Theodor Mommsen und Adolf Harnack: Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts [Reprint ed.] 9783110150797

1,276 139 29MB

German Pages 1042 [1041] Year 2012

Report DMCA / Copyright

DOWNLOAD FILE

Polecaj historie

Theodor Mommsen und Adolf Harnack: Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts [Reprint ed.]
 9783110150797

Table of contents :
Vorwort
Inhalt
Verzeichnis der Abkürzungen
Archivalische Quellen
I. Einleitung
1. Forschungsstand und Aufgabenstellung
2. Anmerkungen zum Editionsteil
II. Wissenschaftspolitik in Berlin
1. Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin
2. Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation
3. Die Unterrichtsbürokratie: Mommsen, Harnack und das »System Althoff«
III. Die Kirchenväterkommission
1. Die Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller
2. Wie Saul unter den Propheten
3. Ein vergessenes Großunternehmen der Preußischen Akademie der Wissenschaften: Die Prosopographia Imperii Romani saec. IV.V.VI.
IV. Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker
1. Vom Bürgersinn eines Liberalen
2. Die Lex Heinze und die Gründung des Goethebundes
3. Der Fall Spahn
4. »Was uns noch retten kann«
5. A German's Appeal to the English
6. Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik
V. Zusammenfassung
VI. Briefedition
1. Editionsregeln
2. Handschriftenprobe Harnack
3. Handschriftenprobe Mommsen
4. Korrespondenz
VII. Personenregister

Citation preview

Stefan Rebenich Theodor Mommsen und Adolf Harnack

W DE G

Stefan Rebenich

Theodor Mommsen und Adolf Harnack Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels

Walter de Gruyter · Berlin · New York

1997

© Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek —

CIP-Einheitsaufnahme

Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen und Adolf Harnack : Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts / hrsg. und kommentiert von Stefan Rebenich. Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels. — Berlin ; New York : de Gruyter, 1 9 9 7 Zugl.: Mannheim, Univ., Habil.-Schr., 1994/95 ISBN 3 - 1 1 - 0 1 5 0 7 9 - 4

© Copyright 1 9 9 7 by Walter de Gruyter & Co., D - 1 0 7 8 5 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Druck: Arthur Collignon GmbH, Berlin Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin

VORWORT

Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 1994/95 von der Fakultät für Geschichte und Geographie der Universität Mannheim als althistorische Habilitationsschrift angenommen. Für die Überarbeitung wurde - im Rahmen des Möglichen - die nachträglich erschienene Literatur noch berücksichtigt. Ohne die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Personen und Institutionen wäre das Buch nicht zustandegekommen. An erster Stelle sei den Bibliotheken und Archiven gedankt, in denen ich immer freundliche Aufnahme gefunden habe und die mir bereitwillig die Publikationserlaubnis fur die in der Darstellung wie im Briefteil zitierten Dokumente erteilt haben. Z u ganz besonderem Dank bin ich der Staatsbibliothek zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz verpflichtet; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Handschriftenabteilung im Haus I »Unter den Linden« machten mich mit den Nachlässen von Theodor Mommsen und Adolf von Harnack vertraut, waren trotz zahlreicher weiterer Beanspruchungen stets zu Auskünften bereit und übten schließlich Nachsicht in Momenten hektischer Betriebsamkeit. Dank gebührt sodann dem Archiv der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg. Der Direktor des Archivs, Dr. Wolfgang Knobloch, gewährte mir ohne Einschränkung Einsicht in die Akten, und die Mitarbeiter des Archivs halfen in vielen Einzelfragen. Teile des Nachlasses von Friedrich Althoff und Friedrich Schmidt-Ott konnte ich noch in der Abteilung Merseburg des Geheimen Staatsarchives einsehen. Die Bediensteten meisterten auf beeindrukkende Weise die Schwierigkeiten, die sich aus der sukzessiven Rückführung der Bestände nach Berlin ergaben, und unterstützten mich tatkräftig bei der Auswertung der umfangreichen Nachlässe. Herrn Dr. Marian Zwiercan, dem Vizedirektor der Biblioteka Jagielkmska, danke ich für seine Bereitschaft, mir Bestände aus der Sammlung Autographa der Staatsbibliothek zu Berlin, die sich gegenwärtig in Krakau befinden, verfilmen zu lassen. Für die Bereitstellung von Mikrofilmen resp. Photokopien habe ich darüber hinaus den Leitern und Mitarbeitern der Ashmolean Library in Oxford, der Bayerischen Staatsbibliothek in München, der Bodleian Library in Oxford, des Bundesarchivs in Koblenz, des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, der Universitätsbibliothek in Marburg, der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle und der University Library in Cambridge zu danken. Auch die Archive der Monumenta Germaniae histórica in München und des Verlages Walter de Gruyter in Berlin durfte ich dankenswerterweise einsehen.

VI

Vorwort

Mein Lehrer, Professor Dr. Heinrich Chantraine (Mannheim), und mein Freund, Professor Dr. Wolfram Kinzig (Bonn), haben die Arbeit mit nie ermüdendem Interesse begleitet, das Manuskript aufmerksam gelesen und mich durch ihre Kritik gezwungen, manche Aussagen nochmals zu überdenken. Professor Dr. Jürgen Dummer (Berlin /Jena) hat meine Studien von Anfang an gefördert, mir in Berlin viele Türen geöffnet und mich selbstlos an seinen wissenschaftshistorischen Kenntnissen teilhaben lassen. Dr. Ursula Treu (Berlin) hat nicht nur vielfältige Anregungen beigesteuert, sondern in einem frühen Stadium geduldig und ausdauernd schwierige Stellen aus der Korrespondenz zwischen Mommsen und Harnack mit mir diskutiert. Frau Helga Döhn, Wissenschaftliche Bibliothekarin der Berliner Staatsbibliothek und kompetente Bearbeiterin des Nachlasses Mommsen, hat briefliche Anfragen prompt und zuverlässig beantwortet; ohne ihre uneigennützige Hilfe hätten etliche Fragen offenbleiben müssen. Professor Dr. Michael Erbe und Professor Dr. Hans-Jürgen Horn (beide Mannheim) danke ich herzlich, daß sie es bereitwillig auf sich genommen haben, die Arbeit in kürzester Frist zu begutachten. Die Herren Professoren Ernst Bammel (Cambridge), William M. Calder III. (Urbana), Albrecht Dihle (Köln), Klaus-Jürgen Matz (Mannheim) und Klaus Schönhoven (Mannheim) haben die Darstellung und den Briefwechsel zum Teil ganz, zum Teil in Auszügen kritisch durchgesehen und mich vor manchem Versehen bewahrt. Dr. Iselin Gundermann vom Geheimen Staatsarchiv in Berlin, Herr Volker G. Schwarzkopf von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle und Frau Wiebke Witzel vom Archiv der Akademie der Wissenschaften in Berlin halfen in der Endphase der Drucklegung, letzte Fragen an den Originalen zu klären. Während der Abfassung des Buches haben mir viele Freunde und Kollegen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Stellvertretend möchte ich hier Professor Dr. Franz Fuchs (Regensburg), Dr. Veit Probst (Mannheim) und Privatdozent Dr. Markus Vinzent (Berlin) danken. Herr Professor Dr. Christoph Markschies (Jena) stellte den Kontakt zu Walter de Gruyter her, wofür ich ihm zu besonderem Dank verpflichtet bin, denn der Verlag zeichnete sich nicht nur durch eine schnelle und reibungslose Drucklegung, sondern auch durch eine vorzügliche verlegerische Betreuung aus. So hat Dr. Hasko von Bassi zu dem eingereichten Manuskript wertvolle addenda et corrigenda beigesteuert. Frau stud. phil. Katja Bär bin ich fur ihre Mithilfe beim Korrekturlesen und bei der Erstellung des Registers verpflichtet. Schließlich gilt mein Dank meiner Frau Gerlinde, die während der Entstehung der Arbeit »wie den Regenguß so auch den Sonnenschein« liebevoll mit mir geteilt hat. Gewidmet ist das Buch dem Andenken meines Großvaters Heinrich Peter (1903-1985), dem ich mehr verdanke, als ich hier zu sagen vermag. Mannheim, im April 1996

Stefan Rebenich

INHALT

Vorwort Inhalt Verzeichnis der Abkürzungen Archivalische Quellen

V VII X XX

I. Einleitung ι. Forschungsstand und Aufgabenstellung 2. Anmerkungen zum Editionsteil

ι 18

II. Wissenschaftspolitik in Berlin ι. Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin a) Die deutsche Hochschullandschaft um die Jahrhundertwende . . . . b) Ordinarius für Römische Altertumskunde c) Der kontroverse Kirchenhistoriker

29 29 32 45

2. Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation a) Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften b) Arbeitsleistung und Arbeitsteilung

55 55 80

3. Die Unterrichtsbürokratie: Mommsen, Harnack und das »System AlthofF« a) Der bon diable b) Harnack und AlthofF

94 96 116

III. Die Kirchenväterkommission ι. Die Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller 129 a) Die Gründung der Kommission und erste vorbereitende Arbeiten . 129

Vili

Inhalt

b) Der unsichere Fortgang des Unternehmens bis 1895 143 c) Von der staatlichen zur privaten Förderung: Die Hermann und Elise geborene Heckmann Wentzel-Stiftung 156 d) Die Aktivitäten der Kommission bis zum Jahr 1903 168 e) Die erste Krise 190 f) Die Edition der Chronik und der Kirchengeschichte des Eusebius . 198 g) Das Ei des Kolumbus: Der Wissenschaftliche Beamte der Kirchenväterkommission 210 2. Wie Saul unter den Propheten a) Mommsen, Harnack und die Kirchenväterkommission b) Harnack, Mommsen und Wilamowitz 3. Ein vergessenes Großunternehmen der Preußischen Akademie der Wissenschaften: Die Prosopographia Imperii Romani saec. IV.V.VI. . . a) Vorbemerkung b) Die Vorbereitung des Unternehmens c) Die institutionelle und finanzielle Sicherung der Prosopographie der Spätantike d) Der Fortgang des Unternehmens bis zum Ersten Weltkrieg e) Verzögerungen, Stagnation und Aufgabe des profangeschichtlichen Teiles 0 Das Ende der Prosopographia Christiana g) Epilog

223 223 234 247 247 253 277 288 301 309 321

IV. Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker ι. Vom Bürgersinn eines Liberalen a) Animal politicum b) Einheit und Freiheit Deutschlands: Mommsen und Bismarck . . . . c) Wider die Antisemiten: Mommsen und Treitschke d) Politische Desillusionierung e) Gelehrtenpolitik

327 327 333 346 364 386

2. Die Lex Heinze und die Gründung des Goethebundes

396

3. Der Fall Spahn a) Die Vorgeschichte b) Mommsens Protest c) Der Angriff auf Althoff d) Harnacks Ehrenerklärung fur Althoff und das »Liebesmahl«

414 414 422 443 453

Inhalt

IX

4. »Was uns noch retten kann«

462

5. A German's Appeal to the English a) L'Illustre Maestro b) Der Burenkrieg c) England und die deutsche Flotte d) Der Burenhilfsbund e) Der Stern des alten Mannes: Die Freundschaft mit England

485 485 490 499 506 509

6. Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik a) Harnack und der Evangelisch-Soziale Kongreß b) Harnack-der Hoftheologe Wilhelms II.? c) Harnack, Mommsen und Bismarck

518 518 537 555

V. Zusammenfassung

561

V I . Briefedition ι. 2. 3. 4.

Editionsregeln Handschriftenprobe Harnack Handschriftenprobe Mommsen Korrespondenz

VII. ι. Antike 2. Mittelalter und Neuzeit

576 578 579 580

Personenregister 999 1003

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN

Nachfolgend werden nur mehrfach benutzte Werke aufgeführt; weitere Literatur ist den einzelnen Anmerkungen zu entnehmen. In der Übersicht finden sich ebenfalls die Abkürzungen der häufiger herangezogenen zeitgenössischen Darstellungen und der Memoirenliteratur. Die altertumswissenschaftlichen Zeitschriften werden nach den Vorgaben der Année Philologique abgekürzt. Nachschlagewerke, Reihen und Hilfsmittel sind entsprechend den üblichen Regeln zitiert.

= G. AUDRING (Hrsg.), Ulrich Wilcken. Briefe an Eduard Meyer 1889-1930, Konstanz 1994.

AUDRING

Judentum, Christentum und Heidentum: Julius Wellhausens Briefe an Theodor Mommsen 1881-1902, in: ZKG 80, 1969, 221-254. BARDENHEWER 1- 5 = O. BARDENHEWER, Geschichte der altkirchlichen Literatur, 5 Bde., Freiburg " 2 1913-1932. BARTH, Mommsen = TH. BARTH, Theodor Mommsen, in: Die Nation, 21. Jg., 7. November 1903, Nr. 6,82-85 (wiederabgedruckt in:TH. BARTH, Politische Porträts, hrsg. v. E. Feder, Berlin u. Leipzig 1923). BAUMGARTEN, Römische Erinnerungen = P.M. BAUMGARTEN, Römische und andere Erinnerungen, Düsseldorf 1927. Bildungsbürgertum I-IV=Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil I: Bildungssystem und Professionalisierung in internationalen Vergleichen, hrsg. v. W . C O N Z E und J. KOCKA, Stuttgart 1985; Teil II: Bildungsgüter und Bildungswissen, hrsg. v. R. KOSELLECK, Stuttgart 1990; Teil III: Lebensführung und ständische Vergesellschaftung, hrsg. v.M.R. LEPSIUS, Stuttgart 1992; Teil IV: Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation, hrsg. v. J. KOCKA, Stuttgart 1989. BOEHLICH = W . BOEHLICH (Hrsg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt a.M. 2 1988. BRENTANO = L. BRENTANO, Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung Deutschlands, Jena 1931. BRESSLAU = H. BRESSLAU, Geschichte der Monumenta Germaniae histórica, Hannover 1921 (ND 1976). BROCKE, Hochschulpolitik = B. VOM BROCKE, Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Preußen und im Deutschen Kaiserreich 1882-1907: Das »System Althoff«, in: Bildungspolitik in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs, hrsg. v. P. Baumgart, Stuttgart 1980, 9-118. BAMMEL = E . BAMMEL,

Verzeichnis der Abkürzungen

XI

Wissenschaftsgeschichte = B. VOM BROCKE (Hrsg.)· Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das »System Althoff« in historischer Perspektive, Hildesheim 1991. B R U C H , Gelehrtenpolitik =R. VOM B R U C H , Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland (1890-1914), Husum 1980. B R U C H , Gesellschaftliche Funktionen = R VOM B R U C H , Gesellschaftliche Funktionen und politische Rollen des Bildungsbürgertums im Wilhelminischen Reich. Zum Wandel von Milieu und politischer Kultur, in: Bildungsbürgertum IV, 146-179. B R U C H , Historiker =R. VOM B R U C H , Historiker und Nationalökonomen im Wilhelminischen Kaiserreich, in: K. Schwabe (Hrsg.), Deutsche Hochschullehrer als Elite 18151945, Boppard a. Rh. 1988, 105-150. B R U C H , Kaiserreich = R. VOM B R U C H , Gelehrtenpolitik und politische Kultur im späten Kaiserreich, in: G. Schmidt u. J. Rüsen (Hrsgg.), Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 1830-1930. Referate und Diskussionsbeiträge, Bochum 1986, 77-106. BURCHARDT, Harnack = L . BURCHARDT, Adolf von Harnack, in: T R E U E / G R Ü N D E R 2 1 5 BROCKE,

233.

Correspondence = W.M. CALDER III, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Selected Correspondence 1869-1931, Neapel 1983. CALDER, Further Letters = W.M. CALDER III, Further Letters of Ulrich von WilamowitzMoellendorff, Hildesheim 1994. CALDER, Studies = W.M. CALDER I I I , Studies in the Modern History of Classical Scholarship, Neapel 1984. CALDER, Wilamowitz = W . M . C A L D E R I I I (Hrsg.), Wilamowitz nach 5 0 Jahren, Darmstadt CALDER,

1985.

= W.M. CALDER III; R.L. FOWLER (Hrsgg.), The Preserved Letters of Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff to Eduard Schwartz, SB der Bayer. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Klasse, Jahrgang 1986, H. 1, München 1986. C A L D E R / K O S E N I N A = W.M. CALDER I I I ; A. KOSENINA, Berufungspolitik innerhalb der Altertumswissenschaft im wilhelminischen Preußen. Die Briefe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs an Friedrich Althoff (1883-1908), Frankfurt/M 1989. CHANTRAINE, Juden =H. CHANTRAINE, Die Leistung der Juden für die Alte Geschichte im deutschen Sprachraum, in: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte, Beiheft 10, 1986, 113-145. C H R I S T , Gibbon = K. C H R I S T , Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1972. C H R I S T , Römische Geschichte = K. C H R I S T , Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982. CLEMENS = G . CLEMENS, Martin Spahn und der Rechtskatholizismus in der Weimarer Republik, Mainz 1983. C R O K E , Byzantium = Β. C R O K E , Mommsen and Byzantium, in: Philologus 129, 1985, 274-285. C R O K E , Encounter = Β. C R O K E , Mommsens Encounter with the Code, in: J. Harris; I. Wood (Hrsgg.), The Theodosian Code, London 1993, 217-239. CALDER/FOWLER

Verzeichnis der Abkürzungen

XII

CROKE, L R E = B. CROKE, Theodor Mommsen and the Later Roman Empire, in: Chiron 2 0 , 1990, 159-189. CURTIUS = L. CURTIUS, Deutsche und antike Welt. Lebenserinnerungen, Stuttgart 1950. DEM ANDT, Alte Geschichte = A. DEMANDT, Alte Geschichte i n B e r l i n l 8 1 0 - 1 9 6 0 , i n : R . Hansen; W . Ribbe (Hrsgg.), Geschichtswissenschaft in Berlin im 19. und 2 0 . Jahrhundert. Persönlichkeiten und Institutionen, Berlin u. New York 1992, 149209. D E M A N D T , B e r l i n = A . DEMANDT, M o m m s e n i n B e r l i n , i n : T R E U E / G R Ü N D E R

149-173.

DEMANDT, Hensel = A. DEMANDT, Die Hensel-Nachschriften zu Mommsens KaiserzeitVorlesung, in: Gymnasium 93, 1986, 4 9 7 - 5 1 9 . DEMANDT, Mommsen = A. DEMANDT, Theodor Mommsen, in: W . W . Briggs; W . M . Calder III (Hrsgg.), Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York u. London 1990, 2 8 5 - 3 0 9 . DIELS - GOMPERZ = Philology and Philosophy. T h e Letters o f Hermann Diels to Theodor and Heinrich Gomperz ( 1 8 7 1 - 1 9 2 2 ) , ed. by M . Braun, W . M . Calder III, and D . Ehlers, prepared for publication by St. Trzaskoma, Hildesheim 1995. DIELS -

USENER -

ZELLER =

HERMANN DIELS; HERMANN USENER; EDUARD ZELLER,

Briefwechsel, hrsg. v. D. Ehlers, 2 Bde., Berlin 1992. DIELS - WILAMOWITZ = »Lieber Prinz«. Der Briefwechsel zwischen Hermann Diels und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff ( 1 8 6 9 - 1 9 2 1 ) , hrsg. u. kommentiert v. M . Braun, W . M . Calder III und D . Ehlers, unter Mitarbeit v. St. Trzaskoma, Hildesheim 1995. DÜDING = D . DÜDING, Der Nationalsoziale Verein 1 8 9 6 - 1 9 0 3 . Der gescheiterte Versuch einer parteipolitischen Symbiose von Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus, München u. Wien 1972. DUMMER, Wilamowitz = J. DUMMER, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und die Kirchenväterkommission der Berliner Akademie, in: Studia Byzantina 2 , 1 9 7 3 , 3 5 1 387. DUNKEN = G . DUNKEN, Zur Geschichte der akademischen Stiftungen: Die WentzelHeckmann-Stiftung, in: Monatsberichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Bd. 2, Heft 10, Berlin 1960, 6 3 7 - 6 4 3 . ELTESTER, Geschichte = W.ELTESTER, Zur Geschichte der Berliner Kirchenväterkommission anläßlich der 7 5 . Wiederkehr ihres Gründungsjahres, in: T h L Z 9 3 , 1 9 6 8 , 1 1 -20. ENGELBRECHT, Bismarck 2 = E. ENGELBRECHT, Bismarck; Bd. 2: Das Reich in der Mitte Europas, Berlin 1990. EYCK, Wilhelm II. = E. EYCK, Das persönliche Regiment Wilhelms II. Politische Geschichte des deutschen Kaiserreichs von 1 8 9 0 bis 1914, Erlenbach u. Zürich 1948. FEST = J. FEST, Wege zur Geschichte. Uber Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann, Zürich 1992. FOWLER = W.WARDE FOWLER, Theodor Mommsen. His Life and Work. A Lecture Given to the Classical Society o f Edinburgh University October 2 0 , 1909, Edinburgh o.J. [1909] = ID., Roman Essays and Interpretations, Oxford 1920, 2 5 0 - 2 6 8 .

Verzeichnis der Abkürzungen

XIII

GALL = L. GALL, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt a.M. ; Berlin; Wien 1980. = H. GALSTERER, Theodor Mommsen, in: M . Erbe (Hrsg.), Berlinische

GALSTERER

Lebensbilder Bd. 4: Geisteswissenschaftler, Berlin 1989, 175-194. G C S = Griechische christliche Schriftsteller der ersten (drei) Jahrhunderte, Leipzig (Berlin) 1897ff. Glanz und Niedergang = Glanz und Niedergang der deutschen Universität. 50 Jahre deutscher Wissenschaftsgeschichte in Briefen an und von Hans Lietzmann (18921942), hrsg. v. K. Aland, Berlin/New York 1979. H . GLASER, Bildungsbürgertum und Nationalismus. Politik und Kultur im Wilhelminischen Deutschland, München 1993. G O M P E R Z = T H E O D O R G O M P E R Z , Ein Gelehrtenleben im Bürgertum der Franz-JosefsZeit. Auswahl seiner Briefe und Aufzeichnungen, 1869-1912, eri. u. zu einer Darstellung seines Lebens verknüpft v. H . Gomperz. Neubearb. u. hrsg. v. R.A. Kann, SB der österreichischen Akad. d. Wiss., phil.-hist. Kl., 295. Bd., Wien 1974. GRADENWITZ = O . GRADENWITZ, T h e o d o r M o m m s e n , in: Z R G ( R ) 2 5 , 1 9 0 4 , 1 - 3 1 .

GRAU, Berliner Akademie = C . GRAU, Die Berliner Akademie der Wissenschaften in der Zeit des Imperialismus I: Von den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution; Studien der Akad. d. Wiss. d. D D R 2, Berlin 1975. GRAU, Preußische Akademie = C. GRAU, Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine deutsche Gelehrtengesellschaft in drei Jahrhunderten, Heidelberg u.a. 1993. HALLER, Lebenserinnerungen = J. HALLER, Lebenserinnerungen. Gesehenes - Gehörtes Gedachtes, Stuttgart 1960. HARNACK = A . (VON) HARNACK

Bericht ( 1 ) = Die Ausgabe der griechischen Kirchenväter der drei erstenjahrhunderte. Bericht über die Tätigkeit der Kommission 1891-1915, in: SB Berlin 1 9 1 6 , 1 0 4 - 1 1 2 ( = ID. , Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916, 163-172 und KS 2, 348-356). Bericht(2) = Die Ausgabe der griechischen Kirchenväter der drei ersten Jahrhunderte (1916-1921), in: SB Berlin 1927, XXVI-XXX (= ID., AUS der Werkstatt des Vollendeten, Gießen 1930, 240-247 und KS 2, 357-361). D G = Lehrbuch der Dogmengeschichte, 3 Bde., Tübingen 1886-1890 ("19091914). G A = Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 3 Bde. in 4, Berlin 1900. G a L = Geschichte der altchristlichen Literatur, 2 Bde in 4, Leipzig 1893-1904. KS = Kleine Schriften zur Alten Kirche. Berliner Akademieschriften 1890-1907, hrsg. v. J. Dummer, 2 Bde., Leipzig 1980. Mission = Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig 1902 ( 4 1924). HARTKOPF = W. HARTKOPF, Die Berliner Akademie der Wissenschaften. Ihre Mitglieder und Preisträger 1700-1990, Berlin 1992. H A R T M A N N = L.M. H A R T M A N N , Theodor Mommsen. Ein biographische Skizze. Mit einem Anhange: Ausgewählte politische Aufsätze Mommsens, Gotha 1908.

Verzeichnis der Abkürzungen

XIV

HEUSS = A. HEUSS, T h e o d o r M o m m s e n und das 19. Jahrhundert, Kiel 1 9 5 6 (= Stuttgart 1996). HEUSS, N i e b u h r und M o m m s e n = A. HEUSS, N i e b u h r u n d M o m m s e n .

Zur

wissenschaftsgeschichtlichen Stellung T h e o d o r Mommsens, in: A & A 1 4 , 1 9 6 8 , 1 - 1 8 (= ID., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1 9 9 5 , 1 6 9 9 - 1 7 1 6 ) HEUSS, Testamentsklausel = A

HEUSS, Theodor M o m m s e n über sich selbst. Zur

Testamentsklausel von 1 8 9 9 , in: A & A 6 , 1 9 5 7 , 1 0 5 - 1 1 7 (=

ID., Gesammelte

Schriften 3, Stuttgart 1 9 9 5 , 1 7 1 7 - 1 7 2 9 ) . HEYDERHOFF/WENTZCKE I/II = Deutscher Liberalismus im Zeitalter Bismarcks. Eine politische Briefsammlung; Bd. 1 : O i e Sturmjahre der preußisch-deutschen Einigung 1 8 5 9 - 1 8 7 0 , hrsg. v. J .

HEYDERHOFF, B o n n u. Leipzig 1 9 2 5

(=

Deutsche

Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts, Bd. 2 8 , Osnabrück 1 9 7 0 ) ; Bd. 2 : I m Neuen Reich 1 8 7 1 - 1 8 9 0 , hrsg. ν. P. WENTZCKE, B o n n u. Leipzig 1 9 2 6 (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts, Bd. 2 4 , Osnabrück 1 9 7 0 ) . HIRSCHFELD = 0 . HIRSCHFELD, Gedächtnisrede aufTheodor Mommsen, in: Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1 9 0 4 , 1 0 2 5 - 1 0 6 0 (= ID., Kleine Schriften, Berlin 1 9 1 3 , 9 3 1 - 9 6 5 ) . HOFFMANN =CHR. HOFFMANN, Juden und Judentum im W e r k deutscher Althistoriker des 19. und 2 0 . Jahrhunderts, Leiden u.a. 1 9 8 8 . HÖNSCHEID/SCHWABE = J . HÖNSCHEID; M .

SCHWABE, K u r z g e f a ß t e s V e r z e i c h n i s

der

Korrespondenz Adolf von Harnacks, in: Z K G 8 8 , 1 9 7 7 , 2 8 5 - 3 0 1 . HUBER I V = E . R . HUBER, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1 7 8 9 , Bd. 4: Struktur und Krisen des Kaiserreichs, Stuttgart 1 9 6 9 . HUBER/HUBER I I I

=

E.R.

HUBER; W .

HUBER, S t a a t

und Kirche

im

19.

und

20.

Jahrhundert. Dokumente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, Bd. 3: Staat und Kirche von der Beilegung des Kulturkampfs bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Berlin 1 9 8 3 . HÜBINGER = G. HÜBINGER, Kulturprotestantismus und Politik. Z u m Verhältnis von Liberalismus und Protestantismus im wilhelminischen Deutschland, Tübingen 1994. IRMSCHER, G C S = J . IRMSCHER, Die Griechischen Christlichen Schriftsteller 1 9 4 5 - 1 9 8 5 , in: G B 1 4 , 1 9 8 7 , 2 6 1 - 2 7 9 .

IRMSCHER, Kommission (1) = J . IRMSCHER, Die Kommission für spätantike Religionsgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, in: Oikoumene. Studi paleocristiani pubblicati in onore del Concilio Ecumenico Vaticano II, Catania 1964, 419-438. IRMSCHER, Kommission (2) = J . IRMSCHER, Die Kommission für spätantike Religionsgeschichte im Rahmen des Instituts für griechisch-römische Altertumskunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, in: Byzantinobulgarica 3, 1 9 6 9 , 247-254. IRMSCHER, Mommsen und Harnack = J .

IRMSCHER, M o m m s e n und Harnack, in:

Mommsen 1817-1903, 19-25. JOHNE, P I R = K.-P.JOHNE, 100 Jahre Prosopographia Imperii Romani, in: Klio 5 6 , 1 9 7 4 , 21-27.

XV

Verzeichnis der Abkürzungen

JONAS = F. JONAS, Erinnerungen an Theodor Mommsen zu seinem hundertjährigen Geburtstage, Berlin o.J. [1917]. JÜLICH ER, Autobiographie = Adolf Jülicher, in: E. Stange (Hrsg.), Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1928, 1 5 9 - 2 0 0 (Die separate Paginierung der Autobiographie wird in Klammern angegeben). KALTENBORN, Hamack = C.-J. KALTENBORN, Kontroverstheologie zur Weltgestaltung. AdolfvonHarnacks Berliner Wirksamkeit, in: G . W i r t h (Hrsg.), Beiträge zur Berliner Kirchengeschichte, Berlin (Ost) 1987, 197-216. KIRSTEN = CHR. KIRSTEN, Die Altertumswissenschaften an der Berliner Akademie. Wahlvorschläge zur Aufnahme von Mitgliedern von F.A. Wolfbis zu G . Rodenwaldt 1 7 9 9 - 1 9 3 2 , Berlin 1985. KOURI = E.I. KOURI, Der deutsche Protestantismus und die soziale Frage 1 8 7 0 - 1 9 1 9 . Zur Sozialpolitik im Bildungsbürgertum, Berlin/New York 1984. KRETSCHMAR = G . KRETSCHMAR, Der Evangelisch-Soziale Kongreß. Der deutsche Protestantismus und die soziale Frage, Stuttgart 1972. KUCZYNSKI = J. KUCZYNSKI, Theodor Mommsen: Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers, Berlin 1978. LANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum = D . LANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum und Liberalismus im 19. Jahrhundert, in: Bildungsbürgertum IV, 9 5 - 1 2 1 . LENZ, Universität Berlin = M . LENZ, Geschichte der Königlichen Friedrich-WilhelmsUniversität zu Berlin, 4 Bde., Halle 1910. LEVY = R.S. LEVY, T h e Downfall o f the Anti-Semitic Political Parties in Imperial Germany, New Haven u. London 1975. MALITZ, Nachlese = J. MALITZ, Nachlese zum Briefwechsel Mommsen-Wilamowitz, in: Q S 17, 1 9 8 3 , 1 2 3 - 1 5 0 . MALITZ, Wilamowitz = J. MALITZ, Theodor Mommsen und Wilamowitz, in: CALDER, Wilamowitz 3 1 - 5 5 . MALITZ, Wilhelminisches Reich = J . MALITZ, Theodor Mommsen im wilhelminischen Reich, in: L'Antichità nell'Ottocento in Italia e Germania - Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland, Bologna u. Berlin 1988, 3 2 1 - 3 5 9 . MAST = P. MAST, Künstlerische und wissenschaftliche Freiheit im Deutschen Reich 1 8 9 0 1901: Umsturzvorlage und Lex Heinze sowie die Fälle Arons und Spahn im Schnittpunkt der Interessen von Besitzbürgertum, Katholizismus und Staat, Rheinfelden 2 1986. MENSCHING, Vossische Zeitung = E . MENSCHING, Die »Vossische Zeitung« über Theodor Mommsens Erkrankung und Tod, in: Latein und Griechisch in Berlin und Brandenburg 3 7 , 1993, 1 2 3 - 1 5 0 (= ID., Nugae zur Philologiegeschichte 7 , Berlin 1994, 6 0 - 8 7 ) . A . MOMMSEN = ADELHEID MOMMSEN, T h e o d o r M o m m s e n

i m Kreise der S e i n e n :

Erinnerungen seiner Tochter, Berlin 1936 (= Mein Vater. Erinnerungen an Theodor Mommsen, München 1992). M O M M S E N = T H . MOMMSEN

G S = Gesammelte Schriften, 8 Bde., Berlin 1 9 0 5 - 1 9 1 3 . RA = Reden und Aufsätze, hrsg. v. O . Hirschfeld, Berlin 1905.

XVI

Verzeichnis der Abkürzungen

R G = Römische Geschichte, Bde. 1-3 und 5, Berlin 1854-1856.1885 ( 9 1902-1904. 5 1904). (In Klammern wird die Band- und Seitenzahl der dtvAusgabe von 1976 angeführt.) R K = Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel, hrsg. v. B. u. A. Demandt, München 1992. StR 3 = Staatsrecht, 3 Bde in 5, Leipzig 3 1887/88. StrR = Römisches Strafrecht, Leipzig 1899. M O M M S E N - ' W I L A M O W I T Z = Mommsen und Wilamowitz. Briefwechsel 1872-1903, hrsg. v. F. u. D . Hiller von Gaertringen, Berlin 1935. Mommsen 1817-1903 = Theodor Mommsen 1917-1903, Akademie der Wissenschaften der D D R , Institut für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft, Kolloquiumsband, Nr. 40, Berlin 1984. W.J. MOMMSEN, Bürgerliche Kultur = W.J. MOMMSEN, Bürgerliche Kultur und Künstlerische Avantgarde. Kultur und Politik im deutschen Kaiserreich 1870 bis 1918, Frankfurt a.M. u. Berlin 1994. W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat = W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck 1850 bis 1890, Propyläen Geschichte Deutschlands, Bd. 7.1, Berlin 1993. W.J. MOMMSEN, Nationalstaat = W.J. MOMMSEN, Derautoritäte Nationalstaat. Verfassung, Gesellschaft und Kultur im deutschen Kaiserreich, Frankfurt a.M. 1990. MORSEY, Denkschriften = R. MORSEY, Zwei Denkschriften zum »Fall Martin Spahn« (1901). Ein Beitrag zur preußisch-deutschen Wissenschaftspolitik, in: A K G 38, 1956, 244-257. MÜLLER, Kulturprotestantismus = H . M . MÜLLER (Hrsg.), Kulturprotestantismus. Beiträge zu einer Gestalt des modernen Christentums, Gütersloh 1991. N A = Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. NAGEL, Carl-Schmidt-Kolloquium = P. NAGEL (Hrsg.), Carl-Schmidt-Kolloquium an der Martin-Luther-Universität 1988, Halle (Saale) 1990. NEUFELD, Harnack = K . H . NEUFELD, Adolf Harnacks Konflikt mit der Kirche. WegStationen zum »Wesen des Christentums«, Innsbruck u.a. 1979. NIPPERDEY 1 - 2 = T H . NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1 8 6 6 - 1 9 1 8 . Bd. 1 : Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990; Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992.

= K.-E. POLLMANN, Landesherrliches Kirchenregiment und soziale Frage. Der evangelische Oberkirchenrat der altpreußischen Landeskirche und die sozialpolitische Bewegung der Geistlichen nach 1890, Berlin 1973.

POLLMANN

REBENICH, Mommsen = ST. REBENICH, Theodor Mommsen und das Verhältnis von Alter Geschichte und Patristik, in: Patristique et Antiquité tardive en Allemagne et en France de 1870 à 1930. Influences et échanges, Paris 1993, 131-154. REBENICH, Rossi =ST. REBENICH, Giovanni Battista de Rossi und Theodor Mommsen, in: R. Stupperich (Hrsg.), Lebendige Antike. Rezeptionen der Antike in Politik, Kunst und Wissenschaft der Neuzeit, Mannheim 1995, 173-186.

Verzeichnis der Abkürzungen

XVII

REHM = A. REHM, Eduard Schwartz' wissenschaftliches Lebenswerk, S B der Bayer. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Abt., Jahrgang 1942, H. 4, München 1942, 5-75. REITZENSTEIN, Fragen = R. REITZENSTEIN, Zwei religionsgeschichtliche Fragen nach ungedruckten griechischen Texten der Straßburger Bibliothek, Straßburg 1901. ROSSI-DUCHESNE = Correspondance de Giovanni Battista de Rossi et de Louis Duchesne ( 1 8 7 3 - 1 8 9 4 ) , établie et annotée par P. Saint-Roch, Rom 1995. ROSSMANN = K. ROSSMANN, Wissenschaft, Ethik und Politik. Erörterung des Grundsatzes der Voraussetzungslosigkeit in der Forschung. Mit erstmaliger Veröffentlichung der Briefe Theodor Mommsens über den »Fall Spahn« und der Korrespondenz zu Mommsens öffentlicher Erklärung über »Universitätsunterricht und Konfession« aus dem Nachlaß Lujo Brentanos; Schriften der Wandlung 4; Heidelberg 1949. SACHSE, Althoff = A. SACHSE, Friedrich Althoff und sein Werk, Berlin 1928. S B = Sitzungsberichte. SCHMIDT, In memoriam = C . SCHMIDT, In memoriam. Urkundliche Darstellung einer von den Herren Spiegelberg und Jacoby gegen mich geführten Controverse. Als Manuskript gedruckt, Göttingen 1901. SCHMIDT-OTT = F. SCHMIDT-OTT, Erlebtes u n d Erstrebtes 1 8 6 0 - 1 9 5 0 , W i e s b a d e n 1 9 5 2 .

SCHÖNE = R. SCHÖNE, Erinnerungen an Theodor Mommsen zum 30. November 1917. Herausgegeben von Hermann Schöne, Münster 1923. SCHWARTZ, Mommsen = ED. SCHWARTZ, Rede auf T h . Mommsen, Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. GeschäftlicheMitteilungen 1904, 7 5 - 8 8 (zitiert nach Separatabdruck Göttingen 1904 =

ED. SCHWARTZ,

Gesammelte Schriften 1: Vergangene Gegenwärtigkeiten, Berlin 1938, 2 8 1 - 2 9 7 ) . SEECK, Mommsen = O . SEECK, Zur Charakteristik Mommsens, in: Deutsche Rundschau, 3 0 . Jg., H. 4 (= Bd. 118), Januar 1904, 7 5 - 1 0 8 . SHEEHAN, Career = J.J. SHEEHAN, T h e Career o f Lujo Brentano. A Study o f Liberalism and Social Reform in Imperial Germany, Chicago 1966. SHEEHAN, Liberalismus=J.J. SHEEHAN, Der deutsche Liberalismus. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, 1 7 7 0 - 1 9 1 4 , München 1 9 8 3 (engl. Original Chicago 1973). SMEND = FR. SMEND, Adolf von Harnack. Verzeichnis seiner Schriften. Mit einem Geleitwort und bibliographischen Nachträgen bis 1985 von J. DUMMER, Leipzig 3

1990.

Der sogenannte Fall Spahn = Der sogenannte Fall Spahn. Erste und Zweite Hälfte; Kirchliche Aktenstücke Nr. 10 und Nr. 11, Leipzig 1902. SPITZEMBERG = D a s T a g e b u c h d e r

BARONIN SPITZEMBERG. A u f z e i c h n u n g e n

aus

der

Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches, hrsg. von R. Vierhaus (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 2 0 . Jhs., Bd. 43), Göttingen 1960. THEINER, Sozialer Liberalismus = P. THEINER, Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland ( 1 8 6 0 - 1 9 1 9 ) , Baden-Baden 1983. THIMME, Delbrück = A. THIMME, Hans Delbrück als Kritiker der Wilhelminischen Epoche, Düsseldorf 1955.

XVIII

Verzeichnis der Abkürzungen

TREU = U. TREU, Zur Geschichte der Kirchenväterkommission, in: Patristique et Antiquité tardive en Allemagne et en France de 1870 à 1930. Influences et échanges, Paris 1993, 227-235. TREUE/GRÜNDER = Berlinische Lebensbilder Bd. 3: Wissenschaftspolitik in Berlin, hrsg. v . W . T R E U E u n d K . GRÜNDER, B e r l i n 1 9 8 7 .

T U = Texte und Untersuchungen zur altchristlichen Literatur, Leipzig (/Berlin) 1883ff. UNTE =W. UNTE, Wilamowitz als wissenschaftlicher Organisator, in: CALDER, Wilamowitz 720-770. VOIGT = J . H . VOIGT, Die Auseinandersetzung zwischen Theodor Mommsen und Max Müller über den Burenkrieg. Ein Beitrag zum deutsch-englischen Verhältnis um die Jahrhundertwende, in: G W U 17, 1966, 65-77. WAGNER/CHAMBERLAIN = COSIMA WAGNER u n d HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN i m

Briefwechsel 1888-1908, hrsg. v. P. Pretzsch, Leipzig 1934. WEBER = CHR. WEBER, Der »Fall Spahn« (1901). Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert, Rom 1980 (tw. veröffentlicht in: R Q 7 3 , 1 9 7 8 , 4 7 110 und 74, 1979, 186-268). WEBER, Bamberger = M.-L. WEBER, Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik, Stuttgart 1987. WEGNER = K. WEGNER, Theodor Barth und die Freisinnige Vereinigung. Studien zur Geschichte des Linksliberalismus im wilhelminischen Deutschland (1893-1910), Tübingen 1968. WEHLER, Bismarck = H.-U. WEHLER, Bismarck und der Imperialismus, München 1969 C1976). WEHLER, D G 3 = H.-U. WEHLER, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 3: Von der »Deutschen Doppelrevolution« bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. 1849-1914, München 1995. WHITMAN = S. WHITMAN, Deutsche Erinnerungen, Stuttgart u. Berlin 1912. WICKERT I-IV = L. WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, 4 Bde., Frankfurt a . M . 1959-80. WICKERT, Beiträge = L.WICKERT, Beiträge zur Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts von 1879 bis 1929 (Das Deutsche Archäologische Institut. Geschichte und Dokumente 2), Mainz 1979. WICKERT, Briefwechsel = L. WICKERT (Hrsg.), Theodor Mommsen - Otto Jahn. Briefwechsel 1842-1868, Frankfurt a . M . 1962. WICKERT, Vorträge = L. WICKERT, Drei Vorträge über Theodor Mommsen, hrsg. v. H. Bellen, Frankfurt a.M. 1970. WILAMOWITZ, Erinnerungen = U. VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Erinnerungen 1848-1914, Leipzig 1928 (zitiert nach der zweiten Auflage von 1929). WILAMOWITZ, Mommsen 1907 = U. VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Theodor Mommsen, in: Internationale Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik 1 , 1 9 0 7 , 2 6 3 - 2 7 0 (zitiert nach ID., Kleine Schriften 6, Berlin u. Amsterdam 1972,11 17).

Verzeichnis der Abkürzungen

WILAMOWITZ,

Mommsen

1917

=

U.

VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF,

XIX

Theodor

M o m m s e n , in: Sokrates. Zeitschrift für das Gymnasialwesen N . F . 6, 1918, 1 - 1 0 (zitiert nach ID., Kleine Schriften 6, Berlin u. Amsterdam 1972, 1 8 - 2 8 ) . WINKELMANN, Ehrhard, = F. WINKELMANN, Albert Ehrhard und die Erforschung der griechisch-byzantinischen Hagiographie. Dargestellt an Hand des Briefwechsels Ehrhards mit Adolf von Harnack, Carl Schmidt, Hans Lietzmann, Walther Eltester und Peter Heseler, T U 111, Berlin 1 9 7 1 . WINKELMANN, Heikel = F. WINKELMANN, Ivar August Heikels Korrespondenz mit Hermann Diels, Adolf Harnack und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, in: Klio 67, 1985, 568-587. WINKELMANN, P I R = F.WINKELMANN, ProsopographiaImperii Romani saec. I V . V . V I , in: J . Irmscher (Hrsg.), Adolf Harnack und der Fortschritt in der Altertumswissenschaft, S B der A d W der D D R , 10G/1980, Berlin 1 9 8 1 , 2 9 - 3 4 . WINKLER, V o m linken zum rechten Nationalismus = H.A. WINKLER, V o m linken zum rechten Nationalismus. Der deutsche Liberalismus in der Krise von 1878/79, in: G u G 4, 1978, 5-28. WINTER, Mommseniana = U. WINTER, Mommseniana aus dem Nachlaß M o m m s e n in der Deutschen Staatsbibliothek, in: M o m m s e n 1 9 1 7 - 1 9 0 3 , 7 3 - 7 9 . WOLFF = TH. WOLFF, D i e Wilhelminische Epoche. Fürst Bülow am Fenster und andere Begegnungen, hrsg. u. eingel. v. B. Sösemann, Frankfurt a.M. 1 9 8 9 (Erstveröffentlichung 1 9 3 6 unter dem Titel: »Marsch durch zwei Jahrzehnte«). WUCHER = A. WUCHER, Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, Göttingen 21968.

ZAHN-HARNACK = A VON ZAHN-HARNACK, Adolf von Harnack, Berlin 1 9 3 6 ( 2 1 9 5 1 ) . [Die Biographie ist nach der ersten Auflage zitiert, denn nach dem Zeugnis der Autorin wurden bei der zweiten Auflage von 1 9 5 1 Änderungen »nur in bezug auf einige meiner eigenen Urteile vorgenommen ; außerdem sind Einzelheiten, hauptsächlich Anmerkungen weggefallen oder gekürzt worden, für die bei den heutigen Lesern kein Interesse mehr erwartet werden konnte. Dafür wurde ein Kapitel über Frau von Harnack neu eingefügt« (S. X I ) . ] ZAHN-HARNACK, M o m m s e n = A. VON ZAHN-HARNACK, Theodor Mommsen, in: EAD., Schriften und Reden 1 9 1 4 - 1 9 5 0 , Tübingen 1 9 6 4 , 1 0 4 - 1 0 7 . ZJ = K. ZANGEMEISTER, Theodor M o m m s e n als Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner Schriften. Im Auftrage der königlichen Bibliotheken bearbeitet und fortgesetzt von E. JACOBS, Berlin 1 9 0 5 .

ARCHIVALISCHE QUELLEN

Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz (StBB-PK): - Nachlaß Harnack - Nachlaß Hirschfeld - Nachlaß Mommsen - Nachlaß Mommsen II - Nachlaß Wickert Biblioteka Jagielloñska in Krakau (Bibjag): - Bestände aus der Sammlung Autographa der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, die sich gegenwärtig in Krakau befinden. Archiv der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg (AAdW-BB): - Akten der Preußischen Akademie der Wissenschaften 1812-1945 - Heckmann-Wentzel-Stiftung - Journal der Akademie der Wissenschaften - Kommission für spätantike Religionsgeschichte 1891-1931 - Personalia. Mitarbeiter - Personalia. Mitglieder: Ordentliche Mitglieder - Personalia. Mitglieder: Korrespondierende Mitglieder - Preisschriften - Prosopographie - Sitzungsprotokolle der philosophisch-historischen Klasse - Arbeitsstelle zur Herausgabe der ältesten griechischen Kirchenschriftsteller: »Kirchenväterkommission« (KVK) Nr. ifF. - Darin ( K V K Nr. 1): Harnacks Protokollbuch der Kommissionssitzungen - Akademie-Leitung (Nr. 2) Geheimes Staatsarchiv, Preußischer Kulturbesitz (GStA-PK): - Rep. 92 AlthofF - Rep. 92 Schmidt-Ott - Rep. 151 Finanzministerium - 2.2.1 Geheimes Zivilkabinett Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle (ULBSA): - Nachlaß Loofs (Korrespondenz mit A. Harnack) Bundesarchiv Koblenz (BÄK): - Nachlaß Lujo Brentano (Korrespondenz mit Th. Mommsen)

Archivalische Quellen

XXI

Deutsches Literaturarchiv Schiller Nationalmuseum in Marbach (Schiller Nat.): - Nachlaß Mommsen - Nachlaß Hermann Sudermann Universitätsbibliothek Marburg (UBM): - Nachlaß Adolf Jülicher (Korrespondenz mit A. Harnack und Th. Mommsen) Bayerische Staatsbibliothek München (BStBM): - Nachlaß Eduard Schwartz (Korrespondenz mit A. Harnack und Th. Mommsen) Monumenta Germaniae histórica, München (MGH): - Archiv (Korrespondenz Th. Mommsen) Verlag Walter de Gruyter & Co - Verlagsarchiv (Korrespondenz Th. Mommsen) University Library Cambridge (UL Cambridge): - Nachlaß Francis Jenkinson (Korrespondenz mit Th. Mommsen) Ashmolean Library, Oxford (AshLib): - Nachlaß Francis Haverfield Bodleian Library, Oxford (Bodleian) - Bestand Phillipps-Robinson

I. EINLEITUNG

έπιπόνως δέ ηύρίσκετο, διότι ol παρόντες τοις εργοις έκάστοις ού ταύτα περί των αύτών ελεγον, άλλ' ώς έκατέρων τις εύνοιας ή μνήμης εχοι. Thukydides

ι. Forschungsstand und Aufgabenstellung Als im Laufe des i. Novembers 1903 die Nachricht verbreitet wurde, Theodor Mommsen sei in den Morgenstunden verschieden, gehörte der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II. zu den ersten, die Marie Mommsen, der Witwe, kondolierten. In seinem Beileidstelegramm betonte er, daß Mommsens Name »für alle Zeiten ein Ehrenblatt der deutschen Wissenschaft bilden« werde. Die ganze gebildete Welt nehme teil am Verlust, den die Hinterbliebenen erlitten hätten, da sie »in dem Entschlafenen ihren größten humanistischen Gelehrten, den Meister der römischen Geschichtsforschung, den unübertrefflichen Organisator wissenschaftlicher Unternehmungen verloren« habe1. Während Wilhelm II. in Übereinstimmung mit zahllosen nationalen und internationalen Würdigungen die wissenschafdichen und organisatorischen Leistungen des Verstorbenen herausstellte, überging er wohlweislich Mommsens Rolle als Politiker. Denn der linksliberale Historiker erhob »immer und überall« seine Stimme, »als Rater, Warner, Wegweiser, als Gewissen der Nation«2 - sehr zum Verdruß des Kaisers. Während sein Ruhm als Wissenschaftler unbestritten war, blieb der nicht minder populäre Politiker Mommsen über seinen Tod hinaus Gegenstand heftiger Anwürfe. »Das Gewicht seines Urteils«, um Hermann Oncken zu zitieren, »war häufig durch Temperament beeinflußt und rief, bis in

'

Das Telegramm wurde in mehreren Zeitungen abgedruckt, so in der »Wiener Arbeiter-Zeitung« und in der »Vossischen Zeitung« vom 2. November, vgl. MENSCHING, Vossische Zeitung 126 (Nugae 63).

1

Vgl. den Nachruf auf Theodor Mommsen in der Abendausgabe der »Vossischen Zeitung« vom 2. November (zitiert nach MENSCHING, Vossische Zeitung 134 [Nugae 71]).

2

Einleitung

seine letzten Tage hinein, erregte Gegenwirkungen hervor«3. Konservative Gegner konnten sich denn nicht enthalten, Mommsens politischen Äußerungen der letzten Jahre gegen Schutzzoll und Staatssozialismus, gegen das Zedlitzsche Schulgesetz und die Lex Heinze, gegen die Theaterzensur und die Konfessionalisierung der Universitäten, gegen einen englandfeindlichen Nationalismus und eine maßlose Flottenagitation auch in ihren Pressenotizen zu seinem Tode der Kritik zu unterziehen. Seine altertumswissenschaftlichen Kollegen und seine Schüler, die nicht müde wurden, Mommsens wissenschaftliche Bedeutung zu rühmen, taten sich ebenfalls schwer, seine politische Leidenschaft zu respektieren. Sein ungestümes Temperament und sein rücksichtsloser Einsatz für liberale Ziele widerstrebten ihrer konservativen Grundhaltung. Ernst Kornemann etwa bedauerte in seinem Nachruf, daß jede Stunde, die Mommsen außerhalb der Wissenschaft zugebracht habe, eigentlich ein unersetzlicher Verlust fur sie gewesen sei4. Für Eduard Schwartz wiederum stand fest, daß Mommsen »seine Kunst, zu sprechen und zu schreiben, nicht selten einer politischen Aufwallung« geliehen habe, »die es nicht verdiente«5. Und für Otto Seeck war Mommsen ein guter Politiker, der leider eine schlechte Politik trieb6. Unter Mommsens Schülern und Mitarbeitern war es nur der Sozialdemokrat Ludo Moritz Hartmann, der in der ersten Mommsenbiographie, die 1908 erschien und aus seinem Nekrolog im »Biographischen Jahrbuch« hervorgegangen war 7 , den ernsthaften Versuch unternahm, neben dem Wissenschaftler auch den Politiker angemessen zu charakterisieren. Allerdings entbehrt diese selbständige und anregende Skizze nicht panegyrischer Züge. Fünf Jahre später würdigte der britische Historiker George Peabody Gooch auf wenigen gehaltvollen Seiten den »prince of scholars«, aber auch den »active politician« und den »leader of thought«8. Es dauerte fast fiinf Jahrzehnte, bis zwei engagierte und zugleich kritische Darstellungen veröffentlicht wurden, die Mommsens wissenschaftliches Werk und seine politische Betätigung vor dem Hintergrund der Entwicklungen des 19. Jahrhunderts untersuchten. So legte Albert Wucher 1956 eine Studie zur

H. ONCKEN, Theodor Mommsen, in: Der Tag (Ausgabe A) vom 1. November 1903, Nr. $13 (vgl. E. MENSCHING, Nugae zur Philologiegeschichte 8, Berlin 1995, 73-79). Zitiert nach E. KORNEMANN, Gestalten und Reiche, Leipzig 1943 ( N D Bremen 1980), 435·

Vgl. Schwartz' Einführung zu MOMMSEN-WIIAMOWITZ, S. VI. Vgl. SEECK, Mommsen 103. Zuvor bereits hatte L.M. Hartmann den Nachruf auf Theodor Mommsen, der auf der ersten Seite der »Arbeiter-Zeitung«, dem Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, erschien (15. Jahrgang, Nr. 301 vom 2. November 1903), verfaßt. G.P. GOOCH, History and Historians in the Nineteenth Century, Boston 1 I959, 459469. Die erste Auflage erschien 1913.

Forschungsstand und Aufgabenstellung

3

Geschichtsschreibung und Politik bei Theodor Mommsen vor, in der er am Beispiel der »Römischen Geschichte« nachwies, daß politische Überzeugungen und tagespolitische Erfahrungen in hohem Maße sein historiographisches Werk und die Darstellung der handelnden Personen und Gruppen beeinflußten9. Im selben Jahr erschien die Biographie des damals in Kiel und später in Göttingen lehrenden Althistorikers Alfred Heuss, der seinem Buch den programmatischen Titel »Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert« gab. Heuss wählte bewußt die biographische Methode, die ihm fìir eine ausgewogene historische Analyse der Persönlichkeit Mommsens und seines Werkes am geeignetsten schien, um die gleichermaßen den Wissenschaftler, den Wissenschaftsorganisator und den Politiker in seiner zeitlosen Größe und in seiner zeitlichen Gebundenheit zu erfassen. Wiewohl der Autor sein Buch bescheiden als einen »Anfang« und ersten »Versuch« charakterisierte, um »die längist ausstehende Diskussion in Gang« zu bringen 10 , ist es bis heute die zuverlässigste und beste Einfuhrung in Leben und Werk Mommsens geblieben11. Es ist für die Forschungslage bezeichnend, daß erst Ende der achtziger Jahre Jürgen Malitz Mommsens politische Betätigung im Wilhelminischen Reich auf der Grundlage publizierter Quellen eingehender behandelt hat". Eine Kurzbiographie von Karl Christ, die eigene und fremde Forschungen zusammenfuhrt, hat einem breiteren Publikum nochmals die verschiedenen Facetten des Wirkens des großen deutschen Althistorikers verdeutlicht15, und Alexander Demandt hat kürzlich eine biographische Skizze überzeugend in die drei Kapitel »Historiker«, »Organisator« und »Politiker« eingeteilt14. Die umfangreichste Biographie stammt indes aus der Feder des Althistorikers Lothar Wickert15. Als im Jahre 1933 der Nachlaß Theodor Mommsens nach Ablauf der dreißigjährigen Sperrfrist der Öffentlichkeit zugänglich wurde, 9

WUCHERS Arbeit von 1956 (die zweite, überarbeitete Auflage erschien 1968) ist die revidierte Fassung einer 1949 der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen vorgelegten Dissertation. Die gehaltvolle Untersuchung versteht sich, wie der Verfasser im Vorwort bekundet und wie angesichts der Entstehungszeit nicht verwundern kann, auch als Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung nach 1945 und steht damit in der Tradition der von Mommsen selbst in seiner »Römischen Geschichte« praktizierten »Historiographie engagée«.

,0

H E U S S I.

11

Die lange vergriffene Biographie ist jüngst wieder aufgelegt worden (Stuttgart 1996).

12

MALITZ, Wilhelminisches Reich.

''

CHRIST, Gibbon 84-118.

14

DEMANDT, Mommsen. V o n den zahlreichen kürzeren biographischen Darstellungen sei noch die durchaus eigenständige Würdigung des Wissenschaftlers und Politikers durch KARL KUPISCH erwähnt (Die Hieroglyphe Gottes, München 1967,112-128), der eine Kurzbiographie Adolf von Harnacks folgt (ebd. 129-155).

"

WICKERT I -

IV.

4

Einleitung

übernahm Wickert, damals Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Corpus Inscriptionum Latinarum, auf Bitten Eduard Nordens und im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften die Aufgabe, eine groß angelegte Lebensdarstellung des Archegeten zu verfassen. 1934 begann er mit dem Unterfangen'6. In jahrzehntelanger Arbeit sichtete, sammelte und ordnete er große Teile des Nachlasses, wertete Tausende von Briefen und Aufzeichnungen aus und füllte Dutzende von Kladden mit Auszügen aus Mommsens handschriftlicher Hinterlassenschaft und seiner umfangreichen Korrespondenz'7. Der beeindruckende Umfang der vorbereitenden Studien, die Wickert auch fortsetzte, als er 1935 einem Ruf nach Königsberg und vier Jahre später nach Köln folgte, eröffnet sich jedem Benutzer seines Nachlasses, der von den Erben nach seinem Tod im Jahre 1989 dankenswerterweise derselben Institution übergeben wurde, die Mommsens Nachlaß aufbewahrt, der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Wickert plante zunächst, eine dreibändige Biographie vorzulegen: Auf Mommsens »Lehrjahre« sollten die »Wanderjahre« und schließlich die »Meisterjahre« der Berliner Zeit folgen'8. Durch manchen anregenden Vortrag und gelehrten Aufsatz'9 und durch die Edition des Briefwechsels zwischen Mommsen und Jahn 10 bereitete Wickert sein Werk vor, dessen erster Band 1959 veröffentlicht wurde. 1964 folgte der zweite, 1969 der dritte, die beide Mommsens »Wanderjahren« bis zu seiner Übersiedelung nach Berlin im Jahre 1858 gewidmet waren. 1980 erschien der letzte Band der Biographie: Größe und Grenzen. Damit war die ursprüngliche Konzeption des Werkes aufgegeben. Wickerts Verdienst liegt zweifelsohne in der Gewinnung und Erschließung bedeutender Teile des archivalischen Materials. Allerdings setzte er hierbei eigenwillige Akzente. Bedingt durch seine eigenen Verbindungen mit dem

16

Vgl. G n o m o n 1 0 , 1 9 3 4 , 335F. und WICKERT 1 1 . In der Gnomon-Anzeige bat Wickert um Hinweise auf einschlägiges Material und gegebenenfalls um Überlassung desselben zur Auswertung und Abschrift. Diese Aufforderung wurde zugleich an ausländische Fachzeitschriften mit der Bitte um Veröffentlichung gesandt, so z.B. an das »Journal of Roman Studies«, wie dem Nachlaß von Francis Haverfield in der Ashmolean Library in Oxford zu entnehmen ist.

17

Vgl. WICKERTS Notiz über die Quellenlage und den Stand der Arbeit in: G n o m o n 26,

18

V g l . WICKERT I 6.

''

Vgl. etwa WICKERT, Verträge sowie ID., Theodor Mommsen, in: Die Großen Deutschen 3, Berlin u.a. 1956, 572-581; ID., Theodor Mommsen und Jacob Bernays. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums. Z u Mommsens 150. Geburtstag, 30. Ii. 1967, in: H Z 205, 1967, 205-294. Eine von Gerd Biegel in Zusammenarbeit mit Heinz Bellen und Wilhelm Kierdorf erarbeitete Bibliographie Wickerts findet sich in WICKERT, Vorträge 87-94.

10

WICKERT, Briefwechsel.

1954. 559f·

Forschungsstand und Aufgabenstellung

5

Inschriftencorpus einerseits und durch die Bedeutung dieses Unternehmens fiür den wissenschaftlichen Werdegang Mommsens andererseits stehen auch in Wickerts Nachlaß die Exzerpte und Aufzeichnungen zu dem Corpus Inscriptionum Latinarum im Vordergrund. Von dem Inschriftenwerk ausgehend erschloß Wickert überdies Mommsens Anteil an der Gründung und Verwaltung des Deutschen Archäologischen Instituts21. Kaum beachtet oder völlig übersehen hat er bei seiner Aufarbeitung der Quellen indessen Mommsens Bemühungen um ein Corpus nummorum und ein Corpus papyrorum sowie seine Zusammenarbeit mit Harnack zur Verwirklichung der Kirchenväterausgabe. Auch Mommsens Verbindungen mit den Monumenta Germaniae histórica werden eher zufällig beleuchtet. Grundsätzlich vernachlässigt sind Mommsens Verdienste um die Erforschung der Spätantike. Und es berührt seltsam, daß Wickert, der fur sich in Anspruch nahm, in Übereinstimmung mit einer Forderung Mommsens dessen »klassische« Freundschaften darzustellen21, von der Freundschaft des alten Mommsen mit Harnack, die durch die hier vorgelegte Korrespondenz eindrucksvoll bezeugt wird, offensichtlich überhaupt keine Kenntnis genommen hat25. Doch schwerer als die Lücken bei der Quellenerschließung24 wiegt die Tatsache, daß Wickert es bei der Sammlung des Materials, wie schon seine handschriftlichen Aufzeichnungen zeigen, an systematischer Ordnung und bei der folgenden wissenschaftlichen Auswertung an übergeordneten Fragestellungen hat fehlen lassen. Häufig wurde er der Fülle der Zeugnisse, die er oft unkommentiert zitierte oder paraphrasierte, nicht Herr. Seine eigene Maxime aus dem Jahre 1967 ignorierte er beständig: »Um eine Persönlichkeit wie Mommsen

V g l . W I C K E R T , Beiträge. V g l . W I C K E R T I 6f.; I I I 2 4 0 mit A n m . 53 a u f S . 5 2 2 u n d seinen Artikel über » T h e o d o r M o m m s e n u n d J a c o b Bernays« in: H Z 2 0 5 , 1 9 6 7 , 2 6 5 . N e b e n d e m U m s t a n d , daß sich in den v o n mir gesichteten T e i l e n des W i c k e r t - N a c h lasses kein H i n w e i s a u f den Briefwechsel zwischen M o m m s e n u n d H a r n a c k finden ließ, gibt es in seiner Biographie ein eindeutiges Indiz, daß er die K o r r e s p o n d e n z nicht kannte: W i c k e r t wies n ä m l i c h d a r a u f h i n , daß die »Kränzchen« genannte gesellschaftliche Z u s a m m e n k u n f t befreundeter Familien in M o m m s e n s Korrespondenz, soweit er sie kenne, n u r in einem B r i e f an R i c h a r d S c h ö n e e r w ä h n t w e r d e (WICKERT I V y j f . m i t A n m . 2 8 a u f S. 2 5 4 ) . I m Editionsteil dieser A r b e i t w i r d indes ein undatierter Brief H a r n a c k s an M o m m s e n abgedruckt, in d e m das »Kränzchen« ausdrücklich genannt ist (vgl. A n m . ι zu Brief N r . 2 9 8 ) ; auch weitere Schreiben H a r n a c k s beziehen sich augenscheinlich a u f das »Kränzchen«, vgl. die Briefe N r . 3 mit A n m . 1, N r . 19 mit A n m . 1 u n d 2 6 8 m i t A n m . 2. D e s h a l b ist KARL CHRISTS Feststellung, W i c k e r t k ö n n e für sich das V e r d i e n s t in A n spruch n e h m e n , »die heute n o c h zugänglichen Materialien über T h e o d o r M o m m s e n s L e b e n « erschlossen zu haben (vgl. MOMMSEN, R G , dtv B d . 8, S. 8 A n m . i), nur bedingt zutreffend.

6

Einleitung

kennenzulernen, muß man sie immer wieder in ihrer vollen Wucht auf sich wirken lassen, nicht in Einzelaspekten, sondern als Ganzes«25. Offensichtlich hatte sich der Verfasser trotz ausfuhrlicher Reflexionen über die Aufgaben eines Biographen26 nie Rechenschaft darüber gegeben, welchen Ansprüchen eine historisch-kritische Gelehrtenbiographie genügen muß. Sein Ziel war es augenscheinlich, die zeitlose Einzigartigkeit der wissenschaftlichen Lebensleistung Mommsens zu verdeutlichen, nicht aber, Mommsens Leben vor dem Hintergrund seiner Zeit zu beschreiben. Darüber hinaus zeigen schon die ersten drei Bände das große Unbehagen, das der Verfasser bei der Beschäftigung mit dem Politiker Mommsen empfand. Bereits der »Achtundvierziger« blieb dem Biographen völlig fremd: »Aber was ist das fur eine elende Beschäftigung für einen Mann, der sich der höchsten Aufgabe verpflichtet hat, der wissenschaftlichen Forschung, und der jetzt seine Worte drechselt und abzirkelt für die Ohren einer Öffentlichkeit, die er so sehr verachtet«, entfährt es Wickert angesichts einer »politischen Affäre«, in die Mommsen zu Beginn der fünfziger Jahre verstrickt ist27. Niemand hat die hier angesprochenen Schwächen der Wickertschen Methode deutlicher und schärfer kritisiert als Alfred Heuss in einer fast dreißigseitigen Gnomon-Rezension, die die ersten drei Bände der Biographie und den Briefwechsel zwischen Mommsen und Jahn zum Gegenstand hatte28. Die, man darf wohl sagen, vernichtende Besprechung bedeutete das eigentliche Ende der Bemühungen Lothar Wickerts um eine abschließende Mommsenbiographie. Der bereits erwähnte, 1980 nachgeschobene vierte Band, der die Berliner Zeit zu umfassen vorgibt, ist nichts anderes als eine verdienstvolle Materialsammlung und letztlich das unausgesprochene Eingeständnis des Verfassers, daß das ursprüngliche Vorhaben gescheitert sei. Alfred Heuss sprach von dem »unverhüllten Abgesang auf einen Torso« 29 . Da Wickert über Jahrzehnte hinweg die selbst in der Deutschen Demokratischen Republik stillschweigend respektierten Exklusivrechte am Nachlaß Mommsen in der Staatsbibliothek besaß, nimmt es nicht wunder, daß kaum ein anderer neues Archivmaterial zutage förderte. Die neueren Untersuchun-

15

V g l . W I C K E R T , V o r t r ä g e 61.

16

V g l . WICKERT I 6fF.

17

W I C K E R T I I I 165.

28

V g l . G n o m o n 4 3 , 1 9 7 1 , 7 7 2 - 8 0 1 (= A . HEUSS, G e s a m m e l t e Schriften I I I , Stuttgart 1 9 9 5 , 2 5 7 4 - 2 6 0 3 ) . E s sei allerdings d a r a u f h i n g e w i e s e n , daß schon ARNALDO MOMIGLIANO in seiner kurzen A n z e i g e des ersten Bandes in: J R S 4 9 , 1 9 5 9 , 2 0 9 f . A n s t o ß an der K o n z e p tion der Biographie g e n o m m e n hatte, aber d e n n o c h z u d e m Ergebnis gelangte: » T h e b o o k remains an indispensable collection o f materials« ( 2 1 0 ) .

29

In: G n o m o n j 6 , 1 9 8 4 , 6 3 3 - 6 3 7 ( = A . HEUSS, G e s a m m e l t e Schriften III, Stuttgart 1 9 9 5 , 2 6 0 4 - 2 6 0 8 ) , Z i t a t 6 3 7 ( 2 6 0 8 ) . E i n e zurückhaltendere, aber d e n n o c h treffende B e w e r t u n g h a t K . CHRIST, T h e o d o r M o m m s e n u n d sein Biograph, in: H Z 2 3 3 , 1 9 8 1 , 3 6 3 - 3 7 0 gegeben.

Forschungsstand und Aufgabenstellung

7

gen beruhen deshalb mehrheitlich auf bereits publizierten Quellen und auf Mommsens eigenen wissenschaftlichen und politischen Veröffentlichungen 3 0 . Dies gilt im besonderen Maße für die zahlreichen Kurzbiographien, von denen sich Joachim Fests Beitrag über den »Pathetiker der Geschichte und Baumeister aus babylonischem Geist«, der sich offenkundig der Biographie von Alfred Heuss verpflichtet weiß, sprachlich und inhaltlich positiv abhebt 31 . Dennoch konnten auf verschiedenen Feldern Fortschritte erzielt werden. Jochen Bleicken, Alfred Heuss und W o l f g a n g Kunkel erhellten die rechtshistorischen Voraussetzungen von Mommsens juristischen Schriften 32 . In vergleichenden historischen Analysen erörterte Ines Stahlmann Mommsens Principatsverständnis 33 , während Christhard H o f f m a n n seine Haltung gegenüber dem Judentums und dem zeitgenössischen Antisemitismus beschrieb 34 . Brian Croke hat in mehreren Artikeln zu Recht Mommsens Bedeutung für die Erforschung der Spätantike herausgestellt 35 . Seine wissenschaftsorganisatorischen Leistungen würdigte Alexander Demandt 3 6 , der zuvor schon die Diskussion um den feh-

Hierbei ist zu gewärtigen, daß das von KARL ZANGEMF.ISTER und EMIL JACOBS angefertigte, ausführliche Schriftenverzeichnis (ZJ) keineswegs alle politischen Artikel, Kommentare und Manifeste Mommsens verzeichnet hat. Über die Schwierigkeiten, bisher unbekannte schriftliche Äußerungen Mommsens aus verschiedenen Tageszeitungen und Journalen herauszuziehen, hat schon HEUSS 26of. gehandelt. Teilweise erlauben allerdings einzelne Briefwechsel wie der mit Isidor Levy, einem Redakteur der »Vossischen Zeitung«, oder der mit Theodor Barth, dem Herausgeber der »Nation«, Rückschlüsse auf anonyme Pressemitteilungen Mommsens. Obgleich das Verzeichnis von Mommsens Schriften, das 1513 Einträge umfaßt, etwa 150 politische Veröffentlichungen ausweist, ist auf Grund der problematischen Quellensituation die Aussage Wickerts (III 2), ein Zehntel der Publikationen sei politischen Inhalts, methodisch nicht aufrechtzuerhalten. Nur am Rande sei erwähnt, daß Z J Mommsens Artikel in der Schleswig-Holsteinischen Zeitung aus dem Jahre 1848 nicht mitgezählt haben. Der Biographie liegt ein Vortrag unter dem Titel »Theodor Mommsen: Zwei Wege zur Geschichte« zugrunde, den J. FEST am 24. Juni 1982 vor der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft gehalten hatte und der in gekürzter Form in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. Juli 1982 abgedruckt wurde. Vgl. bes. J . BLEICKEN, Lex Publica. Gesetz und Recht in der römischen Republik, Berlin 1975,13fr.; A. HEUSS, Theodor Mommsen und die revolutionäre Struktur des römischen Kaisertums, in: A N R W II.i, Berlin u. New York 1971,77-90 (= ID., Gesammelte Schriften }, Stuttgart 1995, 1730-1743) und W. KUNKEL, Mommsen als Jurist, in: Chiron 14, 1984, 369-380. I. STAHLMANN, Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945, Darmstadt 1988, 37ff. HOFFMANN 87fr. Vgl. bes. CROKE, Byzantium; ID., Encounter und ID., LRE. DEMANDT, Berlin.

8

Einleitung

lenden vierten Band der »Römischen Geschichte« belebt hatte37. Mommsens Caesarbild hat zuletzt Karl Christ untersucht'8, aus dessen Feder eine grundlegende Einfuhrung zur »Römischen Geschichte« stammt59. Einen anregenden geschichtstheoretischen Vergleich zwischen Jacob Burckhardt und Theodor Mommsen legte vor kurzem Egon Flaig vor 40 . Jürgen Malitz hat Mommsens Verhältnis zu seinem Schwiegersohn Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff ausführlich behandelt41. Unter den marxistischen Annäherungen an Theodor Mommsen verdient einzig das eigenständige, durchaus differenzierte »Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers« Erwähnung, das Jürgen Kuczynski gezeichnet hat und das in Anlehnung an die Ergebnisse der »bürgerlichen« Geschichtsschreibung gleichermaßen den Politiker, Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator darstellen will 41 . Auch von Adolf Harnack 45 gibt es keine umfassende, kritischen Ansprüchen genügende Biographie. Zwar ist Agnes von Zahn-Harnacks Lebensbeschreibung aus dem Jahre 1936 nicht mit den sehr persönlichen Erinnerungen Adelheid Mommsens an ihren Vater zu vergleichen, denn Harnacks Tochter berücksichtigte ausfuhrlich die verschiedenen Wirkungsbereiche ihres Vater, verschwieg keineswegs wissenschaftliche und theologische Kontroversen und veröffentlichte wichtige Zeugnisse aus der reichhaltigen Korrespondenz ihres Vaters. Dennoch weist die sympathische Biographie allzu viele enkomiastische Züge auf. Unter den vielfältigen kürzeren Darstellungen ragen hervor Wilhelm Schnee-

37

Vgl. D E M A N D T , Hensel. Die Frage, »Warum der große Geschichtsschreiber / Den vierten Band seiner R Ö M I S C H E N G E S C H I C H T E / D e n lang erwarteten über die Kaiserzeit / Nicht geschrieben hat«, inspirierte den Dramatiker H E I N E R M Ü L L E R A n fang der neunziger Jahre zu der ebenso eigenwilligen wie einseitigen H o m m a g e »Mommsens Block«. Z u Müllers Auseinandersetzung mit Mommsens »Kaisergeschichte« vgl. nunmehr W . E R N S T (Hrsg.), Die Unbeschreibbarkeit von Imperien. Theodor Mommsens römische Kaisergeschichte und Heiner Müllers Echo, Weimar 1995·

58

K . C H R I S T , Caesar. Annäherungen an einen Diktator, München 1994.

"

M O M M S E N , R G , dtv. B d . 8, 7 Í F .

40

E . F L A I G , I m Schlepptau der Masse. Politische Obsession und historiographische Konstruktion bei Jacob Burckhardt und Theodor Mommsen, in: Rechtshistorisches Journal 1 2 , 1 9 9 3 , 405-442; eine Auseinandersetzung mit H E U S S ' Mommsenbild findet sich ebd. 437ÍF.

41 41

4

'

M A L I T Z , Wilamowitz. KUCZYNSKI.

D a Harnack erst im Jahre 1914 anläßlich der Einweihung des Neubaues der Königlichen Bibliothek der erbliche Adelstitel verliehen wurde (vgl. Z A H N - H A R N A C K 337), wird er aus Gründen der Einheitlichkeit in vorliegender Untersuchung durchweg Adolf Harnack genannt.

Forschungsstand und Aufgabenstellung

9

melchers Beitrag in dem Sammelband »Theologen des Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert«44, Friedhelm Wilhelm Kantzenbachs Abriß in der »Theologischen Realenzyklopädie«45, Karl H. Neufelds Porträt in der Reihe »Deutsche Historiker«46 und Jürgen Dummers biographische Einführung zu Harnacks gesammelten Akademieschriften47. Engagiert und eng an die Quellen angelehnt ist Carl-Jürgen Kaltenborns Beitrag über »Kontroverstheologie zur Weltgestaltung«, der Harnacks Berliner Zeit behandelt48. Die zahlreichen Arbeiten, die sich Harnacks kirchenhistorischer und theologischer Bedeutung widmen, können hier nicht verzeichnet werden. Hingewiesen sei jedoch auf die Studie von G. Wayne Glick, die Harnack als Theologen und Kirchenhistoriker würdigt49. Karl H. Neufeld hat mit Blick auf die berühmte Schrift über das »Wesen des Christentums« Harnacks theologisch-kirchliche Positionen und seine Auseinandersetzungen mit der evangelischen Kirche untersucht50. Die Vorlesungen über das »Wesen des Christentums«, vor allem ihre christologischen und wirkungsgeschichtlichen Implikationen, hat jüngst auch Thomas Hübner analysiert51. Carl-Jürgen Kaltenborn ist Harnacks Einfluß auf Dietrich Bonhoeffer nachgegangen52. Harnacks dogmengeschichtlicher Ansatz und seine These von der Hellenisierung ist von Eginhard Peter Meijering erörtert worden53, und Johanna Jantsch hat kürzlich »Die Entstehung des Christentums bei Adolf von Harnack und Eduard Meyer«54 verglichen. Andere Untersuchungen gelten Harnacks Rolle als Wissenschaftsorganisator und Wissenschaftspolitiker. Zuerst

44

M . GRESCHAT (Hrsg.). Theologen des Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert I, Stuttgart u.a. 1978, 198-212.

45

T R E 14, 1985, 450-458.

46

H.-U. WEHLER (Hrsg.), Deutsche Historiker 7, Göttingen 1980, 24-38.

47

J . DUMMER in: HARNACK, K S 1, S . V I I - X X X I .

48

KALTENBORN, Harnack. Von C.-J. Kaltenborn stammt zudem die biographische Skizze von Adolf Harnack in M . GRESCHAT (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte 10.1: Die neueste Zeit III, Stuttgart, Berlin, Köln 1984, 70-87.

49

G . W . GLICK, The Reality of Christianity. A Study of Adolf von Harnack as Historian and Theologian, New York 1967.

50

Vgl. NEUFELD, Harnack (mit weiterer Literatur) sowie ID., Adolf von Harnack. Theologie als Suche nach der Kirche. »Tertium Genus Ecclesiae«, Paderborn 1977.

51

TH. HÜBNER, Adolf von Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums unter besonderer Berücksichtigung der Methodenfragen als sachgemäßer Zugang zu ihrer Christologie und Wirkungsgeschichte, Frankfurt a.M. u.a. 1994.

52

C.-J. KALTENBORN, Adolf von Harnack als Lehrer Dietrich Bonhoeffers, Berlin 1973.

"

Vgl. E . G . MEIJERING, Theologische Urteile über die Dogmengeschichte. Ritschis Einfluß auf von Harnack, Leiden 1978 und ID., Die Hellenisierung des Christentums im Urteil Adolf von Harnacks, Amsterdam 1985.

54

Bonn 1990.

Einleitung

IO

widmete Kurt Aland 1951 dem »wissenschaftlichen Organisator« 55 einen kurzen Beitrag. 1964 Schloß sodann Eduard Pachaly seine Ostberliner Dissertation über »Adolf von Harnack als Politiker und Wissenschaftsorganisator des deutschen Imperialismus in der Zeit von 1914 bis 1920« ab, die zwar ideologisch einseitig ist, aber zum ersten Male unveröffentlichte Quellen systematisch auswertete 5 . Lothar Burchardt und Günter Wendel ließen Harnacks Anteil an der G r ü n dung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft deutlich werden 57 . Anregende Skizzen, die Harnacks wissenschaftsorganisatorische Kompetenz unterstreichen, haben Rudolf Vierhaus und Lothar Burchardt vorgelegt 5 . Eine Synthese der umfangreichen Forschungen zur theologischen und wissenschaftspolitischen Bedeutung Harnacks steht gleichwohl noch aus, denn Winfried Döbertins Darstellung zu Harnack als »Theologen, Pädagogen, Wissenschaftspolitiker« hält nicht, was der Titel verspricht 59 . Trotz der Renaissance biographischer Darstellungen zur Wissenschaftsgeschichte, für die »Ernst Troeltsch« von Hans-Georg Drescher 60 , »Niebuhrs For55

K. ALAND, Adolf Harnack als wissenschaftlicher Organisator, in: Adolf Harnack in memoriam. Reden zum 100. Geburtstag am 7. Mai 1951 gehalten bei der Gedenkfeier der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, Berlin (Ost) o.J. [1951], 7-18 (= ID., Supplementa zu den Neutestamentlichen und Kirchengeschichtlichen Entwürfen, hrsg. v. B. Köster, H.-M. Rosenbaum u. M. Welte, Berlin und New York 1990, 460-471).

56

Die Dissertation liegt nur im maschinenschriftlichen Manuskript vor. Vgl. darüber hinaus E. PACHALY, Die geschichtstheoretischen Anschauungen Adolf von Harnacks, in: Ost und West in der Geschichte des Denkens und der kulturellen Beziehungen. Festschrift für Eduard Winter zum 70. Geburtstage, hrsg. v. W. Steinitz et al., Berlin (Ost) 1966, 724-729. Inzwischen existieren weitere Untersuchungen, die Harnacks Haltung zum Kriegsausbruch von 1914, zum Kriegsverlauf und zu den annexionistischen Kriegszielen sowie zur Weimarer Republik erörtern, vgl. z.B. K. HAMMER, Adolf von Harnack und der Erste Weltkrieg, in: Zeitschrift für evangelische Ethik 16, 1972, 85101; ID., Deutsche Kriegstheologie 1870-1918, München 1974; W. HUBER, Evangelische Kirche und Theologie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in: id. (Hrsg.), Historische Beiträge zur Friedensforschung, Stuttgart u. München 1970, 134-215, bes. 169fr sowie D.F. ToBl.ER, Scholar between Worlds: Adolf von Harnack and the Weimar Republik, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 28,1976, 193-222.

57

L. BURCHARDT, Wissenschaftspolitik im Wilhelminischen Deutschland. Vorgeschichte, Gründung und Aufbau der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, Göttingen 1975 und G. WENDEL, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 19111914. Zur Anatomie einer imperialistischen Forschungsgesellschaft (= Studien zur Akademie der Wissenschaften der D D R , 4), Berlin (Ost) 1975.

58

Vgl. R. VIERHAUS, Adolf von Harnack als Wissenschaftsorganisator, in: Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft 1980, 98-108 und BURCHARDT, Harnack.

59

W. DÖBF.RTIN, Adolf von Harnack Theologe, Pädagoge, Wissenschaftspolitiker, Frankfurt a.M. u.a. 1985.

6

H.-G. DRESCHER, Ernst Troeltsch. Leben und Werk, Göttingen 1991.

°

Forschungsstand und Aufgabenstellung

II

schung« von Gerrit Walther 6 ' und Friedrich Lengers vielgerühmte, aber auch heftig gescholtene Biographie über Werner Sombart 62 stellvertretend genannt sein mögen, will die hier vorgelegte Untersuchung die Lücken in der personengeschichtlichen Forschung zu Mommsen und Harnack nicht schließen. Die Studie erhebt keinen Anspruch auf biographische Vollständigkeit. Ziel war es überdies nicht, eine Doppelbiographie Harnacks und Mommsens vorzulegen. Ausgangspunkt ist vielmehr der Briefwechsel zwischen Theodor Mommsen und Adolf Harnack, dessen Edition vom Herausgeber bereits angekündigt wurde 63 . Die in der Korrespondenz angesprochenen wissenschaftlichen, wissenschaftspolitischen, organisatorischen und tagespolitischen Themen sind die Grundlage, auf der wichtige Aspekte der Wissenschafts-, Universitäts- und Bildungsgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts dargestellt werden sollen 64 . Neben biographischen Informationen finden Hinweise auf die Geschichte des Linksliberalismus und des Kulturprotestantismus in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit. Der durch den Briefwechsel vorgegebene zeitliche Rahmen, der sich von Harnacks Berufung nach Berlin im Jahre 1888 bis zu Mommsen T o d 1903 erstreckt, wurde nur dann erweitert, wenn es angeraten schien, Urteile, Entscheidungen und öffentliche Äußerungen im Lichte vorausgehender oder nachfolgender Entwicklungen besser verständlich zu machen und Kontinuitäten oder Diskontinuitäten aufzuzeigen. Folglich sind manche Lebensabschnitte der beiden Gelehrten lediglich gestreift oder gar übergangen. Auch konnten nicht alle wissenschaftlichen Unternehmungen, an denen Mommsen und Harnack beteiligt waren, in gleicher Ausführlichkeit dargestellt werden. Dies hätte den Rahmen der Arbeit gesprengt, zumal für zahlreiche Projekte das umfangreiche Quellenmaterial von der Forschung erst ansatzweise erschlossen ist. Schließlich fohlte sich der Verfasser als Historiker nur bedingt kompetent, die theologiegeschichtliche Bedeutung

G . WALTHER, Niebuhrs Forschung (= Frankfurter Historische Abhandlungen 35), Stuttgart 1993. Die umfangreiche Studie über das Lebenswerk Barthold Georg Niebuhrs wurde im Herbst 1991 vom Fachbereich Geschichtswissenschaft der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität als Dissertation angenommen. F. LENGER, Werner Sombart 1863-1941. Eine Biographie, München 1994. Das Manuskript der Arbeit lag im Sommersemester 1993 der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen als Habilitationsschrift vor. Die bisher durchweg positiv besprochene Biographie, die 1994 mit dem Preis des Deutschen Historikerverbandes ausgezeichnet wurde, ist vonKuRT SONTHEIMER als Beispiel neudeutscher historiographischer »Leisetreterei« attackiert worden (Die Zeit Nr. 45 vom 4. November 1994, S. 15). Vgl. hierzu F. LENGERS Antwort in: Die Zeit Nr. 48 vom 2.5. November 1994, S. 65. Vgl. Gnomon 65,1993, 96. Die Bedeutung des »sehr intensiven Briefwechsels« zwischen Mommsen und Harnack für die Wissenschaftsgeschichte hat jüngst E. BAMMEL in seiner Anzeige von MOMMSEN, R K , in: Z K G 106,1995, i n f . , hier: 122 betont und dessen Auswertung angemahnt.

Einleitung

12

Harnacks angemessen zu würdigen. Das Ziel der Untersuchung besteht vielmehr darin, zentrale Bereiche von Mommsens wissenschaftlicher, organisatorischer und politischer Tätigkeit während seiner Berliner Jahre darzustellen, diejenigen Bereiche mithin, die im vierten Band der unvollendeten Mommsenbiographie von Wickert nur am Rande oder gar nicht angesprochen werden 6 '. In dieser Zeit wurden mit Mommsens tatkräftiger Unterstützung die Fundamente für den Aufstieg Harnacks zu dem maßgeblichen Wissenschaftspolitiker in der Endphase der Wilhelminischen Epoche gelegt. Die bisher wenig beachtete wissenschaftsorganisatorische Entwicklung des Kirchenhistorikers in den ersten anderthalb Jahrzehnten soll deshalb näher erörtert werden. Zudem gilt es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Wissenschaftsverständnis und in den politischen Überzeugungen herauszuarbeiten. Die vielfältigen und weitgespannten Themen der Korrespondenz zwischen Mommsen und Harnack sind von grundsätzlichem Interesse fur die Wissenschaftsgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Das erste Kapitel ist allgemein den hochschul- und akademiepolitischen Aktivitäten Mommsens und Harnacks gewidmet. Kurz skizziert werden das Wissenschaftsverständnis des Althistorikers und des Kirchenhistorikers, ihre Tätigkeit an der Berliner Universität und in der Preußischen Akademie, ihr Einfluß auf Berufungsverfahren, die von ihnen initiierten und geleiteten Großunternehmungen zur Erschließung des Quellenbestandes der antiken Welt, ihre hochspezialisierte Arbeitsorganisation sowie die Mechanismen der Durchsetzung und Durchführung umfassender und finanzintensiver Forschung. In diesem Kontext müssen Mommsens und Harnacks Beziehungen zum Unterrichtsministerium und zur Kultusbürokratie, vor allem zu dem einflußreichen Universitätsreferenten Friedrich AlthofF, Beachtung finden. Die Ergebnisse des ersten Kapitels, das auf Grund der disparaten Quellensituation und der Fülle der wissenschaftlichen Vorhaben notgedrungen nur einen Überblick vermitteln kann, sollen am Beispiel der sogenannten Kirchenväterkommission überprüft werden, die gemeinsam von Harnack und Mommsen mit dem Ziel eingerichtet wurde, die »Griechischen Christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte« kritisch zu edieren. Unter Einbeziehung weiterer Quellen - vor allem aus dem Archiv der Akademie der Wissenschaften zu Berlin - konnte die bisher fast gänzlich vernachlässigte Vorgeschichte und Gründung der Kommission sowie der Fortgang der Arbeiten bis zu Mommsens Tod nachgezeichnet werden. Planung und Verwirklichung des Unternehmens, wissenschaftliche und persönliche Motive der Kommissionsgründung, Methoden der Geldbeschaffung, Krisenmanagement, Stellenpolitik, Auswahl und Kontrolle der Mitarbeiter werden eingehend untersucht. Ein besonderer Ab-

Vgl.

DEMANDI",

Berlin 171.

Forschungsscand und Aufgabenstellung

13

schnitt ist der von Mommsen geplanten und gemeinsam mit Harnack initiierten Prosopographie der Spätantike gewidmet, die in der wissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Literatur kaum Erwähnung findet, obschon über Jahre hinweg beachtliche Summen in dieses Vorhaben geflossen sind und obwohl die große Mehrheit der deutschen Kirchenhistoriker und zahlreiche Profanhistoriker daran mitwirkten und eine beachtliche Materialsammlung erarbeiteten, die spätere prosopographische Nachschlagewerke fur ihre Lemmata zugrundelegten. Endlich ist der weitere Verlauf des von Mommsen gegen den hartnäckigen Widerstand in der Akademie durchgesetzten Unternehmens zu verfolgen und nach den Ursachen zu fragen, die zu seinem Scheitern führten. In dem vierten und letzten Kapitel steht Mommsens politische Betätigung seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. An ausgewählten innen- und außenpolitisch relevanten Beispielen, die zum guten Teil durch den Briefwechsel mit Harnack vorgegeben sind, sollen der durch die 48er Revolution geprägte »politische Professor«, die Beweggründe seines politischen Handelns, seine kontroverse Popularität als tagespolitischer Publizist, die Wechselwirkungen zwischen wissenschaftlichem Selbstverständnis und politischer Überzeugung und schließlich sein bisher wenig beachtetes Verhältnis zum zeitgenössischen Linksliberalismus dargestellt werden. Mommsens politisches Profil läßt sich durch den Vergleich mit Harnack schärfer fassen. Diese Gegenüberstellung erfolgt im letzten Abschnitt des Kapitels, in welchem kurz Harnacks evangelisch-soziales Engagement und sein Kontakt zum kaiserlichen Hof und zu Wilhelm II. behandelt werden. Ziel dieser Ausführungen ist es, in Harnack den Typus eines erfolgreichen, kulturprotestantisch geprägten und gouvernementalen »Gelehrtenpolitikers« zu beschreiben, dessen Vorstellung von einem vermeintlich überparteilichen, auf Konsens ausgerichteten Wächteramt, das den Gelehrten zukomme, sich von dem politischen Credo des wesentlich älteren Mommsen grundsätzlich unterschied. Die Arbeit kann an neuere Forschungen zum Bildungsbürgertum, zur Wissenschaftsgeschichte und zur Sozialgeschichte der Gelehrten im Wilhelminischen Zeitalter anknüpfen 66 . Während Werner Conze, Reinhart Koselleck, Vgl. hierzu die Forschungsberichte von R. VOM BRUCH, Universität, Staat und Gesellschaft. Neuere sozial-, disziplin- und personengeschichtliche Beiträge zum deutschen Hochschulwesen vorwiegend im 19. und 20. Jahrhundert, in: Archiv fur Sozialgeschichte 20,1980, 526-544; ID., Forschungen und Arbeiten zur politischen und Sozialgeschichte des deutschen Bildungsbürgertums mit besonderer Berücksichtigung der Hochschullehrerschaft, in: Jahrbuch der historischen Forschung 1982, München 1983, 36-41; ID., Bildungssystem, Universitäten, Wissenschaften, Gelehrte. Neuere Arbeiten und Ansätze zur deutschen Entwicklung vom 18. zum 20. Jahrhundert, in: Archiv fur Sozialgeschichte 29, 1989, 439-445 sowie W . WEBER, Vermessung der Historiographie. Historiographiegeschichte und Sozialgeschichte der Geschichtswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Forschungsvorhaben im Rahmen des Sonderforschungspro-

14

Einleitung

Jürgen Kocka und M . Rainer Lepsius entscheidende Impulse zur Erforschung des deutschen Bildungsbürgertums gegeben und eine noch nicht abgeschlossene Diskussion u m die inhaltliche Präzisierung des kontroversen Begriffes angeregt haben 6 7 , widmete sich eine Reihe zuverlässiger und richtungweisender Studien den politischen Ansichten, Orientierungen und Partizipationsformen der wilhelminischen Hochschullehrerschaft. N a c h d e m schon Friedrich M e i n e c k e in einem Aufsatz von 1 9 2 2 zu der Feststellung gelangt war, die Historiker seien im späten Kaiserreich häufiger »in der Front« als vor ihr gestanden 68 , konnte empirisch der Rückzug politisch engagierter Hochschullehrer aus der aktiven Politik, vor allem aus den Parlamenten, und eine gleichzeitige Verlagerung politischer Betätigung in Publizistik und nationale Agitationsvereine bestätigt wergramms »Wissenschaftsforschung« der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in: Jahrbuch der historischen Forschung 1992, München 1993, 34-38. Im Gegensatz zu der nur auf Professoren gerichteten Ideologiekritik der »Mandarine« von F.K. RJNGER (The Decline of the German Mandarins. The German Academic Community 1890-1933, Cambridge/Mass. 1969) und im Unterschied zu der meist an Literaten orientierten »Soziologie der Intellektuellen« (vgl. hierzu jetzt M . R . LEPSIUS, Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, in: id., Interessen, Ideen, Institutionen, Opladen 1990, 270-285) versucht die neuere Forschung, die Vielschichtigkeit des »Bildungsbürgertums« zu erfassen und es in Anlehnung an Max Weber als heterogene soziale Formation zu beschreiben, die sich aus verschiedenen Berufen zusammensetzte und deren Angehörige sich sowohl nach Einkommen wie nach Klassenlage unterschieden. Dennoch ist unstrittig, daß trotz zahlreicher Differenzierungen bestimmte Bildungsinhalte das »Bildungsbürgertum« prägten und der Besitz und die Verwertung von Bildung (oftmals in Form von sogenannten »Bildungspatenten«) die Angehörigen dieser Formation verbanden und zugleich von anderen abgrenzten. Konkret sind zum Bildungsbürgertum zu rechnen die höhere Beamtenschaft (höhere Verwaltungs- und Fachbeamte, Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrer, Richter, im weiteren Sinne evangelische Theologen) und die akademisch freien Berufe (Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Schriftsteller, Künstler, Redakteure, Journalisten mit entsprechender Ausbildung). Das Bildungsbürgertum spielte bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle, indem es die heterogenen und zunehmend heterogener werdenden Interessen der einzelnen bürgerlichen Gruppierungen in generalisierenden Konzepten, programmatischen Entwürfen und normativen politischen, sozialen und insbesondere kulturellen Wertekatalogen vermittelte. Vgl. hierzu allg. Bildungsbürgertum I-IV (zur begrifflichen Definition v.a. W. CONZE u n d j . KOCKA, in: Bildungsbürgertum I, n ; J . KOCKA, in: ebd. I V , 9 Q ; U . ENGELHARDT, »Bildungsbürgertum«. B e g r i f f s - u n d

Dogmengeschichte eines Etiketts, Stuttgart 1986, bes. 2.5fr.; 123fr.; H . HENNING, Das Bildungsbürgertum in den preußischen Westprovinzen, Wiesbaden 1972; G . HÜBINGER, Politische Werte und Gesellschaftsbilder des Bürgertums, in: Neue Politische Literatur 32,1987,189-210; Κ. VONDUNG (Hrsg.), Das Wilhelminische Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen, Göttingen 1976. F. MEINECKE, Drei Generationen deutscher Gelehrtenpolitik. Friedrich Theodor Vischer - Gustav Schmoller - Max Weber, in: H Z 125,1922, 248-283 (zitiert nach: ID., Staat und Persönlichkeit, Berlin 1933, 136-164, hier: 139).

Forschungsstand und Aufgabenstellung

15

den 6 9 . Die vor allem von Hochschullehrern unternommenen Versuche der politischen Einflußnahme werden in der Forschung mit dem Begriff der »Gelehrtenpolitik« umschrieben, die im späten Kaiserreich dadurch charakterisiert ist, daß gerade Professoren der Kulturwissenschaften die Forderung aufstellten, jenseits von Partikular- und Parteiinteressen ausschließlich einer objektiven, rationalen Wahrheit verpflichtet zu sein. Deshalb beanspruchten sie in politischen Kontroversen ein unabhängiges, ausgleichendes Schiedsrichteramt. In ihrem Bemühen um überparteiliche Integration stellten sie sich an die Seite der staatlichen, ebenfalls als un- und überparteilich wahrgenommenen Bürokratie 70 . Hauptthemen der Gelehrtenpolitik waren einerseits die innere Konsolidierung des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft durch soziale Reformen und andererseits die nationale Legitimation außenpolitischer Ambitionen des expandierenden Kaiserreiches. Die Repräsentanten der gesellschaftlichen Leitdisziplinen Geschichte und Nationalökonomie 71 übten durch die Ausbildung der bürokratischen Entscheidungsträger, durch Publizistik, Vereinstätigkeit und Mitwirkung an Resolutionen nachhaltigen Einfluß auf die politische Kultur ihrer Zeit aus 72 . Die Rolle des liberalen Kulturprotestantismus in dem gelehrtenpolitischen Diskurs und darüber hinaus in der Wilhelminischen Gesellschaft hat kürzlich Gangolf Hübinger in einer vorzüglichen Studie erhellt 73 . Die Veränderungen im

Vgl. hierzu v.a. BRUCH, Gelehrtenpolitik, die Sammelbände von G. SCHMIDT U. J. ROSEN (Hrsgg.), Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 1830-1930. Referate und Diskussionsbeiträge, Bochum 1986 (darin: R. VOM BRUCH, Gelehrtenpolitik und politische Kultur im späten Kaiserreich, 77-106) und K. SCHWABE (Hrsg.), Deutsche Hochschullehrer als Elite: 1815-1945, Boppard a.Rh. 1988 (darin: B. VOM BROCKE, Professoren als Parlamentarier, 55-92) sowie G. HÜBINGER, Die Intellektuellen im wilhelminischen Deutschland. Zum Forschungsstand, in: id. u. W.J. Mommsen (Hrsgg.), Intellektuelle im Deutschen Kaiserreich, Frankfurt a.M. 1993, 198-210. Vgl. hierzu H. DÖRING, Thesen zum fortschreitenden Zerfall der sozialhistorischen Voraussetzungen von »Gelehrtenpolitik« am Beispiel des sozialliberalen Flügels deutscher Hochschullehrer, in dem eben genannten, von G. Schmidt und J. Riisen herausgegebenen Sammelband »Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 18301930«, 1 4 7 - 1 6 6 .

R. VOM BRUCH, Historiker und Nationalökonomen im Wilhelminischen Kaiserreich, in: K. Schwabe (Hrsg.), Deutsche Hochschullehrer als Elite 1815-1945, Boppard a. Rh., 105-150.

Zu »Einflußkanälen gouvernementaler Gelehrtenpolitik« vgl. BRUCH, Gelehrtenpolitik 330ff.

G. HÜBINGER, Kulturprotestantismus und Politik. Zum Verhältnis von Liberalismus und Protestantismus im wilhelminischen Deutschland, Tübingen 1994. Zum Begriff »Kulturprotestantismus« vgl. überdies F.W. GRAF, Kulturprotestantismus, in: TRE 20, 1990, 230-243 sowie ID., Kulturprotestantismus. Zur BegrifFsgeschichte einer theologiepolitischen Chiffre, in: Archiv für Begriffsgeschichte 28, 1984, 214-268 (= MÜLLER, Kulturprotestantismus 21-77) mit weiterer Literatur.

16

Einleitung

politischen Selbstverständnis und in der politischen Orientierung sind indes nicht isoliert von tiefgreifenden Strukturwandlungen im Wissenschaftsbetrieb zu verstehen. Das außerordentliche quantative Wachstum der Bildungsinstitutionen im Kaiserreich, die Entstehung von Massenuniversitäten, die Pluralisierung und Spezialisierung der Wissenschaften und die Transformation der Forschung zu einem wissenschaftlichen Großbetrieb bewirkte eine Krise der traditionellen einheitlichen Bildungsidee der Universitäten und des idealistischen Glaubens an eine sinnstiftende Wissenschaft74. Die Differenzierung der Wissenschaften führte ebenfalls zur Entstehung von Teil- und Unterdisziplinen. Aus der Universalgeschichte spalteten sich die Alte und Mittelalterliche Geschichte sowie die historischen Hilfswissenschaften ab. Im Zentrum der historisch ausgerichteten Wissenschaften stand die Sichtung, Sammlung und Auswertung der Quellen. Die großen Unternehmen, die der quellenkritischen Erschließung der Überlieferung dienten, forderten eine ungeheuer große individuelle Arbeitsleistung und reflektierten einen ungebrochen positivistischen Erkenntnisoptimismus. Am Anfang stand die entsagungsvolle Quellenforschung - nur der Kärrner, so folgerte man aus Mommsens Vorbild, wurde zum König. »Man war streng, antispekulativ, asketisch, darauf verpflichtet, unsicher zu lassen, was unsicher war - das war ein Ethos«75. Dieses Erbe ist bis heute wirkmächtig, wie etwa die historisch-kritische Untersuchung des Göttinger Neutestamentiers Gerd Lüdemann zur Auferstehung Jesu zeigt, der sich in seiner »rücksichtslos ehrlichen >WahrheitsforschungSystem Althoff< in historischer Perspektive«, Hildesheim 1991 mit weiterer Literatur.

Forschungsstand und Aufgabenstellung

17

dings notwendig, die wissenschaftspolitischen Aktivitäten von Mommsen und Harnack und ihren Einfluß im preußischen Unterrichtsministerium während der Amtszeit des Universitätsreferenten Friedrich Althoff intensiver zu erforschen. Bezüglich der institutionellen, personellen und theoretischen Transformation des Wissenschaftsbetriebes zur großbetrieblich organisierten Forschung kann auf eine Reihe einschlägiger Studien zurückgegriffen werden 78 . Während gerade die Vorgeschichte und Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gut erschlossen sind, liegen erst einige wenige detaillierte Untersuchungen zur Berliner Universität und Akademie vor 79 . Die bisherige Forschung zu Mommsen und Harnack beschränkte sich weitgehend darauf, einzelne Aspekte ihrer Tätigkeit zu würdigen, sie als Vertreter ihrer Disziplinen darzustellen oder aber biographisch zu erfassen. Dabei wurden die Wechselwirkungen wissenschaftlicher, organisatorischer und politischer Äußerungen und Überzeugungen häufig vernachlässigt. Auch wurde bisher der Versuch nicht unternommen, das wissenschaftlich-politische Selbstverständnis der beiden herausragenden Gelehrten vor dem Hintergrund allgemeiner Entwicklungen zu vergleichen 80 . Wenn es gelingen sollte, ausgehend von den durch den Briefwechsel zwischen Mommsen und Harnack vorgegebenen Themen einen Beitrag zur Erforschung der Akademie- und Hochschulpolitik, des Wissenschaftsverständnisses und der Wissenschaftsmilieus, der Kultusbürokratie und der Wissenschaftsorganisation, des Linksliberalismus und der Gelehrtenpolitik, des Bildungsbürgertums und des Kulturprotestantismus im Berlin um die Jahrhundertwende zu leisten, hat die vorliegende Untersuchung ihr Ziel erreicht. Sie wäre dann zugleich ein Plädoyer für eine nicht-

Exemplarische Untersuchungen eines »wissenschaftlichen Großbetriebes« liegen für die Heidelberger Universität und die Heidelberger Akademie vor, vgl. R. RIESE, Die Hochschule auf dem Wege zum wissenschaftlichen Großbetrieb. Die Universität Heidelberg und das badische Hochschulwesen 1860-1914, Stuttgart 1977 u. U. WF.NNEMUTH, Wissenschaftsorganisation und Wissenschaftsförderung in Baden. Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1909-1949, Heidelberg 1994. Vgl. des weiteren W . RASCH, Thesen zur Preußischen Wissenschaftspolitik gegen Ende des Wilhelminischen Zeitalters, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 12, 1989, 240-252 mit weiterer Literatur. Vgl. v.a. die Arbeiten von CONRAD GRAU zur Akademie der Wissenschaften im Kaiserreich und die Dissertation von BÄRBEL BOSCHAN, Zur Entwicklung der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität im Zeitraum 1870-1900, Humboldt-Universität Berlin 1990. Der kurze Beitrag von JOHANNES IRMSCHER über »Mommsen und Harnack«, der auf einem von der Akademie der Wissenschaften der D D R veranstalteten Kolloquium zu Theodor Mommsen vorgetragen wurde, kann getrost übergangen werden, denn er beschränkt sich auf Gemeinplätze sowie die Aufzählung gemeinsamer Unternehmungen und Publikationen.

ι8

Einleitung

antiquarische, sondern vielmehr forschungskritische, fächerübergreifende W i s senschaftsgeschichte, die aus der Kenntnis, daß wissenschaftliche W e r t u n g e n , Urteile u n d M e t h o d e n an bestimmte politische, soziale, institutionelle u n d ideologische Gegebenheiten der Z e i t gebunden sind, dazu anhält, die eigene historische Sichtweise zu relativieren 8 '.

2. A n m e r k u n g e n z u m Editionsteil D i e U n t e r s u c h u n g will zugleich die N o t w e n d i g k e i t aufzeigen, wissenschaftsgeschichtlich bedeutende Briefwechsel in kritischen u n d kommentierten A u s g a ben vorzulegen. In einem zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten A u f s a t z hatte der amerikanische Klassische Philologe W i l l i a m M . C a l d e r III, ein v o r z ü g licher W i l a m o w i t z - K e n n e r , »the scientific publication o f source material« angem a h n t 8 2 , u m eine kritische Geschichte der Altertumswissenschaft des 19. u n d 2 0 . Jahrhunderts u n d ihrer Teildisziplinen verfassen zu k ö n n e n 8 ' . In der T a t ist der größte T e i l der umfangreichen M o m m s e n k o r r e s p o n d e n z bislang u n v e r ö f -

Vgl. hierzu ebenfalls CHRIST, Römische Geschichte 13 sowie DEMAND r, Alte Geschichte I49f., der provokativ die »forschungskritische« von der »forschungsökonomischen« (»Wenn es nichts mehr zu erforschen gibt, erforscht man die Forschung«) Wissenschaftsgeschichte scheidet. W . M . CALDER III, Research Opportunities in the M o d e r n History of Classical Scholarship, in: Classical World 74,1980/81, 241-251 = CALDER, Studies 3-13, hier: 8. Eine systematische und kritische Darstellung der neueren Geschichte der Altertumswissenschaft ist immer noch ein Desiderat. Eine nützliche Übersicht für den hier behandelten Zeitraum bietet WILHELM KROLL, Die Altertumswissenschaft im letzten Vierteljahrhundert, Leipzig 1905. Für die deutschen Forschungen zur römischen Geschichte liegt nunmehr die grundlegende Studie von KARL CHRIST (CHRIST, Römische G e schichte u. ID., Z u r Entwicklung der Alten Geschichte in Deutschland, in: G W U 22, 1971, 577-593) vor, der überdies ansprechende und differenzierte Porträts »führender Althistoriker der Neuzeit« gezeichnet (CHRIST, Gibbon u. ID., Neue Profile der Alten Geschichte, Darmstadt 1990) und zahlreiche wissenschaftsgeschichtliche Dissertationen angeregt hat. Eine kurze Wissenschaftsgeschichte zur Archäologie liefert FRIEDRICH KOEIT, Geschichte der Archäologie mit Beiträgen von Oswald Menghin und Alexander Scharff; neubearbeitet von WOLFGANG SCHIERINE, in: U. Hausmann (Hrsg.), Allgemeine Grundlagen der Archäologie. Begriff und Methode, Geschichte, Problem der Form, Schriftzeugnisse (Handbuch der Archäologie 1), München 1969, 11-161 (ergänzend hierzu A . BORHEIN in: G n o m o n 4 4 , 1 9 7 2 , 280-300). »Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache« enthalten die von WOLFGANG SCHIERING und REINHARD LUI.LIKS herausgegebenen, teilweise ein wenig beschönigenden »Archäologenbildnisse« (Mainz 1988); vgl. darüber hinaus H . SICHTERMANN, Kulturgeschichte der Klassischen Archäologie, München 1996. Eine neuere kritische G e -

Anmerkungen zum Editionsteil

19

fentlicht 84 . Außer der von Friedrich und Dorothea Hiller von Gaertringen besorgten Edition des Briefwechsels zwischen M o m m s e n und Wilamowitz 8 5 , die allerdings Persönliches und Verfängliches ausließen, hat Lothar Wickert den bereits erwähnten Briefwechsel Mommsens mit Otto Jahn vorgelegt 86 . HansErich Teitge edierte 1 9 6 6 »Theodor Storms Briefwechsel mit Theodor M o m m sen« 87 und Ernst Bammel Mommsens Korrespondenz mit Julius Wellhausen 88 . D e n Briefwechsel mit Rudolf Virchow hat Christian Andree ausgewertet 89 . Z u Mommsens 100. Geburtstag 1917 waren überdies von einem anonymen Herausgeber »Briefe aus dem Elternhaus Theodor Mommsens« veröffentlicht worden. Ines Stahlmann schließlich hat vor kurzem Mommsens Korrespondenz mit Friedrich Carl von Savigny erschlossen 90 . A n wichtigen nichtbrieflichen Quellen seien die durch Carl Gehrcke nachgewiesenen Artikel aus der »Schleswig-

schichte der Klassischen Philologie fehlt indes. Unverzichtbar sind die älteren Standardwerke von CONRAD BURSIAN, Geschichte der classischen Philologie in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart, München u. Leipzig 1883; A. GUDEMANN, Grundriß der Geschichte der klassischen Philologie, Leipzig 2 i909;J.E. SANDYS, History of Classical Scholarship, 3 Bde., Cambridge 1908-1920 und ULRICH VON WILAMOWITZMOELLENDORFF, Geschichte der Philologie, in: A. Gercke u. Ed. Norden (Hrsgg.), Einleitung in die Altertumswissenschaft 1, Leipzig u. Berlin '1927 (= Stuttgart u. Leipzig 1994). Zahlreiche Impulse empfing die Wissenschaftsgeschichte dieser Fächer durch die Forschungen von ARNALDO MOMIGLIANO, die in seinen »Contributi alla storia degli studi classici« (Rom 1955fr.) gesammelt sind. Ein wichtiges neues Hilfsmittel stellt die von W . M . CALDER I I I u. D . J . KRAMF.R erstellte »Introductory B i b l i o g r a p h y to the

History of Classical Scholarship Chiefly in the XlXth and XXth Centuries« (Hildesheim u.a. 1992) dar. 84

Das Findbuch in der StBB-PK verzeichnet mehr als 1500 Personen, mit denen Mommsen Briefe austauschte. Darunter befinden sich zahlreiche umfangreiche Konvolute von hundert und mehr Blättern. Die Korrespondenz mit Wilhelm Henzen umfaßt 4595, mit Otto Hirschfeld 2297, mit Christian Hülsen 1325 und mit Karl Zangemeister 1363 Blätter.

85

MOMMSEN - WIIAMOWITZ. Eine »Nachlese zum Briefwechsel Mommsen - Wilamowitz« bietet J . MALITZ in: QS 17, 1983, 123-150. Eine überarbeitete Neuauflage der Korrespondenz bereitet W . M Calder III vor.

86

WICKERT, B r i e f w e c h s e l .

87

Theodor Storm. Briefwechsel mit Theodor Mommsen. Mit einem Anhang: Theodor Storms Korrespondenzen für die Schleswig-Holsteinische Zeitung 1848, hrsg. v. H.-E. TEITGE, W e i m a r 1 9 6 6 .

88

BAMMEL.

85

CHR. ANDREE, Rudolf Virchow als Prähistoriker, 3 Bde., Köln u. Wien 1976-1986, bes. ι, i2if. und 2, 347-349 (Nr. 220-223).

90

I. STAHLMANN, Friedrich Carl von Savigny und Theodor Mommsen. Ihr Briefwechsel zwischen 1844 und 1856, in: P. Kneissl u. V. Losemann (Hrsgg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Karl Christ zum 65. Geburtstag, Darmstadt 1988, 465-501.

20

Einleitung

Holsteinischen Zeitung« von i848 9 ', die von Lothar Wickert besorgte Neuauflage der 1849 anonym veröffentlichten Gelegenheitsschrift »Die Grundrechte des deutschen Volkes« 92 , das von Gerold und Brigitte Walser 1976 edierte »Tagebuch der französisch-italienischen Reise« fur die Jahre 1844 und 1845 93 und die kürzlich von Barbara und Alexander Demandt herausgegebenen sogenannten Henselmitschriften der Vorlesungen Mommsens über die römische Kaiserzeit 94 erwähnt. Bei Harnack ist die Publikationssituation nicht wesentlich besser. Den für die vorliegende Untersuchung wichtigen Briefwechsel mit Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat Jürgen Dummer ediert 95 , Harnacks Briefe mit Albert Ehrhard Friedhelm Winkelmann 96 . Die Korrespondenz mit Hans Lietzmann hat Kurt Aland herausgegeben 97 , Heinrich Karpp die mit Karl Holl 98 . Der umfangreiche Briefwechsel mit Martin Rade wird von Johanna Jantsch bearbeitet 99 . Ein hilfreiches und zuverlässiges »Kurzgefaßtes Verzeichnis der Korrespondenz Adolf von Harnacks« haben Jürgen Hönscheid und Michael Schwabe erarbeitet 100 , das überdies die Briefpublikationen verzeichnet. Jürgen Hönscheid bereitet im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten, von Wilhelm Schneemelcher angeregten Forschungprojektes derzeit die Edition des Briefwechsels Harnacks mit Friedrich Althoff, Friedrich Loofs und Friedrich Schmidt-Ott vor 1 0 1 . V o n großem Wert fur das hier gestell91

C . GEHRCKE, Theodor Mommsen als schleswig-holsteinischer Publizist (mit einem Anhang politischer Mommsen-Aufsätze), Breslau 1927.

92

L. WICKERT (Hrsg.), Theodor Mommsen. Die Grundrechte des deutschen Volkes. Belehrungen und Erläuterungen (1949), Frankfurt 1969.

93

G. u. B. WALSER (Hrsgg.), Theodor Mommsen. Tagebuch der französisch-italienischen Reise 1844-1845, Bern und Frankfurt a.M. 1976.

94

MOMMSEN,

95

DUMMER, Wilamowitz. Die 44 Briefe Harnacks an Wilamowitz in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (vgl. CALDER, Further Letters 60 Anm. 6) bedürfen noch der Edition und Auswertung.

96

WINKELMANN, E h r h a r d .

97

Glanz und Niedergang.

98

H . KARPP (Hrsg.), Karl Holl (1866-1926). Briefwechsel mit Adolf Harnack, Tübingen 19 66.

99

Er wird in Kürze im Verlag Walter de Gruyter erscheinen.

100

Z K G 88,1977, 285-301 (= SMEND S. 261-277).

101

Vgl. J . HÖNSCHEID, Adolf von Harnack (1851-1930) als Wissenschaftsorganisator und Bibliothekar im Rahmen seiner fachlichen Tätigkeit: Edition seiner Briefe, in: Bibliothek. Forschung und Praxis 17,1993, 225-228, hier: 227. Z u Harnacks Korrespondenz mit Loofs vgl. auch E. BARNIKOL, Theologisches und Kirchliches aus dem Briefwechsel Loofs - Harnack, in: T h L Z 85, i960, 217-22, der sich jedoch nur auf die bei ZAHNHARNACK veröffentlichten Schreiben stützt.

RK.

Anmerkungen zum Editionsteil

21

te Thema sind, wie das Literaturverzeichnis und die Anmerkungen zeigen, zahlreiche Briefe von oder an Wilamowitz, die William M . Calder III, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Gelehrten, herausgegeben und kommentiert hat. Der kürzlich von Dietrich Ehlers in zwei Bänden edierte Briefwechsel von Hermann Diels, Hermann Usener und Eduard Zeller ist vor allem fur die Berliner Akademie- und Universitätsgeschichte in dem behandelten Zeitraum von besonderer Bedeutung 102 . Veröffentlichung und Auswertung bedeutender Briefcorpora sind in der Tat notwendig. Sowohl die biographische als auch die wissenschaftsgeschichtliche Forschung zu Mommsen konzentrierte sich bisher - von vereinzelten Briefen abgesehen — fast ausschließlich auf die oben genannten Editionen und das von Lothar Wickert in seiner vierbändigen Biographie dargebotene Briefmaterial. Die hier vorgelegte Korrespondenz widerlegt die Vermutung von Alfred Heuss, daß »sich ein ähnlich ergiebiger Briefwechsel« wie der mit Wilamowitz nicht gewinnen lasse, und folglich »für eine ausführlichere Darstellung von Mommsens Leben und Werk der Grundstock der >Quellen< in der gedruckten Hinterlassenschaft steckt« 10 '. Schließlich bestätigen gerade M o m m sens Briefe, die er mit Harnack und Lujo Brentano über den sogenannten »Fall Spahn« wechselte, eindrucksvoll die Bemerkung Richard Schönes: »Wer von Mommsens politischen Anschauungen ein wirklich zutreffendes Bild entwerfen will, wird sich nicht bloß an die theoretischen und historischen Urteile seiner Schriften halten dürfen, sondern die ganze Fülle der von ihm erhaltenen Lebensäußerungen, namentlich auch seine Briefe, zu Rate ziehen« 104 . Der editorischen Bedeutung der Wickertschen Mommsenbiographie vergleichbar ist die Biographie Adolf Harnacks aus der Feder seiner Tochter Agnes von ZahnHarnack, die zahlreiche Briefe an und von Harnack veröffentlicht hat, welche in der Forschung immer wieder zitiert werden. Doch auch sie begnügte sich häufig mit Exzerpten und kann allein schon auf Grund der Intention und der Anlage ihres Werkes keinen zuverlässigen Eindruck über den Inhalt einer umfangreichen Korrespondenz geben. Es ist hinlänglich bekannt, daß bereits Mommsens Zeitgenossen über die Mühe stöhnten, die ihnen die Lektüre seiner handschriftlichen Mitteilungen bereitete, deren charakteristische Linienführung zumeist deutlich nach rechts oben ging 105 . »Mommsens Schrift zu entziffern, ohne aus den Anlässen oder dem Zusammenhang den Inhalt halb erraten zu können, hielt mich oft 102

DIKLS-USKNKR-ZF.LL.F.R. Man hätte sich allerdings gewünscht, daß der verdienstvollen Edition ein erläuternder Kommentar beigegeben worden wäre.

105

HEUSS 238 u. 241.

104

SC.HONE 17. Vgl. ebd. 31: »Wer Mommsen nicht gekannt hat, wird von seiner Persön-

,os

V g l . ZAHN-HARNACK, M o m m s e n 1 0 4 Γ

lichkeit vielleicht am ehesten aus seinen Briefen ein Bild gewinnen«.

22

Einleitung

lange auf«, berichtete Fritz Jonas 1 0 6 . Es bedurfte jahrelanger Übung, um seine Handschrift einigermaßen flüssig lesen zu können. Der Berliner Physiologe Emil D u Bois-Reymond klagte ebenso über Mommsens unleserliche Schrift 1 0 7 wie der englische Historiker George Trevelyan, der nach dem Erhalt eines zur Veröffentlichung in der »Independent Review« bestimmten Manuskriptes vorsichtig andeutete: »There were one or two places where we had difficulty in reading your hand writing« 108 . Mommsen selbst wußte um die Beschaffenheit seiner Handschrift. Im Jahre 1896 etwa stellte er Friedrich Althoff zwei Eingaben zu, bei denen der Empfänger »gütigst anerkennen« sollte, daß Mommsen sie fur ihn »sauber« hatte abschreiben lassen. In bezug auf sein Anschreiben fügte er selbstkritisch hinzu: »Diese Karte ist ein kleines Uebel«. Auch sollte Althoff einen Sonderdruck an den Unterrichtsminister weiterleiten, »den ich im Interesse Ihres Kanzelisten mit einem Schreibbrief verschone« 109 . Nicht immer jedoch nahm er solche Rücksicht. Einige Jahre zuvor hatte er Althoff das Konzept einer Denkschrift mit der Bemerkung zugeleitet: »Bei der Ihnen bekannten Deutlichkeit meiner Handschrift werden Sie ja auch dieses lesen comme la lettre moulée« 110 . In die Klagen der Zeitgenossen stimmten die späteren Bearbeiter des Mommsen-Nachlasses ein, die sich mühsam mit einer der schwierigsten Gelehrtenhände des 19. Jahrhunderts vertraut machen mußten. Friedrich und Dorothea Hiller von Gaertringen stellten bei ihrer Edition des Briefwechsels zwischen Mommsen und Wilamowitz fest: »Manche Rätsel blieben« 111 . Während Lothar Wickert für sich in Anspruch nehmen durfte, der beste Kenner von Mommsens Handschrift zu sein, waren andere Benutzer unveröffentlichter Dokumente nicht in gleicher Weise mit dem Schriftbild vertraut, so daß sich in der Literatur immer wieder falsche Lesungen finden, die zum Teil sinnentstellend sind" 2 . Harnack hingegen hatte eine »feine, schnurgerade Schrift«" 3 , die

106

JONAS 2 7 f .

107

Vgl. O. MOITE, Camille Jullian, élève de Mommsen ì l'Université de Berlin, in: lus commune 9, 1980, 315-453, hier: 345 Anm. 154.

108

StBB-PK, N L Mommsen: Trevelyan (Brief vom 28. August 1903).

109

GStA-PK, Rep. 92 Althoff A II 86 Bd. 2, Bl. 126 (Brief vom 10. November 1896).

111

MOMMSEN - WILAMOWITZ S. 567.

1,1

Dies gilt etwa für die von Kurt Rossmann publizierten Mommsenbriefe, die an Lujo Brentano gerichtet sind. Die Fehler, die bei einer nochmaligen Kollation zutage traten, erwiesen sich häufig als so gravierend, daß eine erneute Publikation angeraten schien (vgl. hierzu S. 423 mit Anm. 30). In Arnold Sachses Althoffbiographie findet sich ebenfalls die fehlerhafte Umschrift eines Mommsenbriefes (SACHSE, AlthofF 116), wie die Überprüfung am Original ergab (GStA-PK, Rep. 92 AlthofF A II 86 Bd. 2, Bl. 82; vgl. ebd. Bd. 3, Bl. 1). Das Schreiben vom 21. Januar 1895 ist korrekt bei WICKERT IV 303 zitiert.

"'

ZAHN-HARNAC.K 282.

Ebd. Bd. ι, Bl. 132 (Brief vom 12. Mai 1889).

Anmerkungen zum Editionsteil

23

dem Leser kaum Schwierigkeiten bereitet. Einzig die Lektüre seiner privaten Aufzeichnungen wird durch ein individuelles System von Kürzungen erschwert" 4 , das nicht ohne weiteres verständlich ist; eine von seinem Sohn Axel von Harnack erarbeitete Zusammenstellung und Auflösung häufig verwendeter Abkürzungen, die sich im Nachlaß Harnack in der Staatsbibliothek befindet" 5 , leistet hier hilfreiche Dienste. Eine Handschriftenprobe von M o m m s e n und Harnack ist dem Editionsteil beigegeben. Der Briefwechsel zwischen Theodor Mommsen und Adolf Harnack in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz umfaßt insgesamt 295 Blätter. Dabei entfallen auf den Nachlaß M o m m s e n 205 Blätter mit 159 Schreiben, die Harnack an M o m m s e n richtete"*, und auf den Nachlaß Harnack 90 Blätter mit 7 0 Schreiben M o m m s e n s " 7 . Hinzu kommen drei Briefe M o m m sens, die der Königlichen Bibliothek von Adolf Harnack geschenkt wurden" 8 , nachdem sie am 26. November 1 9 0 7 einen A u f r u f erließ, in dem sie darum bat, Briefe von M o m m s e n zur Verfügung zu stellen" 9 . Alles in allem sind 232 Briefe, Billetts und Postkarten erhalten 120 , die sich zeitlich wie folgt verteilen:

114

V g l . ZAHN-HARNACK 282.

Die Übersicht ist ergänzt worden durch Johanna Jantsch. "6

Darin enthalten ist Harnacks Skizze zur Ansprache anläßlich Mommsens 100. Geburtstag am 30. November 1917 (vgl. Brief Nr. 300).

117

Darunter befindet sich ein Brief Ernst Mommsens an Harnack vom 30. Mai 1923 (Brief Nr. 301).

118

Es handelt sich hierbei um die Briefe Nr. 49, 78 u. 277, die mittlerweile Teil des Nachlasses »Mommsen II« (Nr. 468) der StBB-PK sind. Zur Geschichte des Nachlasses vgl. die Bemerkungen von H. DÖHN im Findbuch zum Nachlaß Mommsen II und WINTER, M o m m s e n i a n a 73f.

115

1906 hatten Mommsens Söhne Ernst und Karl den umfangreichen Briefnachlaß ihres Vaters der Bibliothek mit der Bestimmung überstellt, daß er bis zum Jahr 1933 unter Verschluß gehalten und erst dann zur Benutzung offenstehe. Um in den Besitz der Gegenbriefe zu gelangen, richtete die Bibliothek, vertreten durch ihren Generaldirektor Harnack und den Leiter der Handschriftenabteilung Stern die Bitte »an alle, welche Briefe Theodor Mommsens besitzen«, »sie möchten diese Schriftstücke in der Königlichen Bibliothek niederlegen, sei es zu dauernder Aufbewahrung als Geschenk, sei es, damit Abschriften davon genommen werden können, leihweise für kurze Zeit. Auf diese Weise dürfte man hoffen, den Briefwechsel einigermaßen vervollständigen zu können und einen Teil der eigensten Denkmäler, die es von der Hand des grossen Gelehrten und vorzüglichen Stilisten überhaupt gibt, der Allgemeinheit für immer zu erhalten« (zitiert nach einer Kopie des Aufrufes im N L Jacobs [Nr. 54] in der StBBPK).

120

Im Editionsteil wird ausgewiesen, ob es sich um einen Brief, ein Billett oder eine Postkarte handelt; im Darstellungs- und Anmerkungsteil wird grundsätzlich auf »Brief Nr. ...« oder »Nr. ...« verwiesen.

Einleitung

Jahr 1888 1889 1890 1891 1892 1893 1894 189s 1896 1897 1898 1899 1900 1901 1902 1903 ohne sicheres Datum

Harnack 2 4 UI 9 12 3 3 9 19 12 14 12 6 8 24"' 10 2

Mommsen

Summe

0 0 I 0 2 0

2

5 14 7 7 3 4 8

4 10 12 5 3 H 33 19 2I 1 " IS 10 16

13 5 I

37 15 3

10

3

13

159

73

232

Der erste Brief Hamacks datiert vom 7. Januar 1888 (Nr. i), sein letzter vom 8. Februar 1903 (Nr. 284). Mommsens erstes Anschreiben trägt als Datum den 15. Dezember 1890 (Nr. 16), sein letztes den 7. Mai 1903 (Nr. 285). Mit aufgenommen sind in die Edition ein Brief Hamacks an Marie Mommsen (Nr. 4), zwei Briefe Amalie Hamacks an Theodor Mommsen (Nr. 168 u. 170) sowie Ernst Mommsens Brief an Adolf Harnack aus dem Jahr 1923 (Nr. 301). Mommsens Briefe sind mit einer einzigen Ausnahme in seiner Privatwohnung in der Marchstraße 8 in Charlottenburg entstanden und tragen häufig Mommsens Briefkopf. Nur im August 1892 schrieb Mommsen eine Postkarte aus dem Ostseebad Heringsdorf (Nr. 31). Harnacks Briefe sind zunächst in der Stadtwohnung in der Hohenzollernstraße und nach dem Umzug nach Wilmersdorf im neuen

Darunter ist ein Brief Harnacks an Marie Mommsen (Brief Nr. 4). Nicht berücksichtigt wurde die Tabula gratulatoria zu Mommsens achtzigstem Geburtstag (Nr. 123). Eingeschlossen sind Harnacks Rede zu Mommsens goldenem Ordinariatsjubiläüm (Nr. 183) und zwei Briefe Amalie Harnacks an Mommsen (Nr. 168 u. 170).

