Theodor Mommsen - Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert 9783110900880, 9783110177664

Theodor Mommsen, who received the Nobel Prize for Literature in 1902 for his “Roman History” is one of the outstanding G

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German Pages 361 [364] Year 2005

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Theodor Mommsen - Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert
 9783110900880, 9783110177664

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Theodor Mommsen Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert

Theodor Mommsen Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert Herausgegeben von

Alexander Demandt, Andreas Goltz und Heinrich Schlange-Schöningen

w DE

_G Walter de Gruyter · Berlin · New York

© Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN 3-11-017766-8 Bibliografische Information Der Deutschen

Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Copyright 2005 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Alikroverfilmungen und die üinspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany üinbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin

Für William Musgrave Calder III in Urbana/Illinois

Vorwort Während eines Ferienaufenthaltes im Ostseebad Heringsdorf verfaßte Theodor Mommsen am 2. September 1899 seine vielzitierte Testamentsklausel, in der er mit dem „deutschen Publikum" abrechnete, vor dem ihm die Achtung fehle. „Ich wünsche, daß auch nach meinem Tode dasselbe mit meiner Individualität sich nichts zu schaffen mache. Meine Bücher mag man lesen, solange sie eben dauern; was ich gewesen bin, oder hätte sein sollen, geht die Leute nichts an." Der Wunsch blieb unerfüllt, er war auch unbillig. Denn wenige Gelehrte haben sich so nachdrücklich in die Öffentlichkeit gewagt wie eben Mommsen. Seine Popularität überdauerte ihn und erwies sich zuletzt in dem Doppeljubiläum zur hundertsten Wiederkehr der Verleihung des Nobelpreises am 13. November 1902 und des Todestages am 1. November 1903. Zu den zahlreichen Gedenkveranstaltungen im In- und Ausland steuerte das Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2003/2004 eine Universitätsvorlesung bei, deren überarbeitete Beiträge wir hier vorlegen. Die ursprünglich geplanten Vorträge von Joachim Fest und Werner Dahlheim mußten krankheitshalber ausfallen. Anstelle des ersteren bot Alexander Demandt eine Einführung in Leben und Werk Mommsens, als Ersatz für den zweiten konnten wir Christian Andree gewinnen. Im Unterschied zur Vorlesungsreihe sind die sechs Beiträge, in denen Mommsens politisches Wirken behandelt wird, hier in zeitlicher Abfolge an den Anfang gestellt. Dann folgen zwei Aufsätze, die Mommsens wissenschaftspolitische Stellung thematisieren, danach sechs Beiträge, in denen einzelne Aspekte der großen Werke Mommsens analysiert werden; am Ende steht eine Untersuchung der zahlreichen Nachrufe auf Mommsen. Danken möchten wir Frau Dr. Sabine Vogt vom de Gruyter-Verlag, die unserer Publikation ihre tatkräftige Unterstützung zukommen ließ. Wir widmen das Buch dem hochverdienten Förderer der altertumskundlichen Wissenschaftsgeschichte William Musgrave Calder III in Urbana/Illinois. Die Devise von Mommsens Nobelpreis-Medaille dürfte er wie wir unterschreiben: INVENT AS VIT AM IUVAT EXCOLUISSE PER ARTES. Berlin-Dahlem im Mai 2005

Die Herausgeber

Inhalt ALEXANDER DEMÄNDT

Theodor Mommsen - Zur Einführung

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STEFAN REBENICH

Theodor Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848

13

HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN

Mommsen und die Hohenzollern

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CHRISTHARD HOFFMANN

Die Verteidigung der liberalen Nation. Mommsen gegen Treitschke im „Berliner Antisemitismusstreit" 1879/1880

62

ALEXANDER DEMANDT

Mommsen gegen Bismarck

89

CHRISTIAN ANDREE

Von „beständiger Treue" und „begrabenen Hoffnungen": Rudolf Virchow und Theodor Mommsen

103

RÜDIGER VOM BRUCH

Mommsen und Harnack: Die Geburt von Big Science aus den Geisteswissenschaften

121

ARNALDO MARCONE

Die deutsch-italienischen Beziehungen im Spiegel der Biographie Mommens

142

GERT MATTENKLOTT

Mommsens Prosa - Historiographie als Literatur

163

Inhalt

χ

EGON FLAIG

Die verfehlte Nation. Warum Mommsens Rom nicht ans geschichtliche Ziel gelangte

181

ERNST BALTRUSCH

Mommsen und der Imperialismus

201

ANDREAS GOLTZ

Mommsens Germanenbild

226

WILFRIED NIPPEL

„Rationeller Fortschritt" auf dem „antiquarischen Bauplatz" Mommsen als Architekt des „Römischen Staatsrechts"

246

JÜRGEN DEININGER

Zweierlei Geschichte des Altertums: Max Weber und Theodor Mommsen

259

HANS KLOFT

Die Nachrufe auf Theodor Mommsen

282

BIBLIOGRAPHIE

318

PERSONEN-, ORTS- UND SACHREGISTER

341

Theodor Mommsen - Zur Einfuhrung* Alexander Demandt

Christian Mathias Theodor Mommsen wurde am 30. November 1817 zu Garding in Schleswig geboren.1 Er war der älteste Sohn des Diakons Jens Mommsen und seiner Frau Sophie, einer Kaufmannstochter aus Altona. Drei weitere Söhne und zwei Töchter folgten. Bis zum 17. Lebensjahr wurden die Brüder vom Vater unterrichtet. Obwohl dieser Pfarrer war, zeigte der Sohn ein durchgehend distanziertes Verhältnis zum Christentum und zum „Wunderland Religion" überhaupt. Selbst mit seinem Vornamen Theodor, „Gottesgeschenk", war er unzufrieden und ließ sich lieber wie sein Vater „Jens" nennen. 2 Aus seinem Atheismus machte er keinen Hehl. 1834-38 besuchte Mommsen das Gymnasium Christianeum in Altona, 1838-43 studierte er als schlagender Burschenschafter an der Universität Kiel, die, wie ganz Schleswig-Holstein, dem dänischen König als Reichsfürsten unterstand. Mommsens Fach war Jurisprudenz. Geschichte und Philologie hat er nie studiert. Nach seiner Promotion über römisches Recht unterrichtete er an dem Mädchenpensionat seiner Tanten in Altona die höheren Töchter in Latein, Französisch, Geschichte, Geographie und Deutsch. Die akademische Laufbahn war damals wie heute selbst für den Begabtesten mit unberechenbaren Wartezeiten und Umwegen verbunden. 1844 erhielt Mommsen ein Stipendium aus Kopenhagen, ähnlich wie vor ihm 1790 Schiller und 1843 Hebbel. Mommsen zog nach Frankreich und Italien, wo er sich unter dem Einfluß von Bartolomeo Borghesi den Inschriften des Königreichs Neapel widmete. „Der Jurist ging nach Italien - der Historiker kam zurück". Als 1848 der „Hexentanz" begann, stürzte sich der , schwarz-rot-goldene' Mommsen in die Politik. Während in Schleswig-Holstein Deutsche gegen Dänen stritten, um die staatsrechtliche Vereinigung mit Dänemark abzuwehren, wurde Mommsen bei einem Krawall verletzt, was ihn wehruntüchtig machte. Mommsen kämpfte für die nationale Sache mit der Feder in der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" und unterstützte die Kandidatur der deutschnationalen Historiker Droysen und Waitz für die Paulskirche. Wer aus „Hundetreue" zu den Landesfürsten der Frankfurter Nationalversammlung

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Alexander Demandt

Gehorsam verweigere, der übe „Hochverrat gegen Deutschland". 3 Schon damals in Rendsburg propagierte Mommsen eine starke nationale Zentralgewalt unter einem preußischen Erbkaiser. Trotz mitunter bissigen Bemerkungen über fast alle Angehörigen des Herrscherhauses bekannte sich Mommsen öffentlich stets zur Monarchie der Hohenzollern und rühmte seine Königstreue. Freilich sollte die Regierung durch das Parlament kontrolliert werden und im Parlament das Bürgertum das Volk vertreten, nicht der „Pöbel". Feudale Privilegien und klerikale Traditionen, kapitalistische Dominanz und sozialistischen Umsturz lehnte er ab. Im Herbst 1848 auf eine rechtswissenschaftliche Professur nach Leipzig berufen, setzte der Dreißigjährige seine Agitation für die nationale Einheit im Deutschen Verein fort, der die Anerkennung der Frankfurter Reichsverfassung erzwingen wollte.4 Als im Mai 1849 in Dresden Barrikaden gebaut wurden, wuchs die Spannung. Der Leipziger akademische Senat weigerte sich, gemäß der oktroyierten Landesverfassung einen Abgeordneten zu wählen, daraufhin wurde Mommsen, der zum Aufruhr geblasen hatte, wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das dem Urteil zugrunde liegende Gesetz stammte aus dem Jahre 1580. Die zweite Instanz unterstellte Mommsen und seinen Freunden politische Naivität und hob das Urteil auf, aber Mommsen verlor seine Professur, weil er die akademische Jugend verdürbe. Die unsichere Subsistenz bewog Mommsen, den Verlegern Karl Reimer und Salomon Hirzel auf deren Wunsch eine „Römische Geschichte" zuzusagen, für die er einen namhaften Vorschuß kassierte. Sich selbst hätte er eine solche Aufgabe nicht zugetraut, aber mitunter können Verleger die Leistungsfähigkeit eines Gelehrten besser beurteilen als dieser selbst. Reimer und Hirzel hatten einen Vortrag Mommsens über die Gracchen besucht, der sie aufhorchen ließ. Finanzielle Absicherung brachte im Frühjahr 1852 ein Ruf nach Zürich. Dort gab es 150 Studenten und 22 Ordinarien, ein Verhältnis von 7 zu 1. In der juristischen Fakultät kamen auf jeden Dozenten sogar nur zwei Studierende. Dennoch wurde Mommsen mit dem „Froschgeschlecht" der Eidgenossen nicht warm. Ahnlich ging es ihm anschließend in Breslau, wo er zwei Jahre später Professor für römisches Recht wurde. Das Desinteresse der dortigen Studenten - „die meisten stinken, alle faul" - und die eigene Unlust am Lehren erlaubten es Mommsen, die „Römische Geschichte" zu schreiben, deren erste drei Bände 1856 vorlagen. Das Werk wurde schnell populär, trotz vielfältiger Kritik nicht zuletzt durch David Friedrich Strauß, Johann Jakob Bachofen und Ferdinand Grego-

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rovius. Man warf Mommsen seine journalistische Sprache vor, mit der er die Vergangenheit vergegenwärtigte. Anstelle der ehrfürchtigen Distanz, die man dem Klassischen Altertum zu schulden meinte, trat hier eine Verlebendigung die Alten wurden gewissermaßen zu Zeitgenossen. So wurde das Werk bis heute eines der meistgelesenen und meistübersetzten Geschichtswerke deutscher Sprache, inzwischen liegt die 16. Auflage vor. Die ersten drei Bände behandeln die Römische Republik unter Ausschluß der in Mommsens Augen legendären Königszeit bis zur Vollendung der Alleinherrschaft Caesars nach der Schlacht bei Thapsus 46 v. Chr.; der Tod des Diktators an den Iden des März 44 wird nicht mehr dargestellt. Leitender Gesichtspunkt ist die „nationale Einigung" Italiens durch Rom und die allmähliche Demokratisierung der res publica. Die Römer waren nach Mommsen „ein freies Volk, das zu gehorchen verstand, in klarer Absagung von allem mystischen Priesterschwindel, in unbedingter Gleichheit vor dem Gesetz und unter sich, in scharfer Ausprägung der eigenen Nationalität". So wünschte sich Mommsen auch die Deutschen. Nationalismus Jawohl! aber Imperialismus Nein Danke! Mit dem Ausgreifen über Italien hinaus, der Einrichtung von Provinzen und der Proletarisierung, zumal der Landbevölkerung, schien für Mommsen ein Zustand erreicht, dessen innere Probleme nur noch durch die Genialität Caesars zu lösen waren. Dieser war für Mommsen wie für Hegel und Burckhardt der „größte der Sterblichen". Offen oder verdeckt zog er immer wieder Parallelen zu seiner eigenen Zeit, daher firmieren die Senatoren als „Junkerklasse", die equites als „Kapitalisten". Diese „Modernisierungen" wurden ihm allgemein, sowohl von Marx als auch von Nietzsche, verübelt. Dennoch versuchte Mommsen, nicht grundsätzlich anders als diese Autoren, Geschichte zu aktualisieren und in den Dienst einer politischen Pädagogik zu stellen. Dies wollte er auch durch kühne Wertungen und prägnante Charakteristiken der handelnden Persönlichkeiten erreichen. Nach langer Pause publizierte Mommsen 1885 eine sine ira et studio geschriebene Geschichte der römischen Provinzen in der Kaiserzeit unter dem Serientitel „Römische Geschichte, Band V . Der vierte Band, die Kaisergeschichte, wurde mehrfach angekündigt und immer erwartet, ist aber nie erschienen. Die Gründe dafür sind komplex und kontrovers. 1902 erhielt er für sein großes Werk aufgrund einer Eingabe berühmter Kollegen der Akademie den Nobelpreis für Literatur, als erster Deutscher und - außer Churchill einziger Historiker bisher. Das geschah fast 50 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes. Wer auf den Nobelpreis hofft, sollte mithin nicht zu früh verzweifeln. Die Wertschätzung Mommsens spiegelt sich in den Preiskandidaten,

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Alexander Demandt

die damals übergangen wurden. Vorgeschlagen waren neben Mommsen auch Leo Tolstoi, Emile Zola, Mark Twain, Anatole France und August Strindberg. Einen gewissen Ersatz für die fehlende Kaisergeschichte bieten die 1980 aufgefundenen, 1992 publizierten Vorlesungsnachschriften derMommsenschen Kaisergeschichte von Sebastian und Paul Hensel.5 Sie schildern Innen- und Außenpolitik, Hofleben und Verwaltung in Italien und den Provinzen in der Zeit von Caesar bis Alarich und liefern somit ein Gesamtbild der Kaiserzeit, in das sich die entsprechenden „Reden und Aufsätze" (1905), literarische Kabinettstücke, einfügen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Berlin an die Spitze der deutschen Universitäten getreten. Zwar galt Mommsen auch in Breslau als Oppositioneller, doch folgte auf einen Ruf nach München das Angebot einer Forschungsprofessur an der Berliner Akademie, für das sich Alexander von Humboldt eingesetzt hatte. Dieser hatte ja auch die Brüder Grimm, die zu den Göttinger Sieben gehörten, nach Berlin geholt. Seit 1853 war Mommsen korrespondierendes Mitglied der preußischen Akademie. Mommsen verließ 1857 das „Affentheater" Breslau und eröffnete in Berlin eine neue Epoche der Wissenschaftsgeschichte, hat doch durch ihn, so Adolf Harnack, „die Akademie den Großbetrieb der Wissenschaft kennengelernt". Als Mommsen, unzufrieden in Berlin, 1874 einen Ruf nach Leipzig hatte, wurde er Sekretär, d. h. Präsident der Historisch-philologischen Klasse der Akademie mit verdreifachtem Budget. Geld hält. Mommsen diente der Akademie bis ins 85. Lebensjahr. 1861 erhielt Mommsen eine ordentliche Professur für römische Geschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität, 1871 wurde er Dekan, 1874 Rektor. In seiner Einführungsrede rühmte er das deutsche Universitätswesen, das den Studenten freie Wahl ließ, welche Lehrveranstaltungen, wieviele und in welcher Reihenfolge sie besuchten.6 Man behandelte sie damals als mündige Menschen. Ο tempora, ο mores! 1861-87 hielt Mommsen regelmäßig Vorlesungen: vier Wochenstunden, dazu eine zweistündige Übung. Die Themen entstammten überwiegend seinem wichtigsten Forschungsgebiet, der römischen Kaisergeschichte. Mehrfach betonte er die Lustlosigkeit, mit der er ins Kolleg ging. Die Urteile über ihn als Redner sind durchaus geteilt, Zustimmung fanden jedoch stets die zugespitzten Urteile seiner scharfen Zunge.7 Seine eigentlichen pädagogischen Fähigkeiten entfaltete Mommsen in seinen Seminaren. Zu seinen Schülern gehören Otto Hirschfeld, Hermann Dessau, Alfred von Domaszewski, Otto Seeck, Ludo Moritz Hartmann und Ulrich Wilcken. Als Mommsen seinen Berliner Lehrstuhl übernahm, hatte er sich zwar noch nicht habilitiert, aber schon über 300 Publikationen vorgelegt.8 Seine wissenschaftlichen Arbeiten setzte er bis zu seinem Tode fort. Ein Basiswerk

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ist das dreibändige „Römische Staatsrecht", bis heute so unentbehrlich wie das „Römische Strafrecht" (1899). Dazu kommen Mommsens Monographien über die altitalischen Dialekte, über Chronologie und Numismatik, seine „Römischen Forschungen" (2 Bde.) und seine postum edierten „Gesammelten Schriften" (8 Bde.). Die Gesamtzahl der publizierten Arbeiten beträgt fast 1.600. Mommsens Lebensleistung, namentlich für die Römische Geschichte, ist ohne Beispiel. Er hat durch mehrere Langzeitunternehmen die Quellenkritik auf eine neue Grundlage gestellt, hat als Organisator in der preußischen Akademie und in der Union der deutschen Akademien Großes und Bleibendes geleistet. Mommsen hat die interdisziplinäre, internationale Großforschung begründet. Sein „Corpus Inscriptionum Latinarum", ein europäisches Gemeinschaftswerk, war zu seinen Lebzeiten das „größte, fruchtbarste und glänzendste Unternehmen der Akademie". So Adolf Harnack, er hätte hinzufügen können: auch das kostspieligste. Bei Mommsens Tod waren über 400.000 Goldmark ausgegeben, aber auch 130.000 römische Inschriften publiziert. 1903 lagen 15 der 16 geplanten Teile vor. Fünf von ihnen hatte Mommsen selber bearbeitet, für die anderen die Mitarbeiter ausgesucht und ihnen Unterstützung gewährt. Er bestand darauf, daß jede erhaltene Inschrift am Original verglichen wurde, bevor sie in den Druck ging. 1854 schrieb er an seinen Jugendfreund Theodor Storm: „Diese Inschriftenwelt mit all ihrer Plattitüde und Tenuität steht dem wirklichen Leben doch sehr nah". Daneben war Mommsen beteiligt an der Gründung der Zeitschriften „Hermes" und „Ephemeris Epigraphica" sowie an der Organisation des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom. 1871 entwarf er die neue Satzung, die 1874 aus dem preußischen ein vom Reich getragenes deutsches Institut machte. Eine weitere Sorge galt der Römisch-Germanischen Kommission und der provinzialrömischen Archäologie, namentlich der von Wilhelm II. persönlich geforderten, seit 1890 in Gang kommenden Reichs-Limes-Kommission.9 Ebenso beteiligte sich Mommsen am „Vocabularium Iurisprudentiae Romanae", am „Thesaurus Linguae Latinae", am „Corpus Nummorum" und an den Editionen der Kirchenväter-Kommission. Mommsens große editorische Arbeiten standen im Zusammenhang mit den „Monumenta Germaniae Historica", für die er mehrere Bände der für Mitteleuropa wichtigen „Auetores Antiquissimi" und den ersten Teil der PapstChronik, der „Gesta Pontificum", redigierte. Auf ausgedehnten Reisen durch die europäischen Bibliotheken kollationierte er alle Manuskripte selbst. In Paris brachte man dem berühmten Gelehrten die Originalhandschriften ins Hotel. Für die von ihm herausgegebenen Corpora des Römischen Rechts, das „Corpus Iuris Civilis" und den „Codex Theodosianus" griff er auf Vorarbeiten

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anderer zurück, die dabei ungebührlich in den Hintergrund rückten. Alle diese Editionen sind bis heute Standardwerke der Forschung. In seinem Testament von 1899 bezeichnete sich Mommsen in Anknüpfung an Aristoteles (pol. 1253 a) als animalpoliticum,10 Zeitlebens war er publizistisch tätig, fast immer in Opposition zur jeweiligen Regierung. Nach den Aktivitäten in Rendsburg 1848 und Leipzig 1849 ließ er sich 1863-66 als Mitglied der Fortschrittspartei ins preußische Abgeordnetenhaus wählen. 1873-79 saß er wiederum dort, 1881-84 im Reichstag. Mommsen kämpfte vor allem für die finanzielle Ausstattung der Bibliotheken und Universitäten und verfocht im übrigen eine liberale und nationale Politik. 1879/80 stellte er sich in der „Judenfrage" gegen Treitschke, den er zum Ahnherrn des modernen Antisemitismus abstempelte.11 Allbekannt war Mommsens Haß auf Bismarck. 1881 strengte dieser eine Beleidigungsklage gegen Mommsen an. Der Kanzler verlor den Prozeß. 1901 stemmte sich Mommsen im „Fall Spahn" öffentlich gegen konfessionelle Gesichtspunkte bei Berufungen auf Lehrstühle. Das preußische Kultusministerium hatte bei der Besetzung der zweiten historischen Professur in Straßburg mit Rücksicht auf die Elsässer einen Kandidaten wegen seines katholischen Bekenntnisses bevorzugt. Die erste bekleidete damals der Protestant Friedrich Meinecke. Als 1900 mit der Lex Heinze eine Sittlichkeits-Zensur drohte, organisierte Mommsen den Goethe-Bund für kulturelle Freiheit. Mommsen vertrat stets die Liberalen, überwarf sich schließlich aber auch mit diesen. Aus Mißmut über die bürgerliche Politik begann Mommsen, mit den Sozialdemokraten zu sympathisieren.12 In seiner erst 1948 bekanntgewordenen Testamentsklausel von 189913 beklagte er sein Unvermögen als Historiker und bescheinigte seinen deutschen Landsleuten, daß sie aus dem Dilemma zwischen „politischem Fetischismus" und „Dienst im Gliede" nicht herauskämen. Ahnliche Pauschalurteile gab er über die romanischen Völker ab. Optimistisch blieb Mommsen gleichwohl, nicht nur im Hinblick auf die Fortschritte der Forschung. In seiner „Römischen Geschichte" bezeichnete er als das wahrscheinliche Ziel der modernen politischen Entwicklung ein friedlich-freundliches Nebeneinander der Staaten. Noch im Jahre vor seinem Tod erinnert er sich an die Vision einer „heiligen Allianz der Völker", die alle Fehler vermeide, die er dem Expansionismus der Römischen Republik und dann dem friedlichen Imperium Romanum anlastete: Wohlstand vor Freiheit, Egoismus vor Patriotismus, Lebensgenuß vor Geistesarbeit. Seine Verdüsterung mit den Jahren sah Barbarei hinter der zivilisatorischen Fassade und die Kultur auf dem Weg in den Abgrund.

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Aus Tagebüchern und Memoiren, sowie aus Tausenden von Briefen von, an und über Mommsen wissen wir auch über sein häusliches Leben gut Bescheid. Verheiratet war Mommsen mit der Tochter seines Verlegers Karl Reimer, die 15 Jahre jünger war. „Meine Frau ist sorgfältig, ruhig und pflichtgetreu" schrieb er 1859 seinem Bruder Tycho. Mommsen liebte seine Frau und hatte Grund dazu. Sie saß mit der Handarbeit in der Sofa-Ecke, regierte Haus und Kinder, überwachte das Personal und disponierte die ewig knappen Finanzen. Bevorzugte Sommerfrische war Heringsdorf an der Ostsee. Mommsen pflegte die Geselligkeit, man lud ein und wurde eingeladen. Es gab private und literarische Abende. In Berlin wie in allen Universitätsstädten fand sich eine Societas Graeca zusammen, deren Teilnehmer altgriechische Texte übersetzten und auslegten, ehe man zum Wein überging. 14 Mommsen hatte zum Alkohol ein ungetrübtes Verhältnis. Selbst im Reichstag soll er einmal so angeheitert aufgetreten sein, daß ihm die Rede stockte, was wiederum die Herren Abgeordneten erheiterte. Mommsen verfugte über eine immense Literaturkenntnis deutscher, englischer, französischer und italienischer Dichter und hat selbst gern und oft in Versen gesprochen. 1843 publizierte er mit seinem Bruder Tycho und Theodor Storm das „Liederbuch dreier Freunde". Seine Sympathie zu Amerika faßte er später in Reime für den Historiker und Botschafter George Bancroft: 15 Wir sind vom selben Schlage, Uns hebt dieselbe Flut. Ihr braucht die alte Sage, Wir brauchen frisches Blut. Des Einen Volks Begründung, Das "war, das ist uns Rom. Vertiefung und Verbündung Schafft jetzt am Völkerdom. So klingt hier die Parole, Sie klingt auch drüben wohl: Vom alten Kapitole Zum neuen Kapitol!

Zur Musik und zur Kunst hatte Mommsen kein inneres Verhältnis, von Museums- oder Theaterbesuch ist kaum die Rede, von Bildungsreisen zu schweigen. Ob er einen Philosophen gelesen hat, ist sehr fraglich. Mommsen bedauerte, aufgrund seiner Erziehung den zeitgenössischen Naturwissenschaften fernzustehen, suchte dies aber auch nicht nachzuholen. 1884 verteidigte er die Ho-

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mer-Lektüre gegen den Unterricht in den Kegelschnitten, denn das trage zur Humanität nichts bei. Schließlich scheint er keinerlei Sport getrieben zu haben, wenn wir von den ausgedehnten Wanderungen absehen, auf denen er in jungen Jahren Inschriften gesammelt hat. Hammer oder Spaten in Mommsens Hand sind schwer vorstellbar. Gesundheitliche Probleme hatte er offenbar trotzdem nicht. Mommsens letzte Wohnung war die Marchstraße 6, später 8, aus der Heiner Müller in „Mommsens Block" eine „Machstraße" ge-macht hat, die er beibehielt, obschon man ihn belehrte. Das Haus gehörte Mommsen, er kaufte es 1874, nachdem er mehrere Mietwohnungen hinter sich hatte, die immer wieder zu klein geworden waren. Das Haus wurde im letzten Weltkrieg zerstört, die Trümmer liegen unter dem heutigen Ernst-Reuter-Platz. Im Garten stand eine Linde, die Mommsen als Sinnbild seines blühenden Familienglücks im Gedicht feierte. Man hat oft über Mommsens sechzehn Kinder gespottet, von denen vier früh verstarben. Kinderreichtum war damals ebensowenig anstößig wie die eiserne Zucht im Hause. Die Kinder durften bei Tisch nur reden, wenn sie gefragt wurden. Widerrede gab es nicht, Zeitungslesen war verboten - die Schlechtigkeit der Welt konnte ja abfärben. Ein Sohn, Oswald, lockte wider den Stachel und wurde verstoßen. Sein Schicksal ist dunkel. Von den Töchtern fand nur eine einen Freier in Ulrich von Wilamowitz, dem großen Gräzisten und glühenden Jünger Mommsens.16 Er hat eigentlich seinen Schwiegervater geheiratet. Die übrigen Schwestern mußten nach Abschluß der Schule im Hause helfen, bis der Vater ihnen gestattete, einen „Brotberuf' zu ergreifen. Sie wurden Lehrerinnen. Die Söhne außer Oswald machten Karriere. Über sie begründete Mommsen eine Gelehrtendynastie, die bis heute floriert.17 Mommsen waltete im Hause als Patriarch und verbrachte die Zeit in Pantoffeln und Schlafrock am Schreibtisch zwischen Bergen von Büchern. In der Nacht zum 12. Juli 1880 brannte Mommsens Bibliothek. Arbeiter der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur auf dem Weg zur Frühschicht entdeckten das Feuer und alarmierten die Charlottenburger Turner-Feuerwehr. Die in den unteren Räumen schlafende Familie wurde gerettet, aber die Bücherschätze waren dahin. Auch kostbare Handschriften wurden zu Asche. Mommsen selbst stürzte sich immer wieder in die Flammen, um zu retten, was zu retten war, bis man ihn mit versengten Haaren gewaltsam hinderte. Früh verbreitete sich das Gerücht, damals sei auch das Manuskript der Kaisergeschichte vernichtet worden, der immer vermißte 4. Band der „Römischen Geschichte". Dies wurde als unbegründet zurückgewiesen, bis sich 1991 im Berliner Akademie-Archiv ein Bündel von Mommsenpapieren mit verkohl-

Theodor Mommsen - Zur Einfuhrung

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ten R ä n d e r n fand, sehr schwer zu entziffern, aber eindeutig: M o m m s e n s Einleitung z u m 4. Band. D a die letzten Seiten des Heftes weiß geblieben sind, ist klar, daß M o m m s e n nicht weitergeschrieben hat. Vielleicht hat ihn der Brand daran gehindert, vielleicht hat M o m m s e n aber auch f r ü h e r schon unterbrochen. Der Text wurde 1992 bei C. H. Beck in M ü n c h e n publiziert, z u s a m m e n mit den Hensel-Nachschriften von M o m m s e n s Kaiserzeit-Kolleg. Sebastian Hensel gewährt uns in seinen Memoiren Einblick in M o m m s e n s Geselligkeit u n d seine Hörsaal-Atmosphäre. Der Neffe von Felix Mendelssohn-Bartholdy war Direktor der deutschen Baugesellschaft. Erbittert über die Bauskandale u n d Großschiebereien, suchte er Erholung in seinen drei „Oasen", in der Mendelssohnschen Familiengeschichte, in der Malerei u n d bei M o m m sen. E r schreibt darüber: 1 8 „Und eine dritte Oase waren die Vorlesungen über die römische Kaisergeschichte, die ich zwei Winter- und ein Sommersemester bei Mommsen hörte und die ein großer, einziger Genuß waren. Ich hatte Mommsen auf einer Gesellschaft bei Delbrücks kennengelernt, und das Glück wollte, daß ich durch einen Witz Gnade vor seinen Augen fand. Ich stand mit Frau Delbrück plaudernd an einem Kaminsims, auf das eine Menge Weingläser, darunter einige feingeschliffene Römer, gestellt waren. Mommsen trat hinzu und warf durch eine ungeschickte Armbewegung eins dieser Rheinweingläser herunter. Er entschuldigte sich sehr, daraufsagte ich: ,Herr Professor, wir verdanken Ihnen so viele ganze Römer, daß wir Ihnen auch einen zerbrochenen zu Gute halten können [...]."' „Nun hatte ich es immer bedauert", fährt Sebastian fort, „daß Mommsen nicht die römische Kaisergeschichte geschrieben hatte; seine Römische Geschichte war stets eines meiner Lieblingsbücher gewesen. Da traf es sich im Wintersemester 1882/83 so glücklich, daß er die Kaisergeschichte, und zwar morgens von acht bis neun las, so daß ich sie vor Beginn meiner Bureaustunden hören konnte; man mußte nur etwas früh aufstehen; aber der Genuß dieser Stunden war ein unvergleichlicher. Ich hatte meinen Platz ganz vorn am Katheder, so daß ich vortrefflich hören, und vor allen Dingen auch ihn und sein ausdrucksvolles Gesicht genau sehen konnte. Wenn er dann da oben stand und über einen großen Kaisersünder Gericht hielt, dann war der Eindruck manchmal ein dämonischer und ganz überwältigender. Manchmal ließ er sich auch wohl durch sein Temperament hinreißen, und er sagte mehr und ging weiter, als er gewollt hatte. So einmal, als er sich in eine Rage über Konstantin den Großen hineinredete und den Armen so zerpflückte, daß nicht ein gutes Haar an ihm blieb. Die nächste Stunde kam er dann noch einmal auf ihn zurück und setzte ihm an Stelle des ausgerissenen Schopfes ein dürftiges Perrückchen kärglichen Lobes wieder auf. Immerhin ist mir Mommsens und Treitschkes durch Haß und Liebe mitunter getrübtes Urteil tausendmal lieber als Rankes kühle farblose sogenannte Unparteilichkeit. - Nur eins war mir auffallend und erschien mir

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wie eine große Lücke: Mommsen erwähnte des Christentums im ganzen Kolleg nicht mit einem Worte." Mommsen ist an einem Sonntag geboren und an einem Sonntag gestorben. Am 1. November 1903 stand die Familie um sein Totenbett. Geboren und gestorben wurde damals zu Hause. Kaiser Wilhelm kondolierte umgehend; an der Trauerfeier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche beteiligten sich Tausende. Alles mit Rang und Namen war präsent, einschließlich der HohenzollernPrinzen. Die Leichenrede hielt Harnack. *

Für die Geschichte der deutschen Altertumswissenschaft ist Mommsen aus drei Gründen bedeutsam: Zum ersten hat er den traditionellen, auf Winckelmann, Goethe und Wilhelm von Humboldt fußenden Philhellenismus der deutsch-griechischen Seelenverwandtschaft erweitert um ein Verständnis für Rom. Er überwand die Fixierung auf die Kulturnation und weckte das Interesse für die Politik. Als Vergleichsebene diente die nationale Einigung: Italiens durch Rom, Deutschlands durch Preußen. Zum anderen veranschaulicht Mommsen in seinem Werk den Übergang von der ästhetisch-literarischen Geschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts zu einer streng analytisch-positivistischen Quellenforschung - eine Entwicklung, die er selbst bedauerte, weil sie die Fähigkeit zum Überblick beeinträchtigt: „Die besten von uns empfinden es, daß wir Fachmänner geworden sind". Und doch verlangt der Fortschritt der Wissenschaft die Spezialisierung wie die Kooperation, für die Mommsen richtungsweisend wurde. Denn zum dritten hat Mommsen historische Forschung zum ersten Mal mit Hilfe der Berliner Akademie in großem Stil organisiert. Mommsen erhielt den Pour-le-merite für Wissenschaft und Künste (1868, Vizekanzler 1894) und den bayerischen Maximilians-Orden für Wissenschaft und Kunst (1871). Er wurde Ehrenbürger von Rom und Charlottenburg, ließ sich die „leidige Ehrenlegion" gefallen, nicht aber den Geheimrat mit dem Titel Excellenz, von einer Nobilitierung zu schweigen. Dafür war er denn doch zu sehr Republikaner. Seine Leistungen erklären, warum ihm 1889 aus der Akademie von Paris das Kompliment zukam, daß er den größten Namen in der europäischen Wissenschaft trage. Tout le monde reconnait, que vous etes le plus grand nom scientiflque de I 'Europe (Gaston Boissier). Während der Berliner die Historiker Niebuhr und Droysen, Ranke und Treitschke nur noch als Straßennamen kennt, erinnert an Mommsen zudem ein Denkmal, ein Stadion und ein Schnellzug der Deutschen Bahn. In beiden Teilen Deutschlands zierte Momm-

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sens Kopf Briefmarken, gab es eine Mommsen-Gesellschaft. Kein deutscher Gelehrter übertraf Mommsen an Popularität; zu Lebzeiten (1882) wurde bereits ein Ozeandampfer von 1228 Registertonnen nach ihm benannt. Trotz all dem gibt es Bildungslücken. Als ich neulich in Dahlem einen Mommsen-Titel bestellte, fragte mich die Buchhändlerin: Schreibt man „Mommsen" mit einem oder zwei m? Ich sagte: Mit drei!

Anmerkungen * 1

Einfuhrungsvortrag zur Universitätsvorlesung „Theodor Mommsen. Wissenschaft und Politik im Kaiserreich" am 23. Oktober 2003. Vgl. zum folgenden ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956 (ND Stuttgart 1996); LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, Bd. I-IV, Frankfurt a. M. 1959-1980; ALBERT WUCHER, Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, 2. Aufl. Göttingen 1968; ALEXANDER DEMANDT, T h e o d o r M o m m s e n , N D B 18, B e r l i n 1 9 9 7 , 2 5 - 2 7 ; STEFAN REBENICH,

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Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002. So in den Briefen an Theodor Storm, hg. von HANS-ERICH TEITGE, Weimar 1966, 3 2 u. a. Vgl. LUDO MORITZ HARTMANN, Theodor Mommsen. Ein biographische Skizze. Mit einem Anhange: Ausgewählte politische Aufsätze Mommsens, Gotha 1908, 167, 174. Anfang 1849 erschien anonym Mommsens Kommentar zu den im Dezember 1848 in der Paulskirche verkündeten „Grundrechten des Deutschen Volkes": THEODOR MOMMSEN, Die Grundrechte des deutschen Volkes mit Belehrungen und Erläuterungen, hg. von Lothar Wickert, Frankfurt a. M. 1969. BARBARA DEMANDT/ALEXANDER DEMANDT (Hgg.), Theodor Mommsen: Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86, München 1992; vgl. ALEXANDER DEMANDT, Theodor M o m m s e n , I

6 7 8

Cesari e la decadenza di Roma, Rom 1995. THEODOR MOMMSEN, Reden und Aufsätze, Berlin 1905, 3ff. PAUL HENSEL, Sein Leben in Briefen, Wolfenbüttel 1947, 18,30. Vgl. KARL ZANGEMEISTER, Theodor Mommsen als Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner Schriften, bearbeitet und fortgesetzt von EMIL JACOBS (1905), neu bearb. v o n STEFAN REBENICH, H i l d e s h e i m 2 0 0 0 .

9 10 11 12 13

Vgl. MOMMSEN, Reden und Aufsätze (wie Anm. 6), 344ff. Vgl. WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 1), 219. Vgl. MOMMSEN, Reden und Aufsätze (wie Anm. 6), 41 Off. Vgl. HARTMANN, Theodor Mommsen (wie Anm. 3), 255ff. Datiert am Sedanstag! Vgl. WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 1), 218f.

Alexander Demandt

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Vgl. BERND SÖSEMANN, Annäherungen an Hellas. Philhellenismus und DeutschGriechische Gesellschaften in Berlin. Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der „Deutsch-Griechischen Gesellschaft Berlin", Bd. 1, Berlin 1994. 15 Zitiert nach WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 1), 212, Anm. 6. 16 Unseriös ist: PETER KÖPF, Die Mommsens. Von 1 8 4 8 bis heute - die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen, Hamburg 2 0 0 4 . 17 Vgl. WILLIAM M . CALDER ΙΠ/ROBERT KIRSTEIN (Hgg.), „Aus dem Freund ein Sohn". Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Briefwechsel 1 8 7 2 - 1 9 0 3 , 2 Bde., Hildesheim 2 0 0 3 . 18 Zitiert nach DEMANDT/DEMANDT (Hgg.), Mommsen, Kaisergeschichte (wie Anm. 5), 14

30.

Theodor Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848 Stefan Rebenich

Ende April 1848 eilte Georg Herwegh an der Spitze von tausend Freiwilligen aus dem französischen Exil in die Heimat zurück - und verlor im südbadischen Dossenbach an der Spitze seiner „Deutschen Demokratischen Legion" den Kampf gegen die Bundestruppen. Die Niederlage zerstörte alle Hoffnungen auf eine republikanische Revolution. Herweghs Lied „Mein Deutschland, streck die Glieder" war der traurige Abgesang auf das gescheiterte Experiment der nationalen Emanzipation. In seinen Versen strafte er die „fünfhundert Narrenschellen" in Frankfurt ab und verspottete das „Professorenparlament" der Paulskirche: „Die Professoren reißen / nicht Altar noch Thron uns ein, / auch ist der Stein der Weisen / kein deutscher Pflasterstein."1 In der Tat galten akademisch Gebildete, allen voran Hochschullehrer, im vormärzlichen Bürgertum und noch über die Revolutionsjahre 1848/49 hinaus als „die führenden Autoritäten gesellschaftlicher Selbstdeutung."2 Die Frankfurter Nationalversammlung bestand zu rund drei Vierteln aus Abgeordneten, die eine Universitätsausbildung erhalten hatten. Auch wenn die neuere Sozialgeschichtsschreibung von der älteren nationalliberalen Revolutionsforschung den Topos des „Professorenparlaments" zu Recht nicht übernommen hat und eher von einem Beamten- oder Juristenparlament spricht,3 so steht dennoch außer Frage, daß ,bildungsbürgerliche' Abgeordnete den politischen Diskurs nachhaltig beeinflußten und bis weit in das Kaiserreich hinein „die dominante Kultur" prägten. 4 Einem Vertreter des akademisch gebildeten Bürgertums, der zu den Protagonisten der Revolution von 1848/49 zählte, auch wenn er nicht in der Frankfurter Paulskirche saß, gilt im folgenden unsere Aufmerksamkeit: Theodor Mommsen, der als Journalist und als Professor für römisches Recht in die Zeitläufte eingriff. An seiner Vita, „gleichsam im Medium der Wahrnehmung und Beurteilung" eines Beteiligten,5 soll ein Zugang zur Geschichte des Liberalismus während der Revolution von 1848/49 gefunden werden. 6 Dabei interessieren insbesondere die revolutionären Vorgänge in Schleswig-Holstein und

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in Sachsen, in die Mommsen unmittelbar involviert war. Seine theoretischen Anschauungen und praktischen Forderungen, seine Zielsetzungen und Aktionen, seine Radikalisierung und seine Resignation, seine Entwicklungen und Regressionen, seine Bewältigung des Traumas der gescheiterten Revolution und seine politischen Folgerungen werden auf den folgenden Seiten darzustellen sein. Darüber hinaus ist seine revolutionäre und postrevolutionäre Biographie mit der anderer Universitätsprofessoren zu vergleichen. Ziel dieser Ausführungen ist es, an Mommsens Beispiel den Typus eines liberalen Hochschullehrers scharf zu konturieren. Ich beginne mit Mommsens Einstieg in die revolutionäre Bewegung nach seiner Rückkehr aus Italien (I), untersuche die Ziele und Inhalte, die er als Journalist in Rendsburg verfolgte (II), betrachte sein politisches Engagement in der sächsischen Universitätsstadt Leipzig (III), zeichne die Abstrafung des Liberalen durch Straf- und Disziplinarrecht nach (IV) und frage schließlich nach den langfristigen Wirkungen der Revolutionserfahrung in Mommsens Biographie (V).7

I. Der Italienheimkehrer Im Frühjahr 1843 bestand Mommsen, der 25jährige Pfarrerssohn aus Garding, nach zehnsemestrigem Studium sein juristisches Examen mit Auszeichnung. Im November desselben Jahres wurde er über ein römischrechtliches Thema summa cum laude promoviert. Doch die hochgesteckten beruflichen Ziele ließen sich nicht verwirklichen, wie sich schnell zeigte. So war an eine akademische Karriere vorerst nicht zu denken. Mommsen mußte sich zunächst als Aushilfslehrer in den Mädchenpensionaten seiner Tanten in Altona über Wasser halten. Ein Zubrot verdiente er sich als Journalist. Er schrieb für verschiedene Blätter politische und literarische Beiträge und berichtete gelegentlich von Hamburger Theateraufführungen. 8 Im April 1844 erhielt Mommsen ein Reisestipendium des dänischen Königs und brach nach Italien auf. Dort studierte er Inschriften und legte die Grundlagen für eine umfassende lateinische Inschriftensammlung, die nach langem Ringen und vielen Auseinandersetzungen 1854 schließlich von der Berliner Akademie übernommen wurde. Das ursprüngliche romanistische Ziel seiner Stipendienreise, alle inschriftlich erhaltenen Gesetzesurkunden zu sammeln, war dem großen Plan gewichen, ein für die Altertumsforschung grundlegendes Corpus Inscriptionum Latinarum herauszugeben.9 Mommsen selbst

Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848

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brachte es bei seiner Ansprache zu seinem 60. Geburtstag auf den Punkt: „Der Jurist ging nach Italien - der Historiker kam zurück." 10 Doch als er im Sommer 1847 in die Heimat zurückkehrte, erwartete ihn dort die Arbeitslosigkeit.11 Es nützte Mommsen herzlich wenig, daß er sich inzwischen unter Altertumswissenschaftlern einen großen Ruf erworben hatte. Jetzt stand er mittellos da. Der junge Gelehrte wechselte wieder an die Schule. Eben noch hatte er in Rom vor internationalem Publikum Inschriften interpretiert, nun unterrichtete er im Altonaer Institut der Tanten Mädchen im heiratsfähigen Alter. Die Zukunft war ungewiß. Doch schon bald ließen ihn die politischen Ereignisse die berufliche Tristesse vergessen. In den Herzogtümern Schleswig und Holstein gärte es. Aus dem regionalen Gegensatz zwischen den Herzogtümern und dem dänischen Staat war eine nationale Sache geworden, die ganz Deutschland bewegte. Erinnern wir uns: Seit den 1830er Jahren wurde immer energischer eine gemeinsame Verfassung für Schleswig und Holstein gefordert und für eine Lockerung der Bindung an Dänemark gestritten. Die Regierung in Kopenhagen ließ sich indes nur zur Einrichtung von getrennten Provinzialständen bewegen, betrieb ansonsten in Schleswig eine geschickte Danisierungspolitik und unterstützte die radikalen Vertreter der dänischen Minorität, die offen für den Anschluß des Herzogtums an Dänemark agitierten. Dagegen formierte sich Widerstand. Schleswig und Holstein sollten als deutsche Länder ungeteilt bleiben. Die alte Vertragsformel „up ewig ungedeelt" wurde zum politischen Schlachtruf, und aus vielen Kehlen ertönte das nationale Kampflied „Schleswig-Holstein meerumschlungen". 12 Die Spannungen verschärften sich 1846, als der dänische König Christian VIII. in den Herzogtümern das Erbfolgerecht der dänischen Gesamtmonarchie einführte. Selbst unpolitische Köpfe wie Theodor Storm ließen sich daraufhin zu Protestaktionen hinreißen.13 Die Nachrichten von der Pariser Februarrevolution heizten Anfang 1848 die Krisenstimmung zusätzlich an. In Schleswig und Holstein wurden wie überall in Deutschland ,Märzforderungen' erhoben: Volksbewaffnung, Schwurgerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit. Am 18. März verlangten die Deputierten in Rendsburg die Zusammenlegung der holsteinischen und schleswigschen Ständeversammlungen, eine gemeinsame Verfassung und die Aufnahme Schleswigs in den Deutschen Bund. Schon bildeten sich Freiwilligenverbände, die mit der Waffe in der Hand für ihre Ziele zu streiten bereit waren. Auch Mommsen, der sich eben noch in Hamburg „bei einem elenden Krawall" das Ohr hatte „abhauen lassen",14 meldete sich in Rendsburg für ein Freikorps, wurde aber, weil dienstuntauglich, abgewiesen. Die Berufung eines neuen, vorwiegend aus Nationalliberalen gebildeten Ministeriums im Februar 1848 durch den neuen Monarchen, Friedrich VII.,

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verschärfte die Gegensätze, denn in Kopenhagen beharrte man auf der Angliederung Schleswigs an Dänemark. Daraufhin wurde in Kiel eine provisorische Regierung gebildet, deren erklärtes Ziel es war, für die nationale Einheit und Freiheit Deutschlands und die Aufnahme Schleswigs in den Deutschen Bund zu streiten. Am 23. März erklärten die Herzogtümer Schleswig und Holstein ihren Abfall von Dänemark. Die Festung Rendsburg wurde besetzt und zum Regierungssitz ausgerufen. Der Aufstand war ausgebrochen. Mitglied der in Frankfurt und Berlin anerkannten provisorischen Regierung war Theodor Olshausen, der im „Kieler Korrespondenzblatt" zeitweilig für die Abtrennung Schleswigs von Holstein eingetreten war, sich nun aber zu einem eifrigen Verfechter der Unabhängigkeit und Einheit der beiden Herzogtümer gewandelt hatte. Der populäre liberale Politiker mit journalistischer Erfahrung leitete mit der gerade gegründeten „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" ein Presseorgan, das die offizielle Politik der neuen Regierung in den Herzogtümern verbreiten sollte. Da er dem alten Schriftleiter wenig zutraute, schaute er sich nach einem geeigneteren Redakteur um und gewann Mommsen, den Olshausen aus gemeinsamen Kieler Zeiten kannte und schätzte.15 Am 18. April bezog Monunsen die Redaktionsstube. Schon am 23. April erlebte er bei Schleswig als Journalistischer Schlachtenbummler" den Sieg der preußischen Truppen, die die Aufständischen gegen Dänemark unterstützten.16 Am nächsten Tag handelte er über die Wahlen zum Frankfurter Parlament,17 um am 25. April einer Versammlung des Wahlkommitees in Neumünster beizuwohnen. Energisch unterstützte er die Kandidatur von Johann Gustav Droysen und Georg Waitz, während er den Staatsrechtler Lorenz Stein aus Kiel niederschrieb.18

II. Der Journalist Mommsen setzte sich als Journalist energisch für die politische Profilierung der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" ein. Er hatte zwar das Journalistenhandwerk nicht gelernt, aber er formulierte glänzend. Lokale, regionale und nationale Ereignisse wurden in seinen Artikeln besprochen, die parlamentarischen Debatten in den Landesvertretungen und in der Frankfurter Paulskirche dokumentiert, Aufrufe, Petitionen und Denkschriften abgedruckt und die Leser zur Diskussion aufgefordert. Der Journalist Mommsen war bei der ,Kommunikationsrevolution' von 1848 dabei:19 Nicht durch parlamentarische Reden oder politische Druckschriften trug er zur Politisierung der Öffentlichkeit bei, sondern durch brillant formulierte Leitartikel. Mommsen stand - wie die Paria-

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mentarier Friedrich Christoph Dahlmann, Karl Theodor Welcker, Johann Gustav Droysen und Georg Waitz - mitten im politischen Geschehen. Aber es gelang ihm nicht, der Zeitung überregionale Bedeutung zu verschaffen. Die Zahl der Abonnenten kam über 2.000 nicht hinaus. Der Leserstamm entsprach damit dem anderer und weitaus farbloserer Lokalblätter. Mommsen vertrat in der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" die liberale Politik der Mitte. Einen forschen Patriotismus, der sich gegen Dänemark richtete, verband er mit dem glühenden Bekenntnis zur deutschen Einheit. „Ungeteilt" hieß die Devise. Die Entscheidung über das Schicksal seiner Heimat mußte seiner Ansicht nach in der Frankfurter Paulskirche fallen. Das romantische Ideal der deutschen Kulturnation, das schon Barthold Georg Niebuhr sich zu eigen gemacht hatte,20 verschmolz er mit der liberalen Idee einer „Staatsnation". Mommsen war von der Lebensunfähigkeit der deutschen Kleinstaaten überzeugt und setzte alle seine Hoffnungen auf Preußen. „Wir anderen Deutschen brauchen Preußen notwendiger, als Preußen uns", flöß es ihm damals in die Feder.21 Preußens Mission war die Errichtung des deutschen Nationalstaates. Wie Johann Gustav Droysen forderte auch Mommsen 1848, daß Preußen sein Staatsinteresse mit dem Interesse der deutschen Nation identifizieren und letztlich in Deutschland aufgehen solle.22 Konsequent wird Mommsen nach der dänischen Niederlage bei den Düppeler Schanzen im Jahre 1864 der preußischen Annexion Schleswig-Holsteins seinen Beifall bekunden. 23 „Militanter Nationalismus und konstitutionelle Rechtsordnung"24 waren auch für Mommsen keine Gegensätze. Im Unterschied zu vielen süddeutschen Liberalen ließ er aber nie einen Zweifel daran, daß er einen kleindeutsch-preußischen Bund, der Österreich ausschloß, favorisierte. Mommsen kommentierte in der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" nicht nur die Entwicklung in den beiden Herzogtümern, sondern auch die großen Fragen, die das Frankfurter Vorparlament und die verfassungsgebende Nationalversammlung bewegten.25 In seinen Artikeln zur Zentralisierung und zum Erbkaisertum, zur Repräsentation des Volkes und zu Wahlrechtsfragen, zur Gewaltenteilung und zum Verhältnis von Regierung und Parlament setzte er sich mit den unterschiedlichen politischen Strömungen auseinander, suchte nach liberalen Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit und präzisierte nicht immer frei von Widersprüchen - seine politische Aussage. Dabei war er ein unabhängiger Kopf, der sich in keine Parteischablone pressen ließ. Er sympathisierte oft mit Positionen der linken Mitte. „Keine Isolirung! Keine Reaction! Keine Anarchie!" lautete sein Wahlspruch.26 Entschieden wandte er sich gegen separatistische Strömungen und versagte - zunächst zumindest - den Nordschleswigern, unter denen sich zahlreiche

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Dänen befanden, das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Das ganze Land sollte deutsch sein. Gleichzeitig agitierte er gegen fürstliche Reaktion und sozialistischen Umsturz. Reformen wurden begrüßt, aber Legalität und Rechtskontinuität eingefordert. Nicht Freiheit vom Staat, sondern im Staat lautete seine Devise. Die konstitutionelle Monarchie war Mommsen die sicherste Gewähr gegen Anarchie, die die Liberalen seit den Exzessen der Französischen Revolution fürchteten wie der Teufel das Weihwasser. Monarchie und Parlamentarismus galten ihm als vereinbar. Die von den Demokraten geforderte Republik mit einem souveränen Nationalparlament Schloß er zwar für die Zukunft nicht prinzipiell aus, aber im Moment schien ihm die Einigung Deutschlands unter einem preußischen Erbkaiser taktisch geboten. Im Zentrum seiner liberalen Repräsentationstheorie standen die gewählten Abgeordnetenkammern, durch die das Bürgertum an den Staatsgeschäften, vor allem der Steuerbewilligung und der Gesetzgebung, mitwirken und die Regierungen kontrollieren sollte. Auf diese Weise sah er das Prinzip der Volkssouveränität garantiert: Die Nation muß und soll sich selbst regieren. Die liberale Rechtsstaatsidee als Grundlage einer bürgerlichen Gesellschaft wurde Mommsen in dieser Zeit so wichtig, daß er einzelne Elemente selbst in historischen Formationen wie dem Staatsrecht des republikanischen Rom suchte. 27 Mommsens Leitbild war eine klassenlose, ,mittelständische' Gesellschaft gleichberechtigter Staatsbürger, in der soziale Gegensätze ausgeglichen wurden. Die ständisch-feudale Privilegiengesellschaft war seine Sache nicht, genausowenig die kapitalistische Klassengesellschaft englischer Provenienz, die etwa Gervinus propagierte. 28 So widmete Mommsen der „Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen" einen Artikel. 29 Sicherheit und Stabilität der öffentlichen Verhältnisse waren seine erste Sorge, aber er setzte sich auch für den vorsichtigen Wandel des historisch Gewordenen ein. In einer auf Vernunft gegründeten Gemeinschaft freier Individuen würden materielle Ungleichheiten und soziale Diskriminierung zwar nicht vermieden, aber wenigstens eingeschränkt, und den Arbeitern würde die Möglichkeit eröffnet, sich durch den Erwerb von Bildung und Besitz aus ihrer Notlage zu emanzipieren und an der bürgerlichen Freiheit zu partizipieren. Mommsen war mithin empfänglich für die Konzeption einer sozial und wirtschaftlich modernisierten Gesellschaft ohne ständisch-korporative Bindungen, die Hegel theoretisch fundiert hatte. Aber die Reform der bürgerlichen Gesellschaft sollte die Herrschaft des Bürgertums nicht grundsätzlich in Frage stellen. Anfang Juni 1848 freute sich Mommsen, daß es Dahlmann, Droysen, Waitz und anderen nationalliberalen Vertretern der Herzogtümer im Frankfurter Parlament gelungen war, die schleswigsche Sache zu einer deutschen Sache

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zu machen.30 Doch schon wenig später stand Mommsen in Rendsburg im Abseits, da er die Vereinigung der holsteinischen und schleswigschen Ständeversammlungen und einige Abgeordnete scharf kritisiert hatte. Er sah in ihnen „nicht die Repräsentation des Volkes", sondern ein Hemmnis des „freisinnigen Fortschritts" und forderte die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und eines liberalen Wahlgesetzes.31 Die Zahl seiner Gegner wuchs in der ohnehin mehrheitlich konservativen Regierung. Als ihm ein Maulkorb verpaßt werden sollte, trat er in den ersten Julitagen von seiner Stelle als Schriftleiter zurück.32 Er wählte die Arbeitslosigkeit, um der Zensur zu entgehen. Im August 1848 ließ er sich dazu bewegen, nochmals für die Zeitung zu schreiben. Jetzt war das Blatt privatisiert, und Mommsen machte sich Hoffnungen, daß nicht mehr gouvernementale, sondern unabhängige Berichterstattung gefragt sei. Aber die Zeitläufte waren widrig. Preußen fürchtete die Internationalisierung des deutsch-dänischen Konfliktes und schloß im schwedischen Malmö mit Dänemark einen Waffenstillstand. Die Entscheidung wurde in Rendsburg wie in Frankfürt kontrovers diskutiert. Während die Demokraten die Vereinbarung von Malmö kategorisch ablehnten, rang sich Mommsen schließlich - wie viele seiner liberalen Freunde - zur Zustimmung durch. Nun billigte er auch die Teilung des Herzogtums Schleswig, die er im Juni noch zurückgewiesen hatte. Nur so glaubte er, den größeren Teil des Herzogtums für den Deutschen Bund retten zu können.33 Sein Glaube an den Primat der Nationalversammlung hatte jedoch in diesen Auseinandersetzungen deutlich an Kraft verloren. Bald sprach er abfällig von der Frankfürter „Parlamentsidylle", die ihn an den Vogelstaat des Aristophanes erinnerte.34 Die journalistische Arbeit war ihm vorerst jedoch verleidet. Anfang Oktober schrieb er seinen letzten Artikel.

