirklich, wodurch sich ihre Macht als Ursache (und als das Ursprüngliche ihrer selbst) verhält. Dieses Verhalten geht dabei nur auf ihre Bestimmtheit und aus der Ursache geht keine andere Bestimmtheit hervor, nur das, dass sie ihre ansichseiende Bestimmtheit als Bestimmtheit setzt. Die Ursache ist die wirklich gewordene ansichseiende Substanz, das ist ihre notwendige Ver-Ursachung, eine ursprüngliche Sache zu sein. »Die Substanz hat daher erst als Ursache Wirklichkeit.«131 In diesem Verwirklichungsschritt ist kein Rückgang auf Anderes notwendig, aber es ist notwendig, dass die andersseiende oder an ihr selbst andersartige Bestimmtheit als Bestimmtheit die Ursache selbst als andersseiend oder immanent andersartig gegen sich bestimmt. Darin liegt die substantielle Macht der selbstbestimmenden Reflexion, die in dem sich auf das Voraussetzen zurückwendenden Setzen bestimmend geworden ist. Dieses Anderssein der Ursache gegen sich ist die Wirkung, die mitgesetzt ist, insofern sie das ist, was als Gesetztsein im expliziten Ansich-Setzen des Ansichseins notwendig aufscheint. Die aufscheinende Bewegung des Ansichseins ist die ursächliche Wirklichkeit der Substanz selbst. »Aber diese Wirklichkeit, daß ihr Ansichsein, ihre Bestimmtheit im Substantialitätsverhältnisse, nunmehr als Bestimmtheit gesetzt ist, ist die Wirkung; die Substanz hat daher die Wirklichkeit, die sie als Ursache hat, nur in ihrer Wirkung.«132 Wird die Bestimmtheit als Bestimmtheit gesetzt, hier also das Ansichsein als an sich aufgezeigt, so entbirgt sich das Gesetztsein mit, denn es ist die ganze Bestimmtheit. Es wäre ein völliges Missverständnis, nur die Bewegung des Ansichseins mit der logischen Herleitung der Ursache zu identifizieren und danach eine Konstruktion zu ersinnen oder äußerlich herbeizuziehen, womit eine (am besten notwendige) Verbindung von der Ursache zur Wirkung zu rechtfertigen wäre. Es handelt sich vielmehr schon um ein Aufscheinen, weil das Setzen des Ansichseins als an sich die Bestimmtheit als Bestimmtheit des Gesetztseins zum Vor-Schein bringt. Die Bestimmtheit als in ihrem Anderssein ist daher die notwendige Vermittlung der Ursache gegen sich, ihre sich auslegende Vermittlung im Gesetztsein, in welchem sie sich wieder zu ursprünglicher Identität aufhebt. Ursache und Wirkung sind daher ein Begriff, und dies ist der Begriff der Kausalität. Sie sind keine Besonderheiten gegeneinan131

WdL II, S. 224; GW 11, S. 397. Ebd.

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der, so hätten sie ihre wesenhafte Verhältnisweise schon überschritten. Das gilt letztlich für alle Bestimmungen, die nur in ihrer Einheit mit ihrer anderen gefasst werden können. Bei allen Verhältnissen tritt dies sehr klar zu Tage, aber es gilt dies selbst schon für die Bestimmung des Seins selbst oder auch für diejenige des Etwas. Das Sein ist nur Sein und Nichts und das Etwas ist nur Etwas und Anderes. Es sind Bestimmungen gegen sich, die nicht in eigene Besonderheiten aufgetrennt werden können. Erst der Begriff überschreitet all diese impliziten und expliziten Verhältnisweisen und so ist der Rückblick auf Ursache und Wirkung im besonderen Begriff insbesondere für das Entstehen der Kausalität erhellend: »Das Ganze und die Teile, Ursache und Wirkung z. B. usf. sind noch nicht Verschiedene, die als Besondere gegeneinander bestimmt wären, weil sie an sich zwar einen Begriff ausmachen, aber ihre Einheit noch nicht die Form der Allgemeinheit erreicht hat; so hat auch der Unterschied, der in diesen Verhältnissen ist, noch nicht die Form, daß er eine Bestimmtheit ist. Ursache und Wirkung z. B. sind nicht zwei verschiedene Begriffe, sondern nur ein bestimmter Begriff, und die Kausalität ist, wie jeder Begriff, ein einfacher.«133

Die Ursprünglichkeit der Ursache enthält die ursprüngliche Ursache-WirkungsBeziehung. Diese ist noch nicht eine durchgängige Bestimmtheit, sondern andersgeartete Bestimmtheit der Bestimmung, die sich als Anderes gegen sich selbst verhält. Ursache und Wirkung lassen sich nicht als verschiedene Besondere auseinandernehmen, aber sie stellen ein Auseinander dar, welches gegenüber dem Verhältnis der Substantialität die Identität in Extremen formiert. Die noch an sich seiende Substantiierung hat sich verwirklicht, so dass an sich eine Begegnung von ganzen Substanzen in sich vorliegt, die ein Fürsichsein beanspruchen. Hierin liegt der Widerspruch, der jedoch im Ursprung nur in der notwendigen Aufhebungsbewegung gegen sich zum Tragen kommt. Der Widerspruch besteht, so ist in der Bestimmtheit die Entgegnung von Ursache und Wirkung wirklich, und der Widerspruch ist notwendig sich aufhebend, so dass die substantielle Wirklichkeit als Ursache »nur in ihrer Wirkung«134 liegt. Die Wirkung ist die aufgewiesene und ausgelegte Bestimmtheit jenes Gesetztseins, in welchem sich die Ursache als das an sich aufscheinende Ansichsein bestimmte. Es handelt sich um eine Bewegung, die jedoch extreme Ausrichtungen besitzt, deren Bestimmungen sich auch nur in Bewegungen begreifen lassen. Sobald die Ursache als nur für sich festgehalten wird oder die Wirkung ebenso als eine eigene für sich seiende Entität, die dann etwa als Vergleichbares in ihrer Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung mit der Ursache überprüft werden könnte, vor133

WdL II, S. 282; GW 12, S. 38. WdL II, S. 224; GW 11, S. 397.

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stellend aufgefasst wird, bricht die Kausalität schon in ihrem Anfang zusammen oder vielmehr wurde sie so überhaupt noch nicht gefasst. Es gilt, die Notwendigkeit der Ursache zu begreifen, worin allein die Wirkung begriffen werden kann. Abermals liegt der Schlüssel hierzu in der logischen Herkunft der Ursache. Der Schein im Werden selbst gibt der Macht auch den Schein der Macht, wodurch sie in bestimmender Reflexion sich selbst bestimmt, aber eben hierin diese Bestimmtheit auslegt, sie aufweisend in ihrer Bewegung als gesetzt bestimmt. Damit ist diese Wirklichkeit die aufgehobene Kreisläufigkeit, denn sie ist nicht nur unmittelbares Rückkehren (wie dies noch für die setzende Reflexion gegolten hat), sie zeichnet ihren Weg im Rückkehren nach und gibt dieser Wirklichkeit das Gepräge des scheinenden Gesetztseins, d. i. ein Gesetztsein, das die Identität bewahrt, obwohl die Reflexion absolut rückführend auf sich ist. Die Wirkung ist das Hinausgehen ins Bestimmte, aber nur so, dass sie dabei aufzeigt, wie die Bestimmtheit einen ansichseienden Ursprung besitzt. Nur im scheinenden Gesetztsein kann die Ursprünglichkeit ihre Bewegung auf sich zurück beginnen, sie kehrt aber nur dann auf sich als Ursache zurück, wenn das Gesetztsein bewahrt bleibt, einen gesetzt identischen Vollzug behält. Das Beharren der Substanz als solcher ist in der Verwirklichung ein Beharren des ganzen Gesetztseins, dem dennoch das Ansichsein gegenübersteht. Dieses Ansichsein ist so nicht mehr nur Mitte, es ist ins Gesetztsein auseinandergesetzt und erst hierin scheint es in seiner Ursprünglichkeit auf. Das Hervorkommen der Ursache können wir sogar als eine Verursprünglichung verstehen, weil die ursprüngliche Ungesetztheit erst aufgewiesen werden muss und als Wirklichkeit erst aus dem in den Schein getretenen Ansichsein hervorgeht. Eben deshalb ist die Ursache kein Hervorgehen aus Anderem, sie geht nur aus sich selbst hervor, denn die bestimmende Reflexion ist so rein, dass das vermittelnde Setzen in der Rückkehr auf sich unmittelbar aufgehoben ist. Die Vermittlung wird vollzogen und ist auch notwendig, weil erst die Wirkung wirkliche extreme Entgegnung zu Wege bringt und die Ursache allein in ihr wirklich und identisch sein kann. Die Ursache ist nichts ohne ihre Wirkung, und die Wirkung ist nichts ohne die sie vermittelnde Ursache. Dennoch ist dies keine simple Gegenseitigkeit, denn es stellt nur die Verkürzung jener geschilderten Komplexion dar, die Ansichsein und Gesetztsein im sich auslegenden Bestimmtheitsvollzug exakt logisch belegen muss. Also abermals zum einprägsamen Nachvollzug: Die Wirkung ist zwar »das Andere der Ursache, das Gesetztsein gegen das Ursprüngliche und durch dieses vermittelt. Aber die Ursache hebt als Notwendigkeit ebenso dies ihr Vermitteln auf und ist in dem Bestimmen ihrer selbst als das ursprünglich sich auf sich Beziehende gegen das Vermittelte die Rückkehr in sich«.135 – Vor dem nun folgenden Denn gilt es, innezuhalten, 135

WdL II, S. 224; GW 11, S. 398.

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weil das spekulative Verstehen hier gefordert und herausgefordert wird. Landläufig könnte der Satz ohnedies schon als beendet angesehen werden, weil die Rückkehr in sich die Bewegung wunderbar abschließt und der Notwendigkeitsvollzug sich erfüllt. Was fehlt jedoch hier? Die Rückkehr kann nur im und als Gesetztsein gefasst werden. Die Bewegung wird nur begriffen, wenn ihre Abhängigkeit, nicht vom bloßen Gesetztsein, sondern vom Gesetztsein als Gesetztsein eingesehen wird. Nur hierin erfüllt sich die Identität der ganzen Substantialität in ihrem Fürsichsein, die ansonsten nur zurückfällt in die bloß ansichseiende Identität, die keine Wirkung haben und keine Wirkung entfalten kann. Um zur Wirkung zu kommen, muss dieser unvollendete Satz wie folgt weitergehen: »…denn das Gesetztsein ist als Gesetztsein bestimmt, somit identisch mit sich; die Ursache ist daher erst in ihrer Wirkung das wahrhaft Wirkliche und mit sich Identische.«136 Nur im Gesetztsein als Gesetztsein geht die Ursache wirklich auf, ihre Identität erfüllt sich nur im ausgelegten Gesetztsein. Die altehrwürdige Bestimmung der causa sui, die von den allermeisten Interpreten selbst wie ein vorausgesetzter Operator hantiert wird, um einen philosophiehistorisch fundierten Anker zu haben, der dann behauptetermaßen von Hegel abgeleitet und letztlich auf den Begriff gebracht wird, aber von (fast) niemandem in einer unvoraussetzenden (sic) Weise in seiner exakten logischen Herleitung dargelegt werden kann, ist nur im Begreifen der sich im Gesetztsein als Gesetztsein aufspannenden Bewegung zu fassen. Ansonsten wird die Bestimmung der causa sui sogar die gesamte Interpretation der Kausalität in ein gänzlich falsches Fahrwasser bringen. Selbst Hegel deutet die causa sui nur an, denn er will diese Bestimmung gar nicht benutzen, nur darauf hinweisen, wo der logische Ort ist, an welchem von ihr die Rede sein kann. Für den weiteren logischen Fortgang zieht er sie gar nicht dezidiert heran, das machen nur jene, denen die spekulativ-logische Bewegung ansonsten nicht einsichtig genug ist. In der causa sui kommt ganz einfach auch zum Ausdruck, worin die Eigentümlichkeit der aus der selbstbestimmenden Reflexion, in der das schon Bestimmte als bestimmt gesetzt wird, sich herleitenden Ursache besteht, dass sie nämlich im Bewegungsvollzug des Gesetztseins als des Gesetztseins »selbst bewegend«137 ist und keines äußeren Gesetztwerdens bedarf. Sie erzeugt nicht eine äußere Wirkung, sondern hat ihre Wirksamkeit an ihr selbst, die Notwendigkeit des Wirkens ist eingeschrieben in die hier ganz spezifisch vorliegende Dialektik des Gesetztseins. Erst in der Wirkung, der ausgelegten Bestimmtheit, kann die Substanz als Ursache zur Wirklichkeit kommen und sie kommt zur Wirklichkeit, weil im reflektiven Werden das Ansichsein als nur an sich in der Bestimmtheit des Gesetztseins gesetzt wird. Dieses im Schein aufscheinend ge Ebd. Ebd.

136 137

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machte Gesetztsein ist manifestierend ausgelegte Bestimmtheit des Ansichseins in seiner Extrembestimmung. Die Ursache braucht keine Veranlassung, keine kräftige Sollizitation durch Anderes, sie hat ihr eigenes ausgelegtes Anderssein in sich aufhebender Vermittlung gegen sich selbst gesetzt: »Die Wirkung ist daher notwendig, weil sie eben Manifestation der Ursache oder diese Notwendigkeit ist, welche die Ursache ist. – Nur als diese Notwendigkeit ist die Ursache selbst bewegend, aus sich anfangend, ohne von einem Anderen sollizitiert zu werden, und selbständige Quelle des Hervorbringens aus sich; – sie muß wirken; ihre Ursprünglichkeit ist dies, daß ihre Reflexion-in-sich bestimmendes Setzen und umgekehrt beides eine Einheit ist.«138

Die als selbständig titulierte Quelle des Hervorbringens aus sich ist jedoch kein logischer Jungbrunnen, dem wir in seiner Quellbewegung Vieles andichten könnten, was dann alles aus ihm hervorquillt und ausströmt, vielmehr quillt nur das, dass mit der Notwendigkeit der Ursache eine wirkliche Auswirkung in der als wirklich gesetzten Wirkung zu Tage tritt. Nur das manifestiert sich und nicht Mehr, denn es ist in der formellen Kausalität Nichts zu entbergen und Nichts zu entdecken, kein anderer Inhalt als die absolut kausal gesetzte Manifestation des Wirklichen selbst in seiner absoluten Notwendigkeit. Das formelle Kausalitätsverhältnis ist nur »das unendliche Verhältnis der absoluten Macht, deren Inhalt die reine Manifestation oder Notwendigkeit ist.«139 In diesem Zusammenhang wird etwa die Vorstellung, Gott als Ursache zu setzen, von Hegel gerügt,140 weil zwar die Ursache an und für sich in ihrer Bestimmung als causa sui zu fassen ist, sie aber dazu tendiert, (von spekulativ Unkundigen) im reinen Formalismus festgehalten zu werden, der vermeintlich eine große Sache darstellt, worin jedoch letztlich verabsäumt wird, die weiteren logischen Konsequenzen mitzuverfolgen und womöglich zu einer gehaltvolleren Bestimmung der causa sui zu kommen. So sollte die Rede von der selbständigen Quelle des Hervorbringens aus sich ebenso nicht dazu verleiten, die Ursache als ausströmend oder emanierend zu fassen. Eine Emanationslehre verbindet sich hiermit keinesfalls. Was Hegel von dieser Vorstellung des emanierenden Ausströmens hält, wird in der Anmerkung zum Absoluten sehr deutlich vor Augen geführt: »Auf gleiche Weise ist in der orientalischen Vorstellung der Emanation das Absolute das sich selbst erleuchtende Licht. Allein es erleuchtet sich nicht nur, sondern strömt auch aus. Seine Ausströmungen sind Entfernungen von seiner ungetrübten Ebd. WdL II, S. 225; GW 11, S. 399. 140 Vgl. hierzu die Bemerkung zu Jacobi im § 153 der enzyklopädischen Logik, Enz. I, S. 298; GW 20, S. 171. 138 139

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Klarheit; die folgenden Ausgeburten sind unvollkommener als die vorhergehenden, aus denen sie entstehen. Das Ausströmen ist nur als ein Geschehen genommen, das Werden nur als ein fortgehender Verlust. So verdunkelt sich das Sein immer mehr, und die Nacht, das Negative, ist das Letzte der Linie, das nicht in das erste Licht zurückkehrt.«141

Kehren wir jedoch zurück zur Rückkehr, die ein unabdingbares und nicht zu unterschlagendes Kennzeichen der Notwendigkeit in der rückkehrenden Bewegung der Ursache ist. Rückkehr in sich oder Reflexion-in-sich und bestimmendes Setzen müssen als eine Einheit gefasst werden, das ausgelegte Auseinander in der Bestimmung auf Wirklichkeit hin und die Notwendigkeit der rückkehrenden Vermittlung auf sich gehören zur Bestimmung des Ursache-Wirkungs-Verhältnisses in seiner ersten formellen Ausprägung. Freilich ist dieser Formalismus nur der Formalismus der absoluten Form, die sich, so wird sich gleich herausstellen, selbst zum Inhalt und in weiterer Folge zum sich in sich selbst differenzierenden Inhalt weiterbestimmt. Diese Inhaltlichkeit wird aber nicht begriffen, wenn nicht das absolut Formelle, welches eine absolute Identität erzwingt, klar aufgewiesen wird. Vorsicht ist aber geboten, wenn interpretativ allzu sehr auf das nun folgende Zwischenresultat der formellen Kausalität geblickt wird. Es ist letztlich wichtiger, die logische Entstehungsgeschichte zu bedenken, die dazu geführt hat, die Ursache-Wirkungs-Beziehung folgendermaßen kennzeichnen zu können: »Die Wirkung enthält daher überhaupt nichts, was nicht die Ursache enthält. Umgekehrt enthält die Ursache nichts, was nicht in ihrer Wirkung ist. Die Ursache ist nur Ursache, insofern sie eine Wirkung hervorbringt; und die Ursache ist nichts als diese Bestimmung, eine Wirkung zu haben, und die Wirkung nichts als dies, eine Ursache zu haben. In der Ursache als solcher selbst liegt ihre Wirkung und in der Wirkung die Ursache; insofern die Ursache noch nicht wirkte oder insofern sie aufgehört hätte zu wirken, so wäre sie nicht Ursache, – und die Wirkung, insofern ihre Ursache verschwunden ist, ist nicht mehr Wirkung, sondern eine gleichgültige Wirklichkeit.«142

Dies stellt den Begriff der noch unrealisierten Ursache-Wirkungs-Beziehung dar. Diesem fehlt zwar die Entfaltung als Beziehung, jegliche Realisierung muss jedoch diesem Begriff treu bleiben, auch wenn sie sich und wie weit sie sich auch immer von ihm entfernt. Der Verlust dieses Begriffs wäre der Verlust der Kausalität, aber auch das bloße Beibehalten dieses Begriffs wäre der Verlust der Kau141

WdL II, S. 198; GW 11, S. 378. WdL II, S. 224 f.; GW 11, S. 398.

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salität. Letzteres darf jedoch am wenigsten Besorgnis erregen, denn dieser Begriff hat sich, bei genauerem Hinsehen, schon in seiner Reinheit überstiegen. Dennoch versetzt sich selbst die bestimmende Reflexion wieder in eine Ausgeglichenheit, die aber die Protagonisten in ihrer Bestimmtheit erhält. Es findet daher tatsächlich ein Hervorbringen statt, die Ursache bringt die Wirkung hervor, aber in diesem Hervorgebrachten ist nichts enthalten als das, was ihr die Ursache mitgibt oder in gewisser Weise erlaubt. Die Ursache vermittelt der Wirkung nur ihre eigene Notwendigkeit, wobei diese Notwendigkeit gegen das Vermittelte die Rückkehr in sich ist. Das Gesetztsein kommt dabei zwar als Gesetztsein zum Austrag, es erfüllt aber nur den bestimmten Schein. In ihm ist die Angewiesenheit auf das Andere in den absoluten Schein gestellt, aber damit kann die Wirkung sich nur so weit von der Ursache emanzipieren, wie es der Schein des Ansichseins zulässt. Umgekehrt kann sich die Ursache nicht noch weiter verursprünglichen, kann kein noch Ursprünglicheres sein, als es der Schein des Gesetztseins zulässt. Ihr Verhältnis muss sich und kann sich nur als Verhältnis bestimmen, und dieses Verhalten kann nur so aussehen, dass Ursache und Wirkung in den absoluten Schein treten, darin ihre Bestimmung voll zum Austrag bringen, wodurch sie sich als Verhältnis zu ursprünglicher Identität, aber auch zu ursprünglicher Unterschiedenheit, nicht nur gegen einander, was den Formalismus beschreibt, sondern auch gegen die Identität selbst, bestimmen. Dadurch ist der Formalismus schon überschritten oder vielmehr zeigen Ursache und Wirkung sich dadurch erst als Form der Kausalität. Die konjunktivische Hypothese, die auftritt, wenn davon die Rede ist, dass eventuell »die Ursache noch nicht wirkte«143 oder dass sie umgekehrt vielleicht einmal »aufgehört hätte zu wirken«,144 nimmt implizit Bezug auf konstruierte Ursache-Wirkungs-Konstellationen, die freilich nur im inhaltlich bestimmten Verschiedenheitsstatus (welcher den gesunden und ungesunden Menschenverstand und den gesunden und ungesunden naturwissenschaftlichen Verstand am meisten interessiert) so ausgedacht werden können, in welchen bei einem undurchsichtigen Komplikationsgrad derartige Unexaktheiten sich einstellen könnten. Dabei fällt auf, dass Hegel schon auf etwas vorverweist, was einmal eine gewisse Relevanz erlangen kann, jedoch im Status der formellen Kausalität auf ziemlich offensichtliche Weise irrelevant ist. Es wird sich aber herausstellen, dass sich in der Fortentwicklung der Kausalität durchaus ein Status ergibt, in welchem fraglich wird, in welcher Weise die kausale Wirklichkeit und die nur »gleichgültige Wirklichkeit«145 in Zusammenhang miteinander stehen. Daher ist es nicht ganz abwegig, wenn darauf hingewiesen wird, dass »die Wirkung, in WdL II, S. 225; GW 11, S. 398. Ebd. 145 Ebd. 143

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sofern ihre Ursache verschwunden ist, […] nicht mehr Wirkung, sondern eine gleichgültige Wirklichkeit«146 ist. Außerdem erhebt sich dann gleich die Frage, ob und wie die Ursache bzw. die Wirkung erlöschen können. Das beantwortet sich schon im Resultat der formellen Kausalität, welches besagt, dass in der zustande gebrachten Identität von Ursache und Wirkung der vom Ansichsein und Gesetztsein geprägte Ursprungsunterschied, um es so auszudrücken, sich aufhebt, was dazu führt, dass sich der Unterschied zu einem Unterschied gegen oder zu einem Unterschied an dieser gesetzten Identität bestimmt. Diese Identitätssetzung ist dann der, aufgrund der bisherigen sehr ausführlich gegebenen Erläuterungen hierzu, durchaus vertraute Schritt hin zum Inhalt, insofern er darüber hinausgeht, nur die reine Manifestationsbewegung des Wirklichen zu beinhalten. Dieser Inhalt ist unmittelbar, die Unmittelbarkeit der erloschenen Kausalität, aber es ist auch unmittelbar die Form an ihm gesetzt, die dadurch in die Selbstveräußerung versetzt ist. Die selbst noch ansichseiende kausale Form, worin die Ursache und Wirkung in ihrer jeweiligen Disposition als an sich und als gesetzt scheinend bestimmt gewesen sind, wird mit dem Unmittelbarkeitsoder Inhaltsschritt zur gesetzten kausalen Form, worin Ursache und Wirkung allererst in einer Dimension der Verschiedenheit auftreten können. Identitätssetzung und Erlöschen der ansichseienden kausalen Form sind ein Vorgang: »3. In dieser Identität der Ursache und Wirkung ist nun die Form, wodurch sie als das an sich Seiende und als das Gesetztsein sich unterscheiden, aufgehoben. Die Ursache erlischt in ihrer Wirkung; damit ist ebenso die Wirkung erloschen, denn sie ist nur die Bestimmtheit der Ursache. Diese in der Wirkung erloschene Kausalität ist somit eine Unmittelbarkeit, welche gegen das Verhältnis von Ursache und Wirkung gleichgültig ist und es äußerlich an ihr hat.«147

Die Ursache, insofern sie nur darin bestehen soll, eine Wirkung zu haben bzw. eine Wirkung hervorzubringen, die wiederum nichts anderes ist als die reine Manifestation der Ursache, hat kein Bestehen. Ebenso hat die Wirkung (ganz formell rückwirkend, wie man hier fast sagen möchte), die sich nur darin erschöpft, ihr Verursachtsein zu manifestieren, kein Bestehen. Beständig ist nur ihre Identität und ihr Unterschied kann sich nicht in ihrer Gegenseitigkeit erhalten, muss sich vielmehr das Ansichsein an einer Identität geben, die hierdurch nur mehr das Substantielle in seiner Endlichkeit darstellt. Die Ursache, in der als solcher selbst ihre Wirkung liegen soll, muss im tatsächlichen Wirken an ihrer Wirkung zugrundegehen oder in ihr erlöschen. Dies gehört noch absolut zur Notwendigkeit der ersten Ver-Ursachung. Es ist dies Ebd. Ebd.

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aber nicht das Ende der Ursache-Wirkungs-Beziehung, sie kann sich nur nicht im rein gegenseitigen Unterschied erhalten. Sobald aber der Unterschied gegen das Unterscheiden selbst geht, ist die absolute Form gegen sich selbst verendlicht und sie kann oder muss damit auch der Verschiedenheit anheimfallen. Diese Verschiedenheit ist zunächst nur der absolute Formunterschied selbst, der von seiner eigenen Identität so unterscheidbar geworden ist, dass er sich äußerlich daran verlaufen kann. So versetzt sich die absolute Form selbst in die Sphäre der Inhaltlichkeit, in der alle Formierung ein Unmittelbarkeitsmoment enthält, das in seiner ersten Ausprägung als ein an ihm selbst differenzierter Inhalt zum Tragen kommt. Die absolute Notwendigkeit der formellen Kausalität hat sich damit aus sich selbst zur zufälligen Kausalität bestimmt, die sich schließlich bis in die eigene Selbstäußerlichkeit treiben wird. Dies ist die Bewegung des bestimmten Kausalitätsverhältnisses: 2.4.2 Die Kausalität in ihrer endlichen Realität. Das bestimmte Kausalitätsverhältnis »I.  Die Identität der Ursache in ihrer Wirkung mit sich ist das Aufheben ihrer Macht und Negativität, daher die gegen die Formunterschiede gleichgültige Einheit, der Inhalt. – Er ist daher nur an sich auf die Form, hier die Kausalität, bezogen. Sie sind somit als verschieden gesetzt und die Form gegen den Inhalt eine selbst nur unmittelbar wirkliche, eine zufällige Kausalität. Ferner der Inhalt so als Bestimmtes ist ein verschiedener Inhalt an ihm selbst; und die Ursache ist ihrem Inhalte nach bestimmt, damit ebenso die Wirkung. – Der Inhalt, da das Reflektiertsein hier auch unmittelbare Wirklichkeit ist, ist insofern wirkliche, aber die endliche Substanz. Dies ist nunmehr das Kausalitätsverhältnis in seiner Realität und Endlichkeit. Als formell ist es das unendliche Verhältnis der absoluten Macht, deren Inhalt die reine Manifestation oder Notwendigkeit ist. Als endliche Kausalität hingegen hat es einen gegebenen Inhalt und verläuft sich als ein äußerlicher Unterschied an diesem Identischen, das in seinen Bestimmungen eine und dieselbe Substanz ist.«148

Das Eintreten des Inhalts in eine ganz spezifische logische Konstellation zählt zu den klassischen spekulativen Bewegungen und sollte mittlerweile glasklar nachvollziehbar sein. Es ist zwar keine logische Figur oder ein nur immer wieder zur Anwendung gebrachter Kunstgriff, um einen Fortschritt zu gewährleisten. Eine derartige Einschätzung ist (sehr) schlechte, nicht immanente, äußerliche Reflexion derer, die der Sache selbst noch nicht sehr nahe getreten sind, aber nichts148

WdL II, S. 225; GW 11, S. 398 f.

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destoweniger handelt es sich um einen der absoluten Form immanenten Schritt, der in der gesamten Logik öfter vorkommt. Dennoch verbietet es sich, diesen Schritten so etwas wie ein gemeinsames Muster zu unterstellen, denn jede logische Sequenz in einer bestimmten Sphäre oder in einem bestimmten Abschnitt besitzt eine derartige Eigendynamik, die keine Austauschung mit anderen Sequenzen oder Teilsequenzen zulässt. Interpretative Bezüge zu setzen, die der jeweilig verhandelten Sache zu einer genaueren Klärung verhelfen, sind hingegen durchaus angebracht. Aber selbst diesbezüglich kann die Forderung, die Denkbestimmungen immer und überall an und für sich selbst zu betrachten, nie anhand von Bezugnahmen auf andere Stellen erübrigt werden. Der Inhalt der bestimmten Kausalität ist nun die vergleichgültigte (sic) identische Unmittelbarkeit (als erloschene Formbestimmung), die aus der Dialektik der formellen Kausalität an und für sich selbst resultierte. Dabei ist die Bestimmtheit so durchdringend, dass dieser Inhalt zugleich »ein verschiedener Inhalt an ihm selbst«149 ist, kein nur vorgestellter Inhalt in einer nur äußerlich festgehaltenen »unbestimmten Identität«,150 so wie wir sie etwa bei der Abhebung von Substanz und Akzidentalität kennengelernt hatten. Vielmehr handelt es sich schlicht um jene konkrete Inhaltlichkeit, die dann in den verschiedenen Beispielen zugrunde gelegt wird. Die schon mit der Ursache-Wirkungs-Beziehung als solcher verwirklichte Substanz erweist sich hiermit als noch näher konkretisiert, aber aufgrund der gesetzten Unmittelbarkeit auch verendlicht. Der Inhalt ist aufgrund der Selbstvergessenheit bezüglich seiner logischen Herkunft gegeben, aber in seinem Identitätsmoment behält er den Status von Substantialität bei, und zwar in der Ausprägung einer endlichen und sich notwendig (auch in den Dimensionen der Zufälligkeit) weiterbestimmenden Substanz. Der Formunterschied im ersten Aufkommen von Ursache und Wirkung überhaupt geht in der aufkommenden Identität, die den Unterschied nicht in der reinen Beziehung der Formbestimmungen aufeinander erhalten kann, unter. Zugleich ist dieser Formunterschied wieder gesetzt, aber nur so, dass er sich an dieser Identität äußerlich verläuft. Identisches und vermitteltes Unterschiedenes unterscheiden sich auf eine substantiell beharrende Identität hin, worin nun etwas Substrathaftes gegen die reine Substratlosigkeit der absoluten Form (in sich selbst bestimmender Reflexion) auftaucht. In den nun folgenden Absätzen werden die hieraus entstehenden Konsequenzen an diversen Beispielen erläutert, die den notwendigen Schritt in die Verschiedenheit belegen, aber auch eine Fülle von verschiedensten Beispielmöglichkeiten eröffnen. Es gilt hier, die Logizität genau zu bestimmen und sich nicht dazu verführen zu lassen, diese durch äußerlich anschlussfähige Hinsichten zu ver149

WdL II, S. 225; GW 11, S. 399. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395.

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stellen. Es ist daher durchaus nötig, die zunächst in manchem nur anmerkungsartigen Passagen vollständig zu zitieren, es ist jedoch nicht nötig, auf jede Bemerkung, welche die Logizität nur illustriert, näher einzugehen. Hier kommt es wieder auf einen geschärften spekulativen Blick an, um zu erkennen, in welchen Beispielen der logische Duktus interpretativ am besten zum Ausdruck kommt. Gleich im Voraus weise ich darauf hin, auf welche Beispiele unsere Konzentrationsbemühung am ehesten ausgerichtet sein sollte. Es handelt sich dabei um das Exempel des sich bewegenden Steins und um die ganz lapidaren Überlegungen zum Regen, welche jedoch dazu angetan sind, die Denkbemühung so zu intensivieren, dass hierüber eine Einsicht generiert werden kann, die weit über die offensichtliche Eingeschränktheit dieser Exemplifizierungen hinausgeht. 2.4.2.1 Die formelle Stufe der bestimmten Kausalität Zunächst taucht letztgenanntes Beispiel (neben drei weiteren) auf, um die zwar bestimmte, aber bloß analytische Ursache-Wirkungs-Beziehung zu kennzeichnen. Das Identische des Inhalts bildet hierbei die Grundlage, um die Notwendigkeit des kausalen Zusammenhangs aufzuzeigen. Man sieht sofort die Nähe zu jener Ausgangslage, die zu Beginn des bestimmten Grundes, in ›a. Der formelle Grund‹ gegeben war. Unter Weglassung der Spezifika des Grundes, kann auch hier gelten: »Die Bestimmtheit des Inhalts ist […] die Grundlage für die Form, das einfache Unmittelbare gegen die Vermittlung der Form. […] diese Identität ist die Grundlage oder der Inhalt, der auf diese Weise die gleichgültige oder positive Einheit […] ausmacht und das Vermittelnde derselben ist.«151

Achten wir nun auf die Konsequenzen aus der sich resultathaft durch die formelle Kausalität eingestellt habenden Identität: »Durch diese Identität des Inhalts ist diese Kausalität ein analytischer Satz. Es ist dieselbe Sache, welche sich das eine Mal als Ursache, das andere Mal als Wirkung darstellt, dort als eigentümliches Bestehen, hier als Gesetztsein oder Bestimmung an einem Anderen. Da diese Bestimmungen der Form äußerliche Reflexion sind, so ist es die der Sache nach tautologische Betrachtung eines subjektiven Verstandes, eine Erscheinung als Wirkung zu bestimmen und davon zu ihrer Ursache aufzusteigen, um sie zu begreifen und zu erklären; es wird nur ein und derselbe Inhalt wiederholt; man hat in der Ursache nichts anderes als in der Wirkung. – 151

WdL II, S. 96; GW 11, S. 302.

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Der Regen z. B. ist Ursache der Feuchtigkeit, welche seine Wirkung ist; – »der Regen macht naß«, dies ist ein analytischer Satz; dasselbe Wasser, was der Regen ist, ist die Feuchtigkeit; als Regen ist dies Wasser nur in der Form einer Sache für sich, als Wässerigkeit oder Feuchtigkeit dagegen ist es ein Adjektives, ein Gesetztes, das nicht mehr sein Bestehen an ihm selbst haben soll; und die eine Bestimmung wie die andere ist ihm äußerlich. – So ist die Ursache dieser Farbe ein Färbendes, ein Pigment, welches eine und dieselbe Wirklichkeit ist, das eine Mal in der ihm äußeren Form eines Tätigen, d. h. mit einem von ihm verschiedenen Tätigen äußerlich verbunden, das andere Mal aber in der ihm ebenso äußerlichen Bestimmung einer Wirkung. – Die Ursache einer Tat ist die innere Gesinnung in einem tätigen Subjekt, die als äußeres Dasein, das sie durch die Handlung erhält, derselbe Inhalt und Wert ist. Wenn die Bewegung eines Körpers als Wirkung betrachtet wird, so ist die Ursache derselben eine stoßende Kraft; aber es ist dasselbe Quantum der Bewegung, das vor und nach dem Stoß vorhanden ist, dieselbe Existenz, welche der stoßende Körper enthielt und dem gestoßenen mitteilte; und soviel er mitteilt, soviel verliert er selbst.«152

Die Identität einer zugrunde gelegten Sache ermöglicht eine Kausalerklärung, die sich jedoch als bloß analytisch oder tautologisch erweist. Diese Sache kann das eine Mal in ihrer Ursächlichkeit, das andere Mal als ein Bewirktes ausgegeben werden. Es wird auf der einen Seite ein (relativ) an ihm selbst Bestehendes behauptet, und es wird auf der anderen Seite etwas angegeben, das als bloß Abgeleitetes verstanden werden soll. Zudem verschafft man sich auch noch dadurch Erleichterung in der Erklärung, dass man von einem tatsächlichen Umstand ausgeht, zu welchem dann die Ursache aufgefunden werden soll. Eine Zukunftsprojektion oder Vorhersage kann sich dieser Vorgangsweise ebenso bedienen, hat aber den Nachteil, dass die kausale Notwendigkeit bisweilen nicht so plakativ zur Darstellung gebracht werden kann, weil es an der vollständigen Berücksichtigung der Totalität der Bedingungsumstände hapert. In der Umkehrung, bei der gewisse Umstände einfach vorliegen, lässt sich das ohnedies tautologische Vorgehen besser in seiner angeblichen Notwendigkeit aufweisen. Diese beruht auf dem identischen Inhalt, der, weil er nach verschiedenen Hinsichten hin betrachtet werden kann, im Sinne eines lediglich Gesetzten und im Sinne eines als Ursache zu bestimmenden angeführt werden kann. So ist etwa die Nässe oder die Feuchtigkeit die schon eingetretene Wirkung, welche als gesetzt Adjektives angenommen wird, zu welchem dann eine relativ beständigere Ursache gesucht wird, die dieses Phänomen hervorgebracht haben soll. Bezüglich der Nässe der Straße könnten andere äußerlich Reflektierende in der Subjektivität ihres Verstandes ebenso äußerliche Hinsichten heranziehen, die den notwendi152

WdL II, S. 226; GW 11, S. 399.

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gen Kausalzusammenhang aufweichen könnten. So ließe sich der Regen als Ursache der Nässe der Straße bezweifeln, wenn diese Nässe durch ein Spritzfahrzeug zustande gekommen wäre, das unter einem Dach gefahren ist, welches den Regen aufgehalten hatte. Man ersieht sofort, dass in die Identitätsbestimmung, die als ein bestimmter Inhalt vorliegt, ein von der äußerlichen Reflexion gesetzter äußerlicher Unterschied eingefügt werden kann, und zwar deshalb, weil dies die Bestimmtheit als solche prinzipiell erlaubt. Zumindest wäre, was dieses Beispiel betrifft, das äußerliche Reflektieren noch besser bedient, wenn es sich eher auf die Feuchtigkeit bezöge und in diesem Sinne dann den Regen als die Ursache für die Luftfeuchtigkeit (die nebenbei ganz wunderbar meteorologisch wissenschaftlich durch die prozentuelle Angabe am Hygrometer auszuweisen ist) durchaus plausibel ausgeben könnte. Wie das auch immer geschehen mag und wie geschickt sich der gesunde Menschenverstand (oder der Naturwissenschaft betreibende Verstand) auch immer verhalten mag, es bleibt aufrecht, was Hegel ganz schlicht konstatiert, dass in Bezug auf das Bestimmen von Ursache und Wirkung an einem bestimmten identischen Inhalt »die eine Bestimmung wie die andere […] ihm äußerlich«153 ist. Es kommt also letztlich alles darauf an, diesen Status der Äußerlichkeit exakt zu bestimmen, jedoch nicht in den Verwicklungen irgendeines Beispiels, sondern bezüglich der Logizität in dieser ersten Stufe des bestimmten Kausalitätsverhältnisses. Spekulativ logisch betrachtet, ist wichtig, dass die Äußerlichkeit nicht nur an die Bestimmtheit herangetragen wird, sondern schon als ihr innewohnend zu fassen ist. Dennoch kommt dieses Herantragende durchaus ins Spiel und es trifft ein Äußerlichkeitsmoment auf ein anderes. Beide Momente leiten sich von jener Konstellation ab, die zum Ende der formellen Kausalität eingetreten ist. Hierbei ist zu beachten, dass es sich nicht um einander entgegenstehende Momente handelt, die in gegenseitiger Negativität, so wie in einem bestimmten Status des Positiven und Negativen, nur aufeinander bezogen wären. In dieser reinen (wenn auch durch die bestimmende Reflexion zustande gekommenen) Beziehung aufeinander erlischt die Ursache in ihrer Wirkung. Die dadurch sich weiter differenzierende Beziehung lässt die Form und den Formunterschied wieder bestehen, weil er sich an der in den identischen Inhalt hinein untergegangenen ersten oder ansichseienden Form wieder ein Bestehen geben kann. Das ist der Schritt in die Bestimmtheit, die nun mit der Äußerlichkeit des bestimmten Inhalts und der äußerlichen Reflexion einhergeht, welche ihrerseits mit den Formunterschieden äußerlich hantiert. Als nächstes gilt es, die Weise zu betrachten, in welcher der identische Inhalt mit der Ursächlichkeit (bzw. der Wirkung) in Verbindung steht. Wird nämlich dieser Inhalt herangezogen, um ihn so zu verwenden, dass er die Notwen153

WdL II, S. 226; GW 11, S. 399.

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digkeit des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zum Vorschein bringen kann, so betrifft die Äußerlichkeit eine Dimension an diesem Inhalt selbst, der dadurch aufgespalten wird in jene Inhaltskomponente, die zur Kausalität als solcher gehört, und in eine andere Inhaltskomponente, die nicht in den kausalen Zusammenhang einbezogen ist. Dabei gilt es, zu bedenken, dass sich dies nicht als Nebeneffekt einstellt, sondern mit der Äußerlichkeit, die sich anhand der äußerlichen Reflexion selbst begegnet, immanent gesetzt ist. Die äußerliche Reflexion ist gezwungen, ihr eigenes Hantieren mit den Formunterschieden mit einem Hantieren von bestimmten Inhaltsunterschieden in Einklang zu bringen. So können nicht nur, sondern müssen sogar Inhaltsmomente gegeben sein, die in einer bestimmten Äußerlichkeit verbleiben, damit auf der anderen Seite die Notwendigkeit der Kausalbeziehung gesichert bleibt. Wieder auf ein von Hegel aufgeworfenes Beispiel umgelegt, heißt dies, dass etwa die Bewegungsenergie eines stoßenden Körpers, insofern dieser wieder auf einen anderen Körper stößt, sich letztlich nur dann bezüglich einer hierin sich manifestierenden Kausalität plausibel beschreiben lässt, wenn der Körper (bzw. die beteiligten Körper), zwar völlig beiläufig, aber der Sache nach ebenso notwendig, Inhaltsmomente aufweist, die mit der beanspruchten Kausalität überhaupt nichts zu tun haben. Wie dies zu verstehen ist, wird sofort im nächsten Absatz klar. Interpretativ haben wir aber schon die Notwendigkeit auch dieser Konstellation hervorgehoben, die von Hegel vorläufig nur so beiwesenartig (sic) beschrieben wird, wie dies auch in der Sache selbst als Moment vorkommt: [Das Beispiel mit dem Maler und den Farben ist hierzu völlig parallel] »Die Ursache, z. B. der Maler oder der stoßende Körper, hat wohl noch einen anderen Inhalt, jener als die Farben und deren sie zum Gemälde verbindende Form, dieser als eine Bewegung von bestimmter Stärke und Richtung. Allein dieser weitere Inhalt ist ein zufälliges Beiwesen, das die Ursache nichts angeht; was der Maler sonst für Qualitäten enthält, abstrahiert davon, daß er Maler dieses Gemäldes ist, – dies tritt nicht in dieses Gemälde ein; nur was von seinen Eigenschaften sich in der Wirkung darstellt, ist in ihm als Ursache vorhanden, nach seinen übrigen Eigenschaften ist er nicht Ursache. So, ob der stoßende Körper Stein oder Holz, grün, gelb ist usf., dies tritt nicht in seinen Stoß ein; insofern ist er nicht Ursache.«154

Das eigene Hervortreten dieser beiwesenartigen oder beiher spielenden Inhaltskomponente geht mit der Äußerlichkeitsdimension als solcher einher. Das gar nicht beiläufige Auftreten dieses Beiwesens könnte nur dann vermieden werden, wenn eine Sache so betrachtet wird, dass sie in ihrer vollständigen Totalität, als hierbei die Ursache-Wirkungs-Beziehung verkörpernd, genommen wird. Näh154

WdL II, S. 226 f.; GW 11, S. 399 f.

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men wir irgendeinen Körper her, dann müsste er so gefasst werden, dass er in all seinen Inhaltskomponenten zugleich als ursächlich oder verursachend zu verstehen wäre. In seiner Bestimmtheit und Endlichkeit läge freilich auch, dass er in eben derselben vollständigen Totalität auch als ein durch andere Umstände bewirkter Körper verstanden werden müsste. Eben diese Einheit, die in ihm widersprechend zum Austrag käme, würde wiederum anhand der Äußerlichkeitsdimension an ihm selbst zu bestimmen sein und diese Äußerlichkeit würde sich in weiterer Folge zur Selbstäußerlichkeit der Kausalität zuspitzen. Diese Totalitätsperspektive entspricht jedoch einer noch etwas abstrakteren Stufe, und zwar jener der Modalität, in welcher die Modalitätskategorien in ihrer spekulativen Selbstbewegung die Totalität des Wirklichen manifestieren, auch wenn diese als bestimmte Totalität (wie in dem Ganzen der Bedingungen der realen Möglichkeit) vorliegt. Die Verwirklichung der Substantialität in der Kausalität erlaubt es aber und erzwingt es auch, die Bestimmtheit in ihrer Äußerlichkeit und in ihrer Selbstäußerlichkeit differenzierter zu fassen. Überdies wird sich zeigen, was ein höchst entscheidender Punkt sein wird, dass die äußerliche Reflexion und die mit ihr mitgesetzten zusätzlichen Äußerlichkeitsmomente keine Angelegenheit sein können, die beiläufig, gemeinsam mit der leeren Tautologie, aus einer gehaltvollen Fassung der Kausalität ausgeschieden werden könnten. Die erste Stufe des bestimmten Kausalitätsverhältnisses wird sich in ihrer Äußerlichkeit nicht bloß in die nachfolgende zweite Stufe aufheben, sie wird sich vielmehr als deren spekulativ-integraler Bestandteil zeigen, was dann zu einer neuen Verhältnisbestimmung führt. Bevor wir zu dieser zweiten Stufe kommen, müssen wir aber noch andere Rücksichten mitvollziehen, die eventuell weitere Einwände gegen die bisherige Darstellung enthalten könnten. Die diesbezüglichen Bemerkungen konkretisieren aber noch den vorliegenden Status: »Es ist in Rücksicht dieser Tautologie des Kausalitätsverhältnisses zu bemerken, daß es dieselbe dann nicht zu enthalten scheint, wenn nicht die nächste, sondern die entfernte Ursache einer Wirkung angegeben wird. Die Formveränderung, welche die zugrunde liegende Sache in diesem Durchgange durch mehrere Mittelglieder erleidet, versteckt die Identität, die sie darin behält. Sie verknüpft sich zugleich in dieser Vervielfältigung der Ursachen, welche zwischen sie und die letzte Wirkung eingetreten sind, mit anderen Dingen und Umständen, so daß nicht jenes Erste, was als Ursache ausgesprochen wird, sondern nur diese mehreren Ursachen zusammen die vollständige Wirkung enthalten. – So wenn z. B. ein Mensch dadurch unter Umstände kam, in denen sich sein Talent entwickelte, daß er seinen Vater verlor, den in einer Schlacht eine Kugel traf, so könnte dieser Schuß (oder noch weiter zurück der Krieg oder eine Ursache des Kriegs und so fort ins Unendliche) als Ursache der Geschicklichkeit jenes Menschen angegeben werden. Allein

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es erhellt, daß z. B. jener Schuß nicht für sich diese Ursache ist, sondern nur die Verknüpfung desselben mit anderen wirkenden Bestimmungen. Oder vielmehr ist er überhaupt nicht Ursache, sondern nur ein einzelnes Moment, das zu den Umständen der Möglichkeit gehörte.«155

Schon die Unterscheidung von naheliegenden und entfernten Ursachen geht nur aus äußerlicher Reflexion hervor. Dennoch liegt der Überlegung, mehrere Ursachen zusammenzunehmen, eine Intention zugrunde, die der Sache auf die Spur kommen möchte. Freilich ist es zunächst nur der Selbstbetrug, der darin besteht, das Tautologische bezüglich der inhaltlichen Identitätsbestimmung zu verwischen. Die Identität wird aber nur »versteckt«,156 wie Hegel sich ausdrückt, sie kann aber nicht verschwinden, weil dies nur noch eine kausal gefärbte Erzählung ergäbe, die noch schlimmer ist als das sogenannte Erklären. Die äußerlich reflektierende Vorgangsweise, eine Begebenheit als Ursache herauszunehmen und sie mit vielen anderen dazwischen liegenden Ursachen zu verbinden, um so einen Strang zu einer bestimmten Wirkung zu knüpfen, möchte sich aber durchaus (wenn auch mit untauglichen Mitteln) der Totalität annähern, wobei diese Annäherung vollkommen der schlechten Unendlichkeit unterliegt. Diese Perspektive der Totalität kehrt aber, wie oben bereits erwähnt, zur abstrakteren Stufe der Modalität zurück, ohne zu erkennen, dass in der Kausalität die Totalität (des absoluten Verhältnisses) schon zu einer bestimmten Verwirklichung und Realisierung gekommen ist. Die herauspräparierte Begebenheit (also im Beispiel der tödliche Schuss im Rahmen irgendwelcher Kriegswirren) kann in ihrer Pseudovereinzelung jedoch nicht Ursache (der Geschicklichkeit dieses Menschen im Beispiel) sein, weil die Bestimmung der Ursache selbst noch nicht so weit gediehen ist, dem Einzelnen zu entsprechen, sie nur darauf zurückfällt, ein »einzelnes Moment«157 darzustellen. Diese inhaltlich bestimmt sein sollende Ursache ist noch nicht so allgemein an und in ihr selbst, dass sie die Kontinuierung in Anderes, in ein bewirktes Einzelnes leisten könnte. Vielmehr ist sie als Moment nur das Moment einer Totalität, die im modalen Sinne in den vollständigen »Umständen der Möglichkeit«158 ausgeprägt ist. So begehen wir aber nur einen logischen Rückschritt, der nicht dazu angetan ist, die Ursache-Wirkungs-Beziehung tatsächlich zu konkretisieren. Hierfür müssen wir uns noch viel mehr in die Bestimmtheit vertiefen, die bisher nur im Identischen des Inhalts zum Tragen gekommen ist. Davor gilt es noch einen Fall zu beleuchten, in welchem diese Identität durchaus gesprengt wird, was dann von dieser Seite her einen eventuell gewichtigeren Einwand abgeben könnte: WdL II, S. 227; GW 11, S. 400. Ebd. 157 Ebd. 158 Ebd. 155

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»Dann hauptsächlich ist noch die unstatthafte Anwendung des Kausalitätsverhältnisses auf Verhältnisse des physisch-organischen und des geistigen Lebens zu bemerken. Hier zeigt sich das, was als Ursache genannt wird, freilich von anderem Inhalte als die Wirkung, darum aber, weil das, was auf das Lebendige wirkt, von diesem selbständig bestimmt, verändert und verwandelt wird, weil das Lebendige die Ursache nicht zu ihrer Wirkung kommen läßt, d. h. sie als Ursache aufhebt. So ist es unstatthaft gesprochen, daß die Nahrung die Ursache des Bluts oder diese Speisen oder Kälte, Nässe Ursachen des Fiebers usf. seien; so unstatthaft es ist, das ionische Klima als die Ursache der Homerischen Werke oder Cäsars Ehrgeiz als die Ursache des Untergangs der republikanischen Verfassung Roms anzugeben. In der Geschichte überhaupt sind geistige Massen und Individuen im Spiele und in der Wechselbestimmung miteinander; die Natur des Geistes ist es aber noch in viel höherem Sinne als der Charakter des Lebendigen überhaupt, vielmehr nicht ein anderes Ursprüngliches in sich aufzunehmen oder nicht eine Ursache sich in ihn kontinuieren zu lassen, sondern sie abzubrechen und zu verwandeln. – Welche Verhältnisse aber der Idee angehören und bei ihr erst zu betrachten sind. – Dies kann hier noch bemerkt werden, daß, insofern das Verhältnis von Ursache und Wirkung, obwohl in uneigentlichem Sinne, zugelassen wird, die Wirkung nicht größer sein könne als die Ursache; denn die Wirkung ist nichts weiter als die Manifestation der Ursache. Es ist ein gewöhnlich gewordener Witz in der Geschichte, aus kleinen Ursachen große Wirkungen entstehen zu lassen und für die umfassende und tiefe Begebenheit eine Anekdote als erste Ursache aufzuführen. Eine solche sogenannte Ursache ist für nichts weiteres als eine Veranlassung, als äußere Erregung anzusehen, deren der innere Geist der Begebenheit nicht bedurft hätte oder deren er eine unzählige Menge anderer hätte gebrauchen können, um von ihnen in der Erscheinung anzufangen, sich Luft zu machen und seine Manifestation zu geben. Vielmehr ist umgekehrt so etwas für sich Kleinliches und Zufälliges erst von ihm zu seiner Veranlassung bestimmt worden. Jene Arabesken-Malerei der Geschichte, die aus einem schwanken Stengel eine große Gestalt hervorgehen läßt, ist daher wohl eine geistreiche, aber höchst oberflächliche Behandlung. Es ist in diesem Entspringen des Großen aus dem Kleinen zwar überhaupt die Umkehrung vorhanden, die der Geist mit dem Äußerlichen vornimmt; aber eben darum ist dieses nicht Ursache in ihm, oder diese Umkehrung hebt selbst das Verhältnis der Kausalität auf.«159

Für unser Hauptthema ist hierbei wichtig, dass bereits das Erreichen des Begriffs die Konsequenz hat, das bloße Unterworfen-Sein unter die kausalen Bestimmungen zu verwandeln und dass die Selbständigkeit gegen den Kausalnexus mit dem Erreichen der Idee (und insbesondere der Idee des Lebens, insofern es »in 159

WdL II, S. 227 ff.; GW 11, S. 400 f.

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der Form der Einzelheit als einfache, aber negative Identität mit sich, das lebendige Individuum«160 ist) noch weiter intensiviert wird. Schon die Bestimmung des Einzelnen geht wesentlich darüber hinaus, noch in den Ursache-WirkungsZusammenhang zurückgezwungen werden zu können. Seine Allgemeinheit und Besonderheit an ihm selbst verleiht ihm eine Selbständigkeit, welche die Identitätsbestimmung der Kausalität an ihm nur als gebrochen zum Austrag kommen lässt. Nur weil nun im bestimmten Kausalitätsverhältnis auch Beispiele auftauchen können, die schon aus konkreteren Sphären genommen sind und etwa auch schon das Geistige betreffen, heißt dies nicht, dass dies den Stellenwert der Identität in der Eigenbewegung der Kausalität tangiert. Hier müssen wir sehr exakt darauf achten, wie diese Identität weiterhin zu fassen ist. Jedenfalls hat sie im formellen Status des bestimmten Kausalitätsverhältnisses den Charakter eines ansichseienden Substrats oder eines Protosubstrats. Der bisherige Status des identischen Inhalts lässt es aber noch nicht zu, von einem gesetzten Substrat zu sprechen, weil die Formunterschiede noch nicht nach Inhaltsbestimmungen (im Plural) auseinandergenommen sind, sondern sich nur an einem Inhalt (im Singular) verlaufen. Das führt auch dazu, dass, wie Hegel noch zusätzlich anmerkt, »die Wirkung nicht größer sein könne als die Ursache; denn die Wirkung ist nichts weiter als die Manifestation der Ursache.«161 Aufgrund der bisherigen Darstellung sollte klar geworden sein, dass auch dieses Hantieren mit einem Größenunterschied nur wieder auf das vorstellende äußerliche Reflektieren, das sich stets in Spatiologie ergeht, zurückzuführen ist. 2.4.2.2 Die reale Stufe der bestimmten Kausalität Wir werden nun in der zweiten Stufe des bestimmten Kausalitätsverhältnisses sehen, wie diese Spatiologie nicht nur etwas ist, was als schlechtes logisches Vorstellen auszumerzen ist, sondern sich als etwas erweist, was in die spekulative Logizität immanent miteingeht. »2. Diese Bestimmtheit des Kausalitätsverhältnisses aber, daß Inhalt und Form verschieden und gleichgültig sind, erstreckt sich weiter. Die Formbestimmung ist auch Inhaltsbestimmung; Ursache und Wirkung, die beiden Seiten des Verhältnisses, sind daher auch ein anderer Inhalt. Oder der Inhalt, weil er nur als Inhalt einer Form ist, hat ihren Unterschied an ihm selbst und ist wesentlich verschieden. Aber indem diese seine Form das Kausalitätsverhältnis ist, das ein in Ursache und Wirkung identischer Inhalt ist, so ist der verschiedene Inhalt äußerlich mit der Ursache WdL II, S. 475; GW 12, S. 183. WdL II, S. 228; GW 11, S. 401.

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einerseits und andererseits mit der Wirkung verbunden; er tritt somit nicht selbst in das Wirken und in das Verhältnis ein. Dieser äußerliche Inhalt ist also verhältnislos, – eine unmittelbare Existenz; oder weil er als Inhalt die ansichseiende Identität der Ursache und Wirkung ist, ist auch er unmittelbare, seiende Identität. Dies ist daher irgendein Ding, das mannigfaltige Bestimmungen seines Daseins hat, unter anderem auch diese, daß es in irgendeiner Rücksicht Ursache oder auch Wirkung ist. Die Formbestimmungen, Ursache und Wirkung, haben an ihm ihr Substrat, d. h. ihr wesentliches Bestehen, und jede ein besonderes, – denn ihre Identität ist ihr Bestehen; – zugleich aber ist es ihr unmittelbares Bestehen, nicht ihr Bestehen als Formeinheit oder als Verhältnis.«162

Die Identität des Inhalts, als in den Formunterschieden ausgedrückt, ist ebenso in diesen Formunterschieden gesetzt. Damit setzen sich aber die Formunterschiede selbst inhaltlich gegeneinander. Dies wäre unmittelbar wieder ihr Verlust, weil sie entweder sich gegeneinander aufheben und nur eine bestimmte Einheit, die als solche gar nicht kausal wäre, ergäben, oder sie ihre Bestimmtheit zwar gegeneinander behielten, aber diese eben nur zwei gegeneinander gleichgültige Bestimmtheiten wären, die ebenso in gar keinem kausalen Zusammenhang (oder dabei höchstens einer nur seienden oder unsubstantiiert wesenhaften Veränderung unterliegend) miteinander stünden. Das bestimmte Kausalitätsverhältnis geht aber über eine formelle wie auch über eine reale Gegenseitigkeit hinaus. Die Logizität ist viel komplexer, weil die Entgegnung von Ursache und Wirkung selbst wieder nur an einem Inhalt vollzogen werden kann, der nicht seinerseits in den Kausalzusammenhang in seiner Bewegung einbezogen ist. Er kommt nur sofern sehr wohl als Kausalität zum Austrag, als er an ihm selbst das Gesetztsein darstellt, d. i. hier die aus dem Setzungsprozess resultierende Identität. Konzentrieren wir uns auf die Identität, so kommt hier ein sich aus dem for­ mellen Setzungsprozess hergestellt habender, und damit gesetzter Inhalt vor, der sich zugleich zur Unmittelbarkeit (d. i. also die »unmittelbare, seiende Identität«163 als verhältnislos) bestimmt hat. Darüber hinaus kommen Inhaltsbestimmungen an diesem in sich selbst verschiedenen Inhalt vor, die mit den inhaltlich gesetzten und hiermit realisierten Formunterschieden einhergehen. In ihrem realen Gegeneinander sind diese Bestimmungen wiederum als identisch mit sich gesetzt, so dass wir, in bloß formaler (d. h. vorstellender) Aufzählung drei Identitäten vor uns hätten. Spekulativ handelt es sich weiterhin nur um eine Identität, die gedacht werden muss und sich so nicht nach Hinsichten und Rücksichten vermehren kann. Das Eigentümliche am bestimmten Kausalitätsverhältnis in der zweiten Stufe besteht aber dennoch darin, dass die genannten Rücksichten 162

WdL II, S. 229; GW 11, S. 401. Ebd.

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nicht willkürlich von einer veräußert bleibenden äußerlichen Reflexion gesetzt werden, sondern in der Äußerlichkeit der Bestimmtheit an ihr selbst und damit für sich selbst zum Gesetztsein kommen. Dieses Gesetztsein, das mit der nun inhaltlich bestimmten Ursache-Wirkungs-Beziehung notwendig einhergeht, trifft dabei auf das Gesetztsein des identischen Inhalts, welcher aus der formellen Stufe resultierte. Es handelt sich um eine Selbstbegegnung des Gesetztseins, das sich gegen sich selbst äußerlich gesetzt hat und dessen Äußerlichkeit sich letztlich bis zur Abstoßung gegen sich steigern wird. Zunächst haben wir aber hier die abermals ganz spezifische spekulativ-logische Konstellation vor uns, die uns der Sache nach dazu zwingt, die Identität rücksichtslos (sic) so zu denken, dass sie zugleich nach bestimmten Rücksichten in einer Weise selbstdifferenziert ist, worin das Identische gegen sich so veräußert ist, dass es in sich selbst unterschiedene Identitäten gegen sich selbst zulässt bzw. nötig macht. Vorwegnehmend kann gesagt werden, dass die Kausalität hier in einer bestimmten Selbstveräußerung vorliegt, worin das Gesetztsein gegen das Gesetztsein und das Gesetztsein als Gesetztsein vorkommen, was weiterhin implizit schon dazu führt, dass das Verursachen zum Setzen einer Wirkung gegen sich oder in sich führt. Dennoch ist die Selbstveräußerung zunächst so gesetzt, dass die Äußerlichkeit ein Veräußertsein von Ursache und Wirkung impliziert, das in einer bestimmten, gleich darzustellenden Weise, am identischen Inhalt als einem einheitlichen Substrat (erscheinend) zum Vor-Schein kommt und in weiterer Folge an mehreren Substraten, die in ihrer Substantialität die Ursache-Wirkungs-Beziehung vorläufig in eine schlechte Unendlichkeit weiterziehen. Der an ihm selbst äußerliche identische Inhalt hat sich in seiner endlichen Bestimmtheit selbst in Verhältnislosigkeit versetzt und als unmittelbar bestimmt, wobei das Unmittelbare, als aus der Setzungsbewegung resultierend, zugleich nur als Gesetztsein gilt. So, sich nur in seiender, unmittelbarer Identität verhaltend, ist dieser Inhalt nur ein Existierendes (oder in erweiterter Weise auch ein für sich Erscheinendes), d. h. »irgendein Ding«,164 das an sich zugleich als endliche Substanz vorliegt, worin es einerseits Kausalität hat, diese als Identisches des Verhältnisses zum Ausdruck bringend, andererseits aber auch (selbst) bestimmt ist zur Unmittelbarkeit, gegen die kausale Ursächlichkeit. An diesem Ding können nun Rücksichten unterschieden werden, die den Formunterschieden von Ursache und Wirkung ein jeweils verschiedenes inhaltliches Bestehen verschaffen. So dient das Ding als Substrat,165 ist gesetzte Identität, die, spekulativ betrachtet, Ebd. Wird eine Einschätzung des Stellenwerts der Hegelschen Auffassung von Kausalität in der Wissenschaft der Logik unter völliger Ausklammerung der spekulativ-logischen Rolle des Substrats unternommen, so sind alle Bemühungen in dieser Richtung von Haus aus zum Scheitern verurteilt. Es wird dann weder begriffen, warum in der Entwicklung der Kausalität die Bestimmung des Substrats überhaupt auftaucht, noch kann klar werden, wie die

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dieselbe Identität ist, welche als Identität der Ursache und als Identität der Wirkung ist. Dennoch ist diese Identität unterscheidbar oder vielmehr sich gegen sich selbst unterscheidend, so dass sie als Bestimmtheit Bestimmtheiten in inhaltlicher Unterscheidung zulässt bzw. erzwingt. Bezogen auf ein Beispiel, etwa den Stein, so ist er als sich bewegend ursächlich und dieser Umstand muss als Moment seiner inhaltlichen Totalität auch inhaltlich an ihm ausgeprägt sein. Dies nachzuvollziehen fällt freilich dem Vorstellen und der Wahrnehmung schwer, weil der ruhende Stein und der sich bewegende Stein nicht plakativ als irgendwie besonders inhaltlich unterschieden aufgefasst werden. Stellen wir uns aber einen Stein aus weichem Material vor, der sich dann beispielsweise in einer sehr hohen Geschwindigkeit bewegt, so würden wir sogar tatsächlich eine wahrnehmbare Veränderung feststellen können, etwa eine gewisse Deformation, die als ruhend noch nicht gegeben war. Wie wir aber auch immer der Vorstellung hier auf die Sprünge helfen, so gilt jedenfalls, dass der Formunterschied als an einer Bestimmtheit gesetzt, selbst bestimmt ist, also der Formaspekt selbst inhaltlich bestimmt ist. Nun ein sehr wichtiger Punkt, für das Vorstellen und für die Spekulation. Das Inhaltsmoment, welches als in seiner Ursächlichkeit betrachtet wird, wie übrigens auch alle anderen Inhaltsmomente, dürfen wir nicht als einen Teilinhalt begreifen, sondern vielmehr als das ganze Ding betreffend. Die mit der Bewegung einhergehende Inhaltskomponente ist ein Inhalt des ganzen Dinges, ist nicht etwa nur einem Teilbereich zuordenbar, etwa einer äußeren Schicht, die ein bisschen von Deformation betroffen sein kann. Das gilt auch für den sich als verhältnislos verhaltenden Inhalt, etwa das Material des Steins, Granit oder Basalt oder was auch immer. Der ganze Stein ist hierbei etwa granitartig, was noch leichter einzusehen ist. Aber auch die Farbigkeit betrifft den Stein, wie er auch immer gefärbt sein mag, in seiner Vollständigkeit. Er ist etwa granitfarben grünlich, hat vielleicht eine gewisse Maserung usf. Darin ist er aber vollständig gefärbt, selbst wenn er mit einer bestimmten Farbe äußerlich künstlich verändert wurde. Wie auch immer seine Farbdifferenzierungen von natürlichen und künstlichen Vorgängen beeinflusst sein mögen, Aufhebung des Substrats und der weitere logische Fortschritt zustande kommt. Ebenso ist es ein großer Fehler, für alle Schritte und Zwischenschritte stets die causa sui als Maßstab heranzuziehen und die Dialektik so aufzufassen, als ob es darum ginge, die Fortentwicklung an der Entsprechung zu einem irgendwie vorher bestimmten und fixierten Begriff (der im Falle der causa sui als starre Referenz festgehalten wird) zu erklären. Diese Auffassung von Dialektik mag bei anderen philosophischen Positionen richtig sein, aber es trifft in keinster Weise die spekulative Dialektik des Logischen in der von Hegel durchgeführten und durchdachten Ausprägung. Vgl. hierzu folgende Darstellung einer sogenannten Identitätstheorie der Kausalität bei Hegel (die überdies noch sehr viele andere Punkte enthält, die zu kritisieren wären): Thomas Meyer, Hegels wesenslogisches Kausalitätskapitel als Identitätstheorie der Kausalität, in: Michael Quante/Birgit Sandkaulen (Hrsg.), HegelStudien Bd. 51, Hamburg 2017, S. 91–119.