Anmerkungen zum Editionsteil

Haus in der Gravelottestraße verfaßt; die Straße wurde später in Fasanenstraße umbenannt124. Einzelne Schreiben erreichten Mommsen aus Berchtesgaden (Nr. 5), Bad Pyrmont (Nr. 122) und von der Saalburg (Nr. 266). Als Harnack im akademischen Jahr 1900/01 Rektor war, benutzte er auch das Briefpapier der Friedrich-Wilhelms-Universität (Nr. 157)125. Der Briefwechsel ist nicht vollständig. Darauf weist nicht nur das Zeugnis von Agnes von Zahn-Harnack, daß »zahlreiche Postkarten mit kurzen wissenschaftlichen Fragen und Antworten eine ununterbrochene Verbindung aufrecht erhielten«" 6 , sondern auch die Tatsache, daß bei der nachfolgend edierten Korrespondenz allenthalben Gegenbriefe fehlen. Vereinzelt konnten weitere Schreiben eruiert werden, wie etwa ein launiges Gedicht Mommsens vom 27. Dezember 1894 über Gregor den Wundertäter, das Agnes von Zahn-Harnack überliefert hat (Nr. 160). In das Briefcorpus gehört möglicherweise ebenfalls eine Abhandlung Harnacks über den Begriff »manceps«, die sich gegenwärtig in der Biblioteka Jagiellohska in Krakau befindet (Nr. 299)I27. Darüber hinaus verwendeten Harnack und Mommsen Schreiben Dritter, um auf ihnen kurze Nachrichten und »Randnotizen« einander zukommen zu lassen. Soweit diese Zeugnisse bei der Durchsicht weiterer Korrespondenzen zu ermitteln waren, sind sie in den Anmerkungen zum Editionsteil erwähnt 118 . Es ist allerdings zu betonen, daß es sich hierbei um Zufallsfunde handelt, die Aufschluß über eine zeittypische Kommunikationsform geben. Die Schwankungen in der jährlichen Frequenz des Briefwechsels sind jedoch zweifelsfrei nicht allein auf die Uberlieferungssituation zurückzufuhren.

124

Vgl. Anm. 4 zu Brief Nr. 25 und Anm. 1 zu Brief Nr. 86.

125

Harnack beschrieb in späteren Jahren öfters Briefbögen seines jeweiligen Arbeitsplatzes, so vor allem der Universität und der Königlichen Bibliothek in Berlin; vgl. hierzu ebenfalls CHR. MARKSCHIES, Adolf Harnack: Wie soll man Geschichte studieren, insbesondere Religionsgeschichte, in: Z N T h G 2,1995,148-159, hier: 149 Anm. 4.

126

ZAHN-HARNACK 265. V g l . ZAHN-HARNACK, M o m m s e n 1 0 4 : » D a er

mit

meinem Vater in engstem wissenschaftlichen Austausch stand, kamen zeitweise fast täglich Briefe und Karten von ihm «. 127

Teile der im Zweiten Weltkrieg ausgelagerten Bestände der StBB-PK gelangten später in die Biblioteka Jagiellohska. Dort fanden sich zahlreiche Einzelautographe von Mommsen, die zu der Sammlung Autographa der Staatsbibliothek gehören und nach 1945 als verschollen galten, vgl. hierzu ST. REBENICH, Ein Brief Theodor Mommsens an Otto Jahn, in: Philologus 139,1995, 169-172.

128

Vgl. Anm. 5 zu Brief Nr. 16; Anm. 1 zu Brief Nr. 21; Anm. 3 zu Brief Nr. 51; Anm. 4 zu Brief Nr. 52 u. Anm. 1 zu Brief Nr. 214. Daß es grundsätzlich üblich war, wichtige Briefe weiterzuleiten und gegebenenfalls auf ihnen eine knappe Mitteilung für den Adressaten hinzuzufügen, zeigen zahlreiche Schreiben, die im Zusammenhang mit dem Fall Spahn stehen, vgl. die Briefe Nr. 184; 186; 187; 193; 194; 195; 201; 203; 214 mit Anm. 1; 227; 231; 239 mit Anm. 1; 241; 242; 244 u. 255.

26

Einleitung

Es versteht sich, daß immer dann besonders rege korrespondiert wurde, wenn gemeinsame wissenschaftliche Vorhaben ausgeführt wurden oder wissenschaftspolitische Herausforderungen bewältigt werden wollten. 1895 etwa tauschten Mommsen und Harnack mehr als ein Dutzend Briefe aus, um ihre gemeinsame Publikation »Zu Apostelgeschichte 29,16« vorzubereiten 129 .1896 und 1897 unterstützte Harnack Mommsens Editionen des liber pontifìcalis und der vita Severini für die Monumenta Germaniae histórica und erörterte ausfuhrlich die Frage der Ordinationen im Papstbuch130. 1901 schließlich standen nicht nur wissenschaftliche Fragen an: Die Kontroverse zwischen Harnacks Schüler Carl Schmidt und dem Straßburger Agyptologen Wilhelm Spiegelberg mußte beigelegt werden' 31 , und die Affäre Spahn sorgte gegen Ende des Jahres nochmals fur Aufregung' 32 . Die erhaltenen Briefe spiegeln somit exemplarisch die tatsächliche Intensität des Gedankenaustausches wider, der durch allwöchentliche Begegnungen vertieft wurde'33. Die Editionsregeln'34, die vor dem Abdruck der Korrespondenz aufgeführt sind'35, gelten sowohl für das Briefcorpus als auch für weitere archivalische Quellen, die in der Darstellung zitiert sind. Wichtige Schreiben anderer Korrespondenzpartner sind - chronologisch oder thematisch geordnet - zwischen die entsprechenden Briefe Mommsens und Harnacks eingeschaltet, wie etwa der Briefwechsel zwischen Mommsen und Lujo Brentano zum »Fall Spahn«'36 oder Mommsens Korrespondenz mit Ernst von Dobschütz' 37 . Die Kommentierung ist so angelegt, daß sie die separate Lektüre der überwiegenden Mehrheit der Briefe ermöglicht; deshalb waren im Darstellungsteil Überschneidungen und Wiederholungen nicht völlig zu vermeiden.

115

Vgl. die Briefe Nr. 55 bus 68.

1,0

Vgl. die Briefe Nr. 84; £5; 87; 88; 89; 91; 92; 97; 98; 99; 102; 107; 108 bis 119; 126; 128.

"'

Vgl. die Briefe Nr. 167, I7if. u. 175 bis 178.

131

Vgl. die Briefe Nr. 184; 191; 192; 210; 211; 214; 234; 239-242 u. 244. Vgl. ZAHN-HARNACK

1,4

265.

Dabei sind einzelne »Vorschläge für eine Normierung von Briefeditionen« von WINFRIED WOESLER in: editio 2, 1988, 8-18 berücksichtigt. V g l . allg. W . FRÜHWALD, H . - J .

MÄHL U. W. MÜLLER-SEIDEL (Hrsgg.), Probleme der Brief-Edition. Kolloquium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Referate und Diskussionsbeiträge, Bonn-Bad Godesberg u. Boppard 1977. S. 1,6

137

576f.

Vgl. die Briefe Nr. 185 bis 190; 193 bis 198; 201; 203 bis 206; 2o8f.; 215; 217; 223 bis 225; 227f.; 23if.; 236f.; 246 bis 251; 254; 259; 2Ó2f. Hinzu treten Briefe an Friedrich Althoff und Friedrich Schmidt-Ott (Nr. 2i2f.; 218; 220 bis 222; 233; 256 bis 258: 26of.), an Georg Keyssner (Nr. 200; 207; 213a; 226), an Gustav Schmoller (Nr. 245; 252^; 255) und ein Brief von Frani: von Liszt (Nr. 243). Vgl. Briefe Nr. 270 bis 273.

Anmerkungen zum Edicionsceil

27

Es bleibt daraufhinzuweisen, daß sowohl im Briefwechsel zwischen Mommsen und Harnack als auch in anderen Dokumenten teilweise sehr persönliche und äußerst polemische Urteile über Kollegen und Mitarbeiter ausgesprochen werden. Aus Rücksicht auf noch lebende Personen und deren Angehörige ließen Dorothea und Friedrich Hiller von Gaertringen, als sie 1935 den Briefwechsel zwischen Mommsen und Wilamowitz herausgaben, verletzende Expektorationen und heftige Attacken aus138. Die Notwendigkeit einer solchen Zensur besteht heute nicht mehr. Dennoch ist zu gewärtigen, daß zu Mommsens Zeit ein vernichtendes Urteil wohl bedenkenloser als in unseren Tagen ausgesprochen wurde, selbst auf die Gefahr hin, daß die persönliche Integrität des Betroffenen in Frage gestellt wurde. Mommsen, ein Meister des geschliffenen Wortes, »konnte mit einem Satz einen Menschen charakterisieren - und oft auch vernichten«139. Bisweilen war es indes schiere Spottlust, die ein boshaftes bon mot hervorbrachte, wie das Beispiel des Mediävisten und Präsidenten der Monumenta Germaniae histórica Paul Fridolin Kehr zeigt, der die Bewerbungen seiner Mitarbeiter auf Lehrstühle mit der Bemerkung befürwortet haben soll: »Für einen deutschen Professor sind Sie nun dumm genug«'40.

Vgl. WICKERT I V 249 A n m . 1 7 sowie CALDF.R/KOSF.NINA 1 7 2 . D e s weiteren w u r d e n

familiäre Nachrichten unterdrückt (vgl. WICKERT IV 243^: Brief von Dorothea Hiller von Gaertringen an Lothar Wickert vom 9. August 1959), und auch über Wilamowitz' Berufung nach Berlin wurde »nicht alles« gesagt, vgl. MOMMSEN - WILAMOWITZ S. 563. ZAHN-HARNACK, Mommsen 105. Hierzu fügt sich eine Anekdote, die der Berliner Germanist Erich Schmidt kolportiert haben soll: Wenn Mommsen bisweilen auf Abendgesellschaften verspätet erschienen sei, habe er »sich - schmunzelnd und händereibend - damit entschuldigt, daß er eben noch ganz schnell einen wissenschaftlichen Widersacher kritisch habe erledigen müssen. Um so besser habe dann dem bekannten Gourmet Speise und Trank geschmeckt« (F. HOMFYER, Ein Leben für das Buch. Erinnerungen, Aschaffenburg 1961, 24). H. FUHRMANN, Gelehrtenleben. Über die Monumenta Germaniae Histórica und ihre Mitarbeiter, in: D A 50,1994, 1-31, hier: 22.

II. WISSENSCHAFTSPOLITIK IN BERLIN

ι. D i e Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

a) Die deutsche Hochschullandschaft um die Jahrhundertwende In den mehr als viereinhalb Jahrzehnten, die zwischen M o m m s e n s Berufung an die Berliner Universität im Jahre 1857 und seinem T o d e 1903 liegen, waren die deutschen Universitäten grundlegenden Veränderungen unterworfen 1 . E i n außerordentliches quantitatives W a c h s t u m revolutionierte die traditionellen

1

Vgl. zur Bildungsexpansion, institutionellen Differenzierung, demographischen Heterogenität und zur sozialen Öffnung der Hochschulen v.a. K. MOLLER ET AL., Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, Teil I von H. TITZE: Das Hochschulstudium in Preußen und in Deutschland 1820-1944, Göttingen 1987; Teil II von D . MÜLLER: Das höhere Schulsystem im Staat Preußen und in seinen Provinzen vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, Göttingen 1988 und H . PLESSNER (Hrsg.), Untersuchungen zur Lage der deutschen Hochschullehrer, 3 Bde., Göttingen 1956, Bd. 3: CHR. v. FERBER, Die Entwicklung des Lehrkörpers der deutschen Universitäten und Hochschulen 1864-1954. Darüber hinaus sei verwiesen auf: R. VOM BRUCH, Abschied von Humboldt? Die deutsche Universität vor dem Ersten Weltkrieg, in: K. Strobel (Hrsg.), Die deutsche Universität im 20. Jahrhundert. Die Entwicklung einer Institution zwischen Tradition, Autonomie, historischen und sozialen Rahmenbedingungen, Vierow 1994, 17-29; K . H . JARAUSCH (Hrsg.), The Transformation of Higher Learning: Expansion, Diversification, Social Opening, and Professionalization in England, Germany, Russia, and the United States, Stuttgart 1983; ID., Students, Society, and Politics in Imperial Germany. The Rise of Academic Illiberalism, Princeton 1982; ID., Deutsche Studenten 1800-1970, Frankfurt a.M. 1984; ID., The Old »New History of Education«: A German Reconsideration, in: History of Education Quarterly 26, 1986, 225-241; ID., Universität und Hochschule, in: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. 4: 1870-1918, hrsg. v. Chr. Berg, München 1991, 313-345 (mit Literatur 34iff.); K.-E. JEISMANN (Hrsg.), Bildung, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Mobilisierung und Disziplinierung, Stuttgart 1989; NIPPERDF.Y I, 568fr.; F. RINGER, Das gesellschaftliche Profil der deutschen Hochschullehrerschaft, in: K. Schwabe (Hrsg.), Hochschullehrer als Elite in Deutschland 1815-1945, Boppard 1988, 93-104; M . SCHMEISER, Akademischer Hasard: Das Berufsschicksal des Professors und das Schicksal der deutschen Universität 1870-1920, Stuttgart 1994; WF.HI.ER, D G 3,417fr. u. 1209fr. Einen instruktiven Überblick gibt CH.E. MCCLELLAND, State, Society, and University in Germany 1700-1914, Cambridge 1980. Weitere Literatur (auch zu einzelnen Univer-

3o

Wissenschaftspolitik in Berlin

universitären Strukturen. Zwar blieb die Anzahl der Universitäten annäherend konstant - 1866 gab es in Deutschland 19 Universitäten, 187z wurde die Universität Straßburg und 1902 die Universität Münster gegründet - , aber mit ihnen traten nun die Technischen Hochschulen in Konkurrenz, die zum Teil neu gegründet wurden und zum Teil aus den alten Polytechnika hervorgingen. Die von ihnen angebotene praxisorientierte Ausbildung, die die Humboldtschen Universitäten mit ihrer kategorischen Ablehnung einer anwendungsorientierten Wissenschaft nicht garantieren konnten und wollten, war die notwendige Voraussetzung fìir die Modernisierung und Expansion der deutschen Wirtschaft. M i t den Neugründungen wuchs das Lehrpersonal, zwischen 1864 und 1910 um 159 % (von 1468 auf 3807 Personen). Vor allem die Naturwissenschaften und technischen Disziplinen profitierten hiervon. Doch auch in den übrigen Fächern wurden neue Stellen geschaffen. 1864 waren in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen 422 Hochschullehrer tätig, darunter 179 Ordinarien; 1890 stieg deren Zahl auf 649 (282 Ordinarien) und 1910 auf 1051 (352 Ordinarien). Die Klassische Philologie verfugte 1864 über 68 Hochschullehrer (43 Ordinarien), 1890 über 85 (56) und 1910 über 109 (62), in der Geschichtswissenschaft unterrichteten 1864 73 Hochschullehrer (37 Ordinarien), 1890 127 (62) und 1910 185 (76); in der Evangelischen Theologie schließlich gab es 1864 134 Hochschullehrer (81 Ordinarien), 1890 148 (102) und 1910 200 (120). Zwar wuchs die Zahl der vollbezahlten Ordinariate teilweise beachtlich, noch schneller aber stiegen gerade seit 1890 die Zahlen der Privatdozenten und der nicht oder nur schlecht bezahlten Extraordinarien. Damit verlängerten sich fur die Dozenten die Wartezeiten bis zur Berufung, und für einen Teil wurde die Privatdozentur nicht mehr Durchgangs-, sondern Dauerzustand. Eine verstärkte Hierarchisierung der Universitäten und eine veränderte soziale Rekrutierung der Hochschullehrer waren die Folge 1 . Gleichzeitig explodierten die Studentenzahlen. Immer mehr Studierende unterschiedlicher sozialer Herkunft drängten an die Universitäten und Technischen Hochschulen. Die elitäre traditionelle Hochschule, die vor allem das akademisch gebildete Großbürgertum reproduzierte, verwandelte sich in eine moderne Universität der wirtschaftlich prosperierenden Mittelklassen, die schon von den Zeitgenossen als Massenuniversität wahrgenommen wurde. 1865 be-

*

sitäten) findet sich in: Bibliographie zur Universitätsgeschichte. Verzeichnis der im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland 1945-1971 veröffentlichten Literatur, bearb. v. E. Stark, hrsg. v. E. Hassinger, Freiburg 1974. Aus der veränderten Lage der Privatdozenten, aber auch der Extraordinarien entstand seit 1907 die »Nichtordinarien-Bewegung«, vgl. R . VOM BRUCH, Universitätsreform und soziale Bewegung. Zur Nicht-Ordinarienbewegung im späten deutschen Kaiserreich, in: G u G 10, 1984, 72-91, sowie A. BUSCH, Die Geschichte des Privatdozenten. Eine soziologische Studie zur giroßbetrieblichen Entwicklung der deutschen Universitäten, Stuttgart 1959.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

31

suchten etwa 13.500 Studenten die Hochschulen, 1911 waren es ca. 55.600. D i e Zahl der Studenten wuchs mithin schneller als die der Ordinarien, so daß kurz vor dem Ersten Weltkrieg doppelt so viele Studenten auf einen ordentlichen Professor kamen wie 50 Jahre zuvor. D e r Staat reagierte auf das gewünschte und bildungspolitisch beeinflußte Wachstum mit einer erheblichen und überproportionalen Steigerung seiner finanziellen Leistungen. Preußen brachte 1866 2, 1882 bereits 9,6 und 1914 schließlich 27 Millionen M a r k fiir die Universitäten auf — die Technischen Hochschulen ausgenommen. Diese quantitativen Veränderungen hatten fiir die innere Struktur der Universitäten erhebliche Konsequenzen. D i e G r ü n d u n g neuer Seminare, Institute und Kliniken beschleunigte die Differenzierung und Spezialisierung von Forschung und Lehre; zunehmend gewannen außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und private Ressourcen für eine kapitalintensive Großforschung an Bedeutung. D i e organisatorische und inhaltliche Pluralisierung hatte auch bildungs- und wissenschaftstheoretische Folgen. »Während die fortschreitende Spezialisierung die philosophische Einheit des Wissens auflöste, betonten viele Hochschullehrer weiterhin den Bildungswert der Forschung. Die Transformation der Hochschulen zum G r o ß betrieb der Wissenschaft< durch zahlreiche Seminar- und Institutsneugründungen und das Überhandnehmen der Assistenten und Privatdozenten beeinträchtigte das Bildungserlebnis der Studenten dadurch, daß sie den Kontakt mit den Professoren verloren. V o n einer kleinen Hochschuldidaktikbewegung, Nachhilfekursen in den alten Sprachen und einigen anderen Detailreformen abgesehen, wurde die Lehre nicht in demselben Maße modernisiert, wie es die veränderte Studentenstruktur erforderlich gemacht hätte« 3 . D i e wissenschaftliche Pluralität ersetzte die Einheit des Wissens, an der eine neuhumanistische Rhetorik äußerlich festhielt. Die hier skizzierten Veränderungen betrafen auch die Altertumswissenschaft, wie im folgenden zu zeigen sein wird. Entscheidenden Anteil an der Differenzierung seiner Wissenschaft hatte Theodor M o m m sen 4 , der M a n n mithin, der nicht müde wurde, die Überwindung der traditionellen Fachgrenzen in der Erforschung des römischen Altertums zu fordern. K.H. JARAUSCH, Die Krise des deutschen Bildungsbürgertums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in: Bildungsbürgertum IV, 180-205, hier: i84f. Zur Entwicklung der Berliner Universität, an der Mommsen die längste Zeit seines Lebens wirkte, ist immer noch grundlegend die klassische vierbändige Darstellung von LENZ, Universität Berlin aus dem Jahre 1910. Wichtige Informationen und Aufsätze finden sich in der sechsbändigen, nach einzelnen Fachgebieten gegliederten Reihe »Berlinische Lebensbilder« (Berlin 1987-1990), die W. RIBBE herausgegeben hat. Zu neueren Überblicksdarstellungen, die häufig entweder populärwissenschaftlich oder ideologisch einseitig sind, zu Quellensammlungen und Einzeluntersuchungen vgl. die Literatur bei W.M. CALDER III u. D.J. KRAMER, An Introductory Bibliography to the History of Classical Scholarship Chiefly in the XlXth and XXth Centuries, Hildesheim u.a. 1992, 89fr., N r . 726FR. und C . FLICK u. G . SCHRÄGE, Geschichtswissenschaft in

Wissenschaftspolitik in Berlin

b) Ordinarius für Römische Altertumskunde Mommsen wurde am 27. Oktober 1857 durch königlichen Erlaß auf eine Forschungsprofessur an der Berliner Akademie berufen5. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften und der Geschichte in Kiel und einer römischrechtlichen Promotion hatte er von 1844 bis 1847 mit einem Stipendium des dänischen Königs zunächst Frankreich und Italien bereist. Unter dem Einfluß Borghesis nahm er ein Corpus der lateinischen Inschriften des Königreichs Neapel6 in Angriff, das Ende Dezember 1844 von der Preußischen Akademie mit 150 Talern unterstützt wurde. Die langwierigen und zermürbenden Verhandlungen mit der Akademie um eine umfassende Sammlung der lateinischen Inschriften begannen 1847, als Mommsen noch von Rom aus eine umfangreiche Denkschrift vorlegte. Weder beruflich noch finanziell abgesichert, arbeitete Mommsen kurzfristig in dem Mädchenpensionat seiner Tanten in Altona und danach als Redakteur der offiziösen, von Theodor Olshausen gegründeten »Schleswig-Holsteinischen Zeitung« in Rendsburg. Auf Veranlassung seines Lehrers und Freundes Otro Jahn erhielt Mommsen im Herbst 1848 einen Ruf als außerordentlicher Professor der Rechte an die Leipziger Universität; sein politisches Engagement gegen die sächsische Regierung führte indes 1851 zu seiner Relegation. Doch noch in demselben Jahr wurde Mommsen auf den zweiten Lehrstuhl fur Römisches Recht nach Zürich berufen; 1854 folgte er einem Ruf als Ordinarius nach Breslau. Zu Beginn dieses Jahres wurde nach siebenjährigem Ringen der Plan eines Corpus Inscriptionum Latinarum durch das Plenum der Akademie endgültig bewilligt. Seit 1853 war Mommsen korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie. Friedrich Wilhelm IV. störte sich augenscheinlich nicht an der Tatsache, daß der von ihm an die Akademie berufene Mommsen wenige Jahre zuvor wegen politischer Umtriebe Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Auswahlbibliographie, in: R. Hansen u. W. Ribbe, Geschichtswissenschaft in Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. Persönlichkeiten und Institutionen, Berlin u. New York 1992, 677-846, hier: 694^ Zur Geschichte der Philosophischen Fakultät in dem vorliegenden Zeitraum vgl. nunmehr B. BOSCH AN, Zur Entwicklung der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität im Zeitraum 1870-1900, Dissertation (A) Humboldt-Universität Berlin 1990 sowie EAD., In dubiis libertas? Die Entwicklung der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität im Zeitraum 1870-1900 und Friedrich Althoff, in: BROCKE, Wissenschaftsgeschichte 267285.

Vgl. hierzu sowie zum folgenden die Briefe Nr. 138 (Mommsens Darstellung seiner »epigraphischen Peripetie« vom 21. Februar 1899 und Nr. 183 (Harnacks Rede vom 13. Oktober 1901 zu Mommsens goldenem Ordinariatsjubiläum) mit den entsprechenden Anmerkungen. Zu den Inscriptiones regni Neapolitani Latinae vgl. ZJ 203 sowie WICKERT II I35FF. u. III I23ff.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

33

verurteilt und aus dem sächsischen Staatsdienst entfernt worden war. Die Personalfragen entschied der preußische Monarch - in Absprache mit seinem Berater Alexander von Humboldt 7 — auf der Grundlage der wissenschaftlichen Interessen der Akademie, nicht anhand politischer Dossiers. Außer Mommsen holte er die Brüder Grimm und Moritz Haupt, die gleichfalls politisch gemaßregelt worden waren, an die Akademie und bestätigte mit Peter Theophil Riess zum ersten Mal einen Gelehrten jüdischen Glaubens als ordentliches Mitglied 8 . Mommsen trat seine mit dem Inschriftencorpus verbundene Akademieprofessur 1858 an. Erst drei Jahre später, als er nach Bonn zu gehen drohte, wurde er auf eine neu geschaffene ordentliche Professur für Römische Altertumskunde an der Universität berufen 9 . Zwar konnte das Fach damals bereits auf eine bedeutende Tradition zurückblicken, aber zuvor hatte es noch keinen eigenen althistorischen Lehrstuhl gegeben 10 . Alte Geschichte war Teil der Universalgeschichte und wurde nicht von eigenen Fachvertretern unterrichtet. So behandelte Leopold von Ranke (1795-1886) im Rahmen seiner Vorlesungen über die »Allgemeine Weltgeschichte« ebenfalls althistorische Themen. Johann Gustav Droysen (1808-1884), der durch seine Forschungen zur griechischen Geschichte hervortrat, war seit 1859 Professor für Geschichte in Berlin. Neben den Historikern waren es Klassische Philologen, die sich der Alten Geschichte annahmen. August Boeckh (1785-1867), der später Mommsens Inschriftenprojekt in der Akademie erbittert bekämpfte, war 1810 als Professor der Beredsamkeit und der klassischen Literatur von Heidelberg nach Berlin berufen worden und widmete sich in Forschung und Lehre auch der Geschichte Griechenlands. Barthold Georg Niebuhr (1776-1831) wiederum las als Mitglied der Preußischen Akademie in seiner Berliner Zeit über römische Geschichte. Als Mommsen nach Berlin kam, war er durch zahlreiche römischrechtliche, epigraphische, philologische und historische Untersuchungen wissenschaftlich ausgewiesen. Vor allem hatte er in den Jahren von 1854 bis 1856 seine dreibän-

7

Z u dem Verhältnis von Friedrich Wilhelm IV. und Alexander von Humboldt vgl. nunmehr W . BUSSMANN, Zwischen Preußen und Deutschland. Friedrich Wilhelm IV. - Eine Biographie, Berlin 1990, 374-386. Zur Bildungs- und Hochschulpolitik vgl. darüber hinaus F.W. KANTZENBACH, Gerd Eilers und Kultusminister Eichhorn. Zur Beurteilung der Ara Friedrich Wilhelms IV. (1840-1848) und seines Ministeriums, in: O. Hauser (Hrsg.), Z u r Problematik »Preußen und das Reich«, Köln u. Wien 1984, 247-297.

8

V g l . HARNACK, G A 1 . 2 , 893F.

9

V g l . HIRSCHFELD 1 0 5 8 ( 9 6 2 ) u . W I C K E R T I V i f f .

10

Vgl. hierzu DEMANDT, Alte Geschichte 149-209 mit weiterer Literatur. Zur Begründung der Alten Geschichte als eigenständiger Disziplin durch Mommsen vgl. HARNACK, G A 1.2,873 mit Anm. 2 sowie Harnacks Rede zu Mommsens goldenem Ordinariatsjubiläum (Nr. 183).

34

Wissenschaftspolitik in Berlin

dige »Römische Geschichte« verfaßt, die unter dem unmittelbaren Eindruck der 48er Revolution niedergeschrieben war und deren letzter Band mit der Schlacht von Thapsus im Jahre 4 6 v. Chr. endete. M o m m s e n entwarf darin das Idealbild einer römischen Bürgergemeinde, die »eben wie die deutsche und vermutlich die älteste indogermanische überhaupt die eigentliche und letzte Trägerin der Idee des souveränen Staats« gewesen sei und in der er »ein freies Volk« erblickte, »das zu gehorchen verstand, in klarer Absage von allem mystischen Priesterschwindel, in unbedingter Gleichheit vor dem Gesetz und unter sich, in scharfer Ausprägung der eigentlichen Nationalität«". Der Niedergang der durch den Senat herrschenden Oligarchie führte notwendigerweise zur »demokratischen Monarchie« Caesars, der als Volksgeneral und Demokratenkönig der maroden res publica nochmals unsterblichen R u h m verlieh und der eigentliche Ziel- und Höhepunkt der römischen Geschichte war 1 2 . Das W e r k ist cum ira et studio geschrieben, ist »Historiographie engagée«, aktualisiert und vergegenwärtigt den historischen S t o f f ' 3 : Aus dem Consul wird der »Bürgermeister«, aus dem Proconsul der »Landvogt«, aus den Senatoren die »Junker«

"

MOMMSEN, R G I, 7 2 u. 8 0 (dtv B d . 1, 87 u. 95).

11

Zu Mommsens »Römischer Geschichte« vgl. K. CHRIST, Theodor Mommsen und die »Römische Geschichte«, in: MOMMSEN, R G , dtv Bd. 8,7-66 (= ID., Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte 3, Darmstadt 1983, 26-73); ID., Caesar. Annäherungen an einen Diktator, München 1994,134-154; FEST 29fr.; A. HEUSS, Theodor Mommsen als Geschichtsschreiber, in: N. Hammerstein (Hrsg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, 37-95 (= A. HEUSS, Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995, 1744-1802); HEUSS 58fr.; WICKERT III 399FR. U.WUCHER pass. Zur Frage, warum Mommsen seine »Römische Geschichte« nicht durch einen (vierten) Band über die römische Kaiserzeit vollendete, vgl. des weiteren A. DEMANDT, in: MOMMSEN, R K ijfF. und DEMANDT, Hensel 497ÍF. Z u Mommsens Prinzipatsverständnis vgl. nunmehr I. STAHLMANN, Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945, Darmstadt 1988, 37-67.

13

Vgl. FEST 4if. Uber Mommsens Beweggründe gibt sein Briefwechsel mit Wilhelm Henzen Aufschluß. Am 27. Oktober 1854 hatte Henzen in einem Brief an Mommsen moniert, ihm sei »mitunter der Ton etwas zu modern«, auch fänden sich »etwas zu viel moderne Ausdrücke« im Text: »Freilich wird das Buch dadurch lebendiger und unterhaltender, oder, wenn Sie verzeihen, pikanter; aber nach meinem Dafürhalten ist Ihr Buch, wie ja wohl Thukydides sagt, ein κτήμα eiç άεί und kein augenblickliches α γ ώ ν ι σ μ α und hat dergleichen Schmuck nicht nötig«. In seiner Antwort vom 26. November rechtfertigte M ommsen daraufhin nachdrücklich seinen »modernen Ton«: »Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß er nicht gewählt ist um das Publikum zu cajolieren es gilt doch, vor allem die Alten herabsteigen zu machen von dem phantastischen Kothurn, auf dem sie der Masse des Publikums erscheinen, sie in die reale Welt, wo gehaßt und geliebt, gesägt und gehämmert, phantasiert und geschwindelt wird, den Lesern zu versetzen« (WICKERT III 627f.).

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

35

und aus den Rittern die »Kapitalisten«. Die zeitgenössische Kritik hat so vor allem an Mommsens Sprache Anstoß genommen: »Von Mangel an Ruhe und Würde der Darstellung« war die Rede, auch vom »schlechtesten Zeitungsstil«14. Doch gerade wegen seiner sprachlichen Ausdruckskraft und seiner »Realitätsnähe« wurde Mommsens »Römische Geschichte« zu einer der erfolgreichsten historiographischen Veröffentlichungen deutscher Sprache, die inzwischen 16 Auflagen erlebt hat und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. 1902 erhielt ihr Verfasser als erster Deutscher den Literaturnobelpreis15. Erst in Berlin entfaltete Mommsen indessen seine ungeheuere wissenschaftliche Produktivität. Mehr als 1200 Einträge verzeichnet das von Karl Zangemeister und Emil Jacobs erarbeitete Schriftenverzeichnis fur die Jahre von 1858 bis 1905, denen bis zu Mommsens Berufung nach Berlin 262 Publikationen gegenüberstehen. In dem Lesesaal der Königlichen Bibliothek und in seinem Arbeitszimmer in Berlin und in Charlottenburg16 entstanden die großen Editionen und wissenschaftlichen Darstellungen. Seit 1863 erschienen die einzelnen Bände des Corpus Inscriptionum Latinarum. Mommsen selbst hatte den ersten, dritten, fünften, neunten und zehnten Band herausgegeben. Als Gustav Wilmanns, der Bearbeiter des achten Bandes, der die Inschriften Nordafrikas umfaßt, vor der Vollendung seiner Tätigkeit starb, führte Mommsen die Aufgabe zu Ende und gewann mit Johannes Schmidt und René Cagnat zwei neue Herausgeber, die die Erschließung der epigraphischen Zeugnisse des römischen Afrikas fortsetzten. Auch die Ausgabe der in CIL XIII versammelten Inschriften Galliens und Germaniens unterstützte Mommsen bis zu seinem Tode 17 . Schon 1858 hatte er die »Römische Chronologie bis auf Caesar« vorgelegt, die im folgenden Jahr in zweiter Auflage erschien, i860 veröffentlichte er die »Geschichte des römischen Münzwesens«. Die Res gestae divi Augusti gib Mommsen 1865 in erster, 1883 in zweiter Auflage heraus. Zwischen 1868 und 1870 veröffentlichte er unter Mitarbeit von Paul Krüger die große zweibändige Digestenausgabe, der 1872 eine kleinere im Rahmen des Corpus iuris civilis folgte. Die erhaltenen vorjustinianischen kaiserlichen Konstitutionen publizierte er gemeinsam mit Paul Krüger und Wilhelm Studemund in der Collectio librorum iuris anteius-

14

Vgl. die Übersicht bei

15

Vgl. D. T I M P E , Theodor Mommsen. Zur 80. Wiederkehr der Verleihung des Nobelpreises, in: Nordfriesland. Zeitschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft 18, 1984, 50-58. Mommsen wohnte zunächst in der Bernburger Straße 8, dann in der Neuenburger Straße 9, von wo die Familie 1866 in ein Mietshaus in der Schöneberger Straße 10 umzog, das Mommsen im Jahr zuvor gekauft hatte. 1874 schließlich erwarb er das Haus in der Marchstraße 6 (später 8) in Charlottenburg, das »zehn Minuten Eisenbahn von Berlin« entfernt war, vgl. GALSTERER 190 u. W I C K E R T I V 257fr.

16

17

WUCHER

215fr.

Vgl. z.B. die Übersicht bei E. M E Y E R , Einführung in die lateinische Epigraphik, Darmstadt 1973,131fr. und die praefationes der einzelnen Bände.

Wissenschaftspolitik in Berlin

36

tiniani. Des weiteren überarbeitete er die Fontes iuris Romani antiqui von Karl Georg Bruns. Der fünfte Band seiner »Römischen Geschichte«, der die römischen Provinzen der Kaiserzeit beschrieb, erschien 1885. Zwischen 1871 und 1888 verfaßte Mommsen sein dreibändiges »Römisches Staatsrecht«, in dem er in rechtspositivistisch-systematischer Form die staatlichen Institutionen der Römischen Republik und des Imperiums behandelte. 1899 ließ der inzwischen Zweiundachtzigjährige sein »Römisches Strafrecht« folgen'8. In seiner Berliner Zeit edierte er die Gotengeschichte des Jordanes, die variae Cassiodors und die Chronica minora für die Auetores antiquissimi sowie den liberpontificalisunà die Vita Severini des Eugippius. Seine Ausgabe des Solinus erlebte in Berlin ihre zweite Auflage. Darüber hinaus übernahm er die Edition der lateinischen Übersetzung und Fortführung der Kirchengeschichte Eusebs durch Rufin für die »Griechischen Christlichen Schriftsteller«. Die Ausgabe des Codex Theodosianus war von ihm so weit gefördert, daß sie postum im Jahre 1905 erscheinen konnte. Seine Editionen wurden von einer Vielzahl chronologischer, philologischer und historischer Untersuchungen vorbereitet und begleitet. Die meisten altertumswissenschaftlichen Großunternehmen der Berliner Akademie sind, wie noch zu zeigen sein wird, von ihm begründet, koordiniert und vorangetrieben worden. Hatte es Niebuhr, wie Mommsen ausführte, zuerst gewagt, »die Geschichtswissenschaft an der Logik der Tatsachen zu prüfen«19, so wollte er seinen Teil zur »Grundlegung der historischen Wissenschaft«, mithin zur Ordnung »der Archive der Vergangenheit« beitragen20. Um 18

Z u r Diskussion um Mommsens juristische Untersuchungen und zur Auseinandersetzung mit seinem rechtshistorischen Ansatz vgl. J . BLEICKEN, Lex Publica. Gesetz und Recht in der römischen Republik, Berlin 1975,13FR.; E. FLAIG, Im Schlepptau der Masse. Politische Obsession und historiographische Konstruktion bei Jacob Burckhardt und Theodor Mommsen, in: Rechtshistorisches Journal 12, 1993, 405-442; HEUSS 33FR.; A. HEUSS, Theodor Mommsen und die revolutionäre Struktur des römischen Kaisertums, in: A N R W I I . I , Berlin u. N e w York 1971, 77-90 (= ID., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995, 1 7 3 0 - 1 7 4 3 ) ;

KUCZYNSKI 1 8 2 - 2 4 2 (Beitrag v o n H . KI.ENNF.R); W . KUNKEL,

Mommsen als Jurist, in: Chiron 14,1984, 369-380; T . MASIELLO, Mommsen e il diritto penale romano, Bari 1995 u. I. STAHLMANN, Friedrich Carl von Savigny und Theodor Mommsen. Ihr Briefwechsel zwischen 1844 und 1856, in: P. Kneissl u. V . Losemann (Hrsgg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Karl Christ zum 65. Geburtstag, Darmstadt 1988, 465-501. 19

TH. MOMMSEN, Antwort auf die Antrittsrede von K . W . Nitzsch, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1879, 522f. ( Z J 828), zitiert nach MOMMSEN, R A i99f., hier: 199. Z u Mommsens Auseinandersetzung mit Niebuhr als dem eigentlichen Begründer der historischen Methode vgl. den immer noch grundlegenden Aufsatz von HEUSS, Niebuhr und Mommsen.

10

TH. MOMMSEN, Antrittsrede als Mitglied der Akademie, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1858, 393-395 (ZJ 272); zitiert nach MOMMSEN, R A 35-38. Vgl. hierzu ebenfalls HARNACK, G A 1.2, 961. Mommsen hielt seine Antrittsrede am 8. Juli 1858.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

37

die »klassizistische, neuhumanistische und romantische Verklärung« der römischen Geschichte zu überwinden 11 , bedurfte es der »strengen philologischen Methode«, »das heißt einfach die rücksichtslos ehrliche, im großen wie im kleinen vor keiner Mühe scheuende, keinem Zweifel ausbiegende, keine Lücke der Überlieferung oder des eigenen Wissens übertünchende, immer sich selbst und anderen Rechenschaft legende Wahrheitsforschung« 12 . Ziel ebendieser »Wahrheitsforschung« war das »Erkennen des Gewesenen aus dem Gewordenen mittelst der Einsicht in die Gesetze des Werdens« 23 . Ein positivistisches Wissenschaftsverständnis ließ ihn mit beispiellosem Aufwand das Quellenmaterial der römischen Antike erforschen und ordnen. Dabei verlangte er kategorisch die Zusammenschau historischer, philologischer und juristischer Forschung, um die traditionelle Zersplitterung der Altertumswissenschaft zu überwinden, die der historischen Erkenntnis im Wege stand. Harnack hat in seiner Trauerrede für Mommsen als »das Geheimnis seiner wissenschaftlichen Eigenart« bezeichnet, daß er »die Aufgaben und Geschäfte der Historie, die sonst verteilt zu sein pflegen, ja die sich auszuschließen scheinen, sämtlich und auf einmal in die Hand nahm und sie nun als der Meister festhielt« 24 . Mommsen selbst meinte im Rückblick auf sein Lebenswerk, als er sich 1893 fur die Ehrungen zu seinem fünfzigjährigen Doktorjubiläum bedankte: »Es ist mir beschieden gewesen, an dem großen Umschwung, den die Beseitigung zufälliger und zum guten Theil widersinniger, hauptsächlich aus den Facultätsordnungen der Universitäten hervorgegangener Schranken in der Wissenschaft mitzuwirken. Die Epoche, wo der Geschichtsforscher von der Rechtswissenschaft nichts wissen wollte und der Rechtsgelehrte die geschichtliche Forschung nur innerhalb seines Zaunes betrieb, die Epoche, wo es dem Philologen wie ein Allotrium erschien, die Digesten aufzuschlagen, und der Romanist von der alten Literatur nichts kannte als das Corpus Juris, wo zwischen den beiden Hälften des römischen Rechts, dem öffentlichen und dem privaten, die Facultätslinie durchging, wo der wunderliche Zufall die Numismatik und sogar die Epigraphik zu einer Art von Sonderwissenschaft

11

Vgl. H. RITTER VON SRBIK, Geist und Geschichte vom deutschen Humanismus bis zur

11

Vgl. Mommsens Nachruf auf Jahn in: MOMMSEN, RA 459 und WICKERT, Briefwechsel

13

MOMMSEN, R A 199.

14

A. HARNACK, Rede bei der Begräbnisfeier Theodor Mommsens am 5. November 1903 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehalten (SMEND 793); zitiert nach A. HARNACK, Aus Wissenschaft und Leben 2, Gießen 1911, 323-332, hier: 326. Vgl. hierzu auch Harnacks Ansprache zum 30. November 1917 (Nr. 300).

Gegenwart 2, München u. Salzburg 1951,132. 363.

38

Wissenschaftspolitik in Berlin gemacht hatte und ein Münz- oder Inschriftenzitat außerhalb dieser Kreise eine Merkwürdigkeit war - diese Epoche gehört der Vergangenheit an, und es ist vielleicht mit mein Verdienst, aber vor allen Dingen mein Glück gewesen, daß ich bei dieser Befreiung habe mitthun können«15.

D o c h während M o m m s e n selbst in der Lage war, die Ergebnisse einer weitverzweigten und komplexen Quellenforschung zu überblicken und immer wieder in großen Werken zusammenzufassen* 6 , vermochten sich seine Nachfolger immer weniger aus der Isolation einer hochspezialisierten Großforschung zu befreien, um originäre wissenschaftliche Synthesen vorzulegen. Die von M o m m sen nachhaltig geprägte Entwicklung des Faches führte notwendigerweise auch zur organisatorischen Differenzierung der Altertumswissenschaft. N a c h d e m lange Zeit Klassische Philologen und Universalhistoriker das Fach Alte G e schichte an den Universitäten gelehrt hatten, wurden nunmehr eigene Lehrstühle und Seminare geschaffen: 1861 in Berlin, 1870 in Marburg, 1888 in Freiburg, 1 9 0 0 in M ü n c h e n und 1 9 0 2 in T ü b i n g e n 2 7 . Gleichzeitig wuchs die Bedeutung der sogenannten althistorischen Hilfswissenschaften. Es ist kein Zufall, daß gerade die Schüler und Mitarbeiter Mommsens durch ihre wissenschaftliche Qualifikationen und ihr weiteres wissenschaftliches Oeuvre entscheidenden Anteil an der zunehmenden Verselbständigung dieser Disziplinen hatten. U m die lateinische Epigraphik machte sich in besonderem M a ß e Hermann Dessau (1856-1931) verdient, der 1884 auf G r u n d seiner epigraphischen V e r ö f fentlichungen »kumulativ« habilitiert wurde 1 8 ; Eugen Bormann (1842-1917) schuf in Wien das bedeutende Archäologisch-Epigraphische Seminar; Friedrich Imhoof-Blumer (1838-1920), der auf eine akademische Stelle verzichten konnte, da er wohlhabend war, und Behrendt Pick (1861-1940) widmeten sich der wissenschaftlichen Erfassung der antiken numismatischen Zeugnisse; um die Erschließung der papyrologischen Quellen fur die Alte Geschichte bemühten sich mit großem Erfolg Ulrich Wilcken (1862-1944) und Paul Martin Meyer (1866-1935); Heinrich Kiepert (1818-1899), der auf Mommsens Veranlassung

25

TH. MOMMSF.N, Dankschreiben nach dem fünfzigjährigen Doktorjubiläum, Rom 1893 (ZJ 1271), zitiert nach F. JONAS, Zum achtzigsten Geburtstage Theodor Mommsens, in: Deutsche Rundschau 2 4 , 1 8 9 7 , 399"4I6» hier: 415 (= GRADKNWITZ 6 = HARTMANN jöf.).

16

17 18

Vgl. hierzu bereits das in seiner akademischen Antrittsrede von 1858 entwickelte Programm in MOMMSEN, RA 35-38 (ZJ 272) sowie die grundsätzlichen Bemerkungen in MOMMSEN, StrR, S. Vllf. In seiner Rektoratsrede aus dem Jahr 1874 (ZJ 659) betonte Mommsen die unbedingte Notwendigkeit philologischer und juristischer Kenntnisse fur das Geschichtsstudium, vgl. MOMMSEN, RA 3-16 sowie WICKERT, Vorträge 42fr. Vgl. hierzu auch H.-U. INSTINSKY, Theodor Mommsen und die Römische Geschichte, in: Studium generale 7, 1954, 439-445. Vgl. CHRIST, Römische Geschichte 74. Vgl. CHANTRAINE, J u d e n I25F.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

39

Karten fur das Inschriftencorpus zeichnete, lehrte an der Berliner Universität Länder- und Völkerkunde der Antike. Darüber hinaus fächerte sich die althistorische Wissenschaft nach regionalen und zeitlichen Themenstellungen auf. Mommsens Interesse an der Spätantike beeinflußte, um ein Beispiel herauszugreifen, Otto Seeck (1850-1921) und Ludo Moritz Hartmann (1865-1924), die es zwar besser als andere Schüler verstanden, sich von den Vorgaben ihres großen Lehrers zu emanzipieren, deren große wissenschaftliche Arbeiten aber dennoch auf bestimmte Epochen der europäischen Geschichte beschränkt blieben. Obschon die Generation der Mommsenschüler19 sehr wohl noch befähigt war, in Forschung und vor allem Lehre große Teile der alten, speziell der römischen Geschichte zu erfassen, ist dennoch bereits bei ihnen die Tendenz zur innerfachlichen Spezialisierung nicht zu übersehen. Damit war durch Mommsens methodische Vorgaben und inhaltliche Forderungen eine Entwicklung eingeleitet, die sich nach dem Ersten Weltkrieg verstärken sollte und die die Altertumswissenschaft - analog zu anderen Wissenschaftsbereichen - weiter aufspaltete und zergliederte. Diese Entwicklung vermochte auch die Konzeption einer alle Einzeldisziplinen umfassenden klassischen Altertumswissenschaft, die Mommsens Schwiegersohn Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in Anlehnung an Vorstellungen August Boeckhs entwickelte und die auf die cognitio totius antiquitatis abzielte, ebensowenig aufzuhalten wie der von Eduard Meyer unternommene Versuch, Alte Geschichte als Teil der Universalgeschichte in Forschung und Lehre darzustellen. Die von Mommsen gewünschte und beeinflußte »naturwissenschaftliche« Modernisierung seines Faches stand im Widerspruch zu der von ihm beschworenen Einheit der römischen Altertumswissenschaft. Konnte er dieses Paradoxon in seiner Person noch aufheben - seine Nachfolger vermochten es nicht mehr. Mommsens wissenschaftlicher Universalismus, so erkannte schon Harnack30, hatte keinen Vorgänger und hinterließ zugleich ein unerreichbares Vorbild. Jener Mann, der die römische Altertumswissenschaft konsequent und unermüdlich aus ihrer tradierten methodischen und inhaltlichen Verengung herausgeführt hatte, segmentierte und fragmentarisierte sie gleichzeitig in bisher unbekanntem Umfange31. Die starke Konzentration auf Wissenschaft und Wissenschaftsorganisation hatte negative Folgen für Mommsens akademische Lehre, die in der Tat nur »Abfallprodukt seiner Forschung«3* war. Mit Freude nahm der Achtundsechzig29

Vgl. hierzu CHRIST, Römische Geschichte 66FF. sowie die - allerdings nicht fehlerfreie und zu undifferenzierte - Übersicht von W . WF.BER, Priester der Klio. Historischsozialwissenschaftliche Studien zur Herkunft und Karriere deutscher Historiker und zur Geschichte der Geschichtswissenschaft 1800-1970, Frankfurt a.M. u.a. 1984, 272fr.

30

HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben 2, 326.

31

Vgl. hierzu ebenfalls FEST 5 in: Tägliche Rundschau Nr. 257 v o m 2. November 1903, S . 1026.

40

Vgl. hierzu AlthofFs Charakterisierung in einem Brief aus dem Jahre 1891, in dem er M o m m s e n neben Leopold von Ranke, Heinrich von Sybel und anderen zu den »sehr schlechten Dozenten« zählte (SACHSE, A l t h o f f 183).

41

W I C K E R T I V 228.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

41

improviseren. Daher meinte er, es gäbe nichts Leichtsinnigeres auf der Welt als das Kolleglesen 42 . Es entbehrt folglich nicht einer gewissen Ironie, daß der fehlende vierte Band der »Römischen Geschichte«, der die Kaiserzeit behandeln sollte, nach den Vorlesungsmitschriften von Sebastian und Paul Hensel aus den achtziger Jahren gleichsam rekonstruiert worden ist 43 . Z u Beginn des Wintersemesters 1882/83, a ' s Paul Hensel mit seinen Aufzeichnungen einsetzte, schrieb Mommsen an seine Frau: »Ich habe zwar heute angefangen zu lesen, weil ich nicht mit Aussetzen anfangen wollte, aber es ging sehr schlecht. Dazu ist das Kolleg so schrecklich voll, und ich kann gar nicht mehr auch nur mich befriedigen« 44 . Die zweistündigen Übungen, deren Gegenstand Mommsen häufig nicht ankündigte, müssen hingegen sowohl für Mommsen selbst als auch für seine Studenten anregender gewesen sein 45 . Mommsens Seminar traf sich Montag abends in seinem Haus. Ein Gespräch kam selten zustande, da fast ausschließlich Mommsen redete. Jedoch hatte jeder Teilnehmer ein Referat vorzulegen, dessen Thema er frei wählen durfte, da Mommsen nur dann einen Vorschlag machte, wenn er ausdrücklich darum gebeten wurde. Das Referat war eine Woche vor dem Sitzungstermin einzureichen, da es einem anderen Studenten übergeben wurde, der es schriftlich besprach und seine Kritik zusammen mit der Arbeit am Sonnabend Mommsen überbrachte, so daß dieser hinreichend Zeit hatte, das Seminar vorzubereiten. In der Veranstaltung ging er dann ausführlich auf das Referat und die studentische Rezension ein. So entstand aus seinen »Studentenübungen« manche wissenschaftliche Abhandlung 46 . Trotz der hohen Anforderungen, die er stellte, und trotz seiner gefürchteten Polemik,

42

CURTIUS 314 (= WICKERT IV 230, der Curtius' Erinnerungen nach der gekürzten Auflage von 1958 zitiert).

43

Vgl. MOMMSEN, R K und DKM AN DT, Hensel. Der Plan, aus Mommsens Vorlesungen den vierten Band herzustellen, wurde im übrigen bereits früher verfolgt, dann aber aufgegeben, vgl. O. HIRSCHRELD, Mommsen, in: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt, Nr. 48 vom 30.11.1903: »Auch die Hoffnung, durch Veröffentlichung seiner an der Berliner Universität wiederholt gehaltenen Vorlesungen über verschiedene Epochen der römischen Kaiserzeit einigermaßen die Lücke auszufüllen, die zwischen dem dritten und fünften Bande seiner Römischen Geschichte klafft, wird leider nicht verwirklicht werden«.

44

WICKERT IV 229 (Brief vom 30. Oktober 1882).

45

Vgl. die Belege bei WICKERT IV 228f.

46

Vgl. Mommsens Brief an seinen Bruder Tycho vom 23. Mai 1870 bei WICKER T IV 228. Aufsätze und Rezensionen von Christian Hülsen, die für eine Übung angefertigt wurden und zum Teil mit Mommsens Randbemerkungen versehen sind, finden sich in StBB-PK, N L Wickert, Nr. 330-333.

Wissenschaftspolitik in Berlin

die ihm unter Studenten den Spitznamen »Rasiermesser« eintrug 47 , schätzte der Kreis seiner Schüler offenkundig diese Art der seminaristischen Veranstaltung, die sie zu soliden wissenschaftlichen Untersuchungen anregte und sie teilhaben ließ an seinem umfangreichen Wissen 48 . Allerdings förderte dieser Unterricht nicht unbedingt die Selbständigkeit der Schüler. Z u oft vermittelte Mommsen seine Sichtweise, und nur wenige wagten, wiewohl sie es durften, durch Widerspruch und Fragen seinen Monolog zu unterbrechen. Aus seinem Seminar sind denn vor allem »zuverlässige Arbeiter« hervorgegangen 49 . Obwohl Mommsen mehrere Angebote, Berlin zu verlassen, erhielt und prüfte, lehnte er letztlich alle Rufe an andere Universitäten ab 50 , da ihm in Berlin finanzielle und organisatorische Zugeständnisse gemacht wurden. Als er 1861 einem Ruf nach Bonn Folge zu leisten drohte, wurde er zum ordentlichen Professor an der Berliner Universität ernannt. Sieben Jahre später konnte eine Berufung nach Göttingen abgewendet werden, indem trotz angespannter Finanzlage die staatlichen Zuschüsse für das Corpus Inscriptionum Latinarum erhöht wurden 51 . Auch zu weiteren Konzessionen war das vorgeordnete Ministerium bereit. So half man Mommsen bei der Beschaffung ausländischer Publikationen und Handschriften, die ihm zum Teil nach Hause überstellt wurden 52 , und zeigte sich bei längeren Auslandsreisen, die für das Inschriftencorpus notwendig waren, großzügig 53 . 1874 hatte sich Mommsen bereits ent-

47

Vgl. die Erste Beilage zur »Vossischen Zeitung« vom 1. Dezember 1917 (Nr. 613), w o Bemerkungen O t t o Hirschfelds wiedergegeben sind, die dieser anläßlich der Feier zum 100. Geburtstag T h e o d o r M o m m s e n s im Institut für Altertumskunde am 30. N o v e m ber 1917 machte.

4

*

Vgl. hierzu z.B. HIRSCHFELD 1058 (962^); JONAS 4fr.; SEECK, M o m m s e n 78FF. und Reitzensteins Erinnerungen an T h e o d o r M o m m s e n bei WICKERT I V 349^

49

Vgl. S KECK, M o m m s e n 79.

50

V g l . HIRSCHFELD I058f. (962^) u. WICKERT I V 2ff., der jedoch nicht immer die eigentlichen Beweggründe fiir M o m m s e n s Verbleiben in Berlin benennt.

"

V g l . HARNACK, G A 1.2, 9 9 0 u. W I C K E R T I V 8f.

51

Vgl. die entsprechende Mitteilungen des Ministeriums der geistlichen, Unterrichtsund Medicinalangelegenheiten in S t B B - P K , N L M o m m s e n II, N r . 309.iff. Überdies unterstürzte das Ministerium die Verhandlungen, die M o m m s e n seit 1889 im Auftrag der Berliner Bibliothek mit dem Direktor der Bibliothèque Nationale Leopold-Victor Delisle führte, um einen unmittelbaren Leihverkehr für Handschriften zwischen französischen und preußischen Bibliotheken aufzubauen, vgl. ebd., Nr. 309.19, Bl. 7f.

55

A m 6. Dezember 1872 wurde M o m m s e n für einen Aufenthalt in Italien v o m Januar bis Herbst 1873 unter Belassung der vollen Professorenbesoldung Urlaub bewilligt ( S t B B P K , N L M o m m s e n II, N r . 309.7, Bl. 7). Ende August 1877 gewährte der Minister M o m m s e n bis zum 1. Dezember des Jahres im Interesse des Corpus Urlaub (ebd., N r . 309.9, Bl. 4). Im Februar 1882 wurde er für den Rest des laufenden Wintersemesters und für die ersten sechs W o c h e n des Sommersemesters beurlaubt (ebd., N r . 310.11, Bl. 1); am

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

43

schlossen, an die Universität Leipzig zurückzukehren, als ihn seine einstimmige W a h l zum Sekretär der philosophisch-historischen Klasse der Akademie zum Bleiben bewog 5 4 . D e r A b s t i m m u n g in der Akademie folgte unmittelbar die W a h l zum Rektor der Universität für das folgende akademische Jahr 5 5 . M o m m sen zeigte sich zufrieden: »Der Rektor ist denn doch nicht ausgeblieben. Ich habe G r ü n d e genug darüber mich zu freuen; meine letzten Prozeduren sind natürlich sehr verschieden beurteilt worden und eine solche Erklärung der gesamten Universität ist überhaupt, vor allem aber unter diesen Umständen, sehr viel wert« 5 6 . N a c h d e m M o m m s e n am 20. A u g u s t 1885 auf eigenen W u n s c h von der Verpflichtung, Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu halten, entbunden worden war 5 7 , wurde sein Schüler O t t o Hirschfeld (1843-1922) 5 8 als sein Nachfolger auf den Lehrstuhl für Römische Altertumskunde berufen. Dieser ging sofort daran, gemeinsam mit M o m m s e n nach dem V o r b i l d des W i e n e r »Archäologisch-Epigraphischen Seminars« ein Institut für Altertums-

17. Oktober 1884 entband ihn der Minister for das laufende Wintersemester von der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten (ebd., Bl. 3). A m 21. Mai 1885 wurde der beantragte Urlaub für das laufende Sommersemester genehmigt (ebd., Nr. 309.13, Bl. 5). 54

Er trat damals die Nachfolge des plötzlich verstorbenen Moriz Haupt an. Mommsen hatte bereits am 13. November 1873 um Entlassung aus seinem Dienstverhältnis zum 1. April 1874 gebeten. Der Minister Adalbert Falk übersandte am 17. Januar 1874 die Entlassungsurkunde (vgl. StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 309.8, Bl. 1).

55

Vgl. LKNZ, Universität Berlin 3,486. Dekan der Philosophischen Fakultät war Mommsen ein einziges Mal: im akademischen Jahr 1871/72.

56

Mommsen an Wilhelm Henzen am n . August 1874 (WICKERT IV 21). Z u Mommsens Antrittsrede als Rektor vom 15. Oktober 1874 vgl. Z J 659 sowie MOMMSEN, R A 3-16. Z u den Gründen, weshalb Mommsen seine Rede über das Geschichtsstudium, nachdem sie schon gedruckt war, zurückzog, vgl. WILAMOWITZ, Erinnerungen 175. Dort ist auch jener berühmte Zwischenfall auf einem »kleinen, vornehmen Rektoratdiner« geschildert: Damals fiel Mommsen in Ohnmacht, wurde von Wilamowitz nach Hause begleitet und soll auf der langen Fahrt nach Charlottenburg Geheimnisse seines innersten Wesens preisgegeben haben; eine überzeugende Interpretation dieser Episode bei MALITZ, Wilamowitz 53f.

57

Vgl. StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 309.13, Bl. 13: Schreiben des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten. Die Regelung galt zunächst »bis auf weiteres«; mit Schreiben vom 21. April 1891 wurde Mommsen »endgültig« von seinen Lehrverpflichtungen entbunden (ebd., Nr. 309.16, Bl. 2).

sS

Z u Hirschfeld, 1869 P D in Göttingen, 1872 o. Prof. in Prag und 1876 in Wien, vgl. den Nekrolog von E. KORNEMANN, in: Bursians Jahresberichte über die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 202,1924,104-116, U. WILCKF.N, Gedächtnisrede auf O. Hirschfeld, 1922 (= ID., Berliner Akademieschriften zur Alten Geschichte und Papyruskunde 1, Berlin 1970, 119-125) sowie CHANTRAINK, Juden I22ÍF. mit weiterer Literatur.

Wissenschaftspolitik in Berlin

44

künde 5 9 zu gründen, dem bereits im nächsten Jahr 6 0 0 0 M a r k von dem Unterrichtsministerium zur Ausstattung bewilligt wurden. 1886 wurde Ulrich Köhler (1838-1903), der damals Droysens Lehrstuhl für Geschichte übernahm, an dem A u f b a u des Instituts beteiligt. Das zunächst rein althistorisch ausgerichtete Institut f u r Altertumskunde war in eine griechische Abteilung, die Köhler leitete, und eine römische, der Hirschfeld vorstand, gegliedert. 1897 bekam das Institut durch Wilamowitz, der als Gräzist an die Universität berufen worden war, eine philologische Abteilung, der später ebenfalls Hermann Diels und Eduard N o r d e n angehörten. Im Herbst 1902 trat Eduard Meyer an Köhlers Stelle. D i e Einbeziehung des Archäologischen Seminars in das Institut für Altertumskunde ließ sich auf G r u n d räumlicher Schwierigkeiten erst 1912 realisieren. M o m m s e n hatte das Institut gefördert und seine G r ü n d u n g unterstützt, da es seiner Konzeption der Altertumswissenschaft entsprach: Es garantierte die Vereinigung der einzelnen Disziplinen und ihrer Vertreter für große wissenschaftliche Unternehmungen. D i e traditionellen universitären Strukturen hielt er für nicht mehr zeitgemäß. Sein eigentliches Wirkungsfeld sah er aber in außeruniversitären Einrichtungen wie etwa der Akademie der Wissenschaften, denn nur dort konnte gezeigt werden, »dass, wie auf dem Felde der Naturwissenschaften und der neueren Geschichte, so auch auf dem der klassischen Philologie die wissenschaftliche Organisation ihre Resultate liefert« 60 . Es ist mithin nur folgerichtig, daß M o m m s e n auch in seiner Lehre die alte »Vorlesungsuniversität« durch eine moderne »Arbeitsuniversität« ersetzen wollte, die zumindest einen Teil der begabten Studenten an der Forschung teilhaben ließ. Als Harnack 1888 an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin kam, war M o m m s e n kaum noch in der akademischen Lehre tätig. In der Universität sah man ihn noch seltener als früher. Harnack lernte M o m m s e n somit nicht an der Berliner Universität, sondern durch gesellschaftliche und private Z u s a m menkünfte und durch die gemeinsame Arbeit in der Akademie und in ihren Kommissionen näher kennen. In ihrem Briefwechsel spielen universitäre Fragen eine völlig untergeordnete Rolle. Sieht man von einem kurzen Austausch über eine Stipendienfrage und eine von Harnack gestellte Preisaufgabe ab 6 ', kommen studentische Belange gleichfalls nicht zur Sprache. Wissenschaftliche und wissenschaftsorganisatorische Anliegen bestimmen die Korrespondenz. Z u -

"

Vgl. Lenz, Universität Berlin 3, 2i6ff. (Beitrag von U. von Wiiamowitz-Mokiifndorff) sowie Untf. 730fr. Zum Geschäftsführer der römischen Sektion wurde Hirschfeld bestimmt. Mommsen lehnte die ihm vom Ministerium übertragene »Mitdirektion« des Instituts als »scheinhaft-nominelle« Funktion ab (StBB-PK, NL Mommsen II, Nr. 309.14, Bl. 2-4 u. 7).

60

Mommsen, RA 37.

61

Vgl. die Briefe Nr. 9 of. u. 278.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

45

dem wollten wissenschaftliche Kontroversen bewältigt werden, an denen man mittelbar oder unmittelbar beteiligt war und die gemeinsame Projekte gefährdeten; in diesem Zusammenhang ist vor allem an die Auseinandersetzung zwischen Harnacks Schüler Carl Schmidt und dem Straßburger Ägyptologen Wilhelm Spiegelberg zu erinnern, die sich 1899 an Divergenzen über die richtige Lesung eines koptischen Papyrus entzündete und in den folgenden beiden Jahren Kreise in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zog6*. Darüber hinaus übersandte man Buchgeschenke und separata61, tauschte wichtige Mitteilungen und Briefe Dritter aus64, kündigte Besuche an 6 ' und übermittelte Einladungen 66 . Gemeinsame wissenschaftliche Interessen, verschiedene wissenschaftsorganisatorische Vorhaben und persönliche Sympathie ließen eine Freundschaft entstehen, die dem über dreißig Jahre älteren Mommsen auch in schwerer Zeit »ein innerlicher Halt« war 67 .

c) Der kontroverse Kirchenhistoriker Harnacks wissenschaftliche Entwicklung war zunächst geprägt durch die Auseinandersetzung mit der Theologie seines Vaters, des Praktischen Theologen und Systematikers Theodosius Harnack68. Dieser hatte sich nach seiner Abwendung vom herrnhuterischen Pietismus zu einem entschiedenen kirchlichen Lutheraner gewandelt, dessen theologisches Denken und christliches Handeln von einer dogmatisch starren, christozentrischen Ekklesiologie bestimmt wurde und für den ein aufrechtes Christentum eine autonome theologische Wissenschaft ausschloß. Adolf Harnack, der seit 1869 in Dorpat und seit Herbst 1872 in Leipzig Theologie studierte, fand in der historisch-kritischen Methode, die ihm zuerst der Dorpater Kirchenhistoriker und Justinforscher Moritz von

62

Vgl. die Briefe Nr. 167, i7if. u. 175-178 mit den entsprechenden Anmerkungen. Vgl. die Briefe Nr. 2; 4-8; 23; 27-30; 35; 37; 40; 42-44; 53; 72f.; 78; 80; 86; 128; 136; 146; 163; 174; 267; 276; 279 u. 284.

64

Vgl. die Briefe Nr. 5; 9; 16; 21 mit Anm. 1; 42; 51 Anm. 3; 52 Anm. 4; 70 mit Anm. 2; 74; 76; 184; 211; 214 mit Anm. 1; 244 mit Anm. 1; vgl. 239 Anm. 1; 24if.

65

Vgl. die Briefe Nr. 7; 11; 58; i n ; 138; 144; 164; 169; 175; 211; 244.

66

Vgl. die Briefe Nr. 4; 7; 19; i68f.; 268; 298.

67

Vgl. Brief Nr. 230 vom 29. November 1901. Der Brief belegt zugleich, daß es entgegen der Behauptung von ZAHN-HARNACK 265 durchaus »zu schriftlichen Freundschaftsbezeugungen« kam.

68

Z u Theodosius Harnack (1816-1889), ^ 4 3 PD, 1847 ao. Prof., 1848 o. Prof. in Dorpat, 1853 in Erlangen, 1866 in Dorpat, vgl. M . SEITZ U. M . HERBST, Theodosius Harnack, in: T R E 14, 1985, 458-462 sowie F.W. BAUTZ, Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon 2, Herzberg 1990, 568Í. mit weiterer Literatur.

Wissenschaftspolitik in Berlin

46

Engelhardt (1828-1881) 6 9 näherbrachte, das eigentliche Instrument, um allmählich den kirchlichen Positivismus seines Vaters zu überwinden. In seiner Promotion von 1873 und in seiner ein Jahr später erfolgten Habilitation behandelte Harnack quellenkritische Fragen zur Geschichte der Gnosis 7 0 , und in der Disputation verteidigte der Habilitand Thesen wie »Ein Leben Jesu kann nicht geschrieben werden« oder »Es gibt fur die Exegese der heiligen Schrift keine andere Methode als die grammatisch-historische« 7 '. Damit hatte sich Harnack endgültig einer historisch ausgerichteten Theologie zugewandt und prinzipielle methodische Probleme theologischer Erkenntnis aufgeworfen, mit denen er sich im ersten Band seines 1885 erschienenen »Lehrbuchs der Dogmengeschichte« befaßte. V o n der lutherischen Theologie seiner Leipziger Lehrer Christoph Ernst Luthardt (1823-1902) und Karl F. A . Kahnis (1814-1888) wenig überzeugt, entwarf Harnack bereits im Frühjahr 1873 mit seinen Freunden Julius Kaftan und W o l f G r a f Baudissin einen ersten Plan fiir die »Theologische Literaturzeitung«, um der theologischen Wissenschaft neue Impulse zu geben. Diesem Freundeskreis schlossen sich Emil Schürer, der zunächst noch als »positiver« Lutheraner galt, und Oskar von Gebhardt an. Nachhaltigen Einfluß übte auf die jungen Theologen Albrecht Ritsehl und seine umfassende theologische Systematik aus 72 . Harnack wandte sich durch Ritsehl der Dogmengeschichte als dem »Rückgrat der Kirchengeschichte« zu 75 und forderte eine von allem

69

Zur Theologischen Fakultät von Dorpat vgl. P. HAUITMANN, Dorpat, in: T R E 9,1982, 158-162, hier: i6of. mit weiterer Literatur. Zu Harnacks Beziehung zu seinem Lehrer

70

Vgl. A. HARNACK, Zur Quellenkritik der Geschichte des Gnostizismus, Diss. Leipzig 1873 (SMEND I); ID., De Apellis gnosi monarchica, Leipzig 1874 (SMF.ND 2); vgl. ID., Zur Quellenkritik des Gnostizismus, in: Zeitschrift für historische Theologie 44,1874,143-

71

V g l . ZAHN-HARNACK

72

Z u Ritschis Theologie vgl. z.B. F. COURTH, Das Wesen des Christentums in der Liberalen Theologie dargestellt am Werk Fr. Schleiermachers, Ferd. Chr. Bauers und A. Ritschis, Frankfurt a.M. u.a. 1977; R. SCHÄFER, Grundlinien eines fast verschollenen dogmatischen Systems, Tübingen 1968 u. J. RICHMOND, Albrecht Ritschi. Eine Neubewertung, Göttingen 1982; zu Ritschis Einfluß auf Harnack vgl. v.a. E.P. MF.IJF.RING, Theologische Urteile über die Dogmengeschichte. Ritschis Einfluß auf von Harnack, Leiden 1978 u. K.H. NEUFELD, Adolf von Harnack. Theologie als Suche nach der Kirche. »Tertium Genus Ecclesiae«, Paderborn 1977, 43ff.

73

Vgl. ZAHN-HARNACK 134. Im Dezember 1885 übersandte Harnack den ersten Band seines »Lehrbuches der Dogmengeschichte« mit folgenden Worten an Ritsehl: »Mit dem Studium Ihrer >Entstehung der Altkatholischen Kirche« hat vor 17 Jahren meine theologische Arbeit begonnen, und es ist seitdem schwerlich ein Vierteljahr vergangen, in welchem ich nicht weiter von Ihnen gelernt hätte. Das gegenwärtige Buch ist eine Art von Abschluß langjähriger Studien: es wäre ohne die Grundlage, die Sie gelegt, wohl nie geschrieben worden, so unvollkommen es ist« (ZAHN-HARNACK 135).

E n g e l h a r d t v g l . Z A H N - H A R N A C K 53FR.

2 2 6 (SMEND 3). 69.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

47

spekulativen Denken befreite Historisierung des Christentums; mit Ritsehl lehnte er jede metaphysische und mystische Komponente in der protestantischen Theologie als zu überwindende katholische Relikte ab, um die durch die Reformation herbeigeführte »gewaltigste Reinigung und Reduktion« fortzusetzen 74 . Seit 1874 war Harnack Privatdozent und gründete die »Kirchenhistorische Gesellschaft«; zum Wintersemester 1874/75 nahm er seine Lehrtätigkeit in Leipzig auf. Bereits zwei Jahre später wurde der Fünfundzwanzigjährige zum außerordentlichen Professor ernannt. Bald bildete sich ein Kreis treuer Schüler und Freunde, mit denen Harnack sein Leben lang verbunden blieb; zu ihnen zählten Martin Rade, Friedrich Loofs, Wilhelm Bornemann, Caspar René Gregory und William Wrede 7 5 . Aus theologisch-konfessionellen Gründen lehnte er R u f e nach Breslau und Dorpat ab 7 6 , um 1879

ordentlicher Professor für

Kirchengeschichte an die hessisch-darmstädtische Universität in Gießen zu gehen 7 7 . D o r t wirkte er bis 1886, als er einem R u f an die preußische Universität Marburg folgte 7 8 . Im Spätherbst 1887 wurde die Theologische Fakultät der Universität Berlin von dem preußischen Unterrichtsministerium aufgefordert, Vorschläge zur Neubesetzung des kirchenhistorischen Lehrstuhles einzureichen. Eine Mehrheit von vier Professoren entschied sich daraufhin, Adolf Harnack nach Berlin zu berufen. D i e am 10. Dezember desselben Jahres dem Ministerium unterbreitete Liste stieß allerdings auf den heftigen Widerstand des Evangelischen Oberkirchenrates, dem das Recht zustand, Bedenken gegen Lehre und Bekenntnis des Bewerbers zu erheben. Die kirchliche Behörde nahm an Harnacks Einstellung zum Kanon des Neuen Testamentes, zur Auferstehung Christi und dem Taufsakrament Anstoß. Erst durch die Intervention des Reichs-

74

75

Vgl. A. H A R N A C K , Albrecht Ritsehl, Bonn 1922 ( S M E N D 1352), zitiert nach A. H A R N A C K , Erforschtes und Erlebtes, Gießen 1923, 327-345, hier: 338. Auf die Leipziger Zeit blickte Harnack in einer Karte vom 11. Juli 1924 an Friedrich Loofs zurück: » Unvergangen sind die Tage in meinem Gedächtniß, jene Zeiten, in denen ich eigentlich soviel Nachsicht nötig hatte u. soviel Vertrauen genoß, u. in denen ich mit Euch soviel mehr gelernt habe als Ihr. Fünfzig Jahre sind vergangen; aber die Problemstellungen von damals sind auch heute noch die meinigen, u. wenn ich jetzt eben die 2. Aufl. des >Marcion< korrigire, kommt's mir manchmal vor, als säße ich noch in der Turnerstraße, u. um mich sind Loofs, < Wilhelm> Bornemann u. Rade Immer aber bilden in meiner Erinnerung die >Leipziger< eine besondere Gruppe, u. ich danke Dir u. Euch allen für Eure Liebe u. Treue, die das Fundament meiner wissenschaftlichen Existenz gesichert u. mir die akademische Arbeit zu Freude u. zum Stolz gemacht hat, eben weil ich Euch von Anfang an nicht als Schüler, sondern als Freunde empfunden habe « (ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX1662).

76

V g l . Z A H N - H A R N A C K 89F.

77

Vgl.

78

Vgl. ebd. 149fr.

ZAHN-HARNACK

ii2ff.

48

W i s s e n s c h a f t s p o l i t i k in Berlin

kanzlers und des jungen Kaisers Wilhelm II. konnte Mitte September 1888 Harnacks Berufung nach Berlin bestätigt werden 79 . Keine zwei Jahre später, am 10. Februar 1890, wurde er zum ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt 80 . Harnack trat zum Wintersemester 1888/89 die Nachfolge von Karl Semisch (1810-1888) an. Die kirchenhistorische Abteilung der Berliner Theologischen Fakultät hatte einst August Neander (1789-1850) bis zu seinem T o d e geleitet, dem 1850 Justus Ludwig Jacobi (1815-1888), 1851 Johannes Karl Lehnerdt (18031866), 1859 Christian Wilhelm Niedner (1797-1865) und schließlich 1866 Karl Semisch folgten 8 '. Nach dem Eintritt Karl Holls als Mitdirektor im Jahre 1906 wurde eine besondere Abteilung für mittlere und neuere Kirchengeschichte eingerichtet. Schon mit Harnacks Berufung hatte die kirchenhistorische Abteilung besondere Räume erhalten, in denen die Handbibliothek aufgestellt werden konnte, die durch eine testamentarische Schenkung Karl Semischs erheblich vergrößert wurde. Mit dem kirchenhistorischen Seminar war die christlicharchäologische und epigraphische Sammlung der Theologischen Fakultät, die 1849 eingerichtet worden war, eng verbunden 82 . Nach dem T o d e Ferdinand Pipers (1811-1889), der die christlichen Altertümer über vierzig Jahre verwaltet und vermehrt hatte, nahm Harnack in seiner Funktion als Dekan der Theologischen Fakultät das Institut in seine Obhut und führte 1890 als neuen Direktor der Sammlung den Kieler Privatdozenten der Kirchengeschichte, Nikolaus Müller (1857-1912), ein. Erlebte Mommsen in Berlin den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere, so vollbrachte auch Harnack während seiner Zeit als Ordinarius der Kirchengeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität seine größten wissenschaftlichen Leistungen. Er vollendete seine Dogmengeschichte, schrieb die dreibändige Geschichte der altchristlichen Literatur (1893-1904) und die G e schichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften (1900), veröffentlichte seine Vorlesungen über das »Wesen des Christentums« sowie eine Unzahl weiterer Monographien und Aufsätze 8 '. Eine bescheidene Auswahl sei-

79

V g l . ebd. 156fr. sowie S . II7ÍF.

80

V g l . H A R N A C K , G A 3 , 1 1 9 u n d S . γά.·, 131Í.

81

V g l . hierzu neben L E N Z , Universität Berlin 3, 7 f . (Beitrag v o n A . H A R N A C K ) jetzt K . - V . SELGE, D i e Berliner Kirchenhistoriker, in: R . H a n s e n u. W . R i b b e , G e s c h i c h t s w i s s e n schaft in Berlin i m 19. u n d 2 0 . J a h r h u n d e r t . Persönlichkeiten u n d Institutionen, Berlin u. N e w Y o r k 1 9 9 2 , 4 0 8 - 4 4 7 m i t weiterer Literatur. D i e Beiträge v o n H . K L E I N ET AL., Z u r G e s c h i c h t e der T h e o l o g i s c h e n Fakultät Berlins, in: W i s s e n s c h a f t l i c h e Z e i t s c h r i f t der H u m b o l d t - U n i v e r s i t ä t zu Berlin 34, 1985, 5 1 7 - 6 2 8 , sind fast d u r c h w e g tendenziös u n d unzuverlässig.

3,13fr.

82

V g l . L E N Z , Universität Berlin

83

V g l . das Verzeichnis v o n FRIEDRICH SMEND.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

49

ner Publikationen wurde in sieben, zwischen 1903 und 1930 erschienenen Bänden »Reden und Aufsätze« herausgegeben 84 . In Berlin stieg Harnack zur überragenden Autorität der patristisch-kirchengeschichtlichen Forschung auf. U m stritten blieben jedoch seine gegen den kirchlichen Positivismus gerichteten Beiträge zu einer dogmenkritischen und liberalen Theologie. Uber sein V e r ständnis der Inhalte und Aufgaben der Kirchengeschichte gab Harnack in einer Denkschrift an das preußische Unterrichtsministerium vom 27. September 1888, die er im Zusammenhang mit Berufungsangelegenheiten verfaßte hatte, Rechenschaft: »Der Schwerpunkt des Faches Kirchengeschichte liegt in der Kirchen- und Dogmengeschichte der ersten sechs Jahrhunderte. Ich rede hier nicht pro domer, es ist vielmehr in weiten Kreisen anerkannt und wird hoffentlich bald zur allgemeinen Anerkennung kommen, daß man ohne gründliche Kenntnis der alten Kirchengeschichte so wenig wirklicher Kirchenhistoriker ist, wie ohne Kenntnis des goldenen Zeitalters der griechischen und römischen Literatur ein klassischer Philologe sie ist zugleich für den Theologen der wichtigste Abschnitt der Kirchengeschichte. Hier empfängt er die Maßstäbe, die er an die spätere Geschichte anzulegen hat, und wenn der Kirchenhistoriker nicht durch selbständige Studien in diesem Teile der Kirchengeschichte festwurzelt, so irrlichtert er bei der Beurteilung der späteren Geschichte, sobald er sie theologisch, d.h. vom Standpunkt des ursprünglichen Christentums, beleuchten soll Da alle unsere entscheidenden Probleme in der Kirchengeschichte auf dem Gebiet der alten Geschichte liegen, so muß man von dem Kirchenhistoriker, und zwar von jedem, verlangen, daß er hier zu Hause ist Für den theologischen Unterricht kommt alles darauf an, daß der Student weiß, wie ist der Katholizismus entstanden, wie verhält er sich zum ursprünglichen Christentum, wie ist das Dogma, der Kultus, die Verfassung entstanden und wie sind sie demgemäß zu beurteilen Ich bin der festen Überzeugung, daß an der Art, wie die Kirchengeschichte betrieben wird, die Zukunft unseres Kirchenwesens, soweit es von Fakultäten und Lehrern abhängt, entscheidet. Nicht die Exegese allein und nicht die Dogmatik wird uns zu gesundem Fortschritt und zu immer reinerer Erkenntnis des Ursprünglichen und wirklich Wertvollen anleiten, sondern die besser erkannte Geschichte. Nicht die Exegese und Dogmatik, sondern die Ergebnisse der kirchengeschichtlichen Forschung, wenn sie allmählich Gemeingut werden, werden den Bann lastender und die Gewissen

84

Die wichtigsten wissenschafts- und kulturpolitischen Schriften Harnacks hat Kurt Nowak zusammen mit seinen für ein breites Publikum bestimmten Vorträgen und Aufsätzen über Christentum und Geschichte neu ediert und eingeleitet, vgl. K. NOWAK (Hrsg.), Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, 2 Bde., Berlin u. New York 1996.

Wissenschaftspolitik in Berlin

5o

verwirrender Traditionen brechen M a n muß das Dogma durch die Geschichte läutern, und wir sind als Protestanten der guten Zuversicht, daß wir damit nicht niederreißen, sondern bauen« 85 .

Damit hatte Harnack die historisch-kritische Kirchengeschichte zur theologischen Leitdisziplin erhoben. Seine radikale Historisierung des Evangeliums und des frühen Christentums führte Harnack zu der These der kontinuierlichen Hellenisierung des Christentums, derzufolge das Dogma »in seiner Conception und in seinem Aufbau ein Werk des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums« war 86 . Da aber das Evangelium nicht als »positive statuarische Religion« in die Welt getreten ist, muß der theologisch ausgerichtete Kirchenund Dogmenhistoriker nicht nur den Prozeß der Entstehung und Wandlung des Dogmas erkennen und darlegen, sondern zugleich immer wieder untersuchen, inwieweit die neuen dogmatischen Repräsentationsformen fähig waren, »das Evangelium selbst zu schützen, fortzupflanzen und einzuprägen« 87 . Harnacks dogmengeschichtliche Relativierung mußte notwendigerweise die Kritik konservativer kirchlicher Traditionalisten hervorrufen, da das emanzipatorische Potential seines historisch-kritischen Ansatzes die theologische Beseitigung überkommener kirchlicher Lehrmeinungen und Einrichtungen beschleunigte. So überrascht nicht, daß die kirchlichen Auseinandersetzungen, die mit dem Beginn seiner Tätigkeit an der Friedrich-Wilhelms-Universität verbunden waren, andauerten. Bereits 1892 kam es zu neuen Unruhen, als Harnack nach einer Anfrage seiner Studenten in dem sogenannten Apostolikumstreit Position bezog 88 . Seine Antwort, in der er zwar historisch begründete Kritik an dem über-

'

ZAHN-HARNACK 174-176. Hervorhebungen im Original.

86

HARNACK, D G 1 , 2 0 .

87

Ebd. 85. Zur theologie- und mentalitätsgeschichtlichen Einordnung des Harnackschen Ansatzes vgl. bes. G . W . GLICK, The Reality of Christianity. A Study of Adolf von Harnack as a Historian and Theologian, New York u.a. 1967; J . JANTSCH, Die Entstehung des Christentums bei Adolf von Harnack und Eduard Meyer, Bonn 1990, bes. I4ff.; 32ff. u. 8ifif; E.P. MEIJERING, Die Hellenisierung des Christentums im Urteil Adolf von Harnacks, Amsterdam 1985; ID., Adolf von Harnack und das Problem des Platonismus, in: Patristique et Antiquité tardive en Allemagne et en France de 1870 à 1930. Influences et échanges, Paris 1993, 155-164; W. SCHNEEMELCHER, Das Problem der Dogmengeschichte, in: Zeitschrift fur Theologie und Kirche 48, 1951, 63-89 (= ID., Gesammelte Aufsätze, Thessaloniki 1974,23-52); K.-G. STECK, Dogma und Dogmengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, in: W . Schneemelcher (Hrsg.), Das Erbe des 19. Jahrhunderts. Referate vom Deutschen Evangelischen Theologentag i960, Berlin i960, 21-66.

88

Vgl. hierzu A. HARNACK, Das apostolische Glaubensbekenntnis, Berlin 1892 (SMENÜ 533) = A. HARNACK, Reden und Aufsätze 1, Gießen 1906, 217-246; ID., Antwort auf die Streitschrift D. Cremers: Zum Kampf um das Apostolikum, Leipzig 1892 (SMEND 534)

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

51

lieferten Glaubensbekenntnis übte, sich gleichzeitig aber gegen dessen völlige Beseitigung aussprach, führte zu heftigen Attacken des Evangelischen Oberkirchenrates und der Einrichtung einer kirchlich-orthodoxen »Strafprofessur« an der Berliner Universität, die mit Adolf Schlatter besetzt wurde. 1898 folgte diesem Reinhold Seeberg. Hamack blieb auch in der Folgezeit Zielscheibe polemischer und zum Teil gehässiger Anwürfe einer primär apologetisch ausgerichteten »positiven Geschichtsauffassung«, deren bedeutendster Repräsentant der von Harnack persönlich durchaus geschätzte Erlanger Neutestamentier Theodor Zahn war 8 '. Wie Mommsen reagierte auch Harnack auf die institutionellen, strukturellen und organisatorischen Veränderungen des deutschen Wissenschaftssystems. Dabei war Harnack zugleich bemüht, im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Denkweisen das Christentum durch eine fast ausschließlich historisch orientierte Theologie wissenschaftlich zu »begründen«. Die von ihm entscheidend geförderte und »großbetrieblich« organisierte patristische Quellenforschung sollte, anders gewendet, mit Hilfe der historisch-kritischen Methode die christliche Lehre im Einklang mit der modernen Wissenschaft halten. In seinen berühmten Vorlesungen über das »Wesen des Christentums«, die er im Wintersemester 1899/1900 fur Hörer aller Fakultäten hielt und die kurz darauf als Broschüre erschienen, wollte er seine theologischen Uberzeugungen einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Auch diese Wortmeldung entfachte neuen Streit. Die Druckgeschichte des Buches zeigt jedoch, daß Harnack Fragen aufgeworfen hatte, die das kulturprotestantische Bürgertum in dieser Zeit heftig bewegten: Das »Wesen des Christentums« erlebte noch in seinem Erscheinungsjahr drei Auflagen, und bis zum Jahre 1927 folgten weitere elf mit insgesamt 71.000 Exemplaren 90 . Harnack war bestrebt, sein Verständnis der christlichen Lehre

= aO., 265-298 u. ID., In Sachen des Apostolikums. Antwort im Kolleg, in: Christliche Welt 6,1892,768-770 (SMEND 535) sowie ZAHN-HARNACK 193fr.; EAD., Der Apostolikumstreit des Jahres 1892 und seine Bedeutung für die Gegenwart, Marburg 1950; H . M . BARTH, Apostolisches Glaubensbekenntnis II.3: Der Apostolikumstreit, in: T R E 3,1978, 560-562; HUDER IV, 870fr.; HUDER/HUBER III, 666ff.; F.W. KANTZENBACH, Der erste Apostolikumstreit, in: Z K G 86,1975, 86-89; NEUFELD, Harnack 1 1 4 f r 89

Vgl. hierzu F.W. KANTZENBACH, Adolf von Harnack und Theodor Zahn. Geschichte und Bedeutung einer gelehrten Freundschaft, in: Z K G 83,1972,226-244 sowie allg. ID., Evangelium und Dogma. Die Bewältigung des theologischen Problems der Dogmengeschichte im Protestantismus, Stuttgart 1959.

90

Vgl. SMEND 715. Z u m »Wesen des Christentums« vgl. ZAHN-HARNACK 2 4 0 E sowie TH. HÜBNER, Adolf von Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums unter besonderer Berücksichtigung der Methodenfragen als sachgemäßer Zugang zu ihrer Christologie und Wirkungsgeschichte, Frankfurt a.M. u.a. 1994, bes. 98ff. zur Wirkungsgeschichte; K . H . NEUFEI.D, Christentum im Widerstreit. Adolf von Harnacks

Wissenschaftspolitik in Berlin

als individuell erfahrbare Heilsbotschaft mit der historischen Dogmenkritik zu harmonisieren, um das Christentum in seiner protestantischen Ausformung als einen festen Bestandteil des bürgerlichen Denkens zu verteidigen. Protestantische Theologie, wie Harnack sie verstand und propagierte, wurde in einer zunehmend säkularisierten und naturwissenschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer Kulturwissenschaft des Christentums 9 '. Ob sein Versuch, »durch eine Minimalisierung der christlichen Dogmatik eine Versöhnung zwischen Christentum und moderner Kultur herzustellen«92, erfolgreich war oder aber scheiterte, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Kontroverstheologie erhob Harnack auch zu seiner pädagogischen Maxime 95 . Am 31. März 1889 schrieb er an Friedrich Loofs, der ihm soeben seinen »Grundriß der Dogmengeschichte« zugeschickt hatte, die theologische Wissenschaft komme ohne ein »ikonoklastisches Element« nicht aus: »Da wir es direct nicht üben dürfen, weil weder die Kanzel noch der kirchliche Unterricht dafür der Ort ist, so darf es m.E. in unseren Büchern nicht fehlen, wenn wir den Protestantismus aus seinen Verbitterungen befreien und die Krisis vorbereiten wollen, die kommen muß, wenn unser christliches gebildetes Volk wieder Zutrauen nicht zu diesem oder jenem Stück, sondern zu dem Ganzen des evangelischen Christenthums gewinnen soll«. Keinem Studenten der Theologie, so fuhr er fort, möchte er »eine einschneidende Krisis« ersparen: »Die drei Ausgänge, welche dieselbe nehmen kann, Abfall v. d. Theologie, Verfestigung in der Autorität oder Verständniß, sind alle drei wünschenswerther als das schwammige Gebilde des Gemüths u. Denkens, welches sie durch Indifferenz auf der

Frage nach dem »Wesen des Christentums«, in: Stimmen der Zeit 198, 1980, 542-552; NEUFELD, Harnack 133fr.; R . SCHÄFER, Welchen Sinn hat es, nach einem Wesen des Christentums zu suchen, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 65,1968, 329-347; G . VOIGT, Gespräch mit Harnack. Z u r kritischen Auseinandersetzung mit dem »Wesen des Christentums«, Berlin 1954; H . WAGENHAMMER, Das Wesen des Christentums. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung, Mainz 1973. 91

Vgl. F . W . GRAF, Rettung der Persönlichkeit. Protestantische Theologie als Kulturwissenschaft des Christentums, in: Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft, hrsg. v. R. vom Bruch et al., Stuttgart 1989, 103-131 sowie HÜBINGER 173fr.; K . NOWAK, Bürgerliche Bildungsreligion? Z u r Stellung A d o l f von Harnacks in der protestantischen Frömmigkeitsgeschichte der Moderne, in: Z K G 99,1988, 326-353 und allg. ΤΗ. NIPPERDEY, Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918, München 1988, bes. 6yff. sowie kurz NIPPERDEY I, 468fr.

91

Vgl. K . FLASCH, Christus hatte keine Lehre. A d o l f von Harnacks hundertjährige Dogmengeschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung N r . 229, 2. Oktober 1990, S. L 26.

93

Z u Harnacks »Lehrwirksamkeit« an der Berliner Universität seit 1888 vgl. ZAHNHARNACK 227fr., die zahlreiche Zeugnisse ehemaliger Schüler zitiert.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

53

Universität conserviren, um es dann durch das zu behaupten, was man die Erfahrungen im Amt< nennt und was in der Mehrzahl der Fälle einfach die Routine ist. So wie unsere Verhältnisse beschaffen sind, scheint mir der der beste Lehrer, welcher mit dem lebendigen Zeugniß fur das schlichte Evangelium das >fortiter scandalizare< zu verbinden weiß, und dem das Eine so gut ein inneres Bedürfniß ist als das Andere«94. Der akademische Unterricht, der bei den angehenden Theologen eine heilsame Krise bewirken sollte und den Harnack schon allein aus diesem Grunde äußerst wichtig nahm, erfolgte nach strengen Vorgaben95. Harnack beschränkte die Zahl der ordentlichen Mitglieder der kirchenhistorischen Seminare auf 17 im Winter- und 15 im Sommersemester und machte ihnen zur Auflage, jede Sitzung gründlich vorzubereiten und ein von ihm gestelltes Thema während des Semesters zu bearbeiten. Je zwei Studenten hatten unabhängig voneinander denselben Gegenstand zu traktieren und mußten ihre Arbeiten einige Tage vor dem entsprechenden Sitzungstermin bei Harnack abgeben, der die Abhandlungen in der Sitzung referierte und kritisierte; die herausragenden studentischen Arbeiten wurden nach erneuter Durchsicht teilweise sogar veröffentlicht. Inhaltlich und methodisch setzte Harnack, auch darin Mommsen ähnlich, in der Lehre eindeutige Schwerpunkte, die sich aus seinen eigenen Forschungen ergaben. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stand die Quellenarbeit, die Themen waren fast ausschließlich der alten Kirchengeschichte entnommen. Dabei legte Harnack größten Wert auf »sorgfältigste Kleinarbeit« am Text 96 . Seine kirchenhistorischen Seminare setzte er in freierer Form in den sogenannten »Studentenabenden« fort, die im Sommer alle vierzehn Tage in seiner Privatwohnung stattfanden und zu denen ebenfalls Studenten aus anderen Fakultäten zugelassen waren. Zu den zweistündigen Seminaren traten in der Regel

94

U L B S A , N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 1485. Hervorhebung durch mich.

95

Vgl. zum folgenden LENZ, Universität Berlin 3, 8.

96

Vgl. OTTO DIBELIUS, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erfahrungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, 57. Dibelius war zu Beginn unseres Jahrhunderts zwei Semester Mitglied und anschließend fünf Semester Senior des kirchenhistorischen Seminars; er promovierte bei Harnack zum Lizentiaten mit einer Arbeit über den Gnostiker Valentin, den »Rittelmeyer der alten Kirche« (aO. 58). Vgl. ebenfalls O. DIEBELIUS, Adolf Harnack als akademischer Lehrer, in: Adolf Harnack in memoriam. Reden zum 100. Geburtstag am 7. Mai 1951 gehalten bei der Gedenkfeier der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, Berlin (Ost) o.J. [1951], 31-35. Z u Dibelius vgl. nunmehr die Biographie von R. STUPPERIC.H, Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, Göttingen 1989, die allerdings gerade in Bezug auf Dibelius' deutschnationale und antidemokratische Haltung nicht frei von apologetischen Zügen ist; zu Dibelius' Verbindung mit Harnack vgl. ebd. j i f f .

Wissenschaftspolitik in Berlin

54

vierstündige kirchenhistorische Kollegs und Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten 97 . Sprechstunde hielt Harnack freitags von drei Uhr ab, ohne jedoch Besprechungen nach den Vorlesungen oder zu anderen Gelegenheiten auszuschließen 98 . Auch im Interesse seiner Studenten war er um die Vergabe von Stipendien 99 und Preisaufgaben 100 bemüht. Einer seiner bedeutendsten, aber auch unabhängigsten Schüler, Dietrich Bonhoeffer, hat Harnack höchstes Lob gezollt: »Er kam uns nahe, wie ein echter Lehrer dem Schüler nahekommt« 101 . Während Harnack unbedingt und unerbittlich von seinen Studenten die Beherrschung der historisch-kritischen Methode auf dem Gebiet der alten Kirchengeschichte verlangte, war er, was die politische Ausrichtung seiner Schüler betraf, durchaus liberal. Als sein Schüler Otto Dibelius während Harnacks Rektorat 1900/01 einen allgemeinen Studentenkommers zum achtzigsten Geburtstag des freisinnigen Bismarckgegners Rudolf Virchow als Sprecher der nationalen Studentenverbände sabotierte, ließ Harnack ihn dieses Verhalten ebensowenig entgelten wie sein Engagement für die nationalistischen und antisemitischen Parolen des ehemaligen Hofpredigers Adolf Stocker 102 . Strikt befolgte er als Forscher, akademischer Lehrer und Repräsentant der Berliner Universität sein gelehrtenpolitisches Bekenntnis, ein über den Parteien und der Tagespolitik stehendes Wächteramt auszuüben, das nur der wissenschaftlichen, mithin »objektiven« Wahrheitsfindung verpflichtet war. So intervenierte Harnack erst dann, wenn er durch politische Aktionen die Interessen des Faches, der Fakultät oder der Universität bedroht sah. Als eine Deputation des Vereins Deutscher Studenten am 1. Dezember 1900 bei Harnack als dem damaligen Rektor vorsprach, um die Erlaubnis einzuholen, den Präsidenten der südafrikanischen Republik Paulus Krüger, der nach Berlin reisen wollte, durch eine »würdige Ovation« begrüßen zu dürfen, verweigerte er zunächst seine Zustimmung und konsultierte in dieser sowohl innen- wie außenpolitisch höchst brisanten Frage das vorgeordnete Ministerium. Zugleich lehnte er eine öffentlichen Stellungnahme zum »Fall Krüger«, zu der ihn Mommsen aufgefordert

97

Erst mit Harnacks Ernennung zum Generaldirektor der Königlichen Bibliothek beschränkte das Ministerium seine Lehrverpflichtungen, vgl. ZAHN-HARNACK 324.

98

V g l . ZAHN-HARNACK

99

Vgl. die Briefe Nr. 9 of.

100

Vgl. Brief Nr. 278.

101

D . BONHOEFFER, Adolf Harnack zum Gedächtnis. Rede gehalten bei der Trauerfeier for Adolf von Harnack am 15. Juni 1930, Berlin 1930, zitiert nach ZAHN-HARNACK 231. Z u Bonhoeffers Verhältnis zu Harnack vgl. etwa C.-J. KALTENBORN, Adolf von Harnack als Lehrer Dietrich BonhoefFers, Diss. Berlin 1969 (= Berlin 1973) u. R. STAATS, Adolf von Harnack im Leben Dietrich BonhoefFers, in: T h Z 37, 1981, 94-122.

102

Vgl. O. DIBELIUS, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erinnerungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, 34F. u. 58.

2)2Í.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

55

hatte, mit dem Hinweis ab, er sei »durch den Gang, den diese Sache genommen hat«, »präjudicirt«10'. Harnack entzog sich niemals den Pflichten der akademischen Selbstverwaltung. Schon in dem auf seine Berufung folgenden Wintersemester 1889/90 war er Dekan der Theologischen Fakultät, und in den folgenden Jahrzehnten hatte er dieses Amt noch mehrmals inne104. Universitäre Bauvorhaben105 unterstützte er ebenso wie akademische Ehrungen106. Das neue Jahrhundert begann Harnack als Rektor, oder wie er es in einem Brief an Adolf Jülicher formulierte, als »Ceremonienmeister der Universität«107. Im Jahr seines Rektoratsantrittes war er auch der offizielle Historiograph und Festredner der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Verfasser des »Wesens des Christentums«. Noch nicht einmal fünfzigjährig stand Harnack, so mußte es seinen Zeitgenossen scheinen, bereits auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Doch dem berühmten Kirchenhistoriker und kontroversen Theologen stand noch eine glänzende Karriere als Wissenschaftspolitiker und Wissenschaftsorganisator bevor.

2. Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation a) Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Am 27. April 1858 wurde Theodor Mommsen zum ordentlichen Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaft gewählt1. In seiner akademischen Antrittsrede2 legte Mommsen seine wissenschaftstheoretische Konzeption am Beispiel des von ihm initiierten und organisierten Corpus Inscriptionum Latinarurri offen. Die Grundlegung der historischen Wissenschaft, so ließ er seine Kollegen

" " Vgl. Brief Nr. 157. 104

Vgl. LENZ, Berliner Universität 3, 486f.

los

Vgl. Brief Nr. 229 mit Anm. 1.

106

Vgl. Brief Nr. 183 (Harnacks Rede zu Mommsens goldenem Ordinariatsjubiläum).

107

U B M , N L Jülicher, Ms. 695/397 (Brief vom 22. Mai 1901). Vgl. überdies Anm. 1 zu Brief Nr. 156.

1

Zuvor war er bereits korrespondierendes Mitglied gewesen (seit 16. Juni 1853); vgl.

1

TH. MOMMSEN, Antrittsrede als Mitglied der Akademie, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1858, 393-395 (ZJ 272); zitiert nach MOMMSEN, R A 35-38. Vgl. hierzu ebenfalls GRADENWITZ 9f. und HARNACK, G A 1.2, 961. Mommsen hielt seine Antrittsrede am 8. Juli 1858.

'

Z u der Vorgeschichte des C I L , der organisatorischen sowie wissenschaftspolitischen Verwirklichung des Unternehmens und der Überwindung des Widerstands innerhalb

HARNACK, G A 2 , 1 8 9 s o w i e KIRSTEN N r . 1 4 , S . 8 i f .

Wissenschaftspolitik in Berlin

56

wissen, bestehe in der Ordnung der »Archive der Vergangenheit«. W i e in den naturwissenschafdichen Disziplinen so könne auf dem Gebiet der Altertumswissenschaft nur eine straffe wissenschaftliche Organisation neue historische Erkenntnisse zeitigen. Hierzu sei es zum einen notwendig, sich der Unterstützung und Mitarbeit fähiger deutscher und ausländischer Wissenschaftler zu versichern. Z u m anderen brauchten die großen Unternehmen bedeutende Geldmittel »von der wohlberatenen Königlichen Munificenz«, um entsprechende Erfolge zu erzielen. Schließlich liege es an seiner Generation, die unfruchtbare und traditionelle »Arbeitszersplitterung« in der klassischen Altertumsforschung zu überwinden, indem Geschichte, Philologie und Jurisprudenz zusammenwirkten. In den folgenden Jahrzehnten seiner Zugehörigkeit zu der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften 4 setzte M o m m s e n sein wissenschaftliches Bekenntnis konsequent und erfolgreich in die T a t um und prägte die Institution, der er als überragender Wissenschaftler angehörte und deren Sekretär er von 1 8 7 4 bis 1895 war, nachhaltig 5 . Durch seine Initiative und unter seiner

der Preußischen Akademie der Wissenschaften seit 1847 vgl. die eng an die Quellen angelehnte Darstellung im zweiten und dritten Band der WlCKERTschen Mommsenbiographie, den Briefwechsel zwischen Mommsen und Jahn (WICKERT, Briefwechsel); HARNACK, G A 1.2, 772-774 u. 900-913; HIRSCH HELD 1027fr. (933ÍF.) und J. IRMSCHER, Die Idee des umfassenden Inschriftencorpus. Wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen, in: Akten des IV. Internationalen Kongresses fiir griechische und lateinische Epigraphik, Wien 1964, 157-173. Auf Harnacks Bitte schilderte Mommsen für dessen Akademiegeschichte die Anfangsphase des C I L (vgl. Brief Nr. 138 vom 21. Februar 1899). Z u Mommsens epigraphischer Zusammenarbeit mit G.B. de Rossi vgl. REDENICH, Rossi. Z u Friedrich Carl von Savignys Anteil an der Realisierung des Projektes vgl. auch I. STAHLMANN, Friedrich Carl von Savigny und Theodor Mommsen. Ihr Briefwechsel zwischen 1844 und 1856, in: P. Kneissl u. V. Losemann (Hrsgg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Karl Christ zum 65. Geburtstag, Darmstadt 1988, 465-501. Zur Akademiegeschichte vgl. neben HARNACKS grundlegender Monographie jetzt GRAU , Berliner Akademie und GRAU, Preußische Akademie, mit ausführlichem Literaturverzeichnis (265-268). Für die Altertumswissenschaft vgl. die umfangreiche Materialsammlung von KIRSTEN. Eine Übersicht der Mitglieder der Akademie gibt HARTKOI'F. Wichtige Informationen und Dokumente zur Akademiepolitik finden sich ebenfalls in W. HARTKOPF U. G. WANGERMANN (Hrsgg.), Dokumente zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1700 bis 1990, Berlin, Heidelberg u. New York 1991. Darüber hinaus sei hingewiesen auf den von D. Ehlers herausgegebenen Briefwechsel DIELS - USENER - ZELLER, in d e m h ä u f i g Akademieangelegenheiten zur Sprache k o m -

men. HEUSS, Niebuhr und Mommsen 9 (1707) stellt gar fest: »Außer ihrem Gründer Leibniz hat die Preußische Akademie keine Gestalt besessen, die so wie Mommsen, über zwanzig Jahre ihr perennierender Secretarius, das Wesen dieser weltberühmten Institution inkarniert hätte«.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

57

Führung entstanden die großen altertumswissenschaftlichen Unternehmungen, die quellenkritische Grundlagenforschung betrieben und die in hohem Maße dazu beitrugen, den internationalen Ruhm der deutschen Altertumswissenschaft zu begründen. Systematisch förderte Mommsen die Expansion der akademischen Vorhaben und brachte seine Erfahrungen aus der Arbeit am Inschriftencorpus ein, um die Berliner Akademie zu einem »Grossbetrieb der Wissenschaften« umzustrukturieren6. Ständig bemühte er sich um eine Verbesserung der Finanzlage und zögerte nicht, das vorgeordnete Unterrichtsministerium unter Druck zu setzen. Als er 1868 nach Göttingen zu gehen drohte, brachte die Akademie nochmals die Erhöhung ihres Etats in Vorschlag; zwar erlaubten die Staatsfinanzen keine größeren Zuwendungen, aber immerhin wurde der staatliche Zuschuß für das Corpus Inscriptionum Latinarum erhöht7. 1874 wurde der Haushalt der Akademie mehr als verdreifacht, so daß die großen wissenschaftlichen Aufgaben in Angriff genommen werden konnten. Auf die neue Situation ging Mommsen in seiner Festrede vom 2. Juli 1874 ein, seiner ersten Ansprache als Sekretär8. Eindrucksvoll zeigte er an seiner Disziplin auf, daß noch immer wichtige Vorarbeiten fehlten, die der einzelne Forscher nicht leisten könne. Abhilfe schaffe einzig die Konzentration individueller Kräfte und die Organisation und »Association« der Arbeit. Doch dies allein reiche nicht aus. »Alle die wissenschaftlichen Aufgaben, welche die Kräfte des einzelnen Mannes und der lebensfähigen Association übersteigen, vor allem die überall grundlegende Arbeit der Sammlung und Sichtung des wissenschaftlichen Apparates muss der Staat auf sich nehmen, wie sich der Reihe nach die Geldmittel und die geeigneten Personen und Gelegenheiten darbieten. Dazu bedarf es eines Vermittlers, und das rechte Organ des Staates für diese Vermittelung ist die Akademie«9. Mommsen hatte damit öffentlich die Aufgabe der Akademie im Zeitalter der Spezialisierung und des wissenschaftlichen Positivismus neu definiert und die Rolle des Staates klar umschrieben. Zugleich unterstützte er die Revision der Statuten, so daß die Berliner Akademie auch durch eine modernisierte Verfassung den neuen wissenschaftsorganisatorischen Erfordernissen gerecht werden konnte. Als neue Aufgabe der Akademie wurde ausdrücklich die Ver-

6

V g l . HARNACK, G A 1.2, 659.

7

V g l . HARNAC.K, G A 1 . 2 , 9 9 0 s o w i e W I C K E R T I V 8f.

8

Mommsen war am 16. März 1874 zum Nachfolger von Moritz Haupt gewählt worden. Zur neuen Finanzlage vgl. HARNACK, G A 1.2, 998 u. iooifF. Zwischen 1874 und 1897 wurden der Akademie jährlich zwischen 1.300.000 und 1.400.000 Mark fur wissenschaftliche Zwecke zugewiesen.

5

TH. MOMMSEN, Rede gehalten am 2. Juli in der öffentlichen Sitzung der Akademie zur Feier des Leibniz'schen Jahrestages, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1874, 449-458 (ZJ 674), zitiert nach M O M M S E N , RA 39-49.

58

Wissenschaftspolitik in Berlin

waltung von wissenschaftlichen Zwecken gewidmeten Stiftungen festgeschrieben und somit der wachsenden Bedeutung privater Mittel für die Finanzierung akademischer Unternehmungen Rechnung getragen10. Maßgeblichen Anteil hatte Mommsen an der Ergänzung und Erneuerung des altertumswissenschaftlichen Mitgliederbestandes in der philosophisch-historischen Klasse in den siebziger, achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre. Er zeichnete die Wahlvorschläge für Julius Friedländer (1872), Hermann Diels (1881), Otto Hirschfeld (1885) und Ulrich Köhler (1888) zu ordentlichen Mitgliedern und für Giovanni Battista de Rossi (1875) zum auswärtigen Mitglied der Akademie. Zu korrespondierenden Mitgliedern wurden mit seiner Unterstützung Jacob Bernays (1864), Friedrich Imhoof-Blumer (1879), Georges Perrot (1884), Hermann Usener (1891), Basil Latyschew (1891)" und Emil Schürer (1893) gewählt. Als Mitglied der philosophisch-historischen Klasse war Mommsen ebenfalls an der Zuwahl von Wissenschaftlern aus anderen Fachbereichen beteiligt. So sprach er sich nachdrücklich für die Wahl Adolf Harnacks (1889) zum ordentlichen Mitglied aus und befürwortete die Wahl der katholischen Kirchenhistoriker Heinrich Suso Denifle (1890)12 und Louis Duchesne (1893)13 zu korrespondierenden Mitgliedern. Neben der akademischen Personalpolitik war die Arbeit in den Kommissionen ein wichtiges wissenschaftspolitisches Instrument, um den Forschungen auf dem Gebiet der griechisch-römischen Altertumskunde neue Impulse zu geben'4. Gleichzeitig dienten die Kommissionen der Förderung und Schulung des wissenschaftlichen Nachwuchses, wie eindrucksvoll das Beispiel der Kommission für lateinische Epigraphik zeigt. Mommsens Mitarbeiter am Corpus Inscriptionum Latinarum, die ihm besonders nahe standen, wurden nachhaltig von ihrem Lehrer geprägt und machten als Mommsenschüler an deutschen

Vgl. HARNACK, G A 1.2, ioojf. Mommsen war als Sekretär ex officio Mitglied der Statuten-Kommission. Vgl. Brief Nr. 19 mit Anm. 20. Vgl. Anm. 15 zu Brief Nr. 12. Vgl. A A d W - B B , Personalia. Mitglieder, II-III,125, Bl. 126. Z u Duchesne vgl. nunmehr B. WACHÊ, Monseigneur Louis Duchesne (1843-1922), Rom 1992. Mommsens akademische Arbeit beschränkte sich selbstredend nicht auf seine Mitgliedschaft in altertumswissenschaftlichen Kommissionen. Als Sekretär war er ex officio in zahlreichen weiteren Kommissionen und Ausschüssen tätig. In den siebziger Jahren nahm er lebhaften Anteil an den Diskussionen um die Errichtung einer »Deutschen Akademie« und einer dritten, »deutschen« Klasse in der Akademie. Er verfaßte damals den für das vorgeordnete Ministerium bestimmten Bericht, der die Schaffung einer besonderen deutschen Klasse innerhalb der Akademie entschieden ablehnte, vgl. HARNACK, G A 1.2, 998FR. Z u den in den Jahren 1888/89 wieder aufgenommenen Verhandlungen in dieser Sache vgl. auch HARNACK, G A 3, Nr. 228, S. 603-614.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

59

Universitäten und in wissenschaftlichen Einrichtungen Karriere15. Otto Hirschfeld, ein tüchtiger und zuverlässiger Epigraphiker und Verwaltungshistoriker, trat 1885 auf dem Berliner Lehrstuhl für Alte Geschichte Mommsens Nachfolge an. Hermann Dessau führte zwischen 1900 und 1922 die epigraphische Kommission in Mommsens Sinne weiter. Emil Hübner, Elimar Klebs, Alfred von Domaszewski, Heinrich Dressel, Christian Hülsen, Johannes Schmidt, August Mau, Karl Zangemeister und Eugen Bormann zählten zur großen Zahl der epigraphischen Mitarbeiter des CIL, die später in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen erfolgreich arbeiteten. Eng mit der Kommission für lateinische Epigraphik war die Prosopographie der römischen Kaiserzeit des ersten bis dritten Jahrhunderts verbunden, deren Ausarbeitung im Jahr 1874 begonnen wurde. Als damals die öffentlichen Mittel der Akademie beträchtlich erhöht wurden, beantragte Mommsen einen alphabetisch geordneten Generalindex zu den einzelnen Bänden des Inschriftencorpus, der die oberen Schichten der Gesellschaft der römischen Kaiserzeit erfassen sollte' 6 . Der prosopographischen Kommission gehörten außer ihm noch Johannes Vahlen und Otto Hirschfeld an. Mommsens »selbstverleugnende« Mitarbeiter Hermann Dessau, Elimar Klebs und Paul von Rohden' 7 gaben in den Jahren 1897 und 1898 die dreibändige Prosopographia Imperii Romani saec. /.//.///heraus. Ende der achtziger Jahre bildeten die Mitglieder der epigraphischen Kommission: Mommsen, Adolf Kirchhoff, Alexander Conze, Hermann Diels, Otto Hirschfeld und Ulrich Köhler, zugleich die Kommission für Numismatik, deren Vorsitz ebenfalls Mommsen innehatte. Seit 1888 arbeitete Friedrich ImhoofBlumer auf Anregung Mommsens und mit Unterstützung der Akademie an der Sammlung der antiken Münzen Nordgriechenlands; ihm zur Seite stand Behrendt Pick. Mommsen plante indes ein umfassendes Stempelcorpus, das ausgehend von den großen öffentlichen Sammlungen die numismatischen Zeugnisse der alten Welt erschließen sollte. 1894 stellte Mommsen die ihm aus Anlaß seines fünfzigjährigen Doktorjubiläums gestiftete Summe von 25.000 Mark dem Corpus nummorum zur Verfügung; über die Verwendung des Fonds wachte eine von der Akademie eingesetzte Kommission, der Mommsen, Hirschfeld und Imhoof-Blumer angehörten' 8 . 1901 versuchte er die in Paris tagende

15 16

Vgl. CHRIST, Römische Geschichte 66fF. und HARNACK, GA 1.2,1028. Zu den Prinzipien der Auswahl vgl. die praefatio im ersten Band der PIR saec. I.II.III., S. Vllf.

17

Vgl. hierzu bes. H A R N A C K , GA 1.2, i029f. sowie Geschichte 74; iöjf.

18

Vgl. TH. MOMMSEN, Le projet du Corpus nummorum, in: Comptes rendus de l'académie des inscriptions et belles lettres Sér. 4, T. 27,1899,431-433 (ZJ1389); H A R N A C K , GA 1.2, i028f.; HIRSCHFEI.D 1049fr. (954FR.) sowie H.-M. VON K A E N E L , »... ein wohl großartiges, aber ausfuhrbares Unternehmen«. Theodor Mommsen, Friedrich Imhoof-

JOHNE,

PIR und

CHRIST,

Römische

6o

Wissenschaftspolitik in Berlin

internationale Konferenz der Akademien für die Verwirklichung dieses Planes zu gewinnen'9. Darüber hinaus gehörte Mommsen der Fronto-Kommission, der Kommission zur Herausgabe des Codex Theodosianu?0, der Kant-21 und der Kirchenväterkommission12 an. An dem mit Unterstützung der Preußischen und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Corpus Inscriptionum Etruscarum, dessen erster, von Carl Pauli besorgter Band 1893 erschien, nahm er regen Anteil23. In einer Denkschrift an die Akademie aus dem Blumer und das Corpus Nummorum, in: Klio 7 3 , 1 9 9 1 , 304-314 und Brief Nr. 36 mit Anm. ι. Die Edition des Briefwechsels zwischen Mommsen und Imhoof-Blumer wird im Rahmen eines von H.-M. von Kaenel betreuten Forschungsprojektes von M A R T Í N SPANNAGEL vorbereitet. Wichtiges zur Geschichte des Corpus nummorum bei D I E L S U S E N E R - Z E L L E R I 444; 553; 557fr., im NL Mommsen I I , Nr. 75, in der StBB-PK und in der Korrespondenz Mommsens mit dem Verlagsbuchhändler Ernst Reimer (im Archiv des Verlags Walter de Gruyter). Das Kapital von 25.000 Mark, das in- und ausländische Spender aufgebracht hatten, wurde am 8. November 1893 Mommsen mit der Maßgabe übergehen, »nach eigenem Ermessen eine Stiftung zur Förderung wissenschaftlicher Zwecke« in seinen Arbeitsgebieten einzurichten; zur Gründung dieser Mommsenstiftung vgl. die Unterlagen in GStA-PK, Rep. 92 Althoff A II Nr. 52a und in StBB-PK, NL Mommsen II, Nr. 75, denen zu entnehmen ist, daß insgesamt 27.196,67 Mark gespendet wurden, wovon nach Abzug der entstandenen Unkosten Mommsen 25.000 überwiesen wurden (auf die Gesamtsumme dürfte sich H A R N A C K , GA 1.2, 1028 beziehen, wo von »etwa 28.000 Mark« die Rede ist; vgl. VON KAENEL, a.O. 312 und W I C K E R T IV 260). Mommsens Dankschreiben nach dem fünfzigjährigen Doktorjubiläum (ZJ 1271), in dem er auf seinen wissenschaftlichen Werdegang zurückblickt (dieser Abschnitt ist wiederabgedruckt bei H A R T M A N N 56f. und F. J O N A S , Zum achtzigsten Geburtstage Theodor Mommsens, in: Deutsche Rundschau 24,1897, 399-416, hier: 415^), enthält auch die Bestimmungen über die Verwendung des Jubiläumsfonds für das Corpus nummorum. Von dieser offiziellen, für das Münzcorpus eingerichteten Stiftung aus dem Jahre 1893 ist die mit 80.000 Mark ausgestattete, »nicht-offizielle« Mommsen· Stiftung wohl zu scheiden, die aus Anlaß von Mommsens achtzigstem Geburtstag gegründet wurde und deren Hauptstifter Ludwig Bamberger war, vgl. hierzu W I C K E R T IV 41 mit Anm. 35, S. 26off. und W. H A R T K O P F U. G. W A N G E R M A N N (Hrsgg.), Dokumente zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1700 bis 1990, Berlin, Heidelberg u. New York 1991, Nr. 76, S. 357fr. '' 10

21

" '

2

Vgl. G O M P E R Z 33of.; H I R S C H F E L D 1051 (956) u. W I L A M O W I T Z , Erinnerungen 306. Vgl. H A R N A C K , GA 1.2,1030 und H I R S C H F E L D 1054 (959) sowie allg. C R O K E , Encounter. Zur seit 1895 bestehenden Fronto-Kommission vgl. auch Anm. 3 zu Brief Nr. 74. Die philosophisch-historische Klasse hatte 1895 auf Antrag von Wilhelm Dilthey beschlossen, eine große Kantausgabe zu veranstalten und zu diesem Zweck 1897 25.000 Mark bewilligt (vgl. H A R N A C K , GA 1.2,1037). Mommsen schied bereits am 7. November 1895 aus der Kommission aus, vgl. AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V, 158, Bl. 56. Vgl. hierzu S. 129fr. Vgl. GStA-PK, Rep. 92 AlthoffA II Nr. 86 II Bd. 2, Bl. 7 8f. u. 8 4 f. sowie Die Etrusker und Europa. Paris 1992 - Berlin 1993, Ausstellungskatalog, Paris u. Mailand 1992, S. 408 (zu Nr. 530).

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

61

Jahr 1892 legte er die Bedeutung der Papyrusurkunden dar und regte ein systematisch gegliedertes Corpuspapyrorum

an; allerdings kam es nicht zur Einrich-

tung einer Kommission 2 4 . Unter Mommsens Führung, so darf gefolgert werden, konnte die Altertumswissenschaft ihren traditionell herausragenden Platz in der Akademie behaupten 25 . Des weiteren saß M o m m s e n als akademisches Mitglied in dem Kuratorium der Savigny-Stiftung 2 6 , die seit 1863 rechtshistorische Forschungen unterstützte und das von M o m m s e n angeregte und gegen heftigen Widerstand durchgesetzte Vocabularium

iurisprudentiae

Romanaeveräffentiichte27.

Er war zugleich M i t -

glied der Eduard-Gerhard-Stiftung, die seit 1893 ein archäologisches Reisestipendium vergab 2 8 , und der Charlottenstiftung, die 1 8 7 4 von der W i t w e Charlotte Stiepel, geb. Freiin von Hoffgarten, testamentarisch eingerichtet wurde und junge deutsche Philologen auf die Dauer von vier Jahren förderte, die ihre Universitätsstudien vollendet, aber noch keine feste Anstellung gefunden hatten 29 . Schließlich hatte er zeitweise den Vorsitz des Kuratoriums der WentzelHeckmann-Stiftung, die mit einem Kapital von 1.500.000 M a r k die reichste Stiftung der Akademie war und die unter anderem die Kirchenväterausgabe M

Vgl. H A R T M A N N 94 und HIRSCHHELD 1052fr. (956fr.). Am 28. Mai 1897 schrieb Ulrich Wilcken, der damals die Publikation der »Griechischen Ostraka aus Aegypten und Nubien« vorbereitete, an Eduard Meyer, sein Lehrer Mommsen habe ihm gegenüber geäußert, »wenn er jetzt ein junger Mann wäre, würde er auch mein Fach ergreifen« (AUDRINC; Brief Nr. 14, S. 44). Im Jahre 1903 unterstützte Mommsen mit einer namhaften Spende aus seinem Literaturnobelpreis die Papyrussammlung der Universität Leipzig, vgl. D. DEBES (Hrsg.), Leipziger Zimelien. Bücherschätze der Universitätsbibliothek, Weinheim 1989,29 (P. KÖNIG). ZU Mommsens Beschäftigung mit papyrologischen Quellen vgl. z.B. Z J 1021; 1309; 1339; 1384; 1448 sowie Brief Nr. 291.

15

Weitere altertumswissenschaftliche Unternehmen standen zwar nicht unter Mommsens Leitung, wurden aber von ihm unterstützt, wie etwa die Aristoteles-Ausgabe und die Commentarla in Aristotelem Graeca (zu Mommsens Anteil an den Aristotelesstudien vgl. H A R N A C K , G A 1.2, 676 Anm. 1 ) , das Corpus Medicorum Graecorum, das Corpus Vasorum Antiquorum und di e Inscriptiones Graecae. Vgl. hierzu H A R N A C K , G A 1 . 2 , 1 0 5 7 F R . (Sachregister) sowieGRAU, Berliner Akademie i6off. u. 254fF.;J. IRMSCHER, Die Begründung des Corpus Medicorum Graecorum, in: Eirene 21, 1984, 95-99; ID., 150 Jahre Griechisches Inschriftenwerk, in: Helikon 7,1967, 449-455; G. KLAFFENBACH, Griechische Epigraphik, Göttingen 1957,12-20 und UNTE 743ÍF.

16

V g l . HARNACK, G A 1 . 2 , 881 u. G A 2, 4 7 6 - 4 8 2 ( N r . 2 1 0 ) .

17

Vgl. GRADENWITZ 3of.; ID., Plan für einen Index zum Theodosianus, SB der Heidelberger Akad. der Wiss., Phil.-hist. Kl., Jg. 1910, 3. Abh., Heidelberg 1910, bes. 6f. und H A R N A C K , G A 1.2,1030. Der erste Band des Vocabularium ist Mommsen gewidmet: »in memoriam Theodori Mommsen, qui hoc opus fundit«.

18

Vgl. HARNACK, G A 1.2,866 u. G A 2,468-470 (Nr. 207).Zur Bedeutung der Stipendien im Rahmen der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vgl. z.B. MOMMSEN WILAMOWITZ Nr. 39of., S. 488fr.

15

Vgl. HARNACK, G A 1.2,1006 u. G A 2, 619-621 (Nr. 230).

62

Wissenschaftspolitik in Berlin

und die Prosopographie des vierten bis sechsten Jahrhunderts finanziell trug30. Da die jährlichen staatlichen Dotationen, Zuschüsse und Zinsen aus den der Akademie gehörenden Kapitalien nicht genügten, um alle wissenschaftlichen Vorhaben ausreichend zu unterstützen, kam den privaten Stiftungen gerade im Zeitalter der Großwissenschaft eine herausragende Rolle in der Forschungsfinanzierung zu. Die Mitgliedschaft in den unterschiedlich besetzten Stiftungsbeiräten bot Mommsen die willkommene Möglichkeit, auf die Auszeichnung wissenschaftlicher Einzelleistungen und die Förderung von größeren Vorhaben Einfluß auszuüben. Enge Kontakte pflegte Mommsen ebenfalls zu wissenschaftlichen Institutionen und Unternehmungen, die nicht direkt der Akademie unterstellt, aber mit ihr verbunden waren. Hier ist an erster Stelle das Deutsche Archäologische Institut zu nennen31. In der aus elf Mitgliedern bestehenden Zentraldirektion war die Akademie ständig durch vier Mitglieder vertreten, und die Wahl der Sekretare und des Generalsekretärs durch die Zentraldirektion mußte von der philosophisch-historischen Klasse gebilligt werden32. Mommsen hatte bereits 1844, als er im Zusammenhang mit seinen epigraphischen Studien nach Rom kam, Aufnahme in dem 1829 von Eduard Gerhard gegründeten Instituto di corrispondenza archeologica auf dem Kapitol gefunden; das Institut blieb auch in den folgenden Jahrzehnten ein Zentrum epigraphischer Forschung und auf das engste mit dem Corpus Inscriptionum Latinarum verbunden33. In den Sekretaren Wilhelm Henzen und Heinrich Brunn fand Mommsen lebenslange Freunde. 1859 trat er in die Zentraldirektion ein und hatte großen Einfluß auf die Geschicke des Instituts. Damals entwickelte er, wohl angeregt von Gerhards Sammlung der etruskischen Spiegel, den Plan »einer systematischen Publikation des Gesamtschatzes der Werke der alten Kunst, gegliedert nach Kategorien 50

Vgl. S. I 5 6ff.

''

Vgl. die Darstellungen zur Geschichte des Archäologischen Institutes: B. ANDREAE, Kurze Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts in R o m dargestellt im Wirken seiner leitenden Gelehrten, in: R M 1 0 0 , 1 9 9 3 , 5-41; Α. MICHAELIS, Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts 1829-1879, Berlin 1879; G . RODF.NWALDT, Archäologisches Institut des Deutschen Reiches 1829-1929, Berlin 1929 (der in A n m . 17 auf S. 22 darauf hinweist, daß Mommsens Briefe an Heinrich Brunn in der B S t B M seinen Anteil an der Verwaltung des Instituts verdeutlichen); H . - G . KOLBE (Hrsg.), Wilhelm Henzen und das Institut auf dem Kapitol. Eine Auswahl seiner Briefe an Eduard Ger-

31

hard (Das Deutsche Archäologische Institut: Geschichte und Dokumente 5), Mainz 1984 und bes. WICKERT, Beiträge sowie SCHÖNE 28fF. Vgl. hierzu ebenfalls HARNACK, G A 1.2, 994ÍF. und G A 2, 588-596 (Nr. 225): Statut von 1887. Vgl. überdies A . RIECHE, Die Satzungen des Deutschen Archäologischen Instituts 1828 bis 1972 (Das Deutsche Archäologische Institut: Geschichte und Dokumente 1), Mainz 1979.