III. Der Universitätsprofessor Nachdem Mommsen Ende Juni 1848 die Schriftleitung der „SchleswigHolsteinischen Zeitung" niedergelegt hatte, versuchte er zunächst, in Frankfürt als Journalist unterzukommen. Einige Tage bezog er bei Droysen in Frankfürt Quartier, um sich in den politischen Kreisen umzusehen. Er hoffte auf eine „wenn auch noch so obskure Beschäftigung bei einer Zeitung."35 Ein eigenes Blatt zu gründen, wie Olshausen ihm geraten hatte, traute er sich nicht zu. Hilfe kam indes von anderer Seite. Der geschickten Verhandlung seines alten Lehrers und treuen Freundes Otto Jahn, der seit 1847 eine Professur für Archäologie und Philologie an der Universität Leipzig innehatte, war es zu ver-

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danken, daß der sächsische Kultusminister Ludwig von der Pfordten, der selbst eine Zeitlang Ordinarius für Römisches Recht in Würzburg gewesen war, den stellungslosen Wissenschaftler als außerordentlichen Professor der Rechte zum Wintersemester 1848/49 nach Leipzig berief. Mommsen war heilfroh, „dem Journalisieren" entkommen zu sein, und akzeptierte ohne Zögern das niedrige Einstiegsgehalt von 400 Talern. 36 Ende September traf er in Leipzig ein.37 Die Universität war mit knapp 1.000 Studenten eine der größten in Deutschland. Die Juristenfakultät florierte. Seine Antrittsrede hielt Mommsen an einem der letzten Oktobertage über die Aufgaben der historischen Rechtswissenschaft. Er war zurück im akademischen Milieu. Doch Leipzig bedeutete zugleich die Fortsetzung seines politischen Engagements. Schon als ihm Jahn die frohe Kunde vom Ruf nach Leipzig überbrachte, gab er dem Freund gleich noch ein paar gutgemeinte Ratschläge mit auf den Weg: „Freilich darfst Du nicht erst mit Blum Freundschaft schließen und mußt Deine Sympathien für die Linke bis zum linken Zentrum ermäßigen, Dich an den gutmütigen Fortschritt des Deutschen Vereins gewöhnen, und überhaupt für den deutschen Salat mehr Öl als Essig bringen, wenn Du Dich hier behaglich fühlen willst."38 Mommsen lernte in Leipzig nicht nur Robert Blum kennen, den überzeugten Republikaner und entschiedenen Führer der Linken im Frankfurter Parlament. In der Messestadt gab es, als Mommsen im Herbst 1848 eintraf, ein differenziertes politisches Vereinswesen, das die Strömungen der Zeit spiegelte. Wie überall in Deutschland so organisierten die Vereine auch in der sächsischen Handelsmetropole die politische ,Basis'. Auf der linken Seite stand in Leipzig der „Vaterlandsverein" der Demokraten, der sich schon früh zur außerparlamentarischen Opposition bekannte und für die uneingeschränkte Umsetzung der Märzforderungen, weitgehende Grundrechte und eine republikanische Verfassung eintrat. Im „Vaterlandsverein" versammelten sich nicht nur Professoren und Freiberufler, sondern auch Handwerksgesellen und Arbeiter. Der „Deutsche Verein" hingegen war die Organisation der Liberalen oder der „Konstitutionellen", wie man damals sagte. Ihm trat Mommsen unmittelbar nach seiner Ankunft bei. Dort engagierten sich seine Leipziger Freunde, die Mommsen durch Otto Jahns Vermittlung kennengelernt hatte und die bürgerliche Herkunft und liberale Gesinnung miteinander verband. So lernte Mommsen den fast zehn Jahre älteren Philologen Moriz Haupt kennen, der Schüler und Schwiegersohn des berühmten Gottfried Hermann war und seit 1843 den neu geschaffenen Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur in Leipzig innehatte. Auch Julius Ludwig Klee gehörte zu den neuen Freunden. Er ging 1848 als Rektor der angesehenen Kreuzschule nach Dresden, ließ aber seine

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Verbindungen zum Leipziger Kreis nicht abreißen. Die drei Professoren Haupt, Jahn und Mommsen und der Gymnasiallehrer Klee trafen sich regelmäßig mit den Verlegern Karl Reimer und Salomon Hirzel, den Besitzern der Weidmannschen Buchhandlung, 39 sowie Hermann Härtel und Georg Wigand, in dessen Haus Mommsen und Jahn wohnten. Ein solcher Kontakt verstand sich in Leipzig, der Stadt des Buchhandels, fast von selbst.40 Den Verlegern Härtel und Wigand, Reimer und Hirzel kam bei der publizistischen Offensive des sächsischen Liberalismus eine wichtige Rolle zu, da sie über weitreichende Verbindungen verfügten. So war Karl Reimer mit Friedrich Dahlmann befreundet. Nachdem der liberale Historiker 1837 als einer der „Sieben" aus Göttingen vertrieben worden war, fand er monatelang Zuflucht im Haus des Verlegers, der zusammen mit Salomon Hirzel zu den zehn Männern gehörte, die am 9. Dezember 1837 in Leipzig den „Göttinger Verein" ins Leben riefen, um den sieben relegierten Göttinger Professoren materielle Unterstützung zukommen zu lassen. Im „Deutschen Verein" fanden sich als Wortführer des liberalen Bürgertums zahlreiche Professoren der Leipziger Universität.41 Gemeinsam mit Haupt, Jahn, Klee und Mommsen vertraten der Theologe Gustav Fricke, der Jurist Hermann Schletter sowie die Historiker Ludwig Flathe und Heinrich Wuttke das Programm des Vereins, dessen Organ die seit dem 1. August 1848 erscheinenden „Deutschen Blätter" waren. Haupt und Klee waren zwei der drei Herausgeber, Mommsen schrieb regelmäßig Beiträge. Als Mommsen nach Leipzig kam, wurde in dem mitgliederstarken Verein und seiner Zeitung heftig über den Aufbau und die Verfassung eines vereinten Deutschlands gestritten. Einigkeit herrschte darüber, daß die Einzelstaaten konstitutionelle Monarchien sein sollten, die „auf breitester demokratischer Grundlage" ruhen müßten.42 Über die Führung und Struktur des als Bundesstaat geeinten Deutschlands wurde ebenso heftig debattiert wie über die Frage, ob die parlamentarische Repräsentation auf einem Ein- oder Zweikammersystem beruhen sollte. Schon Anfang Juli 1848 hatten sich die Vertreter einer stärker monarchistischen Richtung abgespalten und den „Deutschen Konstitutionellen Verein" ins Leben gerufen. Haupt und Fricke, die bald von Mommsen unterstützt wurden, gingen auf Distanz sowohl zu dieser schismatischen Gruppierung wie zum „Vaterlandsverein", beriefen sich trotzig auf die fortschrittlichen Grundsätze der Volkssouveränität und schwenkten im übrigen auf die erbkaiserliche Linie ein. Eine republikanische Präsidentschaft oder ein Wahlkaisertum wollten sie nicht. Damit wurde zugleich den großdeutschen Hoffnungen eine Absage erteilt und die preußische Option gewählt. Mommsen blieb seiner Linie treu.

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Die demokratische Linke hielt sich mit Angriffen auf die liberale Mitte nicht zurück. Der Waffenstillstand von Malmö (26. August 1848), der zunächst vom Nationalparlament in der Paulskirche verworfen, dann aber gebilligt worden war, hatte nicht nur in Frankfurt für Unruhen gesorgt. Auch in Sachsen gerieten das rechte und linke Zentrum unter Beschüß. Die Leipziger Gelehrten im „Deutschen Verein" wurden als „vertrocknete Philologen" lächerlich gemacht, die jahrelang an der „Entzifferung eines Tintenklecks" arbeiteten, statt ihren Studenten die „großen republikanischen Tugenden" der Alten beizubringen.43 Die Lage war angespannt. Da traf die Nachricht vom Tode Robert Blums ein. Der Politiker war im Oktober nach Wien gereist, um dort die Aufständischen in ihrem Kampf gegen die österreichische Regierung zu unterstützen. Nach der Einnahme Wiens durch Windischgrätz wurde er am 9. November 1848 standrechtlich erschossen. Blum wurde zum Märtyrer der Demokraten. Sie gewannen die Wahlen für die sächsische Volksvertretung im Dezember 1848 haushoch. Mommsen zeigte sich schockiert. Haupt, der für die Liberalen kandidiert hatte, fiel durch. In der Universität war den Mitgliedern des „Deutschen Vereins" der Spott der demokratischen Studenten sicher. Der „Deutsche Verein" ging zunächst publizistisch in die Offensive. Anfang 1849 verfaßte Mommsen einen Kommentar zu den in Frankfurt ausgearbeiteten und verabschiedeten Grundrechten des deutschen Volkes,44 die von der äußersten Linken als „Trümmer" der Revolution abgelehnt wurden. Mommsen hingegen erblickte in ihnen die Garantie bürgerlicher Freiheit und die notwendige Basis für die nationale Einigung. Seine Schrift wurde zum Bestseller. Innerhalb kürzester Zeit gingen 10.000 Exemplare über den Ladentisch. Als der von den Demokraten majorisierte sächsische Landtag sich in einer kontroversen Debatte am 20. Januar 1849 gegen das Erbkaisertum aussprach und damit aus der Perspektive des „Deutschen Vereins" partikularistischen Tendenzen Vorschub leistete, richtete der „Deutsche Verein" drei Tage später eine Adresse an den Minister von der Pfordten, in der mit der Volksvertretung abgerechnet wurde: „Ist auch der souveräne Unverstand für den Augenblick zur Herrschaft gelangt, so sind doch seine Tage gezählt; die betörte Mehrheit im Volke wird die Augen öffnen und endlich begreifen, daß nur in und mit Deutschland für unser sächsisches Land eine bessere Zukunft gedeihen kann."45 Das als „Unverstandsadresse" berühmt gewordene Pamphlet hatte wiederum Mommsen geschrieben. Die „radikale Partei" erboste sich daraufhin „gelegentlich in ihren Organen über den blutjungen meerumschlungenen Professor", wie Mommsen an seinen Bruder Tycho schrieb.46 In der Hoffnung, die Einheit Deutschlands zu retten, plädierte er, um das zeitweise partikularistische Paria-

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ment zu schwächen, für ein Bündnis mit der grundsätzlich partikularistischen Regierung. Diese Taktik konnte nicht aufgehen. Die Regierung, die in Übereinstimmung mit dem König handelte, dachte nämlich keineswegs daran, die Grundrechte in Sachsen zu garantieren. Über die sächsischen Vorbehalte gegen Preußens Führungsrolle in der Einheitsbewegung zeterte Mommsen privat und öffentlich, in deutschen und lateinischen Invektiven. Eine Annäherung an die Demokraten schien jetzt angeraten, um die Regierung zur Annahme der Reichsverfassung zu zwingen, über die gerade in Frankfurt beraten wurde. Dafür nahmen Haupt, Jahn und Mommsen den Bruch mit den liberalen sächsischen Abgeordneten in Kauf, die den drei Professoren vorwarfen, ins radikale Lager übergelaufen zu sein. Die nationale Verfassungsfrage rückte in den Brennpunkt des politischen Geschehens. Haupt, Jahn und Mommsen drängten in Wort und Schrift auf eine Beschleunigung der Beratungen um die Reichsverfassung. Am 27. März 1849 schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben: Im Frankfurter Parlament wurde der Erbkaiserplan mit 267 gegen 263 Stimmen angenommen. Die großdeutsche Lösung war endgültig abgelehnt. Auch Mommsen und seine Freunde blickten auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., der zum Kaiser gewählt wurde. Doch der lehnte die „mit dem Ludergeruch der Revolution behaftete" Würde ab und löste am 27. April die preußische zweite Kammer auf. Am selben Tag forderte der „Deutsche Verein" in einem Antrag an Rat und Stadtverordnete von Leipzig, das Palladium der deutschen Einheit mit Mut und Entschlossenheit zu verteidigen. Noch klammerte man sich an das Ziel, daß die Verfassung in Sachsen eingeführt werden könnte, aber die Stimmung war denkbar schlecht. „Ich bin in dem Grade verstimmt, erschreckt, erbittert durch die neuesten Nachrichten aus Berlin", schrieb Mommsen am 29. April 1849 an Tycho, „daß ich mich zum Schreiben zwingen muß; Du weißt, innerliches Leiden macht mich stumm. Wenn unser armes Vaterland doch untergehen soll, so hätten wir doch wohl einen Todeskampf und einen Alexander verdient."47 Am 30. April löste der sächsische Minister Beust den Landtag auf. Am 3. Mai brannten in Dresden die Barrikaden. In Leipzig wurde hektisch beraten.48 Die verschiedenen Vereine der Stadt bereiteten ein Aktionsbündnis vor. Mommsen, Jahn und Haupt vertraten den „Deutschen Verein" in dem neu geschaffenen vereinigten Ausschuß, an dem sich auch weiter links stehende Gruppen beteiligten. Eine Deputation wurde an den Stadtrat gesandt. Sie forderte, die Kommunalgarde mit bewaffneten Bürgern zu verstärken und den Dresdner Aufständischen zu Hilfe zu eilen. Als man damit nicht durchdrang, zogen Mommsen, Jahn und Haupt mit dem Ruf „Bürger heraus!" durch die Straßen und forderten Passanten auf, sich zu einer

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Volksversammlung einzufinden. 49 Gleichzeitig wurden Gewehre und Munition herbeigeschafft. Pulverdampf lag in der Luft. Das Bündnis währte indes nicht lange. Schon am Nachmittag des 4. Mai kündigten die Professoren des „Deutschen Vereins" die weitere Zusammenarbeit auf. Ihre Solidarität galt nun den Behörden und der Kommunalgarde. Diese Volte leitete das Ende der Leipziger Maierhebung ein, bevor sie richtig begonnen hatte. Nur eine kleine Schar von Unentwegten versuchte, den Aufstand fortzuführen, wurde jedoch in der Nacht vom 6. zum 7. Mai zusammengehauen. Wie erklärt sich der auffällige Sinneswandel von Mommsen und seinen Gefährten? Haupt hat, als er sich später vor Gericht verantworten mußte, sein Verhalten als einen „Akt leidenschaftlicher Aufwallung" bezeichnet. 50 In der Tat scheint die Nachricht von dem bevorstehenden Einsatz preußischer Truppen in Dresden auch die Mitglieder des „Deutschen Vereins" in Rage versetzt zu haben. Als es dann ans Kämpfen ging, versagte ihnen der Mut. Sie bezahlten nur noch einen Teil der Waffen und besannen sich dann auf den Grundsatz, daß Gewalt als Mittel der Politik nichts tauge. Hinzu kam, daß die provisorische Regierung, die die Aufständischen in Leipzig nach der Flucht von König und Kabinett noch am 4. Mai gebildet hatten, eine radikale Richtung vertrat, die Mommsen, Jahn und Haupt nicht zusagte. Sie fürchteten wie Liberale andernorts, daß die Linke die Verfassung nur als ,Aushängeschild' gebrauchen würde, um eine demokratische und soziale Republik zu schaffen, und antworteten mit einer Loyalitätserklärung für die sächsische Landesverfassung - und damit für die Monarchie.

IV. Der Verurteilte In Dresden kämpften der Architekt Gottfried Semper, der Komponist Richard Wagner, der Gymnasiallehrer Hermann Köchly, der sächsische Radikale Samuel Erdmann Tzschirner und der russische Anarchist Michail Bakunin mit einigen Hundert Handwerkern, Arbeitern und Studenten auf verlorenem Posten. Am 5. Mai trafen die preußischen Einheiten ein, die in viertägigen blutigen Straßen- und Häuserkämpfen die Insurrektion liquidierten. Über 250 Tote waren zu beklagen, und 727 Revolutionäre wurden in den nachfolgenden Prozessen zu Zuchthausstrafen verurteilt.51 Doch auch Haupt, Jahn und Mommsen entkamen der Reaktion nicht, weder politisch noch strafrechtlich. Nachdem die Maiaufstände blutig niederkartätscht worden waren, hieß es, in der veränderten politischen Landschaft seinen Standort zu bestimmen. Der „Deutsche Verein" war nach den Ereignissen

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von Anfang Mai 1849 Angriffen von rechts und links ausgesetzt. Mommsen, dem erbkaiserlich-kleindeutsch orientierten Liberalen, fehlte nach der Verweigerung des preußischen Königs eine realistische Perspektive. Doch das Ringen um die Verfassung und die Gestalt Deutschlands ging auch nach der gescheiterten Revolution weiter. Mommsen zog sich im Gegensatz zu anderen resignierten liberalen Hochschullehrern nicht aus der Politik in das Refugium der Wissenschaft zurück. Den „Kampf um Sein oder Nichtsein der echten deutschen Nation" 52 führte er weiter. Die Pläne, die Joseph Maria von Radowitz, ein Vertrauter Friedrich Wilhelms IV., vorlegte, stimmten die Mitglieder des „Deutschen Vereins" hoffnungsfroh. Der kleindeutsche, unter preußischer Führung stehende Bundesstaat, so wurde am 26. Mai 1849 zwischen Preußen, Sachsen und Hannover vereinbart, sollte aus einer „Union" der Fürsten hervorgehen, der sich bald 25 weitere Einzelstaaten anschlossen. Eine Reichsverfassung wurde beraten, die sich an dem Frankfurter Entwurf orientierte, aber „demokratische" Elemente weitestgehend eliminierte. Die Fürsten erhielten eine eigene Repräsentation, und an die Stelle des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts trat ein Dreiklassenwahlrecht. Die monarchischen Elemente akzeptierte Mommsen gerne, um eine rote Republik zu verhindern. Trotz vollmundiger Bekenntnisse, nicht nur gegen links Front zu machen, wuchs die Kluft zwischen Liberalen und Demokraten. Mit den besten Köpfen der Liberalen hoffte Mommsen, durch die „Union" das hohe Ziel, die Errichtung eines freiheitlichen Nationalstaats, erreichen zu können. Ende Juni 1849 segneten 150 liberale Abgeordnete der Paulskirche in Gotha diese Politik ab und setzten auf dem am 20. März 1850 in Erfurt einberufenen Parlament die Annahme der Unionsverfassung durch. Demokraten und Radikale boykottierten die Wahlen. Doch die liberalen Reden, die auf dem Erfurter Reichstag gehalten wurden, waren nur noch ein Schwanengesang. Faktisch war die Unionspolitik bereits im Herbst des Vorjahres gescheitert, als Österreich wieder erfolgreich seine deutschen Interessen, d. h. den Beitritt der Habsburgermonarchie zum Nationalstaat, vertrat und neben Hannover, Bayern und Württemberg auch Sachsen zum Dreikönigsbund auf Distanz ging. Mommsen und seine Freunde versuchten in der zweiten Hälfte des Jahres 1849 mit den „Fliegenden Blättern", die Regierungen von Sachsen und Hannover davon zu überzeugen, daß sie eine besondere Verantwortung für die bundesstaatliche Einigung trügen. Sie verteidigten die kleindeutsche Lösung unter Preußens Führung und polemisierten gegen die „gottlosen Demokraten" und die „Baalspfaffen" im allgemeinen und die sächsischen Minister im besonderen.53 Die Internationalisierung des Konflikts zwischen Preußen und Öster-

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reich um die Hegemonie in Deutschland ließ diese Artikel jedoch zur Makulatur werden. Am Ende des Jahres 1850 war die Einheit Deutschlands endgültig in weite Ferne gerückt. Der verachtete Deutsche Bund, gegen den man aufgestanden war, wurde wiederhergestellt. Die liberale Nationalstaatsgründung war gescheitert. Der Staat blieb Obrigkeitsstaat. Mommsen zählte zu den Verlierern. Schon im Juni 1850 klagte er in einem Brief an Henzen bitter, daß „das wunderreiche und wundervolle Jahr 1848 sich in eine einfache Dupierung und eitel Gemeinheit aufgelöst" habe.54 Das „wundervolle Jahr 1848" hatte auch ein persönliches Nachspiel für Haupt, Jahn und Mommsen. Gegen die aufmüpfigen Professoren, die nicht nur an der Mairevolution 1849 beteiligt gewesen waren, sondern auch später noch die neue, reaktionäre Regierung von Sachsen publizistisch angriffen, wurde ein Strafverfahren eingeleitet.55 Die Sache zog sich hin. Zunächst sah es so aus, als könne eine Loyalitätserklärung für König und Verfassung genügen. Doch das Kultusministerium wollte das Versprechen, daß man sich der politischen Tätigkeit enthalten werde. Suspension und Amtsenthebung drohten. Mommsen, Jahn und Haupt gaben nicht nach. Die politische Großwetterlage verschärfte den Konflikt. Die sächsische Regierung, die im Zuge der Abwicklung der 48er Revolution die alten vormärzlichen Stände wieder einberufen hatte, verlangte von der Universität Leipzig die Wahl eines Landtagsdelegierten. Sofort erhob sich Widerspruch, denn durch diese Abgeordnetenwahl hätte die Universität die Wiedereinberufung der alten Stände und die oktroyierte Verfassung anerkannt. Einmal mehr waren es unter den Ordinarien Haupt und Jahn, unter den Extraordinarien Mommsen, die den Protest gegen das Ansinnen der Regierung mittrugen. Schnell war eine überparteiliche Allianz geschlossen. Liberale Anhänger des preußischen Unionsplanes und Vertreter der großdeutschen Lösung fanden zusammen. Die ordentlichen Professoren, die zur Sitzung des akademischen Senats vom 20. Juni 1850 zusammenkamen, wiesen mit 21 gegen 16 Stimmen die Wahlaufforderung zurück. Die Regierung in Dresden antwortete mit Disziplinarverfahren und wollte der Hochschule ein neues Universitätsstatut aufzwingen, das die Machtstellung des Senats und der Ordinarien brechen sollte. Gegen Haupt, Jahn und Mommsen wurde zudem strafrechtlich vorgegangen. Gegenstand der Verhandlung waren ihre Aktivitäten am 4. Mai 1849. Das Leipziger Appellationsgericht verurteilte Anfang Oktober 1850 in erster Instanz Haupt zu einem Jahr und Mommsen zu neun Monaten Landesgefangnis, weil sie die Bürger Leipzigs aufgefordert hätten, sich zu einer Volksversammlung einzufinden. Dies qualifizierte das Gericht als Vorbereitung zum Hoch-

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verrat. Jahn hingegen wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Berufungsinstanz hob am 13. Februar des nächsten Jahres auch die gegen Haupt und Mommsen verhängten Strafen auf. Die jungen Männer, hieß es in der Urteilsbegründung, stünden dem praktischen Leben fern und beschäftigten sich bloß mit der Theorie. „Sie leben in Ideen, enthusiasmieren sich für dieselben, ohne die Fähigkeit zu haben, deren praktische Durchführbarkeit beurteilen zu können, und ohne zu bedenken, welches Unheil die versuchte Durchführung derselben mit sich bringen kann." 56 Mommsen erreichte die Nachricht in Oldesloe: Er war in die alte Heimat zurückgeeilt, weil sein Vater im Sterben lag. Der Freispruch bedeutete nicht das Ende der Affäre. Haupt, Jahn und Mommsen wurden aus dem Universitätsdienst entlassen. Beust, der Kultusminister, wies am 22. April 1851 die Universität zur „Entfernung" der drei Professoren an, weil ihr Verhalten „in den ersten Tagen des Monats Mai 1849 von der Art gewesen ist, daß sie dadurch öffentliches Ärgernis gegeben, und ein sehr schlechtes Beispiel für die akademische Jugend aufgestellt haben."57 Die disziplinarrechtlich Abgestraften legten Berufung ein. Die Universität wollte die ausgezeichneten Gelehrten halten. Die Buchhändler Härtel, Hirzel, Reimer und Wigand garantierten den Freunden, das entzogene Gehalt zumindest auf ein Jahr aus privaten Mitteln sicherzustellen.58 Im August war die Sache entschieden: Das Ministerium wies die Berufung zurück. Die Entlassenen hatten in Leipzig keine Statt mehr. Mommsen mußte sich in den Strom der Flüchtlinge einreihen. Er fand Zuflucht in der Schweiz.

V. Der politische Professor und der Geschichtsschreiber „Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution", schrieb Heinrich Heine in seinem Pariser Exil. 59 Durch die „verunglückte" deutsche Revolution des Jahres 1848 wurde eine politische Entwicklung eingeleitet, die die Konvergenz nationaler und liberaler Forderungen auflöste. Einheit durch Recht und Freiheit war das Ziel der Frankfurter Paulskirchen-Versammlung gewesen, das nicht erreicht wurde. 1871 schuf Bismarck schließlich die nationale Einheit von oben „durch Blut und Eisen". Mommsen mußte wie zahlreiche seiner akademischen Kollegen, mußte wie Gervinus, Droysen, Dahlmann, Waitz, Jahn und Haupt, nach 1848 tiefgehende Orientierungskrisen bewältigen. Die Enttäuschung über die gescheiterte Revolution teilte Mommsen mit vielen seiner Zeitgenossen. Die Erkenntnis,

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daß das politische Wollen nicht genügte, um einen liberalen Staat zu gestalten, schmerzte um so mehr, als die Chance, einen nationalen Verfassungsstaat aufzurichten, zum Greifen nahe gewesen war. Die negative Revolutionserfahrung prägte Mommsens politische Biographie. Das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Allmacht der reformunwilligen Eliten saß tief. Ihrer Macht und ihrer Arroganz setzte er entschlossen das Ideal von Gleichheit und Gerechtigkeit entgegen. Schwierig gestaltete sich sein Verhältnis zu den linken Demokraten und Radikalen, denen er eine Mitverantwortung am Scheitern der Revolution zuwies. Prägend waren zudem die persönlichen Erfahrungen mit der Macht des geschriebenen Wortes, mit dem aktiven Engagement im Verein und mit der Mobilisierung der Bevölkerung. Das intensive Erlebnis der umfassenden Politisierung der Gesellschaft veranlaßte den Bürger Mommsen, an dem Ideal des politischen Professors festzuhalten und zu den spontanen und unmittelbaren, nicht immer rational kalkulierten und strategisch ausgerichteten Politikformen seiner Achtundvierzigerzeit zurückzukehren. Das animal politicum Mommsen 60 lebte, wie Friedrich Meinecke einmal treffend für Droysen formulierte, die „Symbiose von Wissenschaft und Politik", 61 zog sich aber im Gegensatz zu diesem nicht aus der praktischen Politik zurück. Darüber hinaus pochte er auf die .bildungsbürgerliche' Vorherrschaft in der Formulierung und Verwaltung politisch und sozial relevanter Zukunftsbilder. Die liberalen Leitbilder: nationale Identität, rechtliche Gleichheit und politische Partizipation, verteidigte er bis ins hohe Alter. Unmittelbar nach dem Scheitern der Revolution entdeckte Mommsen wie Droysen und Gervinus 62 - die Historiographie als politisches Medium. Sie war ihm ein geeignetes Mittel, politische Ansichten einem breiten Publikum zu kommunizieren. Politische Werturteile und historische Kategorien wurden neu aufeinander bezogen. Also beeinflußte die 48er Revolution auch Mommsens Geschichtsschreibung, beeinflußte seine dreibändige „Römische Geschichte"63 Mommsen traf mit seinem Werk den Nerv der Zeit. Sein Gegenstand schien deshalb „wahrhaft bedeutsam", weil er ihn „recht zu schildern" wußte. 64 Am römischen Beispiel überprüfte er das Hegeische Diktum, daß Weltgeschichte „der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit" sei, „ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben." 65 Das Werk war jedoch zugleich mit dem Herzblut des liberalen Achtundvierzigers geschrieben, der das Scheitern der Revolution historiographisch kompensierte und nun einer die Nation einigenden Machtpolitik das Wort redete. Die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit verlegte er in den römischen Senat, damit das gebildete Publikum sich im alten Rom wiederfinden könne. Der Nationalstaat ist für

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Mommsen das Telos der Geschichte, der deutschen wie der römischen. Also breitete er den Mantel des verstehenden Schweigens über Sullas brutale Kriegsführung im Bundesgenossenkrieg, weil er „der wahre und letzte Urheber der vollen staatlichen Einheit Italiens" gewesen sei; und dieser „Gewinn" war „mit endloser Not und Strömen von Blut dennoch nicht zu teuer erkauft."66 Zugleich entwarf er das Idealbild einer römischen Bürgergemeinde, der zwar eine repräsentative Verfassung fehlte, die aber auf bürgerlicher Gleichheit ruhte. Die Utopie der klassenlosen Bürgergesellschaft versetzte er kurzerhand an den Tiber: „Der tiefste und großartigste Gedanke in dem römischen Gemeinwesen war [es], daß es innerhalb der römischen Bürgerschaft keinen Herren und keinen Knecht, keinen Millionär und keinen Bettler geben, vor allem aber der gleiche Glaube und die gleiche Bildung alle Römer umfassen sollte."67 Mommsens Darstellung vermischte mithin die geschichtliche und die zeitgenössische Perspektive. Die Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der aktualisierenden Sprache war jedoch kein Selbstzweck, sondern Mittel der politischen Pädagogik, der letztlich auch die Wissenschaftlichkeit geopfert wurde. Indem Mommsen einen modernen Parteistandpunkt in die römische Geschichte erfolgreich übertrug, bestätigte er Nietzsches Verdikt, daß die Wissenschaft vom Altertum „das Altertum tatsächlich immer nur aus der Gegenwart verstanden" habe.68 Mommsens „Römische Geschichte" ist weder aktivistische oder voluntaristische Geschichtsschreibung,69 sie ist Tendenzhistorie. Eben deshalb wurde sie ein ungeheurer Erfolg. Mommsen schrieb sein Werk cum ira et studio, und er vergegenwärtigte den historischen Stoff. Die eigene Betroffenheit und Verletztheit machten aus der Geschichte des republikanischen Roms ein Paradigma der historiographie engagäe. Ein dialektisches Verhältnis von politischer Parteilichkeit und historischer Objektivität kennzeichnet die „Römische Geschichte". Mommsen ist in seiner „Römischen Geschichte" parteiisch, aber es ist, um Friedrich Gundolf zu zitieren, die Parteilichkeit eines mitstreitenden Agitators und nicht „die eines abseitig nörgelnden Pfaffen."70

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Anmerkungen 1 2

3

4 5 6

Vgl. WOLFGANG VON HIPPEL, Revolution im deutschen Südwesten. Das Großherzogtum Baden 1848/49, Stuttgart/Berlin/Köln 1998, 152ff. GANGOLF HÜBINGER, Georg Gottfried Gervinus, in: Sabine Freitag (Hg.), Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München 1998, 249-262, Zitat 255. Vgl. etwa WOLFRAM SIEMANN, Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt a. M. 1985, 124ff., und WERNER BEST, Soziale Morphologie und politische Orientierungen bildungsbürgerlicher Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung und in der Pariser Assemblee nationale Constituante 1848/49, in: Jürgen Kocka (Hg.), Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil IV: Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation, Stuttgart 1989, 53-94. Vgl. DIETER LANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum und Liberalismus im 19. Jahrhundert, in: Kocka (Hg.), Bildungsbürgertum (wie Anm. 3), 95-121, Zitat 108. Vgl. SABINE FREITAG, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Die Achtundvierziger (wie Anm. 2), 7. Zum zeithistorischen Hintergrund und zur Geschichte des Liberalismus vgl. LOTHAR GALL (Hg.), Liberalismus, Köln 1976; DIETER HEIN, Die Revolution von

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8 9

1848/49, München 1998; DIETER LANGEWIESCHE, Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a.M. 1988, 12ff, 39ff.; DERS (Hg.), Liberalismus im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Göttingen 1988; THOMAS NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1800-1866, München 1983, 286ff., 595ff.; WOLFRAM SIEMANN, Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt a.M. 1985; HANSULRICH WEHLER, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen,deutschen Doppelrevolution". 1815-1845/49, München 1987, 413ff., 703ff. Die nachfolgenden Ausführungen fußen auf meiner Biographie Theodor Mommsens: STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002, bes. 43fT.; vgl. auch DERS., Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels, Berlin/New York 1997, 327ff. Vgl. LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, 4 Bde., Frankfurt a.M. 1959-80, Bd. 1, 175ff. Zu Mommsens Italienaufenthalt und dem Inschriftenproj ekt vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), I 180ff. und Bd. Π, wo in großer Breite Mommsens Reise dokumentiert ist, sowie des weiteren THEODOR MOMMSEN, Tagebuch der französischitalienischen Reise 1844-1845. Mit einem Anhang: Mommsens Denkschrift über das Corpus Inscriptionum Latinarum 1847, hg. von Gerold und Brigitte Walser, Bern/Frankfurt

a.M.

1976

und

HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN,

Theodor

Mommsen in Neapel, in: II Sogno Mediterranea. Tedeschi a Napoli al tempo di Goethe e di Leopardi, Neapel 1996,136-148 mit weiterer Literatur. Zu den Anfängen des CIL vgl. auch ADOLF HARNACK, Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 3 Bde. in 4, Berlin 1900, Bd. 1.2, 900ff., und OTTO HIRSCHFELD, Gedächtnisrede auf Theodor Mommsen, in: Abhandlungen der Kö-

Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848

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niglich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1904,1025-1060, zitiert nach: Ders., Kleine Schriften, Berlin 1913, 931-965, hier 932ff. 10 Zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), Π 198. Wickerts Zweifel an der Authentizität der von Christian Hülsen überlieferten Aussage teile ich nicht. 11 Zu Mommsens Rückkehr aus Italien und seiner journalistischen Tätigkeit vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm 8), Π 200FT. und ΠΙ Iff., sowie LUDO MORITZ HARTMANN, Theodor Mommsen. Ein biographische Skizze. Mit einem Anhange: Ausgewählte politische Aufsätze Mommsens, Gotha 1 9 0 8 , 33ff, und ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956, 137ff. 12 Zum Hintergrund vgl. JOHANNES JENSEN, Nordfriesland in den geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhunderts: 1797-1864, Neumünster 1961 (ND Bräist/Bredstedt 1993); OLAF KLOSE und CHRISTIAN DEGN, Die Herzogtümer im Gesamtstaat 1720-1830, Neumünster 1960; NIPPERDEY, Deutsche Geschichte 1800-1866 (wie Anm. 6), 622ff.; ALEXANDER SCHARFF, Schleswig-Holstein und die Auflösung des dänischen Gesamtstaates 1830-1864/1867, Neumünster 1975; SIEMANN, Revolution (wie Anm. 6), 153ff.; GÜNTER WOLLSTEIN, Das Großdeutschland der Paulskirche. Nationale Ziele in der bürgerlichen Revolution 1848/49, Düsseldorf 1977, 23ff., sowie STEEN BO FRANDSEN, Dänemark - Der kleine Nachbar im Norden. Aspekte der deutsch-dänischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1994, 48ff, und VAGN SKOVGAARD-PETERSEN, Danmarks historie, Bd. 5: Tiden 1814-1864, Kopenhagen 1985. 13 Zu Theodor Storm vgl. GEORG BOLLENBECK, Theodor Storm. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1988; KARL ERNST LAAGE, Theodor Storm. Leben und Werk, Husum 61993; HARTMUT VINQON, Theodor Storm in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 131994; REGINA FASOLD, Theodor Storm, Stuttgart/Weimar 1997; DAVID A . JACKSON, Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie, Berlin 2001 mit weiterer Literatur. 14

Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 7.

15 Wichtige Artikel, die Mommsen in der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" 1848 schrieb, sind nachgedruckt bei HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 161-254; vgl. zudem die Übersicht bei CARL GEHRCKE, Theodor Mommsen als schleswigholsteinischer Publizist (mit einem Anhang politischer Mommsen-Aufsätze), Breslau 1927, 62-64, und den Abdruck weiterer Artikel im Anhang ebd. 154-203. Zu Einwänden gegen die Zuweisung anonym verfaßter Artikel an Mommsen vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ423. 16 THEODOR MOMMSEN, Die Schlacht bei Schleswig, in: Schleswig-Holsteinische Zeitung 1 8 4 8 , Nr. 9 vom 2 5 . April, 3 2 - 3 4 ; wiederabgedruckt in: Ders., Reden und Aufsätze, hg. von Otto Hirschfeld, Berlin 1 9 0 5 , 3 6 3 - 3 7 2 . Vgl. auch Theodor Mommsen als Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner Schriften von KARL ZANGEMEISTER. Im Auftrage der Königlichen Bibliothek bearbeitet und fortgesetzt von EMIL JACOB. Neu bearbeitet von STEFAN REBENICH, Hildesheim 2 0 0 0 , Nr. 119. 17 THEODOR MOMMSEN, Unsere Wahlen zum Nationalparlament, in: SchleswigHolsteinische Zeitung 1 8 4 8 , Nr. 8 vom 2 4 . April, wiederabgedruckt in: HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 1 6 2 - 1 7 1 .

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THEODOR MOMMSEN,

Versammlung der Centralwahlcommittee in Neumünster, in: Schleswig-Holsteinische Zeitung 1848, Nr. 11 vom 27. April; vgl. HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 35. 19 Vgl. hierzu auch ULRIKE VON HIRSCHHAUSEN, Liberalismus und Nation. Die Deutsche Zeitung 1847-1850, Düsseldorf 1998, die exemplarisch die Programmatik, die organisatorischen Strukturen sowie die soziale Rekrutierung der Mitarbeiter und der Leser am fuhrenden Blatt der deutschen Konstitutionellen während der Revolutionsjahre untersucht. 2 0 Vgl. ALFRED HEUSS, Niebuhr und Mommsen. Zur wissenschaftsgeschichtlichen Stellung Theodor Mommsens, in: A&A 14, 1968, 1-18 (= Ders., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1 9 9 5 , 1 6 9 9 - 1 7 1 6 ) , und GERRIT WALTHER, Niebuhrs Forschung, Stuttgart 1993. 21 Zitiert nach HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 36; vgl. auch GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 74. 2 2 Vgl. ULRICH MUHLACK, Johann Gustav Droysen, in: Freitag (Hg.), Die Achtundvierziger (wie Anm. 2 ) , 2 6 3 - 2 7 6 . Zum Hintergrund vgl. Mommsens Briefwechsel mit Droysen und Wilhelm Ahlmann, dem Korrespondenten der Schleswig-Holsteinischen Zeitung in Frankfurt: JOHANN GUSTAV DROYSEN, Briefwechsel, 2 Bde., hg. von Rudolf Hübner, Berlin/Leipzig 1929 (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts, Bd. 2 5 / 2 6 ) . 2 3 THEODOR MOMMSEN, Die Annexion Schleswig-Holsteins. Ein Sendschreiben an die Wahlmänner der Stadt Halle und des Saalkreises, Berlin 1865, zitiert nach MOMMSEN, Reden und Aufsätze (wie Anm. 16), 3 7 3 4 0 1 . 24

Vgl. HÜBINGER, Gervinus (wie Anm. 2), 257.

25 Zur historischen Einordnung der journalistischen Beiträge von Mommsen vgl. auch GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 65ff., und HEUSS, Mommsen (wie Anm. 11), 140ff. 2 6 THEODOR MOMMSEN, Unsere Wahlen zum Nationalparlament, zitiert nach HARTMANN ( w i e A n m . 11), 164.

27 Vgl. REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie (wie Anm. 7), 107ff. 28

Vgl. HÜBINGER, Gervinus (wie Anm. 2), 258.

29

THEODOR MOMMSEN,

30 31

Vgl. GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 89f. Vgl. GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 91 ff., sowie die von HARTMANN, Momm-

32

Vgl. GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 99, und WICKERT, Mommsen (wie

Die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen, in: Schleswig-Holsteinische Zeitung, Nr. 3 2 vom 2 2 . Mai 1 8 4 8 , zitiert nach GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), 1 7 0 - 1 7 4 .

sen (wie Anm. 11), 183ff. abgedruckten Artikel.

Anm. 8), m21ff. 33 Vgl. GEHRCKE, Mommsen (wie Anm. 15), lOlff, 185ff, sowie HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 216ff. 34 Vgl. seinen Brief an Wilhelm Henzen vom 5. November 1848 bei WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 28. 35 So Mommsen in einem Brief an Otto Jahn vom 5. August 1848, zitiert nach LOTHAR WICKERT (Hg.), Theodor Mommsen - Otto Jahn. Briefwechsel 1 8 4 2 1868, Frankfurt a. M. 1962, 72.

Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848

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36 Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 23ff. 37 Zu Mommsens politischer und wissenschaftlicher Tätigkeit in Leipzig vgl. HARTMANN, Mommsen (wie Anm. 11), 43ff.; HEUSS, Mommsen (wie Anm. 11), 157ff., 264ff., und WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΙΠ 152ff., 479ff. Zum zeithistorischen Hintergrund und zur Geschichte der Leipziger Universität vgl. die in Anm. 6 genannte Literatur sowie KONRAD KRAUSE, Alma mater Lipsiensis. Geschichte der Universität Leipzig von 1409 bis zur Gegenwart, Leipzig 2003,11 Iff.; DIETER LANGEWIESCHE, Die Anfänge der deutschen Parteien. Partei, Fraktion und Verein in der Revolution 1848/49, in: Geschichte und Gesellschaft 4, 1978, 324361; WINFRIED LÖSCHBURG, Der Widerstand der Universität Leipzig gegen die Reaktivierung der alten Stände in Sachsen im Jahre 1850, in: Karl-Marx-Universität Leipzig 1409-1959, 2 Bde., Leipzig 1959, Bd. 1, 312-327; HEIDE THIELBEER, Universität und Politik in der Deutschen Revolution von 1848, Bonn 1983,25ff.; ROLF WEBER, Die Universität Leipzig in der Revolution 1848/49, in: Karl-MarxUniversität Leipzig 1409-1959, 2 Bde., Leipzig 1959, Bd. 1, 250-311, und DERS., Die Revolution in Sachsen 1848/49, Entwicklung und Analyse ihrer Triebkräfte, Berlin 1970. 3 8 Jahn an Mommsen am 7. August 1 8 4 8 , zitiert nach WICKERT (Hg.), MommsenJahn (wie Anm. 35), 74. 39 Zur Weidmann'sehen Buchhandlung und der Familie Reimer vgl. ERNST VOLLERT, Die Weidmannsche Verlagsbuchhandlung in Berlin 1680-1930. Mit einem Geleitwort von W. Georg Olms und einer Ergänzung: Die Weidmannsche Verlagsbuchhandlung 1930-1983 von W. Joachim Freyburg, Hildesheim 1983. 4 0 Zum Leipziger Freundeskreis vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8 ) , ΠΙ 35FT., sowie OTTO JAHN, Biographische Aufsätze, Leipzig 1 8 6 6 , 1 6 5 - 2 2 0 ; RICHARD SCHÖNE, Erinnerungen an Theodor Mommsen zum 30. November 1917. Herausgegeben von Hermann Schöne, Münster 1923, 11 ff. 41 Vgl. WEBER, Universität (wie Anm. 37), 266ff. 42 Zitiert nach WEBER, Universität (wie Anm. 37), 268. 43

Vgl. WEBER, Universität (wie Anm. 37), 287.

44

THEODOR MOMMSEN,

46 47 48 49 50 51 52

Zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ481. Zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 154. Vgl. WEBER, Universität (wie Anm. 37), 296ff. Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ156. Zitiert nach WEBER, Universität (wie Anm. 37), 299. Vgl. hierzu sowie zum folgenden die in Anm. 37 genannte Literatur. Zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΙΠ 162.

Die Grundrechte des deutschen Volke. Mit Belehrungen und Erläuterungen, Leipzig 1849 (= Die Grundrechte des deutschen Volkes Belehrungen und Erläuterungen [1849], hg. von Lothar Wickert, Frankfurt a. M. 1969); vgl. Theodor Mommsen als Schriftsteller (wie Anm. 16), Nr. 128a. 45 Adresse an den Staatsminister Dr. von der Pfordten. Leipzig, den 23. Januar 1849, in: Leipziger Tageblatt 1849, 24. Januar, 279; vgl. Theodor Mommsen als Schriftsteller (wie Anm. 16), Nr. 120; zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 154.

Stefan Rebenich

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53

Vgl. Theodor Mommsen als Schriftsteller (wie Anm. 16), 121, sowie HEUSS, M o m m s e n ( w i e A n m . 11), 157FF., 264FF., u n d WICKERT, M o m m s e n ( w i e A n m . 8), M 160FF. ( Z i t a t e 1 6 5 ) .

54 Zitiert nach WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 167f. 55 Vgl. zum folgenden WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 173ff., sowie Mommsens Personalakte im Universitätsarchiv Leipzig (Rep. I/Vm/204), die Dr. Gerald Wiemers mir freundlicherweise zugänglich gemacht hat. 56 Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 184; vgl. WEBER, Universität (wie Anm. 37), 308f. 57 Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 185. 58 Vgl. WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 186. 59 HEINRICH HEINE, Ludwig Börne. Eine Denkschrift, in: Ders., Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd. 11, hg. von Helmut Koopmann, Hamburg 1978, 75. 60 Zu Mommsens Selbstbezeichnung als animal politicum vgl. REBENICH, Mommsen und Hamack (wie Anm. 7), 327fT. mit weiterer Literatur. 61 FRIEDRICH MEINECKE, Johann Gustav Droysen. Sein Briefwechsel und seine Geschichtsschreibung, in: Ders., Zur Geschichte der Geschichtsschreibung, hg. von Eberhard Kessel, München 1968, 125-167, Zitat 125. 62 Vgl. GANGOLF HÜBINGER, Georg Gottfried Gervinus. Historisches Urteil und politische Kritik, Göttingen 1984. 63 Zur ersten Orientierung sei verwiesen auf die vorzügliche Einfuhrung von KARL CHRIST, Theodor Mommsen und die „Römische Geschichte", im achten Band der dtv-Ausgabe der „Römischen Geschichte", München 1976 ( 6 2001), 7-66 (= KARL CHRIST, Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte 3, Darmstadt 1983, 26-73). Aus der umfangreichen gelehrten Literatur seien genannt: KLAUS BRINGMANN, Das Problem einer „Römischen Revolution", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 31, 1980, 354-377; KARL CHRIST, Caesar. Annäherungen an einen Diktator, München 1994, 134ff; JOACHIM FEST, Wege zur Geschichte. Über Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann, Zürich 1992, 29ff.; ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen als Geschichtsschreiber, in: Notker Hammerstein (Hg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, 37-95 (= Ders., Gesammelte Schriften 3, Stuttgart 1995, 1744-1802); HEUSS, Mommsen (wie Anm. 11), 58ff; HANS KLOFT, Caesar und die Legitimität. Überlegungen zum historischen Urteil, in: Archiv für Kulturgeschichte 64/65,1982/83,1-39; JAMES F. MCGLEW, Revolution and Freedom in Theodor Mommsen's „Römische Geschichte", in: Phoenix 40, 1986, 424-445; CHRISTIAN MEIER, Das Begreifen des Notwendigen. Zu Theodor Mommsens Römischer Geschichte, in: Reinhart Koselleck u. a. (Hgg.), Formen der Geschichtsschreibung, München 1982, 201-244, HENRIK MOURITSEN, Italian Unification. Α Study in Ancient and Modern Historiography, London 1998, 23ff.; WILFRIED NIPPEL, Theodor Mommsen, in: Volker Reinhardt (Hg.), Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997,436-440; ELISABETH TORNOW, Der Revolutionsbegriff und die späte römische Republik. Eine Studie zur deutschen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jh., Frankfurt a. M. 1978; GERRIT WALTHER, Theodor Mommsen und die Erforschung der römischen Geschichte, in: Aporemata 5, 2001, 241-258; WICKERT, Mommsen (wie Anm. 8), ΠΙ 399ff.,

Mommsen, die deutschen Professoren und die Revolution von 1848

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Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, Göttingen 2 1 9 6 8 , sowie STEFAN REBENICH, Theodor Mommsens „Römische Geschichte", erscheint in: Elke Stein-Hölkeskamp/Karl-Joachim Hölkeskamp (Hgg.), Erinnerungsorte der römischen Antike. Rom und sein Imperium, München 2005. Vgl. HANS-GEORG GADAMER, Wahrheit und Methode, Tübingen 4 1 9 7 5 , 2 6 8 . Vgl. GOTTFRIED WILHELM FRIEDRICH HEGEL, Vorlesungen über die Rechtsphilosophie, Bd. 3, Stuttgart 1974, 821; DERS., Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (= Werke in zwanzig Bänden; Bd. 12), Frankfurt a.M. 1 9 7 0 , 29FF., 618FF.; ALBERT WUCHER,

64 65

378FF.

Römische Geschichte, Bd. 2 , Berlin 9 1 9 0 3 , 3 7 3 . 9 6 7 THEODOR MOMMSEN, Römische Geschichte, Bd. 1, Berlin 1902, 8 8 4 . 6 8 FRIEDRICH NIETZSCHE, Wir Philologen, in: Ders., Werke in fünf Bänden, Bd. 5, München/Wien 1980, 325. 69 Vgl. etwa WUCHER, Mommsen (wie Anm. 63), 25, 215, und HEUSS, Mommsen (wie Anm. 11), 68. 7 0 FRIEDRICH GUNDOLF, Caesar im neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1 9 2 6 , 58. 66

THEODOR MOMMSEN,

Mommsen und die Hohenzollern Heinrich Schlange-Schöningen

Am 28. Januar 1902 unterzeichneten 18 Mitglieder der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin einen Brief, mit dem sie der Schwedischen Akademie in Stockholm den Vorschlag unterbreiteten, den Nobelpreis für Literatur an Theodor Mommsen zu verleihen.1 In ihrem Antragsschreiben betonten die Berliner Gelehrten, daß Mommsen Jeden Rechtstitel auf den Namen eines Schriftstellers über zünftige Grenzen hinaus besitze" und „alles aus seiner Feder [...] das lebhafte, scharfe Gepräge einer geistreichen Individualität, eines künstlerischen Stilisten, eines vergegenwärtigenden Bildners" zeige.2 In den folgenden Monaten beschäftigte sich das Nobelkomitee mit insgesamt 34 Kandidaten, unter denen sich mit Leo Tolstoi, Mark Twain, Anatole France, Emile Zola, Gerhard Hauptmann, Henryk Sienkiewicz, William Butler Yeats, George Meredith, Henrik Ibsen und August Strindberg viele große Namen der zeitgenössischen Literatur befanden. Daß schließlich Mommsen und nicht der von der literarisch interessierten Öffentlichkeit favorisierte Tolstoi zum Preisträger gemacht wurde, war nicht in einer größeren Wirkung oder gar in einem höheren literarischen Wert der „Römischen Geschichte" Mommsens, etwa im Vergleich mit Tolstois „Krieg und Frieden", begründet. Ausschlaggebend war vielmehr, daß das Nobelkomitee mit Tolstois politischen Vorstellungen nicht einverstanden war. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Sekretär der Schwedischen Akademie, Carl David af Wirsen, in seiner Laudatio auf Mommsen am 10. Dezember 1902 ausführlich auf die politischen Leitgedanken der „Römischen Geschichte" einging. Wirsen führte aus, daß Mommsen „in großen, weit ausholenden Zügen das Wesen des römischen Volkes" beschrieben und gezeigt habe, „wie der römische Bürger auf den Staat hörte, weil er gelernt hatte, auf seinen Vater zu hören." 3 Für den Sekretär der Schwedischen Akademie bestand die politische Botschaft der „Römischen Geschichte" jedoch nicht nur in dem Gedanken, daß Autorität in der Familie die Grundlage für die Stärke eines Staates bildete. In seiner Preisrede kam auch der von den meisten Zeitgenossen geteilte Glaube

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an die Monarchie als bester Verfassungsform zum Ausdruck. Mommsen habe geschildert, „wie die neuen Aufgaben des Staates, je größer das Römische Reich wurde, die zäh festgehaltenen Verfassungsgrundsätze sprengten [...]; wie [...] die alte aristokratische Oligarchie, die in ihrer Zeit voll gerechtfertigt war, [...] nicht mehr den Forderungen des Augenblicks entsprach [...]; wie der häufige Wechsel der Konsuln die Einigkeit und eine konsequente Kriegsführung beeinträchtigte [...], wie gleichzeitig die Selbständigkeitsbestrebungen der Generale zunahmen, wie der Caesarismus zur politischen Notwendigkeit wurde [...]; und er bewies auch, daß der Absolutismus in vielen Fällen weniger übel gewesen wäre als die Oligarchie." 4

Nicht nur für die Landsleute Wirsens, die seit der Verfassungsreform von 1809 in einer konstitutionellen Monarchie lebten, in welcher der schwedische König mit dem von ihm berufenen Staatsrat die exekutive Gewalt innehatte, 5 mußten Begriffe wie „Caesarismus" oder „Absolutismus" über die Beschreibung historischer Formen monarchischer Herrschaft hinauszielen. Auch für das Publikum in Deutschland und für Mommsen lag in solchen Ausdrücken eine hohe politische Brisanz, die sich zur Zeit der Verleihung des Nobelpreises aus der Frage nach der Form und der Legitimation der Herrschaft Wilhelms II. ergab. Schon bald nach seinem Herrschaftsantritt im Sommer 1888 hatte Wilhelm II. deutlich werden lassen, daß er die Geschicke des Deutschen Reiches persönlich lenken wollte, und spätestens mit der Entlassung Bismarcks im März 1890 wurde allen Beobachtern klar, wie ernst es dem Kaiser mit diesem Vorhaben war.6 Bald setzte dann eine Diskussion um das „persönliche Regiment" Wilhelms II. ein, das von zeitgenössischen Kritikern als „Caesarismus" und „Byzantinismus" oder gar als Ausdruck von „Caesarenwahnsinn" gewertet wurde.7 Auch Mommsen, dem als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften mehr als einmal die Aufgabe zufiel, die jährliche Festrede zum Geburtstag des Kaisers zu halten, sah sich mit dem Problem konfrontiert, sich öffentlich über diesen umstrittenen Repräsentanten des deutschen Kaisertums äußern zu müssen. In seiner Festrede vom Januar 1891 versuchte Mommsen ζ. B., mit dem Hinweis auf die Leistungen Friedrichs des Großen den regierenden Kaiser, der sich gerne in der Pose eines Imperators zeigte, daran zu erinnern, daß der Monarch vor allem der Diener seines Volkes zu sein habe (s. u.). Daß er mit der Wirkungsgeschichte seines Caesarporträts nicht gerade glücklich war, hatte Mommsen schon bald nach dem Erscheinen der „Römischen Geschichte" zu erkennen gegeben. Damals wurde viel über vermeintliche Ähnlichkeiten zwischen dem antiken Caesar und Napoleon III. diskutiert.8 Das von ihm geschilderte „einzige schöpferische Genie, das Rom hervorgebracht hatte",

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diesen „Staatsmann, der sich das höchste Ziel gesteckt hatte, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken: die politische, militärische, geistige und sittliche Wiedergeburt der eigenen Nation" (RG III 463f.), seinen Caesar also als Vergleich oder Vorbild für einen zeitgenössischen Herrscher zitiert zu sehen, hat Mommsen sehr verärgert. Gegen eine solche Deutung ist Mommsen bereits im Jahr 1857 eingeschritten, als er die 2. Auflage des 3. Bandes der „Römischen Geschichte" herausbrachte. Jeder an Caesar interessierte Leser mußte auf die neuen Sätze stoßen, die Mommsen in sein 9. Kapitel eingefügt hatte und mit denen er eine klare Grenze zwischen Caesar und dem französischen Kaiser zog. Mommsen protestierte gegen die „Einfalt und Perfidie [...], geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhältnissen abgelöst, als allgemein gültige Phrase zu verbrauchen" (RG III 477). Seine Sätze sind ein bemerkenswerter Kommentar zur politischen Pädagogik' im Gestalt historischer Erzählungen, und es ließe sich leicht zeigen, daß Mommsen selbst keineswegs immer so genau auf die Differenzen geachtet hat, an die er hier ganz zu Recht erinnerte: „Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als könne man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit nur einfach wiederaufblättern [...]; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der älteren Kulturen die organischen Bedingungen der Zivilisation überhaupt, die überall gleichen Grundkräfte und die überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart [...]. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des römischen Caesarentums, bei aller unübertroffenen Großheit des Werkmeisters, bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine bittrere Kritik der modernen Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben vermag" (RG ΠΙ

477). Um Mommsens Kritik an der modernen Autokratie, wie sie zu seinen Lebzeiten nicht in Frankreich, sondern in Preußen in Erscheinung trat, soll es im Folgenden gehen. Es ließe sich eine ganze Liste mit kritischen, ja bisweilen geradezu zynischen Äußerungen zusammenstellen, die Mommsen über einzelne Hohenzollern-Herrscher getan hat. Wilhelm I. erschien Mommsen gelegentlich wie ein „kopfloser Narr",9 zu dem in seinen letzten Lebensjahren erkrankten und nicht mehr regierungsfähigen Friedrich Wilhelm IV. bemerkte Mommsen, ihm sei „der allerhöchste Verstand [...] futsch gegangen",10 und an Wilhelm II. bemängelte er eine „unruhige Tactlosigkeit, die nicht gut endigen" könne.11 Doch solche Äußerungen stehen neben der grundsätzlichen Überzeugung Mommsens, daß Preußen und mit Preußen das Deutsche Reich „auf die Monarchie" und damit eben auf die Hohenzollern „angewiesen" seien,12 und an

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dieser Überzeugung hat Mommsen trotz allen Ärgers über einzelne Herrscher, zuletzt über Wilhelm II., bis zum Ende seines Lebens festgehalten. Wenn nun im folgenden Mommsens Ansichten über die preußischen Könige und deutschen Kaiser aus dem Haus der Hohenzollern betrachtet werden, wird es dabei gleichermaßen um öffentliche wie um private Äußerungen gehen. Die Ausführungen sind in drei Teile gegliedert: Der erste soll kurz erläutern, warum Mommsen - und mit ihm die Mehrheit der Liberalen des 19. Jahrhunderts - zu der Auffassung gelangt ist, daß die Monarchie für den modernen Staat unverzichtbar sei. Der zweite Teil ist dem anfangs negativen, später aber positiven Bild Wilhelms I. gewidmet, und der dritte Teil behandelt Mommsens Urteil über Wilhelm II. Dabei kann der Zwiespalt, in dem sich Mommsen unter den Hohenzollern immer wieder befand - gemeint ist das Dilemma zwischen einer grundsätzlichen Wertschätzung der Hohenzollernmonarchie und der Kritik am Regierungsstil eines einzelnen Herrschers - besonders gut an Mommsens Stellungnahme zu einer vermeintlichen Majestätsbeleidigung im Jahr 1894 verdeutlicht werden. Damals erschien eine kleine Broschüre mit dem Titel „Caligula", die es ihren zahlreichen Lesern nicht schwer machte zu erraten, daß es hier weniger um den römischen Kaiser als vielmehr um Wilhelm II. ging, und auch Mommsen sah sich aufgefordert, darüber zu urteilen, ob die Majestät des deutschen Kaisers über der Freiheit des Schriftstellers zu stehen habe.