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die (mehr oder weniger in sich differenzierte) Farbigkeit als solche betrifft den ganzen Stein, und er ist nicht zu einem Teil, den wir etwa mit der Bewegungsenergie in Verbindung setzen möchten, unfarbig, und zu einem anderen Teil, den wir etwa mit dem kausal Verhältnislosen in Verbindung bringen möchten, farbig. Dies wären, der Vorstellung gemäß, räumlich aufgeteilte Rücksichten, die es aber so überhaupt nicht geben kann. Die tatsächlichen Rücksichten, die hier als Rücksichten notwendig zu machen sind, sind jedoch, auch in ihrer inhaltlichen Unterscheidbarkeit, stets Rücksichten, die das Identische betreffen, so wie es zur Gänze ausgeprägt ist. Die Identität von Identität und Unterschied lässt sich nicht so aufteilen, dass die Unterschiede räumlich unterschieden werden könnten. Wir dürfen uns nicht dazu verführen lassen, die Inhaltlichkeit mit der Räumlichkeit gleichzusetzen und den Inhaltsmomenten so einen eigenen Platz einzuräumen. So ist nun auch irgendeine Wirkung an diesem Stein, sofern er etwa beim Auftreffen (auf eine Fensterscheibe oder worauf auch immer), welches dann seine Bewegung stoppen mag, wieder eine gesonderte Deformierung (oder einen Kratzer) erleidet, nicht ein Wirkungsbereich, der nur einen Teil des Steines beträfe, die Wirkung ist vielmehr abermals vollständige Wirkung am ganzen Existierenden. Diese Überlegungen sind deshalb so wichtig, weil die immanent hier eintretenden Rücksichten in ihren Identitätsbestimmungen zu begreifen sind und nicht als Rücksichten, die unimmanent (sic) ihrerseits wieder irgendwie aufgeteilt werden könnten. Dann werden die kausalen Konsequenzen kaum begriffen werden. Bisher haben wir uns dennoch nur um die Ausgangslage gekümmert, worin, selbst in spekulativer Auffassung, die bestimmte Kausalität noch statisch beschrieben ist. Was passiert aber, wenn die Kausalität, wie sie allein ihrem Begriff entsprechen kann, in ihrer Bewegung gefasst wird? Wie ist die Ursächlichkeit dieses Dinges, als substrathaft und als substantiell, zu begreifen? Das folgt nun: »Aber dieses Ding ist nicht nur Substrat, sondern auch Substanz, denn es ist das identische Bestehen nur als des Verhältnisses. Ferner ist sie endliche Substanz, denn sie ist bestimmt als unmittelbare gegen ihre Ursächlichkeit. Aber sie hat zugleich Kausalität, weil sie ebensosehr nur das Identische als dieses Verhältnisses ist. – Als Ursache nun ist dieses Substrat die negative Beziehung auf sich. Aber es selbst, worauf es sich bezieht, ist erstens ein Gesetztsein, weil es als unmittelbar Wirkliches bestimmt ist; dies Gesetztsein als Inhalt ist irgendeine Bestimmung überhaupt. – Zweitens ist ihm die Kausalität äußerlich; diese macht somit selbst sein Gesetztsein aus. Indem es nun ursächliche Substanz ist, besteht seine Kausalität darin, sich negativ auf sich, also auf sein Gesetztsein und äußere Kausalität zu beziehen. Das Wirken dieser Substanz fängt daher von einem Äußeren an, befreit sich von dieser äußeren Bestimmung, und seine Rückkehr in sich ist die Erhaltung seiner unmit-

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telbaren Existenz und das Aufheben seiner gesetzten, und damit seiner Kausalität überhaupt.«166

Die Identitätsbestimmung der inhaltlichen Grundlage, d. i. das Ding, bietet den kausalen Bestimmungen zwar ein Substrat, verhält sich aber, insofern sich Ursache und Wirkung zueinander an ihm verhalten, zugleich als Substanz. Hierin ist es ebenso endliche Substanz, insofern sich diese zur Unmittelbarkeit und als ein Unmittelbares bestimmt hat. Dabei ist diese Unmittelbarkeit Gesetztsein, und zwar aus der Bewegung der formellen Kausalität resultierend. Als unmittelbar ist es der Ursächlichkeit entgegen gesetzt, aber als Gesetztsein ist es insofern kausal, als es seiner Identitätsbestimmung nach sogar die Einheit der Kausalität darstellt, die es hat, ohne selbst aus sich kausal bestimmend zu sein. Die Kausalität in ihrem Setzen vollzieht sich nur als äußerlich, aber es ist zu sehen, welche Gesamtbewegung dies zur Folge hat. Im tatsächlichen Vollzug des ursächlichen Verhaltens entsteht eine negative Beziehung des Substrats auf sich (als die Bewegung der Identität, die in den Unterschied scheint), worin es sich so auf sich bezieht, dass die eigene Negativität ein Gesetztsein ist, das als ein Unmittelbares sich resultathaft eingestellt hat. Schon hierin kommt die inhaltliche Bestimmung nur äußerlich zustande, aber die gesetzte Kausalität ist ihm ebenso äußerlich, so dass diese eine Beziehung auf sich darstellt, die auch nur ein Gesetztsein darstellt. Es handelt sich also um ein in sich gebrochenes Gesetztsein, insofern es als eine Identität zu fassen ist, aber auch um ein doppeltes Gesetztsein, insofern die Rücksichten unterscheidend auch das Gesetztsein betreffen. Als eine (widersprechende) Bewegung, die in sich und gegen sich nach Rücksichten auseinandergenommen ist, ist es eine Selbstbegegnung des Gesetztseins, worin die Äußerlichkeit einer Ursprungsbestimmung auf die Äußerlichkeit der Kausalität trifft, die ihrerseits in ihrer Realisierung vom Substrat abhängig ist. Die kausalen Bestimmungen sind dabei eigene Inhaltsbestimmungen, die nur deshalb zur Wirkung kommen, weil es andere substrathafte Inhaltsbestimmungen gibt, die nicht in die Kausalität eintreten. Dennoch werden die nach Rücksichten zu unterscheidenden Identitätsbestimmungen im Wirken so negativ gesetzt, so in den Unterschied (man möchte hier schon sagen aktiv) scheinend, dass sie das Gesetztsein gegeneinander zum Austrag bringen. Der negative Selbstbezug scheint auf sich als auf das Gesetztsein der äußerlich unmittelbaren Inhaltsbestimmung (im Sinne der Totalität des Dinges) und scheint auf sich als auf das Gesetztsein der äußerlichen Kausalität, die nach Ursache und Wirkung hin jeweilig in eigenen Inhaltsbestimmungen ausgeprägt ist. Wichtig dabei ist, dass alle Inhaltsbestimmungen, also jene, die nicht in die Ursächlichkeit eingehen, wie etwa die Farbe des sich bewegenden Steines, und 166

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jene, die mit der Kausalität einhergehen, wie die Bewegungsenergie und das durch diese Bewegung Bewirkte, vollständige Identitätsbestimmungen sind, die nicht räumlich auf irgendwelche Bereiche des Dinges aufgeteilt werden können. Hierdurch ist die Selbstbegegnung des Gesetztseins unausweichlich und darüber hinaus ist es auch unausweichlich, was diese Selbstbegegnung bewirkt. Sie führt nämlich dazu, dass sich das Gesetztsein in dieser Entgegnung gegen sich, in der negativen Selbstbezüglichkeit auf sich aufhebt, oder anders ausgedrückt, sich das sich selbst entgegenstellende Gesetztsein aus dem Kausalprozess entfernt, d. h. aus dem Kausalprozess so herausnimmt, dass es wieder zur Ursprünglichkeit zurückkehrt. Das sich selbst in seiner Begegnung mit sich aufhebende Gesetztsein setzt damit auch die Äußerlichkeiten als aufgehoben, befreit das Substrat als solches von der Äußerlichkeit und kehrt auch so wieder auf sich zurück, die Kausalität (vorläufig zumindest) selbst aufgehoben habend. Die Kausalität kommt aber nur zu relativer Ruhe, weil die Rückkehr zur Ursprünglichkeit zugleich der Anfang einer erneuten Veräußerung (und erneuten Auflösung, Befreiung oder Entfernung dieser Veräußerung) ist. In dieser Rücksicht der Gesamtbewegung des bestimmten Kausalitätsverhältnisses ist die Kausalität als an einem Substrat (das im Wirken zugleich sub­ stantiell ist) sich vollziehend betrachtet, wodurch die Wirkung insgesamt darin besteht, zur Ursprünglichkeit zurückzukehren oder zumindest die immanente Tendenz aufzuweisen, diese Ursprünglichkeit wiederherzustellen. Die erste Wirkung besteht also darin, immanent zur Ruhe oder zur Beruhigung der Bewegung (als spekulativer Bewegung und als Bewegung des Substrats, d. h. der tatsächlich dinglichen Bewegung) zu tendieren. Die weitere Wirkung besteht dann in der Übertragung auf andere Substrate, die ebenso wieder in ihrer Substantiierung zu denken sind, weil die Ursprünglichkeit, auf welche zurückgekehrt wird, der Sache nach immer nur wieder den Anfang einer weiteren äußerlichen Ursprungsbestimmung darstellt, die denselben sich aufhebenden und sich wieder setzenden Kausalprozess weiterspinnt. Der Entfernung bzw. Selbstentfernung des Gesetztseins, insofern sich das Gesetztsein im kausalen Bezug selbst begegnet und dadurch zunächst die Aufhebung der Kausalität zur Wirkung hat, entspricht im Dinglichen die tatsächliche Entfernung, die durch die Bewegung zustande kommt, aber eben hierin (wie im Beispiel anhand der Komponente der Schwere) wieder zu Ruhe und Beruhigung (also auf ein niedrigeres Energieniveau) hin tendiert. Betrachten wir also noch genauer, wie sich diese logische Sachlage anhand der schon eingeführten Beispiele darstellt: »So ist ein Stein, der sich bewegt, Ursache; seine Bewegung ist eine Bestimmung, die er hat, außer welcher er aber noch viele andere Bestimmungen der Farbe, Gestalt usf. enthält, welche nicht in seine Ursächlichkeit eingehen. Weil seine unmit-

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telbare Existenz getrennt ist von seiner Formbeziehung, nämlich der Kausalität, so ist diese ein Äußerliches; seine Bewegung und die Kausalität, die ihm in ihr zukommt, ist an ihm nur Gesetztsein. – Aber die Kausalität ist auch seine eigene; dies ist darin vorhanden, daß sein substantielles Bestehen seine identische Beziehung auf sich ist; diese aber ist nunmehr als Gesetztsein bestimmt, sie ist also zugleich negative Beziehung auf sich. – Seine Kausalität, welche sich auf sich als auf das Gesetztsein oder als ein Äußeres richtet, besteht daher darin, es aufzuheben und durch die Entfernung desselben in sich zurückzukehren, somit insofern nicht in seinem Gesetztsein identisch mit sich zu sein, sondern nur seine abstrakte Ursprünglichkeit wiederherzustellen. – Oder der Regen ist Ursache der Nässe, welche dasselbe Wasser ist als jener. Dieses Wasser hat die Bestimmung, Regen und Ursache zu sein, dadurch daß sie von einem Anderen in ihm gesetzt ist; – eine andere Kraft, oder was es sei, hat es in die Luft erhoben und in eine Masse zusammengebracht, deren Schwere es fallen macht. Seine Entfernung von der Erde ist eine seiner ursprünglichen Identität mit sich, der Schwere, fremde Bestimmung; seine Ursächlichkeit besteht darin, dieselbe zu entfernen und jene Identität wiederherzustellen, damit aber auch seine Kausalität aufzuheben.«167

An dem Stein-Beispiel lässt sich die Notwendigkeit der immanent gegeneinander gerichteten Rücksichten sehr gut nachvollziehen und es wird auch klar, in welcher Weise die Inhaltsbestimmungen zu unterscheiden sind. Die Ursächlichkeit seiner Bestimmung als sich bewegendes Ding ist von jenen Inhaltsbestimmungen zu unterscheiden, die als solche nicht in den Kausalprozess eingehen, wie die Farbigkeit oder das Material, etwa der von uns ins Beispiel eingebrachte Granit. Dennoch sind alle Inhaltsbestimmungen Bestimmtheiten dieses Steins, die nie aufgeteilt werden können, auch dann nicht, wenn dieser Stein etwa zur Hälfte aus grauem Granit und zur anderen Hälfte aus grünem Granit bestünde. Der sich zur Gänze bewegende Stein steht in Korrelation zur Ganzheit der nicht in den Kausalprozess eingehenden Bestimmungen, und in gewisser Weise zwingt sogar die ganze Bewegung alle anderen Bestimmungen dazu, gänzlich eine Rolle in der gesamten Negativität zu spielen. Die unterschiedlichen Granitfarben an dem einen Stein müssen als Gesamtfarbigkeit gefasst werden, weil sich der graue Anteil in der Bewegung des ganzen Steines nicht vom grünen Anteil lösen kann. Diese Selbstverständlichkeiten sind hier deshalb so wichtig, weil es logisch um das Verstehen der Identitätsbestimmungen im Prozess der negativen Beziehung auf und gegen sich zu tun ist. Die Identität der äußerlichen Bestimmung in der Totalität eines bestimmten Existierenden, d. i. der Stein, so wie er in seiner Unmittelbarkeit als substantiell schon ansichseiende Kausalität hat (weil das unmittelbare Veräußertsein, das er an ihm selbst darstellt, sich einer zur Un167

WdL II, S. 230 f.; GW 11, S. 402.

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mittelbarkeit hergestellt habenden Setzungsbewegung verdankt, so dass seine unmittelbare Wirklichkeit Gesetztsein ist), gerät durch die Ursächlichkeit in Beziehung zu jenen Identitäten oder Identitätsmomenten, die in der gesetzten, aber ebenso äußerlichen Kausalität den Bestimmungen von Ursache und Wirkung entsprechen. Wollten wir diese Inhaltsbestimmungen aus der Gesamtbewegung herauslösen, so ließen sich im Beispiel Inhalte anführen, die mit der Ursache einhergehen, etwa bestimmte durch die Flugbewegung zustande kommende Deformationen, und welche, die mit der Wirkung einhergehen, welche einerseits während der Bewegung mit den genannten Deformationen ohnehin identisch sind, andererseits aber auch als andere Deformationen gefasst werden können, so wie sie etwa beim Auftreffen bzw. durch die Beruhigung zustande kommen. Alle Inhaltsbestimmungen gelten dabei immer vom ganzen Existierenden, das als Substrat und ebenso als Substanz zu fassen ist. Im bestimmten Kausalitätsverhältnis in seiner Realisierung verhalten sich nämlich Verhältnis und Verhältnislosigkeit zueinander. Nun ist im Vollzug wichtig, dass die äußerliche gesetzte Kausalität, also dieses Gesetztsein in der negativen Beziehung auf sich gegen jenes Gesetztsein geht, welches anhand der schon vorliegenden Äußerlichkeit vorhanden ist. Dabei können wir, spekulativ betrachtet, davon ausgehen, dass es sich ohnehin nur um ein Gesetztsein handelt, aber als spezifisch gebrochen in sich, dessen Brechung durch die sich vollziehende Negativität zu sich wiederherstellender Ursprünglichkeit aufgehoben wird. Oder wir können, ebenso spekulativ betrachtet, davon ausgehen, dass eine Begegnung von Gesetztsein zu Gesetztsein zustande kommt, die ebenso durch die sich vollziehende Negativität zu sich wiederherstellender Ursprünglichkeit aufgehoben wird. Beides hat zur Folge, dass sich das Gesetztsein aufhebt, selbst aus der Bewegung entnimmt oder entfernt. Damit ist das Resultat die Rückkehr zu einer Identität, die nicht Identität im Gesetztsein ist, sondern selbst wieder nur »abstrakte Ursprünglichkeit«,168 die wiederum so äußerlich ist, dass hierin die zur Ruhe gekommene Bewegung neu anhebt. Diese Komponente des sich wieder weiter Fortsetzens kommt sogar im Regen-Beispiel noch deutlicher hervor. Außerdem können hier tatsächlich alle logi­ schen Komponenten aufgezeigt werden, weil mit Regen und Nässe auch jene Identität aus dem formellen bestimmten Kausalitätsverhältnis wieder klar zu Tage tritt. Die Ursächlichkeit in seiner Realisierung formiert sich an diesem Exis­tierenden, d. i. der Regen, so, dass auch von einer Äußerlichkeit begonnen wird, also einem Vorgang, wodurch das Wasser einmal in bestimmte Lufthöhen gebracht worden ist, etwa durch Verdunstung, durch bestimmte Luftströmungen oder durch ähnliche Vorgänge. Hierdurch ist der Ausgangspunkt des sich einstellenden Phänomens des Regens gesetzt. Dieses Gesetztsein, die »Entfer168

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nung von der Erde«,169 wird jedoch im (oder gegen das) Gesetztsein des Kausalprozesses, d. i. das tatsächliche Regnen, in welchem die Ursprungsbestimmung (d. i. in diesem Beispiel die Schwere) gegen die gesetzte Äußerlichkeit der Erhebung in die Luft geht, wieder aufgehoben oder entfernt, wie Hegel sich ausdrückt, um noch etwas geschickter mit der Identität zu spielen, so dass schlussendlich die abstrakte Ursprünglichkeit, das Landen des Wassers auf der Erde oder im Meer, wiederhergestellt wird. Die Fortsetzung des Gesamtprozesses, dass diese Nässe wieder erneut den Weg antreten kann, um abermals abzuregnen, ist in diesem Beispiel auch evident und gut nachvollziehbar. Damit ist zugleich schon die beste Überleitung zur Regressivität oder Progressivität der Ursache-Wirkungs-Beziehung in schlechter (aber aufgrund der Bestimmtheit immanenter) Unendlichkeit vollzogen: »Die jetzt betrachtete zweite Bestimmtheit der Kausalität geht die Form an; dies Verhältnis ist die Kausalität als sich selbst äußerlich, als die Ursprünglichkeit, welche ebensosehr an ihr selbst Gesetztsein oder Wirkung ist. Diese Vereinigung der entgegengesetzten Bestimmungen als im seienden Substrat macht den unendlichen Regreß von Ursachen zu Ursachen aus. – Es wird von der Wirkung angefangen; sie hat als solche eine Ursache, diese hat wieder eine Ursache und so fort. Warum hat die Ursache wieder eine Ursache? d. h. warum wird dieselbe Seite, die vorher als Ursache bestimmt war, nunmehr als Wirkung bestimmt und damit nach einer neuen Ursache gefragt? – Aus dem Grunde, weil die Ursache ein Endliches, Bestimmtes überhaupt ist; bestimmt als ein Moment der Form gegen die Wirkung; so hat sie ihre Bestimmtheit oder Negation außer ihr; eben damit aber ist sie selbst endlich, hat ihre Bestimmtheit an ihr und ist somit Gesetztsein oder Wirkung. Diese ihre Identität ist auch gesetzt, aber sie ist ein Drittes, das unmittelbare Substrat; die Kausalität ist darum sich selbst äußerlich, weil hier ihre Ursprünglichkeit eine Unmittelbarkeit ist. Der Formunterschied ist daher erste Bestimmtheit, noch nicht die Bestimmtheit als Bestimmtheit gesetzt, er ist seiendes Anderssein. Die endliche Reflexion bleibt einerseits bei diesem Unmittelbaren stehen, entfernt die Formeinheit davon und läßt es in anderer Rücksicht Ursache und in anderer Wirkung sein; andererseits verlegt sie die Formeinheit in das Unendliche und drückt durch das perennierende Fortgehen ihre Ohnmacht aus, sie erreichen und festhalten zu können.«170

Anhand der Formunterschiede, die sich selbst als bestimmte gegeneinander verhalten, aber zudem einer äußerlichen Bestimmtheit als identischer Grundlage bedürfen, versetzt sich die Kausalität in Selbstäußerlichkeit oder veräußert sich WdL II, S. 230 f.; GW 11, S. 402. WdL II, S. 231; GW 11, S. 402 f.

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vielmehr gegen sich selbst. Die Ursprungsbestimmung erweist sich als das, was durch den Kausalprozess in seiner Bestimmtheit wiederhergestellt wird. Das Ursprüngliche ist selbst Gesetztsein oder Wirkung (als sich zur Unmittelbarkeit wiederbestimmend), aber, und das ist hier entscheidend, dieses Gesetztsein als die wieder zur Ruhe gekommene Anfangsäußerlichkeit kommt nur durch das gegen sich gehende und damit sich selbst aufhebende, sich entfernende oder selbstreduzierende Gesetztsein zustande. Die Eigentümlichkeit des sich realisierenden bestimmten Kausalitätsverhältnisses besteht darin, dass hier die Logizität eine komplexe sich auf sich beziehende Negativität impliziert, die sich selbst in ihrem Resultat so zum Verschwinden bringt, dass die Bestimmtheit und die Negativität wieder nur als einfache oder erste Negation erscheint. Die Identität ist nur als Rückkehr zur Unmittelbarkeit oder als das rückkehrende Unmittelbare in der verschwindenden Negativität des Wesens, aber sie ist nicht Identität in der bestehenden (und nur hierin substantiellen) Negativität des Wesens, so dass die Rückkehr selbst kein Bestehen haben kann, sondern sich nur seiend oder dem identischen Substrat nach gegen sich abstößt. Die Identität des Substrats katapultiert sich aus sich heraus, wodurch stets ein neues Substrat erforderlich wird, welches aber wiederum daran scheitert, eine genuin wesenhafte Rückkehr zustande zu bringen. Der Widerspruch als am »seienden Substrat«171 sich vollziehend, führt nicht zu einer wesensgemäßen Auflösung, er löst sich nur insofern, als die Auflösung an andere Substrate verschoben oder delegiert wird. Dort setzt sich die Verschiebung aber nur weiter fort und der Prozess wiederholt sich (für die Vorstellung unaufhörlich) hinein ins schlecht Unendliche. Die Ursache als bestimmtes Moment in einem Bestimmtheitsgefüge, das einerseits das kausale Auseinander und zugleich das Zueinander anhand einer äußerlichen Identität gewährleistet, ist zwar wirkend gegen oder auf eine Wirkung hin, aber im selben Vollzug so negativ gesetzt, dass ihr Identitätsmoment an ihr selbst wieder veräußert ist. So kann sie sich als Ursache nur vollziehen, indem sie selbst verursacht ist und sich von dieser Seite her als Wirkung zeigt. Diese Ursache ist aber wieder verursacht usf. Die gesamte Kausalbewegung veräußert sich so gegen sich selbst, weil die Rückkehr zur abstrakten Ursprünglichkeit ein Wiedererzeugen von Unmittelbarkeit ist, die ihre negativ sich auf sich beziehende Vermittlung wieder zur einfachen oder ersten Bestimmtheit degradiert hat. So erscheint nur ein »seiendes Anderssein«,172 worin sich die Formunterschiede in einer zunächst nur perennierenden Tradierung stets neu an Substraten und in deren Substantiierung unmittelbar formieren. Jedenfalls scheint diese Unmittelbarkeit als Ursprüngliches 171

WdL II, S. 231; GW 11, S. 402. WdL II, S. 231; GW 11, S. 403.

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auf, wogegen die Scheinbewegung des Wesens nach Rücksichten ausgelagert ist, die aber immanent von der Bestimmtheit als solcher erzwungen werden. Die absolute Form ist in eine Selbstveräußerung gegen sich gekehrt, stößt sich aber immer wieder in eine Unmittelbarkeit ab, deren Vermittlung sich wieder hinein in eine neue (ebenso äußerliche) Unmittelbarkeit zum Verschwinden bringt. Die Formunterschiede brauchen so immer wieder ihre Absicherung durch andere Formunterschiede, die aber ihrerseits wieder von einer Vermittlung abhängig sind, die zwar Reflexion-in-sich ist, durch welche aber gerade hierin wieder ein äußerlich seiend Unmittelbares resultiert. Die Bestimmtheit gerät so außer sich, denn sie ist noch nicht »als Bestimmtheit gesetzt«173 und erreicht also hier nicht das, »was die Bestimmtheit in Wahrheit ist, negative Beziehung auf sich selbst«,174 worin sie in und durch Negativität ist. Es gelingt keine Fixierung der Bestimmtheit, kein Bestimmen der Bestimmtheit, was dann schon Vereinzelung bedeuten würde. Die Ursache tendiert zwar zu dieser Vereinzelung, weil sie durchaus eine bestimmte Bestimmtheit gegen eine Bestimmtheit formieren kann, aber es ist gerade diese Entgegnung, worin sich die Bestimmtheit wieder veräußert und als solche abermals einer Neubestimmung unterliegt. Diese Neubestimmung ist dabei nichts anderes als die erneute Auslagerung in eine nur substrathafte Bestimmtheit, die sich wieder nur so substantiiert, dass sie nicht die Totalität der Bestimmtheit in die Selbstrückkehr zwingen kann. Das Rückkehren ereignet sich nur im sich aufhebenden Gesetztsein, wodurch sich die Kausalität nur wieder hinein in eine Unmittelbarkeit, ins abstrakt Ursprüngliche, aufhebt. Die Kausalität geht so unter, hebt aber auch wieder an, so dass sie, spekulativ gesehen, schon ihr eigenes Äußeres ist, die Entgegnung jedoch nur in einer sich ins schlecht Unendliche veräußernden Identität liegt. – Die Formunterschiede regre­dieren so sukzessive gegen ihre eigene Einheit, die aber anhand der anders­ gearteten Rücksichten unerreichbar gehalten ist. Die äußerlich reflektierende Vorstellung hält dies für einen Allerweltsvorgang, obwohl sie weit davon entfernt ist, einzusehen, welch komplexe Logizität dabei obwaltet. Sie hält sich für eine Instanz, die nur einen Blick auf die kausalen Vorgänge wirft und diese untersucht oder erforscht. Ihre eigene Äußerlichkeit ist jedoch ein immanentes Moment der Kausalität selbst, in welcher durch den unendlichen Regress diese Selbstäußerlichkeit noch verborgen ist. Mit dem Blick auf die Gegenläufigkeit der regredierenden Wirkungen wird nun noch klarer, wie dieser »Mechanismus«175 der sich selbst gegen sich abstoßenden Äußerlichkeit den stetigen Übergang auf andere Substrate, die sich zugleich als Substanzen verhalten, impliziert: Ebd. WdL II, S. 217; GW 11, S. 392. 175 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 173 174

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»Mit der Wirkung ist es unmittelbar der nämliche Fall, oder vielmehr der unendliche Progreß von Wirkung zu Wirkung ist ganz und [gar] dasselbe, was der Regreß von Ursache zu Ursache ist. In diesem wurde die Ursache zur Wirkung, welche wieder eine andere Ursache hat; ebenso wird umgekehrt die Wirkung zur Ursache, die wieder eine andere Wirkung hat. – Die betrachtete bestimmte Ursache fängt von einer Äußerlichkeit an und kehrt in ihrer Wirkung nicht als Ursache in sich zurück, sondern verliert vielmehr die Kausalität darin. Aber umgekehrt kommt die Wirkung an ein Substrat, welches Substanz, ursprünglich sich auf sich beziehendes Bestehen ist; an ihm wird daher dies Gesetztsein zum Gesetztsein; d. h. diese Substanz, indem eine Wirkung in ihr gesetzt wird, verhält sich als Ursache. Aber jene erste Wirkung, das Gesetztsein, das an sie äußerlich kommt, ist ein Anderes als die zweite, die von ihr hervorgebracht wird; denn diese zweite ist bestimmt als ihre Reflexion-in-sich, jene aber als eine Äußerlichkeit an ihr. – Aber weil die Kausalität hier die sich selbst äußerliche Ursächlichkeit ist, so kehrt sie auch ebensosehr in ihrer Wirkung nicht in sich zurück, wird sich darin äußerlich, – ihre Wirkung wird wieder Gesetztsein an einem Substrate, als einer anderen Substanz, die aber ebenso es zum Gesetztsein macht oder sich als Ursache manifestiert, ihre Wirkung wieder von sich abstößt und so fort in das Schlecht-Unendliche.«176

Die Ursache-Wirkungs-Beziehung an einer Bestimmtheit, die in Bezug auf die Formunterschiede wieder nach Bestimmtheiten differenziert ist, zieht die Bestimmungen der Ursachen und der Wirkungen ebenso auseinander. Hier spricht Hegel dezidiert von einer ersten und einer zweiten Wirkung, dem entspricht auch eine erste und zweite Ursache. In diesem Zusammenhang ist die erste Ursache jene, die an einem bestimmten Substrat die verursachende Substantiierung auslöst. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass die äußerliche Unmittelbarkeit des Substrats auch als Kausalität und daher substantiell bestimmt ist, jedoch als eine schon zur Identität aufgehobene Kausalität, die eben nur die abstrakte Ursprünglichkeit darstellt. Die Setzungsbewegung vollzieht sich dann, spekulativ gesehen, gleichzeitig mit dem Schritt zum Inhalt, wodurch der Sache nach erst das Substrat auftaucht und auch die Formunterschiede erst in die Bestimmtheit als solche eintreten. Damit kommt die Kausalität als jener Prozess in Gang, der auch von der Vorstellung in erster Linie in den Blick genommen wird, d. i. die Wirkungsbeziehung von Dingen untereinander oder gegeneinander. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung ist dabei aufgespalten in eine Übertragungsbewegung von Substraten zu Substraten, also von Dingen zu anderen Dingen, die aber als kausal zugleich als Substanzen zu betrachten sind. Wir werden sehen, wie sich die Bestimmung des Substrats so logisch fortbestimmt, dass sich dieses Auch (von Substrat und Substanz) schließlich völlig verliert. Noch aber ist es so, dass 176

WdL II, S. 231 f.; GW 11, S. 403.

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die genannte erste Ursache vollkommen abhängig ist von einer zweiten Ursache, die notgedrungen an einem anderen Substrat vorkommt, dort zugleich Wirkung ist, aber ebenso das tatsächliche Verursachen der ersten Ursache gewährleisten soll. Darin besteht der Regress von Ursache zu Ursache, der nun im Progress von Wirkung zu Wirkung nochmals logisch aufgeschlüsselt wird. Die von der ersten Ursache zustande gebrachte Wirkung lässt sich einerseits als die Wiederherstellung von Unmittelbarkeit und damit als Herstellung von aufgehobener Kausalität begreifen. Diese Aufhebung mündet aber in eine Unmittelbarkeit, an deren Äußerlichkeit die Kausalität wieder gesetzt ist. Damit ist diese Wirkung zugleich jene »erste Wirkung«,177 die in ihrer spezifischen Bestimmtheit auch an dem zustande gekommenen Substrat, also an dem anderen Ding, festzumachen ist. In ihm wird das Gesetztsein, welches dieses Ding in seiner unmittelbaren Äußerlichkeit darstellt, zum Gesetztsein, und zwar zum Gesetztsein der Kausalität an diesem Ding. Das nur ansichseiende Gesetztsein wird also gesetzt und expliziert sich selbst als Gesetztsein, was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass sich hierdurch das Ding ursächlich verhält. Es beweist damit, zwar Substrat, aber eben hierin ebenso Substanz zu sein. In dieser Ursächlichkeit ist wieder eine Wirkung gesetzt, aber dies ist die an dem neuen Ding hervorgebrachte. Sie lässt sich als zweite Wirkung titulieren, denn ihre Bestimmung besteht nicht in der Äußerlichkeit per se, sondern darin, die Reflexion der ersten Ursache in sich zu sein. Dennoch, und dies führt zur Fortsetzung der Progression, ist diese Wirkung nicht darauf beschränkt, nur Bestimmtheit an demselben Ding zu sein (das wäre, gemäß dem oben sehr detailliert dargelegten Beispiel, die bloße Deformation des Steines, abgesehen vom Zerbersten der Fensterscheibe), sondern ebenso wieder die Wirkung an einem anderen Ding »als einer anderen Substanz«,178 insofern sich diese (also im Beispiel die Fensterscheibe) wieder ursächlich verhält (und beispielsweise anhand der Scherben den Boden beschädigt). Obwohl also die zweite Wirkung eine andere Bestimmung hat als die erste, stellt sich dennoch wieder Äußerlichkeit ein, die nichts anderes ist als das Indiz für die misslingende negative Rückkehr im Gesetztsein selbst. So könnte es nun so aussehen, als würde sich die Kausalität in der Sackgasse einer regressiv-progressiven Unendlichkeit verlaufen. Aber schon im Rückblick auf das bisher Erreichte deutet sich an, dass diese Bewegung nicht bloß gegen stetig Anderes geht, sondern in der Äußerlichkeit und als Äußerliches gegen sich selbst. Achten wir also genau darauf, wie diese Konsequenz aus dem spekulativen Rückblick gezogen wird:

WdL II, S. 232; GW 11, S. 403. Ebd.

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»3. Es ist nun zu sehen, was durch die Bewegung des bestimmten Kausalitätsverhältnisses geworden ist. – Die formelle Kausalität erlischt in der Wirkung; dadurch ist das Identische dieser beiden Momente geworden; aber damit nur als an sich die Einheit von Ursache und Wirkung, woran die Formbeziehung äußerlich ist. – Dies Identische ist dadurch auch unmittelbar nach den beiden Bestimmungen der Unmittelbarkeit, erstens als Ansichsein, ein Inhalt, an dem die Kausalität sich äußerlich verläuft, zweitens als ein existierendes Substrat, dem die Ursache und die Wirkung inhärieren als unterschiedene Formbestimmungen. Diese sind darin an sich eins, aber jede ist um dieses Ansichseins oder der Äußerlichkeit der Form willen sich selbst äußerlich, somit in ihrer Einheit mit der anderen auch als andere gegen sie bestimmt. Daher hat zwar die Ursache eine Wirkung und ist zugleich selbst Wirkung, und die Wirkung hat nicht nur eine Ursache, sondern ist auch selbst Ursache. Aber die Wirkung, welche die Ursache hat, und die Wirkung, die sie ist – ebenso die Ursache, welche die Wirkung hat, und die Ursache, die sie ist –, sind verschieden. Durch die Bewegung des bestimmten Kausalitätsverhältnisses ist aber nun dies geworden, daß die Ursache nicht nur in der Wirkung erlischt und damit auch die Wirkung, wie in der formellen Kausalität, sondern daß die Ursache in ihrem Erlöschen, in der Wirkung wieder wird, daß die Wirkung in der Ursache verschwindet, aber in ihr ebenso wieder wird. Jede dieser Bestimmungen hebt sich in ihrem Setzen auf und setzt sich in ihrem Aufheben; es ist nicht ein äußerliches Übergehen der Kausalität von einem Substrat an ein anderes vorhanden, sondern dies Anderswerden derselben ist zugleich ihr eigenes Setzen. Die Kausalität setzt also sich selbst voraus oder bedingt sich. Die vorher nur ansichseiende Identität, das Substrat, ist daher nunmehr bestimmt als Voraussetzung oder gesetzt gegen die wirkende Kausalität, und die vorhin dem Identischen nur äußerliche Reflexion steht nun im Verhältnisse zu demselben.«179

Der erste Absatz des dritten Punktes enthält eine sehr klare und aufgrund unserer Interpretation gut nachvollziehbare spekulativ-komprimierte Zusammenfassung, welche die Bewegung vom Ende der formellen Kausalität bis hin zum jetzigen Status wiedergibt. Es wird dabei insbesondere auf die Unmittelbarkeit abgehoben, wodurch die sich einstellende Identität am Ende der formellen Kausalität in ihrem Gewordensein hervorgehoben und auch das Charakteristische dieser Unmittelbarkeit in ihrem Auftauchen in der sich konkretisierenden spekulativen Bewegung nach ihrer Funktion als Ansichsein und als Substrat festgehalten wird. Dieses Ansichsein markiert zunächst den Inhalt, es steht aber auch für die reale und zugleich notwendige Möglichkeit der sich weiter (in und an neuen Inhalten) fortsetzenden Kausalität, die nur so in der sich stetig wie179

WdL II, S. 232 f.; GW 11, S. 404.

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derherstellenden Unmittelbarkeit untergeht, dass sie zugleich darin wieder anhebt. Damit fungiert die Unmittelbarkeit, die das sich identisch Kontinuierende darstellt, woran die sich gegeneinander vermittelnden Formunterschiede ihr Bestehen und ihre jeweils eigene inhaltliche Identitätsbestimmung haben, als »existierendes Substrat«,180 d. h. als dinglich ausgeprägte Grundlage, deren Ansichsein im Kausalvorgang als Substanz gesetzt ist. Dieses Substrat enthält dabei den Widerspruch, am kausalen Gesamtvorgang zwar beteiligt, aber dennoch an der gesetzten Kausalität unbeteiligt zu sein. Es enthält zudem die Einheit der Formunterschiede, lässt sie an sich eins sein, und führt dennoch zur gesetzten Äußerlichkeit der Kausalität gegen sich selbst. Es gilt also zu betrachten, welche Konsequenzen der einheitliche Widerspruch der Selbstäußerlichkeit nach sich zieht. An sich ist spekulativ schon klar, dass der unendliche Regress ohnehin nur der Ausdruck für den unaufgelösten und sich nur stetig verschiebenden Widerspruch ist. Wie löst sich jedoch dieser Widerspruch und was löst er im Gefüge der Kausalität aus? Wenn wir genau hinsehen, werden wir erkennen, dass Ursache und Wirkung sich vollkommen ineinander fügen, aber hierin zugleich wieder so gegeneinander abgestoßen sind, dass diese Abstoßung nur in und durch ein Äußerliches ausgelagert wird. Das Ausgelagerte ist das unmittelbare Substrat (sowie die hieran Rücksichten nehmende äußerliche Reflexion) und die gesetzte Substantialität, sofern die Bewegung nur die Übertragung auf stetig andere Substanzen impliziert. Beides, die Unmittelbarkeit und das Gesetztsein verdanken sich einem Setzungsprozess, der einerseits so genommen werden kann, dass die Kausalität selbst nur das Symptom für diesen Setzungsprozess ist, oder andererseits so zu nehmen ist, dass die Kausalität an ihr selbst dieses Setzen hervorruft. Wie es sich aber gezeigt hat, ist dies Setzen präsent, aber eben nur so, dass es die Äußerlichkeit nicht tilgt, sie im Gegenteil ins Setzen selbst hineinzieht. Damit ist es nicht nur ein Äußerliches, woran sie leidet, sondern vielmehr ihr Äußerliches, das sie setzt, und zwar als Voraus-Setzung (sic) gegen sich selbst. Wie wir auch immer das abwechselnde Zueinander der Formunterschiede bestimmen, so liegt in deren Bewegung die Aufhebung der Regressivität bzw. Progressivität schon beschlossen. Bezüglich der Ursache erlischt zwar in ihr als Ursache die Wirkung, aber sie bringt sie ebenso wieder hervor, und die Wirkung verschwindet zwar als Wirkung in der Ursache, aber diese bringt sie ebenso wieder hervor. »Jede dieser Bestimmungen hebt sich in ihrem Setzen auf und setzt sich in ihrem Aufheben;«181 es ist nur eine setzende Aufhebungsbewegung gegen sich. Warum vereinigen sich die Formunterschiede dennoch nicht ganz und gar? Ihr Zueinander ist abhängig von der Äußerlichkeit, die jedoch nun, in der ab WdL II, S. 232; GW 11, S. 404. WdL II, S. 233; GW 11, S. 404.

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laufenden Kausalbewegung, sich erweist, als Grundlage nicht bloß unmittelbar zu existieren, sondern in ihrer Äußerlichkeit allererst von der Kausalität gesetzt zu werden. Das Substratartige oder das Substratmäßige (welches der bestimmten Kausalbeziehung ein immanentes und inhaltliches Maß gibt) kann sich in seiner Bezogenheit nicht als unbeteiligt erhalten, wird vielmehr von der Setzungsbewegung in seiner Unmittelbarkeit tangiert, ohne jedoch seinen Unmittelbarkeitscharakter bzw. seine Grundlagenfunktion ganz zu verlieren. Die Vielheit der andersgearteten Substrate ist jedoch einheitlicher Bezugspunkt der an sich einheitlichen Formunterschiede. Dieses werdende Anderssein ist zugleich nur Gesetztsein, gesetzt aber als das Ungesetzte, das der Setzungsbewegung als Voraussetzung dient. In diesem Dienen liegt auch schon die Konnotation der (gleich aufkommenden) Passivität und ebenso jene der daraus potentiell sich entwickelnden Aktivität, die womöglich der Passivität nicht völlig fremd bleiben wird. Vorläufig aber ist das Andere der setzenden Kausalität ihr Anderes, ihr Äußerliches, das sie sich zum eigenen Substrat macht. Dass dies auch die Substantialität betrifft, welche ebenso zum entgegen Gesetzten avanciert, ist der Schritt, welcher schon das Verlassen des bestimmten Kausalitätsverhältnisses markiert. Jedenfalls ist hier nicht mehr »ein äußerliches Übergehen der Kausalität von einem Substrat an ein anderes vorhanden, sondern dies Anderswerden derselben ist zugleich ihr eigenes Setzen.«182 Somit setzt sich die Kausalität ihre Äußerlichkeit selbst, welche damit zugleich zu ihrem eigenen Kausalfaktor wird, und zwar der nur setzenden Kausalität als Voraussetzung (d. h. als das ins äußerliche Voraus gesetzte) entgegen. Die Kausalität macht sich zu ihrer eigenen Bedingung, also zu dem, was als Äußerliches vorliegen muss, um die Kausalität selbst ins Wirken zu bringen. Im setzenden Tun auf das Vorausgesetzte wirkt sie damit schon auf sich selbst, aber so, dass sie im Wirken ihre Äußerlichkeit oder ihr Anderes zugleich erhält. Das Ansichsein des Substrats wird als an sich gesetzt, so dass es im Gesetztwerden zwar an sich (aber noch nicht als gesetzt) seine Unmittelbarkeit verliert, aber das Gesetzte zugleich den Status des Ansichseins behält. Außerdem wird es im bedingenden Setzen selbst so identisch gesetzt, dass es trotz seines Gesetztseins oder in seinem Gesetztsein dennoch substantielle Selbständigkeit besitzt. Die gesamte äußerliche Reflexion, deren in der Sache angelegter Verankerungssitz im Identischen des Substrats manifestiert ist, wird zum kausalen Verhältnisfaktor, bleibt also nicht veräußerte äußerliche Reflexion, sondern ist immanente Reflexion als äußere Kausalentgegnung zur wirkenden Kausalität. Der Wirkprozess geht damit in einen entgegnenden Prozess gegen sich, das Wirken setzt sich die ihr angemessene Entgegnung als eigene und eigenständige Bedingung voraus. – Die diesbezügliche Dynamik entfaltet sich nun im dritten Unter182

Ebd.

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abschnitt zum zweiten Unterkapitel des absoluten Verhältnisses, überschrieben mit ›c. Wirkung und Gegenwirkung‹: 2.4.3 Wirkung und Gegenwirkung »Die Kausalität ist voraussetzendes Tun. Die Ursache ist bedingt; sie ist die negative Beziehung auf sich als vorausgesetztes, als äußerliches Anderes, welches an sich, aber nur an sich die Kausalität selbst ist. Es ist, wie sich ergeben hat, die substantielle Identität, in welche die formelle Kausalität übergeht, die sich nunmehr gegen dieselbe als ihr Negatives bestimmt hat. Oder es ist dasselbe, was die Substanz des Kausalitätsverhältnisses [ist], aber welcher die Macht der Akzidentalität als selbst substantielle Tätigkeit gegenübersteht. – Es ist die passive Substanz. – Passiv ist das Unmittelbare oder Ansichseiende, das nicht auch für sich ist, – das reine Sein oder das Wesen, das nur in dieser Bestimmtheit der abstrakten Identität mit sich ist. – Der passiven steht die als negativ sich auf sich beziehende, die wirkende Substanz gegenüber. Sie ist die Ursache, insofern sie sich in der bestimmten Kausalität durch die Negation ihrer selbst aus der Wirkung wiederhergestellt hat, [ein Anderes,] das in seinem Anderssein oder als Unmittelbares sich wesentlich als setzend verhält und durch seine Negation sich mit sich vermittelt. Die Kausalität hat deswegen hier kein Substrat mehr, dem sie inhärierte, und ist nicht Formbestimmung gegen diese Identität, sondern selbst die Substanz, oder das Ursprüngliche ist nur die Kausalität. – Das Substrat ist die passive Substanz, die sie sich vorausgesetzt hat.«183

Das Resultat des bestimmten Kausalitätsverhältnisses erweist die Ursache als selbstbezüglich. Dieser Umstand ist ziemlich leicht zu detektieren, freut aber sicherlich all jene Interpreten, für welche die kategorielle Selbstbezüglichkeit ein immens wichtiges Signum des dialektisch Logischen überhaupt ist. Leider ist damit sehr wenig gewonnen und die Charakterisierungen dieser Selbstbezüglichkeit führen in den meisten Fällen noch weiter von einem adäquaten Verständnis der spekulativen Logik weg. Auch im vorliegenden Fall richten wir mit dieser Zugangsweise, die sich vornehmlich auf die Frage der Selbstbezüglichkeit konzentriert, ganz wenig aus. Es gilt vielmehr das Spezifische dieser logischen Konstellation zu erkennen, wobei die Betonung der Selbstbezüglichkeit kaum förderlich ist und sogar eher dazu angetan ist, vielfältige Missverständnisse und Seichtigkeiten entstehen zu lassen. Dennoch ist das Konstatieren der Beziehung der Ursache auf sich selbst nicht falsch. Worin besteht sie jedoch und warum ist die Setzung eines derartigen interpretatorischen Schwerpunkts sogar kontraproduktiv? 183

WdL II, S. 233 f.; GW 11, S. 404 f.

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Blicken wir erneut genau auf die Sache selbst! Wie bezieht sich die Ursache auf sich? Wiederum ergibt die richtige Antwort hierauf nur eine Allerweltseinsicht, die als solche keinen interpretatorischen Fortschritt nach sich zieht. Die Beziehung der Ursache auf sich ist negative Beziehung auf sich. – Es kommt aber nun alles darauf an, die spezifische Ausprägung dieser Negativität genau zu fassen und zu verstehen. Die Ursache bzw. die Kausalität überhaupt ist voraussetzend gegen sich. Dies ist Resultat der fortschreitenden bestimmten Kausalität, die in der Prozessualität des Wirkens sich an verschiedenen Substraten so verläuft, dass sich in deren Substantialität die (der Vorstellung viel eher fassliche) Linearität der Progression nur als ein aufhebendes Setzen und setzendes Aufheben der Formbestimmungen erweist. So tritt schließlich das prinzipielle »Anderswerden«184 als lediglich durch die Kausalität selbst gesetzt zu Tage. Das »Übergehen der Kausalität von einem Substrat an ein anderes«185 ist Ausformung einer Seinsbewegung, die der Wesensbewegung eine Grundlage bietet, jedoch hierin gerade keinen einheitlichen Vollzug zustande bringt. Die Uneinheitlichkeit liegt nun aber nicht an einer ins Äußerliche gezwungenen Kausalität, sie ist vielmehr Manifestation einer Kausalität, die sich selbst gegenüber äußerlich geworden ist. Damit stellt sie an sich die Einheit und in gewisser Weise auch ihre Ursprünglichkeit wieder her, das Ansichsein bleibt jedoch prinzipiell aufrecht. Im kausalen Setzen setzt sie das ihr Negative so, dass in ihrer ansichseienden absoluten Negativität das Negieren als solches wiederum negiert ist. Die substrathafte Veränderung oder die substantielle Veränderung an sich ablösenden Substraten stellt einen negativen Prozess dar, der, wenn er als gesetzt erkannt wird, sich zwar in ein Negatives zusammennimmt, aber hierbei das identische Unmittelbare im Prozess des Setzens selbst zum Austrag bringt. So zeigt sich und manifestiert sich im Setzen ebenso das Voraussetzen. Das sich nur in die äußerliche Progression Verlaufende ist vielmehr ein Setzen des Äußerlichen als eigene Äußerlichkeit gegen sich und die der Negativität eingeschriebene Negierung des Negativen als solchen betrifft die Kausalität selbst. Freilich ist dieses Voraussetzen nicht mehr so rein wie in der sich weiter bestimmenden reinen absoluten Reflexion, wo es sich schon in der setzenden Reflexion einstellt und in der äußeren Reflexion noch expliziter auftritt. Dennoch gehört zum Voraussetzen immer die »Negation des Negativen als des Negativen«,186 worin die Unmittelbarkeit als bloßes Gesetztsein dem Setzen wieder negativ (aber ebenso rein reflexiv) entgegengestellt wird. Schreitet dann die Reflexivität zur Reflexion des Vorausgesetzten in sich fort, wird das Unmit WdL II, S. 233; GW 11, S. 404. Ebd. 186 WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. 184 185

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telbare im aufhebenden Setzen immer noch so negiert, dass die Reflexion »im Negieren das Negieren dieses ihres Negierens«187 ist. Das ist nur die immanente (aber dem Charakter nach gleichbleibende) Fortentwicklung und Verschärfung des (mit dem Setzen ursprünglich gleichwertigen) Voraussetzens hinein in die Voraussetzungsdynamik der äußeren und damit sich äußerlichen Reflexion. Die Kausalität zeigt in ihrem Wirken wieder diesen Zug, aber sie hat sich auch konkretisiert, weil dem Unmittelbaren bereits eine inhaltliche Entfaltung (in den substantiierten Substraten) im Rücken liegt. Darüber hinaus ist das Identische des Unmittelbaren eben jene »substantielle Identität«,188 die schon allein dadurch zum Kausalfaktor geworden ist, weil sie sich als Resultat der formellen Kausalität eingestellt hat. Nun aber fungiert sie nicht bloß als Inhalt, woran sich die Formbeziehung äußerlich verläuft, sie ist vielmehr durch den Prozess des bestimmten Kausalitätsverhältnisses der ansichseiende kausale Gegenpol zur setzenden Ursächlichkeit. Die Veränderung, die den Kausalvorgang nicht mehr zur Ruhe kommen lässt (bzw. diese »Ruhe«189 genau genommen nur mehr als einen sich immer wieder aufhebenden Zwischenschritt enthält), ist Veränderlichkeit des Setzens gegen sich, so ist es im Vollzug des Setzens ebenso Voraussetzen und beinhaltet nur mehr das aus der Negativität heraus sich auftuende Unmittelbarkeitsmoment, dessen einstige äußerliche substratartige Inhaltlichkeit völlig in die kausale Formierung eingegangen ist. Der Inhalt ist nicht verschwunden, aber aufgelöst in die Selbstäußerlichkeit der Form, die das immanente Ansichsein tradiert und es daher als Bedingung in substantieller Gegenüberstellung enthält. Die sich veräußert habende ganze Form ist ebenso ganze Substanz, aber sie hebt sich negativ ab von ihrem Ansichsein, das zugleich nur ein Gesetztsein, also ein Vorausgesetztsein (sic) ist. Der substantiellen Ursächlichkeit steht das substantielle Ansichsein als das (ins bedingende Voraus) Gesetzte gegenüber. So kommt ihr die »Macht der Akzidentalität als selbst substantielle Tätigkeit«190 in der Voraussetzungsbewegung entgegen. Dabei ist das Signum des kausal Vorausgesetzten in seiner Substantialität die Passivität: »Es ist die passive Substanz.«191 Das Passivische ist von Haus aus Beziehung auf das aktive Moment, ist kein Losgelöstes, aber dennoch ein Selbständiges in der eigentümlichen Konstellation eines Gesetztseins im Status des Ansichseins. Es besitzt Eigenständigkeit, welche jedoch zugleich nur gesetzt ist, und zwar so, dass es Ansichsein und bedingende Grundlage des Aktiven ist. Es stellt also durchaus das Ansichsein des Aktiven 189 190 191 187

188

WdL II, S. 29; GW 11, S. 253. WdL II, S. 233; GW 11, S. 404. WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. WdL II, S. 233; GW 11, S. 404. WdL II, S. 233; GW 11, S. 405.

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dar, wird aber als ein Gleichgültiges (als ein in gleicher Weise Gültiges) negativ gesetzt bzw. vorausgesetzt. Sehr deutlich wurde diese negative setzend-voraussetzende Bezugnahme schon (im absoluten Grund) bei der Bestimmung der Materie, wobei dort (in ›b. Form und Materie‹) die Form als solche das aktive Moment ausgemacht hat: »Die Materie, das als gleichgültig Bestimmte, ist das Passive gegen die Form als Tätiges. Diese ist als das sich auf sich beziehende Negative der Widerspruch in sich selbst, das sich Auflösende, sich von sich Abstoßende und Bestimmende. Sie bezieht sich auf die Materie, und sie ist gesetzt, sich auf dies ihr Bestehen als auf ein Anderes zu beziehen. Die Materie hingegen ist gesetzt, sich nur auf sich selbst zu beziehen und gleichgültig gegen Anderes zu sein; aber sie bezieht sich an sich auf die Form, denn sie enthält die aufgehobene Negativität und ist nur Materie durch diese Bestimmung. Sie bezieht sich auf sie nur darum als auf ein Anderes, weil die Form nicht an ihr gesetzt, weil sie dieselbe nur an sich ist. Sie enthält die Form in sich verschlossen und ist die absolute Empfänglichkeit für sie, nur darum, weil sie dieselbe absolut in ihr hat, weil diese ihre an sich seiende Bestimmung ist.«192

Eine weitere prägnante Station dieses voraussetzend ausgelagerten Ansichseins findet sich im Rahmen der Ausführungen zur Bedingung, wo anhand der Kategorie des Materials wiederum das Passivische hervortritt. Bedingung und Grund erweisen sich dort (in ›a. Das relativ Unbedingte‹) als gegeneinander vermittelte, aber ebenso als unbedingte gegeneinander. Im Fokus auf die relative Unbedingtheit ist das Passivische sogar so weit intensiviert, dass in der (nur äußerlichen) Beziehung für die Seite der Bedingung das Unbezogensein überwiegt und die Form, die auch dem Material nicht gänzlich abgesprochen werden kann, völlig unwesentlich ist: »Die beiden Seiten des Ganzen, Bedingung und Grund, sind also einerseits gleichgültige und unbedingte gegeneinander, – das eine als das Unbezogene, dem die Beziehung, in welcher es Bedingung ist, äußerlich ist, das andere als die Beziehung oder Form, für welche das bestimmte Dasein der Bedingung nur als Material ist, als ein Passives, dessen Form, die es für sich an ihm hat, eine unwesentliche ist.«193

Danach wird im Fokus auf die beiderseitige Vermittlung aufgewiesen, dass die Bedingung als Ansichsein des Grundes dessen Identität darstellt, welche aber zugleich aufgehoben ist. Somit kann dieses Ansichsein selbst wieder nur als gesetzt gelten, was zur Widersprüchlichkeit der Bedingung genuin dazugehört. 192 193

WdL II, S. 89 f.; GW 11, S. 298. WdL II, S. 115; GW 11, S. 316.

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Aber auch im Blick auf die Grundbeziehung als solche ist diese selbständig und voraussetzend, sodass auch hier das »Ansichsein außer sich«194 ist. Diese Aufspaltung nach Seiten hebt sich aber schlussendlich in das absolute Unbedingte auf, weil (in den ersten Absätzen von ›b.  Das absolute Unbedingte‹) dargelegt wird, wie das doppelte Auseinander nach Ansichsein und Gesetztsein ohnehin nur einer Einheit angehört, so dass »nur ein Ganzes der Form«195 und auch »nur ein Ganzes des Inhalts«196 vorhanden ist. Das »wahrhaft Unbedingte«197 als »die Sache an sich selbst«198 ist hiermit die Konsequenz aus dem konsequent gedachten gesetzten Ansichsein. Das wird in Bezug auf die Bedingung, die, wenn wir die Konsequenzen nicht richtig ziehen, auch nur im schlecht unendlichen Progress von sich stets weiter bedingenden Bedingungen stecken bleibt, als Konklusion kurz und bündig festgehalten: »Allein die Bedingung als solche ist darum ein Bedingtes, weil sie das gesetzte Ansichsein ist; sie ist daher im absolut Unbedingten aufgehoben.«199 Die weiteren Schritte bis zum Hervorgehen der Sache hinein in die Existenz müssen hier nicht rekapituliert werden, weil es für das Verstehen von Wirkung und Gegenwirkung nur darum zu tun ist, die Dynamik des gesetzten Ansichseins zu erkennen. Der Rückblick auf die Logizität von relativ und absolut Unbedingtem erlaubt zwar keinen Kurzschluss und kein Umlegen auf die bedingte Kausalität, aber das der Sache nach Charakteristische des gesetzten Ansichseins taucht in der Zuspitzung der Substantiierung nach einer passiven und einer aktiven Richtung wieder auf. Das Passive wird sich in seiner Beziehung auf das zunächst auf es Einwirkende in seiner ansichseienden, aber dennoch nur gesetzten Selbständigkeit hervortun. Dasjenige, was schon im Kontext der Bedingung gesetztes Ansichsein war, das schält sich in der bedingten Kausalität als bloße »Bestimmtheit des Ansichseins«200 heraus, darin kommt die für die Gewalt offene und sogar ihrer bedürftige passive Substantialität zu ihrer eigenen Bestimmung. Zunächst müssen wir jedoch die Kausalität als solche noch näher unter die Lupe nehmen. Die kausal wirkende Substanz ist nicht mehr bloß die einfache Ursache, sie ist vielmehr durch den Prozess der bestimmten Kausalität sich aus der Negativität und durch die Negativität wiederherstellende Ursache. Sie kehrt in der Negation, im Setzen der Wirkung, wieder auf sich zurück, beruhigt sich im Setzen zur Unmittelbarkeit, die aber eben hierin schon wieder selbst als setzend bestimmt ist. Demgegenüber ist das gegen diese wirkende Substanz Nega Ebd. WdL II, S. 117; GW 11, S. 317. 196 Ebd. 197 WdL II, S. 118; GW 11, S. 318. 198 Ebd. 199 Ebd. 200 WdL II, S. 235; GW 11, S. 406. 194 195

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tive aber auch nicht mehr bloß die einfache Wirkung, es ist vielmehr das Negative, welches sich in der sich auf sich beziehenden Negativität als das negierte Negative auftut, das ist das sich im und mit dem Setzen vollziehende Voraussetzen. Als Vorausgesetztes der ganzen Kausalität gegen sich ist es auch ganze Substanz, aber ist in seiner Selbständigkeit zugleich Gesetztsein oder gesetztes Ansichsein oder auch einfach passive Substanz. Hegel führt als immanente Beispiele das reine Sein oder auch das Wesen an, sofern sie »in dieser Bestimmtheit der abstrakten Identität mit sich«201 festgehalten werden. Je konsequenter diese Abstraktion aber fixiert wird, desto eher zeigt sie sich als sich aufhebend, als in der vollkommenen Passivität ebenso vollkommen in der Beziehung auf das Negative (d. h. auf die Tätigkeit, sogar des Logischen überhaupt) stehend. Somit zeigt es sein Ansichsein (dem in der Abstraktion das Fürsichsein fehlt) als die sich an ihm auswirkende Beziehung, als gesetztes Ansichsein oder als ursprüngliches Gesetztsein, worin letztendlich der Ursprung, das Ausgehen von sich so angelegt ist, dass es selbst noch in seiner äußersten Unmittelbarkeit in der Bestimmtheit steht. Die Thematik und Problematik des logischen Anfangens mit dem reinen Sein ist mit dieser Logizität eminent verbunden, was später noch eingehender behandelt werden soll. Zunächst gilt hier für die Kausalität, dass sie in der substantiell setzend-voraussetzenden Reflexion gegen sich zur Selbstursprünglichkeit gekommen ist, weil das, was noch als äußerliches Substrat übrig bleiben könnte, kein Inhärieren mehr implizieren kann, nur mehr Substrat gegen sich, vollständig in die Substantialität aufgelöstes Substrat sein kann, also passive Substanz. An dieser sehr wichtigen Stelle, an welcher sich die Bestimmung des Substrats prinzipiell wandelt, beginnt auch eine Wandlung im Grundlagenverständnis und im Verständnis dessen, was Kontinuierung und Kontinuierungsfähigkeit bedeuten kann. Ganz zu Beginn dieses Kapitels haben wir die Frage nach der Funktion des Substrats deutlich in den Vordergrund gestellt. Dabei haben wir gesehen, dass es logisch nicht ein bestimmtes Substrat geben kann, das sich vielleicht auch noch (was schon von ziemlicher Naivität zeugen würde) durch alle logischen Bestimmungen hindurchzieht. Solche schlechten Totalitätsphantasien lösen sich rasch auf, wenn man sich einmal die Mühe macht, die konkrete Komplexion des Logischen, an welcher Stelle auch immer, aufzuschlüsseln. Vielmehr haben wir im einleitenden Problemaufriss schon gesehen, dass die Bestimmung des Substrats Substratschleifen im Gesamtfortschritt zieht, Bewegungen, in welchen das Substrat mal kaum oder gar nicht auftaucht, dann aber wieder sich auf eine Weise hervortut, die einen grundsätzlicheren Einblick über größere Abschnitte hinweg erlaubt. Das Substrat der Einbildungskraft in der Reflexion als solcher hat dabei etwa eine ganz andere Stellung als das Substrat im vollständigen Grund. So auch, wenn wir das Substrat in der Maßlogik mit der 201

WdL II, S. 234; GW 11, S. 405.

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Funktion des Substrats im absoluten Verhältnis vergleichen wollten, wir ergingen uns in maßloser äußerlicher Reflexion. Dennoch steht das Substrat für eine Grund­lagendimension und für eine Weise des Kontinuierens, die, in welcher Ausprägung auch immer, eine gewisse Seinskomponente mit sich führt. Wir haben uns darauf eingelassen, das Substrat im Rahmen der Kausalität äußerst detailliert und akribisch in allen logischen Schritten genau zu untersuchen und so stellt es nun durchaus einen Einschnitt dar, wenn das äußerliche »Übergehen der Kausalität von einem Substrat an ein anderes«202 zu Ende geht. An diesem Scheidepunkt ändert sich auch die Grundlagendimension und wir ahnen, dass der Begriff als absolute Grundlage nicht mehr weit sein kann. Ebenso ahnen wir, dass die Grundlagendimension im und mit dem Begriff neu zu bestimmen sein wird. Um diese Bestimmung genau zu verstehen, ist es umso wichtiger, den nunmehr erreichten Wendepunkt im Gehalt des Substratartigen überhaupt genau nachzuvollziehen. Die passive Substanz übernimmt den Part des Substrats! Damit verliert sich schlagartig die am Dinglichen orientierte Substrathaftigkeit und so verliert sich auch eine jegliche Dingmetaphysik. Das ist ein Scheidepunkt für viele Philosopheme, welche sich hier auf die eine oder andere Seite zu stellen haben. Am Anfang des Kapitels habe ich diesbezüglich etwa auf Wittgenstein verwiesen, der von Haus aus nicht in die Falle der Dingmetaphysik getappt ist. Hierin folgt er Hegel, obwohl er freilich völlig andere philosophische Mittel einsetzt, um diese philosophische Einsicht zur Sprache zu bringen. Die Kausalität hat sich nun so weit fortbestimmt, dass sie zu ihrer eigenen Reflexion auf, gegen und in sich gekommen ist. Sie bedarf nicht mehr des Inhärierens und damit auch nicht mehr einer Identität, die nur äußerlich gegen die Formbeziehung gestellt bleibt. Die Formbeziehung ist aber Beziehung, worin das Setzen so substantiell voraussetzend ist, dass das Vorausgesetzte selbst Substanz ist. Diese schüttelt in ihrer substantiellen Selbständigkeit und in ihrem Ansichsein das Gesetztsein aber nicht ab, bleibt einbezogen in eine Beziehung, in welcher sie die substantiell identische Grundlage für das negative Formieren als solches darstellt. Damit übernimmt sie die Funktion des Substrats, aber bleibt Part der Formbeziehung, die in ihren Bezogenen ganze Form bleibt, wodurch keine weiter zu formierende Absetzung der Form gegen einen Inhalt vollzogen werden muss. Die Kausalität ist Vollzug der absoluten Form und zugleich vollständiger Inhalt, so dass wir formell auch sagen könnten, sie habe sich selbst zum Inhalt, ist das Ursprüngliche ihrer selbst. Diese Selbstbeinhaltung verführt aber viele Interpreten wiederum dazu, die Reflexion und die Selbstreflexivität über Gebühr in Anspruch zu nehmen. Das ist jedoch gerade deshalb nicht der Fall, weil die Dimension des Substrats nicht völlig verschwunden, ganz und gar nicht 202

WdL II, S. 233; GW 11, S. 404.