"

Vgl. hierzu v.a. den zweiten und dritten Band von WICKERTS Mommsenbiographie sowie kurz DEMANDT, Berlin 152fr.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

63

und innerhalb dieser nach Zeit und Ort«34. Dieses umfassende archäologische Repertorium ließ sich allerdings nicht verwirklichen: Das Vorhaben war zu ambitioniert. Erfolgreicher bemühte sich Mommsen um die dauerhafte finanzielle Sicherung des Instituts und unterstützte energisch die Bemühungen, es in eine staatliche Anstalt umzuwandeln. Nach langwierigen Verhandlungen unterzeichnete Wilhelm I. schließlich am z. März 1871 einen entsprechenden Erlaß, der den Institutsetat garantierte und die organisatorischen Beziehungen mit der Akademie festigte. Am 16. Mai 1874 wurde aus dem königlich-preußischen ein kaiserlich-deutsches Institut; die neue Satzung hatte Mommsen verfaßt. In demselben Jahr wurde die Zweiganstalt in Athen gegründet, deren Ausgrabungen und Forschungen in der Folgezeit ebenfalls von Mommsen gefördert wurden. 1884 schied Mommsen jedoch mißmutig und verstimmt aus der Zentraldirektion aus. Bürokratismus und interne Querelen, so ließ er vernehmen, hätten ihm die weitere Mitarbeit verleidet. Dennoch äußerte er sich auch nach seinem Rücktritt immer wieder zu den Belangen des römischen Instituts. Schon im nächsten Jahr bezog er in dem Sprachenstreit Stellung, der sich daran entzündete, daß in den Zeitschriften des Instituts die italienische, französische und lateinische, nicht aber die deutsche Sprache zugelassen waren. Die politischen Implikationen der Auseinandersetzung führten dazu, daß Bismarck am 9. März 1885 anordnete, die Publikationen des römischen Instituts müßten in der Regel in Deutsch verfaßt sein und in den öffentlichen Sitzungen sei die deutsche Sprache an erster Stelle zu gebrauchen35. Mommsen quittierte die Entscheidung mit der Bemerkung, der Reichskanzler habe das Institut in Rom zerstört36. Seit 1874 war Mommsen Mitglied der Zentralleitung der Monumenta Germaniae historic^7 und nahm damals starken Einfluß auf die notwendige Reorgani-

54

So die Charakterisierung des Unternehmens in seiner akademischen Festrede zur Vorfeier des Geburtstages Wilhelms I. am 18. März 1880, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1880, 311-323 (ZJ 847), zitiert nach MOMMSF.N, RA 89-103, hier: 98F.

"

Vgl.

36

Vgl. Mommsens Brief an seine Frau vom 21. Mai 1885 ( W I C K E R T IV 91) sowie W I C K E R T , Beiträge 3off. Hierzu ist immer noch grundlegend die Geschichte der Monumenta von BRESSLAU, vgl. v.a. 478fr. u. 647fr.; darüber hinaus sei verwiesen auf C R O K E , LRE 165fr.; W.D. F R I T Z , Theodor Mommsen, Ludwig Traube und Karl Strecker als Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Histórica, in: Das Altertum 14,1968,235-244;^ FUHRMANN, Gelehrtenleben. Über die Monumenta Germaniae Histórica und ihre Mitarbeiter, in: DA 50,1994,1-31 (vgl. G W U 45,1994, 558-572); ID., »Sind eben alles Menschen gewesen«. Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel der Monumenta Germaniae Histórica und ihrer Mitarbeiter, München I 9 9 6 ; H A R T M A N N 89ff.;F. HIRSCH, Theodor Mommsen und die Monumenta Germaniae Histórica, in: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 42,1904,79-82; HIRSCHFEI.D 1 0 5 4 ^ (959F.); O. R E D L I C H , Mommsen und die Monumenta Germaniae, in: Zeitschrift für die österrei-

37

WICKERT,

Beiträge

27F.

sowie

RIECHE

(wie Anm. 32), Nr. 43Γ u.

46F.

64

Wissenschaftspolitik in Berlin

sation des Unternehmens. Auf seinen Vorschlag war es zurückzufuhren, daß die drei Akademien zu Berlin, München und Wien in die neue Zentraldirektion, die sich im April 1875 in Berlin konstituiert hatte, gleich viele Mitglieder, nämlich je zwei, delegierten'8. Zwei Jahre nach seinem Eintritt in »das größte Unternehmen, das unsere Nation und ihr bester Mann geschaffen hat«39, begründete Mommsen die Sammlung der Auetores antiquissimi, um die Schriften aus der »Übergangsperiode vor dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs bis zu dem Beginn der fränkischen Vormacht« in kritischen Editionen vorzulegen40. Seine Konzeption der eigenständigen Abteilung setzte sich fast vollständig durch, nur die Aufnahme der lateinischen Panegyriker wurde 1883 von der Direktion abgelehnt. 1898 erklärte Mommsen in seinem Schlußbericht die gestellte Aufgabe als vollendet41. Hiermit hatte er einmal mehr sein Organisationstalent und seine editorischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Er hatte nicht nur Jordanes, Cassiodor und die Chronica minora herausgegeben, sondern seine Mitarbeiter, denen er größtmögliche Bewegungsfreiheit zugestand, tatkräftig unterstützt und war gegebenfalls selbst in die Bresche gesprungen, wie bei Apollinaris Sidonius: Der Druck dieses Bandes war 1884 durch den Tod des Herausgebers, Christian Lütjohann, unterbrochen worden, worauf Mommsen sich entschloß, die Ausgabe eigenhändig zu Ende zu fuhren. Er besorgte die Drucklegung der Briefe und verfaßte den biographischen Teil der Einleitung, Friedrich Leo schrieb den kritischen Abschnitt der praefatio und edierte die Gedichte; Wilamowitz und Franz Bücheler leisteten Beistand; Bruno Krusch fügte die Briefe des Faustus und Ruricius hinzu, Eduard Grupe schließlich half bei den Indices41. Da Mommsen die von Hermann Sauppe besorgte Eugippius-Ausgabe chischen Gymnasien 6 7 , 1 9 1 6 , 8 6 5 - 8 7 5 . D i e Auswertung der umfangreichen Korrespondenz M o m m s e n s mit einzelnen Mitarbeitern (vgl. z.B. A n m . 2 zu Brief N r . 4 2 ) und der einschlägigen Unterlagen im Archiv der M H G in M ü n c h e n ist ein dringendes Desiderat. 38

V g l . hierzu ebenfalls HARNACK, G A 1.2, 9 9 j f . mit G A 2, 5 9 7 - 6 0 0 ( N r . 226): Satzungen und W a h l o r d n u n g der Central-Direction der M o n u m e n t a Germaniae Histórica von 1 8 7 4 / 7 5 bez. 1887.

39

S o M o m m s e n am 30. M ä r z 1887 über die M G H und den Freiherrn v o m Stein an W i l a m o w i t z (MOMMSEN - WILAMOWITZ N r . 2 4 0 , S. 303).

40

V g l . BRESSLAU 534fr.

41

T H . MOMMSEN, Schlußbericht über die Herausgabe der Auetores Antiquissimi, in: S B Berlin 1898, 2 8 7 - 2 9 0 ( Z J 1381) = G S 7, 6 9 1 - 9 4 . In dieser Angelegenheit schrieb er am 12. April 1898 an Ernst D ü m m l e r , den Vorsitzenden der Zentraldirektion: » W e n n es Ihnen nicht zu viel M ü h e macht, möchte ich Sie bitten mir von meinem Eintritt in die Direktion an die von mir erstatteten Jahresberichtes (nicht die Rechnungen) zuzusenden. Es ist wohl angezeigt, daß mein Schlußbericht etwas ausführlicher ausfällt« ( M G H Archiv, N r . 31, Bl. 4). Nachträglich erschienen noch M G H A A 1 4 : F. VOLLMER, Fl. Merobaudis reliquiae..., 1905 und M G H A A 15: R. EHWALD, Aldhelmi opera, 1913-19.

41

V g l . M G H A A 8, S. V und BRESSIAU 6 4 7 f . A u c h die Edition Cassiodors bereitete größere Schwierigkeiten. N a c h d e m frühere Bearbeiter an dieser A u f g a b e gescheitert

Großwissenschaft u n d Wissenschaftsorganisation

65

im ersten Band der Auetores antiquissimi nicht genügte, entschloß er sich, eine eigene Edition vorzulegen, die 1898 in den Scriptores rerum Germanicarum erschien43. Als die Zentraldirektion der Monumenta sich vergeblich bemühte, einen Bearbeiter fur den liberpontificalis zu finden, erklärte sich Mommsen 1895 schließlich bereit, diese Hauptquelle fxir die Geschichte des älteren Papsttums zu edieren, allerdings mit der Einschränkung, daß er einzig den ersten Teil des Buches herausgeben werde, der bis zum Jahr 715 reicht. 1898 erschien der Band als erster einer eigenen Reihe: der Gesta pontificum RomanorumM. Die wissenschaftliche und politische Bedeutung der Verbindung des Deutschen Archäologischen Institutes und der Monumenta Germaniae histórica mit der Berliner Akademie stellte Mommsen in seiner Festrede vom 18. März 1880 heraus: »Wenn teils durch Zufälligkeiten, teils durch die auch auf diesem Gebiet sehr fühlbare Einwirkung desjenigen Systems, das man Bundesstaat nannte und das vielmehr Staatenbündel zu heißen verdiente, früher bei der deutschen Nation verschiedene Institutionen sich entwickelt hatten, deren Wirksamkeit wesentlich in den Kreis unsrer Akademie fiel, ohne daß dieser darauf eine Einwirkung zugestanden hätte, so wurden dagegen in dem letzten Decennium zuerst das erweiterte Archäologische Institut in Rom und Athen, alsdann die Direktion für die Herausgabe der deutschen Geschichtsquellen mit unsrer Akademie vereinigt, so daß die Einigung der deutschen Nation in gewissem Sinne auch in diesen Kreisen zur Geltung kam«45. In der Tat setzte Mommsens wissenschaftspolitische Forderung, das gesamte Quellenmaterial des römischen Altertums zu sichten und in umfassenden, kritischen Editionen vorzulegen, nicht nur die Kooperation einzelner Wissenschaftler, sondern vielmehr ganzer Wissenschaftsorganisationen voraus. Konsequent stellte er seine Schaffenskraft in den Dienst eines positivistischen Wissenschaftsverständnisses, das die Erforschung und Systematisierung der Überlieferung zur zentralen Aufgabe der hiwaren, übernahm M o m m s e n selbst im Frühjahr 1888 »das Schmerzenskind der M o n u menta« (vgl. BRESSLAU 648); seinem Arbeitseifer und der Mithilfe zahlreicher weiterer Gelehrter (vgl. M G H A A 1 2 , S. C L X X I X ) war es zu verdanken, daß mit dem D r u c k der variar im S o m m e r 1889 begonnen werden konnte. M o m m s e n bereitete die Ausgabe mit seinen ebenso umfangreichen wie bedeutenden »Ostgothischen Studien« (vgl. Z J ii49f.) vor. Bis zur Vollendung des gesamtes Bandes dauerte es aber noch f ü n f weitere Jahre, denn es stellten sich offensichtlich philologische Schwierigkeiten ein, wie M o m m s e n im April 1889 seinem Schwiegersohn Wilamowitz klagte: »Cassiodor wäre zu ertragen, wenn er nur nicht ein solches gottverfluchtes Latein schriebe ich glaube, in dem ganzen O p u s ist nicht eine einzige Periode; lauter verhackstückte Sätzchen wie im schlechtesten Französisch« (MOMMSF.N - WILAMOWITZ N r . 286, S. 470). 43 44

Z J 1371; vgl. BRESSLAU 540 sowie die Briefe N r . 114-119; 126; 128 u. 131b. Z J 1372; vgl. BRESSLAU 652fr.; CROKE, L R E i84f. sowie REBENICH, M o m m s e n 145FR mit weiterer Literatur.

45

M O M M S E N , R A 85.

66

Wissenschaftspolitik in Berlin

storischen Disziplinen erklärte, den antiquarischen Vollständigkeitsanspruch absolut setzte und individuelle Leistung, so groß sie auch sein mochte, relativierte 46 . Dabei empfand Mommsen die Aufgabe, Arbeitsmittel für andere Forscher zur Verfügung zu stellen, als moralische Verpflichtung und verlangte von sich, aber auch von seinen Kollegen und Mitarbeitern eiserne Willenskraft und Pflichtbewußtsein. »Die Wissenschaft allerdings schreitet unaufhaltsam und gewaltig vorwärts; aber dem emporsteigenden Riesenbau gegenüber erscheint der einzelne Arbeiter immer kleiner und geringer. Unser Werk lobt keinen Meister und keines Meisters Auge erfreut sich an ihm; denn es hat keinen Meister und wir sind alle nur Gesellen. Wir klagen nicht und beklagen uns nicht: die Blume verblüht, die Frucht muß treiben. Aber die Besten von uns empfinden, daß wir Fachmänner geworden sind« 47 . Aus dem Gelehrten war der fleißige Diener der Wissenschaft geworden, der sich nun in einer säkularisierten Form der Askese zu bewähren hatte 48 . Es war indessen offenkundig, daß die organisatorischen und vor allem finanziellen Möglichkeiten der Berliner Akademie nicht genügten, um alle von Mommsen projektierten Großunternehmen zu realisieren. Neue Strategien der Forschungsfinanzierung und Wissenschaftsorganisation mußten entwickelt werden. Z u m einen bot sich die Möglichkeit, die Reichsadministration zur Übernahme einzelner Institute oder langfristiger wissenschaftlicher Unternehmungen zu bewegen. Schon 1874 hatte Mommsen den Grundsatz aufgestellt, daß der Staat »alle die wissenschaftlichen Aufgaben, welche die Kräfte des einzelnen Mannes und der lebensfähigen Association übersteigen, vor allem die überall grundlegende Arbeit der Sammlung und Sichtung des wissenschaftlichen M a terials«, auf sich nehmen müsse 49 . U m die materielle Förderung und finanzielle

46

Die beste Einführung zu Mommsens Wissenschaftsverständnis findet sich bei HEUSS 99fr. (»Der Forscher Mommsen«); vgl. darüber hinaus HEUSS, Niebuhr und Mommsen j f f . (1705fr.) und das anregende Porträt des Wissenschaftlers bei FEST 54FR Z u m wissenschaftshistorischen Hintergrund vgl. jetzt H . W . BLANKE, Historiographiegeschichte als Historik, Stuttgart u. Bad Cannstatt 1991, î o j f f . u. F. JAEGER U. J . RÜSEN, Geschichte des Historismus. Eine Einführung, München 1992.

47

TH. MOMMSEN, Ansprache am Leibniz'sehen Gedächtnistage am 4. Juli 1895, ' n : SB Berlin 1895, 733-735 (ZJ 1333); zitiert nach MOMMSEN, R A 196-198. Vgl. ebenfalls SPECK, Mommsen 95fr

48

Vgl. hierzu Brief Nr. 43; WILAMOWITZ, Mommsen 1917, 23 u. 26ff.; Harnacks Ansprache zu Mommsens 100. Geburtstag (Nr. 300) sowie W . HARDTWIG, Wissenschaft als Macht oder Askese: Jacob Burckhardt, in: id., Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990, 161-188 (= P. Alter, W.J. Mommsen, Th. Nipperdey [Hrsgg.], Geschichte und politisches Handeln. Theodor Schieder zum Gedächtnis, Stuttgart 1985, 216-242).

49

Vgl. TH. MOMMSEN Rede zum Leibniz'schen Gedächtnistage am 2. Juli 1874, in: Monatsberichte der Berliner Akademie 1874, 449-458 (ZJ 674), zitiert nach MOMMSEN, R A 39-49, hier: 47.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation Sicherung der Monumenta

6/

Germaniae histórica und des Deutschen Archäologi-

schen Instituts durch die Reichsregierung war niemand eifriger als M o m m s e n bemüht 5 0 . Beteiligt war er an den Verhandlungen u m die Einrichtung und Finanzierung des Deutschen Historischen Instituts in R o m , dessen Statut er gemeinsam mit Heinrich von Sybel, G e o r g Waitz, Wilhelm Wattenbach und Julius Weizsäcker 1888 erarbeitete 5 '. 1 8 9 2 schließlich fanden M o m m s e n s jahrzehntelange Bemühungen, die provinzialrömische Forschung in Deutschland wissenschaftlich zu organisieren, ihren krönenden Abschluß in der G r ü n d u n g der Reichslimeskommission, die sich aus Mitgliedern der deutschen Länder, auf deren Boden sich Überreste der römischen Grenzsicherung befanden, nämlich Baden, Bayern, Hessen, Preußen und Württemberg, zusammensetzte; überdies war der Preußischen und der Bayerischen Akademie das Recht zugestanden worden, je einen Gelehrten in die Kommission zu entsenden 5 1 . Sitz der Kommission war Heidelberg. Unabhängig von der Anzahl der delegierten M i t -

50

V g l . BRESSIAU 5 2 0 .

''

Zur Geschichte des Instituts vgl. jetzt R. ELZE, Das Deutsche Historische Institut in Rom 1888-1988, in: R. ELZE u. A. ESCH (Hrsgg.), Das Deutsche Historische Institut in Rom 1888-1988, Tübingen 1990,1-31, bes. 3f. mit weiterer Literatur sowie HARNACK, G A 1.2, I022f.

51

Die Geschichte der Reichslimeskommission ist noch nicht geschrieben; wichtig sind die Berichte über die Tätigkeit der Reichslimeskommission von 1892 bis 1904, die im Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts veröffentlicht wurden (Bd. 720,1892-1905), das »Limesblatt«, d.h. die Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission (Beilage zum Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst), Nr. 1-35,1892-1903, die Akten des »Limesarchivs« der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt a.M., die Unterlagen im G S t A - P K und im A A d W - B B . Z u Mommsens Konzeption der Limesforschung vgl. TH. MOMMSEN, Die einheitliche Limesforschung, in: Die Nation, 8. Jg., 1890,168-170 (= MOMMSEN, R A 344-350; Z J 1179). Z u den heftigen inhaltlichen und politischen Auseinandersetzungen vor der Gründung der Reichslimeskommission vgl. Anm. 1 zu Brief Nr. 29. An kürzeren Darstellungen zur Kommissionsgeschichte sind zu nennen: R. BRAUN, Die Geschichte der Reichs-Limeskommission und ihre Forschungen, in: Der römisches Limes in Deutschland (Archäologie in Deutschland; Sonderband), Stuttgart 1992,9-32; DEMANDT, Berlin 154fr. sowie J . IRMSCHER, Die Berliner Akademie und die Limesforschung, in: VCongressus Internationalis Limitis Romani Studiosorum, Zagreb 1963, 89-97; ID., Die Begründung der Limesforschung in Deutschland, in: Corolla memoriae Erich Swoboda dedicata (Römische Forschungen in Niederösterreich 5), Graz u. Köln 1966, 137-145 und S. WÖLFFLING, Mommsen und die Limesforschung, in: Mommsen 1817-1903, 81-91. Z u der von Mommsen angeregten Gründung der Römisch-Germanischen Kommission, die seit 1902 zunehmend die Limesforschungen unterstützte, vgl. Brief Nr. 132a. Z u Ernst Fabricius (1857-1942), der Mommsens römisch-germanische Forschungen fortführte, vgl. CHRIST, Römische Geschichte iigf. u n d M . GF.IZF.R, Ernst Fabricius, in: Gnomon 18, 1942, 238-240 (= ID., Kleine Schriften 3, Wiesbaden 1964, 331-335)·

68

Wissenschaftspolitik in Berlin

glieder hatte jedes Land und jede Akademie bei den Beratungen eine Stimme. D e n Vorsitz hatte Mommsen inne, der zu den zweimal jährlich stattfindenden Verhandlungen des geschäftsfiihrenden Ausschusses hinzugezogen wurde. Die Gesamtkosten der Erforschung des römischen Limes an Rhein und D o n a u wurden von den beteiligten Regierungen und dem Reich getragen. Z u m anderen trat M o m m s e n seit 1891 energisch für eine engere Zusammenarbeit der deutschsprachigen Akademien der Wissenschaften ein, um »wissenschaftliche Monstrewerke« 53 verwirklichen zu können; gleichzeitig sollte eine engere organisatorische Kooperation eventuelle Kollisionen bei der Verfolgung von Forschungsvorhaben vermeiden 54 . So sehr identifizierte er sich mit dem 1893 gegründeten »Verband der wissenschaftlichen Körperschaften« in Göttingen, Leipzig, München und Wien, daß ihn die Entscheidung seiner Akademie, dem Kartell nicht beizutreten, dazu bewog, sein A m t als Sekretär zum 1. April 1893 niederzulegen 55 . Mommsen ließ sich jedoch nochmals überreden, die G e schäfte weiterzuführen, und begnügte sich mit der Absichtserklärung der Berliner Akademie, »von Fall zu Fall« mit den anderen deutschen Akademien zusammenzuarbeiten 56 . Immerhin trat die Preußische Akademie in der Folgezeit gemeinsamen Vorhaben wie der Herausgabe des auch heute noch nicht abge55

GRADENWITZ 1 0 .

54

Mommsen hatte ursprünglich einen »internationalen Philologenkonvent« für epigraphische, numismatische und philologische Unternehmungen geplant, vgl. MOMMSEN - Wi LAMO WITZ Nr. 349 u. 350 (Briefe vom 3. u. 11. November 1891), S. 439ff. Für seine Pläne eines akademischen Kartells hatte er sich rechtzeitig der Unterstützung des vorgeordneten Ministeriums versichert, vgl. StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 309.17, Bl. 29: Schreiben des Ministeriums vom 1. Juli 1892.

55

Vgl. hierzu die in Anm. 2 zu Brief Nr. 52 zitierten Zeugnisse sowie Diels' Brief an Usener vom 29. Januar 1893: »Der Grund des Rücktrittes Mommsens ist, dass er sich für den von Wien entrirten Academienbund engagirt hat, der bei der nw Klasse keine Gegenliebe findet« (DIFLS-USENER-ZIELLER I Nr. 276, S. 454). Z u dem Kartell, das auch von Hermann Diels nachdrücklich unterstützt wurde, vgl. GOMPERZ 415E (Der Akademiebund, in: Neue Freie Presse v. 28. Mai 1907) sowie DEMANDT, Berlin 157F.; GRAU, Berliner Akademie i7f.; GRAU, Preußische Akademie i92f. und v.a. H. His, Zur Vorgeschichte des Deutschen Kartells und der Internationalen Assoziation der Akademien, in: Berichte über die Verhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Math.-phys. Kl., Bd. 54, Leipzig 1902, 1-9.

56

Vgl. HARNACK, G A 1.2,1019 sowie StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 309.18, Bl. 1: Schreiben des Unterrichtsministeriums vom 23. Mai 1892, in dem der zuständige Minister Robert Bosse sein Bedauern über das vorläufige Scheitern der Kartellangelegenheit bekundet, Mommsen aber zugleich versichert, man werde jeden aus akademischen Kreisen dem Ministerium zugehenden Plan, »für dessen Ausführung eine wissenschaftliche Cooperation rathsam scheint, eingehend prüfen und, soweit das im einzelnen Falle angezeigt sein wird und die verfugbaren Mittel es gestatten, auch thatkräftig unterstützen«.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation schlossenen Thesaurus linguae Latinaê1

69

und der sechsbändigen »Enzyklopädie

der mathematischen Wissenschaften« (1895-1934) bei. Als sich die Akademien in Göttingen, Leipzig, London, München und W i e n 1898 entschlossen, unter Beteiligung ihrer Schwesterinstitutionen in Berlin, Paris, St. Petersburg, R o m und Washington eine internationale Assoziation der großen Akademien Europas und Amerikas ins Leben zu rufen, war Mommsen, der schon bei den Inschriftensammlungen der Berliner Akademie die Bedeutung und Notwendigkeit internationaler Kooperation erfahren hatte5®, sofort für den Plan gewonnen 5 9 . Gleichwohl standen die meisten Mitglieder der Berliner Akademie, die über die herausgehobene Stellung ihrer Institution im Deutschen Reich eifersüchtig wachten, einer transnationalen Organisation ablehnend gegenüber. Erst 1899 entschied sich eine knappe Mehrheit nach kontroversen Diskussionen für einen Beitritt 60 . Im Oktober dieses Jahres wurde daraufhin in Wiesbaden die Internationale Assoziation der Akademien gegründet, der die zehn Akademien in Ber-

57

Vor allem zur Herstellung des Thesaurus hatte Mommsen zu Beginn der neunziger Jahre auf Veranlassung der Preußischen Unterrichtsverwaltung Kontakte zu der Wiener und den deutschen Akademien hergestellt, vgl. DIELS-WILAMOWITZ Nr. 37-42, S. 7 6 f r . ; N r . 4 7 Í , S . 8 6 ; G O M P E R Z 4 1 5 ; HARNAC.K, G A 1 . 2 , i o i 8 f . u . 1 0 2 6 ; H A R T M A N N 9 5 u .

1057 (962). Zum Thesaurus linguae Latinae vgl. nunmehr D. K R Ö M E R , Lateinische Lexikographie, in: Wörterbücher. Dictionaries. Dictionnaires. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie 2, Berlin u. New York 1990, Nr. 180.4, S. 17171719; ID., Hundert Jahre Thesaurus linguae Latinae, in: Gymnasium 103, 1996, 62-66; U N T E 726fr. u. 768f.; die Praemonenda de rationibus et usu operis, Leipzig 1990,5f. sowie die Sonderpublikationen zum Jubiläumsjahr 1994: D. KRÖMER (Hrsg.), »Wie die Blätter am Baum, so wechseln die Wörter«. 100 Jahre Thesaurus linguae Latinae, Stuttgart und Leipzig 1995 und TH. BOGEL, Thesaurus-Geschichten. Beiträge zu einer Historia Thesauri linguae Latinae. Mit einem Anhang: Personenverzeichnis 1894-1994, Stuttgart und Leipzig 1996. HIRSCHFELD

58

Mommsens internationale Zusammenarbeit für das Corpus Inscriptionum Latinarum ist hinlänglich bekannt. Zu seinen Verbindungen mit der Kleinasiatischen Kommission der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, die eine Edition der antiken Inschriften Kleinasiens vorbereitete, und zu der Pariser Akademie bezüglich der von ihr herausgegebenen delphischen und delischen Inschriften vgl. K. HALI.OF, Das Berliner Corpus und die Gründung der Kleinasiatischen Kommission in Wien vor hundert Jahren, in: G. Dobesch u. G. Rehrenböck (Hrsgg.), Die epigraphische und altertumskundliche Erforschung Kleinasiens: Hundert Jahre Kleinasiatische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Ergänzungsband zu den Tituli Asiae Minoris 14, Wien 1993, 31-47 (zur Pariser Akademie ebd. S. 47). Zu Mommsens Förderung der internationalen Zusammenarbeit vgl. auch FOWLER 27 sowie CROKE, Encounter 232.

59

V g l . HARTMANN 9 4 ; HIRSCHFELD 1 0 5 7 ( 9 6 2 ) s o w i e W U C H E R 1 9 7 .

60

Vgl. GRAU, Berliner Akademie 99F.; GRAU, Preußische Akademie 193 sowie HARTMANN 9jf. und SACHSE, Althoff 3i3ff. Die damalige Behandlung der Kartellfrage in der Akademie wurde von Mommsen in einem Brief an Friedrich Schmidt-Ott heftig kritisiert (vgl. StBB-PK, N L Wickert, Bl. 7 f.).

7o

Wissenschaftspolitik in Berlin

lin, Göttingen, Leipzig, London (Royal Society), München, Paris (Académie des Sciences), St. Petersburg, Rom (Accademia dei Lincei), Washington und Wien angehörten. Nach der Gründungsversammlung traten der Organisation die Akademien in Amsterdam, Brüssel, Budapest, Oslo (Christiana), Kopenhagen, Madrid und Stockholm sowie die Académie des Inscriptions et BellesLettres und die Académie des Sciences morales et politiques in Paris bei. Der erste Kongreß der assoziierten Akademien tagte im April 1901 in Paris; die Delegierten der Berliner Akademie waren der Geodät Robert Helmer, der Chemiker Jacobus Henricus van't Hoff, der Orientalist Eduard Sachau, der Anatom Wilhelm Waldeyer, Hermann Diels und der 83jährige Mommsen 61 . In der freudigen Gewißheit war er nach Paris gefahren, nach langem Ringen endlich ein akademiepolitisches Ziel erreicht zu haben, daß er trotz aller Rückschläge nie aus den Augen verloren hatte 61 . In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen, aber auch seiner Bemühungen um globale Zusammenarbeit wählte der in Rom tagende Internationale Historikerkongreß im Jahre 1903 Theodor Mommsen zum Ehrenpräsidenten. Er telegraphierte zurück: »gratia et pax vobiscum« 6 '. Obwohl frühzeitig und dringlich eingeladen, konnte der greise Historiker nicht mehr an der Versammlung teilnehmen. In einem Brief an seinen Schüler und Freund Ettore Pais rief er die Historiker zu gemeinschaftlichen Handeln auf: »Die Hoffnung meiner Jugend: die gegenwärtige Zivilisation vereint zu sehen, um die gewesene zu studieren und in den Grenzen meines Talentes zu diesem unsterblichen Werke beizutragen, ist vielleicht nicht ganz Traum und Illusion«64. SL

WILAMOWITZ, Mommsen 1907, 16. Mommsen war einer Aufforderung von Diels gefolgt, vgl. Mommsens Brief vom 6. März 1901 (zitiert nach dem Exzerpt in StBB-PK, N L Wickert, Bl. 16): »Sie wissen es, wie mir die Association am Herzen liegt, deren Mißbehandlung in früheren Zeiten mir die Akademie verleidet hat und deren Wiederaufleben, trorz aller Verkümmerung in den Modalitäten und des Wegfalls der deutschen Initiative, ich doch mit stiller Genugtuung begleitet habe. So sehr eine solche Pariser Reise meine persönlichen Pläne unbequem kreuzen würde, bringe ich es doch nicht fertig Ihnen Nein zu sagen. Das freilich ist die Bedingung, dai? die Akademie mich nahezu einstimmig auf die Liste setzt; wenn eine irgend nennenswerte Anzahl von Mitgliedern dagegen ist, so lehne ich ab«.

61

Vgl. A. MOMMSEN 126. Dabei darf nicht übersehen werden, daß sich nicht alle Hoffnungen, die Mommsen in die internationale Assoziation setzte, erfüllten; seinem auf der Pariser Zusammemkunft gestellten und energisch verfochtenen Antrag, die vereinigten Akademien sollten eine Sammelpublikation aller Münzen der griechisch-römischen Epoche in Angriff nehmen, wurde nicht zugestimmt (vgl. HIRSCHFELD 1051 [956]; zu Mommsens »Kampflust und Hartnäckigkeit« auf der Konferenz vgl. GOMPERZ 33of.).

63

H . PAALZOW, Theodor Mommsen t» in: Tägliche Rundschau NR. 257 vom 2. November 1903, S. 1026.

64

Vgl. K . D ERDMANN, Die Ökumene der Historiker. Geschichte der Internationalen Historikerkongresse und des Comité International des Sciences Historiques, Abh. d.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

71

A c h t Jahre zuvor hatte er sich jedoch endgültig durchgerungen, sein A m t als Sekretär der Akademie niederzulegen 05 . Wiewohl er in der offiziellen Korrespondenz sein hohes Alter und seine schlechte Gesundheit als Gründe für seinen Rücktritt anführte, kann kein Zweifel daran bestehen, daß ihn die W a h l seines politischen Gegners Heinrich von Treitschke zum ordentlichen Mitglied der Akademie zu diesem Schritt veranlaßt hatte 66 . M o m m s e n verwand es nicht, daß nach dem Scheitern seiner Pläne für eine internationale Akademieassoziation einmal mehr sein Einfluß und seine Autorität nicht ausreichten, um der philosophisch-historischen Klasse und dem Plenum der Akademie seinen Willen aufzuzwingen. Diese akademiepolitischen Niederlagen schmerzten um so mehr, als sie wichtige Teile seines wissenschaftlichen und politischen Selbstverständnisses betrafen 67 . D i e antisemitischen Expektorationen Treitschkes waren fïir M o m m s e n ein Ausdruck »der sittlichen Verrohung, die unsere Civilisation in Frage stellt«. Treitschkes »Deutsche Geschichte« wiederum war in seinen Augen glänzend und gemeinschädlich zugleich, da sie die »Pflicht politischer Pädagogik« sträflich vernachlässigte 68 . V o r allem zeigte sich M o m m sen tief bestürzt über eine Rede, die Treitschke kurz vor seiner W a h l gehalten und in der er gegen den jüdischen Privatdozenten Leo Arons polemisiert hatte. Damals gingen innerhalb der Berliner Philosophischen Fakultät die Meinun-

Akad. d. Wiss. Göttingen, phil.-hist. Kl., 3. Folge, Nr. 158, Göttingen 1987, 38ff. (Zitat S. 42). Die deutsche Delegation bestand aus Adolf Harnack, Ulrich von WilamowirzMoellendoerfF, Paul Kehr, Otto Gierke und Franz Bücheler (vgl. auch WIIAMOWITZ, Erinnerungen 264); als einer der Vizepräsidenten des römischen Kongresses wurde Harnack gewählt, der sich in der deutschen Delegation entschieden für den Vorschlag, die nächste Zusammenkunft in Berlin abzuhalten, aussprach (ERDMANN a O „ 64). 65

Mommsen erklärte am 7. Februar 1895 sein Ausscheiden zum 1. Mai d.J., konnte allerdings nochmals umgestimmt werden. Doch schon am 20. Juni 1895 teilte er in der Klassensitzung seine definitive Entscheidung mit, am 1. September das Amt als Sekretär niederzulegen. Damit der Wechsel nicht in die Mitte der Sekretariatsperiode fiel, entschloß sich Mommsen später, die Geschäfte noch bis zum 30. September zu führen. Vgl. hierzu die ausführliche Dokumentation in Anm. )(• zu Brief Nr. 52.

66

V g l . W I C K E R T I V 2 o f . u . 2 3 9 ^ ; W U C H E R 1 9 5 m i t A n m . 51 s o w i e S . 3 5 9 .

67

Vgl. hierzu Mommsens Brief an seinen Schwiegersohn Wiiamowitz vom 4. Dezember 1895: »Die Erfahrung, die ich damals mit der Sammel-Assoziation machte und freilich auch die Verzweiflung an unseren allgemeinen Zuständen sind schließlich doch für mich bestimmend gewesen; über die anderen Persönlichkeiten und Unbequemlichkeiten wäre ich sonst wohl weggekommen« (MOMMSEN - WILAMOWITZ Nr. 417, S. 511). Dieses Zeugnis relativiert gleichwohl nicht die Bedeutung der Wahl Treitschkes für Mommsens Rücktritt; jenes Ereignis war, wenn nicht Ursache, so doch Anlaß. Unmißverständlich schrieb Mommsen am 15. Mai 1895, d.h. wenige Wochen vor der entscheidenden Klassensitzung, an seine Frau: »Jetzt ist Treitschke vorgeschlagen und wird ohne Zweifel gewählt; neben dem kann ich nicht bleiben« (WUCHER 195 Anm. 51).

68

Vgl. Mommsens Brief an Sybel vom 7. Mai 1895 (WICKERT IV 239).

72

Wissenschaftspolitik in Berlin

gen darüber auseinander, ob Arons wegen seiner politischen Agitation für die Sozialdemokratie disziplinarisch gemaßregelt werden müsse. Treitschke jedenfalls sprach mit Blick auf den Privatdozenten von einer »ekelhaften Verbindung von Lausbubokratie und Plutokratie«, »was in Verbindung mit anderen antisemitischen Schlagern Mommsen verletzt hat und er ist nun plötzlich, nachdem er vorher seine Neutralität versichert hatte, wieder umgeschlagen und droht mit Rücktritt« 68 ". Wie die Mehrheit der Akademiemitglieder hingegen den preußischen Historiographen und vor allem seine politischen Widersacher in der Akademie beurteilte, ist einem Brief Eduard Zellers an Hermann Diels vom 16. Juli 1895 zu entnehmen: »Das fehlt eben noch, daß die Leute, welche Deutschland im Reichstag durch die Verwerfung der Ehrung Bismarcks unauslöschlich blamirt haben, auch der preussischen Akademie verbieten, den Historiker, welcher mehr als irgend ein anderer für Preussens Anerkennung in Deutschland gethan hat, in ihre Mitte aufzunehmen, weil er ihnen politisch nicht angenehm ist«69. In der Sitzung der philosophisch-historischen Klasse vom 20. Juni 1895 stimmten 18 Mitglieder fur Treitschkes Wahl, nur zwei votierten dagegen; Mommsen, der bis zuletzt noch versucht hatte, diese Entscheidung zu verhindern, erklärte in nämlicher Sitzung seinen Rücktritt 70 . Damit mußte ein Nachfolger fiir das Amt des Sekretars gefunden werden. Die Wahl verlief nicht reibungslos, da mehrere Kandidaten als geeignet erachtet wurden. Zunächst schien es, als würde wiederum ein Vertreter einer historisch orientierten Wissenschaft gewählt werden, da der zweite Sekretarsposten mit dem Klassischen Philologen Johannes Vahlen besetzt war. Die Aufmerksamkeit lenkte sich deshalb auf den Nationalökonomen und Staatswissenschaftler Gustav Schmoller und auf Adolf Harnack. Den Kirchenhistoriker favorisierte Mommsen, denn in ihm hatte er einen kongenialen Wissenschaftsorganisator gefunden, dem er überdies persönlich nahestand. Als Harnack 1890 auf Grund seiner historischen Arbeiten in die Preußische Akademie aufgenommen wurde, begrüßte ihn Mommsen als denjenigen, der die Gabe besitze, »jüngere Genossen zu fruchtbarer Arbeitsgemeinschaft zu gewinnen und bei derjenigen Organisation, welche die heutige Wissenschaft vor allem bedarf, als Führer aufzutreten«: Wie der Großstaat und die Großindustrie sei »die Großwissenschaft, die nicht von Einem geleistet, aber von Einem geleitet wird, ein notwendiges Ele-

68a

Brief Hermann Diels' an Eduard Zeller vom 21. Mai 1895 (DIELS-USENER-ZELLER II Nr. 91, S. 95f.; vgl. WICKERT IV 240). Z u m Fall Arons vgl. S. 47if.

69

DIELS-USENER-ZELLER II Nr. 95, S. 100. Die Polemik richtete sich allerdings gegen Mommsens Parteifreund Rudolf Virchow, der im Plenum die Wahl Treitschkes zu verhindern suchte.

70

A A d W - B B , Sitzungsprotokolle, II-V, 158, Bl. 45. Mommsen hatte sogar auf Treitschkes Taubheit hingewiesen, um seine Wahl zum ordentlichen Mitglied zu verhindern (vgl. WICKERT I V 240).

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

73

ment« der »Kulturentwicklung, und deren Träger sind die Akademieen oder sollten es sein« 71 . Unmittelbar nach Harnacks W a h l zum Akademiemitglied gingen beide daran, die Kirchenväterausgabe zu verwirklichen 71 . Fünf Jahre später unterstützten M o m m s e n und Hermann Diels Harnacks Kandidatur um das A m t des Sekretars 7 '. So schritt man in der Klassensitzung am 7. November 1895 zur Wahl. Zunächst ergaben sich keine klaren Mehrheitsverhältnisse. Im ersten Wahlgang erhielten Diels acht, Schmoller fünf, Harnack vier, der A r chäologe Alexander Conze drei, der Germanist Karl Weinhold zwei Stimmen; auf Otto Hirschfeld und den Sprachwissenschaftler Johannes Schmidt entfiel je eine Stimme. Im zweiten Wahlgang gaben zwölf Mitglieder ihre Stimme für Diels, neun für Schmoller und drei fiir Harnack. Erst im dritten Wahlgang konnte sich Diels mit vierzehn zu neun Stimmen gegen Schmoller durchsetzen 7 4 . Diels nahm die W a h l »mit schwerem Herzen« an, nachdem seine und Mommsens Bemühungen, Harnack als Sekretär durchzusetzen, daran gescheitert waren, daß die Klassenmajorität keinen Theologen in dem A m t wissen wollte 75 . D a Diels überzeugt war, daß Schmoller fur die Akademie »kein Heil« bedeute, beugte er sich dem Wunsch der Mehrheit, obwohl er wußte, »welche 71

71

TH. MOMMSEN, Antwort auf die Antrittsrede von Adolf Harnack, in: SB Berlin 791-793; zitiert nach MOMMSEN, RA 208-210, hier: 209. Harnacks Antrittsrede und Mommsens Antwort sind ebenfalls nachgedruckt in: HARNACK, KS 1, 1-5 (Zitat S. 5). Der von August Dillmann vorgelegte WahlvorschlagFIIRAdolf Harnack findet sich bei KIRSTEN 104-106 (Dokument Nr. 27). Vgl. S. i 3 iff.

73

Vgl. DIELS-USENER-ZELLER II Nr. 100, S. i n u. Nr. 102, S. ii4f.

74

AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V, 158, Bl. j6f.

75

Wiewohl Diels Harnacks Kandidatur unterstützte, so ließ er keinen Zweifel daran, daß er als eigentlichen Nachfolger und Erben Mommsens in der Akademie Wilamowitz erachtete, über dessen Berufung nach Berlin damals bereits verhandelt wurde (vgl. W . M . CALDER III, Die Rolle Friedrich Althoffs bei den Berufungen von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, in: BROCKE, Wissenschaftsgeschichte 251-266, hier: 26off.). Am 8. November 1895 schrieb Diels an Mommsen (StBB-PK, N L Mommsen: Diels, Bl. 85f.): » Sie werden gehört haben, dass die Klasse mich gestern zu Ihrem Nachfolger gewählt hat. Ich hatte gewünscht und dafür gewirkt, dass Harnack, den ich einzig unter den augenblicklich vorhandenen Mitgliedern für geeignet hielt, gewählt würde. Da aber der Schreckname >Theologe< ofFenbar viele sonst dem Manne geneigte abhielt, fur ihn zu stimmen, so wurde die Sache schliesslich zu einem Duelle zwischen Schmoller und mir, und ich habe die Kühnheit gehabt als die Entscheidung fiir mich fiel, anzunehmen. Ich fühle mich gedrungen Ihnen vertraulich zu gestehen, dass ich das nur als ein Geschäfts- und Übergangssekretariat ansehe. Der wahre Diadoche hat keine Zeit gehabt in Folge Ihres verfrühten Abganges hier zu erscheinen und warm zu werden. Aber ich betrachte ihn darum nicht minder als den wirklich prädestinirten. Meine Väter und Vorväter, soweit ich rechnen kann, haben die Praxis befolgt spätestens im 50. Lebensjahre von diesem schönen Planeten zu scheiden. Ich wüßte nicht, warum ich eine Ausnahme bilden sollte. So wird nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die ich

74

Wissenschaftspolitik in Berlin

Bürde das A m t ist und durch Vermehrung der Geschäfte noch mehr wird, und vor allem welcher geschäftliche und finanzielle Augiasstall da gemistet werden muß« 7 6 . N o c h war die Zeit nicht gekommen, daß Harnack offiziell M o m m s e n s Rolle in der Akademie übernehmen konnte. Erst in der Vorbereitungsphase fur das zweihundertjährige Akademiejubiläum von 1 9 0 0 gelang es Harnack, seinen Einfluß in der Akademie zu verstärken. In diesem Zusammenhang war es von größter Bedeutung, daß Harnack 1896 durch die Akademie beauftragt wurde, zum 200. Jahrestag die offizielle Darstellung der Geschichte der A k a demie vorzulegen 7 7 . Im M a i 1899 schloß er seine Arbeit ab, die im besonderen M a ß e von M o m m s e n begleitet und unterstützt worden war. S o hatte dieser das gesamte Manuskript der »Geschichte der Königlich Preußischen Akademit der Ruhe des Philosophen anstelle, schon aus äusseren Gründen das Intermezzo kurz sein. Es gereicht mir zur grössten Freude, dass ich auf alle Fälle Wilamowitz' Eintritt in die hiesige Wissenschaft gesichert weiss und hofFe, dass er rasch auch in der Akademie die Position gewinnen wird, die Sie nun zunächst leer gelassen haben. Mir wird es genügen müssen meine Pflicht zu thun. Dürfte ich dabei wie bisher auf den Rat meines hochverehrten Vorgängers rechnen dürfen, so würden Sie wenigstens etwas von der schweren Verantwortlichkeit mildern, deren sich voll bewusst ist - Ihr treu ergebener H. Diels«. Mommsen antwortete noch am selben Tage (ich zitiere nach dem Exzerpt des Briefes in der StBB-PK, N L Wickert, Bl. 9): »Es freut mich, dass die Sache zu diesem Ergebnis geführt hat. Meine Ansicht ist von Haus aus gewesen: entweder Harnack oder Sie; ich hatte allerdings geglaubt, daß die zwischen Ihnen und Vahlen bestehende Fach-Parität noch mehr ins Gewicht fallen würde als die Theologie. Aber das war also irrig, und so ist es gut. Vielleicht haben Sie doch auch Freude an einer Stellung, die wohl mehr sein könnte, wenn der Wurm, der an Deutschland nagt, nicht auch in diesem Holze säße, aber die immer noch einem Mann Ihres Blickes und Ihrer Tätigkeit gute Chance bietet «. 76

Vgl. Diels' Briefe an Usener am 10. November und an Zeller am 16. November 1895 (DIELS-USENER-ZELLER I Nr. 311, S. 500 u. II Nr. 102, S. 115) sowie Diels' Brief an Wilamowitz vom 11. November 1895 (DIELS-WILAMOWITZ Nr. 65, S. inf.): »Ich hatte für Harnack gearbeitet, aber man stieß sich an der Theologie. Und als ein berühmter Nationalökonom als einziger Gegencandidat übrig blieb, sah ich im akademischen Interesse keinen Ausweg der Würde und Bürde zu entgehen. Warum konnte auch M. nicht noch einige Jahre warten! Dann wären wir der Scrupel überhoben gewesen«. Am 16. November 1895 bemerkte Diels in einem Brief an Theodor Gomperz, er habe die Wahl nicht ablehnen dürfen, »ohne meine Prinzipien zu verleugnen« (DIELS-GOMPERZ Nr. 88, S. 127).

77

Zu den Motiven, die zur Übertragung der Aufgabe an Harnack, der erst sechs Jahre Mitglied der Akademie war, führten, vgl. K. ALAND, Die Arbeiten der Deutschen Akademie der Wissenschaften auf dem Gebiet der Religionsgeschichte, Berlin 1 i957, 5-18, hier: 5 Anm. 2 sowie GRAU, Berliner Akademie 13Í. Außer seinen wissenschaftlichen und schriftstellerischen Fähigkeiten, die Harnack empfahlen, dürfte in der Tat der Umstand ausschlaggebend gewesen sein, daß zu diesem Zeitpunkt kein Neuhistoriker verfugbar war, der diese Aufgabe hätte übernehmen können.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

75

mie der Wissenschaften zu Berlin« vor dem Druck gelesen78. Termingericht legte Harnack seine zweibändige, über tausendseitige Akademiegeschichte zum Jubiläum vor, die ergänzt wurde durch einen umfangreichen Quellenband und durch eine von dem Archivar der Akademie, Otto Köhnke, erarbeitete Bibliographie der Akademiepublikationen von 1700 bis 1900 79 . Es verstand sich von selbst, daß der Verfasser der offiziellen Akademiegeschichte am 20. März 1900 die Festrede in Anwesenheit des Kaisers hielt80. Stellte das Werk allein bereits eine bewundernswerte wissenschaftliche und organisatorische Leistung dar, so unterstrichen Harnacks Aktivitäten während der Vorbereitung des Jubiläums seine vorzüglichen wissenschaftspolitischen Fähigkeiten. Die Erfahrungen der Kirchenväterkommission und seine Vorstudien für die Akademiegeschichte führten Harnack zu der Erkenntnis, daß die bisherige personelle Struktur an Universitäten und Akademien die effektive Durchführung größerer Forschungsvorhaben nicht garantieren konnte, da die beamteten Universitätslehrer durch zeitraubende Verpflichtungen in Lehre, Prüfungswesen und akademischer Selbstverwaltung immer mehr in Anspruch genommen wurden und die Privatdozenten sich auf ihre eigene wissenschaftliche Qualifikation konzentrieren mußten. Deshalb legte er in einer Denkschrift an das preußische Unterrichtsministerium im Juli 1898 die Notwendigkeit dar, Wissenschaftliche Beamtenstellen einzurichten, um den Fortgang der akademischen Unternehmungen sicherzustellen8'. Auch die Terminierung des Antrages, den sich im folgenden Jahr die Gesamtakademie zu eigen machte, spricht deutlich für Harnacks Geschick in der Verhandlungsführung mit dem Ministerium. Pünktlich zum Akademiejubiläum wurden vier Stellen genehmigt. Doch damit nicht genug. Harnack war in der Vorbereitungsphase und unmittelbar im Anschluß an das Akademiejubiläum mit der Gründung neuer wissenschaftlicher Unternehmen und Institutionen befaßt, unterstützte bauliche Veränderungen der Universität und verschiedener Forschungsstätten und äußerte sich zu wichtigen Fragen der deutschen Bildungsund Wissenschaftspolitik82. 1905 veröffentlichte er seinen programmatischen

78

Vgl. hierzu die Briefe Nr. 99; 129-131; 131a; 131b; i37f. u. 144 mit den entsprechenden Anmerkungen. Vgl. darüber hinaus GRAU, Berliner Akademie 13FR.; GRAU, Preußische Akademie 192 und ZAHN-HARNACK 271fr.

79

Vgl. SMEND 713. Eine einbändige Ausgabe des Werkes erschien Berlin 1901 (SMEND

80

A. HARNACK, Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, in: SB Berlin

740). 1900, 218-235 (SMEND 722); vgl. A. HARNACK, Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904,189215. 81

Vgl. SMEND 685a sowie S. 2ioff.

82

Vgl. Brief Nr. 229 mit Anm. iff.

76

Wissenschaftspolitik in Berlin

Aufsatz »Vom Großbetrieb der Wissenschaft« 83 , in dem er die Notwendigkeit der straff organisierten Großforschung begründete, die Grundlagen des modernen Wissenschaftsmanagements offenlegte und gegen die nationalistische Kritik an dem internationalen Professorenaustausch 4 ein energisches Plädoyer für wissenschaftliche Zusammenarbeit und friedlichen Wetteifer setzte. Als ausgewiesener Wissenschaftler und vorzüglicher Organisator übte Harnack in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg maßgeblichen Einfluß auf die Wissenschaftspolitik der Berliner Akademie, ja der preußisch-deutschen Regierung aus. Dabei kam ihm zugute, daß er seit dem Akademiejubiläum wie kaum ein anderer Hochschullehrer Zugang zum Kaiser hatte, den er zu bestimmten Zeiten fast täglich sah und dessen Wohlwollen er nicht zuletzt durch eine geschickte Gesprächsführung fur wissenschaftspolitische Anliegen zu nutzen verstand 85 . Darüber hinaus hatte er sich, nicht zuletzt mit Mommsens Hilfe 8 6 , in den ersten eineinhalb Jahrzehnten seiner Tätigkeit in Berlin ein weitgespanntes Netz persönlicher Beziehungen aufgebaut, das er vorzüglich für seine Initiativen und Anliegen einzusetzen wußte. So erweiterte sich bald der Kreis seiner Aufgaben. Allmählich wuchs Harnack in die Rolle des überragenden Repräsentanten des deutschen Wissenschaftssystems hinein. Im Oktober 1905 wurde er gegen den Widerstand der Wissenschaftlichen Bibliothekare zum Generaldirektor der Königlichen Bibliothek in Berlin, der späteren Preußischen Staatsbibliothek, ernannt 87 , und 1911 wählte man ihn zum Präsidenten der »Kaiser-

In: Preußische Jahrbücher 119,1905,193-201 (SMEND 878), zitiert nach A. HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben 1, Gießen 1911,10-20. Vgl. hierzu K. AIAND, Adolf Harnack als wissenschaftlicher Organisator, in: Adolf Harnack in memoriam. Reden zum 100. Geburtstag am 7. Mai 1951 gehalten bei der Gedenkfeier der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, Berlin (Ost) o.J. [1951], 7-18 (= ID., Supplementa zu den Neutestamentlichen und Kirchengeschichtlichen Entwürfen, hrsg. v. B. Köster, H . - M . Rosenbaum u. M . Welte, Berlin u. New York 1990, 460-471) sowie E. PACHALY, Adolf von Harnack als Politiker und Wissenschaftsorganisator des deutschen Imperialismus in der Zeit von 1914 bis 1920, maschinenschriftl. Diss. Humboldt-Universität Berlin (Ost) 1964. 84

Vgl. B. VOM BROCKE, Der deutsch-amerikanische Professorenaustausch. Preußische Wissenschaftspolitik, internationale Wissenschaftsbeziehungen und die Anfänge einer deutschen auswärtigen Kulturpolitik vor dem ersten Weltkrieg, in: Zeitschrift fur Kulturaustausch 31,1981,128-182 und ID., Internationale Wissenschaftsbeziehungen und die Anfänge der deutschen auswärtigen Kulturpolitik: Der Professorenaustausch mit Nordamerika, in: BROCKE, Wissenschaftsgeschichte 185-242 mit weiterer Literatur.

8s

Z u Harnacks Verhältnis zu Wilhelm II. vgl. S. 537fr.

86

Vgl. hierzu S. 39off.

87

Vgl. A. HARNACK, Die Königliche Bibliothek zu Berlin, in: Preußische Jahrbücher 144, 1911, 87-94 (=A. HARNACK, Aus Wissenschaft und Leben 1, Gießen 19811,127-138); AXEL VON HARNACK, Die Bibliothek Harnacks und Harnack als Bibliothekar, in: Die Christ-

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

77

W i l h e l m - G e s e l l s c h a f t zur Förderung der Wissenschaften«. In dieser F u n k t i o n w a r er m i t wissenschaftspolitischen u n d organisatorischen Grundsatzfragen der zeitgenössischen F o r s c h u n g befaßt u n d unterstützte nachdrücklich die A n l i e gen der naturwissenschaftlichen u n d technischen Disziplinen 8 8 . In Übereinstim-

liche Welt 46,1932, 966-972 (vgl. ID., Die Bibliothek Adolf von Harnacks, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 49,1932, 341-350); ID., Adolf von Harnack in seinem Verhältnis zum Buch, in: Aus der deutschen Forschung der letzten Dezennien. Ernst Teschow zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1956, 24-28 und ZAHN-HARNACK 322FF. sowie BROCKE, Hochschulpolitik 6of.; B. FABIAN, Die Reform des preußisch-deutschen Bibliothekswesens in der Ära Althoff: Fortschritt oder Weichenstellung in eine Sackgasse, in: BROCKE, Wissenschaftsgeschichte 425-441; H . KUNZE U. W . DUBE, Z u r Vorgeschichte der Deutschen Staatsbibliothek, in: Deutsche Staatsbibliothek 1661-1961, Bd. 1: Geschichte und Gegenwart, Leipzig 1961, 39F. und E. JACOBS, Adolf von Harnack, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 47, 1930, 365-376. 88

Es ist hier nicht der Ort, Harnacks Rolle bei der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu würdigen. Unstrittig ist, daß Harnack entscheidenden Anteil an den Planungen zur Organisation und Finanzierung der Gesellschaft hatte; allerdings griff er dabei auf Pläne des 1908 verstorbenen Friedrich Althoff zurück, die von dessen fähigstem Mitarbeiter Friedrich Schmidt-Ott weitergeführt wurden. Aus der mittlerweile umfangreichen Literatur, die sich mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft beschäftigt, seien hier genannt: L. BURCHARDT, Wissenschaftspolitik im Wilhelminischen Deutschland. Vorgeschichte, Gründung und Aufbau der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, Göttingen 1975; BURCHARDT, Harnack 225fr.; BROCKE, Hochschulpolitik 58ff.; ID., Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der KaiserWilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften - Der Anteil Friedrich Althoffs, in: Friedrich Althoff 1839-1908, Berlin 1990, 129-163; ID., Die Kaiser-WilhelmGesellschaft im Kaiserreich. Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in: R. Vierhaus u. B. vom Brocke (Hrsgg.), Forschung im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Geschichte und Struktur der KaiserWilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft. Aus Anlaß ihres 75jährigen Bestehens, Stuttgart 1 9 9 0 , 1 7 - 1 6 2 ; M . ENGEL, Geschichte Dahlems, Berlin 1984; Fünfzig Jahre Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und Max-Planck-Gesellschaft: zur Förderung der Wissenschaften 19111961. Beiträge und Dokumente, Göttingen 1961; R. GERWIN, 75 Jahre Max-PlanckGesellschaft. Ein Kapitel deutscher Forschungsgeschichte. Teil 1: Gründungsgeschichte und erste Aufbauphase der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, in: Naturwissenschaftliche Rundschau 39,1986,1-10; TH. NIPPERDEY U. L. SCHUGGE, 50 Jahre Forschungsförderung in Deutschland. Ein Abriß der Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 19201970, Bonn-Bad Godesberg 1970; M . RASCH, Thesen zur Preußischen Wissenschaftspolitik gegen Ende des Wilhelminischen Zeitalters, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 12,1989, 240-252, hier: 243fr.; W . TREUE, Friedrich Schmidt-Ott, in: TREUF./ GRÜNDER 235-250, hier: 242fr.; R. VIERHAUS, Adolf von Harnack als Wissenschaftsorganisator, in: Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft 1980, 98-108; G . WENDEL, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911-1914. Z u r Anatomie einer imperialistischen Forschungsgesellschaft, Berlin (Ost) 1975 und W E H L E R , D G 3,1229fr. Vgl. darüber hinaus S C H M I D T - O T T 115fr. und Z A H N - H A R N A C K 420fr.

Wissenschaftspolitik in Berlin



m u n g mit dem preußischen Unterrichtsministerium förderte er durch die G e sellschaft die Konzentration privater Spenden für wissenschaftliche Zwecke und die zentrale Verwaltung der Mittel 8 '. Unermüdlich propagierte er gemeinsam mit Friedrich Althoff und Friedrich Schmidt-Ott eine »Wissenschaftspolitik, die mit der Kulturpolitik aufs innigste verschmolzen ist« 90 . A u c h nach 1918 widmete sich Harnack unermüdlich der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die durch den Ersten Weltkrieg und die sich anschließende Inflation in eine schwere Finanzkrise gestürzt wurde. Gleichzeitig war er an der Gründung der N o t g e meinschaft der Deutschen Wissenschaft, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft, beteiligt, der er als Vorstandsmitglied angehörte und deren Hauptausschuß er bis 1929 leitete. Als M o m m s e n zu Beginn des Jahres 1895 seinen Entschluß mitteilte, er wolle vom A m t des Sekretars zurücktreten, zeigte sich Harnack erschüttert und konnte seinen Teil dazu beitragen, daß Mommsen seine Entscheidung nochmals revidierte. Damals hob er darauf ab, daß M o m m s e n nicht nur »der Geschäftsleitende« sei, »sondern wirklich unser Princeps, und diese Dyarchie war unserem kleinen Staate heilsam; sie wird so nicht wiederkehren; die patres conscripti werden allein herrschen, und was wird dabei herauskommen?« 91 In89

Verschiedene Formen und die Bedeutung nichtstaatlicher Wissenschaftsförderung vor allem in den Bereichen Medizin, Naturwissenschaften und Technik sind nunmehr exemplarisch untersucht in dem Sammelband R. VOM BRUCH u. R.A. MÜLLER (Hrsgg.), Formen außerstaatlicher Wissenschaftsförderung im 19. und 20. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, V S W G Beiheft 88, Stuttgart 1990; vgl. insbes. die Beiträge von L. BURCHARDT, Zwischen Staat und Wissenschaft. Die Kaiser-WilhelmGesellschaft bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, 63-86; G . D . DF.LDMAN, The Private Support of Science in Germany 1900-1933,87-111; F.R. PFF.TSCH, Staatliche Wirtschaftsförderung in Deutschland 1870-1933,113-138 und CHR. FREIHERR VON MALTZAHN, Außeruniversitäre Organisationsformen in der deutschen Geschichtswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert, 185-210; vgl. darüber hinaus A. BEYERCHEN, On the Stimulation of Excellence in Wilhelmian Science, in: J . R . Dukes u. J . Remak (Hrsgg.), Another Germany. A Reconsideration of the Imperial Era, Bolder u. London 1988,139-168 sowie die Überblicksdarstellungen von ST. RICHTER, Ein historischer Überblick über die Förderung der Forschung durch die Wirtschaft in Deutschland, in: Technikgeschichte 46, 1979, 20-44

R · LUNDGREEN, W . K R O H N , G . KÜPPERS, R . PASLACK, S t a a t l i c h e F o r -

schung in Deutschland 1870-1980, Frankfurt u. New York 1986 (dazu R. VOM BRUCH, in: H Z 248,1989,117-119). 90

Vgl. A. HARNACK, Friedrich Althoff. Rede, gehalten bei seinem Begräbnis am 23. October 1908 in der Kirche zu Steglitz, in: Internationale Wochenschrift 2, 1908, 1377-1384 (SMEND 943), zitiert nach A. HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben 2, Gießen 1911, 332-338. Es scheint sich hier um den ersten faßbaren Beleg des Begriffes »Wissenschaftspolitik« überhaupt zu handeln, vgl. B. VOM BROCKE, Internationale Wissenschaftsbeziehungen und die Anfänge einer auswärtigen Kulturpolitik: Der Professorenaustausch mit Nordamerika, in: BROCKE, Wissenschaftsgeschichte 185-242, hier: 187.

91

Brief Nr. 52 vom 8. Februar 1895.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

79

dem M o m m s e n zum 1. Oktober 1895 das Sekretariat niederlegte, machte er selbst den W e g frei, daß Harnack sein akademie- und wissenschaftspolitisches Erbe antreten konnte 9 2 . M o m m s e n hatte als erster die Notwendigkeit wissenschaftlicher Großunternehmen erkannt und innerhalb wie außerhalb der A k a demie die Großforschung gefördert 93 . Harnack verfolgte konsequent und vervollkommnete erfolgreich M o m m s e n s wissenschaftspolitische Strategie und hatte entscheidenden Anteil an der notwendigen organisatorischen Modernisierung der Wissenschaften in Deutschland. Dabei ist zu betonen, daß Harnack seine Führungsrolle in der Akademie nicht usurpierte, sondern sich vielmehr kontinuierlich wissenschaftsorganisatorische A u t o r i t ä t und wissenschaftspolitischen Einfluß erarbeitete. Z u M o m m s e n s Lebzeiten appellierte er immer wieder an dessen unverzichtbare Erfahrung in wissenschaftspolitischen Fragen u n d stellte sein eigenes Handeln als durch M o m m s e n autorisiert und sanktioniert dar 9 4 . D e n n M o m m s e n entsagte mit seinem Rücktritt vom Sekretariat nicht allen akademischen Arbeiten. Damals stand er auf dem H ö h e p u n k t seines wissenschaftlichen Ruhmes, wurde von der Akademie geehrt 95 und beeinflußte weiter die Geschicke dieser Institution. Erst am 8. Januar 1 9 0 2 schied er aus allen Kommissionen der Akademie, denen er angehörte, aus9*5. M o m m s e n s 92

Vgl. hierzu ebenfalls S. 244fr.

93

V g l . HARNACK, G A 1 . 2 , 6 5 9 .

94

Vgl. etwa Harnacks Briefe vom 28. Oktober 1893: »Auf Ihr Urtheil, der Sie eine so große Erfahrung in solchen Sachen haben, kommt mir am meisten an« (Nr. 35), und vom 10. Juli 1898: »Könnte ich am Schlüsse bemerken, daß Sie im Wesentlichen das Ausgeführte billigen, so würde es für die Sache von höchstem Werthe sein. Aber vielleicht bin ich unbescheiden, wenn ich um eine solche Autorisirung bitte« (Nr. 132).

95

So wurde Mommsen der Fortbezug des Sekretarsgehaltes auf Lebenszeit gewährt, vgl. Anm. 4 zu Brief Nr. 52.

96

Vgl. A A d W - B B , Heckmann-Wentzel-Stiftung, II-XI.37, Bl. 113a (Abschrift). A m 9. Januar 1902 schrieb Diels in dieser Angelegenheit an Mommsen (StBB-PK, N L Mommsen: Diels, Bl. i68f.): »Die philosophisch-historische Classe hat durch den Vorsitzenden mit tiefstem Bedauern von Ihrer wiederholt ausgesprochenen Absicht Kenntnis genommen aus sämmtlichen Commissionen entlassen zu werden. So schmerzlich es die Akademie berührt, den Mann künftig nicht mehr bei dem gemeinsamen Wirken in den verschiedenen Commissionen thätig zu sehen, der fast bei allen diesen Unternehmungen die Anregung gegeben, bei allen ohne Ausnahme aber seine beste Kraft zum Wohle der Corporation eingesetzt hat. - Ich habe den Auftrag Ihnen bei dieser Gelegenheit den tiefgefühltesten Dank der Classe für Ihre treue Mitarbeit während zweier Menschenalter auszusprechen. Wir sind versichert, daß wir in wichtigen Fragen auch fernerhin an Sie appelieren dürfen, und ich selbst fuge meinem innigsten Bedauern Sie aus den Commissionen scheiden zu sehen, den lebhaftesten Wunsch hinzu, daß es Ihnen vergönnt sein möge die wichtigen Arbeiten, die Sie noch unternommen haben, zum gedeihlichen Ende zu fuhren«. Zuvor bereits muß Mommsen »immer von Zeit zu Zeit« gebeten haben, ihn aus den akademischen Geschäften zu entlassen, vgl. Diels' Brief an Zeller vom 9. September 1901 (DIELS-USF.NER-ZEI.LER II Nr. 221, S. 294).

8o

Wissenschaftspolitik in Berlin

bleibende Verdienste um die Akademie stellte die Adresse zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum am 8. November 1893 eindrucksvoll heraus 97 . Darin hieß es: »Die grossen wissenschaftlichen Unternehmungen, deren Durchführung die Berliner Akademie seit jener Zeit zu ihrer Aufgabe gemacht hat, sind zum guten Teil durch Ihre mächtige Initiative ins Leben gerufen und verdanken Ihrem Organisationstalent die feste Gestaltung und zielbewusste Leitung. Wenn sich heute der Blick zurückwendet auf Ihre an Thaten und Erfolgen unvergleichliche Laufbahn, so tritt in der mannigfachen Fülle Ihrer Leistungen der grosse Zusammenhang, das stete Streben zum Ganzen, die sichere Absteckung der erreichbaren Ziele in überraschender Klarheit zu Tage: von Ihren ersten Anfängen bis zu dem Höhepunkt Ihrer Entwicklung haben Sie halbe Arbeit nie gethan und in Ihrem Kreis geduldet. Als Jurist begannen Sie Ihre Bahn; aber bereits in Ihren Lernjahren ist Ihnen die Überzeugung lebendig geworden, dass die Erkenntnis und Durchdringung des Römischen Wesens und der Geschichte Roms ohne organische Verschmelzung von Philologie, Geschichte und Rechtskunde niemals zu erhoffen sei. Sind doch Ihre Werke so gewaltig angelegt, als ob dem Menschenleben keine Grenze gesteckt wäre und durchgeführt mit einer nie aussetzenden Arbeitskraft und einer sittlichen Energie, die vor dem Grössten nicht zurückschreckt, indem sie auch dem Kleinsten sein volles Recht widerfahren lässt«. Mommsen, der diesen T a g ] η Rom verbrachte, bedankte sich am 14. November für die Glückwünsche der Akademie: »Die von der Akademie veranlaßten wissenschaftlichen Arbeiten können nicht Leistungen ersten Ranges sein, da geniales Schaffen sich nicht in Auftrag geben läßt; wohl aber sind sie ein unentbehrliches Fundament des geistigen Fortschrittes und der Nährboden, aus dem das Beste und Höchste erwachsen kann. Sie ruhen auf guter gegenseitiger Treue der Auftraggeber und der Auftragnehmer; möge dieses schöne Treueverhältniß, wie es bisher in unserem akademischen Kreise gewaltet hat, auch ferner unverrückt über unseren Arbeiten walten« 98 . Harnack erwies sich als würdiger Nachfolger und rechter Träger dieser »Großwissenschaft, die nicht von Einem geleistet, aber von Einem geleitet wird« 99 .

b) Arbeitsleistung und Arbeitsteilung »Der Großbetrieb der Wissenschaft kann die Initiative des einzelnen nicht ersetzen; niemand wußte das besser als Mommsen; aber der einzelne wird in vielen 97

Vgl. A A d W - B B , Personalia, II-III,30, Bl. i8of. Die Adresse ist vollständig zitiert in Anm. 4 zu Brief Nr. 36.

98

A A d W - B B , Personalia, 11-111,30, Bl. 185; vgl. HIRSCHFEI.II> 1057 (961).

99

Vgl. Mommsens Antwort auf Harnacks Antrittsrede in MOMMSF.N, R A 209 und HARNACK, K S

1,5.

Groß Wissenschaft und Wissenschaftsorganisation

8l

Fällen seine Gedanken nur im Großbetrieb durchführen können. Dazu muß ihm die gelehrte Körperschaft verhelfen Die Zusammenarbeit alle Kulturunternehmen ist eine notwendige Folge des Großbetriebes«100. Der wissenschaftliche Großbetrieb, der unter Mommsens Leitung über die Grenzen der Preußischen Akademie und selbst des Deutschen Reiches hinausgewachsen war 101 , und seine monumentalen Sammlungen, die die Quellen für kommende Forschergenerationen erschließen und bereitstellen wollten, benötigten nicht nur umfangreiche finanzielle Mittel 102 , sondern setzten im hohen Maße routinierte und entsagungsvolle Arbeit voraus. Es ist kaum zufällig, daß der sich im Dienste der Wissenschaft verzehrende Gelehrte mit dem durchaus positiv konnotierten Begriff des »Kärrners« charakterisiert wurde, denn »der König sein eigener Kärrner sein , wenn er königlich bauen will«103. Mommsens persönliche Arbeitsleistung war schon unter den Zeitgenossen sprichwörtlich. Nicht nur in seinem häuslichen Arbeitszimmer104 ging er seinen wissenschaftlichen Verpflichtungen nach. Abends erschien er häufig mit einem Stapel Bücher zum Abendessen im Wohnzimmer, und vertiefte sich, kaum war der Tisch abgeräumt, von neuem in die Arbeit 105 . Selbst die Fahrt in der Straßenbahn von Charlottenburg nach Berlin nutzte er, um Korrektur zu lesen; angeblich war er oft so sehr in seine Beschäftigung vertieft, daß ihn die Schaffner, die ihn alle kannten, an der Haltestelle hinter der Akademie darauf aufmerksam machen mußten, daß er auszusteigen habe106. Darüber hinaus wollte eine ungemein umfangreiche Korre100

U. VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Geschichte der Philologie, in: A. Gercke u. Ed. Norden (Hrsgg.), Einleitung in die Altertumswissenschaft 1, Leipzig u. Berlin ' 1 9 2 7 , 1 80, Zitat 71.

101

V g l . HARTMANN 9 4 .

102

Vgl. MOMMSEN, R A 210 (= HARNACK, KS 1, 5): »Die Großwissenschaft braucht Betriebskapital wie die Großindustrie und wenn dies versagt, so ist die Akademie eben ornamental und müssen wir es uns gefallen lassen von dem Publikum als Dekoration angesehen und als überflüssig betrachtet zu werden«.

105

Harnack benutzte diese Wendung im Zusammenhang mit Mommsens Chronikausgabe für die M G H (vgl. Brief Nr. 20 mit Anm. 3), bei seiner Ansprache zu Mommsens Goldenem Ordinariatsjubiläum (Brief Nr. 183) und bei seiner Rede zu Mommsens Begräbnisfeier. Anerkennend hob Harnack auch bei seinem Freund Friedrich Loofs hervor, daß dieser »keine Kärrnerarbeit gescheut« habe, als er ihm zu sechzigsten Geburtstag am 18. Juni 1918 gratulierte (vgl. die von Loofs angefertigte Abschrift von Harnacks Brief [vom 17. Juni 1918] in der U L B S A , N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 3645). Z u r Kärrnerarbeit vgl. auch ZAHN-HARNACK 266 sowie HEUSS 226E u. NIPPERDEY I, 634.

104

Vgl. die eingehende Beschreibung bei A. MOMMSEN 2off. Z u Harnacks Arbeitszimmer

105

A. MOMMSEN 27. Adelheid Mommsens »Erinnerungen« beschreiben nicht nur ausführlich den häuslichen Rahmen für Mommsens ungeheures Arbeitspensum, sondern auch sehr eindringlich die Folgen des väterlichen Arbeitsethos für das Familienleben.

106

V g l . FOWLER 8 u n d SEECK, M o m m s e n

vgl. ZAHN-HARNACK 282Í.

107.

82

Wissenschaftspolitik in Berlin

spondenz bewältigt werden. Zumeist verfaßte er knappe Anfragen, Antworten, Mitteilungen und Aufforderungen. Als Briefschreiber war er pünktlich und gab umgehend Bescheid 107 . Grundsätzlich war es Mommsen gegeben, ungemein konzentriert und schnell zu arbeiten 108 , wozu ein fester Tagesrhythmus beitrug. Auf Störungen in seinem gewohnten Arbeitsstil reagierte er sehr ungehalten: Als der Frühaufsteher Mommsen, dem offenbar wenige Stunden Schlaf zur Erholung genügten 109 , Oxford besuchte, wartete er morgens um sieben vor der dortigen Universitätsbibliothek vergeblich auf Einlaß und nahm es nur widerwillig hin, daß die altehrwürdige Bodleiana erst um neun Uhr ihre Pforten öffnete" 0 . Auch körperliche Strapazen nahm er auf sich: Als er in Florenz eine Klosterzelle erhielt, um zwischen sieben Uhr morgens und fünf Uhr abends einige riesige Handschriften von Cassiodors Variaezu kollationieren, soll er von einer kurzen Mittagspause abgesehen die ganze Zeit, d.h. neuneinhalb Stunden, durchgearbeitet haben - wegen seiner Kurzsichtigkeit stehend" 1 . Der Rechtshistoriker Otto Gradenwitz folgerte, Arbeit und Leben sei ihm eins gewesen" 2 . Louis Duchesne zeigte sich tief beeindruckt von Mommsens »abnégation« und seinem »esprit de mortification littéraire«"3. Harnack schließlich stellte in seiner Rede zu Mommsens goldenem Ordinariatsjubiläum am 13. Oktober 1901 sein asketisches Arbeitsethos als vorbildlich heraus: »Arbeiten haben Sie uns gelehrt, im wörtlichen Sinn und im höhern: Sie haben uns gelehrt, das Leben durch Arbeit zu steigern, und, wo es nöthig, durch Arbeit zu bekämpfen«" 4 . Und mit einem

107

loi

Vgl. JONAS 48. Daß Mommsen seine umfangreiche Korrespondenz »mit höchster Pünktlichkeit führte«, bezeugt auch SKECK, Mommsen 107. Vgl. die charakteristische Episode bei CURTIUS i4if. und H.F. PELHAM, Theodor Mommsen, in: The Independent Review i, Nr. 3, Dezember 1903, 465-470, hier: 468.

109

Friedrich Meinecke berichtet, Mommsen habe zu ihm gesagt, ein rechter Gelehrter müsse mit vier Stunden Schlaf auskommen, vgl. WICKERT IV 20$f. FOWI.ER 8. Allerdings überliefert H.F. PELHAM (Theodor Mommsen, in: The Independent Review ι, Nr. 3, Dezember 1903, 465-470, hier: 468) eine andere Version der Geschichte, derzufolge Mommsen um acht Uhr in der Bodleian Library zu arbeiten begann, denn die Bibliothek wurde geöffnet »before the usual time for his especial benefit«.

111

Vgl. Reitzensteins Erinnerungen an Theodor Mommsen bei WICKERT IV 352.

111

GRADENWITZ Ζ.

Rossi - DUCHESNE Nr. 559, S. 688. "4

Brief Nr. 183. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß selbst der marxistische Wirtschafts- und Sozialhistoriker Jürgen Kuczynski in seinem »Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers« anerkennend, ja fast pathetisch feststellt: »So großartig, ja einzigartig die organisatorischen Leistungen Mommsens - nie dürfen wir vergessen, daß sie bis an das Ende begleitet waren von produktiven, schöpferischen Leistungen des einzelnen Wissenschaftlers, des einsam arbeitenden Wissenschaftlers Mommsen« (KUCZYNSKI 268).

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

83

Wort Gregors des Großen umschrieb er Mommsens Lebensmaxime: ecce labora et noli contristar* " 5 . Harnack stand in seiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit und in seiner Arbeitsorganisation Mommsen in nichts nach, im Gegenteil: Angesichts der Vielzahl seiner späteren Tätigkeitsbereiche will es scheinen, als habe er Mommsen zumindest in der Zahl der Verpflichtungen und in der Bewältigung der Geschäfte noch übertroffen. In dem Vorwort zu seiner berühmten Monographie über »Marcion« schrieb Harnack im Jahr 1921: »In drei Hauptberufen stehend, habe ich diese Arbeit in abgestohlenen Stunden, ja in halben Stunden niederschreiben müssen und manchmal an der Vollendung verzweifelt. Der Abschluß des Werks ist mir doch vergönnt worden, und ich kann nur hoffen, daß die Spuren seiner mühsamen Entstehung nicht allzu deutlich sind«" 6 . Die drei damaligen »Hauptberufe« sind schnell aufgezählt: Er war ordentlicher Professor der Kirchengeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Hinzu traten sein Engagement auf sozialpolitischem Gebiet, namentlich im Evangelisch-Sozialen Kongreß" 7 , seine Arbeit in der Preußischen Akademie der Wissenschaften"8 und weitere wissenschaftsorganisatorische Aufgaben, wie etwa seine Mitgliedschaft im Kuratorium des Deutschen Museums in München" 9 und in der Kommission zur Herausgabe der Werke Martin Luthers120, sowie seine Verantwortung als Mitherausgeber der »Theologischen Literaturzeitung«111. Auch zu Fragen des Schul-

"s

Greg.Mag. dial, 2,6.

116

A. HARNACK, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche, T U 45, Leipzig 1921 (SMEND 1320), S. V; 2. Aufl. Leipzig 1924 (SMEND 1390), S. VIII.

"7

Vgl. S. ji8ff.

118

In seinem Todesjahr 1930 war Harnack Mitglied in folgenden wissenschaftlichen Kommissionen der Akademie (vgl. S B Berlin 1930, S. IX-XIII): Kirchenväterausgabe, Deutsche Literaturzeitung, Leibniz-Ausgabe, Oskar-Mann-Nachlaß und Lutherausgabe (s.u.). Darüber hinaus war er in zwei Kuratorien tätig: in der Wentzel-HeckmannStiftung und in der Stiftung zur Förderung der kirchlichen und religionsgeschichtlichen Studien im Rahmen der römischen Kaiserzeit, die mit den Griechischen Christlichen Schriftstellern unmittelbar verbunden war und in der er den Vorsitz innehatte.

1,5

Vgl. ZAHN-HARNACK 494Í.

110

K. BURDACH, Gedenkworte für Adolf von Harnack, in: D . Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Briefwechsel 1 (hrsg. v. O . Clemen), Weimar 1930, S. IX-XII, bes. S. X . Die Berliner Akademie war durch zwei Mitglieder in der 1883 konstituierten Lutherkommission vertreten, vgl. HARNACK, G A 1.2, i o n f . u. 1027.

121

Harnack war seit 1881 Mitherausgeber des renommierten theologischen Rezensionsorganes, an dessen Gründung er maßgeblichen Anteil gehabt hatte, vgl. ZAHN-HARNAC.K 83fr. sowie den von Verlag und Herausgeber signierten Leitartikel in T h L Z 100,1975, if.

84

Wissenschaftspolitik in Berlin

Unterrichtes und des Hochschulwesens äußerte er sich mehrfach und war an verschiedenen Reformvorhaben beteiligt 121 . Die vielfältigen Tätigkeiten 123 hatten eine umfangreiche Korrespondenz zur Folge, die Harnack bis in die allerletzten Lebensjahre selbst verfaßte. Für den persönlichen Gebrauch hatte er ein aufwendiges System von Kürzungen entwickelt, das ihm schnelles Schreiben erlaubte 124 . Durchschnittlich erreichten Harnack 75 Zuschriften in der Woche; Briefe beantwortete er im allgemeinen innerhalb 48 Stunden 125 . U m die anstehenden Arbeiten bewältigen zu können, bedurfte es eines streng geregelten Tagesablaufes" 6 . So stand Harnack, ebenso wie Mommsen, früh auf. In einem Brief an seinen Freund Friedrich Loofs berichtet Harnack, er wache nachts um halb fünf »ziemlich regelmäßig« auf und lese dann eine bis eineinhalb Stunden, denn dies sei die Zeit, in der sein Geist »am frischesten« sei. Danach schlafe er noch bis sieben Uhr 1 2 7 . Nachdem Harnack zum Generaldirektor der Königlichen Bibliothek ernannt worden war, verbrachte er täglich eineinhalb bis zwei Stunden an seiner neuen Wirkungsstätte, zumeist zwischen zwölf und zwei Uhr mittags. Damals wurden seine universitären Lehrverpflichtungen auf seinen Vorschlag hin vom Ministerium auf eine vierstündige Privatvorlesung und ein zweistündiges Seminar reduziert; zu seiner Entlastung wurde überdies sein Schüler Karl Holl aus Tübingen nach Berlin auf einen neu eingerichteten kirchenhistorischen Lehrstuhl berufen 128 . Dennoch konnte es angesichts der immensen 111

Vgl. ZAHN-HARNACK 302ff. u. 3ioff. sowie S. n o f .

123

Schon die schiere Zahl der Verpflichtungen und Aufgaben in der Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsadministration widerlegt die Behauptung KOURIS i67f., nach der Jahrhundertwende hätten für Harnack theologische Fragen im Vordergrund gestanden.

114

Vgl. ZAHN-HARNACK 282.

125

Vgl. ZAHN-HARNACK 282. Im Mai 1901 bekundete Harnack gegenüber Adolf Jülicher, er schreibe gar 15 bis 20 Briefe am Tag ( U B M , N L Jülicher, Ms. 695/397). Von der Schnelligkeit und Effizienz des Briefwechsels gibt seine Korrespondenz mit Mommsen ein eindrucksvolles Zeugnis. Vgl. etwa Brief Nr. 148 vom 28. Mai 1900. Mommsen bat »um beschleunigte Zurücksendung« seines Entwurfes zur Spezialinstruktion des Wissenschaftlichen Beamten der epigraphisch-numismatischen Kommission. Harnack las unverzüglich Mommsens Vorlage und sandte diese am folgenden Tag zurück (Nr. 149), so daß Mommsen den Entwurf noch unter dem Datum des 28. Mai den Mitgliedern der epigraphisch-numismatischen Kommission zuleiten konnte.

126

Der aber, schenkt man dem Zeugnis von Agnes von Zahn-Harnack Glauben (S. 282fr.), so organisiert war, daß seine heranwachsenden Kinder und deren Freundeskreis nicht zu kurz kamen.

117

Vgl. Harnacks Brief vom 25. September 1916 (ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 1653. Von Harnacks Brief existiert überdies eine Abschrift, die der Loofs-Schüler Hermann Riehm anfertigte). A m 24. April d.J. hatte er an Loofs geschrieben, er lese öfters in der Nacht eine Stunde und schlafe dann wieder ein (ebd. Yi 19 IX 1650 = 1632 [Abschrift]).

128

V g l . ZAHN-HARNACK 2 8 i f . ; 3 2 4 u. 328.

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

85

Fülle von Verpflichtungen nicht ausbleiben, daß es trotz des strengen Tagesrhythmus und äußerster Konzentration bei der Arbeit auch Momente der Uberforderung und Ermüdung gab. So klagte Harnack seinem Freund Martin Rade am 26. Januar 1904, er sei »durch Akademie, Kirchenväter-Commission, Sorgen für den Aufschwung und die Stellung der Theologie in unserem geistigen Leben und in der Unterrichtsverwaltung und darüber hinaus - Sorge, daß unsere Geisteswissenschaften neben den Naturwissenschaften thatsächlich und im Ansehen des Staates und der Nation nicht den Kürzeren ziehen«, so sehr beschäftigt, daß alles andere dagegen zurücktreten müsse 129 . Und Ende Februar 1905 ließ er Loofs wissen, er sei »zur Zeit in einer unglaublichen Hetze disparater Geschäfte, Sitzungen, Seminararbeiten, Gutachten usw.« 1 ' 0 . Doch griffe es zu kurz, wollte man die Erfolge, die Mommsen und Harnack in der »großbetrieblich« organisierten Wissenschaft erzielten, allein auf ihr eigenes wissenschaftliches Vermögen, ihren ungeheuren Fleiß und ihre persönliche Arbeitsleistung zurückfuhren. Die spezialisierte und differenzierte Großforschung erforderte ein Heer von Mitarbeitern, die sich ebenso selbstlos den Erfordernissen der umfassenden Sammlungen und Quelleneditionen unterordneten wie die verantwortlichen Projektleiter, denen die wichtige Aufgabe zukam, die großen Unternehmen zu organisieren. »Je höher die Aufgaben auf allen Gebieten der Forschung sich stellen, desto weniger reicht der Fleiß und das Talent des einzelnen Arbeiters aus. Die Organisierung der Arbeit, sei es durch Sammlung der Materialien oder der Resultate, sei es durch Schulung der hinzutretenden Arbeitsgenossen, nimmt immer weiteren Umfang an und fordert vor allem jene Stabilität der Einrichtungen, die über die Lebensdauer des einzelnen Mannes hinaus den Fortgang der Arbeit verbürgen« 131 . Daß er selbst das notwendige »Organisationstalent« 1 ' 1 besaß, dessen war sich Mommsen sicher. Als glänzender Wissenschaftsorganisator 133 verwirklichte er erfolgreich das

129

Vgl. KouRi 167.

1,1

TH. MOMMSEN, Rede zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Ersten, in: S B Berlin 1888,

U L B S A , N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 1589 (Karte vom 23.2.1905). 403-411 ( Z J 1138), zitiert nach MOMMSEN, R A 157-160, hier: 160. 1,1

Vgl. A . MOMMSEN 110 sowie Harnacks Ansprache zum 30. November 1917 (Nr. 300). Vgl. A . HARNACK, Rede bei der Begräbnisfeier Theodor Mommsens am 5. November 1905, Leipzig 1903 (SMEND 793), zitiert nach A . HARNACK, Aus Wissenschaft und Leben 2 , G i e ß e n 1 9 1 1 , 3 2 3 - 3 3 2 , hier: 328; HARTMANN 8IFF.; HIRSCHFELD 1055fr. ( 9 6 o f . ) ; R . M .

MEYER, T h e o d o r M o m m s e n , in: Goethe-Jahrbuch 25, 1904, 258-262, hier: 260; SCHWARTZ, M o m m s e n 5f. (Ges. Sehr. 1, 283^); SEECK, M o m m s e n 94 sowie HF.USS iiifF.; KUCZYNSKI 263fr. und allg. H . W . BLANKE U. J . ROSEN (Hrsgg.), V o m historischen Seminar zum historischen Forschungsinstitut. Z u r Transformation des Historismus, Paderborn 1989; TH. SCHIEDER, Organisation und Organisationen der Geschichtswissenschaft, in: H Z 237, 1983, 265-288.

86

Wissenschaftspolitik in Berlin

Prinzip der fabrikmäßigen Arbeitsteilung in der Altertumswissenschaft. Die Preußische Akademie der Wissenschaften war in seinen Augen folglich weniger eine Stätte des gelehrten Austausches und des freien wissenschaftlichen Diskurses, sondern zunächst und vor allem die Institution, die die Voraussetzungen zur industrialisierten Großforschung gewähren mußte. Harnack Schloß sich dieser Sicht ohne Einschränkung an: »Die fortschreitende Arbeitstheilung forderte einen Grossbetrieb der Wissenschaften, der sie erst ermöglicht und zugleich ihre Mängel einigermaassen ausgleicht«134. Zur organisatorischen Tätigkeit des Wissenschaftlers gehörte zugleich die Auswahl, Anleitung und Kontrolle der Mitarbeiter. »Es ist das höchste der wissenschaftlichen Privilegien unserer Nation«, legte Mommsen dar, »daß bei uns nicht nur der einzelne Gelehrte auf seine Hand arbeitet, sondern die Deutschen es verstehen, die wissenschaftliche Arbeit zu organisieren und die individuelle Leistung ebenso auf dem wissenschaftlichen Gebiete zum Gliede eines größeren Ganzen zu machen, wie dies flir unser Staats- und Heerwesen das Fundament ist«135. In der Tat führte Mommsen die große Zahl seiner Mitarbeiter wie der preußische Generalstab die deutsche Armee136. »Parlamentarismus« hielt er bei der Wissenschaftsorganisation fur fehl am Platz'37. Allerdings darf hierbei nicht übersehen werden, daß er bei zahlreichen wissenschaftlichen Vorhaben nicht nur die zentrale Leitungsposition innehatte, sondern auch nie zögerte, seine Arbeitskraft für die entsagungsvollste Sammel- und Editionstätigkeit zur Verfügung zu stellen. Mommsen war Vorbild als Organisator und »Kärrner« zugleich, der die verschiedenen Methoden der historischen Erkenntnis noch zu vereinen verstand und in seiner Person der durch ihn selbst beschleunigten Spezialisierung und Fragmentarisierung der Altertumswissenschaft entgegenwirkte1'8. Alle seine großen Quellenpublikationen und akademischen Unternehmungen wurden unterstützt von einer Schar jüngerer Mitarbeiter, ragazzi139 oder giovani140 ge-

134

HARNACK, G A 1 . 2 , 982.

135

V g l . HIRSCHFELD 1056 (961).

136

Vgl. FEST 60. Bereits FOWLER 19 hatte bemerkt, daß die Arbeit am Corpus Inscriptionum Latinarum »showed him as something more than a great historian - as a great organiser, I might almost say as a great general«.

137

Vgl. die Aussage des Generals von Sarvey im Zusammenhang mit der Konstituierung der Reichslimeskommission, die bei W I C K E R T IV 210 zitiert ist.

1,8

Die Folgen einer auf die »Kärrnerarbeit« beschränkten Wissenschaft hat Wilamowitz mehrmals beklagt, der denn auch mit Blick auf die epigraphischen Corpora despektierlich von Mommsens »D M Wissenschaft« sprach, vgl. CAI.DER/FOWI.ER Nr. 19, S. 59 mit Anm. 266 und DIELS- WILAMOWITZ Nr. 160, S. 232 (»Mommsen hat das Verdummende der D M Wissenschaft beklagt und doch hervorgerufen«).

139

Vgl.

140

Vgl. Brief Nr. 142. Daß hiermit ein damals geläufige Wendung aufgegriffen wurde,

SCHÖNE

3 u.

SCHWARTZ,

Mommsen 15 (Ges. Sehr. 1, 297).

Großwissenschaft und Wissenschaftsorganisation

87

nannt. Viele seiner Schüler begannen als Hilfsarbeiter für das Corpus Inscriptionum Latinarum, erinnert sei hier nur an Otto Hirschfeld, Hermann Dessau, Eugen Bormann, Elimar Klebs, Alfred von Domaszewski, Heinrich Dressel, Christian Hülsen, Richard Schöne, René Cagnat, August Mau und Karl Zangemeister'41. Richard Schöne, seit 1880 Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin141, kam durch seinen Aufenthalt am Archäologischen Institut in Rom mit dem Inschriftencorpus in Berührung. Mommsen, so beschrieb er rückblickend seine Eindrücke, »war unermüdlich, alle Hebel anzusetzen und alle Hindernisse zu überwinden, und wirkte in dem großen Werke wie Unruhe Und Feder an der Uhr. Der ganze Kreis junger Gelehrter, die sich um das römische Institut zu versammeln pflegten und unter seinem Schutze mit seinen Hilfsmitteln und Verbindungen arbeiteten, lebte in der Atmosphäre dieses Betriebes«'43. Zunächst hieß jedoch die Mitarbeit am Corpus, sich in irgendeiner Weise dem großen Unternehmen und seinem Leiter nützlich zu machen. Dabei wollten auch »Zettelschreiberei und Handlangerdienste« erledigt werden, wie Fritz Jonas erfahren mußte, dem Mommsen die Aufgabe übertragen hatte, aus wissenschaftlichen Zeitschriften neuveröffentlichte lateinische Inschriften zu verzetteln und die bisher exzerpierten zu ordnen144. Auch Otto Seeck verdiente sich die Sporen mit mühsamer epigraphischer Kleinarbeit145. Um das Corpus und damit um Mommsen konstituierte sich ein Kreis junger viri doctissimi, die mehrheitlich die wissenschaftliche Laufbahn einschlugen, mit Mommsens Hilfe wichtige Positionen im deutschen Wissenschaftssystem bezeigen ein Brief Wilhelm Henzens an Eduard Gerhard vom 2. April 1859: » aber abgesehen vom Kriege hemmt mich auch die Schwierigkeit, die für das C.I.L. arbeitenden giovani in den Bibliotheksvakanzen zu beschäftigen, wenn De Rossi etwa auch reisen sollte« ( H.-G. K O L B E [Hrsg.], Wilhelm Henzen und das Institut auf dem Kapitol. Eine Auswahl seiner Briefe an Eduard Gerhard [Das Deutsche Archäologische Institut: Geschichte und Dokumente 5], Mainz 1984, 209) und ein Brief von Wilamowitz an Hermann Diels vom 3. Oktober 1897: »Ich würde die Grabsteine u. dgl. < bei einem geplanten Corpus Inscriptionum Minuscularum> gern abwerfen, aber die Giovani, Hiller Übersicht< ein sicheres Urtheil über den Umfang und die Kosten des ganzen Unternehmens gewonnen haben wird, gedenkt sie, Ew. Excellenz einen genauen Arbeitsplan vorzulegen. Soviel läßt sich aber schon jetzt sagen, daß das ganze U n ternehmen dann in c. 1 0 Jahren zu Ende geführt werden kann, und daß die Kosten, auf diesen Zeitraum vertheilt, nicht übermäßige sein werden, da die Ausgabe selbst sich durch den Vertrieb bezahlt machen und es sich deßhalb nur um die Kosten der handschriftlichen Untersuchungen handeln wird. Gleichzeitig aber mit der >Übersicht< möchte die Akademie in zwei Jahren auch eine Probe der Ausgabe herstellen, um den zukünftigen Mitarbeitern gleichsam eine Vorlage zu geben. Sie hat zu diesem Zwecke die Herausgabe der nicht sehr umfangreichen Werke des Kirchenvaters Hippolyt ins Auge gefaßt, die von besonderer Wichtigkeit sind. Daher richtet sie an Ew. Excellenz die weitere Bitte, ihr zu diesem Zweck eine Summe bis zur Höhe von 3000 Mark, vertheilt auf drei lahre. geneigtest zur Verfügung stellen zu wollen. Durch die beiden Vorarbeiten, die >Übersicht< und die Herausgabe eines Schriftstellers wird das ganze Unternehmen in der vorsichtigsten Weise begründet sein, und es läßt sich denn hoffen, daß eine Ausgabe der alt-

Kirchenväterkommission

136

christlichen Litteratur geschaffen werden kann, welche dem Studium der alten Kirchengeschichte, der römischen Geschichte und der patristischen Philologie die ersprießlichsten Dienste leisten wird. Daß die Akademie aus ihren eigenen Mitteln nicht im Stande ist, ein Werk, wie das oben bezeichnete ist, in Angriff zu nehmen, bedarf einer besonderen Ausführung nicht, da die Lage unserer Finanzen Ew. Excellenz hinreichend bekannt und die Unzulänglichkeit derselben anerkannt ist. Wenigstens die philos.-historische Klasse hat durch eine Reihe von Folgeunternehmungen die Gelder, welche ihr zufließen, in der Weise festgelegt, daß sie jeden größeren Plan, so berechtigt er an sich sein mag, entweder auf lange Jahre hinaus als unausführbar bei Seite stellen muß, oder, wie es in diesem Falle geschieht, versuchen, durch eine von Ew. Excellenz gewährte außerordentliche Bewilligung denselben zu verwirklichen. Sie hat dies in dem vorliegenden Falle um so mehr geglaubt thun zu müssen, als durch eine seltene Fügung günstiger Umstände zur Zeit für die Leitung wie für die Ausführung des Unternehmens Chancen vorhanden sind, wie sie sich so leicht nicht wieder bieten werden« 11 . D e r Antrag, der am 29. Januar dem Ministerium zugestellt wurde 2 3 , berücksichtigte alle wesentlichen Aspekte, die es fur die Ausführung des geplanten Corpus der vornizänischen christlichen Kirchenväter zu bedenken gab. Kaum zufällig hatte Harnack gleich zu Beginn auf das Corpus Scriptorum EccUsiasticorum

La-

tinorum der Wiener Akademie hingewiesen. Akademie- und wissenschaftspolitisch, so legte er dem zuständigen Minister Goßler damit nahe, war es geradezu eine Notwendigkeit, daß man in Berlin die griechischen Vätertexte aufarbeitete, um ein dem Wiener Unternehmen adäquates, nicht minder prestigeträchtiges Vorhaben realisieren zu können. Das von der Berliner Akademie vorgeschlagene Projekt hatte darüber hinaus den - auch finanzpolitisch entscheidenden - Vorteil, daß es zunächst nur die Schriften griechischer Kirchenväter bis zur Konstantinischen Wende bearbeiten wollte, mithin von einem Förderungszeitraum von etwa zehn Jahren ausging. D i e Beschränkung des C o r pus der »Griechischen Christlichen Schriftsteller« auf die »ersten drei Jahrhunderte«, wie es später im Titel der Reihe hieß, entsprang folglich nicht nur grundsätzlichen theologischen Erwägungen 2 4 , sondern geschah auch unter dem pragmatischen Gesichtspunkt, dem Unternehmen im Gegensatz zu dem W i e -

11

Vgl. AAdW-BB, Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, Bl. 1. Harnacks Antrag datiert vom 17. Januar 1891.

13

Vgl. hierzu ebenfalls IRMSCHER, Kommission (1), 420.

14

Harnack betrachtete die ersten drei Jahrhunderte der Geschichte des Christentums als historische Größe sui generis, vgl. etwa EI.TESTER, Geschichte nf.; IRMSCHER, Kommission (1) 424Í.; IRMSCHER, Kommission (2) 248f.

A n f ä n g e d e r K o m m i s s i o n u n d die G r i e c h i s c h e n C h r i s d i c h e n Schriftsteller

137

ner Corpus eindeutige zeitliche Grenzen zu setzen. Aus diesem Grunde verzichtete Harnackwohl auch auf einen der Textedition beizugebenden kurzen Kommentar, den er im Oktober des Vorjahres Mommsen gegenüber noch angeregt hatte. Dem Zweck der baldigen Verwirklichung dienten ebenfalls die von Harnack in Aussicht gestellten »Prolegomena«, die zunächst durch das Ministerium finanziert werden sollten. Die Sichtung und Ordnung der altchristlichen Überlieferung war die notwendige Voraussetzung für eine modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Herausgabe der Schriften der griechischen Kirchenväter, wie Harnack scharfsichtig erkannte. Er selbst legte zwei Jahre später in Zusammenarbeit mit Erwin Preuschen den ersten, über tausend Seiten starken Band der auf drei Teile konzipierten, allerdings nicht vollendeten »Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius« vor, »der eine Art Generalverzeichnis all dessen darstellt, was von der frühchristlichen Literatur in die Neuzeit gerettet wurde« 25 . Hamacks Werk ist folglich keine theologische Formgeschichte, wie sie Franz Overbeck eingefordert hatte 16 , sondern eine Dokumentengeschichte der altchristlichen Literatur 27 . Mommsens Antwort auf Harnacks Antrittsrede fand in dieser Eingabe an das Ministerium ihre offenkundige Bestätigung: Harnack stellte seine Bereitschaft und seine Fähigkeit eindrucksvoll unter Beweis, jüngere Wissenschaftler zu fruchtbarer Arbeitsgemeinschaft anleiten zu können. Wiewohl Harnack mit der Kirchenväterausgabe eine ganze Reihe kirchen- und dogmengeschichtlicher

25

DUMMER in: HARNACK, K S , S . X . V g l . z u m ersten T e i l : » D i e Ü b e r l i e f e r u n g u n d der Bestand«, SMF.ND 556. D e r zweite T e i l , » D i e C h r o n o l o g i e « erschien in zwei B ä n d e n Leipzig 1 8 9 7 u n d 1 9 0 4 (SMEND 6 4 5 u. 8 2 7 ) . D e n Plan einer altchristlichen Literaturgeschichte m i t B e r ü c k s i c h t i g u n g der jüdisch-hellenistischen u n d der apokalyptischen Schriften hatte H a r n a c k bereits in einem Brief an A d o l f Jülicher in M a r b u r g v o m 1 0 . M a i 1 8 8 9 entwickelt (vgl. U B M , N L Jülicher, M s . 695/383).

16

V g l . bes. F . OVERBECK, Ü b e r die A n f ä n g e der patristischen Literatur, in: H Z 4 8 , 1 8 8 2 , 4 1 7 - 4 7 2 (Einzelveröffentlichung D a r m s t a d t 1 9 5 4 ) .

17

N o c h 1 9 2 7 , als H a r n a c k in öffentlicher S i t z u n g über die Kirchenväterausgabe der A k a d e m i e Bericht erstattete, definierte er die altchristliche Literaturgeschichte als D o k u mentengeschichte, »wie die Literaturgeschichte des römischen Rechts oder die Literaturgeschichte der griechischen Philosophie« (HARNACK, Bericht (2), X X V I I [ K S 2 , 3 5 8 ] ) . E s ist hier nicht der O r t , die damit verbundenen grundlegenden methodischen Problem e zu reflektieren; ich verweise hier n u r a u f R . H E R Z O G , E i n f ü h r u n g in die lateinische Literatur der Spätantike, in: id. ( H r s g . ) , H a n d b u c h der lateinischen Literatur der A n tike 5: Restauration u n d E r n e u e r u n g 2 8 4 - 3 7 4 n . C h r . , M ü n c h e n 1 9 8 9 , 38Í.; M . T E T Z , Ü b e r F o r m e n g e s c h i c h t e in der Kirchengeschichte, in: T h Z 1 7 , 1 9 6 1 , 4 1 3 - 4 3 1 ; ID., A l t christliche Literaturgeschichte -

Patrologie, in: T h R d s c h a u 32, 1 9 6 7 , 1 - 4 2 sowie

M.

VESSEY, Patristics a n d Literary H i s t o r y , in: J o u r n a l o f Literature and T h e o l o g y 5 , 1 9 9 1 , 341-354·

Kirchenväterkommission

138

Anliegen im Bereich der »paläontologischen Schicht«18 des Christentums verfolgte, überwand er durch die methodische und inhaltliche Begründung des Unternehmens die traditionellen Grenzen zwischen Philologie, Theologie und Geschichtswissenschaft29. Die organisatorische Kompetenz des verantwortlichen Antragstellers, die klare Konzeption und vor allem die grundlegende wissenschaftliche und methodische Bedeutung des Unternehmens machten es von vornherein wahrscheinlich, daß der Antrag nicht nur in den akademischen Gremien, sondern auch im Ministerium auf Zustimmung stoßen würde. Dennoch bemühten Mommsen und Hamack ihre Verbindung zu Friedrich Althoff, um mit dem einflußreichen Beamten im preußischen Unterrichtsministerium die offizielle Eingabe in einer informellen Zusammenkunft noch vor der entscheidenden Akademiesitzung zu besprechen30. Die vorzügliche Planung führte zu dem erhofften Ergebnis. Minister Goßler bewilligte mit Schreiben vom 10. Februar 1891 je 1000 Mark fiir drei Jahre zur Herausgabe des Hippolyt und ein jährliches Stipendium in Höhe von 1800 Mark auf zwei Jahre fiir einen jüngeren Kirchenhistoriker zur Herstellung der Prolegomena einer altchristlichen Literaturgeschichte3'. Nach Bekanntgabe des ministeriellen Reskripts beantragte Harnack in der Sitzung der philosophischhistorischen Klasse vom 12. Februar, daß für das geplante Corpus sofort eine Kommission ernannt werde. Die Klasse wählte daraufhin neben Harnack und Mommsen den Klassischen Philologen Hermann Diels und den Alttestamentier und Orientalisten August Dillmann als Mitglieder in die Kommission; zugleich wurde die Vollmacht erteilt, nichtakademische Gelehrte zu den Arbeiten der Kommission hinzuzuziehen32.

28

Den Begriff benutzte Harnack zum ersten Mal fiir die christliche Literatur bis auf Eusebius in seinem Bericht über die Tätigkeit fiir die Jahre 1891 bis 1915, vgl. HARNACK, B e r i c h t ( 1 ) , 1 0 5 ( K S 2 , 3 4 9 ) ; v g l . h i e r z u DUMMER i n : HARNACK, K S , S . X I m i t A n m . 58.

19

Harnack hat auf diesen Aspekt der Kirchenväterausgabe immer wieder hingewiesen und die altchristliche Literaturgeschichte als integralen Bestandteil altertumswissenschaftlicher Forschung dargestellt; vgl. seine Bemerkungen über Ziel und Z w e c k des Unternehmens in HARNACK, G A 1 . 2 , 1 0 3 4 ; HARNACK, Bericht (1), 104-106 (KS 2, 348350) und HARNAC.K, Bericht (2), X X V I I (KS 2, 358). Z u dem allgemeinen wissenschaftsund zeitgeschichtlichen Hintergrund vgl. ebenfalls J . JANTSCH, Die Entstehung des Christentums bei Adolf von Harnack und Eduard Meyer, Bonn 1990. Vgl. Brief N r . 17 vom 12. Januar 1891, in dem Harnack eine Zusammenkunft mit Althoff »der Kirchenväter-Ausgabe wegen« fiir Mittwoch, den 14. oder Sonnabend, den 17. Januar vorschlägt.

''

A A d W - B B , Sitzungsprotokolle, II-V,156, Bl. 193F.; ebd. Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 3 (Schreiben des Ministeriums); K V K N r . 1, Bl. 1

31

A A d W - B B , Sitzungsprotokolle, II-V,I 5 6, Bl. 194.

(Abschrift des Schreibens).

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

139

D a m i t war die Kommission konstituiert. Die Mitglieder traten indes nicht zu einer Sitzung zusammen. In den nächsten Jahren, genau bis zum 20. März 1897, informierte Harnack durch Rundschreiben über den Fortgang der Arbeiten 33 , holte auf schriftlichem W e g e die Zustimmung oder Ablehnung der Kommissionsmitglieder zu einzelnen Vorschlägen ein und korrespondierte als verantwortlicher Leiter allein mit den nichtakademischen Mitarbeitern. E r repräsentierte die Kommission gegenüber den akademischen Institutionen und dem Ministerium. Sicherlich wurden einzelne, die Ausgabe anlangende Fragen am Rande von universitären, akademischen oder privaten Zusammenkünften unter den Mitgliedern besprochen; dennoch ist es bemerkenswert, daß erst sechs Jahre nach Gründung der Kommission die erste Sitzung in Harnacks Haus in der Fasanenstraße 43 stattfand 34 . Schon in seinem ersten Rundschreiben vom 13. Februar 35 , das einen T a g nach der entscheidenden Akademiesitzung verfaßt ist, betonte Harnack, eine Sitzung der »Kirchenväter-Commission«' 6 sei seines Erachtens nicht nötig. Statt

"

Vgl. ELTESTER, Geschichte 14: »Der Verkehr der Mitglieder wickelte sich, soweit er nicht mündlich erledigt wurde, durch Umläufe ab, die alle in der kleinen, aber klaren Handschrift Harnacks geschrieben sind, wie überhaupt der gesamte Briefverkehr mit den Mitarbeitern von ihm ausging«.

34

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 5V.

"

AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 2.

36

Das Schreiben ist der erste Beleg für diese Bezeichnung. Harnack und die Kommission neigten dazu, den Begriff »Kirchenvater« sehr allgemein, ja gleichbedeutend mit »Kirchenschriftsteller« zu verwenden; möglicherweise geschah dies in bewußter Abgrenzung zu dem katholischen Sprachgebrauch und zu den katholischen Kriterien der doctrina orthodoxa, sanctitas vitae, approbatio ecclesiae und antiquitas (vgl. hierzu etwa B. ALTANER U. A. STUIBER, Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg u.a. '1978, 4). Die beckmesserische Kritik an Harnacks Verwendung des Begriffes in seinem ersten Antrag von 1891 bei IRMSCHER, Kommission (1), 423 und IRMSCHER, G C S 265 verkennt mögliche konfessionelle oder wissenschaftshistorische Motive. Im folgenden wird der Sprachgebrauch der Kommission übernommen, der sich erst Ende der zwanziger Jahren wandelte. Um die desolate finanzielle Lage nach der Inflation zu überwinden, wurden organisatorische und strukturelle Veränderungen der Kommission erwogen; 1928 strebte man eine Verbindung mit anderen verwandten Unternehmungen wie der Edition der Konzilsakten von Eduard Schwartz und dem Wiener Corpus an (vgl. hierzu Harnacks Protokollbuch, S. 96L [Sitzung vom 24. Februar 1928]). In diesem Zusammenhang wurde der Name »Kommission zur Förderung der kirchlichen und religionsgeschichtlichen Studien im Rahmen der römischen Kaiserzeit« eingeführt (vgl. AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 146 sowie Anm. 339 auf S. 316), der 1940 in »Kommission für spätantike Religionsgeschichte« geändert wurde. Nach 1945 behielt man diese letzte Benennung bei. Die Akademiereform des Jahres 1968 hatte die offizielle Auflösung der Kommission zur Folge; seit Anfang der 70er Jahre bestand nur noch eine Verlagskommission zur Herausgabe der »Griechischen Christlichen Schrift-

140

Kirchenväterkommission

dessen unterbreitete er den Mitgliedern drei Anträge schriftlich. Zunächst holte er die Zustimmung ein, den Kirchenhistoriker und Bibliothekar Oskar von Gebhardt zum ständigen Mitglied der Kommission zu kooptieren. Harnack kannte den Balten Gebhardt aus Leipziger Studientagen und schätzte dessen umfassenden paläographischen Kenntnisse sowie seine »gewissenhafte Ausdauer«, die »ihn zu einem Meister der philologischen Textkritik«37 machten. Gemeinsam mit diesem und Theodor Zahn hatte er in den Jahren 1875 und 1876 die Apostolischen Väter ediert'8. Gebhardt arbeitete, als er zum Mitglied der Kirchenväterkommission ernannt wurde, als Bibliothekar in Berlin; 1896 wurde er zum Direktor der Universitätsbibliothek in Leipzig ernannt. Sodann ersuchte er die Mitglieder, ihn zu autorisieren, die nächsten Schritte einleiten zu dürfen, um den Hilfsarbeiter für die Prolegomena zu gewinnen. Deshalb schlug er eine Liste mit drei Kandidaten vor, an deren Spitze sein Schüler, der cand. theol. und Dr. phil. Paul Conrad (1865-1927) stand, der später die kirchliche Laufbahn einschlug und es bis zum Geistlichen Vizepräsidenten des Evangelischen Oberkirchenrats in Berlin brachte. An zweiter Stelle nannte er den cand. und Lic. theol. Erwin Preuschen (1867-1920) in Gießen, der im nächsten Semester nach Berlin zu kommen beabsichtige. Und schließlich führte er den Dr. phil. und Lic. theol. Karl Hol! (1866-1926) an, der damals Vikar in Stuttgart war. »Alle drei halte ich fur fähig, die geplante Arbeit in Gemeinsamkeit mit mir zu übernehmen«, fugte er hinzu. Conrad gebe er gegenüber Preuschen den Vorzug. »Holl ist der schärfste Kopf unter den Genannten, aber vielleicht fur ein Unternehmen, wie das unsrige, minder beweglich und schnell. Nur deßhalb habe ich ihn nicht an die 1. Stelle gesetzt«. Endlich bat er um die Instruktionen für den Hilfsarbeiter, wobei er zusicherte, in zweifelhaften und wichtigen Fällen selbstverständlich mit der Kommission Rücksprache zu nehmen. »Aber es würde eine recht zeitraubende u. wenig fruchtbare Verhandlung abgeben, wollten wir die einzelnen Punkte des modus procedendi durchberathen«. Die Hilfsarbeiterstelle wurde nach der überraschenden Absage von Paul Conrad mit Erwin Preuschen besetzt, der am 15. April 1892 seine Tätigkeit aufnahm. Nicht zu Unrecht hatte Harnack in einem Rundschreiben vom 23.

steller« und ihrer Archivreihe (vgl. ELTESTER, Geschichte itf.·, IRMSCHER, Kommission (1), 426 und IRMSCHER, G C S 265fF. u. 277Í·)· Im Zuge der Konstituierung der BerlinBrandenburgischen Akademie der Wissenschaften wurde eine Kommission fiir Altertumswissenschaften begründet, der seit 1993 eine Unterkommission »Griechische Christliche Schriftsteller« zugeordnet ist; ihr Leiter ist Professor Albrecht Dihle. '7

Vgl. A. HARNACK, In memoriam Oscar von Gebhardt (SMEND 897), zitiert nach A. HARNACK, Aus Wissenschaft und Leben 2, Gießen 1911, 339-341.

,8

V g l . SMEND 6 f . ; 9 u . 2 6 .

Anfänge der Kommission und die Griechischen Chrisdichen Schriftsteller

141

März den »großen Fleiß« Preuschens gerühmt39. Durch seine Mitarbeit vermochte Harnack die im Februar 1891 begonnene Arbeit »Uberlieferungsgeschichte der vornicänischen christlichen Litteratur«, d.h. die Prolegomena zu der Kirchenväterausgabe, am 15. Januar 1893 der Kommission druckfertig vorzulegen, die nicht nur die griechische, sondern zugleich die lateinische Literatur der ersten Jahrhunderte umfassend und detailliert erschloß. Anfang des Jahres 1893 fehlten nur noch die zusammenfassende Einleitung und der Abschnitt über Cyprian 40 ; am 27. Juli 1893 legte Harnack den Band »als 1. Theil der Geschichte der altchristlichen Litteratur« der philosophisch-historischen Klasse« vor 41 . Bevor Harnack jedoch seine literaturgeschichdiche Grundlegung der Kirchenväterausgabe abschließen konnte, bedurfte es der systematischen Erfassung der handschriftlichen Überlieferung. Während Preuschen und er die lateinischen und griechischen Manuskripte sichteten, wies Harnack kompetenten Mitarbeitern die Erschließung der in anderen Sprachen erhaltenen Traditionen zu42. Das Kommissionsmitglied August Dillmann erklärte sich bereit, ein Verzeichnis der in äthiopischer Überlieferung faßbaren vornizänischen Schriften zu erstellen; auch für die - allerdings nicht sehr zahlreichen - arabischen Zeugnisse wollte man den Orientalisten gewinnen. Gottlieb Nathanael Bonwetsch (1848-1925)43, seit 1882 Professor fur Kirchengeschichte in Dorpat und seit 1891 in Göttingen, legte ein Verzeichnis der altslawischen und russischen Handschriften an44. Für das Koptische konnte Harnacks Schüler Carl Schmidt (1868-1938) gewonnen werden45, für das Armenische war ursprünglich der katholische Alttestamentler Paul Vetter (1850-1906) in Tübingen vorgesehen46, der jedoch später durch die

"

AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 3. In seinem Rundschreiben vom 15. 1. 1893 (aO., Bl. 5) veranschlagte Harnack Preuschens Anteil an dem Werk auf ein Drittel; vgl. hierzu ebenfalls Harnacks Vorrede zum ersten Teil seiner »Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius«, H A R N A C K , GaL 1.1, S. Vif.

40

Am 15. Januar 1893 entschuldigte sich Harnack in seinem Rundschreiben (AAdW-BB, K V K Nr. I, Bl. 5), daß er den ursprünglichen Termin, den er sich gestellt hatte, nämlich den Herbst des Jahres, nicht einzuhalten in der Lage sein werde, »weil ich vom September bis December vorigen Jahres von der Beendigung der Arbeit durch widrige Geschicke und durch die Bearbeitung des Petrusfragments abgezogen wurde«

41

AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V,157, Bl. 102.

41

Vgl. AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 3. Bonwetsch hatte 1891 Werke des Methodius aus altbulgarischen Handschriften ediert (Methodius von Olympus, Schriften. Text, Kommentar, Übersetzung, Erlangen u. Leipzig 1891).

43

44

Vgl. überdies

HARNACK,

GaL 1.1,

S.

45

Ebd.

46

Vgl. AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 3.

VII.

142

Kirchenväterkommission

jungen Hallenser Orientalisten Rudolf Stübe und Gustav Burchardi ersetzt wurde 47 . Harnack gelang es, gleich zu Beginn der Arbeiten Fachkollegen und Schüler in das Projekt zu integrieren und somit die personelle Grundlage der K o m mission durch nichtakademische Mitglieder zu vergrößern. Bonwetsch und Schmidt blieben darüber hinaus auch in der Folgezeit mit der Kommission eng verbunden. Während die Arbeit an den Prolegomena gute Fortschritte machten, wartete die »Probe-Edition« der Werke Hippolyts, für die das Ministerium ebenfalls Gelder bewilligt hatte, noch auf einen Bearbeiter. Im März 1891 schlug Harnack den Mitgliedern Hans Achelis (1865-1937) vor, der - ausgestattet mit einem Stipendium des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom 4 8 - seit Oktober des vorangegangenen Jahres unabhängig von dem Berliner Unternehmen die römischen Bibliotheken nach Hippolyt-Handschriften und Fragmenten durchsuchte. Er war bereit, seine Kollationen der Kommission zur Verfügung zu stellen, wenn er an der Ausgabe beteiligt werden würde. Dem stand, wie Harnack betonte, nichts im Wege, denn durch den jungen Kirchenhistoriker, der Bibliotheken in Jerusalem und Oberitalien bereiste, könne man »auf sehr billige Weise zu einem Theil der Collationen« kommen, »da nur ein verhältnißmäßig kleiner Zuschuß zu diesen Reisen unsererseits nöthig sein wird. Hat er die italien, und jerusalem. Collationen ordentlich gemacht, so können wir ihn im Winter nach Paris schicken« 49 . Die Zusammenarbeit gestaltete sich in der T a t positiv und wurde fortgesetzt; Anfang 1892 erhielt Achelis die erste Vergütung von 1000 Mark 5 0 . Als Herausgeber des Hippolyt war mithin Achelis gewonnen worden, der für Harnacks Uberlieferungsgeschichte eine genaue Beschreibung des Schrif-

47

Vgl. HARNACK, G a L 1.1, S. V I I , wo Harnack ausführte, ihre Arbeit sei noch nicht vollendet und werde später in den »Texten und Untersuchungen« erscheinen; »sie hat mir jedoch schon für die vorliegende Ausarbeitung Dienst geleistet«. Gustav Burchardi wurde 1892 an der Universität Halle-Wittenberg mit der Dissertation über »Die Intensive des Sanskrit und Avesta« promoviert, Rudolf Stübe (geb. 1870) 1895 mit seiner Edition, Übersetzung und Kommentierung von »Jüdisch-Babylonischen Zaubertexten«.

4

Vgl. A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 4. Unter den Stipendiaten befanden sich damals nicht nur Archäologen, sondern auch andere Altertumswissenschaftler, vor allem junge Klassische Philologen, die in Rom zur eigenen Qualifikation handschriftlichen Studien oblagen, vgl. WICKERT, Beiträge 124fr.

"

49

A A d W - B B , K V K Nr. ι, Bl. 3. Vgl. Achelis' Quittung vom 11. Januar 1892 (AAdW-BB, Kommission fur spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 4); am 24. Dezember 1891 hatte Harnack die Mitglieder durch Rundschreiben über Achelis' Arbeiten im Dienst der Kommission unterrichtet und deren Zustimmung zu dem auszuzahlenden Betrag eingeholt (aO., K V K Nr. ι, Bl. 4).

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

143

tenverzeichnisses auf der Hippolytstatue und handschriftliche Studien zu den exegetischen Fragmenten beisteuerte 5 '.

b) Der unsichere Fortgang des Unternehmens bis i8p$ A n f a n g 1893 waren, wie Harnack in den Sitzungsberichten der Akademie verlauten ließ, »die Vorbereitungen ftir eine Ausgabe der älteren christlichen griechischen Litteratur, die von der Akademie in's Auge gefasst ist, soweit gefördert, dass mit dem Druck einer vollständigen Ubersicht über die Überlieferung und den gegenwärtigen Bestand begonnen worden ist«52. Harnack verhandelte unterdessen mit der Verlagsbuchhandlung J . C . Hinrichs in Leipzig über die Drucklegung seiner Literaturgeschichte, wovon er die Mitglieder der Kommission eingehend unterrichtete 53 . Gleichzeitig führte er mit dem Verlag Gespräche über die geplante Edition und ging an die Abfassung eines Vertragstextes. J . C . Hinrichs in Leipzig betreute seit 1882 die von Harnack und von Gebhardt herausgegebenen »Texte und Untersuchungen«, und es dürfte auf Harnacks Initiative zurückzuführen sein, daß dieser Verlag fur die Veröffentlichungen der Kirchenväterkommission gewonnen wurde. In der Zwischenzeit setzte Hans Achelis seine Arbeit an der Hippolyt-Ausgabe fort 54 ; ihm trat bald Gottlieb

"

V g l . HARNACK, G a L 1 . 1 , S . V I I .

51

SB Berlin 1893,34 (SMEND 563); vgl. AAdW-BB, Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, Bl. 5.

55

AAdW-BB, K V K Nr. i, Bl. 5. Dabei mußte ebenfalls die Verteilung des Honorars der Buchhandlung geregelt werden. Harnack bemerkte, er könne sich nicht den ganzen Betrag aneignen, da er zwei Drittel und Preuschen ein Drittel der Prolegomena bearbeitet habe. Dieser habe allerdings keinen Anspruch auf ein Honorar, da er für seine Mitarbeit durch die Akademie mit 150 Mark monatlich zwei Jahre lang bezahlt worden sei. Seiner Auffassung nach gehöre das auf seine Arbeit fallende Drittel des Honorars der Akademie. Deshalb schlug Harnack vor, Preuschen, der von der Akademie nur bis zum ι. April 1893 angestellt war, für die Korrektur und Erstellung des Registers über diesen Termin hinaus zu beschäftigen und »ihm aus jenen flüssigen Mitteln 10 Mark per Bogen zu gewähren oder besser eine Pauschale von 1000 Mark mit der Verpflichtung bis zum Ende des Drucks in Berlin zu bleiben«. Harnack vertrat die Auffassung, daß dieser Vorschlag, sollte die Kommission mit ihm einverstanden sein, der Klasse zur Annahme vorgelegt werden müsse. Der Überschuß, der nach Abzug der 1000 Mark von dem Drittel des Honorars möglicherweise noch übrigbleibe, könne für die Kirchenväterausgabe Verwendung finden. Mommsen bemerkte in einem Gespräch mit Harnack (über das dieser die übrigen Mitglieder in einer Randnotiz zu seinem Rundschreiben informierte), daß die finanzielle Frage nicht vor die Akademie gebracht werden müsse, sondern daß die Kommission hierüber entscheiden könne. Die Kommission billigte einstimmig Mommsens Vorschlag.

54

Im Laufe des Jahres 1893 erhielt Hans Achelis insgesamt 1000 Mark für Reisen nach

Kirchenväterkommission

144

Nathanael Bonwetsch zur Seite, der die fur den Autor wichtige slawische Überlieferung erschloßt. Für die Edition der Schriften des Orígenes »Contra Celsum« und »Exhortado ad martyrium« konnte darüber hinaus der Jenaer Gymnasiallehrer Paul Koetschau gewonnen werden' 6 . Da aber das Ministerium die Überlieferungsgeschichte der altchristlichen Literatur zunächst nur fur zwei, die Hippolytausgabe fur drei Jahre unterstützte, war es dringend notwendig, das Unternehmen über das Jahr 1893 hinaus finanziell zu sichern. Z u diesem Zwecke suchte Harnack erneut den Kontakt zu Friedrich Althoff. Am 2. August 1893 übersandte er dem einflußreichen Ministerialbeamten den ersten Teil seiner »Geschichte der altchristlichen Literatur« mit der Bitte, ihn freundlich aufzunehmen. Er versäumte nicht hinzuzufügen, daß er im nächsten Semester »auf Grundlage desselben einen ausgeführten Plan einer Kirchenväter-Ausgabe vorlegen« werde, und bat »schon jetzt für denselben um Ihr Wohlwollen und Ihre Hilfe« 57 . Wie schon bei dem ersten Antrag wurde vor der wichtigen wissenschaftspolitischen Initiative, die die Finanzierung des Projektes endgültig klären sollte, Althoffs Unterstützung gesucht. Dieses Vorgehen Harnacks verdeutlicht beispielhaft, daß nicht der eigentlich zuständige preußische Unterrichtsminister als in Akademiefragen einflußreicher Gesprächspartner angesehen wurde, sondern vielmehr Friedrich AlthofF, der seit seiner Berufung in die preußische Kultusbürokratie im Jahre 1882 alle Berliner wissenschaftspolitischen und wissenschaftsorganisatorischen Aktivitäten koordinierte und kontrollierte'8. Harnack verfaßte Ende Oktober 1893 die angekündigte, für das Ministerium bestimmte Denkschrift zur Kirchenväterausgabe, die er zusammen mit der Offerte der Hinrichs'schen Buchhandlung unter den Kommissionsmitgliedern zirkulieren ließ. Zuletzt erhielt Mommsen die Unterlagen gemeinsam mit den Voten von Dillmann, Diels und Gebhardt. Harnack war alles andere als zuversichtlich: »Die Hinrichs'sche Offerte ist ja recht erfreulich, u. wenn Sie auch wie Diels + Gebhardt urtheilen, werde ich wohl in den sauren Apfel beißen müssen, obgleich es mir graut und ich nicht ganz gewiß bin, ob wir

Italien und Frankreich (AAdW-BB, Kommission fur spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,i6 7 , Bl. 6). 55

Im ersten Band der Werke Hippolyts der G C S hat Bonwetsch die vier Bücher des Danielkommentars herausgegeben. Wo der griechische Text fehlte, übersetzte er die vollständig erhaltene slawische Version Wort für Wort. Seine Edition bereitete er durch die »Studien zu den Kommentaren Hippolyts zum Buche Daniel und zum Hohen Liede« (TU N F 1.2, Leipzig 1897) vor.

®6

Ein genaues Datum war nicht zu ermitteln; doch geht aus den späteren Aufzeichnungen und Mitteilungen der Kommission hervor, daß Koetschau im Laufe des Jahres 1893 diese Ausgabe übernahm.

57

GStA-PK, Rep. 92 AlthofF A II Nr. 79, Bd.3, Bl. 70.

58

Vgl. S. 94fr

A n f ä n g e der K o m m i s s i o n u n d die Griechischen Christlichen Schriftsteller

145

das Unternehmen mit Ehren zu Ende fuhren werden. Auf Ihr Urtheil, der Sie eine so große Erfahrung in solchen Sachen haben, kommt mir am meisten an«59. Das erste Großunternehmen, das Harnack in seiner wissenschaftlichen Laufbahn leitete, stürzte ihn in Zweifel, ob es überhaupt ausfuhrbar sei. Schwer lastete die Verantwortung auf ihm. So wandte er sich vertrauensvoll an M o m m sen, der in der Wissenschaftsorganisation die größere Erfahrung besaß und nun die entscheidenden Impulse zur weiteren Realisierung des Projektes gab. Obschon weder Harnacks Entwurf eines Memorandums noch das Angebot des Verlages erhalten sind, läßt sich dennoch das weitere Vorgehen der Kommission anhand der im Akademiearchiv aufbewahrten Dokumente rekonstruieren. Nachdem er sich mit den Kommissionsmitgliedern abgestimmt hatte, setzte Harnack am 9. November 1893 die philosophisch-historische Klasse von den Vereinbarungen in Kenntnis, die mit der Hinrichs'schen Verlagsbuchhandlung über die Herausgabe der griechischen vornizänischen Kirchenväter getroffen worden waren, und legte den hierauf gegründeten Entwurf eines Antrages an das Unterrichtsministerium vor, das die »Erfordernisse« des Unternehmens präzisierte und den Minister um die Bereitstellung der benötigten Geldmittel ersuchte. Die Klasse zeigte sich zwar »im Allgemeinen« mit dem Entwurf einverstanden, aber da, wie es im Protokoll heißt, »von verschiedenen Seiten Abänderungen im Einzelnen in Vorschlag gebracht« 60 wurden, zog Harnack seine Vorlage auf Antrag des Vorsitzenden Johannes Vahlen zurück, um sie nach erneuter Beratung in der Kommission in einer der nächsten Sitzungen nochmals einzubringen. Mit Erfolg hingegen ersuchte er im Namen der Kommission um die Ermächtigung, den Hallenser Kirchenhistoriker Friedrich Loofs 61 als neues Mitglied aufzunehmen 6 1 . 59

Brief N r . 35 v o m 28. Oktober 1893.