I. „Kann ein Volk frei sein?" Schon der junge Mommsen hat Ansichten formuliert, die den Liberalismus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichneten, - Ansichten, die in Reaktion auf die Französische Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt worden waren und die angesichts der durch die Industrialisierung hervorgerufenen sozialen Verwerfungen in den 40er Jahren eine neue Aktualität gewinnen sollten.13 Frankreich bot nicht nur das Beispiel dafür, wie eine Nation gleichberechtigter Bürger in einem Parlament zum Ausdruck eines gemeinsamen politischen Willens gelangen konnte; die Revolution hatte in Frankreich, wie Ernst Moritz Arndt formulierte, zuletzt auch den „Geist des Bösen hervorgebracht" und „den Pöbel zum Herrn" gemacht, Jenes Ungeheuer, das [...] mit hunderttausend Armen alles umwirft". 14 Das Entsetzen, das der Dichter der Befreiungskriege über den Verlauf der Französischen Revolution zum Ausdruck brachte, hat auch Mommsen zu der Überzeugung geführt, daß politische Anarchie für ein Volk nicht weniger verderblich sei als eine unkontrollierte

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Fürstenherrschaft. Der junge Mommsen, der sich aus der Perspektive der kleinen, unter dänischer Herrschaft stehenden Herzogtümer Schleswig und Holstein mit dem deutschen Nationalgedanken und der Frage nach der Legitimation monarchischer Herrschaft auseinandersetzte, war sich seiner politischen Sache zwar noch nicht ganz sicher. Er konnte trotz seiner Begeisterung für Ernst Moritz Arndt, dem er eigene Verse widmete,15 „Nationalität" durchaus als nicht wünschenswerte „Einseitigkeit" bezeichnen,16 und auch sein Urteil über die Monarchie war schwankend: Einerseits klagte er über die Herrscher, die ihre Völker um die Früchte der Revolution betrogen hätten,17 andererseits verfaßte er als Student auf der Kieler Universität einen Trauergesang auf den verstorbenen dänischen König Friedrich VI.18 Doch im Hinblick auf die radikalen demokratischen Forderungen, die auf eine Abschaffiing der monarchischen Herrschaftsform hinausliefen, vertrat Mommsen bereits als Schüler am Königlichen Christianeum in Altona eine skeptisch-ablehnende Haltung, an der er Zeit seines Lebens festgehalten hat. Im Herbst 1837 war Mommsen in den „Altonaer wissenschaftlichen Verein" eingetreten, einen Schülerverein am Christianeum, und für die Vereinssitzungen galt es, Reden und Aufsätze vorzubereiten.19 Im Dezember 1837 sprach der nun zwanzigjährige Mommsen über das Thema „Kann ein Volk frei sein?", und der Entwurf, der erhalten geblieben ist, läßt keinen Zweifel an der Tendenz der ganzen Rede. Mommsen notierte sich: „Die Geschichte zeigt: a) Republiken sind möglich, aber schnell vergänglich - eine kurze Aufwallung; b) der Egoismus zerstört sie bald ... Das Resultat ist traurig. Es fuhrt zum Indifferentismus und zur Zerstörung der Wirkungslust. Aber nur der Schwärmer darf sich verhehlen, was er für wahr erkannt hat." 20

Ähnliches findet sich im Tagebuch des jungen Mommsen: Anläßlich einer Auseinandersetzung mit seinem Bruder Tycho über den Liberalismus notierte Mommsen am 4. Mai 1836, daß zwar die Freiheit das höchste Gut des Menschen darstelle, dieses Ziel jedoch kaum erreichbar und die Republik jedenfalls nicht die „vollkommenste Regierungsform" sei.21 Bezog sich Mommsen bei seinen Äußerungen über die Unmöglichkeit dauerhaft freier Republiken noch auf die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, so argumentierte er später auch mit dem Beispiel der Antike. 1856, nach der Niederschrift des dritten Bandes der „Römischen Geschichte", schrieb er in einem Brief an Wilhelm Henzen: „Wenn uns ein Axiom notwendig ist und wenn die römische Geschichte eines lehren kann, so ist es das, daß es weder eine alleinseligmachende Monarchie noch eine alleinseligmachende Republik gibt, sondern der Kern der Frage woanders liegt."22

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Was damit gemeint war, hatte Mommsen bereits deutlich gemacht, als er sich während der Revolution von 1848 mit seinen Artikeln in der „SchleswigHolsteinischen Zeitung" für die deutsche Einheit unter preußischer Führung einsetzte. Dabei kam es ihm vor allem auf die Schaflüng einer starken Zentralgewalt und auf die Souveränität der Nationalversammlung an, während ihm die Frage nach der äußeren Staatsform - Republik oder Monarchie - als zweitrangig erschien. In seinen Stellungnahmen zu den politischen Streitfragen, die von der Frankfurter Nationalversammlung diskutiert wurden, sprach er sich für ein Erbkaisertum nur deshalb aus, weil ihm dieses als der notwendige Preis erschien, um Preußen für die Gründung eines deutschen Einheitsstaates und die dabei beabsichtigte kleindeutsche Lösung gewinnen zu können. 23 Als dann Jahrzehnte später die ersehnte deutsche Einheit durch preußische Machtpolitik zustande gekommen war, waren viele Liberale bereit, auch eine starke Monarchie zu akzeptieren, in der die Politik durch den Herrscher oder seinen Reichskanzler bestimmt wurde.24 Die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV., der preußische Verfassungskonflikt der sechziger Jahre und der Bismarck'sche „Ministerabsolutismus" unter Wilhelm I., zuletzt auch der „Caesarismus" Wilhelms II. machten Mommsen jedoch immer wieder schmerzhaft deutlich, daß sich das liberale Bürgertum mit seinen ursprünglichen innenpolitischen Zielen in Preußen bzw. im Deutschen Reich nicht hatte durchsetzen können. Hatte Friedrich Wilhelm IV. unter dem Eindruck der beginnenden Revolution in seiner Proklamation vom 23. März 1848 versprochen, für die „allgemeine Einführung wahrer konstitutioneller Verfassungen mit Verantwortlichkeit der Minister" zu sorgen,25 so mußte Mommsen noch am Ende des 19. Jahrhunderts erleben, daß die Politik der Bismarck-Nachfolger Caprivi und Hohenlohe-Schillingsfürst nicht durch die parlamentarischen Mehrheiten, sondern durch die autokratische Ideenwelt des Kaisers bestimmt wurde.26

II. „Wir leben hier in Preußen wie in einem sinkenden Schiffe" Während Mommsen im Verlauf des Jahres 1848 als entschiedener Fürsprecher einer preußischen Führungsrolle im neu zu gründenden deutschen Gesamtstaat auftrat, dabei, wie bereits ausgeführt, für ein preußisches Erbkaisertum votierte und sich selbst sogar einmal als „aufrichtigen Anhänger der constitutionellen Monarchie" bezeichnete,27 sollte Friedrich Wilhelm IV. die in ihn gesetzten Hoffnungen der Paulskirche bald enttäuschen. Nicht nur, daß er im April 1849 das Angebot der Kaiserkrone ausschlug. Auch die bereits im Dezember 1848 „oktroyierte Verfassung" Preußens, die nach ihrer Bekanntgabe in der Presse

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als die „liberalste, welche je ein mächtiger Herrscher seinem Land gegeben", 28 gelobt wurde, sicherte nicht die von Mommsen gewünschte liberale Verfassungspraxis. Waren mit dieser Verfassung auch bürgerliche Grundrechte garantiert und eine unabhängige Justiz ebenso wie ein freigewähltes Abgeordnetenhaus etabliert worden, so erfolgte doch schon wenig später die Einfuhrung eines Zensus-Wahlrechts und 1854 die Umwandlung der „Ersten Kammer" in ein vom Adel beherrschtes „Herrenhaus". Nach dieser Umwandlung, die auf einen königlichen Erlaß zurückging, gab es in dem „Herrenhaus" keine gewählten Mitglieder mehr; vielmehr bestimmte der König selbst, welche Großgrundbesitzer oder Adlige dieser Kammer anzugehören hatten. 29 Hier entstand in den Worten von David Barclay eine „elitäre Bastion aristokratischer Privilegien und monarchischer Gefühle", 30 und sie entstand, weil Friedrich Wilhelm IV. Preußen in einen autokratischen Stände-Staat zurückverwandeln wollte. Für Mommsen mußte der Einfluß, den die Junker' von nun an auf die preußische Politik nehmen konnten, ein Ärgernis darstellen, und Verdruß bereitete ihm auch die preußische Außenpolitik, die im Krimkrieg eine neutrale Haltung eingenommen hatte. 31 So klagte Mommsen im Februar 1855 über die „politische Misere", die „über alle Begriffe greulich" sei, und setzte hinzu: „Jetzt regiert der König allerhöchstselbst, und man merkt's." Wenige Monate später schrieb er: „Von der Politik kann man nicht reden; sie drückt einem das Herz ab. Wir leben hier in Preußen wie in einem sinkenden Schiffe." 32 Über dieses Gefühl kam Mommsen jahrlang nicht hinweg. Der Verdruß über die Politik des Königs ließ Mommsen sogar an die Möglichkeit einer deutschen Einigung unter österreichischer Führung denken, doch fiel ihm dabei sogleich das „große Unglück des Katholizismus" ein, das Österreich davon abhalten werde, auch den „Protestanten Glockentürme" zu gestatten. 33 Dann wieder folgte in Mommsens Briefen ein hilfloser Appell, Preußen müsse doch „den Mut seiner Situation wiederfinden und sich mit Deutschland identifizieren", 34 eine Hoffnung, die sich angesichts des fortschreitenden Verfalls Friedrich Wilhelms IV., der seit Herbst 1857 an Gedächtnis- und Sprachstörungen, bald auch an Lähmungserscheinungen litt, als unerfüllbar erwies. Mommsen kolportierte in seinen Briefen, was man sich in Berlin über den Gesundheitsund Geisteszustand des Königs erzählte, der „bei Tisch, unzufrieden mit seiner Wassersuppe, seiner Frau das Fleisch mit der Hand vom Teller genommen habe", 35 und er kommentierte die politische Situation im Oktober 1857, nachdem der kranke König seinen Bruder Wilhelm zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, mit den sarkastischen und pessimistischen Worten: „Daß der allerhöchste Verstand futsch gegangen ist, ist immer etwas und besser, daß das Land gar nicht regiert wird als wenn es regiert würde wie bisher. Freilich

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werden zunächst, und sehr möglich für Jahre, alle nicht laufenden Geschäfte ins Stocken kommen, denn die Korporalstugend des beinahe allerhöchsten Bruders wird sich ohne Zweifel auf diesen Punkt der Resignation aufschwingen. Wir müssen es dann ansehen und so wenig davon reden wie möglich."36 Erst Ende 1858, mit dem Beginn der sog. „Neuen Ära", schöpfte Mommsen wieder etwas Hoffnung. Zu viel, so meinte Mommsen, der nicht vergessen hatte, daß sich Wilhelm bei der Niederschlagung der Revolution als „Kartätschenprinz" einen Namen gemacht hatte, dürfe man zwar nicht erwarten, „aber etwas besser könnte es doch werden". 37 Und tatsächlich: Nachdem Wilhelm Anfang Oktober 1858 die Regentschaft übernommen und am Ende des Monats einen Eid auf die preußische Verfassung abgelegt hatte, ersetzte er im November das reaktionäre Ministerium Manteufifel durch einen Kreis von gemäßigt konservativen oder gar liberalen Männern unter dem Ministerpräsidenten Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen. 38 Als Wilhelm dann im Juli 1859 den Liberalen Graf Maximilian von Schwerin-Putzar, der 1848 dem „Märzministerium" von Ludolf von Camphausen und David Hansemann angehört hatte, sogar zum Minister des Inneren machte, wertete Mommsen dies als Anzeichen dafür, daß der „Wille des Prinzen zu bessern immer noch feststehe". 39 Vielleicht würde Wilhelm, der Anfang 1861 nach dem Tod seines Bruders zum König gekrönt wurde, sogar die „gewaltig ansteigende Flut des Nationalgefühls", von der Mommsen in einem Brief an Heinrich Degenkolb sprach, 40 erkennen und sich an ihre Spitze setzen. Wenig später war es mit solchen Hoffnungen wieder vorbei. 1862 entzweiten sich der König und das Abgeordnetenhaus über der Frage einer Heeresreform, es folgte der Verfassungskonflikt und mit ihm die Berufung Bismarcks zum preußischen Ministerpräsidenten. 41 Mommsen machte für die antiparlamentarische Politik des Königs vor allem die Kamarilla am Hofe verantwortlich, sprach aber auch von der „blinden Anmaßung unseres gnädigen Herrn", 42 und er fürchtete gar schon eine Entwicklung, die zum Untergang der Hohenzollern-Monarchie und zum Aufstieg sozialistischer Kräfte führen könnte. Es sei, so schrieb er, Jammervoll dem Schauspiel zuzusehen, wie die Hohenzollern das ruinieren, was sie geschaffen haben, und mit Gewalt alles hineindrängen in eine Richtung, die, wenn sie als konstitutionelle aussichtslos wird, notwendig antimonarchisch werden muß." 43 Angesichts eines sich ständig verschärfenden Verfassungskonflikts, in dem Mommsen auf der Seite des Landtags mit seiner liberalen Mehrheit stand, klagte er über den König, dieser sei „heftiger und unvernünftiger als je, er zerschlage goldene Uhren und halte Reden, als ginge der Geist des hochseligen Bruders in ihm um." 44 Mommsen erkannte in der Politik Wilhelms I., die von

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Bismarck durchgesetzt wurde, einen „Selbstvernichtungsprozeß", ja er sprach von der „Selbstvernichtungskunst" der Hohenzollern,45 und überlegte, seine Stellung an Universität und Akademie aufzugeben und Berlin zu verlassen, um zukünftig eine Lehrtätigkeit in Italien auszuüben. Seine Stimmung wurde noch schlechter, als zu den innenpolitischen Problemen außenpolitische hinzukamen. Als zu Beginn des Jahres 1864 noch unklar war, ob sich Preußen im Hinblick auf das Herzogtum Schleswig für oder gegen die dänischen Ansprüche einsetzen werde, da drohte Mommsen für den ersten Fall, er sei dann „die längste Zeit Preuße gewesen und fest entschlossen, da ich mich meiner Kinder wegen nun einmal nicht totschießen kann, mir mein Brot irgendwo anders zu suchen." Und weiter: „Ist die Nation wirklich so niederträchtig den Augustenburger" - gemeint ist der Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg - „fahren zu lassen und den Hohenzoller zu behalten, so weiß ich wirklich nicht, für wen und wozu ich Bücher schreiben soll. Wenn man sie beide miteinander fortjagt, so hätte ich gegen das Kompromiß auch nicht viel einzuwenden [.. .]."46 Selbst in Berlin, so meinte Mommsen, sei man inzwischen bereit, sich an Österreich anzuschließen, und er hatte dabei vor allem das liberale Bürgertum im Sinn, das von einer Fortsetzung der preußischen Politik auch innenpolitisch kaum mehr zu erwarten habe, als „eine maßund ehrlose Reaktion" mit „Octroyierungen und Verfolgungen". 47 Auf dieser Linie einer umfassenden Kritik an der preußischen Innen- wie Außenpolitik bewegte sich Mommsen auch in den kommenden Jahren, bis schließlich Anfang 1871 die deutsche Einigung erreicht war. Bereits zwei Tage nach der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866, mit der für Österreich der Krieg gegen Preußen verloren war, sagte Mommsen voraus, daß die nationale Einigung auf Kosten des Liberalismus gehen würde: Der militärische Ruhm, den Preußen gegen Österreich gewonnen habe und der sich vielleicht auch in einem kommenden Krieg gegen Frankreich bestätigen würde, werde „dem Kampf um die innere Freiheit Konkurrenz machen". 48 Letztlich sei mit einem „vollständigen Sieg des Militärstaats auch nach innen" zu rechnen, 49 und so konnte Mommsen nur noch darauf setzen, daß der für seine liberalen Ansichten bekannte Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich III., „einst den großen Neubau" eines freiheitlicheren Deutschlands leiten werde.50 Bis dahin werde man „in einem Junker- und Bauernstaat leben" müssen, während man doch „diesen Anschauungen längst entwachsen" sei:51 „Bei Sadowa [Königgrätz] hat leider nicht bloß Preußen, sondern auch das System gesiegt", so schrieb Mommsen an seinen Bruder Tycho im September 1867,52 und dieses System wurde für Mommsen zunächst gleichermaßen durch Wilhelm I. wie durch Bismarck verkörpert.

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Erst die in der Folge des Deutsch-Österreichischen Krieges von 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 erreichte Einigung Deutschlands führte Mommsen zu einer Neubewertung dieser beiden Männer. Zwar hatte Mommsen während des Krieges von 1870/71 Bismarcks Einigungspolitik, die Bildung eines „Föderativstaats von Monarchien", zunächst für die „Quadratur des Zirkels" gehalten und die „arge Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit in der Bismarckschen Politik" kritisiert.53 Einwände und Zweifel formulierte Mommsen auch 1870/71, und doch war er war über die Reichseinigung, über die „große Zeit",54 die man gerade erlebte, durchaus beglückt.55 Auch im weiteren Verlauf der siebziger Jahre konnte Mommsen in Bismarck noch den Vorkämpfer eigener politischer Ziele erkennen, als der preußische Ministerpräsident und deutsche Reichskanzler über Jahre hin einen rigorosen „Kulturkampf' gegen die katholische Kirche führte. Als Bismarck Ende der siebziger Jahre aber umschwenkte und die Verständigung mit der katholischen Zentrumspartei suchte, kehrte Mommsen zu seiner alten Bismarck-Aversion zurück.55 Über seine Angriffe auf Bismarck und die von Bismarck angestrengten Beleidigungsklagen handelt ein Beitrag von Alexander Demandt in diesem Band, so daß hier auf die Einzelheiten dieses Konflikts nicht näher einzugehen ist. Doch gerade vor dem Hintergrund der erneuerten Bismarck-Feindschaft ist bemerkenswert, daß Mommsen nun privat und öffentlich seine Verehrung des Kaisers zum Ausdruck brachte. Dabei fand nicht nur die Person Wilhelms I. die Zustimmung Mommsens, sondern auch die von ihm verkörperte Form der Monarchie, obwohl diese auch für Mommsen kaum noch etwas mit einer konstitutionellen Monarchie zu tun hatte. Ein gutes Beispiel für die neue Wertschätzung Wilhelms I. ist die akademische Festrede, die Mommsen 1881 aus Anlaß des Kaisergeburtstags gehalten hat. Hier führte er aus, daß die Besonderheit Preußens bzw. Deutschlands seit jeher in der „scharfen Ausprägung des monarchischen Grundgedankens bestanden" habe.57 Er verglich Wilhelm I. mit Augustus und sah im Prinzipat der römischen Kaiserzeit das Vorbild für das Deutsche Reich, was zumal vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten Kritik, mit der Mommsen 1857 auf die Caesarismus-Debatte reagiert hatte, ein interessanter Beleg für Mommsens eigene Bereitschaft ist, die „Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit nur einfach wiederauf[zu]blättern".58 Mommsen machte sodann in seiner Festrede von 1881 genau den Unterschied zwischen der monarchischen Institution und der Person des Herrschers, der sich auch durch seine Bewertung der Hohenzollern zieht: Wenngleich die Herrscher der ersten drei Jahrhunderte als „eine Menge geringer, nichtswürdiger, alberner Individuen" einzustufen seien, wobei „der geistig bedeutendste unter allen, Tiberius,

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[...] in verbittertem Fürstenwahnsinn geendigt hat", dürfe doch, was „einzelnen der Kaiser nachgerühmt wird, daß sie Fürstentum und Freiheit zu paaren verstanden haben, in höherem Sinn für die Institution als solche in Anspruch" genommen werden. 59 Genau in diesem Punkt der Verbindung von Freiheit und Herrschertum, Republik und Monarchie - es handelt sich um Mommsens von der späteren Forschung zurückgewiesene Interpretation des Prinzipats als einer „Dyarchie" von Kaiser und Senat 60 - bestand nach Mommsen eine Parallele zu den Hohenzollern: „Auch sie sind nicht bloß Fürsten, sondern zugleich Beamte; auch für sie bestehen nicht bloß Rechte, sondern zugleich Pflichten; auch sie sind verantwortlich, nicht dem Gericht oder der Volksvertretung, aber ihrem eigenen oder dem öffentlichen Gewissen." 61 Nach dem Tod Wilhelms I. nahm seine Verehrung von Seiten Mommsen noch deutlichere Formen an. Mommsen hat sich im kleinen Maßstab sogar an der von Wilhelm II. betriebenen Mythenbildung beteiligt, als er 1897 anläßlich des 100. Geburtstags Wilhelms I. für ein Berliner Schulfest, an dem seine Tochter Adelheid als Lehrerin beteiligt war, ein Gedicht geschrieben hat, das von den Schülerinnen öffentlich vorgetragen wurde: „Es war ein rechter Kaiser, / Den dieser Tag gebracht, / Ein gütiger, ein weiser / Voll Milde und voll Macht. Er hat auf Gott vertrauet / Und auf ein gutes Schwert, / Und hat das Reich gebauet, / Das heut den Gründer ehrt. Gewaltig schlug er nieder / Mit starker Hand den Feind / Und hat die Deutschen wieder / Zu einem Volk vereint. Er war nicht schwer zu finden, / Man sah ihn in der Näh / Des Morgens unter den Linden / Am Fenster im Palais. Da haben dann die Leute / Gar oft auf ihn geharrt, / Und hundert Jahr ist's heute, / Daß er geboren ward. Wie Gott auf allen Wegen / Geleitet hat sein Tun, / Soll Kaiser Wilhelms Segen / Auf seinen Enkeln ruhn."62 Selbst in diesen für Kinder geschriebenen Strophen steckte eine implizite Kritik an Wilhelm II., dessen „hektisches Reisefieber" die Berliner schon veranlaßt hatte, ihren Herrscher als „Reisekaiser" zu bezeichnen. 63 Anders als sein Großvater war Wilhelm II., dem die Vossische Zeitung 1894 vorgerechnet hatte, daß er im vergangenen Jahr 199 Tage lang auf Reise gewesen war, 64 nur „schwer zu finden, man sah ihn" eben nicht „in der Näh". Im Hinblick auf Wilhelm I. blieb Mommsen aber doch mancher Zweifel. Andeutungen in dieser Richtung findet man wieder nur in privaten Äußerungen, so etwa, als Mommsen in einem Brief an den Historiker Erich Marek, der 1897 eine Biographie des Kaisers veröffentlicht hatte, Wilhelm I. als „Ehrenmann", als „Gentie-

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man" und „Fachmann trotz des seelenverderbenden Fürstengewerbes" bezeichnete, zugleich aber feststellte, daß „Wilhelm I. unter dem Eingreifen wunderbarer Geschicke und mächtiger Individuen die absolute Monarchie, die - eine Zeitlang ihm selbst - im Aussterben schien, wieder aufgerichtet und den sogenannten Konstitutionalismus beseitigt" habe. Und diese Feststellung kommentierte Mommsen mit der Frage: „Ist das nun ein Glück?"65

III. „Nichtswürdige Tactlosigkeit" Die Liberalen Deutschlands hatten im Jahr 1888 schmerzhaft erleben müssen, daß die lang ersehnte, dann aber ganz machtlose Herrschaft Friedrichs III. keine Reform von Staat und Gesellschaft brachte. Schon im März 1888, als der todkranke Friedrich III. die Herrschaft antrat, war allen Beobachtern klar, daß seine Regierung nur von kurzer Dauer sein würde: „Wir werden", so schrieb die Kaiserin Victoria am 15. März an ihre königliche Mutter nach England, „nur als vorübergehende Schatten angesehen, die bald von der Wirklichkeit in der Form von Wilhelm ersetzt werden."66 Und der Kronprinz Wilhelm, der sich seit langem in einer offenen Opposition zu seinen liberal eingestellten Eltern befand, ließ seine Umgebung am Hof deutlich spüren, daß er alsbald in einem absolutistischen Sinne zu herrschen gedachte. So notierte ζ. B. der Geheimrat Friedrich von Holstein im Mai 1888 in seinem Tagebuch, daß Wilhelm selbst den konservativsten Kreisen erst noch beibringen werde, „was ein Monarch ist".67 Es zeichnete sich noch zu Lebzeiten Friedrichs III. ab, daß sich die Verfassungswirklichkeit des Deutschen Reiches wohl kaum, wie von den Liberalen erhofft, dem englischen Vorbild annähern würde; vielmehr machte sich das Gefühl breit, daß sich Deutschland auf dem Weg zu innen- und außenpolitischen Krisen befand. Als Mommsen, der sich wieder einmal in Rom aufhielt, am 15. Juni 1888 die „dumpfen Glockenschläge vom Kapital" hörte, die den Tod Friedrichs III. verkündeten - so ist aus den Jugenderinnerungen von Lili Morani-Helbig, der Tochter des Archäologen Wolfgang Heibig, zu erfahren - , da stand er auf, „nahm mit feierlicher Geste den Hut ab und flüsterte: ,Das ist das Totengeläute Deutschlands'". 68 Und im November bewertete Mommsen in einem Brief an Gustav Freytag den Wechsel der Herrschaft von Friedrich III. zu Wilhelm II. mit den Worten: „Etwas leichter habe ich auch wohl den Landesjammer in der Fremde ertragen; aber in summa ist er leider chronischer Art. Wenn der Herrgott und der Teufel, wie es scheint, um die Weltgeschichte würfeln, so hat der letztere große Herr ein ra-

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sendes Glück. Unser Fritz, mit all seinen zweifellosen Schwächen, wäre darum nicht weniger für unser Land ein Segen gewesen; jetzt regiert neben der erprobten Nichtswürdigkeit eine unruhige Tactlosigkeit, die nicht gut endigen kann. Es ist eine traurige Summe des Lebens, daß man einige Jahre zu lange auf der Welt geblieben ist."69 In seinen Zweifeln an Wilhelms Eignung zum Kaiser sah sich Mommsen bald bestätigt. Doch auch für Wilhelm II. mußte Mommsen akademische Festreden halten, und so klang bereits beim ersten Mal, im Januar 1889, in Mommsens Rede, die größtenteils der Interpretation einiger Horaz-Gedichte gewidmet war, die Sorge an, wie es wohl um die Weisheit des regierenden Herrschers bestellt sei. Hier liest man: „Dem jungen Herrscher gehört die Zukunft. Ernste Auffassung seines hohen Amtes und pflichttreues Walten erkennen wir wohl; es ist das ein Großes, aber es ist nichts Besonderes. [...] In Preußen verwundert man sich nicht, wenn der Herrscher seine Pflicht tut und für das Hohenzollernblut paßt solche Lobpreisung nicht. Wir stehen an der Schwelle einer Regierung; und jedes neue Regiment ist ein verschlossenes Buch. Noch hat kein Herrscher über Preußen gewaltet, dessen Persönlichkeit nicht schwer und eigenartig in die Wagschale gefallen wäre. [...] Dem ersten Wilhelm ist es vergönnt gewesen, daß die Liebe seines Volkes ihm [...] sich zugewendet und ihn durch sein langes Leben in stetigem Steigen begleitet hat. Mögen dereinst, wenn kommende Geschlechter also auf die Regierung des zweiten Wilhelm zurückblicken [...], die gleichen dankbaren Erinnerungen [...] an den Namen unseres jungen Herrschers sich knüpfen."70 Mommsens Schwiegersohn Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff lobte die Festrede mit den bezeichnenden Worten, Mommsen habe sich erfolgreich einer „peinlichen Aufgabe" entledigt, „denn wenn man nicht die elendigkeit der staublecker verüben oder leeres Stroh dreschen wollte, so konnte niemand jetzt reden, so wenigstens daß es ihm eine freude sein konnte." 71 Für Mommsen wurde die Beurteilung Wilhelms II., zumal wenn sie öffentlich zu erfolgen hatte, immer schwieriger. Auf der einen Seite war ihm der Regierungsstil des jungen Kaisers unerträglich; andererseits aber hatte Wilhelm ja nicht nur Bismarck abgesetzt, sondern auch in der Frage der Schutzzollpolitik eine liberale Position eingenommen. Aus Mommsens Sicht kam es in den Jahren von 1890 bis 1894 vor allem darauf an, daß Wilhelm II. an seiner Unterstützung des neuen Reichskanzlers, Leo von Caprivi, festhalten würde, und die Hoffnung darauf hat Mommsen offensichtlich davon abgehalten, in seinen öffentlichen Äußerungen über den Kaiser einen zu kritischen Ton anzuschlagen. Liest man jedoch bei der Festrede des Jahres 1891, der letzten übrigens, die Mommsen auf Wilhelm II. gehalten hat, hinter den Zeilen, wird doch

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schnell deutlich, was Mommsen von Wilhelm II. hielt. In Anbetracht eines Monarchen, der bald nach seinem Regierungsantritt eine jährliche Zuweisung an Privatmitteln durchgesetzt hatte, die um sechs Millionen Mark höher lag als die seines Vorgängers, und der sich das halbe Jahr auf Vergnügungsreisen befand, 72 klingen die Worte, die Mommsen jetzt der „vorbildhaften Tugendhaftigkeit" Friedrichs II., seiner „Wachsamkeit, Arbeitsamkeit und unbestechlichen Ehrlichkeit" widmete, recht doppeldeutig: „Kein Tag [...] ist Friedrich vergangen, an dem er nicht zunächst die strengen königlichen Tagespflichten erfüllt hätte. Während er [...] Millionen über Millionen zum Besten der allgemeinen Wohlfahrt aufwandte, belief das Alimentaire [...] welches er selber sich aussetzte, für das Jahr sich auf 120.000 Taler. Das Beispiel und das Muster wirkten, und" - so fügte Mommsen pädagogisch hinzu - „sie wirken noch heute." Allerdings meinte er auch: „Der Erbe Friedrichs des Zweiten zu sein ist nicht leicht [...]." 73 War also schon Mommsens Charakterisierung Friedrichs II. nicht ohne Bezug zur Gegenwart, so gestand er ein, daß ihn zur Wahl des Themas seiner Festrede, die Friedrichs „Maßregeln für die Volkswirtschaft" behandelte, die „Stimmungen der Gegenwart" veranlaßt hatten. 74 Mommsen beschrieb die wirtschaftliche Situation des frühneuzeitlichen Preußen und erinnerte daran, daß die Städte damals auf „ihren exklusiven Rechten" und ihrem „Monopolismus" in Gestalt von Durchgangszöllen und Stapelrecht bestanden hätten. 75 „Ernstliche Abhülfe gegen solchen Mißbrauch der städtischen Handelsstellung konnte nur geschaffen werden durch Aufgehen der Stadt in den Staat [...]. Nach jahrhundertelangen Kämpfen haben endlich die Hohenzollern wie den widerspenstigen Junkern gegenüber, so auch gegenüber den nicht minder störrisch auf ihre Privilegien pochenden Magistraten die Landesherrlichkeit zur Wahrheit gemacht und auch hier den kleinen Herren gezeigt, wozu der Fürst da ist."76 Mommsens Ausführungen über die Stärkung der Volkswirtschaft durch den Großen Kurfürsten und Friedrich Wilhelm I., vor allem aber durch Friedrich II., griff im historischen Gewand ein Thema auf, das die deutsche Innenpolitik jener Jahre beherrschte und dem Mommsen große Bedeutung zumaß. Seine Festrede war eine nachdrückliche Stellungnahme für die neue, 1891 unter Caprivi eingeleitete Handelspolitik, die durch den Abbau der Schutzzölle die deutsche Industrie stärken wollte und dafür die deutsche Landwirtschaft der internationalen Konkurrenz aussetzen mußte. Die ersten Handelverträge u. a. mit Österreich und Italien hatten dazu geführt, daß sich die deutschen Großagrarier im „Bund der Landwirte" vereinigt hatten, um ihre Interessen zu verteidigen (1893), 77 und doch wurde schließlich im 10. März 1894 durch die Initiative des Reichskanzlers und mit Unterstützung Wilhelms II. im Reichstag

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der lang umstrittene Handelsvertrag mit Rußland verabschiedet.78 Diesen von Mommsen gewünschten und unterstützen Kampf von Kaiser und Kanzler gegen die Junker' muß man im Blick behalten, wenn man erklären will, warum Mommsen in einem der größten Skandale, die das wilhelminische Deutschland erlebt hat, seine Stimme nicht erhoben hat.

IV. „Caesarenwahnsinn" Am 25. März 1894 hatte der Historiker und spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde eine Satire publiziert, mit der er auf die Anzeichen und Gefahren des „Caesarenwahnsinns" Wilhelms II. aufmerksam machen wollte.79 Die Satire trug den Titel „Caligula" und sie handelte scheinbar allein von dem römischen Kaiser, wurde doch der deutsche Kaiser kein einziges Mal genannt. Und doch war es für jedermann klar, wen der Autor eigentlich meinte. Während der ersten Wochen nach dem Erscheinen der Satire blieb die öffentliche Aufmerksamkeit gering. Als dann aber die konservative „Kreuzzeitung" einen großen Leitartikel über den „Caligula" druckte, setzte eine so starke Nachfrage nach der Schrift ein, das sie zum „erfolgreichsten politischen Pamphlet im kaiserlichen Deutschland" wurde.80 „Die gesamte Presse", so erinnerte sich Quidde in seinen Erinnerungen, die er im Jahr 1926 niederschrieb, „stürzte sich jetzt auf die Schrift. Viele Zeitungen brachten lange Auszüge [...]. In den Witzblättern wurde Caligula zum Gegenstand meist sehr geschmackloser Scherze, teils auf des Kaisers, teils auf meine Kosten. In Singspielhallen waren Couplets über Caligula an der Tagesordnung."81 In seiner Satire knüpfte Quidde an die politischen Umschwünge seit 1888 an, indem er für die ersten Jahre der Herrschaft Caligulas einen Wechsel vom Liberalismus zum Absolutismus beschrieb. Hatte Caligula zunächst damit überrascht, daß „alte Forderungen der liberalen Elemente [...] erfüllt" und überlieferte Verfassungsformen eingehalten, Prozesse wegen Majestätsbeleidigung niedergeschlagen und soziale Reformen eingeleitet wurden, so habe sich dann bald gezeigt, daß die „Haupttriebfeder" für Caligula „nicht der Wunsch" gewesen sei, „Gutes zu schaffen, sondern der Ehrgeiz, als Förderer populärer Bestrebungen bewundert zu werden und als großer Mann auf die Nachwelt zu kommen". So habe Caligula auch „keine selbständige Kraft neben sich ertragen", er wollte „sein eigener Minister sein",82 im übertragenen Sinne damit also - wie bereits in den neunziger Jahren über Wilhelm II. gesagt wurde - ein „persönliches Regiment" führen. 83 Doch läßt, so Quidde weiter, der „Eindruck einer scheinbar unbegrenzten Macht [...] den Monarchen alle Schranken der

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Rechtsordnung vergessen; [...] die Formen der höfischen Etikette - und mehr noch die darüber hinausgehende unterwürfige Verehrung aller derer, die sich an den Herrscher herandrängen - bringen ihm vollends die Vorstellung bei, ein über alle Menschen durch die Natur selbst erhobenes Wesen zu sein." „Der spezifische Cäsarenwahnsinn", so griff Quidde mit dem Kaiser auch seine Entourage an, „ist das Produkt von Zuständen, die nur gedeihen können bei der moralischen Degeneration monarchisch gesinnter Völker oder doch der höher stehenden Klassen, aus denen sich die nähere Umgebung der Herrscher zusammensetzt." 84 Quidde verschärfte seinen Angriff auf Wilhelm II. dadurch, daß er Caligulas „Caesarenwahnsinn" an einer Reihe von Eigenschaften und Handlungen exemplifizierte, die den Leser jedesmal an den regierenden Kaiser denken lassen mußten. Quidde behandelte Caligulas Vorliebe für „riesenhafte Bauten" 85 und seinen „Heißhunger nach militärischen Triumphen", der durch „spielerische Manöver" und einen „theatralischen Schein" befriedigt werden mußte, 86 er erwähnte weiter den „phantastischen Gedanken einer Bezwingung des Weltmeeres", 87 die „Freude an rücksichtsloser Gewalttätigkeit" 88 und die „Mißachtung jeder Sachkenntnis und jeder auf Fachbildung beruhenden Autorität". 89 In seinen Erinnerungen von 1926 sprach Quidde die Hoffnung aus, spätere Zeiten würden das 1894 über ihn gefällte Urteil revidieren, er habe die Geschichte zu politischen Zwecken mißbraucht. Und Quidde vermutete, daß Mommsen „schon unter dem unmittelbaren Eindruck etwas anders geurteilt" habe als die meisten anderen Historiker, die mit ihrem Kollegen nun nichts mehr zu tun haben wollten. „Bei Mommsen", so meinte Quidde, „liegt das nach seiner politischen Gesinnung nahe." 90 Quidde konnte nicht wissen, daß Mommsen tatsächlich zur Feder gegriffen hatte, um sich über die Freiheit des Schriftstellers und das Problem der Majestätsbeleidigung zu äußern. Für die von seinem politischen Freund Theodor Barth herausgegebene liberale Wochenzeitschrift „Die Nation" hatte Mommsen eine vierseitige Stellungnahme über den „Caligula" verfaßt. 91 In ihr stellte Mommsen fest, Quiddes „Caligula" habe „ein gewisses Aufsehen erregt, nicht durch das, was darin steht, sondern durch das, was man zwischen den Zeilen liest und vielleicht lesen soll. Jenen Kaiser freilich schützt heutzutage kein Staatsanwalt und es steht jedem frei diesem ebenso unbedeutenden wie widerwärtigen Fürsten alles das Böse nachzusagen, welches da sich einstellt, wo einem von Rechts wegen ermordeten Fürsten die Mördergeneration den geschichtlichen Leichenstein setzt. Aber gilt dies auch dann, wenn die Wiedererzählung es dem Leser nahe legt zugleich an solche Herrscher zu denken, welche ihr Urtheil von dem Richterstuhl der Nachwelt zu erwarten haben?"92

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Mommsen konnte diese heikle Frage letztlich nur positiv beantworten. Er, der selbst gerne historische Beispiele nutzte, um seinen Zeitgenossen bis hin zum Kaiser die Leviten zu lesen, mußte notgedrungen auch für Quiddes Recht zur freien Meinungsäußerung eintreten. Doch Mommsens Wunsch, daß es nicht zu einer Anklageerhebung gegen Quidde wegen Majestätsbeleidigung kommen sollte, lag mehr noch in der Sorge um das Ansehen des deutschen Kaisertums begründet. Denn sollte eine Verurteilung Quiddes herbeigeführt werden, dann werde „die formell objective Schilderung des geringsten und schlechtesten der römischen Caesaren durch Spruch eines deutschen Gerichts als Majestätsbeleidigung festgestellt, und wenn sonst niemand, wird der Pariser Figaro sich dessen freuen." 93 Für Mommsen lief eine eventuelle Verurteilung Quiddes also auf eine unerwünschte Aufwertung, vielleicht sogar indirekte Anerkennung der im „Caligula" nahegelegten Parallelen zwischen den beiden Herrschern und damit auf eine Schwächung des „monarchischen Gefühls" hinaus, so daß aus seiner Perspektive nur zu hoffen blieb, daß ein Gerichtsverfahren oder zumindest ein Schuldspruch vermieden werden könnte. Interessanterweise hat Mommsen seine kleine Abhandlung über den „Caligula" dann aber doch nicht veröffentlichen lassen. Mommsen hatte geplant, die Stellungnahme anonym zu publizieren, und er wollte der Bitte des Herausgebers, seinen Namen unter den Text zu setzen, nicht nachkommen. Daß er vor diesem Schritt zurückschreckte, läßt sich nur mit dem Dilemma erklären, in dem sich Mommsen auch schon 1891, bei der Abfassung seiner Festrede zum Geburtstag Wilhelms II., befunden hatte. Wollte Mommsen für das Recht von Schriftstellern und Historikern, sich auch mit politischer Absicht und ungehindert äußern zu können, eintreten und Quidde verteidigen, so mußte er genau abwägen, in wie weit eine solche Verteidigung gleichzeitig auf eine Schwächung des Ansehens des Kaisers und mittelbar auf eine Beihilfe zum Sturz der Reichskanzlers hinauslief. Die gegen den Großgrundbesitz gerichtete Politik, für die Caprivi und Wilhelm II. eintraten, entsprach ganz den Vorstellungen Mommsens, doch war völlig unklar, ob der Kaiser an dieser Linie festhalten oder den Reichskanzler entlassen und damit eine Kurswende vollziehen würde. Hier galt es vorsichtig zu sein, während andererseits ein gegen Quidde gerichteter Angriff, den man als indirekte Treueerklärung für Wilhelm II. hätte verstehen können, mit Mommsens liberalen Anschauungen nicht vereinbar war und auch angesichts der bisherigen Versäumnisse und Schwächen, die das „persönliche Regiment" des Kaisers gezeigt hatte, nicht in Frage kam. Aus diesem Dilemma resultierte das Zögern Mommsens im Umgang mit seinem Manuskript. Eine anonyme Veröffentlichung hätte als Votum für die Freiheit des Wortes aufgenommen werden können, ohne Monarchie und Regierung zu

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sehr zu schwächen. Mit Mommsens Namen versehen, mußte die Wirkung seiner Ausführungen aber eine ganz andere sein. Jetzt hätte Mommsens Aufforderung, sich bei „wahrhafter monarchischer Gesinnung" der Äußerungen zu Quiddes „Caligula" zu enthalten, 94 als eine im Hinblick auf Wilhelm II. wenig schmeichelhafte, doch mit großer moralischer und politischer Autorität versehene Erklärung gewertet werden müssen. Denn wenn Mommsen meinte, daß es dem Ansehen der deutschen Monarchie schaden könnte, wenn über eventuelle Ähnlichkeiten zwischen Caligula und Wilhelm II. diskutiert wurde, dann mußte es wohl auch seiner Meinung nach um den Geisteszustand des deutschen Kaisers nicht gut bestellt sein. Zu einer öffentlichen Äußerung, die diese Interpretation provozieren konnte, war Mommsen angesichts der politischen Bedeutung, die er den Hohenzollern für Deutschland beimaß, nicht bereit.

V. Zusammenfassung Mommsens Entwicklung als Anhänger und Kritiker der Hohenzollern ist in mancher Hinsicht sicher typisch für die Liberalen des 19. Jahrhunderts. Friedrich Wilhelm IV., der die Kaiserkrone nicht wollte, weil der „Ludergeruch der Revolution" an ihr haftete, wurde ihnen zur ersten großen Enttäuschung. Auch die Hoffnungen, die man auf Friedrich III. setzte, wurden nicht erfüllt. Mommsen scheint es nach Friedrichs Tod sehr verstimmt zu haben, daß Gustav Freytag der Öffentlichkeit ein Bild des Herrschers präsentierte, das mit dem der Liberalen kaum zusammenpaßte. In Freytags 1889 unter dem Titel „Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone" veröffentlichen Erinnerungen erschien Friedrich als entschiedener Fürsprecher einer preußischen Kaiserwürde, die als „Fortsetzung der alten römisch-kaiserlichen Majestät" verstanden werden sollte.95 Diese kleine Schrift dürfte der Grund dafür gewesen sein, daß Mommsen seine jahrzehntelange Freundschaft mit Gustav Freytag beendete. 96 Dabei traf für Mommsen genau zu, was Gustav Freytag in seinem Kornprinzenbuch über die Verehrer Wilhelms I. notiert hatte: „Der Prinz von Preußen im Jahre 1848 und Kaiser Wilhelm im Jahre 1888, der Gehaßte und der Vergötterte waren derselbe Mann, und es bedurfte ein halbes Menschenalter, bevor die Nation ihre Auffassung dieses Fürsten so umwandelte, wie geschehen ist. Denn die Deutschen sind eifrig in Allem, was sie thun. Haben sie einmal begonnen, an ihren Helden abfällige Kritik zu üben, so werden sie leicht mürrisch, kratzbürstig und argwöhnisch im Uebermaß."97 Tatsächlich zeigen Mommsen private Äußerungen zur Politik eine mitunter erschreckende Heftigkeit und Abhängigkeit von der momentanen Stimmung.

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Auch in seinen öffentlichen Äußerungen konnte Mommsen ausfallend und gehässig sein, aber er hat dabei nie die Grenze zwischen dem parteipolitischen und parlamentarischen Kampf einerseits und andererseits der Loyalität gegenüber dem monarchischen System überschritten. Auch unter Wilhelm II. hat sich Mommsen für das Fortbestehen der Hohenzollernmonarchie eingesetzt, manchmal schweigend, wie man am Fall des „Caligula"-Skandals sieht, manchmal vehement, wie etwa in seinem Aufruf „Was uns noch retten kann" vom 13. Dezember 1902. Damals, drei Tage nach der Verleihung des Literaturnobelpreises, warnte Mommsen davor, daß die Konservativen und das Zentrum in der parlamentarischen Auseinandersetzung um die Getreideschutzzölle die Verfahrensordnung verletzen und damit einen Verfassungsbruch begehen könnten. 98 Ein solcher Schritt sei dann als „Staatsstreich" zu bewerten, durch den „der deutsche Kaiser und die deutsche Volksvertretung dem Absolutismus eines Interessenbundes des Junkertums und der Kaplanokratie unterworfen werden sollen."99 Angesichts einer solchen Gefahr konnte Mommsen alle Schwächen der konstitutionellen Monarchie vergessen. Wilhelm II. seinerseits war, wie aus dem Tagebuch des Preußischen Kultusministers Robert Bosse zu erfahren ist, mit den „politischen Torheiten" des Professors Mommsen gar nicht einverstanden,100 aber er ehrte in Mommsen den Gelehrten. Anläßlich der Grundsteinlegung des Prätoriums in der Saalburg, deren Wideraufbau Wilhelm II. angeordnet hatte, sandte der Kaiser an Mommsen ein Telegramm, um dem antiquitatum romanarum investigator imcomparabilis für seine Leistungen zu danken. Mommsen nahm an der Feier auf der Saalburg nicht persönlich teil, und so mußte er nicht miterleben, wie der Kaiser mit „Ave-Caesar"-Schildern und mit einer lateinischen Hymne begrüßt wurde, die mit den Worten „Salve, salve, Imperator" begann. 101 Wilhelm selbst verlangte in seiner Rede auf der Saalburg, „die heranwachsende Jugend" solle „in dem neu erstehenden Museum lernen, was ein Weltreich bedeutet"; er sprach die Hoffnung aus, „es möge dem deutschen Vaterland beschieden sein, in künftigen Zeiten durch das einheitliche Zusammenwirken von Fürsten und Völkern, ihren Heeren und ihren Bürgern, so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war, damit es auch in Zukunft dereinst heißen möge wie in alter Zeit: civis Romanus sum, nunmehr: Ich bin ein deutscher Bürger!" 102 Dies war nun gewiß nicht das Programm einer parlamentarischen Monarchie, sondern das eines ungezügelten Imperialismus, und so entsprach der Auftritt des Kaisers auf der Saalburg Mommsens Vorstellungen weder in innen- noch in außenpolitischer Hinsicht. In dem Beileidstelegramm, das Wilhelm II. nach Mommsens Tod am 1. November 1903 an die Familie schickte, erinnerte der Kaiser an Mommsens

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„Verdienste um die Erforschung des Limes. In dankbarer Anerkennung seines Wirkens auf diesem Gebiete", so schrieb der Kaiser, „hatte ich bereits angeordnet, daß eine Marmorbüste des großen Forschers von Künstlerhand gefertigt und auf der Saalburg aufgestellt wird. Ich wollte ihm hierdurch zu seinem kurz bevorstehenden 60jährigen Doktoijubiläum eine Freude bereiten. Durch Gottes Ratschluß hat er diesen Tag nicht mehr erleben sollen, sein Bildnis aber wird der Nachwelt die Züge des seltenen Mannes überliefern, dessen Namen für alle Zeiten ein Ehrenblatt in der Geschichte der deutschen Wissenschaft bilden wird."103 Wenig später wurde das von Johannes Götz geschaffene Bildnis Mommsens auf der Saalburg aufgestellt: Mommsen erschien in der lateinischen Inschrift als rerum Romanarum inter omnes princeps, und sich selbst bezeichnete Wilhelm wieder einmal als Imperator Germanorum. Zu seinen Lebzeiten hatte es Mommsen wohl verhindern können, Geheimrat von Wilhelms II. Gnaden zu werden,104 aber der posthumen Vereinnahmung für die imperiale Selbstdarstellung des Kaisers konnte er sich nicht mehr entziehen.

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Vgl. HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Theodor Mommsen - Im Dezember 1902 erhielt der Nestor der deutschen Altertumswissenschaften den Literaturnobelpreis, Antike Welt 33 (2002), 698ff.; DERS., Ein „goldener Lorbeerkranz" für die „Römische Geschichte" - Theodor Mommsens Nobelpreis für Literatur, in: Josef Wiesehöfer (Hg.), Theodor Mommsen: Gelehrter, Politiker und Literat, Kiel 2005, 207£f. (im Druck). Das Antragsschreiben wird in ganzer Länge publiziert in: SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Ein „goldener Lorbeerkranz" (wie Anm. 1). CARL DAVID AF WIRSEN, Verleihungsrede bei der Überreichung des Nobelpreises fur Literatur an Theodor Mommsen am 10. Dezember 1902, in: Th. Mommsen, Römische Geschichte, Zürich o.J. (Der literarische Nobelpreis), 18. A.a.O., 18f. Vgl. INGVAR ANDERSSON, Schwedische Geschichte. Von den Anfangen bis zur Gegenwart, München 1950, 357ff.; 392f.; 405fT.; 415; 453. Vgl. JOHN CHARLES GERALD RÖHL, Wilhelm Π., Bd. Π: Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001, bsd. 42ff.; 314ff. Vgl. HANS KLOFT, Caligula - Ein Betriebsunfall im frühen Prinzipat, in: Karl Holl/Hans Kloft/Gerd Fesser, Caligula - Wilhelm Π. und der Cäsarenwahnsinn. Antikenrezeption und wilhelminische Politik am Beispiel des ,Caligula' von Ludwig Quidde, Bremen 2001, 99ff. Vgl. STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002, 93ff.

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Theodor Mommsen an Carl Ludwig, 22. Februar 1864 (zitiert nach LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie - Bd. IV: Grösse und Grenzen, Frankfurt a. M. 1980, 59): „Daß die Wiener Politik ernstlich die Personalunion in S.H. [= Schleswig-Holstein] will, scheint mir unzweifelhaft und ebenso unzweifelhaft, daß die kindischen Träume, mit denen man sich hier jetzt selber betrügt, von einem preußischen Schleswig-Holstein ebenso wie Seifenblasen zerplatzen werden wie die analogen Spekulationen von vor einem Jahr auf Eroberung Warschaus c 'est un fou decousu, hat Napoleon von unsrem jetzigen Machthaber geurteilt und das bestätigt jeder Tag." Zu dem Hintergrund dieser Äußerung, d. h. zum zeitgenössischen Schleswig-Holstein-Problem vgl. ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956 (ND Stuttgart 1996) 171ff. Mommsen an seine Frau, 25. Oktober 1857 (zitiert nach LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie - Bd. ΙΠ: Wandeijahre: Leipzig - Zürich - Breslau - Berlin, Frankfurt a. M. 1969, 569, Anm. 54). Mommsen an Gustav Freytag, 29. November 1888, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz (= StBB-PK), NL Mommsen, Freytag, Bl. 72 (eine Abschrift im NL L. Wickert, Nr. 453, Bl. 67); vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 71. Mommsen an Heinrich von Sybel, 7. Mai 1895 (zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV [wie Anm. 9], 7 2 ) . Vgl. MICHAEL NEUMÜLLER, Liberalismus und Revolution. Das Problem der Revolution in der deutschen liberalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, Düsseldorf 1973, 141ff.; 183fT.; JAMES J. SHEEHAN, Der deutsche Liberalismus. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg (1770-1914), München 1983, 35f.; 42f.; 52ff; 57f.; 66f.; 75f.; 88f.; DIETERLANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum und Liberalismus im 19. Jahrhundert, in: Jürgen Kocka (Hg.), Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil IV: Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation, Stuttgart 1989, 97f.; JÖRN LEONHARD, Liberalismus. Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters, München 2001, 127ff; 185fT. Geist der Zeit I, in: Arndts Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Hg. mit Einleitungen und Anm. versehen von A. Leffson u. W. Steffens, 6. Teil, Berlin o.J. [1912], 159. Vgl. LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie - Bd. I: Lehrjahre 1817-1844, Frankfurt a.M. 1959,242. Vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 104. Vgl. REBENICH, Mommsen (wie Anm. 8), 22. Vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 105 mit Anm. 192.

19 Vgl. REBENICH, Mommsen (wie Anm. 8), 20ff. 20 Zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 106. 21

Vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 106.

22 Mommsen an W. Henzen, 9. September 1856, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 106. Vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 11.