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getilgt ist. Die Abhebung gegen das Unmittelbare als Unmittelbares, obwohl es zugleich im Gefüge des Gesetztseins verortet ist, und das durch das Substrat bisher tradierte und intensivierte Seinsmoment als Indiz des sich Seinssinn verschaffenden Wesens bleiben aufrecht. Zunächst ist diese Komponente ganz in die passive Substanz zurückgedrängt, aber die substantielle Passivität ist selbst nur erst ihr Begriff, sie ist noch unentwickelt und auch nicht reines Gesetztsein. Das an ihr selbst Unmittelbare kann sich aber in ihrer ersten Setzung noch nicht als entfaltet zeigen. Was diese Entfaltung bewirkt und ob sie dieses Unmittelbare nur bewahrt, dies tritt erst zu Tage und erscheint erst in der Eigenreflexion der Kausalität. Der bisher nur beschriebene Status muss nun in seinem tatsächlichen Vollzug betrachtet werden. Was passiert also, wenn sich dieser kausale Status wirkend verhält? »Diese Ursache wirkt nun; denn sie ist die negative Macht auf sich selbst; zugleich ist sie ihr Vorausgesetztes; so wirkt sie auf sich als auf ein Anderes, auf die passive Substanz. – Somit hebt sie erstlich das Anderssein derselben auf und kehrt in ihr in sich zurück; zweitens bestimmt sie dieselbe, sie setzt dies Aufheben ihres Andersseins oder die Rückkehr in sich als eine Bestimmtheit. Dies Gesetztsein, weil es zugleich ihre Rückkehr in sich ist, ist zunächst ihre Wirkung. Aber umgekehrt, weil sie als voraussetzend sich selbst als ihr Anderes bestimmt, so setzt sie die Wirkung in der anderen, der passiven Substanz. – Oder weil die passive Substanz selbst das Gedoppelte ist, nämlich ein selbständiges Anderes und zugleich ein Vorausgesetztes und an sich schon mit der wirkenden Ursache Identisches, so ist das Wirken von dieser selbst ein Gedoppeltes; es ist beides in einem, das Aufheben ihres Bestimmtseins, nämlich ihrer Bedingung, oder das Aufheben der Selbständigkeit der passiven Substanz, – und daß sie ihre Identität mit derselben aufhebt, somit sich voraus oder als Anderes setzt. – Durch das letztere Moment wird die passive Substanz erhalten, jenes erste Aufheben derselben erscheint in Beziehung hierauf zugleich auch so, daß nur einige Bestimmungen an ihr aufgehoben werden und die Identität ihrer mit der ersten in der Wirkung äußerlich an ihr geschieht.«203

Die Macht der Ursache liegt nunmehr schon in ihrer Wiederherstellung aus der Negativität, die sie in der bestimmten Kausalität durchlaufen hat. Diese Macht manifestiert sich, indem sie wirkt. Sie wirkt aber nicht mehr auf ein durch ein Substrat Grundgelegtes, sie begegnet im Wirken nur ihrer eigenen Voraussetzung, die sich als ebenso substantiell bestimmt hat. So »wirkt sie auf sich als auf ein Anderes, auf die passive Substanz.«204 Im zunächst Veräußerten vollzieht sich einerseits eine Selbstbegegnung oder die Beziehung, insofern sie auf ihr substan203

WdL II, S. 234 f.; GW 11, S. 405. WdL II, S. 234; GW 11, S. 405.

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tiell Anderes geht, führt zur Aufhebung dieses Andersseins, denn sie trifft nur auf vollkommen Substantielles, kehrt in dieser Begegnung nur zu sich selbst zurück. Andererseits kreiert das sich vollziehende Rückkehren (die rückkehrende Bewegung), also das Zurückgeworfensein und Zurückgeworfenwerden auf sich, eine Bestimmtheit. Dem Identischen und der Identifizierung mit dem Substantiellen entgegen kommt auch eine bestimmte Abhebung, ein Gesetztsein, zustande. Die Ursache erzeugt damit zunächst eine bestimmte Wirkung an ihr selbst, sie bewirkt, dass sie sich selbst als ein Abgehobenes bestimmt. Der Aufhebung des Andersseins stellt sich die Setzung des Andersseins entgegen. Als das entstehende Negative ist zweiteres jenes Moment, das sich als »ihre Wirkung«205 einstellt, d. i. die eigene Wirkung an ihr selbst. Weil nun aber im Setzen des Andersseins zugleich das Anderssein des Vorausgesetzten forciert wird, so bleibt es nicht bei der Wirkung an ihr selbst. Sie ist ebenso Setzen der »Wirkung in der anderen, der passiven Substanz.«206 – Bevor wir darauf achten, was dies bewirkt, so kann daran erinnert werden, dass der eigenen Wirkung in der bestimmten Kausalität beispielsweise die Deformation (ein Kratzer oder dergleichen) am Stein entspricht. Die andere Wirkung wäre hingegen das Zerbersten der Fensterscheibe, wobei dies schon den Übergang an ein anderes Substrat impliziert. Da sich mit dem voraussetzenden Tun der Kausalität gegen sich dieses substratartige Übergehen aufgehoben hat, besteht nun die Herausforderung darin, die Wirkung auf das substantiell Andere, das hierin schon an sich mit dem Wirkenden identisch geworden ist, zu denken. Dieses Andere ist jedoch kein anderes Substrat, es ist nur die Substanz selbst in ihrem Substratcharakter gegen das substantiell auf sie Einwirkende. So ist es eben die dem Wirken ausgesetzte passive Substanz. – Was passiert nun mit der passiven Substanz, indem die Wirkung in sie gesetzt wird? Sie erfährt die ebenso gedoppelte Wirkung, weil sie in ihrer Substantialität einerseits ein »selbständiges Anderes«207 darstellt, aber andererseits »zugleich ein Vorausgesetztes«,208 ein genuin Einbezogenes (wesentlich in die identische Beziehung hereingenommen) ist. So hebt sich als Wirkung wiederum beides in einem auf, auf der einen Seite die Bestimmtheit, das Bestimmtsein gegen Anderes, womit sich auch die Selbständigkeit aufhebt und der Umstand, dass sie überhaupt negativ substantielle Bedingung ist. Dies führt in die Richtung des Identischen, zur Ineinssetzung mit dem Negativen. Aber auf der anderen Seite, nach der Richtung des beziehenden Vorausgesetztseins als dem schon Eingebundensein, ergibt die Wirkung das Aufheben dieser identischen Verbindung, so dass hiermit das Voraus als solches und das selbständige Anderssein geradezu wieder gesetzt wird. Ebd. Ebd. 207 Ebd. 208 Ebd. 205 206

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Diese gedoppelte Gegenläufigkeit ist einheitliche Wirkung, die dazu führt, dass es kein »ruhiges Hervorgehen«209 (die ursprünglich mächtige Bewegung) mehr geben kann, die Kausalität schon zur Notwendigkeit des Wirkens und Bewirktwerdens fortgegangen ist. Wir werden gleich sehen, dass dies terminologisch dem Schritt von der Macht zur Gewalt entspricht. Die Bemerkung am Ende des Absatzes verdient es noch, hervorgehoben zu werden. Die Aufrechterhaltung der passiven Substanz geht zurück auf die Richtung der sich aufhebenden Identität, die zur Setzung des Andersseins und zur Verselbständigung tendiert. Hierdurch kann sich die passive Substanz nicht einfach auflösen in eine gleichsam amorphe Identität, völlig einbezogen in die sich auf sich beziehende ursächliche Negativität. Vielmehr bleibt die Eigenständigkeit bewahrt, denn ohne diese würde das substantielle Voraussetzen (solange es voraussetzend ist) nur leerlaufen. Wenn das berücksichtigt wird, so führt auch die Gegenrichtung nicht zur völligen Aufhebung, sondern nur dazu, dass »einige Bestimmungen an ihr«210 aufgehoben werden. Außerdem kann damit keine reine Identität zustande kommen, vielmehr vollzieht sich das Identitätsmoment und das Identischsetzen nur äußerlich an der passiven Substanz, sie geht nicht gänzlich in die Identität ein, geht nicht in ihr völlig unter. Diese detaillierte und nuancierte logische Genauigkeit, die zu einer (für das Wesen ganz ungewöhnlichen) Konstatierung einer teilweisen Quantifizierung (in der Rede von einigen Bestimmungen) führt, lässt uns hier tiefgründiger bli­ cken. In der kausalen Reflexivität des Wirkens liegt ein Seinsmoment beschlossen, das dem Wesen die Reinheit nimmt, aber schon auf eine auftauchende Selbstbesonderung des Wesens vorverweist. In die Allgemeinheit der Reflexion ist bereits eine Besonderung und Besonderheit eingezeichnet. Das Sein ist damit nicht einmal mehr der Gegenspieler des Wesens oder dasjenige, was sich gegen das Wesen im Wesen intensiviert. Es ist vielmehr ins Wesen eingedrungen, ist eine Dimension, die aus der Perspektive des Wesens etwas Unwesentliches genuin im Wesen selbst verankert. Wenn wir weit nach vorn blicken, so entspricht die Rede von einigen Bestimmungen dem partikulären Urteil. Darin sind Allgemeinheit und Einzelheit auf spezifische Weise miteinander vermittelt. Wichtig dabei ist, dass die Totalität der Allgemeinheit nicht ganz auf das Einzelne durchschlagen kann, obwohl gerade das partikuläre Urteil diese Verbindung herstellen soll. Es gelingt aber nicht, weil die spezifische Allgemeinheit in den Einigen zwar vorkommt, aber sich nicht gänzlich in die Einzelnen kontinuiert. Das Einzelne als solches hat hier keinen Platz, es wird in den Einigen nur auf eine Weise aufsummiert, die den Einzelnen als solchen gar nicht gerecht werden kann. So kann das Subjekt des partikulären Urteils, wie Hegel extra betont, nicht »›Einige WdL II, S. 220; GW 11, S. 394. WdL II, S. 235; GW 11, S. 405.

209 210

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Caji‹«211 sein, denn »Cajus soll ein Einzelner als solcher sein.«212 Das Eigentüm­ liche besteht hier also darin, dass keine Begriffsdurchdringung aller Begriffs­ momente zueinander vorliegt, und im Wesen keine durchdringende Beziehung der reflektierten Bestimmungen aufeinander. Das Wesen wird so gebrochen in sich, d. h. dass in die absolute Tätigkeit der Reflexion die aus dem Substrat herrührende seinsbestimmte Passivität genuin eingedrungen ist. Die Kausalität kann sich nicht im reinen Wirken ergehen, ihr erwächst eine eigentümliche Gegenwirkung, die auch ein Seinsmotiv enthält. Wir werden sehen, dass das Wesen noch einmal (quasi mit letzter und aller Kraft) das Dritte gegen die Reflektierten ganz in die Reflexion wird ziehen können, aber zugleich wird es daran zugrunde gehen und die Relativität der Zweiheit wird sich endgültig in die Dreiheit (des Begriffs) aufheben. Der gesamte Wirkprozess, insofern er voraussetzend gegen sich abläuft, zwingt die daran beteiligten und an ihnen selbst zu Eigenständigkeit und Selbständigkeit tendierenden Substanzen in die Beziehung. Die sich auf sich beziehende Negativität der ursächlichen Substanz ist in ihrer Selbstmanifestation, eben in ihrer Beziehung auf sich, zugleich sich voraussetzend und sich selbstveräußernd in die Passivität, die jedoch ebenso substantiell ist und ebenso in ihrer Bestimmung, wie oben genau dargelegt, gedoppelt. Die Macht der Substanz als solcher ist in der immanenten Äußerlichkeit gegen sich ein zugleich wieder zu Erzwingendes. So muss diese Macht der Substanz notwendig in äußerliche, aber durchaus selbstäußerliche Erscheinung treten: »Insofern leidet sie Gewalt. – Die Gewalt ist die Erscheinung der Macht oder die Macht als Äußerliches. Äußerliches ist aber die Macht nur, insofern die ursächliche Substanz in ihrem Wirken, d. h. im Setzen ihrer selbst zugleich voraussetzend ist, d. h. sich selbst als Aufgehobenes setzt. Umgekehrt ist daher ebensosehr das Tun der Gewalt ein Tun der Macht. Es ist nur ein von ihr selbst vorausgesetztes Anderes, auf welches die gewaltige Ursache wirkt; ihre Wirkung auf dasselbe ist negative Beziehung auf sich oder die Manifestation ihrer selbst. Das Passive ist das Selbständige, das nur ein Gesetztes ist, ein in sich selbst Gebrochenes, – eine Wirklichkeit, welche Bedingung ist, und zwar die Bedingung nunmehr in ihrer Wahrheit, nämlich eine Wirklichkeit, welche nur eine Möglichkeit ist, oder umgekehrt ein Ansichsein, das nur die Bestimmtheit des Ansichseins, nur passiv ist. Demjenigen daher, dem Gewalt geschieht, ist es nicht nur möglich, Gewalt anzutun, sondern sie muß ihm auch angetan werden; was Gewalt über das Andere hat, hat sie nur, weil es die Macht desselben ist, die sich darin und das Andere manifestiert. Die passive Substanz wird durch die Gewalt nur gesetzt als das, was sie in Wahrheit ist, nämlich 211

WdL II, S. 329; GW 12, S. 73. Ebd.

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weil sie das einfache Positive oder unmittelbare Substanz ist, eben darum nur ein Gesetztes zu sein; das Voraus, das sie als Bedingung ist, ist der Schein der Unmittelbarkeit, den die wirkende Kausalität ihr abstreift.«213

Die substantielle Macht äußert sich in der bedingenden Kausalität als Gewalt. Es handelt sich deshalb um einen gewaltsamen Wirkprozess, weil das Entgegnende selbst zu voller Substantialität gekommen ist. Auch wenn es in seiner Passivität ein Vorausgesetztes ist, so ist es keine ruhige Grundlage, auf welcher dann der weitere Kausalprozess bloß aufbauen würde. Es steht vollkommen in Beziehung, erhält sein Ansichsein aus dem Selbstaufhebungsprozess der ursächlichen Substanz. Diese bezieht sich dabei in ihrem Wirken auf sich, manifestiert sich selbst nur, insofern sie voraussetzend gegen sich ist. Sie wirkt, aber so, dass sie auf sich selbst als auf das Entäußerte stößt, also auf ein ebenso Substantielles, das in dieser Selbständigkeit ein gewaltsames Einwirken erfordert, um den Begriff der Ursache und um den Begriff der Wirkung im Vorausgesetzten zu erfüllen. Es bleibt zwar »das Tun der Gewalt ein Tun der Macht«,214 weil sie selbst es ist, die das Voraussetzen und das Rückkehren vollzieht. Dennoch wird die Manifestation nur dann realisiert, wenn sich die »Macht als Äußerliches«215 setzt, d. h. eine tatsächliche Entfremdung und Entäußerung (die sich nicht in reiner Reflexivität und nicht in reiner Selbstbezüglichkeit verlieren darf) zustande kommt. Der Wirkprozess an Substraten federte die Kausalität nur ab, sie erscheint aber erst dann in ihrer Radikalität, wenn sie sich selbst begegnet, und zwar so, dass das von ihr selbst vorausgesetzte Andere ebenso äußerlich wie substantiell ist. Die in die Passivität versetzte Substanz muss dann einerseits in ihrer Selbständigkeit (als ansichseiend für ihr Anderes) gefasst werden, um überhaupt ein der Gewaltsamkeit Zugängliches zu sein, und andererseits kann sie als ein Passives nur in der Beziehung, nur als Gesetztsein bestehen (als ein vom Anderen negiertes Ansichsein). Das Passive ist seiner Disposition nach gesetztes Ansichsein, oder weil es in seinem Ansichsein nichts ist als nur die Bedingung für das Andere, ist es »nur die Bestimmtheit des Ansichseins«,216 d. h. ein Ansichsein als aufgehoben in der Beziehung, aufgehoben im Gesetztsein. Dasjenige, das der Gewalt in seiner Passivität ausgesetzt ist, ist daher weder in seinem Ansichsein noch in seinem Gesetztsein frei. Es ist der Kausalität sogar so weit unterworfen, dass es dieser Gewalt notwendig unterliegt, sie sich also vollziehen muss. Nur in dieser absoluten Degradierung zum (kausallogisch) notwendigen Opfer von Gewalt wird letztlich auch die notwendige Verkehrung zustande kommen. Als jedoch im aktuellen Status festgehalten, gleicht dieser Umstand, sofern er nicht auf die spe WdL II, S. 235; GW 11, S. 405 f. WdL II, S. 235; GW 11, S. 405. 215 Ebd. 216 WdL II, S. 235; GW 11, S. 406. 213 214

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zifische Logizität dieser Stufe von Kausalität eingeschränkt wird, einer nahezu ungebührlichen Provokation. Sie sei nochmals wiederholt: »Demjenigen daher, dem Gewalt geschieht, ist es nicht nur möglich, Gewalt anzutun, sondern sie muß ihm auch angetan werden; was Gewalt über das Andere hat, hat sie nur, weil es die Macht desselben ist, die sich darin und das Andere manifestiert.«217

Der Gewaltakt ist ein notwendiger Vollzug der sich äußerlich werdenden Macht, er ist notwendige Manifestation von Gewalttäter und Gewaltopfer. – Eine alogi­ sche Lesart dieses Satzes, aus dem Kontext der logischen Kausallehre (die den Terminus Gewalt dezidiert beinhaltet) herausgenommen, wird hier nicht erwogen, und auch nicht die Frage, warum Hegel diese Formulierung (die die Entkontextualisierung erlaubt) exakt so gewählt hat. Betroffen von der Gewalt ist hier die passive Substanz, die jedoch als Auswirkung an ihr nur zu dem gebracht wird, was sie in ihrer Bestimmung ohnehin schon ist. Das lässt uns hier wieder einen vorbegrifflichen Vollzug erkennen. Es wird nicht etwas Neuartiges im Setzen hinzugesetzt, es wird lediglich das schon Vorliegende aufgezeigt, wird ins Erscheinen und Aufscheinen gezogen. Bezüglich der passiven Substanz heißt das, dass ihre Rolle als substratartig Unmittelbares nur im Gesetztsein bestehen kann, ihr Verhalten als das »einfache Positive«218 nur in der gesetzten Beziehung eine Rolle spielen kann. Das im Wesen aufgehobene und sich ins Gesetztsein aufhebende Unmittelbare und Positive ist schon das Ansichsein der passiven Substanz, sie wird aber im gewalttätigen Einwirken auf sie nur nochmals als Ansichsein gesetzt. Das in die unmittelbar bedingende Substantialität Ausgelagerte ist sie nur in der kausalen Scheinbeziehung des Wesens, so verliert sie im Einwirken auf sie nur den Status des äußerlich Vorausliegenden und den scheinenden Unmittelbarkeitscharakter. Die wirkmächtige und gewaltsame Kausalität richtet sich gegen das als selbständig Vorausgesetzte, so dass der Unmittelbarkeitssinn zwar aufgehoben wird, aber dieser Entzug nur zeigt, dass diese Unmittelbarkeit ohnehin zugleich nur vom Schein des Wesens belegt gewesen ist: Das »Voraus, das sie als Bedingung ist, ist der Schein der Unmittelbarkeit, den die wirkende Kausalität ihr abstreift.«219 Dem Passiven wird durch das Einwirken der Schein der Unmittelbarkeit genommen, aber es wird hierdurch nur manifestiert, dass die Unmittelbarkeit im Passiven Schein (unmittelbare Bewegung auf das Scheinen hin) ist. Hiermit ist schon gesetzt, was erst im nächsten Absatz artikuliert wird, dass nämlich durch Ebd. Ebd. 219 Ebd. 217

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das gewaltsame Wirken die passive Substanz nur mit sich selbst zusammengeht. Sie wird also von der Ursache dazu gezwungen, ihre eigene Bestimmung ins Erscheinen zu bringen, zu sich und in sich zurückzukehren, aber damit von sich aus die Bewegung des Scheins zu aktivieren. Weil die Ursache aber in ihrer Selbstaufhebung wieder von ihrer Seite dazu führt, ebenso die passive Substanz zu erhalten, so hat dies zur Auswirkung in der Passivität, dass die an sich an ihr vorkommende setzende Scheinbewegung zugleich ihr eigenes Werden darstellt, sie also Sein und Wesen an ihr zu ursprünglicher Einheit bringt. Der nächste (schon hinlänglich angedeutete) Schritt in der Fortbestimmung der Kausalität stellt insofern einen wichtigen Einschnitt dar, weil nunmehr die substantielle Verkehrung explizit auftritt. Die gewaltsame Kausalität bringt so die Bestimmung der Substanzen zum Vorschein und damit zum Erscheinen. »Der passiven Substanz wird daher durch die Einwirkung einer anderen Gewalt nur ihr Recht angetan. Was sie verliert, ist jene Unmittelbarkeit, die ihr fremde Substantialität. Was sie als ein Fremdes erhält, nämlich als ein Gesetztsein bestimmt zu werden, ist ihre eigene Bestimmung. – Indem sie nun aber in ihrem Gesetztsein oder in ihrer eigenen Bestimmung gesetzt wird, wird sie dadurch vielmehr nicht aufgehoben, sondern geht so nur mit sich selbst zusammen und ist also in ihrem Bestimmtwerden Ursprünglichkeit. – Die passive Substanz wird also einerseits durch die aktive erhalten oder gesetzt – nämlich insofern diese sich selbst zur aufgehobenen macht -, andererseits aber ist es das Tun des Passiven selbst, mit sich zusammenzugehen und somit sich zum Ursprünglichen und zur Ursache zu machen. Das Gesetztwerden durch ein Anderes und das eigene Werden ist ein und dasselbe.«220

Die gewaltige oder gewaltsame Kausalität führt die passive Substanz nicht weg von sich, ihre logisch rechtmäßige Verortung kommt sogar erst zu ihrer Erfüllung. Die »ihr fremde Substantialität«,221 die nur im Voraussetzen der Unmittelbarkeit zustande kam, wird ihr genommen, sie geht ihrer verlustig, aber eben hierin realisiert sie ihre eigene Substantialität, die durch das Gesetztwerden, durch das Setzen eines Fremden, eben ihr eigenes Gesetztsein, Schein und Scheinen an sich und in sich, als ihre Bestimmung entbirgt. Weil sie also in ihrem Gesetztsein gesetzt wird, geht sie eben hierin mit sich selbst zusammen, bringt ihre eigene Bestimmung zum Erscheinen. Diese Bestimmung besteht in nichts anderem, als durch einen gewaltsamen Vollzug hindurch die scheinende Aktivität in der unmittelbaren Passivität aufzudecken. Die gleichzeitige Aufrechterhaltung der passiven Substanz durch die sich aufhebende Ursache führt aber dazu, dass das setzende Scheinen in ihr ebenso werdendes Tun des Passiven selbst ist. WdL II, S. 235 f.; GW 11, S. 406. WdL II, S. 235; GW 11, S. 406.

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Das Setzen wird so nochmals in die unmittelbare Bewegung zurückgezwungen. So manifestiert sie aber in sich die vereinheitlichten Bewegungen des Seins und Wesens, die selbst wieder nichts anderes sind als das Ursprüngliche der Substantialität als solcher. So generiert sich im Passiven der seiende und wesensmäßige Umwandlungsprozess, vom Negativen der Ursächlichkeit zur Ursache selbst zurückzukehren, vom entfremdeten Ursprung durch das Bestimmtwerden die Ursprünglichkeit wiederzuentdecken. Es ist also »das Tun des Passiven selbst, mit sich zusammenzugehen und somit sich zum Ursprünglichen und zur Ursache zu machen. Das Gesetztwerden durch ein Anderes und das eigene Werden ist ein und dasselbe.«222 Die sich über das substantiell Vorausgesetzte auf sich selbst beziehende ursächliche Kausalität bewirkt in dem als unmittelbar positiv gesetzten Passiven die gewaltsam erzwungene Selbstverkehrung, die auch die Verkehrung der reflexiven Selbstbezüglichkeit in die sich zum Werden aufschließende Unmittelbarkeit enthält. Beide Bewegungen sind aber ein und dasselbe, sie bringen das gesetzte Ansichsein als das an sich seiende Gesetztsein zum Vorschein. »Hierdurch, daß die passive Substanz nun selbst in Ursache verkehrt ist, wird erstlich die Wirkung in ihr aufgehoben; darin besteht ihre Gegenwirkung überhaupt. Sie ist an sich das Gesetztsein, als passive Substanz; auch ist das Gesetztsein durch die andere Substanz in ihr gesetzt worden, insofern sie nämlich die Wirkung derselben an ihr bekam. Ihre Gegenwirkung enthält daher ebenso das Gedoppelte, daß nämlich erstlich, was sie an sich ist, gesetzt wird, zweitens, als was sie gesetzt wird, sich als ihr Ansichsein darstellt; sie ist an sich Gesetztsein: daher erhält sie eine Wirkung an ihr durch die andere; aber dies Gesetztsein ist umgekehrt ihr eigenes Ansichsein: so ist dies ihre Wirkung, sie selbst stellt sich als Ursache dar.«223

Durch die Verkehrung der passiven Substanz zur Ursache hebt sie die in sie gesetzte Wirkung an ihr auf und vollzieht damit in einem ersten Schritt die Gegenwirkung, aber auch wieder an ihr selbst. – Zunächst ist die passive Substanz dazu bestimmt, dass ihr Ansichsein nur im Gesetztsein besteht, das ist die Passivität schlechthin, d. h. ein Wirkliches zu sein, das aber, wie es geheißen hat, nur eine Möglichkeit ist, nur für diese Beziehung (als Bedingung) da ist, gar keine sonstige Bestimmung hat. Überdies wird eben dieses Gesetztsein von der anderen Substanz nur nochmals bekräftigt, das Gesetztsein ist erst recht (und in der Gewalt zu Recht) in sie gesetzt worden. Das führte zu der dargestellten Verkehrung, die nur über eine ganz spezifische Komplexion der sich in eins setzenden Bewegungen des Wesens und des Seins in den gegenläufigen Substanzbewegungen zu begreifen ist. Das also aus einem Zweischritt bestehende Setzen der Wirkung 222 223

WdL II, S. 236; GW 11, S. 406. Ebd.

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führt zunächst auch zu einer gedoppelten Gegenwirkung. Erstens besteht die entgegnende Wirkung darin, dass das, was sie an sich ist, sich von ihr selbst her als gesetzt erweist, und dass zweitens das, was in sie als Gesetztsein gesetzt wird, sie als ihr eigenes Ansichsein zum Vorschein bringt. So ist sie vollkommen »an sich Gesetztsein«,224 Eigenwirkung und Fremdeinwirkung sind nur eine Bewegung. Schon dass sie bewirkt wird, verkehrt sie zu ihrer eigenen Wirkung an sich, und was diese Wirkung dann in ihr auslöst, dass das Gesetztsein erst recht gesetzt wird, zeigt sie nur als ihr eigenes Ansichsein auf. Ihre Gegenwirkung besteht also darin, ihre eigene Wirkung in sich hervorzubringen und damit die Verkehrung in die Ursache an ihr selbst zu bewirken. Die Gegenwirkung ist aber so noch nicht vollständig, noch nicht in der Wirkbewegung zurück und gegen die ursprünglich wirkende Ursache betrachtet worden. Das ist noch ausständig: »Zweitens geht die Gegenwirkung gegen die erste wirkende Ursache. Die Wirkung, welche die vorher passive Substanz in sich aufhebt, ist nämlich eben jene Wirkung der ersten. Die Ursache hat aber ihre substantielle Wirklichkeit nur in ihrer Wirkung; indem diese aufgehoben wird, so wird ihre ursächliche Substantialität aufgehoben. Dies geschieht erstlich an sich durch sich selbst, indem sie sich zur Wirkung macht; in dieser Identität verschwindet ihre negative Bestimmung, und sie wird Passives; zweitens geschieht es durch die vorhin passive, nun rückwirkende Substanz, welche deren Wirkung aufhebt.  – In der bestimmten Kausalität wird die Substanz, auf welche gewirkt wird, zwar auch wieder Ursache, sie wirkt hiermit dagegen, daß eine Wirkung in ihr gesetzt wurde. Aber sie wirkte nicht zurück gegen jene Ursache, sondern setzte ihre Wirkung wieder in eine andere Substanz, wodurch der Progreß von Wirkungen ins Unendliche zum Vorschein kam, – weil hier die Ursache in ihrer Wirkung nur erst an sich mit sich identisch ist, daher einerseits in einer unmittelbaren Identität in ihrer Ruhe verschwindet, andererseits in einer anderen Substanz sich wieder erweckt. – In der bedingten Kausalität hingegen bezieht die Ursache in der Wirkung sich auf sich selbst, weil sie ihr Anderes als Bedingung, als Vorausgesetztes ist und ihr Wirken dadurch ebensosehr Werden als Setzen und Aufheben des Anderen ist.«225

Die von der passiven Substanz in sich selbst aufgehobene Wirkung hat als Gegenwirkung zurück auf die ursächliche Substanz zur Auswirkung, dass diese in ihrer Wirkmächtigkeit (bzw. in ihrem gewaltsamen Wirken) aufgehoben wird. Wenn der Ursache im Bewirkten die Wirkung genommen wird, hebt sich die

224 225

Ebd. WdL II, S. 236 f.; GW 11, S. 406 f.

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»ursächliche Substantialität«226 überhaupt auf. Somit verkehrt sich die Aktivität in die Passivität, wobei auch dies wieder als aus einer gedoppelten Bewegung hervorgehend begriffen werden muss. Diese redundante Zweifachheit im Sinne einer Art von Wiederholung, die nur eine Bekräftigung des schon Vollzogenen darstellt, ist keine zu vernachlässigende Kleinigkeit (als logische Quantité négligeable), im Gegenteil ist dies ein immens wichtiger Begriffsindikator, der zeigt, wie der Begriff auch im Objektiven vollkommen präsent ist, nur eingespannt in die noch unfreie Dynamik einer Wechselbeziehung (an der Kippe zur Wechselwirkung), in der noch die Relativität des Wesens die Oberhand behält. Für das Wirken und Gegenwirken heißt das, dass sich in der bloßen Bewegung des ursächlichen Wirkens schon an sich und durch die Ursache selbst die Aufhebung hinein in die Wirkung vollzieht, wodurch sie eben hiermit ihrer Negativität verlustig geht und sich an ihr selbst zur Passivität bestimmt. Ein Einwand könnte hier lauten, dass es nicht ganz nachvollziehbar ist, warum die Wirkmächtigkeit gerade in ihrer ureigensten Bestimmung, wenn sie also tatsächlich wirkt, sich rückwirkend gegen sich aufheben sollte. Warum bleibt ihr Wirken nicht aufrecht und warum sollte das Setzen der Wirkung schon per se eine negierende Gegenwirkung initiieren? Dieser Einwand ist nur dann plausibel, wenn davon ausgegangen wird, dass Ursache und Wirkung als getrennte Entitäten (und etwa an getrennten Substraten) aufgefasst werden, die dann miteinander in Beziehung treten oder sogar erst äußerlich in Beziehung gebracht werden müssten. Das ist aber so gar nicht der Fall, denn sie sind nur diese Beziehung, es gibt keine äußerliche Vermittlung. Damit hat jede Wirkung schon unmittelbar eine negativ auf sie zurückschlagende Rückwirkung oder Gegenwirkung. Dennoch ist das Wirken kein rein unmittelbarer Prozess, es handelt sich vielmehr, um hier ganz exakt zu sein, um einen Prozess, der eine Einheit von Seins- und Wesensbewegung darstellt bzw. nichts anderes als eben diese werdend-setzende oder setzendwerdende Vereinheitlichung ist. Dazu gehört nun auch der zweite Schritt, in welchem in gewisser Weise nur der erste ansichseiende Vollzug bekräftigt wird, und zwar in einer ins Explizite erhobenen Wiederholung. Diese Explikation zeigt das unmittelbar Positive als Gesetztes, aber, was zu dieser Explikation noch dazugehört, ebenso das Gesetztsein in seinem Ansichsein, d. h. das Setzen in seiner Selbstintegration des Werdens, letztlich als eine (nur zu denkende richtungslose) Bewegung. Die Wirkung bewirkt daher im Setzen des schon ansichseienden Gesetztseins ein im Passiven selbst sich vollziehendes Zusammengehen mit sich, wodurch es den Schein so in sich verkehrt, dass es sich aus sich zur Ursache bestimmt. Diese bewirkt dann das explizite Zurückwirken auf die erste Ursache, wobei auch von dieser Seite her nur wieder dieselbe Bekräftigung, aber als gesetzt, geschieht, nämlich das Aufheben der ursprünglichen Wirkung hinein in 226

WdL II, S. 236; GW 11, S. 406.

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die Passivität. Der Umstand des Zusammengehens mit sich selbst ist dabei ein vom Setzen her initiiertes Werden, das aber auch wieder nur zu dem wird, was durch das Setzen als Gesetztsein zustande kommt. An dieser Stelle ist ein Rückblick auf das bestimmte Kausalitätsverhältnis eingeschoben, um deutlich zu machen, dass an sich auch dort schon eine Gegenwirkung vorhanden war. Sie bestand darin, dass sich das Bewirkte selbst wieder als ursächlich verhält, aber dieses Gegenwirken sich nur linear weiter fortsetzt in andere Substanzen, an welchen die kausalen Formbestimmungen zugleich wieder ein Substrat finden, um den gleichartigen Prozess erneut in Gang zu setzen. Die nur erst ansichseiende Identität von Ursache und Wirkung, die sich dort eben noch nicht aus der sich auf sich selbst rückwirkenden substantiellen Bewegung speist, tritt nur in jener »unmittelbaren Identität«227 zu Tage, worin sich die kausale Bewegung beruhigt, um gerade hieraus wieder in den gesetzten Unterschied, sich an einer »anderen Substanz«228 manifestierend, zu treten. Die hierbei eintretende vorübergehende Ruhe ist kein bloßer Zwischenhalt oder vielleicht nur eine Art von Regeneration vor dem nächsten Kausalakt, sie ist das notwendige Indiz für die aus immanenter Äußerlichkeit heraus entstehende Unmittelbarkeit, gegen die Setzungsbewegung als solche. Diese Entgegnung ist dabei exakt das, was nun in der Wirkung und Gegenwirkung zur Einheit kommt. – Wenn wir hier schon weit nach vorn blicken in die Objektivität des Begriffs, so taucht diese Ruhe im formalen mechanischen Prozess auf und stellt auch dort das untrügliche Indiz für die immanente Äußerlichkeit dar, worin sich die Gleichheit von Aktion und Reaktion anhand von Objekten einstellt. Der auch dort vorkommende Wirkprozess von Objekten beruht aber schon auf der Totalität des Begriffs und auf der Einheit der Begriffsmomente, die das Objekt prinzipiell konstituieren. Dadurch haben die sich begrifflich vollziehenden Prozesse insgesamt eine andere Auswirkung als dies im ursprünglich kausalen Wirken der Fall ist. Dennoch ist die (in den Objekten noch gesteigerte) Äußerlichkeit auch dort der Boden für das notwendige Eintreten einer ephemeren Beruhigung als notwendiges Durchgangsstadium für die weitere Prozessualität. »Die Aktion geht dadurch in Ruhe über. Sie erweist sich als eine an der in sich geschlossenen gleichgültigen Totalität des Objekts nur oberflächliche, transiente Veränderung.«229 Damit beruhigt sich schließlich der formale mechanische Prozess überhaupt, um jedoch daraus sofort zu seiner Realisierung voranzuschreiten. Das Moment der Ruhe kommt dabei als Äußerlichkeitsindikator noch entschiedener zum Tragen:

WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. Ebd. 229 WdL II, S. 418; GW 12, S. 139. 227 228

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»Der mechanische Prozeß geht in Ruhe über. Die Bestimmtheit nämlich, welche das Objekt durch ihn erhält, ist nur eine äußerliche. Ein ebenso Äußerliches ist ihm diese Ruhe selbst, indem dies die dem Wirken des Objekts entgegengesetzte Bestimmtheit, aber jede dem Objekte gleichgültig ist; die Ruhe kann daher auch angesehen werden als durch eine äußerliche Ursache hervorgebracht, sosehr es dem Objekte gleichgültig war, wirkendes zu sein.«230

Diese immanente Äußerlichkeit vollzog sich freilich im bestimmten Kausalitätsverhältnis noch nicht an Objekten, sie war vielmehr Äußerlichkeit der Substanzen, die zugleich in ihrer Andersheit gegeneinander den Formbestimmungen ein Substrat gewährten. In der bedingten Kausalität hebt sich diese Äußerlichkeit gerade deshalb auf, weil sie zwar nicht getilgt, aber in die Beziehung der Formbestimmungen aufeinander hineingenommen ist. In der sich voraussetzenden, aber substantiell bedingenden Selbstbegegnung, die ein gewaltsames Wirken erfordert, ist die kausale Setzungs- und Aufhebungsbewegung so sehr als Werden an sich selbst bestimmt wie auch das Werden umgekehrt sich ausschließlich im Gesetztsein expliziert. Die von der Passivität her sich verkehrende Substanz wirkt (in der beschriebenen Seins- und Wesensprozessualität) zurück gegen die erste Ursache und bewirkt auch deren Verkehrung. Die wirkende Ursache ist »dadurch ebensosehr Werden als Setzen und Aufheben des Anderen«231 in einem. »Ferner verhält sie sich hiermit als passive Substanz; aber wie sich ergab, entsteht diese durch die auf sie geschehene Wirkung als ursächliche Substanz. Jene erste Ursache, welche zuerst wirkt und ihre Wirkung als Gegenwirkung in sich zurückerhält, tritt damit wieder als Ursache auf, wodurch das in der endlichen Kausalität in den schlecht-unendlichen Progreß auslaufende Wirken umgebogen und zu einem in sich zurückkehrenden, einem unendlichen Wechselwirken wird.«232

Im Prozess des substantiell werdenden Setzens (und setzenden Werdens) versetzt sich die (schon aus der Passivität entstandene) ursächliche Substanz selbst in die Passivität, woraus jedoch auch wieder nur die ursächliche Substanz entsteht (als ein Werden, das zugleich Setzen und Scheinen ist). – Hier ist Vorsicht geboten! Der in dieser Formulierung auftauchende Gleichklang darf nicht über die spezifische Logizität hinwegtäuschen, die oben exakt aufgeschlüsselt wurde. Die zuletzt nicht mehr enthaltenen Termini des Ansichseins und des Gesetztseins sind in ihrer wohl verstandenen Komplexion unerlässlich, um schließlich WdL II, S. 419; GW 12, S. 140. WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 232 Ebd. 230 231

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die hieraus resultierende Konsequenz begreifen zu können. Es lohnt stets, einen tiefgründigen Blick zurück zu machen. Je genauer und eingehender eine Stufe im logischen Fortgang erfasst wird, desto leichter fällt es, das Eintreten in eine neue Stufe ganz klar zu verstehen. Meist wird dann für das bereits Erreichte nur mehr ein neuer logischer Terminus eingesetzt. Es sollte also nunmehr der Sache nach völlig klar geworden sein, dass sich die zueinander verhaltenden Substanzen in ihrem Wirken und Gegenwirken so gegenseitig voraussetzen und bedingen, dass sich jegliche noch übrig gebliebene Äußerlichkeit aufgehoben hat, kein Moment mehr als bloßes Substrat fungiert und auch keine anfängliche Unmittelbarkeit ausgemacht werden kann. Der Rest von Linearität, der von einer äußerlichen und sich noch in sich selbst dirimierenden Inhaltlichkeit (die als Substrathaftigkeit auch noch in der weiteren relativen Substantialität weiterwirkt) herrührt und so etwa noch das Momentum eines immanent integralen Ruhepols (wie weiter oben genau ausgeführt) nach sich zieht, ist in der gegenseitig wirkend-rückwirkenden Substantialität »umgebogen und zu einem in sich zurückkehrenden, einem unendlichen Wechselwirken«233 geworden. Die mit einer sehr diffizilen logischen Komplexion einhergehende Wechselbeziehung der ursächlich aktiv und bewirkt passiv aneinander bestimmten Substanzen (die es gilt, wie hier geschehen, genauestens auseinanderzulegen) ist somit zur Wechselwirkung gediehen. Dieser logische Terminus bezeichnet nichts anderes als die sich einstellende Konsequenz aus der logisch spekulativen Bewegung des substantiellen Wirkens und Gegenwirkens, wobei Werden und Setzen, entstehend-vergängliches Übergehen und Scheinen, Seinsbewegung und Wesensbewegung selbst unendlich wechselwirken oder vielmehr eine Einheit bilden, die ihre innere Verzahnung (die wiederum aus der in die absolute Form der vollkommen zueinander bestimmten Formbestimmungen zurückgenommenen Äußerlichkeit resultierte) auflöst und diese innere Identität manifestiert oder offen­bart. 2.4.3.1 Vorausschauend rückblickende Rekapitulation aus der Perspektive des Begriffs (Zweiter Punkt und Hauptteil des dritten Punktes) Bevor wir uns nun explizit mit der Wechselwirkung beschäftigen, müssen wir an dieser Stelle noch einen kurzen Blick auf die spekulative Rekapitulation des bisher durchlaufenen Kausalitätsverhältnisses aus der Perspektive des schon erreichten Begriffs werfen.

233

Ebd.

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Im Einleitungsabschnitt zur Begriffslogik, die ›Vom Begriff im allgemeinen‹ handelt, wird die gesamte Bewegung der Substantialität spekulativ komprimiert wiedergegeben. Wir haben uns dabei mit dem ersten Punkt dieser begriffsperspektivischen Komprimierung, die sich auf das Substantialitätsverhältnis bezieht, schon weiter oben beschäftigt. Dabei bestand im Verständnis die Hauptschwierigkeit darin, dass die Wiedergabe von Anfang an mit dem Zueinander von aktiver und passiver Substanz hantiert. In den Ausführungen zum absoluten Verhältnis taucht diese sich setzend-voraussetzende relative Substanti­a lität erst im Verlauf auf und ist also eine erst abgeleitete Konstellation. Aus der Perspektive des erreichten Begriffs wird jedoch die Gesamtbewegung gleich anhand dieser Konstellation betrachtet. Der Rückblick auf das Substantialitätsverhältnis stand dabei unter der Ägide des Ansichseins und unter der Ägide des Voraussetzens, weil aus dem Blickwinkel des Begriffs die Akzidentalität schon als vorausgesetzte Passivität für die ursprünglich aktive Substantialität als solche aufgefasst werden kann. Demgegenüber steht das Kausalitätsverhältnis in der rückblickenden Gesamtschau unter der Ägide des Fürsichseins und des Setzens, obwohl die Kausalität als sich selbst voraussetzend allererst die dezidierte Abhebung von aktiver und passiver Substanz hervortreibt. Diese abgeänderte Perspektive ändert aber nichts am sachlich spekulativen Duktus, der auch in der zusammenfassenden Begriffsperspektive keine diese Sache selbst betreffende Umgestaltung erfährt. Erst die genaue Durchdringung des Kausalitätsverhältnisses erlaubt es, den Standpunkt des begrifflichen Überblicks so einzunehmen, dass es nicht mehr nötig ist, die ursprünglichen Ableitungsschritte nur in ihrer ersten Abfolge wiederzugeben. Nachdem wir die Kausalität in ihren Entwicklungsschritten innerhalb des absoluten Verhältnisses genau aufgeschlüsselt haben, sollte sich die begriffsperspektivische Zusammenfassung leicht nachvollziehen lassen. Im Fokus auf das Zusammenspiel von aktiver und passiver Substanz werden die prinzipiellen Bestimmungen des Wirkverhältnisses per se klar gegliedert vor Augen gestellt. Im zweiten Punkt ist dabei das Aufscheinen der substantiellen Macht als Erscheinung ins Visier genommen, und der dritte Punkt zeigt die Aufhebung dieser Erscheinung und damit die sich offenbarende Kausalität. In diesem dritten Punkt wird dann einerseits auf die sich einstellende Verkehrung eingegangen, die ursprünglich in der Wirkung und Gegenwirkung auftritt, und andererseits jene Konstellation herausgestrichen, die bereits für die Wechselwirkung relevant ist. Die der Wechselwirkung vorausgehenden Schritte waren in unserer Darstellung enthalten, die genaue Fassung der Wechselwirkung selbst und die wieder durch sie gesetzten Konsequenzen müssen noch anhand der Schlusspartien des absoluten Verhältnisses behandelt werden. So können wir die schon begriffslogisch gefärbte Zusammenfassung als Rückblick und Vorblick zur Kenntnis nehmen, bevor wir dann zum Unterkapitel über die Wechselwirkung zurückkehren. Mit Absicht bricht das Zitat vor der »Voll­

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endung der Substanz«234 ab, weil wir uns auf diesen vollendenden Vollzug genau am Ende der Wesenslogik eingehend einlassen wollen. Dort gilt es, den Schritt von der Notwendigkeit in die Freiheit zu realisieren und das Auftauchen der Einzelheit im Verbund mit den anderen Begriffsmomenten denkerisch zu erhellen. Davor sei die Konzentration nochmals auf die fürsichseiende Komponente der Bewegung der Substantialität in der Kausalbewegung von aktiver und passiver Substanz gelegt: »2. Das andere Moment ist das Fürsichsein, oder daß die Macht sich als sich auf sich selbst beziehende Negativität setzt, wodurch sie das Vorausgesetzte wieder aufhebt. – Die aktive Substanz ist die Ursache; sie wirkt, d. h. sie ist nun das Setzen, wie sie vorher das Voraussetzen war, daß a) der Macht auch der Schein der Macht, dem Gesetztsein auch der Schein des Gesetztseins gegeben wird. Das, was in der Voraussetzung Ursprüngliches war, wird in der Kausalität durch die Beziehung auf Anderes das, was es an sich ist; die Ursache bringt eine Wirkung, und zwar an einer anderen Substanz hervor; sie ist nunmehr Macht in Beziehung auf ein Anderes, erscheint insofern als Ursache, aber ist es erst durch dies Erscheinen. – b) An die passive Substanz tritt die Wirkung, wodurch sie als Gesetztsein nun auch erscheint, aber erst darin passive Substanz ist. 3. Aber es ist noch mehr hierin vorhanden als nur diese Erscheinung, nämlich a) die Ursache wirkt auf die passive Substanz, sie verändert deren Bestimmung; aber diese ist das Gesetztsein, sonst ist nichts an ihr zu verändern; die andere Bestimmung aber, die sie erhält, ist die Ursächlichkeit; die passive Substanz wird also zur Ursache, Macht und Tätigkeit. b) Es wird die Wirkung an ihr gesetzt von der Ursache; das aber von der Ursache Gesetzte ist die im Wirken mit sich identische Ursache selbst; es ist diese, welche sich an die Stelle der passiven Substanz setzt. – Ebenso in Ansehung der aktiven Substanz ist a) das Wirken das Übersetzen der Ursache in die Wirkung, in ihr Anderes, das Gesetztsein, und b) in der Wirkung zeigt sich die Ursache als das, was sie ist; die Wirkung ist identisch mit der Ursache, nicht ein Anderes; die Ursache zeigt also im Wirken das Gesetztsein als das, was sie wesentlich ist. – Nach beiden Seiten also, des identischen sowohl als des negativen Beziehens der anderen auf sie, wird jede das Gegenteil ihrer selbst; dies Gegenteil aber wird jede [so], daß die andere, also auch jede, identisch mit sich selbst bleibt. – Aber beides, das identische und das negative Beziehen, ist ein und dasselbe; die Substanz ist nur in ihrem Gegenteil identisch mit sich selbst, und dies macht die absolute Identität der als zwei gesetzten Substanzen aus. Die aktive Substanz wird durch das Wirken, d. h. indem sie sich als das Gegenteil ihrer selbst setzt, was zugleich das Aufheben ihres vorausgesetzten Andersseins, der passiven Substanz ist, als Ursache oder ursprüngliche Substantialität manifestiert. Umge234

WdL II, S. 249; GW 12, S. 14.

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kehrt wird durch das Einwirken das Gesetztsein als Gesetztsein, das Negative als Negatives, somit die passive Substanz als sich auf sich beziehende Negativität manifestiert, und die Ursache geht in diesem Anderen ihrer selbst schlechthin nur mit sich zusammen. Durch dies Setzen wird also die vorausgesetzte oder an sich seiende Ursprünglichkeit für sich; aber dies Anundfürsichsein ist nur dadurch, daß dies Setzen ebensosehr ein Aufheben des Vorausgesetzten ist oder die absolute Substanz nur aus und in ihrem Gesetztsein zu sich selbst zurückgekommen und dadurch absolut ist. Diese Wechselwirkung ist hiermit die sich wieder aufhebende Erscheinung; die Offenbarung des Scheins der Kausalität, worin die Ursache als Ursache ist, daß er Schein ist.«235

Das Substantialitätsverhältnis vollzog sich unter der Ägide des Ansichseins. Weil die eine Seite des Verhältnisses unter der Bestimmtheit des Ansichseins stand, so war auch das ganze Verhältnis davon behaftet und insgesamt ansichseiend bestimmt. Zugleich zeigte der Begriffsrückblick das Zueinander von aktiver und passiver Substanz, das im Substantialitätsverhältnis als solches noch gar keine Rolle spielt, als wesentlich voraussetzend. Demgegenüber steht das Kausalitätsverhältnis unter der Ägide des Setzens, obwohl, wie schon erwähnt, gerade das dezidierte Hervortreten einer aktiven und passiven Substanz sich wesentlich der sich selbst voraussetzenden Kausalität verdankt. Der dann einsetzende Wirkprozess ist aber freilich als Wirken setzend. Ohnehin ist das Zueinander stets setzend und voraussetzend, jedoch nicht mehr in der ursprünglichen Ausgeglichenheit, die in der setzenden Reflexion noch gegeben war. Die Kausalität ist absolute Aufhebung dieser Ausgeglichenheit, obwohl sie eben hierin auch wieder Ausgeglichenheit erzeugt. Bezogen auf die Gesamtbewegung der Substantialität steht daher das Kausalitätsverhältnis unter der Ägide des Fürsichseins. So wird in ihm die Macht zur Gewalt, und der Schein dieser Macht wird zur Erscheinung. Die Ausführungen zu a) und b) im zitierten zweiten Punkt heben die von uns als vorbegrifflich ausgewiesene Struktur hervor, dass es des Erscheinens, des Setzens des Scheins, so dass »dem Gesetztsein auch der Schein des Gesetztseins gegeben wird«,236 bedarf, um in der nochmaligen Bekräftigung die schon vorliegende Konstellation allererst zu konstituieren. In den diesbezüglich ausführlich gegebenen Erläuterungen wird deutlich, dass das an sich vorliegende Gesetztsein erst im setzenden Scheinen dieses Gesetztseins zum gesetzten Ansichsein führt. Die exakten Komplexionen von Ansichsein und Gesetztsein wurden oben genau auseinandergelegt. Sie sind auch unerlässlich, um das gesetzte Zueinander von aktiver und passiver Substanz zu verstehen, besser noch denkerisch zu begreifen und damit schon von den substantiell angelegten Richtungen zu befreien. 235 236

WdL II, S. 247 f.; GW 12, S. 13 f. WdL II, S. 247; GW 12, S. 13.

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Dennoch liegt in der Kausalität noch mehr als dieses Erscheinen, was nun dezidiert im (absichtlich unvollständig) zitierten dritten Punkt angesprochen ist. Die Erscheinung übersteigt sich letztlich in ihrer eigenen Dynamik selbst. Hierzu ist der Blick auf die tatsächliche Wirkbewegung nötig, d. i. das verändernde, verwandelnde und verkehrende Einwirken und Bewirken als sich vollziehend. Diesbezüglich wird eine genaue Aufgliederung gegeben, indem die sich als aktiv und passiv verhaltende Substanz nach zwei Seiten, »des identischen sowohl als des negativen Beziehens der anderen auf sie«,237 betrachtet wird. Die in diesem dritten Punkt zuerst vorkommenden Untergliederungen nach a) und b) legen den Fokus auf die passive Substanz. In a) zeigt sich die (in der Wirkung und Gegenwirkung dargelegte) Selbstverkehrung in ihr Anderes, und in b) die sich an der passiven Substanz realisierende Identität der Ursache mit sich selbst. Danach wird der Fokus auf die aktive Substanz gelegt und abermals nach a) und b) gegliedert. In a) wird wieder auf das Übersetzen ins Andere abgehoben und in b) wird aufgezeigt, dass die Ursache sich nur in der Wirkung realisiert und sich nur hierin das Gesetztsein ins identische Ansichsein bringt. In beiden b)-Punkten wird das identische Beziehen herausgehoben und in beiden a)-Punkten wird demgegenüber die negative Beziehung betont. Die erste Konklusion lautet daher: »Nach beiden Seiten also […] wird jede das Gegenteil ihrer selbst; dies Gegenteil aber wird jede [so], daß die andere, also auch jede, identisch mit sich selbst bleibt.«238 Letzteres ist abermals ein vorbegriffliches Signum: Die absolute Negation, Verkehrung und Gesetztsein, vollziehen sich so, dass hierin die ansichseiende Identität (letztlich das eigene Anundfürsichsein) nicht verloren geht, sondern allererst hierin zu ihrem (und letztlich zu dem) Begriff kommt. Die zweite und noch gesteigerte Konklusion lautet somit: »Aber beides, das identische und das negative Beziehen, ist ein und dasselbe; die Substanz ist nur in ihrem Gegenteil identisch mit sich selbst, und dies macht die absolute Identität der als zwei gesetzten Substanzen aus.«239

Die aktive Substanz kann sich nur in der negativ selbstvoraussetzenden Selbstaufhebung für sich selbst manifestieren und an der passiven Substanz »wird durch das Einwirken das Gesetztsein als Gesetztsein«240 realisiert, so dass gerade hierin die Ursächlichkeit mit sich selbst zusammengeht. In der Wirkbewegung wird der Voraussetzungsvollzug als setzendes Gesetztsein für sich, aber das vollständige Anundfürsichsein kommt dennoch nur dadurch zustande, dass dieser sich konstituierende Selbstvoraussetzungsvollzug auch aufgehoben wird, WdL II, S. 248; GW 12, S. 13. Ebd. 239 Ebd. 240 Ebd. 237

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die Substantialität als solche durch ihr absolutes Gesetztsein hindurchgehen muss, um auf sich selbst zurückzukommen und das absolut Ursprüngliche erst aus diesem Gesetztsein heraus ursprünglich werden zu lassen. Die Wechselwirkung ist dieser Vollzug, der in der sich aufhebenden Erscheinung offenbaren wird, dass die Ursache nur die Ursache dafür ist, dass die Kausalität ihren Schein zeigen kann, also aufzeigen kann, wie ihre innere Notwendigkeit sich zum Begriff aufschließt. Diese Konklusion in den Begriff hinein, dies gilt es noch anhand des die Wesenslogik abschließenden Unterkapitels ›C. Die Wechselwirkung‹ zu bestimmen. 2.5 Die Wechselwirkung Im ersten Absatz findet sich wieder eine spekulative Rückschau: »In der endlichen Kausalität sind es Substanzen, die sich wirkend zueinander verhalten. Der Mechanismus besteht in dieser Äußerlichkeit der Kausalität, daß die Reflexion der Ursache in ihrer Wirkung in sich zugleich ein abstoßendes Sein ist oder daß in der Identität, welche die ursächliche Substanz in ihrer Wirkung mit sich hat, sie sich ebenso unmittelbar Äußerliches bleibt und die Wirkung in eine andere Substanz übergegangen ist. In der Wechselwirkung ist nun dieser Mechanismus aufgehoben; denn sie enthält erstens das Verschwinden jenes ursprünglichen Beharrens der unmittelbaren Substantialität, zweitens das Entstehen der Ursache und damit die Ursprünglichkeit als durch ihre Negation sich mit sich vermittelnd.«241

Die von der Äußerlichkeit und Unmittelbarkeit geprägt bleibende Kausalität unterliegt einem Wirkmechanismus, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die sich herstellende Einheit der Formbestimmungen zugleich ein Selbstveräußerungsmoment impliziert, das der Form zwar Bestehen verleiht, aber sie nicht in ihrem eigenen Sein zu sich kommen lässt. In dieses Sein ist die abstoßende Reflexivität des Wesens eingeschrieben, so dass die Identität sich notwendig in substantielle Andersheit veräußert. In der bestimmten Kausalität geschieht dies im Übergehen auf andere Substanzen, die in ihrem unmittelbaren Beharren der Formbeziehung ein Substrat gewähren, worin die zunächst linear fortlaufende Kontinuierung der endlichen Kausalität aufrecht erhalten wird. In der bedingten Kausalität ist die ansichseiende Identität als Voraussetzung in das substantielle Verhalten zu und gegen sich hineingenommen, so dass das äußerliche Substrat aufgehoben ist, aber in der passiven Substanz noch die Funktion eines Substrats für die wirkende Substanz vorläufig weiter besteht. Dieser Restmechanismus löst 241

WdL II, S. 237; GW 11, S. 407.

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sich weiter im Prozess jenes Wirkens auf, dem eine derart genuine Gegenwirkung erwächst, in welcher sich Setzen und Werden, scheinende und entstehendvergehende Prozessualität zu einer Einheit bringen. Mit dem Ausdruck Mechanismus verbindet sich zwar eine Anspielung auf die begriffliche Objektivität, in der dann die Aktion und Reaktion wieder thematisch wird, aber das Mechanische der Kausalität enthält noch nicht die Selbstäußerlichkeit der mechanischen Objekte, es muss sich in ihrer Bewegung erst jene Totalität entbergen, die im Objekt schon per se manifestiert ist. Der kausale Mechanismus ist nun aber in der Wechselwirkung gänzlich aufgelöst, weil in ihr kein Platz mehr ist für ein unmittelbar substantielles Beharren, die wirkende Vermittlungsbewegung vielmehr völlig gegenseitig und gegenläufig ist, wobei zu beachten ist, dass zur Passivität ein retardierendes Moment gehört, in welchem das werdende Zusammengehen mit sich mit dem Setzen und Gesetztwerden völlig kongruiert. Umgekehrt ist die setzende Wirkbewegung als solche identisch mit dem werdenden Entstehen der aktiven Substanz aus der Passivität heraus und freilich ebenso identisch mit dem werdenden Vergehen in die passive Substanz hinein. In dem wirkend aufhebenden Voraussetzen des Anderen wird das Negieren des Negativen als solchen wieder mit dem negierenden Setzen identisch gesetzt. Darum ist im substantiellen Wechsel durchaus das Passivische (und die damit korrelierte voraussetzungsgebundene Seinsbewegung) enthalten, es handelt sich eben nicht bloß um ein reines aufeinander treffendes und gegeneinander gehendes Setzen. Die ursächliche Ursprünglichkeit ist sich mit sich negativ vermittelnd, wobei jedoch der sich hierin vollziehende Negationsprozess die Komplexion des substantiell miteinander verschränkten Setzens und Voraussetzens enthält. Die setzend relationale Gegenseitigkeit versetzt sich selbst ebenso in Passivität, so dass das Setzen zugleich bedingt und bedingend ist, aber umgekehrt das Bedingungsverhältnis ebenso ausschließlich durch das Setzen bewirkt. Die daraus schließlich resultierende Identität der aktiven und passiven Substanz oder der sich hierin manifestierende leere Unterschied zeigt damit nur auf, dass die in die Substantialität verinnerlichte Identität aus sich selbst nur ihren (sich selbst vermittelnden) Schein zeigt oder dass die gegeneinander gesetzten Substanzen im Schein als Schein (insofern er aus dem Wesen als solchen befreit ist) identisch sind. Was dies genau heißt und was dies für das Wesen überhaupt bedeutet, ist noch eingehender zu beleuchten: »Zunächst stellt die Wechselwirkung sich dar als eine gegenseitige Kausalität von vorausgesetzten, sich bedingenden Substanzen; jede ist gegen die andere zugleich aktive und zugleich passive Substanz. Indem beide hiermit sowohl passiv als aktiv sind, so hat sich bereits jeder Unterschied derselben aufgehoben; er ist ein völlig durchsichtiger Schein; sie sind Substanzen nur darin, daß sie die Identität des Aktiven und Passiven sind. Die Wechselwirkung selbst ist daher nur noch leere Art

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und Weise, und es bedarf bloß noch eines äußeren Zusammenfassens dessen, was bereits sowohl an sich als gesetzt ist. Fürs erste sind es keine Substrate mehr, welche miteinander in Beziehung stehen, sondern Substanzen; in der Bewegung der bedingten Kausalität hat sich die noch übrige vorausgesetzte Unmittelbarkeit aufgehoben, und das Bedingende der ursächlichen Aktivität ist nur noch die Einwirkung oder die eigene Passivität. Diese Einwirkung kommt aber ferner nicht von einer anderen ursprünglichen Substanz her, sondern eben von einer Ursächlichkeit, welche durch Einwirkung bedingt oder ein Vermitteltes ist. Dies zunächst Äußerliche, das an die Ursache kommt und die Seite ihrer Passivität ausmacht, ist daher durch sie selbst vermittelt; es ist durch ihre eigene Aktivität hervorgebracht, somit die durch ihre Aktivität selbst gesetzte Passivität. – Die Kausalität ist bedingt und bedingend; das Bedingende ist das Passive, aber ebensosehr ist das Bedingte passiv. Dies Bedingen oder die Passivität ist die Negation der Ursache durch sich selbst, indem sie sich wesentlich zur Wirkung macht und eben dadurch Ursache ist. Die Wechselwirkung ist daher nur die Kausalität selbst; die Ursache hat nicht nur eine Wirkung, sondern in der Wirkung steht sie als Ursache mit sich selbst in Beziehung.«242

Die Bewegung des unendlich gegenwirkend auf sich zurückkehrenden Wirkens oder der unendlich wirkenden Gegenwirkung auf sich wird zu einem vollkommenen und vollständigen »Wechselwirken«,243 welches zunächst noch als eine gegenseitige Kausalität aufgefasst werden kann, worin sich die Substanzen im Wirken zugleich voraussetzend bedingen und damit eine gegenläufige Abwechslung erzeugen. Die Substanzen sind hierin nicht nur zugleich aktiv und passiv, jede ist vielmehr »gegen die andere zugleich aktive und zugleich passive Substanz«,244 sofern wir die Nuancierung in dieser Formulierung überhaupt bemerken. Der sich hierin aufhebende Unterschied ist damit nicht nivelliert, er versetzt den Schein in eine Durchsichtigkeit, worin sich die Durchsicht auf die spezifische Identität von solchen einstellt, die zugleich vollkommen substantiell in all ihrer Aktivität und Passivität (in ihrer Seins- und Wesensbestimmung) sind. Die sich einstellende »Identität des Aktiven und Passiven«245 enthält den Seins- und Wesensunterschied, der zugleich kein Unterschied ist. Das Sein in seiner Wahrheit als bedingende Bedingung und das Wesen in seiner Wahrheit als scheinender (und aufscheinender) Schein sind eins. Im Wechselwirken ist das Bedingen bewirkt und das Wirken bedingt, aber beides ist selbst noch identisch, ist ein nur sich unterscheidend aufhebender Unterschied, in welchem sich bereits die Durchsicht auf das Sein und Wesen freigibt. »Die Wechselwirkung selbst ist daher nur noch leere Art und Weise, und es bedarf bloß noch eines äußeren Zusammenfassens dessen, WdL II, S. 238; GW 11, S. 407 f. WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 244 WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 245 Ebd. 242

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was bereits sowohl an sich als gesetzt ist.«246 Die Identität in ihrem durchsichtigen Unterschied eröffnet die Leere, deren es bedarf, um hierauf eine neue Grund­ lagendimension zu errichten. Nur diese Leerheit ergibt jene Basis, in welcher die Relationalität des Wesens ihr Drittes nicht mehr in neue Relata veräußert, sondern auf das Andere im absoluten Schein und Scheinen selbst hinweist. Noch ist dies selbst nur ein Hinweis, aber in ihm kehrt auch jene »leere Bestimmung«247 der absoluten Notwendigkeit wieder, die notwendig (und zufällig) war, um die freien Wirklichkeiten in deren angelegter (absolut möglicher) Substantiierung zu entbergen. Eine derartige »Leere«248 geht aber immer aus einer spezifisch gearteten logischen Konstellation hervor und daher ist sie auch wieder die Quelle für eine sich hieraus neu eröffnende Logizität. Für die Modalitätskategorien hieß dies, dass die sich einstellende »leere, zufällige Bestimmung«249 nur dazu führte, dass die Notwendigkeit sich »aus sich selbst zur Zufälligkeit«250 bestimmte und damit jenen der realen Notwendigkeit noch mangelnden Vollzug an ihr selbst setzte. In weiterer Folge ebnete dies den Weg über die freien Wirklichkeiten hin zum absoluten Verhältnis. Im nun konsequent sich entfaltet habenden absoluten Verhältnis entbirgt sich diese Leere wieder, sie ist aber nunmehr das Indiz für die sich seins- und wesenhaft ins Wechselwirken versetzt habenden Substanzen. So stellt sie auch wieder den Quell einer neuen logischen Ära dar, die ihren Charakter aber auch nur enthüllt, wenn verstanden oder besser begriffen wird, durch welche Konstellation diese Leere zustande kommt. Jedenfalls ist die Wechselwirkung als »leere Art und Weise«251 selbst eine Modalität, nämlich der Modus des Absoluten selbst, insofern er sich im absoluten Verhältnis aus der »äußerste[n] Äußerlichkeit«252 zu immanenter Selbstreflexion gebracht hat. Die Leere resultiert dabei aus einer bestimmten Art und Weise, in welche sich der Begriff der Substantialität überhaupt versetzt hat. Die Aufschließung in die Vielheit und die Restriktion auf die Zweiheit der Substanzen sind zugleich der Weg des sich aufschließenden Absoluten, insofern hierin die Leere und Fülle von Substanz überhaupt sich als Verhältnis des Absoluten zu sich selbst setzt, sich schließlich im Wechselwirken zu einer Identität verwirklicht, deren Inneres sich in der vereinheitlichten Seins- und Wesensbeziehung der Kausalität zeigt. Ansichsein und Gesetztsein der sich aufeinander beziehenden Substanzen sind in der Wechselwirkung in eine Einheit gebracht, die sich in einer Bewegung manifestiert, in welcher sich zeigt, dass das »Bedingende der ursächlichen Aktivität WdL II, S. 238; GW 11, S. 407 f. WdL II, S. 213; GW 11, S. 389. 248 Ebd. 249 WdL II, S. 213; GW 11, S. 390. 250 WdL II, S. 212; GW 11, S. 389. 251 WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 252 WdL II, S. 193; GW 11, S. 375. 246 247

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[…] nur noch die Einwirkung oder die eigene Passivität«253 ist. Jegliche »vorausgesetzte Unmittelbarkeit«254 ist aufgehoben, weil sich die Momente so begegnen, dass sie sich selbst verursachend bedingen. Das, was die Ursache bedingt, ist selbst nur durch das Wirken, das sich zur eigenen Passivität für sich selbst (zur bedingenden Konstitution der Wirkmächtigkeit) vermittelt. Die Einwirkung entstammt nicht einer anderen ursächlichen Substanz, weil die Ursächlichkeit selbst nur durch Einwirken bedingt und vermittelt ist. Das, was als Äußerliches für das eigene Passivwerden der Ursache verantwortlich ist, ist durch die eigene Aktivität gesetzt, ist »die durch ihre Aktivität selbst gesetzte Passivität.«255 Einerseits ist das Bedingende passiv, aber andererseits ist das, was bedingt wird, selbst schon wieder ein Passives, hat sich zur eigenen Selbstaufhebung vermittelt und lässt nichts zu, das als Ursprüngliches für die Einwirkung vorliegen würde. Die Kausalität hat sich damit nicht nur von der bestimmten zur bedingten Kausalität fortbestimmt, sie ist nun als Kausalität »bedingt und bedingend«,256 also nicht bloß ins Bedingungsverhältnis versetzt, sondern als kausales Wirken und im kausalen Wirken selbstbedingend. Die seinsbestimmte Passivität ist wesentliches Wirkmoment, weil sich die Ursache auf sich selbst hin in die Passivität ihrer selbst (in die Passivität für sich selbst) versetzt. Das sich als passiv Verhaltende für und gegen die Ursächlichkeit ist nur die schon negativ bedingend auf sich selbst zurückgekommene Ursache, die sich darin zur Wirkung für sich selbst macht, um nur hierin Ursache zu sein. Die Kausalität ist wechselwirkend in sich und für sich, aber eben nicht bloß sich auf sich selbst beziehende und setzend zu sich zurückkehrende Aktivität, sondern die sich selbst die Passivität aufbereitende Ursächlichkeit, um nur aus der eigenen gesetzten Bedingtheit heraus wirkend zu sein. In dieser Wechselwirkung gegen sich selbst ist damit formal die causa sui gesetzt, denn »die Ursache hat nicht nur eine Wirkung, sondern in der Wirkung steht sie als Ursache mit sich selbst in Beziehung«,257 aber der Sache nach ist die causa sui (in ihrer ursächlichen Selbstrückbezüglichkeit) sogar überschritten, weil die Wechselwirkung in ihrer Reflexivität auf und gegen sich mit der werdenden Bedingtheit vereint ist. Es ist also zu kurz gegriffen, sich in der Interpretation nur auf die Bestimmung der causa sui zu stützen, um sie (als fälschlicherweise fixiert und vorausgesetzt) in ihrer Entwicklung nachzuzeichnen. Der Begriff als wahrhafte causa sui enthält eine Komplexion in sich, die weit über die Bestimmung des sich selbst Verursachens hinausgeht. Da wir nun mit der Wechselwirkung zur Begriffsaufschließung gekommen sind, müssen wir WdL II, S. 238; GW 11, S. 408. Ebd. 255 Ebd. 256 Ebd. 257 Ebd. 253

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eben diese sich aus der Bewegung der Kausalität herausschälende Komplexion aufweisen und begreifen: »Hierdurch ist die Kausalität zu ihrem absoluten Begriffe zurückgekehrt und zugleich zum Begriffe selbst gekommen, Sie ist zunächst die reale Notwendigkeit, absolute Identität mit sich, so daß der Unterschied der Notwendigkeit und die in ihr sich aufeinander beziehenden Bestimmungen, Substanzen, freie Wirklichkeiten gegeneinander sind. Die Notwendigkeit ist auf diese Weise die innere Identität; die Kausalität ist die Manifestation derselben, worin ihr Schein des substantiellen Andersseins sich aufgehoben hat und die Notwendigkeit zur Freiheit erhoben ist. – In der Wechselwirkung stellt die ursprüngliche Kausalität sich als ein Entstehen aus ihrer Negation, der Passivität, und als Vergehen in dieselbe, als ein Werden dar; aber so, daß dies Werden zugleich ebensosehr nur Scheinen ist; das Übergehen in Anderes ist Reflexion in sich selbst; die Negation, welche Grund der Ursache ist, ist ihr positives Zusammengehen mit sich selbst.«258

Diese Rückkehr der Kausalität zu ihrem Begriff, der in der nunmehr entleerten, aber ebenso erfüllten Modalität des Absoluten sich als ihr absoluter Begriff enthüllt, stellt sich durch das sich ins eigene Ansichsein aufhebende Gesetztsein der Substanzen ein. Damit ist zugleich die formelle Kausalität, die den ursprünglichen Begriff der Kausalität enthielt, erfüllt und konkretisiert. In ihr und mit ihr vollzog sich dort auch die Ursprungsbestimmung der Kausalität, d. i. die Ursache, in ihrem noch reinen Begriff, der formell zwar der causa sui entspricht, aber vielmehr aus der sich selbst fortbestimmenden Substanz begriffen werden musste. Die Substanz bestimmte sich in der formellen Kausalität und erst im Verständnis dieser Selbstbestimmung trat das Begriffliche schon zu Tage: »Sie bestimmt sich, – sie, das Bestimmende, ist so das Unmittelbare und das selbst schon Bestimmte; – indem sie sich bestimmt, setzt sie also dies schon Bestimmte als bestimmt, hat so das Gesetztsein aufgehoben und ist in sich zurückgekehrt. – Umgekehrt ist diese Rückkehr, weil sie die negative Beziehung der Substanz auf sich ist, selbst ein Bestimmen oder Abstoßen ihrer von sich; durch diese Rückkehr wird das Bestimmte, von dem sie anzufangen und es als vorgefundenes Bestimmtes nun als solches zu setzen scheint.«259

Die Wechselwirkung erfüllt nun diesen Begriff der Selbstbestimmung und setzt damit zugleich den Begriff als solchen. Die vollkommen an sich und in sich bestimmten Substanzen versetzen sich in der Wechselwirkung in ein nochmaliges WdL II, S. 238 f.; GW 11, S. 408. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397.