60

A A d W - B B , Sitzungsprotokolle, I I - V . I 5 7 , Bl. 109. A n welchen Punkten des Antrages

61

W i e Oskar von Gebhardt war Friedrich Loofs (1858-1928) Harnack aus seiner Leipziger

sich die Kritik entzündete, ist nicht mehr festzustellen. Zeit bekannt (vgl. ZAHN-HARNACK 73FF; 7 7 u. 536). D i e beiden verband ein enges wissenschaftliches wie persönliches Verhältnis, von dem die Korrespondenz in der S t B B P K , N L Harnack und in der U L B S A , N L Loofs beredtes Zeugnis gibt. 1889 legte Loofs seinen »Leitfaden zur Dogmengeschichte« vor, den Harnack Korrektur gelesen und als »originell« und »unübertrefflich zweckmäßig« charakterisiert hatte ( U L B S A , N L Loofs: Harnack, Yi 19 I X 1 4 8 8 , Brief v o m 23. Oktober 1889; vgl. überdies Harnacks Rezension in T h L Z 14, 1889, 6 4 7 Í [SMEND 463]; auch die zweite Auflage von 1 8 9 0 besprach Harnack in T h L Z 15, 1890, 6¿}f.

[SMEND 4 9 6 ] ) ; 1892 veröffentlichte Loofs »Studien

über die dem Johannes von Damaskus zugeschriebenen Parallelen«. Z u Loofs' sechzigsten Geburtstag am 18. Juni 1918 schrieb Harnack: » Persönlich aber habe ich D i r für eine mehr als 40jährige treue Freundschaft innig zu danken. Es war für mich eine Lust zu leben, als der kleine Leipziger Kreis von Studierenden sich u m mich sammelte, und aus Stein und Stahl die Funken hervorblitzten. N i e werde ich das vergessen; eben so gut habe ich es nie wieder gehabt! W i e es W u n d e n gibt, die nicht vernar-

146

Kirchenväterkommission

Am 23. November 1893 legte Harnack den revidierten Entwurf eines Schreibens der Akademie an das Ministerium vor. Die Klasse war mit der überarbeiteten Version einverstanden und leitete sie an das Plenum weiter63. In dem Gesuch 64 wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Vorarbeiten für die Herausgabe eines Corpus Patrum Graecorum Antenicaenorum sozusagen fristgerecht im Juli ihren Abschluß gefunden hätten durch die von Harnack in Zusammenarbeit mit Preuschen angefertigte Untersuchung »Die Uberlieferungsgeschichte und der Bestand der altchristlichen Litteratur bis Eusebius«. Der auf der Grundlage dieses Werkes erstellte Plan einer Edition der gesamten ältesten christlich-griechischen Literatur, den die Akademie habe entwerfen und durch die Kirchenväterkommission prüfen lassen, habe ergeben, »daß das Unternehmen voraussichtlich c. 45 Bände, den Band zu 35-40 Bogen, umfassen werde, und daß für die Fertigstellung mindestens 15 Jahre 6 ' in Aussicht zu nehmen seien«. Des weiteren unterrichtete Harnack das Ministerium über das Angebot des Verlages J.C. Hinrichs, der sich bereit erklärt hatte, die Reihe auf eigene Rechnung zu übernehmen, die Druckkosten vollständig zu tragen und ein Honorar von 25 Mark per Bogen zu zahlen, »unter der Voraussetzung, daß alle aus der Vorbereitung des ganzen Unternehmens erwachsenden Kosten, ferner die Kosten der Hauptredaction, von Reisen, Collationen von Handschriften und dergl. ausschließlich von der Akademie getragen würden«. Harnack versäumte nicht darauf hinzuweisen, daß es sich bei dieser Offerte um ein außerordentlich günstiges Angebot handele; deshalb habe er bereits den detaillierten Entwurf eines Vertrages zusammen mit der Verlagsbuchhandlung ausgearbeitet.

ben, so giebt es auch freudige Erlebnisse, die niemals verblassen, ja die noch nach Jahrzehnten blasseren Farben Licht und Stärke geben. Aus diesem Kreise bist Du nicht nur der theologisch Gelehrteste, sondern auch - ohne Partei und Kirchenzeitung - der Einflußreichste geworden; ob einer oder der andere der früheren Schüler mir theologisch näher steht, weiß ich nicht. Ich habe niemals viel danach gefragt, sondern nur nach der Hauptrichtlinie und der Kraft des Könnens, und das weiß ich außerdem, daß ich an Gesinnungsgemeinschaft u. Treue keinen besseren Freund unter allen Fachgenossen habe « (zitiert nach einer Abschrift des Briefes vom 17. Juni 1918 in der ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19, IX 3645). Vgl. darüber hinaus Loofs' Autobiographie in E. STANGF. (Hrsg.), Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen 2, Leipzig 1926, 119-160. 62 63

AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V,i57, Bl. 109. AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V,i57, Bl. 112; vgl. aO., Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, BL. 8 (Auszug aus dem Protokoll der phil.-hist. Klasse vom 23. November 1893).

64

Ich zitiere im folgenden nach Harnacks Entwurf vom 19. November (AAdW-BB, Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,i67, Bl. 7).

6s

Ursprünglich hatte Harnack in seinem Manuskript einen Zeitraum von »10-20 Jahren« genannt.

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

147

Nach diesen einleitenden Bemerkungen gelangte er zu dem entscheidenden Gegenstand des Antrages: der vorläufigen Berechnung der Gesamtkosten des Projektes, die das Ministerium tragen sollte. Insgesamt beantragte Harnack 75.000 Mark, die sich aufteilten in 15.000 Mark für die Kosten der Hauptredaktion (je 1000 Mark für 15 Jahre), 45.000 Mark für Kollationen, wobei durchschnittlich 1000 Mark pro Band veranschlagt wurden, und 8000 Mark zur Erhöhung des Honorars von 25 Mark, die der Verlag zu gewähren bereit war, auf 30 Mark per Bogen 66 . In diesem Zusammenhang machte Harnack darauf aufmerksam, daß eine Anhebung um 5 Mark unbedingt notwendig sei, um für die schwierigen Editionen überhaupt geeignete Mitarbeiter zu finden. Schließlich kamen noch 7000 Mark für »Unvorhergesehenes« hinzu. D a die Akademie nicht in der Lage sei, aus ihren regelmäßigen Mitteln diese Summe aufzubringen, so begründete der Leiter der Kirchenväterkommission das zweite Gesuch an den Minister, müßte dieser Betrag, verteilt auf einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, durch das Ministerium gewährt werden, wobei vorgeschlagen wurde, in den ersten drei Jahren je 7000 Mark und in den folgenden zwölf je 4500 Mark anzuweisen, damit die Kollationsarbeiten sofort in größerem Umfang aufgenommen werden könnten. Mit dem Antrag war offenkundig, daß durch die finanzielle Ausstattung des Ministeriums das Unternehmen der Kirchenväterkommission als weiteres altertumswissenschaftliches Großprojekt der Akademie langfristig eingerichtet werden sollte. Deshalb schien es angezeigt, in der Denkschrift nochmals das Vorbild der Kaiserlichen Akademie zu Wien anzusprechen, die seit drei Jahrzehnten bereits die Edition der Werke der lateinischen Kirchenväter unternahm. »Die Edition der ältesten griechischen Kirchenväter ist dem Umfange nach eine bescheidenere Aufgabe; aber in Hinsicht auf die religionsgeschichtliche Bedeutung ist sie viel größer. Es ist eine Ehrenpflicht der deutschen Wissenschaft, die fur die Aufhellung der Urgeschichte der christlichen Religion das Meiste gethan hat, daß sie auch die ältesten Urkunden der Religion in der erreichbar besten Gestalt vorlegt und damit der religionsgeschichtlichen Forschung zu weiteren Fortschritten verhilft«. Die Kirchenväterausgabe war somit zur nationalen Aufgabe erklärt worden, die bezeichnenderweise nicht theologisch, sondern religionsgeschichtlich begründet wurde. Auch hierin wird deutlich, daß die theologische Wissenschaft in der Akademiepolitik nur dann eine Rolle spielte, wenn sie zur Historisierung ihres Gegenstandes beitrug. Die Mitglieder der Kirchenväterkommission stimmten unabhängig von ihrer fachlichen Ausrichtung in der kulturprotestantischhistoristischen Forderung überein, Theologie als historische Wissenschaft zu konzipieren. So schloß das Gesuch mit dem Vorsatz, diejenigen Schriften und Urkunden würden zunächst in Angriff genommen werden, »die einer kritischen

66

Zugrunde gelegt wurden 1600 Bogen.

148

Kirchenväterkommission

Edition am dringendsten bedürfen und die erst wirklich lesbar werden, wenn Theologie, Philologie und Geschichtswissenschaft zu ihrer Entzifferung und Erklärung zusammenarbeiten«. Des weiteren hatte Harnack in seinem Antrag daraufhingewiesen, daß nur ein kleiner Teil der relevanten Texte in brauchbaren Editionen vorliege. Auch deren neue Bearbeitung wurde nach dem »Ende des ganzen Unternehmens« angeregt, falls dann wichtige Handschriftenfunde und die fortgesetzten Forschungen solche neuen Ausgaben notwendig machten. Das eindrucksvolle Bekenntnis zum wissenschaftlichen Fortschritt implizierte zugleich die Möglichkeit, das Vorhaben nach Abschluß der projektierten Arbeiten fortzusetzen. Auch in den akademischen Sitzungsberichten zu Beginn des Jahres 1894 betonte man, daß die Vorarbeiten fïir die Ausgabe beendet seien und eine vollständige Übersicht über die Uberlieferung und den gegenwärtigen Stand der Literatur gedruckt vorliege. »Die Akademie erwartet nur die Genehmigung des Sr. Excellenz dem Minister vorgelegten Planes der Ausgabe sowie die Gewährung der nöthigen Mittel, um sofort die Edition zu beginnen«67. Doch die differenzierte und vorzüglich begründete Eingabe über die Erfordernisse des Unternehmens und über das mit der Hinrichs'schen Verlagsbuchhandlung getroffene Abkommen fand zunächst nicht die erhoffte ministerielle Unterstützung. Dem Sekretär der philosophisch-historischen Klasse Mommsen wurde durch das Ministerium vielmehr mitgeteilt, daß flir das Jahr 1894/95 keine Mittel fur die geplante Herausgabe der griechischen Kirchenväter gewährt werden könnten, daß solche aber zum Staatshaushaltsetat 1895/96 angemeldet worden seien. Zugleich wurde seitens des Ministeriums vorgeschlagen, das Vorhaben im vollen Umfange aus den fïir 1894/95 der Akademie zugewiesenen Mitteln in Angriff zu nehmen. Am 19. Februar 1894 ließ Harnack daraufhin den Entwurf eines Schreibens an die philosophisch-historische Klasse der Akademie unter den Kommissionsmitgliedern zirkulieren, um im Interesse des Unternehmens die Initiative zu ergreifen68. Darin empfahl Harnack im Namen der Kommission den »niederschlagenden Bescheid« aus zwei Gründen der Akademie zur Annahme, nämlich »1) um ein fait accompli zu schaffen und es dadurch dem Unterrichts-Ministerium zu erleichtern, die gewünschten Summen beim Finanzministerium pro 1895/6 (u. weiter) zu erlangen, 2) um nicht Zeit zu verlieren und nicht bereits begonnene Arbeiten zu verzögern«. Es waren mithin Differenzen zwischen zwei Ministerien, die das Großprojekt fürs erste sistierten; dabei darf vermutet wer67

A. HARNACK, SB Berlin 1894, 64t. (SMKND 580); vgl. AAdW-BB, Kommission fur spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 9.

68

AAdW-BB, Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, Bl. 10; vgl. Brief Nr. 37 vom 19. Februar 1893: »Die Eingabe der KirchenW wegen muß m.E. von der KirchenW-Commission ausgehen«.

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

149

den, daß das von Harnack der Akademie empfohlene Vorgehen mit Friedrich Althoff abgesprochen war, der die Kirchenväterausgabe unterstützte. Folglich galt es nun, die Akademie davon zu überzeugen, »daß sie lediglich für gin Jahr die nöthigen Mittel gewährt«. Dafür stellte Harnack in Aussicht, daß in diesem Jahr noch kein Band der geplanten Ausgabe erscheinen werde, damit die Akademie »nicht fiir die Fortsetzung des Unternehmens ihrerseits irgendwie verantwortlich« sei, »falls es schließlich doch nicht zu Stande kommen sollte«. In der Tat war es angesichts »der ungünstigen Finanzlage des Staats« nicht ausgeschlossen, daß es zu einer weiteren Verzögerung der außerplanmäßigen staatlichen Zuwendungen und damit möglicherweise zum Scheitern des geplanten Vorhabens kam. Harnack mußte in seinem Antrag auf Unterstützung durch die Akademie nicht zuletzt diese Eventualität berücksichtigen und deutlich machen, daß selbst eine kurzfristige Hilfe, die die Akademie in keiner Weise band, von Nutzen sei. Deshalb hob er hervor, daß zumindest die Publikation der Werke des Hippolyt und der acht Bücher des Orígenes gegen Celsus, die zum Teil bereits druckfertig vorlägen, »sehr dankenswerth« sei. Ferner könne eine Reihe von Vorarbeiten wie die Untersuchung der handschriftlichen Bestände der Bibliotheken und die Katenenforschung unternommen werden, deren Ergebnisse auf alle Fälle wertvoll blieben. Schließlich stellte er in Aussicht, daß der Vertrag mit der Hinrichs'schen Verlagsbuchhandlung erst im Frühjahr 1895 unterzeichnet werden und man vorerst nur eine Vereinbarung über die Edition der Werke des Hippolyt und des Orígenes erzielen müsse. In der Sitzung der philosophisch-historischen Klasse vom 22. Februar 1894 legte Harnack im Namen der Kirchenväterkommission den Antrag vor, »principiell sich dafür auszusprechen, daß die Vorarbeiten fur die Herausgabe der Kirchenväter mit den Mitteln der Klasse unter den angebenen Bedingungen im Jahre 1894/5 in Angriff genommen werden« 69 . Zuerst müsse diese grundsätzliche Entscheidung getroffen werden; dann könne man im April einen spezifizierten Antrag über die gewünschte Summe einreichen. Jedoch ließ Harnack keinen Zweifel daran, daß die Kommission nicht mehr als 4000 Mark benötigen würde. Allein, auch in der Klassensitzung wurde der Antrag nicht reibungslos angenommen und weitergeleitet. Man kam darin überein, daß aus dem Fonds des laufenden Rechnungsjahres 1893/94 vorerst 2000 Mark bereitgestellt »und die Feststellung der weiter im Rechnungsjahr 94/95 dafür zu verwendenden Summe einem späteren Antrag vorbehalten werden solle«. Allerdings bestanden verschiedene Mitglieder darauf, daß der Bewilligung dieses Antrages im Geldverwendungsausschuß der Akademie eine Abstimmung vorausgehen müsse. Offensichtlich gab es innerhalb der philosophisch-historischen Klasse

69

A A d W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, Bl. 10; vgl. ebd. Sitzungsprotokolle, II-V,i57, Bl. i24f.

15°

Kirchenväterkommission

Widerstand gegen eine aus den laufenden Mitteln der Akademie realisierte Finanzierung des Projektes der Mitglieder Harnack, Mommsen, Dillmann und Diels, das längerfristig erheblichefinanzielleRessourcen zu binden drohte und, falls der staatliche Zuschuß ausbleiben sollte, andere Akademieunternehmungen erschweren oder gar verhindern würde. Einzelne Klassenmitglieder fürchteten also das von Harnack gewünschte fait accompli. Einen Kompromiß führte, so will es scheinen, Mommsen herbei, der ein Schreiben an das Ministerium verfaßte, in dem er in Erinnerung brachte, »daß die Klasse weder im Stande noch gewillt ist die weiteren Kosten des Unternehmens von 1895/6 an zu übernehmen, vielmehr beabsichtigt, wenn diese wider Erwarten vom Ministerium nicht sollten gewährt werden, die zunächst in Aussicht genommenen Publicationen separat zu ediren und auf die Fortfuhrung des Unternehmens zu verzichten«70. Mommsen setzte seine Autorität und Reputation ein, um die Fortführung des von ihm mitgetragenen Forschungsvorhabens zu sichern; gleichwohl mußte auch er Rücksicht auf die berechtigten Interessen der weiteren Mitglieder und auf deren Projekte nehmen. Der Geldverwendungsausschuß bewilligte auf der Grundlage des von Mommsen unmißverständlich formulierten Kompromisses die 2000 Mark aus dem laufenden Etat (1893/94) und stellte die gleiche Summe für das nächste Rechnungsjahr in Aussicht. Die philosophisch-historische Klasse beschloß in ihrer Sitzung vom 8. März ebenfalls die ausgewiesenen Fördermittel, wobei ausdrücklich auf das von Mommsen im Entwurf vorgelegte und von der Klasse gebilligte Schreiben an das Unterrichtsministerium im Protokoll hingewiesen und seine zentralen Aussagen resümiert wurden7'. Mommsen hatte in seinem Schreiben, das durch die Akademie an das Ministerium weitergeleitet wurde, festgestellt, daß »nur die uns bestimmt eröffnete Aussicht«, daß das Unternehmen vom Rechnungsjahr 1895/96 an von ministerieller Seite übernommen und finanziert werde, den Antrag ermöglicht habe, die Kosten der Kirchenväterausgabe zunächst aus den laufenden Mitteln der Akademie zu tragen. »Der Muth, dies zu thun, ruht auf dem Vertrauen, daß wir wie überhaupt, so vor allem in dieser wichtigen Angelegenheit auf den Beistand Ew. Excellenz rechnen dürfen«, schloß Mommsen. Der Unterrichtsminister Robert Bosse, in dessen Kompetenzbereich die Akademie gehörte, genehmigte mit Schreiben vom 3. April die Summe von 2000 Mark aus dem aktuellen Fonds. Was die Weiterfuhrung des Unternehmens anlangte, so versi-

70

Vgl. den Beschluß der Klasse in der Sitzung vom 8. März 1893 (AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V.I57, Bl. 127); Mommsens Entwurf vom 8. März findet sich aO., Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, BL. 12. Mommsen akzentuierte gleichfalls die Tatsache, daß es der Akademie grundsätzlich nicht möglich sei, aus ihren laufenden Mittel langfristige und kostspielige Unternehmen zu finanzieren.

71

AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V.I57, Bl. 127.

Anfänge der Kommission und die Griechischen Chrisdichen Schriftsteller

IJI

cherte er, werde er die erforderlichen Mittel durch den Staatshaushalt beantragen »und nach Kräften fördern«; »eine Gewähr für die Bewilligung vermag ich jedoch nicht zu übernehmen«72. Damit war die Zukunft der patristischen Unternehmung trotz aller Bemühungen ungewiß. Die Kommission mußte sich auf schwierige und mühsame Verhandlungen in der Klasse und mit dem Ministerium einstellen, um das große Vorhaben in kleinen Schritten zu verwirklichen. Auf Antrag der Kirchenväterkommission und der philosophisch-historischen Klasse suchte daraufhin die Akademie Ende April um die Zustimmung des Ministeriums nach, die »Herausgabe der griechischen Kirchenväter«, insbesondere der Werke des Hippolyt und der Schrift »Contra Celsum« des Orígenes im Rechnungsjahr 1893/94 m i f 2000 Mark und im darauffolgenden Jahr mit 2500 Mark zu unterstützen. Die Bewilligungen des Ministeriums ergingen sodann am 25. und 26. Mai 73 . Die beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten und die ungewisse Zukunft behinderten die organisatorische Fortführung des Unternehmens erheblich. Vor allem war es nicht möglich, unter den gegebenen Umständen neue Mitarbeiter zu verpflichten. Also begnügte sich Harnack damit, die laufenden Arbeiten zu koordinieren und zu beaufsichtigen. Während einer Reise nach Leipzig, Göttingen, Tübingen und Jena, die er zwischen dem 9. und 22. März 1894 unternahm, setzte er die Verlagsbuchhandlung J.C. Hinrichs »über den complicirten gegenwärtigen Stand der Sache« in Kenntnis, der eine Unterzeichnung des Vertrages vorerst unmöglich machte, ließ sich durch Achelis und Bonwetsch über den Stand der Hippolytausgabe74 und von Koetschau über die Edition der Origenesschriften75 unterrichten und machte sich mit Loofs und von Gebhardt Gedanken über die Typen und das Papier fiir die geplanten Ausgaben76. Initiativ wurde er allerdings in der Frage, wie die in Aussicht gestellten Mittel am 71

AAdW-BB, Kommission fur spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 13.

73

AAdW-BB, Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,I67, Bl. 15-17 (Anträge vom 23. resp. 26. April 1894) und Bl. 18-19 (Reskripte des Ministeriums vom 25. resp. 26. Mai 1894); vgl. darüber hinaus AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V,i57, Bl.

74

Vgl. Harnacks Bericht über den Stand der Arbeiten des Unternehmens vom 8. Dezember 1894 (AAdW-BB, K V K Nr. i, Bl. 7): »Der Druck des Hippolyt (Bonwetsch u. Achelis) ist bis zum 13. Bogen gediehen. Er schreitet langsam vor, weil der Danielcommentar, der hier zum ersten Mal vollkritisch gedruckt wird, die complicirteste Überlieferung hat und der Hauptzeuge die altslavische Übersetzung ist. Die folgenden Stücke werden voraussichtlich schneller hergestellt werden. Vorbereitet sind bereits fast alle hippolyt. Schriften«.

75

Vgl. ebd.: »Der Druck des Orígenes (c. Celsum u. kleinere Tractate) hat noch nicht begonnen; aber ich erwarte, daß demnächst das Ms. einläuft (Dr. Koetschau - Jena), welches bereits im Herbst wesentlich druckfertig war«.

76

Vgl. Harnacks Rundbrief vom 27. März 1894 (AAdW-BB, KVK Nr. i, Bl. 6).

I3if.; 134; 138.

152

Kirchenväterkommission

zweckmäßigsten zu verwenden seien. Er regte an, einen Hilfsarbeiter einzustellen, der sofort mit der Untersuchung der indirekten Überlieferung der patristischen Literatur beginnen sollte. Als Kandidaten schlug Harnack nun Karl Holl vor, der damals Repetent am Tübinger Stift war: »Herr Holl ist mir sowohl persönlich bekannt - er hat als Candidat ein Semester in Berlin studirt - als von mehreren Seiten bestens empfohlen. Schon vor 3 Jahren hatte ich ihn neben Preuschen mitvorgeschlagen, und Herr Holl war dieser Vorschlag bekannt. Deßhalb hat er sich in den drei Jahren mit besonderem Eifer der Patristik zugewandt und auch im Stift Vorlesungen über sie gehalten. Eingehende G e spräche mit ihm bestätigten mir, daß er in der voreusebianischen Litteratur ganz vorzüglich bewandert ist. A n Sorgsamkeit und Genauigkeit in der Arbeit übertrifft er Herrn Preuschen« 77 . Gemäß Harnacks Vorschlag wurde Holl zum ι. April 1894 zunächst für ein Jahr als Hilfearbeiter der Kommission eingestellt. Durch die Kirchenväterkommission förderte Harnack mit Karl Holl einen weiteren begabten und vielversprechenden Schüler, der sich 1896 fur Kirchengeschichte in Berlin habilitierte, 1901 außerordentlicher Professor in Tübingen wurde und 1 9 0 6 einen R u f nach Berlin erhielt, als Harnack eine Reduzierung seiner Lehrverpflichtungen zugebilligt wurde, da er die Leitung der Königlichen Bibliothek übernommen hatte 78 . Holl machte sich nach seiner Einstellung un77

Ebd.

78

Vgl. ZAHN-HARNACK 324. Z u Holl, der bereits 1926 starb, vgl. ebd. 233fr.; H. KARPP (Hrsg.), Karl Holl (1866-1926). Briefwechsel mit Adolf von Harnack, Tübingen 1966; Glanz und Niedergang, pass, sowie J. WALLMANN, Karl Holl, in: T R E 15,1986, 514-518. Harnack hielt am 12. Juni 1926 die Gedächtnisrede auf Holl, vgl. A. HARNACK U. H. LIETZMANN, Karl Holl t · Zwei Gedächtnisreden, Bonn 1926 (darin von Harnack: Rede bei der Gedächtnisfeier der Universität Berlin; SMEND 1461; vgl. A. HARNACK, Aus der Werkstatt des Vollendeten, Gießen 1930, 275-288). In den letzten Lebensjahren war es zwischen Holl und Harnack zu Differenzen gekommen, vgl. ZAHN-HARNACK 537 und Harnacks Karte an Friedrich Loofs vom 16. Juli 1926, in der er ausführte, er habe über Holl so geredet, wie er wünsche, daß Holl in der Nachwelt fortlebe. »Wer ihn näher kannte u. die Unbequemlichkeiten, die er auferlegte, wurde immer wieder durch die Erwägung entwaffnet, daß er sich selbst noch unbequemer war. Die scharfe antithetische Beurteilung von Personen u. Dingen hat sich natürlich erst allmählich aus seiner Anlage entwickelt; sie wäre wahrscheinlich noch immer schärfer geworden. Was ihm fehlte, war das natürliche Wohlwollen, ich möchte sagen, die allgemeine Liebe zum Leben u. seinen Erscheinungen in Personen u. Dingen Das gehört auch zu dem schweren seiner Natur - er war nachtragend u. korrigirte einmal gefaßte Urteile niemals« (ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX1668). Am 16. Juli 1926 schrieb er folgende Zeilen an Adolf Jülicher in Marburg (UBM, N L Jülicher, Ms. 695/440): »Besten Dank fur Ihren Holl-Nekrolog, der ja zu meiner Freude in Vielem mit dem Bilde zusammenstimmt, das ich zu zeichnen versucht habe. Wir haben beide so geschrieben, wie wir wünschen, daß unser Freund in der Nachwelt fortleben möge. Ich kann nicht leugnen, daß ich Manches unterdrückt habe; aber es wurde mir nicht schwer gegenüber dem, was ich sagen mußte u. durfte«.

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

153

ter der Anleitung der Kommissionsmitglieder von Gebhardt und Loofs insbesondere mit der Katenenüberlieferung vertraut. D a Loofs damals mit den Sacra Parallela des Johannes von Damaskus beschäftigt war, ist durchaus möglich, daß er den entscheidenden Anstoß zur Aufarbeitung der indirekten Überlieferung altchristlicher Literatur gegeben hat. Holl widmete sich jedenfalls in der Folgezeit im Auftrag der Kommission dieser Schrift 7 9 , die eine sehr umfängreiche Sammlung von Sentenzen und erbaulichen Texten aus der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern darstellt 80 . Z u m ersten Male war durch Harnacks Rundschreiben vom 27. März 1894, das unter anderem über die geplante Einstellung Holls unterrichtete, das Problem der Katenenforschung aufgeworfen, das die Kommission auch in Z u k u n f t beschäftigen sollte 8 '. Die einzelnen Fortschritte des Unternehmens, über die Harnack in seinem Rundschreiben vom 8. Dezember 1894 informierte 82 , vermochten allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen, daß »die noch immer unsichere Z u k u n f t ein unüberwindliches Hinderniß« darstellte, um einzelne Gelehrte, mit denen Harnack verhandelt hatte, zur Übernahme bestimmter Autoren zu bewegen. »Ich kann immer nur Fühler ausstrecken, aber ich kann nicht zugreifen«, bemerkte Harnack verbittert. Dieser Zustand dürfe im Interesse der Sache nicht länger bestehen. Überdies zeichne sich ab, daß die von der Akademie bisher bewilligten Mittel in Höhe von 4 5 0 0 M a r k durch das Gehalt für den Hilfsarbeiter sowie fur den

79

Vgl. ebenfalls AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 7: Harnacks Bericht über den Stand der Arbeiten des Unternehmens vom 8. Dezember 1894: »Mit dem 1. April ist Herr Lic. Dr. Holl angestellt und hat mit einem bewunderungswürdigen, rastlosen Fleiß ohne jede Ferienunterbrechung an der großen Aufgabe, die indirecte Oberlieferung zu untersuchen, gearbeitet. Er hat mit den SS. Parallela begonnen Es liegt in der Natur der Sache, daß diese Arbeit erst nach jahrelangem Fleiß Früchte tragen wird, aber eben deßhalb sofort unternommen werden müßte«.

80

Vgl. K. HOLL, Die Sacra Parallela des Johannes Damascenus, T U 16.1, Leipzig 1896; ID., Fragmente vornicänischer Kirchenväter aus den Sacra Parallela, T U 20.2, Leipzig 1899.

81

Die Möglichkeit der Katenenforschung hatte Harnack auch in dem Entwurf seines Schreiben an die philosophisch-historische Klasse vom 19. Februar 1894 angesprochen, vgl. S. I48f. Auf der ersten Sitzung der Kirchenväterkommission am 20. März 1897 wurde unter Punkt 10 zwar beschlossen, »die indirekte Überlieferung nach Abschluß der Sacra Parallela zunächst nicht ex professo weiter aufarbeiten zu lassen« (vgl. Harnacks Protokollbuch, S. jv; vgl. ebd. S. 6v, § 9), doch mußte die Kommission ihr Programm angesichts der Überlieferungssituation notgedrungen erweitern, vgl. DUMMER, Wilamowitz 366 Anm. 2. 1902 wurde Lietzmann ausdrücklich mit der Erschließung der Psalmenkatenen und der Erhebung der Väterzitate für die Ausgaben des Eusebius und Orígenes beauftragt, vgl. Harnacks Protokollbuch S. 2if. § 11 und AAdW-BB, K V K Nr. ι, Bl. 76 § I.E.6. Zum Hintergrund vgl. des weiteren Glanz und Niedergang 14fr.

82

AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 7. Er selbst hatte an der Überlieferungsgeschichte der voreusebianischen Literatur weiter gearbeitet und fur die zukünftigen Mitarbeiter »das erschienene Werk immer vollständiger auszugestalten« gesucht.

154

Kirchenväterkommission

Leiter 8 ', die Reisekosten und Aufwendungen fiir Kollationen und die Drucklegung im Laufe des kommenden Frühjahrs aufgebraucht seien. D a das Ministerium für 1895 Mittel in Aussicht gestellt und deshalb die Akademie im Februar dieses Jahres aufgefordert habe, voll in die Arbeit einzutreten, müsse die Kommission »an die Akademie gehen«, ihr die Lage des Unternehmens vor Augen fuhren und sie ersuchen, sich erneut an das Ministerium zu wenden. Den Entwurf eines solchen Schreibens legte Harnack seinem Zirkular bei. Erneut betonte er darin, daß die Akademie nicht in der Lage sei, die Kosten des umfangreichen Unternehmens weiter aus ihren regelmäßigen Einnahmen zu bestreiten; dringend erbat er die »finanzielle Sicherstellung«, um die ganze Arbeit nicht scheitern zu lassen, und beantragte, für die nächsten 15 Jahre einen Betrag von 5000 Mark jährlich zur Verfügung zu stellen. »Eine vorläufige Zusicherung von Mitteln fiir das nächste Jahr allein würde unseren Wünschen nicht vollständig entsprechen, da der Abschluß der Contraete und die Ausgabe des ersten Bandes mindestens erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden würde« 84 . Damit nicht genug. Einen Rückschlag erlitt die Kommission durch den T o d ihres Mitgliedes August Dillmann am 4. Juli 1894. Der Bericht über die Ausgabe der Kirchenväter, den Harnack in den Sitzungsberichten der Akademie von 1895 veröffentlichte, vermeldete sodann in Ubereinstimmung mit seinem Schreiben an den Minister, daß der erste Band der Werke Hippolyts sich im Druck befinde, der Druck von Orígenes' Schrift Contra Celsum demnächst beginnen solle und die Untersuchung der indirekten Überlieferung der Kirchenväter seit ι. April 1894 durch Karl Holl in Angriff genommen sei; neue Mitarbeiter aber könnten nicht verpflichtet werden, und der Abschluß der Kontrakte fur die Herausgabe müßte vorerst noch ausgesetzt bleiben 8 '. Harnack drängte nunmehr auf eine definitive Entscheidung aus dem Ministerium. A m 20. Dezember 1894 nahm die philosophisch-historische Klasse eine

8

'

Mithin für Harnack, der allerdings anmerkte, er verachte für dieses Jahr auf die Hälfte der ausgesetzten 1000 Mark. In den drei vorangegangenen Jahren, in denen das Unternehmen vorbereitet wurde, war eine Entschädigung überhaupt nicht ausgesetzt worden.

84

Vgl. A A d W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 20. Es handelt sich hier um Harnacks Entwurf, den er am 20. Dezember der phil.-hist. Klasse vorlegte und der nachträgliche Änderungen aufweist. Die zuletzt zitierte Stelle war in der ursprünglichen Fassung noch schärfer formuliert: »Eine vorläufige Zusicherung von Mitteln fiir das nächste Jahr allein würde wenig nützen, denn es könnte wiederum kein Contract abgeschlossen werden, der gedruckte Band des Hippolyt könnte nicht erscheinen, da die Frage des Titels nicht zu entscheiden wäre, und die Vorbereitung weiterer Bände müßte sistirt werden, da aufs Ungewisse hin keine Mitarbeiter gewonnen werden könnten«.

8

A. HARNACK, S B Berlin 1895, 48 (SMEND 611); vgl. A A d W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte, II-VIII,167, Bl. 22.

'

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

155

entsprechende Eingabe Harnacks an, »da es sich im Wesentlichen nur um eine Erneuerung früherer Anträge handelt«. Zugleich wurde beschlossen, zur Beschleunigung der Sache nicht die nächste Plenarsitzung am 15. Januar 1895 abzuwarten, sondern das Gesuch mit der Unterschrift des Vorsitzenden Sekretars und der übrigen Sekretare unmittelbar an das Ministerium zu leiten86. Beigefügt wurde der Entwurf des Vertrages mit der Verlagsbuchhandlung J.C. Hinrichs' 7 . Mit Schreiben vom 14. März 1895 stellte der Minister Bosse auf den Bericht vom 20. Dezember 1894 und »im Verfolg der zwischen Ihrem Mitgliede, dem Profesor Dr. Harnack und meinem Fachreferenten gepflogenen Unterredung« der Akademie in Aussicht, die Edition der griechischen Kirchenväter für die Rechnungsjahre 1895/96 und 1896/97 mit einer »außerordentlichen Beihülfe von 3000 M aus diesseitigen Centraifonds« zu unterstützen und dem »bei dem Unternehmen beschäftigten Lic. Dr. Karl Holl für dieselben Rechnungsjahre je ein Privatdocenten-Stipendium von 1500 M zu bewilligen«88. Wenn damit auch, wie Harnack wenig später an die Kommissionsmitglieder schrieb, die Wünsche nicht vollkommen erfüllt waren, »so darf doch jetzt die Ausgabe als gesichert angesehen werden«89. An der Entscheidung des Ministeriums, die Kosten des Unternehmens auch in Zukunft zu übernehmen, waren maßgeblich Friedrich Althoff und sein Mitarbeiter Friedrich Schmidt-Ott beteiligt gewesen. In einem Brief vom 20. März dankte Harnack persönlich den beiden Ministerialbeamten: »Soeben höre ich von W GehA< liegen die laufenden Rechnungen, in den Fächern >W< u. >Z< die Rechnungsabschlüsse samt den Dechargen, die Beschlüsse u. die Contraete mit der Wentzel-Stiftung u. der Hinrichs'schen Buchhandlung, sowie die Correspondenz mit der Wenzelstiftung. - Auf demselben Repositorium oben stehen die der Commission gehörigen Bände der Kirchenväter-Ausgabe u. in einem Blechkasten die der Commission gehörigen Collationen«' 53 . Die unter Mommsens Leitung angefertigten Probekollationen der Chronik des Hieronymus wurden später gleichfalls in Harnacks Zimmer auf dem »großen Bücherbrett«'54 aufbewahrt. Auf der ersten Kommissionssitzung wurde auch die Anzahl der erforderlichen Freiexemplare der Ausgabe und des »Archivs« der Reihe, d.h. der »Texte und Untersuchungen«, festgelegt; dabei führte der Umstand, daß die vom Verlag kostenlos zur Verfugung gestellten zehn Exemplare der Edition nicht ausreichten und folglich weitere auf Kommissionskosten hinzugekauft werden mußten, immer wieder zu Diskussionen. Zunächst war vorgesehen, daß außer den Kommissionsmitgliedern die Wentzel-Heckmann-Stiftung, Frau Wentzel, die Kirchenväterkommission, die Akademie, das Unterrichtsministerium und der Kaiser je ein Exemplar erhalten sollten155. Am 15. April 1899 kam man darin

gann, denn unter den Archivalien der Kirchenväterkommission befindet sich Harnacks Merkzettel zu dieser Sitzung (AAdW-BB, KVK Nr. 1, Bl. 18), auf dem er einzelne Beschlüsse verzeichnete, die er später in das Protokollbuch übertrug. 151

,J4

Zum Protokollbuch vgl. Zahn-Harnack 256: »Über diese Sitzungen führte Harnack von 1897-1928 in einem Büchlein Protokoll, dessen erbärmliche Bescheidenheit in Bezug auf Papier und Einband zu seinem bedeutenden Inhalt in dem merkwürdigsten Gegensatz steht. Aber gerade dieser Kontrast war bezeichnend für Harnack, der den äußeren Apparat seiner Arbeit immer auf die allerschlichteste Weise einrichtete«. Harnacks Protokollbuch, S. 1. Ebd. Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 2 u. S. 5, § 3 sowie Anm. 1 zu Brief Nr. 106. Anfangs waren es fünf, durch die Kooptation von Wilamowitz Anfang Mai 1897 sodann sechs Kommissionsmitglieder; folglich mußte die Kommission zwei weitere Exemplare auf eigene Kosten erwerben. Auf der Sitzung vom 20. März 1897 wurde zugleich beschlossen, daß die Freiexemplare gebunden geliefert werden sollten. Von den »Texten und Untersuchungen« wurden vier Exemplare für diejenigen Mitglieder der Kommission hinzugekauft, die im Gegensatz zu Harnack und von Gebhardt nicht Redakteure des

Anfänge der Kommission und die Griechischen Christlichen Schriftsteller

171

überein, weder dem Unterrichtsministerium ein Muster der Ausgabe zukommen zu lassen, noch ein besonderes Exemplar zur Verfügung der Kommission zu halten: »Dieser Beschluß dispensirt die Commission von der Nothwendigkeit, Exemplare zu kaufen« 1 ' 6 . Unstrittig war, daß Wilhelm II. als dem Protektor der Akademie der Wissenschaften die einzelnen Bände der Ausgabe überreicht werden mußten. A m 14. März 1899 übersandte ihm die Kommission die zweibändige, von Paul Koetschau besorgte Edition der Schrift des Orígenes »Contra Celsum« mit folgendem Begleitbrief 1 5 7 : »Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König, Allergnädigster Kaiser, König und Herr. Ew. Ksl. u. Königl. Majestät wagt die Akad. d. Wiss. zwei soeben erschienene, Schriften des Orígenes enthaltende Bände der mit den Mitteln der Hermann und Elise geb. Heckmann Wentzel-Stiftung unternommenen Ausgabe der griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte in tiefster Ehrfurcht zu überreichen, in der freudigen Hoffnung, daß dieser Beweis von ihrer wie der Stiftung Thätigkeit des gnädigen Wohlwollens ihres Allerhöchsten Protectors sich zu erfreuen haben werde. Königl. Akad. d. Wissensch.« Der aus Mommsen, Diels, Harnack, Gebhardt und Loofs bestehenden Kommission trat A n f a n g M a i 1897 durch Kooptation Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff bei, der kurz zuvor an die Berliner Universität berufen worden war 1 ' 8 . M i t

»Archivs« der Kommission waren, also für Mommsen, Diels, Loofs und Wilamowitz (vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 2 sowie Harnacks Rundschreiben vom 4. Juli 1897 [AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 25, § 2]; zitiert in Anm. 4 zu Brief Nr. 114). Der Eintritt neuer Mitglieder führte nicht notwendigerweise zu einer grundsätzlichen Änderung der alten Regelung, denn Otto Hirschfeld etwa wünschte nur die Zusendung derjenigen Hefte der »Texte und Untersuchungen«, »die mit den Bänden der Ausgabe in enger Beziehung stehen« (so lautete der Beschluß der Sitzung vom 12. April 1902, vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 20, § 5). 1,6

Harnacks Protokollbuch, S. 8r.

"7

AAdW-BB, Heckmann-Wentzel-Stiftung, II-XI.37, Bl. 93a.

ls8

Harnack schlug den Kommissionsmitgliedern Loofs und von Gebhardt »in Einverständniß mit den H H . Diels u. Mommsen« am 2. Mai 1897 schriftlich vor, »den H. Prof. von Wilamowitz-Moellendorff in die KVäter-Commission zu cooptiren« (AAdWBB, K V K Nr. ι, Bl. 21a. Harnack hat den Brief irrtümlich auf den 2. 7.1897 datiert; das Monatsdatum ist von fremder Hand in den »5.« verbessert worden). Am 6. Mai teilte Harnack der philosophisch-historischen Klasse im Auftrag der Kommission mit, »daß sich diese durch die Aufnahme des Prof. v. Wilamowitz-Moellendorff verstärkt hat« (AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, II-V.I59, Bl. 2). Einen Tag später richtete er an Wilamowitz die offizielle Bitte, er möge »in ihren Kreis eintreten und bei der Ausgabe der ältesten griechischen Schriftsteller mithelfen«; ein »stiller Theilnehmer« sei er ja

172

Kirchenväterkommission

W i l a m o w i t z hatte die Kirchenväterkommission den führenden deutschen Gräzisten gewonnen, der in den fast dreieinhalb Jahrzehnten seiner Mitgliedschaft dem Unternehmen wichtige personelle und inhaltliche Impulse gab, der sich aber auch nie zu schade war, die mühsame Korrektur einzelner abgeschlossener Manuskripte zu übernehmen. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit ließ er keinen Zweifel daran, daß das Unternehmen »die Geschichte der griechischen Sprache und die der antiken Cultur« erforschen müsse' 59 . Also setzte er sich energisch dafür ein, den zeitlichen Rahmen des Unternehmens zu erweitern; auf seine Intiative ist zurückzuführen, daß 1 9 0 2 die Kirchenhistoriker des fünften Jahrhunderts in das Editionsprogramm aufgenommen wurden 1 0 0 . A u ß e r W i l a m o w i t z wurden im Laufe der Jahre noch A d o l f Jülicher (1857-1938), Otto Hirschfeld (i843-I922) , ä i , Otto Seeck (1850-1921) 1 6 2 , Karl Holl (1866-1926), E d u ard Norden (1868-1941), Erich Klostermann (1870-1963), Hans Lietzmann (18751942) 1 6 3 und Werner Jaeger (1888-1961) 1 6 4 zu Mitgliedern der Kommission gewählt. N a c h Harnacks T o d trat Eduard Schwartz (1858-1940) dem Kreise bei. Klassische Philologen, Patristiker und Althistoriker saßen gemeinsam in der Kommission, die sich allein schon durch ihre personelle Zusammensetzung als

schon gewesen (vgl. DUMMER, Wilamowitz, Brief Nr. 1, S. 361). Wilamowitz sagte am 8. Mai 1897 seine Mitarbeit zu (vgl. ebd. Brief Nr. 3, S. 362). Z u Wilamowitz' Tätigkeit im Rahmen der Kirchenväterkommission vgl. DUMMER, Wilamowitz, pass.; U N T E 736fr sowie S. 234fr. Vgl. seinen Brief an Harnack vom 8. Mai 1897 bei DUMMF.R, Wilamowitz 362. 160

Vgl. seinen Brief an Hans Lietzmann vom 13. Juli 1906 in Glanz und Niedergang Nr. 137, S. 239f.

Idas Zentrum< gegründet worden«10. Die negative Beurteilung des Christentums läßt sich ebenfalls in seinen wissenschaftlichen Publikationen nachweisen: Die christliche Invektive gegen den Heiden Virius Nicomachus nannte Mommsen ein carmen »non minus pium et Christianum quam ineptum et barbarum«11. Mommsens umfassender methodischer Zugriff auf die Geschichte Roms verbot die Beschränkung auf eine Periode innerhalb des römischen Altertums. Trotz seiner persönlichen Vorbehalte gegen das Christentum lagen folglich dessen historische Zeugnisse, soweit sie die Geschichte Roms betrafen, nicht außerhalb seines Gesichtskreises. Schon früh beschäftigte sich Mommsen mit Fragen des spätantiken römischen Staates12 und damit implicite mit dem Christentum. Erinnert sei nur an seine bahnbrechende Untersuchung »Über den Chronographen vom Jahre 354«, die einen Anhang »Über die Quellen der Chronik des Hieronymus« enthielt13, an seine Arbeit über Diocletians Preisedikt, die

9

Vgl. hierau DEMANDT, Hensel 513F. und ID., Mommsen 192F. In seiner Vorlesung hatte Mommsen zu Gibbon ausgeführt: »Gibbon ist noch das bedeutendste Werk, das je über die römische Geschichte geschrieben wurde. Er bietet eine gute Zusammenfassung und treffende Charakteristiken. In gelehrter Beziehung wird es überschätzt, auch ist es parteiisch, entgegengesetzt zu Tillemont, da Gibbon Atheist« (MOMMSEN, R K 430). Z u Mommsen und Gibbon vgl. B. CROKE, Mommsen on Gibbon, in: Quaderni di storia 32,1990, 47-59.

10

HARNACK, Mission 954 Anm. 1.

"

TH. MOMMSEN, Carmen codicis Parisini 8084, in: Hermes 4, 1870, 350-363 (ZJ 577), Zitat S. 350 (= G S 7, 485).

12

Vgl. hierzu v.a. CROKE, LRE, pass, und ID., Byzantium 274ÍF.

''

Abh. d. kgl. sächs. Gesell, d. Wiss. 2,1850, 547-693 (ZJ 131) = G S 7,536-579 u. 606-632.

226

Kirchenväterkommission

ein Jahr später, d.h. 1851, erschien'4, und an seine Abhandlung zu dem Laterculus des Polemius Silvius aus dem Jahre 185715. Die Aufsätze entspringen sämtlich dem Bestreben, neue Quellen zu erschließen, zu publizieren und auszuwerten, um das historische Verständnis der römischen Vergangenheit im positivistischen Sinne voranzutreiben. Auffallend ist bereits in diesen frühen Arbeiten seine Vertrautheit mit den spätantiken Historikern und den byzantinischen Chronographen, aber auch mit den Konzilsakten der frühen Kirche. Um das Jahr i860 korrespondierte Mommsen eingehend mit Jacob Bernays über die Priscillianistenfrage'6. In der Folgezeit befaßte sich Mommsen immer wieder mit der Spätantike und dem frühen Christentum, sei es im Zusammenhang mit Editionen wie etwa der Chronik Cassiodors'7, sei es durch streng wissenschaftliche Abhandlungen wie über die anonyme Invektive gegen Virius Nicomachus18 oder zu Fragmenten des Johannes von Antiochia und des Johannes Malalas19, sei es durch Rezensionen wie zum ersten Band von Giovanni Battista de Rossis Inscriptiones Christianae urbis Roma¿°, sei es schließlich in Form von Vorträgen wie über die Katakomben Roms, einem Vortrag, den Mommsen 1871 im Berliner Unionsverein hielt und der auch in englischer Übersetzung erschien21. Zudem sammelte er Materialien über das erste Auftreten des Christentums, die für den vierten Band der »Römischen Geschichte« bestimmt waren". Eine Intensivierung seiner Beschäftigung mit spätantiken und frühchristlichen Texten ergab sich im Rahmen seiner Tätigkeit für die Monumenta Germaniae histórica, wo er fur die Edition der Auetores antiquissimi verantwortlich zeichnete*3. Einen weiteren wichtigen Einschnitt bedeutete in dieser Hinsicht seine Begegnung mit Adolf Harnack. Durch ihn erfuhr Mommsen, um Agnes von Zahn-Harnack zu zitieren, »die Theologie als Wissenschaft - eine Verbindung, der er, wie er in drastischer Form gestand, bisher noch nicht begegnet war; er

14

Das Edict Diocletians de pretiis rerum venalium vom Jahre 301, in: Ber. d. sächs. Gesell, d. Wiss. 3,1851,1-62. 383-400 (ZJ 146); vgl. G S 2, 292-322 und TH. MOMMSEN u. H. BLÜMNER, Edictum Diocletiani de pretiis rerum venalium, Berlin 1893 (ZJ 1266).

15

Polemii Silvii Laterculus, in: Abh. d. kgl. sächs. Akad. d. Wiss. 3,1857, 231-277 (ZJ 254) = G S 7, 633-667.

'6

V g l . WICKERT I I I 326.

17

Abh. d. sächs. Akad. d. Wiss. 8,1861, 547-696 (ZJ 313); vgl. G S 7, 668-690.

'8

Carmen codicis Parisini 8084, in: Hermes 4, 1870, 350-363 (ZJ 577) = G S 7, 485-498.

19

Hermes 6, 1872, 323-383. 496 (ZJ 629) = G S 7, 710-750.

20

Archäologische Zeitung 21, 1863, 34**37* (ZJ 379).

11

Im neuen Reich 1871,113-128 (ZJ 615) = R A 294-315; die englische Fassung erschien in: The Contemporary Review 17, 1871, 161-175 (ZJ 618).

22

Vgl. HIRSCHFELD 1041 (947) u. Demandt in MOMMSEN, R K 36fr.

23

Vgl. S. 6 3 ff.

Wie Saul unter den Propheten

227

erlebte in ihm den religiösen Charakter und wurde dadurch in seiner Beurteilung des Christentums als historische·« r> Erscheinung stark beeinflußt24«. Für Mommsen war die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Geschichte des Christentums eine Selbstverständlichkeit; daß sich auch die protestantische Theologie - gerade in ihrer historischen Dogmenkritik - diese Methode zu eigen gemacht hatte, lernte er auf ihn beeindruckende Weise durch Harnack kennen, der - in Anschluß an Schleiermacher, David Friedrich Strauß und Ferdinand Christian Baur 2 ' - Religion als Geschichte verstand und die Historisierung des Christentums vorantrieb. Also wurde Harnack wegen seiner historischen Arbeiten in die Akademie aufgenommen, die »ergänzend und belebend in diejenige Geschichtsforschung eingreifen, welche uns die Gegenwart verständlich macht, wie die griechisch-römische Civilisation eben durch ihre meistenteils gegensätzliche Verschmelzung mit dem im Orient wurzelnden Christenglauben zu einem notwendigen Bestandteil der heutigen geworden ist«*6. In der akademischen Kirchenväterkommission widmete man sich gemeinsam der Aufgabe, die Mommsen in seiner Antrittsrede von 1858 als »Grundlegung der historischen Wissenschaft« bezeichnet hatte, nämlich der Ordnung der »Archive der Vergangenheit«27. In zwei gemeinsamen Publikationen 28 demonstrierten Mommsen und Harnack das sie verbindende wissenschaftstheoretische Konzept. Daß Mommsen darüber hinaus durch Harnack und dessen Arbeiten zu konkreten kirchengeschichtlichen Fragestellungen geführt wurde, ist offenkundig; denn er veröf-

24

ZAHN-HARNACK 266. In diesem Sinne ist wohl ebenfalls die Wendung »Der Harnackfromme Mommsen« zu verstehen, mit der ein Kapitel in Cornelius August Wilkens, Aus den Tagebüchern eines evangelischen Pfarrers (Otium Kalksburgense) aus dem Jahr 1923 überschrieben ist, vgl. WICKERT III 659 Anm. 189.

25

Ich verweise hier nur auf F.W. GRAF, Kritik und Pseudospekulation. David Friedrich Strauß als Dogmatiker im Kontext der positionellen Theologie seiner Zeit, München 1982, i86fF. u. 2o6ff. sowie U. KÖPF, Theologische Wissenschaft und Frömmigkeit im Konflikt: Ferdinand Christian Baur und seine Schüler, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte II, 1988,169-177 mit weiterer Literatur.

26

S B Berlin 1890, 791-793 (ZJ 1193), zitiert nach MOMMSEN, R A 208-210 (= HARNACK, KS i, 4f.), hier: 209 Uf.).

27

SB Berlin 1858, 393-395 (ZJ 272); zitiert nach MOMMSEN, R A 35-38, hier: 37.

28

V g l . A . HARNACK u n d T h . MOMMSEN, ZU Apostelgesch. 28,16 ( Σ τ ρ α τ ο π ε δ ά ρ χ η ς =

Princeps peregrinorum), in: SB Berlin 1895,491-503 ( = HARNACK KS 1, 234-246; SMEND 609). Von Mommsen verfaßt sind die Seiten 495-503 (= MOMMSEN, G S 6, 546-554; Z J 1332); vgl. hierzu auch die Briefe Nr. 55fr. Bei dem zweiten Aufsatz handelt es sich um A. HARNACK und TH. MOMMSEN, Der gefälschte Brief des Bischofs Theonas an den Oberkammerherrn Lucían, in: T U N.F. 9.3, Leipzig 1903,93-117 (SMF.NI) 794b). Mommsens Auslassungen finden sich auf den Seiten 109-11} (= G S 6, 649-652; Z J 1499); vgl. Brief Nr. 38.

228

Kirchenväterkommission

fentlichte erst nach 1888, d.h. nach Harnacks Berufung auf den Berliner Lehrstuhl, seine bedeutendsten Beiträge zur Geschichte des frühen Christentums: »Der Religionsfrevel nach römischem Recht«29, »Der Prozess des Christen Apollonius unter Commodus«30; »Die Rechtsverhältnisse des Apostels Paulus«31, »Papianisches«32 und »Die Pilatus-Acten«33. Hinzu traten die großen patristischen Editionen Mommsens: Die Severinsvita des Eugipp34, der liber pontificalis35 und die Übersetzung der eusebianischen Kirchengeschichte durch Rufin. Diese Arbeiten unterstützte Harnack bereitwillig, indem er zum Beispiel Mommsen bei der Edition des Papstbuches hilfreich zur Seite stand36 und Handschriften und frühere Ausgaben der Kirchengeschichte Rufins ermittelte37. Mommsen wiederum las »Die Mission und Ausbreitung des Christentums«, wie Harnack ausdrücklich in einer Anmerkung hervorhebt, in der ersten Auflage Kapitel für Kapitel und äußerte sich zu den ihm vorgelegten Fragen38. Es ist allerdings zu betonen, daß sich Mommsen trotz seiner Freundschaft und dem intensiven wissenschaftlichen und persönlichen Austausch mit Harnack theologischen Fragen nicht eigentlich öffnete. Die Geschichte des frühen Christentums interessierte ihn unter historischem, philologischem und juristischem Blickwinkel, wobei er die Desiderate der zeitgenössischen historischen und patristischen Forschung erkannte. Eduard Schwartz hat zu Recht daraufhingewiesen, daß Mommsen dort »tief und mächtig« eingegriffen habe, wo es ein Problem des christlichen Altertums gab, das nur durch die Kenntnis »des römischen Wesens« zu lösen war. Doch das seien Episoden geblieben. Weniger zurückhaltend war Louis Duchesne, der am 13. November 1892 an Giovanni Battista de Rossi schrieb: »Mommsen fait ma désolation. Il entre dans l'érudition

19

H Z 64,1890, 389-429 (ZJ 1197) = GS 3, 389-422.

30

SB Berlin 1894, 497-503 (ZJ 1313) = GS 3, 447-454.

51

Z N T W 2,1901, 81-96 (ZJ 1449) = GS 3, 341-446.

31

Z N T W 3,1902,156-159 (ZJ 1476) = GS 6,566-569.

"

Z N T W 3,1902,198-205 (ZJ 1477) = GS 3, 423-430.

34

Eugippii vita Severini, M G H SSrg, Berlin 1898 (ZJ 1371). Zur Eugippius-Ausgabe Mommsens, die die Edition Sauppes im ersten Band der Auetores antiquissimi ersetzte, vgl. die Briefe Nr. 114-119; 126; 128 u. 131b. Gestorum pontificum Romanorum I: Liber pontificalis, pars prior, M G H Gest.pont. 1.1, Berlin 1899 (ZJ 1372).

55

36

Vgl. Lib.pont. S. VIII Anm. 1 sowie die Briefe Nr. 84f.; 87-89; 9if.; 97-99; 102; 128 und 136.

37

Vgl. Brief Nr. 141 vom 9. Mai 1899.

38

Vgl. H A R N A C K , Mission 954 Anm. 1; vgl. des weiteren die Briefe Nr. 169a; 276-278 und 280 mit Anm. 5. Im Nachlaß Harnack in der StBB-PK ist nur die Druckvorlage der zweiten Auflage von 1906 (SMEND 893) erhalten (Kasten 10); schriftliche Anmerkungen oder Ergänzungen von Mommsens Hand waren nicht mehr nachweisbar.

Wie Saul unter den Propheten

229

ecclésiastique comme un rhinocéros dans un champ de vigne, écrasant à droite et à gauche, sans s'émouvoir du dégât«39. Auf Harnacks Kompliment, es sei schön, daß er so tief in die Theologie hineinkäme, habe Mommsen erwidert: »Wenn nur die Theologie mehr in mich hineinkäme« 40 . Die Darstellung des arianischen Konfliktes und der Trinitätsfrage, wie sie Mommsen in seinem Kolleg über die römische Kaiserzeit vortrug, ist denn auch reichlich konventionell und zeigt keine tiefere Kenntnis der zeitgenössischen dogmengeschichtlichen Forschung. Mommsen führte nur aus, man habe oft über das Aufheben gespottet, »das aus einer so nebensächlichen Subtilität gemacht worden ist«. Dies sei jedoch eine verkehrte und oberflächliche Auflassung. »Das tiefste Wesen des Christentums kam in dieser Frage zum Ausdruck: das Verhältnis des Sohnes zum Vater und die Trinität«, denn »wenn Sohn und Vater gleich sind, dann haben wir eine wirkliche Religion, das Unbegreifliche kommt zum Ausdruck. Wenn der Sohn menschengeboren, Gott nur ähnlich ist, wie der Arianismus lehrt, dann ist das nicht der Ausdruck des Wunders, was die gläubige Menschenseele verlangt. Das ist erst durch Athanasius und seine Lehre in die Welt gekommen, und diesem Glauben gehörte mit Recht die Zukunft« 4 1 . Mommsens Desinteresse an theologischen Fragen spiegelt auch sein Briefwechsel mit Harnack wider. Im November 1901 schrieb Harnack, er habe im vorigen Jahr Vorlesungen über das Wesen des Christentums erscheinen lassen, die jetzt viel gelesen würden und »Unruhe, Wißbegierde, Zustimmung und Zweifel« erweckten; im ganzen sei die Wirkung wünschenswert, und er müsse sich im Interesse der evangelischen Kirche und der protestantischen Theologie mit den Reaktionen auseinandersetzen 42 . Harnack hatte, anders gewendet, sein vielbeachtetes Buch, das aus sechzehn Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten hervorgegangen war, im Jahre 1900 Mommsen nicht übersandt, da er wohl wußte, daß seine »Einführung in das Christentum« 43 diesen weder inhaltlich noch methodisch fesseln würde. Ein Vergleich der Korrespondenz zwischen

39

Rossi - DUCHESNE Nr. 559, S. 688; vgl. ebd. Nr. 4s8f.; S. 57of.

40

Vgl. SCHWARTZ, Mommsen 12 (292) und Wickerts Aufzeichnungen über ein Gespräch mit Eduard Schwanz Ende Oktober 1934 (StBB-PK, N L Wickert, Nr. 191). Vgl. überdies SEECK, Mommsen 106: »Obgleich er in einem Predigerhause geboren war, hatte er doch schon seit den Jünglingsjahren zu allem, was die Religion betraf, in einem sehr kühlen Verhältnis gestanden und konnte als alter Mann nicht mehr das fehlende Interesse gewinnen. Zwar hat er auch zur Kirchengeschichte Beiträge geliefert; namentlich in seinen späteren Jahren trat er ihr näher. Doch beschränkten sie sich auf äußere Fragen, wie Christenverfolgung, Papstgeschichte und den Wert einzelner Quellen; in das Innere der religiösen Bewegung hat er niemals einzudringen versucht«.

41

MOMMSEN, R K 533.

42

Brief Nr. 229.

4

KALTENBORN, H a r n a c k 2 0 2 .

'

Kirchenväterkommission

230

Harnack und Mommsen mit dem Briefwechsel, den Harnack mit einem theologischen Kollegen wie Friedrich Loofs 44 etwa unterhielt, ist in diesem Kontext aufschlußreich: Fragen des christlichen Glaubens oder des persönlichen Bekenntnisses sprach Harnack in den Briefen an Mommsen nicht an; auch innerkirchliche Belange spielten keine Rolle. Ihr Briefwechsel beschränkte sich von privaten Äußerungen abgesehen - fast durchweg auf wissenschaftliche und wissenschaftsorganisatorische Gegenstände; folglich übersandte Harnack seine kirchenhistorischen Arbeiten, nicht jedoch seine Äußerungen zu christlichen oder aktuellen kirchlichen Themen 45 . Als Harnack 1892 während des Streites um das Apostolikum heftig kritisiert wurde, stellte Mommsen in der Akademie durch einige lobende Worte, die sich auf eine epigraphische Entdeckung Harnacks bezogen, klar, daß er zu dem Wissenschaftler Harnack stand46; zu den theologischen Implikationen der Diskussion äußerte er sich nicht. In welchem Umfange bei den allwöchentlichen Begegnungen der beiden47 oder bei gesellschaftlichen Treffen im größeren Kreis, wo man über Wissenschaft und Kunst, Politik und persönliche Erlebnisse sprach48, auch religiöse Fragen erörtert wurden, muß offenbleiben 49 . Mag sein, daß er im hohen Alter, sozusagen »als späte Frucht«, auch Verständnis für religiöse Belange aufbrachte50. Immerhin hat Mommsen kurz vor seinem Tode Harnack gegenüber das evangelische Kirchenlied »O Ewigkeit, du Donnerwort« mit großer Bewegung zitiert51 und sich ausbedungen, daß bei seiner kirchlichen Trauerfeier einzig und allein Harnack spreche51. Aber der enge und vertraute Kontakt mit Harnack änderte, so will es scheinen, nichts daran, daß Mommsen dem christlichen Glauben mit »gebilde-

44

Vgl. beider Korrespondenz in der StBB-PK und in der U L B S A .

45

Im Juni 1894 bedankte sich Mommsen fur die Druckfassung der »schönen und ergreifenden Rede«, die Harnack auf dem Evangelisch-sozialen Kongreß in Frankfurt gehalten hatte (Brief Nr. 42); darüber hinaus ist Harnacks sozialpolitisches Engagement nicht Gegenstand der Korrespondenz.

46

ZAHN-HARNACK 204 Anm. 1 (zitiert in Anm. 2 zu Brief Nr. 35).

47

ZAHN-HARNACK 265.

48

A. MOMMSEN 36 (zum »Kränzchen«),

49

SCHMIDT-OTT 36F. bezeugt, er habe bereits ein Jahrzehnt mit Mommsen in Beziehung gestanden, bis es zu einem »persönlichen Ausdruck religiösen Bewußtseins« gekommen sei.

50

Vgl. Harnacks Skizze zu Mommsens 100. Geburtstag (Nr. 300).

51

V g l . ZAHN-HARNACK 562 A n m . 1.

Si

Vgl. GOMPERZ 366. Z u Harnacks Rede bei der Begräbnisfeier vgl. SMEND 793 und MENSCHING, Vossische Zeitung 142-147 (Nugae 79-84). Einen weiteren Versuch, die gesamte Persönlichkeit Mommsens zu würdigen, unternahm Harnack in seiner Ansprache zu dessen 100. Geburtstag am 30. November 1917, vgl. Nr. 300.

Wie Saul unter den Propheten

231

ter, weltmännischer Verachtung« begegnete, die im vierten Jahrhundert »ein Teil der besten Männer« dem Christengott und Mithras entgegenbrachten53. Mit Harnack schätzten andere Kirchenhistoriker der Zeit Mommsens editorische und juristische Kompetenz und ermutigten ihn, diese in den Dienst der patristischen Wissenschaft zu stellen. Zwar meinte Mommsen noch 1895 gegenüber Harnack, die Theologen läsen seine »Lucubrationen« nicht54, doch diese Einschätzung stimmte keineswegs mit der Wirklichkeit überein. Der Neutestamentler Ernst von Dobschütz etwa berief sich »auf Theodor Mommsens meisterhafte Ausgabe der Auetores antiquissimi«, um seine eigene Editionstechnik zu legitimieren55. Erwin Preuschen wiederum, der Herausgeber der Zeitschrift fur neutestamendiche Wissenschaft, forderte Mommsen im Oktober 1900 ausdrücklich auf, »aus einer juristisch und theologisch geschulten Feder« einen Aufsatz über die Rechtsverhältnisse und den Prozeß des Apostels Paulus zu verfassen, und verwies zu diesem Zweck eigens auf Mommsens grundlegende Ausführungen in seinem Römischen Strafrecht56. Damit nicht genug: »Wenn ich daran denke, wie fördernd der Aufsatz über den Religionsfrevel gewirkt hat, so wage ich zu hoffen, daß ein paar Seiten über den Prozeß des Paulus auch manchem Exegeten und Historiker zur richtigen Fährte verhelfen könnte«57. Der Bitte kam Mommsen nach, obgleich er betonte, er wisse darüber nicht »viel Besonderes und Neues zu sagen«: »Dem Juristen wird die folgende Auseinandersetzung, wie ich hoffe, meistenteils als selbstverständlich erscheinen. Aber für den Theologen mag eine derartige Darlegung nicht überflüssig sein«58. 1902 veröffentlichte Mommsen sodann in der Zeitschrift fur neutestamendiche Wissenschaft seinen Beitrag über das in Eusebs Kirchengeschichte überlieferte Papiasfragment59. Der heftigen Kritik, die Mommsen in einem weiteren Beitrag fiir Preuschens Zeitschrift 60 an

53

MOMMSEN, R K 532. R . M . MEYER betonte in seinem Nachruf (Goethe-Jahrbuch 25, 1904, 258-262, hier: 262), Mommsen habe wie Goethe dem Zeitalter der Aufklärung angehört; »auch er , wie der Dichter des >FaustWiderchristdecidirter NichtchristWenn eine Veranstaltung oder Idee an sich gut u. richtig ist, soll man sie ja nicht deßhalb aufheben, weil sie Jahre lang keine Früchte oder Erfolge zu bringen scheint. Immer wird ein Moment kommen, wo das Richtige sich als nützlich u. förderlich erweisen wird.< Nun - Deine Verbindung mit uns ist jedenfalls gut u. wichtig (auch ist es übrigens nicht so, daß sie noch keine Erfolge gehabt hätte); also wird auch der Moment kommen, wo sie nicht nur bescheidne, sondern ausgezeichnete Erfolge haben wird. Alle würden sich höchlichst wundern u. es sehr sehr bedauern, wenn D u Dich der K W . C o m m i s s . entzögest. Also - fort mit den Gedanken! Dein treuer A. Harnack«.

284

Kirchenväterkommission

Die Kirchenväterkommission trat am 12. April 1902 zur ihrer Jahressitzung um 5 Uhr abends in der Privatwohnung von Harnack zusammen'79. Anwesend waren alle Mitglieder außer Jülicher; beratend hinzugezogen wurde Carl Schmidt. Harnack legte den Jahres- und Kassenbericht vor und informierte über den Stand der Kirchenväterausgabe; ausführlich wurde die Finanzierung der Prosopographie verhandelt. Entsprechend Wilamowitz' Vorschlag beschloß man, bei der Wentzel-Heckmann-Stiftung zu beantragen, sie solle die Prosopographie in ihre Unternehmungen aufnehmen und der Kommission hierfür jährlich je 3000 Mark zur Verfügung stellen. Die Griechischen Christlichen Schriftsteller sollten mit 4000 Mark jährlich auf elf statt, wie bisher vorgesehen, auf neun Jahre gefördert werden'80. Der auf den Tag der Sitzung datierte Antrag der akademischen Kirchenväterkommission an das Kuratorium der Wentzel-Heckmann-Stiftung'8' ersucht die Stiftung, »das von der Commission geplante und bereits in Angriff genommene Werk »Prosopographia Imperii Romani saeculi IV.V.VI. in die Zahl der von ihr herausgegebenen Werke aufzunehmen und - voraussichtlich 10 Jahre hindurch - für dasselbe die Summe von je 3000 M. von diesem Etatsjahre an zu gewähren«. Die ausführliche Begründung stellte das von Mommsen angeregte Werk als Fortsetzung der Prosopographia Imperii Romani saec. I.II.III. dar, dem grundlegende Bedeutung für die Erforschung der drei Jahrhunderte von Diokletian bis Justinian zukomme. Dem von Wilamowitz bereits in der Kirchenväterkommission und in der Akademie vorgetragenen Einwand, eine abschließende Prosopographie dieser Epoche könne erst dann erarbeitet werden, wenn das gesamte Quellenmaterial in kritischen Editionen vorliege, begegnete man mit dem pragmatischen Hinweis, dann sei ein personenkundliches Hilfsmittel für diese Zeit in den nächsten hundert Jahren nicht zu verfassen. Die geplante Prosopographie wurde darüber hinaus als »beste Vorarbeit« für eine mögliche Ausgabe der Kirchenschriftsteller des vierten bis sechsten Jahrhunderts bezeichnet. Der Antragsteller skizzierte daraufhin die bisherigen vorbereitenden Maßnahmen und hob besonders die Tatsache hervor, daß über 40 deutsche Kirchenhistoriker »in Würdigung des hohen Zweckes« unentgeltlich ihre Exzerpte zur Verfügung stellten. In Adolf Jülicher habe man einen hervorragend qualifizier-

179

V g l . Harnacks Einladung in A A d W - B B , K V K N r . 1, Bl. 68. V g l . Harnacks Protokollbuch, S. 2.2, § 13 sowie A A d W - B B , K V K N r . i, Bl. 68 (Harnacks Einladung v o m 15. März 1902).

181

Harnacks Entwurf ist den Akten der Kommission beigelegt ( A A d W - B B , K V K N r . 1, Bl. 70); den Schreiber weist Harnack an: »Hrn. Friedrich: Bitte schreiben Sie diese 4 Seiten ab. Es hat keine Eile; denn ich verreise bis zum 22. April u. werde in der Sitzung der Akademie am 24. April mir die Abschrift von Ihnen holen. Harnack.« Das (kalligraphische) Original des Antrages findet sich in dem Bestand der Stiftung: A A d W - B B , Heckmann-Wentzel-Stiftung. Prosopographia Imperii R o m a n i I V . V . V I (II-XI,53).

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

285

ten Wissenschaftler für die Gesamtredaktion und die Herausgabe des kirchengeschichtlichen Teiles gewonnen. Er werde mit M o m m s e n , der den »politischen« T e i l übernommen habe, eng zusammenarbeiten. Nachdem die Akademie eine erste unverbindliche Verpflichtung für das Vorhaben gewährt habe 1 8 2 , habe die Kirchenväterkommission beschlossen, es in den Kreis ihrer Aufgaben aufzunehmen, da »das Werk sich nahe mit dem Unternehmen berührt, welches sie bereits leitet«. Überdies biete nur eine akademische Kommission die Gewähr für die ordnungsgemäße Durchführung der Arbeiten. Über die Finanzierung des Unternehmens sei festzustellen, daß für zehn Jahre ein Betrag von mindestens 3000 M a r k pro Jahr nötig seien, und zwar 1500 Mark jährlich für die kirchengeschichtliche und allgemeine Redaktion, 1 0 0 0 M a r k für die profanhistorische Direktion und 500 M a r k für Hilfsarbeiten. Die Gesamtdauer der beantragten Förderungszeit setzte sich zusammen aus sieben Jahren, die für die Herstellung eines druckfertigen Manuskriptes veranschlagt wurden, und drei Jahren fiir die Drucklegung selbst' 83 . Konkret schlug die Kirchenväterkommission dem Kuratorium der Stiftung vor, fiir die Kirchenväterausgabe nicht mehr 5000, sondern nur 4 0 0 0 M a r k jährlich zu gewähren, »da ihre jährlichen Bedürfnisse 4 0 0 0 M . auch bei thunlichster Beschleunigung der Ausgabe nicht übersteigen werden«. A n dem Voranschlag von 80.000 M a r k wurde allerdings festgehalten, so daß zum Zeitpunkt der Antragsstellung - abzüglich der bisher gewährten 36.000 M a r k - noch 44.000 M a r k für die Ausgabe ausstanden. Diese sollten statt auf neun nunmehr auf elf Jahre à 4 0 0 0 M a r k verteilt werden. D i e dadurch frei werdende S u m m e von 1 0 0 0 Mark jährlich sollte der Prosopographie bewilligt und um 2 0 0 0 M a r k ergänzt werden, so daß die Kirchenväterkommission jährlich 7 0 0 0 M a r k statt den bisher gewährten 5000 M erhielte' 84 . Das Kuratorium der Wentzel-Heckmann-Stiftung faßte daraufhin in seiner Sitzung vom 12. Juli den Beschluß, die Prosopographie in ihre Publikationen aufzunehmen und sie jährlich mit 3000 Mark zu unterstützen, während die Kirchenväterausgabe 4 0 0 0 M a r k erhalten sollte' 85 . D e r Antrag der Kommission 181

Von den 1000 Mark, die die philosophisch-historische Klasse zu Vorarbeiten für die Prosopographie bewilligt hatte, waren am 1. April 1902 noch 484 M 45 Pf. verfugbar, vgl. Harnacks Bericht vom 2. Februar 1903 (AAdW-BB, KVK Nr. i, Bl. 70 und Bl. 76, § II.A).

183

Nur am Rande sei vermerkt, daß es 25 Jahre dauerte, bis die erste Auflage der Prosopographia Imperii Romani saec. I.II.III. in drei Bänden erscheinen konnte, vgl. J O H N E , PIR 21. AAdW-BB, KVK Nr. i, Bl. 70. Vgl. Harnacks Rundschreiben vom 13. Juli (AAdW-BB, KVK Nr. 1, Bl. 73). Zur Sitzung der Stiftung vgl. das Protokoll (AAdW-BB, Heckmann-Wentzel-Stiftung, IIXI,40, Bl. 2of.). Die offizielle Bewilligung der Stiftung (I.Nr. 38$) datiert vom 25. Juli, vgl. aO., KVK Nr. 1, Bl. 74. Harnack wiederum bedankte sich im Namen der Kirchenväterkommission von seinem Urlaubsort Stams in Tirol am 30. Juli bei Auwers für diesen Beschluß, vgl. AAdW, Heckmann-Wentzel-Stiftung, PIR saec. IV.V.VI. (II-

,84 185

286

Kirchenväterkommission

war folglich ohne jede Einschränkung angenommen worden. Auf derselben Sitzung wurde Harnack an Stelle von Adolf Tobler zum Schriftführer des Kuratoriums gewählt 186 . Damit bekleidete der Repräsentant eines Unternehmens, das im hohen Maße von den Zuwendungen der Stiftung profitierte, eine herausragende Position im Kuratorium. Die Gefahr einer Interessenkollision sah man nicht, oder wollte sie zumindest nicht sehen. Harnack unterrichtete bereits am nächsten T a g Jülicher, daß die Stiftung die »Dotation« der Prosopographie mit 3000 Mark jährlich übernommen habe und ihm als Leiter der kirchengeschichtlichen Abteilung und als Hauptredakteur 1500 Mark zustünden; Jülicher habe nun zu bestimmen, von welchem Termin an er in die Arbeit eintreten wolle' 87 . Mommsen ließ die Mitglieder wissen, daß es ihm »sehr erfreulich« sei, die Prosopographie finanziell gesichert zu sehen' 88 . Es blieb, den neuen Sachverhalt in den Sitzungsberichten der Königlich Preußischen Akademie für das Jahr 1902 zu veröffentlichten' 89 . Die Prosopographie war wie zuvor die Kirchenväterausgabe durch eine von der Akademie gewährte »Anschubfinanzierung« begründet worden. Für die langfristige Finanzierung beider Projekte standen die Mittel der Wentzel-Heckmann-Stiftung zur Verfügung. Die definitive Förderungszusage der Stiftung führte zum raschen Aufbau organisatorischer Strukturen und zur Intensivierung der Arbeiten' 90 . A m 1. Januar 1903 übernahm Jülicher sein Amt als kirchenhistorischer Geschäftsführer und Redakteur des Gesamtwerkes. Otto Cuntz und Heinrich Geizer stellten ihre Listen von Konzilsunterschriften dem Unter-

XI,53): »Hochverehrter Herr Sekretär, Im Namen der Akademischen KirchenväterCommission spreche ich dem Curatorium der Wentzel-Stiftung für die Bereitwilligkeit, die Prosopographie in den Kreis der Unternehmungen der Stiftung einzuführen, sowie für die Bewilligung von 3000 Mark (I.Nr. 385) den verbindlichsten Dank aus. In vorzüglicher Hochschätzung - Euer Hochwohlgeboren ergebenster A. Harnack.« 186

187

Vgl. das Protokoll der Sitzung vom 12. Juli 1902 (AAdW-BB, Heckmann-WentzelStiftung, II-XI.40, Bl. 2of.). U B M , N L Jülicher, Ms. 695/404 (Harnacks Brief vom 13. Juli 1903).

188

So lautete sein schriftlicher Kommentar zu Harnacks Rundschreiben vom 13. Juli, vgl. A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 73; Diels fügte hinzu: »Ich freue mich ebenfalls der finanziellen Begründung der Pros.«.

189

S B Berlin 1903, io6f.: »Auf Antrag der für die Kirchenväter-Ausgabe eingesetzten Commission hat die Stiftung die Bearbeitung eines an diese Ausgabe sich eng anschliessenden Werks: Prosopographia Imperii Romani saec. IV.V.VI übernommen und der genannten Commission weiter übertragen. Für 1902 sind der Commission fur dieses neue Unternehmen 3000 M . bewilligt worden, für die Kirchenväterausgabe 4000 M . «.

150

Z u m folgenden vgl. den Arbeitsbericht Harnacks an die Kommissionsmitglieder vom 2. Februar 1903 (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 76, § II.B) und sein Protokoll der Kommissionssitzung vom 18. April 1903 (Harnacks Protokollbuch, S. 25f.).

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

287

nehmen zur Verfügung 1 9 ', während Otto Dibelius 192 als Hilfsarbeiter die Konzilsakten bei Mansi vollständig verzetteln sollte. Gustav Adolf Anrieh übersandte aus Straßburg die Exzerpte aus Sokrates, Sozomenus und Theodoret. Harnack selbst Schloß noch im September 1902 die Verzettelung der Werke des Johannes Chrysostomus ab' 9 3 . Im Februar 1903 1 9 4 erinnerte er die kirchenhistorischen Mitarbeiter in einem Anschreiben, »die fertiggestellten Excerpte w o möglich nicht später als am 1. Juni d.J.« an Jülicher zu senden I9S . A u f der Jahressitzung am 18. April 1903 konnte M o m m s e n seine Exzerpte vorlegen 196 und über seine methodischen Vorstellungen referieren. In Bezug auf die Grundsätze und M e thode für die Exzerpierung ergab sich zwischen M o m m s e n und Jülicher »ein vollkommenes Einverständniß«. Nochmals wurde bekräftigt, daß aus den literarischen Quellen alle Namen, aus den Inschriften und Papyri jedoch nur die N a m e n von Amtspersonen oder »charakteristischen Personen« exzerpiert werden sollten. Damit wurden die bereits bei der Prosopographia Imperii

Romani

191

Vgl. O. CuNTZ, H. G E L Z E R , Α. H I L G E N F E L D , Patrum Nicaenorum Nomina, Leipzig 1898 (Neudruck Stuttgart u. Leipzig 1995 mit einem Nachwort von CHR. MARKSCHIES).

1,2

1880-1967. 1899-1903 Studium in Berlin, v.a. bei Harnack; seit 1906 Pfarrer, seit 1925 Generalsuperintendent der Kurmark; 1933 zwangspensioniert, 1945 Bischof von Berlin, 1949 Vorsitzender des Rats der E K D , 1954 Präsident des Ökumen. Rats. Zu seinem Studium bei Harnack vgl. O. DIBELIUS, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erfahrungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, 55fr., wo allerdings seine Mitarbeit an der spätantiken Prosopographie nicht erwähnt ist.

193

Vgl. seinen Brief an Jülicher vom 22. September 1902 (UBM, N L Jülicher, Ms. 695/ 405). Allerdings hatte Harnack für »Chrysostomus selbst« dessen Werke nicht exzerpiert, »denn ich hatte bald eingesehen, daß eine solche Excerptenreihe für den Bearbeiter wenig brauchbar sein würde. Wer den Artikel >Chrysostomus< schreibt, muß bei den Untersuchungen von Tillemont. Montfaucon etc. einsetzen u. von dort weiter zu kommen suchen«. Bei der Exzerpierung wurde Harnack von einem nicht namentlich genannten Mitarbeiter unterstützt (vgl. seinen Brief an Jülicher vom 18. Juni 1901 [aO., Ms. 695/399]).

194

Z u diesem Zeitpunkt waren von den kirchenhistorischen Mitarbeitern, wie Harnack den Kommissionsmitgliedern berichtete (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 76, § II.C), aus verschiedenen Gründen fünf ausgefallen: »Prof. Hegler ist gestorben, Prof. Voigt in einer Nervenanstalt, die Proff. Bosse, Karl Müller u. Vischer - Basel haben sich zurückgezogen. Doch hat der letztere für Ersatz gesorgt«.

195

Vgl. ein Exemplar des Schreibens in der ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 1576. Am 10. März versicherte Harnack, Loofs solle sich »keine grauen Haare wachsen« lassen, wenn er bis Juni seine Exzerpierungsarbeiten nicht abgeschlossen habe. »Ich fürchte, es werden Wenige fertig sein. Hoffentlich ist bis zum Ende October ein gut Theil fertig« (ebd., Yi 19 IX 1579).

196

Auch hierbei war er unterstützt worden; Ludwig Traube etwa hatte Mommsen prosopographisches Material aus seiner »ziemlich vollständigen Sammlung der antiken Subscriptionen« zukommen lassen (vgl. StBB-PK, N L Mommsen: Traube, Bl. 190 u. 193 [Briefe vom 18. September und 11. November 1901]).

288

Kirchenväterkommission

saec. I.II.III. bewährten Grundsätze bezüglich der Behandlung des epigraphischen und papyrologischen Materials definitiv auf die Prosopographie der Spätantike übertragen; die Masse der Sepulkralinschriften konnte folglich fast gänzlich ignoriert werden. Hirschfeld erbot sich, ein Probeexzerpt aus einem Inschriftenband vorzulegen, wobei er den von ihm herausgegebenen zwölften Band des C I L ins Auge faßte. Des weiteren kam man überein, die Stichworte in der korrekten lateinischen Form zu geben, aber möglichst viele Verweise zu machen; der betreffende Artikel solle stets unter dem »gebräuchlichsten« Namen stehen 197 . Der Kassenbestand von 2976,95 Mark diente als Grundlage für weitere Exzerpierungsarbeiten: für Libanius wurden 300 Mark, für Inschriften und Papyri je 400 Mark zur Verfugung gestellt. Darüber hinaus bewilligte man 7 0 0 Mark für Jülicher. Doch wurde grundsätzlich beschlossen, die Verzettelung der noch nicht zugewiesenen profanen Schriftsteller auf das nächste Jahr zu verschieben und dann erst mögliche Mitarbeiter anzusprechen.

d) Der Fortgang des Unternehmens bis zum Ersten Weltkrieg Das Unternehmen, das so verheißungsvoll begonnen hatte, erlitt einen ersten Rückschlag mit Mommsens Tode am 1. November 1903. Acht Tage später wandte sich Harnack an die Kommissionsmitglieder 198 , um ihnen einen Vorschlag bezüglich der nun vakanten Leitung der profangeschichtlichen Abteilung zu unterbreiten. Die hierfür eingesetzten Mittel von 1000 Mark waren bisher nicht ausgegeben worden, denn »solange Herr Mommsen lebte, ist aber der Beschluß noch suspendirt geblieben, weil nicht sicher war, in welchem Umfange Hr. Mommsen selbst die Leitung der Sache in der Hand zu behalten wünschte«' 99 .

197

Gerade die P A C läßt die hier geforderte Konsequenz in der Behandlung der Namen vermissen, vgl. H. CHANTRAINE, in: Francia 11,1984, 709ff.

198

D.h. Diels, Hirschfeld, von Gebhardt, Loofs und Jülicher. Aus einem Nachtrag vom 15. November ist ersichtlich, warum Harnack am 9. d.M. Wilamowitz nicht anschrieb: »Als ich dieses Circular in Umlauf setzte, glaubte ich Sie noch in Griechenland. Ich bitte nun nachträglich, daß Sie sich zu demselben äußern mögen und das Circular an mich zurückschicken. - Was liegt zwischen den Tagen Ihrer Abreise u. der Gegenwart! Ich hoffe, Sie bald zu sehen. Ihr A. Harnack« (AAdW-BB, K V K Nr.i, Bl. 86). Daß sich Wilamowitz beim Tode Mommsens in Griechenland aufhielt, erwähnt er selbst in seinen Erinnerungen (S. 271); vgl. des weiteren Wilamowitz' Brief an Gilbert Murray vom 26. Dezember 1903 (The Prussian and the Poet. T h e Letters of Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff to Gilbert Murray [1894-1930], hrsg. v. A. Bierl, W . M . Calder I I I u. R . L . F o w l e r , H i l d e s h e i m 1 9 9 1 , N r . 9, S. s8f.) sowie A . MOMMSEN 1 2 7 u n d MOMMSEN - W I L A M O W I T Z 6 5 6 .

199

A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 86.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

289

Jetzt sollte auf Vorschlag von Hirschfeld und Harnack Otto Seeck 2 0 0 in Greifswald angesprochen werden: »Doch hätten Hr. Hirschfeld und der Unterzeichnete sich nicht so damit beeilt, wenn nicht in den Tagen der Begräbnißfeier Mommsens Prof. Seeck aus Greifswald hier in Berlin anwesend gewesen wäre. Ihn hatten Hr. Hirschfeld und der Unterzeichnete bereits vorher als Leiter ins Auge gefaßt. Die Gelegenheit, mit ihm mündlich die Angelegenheit vorher ausführlich (unverbindlich) zu besprechen, durfte nicht vorübergelassen werden. A m vorigen Freitag hat diese Unterredung zwischen Hrn. Hirschfeld und dem Unterzeichneten einerseits und Hrn. Seeck anderseits stattgefunden. Wir fanden Hrn. Seeck bereit, die Leitung zu übernehmen und haben nach einem eingehenden Gespräch ihn auch willig gefunden, das Unternehmen in dem Sinne. Umfang und der Ausführung zu leiten, in dem es bisher von uns geplant ist. Daß er sich im Einzelnen über viele noch schwebende Punkte theils mit der Commission, theils mit Hrn. Jülicher noch wird besprechen müssen, versteht sich von selbst. Demgemäß und in Erwägung, daß Hr. Hirschfeld Seeck nicht nur für geeignet, sondern geradezu für den einzig geeigneten hält, schlage ich, im Einvernehmen mit Hrn. Hirschfeld vor: (1) Hrn. Seeck die Leitung der profangeschichtlichen Abteilung der Prosopographie zu übertragen. (2) Ihm demgemäß eine Summe bis zu 1000 M . jährlich zuzuweisen [er selbst hat erklärt, von dieser Summe nur nach Maßgabe seiner jährlichen Leistungen Gebrauch machen zu wollen, was wir ihm überlassen müssen], (3) ihn in die Commission für die Prosopographie aufzunehmen, (4) ihn zur nächsten Sitzung demgemäß hinzuzuziehen (im April), dort mit ihm den Arbeitsplan festzustellen und somit seine Anstellung vom 1. April 1904 an perfect werden zu lassen. Hinzuziehung auch in die Kirchenväter-Commission scheint mir nicht nothwendig (wir haben m.E. Mitglieder genug). Für eine solche Hinzuziehung könnte m.E. nur das Formale sprechen, daß wir über KirchenväterAusgabe und Prosopographie in derselben Sitzung verhandeln. Indessen läßt sich diese Schwierigkeit wohl dadurch beseitigen, daß wir die Verhandlungen über die Prosopographie 1 1 / 2 - 2 Stunden nach denen über die Ausgabe 201 ansetzen« .

200

101

Den Mommsen wohl schon als seinen möglichen Nachfolger angesehen hatte, vgl. JÜLICHER, Autobiographie 190 (32), zitiert oben in Anm. 175. Zu dem nicht immer ungetrübten Verhältnis zwischen Mommsen und seinem Schüler Seeck vgl. Anm. 3 zu Brief Nr. 150 sowie ST. REBENICH, Otto Seeck und der vierte Band der Römischen Geschichte von Theodor Mommsen (in Vorbereitung). AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 86: Harnacks Rundschreiben vom 9. November 1903.

290

Kirchenväterkommission

D i e Kommissionsmitglieder erklärten sich sämtlich mit Harnacks Vorschlägen einverstanden 1 0 *. D i e erste Sitzung, an der O t t o Seeck als verantwortlicher Leiter der profangeschichtlichen Abteilung teilnahm, fand am 23. April 1 9 0 4 statt 203 . N a c h d e m über die finanzielle Situation referiert worden war 2 0 4 , informierte Jülicher über den derzeitigen Stand des Unternehmens, insbesondere über die Exzerpierungsarbeiten der freiwilligen Mitarbeiter sowie über seine eigenen Bemühungen u m die Bischofslisten. W ä h r e n d die älteren Kollegen fast sämtlich die übernommenen Aufgaben erledigt hätten, stünden eine Reihe von Arbeiten jüngerer Mitarbeiter noch aus; diesen - so wurde beschlossen - sollte der 1. Januar 1905 als letzter T e r m i n gesetzt werden. Könnten sie sich nicht verpflichten, dieses D a t u m einzuhalten, so sollten die Arbeiten anderen für Honorar übergeben werden. F ü r die profangeschichtliche Abteilung hatte Hirschfeld den zwölften B a n d des C I L (Gallia Narbonensis) exzerpiert und das Material Seeck übergeben; zugleich konnte er berichten, daß Bruno Rappaport 2 0 5 C I L X (Unteritalien) und X I (Mittelitalien) verzettelt und Eugen Täubler 2 0 6 die Ber202

A m 26. November 1903 unterrichtete er das Kuratorium der Wentzel-Heckmann-Stiftung, daß die Kirchenväterkommission als Mitglied für die prosopographische Abteilung Otto Seeck in Greifswald aufgenommen habe (AAdW-BB, Heckmann-WentzelStiftung, II-XI.37, Bl. 126a).

103

Harnacks Protokollbuch, S. 27-31. Vgl. hierzu auch den im voraus verschickten Arbeitsbericht Harnacks vom 29. März 1904, der allerdings einzig über den Kassenstand unterrichtete und im übrigen auf das mündliche Referat von Jülicher und Seeck in der Sitzung verwies; A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 90.

104

Einnahmen 5976 M. 95 Pf., Ausgaben 2109 M . 40 Pf., Bestand 3867 M . 55 Pf.

205

Bruno Rappaport (1875-?) wurde 1899 in Berlin mit der Arbeit »De Gotorum invasionibus usque ad Decium« promoviert (vgl. ID., »Die Einfälle der Goten in das römische Reich bis auf Constantin«, Leipzig 1899).

106

Harnack schreibt in seinem Protokollbuch durchweg Teubler, doch ist offensichtlich Eugen Täubler (1879-1953) gemeint (vgl. SB Berlin 1905,107). Seit 1898 studierte Täubler in Berlin Geschichte sowie Klassische und orientalische Philologie an der Universität und hatte gleichzeitig ein Studium am orthodoxen Rabbinerseminar und an der »Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums« begonnen. Mommsen zog den Studenten als Helfer für seine letzten Unternehmungen, v.a. fur die Edition des Theodosianus, heran; 1904 wurde er durch Hirschfeld promoviert. Z u dieser Zeit war er Mitarbeiter der Kirchenväterkommission. 1906 wurde er Leiter des »Gesamtarchivs der Deutschen Juden«, 1910 Dozent fur Jüdische Geschichte an der »Lehranstalt fur die Wissenschaft des Judentums« in Berlin. 1918 Habilitation für Alte Geschichte in Berlin; 1922 ao. Prof. in Zürich; 1925 o. Prof. in Heidelberg; 1933 Demission; 1938 Professor für die Wissenschaft des Judentums an den Berliner »Lehranstalt«; 1941 Emigration in die USA, Prof. am Hebrew Union College in Cincinnati. Vgl. hierzu jetzt E. TÄUBLER, Der römische Staat. Mit einer Einleitung hrsg. v. J . VON UNGF.RN-STF.RNBERG, Stuttgart 1985, S. VIff. sowie die Einleitung von G . ALFÖLDY zu E. TÄUBLER, Ausgewählte Schriften zur Alten Geschichte, Stuttgart 1987, 3fF.; CHANTRAINE, Juden i34ff.; K. CHRIST, Griechische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Stuttgart 1996, 202fr.; HOFFMANN 20iff. und A. HEUSS, Eugen

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

291

liner Papyri bearbeitet hatte. Täubler sollte beauftragt werden, die Arbeit an den Papyri fortzusetzen. Man kam darin überein, daß dort, wo Stundenlohn verabredet war, eine Mark pro Stunde bezahlt werden solle, aber auch Bezahlung nach Stückarbeit zulässig, ja wünschenswert sei. Ausdrücklich festgehalten wurde, daß bei der Exzerpierung darauf geachtet werden müsse, auch weiterhin alle Mönche aufzunehmen. Otto Seeck, der schon in den Tagen vor der Sitzung eingehend mit Jülicher über die Grundsätze des Unternehmens verhandelt hatte, forcierte die Arbeiten an der weltlichen Prosopographie. Er teilte dem Gremium mit, er selbst wolle Libanius übernehmen. Mommsens Vorarbeiten zu den Rechtsquellen, Ammianus Marcellinus, Zosimus, den Festbriefen und zu weiteren Werken seien zwar umfangreich, aber nirgendwo abgeschlossen. Hier sei eine Nacharbeit dringend notwendig. Zunächst müsse jedoch als Grundlage die Chronologie Ammians, der Magistratslisten, der Kaisergesetze und des Libanius erarbeitet werden. Damit hatte Seeck den Bereich seiner Kommissionsaufgaben abgesteckt, die ihn bis zu seinem Tode im Jahre 1921 beschäftigten. Diejenigen profanen Schriftsteller, »welche großes Material und die Grundlage für die Prosopographie enthalten«, hatte er sich zur eigenen Bearbeitung vorbehalten; die »Gruppen zweiten und dritten Rangs« sollten allerdings Exzerptoren überlassen werden. Folgende Gelehrte, die teils von Seeck, teils von den anderen Mitgliedern der Kommission vorgeschlagen wurden, wollte man für die Arbeiten an der weltlichen Prosopographie gewinnen 1 0 7 : Für die Astrologen Wilhelm Kroll 208 in Greifswald, für die Rhetoren Ludwig Radermacher 1 0 9 , für die Ärzte, im besonderen die Alexandriner, Hermann Schöne* 10 , für die Grammatiker eventuell Georg Wentzel 211 oder Karl KrumTäubler Postumus, in: H Z 248,1989, 165-303 (ID., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995,1891-1929) mit weiterer Literatur. 107

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 30Î.

208

1869-1939. 1891 Promotion in Bonn; 1894 Privatdozent für Klassische Philologie in

209

1867-1952. 1891 Promotion in Bonn; 1897 Privatdozent für Klassische Philologie in

Breslau; 1899 o. Prof. in Greifswald, 1906 in Münster, 1913 in Breslau. Bonn; 1903 ao. Prof. in Greifswald, 1906 in Münster: 1909 o. Prof. in Wien. 110

1870-1941. Promotion 1894 in Bonn; 1898 Privatdozent für Klassische Philologie in Berlin; 1903 ao. Prof. in Königsberg; 1906 o.Prof. in Basel, 1909 in Greifswald, 1916 Münster.

1,1

Harnack schreibt »Wenzel«, doch ist offensichtlich Wilamowirz' Göttinger Student Georg Wentzel (1862-1919) gemeint, der 1888 von Wilamowitz mit der Arbeit »' Ε π ι κλήσεις θεών sive de deorurn cognominibus per grammaticorum Graecorum scripta dispersis« promoviert wurde; zuvor hatte er in Berlin mit Mommsen über Claudian g e a r b e i t e t ( v g l . MOMMSEN - WILAMOWITZ, N r . 2 1 8 , S . 2 6 8 ) ; 1 9 1 9 s t a r b er als a o . P r o f . f u r

Klassische Philologie in Berlin. Z u seiner Charakterisierung vgl. W11.AMOWITZ, Erinnerungen 285f. und CAI.DER/FOWLER 25 Anm. 87. Es darf vermutet werden, daß Wilamowitz ihn ins Gespräch brachte, vielleicht mit einer gewissen Skepsis, da Wentzel

Kirchenväterkommission

292

bâcher 1 1 2 ; für die landwirtschaftlichen Autoren wurde Paul Eugen Oder ins A u g e gefaßt 1 1 3 , für die kriegswissenschaftlichen Schriftsteller Johannes Kromayer 2 ' 4 , fur die Astronomen und Mathematiker Johan Ludvig Heiberg 2 1 5 , für die »Alchymisten« der Orientalist Georg Hoffmann, aber auch Richard Reitzenstein 2 ' 6 ; die Metrologen wollte Seeck im Verein mit Erich Pernice 217 bearbeiten, die Physiognomiker sollten Richard Förster 2 ' 8 übergegeben werden, die Philologen eventuell A d o l f Busse 1 ' 9 , die lateinischen Grammatiker Franz Skutsch 2 2 0 , und die

212

113

114

subscriptiones

in den Handschriften lateinischer Autoren

»zuviel anfing und am Ende zu nichts kam« (WILAMOWITZ, Erinnerungen 285). 1856-1909. Byzantinist. 1883 Promotion in München; 1884 Privatdozent; 1892 ao. Prof. für mittel- und neugriechische Philologie in München; gründete 1892 die Byzantinische Zeitschrift. Paul Eugen Oder (1862-?) wurde 1886 in Bonn promoviert, edierte das Corpus hippiatricorum Graecorum und verfaßte »Beiträge zur Geschichte der Landwirtschaft bei den Griechen« (1893). Harnack merkte an: »aber er ist leidend« und fügte später hinzu: »ist erledigt in Bezug auf die Viehdoktoren durch Radermacher«. 1859-1934. Althistoriker. 1888 Promotion in Straßburg; danach als Lehrer tätig. 1898 Habilitation in Straßburg; 1902 ao. Prof., 1903 o. Prof. für Alte Geschichte in Czernowitz, 1913 in Leipzig. Gemeinsam mit dem Militär Georg Veith legte er grundlegende Arbeiten zu den antiken Schlachtfeldern und dem antiken Heerwesen vor. Seine Mitarbeit war wohl - wie die Oders - recht ungewiß, denn Harnack setzte hinter seinen Namen ein Fragezeichen.

215

1854-1928. Dänischer Klassischer Philologe und Freund Wilamowitz'; Promotion 1879 in Kopenhagen; 1896-1925 Professor fur Klassische Philologie (bis 1911 auch für Archäologie) in Kopenhagen; 1915/16 Rektor der Universität. Heiberg edierte mathematische und astronomische Texte. Vgl. A. ADLER, Dansk Biografisk Leksikon 6, Kopenhagen 1980,162-165 und J. MEJER, Wilamowitz and Scandinavia: Friendship and Scholarship, in: CALDER, Wilamowitz 513-537.

216

Georg Hoffmann (1845-1933) war o. Prof. für orientalische Sprachen in Kiel. Z u dem Klassischen Philologen und Religionshistoriker Richard Reitzenstein (1861-1931) vgl. Anm. 3 zu Brief Nr. 167.

217

1864-1945. Archäologe. 1894 Privatdozent in Greifswald (dort hatte er sich mit einer Arbeit über griechische Gewichte habilitiert), 1895 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Antiquarium der Berliner Museen; 1897 Direktorialassistent der Königlichen Museen in Berlin; 1903 ao. Prof. der Archäologie in Greifswald, 1907 o. Prof. ebenda. Z u Pernice vgl. R. LULLIES U. W. SCHIERING, in: idd. (Hrsgg.), Archäologenbildnisse, Mainz 1988, ij6f.

218

1843-1922.1868 Privatdozent für Klassische Philologie in Breslau, 1873 ao. Prof. in Breslau; 1875 o. Prof. in Rostock; 1881 o. Prof. für Klassische Philologie und Archäologie in Kiel, 1890 in Breslau. 1893 edierte er in zwei Bänden die »Scriptores physiognomici Graeci et Latini«.

219

Adolf Busse (1856-?) war Direktor des Askanischen Gymnasiums in Berlin und gab die Commentarla in Aristotelem Graeca mit heraus.

220

1865-1912.1890 Privatdozent, 1896 o. Prof. für Klassische Philologie in Breslau. Verfaßte 1893 »Forschungen zur lateinischen Grammatik und Metrik«.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

293

waren nach Otto Jahns Ausgabe 2 2 1 auszuwerten. Bezüglich der griechischen Inschriften wurde beschlossen, daß Bruno Rappaport »mit dem paratliegenden Material« beginnen und Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen »um N a c h weise angegangen werden« solle. In Österreich wollte man zur Erfassung des inschriftlichen Materials bei Otto BenndorP 2 2 und Wilhelm Kubitschek 223 anfragen. Zugleich hielt Harnack fest, »natürlich müssen auch die zahlreichen Zeitschriften (z.Th. auch ausländisch-theologische) und Privatpublikationen durchgesehen werden«, ohne jedoch fur diese Aufgabe bereits N a m e n zu nennen 1 1 4 . Für die koptischen Quellen wurde Carl Schmidt vorgesehen, für die Schriften des Schenute von Atripe Johannes Leipoldt 225 . Die Acta

Sanctorum

hingegen wollte man den Bollandisten anvertrauen, und Harnack wurde beauftragt, an sie zu schreiben, »ob sie nicht die Aufgabe für uns machen wollen«. Damit waren zum ersten M a l katholische Wissenschaftler zur Mitarbeit an der Prosopographie zumindest vorgesehen. A u f der Sitzung vom April 1904 bemühte man sich mithin um die systematische Erfassung der noch nicht verteilten orientalischen Quellen, vor allem aber der profanen Autoren und der Inschriften 226 . Für die beiden letzten Bereiche war in der Anfangsphase -

im

Gegensatz zur kirchengeschichtlichen Abteilung — kein großer Mitarbeiterstab zusammengestellt worden, da die Kommissionsmitglieder hier Mommsen, der die Sache zunächst allein anging, völlig freie Hand gelassen hatten. Jetzt wurde

211

O. JAHN, Über die Subscriptionen in den Handschriften römischer Classiker, in: Berichte der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1851, 327-372. Offensichtlich waren die Auszüge, die Ludwig Traube aus seiner Sammlung der subscriptiones Mommsen hatte zukommen lassen, nicht vollständig oder verlorengegangen (vgl. Anm. 196).

211

Vgl. Anm. 2 zu Brief Nr. 32.

225

W. Kubitschek (1858-1936), Schüler O. Hirschfelds und Benndorfs; 1881 Promotion in Wien; darauf ein Semester in Berlin, um bei Mommsen zu studieren; 1888 Privatdozent für Alte Geschichte in Wien; 1896 ao. Prof. fur römische Altertumskunde in Graz; 1897 Kustos am Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums und ao. Prof. für römische Altertumskunde in Wien; 1910-16 Direktor des Münzkabinetts; 1905 o. Prof. in Wien. Z u ihm vgl. ebenfalls Ö B L 4,1969, Graz/Köln 1969, 314^

224

Dies geschah allerdings nicht systematisch, wie Eltester in einem Brief an Jülicher aus dem Jahr 1934 feststellte, vgl. unten S. 318.

225

J . Leipoldt (1880-1965) studierte von 1899 bis 1904 Theologie und orientalische Sprachen in Leipzig und Berlin; 1905 Privatdozent für Kirchengeschichte in Leipzig, 1906 in Halle; 1909 o. Prof. für Neues Testament in Kiel, 1914 in Münster, 1916 in Leipzig. Leipoldts Editionen der Werke Schenutes finden sich im C S C O 41 (1906); 42 (1908); 73 (1913)·

226

Über den Verlauf der Sitzung schrieb Harnack am 25. April 1904 an Loofs, der krankheitsbedingt fehlte: »In der Sitzung kam für die K K W Ausgabe nichts Großes vor; die Prosopographie wurde mit Seeck nach allen Seiten besprochen« (ULBSA, N L Loofs: Harnack, Yi 19 IX 1585).

Kirchenväterkommission

294

versucht, auch fur den weltlichen Teil der Prosopographie ausgewiesene Wissenschaftler zu gewinnen. Die Philologen und Profanhistoriker nahmen diese Anfrage indes nicht ganz so wohlwollend auf wie ihre kirchenhistorischen Kollegen, wie eine von Otto Seeck für die Sitzungsberichte von 1909 verfaßte Übersicht über die bisher geleisteten profangeschichtlichen Arbeiten bezeugt" 7 . Danach hatte Theodor Mommsen Ammianus Marcellinus, Zosimus, den Codex Theodosianus und den Codex Justinianus exzerpiert, Bruno Rappaport das ganze CIL mit Ausnahme von Band XII, den Otto Hirschfeld bearbeitet hatte. Eugen Täubler" 8 hatte zahlreiche papyrologische Corpora und altertumswissenschaftliche Zeitschriften verzettelt, während österreichische Gelehrte, die nunmehr ebenfalls an der Prosopographie mitwirkten, griechische Inschriften auswerteten" 9 . Seeck selbst hatte Libanius, Eunaps Vitae sophistarum und andere kleine Schriften ausgezogen, und zwei Hilfsarbeiter der Kommission, Karl Schlabritzky und Erich Sander, hatten damit begonnen, Photius' Bibliothek, Tzetzes und Johannes Lydus zu exzerpieren. Von den um Unterstützung gebetenen Klassischen Philologen hatten nur Ludwig Radermacher die Hippiatriker und Wilhelm Kroll die astrologischen Schriften bearbeitet. Im Jahr 1904 wurde in den Sitzungsberichten der Akademie zum ersten Mal die »Prosopographie von Diocletian bis Justinians Tod« als eigenständiges Unternehmen aufgeführt. Es folgte der Hinweis, daß das Kuratorium der WentzelHeckmann-Stiftung das Unternehmen im Herbst 1902 in die Zahl der von ihr herausgegebenen Publikationen aufgenommen hatte. Sodann wurden die Leiter der kirchenhistorischen und der profanhistorischen Abteilung, also Adolf Jülicher und Otto Seeck, vorgestellt. Schließlich hieß es: »Die Commission beklagt hier wie in Bezug auf die Ausgabe der Kirchenväter den Verlust ihres Mitgliedes Hrn. Mommsen auf s tiefste. Er hat die Arbeiten nicht nur mitgeleitet - der Plan der Prosopographie gehört ihm an, und die Durchführung lag ihm besonders am Herzen - sondern er hat auch selbst mitgearbeitet Seine umfangreichen Excerpte für die Prosopographie sind Hrn. Seeck anvertraut worden, den die Commission an seiner Stelle zum Mitglied gewählt hat«130. Zunächst machten die Arbeiten auch nach Mommsens Tod gute Fortschritte. Auf der Sitzung vom 29. April 1905231 teilte Jülicher mit, daß die den einzel-

217

SB Berlin 1909, i54ff.

228

Auch hier ist versehentlich Teubler geschrieben.

229

Hier wurden insbesondere Assunta Nagl und die Schüler Eugen Bormanns: Edmund Groag (1873-1945) und Arthur Stein (1873-1950) genannt. Z u letzteren vgl. CHANTRAINF., Juden i26ff.

2.0

S B Berlin 1904, 248.

2.1

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 36-38 sowie SB Berlin 1905, 107.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

295

nen Bearbeitern zugewiesenen Migne-Bände fast vollständig exzerpiert seien 2 ' 2 , und auf Hirschfelds Antrag hin wurde beschlossen, den freiwilligen Mitarbeitern den Dank der Kommission auszusprechen, den Jülicher und Hamack entwerfen und den alle Mitglieder namentlich unterzeichnen sollten 2 ' 3 . So war zwar der einst angestrebte Abgabetermin der Exzerpte, der 1. Juni 1903, nicht eingehalten worden, was angesichts der gigantischen Materialfulle nicht verwundert, aber die selbstlose Leistung der kirchengeschichtlichen Mitarbeiter war dennoch beeindruckend, die fast alle ihr Material unentgeltlich zur Verfügung stellten, allein von der Hoffnung getragen, ein kostenloses Belegexemplar der Prosopographie zu erhalten und einen bleibenden Beitrag zu einem Großprojekt der Berliner Akademie geleistet zu haben. Seeck kündigte in nämlicher Sitzung den Abschluß seiner chronologischen Arbeit zu den Briefen des Libanius, die in dem Archiv der Kommission »Texte und Untersuchungen« erscheinen sollte, für Ende des Jahres an 234 . Gleichzeitig legte er den Entwurf einer Anweisung zur Ausfertigung der Exzerpte fïir die Mitarbeiter an dem profanen Teil der Prosopographie vor. Otto Hirschfeld, der die Exzerpierung des C I L beaufsichtigte, wurden 1905 Mittel in Höhe von 500 Mark zur Verfugung gestellt. Schwierigkeiten traten bei der Bearbeitung der Konzilsakten auf, weil hierfür die nicht bei Migne und Mansi erfaßte Überlieferung auszuwerten war. Da die Bollandisten es abgelehnt hatten, die Acta Sanctorum zu verzetteln, beschloß man, zunächst den bedeutenden katholischen Patristiker Albert Ehrhard, der ja bereits bei der Kirchenväterausgabe mitarbeitete235, um Rat zu fragen. Ehrhard erklärte sich gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Pfeilschifter 23 bereit, diese Aufgabe zu übernehmen 237 . Somit hatte das prosopographische Unternehmen endgültig die anfänglichen konfessionellen Schranken überwunden 2 ' 8 . Wie hoch die Kommission die Unterstützung durch die beiden katholischen Theologen

2,2

Laut SB Berlin 1905,107 fehlten »immer noch ein paar Briefe« aus der Patrologia Latina, denn Heinrich Boehmer hatte Ende November 1904 endgültig abgesagt, Friedrich Kropatscheck seine Sammlungen noch nicht eingeliefert und Cassiodor verlor wiederholt seinen Bearbeiter. Zwar hofFte Jülicher, »daß vor Mitte 1906 auch der lateinische Migne bis auf den letzten Rest erledigt sein wird«, doch zeigen die Eintragungen der nächsten Jahre, daß dies nicht der Fall war (vgl. z.B. SB Berlin 1906,144; ebd. 1907, 86).

233

Weder der Entwurf noch ein gedrucktes Schreiben sind erhalten.

234

O. SEECK, Die Briefe des Libanius zeitlich geordnet, Leipzig 1906. Vgl. S. 177; 182ÍF. G. Pfeilschifter (1870-1936); 1894 Priester; 1900 Prof. fiir Kirchengeschichte und Patrologie in Freising, 1903 in Freiburg i.Br., 1917 in München.

235 236

237 238

Vgl. Punkt 4 der Kommissionssitzung vom 28.4.1906 (Harnacks Protokollbuch, S.43). Man beachte in diesem Zusammenhang Harnacks Äußerung in seinem Antrag an die Wentzel-Heckmann-Stiftung vom 29. April 1906, die Zuwendungen von 3000 auf 4000 Mark anzuheben: »Noch gestatte ich mir dem Kuratorium mitzutheilen, daß

296

Kirchenväterkommission

veranschlagte, zeigt deutlich der Sitzungsbericht des Jahres 1905: »Den werthvollsten Gewinn hat das verflossene Jahr dadurch gebracht, dass im Sommer die H H . Ehrhard und Pfeilschifter in Strassburg und Freiburg in dankeswerther Weise ihre Mitarbeit in Aussicht stellen«. Ihre Arbeit, die Erfassung der Acta Sanctorum und der hagiographischen Literatur, hieß es weiter, werde »Jahre erfordern« 239 . D i e Sichtung und Systematisierung des bisher Geleisteten und die Verteilung des noch nicht bearbeiteten Materials beschäftigte die Zusammenkünfte der Kommission in den nächsten Jahren. A u c h machte man sich bereits Gedanken über die zukünftige Gestaltung der Prosopographie, ohne jedoch Beschlüsse zu fassen, »da der Zeitpunkt für solche noch nicht gekommen 1st« 240 . Dabei blieben Spannungen nicht aus. N a c h der Kommissionssitzung vom 28. April 1 9 0 6 gerieten Seeck und Wilamowitz auf dem Heimweg noch heftig aneinander 1 4 '. Möglicherweise nahm Wilamowitz - ebenso wie Hirschfeld - an Seecks Berichterstattung und Rechnungsführung Anstoß 2 4 2 . N o c h immer war es ihm jedenfalls »sehr leid, dass die unsinnige Prosopographie das Geld frisst«, das in seinen Augen für die Kirchenväterausgabe besser verwendet werden könnte 2 4 3 . In der T a t verfügte man über genügend finanzielle Mittel, um die noch ausstehenden Exzerpte zum Teil durch Hilfsarbeiter anfertigen zu lassen 244 . 1906 wurden die jährlichen Zuweisungen von 3 0 0 0 auf 4 0 0 0 Mark angehoben 245 ; auch im verflossenen Jahre wiederum zahlreiche Gelehrte - diesmal katholische Theologen - unentgeltliche Arbeit fur die Prosopographie geleistet haben und diese Arbeit auch im laufenden Jahr fortsetzen« (AAdW-BB, Heckmann-Wentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI [II-XI,53l). Es steht wohl außer Frage, daß hiermit Ehrhard und Pfeilschifter (mit ihren Mitarbeitern) gemeint sind; vgl. des weiteren JÜLICHER, Autobiographie i9of. (32f.). 139

SB Berlin 1905,107.

240

Harnacks Protokollbuch, S. 38, § 6.

241

Vgl. Hirschfelds Brief an Harnack vom 29. April 1906 (StBB-PK, N L Harnack: Hirschfeld, Bl. 8).

141

Vgl. hierzu Harnacks Protokollbuch, S. 43, § 3: Hirschfeld wünschte von den beiden Geschäftsführern der Prosopographie eine ausfuhrlichere Darlegung über den Stand der Arbeiten, wurde jedoch auf die nächste Zusammenkunft vertröstet. Hirschfeld, der für die Prüfung der Rechnungsführung zuständig war (»ich habe ja den Auftrag, Oberrechnungskammer zu spielen« [StBB-PK, N L Harnack: Hirschfeld, Bl. 11: Brief vom 22. April 1904]), monierte darüber hinaus in seinem Brief an Harnack vom 29. April 1906 (aO., Bl. 8), die letzte Quittung, die Seeck eingereicht habe, trage weder Ort noch Datum, und eine andere sei auf einen falschen Betrag ausgestellt.

Mi

Vgl. Wilamowitz' Brief an Eduard Schwartz vom 10. Mai 1904 (CAI.DER/FOWLER 57).

144

Vgl. hierzu Jülichers Brief an Harnack vom 28. Juni 1906 (StBB-PK, N L Harnack: Jülicher, Bl. 27f.).

MS

Vgl. SB Berlin 1905,143; 1906,105; 1907,85; 1908, no; 1909,153; 1910,95; 1911,117; 1912, 89; 1913, 142; 1914, IJ8 und die Abrechnungen in den Unterlagen der Wentzel-Heck-

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

297

davon konnte immer ein gewisser Betrag für den geplanten, sehr aufwendigen Druck der Prosopographie thesauriert werden. Daß eine Drucklegung hohe Kosten verursachen würde, war 1906 bereits abzusehen: Damals lagen schon 20.000 Quartblätter mit prosopographischen Daten vor, und man rechnete mit 8000 bis 10.000 Personen 240 . Mittlerweile hatte Seeck neben Libanius auch Themistius erschlossen und chronologisch untersucht, Rappaport arbeitete eifrig an den epigraphisch bezeugten Namen, und Hilfskräfte überprüften die Konzilsakten. Das zum größten Teil durch freiwillige Mitarbeiter zusammengetragene Material aus Migne war 1906 nach Auskunft Jülichers »grösstentheils beisammen« - doch sah der kirchengeschichtliche Geschäftsführer jetzt voraus, daß »absolute Vollständigkeit« nicht zu erreichen sei, »wohl aber ein höchst bedeutender Fortschritt in Umfang und Sicherheit über Vorarbeiten wie Tillemont und Smith-Wace hinaus. Aber wenn die grosse Untersuchung in wirklich grossem Stil durchgeführt werden soll, wird sie noch mehrere Jahre kosten, und auch noch weitere Summen zur Honorirung von Hilfsarbeitern werden unentbehrlich sein« 147 . Noch in der Phase der Vorarbeiten, nämlich am 23. April 1906, fragte die Hinrichs'sche Buchhandlung in Leipzig bei Harnack bezüglich der Prosopographie an. M a n habe gehört, daß unter Harnacks Oberleitung ein neuer großer wissenschaftlicher Plan in Angriff genommen worden sei: Die »Prosopographie der vormittelalterlichen Schriftsteller«. Er möge deshalb seinen Einfluß dahin geltend machen, daß auch die Veröffentlichung dieses Werkes der Verlagsbuchhandlung J . C . B . Hinrichs in Leipzig anvertraut werde 248 . Daß der Verlag Kunde über das geplante Werk erhielt, kann angesichts der Vielzahl der Mitarbeiter kaum überraschen. Andererseits wirft es ein bezeichnendes Licht auf den Stand des Unternehmens, daß nicht Harnack, sondern der Verlag die Initiative ergriff. Für die Kommission lag die Drucklegung in weiter Ferne. Der Verlag wiederum, der sowohl die »Griechischen Christlichen Schriftsteller« als auch die »Texte und Untersuchungen« herausgab, wollte rechtzeitig ein altertumswissenschaftliches Standardwerk in sein Programm aufnehmen, dessen Druck und Vertrieb

mann-Stiftung (AAdW-BB, Heckmann-Wentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI [ I I - X I ^ ] ) . Zur Erhöhung der Zuwendungen der Wentzel-Heckmann-Stiftung im Jahre 1906 vgl. Harnacks Antrag vom 29. April 1906 (aO.); in der Kommissionssitzung am 28. April »wurde beschlossen für 1906 vom Kuratorium der Wentzel-Stiftung 4000 M zu ersuchen« (Harnacks Protokollbuch, S. 43, § 2). 246

Vgl. SB Berlin 1906,144.

147

S B Berlin 1906, 145.

148

A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 95. Auf diesem Schreiben ist von fremder Hand, möglicherweise von Walther Eltester, vermerkt: »Dieser Antrag ist, wie aus der Korrespondenz mit Seeck von 1916/17 hervorgeht, wenn auch noch nicht direkt genehmigt, so doch mindestens dazu in Aussicht genommen«.

298

Kirchenväterkommission

Gewinn abzuwerfen versprach. Die Kirchenväterkommission sicherte der Hinrichs'schen Buchhandlung daraufhin zu, »daß, wenn die Sache bis zur Drucklegung gefördert sein wird, die Commission in erster Reihe ihren Vorschlägen entgegen sehen wird« 249 . A n eine Drucklegung war aber nicht zu denken. Während die Kirchenhistoriker in beachtlicher Zeit die zugewiesenen Bände exzerpiert hatten und Jülicher intensiv mit der Ordnung und Auswertung des umfangreichen Materials beschäftigt war 25 °, wollte das Unternehmen im profanen Bereich nicht so recht vorangehen. Auf der Jahressitzung 1907, die am 20. April in Harnacks Haus stattfand und an der nunmehr auch Karl Holl teilnahm 25 ', regte Otto Hirschfeld, der sich nach Mommsens T o d verstärkt für die Prosopographie einsetzte, an, daß mit Seeck, der nicht anwesend war und dessen Bericht verlesen wurde, »in Bezug auf ein schnelleres Tempo der zu excerpirenden Werke Rücksprache genommen werden solle«. Harnack drängte sich überhaupt der Eindruck auf, die Hilfsarbeiter hätten in diesem Jahr allesamt gestreikt; aber er versicherte, mit Seeck »in diesem Sinn« zu verhandeln 252 . Des weiteren mahnte Hirschfeld eine Liste der exzerpierten Schriften und Corpora an, eine Forderung, die er auf der Sitzung im nächsten Jahr erneut erhob 253 , bis Seeck schließlich ein Verzeichnis der bearbeiteten Quellen vorlegte, das in den Sitzungsberichten veröffentlicht wurde 254 . Eine vergleichbare Zusammenstellung für die kirchenhistorischen Auszüge war ebenfalls begonnen, aber nicht fortgeführt worden 255 . Eine vollständige Liste aller exzerpierten Quellen fehlte - ein Versäumnis, das sich in späteren Jahren bitter rächen sollte. 1908 meldeten die Sitzungsberichte der Akademie, daß die Arbeiten in ordnungsgemäßer Weise fortgesetzt worden seien 256 . Damit war die Tatsache ele-

249

Harnacks Protokollbuch, S. 44, § 8.

250

Vgl. S B Berlin 1907, 86.

151

Holl war 1906 zum ordentlichen Professor der Kirchengeschichte nach Berlin berufen und zugleich als Mitglied in die Kirchenväterkommission aufgenommen worden; ihm wurde auf der Sitzung des folgenden Jahres die Revision des Kassenberichtes übertragen, eine Aufgabe, die bisher Hirschfeld wahrgenommen hatte und die Holl bis in die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ausübte.

152 2

"

254 255

Harnacks Protokollbuch, S. 51, § 3. Ebd. S. 55, § 4 . Vgl. S B Berlin 1909, 154fr. Harnack wies in seinem Brief an Jülicher vom 22. Mai 1901 ( U B M , N L Jülicher, Ms. 695/397) darauf hin, er habe bereits angefangen, eine entsprechende Liste anzulegen. Jülicher hat dieses Verzeichnis offensichtlich nicht systematisch weitergeführt, wie aus Walther Eltesters Bericht über einen Besuch bei Jülicher am 22. und 23. April 1932 hervorgeht (in: A A d W - B B , K V K N r . 9).

256

S B Berlin 1908,112.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

299

gant umschrieben, daß es im Vergleich zur Anfangsphase nur recht schleppend voranging. I m profanen Bereich nahm man die byzantinischen Chronographen und Literaturhistoriker sowie weitere epigraphische Sammlungen in Angriff. U m die griechischen Inschriften machten sich auf Jahre hindurch vor allem E d m u n d G r o a g und seine Mitarbeiter in Wien verdient 257 . Erfreulich schien sich die Zusammenarbeit mit Ehrhard und Pfeilschifter zu gestalten. D i e von Ehrhard und seinen Mitarbeitern übernommenen hagiographischen Quellen, hieß es in den Sitzungsberichten von 1909, seien vollständig exzerpiert und bedürften nur noch der Uberprüfung. Pfeilschifter und sein Stab meldeten gar, die Verzettelung der ihnen zugewiesenen 19 Bände AASS und 15 Bände Analecta Bollandianasú

zum Sommersemester 1909 abgeschlossen; es stehe nur noch das

Martyrologium

Hieronymianum

aus 258 . In demselben Jahr legte Seeck seine be-

reits erwähnte Übersicht über die bisher exzerpierten Quellen vor, während Jülicher »eine Art vermehrte und verbesserte Ausgabe von Lequien's Oriens christianus 259 für die hierhergehörigen Jahrhunderte« 2 0 0 erstellte. Er kündigte an, im nächsten Jahr ein ähnliches Werk für den Okzident abzuschließen, um fur einen besonders wichtigen Teil der kirchlichen Prosopographie, die Bischofslisten, einen sichereren und geographisch zuverlässigeren Rahmen zu schaffen 2 6 1 . Jülicher hatte folglich unmittelbar nach dem Beginn seiner verantwortlichen Tätigkeit die Bedeutung eines auf kritischen Quellenstudien beruhenden, chronologisch und geographisch möglichst exakt differenzierten Verzeichnisses der christlichen Bischofssitze erkannt. D i e zeitlichen Vorgaben für dessen Ausarbeitung erwiesen sich jedoch als illusorisch. Jülicher und die anderen Kommissionsmitglieder unterschätzten die Schwierigkeiten einer zuverlässigen Bischofschronologie: N o c h A n f a n g der dreißiger Jahre beschäftigten sich Mitarbeiter der Kommission mit der Überarbeitung und Systematisierung der überlieferten Bischofslisten 2 6 2 . So verbreiterte sich die Materialbasis weiterhin, aber die Abfassung der prosopographischen Artikel stand noch immer aus. Jülicher hatte unter anderem darauf hingewiesen, daß sich vor dem Eintreffen der Exzerpte aus den Acta Sanctorum eine abschließende Bearbeitung nicht empfehle. U m die Geschäfts-

1,7

Der Kassenbericht vom 2. Mai 1915 weist 363 Mark fur Arbeiten und Exzerpte von Groag in Wien aus, der des folgenden Jahres (4. April 1916) 132 Mark; vgl. AAdW-BB, KVK Nr. ι, Bl. 113 u. 115.

158

Vgl. SB Berlin 1909, i$ 4 (.

159

MICHEL LE QUIEN, Oriens christianus, 3 Bde., Paris 1712 (u.ö. N D Graz 1958). Es

handelt sich hierbei um ein Standardwerk für die Geschichte der Bischofssitze der östlichen Christenheit, das auf eingehenden Quellenstudien beruht. 160

SB Berlin 1909,154.

161

Vgl. ebd.

161

Vgl. A A d W - B B , K V K Nr. 9 (II-VIII,I67).

300

Kirchenväterkommission

fiihrer, die beide nicht zu der Kommissionssitzung am 24. April 1909 erschienen, an die Einhaltung der zeitlichen Vorgaben zu erinnern, wurde beschlossen, sie sollten bis zum 1. März des nächsten Jahres einige Probeartikel in deutscher Sprache vorlegen. Dann wollte man ebenfalls die Frage behandeln, ob die Prosopographie - wie ihr Vorgängerwerk, die Prosopographia Imperii Romani saec. I.II.III- lateinisch abzufassen sei263. Anläßlich der Zusammenkunft am 24. April 1910 stellten Jülicher und Seeck sodann ihre Prosopa vor. Es wurde beschlossen, das Werk in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Die Modalitäten der Abfassung der einzelnen Artikel riefen eine eingehende Debatte hervor, die zu dem Ergebnis führte, daß für die kleinen Artikel (etwa bis zu 10 Zeilen), welche die große Masse bilden würden, ein festes, einheitliches Schema erstellt werden müsse, und daß sich nach diesem Schema die Formgebung der größeren und großen Artikel tunlichst richten solle. Für die Artikel wurde das chronologische Gliederungsprinzip vorgegeben; sofern dieses in den sehr großen Artikeln nicht mehr ersichtlich sei, sollte am Anfang oder Schluß »das chronologische Gerippe in Länge aufgestellt werden«. Die zahlreichen homonymen Personen wollte man nach ihrem »Amtscharakter« differenzieren und hierüber in der Einleitung grundsätzlich Rechenschaft geben. Innerhalb der einzelnen Gruppe sollten die gleichnamigen Personen nach Möglichkeit alphabetisch nach Orten unterschieden werden. Als wünschenswert wurde bezeichnet, bei Schriftstellern sämtliche Schriften anzugeben und einen kurzen Hinweis auf die beste Ausgabe bzw. die beste Handschrift folgen zu lassen. Bei Abkürzungen der großen Sammelwerke und Quellen mußten die beiden Geschäftsführer fur strenge Einheitlichkeit Sorge tragen, sonst sich aber vor der Einfuhrung allzu vieler Abkürzungen hüten und die großen Artikel mit individueller Freiheit in der Formgebung behandeln204. Die hier geführte Diskussion um die Gestaltung der einzelnen prosopographischen Artikel verdeutlicht, daß man im Jahre 1909 noch hoffte, das Werk wenn auch nicht in den ursprünglich geplanten zehn Jahren, so doch in absehbarer Zeit abschließen zu können.

l6>

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 58, § 4 sowie Harnacks Brief an Jülicher vom 29. April (UBM, N L Jülicher, Ms. 695/419), in dem er den Adressaten über die »gemütlich verlaufene Sitzung« unterrichtete: »Die Frage, ob Latein oder Deutsch, wurde vertagt (augenscheinlich ist Geneigtheit für Deutsch). Beschlossen aber wurde, daß bis z. i. März nächsten Jahres Sie + Seeck einige Probe-Artikel in deutscher Sprache freundlichst vorlegen mögen, damit man über Umfang u. Anordnung beraten könnte. Der knappste Umfang ist erwünscht. Vielleicht legen Sie 3 Artikel (klein, mittel, größer) vor«. Jülicher sagte daraufhin am 7. Mai die gewünschten Artikel zu und versprach, an der nächsten Sitzung teilzunehmen (StBB-PK, N L Harnack: Jülicher, Bl. 31).