23 Vgl. THEODOR MOMMSEN, Der Entwurf zur Deutschen Reichsverfassung, Beilage zur Schleswig-Holsteinischen Zeitung, 16. Mai 1848 (zitiert nach Carl Gehrcke, Theodor Mommsen als schleswig-holsteinischer Publizist, Breslau 1927, 169f.): „Hin deutsches Kaiserthum gefährdet die Provinzialgewalten ohne die Stärke Deutschlands zu erhöhen; daher wollen wir lieber eine Centralisation Deutschlands

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ohne einen Kaiser. Wir sind aber dennoch der Meinung, daß trotz aller der hervorgehobenen Übelstände die Centralisation Deutschlands, wenn wir sie wie wir hoffen bekommen, unter einem Erbkaiser zu Stande kommen wird. Der Grund liegt in den Übergangszuständen. [...] Darum schließlich fassen wir unsere Meinung also zusammen: lieber ein souveränes Nationalparlament, als einen preußischen Erbkaiser! Hat aber Preußen die Hochherzigkeit nicht, seine Existenz und seine Zukunft an die Gründung einer deutschen zu setzen, dann lieber einen preußischen Erbkaiser als die bisherige oder eine andere Splitterung und Spaltung! Um jeden Preis aber die Einheit Deutschlands!" Vgl. zu Mommsens politischen Überlegungen im Jahr 1848 LUDO MORITZ HARTMANN, Theodor Mommsen. Ein biographische Skizze. Mit einem Anhange: Ausgewählte politische Aufsätze Mommsens, Gotha 1908; 35f.; GEHRCKE, a.a.O., 65ff; HEUSS, Theodor Mommsen (wie Anm. 9), 150ff; WICKERT, Mommsen, Bd. ΠΙ (wie Anm. 10), 10f.; REBENICH, Theodor Mommsen (wie Anm. 8), 55f. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch Mommsens Urteil über Sulla (RG Π 261): „Energische Verachtung des konstitutionellen Formalismus in Verbindung mit einem lebendigen Gefühl für den inneren Gehalt der bestehenden Ordnungen [...]." Zum konstitutionellen Denken der Liberalen im Vormärz und in der Revolutionszeit vgl. WERNER BOLDT, Konstitutionelle Monarchie oder parlamentarische Demokratie. Die Auseinandersetzung um die deutsche Nationalversammlung in der Revolution von 1848, HZ 216 (1973), 553ff; SHEEHAN, Der deutsche Liberalismus (wie Anm. 13), 53ff; 84ff.; DIETER LANGEWIESCHE, Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a. M. 1988, 20fT. Vgl. KARL ERICH BORN, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg (Gebhardt, Hb. der dt. Gesch.), München 1979 (1970), 27f.; SHEEHAN, Der deutsche Liberalismus (wie Anm. 13), 147ff. Zitiert nach DAVID E . BARCLAY, Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm I V . und die preußische Monarchie, Berlin 1995, 216. Vgl. RÖHL, Wilhelm Π., Bd. Π (wie Anm. 6), 42Iff.; 650ff ; 756ff.; 780ff. THEODOR MOMMSEN, Deutschland, Hannover und Baiern, Schleswig-Holsteinische Zeitung, 26. Mai 1848 (zitiert nach: Gehrcke, Theodor Mommsen als schleswigholsteinischer Publizist [wie Anm. 23], 180); vgl. GEHRCKE, 77. Augsburger Allgemeine Zeitung, 14. Dezember 1 8 4 8 (zitiert nach BARCLAY, Anarchie und guter Wille [wie Anm. 25], 262). Vgl. BARCLAY, Anarchie und guter Wille (wie Anm. 25), 354. Ibid. Vgl. ALBERT WUCHER, Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, 2. Aufl. Göttingen 1968, 159ff; WICKERT, Mommsen, Bd. IV [wie Anm. 9], 46f. Mommsen an Carl Ludwig, 2. Februar und 17. Dezember 1855 (zitiert nach WICKERT, M o m m s e n , Bd. IV [wie Anm. 9], 47).

33 Mommsen an Carl Ludwig, 17. Dezember 1855 (zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV [wie Anm. 9], 47). 34 Mommsen an Carl Ludwig, 30. März 1857 (zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV [wie Anm. 9], 48). 35 Mommsen an Wilhelm Henzen, 30. Januar 1858 (zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. m [wie Anm. 10], 569, Anm. 54).

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36 Mommsen an seine Frau, 25. Oktober 1857 (zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. ΠΙ [wie Anm. 10], 569, Anm. 54); vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 48. 3 7 Mommsen an Ferdinand Hitzig, 3. Dezember 1 8 5 8 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 49 38 Vgl. FRANZ HERRE, Kaiser Wilhelm I. Der letzte Preuße, Köln 1980, 263ff.; OTTO PFLANZE, Bismarck, Bd. I: Der Reichsgründer, München 1997, 138ff. 39 Mommsen an Wilhelm Henzen, 8. Juli 1859, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 50. 4 0 Mommsen an Heinrich Degenkolb, 2 6 . Juli 1 8 6 1 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 51 f. 41 Vgl. PFLANZE, Bismarck, Bd. I (wie Anm. 38), 180ff. 42 Mommsen an seine Frau, 22. März 1862, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 52f. 4 3 Mommsen an Heinrich Keil, 17. September 1 8 6 2 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 53. 4 4 Mommsen an Tycho Mommsen, 2 5 . Oktober 1 8 6 2 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I V (wie Anm. 9 ) , 5 3 . 45 Mommsen an Ferdinand Hitzig, 26. September 1863, sowie an Tycho Mommsen, 11. Januar 1 8 6 4 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I V (wie Anm. 9 ) , 5 5 , 5 8 . 4 6 Mommsen an Wilhelm Wattenbach, 11. Januar 1 8 6 4 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 57f. 47 Mommsen an Carl Ludwig, 15. Januar 1864, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 58. 48 Mommsen an Wilhelm Henzen, 5. Juli 1866, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 63. 49 Mommsen an Tycho Mommsen, 19. Februar 1867, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 64. 5 0 Mommsen an Max Müller, 9. August 1 8 6 6 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9 ) , 64. 5 1 Mommsen an Tycho Mommsen, 19. Februar 1 8 6 7 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I V (wie Anm. 9 ) , 6 5 . 5 2 Mommsen an Tycho Mommsen, 4 . September 1 8 6 7 , zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 65. 53 Mommsen an Franz Pulszky, 19. Oktober 1870, sowie an Tycho Mommsen, 2. Dezember 1870, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 66f. 54 Mommsen an Gustav Freytag, 19. August 1870, zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 65. 55 Vgl. WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 31), 151; WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 65ff. 56 Zum Niedergang des deutschen Liberalismus seit 1878, der durch Bismarcks Politik verstärkt wenn nicht bewirkt wurde, vgl. LANGEWIESCHE, Bildungsbürgertum und Liberalismus im 19. Jahrhundert (wie Anm. 13), lOOff. 57 THEODOR MOMMSEN, Rede zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs am 24. März 1881, Monatsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiss. 1881, 301fr., wieder in und zitiert nach: Ders., Reden und Aufsätze, Berlin 1905, 104ff., hier S. 104.

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58 Zu Mommsens politischer Pädagogik' vgl. WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 31), 4Iff.; HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Konstantin der Große und der Kulturkampf. Bemerkungen zur Bewertung des ersten christlichen Kaisers in Theodor Mommsens Römischer Kaisergeschichte, Gymnasium 104 (1997), 385ff; KLOFT, Caligula (wie Anm. 7), 108f.

59 MOMMSEN, Rede zur Feier des Geburtstages des Kaisers 1881 (wie Anm. 57), 109. 60 Vgl. THEODOR MOMMSEN, Römisches Staatsrecht (in 3. Aufl. Leipzig 1887 [ND 1952]), Bd. Π, 2, S. 747ff.; Bd. ΙΠ, 2, S. 1252ff.; DERS., Abriss des Römischen Staatsrechts, 9. Ausgabe nach der 2. Aufl. von 1902, Darmstadt 1982, 270ff.; zu Mommsens Konzept der „Dyarchie" vgl. HELMUT CASTRITIUS, Der römische Prinzipat als Republik, Husum 1982, 10ff.; INES STAHLMANN, Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945, Darmstadt 1988, 42ff.; KARL CHRIST, Von Gibbon zu Rostovtzeff, Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989, 98f., REBENICH, Theodor Mommsen (wie Anm. 8), 112f. 61 MOMMSEN, Rede zur Feier des Geburtstages des Kaisers 1881 (wie Anm. 57), 110. 6 2 Zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. I (wie Anm. 15), 2 3 6 . Vgl. ADELHEID MOMMSEN, Mein Vater. Erinnerungen an Theodor Mommsen, München 1992, 57. 63 GERD FESSER, Kaiser Wilhelm Π. und der Wilhelminismus, in: Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 124. 64 Ibid. 65 Zitiert nach JÜRGEN MALITZ, „Ich wünschte ein Bürger zu sein." Theodor Mommsen im Wilhelminischen Reich, in: Christ, Karl/Momigliano, Arnaldo (Hgg.), Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland, Berlin/Berlin 1988, 321360, hier 337; vgl. WUCHER, Theodor Mommsen (wie Anm. 31), 156; STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf Harnack - Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin 1997, 557; WILLIAM M. CALDER ΙΠ/ROBERT KIRSTEIN (Hgg.), „Aus dem Freund ein Sohn". Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Briefwechsel 1872-1903, Hildesheim 2003, Bd. Π, 469, Anm. 1561. 66 Zitiert nach JOHN CHARLES GERALD RÖHL, Wilhelm Π., Bd. I: Die Jugend des Kaisers 1859-1888, München 1993, 788. 67 Zitiert nach RÖHL, Wilhelm Π., Bd. I (wie Anm. 66), 821. 68 LILI MORANI-HELBIG, Jugend im Abendrot, Römische Erinnerungen, Stuttgart 1953, S. 266; vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 71; REBENICH, Theo-

dor Mommsen (wie Anm. 8), 189. 69 Vgl. Anm. 11. 70 THEODOR MOMMSEN, Festrede zur Feier des Geburtstags Friedrichs Π. und zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers am 29. Januar 1891, Sitzungsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiss. 1891, 77ff, wieder in und zitiert nach: Ders., Reden und Aufsätze (wie Anm. 57), 185ff., hier S. 183. 71 Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf an Theodor Mommsen, 8. Januar 1889, zitiert nach: CALDER ΙΠ/KIRSTEIN (Hgg.), „Aus dem Freund ein Sohn" (wie Anm. 65), Bd. Π, 469. 72 Vgl. MICHAEL BALFOUR, Kaiser Wilhelm Π. und seine Zeit, Berlin 1967, 131; 154f.; 161; RÖHL, Wilhelm Π., Bd. Π (wie Anm. 6), 37ff.; 70ff.; 605f.; FESSER,

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Kaiser Wilhelm Π. (wie Anm. 63), 124. Zur öffentlichen Bewertung der alljährlichen Schiffsreisen vgl. BIRGIT MARSCHALL, Reisen und Regieren. Die Nordlandfahrten Kaiser Wilhelms Π., Heidelberg 1991, 22ff; 191ff. THEODOR MOMMSEN, Rede zur Feier der Geburtstage König Friedrichs Π. und Kaiser Wilhelms Π. 1891 (wie Anm. 70), 192; 194. A.a.O., 186. A.a.O., 188. A.a.O., 189. Vgl. HANS-JÜRGEN PUHLE, Politische Agrarbewegungen in kapitalistischen Industriegesellschaften. Deutschland, USA und Frankreich im 20. Jahrhundert, Göttingen 1975, 63ff. Zu den Anfängen des Kampfes der Liberalen gegen die Schutzzollpolitik Bismarcks und zu Mommsens Position vgl. HEUSS, Theodor Mommsen (wie Anm. 9), 193ff. Vgl. BORN, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), 180.

79 Zum Folgenden vgl. HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN, „Jenen Kaiser freilich schützt heutzutage kein Staatsanwalt...": Theodor Mommsen über Ludwig Quiddes „Caligula". Mit einem Anhang: Edition der Stellungnahme Theodor Mommsens vom Mai 1894, Historisches Jahrbuch 123 (2003), 297ff. 80 HANS-ULRICH WEHLER (Hg.), L. Quidde, Caligula. Schriften über Militarismus und Pazifismus, Frankfurt a. M. 1977, 13. 81 LUDWIG QUIDDE, Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn, ergänzt durch Erinnerungen des Verfassers: Im Kampf gegen Cäsarismus und Byzantinismus, Berlin 1926, 25; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 25; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 60. 82 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81), 6; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 66; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 41 f. 83 Vgl. ISABEL V. HULL, „Persönliches Regiment", in: JOHN CHARLES GERALD RÖHL (Hg.), Der Ort Kaiser Wilhelms Π. in der deutschen Geschichte, München 1991, 3ff. Zur Kontroverse um das „persönliche Regiment" Wilhelms Π. vgl. JOHN CHARLES GERALD RÖHL, Der „Königsmechanismus" im Kaiserreich, H Z 236 (1983), 539ff, wieder in: Ders., Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm Π. und die deutsche Politik, München 1988, 116ff.; MARSCHALL, Reisen und Regieren (wie Anm. 72), 15fr.; RÖHL, Kaiser Wilhelm Π., Bd. Π (wie Anm. 6), 15f. 84 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81), 7; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 67; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 42f. 85 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81), 9; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 69; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 44. Vgl. SCHLANGESCHÖNINGEN, „Caligula" (wie Anm. 79), 315f., Anm. 67. 86 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81) 10; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 70; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 44f. Vgl. SCHLANGESCHÖNINGEN, „Caligula" (wie Anm. 79), 316, Anm. 68. 87 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81) 11; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 71; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 45. Vgl. WOLFGANG J. MOMMSEN, Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm Π. 1890 bis 1918, Berlin 1995, 275ff.

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88 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81), 13; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 73; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 46. Vgl. SCHLANGESCHÖNINGEN, „Caligula" (wie Anm. 79), 316, Anm. 70. 89 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81) 14; wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 75; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 47. Vgl. ζ. Β. RÖHL, Kaiser Wilhelm Π., Bd. Π (wie Anm. 6), 1003ff. zur Feindschaft Wilhelms, der sich Paul Wallot, der Architekt des Reichstags, ausgesetzt sah, weil er 1889 dem kaiserlichen Eingreifen in die Baupläne Widerstand entgegengesetzt hatte. 90 QUIDDE, Caligula (wie Anm. 81), 38; in anderem Wortlaut wieder in: Wehler (Hg.), Quidde (wie Anm. 80), 34; Holl/Kloft/Fesser, Cäsarenwahnsinn (wie Anm. 7), 68. Vgl. zu diesem Abschnitt in Quiddes Schrift SCHLANGE-SCHÖNINGEN, „Caligula" (wie Anm. 79), 325f., Anm. 93. 91 Vgl. SCHLANGE-SCHÖNINGEN, „Caligula" (wie Anm. 79), 299ff. 92 Zitiert nach SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Quiddes „Caligula" (wie Anm. 79), 332. 93 A.a.O., 335. 94 Ibid. 95 GUSTAV FREYTAG, Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone, Leipzig 1889, 30. 96

Vgl. HEUSS, Theodor Mommsen (wie Anm. 9), 221; WICKERT, Mommsen, Bd. IV

(wie Anm. 9 ) , 2 0 2 ; 3 1 0 , Anm. 10. 97 FREYTAG, Der Kronprinz (wie Anm. 95), 82. Freytag fährt weiter fort (82f.): ,Aber ihnen selbst ist währenddem gar nicht wohl zu Muthe, sie empfinden es als eine Erquickung, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, sich von diesen Gemüthsstimmungen zu befreien, und als ein hohes Glück, wenn sie thun können, was am meisten nach ihrer Natur ist: aus vollem Herzen zu lieben und zu verehren. Die deutsche Gefolgetreue ist noch vorhanden, und noch eben so stark, wie sie in der Urzeit war." 98 Vgl. REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf Harnack (wie Anm. 65), 477. 99 „Die Nation" vom 13. Dezember 1902, 163; zitiert nach HARTMANN, Theodor Mommsen (wie Anm. 23), 255. Vgl. REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf Harnack (wie Anm. 65), 462ff. 100 Zitiert nach WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 76. 101 Vgl. JÜRGEN OBMANN/DERK WIRTZ, „Sie muß den Kaiser auf der Saalburg sehen". Die Grundsteinlegung des wiedererrichteten Römerkastells am 11. Oktober 1900, in: Egon Schallmayer (Hg.), Hundert Jahre Saalburg. Vom römischen Grenzposten zum europäischen Museum, Mainz 1997, 39f. 102 Zitiert nach: OBMANN/WIRTZ, Die Grundsteinlegung des wiedererrichteten Römerkastells (wie Anm. 101), 41. 103 Veröffentlicht u. a. in der „Nordostsee-Zeitung" und in der „Täglichen Rundschau" am 2. November 1902 sowie in den „Kieler Neuen Nachrichten" am 3. November 1902 (StBB-PK, NL L. Wickert, Nr. 199 [Sammlung von Zeitungsausschnitten 1903 - 1909 Mommsen betreffen], Bl. 21; 33; 22). 104 Vgl. WICKERT, Mommsen, Bd. IV (wie Anm. 9), 76; REBENICH, Theodor Momm-

sen und Adolf Harnack (wie Anm. 65), 381.

Die Verteidigung der liberalen Nation. Mommsen gegen Treitschke im „Berliner Antisemitismusstreit" 1879/1880 Christhard Hoffmann

Bei der Eröffnung des Jüdischen Museums im September 2001 in Berlin sagte Bundespräsident Rau mit Bezug auf das Kaiserreich: „Wir wissen natürlich, dass Juden in vielen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert wurden. Ein besonders abschreckendes Beispiel war der Historiker Heinrich von Treitschke mit seinen antisemitischen Ausfallen. Zur deutschen Geschichte gehört aber auch, dass ein anderer Historiker, Theodor Mommsen, Treitschke klar und unmißverständlich entgegengetreten ist und die deutschen Juden gegen Verleumdung und Infamie verteidigt hat." 1

In einer der zahlreichen Ausrichtungen zum Mommsen-Jubiläumsjahr 2003 organisierte die Lübecker Friedrich-Naumann-Stiftung zusammen mit der Universität Kiel einen Vortrag über den Berliner Antisemitismusstreit mit einer anschließenden Rezitation der Hauptpassagen aus Treitschkes und Mommsens Artikeln. Der Bericht über diese Veranstaltung schließt mit den Worten: „Der Antisemitismusstreit und seine aktuellen Konnotationen standen auch im Mittelpunkt der abschließenden, engagiert geführten Diskussion".2 Es ließen sich weitere Beispiele dafür anfuhren, daß die intellektuelle Debatte, die vor 125 Jahren das intellektuelle Berlin in Atem hielt, als eine Art Referenzgeschichte (auf die man immer wieder Bezug nimmt) in unserer Gegenwart auffallend präsent ist. Fast könnte man sagen, daß Theodor Mommsen dem breiten Publikum heute eher als Gegner Treitschkes und des Antisemitismus denn als Verfasser der „Römischen Geschichte" bekannt ist. Dies war nicht immer so. In den ersten 50 Jahren nach seinem Tod galten Mommsens politisches Wirken und sein entschiedenes Auftreten gegen Treitschke eher als Abirrung eines großen Gelehrten, und der Streit um Treitschke war, von einigen Fachhistorikern abgesehen, in der Öffentlichkeit unbekannt. Dies änderte sich erst Anfang der 1960er Jahre, als sich angestoßen durch den Jerusalemer Eichmannprozeß und den Frankfurter Auschwitzprozeß in der Bundesrepublik

Die Verteidigung der liberalen Nation. Mommsen gegen Treitschke

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erstmalig eine breitere Diskussion über die historischen Wurzeln des deutschen Antisemitismus entwickelte. 1965 veröffentlichte der Publizist Walter Boehlich eine Anthologie mit den wichtigsten Texten der Treitschkedebatte unter dem Titel „Der Berliner Antisemitismusstreit".3 Diese Bezeichnung war neu, die Zeitgenossen hatten, je nach eigenem Standpunkt, von „Treitschkiade" oder „Judenstreit" gesprochen.4 Boehlichs Begriffsprägung war eingängig, ganz offenbar erfüllte sie ein Bedürfnis der Zeit und setzte sich daher rasch durch, auch wenn sie eigentlich nicht ganz paßte, denn weder ging es in der Kontroverse nur um den Antisemitismus noch war sie auf Berlin beschränkt. In seinem Nachwort hatte Boehlich die beiden Hauptkontrahenten, Treitschke und Mommsen, antagonistisch gegenübergestellt und folgendermaßen charakterisiert: „Es waren in diesen Männern die beiden an der Berliner Universität denkbaren Extreme aneinandergeraten: ein verstockter Konservativer und ein unbestechlicher Liberaler, ein Empfinder und ein Denker, ein verschwommener Phrasendrescher und ein glänzender Stilist, ein Moralredner und ein Moralist." 5

Im Kontext der in den 1960er Jahren einsetzenden kritischen Selbstbefragung deutscher Geschichte bedeutete der wiederentdeckte „Antisemitismusstreit" ein doppeltes: er konnte, in der Person Treitschkes, als Ausgangspunkt einer Fehlentwicklung interpretiert werden, die im „Dritten Reich" und in Auschwitz endete; gleichzeitig ließ er, in der Person Mommsens, eine liberale und nicht-antisemitische Gegentradition deutlich werden, an die man in der Gegenwart anknüpfen konnte. Die Präsentation einer klaren Alternative zwischen einer schlechten (treitschkeschen) und einer guten (mommsenschen) Tradition in der deutschen Geschichte prädestinierte den „Antisemitismusstreit" geradezu für ein politisches Lehrstück, das Identifikationen ermöglichte und Identitäten prägte. Es wundert daher nicht, daß man spätere öffentliche Konflikte in der Bundesrepublik in der Typologie des „Antisemitimusstreits" wahrnahm: so wurde Ernst Nolte während des „Historikerstreits" Mitte der 1980er Jahre als „Treitschke redivivus" bezeichnet,6 und in den Auseinandersetzungen im Jahre 2002 zwischen Jürgen Möllemann und Michel Friedmann, zwischen Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki war man mit dem Etikett „Antisemitismusstreit" schnell zur Hand.7 Es ist wichtig, diese aktuelle geschichtspolitische Verwendung des „Berliner Antisemitismusstreits" mit zu bedenken, wenn die historische Kontroverse und besonders die Rolle Mommsens darin nun näher analysiert werden soll. Wie immer, so hat auch in diesem Fall die geschichtspolitische Inanspruchnahme zu falschen Eindeutigkeiten und Schwarz-Weiß-Kontrasten geführt. In Wirklichkeit war die Situation komplizierter und ambivalenter: weder war

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Treitschke 1879 eindeutig ein Antisemit, noch war Mommsen einfach ein Judenfreund. Die Debatte drehte sich auch nicht nur um den Antisemitismus, sie berührte zentrale Fragen des nationalen Selbstverständnisses, der Zukunft des Liberalismus, des Verhältnisses zwischen Mehrheit und Minderheit, der Alternative zwischen nationaler Homogenität und kulturellem Pluralismus und nicht zuletzt der schwierigen Festlegung einer Grenze zwischen zulässiger Kritik an einer Bevölkerungsgruppe und unverantwortlicher Hetze. Schließlich war der Streit nicht auf Treitschke und Mommsen beschränkt. Was Boehlich unter dem Etikett „Berliner Antisemitismusstreit" zusammenfaßte, bestand eigentlich, und das hat Uffa Jensen kürzlich klar herausgearbeitet,8 aus zwei deutlich unterschiedenen Streitphasen: zunächst waren es fast ausschließlich jüdische Gelehrte und Politiker, wie ζ. B. der Historiker Heinrich Graetz, der Mediävist Harry Bresslau, der Völkerpsychologe Moritz Lazarus, der Philosoph Hermann Cohen, der Abgeordnete Ludwig Bamberger oder der Breslauer Rabbiner Manuel Joel, die öffentlich gegen Treitschkes Artikel Stellung bezogen. Sie waren sich untereinander durchaus nicht einig und standen für ganz unterschiedliche Lösungsansätze der aufgeworfenen Probleme. In der Öffentlichkeit setzte sich gleichwohl der Eindruck fest, daß Treitschke allein „bei den Juden" auf Widerstand und Kritik stieß. Die zweite Streitphase begann dann erst ungefähr ein dreiviertel Jahr später (im Spätherbst 1880) und war durch das Auftreten nichtjüdischer Liberaler (etwa in der Erklärung der 75 Honoratioren)9 und vor allem Mommsens gegen Treitschke charakterisiert. Meine Rekonstruktion des Streites konzentriert sich auf diese zweite Phase, die Kontroverse zwischen Mommsen und Treitschke. Neben der umfangreichen älteren Literatur 10 konnte ich dabei vor allem von drei neueren Studien bzw. Publikationen profitieren: Klaus Holz' innovativer Untersuchung zum nationalen Antisemitismus, das ein Kapitel zu Treitschke enthält;11 einer vom Zentrum für Antisemitimusforschung herausgegebenen, von Karsten Krieger bearbeiteten neuen umfassenden Quellenedition zum „Berliner Antisemitismusstreit"12 und Uffa Jensens noch unpublizierter materialreicher Dissertation, die den Streit vor dem allgemeinen Hintergrund deutsch-jüdischer Beziehungen in der Berliner Bildungskultur interpretiert.13 *

Der allgemeine politische Hintergrund der von Treitschke ausgelösten Kontroverse kann hier nur mit wenigen Stichworten angedeutet werden. Grundlegend war die durch die Bismarcksche Reichseinigung von oben und die weltwirtschaftliche Depression ausgelöste Orientierungs- und Legitimationskrise des

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Liberalismus, die sich durch Bismarcks innenpolitische Wende (seine Abkehr von den Nationalliberalen) 1878/79 und die Sozialistengesetze noch verschärfte. In dieser Situation formierte sich, zunächst in Berlin, eine antiliberale, gegen „die Juden" gerichtete Protestbewegung, die sich in Abgrenzung von der traditionellen, religiös begründeten Judenfeindschaft, „Antisemitismus" nannte. 14 Der neue Begriff diente zur Selbstbezeichnung einer politisch-sozialen Bewegung, die in der vermeintlichen Macht des Judentums die Hauptursache für alle möglichen sozialen und kulturellen Mißstände erkannte und entsprechend die Bekämpfung des Judentums zum wichtigsten politischen Ziel erhob. Der Historiker, Publizist und Historiker Heinrich von Treitschke war ursprünglich ein Nationalliberaler und hatte sich in seiner umfangreichen politischen Schriftstellerei auch für die Emanzipation der Juden eingesetzt. 15 Die erfolgreiche Reichsgründung hatte ihn vom Gegner zum Anhänger Bismarcks werden lassen. Den jungen deutschen Nationalstaat sah er durch innere Streitigkeiten und das feindliche Ausland gefährdet. Die Sorge um die ungefestigte deutsche Einheit war auch ein Motiv dafür, daß Treitschke Ende 1879 in einem langen Artikel in den „Preußischen Jahrbüchern" auch kurz zur aktuellen Bewegung des Antisemitismus Stellung nahm. Ich fasse Inhalt, Struktur und Tendenz seiner Aussagen in drei Punkten zusammen: 1. Kritik am Liberalismus: Treitschkes Thematisierung der „Judenfrage" stand nicht isoliert, sondern war Ausdruck einer prinzipiellen Wendung gegen den Liberalismus. Er polemisierte ganz generell gegen das emanzipatorische Selbstverständnis der liberalen Moderne und qualifizierte das vorherrschende Meinungsklima im jungen Kaiserreich als „weichliche Philanthropie unseres Zeitalters" ab. 16 Die liberalen Meinungsfiihrer oder, wie er sie nannte, die „Helden der philanthropischen Phrase" hätten sich in ihrer ideologischen Verbohrtheit immer mehr von den Vorstellungen des Volkes entfernt. Nun aber sei das „Gewissen des Volks" erwacht und auch durch „Entrüstungsmeetings und grimmige Verachtungsresolutionen" nicht wieder einzuschüchtern. Dieser Vorgang habe sich erstaunlicherweise „fast ganz unabhängig von der Presse" vollzogen: „Wenn man die Mehrzahl der deutschen Blätter durchmustert, so sollte man meinen, die liberalen Wunschzettel der sechziger Jahre und der naive Glaube an die unfehlbare sittliche Macht der ,Bildung' beherrschten noch immer unser Volk. In Wahrheit steht es anders. Die wirtschaftliche Noth, die Erinnerung an so viele getäuschte Hoffhungen und an die Sünden der Gründerzeiten [... ] das Alles hat Tausende zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung ge-

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zwungen. Tausende fühlen, daß wir Gefahr laufen über unserem Bildungsdünkel den sittlichen Halt des Menschenlebens ganz zu vergessen".17 Treitschke verdeutlichte das, was er als (berechtigten) Protest des Volkes gegen die Phrasenhaftigkeit und Meinungsmacht eines antiquierten Liberalismus ansah, an zwei aktuellen Beispielen: der Diskussion um den Strafvollzug und der mit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus erneut aufgeworfenen „Judenfrage". 1879 hatte der Hamburger Oberstaatsanwalt Otto Mittelstadt eine Schrift „Gegen die Freiheitsstrafen - ein Beitrag zur Kritik des heutigen Strafensystems" 18 publiziert, in der er - so Treitschkes Zusammenfassung gegen ,jene Verhätschelung und Verzärtelung der Verbrecher [protestierte], welche unsere Zuchthäuser übervölkert hat und zur Grausamkeit gegen die rechtschaffenen Leute wird". 19 Mittelstädts Schrift war in der liberalen Presse kritisiert worden und hatte einige Gegenschriften hervorgerufen. 20 Auch Treitschke räumte ein, daß „seine Sätze im Einzelnen sich vielfach bestreiten lassen". Gleichwohl hielt er sie für berechtigt: „Der tapfere Verfasser" habe doch nur ausgesprochen „was Hunderttausende denken". Treitschke wertete die Forderungen der schweigenden Mehrheit nach schärferen Strafen nicht als rückwärtsgewandt, sondern, im Gegenteil, als zukunftsweisend: der ganze Zug der Zeit gehe dahin, daß „die unerbittlich strenge Majestät des Rechts in unseren Gesetzen wie in ihrer Handhabung wieder zur vollen Anerkennung gelangen muß". 21 Auch in seiner Diskussion der antisemitischen Bewegung wandte sich Treitschke gegen den vorherrschenden liberalen Konsensus, der jede Form der Judenfeindschaft als „mittelalterliche Barbarei" ächtete. In Treitschkes Sicht diente die Mahnung an die jüdische Verfolgungs- und Leidensgeschichte, wie sie ζ. B. im Werk des jüdischen Historikers Heinrich Graetz hervortrat, rein ideologischen Zwecken: sie sollte die Juden vor berechtigter Kritik immunisieren und sozusagen moralisch unangreifbar machen. Die liberale Presse habe es verstanden, jede Diskussion der „Judenfrage" mit einem Tabu zu belegen: „Vor wenigen Monaten herrschte in Deutschland noch das berufene ,umgekehrte Hep Hep Geschrei'. Ueber die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen; wer sich aber unterstand über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt."22 Treitschke wertete es als „unfreiwilliges Verdienst" der antisemitischen Bewegung, daß sie diesen „Bann" gebrochen habe und man nun offen über das „Uebel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte", sprechen könne. Er deutete damit die judenfeindliche Agitation in einen Beitrag zur Meinungsfrei-

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heit um. Dabei achtete er darauf, die neue Judenfeindschaft nicht ohne Vorbehalte zu protegieren. Aus der Perspektive des Bildungsbürgers kritisierte er Einzelheiten: die „Pöbelroheit", den „Schmutz" und die „Brutalität" der antisemitischen Bewegung. Grundsätzlich billigte er ihr jedoch eine tiefe innere Berechtigung zu: der „Instinkt der Massen" habe eine schwere Gefahr, einen bedrohlichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt. Der Antisemitismus sei zwar eine „brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element." 23 Schließlich suchte Treitschke sein überwiegend bildungsbürgerliches Publikum davon zu überzeugen, daß die ,Volksbewegung' gegen die Juden nicht nur eine Sache der Ungebildeten sei: „Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark; [...] Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, klingt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!"24 Treitschkes Argumentation in den Diskussionen zum Strafvollzug und zur „Judenfrage" offenbart deutlich die Koordinaten seines politischen Weltbildes: Auf der einen Seite steht „das Volk" mit seinen vielleicht ungebildeten, aber „natürlichen" und letztlich gesunden Instinkten und Vorstellungen. Auf der anderen Seite steht das die Presse dominierende liberale Meinungsestablishment, das sich in seinem „Bildungsdünkel" nicht darum kümmert, was die Mehrheit denkt, sondern jeden Verstoß gegen seine politischen Normen und Tabus mit „Entrüstungsmeetings und Verachtungsresolutionen" sanktioniert. Schließlich gibt es in diesem Grundszenario auch noch die Helden, wie ζ. B. den „tapferen Verfasser" Mittelstadt: das sind diejenigen Vertreter der Bildungselite, die sich zu Anwälten der Volksmeinung machen und diese unerschrokken gegen die Medienmacht und das Meinungskartell des Establishments zur Geltung bringen. Es war letztlich diese Rolle, die Treitschke sich selbst in der Debatte um die „Judenfrage" zudachte (und die ihm - viele Briefe in seinem Nachlaß bezeugen dies - auch von Freunden und Kollegen zugeschrieben wurde). Auch er stilisierte sich zu einem Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, der nur das zum Ausdruck bringen wollte, „was Hunderttausende denken". 25 Dabei ging er nicht so weit wie der populistische Stoecker, der sich direkt zum Sprecher des „kleinen Mannes" aufwarf und in Massenveranstaltungen auf der Straße agitierte. 26 Treitschke sprach im Namen des Bildungsbürgertums, er wahrte eine gewisse Distanz und kritisierte hier und da die Auswüchse des „Pöbels". Nach seinem eigenen Selbstverständnis war er der „Vermittler" zwischen den Lagern, der ein „versöhnendes Wort" sprechen wolle, um die innere Spaltung Deutschlands zu überwinden. Treitschkes Berufung auf die

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Volksmeinung und den „Instinkt der Massen" war teilweise sicher taktisch motiviert: sie diente dazu, eine neue - antiliberale - Ausrichtung der Politik zu legitimieren. Gleichzeitig offenbart sie aber auch die tiefe Faszination des nationalistischen Publizisten und Politikers für die Dynamik und Stärke einer Volksbewegung, deren gleichsam naturhafte Energie er sich zu nutze machen wollte. Für sein Projekt einer neuen nationalen Gemeinschaft war Treitschke daher bereit, liberale Grundpositionen - wie ζ. B. den Schutz einer Minderheit gegen Diskriminierung und Verleumdung - preiszugeben. 2. Antisemitismus als Schuld der Juden: Wie wir gesehen haben, deutete Treitschke das Aufkommen des modernen Antisemitismus als eine grundsätzlich berechtigte Reaktion des „germanischen Volksgefühls" gegen jüdische „Fremdheit", Arroganz und Übermacht. An seinen Verleger schrieb er bei Übersendung des Manuskriptes: „Ich will nicht reizen, sondern versöhnen, da wir das Volk Gottes leider nicht loswerden können. Und doch muß man den Kerlen auch sagen, daß nicht wir, sondern sie selber an der jetzt losbrechenden furia tedesca schuld sind".27 Mit seiner Behauptung, daß die Juden durch ihr Verhalten den Antisemitismus selbst provoziert hätten, griff Treitschke ein zentrales Dogma der traditionellen wie der neuen Judenfeindschaft auf. Anders als die radikalen Antisemiten vom Schlage eines Marr oder Henrici begründete er diese These jedoch nicht rassistisch, d. h. mit Berufung auf den vermeintlich unveränderlichen negativen Charakter „des Juden", sondern historisch. Er verwies auf die Geschichte der Judenverfolgung, um den deutschen Juden ein gegen das Christentum gerichtetes Ressentiment und mangelnde Integrationsbereitschaft zu unterstellen: „Wir Deutschen haben mit jenem polnischen Judenstamme zu thun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind, er steht erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber [als die spanischen Juden]".28 Treitschkes Behauptung eines Zusammenhangs zwischen jüdischer Verfolgungserfahrung und mangelnder Integrationsbereitschaft war, wie sich in der anschließenden Debatte zeigen sollte, schwach begründet. Gleichwohl nahm er sie nicht zurück. Sie lieferte nämlich nicht nur eine Art historische Erklärung für die Tatsache, daß es in Deutschland, nicht aber in Frankreich oder England, eine neue „Judenfrage" gab, sondern - was noch wichtiger war - sie stellte die Juden pauschal als Verursacher des neubelebten Konflikts dar, ohne sie konkret verantwortlich zu machen. Daß die Juden nach „vielhundertjähriger christlicher Tyrannei" ressentimentgeladen waren und auf Rache sannen, erschien

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psychologisch so plausibel, daß sich ein Beleg erübrigte. Treitschke leugnete dabei nicht die Faktizität oder das Unrecht der mittelalterlichen Judenverfolgung (wie dies die radikalen Antisemiten taten), er bestritt aber, daß daraus nach vollzogener Emanzipation noch eine besondere Rücksichtsnahme für die Juden abgeleitet werden könne, und unterstellte den Juden, daß sie ihre Rolle als ehemals Verfolgte mißbrauchten. Dieser Vorwurf läßt sich auch an der Rhetorik seines Artikels deutlich ablesen, in der Treitschke die moralisch besetzten Termini aus der Geschichte der Judenverfolgung aufgriff, sie aber gegen die Juden anwendete und damit das Täter-Opfer-Verhältnis umkehrte. 29 Konkret warf Treitschke den Juden vor, das Quidproquo der Emanzipation durch eine doppelte Grenzüberschreitung verletzt zu haben: durch eine stetig wachsende Einwanderung von osteuropäischen Glaubensgenossen seien die Juden in Deutschland „fremder" und weniger integrationswillig geworden;30 durch ihr Übergewicht im Handel und in der Presse übten sie einen unverhältnismäßig großen und schädlichen Einfluß auf die deutsche Gesellschaft aus. Treitschkes Liste der jüdischen Verfehlungen war lang: der Wucher auf dem Lande, die Betrügereien der Gründerzeit, der - so wörtlich - „schnöde Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht"31, der Verfall des Kulturlebens, schließlich der „schamlose Ton" der liberalen Tagespresse - alle diese Mißstände sah Treitschke durch einen spezifisch jüdischen Geist der „Selbstüberhebung" und des „Hochmuts" verursacht. Das dieser Wertung zugrundeliegende Verfahren war wiederum durch einen einfachen Schematismus bestimmt: Treitschke ethnisierte komplexe ökonomische, soziale und kulturelle Prozesse, wie ζ. B. die Konjunkturzyklen und Krisen der kapitalistischen Wirtschaft, die Entwicklung einer Massenkultur in den Großstädten, die Expansion der Massenmedien, indem er sie als Jüdisch" identifizierte und einer idealisierten „deutschen" Tradition gegenüberstellte. Klaus Holz hat die Entgegensetzung eines deutschen und eines jüdischen Sozialmodells bei Treitschke treffend als einen Gegensatz zwischen „Gemeinschaft" und „Gesellschaft" beschrieben:32 „Die ,deutsche Gemeinschaft' erscheint als alte, traditionale, im Gemüt wurzelnde, freudige und selbstgenügsame Form der Ökonomie [...] sie kontrastiert mit ,Gesellschaft' als Sphäre der Interessen und konkurrierender Einzelner, als deren Inbegriff [...] die kapitalistische Ökonomie, insbesondere die Zirkulation (Geld, Handel, Börse) gilt."

Aber nicht nur der Geldumlauf, sondern auch die (liberale) Presse wurden bei Treitschke der Sphäre der (jüdischen) Gesellschaft zugeordnet und der authentischen deutschen „Volksmeinung" gegenübergestellt. Die für Treitschkes Argu-

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mentation so grundlegende Antithese zwischen „Volk" und „liberalem Meinungsestablishment" erweist sich im Verlauf des Textes also als ein Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, zwischen „Deutschtum" und „Judentum". Die Juden wurden dabei als „Personifikationen der modernen Gesellschaft" angesehen. 33 Wir müssen diese - antimodernistische und moralistische - Aufladung der Kollektivbezeichnungen (deutsch-jüdisch) im Kopf behalten, wenn wir uns nun Treitschkes Position zur „Judenfrage", d. h. zur Stellung der jüdischen Minderheit in der deutschen Nation zuwenden. 3. Die Stellung der jüdischen Minderheit in der deutschen Nation: Das Konzept des modernen Nationalstaats hatte darin gelegen, die vormodernen traditionellen Bindungen zu überwinden und ein einheitliches Staatsvolk zu schaffen. Der Preis für die nationale Integration lag für die einzelnen Gruppen in der Assimilation. So wurde auch von den Juden als Vorbedingung der Emanzipation erwartet, daß sie ihre ethnisch-religiöse Gruppenidentität aufgaben und das Judentum lediglich als eine Konfession verstanden. Die Juden wurden als Individuen, nicht jedoch als Gruppe emanzipiert. Treitschke hielt in seinen Artikeln offiziell an diesem nationalen Integrationsmodell des Liberalismus fest. Eine Widerrufung der Emanzipation lehnte er, jedenfalls vorerst, ab. Nicht eine erneute Segregation, wie das die radikalen Antisemiten forderten, sondern die „innere Verschmelzung und Versöhnung" zwischen Deutschen und Juden waren sein erklärtes Ziel. Die Praxis seiner polemischen Argumentation stand zu diesen Lippenbekenntnissen allerdings in schroffem Gegensatz. Seine Forderung, die Juden „sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen", grenzte die Juden erst einmal als „undeutsch" aus, ebenso wie die sprachliche Kategorisierung in „wir" und „ihr". Was meinte Treitschke, wenn er die Juden aufforderte, „Deutsche" zu werden? Ganz offensichtlich ging es ihm nicht um die staatsbürgerliche Zugehörigkeit, die mit der Emanzipation ja gegeben war. Treitschke definierte Deutschsein normativ, als eine moralische und kulturelle - und als solche beliebig mit Inhalt zu füllende Kategorie. In seiner Sicht waren z.B. „Ehrbarkeit", „Bescheidenheit" oder „Arbeitsamkeit" Eigenschaften, die das „Deutsche" definierten. Da diese wesentlich auf der Religion basierten, wollte er den christlichen Charakter der deutschen Nation gewahrt wissen. Die Argumentation des jüdischen Völkerpsychologen Moritz Lazarus, 34 der an vielen historischen und aktuellen Beispielen nachwies, daß nicht in erster Linie die objektiven Faktoren, wie Sprache, Religion, gemeinsame Abstammung, Kultur und Geschichte, sondern das subjektive Bewußtsein der Zusammengehörigkeit eine Nation konstituier-

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ten, die Juden also ebenso deutsch seien wie die Protestanten oder Katholiken, lehnte Treitschke entschieden ab. Er bestand darauf, daß das Christentum in Deutschland die Funktion einer Leitkultur innehaben müsse. Dabei war Treitschke, anders als die klerikalen und konservativen Sympathisanten der antisemitischen Bewegung ursprünglich kein Anhänger der Idee eines christlichen Staates. Es war das Bemühen um nationale Identitätsstiftung im neugegründeten Kaiserreich, das den Historiker zu einer Rehabilitierung der christlichen Tradition führte. „Mit jedem Schritte, den ich in der Erkenntniß der vaterländischen Geschichte vorwärts thue, wird mir klarer, wie fest das Christenthum mit allen Fasern des deutschen Volkes verwachsen ist. [...] Das Judenthum dagegen ist die Nationalreligion eines uns ursprünglich fremden Stammes [...]."35

Die ethno-nationale Perspektive Treitschkes brachte zwangsläufig eine Ausgrenzung der Juden und ihrer Tradition und Geschichte mit sich. Treitschkes Definition der Deutschen als „christliches Volk" ließ für eine jüdische Subkultur innerhalb der deutschen Nation keinen Raum. Die Minderheit habe sich, so Treitschke, der Mehrheit unterzuordnen und anzupassen: „Wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge." Die rein germanisch-christliche Ursprungsgeschichte, die Treitschke dem noch nicht einmal zehn Jahre alten deutschen Nationalstaat zuschrieb, grenzte alle anderen Einflüsse als undeutsch aus. Das bedeutete, daß es für jüdische Tradition und Geschichte im deutschen nationalen Gedächtnis keinen Platz gab. Sollten die Juden die Vorherrschaft des Christentums im öffentlichen Leben Deutschlands nicht akzeptieren können, sondern diese offen infragestellen (wie es in Treitschkes Sicht ζ. B. der jüdische Historiker Heinrich Graetz tat), müßten sie die Konsequenzen tragen und auswandern: „Unsere alte Cultur ist reich und duldsam genug, um viele starke Widersprüche zu ertragen ... [wir können] es [.] gleichmüthig hinnehmen, wenn ein Theil unserer Mitbürger sich in der Stille für das auserwählte Volk ansieht. Tritt aber der Rassendünkel auf den Markt hinaus, beansprucht das Judenthum gar Anerkennung seiner Nationalität, so bricht der Rechtsboden zusammen, auf dem die Emancipation ruht. Zur Erfüllung solcher Wünsche giebt es nur ein Mittel: Auswanderung, Begründung eines jüdischen Staates irgendwo im Auslande [...] Auf deutschem Boden ist für eine Doppel-Nationalität kein Raum."36 *

Die Frage, welche Motive Mommsen im Dezember 1880, also ca. ein Jahr nach dem Erscheinen von Treitschkes Artikeln, dazu veranlaßt haben, gegen

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seinen Professorenkollegen, langjährigen politischen Weggefährten und persönlichen Freund mit öffentlichen Erklärungen und einer eigenen Flugschrift aufzutreten, hat immer wieder zu Spekulationen herausgefordert. Mommsens Handlungsweise schien besonders deshalb erklärungsbedürftig, weil man davon ausging, daß es in der prinzipiellen Beurteilung der „Judenfrage" kaum eine nennenswerte Divergenz zu Treitschke gab.37 Viele Kollegen, allen voran der um Ausgleich zwischen seinen beiden Freunden bemühte Herman Grimm, haben immer wieder auf die großen inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Streitenden hingewiesen. Nach der Lektüre von Mommsens Schrift beschlich Grimm „das seltsame Gefühl", daß Mommsen nichts anderes gesagt habe, als was Treitschke ein Jahr zuvor ausgesprochen hatte.38 Sogar die Kontrahenten selbst schienen sich in diesem Punkte einig. Wenige Tage nach der Veröffentlichung seiner Broschüre betonte Mommsen in einem Brief an Treitschke, daß ihre Meinungsdifferenz zwar untergründig lange bestanden habe, aber nicht eigentlich in der „sg. Judenfrage" liege, die „materiell [...] von uns wohl nicht sehr verschieden aufgefasst [wird]".39 Treitschke warf daraufhin Mommsen eine widerspruchsvolle Haltung vor: „Ihre Ansicht über das Judenthum kann ich mit Ihrem Auftreten in dem heutigen Streit nicht in Einklang bringen. Ich meine, wer so denkt wie Sie, sollte in dem gegenwärtigem Kampfe folgerecht auf meiner Seite stehen." 40

Man muß bei diesen privaten Briefen in Rechnung stellen, daß sie ganz offenbar in der Absicht geschrieben wurden, eine persönliche oder zumindest kollegiale Beziehung ungeachtet des politischen Streits (noch) zu erhalten und von daher eher harmonisierend, das vermeintlich Gemeinsame betonend, formuliert waren. Gleichwohl bleibt die Frage, worin, wenn nicht in der „Judenfrage", der Streitgegenstand zwischen Mommsen und Treitschke denn eigentlich lag. Darauf werde ich später zurückkommen. Fragen wir nach den Motiven für Mommsens Eingreifen, so müssen wir, wenigstens kurz, auch jenes verleumderische Gerücht erwähnen (und zurückweisen), das gleich nach dem Erscheinen von Mommsens Schrift von den Antisemiten lanciert wurde und das in den tumulthaften Volksversammlungen im Berlin des Dezembers 1880 rasch die Runde machte: Danach habe Mommsen von jüdischen Finnen erhebliche Geldspenden zum Wiederaufbau seiner im Sommer 1880 verbrannten Bibliothek erhalten und sich daraufhin als Gegenleistung (und gegen seine eigentliche Überzeugung) öffentlich gegen Treitschke gestellt. Diese Insinuation, die darauf zielte, Mommsens Position zu entwerten und ihn in der Öffentlichkeit als unglaubwürdig, senil und gleichsam „von den Juden gekauft" hinzustellen, wurde von dem radikalsten der damaligen Berliner antisemitischen Agitatoren, Ernst Henrici, am 30. Dezember 1880

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in einer Massenversammlung in der Berliner Bocksbrauerei unter das Volk gebracht: „Ich denke", so führte der aufgrund seines Radikalismus nicht in den Schuldienst übernommene promovierte Gymnasiallehrer dort aus, „wir können dem alten Herrn Mommsen, was er geschrieben, schon verzeihen, er ist ja abgebrannt, wenn auch hoch versichert. Nun, die Juden sorgen ja reichlich, daß der Schaden ersetzt wird. Während sich für den Obelisken [das geplante Lessingdenkmal] kein Geld schaffen läßt, heimst Herr Mommsen seinen Mammonsen - schon 180.000 Μ sind fur ihn gesammelt - ruhig ein".41

Henricis „Erklärung" verbreitete sich rasch durch ganz Deutschland, und es gab kaum einen Antisemiten, der dies Schmähgerücht nicht aufgriff und weiter verbreitete.42 Es bestätigte ja auf das schönste die antisemitische Weltsicht, derzufolge die jüdische Finanzmacht in der Lage war, alles und jeden zu kaufen, und es ließ sich im Meinungskampfe dazu verwenden, die Argumente und Autorität Mommsens abzuwerten. Doch nicht nur die notorischen Antisemiten, auch einzelne Professorenkollegen, die Mommsen seinen Erfolg und die große öffentliche Anteilnahme nach dem Brand neideten, kolportierten diese böswillige Unterstellung. So schrieb z.B. der Tübinger Althistoriker Alfred von Gutschmid an einen orientalistischen Kollegen: „Warum Mommsen plötzlich so eifrig für die gehetzten Juden aufgetreten und gegen Treitschke so rücksichtlos Zeugniß abgelegt hat, wirst auch du dir den Kopf zerbrochen haben. In einem Anfalle von Gedächtnißschwäche glaubte ich allen Ernstes, der Halbgott, der noch nie etwas ohne eine bestimmte Absicht gethan hat, habe sachliche Motive gehabt. Jetzt bin ich eines Beßeren belehrt!"43

Die dort marktschreierisch, hier im Flüsterton vorgebrachte Enthüllung der vermeintlich „wahren Motive" Mommsens ist als Erklärung für dessen Verhalten, das sei sicherheitshalber noch einmal betont, ohne Wert und ist auch leicht zu widerlegen. Sie sagt jedoch eine Menge aus über die Ressentiments und Bedürfnisse deijenigen, die dieses Gerücht lustvoll weiter erzählten und bietet so einen direkten Einblick in das vergiftete Klima der damaligen Auseinandersetzungen.44 In Wirklichkeit brauchte Mommsen keine Anreize von außen, um sich über Treitschkes Artikel zu entrüsten. Seine Kritik war von Anfang an heftig und scharf. Bereits am 19. Dezember 1879 berichtete der Treitschkefreund Karl Wilhelm Nitzsch an einen Kollegen über die Stimmung an der Berliner Universität nach der Veröffentlichung von Treitschkes Artikeln: „[Treitschkes] Erklärungen über die Juden haben hier, wie Sie wissen, unendlichen Lärm erregt. Bamberger und Breßlau bereiten Antworten vor, wovon übrigens Treitschke unterrichtet ist. Unsere jüdischen Kollegen [...] fühlen sich, meiner An-

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sieht nach, ohne jeden Grund, tief verletzt. Mommsen erklärt die Artikel für das ,Entsetzlichste' oder .Scheußlichste' (ich weiss nicht genau),,was je geschrieben ward.'"45 Im Januar 1880 bat Treitschke dann Herman Grimm, er möge doch mit Mommsen über die Judensache sprechen: „Kr [Mommsen] war vorgestern bei Wattenbachs geradezu toll und sprach wie Bamberger oder Cassel; allerdings hatte er vorher Wein getrunken. Ich richte gegen ihn nichts aus; denn an mir ist er, wie er selbst sagt, ganz irr geworden."46 Mommsen blieb bei seiner Kritik an Treitschke nicht im privaten Bereich. In einer akademischen Festrede zur Vorfeier des Kaisergeburtstages am 18. März 1880 warnte er vor neuen „moralischen Seuchen", die mit „epidemischer Gewalt um sich greifen und an den Grundlagen unserer Gesellschaft rütteln". Es müsse gefragt werden, ob Deutschland noch das „Land der Aufklärung und der Toleranz, das Land, in dem nach Charakter und Geist, und nicht nach Konfession und Nationalität gefragt wird", sei. Dann wurde er noch etwas deutlicher: „Der Kampf des Neides und der Missgunst ist nach allen Seiten entbrannt. Wirft man uns doch die Fackel in unsere eigenen Kreise, und der Spalt klafft bereits in dem wissenschaftlichen Adel der Nation." 47 Zwar sprach Mommsen hier den Antisemitismus und Treitschke nicht offen an, seine Rede wurde jedoch - zurecht - in diesem Sinne verstanden. Der jüdische Schriftsteller Berthold Auerbach berichtete drei Tage später an seinen Vetter: „Natürlich sprachen wir auch von der schönen That Mommsens. Die Zeitungen haben nur mangelhaften Bericht gebracht, wie Mommsen bei der Festfeier in der Akademie stark betonte, dass es traurig sei, dass die Inhumanität bereits in die Kreise der Wissenschaft eingedrungen sei. Ich bin begierig, die Rede zu lesen, denn Mommsen ging geradezu auf Treitschke los. [...] Es thut wohl, dass diese Sache doch auch von Christgeborenen mit dem warmen Pathos erfasst wird und nicht wir selbst immer dafür einzutreten haben."48 Kann an Mommsens umgehender Mißbilligung der Treitschkeschen Artikel also kein Zweifel bestehen, so fragt sich, warum er sich erst ein ganzes Jahr später offen gegen Treitschke aussprach. Ganz offenbar versuchte er zunächst noch, den öffentlichen und endgültigen Bruch mit seinem Historikerkollegen und langjährigen Freund zu vermeiden. Daß ihm dies Ende 1880 nicht länger möglich war, lag an der veränderten politischen Situation in Berlin, insbesondere an der dramatischen Zuspitzung der antisemitischen Agitation an der Berliner Universität, für die Mommsen Treitschke direkt verantwortlich machte. Im Sommer des Jahres war in Berlin eine großangelegte Unterschriftensammlung für eine von den Antisemiten Förster, Zöllner, Henrici und Liebermann von Sonnenberg formulierte Petition an den Reichskanzler angelaufen

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(die sogenannte „Antisemitenpetition").49 Die Petitenten sahen im „Ueberwuchern des jüdischen Elements [die] ernstesten Gefahren für unser Volksthum" und baten den Reichskanzler darum, die 1871 gewährte volle Emanzipation der Juden auf dem Verwaltungswege wieder einzuschränken, konkret: 1. die Masseneinwanderung von Juden aus Osteuropa zu erschweren, 2. Juden von obrigkeitlichen Stellen, vor allem im Justizdienst, auszuschließen, 3. den christlichen Charakter der Volkschulen zu wahren (also Juden dort nicht als Lehrer anzustellen) und 4. die amtliche Konfessionsstatistik wieder einzuführen.50 Die Petition wurde Bismarck im April 1881 mit 269.000 Unterschriften überreicht. Auf Extralisten hatte man ca. 4.000 Unterschriften von Studenten gesammelt, was ungefähr einem Anteil von 19% der damaligen deutschen Studentenschaft entsprach. In Berlin hatten 1.700 der insgesamt 3.600 Studenten unterschrieben. Da die ca. 500 jüdischen Studenten in Berlin der Petition kaum ihre Unterschrift gegeben haben dürften, kommt man zu dem Ergebnis, daß über die Hälfte der nichtjüdischen Berliner Studenten die Forderungen der radikalen Antisemiten unterstützt hatten.51 Die Agitation für die Antisemitenpetition unter den Studenten berief sich direkt auf Treitschke. In einem Begleitschreiben zu den Unterschriftenlisten hieß es, daß „einer unserer Professoren in Berlin, der in seiner Eigenschaft als akademischer Lehrer, Staatsmann und Volksvertreter sicher in dieser Frage Autorität besitzt wie kein zweiter" die Aktion mit den Worten gebilligt habe: „Ich sehe nicht nur keinen Grund Ihnen abzurathen, sondern ich wünsche Ihnen vielmehr alles Glück dazu."52 Als Mommsen davon Kenntnis erhielt, informierte er den Rektor der Universität, und Treitschke wurde förmlich aufgefordert, zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen. 53 Gleichzeitig war die Lage an der Universität durch Demonstrationen antisemitischer Studenten und Gegendemonstrationen von Treitschkegegnern eskaliert. Der zum Protestantismus konvertierte, jüdisch gebürtige Philosophieprofessor Adolf Lasson, der die antisemitische Bewegung in seiner Vorlesung als „Schmach für Deutschland" bezeichnet und einige daraufhin zischende Studenten aufgefordert hatte, den Hörsaal zu verlassen, sah sich in der nächsten Vorlesung mit massiven Störungen seitens der antisemitischen Studenten konfrontiert. „Sie sind ja selbst ein Judenjunge!" wurde ihm zugerufen. Als auch nach Eintreffen des Dekans die Ruhe nicht wiederhergestellt werden konnte, mußte die Veranstaltung abgebrochen und in der kommenden Woche abgesagt werden.54 Es waren nicht zuletzt diese tumulthaften Szenen an der Berliner Universität, die Mommsen dazu veranlaßten, den Streit mit Treitschke öffentlich zu machen und mit einer Zuschrift an die Nationalzeitung klar zu stellen, daß er die Erklä-