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Bestimmen und Bestimmtwerden aus und gegen sich selbst. So wird das »schon Bestimmte als bestimmt«260 gesetzt, eben dies ist der Selbstwiederholungsakt des Begriffs. Weiter oben haben wir im Rahmen der Interpretation der formellen Kausalität diese vorbegriffliche Struktur, die sich nun in der Wechselwirkung (dualrelational substantiiert) realisiert, bereits genau dargelegt. Nun gehen wir aber über die Andeutung des Begriffs hinaus, machen mit der Einsicht in die Wechselwirkung den tatsächlichen Schritt zum Begriff selbst. Diesen Fortschritt erkennen wir wiederum am besten in der vom erreichten Standpunkt aus rückbezogenen Schau auf die spezifische Abkunft der sich bis zur Selbstaufhebung intensiviert habenden Kausalität. Hegel wendet hier wieder eine spekulativ komprimierte Zusammenziehung an, um aufzuzeigen, welche Faktoren entscheidend sind, um die Manifestationsbewegung der Kausalität zu begreifen. Sie wird in ihrer logischen Entstehung zurückbezogen auf die reale Notwendigkeit, die in ihrer Identität schon an sich jene Verabsolutierung beinhaltet, die dann in weiterer Folge das Auftreten der freien Wirklichkeiten nach sich gezogen hat. Nachdem nun in der ausführlichen Entfaltung des absoluten Verhältnisses das notwendig identisch Beharrende als das sich in Verdopplung zu sich selbst Verhaltende hervorgetreten ist, wird klar, dass die in den freien Wirklichkeiten sich manifestierende »Freiheit ihrer scheinlosen Unmittelbarkeit«261 bereits eine Identität impliziert, die rückwirkend aus der verhältnismäßigen Substantiierung begriffen werden kann. Obwohl also die Bestimmung der Substanz ursprünglich allererst aus der Dynamik der freien Wirklichkeiten resultiert, führt das Verhältnis des substantiellen Wechselwirkens zu der Einsicht, dass das freie Gegeneinander dieser absoluten Wirklichkeiten sich selbst schon dem Substantiellen, und zwar dem Substantiellen in seiner Verhältnissetzung zu sich selbst, verdankt. Daher erlaubt dies nun die spekulative Identifizierung der freien Wirklichkeiten mit den Substanzen, so wie sie sich in ihrer widersprüchlichen Beziehung als gegeneinander beharrend und erhaltend bestimmt haben, bevor sie dann schlussendlich in ihrer wechselwirkbedingten Identität untergehen. Jene Identität aber, die noch einer Wirklichkeit oder einem Wirken entspringt, worin der Schein vollständig oder auch momentartig zur Substantiierung aufgewendet (oder, wie in den freien Wirklichkeiten sogar aufgebraucht) wird, bleibt eine noch »innere Identität«.262 Das gilt für die blinde Notwendigkeit, worin »die Unterschiedenen […] die Gestalt der Reflexion-in-sich als des Seins«263 haben, so dass sie hierin nur »rein in sich gegründet«264 und »für sich gestaltet sind«.265 Ebd. WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 262 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 263 WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. 264 WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 265 Ebd. 260 261

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Das gilt aber auch für die Kausalität, sofern in ihr immer noch die Aufrechterhaltung »jenes ursprünglichen Beharrens der unmittelbaren Substantialität«266 gegeben ist. Das ist sogar noch in jenem Status der Wirkung und Gegenwirkung der Fall, wo sich zwar die Verkehrung der Substanzen bereits vollzieht, aber ihr wechselbezogenes (und nicht wechselbewirktes) Gegeneinander noch substantiell beharrend erhalten bleibt. Die dabei im Verkehren selbst sich einstellende Identität ist noch eine innere, weil der Schein nicht frei für sich hervortritt, nur eingebunden ist in die Konstitution einer Wechselbeziehung, die nur erst an der Schwelle zur Wechselwirkung steht. Dennoch ist die gesamte Bewegung der Kausalität eine Bewegung der Manifestation dieser inneren Identität. Die Verinnerlichung, wie sie in den freien Wirklichkeiten vorkommt, aber auch insbesondere in der Auflösung der Äußerlichkeit des Substrats hinein in jene Substantiierung, worin das substantiell Passivische gegen die sich auf sich beziehende ursächliche Negativität hervortritt, ist ebenso Veräußerung oder Entäußerung jenes noch in der Wesensbeziehung einbehaltenen Scheins, der sich in dieser notwendigen Zwangskonstellation aber erst recht bemerkbar macht. Dabei hat die auf die Relationalität und auf die Identitätssetzung angelegte Wesensbewegung bezüglich der freien Wirklichkeiten nochmals die Kraft und ansichseiende Macht die das Wesen sprengende gleichgeebnete Gliederung (wie sie eben schon im Status der freien Wirklichkeiten anhand der Gleichrangigkeit von Sein und Nichts in der Strukturiertheit nach inhaltlich bestimmten seienden Entitäten in einem ebenso gleichgültigen Zueinander von Zweiheit und Vielheit gegeben ist) zu überwältigen (d. h. dabei bereits an sich jene Gewalt ausübend, die als gesetzt erst in den wirkend gegenwirkenden Substanzen zur Erscheinung kommt) und wieder ins Wesen (das sich hierin ins absolute Verhältnis zu sich selbst oder ins Verhältnis des Absoluten zu sich selbst setzt) zurückzuzwingen. Diese noch gegen die Zufälligkeit (worin sich das erste Auftauchen des Freien noch nicht zur Freiheit erheben konnte) sich durchsetzende absolute Notwendigkeit kann sich in der substantiellen Wechselwirkung nicht mehr gegen die »absolute Zufälligkeit«,267 die sich durch die »leere Art und Weise«268 des Wechsels (oder des umschlagend Ineinander- bzw. Gegeneinanderkippens) von Aktivem und Passivem fundiert, zur Geltung bringen. Dennoch bricht auch diese Zufälligkeit in ihrem bloßen Modalitätssinn zusammen oder kreiert vielmehr auf der Basis ihrer Leere einen neuen Zusammenhang von selbständigen (und nicht mehr zufällig gleichgültigen) Totalitäten, die zugleich nur als eine Identität gesetzt sind. Notwendigkeit und Kausalität treiben fortlaufend in sich den »absoluten Widerspruch«269 hervor, weil sich der substantielle Unterschied verfestigt, aber hierin ebenso die absolute 268 269 266 267

WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. WdL II, S. 239; GW 11, S. 408.

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Identität notwendig hervortritt. Notwendigkeit und Zufälligkeit sind dann auch in der Kausalität integrativ enthalten, aber sie werden einerseits in der Bewegung der Kausalität verinnerlicht, andererseits aber durch dieselbe Bewegung zum Aufscheinen gebracht. In sich sind sie Sein und Schein, aber als in der Konstitution der Kausalität verhaftet, kann sich diese Einheit von Sein und Wesen nicht für Anderes zeigen. Die Kausalität ist aber Bewegung und in dieser Bewegung wird der »Schein des substantiellen Andersseins«270 aufgehoben, d. h. dass eben dieser Schein losgelöst von seiner substantiierenden Konstituierungsleistung, aber zugleich diese Bewegung aufzeigend, hervortreten kann. Dieser aufscheinende Schein, was nichts anderes ist als »die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«,271 befasst dabei die auch noch mit der Wechselwirkung sich vollziehenden Seins- und Wesensbewegungen so in sich, dass er sie in ihrer Identität zum Vorschein bringt. Die Symmetrie des Wechsels von Aktivem und Passivem in leerer (absolut formierter), aber ebenso erfüllter (absolut inhaltlicher) Identität beruht auf der Asymmetrie der Seinsbewegung (im entstehend-vergehenden Werden) gegen die Wesensbewegung (im konstituierenden Scheinen), die dennoch nur als eine identische Bewegung gesetzt ist. Das (sich aufhebend seinsmäßige) »Übergehen in Anderes«272 ist per se (sich aufhebend wesensmäßige) »Reflexion in sich selbst«273 und die Negativität, aus welcher die Ursache ursprünglich entspringt, ist per se »positives Zusammengehen mit sich selbst«,274 also als wesentliche Negation positive Unmittelbarkeit des Seins. So wird der letzte Satz des oben bereits zur Gänze zitierten dritten Absatzes der Wechselwirkung nochmals völlig klar: »In der Wechselwirkung stellt die ursprüngliche Kausalität sich als ein Entstehen aus ihrer Negation, der Passivität, und als Vergehen in dieselbe, als ein Werden dar; aber so, daß dies Werden zugleich ebensosehr nur Scheinen ist; das Übergehen in Anderes ist Reflexion in sich selbst; die Negation, welche Grund der Ursache ist, ist ihr positives Zusammengehen mit sich selbst.«275

Auch wenn sich wechselwirkend die spezifische Seinsbewegung des entstehenden und vergehenden Übergehens in das substantiell Andere als mit der spezifischen Wesensbewegung des scheinenden sich in das substantiell Andere Reflektierens identisch setzt, so enthält die aufscheinende oder auch hervorscheinende Identität in ihrer tradierenden Bewegungswiedergabe dennoch die in dieser Identität sich genuin unterscheidenden Negationsprozesse. Diese sich hierbei Ebd. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 272 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 273 Ebd. 274 Ebd. 275 Ebd. 270 271

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einstellende Negativität in ihrer Gesamtheit oder Ganzheit bewahrt aber weder die ursprünglichen Negationsprozesse des Seins und Wesens als aufgeteilt, noch fällt sie nur in einen dieser Negationsprozesse zurück. Daher kann sich als Konsequenz aus der Wechselwirkung keine bloße Wesensrelationalität mehr einstellen. – Wie sieht aber die Negativität als die Identität der Substanzen, worin dennoch die logischen Richtungen des Passiven und Aktiven noch aufrecht sind und ebenso die sphärischen Bewegungen der objektiven Logik in ihrer Gesamtheit noch eine Wirkung besitzen, aus? Wieder müssen wir hierfür genau auf die Bewegung der Kausalität achten, die sich einerseits als kausal selbstaufhebend zum Verschwinden bringt, aber andererseits in ihrer Bewegung »die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst«276 als aufscheinend zeigt. Die Wechselwirkung hebt in sich Notwendigkeit und Kausalität auf, aber bewahrt die logische Bewegung so, dass sich die ursprünglich in ihnen formierende Identität gegen die Identität der Wechselwirkung (quasi rückwirkend) als verinnerlicht erweist. Die mit dem Wechselwirken eintretende Befreiung aus dieser Innerlichkeit offenbart damit die Notwendigkeit überhaupt als Freiheit, und zwar als freies Aufscheinen der Identität im Unterschiedenen, worin die reflektierte vollständige Bestimmtheit in sich die an sich auf ein Drittes bezogene Relationalität in eine (meta-lose) Ebene aufhebt: »Notwendigkeit und Kausalität sind also darin verschwunden; sie enthalten beides, die unmittelbare Identität als Zusammenhang und Beziehung und die absolute Substantialität der Unterschiedenen, somit die absolute Zufälligkeit derselben,  – die ursprüngliche Einheit substantieller Verschiedenheit; also den absoluten Widerspruch. Die Notwendigkeit ist das Sein, weil es ist, – die Einheit des Seins mit sich selbst, das sich zum Grunde hat; aber umgekehrt, weil es einen Grund hat, ist es nicht Sein, ist es schlechthin nur Schein, Beziehung oder Vermittlung. Die Kausalität ist dies gesetzte Übergehen des ursprünglichen Seins, der Ursache, in Schein oder bloßes Gesetztsein, umgekehrt des Gesetztseins in Ursprünglichkeit; aber die Identität selbst des Seins und Scheins ist noch die innere Notwendigkeit. Diese Innerlichkeit oder dies Ansichsein hebt die Bewegung der Kausalität auf; damit verliert sich die Substantialität der im Verhältnisse stehenden Seiten, und die Notwendigkeit enthüllt sich. Die Notwendigkeit wird nicht dadurch zur Freiheit, daß sie verschwindet, sondern daß nur ihre noch innere Identität manifestiert wird, – eine Manifestation, welche die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich ist. – Umgekehrt wird zugleich die Zufälligkeit zur Freiheit, indem die Seiten der Notwendigkeit, welche die Gestalt für sich freier, nicht ineinander scheinender Wirklichkeiten haben, nunmehr 276

WdL II, S. 239; GW 11, S. 409.

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gesetzt sind als Identität, so daß diese Totalitäten der Reflexion-in-sich in ihrem Unterschiede nun auch als identische scheinen oder gesetzt sind nur als eine und dieselbe Reflexion.«277

Die Notwendigkeit in ihrer sich zu den freien Wirklichkeiten steigernden Absolutheit und die sich aus der endlichen Kausalität heraus zur sich selbst bedingenden Kausalität steigernde und sich somit verabsolutierende Kausalität verschwinden im »unendlichen Wechselwirken«278 oder gehen vielmehr in einer Identität unter, welche die bereits in ihnen gesetzten Identitätsmomente so vereint, dass diese Momente als in sich selbst reflektierte Totalitäten zum VorSchein (der zugleich »die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«279 selbst ist) kommen. Bevor sich das einstellt, treiben die Notwendigkeit und die Kausalität den absoluten Widerspruch hervor, weil in ihnen die absolute Festigkeit (in den freien Wirklichkeiten und in den Substanzen, die sich anhand der Wechselwirkung ohnehin als schlichtweg identifizierbar erweisen) von Unterschiedenen mit der Identität im Zusammenhang oder in der Beziehung, die jedoch (aufgrund der sich darin vollziehenden Konstitutionsleistung) noch kein eigenes oder eigenständiges Identitätsmoment ausmacht, selbst identisch gesetzt ist. So ist die Einheit von Notwendigkeit und Zufälligkeit zwar selbst verabsolutiert, aber weder die Notwendigkeit noch die Zufälligkeit sind auf ihr eigenes Fürsichsein (geschweige denn auf das Anundfürsichsein) hin befreit, sie verleihen nur den Unterschiedenen ein fürsichseiendes Bestehen, das von der konstituierenden Bewegung des Scheins zehrt, ihn jedoch noch nicht als Schein in und für sich selbst zum Aufscheinen bringt. Dennoch vollzieht sich die Bewegung, so dass nichtsdestoweniger die für die Konstitution benötigte Negativität anhand der sich in die Identität setzenden Substantiierung frei hervortreten wird. In dieser Freiheit geht dann schließlich die Mächtigkeit der Substanzen in den an und für sich bestehenden Scheinmomenten, die selbst zu (die Wesensrelationalität übersteigenden) Totalitäten gediehen sind, auf. Notwendigkeit und Kausalität nochmals als solche betrachtet, so sind sie ohnedies schon Einheitsbestimmungen von Sein und Wesen, gesetzte Identitäten von Übergängigkeit und Scheinbarkeit, aber sie sind Formierungen zur Selbstkonstitution (des in den Unterschied gesetzten absolut Wirklichen oder absolut Substantiellen), worin die absolute Form noch nicht an und für sich in ihren gleichberechtigten Momenten aufscheinen kann. Die Notwendigkeit ist Vollzug einer logischen Schleifenbewegung, in welcher der Schein konstitutiv auf sich WdL II, S. 239 f.; GW 11, S. 408 f. WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 279 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 277 278

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zurückscheint und die Identität letztlich nur als in sich selbst aufgehende Rückbestimmung zustande gebracht wird. So ist alles Sein notwendigerweise vermittelt und jede Vermittlung notwendigerweise nur eine Bestimmung des Seins. In seiner Reinkultur begegnete uns diese Notwendigkeit als das »schlechthin Notwendige«,280 von dem ausschließlich gilt: »Es ist […], weil es ist; als das Zusammengehen des Seins mit sich ist es Wesen; aber weil dies Einfache ebenso die unmittelbare Einfachheit ist, ist es Sein.«281 Hieran werden wir nun in der Wechselwirkung mit Augenmerk auf den konstituierenden (aber noch nicht als Schein aufscheinenden) Schein abermals erinnert: »Die Notwendigkeit ist das Sein, weil es ist, – die Einheit des Seins mit sich selbst, das sich zum Grunde hat; aber umgekehrt, weil es einen Grund hat, ist es nicht Sein, ist es schlechthin nur Schein, Beziehung oder Vermittlung.«282

Diese rückbezügliche Grundgegenbewegung der Notwendigkeit haben wir im ersten Kapitel in all ihren logischen Facetten ausführlich dargelegt und erläutert. Es handelt sich dabei um ein markantes Interpretament im Rahmen der Aufschlüsselung der logisch sehr diffizilen Modalitätskategorien. Um den schwierigen Schritt von der Notwendigkeit der objektiven Logik zur Freiheit der subjektiven Logik genau zu verstehen, lohnt es, nochmals auf diese spezifische Gegenbewegung zurückzublicken. Die Kausalbewegung ist dabei ebenso eine Gegenbewegung, weil die Ursächlichkeit sich prinzipiell mit sich selbst vermittelt, wobei zu bedenken ist, dass sich im logischen Fortschreiten der Status einer mechanischen Kausalität unabdingbar oder notwendigerweise einstellt oder einstellen muss. In ihr ist »die Reflexion der Ursache in ihrer Wirkung in sich zugleich ein abstoßendes Sein«,283 so dass die damit einhergehende Äußerlichkeit oder Selbstäußerlichkeit ein Übergehen oder eine Weiterbestimmung des Kausalzusammenhanges auf eine andere Substanz impliziert. Der hiermit verbundene Progress zeigt die Notwendigkeit einer Vielheit von Substanzen, aber in der Selbstaufhebung dieser schlechten Unendlichkeit die ebenso notwendige Reduktion auf die Zweiheit der Substanzen. In diesem Zueinander formiert sich dann die schlussendlich erst mit der Wechselwirkung eintretende Einsicht, dass die Ursache so sehr ursprüngliches Sein wie Gesetztsein ist, wobei letzteres seinerseits nichts anderes als Scheinrückkehr (im wohlverstandenen Sinne) zur Ursprünglichkeit ist. Solange diese aus einer Scheinoszillation (abermals im wohlverstandenen Sinne) hervorgehende notwendige WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. Ebd. 282 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 283 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 280 281

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»Identität […] des Seins und Scheins«284 noch gänzlich in ihrer logischen Herstellung oder im Konstitutionsprozess aufgeht, bleibt die Notwendigkeit selbst so verinnerlicht, dass die Momente der Scheinprozessualität (wiederum im wohlverstandenen Sinne) nicht frei und nicht in ihrer ansichseienden und fürsichseienden Selbständigkeit hervortreten können. An diesen noch gegen sein eigenes Aufscheinen festgehaltenen (oder sich notwendig konstitutiv inkorporierenden) Schein werden wir in der Wechselwirkung erinnert: »Die Kausalität ist dies gesetzte Übergehen des ursprünglichen Seins, der Ursache, in Schein oder bloßes Gesetztsein, umgekehrt des Gesetztseins in Ursprünglichkeit; aber die Identität selbst des Seins und Scheins ist noch die innere Notwendigkeit.«285

Die Kausalität ist in dieser Gegenbewegung begriffen, die an sich Sein und Wesen, Sein und Gesetztsein oder auch Sein und Schein vereinheitlicht, so dass es nunmehr durchaus legitim ist, die ursprüngliche Wesensbestimmung der Ursache als ursprüngliches Sein der Kausalität zu bezeichnen, aber solange noch diese Sein-Schein-Einheit in ihrer (absoluten, jedoch nicht losgelösten, sondern inkorporierten) Negativität zur Aufrechterhaltung des substantiellen Kausalvorgangs gebraucht wird, zeigt sich eben diese Negativität nicht in ihrem Fürsichsein. Das noch substantiell beharrende Ansichsein, welches schon selbst Einheit von Sein und Wesen ist, hebt sich jedoch durch die sich auf die Wechselwirkung logisch zubewegende Kausalität in das eigene Hervorkommen aus sich (das bereits im Sinne der causa sui als Begriff zu verstehen ist) auf. Was kommt jedoch hier hervor, was kommt hier heraus? Im sich gewaltig auswirkenden Wechselwirken werden die Sein- und Scheinbewegungen wie auch die sich (selbstbedingend) übergehenden Richtungen des Aktiven und Passiven hervor- und hineingezogen in die für sich frei gesetzten und substantiierten Wirklichkeiten, die zwar hierin ihr substantielles Bestehen vollkommen verlieren, aber in sich selbst die vollständige Breite (oder logische Ausdehnung) der negativen Bestimmtheit als Totalität gewinnen. Der »Schein des substantiellen Andersseins«286 hebt sich auf in den Schein eines Andersseins, der frei in sich selbst und frei gegen (selbständig) Anderes nicht mehr das Gesetztsein über sich selbst veräußernde Negativität exekutiert, sondern dies Gesetztsein in sich selbst zum Austrag bringt. Solange das Gesetztsein als solches in seiner Selbstäußerlichkeit durch die Gegenläufigkeit der Substanzen zur inneren Konstitution der kausalen Notwendigkeit aufgewendet wird, hat es selbst noch keine für sich seiende Besonderheit, so WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. WdL II, S. 239; GW 11, S. 408 f. 286 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 284 285

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dass selbst das verwesentlichte Sein nur sich aufreibendes Moment im Kausalvorgang bleibt und nicht zur absolut inhaltlichen Fülle als selbständig bestehendes Scheinmoment heranreifen kann. Dieser logische Reifungsprozess wird jedoch im Wechselwirken vollzogen, weil die nur innere »Identität selbst des Seins und Scheins«287 zur aufscheinenden Identität im selbstdurchsichtig werdenden Zueinander der sich aus ihrer konstitutiven Beziehung herauslösenden Substanzen herausgesetzt wird. In diesem Heraussetzen (oder dem oben genannten Hervorkommen aus sich) wird die Innerlichkeit der identischen Notwendigkeit (oder der notwendigen Identität), die sich noch in ihrer selbstkonstitutiven Gegenbewegung ergeht, manifestiert, d. h. dass sie in der entstehenden Leere der Wechselwirkung jenen logischen Boden gewinnt, in welcher sie als (die Substantialität als solche in sich aufgelöst habende) Scheinbewegung frei hervortreten kann. In dieser über die Kausalität hinausgehenden Bewegung werden die Notwendigkeit und die Zufälligkeit auf die Freiheit hin überstiegen, weil einerseits die innere Gegenbewegung nicht mehr zur rückkehrenden Substantiierung benötigt wird und andererseits den auseinander gesetzten substantiierten Wirklichkeiten nicht mehr die Aufgabe zufällt, die Reflexion gegen die sich ebenso aufteilend differenzierende Reflexionslosigkeit (d. i. die sich von der »Reflexion-in-sich als des Seins«288 abhebende Scheinlosigkeit als des Nichts, welches ein »freies Anderssein«,289 aber noch kein Anderssein der Freiheit ist) zu bewahren. In der sich ursprünglich in der absoluten Notwendigkeit etablierenden Zufälligkeit wird die Scheinbewegung in die »seiende Mannigfaltigkeit«290 von an ihnen selbst sich als das Notwendige (und nicht als Notwendigkeit) manifestierenden Wirklichkeiten inkorporiert, so dass die »absolute Identität«291 nach Identitätsmomenten gegliedert ist, die scheinlos bestimmte Inhalte in gleichsam abgekapselten Entitäten formieren. Weil es aber ein jeweils »bestimmter Inhalt«292 ist, um den es sich handelt, zwingt die Notwendigkeit nochmals die von ihr selbst frei entlassenen Wirklichkeiten in ihre »absolute Rückkehr in sich selbst«293 zurück und dies ist es, was den Schritt zur Substanz überhaupt erst ermöglicht. Nun jedoch ist in der Wechselwirkung die gesamte Substantialität (als durch die Kausalbewegung konkretisiert) zu sich als absoluter Substanz zurückgekehrt, so dass die freien Wirklichkeiten, die in ihrer völlig für sich seienden Gestaltung an sich schon Substanzcharakter besaßen, ihre in der blinden Notwendigkeit verdeckte Scheinidentität zeigen können. Die durch die Kausalbewegung zur (die Bewegungen von Sein und Schein imple WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. 289 WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 290 WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. 291 Ebd. 292 WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 293 WdL II, S. 216 f.; GW 11, S. 392. 287

288

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mentiert habende) Selbstverkehrung getriebenen Substanzen erweisen eben hierdurch an ihnen selbst dasselbe Zeigen, welches darin besteht, ihre Unterschiedenheit ausschließlich in einem völlig durchsichtigen Schein zu formieren, worin sich ihre mögliche Identifizierung als Substanzen nur mehr der »Identität des Aktiven und Passiven«294 selbst verdankt. Eben diese wechselwirkend zustande gebrachte Identität ist es auch, die nunmehr die nicht ineinander scheinenden Wirklichkeiten in ihrem (durch die bestimmte Kausalität zur Gänze verinhaltlichten) Unterschied »als identische scheinen«295 lässt. Die Scheinlosigkeit, deren Kehrseite nichts anderes ist als ein sich zur absoluten Durchsichtigkeit bestimmt habender Schein, ermöglicht erst der Identität sich in den (später so benannten) »freien Schein«296 herauszusetzen. Die im absoluten Auseinander gesetzten Wirklichkeiten werden durch das sich wechselwirkend aufhebende Auseinander der sich selbst bedingenden Substanzen zugleich als Identität gesetzt, und zwar so, dass die Scheinlosigkeit sie als frei hervorscheinen lässt. Das ist nicht mehr der Schein als Moment, als bloß die Bildung der Einheit von Sein und Wesen mitbestimmend, es ist vielmehr der Schein als sich wiederherstellende Reflexion, welche selbst noch das sich seiend ins Wirkliche Reflektieren in sich begreift. Diese umfängliche Reflexion ist aber auch nicht mehr Wesen, sie ist schon die wirkliche Gegliedertheit als eigenständiges Moment (d. i. letztlich die Besonderheit), gesetzt gegen die bestimmte Negativität (als Einzelheit) und die sich reflektierende Negativität (als Allgemeinheit). So sind die sich unter der Ägide der Zufälligkeit ausbildenden Wirklichkeiten, die es vermögen, Schein und Scheinlosigkeit in einem blinden Auseinander an sich zu vereinheitlichen, in ihrer durch die sich selbstbedingende Substanzaufhebung ebenso aufhebend sich vollziehende Identität als zugleich identisch bestehendes und aufscheinendes Auseinander gesetzt. Dies ist nur die umgekehrte Seite der sich manifestierenden Notwendigkeit als die sich ebenso zur Freiheit überführende Zufälligkeit. Das spricht sich im letzten Satz des vorletzten Absatzes der Wechselwirkung aus, so dass es sinnvoll ist, diesen Satz noch einmal einprägsam zu wiederholen: »Umgekehrt wird zugleich die Zufälligkeit zur Freiheit, indem die Seiten der Notwendigkeit, welche die Gestalt für sich freier, nicht ineinander scheinender Wirklichkeiten haben, nunmehr gesetzt sind als Identität, so daß diese Totalitäten der Reflexion-in-sich in ihrem Unterschiede nun auch als identische scheinen oder gesetzt sind nur als eine und dieselbe Reflexion.«297

296 297 294 295

WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. WdL II, S. 252; GW 12, S. 16. WdL II, S. 239 f.; GW 11, S. 409.

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Zur exakten Präzisierung sollte festgehalten werden, dass die unter der Ägide der Zufälligkeit (als »leere Äußerlichkeit«298) stehenden Seiten der (noch blinden) Notwendigkeit (die genau genommen in der Perspektive der absoluten Form als zwei Seiten bestimmt sind, so dass sich »beide als freie Wirklichkeiten«,299 und zwar selbst wieder »als Wirklichkeit und […] Möglichkeit«300 formieren, welche dennoch zugleich ihrer Inhaltsbestimmung nach in viele »unterschiedene Wirklichkeiten«301 aufgrund ihrer seienden »Mannigfaltigkeit«302 auseinandergelegt sind) diese freien Wirklichkeiten zwar dirimieren, jedes derartig wirklich Unterschiedene aber »das Notwendige an ihm selbst«303 darstellt. Im Zuge der Interpretation des ersten Absatzes der Einleitung zum Kapitel über das absolute Verhältnis wurden schon weiter oben jene Abhebungen erläutert, die es zulassen und auch gebieten, die Notwendigkeit, das Notwendige und ein Notwendiges auseinanderzuhalten. In dem zuletzt zitierten Satz ist daher, diese (logisch sehr bedeutungsvollen) Nuancen berücksichtigend, sehr dezidiert von den »Seiten der Notwendigkeit«304 die Rede, wodurch auf die gesamte (vollständige oder auch ganze) Reflexivität abgehoben wird, deren spezifizierte Reflexion-in-sich gegliedert ist in jene (jeweilig an ihnen das Notwendige verkörpernden) freien Wirklichkeiten, die erst über die Identitätssetzung in der Wechselwirkung nunmehr selbst »gesetzt sind als Identität«.305 In der absoluten Notwendigkeit war diese Identität noch verinnerlicht und in notwendige Blindheit versenkt, weil sie zur Konstitution von aufgesprengten oder selbstveräußerlichten Identitätsmomenten vollständig benötigt wurde, was nicht zugelassen hat, dass sie sich als solche hätte hervortun können. Die Reflexivität in ihrer gänzlichen Totalität steckte aufgeteilt in den in sich selbst reflektierten Wirklichkeiten, so dass sie (in der Scheinlosigkeit unterdrückt) nicht frei als Scheinidentität hervortreten konnte. Eben dies bewirkt aber die Wechselwirkung der Substanzen, in welcher das in Fürsichseiende auseinandergelegte Fürsichsein als identisches Ansichsein einer die Notwendigkeit und die Zufälligkeit überkommenden (oder sie rein manifestierenden) absoluten Substanz gesetzt ist. Der Begriff dieser sich verabsolutiert und befreit habenden Substanz ist aber schon der Begriff selbst, in welchem die freie Scheinidentität in ihren Scheinmomenten der ganzen Reflexionstotalität nach aufscheint. Bevor wir uns nun dem letzten Absatz der Wechselwirkung, der ja zugleich den letzten Absatz des absoluten Verhältnisses, den letzten Absatz der Wesens­ WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. Ebd. 300 Ebd. 301 WdL II, S. 216; GW 11, S. 392. 302 WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. 303 WdL II, S. 216; GW 11, S. 391. 304 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 305 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 298

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logik und damit auch den letzten Absatz der gesamten objektiven Logik darstellt, noch eingehend widmen, ist es lohnend und durchaus lehrreich, einen für die Bestimmung des Verhältnisses überhaupt sehr relevanten schlaglichtartigen Vorblick auf die Urteilslogik zu machen. Die urteilslogischen Entsprechungen zu den Themen, die im absoluten Verhältnis verhandelt werden, finden sich deutlich im Urteil der Notwendigkeit, das den dritten Urteilskanon im Verlauf der Darstellung des Urteils überhaupt ausmacht und welches seinerseits wiederum nach drei Urteilen gegliedert ist. Was die Frage nach der Verhältnisbestimmung betrifft, so muss auch schon der zweite Urteilskanon, worin das Urteil der Reflexion (das zugleich ein »Urteil der Subsumtion«306 ist) abgehandelt wird, beachtet werden, denn in ihm werden dezidiert »Verhältnisbestimmungen«307 urteilslogisch thematisiert. Hier ist aber der Allgemeinheitscharakter noch als »zusammenfassende Allgemeinheit«308 aufzufassen, wogegen die Urteile der Notwendigkeit bereits »zur objektiven Allgemeinheit bestimmt«309 sind. »Dieses mehr äußerliche Zusammenfassen«,310 das noch im Urteil der Reflexion gegeben ist, »geht in die wesentliche Identität eines substantiellen, notwendigen Zusammenhangs über«,311 womit das Urteil der Notwendigkeit ganz grundsätzlich gekennzeichnet ist. Dieser Identitätsbestimmung im Urteil entspricht demnach in der objektiven Logik prinzipiell die Substantialität: »Die Bestimmung, zu der sich die Allgemeinheit fortgebildet hat, ist, wie sich ergeben, die anundfürsichseiende oder objektive Allgemeinheit, der in der Sphäre des Wesens die Substantialität entspricht. Sie unterscheidet sich von dieser dadurch, daß sie dem Begriffe angehört und dadurch nicht nur die innere, sondern auch die gesetzte Notwendigkeit ihrer Bestimmungen, oder daß der Unterschied ihr immanent ist, wogegen die Substanz den ihrigen nur in ihren Akzidenzen, nicht aber als Prinzip in sich selbst hat.«312

Der hiermit vorliegende gesetzte notwendige Zusammenhang ist begrifflich derjenige von Gattung und Art. Dies wird im ersten Urteil der Notwendigkeit, d. i. das kategorische Urteil, genau so vollzogen. Es herrscht in ihm eine Verschränkung von Notwendigkeit (als das substantielle Identitätsmoment von Subjekt und Prädikat) und Zufälligkeit, worin das Unterschiedsmoment von Subjekt

WdL II, S. 334; GW 12, S. 76. WdL II, S. 327; GW 12, S. 71. 308 WdL II, S. 326; GW 12, S. 71. 309 WdL II, S. 334; GW 12, S. 76. 310 WdL II, S. 310; GW 12, S. 59. 311 Ebd. 312 WdL II, S. 335; GW 12, S. 77. 306 307

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und Prädikat ersterem nur »ein unwesentliches Gesetztsein«313 lässt, das noch dazu im Prädikat nicht zwangsläufig anhand der nächsten Gattung zum Ausdruck gebracht wird. So ist im ersten Gesetztsein des Urteils der Notwendigkeit die an sich im Begriff überwundene Innerlichkeit der Notwendigkeit doch wieder in der spezifisch zufälligen Ausformung des kategorischen Urteils präsent: »Die Bestimmtheit des Subjekts, wodurch es ein Besonderes gegen das Prädikat ist, ist zunächst noch ein Zufälliges; Subjekt und Prädikat sind nicht durch die Form oder Bestimmtheit als notwendig bezogen; die Notwendigkeit ist daher noch als innere.«314

Obwohl sich im Urteil der Notwendigkeit bereits die »gesetzte Notwendigkeit«315 realisieren soll, ist aufgrund der »unmittelbaren Bestimmtheit«316 des kategorischen Urteils eben diese Notwendigkeit doch nur eine innere. Die Notwendigkeit hat sich demnach durch ein weiteres Urteil erst zu entwickeln und zu entfalten. Dennoch wird gerade durch die spezifische Mangelhaftigkeit des kategorischen Urteils sehr klar, warum es mit dem Verhältnis der Substantialität parallelisiert werden kann. Die substantielle Notwendigkeit (oder auch die substantielle Identität, insofern sie einer »unmittelbaren Identität«317 gleichkommt) bleibt noch einem ansichseienden Verhältnis verhaftet, in welchem das Unterscheiden von sich den Seiten des Verhältnisses keine fürsichseiende Ebenbürtigkeit gewährt, die Substantiierung vielmehr aufgrund der noch unmittelbar zustande gekommenen Konstellation in eine »Mitte«318 zusammengeht, worin die »Extreme […] kein eigentümliches Bestehen«319 haben. Im Urteil ist diese Mitte die Kopula, welche hier »die Bedeutung der Notwendigkeit«320 besitzt und worin das »Objektiv-Allgemeine […] sich ins Urteil setzt«.321 Die Extreme sind das Subjekt und das Prädikat, die sich so zueinander verhalten, dass ein akzidentell Besonderes, d. i. irgendeine Art, »in sein Anundfürsichsein«,322 d. i. irgendeine, wenn auch nicht die nächste Gattung, »reflektiert«323 ist. Diese im Prädikat ausgedrückte Allgemeinheit ist aber nur eine unspezifisch substantiierte Gattung, »deren Bestimmtheit WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. Ebd. 315 WdL II, S. 335; GW 12, S. 77. 316 WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. 317 WdL II, S. 221; GW 11, S. 395. 318 WdL II, S. 221; GW 11, S. 396. 319 Ebd. 320 WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. 321 WdL II, S. 336 f.; GW 12, S. 78. 322 WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. 323 Ebd. 313 314

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nicht gerade das Prinzip der spezifischen Besonderheit des Subjekts ist.«324 Die Bestimmtheit der absoluten Form wird damit, wie im Substantialitätsverhältnis, nicht gleichermaßen in die Extreme gesetzt, das Prädikat bleibt vielmehr beharrend die Macht, welcher im subjektiv Akzidentellen keine ebenbürtige Substantiierung gegenübersteht. Die Bestimmung des Urteils der Notwendigkeit ist aber hiermit ganz und gar nicht zu Ende. Das Objektiv-Allgemeine wird nämlich durch den Urteilsvollzug selbst notwendig »mit dieser aus ihm abgestoßenen Bestimmtheit«325 identisch gesetzt. Somit dringt die Notwendigkeit selbst in die zufällige Besonderheit ein und dirimiert diese in ein neues Urteil, in welchem »der notwendige Zusammenhang von unmittelbaren Bestimmtheiten«326 gesetzt ist. Dies ist das hypothetische Urteil: »»Wenn A ist, so ist B«; oder »das Sein des A ist nicht sein eigenes Sein, sondern das Sein eines Anderen, des B«.«327 Dieses Urteil ist »zunächst ein Satz der leeren Form«,328 weil »hier zwei unmittelbare Existenzen oder äußerlich zufällige«329 miteinander in Beziehung gesetzt werden. Somit hätte sich an sich die Urteilsbeziehung aufgehoben, weil das Urteilsgefälle, das formelle Aussagen eines im Prädikat gegen das Subjekt Allgemeineren, nicht gegeben wäre. Ist dies nicht der Fall, verkommt das intendierte Urteil zu einem bloßen Satz. Das Beziehen von zufällig Vereinzelten aufeinander, wie es sich im hypothetischen Urteil vorerst einstellt, ergäbe nur jenen Umstand, den Hegel in der Einleitung zum Urteil konstatiert: »Drückt das, was vom einzelnen Subjekte gesagt wird, selbst nur etwas Einzelnes aus, so ist dies ein bloßer Satz.«330 Das hypothetische Urteil behält daher auch grundsätzlich »mehr die Gestalt eines Satzes«,331 aber die sich dirimierende Besonderheit ergänzt sich durch den Urteilsvollzug wiederum auf ihre eigene Totalität hin. Das führt schon zum nächsten Urteil, worin »die Allgemeinheit als die konkrete Identität des Begriffs, dessen Bestimmungen kein Bestehen für sich haben, sondern nur in ihr gesetzte Besonderheiten sind«,332 gesetzt ist. Über dieses dritte Urteil der Notwendigkeit, d. i. das disjunktive Urteil, bewerkstelligt sich dann schon der Übergang in das Urteil des Begriffs. Für unsere Zwecke ist es jedoch wichtig, das Hervorkommen und Aufscheinen der »konkrete[n] Identität des Begriffs«333 zu beleuchten. Dies vollführt sich durch die sich manifestierende Ebd. WdL II, S. 337; GW 12, S. 78. 326 WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. 327 Ebd. 328 Ebd. 329 Ebd. 330 WdL II, S. 305; GW 12, S. 55. 331 WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. 332 WdL II, S. 338 f.; GW 12, S. 80. 333 Ebd. 324

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Bewegung der Kausalität, welche im hypothetischen Urteil entsprechend urteilslogisch zum Austrag kommt: »Wie im kategorischen Urteile die Substantialität, so ist im hypothetischen der Zusammenhang der Kausalität in seiner Begriffsform. Dieses und die anderen Verhältnisse stehen sämtlich unter ihm, sind aber hier nicht mehr als Verhältnisse von selbständigen Seiten, sondern diese sind wesentlich nur als Momente einer und derselben Identität.«334

Einerseits ist es wichtig, die Rückbezüglichkeit auf alle anderen Verhältnisse (wie etwa in der Seinslogik das quantitative Verhältnis als direktes, umgekehrtes und als Potenzenverhältnis, die vielfältigen Verhältnisse im Maß inklusive der Indifferenz als umgekehrtes Verhältnis ihrer Faktoren, in der Wesenslogik das wesentliche Verhältnis und das von uns ausführlichst dargelegte absolute Verhältnis) zu beachten, andererseits aber auch genau zu erkennen, wie die Identitätsbestimmung, welche im Urteil in der Kopula als Bestimmung der nicht in sich selbst unterschiedenen Einheit gleichsam nur symbolisch (oder zumindest unerfüllt) markiert ist, keine Seiten mehr zulässt, sondern diese in die ansichseiende Totalität bloß als Momente integriert. Das ist die bereits im hypothetischen Urteil obwaltende »konkrete Identität des Begriffs«,335 die aber, ganz so wie in der sich noch mechanisch vollziehenden Kausalität »zugleich ein abstoßendes Sein ist«,336 mit der Bestimmung, »daß in der Identität […] sie sich ebenso unmittelbar Äußerliches bleibt«,337 was auf die hypothetische Urteilslogik umgelegt bedeutet, dass »zwei unmittelbare Existenzen oder äußerlich zufällige«338 in Beziehung zu einer sich veräußernden notwendigen Identität gesetzt sind. Damit gilt die Notwendigkeit nicht vom Sein der dirimiert Veräußerten, sondern nur von ihrem Zusammenhang. Das Satzartige dieses Urteilszusammenhangs entsteht eben aufgrund der gleichrangig Äußerlichen zueinander, wodurch es so aussehen kann, dass das Urteilsgefälle überhaupt verloren geht. Dennoch »tritt an dieser Äußerlichkeit der Begriff in seiner negativen Identität hervor«,339 was sich im nächsten (disjunktiven) Urteil so äußert, dass »die objektive Allgemeinheit zugleich in der Vereinigung mit der Form gesetzt«340 ist. Die Extreme werden dadurch umfangsgleich und die Allgemeinheit der Gattung ist so disjungiert, dass

WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. WdL II, S. 338 f.; GW 12, S. 80. 336 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 337 Ebd. 338 WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. 339 WdL II, S. 339; GW 12, S. 80. 340 Ebd. 334 335

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im Prädikat die »Besonderheit in ihrer Entwicklung«341 (d. i. die Totalität der Arten) auseinandergelegt ist. Die (zumindest oberflächliche) Unbestimmtheit der Form, die im hypothetischen Urteil noch herrscht, verliert sich im disjunktiven Urteil, weil explizit wird, dass im Prädikat die »Bestimmtheit als in ihren Unterschied entwickelt«342 ist, so dass die Formbestimmung dieses Extrems hier eine allgemeinere Darstellung findet. Dieser Komparativ ist freilich der Logizität nach nicht korrekt, aber der Sache nach gerechtfertigt, weil das Allgemeine im Prädikat die zusätzliche »Auseinandersetzung der Besonderung enthält.«343 Beim disjunktiven Urteil sind für unsere Belange zwei wichtige Charakteristika hervorzuheben. Erstens ist die negativ identische Einheit, deren Bestimmung uns letztendlich rückbezüglich auf den Status in der Wechselwirkung interessiert (und die schon im hypothetischen Urteil zum Tragen kommt), aufgrund der vollkommenen oder totalisierten Bestimmtheit so ausgeprägt, dass »die Gattung im disjunktiven Urteile als die nächste bestimmt«344 ist. Sofern dies keinen »bloßen Quantitätsunterschied«345 bedeutet, steckt hier der Sache nach dahinter, dass die Bezogenheit der Arten aufeinander notwendig die »Einzelheit in sich aufgelöst«346 enthält. Als »einfaches Prinzip des Unterschieds«347 führt das dazu, dass im Sinne der immanenten Unterscheidung der Begriffsbestimmungen die Arten der in der Gattung ausgedrückten Allgemeinheit wiederum als sie selbst und die Besonderheit anzugeben sind. Die Allgemeinheit der Gattung ist notwendig so geartet, dass sie in ihrer Besonderung nur wieder die Allgemeinheit und die Besonderheit enthält. Die implizite Einzelheit, die notwendig mit der gesetzten Identität (die in der Wechselwirkung erstmalig aufscheint) einhergeht, ist damit für die begriffsimmanente Diremtion und Disjungierung gegen sich selbst verantwortlich. Diese grundsätzliche Charakteristik gilt es daher, auch in der Bestimmung der gesetzten Identität in der Wechselwirkung zu bedenken. Zweitens ist es bezüglich unseres Generalthemas noch wichtig festzuhalten, dass es zugleich ein Manko der disjunktiven Urteilssetzung darstellt, die explizite Einzelheit noch nicht ausdrücken zu können. Die Einzelheit bleibt lediglich »negatives Prinzip der Gattung«,348 aber sie ist nicht ins Subjekt gesetzt, weil sie als aufgelöst die bestimmte Bestimmtheit des Artunterschieds zu gewährleisten hat: Ebd. Ebd. 343 Ebd. 344 WdL II, S. 341; GW 12, S. 82. 345 Ebd. 346 WdL II, S. 340; GW 12, S. 81. 347 Ebd. 348 WdL II, S. 346; GW 12, S. 85. 341

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»Der Mangel des Resultats kann bestimmter auch so ausgedrückt werden, daß im disjunktiven Urteile die objektive Allgemeinheit zwar in ihrer Besonderung vollkommen geworden ist, daß aber die negative Einheit der letzteren nur in jene zurückgeht und noch nicht zum Dritten, zur Einzelheit, sich bestimmt hat.«349

Die Konsequenz aus diesem Rückgang besteht darin, dass die Extreme wieder in eine Identität zusammengehen, die an sich dieses Urteil zum Verschwinden bringt, jedoch zugleich eine neue Urteilssetzung ergibt, in welcher das entäußerte und noch unentwickelte Einzelne im Subjekt auftaucht. Dies vollführt sich im Urteil des Begriffs, worin ein im Subjekt noch »unmittelbar Einzelnes«350 sich seine Begriffsentsprechung in der bestimmten Beziehung auf das Prädikat zu geben hat. Dieses »Entsprechen«,351 das sich letztlich als Gebrochenheit der Sache »in ihr Sollen und ihr Sein«352 herausstellen wird, ist aber nichts anderes als eine Selbstentsprechung, eine Maßgabe des Begriffs gegen sich selbst, in der sich schließlich die in den Urteilsverläufen noch an ihr selbst undifferenziert gebliebene Kopula erfüllen wird. »Durch diese Erfüllung der Kopula«353 wird das Urteil zum Schluss, weil die in das Urteil verlorene »Einheit des Begriffs«354 durch das Begriffsurteil selbst zur Wiederherstellung kommt. Dieser Vorblick ist für das Verständnis der sich einstellenden gesetzten Identität am Ende der Wechselwirkung deshalb so relevant, weil selbst noch auf der urteilslogischen Ebene der Umstand der sich verinnerlichenden Notwendigkeit in ihrer Identitätssetzung abermals auftritt. Diese Innerlichkeit tritt im kategorischen Urteil hervor, weil »Subjekt und Prädikat […] nicht durch die Form oder Bestimmtheit als notwendig bezogen«355 sind. Dies gilt auch für das Substantialitätsverhältnis in der objektiven Logik, denn es ist dort so, dass die Extreme, also die Seiten des Verhältnisses, sich noch nicht dazu bestimmen, gemäß der absoluten Form auseinandergelegt zu sein. Vielmehr wird das Identitätsmoment nicht negativ gesetzt und die Substanz bleibt (vorerst) »als Macht das Vermittelnde.«356 Diese Mächtigkeit der Substanz »ist die Notwendigkeit, das in der Negativität der Akzidenzen positive Beharren derselben und ihr bloßes Gesetztsein in ihrem Bestehen«.357 Von der Seite der Akzidentalität aus betrachtet, bedeutet dies noch eine Mangelhaftigkeit in ihrer Bestimmung als Schein. Hier ist ebenso das Iden WdL II, S. 345; GW 12, S. 85. Ebd. 351 WdL II, S. 350; GW 12, S. 88. 352 Ebd. 353 WdL II, S. 351; GW 12, S. 89. 354 Ebd. 355 WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. 356 WdL II, S. 221; GW 11, S. 396. 357 Ebd. 349

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titätsmoment nicht als negativ präsent und daher ist der Schein der Akzidentalität nicht »gesetzt als dieser mit sich identische Schein«.358 Beiderseits ist die Identität nur positiviert, sie scheint nicht hervor als Identität (bzw. ist die Identität nicht als Schein) und somit verbleibt die identische Notwendigkeit selbst nur eine innere. In der sich nun aber hieraufhin vollführenden eigentümlichen Dialektik der Kausalität wird diese Innerlichkeit einerseits zwar noch weiter tradiert, andererseits aber ebenso als »innere Identität manifestiert«359 bzw. als Identität scheinend gesetzt. Die »Identität selbst des Seins und Scheins«360 bleibt in der Kausalität verinnerlicht, weil die Kausalbewegung selbst immer noch konstituierend verläuft, aber wird zugleich in derselben Bewegung veräußert, weil sie sich in ihrem Begriff (der in der formellen Kausalität unmittelbar auftritt) manifestierend setzt. Dieser Begriff ist formell Selbstbestimmung, in der das »schon Bestimmte als bestimmt«361 (und damit an sich schon sich vereinzelnd) gesetzt ist, aber erst dann explizit sich selbst bestimmend, wenn die Bewegung der Kausalität in der Wechselwirkung zu ihrem Begriff zurückkehrt. Vor dieser Begriffsrückkehr bleibt die innere Notwendigkeit (sogar des ganzen Wesens) noch aufrecht, weil sie prinzipiell (d. i. die gewissermaßen vorbegriffliche Einzelheit erst nach ihrem scheinenden Prinzip exekutierend) mit dem konstituierenden Scheinverhältnis einhergeht. Die Kausalbewegung bestimmt sich aber dadurch explizit zu ihrem und zu dem Begriff, indem die Konstitutionsbewegung zur freien Manifestation ihrer selbst kommt. Das kausale »gesetzte Übergehen des ursprünglichen Seins, der Ursache, in Schein oder bloßes Gesetztsein, umgekehrt des Gesetztseins in Ursprünglichkeit«362 wird im hypothetischen Urteil durch das unmittelbare Gesetztsein des B mit und im A zu einem begrifflichen (nicht mehr seiten-, sondern momentartigen) Verhältnis bestimmt, aber in seiner vorläufigen Verinnerlichung auch noch weiterbestimmt zum disjunktiven Urteil, das sich wiederum in das Urteil des Begriffs aufhebt. Die im Urteil schon begrifflich gesetzte Identität erlaubt damit einen komprimierten Rückblick auf Sein, Wesen und Begriff, worin nochmals die bloß innere Notwendigkeit in der Wesensbeziehung (vor ihrem Übertritt ins Subjektive) betont wird: »In der Sphäre des Seins verändert sich das Endliche, es wird zu einem Anderen; in der Sphäre des Wesens ist es Erscheinung und gesetzt, daß sein Sein darin besteht, daß ein Anderes an ihm scheint, und die Notwendigkeit ist die innere, noch nicht als solche gesetzte, Beziehung. Der Begriff aber ist dies, daß diese Identität gesetzt WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 360 Ebd. 361 WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. 362 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408 f. 358 359

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ist und daß das Seiende nicht die abstrakte Identität mit sich, sondern die konkrete ist und unmittelbar an ihm selbst das Sein eines Anderen.«363

In der konkreten Identität des Begriffs hebt sich die noch verinnerlichte Beziehung der Notwendigkeit auf, weil der noch im und als Wesen verankerte Schein in seiner freien Beziehung, als unmittelbare Einheit von Veräußerten, aufscheinen oder hervorscheinen kann. Diese identische Einheit, als äußerlich zufällig unmittelbare Existenzen verknüpfend, obwaltet auch im hypothetischen Urteil und hat noch dazu den Charakter, dass es die Notwendigkeit selbst ist, die den spezifischen Zusammenhang auf eine Weise aufzeigt, in welcher die Scheinbeziehung als negative Beziehung des Seins (ohne bloß werdendes Übergehen) gesetzt ist. Im Zusammenhang von »unmittelbaren Bestimmtheiten«364 ist jedes Sein notwendig »das Sein eines Anderen.«365 Daher sind es seiend Unterschiedene, die zugleich »gesetzt sind als Identität«,366 wodurch die hiermit formierte Einheit das Anderssein durchdringt oder eine Kontinuierung ergibt, die der seienden Differenzierung eine Art von Ebenbürtigkeit gewährt, welche begrifflich letztlich als Besonderheit anzusprechen ist. Im Verlauf des hypothetischen Urteils, worin eben »der Zusammenhang der Kausalität in seiner Begriffsform«367 vorhanden ist, lautet die entscheidende Passage hierzu wie folgt: »Doch an sich ist das Sein, da es das Sein des Anderen ist, eben dadurch Einheit seiner selbst und des Anderen und hiermit Allgemeinheit; es ist damit zugleich eigentlich nur ein Besonderes, da es Bestimmtes und in seiner Bestimmtheit sich nicht bloß auf sich Beziehendes ist. Es ist aber nicht die einfache abstrakte Besonderheit gesetzt, sondern durch die Unmittelbarkeit, welche die Bestimmtheiten haben, sind die Momente derselben als unterschiedene; zugleich durch die Einheit derselben, die ihre Beziehung ausmacht, ist die Besonderheit auch als die Totalität derselben.«368

Im Urteilsvollzug wird der Zusammenhang von seiend zufällig Äußerlichen in ihrer notwendigen Identitätsbestimmung zu einer Einheit gebracht, die im Sinne der Kontinuation und der durchdringenden Reflexivität als Allgemeinheit zu bestimmen ist, aber aufgrund der spezifischen Verfasstheit der in ihr Unterschiedenen, die hier den Charakter von »unmittelbaren Bestimmtheiten«369 ha WdL II, S. 337 f.; GW 12, S. 79. WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. 365 Ebd. 366 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 367 WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. 368 WdL II, S. 338; GW 12, S. 80. 369 WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. 363

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ben, ebenso als bereits konkretisierte Besonderheit ausgeprägt ist. Die Momente bestehen als unterschiedene in ihrem Sein, aber dennoch ist dies Sein nur absolute Reflexion der Notwendigkeit, somit Identität in potentieller Gegliedertheit (von begrifflich spezifisch Geartetem), worin prinzipiell an sich selbst wiederum die Totalität des Allgemeinen zum Ausdruck kommt. Obwohl nun die Urteilslogik eine völlig eigenständige Logizität aufweist, lässt sich im Hinblick auf den besonderen Entwicklungsduktus des Urteils der Notwendigkeit durchaus Lehrreiches für das Verständnis der sich in den Begriff aufhebenden Wechselwirkung erkennen. Der Gang vom kategorischen Urteil über das hypothetische Urteil bis hin zum disjunktiven Urteil spiegelt nämlich das noch wesenslogische Fortschreiten von der Substanz über die Kausalität bis hin zum Begriff. Dabei ist es der spezifischen Urteilslogik geschuldet, dass sich aus der Verbegrifflichung des hypothetischen Urteils noch nicht sofort das Urteil des Begriffs einstellt, sondern vorerst noch ein weiteres Urteil der Notwendigkeit. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die Bestimmung des Prädikats im kategorischen Urteil noch nicht jene Notwendigkeit besitzt, die implizieren würde, es als die nächste Gattung und als »Prinzip der spezifischen Besonderheit des Subjekts«370 zu fixieren. Für unser Generalthema ist hierbei interessant, dass diese mangelhafte Fixierleistung der noch mangelhaften Ausprägung der Einzelheit im kategorischen Urteil entspricht. Das Gefälle in Richtung Subjekt verdankt sich aufgrund der Unmittelbarkeit des ersten Urteils der Notwendigkeit auch nur einer »Unmittelbarkeit äußerlicher Existenz«371 und es muss lediglich der Umstand erfüllt sein, dass die Subjektbestimmung gegen das prädikativ Allgemeine »Besonderes oder Einzelnes ist«.372 Die Einzelheit als solche gilt hier nicht als Prinzip, was dann dazu führt, dass sich diese Prinzipialität erst in einem anderen Urteil einlöst, worin sich schließlich die Gattungsbestimmung als die prinzipiell nächste Gattung erweist. Dies geschieht erst im disjunktiven Urteil, welches in dieser Hinsicht als Zwischenurteil vor dem Erreichen des expliziten Urteils des Begriffs angesehen werden kann. Zur näheren Erhellung des prinzipiellen Auftauchens von Einzelheit am Ende der Wesenslogik ist in erster Linie der Verbegrifflichungsimpetus aus dem hypothetischen Urteil heraus relevant. Die Entfaltung des hypothetischen Urteils führt notwendigerweise hin auf die »konkrete Identität des Begriffs«,373 auch wenn der Fokus in diesem Resultat noch auf die begriffliche Abhebung der Allgemeinheit von den »in ihr gesetzte[n] WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. WdL II, S. 335; GW 12, S. 78. 372 Ebd. 373 WdL II, S. 338 f.; GW 12, S. 80. 370 371

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Besonderheiten«374 gelegt ist. Die Einzelheit wird hierdurch zwar ebenso gesetzt, bleibt aber vorerst noch (im sich einstellenden disjunktiven Urteil) versenkt in der prinzipiellen Bestimmtheit des Prädikats. Erst im Urteil des Begriffs tritt sie an die Stelle des Subjekts. – Diese urteilsinterne Weiterentwicklung ist jedoch für das Verständnis der aufkeimenden Begriffsmomente am Ende der Wechselwirkung nicht direkt ausschlaggebend. Was dagegen sehr wohl aufschlussreich ist, ist der Prozess des sich auflösenden Kausalitätsverhältnisses (als begrifflich und urteilslogisch im hypothetischen Urteil ausgeprägt) hinein in das Begriff­ liche überhaupt oder in das sich wiederherstellende Begriffliche im Rahmen der Urteilsfortentwicklung. Da nun im hypothetischen Urteil »der Zusammenhang der Kausalität in seiner Begriffsform«375 gesetzt ist, ergibt sich aus seiner Aufhebung auch ein Einblick in jenen Aufhebungsprozess, der sich anhand der Wechselwirkung vollzieht. In der Kausalität als solcher und in der hypothetischen Beziehung liegt ein »notwendige[r] Zusammenhang«376 vor. Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis und die Wenn-Dann-Beziehung explizieren die Notwendigkeit auf jeweils spezifische Weise. An sich ist dabei im Urteil der Notwendigkeit »nicht nur die innere, sondern auch die gesetzte Notwendigkeit«377 präsent. Dennoch zeigt sich im »erste[n] oder unmittelbare[n] Urteil der Notwendigkeit«,378 d. i. das kategorische Urteil, ein eben dieser Unmittelbarkeit geschuldeter Rückfall, so dass nichtsdestoweniger gilt: »Subjekt und Prädikat sind nicht durch die Form oder Bestimmtheit als notwendig bezogen; die Notwendigkeit ist daher noch als innere.«379 Eben diese Innerlichkeit wird dann im hypothetischen Urteil enthüllt, wodurch es sich auch als ein Urteil der Manifestation betrachten lässt. Die Urteilsbestimmung wird somit wieder explizit der Freiheit des Begriffs vindiziert. Das hypothetische Urteil als Bewegung »der Kausalität in seiner Begriffsform«380 bringt diese Innerlichkeit zur Manifestation und es verliert sich die Substantialität, die noch als »substantielle Identität des Subjekts und Prädikats«381 im kategorischen Urteil gegeben war. Damit zeigt sich klar die Entsprechung zu jener Charakterisierung, die sich im vorletzten Absatz der Wechselwirkung findet:

376 377 378 379 380 381 374

375

WdL II, S. 339; GW 12, S. 80. WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. WdL II, S. 335; GW 12, S. 77. WdL II, S. 335; GW 12, S. 78. WdL II, S. 336; GW 12, S. 78. WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. WdL II, S. 336; GW 12, S. 78.