164

Harnacks Protokollbuch, S. 62Í. Jülicher hatte zuvor bereits mit Harnack über das geplante Regelwerk korrespondiert, vgl. StBB-PK, N L Harnack: Jülicher, Bl. 34ff.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

301

e) Verzögerungen, Stagnation und Aufgabe des profangeschichtlichen Teiles Während die Sitzungsberichte der Akademie bis 1914 den ordnungsgemäßen und ungestörten Fortgang der Arbeiten herausstellten, die fast vollständige S a m m l u n g des kirchengeschichtlichen Materials betonten und weitere exzerpierte Quellen aus der profanen Abteilung verzeichneten, ja sogar auf die Ausarbeitung einzelner größerer Gruppen von Artikeln durch Jülicher hinwiesen 1 6 5 , so lassen einzelne Bemerkungen in Harnacks Protokollbuch und in seiner Korrespondenz erkennen, daß das Unternehmen in Wahrheit keine rechten Fortschritte machte und es insbesondere im profangeschichtlichen Bereich zu erheblichen Verzögerungen kam. Es ist zu betonen, daß sich noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhebliche Schwierigkeiten in der planmäßigen Fortfuhrung der Prosopographie einstellten, die sich während des Krieges und in den ersten Jahren der Weimarer Republik verstärkten. Zunächst vermochte Jülicher seine kirchengeschichtlichen Artikel nicht abzuschließen, da Pfeilschifters Exzerpte aus den hagiographischen Quellen immer noch nicht vorlagen, obwohl deren Bearbeitung angeblich bereits im Sommersemester 1909 beendet war. Jülicher sollte im Auftrag der Kommission an den katholischen Kirchenhistoriker schreiben, denn »die endliche, sei es auch nicht absolut vollendete Einlieferung dieses Materials ist dringend erwünscht« 1 6 6 . Der kirchenhistorische Leiter befaßte sich unterdessen mit den umfangreichen Sammlungen zur Geschichte der afrikanischen Kirche und rang sowohl mit der mangelhaften Uberlieferung der N a m e n , insbesondere der Ortsnamen, als auch mit der unsicheren Chronologie. Z u d e m ging er daran, die Chronologie der Briefe, Predigten und anderer Schriften Augustins* 67 und des Chrysostomus 2 6 8 zu erhellen. 1914 konnte Jülicher berichten, er sei »beim zweiten Tausend druck-

26s

Vgl. SB Berlin 1910, 96f.; 1911, 118; 1912, 91; 1913, 144; 1914, 160. Von den »profangeschichtlichen« Mitarbeitern werden namentlich erwähnt: Karl Schlabritzky, Erich Sander, Wilhelm Nestle, Bruno Rappaport, Karel Kadlec, Edmund Groag und Assunta Nagl.

166

Sitzung der Kommission vom 27. April 1912 (Harnacks Protokollbuch, S. 73). In der Sitzung des folgenden Jahres berichtete Jülicher »über einige Schwierigkeiten in Bezug auf die AASS.-Exzerpte« (aO„ S. 76; Sitzung vom 26. April 1913). Daraufhin ließ Ehrhard offenbar seine Exzerpte aus den AASS und den Analecta Bollandiana Jülicher zukommen, vgl. Harnacks Brief an Jülicher vom 31. Juli 1913 (UBM, NL Jülicher, Ms. 695/426) und Jülichers Brief an Harnack vom 1. August 1913 (StBB-PK, NL Harnack: Jülicher, Bl. 50). Dies ermutigte den kirchenhistorischen Redakteur, auf der Sitzung vom 25. April 1914 einen festen Termin für die Vollendung des Manuskripts ins Auge zu fassen (vgl. unten). Vgl. SB Berlin 1912, 91.

ZÄ7 268

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 72: »Jülicher berichtet, daß er mit der Chronologie des Chrysostomus im Detail beschäftigt sei; die Ergebnisse seien von besonderem Wert.«

302

Kirchenväterkommission

fertig hergestellter Artikel« zur Prosopographie des vierten bis sechsten Jahrhunderts angelangt und fasse 1918 als Jahr der Vollendung des Manuskriptes ins Auge; einige Jahre später solle das Werk fertig vorliegen209. Zu der günstigen Beurteilung des zeitlichen Rahmens trug gleichfalls die finanzielle Absicherung des Unternehmens bei - 1 9 1 5 verfugte man über eine Reserve von 10500 Mark für den geplanten Druck der Prosopographie270 - und die Tatsache, daß die bisherigen Mitarbeiter der beiden Abteilungen weiterhin Exzerpte anfertigten und den Redakteuren zur Verfügung stellten27'. Daß diese optimistische Einschätzung von anderen Kommissionsmitgliedern geteilt wurde, darf aus der Notiz Porallas geschlossen werden, der in seiner 1913 veröffentlichten Prosopographie der Lakedaimotiier das personenkundliche Werk für die nachdiokletianische Zeit als vor seinem Abschluß stehend charakterisierte272. Die Fertigstellung der profanhistorischen Artikel stockte hingegen. Seeck ging zunächst daran, verschiedene Vorarbeiten, insbesondere zu chronologischen Problemen, abzuschließen. So erschien 1908 im Rheinischen Museum sein Aufsatz über Publilius Optatianus Porphyrius2?3.Vor allem aber trug er der Kommission in ihrer Sitzung vom 27. April 1912 seinen Plan vor, »ein großes Regestenwerk über die Grundlegung des Theodosianischen Codex bis Justinianus« abzufassen, »durch welches ein bedeutender Teil der Artikel der Prosopographie festgelegt und im Zusammenhang vorweggenommen sein wird«274. Im nächsten Jahr wurde nach längerer Debatte der Beschluß gefaßt, daß das Regestenwerk als Vorarbeit für die Prosopographie kenntlich gemacht werde und als Vorläufer derselben bei der J.C.B. Hinrichs'schen Verlagsbuchhandlung erscheinen solle; die Verhandlungen mit dem Verleger wurden aufgenommen275. Seeck hatte in der richtigen Erkenntnis, daß die Datierungen des Codex Theodosianus die sicherste Grundlage fur die Chronologie des ganzen Zeitraums, über den sich die Gesetze erstreckten, darstellen276, sein Regestenwerk in Angriff genommen und der Kommission erfolgreich zur Unterstützung empfohlen, um sich zugleich in dieser Untersuchung mit Mommsens Datierungsvor169

Vgl. S B Berlin 1 9 1 4 , 1 6 0 und Harnacks Protokollbuch, S. 80.

170

Vgl. A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 113.

171

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, daß Harnack in seinem Protokoll der Sitzung vom 27. April 1912 ausdrücklich auf Hermann Dessaus »freundliche stets bereite Mithilfe« hinwies (Harnacks Protokollbuch, S. 73).

171

Vgl. S. 2 5 of.

173

O . SEECK, Das Leben des Dichters Porphyrius, in: R h M 63, 1908, 267-282; vgl. S B Berlin 1910, 96F.

174

Harnacks Protokollbuch, S. 72.

m

Harnacks Protokollbuch, S. j6i.

276

Vgl. O. SEECK, Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 bis 476 n.Chr. Vorarbeit zu einer Prosopographie der christlichen Kaisetzeit, Stuttgart 1919, 1.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V L

303

gaben eingehend und kritisch auseinanderzusetzen277. Konsequent arbeitete er in der Folgezeit an den »Regesten« sowie an seinen prosopographischen Artikeln für die Realencyclopädie der Klassischen Altertumswissenschaft278 und nahm eine Vernachlässigung seiner Kommissionsaufgaben bewußt in Kauf. Die Kirchenväterkommission beschloß deshalb auf ihrer Sitzung am 25. April 1914, nachdem der Bericht des abwesenden Leiters der profangeschichtlichen Abteilung verlesen worden war, an ihn ein Schreiben zu richten mit dem Ersuchen, sich darüber zu äußern, ob er nicht mit der Zustellung ausgearbeiteter Artikel an Jülicher endlich beginnen wolle, da dieser bereits einen Termin der Vollendung des Manuskriptes ins Auge gefaßt habe, oder ob der Stand seiner Arbeiten eine ein- bis zweijährige Pause nahelege279. Es war mithin offenkundig, daß Seeck mit seinen Arbeiten für die Gesamtprosopographie im Vergleich zu Jülicher immer mehr ins Hintertreffen geriet, da er kompromißlos seine eigenen Interessen verfolgte. Deutlicher konnte und wollte die Kommission Seeck nicht an seine Pflichten erinnern. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bedeutete auch für die Kirchenväterkommission eine tiefe Zäsur. In den ersten beiden Kriegsjahren fielen die alljährlichen Sitzungen aus. Harnack setzte wie in den Anfangsjahren der Kommission Rundschreiben in Umlauf und ließ den Kassenbericht zur Kenntnisnahme und Prüfung zirkulieren. So gut es eben ging, versuchte er die kontinuierliche Fortführung der Aufgaben sicherzustellen280. Die beiden Redakteure der Prosopographie unterbreiteten ihm schriftliche Berichte281. In der kirchen-

277

Vgl. hierzu ebenfalls Anm. 3 Brief Nr. 150.

278

Vgl. S. 30 5 ff.

179

Harnacks Protokollbuch, S. 80.

180

In einem Rundschreiben vom 4. April 1916 wies Harnack daraufhin, »daß, dem Kriegsjahr entsprechend, die Arbeiten eben nur fortgeführt worden sind« (AAdW-BB, K V K Nr. ι, Bl. 115).

281

Vgl. die Korrespondenzen mit Jülicher und Seeck im Nachlaß Harnack der StBB-PK. Seeck schrieb in dieser Sache am 23. Dezember 1915 an Harnack: »Eurer Excellenz beehre ich mich, das Folgende über meine Arbeit an der Prosopographie mitzuteilen. Die letzte große Vorarbeit, die chronologische Ordnung der Kaisergesetze, die ich unter dem Titel >Regesten der römischen Kaiser von 311 bis 4j6< herauszugeben gedenke, nähert sich ihrer Vollendung. Ich hoffe, sie in Druck geben zu können, nachdem in den Besprechungen der Kommission, die ja wohl im nächsten April wieder stattfinden werden, noch einige technische Fragen geordnet sind. Außerdem habe ich eine Reihe von prosopographischen Artikeln für die Buchstaben I und S fertig gestellt und einstweilen der Realencyclopädie für die Klassische Altertumswissenschaft zum Abdruck übergeben, aus der sie nach einem Übereinkommen, das ich mit dem Verleger getroffen habe, später in die Prosopographie übernommen werden sollen. Die Auszüge der Wiener Mitarbeiter aus den griechischen Inschriften nähern sich ihrem Abschluß. Mit den besten Festwünschen Ihr ergebener O . Seeck« (StBB-PK, N L Harnack: Seeck, Bl. }f.).

3°4

Kirchenväterkommission

geschichtlichen Abteilung waren kleine Fortschritte zu verzeichnen. Jülicher befaßte sich vor allem mit der Prosopographie der lateinischen Kirche. Doch noch immer mußten altchristliche Werke neu verteilt werden, da offensichtlich die ursprünglichen Bearbeiter sich zurückgezogen oder die versprochenen Exzerpte nicht eingesandt hatten 282 . Die einschlägigen Sitzungsberichte vermerken diese Lücken in der Materialsammlung verständlicherweise nicht, sondern heben auf den reibungslosen Fortgang der kirchengeschichtlichen Arbeiten ab 28 '. Jülicher verwandte weiterhin viel Zeit und Mühe auf die Bischofslisten, wertete die Korrespondenz des Hieronymus, des Augustin und des zu ihnen gehörigen Kreises aus 284 und untersuchte das »kirchliche Afrika« von der Zeit Cyprians bis zum 7. Jahrhundert 285 . 1916 wurden 2000 prosopographische Artikel fertiggestellt, im folgenden Jahr nochmals 1400 2 8 6 . Allerdings trug nicht nur das Kriegsgeschehen daran Schuld, daß entgegen optimistischer Prognosen 287 mit dem Beginn des Druckes im Jahre 1918 schon bald nicht mehr zu rechnen war. Z u disparat war das von den kirchengeschichtlichen Mitarbeitern eingesandte Material, zu unsicher die chronologische Grundlage, zu gewaltig die zu verarbeitende Informationsfiille. Rückblickend räumte Jülicher denn auch ein: »Die Tausende von Zetteln durften nie als Grundlage, nur zur Kontrolle meiner Forschungen dienen. Es galt also neu zu graben, auch neu zu suchen. Insbesondere bedurfte es der Herstellung von großen Rahmen und Hilfskonstruktionen zum Zweck einer Zerlegung des riesenhaften Materials. M a n mußte Regesten anlegen in Kalenderform, in die zunächst einmal alle sicher datierbaren Ereignisse eingetragen wurden; ich brauchte Bischofs>reihen Vgl. S B Berlin 1917, 9 8f.

286

S B Berlin 1917, 98f. u. ebd. 1918, 74.

187

Vgl. SB Berlin 1914,160.

288

S o JÜLICH ER, A u t o b i o g r a p h i e 191 (33).

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

305

Arbeitsbüro«289 verhinderten. Jülicher, da auf sich allein gestellt, konnte angesichts der vielfältigen und schwierigen Aufgaben immer nur Einzelprobleme lösen. Demgegenüber war die Prosopographie auch durch die Kriegsjahre hindurch finanziell gesichert: 1914 wurden von der Wentzel-Heckmann-Stiftung 5000 Mark zur Verfügung gestellt, 1915 und 1916 auf Antrag der Kommission nur 3000 Mark, 1917 4000 Mark, 1918 5000 Mark und 1919 wiederum 4000 Mark 2 ' 0 . Durch den Tod von Elisabeth Wentzel am 4. Februar 1914 hatten sich zudem die verfügbaren Mittel der Stiftung verdreifacht. Der Prosopographie fehlte es also nicht an Geld. Vielmehr waren die gewaltige Stoffmenge und die fehlenden chronologischen und methodischen Vorarbeiten die eigentlichen Gründe, daß nach der fast vollständigen Sammlung des Materials die eigentliche Auswertung und Systematisierung für die »christliche« Prosopographie nur sehr langsam vorankam. Ebendiese Vorarbeiten wollte Seeck fur den profangeschichtlichen Bereich zuerst abschließen. Sowohl seine Untersuchung zu den Briefen des Libanius als auch sein Regestenwerk und zahlreiche Aufsätze waren als chronologisches Fundament fur die Prosopographie gedacht. Nach der Ermahnung durch die Kommission im Jahre 1914 legte er eine Anzahl von Artikeln vor 2 ' 1 , die er auf eigene Initiative hin »vorläufig« in der Realencyclopädie der Klassischen Altertumswissenschaft zum Abdruck brachte. Hierfür hatte er nicht nur das ihm als Redakteur der profangeschichtlichen Abteilung überlassene Material der Mitarbeiter herangezogen, sondern auch eigenmächtig einen Vertrag mit dem Verleger geschlossen, der vorsah, daß die Artikel aus der Realencyclopädie später in die Prosopographie übernommen werden sollten292. Auf der Sitzung vom 14. April 1917 konnte er schließlich die Kommission vom Abschluß seiner »Regesten« und seinen Verhandlungen mit der Metzler'schen Buchhandlung unterrichten, die sich zu einer sofortigen Drucklegung bereit erklärt hatte, falls ein 289

Ebd.

290

Vgl. SB Berlin 1915,116; 1916,156; 1917, 96; 1918, 70; 1919, 79; 1920,141 sowie Harnacks Protokollbuch u n d A A d W - B B , Heckmann-Wentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI (II-XI.53)· 1915 wurde angesichts einer Reserve von i o j o o Mark dem Wunsch des Kuratoriums der Stiftung entsprochen und ausnahmsweise nur 3000 Mark erbeten (vgl. aO., K V K Nr. ι, Bl. 113); allerdings wurde die »Ausnahme« im nächsten Jahr wiederholt, jedoch unter dem Vorbehalt, später zu der früheren Summe, d.h. 4000 Mark, zurückzukehren (vgl. aO., K V K Nr. i, Bl. 115).

191

S B Berlin 1915, 122.

192

Vgl. z.B. SB Berlin 1917, 99 (dort wird auf Seecks Artikel mit dem Buchstaben I und Sa hingewiesen); JÜLICH ER, Autobiographie 191 (33) sowie Seecks Brief an Harnack vom 23. Dezember 1915 (zitiert oben Anm. 281). Seeck berief sich möglicherweise auf einen Beschluß der Kommission aus dem Jahre 1912, demzufolge besondere Publikationen for die »bedeutenden Männer« der Prosopographie voran- bez. nebenhergehen sollten (vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 73).

30 6

Kirchenväterkommission

Zuschuß von 2000 Mark bewilligt werden würde. Die Kirchenväterkommission beschloß, die aufgesparten Gelder hierfür nicht anzugreifen, aber das Kuratorium der Stiftung in diesem und dem nächsten Jahr um 4000 Mark statt um 3000 Mark zu bitten, um dadurch 2000 Mark fur Seecks Unterstützung flüssig zu machen293. Somit konnten die Regesten der Kaiser und Päpste fiir die Jahre 311 bis 4j6 im letzten Kriegsjahr in Druck gehen. Auf jener Sitzung vom 14. April 1917 überraschte Seeck jedoch die Mitglieder mit einer schriftlichen Erklärung. Er betrachte, so ließ er vernehmen, seine Arbeit für die Kommission nunmehr als abgeschlossen und wolle daher seine Mitgliedschaft niederlegen. Ein jüngerer Wissenschaftler könne nach seiner Anweisung die Arbeiten zu Ende fuhren. Die sich anschließende Aussprache ergab, »daß die Fortführung, die auch umfangreiche und schwierige Arbeiten erfordere, schlechterdings nicht durch eine jüngere Kraft geschehen könne, sondern nur durch einen erprobten Gelehrten und Kritiker«. Seeck zog hierauf sein Austrittsgesuch zurück und verpflichtete sich, seine Arbeiten wieder aufzunehmen und »zunächst und sofort« Jülicher seine revidierten Artikel aus PaulyWissowas Realencyclopädie zuzusenden. Nochmals wurde energisch die notwendige Kooperation »für die definitive Gestaltung des Werks« eingefordert194. Auch wenn sich die Kommission mit dieser Mahnung offiziell an beide Geschäftsführer wandte, war es allen Beteiligten deutlich, daß einzig Seeck an seine Pflichten für die Prosopographie der Spätantike erinnert werden mußte. Zum ersten Male war nun offen ausgesprochen, daß es zwischen den beiden Abteilungen an Zusammenarbeit mangelte, ja daß Seeck seinem Kollegen Jülicher die von ihm erarbeiteten Artikel noch nicht einmal hatte zukommen lassen. Angesichts dieser desolaten Situation, die die Fertigstellung einer den kirchlichen wie den weltlichen Bereich gemeinsam erfassenden Prosopographie ernsthaft in Frage stellte, war Holls damaliger Vorschlag, zwei getrennte Werke herauszugeben, nur folgerichtig. Die Anregung, die die spätere Trennung in eine profane Prosopography of the Later Roman Empire und eine Prosopographie chrétienne vorwegnahm, fand indes die Billigung der Kommission nicht. »Doch blieb die Verhandlung insofern stecken, als sich ein klares Bild von der Cooperation der beiden Leitenden noch nicht ergab, und deßhalb auch nicht von der definitiven Gestalt des Werks, ja auch noch nicht einmal von der Arbeitsteilung in Bezug auf gewisse Quellengruppen, z.B. Martyrien.« So ging man auseinander, ohne fur den Fortgang des Unternehmens grundlegende Fra-

195

194

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 83 und A A d W - B B , Heckmann-Wentzel-Stiftuung. PIR I V . V . V I (darin befindet sich die Abrechnung der an die Metzler'sche Buchhandlung überwiesenen 2000 Mark für den Druck von Seecks Untersuchung). Warum das Regestenwerk nicht, wie ursprünglich vorgesehen, bei Hinrichs in Leipzig verlegt wurde, ließ sich nicht ermitteln. Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 83f.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VT.

307

gen geklärt zu haben. Daß Zweifel an Seecks Bereitschaft herrschten, die Arbeit in umfassender Weise - und damit im Sinne der Kommission - fortzusetzen, zeigt Harnacks Vorschlag, den er nach der Sitzung, aber mit der Billigung der übrigen Kommissionsmitglieder, Seeck unterbreitete: Dieser solle Edmund Groag die Inschriften- und Papyrusauszüge zur Bearbeitung senden und sich dadurch entlasten. Seeck lehnte den Vorschlag kategorisch ab, da er die Bearbeitung des epigraphischen und papyrologischen Materials selbst übernehmen wollte 295 . Angesichts dieses Sachverhaltes kann es nicht überraschen, daß sich Harnack, wie er Jülicher gegenüber eingestand, »schwere Sorgen in Bezug auf den Seeck'schen Teil« der Prosopographie machte. Noch halte er die Zeit nicht reif für eine »radikale Lösung«, zumal sich eine solche überhaupt von selbst einstellen müsse und nicht von der Kommission betrieben werden dürfe. »Eines können Sie aber als gewiß annehmen«, versicherte er Jülicher, »es kann u. wird nichts geschehen, was der Beurteilung u. Würde Ihrer Arbeit, wie sie dem Publikum dargeboten werden wird, Eintrag tut« 296 . Damit war zum ersten Male angedeutet, daß das Vorhaben, eine Prosopographie der weltlichen Würdenträger des vierten bis sechsten Jahrhunderts zu erstellen, möglicherweise nie vollendet werden würde. Einstweilen forderte man Seeck immer wieder auf, er möge Jülicher doch seine prosopographischen Artikel fur die Realencyclopädie in der Bearbeitung schicken, in der er sie später in der Prosopographie zu veröffentlichen beabsichtigte. Gleichwohl kam es auch in den nächsten Jahren nicht zu der dringend erforderlichen Kooperation zwischen Jülicher und Seeck. Den Aufforderungen entzog sich Seeck mit dem Hinweis auf seine großen »Kriegsarbeiten« 297 , verwies statt dessen auf seine Einzelartikel, die in der Realencyclopädie erschienen, sowie auf sein Regestenwerk, das der Feststellung der Chronologie der Kaisergesetze diene 298 und mit dessen Erscheinen die Einzeluntersuchungen abgeschlossen seien, »so daß nur noch die redaktionelle Arbeit übrig bleibt« 299 . In einer kleineren Notiz in den Sitzungsberichten des Jahres

195

Ebd. 84f. Vgl. hierzu den Eintrag in S B Berlin 1916, 159: »Auszüge aus griechischen Inschriftenpublikationen nähern sich ihrem Abschluß.«

196

Harnacks an Jülicher am 27. Juli 1917 ( U B M , N L Jülicher, Ms. 695/431).

197

Ebd.

z 8

Vgl. Seecks Postkarte an Harnack vom 27. Dezember 1920 (StBB-PK, N L Harnack: Seeck, Bl. 5): »Eurer Excellenz Wunsch aufgreifend, übersende ich Ihnen umgehend, was über meine Arbeit an der Prosopographie zu sagen ist. Irgend eine umfassende und abgeschlossene Untersuchung ist nach dem Erscheinen meiner Regesten nicht zu verzeichnen. Doch habe ich eine längere Reihe von Einzelartikeln auch in diesem Jahre fertiggstellt, die einstweilen im Pauly-Wissowa abgedruckt werden. Ihr ergebener O. Seeck.«

299

S B Berlin 1918, 74; vgl. ebd. 1919, 82; 1920,145; 1921, 161.

'

3O8

Kirchenväterkommission

1918 gestand die Kommission öffentlich den höchst unbefriedigenden Stand der vorbereitenden Arbeiten in der profangeschichtlichen Abteilung ein: »Für die Zeit von 4 7 6 - 6 0 0 ist zum Teil die Sammlung des Materials nicht abgeschlossen« 300 . M i t anderen Worten: Seeck war - trotz all seiner Beteuerungen auf der Jahressitzung 1917 - an der Fortfuhrung der Prosopographie nicht mehr interessiert. Er resignierte angesichts der Vielzahl der zu erwartenden Prosopa und der Vielfalt der exzerpierten (und der noch zu exzerpierenden) Quellen sowie der damit einhergehenden, von Jülicher deutlich aufgezeigten Schwierigkeiten. Deshalb konzentrierte er seine Kräfte auf das Regestenwerk und die prosopographischen Beiträge für die Realencyclopädie. Darüber hinaus erstellte er keine Artikel. Selbst die systematische Erfassung der noch ausstehenden Texte unterließ er. D i e widrigen Zeitläufte mögen ein übriges getan haben, daß er sich an seine Zusicherung, die Arbeiten an der Prosopographie fortzusetzen, nur sehr bedingt gebunden fühlte 3 0 1 . W i e es tatsächlich um den profangeschichtlichen Teil des Unternehmens stand, offenbarte sich allerdings erst nach Seecks T o d am 29. Juni 1921. N a c h dem Auguste Seeck brieflich bei Harnack angefragt hatte, wohin sie »die grosse Zettelsammlung für die Prosopographie«, die zwei Schränke füllte, schicken solle 3 0 1 , wurde der Wissenschaftliche Beamte der Kommission, Carl Schmidt, nach Münster geschickt, um das Material abzuholen und in den Räumen der Akademie zu deponieren 3 0 3 . Als die Kommissionsmitglieder am 15. Oktober 1921 nach dreijähriger Pause endlich wieder zu einer Sitzung zusammenfan-

500

SB Berlin 1918, 74.

301

Vgl. hierzu noch seine beiden Briefe an Hans Lietzmann vom 19. April und 18. Juni 1919, in Glanz und Niedergang, Nr. 424 und 428, S. 414 und 4i6f. Brief Auguste Seecks an Harnack vom 18. Juli 1921 (StBB-PK, N L Harnack: Seeck, Bl. 6f.): »Sehr geehrte Excellenz, Wie Sie wissen ist die grosse Zettelsammlung für die Prosopographie hier und ich möchte nun wissen, an wen diese Vorarbeiten zu schicken sind. Es sind sehr umfangreiche Bestände, in 2 Schränken geordnet. Der Nachfolger meines Mannes Prof. Münzer - Königsberg kommt erst zum Semesteranfang nach Münster. Ich weiss ja auch nicht, ob er mir irgend wie raten könnte. Natürlich liegt mir daran, die Manuskripte sicher untergebracht zu wissen, denn ich muss meine Wohnung räumen und das meiste vermieten u. da ist das Manuskript dann nicht gut aufgehoben bei mir, da ich viel verreisen werde zu meinen Kindern «. Harnack kommentierte den Brief am 21. Juli wie folgt (in marg.): »Haben Sie in dieser Sache an Jülicher geschrieben? Am besten ist es, er reist hin; sonst mUßten Sie es tun. Bevor ich Frau Seeck antworte, wollen wir uns nächsten Montag darüber sprechen«. Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 88 und SB Berlin 1922, S. LXXII; 1923, S. LXX. Schmidt erhielt 1921 für seine Reise nach Münster 438 Mark, Frau Seeck wurden Auslagen in Höhe von 16,75 Mark ersetzt, vgl. AAdW-BB, Heckmann-Wentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI (II-XI.53).

302

503

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

309

den304, wurde beschlossen, den Nachlaß Jülicher zur Durchsicht und Benutzung zu übergeben305. »Aber es läßt sich schon jetzt sagen, daß der Nachlaß, da er nur Rohmaterial und dazu nur partikulares, enthält, längst nicht ausreicht, um auf ihn eine prosopographia saecularis zu begründen. Unter solchen Umständen mußte die Kommission den Beschluß fassen, daß die prosopographia saecularis fallen zu lassen sei (das Material soll später, nachdem es Hr. Jülicher benutzt hat, in der Akademie niedergelegt werden), daß die Vorbereitung der prosopographia ecclesiastica aber fortgesetzt wird und Hr. Jülicher aus der saecularis soviel hinzunimmt als ihm notwendig erscheint«306. Seecks prosopographische Hinterlassenschaft war derart, daß der Kirchenväterkommission keine andere Wahl blieb, als die Arbeiten an dem profanen Teil der Prosopographia Imperii Romani saec. IV. V. VI., für die über zwei Dezennien erhebliche Mittel bereitgestellt worden waren, einzustellen.

fi Das Ende der Prosopographia Christiana Aber auch die kirchengeschichtliche Prosopographie, für die sich Jülicher unermüdlich einsetzte, stand unter keinem guten Stern. Zunächst behinderten die ungünstigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse das Unternehmen. In den Wintermonaten 1917/18 und im Herbst des folgenden Jahres standen einer kontinuierlichen Arbeit die schlechten Heizungs- und Beleuchtungsverhältnisse entgegen. Die mit dem Ende des Krieges einsetzenden Unruhen führten ebenfalls nicht zu einer Verbesserung der Situation307. Erst allmählich konnte man daran denken, neue Artikel zu verfassen. Jülicher wandte sich nun Palästina, Syrien und Ägypten zu, wobei »die zahlreichen chronologischen Pro-

304

Die Sitzung fand entgegen dem bisherigen Brauch nicht im April, sondern im Herbst statt; vgl. hierzu Harnacks Rundschreiben an die Kommissionsmitglieder vom 30. April 1921 (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 126-128 [falsch paginiert]), wo es heißt: »Für die >Prosopographie< ist eine Zusammenkunft in mancher Hinsicht noch erwünschter als für die >AusgabePauly-Wissowa< fast nur die Vorarbeit der »Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 bis 476 n.Chr.< (1919) hinterlassen« hat. S B Berlin 1919, 82; vgl. ebd. 1920,145.

310

Kirchenväterkommission

bleme jener Grenzzeit zwischen Altertum und Mittelalter herangezogen wurden und sich wenigstens stellenweise festerer Grund für die weitere Forschung gewinnen ließ«308. Doch schon drohte neues Unheil: Mit der Inflation wurde das Vermögen der Wentzel-Heckmann-Stiftung vernichtet und die finanzielle Basis der von ihr geförderten Akademie-Unternehmungen zerstört. Nach immer höheren, aber an Kaufkraft fast wertlosen Zuwendungen 309 konnten im Sommer 1923, d.h. auf dem Höhepunkt der Inflation, den verschiedenen Unternehmungen der Stiftung nur noch völlig unzulängliche Beträge zugewiesen werden, da der Verfall des satzungsgemäß wesentlich an Berliner erste Hypotheken gebundenen Stiftungsvermögen nicht verhindert werden konnte. Nur durch die Hilfe der Akademie und des vorgeordneten Ministeriums gerieten die Arbeiten nicht völlig ins Stocken 310 . Gleichwohl verlor die Kirchenväterkommission innerhalb kürzester Zeit ihr im Laufe der Jahre fur die Prosopographie der Spätantike angespartes, über den Krieg hinaus gesichertes Vermögen von fast 30.000 Mark 3 ". Nicht minder hart getroffen war die bereits 32 Bände umfassende Kirchenväterausgabe, denn hier konnte der Verleger - wie Harnack schon Ende April 1921 schrieb - »keine Kalkulation aufstellen, und so wie unsere politischen Verhältnisse liegen, ist er auch ganz unsicher, ob eine Kalkulation von heute noch nach 6 Monaten gültig ist«3'1. Die Zuwendungen durch die Akademie, das Preußische Ministerium fur Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sowie die 1920 in Göttingen gegründete Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft sicherten in der Folgezeit die Fortfuhrung der »Griechischen Christlichen Schriftsteller«3'3, obschon nun die Kommission keinen festen Etat mehr hatte, sondern auf jährliche Bewilligungen angewiesen war 3 ' 4 . Zunächst bemühte sich Harnack im Verein mit den anderen Kommissionsmitgliedern, auch die Arbeiten an der Prosopographie weiterzuführen, d.h. durch Jülicher weiterführen zu lassen. Auf der Sitzung am 15. Oktober 1921 wurde

'° 8 Ebd. 1 9 2 1 , 1 6 1 . 509

Vgl. S B Berlin 1921, i$ 7 ; 1922, S. LXVII; 1923, S. L X V I I sowie A A d W - B B , HeckmannWentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI (II-XI.53). Vgl. S B Berlin 1924, S. L X X V I .

'"

Der Kassenstand betrug am 15. Oktober 1921 28.071 Mark, vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 88.

"2

A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 127. Vgl. des weiteren ebd. Bl. 131 (Rundschreiben Harnacks vom 19. Mai 1922).

'''

Trotz Aufwertung ihrer Hypotheken konnte die Stiftung namhafte Beträge nicht mehr gewähren (vgl. SB Berlin 1925, S. L X X V I ; 1926, S. LXXVIIIf.). Es gelang offenbar nicht, das Stiftungsvermögen zu restituieren; die Wentzel-Heckmann-Stiftung wird in den Sitzungsberichten der Akademie nach 1927 nicht mehr erwähnt.

314

Vgl. ELTESTF.R, Geschichte 14.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

311

Jülichers Remuneration von 1500 Mark auf 3000 Mark erhöht3'5, ihm eine Hilfskraft zugesichert und beschlossen, mit dem Marburger Wohnungsamt Verhandlungen aufzunehmen, um die Behörde zu veranlassen, Jülicher für die Akademiearbeit Diensträume zur Verfügung zu stellen, so daß seine Privatwohnung weniger stark beansprucht werde3' . Gleichwohl mußte die Kommission schon 1923 Jülichers Gesuch genehmigen, in den nächsten zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen von Pflichten zur Arbeit an der Prosopographie entbunden zu werden 3 ' 7 . Doch auch nach Ablauf der Beurlaubung war nicht an eine Fortsetzung seiner Bemühungen um die Prosopographie zu denken. Jülicher, der zuvor bereits durch Krankheiten geschwächt war, litt an einem schweren Augenleiden, das schließlich zu seiner Erblindung führte 3 ' 8 . Im Bewußtsein seiner schwindenden Kräfte entschloß er sich, das Berliner Unternehmen aufzugeben und sich ganz auf eine zweite Aufgabe, der er sich ebenfalls seit Jahrzehnten gewidmet hatte, zu konzentrieren, der Rekonstruktion des altlateinischen Evangelientextes3'9. Am 21. März 1927 schrieb er, mittlerweile siebzigjährig, an Harnack, es sei ihm »schmerzlich«, »daß ich eine der stärksten Hoffnungen, die Sie auf meine Arbeitskraft gesetzt hatten - ich meine die Prosopographie - enttäuscht habe, daß dieses große Unternehmen hauptsächlich doch infolge des Krieges fast in den Anfängen stecken geblieben ist«320. Harnack antwortete umgehend und beschwor Jülicher, sich wegen der Prosopographie keine Sorgen und Vorwürfe zu machen, »denn Sie haben reichlich getan, was Sie konnten«. Der Umfang der Aufgabe und die »Kriegskalamität« erklärten den unbefriedigen Zustand des Projektes. Die Arbeit aber, wo immer sie auch abbreche, sei, so versprach Harnack, nicht umsonst gemacht32'. Auf

3 s

'

Vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 89. Jülicher erhielt von 1903 bis 1920 jährlich i j o o Mark für seine redaktionelle Arbeit, Seeck von 1904 bis zu seinem Tode 1000 Mark; 1921 wurden Jülicher auf Grund der Erhöhung seiner Bezüge 2625 Mark überwiesen. Die Bezahlung erfolgte jeweils zum 1. April. Vgl. hierzu die Anweisungen an Jülicher und Seeck in: A A d W - B B , Heckmann-Wentzel-Stiftung. PIR IV.V.VI (II-XI.53)·

"6

Harnacks Protokollbuch, S. 89.

>,?

Ebd. S. 92 (Sitzung vom 23. April 1923). Seine Remuneration blieb davon unberührt, »da sie an Wert so gut wie nichts mehr bedeutet, und da sie nicht einmal ein Äquivalent ist fur die Beschäftigung mit der Prosopographie, die notwendig bleibt, auch wenn die Arbeit nicht mehr pflichtmäßig ist«.

318

Zahlreiche seiner Briefe an Harnack in der S t B B - P K legen hiervon in teilweise erschütternder Weise Zeugnis ab.

519

Vgl. JÜLICHER, Autobiographie I89F. (3if.).

,10

StBB-PK, N L Harnack: Jülicher, Bl. 8if. Der Brief ist nicht von Jülicher selbst geschrieben, sondern diktiert worden.

321

Harnacks Brief an Jülicher vom 25. März 1927 ( U B M , N L Jülicher, 695/442).

312

Kirchenväterkommission

ihrer Sitzung am 24. Februar 1928 faßte die Kommission sodann den Beschluß, die Frage der Weiterarbeit an der Prosopographie »um des Gesundheitszustands D . Jülichers willen« ruhen zu lassen. Sie sah daher auch davon ab, weitere Mittel fur ihre Fortfuhrung von der Akademie resp. der Staatsregierung zu erbitten 321 . Seit 1923 ruhte das Unternehmen 323 . Jülicher entschloß sich schließlich Anfang 1929, das bei ihm in Marburg gelagerte prosopographische Material nach Berlin zu überfuhren. A m 1. März 1929 schrieb er an Harnack, er möchte ihn bitten, der Kommission seinen Wunsch zu unterbreiten, auf seine Mitarbeit nunmehr endgültig zu verzichten. »Die Arbeit an der Prosopographie, der ich während vieler Jahre den besten Teil meiner Kräfte gewidmet habe, musste ich seit dem Jahr 1925 aufgeben, weil meine fast völlige Erblindung es hier unmöglich machte, durch fremde Augen die meinen zu ersetzen«. Er könne die Prosopographie nicht weiter fördern und hoffe nur noch, mit der Rekonstruktion des ältesten lateinischen Evangelientextes durch die Unterstützung geeigneter Helfer wenigstens zu einem relativen Abschluß zu gelangen. »Das reichliche Material aus dem Besitz der Kommission, das sich in meinem Haus befindet, würde wohl am besten bald bei mir abgeholt werden, weil ich nicht sicher bin, meine Wohnung noch über den Sommer hinaus zu behalten. Es handelt sich dabei um eine grosse Zahl von Kästen, mehr oder minder mit Blättern gefüllt, auch eine grosse Zahl von losen Blättern, schmerzlich gering demgegenüber die Zahl der von mir endgültig fertig geschriebenen Artikel. Doch werde ich ein paar umfangreiche Foliobände mitschicken, die einem späteren Fortführet dieser Arbeit hoffentlich von Nutzen sein werden, eine Art oriens christianus, dies das Wertvollste — eine Art occidens christianus und ein Buch chronologischer Tabellen für die Zeit, die die Prosopographie angeht: letztere beiden un-

Harnacks Protokollbuch, S. 96. A m 22. Februar 1928 hatte Harnack bereits in sein Notizbuch notiert: »Jülicher ist durch sein Augenleiden und seinen Gesundheitszustand verhindert, den Sitzungen beizuwohnen. Konzentrirt seine Arbeit auf die editio des alt-lateinischen Ew.-Textes« (ebd. S. 92). M i t dem Protokoll der Sitzung vom 24. Februar 1928 endet Harnacks Protokollbuch der Kirchenväterkommission. 32 '

Vgl. hierzu auch die Sitzungsberichte dieser Jahre (SB Berlin 1924, S. L X X V I ; 1925, S. LXXIX; 1926, S. LXXXIf.; 1927, S. L X V I ; 1928, S. L X I V ; 1929, S. LXXXIXf.), die zur Prosopographie nichts vermerken, sowie A A d W - B B , K V K Nr. 1, Bl. 147 (Antrag der Kommission an die Preußische Akademie der Wissenschaften, »betreffend der Einstellung von 3000 M . in den Etat fur 1929 [Ordinarium] zu Gunsten der Kommission zur Herausgabe der Griechischen Kirchenväter«): » D i e Wentzel-Heckmann-Stiftung hat die Kommission Jahr u m Jahr mit 4-5000 Mark unterstützt, abgesehen von 3-4000 Mark, die sie für die Herausgabe der ebenfalls von der Kommission unternommenen Prosopographie der römischen Kaiserzeit (4. Jahrhundert und ff.). D i e letztere Unternehmung ruht zur Zeit; sie fortzuführen wird in einem der folgenden Jahre unternommen werden. Sie scheidet daher bei unsrer gegenwärtigen Bitte aus«.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

313

vollständig« 324 . Jülicher Schloß mit dem Bekenntnis, den Abschied von der Kirchenväterkommission nehme er nicht ohne Wehmut: »Es ist die Stätte, an der ich seit über zwei Jahrzehnten für eine Aufgabe gearbeitet habe, die ein für mich sehr ehrenvolles Vertrauen mir übertragen hatte, und ich habe im persönlichen Austausch mit den Männern, die sich auch in dieser Kommission als Führer der Wissenschaft erwiesen, grossen Gewinn davongetragen. So kann mein letztes W o r t nur das tiefer Dankbarkeit sein« 325 . Harnack sandte Jülichers Brief den damaligen Mitgliedern der Kommission Ulrich von WilamowitzMoellendorff, Eduard Norden, Hans Lietzmann, Werner Jaeger und Erich Klostermann zu und antwortete am 1 0 . April im N a m e n der Kommission: »Hochverehrter Herr Kollege Im Auftrag und im Namen der Kirchenväter-Kommission beehre ich mich auf Ihr gefälliges Schreiben vom 1. März Nachstehendes zu erwidern: Die Kommission entbindet Sie auf Grund Ihrer Darlegungen von der gesamten Arbeit, die Sie als Mitglied der Kommission in ihrem Auftrage übernommen haben. Es geschieht das mit dem Ausdruck des wärmsten Dankes für das langjährige grosse Werk, das Sie der Wissenschaft und der Kommission in der >Prosopographie< geleistet und das Sie mit Einsetzung Ihrer ganzen Kraft so gefördert haben, wie es kein Anderer hätte fördern können. Die Kommission hält es daher für ihre selbstverständliche Pflicht, die Ergebnisse Ihrer Arbeit so zu konservieren, zugänglich zu machen, zu veröffentlichen und weiterzuführen, wie es irgend tunlich ist. Bereits hat sie sich durch ihr Mitglied, Prof. Lietzmann, persönlich mit Ihnen in Verbindung gesetzt, hat sich berichten lassen, wie umfangreich die gewonnenen Ergebnisse bereits sind 326 und wird, wenn ihr wissenschaftliches Mitglied, Prof. Schmidt, aus Ägypten zurückgekehrt sein wird, Sie aufs neue aufsuchen, um die Materialien nach Berlin überzuführen und die Beratung über die weiteren Arbeiten, die hier zu unternehmen sind, fortzusetzen. Indem die Kommission Sie aber von Ihrer übernommenen Arbeit entbindet, richtet sie einstimmig die dringende Bitte an Sie, Ihre Mitgliedschaft nicht aufzugeben, sondern festzuhalten. Diese Bitte entspricht nicht nur dem Wunsche, Ihren hochverdienten Namen in ihrem Kreise nicht zu missen, sondern auch der Einsicht, daß wir Ihre beratende Mitwirkung gar nicht entbehren könnten. Ich bitte Sie daher, mir Ihre freundliche Einwilligung zu bestätigen. 324

Die hier genannten Unterlagen sind heute nicht mehr vorhanden.

325

AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 155.

326

Es handelt sich hierbei wohl um einen Besuch Lietzmanns in Marburg, den Jülicher ebenfalls in seinem Brief an Harnack vom 15. April 1929 (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 158a) und in seinem Brief vom 26. Juni 1929 an Lietzmann erwähnt (AAdW-BB, PIR 4.-6. Jh. [II-VIII,i43]).

Kirchenväterkommission

314

Indem ich Ihnen nochmals den tiefgefühlten Dank dafür ausspreche, daß Sie den größten Teil Ihrer Arbeit eine lange Reihe von Jahren hindurch den Arbeiten der Kommission gewidmet haben, schliesse ich mit dem herzlichen Wunsch, es möge Ihnen das Augenlicht wieder heller werden und es möge sich Ihnen bewähren, daß das Alter nicht immer ein Feind, sondern manchmal auch ein Freund der Gesundheit ist. Verehrungsvoll A. Harnack« 327 . Hatte man in dem ersten Rundschreiben an die Kirchenhistoriker im Z u s a m menhang mit der Exzerpierung der Quellen wohlweislich davon gesprochen, daß diese Aufgabe einem Einzelnen nicht aufgebürdet werden dürfe, denn »wem darf man das Opfer zumuthen, den besten Theil seines Lebens einer solchen Arbeit zu widmen« 3 2 8 , so erbrachte der kirchengeschichtliche und Gesamtredakteur des Werkes A d o l f Jülicher genau dieses Opfer 3 1 9 . Dabei ist es als tragisch zu bezeichnen, daß Jülicher über das Stadium von Vorarbeiten nicht hinauskam, daß den abertausend Exzerpten »eine wirkliche Ordnung« fehlte und daß folglich an einen Abschluß oder gar eine Drucklegung überhaupt nicht zu denken war, daß Jülicher, wie er selbst einräumte, ein »bescheidenes Erbe« 3 3 0 hinterließ. W i e zurückhaltend er selbst seine jahrzehntelangen Bemühungen beurteilte, ist ebenfalls einem Brief an Hans Lietzmann zu entnehmen, den er wenige T a g e nach seinem Gesuch an die Kommission schrieb: »Wenn Sie meinen Brief an die Kirchenväter-Kommission lesen oder hören, so bitte ich Sie als alten Freund, dem Mißverständnis - nachträglich kommt mir dies als von mir nahegelegt vor — entgegenzutreten, als ob ich den Druck von irgendeiner Arbeit

327

U B M , N L Jülicher, Ms. 695/444 (maschinenschriftlich); vgl. die maschinenschriftliche Kopie in AAdW-BB, K V K Nr. 1, BI. 156.

328

Vgl. Harnacks Antragsentwurf vom März 1901 (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 52).

329

Vgl. seine eigenen Worte zur PIR saec. IV. V. VI in: J Ü I . I C H E R , Autobiographie 190 (32): »Bis heute hat niemals eine andere Aufgabe meine Begeisterung ganz abkühlen können, nur hat sich, was ein Jahrzehnt an Energie aufzehren durfte, allmählich über einen viel weiteren Zeitraum verbreitet. Vielleicht tat ich Unrecht, als ich 1902 eine noch umfassendere Arbeit in Angriff nahm«.

330

Die beiden Zitate sind Jülichers Antwort vom 15. April 1929 auf das von Harnack im Namen der Kommission verfaßte Schreiben entnommen (AAdW-BB, K V K Nr. 1, Bl. 158b): » Zunächst sehe ich dem Besuch von Professor Karl Schmidt entgegen; er wird das Prosopographie-Material vollständig vorfinden. Die Überführung nach Berlin wird umständlicher sein als der später vorzunehmende Transport der Kästen und Hefte zur Evangelien-Itala, aber eine wirkliche Ordnung wird sich erst an einem Platz lohnend vornehmen lassen, wo seine dauernde Bearbeitung gesichert ist. Daß mein leider so bescheidenes Erbe an der Prosopographie nun in die besten Hände gelegt ist, sehe ich mit Freude «.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

315

von mir in Itala oder Prosopographie der Kirchenväter-Kommission aufdränge. Ich denke überall nur an Aufbewahren für geeignete Weiterarbeiter (Kirchenväter-Zitate). Auch des Ausdrucks Oriens-Christianus schäme ich mich fast: vollständig sind in ihm nur die Bischofssitze, also eigentlich der Rahmen«331. Allein, Jülicher war der letzte, der diesen Sachverhalt zu verantworten hatte. Durch methodische Fehler in der Anlage, durch ein zu weit gestecktes Ziel, durch Krankheit und sonstige Behinderung der Mitarbeiter, endlich durch Krieg und Kriegsfolgen stagnierte die Prosopographie und konnte nur auf Teilgebieten weitergeführt werden 3 ' 2 . Die Tatsache, daß der ganze Plan einer umfassenden spätantiken Prosopographie, die mit großer Zuversicht auf den Weg gebracht und fast dreißig Jahre mit hohem finanziellen Aufwand vorbereitet wurde, letztlich scheiterte333, erklärt zur Genüge, warum sie für Harnack bis zu seinem Tode am 10. Juni 1930 »ein Gegenstand steter Sorge«334 war. Nachdem Carl Schmidt die Unterlagen im Juni nach Berlin verbracht hatte, ging man seitens der Akademie daran, die Zettel zu ordnen und in neue Kästen zu verteilen. Nach der ersten Durchsicht zeigte sich, daß einzig Jülichers geographisch geordnetes Verzeichnis aller Bistümer des Orbis Romanus »die erste wirklich zur Reife gebrachte Frucht des großen Planes der Prosopographie« war335. Hinzu kamen prosopographische Artikel zu einzelnen Bischöfen und reiches Material über nichtbischöfliche Kleriker. Hans Lietzmann, der 1926, d.h. zwei Jahre nach seiner Berufung auf den kirchenhistorischen Lehrstuhl in Berlin, zum Mitglied der Kirchenväterkommission gewählt worden war, nahm sich nun des Unternehmens an und richtete an die Akademie, das Ministerium und die Notgemeinschaft Anträge um Bewilligung fortlaufender Mittel zur Wiederaufnahme der Arbeiten. Am 12. Juli 1929 schrieb er an den Vorsitzenden Sekretär der philologisch-historischen Klasse, es sei die Pflicht der Akademie, die zwei großen Werke Jülichers, die Prosopographie der Spätantike und die Itala zum Neuen Testament, zum Druck zu bringen. Mit Blick auf die Prosopographie seien die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die abschließende Revision des Manuskriptes, die Einarbeitung des noch nicht verwerteten Zettelmaterials und die Einleitung und Überwachung des Druckes sicherzustellen. Dazu müßten die Kosten für Material, Bücher und vor allem für einen Hilfsarbeiter bewilligt werden. Diese beliefen sich auf je 3000 Reichsmark für vier Jahre und eine einmalige Zuwendung von 1000 Reichsmark. Eindrucksvoll

"'

Brief vom 5. Märe 1929; zitiert nach Glanz und Niedergang, Nr. 638, S. 585^ (Hervorhebung im Original).

331

V g l . ZAHN-HARNACK 3 7 0 .

333

Vgl. WlUMOWiTZ, Erinnerungen 306.

334

ZAHN-HARNACK 3 7 0 .

3

Vgl. Lietzmanns Antrag vom 12. Juli 1929 (AAdW-BB, PIR 4.-6. Jh. [ I I - V I I I , ^ ] ) .

"

3I6

Kirchenväterkommission

beschrieb Lietzmann Jülichers »hingebende Arbeit von mehr als 20 Jahren« und dessen »Lebenswerk«, das von größter wissenschaftlicher Bedeutung sei. Angesichts des wenig befriedigenden Gesundheitszustandes des Verfassers sei es angezeigt, »keine Zeit zu verlieren, denn es ist ein menschlich begreiflicher Wunsch aller Beteiligten, das fertige Werk Hrn. Jülicher in die Hände legen zu können«" 6 . Lietzmanns Gesuch wurde am 5. August 1929 mit Billigung der Klasse an das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung weitergeleitet, das mit Schreiben vom 15. Oktober je 2000 Reichsmark auf die Dauer von vier Jahren bewilligte. Daraufhin trat man Ende Januar 1930 mit der Bitte an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft heran, eine Beihilfe von insgesamt 5000 Reichsmark zur Fertigstellung des Manuskripts der Prosopographie zu gewähren. Hierzu war die Notgemeinschaft prinzipiell bereit, konnte aber am 26. Februar 1930 auf Grund ihrer Etatlage zunächst nur einen Betrag von 2000 Reichsmark zur Verfügung stellen, und zwar 1000 Reichsmark fur das Jahr 1930 zum Abschluß des Manuskriptes und diesselbe Summe für die Anschaffung der erforderlichen Bücher 337 . In den folgenden Jahren wurden für die Prosopographie je 1000 Reichsmark gewährt 338 . Lietzmann, der schon bald nach seinem Eintritt die Geschicke der Kirchenväterkommission 339 lenkte, obgleich er erst nach Harnacks T o d 1930 deren Vorsitzender wurde, war es zu verdanken, daß die Arbeiten an der Prosopographie der Spätantike wieder aufgenommen und Angestellte der Kommis-

336

A A d W - B B , PIR 4.-6. J h . ( I I - V I I I , ^ ) , Bl. 7. Das Schreiben ist gemeinsam von

337

Vgl. ebd., Bl. iof. u. 17.

3,8

Vgl. ebd. Bl. 20; 27 u. 29.

339

Die Kommission beschloß auf ihrer Sitzung vom 24. Februar 1928 ihren Namen zu ändern; vgl. Harnacks Protokollbuch, S. 96f. sowie die Mitteilung an die philosophischhistorische Klasse der Preußischen Akademie vom 27. Februar 1928 (AAdW-BB, K V K Nr. I, Bl. 146): »Die Kommission für die Ausgabe der Griechischen Kirchenväter hat in ihrer Sitzung vom 24. Febr. auf Vorschlag des Hrn. von Wilamowitz-Moellendorff und Hrn. von Harnack einstimmig beschlossen, ihren Namen umzuändern, und zwar soll sie nunmehr heißen: Kommission zur Förderung der kirchlichen und religionsgeschichtlichen Studien im Rahmen der römischen Kaiserzeit. Die Kommission bittet darum, die Klasse möge diese Namensumwandelung genehmigen. Motiv: Der gegenwärtige Stand der Wissenschaft macht religionsgeschichtliche Studien in der Kaiserzeit im Zusammenhang mit den kirchenhistorischen Studien notwendig; eine neue Kommission aber für jene zu schaffen, wäre bei dem engen Zusammenhang beider verkehrt. Die Vereinigung beider unter einem Namen empfiehlt sich übrigens auch deßhalb, weil die bei der Akademie errichtete >Stiftung zur Förderung der kirchen- und religionsgeschichtlichen Studien im Rahmen der römischen Kaiserzeit< (Harnack. Stiftung) in der Inflation ihr gesammtes Kapital verloren hat, also faktisch und wohl fur immer erloschen ist«.

Lietzmann und Harnack gezeichnet.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

317

sion dafür eingesetzt wurden. N i c h t zuletzt um Jülichers aufopferungsvolle Tätigkeit 3 4 0 zu einem gewissen Abschluß zu bringen, drängte Lietzmann auf eine Veröffentlichung. Zunächst hoffte er, mit Hilfe von Jülichers umfangreichen Ausarbeitungen das W e r k mit verhältnißmäßig geringen Anstrengungen in einem Zeitraum von etwa vier Jahren fertigstellen zu können 3 4 '. D i e kritische Sichtung des bisher Erreichten führte allerdings zu der Entscheidung, daß einzig das von Jülicher erstellte, geographisch geordnete Verzeichnis der Bistümer des Westens und die damit verbundene Ubersicht der Bischöfe, möglicherweise auch seine Zusammenstellung der nichtbischöflichen Kleriker, nach einer noch notwendigen Uberprüfung und Ergänzung veröffentlicht werden sollten 342 . Im Vergleich zur ursprünglichen, von Mommsen vorgegebenen Konzeption der Prosopographie, ja selbst im Vergleich zur 1921 von der Kommission beschlossenen prosopographia Christiana bedeutete dies ein Minimalprogramm. Aber selbst dieses bescheidene Vorhaben konnte trotz weiterer finanzieller Förderung durch die Notgemeinschaft und das Ministerium 3 4 3 nicht realisiert werden. D i e Hilfskräfte der Kommission waren ausschließlich mit der Ordnung und Ergänzung der einseitig beschriebenen Zettel im Oktavformat beschäftigt. In den Sitzungsberichten des Jahres 1932, in denen zum ersten Mal von einer »Christlichen Prosopographie« die Rede ist, wies man darauf hin, daß die Arbeiten so weit fortgeschritten seien, daß etwa von Mitte Februar 1932 an auf Anfragen A u s k u n f t erteilt werden könne 3 4 4 . Sehr bald ließ sich absehen, daß selbst die in Angriff genommene »Veröffentlichung der Bischofsprosopa« noch sehr eingehende und zeitraubende Arbeiten erfordern würde 345 . U m die etwa 75.000 Zettel umfassende Sammlung 3 4 6 kümmerte sich seit 1932 vor allem Walter Eltester (1899-1976), der nach der Pensionierung von Carl Schmidt 1933 als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter der Kommission eingestellt wurde 3 4 7 . Ihn unterstütz' 4 ° Z u Jülichers Hoffnungen vgl. JOI.ICHER, Autobiographie 191 (33). 341

Vgl. hierzu Eltesters Brief an Lietzmann vom 2. April 1934 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9).

341

Vgl. hierzu ebenfalls SB Berlin 1930, S. L X X V I I I ; 1931, S. X C V I I f .

345

Vgl. die einzelnen Anweisungen und Rechnungsbelege in A A d W - B B , PIR 4.-6. Jh. (IIVIII,143) und das Schreiben der Kommission an das Sekretariat der Akademie vom 9. August 1930, das daraufhinweist, daß fur die Prosopographie 2000 R M vom Ministerium und 1000 R M von der Notgemeinschaft für die Zeit von 1930-33 gewährt wurden ( A A d W - B B , K V K Nr. 9).

344

Vgl. S B Berlin 1932, S. L X X X I X f . Dabei wurden »die Zettel auf drei Alphabete verteilt, von denen das erste die Bischöfe, das zweite die sakralen Personen (Kleriker, Mönche, Theologen), das dritte die Profanen umfaßt«. Diese Einteilung wurde, wie die noch vorhandenen Kästen in der Berliner Akademie belegen, später beibehalten.

345

SB Berlin 1933, S. X C I I .

'4i

Ebd.

347

Die Einstellung Eltesters wurde am 1. Oktober 1933 von der Kommission beschlossen und am 1. April 1934 vom Ministerium genehmigt; vgl. A A d W - B B , K V K Nr. 9.

3i8

Kirchenväterkommission

ten verschiedene Hilfskräfte, darunter auch Carl Andresen (1909-1985) und Franz Heinrich Kettler (1906-1986)348. Eltester sichtete - wohl in Lietzmanns Auftrag - zunächst die in Berlin befindlichen Unterlagen, um Aufschluß über die Vorarbeiten, vor allem über den Umfang der bisher exzerpierten Quellen zu erhalten. Da viele Fragen offenblieben, besuchte er am 23. und 24. April 1932 Adolf Jülicher in Marburg. Sein auf den 29. April datierter Bericht, der sich ebenfalls mit Jülichers Itala-Studien und dem möglichen Erwerb von Teilen der Bibliothek Jülichers durch die Kommission befaßte, war für die Prosopographia Imperii Romani IV. V. VI niederschmetternd. Eltester stellte zunächst fest, daß spätestens 1905 die Exzerpierung der Migne-Bände abgeschlossen war. Ein vollständiges Verzeichnis der exzerpierten Quellen fehlte. Überdies fanden sich keine Aufzeichnungen über die ausgewerteten Zeitschriftenjahrgänge. Seit 1913 hatte man offensichtlich die Veröffentlichungen in den wissenschaftlichen Zeitschriften nicht mehr zur Kenntnis genommen. Jülicher empfahl ihm überdies, bei Albert Ehrhard anzufragen, der über eine Lücke in der Exzerpierung der Acta Sanctorum Auskunft geben könne. Hatte das erste Rundschreiben noch alle Personen vor 300 ausgeschlossen, so wurde dies in der späteren Instruktion stillschweigend dahingehend geändert, daß ausnahmslos alle, also auch die vornicänischen, kirchlichen und weltlichen Personen zu verzeichnen waren349: Diese Vorgabe war allerdings nicht, so versicherte Jülicher, konsequent befolgt worden. Er selbst hatte von sich aus den Cyprian exzerpiert, der von Harnack nicht mitverteilt worden war. Auch die Behandlung von ausdrücklichen Zitaten aus andern Schriftstellern in der zu exzerpierenden Quelle wurde nicht einheitlich durchgeführt. Völlig unklar war, in welchem Umfang spätere byzantinische Chronisten fïir die Prosopographie benutzt worden waren. Schließlich blieb die Umstellung auf die mittlerweile erschienenen neuen Ausgaben ein dringendes Erfordernis350. Eltester fragte am 21. März 1933 nochmals brieflich bei Jülicher an, ob nicht doch noch irgendwelche, die Prosopographie betreffende Akten bei ihm zurückgeblieben seien, als er 1929 die Materialien nach Berlin übersandte. Unermüdlich suchte Eltester die Listen der Exzerptsammlungen, »von denen einmal in

348

Vgl. hierzu sowie zum folgenden Eltesters Brief an Jülicher vom 2. April 1934 (AAdWB B , K V K Nr. 9). C . Andresen beschäftigte sich drei Semester damit, die Eintragungen anhand der Texte zu prüfen und neuere Textausgaben einzuarbeiten; allerdings blieb seine Revision unvollendet, da er im Sommersemester 1931 zum theologischen Examen nach Kiel wechselte (vgl. hierzu eine unveröffentlichte autobiographische Skizze von Carl Andresen für die Jahre von 1929 bis 1932, die sich im Besitz des Verfassers befindet). F.H. Kettler wiederum benutzte die prosopographische Sammlung für seine Dissertation »Der melitianische Streit in Aegypten« (Berlin 1937).

549

Vgl. oben S. 270 mit Anm. 120. Vgl. Eltesters Bericht vom 29. April 1932 (AAdW-BB, K V K Nr. 9).

350

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

319

einem Ihrer Briefe an Harnack die Rede ist«351. Er hoffte, weitere Briefe Harnacks, Ehrhards und Seecks mit wichtigen Angaben über den geplanten Aufbau der Prosopographie und den Umfang der ausgewerteten Quellen würden noch auftauchen. Tatsächlich fand sich »bei dem großen Frühjahrsputz« und der »gründlicheren Durcharbeitung aller Fächer« der Schreibtische in Jülichers Haus eine Aktenmappe mit Material zur Prosopographie, die auch einige Postkarten Harnacks enthielt; aber »was ich an vollständigen Listen seinerzeit angefertigt habe, ist gewiß nach Berlin gegangen, wohin es gehörte, und dann nicht von mir zurückgefordert worden. Über die alten Mitarbeiter, bzw. von ihnen, werden Sie manches vorfinden, schwerlich alles, was Sie gern sehen möchten, aber alles, was ich seinerzeit des Aufbewahrens würdig befunden habe«352. Welchen Wert Jülicher selbst diesen Unterlagen beimaß, offenbart eine an Eltester adressierte Postkarte vom 12. Mai 1933: »Erwarten Sie nur vor allem nicht zu viel und behelligen Sie keinen Platz mit Aufzeichnung des diesmal von mir Eingelieferten. Sie sollen das vernichten dürfen, sobald Sie gesehen haben, daß es für unsere gemeinsame Arbeit nichts austrägt«353. Ende Juli teilte Eltester, der die neuen Materialen gesichtet hatte, Jülicher mit, man gehe nun daran, die Listen und Prosopa der Bischöfe fur bestimmte Provinzen fertigzustellen. Er hoffe, zum 1. Oktober 1933 eine planmäßige Stelle als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter 354 antreten zu können; dann werde er mehr Zeit für die Arbeit an der Prosopographie zur Verfügung haben, da er bisher nur halbtätig auf der Akademie arbeite355. Jülicher antwortete, er habe den Bericht über den Fortgang der Prosopographie mit Interesse gelesen und wüßte nichts Besseres vorzuschlagen: »Machen Sie sich nur keine Sorge, wenn die Arbeit einmal stockt; ich leide an nichts weniger als an Ungeduld, zumal in dieser auf längste Fristen angelegten Arbeit« 356 . Der Korrespondenz und Eltesters Tätigkeitsbericht für 1933 ist zu entnehmen 357 , daß die Kirchenväterausgabe unbedingte Priorität hatte, während an der Prosopographie nur in der verbleibenden Zeit gearbeitet wurde 358 . Dies kann angesichts der Erkenntnis, die Eltester nach der Ordnung und Durchsicht der Kommissionsakten 359 und den Gesprächen mit Jülicher gewonnen hatte, kaum verwundern: Ein zuverlässiger Überblick Eltesters Brief an Jülicher vom 21. März 1933 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9). 351

Diktierter Brief Jülichers vom 26. April 1933 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9). A A d W - B B , K V K Nr. 9.

"4

Eingestellt wurde Eltester erst zum 1. April 1934; vgl. oben Anm. 347.

355

Brief Eltesters vom 22. Juli 1933 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9).

356

Diktierter Brief Jülichers 25. Juli 1933 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9).

357

Der Bericht datiert vom 27. Dezember 1933 ( A A d W - B B , K V K Nr. 9).

358

Vgl. ebenfalls S B Berlin 1934, S. L X X X V .

359

Es finden sich noch zahlreiche handschriftliche Vermerke Eltesters in den Unterlagen der Kommission. Dabei zog Eltester, wie seinem Brief an Jülicher vom 2. April 1934 zu

320

Kirchenväterkommission

über die ausgewerteten Quellen fand sich nirgends, und die ursprünglichen Verteilungslisten waren nutzlos, da sie später mannigfache Veränderungen erfuhren. Hinzu kam, daß trotz angestrengter Bemühungen nicht geklärt werden konnte, in welchem Umfang neuere Publikationen und Zeitschriftenjahrgänge ausgewertet worden waren 3 So wurden zwar weitere Arbeiten vage geplant unter anderem sollten eine Chronologie der alexandrinischen Bischöfe vorgelegt' 61 und kleine geographische Einheiten der Prosopographie fertiggestellt werden' 6 2 - , aber an eine Fortführung des Projektes war angesichts der fehlenden Vollständigkeit und Zuverlässigkeit der Exzerpte selbst in begrenztem Umfang nicht zu denken, da ein solches Vorhaben eine detaillierte Überprüfung des gesamten Materials, d.h. der 75.000 Zettel vorausgesetzt hätte. Für eine solche umfassende Revision der prosopographischen Vorarbeiten genügten die finanziellen und personellen Ressourcen der Kirchenväterkommission in keiner Weise. Also beschloß man im Dezember 1933, die Arbeiten an der Prosopographie bis auf weiteres einzustellen. Eltester kam die schwierige Aufgabe zu, Jülicher diesen Beschluß mitzuteilen. Wochenlang schob er die unangenehme Verpflichtung auf. A m 2. April 1934 schrieb er an Jülicher in Marburg. Klar setzte er die Gründe der Kommissionsentscheidung auseinander und Schloß mit dem ehrlichen Eingeständnis, er sei dankbar, daß ihm die Prosopographie abgenommen worden sei, »denn mit gelegentlichen Flickstunden ist an diesem großen Werk nichts Erfolgversprechendes zu leisten. Hoffentlich kommt einst die Zeit, wo das Unternehmen wieder in Gang gesetzt und dann zum Ziele geführt werden kann« 36 '. Damit hatten sich die Hoffnungen endgültig zerschlagen, eine umfassende Prosopographie der Spätantike, die man einst in Mommsens Hände legen wollte, wenigstens in bescheidenen Auszügen noch Jülicher zu überreichen. Lietzmann, der mit der Wiederaufnahme des Unternehmens auch Jülicher ehren wollte, hatte 1929 offensichtlich die mit der Prosopographie der Spätantike verbundenen Probleme noch nicht übersehen u n d - a u c h im Interesse Jülichers -

entnehmen ist (AAdW-BB, K V K Nr. 9), alle entsprechenden Nachrichten aus und erstellte »eine wohl ziemlich vollständige Liste, wieweit die Exzerpte über Migne hinausgehen, welche Ausgaben benutzt wurden, sowie von wem und wann diese Exzerpte angefertigt worden sind«. Dieses Quellenverzeichnis, das heute noch vorhanden ist, konnte allerdings das fehlende Gesamtverzeichnis nicht ersetzen. 'ÄO Vgl. Eltesters Brief an Jülicher vom 22. Juli 1933 (AAdW-BB, K V K Nr. 9). 561

Vgl. hierzu ebenfalls SB Berlin 1935, S. X C V I I I .

' 6 l Vgl. Eltesters Brief an Jülicher vom 22. Juli 1933 (AAdW-BB, K V K Nr. 9). Nicht gezeichneter Durchschlag des Schreibens Eltesters an Jülicher vom 2. April 1934 (AAdW-BB, K V K Nr. 9). Ein Antwortschreiben Jülichers konnte nicht ermittelt werden.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum IV.V.VI.

321

versucht, das Vorhaben, so gut es eben ging, fortzuführen. 1936 entschied sich die Kommission, das Projekt endgültig als undurchführbar aufzugeben 364 . Lietzmanns Schreiben vom 6. Oktober 1936 an die Preußische Akademie der Wissenschaften, das zur Weiterleitung an das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung bestimmt war, spiegelt abermals die tragische Verstrickung Jülichers in dieses Unternehmen wider. Anlaß des Briefes war die geplante Ehrung Jülichers zu seinem 80. Geburtstag am 26. Januar 1937 durch den Druck des Itala-Textes der vier Evangelien: »Herr Jülicher hat ein Menschenalter hindurch seine Arbeitskraft an zwei große Aufgaben gesetzt, die nur durch die vollste Hingabe an eine fast endlose Kleinarbeit gelöst werden konnten und dabei doch ein souveränes Beherrschen des gesamten Stoffes erforderten. Die erste war die Bearbeitung der ihm von der Kirchenväterkommission übertragenen kirchlichen Seite der Prosopographie von Konstantin bis Justinian. Als nach seiner Erblindung Herr Jülicher dieses Material uns zur Verfügung stellte, haben wir versucht, die Prosopographie zum Druck zu bringen. Aber weder der Zustand des Manuskriptes noch die inzwischen völlig veränderte wissenschaftliche Lage gestatten es, die Prosopographie zum Druck zu bringen«36®.

g) Epilog Prinzipielle methodische Defizite sowie fehlende finanzielle und personelle Möglichkeiten nach dem Ersten Weltkrieg verurteilten die prosopographia Christiana fur die Zeit von Diokletian bis Justinian zum Scheitern. Die prosopographia saecularis mußte zuvor bereits aufgegeben werden; Seecks eigennützige Arbeitsweise hatte die Kommission schon 1921 zu dieser Entscheidung gezwungen. Bis zum Jahr 1919 waren der Prosopographie aus Stiftungsmitteln 68.000 Mark zugeflossen, zu denen nochmals über 30.000 Mark in den Jahren 1920 bis 1922 kamen. Danach wurde das Unternehmen durch die Akademie, das vorgeordnete Ministerium und die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft durch jährliche Zuwendungen finanziert. Beträchtliche Summen waren folglich in ein Vorhaben investiert worden, das unvollendet blieb und dessen Zustand wenig Hoffnung bot, daß es jemals fertiggestellt werden würde. Trotz der internen Einstellung der Arbeiten wurden weiterhin Mittel für die Prosopographie beantragt und von dem Ministerium genehmigt'66. Diese dienten der Besoldung wissenschaftlicher Hilfskräfte, die nun andere Projekte der 564

Vgl. H. LIETZMANNS Notiz in der Z N T W 35,1936, 293.

365

A A W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte (II-VIII,I68), Bl. 168.

JÄ6

Vgl. hierzu die Abrechnungen seit 1934 in AAdW-BB, PIR 4.-6. Jh. ( I I - V I I I , ^ ) .

322

Kirchenväterkommission

Kirchenväterkommission, insbesondere die große Athanasiusausgabe, unterstützten. Als der Klassische Philologe Karl Holl (1910-1941), der Sohn des Kirchenhistorikers, zu Beginn des Rußlandfeldzuges ums Leben gekommen war, übertrug Lietzmann seine Fürsorge auf dessen Frau Elisabeth Holl' 6 7 , stellte die Altertumswissenschaftlerin fur kleinere Kommissionsarbeiten ein und ließ ihr unter anderem aus einem fur die Prosopographie und die Athanasiusausgabe eingerichteten Sonderkonto' 68 finanzielle Hilfe zuteil werden. Am 30. Dezember 1940 kam es auf der Sitzung der Kirchenväterkommission in Lietzmanns Wohnung nochmals zu einer ausfuhrlichen Beratung über die »Prosopographie der spätrömischen Kaiserzeit«369. Anlaß hierfür war die Erweiterung der Exzerptensammlung durch die Schenkung von Johannes Sundwall (18781966) 37 °, der »seine im wesentlichen die Personen senatorischen Standes von 306-565 betreffenden Materialien« der Kommission zur weiteren Verfügung überließ 37 '. Die Prosopographie, so stellte man nun fest, sei seiner Zeit von Harnack und Mommsen zu früh ins Leben gerufen worden. Heute sei hingegen die Lage derart, daß die Wiederaufnahme des Planes aussichtsreich sei. Die reichen Materialsammlungen sollten durch neue Hilfsmittel überprüft und ergänzt werden; besondere Hoffnungen setzte man in die prosopographischen Indices des Schwartz'schen Konzilienwerkes und in die Sammlungen des Münchner Thesaurus Linguae Latinae. »In absehbarer Zeit, etwa in 4 bis 5 Jahren«, wollte man »auf gesicherter Grundlage zunächst ein prosopographisches Handbuch der weltlichen und kirchlichen Beamten des 4-/5. Jhdts. in begrenztem Umfang« erstellen372. Die schrittweise Verwirklichung des Vorhabens hänge lediglich von den finanziellen Voraussetzungen ab, die in der Schaffung

Vgl. Glanz und Niedergang 140 sowie Brief N r . 1175, S. 1017. Karl Holl war zuvor ebenfalls Mitarbeiter der Kirchenväterkommission gewesen, hatte sich 1939 habilitiert und danach durch Lietzmanns Vermittlung eine Anstellung beim Verlag Walter de Gruyter gefunden. Z u Lietzmanns Opposition gegen das Dritte Reich vgl. K. A i a n d s Einleitung zu »Glanz und Niedergang«, i 2 j f f . ,S8

Das Prosopographie-Konto war bereits 1939 mit einem Rest von R M 533,88 zugunsten der allgemeinen Kasse der Kommission aufgelöst worden, vgl. das Protokoll der Sitzung vom 28. Januar 1939 ( A A d W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte [II-VIIL169], Bl. 51g). A m 30. Dezember 1940 kam man darin überein, diesen Restbetrag im Notfall der Athanasiusausgabe zuzuführen (aO., Bl. 140).

' 6 9 Vgl. A A d W - B B , Kommission für spätantike Religionsgeschichte (II-VIII,i69), Bl. 136140. A m 28. Januar 1939 war beschlossen worden, den Assumptionisten, die ebenfalls ein prosopographisches Nachschlagewerk planten, die Materialien der Kommission nicht zu übergeben (aO., Bl. 51g). 370

Z u ihm vgl. nunmehr P. B r u u n , Antikhistorikern Johannes Sundwall, in: M . Engman (Hrsg.), Historiens Studium vid Abo Akademi, Abo 1991, 83-104.

371

Vgl. WlNKKLMANN, PIR 3 of.

,72

A A d W - B B , Kommission fiir spätantike Religionsgeschichte (II-VIII,169), Bl. 137.

Die Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V I .

323

ausreichend dotierter Stellen fur Mitarbeiter bestünden. Es sei nämlich nicht angängig, vorzüglich eingearbeitete Kräfte unzureichend zu bezahlen und sie dadurch zu zwingen, sich sobald wie möglich nach einer besseren Stellung umzusehen. Die hochtrabenden Pläne mußten schon allein angesichts der widrigen Zeitumstände scheitern. Der Krieg machte die systematische und kontinuierliche Verfolgung der wissenschaftlichen Unternehmungen unmöglich. Viele junge Mitarbeiter der Kommission, die von Lietzmann als patristischer Nachwuchs gefördert worden waren, blieben im Feld373. Am 25. Juni 1942 verlor die Kommission überdies ihren Vorsitzenden: Lietzmann erlag in Locarno einem Krebsleiden. Als das Dritte Reich endgültig zerbrach und der Bombenkrieg über Berlin tobte, konnte es nur noch Ziel der verbliebenen Mitarbeiter sein, die Bestände der Kirchenväterkommission, darunter auch die Materialien der Prosopographie, aus der zerstörten Hauptstadt auszulagern. Unmittelbar nach Ende des Krieges übernahm Walther Eltester die schwierige Aufgabe, die Kirchenväterkommission neu zu begründen. Schon am 18. Juli 1945 verfaßte er einen ersten »Bericht über die zur Zeit durchgeführten Arbeiten der Kommission fur spätantike Religionsgeschichte«374. Auf seine Initiative hin kamen die Klassischen Philologen Ludwig Deubner (1877-1946) und Wolfgang Schadewaldt (1900-1974), der kommissarische Präsident der Berliner Akademie Johannes Stroux (1886-1954) und er selbst zur ersten Sitzung der Kommission nach dem Kriege am 16. August 1945 im Gemeindesaal der St. Annenpfarrei in Berlin-Dahlem zusammen. Konkrete Planungen waren völlig undenkbar; vornehmste Aufgabe der Mitglieder war es, die Kommission und ihre Unternehmungen am Leben zu erhalten. In den ersten Monaten nach dem völligen Zusammenbruch aller staatlichen Einrichtungen mußte man sich notgedrungen damit begnügen, Arbeits- und Finanzierungsmöglichkeiten zu sondieren. Die Prosopographie der Spätantike wurde auf der ersten Zusammenkunft mit keinem Wort erwähnt. Der Klassische Philologe Stroux übernahm den Vorsitz der Kommission, den nach Lietzmanns Tode Hermann Grapow (1885-1967) vertretungsweise innegehabt hatte. Nach der Berufung Eltesters auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Berliner Universität wurde zum 1. Oktober 1947 Johannes Irmscher (geb. 1920) als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter eingestellt. Dieser legte am 21. Juli einen Bericht über die »Prosopographie der spätrömischen Kaiserzeit« vor, aus dem hervorging, daß von den Kästen am Auslagerungsort etwa dreißig verlorengegangen und andere aufgebrochen waren. Vollständig vorhanden waren noch 45 schwarze Kästen, in denen die Exzerpte der prosopographia saecularis aufbewahrt wurden; dazu kamen 60 braune Kästen mit roter Schrift, die die Zettel für »sakrale Personen« enthielten, und 46 braum

V g l . ELTESTF.R, G e s c h i c h t e 17FR

374

Vgl. hierzu sowie zum folgenden die Unterlagen in A A d W - B B , Akademie-Leitung, Nr. 2 (nicht paginiert).

324

Kirchenväterkommission

ne Kästen mit schwarzer Schrift, in denen sich die Bischofsprosopa befanden. Verschiedene Briefe, ein Ortsregister, ein Quellenverzeichnis und weitere U n terlagen fanden sich ebenfalls 375 . D a das Material alphabetisch nach Personen und nicht nach den exzerpierten Quellen geordnet worden war, hätten die kriegsbedingten Lücken nur unter größten Schwierigkeiten geschlossen werden können. V o n einer Fortführung der Arbeiten wurde deshalb abgesehen. D i e Kommission konzentrierte sich auf ihre editorischen Vorhaben 3 7 6 . D i e umfangreiche Sammlung wurde jedoch Interessenten zur Benutzung angeboten. Während in Berlin die Arbeiten an der Prosopographie ruhten, traf Ende der vierziger Jahre eine G r u p p e von Wissenschaftlern der British Academy um A r n o l d Hughes Martin Jones die ersten Vorbereitungen für eine profangeschichtliche Prosopographie der Spätantike 3 7 7 . Gleichzeitig nahmen HenriIrénée Marrou und Jean-Rémy Palanque im Verein mit ihren Mitarbeitern an der Sorbonne eine prosopographia Christiana in Angriff. A u f dem Ersten Internationalen Kongreß für Klassische Studien im August 1950 in Paris legten die beiden Komitees Richtlinien für eine Zusammenarbeit fest und vereinbarten enge Kooperation. Die Kommission für spätantike Religionsgeschichte an der Akademie der Wissenschaften in Berlin mußte nun entscheiden, inwieweit sie sich mit ihrem umfangreichen prosopographischen Material an dieser neuen Arbeit beteiligen wollte. N a c h längeren Vorberatungen erklärte die Kommission auf ihrer Sitzung vom 16. M a i 1951 ihr Einverständnis, daß für das englischfranzösische Unternehmen die früher angelegten Sammlungen leihweise zur Verfügung gestellt werden sollten 378 . Als Gegenleistung erhoffte man sich Hilfe 375

Vgl. v.a. die Aufstellung von F. Paschke vom 22. Juli 1948 (AAdW-BB, AkademieLeitung, Nr. 2).

376

Vgl. J. IRMSCHERS »Bericht über die Arbeiten der Kommission für spätantike Religionsgeschichte (Stand vom September 1951)« in: ThLZ 77, 1952, 49-54. » Der ursprüngliche Plan hat sich sowohl in der Art seiner Anlage als auch in der Form seiner Durchführung als unzweckmäßig erwiesen. Das Projekt mußte daher vorerst zurückgestellt werden, nicht zuletzt auch aus dem Grunde, weil das Corpus für die ersten drei Jahrhunderte noch nicht zum Abschluß gebracht werden konnte, und doch gerade für die Prosopographie nur ein gesicherter Text zum Ausgangspunkt genommen werden kann«. Jones beschritt den gleichen Weg, den einst Harnack für die kirchenhistorischen Exzerpte gewählt hatte, er wandte sich an andere Wissenschaftler »to read the sources and send in slips« (PLRE I, S. V).

377

378

Vgl. hierzu das Sitzungsprotokoll in AAdW-BB, Akademie-Leitung, Nr. 2. In seinem »Bericht über die Arbeiten der Kommission für spätantike Religionsgeschichte (Stand vom Dezember 1952)« in: ThLZ 78,1953,148-150 teilte J. IRMSCHKR mit, daß »das bei der Kommission gesammelte prosopographische Material, mit dessen Veröffentlichung nicht mehr zu rechnen ist, bei dem neuen prosopographischen Unternehmen, das von britischen und französischen Gelehrten in Angriff genommen worden ist, Verwendung finden« wird.

D i e Prosopographia Imperii Romani Saeculorum I V . V . V 1 .

325

bei der Beschaffung von Handschriftenphotographien und unbedingt benötigter ausländischer Literatur, die in der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik nur schwer zu erhalten war. Zunächst mußte allerdings geklärt werden, ob dem Vorschlag der Kommission »nicht grundsätzliche politische Erwägungen entgegen stehen«, wie Johannes Irmscher in einem Brief vom 7. Juni 1951 an den Präsidenten der Akademie schrieb379. Die Verhandlungen zwischen der Deutschen Akademie der Wissenschaften im Osten Berlins und den beiden Herausgebergremien in England und Frankreich zogen sich hin. Erst am 27. April 1965 konnte zwischen der Ostberliner Akademie, vertreten durch den Direktor des Instituts für griechisch-römische Altertumskunde, Johannes Irmscher, und der Prosopography of the Later Roman Empire (unter der Schirmherrschaft der British Academy), vertreten durch John Morris, die schriftliche Vereinbarung getroffen werden, daß die Deutsche Akademie der Wissenschaften das prosopographische Material unentgeltlich als Leihgabe zur Verfugung stellte380. Die Sammlung wurde zunächst auf drei Jahre überlassen; die Möglichkeit, die Leihfrist in beiderseitigem Einverständnis zu verlängern, wurde in Aussicht gestellt. Von englischer Seite verpflichtete man sich, »den wissenschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend das Material im Quellenverzeichnis« aufzuführen und »nach Möglichkeit ein Exemplar der fertiggestellten Prosopographie als Anerkennung ftir die gewährte Unterstützung« der Ostberliner Akademie kostenlos zu überlassen. John Morris holte die Kästen persönlich in den Räumen der Akademie ab und verbrachte sie in seinem Auto nach London. Aus England wurden im August 1982 die 45 Kästen mit den profanhistorischen Exzerpten zurückgesandt. Ein Vergleich der Einträge in den einzelnen Bänden der PLRE mit dem Material der Kommission zeigt, daß die Herausgeber der PLRE wohl teilweise auf die Zettelsammlung zurückgriffen. A.H.M. Jones, J. Morris und J.R. Martindale erkannten indes bald, daß Otto Seeck und seine Mitarbeiter die fertiggestellten Artikel zu bedeutenderen Personen der profangeschichtlichen Abteilung zuvor bereits in der Realencyclopädie der Klassischen Altertumswissenschaft veröffentlicht hatten3'1; diese erwiesen sich als die größte Hilfe. Die englische Beurteilung der restlichen Exzerpte deckte sich wohl mit der der Kommission fiir spätantike Religionsgeschichte aus dem Jahr 1951; damals wurde festgestellt, daß die prosopographischen Materialen »von nur geringem Wert« seien, weil »sie recht unsorgfältig angelegt und so 579

A A d W - B B , Akademie-Leitung, Nr. 2.

' 8 o Ich zitiere den Vertragstext nach dem im früheren Institut für griechisch-römische Altertumskunde befindlichen Exemplar, das mir freundlicherweise Professor Jürgen Dummer zugänglich machte. Vgl. zum folgenden auch STEFAN REBENICH, Mommsen, Harnack und die Prosopographie der Spätantike, erscheint in: Studia Patristica. Vgl. P L R E I, S. V.

326

Kirchenväterkommission

mitunter nur schwer lesbar sind«, weil ferner »eine Übersicht über die Literatur, welche fur die Prosopographie herangezogen wurde«, fehle und schließlich weil »einige Kästen durch Kriegseinwirkung verloren gegangen sind«'82. Dennoch ließen die Engländer das kirchengeschichtliche Material der französischen Arbeitsgruppe zukommen. Offenbar wurde dabei vertragswidrig38' die Ostberliner Akademie nicht um ihr Einverständnis ersucht, denn seit August 1982 bemühten sich dort mehrere Mitarbeiter, zunächst den Verbleib der fehlenden Unterlagen zu klären'84. Eine langjährige und umfangreiche Korrespondenz mit französischen Gelehrten, unter anderem auch mit Charles Pietri, führte schließlich zur Rückführung der ausstehenden Zettelkästen nach Berlin Anfang der neunziger Jahre. Über den Umfang ihrer Benutzung werden die weiteren Bände der Prosopographie chrétienne Zeugnis geben. Die eindrucksvolle Sammlung der von Mommsen initiierten und von Harnack fortgeführten Prosopographia Imperii Romani saec. IV. V. VI. ist nunmehr in den neuen Räumen der Arbeitsstelle der »Griechischen Christlichen Schriftsteller« der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt und kann dort eingesehen werden.

582

Protokoll der Sitzung vom 16. Mai 1951 (AAdW-BB, Akademie-Leitung, Nr. 2).

,8

'

§ II.2 des Vertrages regelte, daß »die anderweitige Verwendung über den angegebenen

384

Vgl. hierzu etwa eine Aktennotiz von Kurt Treu vom 23. August 1982 in den Unterlagen

Zweck hinaus« der Zustimmung der Deutschen Akademie der Wissenschaft bedürfe. der Kommission.

IV DER POLITISCHE PROFESSOR UND DER GELEHRTENPOLITIKER ι. Vom Bürgersinn eines Liberalen

a) Animal politicum »Politische Stellung und politischen Einfluß habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein«. Dieser häufig zitierte Satz aus Mommsens berühmter Testamentsklausel vom 2. September 1899 ist ein grundsätzliches Bekenntnis zur politischen Verantwortung des selbstbewußten, den Idealen der Revolution von 1848 verpflichteten Bürgers. Es folgen jedoch Worte tiefer Resignation: »Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede und den politischen Fetichismus nicht hinauskommt. Diese innere Entzweiung mit dem Volke, dem ich angehöre, hat mich durchaus bestimmt, mit meiner Persönlichkeit, soweit mir dies irgend möglich war, nicht vor das deutsche Publikum zu treten, vor dem mir die Achtung fehlt«1. Dennoch hat Mommsen sich auch in seinen Berliner Jahren häufig und prononciert zu politischen Fragen geäußert. Treffend schrieb das liberale »Berliner Tageblatt« anläßlich seines Todes: »In den wichtigsten Krisen des öffentlichen Lebens erhob er seine Stimme, die niemals ungehört verhallte. Sein männlicher Widerspruch gegen übertriebenen Bismarck-Kultus brachte ihn noch in reiferen Jahren auf die Anklagebank. Als die Lex Heinze die Hand nach der Freiheit der Kunst ausstreckte, als der Schulgesetzentwurf mit der Knechtung der Schule durch die Kirche drohte, stand er in erster Reihe als der Verteidiger bürgerlicher und geistiger Freiheit. Mit grimmiger Verachtung hatte er sich gegen den Antisemitismus gewandt«2. Es wird zu fragen sein, wie das un1

D i e Testamentsklausel w u r d e z u m ersten M a l e in der Z e i t s c h r i f t » D i e W a n d l u n g « 3, 1 9 4 8 , 6 9 Í veröffentlicht; vgl. HEUSS 2 8 2 ; HEUSS, Testamentsklausel 105 ( 1 7 1 7 ) ; W I C K E R T I V 7 j f . u n d WUCHER 2 i 8 f .

2

Berliner T a g e b l a t t v o m 2. N o v e m b e r 1 9 0 3 , zitiert nach GALSTERER 1 7 5 ; vgl. des weiteren SEECK, M o m m s e n 7 5 ; i02fF. u n d H . ONCKENS N a c h r u f in der A b e n d a u s g a b e des » T a ges« v o m I. N o v e m b e r 1 9 0 3 , N r . 513 (vgl. E . MENSCHING, N u g a e zur Philologiegeschichte 8, Berlin 1 9 9 5 . 7 3 - 7 9 ) sowie ID., T h e o d o r M o m m s e n . Z u r E r i n n e r u n g an seinen 30. T o d e s t a g , in: Berliner Lokalanzeiger, 8. N o v e m b e r 1 9 3 3 , N r . 528, Beiblatt 2.

328

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

bestreitbare politische Engagement M o m m s e n s in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts 3 , das in den folgenden Kapiteln skizziert werden soll, mit seiner Testamentsklausel zu vereinbaren ist 4 . D e r »alte Erzliberale« M o m m s e n 5 war seit seinen Jugendjahren politisch tätig 6 . Ü b e r Jahrzehnte hinweg blieb er der liberalen B e w e g u n g 7 treu ver'

Nach wie vor fehlt eine eingehende Darstellung der politischen Aktivitäten Mommsens im Kaiserreich, die WEBER 149 Anm.i zu Recht anmahnte. Vgl. neben den einschlägigen Abschnitten in der Biographie von HEUSS noch WUCHER und insbesondere den Aufsatz von MALITZ, Wilhelminisches Reich, in dem zugleich eine umfassendere Untersuchung zu Mommsen und dem Linksliberalismus der Wilhelminischen Zeit angekündigt wird (S.325). WICKERT bietet im vierten Band seiner Biographie eine wertvolle Quellensammlung, beschränkt sich jedoch in der Darstellung auf nur wenige Aspekte der politischen Betätigung Mommsens und verzichtet fast völlig auf deren Einbindung in den zeitgeschichtlichen Kontext.

4

Vgl. hierzu v.a. HEUSS, Testamentsklausel sowieG. PASQUALI, Il testamento di Teodoro Mommsen, in: Rivista storica italiana 61,1949, J37-350 (= id., Pagine stravagante 2, Florenz 1968, 383-396). Z u Wickerts Beurteilung und völlig verfehlter Ehrenrettung (»Zur Unzeit ans Licht gebracht und weiterhin falsch interpretiert, hat das Schriftstück für längere Zeit das Bild Mommsens getrübt und verzerrt. Wenn es mir gelingen sollte, durch mein Buch den Schaden wieder gut zu machen, dürfte ich glauben, dem Andenken Mommsens einen Dienst erwiesen zu haben« [IV 77]; vgl. ID., Vorträge 30, wo von dem »Unheil, das durch die Isolierung der Testamentsklausel angerichtet werden« könne, die Rede ist) siehe A. HEUSS, in: Gnomon j6,1984, 636F. (= ID., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995, z6o6f.) und M A L I T Z , Wilamowitz 51 Anm. 80, der die Klausel als »so etwas wie Mommsens geistiges Vermächtnis an die Deutschen« bezeichnet. Der apologetischen Behauptung des Enkels Wilhelm Mommsen, sein Großvater habe später die Klausel als »überholt und im Augenblick der Erregung abgefaßt bezeichnet« (vgl. Hessische Nachrichten 9. Jg., Nr. 162 vom 16. Juli 1953; WICKERT IV 77 und ID., Vorträge 29) widerspricht Konrad Mommsen, der Sohn Ernst Mommsens, in einer maschinenschriftlichen Abhandlung, die sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befindet, vgl. Schiller Nat., A: Mommsen, 70.945 sowieMALiTZ, Wilhelminisches Reich 321 Anm. 2 und ID., Wilamowitz 51 Anm. 80. In diesem Sinne auch HEUSS, Testamentsklausel 106 (1718). Konrad Mommsen war es überdies, der das Dokument »über viele Fährlichkeiten hinwegrettete« und die Erstveröffentlichung in der »Wandlung« ermöglichte (vgl. Die Wandlung 3,1948, 69: Vorbemerkung der Redaktion).

5

S o NIPPERDEY ι , 5 7 4

6

Zur politischen Biographie Mommsens vgl. CHRIST, Gibbon 84ff.; DEMANDT, Mommsen 300ff.; HEUSS, bes. i29ff. und WUCHER pass., der überdies in: H.-U. Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker 4, Göttingen 1972, 7-24, bes. i j f f . eine ansprechende Skizze des Politikers entworfen hat; vgl. des weiteren A. WUCHER, Mommsens Historical Writing. A Continuation of Politics by other Means, in: W. Laqueur u. G.L. Mosse, Historians in Politics, London 1974, 37-57. Noch immer wichtig ist die überzeugende Würdigung des Politikers durch HARTMANN 112-131. Die maßgebliche (politische) Biographie aus marxistischer Sicht stammt von KUCZYNSKI. Weitere Literatur zu einzelnen Aspekten seiner politischen Tätigkeit wird nachfolgend verzeichnet.

7

Zur Geschichte des Liberalismus in Deutschland vgl. allg. J . C . HESS U. E. VAN STEENSEL

V o m BUrgersinn eines Liberalen

329

bunden, u n d selbst als die politischen Illusionen nach der Reichsgründung zerstoben, verwandelte er sich im Gegensatz zu gar manchem seiner akademischen Kollegen nicht in einen esoterischen Kulturkritiker.

VAN DER AA, Bibliographie zum deutschen Liberalismus, Göttingen 1981 und W . J . MOMMSEN, Der deutsche Liberalismus zwischen »klassenloser Bürgergesellschaft« und »Organisiertem Kapitalismus«. Z u einigen neueren Liberalismusinterpretationen, in: G u G 4,1978,77-106 sowie K. WEGNER, Linksliberalismus im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik, ebd. 120-137. Besonders hervorgehoben seien diejenigen Arbeiten, die für dieses wie die folgenden Kapitel herangezogen wurden: W . BUSSMANN, Zur Geschichte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert, in: H Z 186, 1958, 527-557; G. EISFELD, Die Entstehung der liberalen Parteien in Deutschland 185878. Studie zu den Organisationen und Programmen der Liberalen und Demokraten, Hannover 1969; L. ELM, Zwischen Fortschritt und Reaktion. Geschichte der Parteien der liberalen Bourgeoisie in Deutschland 1893-1918, Berlin (Ost) 1968; L. GALL, Liberalismus und »bürgerliche Gesellschaft«. Z u Charakter und Entwicklung der liberalen Bewegung in Deutschland, in: H Z 220,1975, 324-356; ID. (Hrsg.), Liberalismus, Köln 1978; ID., Das Problem der parlamentarischen Opposition im deutschen Frühliberalismus, in: K. Kluxen u. W.J. Mommsen (Hrsgg.), Politische Ideologien und nationalstaatliche Ordnung. Festschrift für Theodor Schieder, München u. Wien 1968,153-170 (= G.A. Ritter [Hrsg.], Deutsche Parteien vor 1918, Köln 1973,192-207); HEYDERHOFF/ WENTZCKE I/II; HUBER IV 63-74 u. 75-91; L. KRIEGER, The German Idea of Freedom, Boston 1957; Η. LANGEWIESCHE (Hrsg.), Liberalismus im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Göttingen 1988; ID., Bildungsbürgertum; H.E. MATTHES, Die Spaltung der Nationalliberalen Partei und die Entwicklung des Linksliberalismus bis zur Auflösung der Deutsch-Freisinnigen Partei (1878-1893). Ein Beitrag zur Geschichte der Krise des deutschen politischen Liberalismus, Diss. Kiel 1953; A. MILATZ, Die linksliberalen Parteien und Gruppen in den Reichstagswahlen 1871-1912, in: Archiv (ur Sozialgeschichte 12, 1972, 273-292; NIPPERDEY 2, 3i4ff. u. jnfF.; ID., Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, 286ff. u. 718ÍT.; ID., Die Organisation der deutschen Parteien, Düsseldorf 1961; G . DE RUGGIERO, Geschichte des Liberalismus in Europa, Aalen 1964; G . SCHMIDT, Die Nationalliberalen - eine regierungsfähige Partei? Zur Problematik der inneren Reichsgründung 1870-1878, in: G.A. Ritter (Hrsg.), Die deutschen Parteien vor 1918, Köln 1973, 208-223; E. SCHRAEPLER, Die politische Haltung des liberalen Bürgertums im Bismarckreich, in: G W U 5,1964, 529-544; G . SEF.BER, Zwischen Bebel und Bismarck. Zur Geschichte des Linksliberalismus in Deutschland 1871-1893, Berlin (Ost) 1965; F.C. SELL, Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart 1953 (= Baden-Baden ^1981); J.J. SHEEHAN, Deutscher Liberalismus im postliberalen Zeitalter 1890-1914, in: G u G 4, 1978, 29-48; ID., Liberalismus; O . STILLICH, Die politischen Parteien in Deutschland 2: Der Liberalismus, Leipzig 1911; WEHLER, D G 3,337fr.; 866ÍT. u. i050ff.; H.A. WINKLER (Hrsg.), Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge, Göttingen 1974; ID., Preußischer Liberalismus und deutscher Nationalstaat. Studien zur Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei 18611866, Tübingen 1964; ID (Hrsg.), Liberalismus und Antiliberalismus. Studien zur politischen Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 1979; ID., V o m linken zum rechten Nationalismus.

33°

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker Erste politische Erfahrungen sammelte er während der 48er Revolution. M i t

T h e o d o r Storm und Johann Gustav Droysen engagierte er sich gegen die dynastischen A m b i t i o n e n des dänischen Königs Frederik V I I . , der SchleswigHolstein, dessen Bevölkerung mehrheitlich deutsch war, seinem Königreich einverleiben wollte. Damals war er Redakteur der von Theodor Olshausen herausgegebenen Schleswig-Holsteiner Zeitung, die sich der liberal-nationalen Bewegung verpflichtet zeigte 8 . A u f Veranlassung seines Freundes und einstigen Lehrers Otto Jahn, der seit 1847 Professor fur Klassische Philologie in Leipzig war, erhielt M o m m s e n im Herbst 1848 den R u f als außerordentlicher Professor der Rechte an die dortige Universität 9 ; 1851 indes wurde er entlassen 10 , nachdem er im Oktober 1850 in einem politischen Prozeß gemeinsam mit Otto J a h n und Moriz H a u p t wegen seiner Verstrickung in die Maiunruhen verurteilt worden war. D e r damalige Protest richtete sich gegen die vom sächsischen König oktroyierte Verfassung". Im Oktober 1851 erreichte M o m m s e n der R u f auf eine Professur fur Römisches Recht in Zürich, dem er im nächsten Jahr folgte". 1854 ging M o m m s e n nach Breslau 13 , und am 27. Oktober 1857 berief ihn Friedrich Wilhelm IV. an die Berliner Akademie, um die Arbeit an dem Inschriftencorpus fortzusetzen' 4 . Z u v o r hatte er unter dem unmittelbaren Eindruck der

8

Vgl. hierzu neben W I C K E R T I I I iff. undHEUSS 26ff. noch C. GEHRCKE, Theodor Mommsen als schleswig-holsteinischer Publizist (mit einem Anhang politischer Mommsen· Aufsätze), Breslau 1927 und Theodor Storm. Briefwechsel mit Theodor Mommsen. Mit einem Anhang: Theodor Storms Korrespondenzen für die Schleswig-Holsteinische Zeitung 1848, hrsg. v. H.-E. TEITGE, Weimar 1966.

'

Vgl. hierzu W I C K E R T I I I 25FF. und Mommsens Brief an Jahn vom 21. 3.1861 ( W I C K E R T , Briefwechsel S. 256, Nr. 210) sowie Mommsens Brief an Harnack vom 21. Februar 1899 (Nr. 138), in dem er für Harnacks Akademiegeschichte an diese Jahre erinnerte, jedoch seine Entlassung aus politischen Gründen nicht erwähnte. Vgl. demgegenüber Harnacks Rede zum goldenen Jubiläum von Mommsens Ordinariat am 13. Oktober 1901, in der von dem »eisigen Wind« die Rede ist, den das Vaterland Mommsen gesandt habe (Nr. 183). Zu Mommsen und Jahn vgl. W I C K E R T , Briefwechsel mit den addenda von B. R I N K ; R . W I TTE, Einundzwanzig wiederaufgefiindene Briefe Mommsens an Jahn, in: Philologus 127, 1983, 262-283 und ST. REBENICH, Ein Brief Theodor Mommsens an Otto Jahn, in: Philologus 139,1995,169-172. Zu Otto Jahn (1813-1869) vgl. jetzt W.M. CALDER I I I , H. CANCIK, B. KYTZLER (Hrsgg.), Otto Jahn (1813-1869). Ein Geisteswissenschaftler zwischen Klassizismus und Historismus, Stuttgart 1991 und C.W. M Ü L L E R , Otto Jahn. Mit einem Verzeichnis seiner Schriften, Stuttgart und Leipzig 1991; dort findet sich ebenfalls die ältere Literatur zu Otto Jahn. Zu Mommsens Zeit in Leipzig von 1848 bis 1851 vgl. HEUSS 28f. und W I C K E R T I I I 25191.

10

"

V g l . WICKERT III 173fr.

11

Vgl. ebd. 192fr.

"

Vgl. ebd. 303fr.

14

Vgl. ebd. 3 9 4 f r .

V o m Bürgersinn eines Liberalen

331

Revolution seine »Römische Geschichte« niedergeschrieben, deren dritter Band bei Caesar, genauer: mit der Schlacht von Thapsus im Jahre 46 v. Chr., endete, »weil die Demokratie und Monarchie in ihm < Caesa» notwendig zusammenfielen«'5. In Berlin angekommen' 6 , fand Mommsen durch den Bankier Adalbert Delbrück sofort Zugang zu einem Kreis liberaldemokratischer Politiker, die sich zum Teil schon in der Berliner Nationalversammlung von 1848/49 hervorgetan hatten. Damals trat Mommsen in Verbindung mit Rudolf Virchow, Karl Twesten, Hermann Schulze-Delitzsch, Werner Siemens, Franz Duncker, Hans Viktor von Unruh und Salomon Oppenheim. In der Zeit der Krankheit Friedrich Wilhelms IV., »unsres Eunuchen«, wie Mommsen ihn einmal nannte' 7 , und der Prinzregentschaft seines Bruders Wilhelm keimten Hoffnungen auf eine »Neue Ära«, auf den Abschied von der bisherigen konservativen Politik und auf eine Erneuerung der liberalen Bewegung. In Berlin war Mommsen sofort entschlossen, an einer offiziösen liberalen Zeitung mitzuwirken, um den Thronfolger Wilhelm (I.) auf die Ideale der liberalen bürgerlichen Oberschicht einzuschwören und eine Politik gegen den gouvernementalen Konservativismus des Chefs des Militärkabinetts, Edwin von ManteufFel, zu unterstützen'8. Zuvor bereits hatte er entscheidenden Anteil an der Gründung der seit 1858 von Max Duncker und Rudolf Haym herausgegebenen »Preußischen Jahrbücher«' 9 , die er als »Parteiorgan des konstitutionellen Liberalismus«20 anfangs tatkräftig unterstützte, von denen er sich aber bald wieder zurückzog, da er die Vorsicht, die Haym in der redaktionellen Arbeit propagierte, nicht gut hieß 21 . Erst als sich Hans Delbrück 2 2 1889 mit Heinrich von Treitschke, auf dessen Drängen er in die Redaktion der Jahrbücher eingetreten war, auf Grund schwerwiegender

l!

WUCHER 1 1 5 ; vgl. hierzu ebenfalls A. HEUSS, Theodor Mommsen als Geschichtsschreiber, in: N . Hammerstein (Hrsg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1 9 0 0 , Stuttgart 1988, 37-95. bes. 6iff. (= A. HEUSS, Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1 9 9 5 , 1 7 4 4 - 1 8 0 2 ,

16

Vgl. zum folgenden HEUSS i66ff.

bes. 1769fr.).

17

In einem Brief an den Physiologen Carl Ludwig vom 3 0 . März 1 8 5 7 , vgl. WICKERT IV

48. 18

»Zur »Neuen Ära« und dem »Wiederwachen der politischen Bewegungen« in diesen Jahren vgl. etwa L. HAUPTS, Die liberale Regierung in Preußen in der Zeit der »Neuen Ära«. Zur Geschichte des preußischen Konstitutionalismus, in: H Z 2 2 7 , 1 9 7 8 , 4 5 - 8 5 und W . J . MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat 103fr.

"

Vgl. W I C K E R T III 371fr. mit 570fr.; IV 48; HEUSS i 6 6 f .

10

THIMME, Delbrück 11.

11

V g l . WUCHER 2 5 f . m i t A n m . 2 3 u. 1 5 5 .

12

Z u dem Historiker Hans Delbrück vgl. BRUCH, Gelehrtenpolitik 37; 2 7 1 f r u. 427^; ID., Historiker 83fr. mit weiterer Lit. sowie allg. THIMME, Delbrück.

332

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

politischer Differenzen überwarf, fand die Monatsschrift das erneute Interesse Mommsens 2 3 . Während die »Preußischen Jahrbücher« also erfolgreich auf den Weg gebracht werden konnten, scheiterte der Plan, eine liberale Berliner Zeitung ins Leben zu rufen. Auch die Hoffnungen auf die »Neue Ära« in Preußen unter dem Prinzregenten und späteren König Wilhelm I. erfüllten sich nicht im Gegenteil: der fortschrittliche Liberalismus erlitt im Zuge des preußischen Verfassungskonfliktes eine empfindliche Niederlage 24 . Die parlamentarischen und verfassungsrechtlichen Erfahrungen dieser Jahre, vor allem die politische Niederlage des Liberalismus im Jahre 1866, als bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus, die am Tag der Schlacht von Königgrätz stattfand, der liberalen Bewegung die politische Basis wegbrach, und die sich anschließende Spaltung des Liberalismus prägten Mommsen nicht minder stark wie seine politischen Aktivitäten im Verlaufe der 48er Revolution. Die Einsicht, in dem Konflikt zwischen Parlament und Regierung, der als Kampf zwischen Bürgertum und Aristokratie empfunden wurde, unterlegen zu sein, festigten die Vorbehalte und Vorurteile gegen ein Junkertum, das als Garant der preußischen Militärmonarchie begriffen wurde 25 . »Der vollständige Sieg des Militärstaats nach innen scheint mir beinahe ebenso sicher wie daß er über Oestreich gesiegt hat; und was soll daraus werden? Das Unglück ist eben die sehr üble Ungleichheit zwischen Stadt und Land, die so wohl nirgends sonst existiert; so müssen wir in einem Junker- und Bauernstaat leben, während wir doch diesen Anschauungen längst entwachsen sind und das Joch widerwillig tragen« schrieb Mommsen im Februar 1867 an seinen Bruder Tycho 2 6 .

13

V g l . BRUCH, G e l e h r t e n p o l i t i k 4 2 7 .

14

Vgl. hierzu E.N. ANDERSON, The Social and Political Conflict in Prussia 1858-1864, Lincoln (Nebr.) 1954; GALL 199fr.; A. HESS, Das Parlament, das Bismarck widerstrebte. Zur Politik und sozialen Zusammensetzung des preußischen Argeordnetenhauses der Konfliktzeit 1862 bis 1866, Köln u. Opladen 1964; W.J. MOMMSF.N, Das Ringen um den nationalen Staat m f f . ; TH. NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983,749FF.; R. WAHL, Der preußische Verfassungskonflikt und das konstitutionelle System des Kaiserreichs, in: E.-W. Böckenförde u. R. Wahl (Hrsgg.), Moderne deutsche Verfassungsgeschichte (1815-1918), Köln 1972,171-194 und W E H L E R , D G 3, 253fr.

25

Der Konflikt sei der »Kampf des Bürgertums gegen das mit den absolutistischen Tendenzen verbündete Junkertum« hieß es in den Preußischen Jahrbüchern 10, 1862, 412 (zitiert nach O. WESTPHAL, Welt- und Staatsauffassung des deutschen Liberalismus, München 1919, 297).

16

Vgl. WICKERT I V

64f.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

333

b) Einheit und Freiheit Deutschlands: Mommsen und Bismarck Mommsen trat mit seinen politischen Gesinnungsgenossen am Ende der Reaktionszeit aus der selbst gewählten politischen Isolation heraus und suchte bereits in Breslau, vor allem aber dann in Berlin, in die Zeitläufte einzugreifen. So war es nur folgerichtig, daß er neben Leo Benedikt Waldeck, Rudolf Virchow, Werner Siemens, Hermann Schulze-Delitzsch, Paul Langerhans und dem späteren Bürgermeister von Berlin Maximilian von Forckenbeck im Jahre 1861 an der Gründung der Deutschen Fortschrittspartei beteiligt war, nachdem ein Teil der liberalen Parlamentarier im Preußischen Abgeordnetenhaus der sehr gemäßigten, »altliberalen« Politik Georg von Vinckes seine Zustimmung verweigert hatte 27 . Die neue Partei, die die nationale Einigung Deutschlands unter preußischer Führung unterstützte und fiir die konsequente Verwirklichung eines konstitutionellen Rechtsstaates in Preußen focht, vermochte stetig ihre politische Basis zu vergrößern und auch Wähler außerhalb des gebildeten und besitzenden Bürgertums zu gewinnen. Bei den Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus Ende 1861 gewann sie auf Anhieb 106, im März 1862 schon 133 und 1863 sogar 141 Sitze. Die Deutsche Fortschrittspartei bezog im preußischen Parlament eine beharrliche Oppositionshaltung. Aus dem Dissens zwischen König und Abgeordnetenhaus um die parlamentarische Kontrolle der Militärausgaben entwickelte sich eine grundsätzliche Auseinandersetzung um die Rechte des Parlamentes, der schon erwähnte Verfasssungskonflikt. Nachdem Bismarck am 8. Oktober 1862 zum Ministerpräsidenten berufen worden war, setzte er durch die »Lückentheorie« den Militäretat ohne die Zustimmung des Abgeordnetenhauses fest und traf Vorkehrungen, mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts die liberale Mehrheit im Parlament zu brechen. Gleichzeitig kujonierte die Regierung liberale Beamte, und auch Mommsen fürchtete zeitweilig, entlassen zu werden 18 . Über den Streit um die Bewertung der von Bismarck eingebrachten Indemnitätsvorlage, die der nachträglichen Billigung der Staatsausgaben seit 1862 diente, kam es im November 1866 zur Abspaltung der Nationalliberalen Partei, die die Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten suchte. Vorausgegangen waren erhebliche Stimmenverluste der Fortschrittspartei bei der Landtagswahl am 3. Juli 1866, die zwei Fünftel ihrer Sitze einbüßte und nur noch 83 27

Vgl. H . A . WINKLER, Preußischer Liberalismus und deutscher Nationalstaat. Studien zur Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei 1861-1866, T ü b i n g e n 1964; zu M o m m sens Unterstützung der Partei vgl. überdies WUCHER 153fr.

28

V g l . M o m m s e n an Jahn am 24. September 1863 (WICKERT, Briefwechsel 295). Als die Fortschrittspartei 1863 einen W a h l a u f r u f veröffentlichte, der Bismarck nicht genehm war, ging er gegen die Beamten unter den Unterzeichnern disziplinarrechtlich vor; angeklagt wurde u.a. Karl Twesten, während T h e o d o r M o m m s e n und Rudolf Gneist offenbar auf G r u n d ihrer wissenschaftlichen Reputation nicht vor Gericht gestellt wurden (vgl. E . EYCK, Bismarck 1, Erlenbach u. Zürich 1941, 53of.).

334

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Abgeordnete in das Parlament schicken konnte. Z u denen, die ihres Sitzes verlustig gingen, gehörte auch Theodor M o m m s e n , der seinen Wahlbezirk (die Stadt Halle und den Saalkreis), den er 1863 gewonnen hatte, an einen altliberalen Kontrahenten verlor* 9 . Als Mitglied der Fraktion der Deutschen Fortschrittspartei hatte er sich dezidiert ftir die preußische Annexion Schleswig-Holsteins ausgesprochen und damit der Mehrheit der preußischen Liberalen seine Stimme verliehen 30 . W i e sein Parteifreund Karl Twesten rechtfertigte Mommsen in einem vielbeachteten offenen Brief 3 ' sein Fernbleiben von der Sitzung des Deutschen Abgeordnetenhauses am ι. Oktober 1865 in Frankfurt, auf der die schleswig-holsteinische Frage behandelt wurde. M o m m s e n und Twesten lehnten gleichermaßen die Schaffung eines unabhängigen schleswig-holsteinischen Mittelstaates ab, wie er anderen Liberalen aus außerpreußischen Klein- und Mittelstaaten vorschwebte: »Es heißt die Springfedern des nationalen Gesamtwillens mißbrauchen und die Institutionen seiner Z u k u n f t im voraus entwürdigen, wenn man ein Abbild des deutschen Parlamentes zusammenberuft, um zu erklären, daß die Bismarcksche Politik nicht die des deutschen Volkes ist Der militärisch-diplomatische Bankerott des deutschen Partikularismus hat die Qualifikation des deutschen Bundestages während des letzten schleswig-holsteinischen Krieges aufgedeckt, und es ist dies nicht der geringste Gewinn, den derselbe den Deutschen gebracht hat. Mochte bisher noch ein deutscher Hoffegut von dem unbegriffenen Geheimnis der heiligen Dreieinigkeit ein Wunder erwarten, so stehet es jetzt mit Flammenschrift geschrieben, daß unsere W a h l liegt zwischen Unterordnung unter den deutschen Großstaat oder Untergang der Nation« 3 *. U m der deutschen Einigung willen

29

Vgl. Mommsen an Wilhelm Henzen am 5. Juli 1866: »Daß ich nicht wieder gewählt bin (in Halle siegten die »Reaktionär-Liberalen«), ist wenigstens fur mich ein Glück; es wird schwere Kämpfe geben« (WICKERT IV 63). Vgl. TH. MOMMSEN, Die Annexion Schleswig-Holsteins. Ein Sendschreiben an die Wahlmänner der Stadt Halle und des Saalkreises, Berlin 1865 (= RA 373-401; Z J 416; vgl. Z J 417). Grundlegend für Mommsens politisches Engagement der Jahre 1863 bis 1866 ist noch immer HEUSS 170-190; völlig unzureichend hingegen WICKERT IV 54fr. Vgl. kurz HARTMANN ii3f. sowie jetzt CHR. JANSEN, »... wünschte, ein Bürger zu sein.« Theodor Mommsen und die deutsche Politik in der ersten Hälfte der sechziger Jahre, in: id., L. Niethammer, B. Weisbrod (Hrsgg.), Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1995, Berlin 1995, 29-49. Zum zeithistorischen Hintergrund GALL 293ff. und W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat i7$fF.

''

Der in der Nationalzeitung vom 30. September 1865 (Nr. 457) erschien (= HEYDERHOFF/WF.NTZCKE I, Nr. 202, S. 253-255); Twestens Brief war am Vortage in derselben Zeitung (Nr. 456) veröffentlicht worden (vgl. ebd. Nr. 203, S. 255-257).

'2

Mommsen am 30. September in der Nationalzeitung (HEYDERHOFF/WENTZCKE 1253F.); vgl. Twesten (ebd. 255): »Es ist nicht erlaubt, von den Mittelstaaten, einzeln oder ver-

V o m Bürgersinn eines Liberalen

335

verteidigte M o m m s e n gegen den W i d e r s t a n d der Partikularisten auch in der Fortschrittspartei 3 3 Bismarcks annexionistische Hegemonialpolitik 3 4 . S o überrascht es nicht, daß er die lang herbeigewünschte Einheit Deutschlands unter preußischer V o r h e r r s c h a f t überschwenglich begrüßte: »Es ist ein wunderbares G e f ü h l dabei zu sein, w e n n die Weltgeschichte u m die E c k e biegt. D a ß D e u t s c h land eine Z u k u n f t hat u n d daß diese Z u k u n f t v o n Preußen bestimmt wird, das ist nicht m e h r eine H o f f n u n g , sondern eine Tatsache, u n d eine gewaltige für alle Zeiten«, schrieb er a m 18. Juli 1 8 6 6 an seinen Bruder T y c h o 3 5 . D e n n o c h blieben die innen- u n d verfassungspolitischen D i f f e r e n z e n m i t B i s m a r c k unüberbrückbar. D a s parlamentarische Gezerre u m Bismarcks Politik schien M o m m s e n den B l i c k auf die eigentlichen Probleme zu verstellen. »Hier greift der B i s m a r c k - W a h n s i n n täglich weiter u m sich; kein M e n s c h sorgt u n d bedenkt m e h r , w a s recht u n d was preußisch ist, sondern einzig, was für oder gegen B i s m a r c k ist, u n d so stützen w i r ihn nach Kräften«, hieß es in einem Brief an H e i n r i c h v o n Sybel 3 6 . Unverzeihlich w a r in M o m m s e n s A u g e n , daß B i s m a r c k strafrechtliche Mittel einsetzte, die eine willfährige Justiz i h m zur V e r f ü g u n g stellte, u m gegen oppositionelle A b g e o r d n e t e der Fortschrittspartei u n d mißliebige liberale B e a m t e vorzugehen 3 7 . G e r a d e die Ü b e r z e u g u n g , B i s m a r c k verletze

eint, noch etwas für die Macht und die Interessen Deutschlands zu erwarten«. Vgl. hierzu auch E . E N G E L B R E C H T , Bismarck, Bd. 1: Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1985, 56of. und E . E Y C K , Bismarck 2, Erlenbach u. Zürich 1 9 4 3 , 1 0 4 . "

Vgl. Friedrich von Rönne an Robert von Wohl am 26. März 1865 ( H E Y D E R H O F F / W E N T Z C K E I 246f.): »Leider hat das Annexionsfieber auch in dem liberalen Preußen dergestalt u m sich gegriffen, daß die meisten sich scheuten, das W o r t Schleswig-Holstein auszusprechen Virchow und einige andere brachten die Sache deshalb in unsere, d.h. in die Fortschrittsfraktion In der Fraktion zeigte sich denn sofort der größte Zwiespalt Mommsen (!) fugte noch hinzu, nur das gesamte Deutschland habe das Entscheidungsrecht, da dasselbe aber nicht existiere, so müsse der größte deutsche Staat (Preußen) die Rolle Gesamtdeutschlands übernehmen «.

54

Vgl. M O M M S E N , R A 386: »Das Selbstbestimmungsrecht ferner des schleswig-holsteinischen Volkes ist an sich vollkommen berechtigt, aber es ist kein unbedingtes, sondern findet seine Schranken an den allgemeinen Interessen der deutschen Nation. Denn es gibt eben kein schleswig-holsteinisches Volk, sondern nur ein deutsches, und wo dieses spricht, hat jenes zu gehorchen«.

35

Vgl. H E U S S 190 und W U C H E R 151 (= L. W I C K E R T , L'Illustre Maestro - Z u T h . M o m m sens 125. Geburtstag, in: Deutschlands Erneuerung 26, 1942, 537); weitere Zeugnisse aus dieser Zeit bei W I C K E R T I V 63F.

'6

V o m 3. Juni 1865 ( H E Y D E R H O F F / W E N T Z C K E 1 2 5 0 ) ; am 14. Juni d.J. schrieb Karl Twesten an Gustav Lipke, M o m m s e n habe kürzlich in der Fraktion gesagt, »sie sehe vor Bismarck die übrige Welt nicht mehr« (ebd. 251).

37

Als die Fortschrittsfraktion im Preußischen Abgeordnetenhaus das Budget »nach bloßer Generaldiskussion« (so eine Formulierung von Karl Twesten, vgl. H E Y D E R H O F F / W F . N T Z C K E I 269) ablehnte, schaltete Bismarck den Staatsanwalt und die Gerichte ein

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

336

flagrant die Prinzipien des preußischen Konstitutionalismus - 1865 erklärte es M o m m s e n als seine Aufgabe, »Herrn Bismarck und den Seinigen gegenüber die Verfassung zu vertheidigen«' 8 - , begründete die andauernde Gegnerschaft zwischen dem preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzler und dem liberalen Gelehrten. Mommsens politische Biographie dieser Jahre ist auf das engste verknüpft mit dem nationalen und politischen Dilemma des deutschen Liberalismus. D i e liberalen Parteien vermochten weder einen Konsens in der Entscheidung zwischen großdeutscher und kleindeutscher Lösung herbeizuführen noch die Frage nach der Priorität von Einheit oder Freiheit klar zu beantworten. Eine eindeutige und mehrheitsfähige Alternative zur dynamischen Politik, die Bismarck ins W e r k setzte, konnten sie nicht entwickeln. Im Gegenteil, in der Auseinandersetzung um die richtige Reaktion auf die Bismarcksche Politik entstanden, wie wir sahen, getrennte Fraktionen und Parteien. M o m m s e n setzte, wie zahlreiche Liberale, zunächst auf die Zusammenarbeit mit Bismarck und hoffte auf den freiheitlichen Ausbau Preußens und — seit 1871 — des Reiches. D e r nationale Rechts- und Verfassungsstaat sollte verteidigt und so weit wie irgend möglich liberal gestaltet werden. Erklärtes Ziel war, die Macht und Position des Parlamentes zu stärken, die Verfassung weiter zu entwickeln 39 und den Junker- und Obrigkeitsstaat zu »demokratisieren«. M i t der Reichsgründung von 1871 war nur ein vordringliches Ziel, die nationale Einheit, erreicht worden. W i e sehr M o m m s e n sich aber aus patriotischer Begeisterung mit dem nationalen Erfolg identifizierte 40 , ist daraus zu ersehen, daß er sich in den ersten Wochen des deutsch-französischen Krieges der Bitte der preußischen Regierung nicht verschloß, seine wissenschaftliche und persönliche Autorität, die er in Italien genoß, fur die deutsche Sache einzusetzen. In mehreren »Sendschreiben«, will sagen: offenen Briefen an das italienische V o l k sprach er aus, »daß Italiens Platz an der Seite des geeinigten Deutschlands sei« 4 '.

(vgl. hierzu HUBER III [1963], 329O; in der sich anschließenden Parlamentsdebatte vom 9. und 10. Februar 1866 über dieses mehr als fragwürdige Vorgehen verteidigte der Jurist Mommsen allerdings zunächst gegen seine liberalen Kollegen die Unantastbarkeit eines formell einwandfreien Urteils. '8

V g l . MOMMSF.N, R A 373.

39

Vgl. in diesem Zusammenhang auch das Diktum Mommsens, das überliefert ist bei WOLFF 341: »Unbeirrt durch alle Ereignisse können wir der Meinung Mommsens beipflichten, daß selbst der schlechteste Verfassungsstaat dem besten Regime eines unkontrollierbaren Einzelwillens vorzuziehen sei«.

40

V g l . die Zeugnisse bei WICKERT I 234E u n d I V 65FR. sowie WILAMOWITZ, M o m m s e n 1907,16.

41

HARTMANN 115; vgl. ZJ 573 sowie G. LIBERATI, Le lettere di Mommsen agli Italiani, in: Q S 4 , 1 9 7 6 , 2 2 1 - 2 4 7 ; SCHÖNE 7F. u n d v.a. WICKERT I V ì y o f f .

V o m Bürgersinn eines Liberalen

337

Gleichwohl war es nicht allein Enthusiasmus, mit dem Mommsen die Ereignisse der Jahre 1870/71 begrüßte41. Obgleich er keinen Zweifel daran ließ, daß es sich um ein bellum iustum handele, das die heiß ersehnte Einheit Deutschlands nach sich ziehe und das folglich von jedem Bürger gebilligt werden müsse, gehörte er nicht zu denen, die einer blinden Kriegsbegeisterung und frankophoben Vorurteilen das Wort redeten. Am 23. März 1871, sechs Tage nach der Errichtung der Commune in Paris, hielt er im Wissenschaftlichen Verein in Köln einen Vortrag über »Die germanische Politik des Augustus«43. Darin hieß es, die Römer hätten sehr wohl begriffen, »daß, wie die Eroberung, solange sie das Volk zusammenfaßt, Selbsterhaltung ist, sie ebenso Selbstvernichtung wird, sowie sie die nationalen Grenzen überschreitet«44. Gegen die Annexion ElsaßLothringens, über die es heftige zeitgenössische Debatten gab, hatte Mommsen starke Vorbehalte. Und so mahnte er, »Zurück!« sei der Schlachtruf der Deutschen gewesen, »zuerst in der Varusschlacht und zuletzt bei Mars-la-Tour und Sedan. Dies Zurück aber, wir nennen es Vorwärts; vorwärts, nicht um zu nehmen, was nicht unser ist und was uns nicht frommen und fruchten kann, sondern um den zurückzuweisen, der uns, die wir keinen Kriegsruhm brauchen oder wünschen, zu siegen zwingt: um das zurückzufordern, was uns widerrechtlich entfremdet ward, und selber zurückzukehren zu unseren Werken des Friedens«45. Von hier aus fuhrt eine direkte Linie zu seiner Aufforderung aus dem Jahr 1900, die Feiern des Sedantages abzuschaffen, weil sie die alten Wunden immer wieder aufrissen46. Mommsen hatte hierzu bereits 1871 festgestellt: »Was Krieg ist, wissen wir jetzt, und wenige werden bestreiten, daß auch der gerechteste und glücklichste Krieg dem Volke nie unmittelbar das ersetzt, was er unmittelbar zerstört, daß es die Moral eines jeden Krieges ist, dem gedankenlosen Menschengeschlecht die Notwendigkeit des Friedens wieder zum lebendigen Bewußtsein zu bringen«47. Unmittelbar nach dem Ende des Krieges setzte er

42

So G . G . IGGERS, Deutsche Geschichtswissenschaft, München 1971, 160.

43

Vgl. Im neuen Reich, 1. Jg., Nr. 1 , 1 8 7 1 , 537-556 (= R A 316-343; Z J 616). Auch KUCZYNSKI 55F. verweist zu Recht auf diesen Artikel im Zusammenhang mit Mommsens Beurteilung des deutsch-französischen Krieges.

44

R A 318.

45

Ebd.

4(i

Vgl. TH. MOMMSEN, Ninive und Sedan, in: Die Nation, 17. Jg., 25. August 1900, 6s8f. (ZJ 1413); zur optimistischen Beurteilung der deutsch-französischen Beziehungen in freisinnigen Kreisen zur Jahrhundertwende vgl. WEGNER 80.

47

R A 322. Auch in seiner Rede zur Gedächtnisfeier der Berliner Universität für die im Kriege Gefallenen von 1875 (= R A 17-31; Z J 686), mahnt er, »jeden auch nur scheinbaren Mißbrauch der neugewonnenen Machtstellung zu vermeiden, überhaupt an die Herstellung eines dauerhaften Friedensstandes geradezu alles zu setzen außer dem Recht und der Ehre der Nation« (RA 30).