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rung der 75 in dem Bewußtsein unterschrieben habe, daß diese gegen Treitschke gerichtet sei.55 In einem Brief an Georg Reimer (der auch Treitschkes Verleger war) begründete er diesen Schritt folgendermaßen: „Lieber Reimer, Es thut mir leid, wenn meine Erklärung von Dir gemißbilligt wird; aber wahr ist sie nur zu sehr. [... ] Wenn Du wüßtest, wie die Antisemitenadreße im Augenblick unter den Studenten unter seiner Aegide colportiert wird, Du würdest anders sprechen. Gestern haben ihm die Gardeoffiziere und die Antisemiten in corpore in der Vorlesung ihre Huldigung dargebracht! Für mich kann bei solchen Gegensätzen kein Freundschaftsverhältnis bestehen; ich weiß wohl, daß ich einen Freund weniger hab, aber ich weiß das schon seit dem Erscheinen seiner unseligen Artikel [...] "56

Etwas anderes kam hinzu: In seiner Replik auf Mommsens Erklärung hatte Treitschke jenen Satz aus dem dritten Band der „Römischen Geschichte" zitiert,57 in dem Mommsen die Juden zur Zeit Caesars als „ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition" bezeichnet hatte.58 Für die Ohren des Jahres 1880 mußte dieser fast dreißig Jahre zuvor formulierte Satz eindeutig antisemitisch klingen, so als habe Mommsen die Juden als „Elemente nationaler Zersetzung" kritisiert. In der Tat hatte Mommsen in seinem Geschichtswerk den Übergang der italischen Nation zu einer kosmopolitischen Weltkultur unter Caesar und den damit verbundenen Prozeß der „nationalen Dekomposition" ohne Sympathien geschildert und auch die Rolle der Juden in dieser Entwicklung durchweg negativ bewertet. Ausdrücklich nannte er das Judentum „nicht [den] erfreulichste[n] Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Völkermengung"59 und bezeichnete die Juden als ein Element der sich „widerlich" mischenden, „parasitären" hellenischorientalischen Bevölkerung in Rom.60 Gleichzeitig hatte Mommsen jedoch den „schmerzhaften" und „widerlichen" Prozeß der Völkermischung dialektisch als „notwendig" interpretiert und den Juden entsprechend eine historische Funktion „als Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition" unter den Weltreichsbegründern Alexander und Caesar zugebilligt. Aufgrund ihrer besonderen Mobilität und Anpassungsfähigkeit trugen die Juden - so Mommsen - zur Abschleifung der unterschiedlichen Nationalitäten und zur Beschleunigung der angestrebten Völkermischung bei.61 Indem Treitschke diese positive Sinngebung des Dekompositionsprozesses bei Mommsen bewußt verschwieg, erweckte er den Eindruck, daß Mommsen die Juden als „zersetzende Elemente" nur negativ angesehen habe. Als Folge dessen sah Mommsen sich in der Öffentlichkeit - und besonders in der Debatte des preußischen Abgeordnetenhauses zur „Judenfrage" Ende November - entweder als Antisemit vereinnahmt oder wegen seiner vermeintlich widerspruchsvollen

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Haltung kritisiert.62 Die Situation verlangte geradezu nach einer persönlichen Stellungnahme und öffentlichen Klärung. Am 10. Dezember 1880 erschien Mommsens Flugschrift „Auch ein Wort über unser Judenthum" als direkte Replik auf Treitschke, der seine drei Artikel als Broschüre unter dem Titel „Ein Wort über unser Judenthum" veröffentlicht hatte. *

Mommsens Broschüre setzte sich mit Treitschke, und nur mit ihm, auseinander. Auf die Beiträge der anderen, vorwiegend jüdischen Protagonisten in diesem Streit ging er mit keinem Wort ein. Er verstand sich nicht als Teilnehmer einer Debatte zwischen Treitschke und den Juden oder in einem „Antisemitismusstreit". Mommsen sprach als liberaler Politiker und Professor, als langjähriger Weggefährte und Kollege Treitschkes. Durch dessen antiliberale Wende sah er die Grundlagen der deutschen Nationsbildung, die politische Kultur des jungen Kaiserreichs und den akademischen Frieden der Berliner Universität gefährdet. In Mommsens Augen hatte Treitschke das gemeinsame Ziel, die innere Einheit der Nation im liberalen Sinne zu vollenden, verraten. Mommsen erinnerte an den Geist der nationalen Geschlossenheit und der Integration, der in den Kämpfen um die staatliche Einigung Deutschlands vorgeherrscht habe, und kontrastierte diesen mit der inneren Zerstrittenheit der Gegenwart: „In dem werdenden Deutschland fragte man, wie es gemeinsam Fechtenden geziemt, nicht nach confessionellen und Stammesverschiedenheiten, nicht nach dem Interessengegensatz des Landmanns und des Städters, des Kaufmanns und des Industriellen; in dem gewordenen tobt ein Krieg aller gegen alle" 63

Dabei stellte Mommsen den „Feldzug der Antisemiten" in eine Reihe mit den anderen innenpolitischen Konflikten der 1870er Jahre: dem Kulturkampf und den Sozialistengesetzen. Anders als Treitschke sah er in der judenfeindlichen Agitation nicht ein „Erwachen des Volksgewissens", sondern eine „Mißgeburt des nationalen Gefühls", die durch gehässige Akzentuierung von - durchaus vorhandenen - jüdischen „Sondereigenschaften" die Ausbildung eines einigen deutschen Nationalstaats hintertreibe. Die deutsche Nation sei aber nicht einfach gegeben, sondern beruhe „auf dem Zusammenhalten und [...] Verschmelzen der verschiedenen deutschen Stämme". In diesem Nationsbildungsprozeß komme den Juden eine besondere Funktion zu (und hier suchte Mommsen seinen Satz aus der „Römischen Geschichte" auf die Gegenwart zu übertragen und für die Gegenwart zu rechtfertigen): als ein „Element der Dekomposition der Stämme" wirkten sie aktiv an der „Herstellung einer deutschen Nationali-

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tat, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht", mit. 64 Dies werde in den Großstädten und besonders in Berlin ganz augenfällig. Mommsen wertete die mit der Nationswerdung verbundenen Dekompositions-, Verschmelzungs- und Neubildungsprozesse als durchaus schmerzhaft, aber historisch notwendig und konkludierte: „Ich bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Procent Israel beizusetzen waren". 65 Durch die neu entfachte Judenfeindschaft, so fürchtete Mommsen, könne der Prozeß der Nationsbildung aufgehalten oder sogar umgekehrt werden: „Wir, die eben erst geeinigte Nation, betreten mit dem Judenkrieg eine gefährliche Bahn. [...] Heute gilt es den Juden. [...] Morgen wird vielleicht bewiesen, daß genau genommen jeder Berliner nicht besser sei, als ein Semit. Noch etwas weiterhin, und der Pommer fordert die Erstreckung der Statistik auf die Windbeutelei. [...] Es wäre das nicht der ungeschickteste Weg um die Einheit unserer Nation zu untergraben."66 Um den inneren Frieden zu erhalten, sei es daher geboten, die „Besonderheiten der einzelnen [...] Stämme mit Maß und Schonung zu discutiren: [...] eine Charakteristik der Pommern und der Rheinländer von einem Schwaben ist ein gefährliches Unternehmen [...] Das unvermeidliche und unvermeidlich ungerechte Generalisiren wirkt verstimmend und erbitternd."67 Dieses Gebot habe Treitschke mit seinen Artikeln auf das schwerste verletzt. Er habe seine Schriftstellerautorität und seine wissenschaftliche Reputation dazu mißbraucht, dem antisemitischen „Wahn" eine Rechtfertigung zu geben und den „Bürgerkrieg der Majorität gegen die Minorität" zu predigen; er habe den „Kappzaum der Scham" von dieser Bewegung genommen und diese damit auch fiir weite Teile des Bürgertums „anständig" gemacht. Mommsen billigte Treitschke durchaus zu, daß das „Treiben gewisser jüdischer Elemente" (wie er es nannte) zu kritisieren sei. Den Jüdischen Wucher" hielt er fur „keine Fabel". Aber er wandte sich entschieden dagegen, Verfehlungen einzelner zu verallgemeinern oder soziale Mißstände zu ethnisieren (wie Treitschke dies getan hatte). Um das Übel zu begrenzen, genüge eine neue Wuchergesetzgebung, die sowohl jüdischen wie christlichen „Blutsaugern" das Leben schwer machen werde. 68 Hatte Treitschke sich selbst zu einem Vorkämpfer der Meinungsfreiheit stilisiert, zu einem der endlich einmal offen das über die Juden ausspreche, „was Hunderttausende denken", so verwies Mommsen auf die klaren Grenzen zwischen berechtigter Kritik und unverantwortlicher Generalisierung und setzte seine Hoffnung auf eine öffentliche Ächtung antisemitischer Hetze.

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Auch in der Frage nach der Zugehörigkeit der Juden zur deutschen Nation grenzte sich Mommsen deutlich von Treitschke ab: „Was heißt das, wenn er [Treitschke] von unsern israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich. Er mag tugendhafter sein als sie; aber machen die Tugenden den Deutschen?" 69

Mommsen unterstrich damit die liberale Auffassung, derzufolge die Staatsbürgerschaft die alleinige Grundlage nationaler Zugehörigkeit bilde. Die jüdischen Deutschen in ihrer Rechtsgleichheit zu schützen, sei eine Pflicht, die die Nation sich selber schulde, und die nicht vom „Wohlverhalten der Juden" abhängig gemacht werden dürfe. Er wies also Treitschkes moralistisch aufgeladene und gleichzeitig ausgrenzende Definition des „Deutschen" zurück. In einem entscheidenden Punkt berührte sich Mommsen jedoch mit Treitschke: Auch er lehnte einen kulturellen Pluralismus im deutschen Nationalstaat ab, auch er verlangte von den Juden als Preis der Emanzipation, daß sie ihre „nationale Sonderexistenz" aufgaben und sich völlig assimilierten. Dabei ging Mommsen so weit, daß er den Juden empfahl, um der nationalen Einheit willen zum Christentum überzutreten oder doch zumindest die eigenen Kinder taufen zu lassen. Mommsen ging es dabei nicht um die Wahrheit der christlichen Religion, sondern um den Prozeß der nationalen Verschmelzung, der in seinen Augen historisch notwendig war. In seiner Sicht bildete allein das Christentum die kulturelle Grundlage der modernen Nationalstaaten, und eine volle Integration der Juden in die deutsche Nation sei deshalb nur möglich, wenn diese sich ganz dem christlichen Kulturkreis anschlössen. Daß sich im Laufe des 19. Jahrhunderts gerade unter den Juden Deutschlands eine säkulare Kultur und Wissenschaft herausgebildet hatte, die zugleich deutsch und jüdisch war und die dem Protestantismus an „Modernität" kaum nachstand, wurde von Mommsen dabei schlichtweg ignoriert.70 In seinen Augen galt die Gleichberechtigung nur den Juden, nicht aber dem Judentum oder einer jüdischen Kultur. Das Werk des jüdischen Historikers Heinrich Graetz tat er denn auch als „talmudistische Geschichtsschreiberei" und „litterarischen Winckel" ab.71 Man hat Mommsen, gerade von jüdischer Seite, den Vorwurf gemacht, daß er seine liberale Position, derzufolge die Juden „Deutsche" seien, durch den Aufruf zur Taufe selbst untergraben habe und sich deshalb gar nicht so sehr von Treitschke unterscheide. Am plastischsten kam die Enttäuschung in dem persönlichen Brief einer anonymen jüdischen Leserin an Mommsen zum Ausdruck: ,,Es war mir beim Lesen Ihrer Schrift wie dem Ertrinkenden zu Muthe, dem vom Ufer her die rettende Hand entgegengestreckt wird: schon hebt er sich daran empor, schon ist er im Begriff den Fuß auf festen Boden zu setzen - da plötzlich stößt

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ihn dieselbe Retterhand zurück in die Fluthen und giebt ihn [...] den Wogen • «72 preis. Der Herausgeber der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, Ludwig Philippson, stellte in einer Rezension Treitschkes und Mommsens Konklusionen gegenüber: „Es drängt sich die Frage auf, welcher Unterschied zwischen der Schlußfolgerung Treitschke's und Mommsen's sei. Treitschke sagt: Die Juden können Juden bleiben, müssen aber Deutsche werden. Mommsen sagt: Die Juden sind Deutsche, aber um des Deutschthums willen müssen sie Christen werden: Es fragt sich, wer in diesen Schlußabsätzen der freisinnigere ist? [... ] Was ist aber das für eine Gemeinsamkeit, die nur dadurch bestehen können soll, daß der Einzelne Alles, was ihm eigentümlich ist, aufopfere und zu einer bloßen Schablone werde!"73 Diese Kritik, die vor allem auf Mommsen gemünzt war, ist im Kern berechtigt. In der Tat ist Mommsens Argumentation hier voller Widersprüche: er verstand das Judentum nicht als Religion, also auf einer Stufe mit Protestantismus und Katholizismus, sondern als „Nation" oder „Stamm", und sah die Juden auf einer Stufe mit Bayern, Schwaben oder Schleswig-Holsteinern. So wie die einzelnen Stämme beim Eintritt in die deutsche Nation einen Preis bezahlen müssten, etwa durch den Verlust an Unabhängigkeit und provinzialer Identität, so sollten auch die Juden „ihre Sonderart nach bestem Vermögen von sich thun". Mommsen verkannte dabei, daß die regionalen Identitäten, schon durch die Bindung an ein als „Heimat" empfundenes Territorium, auch im Nationalstaat erhalten blieben (wie wir bis heute sehen können). Von den Juden verlangte er aber die vollständige Aufgabe ihrer Gruppenidentität. Mit Recht fragte Philippson: „Stellt sich Mommsen den Uebertritt zum Christenthum etwa wie eine Versetzung des Schleswig-Holsteiners nach Berlin vor?" 74 Hinzu kam etwas anderes: Mommsen empfahl den Juden die Taufe nicht als religiöse Konversion, sondern als bloß formales Bekenntnis zur christlichen Zivilisation. Aber in der Praxis gab es keine christliche Kirche, die nur eine säkulare Bildungs-, National- oder Zivilreligion vertrat (wie sie Mommsen vielleicht vorschwebte). Wollte ein Jude zum Christentum übertreten, mußte er auch die einzelnen religiösen Dogmen der jeweiligen Kirche bekennen, und darin lag für viele eine Schwierigkeit. 75 Man muß Mommsen zugute halten, daß er den Aufruf zur Taufe nicht öffentlich wiederholt hat. Als ihn 1882 ein ehemals jüdischer, zum Christentum konvertierter Student bat, Mommsen möge einem von ihm verfaßten Aufruf an die Juden zum Übertritt durch seine Widmung Autorität verleihen, lehnte Mommsen entschieden ab. Dabei hatte sich seine prinzipielle Auffassung nicht geändert. Eine öffentliche Propaganda für die Konversion hielt er in der polemischen Situation der Gegenwart jedoch

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für inopportun: „Das Publikum im ganzen wird immer in der dummen Verwunderung stecken bleiben, wie Sie und ich dazu kommen, Stöckers Geschäfte zu besorgen", schrieb er an den Studenten.76 Daß es Mommsen in seiner Polemik gegen Treitschke um die Verteidigung liberaler Prinzipien und nicht um die Verteidigung des Judentums gegangen war, läßt sich auch an seiner historiographischen Darstellung des Konfliktes zwischen Rom und den Juden ablesen, die wenige Jahre nach dem Treitschkestreit erschien,77 und die als eine Art Nachwort zum „Antisemitismusstreit" aufgefaßt werden kann, da in der politisch orientierten Geschichtsschreibung Mommsens zeitgenössische „Judenfrage" und antike Vorgänge sich wechselseitig erläuterten.78 Die Hauptursache der im Krieg von 67-70 n. Chr. kulminierenden Spannungen zwischen Rom und den Juden sah Mommsen in der theokratischen Prägung des jüdischen Gemeinwesens. Der jüdische „Kirchenstaat" oder „Rabbistaat" als religiöses und nationales Zentrum der gesamten Judenheit stellte in Mommsens Augen eine Macht dar, für die innerhalb des „weltlichen Großstaates" Rom kein Platz sein konnte. Dadurch daß die Juden hartnäckig an der Idee ihrer religiösen „Sonderexistenz", an „nationaler Exklusivität und priesterlicher Geistesfesselung" festhielten, wurde die Katastrophe von 70 n. Chr. unvermeidlich. In dieser einseitigen Zuspitzung kann die Mommsensche Analyse des römisch-jüdischen Konfliktes als eine historische Erläuterung seines Plädoyers von 1880, die Juden sollten ihre religiöse Eigenart um der Einheitlichkeit des deutschen Nationalstaates willen aufgeben, verstanden werden. Mommsens negatives Bild des antiken Judentums, als im „starren Rabbinismus" befangene und außerhalb der abendländischen Zivilisation stehende Gemeinschaft, war von der protestantischen Bibelkritik beeinflußt und von der religionskritischen und antiklerikalen Grundhaltung des Liberalismus geprägt.79 Für Mommsen lag eine Lösung dieses Konflikts allein in der völligen Assimilation der Juden, d.h. in der Aufgabe ihres religiösen „Sonderwesens". Gerade die mangelnde Integration der Juden in das römische Weltreich hatte in Mommsens Perspektive ja zur antiken Judenfeindschaft und zur Katastrophe des Jahres 70 n. Chr. geführt. *

Zusammenfassend lassen sich folgende Beobachtungen formulieren: 1. Die Kontroverse zwischen Treitschke und Mommsen im „Berliner Antisemitismusstreit" war Ausdruck einer tiefgehenden Orientierungskrise innerhalb des traditionell liberal geprägten deutschen Bildungsbürgertums. Oberflächlich gesehen, ging es dabei um die Stellung der jüdischen Minderheit in

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der deutschen Nation und die neue Bewegung des Antisemitismus. Auf einer tieferen Ebene ging es jedoch um die Definition des Nationalen, die Zukunft des Liberalismus und um die Grundkoordinaten der politischen Kultur im jungen Kaiserreich. Treitschkes antiliberale Wende und seine rechtspopulistische Neudefinition des Nationalen verbanden sich nicht zufällig mit dem Antisemitismus, bot dieser doch eine scheinbare Erklärung der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung, die sich vom liberalen Emanzipations- und Fortschrittsmodell, aber auch von der sozialistischen Revolutionstheorie wesentlich unterschied und die das große Potential der sozial Unzufriedenen in eine neue nationale Gemeinschaft einbinden konnte. Mommsen hat diese in Treitschkes Artikeln angelegten illiberalen und destruktiven Entwicklungstendenzen früher und scharfsichtiger als andere erkannt und erbittert bekämpft. Dabei ging es ihm um die Verteidigung liberaler und emanzipatorischer Grundpositionen, nicht um die Verteidigung der Juden als Juden. 2. Man kann bisweilen lesen, Mommsen habe den Antisemitismusstreit „gewonnen", bzw. Treitschke habe ihn „verloren".80 Dies ist nur vordergründig richtig. Zwar behielt Mommsen in dem Gelehrtenstreit das letzte Wort, und auch der politische Aufwärtstrend der antisemitischen Bewegung schien im Sommer/Herbst 1881 mit dem folgenlosen Verpuffen der Antisemitenpetition und den liberalen Gewinnen bei den Reichstagswahlen zunächst einmal beendet. Langfristig gesehen war es jedoch Treitschkes ideologische Verknüpfung von Antisemitismus und Nationalismus, die sich durchsetzen sollte - zuerst unter den Studenten, die sich in den „Vereinen deutscher Studenten" neu organisierten und dabei jüdische Kommilitonen ausschlossen, später in großen Teilen des Bildungsbürgertums. Wenn Mommsen Treitschke 1895 als den „Vater des modernen Antisemitismus" bezeichnete, war dies durchaus zutreffend.81 Mehr als jeder andere hat Treitschke dazu beigetragen, die antisemitische Ideologie in Deutschland gesellschaftsfähig zu machen. 3. Mommsens Kritik an Treitschke und auch sein späteres lebenslanges Engagement im Kampf gegen die Judenfeindschaft 82 haben nicht verhindern können, daß ein nationaler und kultureller Antisemitismus Treitschkescher Prägung im deutschen Bürgertum weite Verbreitung fand. Mommsens Scheitern im Kampf gegen den Antisemitismus ist in vieler Hinsicht symptomatisch für das Dilemma des Liberalismus in der „Judenfrage". Die Schwäche der liberalen Position hing zum einen mit den inneren Widersprüchen ihres Emanzipations- und Assimilationskonzepts zusammen: Indem Mommsen einen kulturellen Pluralismus als Grundlage der deutschen Gesellschaft ablehnte, indem er von den Juden die Selbstaufgabe ihrer religiösen Gruppenidentität forderte, entwertete er letztlich seine rechtsstaatliche Auffassung, nach der die

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Juden „Deutsche" und gleichberechtigte Staatsbürger seien. Zum anderen lag die Schwäche der liberalen Position darin, daß sich die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der neuen Judenfeindschaft nicht mit einigen abwertenden Bemerkungen über „die Mißgeburt des nationalen Gefühls" oder „die Gesinnung der Canaille" aus der Welt schaffen ließen. Der Liberalismus verfügte über keine Theorie seiner eigenen Krise, entsprechend hatte er keine Erklärung für die Dynamik der antisemitischen Bewegung - oder gar eine Therapie. Es war denn wohl auch kein Zufall und auch nicht nur Ausdruck einer Altersdepression, wenn Mommsen 13 Jahre nach dem Treitschkestreit resigniert und beinahe fatalistisch feststellte, daß man gegen den Antisemitismus ja doch nichts tun könne: „Der Antisemitismus ist [...] wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert."83

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Grußwort von Bundespräsident Rau bei der Eröffnung der ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin am 9. September 2001, www.bundespraesident.de. Vgl. www.mommsen-initiative.de (25. März 2004). WALTER BOEHLICH (Hg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt a. Μ. 1965. Vgl. ζ. B. Allgemeine Zeitung des Judenthums vom 10. Februar 1 8 8 0 , in: KARSTEN KRIEGER (Bearb.), Der „Berliner Antisemitismusstreit" 1 8 7 9 - 1 8 8 1 , Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation, Kommentierte Quellenedition, 2 Bde., München 2 0 0 3 , 4 0 0 („Treitschkiade"); WILHELM SCHERER, Kreuzzüge und Toleranz, Neue Freie Presse, vom 2 0 . Januar 1 8 8 0 ; HEINRICH VON TREITSCHKE, Zur inneren Lage am Jahresschlüsse, in: Krieger, Antisemitismusstreit, 712 („Judenstreit"). BOEHLICH, Antisemitismusstreit (wie Anm. 3), 262f. JULIUS H. SCHOEPS, Treitschke redivivus? Ernst Nolte und die Juden, Tagesspiegel vom 10. Januar 1988. Mit Bezug auf die Situation 1998 (Walser-Bubis-Streit): MICHAEL BRENNER, Sie sind unser Unglück: Der neue alte Antisemitismusstreit, Süddeutsche Zeitung vom 21. Dezember 1998; zu 2002: MICHAEL NAUMANN (Hg.), , 3 S muß doch in diesem Lande wieder möglich sein ...": der neue Antisemitismus-Streit, München 2002. UFFA JENSEN, Gebildete Doppelgänger. Juden und Nichtjuden in der bürgerlichen Bildungskultur Berlins, 1848-1890. Diss. phil. TU Berlin 2003. Die Dissertation soll 2005 unter dem Titel „Gebildete Doppelgänger. Bürgerliche Juden und Protestanten im 19. Jahrhundert" in der Reihe Kritische Studien (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen) veröffentlicht werden.

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Im November 1880 traten 75 Persönlichkeiten aus dem wissenschaftlichen und öffentlichen Leben mit einer Erklärung gegen den Antisemitismus hervor, die sich implizit auch gegen Treitschke richtete. Vgl. KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Aran. 4), 551-554. ERICH VOEGELIN, Rasse und Staat, Tübingen 1 9 3 3 , 191FF.; MICHAEL A. MEYER, Great debate on Antisemitism. Jewish Reaction to New Hostility in Germany 1 8 7 9 - 1 8 8 1 , Year Book of the Leo Baeck Institute 11 ( 1 9 6 6 ) , 1 3 7 - 1 7 0 ; HANS LIEBESCHÜTZ, Das Judentum im deutschen Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber, Tübingen 1 9 6 7 , 1 5 3 - 1 8 2 ; DETLEV CLAUSSEN, Vom Judenhaß zum Antisemitismus. Materialien einer verleugneten Geschichte, Darmstadt/Neuwied 1 9 8 7 , 1 ΙΟΙ 36; JAN PHILIPP REEMTSMA, Die Falle des Antirassismus, in: Uli Bielefeld (Hg.), Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt?, Hamburg 1991, 2 6 9 - 2 8 2 ; CHRISTHARD HOFFMANN, Juden und Judentum im Werk deutscher Althistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts. Leiden 1988; DERS., Geschichte und Ideologie: Der Berliner Antisemitismusstreit 1 8 7 9 / 8 1 , in: Wolfgang Benz/Werner Bergmann (Hgg.), Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des Antisemitismus, Freiburg 1 9 9 7 , 2 1 9 - 2 5 1 . KLAUS HOLZ, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001, 165-247. KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4).

13 JENSEN, Gebildete Doppelgänger (wie Anm. 8). 14 Zur Geschichte des Begriffes vgl. THOMAS NIPPERDEY/REINHARD RORUP, Art. ,Antisemitismus", Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache, Bd. 1, Stuttgart 1 9 7 2 , 1 2 9 - 1 5 3 . 15 Zu Treitschke vgl. GEORG IGGERS, Heinrich von Treitschke, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Deutsche Historiker, Bd. 2, Göttingen 1971, 66-80; ULRICH LANGER, Heinrich von Treitschke, Politische Biographie eines deutschen Nationalisten, Düsseldorf 1998; zu seinem Judenbild: ARTHUR ROSENBERG, Treitschke und die Juden, Die Gesellschaft 7 (1930), 78-83; LIEBESCHÜTZ, Judentum (wie Anm. 9), 157ff. 16 HEINRICH VON TREITSCHKE, Unsere Aussichten, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 6-19, hier 9. 17 Ebenda, 8f. 18 Leipzig 1879. 19 TREITSCHKE, Unsere Aussichten (wie Anm. 16), 9. 20 Vgl. ζ. B. RICHARD LANGE, Das deutsche Strafrecht und die Pädagogik: Kritik der Schrift „Gegen die Freiheitsstrafen" von Dr. Otto Mittelstädt, Hamburg 1880; FRIEDRICH OSKAR VON SCHWARZE, Die Freiheitsstrafe: mit besonderer Berücksichtigung der Schrift des Dr. Mittelstädt „Gegen die Freiheitsstrafen", Leipzig 1880. 2 1 TREITSCHKE, Unsere Aussichten (wie Anm. 16), 9. 22 Ebenda, 10. 23 Ebenda, 14. 24 Ebenda. 25 Vgl. HEINRICH VON TREITSCHKE, Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 278-293, hier 280.

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Zu Stoecker vgl. GÜNTER BRAKELMANN/MARTIN GRESCHAT/WERNER JOCHMANN, Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, Hamburg 1982, bes. 1 2 3 - 1 9 8 ; MARTIN GRESCHAT, Protestantischer Antisemitismus in Wilhelminischer Zeit - Das Beispiel des Hofpredigers Adolf Stoecker, in: GÜNTER BRAKELMANN/MARTIN ROSOWSKI (Hgg.), Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie, Göttingen 1 9 8 9 , 2 7 - 5 1 . 27 Heinrich von Treitschke an Reimer, 17. November 1879, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Nachlaß Treitschke. 2 8 TREITSCHKE, Unsere Aussichten (wie Anm. 16), 11. 29 Vgl. die ausführliche Analyse bei HOFFMANN, Geschichte und Ideologie (wie Anm. 9). 30 Die These der verstärkten ostjüdischen Einwanderung entbehrte jedoch der faktischen Grundlage, vgl. SALOMON NEUMANN, Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung. Ein Kapitel aus der preußischen Statistik, Berlin 1880, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4 ) , 4 8 6 - 5 3 2 ; vgl. auch GÜNTER REGNERI, Salomon Neumann's Challenge to Treitschke. The Forgotten Episode that Marked the End of the ,.Berliner Antisemitismusstreit", Leo Baeck Institute Year Book 4 3 ( 1 9 9 8 ) , 26

129-153.

Unsere Aussichten (wie Anm. 16), 13. 32 HOLZ, Nationaler Antisemitismus (wie Anm. 11), 224f. 33 Ebenda, 224. 34 MORITZ LAZARUS, Was heißt national? Ein Vortrag, Berlin 1 8 8 0 , in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4 ) , 3 7 - 8 9 . 35 TREITSCHKE, Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage (wie Anm. 25), 288f. 3 6 HEINRICH VON TREITSCHKE, Herr Graetz und sein Judenthum, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4 ) , 1 1 4 - 1 2 6 , hier 126. 37 Zu Mommsens Judenbild und seiner Position im,Antisemitismusstreit" vgl. außer der bereits zitierten Literatur: LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen und Jacob Bernays. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums, Historische Zeitschrift 205 (1967), 265-294; ALEXANDER DEMANDT, Mommsen in Berlin, in: Berlinische Lebensbilder Bd. 3: Wissenschaftspolitik in Berlin, Berlin 1967,149-173; STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf von Harnack: Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin/New York 1997, 346364; DERS., Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002, 170-173. 38 Herman Grimm an Theodor Mommsen, 11. Dezember 1880, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Nachlaß Mommsen. 39 Theodor Mommsen an Heinrich von Treitschke, 16. Dezember 1880, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 758. 40 Heinrich von Treitschke an Theodor Mommsen, 17. Dezember 1880, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Mommsen. 41 Die Antisemiten auf dem Berliner Bock [Voss. Zeitung, 1. Januar 1881], in: KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 803-810, hier 807f. 4 2 BERNHARD FÖRSTER, Theodor Mommsen, Neue Deutsche Volks-Zeitung 3. Jg., Nr. 1 3 8 vom 17. Juni 1882; COSIMA WAGNER, Die Tagebücher, Band Π: 1 8 7 8 1883, hg. von M. Gregor-Dellin und D. Mack, München/Zürich 1977,650. Die an31

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tisemitische Version zusammenfassend: SIGILLA VERI, Lexikon der Juden, -genossen und -gegner aller Zeiten und Zonen, 2. Aufl., Bd. 4, Erfurt 1931, 618-622. Adolf von Gutschmid an Theodor Nöldecke, 2. Dezember 1880, UB Tübingen, Nachlaß Nöldecke, MD 782 91. Zur Funktion von Gerüchten vgl. HANS-JOACHIM NEUBAUER, Fama. Eine Geschichte des Gerüchts, Berlin 1998. Karl Wilhelm Nitzsch an Wilhelm Maurenbrecher, in: KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 137f. Heinrich von Treitschke an Herman Grimm, Berlin, 28. Januar 1880, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Nachlaß Treitschke. THEODOR MOMMSEN, Rede vom 18. März 1 8 8 0 zur Vorfeier des Geburtstages des Kaisers, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 445f. BERTHOLD AUERBACH, Briefe an seinen Freund und Vetter J. Auerbach. Ein biographisches Denkmal, 2 Bde, Frankfurt a. M. 1984, Π, 427f. Zur Antisemitenpetition vgl. NORBERT KAMPE, Studenten und „Judenfrage" im Deutschen Kaiserreich. Die Entstehung einer akademischen Trägerschicht des Antisemitismus, Göttingen 1988, 23ff. Zitiert nach JENSEN, Gebildete Doppelgänger (wie Anm. 8), 392. Ebenda, 393f. Vgl. auch NORBERT KAMPE, Jews and Antisemites at Universities in Imperial Germany (Π). The Friedrich-Wilhelms-Universität of Berlin: A Case Study on the Students „Jewish Question", Leo Baeck Institute Year Book 32 (1987), 43-101. THEODOR MOMMSEN, Auch ein Wort über unser Judenthum, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 696-709, hier 707. Georg Beseler an Heinrich von Treitschke, Berlin, 2 5 . November 1 8 8 0 , in: KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 645f. JENSEN, Gebildete Doppelgänger (wie Anm. 8), 416ff. Theodor Mommsen, Brief an den Redakteur der Nationalzeitung vom 20. November 1880, in: KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 614f.

56 Theodor Mommsen an Georg Emst Reimer, Berlin, 20. November [im Druck fälschlicherweise: Oktober] 1880, in: DORIS FOUQUET-PLÜMACHER/MICHAEL WOLTER (Hgg.), Aus dem Archiv des Verlages Walter de Gruyter. Briefe, Urkunden, Dokumente, Berlin/New York 1980, 75f. 5 7 HEINRICH VON TREITSCHKE, Eine Erwiderung, in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 616f. 5 8 THEODOR MOMMSEN, Römische Geschichte, Band ΙΠ, 9. Aufl., Berlin 1 9 0 4 , 5 5 0 . 59 Ebenda, 549. 60 Ebenda, 513. 61 Vgl. die ausführliche Analyse bei HOFFMANN, Juden und Judentum (wie Anm. 9), 88-103. 62 Vgl. Die Judenfrage im preußischen Abgeordnetenhaus. Wörtlicher Abdruck der stenographischen Berichte vom 20. und 22. November 1880, Breslau 1880, 131 (Stoecker), 174 und 182 (Strosser). 63 MOMMSEN, Auch ein Wort über unser Judenthum (wie Anm. 52), 697. 64 Ebenda, 702. 65 Ebenda, 703.

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Ebenda, 701. Ebenda, 703. Ebenda, 706. Ebenda, 700. Vgl. ζ. B. MICHAEL A. MEYER, The Origins of the Modern Jew: Jewish Identity and European Culture in Germany, 1 7 4 9 - 1 8 2 4 , Detroit 1 9 6 7 ; SHULAMIT VOLKOV, Die Erfindung einer Tradition: Zur Entstehung des modernen Judentums in Deutschland, Historische Zeitschrift 2 5 3 ( 1 9 9 1 ) , 6 0 3 - 6 2 8 ; DIES. (Hg.), Deutsche Juden und die Moderne, München 1 9 9 4 ; PAUL MENDES-FLOHR, German Jews: A Dual Identity, New Haven 1 9 9 9 ; RAINER LIEDTKE/DAVID RECHTER (Hgg.), Towards Normality? Acculturation and Modern German Jewry, Tübingen 2 0 0 3 ; CHRISTHARD HOFFMANN, Die Verbürgerlichung der jüdischen Vergangenheit: Formen, Inhalte, Kritik, in: Ulrich Wyrwa (Hg.), Judentum und Historismus. Zur Entstehung der jüdischen Geschichtswissenschaft in Europa, Frankfurt a. M./New York 2 0 0 3 , 149-171.

71 MOMMSEN, Auch ein Wort über unser Judenthum (wie Anm. 52), 699. 72 Zitiert in JENSEN, Gebildete Doppelgänger (wie Anm. 8), 444. 73 LUDWIG PHILIPPSON, Mommsen ,Auch ein Wort über unser Judenthum", in: Krieger, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4), 788-793, hier 793. 74 Ebenda, 793. 75 Ebenda, vgl. auch den Brief des Historikers Martin Philippsons an Theodor Mommsen, Brüssel, 14. Dezember 1880 (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Nachlaß Mommsen): „Wäre die Christenheit wirklich nichts, als der Inbegriff der heutigen internationalen Civilisation, nun, so sind Hunderttausende von Juden von ganzen Herzen Christen. Ich und unendlich viele meiner Stammesgenossen fühlen sich Eins mit allen Errungenschaften moderner Bildung, humanitären Strebens, politischer Freiheit, sozialer Verbesserung. [...] Aber zum Christentum, wie es uns heute entgegentritt, vermögen wir uns nicht zu bekennen. Heute mehr als seit langer Zeit ist das Christenthum ein bestimmtes System von Dogmen, welches nicht allein der orthodoxe Jude auf der einen, der Materialist auf der anderen Seite, sondern auch der rationalistisch denkende Gottgläubige nie annehmen kann. Wer als Christ geboren wird, dem bleibt es unbenommen, zu denken und zu glauben, wie er will. Wer aber aus einer fremden Gemeinschaft zum Christenthum übertritt, der muß vor Gott und Menschen sich zu dessen gesammten dogmatischen Inhalt bekennen, und das wäre fur die gebildeten und denkenden Juden eine feierliche Lüge, ein Betrug, deren wir uns nicht schuldig machen wollen, die uns um so widerwärtiger sind, als sie zu materiellem Vortheile führen möchten, oder doch als dazu beabsichtigt von der öffentlichen Meinung aufgefaßt werden können." 7 6 STANLEY ZUCKER, Theodor Mommsen and Antisemitism, Leo Baeck Institute Year Book 17 (1972), 237-241, hier 239f. Zum Zusammenhang vgl. HOFFMANN, Juden und Judentum (wie Anm. 9), 121-123. 7 7 THEODOR MOMMSEN, Judäa und die Juden, in: Ders., Römische Geschichte, Bd. 5 [ 1 8 8 5 ] , 5. Aufl., Berlin 1 9 0 4 , 4 8 7 - 5 5 2 . 7 8 LIEBESCHÜTZ, Geschichtsbild (wie Anm. 9), 197. 79 Eine detaillierte Analyse des Kapitels bei HOFFMANN, Juden und Judentum (wie A n m . 9), 1 0 4 - 1 1 7 .

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So KRIEGER, Antisemitismusstreit (wie Anm. 4 ) , X X V U . 81 Theodor Mommsen an Heinrich von Sybel, 7. Mai 1895, in: LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, Band IV, Frankfurt a. M. 1980, 239f. 82 Vgl. dazu HOFFMANN, Juden und Judentum (wie Anm. 9), 127f. 8 3 Theodor Mommsen, in: HERMANN BAHR, Der Antisemitismus. Ein internationales Interview [ 1 8 9 5 ] , hg. von Hermann Greive, Königsstein/Ts. 1 9 7 9 , 2 7 . 80

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Im August dieses Jahres 2003 lagen in den deutschen Buchhandlungen Prospekte aus mit der Aufschrift: „Wer ist der größte Deutsche?" Das Zweite Deutsche Fernsehen erhob - nach amerikanischem Vorbild - eine Umfrage in der „ganzen Nation", mit dem Ziel die „hundert Besten" zu ermitteln. Dem Publikum wurde eine Liste mit dreihundert Namen vorgelegt, aus der jeder Teilnehmer seinen Favoriten auswählen sollte. Die Palette war breit gefächert, sie reichte von Martin Luther über Bach und Goethe bis zu Max Schmeling und Claudia Schiffer. Es verwundert nicht, auch Bismarck im Angebot zu finden, doch eher schon, daß immerhin ein einziger Historiker genannt wurde, Theodor Mommsen. Wer nun etwa zwischen beiden Männern schwankte, der mußte sich an den Konflikt zwischen ihnen erinnern. Am Vormittag des 15. Juni 1882, so berichtet die Abendausgabe der „Vossischen Zeitung", wurde in der Königlichen Strafkammer des ersten Landgerichts Berlin Zwei die Klage verhandelt, die Bismarck wegen Beleidigung gegen Mommsen angestrengt hatte. Der Prozeß zwischen dem „Fürsten der Wissenschaft und dem Fürsten der Diplomatie", zwischen dem „Mann, der Geschichte macht, und dem Mann, der Geschichte schreibt" (so der Verteidiger), erregte „sensationelles Aufsehen". Die „Tante Voss" meldet, im Landgericht habe es großen Andrang auf die dreißig Zuhörerplätze gegeben. Selbst hochgestellte Persönlichkeiten mußten abgewiesen werden. Dieser Zusammenstoß hatte eine lange Vorgeschichte. *

Wir kennen Mommsen (1817-1903) als den typischen Gelehrten, als den Prototyp der deutschen Geschichtswissenschaft. Dennoch hat Mommsen sich selbst als politischen Menschen begriffen. Entsprechend der aristotelischen Definition des Menschen als zoon politikon, als staatenbildendes Lebewesen, nannte sich Mommsen 1888 ein animal politicum und erklärte, Geschichtsforschung habe von der Gegenwart auszugehen und der politischen Pädagogik zu

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dienen. In seinem Kyflhäusergedicht von 1841 entwarf der schwarz-rotgoldene Kieler Burschenschafter die Vision von Deutschlands Einheit, nicht unter dem zweiköpfigen Adler Österreichs, der zugleich vorwärts und rückwärts schaut, sondern unter dem schwarzen Adler Preußens. Als Dänemark 1848 versuchte, Schleswig zu annektieren, agitierte Mommsen als Journalist für die deutsche Sache. Er kämpfte für die Einheit Deutschlands unter einem starken Preußen und warb auch in Leipzig für die Anerkennung der Frankfurter Reichsverfassung, zu der er einen anonym erschienenen Kommentar verfaßte. Im Züricher Exil begann er seine „Römische Geschichte". In ihr präsentierte Mommsen sein politisches Programm in historischem Kostüm. Die klassische römische Republik imponierte ihm durch die Verbindung von Volkssouveränität und Gewaltenteilung, von Patriotismus und Disziplin. Die Einigung Italiens durch Rom war ihm Vorbild für die erhoffte Einigung Deutschlands durch Preußen. Mommsens Aversion gegen die souveränen Fürsten und die Aristokratie überhaupt spiegelt sich in seiner Abwertung der senatorischen „Junkerklasse", wie er sie unumwunden benannte, und sein Wunsch nach einer starken Zentralgewalt und einer aktiven Politik erklärt seine Idealisierung Caesars. Daß dieser die Republik zu Grabe getragen hat, daß er als Diktator regierte und als Imperialist Nichtrömern Bürgerrecht und Senatssitze verliehen hatte, all das verzieh Mommsen dem großen Mann der großen Tat, der so ganz seinem eigenen Naturell entsprach. Die Bewunderung Caesars teilte er mit Napoleon III., den er 1863 besuchte. Der Kaiser imponierte Mommsen. Einen solchen grand criminel wünschte er auch den Deutschen. Der Begriff grand criminel bedeutet keine Abwertung, denn Mommsen suspendierte im Geiste Hegels die „Geschäftsführer des Weltgeistes" von der bürgerlichen Moral. So hat nach seiner Meinung Sulla, der die Samniten auszurotten versuchte, die notwendige Einheit Italiens „mit endloser Not und Strömen von Blut nicht zu teuer erkauft" (RG II, 374) und Caesar als Vollstrecker des Volkswillens die korrupte Senatswirtschaft hinweggefegt. Krieg, selbst Bürgerkrieg, hat Mommsen nie erschreckt, er ist auch ein Stahlbesen: die „reinigende Wirkung des Pulverdampfes" wird gerühmt (1864); langer, tiefer Friede verwöhne das Volk (1864). „Ewiger Friede" im Sinne von Kant ist laut Mommsen kein wünschenswerter Zustand (1881). Weltfriede wäre der „Frieden des Grabes" (1885). Gekämpft muß werden. Vom „Recht des Stärkeren" ist mehrfach die Rede. „Für die Geschichte gibt es keine Hochverratsparagraphen", Caesar hatte Erfolg in der Lösung der von der Zeit gestellten Aufgaben. Aber verkörperte genau diesen Typus dann nicht Bismarck?

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Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Berlin an die Spitze der deutschen Universitäten getreten. Zwar galt Mommsen dort als Oppositioneller, doch folgte auf einen Ruf nach München das Angebot einer Forschungsprofessur an der Berliner Akademie, für das sich Alexander von Humboldt eingesetzt hatte. Mommsen verließ 1857 das „Affentheater" Breslau und eröffnete in Berlin eine neue Epoche der Wissenschaftsgeschichte, hat doch durch ihn, so Harnack, „die Akademie den Großbetrieb der Wissenschaft kennengelernt". 1861 erhielt Mommsen eine ordentliche Professur für römische Geschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität, 1871 wurde er Dekan, 1874 Rektor und, als er einen Ruf nach Leipzig hatte, Sekretär, d. h. Präsident der historischen Klasse der Akademie mit verdreifachtem Budget. Er las bis in sein 70. und diente in der Akademie bis ins 85. Lebensjahr. Seine wissenschaftlichen Arbeiten setzte er bis zu seinem Tode fort, in seinem Fach hat er mehr geleistet als irgendein anderer. Als ihm 1902 für die damals fast 50 Jahre alte „Römische Geschichte" der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, überging die Schwedische Akademie die ebenfalls vorgeschlagenen Konkurrenten Tolstoi, Zola, Mark Twain, Anatole France und August Strindberg. Als Politiker war Mommsen lange vergessen. Erst 1948 wurde seine 1899 abgefaßte Testamentsklausel veröffentlicht. Es mutet schon merkwürdig an, wenn Mommsen darin „das schmerzliche Gefühl der Unzulänglichkeit" seiner Leistung als Historiker beklagt und wiederholt, er sei „stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein". Das aber sei in unserer Nation nicht möglich, wo „der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt". Mommsen spricht von seiner inneren Entzweiung mit dem Volke, dem er angehöre, und von dem deutschen Publikum, vor dem ihm die Achtung fehle. Schon 1885 wollte er von dieser „Nation ohne Rückgrat" so bald wie möglich vergessen sein. Jedes Interesse an seiner Person verbat er sich, auf seinem Grabstein dürfe sein Name nicht erscheinen, und dort steht er auch nicht. Auf dem Grabgitter des Kreuzberger Dreifaltigkeits-Kirchhof lesen wir nur: „Familie Th. Mommsen". Die Nachwelt hat sich an das biographische Verbot nicht gehalten und mußte es auch nicht. Angenommen, Cicero hätte ein solches Verdikt ausgesprochen, so hätte Mommsen das ebenso mißachtet wie wir das seine ignorieren. Der Historiker respektiert kein Tabu. Er fragt, wie konnte Mommsen zu einem so harten Pauschalurteil über die Deutschen kommen? Betrachten wir seine politischen Äußerungen seit der Breslauer Zeit, so fällt der aggressive Unmut, die penetrante Verärgerung und Verdrossenheit auf, mit der er das politische Geschehen kommentiert. Derbe Deutlichkeit durchgehend: Misere (1854), Krebsgang (1859), Schmählichkeit (1862), Schande (1863), Blödsinn

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(1863), galoppierende Schwindsucht (1863), Miasma (1864), Sumpf (1864), Konfusion (1864), diabolisches Regiment (1864), Nichtswürdigkeit (1867), Jämmerlichkeit (1868) werden konstatiert. Mommsen spricht von der „Dummheit der Regierung und der gottverfluchten Kammern" (1861). Es sei ein Jammervolles Schauspiel", wie die Hohenzollern ruinierten, was sie geschaffen hätten (1862). Das wäre ein „Selbstvernichtungsprozeß" (1863). Er beklagt die „Selbstvernichtungskunst der Hohenzollern" (1864). Seinen König Friedrich Wilhelm IV., der Mommsens Inschriftenwerk finanziert und ihn selbst nach Berlin berufen hatte, nannte er „unseren Eunuchen": Wir werden „Jahrhunderte an dem zu leiden haben, was er gesündigt". Auf Deutschland laste ein Fluch (1864). 1871 hatte er „einen kleinen Blick in den Abgrund tun können, der bestimmt ist, unsere Kulturepoche zu verschlingen". Von kurzen euphorischen Zwischenzeiten nach den preußischen Siegen abgesehen sind Griesgram und Mißmut über die tatenscheue deutsche Politik Mommsens cantus flrmus bis in seine letzten Lebensjahre. Aber auch die Klagen über seine eigene Lage reißen nicht ab. Schon 1849 bezeichnete er als Quintessenz des Daseins „Resignation". 1860 heißt es: „Das ganze Leben ist ein Schanzen im Gewehrfeuer." Er lebt in Berlin, dem „Zentralsitz der Unzulänglichkeit" (1861), und kommentiert das „große Manco der Berliner Staats- und Gelehrtenwirtschaft" mit: „Pleite ist nicht gut, aber verschleppte Pleite ist schlimmer" (1873). Als armer „Packesel der Weltgeschichte" komme er nie zu sich selber (1862). Man habe ,ja doch eigentlich nur die Wahl zwischen mehr oder minder widerwärtigen Arbeiten" (1886). 1901 schreibt er: „Wäre ich dreißig Jahre jünger, so ginge ich nach Amerika, wo doch bei allen seinen schweren Schäden die Hoffnung der Welt liegt." Bismarckbemerkte einmal, es sei eine Eigentümlichkeit, wenn nicht der Menschen im Allgemeinen, so doch der Deutschen, daß der Unzufriedene arbeitsamer und rühriger sei als der Zufriedene. Liefert Mommsen dafür keine glänzende Bestätigung? In jungen Jahren war Mommsen hoffnungsfroh. Als glühender Patriot hatte er die Einigung Deutschlands gefordert. Zu diesem Zweck akzeptierte er Barrikaden (1863), Handgranaten (1857) und Kanonen gegen die „wahnsinnige Wirtschaft" der Regierenden (1863). Er verfluchte die Leisetreterei, die Entschlußlosigkeit und die Gutmütigkeit in Berlin. Offenbar träumte er von einer brausenden Nationalbewegung, wie sie Griechenland und Italien vorgelebt hatten; von einer „großen und kühnen Politik" der Stärke, wie England und Frankreich sie betrieben. Er bedauerte es, als Preußen sich am Krimkrieg nicht beteiligte. Er begrüßte die Kriegsbegeisterung 1859, als Österreich auf

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deutsche Hilfe gegen Frankreich hoffte. Krieg gegen Dänemark erschien ihm bereits 1862 an der Zeit. „Politische Stellung und politischen Einfluß" habe er nie gehabt und nie erstrebt, so heißt es in seinem Testament. Hier dürfen wir ein Fragezeichen setzen. Daß Mommsen keinen politischen Einfluß besessen habe, trifft wohl zu, wenn wir von der Wissenschaftspolitik absehen. Sein Hang zu Polemik, Sarkasmus und Kompromißlosigkeit stand dem im Wege. Daß Mommsen auch keinen politischen Einfluß gewünscht habe, das ist hingegen schwer vereinbar mit seinen leidenschaftlichen Stellungnahmen, seinen publizistischen Aktivitäten in Resolutionen und Petitionen, in Vereinstätigkeit und offenen Briefen, Zeitungsartikeln und Reden zu Tagesfragen. Mommsen war der politische Professor der inner- und außerparlamentarischen Opposition. Seine Wahl in den „Dönhoffspalast", d. h. ins preußische Abgeordnetenhaus durch die Stadt Halle und den Saalekreis 1863 hat er indes eher hingenommen als begrüßt, nachdem er 1859 in den „Deutschen Nationalverein" eingetreten war und sich 1861 an der Gründung der „Deutschen Fortschrittspartei" beteiligt hatte. Im preußischen Landtag saß Mommsen, allerdings nur sporadisch anwesend, bis 1866, ein zweites Mal 1873 und 1879 als Nationalliberaler, und 1881 bis 1884 war er als Sezessionist Mitglied des Reichstages. Seine Auftritte beschränken sich dabei auf Universitäts- und Bibliotheksangelegenheiten. Die hohe Politik war zunächst sein Thema nicht. Erst Bismarcks Schutzzollpolitik 1879 und sein Versicherungsprogramm führten zu dem eingangs erwähnten Konflikt mit Mommsen. In einer Wahlrede zugunsten der „Deutschen Fortschrittspartei" am 24. September 1881 in Tempelhof kritisierte Mommsen die Regierung und die „neuen Propheten". Bismarck glaubte, die aufstrebende deutsche Industrie und die durch Billigimporte bedrohte Landwirtschaft durch Schutzzölle sichern zu sollen. Das nannte Mommsen in seiner Aversion gegen Großkapitalisten und Großagrarier „nichtswürdig" und eine „Politik der gemeinsten Interessen". Liberale wie Mommsen stimmten für Freihandel. Bismarck versuchte weiterhin, „dem bedrohlichen Übel des Sozialismus", so seine Worte, „durch Befriedigung der auf einem wahren Gedanken beruhenden Forderungen seinen Boden zu entziehen." Er übernahm den von ihm anerkannten „wahren Gedanken" des Sozialismus, plante und begründete eine staatlich garantierte Kranken-, Alters- und Invalidenversorgung. Dies prangerte die Fortschrittspartei als „Sozialismus" von oben an, Mommsen als demagogische „Volksbeglückung" und als „eine Politik des Schwindels". Für einen Liberalen wie Mommsen soll sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten, denn jeder ist seines Glückes Schmied - aber hat denn jeder eine Schmiede? Mommsen erklärte, Bismarck fördere „den staatlichen wie den staatsfeindli-

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chen Sozialismus" zugleich, habe „von Staatshaushalt gar keinen Begriff' (1868) und meinte, finanzierbar sei die Versicherung nur durch einen Verzicht auf das Militärbudget, und das war auch für Mommsen wichtiger als die Versorgung der Arbeitsunfähigen. Mommsens Rede enthielt eindeutig auf Bismarck gemünzte Attacken, so daß dieser am 24. Januar 1882 im Reichstag darauf Bezug nahm und am 10. Februar Mommsen wegen öffentlicher Beleidigung anzeigte. Die Staatsanwaltschaft übernahm die Anklage. Am 15. Dezember 1881 hatte der Innenminister Puttkamer die Regierung verteidigt, aber Mommsen erwidert, er habe nicht diese angegriffen, sondern die Kathedersozialisten. Vor Gericht bestritt Mommsen abermals, Bismarck gemeint zu haben, vielmehr habe er auf die Professoren der Nationalökonomie abgezielt. Nichtsdestoweniger beantragte der Staatsanwalt eine Strafe von 500 Mark. Die Presse fand es unerhört, eine europäische Größe wie den 65jährigen Mommsen auf die Anklagebank zu bringen, und die Richter sprachen ihn frei. Von einem Mann wie Mommsen schien es undenkbar, „daß er zur Abwendung einer Strafe sich einer Unwahrheit schuldig machen würde" - so die Begründung. Die Sache aber hatte ein Nachspiel. Denn jetzt fühlten sich die Nationalökonomen beleidigt. Ihr Sprecher verlangte eine Erklärung von Mommsen, befand sich allerdings in der peinlichen Zwickmühle, einerseits für die gerichtsnotorische Beleidigung Satisfaktion fordern zu müssen, und andererseits gegen den berühmten Mommsen nichts erzwingen zu können. Einem Elefanten tritt man nicht auf die Füße. Mommsen fand abermals einen sophistischen Ausweg, indem er erklärte, niemanden persönlich treffen zu wollen, also habe sich niemand persönlich getroffen zu fühlen. Das wurde dankend akzeptiert. Die Staatsanwaltschaft beantragte gegen den Freispruch beim Reichsgericht Leipzig Revision. Dies aber verwies das Verfahren zurück an die vierte Strafkammer des Landgerichts Berlin Eins. Hier forderte der Staatsanwalt am 9. Januar 1883 dreißig Tage Gefängnis; Mommsen rechnete damit, einsitzen zu müssen. Um den großen Gelehrten nicht nach Plötzensee zu bringen, wurde wahlweise eine Geldstrafe nun von 450 Mark vorgesehen. Dies mißlang, der Freispruch wurde bestätigt, und eine dritte Klage der Staatsanwaltschaft in Leipzig am 6. April 1883 abgewiesen. Mommsen war exkulpiert. Bismarck verlor seinen Prozeß, das Deutsche Reich war ein Rechtsstaat. Die Öffentlichkeit bemängelte, wie nicht nur Fontane (23. April 1881) bezeugt, Bismarcks Empfindlichkeit. Das Witzblatt Kladderadatsch nahm sich wiederholt des Falles an und ließ den Kanzler an den Knöpfen abzählen: „Er meint mich - er meint mich nicht - er meint mich: Meint er mich nun - oder meint er mich nicht?" Auf der anderen Seite wurde aber auch Mommsens De-