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»Diese Innerlichkeit oder dies Ansichsein hebt die Bewegung der Kausalität auf; damit verliert sich die Substantialität der im Verhältnisse stehenden Seiten, und die Notwendigkeit enthüllt sich. Die Notwendigkeit wird nicht dadurch zur Freiheit, daß sie verschwindet, sondern daß nur ihre noch innere Identität manifestiert wird, – eine Manifestation, welche die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich ist.«382

Die Erläuterung der Manifestationsbewegung am Ende dieses Zitats gibt zugleich einen Hinweis darauf, inwiefern die angegebene Entsprechung zur Urteilslogik keine gänzliche Parallelisierung erlaubt. Einerseits liegt im hypothetischen Urteil eine Art von Einschränkung vor, andererseits aber ebenso eine Art von Überbestimmung, die in dieser Weise am Ende der Wesenslogik erst im Entstehen begriffen ist. Die Einschränkung betrifft den Umstand, der darin besteht, dass im hypothetischen Urteil »zwei unmittelbare Existenzen oder äußerlich zufällige«383 in einen notwendigen Zusammenhang versetzt sind, worin im tatsächlichen Urteilsvollzug nur eine Allgemeinheit zustande kommen kann, die nicht nach ihrer reinen Reflexionstotalität in Betracht kommt. Es ist vorerst »damit zugleich eigentlich nur ein Besonderes«384 vorhanden, aber die vollbrachte Einheit führt dennoch wieder zu einer Totalität der Besonderheit. Hier liegt ein Zwischenschritt vor, der sich in bestimmter Nuancierung von der logischen Bewegung der sich aufhebenden Wechselwirkung abhebt. In der Wechselwirkung liegt auch schon bezüglich der zufälligen Äußerlichkeitsdimenson, die der Notwendigkeit unterworfen ist, das sind dort »die Seiten der Notwendigkeit, welche die Gestalt für sich freier, nicht ineinander scheinender Wirklichkeiten haben«,385 eine Totalität vor, die in ihrer Identitätssetzung gleichberechtigte Totalitäten aufscheinen lässt. Damit ist nicht nur die Totalität der Allgemeinheit wie auch die Totalität der Besonderheit erfasst, sondern zugleich auch die Totalität der Einzelheit. Insbesondere in Bezug auf die Einzelheit wird deutlich, dass diese im Resultat des hypothetischen Urteils noch unterrepräsentiert ist. Sie wird sich nur im nächsten Urteil »als einfaches Prinzip des Unterschieds«386 auf Seiten des Prädikats hervortun. In dieser unterschiedlichen Totalitätsbestimmung ist die Bewegung am Ende der Wechselwirkung weniger beschränkt als die Bewegung im hypothetischen Urteil. Auf der anderen Seite ist dieses Urteil, im Vergleich zum Aufscheinungsprozess des Begriffs am Ende der Wesenslogik, weiter bestimmt (oder auch im Rückblick überbestimmt), denn in ihm ist schon 384 385 386 382

383

WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. WdL II, S. 338; GW 12, S. 80. WdL II, S. 239 f.; GW 11, S. 409. WdL II, S. 340; GW 12, S. 81.

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die begriffliche »Identität gesetzt«.387 Diese bereits explizite Begriffsdimension drückt sich im logischen Stellenwert des hypothetischen Urteils aus, insofern in ihm die Beziehung von »unmittelbaren Bestimmtheiten« anhand ihres begrifflichen Seins gefasst ist. Das kommt (wie weiter oben schon teilweise zitiert) in der Abhebung zu den Sphären des Seins und des Wesens (in welchem die noch verinnerlichte Notwendigkeit verortet ist) klar zum Ausdruck: »[…] im hypothetischen Urteil ist […] das Sein der endlichen Dinge nach ihrer formellen Wahrheit durch den Begriff gesetzt, daß nämlich das Endliche sein eigenes Sein, aber ebensosehr nicht das seinige, sondern das Sein eines Anderen ist. In der Sphäre des Seins verändert sich das Endliche, es wird zu einem Anderen; in der Sphäre des Wesens ist es Erscheinung und gesetzt, daß sein Sein darin besteht, daß ein Anderes an ihm scheint, und die Notwendigkeit ist die innere, noch nicht als solche gesetzte, Beziehung. Der Begriff aber ist dies, daß diese Identität gesetzt ist und daß das Seiende nicht die abstrakte Identität mit sich, sondern die konkrete ist und unmittelbar an ihm selbst das Sein eines Anderen.«388

Im hypothetischen Urteil ist die konkrete gesetzte Identität als Begriffsidentität explizit vorhanden, auch wenn sie zugleich dem Mangel unterliegt, »unmittelbare Existenzen«389 der Notwendigkeit nach zu vereinen. Damit ist die Negativität des Seins, die sich im Prozess des Werdens, etwa anhand des Zueinanders von Ansichsein und Sein-für-Anderes (das freilich auch schon Identität impliziert),390 ausdrückt, schon zur Negativität des Begriffs gediehen, worin sie nicht nur weiteres Werden nach sich zieht, sondern präsentische Negation in unmittelbarer Einheit (die näherhin nach den Begriffsmomenten auseinandergelegt werden kann) formiert. Aber auch das Scheinen des Wesens ist hierin überstiegen, weil die Unterschiedenen nicht nur anhand der Identität des Scheins (als notwendig wesenhafte Innerlichkeit oder wesentlich innere Notwendigkeit) vereint sind, sondern bereits nach der konkreten Identität des Begriffs, worin Sein und Anderssein als unmittelbar geeinte Totalität gesetzt sind. Diese Totalität (als in die Totalitäten der Begriffsmomente aufgeschlossen) ist im hypothetischen Urteil so ausgeprägt, dass der in ihm begriffsgemäß gefasste Kausalzusammenhang

389 390 387

388

WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. WdL II, S. 337 f.; GW 12, S. 79. WdL II, S. 337; GW 12, S. 79. Vgl. hierzu folgende Stelle aus ›Etwas und ein Anderes‹: »Ansichsein und Sein-für-Anderes sind zunächst verschieden; aber daß Etwas dasselbe, was es an sich ist, auch an ihm hat, und umgekehrt, was es als Sein-für-Anderes ist, auch an sich ist, – dies ist die Identität des Ansichseins und Seins-für-Anderes«. WdL I, S. 129; GW 21, S. 108.

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(statt der Seiten des Verhältnisses) nur mehr »Momente einer und derselben Identität«391 des Begriffs zulässt. Diese Ausführungen, Abhebungen und Entsprechungen sollen nur dazu dienen, zu einem besseren Verständnis der sich über die Wechselwirkung einstellenden gesetzten Identität zu kommen. Somit darf die Manifestationsbewegung, die im oben zitierten vorletzten Absatz der Wechselwirkung dargelegt ist, nicht mit der manifestierenden Bewegung des hypothetischen Urteils gleichgesetzt werden (obwohl sie die geschilderten Parallelen enthält), weil eben das Urteil bereits auf jener begrifflichen Identität basiert, die in der Manifestation der Wechselwirkung erst zu Tage tritt. Der Hinweis auf die Abhebung von der Sphäre des Wesens gibt uns aber einen weiteren Interpretationsschlüssel. Das Wesen exerziert die ihm eigene Bewegung des Scheins und des Scheinens in sich ablösenden Ausgestaltungen anhand eines Gegeneinander-, Ineinander- oder auch Durcheinanderscheinens (als sich durchaus so steigernd, dass auch »ein völlig durchsichtiger Schein«392 hervortritt), wodurch es in seiner ihm immanenten Daseinsgebung zugleich ein Wiederaufkommen des Seins oder besser eine vertiefte Vereinigung mit dem Sein hervortreibt. Dabei wird im Verlauf (und insbesondere in der expliziten Modalitätssetzung des Wesens gegen sich selbst in der Wirklichkeit) die innere Identität der Notwendigkeit so lange zum Austrag gebracht, bis schließlich dieses Verinnerlicht-Sein selbst anhand der Kausalbewegung (die sich bis zur Wechselwirkung intensiviert) aufgebrochen oder aufgeschlossen (bzw. genau genommen aufscheinend als Schein gesetzt) wird. Das Innere des Wesens selbst steht auf dem Spiel oder vielmehr steht es auf der Kippe zu einer Neubestimmung: »Diese Innerlichkeit oder dies Ansichsein hebt die Bewegung der Kausalität auf; damit verliert sich die Substantialität der im Verhältnisse stehenden Seiten, und die Notwendigkeit enthüllt sich.«393

Die Eigenenthüllung (ohne äußerlich Enthüllendes) der Notwendigkeit ist nur Manifestation ihrer inneren Identität, so dass sie nicht verschwindet, sondern nur aufgeht in die Freiheit der Scheinunterschiedenen gegen sich selbst. Das Wesen hat sich bis zu diesem Punkt der Manifestation gesteigert, der es nun nicht mehr zulässt, eine Scheinverteilung (nach Seiten eines Verhältnisses) zu bewerkstelligen, um dann hierin wiederum eine neue Wesenskategorie zum Vor-Schein zu bringen. Im Vergleich hierzu ist die Verhältnishaftigkeit im hypothetischen Urteil bereits zu Momenten der Begriffsidentität herabgestuft. Diese Moment WdL II, S. 338; GW 12, S. 79. WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 393 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 391

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haftigkeit (letztlich von Totalitäten) ist in der Wechselwirkung im Entstehen begriffen. Das geschieht in der Manifestationsbewegung, die zeigt, dass die substantielle »Identität des Aktiven und Passiven«394 einen Unterschied setzt, der zugleich keiner ist. Diese Bewegung ist im Allgemeinen (wie etwa auch in der Phänomenologie des Geistes) Begriffsbewegung. Es gilt aber, nicht bei dieser Allgemeinbestimmung stehen zu bleiben, sie ist vielmehr in ihrer genauen Ausprägung am Ende der Wesenslogik zu betrachten. Es handelt sich um die »Mani­ festation, welche die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich ist.«395 Im »unendlichen Wechselwirken«396 zeigt sich oder veräußert sich die Innerlichkeit des notwendigen Scheins selbst. In ihm ist jedoch nichts aufzuzeigen, denn die Bewegung des Zeigens und Manifestierens ist wiederum nur reine Scheinbewegung. So ist er nur auf sich gerichtet, auf sein Wesen. Dieses Wesen ist absolute Beziehung, worin die absolute Reflexion (ohne Bezogene)397 mit der Fülle des Substantiellen eins geworden ist. Die Substantialität hat sich dabei erwiesen, ihren immanenten Schein (als ursprüngliche Akzidentalität) vollkommen zu substantiieren, aber diese absolute Substantialität wieder in den völlig durchsichtigen Schein zu setzen. Im (bereits Identität implizierenden) Auseinander von aktiver und passiver Substanz steht die wechselwirkende Kausalität nur »mit sich selbst in Beziehung.«398 Das »Bedingende der ursächlichen Aktivität ist nur noch die Einwirkung oder die eigene Passivität.«399 Die Unterschiedenen kreieren nicht mehr bloß eine Bewegung aneinander oder ineinander (gemäß der Scheinbewegung des Wesens), sie statuieren vielmehr ein Sein des Wesens selbst, das aber nicht mehr nur die Gleichheit der unendlichen Negativität mit sich markiert (wie in den Anfängen des Wesens),400 sondern ein Sein, das den »vollständige[n] Inhalt«401 und »die absolute Form«402 des Absoluten als ins Substantielle aufgegangen enthält. Dieses Sein ist zunächst, wie wir in der bedingten Kausalität gesehen haben, in Einheit mit der Scheinbewegung zugleich Seinsbewegung, also »ebensosehr Werden als Setzen und Aufheben des Anderen«403 in einem. Diese Einheit von Seins- und Wesensbewegung, von Werden und Scheinen, ist, wie ausführlich dargelegt, im Zusammenhang von Aktivität und Passivität in der Wechselwirkung zu einem unmittelbar-positiven Einssein in der WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 396 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 397 Vgl. WdL II, S. 81; GW 11, S. 292. 398 WdL II, S. 238; GW 11, S. 408. 399 Ebd. 400 Vgl. WdL II, S. 22; GW 11, S. 248. 401 WdL II, S. 188; GW 11, S. 371. 402 Ebd. 403 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 394 395

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Negativität gesteigert, also überhaupt nur eine Bewegung. Das Übergehen in Anderes ist Reflexion in sich selbst: »In der Wechselwirkung stellt die ursprüngliche Kausalität sich als ein Entstehen aus ihrer Negation, der Passivität, und als Vergehen in dieselbe, als ein Werden dar; aber so, daß dies Werden zugleich ebensosehr nur Scheinen ist; das Übergehen in Anderes ist Reflexion in sich selbst; die Negation, welche Grund der Ursache ist, ist ihr positives Zusammengehen mit sich selbst.«404

Aber »die Identität selbst des Seins und Scheins ist noch die innere Not­wen­ digkeit«,405 wobei diese nirgendwo anders aufgelöst und manifestiert wird als in der tatsächlichen »Bewegung der Kausalität«406 selbst. Diese Ungetrenntheit einer setzenden und auflösenden oder manifestierenden Bewegung in der sich bis zur Wechselwirkung steigernden Kausalität ist hierbei wichtig und beachtenswert. Damit ist schließlich das Sein (als von der ansichseienden Seinsbewegung, die aber schon mit der Wesensbewegung eins geworden ist) zugleich zum eigenen Fürsichsein gediehen, aber als Fürsichsein oder Anundfürsichsein des Wesens selbst, insofern dieses seinerseits über die bloße Wesensbewegung (als dem Nur-Scheinen) vollständig hinausgegangen ist. Nur so wird verständlich, wie in der Manifestation der Schein als solcher nur auf sich selbst zurückgezwungen wird. Diese Bewegung hat dabei die scheinend Unterschiedenen (als die sich schon in die »Identität des Aktiven und Passiven«407 gesetzt habenden Substanzen) ausgelagert in eigene Bewegungen, worin dieselbe Identität auf sich selbst bezogen ist. Der dabei auf sich selbst zurückgeworfene Punkt des Scheins (in bereits einzelhafter Punktualität) ist eine eigene Totalität der Negativität, also gerade das, was sich ausdrückt in der »Reflexion des Scheins als Scheins in sich«408 selbst. Die Einheit, die in der »identische[n] Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst«409 eine neue Wesenseinheit mit sich anschließender Kategorienentfaltung ergeben sollte, wird also in dieselbe Ebene gezwungen (als notwendigerweise die innere Notwendigkeit manifestierend und überschreitend), weil das Wesensgefälle (als Einheit von Scheinenden) an ihm selbst in gleichberechtigte Totalitäten (eines identischen Sein-Scheins) aufgehoben ist. Exakt dies ist es, was unter dem Schritt von der Notwendigkeit zur Freiheit zu verstehen ist. Das Dritte ist in die Identität der Unterschiedenen vollkommen einbezogen und damit zu WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 406 Ebd. 407 WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 408 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 409 Ebd. 404 405

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einer Beziehung gediehen, die schlichtweg und grundsätzlich nach drei Momenten gegliedert ist. Dies ist die eigene »absolute Grundlage«410 des Begriffs. Von der Perspektive der Zufälligkeit her, ist im Resultat ein und derselbe logische Sachverhalt gegeben. Das Zufällige als solches besteht darin, dass die Seiten der inneren Notwendigkeit in der Weise von gegeneinander veräußerten freien Wirklichkeiten auseinandergenommen sind. Die Wechselwirkung weist nun auf, dass die Wirklichkeitsdimension in den freien Wirklichkeiten als substantiell zu begreifen ist. Hegel nimmt diesbezüglich eine lapidare Gleichsetzung (die wir in unserer Interpretation weiter oben durchaus nicht lapidar erläutert haben) vor, indem es im dritten Absatz der Wechselwirkung ganz einfach heißt, »daß der Unterschied der Notwendigkeit und die in ihr sich aufeinander beziehenden Bestimmungen, Substanzen, freie Wirklichkeiten gegeneinander sind.«411 Die tatsächliche Auflösung dieses »Schein[s] des substantiellen Andersseins«412 geschieht nun dadurch, dass der Unterschied der freien Wirklichkeiten, insofern sie nach der Doppelperspektive bezüglich Möglichkeit und Wirklichkeit selbst (die wir ebenso weiter oben in Abhebung zur Perspektive der vielen Wirklichkeiten genau erläutert haben) genommen werden, jeweilig eine Totalität darstellen, die völlig ident ist mit der von ihnen abgehobenen Einheit (qua innerlicher Notwendigkeit oder äußerlicher Zufälligkeit, die sich aber hier ohnehin gegeneinander aufheben), so dass gerechtfertigterweise von »Totalitäten der Reflexionin-sich«413 die Rede sein kann. In dem nunmehr hervorgetretenen Unterschied nach drei Momenten (gemäß der ehemals als substantiiert zu begreifenden freien Wirklichkeiten gegen ihre eigene Einheitssetzung) liegt nur eine gesetzte Identität vor, worin die »Unterschiede nun auch als identische scheinen oder gesetzt sind nur als eine und dieselbe Reflexion.«414 Dieses Aufscheinen in der Herabsetzung der Seiten zu gleichgewichteten Momenten ist nichts anderes als das Aufscheinen des Begriffs, der in diese momenthaften Totalitäten in ihrer Dreiheit auseinandergelegt ist.  – Die Perspektiven der Notwendigkeit und Zufälligkeit führen damit gleicherweise auf die freie und eigene »absolute Grundlage«415 dessen, was Hegel Begriff nennt. Die bereits umfänglich ins interpretatorische Visier genommenen Bestimmungen des Ansichseins (welches, wie dargelegt, aus der Begriffsperspektive der Substantialität als solcher zugeordnet werden kann) und des Fürsichseins (welches, wie ebenso dargelegt, aus der Begriffsperspektive der Kausalität zugeordnet werden kann) erfüllen ihre Vereinheitlichung (als Anundfürsichsein) im Re WdL II, S. 245; GW 12, S. 11. WdL II, S. 238 f.; GW 11, S. 408. 412 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 413 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 414 Ebd. 415 WdL II, S. 245; GW 12, S. 11. 410 411

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sultat der Wechselwirkung nur so, dass die ansichseiende Ursprünglichkeit der Substanz für sich gesetzt wird und dass dies Anundfürsichsein ausschließlich im vollständigen Gesetztsein der Substanzen gegeneinander zum Aufscheinen (des Begriffs) kommt. Diese absolute Verschränkung von Anundfürsichsein und Gesetztsein ist eminentes Signum des Begriffs und wird daher noch eingehender zu betrachten sein. An der nunmehr erreichten Stelle ist es aber angebracht, den Abschluss jenes Absatzes zu zitieren, der den dritten Punkt in der spekulativen Rekapitulation der Gesamtbewegung der Substantialität in der einleitenden Passage ›Vom Begriff im allgemeinen‹ ausmacht. Der vorausgehende Rest dieses Absatzes wurde weiter oben bereits ausführlich interpretiert, um die Bewegung der sich entfaltenden Kausalität auch schon aus der Perspektive des erreichten Begriffs verständlich zu machen. Absichtlich wurden jedoch die letzten drei Sätze dieses Absatzes noch nicht zitiert. Sie markieren die Vollendung der Substanz im Begriff und sind erst jetzt tatsächlich zu begreifen: »Diese unendliche Reflexion in sich selbst, daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es Gesetztsein ist, ist die Vollendung der Substanz. Aber diese Vollendung ist nicht mehr die Substanz selbst, sondern ist ein Höheres, der Begriff, das Subjekt. Der Übergang des Substantialitätsverhältnisses geschieht durch seine eigene immanente Notwendigkeit und ist weiter nichts als die Manifestation ihrer selbst, daß der Begriff ihre Wahrheit und die Freiheit die Wahrheit der Notwendigkeit ist.«416

Ohne die vorhergehende Interpretation entsteht hier nur die Anmutung einer pathetisch überladenen Überhöhung, die von Vollendung, einem Höheren und von Notwendigkeit und Freiheit spricht. Wer sich nicht die Mühe macht, in die logische Herkunft dieser Termini tatsächlich denkerisch einzusteigen, wird sich sehr leicht tun, derartige Sätze als metaphysisches Gefasel abzutun. Wir wollen dagegen die Mühe und die Anstrengung des Begriffs noch weiter auf uns nehmen und widmen uns daher noch dem allerletzten Absatz der Wesenslogik. Hierin begegnen wir auch dem Hauptziel dieser Abhandlung, der Bestimmung der Einzelheit. Sie kann freilich, wie vorweggenommen werden kann, nur im Zusammenhang mit der sie identisch erfüllenden und durchdringenden Totalität der anderen Begriffsmomente begriffen werden. Dieses Aufscheinen des Begriffs nach seinen Momenten ist zugleich nichts anderes als die Auflösung der Substanz nach ihrer absoluten Bestimmung, Notwendigkeit und Zufälligkeit über ihre eigene Selbstmanifestation zu überschreiten. Eben dies belegt Hegel mit dem Ausdruck Freiheit oder auch (abhebend zur Objektivität) mit dem Ausdruck Subjektivität, auf die wir uns dann im Weiteren noch gründlich einzulassen haben: 416

WdL II, S. 248 f.; GW 12, S. 14.

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»Die absolute Substanz, als absolute Form sich von sich unterscheidend, stößt sich daher nicht mehr als Notwendigkeit von sich ab, noch fällt sie als Zufälligkeit in gleichgültige, sich äußerliche Substanzen auseinander, sondern unterscheidet sich einerseits in die Totalität, welche – die vorhin passive Substanz – Ursprüngliches ist als die Reflexion aus der Bestimmtheit in sich, als einfaches Ganzes, das sein Gesetztsein in sich selbst enthält und als identisch darin mit sich gesetzt ist: das Allgemeine, – andererseits in die Totalität – die vorhin ursächliche Substanz – als in die Reflexion ebenso aus der Bestimmtheit in sich zur negativen Bestimmtheit, welche so als die mit sich identische Bestimmtheit ebenfalls das Ganze, aber als die mit sich identische Negativität gesetzt ist: das Einzelne. Unmittelbar aber, weil das Allgemeine nur identisch mit sich ist, indem es die Bestimmtheit als aufgehoben in sich enthält, also das Negative als Negatives ist, ist es dieselbe Negativität, welche die Einzelheit ist; – und die Einzelheit, weil sie ebenso das bestimmte Bestimmte, das Negative als Negatives ist, ist sie unmittelbar dieselbe Identität, welche die Allgemeinheit ist. Diese ihre einfache Identität ist die Besonderheit, welche vom Einzelnen das Moment der Bestimmtheit, vom Allgemeinen das Moment der Reflexion-in-sich in unmittelbarer Einheit enthält. Diese drei Totalitäten sind daher eine und dieselbe Reflexion, welche als negative Beziehung auf sich in jene beiden sich unterscheidet, aber als in einen vollkommen durchsichtigen Unterschied, nämlich in die bestimmte Einfachheit oder in die einfache Bestimmtheit, welche ihre eine und dieselbe Identität ist. – Dies ist der Begriff, das Reich der Subjektivität oder der Freiheit.«417

Die Verabsolutierung des Begriffs der Substanz (als sich von der ansichseienden Einheit über die Vielheit zur Zweiheit und hierüber zur gesetzten Einheit fortentwickelnd) führt zum Begriff selbst. Auf diesem Weg tat sich in der formellen Kausalität die bereits innigste Berührung mit dem Begriff hervor, er konnte sich aber dort nicht nach Totalitäten in identischer Momenthaftigkeit (gegen das Verhältnishafte) auseinanderlegen. Dennoch stellte sich schon dort Selbstbestimmung (als die sich auf sich beziehende Bewegung des Begriffs) ein, und, indem die Substanz darin »sich bestimmt«,418 ebenso die bereits spezifische Charakteristik der Einzelheit, welche darin besteht, dass das »schon Bestimmte als bestimmt«419 gesetzt ist. In der formellen Kausalität taucht »also die sich auf sich beziehende Bestimmtheit, das bestimmte Bestimmte«420 schon auf, jedoch in den (gerade hierdurch prinzipiellen) Fortschritt der Kausalität versenkt. Dennoch ist der Begriff schon hierin bestimmendes Zeigen auf sich, ohne hierfür eine Metaebene zu etablieren und ohne Abhängigkeit von einer nicht in ihm selbst lie WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. 419 Ebd. 420 WdL II, S. 296; GW 12, S. 49. 417

418

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genden Grundlage. So ist er, für den Verstand und die Vorstellung völlig paradoxerweise, »selbst bewegend«421 und »selbständige Quelle des Hervorbringens aus sich«,422 d. h. keiner Veranlassung oder Sollizitation von außen unterworfen. Er ist nur explizites Bestimmt-Setzen dessen, was schon als (ebenda formelle) Bestimmtheit vorliegt. Die Einheit bleibt in identischer und zugleich punktueller Totalität erhalten, sie ist letztlich nur sich selbst aus sich dirimierend, Sprengung und Beziehung des Begriffs auf sich im Unterschied. In der Kausalität ist dies das ganze Ursache-Wirkungs-Verhältnis selbst, indem die Ursache aus ihr selbst wirkt, dabei Identität und Unterschied selbstformierend. Damit ist sie auch schon begriffliches Setzen eines Unterschieds, der keiner ist. Aber als in der Bestimmtheit des (formellen) Kausalzusammenhanges fixiert, führt dies dort vorerst noch zu einem leeren Unterschied und einem identischen Kreisen von Ursache und Wirkung in sich selbst. Wie wir gesehen haben, ist dies der Umstand, worin aus dieser formellen Identität von Ursache und Wirkung erst der Inhalt entsteht, an dem sich dann (in der sich realisierenden Bestimmtheit) der Formunterschied weiter verläuft. Aus dieser logischen Herkunft heraus bleibt selbst das bestimmte Kausalitätsverhältnis vorerst noch formell. – In der Wechselwirkung ist es jedoch schließlich die Identität der Gegenbewegungen der Substanzen in sich, worin auch noch ihre Einheit als drittes und gleichberechtigtes Moment in identischer Totalität zum Aufscheinen gebracht ist. So expliziert sich der Begriff, herkommend aus seinen bereits in der Kausalität gesetzten formellen Anfängen, selbst. Der angesprochene Inhalt ist in der sich auseinanderlegenden absoluten Substanz, so wie sie sich als Identität in ihrer Selbstauflösung in den Begriff als Einheit von Momenten herstellt, vollständig in die absolute Form eingegangen. Die gesamte »Bewegung der Substantialität«423 im absoluten Verhältnis ist »das Absolute als Verhältnis zu sich selbst«,424 der Begriff der Substanz als Nur-Begriff bis hin zu seiner Vollendung als gesetzter Begriff. Die Bestimmtheit als formelle Vollständigkeit des Inhalts des Absoluten ist in inhaltlicher Formierung in der Kausalbewegung begriffen, solange bis das Wechselwirken die Fülle des substantiell Inhaltlichen wiederum der absoluten Form vindiziert. In dieser absoluten Form der absoluten sich vollendenden und eben hierin sich auflösenden Substanz lösen sich auch die Notwendigkeit und die Zufälligkeit (wie genau beschrieben) alleine durch ihre Selbstmanifestierung in jene Sphäre auf, die als Überschreitung der Gesamtheit der objektiven Logik als Sphäre der Subjektivität zu begreifen ist. Im Sinne der doppelten Aufhebungsbewegung wird der subjektive Begriff allererst wieder zur Generierung seiner ihm eigenen Objektivität fortschreiten und darüber hinaus erst zu einer Einheit von Subjektivität WdL II, S. 224; GW 11, S. 398. Ebd. 423 WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. 424 WdL II, S. 187; GW 11, S. 369. 421

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und Objektivität kommen. Diese »Einheit von […] subjektivem Begriffe und der Objektivität«425 als solcher ist dann das, was als Idee angesprochen wird. In gewisser Weise hebt somit die Idee des Begriffes selbst am Ende der Wechselwirkung an. Die absolute Substanz unterscheidet sich nun in Momente, die zugleich an und in ihnen selbst als Totalitäten zu begreifen sind. Ihre Identität führt dazu, dass diese Totalitäten nicht in einem bloßen Nebeneinander Bestand haben, sondern dass sie in der identischen Bewegung als »in die bestimmte Einfachheit oder in die einfache Bestimmtheit«426 zusammengegangen sind. Daher haben sie als Totalitäten zugleich Momentcharakter und sind, abgesehen von Selbstabhebungen gegeneinander (wie im Urteil oder im Schluss) oder von Abhebungen gemäß einer bloß äußeren oder auch einer logisch immanenten Reflexion, nie voneinander zu trennen. Wird das Identitätsmoment oder das Einheitsmoment besonders hervorgehoben, so führt die dabei sich ergebende (chiasmatische) Verschränkung von Einfachheit und Bestimmtheit zur Besonderheit, wobei auch dieses Begriffsmoment ein und dieselbe Totalität darstellt. Demgegenüber lassen sich die beiden anderen Begriffsmomente auf ihre logische Herkunft von den ins unendliche Wechselwirken versetzten Substanzen zurückbeziehen. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass sie in ihrer jeweiligen Bestimmung als Totalität (und zwar als Gesetztsein in sich selbst und nicht mehr nur in ihrer seitenhaften Gemeinschaftlichkeit) den Substanzcharakter verlieren und nur mehr als Bestimmungen oder Selbstbestimmungen des Begriffs in Betracht kommen. Die passive Substanz in ihrer Ursprünglichkeit (als »ursprüngliches Ge­setzt­ sein«427 in ihrem Ansichsein) oder besser (bereits begrifflich betrachtet) in ihrer Gleichursprünglichkeit mit der aktiven Substanz, die sich zunächst in ihrer ebenso eigenständigen Ursprünglichkeit die andere Substanz vorausgesetzt hat und sich dann im Fürsichsein setzend auf sie bezieht, wird in der vollständig sich formierenden Wechselwirkung gänzlich identisch verkehrend gegen und in sich selbst. Durch die Setzungsbewegung wird (wie anhand der spekulativen Zusammenschau der gesamten »Bewegung der Substantialität«428 im Einleitungsteil ›Vom Begriff im allgemeinen‹ klar geworden ist) »die vorausgesetzte oder an sich seiende Ursprünglichkeit für sich, aber dies Anundfürsichsein ist nur dadurch, daß dies Setzen ebensosehr ein Aufheben des Vorausgesetzten ist oder die absolute Substanz nur aus und in ihrem Gesetztsein zu sich selbst zurückgekommen und dadurch absolut ist.«429 427 428 429 425 426

WdL II, S. 466; GW 12, S. 176. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. WdL II, S. 248; GW 12, S. 13.

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Kapitel 2

Wichtig hierbei ist, dass es noch nicht genügt, den ansichseienden Voraussetzungsprozess zu explizieren und so ins Fürsichsein zu heben, weil das Anundfürsichsein, welches sich hierüber der Vermutung nach einstellen sollte, lediglich auf einer positiven Vereinigung beruhen würde, deren Einheit aber von Haus aus gar nicht in einer gleichberechtigten logischen Ebene liegen kann. Wenn jedoch das Voraussetzen nicht bloß anhand des Explikationsprozesses fürsichseiend gesetzt wird, womit es nämlich nur einer logischen (obwohl nicht zu überspringenden) Verschiebung unterliegt, die es in einer anderen Ebene mit anderer Voraussetzungscharakteristik tradierend erhält, sondern über den logischen Vorgang des Explizierens hinaus negativ gesetzt wird, entsteht ein Anundfürsichsein, das sich zugleich der vollständigen Negativität des Gesetztseins verdankt. Eben diese Zuspitzung wird erst in der Wechselwirkung erreicht, wodurch rückwirkend klar wird, dass die spezifische Negativität von Wirkung und Gegenwirkung (in welcher bestimmte Nuancen eines nicht der vollständigen Negativität unterworfenen Voraussetzens aufrecht bleiben) noch nicht den Schlusspunkt der Wesens­ logik bzw. den Schlusspunkt der objektiven Logik überhaupt bilden kann. Diejenige »identische Bewegung […] in sich selbst«,430 welche logisch von der ehemals passiven Substanz abstammt, ist nun (im Resultat der Wechselwirkung) vollständig rückbezügliche Bestimmtheit, »Reflexion aus der Bestimmtheit in sich«,431 weil sie nicht mehr einem unendlichen Übersetzen oder Verkehren unterliegt, sondern im Gesetztsein selbst in sich bleibt, dabei schon ihre anundfürsichseinde Bestimmung in diesem Gesetztsein erreichend. Es bedarf nicht mehr eines (zugleich voraussetzenden) Setzens oder eines Werdens zu sich, auch wenn sich diese Prozesse bereits in der Wirkung und Gegenwirkung als ein und dieselbe Bewegung herausgestellt haben. Die Wechselwirkung, sofern sie auch noch über den Status, eine »gegenseitige Kausalität«432 darzustellen, hinausgegangen ist, hat jegliche (insbesondere in den Voraussetzungsmomenten bewahrte) notwendige Innerlichkeit und jegliche zufällige Veräußerung (wie sie sich in den freien Wirklichkeiten ihrerseits als substantiiert herausstellte) als identisch und sich selbst manifestierend aufscheinen lassen. Die Bestimmung der passiven Substanz, ursprünglich ansichseiendes Gesetztsein zu sein, erfüllt sich damit in der momenthaften, aber gänzlichen Totalität so, dass hierin (abermals dem Verstand völlig paradox vorkommend) anundfürsich der Begriff des Ansichseins selbst erreicht wird, weil es weder in die seinslogische Spannung zum Sein-für-Anderes tritt, noch auch in die wesenslogische Spannung zum Gesetztsein. Das Gesetztsein, als identisch in sich und bei sich bleibend, stellt gar keine Gegenbestimmung zum Ansichsein mehr dar, weil es in seinem Beisichsein die bestimmte WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 432 WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 430 431

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Entgegnung oder die Entgegnung durch Bestimmtheit zugleich aufgehoben hat. Anhand der negativ aus der bestimmten Bewegung der Substantialität sich herstellenden Identität im Gesetztsein ist die Bestimmtheit bereits als solche ansichseiend, verliert sich nicht in äußerliches Werden und verbleibt auch nicht scheinend im Anderen. Diese Negativität ist völlig gewaltlose Durchdringung von Bestimmtheit überhaupt, weil sie in und an ihr selbst ebenso positive Totalität bleibt. Die absolute Negativität des Wesens, das Negative des Negativen, ist im zurückkehrenden Gesetztsein in sich, in der »Reflexion aus der Bestimmtheit in sich«433 zugleich positiv begriffliches Sein. Als rein über das Gesetztsein zum Anundfürsichsein an ihm selbst gekommen (sowie dieses umgekehrt nur in diesem vollständigen Gesetztsein bewahrend) und die logische Herkunft aus der noch unvollendeten Bestimmung des ansichseienden Gesetztseins exekutierend, so gilt diese Begriffsbestimmung als das Allgemeine. Im Allgemeinen ist das noch Passivische der Substanz als (ununterbrochen kontinuierlich) hindurchgehend durch das Anderssein (als die ehemals ursächlich setzende Substanz) gesetzt. Es geht aber noch über das unendliche Verkehren und Verkehrtwerden (als ins Anderssein hinein und aus dem Anderssein zurück) hinaus, weil es die sich zur Identität herstellende Bewegung der Notwendigkeit als Reflexionsmoment oder als Scheinmoment in der ganzen andersseienden Bestimmtheit manifestiert. Es ist zur Totalität gediehenes zeigendes Scheinen auf sich in der Bestimmtheit. Es wird qua reflektierend nicht ins verhältnismäßige Gesetztsein gezogen und so in der unendlichen Bewegung (des verkehrend wirkenden Wechselns und auch Verwechselns, sofern das Passivische nur wie das gegensätzlich Positive genommen wird) gehalten, sondern enthält das Gesetztsein anundfürsich in sich selbst. In der Einheit der beiden Sub­ stanzen enthüllt sich das Zusammengegangensein ihres Gesetztseins, also des anderen Gesetztseins (wenn man sich so redundant ausdrücken will) oder eben des Gesetztseins im verhältnismäßigen Anderssein, welches sich nunmehr manifestierend in den Schein des eigenen Gesetztseins herausgesetzt hat. Das ist die Befreiung aus der noch blinden inneren Notwendigkeit, die nur so lange aufrecht bleibt, wie sich die rückbezügliche Grundgegenbewegung (siehe Kapitel 1) über die wesensgemäße Relationalität oder in dieser gänzlichen Relationalität zu einer Identität herstellt, die damit den Fortgang zu einer neuen Wesensbestimmung zulässt bzw. diese erzwingt. Die Bewegung der Kausalität manifestiert jedoch dieses Erzwingen selbst, indem sie zeigt, zu welcher Totalität die zur Spitze getriebene Wesensbewegung (in ihrer zur Spitze getriebenen Vereinigung mit der Seinsbewegung) führt. Die Dynamik des Wesens im Setzen und Gesetztsein bringt eine sich auseinanderlegende Totalität hervor, worin die notwendige Rückbezüglichkeit in der gleichen logischen Ebene, ohne Ausweg in eine Katego433

WdL II, S. 240; GW 11, S. 409.

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rienneubestimmung, zum Austrag gebracht wird. Das Gesetztsein als solches ist damit nicht nur das Gesetztsein der Unterschiedenen, sondern das Gesetztsein in den Unterschiedenen selbst. Das ist Sprengung der Wesensrelationalität durch das Wesen selbst, weil die Einheit dieser Unterschiedenen schon gegen sie selbst und zugleich in ihnen selbst auf gleicher logischer Ebene vorkommt. Wie schon angedeutet, stellt die Besonderheit diese (zwar vorerst auch nur formelle) Einheit dar, aber sie ist selbst nur ein und dieselbe gleichberechtigte Totalität, so wie sie auch schon in den Unterschiedenen (die begrifflich als Allgemeines und Einzelnes einen vollkommenen Gegensatz bilden) zustande gekommen ist. Es handelt sich also um eine Totalität von oder in drei Totalitäten, die nicht mehr ein (relational-verhältnismäßiges) Gesetztsein bilden, sondern das Gesetztsein in ihre eigene momenthafte Totalität eingebunden haben. Die Selbstüberwindung der Substantialität geht also aus jenen Unterschiedenen hervor, die in der Wechselwirkung vorerst noch in schon leerer Durchsichtigkeit als aktive und passive Substanz auseinandergehalten werden können, jedoch nunmehr (im Resultat der Wechselwirkung) als Totalitäten vorliegen, worin das Gesetztsein zugleich insichseiend (und dem Begriff als solchen nach auch insichbleibend) etabliert ist. Die Bestimmtheit überhaupt ist somit rückbezügliche Bestimmtheit als in einer Totalität, die ebenso nur Momentcharakter besitzt. Die Identität als Totalität des Begriffs in Begriffsmomenten, die nur wiederum diese Totalität selbst darstellen, resultiert lediglich aus der Identität der Notwendigkeit (und der Äußerlichkeit der Zufälligkeit), die in der Bewegung der Kausalität zum freien (Vor-) Schein gebracht wird. Das notwendige Verhalten drängt das Einheitsmoment in die Unterschiedenen, so bleibt es Wesen, aber in der vollständigen Durchexerzierung dieses manifestierenden Prozesses zeigen sich die Unterschiedenen (in ihrer identischen Bewegung in sich selbst) und das Einheitsmoment (worin sich der Schein als Schein in sich reflektiert) als gleichrangige Totalitäten. Eben dies ist der Begriff. Der Begriff als solcher (sofern er noch nicht in seine Selbstdiremtion getreten ist) ist reines Zeigen auf sich anhand der nach Totalitäten auseinandergelegten Begriffsmomente. Sie enthalten ihr Gesetztsein in sich selbst und bleiben in freier Beziehung und freier Bestimmtheit auch noch im gegensätzlichen Anderssein (von Allgemeinem und Einzelnem) identisch mit sich. Im Zuge der Überlegungen zur Widerlegung des Spinozismus (im Einleitungsabschnitt ›Vom Begriff im allgemeinen‹) wird rekapitulierend eben diese Bewegung hin auf das Gesetztsein in sich nochmals spekulativ auf den Punkt gebracht: »Das Substantialitätsverhältnis, ganz nur an und für sich selbst betrachtet, führt sich zu seinem Gegenteil, dem Begriffe, über. Die […] Exposition der Substanz, welche zum Begriffe überführt, ist daher die einzige und wahrhafte Widerlegung

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des Spinozismus. Sie ist die Enthüllung der Substanz, und diese ist die Genesis des Begriffs, deren Hauptmomente oben zusammengestellt worden. – Die Einheit der Substanz ist ihr Verhältnis der Notwendigkeit; aber so ist sie nur innere Notwendigkeit; indem sie durch das Moment der absoluten Negativität sich setzt, wird sie manifestierte oder gesetzte Identität und damit die Freiheit, welche die Identität des Begriffs ist. Dieser, die aus der Wechselwirkung resultierende Totalität, ist die Einheit der beiden Substanzen der Wechselwirkung, so daß sie aber nunmehr der Freiheit angehören, indem sie nicht mehr ihre Identität als ein Blindes, d. h. Innerliches, sondern daß sie wesentlich die Bestimmung haben, als Schein oder Reflexionsmomente zu sein, wodurch jede mit ihrem Anderen oder ihrem Gesetztsein ebenso unmittelbar zusammengegangen [ist] und jede ihr Gesetztsein in sich selbst enthält, somit in ihrem Anderen schlechthin nur als identisch mit sich gesetzt ist.«434

Die »Einheit der beiden Substanzen«435 ist die selbstaufscheinende Identität der Notwendigkeit, die sich in diesem Schein zur Identität des Begriffs, zur Bestimmung der Freiheit,436 aufschließt. Aus der Genese dieser Bewegung heraus, in welcher die Substanzen ihre Bestimmung in der gänzlichen Totalisierung anhand des jeweiligen Gesetztseins in sich finden, liegt der Fokus zunächst auf den Extremen, wobei hier einerseits die Bestimmtheit in ihrer Rückbezüglichkeit auf sich diese Negativität zur identischen Gleichheit mit sich kontinuiert (wodurch das Allgemeine gekennzeichnet ist), andererseits aber zugleich dieselbe Bestimmtheit in ihrer Rückbezüglichkeit auf sich diese Negativität zu identischer Negativität als solcher zentriert (wodurch das Einzelne gekennzeichnet ist). Diese Totalitäten bilden damit einen vollkommenen Gegensatz, der jedoch auf absoluter Bestimmtheit beruht,437 die zugleich als aufgehoben (und hierin allgemein) und als bestimmt (und hierin einzeln) gilt.

WdL II, S. 250 f.; GW 12, S. 15. WdL II, S. 251; GW 12, S. 15. 436 Vgl.: Ralf Beuthan, »Wirkliche Freiheit«  – Hegels wesenslogischer Freiheitsbegriff, in: Anton Friedrich Koch/Friedrike Schick/Klaus Vieweg/Claudia Wirsing (Hrsg.), Hegel – 200 Jahre Wissenschaft der Logik (Deutsches Jahrbuch Philosophie Bd. 5), Hamburg 2014, S. 189–206. 437 Der absoluten Bestimmtheit entspricht die unendliche Bestimmtheit im Schein: »Die Bestimmtheit also […] ist unendliche Bestimmtheit; sie ist nur das mit sich zusammengehende Negative; sie ist so die Bestimmtheit, die als solche die Selbständigkeit und nicht bestimmt ist. – Umgekehrt die Selbständigkeit als sich auf sich beziehende Unmittelbarkeit ist ebenso schlechthin Bestimmtheit und Moment und nur als sich auf sich beziehende Negativität.« WdL II, S. 23; GW 11, S. 248. – Vgl.: Theodoros Penolidis, Der Horos. G.W.F. Hegels Begriff der absoluten Bestimmtheit oder die logische Gegenwart des Seins, Würzburg 1997. 434 435

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Die Allgemeinheit ist nichts anderes als aufgehobene Bestimmtheit in der sich auf sich beziehenden Bestimmtheit und die Einzelheit ist nichts anderes als das bestimmte Bestimmte in der sich auf sich beziehenden Bestimmtheit. Beide stellen nur die identische Totalität des Begriffs dar und bedürfen keiner Aufhebung in eine noch übergeordnete logische Ebene oder Sphäre. Ihre Einheit, die in der Rede von der »Einheit der beiden Substanzen«438 ebenso genannt ist, liegt selbst schon in ihnen und kann weder eine umfassendere Bestimmung (im Sinne eines noch Allgemeineren), noch auch eine distinktere Bestimmung (im Sinne eines noch weiter Vereinzelten) darstellen. Die Einheit drückt nur ihre Besonderheit und die Besonderheit überhaupt aus, indem sie das Bestimmte in bestimmter Selbstabhebung (als sich in mannigfaltige Bestimmtheiten bzw. Arten vereinzelnd oder gliedernd) und in bestimmter Selbstreflexivität (als in diesen Bestimmtheiten oder Arten reflexiv allgemein bleibend) zeigt. Diese Einheit ist keine vereinheitlichende Einheit, denn sie ist als Besonderheit, sofern sie nicht fälschlicherweise als bloßes Nebeneinander von Besonderem betrachtet wird, ebenso nur die eine identische Totalität des Begriffs selbst. Es ist der Begriff dieser Totalität, sich in diese Momente auseinanderzunehmen, ohne dass dies eine weitere Verhältnisbestimmung oder eine Hierarchisierung nach Metaebenen nach sich ziehen würde. Das Zueinander der Begriffsmomente ist metaebenenlos. Selbst das Moment der Subordination schafft kein Auseinander, Übereinander oder Untereinander von Begriffsebenen. Nichtsdestoweniger ist, wie erwähnt, der spekulativ-logische Blick439 zunächst einmal auf jene Momente gerichtet, in welchen sich die notwendige Zweiheit der Substanzen zum begrifflich »freien Schein dieser Zweiheit«440 selbstmanifestierend aufgeschlossen hat. Deren insichseiendes Gesetztsein, worin das ansichseiende Gesetztsein der ursprünglich passiven Substanz und das fürsichseiende Setzen der ursprünglich aktiven Substanz in die momentane Totalität des Begriffs zusammengegangen sind, hat sich als das Anundfürsichsein erwiesen, welches umgekehrt ebenso als Einheit nur im und durch das Gesetztsein ist. Um die Gehalte des letzten Absatzes der Wesenslogik noch eingehender begreiflich zu machen, ist es dienlich, auch die folgenden beiden Absätze aus dem Einleitungsteil ›Vom Begriff im allgemeinen‹ zu zitieren. WdL II, S. 251; GW 12, S. 15. Vgl.: Daniel Althof, Spekulativ-dialektische Vernunft und Vexierbilder, in: Andreas Arndt/ Brady Bowman/Myriam Gerhard/Jure Zovko (Hrsg.), Hegel-Jahrbuch 2016. Hegels Antwort auf Kant I, Berlin/Boston 2017, S. 60–64. 440 WdL II, S. 252; GW 12, S. 16. 438 439

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Dabei hebt Hegel zunächst auf die jetzt erst begrifflich eingeholte Bestimmung der causa sui ab, die aber auch nur aufgrund des Zusammenhangs von an und für sich seiender Identität und Gesetztsein zu verstehen ist. Dort heißt es: »Im Begriffe hat sich daher das Reich der Freiheit eröffnet. Er ist das Freie, weil die an und für sich seiende Identität, welche die Notwendigkeit der Substanz ausmacht, zugleich als aufgehoben oder als Gesetztsein ist und dies Gesetztsein, als sich auf sich selbst beziehend, eben jene Identität ist. Die Dunkelheit der im Kausalverhältnisse stehenden Substanzen füreinander ist verschwunden, denn die Ursprünglichkeit ihres Selbstbestehens ist in Gesetztsein übergegangen und dadurch zur sich selbst durchsichtigen Klarheit geworden; die ursprüngliche Sache ist dies, indem sie nur die Ursache ihrer selbst ist, und dies ist die zum Begriffe befreite Substanz.«441

Der Begriff gilt nun als jene ursprüngliche Sache, die sich an und für sich zur Ursache ihrer selbst bestimmt hat. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine hervorbringend sich auf sich selbst beziehende Sache, diese lag bereits als »selbständige Quelle des Hervorbringens aus sich«442 in der formellen Kausalität vor. So ist sie dort zwar der Begriff der Ursache, aber an dieser Stelle von ihrer vollständigen Realisierung noch weit entfernt. Was jedoch noch viel wichtiger ist, ist der Umstand, dass der Prozess dieser Realisierung und die sich daran anschließende Verabsolutierung ganz und gar nichts mit einer unterstellten Entfaltung WdL II, S. 251; GW 12, S. 15 f. – Robert Pippin beginnt in einem Aufsatz, der die Begriffslogik als Reich der Freiheit erörtern soll, mit eben diesem Zitat. Er konstatiert, dass die darin von Hegel gegebene Erläuterung »alles andere als transparent und klar« (S. 223) sei. Leider bemüht er sich in keinster Weise, die unterstellte Unklarheit zu erhellen. Im weiteren Verlauf versucht Pippin in erster Linie durch Parallelen zu Kant seiner aufgeworfenen Fragestellung Herr zu werden. Er unterstellt auch Hegel, dass er einen häufigen »Gebrauch von Kant als Orientierungspunkt« (S. 226) für die Bestimmungen der Begriffslogik bräuchte. Dies verkennt die Hauptsache und nimmt umgekehrt erläuternde und anmerkungsartige Bemerkungen für hauptsächlich. Die Sache selbst wird in seinen Überlegungen jedoch überhaupt nie berührt, auch wenn er sich der Sache mit Bezügen zu Sellars, McDowell und Brandom zu nähern versucht. In Bezug auf Brandom taucht zumindest das Thema der prinzipiellen Dimension des Normativen für die Bestimmung des Begrifflichen auf, aber seine von ihm »verteidigte These über die Gleichstellung der Freiheit mit »dem Apriorischen« […], [worin] Hegel die Frage des empirischen Inhalts von der philosophischen Frage der Legitimation oder quid iuris trennt« (S. 236), ist weit ab von einer Einsicht in die spezifische Normativität des spekulativ Logischen. Vgl. Robert B. Pippin, Hegels Begriffslogik als die Logik der Freiheit, in: Anton Friedrich Koch/Alexander Oberauer/Konrad Utz (Hrsg.), Der Begriff als die Wahrheit. Zum Anspruch der Hegelschen »Subjektiven Logik«, Paderborn 2003, S. 223–237. 442 WdL II, S. 224; GW 11, S. 398. 441

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der causa sui zu tun hat. Alle Interpretationen, die sich den logischen Fortschritt nicht ohne Einbeziehung dieser Bestimmung erklären können, sind irrig und bleiben der Sache selbst völlig äußerlich. Für die Selbstbewegung oder die Bewegung aus sich bedarf es der causa sui gar nicht, denn die genannte Bewegung ist schon ohnehin eine Wesensbestimmung,443 wogegen die erfüllte Ursächlichkeit gegen sich nur mit dem Begriff einhergeht. Es ist zwar richtig (und wird von Hegel in der Enzyklopädie auch so dargestellt),444 dass die Ursache als solche (obschon in ihrer noch unerfüllten und unrealisierten Bestimmung) bereits an und für sich als causa sui (oder bzgl. der Wirkung als effectus sui) zu betrachten ist, aber so bliebe sie dennoch in ihrer identischen Notwendigkeit versenkt, ohne Aufschließungsbewegung, die sie zum Begriff transferiert. Das bloße Festhalten an der nur wesenslogisch gedachten causa sui ergibt nicht den Weg zum Begriff, der vielmehr nur dann beschritten wird, wenn die Notwendigkeit des Wesens selbst (durch die Bewegung der Kausalität in ihrem vollständigen Gesetztsein) in den freien Schein herausgestellt wird. Daher wird (wie bereits weiter oben schon einmal erwähnt) in der Enzyklopädie sofort jene Vorstellung gerügt, Gott als Ursache zu bestimmen, weil damit die causa sui begrifflos und nur in ihrer inneren notwendigen Identitätsbewegung aufgefasst wird, jedoch noch gar nicht als Freiheitsbestimmung, zu der es gehört, die zweiwertig relationale Selbstbezüglichkeit (die in der wesensgemäßen Selbstursächlichkeit aufrecht bleibt) zu überschreiten. Wir haben ausführlich und exakt dargelegt, wie sich die Bewegung des absoluten Verhältnisses vollzieht, und dabei hat sich gezeigt, dass es keinen Anlass gibt, die Bestimmung der causa sui als unerklärten Erklärer zum Zwecke einer äußerlichen Plausibilisierung heranzuziehen. Wem diese Bewegung dennoch unverständlich und unerklärlich bleibt, kann an jeder Stelle, wo von Ursache die Rede ist, die Bestimmung der causa sui als deus ex machina hinzusetzen, die Stringenz der spekulativen Logizität nimmt damit aber um keinen Deut zu. Worin besteht aber nun die begriffsgemäße Selbstursächlichkeit? – Formal kann gesagt werden, dass die begriffliche causa sui mit jenem Anundfürsichsein, das nur aus und im Gesetztsein besteht, oder mit jenem Gesetztsein, das zugleich Anundfürsichsein ist, gegeben ist. Genauer genommen, so handelt ist es sich um das aus dem ansichseienden Gesetztsein und dem fürsichseienden Setzen resultierende insichseiende Gesetztsein der Begriffsmomente, worin die Bestimmtheit gemäß identischer Totalitäten als schlechthin reflexive Bestimmtheit Im setzenden Voraussetzen und voraussetzenden Setzen der setzenden Reflexion ist diese Bewegung schon dezidiert erreicht: »Die Bewegung wendet sich als Fortgehen unmittelbar in ihr selbst um und ist nur so Selbstbewegung – Bewegung, die aus sich kommt, insofern die setzende Reflexion voraussetzende, aber als voraussetzende Reflexion schlechthin setzende ist.« WdL II, S. 28; GW 11, S. 252. 444 Vgl. § 153 der enzyklopädischen Logik, Enz. I, S. 298; GW 20, S. 171. 443

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(d. i. die Allgemeinheit), als Bestimmtheit in bestimmter Selbstdifferenzierung (d. i. die Besonderheit) und als Bestimmtheit, die als das bestimmte Bestimmte (d. i. die Einzelheit) fixiert werden muss, vorliegt. Die Totalität der Bestimmtheit verläuft sich somit nicht mehr in Anderes und nimmt sich auch nicht bloß in ein Scheinen-in-sich (welches Scheinen-in-Anderes impliziert) zusammen, sondern ist zur Gänze negativ (als zugleich aufgehobene Bestimmtheit der Allgemeinheit), zur Gänze in Bestimmteres gegliedert (wie es die Besonderheit zum Ausdruck bringt), und schließlich zur Gänze als Negatives auf sich bezogen, wodurch die Bestimmtheit sich abermals als bestimmt erweist (was die Einzelheit kennzeichnet). Die Bestimmtheit ist damit die erfüllte Totalität (des Begriffs), die gänzlich auf sich zurückkommt und so auch noch jene Umbiegung des (schlecht-) unendlichen Wirkens ins Wechselwirken überstiegen hat. Die Aufhebung der seienden Bestimmtheit in die scheinende Bestimmtheit des Wesens vollendet sich erst in der begrifflichen Bestimmtheit, worin sich die Reflexivität zunächst im Doppelschein (den es noch zu verdeutlichen gilt) des Allgemeinen manifestiert. Im Schein nach außen ist die Bestimmtheit aufwärts (in der Richtung von höheren Allgemeinheiten) und abwärts (in der Richtung von niedrigeren Allgemeinheiten) gegliedert und dadurch ebenso dem Besonderten und der Besonderheit überhaupt unterworfen. Im Schein nach innen ist dagegen die Bestimmtheit einerseits in ihrer Allgemeinheit erhalten, aber andererseits auch so negativ auf sich bezogen, dass es dem abermaligen Bestimmtwerden, also dem Bestimmen des schon Bestimmten, unterworfen ist. Dies ist der Effekt der Einzelheit. Was also die Selbstursächlichkeit betrifft, so ist diese im und als Begriff eine generative Selbstbestimmtheit (als hervorbringende Kontinuationsbewegung vom Allgemeinen ins Einzelne und vom Vereinzelten ins Allgemeine) oder eine Selbstbestimmung, die nicht aus der Bestimmtheit heraus- oder hervortritt, sondern in dieser waltet und wirkt, ohne wesentlich Anderes zu verursachen. Es ist bei sich und in sich bleibendes Gesetztsein in der Totalität der Bestimmtheit, die im Allgemeinen die Momente des Begriffs selbst, im Besonderen alle Unterschiede der absoluten Form, und schließlich im Einzelnen die absolute sich auf sich beziehende Negativität des Bestimmens des schon Bestimmten enthält. Obwohl es so aussieht, als würde jeglicher bestimmte Unterschied in der begrifflichen Einheit dieser Totalität einbezogen bleiben, so führt letzteres Moment, also das Einzelne, dennoch zur Sprengung und Aufsprengung des Begriffs, der sich gegen sich selbst dirimiert und (durchaus selbstursächlich) teilt. Aus dem Bisherigen kann diese Bewegung noch nicht eingesehen werden, wir halten aber an einer Stelle, die es zulässt, die noch wesenslogisch gefasste causa sui, sofern sie mit dem Begriff der (noch unrealisierten) Ursache einhergeht, und die Bestimmung der causa sui qua Begriff genau auseinanderzuhalten. Die Ursächlichkeit als solche ist nämlich noch diesseits der sich aufschließenden Bewegung der Kausalität, worin schlussendlich die innere Notwendigkeit selbst dem offenen

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Schein anheimgestellt wird. Wir haben diese Bewegung, als Gesamtbewegung der Substantialität, exakt aufgeschlüsselt und in allen logischen Stadien, bis hin zum Aufscheinen der mit dem Begriff zu identifizierenden Freiheitsdimension, durchgedacht. Allein diese Denkbemühung erlaubt es auch, die sich mit dem Begriff als solchen einstellenden Begriffsmomente in ihrer Totalität als jene Totalität der Bestimmtheit zu erkennen, worin eben diese Bestimmtheit zu generativ hervorbringender Selbstbestimmtheit gediehen ist. Nur hierin erfüllt sich die Bestimmung der begrifflichen Selbstursächlichkeit, aber sie fordert zugleich dazu auf, einen noch eingehenderen Blick auf ihre Momente zu werfen. Im nächsten Absatz des Vorspanns ›Vom Begriff im allgemeinen‹ wird jener scheinende Gegensatz thematisiert, der durch die Begriffsmomente des Allgemeinen und Einzelnen zum Ausdruck gebracht wird. Diese Zweiheit, die sich in ihrer Einheit auf der gleichen Ebene zur Dreiheit bestimmt, geht immer noch auf die Zweiheit von aktiver und passiver Substanz zurück. So wird auch im letzten Absatz zur Wechselwirkung mit dem Aufweis dieser Begriffsmomente begonnen, um sie hernach durch die ebenbürtige Bestimmung der Besonderheit zu ergänzen. Erst im ersten Kapitel über den Begriff ändert sich die Reihenfolge der Darstellung, was sich letztendlich über die Konsequenzen aus der Weiterbestimmung des Einzelnen rechtfertigt. Vorläufig ist es wichtig, jene momentanen Begriffstotalitäten zu fassen, die in ihrer (das Andere schon in sich enthaltenden) Identität dennoch Extreme bilden. In der unendlichen oder absoluten Bestimmtheit stellen sie prinzipiell das Bestehen und das Aufgehobensein dieser Bestimmtheit dar, aber sie fixieren diese absolute identische Negativität andersartig. Diese (weder seins- noch wesensmäßige) Andersartigkeit ist als (in dezidiert andere Arten aufgegliederte) Bestimmtheit wiederum ein Begriffsmoment, aber sie ist auch schon als Negativitätseffekt in den Extremen als solchen präsent. Aufgrund der bewusst gesetzten interpretativen Fokussierung liegt unser (der äußerlichen Reflexion geschuldetes) Augenmerk insbesondere auf dem einen Extrem, aber die Extreme und ihre Einheit lassen sich in der gleichen logischen Ebene nicht auseinandernehmen. Geschieht dies dennoch, so wie es häufig unbeabsichtigt durch diverse Über-Interpretationen (die sich nichtsdestoweniger weit unter Begriffsniveau abspielen) passiert, so werden Metaebenen eingezogen, die den spekulativen Vollzug des Begrifflichen von Haus aus verfehlen. Weil sich das ansichseiende Gesetztsein und das fürsichseiende Setzen ins insichseiende und (zumindest dem formellen Begriff nach) insichbleibende Gesetztsein der absoluten Bestimmtheit aufgehoben haben, ist das Anundfürsichsein selbst nur als vollständiges Gesetztsein, das kein äußerliches Gesetztsein (im Einfügen einer äußerlich unterscheidenden Metaebene) mehr zulässt. Die Notwendigkeit hatte noch eine Wendung nach innen, worin das identische Aufscheinen der substantiell Unterschiedenen in eine Ebene hinuntergezogen war, die sich im Nachhinein als eine Art von Anti-Metaebene beschreiben ließe.

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Wenn man sich überhaupt einer derartigen Ausdrucksweise (die freilich eine dem Logischen unangemessene spatiologische Konnotation hereinbringt) bedienen möchte, so steht diese verinnerlichte Ebene nur für eine Verdeckung (die Hegel selbst mit Dunkelheit und Blindheit umschreibt), welche dazu führt, das Scheinen und die Reflexivität überhaupt in die Unterschiedenen (qua freie Wirklichkeiten oder Substanzen) zu inkorporieren. Die Wechselwirkung manifestiert nun lediglich die durch die Scheininternalisierung konstituierte Beständigkeit des Seins, dessen Werden ober Übergehen Reflexion in sich selbst ist. Die absolute Negativität, welche das freie Bestehen dieser scheinlosen Unmittelbarkeit garantierte, tritt als Schein hervor und zeigt nur auf, dass das Anundfürsichsein selbst vollkommen und ausschließlich Gesetztsein ist. Eben hierin besteht der Schritt von der Notwendigkeit zur Freiheit, die zunächst nur zum Ausdruck bringt, dass das Gesetztsein in seiner Totalität keine Ebene nach unten (im Sinne der genannten Anti-Metaebene) und keine Ebene nach oben (im Sinne einer Metaebene) zulässt. Das Aufsteigen in Richtung eines höheren Allgemeinen (das noch Relevanz erlangen wird) dürfen wir hiermit nicht konfundieren, es handelt sich dabei um eine Bewegung des Scheinens nach außen, welches sich dennoch innerhalb der ganzen Bestimmtheit vollzieht. Die Rede von der gleichen Ebene, in welche die (bereits begrifflich) Unterschiedenen (qua Allgemeinem und Einzelnem) und ihre ebenbürtige Einheit (qua Besonderheit) durch die Wechselwirkung versetzt sind, betrifft aber diese ganze Bestimmtheit in ihrer Totalität selbst. Die Begriffsmomente sind eben nur Momente dieser einen identischen Totalität, gelten aber dennoch vollumfänglich von dieser Identität und sind daher ebenso wieder Totalitäten. Der hiermit einhergehende Widerspruch ist der absolute Widerspruch des Begriffs, worin der Unterschied zugleich als Verschiedenheit (die ihrerseits in den Momenten und als Einheit identische Totalitäten darstellen) besteht. So ist auch der Gegensatz mitenthalten, der aber seinerseits nur dem Schein unterworfen ist, weil die Entgegengesetzten bereits das vollständige Gesetztsein in sich selbst enthalten. Diese Logizität, die im letzten Absatz der Wechselwirkung vorliegt, wird im Folgeabsatz aus dem Einleitungsteil ›Vom Begriff im allgemeinen‹ extra hervorgehoben: »Es ergibt sich hieraus für den Begriff sogleich folgende nähere Bestimmung. Weil das Anundfürsichsein unmittelbar als Gesetztsein ist, ist der Begriff in seiner einfachen Beziehung auf sich selbst absolute Bestimmtheit, aber welche ebenso als sich nur auf sich beziehend unmittelbar einfache Identität ist. Aber diese Beziehung der Bestimmtheit auf sich selbst, als das Zusammengehen derselben mit sich, ist ebensosehr die Negation der Bestimmtheit, und der Begriff ist als diese Gleichheit mit sich selbst das Allgemeine. Aber diese Identität hat so sehr die Bestimmung der Negativität; sie ist die Negation oder Bestimmtheit, welche sich auf sich bezieht; so ist der Begriff Einzelnes. Jedes von ihnen ist die Totalität, jedes enthält die Bestim-

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mung des Anderen in sich, und darum sind diese Totalitäten ebenso schlechthin nur eine, als diese Einheit die Diremtion ihrer selbst in den freien Schein dieser Zweiheit ist – einer Zweiheit, welche in dem Unterschied des Einzelnen und Allgemeinen als vollkommener Gegensatz erscheint, der aber so sehr Schein ist, daß, indem das eine begriffen und ausgesprochen wird, darin das andere unmittelbar begriffen und ausgesprochen ist.«445

Das vollkommen durchdringende Gesetztsein, das durch die Wechselwirkung zustande kam, ist selbst das Anundfürsichsein, weil es keine Bestimmung mehr gibt, die sich als Ansichsein oder Fürsichsein einheitsstiftend vom Gesetzten abheben könnte. Die Bestimmtheit überhaupt ist damit allumfänglich und kreiert weder übergängliche Negativität (als sich begrenzend und beschränkend) noch eine Negativität, die das Bestimmte in ein scheinendes Verhältnis gegen und in sich selbst (als grundlegende Relationalität setzend) ziehen würde. Die Bestimmtheit ist vielmehr in ihrer Selbstbezüglichkeit so identisch mit sich, dass sie in ihrem Anundfürsichsein, in ihrem Gesetztsein und im Setzen, das hier bereits als Selbst-Bestimmen die bloße Reflexivität überstiegen hat, als schöpferischschaffendes Hervorbringen zu Tage (d. h. in die Helle des nur aufscheinenden Scheins) tritt. Näherhin ist das Setzen gerade deshalb Selbstbestimmung, weil das Anundfürsichsein ausschließlich im sich totalisiert habenden Gesetztsein besteht bzw. umgekehrt das Gesetztsein in der Totalität (und in den Totalitäten) so umfassend ist, dass nur hierin das Anundfürsichsein bestehen kann. Was nun die extremen Begriffsmomente betrifft, so würden sie, sofern sie noch wesenslogisch festgehalten blieben, einem abwechselnden Ineinanderkippen unterliegen, das nach dieser Richtung hin als Zufälligkeit zu bestimmen wäre. Das Allgemeine stünde stets an der Kippe zum Einzelnen und das Einzelne stets an der Kippe zum Allgemeinen. Darüber hinaus würde sich dieses Kippen tatsächlich vollziehen, was dazu führte, dass sich das Allgemeine als einzeln und das Einzelne als allgemein bestimmte. In diesem Zusammengehen mit sich wäre dann ebenso die Notwendigkeit gesetzt. Dennoch, und das ist wichtig, sind das Allgemeine und das Einzelne gerade nicht auf diese wesenslogische Weise bestimmt. Zufälligkeit und Notwendigkeit sind bereits zur Freiheit erhoben, die Momente des Begriffs sind somit ebenso freie Bestimmungen. Zufälligkeit und Notwendigkeit sind dabei schlichtweg befreit, d. h. nur auf ihren eigenen aufscheinenden Schein hin manifestiert. Sie gehen nicht verloren, aber zeigen ihre innere Identität und ihren inneren Unterschied, eine Bewegung, die sich auch gar nicht anders als im Zeigen auf sich selbst verdeutlichen lässt. Begrifflich bleibt diese Bewegung aufrecht, so dass auch das Allgemeine das Einzelne und ebenso das Einzelne das Allgemeine zeigt. Darin ließe sich wieder 445

WdL II, S. 251 f.; GW 12, S. 16.