342f.

33»

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

sich dafür ein, die unterbrochenen wissenschaftlichen Beziehungen nach Frankreich und vor allem zu einzelnen französischen Gelehrten wiederherzustellen 48 . N a c h einer vorübergehenden politischen Abstinenz finden wir M o m m s e n von 1873 bis 1879 als nationalliberalen Abgeordneten für Cottbus, Spremberg und Kalau im preußischen Landtag. Schon 1867 hatte er den Freisinnigen den Rücken gekehrt 49 , in der festen Überzeugung, die Unterschiede in der Beurteilung der Freiheitsfrage seien kein hinlänglicher G r u n d , Bismarcks auswärtige Politik nicht zu unterstützen 50 . Sein Wechsel zu den »Nationalliberalen«, die bis 1878 die bedeutendste und stärkste politische Gruppierung sowohl im Abgeordnetenhaus wie im Reichstag war, darf indes nicht als dramatischer Gesinnungswandel verstanden werden. Nationalliberale und Fortschrittler bezogen auch noch nach ihrer T r e n n u n g bis weit in die siebziger Jahre in zahlreichen wirtschafts-, sozial- und außenpolitischen sowie verfassungsrechtlichen Fragen ähnliche, ja identische Positionen. Dies mußte notwendigerweise zur »Unstetigkeit der Gruppenkonstellationen innerhalb des Liberalismus« 51 und zur mangelnden programmatischen Profilierung fuhren, aber auch die enge politische Zusammenarbeit von »linken« Nationalliberalen und »rechten« Fortschrittlern und den leichten Ubergang von einer Partei zur anderen ermöglichen, zumal lange Zeit in liberalen Kreisen die Fiktion aufrecht erhalten wurde, es gebe eine »liberale« Partei, die in mehrere Fraktionen gespalten sei 51 . Jedenfalls blickte M o m m s e n auf die Zeit nach der Reichsgründung, die mit seinem erneuten aktiven Eingreifen in die Politik zusammenfiel, mit großer Zuversicht: »Wenn die Ernte so mutig eingeheimst wird wie die Saat gesät, so kann man seines Lebens froh werden« 53 . 48 45 50

51 SI

13

Vgl. W I C K E R T IV i 5 6ff. Vgl. W I I A M O W I T Z , Erinnerungen 181. So eine Äußerung von 1865 oder 1866, die A. B E B E L , A U S meinem Leben 1, Stuttgart '1914, 145 mitgeteilt hat. S H E E H A N , Liberalismus 154. Vgl. NiPi'ERDF.Y 2, 317. So erklärte Mommsen in einer Berliner Wählerversammlung der Sezessionisten am 25. Mai 1881: »Zu diesen wirklichen und ehrlichen Liberalen gehören aber die Fortschrittsmänner und die Nationalliberalen nicht weniger als wir; und mir ist es zur Zeit ganz gleich, ob bei der Abstimmung ein paar Secessionisten mehr oder weniger gewählt werden, wenn diese Wahlsitze nur überhaupt den Liberalen zufallen« (ZJ 869; die Rede ist ebenfalls abgedruckt in: Die Weltbühne vom 15. Juni 1881, Nr. 12, S. 46). In einem Brief an den Juristen Heinrich Degenkolb von Ende 1874, zitiert nach H E U S S 191; vgl. auch die Äußerung gegenüber seinem Bruder Tycho vom 26. 10. 1876: »Eben kommt die Anzeige der Cottbuser Wahl. Möglich, daß ich ein Tor bin, mich auf dergleichen einzulassen; aber alle Hoffnung habe ich noch nicht verloren, daß doch einiges für den Interessentenkreis, den ich zunächst vertrete, dadurch erreicht werden kann. Sollte ich diese Hoffnung verlieren, so wäre ich am liebsten überall nicht mehr dabei, sondern ai più« ( W I C K E R T IV 69).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

339

M o m m s e n s parlamentarische Initiativen im Preußischen Abgeordnetenhaus, die sich mit der Königlichen Bibliothek, den Königlichen Museen und mit verschiedenen Hochschulfragen wie der universitären Disziplinarordnung, der S c h a f f u n g neuer Lehrstühle und akademischen Nachswuchsstipendien befaßten, wurden ergänzt durch antiklerikale Polemik im Zeichen des Kulturkampfes 5 4 , den V i r c h o w in einem Wahlpamphlet als » K a m p f für die Kultur« bezeichnet hatte 55 . Z u dem antifeudalen Element trat mit dem Kulturkampf der Antiklerikalismus, der M o m m s e n nachhaltig prägte. Die Sozialistengesetzgebung schließlich führte zur Übernahme antisozialistischer Elemente in das politische Bekenntnis zahlreicher Liberaler 56 . Das Bündnis, das die Liberalen in der Außenpolitik, in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und im Kulturk a m p f fast ein Jahrzehnt lang mit Bismarck eingingen, bedeutete allerdings den Verzicht auf die konsequente D u r c h f ü h r u n g der von ihnen geforderten Verfassungsreformen 5 7 . D i e Kooperation fand indes ihr E n d e mit der von Bismarck in Szene gesetzten innenpolitischen W e n d e von 1 8 7 8 / 7 9 , der sogenannten »Zweiten Reichsgründung«: Der Reichskanzler wandte sich aus machtpolitischem Kalkül erneut den konservativen Parteien zu und verfolgte eine antiliberale Politik, die den Interessen von Industrie und Landwirtschaft entgegenkam und deren Ziele mit dem Schutzzollsystem von 1879 für alle offenkundig wurde. D e n Liberalismus führte dieser U m s c h w u n g in eine tiefe, ja

S4

Z u Mommsens politischer Betätigung als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses v o n 1 8 6 3 bis 1 8 6 6 u n d 1 8 7 3 bis 1 8 7 9 v g l . HEUSS I89ÍF. s o w i e d i e in MOMMSEN, R A 2 1 5 -

241 abgedruckten Reden »Über die königliche Bibliothek« und »Über die Königlichen Museen«. Ein Teil der für Mommsens Wortmeldungen einschlägigen Stenographischen Berichte des Abgeordnetenhauses finden sich in StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 581. "

Zur älteren Literatur über den Kulturkampf vgl. R. MORSEY, Probleme der Kulturkampf-Forschung, in: Historisches Jahrbuch 83, 1963, 217-45; darüber hinaus sei verwiesen auf A. BIRKE, Zur Entwicklung und Funktion des bürgerlichen Kulturkampfverständnisses in Preußen-Deutschland, in: D. Kurze (Hrsg.), Aus Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Festschrift fur Hans Herzfeld zum 80. Geburtstag, Berlin 1972, 257-79; ENGELBRECHT, Bismarck 2, 104fr.; G . FRANZ, Kulturkampf, Staat und Katholische Kirche in Mitteleuropa von der Säkularisation bis zum Abschluß des preußischen Kulturkampfes, München 1954; R. LILL, Die Wende im Kulturkampf. Leo XIII., Bismarck und die Zentrumspartei 1878-1880, Tübingen 1973; NIPI'ERDEY 2, 364fr.; Ε. SCHMIDT-VOLKMAR, Der Kulturkampf in Deutschland 1871-1890, Göttingen u. Berlin 1962; WF.HLER, D G 3, 892ÍF. Z u m parlamentarisch-politischen Hintergrund vgl. M . STÜRMER, Regierung und Reichstag im Bismarckstaat 1871-1880. Cäsarismus oder Parlamentarismus, Düsseldorf 1974. Eine Auswahl publizistischer und parlamentarischer Quellen hat R. LII.L, Der Kulturkampf, Paderborn 1995, herausgegeben und erläutert.

56

Vgl. WINKLER, V o m linken zum rechten Nationalismus 12.

57

Vgl. SHEKHAN, Liberalismus 163.

34°

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

existentielle Krise58. Hatte schon die Reichstagswahl von 1878 schwere Stimmenverluste für die Liberalen gebracht, so waren die preußischen Landtagswahlen von 1879 eine Katastrophe: Die Nationalliberalen, die zuvor über 189 Sitze verfugt hatten, gingen auf 104 Mandate zurück, und die Fortschrittspartei erhielt nur noch 38 statt 63 Sitze. Auch Mommsen kehrte nicht mehr in das Abgeordnetenhaus zurück. Im Streit um die richtige Reaktion spalteten sich die Nationalliberalen. Der linke Flügel unter Ludwig Bamberger, Theodor Barth, Eduard Lasker, Max von Forckenbeck, Franz August Schenk von Stauffenberg, Heinrich Rickert, Georg Siemens und Hugo Schröder formierte sich seit März 1880 zur »Sezession«. Den Kompromißkurs der Restpartei lehnte man scharf ab, stritt und schrieb für eine neue liberale Sammlung und verfocht kompromißlos die Maximen des Freihandels59. Als publizistische Basis diente Theodor Barths 60 Zeitschrift »Die Nation«. Dieser Gruppierung, die sich unter dem Namen »Liberale Vereinigung« als eigenständige Fraktion konstituierte und der mehrheitlich Vertreter des Bildungsbürgertums und des Bank- und Handelskapitals angehörten 61 , Schloß sich Mommsen an. »Die Zukunft des deutschen Verfassungsstaates« sah er durch »die Reactivirung des absoluten Regiments« bedroht und forderte deshalb die Wähler auf, ihre Stimme den liberalen Parteien zu geben6*. Für den Reichstagskandidaten der Sezession sprach er sich in einer aufsehenerregenden Rede in der Charlottenburger Wählerversammlung am 24. September 1881 aus, in der er »die Politik der gemeinsten Interessen«, die konservativ-agrarischen »Kornspekulanten und Branntweinbrenner« und das »System Richelieu«, bei dem »es im ganzen Staat nur einen Diener gibt, der selbständig wirken darf«, scharf anging 6 '. Bei der Reichstagswahl 1881 gewann er selbst einen der 47 Sitze 58

Vgl. W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat 5 6 0 f r . ; NIPPERDEY 2 , 3 2 5 f r . u. 3 8 2 f r . ; SHEEHAN, Liberalismus 2 1 4 f r . und WINKLER, V o m linken zum rechten Nationalismus 5 f r . mit weiterer Literatur. Z u Bismarcks Politik dieser Jahre vgl. etwa GALI.

526fr. 59

Z u Mommsens ökonomischen Positionen vgl. bes. HEUSS i99f.

60

Vgl. zu Barth die grundlegende Arbeit von WEGNER mit weiterer Literatur. Barth forderte Mommsen neben Bamberger und Stauffenberg schon Anfang Juli 1883 auf, an der neu gegründeten Zeitung mitzuarbeiten, vgl. StBB-PK, N L Mommsen: Th. Barth, Bl. if. sowie Z J 949. In Barths Briefen an Mommsen werden häufig Beiträge von M o m m sen zu aktuellen politischen Themen erbeten und eingegangene Manuskripte kritisch gewürdigt.

61

Vgl. G . SEEBER, Zwischen Bebel und Bismarck. Zur Geschichte des Linksliberalismus in Deutschland 1871-1893, Berlin (Ost) 1965, n o f f .

62

Vgl. seine Rede in der Generalversammlung der Sezessionisten am 25. Mai 1881 in Berlin (ZJ 869; die Rede ist ebenfalls abgedruckt in: Die Weltbühne vom 15. Juni 1881, Nr. 12, S. 46).

65

V g l . HARTMANN i 2 o f . u. WICKERT I V 9 4 f . ( Z J 8 6 7 ) .

Vom Bürgersinn eines Liberalen

341

der Liberalen Vereinigung und zog fiir den Wahlkreis Coburg in das nationale Parlament 6 4 . D o r t war sein Wirken, sieht man von seiner berühmten Auseinandersetzung mit Bismarck ab, die uns gleich beschäftigen wird, weitgehend unspektakulär. M i t den übrigen Abgeordneten arbeitete er an Gesetzesinitiativen, debattierte über Anträge und Etatfragen und stimmte im Interesse seiner Partei ab. Auch zählte er nicht zu den häufig in die Debatten eingreifenden Rednern 6 5 . D o c h der macchiavellistische Umschwung in der Politik des Reichskanzlers, der den Nationalismus nun offen in den Dienst einer antiliberalen (und antisozialdemokratischen) Sammlungsbewegung stellte, erschütterte M o m m s e n s politisches Bezugssystem zutiefst. Er sah seine politischen Gegner, Großgrundbesitz und Katholizismus, mit Bismarcks Hilfe über den Liberalismus triumphieren und den Staat beherrschen: »Es ist ein elendes Schicksal in diesem sich regenerierenden Junker- und Pfaffenstaat als Ornamentstück figurieren zu müssen« 66 . Diese neue Erkenntnis brachte M o m m s e n eindrucksvoll in einem Satz zum Ausdruck, den er an die liberalen Wähler eines schleswigholsteinischen Wahlkreises richtete: »Es gehört zu dem Verhängnis unserer Nation, daß sie jetzt ihre Lebensbedingungen verteidigen muß gegen einen M a n n , den sie mit Recht ihren Retter, in gewissem Sinn ihren Schöpfer nennt« 67 . Aus dieser unmittelbaren Erfahrung resultierte sein weiteres Engagement in der Tagespolitik 6 8 , das bei ihm wie bei zahlreichen seiner politischen Freunde

64

Aufgestellt wurde er zunächst im 9. Wahlkreis Oldenburg-Plön, wo er jedoch trotz eines heftigen Wahlkampfes gegen den Kandidaten der Konservativen, Conrad Graf von Holstein, unterlag. Erst die neue Kandidatur in Coburg war erfolgreich; vgl. H. MEYERSAHM, Theodor Mommsen als Politiker, in: Eiserne Blätter. Wochenschrift fur deutsche Politik und Kultur, 9. Jg., 30. Juli 1927, Nr. 31, S. 516 und WICKERT IV 87Î 6 * Vgl. dazu das Generalregister zu den stenographischen Berichten über die Verhandlungen des Reichstages 1867-1895, Berlin 1896, II: Verzeichnis der namentlichen Abstimmungen, S. 35-38 und III: Verzeichnis der Mitglieder mit den entsprechenden Abstimmungsergebnissen, S. 165, Nr. 1210. Der erste Antrag der Sezessionisten, den Mommsen unterstützte, legte dem Reichstag zur Beschlußfassung vor, »die Wahlprüfungskommission zu beauftragen, dem Reichstage über die bei den letzten Wahlen hervorgetretenen Mängel des Wahlverfahrens, insbesondere in Rücksicht auf die Geheimhaltung und Unabhängigkeit der Wahlen und den hiernach als nothwendig erscheinenden gesetzlichen und reglementarischen Abänderungen Bericht zu erstatten« (Antrag vom 9. Dezember 1881; vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, V. Legislaturperiode, I. Session 1881/82, Bd. 2: Anlagen, Berlin 1882, Nr. 38, S. 1 1 2 ) . 66 67

Mommsen am 4. Dezember 1882 an Wilhelm Henzen (WICKERT IV 70). TH. MOMMSEN, An die liberalen Wähler des 9. Schleswig-Holsteinischen ReichstagW a h l k r e i s e s ; 13. O k t o b e r 1881 ( Z J 866); vgl. HARTMANN 1 2 2 ; WICKERT I V 87F.

68

S o zu R e c h t s c h o n HARTMANN 1 2 1 Í ; vgl. HEUSS 193FR.; G . G . IGGERS, D e u t s c h e G e s c h i c h t s w i s s e n s c h a f t , M ü n c h e n 1 9 7 1 , 1 6 1 u n d WUCHER 153FR.

342·

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

jedoch nicht mehr von einer Aufbruchstimmung, sondern vielmehr von einem tiefen Pessimismus begleitet war. Man schien vor der Allmacht des Eisernen Kanzlers zu kapitulieren 69 . »Der Glanz und das Glück des Schaffens ist freilich unwiederbringlich verloren« schrieb Mommsen am 4. November 1881 an Wilhelm Henzen 70 , als er für die Liberale Vereinigung kandidierte. Die Schuld an der beklagenswerten Situation des Liberalismus erkannten die Sezessionisten folglich in der »ungesunden Stellung« Bismarcks, in dessen »Ministerabsolutismus« 71 und in der mangelnden politischen Reife der deutschen Nation. »Am wenigstens von allen großen Kulturländern hat Deutschland die politische Kraft seines Bürgertums gezeitigt. Damit übereinstimmend haben sich die feudalistischen Ideen in Deutschland am meisten erhalten, und die sozialistischen Ideen haben sich in Deutschland mehr und höher hinauf Anhang verschafft als bei irgendeinem anderen Volk«. Diese Erkenntnis sprach Mommsens Freund und Weggefährte dieser Jahre, Ludwig Bamberger, in seiner programmatischen Abhandlung »Die Sezession« aus, die im Spätsommer 1880 das erste Mal erschien und in den nächsten Monaten vier Auflagen erlebte 72 . Bamberger beschrieb darin den Übergang vom Freihandel zum Schutzzoll, die Ablösung der Nationalliberalen durch Konservative und durch das Zentrum als »Regierungsfraktionen«, auf die sich die Reichspolitik nunmehr stützte, den neuen Antisemitismus, die Sozialistengesetze und den beginnenden Abbau des Kulturkampfes. Alle diese Phänomene interpretierte er als grundlegende, einander bedingende Veränderungen, die dazu führten, daß der junge Nationalstaat mit »derjenigen Kulturwelt« breche, aus der er hervorgegangen sei und auf der er bisher geruht habe 73 . Die nationale Idee werde nun durch die soziale als neue große gesellschaftliche Integrationskraft abgelöst, und es komme zu einer »Bevorzugung Aller gegen Alle«, zur Verbindung von »Reaktion mit Sozialismus«. Die Feinde der Kultur seien zur Herrrschaft gelangt und hätten »an Stelle eines politischen Kulturinhaltes gemeinen Interessenstreit gesetzt«74. Ebendiese Sicht des von Bismarck neu geschaffenen Staates eignete auch Mommsen. Die abso-

69

Nll'PERDEY 2 , 3 2 7 .

70

V g l . WICKERT I V 7 0 .

71

Vgl. die Belege bei WICKERT IV 87-89.

71

L. BAMBERGER, Die Sezession, in: id., Gesammelte Schriften 5, Berlin 1897, 39-134, hier: I32f. Z u Bamberger vgl. neben W . BUSSMANN, Zwischen Revolution und Reichsgründung: Die politische Vorstellungswelt von Ludwig Bamberger, in: W. Hubatsch (Hrsg.), Schicksalswege deutscher Vergangenheit, Düsseldorf 1950, 203-33 ur>d ST. ZUCKER, Ludwig Bamberger. German Liberal Politician and Social Critic 1823-1899, Pittsburgh 1975 nun bes. WEBER, Bamberger mit weiterer Literatur; zum Hintergrund der Schrift vgl. darüber hinaus ZUCKER aO., i3off.

7

V g l . BAMBERGER a O . , 82.

'

74

Ebd. 118; 129.

Vom Bürgersinn eines Liberalen

343

lute Monarchie sei im Vergleich zu Bismarcks persönlichem Regiment eine liberale Institution, erklärte er auf einer Versammlung der Sezessionisten im Mai 1881: »Wir kämpfen gegen einen Mann, den man mit Recht gewohnt war, als Deutschlands Befreier zu ehren und zu verehren; und in Deutschland, wo die falsche Sentimentalität eine so ungeheuere Macht ist, ist ein solcher Kampf dreifach schwer«75. In seiner Rede zum siebzigsten Geburtstag Ludwig Bambergers im Jahre 1893, in dem er den schlimmen Zustand des Vaterlandes und das bellum omnium contra omnes beklagte, apostrophierte er Bismarckais den »größten aller Opportunisten«, der in der Arbeiterfrage »den staatlichen wie den staatsfeindlichen Socialismus mit solchem Erfolg erzogen hat, daß jetzt den Vätern selbst vor dem legitimen wie vor dem illegitimen Kinde zu grauen beginnt«, und der den Ratschlägen Bambergers nicht gefolgt sei76. Bismarck habe letztlich »eine ernsthafte Mitwirkung« der Bürger an der Leitung des Staates: die conditio sine qua non des von den Liberalen geforderten parlamentarischen Konstitutionalismus, verhindert77. Die politische Desillusionierung und Verbitterung reichte bis in die Zeit der Sezession und des durch Bismarck herbeigeführten innenpolitischen Umschwunges zurück. Angesichts der Exekution der neuen Politik unter dem reaktionären preußischen Innenminister Robert Viktor von Puttkamer schrieb Mommsen Ende Oktober 1882 an seine Frau: »Es ist ein Jammer, wie unter dem rohen und ehrlosen Regiment Bismarck-Puttkamer alles Anstandsgefühl aus dem politischen Treiben schwindet und das nächste Privatinteresse mehr und mehr alles beherrscht. Wenn ich denke, wie wir begannen!«78.

75

76

Vgl. ZJ 869; die Rede ist ebenfalls abgedruckt in: Die Weltbühne vom 15. Juni 1881, Nr. iz, S. 46. T H . M O M M S E N , Ludwig Bamberger, in: Die Nation, 10. Jg., Nr. 43, 1893, 645f. (ZJ 1282); zitiert nach RA 468-475, hier: 472; zu Bambergers sozialpolitischen Konzeptionen vgl. W E B E R , Bamberger 217fr.

77

Vgl. Mommsens Brief an seine Coburger Wähler aus dem Jahr 1881 (bei W I C K E R T IV 89): »Innerhalb unseres Staates aber verlangen wir Staatsbürger eine ernsthafte Mitwirkung, eine solche Mitwirkung, die es der Regierung unmöglich macht diejenigen Neuerungen durchzuführen, welche sie der Majorität der Volksvertretung nicht annehmbar machen kann«. Nur am Rande sei vermerkt, daß sich Mommsens Charakterisierung des Bismarckschen Regimentes durchaus mit der Beurteilung dieses Regierungssystems als eines »bonapartistischen Diktatorialregimes« deckt, die in der neueren Forschung vertreten wird, vgl. etwa W E H L E R , Bismarck pass.; ID., Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1980, 6^ff. und die differenzierte Charakterisierung des Herrschaftssystems in: WEHLER, D G 3, 363fr. sowie D. LANGEWIESC.HE, Das deutsche Kaiserreich. Bemerkungen zur Diskussion über Parlamentarisierung und Demokratisierung Deutschlands, in: Archiv für Sozialgeschichte 19, 1979, 628-642.

78

WICKERT I V 90.

344

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Der neue Kurs des Kanzlers mußte den Abgeordneten M o m m s e n zu Beginn der achtziger Jahre notwendigerweise zum Widerspruch herausfordern. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Folgerichtigkeit, daß man in aller Öffentlichkeit die Klingen kreuzte. Anlaß war die bereits erwähnte Wahlrede Mommsens in der Versammlung des Charlottenburger Wählervereins, die ein parlamentarisches und sogar gerichtliches Nachspiel hatte 79 . Anstoß erregte vor allem ein Passus, in dem Mommsen dem Reichskanzler recht deutlich unterstellte, er betreibe eine Politik des Schwindels 80 . Im Reichstag griff zuerst der Innenminister und Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums von Puttkamer den Fehdehandschuh auf, indem er am 15. Dezember 1881 Mommsens Rede als treffendes Beispiel der »gegen die Regierung gerichteten grenzen- und schrankenlosen A g i tation« herausgriff; dessen »Lapidarstil« erinnere allerdings »mehr an Kleon als an Perikles« 81 . Bismarck hingegen zeigte M o m m s e n wegen Beleidigung an, worauf der Staatsanwalt in der Hauptverhandlung am 15. 6.1882

vor der ersten Straf-

kammer des Landgerichts Berlin II eine Geldbuße von 500 Mark beantragte. M o m m s e n begegnete in Absprache mit seinem Rechtsbeistand der Anklage mit der wenig überzeugenden These, der inkriminierte Passus habe nicht auf den Reichskanzler, sondern vielmehr auf nationalökonomische Kollegen gezielt 81 .

79

WICKERT IV 94FR. hat alle wesentlichen Dokumente zusammengetragen, so daß sich deren Wiederholung erübrigt; politisch eingeordnet hat er die »Affäre«, deren »Peinlichkeit« ihm offenkundig zu schaffen macht (vgl. IV105), nicht. Die Prozeßakten des Verteidigers, die ihm dessen Erben vor dem Zweiten Weltkrieg zur Verfügung stellten und die ihm später nicht mehr zugänglich waren (IV 99), befinden sich - zumindest teilweise - im N L Mommsen (H. Makower) in der StBB-PK.

80

Vgl. WICKERT IV 94: »Diese Volksbeglückung, die uns fur die Zukunft verkündet wird, daß jedem Menschen erforderlichen Falls für seine späteren Jahre von Seiten des Staates eine angemessene Versorgung gewährt werden soll, ist Schwindel und wird es bleiben, mag den Schwindel ein hoher oder geringer Mann in die Hand nehmen«.

81

Vgl. WICKERT IV 96f.; zu Mommsens Antwort am selben Tag vgl. ebd. ç>yff.

81

Bereits in seiner Antwort auf von Puttkamer am 15. Dezember 1881 hatte Mommsen im Reichstag ausgeführt: »Die Politik des Schwindels, von der dann gesprochen ist, ist eben die Politik der neuen nationalökonomischen Volksbeglücker, die ich in der That fur schwindelhaft halte, wobei ich die sehr guten Intentionen eines guten Theils derselben keineswegs verkenne. Aber ich habe das Recht dazu, mich darüber mit aller Schärfe zu äußern, weil ich einen großen Theil von Kollegen in diesen Reihen zähle; ist es doch von jeher unter uns erlaubt gewesen, über dergleichen Meinungen scharfe Worte mit einander auszutauschen. Die Herrn Minister geht dies in keiner Weise an« (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, V. Legislaturperiode, I. Session 1881/82, Berlin 1882, 40$; W I C K E R T IV 98). W I C K E R T , Vorträge 49f. kommentiert Mommsens Verhalten mit deutlichen Worten: Als Politiker habe Mommsen »zu Beginn der achtziger Jahre in seiner Fehde mit Bismarck, zur Verwunderung seiner Verehrer, nicht mehr die Kraft und den Mut« aufgebracht, »seine bürgerliche Existenz zu gefährden, wie er es 30 Jahre vorher als junger Professor in Leipzig getan hatte«.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

345

Z w a r Schloß sich das Landgericht dieser Argumentation an und sprach M o m m sen von der Anklage frei, doch sah sich dieser nun heftigen Angriffen seitens der Berliner Nationalökonomen unter Führung des Kathedersozialisten Adolph Wagner ausgesetzt 83 . Eine von der Staatsanwaltschaft beantragte Revision A n fang Januar 1883 endete ebenfalls mit einem Freispruch 84 . Bismarck befaßte mit der Angelegenheit nicht nur die Gerichte. Vielmehr griff er den Kontrahenten in seiner Reichstagsrede vom 24. Januar 1882 direkt an: »Diese konstitutionelle Hausmaierei, die der Abgeordnete Mommsen mit einer fur einen so angesehenen Geschichtsschreiber ungewöhnlichen Feindschaft gegen die Wahrheit mir vorwirft - ich kann nur annehmen, daß die Vertiefung in die Zeiten, die zweitausend Jahre hinter uns liegen, diesem ausgezeichneten Gelehrten den Blick fiir die sonnenbeschienene Gegenwart vollständig getrübt hat, - sonst hätte er unmöglich in Reden, die er gehalten hat, mir Schuld geben können, daß die >Reaktivierung des absoluten Regiments< erstrebt werde« 8 '. M o m m s e n verwahrte sich in seiner Antwort am nächsten Tage, den Ausdruck »konstitutionelle Hausmaierei« überhaupt je im M u n d e geführt zu haben, da er ihn nicht fur vereinbar halte »mit der Ehrerbietung, die wir alle unserem erhabenen Herrscher schulden«. Er fügte hinzu: »Ich habe viele und schwere Angriffe nach anderer Seite hin gerichtet und mich dazu durch meine Bürgerpflicht für verpflichtet und berechtigt gehalten; aber gegen meine Königstreue lasse ich keinen Zweifel aufkommen« 8 6 . Welche Intentionen der Reichskanzler mit seiner Polemik verband, erkannte Mommsen auf G r u n d seiner politischen Erfahrung sofort; um nicht die schwebende Beleidigungsklage des Reichskanzlers durch eine Klage wegen Beleidigung des Kaisers zu ergänzen, kam er allen diesbezüglichen Verdächtigungen in seiner Antwort zuvor. Nichts weniger als seine bürgerliche Existenz stand auf dem Spiel 87 .

8

'

Vgl. WICKERT IVioifF. Z u erwähnen ist, daß Mommsen bereits im Berliner Antisemitismusstreit, der uns gleich beschäftigen wird, Wagner als »entschiedenen Antisemiten« attackiert hatte, vgl. TH. MOMMSEN, Auch ein Wort über unser Judenthum, in: R A 413 (= BOEHLICH 215). Vgl. darüber hinaus WEBER 163F.

"4

Vgl. WICKERT I V i o 6 f f .

8s

Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, V. Legislaturperiode, I. Session 1881/82, Berlin 1882, 894; O. v. BISMARCK, Gesammelte Werke 12, Berlin *ΐ929,326; WICKERT IV u8f.; HARTMANN 123.

86

Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, V . Legislaturperiode, I. Session 1881/82, Berlin 1882, 929; WICKERT IV 119; ZJ 899.

87

Dies erklärt auch, warum er dem neuerlichen Vorwurf, er habe Bismarck als »Hausmaier« des Kaisers bezeichnet, den nun der freikonservative Abgeordnete Wilhelm von Kardorff vorbrachte, am 13. Juni 1892 im Reichstag scharf zurückwies (vgl. WICKERT IV 120). Kardorff war als überzeugter Verfechter von Schutzzöllen ein politischer Gegner des »Freihändlers« Mommsen.

346

D e r Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Die öffentliche Anteilnahme an dieser Auseinandersetzung zwischen dem Fürsten der Diplomatie und dem Fürsten der Wissenschaft 88 kann nicht überschätzt werden 9 . Der Bismarck-Prozeß war Gegnern und Verbündeten eine willkommene Gelegenheit, sich selbst zu profilieren und die eigenen politischen Positionen darzulegen. Dabei fiel es jedoch selbst Parteigenossen schwer, M o m m sens Verhalten vor Gericht zu verstehen und zu tolerieren 90 . Die politischen Gegner nutzten die Chance, mit dem bekannten und geachteten Gelehrten und dem liberalen Politiker ins Gericht zu gehen, wobei die persönliche Invektive nicht fehlte 91 . Sogar das Ausland merkte auf. Louis Duchesne versicherte damals Giovanni Battista de Rossi, er stehe auf Mommsens Seite: Bismarck »s'est fait grand tort dans mon esprit en persécutant un homme comme celui-là« 92 .

c) Wider die Antisemiten: Mommsen und Treitschke Es ist hinlänglich bekannt, daß mit der innenpolitischen Wende der Jahre 1878/ 79 antisemitische Parolen und Positionen erstmals eine größere Resonanz in der Öffentlichkeit fanden und sich der politisch organisierte Antisemitismus in Deutschland etablieren konnte; ebenso offenkundig ist, daß Bismarck, dessen Bankier, Hausarzt und Rechtsanwalt Juden waren, es verstand, die antisemitischen Strömungen für seine politischen Absichten zu instrumentalisieren 93 . Maßgeblichen Anteil daran, daß ein intellektuell verbrämter Antisemitismus in Teilen des Bürgertums salonfähig wurde, hatte Mommsens Berliner Kollege und ehemaliger nationalliberaler Parteifreund, der Historiker und Publizist Heinrich von Treitschke, der in einer vielbeachteten Abhandlung, die im N o vember 1879 den »Preußischen Jahrbüchern« erschien, die »israelischen Mitbürger« aufforderte, »sie sollten Deutsche werden« 94 . Obschon Treitschke vor88

So eine Wendung, die Mommsens Rechtsanwalt Makower prägte; vgl. WICKERT I V

101. 89

Eine instruktive, wenn auch nicht repräsentative Auswahl zeitgenössischer Stimmen findet sich bei WICKERT I V m f .

90

Vgl. WICKERT I V u 3 f .

91

Im besonderen Maße tat sich die satirische Berliner Zeitung »Kladderadatsch« hervor, aus der WICKERT I V 99 u. ii5ff. einige aufschlußreiche Artikel zitiert.

92

Brief vom 19. März 1882 (Rossi - DUCHESNE N r . 161, S. 206).

93

Vgl. dazu die eindrucksvolle Analyse von WEHLER, Bismarck 47off. mit weiterer Literatur. Z u der Lage der Juden im Kaiserreich vgl. die kurze, aber informative Einführung von NII'PERDEY I, 396-413 mit 853 (Literatur), zum Antisemitismus ebd. 2, 289-311 mit 923 (Literatur) und WEHLER, D G 3, 924FR. mit 1455ÍF. (Literatur).

94

Die Dokumente zu dem »Berliner Antisemitismusstreit« sind zusammengestellt bei BOEHLICH, der 239ÍF. ein instruktives Nachwort bietet; Treitschkes Artikel »Unsere Aussichten« findet sich ebd. 7-14, Zitat S. 10; vgl. ebd. 14: »Die harten deutschen Köpfe

V o m Bürgersinn eines Liberalen

347

gab, besorgt über »die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum« im deutschen Volk zu sein, tat er mit seiner Schrift nichts anderes, als die antisemitischen Tendenzen in der Bevölkerung aufzugreifen, zu erklären und ihnen eben dadurch Vorschub zu leisten, daß er, wie auch der Hofprediger Adolf Stöcker zu dieser Zeit, den Juden die Schuld an den ökonomischen und sozialen Verwerfungen und an den konjunkturellen Schwankungen der siebziger Jahre zuschrieb. Dabei griff"er nicht auf die rassistischen Elemente der vulgären antisemitischen Propaganda zurück. Zunächst zeigte er sich vielmehr beunruhigt über die angeblich steigende Zuwanderung der Ostjuden, einer »Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge , deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen«95. Es folgte die Klage über das »Semitenthum«, das »unbestreitbar an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage« habe, das »jede Arbeit nur noch als Geschäft« betrachte und das »die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken« drohe. Kurzum: »in tausenden deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft« 96 . Schließlich konstatierte Treitschke das »unbillige Uebergewicht des Judenthums in der Tagespresse«, die durch jüdischen Einfluß zu »Schmähungen und Witzeleien gegen das Christenthum« verleitet werde, und verstieg sich zu der Behauptung, es sei ein »Unglück für die liberale Partei und einer der Gründe ihres Verfalls« gewesen, »daß gerade ihre Presse dem Judenthum einen viel zu großen Spielraum gewährte« 97 . Die »laute Agitation des Augenblicks« sei »eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat«, und »bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf ertönt heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!« 98 Treitschke hatte mit seiner vermeintlichen Kulturkritik die nicht assimilierten Juden mit dem Fremden, dem Undeutschen, dem Negativen verbunden und damit ein eindrucksvolles Manifest gegen die »Pluralität kultureller Identitäten« in dem deutschen Staat verfaßt 99 .

jüdisch zu machen ist doch unmöglich; so bleibt nur übrig, daß unsere jüdischen Mitbürger sich rückhaltslos entschließen Deutsche zu sein, wie es ihrer Viele zu ihrem und unserem Glück schon längst geworden sind«. Z u Treitschkes Beurteilung der Juden vgl. bes. H. LIEBESCHÜTZ, Das Judentum im Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber, Tübingen 1967, I57ÍF. 95

BOEHLICH 9 .

96

Ebd.

97

Ebd. n f .

II.

98

Ebd. 13.

99

Vgl. die überzeugende Analyse bei NIPPERDEY 2, 297.

348

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker Der Artikel, dessen Brisanz dem Verfasser nicht bewußt gewesen sein will 1 0 0 ,

löste heftige öffentliche Reaktionen aus. S o beriefen sich einerseits im Herbst 1880 die Gründer und Führer der antisemitischen Gruppierungen und Parteien: W i l h e l m Marr, Ernst Henrici, M a x Liebermann, Friedrich Zöllner und Bernhard Förster lauthals auf den berühmten Historiker, u m ihre berüchtigte Antisemitenpetition zu rechtfertigen, die die Rücknahme der Gleichberechtigung im Staatsdienst, einen N u m e r u s clausus fiir Juden an Universitäten und Einwanderungsverbote forderte 101 . Andererseits wandten sich prominente Persönlichkeiten der deutschen jüdischen Intelligenz, aber auch die Mehrheit der nichtjüdischen Professoren der Berliner Universität gegen Treitschkes Elaborat und seine Vulgarisierungen. A n die Spitze des akademischen Protestes trat T h e o d o r M o m m s e n , der A n f a n g N o v e m b e r 1880 mit W e r n e r und G e o r g Siemens, R u d o l f Gneist, M a x von Forckenbeck, Heinrich Rickert, Albrecht W e ber und R u d o l f V i r c h o w die Berliner Erklärung der 75 unterzeichnete 102 und in »Der Nation« seinen Aufsatz »Auch ein W o r t über unser Judenthum« 1 0 3 veröffentlichte 1 0 4 . M o m m s e n s Erwiderung war keineswegs durch philosemitische Sympathien veranlaßt; auch er war geprägt von zeitgebundenen judenfeindli100

V g l . BOEHLICH 2 4 9 f .

101

Vgl. zur Antisemitenpetition etwa BOEHLICH 258; LEVY 2iff. u. 131fr. sowie W . KINZIG, Philosemitismus. Teil I: Zur Geschichte des Begriffs, in: Z K G 105,1994, 202-228, hier: 212 mit weiterer Literatur. Bernhard Förster, der Schwager Nietzsches und einer der Organisatoren der Petition, tat sich auch durch gegen Mommsen gerichtete antisemitische Verleumdungen hervor, deren gerichtliche Überprüfung Mommsen erwog, vgl. HOFFMANN 1 2 8 A n m . 1 3 0 .

101

103

BOEHLICH 204-206. Das Berliner Manifest konstatierte, daß »in unerwarteter und tief beschämender Weise der Racenhaß und der Fanatismus des Mittelalters wieder ins Leben gerufen und gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet« werde, und forderte dazu auf, »der Verwirrung entgegenzutreten und nationale Schmach abzuwenden Vertheidiget in öffentlicher Erklärung und ruhiger Belehrung den Boden unseres gemeinsamen Lebens: Achtung jedes Bekenntnisses, gleiches Recht, gleiche Sonne im Wettkampf, gleiche Anerkennung tüchtigen Strebens für Christen und Juden« (BOEHLICH 205f.). Ebd. 212-227 (= R A 410-426; Z J 865); der Text findet sich jetzt ebenfalls im Anhang zu A . MOMMSEN ( S . 1 6 0 - 1 8 3 ) .

104

Z u Mommsens Rolle im Berliner Antisemitismusstreit vgl. HOFFMANN 123fr.; H. LIEBESCHÜTZ, Treitschke and Mommsen on Jewry and Judaism, in: Leo Baeck Yearbook 7,1962,153-182 und ST. ZUCKER, Theodor Mommsen und der Antisemitismus, in: Leo Baeck Yearbook 1 7 , 1 9 7 2 , 237-241. An Darstellungen aus der Feder von Althistorikern seien genannt: HEUSS 200ff.; DEMANDT, Berlin 159fr. und GALSTERER i9if., die jedoch die Entwicklung des politisch organisierten Antisemitismus und seiner Topoi weitestgehend außer acht lassen und die grundsätzliche Bedeutung der Schrift Treitschkes für die weitere Entwicklung antisemitischer Tendenzen nicht genügend berücksichtigen; vgl. hierzu W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat 562ff.;NIPPERDEY 2, 296f. und WEHLER, D G 3,927fr. WICKERT äußert sich im vierten Band nicht zu diesem

V o m Bürgersinn eines Liberalen

349

chen Klischees und Vorstellungen. So charakterisierte er 1855 den von ihm sehr geschätzten Philologen Jacob Bernays, »halb Rabbi, halb vielseitiger Mensch«, als »voll Schrullen und Unannehmlichkeiten, wie sie sonst bei Trödeljuden vorkommen, hier aber mit der Übersilberung des vollendeten Gentleman auftreten«; an anderer Stelle hieß er ihn »hoffärtig und geistreich und schmutzig«105. Die Arbeiten des jüdischen Historikers Heinrich Graetz bezeichnete er als »talmudistische Geschichtsschreiberei«106. In einem Brief an Wilamowitz meinte er, sein »Prosemitismus« gehe nun nicht so weit, hebräisch zu lernen, wiewohl dies eigentlich notwendig sei, um sich wissenschaftlich »im Orient zu orientieren 107 . Auf die »Ungleichheit, welche zwischen den deutschen Occidentalen und dem semitischen Blut allerdings besteht« und auf die »Sondereigenschaften der unter uns lebenden Personen jüdischer Abstammung« wies er in seiner Antwort auf Treitschkes Artikel ebenso hin 108 wie auf den jüdischen Wucher 109 . Und Jahre zuvor hatte Mommsen in seiner Römischen Geschichte den Satz niedergeschrieben, »auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Decomposition« 110 . Diese Worte griff Treitschke in der Auseinandersetzung polemisch und verfälschend auf und wandte sie gegen Mommsen" 1 . In jener Qualität des Judentums erblickte Mommsen den eigentlichen Grund, daß das Judentum in Caesars Staat neben Römern und Griechen »ein vorzugsweise berechtigtes Mit-

Ereignis. Wichtige Aspekte zu Mommsens Haltung zum Judentum jedoch bei ID., Theodor Mommsen und Jacob Bernays. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums. Zu Mommsens 150. Geburtstag, 30. 11. 1967, in: H Z 205, 1967, 205-294 sowie W I C K E R T III 322fr. D E M A N D T , Berlin 159fr. u. 167fr. hat darüber hinaus den Quellenbestand durch den aufschlußreichen Briefwechsel von Herman Grimm mit Mommsen und Treitschke ergänzt (vgl. ID., Mommsen 30iff.); die zentralen Briefstellen sind ebenfalls bei HOFFMANN 124 Anm. ii2f. und 126 Anm. 123 ediert. 105

Vgl. WICKERT I I I 331 mit Anm. 21; WILAMOWITZ, Erinnerungen 88 sowie die Zeugnisse bei HOFFMANN 119fr. Z u Bernays vgl. jetzt das Lexikon deutsch-jüdischer Autoren 2, 1993, 236-240 mit weiteren bibliographischen Angaben.

106

BOEHLICH 2 5 6 .

107

MOMMSEN - WILAMOWITZ Nr. 150, S. 172 (Brier vom 19. 4.1884).

108

V g l . R A 4 1 5 f . = BOEHLICH 2 1 7 ^

109

R A 4 2 1 = BOEHLICH 2 2 3 . M O M M S E N , R G 3 , 5 5 0 (= d t v 5, 2 1 6 ) .

"'

Vgl. BOEHLICH 2iif. u. 219; MOMMSEN, RA 4i6f. sowie DEMANDT, Berlin i6i(. Zur »Perfìdie« und »polemischen Geschicklichkeit« der Argumentation Treitschkes vgl. HOFFMANN 97fr. Auch später bemühten sich Antisemiten, Mommsens Bemerkung in der »Römischen Geschichte« für ihre Agitation nutzbar zu machen, vgl. HOFFMANN iooff. und MALITZ, Wilhelminisches Reich 326.

35°

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

glied war«, w e n n auch die »positiven Elemente des neuen Bürgertums ausschließlich die latinische und hellenische Nationalität« blieben" 2 . In der T a t forderte auch er von den deutschen Juden die nationale Integration, den »Eintritt in eine große Nation«: »Auch fur die Juden fuhrt kein Moses wieder in das gelobte Land; mögen sie Hosen verkaufen oder Bücher schreiben, es ist ihre Pflicht, soweit sie es können ohne gegen ihr Gewissen zu handeln, auch ihrerseits die Sonderart nach bestem V e r m ö g e n von sich zu tun und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener H a n d niederzuwerfen«" 3 . Dies setzte indessen für M o m m s e n in letzter Konsequenz die Konversion zu einem nicht religiös, sondern zivilisatorisch verstandenen Christentum voraus" 4 . Bei aller Toleranz, die er fur die Synagoge forderte und die sich für ihn von selbst verstand" 5 , bestimmte sein tiefes agnostisches M i ß trauen gegen jedes orthodoxe religiöse Bekenntnis wesentlich seine Beurteilung des Judentums (wie des Christentums)" 6 . M i t Unverständnis begegnete er denen, die - wie Jacob Bemays - ihr tägliches Leben unter ein religiöses G e b o t stellten, da er hierin religiösen Fanatismus zu erblicken glaubte, der einer natio-

1,2

M O M M S E N , R G 3, 550 (= dtv 5, 276). Eine differenzierte und überzeugende Interpretation der Stelle gibt H O F F M A N N 92fr.

113

M O M M S E N , R A 424 = B O E H L I C H 227. L . W I C K E R T , Theodor Mommsen, in: Die Großen Deutschen 2, Berlin 1956, 576 hat wohl diese Stelle vor Augen, wenn er bemerkt: »Beide, der Patriot und der Freiheitskämpfer, traten auf den Plan, als es darum ging, sich gegen den Starrsinn einflußreicher Kreise für seine jüdischen Mitbürger einzusetzen; aber geschichtliche Einsicht und humane Gesinnung hinderten Mommsen nicht, gebieterisch von den Juden zu verlangen, daß sie, um sich in die abendländische Kulturgemeinschaft einfügen zu können, ihre Sonderart ablegten «.

"4

Vgl. R A 423 = B O E H L I C H 226: »Aber wovor nicht wir sie schützen können, das ist das Gefühl der Fremdheit und Ungleichheit Die Schuld davon liegt allerdings zum Teil bei den Juden. Was das Wort >Christenheit< einstmals bedeutete, bedeutet es heute nicht mehr voll; aber es ist immer noch das einzige Wort, welches den Charakter der heutigen internationalen Civilisation zusammenfaßt und in dem Millionen und Millionen sich empfinden als Zusammenstehende auf dem völkerreichen Erdball. Außerhalb dieser Schranken zu bleiben und innerhalb der Nation zu stehen ist möglich, aber schwer und gefahrvoll. Wem sein Gewissen, sei es positiv oder negativ, es verbietet dem Judentum abzusagen und sich dem Christentum zu bekennen, der wird dementsprechend handeln und die Folgen auf sich nehmen; Betrachtungen dieser Art gehören in das Kämmerlein, nicht in die öffentliche Diskussion. Aber es ist eine notorische Tatsache, daß eine große Anzahl von Juden nicht durch Gewissensbedenken vom Übertritt abgehalten wird, sondern lediglich durch ganz andere Gefühle, die ich begreifen, aber nicht billigen kann«; vgl. hierzu H O F F M A N N i2if. und S T . Z U C K E R , Theodor Mommsen und der Antisemitismus, in: Leo Baeck Yearbook 17, 1972, 237241.

115

V g l . R A 4 2 0 = B O E H L I C H 223.

1,6

Vgl. W I C K E R T , Vorträge 48.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

351

nalen Gemeinschaft nur schaden zufügen konnte" 7 . »Die Juden wurden als zu emanzipierende >MitbürgerJuden< in ihrer religiösen und nationalen Identität akzeptiert«" 8 . Hatte nicht aber auch Treitschke die nationale Integration der Juden verlangt? W o r i n bestand mithin die Ursache für die anhaltende Mißstimmung, ja für das E n d e der Freundschaft zwischen beiden Männern? W a r es, wie kürzlich vermutet wurde, vor allem eine Formfrage" 9 ? Mommsen war zunächst erschrokken über das »Evangelium der Intoleranz« 120 , das Treitschke in den Preußischen 117

Diese Überzeugung prägte ebenfalls seine Darstellung des antiken Judentums im fünften Band seiner Römischen Geschichte, der 1885 in erster Auflage erschien (ZJ 1014). Da heißt es, das Judentum habe sich nach der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. grundlegend gewandelt: »Es liegt eine tiefe Kluft zwischen dem Judentum der älteren Zeit, das für seinen Glauben Propaganda macht, dessen Tempelvorhof die Heiden erfüllen, dessen Priester täglich für Kaiser Augustus opfern, und dem starren Rabbinismus, der außer Abrahams Schoß und dem mosaischen Gesetz von der Welt nichts weiß noch wissen will. Fremde waren die Juden immer gewesen und hatten es sein wollen; aber das Gefühl der Entfremdung steigerte sich jetzt in ihnen selbst wie gegen sie in entsetzlicher Weise, und schroff zog man nach beiden Seiten hin dessen gehässige und schädliche Konsequenz Die Juden wendeten sich ab von der hellenischen Literatur, die jetzt als befleckend galt, und lehnten sogar sich auf gegen den Gebrauch der griechischen Bibelübersetzung; die immer steigende Glaubensreinigung wandte sich nicht bloß gegen die Griechen und Römer, sondern ebensosehr gegen die >halben Juden< von Samaria und gegen die christlichen Ketzer; die Buchstabengläubigkeit gegenüber den heiligen Schriften stieg bis in die schwindelnde Höhe der Absurdität Das Zusammenleben der Juden und Nichtjuden erwies sich mehr und mehr als ebenso unvermeidlich wie unter den gegebenen Verhältnissen unerträglich; der Gegensatz in Glaube, Recht und Sitte verschärfte sich, und die gegenseitige Hoffart wie der gegenseitige Haß wirkten nach beiden Seiten sichtlich zerrüttend. Die Ausgleichung wurde in diesen Jahrhunderten nicht bloß nicht gefördert, sondern ihre Verwirklichung immer weiter in die Ferne gerückt, je mehr ihre Notwendigkeit sich herausstellte. Diese Erbitterung, diese HofFart, diese Verachtung, wie sie damals sich festsetzten, sind freilich nur das unvermeidliche Aufgehen einer vielleicht nicht minder unvermeidlichen Saat; aber die Erbschaft dieser Zeiten lastet auf der Menschheit noch heute« (RG 5, jjif. = dtv 7, 249Í.); vgl. hierzu ebenfalls HOFFMANN i04ff.

118

HOFFMANN 118; vgl. ebd. i 2 i f .

1,9

So DEMANDT, Berlin i6if. und insbes. HOFFMANN I24FF. Hoffmann hebt zu Recht hervor, daß Mommsen sich mit seiner Forderung, die Juden müßten sich durch Ablegen ihrer »Sonderexistenz« in den deutschen Nationalstaat integrieren, nicht prinzipiell von Treitschke unterschied. Aber Mommsen sprach den jüdischen Mitbürgern nicht ab, Deutsche zu sein (vgl. unten), und benutzte nicht die perfiden Klischees der antisemitischen Propaganda, auf die Treitschke zurückgriff. Inhaltlich besteht, und dies ist gegen Hoffmann und Demandt mit Nachdruck hervorzuheben, ein zentraler Unterschied in der Bewertung des Begriffes Nation (vgl. auch hierzu unten).

120

Vgl. seinen Brief an die Nationalzeitung vom 19. November 1880 (ZJ 852) = BOEHLICH 2iof.; Zitat: 210.

35*

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Jahrbüchern öffentlich gepredigt hatte, und über »diese Hetze des Tages«, die sich nun auf Treitschke berufen konnte, der »mit gutem Recht einen politischen und moralischen Einfluß auf seine Nation wie heute kein zweiter Publicist« 111 habe. Treitschke hätte, folgt man Mommsen, seine wissenschaftliche und publizistische Autorität einsetzen müssen, dem »Pöbel aller Klassen« und seiner antisemitischen Gesinnung entgegenzutreten'". Statt dessen habe er die antisemitische Bewegung gesellschaftsfähig gemacht 1 1 3 . Das, was Treitschke von den jüdischen Mitbürgern einforderte, nämlich Deutsche zu werden, erklärte M o m m s e n als schon längst vollzogen: »Was heißt das, wenn er von unsern israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollten Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich« 114 . Er wird dabei sicherlich auch Rücksicht auf jüdische Freunde und Kollegen wie etwa Ludwig Bamberger genommen und es als officium

amici verstanden haben, Treitschkes Auslassun-

gen entgegenzutreten und die Unwahrheiten und Verdrehungen, wie etwa die vermeintliche jüdische »Masseneinwanderung über die Ostgrenze«, zurechtzu-

111

RA 420 = BOEHLICH 222f.; vgl. R A 415 (= BOEHLICH 216): »Das ist der eigentliche Sitz des Wahnes, der jetzt die Massen erfaßt hat und sein Prophet ist Herr v. Treitschke«.

111

Vgl. R A 420 = BOEHLICH 222. In diesem Sinne ist wohl auch die von Herman Grimm bezeugte Aussage Mommsens von Anfang Februar 1880 zu verstehen, die Veröffentlichung Treitschkes sei als Kapitel seiner Geschichte »gut und erlaubt, als Zeitungsartikel nicht« (HOFFMANN 124 mit Anm. 113). »Pöbel« ist nicht soziologisch zu verstehen, sondern bezeichnet schichten- und klassenübergreifend die nicht der Vernunft zugänglichen Antisemiten, vgl. Mommsens Zitat in H. BAHR, Antisemitismus. Ein internationales Interview, Berlin 1894, 27 (zitiert Anm. 160). Vgl. auch HOFFMANN 130. RA 414 = BOEHLICH 216; vgl. RA 4iif. = BOEHLICH 214: »Die deutsche Nation ruht, darüber sind wir wohl einig, auf dem Zusammenhalten und in gewissem Sinn dem Verschmelzen der verschiedenen Stämme Inwiefern stehen nun die deutschen Juden anders innerhalb unseres Volkes als die Sachsen oder die Pommern?«; R A 4i6f. = BOEHLICH 219: »Ohne Zweifel sind die Juden, wie einst im römischen Staat ein Element der nationalen Dekomposition, so in Deutschland ein Element der Dekomposition der Stämme«. Für DEMANDT, Berlin 163 ist dieser Vergleich »unehrlich«, da Mommsen »im Übergang vom Nationalstaat des geeinten Italien zum Imperium Romanum einen Schritt in den Abgrund« erblickt habe, »in der Zusammenfassung der deutschen Stämme zum national geeinten Reich einen Fortschritt«; dabei übersieht er, daß Mommsen bei diesem Vergleich ausschließlich den caesarischen Staat vor Augen hatte, den er bekanntlich positiv bewertete und in dem seines Erachtens »die latinische Nationalität immer das Übergewicht« hatte (MOMMSEN, R G 3, 550 = dtv 5, 216). Für den Niedergang war in Mommsens Augen nicht der »demokratische« Staat des Generals Caesar verantwortlich, sondern die Monarchie, d.h. das despotische Imperium des Augustus (so A. DEMANDT selbst in: Der Fall Roms. Die Auflösung des Römischen Reiches im Urteil der Nachwelt, München 1984, 404Í.).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

353

rücken 1 1 5 . A b e r dies ist nicht der eigentliche G r u n d fiir sein Auftreten gegen den Antisemitismus 1 2 6 , für seine E m p ö r u n g über die »maß- und schrankenlose Entfesselung der Gemeinheit, deren W o n n e in H a ß und Unterdrückung ihres Gleichen und ihres Besseren liegt«, wie Bamberger im Dezember 1882 an Karl Hillebrand schrieb" 7 . Vielmehr leitete M o m m s e n die Erkenntnis, daß der politische Antisemitismus, dem Treitschke seine gewichtige Stimme verliehen hatte, ein weiteres Kennzeichen der antiliberalen, nationalistischen W e n d e , die Bismarck eingeleitet hatte, darstellte und die letztlich die Einheit und Einigkeit der N a t i o n zu gefährden drohte: »Neben dem längst ausgebrochenen konfessionellen Krieg, dem sogenannten Kulturkampf, und dem neuerdings entfachten Bürgerkrieg des Geldbeutels, tritt nun als drittes ins Leben die Mißgeburt des nationalen Gefühls, der Feldzug der Antisemiten« 1 2 8 . M o m m s e n s » W o r t über unser Judenthum« war folglich nicht allein eine Replik auf eine mißbilligte öffentliche Ä u ß e r u n g eines Kollegen, nicht nur ein aufrechtes Manifest fiir Toleranz gegenüber den jüdischen Mitbürgern, sondern ein eindringlicher Appell, dem »sittlichen Zersetzungsprozeß«, der den »stolzen Errungenschaften« der deutschen Einheit »unmittelbar gefolgt« sei, entgegenzutreten und in dem »Land der Aufklärung und Toleranz« liberale Grundwerte um der Einheit der N a t i o n willen zu verteidigen 129 . Treitschkes Begriff der Nation, entwickelt

115

R A 4 1 3 = B O E H L I C H 215.

116

Gegen W I L A M O W I T Z , Erinnerungen 181 Anm. 1: »Sein Eintreten gegen den Antisemitismus war von abstrakten liberalen Theorien wohl weniger getragen als von der Rücksicht auf vortreffliche Freunde jüdischen Blutes «.

117

Zitiert nach W E H L E R , Bismarck 471.

128

R A 411 = B O E H L I C H 212; zuvor hatte er ausgeführt: »Unserer Generation ist es beschieden gewesen, was die Geschichte nur von wenigen zu sagen vermag, daß die großen Ziele, die wir, als wir zu denken begannen, vor uns fanden, jetzt von unserer Nation erreicht sind. Wer noch die Zeit gekannt hat der Ständeversammlungen mit beratender Stimme und des Deutschlands, das höchstens auf der Landkarte einerlei Farbe hatte, dem wird unser Reichstag und unsere Reichsfahne um keinen Preis zu teuer sein, mag immer kommen was da will, und es kann noch vieles kommen. Aber es gehört fester Mut und weiter Blick dazu, um dieses Glückes froh zu werden. Die nächsten Folgen erinnern allerdings an den Spruch, daß das Schicksal die Menschen straft durch die Erfüllung ihrer Wünsche. In dem werdenden Deutschland fragte man, wie es gemeinsam Fechtenden geziemt, nicht nach den konfessionellen und Stammesverschiedenheiten, nicht nach dem Interessengegensatz des Landmanns und des Städters, des Kaufmanns und des Industriellen; in dem gewordenen tobt ein Krieg aller gegen alle und werden wir bald so weit sein, daß als vollberechtigter Bürger nur derjenige gilt, der erstens seine Herstammung zurückzufuhren vermag auf einen der drei ersten Söhne des Mannus, zweitens das Evangelium so bekennt, wie der pastor collocutus es auslegt, und drittens sich ausweist als erfahren im Pflügen und Säen«.

125

Vgl. Mommsens akademische Festrede zur Vorfeier des Geburtstages des Kaisers am 18.

354

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

in seiner Stellungnahme zur »Judenfrage«, hatte nichts mehr zu tun mit der freiheitsorientierten Nationalidee der 48er Revolution; der machtvolle Staat beruhte nunmehr auf einem Höchstmaß kultureller, religiöser und ethnischer Homogenität und konnte deshalb eine eigenständige jüdische Mentalität und Nationalität nicht anerkennen, ja noch nicht einmal mehr dulden. Mommsens Erklärung ist die Antwort eines Liberalen auf den politischen Antisemitismus als Krisen- und Integrationsideologie eines forcierten Nationalismus, durch den »eine assoziative Brücke zwischen antisemitischem Denkweisen und einem neuartigen integralistischen Nationalismus geschlagen , der die emanzipative Dimension des älteren nationalen Denkens abgestreift und an dessen Stelle das Bekenntnis zum nationalen Machtstaat gesetzt hatte«'30. Hinter dem deutschen Einheitsgedanken, schrieb Mommsen im Jahre 1896 an Erich Mareks, stehe das Verlangen nicht nach dem Einheitsstaat, sondern nach dem Großstaat, und die Einheitsrede sei viel mehr Mittel zum Zweck als Selbstzweck. »Es ist weder notwendig noch möglich die nationale Einheit, zum guten Teil eine Fiktion, in die Wirklichkeit überzuführen, und die Folgekrankheiten des Einheitsfanatismus, der Irredentismus, die Protestlerei, der Antisemitismus sind alle gefährlich und teilweise schändend«1'1. Mommsens Haltung im Berliner Antisemitismusstreit resultierte mithin aus der konsequenten Beachtung seiner liberalen Prinzipien. Deshalb stand er auf der Seite von Ludwig Bamberger131, Harry Bresslau 1 ", Levin Goldschmidt134,

März 1880, in: Monatsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften 1880, 311-323 (ZJ 847), zitiert nach R A 89-103, hier: 9if. Dort heißt es weiter: »Ist das Reich Kaiser Wilhelms wirklich noch das Land Friedrichs des Großen, das Land der Aufklärung und Toleranz, das Land, in dem nach Charakter und Geist gefragt wird? Ist es nicht schon beinahe ein gewohntes Unheil geworden, daß die politische Parteibildung, dieses notwendige Fundament jedes Verfassungsstaates, vergiftet wird durch Hineinziehung des konfessionellen Haders? Regt man nicht in den socialen und den wirtschaftlichen Fragen das Element des Egoismus der Interessen wie des nationalen Egoismus in einer Weise auf, daß die Humanität als ein überwundener Standpunkt erscheint? Der Kampf des Neides und der Mißgunst ist nach allen Seiten hin entbrannt«. 1.0

W . J . MOMMSKN, Das Ringen um den nationalen Staat 563.

""

WICKERT I V 73.

1.1

Bamberger veröffentlichte auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen seinen Artikel »Deutschthum und Judenthum«, in: Unsere Zeit Nr. 1,1880,188-205 (= ID., Gesammelte Schriften 5, Berlin 1897, 2-37 = BOEHLICH 151-181). Vgl. dessen Erwiderung »Zur Judenfrage« bei BOEHLICH 54-78 u. 93-98.

1,4

Z u dem Handelsrechtler Levin Goldschmidt vgl. Brief Nr. 119 vom 19. Juli 1897 mit Anm. 4

V o m Bürgersinn eines Liberalen

355

Salomon N e u m a n n 1 ' 5 und Friedrich Kapp 1 ' 6 . Goldschmidt schrieb unmittelbar nach der Lektüre von Mommsens Antwort aus Neapel: »So nehmen Sie zugleich von mir den D a n k entgegen, welcher Ihnen jeder besonnene und freisinnige M a n n dafür schuldet, daß Sie Ihre hochgewichtige Stimme nachdrücklich und ich denke wirkungsvoll gegen beklagenswerthe Verirrungen erhoben haben. A n meinem alten Freund v. Treitschke bin ich schon geraume Zeit nahezu irre geworden — ich fürchte, daß seiner Leidenschaft jetzt die Befreiung Deutschlands von den Juden zur fixen Idee geworden ist« 1 ' 7 . Goldschmidt stand indes nicht an, sich in einem persönlichen Brief an Treitschke ausführlich mit dessen Äußerungen zum Judentum auseinanderzusetzen, die eigentlichen Intentionen seiner Schrift offenzulegen und das ideologische Gebäude des vermeintlichen Verfechters der Judenemanzipation zum Einsturz zu bringen. In der kompromißlosen Ablehnung der von Treitschke vertretenen Positionen war er sich mit M o m m s e n , seinem langjährigen Freund, einig: »Die Schäden nicht des Judenthums, sondern der Jüdischen Bevölkerung, empfinde ich vielleicht lebhafter als irgend Jemand, aber, obwohl nicht Historiker, glaube ich, daß gerade der Geschichtsforscher, welcher Wesentliches und Zufälliges zu scheiden versteht, welcher den Ursachen des komplicirten Werdeprocesses mit Unbefangenheit und Ruhe unter voller Beherrschung des Materials nachforscht, zu völlig andern Ergebnissen gelangen muß, als den von Ihnen gewonnenen. Nur auf zwei Wegen kommt man, meines Erachtens, darüber hinweg: entweder indem man die Quellen des Uebels in der Unvollkommenheit, ja vielleicht Verkehrtheit der religiösen Anschauung der Juden findet, sie somit als Mitglieder einer schlechten Religionsgenossenschaft für unverbesserlich erklärt — oder indem man diese Quelle in der Race, der ursprünglichen Nationalität, erblickt. Sie scheinen wesentlich die zweite Auffassung zu vertreten, nur daß Sie eine mehr oder minder große Zahl von Ausnahmen zugeben. Dem gegenüber betone ich als völlig unannehmbar,

Z u dem Berliner Mediziner Salomon Neumann vgl. G. BAADER, Salomon Neumann, in: W. Treue u. R. Winau (Hrsgg.), Berlinische Lebensbilder l: Mediziner, Berlin 1987, 151-174, bes. íyiíí. Mommsen verweist in seinem Artikel »Auch ein Wort über unser Judenthum« ausdrücklich auf Neumanns Studie »Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung. Ein Kapitel aus der preußischen Statistik« von 1880, vgl. RA 413 = BOEHUCH 215. 1.6

Z u d i e s e m v g l . H . DIPPEL, i n : N D B 1 1 , 1 9 7 7 , I J 4 F . s o w i e H . - U . WF.HI.FR, V o m r a d i k a l e n

Frühsozialismus des Vormärz zur liberalen Parteipolitik der Bismarckzeit: Friedrich Kapp, in: id., Krisenherde des Kaiserreichs 1871-1918, Göttingen 1 i979, 249-269. 1.7

Brief Goldschmidts vom 23. November 1880 (StBB-PK, N L Mommsen: Goldschmidt, Bl. 5). Auch Mommsen hatte angeblich bereits im Januar d.J. an Treitschke geschrieben, er sei an ihm »ganz irre geworden«, vgl. H. v. TREITSCHKE, Briefe. Hrsg. v. M. Cornicelius, Leipzig 1920, 525 Anm. 1 sowie DEMANDT, Berlin 167.

356

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker daß jedes Mitglied der an sich schlechten Race oder Religionsgenossenschaft sich als einen ausnahmsweise ordentlichen Menschen legitimiren müßte. Ich finde in dieser Unterstellung den denkbar schwersten Angriff gegen die rechtliche wie gesellschaftliche Gleichstellung der Staatsbürger, - noch schlimmer, weil die Vorwürfe, die Sie erheben, wesentlich dem Sittlichkeitsgebiet angehören Indem Sie dahin wirken, daß die noch keineswegs geschlossene Kluft < zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern in Deutschland> erheblich erweitert wird, indem Sie, ohne die rechtliche Gleichstellung anzutasten, doch deren thatsächliche Durchführung möglichst erschweren, die gesellschaftliche Assimilirung verhindern, laden Sie nach meiner Ueberzeugung einen schweren Vorwurf auf sich. Sie verhindern, was Sie wollen: die Entwickelung eines tüchtigen patriotischen Bürgerthums: Sie drängen die von ehrenvoller Stellung zurückgeschobenen Juden auf die traurige Bahn des ausschließenden Gelderwerbs Ich acceptire nicht Ihren christlich-germanischen Staat, da wir kein rein germanisches Volk sind und das Christenthum nicht Staatsreligion sein kann «'' 8 .

Obgleich Treitschke sich von den antisemitischen Rohheiten des »Pöbels« und von rassistischen Parolen distanzierte, war es dennoch offenkundig, daß sein »Judenartikel« dem Antisemitismus den »Kappzaun der Scham«' 3 9 genommen hatte. Treitschke hatte »dem H e p p H e p p seine gewaltige Stimme verliehen«, wie M o m m s e n schon am 20. Oktober 1880 an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer schrieb' 40 . U n d noch 1895 klagte Mommsen in einem Brief an Heinrich von Sybel, Treitschke habe den Antisemitismus salonfähig gemacht; er sei »der rechte Vater« der Antisemiten Ernst Henrici und Otto Bockel 141 . Der Antisemitismusstreit beendete Mommsens »persönliches Verhältnis«' 4 1 1,8

Brief Goldschmidts vom 4. Mai 1881, vgl. L. GOLDSCHMIDT, Ein Lebensbild in Briefen, Berlin 1898, 432-436 (Hervorhebungen im Original). M O M M S E N , R A 4 1 9 = BOEHLICH 2 2 2 .

140

141

141

D. FOUQUET-PLÜMACHER, M. WOLTER (Hrsgg.), Aus dem Archiv des Verlages Walter de Gruyter. Briefe, Urkunden, Dokumente, Berlin u. New York 1980, Nr. 24, S. 7jf. WICKERT IV 239. Otto Bockel, der populistische »hessische Bauernkönig«, ein vielbeachteter Demagoge und Parteiführer der Antisemiten während ihrer zweiten Hochphase von 1887 bis 1893, war Schüler Tycho Mommsens am Frankfurter Gymnasium gewesen, vgl. LEVY 44. Vgl. Treitschkes Brief an Mommsen vom 15. Dezember 1880 (= H. v. TREITSCHKE, Briefe. Hrsg. v. M. Cornicelius, Leipzig 1920, 525). Bereits Ende Oktober 1880 hatte Mommsen in einem Brief an Georg Ernst Reimer bekannt: »Für mich kann bei solchen Gegensätzen kein Freundschaftsverhältniß bestehen; ich weiß wohl, daß ich einen Freund weniger hab, aber ich weiß das schon seit dem Erscheinen seiner unseligen Artikel« (D. FOUQUET-PLÜMACHER, M. WOLTER [Hrsgg.], AUS dem Archiv des Verlages Walter de Gruyter. Briefe, Urkunden, Dokumente, Berlin u. New York 1980, Nr. 24, S. 76).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

357

zu Treitschke. A u c h ein Vermittlungsversuch H e r m a n G r i m m s , der mit beiden befreundet und überdies der Pate eines der Kinder M o m m s e n s war 1 4 3 , scheiterte letztlich an dem tiefen politischen Dissens, der die einstigen Weggefährten entzweite. M e h r noch: D e r Antisemitismusstreit war nicht Ursache, sondern nur auslösendes M o m e n t der jetzt einsetzenden politischen und persönlichen Fehde, wie beide übereinstimmend erkannten. A m 15. Dezember 1880 gestand Treitschke in einem Brief an M o m m s e n , er habe ihn wegen jener Erklärung absichtlich nicht gefragt, »weil ich Sie von ganzem Herzen liebe und verehre. Der Gedanke, mit Ihnen in unmittelbaren Streit zu gerathen, war mir gradezu schrecklich N u n hab' ich mich meiner Haut gewehrt; und wenn es sich nur um die Judenfrage handelte, so würde ich nicht sehr besorgt sein, da unsere Ansichten sachlich nicht weit aus einander gehen und wir uns eigentlich nur über die O p portunität streiten. Ich kann Ihnen aber nicht bergen, daß mir die Wege, welche der Liberalismus in den letzten Jahren eingeschlagen hat, immer unbegreiflicher werden Es kann also leicht geschehen, daß unsere Wege in der Z u k u n f t noch oft sich trennen werden. Ich bitte Sie aufrichtig, dann dessen, was uns eint und immer einen wird, nicht zu vergessen; ich werde stets daran denken Ich bin von Jugend auf an politischen Kampf mit Menschen, die ich persönlich liebte, gewöhnt. So schmerzlich wie dieser ist mir noch keiner gewesen; ich freue mich auf die Zeit, da er vergessen sein wird«' 44 . M o m m s e n s kompromißlose T r e u e zu der politischen Grundüberzeugung, daß in dem national geeinten Deutschland allen Staatsbürgern »eine ernsthafte Mitwirkung« zugebilligt werden müsse 1 4 5 , die ihn bereits zum erklärten Gegner

143

Es scheint, als sei Mommsen auf Drängen Grimms anfänglich bemüht gewesen, den Streit nicht eskalieren zu lassen, vgl. DEMANDT, Berlin 159fr. u. i66f. (Mommsens Brief an Herman Grimm vom 12. Dezember 1880). Je weitere Kreise die Diskussion jedoch in der Öffentlichkeit zog, desto unüberbrückbarer wurde der Gegensatz. Z u Mommsen und Herman Grimm vgl. darüber hinaus JONAS, Erinnerungen 22ff.

144

Η. v. TREITSCHKE, Briefe. Hrsg. v. M . Cornicelius, Leipzig 1920, 525^ Mommsen antwortete am nächsten Tag, die »Meinungsdifterenz« zwischen ihnen gehe weit über »diese materiell von uns allerdings nicht sehr verschieden aufgefaßte sog. Judenfrage« (aO., 526 Anm. 1). A m 12. Dezember hatte er bereits an Herman Grimm geschrieben, »so tief ich den Riß empfinde, der in allen eigentlichen politischen Fragen zwischen Treitschke und uns zum Beispiel besteht, so kommt der doch hier eigentlich nicht in Betracht«; und er fugte hinzu: »Aber Sie werden mir Recht geben, daß in Dingen dieser Art alles darauf ankommt, nicht was man sagt, sondern wie man es sagt; und darin liegt das Beaengstigende in Treitschkes Verfahren« (DEMANDT, Berlin 168).

'4S Vgl. seinen Brief an die Wähler in Coburg bei WICKERT IV 88f.

358

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Bismarcks hatte werden lassen, machte ihn zum erbitterten Feind Treitschkes, der sich vom Nationalliberalen zum leidenschaftlichen Nationalisten entwikkelte, gegen das demokratische Wahlrecht agitierte, antiliberale und antiparlamentarische Reden führte, den autoritären Staat und die bonapartistische Machträson verherrlichte' 46 . Treitschke prägte als großer Geschichtsschreiber - 1886 wurde er als Nachfolger Rankes der Historiograph Preußens - in seinen vielgelesenen Werken und in seinen Berliner Vorlesungen über Politik nachhaltig das Geschichtsbild und das Geschichtsverständnis nicht nur seiner historischen Kollegen und Schüler, sondern großer Teile des Bürgertums im Kaiserreich. In seiner fünfbändigen »Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert«, die bis zum Jahr 1847 reichte und zwischen 1879 und 1894 erschien 147 , propagierte er ebenso wie von dem Berliner Katheder die Idee eines machtvollen deutschen Staates, der auf dem Genie großer Männer und dem patriotischen Gehorsam der Untertanen beruhe, und glorifizierte den Krieg als »den mächtigsten und tüchtigsten Volksbildner« 148 . Mommsen bekämpfte in Treitschke nicht nur den »Vater des modernen Antisemitismus«, der diese Bewegung »salonfähig« gemacht habe' 49 , sondern zunächst und vor allem den »Dichter der Geschichte Preußens«, d.h. den »politischen Historiker«' 50 , der »für das allerdings recht verschwommene Ideal der Jungfrau Germanien die ideale Pickelhaube in Curs gebracht« habe und den er als »rechten Ausdruck der sittlichen Verrohung« begriff, »die unsere Civilisation in Frage stellt«' 5 '. Treitschke wurde zum Inbegriff des politischen und historiographischen Gegners, der um so schwerer zu ertragen war, da er die breite öffentliche Anerkennung fand, die zumindest dem Bürger Mommsen 146

Z u Treitschke vgl. G. IGGERS, Heinrich von Treitschke, in: H.-U. Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker 2, Göttingen 1971, 66-80 mit weiterer Literatur; A. DORPAI.EN, Heinrich von Treitschke, N e w Haven 1957 und v.a. W . BUSSMANN, Heinrich von Treitschke. Sein Welt- und Geschichtsbild, Göttingen 1952 (= 2 i98i). Obwohl Bußmann das Ziel verfolgt, »neben dem Bewußtseinshorizont Treitschkes auch den einer Reihe liberaler Weggenossen zu erschließen und so einen Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des deutschen akademischen Liberalismus in der Reichsgründungszeit zu liefern« (S. XIII), wird Mommsen nur an einer einzigen Stelle erwähnt, noch dazu in völlig nebensächlichem Zusammenhang (S. 415: Zitat aus einem Brief Treitschkes an Mommsen aus dem Jahr 1858).

147

Vgl. hierzu jetzt A. BIEFANG, Der Streit um Treitschkes »Deutsche Geschichte« 1882/ 1883. Z u r Spaltung des Nationalliberalismus und der Etablierung eines national-konservativen Geschichtsbildes, in: H Z 262, 1996, 391-422.

148

H. v. TREITSCHKE, Politik 1, Leipzig '1913, 144.

149

Mommsen an Heinrich von Sybel am 7. Mai 1895 (WICKERT IV 239). Vgl. WUCHER 177-207: »Mommsen und die sogenannten politischen Historiker« (vgl. Saeculum 2,1951, 256fr.), bes. i94f. u. 199, dem G . G . IGGERS, Deutsche Geschichtswissenschaft, München 1971, 36 verpflichtet ist.

151

Mommsen an Sybel (WICKERT IV 239).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

359

verwehrt blieb. »Es gibt kein glänzenderes, aber auch kein gemeinschädlicheres Buch als seine Geschichte. Wer Geschichte, insbesondere Geschichte der Gegenwart schreibt, hat die Pflicht politischer Pädagogik; er soll denen, für die er schreibt, ihre künftige Stellung zum Staat weisen und bestimmen helfen. Treitschkes Werk ist in dieser Hinsicht die reine Nullität, das rechte Evangelium alles Abziehens von politischer Tätigkeit und damit für den Durchschnittsmenschen des Strebertums« 151 . So setzte er alles daran, die Aufnahme des tauben Treitschke in die Berliner Akademie zu verhindern, und legte schließlich 1895 das Sekretariat nieder, als dessen Wahl erfolgte 155 . »Neben dem kann ich nicht bleiben«, schrieb er an seine Frau 154 . Und als nach dem Tode Sybels am 1. August 1895 Treitschke die »Historische Zeitschrift« als verantwortlicher Herausgeber übernahm, ließ Mommsen verbreiten, er werde keine Zeile mehr darin veröffentlichen 155 . Mommsen stellte seine politischen Überzeugungen über persönliche Gefühle. Wie er fast mit dem alten Freund Gustav Freytag gebrochen hatte, weil dieser die Schwächen Friedrichs III., zu dessen Vertrauten er zählte, nach dem T o d des Kaisers in seinem Kronprinzenbuch öffentlich gemacht hatte 156 , so verfolgte er Treitschke mit unerbittlicher Härte. Dabei nahm er keine Rücksicht auf den akademischen Korpsgeist. Wenn ein Teil seiner Mitbürger von einem Berliner Universitätslehrer mißhandelt werde, »dann stecke ich den Professor in die Tasche«, meinte er 1880 157 . Der Berliner Antisemitismusstreit und die unmittelbar anschließende Auseinandersetzung mit Bismarck stellten Mommsen in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Obwohl ihm in dieser Debatte unterstellt wurde, nur der »Opportunität« zuliebe gehe er »mit dem Auswurfe der deutschen Journalistik« zusammen 158 , blieb Mommsen in dieser Frage auch ,SI

Ebd. V g l . W I C K E R T I V 2 0 f . u . 2 3 9 ^ ; W U C H E R 1 9 5 m i t A n m . 51 s o w i e S . 7 1 .

154

A m 15. Mai 1895, vgl. WUCHER 195 Anm. 51. Nicht nur Mommsen nahm Anstoß an Treitschkes Wahl, auch sein Parteifreund Rudolf Virchow wollte im Plenum alles daransetzen, die Aufnahme des Historikers in die Akademie zu verhindern; vgl. DIELSUSENER-ZELLER I I N r . 95, S. 1 0 0 .

Vgl. F. MEINECKE, Erlebtes 1862-1919, Stuttgart 1964,132. Meinecke bezeichnet dies verkürzend - als »Nachwehen« des einstigen Streites in der Judenfrage. Ein neuerlicher Versuch, den Meinecke einige Zeit später unternahm, um Mommsen für die Zeitschrift wieder zu interessieren, wurde von diesem »kühl« abgelehnt. 156

J O N A S , E r i n n e r u n g e n 2 2 f . ; HEUSS 2 2 1 .

157

R A 4 2 6 = BOEHLICH 2 3 5 .

158

So Heinrich von Treitschke am 28. Januar 1880 an Herman Grimm, vgl. DEMANDT, Berlin 167. In demselben Brief entrüstete sich Treitschke darüber, daß Mommsen auf einer Gesellschaft »bei Wattenbachs« »geradezu toll« gewesen sei und »wie Bamberger« gesprochen habe; mit einer Erklärung war Treitschke schnell bei der Hand: »allerdings hatte er vorher Wein getrunken«.

360

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

weiterhin, um ein W o r t seines Kollegen August Boeckh aufzugreifen, »ein beharrlicher M a n n , der keinen Fußbreit«' 59 nachgab. In den Jahren bis zu seinem T o d e ging er unermüdlich gegen den Antisemitismus als die »Gesinnung der Canaille« vor' 6 0 , dessen Ausbreitung er durch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands begünstigt sah' 6 '. Eduard Schwartz zufolge bewegte M o m m s e n nichts so tief wie der Widerstand gegen den Antisemitismus' 62 . In seinem A u f satz über den »Religionsfrevel nach römischem Recht« stellte er klar, daß »die Staatsreligion den damaligen Christenhetzern genau so gleichgültig , wie die christliche Religion es den Antisemiten ist«' 6 '. Als der evangelische Pfarrer und frühere Hofprediger Adolf Stöcker, ein notorischer Antisemit' 6 4 , für seine falsche Behauptung, Tacitus habe nicht die Christen, sondern die Juden als odium generis humant165

bezeichnet, 1893 im preußischen Landtag Mommsens

Römische Geschichte als Autorität anführte, wehrte sich M o m m s e n in der libe-

159

Vgl. HIRSCHFELD 1039 (944). Die Äußerung Boeckhs steht im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um das Corpus Inscriptionum Latinarum.

160

H. BAHR, Der Antisemitismus. Ein internationales Interview, Berlin 1894 (eine von H. GREIVE herausgegebene Neuauflage erschien 1979 im Jüdischen Verlag in Königstein/ Ts.), 2 7: »Gegen den Pöbel giebt es keinen Schutz - ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Canaille bleibt Canaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille. Es ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera - man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert«. Mommsens Wort hat im übrigen Eingang in das Zitatenhandbuch von E. PUNTSCH (München 1965) gefunden, vgl. S. 907.

161

So in einem Brief vom 9. Juni 1892, der in dem »Antisemitenhammer« von J. Moleschott veröffentlicht wurde (zitiert S. }6if.). HOFFMANN i29f. vermutet darüber hinaus, Mommsen habe letztlich den Antisemitismus als notwendige Erscheinung des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden erachtet, den es durch vernünftige und besonnene Maßnahmen zu kontrollieren gelte, um den Ausbruch der niederen Instinkte und des Rassenhasses zu vermeiden.

162

SCHWARTZ, Mommsen 15 (= Ges. Schriften i, 296).

LFI

' TH. MOMMSEN, Der Religionsfrevel nach römischem Recht, in: H Z 64,1890, 389-429 (zitiert nach G S 3, 389-422, hier: 395 Anm. 2; ZJ 1197).

164

Vgl. hierzu M. GRESCHAT, Adolf Stoecker, in: id (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte 9.2: Die neueste Zeit II, Stuttgart, Berlin, Köln 1984, 261-277; W. KAMPMANN, A. Stoecker und die Berliner Bewegung, in: G W U 13,1962, 552-579; POLLMANN 143fr.; ID., Adolf Stoecker, in: G. Heinrich, Berlinische Lebensbilder 5: Theologen, Berlin 1990, 231-247 sowie jetzt W. KINZIG, »Ich kann gewiß nichts dafür...« Der Skandal um Hofprediger Adolf Stoecker in London im November 1883, in: Aschkenas 4,1994, 365404 mit weiterer Literatur.

165

Tac. Ann. 15,44,4.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

361

ralen Berliner Nationalzeitung gegen dieses »Pastorenmißverständnis« und die »schülerhafte Mißdeutung« seiner Ausführungen' 66 . Selbst in einer wissenschaftlichen Publikation polemisierte er wenig später gegen die »Semitenhetze« und die »hochgestellten Krypto-Antisemiten«' 67 , nachdem zum wiederholten Male der Versuch gemacht worden war, seine »Römische Geschichte« für antisemitische Agitation zu mißbrauchen. Da die antisemitischen Gruppierungen nach einer ersten Hochphase von 1878/79 bis 1882 in den Jahren nach 1887 eine zweite große Konjunktur erlebten und bei den Reichstagswahlen von 1893 3,4 % der Stimmen und 16 Sitze erhielten' 68 , beteiligte sich Mommsen gerade in dieser Zeit verstärkt an Aktionen, die gegen die Propaganda und Ausbreitung judenfeindlicher Ideologien gerichtet waren. Als Mitte Dezember 1890 in Berlin unter der Führung Theodor Barths, Rudolf von Gneists und Heinrich Rickerts der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben gerufen wurde, gehörte Mommsen zu den Gründungsmitgliedern' 69 . M i t Beifall wurde aufgenommen, daß Mommsen »die Politik des Antisemitismus« erneut »brandmarkte«' 70 . 1893 erschien der »Antisemitenkatechismus« des Mühleningenieurs Theodor Fritsch in 25. Auflage. Daraufhin forderte der österreichische Journalist und Literat Hermann Bahr bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf, gegen solcherlei antisemitische Anwürfe Stellung zu beziehen. Die ihm zugegangenen Äußerungen publizierte

l6fi

V g l . Z J 1283 (»Tacitus, M o m m s e n und Stöcker«) sowie MALITZ, Wilhelminisches Reich

167

Vgl. T H . MOMMSEN, Zweisprachige Inschrift aus Arykanda, in: Archäologisch-epi-

327t graphische Mittheilungen aus Österreich 16, 1893, 9 3 - 1 0 2 (zitiert nach G S 6, 555-565, hier: 562; Z J 1280) sowie die Briefe N r . 31 mit A n m . 2 und N r . 32. T h e o d o r Barth, der Herausgeber der »Nation«, hatte aus einem Schreiben M o m m s e n s (vgl. Z J 1281) und dem Aufsatz »einen kleinen Artikel gezimmert«, der in seiner Zeitschrift erschien und M o m m s e n s A b r e c h n u n g mit den Antisemiten einem breiten Publikum zur Kenntnis brachte; vgl. S t B B - P K ; N L M o m m s e n : T h . Barth, Bl. 3 7 (Brief vom 5. M ä r z 1893). 168

Vgl. NIPPERDF.Y 2, 298. Z u der E n t w i c k l u n g der antisemitischen Parteien in den neunziger Jahren vgl. die grundlegende Untersuchung von LEVY 67Íf. u. 9iff. sowie WEHLER, D G 3, io63fF.

169

V g l . HÜBINGER 269fr.'; LEVY 145fr. sowie B. SUC.HY, T h e Verein zur A b w e h r des Antisemitismus (I). From its Beginnings to the First W o r l d W a r , in: Leo Baeck Yearbook 28, 1983, 2 0 5 - 2 3 9 , hier: 225f.

170

V g l . T h e o d o r Nöldekes Brief an M o m m s e n vom 6. Juni 1890: » D a ß Sie die Politik des Antisemitismus gelegentlich brandmarken, hat mich sehr gefreut. W e r sich so eingehend wie ich mit den Semiten beschäftigt hat, wird gewiss keine besondere Vorliebe für all diese Völker empfinden, und wenn ich die M a c h t hätte, Roheiten wie die Beschneidung zu unterdrücken, that' ich's gewiss, aber...!!!« ( S t B B - P K , N L M o m m sen: Nöldeke, Bl. 26f.).

362

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

er 1894 in einem Sammelband. Z u den Befragten zählten auch Theodor M o m m sen und August Bebel' 7 '. Aus Mommsens Interview spricht die tiefe Skepsis, durch »logische und sittliche Argumente«, »überhaupt mit Vernunft« die Antisemiten von ihrer aberwitzigen Ideologie abbringen zu können: »Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichsten Instinkte«'7*. Es ist denkbar, daß seine Auslassungen die Antwort auf die unter Liberalen weit verbreitete Hoffnung war, durch die Macht des vernünftigen Wortes Antisemiten bekehren zu können. Solchen Erwartungen hatte Mommsen bereits im April 1893 eine Absage erteilt, als er in den »Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus« meinte, Vernunft spiele für jemanden, der für Ahlwardt stimme, keine Rolle' 75 . Der antisemitische Agitator Hermann Ahlwardt' 7 4 , ein ehemaliger Lehrer und Schulleiter, der von seinen Anhängern als »Zweiter Luther« und »Moderner Hermann« verehrt wurde, kandidierte damals erfolgreich für einen Sitz im Reichstag. Seine Popularität erlitt dadurch keinen Abbruch, daß er wegen seiner publizistischen Attacken gegen Gerson Bleichröder, den Bankier Bismarcks, vorübergehend im Gefängnis saß. Hilfe und Beistand erfuhr er im übrigen durch Adolf Stöcker, der Ahlwardts Tochter konfirmiert hatte' 75 . Schließlich willigte Mommsen ein, daß in dem »Antisemitenhammer« von Jacob Molfeschott' 76 ein Brief von ihm vom 9. Juni 1892 veröffentlicht wurde, in dem er Ursachenforschung betrieb und Überlegungen zur Uberwindung des

171

Vgl. H. BAHR, Der Antisemitismus. Ein internationales Interview, Berlin 1 8 9 4 . Vgl. überdies MALITZ, Wilhelminisches Reich 328F. und WEHLER, D G 3 , 9 3 2 .

172

V g l . BAHR a O „

'7'

Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 6 . 4 . 1 8 9 3 ; vgl. LEVY 1 5 1 , der ebd. 1 5 2 feststellt, daß »Mommsen may have been overly pessimistic about the ineffectiveness of reasonable argumentation«.

174

Z u diesem vgl.

175

In seinem Artikel zu Ludwig Bambergers 7 0 . Geburtstag bemerkte Mommsen zu den beiden Antisemiten: »Das jetzige politische Leben hat zu rechnen mit dem Haß derjenigen Christen, welche unter der Fahne des wahrhaftigen Stöcker und des gleichfalls wahrhaftigen Ahlwardt den Kreuzzug predigen gegen die Juden« (RA 4 7 3 ) .

176

Antisemitenhammer. Eine Anthologie aus der Weltliteratur. Mit einem Vorwort von Professor Dr. JACOB MOI.ESCHOTT, Senator des Königreichs Italien, und einer Einleitung von JOSEF SCHRATTENHOLZ, Düsseldorf 1 8 9 4 ; in der Sammlung wird die von Mommsen unterzeichnete Erklärung der 7 5 Berliner Professoren von 1 8 8 0 (S. 5 0 3 - 5 0 5 ) abgedruckt und auf Mommsens Äußerung in der Publikation von H. BAHR verwiesen ( 5 2 9 - 5 3 1 ) . Der niederländische Physiologe Moleschott ( 1 8 2 2 - 1 8 9 3 ) , der seit 1 8 7 9 in Rom lebte, bezeichnete als Ziel seiner postum erschienenen Anthologie, den Antisemitismus als »rohen Ausbruch einer irregeleiteten communistischen Gesinnung, die sich mit Stammeshass, mit Glaubenseifer, mit Vaterlandsliebe bemäntelt« (S. çf.), zu bekämpfen.

27.

LEVY

7 7 f r . ; 8off. u.

S.

3 2 5 (Index s.v. Ahlwardt).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

363

Antisemitismus anstellte: »Ich bin in der Judenfrage der Ansicht, dass die Calamitai des Antisemitismus ein organischer Schaden unserer Nation ist, der nicht eigentlich geheilt, sondern nur verwachsen werden kann durch die steigende Humanisierung der Deutschen. W e n n unser Osten auf der gleichen Höhe der Cultur stehen wird, wie unser Westen, so wird der Antisemitismus nicht schlechthin beseitigt, aber so weit zurückgedrängt, wie dies bei organischen Ländern möglich ist. Bis dahin ist es wohl zweckmäßig, den groben Fälschungen und Verdrehungen der Antisemiten im Einzelnen zu antworten und auf den groben Klotz einen groben Keil zu setzen« 177 . Ein Jahr zuvor hatte er in R o m fur die Darstellung der antisemitischen Pogrome im zaristischen Rußland aus der Feder des Belgiers Léo Errera' 78 das Vorwort verfaßt, in dem er vor dem Selbstmord Rußlands und der Verblendung eines wiederauferstandenen T o r quemada warnte' 7 9 . 1893 zog sich Ludwig Bamberger aus der aktiven Politik zurück und kandidierte nicht mehr für den Reichstag. »Gerade der Antisemitismus treibt mich fort«, schrieb er damals an Otto Hartwig' 8 0 . Aus Anlaß des 70. Geburtstages am 22. Juli 1893 verfaßte M o m m s e n für die »Nation« eine Würdigung Bamber-

177

Ebd. j n f .

178

L. ERRERA, Les juifs russes. Extermination ou Émancipation? Avec une lettre-préface de Th. Mommsen, Brüssel 1893 (ZJ 1292). Die deutsche Übersetzung: Die russischen Juden. Vernichtung oder Befreiung? Mit einem einleitenden Brief von Th. Mommsen und einem Berichte des Verfassers in Kischinew 1903, Leipzig 1903, die nicht bei Z J verzeichnet ist, war mir nicht zugänglich. Zu dem Botaniker L. Errera (1858-1905), Professor an der Universität Brüssel, vgl. M. HOMÈS, in: Biographie Nationale 41,1964, 177-185. Zum Hintergrund der Veröffentlichung Erreras vgl. P. NATHAN, in: Die Nation, 8. Jg., 1890/91, 376-378.

179

Vgl. ERRERA aO.: »Monsieur, Vous avez bien voulu me soumettre votre ouvrage sur la situation actuelle des juifs en Russie. Le tableau navrant que vous en tracez, appuyé partout sur des preuves malheureusement trop solides, ne manquera pas d'émouvoir beaucoup de coeurs et de leur dévoiler l'abîme où le bon sens et l'humanité à la fois paraissent devoir s'engloutir. Mais, parmis ces coeurs que vous aurez émus, s'en trouverat-il qui soient capables de remédier à ce fléau honteux et non seulement de déplorer, mais aussi d'effacer la tache la plus noire du siècle? - Le dépérissement de notre civilisation tant vantée, le suicide de Russie, pourront-ils être arrêtés? Espérons! C'est un devoir de ne pas désespérer de la pauvre humanité. Mais ce devoir devient de plus en plus difficile. Le fanatisme est incorrigible. Il nous reste à souhaiter que les hommes politiques d'un grand empire et un souverain arbitre de l'Europe ne subissent pas toujours l'aveuglement d'un Torquemada ressuscité. - Mommsen - Rome, 4 novembre 1893. Istituto archeologico germanico, al Campidoglio«.

180

WEBER, Bamberger 59; vgl. hierzu LEVY 58 mit Anm. 59 sowie S r. ZUCKER, Ludwig Bamberger and the Rise of Anti-Semitism in Germany 1848-1893, in: Central European History 3, 1970, 332-352, hier: 35off.

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

364

gers' 8 ', in der er ausdrücklich darauf abhob, es werfe einen Schatten auf den Festtag, daß im Reichstagsgebäude in der Leipziger Straße der Antisemit Hermann Ahlwardt zu finden sei, »aber nicht mehr Ludwig Bamberger« 181 . M i t der Überwindung der Depressionskrisen in den neunziger Jahren setzte jedoch der parlamentarische Niedergang der antisemtischen Parteien ein. Es scheint, als habe Mommsen daraufhin nicht mehr in dieser Häufigkeit und Schärfe öffentlich Stellung gegen die Antisemiten bezogen; daß er seine Meinung über »die Widersinnigkeit und Schändlichkeit« der Bewegung nicht geändert hatte, zeigen seine deutlichen Worte über Treitschke als »Vater des modernen Antisemitismus«' 8 ' und seine tiefe Betroffenheit über die antisemitischen Anwürfe, die sein Freund und politischer Weggefährte Ludwig Bamberger erdulden mußte. Nachdem Bamberger am 14. März 1899 gestorben war, hielt Mommsen am Morgen der Beisetzung eine ergreifende Rede, in der er den Freund »den deutschesten Mann« nannte 184 .

d) Politische Desillusionierung Mommsens parlamentarische Tätigkeit endete nach den Reichstagswahlen des Jahres 1884, bei denen die Linksliberalen eine schmerzliche Niederlage erlitten. Noch 1881 hatte er an seine Coburger Wähler geschrieben, es stehe eine »schwere und langwierige Aufgabe« vor der ganzen liberalen Partei, die »die Hoffnungen des ersten glänzenden Frühlings der geeinigten Heimat« habe begraben müssen und die nunmehr »in fester Geduld auszuharren« habe, »bis der zweite Frühling anbricht«. In der Tat gab er sich diesen Hoffnungen auf einen zweiten Frühling hin, da er zunächst voller Zuversicht war, daß das deutsche Volk nicht nur mächtiger, sondern auch zäher als Bismarck sei' 85 . Drei Jahre später jedoch klagte er in einem Brief an Wilhelm Henzen, die Deutschen hätten kein Rückgrat' 86 .

L8

' TH. MOMMSEN, Ludwig Bamberger, in: Die Nation, 10. Jg., Nr. 43, 1893, 645^ (ZJ 1282); zitiert nach R A 468-475.

'8l ,8

R A 472.

' Vgl. seinen bereits zitierten Brief an H. v. Sybel vom 7. Mai 1895 bei WICKERT IV 239.

184

Vgl. WEGNER, B a m b e r g e r 62f. u n d MAI.ITZ, W i l h e l m i n i s c h e s R e i c h 323 A n m . 13;

Mommsens Grabrede wurde von antisemitischer Seite als »freisinnig judenschützlerische Selbstverspottung« diffamiert, vgl. MALITZ aO. l8s

Vgl. TH. MOMMSEN, Schreiben an das liberale Wâhlercomité zu Coburg, 6. Dezember 1881, in: Coburger Zeitung Nr. 286 vom 6. Dezember 1881 (ZJ 870); zitiert nach HEUSS 204.

ι8β

Am 8. September 1884, vgl. WICKERT IV 7of. DEMANDT, Mommsen 305 führt diese Stelle als ersten Beleg für Mommsens »nationalen Selbsthaß« (»national self-hatred«) an, dessen Beginn er »around 1880« datiert.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

365

A m 21. M a i 1885 schrieb er an seine Frau: »Die Zeiten haben sich geändert; die öffentliche M e i n u n g behandelt die Liberalen jetzt wie vor einem Menschenalter die Konservativen; wer nicht umschlägt oder sich eclipsirt, der wird gehetzt wie ein toller H u n d . Das sage ich D i r jetzt, und D u wirst mir gehorchen, auch w e n n ich nicht mehr bin: A u f meinem Grabe soll weder ein Bild noch ein W o r t , nicht einmal mein N a m e stehen, denn ich will von dieser Nation ohne Rückgrat persönlich so bald wie möglich vergessen sein und betrachte es nicht als Ehre in ihrem Gedächtnis zu bleiben«' 8 7 . Vierzehn Jahre vor der Abfassung der Testamentsklausel hat M o m m s e n deren politische Aussage in diesem Brief an seine Frau antizipiert und ein T h e m a aufgegriffen, das er bis zu seinem T o d in immer neuen Variationen behandeln wird: die fehlende charakterliche Festigkeit der deutschen Nation und der germanische Servilismus 188 eines marklosen 189 , nichtswürdigen 1 9 0 und feigen' 9 ' Volkes, über dessen politische Unfähigkeit er früher bereits lamentiert hatte 1 9 1 . Bismarck, zu dieser Überzeugung kam er schließlich, »hat der Nation ihr Rückgrat gebrochen«' 9 3 . D e r politische Hintergrund dieses tiefgreifenden Sinneswandels ist manifest' 9 4 . W i r hatten bereits gesehen, daß der machtpolitisch motivierte Wechsel in Bismarcks Innenpolitik M o m m s e n s liberale Zielvorstellungen erschüttert hatte.

187

Vgl. WICKERT I V

|M

V g l . M o m m s e n an W i l a m o w i t z a m 30. M ä r z 1887 (MOMMSEN - WILAMOWITZ N r . 2 4 0 ,

71.

S. 303).

1,0

" ;l

m

153

194

Vgl. Mommsen an Lujo Brentano am 30. Oktober 1901 (Nr. 186); vgl. darüber hinaus seinen Brief vom 12. November d.J., in dem Mommsen seinen tiefen Ärger über »das marklose Sein und Treiben« seiner »Volksgenossen« bekennt (Nr. 198). »Nichtswürdig und rückenlos« nennt er das deutsche Volk in einem Brief an seine Frau vom 10. Mai 1897 (WICKERT IV 73), und in einem Brief an den politischen Weggefährten und Berliner Kollegen Rudolf Virchow schreibt er am 3. Dezember 1897: »Unterpflügen aber haben wir uns nicht lassen und wir wollen hoffen, daß dies sich auf unsere Kinder vererbt und daß der steife Rücken, der leider bei unseren lieben Landsleuten so rar ist, auf sie übergeht« (CHR. ANDRER, Rudolf Virchow als Prähistoriker 2, Köln u. Wien 1976, Nr. 223, S. 349). Vgl. Mommsens Briefe an Lujo Brentano vom 26. November (Nr. 223: »grassirende Feigheit«) und vom 13. Dezember 1901 (Nr. 246 mit Anm. 4: »Die Feigheit herrscht und die Hinterlist in diesem Menschengeschlechte«), Vgl. Mommsens Brief an seinen Bruder Tycho vom 15. Januar 1861 (L. WICKERT, Z u Theodor Mommsens 125. Geburtstag, in: Deutschlands Erneuerung 26, 1942, 539). In einem Brief an Lujo Brentano vom 3. Januar 1902 (Nr. 262); und er fügte hinzu: »das Centrum thut die Erbschaft«. Seine Zeitgenossen beurteilte er in einem Brief an Harnack aus dieser Zeit als »sehr kleines Geschlecht« (Nr. 230). V g l . z u m folgenden bes. ENGELHRECHT, Bismarck 2, 397ff.; W . J . MOMMSEN, D a s R i n gen u m den nationalen Staat 5 8 7 ^ ; NII'I'ERDEY 2, 327fr. u n d 527FF. sowie SHEEHAN,

Liberalismus 246ff. u. 259fr. mit weiterer Literatur.

366

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Zunächst ließ der Erfolg bei den Reichstagswahlen von 1881, den die Sezessionisten und die Deutsche Fortschrittspartei verzeichnen konnten, die beiden linksliberalen Gruppierungen neue Hoffnungen schöpfen. Doch dies war keineswegs ein Wählervotum gegen Bismarcks Innen- und Verfassungspolitik oder gar das erste Anzeichen einer weitreichenden Veränderung der politischen Landschaft gewesen, sondern vielmehr der ökonomische Protest des Bürgertums gegen steigende Preise und das geplante Tabakmonopol, wie schon die nächsten Wahlen zeigen sollten, die den Linksliberalen Stimmenverluste brachten' 95 .1884 kam es noch vor der Reichstagswahl zur Fusion der beiden Parteien zur Deutsch-Freisinnigen Partei, zum sogenannten »Freisinn«, nachdem der Führer der Fortschrittspartei Eugen Richter seinen doktrinären Anspruch, die reine Lehre zu vertreten, aufgegeben und sich die Sezessionisten angesichts der zunehmenden Rechtslastigkeit der Nationalliberalen von ihrer alten Mutterpartei endgültig abgewandt hatten. Das Programm der Freisinnigen Partei indes, das die Gegensätze und Widersprüche rhetorisch miteinander zu versöhnen suchte, war alles andere als richtungweisend. Die für alte liberale Kämpfer wie M o m m s e n wichtigen verfassungspolitischen Probleme, nämlich die unterschiedlichen und undemokratischen Wahlmodi der Länder und auf kommunaler Ebene und die konstitutionelle Stellung Bismarcks, wurden nicht gelöst, ja nicht einmal angesprochen. Statt dessen forderte man allgemein den Ausbau der Rechte des Parlaments, ein fur den Ausbau der Verfassung verantwortliches Reichsministerium und die jährliche Feststellung der Friedenspräsenzstärke; zugleich wandte man sich gleichermaßen gegen Reaktion und Sozialismus und lehnte als Verfechter des Freihandels Zölle und staatliche Versicherungen ab. Neue Wählerschichten konnten damit nicht gewonnen werden, weder im bürgerlichen Mittelstand noch in der Arbeiterschaft. Mit letzterer verscherzte man es sich endgültig dadurch, daß 1884 ein Teil der neuen freisinnigen Reichstagsfraktion der Verlängerung des Sozialistengesetzes zustimmte 1 ' 5 . In den Wahlen dieses Jahres erlangte die DeutschFreisinnige Partei nur 17,6 % der Stimmen und 69 Sitze - 39 Mandate weniger als die beiden linksliberalen Parteien zusammen in den Wahlen von 1881! Auf dem Lande und in den östlichen Regionen verloren sie Wähler an die Konservativen, in den Städten vor allem an die Sozialdemokraten, wobei sich einige Sezessionisten, die der neuen Politik nicht folgen wollten, schon vorher den Nationalliberalen angeschlossen hatten. Mommsen hatte die Niederlage seiner Partei vorhergesehen und war der Fusion mit unverhohlener Skepsis begegnet 197 . Er verlor sein Mandat und kehrte nie mehr in ein Parlament zurück.

Vgl. hiereu etwa ENG ELBRECHT, Bismarck 2, 39off. und SHEEHAN, Liberalismus 250fr. " Ä Vgl. S. 4 6 7 fF. 157

Vgl. seinen Brief an Wilhelm Henzen vom 8. September 1894: »Ich fürchte, wir stehen vor einer großen Niederlage der liberalen Partei, infolge der verrückten Fusion« (WICKERT I V 7 0 ) .

V o m Bürgersinn eines Liberalen

367

Die alten Gegensätze zwischen Fortschrittlern und Sezessionisten schwelten in der Folgezeit weiter, so daß es der neuen Partei schwer fiel, ein klares Profil zu entwickeln. Zudem wußte man der von Bismarck geschickt geschürten nationalen Stimmung, die nun auch durch die deutsche Kolonialpolitik verstärkt wurde 198 , nichts entgegenzusetzen'99. Der parlamentarische Niedergang setzte sich fort. Bei den Reichstagswahlen von 1887 erreichten die Freisinnigen nur noch 12,9 % der Stimmen und 32 Sitze; nur zehn Wahlkreise konnten im ersten Wahlgang gewonnen werden, und die Stichwahlen in sechzehn weiteren Wahlkreisen vermochten sie allein durch die Unterstützung der Sozialisten für sich zu entscheiden. Z u dem neuen Parlament bemerkte Ludwig Bamberger: »Die neue Vertretung ist der wahre Ausdruck des deutschen Publikums. Junkertum und katholische Kirche, die sehr deutlich wissen, was sie wollen, und ein Bürgertum, kindlich, unschuldig, politisch einfältig und weder des Rechts noch der Freiheit bedürftig«* 00 . Wir dürfen gewiß sein, daß er sich in dieser Einschätzung mit Mommsen einig wußte. Die politisch engagierten Linksliberalen resignierten, und »davon blieb auch das alte Ideal des bestimmenden Einflusses parlamentarischer Mehrheiten nicht unberührt, sie waren ja nicht mehr liberal« 101 . Mommsen, der bereits zuvor den »Ministerabsolutismus« unter Bismarcks Regime angegriffen hatte 101 , polemisierte nunmehr gegen den »pseudoconstitutionellen Absolutismus« 10 ' eines Staates, der sich zum »Vertreter des Klassenegoismus« 104 gemacht habe. Der T o d Friedrichs III. tat ein übriges 10 '. Die überzogenen Erwartungen auf eine politische Erneuerung, ja auf eine neue liberale Ära, die in linksliberalen Kreisen in die Regierung des Kaisers gesetzt wurden 1 0 6 und die Bismarck 4 6 4 f r .

"8

Vgl.

199

Vgl. in diesem Zusammenhang die bei WICKERT IV 72 überlieferten Äußerungen Mommsens aus den Jahren 1888/89 gegenüber seinem Bruder Tycho und gegenüber Wolfgang Heibig, die eine deutliche Distanz zum zeittypischen »Kolonialenthusiasmus« belegen.

WEHLER,

100

Zitiert nach SHF.EHAN, Liberalismus 254.

201

NIPPERDEY 2 , 3 2 9 .

101

So in verschiedenen Aufrufen zur Reichstagswahl 1881, vgl. WICKERT IV 87-89.

203

Vgl. seinen Brief an Lujo Brentano vom 30. Oktober 1901 (Nr. 186).

204

So Mommsen in einem Brief vom 26. November 1901 an Lujo Brentano (Nr. 223).

205

Vgl. WHITMAN 2 3 3 ^ der ein um 1900 mit Mommsen geführtes Gespräch wiedergibt: »Für jetzt könne er nur sagen, daß der Gang der Ereignisse Deutschland einer Epoche des Absolutismus entgegenführe. >Das scheint mir das einzig mögliche Ergebnis des gegenwärtigen Standes der Dinge zu seinHätte Kaiser Friedrich länger gelebt, so wäre es vielleicht anders gekommene«.

106

Führende Sezessionisten und Freisinnige wie Max von Forckenbeck, Franz August Schenk von Staufenberg und Karl Schräder pflegten Beziehungen zum Hof des Kronprinzen und späteren Kaisers; Ludwig Bamberger wurde 1888 gar der politische Berater der Kaiserin Viktoria (WEBER, Bamberger 52fr); vgl. hierzu A. DORPAI.EN, Emperor Frederick III and the German Liberal Movement, in: American Historical Review 54,

368

D e r Politische Professor u n d der Gelehrtenpolitiker

auch Mommmscn teilte207, zerstoben mit seinem überraschenden Tod am 15. Juni 1888. In guter liberaler Tradition hatte man auf einen Regenten gehofft, der »mit all seinen zweifellosen Schwächen«108 die richtige Gesinnung besaß, um als Souverän den Liberalismus aus der politischen Machtlosigkeit zu befreien und segensreich fur die Nation zu wirken. Als Mommsen in Rom die »dumpfen Glockenschläge« vom Kapitol vernahm, die den Tod des Kaisers kündeten, glaubte er das »Totengeläute Deutschlands« zu hören209: »Jetzt regiert neben der erprobten Nichtswürdigkeit eine unruhige Taktlosigkeit, die nicht gut endigen kann«210. Der Niedergang des linken Liberalismus war nicht mehr aufzuhalten. Nach Bismarcks Entlassung im Jahre 1890, die Mommsen als »wahre Erlösung« auffaßte 2 ", konnten die Freisinnigen bei der Reichstagswahl zwar zulegen und 16 % der Stimmen sowie 66 Sitze erringen, doch war dies nur ein Strohfeuer. Mit Bismarcks Sturz fehlte der Regierung, ja fehlte dem ganzen Staat das machtpolitische Zentrum; das entstehende Vakuum versuchten verschiedene Persönlichkeiten und Gruppen auszufüllen212. Den Freisinnigen gelang es allerdings nicht, diesen Umstand für ihre Politik zu nutzen und bei den Wahlen Boden gut zu machen. Dem »persönlichen Regiment« Wilhelms II. konnten sie kein politisches Programm entgegenstellen, das neue Wähler angesprochen hätte. Statt dessen wuchsen die innerparteilichen Spannungen ständig und erreichten ihren Höhepunkt mit dem Streit um die Militärvorlage des Jahres 1893, die auf eine Erhöhung der Friedenspräsenz abzielte2'3. Die Folge war die neuerliche 1 9 4 8 , 1 - 3 1 , der zahlreiche Zeugnisse für die durchaus differenzierte Haltung der Liberalen zu dem Kronprinzen und »99-Tage-Kaiser« anfuhrt. 207

Vgl. MALITZ, Wilhelminisches Reich 3 3 7 E

108

V g l . M o m m s e n s Brief an Gustav Freytag v o m 29. N o v e m b e r 1888 (WICKERT I V 71). Ü b e r Freytags öffentliche Kritik des Kaisers nach dessen T o d war M o m m s e n äußerst ungehalten; sein Freund sei gewiß ein hochbegabter Mensch, aber »hier habe er einen Charakterfehler gezeigt«, vgl. JONAS, Erinnerungen 22Í.

209

2,0 211

Vgl. WICKERT I V

71.

Ebd. S o in einem Brief an W o l f g a n g Heibig v o m 12. M a i 1 8 9 0 (WICKERT I V 92); doch er fugte zugleich hinzu: »wobei ich keineswegs verkenne, daß diese Erlösung zunächst auch recht schlimme Folgen haben kann und daß wir lediglich aus einer Autokratie in eine andere gesegelt sind«. Z u linksliberalen Reaktionen auf Bismarcks Sturz vgl. auch WEBER, Bamberger z 6 i ( .

2,2

V g l . NIPPERDEY 2, 699fr. und WEHLER, D G 3, iooofF.

2I

Z u m Hintergrund vgl. etwa HUBER I V , j j 4 f . N a c h d e m am 15. Juli 1893 der neu gewähl-

'

te Reichstag die Militärvorlage in dritter Lesung mit 201 gegen 185 Stimmen angenommen hatte, schrieb T h e o d o r Nöldeke an M o m m s e n (18. Juli 1893): »Dass d. Militärvorlage angenommen ist, ist mir doch sehr lieb. Ich zweifle nicht, dass sie uns wieder einige Jahre den Frieden sichert. Dass sie gegen d. Schwarzen durchgesetzt, ist ein T r o s t fur d. kleine und unerfreuliche Majorität« ( S t B B - P K , N L M o m m s e n , Nöldeke, Bl. 44).

V o m Bürgersinn eines Liberalen

369

Spaltung der Partei in die Freisinnige Volkspartei unter Eugen Richter und die Freisinnige Vereinigung, die auch Wahlverein der Liberalen genannt w u r d e " 4 . D i e beiden linksliberalen Gruppierungen verloren 1893 mit 12,6 % der Stimmen fast die Hälfte der Sitze; es blieben nur noch 37 Mandate. Z u den herausragenden Köpfen der Freisinnigen Vereinigung, die in den folgenden Jahren zwischen neun und vierzehn Abgeordnete im Reichstag stellte, zählten neben Theodor Barth, dem Philosophen Heinrich Rickert und dem Unternehmer Karl Schräder" 5 noch Georg Siemens, der Gründer der Deutschen Bank, Georg Gothein, Syndikus der Breslauer Handelskammer, Hermann Pachnicke, Schriftsteller und Dozent der Philosophie, Albert Hänel, Staatsrechtler in Kiel, und der Bankier Karl M o m m s e n " 6 , der Sohn Theodor Mommsens. E n d e der neunziger Jahre trat der Sozialreformer und Industrielle Richard Roesicke" 7

z 4

'

Vgl. SHEEHAN, Liberalismus 3iiff.; TH. NII'PERDEY, Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918, Düsseldorf 1961, 213fr. und HÜBINGER 142-160 mit weiterer Literatur. Z u Eugen Richter vgl. darüber hinaus I.S. LORENZ, Eugen Richter. Der entschiedene Liberalismus in wilhelminischer Zeit, Husum 1980.

2IS

Zu dem bisher in der Forschung kaum beachteten liberalen Parlamentarier und Kirchenpolitiker vgl. nunmehr HÜBINGER 92ff. und 148fr. sowie 345 (Index s.v.).

116

Karl (1861-1922) war der zweite Sohn Theodor Mommsens. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft in München und Berlin und verschiedenen juristischen sowie kaufmännischen Tätigkeiten trat er 1894 als Syndikus in die Firma Siemens & Halske ein; 1897 wurde er Direktor der Mitteldeutschen Kreditbank in Berlin. Er war darüber hinaus Mitglied in mehreren Aufsichtsräten. 1906 wurde er in die Berliner Handelskammer gewählt; seit 1894 war Karl Mommsen als Repräsentant der liberalen »Freien Fraktion« Berliner Stadtverordneter; 1903 wurde er als Mitglied der Freisinnigen Vereinigung in den Reichstag gewählt; seit 1910 war er Stellvertretender Vorsitzender des Zentralausschusses der Fortschrittlichen Volkspartei; kurzzeitig war er überdies Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Vgl. den Nachruf von H. DOVE, in: Deutsches Biographisches Jahrbuch 4,1922 (1929), 190-193, wo zugleich folgende Anekdote berichtet ist: »Die Bankdirektorbetätigung hatte M zu einem die Vermögensverhältnisse des köpfereichen elterlichen Gelehrtenhaushaltes wesentlich übersteigenden Wohlstande verholfen Er hatte in Neu-Babelsberg eine schöne Besitzung erworben, in welcher er mit Gattin und Kindern ein glückliches Familienleben führte und gastfrei Haus hielt. So erzählte er einmal, wie der Vater Theodor, der Verständnis auch für einen guten Tropfen Wein hatte, nach Genuß einer besonders guten Sorte aus dem Keller des Sohnes in Korrektur des wohl früher bestandenen Wunsches, den Sohn lieber die akademische oder Beamtenlaufbahn ergreifen zu sehen, zu ihm gesagt hatte: >Es ist doch gut, daß du Bankdirektor geworden bist.« (193).« DOVE aO., 190 bezeichnet Theodor Mommsens Schwiegersohn Wilamowitz irrtümlich als »Archäologen«.

117

Dessen Tod im Jahre 1903 traf Mommsen tief, wie Brentanos Brief an Mommsen vom 13. August 1903 zu entnehmen ist: » Rösickes Tod war das Schlimmste, was uns gegenwärtig treffen konnte. Indeß darf man deshalb die Hoffnung nicht aufgeben. Es hieße Rösicke zu niedrig einschätzen, wollte man nicht annehmen, daß die Saat, die er gestreut hat, noch aufgehen wird« (StBB-PK, N L Mommsen: Brentano, Bl. 45).

370

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

hinzu. Der locker organisierten politischen Gruppierung gehörten vor allem fuhrende Repräsentanten des Bankgewerbes und der Industrie sowie liberale Professoren an. N e b e n T h e o d o r M o m m s e n , der gelegentlich auf den Parteitagen der Freisinnigen Vereinigung erschien" 8 , unterstützen der Bremer Bürgermeister O t t o Gildemeister, der Berliner Staatsrechtler H u g o Preuß und sein Kollege, der Strafrechtler Franz von Liszt, die Vereinigung; 1903 schlossen sich L u j o Brentano und Gerhart von Schulze-Gävernitz an. V o n den großen liberalen Zeitungen stand der linksliberalen Gruppierung das von R u d o l f Mosse herausgegebene »Berliner Tageblatt« am nächsten 219 , während die »Vossische Zeitung« zur Partei Eugen Richters tendierte 1 2 0 . In den Jahren nach seiner aktiven parlamentarischen Tätigkeit bis zu seinem T o d e trat M o m m s e n mit vielbeachteten Stellungnahmen zu kontroversen T h e men an die Öffentlichkeit. Einige Äußerungen M o m m s e n s werden uns in den folgenden Kapiteln noch ausführlich beschäftigen. Allen gemeinsam ist die feste Überzeugung, daß der Wissenschaftler und vor allem der Historiker den Regeln der politischen Pädagogik verpflichtet sei und politische Verantwortung tragen müsse 2 2 1 . Geschichte wurde auch und gerade von M o m m s e n als »Lehrmeisterin

2,8

V g l . BARTH, M o m m s e n 84 .

119

Z u dem im Anzeigengeschäft groß gewordenen Zeitungsverleger Rudolf Mosse (18431920), der 1872 das »Berliner Tageblatt«, das seit Ende der 70er Jahre zu einer angesehenen überregionalen linksliberalen Zeitung wurde, und 1889 die populäre »Berliner Morgenzeitung« gründete, vgl. K. KOSZYK, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert (= Geschichte der Presse 2), Berlin 1966, 279ff.; NII'PERDEY I, 799f. und WEHLER, D G 3, I242Í. mit weiterer Literatur. Der ebenfalls für die Geschichte des Linksliberalismus im Wilhelminischen Deutschland bedeutende Nachlaß Rudolf Mosses befindet sich seit 1957 im Leo Baeck Institut in New York.

220

Vgl· z u r sozialen Zusammensetzung, Mitgliederstruktur und Organisation der Freisinnigen Vereinigung L. ELM, Zwischen Fortschritt und Reaktion. Geschichte der Parteien der liberalen Bourgeoisie in Deutschland 1893-1918, Berlin (Ost) 1968, u f f . ; G . SEEBER, Zwischen Bebel und Bismarck. Zur Geschichte des Linksliberalismus in Deutschland 1871-1893, Berlin (Ost) 1965, m f f . ; SHEEHAN, Brentano 134fr. und WEGNER nf.; 94fr

121

Vgl. HEUSS 224; zur Verbindung von Geschichtsschreibung und Politik bei Mommsen ist grundlegend WUCHER pass., der an einer Fülle von Beispielen aus der »Römischen Geschichte« den Nachweis geführt hat, daß Mommsens politische Uberzeugungen auch seine Bewertung historischer Ereignisse beeinflußte. Zur politischen Geschichtsschreibung vgl. bes. ebd. 25ÍF. Z u Kundgebungen politischer Betroffenheit in wissenschaftlichen Publikationen vgl. MALITZ, Wilhelminisches Reich 354fr. und die Briefe Nr. 3if. zur Publikation der Inschrift von Arykanda, in der Mommsen die zeitgenössischen Antisemiten attackiert. Auf Mommsens Kritik an Treitschkes Veröffentlichung zur Judenfrage war bereits hingewiesen worden; vgl. S. 346fr.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

371

der Gegenwart« 1 2 2 verstanden 1 1 3 . Sich in die Politik des Tages einzumischen, empfand er deshalb als bürgerliche Pflicht eines Professors, die es trotz Anfeindungen 2 2 4 und auch ohne überragende politische oder rhetorische Fähigkeiten 1 1 5 zu erfüllen galt. S o scheute er nicht davor zurück, in seiner Ansprache zum 7 0 . Geburtstag seines Freundes Ludwig Bamberger den eifrigen Befürworter des Schutzzollsystems, den Grafen Kanitz, mit dem sozialdemokratischen Führer August Bebel gleichzusetzen, da sie beide die Nation für die materiellen Interessen ihrer jeweiligen Klientel ausbeuteten" 6 . D i e Auslassung brachte M o m m s e n prompt eine Beleidigungsklage des Grafen ein 2 2 7 . Andererseits unterstützte er entschlossen Projekte, die er im Sinne der politischen Pädagogik flir wichtig erachtete. S o beteiligte er sich mit seinen Parteifreunden Konstantin Bulle, M a x von Forckenbeck, Albert Hänel und Franz August Schenk von Stauffenberg an dem Vorhaben Rudolf Mosses, des Verlegers des »Berliner Tageblattes«, zum 90. Geburtstag Wilhelms I. eine Preisaufgabe auszulohen, die eine »populäre Darstellung« über die »geschichtliche Entwicklung der Einheitsbewegung des deutschen Volkes« liefern sollte. Als trotz zweimaliger Wiederholung keine den liberalen Vorstellungen genügende Abhandlung vorgelegt worden war, kam man Ende 1892 auf M o m m s e n s Anregung darin über-

222

Vgl. WUCHER 209fr. Hingewiesen sei ebenfalls auf Mommsens Rektoratsrede von 1874, die sich mit den Aufgaben und dem Inhalt des Geschichtsstudiums befaßt (RA 3-16; Z J 659).

113

Zur Rolle der Geschichtsschreibung im öffentlichen Bewußtsein des Kaiserreichs, die neben der historisch ausgerichteten Nationalökonomie als »Leitdisziplin« galt, vgl. BRUCH, G e l e h r t e n p o l i t i k , bes. 215FR.; ID., Historiker, bes. i 2 3 f f . ; N .

HAMMKRSTKIN

(Hrsg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988 (darin zu Mommsen: A. HEUSS, Theodor Mommsen als Geschichtsschreiber, 37-95 [= A. HEUSS, Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995, 1744-1802]) und G . SCHMIDT u. J. RÜSEN (Hrsgg.), Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 1830-1930, Bochum 1986 (darin bes. BRUCH, Kaiserreich) sowie kurz NIPPERDEY 2, 635F. 124

WHITMAN 230 bezeichnet Mommsen als »deutschen Liberalen«, »der er von jeher gewesen war und der um seiner Überzeugen willen geradezu Verfolgung hatte erdulden müssen«.

125

Seine Skepsis in seine diesbezüglichen Fähigkeiten sind öfters bezeugt, vgl. etwa sein Antwortschreiben auf die Gratulation des Wahlvorstandes der Liberalen zu seinem 80. Geburtstag: »Zum Volksvertreter hat mich Gott nicht geschaffen und nur die Not gemacht« (HEUSS 220), und sein Bekenntnis gegenüber Hermann Sudermann am 30. Dezember 1901: »Auch bin ich kein Redner« (Schiller Nat., Cotta/Sudermann X X V 1, Bl. 100). Seine Zuhörer bestätigten diese Einschätzung seiner selbst; F. Haverfield etwa schrieb in seinem Nachruf (AshLib, N L Haverfield): »His voice was physically weak and he was a poor orator «.

226

Vgl. R A 473f.

227

V g l . WICKERT I V

mf.

372.

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

ein, das Preisgeld von 10.000 Mark fur den Aufbau einer öffentlichen Bibliothek fur neueste, insbesondere deutsche Geschichte zu verwenden. Diese Bibliothek sollte nicht zuletzt durch die großzügige Regelung der Öffnungszeiten, die den vollen Arbeitstag und auch den Sonntag umfaßten, einem möglichst breiten Publikum zugänglich sein. Die aus den Mitteln der Rudolf MosseStiftung weiter aufgestockten Bestände wurden schließlich im Jahre 1900 in die neu gegründete Stadtbibliothek überfuhrt* 28 . Mommsens politische Stellung in der deutschen Öffentlichkeit kann entgegen der Polemik seines konservativen Schwiegersohns Wilamowitz, mit dem ihn politisch bekanntlich wenig verband" 9 , nicht hoch genug veranschlagt werden 1 ' 0 . Darüber täuschten sich gerade die Gegner unter seinen Zeitgenossen nicht. Eine der übelsten persönlichen Verunglimpfungen, denen Mommsen sich ausgesetzt sah 2 ' 1 , bestätigt gerade in ihrer überzogenen, verleumderischen Polemik die politische Bedeutung, die ausgemachte Widersacher Mommsen zubilligten. Das satirische Berliner Blatt »Kladderadatsch«, das Bismarcks Politik stützte, nahm Mommsens und Virchows Reichstagskandidatur von 1881 zum Anlaß, gegen die beiden linksliberalen Politiker vorzugehen, um ihre Wahl mit allen Mitteln zu verhindern. Offensichtlich tat Mommsens Rede auf der Charlottenburger Wählerversammlung vom 24. September ein übriges. Unter der Überschrift »Der Mommsen und der Virchow« spielte die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 23. Oktober 1881 232 maliziös auf den vielbeachteten Brand in Mommsens Haus am 12. Juli 1880 an, der damals in seinem Arbeitszimmer

228

Vgl. hierzu die entsprechenden Unterlagen in StBB-PK, N L Mommsen: R. Mosse, Bl. iff. sowie aO., Sammlung Autographe, z.Zt. Bibjag.

125

Vgl. S. 234ff. Im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zu Mommsens 100. Geburtstag schrieb Wilamowitz an Werner Jaeger: »Ich glaube, Sie legen der politischen Stellung Mommsens zu viel Gewicht bei« (CALDER, Correspondence 184).

230

Dies belegen eindrucksvoll die von E. MENSCHING gesammelten Zeitungsnachrufe auf Theodor Mommsen in: Latein und Griechisch in Berlin und Brandenburg 38,1994,4163 (= ID., Nugae zur Philosophiegeschichte 7, Berlin 1994, 88-110); vgl. MENSCHING, Vossische Zeitung.

2JI

Er selbst sprach mit Blick auf die gegen ihn gerichteten Angriffe vom »Calumniertwerden«; vgl. seinen Brief an Lujo Brentano vom 25. November 1891 (Nr. 222) und seinen Brief an denselben Adressaten vom 2. November d.J., in dem er im Zusammenhang mit seiner beabsichtigten Veröffentlichung zum Fall Spahn ausführt: »Daß man uns Ueberhebung und Anmaßung vorwerfen wird, Ihnen vielleicht noch mehr als mir, daran habe ich nie gezweifelt; aber ich war entschlossen das hinzunehmen, wie so manches Andere der Art, was ich in meinem langen Leben erfahren habe« (Nr. 188).