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menti in Zweifel gezogen. Mehrfach riet man ihm, die offenkundige Invektive gegen den Eisernen Kanzler doch mutig zuzugeben und die Strafsumme einfach hinzublättern. Damit hätte er ein politisches Fanal gesetzt. Ebenso hätte er seinen Ausfall zurücknehmen können, entsprechend seiner Maxime (1865), man dürfe nicht, um den Schein der Konsequenz zu wahren, an dem „einmal gesprochenen Wort wider besseres Wissen und Gewissen" festhalten. Statt dessen griff er zu einer fadenscheinigen Ausrede und beging damit eine ebensolche Charakterlosigkeit, wie er sie später dem deutschen Volk insgesamt vorwarf. Mommsens Unaufrichtigkeit im Bismarck-Prozeß war kein Einzelfall. Am 13. Oktober 1881, also kurz nach der ersten Kanzlerschelte kritisierte Mommsen die angebliche „Staatsomnipotenz in der Form des Ministerabsolutismus". Dieser kennzeichne die „letzte Phase einer untergehenden Nation". Mommsen fuhr fort: „Der Parallelen enthalte ich mich; sie könnten nicht schmeichelhaft sein." Was er im Sinn hatte, war deutlich: Die spätantiken Heermeister wie Stilicho und die spätfränkischen Hausmeier wie Karl Martell, die jeweils den Monarchen verdrängt hatten. Bismarck, der nach Mommsens Meinung den hochverehrten Kaiser Wilhelm I. in den Schatten stellte, bezog die spitze Bemerkung am 24. Januar 1882 zu Recht auf sich und hielt Mommsen vor, daß die Vertiefung in die Antike „diesem ausgezeichneten Gelehrten den Blick in die sonnenbeschienene Gegenwart vollständig getrübt" habe. Mommsen dementierte wiederum schon tags darauf und abermals am 13. Juni 1882. Ein Mißverständnis liege vor, er habe Bismarck nicht treffen wollen. Wirklich nicht? In der Hitze des Gefechts ließ der alte Feuerkopf sich zu Äußerungen hinreißen, hinter denen er später nicht mehr zu stehen wagte. Ein Abklatsch des Bismarck-Prozesses gab es 1893, als Graf Kanitz, der deutsch-konservative Großgrundbesitzer, Mommsen wegen Beleidigung anzeigte. Mommsen hatte die „Parteien der materiellen Interessen" ganz rechts und ganz links des Neides beschuldigt. Er nannte Kanitz und Bebel in einem Atemzuge, fand aber die Begehrlichkeit der „sogenannten Edelsten", der „Kornspekulanten und Branntweinbrenner", wie er sie 1881 titulierte, „sehr viel widerwärtiger" als den um seine Existenz ringenden kleinen Mann. Eine Erklärung, es sei um Politik und nicht um Personen gegangen, erledigte den Fall. Bei Bismarck aber ging es Mommsen durchaus um die Person. Sein Haß auf den Kanzler, auf den „Bismarck-Wahnsinn" (1883) blieb unversöhnlich, wiewohl umgekehrt Bismarck seine Hochachtung vor Mommsen als Historiker mehrfach öffentlich aussprach, auch dessen „Römische Geschichte" zitierte, ja ihm persönlich bei der Beschaffung von Handschriften aus Mailand behilflich war (1870). „Ja dieser Bismarck hat uns hassen gelehrt, wie wir nie geglaubt hatten, einen fremden Menschen hassen zu müssen" (1888). Mit einem Faust-

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zitat nannte Mommsen den Kanzler 1864 und 1890 eine „Spottgeburt von Dreck und Feuer". Der „Großkophta" - wieder ein Goethewort - führe ein „rohes und ehrloses Regiment"(1882), er sei die „Korruption Deutschlands" und habe „der Nation ihr Rückgrat gebrochen" (1884, 1902). Die Entlassung des „die Welt regierenden Großveziers" (1887) im Jahre 1890 sah Mommsen als eine „wahre Erlösung" und befand sich damit im Einklang mit den Ultramontanen, die er ebenso verabscheute wie den Kanzler. Mommsen atmete auf, obschon er nichts Besseres erwartete. Im Gegenteil! Bloß um Bismarck loszuwerden, nahm Mommsen auch einen weiteren Abstieg gerne in Kauf. Ist das nicht pathologisch? Den Kanzler im Ruhestand machte Mommsen 1891 für das schlechte Wetter in Niedersachsen verantwortlich. Nachvollziehbar ist das Urteil des von Mommsen hochgeschätzten Max Weber vom 18. April 1892 über den „geradezu kindischen Bismarckhaß - bei Männern wie Mommsen ζ. B. in wirklich deprimierenden Formen sich äußernd und steigernd." Bismarcks Politik steht bei Mommsen in einem flackernden Zwielicht. Öffentlich erwies er ihr und dem Kanzler selbst bis zuletzt alle Reverenz, privat aber überwog der Unmut. Im Verfassungskonflikt 1862 polemisierte Mommsen gegen Bismarcks autoritäre Methode, nicht gegen den Streitgegenstand, die Heeresverstärkung. Den Krieg gegen Dänemark 1864 bejahte er; den gegen Österreich 1866 beklagte er, doch nach dem Sieg über die „Schwarzen" dankte er Gott: „Wir sind in diesen vier Wochen eine Nation geworden". Endlich! Im österreichisch-tschechischen Sprachenstreit 1897 vertrat Mommsen das Deutschtum: „Vernunft nimmt der Schädel der Tschechen nicht an, aber für Schläge ist auch er zugänglich." Mommsen ruft Wien zu: „Seid hart!", denn Nachgiebigkeit wäre für die Habsburger Monarchie Selbstmord. Wenn Mommsen den Tschechen Selbstbestimmung verweigerte, wie er den Iren das von Gladstone geforderte Recht auf Home Rule bestritt (1889), steht der hegelianische Gedanke dahinter, daß die kleinen Völker den großen, als den Trägern von Kultur und Fortschritt, Gehorsam und Dankbarkeit schulden. Im Burenkrieg sah er das anders. Den deutsch-französischen Krieg erklärte Mommsen für eine „unglückliche Notwendigkeit". Der Kampf offenbarte die „unerhörte Fäulnis des französischen Wesens in allen Schichten", dabei sei „diese Nation unter allen romanischen doch noch weitaus die beste" (1870). Der „grauenvolle Ruin Frankreichs" nach Sedan 1870 „bei dem wir die leidige Henkerrolle zu verrichten haben, ist ein Ärmerwerden auch für uns", das ist „geistlose Bismarcksche Politik". Die deutsche Einigung wäre auch ohne Krieg gekommen, dreißig Jahre später gewiß, und ohne die Folgeschäden des Waffengangs (1870). Aber so viel Geduld brachte auch Mommsen selbst nicht auf, hat er doch den Krieg

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durch seinen Aufruf „An die Italiener" 1870 publizistisch propagiert. Dieses Sendschreiben warnt vor einem Krieg zwischen der deutschen und der lateinischen Rasse, wenn Florenz und Paris zusammengingen, und beschuldigt Österreich der Tyrannei über Italien und Preußen. Bismarcks Reichseinigung in Form eines Bundesstaates aus Monarchien erschien Mommsen die „Quadratur des Zirkels" und offenbarte ihr Manko 1890, als Mommsens Plan einer einheitlichen Limesforschung mit der Kulturhoheit der Länder in Konflikt geriet. Mommsen vermißte einen Reichskultusminister und verübelte dem Werk Bismarcks mangelnden Zentralismus. Er nannte das „erbärmliche Flickwerk aus Anno 71 ein politisches Fiasko" und malte düstere Prognosen: „Unser armes Vaterland ist trotz der scheinhaften Einigung so zerrissen [...] Unsere Kinder werden dafür büßen müssen" (1891). Schwer verträglich hiermit scheint Mommsens Polemik gegen den deutschen „Einheitsfanatismus", der den Großstaat erstrebe und dessen „Gefährlichkeit" verkenne (1896). Mommsen unterstützte, wie August Bebel berichtet, Bismarcks Außenpolitik. Er postulierte 1865 die Annexion von Schleswig-Holstein und 1870 die von Elsaß-Lothringen. Genauer: öffentlich verteidigte er sie, privat verurteilte er sie, meinte allerdings, selbst der mildeste Friede mache die Franzosen nicht zu Freunden der Deutschen. Das meinte auch Bismarck. 1874 rühmte Mommsen die Fortschritte der deutschen Wissenschaft, derenthalben die Nachbarn nun Deutsch lernen müßten. Als aber Bismarck 1885 dem Deutschen Archäologischen Institut in Rom, wo Französisch, nicht aber Deutsch zugelassen war, vorschrieb, auf Deutsch zu publizieren, da sah Mommsen den Untergang des Instituts voraus. Mommsen teilte Bismarcks Zurückhaltung in der Kolonialfrage und das Bemühen um einen Ausgleich mit England, erneut nach dem begreiflichen Einspruch gegen den Burenkrieg 1902, mit dem England den „unzweifelhaft großartigen" Plan einer „Umwandlung Afrikas vom Kap zum Nil in einen Bestandteil des Greater Britain" verfolgte. Mommsen versicherte die Engländer - so wie die Italiener 1870 und 1875 - der innigsten Verbundenheit mit der deutschen Nation und schwärmte von einer „heiligen Allianz der Völker". Dennoch verhöhnte er die Friedenskongresse, die bloß schöne Worte machten, und agitierte 1898 für den Kanzler Bülow und dessen Flottenpolitik, die London verstörte. Wie Bismarck bekämpfte Mommsen alle Eroberungsgelüste und fand wie jener das „Heil der Nation" in einer „Beschränkung auf die eigenen Grenzen". Die Alldeutschen mit ihren großgermanischen Aspirationen nannte Mommsen „nationale Narren" (1903). 1900 empfahl er zur Schonung Frank-

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reichs die Abschaffung des Sedan-Tages, an dem er im Jahr zuvor sein Testament unterzeichnet hatte. Schon früh hatte sich Mommsen um die „Lage der arbeitenden Klassen" gekümmert, aber die Sozialisten waren noch 1884 wie für Bismarck so für Mommsen „vaterlandslose Gesellen", mit denen keine Koalition vertretbar war. Bismarcks Sozialistengesetz von 1878 fand Mommsens Beifall. Er fürchtete die Rote Republik. Die Namen Marx und Engels begegnen bei Mommsen ebensowenig wie die von Kant oder Hegel, von Schopenhauer oder Nietzsche, der ja auch mit dem Sozialismus kokettierte. Erst 1902 öffnete Mommsen sich dem revisionistischen Flügel der Sozialdemokratie, sie sei „die einzige große Partei, die Anspruch hat auf politische Achtung". Mommsen fand anerkennende Worte für Bebel. Mit einem solchen Kopf könne man ein Dutzend ostelbischer Junker so ausstatten, „daß sie unter ihresgleichen glänzen würden". Gleichzeitig forderte Mommsen von den Sozialdemokraten Mäßigung, nicht zuletzt Anerkennung der staatlichen Sozialleistungen, die er seinerseits Bismarck verübelt hatte. Mommsen bewunderte die mutige Opposition der Sozialdemokraten, verwarf aber als ,guter Preuße' und königstreuer Bildungsbürger deren Ziele. Um das klarzustellen, wollte er noch einen Artikel über die „schlimmen Eigenschaften der Sozialdemokratie" nachschieben, starb aber darüber. Mommsen und Bismarck, was trennte sie wirklich? Aus tiefstem Herzen begrüßte der bekennende Atheist Mommsen den Kulturkampf. Der ultramontane Katholizismus war ihm ein Hort der Reaktion und des Dogmatismus. Seit der Breslauer Zeit bekämpfte Mommsen den Konfessionalismus in Universität und Schule. Sein lautstarker Protest gegen die konfessionell motivierte Berufung des Mediävisten Martin Spahn zum katholischen Kollegen Friedrich Meineckes in Straßburg 1901 widersprach Mommsens Auffassung einer „voraussetzungslosen Forschung" jenseits aller Glaubensfragen. Religiöse Indifferenz empfand er als Vermächtnis preußischer Toleranz im Geiste Friedrichs des Großen, und auch damit lag er ganz und gar auf der Linie Bismarcks. Die Haltung Friedrichs bewies Mommsen ebenso im Berliner Antisemitismus-Streit 1879/1880. Antisemitismus ist, laut Mommsen, „so alt wie die Semiten" und im weiteren Sinne ein gesamteuropäisches Phänomen, schwächer im Westen, stärker im Osten. Verstimmung über den jüdischen Einfluß in Finanz- und Pressewesen war weit verbreitet und findet sich bei Ranke, Burckhardt, Fontane und Wilhelm Busch. Jüdische Selbstkritik von Theodor Herzl und Walther Rathenau hat diese Vorwürfe akzeptiert. In Preußen warfen ,völkische Kreise' den Juden unredliche Geldgeschäfte und ein überhebliches Selbstbewußtsein vor, das mit dem Deutschtum nicht vereinbar sei. Zum Wortführer dieser Stimmung, namentlich unter den Studenten, machte sich der

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damals hochberühmte Heinrich von Treitschke. Er war kein Rassist. Denn er verlangte, die Juden mögen, unbehelligt ihrer ehrwürdigen Religion und Tradition, ihre stolze Apartheid aufgeben und endlich echte Deutsche werden. Sonst heiße es weiterhin: „Die Juden sind unser Unglück". Dieses böse Wort wollte er vermieden wissen, es war somit keineswegs Treitschkes eigene Meinung. Mommsen hatte 1870 Treitschke öffentlich als den „ersten Publizisten" in Deutschland bezeichnet, 1877 hielt Treitschke die Geburtstagsrede auf Mommsen. Auf den Judenartikel aber reagierte Mommsen rabiat. Er warf Treitschke vor, durch die Form der Publikation, nicht durch den Inhalt, einen „Judenkrieg" eröffnet zu haben. Mommsen erklärte, „unsere Juden" seien doch längst echte Deutsche. Im übrigen begrüßte er, daß die Vorsehung „dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel" beigesetzt habe (1880). Treitschke erinnerte Mommsen an die judenfeindlichen Bemerkungen seiner „Römischen Geschichte", wo es heißt, das Judentum sei „nicht der erfreulichste Zug" im alten Rom, und wo von der „eigenthümlichen Antipathie der Occidentalen gegen diese so gründlich orientalische Rasse" die Rede ist. Der Knackpunkt aber war Mommsens Satz: „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition" (RG III, 550). In den Augen eines Nationalisten wahrlich kein Kompliment, aber Mommsen verstand es eben, sich selbst umzuinterpretieren. Er behauptete nämlich gemeint zu haben, die Juden seien ein „Element der Dekomposition der Stämme", der Schwaben, Baiern, Sachsen usw. zugunsten der Einigimg Deutschlands. Das aber nahm ihm niemand ab, hat doch selbst Hitler in seinem „Kampf (Ausg. 1939, 743) sich auf jenes Mommsenwort berufen! Daß Mommsen es Bismarck verübelt habe, im Antisemitismus-Streit nicht eingegriffen zu haben, ist nicht ersichtlich. Denkbar war es wohl, denn Bismarck und er waren in der Judenfrage einig. Am 3. Juli 1869 hat Bismarck alle noch bestehenden bürgerlichen und politischen Beschränkungen der Juden aufgehoben, Bismarck hat sein Vermögen einem jüdischen Bankier und seine Gesundheit einem jüdischen Arzt anvertraut; Bismarck rühmte Lassalle, Simeon und Disraeli, pries die politischen, geistigen und moralischen Qualitäten der Juden überhaupt und bemerkte: „Die Juden bringen in die Mischung der verschiedenen deutschen Stämme einen gewissen Mousseux, den man nicht unterschätzen sollte." So machten die Juden aus dem deutschen Wein perlenden Sekt. Heute würde er sagen: Die Juden sind das Salz in der Suppe. Bismarck votierte darüber hinaus für eine deutsch-jüdische Rassenmischung und empfahl die Verbindung christlicher Hengste deutscher Zucht mit jüdischen Stuten. Der eigentliche Gegensatz zwischen Mommsen und Bismarck betraf nicht die politischen Ziele, sondern den eigenwilligen, eigenmächtigen Regierungs-

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stil und die Grandfrage der Letztverantwortlichkeit. Bismarck pochte auf seine verfassungsmäßige Alleinverantwortung und glaubte, im Konfliktfalle mit dem König auch gegen das Parlament regieren zu dürfen. Mommsen hingegen sah in der Volksvertretung den Souverän. Werde er übergangen, wäre es ein schweres Unheil, selbst „wenn jede einzelne diktatorische Maßnahme sachlich das Rechte träfe" (1881). Nicht um Pragmatik, sondern um Prinzipien ging es Mommsen. Hier lag ein Machtkampf vor. Verständlich wird der Konflikt, wenn wir Mommsens Charakter als „Kraftgenie" in Betracht ziehen. Zeitgenossen haben ihn wie Bismarck mit Caesar verglichen. Aber das Genie Caesar in der Vergangenheit wurde bewundert, das Genie Bismarck in der Gegenwart gehaßt. Sowohl in seiner Familie als auch in der Wissenschaft agierte Mommsen ebenso autokratisch wie Bismarck im Staat. Mommsen als Despoten in seiner Familie zeigen nicht nur die Memoiren seiner Tochter Adelheid, sondern auch ein unveröffentlichter Brief (20. April 1889) über seinen Sohn Oswald, Patenkind von Gustav Freytag, das schwarze Schaf seiner Familie, den der Vater wegen eines konsequent verschwiegenen Fehlverhaltens eiskalt verstieß. Oswald erhielt Hausverbot, wurde in die strenge Zucht eines Großgärtners am Niederrhein gegeben und mit einem familiären Tabu belegt. Alle Biographen schweigen über sein Los. Mommsen als Despoten in der Wissenschaft erweisen jene Großprojekte und Neuerungen, die er verhindert hat, so die geplante Bibelpolyglotte und die Einrichtung einer dritten Klasse für Sprache in der Akademie. Mommsen als Autokraten bestätigen jene Nachwuchsforscher, deren Karriere er zerstörte, allen voran Julius Beloch, der spätere Begründer der Althistorie in Italien. In der Wissenschaftspolitik duldete Mommsen keinen Widerspruch, keinen „Parlamentarismus"; hier forderte er einen „Dictator", so daß selbst sein Schwiegersohn Wilamowitz, der größte deutsche Gräzist, Mommsens „Despotismus" in der Akademie beklagte. Den „Dienst im Gliede", den Mommsen testamentarisch den Deutschen vorwarf, rühmte er seinerseits unter seinen Mitarbeitern. Sie mußten parieren. Nicht einmal Hochzeit rechtfertigte eine Arbeitspause, so bei Friedrich Leo. Insofern liegt der Schluß nahe, daß die Antipathie zwischen Mommsen und Bismarck weniger in der Verschiedenheit ihrer politischen Haltung liegt als in der Ähnlichkeit ihres dämonischen Wesens. Mommsens unangreifbarer Ruhm beruht auf seiner Leistung für die Wissenschaft. Aber auch seine politische Haltung genießt und verdient Bewunderung im Hinblick auf die Zivilcourage, auf den Weitblick, den er an den Tag gelegt hat, und auf die Unabhängigkeit von jeder Parteischablone, sprach er doch selbst vom liberalen „Pack" (1863), von den „Scheinliberalen" (1902) und von der „protestantischen Muckerpartei" (1872). Kaum ein anderer hat die

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Ideale der Aufklärung und das humanistische Menschenbild bei jeder sich bietenden Gelegenheit so nachhaltig und entschieden vertreten. Darin ist und bleibt Mommsen ein Vorbild des mündigen Bürgers. Daran ändert auch wenig die notwendige Kritik an Mommsens schroffer Kompromißlosigkeit, an seiner vorschnellen, aufbrausenden Entrüstung und an seiner Inkonsequenz, zu der er sich gelegentlich bekannte. Die Geschichte deutete er im Sinne von Darwins Evolution, die Politik erschien ihm ein Weg in den Abgrund. Im selben Satz nannte er Bismarck einen „unvergleichlich großen wie unvergleichlich schlechten Mann" (1883). Er wetterte auf der einen Seite gegen den pseudokonstitutionellen Absolutismus Wilhelms II. (1901) und bangte auf der anderen vor einem Staatsstreich von Adel und Klerus zur Unterjochung von Kaiser und Volk (1902). Hatte er 1849 die „endliche Einigung unseres herrlichen Volkes" gefordert, so wird eben diesem Volke 50 Jahre später in toto Nichtswürdigkeit nachgesagt. Es sei des „Teufels Freude" (1892). Mommsen vermißte bei den Deutschen einen stolzen „Bürgersinn", da sie sich „bereitwilligst regieren lassen", anstatt Selbstbestimmung zu üben und das Junker- und Pfaffenregime abzuschütteln. Mommsen verkörperte und verlangte mit ätzender Schärfe Widerstand, wozu seine „marklosen" Landsleute nicht willens waren. Ihnen warf Mommsen „Servilität" vor und hatte doch selbst geschrieben: „Der gewöhnliche Mensch ist zum Dienen bestimmt, und er sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt" (1856). Hier ist Caesar gemeint, doch es könnte ebenso auf Bismarck oder Mommsen selbst gemünzt sein. Schließlich vollzog er den Schritt vom Pessimismus zum Fatalismus und verkündete: „Weltverbesserung ist das nichtswürdigste aller Geschäfte" (1900). Von allen leeren Träumen sei die Beseitigung des Weltunrechts der leerste. Aber hatte er das nicht lebenslang selbst geträumt und betrieben? Mommsens politischen Lapidarstil ernst zu nehmen, fällt schwer. Die Widersprüche und Übertreibungen sind gar zu kraß. 1882 beklagte er wieder einmal die „Nichtswürdigkeit unseres Regiments und die Fäulnis der Nation", setzte aber hinzu: „die vielleicht noch die beste von allen" ist. Fäulnis der deutschen als der besten Nation von allen! Damit wird der Menschheit schlechthin Fäulnis unterstellt. „Ewig ist nichts als die Dummheit und die Bosheit" (1893). Wie kann jemand, der so etwas schreibt, Bismarck Menschenverachtung vorwerfen? Die Welt sei überall des Teufels, schreibt Mommsen 1869, und 1882 heißt es: „Wenn der Herrgott und der Teufel, wie es scheint, um die Weltgeschichte würfeln, so hat der letztere große Herr ein rasendes Glück." Unsere Erde, diesen „leidigen Dreck", habe der „liebe Gott wahrscheinlich in seinen Flegeljahren ausgearbeitet" - so 1865 und wieder 1895.

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Bismarck sah das Verhältnis zwischen Gott und Geschichte anders. Den Zipfel vom Mantel Gottes müsse man zu fassen suchen; nichts erzwingen wollen, aber die Gelegenheit ergreifen. Er hat sie genutzt, um Ziele zu erreichen, die anfangs keineswegs die seinen waren, die er sich aber zu eigen gemacht hat, als er erkannte, daß sie sinnvoll und überwiegend erwünscht waren. War er darum, wie Mommsen 1893 erklärte, der „größte aller Opportunisten"? Die beiden reinen Typen der Politiker sind der Opportunist und der Fanatiker. Häufiger sind die unreinen. Und da ist Beweglichkeit doch erträglicher als Starrsinn! Der Staatsmann nimmt das Volk, wie es nun einmal ist; belehrt es, falls erforderlich, so weit er dies kann, bricht aber nicht den Stab über ihm, wo seine Lehren nicht befolgt werden. Das Rechtgehabthabenwollen beschädigt die Verständnisbereitschaft, begrenzt die Lernfähigkeit und mindert die Chance des Rechthabenkönnens. Politische Weisheit erfordert auch die Einsicht in Geirrthabenkönnen, die Öffnung zur Selbstkritik. Diese Mängel dürfen wiederum uns nicht dazu verleiten, über Mommsen den Stab zu brechen. Er ist und bleibt ein Monument unter den deutschen Wissenschaftlern und gehört wie Bismarck allemal zu unseren hundert Besten.

Literatur M. CALDER ΠΙ/ROBERT KIRSTEIN (Hgg.), „Aus dem Freund ein Sohn". Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-MoellendorfT. Briefwechsel 1872-1903,1/Π Hildesheim 2003. LUDO MORITZ HARTMANN, Theodor Mommsen. Eine biographische Skizze, Gotha 1908. ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1 9 5 6 . EMIL LUDWIG, Bismarck. Geschichte des Kämpfers, Berlin 1927. ADELHEID MOMMSEN, Mein Vater. Erinnerungen an Theodor Mommsen, München 1992. THEODOR MOMMSEN, Römische Geschichte (RG) Bd. I, Leipzig 1854; Π, Berlin 1855; ΙΠ, Berlin 1856; V, Berlin 1885. DERS., Reden und Aufsätze, Berlin 1905. DERS., Die Grundrechte des deutschen Volkes mit Belehrungen und Erläuterungen, hg. von Lothar Wickert, Frankfurt a. M. 1969. DERS., Römische Kaisergeschichte, hg. von Barbara u. Alexander Demandt, München 1992. STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2 0 0 2 . MAX WEBER, Jugendbriefe, Tübingen 1936. LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, Bd. I-IV, Frankfurt a. M. 1959-1980. ALBERT WUCHER, Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, Göttingen 1968. WILLIAM

Von „beständiger Treue" und „begrabenen Hoffnungen": Rudolf Virchow und Theodor Mommsen Christian Andree

Wer ist's? Der große Wissenschaftler mit dem internationalen Renommee und später gefürchtete Geheimrat, der führende Vertreter seines Faches und mehrerer Fächer, wird geboren um 1820 in einer norddeutschen Kleinstadt (eher einem Dorf), unweit eines nordischen Meeres. Ein den Charakter des Landes bestimmendes schiffbares Flüßchen schlängelt sich vorbei. Platt ist das Land, Platt sprechen die Menschen. Die einfache Wiege steht in einem wenig vermögenden Elternhaus. Der Vater ist ein kleiner Funktionsträger in der Landgemeinde. Nach dem Geschmack der Zeit konnte er erst spät eine nicht mehr ganz junge Frau heimführen, die in ihrem Elternhaus bessere materielle Verhältnisse kennengelernt hatte. Sie ist eine tüchtig zupackende, fleißige Frau, die den Erstgeborenen, einen Sohn, über alles liebt. Einen großen Teil seiner späteren Selbstsicherheit zieht der Sohn aus dieser Grunderfahrung einer durch nichts zu erschütternden mütterlichen Zuneigung. Der Vater unterrichtet den Sohn zunächst mehrere Jahre lang privat. Um ihn auf eine höhere Schule schicken zu können, müssen Opfer gebracht werden. Trotz des festen Glaubens des Vaters an evangelische Glaubensinhalte zeigt der Sohn später ein eher distanziertes Verhältnis zum Christentum bzw. zum „Wunderland Religion" überhaupt,1 kann sich dessen Faszination aber nie völlig entziehen. Im Elternhaus herrscht das doppelte evangelische Bildungsideal, wonach „ein Leben voller Arbeit und Mühe keine Last, sondern eine Wohltat"2 ist (entsprechend dem von Luther mißverständlich übersetzten Psalm 90, Vers 10, wo es heißt, daß das Leben, wenn es denn köstlich gewesen, Mühe und Arbeit gewesen ist). Und die zweite Seite dieses evangelischen Bildungsideals, daß Bildung und ständiges Weiterbemühen um Wissenserwerb die höchsten und wichtigsten Tugenden seien. Er ist und bleibt ein Rationalist. Aber er lehnt den Glauben nicht vollständig ab, und das bleibt sein Leben lang so. Selbstverständlich erhält er schließlich ein christliches Begräbnis. Bei seiner Beerdigung raft der Berliner Oberhofprediger über ihn die Worte Jesu aus den Seligpreisungen des

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Matthäusevangeliums aus: „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt."3 In den 1830er Jahren besucht unser späterer Gelehrter ein ländliches Gymnasium in einer entfernten norddeutschen Stadt und besteht Ende der 1830er Jahre sein Abitur mit Glanz. Er geht in die Landeshauptstadt, um dort zu studieren, fuhrt sein Studium schnell zum Erfolg und veröffentlicht bereits während dieser Studienzeit Aufsehenerregendes. Die zeitgenössische Philosophie der Hegelschule nimmt er begierig auf. Die Promotion erfolgt quasi nebenbei ohne Anstrengung. Durch Stipendien und staatliches Wohlwollen kann er Studienreisen machen. Doch das staatliche Wohlwollen endet abrupt, als er es sich durch politische Widerborstigkeiten und revolutionäre Umtriebe' auf Dauer verscherzt. Insbesondere die sprachlich geschliffenen Zustandsbeschreibungen seines Heimatlandes erzürnen die Obrigkeit. Er, der inzwischen einen bescheidenen akademischen Status erreicht hat, wird Knall auf Fall aus seinem Lehramt entlassen, findet aber nach ca. einem Jahr Aufnahme als Professor in einer Stadt, in der man einen stark süddeutschen Akzent spricht. Dort fühlt er sich nicht heimisch. Auf Initiative Alexander von Humboldts wird er zwischen 1856 und 1858 in die aufstrebende preußische Hauptstadt Berlin berufen. Grund dafür sind sein inzwischen erworbenes internationales wissenschaftliches Ansehen auf Grund bahnbrechender Forschungsergebnisse und der Wunsch vieler Kollegen, mit ihm - der weitere wissenschaftliche Innovationen verspricht - zusammenzuarbeiten. Meine Damen und Herren, von wem spreche ich hier? Ist es Mommsen? Ist es Virchow? Die Kenner wissen es: Ich spreche von beiden. Die biographischen Übereinstimmungen sind frappierend. Ich kann auch im folgenden zeigen, daß die bisher deutliche Kongruenz der Lebensläufe in wesentlichen Aspekten auch für das weitere Leben der beiden gilt. Die lebensgeschichtlichen Übereinstimmungen lassen sich in äußerlichen Details beliebig fortsetzen. Sie gehen so weit, daß beide zwischen 1902 und 1903 sterben, auf nahe beieinander liegenden Friedhöfen Berlins ihre letzte Ruhestätte finden. Ich beziehe mich im folgenden auf den bisher nicht vollständig veröffentlichten Briefwechsel der beiden, den ich für diese Untersuchung transkribiert habe und der meiner Meinung nach die beste Arbeitsgrundlage darstellt. Aber wie haben sich die beiden überhaupt kennengelernt? 1859 hat Rudolf Virchow von der norwegischen Regierung wegen einer Lepraepidemie den Auftrag erhalten, die furchtbare Krankheit an der norwegischen Küste zu erforschen. Virchow begibt sich sogleich an das ihn schon lange interessierende Thema, und entsprechend dem Zeitideal untersucht er folgerichtig zunächst mit historischen Methoden die Herkunft, das frühere Auftreten und die Behandlungsmethoden der Lepra. Seine Leprastudien ziehen sich übrigens bis

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ans Lebensende hin. Sie beschränken sich schließlich nicht auf Norwegen. Virchow untersucht sie auch in der Antike, und 1880 unternimmt er historische und lokale Leprastudien in Spanien und Portugal. 1897 findet in Berlin eine erfolgreiche Leprakonferenz statt.4 Um dieser fürchterlichen Krankheit auf den Grund zu kommen, muß alles Denkbare versucht werden, und Virchow hat durch seine historischen Studien tatsächlich den Weg für die Entdeckung des Leprabazillus durch den Norweger Armauer Hansen bereitet. Virchow veröffentlicht die grundlegende Studie Hansens in seinem Archiv 1880.5 Nun, über die historischen Versuche Virchows in der Leprafrage gibt uns ein Briefwechsel mit Mommsen, dessen Eröffnungsbrief verloren ist, Auskunft. In einem Schreiben ohne Ort und Datum teilt Mommsen auf Virchows Anfrage ausführlich mit, wo in der Antike Fischsatzungen und Essensvorschriften existieren. Es ist da von Seiten Mommsens von der Lex Licinia Sumptuaria sowie von den Leges Liciniae überhaupt, von Strabo und seinem Bericht über den Fischreichtum an der turdetanischen Meeresküste6 die Rede.7 Virchow dankt am 17. April 1860 und bittet Mommsen, ihm weitere Mitteilungen in dieser Hinsicht zu machen. Er hofft, dadurch Nachrichten über die Erfahrungen der Alten über das Essen von Fischen und stark gesalzten Speisen zu erhalten, die ihm eventuell Aufschluß zu der These bieten können, Lepra entstehe durch Essen von zu stark gesalzenen oder gewürzten Speisen.8 Wie geht der Briefwechsel weiter? Politisch verhalten sich beide auch nach ihrer Berufung nach Berlin Ende der 58er Jahre weiterhin wenig konform der berufenden Regierung gegenüber. Beide haben dies auch nicht in den Universitätsstädten mit der süddeutschsprechenden Bevölkerung getan. Ich meine Zürich im Falle Mommsen und Würzburg für Virchow. Vielmehr haben beide ziemlich antiautoritär Gesinnten ihre Kollegen, die wie sie selbst von der 1848er Revolution gebeutelt worden sind, materiell dauerhaft unterstützt. Das gilt insbesondere für die am 4. Juni 1852 durch die dänische Regierung aus politischen Gründen entlassenen acht Kieler Professoren,9 die, ihrer Einkommensmöglichkeit beraubt, sich genötigt sahen, Schleswig-Holstein zu verlassen. Virchows und Mommsens Unterstützung für sie scheint bisher nicht bekannt geworden zu sein. Noch zu erwähnen ist, daß beide in Schlesien, insbesondere in der schlesischen Haupt- und Universitätsstadt Breslau, entscheidende Anregungen und Unterstützung für ihre zukünftige politische und wissenschaftliche Tätigkeit erhalten. Schlesien, damals erst rund hundert Jahre in Preußen integriert, ist durch seine Bodenschätze eine wirtschaftlich und industriell wichtige deutsche Provinz. Die Breslauer Universität, erst 1810 von Frankfurt (Oder) hierher verlegt, ist dem Zeitgeist besonders aufgeschlossen.10

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Gleich nachdem Virchow und Mommsen an der Berliner Universität ihre Vorlesungen aufgenommen haben, beginnen sie nicht nur intensiv, Schüler heranzubilden und in einen wahren wissenschaftlichen Arbeitsrausch zu verfallen, womit sie ihr internationales Renommee weiter ausbauen (aber das ist die Folge ihres Arbeitsrausches und nicht umgekehrt). Durch zahlreiche populäre Veröffentlichungen wirken beide auch volksbildnerisch. Sie wollen nun endlich politisch wirken. Ihr Ziel ist zunächst die nationale Einheit Deutschlands, sodann die allmähliche Demokratisierung ihres Heimatlandes, wobei sie schon darauf Wert legen, daß dies nicht unter der Vorherrschaft fremder nichtdeutscher Mächte geschehe. Mit großem Wohlwollen sehen sie dabei die nationalen Einigungsbestrebungen Italiens als Vorbild an. Beide wollen ein Volk, das, wie Mommsen über die Römer schreibt (RGI, 80), „ein freies Volk [sei], das zu gehorchen verstand, in klarer Absagung von allem mystischen Priesterschwindel, in unbedingter Gleichheit vor dem Gesetz und unter sich, in scharfer Ausprägung der eigenen Nationalität."11 Aber Virchow und Mommsen sind natürlich nicht die einzigen, die sich um 1860 für die nationalen Einheitsbestrebungen in Deutschland einsetzen. Auch ihre in Bismarck personifizierten politischen Gegner tun dies. Während diese allerdings alsbald die Einheit durch kriegerische Maßnahmen zu erreichen suchen, wollen Virchow und Mommsen das so partout nicht. Beide, immer auf die Ratio setzend, sind Anhänger liberaler Ideen. Sie lassen sich zu gleicher Zeit in das preußische Parlament wählen. Als im Juni 1861 die Legislaturperiode des preußischen Landtags von 1858 zu Ende geht, kommt noch im selben Monat für den Liberalismus ein epochales Ereignis in Gestalt der Gründung der Deutschen Fortschrittspartei. Dabei spielen Virchow und Mommsen eine entscheidende Rolle. Die Partei wird am 9. Juni 1861 von Mommsen, Virchow, Forckenbeck, dem späteren Oberbürgermeister von Berlin und Verwandten Virchows, dem Genossenschaftsmann Schulze-Delitzsch und vielen anderen gegründet. Die neue Partei versucht zum ersten Mal erfolgreich, die Wähler durch ein Aktionsprogramm fest an sich zu binden. Allerdings völlig einer politischen Meinung ist man nicht. Virchow und seine Freunde, die Berliner Demokraten, treten für ein Programm mit allgemeinem gleichen Wahlrecht ein, während Mommsen dagegen ist. Es hängt das mit dem Menschenbild der beiden zusammen. Was bleibt zu tun? Man einigt sich darüber, im Programm die Wahlrechtsfrage ganz auszuklammern. Dagegen soll in einem Begleitschreiben gesagt werden: über das Wahlrecht, wie über manche andere hochwichtige Frage, bestünden in der Partei eben Meinungsverschiedenheiten.12 Wie soll die neue Partei heißen? Die Mehrheit ist bei der letzten Beratung, am 6. Juni unter Virchows Vorsitz, für die Benennung „Demokratische

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Partei". Der Industrielle Werner von Siemens schlägt „Fortschrittspartei" vor, Schulze-Delitzsch: „Deutsche Partei". Beschlossen wird, die neue Partei „Deutsche Fortschrittspartei" zu nennen. Ihr am 9. Juni 1861 erschienener Wahlaufruf wird von Virchow und Mommsen mit unterzeichnet. Er lautet unter anderem: „Wir sind einig in der Treue fur den König und in der festen Überzeugung, daß die Verfassung das unlösbare Band ist, welches Fürst und Volk zusammenhält. Bei den großen und tiefgreifenden Umwälzungen in dem Staatensysteme Europas haben wir nicht minder die klare Einsicht gewonnen, daß die Existenz und die Größe Preußens abhängt von einer festen Einigung Deutschlands, die ohne eine starke Zentralgewalt in den Händen Preußens und ohne eine gemeinsame deutsche Volksvertretung nicht gedacht werden kann. Für unsere inneren Einrichtungen verlangen wir eine feste liberale Regierung, welche ihre Stärke in der Achtung der verfassungsmäßigen Rechts der Bürger sieht, und es versteht, ihren Grundsätzen in allen Schichten der Beamtenwelt unnachsichtig Geltung zu verschaffen [...]. In der Gesetzgebung scheint uns die strenge und konsequente Verwirklichung des verfassungsmäßigen Rechtsstaates eine erste und unbedingte Notwendigkeit. Wir verlangen daher insbesondere Schutz des Rechtes durch wirklich unabhängige Richter [...] demnach Beseitigung des Anklagemonopols einer abhängigen Staatsanwaltschaft, Aufhebung des Gesetzes vom 8. April 1847 über das Verfahren bei Kompetenzkonflikten, Aufhebung des Gesetzes vom 15. Februar 1854, betreffend die Konflikte bei gerichtlichen Verfolgungen wegen Amts- und Diensthandlungen, überhaupt wirkliche Verantwortlichkeit der Beamten, endlich Wiederherstellung der Kompetenz der Geschworenen für politische und Preßvergehen. Wir verlangen dann weiter endlichen Erlaß des [...] Gesetzes über Verantwortlichkeit der Minister. Nicht minder notwendig erscheint uns zu Preußens Ehre und zum Ausbau der Verfassung die Herstellung einer auf den Grundsätzen der Gleichberechtigung und der Selbstverwaltung gestützten Gemeinde-, Kreis- und Provinzialverfassung unter Aufhebung des ständischen Prinzips und der gutsherrlichen Polizei [...]. Die Hebung des Unterrichtswesens [...] kann nur durch den endlichen Erlaß des Unterrichtsgesetzes nach Beseitigung der ministeriellen verfassungswidrigen Regulative und Normalvorschriften erfolgen. In diesem Unterrichtsgesetze, sowie bei der dringenden Ehegesetzgebung muß [...] die Trennung des Staates von der Kirche festgehalten und vervollständigt werden. Die unerwartet großen Lasten, die in der vergangenen Legislaturperiode dem Lande auferlegt sind, fordern unbedingt, daß die wirtschaftlichen Kräfte des Landes gleichzeitig entfesselt werden, somit, daß eine Revision der Gewerbegesetzgebung [...] ins Leben trete. Für die Ehre und die Machtstellung unseres Vaterlandes, wenn diese Güter durch einen Krieg gewahrt oder erlangt werden müssen, wird uns niemals ein Opfer zu groß sein; Im Interesse

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einer nachhaltigen Kriegsführung aber erscheint uns die große Sparsamkeit für den Militäretat im Frieden geboten. Wir haben die Überzeugung, daß die Aufrechterhaltung der Landwehr, die allgemein einzuführende körperliche Ausbildung der Jugend, die erhöhte Aushebung der waffenfähigen Mannschaft bei zweijähriger Dienstzeit für die vollständige Kriegstüchtigkeit des preußischen Volkes in Waffen Bürgschaft leistet. Die Erreichung dieser Ziele wird aber, das muß dem blödesten Auge [...] klar sein, ein frommer Wunsch bleiben, solange nicht auf verfassungsmäßigem Wege eine durchgreifende Reform des gegenwärtigen Herrenhauses erfolgt ist. Diese muß daher als der Anfang aller Reformen angestrebt werden. Wir fordern nun alle Gleichgesinnten auf, Männer zu wählen, die [...] die Grundsätze der Deutschen Fortschrittspartei tief im Herzen tragen [...]. Im verfassungsmäßigen Staat werden Ziele nur durch ebenso furchtlose als konsequente und zähe Ausübung verfassungsmäßiger Rechte erreicht." Die Wahlen vom 5. Dezember 1861 haben für die neue Partei ein Ergebnis, das ihre kühnsten Erwartungen übertrifft: 140 Abgeordnete und damit die stärkste Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus. Das erste Wahlkomitee der Partei leitet neben Virchow und Mommsen der Techniker Hans Victor von Unruh, ebenfalls ein 1848er, der später der nationalliberalen Partei, einer Abspaltung der Liberalen, angehört und von 1863-1867 Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses wird. Abspaltungen und abweichende Meinungen sind von nun an das Problem der liberalen Bewegung. Viele glauben, ihre persönliche Meinung über das Gemeinwohl der Partei setzen zu können. Heftige Auseinandersetzungen untereinander und damit eine Schwächung der Partei sind die Folgen. Es ist allerdings auch an der Tagesordnung, den neuen Ministerpräsidenten von Bismarck scharf anzugreifen, der sich so gar nichts von der parlamentarischen liberalen Bewegung sagen lassen will. Virchow und Mommsen geraten alsbald in Streit mit Bismarck. Worum geht es? Kurz, Bismarck fühlt sich von beiden beleidigt oder gibt das zumindest vor. In beiden Fällen geht es um die Bismarcksche „Wahrheitsliebe". Die beiden Vorgänge liegen rund 20 Jahre auseinander, gleichen sich aber in wesentlichen Punkten. Am 2. Juni 1865 greift Virchow den Ministerpräsidenten so scharf und geschickt im Parlament wegen dessen Mißachtung des parlamentarischen Budgetrechtes an, daß dieser ihn genervt am Tage darauf zum Duell fordert, was Virchow aus grundsätzlichen parlamentarischen Gründen kühl ablehnt (politische Auseinandersetzungen sollen nicht mit Waffen geführt werden), um daraufhin als Feigling beschimpft zu werden. In der Auseinandersetzung mit Mommsen geht es ebenfalls um die nicht vorhandene Wahrheitsliebe Bismarcks in politischen Details. Bismarck führt gegen Mommsen einen Beleidigungsprozeß, der in den Jahren 1882/83 über

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mehrere Instanzen bis zum Reichsgericht in Leipzig geht und schließlich vom preußischen Ministerpräsidenten verloren wird. An beiden Auseinandersetzungen um die Bismarcksche „Wahrheitsliebe" läßt sich vortrefflich zeigen, wie unterschiedlich die Kampfesweise und die Charaktere der beiden bei aller Kongruenz in der Zielsetzung und ihrer grundsätzlichen Einstellung sind. Virchow geht den Ministerpräsidenten direkt an und bleibt bei dem, was er gegen Bismarck gesagt hat. Mommsen dagegen behauptet im Prozeß, Bismarck gar nicht gemeint, sondern mehr allgemein gesprochen zu haben. Das Gegenteil kann man Mommsen nicht nachweisen, weil seine Formulierungen zu geschickt sind, jedenfalls weniger direkt als die Virchows. Und so platzt der Bismarcksche Beleidigungsprozeß. Bismarcks Wut auf die deutschen Professoren spiegelt sich in einem Gedicht, das der „Kladderadatsch" am 5. Februar 1882 veröffentlicht. Es bezieht sich auf beide Professoren und spiegelt sicher nicht allein die Meinung Bismarcks wider. Denn inzwischen hat sich die politische Stimmung in Deutschland verändert. Ehrliche und bescheidene Professorenpolitik, wie sie Virchow und Mommsen vertreten, ist nicht mehr gefragt: „Über die Deutschen Professoren (Frei nach Pindter)13 Gibt es wohl noch ärg're Thoren Als die D e u t s c h e n Professoren? Ich behaupte ruhig: Nein, Dieses kann nicht möglich sein. Denn was sind sie? Eitle Träumer, Wind'ge Wolkenkuckucksheimer, Gaukler, Charlatans, Phantasten, Die nur den Etat belasten, Büchermänner, Schwartenklauber, Einzig stark in faulem Zauber. Wissen die Latein'sehen Namen Aller Wesen aufzukramen, Decliniren ,3os" und „Vacca", Sind zu Haus am Titicaca, Auf dem Popocatepetel, Aller (sie!) nicht in ihrem Städtel. Nur im Theoret'sehen groß, Haben sie sonst gar nichts los; Und besonders auch vom Vieh Weiß die Kuhmagd mehr als sie.

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Wenn sie doch dabei nur blieben, Daß sie dicke Bücher schrieben, Ja, das wäre gut und recht; Aber da kennt ihr sie schlecht! Das ja eben ist das Schlimme, Daß sie müssen ihre Stimme Über jeden Quark erheben, Ihren Senf zu Allem geben. In die Politik sogar Mengen sie sich - schauderbar! Pred'gen Brand in Redesälen, Lassen sich von Juden wählen, Sitzen in dem Parlament Nörgelhaft und malcontent, Immerwährend opponirend, Kanzler ärgernd, Volk verführend, Dünkelvollen Angesichts, Doch verstehen tun sie nichts. Welche wir besonders meinen, Kann nicht zweifelhaft erscheinen. Viele Schlimme sind dabei, Doch am Schlimmsten ihrer Drei: Mommsen ist der Erste - Mommsens Ganze Weisheit scheint uns Nonsens. Virchow, als des Fortschritts Fetisch, Ist genau so theoretisch. Hänel 1 4 , als der Dritt' im Bunde, Führt dasselbe Zeug im Munde. Diese Drei als Umsturzschürer, Volksverderber, Rädelsführer, Finden sicher ihren Lohn Und ein End' mit Spott und Hohn. Fort mit dieser Wühler-Race! Schickt sie nach der D a v i s - S t r a ß e , Stellt sie im P o l a r e i s kalt, Werft sie in den Gletscherspalt! Noch genug gibt's P r o f e s s o r e n , Wenn auch diese geh'n verloren. Denn P r o f e s s o r ist fast Jeder, Der nur leidlich fuhrt die Feder; Aber Commissionsrath sein Kann ein edler Mensch allein."15

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Kehren wir zur Korrespondenz der beiden zurück. Daß menschliche Zuneigung und politische Grundübereinstimmung scharfe sachliche Auseinandersetzungen nicht ausschließen, zeigt der folgende Briefwechsel. Vorausschicken muß ich, daß Mommsen schon seit seinem Wechsel nach Berlin 1858 der Berliner Akademie der Wissenschaften als ordentliches Mitglied (korrespondierendes Mitglied seit 1853) angehört. Virchow, der auf Ehrungen nie großen Wert legte,16 kommt zu dieser Akademieanerkennung erst sehr spät. Ein früher Versuch Emil Dubois-Reymonds, Virchow zum Akademiemitglied wählen zu lassen, scheitert 1864 kläglich; ein weiterer Vorschlag von Dubois-Reymond fuhrt erst im Jahr 1873 zur Wahl Virchows gemeinsam mit Werner von Siemens. Daß Virchow dieser Königlichen Akademie, in der Mommsen sogar Sekretär einer Klasse ist, nicht seine ganze Schaffenskraft widmen will, beweist der Brief Virchows vom 7. Dezember 1874, der sich auf eine Rede Mommsens in der Akademie bezieht und höchst förmlich und verärgert folgendermaßen beginnt: , Jiochgeehrter Herr College, ich glaube es den Beziehungen, welche bisher zwischen uns bestanden, schuldig zu sein, noch einmal auf unsere Unterredung vom letzten Mittwoch zurückkommen zu müssen. Vergeblich habe ich mich gefragt, welches Motiv Sie hatten, Ihrer Ansprache die möglichst harte Form zu geben und dafür gerade einen Ort zu wählen, der fast wie ein öffentlicher erschien. Nicht genug damit, mir den Austritt aus der Akademie vorzuschlagen, glaubten Sie mir auch noch die anderen Ortes gebräuchlichen Präsenzgebote vorhalten zu sollen. Ich war am Donnerstag nicht in der Lage, konstatiren zu können, wie groß mein Verbrechen in Wahrheit ist. Ich hatte geglaubt, daß eine Präsenzliste in einem besonderen Buche geführt werde, welches ausliege. Meine Erinnerung entspricht, wie ich Ihnen schon mündlich aussprach, Ihrer Anklage nicht, indes ich kann mich täuschen. Nur soviel kann ich sagen, daß ich mir nicht bewußt bin, irgendeine Sitzung ohne dringenden Grund versäumt zu haben. Auf der anderen Seite will ich nicht verschweigen, daß es mir unmöglich ist, mir eine solche Freiheit an Zeit zu verschaffen, wie es manchem anderen Akademiker beschieden ist. Als die Akademie mich wählte, ohne daß ich jemals die mindeste Andeutung eines dahin gerichteten Wunsches zu erkennen gegeben hatte, wußte jedes Mitglied, daß ich vielfache Verpflichtungen schon längst übernommen hatte. Niemand konnte glauben, ich würde, selbst wenn ich gewollt hätte, mich plötzlich frei machen und damit die Erreichung der Frucht jahrelanger Arbeit sofort aufgeben. Indem ich die auf mich gefallene Wahl nicht zurückwies, was, wie mir scheint, mehr als eine bloße Unhöflichkeit gewesen wäre, habe ich mir nicht verschwiegen, daß ich den Kreis meiner Verpflichtungen nach anderer Seite einengen müsse, und es ist meine ernste Absicht, dieß zu thun. Aber gerade Sie könnten auch wissen, wie schwer es für einen Mann des öffentlichen Lebens ist, solche Absichten auszufuhren [...]."