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behaupten, dass das Bestimmen des Allgemeinen ins Einzelne kippt, wie denn eben auch das Bestimmen des Einzelnen ins Allgemeine kippt. Dieses Kippen bringt die Bestimmungen auch zueinander, zeigt ihre (durchaus in und mit der Zufälligkeit als notwendig gesetzte) Untrennbarkeit und zeigt darüber hinaus, dass sie nicht noch näher aneinandergebracht, aneinanderbestimmt und auseinanderbestimmt sein können. Dennoch gilt und muss eingesehen werden: Das Kippen ist kein Zeigen! Die Kippbewegung ist eine Bewegung der Zufälligkeit und sie führt zur Identität. Die Bewegung des Zeigens, und zwar nicht diejenige eines Anderen auf ein Anderes (wie es das »Monstrieren […] als ein sich Äußerliches«446 bleibt), sondern das eigene selbstabstrahierende Zeigen auf sich, ist eine Bewegung des Begriffs, die Identität ist. Die angesprochene Abstraktion wird noch entscheidend bei der näheren Bestimmung des Einzelnen hervortreten, sie bedarf aber auch noch der Vorbereitung bzgl. des abstrakt Allgemeinen, das hier noch gar nicht vorliegen kann. Warum ist aber die eigene Zeigbewegung auf sich nicht mit der Kippbewegung gleichzusetzen? Das Allgemeine ist das Selbstaufzeigen des Einzelnen, das Einzelne ist das Selbstaufzeigen des Allgemeinen. Das Allgemeine bleibt in diesem Negieren posi­tive Identität mit sich, wogegen die negative Kippbewegung jene positive Iden­tität erst erzeugt und sie im nächsten Schritt ebenso wieder negativ setzt. Die Negation der Negation im und durch das Kippen bleibt eine reine Wesens­ bestim­mung, die Negation der Negation im und durch das Zeigen ist eine Begriffsbestimmung, weil sie die Totalitäten positiv erhält, auch wenn sie sie ebenso in den Gegensatz versetzt. Im begrifflichen Zeigen gibt es keine Distanz und keinen Ort des Zeigens, denn das Zeigende und das Worauf des Zeigens sind schon die eine Identität und Totalität des Begriffs (in der Negativität des Gesetztseins) selbst. Das Kippen zeigt noch die Andersheit, und zwar als notwendig sich vollziehende zufällige Veränderung, das Zeigen hat aber die Andersheit zu einer Totalität gebracht, die nichts anderes als selbstbestimmende Veränderung ist. Die Bestimmtheit geht in ihrer Totalität so selbstbezüglich gegen sich, dass keine nur wesenhafte Selbstbezüglichkeit resultieren kann, weil das bestimmte unterscheidende Gesetztsein das Anundfürsichsein erfüllt. Dieses Anundfürsichsein bleibt damit in dem Akt, der ein gesetztes Bestimmtes von der Totalität unterscheidet (wodurch im Sein die Bestimmtheiten aus sich in das nicht reflexive Übergehen gezwungen werden und im Wesen die Totalität in Scheinbestimmtheiten dirimiert wird), als Anundfürsichsein erhalten, was zugleich dazu führt, dass sogar ein Bestimmtes oder dieses Bestimmte anundfürsichseiend ist.

446

WdL II, S. 300; GW 12, S. 52.

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Gerade weil das Allgemeine in seiner »Gleichheit mit sich selbst«447 die absolute Bestimmtheit als negierte Bestimmtheit enthält, so bezieht sich diese Negativität zugleich auf sich und setzt negiertes Bestimmtes, d. h. bestimmtes Bestimmtes, das in seinem Unterschiedensein ebenso anundfürsichseiend ist. Hierin ist das Allgemeine Einzelnes, das jedoch wiederum an ihm selbst allgemein ist (und vorerst allgemein bleibt). Umgekehrt ist das Einzelne als die mit sich identische Negativität bestimmte Bestimmtheit, d. h. Bestimmtheit, die auf sich selbst negativ fixiert wird, wodurch es sich gerade im Unterschiedensein als sich selbst gleich bleibend erhält. Hierin ist das Einzelne Allgemeines, das jedoch wiederum an ihm selbst einzeln ist (und vorerst sich kontinuierlich vereinzelnd bleibt). Nur hierin ist der »Unterschied des Einzelnen und Allgemeinen als vollkommener Gegensatz«448 so sehr ein Scheinunterschied oder ein Unterschied des Scheins, »daß, indem das eine begriffen und ausgesprochen wird, darin das andere unmittelbar begriffen und ausgesprochen ist.«449 Diese sich entgegnende Scheinbestimmtheit in der absoluten Bestimmtheit, welche an ihr ebenso aufgehobene Bestimmtheit ist, wird ebenso im letzten Absatz der Wechselwirkung thematisiert und zum Ausdruck gebracht. Hier nochmals die entsprechende Stelle (aus dem oben schon zur Gänze zitierten Absatz): »Unmittelbar aber, weil das Allgemeine nur identisch mit sich ist, indem es die Bestimmtheit als aufgehoben in sich enthält, also das Negative als Negatives ist, ist es dieselbe Negativität, welche die Einzelheit ist; – und die Einzelheit, weil sie ebenso das bestimmte Bestimmte, das Negative als Negatives ist, ist sie unmittelbar dieselbe Identität, welche die Allgemeinheit ist.«450

Allgemeinheit und Einzelheit bilden einen Unterschied, der zugleich »einen vollkommen durchsichtigen Unterschied«451 darstellt. Dabei ließe sich dieser Unterschied auch als ein leerer Unterschied kennzeichnen und hieraus abgeleitet wäre es nicht falsch, den Gehalt der Begriffsbestimmungen als auf Leere basierend zu charakterisieren. Es gilt hier jedoch abermals zu bedenken, dass die Leerheit auf Begriffsniveau nicht mehr mit Zufälligkeit korreliert. Wie ausgeführt, kann die Leere begrifflich nicht mehr als Scharnier einer Kippbewegung fungieren, sie lässt sich vielmehr mit jener unspekulativ eingezogenen Ebene identifizieren, die als Metaebene benötigt werden würde, um die Bestimmtheit und die Bestimmung des Begriffs überhaupt angeben zu können. Spekulativ betrachtet WdL II, S. 252; GW 12, S. 16. Ebd. 449 Ebd. 450 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 451 Ebd. 447

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bilden jedoch Sachebene und Metaebene einen leeren Abstand, der dazu führt, dass die logische Vollzugsbewegung in ein und dieselbe Ebene gezwungen wird. In dieser Ebene werden die Unterschiede nicht nivelliert, sie bleiben in ihrer Negativität und in ihrem Widerspruch positiv bestehen, so dass nicht einmal mehr ein Zugrundegehen in eine neue Denkbestimmung zustande kommen kann. Die Denkbestimmungen im Begriff basieren daher auf einem Fortschritt, der in Abhebung zum Sein und zum Wesen Entwicklung452 genannt wird. Begriffliche Weiterentwicklung ist somit ein in der Fortbestimmung zugleich leerer Fortschritt, exakt in jenem Sinne, der mit dem Umstand einhergeht, dass die logische Prozessualität das Einnehmen einer Metaebene ausschließt. Das erwähnte Bestehen ist aber weit davon entfernt, nur ein Nebeneinander von Positivitäten zu generieren. Das Beständige liegt vielmehr in einer Kontinuierungsbewegung, die als schaffend und schöpferisch zu begreifen ist. Das SichKontinuieren ist dabei eine Bewegung vom Allgemeinen ins Einzelne und vom Einzelnen ins Allgemeine. Das Allgemeine ist es an ihm selbst, sich zu vereinzeln. Das Einzelne ist es an ihm selbst, sich zu verallgemeinern. Es gibt aber weder einen Sprung noch ein Kippen, wodurch sich die extremen Begriffsmomente gegeneinander und ineinander setzen würden. Ihre Identität ist keine Einheit außer ihnen. Sie sind nur in ihrer absoluten Bestimmtheit identisch, und diese absolute Bestimmtheit ist an ihr selbst ebenso aufgehobene Bestimmtheit. So ist die Bestimmtheit auf sich bezogen und in ihrer Gleichheit mit sich Allgemeinheit. Nichtsdestoweniger wird die Bestimmtheit in diesem Vollzug als bestimmt gesetzt, d. h. als Bestimmtheit bestimmt. Das ist die Bestimmung der Einzelheit. Diese Begriffsbewegung bringt es jedoch mit sich, dass die Einheitssetzung der extremen Begriffsmomente als ebenso bestimmt und sich bestimmend vollzogen wird. Das Kontinuieren ist ein Setzen von bestimmten Unterschieden, also eine Bewegung durch und in Unterschieden, die jedoch wiederum an ihnen selbst in ihrem Gesetztsein anundfürsich sind. Nur so findet ein schöpferisch gehaltvolles Schaffen statt, das noch über die Selbstbewegung (der Reflexion) und über die Ursachenbestimmung (als noch wesenslogisch unentwickelter causa sui) hinausgeht. Die begriffliche causa sui ist nicht bloß selbstrelational, sie ist es erst, welche den Unterschieden in ihrem Bestehen ihr Recht verleiht, d. h. den Unterschied überhaupt weder im Schein belässt, noch auch den Schein in das Sein der Unterschiede inkorporiert. Die freien Wirklichkeiten sind erst 452

»Alles in der Welt ist nur Entwicklung. Der Samenkern eines Baumes enthält schon den Keim zum ganzen Baume; das Wesentliche, die Formation der Frucht, der Blätter und Äste, [ist] schon im Keim enthalten. Diese Formation ist der Begriff; es ist kein Anderes, das aus dem Keim heraustritt, sondern ein und dasselbe. So verhält es sich auch mit dem Begriff. Meine Erkenntnisse sind in mir und werden nur aus mir entwickelt.« G.W.F. Hegel, Vorlesungen über Logik und Metaphysik. Heidelberg 1817. Mitgeschrieben von F.A. Good, hrsg. von Karen Gloy, Hamburg 1992, § 110/S. 143; GW 23,1, S. 114.

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im bestimmten Begriff auf ihre Freiheit hin aufgeschlossen, weil das Sein im Unterschiedensein nicht mehr auf dem sich selbst konstitutiv aufbrauchenden Schein beruht. Die Unterschiede sind somit Erscheinungen des Bestimmtseins, ohne Rückfall auf die scheinende Reflexion-in-Anderes, die sich allererst wieder zur ebenbürtigen Reflexion-in-sich im wesentlichen Verhältnis fortbestimmen müsste. Als bestimmte und sich hierin in sich selbst reflektierende Unterschiede sind es die Unterschiede des besonderen und sich besondernden Begriffs. So ist der Begriff in der Einheit von Allgemeinheit, Einzelheit und Besonderheit ein kontinuierlich schaffendes Formieren, das die Macht der Substanz und die blinde (weil noch verinnerlichte) Notwendigkeit übersteigt. Daher heißt es in den Ausführungen zum allgemeinen Begriff: »[…] der Begriff ist nicht der Abgrund der formlosen Substanz oder die Notwendigkeit als die innere Identität voneinander verschiedener und sich beschränkender Dinge oder Zustände, sondern als absolute Negativität das Formierende und Erschaffende, und weil die Bestimmung nicht als Schranke, sondern schlechthin so sehr als aufgehobene, als Gesetztsein ist, so ist der Schein die Erscheinung als des Identischen.«453

Die in der sich bestimmenden Kontinuierungsbewegung gesetzten Unterschiede sind aufgrund der absoluten Bestimmtheit unbeschränkt, weil die Übergangsbestimmung der Schranke in das vervollständigte Gesetztsein hineingezogen ist bzw. das aus sich herausgesetzte Übergehen zurückgebogen ist in die einfache und (als sich selbst gleiche) positive Bestimmtheit selbst. Diese Begriffsbewegung ist ein formierender Selbstgenerierungsprozess von Unterschieden, die jedoch weder der formierenden Seinsbewegung (in der bloßen Veränderung eines übergänglichen Entstehens) noch der formierenden Wesensbewegung (in der sich bis zur causa sui steigernden Selbstbewegung einer hervorbringenden Reflexion) unterliegen. Die sich zu prinzipieller Beschränkung fortbildende Begrenztheit der Seinsbestimmtheiten hebt sich im Begriff auf, weil die absolute Bestimmtheit im vollständigen Gesetztsein ebenso nur als aufgehoben gilt, und die sich ins absolute Selbstverhältnis zu sich setzenden Wesensbestimmtheiten heben sich im Begriff auf, weil der absolute Schein in seiner absoluten Negativität mit der zugleich positiv bestehenden Bestimmtheit (als sich im ausschließlichen Gesetztsein formierend) einhergeht. Die Begriffsbestimmtheiten sind in ihrem Gesetztsein ebenso anundfürsich und in ihrer Bestimmung Gleichheiten mit sich. In der Bestimmtheit als solcher sind sie positiv identisch, jedoch formiert aus und in der absoluten Negativität des durchdringenden Gesetztseins. Damit ist der Schein nicht mehr ein Scheinen in Anderes, eine bestimmte 453

WdL II, S. 277; GW 12, S. 35.

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Scheinbeziehung, sondern die Bestimmtheit in ihrer scheinenden Beziehung auf sich. Dies ist wohl auseinanderzuhalten. Ersteres ist Relationalität des Wesens. Zweiteres ist Selbstrelationalität des Begriffs, die jedoch prinzipiell nicht mehr zweiwertig relational ist. Das Wesen ist zwar auch schon ansichseiende Selbstrelationalität, aber es enthält einen Impetus des sich veräußernden Verhaltens gegen sich selbst. Die absolute Negativität des Wesens versetzt das Gesetztsein in Reflexionsbestimmung und die Reflexionsbestimmung ist ein Weiterbestimmen des Gesetztseins, das sich zunächst im Widerspruch zum sich selbst aufhebenden Gesetztsein bestimmt. Demgegenüber ist (spekulativ chiasmatisch) im Allgemeinen das Anundfürsichsein Gesetztsein und das Gesetztsein Anundfürsichsein. So ist das Übergehen und Scheinen selbst anundfürsichseiend, wodurch es aber vielmehr als Übergehen und als Scheinen aufgehoben ist. Die ursprüngliche Selbstbestimmung verbleibt im Sein und Wesen ein außer sich gehendes Bestimmen, so dass die absolute Form noch ein Außersichwerden und ein Außersichscheinen impliziert. »Das Allgemeine hingegen, wenn es sich auch in eine Bestimmung setzt, bleibt es darin, was es ist. Es ist die Seele des Konkreten, dem es inwohnt, ungehindert und sich selbst gleich in dessen Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit. Es wird nicht mit in das Werden gerissen, sondern kontinuiert sich ungetrübt durch dasselbe und hat die Kraft unveränderlicher, unsterblicher Selbsterhaltung. Ebenso scheint es aber nicht nur in sein Anderes wie die Reflexionsbestimmung. Diese als ein Relatives bezieht sich nicht nur auf sich, sondern ist ein Verhalten. Sie gibt sich in ihrem Anderen kund, aber scheint nur erst an ihm, und das Scheinen eines jeden an dem Anderen oder ihr gegenseitiges Bestimmen hat bei ihrer Selbständigkeit die Form eines äußerlichen Tuns.«454

In Abhebung hierzu wird auch klar, warum im Begriff »der Schein die Erscheinung als des Identischen«455 ist. Die Bestimmtheit ist in ihrer Identität erscheinend auf und gegen sich selbst, denn sie ist als Erscheinung nicht mehr die wesenslogische Exekution eines Scheins, der die Beziehung der Erscheinenden (oder der Existierenden, sofern ihr Scheinen in Anderes als ihnen noch äußerlich angesehen wird) als solche ausmacht. Der Schein ist begrifflich vielmehr der eigene Schein des Bestimmten selbst. Der Schein ist nicht mehr das andere Bestimmte reflektierend, er scheint, wie es bei der genaueren Darlegung des Allgemeinen heißen wird, zunächst nach innen, d. h. hierin das Bestimmte in seiner Identität gänzlich ausleuchtend, sofern wir uns erlauben, eine derartig unspekulative Metapher für das Scheinen des Bestimmten in sich selbst zu verwenden. WdL II, S. 276; GW 12, S. 34. WdL II, S. 277; GW 12, S. 35.

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Demgegenüber ist das Scheinen nach außen, worauf wir im dritten Kapitel noch näher eingehen werden, keine bloß wesenslogische Reflexion-in-Anderes mehr, sondern ein Setzen und Generieren von allgemeineren (oder ebenso weniger allgemeinen, d. h. spezifischer besonderten) Bestimmtheiten, die jedoch an ihnen selbst wiederum positive Gleichheiten mit sich darstellen. Der Schein im Sinne der »Erscheinung als des Identischen«456 bezeichnet damit jenen Schein, der sich als ein Aufscheinen des Bestimmten in sich und aus sich heraus zeigt, hierbei die Identität formierend und als in positiven Einheiten festigend. Dies führt zu einer Gliederung und einem weiteren kontinuierlichen Aufgliedern, worin sich der Begriff in seiner Allgemeinheit besondert, ohne jedoch Einbußen bezüglich seiner allgemeinen Bestimmung zu erleiden. Der bestimmte und sich selbst bestimmende Begriff ist der Begriff in seiner allgemeinen Besonderheit, was hier nicht mit einer abstrakten Allgemeinheitssetzung des Besonderen verwechselt werden darf, so dass wir spekulativ und der Sache nach ebenso von der einzelnen Besonderheit sprechen können. Vorläufig sind die Begriffsmomente rein als Totalitäten zu fassen, sie bilden kein Gefälle und keine Hierarchie. Allgemeinheit und Einzelheit bilden als die extremen Begriffsmomente selbst nur die eine Identität des Begriffs, wobei diese Identität in ihrer Einheitsbestimmung wiederum als Totalität präsent ist: »Diese ihre einfache Identität ist die Besonderheit, welche vom Einzelnen das Moment der Bestimmtheit, vom Allgemeinen das Moment der Reflexion-in-sich in unmittelbarer Einheit enthält.«457

Wie dargelegt, so formieren die extremen Begriffsmomente eine Kontinuierungsbewegung (als einer über die bloße Selbstbewegung hinausgehenden Generierungsbewegung), die bestimmte Unterschiede setzt, welche nichtsdestoweniger in ihrer Bestimmtheit in positiver Gleichheit mit sich verbleiben und den Schein ins eigene Aufscheinen in und gegen sich (als den Schein nach innen immanent veräußernd) bringen. Diese Unterschiede sind inhaltlich bestimmt und sich so auf sich beziehend, dass die Bestimmtheit gegen sich einem Selbstbestimmen unterliegt, wodurch die Bestimmtheit als bestimmt in absoluter mit sich identischer Negativität vorliegt. Hierin können wir, wie schon oben geschehen, von einzelner Besonderheit reden, sofern wir die Einheitsbestimmung auf ein extremes Begriffsmoment zurückbeziehen. Weil jedoch die Scheinbewegung im Allgemeinen (in der Richtung des auf sich bezogenen Aufscheinens nach innen, aber auch in der Richtung des auf An Ebd. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409.

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deres bezogenen Scheinens nach außen) die Reflexivität begrifflich zum Austrag bringt, so ist dieses Moment auch in den bestimmten Unterschieden erhalten. Hierin können wir, wie ebenfalls schon oben geschehen, von allgemeiner Besonderheit reden, sofern wir die Einheitsbestimmung auf ein extremes Begriffs­ moment zurückbeziehen. Die Diremtion der extremen Begriffsmomente, die sich von der Diremtion der absoluten Substanz in aktive und passive Substanz herleitet, zeigt im identischen Aufscheinen der Unterschiede ihre Einheit, die auf ein und derselben Ebene als ebenbürtiges Begriffsmoment das Unterschiedensein selbst zu vollkommener Durchsichtigkeit bestimmt. Als Identität enthält die Einheitsbestimmung bereits die Einfachheit des Allgemeinen und das absolute Bestimmtsein des Einzelnen. Wird die Einfachheit in ihrer Selbstreflexivität gegen die Bestimmtheit gestellt, so muss sie vielmehr bereits als an ihr selbst bestimmt erachtet werden: Einfachheit ist nur bestimmte Einfachheit. Wird umgekehrt die Bestimmtheit in ihrer Fixierung auf sich in der Bestimmung zur bestimmten Bestimmtheit gegen das einfach Allgemeine gestellt, so muss sie vielmehr bereits als an ihr selbst einfach erachtet werden: Bestimmtheit ist nur einfache Bestimmtheit. Die Identität des Begriffs eröffnet stets die ungetrübte Durchsicht (als dem spekulativen Leersein der Ebenenunterschiede) auf jene Begriffsmomente, die im Herausheben nur eines Begriffsmoments nicht explizit im Fokus stehen. Die Totalität des Begriffs zeigt selbstaufzeigend drei Totalitäten, die weder in die relationale Zweiheit noch in eine bestimmungslos unbestimmte Einheit zurückgezwungen werden können. Das Leerlaufen dieses machtvollen oder sogar gewaltsamen Zwanges ist hiermit Signum der Freiheit und ebenso Signum der sich selbst aufhebenden objektiven Logik, die damit in das Reich der Subjektivität eintritt.458 Die Totalität des Begriffs, welche sich selbstreflexiv in die beiden extremen Begriffsmomente auseinandernimmt, ist nur identische Totalität, sofern diese 458

Vgl. hierzu: Klaus Düsing, Von der Substanz zum Subjekt. Hegels spekulative SpinozaDeutung, in: Manfred Walther (Hrsg.), Spinoza und der Deutsche Idealismus, Würzburg 1991, S. 163–180. Sowie: Detlev Pätzold, Hegels Transformation des Substanzbegriffs in der ›Wissenschaft der Logik‹, in: Detlev Pätzold/Arjo Vanderjagt (Hrsg.), Hegels Transformation der Metaphysik, Köln 1991, S. 98–108. Außerdem neueren Datums: Holger Gutschmidt, Hegel gegen Spinoza … und gegen Hegel. Hegels späte Kritik an der Substanzphilosophie und sein eigener Übergang von der »Substanz« zum »Subjekt«, in: Jindrich Karásek/Lukàs Kollert/Tereza Matejckova (Hrsg.), Übergänge in der klassischen deutschen Philosophie, Leiden/Boston/Singapore/Paderborn 2019, S. 169–192.

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Identität ihrerseits als einheitliches Begriffsmoment in vollkommener Ebenbürtigkeit präsent ist. Nur hierin übersteigt sich die Relationalität des Wesens auf jene Selbstrelationalität hin, die in dieser Reflexion die prinzipielle Zweiwertigkeit in die nur spekulativ zu begreifende Dreiheit459 (die sich niemals nur zählen oder aufzählen lässt) aufgehoben hat: »Diese drei Totalitäten sind daher eine und dieselbe Reflexion, welche als negative Beziehung auf sich in jene beiden sich unterscheidet, aber als in einen vollkommen durchsichtigen Unterschied, nämlich in die bestimmte Einfachheit oder in die einfache Bestimmtheit, welche ihre eine und dieselbe Identität ist. – Dies ist der Begriff, das Reich der Subjektivität oder der Freiheit.«460

Diese »Freiheit, welche die Identität des Begriffs ist«,461 gilt es noch näher und gründlicher zu bedenken, um die Momente des Begriffs in ihrer »durchsichtigen Klarheit«462 herausstellen zu können. Wie wir gesehen haben, so sind selbst derartige Kennzeichnungen keine bloßen Metaphern, sie rekurrieren auf exakte spekulativ-logische Sachverhalte, die genau herausgearbeitet werden müssen. Wir haben dabei den Fokus auf die Einzelheit gelegt und in diesem Kapitel ausführlich erläutert, wie diese Bestimmung aus den dialektischen Vollzügen des Das Erreichen der spekulativen Dreiheit des Begriffs, die wir jedoch nicht als Dreipoligkeit (welch Ausdruck der Vorstellung Tür und Tor öffnet) bezeichnen sollten, stellt eine Schwierigkeit dar, die hier anhand der genauen Darstellung der sich selbst überschreitenden und sich vollendenden Wesensgenese ausgeräumt werden soll. Dennoch wird dies bisweilen so problematisiert, dass es sogar zur Annahme einer Verlegenheit, Unsicherheit und herunterspielenden Schüchternheit kommt, in die Hegel bezüglich dieser Selbstüberschreitung des Wesens auf den Begriff hin verfallen wäre. Unsere Ausführungen sollen klar aufweisen, dass derlei Annahmen ganz und gar ungerechtfertigt sind. – Vgl. hierzu Hermann Schmitz: »Hiernach ist klar, daß Hegel zwar ostentativ und vehement den Anspruch erhebt, über die Logik von Sein und Wesen ein drittes, prinzipiell höheres Niveau, den Begriff aufzuführen, aber in Verlegenheit ist, wie er diesen Anspruch einlösen soll. […] Vermutlich geht Hegel mit dem echten Novum des Begriffs so schüchtern und herunterspielend um, weil er sich nicht sicher ist, welchen Sinn er ihm geben soll; die Auszeichnung von E vor A und B, wodurch die Dreipoligkeit des Begriffs erst eine konsequent und einsichtig begründete Struktur erhält […], fällt in L so knapp und unterbelichtet aus, daß es Mühe macht, ihr die nötige Bestimmtheit abzugewinnen […], und ist nur letztes Ergebnis eines Probierens, das einen entsprechenden Vorrang von A und B durchgespielt und wieder fallen gelassen hat […]. Die Suggestionskraft der zweipoligen Dialektik, mit der Identität im Anderssein als Leitmotiv, macht es Hegel schwer, sich mit Festigkeit und Klarheit zum dreipoligen Typ und damit über das Wesen zum Begriff zu erheben.« Hermann Schmitz, Hegels Logik, Bonn /Berlin 1992, S. 68. 460 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 461 WdL II, S. 251; GW 12, S. 15. 462 WdL II, S. 251; GW 12, S. 16. 459

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absoluten Verhältnisses heraus zu Tage tritt. Dabei hat sich am Ende der Wechselwirkung gezeigt, dass sich diese Begriffsbestimmung nur im Kanon der anderen Begriffsmomente thematisieren lässt. Dies bildet die weitere Aufgabe, die nun im nächsten Kapitel angegangen werden soll.

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3. Einzelheit im Kanon der Begriffsmomente 3.1 Zum Eintritt in die Sphäre des Begriffs 3.1.1 Rückblick und Ergänzungen zum bisherigen Verlauf Der Eintritt in die Sphäre der subjektiven Logik ist nur anhand der spekulativ-logischen Entstehungsgeschichte zu begreifen, die generell betrachtet in der gesamten objektiven Logik (in den Untersphären des Seins und Wesens) ausgeführt ist. Näherhin (wie bereits im ersten Kapitel argumentiert) ist es der Sache nach angebracht, zum genauen Aufweis einer Denkbestimmung eine bestimmte vorangehende Sequenz zu wählen, die jedoch genügend umfangreich sein muss, um die sich neu ergebende logische Konstellation denken zu können. Wie schon mehrmals betont, so ist dieses Denken ein absolutes Erfordernis, das durch nichts erspart werden kann, weder durch (eine im schlimmsten Falle lediglich exemplifizierende) Verbildlichung (aus deren Falschheit sich jedoch sehr viel lernen lässt, wodurch sie übungsweise im Lichte des notgedrungenen Scheiterns durchaus versucht werden sollte), noch durch den Versuch des Einbringens einer anderen Logizität (sofern es überhaupt sinnvoll ist, hier von Andersartigkeit zu reden), die ebenso notgedrungen (obwohl meist unwissentlich und auch ehrlicherweise unbeabsichtigt) das Niveau der spekulativen Logik unterschreiten muss. Es gibt keine Logik (formal, modal, mehrwertig oder wie auch immer), die uns die spekulative Logik plausibler oder leichter nachvollziehbar machen könnte. Daher sollten wir diesen Versuch gar nicht unternehmen, er stiftet nur Verwirrung oder, was noch viel schlimmer ist, verführt er uns dazu, die Einbildung, wir hätten zur Auslegung des Spekulativen eine leichter fassliche Logik an der Hand, tatsächlich für einen richtigen Zugang zu halten. Das Begreifen der spekulativen Logik zwingt zum Denken, und die Umgehung dieses Zwangs ist gedankenlos und erkenntnislos. – Der Rest ist nur Vorstellung, ein Bereich, in welchen wir uns (im landläufig Alltäglichen, aber auch in der Philosophie) angenehmerweise (aufgrund eines unbewussten Hanges zur Spatiologie) zutiefst eingehaust haben. Es ließe sich sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieses Denken nur spekulativ zum Austrag kommt und dass alle anderen philosophischen wie auch nichtphilosophischen Denkbemühungen, die selbst wieder auf das Denken ausgerichtet sind, in einer Äußerlichkeit verbleiben, die zwar immer noch Erkenntnisdignität besitzt, aber gewollt oder ungewollt gar nicht in den eigentlichen

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Kapitel 3

Vollzug des Denkens einsteigt. Diese Behauptung, die noch keine Wertung mit sich bringt, wird hier ausdrücklich geteilt, und zwar als Feststellung (im Brandomschen Sinne) übernommen. Die Rechtfertigung ihrer Berechtigung (als wiederum im Brandomschen Sinne verstanden) soll durch alle sonstigen in dieser Abhandlung vorkommenden Behauptungen erbracht werden. Was nun die in der objektiven Logik angesiedelten vorausliegenden Passagen betrifft, so haben wir den Einstieg bei den sogenannten freien Wirklichkeiten gewählt. Hierbei handelt es sich um ein implizites Aufblitzen jener Freiheit, die sich nunmehr explizit als die Identität und Verhältnisweise des Begriffs herausgestellt hat. Um zu verstehen, was es mit diesen freien Wirklichkeiten auf sich hat, war es erforderlich, das gesamte zweite Kapitel des dritten Abschnittes (der Wesenslogik) über die Wirklichkeit exakt und in extenso zu interpretieren. Im ersten Kapitel unserer Abhandlung haben wir eben diese Aufgabe umfänglich erfüllt. Im zweiten Kapitel haben wir die Gesamtbewegung der Substantialität detailliert und ausführlichst dargelegt sowie die dort vollzogenen logischen Schritte und Unterschritte in ihren mannigfachen Komplexionen aufgeklärt. Hegel selbst betont diesbezüglich immer wieder den Stellenwert der Substanz, um aus ihrer Bestimmung heraus zum Begriff zu gelangen: »Näher ist die Substanz schon das reale Wesen oder das Wesen, insofern es mit dem Sein vereinigt und in Wirklichkeit getreten ist. Der Begriff hat daher die Substanz zu seiner unmittelbaren Voraussetzung, sie ist das an sich, was er als Manifestiertes ist. Die dialektische Bewegung der Substanz durch die Kausalität und Wechselwirkung hindurch ist daher die unmittelbare Genesis des Begriffes, durch welche sein Werden dargestellt wird. Aber sein Werden hat, wie das Werden überall, die Bedeutung, daß es die Reflexion des Übergehenden in seinen Grund ist und daß das zunächst anscheinend Andere, in welches das erstere übergegangen, dessen Wahrheit ausmacht. So ist der Begriff die Wahrheit der Substanz, und indem die bestimmte Verhältnisweise der Substanz die Notwendigkeit ist, zeigt sich die Freiheit als die Wahrheit der Notwendigkeit und als die Verhältnisweise des Begriffs.«1

Der Begriff ist jedoch nicht nur die zu ihrem Grunde gegangene Substanz, nicht nur das Gesetztsein als aufgehobenes Gesetztsein, sondern »absolute Grundlage«,2 in der sich das Ungesetzte, worin »das Setzen […] sich aufgehoben und sich zu einem Nichtgesetzten«3 gemacht hat, aus der sich selbst aufhebenden Vermittlung (der Wechselwirkung) zu unmittelbarer Totalität hergestellt hat. WdL II, S. 245 f.; GW 12, S. 11 f. WdL II, S. 245; GW 12, S. 11. 3 WdL II, S. 274; GW 12, S. 33. 1 2

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Einzelheit im Kanon der Begriffsmomente

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Wie schon aufgewiesen, so ist dies eine Totalität in drei Totalitäten, die Reflexion aus der absoluten Bestimmtheit in sich, die als zugleich aufgehoben allgemein, als diremtiv gegen sich (in Bestimmtheiten oder Arten) besondert und als in der Bestimmtheit abermals auf das Bestimmte zentriert einzeln ist. Das »abstrakte Resultat«4 der Substanzbewegung, als nichtsdestoweniger sogleich konkretisiert und manifestiert in den hiermit einhergehenden Konsequenzen, wird folgendermaßen bestimmt: »Die eigene, notwendige Fortbestimmung der Substanz ist das Setzen dessen, was an und für sich ist; der Begriff nun ist diese absolute Einheit des Seins und der Reflexion, daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es ebensosehr Reflexion oder Gesetztsein ist und daß das Gesetztsein das Anundfürsichsein ist.«5

Im vorigen Kapitel sind wir hierauf schon eingegangen und haben aufgewiesen, dass dieser spekulative Chiasmus als grundsätzliche Charakterisierung des Begriffs dienen kann. Wenn wir die Teilbestimmungen noch genauer und aufgeschlüsselter betrachten, so lässt sich zunächst aus dem Anundfürsichsein das Ansichsein und das Fürsichsein herausheben. In einem ganz formellen Sinn können wir diesbezüglich auf die Seinslogik zurückblicken und die dortigen Bestimmungen des Ansichseins und Fürsichseins immer noch heranziehen, um uns einem adäquaten Verständnis des Anundfürsichseins zu nähern. In einem nächsten Schritt gilt es zu erkennen, in welcher Weise die angeführten Teil­ bestimmungen allgemein aufgefasst werden können, selbst wenn sie aus dem Kontext ihrer Einbettung in die seinslogischen Zusammenhänge herausgelöst sind. Hierbei wird sich, freilich auch noch in einem sehr oberflächlich formellen Sinn, herausstellen, dass dem Ansichsein die Negativität qua Identitätsmoment (im Aufheben des Andersseins) zugeordnet werden kann, dem Fürsichsein hingegen die Negativität qua Negierungsvollzug (im Setzen des Andersseins, auch wenn sich dies als eigene Bewegung des Sich-Aufhebens dieses Andersseins vollzieht) entspricht. Die Kennzeichnung des Wesens als solchen wird eben so vorgenommen: »Das Wesen […] ist das, was es ist, nicht durch eine ihm fremde Negativität, sondern durch seine eigene, die unendliche Bewegung des Seins. Es ist Anundfürsichsein,  – absolutes Ansichsein, indem es gleichgültig gegen alle Bestimmtheit des Seins ist, das Anderssein und die Beziehung auf Anderes schlechthin aufgehoben worden ist. Es ist aber nicht nur dies Ansichsein; als bloßes Ansichsein wäre es nur die Abstraktion des reinen Wesens; sondern es ist ebenso wesentlich Fürsich4 5

WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. Ebd.

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sein; es selbst ist diese Negativität, das Sich-Aufheben des Andersseins und der Bestimmtheit.«6

Da sich im Folgenden das Thema der Abstraktion als zentral herausstellen wird, ist es wichtig hervorzuheben, dass die Betonung oder Überbetonung des Ansichseins nur zur »Abstraktion des reinen Wesens«7 führt. Schon diesbezüglich lässt sich die Kraft der Abstraktion als veräußerlichend und vereinseitigend verstehen, aber auch als immanent, wodurch sich die Einseitigkeit wieder von selbst behebt und das Ansichsein aus sich heraus ebenso zum Fürsichsein fortgeht. Für das Wesen insgesamt gilt, dass es das Setzen des Fürsichseins des Anundfürsichseins (womit der Begriff erreicht wird) allererst zu vollziehen hat. Solange es noch als Wesen verbleibt, überwiegt jedoch in ihm das Ansichsein des Anundfürsichseins: »Das Wesen ist das Anundfürsichsein, aber dasselbe in der Bestimmung des Ansichseins; denn seine allgemeine Bestimmung ist, aus dem Sein herzukommen oder die erste Negation des Seins zu sein. Seine Bewegung besteht darin, die Negation oder Bestimmung an ihm zu setzen, dadurch sich Dasein zu geben und das als unendliches Fürsichsein zu werden, was es an sich ist. So gibt es sich sein Dasein, das seinem Ansichsein gleich ist, und wird der Begriff.«8

Eben dieser Status hat sich mit der Vollbestimmung der Wechselwirkung eingestellt, wobei genau genommen noch hinzugefügt werden muss, dass das Dasein, so wie es das Wesen sich gibt, schon mit der Existenz und der Erscheinung erreicht ist. Hierin ist das Wesen bereits »heraustretend in das Dasein«,9 und sofern es auch noch als Wesen »mit seiner Erscheinung eins ist«,10 ist es Wirklichkeit. Ab der Wirklichkeit im engeren Sinn, d. i. das zweite Kapitel des dritten Abschnittes der Wesenslogik, haben wir die logische Genese des Werdens des Fürsichseins des Anundfürsichseins genauestens mitverfolgt. Dabei ist wichtig, dass in dieser Bewegung die Momente des Ansichseins und des Gesetztseins in einer logisch jeweilig spezifischen Verschränkung verbleiben, bis schließlich am Ende der Wechselwirkung eine Totalisierung des Gesetztseins (in den drei Totalitäten, die das »Gesetztsein in sich selbst«11 enthalten) zustande kommt. Hiermit ist gesetzt, dass das Ansichsein des Anundfürsichseins (als vorläufig nur aus der ersten Negation resultierend) mit dem Gesetztsein (als der Negation, die das Wesen aus sich setzt, d. h. als zweite und absolute Negation) selbst eins ist. Eben dies WdL II, S. 14; GW 11, S. 242. Ebd. 8 WdL II, S. 16; GW 11, S. 243. 9 Ebd. 10 Ebd. 11 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 6 7

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ist aber nichts anderes als die Negativität des Fürsichseins, der oben erwähnte Negierungsvollzug, der jedoch nun zu einer Einheit mit dem Identitätsmoment qua Ansichsein gekommen ist. Das ist das zum Fürsichsein gekommene Anundfürsichsein, der Begriff, in welchem dieses Anundfürsichsein nur im Gesetztsein besteht bzw. nur mehr das Gesetztsein in seiner Vollständigkeit das Anundfürsichsein ausmachen kann. Bezüglich unseres Generalthemas lässt sich hervorheben, dass das vollgültige Erreichen des Fürsichseins des Anundfürsichseins sich nur dann einstellen kann, wenn die am Ende der Wechselwirkung eintretende Totalität von Totalitäten auch jene Totalität umfasst, welche als Begriffsmoment der Einzelheit zu verstehen ist. Wäre die Totalität des Begriffs nur in den Totalitäten der Allgemeinheit und der Besonderheit manifestiert, so verbliebe das Anundfürsichsein letztendlich immer noch ansichseiend. Die Konstitution der Identität des Begriffs würde nicht auf der vom Wesen selbst aus sich heraus gesetzten Negativität beruhen, sie wäre lediglich durch jene äußerliche Abstraktion zu Wege gebracht (die erst beim Einzelnen explizit als »Abweg«12 ausgewiesen wird), welche jedoch nicht einmal zum Begriff des Wesens führt. Im Zuge der einleitenden Passage am Anfang der Wesenslogik schildert Hegel den Prozess jener abwegig äußerlichen Abstraktion, die das Wesen aus der Negation aller Bestimmtheit herleiten möchte. Ihr Resultat bleibt jedoch bestimmungslos und nicht weiter entwickelbar, keinerlei Impetus und Fortgang aus sich findend. Der abstrakte oder durch Abstraktion vollzogene Schritt vom Sein zum Wesen generiert nur ein vorgestelltes Wesen, ohne ihm eignendes Ansichsein und ohne Fürsichsein, das allein einen sich selbst bestimmenden Fortschritt initiieren könnte: »Das Sein wird hiernach als Wesen bestimmt, als ein solches Sein, an dem alles Bestimmte und Endliche negiert ist. So ist es die bestimmungslose einfache Einheit, von der das Bestimmte auf eine äußerliche Weise hinweggenommen worden; dieser Einheit war das Bestimmte selbst ein Äußerliches, und es bleibt ihr nach diesem Wegnehmen noch gegenüberstehen; denn es ist nicht an sich, sondern relativ, nur in Beziehung auf diese Einheit, aufgehoben worden. – Es wurde oben schon erinnert, daß, wenn das reine Wesen als Inbegriff aller Realitäten bestimmt wird, diese Realitäten gleichfalls der Natur der Bestimmtheit und der abstrahierenden Reflexion unterliegen und dieser Inbegriff sich zur leeren Einfachheit reduziert. Das Wesen ist auf diese Weise nur Produkt, ein Gemachtes. Die äußerliche Negation, welche Abstraktion ist, hebt die Bestimmtheiten des Seins nur hinweg von dem, was als Wesen übrigbleibt; es stellt sie gleichsam immer nur an einen anderen Ort und läßt sie als seiende vor wie nach. Das Wesen ist aber auf diese Weise weder an sich noch für sich selbst; es ist durch ein Anderes, die äußerliche, abstrahierende 12

WdL II, S. 296; GW 12, S. 49.

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Reflexion; und ist für ein Anderes, nämlich für die Abstraktion und überhaupt für das ihm gegenüber stehenbleibende Seiende. In seiner Bestimmung ist es daher die in sich tote, leere Bestimmungslosigkeit.«13

Das Wesen ist ansichseiendes Gesetztsein, das sich auf das anundfürsichseiende Gesetztsein hin entfaltet, aber es ist kein Gesetztes, kein durch äußerliche Ab­ straktion Erzeugtes. So wäre es überhaupt nicht ansichseiend, geschweige denn fürsichseiend, d. h. sich bestimmend und aus sich herausweisend. Als zu Beginn noch ansichseiendes Anundfürsichsein ist es aber Bewegung als Selbstbewegung, die sich auf das explizite Aufscheinen des Selbstbestimmens (also auf den Begriff) zubewegt. Die gänzliche »Reflexion aus der Bestimmtheit in sich«14 als das »Gesetztsein in sich selbst«15 enthaltend lenkt die Totalität der Bestimmtheit so auf sich, dass die Negativität nicht nur zu allgemeiner Identität avanciert, was im Nachhinein durchaus mit dem erstmaligen Auftreten der Identität als Reflexionsbestimmung identifiziert werden kann, sondern zu einer mit sich identischen Negativität, in der die Bestimmtheit qua nicht sich wieder aufhebender Bestimmtheit als dieses Bestimmte (weder im Allgemeinen untergeht noch auch nur als ein weiteres Bestimmtes Moment der Besonderheit ist) in seiner Eigentotalität aufrecht (oder zumindest in diesem logischen Status vorläufig aufrecht) bleibt. Erst in diesem spekulativen Vollzug, der nicht neben und nicht über und nicht nach dem Aufkommen (in der hervorkommenden »Reflexion des Scheins als Scheins in sich«16) von Allgemeinheit und Besonderheit passiert (oder besser gesetzt wird als hierin das Gesetztsein totalisierend), wird allererst das Fürsichsein des noch ansichseienden Anundfürsichseins erreicht. Die Bewegung der Selbstbestimmung darf nicht, wie dies etwa in der formellen Kausalität noch der Fall gewesen ist, eine auslegende Beziehung auf sich bleiben. Dort war das Setzen des noch ansichseienden Gesetztseins ein Auslegungsprozess im unmittelbaren Werden der Akzidenz, die jedoch hierdurch in ihre eigene Identität mit sich gebracht wurde und so dezidiert Wirkung war. Wäre diese Wirkung, die dort darin bestand, dass das Ansichsein der Wirklichkeit, also »ihre Bestimmtheit im Substantialitätsverhältnisse«,17 »als Bestimmtheit gesetzt«18 wurde, bereits Totalität als rückkehrende »Reflexion aus der Bestimmtheit in sich«,19 so wäre sie schon als Einzelnes bestimmt. Zu dieser WdL II, S. 14; GW 11, S. 241 f. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 15 Ebd. 16 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 17 WdL II, S. 224; GW 11, S. 397. 18 Ebd. 19 WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 13 14

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Totalisierung fehlt jedoch das Moment der Ursache, mit der sie sich zwar im Formalismus der Kausalität identisch setzt, eben dies aber noch sämtliche Kalamitäten des Inhalts nach sich zieht. Die absolute Form des Kausalitätsverhältnisses zeigt jedoch die Selbstintegration allen Inhalts und damit schließlich doch, dass sie die blinde Notwendigkeit in die Freiheit der sich selbst bestimmenden Bestimmtheit erheben kann. Erst diese Totalität ist nicht nur ansichseiend, sondern im vollständigen Gesetztsein ebenso fürsichseiend und gerade hierin Einzelheit manifestierend. Wenn wir nun näher auf die Substanz blicken, so kann sie als »das an und für sich seiende Wirkliche«20 betrachtet werden, wobei dieses bereits konkreter gefasste Anundfürsichsein wiederum nach den Momenten des Ansichseins und des Fürsichseins aufgeschlüsselt werden kann. In ihrem Ansichsein ist sie hierbei »die einfache Identität der Möglichkeit und Wirklichkeit«,21 und gefasst als auf die Wesensbestimmung bezogen, »absolutes, alle Wirklichkeit und Möglichkeit in sich enthaltendes Wesen«.22 Als Fürsichsein hingegen ist sie »diese Identität als absolute Macht oder schlechthin sich auf sich beziehende Negativität.«23 Dieses Moment nun ebenso gefasst als auf die Wesensbestimmung bezogen, so hat sich hierin das Wesen so zu seinem (noch nicht völlig zur Spitze getriebenen) Dasein gebracht, dass eben hierin die absolute Negativität mit allen Schritten der Verwirklichung eins geworden ist. Das durch die absolute Macht vollzogene Fürsichwerden der ansichseienden Disposition führt jedoch noch nicht zur Totalisierung des Gesetztseins, weil die Substanz in ihrer Eigenbewegung die Selbstdiremtion nur mit einer Gewalt umsetzen kann, welche allererst wieder die Gegendynamik des ansichseienden und selbstintegrativen Wesens herausfordert. So ist das Fürsichsein der Substanz vorerst noch nicht Einzelheit, weil das Ansichsein noch bloßes Moment des Anundfürsichseins bleibt, d. h. noch kein Anundfürsichsein erreicht ist, in welchem beide, Ansichsein und Fürsichsein, ausschließlich im Gesetztsein realisiert sind. Diese Realität im Dasein des Wesens, worin es »als unendliches Fürsichsein«24 das geworden ist, »was es an sich ist«,25 erst dies ist der Begriff. Die »Bewegung der Substantialität«26 bietet nun schließlich noch weiter konkretisierte Bestimmungen des Ansichseins und Fürsichseins. Wie im zweiten Kapitel genauestens dargelegt, so steht die Substanz, so wie sie im Substantia WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. Ebd. 22 Ebd. 23 Ebd. 24 WdL II, S. 16; GW 11, S. 243. 25 Ebd. 26 WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. 20 21

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litätsverhältnis in ihrer »unmittelbaren Identität und Gegenwart […] in den Akzidenzen«27 auftritt, noch »unter der Form des einen Moments ihres Begriffs, des Ansichseins«,28 weil »die Bestimmtheit der einen der im Verhältnis stehenden Substanzen auch Bestimmtheit dieses Verhältnisses selbst ist.«29 Warum hier schon von Substanzen die Rede sein kann, rechtfertigt sich durch den spekulativen Rückblick, der vom Standpunkt des erreichten Begriffs aus getätigt wird. Die ausführliche Interpretation dieser spekulativ komprimierten Rückschau (im Einleitungsteil ›Vom Begriff im allgemeinen‹) wurde schon im zweiten Kapitel gegeben. Momentan liegt der Fokus auf dem Ansichsein, so wie es sich durch die Substanz in der »Aktuosität […] als ruhiges Hervorgehen ihrer selbst«30 ausdrückt. Genau genommen liegt der Schwerpunkt im Substantialitätsverhältnis als solchen gerade deshalb auf dem Ansichsein, weil »die Substanz als das mit sich identische Anundfürsichsein«31 in der »Totalität der Akzidenzen«32 nur »das Vermittelnde«33 ist. Sie macht sich damit zwar zur »Mitte«34 und somit zur »Einheit der Substantialität und Akzidentalität selbst«,35 aber es haben hierin die »Extreme […] kein eigentümliches Bestehen.«36 Auf diese Weise kann sich die Akzidentalität, solange wir beim Substantialitätsverhältnis stehen bleiben, nicht explizit substantiieren und verbleibt als ansichseiende Substanz (die zugleich als ansichseiende passive Substanz verstanden werden kann). »Der Schein oder die Akzidentalität ist an sich wohl Substanz durch die Macht, aber er ist nicht so gesetzt als dieser mit sich identische Schein; so hat die Substanz nur die Akzidentalität zu ihrer Gestalt oder Gesetztsein, nicht sich selbst, ist nicht Substanz als Substanz.«37 Diese spezifische Verfasstheit belehrt uns über eine weitere Eigenheit, die sich mit dem Ansichsein (bzw. mit dem Ansichsein des Anundfürsichseins) verbindet. Die Substanz ist nämlich in ihrer Akzidentalität, die nicht zu eigener Substantiierung gedeiht, lediglich voraussetzend gegen sich selbst. Sie setzt sich in ihrer ansichseienden Disposition das ihr Andere nur voraus, weil die Negativität der Akzidentalität in der ihrerseits negativen Macht der aktuosen Substanz wiederum negiert ist. Damit wäre sie an sich sogar eine Bestimmtheit, die abermals WdL II, S. 221; GW 11, S. 395 f. WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. 29 Ebd. 30 WdL II, S. 220; GW 11, S. 394. 31 WdL II, S. 221; GW 11, S. 396. 32 Ebd. 33 Ebd. 34 Ebd. 35 Ebd. 36 Ebd. 37 WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. 27 28

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bestimmt wird (und somit schon Einzelheit), aber das Ansichsein steht lediglich unter der Ägide des Voraussetzens, so dass das Gesetztsein noch nicht voll­ umfäng­lich zum insichseienden Gesetztsein einer Totalität herangereift ist. Die Substanz, die an sich in ihrer »sich auf sich beziehenden Negativität«38 bereits als aktive Substanz verstanden werden kann, bleibt dennoch in ihrer Ursprünglichkeit in einem voraussetzenden Bedingungsverhältnis gegen sich selbst. Sie lässt das ihr Andere, insofern sie sich selbst noch nicht zur »Substanz als Substanz«39 bestimmt hat, nur als Vorausgesetztes zu, wodurch aber dieses Andere auch nur ein Ansichseiendes bleibt. »Dies Andere ist eben die passive Substanz, welche sie sich in der Ursprünglichkeit ihrer Macht als Bedingung vorausgesetzt hat.«40 Genau genommen ist diese passive Substanz im Substantialitätsverhältnis ebenso noch nicht als passive Substanz, gerade weil sie (zumindest vorerst) noch in der »Ursprünglichkeit des einfachen Ansichseins«41 verharrt. Für uns ist in diesem Zusammenhang lediglich wichtig, dass die Komponente des Ansichseins in der Bestimmung des Anundfürsichseins mit dem Voraussetzen verknüpft ist. Demgegenüber kann die Komponente des Fürsichseins mit dem Setzen bzw. dem Sich-Setzen in Verbindung gebracht werden. Diese Setzungsbewegung, die sich durchaus gegen das Vorausgesetzte richtet, ist in der Gesamtbewegung der Kausalität manifestiert, wobei sie in der Wechselwirkung dann jenen Status erreicht, worin sich auch noch diese Komponente des Fürsichseins oder des Fürsichwerdens des Ansichseins als gesetzt erweist. Die »Substanz als absolute Macht«42 ist zwar als solche schon »sich auf sich beziehende Negativität«,43 aber es blieb noch ausständig, »daß die Macht sich als sich auf sich selbst beziehende Negativität setzt«.44 Nur hierin setzt sie das Ansichseiende für sich, aber zugleich als dezidiert negierend, »wodurch sie das Vorausgesetzte wieder aufhebt.«45 In diesem Aufheben ist die ursächliche Substanz wirkend, »d. h. sie ist nun das Setzen, wie sie vorher das Voraussetzen war«.46 In dem nun folgenden Schritt (der im zweiten Kapitel bereits ausführlich expliziert wurde) vollzieht sich das Fürsichwerden zunächst so, dass das, »was in der Voraussetzung Ursprüngliches war, […] in der Kausalität durch die Bezie WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. 40 WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. 41 Ebd. 42 WdL II, S. 246; GW 12, S. 12. 43 Ebd. 44 WdL II, S. 247; GW 12, S. 12. Ganz formalrhetorisch betrachtet, so wird also die schon bestehende Doppelung des reflexiven ›sich‹ durch ein weiteres ›sich‹ ergänzt. Mit dem ›als‹ wird überdies das Sich-Explizieren betont. 45 Ebd. 46 Ebd. 38 39

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hung auf Anderes das [wird], was es an sich ist«.47 Damit wird mit dem Vollzug der fürsichseienden Komponente das Vorausgesetzte allererst in den Schein herausgesetzt (was in diesem Zwischenschritt zugleich das ansichseiende Gesetztsein markiert), wodurch dieser Status als Erscheinung der Kausalität zu verstehen ist. Diese Negation des ansichseiend Vorausgesetzten ist jedoch nur bedingt ein darstellendes (oder aufscheinendes) Erscheinen, weil das Negieren noch zur Konstitution der Extreme erfordert wird, ohne dass hierbei die ihnen eigentümliche Negativität explizit gegen das Andere gerichtet wäre. Dieser nächste Schritt kann jedoch nicht ausbleiben, so dass die Bestimmung des Anderen durchaus verändert wird. Ohne hier auf die weiteren (ebenso im zweiten Kapitel schon detailliert interpretierten) Zwischenschritte dieses Veränderungsprozesses näher einzugehen, so führt er in ein Verkehren, worin sich »das identische und das negative Beziehen«48 selbst noch als so identisch erweist, dass diese Identität in ihrer Absolutheit ausschließlich im sich totalisierenden Gesetztsein manifestiert wird. Im erreichten Ziel des sich vollständig exekutierenden Setzens, worin allein die Komponente des Fürsichseins zu ihrem Recht kommt, hebt sich die Erscheinung wieder auf, gerade weil der Schein als Schein aufscheint und das Konstituieren ins Zeigen auf sich versetzt wird. Im Setzen vollbringt sich damit zwar sehr wohl das Fürsichwerden des vorausgesetzten Ansichseins, aber es hat ebenso zur Konsequenz, dass sich das Fürsichsein durch seine eigene Negationsbewegung als durch und durch gesetzt erweist. Ansichsein und Fürsichsein als Teilkomponenten bringen sich damit zu einer Einheit, welche ausschließlich im gänzlichen Gesetztsein besteht oder worin umgekehrt das vollständige Gesetztsein zum Anundfürsichsein erhoben worden ist. »Durch dies Setzen wird also die vorausgesetzte oder an sich seiende Ursprünglichkeit für sich; aber dies Anundfürsichsein ist nur dadurch, daß dies Setzen ebensosehr ein Aufheben des Vorausgesetzten ist oder die absolute Substanz nur aus und in ihrem Gesetztsein zu sich selbst zurückgekommen und dadurch absolut ist.«49

Die spekulativ chiasmatische Verschränkung von Anundfürsichsein und Gesetztsein verschränkt auch die Teilbestimmungen des Ansichseins und Fürsichseins so, dass sich erst hierin das ansichseiende Anundfürsichsein zum fürsichseienden Anundfürsichsein bestimmt. Diese unendlich »reflektierende Bewegung«50 expliziert dabei immer noch jenes Gesetztsein, das sich in der setzenden Reflexion eingestellt hatte. Es ist zwar WdL II, S. 247; GW 12, S. 13. WdL II, S. 248; GW 12, S. 13. 49 Ebd. 50 WdL II, S. 27; GW 11, S. 252. 47

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»Gleichheit des Negativen mit sich«,51 aber unmittelbar ebenso »die sich selbst negierende Gleichheit«.52 So ist es als Unmittelbarkeit schlechthin Beziehung, aber wiederum nur Beziehung des Negativen, »somit sich selbst aufhebende Unmittelbarkeit.«53 Diese Unmittelbarkeit ist somit kein Resultat einer in sich vermittelten Bewegung, die in diese Unmittelbarkeit zusammengegangen wäre. Sie ist nicht Rückkehr aus Anderem, sondern nur »Rückkehr aus einem«,54 in und auf sich selbst bezogenes Rückkehren, dessen Bestimmtheit schlichtweg von keiner Vermittlung in weiteren Vermittlungsschritten abhängig ist. Es ist nicht einmal »so unmittelbar, daß es nur durch das Verschwinden der Vermittlung vermittelt ist.«55 Das wäre schon zu viel und über die Reinheit der nur reflektierten Unmittelbarkeit hinausgehend. Bedenken wir diese Reinheit, so bleibt zwar aufrecht, dass sie ein Hergestelltes oder ein Gesetztes ist, aber nichtsdestoweniger gar nicht aus einem Herstellungsprozess oder einem Setzungsprozess hervorgeht. Der Umstand, gesetzt zu sein, ist unmittelbar im Gesetztwerden aufgehoben, weil letzteres die gesetzte Unmittelbarkeit schon vorausgesetzt hat. Das Entstehen der Unmittelbarkeit lässt keine vermittelnde Reflexionsbewegung zu, ist vielmehr eins mit dem Reflektieren, das kein Spatium zwischen dem Reflektierenden und dem Reflektierten aufweist. Es ist nur die Bestimmtheit als solche, und zwar die Wahrheit der Bestimmtheit, die im Sein nur als Negativität des Übergehens gewesen ist, also das »Übergehen als Aufheben des Übergehens«56 in der absoluten Negativität, die letztlich kein bloß Gewesenes, sondern Wesen ist. Diese bloße Bestimmtheit oder das erste Dasein des Wesens ist selbstreflexive Unmittelbarkeit, in der der Anfang der Reflexion selbst nur ihr eigenes Zurückgekehrtsein ist bzw. nur eine sich als Bewegung aufhebende »Bewegung, die, indem sie die Rückkehr ist, erst darin das ist, das anfängt oder das zurückkehrt.«57 Das Dasein des Seins zeigt sich hierin als Dasein des Wesens:58

WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. Ebd. 53 Ebd. 54 Ebd. 55 WdL II, S. 122; GW 11, S. 321. – Diese Unmittelbarkeit kennzeichnet den Hervorgang der Sache in die Existenz. 56 WdL II, S. 26; GW 11, S. 250. 57 WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. 58 »Dem Dasein entspricht in der Sphäre des Wesens das Gesetztsein. Es ist gleichfalls ein Dasein, aber sein Boden ist das Sein als Wesen oder als reine Negativität; es ist eine Bestimmtheit oder Negation nicht als seiend, sondern unmittelbar als aufgehoben. Das Dasein ist nur Gesetztsein; dies ist der Satz des Wesens vom Dasein. [...] denn als Gesetztsein ist das Dasein als das, was es an sich ist, als Negatives, ein schlechthin nur auf die Rückkehr in sich bezogenes. Deswegen ist das Gesetztsein nur ein Gesetztsein in Rücksicht auf das Wesen, als die Negation des Zurückgekehrtseins in sich selbst.« WdL II, S. 32 f.; GW 11, S. 255 f. 51

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»Dies ist das Gesetztsein, die Unmittelbarkeit rein nur als Bestimmtheit oder als sich reflektierend. Diese Unmittelbarkeit, die nur als Rückkehr des Negativen in sich ist, ist jene Unmittelbarkeit, welche die Bestimmtheit des Scheins ausmacht und von der vorhin die reflektierende Bewegung anzufangen schien. Statt von dieser Unmittelbarkeit anfangen zu können, ist diese vielmehr erst als die Rückkehr oder als die Reflexion selbst.«59

Es gilt zu bedenken, dass das sich totalisierende Gesetztsein (im Sinne der Totalitäten, die ihr Gesetztsein in sich selbst enthalten) am Ende der Wechselwirkung immer noch als die hier zur Darstellung kommende Unmittelbarkeits­dimension in ihrer rein rückehrend negativen Bestimmtheit zu verstehen ist. Dabei hätte man auch annehmen können, dass das noch ansichseiende Anundfürsichsein auf eine Weise fürsichseiend wird, die darin besteht, die Gesamtspannung der absoluten Negativität in das Anundfürsichsein zu integrieren, d. h. sie in ihm untergehen zu lassen und eine für und aus sich bestehende Unmittelbarkeit zu kreieren. Es wäre hierin eine Unmittelbarkeit erreicht, die endlich die Bestimmtheit so überwältigt hätte, dass sie in ihr gebändigt bliebe und keine neuerlichen (gegen sie selbst gerichteten) negativen Bestimmungen nach sich zöge. Die Notwendigkeit als solche wäre hierzu auch durchaus prädestiniert gewesen, weil sie in ihrer verinnerlichenden Identität die Disposition besitzt, Bestimmtheit nicht mehr als gegen sie selbst gerichtet zuzulassen. Dennoch ist die Notwendigkeit nichts anderes als Selbstmanifestation, so dass das innerlich in ihr scheinlos Eingeschlossene, gerade aufgrund der strikt nicht mehr nach außen gehenden Negativität, zur nur mehr sich zeigenden Darstellung (im Aufscheinen seiner selbst) kommt. Die gesamte Bewegung der Substantialität ist dann die Entfaltung der Notwendigkeit, die jedoch selbst hierin noch zeigt, mit welcher Macht und Gewalt sie fähig ist, das Wesen als Wesen zu bewahren. In diesem Sinne ließe sich auch behaupten, dass die Notwendigkeit als Notwendigkeit darauf ausgelegt wäre, ein Anundfürsichsein zu etablieren, das nicht als solches Gesetztsein, sondern nur das Gesetztsein in sich integriert hätte. Weil jedoch die Wechselwirkung das noch ansichseiende Gesetztsein, dem auch ein noch ansichseiendes Anundfürsichsein entspricht, zu einem totalen Gesetztsein steigert, offenbart sich schließlich das sich manifestierende Wesen der Notwendigkeit, das darin besteht, »die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst, die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«60 zu sein. Es kommt heraus, dass die Notwendigkeit deshalb so wesenstreu ist, weil sie das Scheinen in Anderes auf eine Weise erzwingt, die auf einem freien Schein in sich, auf dem für sich selbst aufscheinenden und nur sich zeigenden Schein basiert. Das ansichseiende An59

WdL II, S. 26; GW 11, S. 251. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409.

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undfürsichsein wird damit nicht bloß für sich gesetzt, es wird nicht einfach nur gefestigt und bewahrheitet, sondern vielmehr in die eigene Negativität gebracht, so dass es nur Aufscheinen für sich ist. Diese Negativität ist herausgesetztes vollständiges Gesetztsein (als freies und frei gewordenes Gesetztsein), das sich als Totalität von Totalitäten formiert, die jeweilig wieder das ganze Gesetztsein in sich selbst enthalten. Nur in dieser Reflexion vollendet sich die Bestimmung der Substanz, das Absolute in seinem Verhalten zu sich zu zeigen oder zu offenbaren. »Diese unendliche Reflexion in sich selbst, daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es Gesetztsein ist, ist die Vollendung der Substanz. Aber diese Vollendung ist nicht mehr die Substanz selbst, sondern ist ein Höheres, der Begriff, das Subjekt. Der Übergang des Substantialitätsverhältnisses geschieht durch seine eigene immanente Notwendigkeit und ist weiter nichts als die Manifestation ihrer selbst, daß der Begriff ihre Wahrheit und die Freiheit die Wahrheit der Notwendigkeit ist.«61

Das Begreifen des Eintretens in die Sphäre des Begriffs steht und fällt mit der Einsicht in jenes Anundfürsichsein, das durch und durch Gesetztsein und in das Gesetztsein, das in seiner Vollständigkeit Anundfürsichsein ist. Wie dargelegt, so gilt es, die Teilkomponenten des Anundfürsichseins, also alle der jeweiligen Logizität nach relevanten Aspekte des Ansichseins und des Fürsichseins in ihren konkreter werdenden Bestimmungen aufzufassen, aber auch genau nachzuvollziehen, wie das Gesetztsein, als in der setzenden Reflexion ursprünglich bestimmt und in der unendlichen Reflexion der Wechselwirkung elaboriert ausgeformt, zu verstehen ist. 3.1.2 Subjektive Logik – Subjekt und Selbstbestimmung Bevor wir nun eingehender die Begriffsmomente beleuchten wollen, sollten noch einige Bemerkungen dazu gemacht werden, warum denn überhaupt der Begriff mit dem Subjekt und die ganze Begriffssphäre, in Abhebung zur objektiven Logik in den Sphären des Seins und Wesens, mit der subjektiven Logik zu identifizieren ist. In diesem Zusammenhang muss zunächst einmal an das grundsätzliche Paradigma erinnert werden, dass »das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken«62 sei. Abgesehen vom Kontext der Phänomenologie des Geistes, die in der vorliegenden Abhandlung nicht näher berücksichtigt wird, aber vom Autor in einer eigenen Abhandlung zum ab61

WdL II, S. 248 f.; GW 12, S. 14. PhdG, S. 23; GW 9, S. 18.