2,2

Nr. 34, S. 194. Ich zitiere den Text nach dem maschinenschriftlichen Exzerpt im Nachlaß Wickert in der StBB-PK. Es ist nicht deutlich, weshalb Wickert, der in seiner Biographie andere Angriffe des Kladderadatsch auf Mommsen abdruckt (vgl. IV 99 u. H5ff.), auf die Wiedergabe dieses Textes verzichtet hat.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

373

entstanden war und seine Bibliothek, zahlreiche Manuskripte und sogar eine ihm nach Hause ausgeliehene Jordaneshandschrift der Wiener Hofbibliothek vernichtet h a t t e 1 " . D u r c h wahrheitswidrige Verdächtigungen wurde M o m m sen sogar Versicherungsbetrug unterstellt. Eine neue Qualität erhielt der Artikel indes durch die Polemik gegen die wissenschaftliche Bedeutung des Gelehrten und durch den abschließenden, tumben antisemitischen Angriff: »Ein Paar nette Brüder, diese beiden >Koryphäen< der Liberalen, der M o m m sen und der Virchow! Wer ist Mommsen? Der Name wurde uns zuerst bekannt durch den Polizeibericht, als in dem Hause des besagten Mommsen eine große Feuersbrunst stattgefunden hatte. Bei dieser Gelegenheit sollen dem >berühmten Gelehrten< - als ein solcher wird er nämlich von der Fortschrittspartei anposaunt - ein paar alte Scharteken verbrannt sein. Wir wollen nicht gerade behaupten, daß er selbst das Feuer angelegt habe. Daß er, wie man erzählt, in der Nacht des Brandes mit einer brennenden Kienfackel und einer Gießkanne voll Petroleum in seinem Hause umhergehend gesehen worden ist; daß, wie man sich zuraunt, die angebliche Bibliothek hoch, sehr hoch versichert war; daß endlich, wie gezischelt wird, am Tage vor dem Brande ganze Möbelwagen voll Sachen aus dem Hause beiseite geschafft worden sein sollen - auf alles das wollen wir kein großes Gewicht legen; aber auffallend ist denn doch dieses Zusammentreffen verdächtiger Tatsachen 2 ' 4 . Über die wissenschafdiche Bedeutung des Herrn Mommsen wollen wir uns kein Urteil erlauben. Er soll ja ein Werk über Römische Geschichte geschrieben haben. N u n , es wird wohl nicht viel mehr als ein Auszug aus Beckers Weltgeschichte sein, mit einigen liberalen Phrasen verbrämt. Uns ist dieses angeblich >berühmte< Schriftchen noch nicht zu Gesicht gekommen. Derselbe Herr Mommsen, der sich in seinem eigenen Haus Feuer angelegt hat - pardon! angelegt haben soll - ist jetzt im Begriff, die Brandfackel auch in den Dachstuhl des Deutschen Reichs zu werfen 235 . O du armes Deutsches Volk! D u wirst doch nicht so verblendet sein, den Händen eines solchen Mannes, der im besten Fall unvorsichtig mit Schwefelhölzchen umgeht, ein Mandat anzuvertrauen? D u wirst doch nicht den M a n n in den Reichstag wählen, der unablässig zu Umsturz und Empörung anfeuert? Bemerkt sei noch, daß der N a m e Mommsen, augenscheinlich aus >Mommsohn< entstanden, auf unfehlbar jüdischen Ursprung hindeutet«.

2,3

Vgl. hierzu WICKERT IV 42fr. und WINTER, Mommseniana 74Í.

234

Man vgl. dagegen die dramatische und wohl authentische Schilderung der Brandnacht durch A. MOMMSEN 82ff.

235

Auch die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« hatte in einem Artikel vom 14. Oktober 1881 über die Charlottenburger Wählerversammlung auf den »Feuerschaden« des letzten Jahres Bezug genommen und darauf abgehoben, bei Mommsen sitze »das Feuer wiederum im Dache« (vgl. WICKERT IV ii4f. und HARTMANN 122).

374

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Selbst über den T o d hinaus begegnete man in konservativen Kreisen der politischen Tätigkeit Mommsens mit schroffer Ablehnung. Die konservative Kreuzzeitung stellte in ihrer Würdigung des gerade Verstorbenen dessen wissenschaftlichen und schriftstellerischen Verdienste gehörig heraus, meinte jedoch, Mommsen habe bei seinen »Seitensprüngen ins Gebiet der Politik« »eine nichts weniger als glückliche Hand gehabt und seinem Ruhme dadurch mehr geschadet als genützt« 236 . In der Tat war es ein immer wiederkehrender Topos der gegen Mommsen gerichteten Polemik, daß ihm zwar wissenschaftliche Meisterschaft zugebilligt, politische Einsicht hingegen abgesprochen wurde. Dahinter stand die durchaus zutreffende Erkenntnis, daß Mommsens internationales wissenschaftliches Renommee fast jede seiner Stellungnahmen zu kontroversen Themen der Innen- und Außenpolitik zu einem politischen Ereignis werden ließ, daß - um einen erbitterten Gegner zu zitieren - die »wohlverdiente Autorität des weltberühmten Namens« »seinen Expectorationen den stärksten Nachhall« verschaffte 237 . Die liberale Wiener Presse veröffentlichte im Oktober 1897 einen anonymen Brief zu dem österreichisch-tschechischen Sprachenstreit, den Mommsens verfaßt hatte; der Hinweis, daß das Schreiben von einem »der größten Söhne der deutschen Nation« stamme, genügte, um den Verfasser zu identifizieren 2 ' 8 . Ein Jahr später leitete dieselbe Zeitung einen Artikel M o m m sens zur deutschen Flottenpolitik mit den Worten ein, der Verfasser sei »einer der hervorragendsten Gelehrten Berlins« und nach Bismarcks T o d »ohne Zweifel der berühmteste Mann Deutschlands« 239 . Und auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen im Fall Spahn rief der liberale Berliner Strafrechtler Franz von Liszt Mommsen zu: »Wir können den Akademiker Mommsen nicht trennen von dem Führer im Kampf um unsre Überzeugung. Sie haben so oft unser Gewissen wach gerufen, wenn es stumpf zu werden drohte« 240 . Das öffentliche Interesse, das Mommsen entgegengebracht wurde, war so groß, daß selbst ein unglücklicher Zusammenstoß, den er Anfang Februar 1903 mit einer Droschke hatte und der glimpflich verlief, den Zeitungen eine Meldung wert

156

Zitiert nach GALSTERER 175.

137

H.ST. CHAMBERLAIN, Der voraussetzungslose Mommsen; vgl. WEBER 227 sowie S. 4o8ff.

1.8

Neue Freie Presse Nr. 11923, 31, Oktober 1897 (ZJ 1364); vgl. hierzu S. 488f.

1.9

Neue Freie Presse, Nr. 12199, 9. August 1898.

140

Brief vom 8. Dezember 1901 (Nr. 243); vgl. Lujo Brentano an Mommsen am 27. Oktober 1901: »Sie sind unser berufener Führer« (Nr. 185).

1,1

Vgl. Brentanos Brief an Mommsen vom 18. Februar 1903: »Hochverehrter Herr Professor! - Soeben lese ich mit Bestürzung in der Zeitung, daß eine Droschke Sie angefahren habe. Die Nachricht meldet, Sie seien indeß nur unerheblich geschädigt wor-

V o m Biirgersinn eines Liberalen

375

Angesichts der unbestreitbaren Publizität, die Mommsens politischen Äußerungen zukam, ist es verzerrend, ja geradezu grotesk, ihn als »Amateurpolitiker« zu charakterisieren, wie es der offizielle Biograph tut 1 4 1 . Eine solche Einschätzung setzt anachronistisch den Berufspolitiker voraus, der sich erst gegen Ende des Jahrhunderts im Zuge der Professionalisierung der Politik allmählich herauszubilden begann; dabei wird übersehen, daß für Mommsen, den alten Liberalen der 48er Generation, eine unmittelbare Verbindung zwischen Politik und Profession bestand und daß für ihn Bürgersinn politisches Engagement notwendigerweise mit einschloß: »An der Gleichgültigkeit gegen das politische Leben mehr noch als an der Feindseligkeit gegen die gesunde staatliche Entwicklung krankt unsere Nation. Gewiss ist nicht bloss das politische Lied ein garstiges; auch die politische Tätigkeit ist wohl bei den Berufenen als Lebensarbeit das Grösste und Höchste, was der Mensch zu leisten vermag; aber wo sie nur beiläufig an den Menschen herantritt, immer undankbar und unbequem. Aber sie ist Männerpflicht; und es ist recht übel, daß unsere Litteraten und Künstler in dieser Hinsicht vielfach sich verhalten wie die Frauen« 243 . Mommsens politische Betätigung andererseits an ihrem unmittelbaren Erfolg zu messen 244 , ist ebenfalls unzulässig. Er selbst täuschte sich am wenigstens über seinen tatsächlichen Einfluß auf politische Entscheidungsprozesse, wie noch zu zeigen sein wird. Die Vermutung sei erlaubt, daß die Vorbehalte, die manche

den. Ich hoffe, daß dies der Wahrheit gemäß ist und Sie mit dem bloßen Schrecken davon gekommen sind. Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen - Ihr ergebenster - L. Brentano« (StBB-PK, N L Mommsen: Brentano, Bl. 39). Mommsen antwortete am 21. d.M.: »Besten Dank für Ihre Erkundigung. Der kleine Unfall ist schon vergessen. - Aber es geht immer tiefer abwärts « (BÄK, N L Brentano, Ν 1001/41, Bl. 43). 241

WICKERT I V 200; vgl. hierzu die Besprechung von A. HEUSS, in: Gnomon 56,1984, 636 (= ID., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 199$, 2607).

243

TH. MOMMSEN, Der Goethe-Bund und seine Zukunft, in: Deutsche Revue Jg. 25, Bd. 3, 1900,129-132 (ZJ 1421), Zitat S. 131.

144

N u r so ist zu erklären, daß L. WICKERT, Theodor Mommsern - Lebendige Gegenwart. Gedächtnisrede gehalten zur Feier des 50. Todestages am 1. November 1953, Berlin 1954, 19; 21 (= WICKERT, Vorträge 27f.; 30) ausführt: »Es läßt sich beweisen, daß der Historiker in Mommsen stets stärker war als der Politiker; und wie hätte er der große Forscher sein können, wenn es umgekehrt gewesen wäre! Für die allgemeine Geschichte bedeutet der Politiker Mommsen nicht viel; in der Politik war er mehr ein Gefolgsmann als ein Führer«; an anderer Stelle wird Mommsen als »politisierender Historiker« dargestellt, »der, eben als Historiker, von jedem handelnden Staatsmann Bismarcksche Elastizität verlangt, als Politiker aber außerstande ist, selbst jene Forderung zu erfüllen« (WICKERT, Vorträge 53f.). Vgl. hierzu ebenfalls die berechtigte Kritik von WUCHER joff.

376

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Zeitgenossen 1 4 5 ebenso wie nachgeborene Historiker 1 4 6 und der M o m m s e n biograph Lothar Wickert 2 4 7 erhoben, ihren eigentlichen G r u n d wohl darin finden, daß man die politischen Ziele Mommsens ablehnte 248 oder sich zumindest

Auf Bismarck und Wilamowitz war bereits hingewiesen worden. Schon in der zeitgenössischen Literatur und Presse galten Mommsens politische Äußerungen als »Seitensprünge«, vgl. F. JONAS, Zum achtzigsten Geburtstage Theodor Mommsens (30. November 1897), in: Deutsche Rundschau, Jg. 24, H. 3 (= Bd. 93), Dezember 1897,399-416, hier: 4i4f.; H. PAALZOW, Theodor Mommsen t , in: Tägliche Rundschau Nr. 257 vom 2. November 1903, S. 1027 (» die spätere Zeit wird vermutlich sein Bestreben, eine politische Rolle zu spielen, zu den Schwächen des großen Gelehrten rechnen«); SEECK, Mommsen 75; 102 sowie HEUSS, Testamentsklausel 112 (1724) u. WUCHER 51. 246

Selbst HEUSS, der 223 zu Recht auf Mommsens Bedeutung als politischer Journalist abhebt, kommt zu dem Ergebnis, Mommsen habe als »Politiker« den wissenschaftlichen Raum nie verlassen (222) und »wirkliche politische Begabung« sei ihm abgegangen (220). FEST 62 zögert nicht, sich diese Position zu eigen zu machen, indem er feststellt, es sei Mommsens »eigentümliches Naturell« gewesen, »zeitlebens von heftigsten politischen Empfindungen erfüllt und dennoch ohne eigentliche politische Begabung zu sein«. Mit starker persönlicher Sympathie geschrieben ist A. WUCHER, Theodor Mommsen und die sogenannten politischen Historiker, in: WUCHER 177-207 (vgl. ID. , Theodor Mommsen als Kritiker der deutschen Nation, in: Saeculum 2,1951,256fr.).

M1

Vgl etwa L. WICKERT, Theodor Mommsen, in: Die Großen Deutschen 2, Berlin 1956, 576, wo es heißt, der Politiker Mommsen sei »hin und her gerissen zwischen der Unduldsamkeit des Doktrinärs und dem einfühlenden Verständnis des Historikers« gewesen (die folgenden Bemerkungen zu Mommsens Bismarckbild lassen überdies jede zeitliche und inhaltliche Differenzierung vermissen); WICKERT II 207: »Gern tauchte Mommsen in den hochgehenden Wellen der politischen Bewegung unter, um freilich bald, enttäuscht und ernüchtert, zu dem gelehrten Tagewerk zurückzukehren, für das er geschaffen war« und WICKERT, Vorträge 52: »In Mommsens Schrifttum nimmt die politische Publizistik einen überraschend großen Raum ein. Schon daran ist zu erkennen, daß das politische Denken und das politische Handeln ihm ein echtes Bedürfnis war. Die Frage aber, ob er Recht daran tat, wenn er Geschichte nicht nur schreiben, sondern auch machen wollte, dürfte kaum mit ja zu beantworten sein«. Wie der Gelehrte sich nach Wickerts Auffassung eigentlich hätte verhalten sollen, verrät er uns an anderer Stelle: »Leicht möchten wir ihn uns ganz anders denken, als er war: reich beglückt durch die märchenhaften Erfolge seiner wissenschaftlichen Forschung, durch den Ruhm, den seine Werke ihm eintrugen und der die Welt erfüllte, durch die Verehrung, die den populärsten deutschen Professor in seiner Heimat umgab, nicht zuletzt durch die Liebe, die er im eigenen Hause gebend und nehmend genoß; in behaglicher Ruhe, möchten wir meinen, hätte er seinen Studien nachgehen können« (WICKERT, Vorträge 32f.).

148

Vgl. z.B. H. MEYERSAHM, Theodor Mommsen als Politiker, in: Eiserne Blätter. Wochenschrift für deutsche Politik und Kultur, 9. Jg., 30. Juli 1927, Nr. 31, S. 517: »So wollen wir uns in Ehrfurcht verneigen vor dem gewaltigen Historiker und vergessen, daß er politisch geirrt hat«.

V o m Bürgersinn eines Liberalen

377

mit ihnen schwertat 1 4 9 , daß man mit Eduard Schwartz der Auffassung war, M o m m s e n habe »seine Kunst, zu sprechen und zu schreiben, nicht selten einer politischen Aufwallung« geliehen, »die es nicht verdiente« 250 . W e n n es etwa im Zusammenhang m i t M o m m s e n s politischer Aktivität des Jahres 1848 heißt: »Aber die Wissenschaft hat diesem Feuerkopf nicht lange Urlaub zum Politisieren gegeben. Jede Stunde, die er von nun an außerhalb ihres Bereiches zubrachte, war eigentlich ein unersetzlicher Verlust für sie« 2 ' 1 , so hat M o m m s e n selbst in einem Brief an Fritz Jonas die richtige A n t w o r t gegeben: » U n d auch dafür danke ich Ihnen, daß Sie nicht, wie so viele innerliche Plebejer, gesagt haben, wie kann der M a n n , der Besseres zu tun hat, sich um Politik kümmern. Ich mag darin wohl geirrt und gefehlt haben; aber der schlimmste aller Fehler ist, wenn man den R o c k des Bürgers auszieht, u m den gelehrten Schlafrock nicht zu k o m promittieren« 2 5 2 . W e n n hingegen Harnack in seiner Rede zur Begräbnisfeier 253

149

Vgl. etwa ERNST KORNF.MANNS Nachruf (zitiert nach ID., Gestalten und Reiche, Leipzig 1943 [= Bremen 1980], 432-453), 450: »Mag man ihm auch politisch als Gegner gegenüberstehen, so muß man doch anerkennen, daß sein Idealismus echt und ehrlich war und daß er den Mut hatte, seine Ansicht auszusprechen, auch wenn sie von der herrschenden Meinung abwich«.

150

Schwartz' Einführung zu MOMMSEN - WILAMOWITZ, S. VI. Vgl. dazu SCHWARTZ, Mommsen 15 (= Ges. Schriften i, 296; zitiert in Anm. 3 zu Brief Nr. 188). Schwartz' Worte sind treffend bewertet von HEUSS 279f.

151

KORNEMANN aO., 435, der hiermit ein glänzendes Beispiel für die »Entpolitisierung« Mommsens gegeben hat.

1,1

Mommsen an Jonas am 21. November 1893 (JONAS, Erinnerungen 43; WICKERT III 487). Mommsen antwortete mit diesem Schreiben auf Jonas' Artikel, den dieser zu Mommsens fünfzigjährigem Ooktorjubiläum am 8. November 1893 im Feuilleton der »Nationalzeitung« veröffentlicht hatte (JONAS, Erinnerungen 43). Auch zum achtzigsten Geburtstag veröffentlichte Jonas in der »Deutschen Rundschau« einen Beitrag zu Mommsens Ehren; darin hieß es zur Kritik an dessen politischen Betätigung: »Oft genug ist von ihm und anderen Gelehrten, wie z.B. von Virchow, gesagt worden, er hätte lieber als Gelehrter bei seinen Büchern und an seinem Schreibtisch bleiben und sich von politischen Dingen fern halten sollen. Gegen solche armselige Gesinnung, die in einem constitutionellen Staate allerdings nicht sollte laut werden dürfen, hat Mommsen seinen scharfen Spott und seine volle Verachtung zum Ausdruck gebracht. So heißt es in der Zuschrift an die liberalen Wähler in Coburg: >Daß nach der Ansicht der königstreuen Ministerialpresse ein Gelehrter in öffentlichen Dingen nicht mitzureden habe, wenigstens dann nicht, wenn er zu den Liberalen gehört, ist mir bekannt; ich bekenne mich zu dem Fehler, ordentlicher öffentlicher Professor zu sein, während bekanntlich nur der verkommene Literat in der politischen Presse schreibberechtigt istRömische Geschichte< und das >Corpus inscriptionum latinarum< nie erblickt haben, preisen den >grössten Geschichtsforscher aller ZeitenUeber die Grundlagen der Kultur des 19. Jahrhunderts< (2 Bde). Der Kaiser liest es abends der Kaiserin und den Hofdamen vor und ist — wie mir die Kaiserin lachend sagte - sehr streng darauf bedacht, daß Alle gehörig aufmerken. Obgleich das voluminöse Werk an manchen Übertreibungen und Excen-

44

Vgl. hierzu W . J . MOMMSEN, Bürgerliche Kultur 39FR.; W . SCHÜLER, Der Bayreuther Kreis von seiner Entstehung bis zum Ausgang der Wilhelminischen Ära. Wagnerkult und Kulturreform im Geiste völkischer Weltanschauung, Münster 1971 undV. VELTZKE, V o m Patron zum Paladin. Wagnervereinigungen im Kaiserreich von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende, Bochum 1987.

45

Vgl. seinen Brief vom 27. November 1899 (WAGNER/CHAMBERLAIN 580). Allerdings bleibt zweifelhaft, ob Mommsen angesichts seiner bekannten Ablehnung judenfeindlicher Agitation (vgl. S. 346fF.) in der Tat nur die »Betonung des Christentums« in dem offen antisemitischen und eklektizistischen Elaborat kritisierte (vgl. hierzu etwa GLASER 174; 206 und 209); möglicherweise verkürzte sein Informant, Graf Yorck von Wartenburg, Mommsens Auslassungen über das Buch, oder aber Chamberlain selbst »revidierte« dessen Darstellung gegenüber Cosima Wagner.

46

Vgl. ihren Brief an Chamberlain vom 1. März 1901 (WAGNER/CHAMBERLAIN 610).

Die Lex Heinze und die Gründung des Goethebundes

411

tricitäten leidet, so wüßte ich doch kaum ein zweites Buch, das ich lieber in den H ä n d e n der Majestäten sehe. Auch theologisch wirkt es aufklärend. Der Kaiser ist ganz entzückt von dem Buche und sagte mir U.A., aus diesem Buche habe er zum ersten Male klar erkannt, um was es sich in dem Streit zwischen Papst und Kaiser handle« 47 . Harnacks Worte sind ein deutliches Zeugnis fur den Erfolg dieser populären Universalgeschichte auch bei denjenigen, die zwar - wie gerade Harnack 48 - die perverse Rassenreligion, die Chamberlain und der Bayreuther Kreis predigten, nicht akzeptierten, sich aber von dem prophetischen Mystizismus und der idealistischen Religiosität des mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verfaßten Buches blenden ließen49. Im Festspielsommer 1901 verfaßte Cosima Wagner, unterstützt von Engelbert Humperdinck, Hans Thoma, Albert Niemann und Chamberlain, eine Resolution, in der darauf abgehoben wurde, daß die Schutzfrist für Wagners Werke in zwölf Jahren ablaufe, daß aber »gemäß der ausdrücklichen Bestimmung seines Schöpfers« dieses Werk »einzig im Rahmen der Bayreuther Festspiele aufgeführt werden« dürfe 50 . Es gehe nun darum, beizeiten die Ausnahmestellung Bayreuths zu sichern und den »Parsifal« nicht »dem geschäftlichen Bühnen47

GStA-PK, Rep. 92 Althoff A II Nr. 105, Bl. if.

48

Vgl. Z A H N - H A R N A C K 3 5 5 , die in ihrer 1 9 3 6 verfaßten Biographie offen und unzweideutig feststellt, Harnack habe bei aller Sympathie fiir Chamberlains Oeuvre dessen »Standpunkt in der Rassenfrage auf das Entschiedenste« abgelehnt.

49

Darüber hinaus steht außer Frage, daß Harnack sowohl mit Cosima Wagner wie auch mit Chamberlain freundlichen, ja liebenswürdigen Umgang pflegte (vgl. W A G N E R / C H A M B E R L A I N 6 2 7 ; 6 5 2 ) , daß Harnack und Chamberlain in der Folgezeit Schriften austauschten und gegenseitig ausfuhrlich kommentierten (aO„ 652 undZAHN-HARNACK 353; 355) und daß Harnack Chamberlains Goethebuch von 1912 überschwenglich begrüßte ( Z A H N - H A R N A C K 353ff). Chamberlain bewunderte in Harnack den »Gelehrten« (wenn auch ohne jegliche »Beigabe von Genialität oder Genieverwandtschaft« [WAGN E R / C H A M B E R L A I N 6 2 8 ] ) , der auch über einen »praktischen Sinn« verfugte und damit »höchst erfrischend wirkt neben den traurigen Bücherwurmexistenzen der meisten Philologen und Theologen«; doch resümierte er sein Verhältnis zu ihm mit den Worten: »geistig fahle ich mich durch eine Welt von ihm getrennt. Er ist durch und durch Theolog und durch und durch Professor; der Geist Luthers hat ihn nicht berührt, sondern nur der Geist Ritschis - und das sind verschiedene Dinge« (so in seinem Brief an Cosima Wagner vom 11. Dezember 1 9 0 2 [ W A G N E R / C H A M B E R L A I N 6 5 2 ] ; auch Cosima fand am unglücklichsten »Geister wie Harnack, die einen Pakt zwischen den Zeittendenzen und dem Glauben zu schließen versuchen. Da ist mir ein naiver fester Glaube, wie der Stöckers, mit all seiner Beschränkheit weit lieber« [aO., 6 4 4 ] ) .

50

Ich zitiere den Aufruf nach dem Exemplar im Nachlaß Mommsen in der StBB-PK (C. Wagner, Bl. 7); vgl. zur Diskussion zwischen Cosima Wagner und Mommsen überdies W I C K E R T IV 2 2 5 E , far den dieses Ereignis allerdings zu den »Selbstzeugnissen und Aphorismen« zählt.

412

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

betrieb« preiszugeben, um den »Darbietungen des Weihefestspieles ihre bisherige künstlerische Vollendung und mustergiltige Stilreinheit in ungetrübter Form zu erhalten«. Chamberlain gelang es Ende Oktober, bis zu Wilhelm II. vorzudringen, der sich von jenem pseudowissenschaftlichen Rassenbegriff, den Chamberlain propagierte, sehr beeindruckt zeigte. Während der vier Tage, an denen er mit dem Kaiser sprechen konnte, setzte er alles daran, ihn von der Notwendigkeit einer lex specialis für den »Parsifal« zu überzeugen, für das Werk mithin, das Chamberlain für Wagner begeistert hatte. Wilhelm II. »gab den bestimmten, unweigerlichen Willen kund, niemals zu erlauben, daß der >Parsifal< auf einer anderen Bühne aufgeführt werde«5'. Auf einer wenig später stattfindenden Delegiertenversammlung des Goethebundes sprach der Strafrechtler Franz von Liszt, ein Vetter des Komponisten, scharf gegen die in Bayreuth gewünschten Sonderrechte für den »Parsifal«51. In derselben Zusammenkunft führte Mommsen am Beispiel Goethes aus, es sei nur zu begrüßen, daß es ein ewiges Erbrecht des Schriftstellers nicht gebe. Daraufhin schickte Cosima Wagner am 26. November Mommsen ein Exemplar des Aufrufes zu, dem sie ein längeres Begleitschreiben53 beilegte, in dem sie daraufhinwies, daß mit Goethes Erbe von dem Zeitpunkt an in der Öffentlichkeit Schindluder getrieben worden sei, als man seine Schriften freigegeben habe. Um dies für den »Parsifal« zu verhindern und um »dem Willen seines Schöpfers« zu entsprechen, trete sie gemeinsam mit »dem bedeutendsten jetzigen deutschen Componisten, einem hervorragendsten Maler, dem berühmtesten Darsteller und einem ausserordentlich geistvollen Schriftsteller« dafür ein, daß »ein Stück, worin die heiligen Mysterien des Christenthums wiedergegeben sind, nicht auf sämmtlichen Bühnen neben Erzeugnissen gewöhnlichster Art preisgegeben«, ja vernichtet werde. Wenn Mommsen schon nicht für die Unterzeichnung des Aufrufes gewonnen werden könne, so wolle sie ihn doch über ihre Beweggründe unterrichten. Worum es Cosima Wagner eigentlich ging, wird aus ihrem Brief an Chamberlain ersichtlich, der vom selben Tag datiert: »Fast hätte ich Sie um eine öffentliche Erwiderung auf Mommsen und ihn 51

Vgl. Chamberlains Brief an Cosima Wagner vom 30. Oktober (WAGNER/CHAMBERLAIN 620). Da Wilhelm II. Chamberlains »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« »mit Entzükken und Begeisterung« gelesen hatte (vgl. ZAHN-HARNACK 352), kam das Gespräch auch auf dieses Werk; bei der Unterredung war ebenfalls Harnack als des Kaisers Sachverständiger in theologischen Fragen anwesend. Gegen das Zeugnis von ZAHN-HARNAC.K 352f. behauptet Chamberlain in einem Brief an Cosima Wagner, von Harnacks Schriften und von seiner Auffassung des Christentums sei »überhaupt niemals - nicht ein einziges Mal - die Rede gewesen, sondern nur von dem vortrefflichen Manne und außerordentlichen Gelehrten, sowie von dem energischen Leiter der neuen Bauten der Universität u. dgl.« (WAGNER/CHAMBF.RLMN 630).

51

Vgl. C . Wagner an Chamberlain am 26. November (WAGNER/CHAMBERLAIN 623).

"

StBB-PK, N L Mommsen: C . Wagner, Bl. 1-6.

Die Lex Heinze und die Gründung des Goethebundes

413

ersucht, da Sie der M a n n wären, um endgültig zu erwidern« 54 . C h a m berlain verstand das Begehren seiner »hochverehrten Meisterin«, wie er Cosima Wagner iiberschwenglich zu nennen pflegte, nur zu gut. A m 29. November antwortete er ihr, er wisse zwar als »abseits Lebender« nichts von Mommsen und Liszt, doch traue er letzterem jede denkbare Ungeschicklichkeit zu. Er wolle, da die Zeitungen »mißliebige Bemerkungen« über seine Audienz beim Kaiser machten, noch schweigen; doch arbeite er »in der Stille der Stube« bereits an einer Erwiderung 5 5 : an seinem Artikel »Der voraussetzungslose Mommsen«. M o m m s e n durchschaute das Spiel. A m 15. Dezember schrieb er an Lujo Brentano, mit dem ihn der gemeinsame K a m p f gegen die Konfessionalisierung der Universitäten verband: »Herrn Chamberlains Erbittrung ist wagnerisch: unsere Universitäten sind ihm glaube ich sehr gleichgültig. Aber der ParsifalFanatismus treibt seltsame Blüthen«' 6 . Er ließ sich jedoch nicht nehmen, in einem persönlichen Brief Cosima zu antworten 57 : »Gnädige Frau, - Es ist die Härte des Menschenschicksals, daß es keine Ausnahme zuläßt. - Es ist gewiß ein Unrecht, daß Goethe nicht bloß gelesen wird von denen, die dies wenigstens annähernd verdienen, sondern auch von Schwachköpfen und Lumpen jeder Sorte. Aber wer kann das verhindern? Nicht der Staat hat dazu die Macht, auch Goethe selbst hatte es Richtung< auf ihre Fahne geschrieben« hätten; Brentano sah die Gefahr unmittelbar bevorstehen, daß »eine Hochflut ultramontanen Übermuts« über die deutschen Universitäten hereinbräche (Brief Nr. 250); vgl. ebenfalls die Briefe Nr. 215 und 228. Es waren also politische, weniger biographische Motive, die Brentano zu Mommsens Bundesgenossen machten.

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

438

blieb unreflektiert« 92 . M o m m s e n ging es - wie er selbst gegen Ende der Auseinandersetzungen bemerkte - um ein »Los von Rom« 9 3 . Die Reaktionen der Universitäten des deutschsprachigen Raumes waren zunächst ermutigend; eine Fülle antiklerikaler und antiultramontaner D e m o n strationen in der liberalen Presse begleitete die akademische Empörung 9 4 . N a c h dem die ordentlichen Professoren der Universität und der Technischen H o c h schule in München am 16. November ihre Zustimmungsadresse veröffentlicht hatten 95 , folgte in den nächsten W o c h e n die Mehrzahl der deutschen und

91

So treffend NIPPERDEY I, 574; vgl. W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat 769: »Einmal mehr zeigte sich, daß das Prinzip der Autonomie der Universitäten nicht eben ftir eine solche wirklich ausgewogene Repräsentation der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sorgte, sondern eher die Erhaltung der hegemonialen Stellung der bürgerlich-protestantischen Kultur begünstigte«.

"

Vgl. seinen Brief an Brentano vom 3. Januar 1902 (Nr. 262).

94

Auch aus nichtuniversitären Kreisen wurde Mommsen Zustimmung zuteil. So sprach der Engere Landesausschuß der Deutschen Volkspartei in Bayern mit seinem Vorsitzenden Ludwig Quidde »im Namen sämmtlicher bayerischer Demokraten« am 25. November Mommsen »Dank und Huldigung aus für die unvergänglichen Worte«, mit denen er die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre verteidigt habe (StBBPK, N L Mommsen II, Nr. 430). Otto Liebmann stellte in einem Brief vom 25. November die von ihm herausgegebene »Deutsche Juristen-Zeitung« »unbeschränkt« zur Verfügung, um im Anschluß an die erste Publikation »die Frage eingehender zu behandeln« (aO., Nr. 424). Die Naturforschende Gesellschaft in Emden dankte anläßlich ihres Stiftungsfestes am 17. November 1901 »in friesisch landsmannschaftlicher Zuneigung« Mommsen telegraphisch für sein »mannhaftes Eintreten für die Freiheit des Geistes« (aO., Nr. 401). Die Ethische Gesellschaft in Wien huldigte in einem Telegramm vom 4. Dezember dem »Altmeister Mommsen fur sein mutvolles Eintreten für die voraussetzungslose Wahrheitsforschung« und sprach zugleich den Wunsch aus, »den großen Forscher noch lange an der Spitze der geistigen Führer Deutschlands zu sehen« (aO., Nr. 442). Auch kuriose Zuschriften erreichten Mommsen. Das Präsidium der Berliner »Cogitanten-Allianz« nahm Mommsens Erklärung zum Anlaß, ihn am 26. November aufzufordern, sich dem »Cogitantenthum«, d.h. der »Religion des fortschreitenden, jeweilig besten Wissens und Gewissens« anzuschließen, da nur in ihrem Kreis »der Geist der Wahrheit wirklich gepflegt« werde (aO., Nr. 425). Die Wiener Freimaurerloge »Pionier« dankte Mommsen, daß er »in einer Zeit feiler Unterwürfigkeit gegenüber dem Erbfeind aller Geistesfreiheit, in einer Zeit des Opportunismus und der Feigheit« sein »mächtiges Wort zu Gunsten der voraussetzungslosen Wissenschaft in die Wagschale« geworfen habe und gestand: »Wir haben in Ihnen stets einen grossen Freimaurer bewundert« (aO., Nr. 445). O. Nieten aus Saarbrücken schließlich nahm Mommsens Erklärung vom 15. November zum Anlaß, ihm ein Gedicht zu dedizieren, in welchem dem »greisen Theodor« dafür gedankt wurde, daß er im Geiste Luthers den Angriff des »welschen, römischen Gemächtes« auf den »freien Drang nach Wahrheit« durch sein »Manneswort« zurückgeschlagen habe (aO., Nr. 429).

95

Nr. 202.

Der Fall Spahn

439

österreichischen Universitäten 96 . Deren Dankes- und Zustimmungsschreiben wurden, wie man vereinbart hatte 97 , durch Brentanos Vermittlung in den »Münchner Neuesten Nachrichten« veröffentlicht. Einzelnen Adressen merkte man die schwierige Meinungsbildung, die der Abfassung vorausgegangen war, an. Nirgends erfolgte ein einstimmiger Beschluß: Selbst an der Münchner Universität, für die Brentano in Aussicht gestellt hatte, daß alle Ordinarien unterzeichneten 98 , verweigerten schließlich 19 Ordinarien und Honorarprofessoren sowie neun Theologen ihre Unterschrift 99 , in Brentanos Augen »Ultramontane« und »Streber« 100 . In Göttingen und Bonn war die Aufnahme ausgesprochen reserviert 101 . An den Universitäten, die als evangelisch-konfessionelle Hochschulen angesehen wurden, d.h. in Greifswald, Halle und Rostock, kamen keine öffentlichen Adressen zustande 102 . Und es fehlte Mommsens eigene Universität: Berlin. Hatte Brentano anfangs noch darauf gezählt, daß von Berlin aus »auserlesene Professoren an den deutschen Universitäten aufgefordert werden, an ihrer Universität möglichst viel Unterschriften zu werben« 103 , so zeichnete sich bald ab, daß an der Friedrich-Wilhelms-Universität mit Unterstützung nicht zu rechnen war 1 0 4 , ja daß die Mehrheit deutlich gegen eine öffentliche Erklärung eingestellt war. Auch wenn die Berliner »Sylbenstecherei« für Brentano »die reine Jämmerlichkeit« war 105 und ihm die Mehrzahl der Berliner Professoren nicht über dem moralischen Niveau der römischen Senatoren zu stehen schien 106 , sprach er von einem großen Erfolg, den Mommsen errungen habe 107 . Indes, es waren, wie Mommsen scharfsichtig erkannte, die »laue Aufnahme« an den bedeutenden Universitäten Halle, Göttingen und Bonn und die Ablehnung in Berlin, die letztlich das Scheitern der Aktion bedeuteten 108 . Die-

96

Vgl. die Übersicht in Nr. 238, den Briefwechsel zwischen Mommsen und Brentano (Nr. 204-206; 209; 215; 224; 225; 227; 231; 232; 236; 237 mit Anm. 14; 246-249) sowie die an Mommsen gerichteten Zustimmungsadressen im N L Mommsen II der StBB-PK.

97

Vgl. die Briefe Nr. 203-205.

98

Vgl. Brief Nr. 197.

99

Vgl. Nr. 238.

100

Vgl. Brief Nr. 201.

101

Vgl. etwa die Adressen aus Bonn (BriefNr. 246 mit Anm. 2) und Göttingen (Brief Nr. 247 mit Anm. 2).

101

Vgl. Nr. 238 mit Anm. 7.

103

Brief Nr. 185 vom 27. Oktober.

104

Vgl. Mommsens Brief vom 12. November (Nr. 198).

"» Vgl. B r i e f N r . 215. Vgl. B r i e f N r . 259. 107

B r i e f N r . 248.

,oi

B r i e f N r . 262. Vgl. hierzu BRENTANO 225 (zitiert in Anm. 6 zu B r i e f N r . 248).

44°

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

ser Eindruck verstärkte sich für Mommsen dadurch, daß die von ihm eröffnete Diskussion um die Einrichtung der katholischen Lehrstühle für Geschichte und Philosophie in Straßburg seiner Kontrolle entglitt, sich verselbständigte und nunmehr der Ministerialdirektor Friedrich AlthofFund sein »Regierungsstil« in das Kreuzfeuer der Kritik gerieten. Doch warum verweigerten die Professoren der Friedrich-Wilhelms-Universität 109 ihre Zustimmung zu dem Aufruf ihres wissenschaftlichen Archegeten? Die Mehrheit der Berliner Hochschullehrer hielt es zum damaligen Zeitpunkt weder fur geraten, offen Kritik an der Politik Althoffs und damit an der Reichsleitung zu äußern, noch teilte sie Mommsens politische Überzeugungen: »Der kompromißlos fortschrittlich-aufgeklärte Liberalismus Mommsens war längst aus der Mode« 1 1 0 . In der Tat stieß Mommsens Aufruf allenthalben auf Ablehnung: »Ich weiss hier keinen reputierlichen Mann, der fur eine Adresse an Mommsen Propaganda gemacht hätte«, schrieb Wilamowitz am 26. November an Eduard Schwartz 1 ", der damals den Lehrstuhl fur Klassische Philologie in Straßburg bekleidete und Mommsens Erklärung unterstützte" 2 . In Wilamowitz' Augen hatte Mommsen die Freiheit der Wissenschaft mit dem Freihandel »verquickt«" 3 . Zuvor bereits hatte er inhaltliche Kritik am Vorgehen seines Schwiegervaters geäußert: »Wenn aber die sogenannte voraussetzungslose Forschung ausgespielt wird, das Palladium der Universität" 4 , so bedaure ich die Geschichte

109

Es sind mir nur zwei zustimmende Briefe zur Kenntnis gelangt. Am 15. November 1901 schrieb Mommsens Schüler und Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl für Alte Geschichte, Otto Hirschfeld, an Mommsen: »Herzlichen Dank fur Ihre so schöne Erklärung, die dem, was wir Alle empfinden, in so meisterhafter Weise Ausdruck giebt« (ScBB-PK, N L Mommsen: Hirschfeld, Bl. 332). Einen Tag später erklärte der Berliner Jurist Franz von Liszt gegenüber Brentano sein Einverständnis mit Mommsen, (vgl. B Ä K , N L Brentano Ν 1001/41, Bl. 68; ROSSMANN 150), aber er erachtete sich »aus verschiedenen Gründen« als nicht geeignet, »eine kräftige Initiative zu entfalten«. Auch der Historiker Max Lenz soll sich Mommsens Protest angeschlossen haben, vgl. den Brief Hermann Diels' an Eduard Zeller vom 1. Dezember 1901 (DIELS-USENER-ZELLER II, Nr. 226, S. 300; zitiert in Anm. 2 zu Brief Nr. 239).

110

WEBER 161. Vgl. hierzu die Kritik an der »radikalen Fassung der Mommsenschen Erklärung«, die etwa Otto Gierke oder Wilhelm Dilthey äußerten (vgl. B Ä K , N L Brentano, Ν 1001/41, BL. 54-57 u. 66-67; ROSSMANN 150-153)

'"

CALDER/FOWLER 4 1 .

111

Vgl. Anm. 1 zu Brief Nr. 214; Schwartz unterzeichnete überdies die Zustimmungsadresse der Straßburger Universität zu Mommsens Erklärung, vgl. Brief Nr. 237 mit Anm. 2. CALDER/FOWI.ER 4 2 .

114

Eine Anlehnung an Mommsens Artikel in den »Münchner Neuesten Nachrichten« (Nr. 199). Auch Schwartz spielte in seinem Brief an Mommsen vom 21. November auf diesen Ausdruck an; vgl. Anm. 1 zu Brief Nr. 214.

Der Fall Spahn

441

der Universitäten und der Professoren denn doch zu gut zu kennen, um zu wissen, dass davon nichts verbrieftes Recht ist, und die Verfassung garantiert uns auch nur die eigne Meinungsäußerung. Der Staat kann sich nur auf den Standpunkt stellen, dass er dem Katholiken Juden und Heiden glaubt, er lehre was er für wahr hält"5«. Mommsen hatte frühzeitig den Berliner Widerstand ausgemacht und Brentano gegenüber bemerkt, hier werde von gebildeten Männern das Reden über politische Fragen »ungefähr so behandelt wie wenn man vom Strick spricht im Hause des Gehängten«; auch die politischen Differenzen mit seinem »sonst höchst vortrefflichen Schwiegersohn« Wilamowitz in dieser Frage gestand er ein. Schließlich meinte er, in Berlin gebe es ihm freundschaftlich verbundene Universitätslehrer, die im Fall Spahn vor dem Dilemma stünden, ihm etwas abschlagen zu müssen oder »über ihr Modicum von Courage hinauszugehen«"6. Jedoch nahm Mommsen auch in dieser Sache zu wenig Rücksicht auf die Empfindlichkeiten seiner Kollegen. Der Berliner Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911) etwa monierte in einem Brief an Lujo Brentano, daß Mommsen recht selbstherrlich vorgegangen sei: »Warum hat nicht Mommsen mit den Collegen, die von Einfluß sind, vor117 seiner Erklärung das Erforderliche besprochen?«"8 Allerdings hatte Mommsen sich sehr wohl mit Harnack vor dem Aufruf über diese Angelegenheit intensiv ausgetauscht, wie Mommsens Brief an Brentano vom 30. Oktober 1901" 9 und dem hier veröffentlichten Briefwechsel mit Harnack zu entnehmen ist. Es waren also nicht nur, wie Mommsen sich und Brentano glauben machen wollte, der Mangel an Zivilcourage 120 , der freiwillige Verzicht auf ein freiheitliches Regiment auf geistigem Gebiet 121 und die politische Unbedarftheit sowie Furchtsamkeit, die die Berliner Professoren veranlaßten, Mommsens Erklärung abzulehnen. Zu den politischen Differenzen und der Kritik an Mommsens Vorgehensweise traten wissenschaftstheoretische Bedenken. Die Beweggründe waren unterschiedliche. Der Rechtshistoriker Otto Gierke schrieb an Brentano, die Erklärung vom 15. November führe in letzter Konsequenz zur »Beseitigung

"s

So in seinem Brief an Eduard Schwartz vom 23. November (CAI.DHR/FOWLKR 3ideale Ziel« erklärte «.

1.7

So zu Recht WEBER I58F., der jedoch den Grund für die fehlende Resonanz, nämlich Michaelis' Polemik gegen Althoff, Ubersieht.

1.8

Vgl. Brief Nr. 229. Mommsen selbst wies Brentano auf diesen Sachverhalt hin, vgl. Brief Nr. 237. Harnack hatte maßgeblichen Anteil an den Reformen und stand mit Althoff in dieser Sache in ständiger Verbindung, vgl. GStA-PK, Rep. 92 Althoff A II Nr. 79 Bd. 3, Bl. io6ff. sowie Anm. 3 zu Nr. 229 und S. 121.

140

Vgl. Mommsens Brief an Harnack vom 29. November (Nr. 230); gerade hier war das Wohlwollen offizieller Stellen um so wichtiger, da der Plan selbst unter den Mitgliedern der Kirchenväterkommission nicht unumstritten war; vgl. S. 277ÍT.

141

Vgl. die Briefe Nr. 229 mit Anm. 4 und 230 mit Anm. 1 sowie BRUCH, Gelehrtenpolitik 3 3 i f , der zu Recht auf den engen Zusammenhang zwischen der Polenfrage und der Debatte um die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft hinweist.

446

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

nicht, daß Harnack schon am 24. November gegenüber Mommsen anregte, dem »schwächlichen Artikel von Michaelis« zu antworten, um den Eindruck entgegenzutreten, es handele sich dabei um den »Ausdruck der Professoren überhaupt«. Noch zerbreche er sich den Kopf, wie dies geschehen solle, doch »wenn Sie durch eine Wendung feststellen könnten, daß die Universitäten u. die Wissenschaft Althoff auch Dank schuldig sind, wäre es das Beste. Aber auch ich bin bereit etwas zu thun, unter Umständen selbst das odium auf mich zu nehmen, Regierungsknecht zu sein« 142 . Mommsen ahnte, was nun auf ihn zukommen würde. Althoff hatte ihm bereits am 22. November einen im »Berliner Tageblatt« abgedruckten Artikel aus den »Münchner Neuesten Nachrichten« zukommen lassen, dem Mommsen entnehmen sollte, »welche Auslegung die M N N und deren Hintermänner Ihren Worten vom >Gefiihl der Degradirung< geben« 143 : Offensichtlich hatte man aus dem Hinweis, es gebe eine »Verstimmung gegen das System Althoff«, geschlossen, die ganze Aktion sei gegen den Ministerialdirektor gerichtet 144 . Mommsen antwortete, er, Althoff, möge ihn nur nach seinen eigenen Worten beurteilen; überdies habe ihm jede persönliche Spitze ferngelegen, zumal er erst später erfahren habe, daß Althoff »bei dieser Ernennung betheiligt gewesen« sei. Schon Althoff erschien diese Aussage wenig glaubhaft 145 , und wir dürfen uns den Zweifeln anschließen. Wenn es Mommsen tatsächlich nicht gewußt haben mag, so traute er es Althoff durchaus zu, wie er Brentano schrieb: »Ob er die Spahniade angezettelt hat, weiß ich nicht; aber es sähe ihm vollkommen ähnlich, daß er durch diese Concessionirung geglaubt hat vom Vatikan die Abschaffung des Seminars zu erreichen und dann den großen Coup ausgeführt hat durch Ernennung eines liberalen Katholiken Seine Heiligkeit über den Löffel zu balbiren«' 46 . In der Tat hatte Althoff maßgeblichen Anteil an dem Vorhaben, über die katholische Geschichtsprofessur eine katholisch-theologische Fakultät in Straßburg unter preußisch-deutscher Kontrolle zu etablieren, die für die Ausbildung des katholischen Klerus im Elsaß, dessen Sympathien mit Frankreich man in Berlin beargwöhnte, verantwortlich zeichnen sollte. Der Ministerialdirektor verstand es, Kaiser Wilhelm auf seine Linie einzuschwören, was ihm um so leichter fiel, da es in der Tat um mehr ging als um hochschulpolitische Vorgaben. Michaelis' Angriff brachte Mommsen in die schwierige Lage, sich zu

141

Nr. 214.

'4> Nr. 212. 144

Vgl. Nr. 213a und 221.

145

Vgl. Nr. 213; am Rande des betreffenden Satzes ist - wohl von A l t h o f f - ein Fragezeichen gesetzt. Auch Harnack gegenüber betonte Mommsen, er habe nicht gewußt, »wer als der Urheber des betreffenden Vorgangs anzusehen sei« (Nr. 239).

146

Brief Nr. 231 vom 29. November (Nr. 231); vgl. hierzu Brief Nr. 245 an Gustav Schmoller vom 9. Dezember.

Der Fall Spahn

447

den Vorwürfen gegen die preußische Universitätsadministration äußern zu müssen, da der Straßburger Rektor ausdrücklich den Fall Spahn mit den von ihm bezeichneten und angeblich von der Berliner Bürokratie verschuldeten Mißständen in Verbindung brachte und sich darüber hinaus in einer Nachschrift direkt auf Mommsens Erklärung bezog 147 . In zahlreichen Zeitungen zögerte man ebenfalls nicht, die Ernennung Spahns auf Althoffs Einfluß zurückzufuhren. In den »Blättern für religiöse Renaissance: Der Heide«, die den Fall Spahn als Gelegenheit aufgriffen, um gegen den vermeintlichen Todfeind der idealen Güter der Menschheit, gegen die katholische Kirche zu Felde zu ziehen, geschah dies in Form eines mokanten Gedichtes unter der Uberschrift »Das Spähnchen«: »Es hub ein Zetern im Zentrum an, / Vergossen ward manch bittres Thränchen ... / Fühlt doch dem Jüngling erst auf den Zahn: / >s ist nur das Söhnchen von Papa Spahn' 48 / Und selbst doch nur ein Spähnchen, / Herrn Althoffs Vize-Söhnchen«' 49 . Hatte Mommsen sich Brentano gegenüber noch damit begnügt, Michaelis' Auftreten als der Sache wenig förderlich zu bezeichnen und darüber zu klagen, daß dieser mehr sage, als richtig sei, und sehr viel mehr, als sich beweisen lasse' 50 , so entschied er sich wenig später, »in der Presse die völlige Zusammenhanglosigkeit« seines Artikels und des »Michaelis'schen Pamphlets« zu »markieren«' 5 '. Er versteifte sich auf die Behauptung, wie er Althoff gegenüber betonte, nur »die Schädlichkeit confessioneller Universitätsprofessuren« herausgestellt zu haben' 52 , und lehnte jede weitergehende Erklärung zugunsten Althoffs, die dieser selbst, aber auch Harnack anmahnte' 53 , strikt ab: Eine solche Replik erschiene als von Althoff »commandirt und von den betreffenden Personen vollzogen«' 54 . Über-

147

Vgl. Anm. 2 zu Brief Nr. 214.

148

Der Zentrumspolitiker Peter Spahn.

149

Ich zitiere nach dem von Althoff archivierten Exemplar im GStA-PK.

IS

° Brief Nr. 217 vom 23. November.

'''

Dies ist Harnacks Brief vom 25. November zu entnehmen (Nr. 219). Vgl. Brief Nr. 222. Vgl. Brief Nr. 219.

154

Brief Nr. 222. Tatsächlich verstieg er sich Althoff gegenüber zu der Bemerkung: »Aufrichtig gesagt, ich verstehe Ihre Erregung über diesen Artikel nicht ganz. Den Schreiber kennen wir ja beide und beurtheilen ihn gleichmäßig. Daß jede Calumnie eine große Resonanz beim Publikum findet, wissen wir auch beide. Transeant cum ceteris!« (ebd.). Man muß sich angesichts dieser Äußerungen vergegenwärtigen, daß Althoff im Laufe der gegen ihn gerichteten Kampagne sogar seinen Sturz befürchtete, vgl. BROCKE, Hochschulpolitik 105. Noch am 6. Dezember bemerkte Mommsen in einem Brief an Harnack, es gehöre für ihn »überhaupt zu den Unbegreiflichkeiten, wie man gegen diese (höchstens durch die rechtswidrige Ausplauderung von Facultätsvorgängen beachtenswerthe) Production privates Jammergeschrei vorführen und officielle Breitseiten abgeben kann« (Brief Nr. 239).

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

448

haupt habe er es nicht nötig, Michaelis »abzuschütteln«, da er nichts mit ihm gemein habe' 55 . Die nachfolgende Diskussion um das »System Althoff« zeigt in aller Deutlichkeit die Ambivalenz der Beurteilung des mächtigen Ministerialen durch M o m m sen. Mommsen geriet auch hier zwischen die Fronten der erbitterten Gegner und der eifrigen Verteidiger Althoffs 156 . Für die einen verfolgte Althoff »beharrlich und erfolgreich die Bureaukratisierung der Universitäten«, behandelte die »Professoren und Dozenten nicht würdig« 157 , zeichnete sich durch »Treulosigkeit« aus 1 ' 8 und stellte das Interesse des Staates über die Wissenschaft, auch wenn er hierfür ihre Freiheit opfern mußte 159 , für die anderen war es Althoffs Politik zu verdanken, daß die preußischen Fakultäten »mehr Freiheit besessen haben« als »zu irgendeiner Zeit früher«' 60 , und sie nannten Althoff »einen liberalen, aufrichtigen Mann«' 6 ', der »innerlich stets ein Verteidiger der freien Wissenschaft gewesen sei«' 62 . Für Mommsen hingegen war er ein »Bismarck-Epigone« l 6 \ »der eine große Zahl von Leuten, die es nicht verdienen, brutalisirt« habe' 64 . Dennoch hielt er ihn für einen »Mann von großer Intelligenz und großer Thatkraft und auf den krummsten Wegen meistens guter Intentionen« und wünschte sich keineswegs, daß Althoff über die Affare stürze' 6 '. Michaelis' Artikel war für ihn eine »pastorale Diatribe gegen Althoff, dem dabei doch bitter Unrecht geschieht«' 66 , und er bezeichnete es als »Calamität, daß die principielle Controverse sich gewandelt hat in eine Attacke gegen einen verhaß-

Vgl. Brief Nr. 239. 156

Zur zeitgenössischen Beurteilung vgl. v.a. BROCKE, Hochschulpolitik io6ff. und MAST 2iiff. sowie allgemein die in Anm. 3 auf S. 95 genannte Literatur zu Althoff.

157

Vgl. Georg Keyssners Brief an Mommsen vom 27. November (Nr. 226) sowie Brief Nr. 263 mit Anm. 3: Als besondere Provokation empfanden seine Besucher, daß er sie stundenlang im Vorzimmer warten ließ.

158

Vgl. Brief Nr. 263. Vgl. BRENTANO 218 sowie Brief Nr. 263.

160

So Harnack an G . Krüger am 9. Dezember 1901 (zitiert nach ZAHN-HARNACK 304).

161

Vgl. z.B. die Straßburger Post vom 27. Juli 1907 (zitiert nach BROCKE, Hochschulpolitik 107).

l6ï

G. SCHMOLLER, Worte der Erinnerung nach seinem Tode am 70. Geburtstage bei Enthüllung der Marmorbüste in der Nationalgalerie, in: Internationale Wochenschrift, 3. Jg., 6. 3. 1909, 292 (= ID., Charakterbilder, München 1913, 119).

163

Vgl. Brief Nr. 223.

164

Brief Nr. 231.

IÍ!

Vgl. ebd. sowie Brief Nr. 237, wo Mommsen darauf abhebt, daß »die Regierung für unsere Wünsche im wissenschaftlichen Gebiet eine offene Hand« habe »wie seit langem nicht«.

,6e

Vgl. Brief Nr. 223.

Der Fall Spahn

449

ten Decernenten«' 67 . Allein, er ließ sich durch nichts zu einer öffentlichen Erklärung gegen Michaelis bewegen, sondern begnügte sich damit, im kleineren Kreis und in einer Privatgesellschaft des Unterrichtsministers Konrad Studt einige sarkastische Bemerkungen über die Angriffe zu machen' 68 . Ansonsten beharrte er hartnäckig darauf, daß er allein »gegen die Weiterführung der Confessionalisierung der deutschen Universitäten« aufgetreten sei' 6 ', nichts mit Michaelis gemein habe und im übrigen die Aufregung über den »hämischen und nichtswürdigen Journal-Artikel« 170 nicht recht verstehe. Dennoch wußte Mommsen sehr wohl, daß er in der Öffentlichkeit mit Michaelis' Angriff auf Althoff in Verbindung gebracht wurde; er vertraute darauf, daß andere - wie etwa Harnack - hiergegen ihre Stimme erhöben. A m 13. Dezember schrieb er auch an Brentano: »Zweckmäßig wäre es aber doch wohl, wenn das Blatt, das die Sache geführt hat 17 ', in einer Zusammenfassung darauf hinwiese, daß die Sache einigermaßen personal entgleist ist, daß man es vorgezogen hat auf Spahn und Althoff zu schlagen statt mit höheren Instanzen und insbesondere mit sich selber ins Gericht zu gehen. Die Feigheit herrscht und die Hinterlist in diesem Menschengeschlechte«' 72 . Durch diese Auseinandersetzungen wurden das lange Vertrauensverhältnis und das gute Einvernehmen, das zwischen Mommsen und Althoff bestanden hatte 173 , nachhaltig geschädigt und blieb auch in der Folgezeit trotz aller Vermittlungsversuche, die Harnack und andere unternahmen, erheblich gestört, da Althoff sich durch die gegen ihn gerichteten Angriffe, die unmittelbar nach Mommsens erster Erklärung einsetzten, und vor allem durch Mommsens Weigerung, öffentlich fur seine Rehabilitation einzutreten, tief verletzt fühlte. Zunächst ließ es Althoff damit bewenden, Mommsen einzelne Veröffentlichungen, die im Zusammenhang mit dem »Fall Spahn« gegen ihn gerichtet waren, zuzusenden, wohl in der Hoffnung, von Mommsen eine öffentliche Loyalitätsbezeugung zu erhalten' 74 . Noch am 30. November übersandte er zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich Schmidt-Ott Mommsen telegraphisch seine Geburtstagswünsche: »vapulantes te salutant semper iidem«' 75 . Die feine Ironie wich jedoch bald der Verbitterung, als Mommsen in privaten Mitteilungen

,ί7

Brief Nr. 231.

,Lotsen< in Händen gehalten, das mir M geliehen hat. Separatabzüge hatte er gestern Abend noch nicht. - Was die Auffassung von M. betrifft, so bitte ich Sie zu bedenken, dass der Spahn'sche Fall fur uns zwei böse Seiten hat: erstlich, dass uns zum zweiten Mal ein College aufoktroyiert wird, ohne dass wir auch nur gefragt werden, und dann die confessionelle Seite. Natürlich sind wir nur wegen letzterer an den Kaiser gegangen. Aber dass uns auch die erstere tief erregte, ist doch natürlich! - Sie sehen schon, daß ich in der Verurtheilung des in Preussen zu großer Ausdehnung gekommenen Systems mit M. übereinstimme. Und dies System ist

181

182 183

Der Fall Spahn

451

Schwartz' 8 4 und Otto Georgi 1 ' 5 , die ihn zum kompromißlosen Ausharren anhielten, zu brüskieren, oder aber die Mehrheit seiner Berliner Vertrauten und Althoff selbst, die ein Einlenken und eine öffentliche Erklärung erwarteten, vor den K o p f zu stoßen. M o m m s e n entschied sich, den einmal eingeschlagenen Kurs beizubehalten: »Was ich gesagt habe, öffentlich und privat, werde ich vertreten«' 86 . A l t h o f f gegenüber beharrte er darauf, daß Michaelis' Polemik nicht mit seiner Erklärung zu »Universitätsunterricht und Konfession« in Verbindung gebracht werden dürfe: »Michaelis' Auftreten habe ich weder veranlaßt noch gebilligt; was geht es mich an, was er sagt und was andere Leute daraus machen!«' 8 7 Während sich in der Öffentlichkeit die Parteien — mit Ausnahme der Sozialdemokraten - , eine überwältigende Zahl deutscher Professoren' 88 und selbst der Kaiser' 8 ' vor A l t h o f f stellten, äußerte sich der Nestor der deutschen Wissenschaft nicht öffentlich, da er seine Glaubwürdigkeit verteidigen und keine »zweideutige Handlungen« begehen wollte, die ihm - wie er wohl nicht zu Unrecht befurchte - dahingehend ausgelegt werden konnten, »als wenn ich mich selbst ins Unrecht setzte und die persönlichen Folgen meines Auftretens durch Gunstbuhlerei abzuwenden versuchte«' 90 . Es ist

ja gerade unter AlthofFs Leitung wichtig geworden und hat dazu noch manchen hässlichen Auswuchs bekommen. - Es scheint mir durchaus gerechtfertigt, daß endlich einmal ein offenes Wort über die Verhältnisse ausgesprochen werde. Sie stehen mit unserem traurigen Fall in enger Verbindung. Ich könnte darüber mehr schreiben. Schon als Althoff in Strassburg noch Extraordinarius war, wussten wir, dass er von Wissenschaft keine Ahnung hat, dagegen großes Interesse für alles Persönliche. Gewiss hat er seine Verdienste, aber, alles in allem, kann ich unmöglich so günstig über ihn urtheilen wie Sie. - Uebrigens glaube ich, daß Ihnen der Michaelis'sche Artikel wesentlich besser gefallen wird, wenn Sie ihn ganz kennen lernen. - Mit ergebenem Gruß - Ihr Th. Nöldeke« (StBB-PK, N L Mommsen: Nöldeke, Bl. 64). 184

Vgl. Schwartz' Brief an Mommsen vom 21. November; zitiert in Anm. 1 zu Nr. 214.

185

Mommsens Parteifreund, der frühere Oberbürgermeister von Leipzig, schrieb am 27. November: » Und das haben Sie zu einer Zeit getan, wo Sie als geistiger Führer unseres Volkes wieder einmal ein mannhaftes Wort gesprochen und sich mitten hinein in eine Bewegung gestellt haben, die Ihre geistige Spannkraft und Zeit in höchstem Maße in Anspruch nehmen wird« (zitiert nach WICKERT IV 307).

186

Brief Nr. 258.

187

Ebd.

188

Vgl. SACHSE, Althoff 144.

189

A m Weihnachtsabend übersandte Wilhelm II. Althoff sein Bild mit der eigenhändigen Widmung: »Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen«, vgl. etwa »Vossische Zeitung« vom 2 8 . 1 2 . 1 9 0 1 (Nr. 605) sowie BRENTANO 225 (»Wilhelm

II. war auf Seiten Althoffs«) und BROCKE, Hochschulpolitik 105. 190

Brief Nr. 256 (vom 26. Dezember). Schon am 6. Dezember hatte er seine Teilnahme an einem Festessen zu Ehren Althoffs mit den Worten abgelehnt: »Aber ich will es nicht über mich ergehen lassen, daß ich auch als zweideutig erscheine, als einer, der neben der

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

452

durchaus glaubhaft, wenn er Althoff versicherte, daß er versuche, »im eigenen Gewissen ehrlich zu bleiben«, und daß er ernstlich bemüht gewesen sei, »recht zu handeln und den schweren Konflikt der Pflichten nicht ohne inneren Kampf durchgemacht habe«' 91 . Trotzdem konnte Mommsen, wie Franz Mehring nur allzu deutlich erkannte, nicht der Vorwurf erspart bleiben, daß »sein schweigendes Herumdrücken um den prononzirtesten Kampfesruf, der im eigenen Lager erschollen ist«, den Anschein des Zweideutigen hatte: Denn sei Michaelis mit seiner Behauptung, daß die Verwaltung Althoffs das schwärzeste Blatt in der Geschichte der deutschen Universitäten fülle, zu weit gegangen, dann führe man diese Beschuldigung auf das rechte Maß zurück; sei man aber sachlich mit Michaelis einverstanden, dann stimme man ihm zu 192 . Mommsens Weigerung, mit einer Erklärung zugunsten Althoffs an die Öffentlichkeit zu treten, verstärkte seine Isolation im Berliner Kollegen- und Freundeskreis, die er durchaus wahrnahm 193 und auf die er mit trüben Gedanken und Depressionen reagierte' 94 . A n Friedrich Schmidt-Ott schrieb er zu Beginn des Jahres 1902, er sei der Tagesplage so müde, daß er sich furchte, ein neues Jahr anzufangen, da es doch nur neue Kollisionen mit denen bringe, »mit welchen man sich in der Hauptsache einig weiß« 195 . Und in einem Brief an seine Frau vom 28. April 1902 heißt es: »Gestern kam eine Einladung von >Schmoller und Frau< zu Tisch; sie möchten gern wieder anknüpfen, und die Vereinsamung, zu der ich verurteilt bin, ist auch nicht leicht zu tragen. Aber was hilft es?

Popularität auch noch seinen Theil an der Gunstsonne sich bewahren möchte. Ich spiele nicht mit meiner Ehre und lasse auch nicht damit spielen« (Brief Nr. 239). Brief Nr. 256. 191

F. MEHRING, >Ideale< Güter, in: Die Neue Zeit 20.1,1902, 418. A m 29. November schrieb er kämpferisch an Brentano: »Von dem Alp, der auf den preußischen Universitäten lastet, hatte ich früher eine Ahnung und jetzt einen Begriff - offenbar am meisten auf den größeren unter der unmittelbaren Einwirkung der hiesigen Männer stehenden. Hier drückt einem dieser und jener die Hand und jener und dieser - die Zahl ist glaube ich ziemlich groß - schämt sich im Stillen, sagt das aber nicht einmal seiner Frau« (Brief Nr. 231); am 6. Dezember bekundete er gegenüber Harnack, daß das Schweigen der Kreise, »die mein öffentliches Auftreten in dieser Sache gewiß mißbilligt haben«, »ganz ebenso beredt als Anderer Sprechen« gewesen sei (Brief Nr. 239), und am 13. Dezember gestand er Brentano: »Hier in Berlin wird alles personal genommen, was mir mancherlei Unbequemlichkeiten bereitet; das gehört aber mit dazu« (Brief Nr. 246).

194

Vgl. hierzu HARTMANN 141: »Es hat ihn besonders tief verstimmt, daß der Sammelruf, den er im Herbste 1901 in seinen Artikeln über >Universitätsunterricht und Konfession« an die Verteidiger der voraussetzungslosen Wahrheitsforschung ergehen ließ, gerade an norddeutschen Universitäten keine einstimmige Zustimmung und gerade in den Kreisen, auf die er bauen wollte, sogar teilweise Opposition fand«.

"s

Brief Nr. 261.

Der Fall Spahn

453

ich habe keine Achtung mehr vor dieser Gesellschaft und da geht man sich am besten aus dem Weg«. E r sagte folglich in freundlicher Weise ab - »die Ablehnung selbst ist eine Absage ftir immer. Das Leben ist wirklich s c h w e r « N u r die enge Freundschaft mit Harnack litt offensichtlich weder durch die unterschiedliche Beurteilung der Angelegenheit noch durch Harnacks öffentliches Eintreten für Althoff Schaden. A m 17. Februar 1902 schickte Mommsen Harnack »einen schwachen Versuch zur Arbeit zurückzukehren«' 97 , der von dem Adressaten freudig begrüßt wurde 1 ' 8 .

d) Harnacks Ehrenerklärung für Althoff und das »Liebesmahl« N a c h d e m Harnack zunächst eine öffentliche Stellungnahme zu der Berufung Spahns vermieden und versucht hatte, als Freund und Ratgeber mäßigend auf M o m m s e n einzuwirken, zwang ihn Michaelis' Pamphlet zum Handeln. Er sah vorher, daß die Sache »große Dimensionen annehmen« w e r d e 1 " . Glaubte er zuerst noch, M o m m s e n dazu bewegen zu können, im Interesse des bisherigen guten Verhältnisses zu Althoff, »zum Ausdruck zu bringen, daß wir der gegenwärtigen Unterrichtsverwaltung zu D a n k verpflichtet sind« 200 , so veranlaßte ihn M o m m s e n s hartnäckige Weigerung, selbst zur Feder zu greifen, um das von Michaelis angegriffene Ministerium und Althoff zu verteidigen. A m 29. N o vember erschien in der Nationalzeitung sein Artikel, in dem er auf die von Michaelis gegen Althoff erhobenen Vorwürfe antwortete 201 . Darin führte er aus, er sei der Auffassung, »daß die Unabhängigkeit der Wissenschaft am stärksten von den parlamentarischen Parteien bedroht wird, und daß ihnen gegenüber die Regierungen zur Zeit Wächter und Schützer derselben sind - soweit sie es vermögen« 2 0 2 . In diesem Sinne habe er »das ernste W o r t Mommsens freudig und dankbar begrüßt«, und er hoffe, »daß die große Bewegung, welche es hervorgerufen hat, die Regierungen in der Haltung stärken wird, das Heiligthum der Wissenschaft vor störenden Eingriffen des Konfessionalismus und verwandter Gegner zu schützen«. Neben diesem Schutze sei der wichtigste Dienst, der der Wissenschaft seitens der Regierung geleistet werden könne, daß »ihre Pflege

156

V g l . WICKERT I V 3 0 7 Γ

197

Vgl. Brief Nr. 264. Vgl. Brief Nr. 265 In seinem Brief vom 25. November (Brief Nr. 219).

198 199 200

Ebd. N r . 235 (vgl. ROSSMANN 153-155; SMEND 7 6 1 0 ) .

201

Ebendiese Position hatte Harnack auch in einem Brief an Gustav Krüger vom 9. Dezember 1901 vertreten (vgl. ZAHN-HARNACK 303-305).

454

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

einsichtigen Rathen anvertraut« werde. N u n sei jüngst »von Straßburg aus« Harnack kam auf Michaelis' Angriff zu sprechen - »ein animoser Angriff auf die heutige Universitätsverwaltung in Preußen ausgegangen«. D a er so verstanden werden könne, als gebe er die alleinige Meinung der Universitätslehrer wieder, halte er sich für verpflichtet, diesem Mißverständnis entgegenzutreten. O b die letzten neunzehn Jahre eines der schwärzesten oder ein schwarzes Blatt in der Geschichte der Universitäten darstellen werde, könne nicht nach dem Maße des berechtigten oder unberechtigten Unwillens beantwortet werden, der in einigen Universitätskreisen herrsche. Hier komme vielmehr alles allein darauf an, ob die Regierung »den fortschreitenden Bedürfnissen und Interessen der Wissenschaft und der Universitäten ein verständnisvolles und thatkräftiges W o h l wollen entgegengebracht, ob sie die Lehrstühle mit den rechten Männern besetzt und ob sie ihrer Wirksamkeit R a u m und L u f t gelassen hat. Diese Fragen werden, des bin ich sicher, in weiten Kreisen bejaht - mag auch jedem ein einzelner Fall vorschweben, in welchem die Dinge nicht so gegangen sind, wie m a n es h o f f e n durfte. Werden sie aber bejaht, so sind wir der heutigen Universitätsverwaltung denselben D a n k schuldig, der einst Altenstein und J o hannes Schulze gebührte«. D e r Pessimismus, den Michaelis' Angriff zur Schau getragen habe, so Schloß Harnack, sei »ungerecht und gefährlich zugleich«. D a m i t hatte sich Harnack in aller Deutlichkeit von Michaelis distanziert mehr noch: Indem er Althoff mit Preußens erstem Kultusminister Karl von Altenstein und dessen vortragendem Rat Johannes Schulze verglich, die sich um den Ausbau des preußischen Universitätssystems verdient gemacht hatten, stellte er ihm ein glänzendes Zeugnis aus und rehabilitierte ihn in der Öffentlichkeit. Harnack, der angesehene Wissenschaftler, ehemalige Rektor der Berliner Universität und bedeutende Theologe, hatte sich vor Althoff gestellt. Es verdient festgehalten zu werden, daß M o m m s e n , dem Harnack zuvor nichts Konkretes über seinen beabsichtigten Artikel mitgeteilt hatte 2 0 ', diesen gegenüber dem Autor als das »Wort«, »was wir brauchten«, lobte 2 0 4 , gegenüber Brentano hingegen, der selbstredend wenig Gefallen an Hamacks Verlautbarung fand 2 0 5 , meinte, Harnack habe freilich Unrecht, »aber eigentlich Unrecht geben kann ich ihm doch nicht. Es ist ganz richtig, daß die Regierung für unsere Wünsche im wissenschaftlichen Gebiet eine offene H a n d hat wie seit langem nicht, und wenn dies auch im Zusammenhang steht mit dem Mangel von Straffheit und Sparsamkeit in unserem ganzen Finanzwesen, so walten doch 20J

Am 24. November schrieb er nur, er sei bereit, etwas zu tun, und nehme selbst das odium auf sich, ein »Regierungsknecht« zu sein (Brief Nr. 214), und in seinem ausführlichen Brief vom 28. November erwähnte er seinen Artikel, der am nächsten Tag erschien, mit keinem Wort (Brief Nr. 229).

104

Vgl. Brief Nr. 234. Vgl. Brief Nr. 236.

105

Der Fall Spahn

455

auch edle Motive mit und Althoff insbesondere hat in dieser Hinsicht sehr große Verdienste«. Dennoch sprächen die Lex Arons und »die eingestandene Abhängigkeit von dem Centrum« gegen Althoff. Kurzum: »Ein ungetreuer Vormund kann sich damit nicht weißwaschen, daß er Wohlthätigkeit übt« 2 0 6 . Doch erwartete Harnack wohl kaum die uneingeschränkte Zustimmung Mommsens zu seinem Artikel in der Nationalzeitung; darum ging es ihm nicht mehr. Ziel war es, die Person Althoff und damit sein »System«, von dem nicht zuletzt die Berliner Universität und die Akademie im erklecklichen Umfang profitierten, schon allein aus wissenschaftspolitischen Gründen aus der Schußlinie zu nehmen. Dies bedeutete nicht kritiklose Verehrung, wohl aber loyale Zusammenarbeit, die sich einmal mehr in der Auseinandersetzung um die Berufung Spahns und um Michaelis' Polemik bewährte 207 . Die von Mommsen initiierte Diskussion dürfe gerade nicht, wie Harnack klarstellte, in der »Stigmatisation und Preisgebung einer bestimmten Persönlichkeit«, der Untergrabung ihrer Stellung und der persönlichen Verunglimpfung enden 208 . Es ist flir Harnacks vermittelnde und ausgleichende Verhandlungsführung charakteristisch, daß er auch jetzt noch bemüht war, es nicht zum Bruch zwischen Mommsen und Althoff kommen zu lassen. Dies war er zum einen dem Freund schuldig; zum anderen hätte eine Aussöhnung die weitere Kooperation zwischen Ministerium auf der einen sowie Universität und Akademie auf der anderen Seite erheblich erleichtert. Deshalb unternahm Harnack in seinem Artikel in der Nationalzeitung den Versuch, sozusagen als Dolmetscher Mommsens Manifest in eine gefällige, verbindliche Sprache zu übersetzen und von Michaelis' Angriff abzulenken. Mommsen, so betonte er, habe einzig die Regierungen darin bestärken wollen, die Wissenschaft »vor störenden Eingriffen des Konfessionalismus und verwandter Gegner zu schützen«, da die parlamentarischen Parteien augenblicklich die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre am stärksten bedrohten. Indem er Mommsens Erklärung auf diese eine Aussage reduzierte, machte er seine Sache: die Verteidigung Althoffs, zu der Mommsens.

106

Brief Nr. 237.

107

So stand Harnack nicht an, am 25. November Althoff, der ihm zuvor die Akte Michaelis übersandt hatte, vertraulich über ein Gespräch zu unterrichten, das Schmoller, Kekulé und er mit Wilhelm II. geführt hatten und in dem der »Fall Spahn« nicht berührt worden war. Eine anderslautende Pressenotiz sollte nach Harnacks Überzeugung »rund und bestimmt« dementiert werden (Brief Nr. 220; vgl. hierzu Brief Nr. 217: Mommsens Brief an Brentano vom 23. November). Vgl. in diesem Zusammenhang auchZAHNHARNACK 302fr. Dort heißt es: »So wie Althoff sich auf Harnack verlassen konnte, so ist er Harnack treu gewesen « (306).

108

Vgl. Brief Nr. 244.

456

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker Z u dieser Politik der Schadensbegrenzung fügte sich, daß Harnack ener-

gisch den Plan Gustav Schmollers 209 unterstützte, ein Festessen »zu Ehren Althoffs« am 15. Dezember in seinem Haus auszurichten, um den Angegriffenen zu rehabilitieren 210 . Schmoller, der Michaelis' Artikel als »unerhörten A n griff« empfand 2 ", verfolgte das Vorhaben seit A n f a n g Dezember. A u c h an M o m m s e n erging eine Einladung, die er zunächst annahm, dann jedoch ablehnte 212 . Daraufhin wurde Harnack bestimmt, ihn doch noch zur Teilnahme zu bewegen. M o m m s e n ließ sich zunächst jedoch nicht umstimmen, da er nicht an einer »besonderen Ehrung für Althoff« teilnehmen wollte, die »von den Kreisen, die mein öffentliches Auftreten in dieser Sache gewiß mißbilligt haben« ausging. A u c h wenn das Festessen offiziell nur den »Fall« Michaelis bereinigen solle, so sei doch offenkundig, daß die Zusammenkunft mehr oder minder deutlich Althoffs Verhalten in der Straßburger Sache billige 2 ' 3 . Harnack gab gleichwohl nicht auf. Nachdrücklich bat er Mommsen, nochmals seine Haltung zu überdenken; möglicherweise unterschätze er die Bedeutung des Michaelis'schen Pamphletes. Es sei jedenfalls notwendig, Althoff von den V o r würfen zu entlasten: »Das sind wir dem M a n n e schuldig, der mit uns gearbeitet hat u. wir mit ihm, und die Rücksichten, die ernsten, die dagegen sprechen, haben zurückzutreten, so sauer eine solche Selbstentbindung ist«. Diejenigen, welche der Einladung zugesagt hätten, hätten es unter der Voraus-

109

Gustav Schmoller (1838-1917) war Professor fur Nationalökonomie und seit 1899 als Vertreter der Berliner Universität Mitglied des preußischen Herrenhauses; der Sozialpolitiker, Historiker und Wirtschaftswissenschaftler war Vorsitzender (1890-1917) des von ihm mitgegründeten Vereins fur Sozialpolitik, hatte maßgeblichen Anteil an der Gründung der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeitsschurz (1897) und der Gesellschaft für soziale Reform (1901); zu ihm vgl. R. v. BRUCH, Bürgerliche Sozialreform im deutschen Kaiserreich, in: id. (Hrsg.), »Weder Kommunismus noch Kapitalismus«. Bürgerliche Sozialreform in Deutschland vom Vormärz bis zur Ara Adenauer, München 1985, 61-179 sowie ID., Gustav Schmoller, in: N. Hammerstein (Hrsg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, 219-238 und M. SCHÖN, Gustav Schmoller und Max Weber, in: W.J. Mommsen u. W. Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen u Zürich 1988, 84-97 mit weiterer Literatur.

1.0

Vgl. hierzu ebenfalls WEBER 184fr.

2.1

Vgl. SACHSE, Althoff 143.

111

Daß Mommsen gleich zu Beginn der Planungen eines Festmahls fur AlthofF eine Zusage zurückzog, ist von allen neueren Darstellungen übersehen worden, geht jedoch eindeutig aus Gustav Schmollers Brief vom 25. Dezember hervor: »Ich habe überhaupt nur auf den Wunsch einiger Ihrer nächsten Freunde und Verehrer den Versuch gemacht, Sie durch die fur mich sehr erwünschte Konzession einer Verschiebung des Essens, Sie zu Ihrer ersten Zusage zurückzubringen« (BriefNr. 255; Hervorhebung durch mich). Vgl. seinen Brief vom 6. Dezember (BriefNr. 239).

Der Fall Spahn

457

Setzung getan, daß Mommsen kommen werde. Komme er nun nicht, so sei »die Situation trübselig u. ziemlich verändert, und man kann fragen, ob sie erträglich ist. Sind Sie dort, so ist damit documentirt - was Aller Meinung war - , daß der Fall Spahn sammt Ihrer Erklärung schlechterdings mit Michaelis Althoff nichts zu thun hat; fehlen Sie, so kann dieses Fest wie eine Antwort auf Ihre Erklärung ausgelegt werden - eine jämmerliche, greuliche Perspective!« Er halte Mommsens Standpunkt, die Teilnahme abzulehnen, für korrekt, »aber es giebt noch etwas Höheres als Correctheit in diesem Falle, nämlich die Sorge u. das Handeln eines treuen Eckhardt für seine Universität, der ihr einen großen Dienst in diesem Moment leisten kann, wenn er der Correctheit ein Opfer bringt« 1 ' 4 . Harnacks Appell an das höhere Wohl, seine Bitte, zum Nutzen der Universität die persönlichen Vorbehalte hintanzustellen, zeigte Wirkung. Mommsen sagte unter zwei Bedingungen seine Teilnahme zu: Z u m einen mußte das geplante Essen auf den 5. Januar des nächsten Jahres verschoben werden, »um die wilden Wasser etwas ablaufen zu lassen«2'5; zum anderen sollte es bei einer »persönlichen Begegnung« im Hause Schmoller bleiben und auf Toaste verzichtet werden, um nicht den Eindruck einer öffentlichen »Demonstration für Althoff« zu erwecken, die Mommsen in eine peinliche Lage gebracht hätte 1 ' 6 . Harnack bekundete seine Genugtuung über diesen Ausgang der Sache: »Die Verschiebung war in der That das Beste, u. ich danke Ihnen herzlich, daß Sie diesen Ausweg gefunden und unter dieser Modalität sich nicht versagt haben« 1 ' 7 . Harnack hatte, wie er sicher glaubte, eine Lösung herbeifuhren helfen, die im Interesse aller lag; dafür hatte er Mommsen gegenüber das Zugeständnis gemacht, den Fall Spahn in sophistischer Argumentation von der Auseinandersetzung zwischen Michaelis und Althoff zu trennen. Wie wenig überzeugend dies war, zeigt nicht zuletzt ein Brief des Berliner Strafrechtlers und Kriminologen Franz von Liszt, der, als er von dem geplanten Festessen Kenntnis erlangte, am 8. Dezember Mommsen aufforderte: »Verlassen Sie, unser Führer, die Fahne nicht, die Sie erhoben und uns vorangetragen haben! Eine Vertrauenskundgebung für Althoff, als für den Mann, der die Berufüng Spahns persönlich betrieben hat, ist in diesem Augenblick ein höhnischer Protest gegen die ganze Bewegung, die an Ihren Namen anknüpft« 1 ' 8 .

214

Vgl. Harnacks Antwort vom selben Tag (Brief Nr. 240).

115

Vgl. seinen Brief vom 7. Dezember (Brief Nr. 141). Diese zweite Bedingung äußerte Mommsen gegenüber Schmoller allerdings erst einige Tage später, nämlich am 9. Dezember, vgl. die Briefe Nr. 245 und 252.

116

Vgl. Mommsens Brief an Schmoller vom 9. Dezember (Nr. 245).

217

So Harnack am 8. Dezember an Mommsen (Brief Nr. 242).

2,8

Brief Nr. 243.

D e r Politische Professor u n d der G e l e h r t e n p o l i t i k e r

458

Damit war die Angelegenheit allerdings keineswegs ausgestanden. Die Affäre machte weiterhin Schlagzeilen. Mommsen selbst blieb in der Folgezeit von heftigen Angriffen und persönlichen Verunglimpfungen nicht verschont" 9 . A m 7. Dezember eröffnete Houston Stuart Chamberlain mit seinem Artikel »Der voraussetzungslose Mommsen« das Kesseltreiben 220 . • Die katholische Presse polemisierte gegen den »religiösen Fanatismus« der altbekannten Gegner und den »Voraussetzungslosigkeitsrummel« liberaler Kreise, hinter deren besorgten Äußerungen einzig »eine großartige Intrige gegen die Gleichberechtigung katholischer Universitätslehrer, ein Stück des neuen Kulturkampfes, eine paritätsfeindliche Farce« stehe 111 . Althoff selbst setzte zum publizistischen Gegenschlag an und versuchte erfolgreich, die öffentliche Meinung in seinem Sinne zu beeinflussen111. Auch die Nachricht von dem beabsichtigten Festessen zu Althoffs Ehren, das auf den 5. Januar verschoben worden war, gelangte in die Presse; schnell machte das Wort von dem »Liebes-« und »Devotionsmahl« 223 die Runde. Mommsen kam nicht zur Ruhe, und auch die verschobene Einladung von Schmoller bereitete ihm und seinen Mitstreitern weiteres Kopfzerbrechen. Noch immer stand die Frage im Raum, ob es bei dieser Zusammenkunft zu öffentlichen Erklärungen für Althoff kommen oder ob Mommsens Forderung, solche zu unterlassen, erfüllt werden würde. A m 18. Dezember drang Brentano, »durch Berliner Briefe aus Professorenkreisen aufs lebhafteste beunruhigt«, in M o m m sen, er solle an dem »kaudinischen« Essen auf keinen Falle teilnehmen, denn

1,9

V g l . hierzu ebenfalls Brief N r . 2 4 1 , d e m zu e n t n e h m e n ist, daß der Berliner D e r m a t o loge E r n s t S c h w e n i n g e r , der frühere Leibarzt Bismarcks, gegen M o m m s e n öffentlich polemisierte.

110 121

V g l . S. 408fr. S o der katholische Politiker u n d C h e f r e d a k t e u r der »Kölnischen V o l k s z e i t u n g « H e r m a n n C a r d a u n s ( 1 8 4 7 - 1 9 2 5 ) in einem u m f a n g r e i c h e n Artikel, der die A u s f ü h r u n g e n liberaler Z e i t u n g e n z u m »Fall S p a h n « resümierte u n d in der K V Z N r . 1 1 3 4 v o m 2 0 . D e z e m b e r erschien; zu C a r d a u n s vgl. neben W E B E R 253 (Index) auch M .

BIERGANZ,

H e r m a n n C a r d a u n s ( 1 8 4 7 - 1 9 2 5 ) - Politiker, Publizist u n d Wissenschaftler in d e n S p a n n u n g e n des politischen u n d religiösen Katholizismus seiner Z e i t , Diss, m a s c h i n e n schriftl. T H A a c h e n 1 9 7 7 (ich verdanke den H i n w e i s a u f diese A r b e i t H e r r n Professor Burckhart Cardauns). 112

V g l . hierzu die Pressedokumentationen im N a c h l a ß A l t h o f f i m G S t A - P K sowie

C.

BORNHAK, D i e B e g r ü n d u n g der katholisch-theologischen Fakultät in Straßburg, in: Elsaß-Lothringisches J a h r b u c h 1 2 , 1933, 2 5 i f . M o m m s e n selbst sprach in einem Brief an den Redakteur der »Vossischen Z e i t u n g « , Isidor L e v y , v o m 2 9 . D e z e m b e r ( D a t u m des Poststempels; M o m m s e n datierte d e n B r i e f a u f den 30. D e z e m b e r ) v o n d e n »Liebes- oder richtiger definirt D e v o t i o n s mahlzeiten« ( S t B B - P K , S a m m l u n g A u t o g r a p h a , z . Z t . B i b j a g ) ; vgl. auch A n m . 1 zu Brief N r . 2 5 0 .

Der Fall Spahn

459

hierdurch würde »der ganze moralische Eindruck« der Aktion, die »unerwartet große Beteiligung« gefunden habe, zunichte gemacht werden; Mommsens Beteiligung an dieser Ehrung fur AlthofFwürde von den Gegnern als Hinrichtung bezeichnet werden, »und was für eine Hochflut ultramontanen Ubermuts alsdann unsere Universitäten überschwemmen würde, - in welchem Maße die Parteien dann die Lehrstühle für sich in Anspruch nehmen würden, läßt sich kaum ausmalen« 224 . Eindringlich warnte er ihn vor Schmoller, mit dem er zwar im Verein für Sozialpolitik zusammenarbeitete, den er aber in erster Linie fiir einen Politiker und dann erst einen »Mann der Wissenschaft« hielt, ja fiir einen »Lobredner aller Bureaukraten« 225 . Nach der eindringlichen Mahnung aus München begann Mommsen, seine Zusage, zu der er in der Tat gedrängt worden war, erneut zu überdenken. M a g sein, daß ihm auch noch der Ausruf seines Kollegen Franz von Liszt in den Ohren klang: »Unser Mommsen auf dem Schmoller-Althoff-Diner - das müßte eine Verwirrung unsres sittlichen Empfindens im Gefolge haben, von der wir uns lange nicht erholen könnten« 226 ! Also schrieb er am 19. Dezember an Brentano, er habe die Einladung angenommen unter der Bedingung, »daß das Z u sammentreffen ein rein persönliches sein und von jeder Demonstration für Althoff abgesehen werden würde. Aber ich fürchte auch, daß diese Bedingung eine unmögliche ist und ich wegbleiben werde, um Schlimmeres zu verhindern« 227 . Er bat Brentano zu veranlassen, daß in den »Münchner Neuesten Nachrichten« eine Notiz erscheine, daß er es »entschieden verweigert habe und auch ferner verweigern werde, sich an einer Demonstration fur Althoff zu beteiligen«. A m selben Tag wiederholte Mommsen auch in einem Schreiben an Gustav Schmoller sein Ersuchen, am 5. Januar von jeder öffentlichen Erklärung zugunsten Althoffs Abstand zu nehmen. Seine Befürchtungen, es werde doch zu Solidaritätsbekundungen kommen, bewahrheiteten sich, denn Schmoller gestand in seinem Antwortschreiben 228 , daß er in der Tat eine Rede vorbereitet habe, die er auch zu halten gedenke. Folglich kam Mommsens Brief vom 19. Dezember einer Absage gleich, auf die Schmoller zunächst mit Vorhaltungen antwortete. N u r auf Mommsens Bitte hin, so ließ er vernehmen, hätten seine Frau, die maßgeblichen Anteil an der Organisation hatte, und er selbst das Essen auf den 5. Januar verschoben. Er habe darüber hinaus in den Weihnachts-

224

Brief Nr. 250.

225

So in seinem Brief vom 12. Januar 1902 (Brief Nr. 263); vgl. hierzu BRKNTANO 225 (zitiert in Anm. 3 zu Brief Nr. 250).

226

Vgl. Brief Nr. 243.

127

Brief Nr. 251.

228

Brief Nr. 252.

460

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

ferientagen Mommsen das Manuskript seiner Rede zur Genehmigung vorlegen wollen. Schließlich versuchte Schmoller durch die Zusicherung, bei der Zusammenkunft werde niemand außer ihm, dem Gastgeber, das Wort ergreifen, Mommsen nochmals umzustimmen. Aber in seinem eigenen Haus wolle er sich das Wort nicht verbieten lassen, zumal auf einem Essen, »das nur einen Sinn hat, wenn ich dem Gefühl Ausdruck gebe, das Sie re vera mit allen unsern Gästen teilen, nämlich, daß Althoff trotz seiner Fehler die größesten Verdienste um die preußischen Universitäten habe«" 9 . Alle Appelle an die Freundschaft, alle Bemühungen, Mommsen — den Schmoller ebenso wie Althoff als Herrschernatur charakterisierte — doch noch zum Kommen zu bewegen, fruchteten nichts: Mommsen blieb - so gut es eben ging - sich selbst treu und mußte absagen, da allein schon die Zusammenkunft, erst recht jedoch die geplante Rede Schmollers zu Ehren Althoffs der Veranstaltung einen »demonstrativen Character« 230 verlieh. Daß er in seiner Entscheidung schwankte, daß seine beiden Zusagen immer wieder durch eine Absage aufgehoben wurden, daß er schließlich sogar seine Freundschaft mit Gustav Schmoller ernstlich gefährdete 23 ' - all dies unterstreicht seine innere Zerrissenheit und seine Unsicherheit, die von der Einsicht herrührten, eine Diskussion entfacht zu haben, die ganz anders verlaufen war, als er dies erhofft hatte. Das Widerwärtigste an der ganzen Sache sei, so schrieb er an den Redakteur der »Vossischen Zeitung« Isidor Levy 232 , daß »gute collegialische und zum Theil freundschaftliche Verhältnisse« betroffen seien und daß »man entweder diese preisgeben muß, was nicht immer leicht ist, oder sich an Demonstrationen widerwillig betheiligen. Wie zerrüttend und vergiftend diese wirken, muß man erlebt haben, um es wohl zu verstehen« 233 . Während -

229

Ebd.

2}0

Vgl. Brief Nr. 253.

1.1

Vgl. auch dessen letzten Brief an Mommsen in dieser Sache vom 25. Dezember, der mit den Worten endet: »Wenn in einigen Monaten die heutigen Tagesstimmungen und Preßkämpfe vergangen sein werden, so hoffe ich, daß wir uns in alter Weise begegnen werden« (Brief Nr. 255).

1.2

Z u Isidor Levy (geb. 1852), dem Leitartikler der »Vossischen Zeitung«, vgl. K. KOSZYK, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert (= Geschichte der Presse 2), Berlin 1966, 284.

253

StBB-PK, Sammlung Autographa, z.Zt. Bibjag; der Brief datiert vom 29. Dezember (Datum des Poststempels; Mommsen datierte den Brief auf den 30. Dezember). Noch immer wurde in einigen der Regierung nahestehenden Zeitungen von Mommsen eine Erklärung zugunsten Althoffs verlangt, wie etwa in der konservativen »Kreuzzeitung«, vgl. hierzu Anm. 2 zu Brief Nr. 258. Mommsen ließ in der »Vossischen Zeitung« wie folgt darauf antworten (vgl. seinen Brief vom 30. Dezember an Isidor Levy; aO.): »Eine Erklärung in dem von der Kreuzzeitung bezeichneten Sinn wird Prof. Mommsen nicht abgeben. Kein anständiger Mann kann darin eine tadelnswerthe Zweideutigkeit finden, wenn er es ablehnt über einen nicht von ihm herrührenden und verursachten

Der Fall Spahn

461

gerade in Berlin - nur wenige Mommsen zur Seite standen 234 und ihn bestärkten, sich nicht gemein zu machen »mit den Leuten, die die Verschacherung der idealsten Güter als meisterhaften Schachzug diplomatischer Kunst bejubeln« 235 , so wußte sich Harnack sowohl in der Beurteilung der gesamten Auseinandersetzung als auch in der Befürwortung einer öffentlichen Demonstration für Althoff in Übereinstimmung mit der überwältigenden Mehrheit seiner Kollegen 1 3 6 . A m 5. Januar trafen sich im Hause Schmollers »die ersten Männer der Berliner Universität« 237 zum Festessen zu Ehren Althoffs: der Meteorologe W i l helm von Bezold, der Historiker Hans Delbrück, der Klassische Philologe Hermann Diels, der Philosoph Wilhelm Dilthey, der Chemiker Emil Fischer, A d o l f Harnack, der Archäologe und damalige Rektor Reinhard Kekulé von Stradonitz, der Historiker M a x Lenz, der Staats- und Völkerrechtler und Richter am preußischen Oberverwaltungsgericht Ferdinand von Martitz, der Physiker M a x Planck, der Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen, der Literaturhistoriker Erich Schmidt, der Nationalökonom M a x Sering, der Psychologe und Philosoph Carl StumpP 3 8 , der Anatom Wilhelm Waldeyer-Hartz, der Physiker Emil Warburg, der Theologe und Oberkonsistorialrat Bernhard Weiß 2 3 9 , der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin und der Klassische Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Mommsens Schwiegersohn 140 . Mommsen war nicht anwesend. Schmollers Rede verteidigte, genauer: rehabilitierte trotz einzelner

Aufsatz sich zu äußern, der eine Menge sehr verschiedenartiger Anschuldigungen gegen die Verwaltung unseres Universitätswesens zusammenfaßt. Daß die Universitäten derselben in vieler Hinsicht Dank schuldig sind und daß ein guter Theil dieses Dankes Hrn. Althoff gebührt, hat derselbe wiederholt und noch in jüngster Zeit Gelegenheit gehabt auszusprechen. Aber zur Abgabe einer allgemeinen Ergebenheitsadresse, die wie es scheint gewünscht wird, wird Professor Mommsen sich nicht herbeilassen«. 2.4

Z u denen auch der Redakteur der »Vossischen Zeitung« Isidor Levy gehörte, mit dem Mommsen im November und Dezember 1901 korrespondierte und dessen Artikel durchaus Mommsens Billigung besaßen (vgl. StBB-PK, Sammlung Autographa, z.Zt. Bibjag; StBB-PK, N L Mommsen II, Nr. 302, Bl. 1). Wenn er daher in einem Brief an AlthofF vom 30. Dezember (Brief Nr. 258) beteuerte, er habe bestimmte Artikel in der »Vossischen Zeitung« nicht inspiriert, so ist dies allenfalls als Schutzbehauptung zu werten, denn die »Vossische Zeitung« war im Laufe der Kontroverse zu Mommsens Sprachrohr geworden, die seine Positionen der Öffentlichkeit vermittelte.

1.5

Vgl. Franz von Liszts Brief an Mommsen vom 8. Dezember (Brief Nr. 243).

2 fi

Vgl. hierzu Harnacks Brief vom 8. Dezember, in dem er ausdrücklich die Meinung »vieler Collegen« referiert (Brief Nr. 244).

1,7

BRENTANO 225; vgl. auch WEBER i86f. und BROCKE, Hochschulpolitik 105.

'

238

Ein Schüler Franz Brentanos; vgl. BRENTANO 56.

2,9

Der bis 1899 zugleich Vortragender Rat im Unterrichtsministerium gewesen war.

240

Der ja zuvor bereits nicht gezögert hatte, Althoff überschwenglich seiner Loyalität und dankbaren Verbundenheit zu versichern, vgl. Anm. 3 zu Brief Nr. 230.

462

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

kritischer T ö n e das »System Althoff« und bekundete damit der Öffentlichkeit auf eindrucksvolle Weise 1 4 1 die Loyalität hervorragender Berliner Gelehrter gegenüber der preußischen Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Sein Nachspiel fand der Fall Spahn in den Reichstagsdebatten vom 11. und 14. Januar I902 2 4 2 , in denen jedoch die Zollvorlage und die Polenfrage die Gemüter wesentlich heftiger bewegten. Die W o g e n hatten sich wieder geglättet.

4. »Was uns noch retten kann« M o m m s e n Verhältnis zu den Sozialdemokraten, vor allem sein berühmter A r tikel »Was uns noch retten kann« aus dem Jahr 1902, in dem er einem politischen Bündnis zwischen Linksliberalen und Sozialdemokraten das W o r t redete 1 , gehört zu den am häufigsten erörterten Aspekten seiner politischen Tätigkeit 2 . Sein Vorschlag löste heftige zeitgenössische Reaktionen aus, brachte M o m m s e n zugleich aber den zweifelhaften Ruhm ein, zu denjenigen »guten Traditionen des deutschen Liberalismus« seinen Teil beigesteuert zu haben, auf die sich »die deutsche Arbeiterpartei und ihr sozialistischer Staat« 3 über vier Dezennien hinweg beriefen.

Die Rede erschien am 6. Januar 1902 in allen großen Zeitungen; vgl. G . SCHMOLLER, Charakterbilder, München 1913, 112-115. Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des Reichstages, X. Legislaturperiode, II. Session 1900/1903, 4. Band, Berlin 1902, 3289-3323 und 3357-3384; vgl. auch Brief Nr. 263 und WEBER i88ff. 1

TH. MOMMSEN, Was uns noch retten kann, in: Die Nation, Jg. 20, Nr. 11,13. Dezember 1902, I63F. (ZJ 1463; vgl. HARTMANN 255-258; längere Auszüge u.a. bei WICKERT IV 7981).

1

Vgl. hierzu v.a. HARTMANN i28ff.; HEUSS 2i2ÍF.; KUCZYNSKI 69fr.; MALITZ, Wilhelminisches Reich 338FF. und WICKERT IV 79fr.; i2if. mit weiterer Literatur.

'

So J. IRMSCHER in seinem sonst wenig originellen Aufsatz: Theodor Mommsen - Gelehrter und Demokrat, in: Studi tardoantichi 2, 1986, 221-246, Zitat S. 246. Einen bemerkenswerten Versuch, sich das politische und wissenschaftliche Erbe Mommsens anzueignen, stellt der von dem Institut fur Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaften der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der D D R herausgegebene Kolloquiumsband »Mommsen 1817-1903« dar; darin handelt etwa B. BRENTJES über »Theodor Mommsen - Gedanken zum Lebensweg eines deutschen liberalen Gelehrten« (3-11). Vgl. darüber hinaus die populäre, unselbständige Skizze von A. JAHNE, Römische Geschichte in der Sicht von Theodor Mommsen, in: Das Altertum 33.2, 1987, 91-98. Der frühere Leipziger Althistorikers R. GÜNTHER hingegen kritisierte in Anlehnung an Karl Marx die »irreführende Übertragung kapitalistischer Verhältnisse und moderner sozial-ökonomischer Kategorien in die Darstellung der römischen Ge-

»Was uns noch retten kann«

463

A u c h wenn Mommsen im Dezember 1902 den »Zusammenschluß aller nicht in diese Verschwörung

verwickelten

Parteien mit Einschluß der socialdemocratischen« einforderte und feststellte, daß »mit einem K o p f wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter ihresgleichen glänzen würden« 4 , war er keineswegs, wie Lothar Wickert erschreckt ausrief, »ein halber Sozialdemokrat«5. M o m m s e n ließ nie auch nur den geringsten Zweifel daran, daß er zu keiner Zeit ein Sozialdemokrat gewesen sei und es auch in Z u k u n f t nicht zu werden gedenke. Im Gegenteil, mit der überwiegenden Zahl seiner linksliberalen Parteifreunde stand er der demokratischen Arbeiterbewegung zunächst äußerst kritisch, ja ablehnend gegenüber, wie im folgenden aufgezeigt werden soll.

schichte« (vgl. hierzu bereits KUCZYNSKI 8of.!) und lamentierte, daß Mommsen »kein Vertrauen zu den Volksmassen« gehabt habe und folglich »auf halbem Wege im Kampf gegen Feudalabsolutismus und Ständestaat« stehengeblieben sei (Theodor Mommsen, in: J . Streisand [Hrsg.], Studien über die deutsche Geschichtswissenschaft 2, Berlin [Ost] 1965, 9-24; Zitate S. 12 u. 14). Als »klassische« Darstellung der Person Mommsens durch die DDR-Historie darf KUCZYNSKIS »Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers« gelten, der die Quellen ebenfalls nur aus zweiter Hand kennt und der »den Großen unter den Gesellschaftswissenschaftlern der Weltbourgeoisie« den Bürgern seiner Republik näherbringen will (8); dennoch ist er um eine differenzierte, die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder umfassende Darstellung bemüht, die sich nicht zuletzt durch den theoretischen und intellektuellen Anspruch von den zuvor genannten Arbeiten unterscheidet. - Nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik bietet die historische Forschung der D D R ein gleichsam abgeschlossenes wissenschaftsgeschichtliches Forschungsgebiet und wird ihrerseits historisiert. Zu ersten Ansätzen einer wissenschaftsgeschichtlichen Auseinandersetzung vgl. W. SCHULLER, Alte Geschichte in der D D R . Vorläufige Skizze, in: A. Fischer u. G. Heydemann (Hrsgg.), Geschichtswissenschaft in der D D R 2, Berlin 1990, 37-58, K. STROBEL, Geisteswissenschaften und Ideologie. Fallbeispiel Altertumswissenschaft: S B Z und D D R , in: id. (Hrsg.), Die deutsche Universität im 20. Jahrhundert. Die Entwicklung einer Institution zwischen Tradition, Autonomie, historischen und sozialen Rahmenbedingungen, Vierow 1994, 170-199 (mit ausführlichen Literaturhinweisen) und M. WILLING, Althistorische Forschung in der D D R . Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie zur Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart (1945-1989), Berlin 1991 (mit der Rezension von W. NIPPEL in: Gnomon 66,1994, 342-347); ID., Die D D R Althistorie im Rückblick, in: G W U 42,1991, 489-497 sowie F. ABENDROTH, Das Ende der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft in der D D R , Diss. F U Berlin 1993. 4

TH. MOMMSEN, Was uns noch retten kann, in: Die Nation, 20. Jg., Nr. 11,13. Dezember 1902, i63f. Bereits 1852 hatte er seinen bürgerlichen Ressentiments gegen die Aristokratie freien Lauf gelassen: »Styl und Zitate zeigen, daß der Verfasser auf der Bildungsstufe des Adels steht« (Literarisches Zentralblatt 1, 1852, 275; zitiert nach HEUSS 280).

5

WICKERT I V

81.

464

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Die früheste greifbare Äußerung über die parteipolitische Organisation der Interessen der Arbeiterschaft datiert, so will es scheinen, von Mitte Oktober 1874. Ein gutes halbes Jahr vor dem Gothaer Vereinigungsparteitag vom 22. bis 27. Mai 1875, auf dem der von Ferdinand Lassalle 1863 in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei unter der Führung August Bebels und Wilhelm Liebknechts sich zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammenschlossen, sprach Mommsen in seiner Rede bei Antritt des Rektorates der Berliner Universität mit Blick auf die Arbeiterbewegung von »dem gemeinen Feind alles edlen Menschentums, dem Evangelium der notwendigen Abschaffung der Civilisation, der Oligarchie des Pöbels«6. Wichtige Parameter zur Beurteilung der sozialdemokratischen Bewegung bildeten sicherlich deren revolutionäre Programmatik und die Vorbehalte führender Politiker wie Liebknecht und Bebel gegen die nationale Begeisterung im Zuge der Reichsgründung. 1872 waren beide wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat in einem Sensationsprozeß zu zwei Jahren Festungshaft und wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Mommsen stand in der Beurteilung der Sozialdemokratie seinem Freund Ludwig Bamberger nahe, der wie andere Liberale in den siebziger Jahren das stetige Anwachsen der Sozialdemokratie mit Besorgnis verfolgte 7 . Der nationalliberale Historiker Heinrich von Treitschke, mit dem sich Mommsen wenige Jahre später im Berliner Antisemitismusstreit überwarf, führte in seiner Rede am 23. März 1874 im Reichstag aus, in einer Zeit »unheimlicher socialer Gärung« könne schon der Aufruf eines radikalen Blattes »Heute abend werden die Fabriken gestürmt« möglicherweise »der Funke sein«, »der in das Pulverfaß fällt«8. Auch ftir Mommsen war die Sozialdemokratie »ein Weltbrand, der sich hier entzündet, und auf der Brandstätte herrscht das Gesetz der Not« 9 . Obgleich direkte Zeugnisse fehlen 10 , darf vermutet werden, daß Mommsen ebenso wie Bamberger dem 1872 gegründeten »Verein für Sozialpolitik« reserviert gegenüberstand. Dieser bildungsbürgerlich-akademische Verein", an des6

Vgl. MOMMSEN, R A 3 - 1 6 , hier: 8 . Die Rede, die keinen Titel trägt, handelt »Über das Geschichtsstudium« (ZJ 6 5 9 ) und wurde am 1 5 . Oktober 1 8 7 4 gehalten; vgl. hierzu

7

Vgl. hierzu allg.

HEUSS X J X Í . SHEEHAN

183fr. sowie

WEBER,

Bamberger

175FR.

Vgl. W.J. MOMMSEN, Das Ringen um den nationalen Staat 4 5 9 . 9

So in einem Artikel aus dem Jahr 1 8 8 4 , in dem sich Mommsen zur Verlängerung des Sozialistengesetzes äußerte (zitiert nach HEUSS 2 1 4 ) .

10

Es ist allerdings wahrscheinlich, daß die weitere Auswertung der politischen Korrespondenz Mommsens wichtige Aufschlüsse über das hier behandelte Thema geben wird.

11

Z u m »Verein für Sozialpolitik« vgl. D . KRÜGER, Nationalökonomen im wilhelminischen Deutschland, Göttingen 1 9 8 3 ; ID., Max Weber und die »Jüngeren« im Verein fur Sozialpolitik, in: W.J. Mommsen u. W . Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen u Zürich 1988, 98-118; E. D E H M , Max und Alfred Weber im

»Was uns noch retten kann«

465

sen G r ü n d u n g Karl Bücher, Lujo Brentano, Gustav Schmoller und Adolph Wagner maßgeblich beteiligt waren und der von der historisch ausgerichteten Nationalökonomie inhaltlich geprägt wurde, wollte sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse in eine dynamische Gesellschaftspolitik umsetzen. Als akademischer Fachverband diente er zugleich der Rekrutierung und Sozialisierung des wissenschaftlichen Nachwuchses. W i e zahlreiche andere Gruppierungen und Vereine versuchte er durch Publikationen, Resolutionen und Petitionen die öffentliche Meinung und die staatliche Sozialpolitik zu verändern, trat vor allem fur die Integration der Arbeiterschaft ein, um die bürgerlichliberale Sozialordnung zu stabilisieren. Brentano zielte, wie er selbst bekundete, immer auf »das größte G l ü c k der größten Zahl« und die Weiterentwicklung des klassischen Liberalismus 1 2 . Gegen eine solche Reform der sozialen Verhältnisse wandten sich Bamberger, aber auch der nationalliberale Volkswirtschaftler Heinrich Bernhard Oppenheimer und Heinrich von Treitschke, die jene Reformer als »Kathedersozialisten« 13 stigmatisierten. Treitschke polemisierte 1874 unter der Überschrift »Der Sozialismus und seine Gönner« in einem vielbeachteten Aufsatz in den »Preußischen Jahrbüchern« gegen die reformwilligen, fortschrittlichen Nationalökonomen, die zuweilen »den Wahngebilden des rohen Sozialismus sehr ähnlich sehen und, durchgeführt, jede Ordnung der Gesellschaft aufheben würden«. Für Bamberger wiederum war Brentanos Buch über die Gewerkschaften »die pure Klassenhaßpropaganda«, und er antwortete auf dessen »pathologisches Verhalten zu den Elementen der Gesellschaft« mit seiner eigenen Darstellung »der Arbeiterfrage« 14 . Gleichzeitig war die Ablehnung der sozialreformerischen Bestrebungen in Teilen der liberalen Bewegung Ausdruck eines allgemeinen Gefühls, die eigenen politischen Überzeugungen gegen immer mächtigere und gefährlichere Gegner verteidigen zu müssen. In den Erfolgen der Arbeiterbewegung erkannte man ebenso wie in der Konsolidierung des politischen Katholizismus und in dem zunehmenden Einfluß von Schwerindustrie und Großagrariern eine ernste Bedrohung f ü r Staat und Nation. In seinem Buch »Deutschland und der SoziaVerein für Sozialpolitik, in: ebd. 119-136; D . LINDENIAUB, Richtungskämpfe im Verein für Sozialpolitik. Wissenschaft und Sozialpolitik im Kaiserreich vornehmlich vom Beginn des »Neuen Kurses« bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1890-1914), Wiesbaden 1967; A. MÜSSIGGANG, Die soziale Frage in der historischen Schule der deutschen Nationalökonomie, Tübingen 1968; M . - L . PLESSEN, Die Wirksamkeit des Vereins für Sozialpolitik von 1872-1890, Berlin 1975. 12

Vgl. etwa

''

Vgl. hierzu A. ASCHER, Professors as Propagandists: The Politics of the Kathedersozialisten, in: Journal of Central European Affairs 23, 1963, 282-302 und B R U C H , Gelehrtenpolitik 294fr. L. BAMBERGER, Die Arbeiterfrage unter dem Gesichtspunkt des Vereinsrechts, Stuttgart 1873; vgl. hierzu SHEEHAN, Liberalismus 184 und W E B E R , Bamberger 181.

14

BRENTANO

98 u. ioif.

466

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

lismus« umschrieb Bamberger die »feindseligen Mächte«, die sich gegen das »deutsche Bürgertum« verschworen hätten: »Der protestantische Mucker, die katholische Klerisei, die Verbindung von Schutzzöllnern und Agrariern bieten der Sozialdemokratie in feierlichen Erlassen die Hand zum Bruderbunde« 15 . Noch 1893, in seiner Rede zum 70. Geburtstag seines Parteifreundes Bamberger, brachte Mommsen ebendiesen Gedanken zum Ausdruck: »Die Neidkategorie oder die sogenannten Parteien der materiellen Interessen ist das eigentliche Fundament des gegenwärtigen Parteilebens, überwiegend zur Zeit vertreten durch die beiden Gruppen, welche die Nation exploitieren oder künftig exploitieren möchten zu Gunsten der Großgrundbesitzer oder zu Gunsten der Handarbeiter - denn einen anderen Unterschied zwischen dem Grafen Kanitz und dem Herrn Bebel wird der unbefangene Zuschauer nicht finden können, außer daß das Kesseltreiben der sogenannten Edelsten, richtiger der Begehrlichsten der Nation vom sittlichen Standpunkt aus sehr viel widerwärtiger ist, als alle sociale Roheit und Albernheit und daß der Strohdach-Großbedürftige auf menschliche Teilnahme etwas weniger A n spruch hat, als der um seine Existenz ringende kleine Mann«' 6 .

Der Rittergutsbesitzer und der Arbeiterführer verfolgten Mommsen zufolge eine materialistische Politik, die der deutschen Nation und dem sie repräsentierenden deutschen Bürgertum nur Schaden zufügen konnte: »Die Parteien, die der wechselnde Opportunismus groß gezogen hat, die katholische, die agrarische, die socialistische wissen nicht minder, daß ihre Sonderinteressen, wenn auch miteinander sich vielfach befehdend, doch alle auf diesem Nährboden gedeihen auf Kosten der Gesamtheit«' 7 . Hans Graf von Kanitz, der als überzeugter Verfechter des Schutzzollsystems in der zeitgenössischen wirtschaftspolitischen Diskussion Gegner der Liberalen war' 8 , nahm, wie bereits erwähnt, Mommsens Artikel zum willkommenen Anlaß, den unliebsamen Widersacher in einen Beleidigungsprozeß zu verstricken 19 . Rückhaltlos unterstützte Mommsen die sozialpolitischen Lösungsvorschläge seines Freundes Bamberger. Dieser habe, wie er 1893 schrieb, »in der Arbeiterfrage seinen reinsten Willen und seine beste Kraft eingesetzt«; aber alle seine Bemühungen seien gescheitert an Bismarck, dem »größten aller Opportunisten«, der »den staatlichen wie den staatsfeindlichen Socialismus mit solchem

15

L. BAMBERGER, Deutschland und der Sozialismus, Leipzig ^1878, 16.

'6

TH. MOMMSEN, Ludwig Bamberger, in: Die Nation, 10. Jg., Nr. 43,1893, 645^ (= R A 468-475; Zitat 473f.; Z J 1282).

17

MOMMSEN, R A 4 7 5 .

18

Vgl. hierzu etwa HUBER IV, 1077fr.

"

V g l . WICKERT I V u i f . u n d S. 371.

»Was uns noch retten kann«

467

Erfolg erzogen hat, daß jetzt den Vätern selbst vor dem legitimen wie vor dem illegitimen Kinde zu grauen beginnt« 20 . Damit hatte er Bambergers eher konservatives sozialpolitisches Credo mit seiner Kritik an dem Bismarckschen Herrschaftssystem verbunden. Durch die opportunistische Instrumentalisierung der Interessenkonflikte und gesellschaftlichen Spannungen, wie sie der Reichskanzler in Mommsens Augen bewußt betrieb, war der gesellschaftspolitisch notwendige Ausgleich unmöglich gemacht 11 , und die materialistischen Partikularinteressen konnten folglich obsiegen. Konsequent vertrat Mommsen ebenfalls Bambergers Position in der Frage der Erneuerung des Sozialistengesetzes". 1884 stand im Reichstag kurz vor Ende der Legislaturperiode die zweite Verlängerung des Sozialistengesetzes von 1878 zur Abstimmung. Die Debatten überschnitten sich mit den Beratungen zum Unfällversicherungsgesetz und zur Gewerbeordnung. Die innerparteiliche Diskussion um das Sozialistengesetz stellte zugleich die neue Fraktion der DeutschFreisinnigen Partei, die erst unmittelbar zuvor aus der Fusion von Sezession und Deutscher Fortschrittspartei hervorgegangen war, vor eine harte Zerreißprobe. Die Mehrzahl der Freisinnigen schätzte die Sozialdemokraten so ein, wie es Rudolf Virchow, der 1861 mit Mommsen an der Gründung der linksliberalen Deutschen Fortschrittspartei beteiligt gewesen war, formulierte: »Der Sozialdemokrat, der mit Bewußtsein seine Ziele verfolgt, ist unser direkter Gegner Ja, er ist noch mehr unser Gegner als ein Konservativer«23. Und Mommsen bekannte offen: »Ueber die Schwere der Gefahr, welche unserer ganzen Civilisation in der socialistischen Bewegung droht, täuscht sich niemand, dem das Vaterland wirklich das Höchste und letzte ist; mit allen anderen Parteien kann man sich vertragen und unter Umständen paktiren; mit dieser nicht«24.

10

MOMMSEN, R A 4 7 2 .

11

Es sei hier angemerkt, daß diese Theorie eines »manipulierten Sozialimperialismus« Bismarckscher Prägung auch in der neueren Forschung Zustimmung findet, vgl. etwa WEHLER, B i s m a r c k 454?.

11

15

Vgl. hierzu WEBER, Bamberger 184fr. u. 228ff.; G . SEEBER, Zwischen Bebel und Bismarck. Z u r Geschichte des Linksliberalismus in Deutschland 1871-1893, Berlin (Ost) 1965,136fr. sowie allg. W . PACK, Das parlamentarische Ringen um das Sozialistengesetz Bismarcks 1878-1890, Düsseldorf 1961; ENGEI.BRECHT, Bismarck 2, 297fr.; HUBER I V , 1153fr.; V . L . LIDTKE, T h e Outlawed Party. Social Democracy in Germany, 1878-1890, Princeton 1966; SHEEHAN, Liberalismus 2i6ff.; M . STÜRMER, Regierung und Reichstag im Bismarckstaat 1871-1880. Cäsarismus oder Parlamentarismus, Düsseldorf 1974, 241fr. und kurzW.J. MOMMSF.N, Das Ringen um den nationalen Staat 465fr.; 602fr. ;NIPPERDEY 2, 355fr.; 382fr.; W E H L E R , D G 3, 799fr.; 902fr. mit weiterer Literatur. So Virchow 1879 AUR dem Parteitag der Fortschrittspartei; vgl. SHEEHAN, Liberalismus 242.

24

TH. MOMMSEN, BRIER an Ferdinand Scheller in Coburg, Redakteur der »Fränkischen Leuchte«, abgedruckt ebd. Nr. 45 vom 12. April 1884 (ZJ 993); vgl. HARTMANN 124.

468

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Die deutlichen Worte an die Adresse seiner Wähler in Coburg-Gotha sprach Mommsen mit Blick auf die anstehende Verlängerung des Sozialistengesetzes25. Die freisinnige Partei war ebenso wie ihre Wählerschaft in Befürworter und Gegner gespalten. Zwar hatte Eugen Richter als Parteiführer sich öffentlich fur die Ablehnung der Vorlage ausgesprochen, doch zeichnete sich im Laufe der Reichstagsdebatte ab, daß eine Annahme des Gesetzes notwendig war, um zu verhindern, daß die neu geschaffene Deutsch-Freisinnige Partei nicht sofort wieder auseinanderbrach. Partei- und wahltaktische Überlegungen führten schließlich dazu, daß eine genügend große Zahl der freisinnigen Abgeordneten fur die Verlängerung des Gesetzes votierte. Mommsen rechtfertigte seine Entscheidung, für ein Gesetz zu stimmen, das er als »ein Erzeugnis eines sehr gerechtfertigten, aber wenig überlegten Volkszorns« begriff, damit, daß die Regierung die Abgeordneten vor die Alternative gestellt habe, das nicht veränderte oder ergänzte Gesetz zu verlängern oder in toto abzulehnen. Vor diese radikale Entscheidung gestellt, sei die Verlängerung als das kleinere Übel anzusehen, denn käme es im Falle einer Aufhebung zu Exzessen wie etwa Attentaten, dann werde man »den, der das Ausnahmegesetz beseitigt hat, für diese vermeintliche Folge der Beseitigung« zur Verantwortung ziehen. Zugleich machte Mommsen deutlich, daß er grundsätzliche Bedenken gegen die antisozialistischen Ausnahmegesetze trage, denn nichts fördere die Sozialisten besser, wie schon aus den Reichstagswahlen zu ersehen sei, als das Unterbinden einer sachlichen Diskussion 26 . Deshalb sei ein Übergangszustand wünschenswert, der zur allmählichen Aufhebung des Gesetzes führe. Ob Mommsens Stimme für die Verlängerung des Gesetzes27 im Reichstag taktischen Überlegungen entsprach, sei dahingestellt28; immerhin muß ihm bei der Entscheidung für ein Gesetz, das dem libe-

15

Vgl. hierzu ebenfalls seinen in der »Fränkischen Leuchte« veröffentlichten Brief vom io. Mai 1884 (ZJ 994) sowie HARTMANN i24f. und HEUSS 2i4ff.

26

Auch Theodor Barth, der in der Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Bürgertum »den eigentlichen Kulturkampf unserer Tage erkannte«, hielt das Sozialistengesetz flir eine stumpfe Waffe, da es die Sozialdemokratie in den Untergrund dränge, vgl. WEGNER 113. G. SEEBER, Zwischen Bebel und Bismarck. Zur Geschichte des Linksliberalismus in Deutschland 1871-1893, Berlin (Ost) 1965, i3gf. kommt zu dem Ergebnis, Mommsen, der als erster von der bisherigen Parteilinie der Freisinnigen abgewichen sei, habe in dem Brief an seine Wähler »vom Standpunkt der Sache und der Logik geradezu einen Bocksprung« vollfuhrt.

17

Vgl. hierzu auch das Generalregister zu den stenographischen Berichten der Verhandlungen des Reichstages 1867-1895, Berlin 1896, Verzeichnis der namentlichen Abstimmungen Nr. 296 (S. 38) und das alphabetische Verzeichnis der Mitglieder Nr. 1210 (S. 165): Theodor Mommsen.

18

In einem Brief an seine Wähler distanzierte er sich von der sophistischen Überlegung, dann gegen die Vorlage zu stimmen, wenn er sicher sei, daß genügend andere Abgeordnete für die Verlängerung des Gesetzes votierten (vgl. HEUSS 215). Eugen Richter hatte

»Was uns noch retten kann«

469

ralen Rechtsstaatsdenken diametral entgegenstand, nicht wohl gewesen sein 19 , denn als er sich später Vorhaltungen in dieser Frage ausgesetzt sah, »war dies einer der Gründe, die ihn bewogen, sich von der offiziellen Politik zurückzuziehen« 30 . Die Angriffe, die Mommsen in seinen öffentlichen Stellungnahmen gegen die Sozialdemokratie führte, waren gleichzeitig seine Antwort auf die Attacken, die Bismarck im Reichstag und in der ihm gewogenen Presse gegen die Freisinnigen führte, solange deren Unterstützung der Regierungsvorlage nicht sicher schien. So hielt der Reichskanzler, der die Angst des Bürgertums vor Polarisierung und Klassenkampf schürte, Bamberger vor, »wichtigste Vorarbeit zur Verbreitung der Sozialdemokratie« zu leisten, indem er gegen die Verlängerung des Sozialistengesetzes agitiere. Die Deutsch-Freisinnigen wurden sogar als Umstürzler diffamiert, die gefährlicher seien als die Sozialisten und entsprechend energisch bekämpft werden müßten 3 '. Nicht zuletzt diese Drohungen und propagandistischen Verzerrungen beeinflußten die innerparteiliche Diskussion und das Abstimmungsverhalten der freisinnigen Reichstagsfraktion, die überdies um das gute Abschneiden ihrer Partei bei den bevorstehenden Reichstagswahlen fürchtete. Trotz der tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der deutschen Gesellschaft lehnten die Freisinnigen um Eugen Richter zunächst sozialreformerische Forderungen ab. Mehr noch: Die Mehrheit der Abgeordneten und Delegierten stand der sozialen Frage gleichgültig gegenüber. Man blieb eine Partei der Honoratioren, die die Interessen des liberalen Bürgertums zu vertreten vorgab. So nimmt es kaum wunder, daß Mommsen im November 1891 den sozialen und wirtschaftlichen Forderungen der Buchdrucker, die zum Streik aufgerufen hatten, eine deutliche Absage erteilte32. Doch wie ist angesichts dieser Vorbehalte gegen die sozialdemokratische Partei und die organisierte Arbeiterschaft Mommsens Artikel vom Dezember 1902 zu erklären? Mommsens Aufruf ist nicht das Ergebnis eines spontanen Meinungsumschwunges oder das Manifest eines politisch desillusionierten Greises, der sich zum einsamen Rufer in der Wüste stilisiert, sondern steht am Ende

zuvor Spekulationen angestellt, wieviel Abgeordnete der Freisinnigen mit Ja stimmen müßten, damit die Vorlage im Reichtstag angenommen werden würde (vgl. WEBER, Bamberger 230). 19

Bereits 1881, als das Sozialistengesetz zum ersten Mal verlängert wurde, hatte er gegenüber Wilhelm Henzen gemeint, »der Reichstag debattiert über das Sozialistengesetz und wir hören zu mit der Empfindung, ob seine Verteidiger oder die Angreifer schlimmer sind« (vgl. WICKERT IV 70).

30

HARTMANN 1 2 5 .

31

Vgl. WEBER, Bamberger 229.

31

V g l . HEUSS 278 u n d Z J

1230.

47°

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

eines Prozesses grundlegender politischer Veränderungen, die sowohl innerhalb der linksliberalen wie innerhalb der sozialdemokratischen Partei Platz griffen. Es war bereits darauf hingewiesen worden, daß die 1884 entstandene DeutschFreisinnige Partei 1893 im Streit um die Militärvorlage auseinandergebrochen war. D i e danach entstandene, am weitesten links stehende Freisinnige Vereinigung, der sich M o m m s e n , aber auch Ludwig Bamberger und T h e o d o r Barth anschlossen, suchte nach einem »neuen politischen modus vivendi zwischen dem liberalen Bürgertum und der in der Sozialdemokratie organisierten Arbeiterschaft« 33 . Innerhalb der Sozialdemokratie betrieb vor allem der reformistischrevisionistische Flügel die Ö f f n u n g der Partei zu linksliberalen Organisationen und Gruppierungen. Im »Verein für Sozialpolitik« hatte sich eine zweite Generation junger, engagierter Wissenschaftler um M a x Weber, Werner Sombart, Heinrich Herkner, Ferdinand Tönnies, Gerhart von Schulze-Gävernitz, Walther Lötz und Carl J . Fuchs zusammengeschlossen, die alle das Ziel verfolgten, den notwendigen politischen, sozialen und ökonomischen Wandel des Wilhelminischen Deutschland durch neue wissenschaftliche Theorien und gesellschaftspolitische Reformen herbeizufuhren. Allerdings verlor der Verein mit der schnellen Ausweitung der Universitätsbildung und der damit einhergehenden Auflösung traditioneller bildungsbürgerlicher Strukturen nach 1890 zunehmend an Einfluß und Bedeutung. V o n den Entwürfen der jüngeren Mitglieder unterschieden sich deutlich die Positionen der älteren Generation um Brentano, Schmoller u n d Wagner 3 4 , die - wie auch M o m m s e n und Bamberger - den monarchisch-bürokratischen Obrigkeitsstaat und seine patriarchalischen Grundlagen zunächst verteidigten, um das Reich nicht durch den Klassenkampf zu gefährden. Innerhalb des politisch-sozialen Herrschaftsssystems des Kaiserreichs mit seiner nicht prinzipiell in Frage gestellten privatwirtschaftlichen Organisation förderten sie öffentliche Handlungsbereitschaft, machten auf soziale Modernisierungserfordernisse aufmerksam und leisteten einen Beitrag zur sozialen Integration der Gesellschaft 35 . Aus liberaler Uberzeugung ging man mutig und beherzt geSo auf dem Parteitag der Freisinnigen Vereinigung im November 1899; vgl. P. Gilg, Die Erneuerung des demokratischen Denkens im wilhelminischen Deutschland. Eine ideengeschichtliche Studie zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Wiesbaden 1965, 219. Daß es aber auch hier unterschiedliche Strömungen und wechselnde Koalitionen gab, zeigt das Beispiel des Berliner Nationalökonomen Adolph Wagner, der sowohl mit Mommsen als auch später mit Brentano in Streit geriet; zum Hintergrund vgl. etwa Wf.ber i6$f. und Wickert IV 104fr. Vgl. hierzu Bruc.h, Gesellschaftliche Funktionen i6iff. sowie id., Bürgerliche Sozialreform im deutschen Kaiserreich, in: id. (Hrsg.), »Weder Kommunismus noch Kapitalismus«. Bürgerliche Sozialreform in Deutschland vom Vormärz bis zur Ära Adenauer, München 1985, 61-179 u r , d id., Kaiserreich iooff.