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Es ist interessant, wie Virchow sich hier im Gegensatz zu Mommsen als Mann des öffentlichen Lebens stilisiert, was entsprechend ihrem politischen NachAußen-Wirken auch zutrifft. Seine parlamentarische bzw. öffentliche Tätigkeit war nicht wie bei Mommsen auf wenige Jahre und wenige Reden beschränkt, sondern umfaßte, wie an anderer Stelle dieses Aufsatzes erwähnt, alle politischen Bereiche der Jahrzehnte zwischen Ende der 1850er Jahre und 1902. Insbesondere Virchows Anteilnahme am Aufblühen Berlins in dieser Zeit wurde von den - gelegentlich bösartigen - Zeitgenossen stärker wahrgenommen als die Mommsens. So urteilte etwa Friedrich Engels in einem Brief: „Wo anders könnte ein Mann z.B. von dem wissenschaftlichen Ruf Virchows seinen höchsten Ehrgeiz darin suchen - Stadtverordneter zu werden."17 Virchows Brief an Mommsen schließt mit folgendem Absatz: „Sollte ich mich überzeugen, daß es mir nicht möglich ist, auch der Akademie gegenüber wirkliche Arbeit zu leisten, so wird es keines Zuspruchs bedürfen, um mich zum Rücktritt zu bringen. Auf alle Fälle bitte ich Sie, mir nicht noch einmal eine so peinliche Lage zu bereiten, wie die neuliche war. So dankbar ich freundliche Belehrung und Warnung annehme, so wenig bin ich daran gewöhnt, von Freunden an die Wahrung meiner Ehre, in harten Worten noch dazu, erinnert zu werden. Mit vollkommener Hochachtung R. Virchow"18 Mommsen, der über Jahre immer wieder, wie die weiteren Korrespondenzteile beweisen, zu Virchows nach Hause eingeladen wird - von Einladungen Virchows zu Mommsens sagt die Korrespondenz nichts, aber das mag ein Zufall sein bzw. Virchows noch größerer Arbeitsbelastung geschuldet werden - , muß von Ton und Inhalt des Briefes zutiefst erschreckt worden sein. Jedenfalls schreibt er Virchow am nächsten Tag, dem 8. September 1874, außerordentlich verbindlich, wenngleich auch nur mit der Anrede „Verehrter Herr College": „Mit der äußersten Ueberraschung und ich setze hinzu, mit lebhaftem Schmerz, habe ich Ihren Brief gelesen. Was die Tatsache anlangt, ob und wie häufig oder nicht häufig Sie kommen, so sage ich wie Sie: Meiner Erinnerung nach haben Sie oft gefehlt, aber ich kann mich irren. Ich glaube es nicht, denn als neulich bei einer Wahl die Rede darauf kam, wurde es von anderer Seite bestätigt. Aber es können ja auch andere irren. Und schließlich kommt es darauf nicht an; eine Präsenzliste wird gefuhrt (nicht von mir), aber weder Sie noch ich werden an diese appeliren. Aber das weiß ich, daß meine Worte nichts enthalten sollten, als eine, wahrscheinlich nur zu lebhaft ausgedrückte Bitte darum, daß Sie uns nicht fehlen möchten. Haben Sie das aus meinen Worten nicht herausgehört, so muß ich mich freilich sehr ungeschickt ausgedrückt haben. Aber ich versichere Sie als ehrlicher Mann, daß gerade der Wunsch bei den langen und oft so leidigen Verhandlungen über unsere Statuten und was daran hängt einen Mann wie Sie zur Seite zu haben mich zu

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jener Apostrophe veranlaßte. Sie zum Austritt aufzufordern, dazu wäre ich wahrlich der letzte gewesen. Was ich gesagt habe, sollte nur bezeichnen, daß uns das beste Mitglied nichts nützt, wenn es nicht erscheint. Gesprochene Worte kann man nicht ungesprochen machen; wenn sie verletzt haben, bleibt kein anderes Mittel als zu erklären, daß sie nicht beleidigen sollten. Ich thue dies hiemit und bin auch bereit, wenn Sie es wünschen, dies persönlich, vor wem Sie wollen, zu wiederholen. Lassen Sie aber die Sache nicht nachwirken und nehmen eine aufrecht gemeinte Entschuldigung ebenso aufrichtig an. Es giebt Gelegenheiten genug, wo wir Ursache haben zusammenzustehen; lassen Sie nicht ein heftiges Wort Beziehungen zerstören, auf die ich immer Werth gelegt habe. Ihr Mommsen"19 Virchow nimmt die Entschuldigung an. Er schreibt an Mommsen noch am selben Tage, und man spürt, wie ihm ein Stein vom Herzen fällt: „Verehrter Herr College, Herzlichen Dank für Ihre prompte und liebenswürdige Antwort! Lassen wir die Angelegenheit nunmehr als erledigt gelten. Ich werde meinerseits bemüht sein, Ihr Lob zu verdienen, bitte nur um gelegentliche Nach20

sieht. Mit freundlichem Gruße R. Virchow" In den folgenden Jahren nimmt Virchow als Begründer der neueren deutschen Ur- und Frühgeschichtsforschung 21 Mommsen dann gern in Anspruch, wenn er aus dessen historischen Kenntnissen Rat und Auskunft erhoffen kann. So fragt Virchow Mommsen am 25. April 1871, wann „in Rom zuerst Zink in der Erzund Bronzemischung auftritt". 22 Am 8. Juni 1874 schreibt Virchow an Mommsen: „Verehrter Freund, hier haben Sie [...] meinen Vortrag über die Urbevölkerung [...]." 23 Virchow diskutiert dann mit Mommsen die Frage des Ursprungs der Ligurer und Illyrer und schließt seinen Brief mit der Ergebenheitsformel „Ihr Rudolf Virchow", die er nach dem Zerwürfnis wegen der Akademie nicht mehr nutzt, während Mommsen bei der vertraulichen Formel „Ihr Mommsen" bis zum Ende bleibt. Die in der Mehrzahl kurzen politischen Briefe - oft formlose Mitteilungen der nächsten Jahre übergehen wir hier, weil wir gleich auf die parlamentarische Zusammenarbeit der beiden einzugehen beabsichtigen. Nur ein Brief sei erwähnt: der Virchows an Mommsen vom 15. Dezember 1881.24 Er enthält eine politische Warnung Virchows an Mommsen: „Puttkamer25 hat Sie heute wegen Ihrer Wahlbriefe direkt und stark angegriffen. ,Mehr Kleon als Perikles.' Die Sitzung ist vertagt und wird morgen fortgesetzt. Sie müssen, wenn auch nicht nothwendig, antworten, doch die Sache vorher genau ansehen." Mommsen wird also von Puttkamer, einem engen politischen Vertrauten Bismarcks und Kaiser Wilhelms I., mit Kleon verglichen, jenem Demagogen, der im Gegensatz zu dem großen athenischen Staatsmann Perikles rücksichtslos

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ihm nicht genehme Personen mit Verleumdungen und Prozessen verfolgte und einschüchterte. Kleons Beredsamkeit, durch die er dem Volk schmeichelte, galt im antiken Athen als wenig vornehm. Der Brief verdeutlicht, wie der politisch aktivere Virchow den immer leicht depressiven Freund Mommsen zu aktivieren versucht, denn dieser hat viele Sitzungen des Preußischen Abgeordnetenhauses und Reichstages versäumt. Mommsen ist überhaupt nur von 18631867, 1873-1879 Mitglied des Abgeordnetenhauses und für drei Jahre von 1881-1884 Reichstagsabgeordneter. Virchow ist in drei Parlamenten gleichzeitig über Jahrzehnte tätig (neben dem Abgeordnetenhaus von 1861-1902 im Reichstag von 1878-1893 sowie in der Berliner Stadtverordnetenversammlung von 1858 bis zum Tode 1902). Nun zurück zu den Teilen der Korrespondenz, die wissenschaftlich geprägt sind. Am 24. Januar 1885 schreibt Mommsen an Virchow: „Lieber College, Unser nächster Sitzungsbericht bringt einen Artikel über den seligen Varus, deßen Taschengeld wir glauben gefunden zu haben, und der auf jeden Fall auch Sie intereßieren wird. Ich werde darauf aufmerksam, leider spät, daß die deutsche anthropolog. Gesellschaft ihre Arbeiten auch auf die Aufzeichnung der Römerfunde erstreckt, speciell in dem Bericht über die Berliner Versammlung 1880 davon die Rede ist. Ich brauche zur Zeit nur das Gebiet zwischen Ems, Weser und Lippe, sollten darüber Collectaneen oder Zusammenstellungen durch Ihren Verein gemacht sein, so würden Sie mich durch baldige Zusendung verpflichten. Ganz der Ihrige Mommsen"26 Hier geht es um die erst in unseren Tagen gelöste Frage des Ortes der Varusschlacht, den Mommsen in jener Zeit, wie wir heute wissen, schon richtig lokalisiert hat, mit Hilfe des „Taschengeldes des seligen Varus". Zu Mommsens 70. Geburtstag schreibt der vier Jahre jüngere Virchow am 29. November 1887 folgenden Brief: „Verehrter Freund, obwohl es mir unmöglich ist, Ihnen morgen persönlich meine Glückwünsche zu bringen, so will ich doch nicht in den Verdacht kommen, als ob ein solcher Tag ohne tiefe Erregung an meiner Seele vorüberginge. Zu wissen, daß in einer Zeit solchen Wechsels unter der kleinen Zahl der Beständigen ein solcher Meister der Wissenschaft ist, gewährt einen großen Trost und erhebt die zagenden Gedanken. Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Treue und möge Ihr tapferer Geist noch lange arbeitsfrisch erhalten bleiben! Mit herzlichem Gruße R. Virchow"27 Am 5. Februar 1889 schreibt Virchow wiederum an Mommsen: „Ich komme diesmal, um Ihren vertraulichen Rat zu bitten. Der Tod von Holtzendorff stellt die Redaktion unserer "Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge" vor eine schwere Entscheidung. Holtzendorff hatte die eine Hälfte der Redaktion, betreffend die geschichtlichen und literarische Vorträge, während

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mir die naturwissenschaftliche Hälfte zufiel. Moderne Politik und Religion hatten wir von Anfang an ausgeschlossen. Wo soll ich nun einen Ersatz suchen? Daß ich nur mit einem wahrhaft liberalen, unabhängigen und gänzlich geachteten Mann die Redaktion fuhren kann, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Wissen Sie einen oder gar mehrere Männer? Ich bemerke, daß ich mich natürlich mit der Verlagsbuchhandlung verständigen muß, und auch das ist vielleicht nicht ganz leicht, da diese (früher J.F. Richter in Hamburg) in ein Actien-Unternehmen verwandelt ist. Es tuth mir leid, Sie mit einer so delicaten Anfrage behelligen zu müssen. Aber ich denke, daß auch Sie einiges Interesse daran haben werden, daß unsere Sammlung 28 nicht in feindliche Hände geräth. Mit freundlichem Gruß R. Virchow" Was war geschehen? Virchow, der Rastlose, kann am Ende seines Lebens nicht nur auf Erfolge zurückblicken. So muß er erleben, wie eines seiner Bildungsprojekte für Frauen, Handwerker und Arbeiter scheitert. Von 1866 bis 1901 gibt er die eben zitierte „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge" in zwei Folgen zu 480 bzw. 360 Heften heraus. Mitredakteur ist der Jurist Franz von Holtzendorff 29 , ein vehementer und erfolgreicher Gegner der Todesstrafe. Die von den ersten Fachgelehrten geschriebenen Texte redigieren Virchow und Holtzendorff so, daß sie allgemein verständlich werden. Aber der Erfolg bleibt dem Unternehmen versagt. Die insgesamt 840 Hefte der Sammlung erscheinen bei verschiedenen Verlegern, und der mehrfache Verlagswechsel weist darauf hin, daß der Reihe kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden ist. Offensichtlich hat auch Mommsen Virchow nicht helfen können, und Virchow muß in seinem Schlußwort auf die Sammlung verkünden: „Möge es der Welt beschieden sein, dass die durch uns gepflegte Methode der selbständigen Beobachtung und Beurtheilung den kommenden Geschlechtern erhalten bleibe." 30 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist einiges von den Programmpunkten, die sie 1861 gemeinsam für die Fortschrittspartei aufgestellt haben, erreicht. Aber in Virchows und Mommsens Sinne gibt es doch noch viel mehr zu erkämpfen. Im gemeinsam geführten Berliner Antisemitismusstreit, dem ja ein eigener Vortrag dieser Mommsen-Reihe gewidmet ist und auf den ich daher nicht näher eingehen möchte, verurteilen beide scharf alle Rassendiskriminierungsversuche, ob sie nun den einzelnen oder ganze Völker betreffen, und wie sie etwa von Joseph Arthur Gobineau in seinem vierbändigen Werk über die Ungleichheit der Menschenrassen (Paris 1853 - 1855) begonnen worden sind. Es wäre verlockend für den Herausgeber der Virchow-Ausgabe, auf die vielen Parlamentsreden Virchows mit Bezug auf Mommsen, wie sie in meiner Virchow-Gesamtausgabe alle gedruckt inzwischen vorliegen, hier einzugehen.

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Möge es der Leser mit Hilfe der umfangreichen Register der Virchow-Ausgabe selbst unternehmen. In Virchows und Mommsens zutiefst humanistischem Denken und Fühlen haben alle Menschen die gleichen Rechte. Entsprechend kann sich, solange Virchow der führende Kopf der wissenschaftlichen deutschen Anthropologie ist, der Mythos von der überlegenen und also zu bevorzugenden nordischen Rasse in Deutschland nicht durchsetzen. Erst nach Virchows Tod hat er eine wirkliche Chance. Im persönlichen Umgang verhält sich Virchow entsprechend. So zieht er sich harsche Kritik aus antisemitischen, rassistischen Kreisen durch die Auswahl seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter auf medizinischem Gebiet zu. Einer seiner begabtesten Schüler ist der experimentelle Pathologe Julius Cohnheim, der später auch in Kiel wirkt. Ein anderer Oskar Israel. Mit diesen und anderen versucht Virchow sein gigantisches Lebensprogramm, die Erforschung des Menschen und der Natur, „von der Gottheit bis zum Stein", zu verwirklichen. Es kommt ihm also nie auf die Rassen-, Stammes- oder Religionszugehörigkeit eines Mitarbeiters an, sondern er wählt diese ausschließlich nach ihrer wissenschaftlichen Qualifikation aus. Sofort wird er selbst zum Ziel antisemitischer Anfeindungen, gegen die er sich aber erfolgreich zur Wehr setzt in seiner Schrift „Die Besetzung der Assistentenstellen am Berliner Pathologischen Institut mit Bezug auf das Glaubensbekenntnis der Bewerber" (1868). Im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit steht er also neben seinem Freund Theodor Mommsen gegen die Judenhetze. Nach vielen weiteren Briefen, die Virchow und Mommsen miteinander wechseln (das Telefon war damals, Gott sei Dank, noch nicht so in Mode, sonst hätten wir diese Briefe nicht) und die ich hier nicht alle aufführen kann, möchte ich nun den Brief Virchows zu Mommsens 80. Geburtstag vom 28. November 1897 zitieren: „Mein verehrter Freund, da Sie, wie die Presse verbreitet, an Ihrem Jubeltage nicht in Berlin sein wollen, so komme ich mit dem Ausdruck meiner Gefühle etwas früher. Freilich habe ich Ihnen nichts Neues zu sagen, aber vielleicht ist Ihnen aus dem Mund eines so alten Freundes doch die Versicherung etwas werth, daß er stolz ist in der Erinnerung an so manchen Tag der Prüfung, die er gemeinsam mit Ihnen bestanden hat, und daß jedes weitere Jahr seine Verehrung gesteigert hat. Für uns Biologen [der Pathologe Virchow hat sich immer als Biologe gefühlt] bleiben Sie ein Wunder an Reparationsfähigkeit und von Dauerhaftigkeit der alten Ganglien. Mögen Sie uns noch lange als Vorbild und Lehrmeister erhalten bleiben! In alter 31 Treue Ihr ganz ergebener Rudolf Virchow"

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Der nächste uns erhaltene Brief stammt dann vom 1. Januar 1901 und bezieht sich auf den 79. Geburtstag Virchows am 12. Oktober 1900. Geschrieben hat ihn Theodor Mommsen: „Lieber Freund und College, Sie luden zum 12. Oktober ein, und ähnliche Einladungen zu Ihrem Fest sind schon manche zu mir gekommen. Sie werden mir aber verzeihen, wenn ich diesem sehr berechtigten, aber sicher auch sehr angreifenden Festjubel fernbleibe. Sie zweifeln, das weiß ich, nicht an meiner Achtung für Sie, persönlich, wissenschaftlich, politisch - kleine Differenzen im Thon und im Aeußeren bestätigen nur, dass wir verbunden sind und es auch bleiben werden. Aber ich brauche Ruhe und kann mehr und mehr das Leben nur ertragen allein mit meinen Büchern und meinen Kindern. Ihr getreuer Mommsen."32 Es erscheint bemerkenswert, daß in dieser Aufzählung Frau Mommsen überhaupt keine Rolle spielt. Einen solchen Brief hätte Virchow nicht geschrieben, wie ich nachweisen konnte. Virchow bezog seine Frau stets mit ein. 33 Noch einmal wird hier der Grundunterschied in der Haltung der beiden Gelehrten deutlich. Virchow bleibt bis ans Lebensende politisch aktiv, kämpferisch und bei aller Skepsis optimistisch, dem Glauben an einen langsamen Fortschritt hingegeben. Er kann auf seine Leistung als Mediziner, Pathologe, Anthropologe, Prähistoriker, Politiker und Biologe stolz sein und ist es in Grenzen wohl auch. Von Mommsen wissen wir, wie skeptisch er am Lebensende seine Arbeit und seine politischen Erfolge beurteilt und daß er eher pessimistisch in die Zukunft schaut. Natürlich sieht auch Virchow die Fortschrittshemmnisse seiner Epoche. Aber er kämpft unverdrossen. Der resignative Mommsen gibt eher auf. Vielleicht hat damit auch zu tun, wie unterschiedlich Virchow und Mommsen im 20. Jahrhundert wahrgenommen werden. Die Nazis hassen Virchow derartig, daß sie gegen ihn eine Hetzkampagne ohnegleichen einleiten, die so Mommsen posthum nicht erdulden muß. In dem das Führungsprinzip auch in der Wissenschaft verherrlichenden Tobis-Film „Robert Koch" von 1939 mit Emil Jannings in der Hauptrolle wird Virchow in der Darstellung durch Werner Kraus zum bösartigen Gegner der Führerpersönlichkeit Koch stilisiert. Virchow erscheint dort als parlamentarischer Verhinderer jeglichen Fortschritts und in seiner Gegnerschaft zu Bismarck als gefährlicher politischer Dummkopf. Es stellt sich für uns die Frage nach dem Sinn vergleichender Beschäftigung mit diesen beiden großen Forschern. Ich denke, es ist ihr Vorbild, ihre demokratische Haltung, die wir gut in den Kämpfen unserer eigenen Zeit gebrauchen können, entsprechend dem hier zum Schluß zitierten Brief Mommsens an Virchow aus Charlottenburg vom 3. Dezember 1897, der der Antwort-

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brief auf Virchows oben zitierte Glückwünsche zum 80sten Geburtstag Mommsens ist: „Mein verehrter Freund, Haben Sie Dank für Ihre guten Worte. Ja wohl haben wir manches zusammen bestanden, manche Hoffnung gemeinschaftlich begraben. Unterpflügen aber haben wir uns nicht lassen und wir wollen hoffen, daß dies sich auf unsere Kinder vererbt und daß der steife Rücken, der leider bei unseren lieben Landsleuten so rar ist, auf sie übergeht. In guter Treue Ihr Mommsen"34.

Anmerkungen 1 2 3 4 5

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Vgl. ALEXANDERDEMANDT, Theodor Mommsen, NDB 18, Berlin 1997, 25-27. So lautete das Thema von Virchows Abituraufsatz am Gymnasium in Stolp. CHRISTIAN ANDREE, Rudolf Virchow. Leben und Ethos eines großen Arztes, München 2002, 26. Laut einem Brief Virchows an Ranke vom 17. Oktober 1897, vgl. CHRISTIAN ANDREE, Rudolf Virchow als Prähistoriker, Band 2, Köln/Wien 1976, 436. RUDOLF VIRCHOW (Hg.), Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin 79 (1880), 32. Die Zeitschrift erscheint noch heute unter dem Titel „Virchows Archiv". Um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. vermischten sich die Iberer teilweise mit den zuwandernden Kelten und bildeten in Südspanien, dem heutigen Andalusien, das Volk der Turdetaner. Diese waren in der Provinz Baetica, westlich des Flusses Genil, an beiden Ufern des Guadalquivir und bis in das südliche Lusitanien (Portugal) hinein seßhaft. Als Küstenbewohner waren sie mit den Phöniziern zuerst in Berührung gekommen und hatten von ihnen den Gebrauch der Schrift, das Wohnen in Städten und die Ausübung vieler Handwerke erlernt. Vgl. ANDREE, Virchow als Prähistoriker (wie Anm. 4), 347. Dort habe ich den Briefwechsel Mommsens mit Virchow erstmals abgedruckt. Diese Edition wird ergänzt durch die Publikation: CHRISTIAN ANDREE, Welches Verhältnis hatte Rudolf Virchow zu zeitgenössischen Dichtern, Künstlern, Verlegern und Editoren? Versuch einer Annäherung über die Korrespondenzpartner, Teil Π, Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 12 (1994), 259-285 (Festschrift für Gundolf Keil). „Mich interessirt die Frage hauptsächlich wegen des Genusses gesalzenen u getrockneten Fisches, der sich daran knüpft. Was die von Hemma (Plin. h. n. ΧΧΧΠ,ΙΟ) erwähnten Verbote der schuppenlosen Fische betrifft, so stimmt sie ganz mit den mosaischen Bestimmungen (Levit. 11,9 - 12) überein, u es ist damit offenbar nicht bloß die Klasse der eigentlichen Fische (Aale), sondern alles mögliche Meergewürm gemeint, das unrein ist. Sicherlich handelt es sich hier um alte sanitätspolizeiliche Bestimmungen. Sollte Ihnen noch etwas über Lex Licinia oder verwandte Gegenstände aufstoßen, so bitte ich es gelegentlich zu notiren.

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[...]", Brief Rudolf Virchows an Theodor Mommsen am 17. April 1860, vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 5), 267.

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Die acht abgesetzten Kieler Professoren sind zum ersten Mal vollständig aufgeführt in: CHRISTIAN ANDREE (Hg.), Rudolf Virchow Sämtliche Werke, Band 5 9 , Berlin/Wien 2001, 965. Vgl. CHRISTIAN ANDREE, Die Geschichte der Universität Breslau von den Anfängen bis 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Beziehungen zur Universität Frankfurt (Oder), Jahrbuch der schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 45 (2004; im Druck).

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Vgl. DEMANDT, Mommsen (wie Anm. 1), 26.

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Vgl. OSKAR KLEIN-HATTINGEN, Die Geschichte des deutschen Liberalismus, Band 1, Berlin-Schöneberg 1911, 236-239. Der Journalist Emil Friedrich von Pindter (19. Dezember 1836, Ungarisch Hradisch (Mähren) - 28. August 1897, Berlin) leitete 1872-1894 die Berliner „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", das Sprachrohr Bismarcks. 1876 war er Mitbegründer der Deutsch-Konservativen Partei. Nach Bismarcks Rücktritt 1890 trat er aus der Redaktion aus. Der liberale Kieler Jurist und Politiker Albert Hänel (10. Juni 1833, Leipzig 12. Mai 1918, Kiel) beteiligte sich an der nationalen Bewegung in SchleswigHolstein und war von 1867-1888 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Seit 1884 gehörte er der Freisinnigen Partei und seit 1893 der Freisinnigen Vereinigung an. Er war auch Reichstagsabgeordneter. In: Kladderadatsch, XXXV. Jahrgang, 5. Februar 1882 (Nr. 6), 22. Vgl. die Einleitung zu: CHRISTIAN ANDREE (Hg.), Über Griechenland und Troja, alte und junge Gelehrte, Ehefrauen und Kinder. Briefe von Rudolf Virchow und Heinrich Schliemann aus den Jahren 1 8 7 7 - 1 8 8 5 , Köln/Wien 1 9 9 1 , 2 7 . Zitiert nach ANDREE, Rudolf Virchow. Leben und Ethos (wie Anm. 3), 68. Engels Brief stammt vom 2 5 . Juni 1 8 7 7 (an Wilhelm Bracke); vgl. KARL MARX/FRIEDRICHENGELS, Werke, Berlin (DDR) 1966, Bd. 34, 279. Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 270f.

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Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 271.

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20 Ibid. 2 1 Vgl. CHRISTIAN ANDREE, Rudolf Virchow als Prähistoriker, drei Bände, Köln/ Wien 1 9 7 6 - 1 9 8 6 . 22 Vgl. ANDREE, Rudolf Virchow als Prähistoriker (wie Anm. 21), Band 1, 122. 23 Gemeint ist ein populäres Büchlein Virchows in seiner „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge" über „Die Urbevölkerung Europas", Berlin 1874. 24

Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 274.

25 Der Politiker Robert von Puttkamer (5. Mai 1828, Frankfurt (Oder) - 15. März 1900, Karzin bei Stolp) war ein enger Vertrauter Kaiser Wilhelms und Bismarcks und seit 1881 Innenminister und noch im selben Jahr Vizepräsident des Staatsministeriums. Streng konservativ, unterwarf er den Beamtenapparat einer strengen Reglementierung. 26

Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 275.

27 Ibid.

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28 Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 275f. 29 Der Jurist Franz von Holtzendorff (14. Oktober 1829, Vietmannsdorf bei Templin/Uckermark - 4. Februar 1889, München) war zu seiner Zeit ein auch im Ausland sehr bekannter deutscher Jurist, dessen aktiver Kampf gegen die Todesstrafe erfolgreich war. Er widmete sich der Volksbildung und Armenfursorge sowie der Verbesserung der Rechtsstellung und Bildungsmöglichkeiten von Frauen - wie Virchow. 30 Vgl. ANDREE, Rudolf Virchow. Leben und Ethos (wie Anm. 3), 131. 31

Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 276.

32 Vgl. ANDREE, Verhältnis (wie Anm. 7), 276f. 33 Vgl. ANDREE, Rudolf Virchow. Leben und Ethos (wie Anm. 3), 72-92. 34 Vgl. ANDREE, Rudolf Virchow als Prähistoriker (wie Anm. 21), Band 2, 349.

Mommsen und Harnack: Die Geburt von Big Science aus den Geisteswissenschaften Rüdiger vom Bruch

Mommsen und Harnack hätten den Titel dieses Vortrage mißbilligt. Beide hätten kopfschüttelnd gefragt, wohin ist es nur mit unserer Berliner Universität einhundert Jahre später gekommen. Mommsen sähe sich in seinem ohnehin tief ausgeprägten Skeptizismus gegenüber dem deutschen Bürgertum und seinen Gelehrten lediglich bestätigt, Harnack hätte, nach lange bewahrter Fortschrittshoffnung in deutschen Angelegenheiten, an seinem Lebensende, fast drei Jahrzehnte nach dem Tod von Mommsen, vermutlich ähnlich votiert. Beklommen sehe ich den durchdringenden Habichtblick von Mommsen auf mich gerichtet, flankiert von spöttischer Musterung mit bekannt hochgezogener linker Augenbraue durch Harnack, eher noch verschärft denn gemildert durch die starken Brillengläser der beiden. Wir blicken auf den Juristen und Historiker Theodor Mommsen und auf den Theologen und Kirchenhistoriker Adolf Harnack, beide glänzende Wissenschaftsliteraten und Erfolgsautoren, nobelpreiswürdig der eine mit seiner „Römischen Geschichte", Bestsellerautor der andere mit seinem „Wesen des Christentums". Beide Pioniere einer generalstabsmäßig organisierten Grundlagenforschung zum Quellenkorpus der Antike, beide weit über fachdisziplinäres Spezialistentum hinausgreifend, Vorreiter einer interdisziplinär wie international vernetzten Verbundforschung. Beide einander in respektvoller Hochachtung persönlich eng verbunden, trotz des gewaltigen Altersunterschiedes Geburtsjahr 1817 der eine, 1851 der andere - , trotz extrem unterschiedlicher Herkunftsmilieus mit nur scheinbar verbindenden grenzlanddeutschen Wurzeln: gesamtdeutsch, aber liberal-demokratisch empfindend der in dänischer Diaspora aufgewachsene Mommsen, der gleichwohl als unentbehrlicher Berater Friedrich Althoffs in Wissenschaftsangelegenheiten den Pakt mit dem guten Teufel im verhaßten System der deutschen konstitutionellen Monarchie geschlossen hatte; glühend national imprägniert, wenngleich eigenständig sozialliberal in Verbindung mit Friedrich Naumann sich entwickelnd der Balten-

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deutsche Harnack, der unbeirrt an der Größe des Deutschen Reiches durch Wissenschaft, Wehrkraft und Industrie festhielt. Agnostisch-liberales Urgestein Mommsen, anpassungsfähiger, aber überzeugungsstarker liberaler Kulturprotestant Harnack, auf den sich die lutherische Orthodoxie einschoß, der damit nach den Regeln des „Königsmechanismus" als outsider gelten mußte und doch zu einem bevorzugten Gast von Wilhelm II. avancierte, sich gar dem Vorwurf eines Höflings konfrontiert sah.1 Hochkultivierte, in Zitaten sprühende „Bildungsbürger" beide, doch Harnack eher den ,modernistischen' Typus von Mandarinen verkörpernd, der gerade in elastischer Anpassung an Werteund Systemwandel seinen Grundüberzeugungen treu blieb,2 Mommsen hingegen, noch vor seinem Altersgenossen Emile Zola den für Westeuropa geprägten Begriff des Intellektuellen repräsentierend, als „Generalkritiker im kompromisslosen Einsatz für universelle, überparteiliche Werte".3 Generationell, durch Herkunftsmilieus, differente Prägungen von politischer Kultur und Wertbindungen deutlich voneinander geschieden, so verband doch beide, Mommsen wie Harnack, eine bemerkenswerte, auf gegenseitige Hochachtung gegründete wissenschaftliche und schließlich persönliche Nähe im Bewußtsein verbindender Kongenialität, nämlich wie Wissenschaft modern und effizient, interdisziplinär und international zu betreiben sei. Mit liebevoll-beziehungsreicher Ironie titulierten sie sich gegenseitig als alten Meergreis und als Rose von Jericho.4 Daneben war Harnack 1890 Mitbegründer und später Präsident des Evangelisch-Sozialen Kongresses als einer maßgeblichen sozialpolitischen Formation zur Überwindung klassenpolitischer Verhärtung,5 er war Generaldirektor der Königlichen Bibliothek (heute Staatsbibliothek) in Berlin und bewirkte in dieser Funktion eine grundlegende Organisation des Katalog- und Ausleihsystems, er sicherte den Anschluß an die großen Nationalbibliotheken in Paris und London. Für diese auf Preußen bezogene Leistung wurde er Anfang 1914 in den erblichen Adelsstand erhoben, eigentlich aber wohl wegen seiner (Mit-) Begründung und Leitung der 1911 errichteten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V.6 Doch mit Mommsen verband ihn vor allem eine ungewöhnlich fruchtbare Zusammenarbeit in der Berliner Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften.7 Mit dieser Akademie werden wir uns nun genauer zu befassen haben, was angesichts der Themenstellung zunächst verwundern mag. Zweifellos war die Berliner Wissenschaftsakademie eine honorige Organisation, eine bedeutende, von Leibniz konstruierte und 1700 vom preußischen Kurfürst Friedrich III. in enger Verbindung mit seiner kultursinnigen Frau gegründete Gelehrtensozietät, seit 1701 eine Veranstaltung des nunmehrigen Friedrich I. im Königreich

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Preußen. Nach schwierigen Anfangsjahrzehnten blühte die Akademie seit 1740 unter Friedrich II. auf, dämmerte Ende des 18. Jahrhunderts eher vor sich hin und gewann erneutes Profil mit der Gründung der Berliner Universität 1810. Jeder Akademiker hatte nun das Recht, an der Berliner Universität zu lehren, das galt von Alexander von Humboldt bis zu Albert Einstein, und die bedeutendsten Berliner Universitätsprofessoren, sehr viele also, wurden an die Akademie berufen. Doch eine solche Berufung prämierte in der Regel ausgewiesene wissenschaftliche Exzellenz, eröffnete kaum wissenschaftliche Innovationschancen. Es handelte sich vorrangig um einen fachdisziplinär gegliederten Honoratiorenverein, der zwar wie noch ältere und vergleichbar bedeutende Wissenschaftsakademien in London und Paris beanspruchte, das gesamte gelehrte Wissen zu repräsentieren, aber in seiner Klassengliederung und in seinem Zuwahlmodus neben Exzellenz fachliche Quotierung stellte, disziplinare Abschottungen im Prozeß einzelwissenschaftlicher Verfachlichung im 19. Jahrhundert begünstigte und jungen Sozial-, Wirtschafts- und Technikwissenschaften keinen Raum bot bzw. diese allenfalls über Umwege inkorporierte. 8 Ließ sich damit um 1900 ein Aufbruch zu neuen Ufern im Wissenschaftssystem bewirken? Mommsen wie auch Harnack haben bis zu ihrem Lebensende 1903 bzw. 1930 bedeutende Positionen in der Berliner Akademie besetzt und wissenschaftsorganisatorische Innovationen vorangetrieben. Doch beide resignierten letztlich, da ihnen von der Akademie aus eine grundlegende Modernisierung des preußisch-deutschen Wissenschaftssystems unmöglich erschien. Resigniert vermerkte Mommsen in seiner Ansprache zum Leibniztag der Akademie 1895: „Wenn Leibnizens Akademie als Fortführerin seiner Arbeiten betrachtet werden darf und wenn sie darin ihre rechte Legitimation hat, so können wir uns doch nicht verbergen und müssen uns damit abfinden, daß diese Fortführung, in ihrer Zersplitterung auf mehrere Klassen und innerhalb dieser Klassen auf zahlreiche engere Kreise, ein Surrogat ist, unentbehrlich und wirksam, aber nicht unbedingt gesund und nicht unbedingt erfreulich. Unser Werk lobt keinen Meister und keines Meisters Auge erfreut sich an ihm; denn es hat keinen Meister und wir sind alle Gesellen."9 Harnack wiederum, Geisteswissenschaftler par excellence, konnte sich gleichwohl zukünftige Größe Deutschlands nur in einer effizienten Verkoppelung von Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort vorstellen, insbesondere also durch industrienahe Forschungsförderung mit Schwerpunkt auf den Naturwissenschaften, wie dies in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft geschah. Zugleich hoffte er auf eine Kooperation zwischen der strukturell veralteten, aber über ein bedeutendes gelehrtes Kapital verfugenden Akademie und der mit erhebli-

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chem ökonomischen Kapital durch private Mäzene ausgestatteten Akademie. In einem vertraulichen Brief an den Akademie-Sekretar Hermann Diels vom 28. Oktober 1912 betonte Harnack: „Auf der einen Seite steht die Akademie mit den großen geistigen Kräften. Aber gemessen an den Aufgaben der Gegenwart sind ihre Mittel kläglich gering und ihre Organisation ist m.E. in mehr als einer Hinsicht zu schwerfällig und veraltet. [...] Die Organisation der Akademie stammt aus der Zeit, da Wissenschaft lediglich Sache der Gelehrten war und in gewisser Weise ein Arcanum. Die Akademie - will sie in lebendiger Fühlung mit der neuen Stellung der Wissenschaft bleiben und die Führerrolle behaupten - muß sich erweitern. Andernfalls droht ihr, daß sie auf die Rolle sich selbst beschränkt, die der Senat in der späten [gemeint ist römischen] Kaiserzeit hatte." Dagegen habe die KWG „die nötigen Kapitalien", aber „sie muß sich sozusagen für die Kuratorien die Gelehrten leihen - vor allem von der Akademie der Wissenschaften", eine enge Kooperation zwischen beiden sei daher anzustreben. 10 Harnack wußte genau, wovon er schrieb, gestaltete er doch maßgeblich als Präsident die von ihm zusammen mit Friedrich Schmidt-Ott nach Vorgaben von Friedrich Althoff konzipierte Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, während er andererseits zusammen mit Mommsen bereits seit 1890 um eine Modernisierung der Akademie gerungen hatte und zugleich deren historisch gewachsene Strukturprobleme wie kein anderer kannte, hatte er doch binnen weniger Jahre rechtzeitig zum zweihundertjährigen Jubiläum 1900 eine monumentale und nach wie vor bewunderte Geschichte der Akademie vorgelegt. 11 Nicht nur um eine Zusammenarbeit von Akademie und KWG ging es ihm in jenem Brief an Diels von 1912, sondern um eine durchgreifende Erneuerung der Akademie selbst. Pointiert schrieb er: „Die Akademie muß ins Leben hinein, weil die Wissenschaft heutzutage mitten im Leben steht - ganz anders als noch vor zwanzig Jahren. Zu diesem Zweck muß sie die großen Industriellen, die über wissenschaftliche Stäbe in ihren Werken kommandieren, in ihre Mitte aufnehmen und sich ebenso zum Mittelpunkt machen für die zahlreichen wissenschaftlichen Vereine auf dem Gebiete des Geistes." 12 Offenbar schwebte Harnack eine vor allem geisteswissenschaftlich akzentuierte Parallelorganisation zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vor. Tatsächlich waren die maßgeblichen Konzepte für eine großbetrieblich, arbeitsteilig, interdisziplinär, gesamtdeutsch und international angelegte Modernisierung von Forschungsorganisation schon im späten 19. Jahrhundert im Bereich der Geisteswissenschaften der Preußischen Akademie entwickelt worden. Und zugleich war aus eben dieser Akademie heraus heftiger Widerstand gegen solche Pläne erwachsen. Beide, Har-

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nack wie Mommsen, hatten allen Grund zur Erbitterung bis hin zur Resignation. Die Preußische Akademie verharrte denn auch im 20. Jahrhundert ganz überwiegend als Gelehrtensozietät, blieb von einer Modernisierungsagentur im Forschungsbetrieb weit entfernt, auch wenn sie sich ihrer geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben rühmte und etwa noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg Albert Einstein für eine Akademieprofessur gewinnen konnte.13 Freilich: jene Auseinandersetzungen im ausgehenden 19. Jahrhundert lohnen im Sinne unserer Fragestellung ein genaueres Hinsehen. *

Doch zunächst ist anderes zu klären. Denn im Titel dieses Beitrags ist von „Big Science" die Rede, und was hat das mit Mommsen, Harnack und der Akademie in Berlin zu tun? Eben diesen angelsächsischen Begriff hätten Mommsen und Harnack unweigerlich mißbilligt, erst recht als Kennzeichnung des von ihnen eingeleiteten Forschungsbetriebs. Warum ein englischer Ausdruck, wenn doch um 1900 deutsch als Wissenschaftssprache in Natur- und Geisteswissenschaften weltweit noch ganz unentbehrlich war, freilich schon nicht mehr so dominant wie noch wenige Jahrzehnte zuvor? Und was soll „Big Science", also große Wissenschaft, überhaupt meinen. Für Mommsen und Harnack konnte es nur richtige, also methodisch kontrollierte, objektive und überprüfbare, die vorhandenen Erkenntnisse bereichernde Wissenschaft geben, oder schlecht betriebene, also keine Wissenschaft. Ebenso wenig mache „Big Science" Sinn zur Kennzeichnung höchst aufwendiger, im Ergebnis bedeutender Forschung, im Unterschied etwa zu kleinteiliger Spezialforschung. Ein solcher vermutlicher Einwand von Mommsen und Harnack trifft zu. Wir wissen heute nur zu gut, mit welch gewaltigen Aufwand an finanziellen und personellen Ressourcen vielfach hochspezialisierte Detailprobleme mit oft genug enttäuschendem Ergebnis bearbeitet werden. Umgekehrt sind bedeutende, ja umstürzende Forschungsleistungen mit bescheidenstem Sachaufwand bekannt, man denke etwa an die grundlegende Systematisierung moderner Wissenschaft auf der Basis einiger Bücher von Immanuel Kant, oder an die kaum zu entziffernden Kladden, aus denen heraus Einstein seine spezielle, dann seine allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, schließlich an jenen fast primitiv wirkenden Arbeitstisch, an dem Otto Hahn in Zusammenarbeit mit Fritz Straßmann und zuvor auch mit Lise Meitner im Dezember 1938 die Kernspaltung nachwies. Wenn „Big Science" nicht den Erkenntniswert, sondern eine generalstabsmäßig organisierte Form des Forschungsbetriebs mit hoher Ressourcenbindung

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bezeichnet, dann hätten Mommsen und Harnack mit der Achsel gezuckt: denn eben dies hatten sie selbst in Altertumsprojekten der Königlich Preußischen Akademie als hochspezialisierte Verbundforschung mit Dutzenden von Wissenschaftskärrnern unter einer Leitung realisiert und dafür Begriffe wie Großforschung oder Großbetrieb der Wissenschaft eingeführt. Warum also „Big Science"? Mit Bedacht habe ich den Schreibtisch von Otto Hahn erwähnt. Hier wurde ein bereits seit Jahrzehnten theoretisch diskutiertes Problem empirisch gelöst, und sogleich waren der Fachwelt mögliche Auswirkungen der Kettenreaktion bewußt, bis hin zur Konstruktion einer Bombe mit verheerendem Zerstörungspotential. Albert Einstein etwa befürchtete die Entwicklung einer solchen Bombe im Nazi-Deutschland und drängte darum schon frühzeitig den US-Präsidenten Roosevelt zum Kriegseintritt. Noch war nicht klar, daß die Deutschen zum Bau der Bombe gar nicht in der Lage gewesen waren, auch wenn die Führung sich dazu entschlossen hätte.14 Erst mit dem sog. Manhattan Project, bei dem unter Einsatz von 2 Milliarden Dollar 250.000 Mitarbeiter die Atombombe in ihren zwei Varianten entwickelten, welche in Hiroshima und in Nagasaki abgeworfen wurden, erschien quantitativ wie qualitativ ein ganz neues Stadium in der auf Wissenschaft gegründeten modernen Welt erreicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dann zusätzlich aufgeladen unter den Bedingungen des Kalten Krieges entwickelten sich als neuer Typ von Forschungsorganisationen die National-Laboratorien, zunächst in den USA (mit Vorläufer nach dem Ersten Weltkrieg), dann in England und Frankreich. Die an diesen Zentren Tätigen prägten den Begriff „Big Science", Großforschung also, welche in der Öffentlichkeit - und in Verkennung weiter zurückreichender Vorläufer - künftig als Spezifikum von militärisch wie friedlich nutzbarer Atomforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen wurde. is Dies galt auch für die alte Bundesrepublik, welche sich nach 1955 an der friedlichen Nutzung der Kernenergie beteiligen durfte und - nach enttäuschender Zurückhaltung der deutschen Industrie - ein umfangreiches Netz von Forschungsinstituten jeweils um ein Großgerät herum aufbaute. 16 Wie sollte dieser neue Typus von Forschungsinstituten heißen? Offenbar waren die von Mommsen und Harnack entwickelten Begriffe gänzlich aus dem kollektiven Bewußtsein entschwunden, zudem konzentrierte sich die Diskussion vollständig auf naturwissenschaftliche und medizinische Forschung. In den frühen sechziger Jahren konkurrierten zwei Begriffe. Wolf Häfele schlug im Anschluß an das Manhattan Project und die Nationallaboratorien der USA den inhaltlich-politisch gefüllten Begriff „Projektforschung" vor. Das zielte auf neuartige Ressourcendimensionen, auf ein hohes Maß an staatlicher Kontrolle, auf Interdisziplinarität, auf Geheimhaltungserfordernisse der Forschungser-

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gebnisse und auf eine Disziplinierung der beteiligten Wissenschaftler unter einer wissenschaftlichen Projektleitung. Mit Ausnahme der Geheimhaltung und Staatskontrolle also die schon von Mommsen und Harnack benannten Kriterien. 17 Demgegenüber setzte sich der von Wolfgang Cartellieri rein formaljuristisch besetzte Begriff „Großforschung" durch; er bezeichnete jene Institute, welche gemäß einem Finanzierungsschlüssel von 90:10 durch Bund und Sitzland bzw. Sitzländer gemäß der Rahmenvereinbarung Forschungsförderung von 1975 betrieben wurden. 18 Die damals 13, heute 16 Großforschungseinrichtungen der Helmholtz-Gesellschaft definieren sich also lediglich durch das formale Kriterium von Finanzierung und Trägerschaft. „Big Science" bzw. „Großforschung" auf Nationallaboratorien und Atomforschungsinstitute im Anschluß an das Manhattan Project zu reduzieren, das rief schon früh Widerspruch hervor. So wies der amerikanische Wissenssoziologe Derek de Solla Price darauf hin, daß gewaltige Wissenschaftsanstrengungen schon seit der frühen Neuzeit einen hohen Anteil der jeweils verfügbaren Ressourcen verschlungen hatten, so die Observatorien von Uleg Beg in Samarkand im 15. und von Tycho Brahe auf der Insel Hven im 16. Jahrhundert, doch könne man deswegen noch nicht von Großforschung sprechen: quantitative Kriterien allein reichten nicht aus. 19 Noch energischer wies der amerikanische Physiker Lawrence Bedash durch Untersuchungen zu Arbeitstechniken des späteren Nobelpreisträgers Ernest Rutherford um 1900 eine Fixierung auf Größenordnungen zurück. Kriterien für „Big Science" seien vielmehr Team-Arbeit, eine Vielzahl von Mitarbeitern, ein steter Fluß von Veröffentlichungen, internationale Verbindungen, spezialisierte Arbeitstechniken und ein Bewußtsein, sich in einem Wettlauf mit konkurrierenden Forschern zu befinden. „Big Science" sei also bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. 20 In vergleichbarer Weise konstatierte Jeffrey Johnson für die staatlich organisierte chemische Forschung im deutschen Kaiserreich um 1900 ein voll ausgebildetes System von „Big Science".21 Neuere Untersuchungen zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und zu dem Physikochemiker Fritz Haber bestätigten diesen Eindruck. 22 1990 wurde noch für eine Historisierung von „Big Science" plädiert durch Vordatierung auf den Zeitraum 1930-1945, der in international vergleichender Perspektive durch säkulare Trends der Wissenschaftsentwicklung und durch politische Rahmenbedingungen der Aufrüstung geprägt sei. Der Blick richtete sich nun vor allem auf die Luftfahrtforschung, aber ganz offensichtlich stand dabei noch das Paradigma Manhattan Project Pate, wenn folgende Kriterien benannt wurden: „- die Einbindung vieler wissenschaftlicher Disziplinen und Forscherteams in ein gemeinsames Projekt, in dessen Mittelpunkt häufig ein Großgerät steht;

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- die Ausrichtung der Forschung auf Ziele, die fiir gesellschaftlich oder politisch relevant gehalten werden und/oder als ökonomisch verwertbar erscheinen; - die ganz oder überwiegend öffentliche Finanzierung und - der Dualismus von politischer Zielvorgabe einerseits und gleichzeitiger relativer 23 Autonomie des Wissenschaftlers in der konkreten Arbeit andererseits." Für die Zeit nach 1930 leuchten diese Kriterien ein, sie sind indes neu auszutarieren, je mehr der Blick auf die Zeit um 1900 gelenkt wird. Und kaum zufällig mehren sich Hinweise auf eine einschneidende Scharnierphase in den beiden Jahrzehnten vor und nach dieser Jahrhundertwende, in der sich mit Langzeitwirkung für das 20. Jahrhundert Wissenschaftssystem, Wissenschaftsorganisation und daran interessierte Akteurkonstellationen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft neuartig formierten. 24 Mittlerweile wurde gar angesichts einer gesamtgesellschaftlichen Durchschlagskraft solch wissenschaftlicher und wissenschaftspolitischer Neuformierung vorgeschlagen, die gängige geschichtswissenschaftliche Periodisierung von Zeitgeschichte zu revidieren und diese eben in dem Zeitraum um 1900 einsetzen zu lassen. 25 Vor diesem Hintergrund gewinnt unsere Musterung von Großforschung und Großbetrieb der Wissenschaft bei Mommsen und Harnack ein weit über diese beiden Gelehrten hinausreichendes Gewicht. Sowohl ihre wissenschaftsorganisatorischen Innovationen wie auch die heftigen Widerstände, welche ihnen von anderen Geisteswissenschaftlern in der Akademie entgegenschlugen, verweisen auf eine in Forschungspraxis und wissenschaftlichem Selbstverständnis faszinierende Umschlagphase mit markanten Bruchzonen und Verwerfungen einer modernisierungsbedürftigen und zugleich von traditionsgespeister, wohl auch überheblicher Mentalität geprägten Gelehrtensozietät. Doch erstaunlich und erklärungsbedürftig bleibt, daß entgegen der neueren Forschungsliteratur zur Entstehung von „Big Science" und Großforschung wesentliche Anstöße nicht von Natur-, sondern von Geisteswissenschaftlern kamen. Wir kehren damit zu Mommsen, Harnack und der Königlich Preußischen Akademie in Berlin zurück. *

Moderne Wissenschaft drängt auf arbeitsteiligen Großbetrieb hin, das stand fiir die beiden Sekretare der philosophisch-historischen Klasse der Berliner Wissenschaftsakademie im Kaiserreich fest, also für den Althistoriker Theodor Mommsen und den Altphilologen Hermann Diels. 1895 erklärte Mommsen in einer Ansprache: „Die Wissenschaft schreitet unaufhaltsam und gewaltig vorwärts; aber dem aufsteigenden Riesenbau gegenüber erscheint der einzelne

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Arbeiter immer kleiner und geringer." 26 Ein Jahr später ergänzte Diels diesen Zug der Zeit um neuartige soziale Probleme. Die „altorganisirte Gelehrteninnung" der Akademie müsse heute den wirtschaftlich Schwachen stützen. „Denn auch im Gelehrtenstande hat sich die soziale Lage des Einzelnen ganz unvergleichlich verschlechtert." Und er fügte an: „Der Großbetrieb hat das Kleingewerbe aus dem Felde geschlagen. Nun wohl, das ist zu beklagen, aber nicht zu ändern. So müssen also, soll die Wissenschaft überhaupt weiter bestehen, unsere Akademien die gelehrte Arbeit der Einzelnen zu organisiren suchen."27 Neben unaufhaltsamem Großbetrieb und sozialer Problematik hatte Mommsen schon lange zuvor eine zwingend erforderliche Staatsfinanzierung betont. In seiner Festrede zum Leibniz-Gedächtnistag am 2. Juli 1874 erörterte er am Beispiel der Altertumswissenschaften den Bedarf an quellenkritischer Grundlagenforschung. Das könne nicht von einzelnen geleistet werden, verlange vielmehr Kräftekonzentration und eine „Association" der Arbeit. „Alle die wissenschaftlichen Aufgaben, welche die Kräfte des einzelnen Mannes und der lebensfähigen Association übersteigen, vor allem die überall grundlegende Arbeit der Sammlung und der Sichtung des wissenschaftlichen Materials muß der Staat auf sich nehmen, wie sich der Reihe nach die Geldmittel und die geeigneten Personen und Gelegenheiten darbieten. Dazu aber bedarf es eines Vermittlers, und das rechte Organ des Staats für diese Vermittelung ist die Akademie."28 Im übrigen hatte auch Mommsen die soziale Problematik des modernen Wissenschaftsbetriebs erkannt. Immer wieder wird sein Satz von 1890 zitiert: „Auch die Wissenschaft hat ihr soziales Problem; wie der Großstaat und die Großindustrie, so ist die Großwissenschaft, die nicht von Einem geleistet, aber von Einem geleitet wird, ein notwendiges Element unserer Kulturentwicklung, und deren rechte Träger sind die Akademien oder sollten es sein." 29 Also doch Großwissenschaft, „Big Science", aber ganz bezogen auf die Organisation von Grundlagenforschung. Diese Formulierung findet sich in Mommsens Antwort auf Harnacks Antrittsrede in der Preußischen Akademie 1890, und Mommsen fuhr fort: „Als einzelner Mann haben Sie in dieser Richtung getan, was wenige Ihnen nachtun werden. Jetzt sind Sie berufen, dies im größeren Verhältnisse weiterzufuhren; und die wenigen Monate, seit Sie uns angehören, haben uns gezeigt, daß Sie es können, und daß Sie es wollen." Davor schon hatte Mommsen Harnack als „Führer" in einer großbetrieblichen Wissenschaftsorganisation willkommen geheißen. 30

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Wiederum Harnack also, der in seiner Geschichte der Akademie zur Zweihundertjahrfeier 1900 erstmals den Begriff „Großbetrieb der Wissenschaft" prägte und diesen in seiner Festrede am 20. März 1900 aufgriff: „Den Großbetrieb der Wissenschaft, den das Zeitalter forderte, hat sie [die Akademie] aufgenommen und im Laufe der letzten Jahrzehnte mehr als zwanzig umfassende Unternehmungen ins Werk gesetzt, welche die Kräfte des einzelnen 31 Mannes übersteigen und Menschenalter zu ihrer Durchführung erheischen." Das mag erstaunen, denn bevor wir die Akademie verließen und uns der Begriffsgeschichte von „Big Science" zuwandten, lernten wir die Skepsis von Mommsen und mehr noch von Harnack hinsichtlich der Zukunftschancen dieser Berliner Akademie im modernen wissenschaftlichen Großbetrieb kennen, sahen wir Harnack an der Spitze der naturwissenschaftlich dominierten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft seit 1911, seinen gescheiterten Versuch gleichwertiger Kooperation beider im Jahre 1912, hatte ich die Rolle dieser Akademie als einer wissenschaftlichen Modernisierungsagentur im 20. Jahrhundert entschieden in Abrede gestellt. Doch bis etwa 1900 richteten sich alle Zukunftserwartungen an eben diese Akademie, und sie bezogen sich auf geisteswissenschaftliche, vornehmlich auf altertumswissenschaftliche Unternehmungen. Beides ist erklärungsbedürftig: Die Geisteswissenschaften als Avantgarde von Großforschung in der Akademie des 19. Jahrhunderts einerseits, ein Absinken der Akademie ins zweite Glied im frühen 20. Jahrhundert andererseits. Blicken wir zunächst ein wenig weiter zurück. Frühneuzeitlicher, auf Empirie gegründeter Forschungsdrang organisierte sich in privat veranlaßten oder staatlich alimentierten Gelehrtensozietäten, so zunächst im 17. Jahrhundert in der Londoner Royal Society, in der Pariser Academie des Sciences, im Gebiet des Deutschen Reiches erstmals in der Schweinfurter, dann Hallenser Leopoldina, sodann in der 1700 begründeten und von Leibniz konzipierten Berliner Gelehrtensozietät, der späteren Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften. Schon früh war Erkenntnisinteresse an Verwertungschancen gekoppelt theoria cum praxi, so lautete denn auch das Motto von Leibniz. Die Berliner Akademie trug sich selbst, warf gar Überschüsse ab aufgrund des Kalendermonopols nach Einführung der Gregorianischen Zeitrechnung auch in den protestantischen Territorien, und das erforderte eine gewisse Infrastruktur wie die akademieeigene Sternwarte. Diese Infrastruktur wurde ergänzt durch botanische Gärten etwa und diverse Sammlungen, ursprünglich eine fürstliche Liebhaberei als Kunst-, Kuriositäten- und Realienkabinette. 32 Seit Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitete sich eine gesamteuropäische Akademiebewegung flächendeckend auch in Mitteleuropa.