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soluten Wissen63 thematisiert wurde, ist es schlichtweg so, dass die Wissenschaft der Logik diesen Grundsatz vollkommen adäquat umsetzt. Die Bestimmung der Substanz wird weder beiseitegelassen noch auch nur widerlegt, sie wird vielmehr in ihrer eigenständigen Selbstmanifestation expliziert. Dies geschieht in einer langwierigen und komplexen Abfolge von logischen Schritten, in denen das Substantielle nur im Sinne seiner eigenen Objektivität, d. h. im Sich-selbst-zur-SacheWerden behandelt wird. Eben dies ist der gesamte Verlauf des absoluten Verhältnisses, das sich letztlich bis zur höchsten Selbstentgegnung des Substantiellen gegen sich selbst steigert. Das Sich-zur-Sache-Werden, welches ebenso als ein Sichselbst-zur-Sache-Haben oder auch als ein Sich-zur-Sache-Sein genommen werden kann, ist zunächst einmal ein Grundzug der gesamten Logik. Sofern wir diese Charakterisierungen mit einem Sich-selbst-zum-Objekt-Haben gleichsetzen, so ist die spekulative Betrachtungsweise überhaupt und generell objektiv. Dennoch enthält diese prinzipielle Objektivität eine Wendung gegen sich, die von ihr und aus ihr selbst zeigt bzw. aufscheinend aufzeigt, was eigentlich ihre Grundlage ausmacht. Diese absolute Grundlage nennt Hegel Subjekt oder Begriff und dieser Begriff ist es auch, welcher die objektiven »vorangehenden Bedingungen«,64 also die sich auf sich selbst beziehenden Objektsphären des Seins und Wesens, in »ihren unbedingten Grund«65 zurückführt. Dieser Aufstieg zum Begriff ist damit ebenso Rückführung, aber sogar auch Herabsetzung, weil der Begriff anfänglich nur Begriff ist, d. h. der für sich ganz unmittelbare und formelle Begriff, in welchem vorerst die Objektivität nur untergegangen ist. Weil aber in der spekulativen Logik selbst noch das Subjekt objektiv betrachtet wird, so kann von der eigentümlichen Negativität des Begriffs nicht abgesehen werden. Diese Negativität sprengt den formellen Begriff, aber reißt ihn zugleich aus seinem Formalismus heraus und startet die ihm eigentümliche Realisierung. Das läuft dann auf eine Wiedererweckung der Objektivität hinaus, die aber als Objektivität des Begriffs oder als schon ansichseiende Subjekt-Objekt-Einheit zu begreifen ist. Dieses bloße Überblicken der logischen Entwicklungsstränge bleibt aber auch nur formell (und kann formell auch leicht und in vielfältiger Weise kritisiert werden), solange nicht in die spekulative Logizität und das Denken und Bedenken der Bestimmungen an und für sich selbst eingestiegen wird. Um nun weder einer unangebrachten Apologetik noch auch einer oberflächlichen Kritik Raum zu geben, sollten wir uns wieder auf jenes Erreichte besinnen, das wir schon bedacht und durchdacht haben. Daher wird es in diesem Zusammenhang nicht viel bringen (auch wenn Hegel diesen Versuch selbst unternimmt), sofort vom Ich und Vgl. Thomas Auinger, Das absolute Wissen als Ort der Ver-Einigung. Zur absoluten Wissensdimension des Gewissens und der Religion in Hegels Phänomenologie des Geistes, Würzburg 2003. 64 WdL II, S. 263; GW 12, S. 24. 65 Ebd. 63

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vom Selbstbewusstsein zu reden, um auf diesem Wege den Begriff als Subjekt zu plausibilisieren. Sich dessen durchaus auch bewusst, spricht Hegel daher nur von einer »Bemerkung, die für das Auffassen der hier entwickelten Begriffe dienen kann und es erleichtern mag, sich darein zu finden.«66 Demgegenüber lässt jedoch die bis hierher ausgeführte Logizität einen derartigen Bezug noch gar nicht zu, so dass sich solche Bemerkungen freilich nur als äußerliche Reflexion qualifizieren. Es verhält sich aber anders, wenn wir genau darauf achten, wie sich die Sphäre der objektiven Logik in ihrer Objektivität so manifestiert, dass das Objektive von ihm selbst her und durch sich selbst auf das ihm Andere, welches wiederum nur das in ihm selbst gehaltene eigene Anderssein ist, zeigt. Wiederum in einem noch ganz formellen Sinne, lässt sich konstatieren, dass sich die objektive Logik so bis auf ihre eigene Spitze hin steigert, dass sie an ihrem objektiv logischen Höhepunkt eigens und explizit das Selbst im (noch notwendig verinnerlichten) Sich-selbst-zum-Objekt-Haben zum freien Aufscheinen bringt. Die Domäne der Notwendigkeit belässt dieses Selbst noch verobjektiviert oder vielmehr als in einer logischen Bewegung ausgeprägt, die in ihrer im Wesen hervorkommenden Rückbezüglichkeit auf sich dennoch den Einheitspunkt ihrer selbst noch in die Setzung einer sich neu einstellenden Kategorienbestimmung ausgelagert hat. Erst mit der Wechselwirkung wird schließlich eine Bestimmung erreicht, die einen weiteren im Wesen gehaltenen Fortschritt nicht mehr erlaubt. Das Sichselbst-zum-Objekt-Haben treibt sich der Sache nach so auf die Spitze, dass die Bestimmung der absoluten Substanz in sich entgegnenden Substanzen manifestiert ist. Ihr gegenseitiges Bedingtsein kreiert nur mehr eine widersprechende und sich in sich verkehrende Kreisläufigkeit, die zunächst darin besteht, das Unterscheiden in eine aktive und passive Substanz selbst nur mehr durch die »Identität des Aktiven und Passiven«67 zu gewährleisten. Damit hebt sich jedoch ihr Unterschied auf und es resultiert nur mehr »ein völlig durchsichtiger Schein«,68 der die Wechselwirkung als völlig »leere Art und Weise«69 zeigt oder genauer genommen aufzeigt, dass sie die Kausalität (in ihrem sich wiederhergestellten Begriff) selbst ist. Darin hat die Ursache »nicht nur eine Wirkung, sondern in der Wirkung steht sie als Ursache mit sich selbst in Beziehung.«70 Im zweiten Kapitel haben wir hierüber hinaus exakt dargelegt, warum diese Beziehung auf sich dennoch keinen simplen Selbstbezug darstellt, worin das Wechselwirken lediglich auf eine zweigliedrige Relationalität reduziert bliebe. Vielmehr verdankt sich die Einheitssetzung einem Prozess, der bereits die wesentliche Zweiheit nur WdL II, S. 253; GW 12, S. 17. WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 68 Ebd. 69 Ebd. 70 WdL II, S. 238; GW 11, S. 408. 66 67

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so ins Einssein bringt, dass das Scheinen der Identität in den Unterschied das Unterschiedene als ebenbürtig identische Bewegungen in sich aufscheinen lässt. Einerseits sind dies die Bewegungen des Seins und Wesens in ihrer Totalität, aber andererseits jene ursprünglich in einen scheinlosen Unterschied gesetzten freien Wirklichkeiten, die durch die Bewegung der Wechselwirkung vielmehr zeigen, dass sie gerade in der zurückgedrängten Reflexion-in-sich »als identische scheinen«71 und die Reflexion nur mehr als Totalität von Totalitäten setzen. Um diese Bewegung genau nachzuvollziehen, ist es nötig, wieder die entsprechenden längeren Interpretationen aus dem zweiten Kapitel zu studieren. Momentan genügt jedoch diese Wiedererinnerung, um die sich in die Subjektivität aufhebende Wendung des Objektiven gegen sich selbst verstehbar oder besser begreifbar zu machen. Indem sich in der Wechselwirkung herausstellt, dass sie den Begriff der Kausalität als Begriff setzt oder sich vielmehr zu diesem Begriff (in einer die Selbstbeziehung in bestimmter Komplexion herstellenden Weise) macht, expliziert sie die ansichseiende Selbstbestimmung der formellen Kausalität oder mani­ festiert sie so, dass (aufgrund der nachfolgenden Realisierungsschritte) diese als das Selbstbestimmende zum Aufscheinen gebracht wird. Das Sich im Sich-­ Bestimmen wird durch das Wechselwirken, das in den Substanzen ein Sich-zum-­ Objekt-Haben von absoluter Substantialität ist, explizit vereinzelt und in diesem Sinne subjektiviert. In der formellen Kausalität ist diese Selbstbestimmung als Sich-Bestimmen zwar schon vollkommen präsent, aber zugleich versenkt (und notwendig verdeckt) in der Konstitution (und noch nicht sich gleichzeitig vollziehenden Explikation) des Verhältnisses von Ursache und Wirkung überhaupt. Es bedarf noch notwendigerweise der sich realisierenden Kausalität, die sich erneut bis zur sich bestimmenden Beziehung steigert, aber vollbracht durch vollständige Substanzen, die schließlich ihr Gesetztsein so internalisieren, dass sie sich ihrer eigenen Identität gegenüber als Totalitäten der rückbezüglichen Bestimmtheit auf sich formieren. Diese hieraus resultierende absolute Form (in der einheitlichen Form von drei Totalitäten) ist die absolute Form des Begriffs oder des Subjekts, d. i. das (letztlich schöpferische) sich aus sich selbst bestimmende Selbst. Um das Sich-Bestimmen in seiner Dimension des Bestimmens des schon Bestimmten, das quasi als Hauptmotor in Richtung auf Vereinzelung hin schon aufgewiesen wurde, begreifbar zu machen, ist es unerlässlich, nochmals die diesbezüglich äußerst wichtige Stelle aus der formellen Kausalität zu zitieren, den Vorwurf der Redundanz dabei bewusst in Kauf nehmend, weil diese Sätze tatsächlich den Duktus des Bestimmens in der Bewegung der Selbstbestimmung am besten zum Ausdruck bringen:

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WdL II, S. 240; GW 11, S. 409.

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»Die Substanz geht aber in ihrem Bestimmen nicht von der Akzidentalität aus, als ob diese voraus ein Anderes wäre und nun erst als Bestimmtheit gesetzt würde, sondern beides ist eine Aktuosität. Die Substanz als Macht bestimmt sich; aber dies Bestimmen ist unmittelbar selbst das Aufheben des Bestimmens und die Rückkehr. Sie bestimmt sich, – sie, das Bestimmende, ist so das Unmittelbare und das selbst schon Bestimmte; – indem sie sich bestimmt, setzt sie also dies schon Bestimmte als bestimmt, hat so das Gesetztsein aufgehoben und ist in sich zurückgekehrt. – Umgekehrt ist diese Rückkehr, weil sie die negative Beziehung der Substanz auf sich ist, selbst ein Bestimmen oder Abstoßen ihrer von sich; durch diese Rückkehr wird das Bestimmte, von dem sie anzufangen und es als vorgefundenes Bestimmtes nun als solches zu setzen scheint.«72

Die rückkehrende Bewegung auf sich, in der das Gesetztsein aufgehoben oder auch zurückgenommen wird in die in sich gehende Bestimmtheit, ist die Vereinzelungsbewegung als solche. Sie ist gekennzeichnet durch einen spekulativen Wiederholungsschritt, in der die Bestimmtheit durch sich selbst oder durch die bestimmende Beziehung auf sich fixiert und gleichsam in einem Punkt festgehalten wird. Diese Punktualität ist jedoch nicht ausdehnungslos, ihre (freilich völlig unräumliche) Ausdehnung ist die Bestimmtheit selbst. Diese verliert sich aber nicht in ein sich weiter bestimmendes Gesetztsein, wodurch sie einer sich entfaltenden Prozessualität unterläge. Durch den Bestimmungsvollzug bleibt sie vielmehr nur auf sich bezogen und garantiert so auch die vollständige Rückkehr. Weil also das schon Bestimmte bestimmt wird, wird es zwar gegen sich, aber zugleich in sich und auf sich selbst gehend festgehalten. Die Negativität ist zen­ triert in sich, wobei dieses Insichsein mit der Fülle der Bestimmtheit (die im Falle der formellen Kausalität vorerst noch von der Fülle der Akzidentalität in ihrem sich identisch setzenden Gesetztsein herrührt) einhergeht. Dieses bestimmte Bestimmte, in dem das prinzipielle In-sich-Werden (das schon im Etwas seinen Anfang hatte) fortgesetzt wird, ist dabei nur in sich seiendes Gesetztsein, wodurch sich aber das Gesetztsein zugleich aufhebt. Gerade in der Vollendung der Rückkehr, die das Bestimmen zu insichseiender Ruhe brächte, ist die Negation der Negation als Abstoßen von sich wiederum Bestimmen. Die erreichte Rückkehr als Aufhebung der Rückkehrbewegung generiert so erst jenes Bestimmte, welches den scheinbaren oder besser scheinenden Ausgangspunkt gebildet hatte und auf das sich als Bestimmtes die gleichsam wiederholende Bestimmungsbewegung beziehen kann. Die umkehrende Bestimmtheit gegen sich ist dabei die umgekehrte Vereinzelungsbewegung, wodurch sich die Bestimmtheit als Bestimmtheit und in Bestimmtheiten wieder besondernd setzt, aber in dieser Set-

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WdL II, S. 223; GW 11, S. 397.

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zungsbewegung ebenso der Rückführung unterliegt, die an sich schon als Verallgemeinerungsbewegung betrachtet werden kann. Vereinzelungsbewegung, Besonderungsbewegung und Verallgemeinerungsbewegung sind dabei nur eine Bewegung, d. i. die Bewegung des sich bestimmenden Selbstbestimmens. Darin sind auch die setzende Reflexion, in der Ausprägung der sich bestimmenden Macht der Substanz in ihrer reinen Unmittelbarkeit als Gesetztsein, die voraussetzende Reflexion, in der Ausprägung des Setzens eines vorfindbaren Bestimmten, und die bestimmende Reflexion, in der Ausprägung des sich aufhebenden Gesetztseins ins reflektiv auf sich bezogene Bestimmte, miteinander zu einer Bewegung verschränkt. Diese begriffliche Protostruktur der einen substantiellen Aktuosität, die sich in sich in gegenläufigen Bewegungen formiert, ist als Konstitutionsbewegung das Formieren des ursprünglichen Verhältnisses von Ursache und Wirkung. Sie enthält damit den Begriff der Kausalität, der in seiner ersten Ausprägung nur Begriff ist, aber sie enthält auch schon den Begriff von Selbstbestimmung, der dann in der Wechselwirkung als Explikationsbewegung (im Sinne eines Hervorscheinens oder Aufscheinens aus sich) vorliegt. Die genannten begrifflichen Bewegungen, die sich in der formellen Kausalität nur als anfängliche Richtungen des Vereinzelns, des Besonderns und des Verallgemeinerns auffassen lassen, kommen nicht zu expliziter Realisierung, weil einerseits mit dem Konstituieren das Realisieren allererst anheben kann, und andererseits die Vorherrschaft der Notwendigkeit diese Bewegungen so verinnerlicht, dass sie nicht frei heraustreten oder hervorscheinen können. Zu Beginn des Kausalitätsverhältnisses muss sich erst »die scheinende Totalität als Werden«,73 zu der sich das Substantialitätsverhältnis als solches (zumindest für einen logischen Moment lang) degradiert hatte, wieder zur Reflexion oder als Reflexion bestimmen, wodurch jedoch der notwendige Schein der Macht nicht zugleich als in seiner sich selbst explizierenden Scheinhaftigkeit zum Vor-Schein kommen kann. Zwar ist das »Scheinen […] bestimmt als Schein«,74 aber dies ist erst der Prozess des Setzens des Gesetztseins als Gesetztseins, also der Wirkung. Die formelle Kausalität bleibt hierdurch unter der Ägide der inneren Notwendigkeit oder einer Notwendigkeit, in der der Schein als Schein oder »die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«75 verinnerlicht bleiben muss. Eben diese »Innerlichkeit oder dies Ansichsein hebt die Bewegung der Kausalität auf«,76 wobei zu dieser Bewegung der ganze Verlauf der Realisierung und Zuspitzung immanent dazugehört. Die Bewegung der formellen Kausalität als solche reicht hierzu nicht WdL II, S. 222; GW 11, S. 396. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. 75 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 76 Ebd. 73 74

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aus. Es bedarf vielmehr des vollständig sich realisierenden und manifestierenden Bewegungsvollzugs, der schließlich in die Wechselwirkung mündet. In der Wechselwirkung kommt die Notwendigkeit zu ihrer eigenen Manifes­ tation, die aufzeigt, dass die Macht und Gewalt des Scheinens oder der Reflexion in Anderes nicht in ein scheinloses Bestehen eingeschlossen oder besser für dieses Bestehen aufgebraucht werden kann. Damit manifestiert sich auch die Zufälligkeit, weil sich die Seitenhaftigkeit so aufhebt, dass deren Bestehen ebenso nur die auf sich selbst scheinende Identität zum Aufscheinen bringt. So verliert sich die Umschlagsbewegung wie auch die Abstoßungsbewegung, insofern diese Bewegungen wesentliche oder wesensmäßige Bewegungen darstellen, in welchen sich die absolute Form relational ausdrückt. Das Gesetztsein ist somit nicht mehr das Gesetztsein des Wesens in und gegen sich selbst, sondern Gesetztsein als so vollständig, dass es die aufscheinende Identität als von sich aus gänzlich erfüllt. Hierin zeigt es diese Identität selbst nochmals in ihrem Wesen und damit auch in ihrem Begriff, der darin besteht, dass das Unterscheiden und das Scheinen der Identität ebenso »die identische Bewegung des Unterschiedenen in sich selbst«77 impliziert. Als das Gesetztsein in die Identität inkorporiert habend, so besteht die Identität als Totalität (die durch das Realisieren zu vollständigem BestimmtSein in sich gekommen ist), deren Unterschiede (in ihren durchaus entgegengesetzten Extrempositionen) ebenso nur Totalitäten sind. Die Umschlagsbewegung und die Abstoßungsbewegung kulminieren in der Wechselwirkung in der Explikationsbewegung der in der formellen Kausa­ li­tät noch als Konstitutionsbewegung vorliegenden Bewegung des Begriffs selbst, worin der Begriff der Kausalität schließlich zu sich selbst aufhebendem Gesetztsein gekommen ist. »Notwendigkeit und Kausalität sind also darin verschwunden«,78 aber was gerade nicht verschwunden ist, ist die nunmehr frei gewordene Selbstbestimmung, die ursprünglich noch in der (blinden und verinnerlichenden) Notwendigkeit versenkt geblieben ist. Die Selbstaufschließung dieser Notwendigkeit, welche überhaupt das Signum des Reichs der Objektivität gewesen ist, eröffnet hierin ein neuartiges Reich, in dem nunmehr die in der formellen Kausalität nur anhebende und bloß ansichseiende Vereinzelungsbewegung zur gesetzten Totalität des Einzelnen avancieren kann. Freilich sind hierbei auch die damit untrennbar verknüpften Bewegungen des Allgemeinen und des Besonderen zu Totalitäten herangediehen. Sie bilden nur die eine Totalität des Begriffs und die eine Begriffsbewegung, welche nichts anderes ist als die explizite und sich explizierende Bewegung des (schöpferischen) Sichbestimmens.

Ebd. WdL II, S. 239; GW 11, S. 408.

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Die gesamte objektive Logik erreicht darin das ihr genuine Anderssein, in welches sie sich jedoch als in »ihren unbedingten Grund«,79 der darin ebenso »absolute Grundlage«80 ist, aufhebt. Dass sich aus dieser Grundlage die Objektivität in Begriffsgestalt wiedergeneriert, ist zunächst für die Zwecke unserer Abhandlung nicht ausschlaggebend. Wie sieht jedoch dieses immanent eigene Anderssein der Objektivität, quasi ihre Zielbestimmung, insofern sie sich daraufhin aus sich in eine neue Sphäre übersteigt, aus? Die letzte Stufe der objektiv sich auslegenden Notwendigkeit ist jene, in der sich die Substantialität als gegen sich verobjektiviert in Substanzen manifes­ tiert, die nur mehr »den absoluten Widerspruch«81 von unmittelbarer Identität und substantiiertem Unterschied, d. i. »die ursprüngliche Einheit substantieller Verschiedenheit«,82 zum Austrag bringen. Dabei verhalten sich diese Substanzen noch nicht wie Objekte zueinander, sie entbehren dieser Selbständigkeit, weil das Selbständige vielmehr nur in jenem absoluten Verhalten selbst besteht, worin ihr Sein nur Gesetztsein oder Schein und ihr Schein oder Gesetztsein nur Sein ist. Das Objektive besteht in dieser »Identität selbst des Seins und Scheins«, 83 aber es ist nicht dirimiert in Objekte, die den Begriff (und die begriffliche Objektivität, die sich allererst wieder aus der Subjektivität heraus hervorbringen wird) schon an ihnen selbst ausdrücken würden. Wir befinden uns hingegen erst in der Phase des Aufscheinens und expliziten Heraustretens des Begriffs als solchen. Diese Selbstentfaltung wurde zwar im zweiten Kapitel genauestens dargelegt, aber im jetzigen Zusammenhang ist es abermals relevant, an die »innere Notwendigkeit«84 zu erinnern. Sie ist hierin nicht so sehr selbst ein Inneres, sondern als Notwendigkeit in der auf sich rückkehrenden Abstoßung gegen sich ein Verinnerlichen oder auch ein Rückholen (als Rückholprozess) in jene Einheit (als Identität), in der Sein und Wesen schlechthin miteinander vermittelt sind. In diesem Sinne ist die Notwendigkeit Bewahrerin der Objektivität als Instanz des In-sich-Seins im Gesetztsein oder der sich auf sich beziehenden Negativität im noch nicht für sich aufscheinenden Schein. Dies bewerkstelligt sie zumindest so lange, wie sie es schafft, diese Innerlichkeit anhand der rückbezüglichen Grundgegenbewegung (wie sie im ersten Kapitel in den Stufungen der Modalkategorien grundlegend erläutert wurde) aufrecht zu erhalten. Das Wechselwirken der Substanzen, die also an ihnen selbst die über die absolute Notwendigkeit sich einstellende Substantiierung im Rücken haben, bricht aber mit eben dieser Be WdL II, S. 263; GW 12, S. 24. WdL II, S. 245; GW 12, S. 11. 81 WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. 82 Ebd. 83 WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. 84 Ebd. 79

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wegung, weil es den »Schein des substantiellen Andersseins«85 in seiner völligen Durchsichtigkeit zeigt. Damit tritt erst der Schein als solcher hervor, der in der Scheinbewegung der Kausalität (d. i. der Bewegung der Ursache auf sich zu in ihrem Anderssein) noch verinnerlicht (oder sich verinnerlichend), aber zugleich in der notwendigen Substanzbewegung als sich veräußernd gesetzt gewesen ist. Mit der Zuspitzung und erneuten, aber nunmehr gesetzten Verbegrifflichung der Kausalität als Wechselwirkung erreicht auch die Ursache ihre Bestimmung, nämlich anhand ihres in ihrem Anderen sich realisierenden Selbstbezugs »die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«86 zu bewirken. Dies ist »die Offenbarung des Scheins der Kausalität, worin die Ursache als Ursache ist, daß er Schein ist.«87 Die Ursache ist somit nicht mehr Ursächlichkeit in der Scheinbeziehung, sie benutzt gleichsam nicht mehr den Schein, um Bewirktes hervorzubringen, sie zeigt vielmehr ihre »innere Identität«88 auf und manifestiert diese, indem sie nur mehr die Ursache für den scheinbar einfachen Umstand ist, dass der Schein der Kausalität Schein ist. Diese manifestierte Notwendigkeit, also die Freiheit, zu der sich auch die Zufälligkeit (im Widerspruch des identischen Scheinens der ursprünglich gänzlich scheinlosen und freien Wirklichkeiten) bestimmt hat, generiert sich nicht mehr über die Abstoßungsbewegung eines sich auf die Identität hin herstellenden und wieder herstellenden Rückbezugs (in den gestuften Ausprägungen der rückbezüglichen Grundgegenbewegung), sondern über eine Selbst-Bezüglichkeit, in welcher der Schein positiv aus sich heraus zum Aufscheinen kommt. Hierin erfüllt sich die absolute Beziehung des Wesens auf sich, das Sein des Wesens, in welcher die scheinende Gleichheit des Negativen mit sich zur Gleichheit des Scheins als Scheins in sich geworden ist. Es bedarf nur der Einsicht in diese Nuancierung im Begriff der Selbstbezüglichkeit, um den Schritt zum Begriff (und damit zum Subjekt) selbst zu vollziehen. – Diesbezüglich sollte jedoch nicht in die interpretatorische Falle getappt werden, Selbstbeziehung analysieren zu wollen und womöglich nach ihren Mustern und Strukturtypen Ausschau zu halten. Alle Versuche eines Herauslösens aus dem Kontext der spekulativen Denk-Weiterbestimmung werden erfolglos sein bzw. Erfolge nur vortäuschen. Die Wahrheit der Substantialität ist zunächst nichts anderes als die Kausalität in ihrem reinen Begriff, aber die Wahrheit der Kausalität ihrerseits liegt in ihrer Selbstrealisierung, in welcher sich die gesamte Bewegung der Kausalität auf ihren gesetzten Begriff hin manifestiert. 87 88 85 86

WdL II, S. 239; GW 11, S. 408. WdL II, S. 239; GW 11, S. 409. WdL II, S. 248; GW 12, S. 14. WdL II, S. 239; GW 11, S. 408.

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Wie bereits geschehen, so ist es die vornehmliche Aufgabe, den bereits im Begriff der Kausalität angelegten Begriff von Selbstbestimmung genau aufzufassen und die dabei vorkommenden Bewegungsmomente, welche schon an sich dem Einzelnen, dem Besonderen und dem Allgemeinen (im Sinne einer Vereinzelungsbewegung, Besonderungsbewegung und Verallgemeinerungsbewegung) zugeordnet werden können, in ihren Charakteristiken hervorzuheben. Für unsere Schwerpunktsetzung, die (wie schon mehrfach betont) durchaus äußerlich reflektierend einen bestimmten Gesichtspunkt eingehender unter die Lupe nimmt, ist insbesondere die spezifische Charakteristik der Einzelheit wichtig. Sie ist letztlich auch dafür verantwortlich, die sich aus der objektiven Logik herauskristallisierende oder besser herausmanifestierende Subjektivität zu verstehen bzw. bestenfalls denkerisch zu begreifen. Im Sein und im Wesen bleibt die Bestimmtheit im Sinne des Sichbestimmens eine Bewegung, die auf ihr Anderes abhebt, entweder im Vollzug des Übergehens oder im Vollzug des Scheinens, wobei dies wieder in den jeweiligen logischen Konstellationen eigentümliche und eigenständige Ausprägungen findet. Das mit der Kausalität einsetzende Sichbestimmen enthält jedoch schon eine Vorprägung, worin das bereits Bestimmte, das ohnehin im und durch das Scheinen-in-Anderes zu einer gewissen Ausgestaltung und Festlegung (im Reich des Akzidentellen) gekommen ist, abermals bestimmt wird. Exakt dies ist der Schritt, der im Rahmen des Anhebens der Kausalitätsbewegung die Akzidenz zur Wirkung bestimmt. Die Selbstbestimmung der Substanz setzt das Ansichseiende, d. i. das Gesetztsein der Akzidenz, in ihrer sich bestimmenden Bewegung, in welcher sie gleichsam mit der Bewegung der Akzidenz mitgeht, sie in gewisser Weise begleitet, als Gesetztsein. Diese mitlaufende Bewegung bleibt beim Anderen und belässt ihm den Schein, ohne Scheinveränderung. Das ist die rein manifestierende Bewegung des Auslegens und dabei nur das bloße »Zeigen dessen, was […] ist.«89 Dieses Zeigen kommt nicht von außen, lässt nicht einmal einen äußeren Standpunkt zu, und ist in diesem Sinne schon Tätigkeit des Begriffs, aber hier eingebettet in die Fortbestimmung hin auf die Wirkung. Die aktuose Bewegung zeigt (ohne Abstand oder Distanzierung) auf die sich ebenso bewegende Akzidenz, deren Selbstbewegung als Aufhebungsprozess schon selbst in ihrer Bestimmtheit liegt. In dieser Mitbewegung wird aber diese Bestimmtheit (ohne äußerliche Einflussnahme) wieder bestimmt, so dass sich das Gesetztsein nicht mehr in weitergehende Prozessualität verläuft, sondern sich »als mit sich identisch«90 erweist. Kausal ist dies die Wirkung, die hier »dem Bestimmten als Bestimmten«91 entspricht. Aus der Begriffsperspektive, die wir mit der WdL II, S. 187; GW 11, S. 370. WdL II, S. 223; GW 11, S. 397. 91 Ebd. 89

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Vollendung der Wechselwirkung einnehmen können, ist dies schon der Vereinzelungsschritt, der jedoch noch nicht ausreicht, um zur Totalität des Einzelnen zu führen. Dies kann in der formellen Kausalität nicht der Fall sein, weil nur die aktuose Bewegung insgesamt Totalität ist, die Bewegung des Herbeiführens der Wirkung aber nur Moment dieser Bewegung. Die anderen Momente sind Vorläufer der Besonderung und der Allgemeinsetzung, insofern die Rückkehr wieder Abstoßen und Bestimmen, aber auch rückkehrend auslegendes Ansichsein (als Setzung des Ansichseins der Akzidenz) ist. Wie hier leicht zu sehen ist, überwiegt in dieser Konstellation dennoch die Relationalität, weil sich die »Mitte«92 des Substantialitätsverhältnisses, als sich in die Kausalität aufhebend, nicht zu einer eigenständigen Totalität, in der Gestalt der Besonderheit, formieren kann. Dieses Moment bleibt völlig eingebunden in die Konstitution von Ursache und Wirkung, verliert sich völlig in die Extreme und taucht in gewisser Weise erst mit dem sich einstellenden Inhalt, als die bestimmte Kausalität einläutend, wieder auf. An sich stellt es zwar die Identität von Ursache und Wirkung dar, wie an der Bestimmung des Inhalts ersichtlich, es ist aber noch weit entfernt davon, sich gegen die Formunterschiede als identische Totalität zu erweisen. Ebenso sind die Extreme keine Totalitäten, vielmehr Verlaufsmomente des Verhältnisses selbst, das völlig von der Notwendigkeit und der notwendigen Bestimmung der Ursache beherrscht wird. Es gelingt dabei der Ursache nicht, sich von der Wirkung abzuheben, weil nur in ihr das Ansichsein »als Bestimmtheit gesetzt«93 ist; »die Substanz hat daher die Wirklichkeit, die sie als Ursache hat, nur in ihrer Wirkung.«94 Damit wird aber auch die Ursächlichkeit als solche eingelöst, nur darin ist es eben gesetzt, dass sie wirken muss, und zwar völlig aus sich und »aus sich anfangend«95 als »selbständige Quelle des Hervorbringens aus sich«.96 Diese Quelle versiegt jedoch in gewisser Weise am Ende der formellen Kausalität, weil der Formunterschied im reinen Ineinander, welches noch keinen realen Gehalt (außer jenen von Wirklichkeit überhaupt) impliziert, erlischt. Dass dies den Inhalt erweckt, der in die weitere Kausalitätsbewegung genuin eingeht, haben wir gesehen. Die selbständige Quelle des Hervorbringens aus sich wird nun genau dort wieder explizit, wo sich auch die Dunkelheit der nur inneren Notwendigkeit in die Helle und in das Klare des Sicht- und Erkennbaren auflöst. Abgesehen von solchen Metaphern, die jedoch der Sache nach ganz und gar keinen metaphorischen Gehalt besitzen, weil sie vielmehr als reine Denkbestimmungen gefasst sind und auch als solche erfasst werden müssen, kommt es darauf an, im Schritt WdL II, S. 221; GW 11, S. 396. WdL II, S. 224; GW 11, S. 397. 94 Ebd. 95 WdL II, S. 224; GW 11, S. 398. 96 Ebd. 92 93

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von der Notwendigkeit zur Freiheit den Schritt von der ansichseienden Selbstbestimmung in der Objektivität der formellen Kausalität zur gesetzten Selbstbestimmung in der Subjektivität des Begriffs zu erkennen. Wie dargelegt, so zieht die abstoßende Rückkehrbewegung der Notwendigkeit die sich weiter auslegende Bewegung zunächst immer wieder ins Objektive hinein. Dieses besteht in der relationalen Verhältnisweise als der bereits verwirklichten »Einheit des Seins und Wesens«97 im Sinne der »Reflexion oder Form des Absoluten«98 selbst. Nun passiert in der ›Wirkung und Gegenwirkung‹ ein weiterer entscheidender Schritt. Dabei ist es wichtig, das oben Geschilderte vor Augen zu haben, insbesondere den Umstand, dass die Identischsetzung des Gesetztseins, wodurch ursprünglich die Wirkung angehoben hat und worin das bestimmte Bestimmte auf vorläufige Weise die Vereinzelungstendenz hat aufkommen lassen, sich selbst zur (das Substrathafte ablösenden, aber noch voraussetzungshaft bleibenden) Substantialität aufschwingt, und zwar zur Bestimmung der passiven Substanz. Die sich hierauf tatsächlich vollziehende Wirkbewegung belässt es aber nicht bei einer Aufteilung nach aktiver und passiver Substanz, die nur ihr Gesetztsein ausexekutieren würden. Es findet vielmehr anhand der komplexen Dynamik des Wirkens und Gegenwirkens (die wir im zweiten Kapitel genau in ihren Unterschritten auseinandergenommen haben) eine schließlich sich in sich eindrehende Verkehrungsbewegung statt, in der sich wieder »die Ursache in der Wirkung […] auf sich selbst«99 bezieht, aber so, dass mit der Substantiierung das an sich seiende Gesetztsein in seiner Charakteristik als das bestimmte Bestimmte substantiiert ins ursächliche Setzen eingeht. Damit springt die Seite der Wirkung nicht einfach auf die Seite der Ursache, obwohl dies bezüglich eines Teilaspekts auch nicht unrichtig ist, sondern führt vielmehr zu einer bereits an sich seienden Totalisierung, worin die Bestimmtheit zur Gänze jene sich auf sich beziehende Negativität im Sinne der absoluten Bestimmtheit oder des bestimmt Bestimmten in sich enthält. Im letzten Schritt, der die Subjektivierung im Sinne der Einheit des Subjekts, das aus dem sich selbst manifestierenden Objektivitätsvollzug der Notwendigkeit hervortritt, vollendet, erweist sich der sich aufhebende Unterschied einer noch verbliebenen (aber beliebigen) Zuordnungsmöglichkeit nach Aktivem und Passivem (das selbst nur mehr als identisch das Substanzhafte aufrecht erhält) als »ein völlig durchsichtiger Schein«.100 In ihm ist aber die Wechselwirkung »nur noch leere Art und Weise«,101 was zur Folge hat, dass die Selbstbeziehung der Ursache in der Wirkung auf sich nur mehr das Wesen der Kausalität selbst zeigt. Dies besteht schlicht und einfach darin, dass die Ursache WdL II, S. 215; GW 11, S. 391. Ebd. 99 WdL II, S. 237; GW 11, S. 407. 100 WdL II, S. 238; GW 11, S. 407. 101 Ebd. 97

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nur mehr die Ursache für die eigene Scheinaufdeckung des Scheins der Kausalität ist. Dies geht noch über den Status der bedingten Kausalität hinaus, weil die dortige Selbstbeziehung der Ursache in der Wirkung auf sich immer noch eine bestimmte Seinsbewegung enthielt, die mit dem Voraussetzungsmoment korrelierte. Dieses Voraussetzen verliert sich auch noch im wechselwirkenden Bedingen und hebt hierin das noch verinnerlicht gebliebene Identitätsmoment so aus sich heraus, dass es die eigenen Unterschiede als ebenso identische Bewegungen in sich zeigt. Wie wir gesehen haben, ist erst dies die Selbstmanifestation der Notwendigkeit, worin »die Reflexion des Scheins als Scheins in sich«102 zum Aufscheinen gebracht ist. Die Selbstbestimmungsmomente aus der noch der Objektivität zugehörigen und in ihr versenkten formellen Kausalität sind in dieser sich manifestierenden Scheinaufdeckung aus sich zu Selbstbestimmungstotalitäten der Subjektivität ­herangereift. Der Vollzug des Sichbestimmens tritt erst mit der Selbstdurchsichtigkeit des Scheins frei hervor. Die Notwendigkeit war noch verinnerlicht in einer Identität, die sich aus einem rückkehrenden Abstoßen formierte und hierin das Scheinen überhaupt als eine Vollzugsform brauchte, die sich noch nicht im Vollziehen selbst aufzeigen konnte, geschweige denn das Hervorbringen aus sich unabhängig oder losgelöst vom Wirkprozess selbst hätte zum Austrag bringen können. Erst die Wechselwirkung führt zu einer Vervollkommnung der Bestimmtheit, die den Momenten Totalitätsstatus verleiht. Sie sind nicht mehr bloß Vollzugsmomente im Gesetztsein, sondern Vollzüge, die das Gesetztsein in sich selbst enthalten, Reflexionen aus der Bestimmtheit in sich, worin der Schein das Identische auf seine wiederum identischen Unterschiede hin aufzeigt. Die Vereinzelungstendenz, die im Vollzugsmoment des Bestimmens des schon Bestimmten bestand und zur Rückkehr in sich bzw. zur Aufhebung des Gesetztseins führte, liegt am Ende der Wechselwirkung als Einzelheit vor und ist tatsächliche Vereinzelung der Totalität der Bestimmtheit überhaupt. Da die Bestimmtheit jedoch sich auf sich beziehende Negativität ist, ist sie ebenso wieder Setzen und bestimmender Vollzug aus und auf sich. Als Totalität ist dies das Identische im Unterscheidungsvollzug selbst und das Hervorbringen aus sich in der Ausdifferenzierung als solcher, d. i. die Totalität der Besonderheit. Der bestimmende Vollzug als Weiterbestimmung liegt aber auch bei jenem sich totalisierenden Moment vor, das die Identität aus der neu sich formierenden Bestimmtheit als wieder rückkehrend auf sich zuwege bringt. Diese Verallgemeinerungstendenz als tatsächliche Allgemeinheit zeigt schon in ihrer Ursprünglichkeit eine gewisse Ambivalenz, die etwas mit der begrifflichen Bewegung gegen sich zu tun hat, aber durchaus auch schon mit der einsetzenden 102

WdL II, S. 239; GW 11, S. 409.

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Abstraktionsbewegung (wiederum gegen sich) in Zusammenhang steht. Da das Thema der Abstraktion ein Hauptpunkt beim Einzelnen sein wird, wird es wichtig sein, diesem Abstrahieren genau nachzuspüren. Jedenfalls wohnt dem Allgemeinen eine Bewegung inne, die einerseits die Bestimmtheit zu aufgehobener Bestimmtheit macht, wodurch sich Gleichheit und Identität verbürgt, aber andererseits auch die Bestimmtheit im Weiterbestimmen allgemeiner (und weniger allgemein) setzt, wodurch das begriffliche Scheinen eine Veräußerungsbewegung (mit Abstraktionsgefahr, aber auch Abstraktionspotential) enthält. Die Subjektivität bildet also die sich aus der objektiven Logik heraus selbstmanifestierende Einheit als eine Totalität und somit als Subjekt, das dennoch drei Momente impliziert, die sich nichtsdestoweniger wiederum als Totalitäten formieren. Mit dem Ausdruck Subjektivität ist eher die Allgemeinheit konnotiert, mit dem Ausdruck Subjekt eher das bzw. noch eher der Einzelne. Logisch sachlich kommt es bezüglich des Begreifens der »Genesis«103 des Begriffs als solchen, insofern die gesamte objektive Logik seine »immanente Deduktion«104 ausmacht, (zumindest vorläufig) ganz und gar nicht auf diese Konnotationen an. Viel entscheidender ist es, die dargelegte logische Entstehungsgeschichte einer Totalität von Totalitäten zu begreifen oder tatsächlich denkerisch zu erfassen. Ist dies geschehen, so könnten oder müssten die Konnotationen noch ergänzt werden. Das Erreichen des Begriffs ließe sich dann eventuell auch mit dem Erreichen von Subjektbestimmtheit oder Subjektbestimmung ausdrücken. Darin käme dann auch die Besonderheit zu ihrem (nicht zu unterschätzenden) Recht. Nichtsdestoweniger sind dies nur Spielereien, denen man sich freilich in vorstellend gehandhabter Philosophie (die ja durchaus in mannigfachen Facetten und ausgiebig betrieben wird) sehr viel ausführlicher widmen könnte, was aber in denkerisch vollzogener Philosophie, zumindest an diesem Umbruch von der objektiven Logik zur subjektiven Logik, keinen erkenntnismäßigen Mehrwert ergibt. Es ist jedoch tatsächlich entscheidend und für das Begreifen ausschlaggebend, die Begriffsmomente in ihrem Unterschied als den einen Schein zu fassen, den wir in seinem eigenen Aufscheinen aus sich als Resultat der Wechselwirkung mittlerweile genugsam beschrieben haben. Wie dabei ebenso (insbesondere im Einbeziehen der logischen Charakteristik des Sichbestimmens in der formellen Kausalität) klar geworden ist, so ist der Begriff in seinem Anfangsstadium immer auch nur der Begriff und damit in einem noch unrealisierten, aber keineswegs realitätslosen Formalismus (der in der spekulativen Logik ein Formalismus

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WdL II, S. 246 u. 252; GW 12, S. 11 u. 16. WdL II, S. 252; GW 12, S. 16.

104

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der absoluten Form105 ist) präsent. Der Begriff in dieser Unmittelbarkeit seines Auftretens ist daher zunächst der formelle Begriff. Was die Subjektivität betrifft, so geht Hegel sogar so weit, die Form der Unmittelbarkeit des Begriffs nur als »äußerliche Form«106 und ein in diesem Sinne »nur Gesetztes oder […] Subjektives«107 zu betrachten. Das derartig Subjektive wäre so auch nur »eine der Sache äußerliche Reflexion«:108 »Weil diese Form der Unmittelbarkeit ein seiner Natur noch nicht angemessenes Dasein ist, da er das sich nur auf sich selbst beziehende Freie ist, so ist sie eine äußerliche Form, in der der Begriff nicht als Anundfürsichseiendes, sondern als nur Gesetztes oder ein Subjektives gelten kann. – Die Gestalt des unmittelbaren Begriffes macht den Standpunkt aus, nach welchem der Begriff ein subjektives Denken, eine der Sache äußerliche Reflexion ist. Diese Stufe macht daher die Subjektivität oder den formellen Begriff aus. Die Äußerlichkeit desselben erscheint in dem festen Sein seiner Bestimmungen, wodurch jede für sich als ein Isoliertes, Qualitatives auftritt, das nur in äußerer Beziehung auf sein Anderes ist. Die Identität des Begriffes aber, die eben das innere oder subjektive Wesen derselben ist, setzt sie in dialektische Bewegung, durch welche sich ihre Vereinzelung und damit die Trennung des Begriffs von der Sache aufhebt und als ihre Wahrheit die Totalität hervorgeht, welche der objektive Begriff ist.«109

Diese Bemerkungen sind mit großer Vorsicht zu genießen und dürfen nicht dazu verleiten, das Unmittelbare und Formelle des Begriffs mit einer hiermit verbundenen oder verbindbaren willkürlichen Reflexion gleichzusetzen. Ein subjektives Denken stellt der Begriff nicht in Bezug auf ein anderweitig Äußerliches dar, also nicht auf ein Dasein, das ihm vorausläge und wonach er sich richten müsste. Subjektiv ist der Begriff nur in Bezug auf sich selbst, d. h., dass er seine Selbstrealisierung aus sich noch nicht erreicht hat. Nur diese Realisierung ist hier als Sache zu verstehen, d. i. die im zweiten Abschnitt zur Darstellung kommende Objektivität. An diesem Eigenmaßstab gemessen, kann behauptet werden, dass So »ist die Logik selbst allerdings die formelle Wissenschaft, aber die Wissenschaft der absoluten Form, welche in sich Totalität ist und die reine Idee der Wahrheit selbst enthält. Diese absolute Form hat an ihr selbst ihren Inhalt oder Realität; der Begriff, indem er nicht die triviale, leere Identität ist, hat in dem Momente seiner Negativität oder des absoluten Bestimmens die unterschiedenen Bestimmungen; der Inhalt ist überhaupt nichts anderes als solche Bestimmungen der absoluten Form, – der durch sie selbst gesetzte und daher auch ihr angemessene Inhalt.« WdL II, S. 265; GW 12, S. 25. 106 WdL II, S. 270; GW 12, S. 30. 107 Ebd. 108 WdL II, S. 271; GW 12, S. 30. 109 WdL II, S. 270 f.; GW 12, S. 30. 105

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die mit der Unmittelbarkeit einhergehende Subjektivität des Denkens eine der Sache äußerliche Reflexion sei. Es wäre jedoch ein grober Fehler, ginge man davon aus, dass die Einheit von Sache und Denken überhaupt als durch den unmittelbaren Begriff unterschritten würde. Dies ist keineswegs der Fall. Überdies beziehen sich die weiteren Bemerkungen, die etwa vom »festen Sein seiner Bestimmungen«110 sprechen, in erster Linie auf das Urteil.111 Nur dort kann überhaupt von einer wieder zu überwindenden »Vereinzelung«112 die Rede sein. Die Bestimmung des Begriffs als des Einzelnen, woraus dann die »ursprüngliche Teilung seiner«113 allererst hervorgeht, kann zwar als einer (im beschriebenen Sinne) subjektiven Reflexion und einer subjektiven Abstraktion114 angehörig aufgefasst werden, aber der Selbstabstraktionsprozess liegt schon im Scheinunterschied der Begriffsmomente vor. Dieser Prozess bleibt tatsächlich im Begriff als solchen noch im Subjektiven versenkt, ist noch nicht das eigene »Abstrahieren«115 im Urteil, aber dennoch ist schon der »reine oder allgemeine Begriff«116 nicht nur des äußerlichen Abstrahierens (eines gehaltloser werdenden Aufsteigens zu höheren Gattungen) fähig, sondern durchaus immanente Abstraktion gegen sich, wodurch er sich als »bestimmter oder besonderer Begriff […] auf die Seite neben die anderen stellt.«117 Es wäre wiederum ganz falsch, diese Begriffsentgegensetzung gegen sich als nur einem subjektiven Denken geschuldet aufzufassen. Dann unterlägen die Begriffsbestimmungen tatsächlich nur einer äußerlichen Handhabung oder jener verständigen Instanz, worin sie als Vermögen der Begriffe (wie bei Kant) von Haus aus zu bloß bestimmten Begriffen degradiert wären. Demgegenüber spricht Hegel wohlweislich vom »Vermögen des Begriffes überhaupt«,118 was sich nur dann erschließt, wenn wir den Begriff als Begriff in seinen Momenten und in den Bewegungen seiner Momente betrachten. Dies erfordert als unumgängliche Basis die Schau auf jenen Schein, der im Anundfürsichsein als Gesetztsein aus der Bewegung der Wechselwirkung heraus aufgeschienen ist. Im Gegensatz zu der etwas missverständlichen Rede vom bloß subjektiven Denken, das der Sache äußerlich bliebe, muss darauf insistiert werden, den Begriff in seiner immanenten Selbstreflexion zu fassen, wobei diese Reflexion WdL II, S. 271; GW 12, S. 30. Vgl. Noriaki Akaishi, Die Logik der Hegelschen Urteilslehre. Ein Versuch ihrer anthropologischen Interpretation, in: Christoph Jamme/Yohichi Kubo (Hrsg.), Logik und Realität. Wie systematisch ist Hegels System?, München 2012, S. 181-193. 112 WdL II, S. 271; GW 12, S. 30. 113 WdL II, S. 301; GW 12, S. 52. 114 Vgl. hierzu den ersten Absatz über ›Das Urteil‹, WdL II, S. 301; GW 12, S. 53. 115 WdL II, S. 301; GW 12, S. 53. 116 WdL II, S. 273; GW 12, S. 32. 117 Ebd. 118 Ebd. 110 111

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(auch noch in ihrer äußersten Subjektivität) nur der aufscheinende Schein in seiner nach Totalitäten gegliederten einen Totalität sein kann. Demgemäß wird im ersten Satz des ersten Abschnittes der subjektiven Logik, betitelt mit ›Die Subjektivität‹, auf diesen einen Schein abgehoben: »Der Begriff ist zuerst der formelle, der Begriff im Anfang oder der als unmittelbarer ist. – In der unmittelbaren Einheit ist sein Unterschied oder Gesetztsein zuerst zunächst selbst einfach und nur ein Schein, so daß die Momente des Unterschiedes unmittelbar die Totalität des Begriffes sind und nur der Begriff als solcher sind.«119

In diesem einen Schein sind die Begriffsmomente gehalten und liegen so in ihrer Untrennbarkeit vor. Nur wenn sie das Sichbestimmen im Schein formieren, ohne äußerlich gegeneinander verglichen oder gehandhabt zu werden, sprengen sie wiederum diesen Schein von sich aus. Dieser Prozess ist momentan noch nicht in Sicht, aber der sich auslegende Widerspruch und die Bewegung des Sich­ bestimmens werden eine Einhausung in den formellen Begriff nicht zulassen. Was nochmals das Vermögen der Begriffe in Abhebung zum Vermögen des Begriffs betrifft, so lässt sich hieraus die Kennzeichnung des Einzelnen als »Reflexion […] aus der Bestimmtheit in sich zur negativen Bestimmtheit«120 deutlicher darlegen. Nur hieraus erwächst »die mit sich identische Bestimmtheit«,121 welche eine prinzipiell gänzliche Totalität darstellt. Das ist das Vermögen des Begriffs in seiner einzelnen Totalität oder in der Totalität als Einzelnes. Demgegenüber werden im Vermögen der Begriffe bestimmte Begriffe hantiert bzw. einer mehr oder weniger immanenten Synthesis unterworfen. Wenn dieses Vermögen als Verstand bestimmt ist, so folgen gewöhnlicherweise noch die Instanzen der Urteilskraft (gewissermaßen als Vermögen der Urteile) und die Vernunft (gewissermaßen als Vermögen der Schlüsse). – Völlig abgesehen von einer konkreteren Ausgestaltung und spezifischen Gewichtung dieser Instanzen, kommt es Hegel nur darauf an, zu betonen, dass eben hierdurch der Verstand selbst zum »Vermögen des einzelnen bestimmten Begriffs«122 degradiert wird. Was steckt hinter dieser Formulierung? In erster Linie kommt damit zum Ausdruck, dass die Bestimmtheit in ihrer Totalität als das bestimmte Bestimmte verlassen wird, weil die Bestimmtheit nur als Bereich gefasst ist, aus dem ein Vereinzeltes (neben dem andere Vereinzelte liegen bleiben) herausgenommen oder hervorgehoben werden kann. So ist überhaupt nur eine äußerliche Vielheit von einzelnen bestimmten Begriffen vorhanden, auch wenn sie als in systematischer Ordnung stehend und eingebettet in eine bestimmte Funktionalität gefasst sind. Es han WdL II, S. 272; GW 12, S. 31. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. 121 Ebd. 122 WdL II, S. 273; GW 12, S. 32. 119

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delt sich von Haus aus nicht mehr um Totalitäten als solche, sondern bestenfalls um Bestimmungen, die als auf Totalität oder Totalisierung (einheitsstiftend) ausgerichtet sind bzw. zur Etablierung dieser Totalität (in welcher Prozessualität auch immer) erfordert werden. Davon können wir schon in diesem Kontext die Bestimmung des Einzelnen als Begriff abheben. Es handelt sich dabei prinzipiell um gänzliche Totalität, wobei nun freilich alles darauf ankommt, wie diese Totalität vorliegt und, noch wichtiger, wie sie zustande kam. Es genügt also beileibe nicht, diese Totalität nur zu behaupten. Die Bestimmtheit darf nicht einstellige oder ein­dimensionale Bestimmtheit bleiben. Sie bedarf einer Reflexion, die nicht bloß wieder zum Setzen neuer Bestimmtheit wird, sich nicht wieder in bestimmte Prozessualität verläuft, selbst dann nicht, wenn diese schon zur Wesensbewegung des Scheinens, also der Negativität im Gesetztsein, geworden ist. Die Bestimmtheit muss in einen Bezug auf sich gestellt sein, der sie nur bekräftigt, ihr eine Art von Festigkeit verleiht, welche noch über das Feste und Beständige des Wesens hinausgeht. Das passiert am Ende des Wesens tatsächlich, weil die absolute Bestimmtheit der sich gegen sich selbst verkehrenden Substanzen die Durchsicht auf jenen freien Schein freigibt, der nur die innere Notwendigkeit manifestiert und Scheinen auf sich selbst, Reflexion in und auf sich selbst ist. So wird die Bestimmtheit zur Reflexion aus der Bestimmtheit in sich und auf sich zurück. Sie setzt sich im Negativen als des Negativen mit sich identisch, aber nur so, dass die Bestimmtheit selbst bestimmt wird. Dieses Bestimmen ist ein Sichbestimmen, das die Bestimmtheit nicht wieder zerlegt, sie nicht auseinandernimmt nach Seiten oder sie abermals nur in ein Scheinen-in-Anderes versetzt. Es ist vielmehr vollständiges Bestimmen des schon Bestimmten, wodurch ein reiner Wiederholungsvollzug zustande kommt, der jedoch nichts setzt und nichts hervorbringt, nur im reinen Zeigen verbleibt, das auf die Totalität der Bestimmtheit selbst zeigt. Das übertrifft noch das Zeigen des Wesens, das im Manifestieren auslegende Bewegung war, aber das Bestimmte im Gesetztsein hielt. Die erreichte Totalität des Begriffs ist aber Anundfürsichsein als Gesetztsein oder eine Totalität von Totalitäten, die das vollständige Gesetztsein in sich selbst enthalten. Der erwähnte Umstand, dass das Bestimmen des schon Bestimmten kein Hervorbringen impliziert, bezieht sich auf den gleichsam wiederholenden Bestimmungsschritt, durch den die Bestimmtheit nur auf sich selbst festgelegt wird, nichts eingebracht oder veräußert wird, was nicht ohnehin schon mit der Bestimmtheit vorhanden ist. Es ist dies eine punktuelle Beziehung auf etwas prinzipiell Nichtpunktuelles. Der Widerspruch ist damit immanent und die Einzelheit ist dieser Widerspruch, absolute Bewegung und absolutes Bestimmen zu initiieren, ohne jedoch in diese Bewegtheit, in die Veränderung des Werdens oder auch Scheinens, hineingerissen zu werden. Das Bestimmen selbst ist demgegenüber durchaus ein Hervorbringen, und zwar ein begriffliches Hervorbringen aus sich, das ehemals nur als reine Quelle des Hervorbringens aus sich

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in der formellen Kausalität vorgekommen ist. Wie wir auch in dieser Selbstbestimmung der Kausalität gesehen haben, ist das Bestimmen wieder anhebend aus dem aufgehobenen Gesetztsein, aus dem Vollzug des Bestimmens des schon Bestimmten heraus. Der Einzelheitsvollzug ist also Reflexion der Bestimmtheit in sich, so dass die Bestimmtheit unendlich auf sich fixiert wird, aber in dieser Negativität das Bestimmen allererst anhebt. So ist diese Totalität eins mit dem Bestimmen und damit eins mit dem Besondern und der Besonderheit. Das Selbstbestimmen im Sinne des Sichbestimmens ist fixierende Bestimmtheit auf sich, die im Bestimmen des schon Bestimmten das Gesetztsein aufhebt, aber in der sich auf sich beziehenden Negativität das Bestimmen wieder setzt. Letzteres ist wieder der Scheinanfang oder der scheinende Anfang (im immanenten Voraus-Setzen), worauf sich der Wiederholungsvollzug neuerlich bezieht. Darin liegt die rückkehrende Beziehung auf sich als sich gleich machend oder schon in einem Vollzug gleich seiend. Diese begriffliche Gleichheit mit sich ist dieselbe Identität wie die Einzelheit und ebenso derselbe Negativitätsvollzug, aber das Setzen der Identität ist aufhebende Beziehung auf die Bestimmtheit, wogegen in der Einzelheit die Bestimmtheit in ihrem Bestehen festgehalten wird. Die Totalität, welche die Bestimmtheit als aufgehoben in sich enthält, ist das Allgemeine. Sie ist dies, ebenso wie die Einzelheit, nur als sich aus der Negation der Negation bestimmend, sich auf sich beziehende Negativität, wobei jedoch die Beziehung auf sich (zunächst) rein ist bzw. sich rein macht, weil die wiederholende Negation die Bestimmtheit rein zur aufgehobenen Bestimmtheit macht. Dies ist kein Verlust der Bestimmtheit, weder bestimmungslos noch unbestimmt, sondern unendliche oder absolute Bestimmtheit, d. h. vollkommene Bestimmtheit als aufgehobene Bestimmtheit. 3.2 Der allgemeine Begriff 3.2.1 Allgemeines zum Allgemeinen Die Charakterisierung dieser Totalität klingt daher einfach, weil sie »die höchst einfache Bestimmung ist«:123 »Der Begriff ist daher zuerst so die absolute Identität mit sich, daß sie dies nur ist als die Negation der Negation oder als die unendliche Einheit der Negativität mit sich selbst. Diese reine Beziehung des Begriffs auf sich, welche dadurch diese Beziehung ist, als durch die Negativität sich setzend, ist die Allgemeinheit des Begriffs.«124 WdL II, S. 275; GW 12, S. 33. WdL II, S. 274 f.; GW 12, S. 33.

123 124

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Die Einfachheit des Allgemeinen rührt dabei weder von einer Reduktion auf das Einfache her, noch ist sie nur das unmittelbar Einfache. Sie ist einfache Beziehung des Bestimmtseins auf sich, absolut Durchdringendes und Kontinuierliches. Dabei ist sie nicht durchdringend und kontinuierlich, indem sie von allem und jedem prädizierbar ist oder allem eingeschrieben oder ihm übergestülpt werden könnte. Diese allgemeine Sichtweise, alles in seiner Allgemeinheit zu betrachten, als ein prinzipiell allgemeiner Standpunkt, wäre tatsächlich subjektiv, tatsächlich etwas in die Bestimmtheit Hineingelesenes, ein ihr Überlagertes und ebenso wieder von ihr Abtrennbares. Freilich hätte das den Vorteil, die Bestimmtheit nicht zu tangieren, damit kein Äußerliches in sie zu setzen und sie in gewisser Weise sogar zu bewahren. Es wäre eine Kunst und hohe Fähigkeit, diesen Standpunkt durchzuhalten und dauerhaft einzunehmen, d. h. als allgemeine Schau und allgemeines reines Anschauen, ohne dabei in die Welt der Dinge einzugreifen. Dennoch bliebe es ein Entledigen von Bewegung und Vermittlung, zumindest so lange, wie von einem Hervorbringen, von einem Prozess des Kreativen, vom Tun und Handeln überhaupt abgesehen wird. In der Phänomenologie des Geistes rankt sich hierum die Thematik der sogenannten schönen Seele, die einerseits eine Komponente der Zurücknahme enthält, aber auf der anderen Seite schon die Dimension der begrifflichen Aufschließung in sich trägt. Im jetzt besprochenen Kontext der Bestimmung des Allgemeinen als solchen ist zu betonen, dass es als Totalität des Begriffs den Reichtum und die vollständige Prozessualität sowie Vermittlung der Bestimmtheit in sich selbst enthält. Das Allgemeine des Begriffs ist nicht einer noch zu leistenden Anreicherung bedürftig, es ist einfacher Vollzug als Vollzug der Bestimmtheit, die nicht mehr verabsolutiert, nicht losgelöst werden kann, weil es gar nicht ein von der Bewegung der Bestimmtheit Abhebbares ist. »Es ist […] gerade die Natur des Allgemeinen, ein solches Einfaches zu sein, welches durch die absolute Negativität den höchsten Unterschied und Bestimmtheit in sich enthält. […] Das Allgemeine […] ist das Einfache, welches ebensosehr das Reichste in sich selbst ist, weil es der Begriff ist.«125

Nicht nur die Einzelheit ist insichseiend (was der Vorstellung näher kommt), das Allgemeine als solches ist ebenso insichseiend. Sie sind ohnehin nur eine Totalität der sich auf sich beziehenden Negativität, also der Negativitätsvollzug der Bestimmtheit selbst, worin keine Andersheit als äußere Bewegung statthaben kann, ein Außersichkommen letztlich nur in der gegen sich gehenden Negativität beschlossen liegen kann. Selbst der Schein nach außen, von welchem gleich

125

WdL II, S. 275; GW 12, S. 33.

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die Rede sein wird, ist keine äußere Bewegung, worin das Allgemeine durch eine Äußerlichkeit in die eigene Bestimmung gedrängt würde. Das Insichsein und die in diesem Insichsein gehaltene Bewegung geht auch in der Selbstbestimmung, worin sich das Allgemeine selbst zum bestimmten Allgemeinen macht, nicht verloren. Einfachheit und Vermittlung sind weder vereinfacht noch vermittelt. Als Selbst-Vermittlung eröffnen sich aber schon in dieser reinen Bestimmung des Allgemeinen Abstraktionswege, und zwar ein Weg der Abstraktion, der im Subjektiven überhaupt beschritten werden kann, aber auch ein Weg der Selbstabstraktion, der durch die Immanenz der Subjektivität im Sichbestimmen und der Selbst-Bestimmung beschritten werden muss. 3.2.2 Die Bestimmung des Allgemeinen als solchen: Unbeschränktes ­selbstkontinuatives Sollen in sich und der a­ ufscheinende Schein des ­Allgemeinen Das Allgemeine ist Einfaches in sich, aber nicht als von der Vermittlung ab­ strahierend, sondern diese vielmehr vollkommen in sich exekutierend. Dennoch taucht über die Abhebung das Thema der Abstraktion auf. Vorläufig wird es nur anhand des Hinweises dargelegt, dass im Abstraktionsvorgang die Negation der Negation, aber als auf eine missverstandene Weise, durchaus ebenso vorkommt. In der reinen Beziehung auf sich bleibt vorerst in gewisser Weise die Thematik der Abstraktion selbst noch abstrakt. Im Vordergrund steht das wohlverstandene Insichsein: »Es ist daher erstens die einfache Beziehung auf sich selbst; es ist nur in sich. Aber diese Identität ist zweitens in sich absolute Vermittlung, nicht aber ein Vermitteltes. Vom Allgemeinen, welches ein vermitteltes, nämlich das abstrakte, dem Besonderen und Einzelnen entgegengesetzte Allgemeine ist, ist erst bei dem bestimmten Begriffe zu reden. – Aber auch schon das Abstrakte enthält dies, daß, um es zu erhalten, erfordert werde, andere Bestimmungen des Konkreten wegzulassen. Diese Bestimmungen sind als Determinationen überhaupt Negationen; ebenso ist ferner das Weglassen derselben ein Negieren. Es kommt also beim Abstrakten gleichfalls die Negation der Negation vor. Diese gedoppelte Negation aber wird vorgestellt, als ob sie demselben äußerlich sei und sowohl die weggelassenen weiteren Eigenschaften des Konkreten von der beibehaltenen, welche der Inhalt des Abstrakten ist, verschieden seien, als auch diese Operation des Weglassens der übrigen und des Beibehaltens der einen außer derselben vorgehe. Zu solcher Äußerlichkeit hat sich das Allgemeine gegen jene Bewegung noch nicht bestimmt; es ist noch selbst

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in sich jene absolute Vermittlung, welche eben die Negation der Negation oder absolute Negativität ist.«126

In der sich in sich vermittelnden Negativität unterliegt das Allgemeine keiner Grenze und keiner Schranke, seine Begrenztheit, die es sich gegen sich selbst schafft, ist ebenso wieder ins Insichsein zurückgenommen. Die Identität ist im Anundfürsichsein als Gesetztsein nicht mehr Identität im Gesetztsein, es ist schon Totalität als das vollständige Gesetztsein in sich enthaltend, somit positive Identität mit sich. Bereits das seinslogische Etwas ist als Schranke insichseiend und als Negation der Negation bestimmt. Die einfache Grenze wird als in seinem Insichsein nochmals überschritten, das immanente Anderssein ist in die gegen sich selbst gekehrte Beziehung hineingenommen. So ist es nicht nur die Grenze, sondern Bewegung gegen sich, worin es sich quasi die Grenze in sich selbst verdeutlicht, sie als Negatives behält, aber zugleich diese Negativität im Insichsein übersteigt. Es ist nicht nur Begrenzt-Sein, es expliziert sich die Grenze in sich, so dass es eine Beziehung darauf hat, worin dennoch die Negativität nicht verloren ist: »Indem […] das Anderssein als Grenze, selbst als Negation der Negation, bestimmt ist, so ist das dem Etwas immanente Anderssein als die Beziehung der beiden Seiten gesetzt, und die Einheit des Etwas mit sich, dem sowohl die Bestimmung als die Beschaffenheit angehört, [ist] seine gegen sich selbst gekehrte Beziehung, die seine immanente Grenze in ihm negierende Beziehung seiner an sich seienden Bestimmung darauf. Das mit sich identische Insichsein bezieht sich so auf sich selbst als sein eigenes Nichtsein, aber als Negation der Negation, als dasselbe negierend, das zugleich Dasein in ihm behält, denn es ist die Qualität seines Insichseins. Die eigene Grenze des Etwas, so von ihm als ein Negatives, das zugleich wesentlich ist, gesetzt, ist nicht nur Grenze als solche, sondern Schranke.«127

Das Pendant zur Schranke, die sich als in sich und gegen sich überstiegene Grenze bestimmen lässt, ist jene Beziehung, in der sich das Etwas wieder von seiner Beschränktheit unterscheidet, aber so, dass diese immanente Abhebung dennoch wieder seinem Ansichsein angehört. Damit ist das Etwas nicht nur über seine Schranke hinaus, es wird über sich selbst hinausgetrieben, soll also schon dort nicht mehr sein, wo es ist. Die Negation der bereits als negativ bestimmten Grenze ist in der Schranke in sich zurückgesetzt, aber in dieser Negativität wieder außer sich gehend. Als eigene ansichseiende Bestimmung, worin diese Veräußerung nicht durch Anderes hervorgerufen wird und nicht bloß äu126

WdL II, S. 275 f.; GW 12, S. 33 f. WdL I, S. 142 f.; GW 21, S. 118 f.