»Was uns noch retten kann«

471

gen die Umsturzvorlage vor 36 und trat nicht minder entschlossen - wie im Fall der Lex Heinze — zur Verteidigung der freien Meinungsäußerung an. Dies erklärt ebenfalls Mommsens Haltung zur sogenannten Lex Arons. M i t den Stimmen der Konservativen und des Zentrums wurde 1898 ein Gesetz verabschiedet, das sozialdemokratische Wissenschaftler vom akademischen Lehramt ausschloß. Das Gesetz war eingebracht worden, um dem Privatdozenten der Physik Leo Arons (1860-1919), der sich 1890 den Sozialdemokraten angeschlossen hatte, die Lehrbefugnis an der Berliner Universität zu entziehen 37 . Als das Kultusministerium 1894 den Antrag der Philosophischen Fakultät, Arons zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor zu ernennen, im Einvernehmen mit Friedrich Althoff negativ beschied, unterstützte Mommsen gemeinsam mit Wilhelm Dilthey, Hermann von Helmholtz, Gustav Schmoller, Adolph Wagner und Eduard Zeller eine Eingabe an den zuständigen Minister Robert Bosse, in der jede Maßregelung des jungen Wissenschaftlers aus disziplinarischen Gründen abgelehnt wurde, da es nicht der Tradition an deutschen Universitäten entspreche, den dortigen Lehrern freie politische Betätigung zu verbieten' 8 . Immerhin gab die Philosophische Fakultät den Pressionen aus dem Ministerium insoweit nach, daß Arons nochmals vernommen und am 25. Juli 1895 verwarnt wurde; zugleich ersuchte man ihn dringend, sich zukünftig übersteigerter politischer Agitation zu enthalten. Damit hatte sich die Position Mommsens durchgesetzt, der fürchtete, daß die Regierung die Universitätsstatuten abändere, wenn die Fakultät das Anliegen der Bürokratie grundsätzlich zurückweise 39 . Auf der 36

Vgl. S. 397fr.

37

Vgl. hierzu BROCKE, Hochschulpolitik 95fr.; BRUCH, Gelehrtenpolitik 333fr. (mit weiterer Literatur); A. HALL, By Other Means: The Legal Struggle against the S P D in Wilhelmine Germany 1890-1900, in: Historical Journal 17, 1974, 365-386; HUBER IV, 950-958; MAST 101-132 sowie D. FRICKE, Zur Militarisierung des deutschen Geisteslebens im wilhelminischen Kaiserreich. Der Fall Leo Arons, in: Zeitschrift fur Geschichtswissenschaft 8, 1960, 1069-1107, dessen Ergebnisse allerdings auf Grund der dogmatischen Einseitigkeit nicht zu halten sind. Z u m Hintergrund vgl. überdies A. HALL, The War of Words: Anti-Socialist Offensives and Counterpropaganda in Wilhelmine Germany 1890-1914, in: Jounal of Contemporary History 11,1976,11-42 und ID., Scandal, Sensation and Social Democracy. The S P D Press and Wilhelmine Germany 1890-1914, Cambridge 1977.

'8

Vgl. hierzu SACHSE, Althoff 215.

39

Vgl. seinen Brief an Wilamowitz vom 29. Mai 1895: »Die leidige Aronssche Sache wird durch die Unvernunft der Fakultäts-Majorität, die die Disziplinaruntersuchung ablehnen möchte, noch widerwärtiger und gefährlicher. Tun wir dies, so ist der Umsturz der Statuten unvermeidlich. Darüber, daß wir nicht auf Remotion angetragen werden, sind alle einig; das ist aber jetzt Nebensache« (MOMMSEN - WILAMOWITZ Nr. 400, S. 502). Für die Haltung der Mehrheit innerhalb der Fakultät gibt der Brief Hermann Diels' an Eduard Zeller vom 21. Mai Aufschluß: »Unsere Facultät beschäftigt der Fall Arons früheren Angedenkens. Sie soll ihn >vernehmen< und dem Minister dann >An-

47^

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Grundlage des neuen Gesetzes vom 17. Juni 1898, das nun auch die Privatdozenten den fiir die Professoren geltenden Disziplinarbestimmungen unterwarf, leitete der Minister im April 1899 ein Dienstverfahren bei der Philosophischen Fakultät ein40. Im Juli desselben Jahres sprach die Fakultät Arons frei, da seine bloße Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei noch keinen Grund zur Enthebung darstelle. Zwar gebe es in dieser Partei noch immer Personen, die zu Gewalt und Umsturz aufriefen, aber man sei dennoch »überzeugt«, daß »ebenso viele Mitglieder und zwar gerade auch unter den angesehenen Führern der Partei« zu benennen seien, »welche jede Gewalt und Revolution perhorreszieren«4'. An dem Urteil hatten Gustav Schmoller, Wilhelm Dilthey, Erich Schmidt, Max Lenz, Alois Brandl, Max Planck, Hermann Diels, Friedrich Paulsen, Adolph Wagner, Hans Delbrück und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Anteil. Die Fakultät war mithin einmütig in ihrem Urteil. Jedoch war es nicht die differenzierte Beurteilung der Sozialdemokratie, die Mommsen veranlaßt hatte, gegen die Remotion des Privatdozenten Arons Stellung zu beziehen: Er sah, wie zahlreiche seiner Kollegen, die Autonomie der Universitäten und die Freiheit von Wissenschaft und Lehre bedroht und kritisierte folglich an der Lex Arons, daß sie die »Privatdocenteninstitution geknebelt« habe42. Dennoch sind auch im Zusammenhang mit den öffentlichen Auseinandersetzungen um die Lex Arons neue bildungsbürgerliche und liberale Wahrnehmungsmuster gegenüber der Sozialdemokratie festzustellen, deren reformistischer und revisionistischer Flügel nicht mehr a priori als klassenkämpferische Bedrohung des bürgerlichen Staates beurteilt wurde. Die strukturelle Krise des Liberalismus und der liberalen Parteien seit den 80er Jahren, von der bereits die Rede gewesen ist, führte zu neuen programmatischen Perspektiven und Kon-

trag« stellen: Natürlich ist unsere Facultät einig, daß nichts erfolgen kann « (DIELSUSENER-ZELLER II, S. 95). Es ist müßig, darüber Spekulationen anzustellen, inwiefern und über welche Personen Mommsen Einfluß auf die Fakultätsmitglieder ausübte, so daß diese ihre Meinung schließlich doch noch änderten. 40

Vgl. hierzu ebenfalls WILAMOWITZ, Erinnerungen 295 sowie den Briefwechsel zwischen Hermann Diels und Eduard Zeller (DIELS-USENER-ZELLER II, S. 102; 125; 225; 233F.; 236;

41

Vgl. L. ARONS (Hrsg.), Die Actenstücke des Disciplinarverfahrens gegen den Privatdocenten Dr. Arons, Berlin 1900,15.

41

So in seinem Brief an Lujo Brentano vom 1. Dezember 1901 (Nr. 237). Vgl. hierzu ebenfalls Hermann Diels' Bemerkung in einem Brief an Eduard Zeller vom 25. März 1898, in dem er begründet, warum er das »Privatdocentengeserz« ablehne: »einmal weil das Gesetz ein Désaveu unseres Facultätsurteils ist in Sachen Arons, das ich billige, zweitens und hauptsächlich deswegen, weil die zielbewußte Absicht der Regierung dahin geht die vollständige freie Stellung des Privatdocenten in eine Art von Hilfslehrerprofessorentum umzuwandeln, um sie besser am Gängelband zu haben« (DIELS-

241; 252Í.).

USENER-ZELLER I I , S . 2 0 7 ) .

»Was uns noch retten kann«

473

zeptionen mit dem Ziel der Erneuerung der liberalen Bewegung. Auf dem linken Spektrum öffnete man sich seit der Jahrhundertwende verstärkt sozialpolitischen und reformerischen Forderungen und versuchte, auf die Herausforderungen einer modernen Industriegesellschaft politisch notwendige Antworten zu geben. Emanzipation der Arbeiter, Anerkennung der Gewerkschaften, Koalitionsrecht und Tarifverträge, sozialer Wohnungsbau und Sozialversicherungen, Betriebsverfassung und Koalitionsrecht wurden nunmehr wichtige Themen im linksliberalen Lager. Dieser Paradigmenwechsel wurde maßgeblich beeinflußt von Theodor Barth und Friedrich Naumann. Der Pfarrer Friedrich Naumann, der durch die christlich-soziale Bewegung geprägt worden war, hatte 1896 den »Nationalsozialen Verein« gegründet, der - mit Unterstützung von Max Weber und Gerhart von Schulze-Gävernitz43 - weitgehende sozialpolitische Forderungen erhob. Auch wenn der Verein »eine Partei bürgerlicher Außenseiter , der es nicht gelang, im Gestrüpp des wilhelminischen Parteiensystems Fuß zu fassen«44, und folgerichtig nach den Reichstagswahlen von 1903 wieder aus der politischen Landschaft verschwand, so setzte er dennoch wichtige inhaltliche und theoretische Akzente in der zeitgenössischen Diskussion um eine liberale Sozialpolitik. Theodor Barth, seit 1882 Herausgeber der Wochenzeitschrift »Die Nation« und entschiedener Verfechter des Freihandels, hatte schon 1895 mit der linksliberalen württembergischen Volkspartei weitgehende gesellschaftspolitische Forderungen erhoben45. Der soziale Linksliberalismus war unmittelbar mit der imperialistischen Weltund Flottenpolitik des Wilhelminischen Reiches verbunden, die grundsätzlich begrüßt und verteidigt wurde. Friedrich Naumann, Max Weber und Theodor 43

Z u Schulze-Gävernitz vgl. jetzt D. KRÜGER, Gerhart von Schulze-Gävernitz als liberaler Gelehrtenpolitiker (1890-1918), in: G . Schmidt u. J . Rüsen (Hrsgg.), Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 1830-1930, Bochum 1986, 136-146 mit weiterer Literatur.

44

Vgl. P. THEINER, Friedrich Naumann und Max Weber. Stationen einer politischen Partnerschaft, in: W.J. Mommsen u. W . Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen u. Zürich 1988, 419-447, Zitat 425. Die »klassische« Darstellung von TH. HEUSS, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, München '1968 neigt dazu, den politischen Einfluß Naumanns und des »Nationalsozialen Vereins« höher zu bewerten, als er tatsächlich war. Vgl. des weiteren W . CONZE, Friedrich Naumann. Grundlagen und Ansatz seiner Politik in der nationalsozialen Zeit (1895-1903), in: Schicksalswege deutscher Vergangenheit. Festschrift für S.A. Kaehler, Düsseldorf 1950, 355-387; DÜDING; HÜBINGER 148fr.; A. MIIATZ, Friedrich-NaumannBibliographie, Düsseldorf 1957; R. NÜRNBERGER, Imperialismus, Sozialismus und Christentum bei Friedrich Naumann, in: H Z 170, 1950, 528-548; POLLMANN 276ff. und THEINER, Sozialer Liberalismus.

45

Vgl. außer WEGNER zur Entwicklung der liberalen Parteien allg. J.J. SHEEHAN, Deutscher Liberalismus im postliberalen Zeitalter 1890-1914, in: G u G 4, 1978, 29-48; ID., Liberalismus 259ÍF. und NIPI>ERDEY 2, 52iff. mit weiterer Literatur.

474

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Barth stimmten darin überein, daß eine expansionistische Politik nicht mit einer repressiven Innen- und Außenpolitik einhergehen und die organisierte Arbeiterschaft ausgrenzen dürfe. Ein dynamischer Imperialismus müsse vielmehr mit sozialreformerischen Anliegen verbunden werden; einzig eine erfolgreiche Weltpolitik schaffe die materiellen Voraussetzungen zur Modernisierung und Demokratisierung des Staates. N u r wenn dieses Programm durchgesetzt werde, darin war man sich einig, könne der Liberalismus Regierungsverantwortung übernehmen und als gestaltende Kraft im Deutschen Reich fortbestehen 46 . Mit der Erstarkung der liberalen Parteien, so hoffte man, gehe die Entmachtung der vormodernen, feudalen Agrarier und des politischen Katholizismus, von »Junkertum und Kaplanokratie« in den Worten Mommsens 4 7 , einher. Parallel zu der außenpolitischen Umorientierung verlief die Neubewertung des Verhältnisses zur Sozialdemokratie. Nachdem Eduard Bernstein mit seiner programmatischen Schrift »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« von 1899 die revisionistische Linie seiner Partei definiert hatte, bemühten sich Barth und insbesondere Naumann um Kontakte zu der Arbeiterpartei und machten ein breites liberales Publikum mit den innerparteilichen Veränderungen und Richtungskämpfen in der Sozialdemokratie vertraut. Da ein überwältigender Wahlerfolg der liberalen Parteien nicht zu erwarten war, blieb zur Umsetzung der neuen Sozialpolitik in letzter Konsequenz nur eine Koalition mit den Sozialdemokraten, um die Rechtsparteien aus der Regierung zu verdrängen. Schon Ludwig Bamberger hatte angeblich noch kurz vor seinem Tode die Auffassung vertreten, es werde den Liberalen nichts anderes übrigbleiben, als sich mit den Sozialdemokraten zu verbünden 48 . Theodor Barth und Friedrich Naumann hielten gerade mit Blick auf die Kontroversen um die Wirtschafts- und Zollpolitik des Deutschen Reiches eine »Aktionsgemeinschaft von Sozialdemokratie und linkem Liberalismus« fur wünschenswert 49 . Den theoretischen Überlegungen über ein gemeinsames Vorgehen folgten wenig später die Versuche, Sozialdemokraten und Liberale in Stichwahlabkommen miteinander zu verbinden 50 . V o r diesem Hintergrund ist Mommsens Artikel »Was uns noch retten kann« zu sehen. Eine Episode aus dem Jahr 1899 weist, so will es scheinen, auf seine 46

V g l . WEGNER 68ff.

47

TH. MOMMSEN, »Was uns noch retten kann«, in: Die Nation, 20. Jg., Nr. 11,13. Dezem-

48

Vgl. BRENTANO 207 und W . KELCH, Ludwig Bamberger als Politiker, Diss. Jena 1933, 8ofF. Zurückhaltend beurteilt dieses Zitat WEBER, Bamberger 274f.

49

Vgl. DÜDING i6zf. Z u m »Sozialismus der Gebildeten« vgl. überdies BRUCH, Gelehrtenpolitik 157fr. u. I75ÍF.

50

Vgl. SHEEHAN, Liberalismus 3izff. sowie L. ELM, Zwischen Fortschritt und Reaktion. Geschichte der Parteien der liberalen Bourgeoisie in Deutschland 1893-1918, Berlin (Ost) 1968, io8ff. und THEINER, Sozialer Liberalismus 129ÍT.

ber 1902, 163.

»Was uns noch retten kann«

475

bereits veränderte Beurteilung der Arbeiterbewegung. Damals hatte die Wiener »Arbeiter-Zeitung«, das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, in ihrer Ausgabe vom 7. Mai unter dem Titel »Die einsichtslose Regierung« ein Zitat aus dem dritten Band der »Römischen Geschichte« zum Abdruck gebracht, in dem es unter anderem hieß, »wenn eine Regierung nicht regieren kann, hört sie auf, legitim zu sein, und es hat wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen. Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die Männer sich finden, die die von dieser Regierung selbst geschmiedeten Waffen gegen sie schwingen und aus der sittlichen Empörung der Tüchtigen und dem Notstand der vielen die in solchem Falle legitime Revolution heraufbeschwören können und wollen« 51 . Doch kam es nicht zur Veröffentlichung des Abschnittes aus Mommsens Werk, da der Staatsanwalt einschritt und das Zitat »zur Gänze« konfiszierte. Er erkannte hierin »eine Aufreizung zum Haß und zur Verachtung« 51 . Durch Vermittlung eines Wiener Gelehrten erhielt Mommsen die einschlägige Nummer der Arbeiter-Zeitung und antwortete umgehend. In seinem Brief vom 24. Mai versprach er, das »interessante Dokument« unter seinen Memorabilien aufbewahren zu wollen. »Erinnert hat es mich an das Goethesche Epigramm: >Eines wird mich verdrießen für meine lieben Gedichtchen: / Wenn sie die Wiener Zensur durch ihr Verbot nicht bekränztNarren< doch das letzte Wort bleiben würde« 137 . Die versöhnlichen Zeilen, die Mommsen in der »Independent Review« am 1. Oktober 1903 veröffentlicht hatte, dürfen mit gutem Recht als sein politisches Vermächtnis angesehen werden, das jedoch angesichts der weltpolitischen Ambitionen und der aggressiven Flottenpolitik des Wilhelminischen Reiches schon zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung anachronistisch war.

6. Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik a) Harnack und der Evangelisch-Soziale Kongreß Ein englischer Rezensent der Biographie, die Agnes von Zahn-Harnack über ihren Vater verfaßte, legte Wert auf die Feststellung, daß der große deutsche Theologe nie die »sympathy with the humble, hard-working classes« verloren habe, »which made him, though no Socialist, so active in the cause of social reform« 1 . Das politisch-soziale Engagement Harnacks soll im folgenden vor

136

StBB-PK, N L Mommsen: Brentano, Bl. 4 8f.

137

Mommsen an Brentano am 15. Oktober 1903 (BÄK, N L Brentano, Ν 1001/41, Bl. 47).

'

Die Besprechung erschien unter dem Titel »Patriotism and Pacifism«, in: Times Literary Supplement Nr. 1794, 27. Juni 1936, 532.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

519

dem Hintergrund seiner Mitgliedschaft und Tätigkeit im Evangelisch-Sozialen Kongreß 2 beschrieben werden, der neben dem bereits erwähnten »Verein für Sozialpolitik« einen herausragenden Platz unter den zahlreichen bildungsbürgerlichen Vereinen und Gruppierungen einnimmt, die die Wilhelminische E p o c h e charakterisierten 3 . A m 28. und 29. M a i 1890, gut zwei M o n a t e nach der Demissionierung O t t o v o n Bismarcks und vier M o n a t e vor A u f h e b u n g des von dem Reichskanzler initiierten Sozialistengesetzes durch den Reichstag, wurde in Berlin der Evangelisch-Soziale Kongreß aus der T a u f e gehoben. Es sollten, wie es in der Einladung hieß, alle politischen und kirchlichen Parteien, »welche auf staatserhalten-

1

An neuerer Literatur zu dem Evangelisch-Sozialen Kongreß sei genannt: R. ALDENHOFF, Max Weber und der Evangelisch-soziale Kongreß, in: W.J. Mommsen u. W . Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen u Zürich 1988, 285-295; G. BRAKELMANN, Kirche, soziale Frage und Sozialismus, Bd. 1: Kirchenleitungen und Synoden über soziale Frage und Sozialismus 1871-1914, Gütersloh 1977; V. DREHSEN, »Evangelischer Glaube, brüderliche Wohlfahrt und wahre Bildung«. Der Evangelischsoziale Kongreß als sozialethisches und praktisch-theologisches Forum des Kulturprotestantismus im Wilhelminischen Kaiserreich (1890-1914), in: MÜLLER, Kulturprotestantismus 1 9 0 - 2 2 9 ; HUBER I V , 865FR.; HOBINGER i6ff.;

F . KARRF.NBERC, G e s c h i c h t e

der sozialen Ideen im deutschen Protestantismus, in: id., W. Gottschalch, F.J. Stegmann, Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland, hrsg. v. H. Grebing, München u. Wien 1969, 56iff.; KouRi; KRETSCHMAR; H. LIEBERSOHN, Religion and Industrial Society. The Protestant Social Congress in Wilhelmine Germany, Philadelphia 1986; NII'PF.RDEY I, 496fr.; POLLMANN 107FR. und pass.; ID., Evangelisch-sozialer Kongreß, in: T R E 10, 1982, 645-650; M . SCHICK, Kulturprotestantismus und soziale Frage, Tübingen 1970; E. THIER, Die Kirche und die soziale Frage. Von Wichern bis Friedrich Naumann, Gütersloh 1950; W.R. WARD, Theology, Sociology and Politics. The German Protestant Social Conscience, 1890-1933, Bern 1979 und WEHLER, D G 3, H76FF. Vgl. darüber hinaus Κ. TENFELDE U. G.A. RITTER (Hrsgg.), Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1863-1914, Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 8, Bonn 1981, 422-425. Z u Harnacks Tätigkeit im Evangelisch-Sozialen Kongreß vgl. überdies den mit Auszügen aus Harnacks einschlägigen Schriften versehenen Nachruf von J . HERZ (Hrsg.), Adolf v. Harnack und der evangelisch-soziale Kongreß, Göttingen 1930 (es handelt sich hierbei um einen Sonderdruck aus dem Gedächtnisheft der Vierteljahresschrift »Evangelisch-Sozial«, Folge 35, Nr. 3,1930, 97-128) sowie ZAHN-HARNACK 219fr. und 371fr. Verbindungen zwischen zeitgenössischen sozialpolitischen Fragen und kirchenhistorischen sowie theologischen Positionen Harnacks versucht CHR. BARTSCH, »Frühkatholizismus« als Kategorie historisch-kritischer Theologie. Eine methodologische und theologiegeschichtliche Untersuchung, Berlin 1980, 222fr. herauszuarbeiten. '

Vgl. hierzu auch B R U C H , Gelehrtenpolitik 2 6 4 f r . Z u dem breitgefächerten protestantischen Vereinswesen der Wilhelminischen Zeit vgl. jetzt HÜBINGER 52FF. sowie den kurzen F o r s c h u n g s ü b e r b l i c k v o n J . - C H R . KAISER, D e r V e r b a n d s p r o t e s t a n t i s m u s als Pro-

blem der neueren Forschung, in: Jahrbuch der historischen Forschung 1987, München 1988, 46-51.

J20

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

dem und kirchenfreundlichem Boden stehen«4, in der Absicht versammelt werden, um auf der Grundlage des Evangeliums die soziale Frage zu erörtern und Lösungsvorschläge aufzuzeigen. Die Initiative zur Gründung des Kongresses war von dem Berliner Hofprediger Adolf Stöcker5 ausgegangen, der bereits in den siebziger Jahren die chrisdich-soziale Bewegung begründet und in der Folgezeit maßgeblich geprägt hatte. Stöckers erklärtes Ziel bestand darin, den steigenden sozialdemokratischen Wahlerfolgen und der zunehmenden Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten entgegenzuwirken. Diesem Zweck sollte auch der Evangelisch-Soziale Kongreß dienen, dessen erste Zusammenkunft in Berlin Stöcker und seine Mitstreiter kontrollierten, nämlich Hermann Wilhelm Kropatscheck, der Redakteur der konservativen »Kreuzzeitung«, Adolph Wagner, der Berliner Volkswirtschaftler und fuhrende »Kathedersozialist« im »Verein fur Sozialpolitik«, sowie Pfarrer Ludwig Weber, der als enger Vertrauter Stöckers maßgeblich am Aufbau des Gesamtverbandes evangelischer Arbeitervereine beteiligt war. Nur Stöckers Ausdauer und geschickter Verhandlungsfuhrung in der Vorbereitungsphase war es zu verdanken, daß auf der Eröffnungsveranstaltung zahlreiche Vertreter unterschiedlicher theologischer und kirchenpolitischer Strömungen zusammenkamen. Auch der liberale Theologe Adolf Harnack war eingeladen worden, dessen Berufung an die Berliner Universität zwei Jahre zuvor gegen den Widerstand des Evangelischen Oberkirchenrates und der kirchlichen Rechten erfolgt war. Harnack hatte sich in den achtziger Jahren sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen vor allem durch seine Kontakte zu einem Kreis von Theologen geöffnet, die durch Albert Ritsehl beeinflußt waren und die sich um die Zeitschrift »Christliche Welt« gruppierten, die 1886 von Martin Rade gegründet worden war 6 . Gleichwohl zeigte sich Harnack dem Anliegen des Evangelisch-

4

Zitiert nach ZAHN-HARNACK 219. Vgl. HUBER/HUBER III, NR. 310, S. 710.

5

Z u diesem vgl. neben der auf Grund der zitierten Quellen noch immer wichtigen Darstellung von D. VON OERTZEN, Adolf Stöcker, 2 Bde., Berlin 1910 C1911) und der idealisierenden, kritischen Ansprüchen nicht genügenden Biographie von W . FRANK, Hofprediger Adolf Stoecker und die christlich-soziale Bewegung, Hamburg ^935 die in Anm. 164 auf Seite 360 genannte Literatur sowie G . BRAKEI.MANN; M . GRESCHAT; W . JOCHMANN, Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stöckers, Hamburg 1982.

6

Vgl. ZAHN-HARNACK 217. Z u dem Kreis vgl. W . BAUMERT, Die »Christliche Welt« und die Nationalsozialen, Diss. Münster 1956; HÜBINGER 132ÌF.; J . RATH JE, Die Welt des freien Protestantismus. Ein Beitrag zur deutsch-evangelischen Geistesgeschichte. Dargestellt an Leben und Werk von Martin Rade, Stuttgart 1952; R. SCHMIDT-ROST, Die Christliche Welt. Eine publizistische Gestalt des Kulturprotestantismus, in: MÜLLER, Kulturprotestantismus 245-257 und W . R . WARD, Max Weber und die Schule Albert Ritschis, in: W.J. Mommsen u. W. Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen und Zürich 1988, 296-312 mit weiterer Literatur.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

521

Sozialen Kongresses zunächst keineswegs aufgeschlossen und formulierte in den »Preußischen Jahrbüchern« seine prinzipiellen Vorbehalte 7 . Zwar begrüßte er, daß der Kongreß in sachkundiger Weise über die soziale Frage informieren und grundsätzlich erörtern werde, ob die Kirche überhaupt an der Lösung sozialer Probleme beteiligt werden könne, aber zugleich erklärte er kategorisch, das Christentum habe kein »spezifisches Sozialprogramm«. Die evangelische Kirche sei nichts anderes als »die Hüterin des Evangeliums«, und »das Christentum für irgend ein politisches Parteiprogramm in Beschlag nehmen«, heiße, »es mit der Selbstsucht und Sünde belasten, an der es bei keiner Partei fehlt« 8 . Deshalb werde sich ein Evangelisch-Sozialer Kongreß unterrichten lassen »über die Arbeiterschutz-Gesetzgebung, die Lohnfrage, die Arbeitszeit, die Wohnungsfrage usw.; aber er ist nicht berufen, hier als Kongreß Ratschläge zu erteilen und Forderungen zu stellen«. In die sozialpolitische Verantwortung nahm er »das freie Vereinswesen auf dem Boden christlicher Gesinnung«, das getragen werden müsse »von dem Ansehen und der Verantwortung der ganzen Gemeinde, die reich und arm, hoch und niedrig umschließt, und in der Bedürftige und Helfer einander gleich stehen« 9 . Harnack erteilte damit den Plänen der konservativen Kreise um Stöcker eine klare Absage, mit dem Kongreß eine kirchliche Agitationszentrale gegen die Sozialdemokratie zu etablieren. Hierzu fugt sich seine deutliche Distanzierung von den antisemitischen Umtrieben Stöckers, der in seinem Referat auf dem Eröffnungskongreß eine aberwitzige Verbindung zwischen dem »Judentum« und dem »Internationalismus« der »vaterlandslosen« Sozialdemokraten konstruiert hatte 10 . Es sei »ein trauriger Skandal«, schrieb Harnack, daß der Antisemitismus »auf die Fahnen des evangelischen Christentums« geschrieben werde. »Die, welche das getan haben, haben freilich immer nationale und wirtschaftliche Interessen mithinein gezogen, weil sie als Christen hätten schamrot werden müssen, wenn sie einfach im Namen des Christentums die Parole des Antisemitismus ausgegeben und das Evangelium in einen neuen Islam verwandelt hätten«". Da die kirchlichen Liberalen des Deutschen Protestantenvereins auf dem Eröffnungskongreß nicht vertreten waren, konnten nur Persönlichkeiten wie

7

A. HARNACK, Der Evangelisch-sociale Kongreß zu Berlin, in: Preußische Jahrbücher 65, 1890, 566-576; zitiert nach ID., Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904, 327-343 (SMEND 480).

8

'

HARNACK, Reden und Aufsätze 2, 332F. E b d . 337fr. V g l . zur Zielsetzung des Artikels auch ZAHN-HARNAC:K 219: »Harnack veröffentlichte, um gar keinen Zweifel darüber zu lassen, unter welchen Bedingungen er in diesen Kreis eintrat, vorher in den Preußischen Jahrbüchern einen Aufsatz «.

10

POLLMANN

"

HARNACK, Reden und Aufsätze 2, 34of.

116.

522

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Adolf Harnack, die kirchenpolitisch, theologisch und parteipolitisch nicht dem konservativen und kirchlich-positiven Kreis um Stöcker angehörten, das liberale, kulturprotestantische Bürgertum fur den Evangelisch-Sozialen Kongreß gewinnen. Harnack jedoch verschloß sich den politisch-agitatorischen Zielen Stöckers, der die Arbeiterschaft politisch beeinflussen wollte. Er knüpfte seine Mitarbeit an die Anerkennung seiner programmatischen Entwürfe, die er in den folgenden Jahren erfolgreich verteidigte. Zunächst wurde seine Konzeption des Kongresses als eines sozialpolitische, ökonomische und religiöse Fragen erörternden Forums verwirklicht. Als Ziel definierte bereits die zweite Versammlung des Kongresses im Mai 1891 gegen Stöckers Widerstand, »die sozialen Zustände unseres Volkes vorurtheilslos zu untersuchen, sie an dem Maßstab der sittlichen und religiösen Forderungen des Evangeliums zu messen und diese selbst für das heutige Wirtschaftsleben fruchtbarer und wirksamer zu machen als bisher« 12 . In ausfuhrlichen Referaten wurden auf den folgenden Versammlungen gesellschaftspolitische und sozialethische Themen erörtert, aber auch die Theologen in Seminarveranstaltungen mit den Grundlagen der Nationalökonomie vertraut gemacht. Zugleich gelang es Harnack, den Kongreß in der Folgezeit von antisemitischen Ausfällen frei zu halten. Er ließ darüber hinaus keinen Zweifel daran, daß die brennenden sozialen Probleme der Zeit nur durch die Fortentwicklung der bürgerlichen - und dies hieß für Harnack: protestantischen — Gesellschaft gelöst werden konnten 13 . Dies implizierte die inhaltliche Kritik an einer kirchenfeindlichen und die bestehende staatliche Ordnung in Frage stellenden Sozialdemokratie 14 , mit der Harnack zum ersten Mal während der siebziger Jahre in Berührung gekommen war, als er in Leipzig an einer sozialdemokratischen Massenversammlung teilnahm: »Steine statt Brot - das war sein Eindruck, und Versäumnis und Verschuldung der evangelischen Chri-

11

Vgl. Bericht über die Verhandlungen des 2. Evangelisch-Sozialen Kongresses abgehalten zu Berlin am 28. und 29. Mai 1891, Berlin 1891,126 sowie HUBER/HUBER III, Nr. 311, S. 7iof.

13

Vgl. A. HARNACK, Zur Debatte über Schmollers Vortrag »Was verstehen wir unter dem Mittelstande?«, in: Verhandlungen des 8. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1897, 164166 (SMEND 666): »Je breiter der Mittelstand, desto gesunder ist das Volksleben materiell und geistig; aber auch die Kirche bedarf einer bürgerlichen Organisation, nicht durch Verfassungsparagraphen, sondern durch den Geist, in dem sie geleitet wird und durch die Art, wie sie berechtigten Bedürfnissen entgegenkommt, im Gegensatz zu einem, sei es politischem, sei es kirchlichen Aristokratismus«.

14

Vgl. hierzu etwa A. HARNACK, Die evangelisch-soziale Aufgabe im Licht der Geschichte der Kirche, in: Bericht über die Verhandlungen des 5. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1894, 136-137 (SMEND 582); zitiert nach A. HARNACK, Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904, 25-76, bes. 74.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

523

sten fielen ihm angesichts dieser verhetzten Zuhörerschaft schwer auf das Gewissen« 15 . Der Evangelisch-Soziale Kongreß vereinte in den ersten Jahren seines Bestehens unterschiedliche politische und theologische Strömungen des deutschen Protestantismus und vertrat auf Grund der kontroversen Beurteilung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse in der sozialpolitischen Diskussion - notwendigerweise - nur minimalistische Positionen, wie etwa die Aussage, daß der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft nicht als die einzig denkbare, vom Evangelium legitimierte soziale Ordnung zu verstehen sei. Dennoch konnte der Kongreß zunächst die divergierenden Richtungen unter seinem Dach zusammenhalten. Selbst der Streit um das Apostolikum im Jahr 1892 16 stellte die Kooperation nicht grundsätzlich in Frage, obwohl Harnacks moderne und kritische Theologie von nicht wenigen konservativen und kirchlich-positiven Mitgliedern scharf kritisiert und grundsätzlich abgelehnt wurde. Nach Harnacks Vortrag auf der Frankfurter Tagung des Kongresses von 1894 über »Die evangelisch-soziale Aufgabe im Lichte der Geschichte der Kirche« 17 kam es zu heftigen Angriffen gegen den Redner, die darin kulminierten, daß ein Teilnehmer verlangte, Harnack solle öffentlich »Kirchenbuße« tun. N u r der energischen Intervention seines erbitterten theologischen Gegners, Adolf Stöckers, war es zu verdanken, daß diese Forderung eines hessischen Landgeistlichen abgewiesen wurde 18 . Die theologisch-weltanschaulichen Differenzen der Mitglieder zerstörten jedoch allmählich den integrierenden sozialpolitischen Konsens, zumal auch auf dem Gebiet der praktischen Gesellschaftspolitik im Laufe der Zeit unterschiedliche Konzeptionen verfolgt wurden. Innerhalb der von Stöcker gegründeten christlich-sozialen Bewegung fand seit Beginn der neunziger Jahre eine Gruppe junger Theologen zusammen, die sich in den evangelischen Arbeitervereinen und dem Evangelisch-Sozialen Kongreß engagierten und an deren Spitze Friedrich Naumann stand. In bewußter Abgrenzung zu dem nationalistisch überhöhten, militanten Antisozialismus und dem nicht minder militanten Antisemitismus Stöckerscher Prägung verstanden sich diese »jüngeren« Christlich-Sozialen als intellektuelle und theoretische Vordenker einer protestantischen Gesellschaftsreform, die ihre Kirche gegenüber dem Emanzipationsanspruch der Arbeiterschaft öffnen wollte, um damit letztlich auch deren Rechristianisierung zu beschleunigen. Man lehnte es ab, die Sozialdemokratie weiterhin aus sozialkonservativen und obrigkeitsstaatlichen Beweggründen zu

15

ZAHN-HARNACK Z16.

,e

Vgl. S. jof.

17

V g l . SMKND 582.

18

KRKTSCHMAR 2 4 f . ; v g l . ü b e r d i e s ZAHN-HAKNACK 2 2 2 .

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

bekämpfen, sondern forderte, die evangelische Kirche müsse sich mit den zentralen Inhalten der von Naumann als »erste große evangelische Häresie« 19 apostrophierten Sozialdemokratie kritisch und produktiv auseinandersetzen, so daß letztlich ein sozialreformerischer, quasi »geläuterter« Protestantismus das Erbe der Sozialdemokratie antreten könne. An die Stelle der Repression der Arbeiterbewegung sollte ein gemeinsames Bemühen um die Lösung sozialer Probleme der sprunghaft anwachsenden Industriearbeiterschaft treten. Da jedoch die Widerstände innerhalb der kirchlichen Behörden wuchsen und konservative Kreise eine gegen ihn gerichtete DifFamierungskampagne starteten, gab Naumann seine innerkirchlichen Reformanstrengungen auf und gründete 1896 den Nationalsozialen Verein 20 . Die sozialpolitischen Richtungskämpfe vertieften die Kluft zwischen »jüngeren« und »älteren« Christlich-Sozialen und führten ebenfalls in den Versammlungen des Evangelisch-Sozialen Kongresses zu schrillen Dissonanzen. Die »älteren« Christlich-Sozialen stritten erbittert gegen die politische Emanzipation der organisierten Arbeiterschaft, die sie nur als »Gegenstand kirchlicher Mission« 11 wahrnahmen, und sahen weiterhin in der Agitation gegen die Sozialdemokratie ihr Hauptanliegen 12 . Unter der Führung des noch immer populären Hofpredigers 23 verließen sie schließlich 1896 den Evangelisch-Sozialen Kongreß und schlossen sich im folgenden Jahr in der »Kirchlich-Sozialen Konferenz« zusammen. Vorausgegangen war dem Auszug der Stöckerfraktion die Weisung

19

So in einem Vortrag, den er 1893 auf der vierten Tagung des Evangelisch-Sozialen Kongresses in Berlin hielt.

20

Vgl. hierzu DÜDING (bes. 22ff. zur Vorgeschichte des Nationalsozialen Vereins im Rahmen des Evangelisch-Sozialen Kongresses); HOBINGER 149fr.; POLLMANN 158fr.; 252fr.; 276fr. und pass.; THEINF.R, Sozialer Liberalismus sowie oben S. 472F.

11

O. BAUMGARTEN, Meine Lebensgeschichte, Tübingen 1929, 217.

"

V g l . P O L L M A N N IO9F. u n d n 6 f f .

Für die Popularität Stöckers und »seiner« christlich-sozialen Bewegung ist die Begeisterung symptomatisch, die er bei Ludwig Curtius ( C U R T I U S 135fr.) und Otto Oibelius (O. DIBELIUS, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erinnerungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, 34Í.) hervorrief; vgl. des weiteren TH. FON TANE, Der Stechlin. Hrsg. v. W . Keitel u. H. Nürnberger, München 1987, 30: In einem Gespräch wendet sich von Rex mit folgenden Worten an Pastor Lorenzen: »Sie stehen in der christlichsozialen Bewegung. Aber nehmen Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht Sein Feld ist nicht einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt. Stöckers Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß das Schaffen im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein müsse«. Darauf bemerkt Lorenzen: »Ich glaube , daß Sie den Vater der Berliner Bewegung« sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem Siegeszeichen«.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

5^-5

des Evangelischen Oberkirchenrates der altpreußischen Landeskirche, die Pfarrer hätten sich auf ihren Beruf als Seelsorger im engeren Sinne zu beschränken; wenig später erklärte Wilhelm II., »politische Pastoren« seien ein »Unding« und »christ-sozial« sei »Unsinn« 14 . Die Nationalsozialen um Friedrich Naumann, Max Weber und Rudolph Sohm blieben im Gegensatz zu den »älteren« Christlich-Sozialen ein wichtiger Teil des Evangelisch-Sozialen Kongresses und prägten die weiteren theologischen, politischen und nationalökonomischen Diskussionen auf den Tagungen. Doch auch die »jüngere« Generation konnte die soziale Basis des Kongresses nicht verbreitern; er blieb im Kaiserreich exklusiv bildungsbürgerlich. Neben zahlreichen Pfarrern, Kandidaten und Theologiestudenten war eine Reihe von Hochschultheologen vertreten, zu denen höhere Beamte und Professoren anderer Fakultäten hinzukamen wie etwa der Militärhistoriker Hans Delbrück, der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Gustav Schmoller und der Nationalökonom Adolph Wagner 25 . Diese Zusammensetzung und die enge Kooperation zwischen Universitätstheologie und Sozialwissenschaften trugen entscheidend dazu bei, daß die Verlautbarungen und Programme des Kongresses breite Resonanz in der Öffentlichkeit und in der Verwaltungsbürokratie fanden. Die Programmatik der »jüngeren« Christlich-Sozialen unter Friedrich Naumanns Führung war indes alles andere als in sich schlüssig. »Sie oszillierte eigentümlich zwischen stürmischem Reformeifer und gleichzeitigem Festhalten an patriarchalischen Ordnungsvorstellungen. Naumann bekämpfte den Quietismus der kirchlichen Institutionen und appellierte an das soziale Gewissen von Besitz und Bildung, ohne doch aufzeigen zu können, wie sich ein Sozialismus christlicher Prägung denn institutionell verkörpern und mit den Realitäten einer industriellen Gesellschaft vermitteln lassen sollte« 16 . Wie verhielt sich nun Harnack zu dem »irritierenden Nebeneinander von Reformeifer und Traditionalismus« 27 des Naumannkreises in der christlich-sozialen Bewegung und vor allem im Evangelisch-Sozialen Kongress? Es war bereits daraufhingewiesen worden, daß sich Harnack, der ungeachtet der politischen und theologischen Differenzen auf Stöckers Initiative hin als Repräsentant der freien theologischen Schule fur den Kongreß gewonnen worden war, gleich anfangs von der sozialkonservativ-patriarchalischen Politik der »älteren« Christlich-Sozialen distanzierte. Harnack dürfte sich vielmehr in UberM

Vgl. hierzu ausführlich POLLMANN 189-266.

15

Vgl. BRUCH, Gelehrtenpolitik 267^; 10., Gesellschaftliche Funktionen i62f. und ID.,

16

Ρ. THEINER, Friedrich Naumann und Max Weber. Stationen einer politischen Partner-

Kaiserreich iooff. sowie POLLMANN 118. schaft, in: W.J. Mommsen u. W. Schwentker (Hrsgg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Göttingen u. Zürich 1988, 419-447, Zitat 422. 17

Ebd.

526

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

einstimmung mit der programmatischen Erklärung des ausgleichenden, »eher gouvernemental-konservativen«28 Landesökonomierates Moritz August Nobbe gewußt haben, der als erster Präsident des Kongresses in einer 1897 publizierten kleinen Schrift 19 die soziale Verantwortung der evangelischen Kirche herausstellte, die Sozialdemokratie in Abgrenzung zur offiziellen Regierungsdoktrin als »natürliche Folgeerscheinung schwerer gesamtwirtschaftlicher, gesellschaftlicher und sittlich-religiöser Entwicklungsschäden« begriff und sich gegen die polizeiliche und gesetzliche Repression dieser Bewegung aussprach, da das »auf erhöhte Selbständigkeit sowie auf Hebung der wirtschaftlichen und sozialen Lage gerichtete Streben der auf abhängige Arbeitsleistung angewiesenen Klassen ein im Princip gesundes und - soweit es den Boden des Gesetzes festhält - ebenso berechtigtes ist«. Der einstige freikonservative Reichstagsabgeordnete hatte damit in seiner Funktion als Vorsitzender des Kongresses die emanzipatorischen Bestrebungen der Sozialdemokratie sanktioniert und sich mithin eine Position zu eigen gemacht, die sowohl dem Linksliberalismus nahestehende Kongreßteilnehmer als auch Vertreter der kritischen Theologie schon auf den ersten Zusammenkünften propagierten30. Harnack wiederum hatte bereits 1894 in seinem kontroversen Vortrag über die »Evangelisch-Soziale Aufgabe« von der neutestamentlichen Forderung der Nächstenliebe die soziale Verantwortung der Kirche abgeleitet und festgestellt, daß »zu dem quietistischen und dem radikalen Element« des Christentums »das soziale treibende« trete, »denn nirgend steht im Evangelium, daß unser Verhältnis zu den Brüdern durch die heilige Indifferenz bestimmt werden soll«. Wo immer der »Nächste« in Sicht komme, da wisse das Evangelium »nichts von jener Indifferenz, sondern predigt nur Liebe und Barmherzigkeit«. Obwohl die christliche Religion nicht dazu geschaffen sei, »wirtschaftliche Entwicklungen zu dirigieren«, und es nicht ihre Aufgabe sei, die soziale Frage zu lösen, so müsse der evangelische Christ sich aufmachen, »zu untersuchen, zu forschen und zu lernen, wie der soziale Körper zusammengesetzt ist, welche Leiden unvermeidlich sind und welche durch Opfersinn und Tatkraft geheilt werden können«. Drei Aufgaben seien seiner Generation aufgegeben: »Den evangelischen Glauben zu bewahren, der Not unserer Mitbrüder nach Kräften zu steuern und unsere Bildung und Kultur zu beschützen«3'. Kategorisch forderte er, die Kirche müsse den 18

KOURI 118.

19

M A . NOUBE, Der evangelisch-soziale Kongreß und seine Kritiker, Göttingen 1897; zum folgenden vgl. ebd. 2if. (Hervorhebungen im Original).

30

V g l . POLLMANN 113fr.

31

A. HARNACK, Die evangelisch-soziale Aufgabe im Licht der Geschichte der Kirche, in: Bericht über die Verhandlungen des 5. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1894, 136-137 (SMEND 582); zitiert nachA. HARNACK, Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904,25-76, hier:

34! 7jf-

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

527

Verdacht abwehren, ein Werkzeug des »Klassenstaats« zu sein 31 . Im Vertrauen auf die Evolution der bürgerlichen Gesellschaft warnte er zunächst noch vor dem gefährlichen »Liebäugeln mit der Sozialdemokratie«, »solange ihre Führer und ihre Zeitungen ein Leben ohne Religion, ohne Pflichten und Opfer, ohne Resignation lehren«33. Es ist offenkundig, daß Harnack mit seinen Bemerkungen zur Arbeiterbewegung auch auf die Angriffe konservativer, regierungsnaher Zeitungen antworten wollte, die einzelne Thesen Max Webers und Paul Göhres zur sozialen und wirtschaftlichen Situation der Landarbeiter zum Anlaß nahmen, den Kongreß als linkes Agitationsforum gegen die agrarischen Herrschaftsund Besitzverhältnisse zu diffamieren 34 . So betonte er, daß auf der Grundlage des Evangeliums und nach sozialwissenschaftlichen Grundsätzen im Rahmen des bestehenden politischen Systems eine Sozialreform notwendig sei. Nachdem Stöckers Einfluß beschnitten worden war, erblickte Harnack nun nicht mehr in der vom ihm energisch geforderten volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Informationsvermittlung die alleinige Aufgabe des Kongresses. Die Kirche sollte sich auf der Grundlage profunder Kenntnisse auch kompetent »zu sittlichen Mißständen« und »wirtschaftlichen Zuständen« äußern, »die den Betroffenen den inneren Zugang zu Gott hemmen, weil sie ihn verbittern, entwürdigen und kraftlos machen« 35 . Die Verbindung von sozialem Engagement und kritischer Theologie bedingte, daß sich Harnack seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt mit den sozialpolitischen Überlegungen und Argumentationen auseinandersetzte, die von Otto Baumgarten 36 , Paul Göhre, Martin Rade 3 7 , Hermann von Soden 38 und Max Weber vorgetragen wurden. Angesichts der zunehmenden politischen Differenzierung und Fragmentarisierung

V g l . POLLMANN 1 1 3 .

"

A. HARNACK, Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904, 74.

54

V g l . POLLMANN 119fr.

35

ZAHN-HARNACK

220.

Otto Baumgarten (1858-1934) war Professor für Praktische Theologie in Jena und Kiel (1894-1926) und von 1912 bis 1921 Vorsitzender des Evangelisch-Sozialen Kongresses; zu ihm vgl. H. VON BASSI, Otto Baumgarten. Ein »moderner Theologe« im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Frankfurt a.M. u.a. 1988. '7

Martin Rade (1857-1940), der Begründer und Herausgeber der Zeitschrift »Christliche Welt«, war der Schwager Friedrich Naumanns; in den 90er Jahren Prediger an der Paulskirche in Frankfurt a.M. wurde er 1904 ordentlicher Professor fiir Systematische Theologie in Marburg.

,8

Der Neutestamentier Hermann von Soden (1852-1914), seit Ende der achtziger Jahre Prediger und Privatdozent in Berlin, wurde 1893 außerordentlicher und 1913 ordentlicher Professor an der Berliner Universität; er war Anfang der neunziger Jahre zusammen mit Harnack führend an der Bewegung gegen den Agendenentwurf des Evangelischen Oberkirchenrats beteiligt, der die traditionelle Gottesdienstordnung festschreiben sollte.

528

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

des Protestantismus in den Jahren vor der Jahrhundertwende sprach sich Harnack immer deutlicher fur politische Zielvorstellungen des linken Liberalismus aus, wie im folgenden exemplarisch an seiner veränderten Beurteilung der Sozialdemokratie und an seinen bildungspolitischen Konzeptionen gezeigt werden soll. Schon 1895 hatte Harnack zu denen gezählt, die mit ihrer Unterschrift gegen die sogenannte Umsturzvorlage protestierten 39 , d.h. gegen ein Gesetzesvorhaben, das die Strafen für politische Delikte verschärfen wollte. Hier wird man neben der prinzipiellen Kritik an der Bedrohung der freien Meinungsäußerung durch den Staat auch die Befürchtung, ein entsprechendes Gesetz könne den Vertretern der christlich-sozialen Bewegung schaden 40 , als Motiv des Harnackschen Einspruches ausmachen. Ebensowenig wie die freikonservativen, nationaloder linksliberalen Resolutionen gegen die Umsturzvorlage kann Harnacks Intervention als Votum fur die Sozialdemokratie verstanden werden. Noch in seiner Eröffnungsrede auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß von 1910 in Chemnitz stellte er klar, daß es in weltanschaulichen und staatstheoretischen Belangen keine Berührungen mit der Sozialdemokratie gebe, da sie nach wie vor das Evangelium und den Staat, »der uns das Vaterland selbst bedeutet« 41 , ablehne. Dennoch beobachtete er die innerparteilichen Veränderungen der Sozialdemokratie und ihre Wahlerfolge mit aufmerksamem Interesse. Allmählich gelangte er zu der Auffassung, daß die sozialdemokratische Partei, je größer sie werde und je mehr Verantwortung ihr dadurch aufgezwungen werde, »desto ungefährlicher wird sie werden, weil sie in immer höherem Maße mitarbeiten muß. Mitarbeiten aber heißt, sich auf den Boden des Gegebenen stellen. Der Kampf, in welchem wir hier stehen, ist also nicht hoffnungslos. Wenn wir, die Gegner der Sozialdemokratie, treu und aufrichtig zum Werke sozialer Reformen stehen und uns nicht aus kurzsichtigem Eigennutz oder aus Ärger, weil wir keinen >Dank< finden, dazu verfuhren lassen, diese Fahne herabzuholen, so werden Staat und Gesellschaft trotz allem ihren sicheren Weg finden«42. Obgleich Harnack weiterhin an dem Grundsatz festhielt, mit der entwicklungsfähigen bürgerlichen Gesellschaft dürfe nicht gebrochen werden, und obwohl er als Theologe und evangelischer Christ den antireligiösen Materialismus der Sozialdemokratie kategorisch ablehnen mußte, verneinte er die repressive

39

Vgl. S. 397fr.

40

Vgl. hierzu POLLMANN iöoff.

41

Verhandlungen des 21. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1910, 143F. (SMEND 1028); zitiert nach A. HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben 1, Gießen 1911,182-187, hier: 185.

41

A. HARNACK, Konfession und Politik, in: Deutsche Wacht 4,1911,99-101 (SMFND 1059); zitiert nach A. HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben 1, Gießen 1911, 287-293, hier: 288.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

529

Ausgrenzung der Arbeiterbewegung und wies ihr sogar eine konstruktive parlamentarische Rolle bei der Lösung der sozialen Probleme zu. Damit hatte er eine Brücke zu den Vorstellungen derjenigen Linksliberalen geschlagen, die wie Lujo Brentano oder Friedrich Naumann einer Allianz zwischen der revisionistischen Sozialdemokratie und den bürgerlichen Linksparteien das Wort redeten und in einer Koalition der linken Mitte ihre wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen verwirklichen wollten 43 . Wir erinnern uns: Schon 1902 hatte Mommsen die Sozialdemokraten in die parlamentarische Verantwortung genommen und ein Bündnis der Linksliberalen mit der Arbeiterpartei eingefordert. Aber nicht parteipolitische, sondern sozialethische Überlegungen dürften Harnack veranlaßt haben, die emanzipatorischen Bemühungen der Arbeiterorganisationen anzuerkennen und rasche Fortschritt in der Sozialgesetzgebung anzumahnen 44 . So stellte er 1904 heraus, daß die, »welche sich innerhalb der Struktur unserer Gesellschaft und in den sozialen Kämpfen benachteiligt fühlen«, nicht nur nach Brot riefen: »Nein! Was sie in erster Linie begehren - mag es auch oft unklar und nicht sofort erkennbar sein, mag es sich hinter utopischen Forderungen verstecken - , das ist die Anerkennung ihrer sittlichen Würde und ihrer sittlich-sozialen Gleichberechtigung. Was ihnen unerträglich ist, das sind die Reste der Klassen- und Kastenordnung, die noch immer einen Zaun um sie zieht und ein freies, vertrauensvolles Verhältnis von Mensch zu Mensch erschwert und hindert« 45 . Bei dem Bergarbeiterstreik von 1905 trat er mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die fur die Interessen der Streikenden warb und in der es hieß: »Wir maßen uns nicht an über die einzelnen Streitpunkte zwischen den Grubenbesitzern und den Bergarbeitern ein Urteil abzugeben. Aber wir empfinden es als eine Herausforderung nicht nur des Arbeiterstandes, sondern des gesamten deutschen Volkes, daß die Grubenbesitzer das von der Regierung an sie gerichtete Ersuchen, mit den gewählten Vertrauensleuten der Bergarbeiterschaft über ihre Beschwerden und Wünsche zu verhandeln, abgelehnt haben. Die Arbeitgeber sind fest organisiert, den Arbeitern aber verweigert man das gleiche Recht« 46 . Neben der Notwendigkeit sozialpolitischer Reformen akzentuierte Harnack die emanzipatorische Bedeutung einer kulturprotestantisch definierten Bildung sowohl für die Arbeiterschaft als auch für die Frauen. Deshalb begrüßte er 1895 auf der Versammlung des Evangelisch-Sozialen Kongresses in Erfurt demon-

43

V g l . hierzu v.a. THEINER, Sozialer L i b e r a l i s m u s 129FR u n d 195FR.

44

So auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß in Darmstadt 1903, vgl. ZAHN-HARNACK 372f.

45

Zitiert nach KRETSCHMAR 86f. Vgl. auch Harnacks Aussagen zur Bedeutung des Evangelisch-Sozialen Kongresses ebd. i04f.

46

ZAHN-HARNACK

373.

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

53°

strativ die Rednerin Elisabeth Gnauck-Kühne, die einen Hauptvortrag hielt und um deren Auftritt es heftige Kontroversen gab47. In einem auf der Tagung in Dortmund 1902 gehaltenen Referat48 rechtfertigte er das »moderne Bildungsstreben« als hervorragendste soziale Erscheinung seiner Zeit und sprach sich für bildungspolitische Initiativen aus, die gezielt die Situation der Arbeiter und der Frauen49 verbessern sollten. »Das Ziel einer in friedlicher Arbeit und in gegenseitiger Anerkennung und Fürsorge geschlossenen Nation liegt, wie alle Ideale, hoch über uns. Aber es ist gewiß, daß wir uns von ihm nicht entfernen, sondern auf dem rechten Wege sind, wenn wir das Bildungsstreben überall fördern und neben der Sorge für die wirtschaftliche Hebung die ideale Seite, die doch in Wirklichkeit etwas höchst Reales ist, niemals aus dem Auge lassen«50. Harnack synthetisierte in seiner idealistischen kulturprotestantischen Bildungskonzeption bürgerliche Emanzipation, individuelle Freiheit und nationale Identität. Vermittler des Ideals war die protestantische Theologie, die Harnack als historische Kulturwissenschaft des Christentums verstand und die er als integrierende Leitwissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft definierte5'. Dabei verstand es sich von selbst, daß die deutsche Nationalkultur mit dem Protestantismus identifiziert wurde. In seiner weit verbreiteten und ungemein populären Schrift vom »Wesen des Christentums« fand Harnack deutliche Worte: »Es ist oftmals die Frage aufgeworfen worden, ob und in welchem Maße die Reformation ein Werk des deutschen Geistes gewesen ist. Ich vermag hier auf dieses komplizierte Problem nicht einzugehen; soviel scheint mir aber gewiß, daß zwar Luthers entscheidendes religiöses Erlebnis mit seiner Nationalität nicht zusammenzustellen ist, daß aber die Folgen, die er ihm gegeben hat, sowohl die positiven als die negativen, den deutschen Mann zeigen - den deutschen Mann und

47

48

49

S

°

Vgl. KRETSCHMAR 24Í und 89 sowie A . HARNACK, Der Evangelisch-Soziale Kongreß und die Frauen, in: Evangelisch-Sozial i, 1904, 164F. ( S M E N D 844). A. H A R N A C K , Die sittliche und soziale Bedeutung des modernen Bildungsstrebens, in: Verhandlungen des 13. Evangelisch-Sozialen Kongresses, 1902, 13-29 ( S M E N D 775a); zitiert nach A. HARNACK, Reden und Aufsätze 1, Gießen 1904, 77-106. In diesem Zusammenhang sei vermerkt, daß Harnack wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Generaldirektor der Königlichen Bibliothek im Jahre 1905 die ersten Hilfsarbeiterinnen einstellte und später die mittlere Bibliothekslaufbahn auch Frauen zugänglich machte, vgl. KALTENBORN, Harnack 203f. HARNACK,

Reden und Aufsätze 2, 96.

Vgl. F.W. G R A F , Rettung der Persönlichkeit. Protestantische Theologie als Kulturwissenschaft des Christentums, in: Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft, hrsg. v. R. v. Bruch et al., Stuttgart 1989, 103-131; HÜBINGER 173fr. und R. SCHÄFER, Adolf von Harnack - eine Symbolfigur des Kulturprotestantismus?, in: MÜLLER, Kulturprotestantismus 139-149.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

531

die deutsche Geschichte« 52 . Auch wenn Harnack einem politisch instrumentalisierten Antikatholizismus deutliche Absagen erteilte und - wie etwa im Fall Spahn - durchaus an konfessionsübergreifende Toleranz und gegenseitiges Verständnis appellierte 53 , stand er unbeirrbar zu dem protestantischen Bildungsideal, das er nicht nur durch das Zedlitzsche Schulgesetz von 1891 5 4 und andere politische Maßnahmen der Reichsregierung, sondern vor allem durch die Säkularisierung und Diversifizierung der Gesellschaft und durch den damit einhergehenden kulturellen Differenzierungsprozeß 55 bedroht sah. Heftig trat er Kritikern des Kulturprotestantismus entgegen und erklärte die Größe der deutschen Nation, Kultur und Wissenschaft sowie die wirtschaftliche Prosperität als Leistung deutscher Protestanten 56 . W i e die überwältigende Mehrzahl der protestantischen, liberalen Bildungsbürger seiner Generation setzte er Bildung und Protestantismus in eins; daraus folgte, daß wissenschaftlicher Fortschritt und werturteilsfreie Forschung allein durch den Protestantismus garantiert wurden. In dieser kulturhegemonialen protestantischen Deutung der deutschen

51

A. HARNACK, Wesen des Christentums, Leipzig 1908 (SMEND 944), 177. Vgl. hierzu auch Harnacks Artikel zum zehnjährigen Todestag Bismarcks, in welchem er den Reichskanzler als »größten Staatsmann und Held bezeichnete, der »mit seinen Wurzeln eingesenkt in die protestantische und klassisch-deutsche Kultur« das Erbe Luthers fortgesetzt und vollendet habe (zitiert unten S. 559f.). In seiner Abhandlung über »Martin Luther und die Grundlegung der Reformation« aus dem Jahr 1917 (SMKND 1249) heißt es, Luther sei »unter allen echten und großen Deutschen der echteste und größte« gewesen.

55

Harnacks diesbezügliche Appelle wurden jedoch von der Mehrzahl protestantischer Wissenschaftler keineswegs positiv aufgenommen, vgl. die Ablehnung, auf die seine Rede »Protestantismus und Katholizismus in Deutschland« von 1907 stieß (SMKND 915; zitiert nach A. HARNACK, AUS Wissenschaft und Leben i, Gießen 1911, 225-250) sowie BRUCH, Gelehrtenpolitik 390; ID., Historiker i28f. u. H . M . MOI.I.ER, Der reformkatholische Modernismus in protestantischer Sicht, in: MÜLLF.R, Kulturprotestantismus 294-310, bes. 298ff. Die Baronin Spitzemberg berichtet des weiteren von heftiger protestantischer Kritik an Harnacks im Jahr 1911 gehaltenem Vortrag über die »Geschichte des Papsttums«; ein Zuhörer unterstellte dem Gelehrten, ihm fehle schlichtweg der Mut, das Papsttum mit dem braven Martin Luther als Erfindung des Teufels zu apostrophieren (SPITZEMBERG 527).

S4

Vgl. S. 404 mit Anm. 23.

"

V g l . hierzu jetzt R . VOM BRUCH, F . W . GRAF U. G . HÜBINGER (Hrsgg.), K u l t u r u n d

Kulturwissenschaften um 1900. Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft, Stuttgart 1989. 56

A. HARNACK, Protestantische Kultur und Dr. Max Maurenbrecher, in: Christliche Welt 26, 1912, 2-8 (SMEND 1113); zitiert nach A. HARNACK, Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916, 212-226. Zu Harnacks kulturprotestantischer Sicht der römischkatholischen Kirche vgl. ebenfalls ZAHN-HARNACK 4o6ff.

532·

D e r Politische Professor u n d der G e l e h r t e n p o l i t i k e r

Geschichte, die den deutschen Nationalstaat als protestantischen Kulturstaat wahrnahm, verlief die nationale Kulturentwicklung von der Reformation über die Befreiungskriege von 1813 bis zur Reichsgründung 57 . Der liberale Theologe Harnack, der einerseits im Evangelisch-Sozialen Kongreß für sozialen Frieden durch innere Reformen und für die Emanzipation der Arbeiter und Frauen durch Bildung plädierte, benutzte andererseits dasselbe Forum, um den Monopolanspruch protestantischer Bildungs-, Gesellschafts- und Kulturideale gegen kritische Stimmen zu verteidigen' 8 . Das Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit der protestantisch-bürgerlichen Gesellschaft teilte Harnack mit zahlreichen Intellektuellen des Wilhelminischen Reiches, die dem kulturprotestantischen Milieu entstammten. Diesen Optimismus, der auf das Reformpotential des Bürgertums baute, hatte Mommsen bereits weitgehend verloren, als Harnack 1888 nach Berlin kam. Fremd dürfte ihm zunächst ebenfalls das evangelisch-soziale Engagement Harnacks gewesen sein, denn sozialpolitischen Fragestellungen öffnete sich Mommsen erst gegen Ende seines Lebens unter dem Einfluß von Lujo Brentano und Theodor Barth, die beide maßgeblich daran beteiligt waren, daß der politische Linksliberalismus sich kritisch und fundiert mit der sozialen Frage auseinandersetzte. Als wenig anziehend mußte Mommsen schließlich das politische Temperament und den Führungsstil Harnacks erachten, der — wie es seine Tochter Agnes von ZahnHarnack eindrucksvoll formulierte - ein Mann der Mitte und des Ausgleiches war 59 . Harnack zelebrierte gerade auch in dem Evangelisch-Sozialen Kongreß die Kunst, Konflikte zu vermeiden, divergierende Interessen zu verbinden und Harmonie zu fördern. Das oberste Ziel war das - kulturprotestantisch definierte - Gemeinwohl, das über egoistischen Klasseninteressen stand 60 . Bereits 1896 wählte er einen Kurs zwischen den extremen Positionen Stöckers und Naumanns und konnte so den Fortbestand des Kongresses retten 6 '. Nach Stöckers Aus-

57 58

V g l . hierzu ebenfalls LANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum i o j f . In seinem bereits erwähnten V o r t r a g über » D i e sittliche u n d soziale B e d e u t u n g des m o d e r n e n Bildungsstrebens« a u f d e m Evangelisch-Sozialen K o n g r e ß v o n 1 9 0 2 versuchte er bezeichnenderweise, seine emanzipatorische F o r d e r u n g nach breiter B i l d u n g m i t d e m »revisionistischen« Postulat (so zu R e c h t HOBINGER 1 8 2 ) einer geschlossenen W e l t a n s c h a u u n g auf der Basis protestantischer F r ö m m i g k e i t z u verbinden.

"

ZAHN-HARNACK 225F. u n d 37IF.

60

S o h o b er 1 9 0 4 darauf ab, Z i e l des Kongresses sei, »daß w i r auf der Seite derer stehen, die im G e g e n s a t z zu den Klassen-Interessen S i n n u n d S o r g e d e m sozialen G a n z e n z u w e n d e n u n d seine F ö r d e r u n g für die wichtigste A u f g a b e halten« (vgl. KRETSCHMAR 104).

61

V g l . ZAHN-HARNACK 2 2 4 .

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

533

scheiden 61 war Harnack die überragende, gestaltende, aber eben auch ausgleichende Persönlichkeit des Kongresses, so daß er folgerichtig 1902 zum Präsidenten gewählt wurde. Unter seiner Ägide übten theologisch der kritische Ritschlianismus und sozialpolitisch die Naumannsche Richtung prägenden Einfluß auf den Kongreß aus. Franz Mehring bemerkte süffisant, Harnacks Jesus sei ein »modischer Sozialliberaler« 63 . Obgleich Harnack unbeirrbar in theologischen und sozialpolitischen Belangen einen liberalen Kurs steuerte, ließ er nie außer acht, daß er gerade als Präsident der Tatsache Rechnung tragen mußte, daß der Kongreß christlich-soziale wie nationalsoziale, linksliberale wie nationalliberale und freikonservative Mitglieder, die noch dazu völlig unterschiedliche theologische Positionen bezogen, repräsentierte 64 . Sein Ziel war es, den EvangelischSozialen Kongreß als überparteiliche Institution sozialpolitisch engagierter Protestanten auf Kurs zu halten, indem er ihn in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg deutlich gegen extreme rechte wie linke Positionen abzugrenzen versuchte 6 ', d.h. einerseits gegen die politischen und wirtschaftlichen Forderungen eines vulgären Manchesterkapitalismus und andererseits gegen eine den nationalen Machtstaat in Frage stellende Sozialdemokratie. Es ist hier nicht der Ort, nach den greifbaren sozialpolitischen Erfolgen des Kongresses zu fragen, der bei den kirchlichen und staatlichen Organen vor allem nach seiner Wendung zum liberalen Milieu auf scharfe Ablehnung stieß 66 . Nur durch seine engen personellen und ideologischen Bindungen zum kulturprotestantischen Bildungsbürgertum sowie zur staatstragenden Bürokratie besaß der Evangelisch-Soziale Kongreß

61

Vgl. hierzu POLLMANN 266fF. Einen »Anzettler« der gegen ihn gerichteten Bestrebungen im Kongreß glaubte Stöcker in Harnack gefunden zu haben, vgl. ZAHN-HARNACK 224. F. MEHRING, V o m Ursprung des Christentums, zitiert nach ID., Philosophische Aufsätze (Gesammelte Schriften 13), Berlin (Ost) 1961, 273.

64

Z u den divergierenden theologisch-sozialpolitischen Strömungen vgl. insbes. M . SCHICK, Kulturprotestantismus und soziale Frage, Tübingen 1970, 76IT. und gjfF.

65

Es ist offenkundig, daß die verstärkte Übernahme sozialpolitischer Positionen des Linksliberalismus zahlreiche Geistliche und Theologiestudenten davon abhielt, Mitglieder des Kongresses zu werden (vgl. H. LIEBERSOHN, Religion and Industriai Society. T h e Protestant Social Congress in Wilhelmine Germany, Philadelphia 1986, 32f.). Harnack war jedoch nicht ohne Erfolg bemüht, eine »Politisierung« des Kongresses zu verhindern, wie die von HÜBINGER 61 Anm. 24 dokumentierte Kritik an seinem »ausgleichenden Führungsstil« aus den Reihen der »Politiker« verdeutlicht.

66

Harnacks Nachfolger als Präsident des Kongresses, Otto Baumgarten, hatte 1914 auf der Versammlung in Nürnberg resigniert festgestellt: »Die Dinge haben sich in unserem neudeutschen Wesen so entwickelt, daß ... im Namen des Evangeliums versammelte Gesellschaften nicht erwarten dürfen, an den maßgeblichen Stellen ... Einfluß auszuüben« (Verhandlungen des 25. Evangelisch-Sozialen Kongresses 1914, 3).

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

534

unter Harnacks ausgleichender und integrierender Führung die Chance, mittelbaren Einfluß auf Politik und Gesetzgebung ausüben zu können 6 7 . Obgleich Harnack sowohl in theologischen wie politischen Fragen liberale Positionen vertrat und sich gegenüber modernistischen und reformistischen Forderungen durchaus aufgeschlossen zeigte, fand er im Gegensatz zu dem politischen Professor M o m m s e n nicht den W e g in eine Partei: »Er sah sich als M a n n der Mitte, dessen Erfolge nicht entschiedener Parteinahme entsprungen waren, sondern gerade seiner Fähigkeit, beide Seiten zu sehen und zwischen ihnen vermitteln zu können« 68 . Indem er das vermeintliche Gemeinwohl über Partikularinteressen stellte, huldigte er zugleich dem Mythos des überparteilichen Schiedsrichters. Seine überragende Bedeutung als Repräsentant der deutschen Wissenschaft gründete nicht nur in seinen unbestreitbaren und richtungweisenden wissenschaftlichen und organisatorischen Leistungen, sondern ebenfalls in seiner »Rolle des bildungsbürgerlichen Mentors, liberal-streitbar, aber über den Parteien stehend« 6 '. Harnack betrieb mithin in nachgerade exemplarischer Weise gouvernementale Gelehrtenpolitik, indem er als Vertreter der kulturprotestantischen Theologie ein über den Sonder- und Parteiinteressen stehendes, dem staatlichen W o h l dienendes Wächteramt ausüben wollte, das in dem liberalen Vertrauen in die M a c h t des vernünftigen Wortes gründete 7 0 . N i c h t zuletzt die Überparteilichkeit des ausgleichenden Wissenschaftspolitikers und Theologen und die daraus resultierende Durchsetzungsfähigkeit ließ Harnack in den Augen manch hochgestellter Bürokraten als den geeigneten M a n n fur ein geplantes Wissenschaftsministerium erscheinen, das jedoch 1907 nicht als eigenständiges Portefeuille eingerichtet wurde 7 '. D a m i t dürfte offenkundig geworden sein, daß nicht die Ubereinstimmung im politischen Stil und Temperament die Freundschaft zwischen M o m m s e n und Harnack begründete. D e r abwägende, unterschiedliche Aspekte berücksichtigende und differenziert argumentierende Theologe lehnte die aus spontaner Erregung und liberaler Leidenschaft geborenen politischen Manifeste

67

KoURl 121 hebt zu Recht hervor, daß der Verein für Sozialpolitik und der EvangelischSoziale Kongreß »in idealer Weise den Rahmenbedingungen des monarchisch-bürokratischen Konstitutionalismus , in den sie sich einfügten und an dem sie nicht rüttelten; indem sie aber maßgeblich das soziale, wissenschaftliche und ethische Bewußtsein großer Teile der Führungsschichten zu beeinflussen vermochten, entfalteten sie eine im Rahmen des Systems beachtliche und vielfach unterschätzte Reformkraft«. Harnack 230.

68

BURCHARDT,

69

HÜBINGER 173.

70

Vgl. hierzu bes. B R U C H , Gelehrtenpolitik 414fr.; ID., Kaiserreich 77fr. und 590fr. Vgl. z . B . B U R C H A R D T , Harnack I 2 4 F .

71

NII'PERDF.Y I ,

Evangelisch-soziale u n d gouvernementale Politik

535

Mommsens grundsätzlich ab 7 1 . Er setzte - wie auch sein Schwager Hans Delbrück und sein Kollege Gustav Schmoller - viel eher auf persönliche Gespräche mit wichtigen Verwaltungsbeamten, auf Denkschriften und Eingaben, um staatliche Maßnahmen zu beeinflussen. Harnacks erklärtes Ziel war, Auseinandersetzungen nicht eskalieren zu lassen73. So nimmt es nicht wunder, daß diejenigen politischen Äußerungen Mommsens den spontanen Beifall Harnacks fanden, die frühere einseitige Urteile relativierten und sich eher eine überparteiliche, dem staatlichen Interesse dienende Argumentation zu eigen machten 74 . D a die Vorstellungen, in welcher Weise Professoren und Gelehrte in politische Abläufe eingreifen sollten, weit auseinandergingen, spielten tagespolitische Fragen und Kontroversen, abgesehen von der umfangreichen Korrespondenz zum Fall Spahn, kaum eine Rolle in dem Briefwechsel zwischen Mommsen und Harnack. Sind Mommsens Briefwechsel mit Theodor Barth, Lujo Brentano oder Ludwig Bamberger fast ausschließlich politischer Natur, so ist seine Korrespondenz mit Harnack wissenschaftlichen Inhaltes; politische Themen sind nur ein Akzidens. Dabei darf nicht übersehen werden, daß Harnack, obgleich er nicht »mannhaft« im Anti-Agrarierkampf focht wie Lujo Brentano und nicht durch öffentliche Verlautbarungen in die Tagespolitik eingriff 75 , Mommsen politisch viel näher stand als zahlreiche seiner Berliner Kollegen, sein erzkonservativer Schwiegersohn Wilamowitz eingeschlossen. Harnack bekannte sich zu den kulturprotestantischen Idealen des Liberalismus, die auch Mommsen sein eigen nannte. Also bezog er Stellung gegen den vulgären, pseudowissenschaftlichen Antisemitismus und wußte sich eins mit Mommsen im Kampf gegen antisemitische Politik und fur die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden 7 6 . Erfolgreich verhinderte Harnack, daß Stöcker den Evangelisch-Sozialen Kongreß zu einem Forum für seine antisemitische Agitation machte 77 , und deutlich

71

V g l . S. 3 7 7 Í .

73

Die veranschaulicht nachgerade beispielhaft sein Verhalten im Fall Spahn, vgl. S . 414fr.

74

S o lobte Harnack in einem Brief v o m 8. Dezember 1 9 0 0 (Nr. 158) M o m m s e n s Artikel »Krüger nicht in Berlin« ( Z J 1414), in dem M o m m s e n die Haltung der Reichsregierung rechtfertigte, den Präsidenten der Burenrepubliken Paulus Krüger nicht in Berlin zu empfangen. Harnack selbst hatte sich als Rektor der Berliner Universität mit einer geplanten Demonstration des Vereins Deutscher Studenten für » O h m Krüger« zu befassen und beriet mit hochrangigen Entscheidungsträgern der Reichsleitung das studentische Begehren. A u f G r u n d seiner diesbezüglichen Bindung lehnte er es ab, an einer von M o m m s e n beabsichtigten Kundgebung teilzunehmen (vgl. Brief N r . 157). A u c h M o m m s e n s zweiten, differenzierenden Artikel zur »Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft« (vgl. N r . 216) las Harnack »mit großer Freude u. Z u s t i m m u n g « (vgl. Brief N r . 219 v o m 25. N o v e m b e r 1901).

75

V g l . Brief N r . 188.

76

V g l . hierzu Brief N r . 31.

77

V g l . POLLMANN n 6 f . u n d ZAHN-HARNAC.K

221.

536

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

distanzierte er sich von dem Rassismus eines Houston Stewart Chamberlain, dessen kruder Ideologie er sich sonst keineswegs verschloß 7 8 . D e r kulturprotestantischen Tradition verpflichtet 79 , erkannte Harnack - wie auch M o m m sen - die Juden allerdings nicht in ihrer religiösen, nationalen und kulturellen Identität an, sondern erklärte im »Wesen des Christentums«, die Zeit des J u dentums sei jetzt vorbei. Wie der Katholizismus repräsentiere das Judentum eine welthistorisch überholte Kulturepoche 8 0 . Auch in der Beurteilung der preußisch-deutschen Polenpolitik war man sich angesichts des sogenannten Wreschener Schulstreikes des Jahres 1901 einig 81 . Als die Regierung versuchte, den polnischen Widerstand gegen die Erteilung des Religionsunterrichts in deutscher Sprache gerichtlich zu brechen, und einzelne polnische Teilnehmer von Protestkundgebungen vom Landgericht Gnesen wegen Landfriedensbruchs und anderer Delikte zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, wandten sich auf die Initiative Hans Delbrücks hin M o m m sen und Harnack in einer Eingabe an das preußische Kultusministerium gegen eine in ihren Augen verfehlte staatliche Schulpolitik und eine gewaltsame Germanisierung der polnischen Bevölkerung in Posen 8 1 . Die nicht der Presse zugänglich gemachte Denkschrift 8 ', die von insgesamt fünfzehn Professoren und Publizisten unterschrieben wurde, darunter Friedrich Paulsen, Martin Rade und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, konnte zwar den zuständigen M i n i ster Konrad Studt beeinflussen, nicht jedoch das preußische Staatsministerium. D i e Aktion scheiterte. Während Harnack die Vorgänge in Posen als »empörend« qualifizierte, »bei denen sich jedes deutsche, evangelische und menschliche Herz umkehren muß« 84 , erkannte M o m m s e n , der noch vier Jahre zuvor f u r die Forderung der Tschechen nach sprachlicher Gleichberechtigung im Schul-

78

Vgl. ZAHN-HARNACK 355 und S. 4iof.

79

Zur Beurteilung von Judenassimilation und Antisemitismus im Kulturprotestantismus vgl. nun HÜBINGF.R 264fr.

80

Vgl. A. HARNACK, Das Wesen des Christentums, Leipzig 1908, iiiff. Vgl. hierzu Brief Nr. 229 mit Anm. 4 und Brief Nr. 230 mit Anm. 1; dort ist die einschlägige Literatur verzeichnet. Die Petition beklagte, »daß die preußische Unterrichtsverwaltung seit längerer Zeit den Grundsatz befolge, fremdsprachigen Kindern auch den Religionsunterricht dann in deutscher Sprache geben zu lassen, wenn die Schulbehörde zu der Überzeugung gelangt ist, daß sie der deutschen Sprache genügend mächtig sind. An den Minister wird die Bitte gerichtet, daß hinfort den fremdsprachigen Kindern nur mit Zustimmung und auf jeden Fall nicht gegen den Willen der Eltern der Religionsunterricht in einer anderen Sprache als in ihrer Muttersprache erteilt werde« (SACHSE, Althoff 121).

81

81

8

'

84

BRUCH, Gelehrtenpolitik 33if. und SACHSE, AlthofFi2of. Bruch hebt zu Recht die zeitliche Parallelität dieses Memorandums mit der Debatte um die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft hervor. Brief Nr. 229 vom 28. November 1901.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

537

wesen wenig Verständnis aufgebracht hatte85, in der aktuellen Polenpolitik nunmehr ein weiteres Indiz, »daß bei uns Uebermuth und Schwäche am Steuerruder sitzen und die schwere Zeit auf ein sehr kleines Geschlecht trifft« 86 .

b) Harnack - der Hofiheologe Wilhelms II.? Harnack betrieb seine auf Konsens ausgerichtete Wissenschafts- und seine Gelehrtenpolitik an politischen Parteien und Parlamenten vorbei und versuchte durch populäre Schriften, Vereinstätigkeit und personale Kontakte Einfluß auf wichtige Entscheidungsträger in der Regierung und in der Bürokratie zu nehmen. Für seine Erfolge in der Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsorganisation seit der Jahrhundertwende war auch sein unmittelbarer Kontakt zu Wilhelm II. von nicht zu unterschätzender Bedeutung, der selbst von Zeitgenossen als aufsehenerregend und exzeptionell empfunden wurde. In der zwischen staatlichen und kirchlichen Behörden umstrittenen Berufung Harnacks an die Berliner Universität hatte sich der junge Kaiser 1888 gegen den Einspruch des Oberkirchenrats für den liberalen Theologen entschieden87. Als Emil Schürer zwei Tage später Harnack zur Ernennung gratulierte, gab er zugleich seiner Freude Ausdruck, daß »bei dieser ersten entscheidenden Frage« Wilhelm II. gezeigt habe, »daß er nicht in den Bahnen Stoeckers und der Hofprediger« wandele 88 . Allein, der Kaiser fand nicht allzu lange Gefallen an dem neuen Berliner Theologen. Nachdem sich Harnack im August 1892 kritisch über den Wortlaut des Apostolikums und dessen Bedeutung in der protestantischen Dogmatik geäußert hatte, bekundete der in theologischen Fragen orthodox-konservative Wilhelm II. nicht nur in seiner unmittelbaren Umgebung sein Mißfallen, sondern forderte von dem Kultusministerium einen Immediatbericht an. Der Empfehlung des Ministers, es mit einer persönlichen Mahnung an Harnack und der Berufung eines »positiven Ordinarius fur systematische Theologie« an die Berliner Theologische Fakultät bewenden zu lassen, stimmte der Kaiser zu: Ein Disziplinarverfahren wurde nicht eingeleitet, sondern einzig eine »Strafprofessur« zur Vertretung der kirchlichen Lehre eingerichtet89. In der Folgezeit galt Harnack in der Hofgesellschaft als »ein gefährlicher Gottesleugner«, der

85

Vgl. S. 4 88f.



Brief Nr. 2 3 0 vom 2 9 . November 1 9 0 1 .

87

Vgl. S. H 7 f f .

88

Brief vom 1 9 . September 1 8 8 8 (StBB-PK, N L Harnack: Schürer, Bl. if.). Wilhelm II. hatte im November 1 8 9 7 die politische Instinktlosigkeit begangen, an einer Versammlung des Berliner Hofpredigers Stöcker teilzunehmen.

89

Vgl.

ZAHN-HARNACK

2 0 5 f r . u. 339.

53»

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

gesellschaftlich isoliert wurde. Auf einem Hofball, zu dem er geladen war, habe damals kein Hund ein Stück Brot von ihm genommen, bemerkte er bitter 90 . Ein geradezu dramatischer Umschwung in den Beziehungen zu Wilhelm II. trat - schenkt man Agnes von Zahn-Harnack Glauben 9 1 - mit den Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Jubiläum der Preußischen Akademie ein, zu dem Harnack die offizielle Geschichte verfaßte 92 und am 20. März 1900 die Festrede hielt 93 . Den bedeutenden Jahrestag benutzte Harnack nicht nur, um die staatliche Förderung neuer Unternehmungen zu sichern und alter Projekte auszuweiten sowie um die Bewilligung akademischer und wissenschaftlicher Stellen durchzusetzen, sondern er war ihm gleichzeitig willkommener Anlaß, dem Kaiser, dessen eitle Selbstgefälligkeit hinlänglich bekannt war, in entsprechender Weise zu huldigen. Bereits am 9. Juli 1899 hatte Harnack bei Hermann Diels, dem Sekretär der philosophisch-historischen Klasse, angeregt, die offizielle Geschichte der Akademie, an deren Abfassung er saß, Wilhelm II. zu widmen, »da er unser Protector ist«. Als weiteren Grund nannte er, den Kaiser für die Belange der Akademie gewogen zu stimmen. »Entschließen wir uns dazu, so hätten wir zugleich eine Gelegenheit, persönlich den Kaiser für unser Fest zu interessiren; denn die Bitte, die Widmung zu gestalten, müßte ihm doch wohl persönlich von den Secretaren vorgetragen werden. Das gäbe Gelegenheit, mit ihm über das Fest zu sprechen« 94 . Der Vorschlag, den Diels dem Sekretariat der Akademie unterbreitete, wurde zwar abgelehnt, aber immerhin zierte das Bild Wilhelms II. den zweiten Faszikel des ersten Bandes 95 . Darinnen ist zu lesen, daß Kaiser Wilhelm II., der »erhabene Sohn und Nachfolger« Friedrichs III., und sein Kabinett »jedes Gesuch, sei es die Erweiterung bestehender Unternehmungen, sei es die Inangriffnahme neuer betreffend« wohlwollend und tatkräftig aufgenommen hätten 96 . Auch in der akademischen Rede zögerte Harnack nicht, die kaiserliche Huld und Hilfe gebührend herauszustellen. Nach einer eindrucksvollen Bilanz der Leistungen und Erfolge der zweihundert Jahre alten Akademie wird an die Gnade der Königlichen Protektoren und an die Fürsorge der Königlichen Staatsregierung erinnert, ohne die es nicht möglich gewesen wäre, die Unternehmungen der Akademie einzuleiten und durchzuführen:

90

ZAHN-HARNACK

91

Ebd. 33 9 f.

339.

91

HARNACK, G A (SMEND 7 1 3 ). E i n e einbändige A u s g a b e erschien 1 9 0 1 (vgl. SMEND 7 4 0 ) .

93

A. HARNACK, Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, in: S B Berlin 1900, 218-135 (SMEND 722); zitiert nach A. HARNACK, Reden und Aufsätze 2, Gießen 1904, 189-215, vgl. K S ι, 421-438.

94

A A d W - B B , N L Diels.

95

Bd. 1.1 schmückte ein Kupferstich Friedrichs I.

96

HARNACK 1 . 2 , 1 0 1 8 .

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

539

»Das heutige Fest bietet uns erwünschten Anlaß, vor dieser illustren Versammlung es dankbar auszusprechen, was die Wissenschaft in Preußen, was diese Akademie der Königlichen Unterrichtsverwaltung verdankt. Niemals hat sie uns im Stiche gelassen; unsere Unternehmungen hat sie wie ihre eigenen betrachtet, ihren Rat und ihre tatkräftige Hilfe ihnen zugewandt, und doch stets Freiheit walten lassen. Ihrer Fürsprache verdanken wir die neue Institution, unsere wissenschaftlichen Beamten. Sie hat damit den Grund zu einer noch umfassenderen Wirksamkeit der Akademie gelegt. Z u höchst aber richtet sich unser Dank an unseren allergnädigsten Protektor, König und Herrn. Unter Seinem Schutze arbeiten wir; Ihm ist auch die Wissenschaft vertraut; Seine Sorge waltet über uns. Königlich hat Er diese Akademie geehrt. Wir wollen uns solcher Ehre würdig erweisen, wie es dem Preußen geziemt: wir wollen unsere Pflicht tun. Gott schütze den König!« 97 N a c h dieser Rede wurde Harnack in Anerkennung seiner Leistungen der Rote Adlerorden 3. Klasse von der preußischen Krone verliehen 98 . In der T a t war Harnack nach dem Akademiejubiläum, zum Leidwesen der orthodoxen Presse, ein gerne und häufig gesehener Gast am Hofe, dessen Persönlichkeit und theologische Kompetenz den Kaiser tief beeindruckten. So bat Wilhelm II. Harnack mehrmals zu sich, um theologische Fragen zu erörtern, die sich ihm nach der Lektüre des Buches »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« von Houston Stewart Chamberlain gestellt hatten; als Ende Oktober 1901 der Verfasser sich persönlich mit dem Monarchen über sein W e r k unterhalten konnte, wurde ebenfalls Harnack zu den lebhaften Diskussionen nach Liebenberg beordert". Immer wieder kam es vor, daß in dem langen Korridor der Friedrich-Wilhelms-Universität ein Lakai auf und ab patroullierte, um Harnack vor dem kirchenhistorischen Seminar abzupassen und ihm eine plötz-

97

HARNACK, Reden und Aufsätze 2, 214. Die Wirkung dieser Rede auf Wilhelm II. bestätigt - m i t k a l u m n i e r e n d e r P o l e m i k - BERNHARD FÜRST VON BÜLOW, D e n k w ü r d i g k e i t e n

I, Berlin 1930, 52 6f., der diese Passage aus der fälschlich auf den 20. Mai 1901 datierten Rede zitiert und maliziös kommentiert (»Man beachte die neue Blume am Strauch der Rosiflora Byzantinissima Linn., die Wendung, daß ein Danksich >Zuhöchst< richtet«.). 98

Vgl. ZAHN-HARNACK 279. Harnacks Schüler Carl Schmidt, der bereits am 21. März 1901 Harnack seinen Glückwunsch »zu dem herrlichen Erfolg« der Festrede übermittelte, verhehlte nicht, daß er »wie andere hiesige Freunde eine höhere Auszeichnung erwartet« hatten, »denn eine solche hatten Sie für das gewaltige Werk verdient, aber der leidige Bureaucratismus zeigt sich hier wieder glänzend. Die Herren Techniker werden höher gewertet « (StBB-PK, N L Harnack: Schmidt, Bl. i6f.). Am 31. Mai 1902 wurde Harnack jedoch für seine Akademiegeschichte der Orden pour le mérite verliehen, vgl. ZAHN-HARNACK 279f., die zugleich darauf hinweist, daß seit Mommsen »kein Ritter des Ordens ihn in so jungen Jahren erhalten« hatte.

99

Vgl. hierzu ZAHN-HARNACK 341 u. 3jzf.; Anm. 3 zu Brief Nr. 184 sowie S. 4ioff.

54°

D e r Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

liehe E i n l a d u n g z u m Kaiser zu überbringen 1 0 0 . Z u W e i h n a c h t e n des Jahres 1 9 0 2 überreichte H a r n a c k dem Kaiser ein Exemplar seines Buches über die »Mission u n d Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten« 1 0 1 . D e n n o c h wäre es irreführend zu behaupten, H a r n a c k sei zu einer A r t » H o f d o g m e n lehrer« avanciert, wie Maximilian Harden einmal spöttisch bemerkte 1 0 2 . S c h o n der Streit u m das A p o s t o l i k u m hatte deutlich gezeigt, daß es gerade Harnacks kritische theologische u n d dogmatische Positionen waren, die ihn in W i d e r spruch z u m Kaiser u n d zu der Hofgesellschaft setzten. D e r sogenannte BibelBabel-Streit des Jahres 1 9 0 3 sollte erneut die theologischen Differenzen zutage treten lassen. A l s W i l h e l m II. den V o r t r a g des Berliner Orientalisten Friedrich Delitzsch über die Kultur u n d Religion der Babylonier, in denen der Gelehrte die M e t h o d e n der historisch-kritischen Wissenschaft auch auf das A l t e T e s t a m e n t übertrug, z u m A n l a ß n a h m , in einem öffentlichen Brief Delitzschs A u f fassungen tadelnd zurückzuweisen u n d gleichzeitig ein Bekenntnis zur positiven T h e o l o g i e abzulegen, stand H a r n a c k nicht an, in den »Preußischen Jahrbüchern« a u f den Brief »Seiner Majestät« zu replizieren 103 . D a r i n erklärte er des Kaisers bibelgläubiges Bekenntnis, das durch alle Gazetten u n d Z e i t u n g e n

100

Vgl. O . DIBELIUS, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erinnerungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, 56, der hinzufügt: »Das imponierte uns Studenten natürlich, aber es ärgerte uns auch, jedenfalls dann, wenn Harnack seine Seminarstunde verkürzen mußte, um zum Kaiser zurechtzukommen«.

,C1

Vgl. das Dankesschreiben, das der Kaiser Harnack am 7. Januar 1903 zukommen ließ (StBB-PK, N L Harnack: Wilhelm II., Bl. 4).

101

Vgl. M . HARDEN, Ornamente, in: Die Zukunft 74, 1911, 183 sowie G . WENDEL, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911-1914. Z u r Anatomie einer imperialistischen Forschungsgesellschaft, Berlin (Ost) 1975,123. Franz Mehring nannte ihn einen »Hof- und Salontheologen«, vgl. F. MEHRING, Der Ursprung des Christentums, zitiert nach: ID., Philosophische Aufsätze (Gesammelte Schriften 13), Berlin (Ost) 1961, 273.

103

A . HARNACK, Der Brief seiner Majestät des Kaisers an den Admiral Hollmann, in: Preußische Jahrbücher i n , 1903, 584-589 (SMEND 811); zitiert nach A. HARNACK, Aus Wissenschaft und Leben 2, Gießen 1911, 63-71; vgl. des weiteren ZAHN-HARNACK 342fr.; E. BAMMEL, Der historische Jesus in der Theologie Adolf von Harnacks, in: Tutzinger Texte I, 1968, 71-97, hier: 7if. u. ID., Staat und Kirche im zweiten Kaiserreich, in: MÜLLER, Kulturprotestantismus 108-136, hier H2f. Vor dieser Veröffentlichung war es zu mindestens zwei Gesprächen zwischen Harnack und Wilhelm II. über Delitzschs Thesen gekommen, in denen der Kaiser seine Ansichten »über Religion, Offenbarung und Volk Israel« »ausführlich« darlegte. Harnack war, wie er Friedrich Althoff am 24. Februar 1903 mitteilte, überrascht über »das Detail« der Ausführungen; zugleich bekundete er, daß in diesen Unterredungen »viel Interessantes« vorkam »und sehr vieles, was mich den Geist nach die Trefflichkeit des Urtheils Sr. Majestät bewundern ließ. Letzteres trat um so leuchtender hervor, als in den geschichtsphilosophischen Erwägungen Sr. Majestät viel Romantik zum Ausdruck kam« (GStA-PK, Rep. 92 Althoff Β Nr. 61, Bl. 120).

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

541

der W e l t gegangen war, als ein M a n i f e s t persönlicher F r ö m m i g k e i t , das nicht die Freiheit der F o r s c h u n g gefährden wolle. Z u g l e i c h kritisierte er jedoch dessen B e m e r k u n g , C h r i s t u s sei G o t t in menschlicher Gestalt, i n d e m er darauf a b h o b , daß Jesus zwar der H e r r u n d H e i l a n d sei, »aber wie sein Verhältnis zu seinem V a t e r entstanden ist, das hat er f u r sich behalten u n d uns verschlossen < . . . > D a s paulinische W o r t : >Gott w a r in Christus< scheint mir das letzte W o r t zu sein, welches w i r sprechen dürfen«. W i l h e l m II. antwortete persönlich u n d eigenhändig a u f H a r n a c k s Artikel in einem als vertraulich gekennzeichneten Brief v o m 2. M ä r z 1 9 0 3 , in d e m er a u f der G o t t h e i t Christi beharrte u n d die heilige S c h r i f t als U r k u n d e n s a m m l u n g über die Offenbarungstätigkeit G o t t e s bezeichnete 1 0 4 . D e n theologisch nicht unbedingt überzeugenden A u s f ü h r u n g e n

104

Vgl. S t B B - P K , N L Harnack: Wilhelm II., Bl. 9-11 (Teile des Briefes sind nicht fehlerfrei abgedruckt bei KOURI 168): »Mein verehrter Herr Professor! - Ihre Zusendung hat mich sehr interessiert und habe ich sie mit Aufmerksamkeit durchlesen. Auch die abweichenden Ansichten, welche Sie darinnen ansprechen, haben mich beschäftigt. Sehr fein und geistvoll ist die Deduktion über Faust, welche sehr amüsant und ansprechend wirkt. - Was die Person des Heilandes betrifft, so ist mein Standpunkt, auch nach durchlesen Ihrer Bemerkungen, derselbe. Christus ist Gottes Sohn - Gott in menschlicher Gestalt - der Heiland der Welt. W i e sein Erscheinen auf der Welt geschah, erzählt uns Weihnachten. Wie das Verhältniß zu Gott war - für uns voller scheinbarer Mysterien und schwer zu verstehenden« Momente - ist eben einfach Sache des Glaubens und nicht des Verstandes, der beim Versuch zur Lösung dieser Frage stets auf Granit beißen wird. Ein Mensch - und wäre er noch so erhaben und gut, tugendhaft edel und gescheit - kann niemals ein Vermittler mit Gott für die Sünden Anderer Mitmenschen werden. Wir haben gewiß eine schöne Reihe von Beispielen von Stellvertretungen eines Menschen für den Anderen ja bis zur Aufopferung ihres Lebens hienieden - wie z.B. Froben fur den Großen Kurfürsten - ! aber das ist nur eine Uebernahme der Sündenlast eines Anderen mit zu der Meinigen um diese mitauszutragen und dafür zu leiden. U n d nun gar die Sünden einer ganzen Welt auf sich zu nehmen und für sie einzustehen!? Das ist ein Staubgeborener überhaupt gar nicht im Stande! M i t der Gottheit Christi steht und fällt die ganze heil. Schrift, die Weissagungen, Propheten, Evangelium kurz unsere gesammte Religion. Denn diese heil. Schrift, diese Bibelwelt ist eine Urkundensammlung über die O f f e n barungsthätigkeit Gottes. V o n Menschenhänden geschrieben ist sie natürlich ihren Irrthümern auch unterworfen. Aber an dem Offenbarungsinhalt ändert das nichts. U n d dieser ist das Etwas aus der transzendentalen Welt, das von Oben herab zu uns gekommen ist, was von keiner Thontafel, Cultur oder historischen Evolution herstammt. >Mittheilung göttlichen Lebens< dem Bewußtsein, dem inneren Menschen von Oben eingeflößt: worauf er >reagirt< und was ihn zur That anspornt. Mit einem mathematischen Ausdruck gesagt: Offenbarung ist die Componente zwischen Inspiration und Manifestation. Auch der Herr steht auf dem Boden Seiner Gottheit; als er Petrus fragt, wofür Ihn die Leute halten, und den Apostel hernach fragt, was er von ihm denke, auf das Bekenntniß Petri: Er sei Gottes Sohn, antwortet: >Fleisch und Blut haben dir solches nicht geofFenbart sondern allein der Geist Meines Vaters im Himmel< .

- M i t Meinem herzlichen Dank Ihr wohlaffektionirter König.«

54^

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

des »wohlaffektionierten Königs« antwortete Harnack noch am selben Tage 1 0 5 : »Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser und König! Allergnädigster Kaiser, König und Herr! Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät allergnädigstes und huldvolles Handschreiben hat mich in tiefster Seele bewegt und zu unauslöschlichem Dank verpflichtet. Ew. Majestät Glauben an unseren Herrn und Heiland Jesus Christus ist auch mein Glaube, und ich würde nicht länger Theologe bleiben, wenn ich diesen Glauben verlöre. Aber die Theologie, als Wissenschaft, kann das Tiefste und Heiligste nur als Grenze erreichen und soll und muß sich bescheiden, das Erkennbare zu erkennen 106 . Ew. Majestät lichtvolle und warme Darstellung verstehe ich in diesem Sinn und lasse sie mir freudig gesagt sein. Geruhen Ew. Majestät nochmals meinen aufrichtigsten und tiefstgefühlten Dank allergnädigst entgegenzunehmen, den Dank aus einem Herzen, das Ew. Majestät Freiheit und Großsinn wahrhaft beglückt haben. Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät unterthänigster und gehorsamster Adolf Harnack.« Bei aller dem Monarchen geschuldeten Ehrerbietung war Harnack nicht bereit, seine theologischen Grundsätze irgendwelchen

Opportunitätserwägungen

hintanzusetzen, und nahm selbst in Kauf, daß der gerade aufgebaute engere Kontakt zu Wilhelm II. eine vorübergehende Unterbrechung erfuhr 1 0 7 . W e n n auch im T o n sehr ergeben und um Verständnis werbend, zeigte der Brief gleichwohl, daß Harnack in der Sache zu keinen Kompromissen bereit war: Der persönliche Glaube, so wiederholte der Theologe, darf der wissenschaftlichen

105

Das Konzept des Briefes findet sich in der StBB-PK, N L Harnack: Wilhelm II., Bl. 12 (vgl. KouRl i68f., der jedoch auch bei vorliegendem Brief nicht alle Passagen lesen konnte).

106

Zunächst hatte Harnack geschrieben: »Die Theologie, als Wissenschaft verpflichtet, der Offenbarung nachzudenken, kann das Tiefste und Heiligste derselben nur als Grenze erreichen und vermag die Sprache des Glaubens nicht zu sprechen«.

107

Offensichtlich wurde Harnack zunächst nicht mehr zu privaten Gesprächen an den Hof gebeten. Das frühest mir zugängliche Zeugnis für eine Einladung Harnacks zu einem Abendessen mit dem Kaiser in kleinem Kreis nach dem Bibel-Babel-Streit findet sich in einem Tagebucheintrag der Baronin Spirzemberg vom Dezember 1905 (SPITZEMBERC; 453: statt Harrack ist Harnack zu lesen). Hierzu fügt sich, daß Harnack im Oktober des Jahres zum Generaldirektor der Königlichen Bibliothek ernannt worden war. Allerdings nahm Harnack 1907 erst seine Gewohnheit wieder auf, Reden und wissenschaftliche Veröffentlichungen mit Empfehlungsschreiben an den Kaiser zu senden (vgl. Harnacks Nachlaß in der StBB-PK).

Evangelisch-soziale u n d gouvernementale Politik

543

Erkenntnis keine Grenzen auferlegen. Hiermit hatte er auch in dem privaten Brief letztlich ausgesprochen, daß das kaiserliche Bekenntnis in wissenschaftlicher Hinsicht fragwürdig, obsolet und unhaltbar sei. Die von Harnack forcierte Historisierung der Theologie und der christlichen Religion und die damit einhergehende historische Dogmenkritik, mit anderen Worten: gerade sein wissenschaftliches Selbstverständnis und Ethos verhinderten, daß Harnack zum Hoftheologen Wilhelms II. wurde. Nach dem Bibel-Babel-Streit soll der Kaiser nicht mehr mit theologischen Fragen an Harnack herangetreten sein und es sogar vermieden haben, in Harnacks Gegenwart religiöse oder theologische Probleme zu erörtern 108 . Harnack wiederum habe darüber geklagt, wie Heinrich Weinel erwähnt, daß der Kaiser ihn nicht zum Ratgeber fur die Dinge, die für ihn - Harnack - Ziel und Inhalt seines Lebens gewesen seien, gewonnen habe 109 . Auch gelegentlichen Besuchern des Hofes war offenkundig, daß Wilhelms religiöse Uberzeugung mit der Harnacks nicht übereinstimmte 110 . Augenscheinlich dachten Wilhelm II. und Auguste Viktoria, »Harnack sei in Gottes Hand vielleicht das Werkzeug, diejenigen wieder zum Glauben und in die Kirche zurückzuholen, die sonst rettungslos ungläubig und unkirchlich bleiben würden«" 1 . Wenn Wilhelm II. nicht den Theologen in Harnack schätzte, weshalb pflegte er nach der kurzfristigen Verstimmung weiter Umgang mit dem Gelehrten? Warum überhäufte er ihn mit Ehrungen und Auszeichnungen? Es sei nur daran erinnert, daß Harnack 1910 den Titel »Wirklicher Geheimer Rat« mit dem Prädikat »Exzellenz« erhielt, 1913 den Stern zum Königlichen Kronenorden zweiter Klasse und ein Jahr später - anläßlich der Einweihung des Neubaues der Königlichen Bibliothek - den erblichen Adelstitel. Wilhelm selbst gab in seinen im holländischen Exil verfaßten Erinnerungen darüber Aufschluß: »Was für eine gebietende Stellung in der Geisteswelt hat er sich errungen! Welchen Nutzen und wieviel Wissen hat mir der rege und intime Verkehr mit diesem feurigen Geist gebracht! Was hat er als Leiter der Königlichen Bibliothek und als Dekan des Senats der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft geleistet, in der er, der Theo-

108

V g l . ZAHN-HARNACK 345Í.

109

V g l . J. H E R Z (Hrsg.), A d o l f v. Harnack u n d der evangelisch-soziale Kongreß, G ö t t i n -

1,0

V g l . SPITZEMBERG 4 5 6 (im M ä r z 1 9 0 6 ) , die mit V e r w u n d e r u n g feststellte, daß trotz der

gen 1 9 3 0 , 7 . Gegensätze H a r n a c k ein häufig gesehener G a s t des Kaisers war (ebd. 4 5 7 ) , und sich deshalb darüber G e d a n k e n machte, daß W i l h e l m vielleicht nach außen eine andere religiöse Überzeugung bekenne, »als die er im Innersten hegt. W o r a u s ihm freilich kein V o r w u r f zu machen wäre, als Kaiser und S u m m u s episcopus. Sagt doch auch Harnack in seinem >Wesen des Christentums« nicht sein letztes W o r t und nicht sein innerstes Bekenntnis« (ebd. 456). '"

SPITZEMBERG 4 5 7 .

544

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

loge, die geistvollsten und inhaltsreichsten Reden über die exakten Wissenschaften, über Forschungen und Erfindungen auf dem Gebiet der Chemie usw. hielt. An die Persönlichkeit Harnacks und sein Wirken werde ich immer gern zurückdenken« 1 ". Die organisatorischen und wissenschaftspolitischen Fähigkeiten des geistreichen, ausgleichenden und anerkannten Wissenschaftlers ließen Wilhelm II. über die religiös-theologischen Differenzen hinwegblicken und gemeinsam mit dem Unterrichtsministerium - Harnack zu dem überragenden Repräsentanten der deutschen Wissenschaft aufbauen. Bereits im Oktober 1905 wurde Harnack zum Generaldirektor der Königlichen Bibliothek in Berlin bestellt, der noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Neubau der Bibliothek Unter den Linden verwirklichte" 3 . 1911 wurde er zum Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, gewählt, deren Gründung er jahrelang vorbereitet hatte" 4 . Mit der Wahl wurde nicht zuletzt Harnacks Fähigkeit gewürdigt - auf die ebenfalls Wilhelm II. in seinen Erinnerungen besonders hinweisen sollte - , die Grenzen des eigenen Faches zu überwinden und sich mit unterschiedlichen inhaltlichen und methodischen Fragestellungen anderer Wissenschaftsbereiche vertraut zu machen" 5 . Wie kaum ein anderer Hochschullehrer hatte Harnack Zugang zum Kaiser" 6 , den er zu bestimmten Zeiten fast täglich sah" 7 und dessen Wohlwollen er nicht zuletzt durch eine geschickte Gesprächsfuhrung" 8 für wissenschaftspolitische

112

KAISF.R WILHELM II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918, Berlin u. Leipzig 1922,165. V g l . ZAHN-HARNACK 322fr.

"4

Vgl. hierzu die S. 77 Anm. 88 angeführte Literatur.

115

So brachten ihm etwa der Chemiker Emil Fischer und der Bakteriologe August von Wassermann, mit denen er in Kontakt stand (vgl. ZAHN-HARNACK 424), die Probleme der modernen Experimentalwissenschaften nahe.

"6

Wilhelm II. hebt in seinen Erinnerungen unter den Berliner Professoren außer Harnack noch den Elektrotechniker Adolf Slaby (1849-1913), den Literaturhistoriker Erich Schmidt (1853-1913; »ein kerndeutscher Mann«) und den Osteuropahistoriker Theodor Schiemann (1847-1921) hervor, vgl. KAISER WILHELM II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918, Berlin u. Leipzig 1922, 164fr. Selbstverständlich war es auch anderen Professoren möglich, bei besonderen Anlässen persönlich vom Kaiser empfangen zu werden. So bezeugt Harnack ζ. B. ein Gespräch, das er gemeinsam mit Gustav Schmoller und dem Rektor der Berliner Universität, Reinhard Kekulé im November 1901 mit Wilhelm II. führte (vgl. die Briefe Nr. 217 und 220).

"7

Vgl. Si'rrzEMBERG 457 (Tagebucheintrag zu dem 22. März 1906). B E R N H A R D F Ü R S T V O N BÜLOW, Denkwürdigkeiten III, Berlin 1930, 115 referiert süffisant eine Bemerkung Gustav Schmollers, derzufolge Harnack mindestens einmal wöchentlich das Glück gehabt habe, sich an der kaiserlichen Gnadensonne zu wärmen.

118

V g l . ZAHN-HARNACK 340 u. 347.

Evangelisch-soziale und gouvernementale Politik

545

Anliegen nutzbar zu machen verstand. Ein Beispiel aus der Anfangszeit seiner Beziehungen zum H o f sei herausgegriffen. A m 10. April 1901 war er zu einer Abendgesellschaft geladen, auf der Wilhelm II. dreimal mit ihm sehr ausführlich gesprochen habe, wie Harnack am nächsten T a g dem Ministerialdirektor A l t h o f f berichtete" 9 . Zunächst kam die Rede auf Houston Stewart Chamberlains B u c h »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts«, von dem sich der Kaiser ganz entzückt zeigte. D o c h dann fand Harnack, damals zugleich Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität 1 2 0 , Gelegenheit, sich eingehend mit »Seiner Majestät« über den Bau der Königlichen Bibliothek und über die Pläne, fiir die Universität neue größere Hörsäle und eine Aula mit 1500 Sitzplänen zu errichten, zu unterhalten. Harnack faßte sein Gespräch wie folgt zusammen: »Nachdem zuerst zum Ausdruck gekommen war, daß die Bibliothek von vornherein lediglich als Bibliotheksgebäude gebaut werden müsse u. sich nichts Fremdes einmischen dürfe, bemerkte ich, daß wir an der Universität noch besondere Wünsche hätten. >Nun, was wollt i h i denn?< erwiderte er. Nach meinem ersten Satze unterbrach er mich u. sagte: >Nun, da ist ja die Baracke; schön wird's nicht werden.< Ich sente nun unsre Bedürfnisse kurz auseinander (Aula u. Hörsäle) u. bemerkte u.A., daß es keinen Raum gebe, in welchem der Rector zu den Studenten spreche könne; denn unter den jetzigen Verhältnissen könnten kaum 200 Studenten bei den Festlichkeiten in die Aula kommen. Er rieth mir scherzend, die Studenten im Vorgarten zu versammeln u. vom Altan hinunter zu ihnen zu reden. Aber er nahm dann die Sache sehr ernsthaft u. wollte nun genau wissen, wie Raum geschaffen werden solle. V o n einer Verkürzung des Kastanienwäldchens wollte er nichts wissen, >das wäre schade«; aber der Plan, an der Dorotheenstr. einige Grundstücke zu erwerben und dort - von I h n e ' " - einen Aula-Monumentalbau errichten zu lassen, hatte seinen lebhaftesten Beifall. Nach einer Stunde, als wir im Rauchzimmer waren, kam er wieder darauf zurück und rief mir zu: >An Ihren Bau werde ich denken.««'"

G S t A - P K , Rep. 92 Althoff A II Nr. 105, Bl. if. A l t h o f f l i e ß für seinen Mitarbeiter Friedrich Schmidt-Ott Auszüge aus dem Harnackschen Brief anfertigen (GStA-PK, Rep. 92 Β X X I I Nr. 1, Bl. 3) ' IO Vgl. Brief Nr. 156 Anm. ι. 121

Ernst von Ihne (1848-1917) war seit 1888 Hofbaurat und Kaiserlicher Hofarchitekt in Berlin, der die Königliche Bibliothek Unter den Linden und die Institute der KaiserWilhelm-Gesellschaft plante (vgl. ZAHN-HARNACK 337 u. 429). G S t A - P K , Rep. 92 Althoff A II Nr. 105, Bl. if.; vgl. hierzu auch Brief Nr. 229 mit Anm. ι u. 5.

546

Der Politische Professor und der Gelehrtenpolitiker

Im Rauchzimmer kam es sodann zum dritten Gespräch, im Verlauf dessen Harnack auf die drei neuen Stellen fur das geplante Institut für deutsche Sprache, aus dem später die Deutsche Kommission der Akademie hervorging, hinwies. Er habe dem Kaiser »ungeschminkt« vorgetragen, »daß die Stellen von uns erst besetzt werden können, wenn wir Geld haben. Es war ihm sichtlich überraschend, daß dadurch die Ausführung seines >Geschenks< sich verzögere, u. auf einmal rief er über das halbe Zimmer hinüber, >Lucanus, kommen Sie doch hererzählen Sie das doch Schjerning in kursiver Schrift kenntlich gemacht. Spätere Zusätze oder Veränderungen durch die Autoren werden recte in spitze Klammern gesetzt. Streichungen durch die Verfasser sind nur dann aufgenommen, wenn sie von inhaltlicher Bedeutung sind. Sie werden in einer entsprechenden Fußnote aufgeführt. Streichungen durch den Herausgeber, wie im Falle einer Dittographie, sind durch geschweifte Klammern: {} gekennzeichnet. 3. Grundsätzlich wird das erhaltene oder (in spitzen Klammern und kursiver Schrift) rekonstruierte Datum eines jeden Schreibens angegeben. Bei Postkarten wird, soweit möglich, sowohl das Datum des Poststempels als auch das Zustellungsdatum vermerkt. Ist weder die Karte durch den Verfasser datiert noch der Poststempel lesbar, wird das Schreiben nach dem Zustellungsstempel datiert. 4. Die Paginierung der einzelnen Blätter, die auf einen früheren Bearbeiter zurückgeht, ist angegeben; gegebenfalls erfolgt eine Differenzierung in recto und verso. Die Blätter im Nachlaß Harnack sind durch ein >HM< kenntlich gemacht. 5. Einfache Unterstreichungen durch die Autoren werden als solche wiedergegeben, mehrfache Unterstreichungen sind fett gedruckt.

Editionsregeln

577

6. Der auf Briefen wie Briefkarten und Billetts gedruckte Briefkopf M o m m sens: »Theodor Mommsen Charlottenburg Marchstrasse 8« ist durch den Vermerk »Briefkopf Mommsen« bezeichnet. In diesem Z u sammenhang sei darauf hingewiesen, daß Mommsen Charlottenburg durchweg mit »Ch.« abkürzt. Falls ein Schreiben Harnacks einen gedruckten Briefkopf trägt, wird dies in einer eigenen Anmerkung vermerkt. 7. Die Briefe sind chronologisch geordnet und durchnumeriert. Die nicht genau zu datierenden Briefe finden sich am Schluß des Editionsteils (Nr. 286298). Briefe, deren Datum erschlossen ist, und Briefe anderer Korrespondenzpartner sind in die chronologische Reihenfolge des Briefwechsel eingeordnet.

/X

*

Är.JV.

s.*

·_/

Brief Harnacks an Mommsen vom 13. Dezember 1888 (Nr. 2). StBB-PK, NL Mommsen, B1.2.

p,^.

^

— P f ' -y

6

ι*"

4

'

Η^

. _ tí»-*A

ΪΛ·

i

£

Γ 51 —Λ—

> / ·

,>-

'Hermes< (1886) S. I42ff. veröffentlichte stichometrische Schriftenverzeichnis habe ich Theol. Lit. Ztg. 1886 No. 8 vorläufig besprochen. In der Handschrift n. 133 von S. Gallen p. 448 - 492 fandMommsen ein zweites Exemplar u. hat die Varianten derselben im >Hermes< (1889 Patr Gr

denkt 6 . Ich vermuthe,

daß H . Prof. Schwartz nicht an Alles gedacht hat, was in ein solches Corpus gehört, selbst wenn man ihm die Grenze bei Eusebius steckt. Die Frage, was aufzunehmen ist und bis zu welchem Zeitpunkt man gehen soll, ist eine sehr schwierige. Und selbst wenn man sich im Allgemeinen mit Eusebius bescheidet, soll man nicht gleich eine Ausgabe der griechischen Concillen mit in's Auge fassen 7 ? 3) Der Erwägung scheint es mir doch werth, ob man H . Schwartz sofort die Kirchengesch, des Eusebius, die Praeparatio und den Paedagog überläßt. Man wird fur Clemens Alex, schwerlich einen Bearbeiter finden, wenn man demselben den Paedagog vorweggenommen hat. Dazu kommt, daß Hiller u. N e u mann seit längerer Zeit fur eine Clemens-Ausgabe arbeiten 8 . Umgekehrt kann man Schwartz doch nicht den ganzen Clemens und den ganzen Eusebius überlassen; denn wann würde ein Einzelner damit fertig werden? Auch hat, wenn ich mich nicht irre, Maaß flir die Praeparatio gearbeitet 9 . Was nun den Eusebius (KGesch.) betrifft, so ist er das hervorragendste Stück eines Corp< us> Patr< um> Gi

Antenicaen.

Ich glaube, daß es nicht Wenige giebt, die die

KGeschichte mit Freude recensiren werden; aber ich bin in diesem Falle entschieden dafür, daß man sich an Schwartz hält I 0 . N u r wäre hier zu fragen, ob 6

Die ersten beiden Bände von Harnacks »Geschichte der altchristlichen Literatur« sollten als »Prolegomena zur altchrisdichen Litteraturgeschichte und zu einer Gesammtausgabe« diesen Dienst leisten, vgl. H A R N A C K , GaL 1.1, Vf. und die Vorrede von K. Aland zur zweiten Auflage.

7

Es ist geradezu ein Curiosum, daß Harnack in diesem Brief vom Oktober 1890 eine editorische Aufgabe anspricht, die Eduard Schwartz aus eigenem Antrieb in späteren Jahren aufgriff und weiterführte, indem er seit 1914 die Acta Conciliorum Oecumenicorum herausgab (hierzu REHM 4iff.).

8

Weder der Klassische Philologe Eduard Hiller (1844-1891), Professor in Halle (nach Erinnerungen 95 gab er »viel mehr Zitate als Gedanken«), noch der Straßburger Althistoriker Karl Johannes Neumann (1857-1917) edierten jedoch Clemens von Alexandria; eine textkritische Ausgabe fur die G C S legte vielmehr Otto Stählin (18681949) vor (Bd. 1-3,1905-1909; Bd. 4 [Indices] 1934-1936; 3. Auflage von L. Fruchtet u. U. Treu 1960-1972). WILAMOWITZ,

9

Der Philologe Ernst Maaß (1856-1929; Privatdozent in Berlin 1883, o.Prof. 1887 in Greifswald, 1896 in Marburg) edierte die praeparatio evangelica Eusebs nicht fur die GCS; die Ausgabe besorgte vielmehr Κ. M ras in den Jahren 1954-1956.

10

Schwartz gab in seinem 1932 verfaßten Wissenschaftlichen Lebenslauf Harnack die Schuld daran, daß sein Plan einer Eusebius-Ausgabe gescheitert sei: »Ich hatte schon von Rostock aus der Berliner Akademie einen detaillierten Plan zur Ausgabe von Eusebs Kirchengeschichte eingereicht; er wurde abgewiesen, weil Harnack, der Mommsens Ohr hatte, fur die von ihm geplante Ausgabe der griechischen Kirchenväter philologische Mitarbeit nicht wünschte, was natürlich nicht offen gesagt wurde« (Ges. Schriften 2, 6 = R E H M 29; ähnlich äußerte sich Schwartz auch in einem Gespräch mit Lothar Wickert Ende Oktober 1934, vgl. StBB-PK, N L Wickert, Nr. 191). Der hier vorliegende

12. Brief Harnacks an Mommsen vom 22. io. 1890

603

Brief Harnacks an Mommsen relativiert das autobiographische Zeugnis von Schwartz, das auch in wissenschaftsgeschichdiche Darstellungen Eingang gefunden hat (vgl. etwa CALDER/FOWLER 14; 28 Anm. 106; F. PARENTE, Wilamowitz über Neues Testament und Frühchristentum, in: CALDER, Wilamowitz 400-419, hier: 400f.; zu Recht skeptisch DUMMER in: HARNACK, KS 1, Anm. 80, S. XXIXf.). Demzufolge hatte Schwartz im Jahre 1890 an die phil.-hist. Klasse der Berliner Akademie - ohne Kenntnis des von Harnack und Mommsen geplanten Corpus der vornicänischen griechischen Kirchenschriftsteller - sein Gesuch herangetragen, im Auftrag der Akademie eine Gesamtausgabe des Eusebius von Caesarea anzufertigen; von einer »Beschränkung« auf die Kirchengeschichte war in Schwartz' Gesuch augenscheinlich nicht die Rede. Harnack, von Mommsen, dem Sekretär der Klasse, um Rat gefragt, brachte gemeinsam mit diesem und Hermann Diels den ursprünglichen Plan einer umfassenden Eusebius-Edition zu Fall, hielt aber Schwartz, wie seinen Worten zu entnehmen ist, für den geeigneten Herausgeber der Kirchengeschichte. Die Klasse beschloß dann auch auf Antrag der zuvor eingesetzten Kommission in ihrer Sitzung vom 13.11.1890 (vgl. AAdW-BB, Sitzungsprotokolle, IIV,IJ6, Bl. 185), Schwartz fur die Kollation des Moskauer Codex der Kirchengeschichte Eusebs durch einen Kiewer Mitarbeiter 300 Mark und für die Kollation des Sinaiticus durch einen Mitarbeiter in Edinburgh 400 Mark zu bewilligen. Am 26. November schrieb Schwartz daraufhin an Mommsen (StBB-PK, N L Mommsen: Ed. Schwartz, Bl. 16): »Die beiden von Ihnen unterzeichneten Schreiben vom 20. d.M. sind gestern bzw. heute in meine Hände gelangt. Gestatten Sie mir dieser Mittheilung meinen herzlichen Dank an Sie persönlich hinzuzufügen fur die ausfuhrliche und eingehende Darlegung der Motive die zur Ablehnung meines Gesuches geführt haben. - Was Sie mir mittheilen, kommt mir völlig überraschend und verschiebt die Basis gänzlich, auf der ich meine Pläne entworfen hatte, ganz zu schweigen von anderen Projecten über die patres, die ich als noch nicht genügend gereift für mich behalten hatte. Die Möglichkeit eines Corpus patrum Graècorum, die ich nur vorsichtig streifen wollte, scheint erfreulicherweise eine nahe Wirklichkeit zu sein - daß da der Einzelne sich dem Ganzen gegenüber bescheiden muß, ist selbstverständlich. Und doch muß ich offen bekennen, daß es mir sehr schwer ankommt mich von den Aufgaben, die ich mir einmal gesteckt habe, zu trennen und die Arbeit bis auf unbestimmte Zeit, vielleicht auf immer zu sistiren. Dazu bin ich in den Sachen zu sehr mit meinem - verzeihen Sie den Ausdruck - wissenschaftlichen Herzen engagirt. Ich muß sehn, ob sich ein modus finden läßt. Brieflicher Austausch fuhrt zu nichts; ich kann diese Woche leicht abkommen und bitte Sie daher höflichst mir eine Besprechung mit Ihnen zu gestatten, von deren Resultat ich alles abhängig mache «. Wenn auch die hier von Schwartz erwähnten Schreiben Mommsens nicht mehr im N L Schwartz in der BStBM erhalten sind, so läßt sich deren Inhalt aus vorliegender Antwort deutlich rekonstruieren. Trotz der Ablehnung des umfassenden Planes, den Schwartz vorgelegt hatte, erklärte dieser sich nach dem Gespräch mit Mommsen bereit, zunächst an Eusebs Kirchengeschichte entsprechend den Vorgaben der Akademie weiterzuarbeiten. Am 9. April 1891 teilte er Harnack brieflich mit (StBB-PK, N L Harnack: Ed. Schwartz, Bl. 2-3), die Kollation des Moskauer Codex sei abgeschlossen und der Mitarbeiter müsse nunmehr bezahlt werden. Zugleich fugte er in Hinblick auf die Kirchenväterausgabe hinzu: »Das Corpus ist ja im Wesentlichen gesichert ; die Nachricht hat mich natürlich sehr gefreut; so waren ihre Hoffnungen doch besser begründet als Mommsens Skeptizismus«. In diesem Zusammenhang äußerte Schwartz zwei Fragen: zum einen bezüglich der Ausgabe der Apologeten, namentlich des Theophilus und der Cohortatio, die Schwartz bereits neben seiner Edition des Athenagoras weitgehend vorbereitet hatte; zum anderen »würde mir viel daran liegen, wenn ich

6o4

12. Brief Harnacks an Mommsen vom 22. 10. 1890

es sich nicht empfiehlt, erst den griechischen Eusebius, wie ihn die Byzantiner lasen, den Rufin und den Syrer-Armenier gesondert herauszugeben u. dann den wirklichen Eusebius zu construiren

Es kann sein, daß diese Umschweifung

ungefähr wüßte, wann der Euseb dran kommt. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen: die Frage ist nur eine Frage, nicht im geringsten eine Bitte ihn bald vorzunehmen. Aber Sie werden es begreifen, daß ich gerne weiß wann mir eine Arbeit bevorsteht, die Jahre in Anspruch nimmt und mich nöthigt alles andere zurückzusetzen; andererseits verkenne ich keineswegs daß es schwer, ja unmöglich sein kann, bei so großen Unternehmungen bestimmte Voraussagen zu machen, werde also mich bescheiden, wenn Sie mit non liquet antworten. Wenn nun in nicht zu ferner Zeit nach Ihrer Absicht der Euseb vorgenommen werden soll, dann fange ich an vorzubereiten, Handschriften kommen zu lassen, so weit es möglich ist usw., damit möglichst wenig Zeit verloren wird. Liegt aber Wichtigeres oder Dringerendes vor, nun, dann kann es ja liegen bleiben, und ich führe erst andere Projecte aus«. Auch in der Folgezeit arbeitete Schwartz an Euseb (vgl. etwa seine Briefe an Harnack vom 24.10.1891 [hierzu ebenfalls AAdW, Sitzungsprotokolle, II-V,157, Bl. 27], und 12. Ii. 1892 [StBB-PK, N L Harnack: Ed. Schwartz, Bl. 4 und Bl. 6-8]), obgleich erst 1901 mit dem Druck der Kirchengeschichte begonnen wurde, vgl. hierzu die Briefe Nr. I42Í.; I78f.; 181; 2iof; 214; 264 Anm. 4; 268 Anm. 4 und 283. Jedoch ist offenkundig, daß die Darstellung, die Schwartz in seinem curriculum vitae 1932 gab, verzerrt ist; dies rührt wohl auch daher, daß Harnack und Schwartz in späteren Jahren nicht mehr miteinander zurechtkamen, wie nicht zuletzt die Auseinandersetzung um das antiochenische Synodalschreiben von 325 offenbarte, vgl. S. 242. Bezeichnenderweise fuhrt Schwartz in seinem »Wissenschaftlichen Lebenslauf« (Ges. Schriften 2, 6 = RKHM 29) die Entscheidung der Kirchenväterkommission, ihm die Edition der Kirchengeschichte Eusebs anzuvertrauen, auf den späteren Einfluß von Wilamowitz zurück, der der Kommission erst seit 1897 angehörte. Dieser hatte schon am 29. November 1890 gegenüber Mommsen bemerkt: »es würde mir sehr leid sein, wenn die Eusebiuspläne von Schwartz sich zerschlügen. Das Geld sollte doch vom Minister zu haben sein« (MOMMSEN - WILAMOWITZ Nr. 316, S. 391). Indes, auch Harnack hatte Schwartz bereits Ende Oktober 1890 fur diese Aufgabe vorgesehen! Und als Harnack im November 1892 im Apostolikumstreit zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt war, schrieb Schwartz: »Zum Schluß grüße ich Sie herzlich und hoffe, Sie verdenken es mir nicht, wenn ich Ihnen in böser Zeit die Hand drücken möchte zum Zeichen meiner vollsten Sympathien« (StBBPK, N L Harnack: Ed. Schwartz, Bl. 6-8; Brief vom 12.11.1892). "

In der Bedeutung gerade der syrisch-armenischen Überlieferung fur die Kirchengeschichte des Eusebius stimmte Schwartz mit Harnack durchaus überein: »Ein schwieriges Problem war die syrische Übersetzung Ich sah bald ein, daß ich mit deutschen Übersetzungen nichts anfangen konnte, und machte mich daran, Syrisch und Armenisch zu lernen« (Ges. Schriften 2, 6 = REHM 29). So war es eben nicht nur die durch Harnack herbeigeführte Ablehnung einer Gesamtedition des Eusebius, die Schwartz zunächst zu einer Verschiebung seines editorischen Vorhabens veranlaßte, sondern auch die Einsicht, zunächst gewisse Vorarbeiten leisten zu müssen - Vorarbeiten, auf die Harnack bereits hingewiesen hatte. Vgl. hierzu auch Harnacks »Bemerkungen zum 5. Buch der Kirchengeschichte des Eusebius nach der neuen Ausgabe von Eduard Schwartz« (SB 1903, 200207 [SMEND 805], Zitat 200 = HARNACK, KS 630-637, Zitat 630): »Der Text, wie ihn Schwartz vorgelegt hat, hält sich streng - bei sorgfältigster Beobachtung des Syrers und Rufin's - an die Überlieferung der griechischen Handschriften.«

i l . Brief Harnacks an M o m m s e n v o m 22. 10. 1890

605

überflüssig ist; aber die Sache muß eingehend erwogen werden. Im Moment vermag ich mich nicht zu entscheiden, obgleich ich im Eusebius zu Hause bin. 4) Zu den Grundsätzen, auf die man Schwartz zu verpflichten hat, wird auch der gehören müssen, daß er im Conjecturiren vorsichtiger wird. Es ist nicht schön, wie es ihm im Tatian passirt ist, erst eine Reihe von Conjecturen in den Text aufzunehmen und dann in der Vorrede sie zurückzuziehen Eine Conjectur muß doch wenigstens einiahr halten - ich meine bei ihrem eigenen Autor. II) Die Schwartz'sche Eingabe giebt uns einen Stimulus, seitens der Akademie die Frage eines CPG wirklich zu erwägen. Das kann m.E. nur so geschehen, daß die Akademie eine Commission zur Vorbereithung ernennt. Diese muß tüchtig arbeiten, darf sich aber nicht übereilen. Ein Einzelner kann den ganzen Plan nicht auf seine Kappe nehmen: Dazu ist die Sache zu groß u. zu wichtig. Wohl aber kann eine vorberathende (kleine) Commission so arbeiten, daß bis März V ] ein motivirter, ausgeführter Plan vorliegt über Umfang, Anlage u. Art der Durchführung des Unternehmens.