127

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ßerliches Übergehen nach sich zieht, ist es Sollen. Das Etwas ist beschränkt, aber es soll schon unbeschränkt sein. »...die Schranke ist nicht allein das als negiert Gesetzte; die Negation ist zweischneidig, indem das von ihr als negiert Gesetzte die Grenze ist; diese nämlich ist überhaupt das Gemeinschaftliche des Etwas und des Anderen, auch Bestimmtheit des Ansichseins der Bestimmung als solcher. Dieses Ansichsein hiermit ist als die negative Beziehung auf seine von ihm auch unterschiedene Grenze, auf sich als Schranke, Sollen.«128

Beide Momente, die Schranke und das Sollen, gehören immer noch dem Endlichen an, aber dem Sollen ist die Gerichtetheit auf das Andere des Endlichen dezidiert eingeschrieben. Es ist zwar selbst noch beschränkt, aber gerade seine Einheit mit der Schranke ist der Widerspruch, d. i. die widersprechende Bewegung, welche das Endliche aufhebt oder es als solches der Vergänglichkeit anheimstellt. Das sich hierauf einstellende Unendliche ist somit »das ausgeführte Sollen«,129 worin zunächst einmal der »Begriff des Unendlichen«130 erreicht wird. Dieser Begriff steht, wie immer, in der Ambivalenz, nur erst der Begriff als unmittelbarer zu sein, aber ebenso schon das wahrhaft Begriffliche darzustellen. Letzteres führt dazu, dass wir mit der Unendlichkeit an sich bereits die Allgemeinheit berühren, sie mit der ausschließlichen Kennzeichnung als Unendliches zwar nicht ausreichend erfassen können, aber in gewisser Weise einen Lichtstrahl erhaschen und die sich aufschließende Freiheit vorausahnen: »Bei dem Namen des Unendlichen geht dem Gemüt und dem Geiste sein Licht auf, denn er ist darin nicht nur abstrakt bei sich, sondern erhebt sich zu sich selbst, zum Lichte seines Denkens, seiner Allgemeinheit, seiner Freiheit.«131

Abgesehen von der angesprochenen Gemütslage, in der sich im heutigen Philosophiebetrieb kaum noch jemand befinden wird, so ist der Sache nach im Unendlichen das Sollen realisiert bzw. vorläufig (zusammen mit der Schranke) verschwunden, weil es im »Nichts des Endlichen«132 untergeht. Dieser Untergang steht aber für die andere Seite des Begriffs, seine Unentfaltetheit und Unmittelbarkeit, die an dieser Stelle einen Rückfall in das seiende Anderssein bedeutet. In dieser Konstellation ist das Unendliche nur »das Schlecht-Unendliche, das Un WdL I, S. 143; GW 21, S. 119. WdL I, S. 151; GW 21, S. 126. 130 WdL I, S. 150; GW 21, S. 125. 131 Ebd. 132 WdL I, S. 151; GW 21, S. 126. 128

129

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endliche des Verstandes«,133 das sich aber damit selbst wiederum nur in die Verendlichung setzt. Es bedarf erst der sich ausführenden Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen, um zur affirmativen Unendlichkeit zu gelangen. Sie in ihrer Idealität ist schließlich das Fürsichsein als »absolutes Bestimmtsein«,134 das in dieser Charakterisierung einen Vorausverweis auf das Einzelne enthält. Was aber das Allgemeine betrifft, so ist es als das »absolut Unendliche«135 das erfüllte Sollen oder ein Sollen in sich, worin das Bestimmen und Weiterbestimmen keine Beschränkung nach sich zieht. »Nach dieser ursprünglichen Einheit ist fürs erste das erste Negative oder die Bestimmung keine Schranke für das Allgemeine, sondern es erhält sich darin und ist positiv mit sich identisch. […] Das Allgemeine [...], wenn es sich auch in eine Bestimmung setzt, bleibt es darin, was es ist. Es ist die Seele des Konkreten, dem es inwohnt, ungehindert und sich selbst gleich in dessen Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit. Es wird nicht mit in das Werden gerissen, sondern kontinuiert sich ungetrübt durch dasselbe und hat die Kraft unveränderlicher, unsterblicher Selbsterhaltung.«136

Das sich erfüllende oder in sich bleibende Sollen stellt eine Bewegung dar, die als Selbstkontinuierung gekennzeichnet werden kann. Darin bleibt sich das Allgemeine einerseits in der Bestimmung gleich, unterliegt also nicht der Veränderlichkeit, aber ist andererseits ebenso Eigenbewegung oder Eigenkontinuation, wodurch allererst Bestimmungen gesetzt werden. Insbesondere kontinuiert sich das Allgemeine über die Besonderung in die Einzelheit, wobei es in den veräußerten Besonderheiten und im äußersten Einzelnen wiederum nur in positiver Gleichheit mit sich verbleibt. Die Gleichheit ist dabei nur Gleichheit in der Selbstbestimmung, keine abstrakte Gleichheit, die den Weg in die Bestimmtheit gegen sich nicht eröffnen könnte. Wir werden noch sehen, wie entscheidend das formierende und schöpferische Bestimmen sein wird, ohne diesen Prozess ist das aufscheinende oder hervorscheinende Scheinen des Allgemeinen (nach innen und außen) nicht zu begreifen. Der Fokus lag bislang noch auf der Abhebung zum Übergehen bzw. auf der ersten Negation, aber das Allgemeine ist in seinem positiven Schein auch noch über das Scheinen in Anderes, also das relationale Scheinen anhand der gedoppelten Negation, hinaus:

135 136 133

134

WdL I, S. 152; GW 21, S. 127. WdL I, S. 174; GW 21, S. 144. WdL II, S. 274; GW 12, S. 33. WdL II, S. 276; GW 12, S. 34.

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»Ebenso scheint es aber nicht nur in sein Anderes wie die Reflexionsbestimmung. Diese als ein Relatives bezieht sich nicht nur auf sich, sondern ist ein Verhalten. Sie gibt sich in ihrem Anderen kund, aber scheint nur erst an ihm, und das Scheinen eines jeden an dem Anderen oder ihr gegenseitiges Bestimmen hat bei ihrer Selbständigkeit die Form eines äußerlichen Tuns. – Das Allgemeine dagegen ist gesetzt als das Wesen seiner Bestimmung, die eigene positive Natur derselben. Denn die Bestimmung, die sein Negatives ausmacht, ist im Begriffe schlechthin nur als ein Gesetztsein oder wesentlich nur zugleich als das Negative des Negativen, und sie ist nur als diese Identität des Negativen mit sich, welche das Allgemeine ist. Dieses ist insofern auch die Substanz seiner Bestimmungen; aber so, daß das, was für die Substanz als solche ein Zufälliges war, die eigene Vermittlung des Begriffes mit sich selbst, seine eigene immanente Reflexion ist. Diese Vermittlung, welche das Zufällige zunächst zur Notwendigkeit erhebt, ist aber die manifestierte Beziehung; der Begriff ist nicht der Abgrund der formlosen Substanz oder die Notwendigkeit als die innere Identität voneinander verschiedener und sich beschränkender Dinge oder Zustände, sondern als absolute Negativität das Formierende und Erschaffende, und weil die Bestimmung nicht als Schranke, sondern schlechthin so sehr als aufgehobene, als Gesetztsein ist, so ist der Schein die Erscheinung als des Identischen.«137

Wiederum liegt der logische Fortschritt nur in einer Nuance, aber eben diese Geringfügigkeit ist entscheidend, um das wesensmäßige Scheinen vom Schein des Allgemeinen abzuheben. Was im Allgemeinen scheint, ist der aufscheinende Schein des Begriffs, der die Selbstmanifestation der noch inneren Identität oder der inneren Notwendigkeit ausmacht. Die Vermittlungsbewegung des absoluten Verhältnisses hat sich inkorporiert in die Totalität des Begriffs, dessen Momente die Vollständigkeit des Gesetztseins in sich enthalten, Reflexionen aus der Bestimmtheit in sich sind. Wenn das Allgemeine als die Substanz seiner Bestimmungen angegeben wird, so ist die Totalität des Akzidentellen nicht mehr als in einem Verhältnis bestehend, es ist nur selbstvermittelndes Bestimmen, das hierin kontinuierlich und kontinuierend allgemein bleibt. Neben den (erneut nur äußerlich metaphorisch und pathetisch anmutenden) Kennzeichnungen des Allgemeinen als »freie Macht«,138 »freie Liebe und schrankenlose Seligkeit«,139 die in erster Linie für das gewaltlos Durchgreifende, das Beisichsein im Anderen sowie das ungehindert Umgreifende stehen, kommt alles darauf an, zu erfassen, dass das Allgemeine in seiner »absolute[n] Negativität das Formierende und Erschaffende«140 ist. Nur diese Bestimmung ist eigentümlich WdL II, S. 276 f.; GW 12, S. 34 f. WdL II, S. 277; GW 12, S. 35. 139 Ebd. 140 Ebd. 137

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spekulativ, die anderen Bestimmungen gelten auch vom abstrakt Allgemeinen. Letzteres bleibt als Abstraktes in seiner Anwendung auf Anderes (die als solche schon unspekulativ ist) ebenso bei sich (auch wenn es sich kaum ziemen würde, es deshalb schon mit freier Liebe in Verbindung zu bringen), und es ist auch so, dass es leichtfertig und mühelos alles und jedes umgreifen kann. Hegel verwendet für diese Art des allumgreifenden Allgemeinen den Ausdruck »Kleid«,141 mit dem aber das Bestimmte letztlich nur eingewandet und überworfen wird. So ist es nur das (oben bereits genannte) Überlagernde, dem sich zwar nichts zu entziehen vermag, das aber zugleich nie eine Einheit bilden kann. Es reicht jedoch keineswegs aus, dass »das Bestimmte bekleidet ist«,142 das Allgemeine »erhält sich in seiner Bestimmtheit, nicht nur so, daß es in der Verbindung mit ihr nur gleichgültig gegen sie bliebe – so wäre es nur mit ihr zusammengesetzt -, sondern«143 so, dass es als Einheit der Totalität positives Aufscheinen (quasi als ein Ausleuchten von innen) der Bestimmtheit selbst ist. Nur hierin ist das Bestimmte reflektiert und so auf sich zurückbezogen, dass es zugleich als Bestimmtheit aufgehoben und im Sinne der Einzelheit ebenso als Bestimmtheit bestimmt ist. Nur wenn wir zu dieser Einsicht vordringen, eröffnet sich auch jene (noch bei weitem wichtigere, aber noch schwerer zu fassende) Bestimmung, dass das spekulativ gefasste Allgemeine von sich aus und aus sich heraus schöpferisch, formierend und erschaffend ist. Diesbezüglich müssen wir stets die spezifische Verfasstheit der Bestimmtheit im Blick haben, sie ist dem Begriff nicht abgezogen und nicht hinzugefügt, sie ist der eigene Inhalt der Begriffseinheit, deren Momente selbst Totalitäten sind, auch wenn sie ein und dieselbe Bestimmtheit andersartig (aber nicht verändernd) reflektieren oder den aufscheinenden Schein des Begriffs im Bestimmten andersartig zur Geltung bringen. 3.2.3 Das Allgemeine in seiner Bestimmtheit: Formierende Selbstbestimmung und Doppelschein Abstraktion und Selbstabstraktion »Es ist soeben der Bestimmtheit erwähnt worden, obgleich der Begriff nur erst als das Allgemeine und nur mit sich Identische noch nicht dazu fortgegangen ist. Es kann aber von dem Allgemeinen nicht ohne die Bestimmtheit, welche näher die Besonderheit und Einzelheit ist, gesprochen werden; denn es enthält sie in seiner absoluten Negativität an und für sich; die Bestimmtheit wird also nicht von außen dazu genommen, wenn beim Allgemeinen von ihr gesprochen wird. Als Negativität überhaupt oder nach der ersten, unmittelbaren Negation hat es die Bestimmt Vgl. hierzu den Einleitungsteil zum Religionskapitel in der Phänomenologie des Geistes; PhdG, S. 497 u. 498; GW 9, S. 364 u. 365. 142 WdL II, S. 283; GW 12, S. 39. 143 WdL II, S. 278; GW 12, S. 36. 141

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heit überhaupt als Besonderheit an ihm; als Zweites, als Negation der Negation ist es absolute Bestimmtheit oder Einzelheit und Konkretion. – Das Allgemeine ist somit die Totalität des Begriffes, es ist Konkretes, ist nicht ein Leeres, sondern hat vielmehr durch seinen Begriff Inhalt – einen Inhalt, in dem es sich nicht nur erhält, sondern der ihm eigen und immanent ist. Es kann von dem Inhalte wohl abstrahiert werden; so erhält man aber nicht das Allgemeine des Begriffs, sondern das Abstrakte, welches ein isoliertes, unvollkommenes Moment des Begriffes ist und keine Wahrheit hat.«144

Das abstrakt Allgemeine hat keinen immanenten Inhalt, es muss ihm der Inhalt gegeben werden, wobei dann dieses Auseinander nie mehr zu einer echten Einheit vereinigt werden kann. Im Abstrakten ist jedoch das Losgelöstsein, das Nicht-Verhaftetsein zu einer Ausprägung gekommen, die dem Allgemeinen überhaupt eignet. So ist der Weg in die Abstraktion stets offen, weil er zur Bewegung des Allgemeinen dazugehört. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt besteht nun darin, diese Eigenbewegung selbst nochmals mit der Abstraktionsbewegung in Verbindung zu sehen. Die diesbezügliche These lautet, dass die Tiefe der Abstraktion, d. h. die nicht bloß oberflächlich abstrakt allgemeine Behandlung des Bestimmten, sondern die gänzliche Einlassung auf das absolut Abstrakte, spekulativ zur Einzelheit führt und sie nichts anderes darstellt als das durchgeführt Abstrakte als der sich zur Selbstabstraktion bestimmt habende Begriff. Der angedeutete Erkenntnis-Weg kann jedoch nur dann eingeschlagen werden, wenn von der Bestimmung des inhaltsvollen, sich kontinuierenden und schöpferisch schaffenden Allgemeinen nicht abgesehen wird. Die Selbstabstraktion, sofern sich von ihr sprechen lässt, könnte sich nur auf dieser Basis vollziehen, die äußerliche Abstraktion hat ohnedies keine Eigenbewegung, unterliegt von Haus aus nur einer Anwendung oder einem äußerlichen Sollen, das allerhöchstens noch in einem nicht-spekulativen Theoriekonzept seine Stelle und seinen Stellenwert haben kann. Wie erwähnt, so stellt es im vorliegenden Kontext die größte denkerische Herausforderung dar, die allgemeine Selbstbestimmung des Begriffs als »schöpferische Macht«145 und als hervorbringendes »Schaffen«146 zu denken. Alle anderen Kennzeichnungen lassen sich auch dem Abstrakten leicht andichten, um es funktional einzusetzen, aber das formierende Erschaffen ist prinzipiell jeglicher Funktionalität, Anwendbarkeit und Hantierbarkeit entgegen. Zunächst muss die formierende Selbstbestimmung als mit der absoluten Nega­tivität des aufscheinenden Scheins des Begriffs immanent einhergehend WdL II, S. 277 f.; GW 12, S. 35. WdL II, S. 279; GW 12, S. 36. 146 WdL II, S. 279; GW 12, S. 37. 144 145

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gedacht werden. Wenn die Bestimmtheit nicht von außen hinzugefügt wird und sich damit nicht mehr als äußerliche Grundlage betrachten lässt, die eventuell bloß perspektivisch zu divergenten Auffassungsarten führen mag, so ist die Bestimmtheit des Allgemeinen eine Bestimmtheit und Negativität gegen sich selbst. Es negiert sich und die Konsequenzen dieser Negativität betreffen seine eigene Bestimmung. Die Allgemeinheit ist kein abstraktes Beisichbleiben, es bleibt nur so bei sich, dass es sich auf sich selbst beziehend mit sich konfrontiert, in sich und aus sich heraus gegen sich gekehrt ist, obwohl es sich nicht äußerlich ins Nichtallgemeine verliert. Die sich im obigen Zitat findenden Zuordnungen, nach welchen einerseits die Bestimmtheit gemäß der ersten oder unmittelbaren Negation den Konkretisierungsschritt vom Allgemeinen zur Besonderheit bedeutet, und andererseits die zweite Negation als Negation der Negation zu absoluter Bestimmtheit und somit zur »Einzelheit und Konkretion«147 führt, sind zwar zutreffend, aber reichen nicht aus, um diese Kontinuationsbewegung begreiflich zu machen. Leider verleiten sie hin und wieder dazu, sich mit einer derartigen Charakterisierung zu begnügen. Dann blieben wir im besten Fall bei einer spekulativen Nacherzählung, also der bloßen Wiedergabe dessen, was hier sachlich vorgestellt wird. Freilich wäre es häufig wünschenswert, wenn diverse Interpretationen überhaupt einmal diesen Schritt vollzögen, weil es zumeist schon an einer adäquaten Darstellung des Behaupteten mangelt, geschweige denn, dass diese Behauptungen begreiflich gemacht würden. Kritik, die sich derartiger Mühe für enthoben vermeint, basiert nur mehr auf Nacherzählung, weit weg von jeder Spekulation und Sachlichkeit. Momentan besteht die Aufgabe darin, die Eigenbestimmung und Eigenbestimmtheit des spekulativen Allgemeinen zu denken. Wodurch zeichnet es sich aus, worin genau liegt der Widerspruch? – Es ist Bestimmtheit gegen sich selbst, wodurch es Bestimmtheit setzt und sich bestimmt, aber es bleibt in dieser Selbstbestimmung bei sich, ist nur Allgemeines, wenn die Bestimmtheit ebenso im Vollzug des Bestimmens aufgehobene Bestimmtheit ist. Beides, das Bestimmen und das Aufheben des Bestimmens, sind Bewegungen des Allgemeinen und nur eine Bewegung, worin jedoch die erwähnten Negationsschritte vollzogen werden und auch nach ihren jeweiligen Konsequenzen auseinandergelegt werden können. Einerseits setzt sich also das Allgemeine herab, indem es durch das Setzen der Bestimmtheit selbst Bestimmtes wird, aber andererseits ist das Setzen oder Reflektieren sein eigenes, so dass das gesetzte Bestimmte wiederum nur ein Allgemeines bleiben kann. Als Totalität kann es kein Bestimmtwerden von außen geben, die Bestimmtheit und das Reflektieren sind selbst total, aber die bestimmende Bewegung gegen sich kann nur wieder auf die Bestimmtheit gehen, differiert diese und setzt bereits an dieser Stelle das Bestimmen des schon 147

WdL II, S. 277; GW 12, S. 35.

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Bestimmten, also den Einzelheitsvollzug, in Gang. Das spekulative Allgemeine ist nicht widerspruchslos, es ist der sich setzende oder bestimmende Widerspruch, insofern es nicht nur entgegengesetzte Bewegungen vereint, sondern vielmehr die eigene Selbständigkeit so bewahrt, dass es sich von sich und gegen sich selbst ausschließt. Das Ausgeschlossene selbst, das durch den Negationsschritt in Ausgeschlossenen besteht, ist aber kein Reflexionsprodukt, keine weitere Reflexionsbestimmung, sondern wiederum nur der Begriff selbst. Dies ist die Begriffsbewegung, sich gegen sich selbst zu bestimmen, bestimmte Begriffe zu setzen, aber in diesen wieder nur totaler Begriff zu bleiben. Erst wenn sich der Ausschließungs- und Selbstabstraktionsprozess auf die Spitze treibt, also noch in allen Konsequenzen über die erste Negation hinausgeht, sprengt der Begriff seine absolute Identität (gleichsam von innen her) und teilt sich in das Zueinander von selbständigen und gleichgültigen Momenten. Vorläufig aber durchläuft sich der Begriff maßgeblich gegen sich selbst und kontinuiert sich in seine Momente, was zunächst einmal dazu führt, dass das Allgemeine in der Bestimmtheit nur Allgemeines ist, sofern es als Bestimmtes mit sich selbst verglichen wird. So als von seinen eigenen Momenten unterschieden, sich selbst bestimmend, ist es bloß Allgemeines gegen das Unterschiedene: »Weil der Begriff die Totalität ist, also in seiner Allgemeinheit oder rein identischen Beziehung auf sich selbst wesentlich das Bestimmen und Unterscheiden ist, so hat er in ihm selbst den Maßstab, wodurch diese Form seiner Identität mit sich, indem sie alle Momente durchdringt und in sich faßt, ebenso unmittelbar sich bestimmt, nur das Allgemeine gegen die Unterschiedenheit der Momente zu sein.«148

Die Totalität des Allgemeinen macht sich durch seine negative Verfasstheit zum nur Allgemeinen gegen sich selbst. Damit ist an sich die Besonderung gesetzt und die Allgemeinheit sich veräußernd. Es reflektiert nur sich gegen sich und scheint nach außen, aber in dieser Veräußerung bleibt es bei sich und zieht oder bezieht auch die Reflexion oder den Schein wieder nur auf sich. Dies ist der immanente Doppelschein des Allgemeinen: »Näher ergibt sich das Allgemeine so als diese Totalität. Insofern es die Bestimmtheit in sich hat, ist sie nicht nur die erste Negation, sondern auch die Reflexion derselben in sich. Mit jener ersten Negation für sich genommen, ist es Besonderes, wie es sogleich wird betrachtet werden; aber es ist in dieser Bestimmtheit wesentlich noch Allgemeines; diese Seite muß hier noch aufgefaßt werden. – Diese Bestimmtheit ist nämlich als im Begriffe die totale Reflexion, der Doppelschein, einmal der Schein nach außen, die Reflexion-in-Anderes, das andere Mal der Schein nach in148

WdL II, S. 273 f.; GW 12, S. 32.

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nen, die Reflexion-in-sich. Jenes äußerliche Scheinen macht einen Unterschied gegen Anderes; das Allgemeine hat hiernach eine Besonderheit, welche ihre Auflösung in einem höheren Allgemeinen hat. Insofern es nun auch nur ein relativ Allgemeines ist, verliert es seinen Charakter des Allgemeinen nicht; es erhält sich in seiner Bestimmtheit, nicht nur so, daß es in der Verbindung mit ihr nur gleichgültig gegen sie bliebe – so wäre es nur mit ihr zusammengesetzt -, sondern daß es das ist, was soeben das Scheinen nach innen genannt wurde. Die Bestimmtheit ist als bestimmter Begriff aus der Äußerlichkeit in sich zurückgebogen; sie ist der eigene, immanente Charakter, der dadurch ein Wesentliches ist, daß er, in die Allgemeinheit aufgenommen und von ihr durchdrungen, von gleichem Umfange, identisch mit ihr, sie ebenso durchdringt; es ist der Charakter, welcher der Gattung angehört, als die von dem Allgemeinen ungetrennte Bestimmtheit. Er ist insofern nicht eine nach außen gehende Schranke, sondern positiv, indem er durch die Allgemeinheit in der freien Beziehung auf sich selbst steht. Auch der bestimmte Begriff bleibt so in sich unendlich freier Begriff.«149

Das spekulative oder unendliche Allgemeine ist ein Allgemeines, das immer noch die Bestimmung der Grenze in sich trägt, aber deshalb aufgehoben in sich trägt, weil es alle Grenzen umfasst bzw. vielmehr diese Grenzen setzt. Es ist hervorbringendes Einteilen oder ein Einteilen gegen sich, das jedoch nicht von einem abstrakten Überallgemeinen ausgeht, um dieses in kleinere Einheiten aufzugliedern, sondern es ist ein schöpferisches Bestimmen und Selbstbestimmen, worin sich die Unterschiede aus der sich auf sich selbst beziehenden Negativität heraus formieren. Diese schaffende Formierungstätigkeit, in der sich das Sollen in sich erfüllt, ist dem spekulativ gefassten Allgemeinen eigentümlich und hierin ist es von jeglichen anderen Allgemeinheitskonzeptionen abgehoben. Um diese hervorbringende Tätigkeit, die sich von der nur bekleidenden und äußerlich bleibenden Tätigkeit (wie oben ausgeführt) prinzipiell unterscheidet, auch tatsächlich zu begreifen und zu denken, ist es unerlässlich, sich die Abkunft aus der Substanzbestimmung und näher der Bestimmung der passiven Substanz stets vor Augen zu führen. Dies macht es so wichtig, das absolute Verhältnis, wie im zweiten Kapitel geschehen, äußerst genau zu erfassen. Die Substanz war nämlich bereits Macht und die »Identität des Scheinens«150 als Totalität, aber der allgemeine Begriff ist die »freie Macht«151 oder die frei gewordene oder auch befreite Macht, in der die Innerlichkeit der Notwendigkeit in den freien Schein herausgetreten ist. Dieser Schein ist nicht mehr nur die »scheinende Totalität«152 der Akzidentalität, die als im Verhältnis begriffen der Relationalität als solcher 151 152 149

150

WdL II, S. 278; GW 12, S. 35 f. WdL II, S. 220; GW 11, S. 395. WdL II, S. 277; GW 12, S. 35. WdL II, S. 219; GW 11, S. 394.

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unterworfen blieb, sich aber noch nicht frei gegen sich als ein Relativiertes oder genauer noch als ein Sich-Relativierendes bestimmen konnte. Eben dies ist jedoch gerade die Bestimmung des Allgemeinen, sich gegen sich selbst zu relativieren, Relationalität in die Bestimmtheit zu bringen, aber dabei immer noch »Reflexion aus der Bestimmtheit in sich«153 zu sein. Bezogen auf ersteres, so ist das Allgemeine Reflexion-in-Anderes und selbstrelativierendes Scheinen nach außen, bezogen auf letzteres, so ist das Allgemeine Reflexion-in-sich und Scheinen nach innen. Diese Bezogenheiten sind nur eine Beziehung und eine »totale Reflexion«,154 im doppelten Scheinen einer Einheit, deren Bestimmtsetzen die Zurückbiegung oder Zurückbeugung aus der Veräußerung in sich impliziert. Das Selbstbestimmen, wodurch sich das Allgemeine in die Bestimmtheit gegen sich versetzt, ist nicht mehr nur wesensmäßiges Scheinen in Anderes, sondern jener aufscheinende Schein auf sich, der aus der Wechselwirkung resultierte und in dem die in notwendiger Verinnerlichung substantiierten Selbständigkeiten nichtsdesto­weniger »als identische scheinen«155 konnten. Die zu diesem Schein befreite Macht hält die aus der Selbstbestimmung hervorgehenden Eigenbestimmtheiten, also die relativ zueinander gesetzten Allgemeinheiten, immer noch in der Identität, so dass die Bestimmtheiten wieder den sich in sich erfüllenden Schein an ihnen haben. Im Schein nach außen hingegen gliedert sich das Allgemeine, indem sich die Bestimmtheiten in allgemeiner Kontinuation unendlich verbreiten und sich in mannigfachen Formen ergehen. Dies ist ein Kontinuationsprozess, worin sich das Allgemeine ins Einzelne kontinuiert, und ebenso ein kontinuierlicher Prozess, der ununterbrochen kreativ verläuft. Ein vages (und freilich falsches) Bild hiervon böte der dynamisierte arbor porphyriana,156 der zugleich wachsend und absterbend sich von ihm selbst her in Bewegung versetzen würde. Diese nach außen gehende und sich veräußernde Bewegung ist das Scheinen nach außen, in dem Allgemeines in Allgemeines scheint, das sich wiederum besondert und vereinzelt, aber hieraus schon wieder eine neue Allgemeinheitsbestimmung und Allgemeinheitsbestimmtheit hervorgebracht hat. Hegel hat hierbei in erster Linie jenen Prozess im Blick, der in der Besonderung des Allgemeinen, das sich selbst entgegnet, zu einem höheren Allgemeinen führt. Das ist der synagogisch aufsteigende Gattungsprozess, in welchem aus dem sich entgegnenden Setzen heraus stets höherstufige Gattungen erwachsen. Verläuft sich dieser Prozess ohne Rückbezüglichkeit auf das Scheinen nach innen, so entspricht dies einem 155 156 153

154

WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. WdL II, S. 278; GW 12, S. 35. WdL II, S. 240; GW 11, S. 409. Vgl. hierzu das Kapitel ›Die Arbor porphyriana und das Problem des Individuellen‹ in: Franz Ungler, Individuelles und Individuationsprinzip in Hegels Wissenschaft der Logik, Freiburg/München 2017, S. 68-75.

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aufsteigenden Einteilen, in welchem die Bestimmungen zwar immer umfassender, aber auch immer abstrakter werden. Der Sache nach betrifft das Scheinen nach außen aber nicht bloß den Prozess von den niedrigeren Gattungen zu den höheren, es ist in seiner Gesamtheit vielmehr eine Bewegung, die ebenso vom Allgemeineren zum weniger Allgemeinen fortschreitet. Dies entspricht einer dynamisierten Dihairesis (als der Gegen­ bestimmung zur Synagoge), die in der sich auf sich beziehenden Negativität eine hervorbringende Selbstbewegung im Sinne der spezifizierenden Besonderung nach sich zieht. Verbildlicht (und damit immer noch unspekulativ) handelt es sich insgesamt um eine Aufwärts- und Abwärtsbewegung in Richtung eines Höhersetzens und Niedrigersetzens des Allgemeinen. Diese bildliche Vorstellung, die bei sonstigen logischen Konstellationen nicht einmal ansatzweise erwogen werden kann, kommt hier deshalb in Frage, weil es sich um eine Abstraktionsbewegung handelt, die den bestimmten Begriff forciert, ohne dabei in der Veräußerung die ebenso statthabende Relativierung nach innen in einer Einheit zu denken. Jegliche Denkvergessenheit gibt Raum (und Zeit)157 für Bildlichkeit, die, wie komplex und subtil sie auch ausgestaltet sein mag, mit einem simplen Oberen und Unteren, einem Höheren und Niedrigeren (und womöglich einem Dazwischen) bzw. auch mit einem Früheren und Späteren operiert. 3.2.3.1 Erläuterungen des Scheinens nach außen im Vorblick auf das ­synthetische Erkennen Im weiteren Verlauf der Wissenschaft der Logik tauchen Motive dieses Scheinens nach außen in den Momenten des synthetischen Erkennens wieder auf. Aufgrund der dort schon erreichten Idee ist es jedoch nicht angebracht, eine vereinfachte Parallelisierung vornehmen zu wollen. Dennoch kann festgehalten werden, dass zunächst einmal in der Definition der genannte synagogische Prozess in den Bemühungen des endlichen Erkennens wieder auftritt. Im Unterschied zur allgemeinen Bestimmung des betrachteten Scheinens nach außen, liegt dort eine Voraussetzung vor, die gar nicht vom sich selbst bestimmenden Begriff gesetzt wurde. Weil der Begriff in der ihm entsprechenden Realität noch nicht in sich und aus sich zur Einzelheit gekommen ist, bleibt dieses Erkennen noch subjektiv und hat also umgekehrt »einen äußerlichen Anfang […] am Einzelnen«,158 das noch dazu den Stellenwert eines unmittelbar gegebenen Gegenstandes hat. Demgegenüber ist es das Geschäft des Definierens, das Allgemeine dieses Ge Vgl. Karin de Boer, Begriff und Zeit. Die Selbstentäußerung des Begriffs und ihre Wiederholung in Hegels spekulativem System, in: Friedhelm Nicolin/Otto Pöggeler (Hrsg.), Hegel-Studien Bd. 35, Hamburg 2002, S. 11-49. 158 WdL II, S. 513; GW 12, S. 210 f. 157

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genstandes zu erfassen und seine bestimmte Art anzugeben. Die Allgemeinheit wird also als genus proximum selbst schon als besonderte bestimmt und die Geartetheit ohnehin in der differentia specifica durch das Besondere ausgedrückt. Der Bewegung des Definierens ist damit ein unbegriffliches Element eingeschrieben, obwohl der Begriff als Begegnung seiner mit den Begriffsbestimmtheiten gesetzt ist. Das Einzelne dient nur als das Ineinssetzen, aber der Begriff selbst kommt im definitorischen Erkennen nicht zu sich, erfasst nicht seine eigene einzelne Bestimmung: »Der Gegenstand wird […] als Allgemeines gefaßt, welches zugleich wesentlich Bestimmtes ist. Der Gegenstand selbst ist das Dritte, das Einzelne, in welchem die Gattung und die Besonderung in eins gesetzt ist, und ein Unmittelbares, welches außer dem Begriffe, da er noch nicht selbstbestimmend ist, gesetzt ist.«159

Abgesehen von bereits nach einem bestimmten Zweck hergestellten Gegenständen, die dadurch ihre wesentliche Besonderung ohnehin schon an ihnen haben, und bestimmten mathematischen Gegenständen, die auf abstrakten und in sie gesetzten Grundlagen basieren, kommt das definitorische Verfahren bei konkreten Gegenständen, d. h. Dingen von vielen Eigenschaften, allerhöchstens zu einer empirischen oder vergleichenden Allgemeinheit: »Es kommt hier zunächst darauf an, aufzufassen, was ihre nächste Gattung, und dann, was ihre spezifische Differenz ist. Es ist daher zu bestimmen, welche der vielen Eigenschaften dem Gegenstande als Gattung und welche ihm als Art zukomme, ferner welche unter diesen Eigenschaften die wesentliche sei; und zu dem Letzteren gehört, zu erkennen, in welchem Zusammenhange sie miteinander stehen, ob die eine schon mit der anderen gesetzt sei. Dafür aber ist kein anderes Kriterium noch vorhanden als das Dasein selbst. – Die Wesentlichkeit der Eigenschaft ist für die Definition, worin sie als einfache, unentwickelte Bestimmtheit gesetzt sein soll, ihre Allgemeinheit. Diese aber ist im Dasein die bloß empirische Allgemeinheit in der Zeit – ob die Eigenschaft dauernd ist, während die anderen sich als vergänglich in dem Bestehen des Ganzen zeigen – oder eine Allgemeinheit, die aus Vergleichung mit anderen konkreten Ganzen hervorgeht und insofern nicht über die Gemeinschaftlichkeit hinauskommt.«160

Diese Vorgangsweise des Erkennens, welches »noch das endliche, nicht spekulative ist«,161 exekutiert nur einen Aspekt des nach außen scheinenden Allgemei WdL II, S. 513; GW 12, S. 210. WdL II, S. 515; GW 12, S. 212. 161 WdL II, S. 500; GW 12, S. 201. 159

160

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nen, weil der synthetische Vollzug prinzipiell auf die Einheitssetzung von Verschiedenem ausgerichtet ist und diese Identitätsorientierung erst versucht, deren Innerlichkeit zu entbergen. Eben dies zieht aber wiederum eine Selbstveräußerlichung nach sich und darüber hinaus auch noch die Selbstunterwerfung unter eine erst aufzuweisende Notwendigkeit, die selbst (wie in der ursprünglichen Objektivitätsentwicklung vor dem Erreichen der subjektiven Logik) eine nur innere bleibt. Das Veräußertsein gegen sich im Erkenntnisprozess führt dann dazu, dass es sich selbst als Begriff nicht in seiner eigenen Tiefe, nicht als Einzelheit erfasst und diese auf der Gegenstandsseite nur als eine vorgefundene vorkommt: »Dies macht die Endlichkeit dieses Erkennens aus; weil diese reelle Seite der Idee in ihm noch die Identität als innere hat, so sind deren Bestimmungen sich noch als äußerliche; da sie nicht als Subjektivität ist, so fehlt dem Eigenen, das der Begriff in seinem Gegenstande hat, noch die Einzelheit, und es ist zwar nicht mehr die abstrakte, sondern die bestimmte Form, also das Besondere des Begriffes, was ihm im Objekte entspricht, aber das Einzelne desselben ist noch ein gegebener Inhalt.«162

Das synthetische Erkennen lässt sich das Objekt geben oder es versucht, dieses aufzufinden. Ebenso will es dessen innere Notwendigkeit finden und beweisen, aber es hat sich letztlich selbst noch nicht gefunden. Es findet zwar den Schein und den Schein nach außen durchaus als einen begrifflichen, aber es hat weder den Schein nach innen der Objekte begriffen, noch auch ist es dazu fähig, seine eigene Subjektivität nach innen aufscheinen oder aus sich heraus hervorscheinen zu lassen. Für uns ist nur wichtig, auch am synthetischen Erkennen zu sehen, wie der Doppelschein des Allgemeinen in der Bemühung des Aufweisens des Scheinens nach außen gestaltet und welche Konsequenzen umgekehrt das vernachlässigte Scheinen nach innen haben kann. Aus der Mangelhaftigkeit des definitorischen Vorgehens erwächst im nächsten synthetischen Erkenntnisschritt die Notwendigkeit, vom ursprünglich Allgemeinen auszugehen und dessen Verfasstheit durch ein möglichst sachgemäßes Einteilen zu bestimmen: »Der Gang ist daher zwar dieser, daß der einzelne Inhalt der Definition durch die Besonderheit zum Extrem der Allgemeinheit aufsteigt, aber diese muß nunmehr als die objektive Grundlage angenommen werden, und von ihr aus stellt sich die Einteilung als Disjunktion des Allgemeinen, als des Ersten, dar.«163

162

WdL II, S. 511 f.; GW 12, S. 209. WdL II, S. 519 f.; GW 12, S. 215.

163

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Das Einteilen verbleibt aber, ebenso wie das Definieren, in einem Monstrieren. Es zeigt hierin zwar das Begriffliche auf, zeigt ein Begriffsstreben, indem es aber nicht gegen sich zeigt, weil es nur Notwendigkeit und gewissermaßen Struktur in das Objektive bringen will. Damit wird zwar durchaus Ordnung geschaffen, aber es ermangelt eines immanenten Prinzips des Einteilens. Die Einteilungsgründe selbst werden auch nur aus der Besonderheit des Gegebenen genommen, wie überhaupt im Einteilen das Besondere gegen das Besondere die Oberhand behält. Wir werden gleich bei der Besonderheit als solcher sehen können, wie dies das Problem des vollständigen Erschöpfens des Begriffs nach sich zieht. In der Einteilung kann dies nur als Forderung anvisiert werden, im noch rein Begrifflichen muss sich jedoch das Prinzipielle dieser Totalitätsaufgabe eröffnen. Für das Einteilen steht die Orientierung am Gegebenen im Vordergrund, wodurch auch das Hantieren mit dem Allgemeinen keine Immanenz besitzt: »Bei der Einteilung oder dem Besonderen tritt nun zwar eigentlich der Unterschied desselben von dem Allgemeinen ein, aber dies Allgemeine ist schon selbst ein Bestimmtes und damit nur ein Glied einer Einteilung. Es gibt daher ein höheres Allgemeines für dasselbe; für dies aber von neuem ein höheres, und so zunächst fort ins Unendliche. Für das hier betrachtete Erkennen ist keine immanente Grenze, da es vom Gegebenen ausgeht und die Form der abstrakten Allgemeinheit seinem Ersten eigentümlich ist. Irgendein Gegenstand also, welcher eine elementarische Allgemeinheit zu haben scheint, wird zum Gegenstande einer bestimmten Wissenschaft gemacht und ist ein absoluter Anfang insofern, als die Bekanntschaft der Vorstellung mit ihm vorausgesetzt wird und er für sich keiner Ableitung bedürftig genommen wird. Die Definition nimmt ihn als einen unmittelbaren. Der weitere Fortgang von ihm ist zunächst die Einteilung. Für diesen Fortgang würde nur ein immanentes Prinzip, d. h. ein Anfang aus dem Allgemeinen und dem Begriffe erfordert; das hier betrachtete Erkennen ermangelt aber eines solchen, weil es nur der Formbestimmung des Begriffes ohne ihre Reflexion-in-sich nachgeht, daher die Inhaltsbestimmtheit aus dem Gegebenen nimmt.«164

164

WdL II, S. 523; GW 12, S. 217.

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Das Einteilen bewegt sich nur im äußeren Scheinen des Allgemeinen165 und das ordnende Entlanghanteln, um den porphyrianischen Baum in seinen Verästelungen zu bereichern, ist ein Abstraktionsverfahren, das nicht zureicht, um an die begriffliche Selbstabstraktion anzudocken. Der wichtigste Teilsatz aus dem angeführten Zitat betrifft den Mangel des Erkennens, der darin besteht, dass »es nur der Formbestimmung des Begriffes ohne ihre Reflexion-in-sich nachgeht«,166 was nichts anderes besagt, als die Tiefe des Scheinens nach innen nicht zu berücksichtigen oder sie durch den synthetischen Ansatz und durch die Orientierung an einer erst aufzuzeigenden Notwendigkeit gar nicht berücksichtigen zu können. Im noch ausständigen dritten Schritt des synthetischen Erkennens wird der »Übergang der Besonderheit in die Einzelheit«167 gemacht. Dies markiert zugleich den Übergang zum Lehrsatz, der das synthetische Erkennen überhaupt beschließt. Somit ließe sich annehmen, dass nun endlich die in den ersten beiden Schritten vorkommende Mangelhaftigkeit überwunden wird. Dem ist jedoch nicht so. Gerade deshalb, weil »der Inhalt des Lehrsatzes von dem Begriffsmomente der Einzelheit herkommt«,168 verschärft sich die reell vorliegende Verschiedenheit auf eine Weise, die allererst die eigentlich synthetische Einheitssetzung erforderlich macht. Dadurch reicht das bloße Monstrieren, welches in der Definition und Einteilung noch genügend Spielraum für die Begriffsvindi Wichtig zu beachten ist, dass es ein (freilich dem synthetischen Erkennen nicht fremdes) völliges Missverstehen des Scheinens nach außen (wie damit auch des Scheinens nach innen) darstellt, wenn es simplifiziert als Bewegung aufgefasst wird, die nach oben hin beim Allgemeinen und nach unten hin beim Einzelnen endigt. Das Einzelne ist damit alles andere als begriffen, vielmehr nur in die Bewegung einer naiven und abstrakt einteilenden wie noch dazu völlig äußerlich reflektierenden Besonderungsstruktur eingefügt. Hierdurch wird auch Hegel selbst fälschlicherweise eine derart naive Vorstellung des Begriffs unterstellt: »Der Begriff als logischer Raum ähnelt dem wahrhaft Seienden bei Platon, dem Ideenkosmos, dessen Topologie der Dialektiker bestimmt, indem er dihairetische Baumstrukturen entwickelt, in denen die Ideen jeweils ihren Platz finden. Der Hegelsche Begriff qua logischer Raum ist die dihairetische Baumstruktur als Singularetantum und rein für sich betrachtet, ohne äußere, vorgegebene Inhalte. Er ist zunächst allgemein und geht in ungetrübter Reinheit durch seine Unterschiede hindurch. In seinen Unterschieden hat er sich aber zugleich auch besondert. Die dihairetische Baumstruktur weist nach oben ins Allgemeine und nach unten ins Besondere. Sie weist, was das Besondere angeht, aber auch nach der Seite, denn jedes Allgemeine ist, sofern es unter einem höheren Allgemeinen steht, auch ein Besonderes und einem anderen Besonderen koordiniert. Der Abschluß der Baumstruktur nach oben ist das Allgemeine als solches, der Abschluß nach unten das Letztbesondere, das in der dihairetischen Baumstruktur zugleich das Einzelne ist.« Anton Friedrich Koch, Die Evolution des logischen Raumes. Aufsätze zu Hegels NichtstandardMetaphysik, Tübingen 2014, S. 177. 166 WdL II, S. 523; GW 12, S. 217. 167 WdL II, S. 526; GW 12, S. 220. 168 WdL II, S. 527; GW 12, S. 220. 165

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zierung gelassen hatte, nicht mehr aus, und es muss nun erst zum tatsächlich synthetisch demonstrierenden Beweisen fortgeschritten werden. Diese Methode hat hauptsächlich in der Geometrie ihren Platz und die wohl markanteste und zugleich bekannteste Bestimmung in diesem Zusammenhang ist der Lehrsatz des Pythagoras. Wird nun spekulativ auf dieses unspekulative Erkenntnisverfahren geblickt, so wird zwar »ein Übergang vom Allgemeinen zur Einzelheit, nämlich zum an und für sich Bestimmten oder der Einheit des Gegenstandes in sich selbst«169 gemacht, aber es bedarf einer äußerlichen Vorbereitung, der sogenannten Konstruktion, die auf gewisse Weise die umgedrehte Beweislast enthält. Was eine »Folge der Natur des Gegenstandes«170 ist, wird »umgekehrt zum Grunde und zu den vermittelnden Verhältnissen gemacht.«171 So wird letztlich das ganze konstruierende Beweisen ein Tun der äußerlichen Reflexion oder bestenfalls des äußerlichen Begriffs: »Wie die Konstruktion für sich ohne die Subjektivität des Begriffes ist, so ist der Beweis ein subjektives Tun ohne Objektivität. Weil nämlich die Inhaltsbestimmungen des Lehrsatzes nicht zugleich als Begriffsbestimmungen gesetzt sind, sondern als gegebene gleichgültige Teile, die in mannigfaltigen äußerlichen Verhältnissen zueinander stehen, so ist es nur der formelle, äußerliche Begriff, in welchem sich die Notwendigkeit ergibt. Der Beweis ist nicht eine Genesis des Verhältnisses, welches den Inhalt des Lehrsatzes ausmacht; die Notwendigkeit ist nur für die Einsicht und der ganze Beweis zum subjektiven Behufe des Erkennens. Er ist deswegen überhaupt eine äußerliche Reflexion, die von außen nach innen geht, d. h. aus äußerlichen Umständen auf die innerliche Beschaffenheit des Verhältnisses schließt.«172

Das beweisende Reflektieren verläuft zwar von außen nach innen und stellt begriffsgemäß auch die Kontinuationsbewegung vom Allgemeinen zum Einzelnen dar, aber die Identität, weil sie als die erst äußerlich aufzuzeigende und herauszubringende Notwendigkeit gefasst ist, bleibt eben hierin nur eine innerliche. Dieser noch nicht entborgenen Innerlichkeit entspricht als Erkenntnisvorgang das Hantieren mit den äußerlichen Scheinweisen des Allgemeinen. Dieses Manko lässt sich freilich nicht durch eine äußerliche Ergänzung, die zusatzweise auch das Scheinen nach innen berücksichtigen würde, beheben. Was sich aber für das Erkennen einstellt, ist der aus der notwendigen Sache hervorgehende Überstieg zur Freiheit, der im Verlauf der Entwicklung der Idee das Fortschreiten zur praktischen Idee markiert: WdL II, S. 532; GW 12, S. 224. WdL II, S. 534; GW 12, S. 225. 171 Ebd. 172 Ebd. 169 170

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»Die Idee erreicht deswegen in diesem Erkennen die Wahrheit noch nicht wegen der Unangemessenheit des Gegenstandes zu dem subjektiven Begriffe. – Aber die Sphäre der Notwendigkeit ist die höchste Spitze des Seins und der Reflexion; sie geht an und für sich selbst in die Freiheit des Begriffes, die innere Identität geht in ihre Manifestation, die der Begriff als Begriff ist, über. Wie dieser Übergang aus der Sphäre der Notwendigkeit in den Begriff an sich geschieht, ist bei Betrachtung der ersteren gezeigt worden, so wie er auch als die Genesis des Begriffs zu Anfang dieses Buchs sich dargestellt hat. Hier hat die Notwendigkeit die Stellung, die Realität oder der Gegenstand des Begriffes zu sein, wie auch der Begriff, in den sie übergeht, nunmehr als Gegenstand desselben ist. Aber der Übergang selbst ist derselbe.«173

Es zeigt sich also auch in diesem Kontext, wie immens wichtig es ist, diesen Übergang zum Begriff als Begriff exakt zu fassen. Unter anderem deshalb war es so lohnend, die ursprüngliche Genesis des Begriffs so ausführlich im zweiten Kapitel abgehandelt zu haben. 3.2.3.2 Der doppelscheinende Vollzug als Einheit des Scheinens nach ­außen und des Scheinens nach innen Die Bezüge zum synthetischen Erkennen gaben uns hiermit einen genaueren Einblick in jenen Aspekt des Doppelscheins, der mit dem Scheinen nach außen in Verbindung zu bringen ist. Demgegenüber müssen wir uns vergegenwärtigen, dass das Allgemeine als solches in untrennbarer Einheit ebenso das Scheinen nach innen enthält. Die Denkaufgabe, die durch keine Art des Anschauens,174 so wie es uns etwa im Bild des porphyrianischen Baumes vor Augen steht, erübrigt werden kann, besteht darin, sich nicht mit den Einseitigkeiten des Scheinens nach außen und innen zu begnügen, sondern vielmehr zu denken, wie das Scheinen nach außen in seiner allgemeinen Begriffsdimension ebenso nur ein Scheinen nach innen sein kann, so wie auch umgekehrt, wie das Scheinen nach innen in seiner allgemeinen Begriffsdimension nur in einem Scheinen nach außen vorliegen kann. Das Bestimmtsetzen als der sich auf sich beziehenden Negativität des Allgemeinen (das in dieser Bestimmtheit ebenso aufgehobene Bestimmtheit ist) immanent, ist ein Selbstbesondern, das sich eben hierin gegen sich selbst setzt und den negativen Schein, d. h. den abhebenden Schein, dadurch in das Besonderte setzt. Das selbstrelativierende Scheinen nach außen ist in ein und derselben Bewegung WdL II, S. 541; GW 12, S. 230. Hier ist abermals die (vielleicht schon penetrante) »Erinnerung zu machen nötig, daß durch das Anschauen keine Wissenschaft zustandekomme, sondern allein durchs Denken.« WdL II, S. 535; GW 12, S. 226.

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ein Relativierendes nach innen. Diese Relationalität ist nicht nur Gesetztes, so verblieben wir bei einem noch immer wesensmäßig verstandenen Allgemeinen, es ist sich selbst als Gesetztes. Diese eigentümliche Formulierung verweist nur auf das im Vollzug des Bestimmens der Bestimmtheit, das jedoch keine Abänderung der Bestimmtheit mit sich bringt, sich einstellende Scheinen, das gegen sich selbst als Schein aufscheint. Würden wir hier wiederum etwas unspekulativ Bildhaftes heranziehen wollen, so wäre dieses Scheinen ein Ausleuchten, das eine Selbstvergewisserung der Bestimmtheit darstellt, ohne dabei einen Ort oder Platz zu benötigen, der fälschlicherweise zusätzlich Bestimmtes hereinbrächte, von dem aus das Ausleuchten vollzogen würde. Es ist, als immer noch im Bild gesprochen, ein unräumliches Ausleuchten als ein selbstvergewisserndes ins Helle Bringen der ansonsten dunkel und nur ansichseiend bleibenden Bestimmtheit in ihrer in sich selbst differenzierten Totalität.Wir sehen sofort, dass es weitaus schwieriger ist, das Scheinen nach innen einer bestimmten Vollzugsform gemäß darzustellen. Das Scheinen nach außen hat Entsprechungen in den Vollzügen des endlichen Erkennens, das Scheinen nach innen hat keine derartigen Entsprechungen, weil das endliche Erkennen von Haus aus nicht in dieser Weise disponiert ist. Es gilt spekulativ zu erkennen, dass sich das Allgemeine in seiner Selbstrelativierung gegen sich als allgemein erhält, diese Allgemeinheit also die Bestimmtheit durchdringt, aber auch die Bestimmtheit das relative und damit selbst bestimmte Allgemeine ebenso erfüllt. Hegel spricht davon, dass Bestimmtheit und Allgemeinheit »von gleichem Umfange«175 seien, was zwar richtig ist, aber dazu verleiten könnte, eine quantitative Konnotation aufkommen zu lassen. Es gibt hier jedoch keinerlei quantitative Komponente, die Rede von der Umfangsgleichheit betont lediglich die Gleichheit und den Umstand, dass die Bestimmtheit etwas an ihr selbst Umfängliches darstellt, wie auch die Allgemeinheit selbst keine bloß abstrakte und vom Bestimmten abhebbare Perspektive ist, sondern durchaus auch einen Umfang besitzt, der mit ihrer genuinen Bewegung als einem scheinenden Formieren identifiziert werden kann. »Die Bestimmtheit ist als bestimmter Begriff aus der Äußerlichkeit in sich zurückgebogen;«176 so ist sie nicht mehr nur als reflektierte, nur scheinend in Anderes, sondern durch den Schein so auf die Begriffsbestimmung bezogen, dass diese hiervon in ihrer Totalität erfüllt ist. Die Zurückbiegung oder das Zurückgebogensein ist kein bloß konstituierendes Bestimmen, das zu verselbständigten und abgegrenzten Entitäten führen würde, es ist insichgehende Erfüllung von allgemeinem Charakter, so dass der Schein nicht nur abprallt, nicht nur als Schein auf Anderes zurückgeworfen wird, sondern durch die Veräußerung nach innen WdL II, S. 278; GW 12, S. 36. Ebd.

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geht und das allgemein Begriffliche in der bestimmten Bestimmtheit (wodurch schon Einzelheit vorliegt) erhält. Weil das Allgemeine die »nach außen gehende Schranke«177 schon ins eigene Positive gezogen hat, so ist es auch völlig unbegrenzt nach innen. Der gegen sich in sich aufscheinende Schein ist der eine Schein, der im Scheinen nach außen innerer Schein und im Scheinen nach innen nur veräußerter Schein ist. In der Bestimmtsetzung bleibt der Begriff »in der freien Beziehung auf sich«,178 wobei er diese Freiheit durch den gegen sich aufscheinenden Schein bewahrt, und zwar als Schein, der eben diese Entgegnung gegen sich auch im inneren Scheinen behält. Die Bemerkung Hegels, dass dies der »Charakter«179 sei, »welcher der Gattung angehört, als die von dem Allgemeinen ungetrennte Bestimmtheit«,180 ist in diesem Kontext wohl aufzufassen. Es handelt sich dabei nicht um jene abstrakte Gattungsbestimmung, worin äußerlich ein mehr oder minder gut passendes Allgemeines gesucht wird, es ist die Bestimmung der Gattung als solcher, die das Bestimmte vollkommen erfüllt, in diesem Bestimmten von innen her scheint, ohne ihm nur eine äußerliche Einordnung zu gewähren. Zu sagen ›Sie ist ein Mensch‹, bedeutet nicht bloß, diesem Individuum die Gemeinsamkeit mit anderen aufzuweisen, es bedeutet, dass das Menschsein in all seiner lebendigen Konkretion das von innen her Durchdringende dieses Bestimmten ist, kein Etikett, das angeklebt werden kann und damit auch entfernbar ist, sondern der von außen bestimmte innere Schein, der in diesem Beispiel auch noch zum als Schein gewussten Schein avancieren kann. Wir werden gleich sehen, dass die Öffnung auf das Bestimmte hin ebenso die Abstraktion zulässt oder diese sogar herausfordert und provoziert. Damit wird die Gattung auch wieder nach Abstufungen beurteilbar und einer bestimmten Gerichtetheit fähig: »In Ansehung der andern Seite aber, nach welcher die Gattung durch ihren bestimmten Charakter begrenzt ist, ist bemerkt worden, daß sie als niedrigere Gattung in einem höheren Allgemeinern ihre Auflösung habe. Dieses kann auch wieder als Gattung, aber als eine abstraktere aufgefaßt werden, gehört aber immer wieder nur der Seite des bestimmten Begriffes an, die nach außen geht. Das wahrhaft höhere Allgemeine ist, worin diese nach außen gehende Seite nach innen zurückgenommen ist, die zweite Negation, in welcher die Bestimmtheit schlechthin nur als Gesetztes oder als Schein ist. Leben, Ich, Geist, absoluter Begriff sind nicht Allgemeine nur als höhere Gattungen, sondern Konkrete, deren Bestimmtheiten auch nicht nur Arten oder niedrige Gattungen sind, sondern die in ihrer Realität Ebd. Ebd. 179 Ebd. 180 Ebd. 177 178

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schlechthin nur in sich und davon erfüllt sind. Insofern Leben, Ich, endlicher Geist wohl auch nur bestimmte Begriffe sind, so ist ihre absolute Auflösung in demjenigen Allgemeinen, welches als wahrhaft absoluter Begriff, als Idee des unendlichen Geistes zu fassen ist, dessen Gesetztsein die unendliche, durchsichtige Realität ist, worin er seine Schöpfung und in ihr sich selbst anschaut.«181

Der Anfang dieses Absatzes, der den Vollzug des Bestimmtsetzens als das Gegeneinander von besonderten Allgemeinheiten in den Blick nimmt, rekurriert wieder auf den synagogisch aufsteigenden Gattungsprozess, den wir schon beschrieben haben und der quasi einem Hinaufklettern am porphyrianischen Baum entspricht. Wird nicht beachtet, dass die allgemeine Reflexivität und die Selbstrelativierung Konsequenzen für das Verallgemeinerte selbst mit sich bringen, so entsteht eine einseitige Orientierung am bestimmten Begriff, worin das Scheinen des Allgemeinen nur als ein immer weiter nach außen bzw. immer weiter nach oben gehender Prozess aufgefasst wird. Die höheren Gattungen sind daher immer abstraktere Allgemeinheiten, weil sie nur aus bestimmten Negationen resultieren, deren Negativität gegen sich als nur wiederum veräußert genommen wird. Das an sich im Begriff ideell gesetzte Seinsmoment wird durch das Bestimmtsetzen selbst aktiviert und dann nur mehr in der einseitigen Reflexivität des bloßen Scheinens nach außen relativiert. Es wird dadurch weder die sich auf sich selbst beziehende Negativität noch auch die Selbstrelativierung als Relativität nach innen erreicht. Die Kontinuationsbewegung wird somit durch den bestimmten Begriff selbst zum Stocken gebracht, aber führt dennoch dazu, wie wir gleich beim besonderen Begriff sehen werden, dass in der abstrakten Bestimmtheit nichtsdestoweniger das (freilich nur unmittelbare) Moment der Einzelheit nicht vermieden werden kann, obwohl das äußerlich abstrakte Hantieren mit den Begriffsbestimmungen meint, nur die Besonderheit gänzlich auszuschöpfen. In Abhebung hierzu folgt ein entscheidender Satz: »Das wahrhaft höhere Allgemeine ist, worin diese nach außen gehende Seite nach innen zurückgenommen ist, die zweite Negation, in welcher die Bestimmtheit schlechthin nur als Gesetztes oder als Schein ist.«182

Das nur der äußerlichen Reflexion entlanglaufende Höhersteigen im Gattungsprozess ist die abstrakte Seite einer konkreten Bewegung, worin die negative Absetzung von einer nur seiend aufgefassten anderen und erstbestimmten Allgemeinheit zugleich eine Absetzung in sich des sich negativ gegen sich selbst kehrenden Allgemeinen mit sich bringt. Erst diese zweitbestimmte Allgemeinheit, 181

WdL II, S. 278 f.; GW 12, S. 36. WdL II, S. 279; GW 12, S. 36.

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worin das Bestimmen eine Wendung gegen sich und in sich erfährt, erfüllt die Bestimmung der zweiten Negation und also die Bestimmung des Allgemeinen als solchen. Die genannte Absetzung in sich ist der Vollzug, in welchem die bestimmte Abhebung nicht zu einem Veräußerten und einem äußerlichen Standpunkt führt, sondern nur eine Selbstabhebung darstellt, die jedoch keine bestimmten Abgehobenen hinterlässt, keine Erweiterung der Bestimmtheit nach sich zieht. Die Bestimmtheit, die dieser Abhebung nach innen unterzogen wird, wird nur als bestimmt gesetzt, aber damit nicht (oder noch nicht) einer Veräußerung ausgesetzt. Wenn überhaupt, so müsste dies eine Selbstveräußerung der Totalität als solcher sein, die dann aber auch das Scheinen nach außen aufsprengen würde. Hier, in der Betrachtung des Allgemeinen als solchen, ist der doppelscheinende Vollzug nur eine Bewegung, die damit die spekulativen Konsequenzen erzwingt, dem negativen Scheinen nach außen das entsprechende negative Scheinen nach innen zuzuweisen. Beide Richtungen gehen mit dem sich selbst bestimmenden Allgemeinen einher, aber das Scheinen nach innen lässt das Selbstbestimmen als in der eigenen Totalität gehalten ablaufen, wogegen das Scheinen nach außen noch eine Abhebung gegen andere Totalitäten zulässt. In diesem nach außen gehenden Scheinen ist daher das Gesetzte nicht als Gesetztes präsent, weil es nicht gegen sich gehalten wird, es ist als Gesetztes weiter gegliedert und erlaubt auch einen weiterhin in der bestimmten Negation fortgehenden Verlauf. Im Scheinen nach innen ergibt das Abheben gegen sich den in der Totalität gehaltenen Vollzug, den Scheinprozess selbst als Schein zu explizieren. Das Allgemeine erfüllt so die Bestimmung, im Anundfürsichsein als Gesetztsein und im Gesetztsein als Anundfürsichsein zu sein. Das bestimmte Absetzen gegen sich belässt es aber nicht nur beim Gesetztsein, es ist selbstaufscheinend gegen sich als Gesetztsein, sich selbst dieses Gesetztsein explizierend. Dass die Bestimmtheit also nur als Gesetztsein oder als Schein ist, macht die Allgemeinheit zu einem sich selbst nach innen hin Durchdringenden, einem sich Ausfüllenden oder Erfüllenden, worin schließlich Selbsterhaltung und sogar Selbstbewusstsein verankert sind. Allgemeinheit und Bestimmtheit sind darin nicht zusammengesetzt,183 sie stellen eine Einheit gegen sich dar, ein Widersprechendes als Einheit, weil ihre Entgegnung zugleich ein aufscheinendes Entgegnen ist. Der Schein wird als Schein nach innen gesetzt, indem das Bestimmtsetzen den Schein nach außen exekutiert. Die äußerlich abstrakte Reflexion bleibt nur im Veräußerten, sieht gleichsam nicht nach innen und erkennt nicht die volle Bewegung. Der als Schein gesetzte Schein nach innen ist jedoch der Anfang der Schau auf sich selbst, die Selbstanschauung und das Bewusstsein gegen sich 183

»Die ungebildete Reflexion verfällt auf die Zusammensetzung als die ganz äußerliche Beziehung, die schlechteste Form, in der die Dinge betrachtet werden können; auch die niedrigsten Naturen müssen eine innere Einheit sein.« WdL II, S. 291; GW 12, S. 45.

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selbst. In diesem Sinne ließe sich sagen, dass das Selbstbewusstsein dieser als Schein gesetzte innere Schein selbst ist, als ein inneres Auge, als ein Strahl des Erkennens gegen und auf sich selbst. Das wahrhaft Allgemeine oder das Allgemeine in seiner konkreten Gesamtbewegung ist hervorbringend schöpferisches Selbstbestimmen und es gilt, diese Bewegung als ein Ausstrahlen nach außen und innen zu denken. Es ist die höchste Herausforderung für die Spekulation, dieses Hervorbringen nicht nur als Veräußerung, sondern ebenso als einen innerlichen Bezug zu fassen, der jedoch im Inneren, in der innerlichen Totalität der Bestimmtheit nicht wieder als Äußeres vorkommt. Erst dies zwingt zum Denken, weil es keinen Ausweg mehr ins Verräumlichte oder Bildhafte gibt, Bewegung nicht in Stadien der Bewegung bestimmt werden kann und der Schein nicht einmal mehr Scheinen in Anderes, sondern nur mehr aufscheinender Schein gegen sich selbst ist. Nur vor diesem Hintergrund erschließt sich jene Feststellung, die von sich selbst erfüllenden und konkreten Allgemeinheiten spricht: »Leben, Ich, Geist, absoluter Begriff sind nicht Allgemeine nur als höhere Gattungen, sondern Konkrete, deren Bestimmtheiten auch nicht nur Arten oder niedrige Gattungen sind, sondern die in ihrer Realität schlechthin nur in sich und davon erfüllt sind.«184

In den genannten Allgemeinbestimmungen waltet bereits eine innere Bewegung des Scheins, der sie als sich aus sich selbst bewegend, sich aus sich selbst organisierend und sich aus sich selbst durch Selbstdifferenzierungen hervorbringend, schaffend oder schöpferisch bestimmt. Sie generieren sich selbst in sich und unterliegen nicht bloß einem Generieren von Einteilungen, Gruppierungen oder Gliederungen, die bei aller Ordnungskompetenz keinen inneren Zusammenhang zustande bringen können. Gegen nur abstrakte Verfahren, die freilich immer noch von einer genuinen Abstraktionsbewegung zu unterscheiden sind, ist es äußerst wichtig, diese unendliche Bestimmung des Allgemeinen festzuhalten. – Eine Bestimmung wie den Geist nur nach bestimmten Arten des Geistes und nach Stufungen einteilen zu wollen, ist ein völlig äußerliches Geschäft, das nicht mit einer Philosophie des Geistes verwechselt werden darf, selbst wenn diese in ihrem wiederum nur oberflächlich betrachteten Gepräge derlei Abhebungen enthalten mag. Es kommt alles darauf an, die aufscheinende Abhebung nach innen zu begreifen, nur hierin haben wir eine konkrete Bestimmung vor uns, die sich letztlich dadurch auszeichnet, selbstbesondernd und selbstvereinzelnd zu sein. Nur das konkrete Allgemeine lebt aus dieser Kontinuationsbewegung, wogegen das Einteilen tatsächlich nie zum Einzelnen vordringen 184

WdL II, S. 279; GW 12, S. 36.

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kann. Das atomon eidos bleibt die unterste Einteilungsebene, darunter findet sich nur mehr das Vereinzelte, das sich dem endlichen Erkennen prinzipiell entzieht. Ohne Einsicht in die intrinsische Kontinuationsbewegung muss es bei der Aufrechterhaltung jenes Diktums bleiben, dessen wir uns aber aus spekulativer Sicht letztendlich zu entledigen haben: ›Individuum est ineffabile‹. In der Bestimmung des konkreten Allgemeinen hebt nichtsdestoweniger die Erkennbarkeit oder vielmehr das Begreifen des Einzelnen an. Dazu gehört, dass eingesehen wird, wie bereits die Allgemeinbewegung die Bestimmtheit vollständig zu einem Bestimmten macht, und zwar nicht bloß in den Veräußerungsschritten als Abhebung zu anderen Bestimmtheiten, sondern in der innerlichen Abhebung als einer Bewegung, welche die Bestimmtheit in sich eint und sie zu einem kompakten und auf sich selbst orientierten Zusammenhang macht. Die Kompaktheit steht hierbei für die vollständige Erfüllung in sich, die nicht äußerlich geteilt werden kann, so wie dies im äußerlichen Einteilen sehr wohl passiert. Die Orientierung oder Selbstorientierung steht für die Ausrichtung auf jenen Einheitspunkt, von dem aus die Scheinexplizierung gegen sich erfolgt, ohne dass freilich diesem Punkt ein Ort zugewiesen werden könnte. Er ist nicht einmal bestimmt gegen die sonstige Bestimmtheit, weil er überhaupt nur Ausdruck für die bestimmte Bestimmtheit, also die Einzelheitsdimension, ist. Die wahrhafte Allgemeinheit erlaubt keine äußerliche Suche nach Einzelnen, von welchen sie gelten könnte, sie ist an und für sich selbst vereinzelt, Punktualität im Insgesamt der allgemeinen Bestimmtheit. Der letzte Satz des bereits zitierten vorletzten Absatzes über den allgemeinen Begriff enthält nich