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Demgegenüber waren die im Spätmittelalter für Wissenschaftsgeist, für Kenntnissicherung, -tradierung und -Vermittlung maßgeblichen Universitäten in den Hintergrund getreten, in West- und Südeuropa sanken sie weitgehend zu verschulten Lerninstitutionen ab. Im deutschen Raum bewahrten sie größeren Einfluß aufgrund der in den konfessionalisierten Territorien maßgeblichen Beamtenausbildung, doch dienten sie vorrangig der enzyklopädisch strukturierten Weitergabe von gesichertem, weniger der Erzeugung von neuem Wissen.33 Spezialisierte Forschung und systematische Wissensspeicherung hatten sich somit tendenziell voneinander entfernt und waren institutionell unterschiedlich aufgehoben, an Akademien bzw. an Universitäten. Allerdings waren die Akademien, trotz Kalenderberechnung und ähnlicher Unternehmungen, nicht eigentlich der Ursprungsort von, sondern der Kommunikationsraum für Forschung. Neue, in der Regel privat gewonnene Erkenntnisse wurden hier vorgetragen, andererseits wurde durch ein dichtes System von Preisaufgaben Forschung angeregt, und dies galt auch für die Berliner Akademie.34 Nur gelegentlich gingen Wissenschaftssystematisierung und Forschungsgesinnung eine fruchtbar institutionalisierte Verbindung ein, so in der maßgeblich modernen, 1737 gegründeten Göttinger Reformuniversität, die erstmals Freiheit des Lehrens und Lernens auf ihr Panier erhob und mit der nach Mitte des Jahrhunderts gegründeten Göttinger Gelehrtensozietät eine enge personelle Verzahnung von Universitätsgelehrsamkeit und Forschungsgeist ermöglichte. Die Berliner Akademie dämmerte nach einem furiosen Auftakt durch Leibniz in der Folgezeit bis 1740 vor sich hin, erfuhr dann durch Friedrich II. einen intellektuellen, zugleich aber staatlich kanalisierten Aufschwung, um gegen Ende des Jahrhunderts wieder vor sich hin zu dämmern. Maßgebliche Anregungen zur Begründung einer Universität in Berlin bis hin zu den Konzeptionen von Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt speisten sich aus dem königlichen Auftrag zu einer Akademiereform.35 Mit der Errichtung der Berliner Universität 1810, wurde nicht nur, in programmatisch und zugleich national akzentuierter Erweiterung von Göttingen, die moderne Forschungsuniversität aus der Taufe gehoben, sondern auch eine zukunftsfähige Arbeitsteilung zwischen Universität und Akademie begründet. Gemäß dem liberalen Credo von Humboldt und Schleiermacher gewann die Akademie Autonomie, sie wurde aus inhaltlich kontrollierender Staatsaufsicht entlassen, gleichzeitig erhielt jedes Akademiemitglied das Recht, an der Universität zu lehren. So sollten die wissenschaftlich vollendeten Meister Forschungsgesinnung den Lehrlingen und Gesellen an der Universität einpflanzen. 36 Vor allem avancierte die Akademie von einem Kommunikationszentrum über Forschung zu einem institutionellen Träger von Forschung. Wohl bean-

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spruchte sie mit ihrer Gliederung in eine mathematisch-naturwissenschaftliche und in eine philosophisch-historische Klasse das gesamte Spektrum von Wissenschaft zu repräsentieren, doch dominierten angesichts einer bis Mitte des 19. Jahrhunderts zögerlichen Verwissenschaftlichung der Naturforschung und einer früh ausgebildeten Professionalisierung der philologisch-historischen Fachgebiete die Geisteswissenschaften. Hinzu kam noch etwas anderes. Schon frühzeitig organisierte sich moderne Naturforschung eher vereinsmäßig, so in der 1822 begründeten Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) oder in Berlin in der schon im späten 18. Jahrhundert errichteten Gesellschaft naturforschender Freunde. Die Bedeutung insbesondere der GDNÄ mit ihren jährlich wechselnden Veranstaltungsorten sowohl für eine auf Wissenschaft gegründete Kulturnation wie auch - durch die Bildung von Fachsparten - für eine Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften ohne gleichzeitig segmentiertes Auseinanderfallen, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Entscheidende Bedeutung kam bei diesem Prozeß Alexander von Humboldt und Rudolf Virchow zu. Zudem ließ sich naturwissenschaftliche Forschung nur begrenzt im Rahmen einer Akademie betreiben. Eine Ausnahme bildete lediglich die naturwissenschaftlich grundierte Leopoldina, welche im Umbruch von 1848 auf die Rolle einer deutschen Nationalakademie drängte, damit aber scheiterte.37 Gegen Ende des Jahrhunderts wurden zudem eigenständige Organisationsformen moderner naturwissenschaftlicher Forschung unausweichlich, wie das französische Institut Pasteur gezeigt hatten. So entstanden, neben einer rasch anwachsenden privaten Industrieforschung, staatliche Forschungsinstitute, unter denen die 1887 mit ihrem ersten Präsidenten Hermann von Helmholtz errichtete Physikalisch-Technische Reichsanstalt herausragte, dann die Biologische Reichsanstalt. Aus einer geplanten, aber so nicht realisierten Chemischen Reichsanstalt gingen dann die ersten Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als neuer Typus hervor.38 Nicht Unvermögen oder Desinteresse ließen die Naturwissenschaften als Ort der Forschung also in der Berliner Akademie in den Hintergrund treten, auch wenn Gelehrte wie Emil Du Bois Reymond und Hermann von Helmholtz ihre naturwissenschaftliche Klasse repräsentierten,39 sondern es war die Eigenart geisteswissenschaftlicher Langzeitvorhaben, welche Unternehmungen und Kommissionen prägte. Eine Alternative „Honoratiorenklub oder Forschungsstätte" wäre die falsch gestellte Frage, denn statutengemäß war sie natürlich ein Honoratiorenklub mit der Verpflichtung zu drei öffentlichen Sitzungen jährlich, 40 doch zugleich wirkte sie als ein Bergwerk geisteswissenschaftlicher Forschung mit zahlreichen Solen und Stollen. Die Palette reichte weit, über das

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„Grimmsche Wörterbuch" bis hin zu den von dem Nationalökonom Gustav Schmoller geleiteten, aber der Methode nach historisch betriebenen „Acta Borussica". 41 Innovative, großbetrieblich organisierte Forschungsvorhaben besaßen ihr Zentrum freilich - und kaum zufällig - in den Altertumswissenschaften. Diese Geschichte ist nicht ohne Theodor Mommsen zu erzählen, der, bereits seit 1853 korrespondierendes Mitglied, 1858 als ordentliches Mitglied eintrat, sogleich eine nachgerade beängstigende Aktivität entfaltete, bis er, ohne doch selbst in seiner Arbeit nachzulassen, 1890 den Führungsstab an Harnack weiterreichte. Mommsen und die Akademie, diese Geschichte ist bereits 1987 spannend und detailreich von Alexander Demandt erzählt und neuerdings von Stefan Rebenich in filigranen Verästelungen fortgeführt worden. 42 Vom „Corpus Inscriptionum Latinarum", das Mommsen seit 1853 leitete, bis hin zum „Thesaurus Linguae Latinae" als Unternehmen eines gesamtdeutschen Akademienkartells, für das Mommsen 1893 die Statuten entwarf, spannt sich ein weiter Bogen. Das ist hier nicht noch einmal aufzuführen und kann bei Demandt und Rebenich nachgelesen werden. Nur soviel: im Bereich der Altertumswissenschaften entstanden in Berlin 13 Unternehmungen und Kommissionen, zwei weitere in Kooperation mit anderen Akademien, ferner arbeitete die Akademie über Mommsen eng mit archäologischen Instituten und mit der Zentralleitung der „Monumenta Germaniae Historica" zusammen. 43 Die Arbeitsleistung der an diesen Vorhaben beteiligten Gelehrten erstaunt immer wieder, aber auch ihre Kräfte waren begrenzt, und auf Dauer ließen sich jähre- und schließlich jahrzehntelang betriebene Großeditionen nicht allein mit freiwilligen Gehilfen weiterführen, häufig Doktoranden oder Habilitanden bzw. wie beim Grimmschen Wörterbuch mit Zuträgern aus den gebildeten Kreisen, Männer wie Frauen. 44 Äußerst zögernd bewilligte der preußische Staat Anfang der neunziger Jahre auf Drängen von Harnack und Mommsen einige wenige wissenschaftliche Beamtenstellen. Doch auch diese neue Infrastruktur reichte nicht hin, wenn kühne Großprojekte ganz neuen Zuschnitts in Angriff genommen wurden. Großwissenschaft, arbeitsteilig auf Kärrner verteilt und generalstabsmäßig geleitet, drängte über den Rahmen einer einzelnen Akademie hinaus auf forschungspraktische Kooperation oder gar institutionalisierten Zusammenschluß vieler Akademien - und kaum zufällig setzte auch dieser Prozeß wiederum in den 1890er Jahren ein. Erstaunlich muten die dabei auftretenden Verhakungen und die schwer zu deutende Position der Berliner Akademie an. Für das Riesenprojekt eines „Thesaurus Linguae Latinae" regte der genial-autoritäre - hierin und als workaholic Mommsen trotz aller politischen Differenz wesensverwandte - allmächtige

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preußische Wissenschaftsadministrator Friedrich Althoff 1891 eine Kooperation der vier deutschen Akademien in Berlin, Göttingen, Leipzig und München sowie der Wiener Wissenschaftsakademie an. Die Dinge entwickelten sich gut, Mommsen verfaßte 1893 die allgemein gebilligten Statuten für das sog. Kartell. Der auch in Berlin begonnene Thesaurus startete als Kartellprojekt, doch dann zog sich die Berliner Akademie mit windigen, wenig glaubwürdigen Argumenten aus dem Kartell zurück.45 Vermutlich war es in Wirklichkeit eine Mischung aus gekränkter Eitelkeit einerseits, weil die anderen deutschsprachigen Akademien Berlin nicht als „Oberakademie" anzuerkennen bereit waren, ein kühles Desinteresse der Berliner naturwissenschaftlich-mathematischen Klasse andererseits. Das Kartell entstand natürlich, ohne Berlin, und Mommsen gab 1895 tief verbittert seine Position als Sekretär auf, zusätzlich aufgebracht durch die von ihm nicht zu verhindernde Zuwahl des Historikers Heinrich von Treitschke, mit dem er im sog. Berliner Antisemitismusstreit fünfzehn Jahre zuvor die Klinge gekreuzt hatte.46 Sprach gegen ein Kartell der deutschsprachigen Akademien aber nicht auch noch anderes? Würde ein solcher, durchaus dem Zug der Zeit zur Großorganisation geschuldeter Verbund nicht eher regionale Provinzialität bewirken, eine wahrhaft internationale Forschergemeinschaft in Form einer weltweiten Kooperation von Akademien in den sog. Kulturvölkern blockieren? Auch dieses Argument wurde vorgebracht, und immerhin konnte die Berliner Akademie sich rühmen, maßgeblich zur Gründung der Internationalen Assoziation der Akademien 1899 beigetragen zu haben. Wiederum lag ein wissenschaftliches Großprojekt zugrunde, welches die Kapazitäten einer einzelnen Einrichtung weit überforderte. Das war das von der altehrwürdigen Londoner Royal Society eingeleitete bibliographische Großunternehmen eines „International Catalogue of Scientific Literature", welches zur Gründung der IAA führte. In den wissenschaftlichen Internationalisierungstendenzen der letzten Vorkriegsjahrzehnte verblieb denn auch das Kartell im Schatten der Internationalen Assoziation. Erst mit deren Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg und unter den Bedingungen der frühen Nachkriegszeit sollte das Kartell der deutschsprachigen Akademien eigenständige Dynamik entfalten.47 Kartell und Assoziation wurzelten, wie wir sahen, in den Bedürfnissen moderner geisteswissenschaftlicher und bibliographischer Grundlagenforschung als Großunternehmen. Doch das wurde vielfach überlagert durch Rivalitäten und Prestigedenken, von Fächergruppen, von deutschen Einzelstaaten und von Nationen. Bekenntnisse zur Einheit der Wissenschaften und Konkurrenzlagen von Natur- und Geisteswissenschaften im einen, raumüberspannender Internationalismus und auf Suprematie bedachter Nationalismus im anderen, das

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waren jeweils die beiden Seiten einer Medaille in der Allianz von disziplinar verfaßter und disziplinierender Verwissenschaftlichung von Gesellschaft und von imperialistischen Wettbewerb in einem Zeitalter kommunikativer Vernetzungen, organisierter Kooperationen und müheloser internationaler Reisetätigkeit. Kehren wir kurz zum Kartell zurück. Geschickt nutzte es die Münchener Vorbereitungskonferenz zur Gründung der Internationalen Assoziation, um die Berliner Akademie einzubinden, der als ältester deutscher Akademie das Recht zustehe, gemeinsam mit der Royal Society zur Gründung der Assoziation einzuladen, und damit eben doch als „Oberakademie" zu fungieren. So wurde Berlin in das Kartell integriert.48 Doch auch mit der Assoziation hatte sich die Berliner Akademie zunächst schwer getan, vielmehr war es das von einigen als regional stigmatisierte Kartell unter maßgeblichem Einfluß Wiens, welches sich der Londoner Offerte für eine Assoziation anschloß, auch wenn formal die Berliner Akademie zur Gründungsversammlung nach Wiesbaden einlud. Ebenso wie die Berliner Akademie zögerte anfangs auch die Pariser Academie des Sciences gegenüber einer internationalen Assoziation. Wissenschaftliches Weltbürgertum und nationale Empfindlichkeit waren eng verschwistert. Die Berliner Akademie beanspruchte nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch weltweit die Führungsrolle; die Pariser Akademie wollte nach der politischen Demütigung 1870 wieder an ihren früheren Glanz anknüpfen. So sprangen beide auf den Zug auf, witterten sie doch jeweils in Paris bzw. in Berlin den Hauptkonkurrenten.49 Wir sind von arbeitsteilig betriebener Großforschung mit Langzeitperspektiven zum politisch verminten Parkett zwischenstaatlicher und internationaler Kooperation um 1900 vorangeschritten, und immer gaben akademiegebundene geisteswissenschaftliche Grundlagenprojekte den Anstoß. Das mag heutiges Verständnis von „Big Science" und von wissenschaftlichem Internationalismus befremden und sollte nachdenklich machen. Kaum zufällig formulierten damals zukunftsfähige Programmatik Geisteswissenschaftler wie der Althistoriker Theodor Mommsen mit dem Begriff der „Großwissenschaft", wie der Theologe und Kirchenhistoriker Adolf Harnack mit dem Begriff „Großbetrieb der Wissenschaft".50 Ähnlich scharfsinnig erklärte der Altphilologe Hermann Diels im Vorfeld der Wiesbadener Gründungsversammlung für die Internationale Assoziation zum Leibniztag der Berliner Akademie 1899: „Das neunzehnte Jahrhundert hat seine Aufgabe erfüllt: es war die nationale Integration der Culturvölker. Nun pocht das zwanzigste an unsere Pforte und stellt eine neue Aufgabe: die internationale Vereinigung. Eine Weltnation wie die deutsche kann sich dieser Verpflichtung nicht entziehen. Wie die Staaten sich eben im

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Haag auf den Ruf des Zaren versammelt haben, um internationale Friedensgarantien zu schaffen, so wollen sich im Herbste die deutschen Akademien mit den vornehmen fremden in Wiesbaden versammeln, um eine interakademische Bewegung zu gründen."51 Lassen Sie mich abschließend noch einen weiteren Aspekt ansprechen. Wir haben großbetriebliche geisteswissenschaftliche Forschung in der Akademie, also jenseits der Universität beleuchtet. Auf der anderen Seite wird moderne Forschungsgesinnung mit einigem Grund an die in Berlin 1810 errichtete Universität angekoppelt, welche Forschung und Lehre im Seminarprinzip zusammenband und zugleich die Akademie mit der Universität durch das Lehrrecht der Akademiker verband. Diese Personalunion von Universitätsprofessoren und Akademiemitgliedern hat sich offensichtlich bewährt, zeitgenössische Kritik an den Forschungsunternehmen der Akademie als möglicher Bedrohung der Forschungsuniversität ist mir nicht begegnet. Ganz anders stellt sich die Situation mit der Errichtung außeruniversitärer Forschungsinstitute im Rahmen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft dar. Sie rief einen Proteststurm in den deutschen Universitäten hervor: habe Wilhelm von Humboldt Forschung in den universitären Lehrbetrieb integriert, so würde Spitzenforschung nun wieder ausgegliedert.52 Ferner: Ist nicht gerade das Seminarprinzip verantwortlich für eine Zerstörung der Einheit der Wissenschaften in Universität und Akademie, wie Lorraine Daston pointierte?53 Eben diese Diskussion fand bereits 1911 auf dem Dresdener Hochschullehrertag statt, der vor dem Hintergrund der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft erregt über außeruniversitäre und universitätsgebundene Forschungsinstitute debattierte. Gegenmodell zur KWG waren die an die Universität Leipzig angeschlossenen geisteswissenschaftlichen Forschungsinstitute des Kulturhistorikers Karl Lamprecht. Pointiert erklärte der Jurist Karl Binding: „So bin ich der Meinung: daß also, wie gesagt, die Seminare im wesentlichen ein Mittel sind, die Mittelmäßigkeit weiter zu bringen, als sie bisher gebracht werden konnte. Da begrüße ich es nun mit der größten Freude, daß diesem jetzt ganz seminaristisch gerichteten Universitätswesen das Forschungsinstitut zur Seite tritt."54

Diese Diskussion wurde vor fast hundert Jahren gefuhrt und mutet höchst aktuell an, wenn wir an unsere Debatten über das Verhältnis von Universitäten und geisteswissenschaftlichen Zentren denken, an den Anspruch der BerlinBrandenburgischen Wissenschaftsakademie als einer geistes- und sozialwissenschaftlichen Zentral- und gesellschaftspolitischen Frühwarninstanz, oder auch nur über den vermutlichen Abschluß von im 19. Jahrhundert begonnenen geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben an deutschen Akademien sinnie-

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Grundlegend zum Thema STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels, Berlin/New York 1 9 9 7 ; zum Kontext BERNHARD VOM BROCKE (Hg.), Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das „System AlthofP' in historischer Perspektive, Hildesheim 1991. Vgl. ferner STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2 0 0 2 ; KURT NOWAK, Wissenschaft und Weltgestaltung auf dem Boden des modernen Protestantismus, in: Ders. (Hg.), Adolf von Hamack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, Zwei Teile, Berlin, New York 1 9 9 6 , 1 - 9 9 ; KURT NOWAK/OTTO GERHARD OEXLE (Hgg.), Adolf von Harnack. Theologe, Historiker, Wissenschaftspolitiker, Göttingen 2 0 0 1 ; BERNHARD FABIAN (Hg.), Adolf von Harnack. Wissenschaftspolitische Reden und Aufsätze, Hildesheim/ Zürich/New York 2001; zur Beziehung Harnacks zu Friedrich Naumann vgl. KURT NOWAK, Wege in die Politik. Friedrich Naumann und Adolf von Hamack, in: Rüdiger vom Bruch (Hg.), Friedrich Naumann in seiner Zeit, Berlin 2 0 0 0 , 2 7 - 4 8 ; zum,.Königsmechanismus" vgl. JOHN C. G. RÖHL, Der „Königsmechanismus" im Kaiserreich, in: Ders., Kaiser, Hof und Staat, München 1 9 8 7 , 1 1 6 - 1 4 0 ; zum „Höfling" Harnack vgl. RÜDIGER VOM BRUCH, Adolf von Harnack und Wilhelm Π., in: Nowak/Oexle (Hg.), 2 3 - 3 7 . Zum Begriff vgl. FRITZ K. RINGER, The Decline of the German Mandarins. The German Academic Community 1890-1933, Cambridge/Mass. 1969. So in Revision älterer Einschätzungen CHRISTOPHE CHARLE, Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1997, 206f.; Zitat: GANGOLF HÜBINGER, Theodor Mommsen und das Kaiserreich (Friedrichsruher Beiträge, Bd. 22), Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh 2003, 35; vgl. auch GANGOLF HÜBINGER, Die politischen Rollen europäischer Intellektueller, in: Ders./Thomas Hertfelder (Hgg.), Kritik und Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik, Stuttgart 2000, S. 30-44. Vgl. STEFAN REBENICH, Der alte Meergreis, die Rose von Jericho und ein höchst vortrefflicher Schwiegersohn. Mommsen, Harnack und Wilamowitz, in: Nowak/ Oexle, Adolf von Hamack (wie Aran. 1), 39-69. Vgl. KURT NOWAK, Sozialpolitik als Kulturauftrag. Adolf von Hamack und der Evangelisch-Soziale Kongreß, in: Jochen-Christoph Kaiser/Wilfried Loth (Hgg.), Soziale Reform im Kaiserreich, Stuttgart 1997, 79-93. Maßgeblich RUDOLF VIERHAUS/BERNHARD VOM BROCKE (Hgg.), Forschung im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Geschichte und Struktur der KaiserWilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft, Stuttgart 1990; BERNHARD VOM BROCKE/HUBERT LAITKO (Hgg.), Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Das Hamack-Prinzip, Berlin/New York 1996. Zur Berliner Akademiegeschichte insgesamt und insbesondere zum Kaiserreich vgl. vor allem CONRAD GRAU, Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Heidelberg/Berlin/Oxford 1 9 9 3 ; JÜRGEN KOCKA (Hg.) unter Mitarbeit von Rainer Hohlfeld und Peter Th. Walther, Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Kaiserreich, Berlin 1999.

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Äußerst skeptisch werden wissenschaftliche Innovationschancen der Berliner Akademie wie auch ihr Anspruch auf umfassende Repräsentation von Wissenschaft beurteilt von LORRAINE DASTON, Die Akademien und die Einheit der Wissenschaften. Die Disziplinierung der Disziplinen, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 6184. Ihre provokative Zentralthese, gerade das Seminarprinzip, vielfach als Erfolgsgeheimnis der von Berlin und Deutschland ausstrahlenden Forschungsuniversität gepriesen, habe mit Folgewirkung für die seit 1810 von Berliner Universitätsprofessoren dominierte Preußische Akademie die intellektuelle Einheit der Wissenschaften zerstört, ist m. W. bislang nicht weiter diskutiert worden. - Beispiele fur Umwegszuwahlen: die Theologen Friedrich Schleiermacher und Harnack wurden als Philosoph bzw. als Historiker gewählt, der Nationalökonom Gustav Schmoller als Historiker (verärgert erwog er den Rücktritt, als mehrfach seine Anträge auf die Zuwahl bedeutender Fachkollegen wie Karl Bücher oder Lujo Brentano scheiterten), der Techniker, Erfinder und Unternehmer Werner von Siemens wurde als Naturwissenschaftler aufgenommen. THEODOR MOMMSEN, Ansprache am Leibnizschen Gedächtnistage (4. Juli 1 8 9 5 ) , in: Ders., Reden und Aufsätze, Berlin 1 9 0 5 , 1 9 7 ; auch zitiert bei DASTON, Die Akademien (wie Anm. 8), 65. Dieser Passus wurde bereits von GRAU, Akademie (wie Anm. 7), 208f., nach einem Teilabdruck in einem Tätigkeitsbericht der Deutschen Akademie der Wissenschaften von 1959 zitiert. ADOLF HARNACK, Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900. Bereits zitiert bei VOM BRUCH, Harnack und Wilhelm Π. (wie Anm. 1), 34 Anm. 37, nach einer Abschrift im Harnack-Nachlaß (Staatsbibliothek Berlin), Kasten 23, Mappe 2. Erstmals vollständig abgedruckt wird das Schreiben nach der Überlieferung im Akademie-Archiv in der in Kürze erscheinenden, 1998 vorgelegten Berliner HU-Dissertation von PETER NÖTZOLDT, Wolfgang Steinitz und die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Zur politischen Geschichte der Institution (1945-1968). Aus ihr zitierte bereits weitere Passagen des Briefes RUDOLF VIERHAUS, Im Großbetrieb der Wissenschaft. Adolf von Harnack als Wissenschaftsorganisator und Wissenschaftspolitiker, in: Nowak/Oexle, Adolf von Harnack (wie Anm. 1), 419-441, hier 433f. Vgl. hierzu WOLFRAM FISCHER (Hg.) unter Mitarbeit von Rainer Hohlfeld und Peter Nötzoldt, Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin 19 ΜΙ 945, Berlin 2000, insbesondere das Resümee von FISCHER, HOHLFELD und NÖTZOLDT, Die Berliner Akademie in Republik und Diktatur, 517-566. Vgl. MARK WALKER, Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe, Berlin 1990. Vgl. MARGIT SZÖLLÖSI-JANZE/HELMUTH TRISCHLER (Hgg.), Großforschung in Deutschland, Frankfurt/New York 1990, besonders die Einleitung der Hgg. 13ff., sowie HELMUTH TRISCHLER, Historische Wurzeln der Großforschung: Die Luftfahrtforschung vor 1945, ebd., 23ff.; ferner BURGHARD WEISS, „Großforschung". Genese und Funktion eines neuen Forschungstyps, in: Hans Poser/Clemens Burrichter (Hgg.), Die geschichtliche Perspektive in der Wissenschaftsforschung, Berlin 1988, 149-175.

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Vgl. zu diesem Komplex RÜDIGER VOM B R U C H , Big Science - Small Questions? Zur Historiographie der Großforschung, in: Gerhard A. Ritter/Margit SzöllösiJanze/Helmuth Trischler (Hgg.), Antworten auf die amerikanische Herausforderung. Forschung in der Bundesrepublik und der DDR in den „langen" siebziger Jahren, Frankfurt a. M./New York 1999, 19-42. 17 W O L F H Ä F E L E , Neuartige Wege naturwissenschaftlich-technischer Entwicklung, in: Die Projektwissenschaften, H. 4 der Schriftenreihe Forschung und Bildung des Bundesministers für wissenschaftliche Forschung, München 1963, 17-38. Häfele leitete das Projekt Schneller Brüter im Kernforschungszentrum Karlsruhe. 1 8 W O L F G A N G CARTELLIERI, Die Großforschung und der Staat, in: Die Projektwissenschaften, 1-16. Cartellieri prägte nachhaltig als Staatssekretär das Bundesforschungsministerium. 1 9 D E R E K DE SOLLA P R I C E , Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung, Frankfurt a. M . 1 9 7 4 , vgl. auch TRISCHLER, Historische Wurzeln (wie Anm. 15), 23f. 20 L A W R E N C E B E D A S H , The Origins of Big Science: Rutherford at McGill, in: Mario Bunge/William R. Shea (Hgg.), Rutherford and Physics at the Turn of the Century, New York 1 9 7 9 , 2 9 - 4 1 ; vgl. wiederum TRISCHLER, Historische Wurzeln (wie Anm. 16

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A. JOHNSON, The Chemical Reichsanstalt Association: Big Science in Imperial Germany, 2 Bde., Ann Arbor 1980, publiziert als The Kaiser's Chemists. Science and Modernization in Imperial Germany, Chapel Hill, London 1990. Zur K W G vgl. Anm. 6 , zu Haber M A R G I T SZÖLLÖSI-JANZE, Fritz Haber 1 8 6 8 1934. Eine Biographie, München 1998. SZÖLLÖSI-JANZE/TRISCHLER, Einleitung (wie Anm. 1 5 ) , 1 4 . Vgl. R Ü D I G E R VOM B R U C H , Einfuhrung zum Abschnitt Umbrüche und Neuorientierungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in: Ders./Brigitte Kaderas (Hgg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2002, 25-31, sowie R Ü D I G E R VOM B R U C H , Wissenschaftsfördernde Institutionen im Deutschland des 20. Jahrhundert. Zum Konzept der Tagung in der Willstätter-Villa des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft, in: Ders./Eckart Henning (Hgg.), Wissenschaftsfördernde Institutionen im Deutschland des 20. Jahrhunderts (Dahlemer Archivgespräche, Bd. 5), Berlin 1999, 7-10. M A R G I T SZÖLLÖSI-JANZE, Die institutionelle Umgestaltung der Wissenschaftslandschaft im Übergang vom späten Kaiserreich zur Weimarer Republik, in: vom Bruch/Kaderas, Wissenschaften (wie Anm. 24), 60-74. THEODOR M O M M S E N , ,Ansprache", in: Sitzungsberichte der Kgl. Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1895, Η. ΧΧΧΠ, 723. H E R M A N N D I E L S , „ A n s p r a c h e " , in: Sitzungsberichte der Kgl. Preussischen Akademie der Wissenschaften, 1896, Η . I V , 54f.; vgl. auch H U B E R T LAITKO, Die Preußische Akademie der Wissenschaften und die neuen Arbeitsteilungen. Ihr Verhältnis zum „Kartell" der deutschsprachigen Akademien und zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 149-173, hier S. 153. THEODOR M O M M S E N , Reden und Aufsätze, Berlin 1905, 46f.; vgl. auch VIERHAUS, Im Großbetrieb (wie Anm. 12), 420f. JEFFREY

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29 Zitiert nach NOWAK, Adolf von Harnack als Zeitgenosse (wie Anm. 1), Bd. 2: Der Wissenschaftsorganisator und Gelehrtenpolitiker, 981. 30 Ebenda. 31

HARNACK, Geschichte (wie Anm. 11), Bd. 1/2, 982.

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Vgl. dazu in Kürze grundlegend die Berliner Habilitationsschrift ( 2 0 0 2 ) von ANNELORE RIEKE-MÜLLER über Exotismus, die Ordnung der Dinge und Diskurse im 17./18. Jahrhundert. Zur Akademiebewegung vgl. CONRAD GRAU, Berühmte Wissenschaftsakademien. Von ihrem Entstehen und ihrem weltweiten Erfolg, Leipzig/Frankfurt a. M. 1988; zur Universitätsentwicklung WALTER RÜEGG (Hg.), Geschichte der Universität in Europa, Bd. Π: Von der Reformation bis zur Französischen Revolution 1500-1800, München 1996, sowie ALEXANDER DEMANDT (Hg.), Stätten des Geistes. Große Universitäten Europas von der Antike bis zur Gegenwart, Köln 1999. Vgl. RUDOLF VIERHAUS, Die Organisation wissenschaftlicher Arbeit. Gelehrte Sozietäten und Akademien im 18. Jahrhundert, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 3-21; NOTKER HAMMERSTEIN, Innovation und Tradition. Akademien und Universitäten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, Historische Zeitschrift 278 (2004), 591-623. Vgl. RÜDIGER VOM BRUCH, Die Gründung der Berliner Universität, in: Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Humboldt International. Der Export des deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert, Basel 2001, 53-73. Vgl. WALTER RÜEGG, Ortsbestimmung. Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften und der Aufstieg der Universitäten in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 23-40. Vgl. CONRAD GRAU, Profildifferenzen und Profildifferenzierungen der Preußischen Akademie und anderer deutscher Wissenschaftler-Gemeinschaften im 19. Jahrhundert, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7 ) , 4 1 - 5 9 . Vgl. RÜDIGER VOM BRUCH, Wissenschaftspolitik, Wissenschaftssystem und Nationalstaat im Deutschen Kaiserreich, in: Karl Heinrich Kaufhold/Bernd Sösemann (Hgg.), Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung in Preußen. Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Preußens vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Stuttgart 1998,73-89. Vgl. DAVID CAHAN, Helmholtz als führender Wissenschaftler an der Preußen Akademie der Wissenschaften, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7 ) , 2 7 7 - 3 1 4 . Vgl. PETER T . WALTHER, Honoratiorenklub oder Forschungsstätte. Die Statutendebatte der Akademie 1 8 7 4 bis 1 8 8 1 , in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7 ) , 1 0 3 - 1 1 8 . Zu letzteren vgl. WOLFGANG NEUGEBAUER, Zum schwierigen Verhältnis von Geschichts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften am Beispiel der Acta Borussica, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 236-275. ALEXANDER DEMANDT, Mommsen in Berlin, in: Wolfgang Treue/Karlfried Gründer (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Wissenschaftspolitik in Berlin. Minister, Beamte, Ratgeber, Berlin 1987, 149-173; REBENICH, Theodor Mommsen und Adolf Hamack (wie Anm. 1); DERS., Der alte Meergreis (wie Anm. 4); DERS., Die Altertumswissenschaften und die Kirchenväterkommission an der Akademie. Theodor Mommsen und Adolf Hamack, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 199-233.

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Vgl. REBENICH, Altertumswissenschaften (wie Anm. 42), 224-233, Übersicht der

altertumswissenschaftlichen Akademieunternehmen und Kommissionen des 19. Jahrhunderts. 44 Vgl. dazu in Kürze die 2003 von INA LELGE vorgelegte Dissertation zum Kreis um die Gebrüder Grimm. 45 Vgl. dazu HUBERT LAITKO, Die Preußische Akademie der Wissenschaften und die neuen Arbeitsteilungen. Ihr Verhältnis zum „Kartell" der deutschsprachigen Akademien und zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, in: Kocka, Akademie (wie Anm. 7), 149-173.

46 Zum Kartellaspekt vgl. LAITKO, Preußische Akademie (wie Anm. 45), 157; zur causa Treitschke DEMANDT, Mommsen in Berlin (wie Anm. 42), 159-167. 47 Vgl. PETER NÖTZOLDT, Strategien der deutschen Wissenschaftsakademien gegen Bedeutungsverlust und Funktionsverarmung, in: Fischer, Akademie (wie Anm. 13), 2 3 7 - 2 7 7 .

48 Vgl. Laitko, Preußische Akademie (wie Anm. 45), 159. 49 Vgl. dazu BRIGITTE SCHRÖDER-GUDEHUS, Die Akademie auf internationalem Parkett. Die Programmatik der internationalen Zusammenarbeit wissenschaftlicher Akademien und ihr Scheitern im Ersten Weltkrieg, in: Kocka, Akademie (wie A n m . 7), 175-195.

50 Klassisch ADOLF HARNACK, Vom Großbetrieb der Wissenschaft, in: Preußische J a h r b ü c h e r 119 ( 1 9 0 5 ) , 193-201.

51 HERMANN DIELS, ,Ansprache", in: Sitzungsberichte der Kgl. Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1899, Η. ΧΧΧΠ, 663. 52 Vgl. RÜDIGER VOM BRUCH, Langsamer Abschied von Humboldt? Etappen deutscher Universitätsgeschichte 1810-1945, in: Mitchell G. Ash (Hg.), Mythos Humboldt. Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten, Wien/Köln/Weimar 1999, 29-57. 53

DASTON, D i e A k a d e m i e n ( w i e A n m . 8), 61-84.

54 RÜDIGER VOM BRUCH, Wissenschaftspolitik, Kulturpolitik, Weltpolitik. Hochschule und Forschungsinstitute auf dem Deutschen Hochschullehrertag in Dresden 1911, in: Horst Walter Blanke (Hg.), Transformation des Historismus. Wissenschaftsorganisation und Bildungspolitik vor dem Ersten Weltkrieg, Waltrop 1994, 32-63, Zitats. 51. 55 Zur aktuellen Diskussion vgl. WILHELM VOAKAMP (Hg.), Ideale Akademie. Vergangene Zukunft oder konkrete Utopie, Berlin 2002.

Die deutsch-italienischen Beziehungen im Spiegel der Biographie Mommens* Arnaldo Marcone

Ich hoffe, daß es nicht ungeeignet erscheint, mein Referat mit dem Hinweis auf ein Fax zu beginnen, das Ende Oktober 1998 von der Deutschen Botschaft in Rom an die Gemeinde Pietrabbondante geschickt wurde. Anlaß war, daß die kleine appeninische Gemeinde Pietrabbondante Theodor Mommsen eine Straße widmete und zur Einweihungsfeier einen Vertreter Deutschlands eingeladen hatte. Pietrabbondante befindet sich heute in der Region Abruzzen und war bekanntlich eine wichtige Gemeinde in der vorrömischen Geschichte Italiens, sie zählte nämlich zu den Hauptgemeinden der samnitischen Bundesgenossenschaft. Aber warum fand diese Feier gerade am 7. November 1998 statt? Der Förderer dieser Veranstaltung, ein Lokalgelehrter namens Antonino di Iorio, wollte auf diese Weise der Verdienste Mommsens hinsichtlich der Erforschung der römischen Abruzzen gedenken. Seines Erachtens stellte der November den geeignetsten Monat für eine solche Feier dar, weil Mommsen im November geboren wurde und im November starb. Allerdings waren die Verdienste Mommsens, deren gedacht wurde, spezifischer. Als besonderes Verdienst Mommsens wurde seine Identifizierung von Pietrabbondante mit Bovianum Vetus angesehen. In der offiziellen Rede wurde ein anderer Gelehrte, der vorgeschlagen hatte, Bovianum mit Boiano zu identifizieren, und der Mommsens Vorzug für Pietrabbondante mit dessen unfreundlicher Aufnahme in dem abruzzesischen Dorf Boiano erklärte, scharf kritisiert.1 Randgebiete sind bekanntlich konservativ und so kann diese Begebenheit als Beweis für Mommsens (malgre lui) direkte Verwicklung in einige lokale oder lokalpatriotische Auseinandersetzungen („di campanile", wie man in Italien sagt) gelten. Daß Mommsen noch heute für Italien und die Italiener in gewisser Weise lebendig und gegenwärtig sein kann, zeigte sich auch bei dem Kongreß, den die Provinzialverwaltung Caserta unter der Devise „Terra di Lavoro a Theodor Momm-

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sen" am 29. und 30. Juni 1967 zur Feier seines hundertfunfzigsten Geburtstages veranstaltet hatte. Eine zeitgenössische Zeichnung zeigt Mommsen während seines Italienaufenthaltes inmitten eines Flusses auf einem Esel sitzend und mit einer Leiter an eine Brücke lehnen, um die in luftiger Höhe angebrachte Inschrift des Kaisers Nerva in Augenschein zu nehmen (il ponte di Castel di Sangro 1846).2 Für gewisse Städtchen in Italien zeigt diese Zeichnung eine fast noch lebendige Realität, und man glaubt, den rastlosen deutschen Forscher fast vor Augen zu haben. *

Auf welche kulturelle und wissenschaftliche Situation stieß Mommsen bei seiner Ankunft in Italien, die dann auch in seinem Tagebuch ihren Niederschlag fand? Es ist notwendig, eine Bewertung der italienischen Altertumswissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu skizzieren, denn mit ihr mußte sich Mommsen auseinandersetzen, als er im Jahre 1844 nach Italien kam. Damals vorherrschend war eine antiquarische Haltung, die trotz gewisser Verdienste bei der Deutung literarischer Texte eine Tendenz zu letztlich zweckloser Gelehrsamkeit zeigte und unkritisch dokumentarische Sachverhalte anhäufte. Wie von Sebastiano Timpanaro treffend gezeigt wurde, kann man eine deutliche Verspätung der italienischen Altertumswissenschaft gegenüber anderen Länder und insbesondere Deutschland erkennen. 3 Was generell fehlte, war eine Philologie, die ausgehend von Textkritik auf einer sicheren sprachwissenschaftlichen Grundlage wirken konnte. Ein Beispiel dafür war Angelo Mai, „lo scopritor famoso" („der berühmte Entdecker", so Giacomo Leopardi mit Anspielung auf die Entdeckung von Ciceros Palimpsest von de republica). Mai besaß bekanntlich nicht jene handwerklichen Kenntnisse, die notwendig gewesen wären, um zuverlässige Textausgaben vorzulegen.4 Man muß auch - zumal für Rom - das bedrückende politische Klima der Restauration berücksichtigen. Es lohnt sich, eine Passage aus dem bekannten Brief zu zitieren, den Giacomo Leopardi im Dezember 1822 an seinen Vater schrieb: „Ihrer Meinung nach [d.h. nach Meinung der „Antiquari"] ist der Gipfel des menschlichen Wissens, oder besser gesagt: die echte und wahrhafte Wissenschaft vom Menschen die antiquarische. Bisher habe ich noch keinen Gebildeten aus Rom getroffen, der unter Literatur etwas anderes verstünde als Archäologie. Philosophie, Sittenlehre, Politik, Psychologie, Eloquenz, Dichtung, Philologie, das alles ist fremd in Rom und scheint wie ein Kinderspiel zu sein im Vergleich zu der

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Frage, ob ein Kupferstück Marcus Antonius oder Marcus Agrippa zuzuschreiben ist." 5 Der junge Mommsen, der von Frankreich aus erstmals 1844 nach Italien gelangte, hätte wahrscheinlich diesem Urteil zugestimmt. Bei seiner Ankunft in Italien hatte der deutsche Gelehrte einen sicheren Stützpunkt. Auf dem Capitol in Rom war 1829 eine für deutsche Altertumswissenschaftler sehr wichtige Institution gegründet worden, das „Istituto di corrispondenza archeologica". 6 Hauptzweck des Instituts war es, alle archäologischen Tatsachen und Entdeckungen, welche auf dem Gebiet des klassischen Altertums zu Tage gefördert wurden, zu sammeln und bekanntzumachen. Das Istituto förderte die internationale Zusammenarbeit zur Veröffentlichung der antiken Denkmäler. Verständlicherweise war das Institut für Mommsens Tätigkeit grundlegend, wußte er doch, daß er dort immer die notwendige Unterstützimg und Protektion finden würde. Bei seiner Ankunft in Italien hatte Mommsen nicht nur einen Meister sowie einen Kollegen und Freund, sondern auch einen Widersacher kennengelernt. Ersterer war Bartolomeo Borghesi, der unbestrittene Meister der epigraphischen Forschung, der seit Jahren in der Republik San Marino im selbst gewählten Exil lebte.7 Borghesi war der anerkannte Altmeister, an den sich Mommsen achtungsvoll wandte, um ihm die vorläufige Sammlung der Inschriften von Samnium zu unterbreiten. Als Beispiel dieser Verehrung möchte ich eine Passage aus einem im März 1846 aus Rom geschriebenen Brief zitieren. Mommsen bittet Borghesi: „diese Blätter durchzulesen und zu erlauben, daß der an Sie gerichtete, beigefügte Brief gedruckt wird. Ich weiß nur zu gut, wie viel wir Anfänger Ihnen in diesen Studien schuldig sind, um nicht zu wünschen, daß dies öffentlich gesagt werden dürfte".8 Der Kollege und Freund war Giovanni Battista de Rossi. Die Altersnähe begünstigte die Beziehung, in diesem Fall eine richtige Freundschaft, zwischen Mommsen und ihm, der als der Vater der christlichen Epigraphik gilt. Diese enge Beziehung wird auch durch eine reiche Korrespondenz belegt, deren Briefe in der Biblioteca Vaticana aufbewahrt werden. 9 So schreibt Mommsen in einem Anfang Februar 1857 aus Breslau kommenden Brief: „Wir sind glücklich, liebster Freund und Mitarbeiter, dass, wenn auch der Briefwechsel zwischen uns selten ist, trotzdem unsere Herzen nicht getrennt sind und beides (Briefwechsel und Freundschaft) nie zum Ende kommen werden."

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Schließlich war de Rossi für Mommsen, der ihn zusammen mit Henzen als Herausgeber des CIL-Bandes mit römischen Stadtinschriften gewinnen wollte und dem er eine persönliche Zusammenarbeit bei den „Inscriptiones Christianae Urbis Romae" versprach, ein Kollege im vollen Wortsinn: ein laborum socius et tarn ineuntis aetatis quam maturae fidus amicus (CIL III, VI) - „ein Arbeitsgefährte und ein treuer Freund für das jüngere sowie für das reifere Alter". Der Widersacher war Padre Raffaele Garrucci. Mommsen hatte bisweilen Schwierigkeiten und in manchen Fällen auch richtige Auseinandersetzungen mit Gelehrten, die nach selbständiger wissenschaftlicher Tätigkeit strebten und sich nicht an seine Vorgaben hielten. Als Beispiel kann sein Konflikt mit Garrucci gelten. Garrucci war Jesuit und fünf Jahre älter als Mommsen. Er leistete Widerstand gegen das von dem Istituto unterstützte wissenschaftliche Unternehmen der Deutschen. Mit Brunn, einem jungen, bei dem Institut in Rom tätigen Gelehrten, war Garrucci wegen seiner Veröffentlichung eines wichtigen neuen epigraphischen Textes, der 1831 entdeckten Tafel der Ligures Baebiani, aneinandergeraten. Mommsen seinerseits hatte ihn lächerlich gemacht, da es ihm gelungen war, die wenig sorgfältige, in großer Eile hergestellte Edition der Tafel während einer Sitzung des Istituto kritisieren zu lassen, sogar durch Garruccis Lehrer, Padre Secchi, der nicht verstanden hatte, daß es sich um die Arbeit eines seiner Schüler handelte.10 Mommsen notierte in seinem Tagebuch (14. März 1845): „In der Adunanz große Abschlachtung der Jesuiten mit vertheilten Rollen - Padre Garrucci und Padre Secchi, wozu ich nach Kräften beitrug. Es gelang P. Secchi erst zum Einstimmen gegen seinen Kollegen zu bringen, worauf ich ihm denn mit großem eclat den Namen des Verfassers verkündigte: Padre Raffaele Garrucci della Compagnia di Gesü. Wohl bekomm's ihm!"11

Es lohnt sich, diese Auseinandersetzung kurz zu erörtern. Man muß beachten, daß wissenschaftliche Fragen nicht die erste Rolle spielten. Garrucci hatte, wie heute im allgemeinen anerkannt wird, seine Fähigkeiten und seine Verdienste. Einerseits scheint Mommsen ihm gegenüber zu streng gewesen zu sein; andererseits merkt man bei Garrucci eine instinktive Antipathie den deutschen Forschern gegenüber, die zu einer grundsätzlichen Verkennung der Bedeutung des Corpus-Projekts geführt hat. Garrucci gilt schließlich als ein Vertreter eines kurzsichtigen kulturellen Nationalismus, der in den folgenden Jahrzehnten immer wieder hervortrat. Diese Auseinandersetzung schien am Anfang unangenehme Folgen zu haben und das Corpus-Projekt gefährden zu können. Wie Henzen warnte, lief Mommsen Gefahr, in Rom als persona non grata betrachtet zu werden.

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Der Entdecker der Tafel der Ligures Baebiani, Giosue de Agostini, schien anfangs bei Garruccis Auseinandersetzung mit Brunn, der damals kaum mehr als zwanzig Jahre alt war, für Garrucci Partei zu ergreifen. Eine Wende brachte Mommsens Besuch im Dorf Campolattaro Ende November 1846; er blieb dort drei Tage, nahm kraft seiner Autorität eine Neulesung der Tafel vor und löste jedenfalls für den Augenblick - die Frage. De Agostini wurde im folgenden Jahr zum Ehrenmitglied des Istituto Archeologico ernannt. In den Briefen von Garrucci an de Agostini ist der Ton oft scharf und es gibt nicht selten Ausfalle gegen „i signori protestanti", „die Deutschen, Protestanten und Lügner".12 Nachdem Mommsen diese Krise bewältigt hatte, arbeitete er an der Herausgabe der „Inscriptiones Regni Neapolitani Latinae", eine Arbeit, die wir als vorbereitend für Mommsens spätere Laufbahn betrachten können. In den Jahren 1852 und 1853 verfolgte Mommsen zugleich fieberhaft weitere Projekte: Wir befinden uns in der Abschlußphase des Studiums der italischen Sprachen, die nach einer fast acht Jahre andauernden Arbeit mit der Veröffentlichung des nordetruskischen Alphabets ihren Abschluß findet. Zur gleichen Zeit beginnen in Kooperation mit Friedrich Ritsehl vorbereitende Arbeiten an den archaischen Lateinischen Inschriften, die dann in den Jahren 1862 und 1864 veröffentlicht wurden. *

Mommsen war dann - ich möchte kurz einige biographische Daten in Erinnerung rufen - in Zürich tätig, wo er seine Sammlung der „Inscriptiones Confoederationis Helveticae Latinae" abschloß: Sie wurden im folgenden Jahr veröffentlicht und Henzen und de Rossi gewidmet. Brieflich informierte Mommsen am 6. August 1853 de Rossi, der inzwischen auf Vorschlag von Henzen zum Ehrenmitglied des Institutsdirektoriums und zum Korrespondierenden Mitglied der Preußischen Akademie (zusammen mit Henzen und Mommsen) ernannt worden war, daß das Projekt eines Corpus der Lateinischen Inschriften definitiv von der Akademie der Wissenschaften angenommen worden sei. Das „Corpus Inscriptionum Latinarum" hatte drei Direktoren: Henzen, de Rossi und Mommsen, auch wenn von vornherein klar war, daß letzterer der eigentliche Leiter des Unternehmens war. Nach Abschluß der Organisation des Corpus auf zentraler Ebene begann die keineswegs minder komplexe und problematische Sammlung, Auswahl und Nachprüfung des Materials, Ort für Ort und Region um Region. Selbstverständlich war dabei eine große Zahl zuverlässiger, stets verfügbarer Mitarbeiter unbedingt erforderlich.

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Natürlich bewegten sich die persönlichen Beziehungen, die Mommsen in der Folgezeit zu einer Vielzahl von Mitarbeitern an unterschiedlichen Bänden des Corpus unterhielt, auf einem ganz anderem Niveau.13 Wenn ich ein vorläufiges, pauschales Urteil wagen darf, würde ich es wie folgt formulieren: Mommsens Förderung der Lokalforschungen stieß sehr oft auf Anerkennung und Unterstützung, was von ihm mit Wertschätzung und Dankbarkeit erwidert wurde. Die Fortschritte bei der Realisierung des CIL erlauben, mit gewissen Einschränkungen, dem kulturellen und politischen Wachstum in einem Land wie Italien, das sich darum bemühte, eine Nation zu werden, zu folgen. Mommsen war immer bereit, diese Bemühungen mit Sympathie und kritischer Intelligenz zu betrachten, was ihm Anerkennung und Freundschaft einbrachte.14 Eben gerade auf die Bedeutung von Beziehungen dieser Art sollen meine weiteren Ausführungen ausgerichtet sein. *

Die von Mommsen in Italien hergestellten Beziehungen zu Personen, bei denen es sich zuweilen um bloße Lokalgelehrte oder Verwalter handelte, die sich zuvor nie mit Epigraphik beschäftigt hatten, sind qualitativ wie quantitativ beeindruckend und erforderten die größte Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Mommsens Fähigkeit, solche Mitarbeiter zu würdigen und zu motivieren, auch über die großzügige und wohlwollende Anerkennung ihrer Arbeit, kann man nur bewundern. Schließlich sind diese Leute nicht bloß „segugi per il materiale da raccogliere", „Spurhünde für die Materialsammlung", wie etwa Benedetto Croce diese fleißigen Mitarbeiter bezeichnet hat.15 Die besten unter ihnen werden eine wichtige, wenn auch teilweise verkannte Rolle als Empfänger und Übermittler spielen; sie werden zur Entwicklung der kritischen Methode, zur Erhöhung des wissenschaftlichen Niveaus und zur Effizienz der Verwaltungsorganisation beitragen. Ich möchte eine allgemeine Beobachtung anschließen: Die Veröffentlichung der einzelnen Bände des CIL beendet die Tradition der italienischen antiquarischen Lokalforschungen und markiert zugleich einen wichtigen Wendepunkt in der Wissenschaftsgeschichte. Deshalb scheint es mir nötig, auf einige Einzelfälle hinzuweisen, die jeweils auf besondere Weise das Wesen der Beziehungen zwischen Mommsen und der italienischen Altertumswissenschaft verdeutlichen. Letztere durchlebt eine besondere innere Spannung, weil sie bestrebt ist, einerseits das wissenschaftliche Niveau der nordeuropäischen Forschung zu erreichen, ohne sich andererseits den neu entstehenden Verhältnissen des italienischen Nationalstaats zu verschließen.

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Um zu beleuchten, wie die Verhältnisse im postnapoleonischen Italien waren, möchte ich zunächst kurz auf drei Fälle eingehen, die als beispielhaft gelten können: Venedig, Vicenza und Verona. Bis zum Fall der Republik stellt sich Venedig als eine Stadt ohne eine eigene antike Vergangenheit dar, die sich eine solche zu verschaffen suchte, indem sie die Tradition der alten Veneter zu vereinnahmen sucht; von Padua und Altino forderte es die Vorrechte des Patriarchats von Aquileia zurück. Der Verlust der Unabhängigkeit wurde bekanntlich für die venezianische Kultur zu einem Schock, der zu einer kulturellen Isolierung beitrug. Die bedeutendsten Gestalten dieser Zeit sind Teodoro Correr und Emanuele Cicogna: In einer geduldigen Sammeltätigkeit tragen sie Relikte aus der Vergangenheit der Repulik zusammen. In einem Klima des allgemeinen Niedergangs der klassischen Studien und eines nur mäßigen Interesses an einem konsequenten Nachdenken über die archäologischen Überreste der Stadt verdient die Tätigkeit von Cicogna besondere Wertschätzung. Zusammen mit dem Pfarrer Antonio Moschini gelang es ihm, systematisch die Skulpturen und die Inschriften mittelalterlicher Kirchen von Venedig, die man gerade niederriß, zu retten: Mommsen schätzte Cicognas Sammlung „Delle Iscrizioni Veneziane" für ihre methodische Konsequenz. Wenn man den Mangel an originellen Forschungen seitens der Lokalgelehrten in Betracht zieht, kann man leicht die Bedeutung von Mommsens Beitrag verstehen, der beachtenswerte Folgen in der venezianischen Altertumswissenschaft hatte. Von Mommsen wurde der wichtige Grundsatz aufgestellt, daß die in der Lagune gefundenen Objekte nicht lokal sein konnten, sondern eingeführt worden waren und tatsächlich von der Plünderung von Altino und Aquileia stammten oder auch aus entfernteren Gegenden, etwa Istrien und Dalmatien, kamen. Mommsen Schloß das mögliche Vorhandensein ständiger römischer Siedlungen in der Lagune aus und bestätigte damit die Theorie, daß Venedig aus dem Nichts entstanden sei, eine Theorie, die für längere Zeit auf allgemeine Zustimmung traf. Man muß auch bedenken, daß Giovanni Casoni, die auf archäologischem Gebiet vielleicht bedeutendste Persönlichkeit der österreichischen Zeit, ein Ingenieur der Militärmarine war, gewissermaßen ein Amateur. 16 Ein Beispiel der Mitarbeit an Mommsens Unternehmen im Veneto ist Giovanni da Schio. An ihm zeigt sich beispielhaft, daß im Veneto eine antiquarische Sammlungsweise häufig mit dem Adel verbunden war: Sammlungen von antiken Objekten wurden, meistens zur Ausschmückung der Bauten, in den Palästen beherbergt. Der Graf Giovanni da Schio setzte diese Tradition in Vicenza fort, wo er Altertümer systematisch sammelte und schützte. Momm-

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sens Besuch in dieser Sammlung Anfang 1867, anläßlich eines Aufenthalts in Vicenza, wohin er gekommen war, um einige Bände der Biblioteca Bertoliana einzusehen, muß eine kleine Sensation gewesen sein. Wie es bei ihm mit fleißigen Gelehrten üblich war, die stolz waren, ihm das von ihnen angesammelte Material zur Verfügung zu stellen, bedenkt Mommsen da Schio mit besonderem Lob und vergleicht ihn in einem ihrer Begegnung vorangehenden Brief sogar mit Maffei, Labus und Cavedoni. Als Illustration für die Gründlichkeit, mit der Mommsen seine Arbeit organisierte, mag ein Antrag dienen, der im Stadtarchiv von Vicenza aufbewahrt wird. Darin bittet er, ihm einige in der Biblioteca Bertoliana vorhandene Texte in die Universitätsbibliothek in Padua zu übersenden, wo er damals arbeitete.17 Verona stellt einen weiteren für uns interessanten Fall dar. Die Veroneser Kultur hatte im achtzehnten Jahrhundert, beeinflußt von Scipione Maffei, grundsätzlich zwei Richtungen verfolgt: das Studium von Dante und die Altertumswissenschaft. Es werden - dem Zeitgeist entsprechend - für die Antike vor allem Inschriften und Münzen studiert, allerdings ohne geschichtliche Perspektive. Selbst das von Maffei begründete Museo Lapidario ist nach diesem Konzept organisiert. Verona teilte den politischen Untergang Venedigs und litt unter der napoleonischen Herrschaft. In der österreichischen Zeit scheint der Geschmack bei einem klassischen Konformismus stehenzubleiben. Borghesi, der die Stadt während einer epigraphischen Reise besuchte, erschien Verona als „tief in einem reibungslosen Quietismus versunken" und in einer dedizierten Verteidigung der Tradition engagiert. Der archäologischen Forschung in Verona kam es nicht eben zugute, daß der führende Altertumswissenschaftler, Giovanni Gerolamo Orti, ein begeisterter Sammler von Inschriften und Denkmälern, ein Adliger war, der die österreichische Regierung unterstützte. Orti, der mit den wichtigsten Forschern korrespondierte und in seinem Palast einen kulturellen Verein gegründet hatte, wurde wegen seiner politischen Orientierung grundsätzlich boykottiert. Bereits korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Berlin wurde Orti von der mit der Organisation des CIL beauftragten Kommission zum „literarischen Assistenten in Verona" ernannt. In einem im März 1857 aus Breslau gesandten Brief drückt Mommsen Orti seine Dankbarkeit aus, weil er ihm Abschriften „von den Schätzen der Biblioteca Capitolare" übersenden ließ und kündigt die Absicht an, seine Studien der epigraphischen Arbeiten des sechzehnten Jahrhunderts zu vertiefen. Jedoch ist sein Urteil über Ortis Arbeit im CIL streng: Es entspricht der grundsätzlichen Meinung, die Mommsen von Sammlern hatte, die sich anmaßten, eigene Urteile über das Material in ihrem

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Besitz abgeben zu können, ohne die dafür notwendigen Vorkenntnisse zu besitzen (Orti war Verfasser von mehr als 65 Veröffentlichungen).18 Es lohnt sich, Mommsens Vorbemerkung zu den Inschriften von Altinum im CIL-Band V 1 (S. 205) anzusehen. Es ist ein schöner Beweis für Mommsens Betrachtungsweise der italienischen Verhältnisse: Neben Lob für die Hilfsbereitschaft der italienischen Gelehrten finden wir Kritik an der Unordnung der Forschung. Diese Betrachtungen sind nicht nur forschungsgeschichtlich wichtig, sondern auch im allgemeinen für die Kulturgeschichte. Mommsen verzichtet nicht darauf, häufig geäußerte Einwände gegenüber seiner Forderung nach einer konsequenteren Arbeitsorganisation in Italien zu ironisieren. Der Tag müsse schließlich kommen - so meint er - an dem die Italiener, inspiriert von der Arbeit ihrer Landsmänner (in diesem Fall: der venetianische Gelehrte Cicogna), „aufhören werden zu glauben, daß solche Mühen nur jenseits der Alpen ertragen werden könnten und solche ,Unternehmen für die Ewigkeit' nur dort vollendet würden" („Itali spero aliquando credere desinent trans Alpes tantum tales labores tolerari posse taliaque ές άεΐ κτήματα perfici!"). *

Es lohnt sich auch zu erörtern, wie Mommsen das Corpus-Konzept gegenüber Lokalforschungen darstellt: Der Gemeinnutzen des Werkes - meint er - besteht darin, daß der Weg für Lokalforschungen vorbereitet wird, von denen die Inschriftenkunde ganz abhängig ist, die aber bisher dadurch behindert wurden, daß niemand wußte, was in seinem Besitz war. Beispiele dafür bilden Aquileia und - allgemeiner - die Forschungen zu Inschriften und römischen Antiquitäten Venetiens und Istriens. Ein bedeutender Lokalforscher und geschätzter Mitarbeiter von Mommsen, Carlo Gregorutti, hatte diesem das von ihm gesammelte Inschriftenmaterial anvertraut. Diesem Ausdruck von Selbstlosigkeit zollte Mommsen im CIL besondere Anerkennung: „Ich erhielt von ihm eine außerordentliche Wohltat: er wollte mir seine unveröffentlichten Texte anvertrauen, gerade die Texte, die die Forscher normalerweise eifersüchtig fur sich selbst aufbewahren, um zu vermeiden, daß sie in dieser Edition fehlten. Er hat mir dazu selbst die Fahnen geschickt, bevor das Buch veröffentlicht wurde."19

Gregorutti, Bürger von Triest und Rechtsanwalt von Beruf, betreute die antiken Stätten der Region. Vom Jahre 1870 an führte er die Oberaufsicht über das Stadtmuseum in Triest.20 Bei verschiedenen Anlässen waren in den vorangehenden Jahren mehrere Funde, darunter neue epigraphische Texte, im Gebiet

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um Aquileia ans Licht gebracht worden. Während Mommsen an seiner Edition von Band V des CIL arbeitete, bereitete Gregorutti seinen eigenen Band Le antiche lapidi di Aquileia (Trieste 1877) vor. Es handelt sich um ein Werk, das neues Material für den zweiten Band von CIL V und für die Supplementa Italica von einem italienischen Schüler von Mommsen, Ettore Pais, liefern sollte.21 In dieser Hinsicht war Gregorutti besonders zu schätzen, weil er nicht so vorgegangen war, als ob sein Forschungsgebiet (Aquileia) mit ihm anfinge, sondern er sich vielmehr auf seine Vorläufer gestützt und von ihren Abschriften profitiert hatte, wenn die Originale verloren gegangen waren. Die Verwicklung zwischen Politik und archäologisch-epigraphischer Forschung ist im Fall des nordöstlichen Italien besonders evident. Einerseits verglich Mommsen, der mit vielen Patrioten, wie Tomaso Luciani, befreundet war, in seinem dritten, Ende August 1870 geschriebenen „Brief an die Italiener" den deutschen Anspruch auf das Elsaß mit dem italienischen auf Trient, Triest und Istrien als fast völlig italianisierte Gebiete.22 Andererseits teilte er die damals verbreitete Bestrebung nach einem Zugang für Deutschland zur Adriaküste und betrachtete Triest aus dieser Perspektive als „notwendig" für Deutschland. Er konnte aber nicht ignorieren, wie strittig Istriens Italianität war, zumal im Inneren des Landes, wo die Kroaten die Spuren der Römer zu tilgen suchten: Im Band V des CIL wird von einem Pfarrer erzählt, der absichtlich die von ihm selbst entdeckten römischen Grabsteine zerstört habe. Die Unterzeichnung des Dreibundes im Mai 1882 zwischen Österreich, Deutschland und Italien veränderte die politische Situation und trug dazu bei, daß gewisse Stellungnahmen als überholt erschienen. Für eine gewisse Zeitspanne schien es vernünftig, die Italianität innerhalb des habsburgischen Staates (und nicht im Widerstand gegen ihn) zu verteidigen, so wie dies unter anderen von dem Görzer Sprachwissenschaftler Graziadio Ascoli verfochten wurde.23 Die schon erwähnte Vorbemerkung im CIL V 1, die auf das Jahr 1877 zurückgeht, ist auch aus anderen Gründen bedeutungsvoll. Mommsen hat die Anstrengungen des jungen Königreichs Italiens beobachtet und - so gut er konnte - unterstützt, um die kulturelle Organisation und insbesondere das Museumswesen zu fördern. Es ist bemerkenswert, wie ihm bewußt ist, daß trotz der Verdienste der italienischen Einzelforscher, die er anerkennt und schätzt, ein Charakteristikum des Landes darin besteht, daß individuelle Fähigkeiten oft schwere Lücken in der Organisation der öffentlichen Verwaltung schließen müssen. Trotzdem wünscht er sich immer engere Beziehungen zwischen der italienischen und der deutschen Wissenschaft, auch in Zusammen-

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hängen, welche über den engeren Umkreis der Altertumswissenschaft hinauszugehen scheinen. Mommsens Interesse für das Trienter Gebiet wurde durch eine zufälligen Fund geweckt. In Cles entdeckte man Ende April 1869 eine Bronzetafel, welche das Edikt des Kaisers Claudius aus dem Jahre 46 n. Chr. über die adtributio der Anauner und anderer kleinerer Völker an die Gemeinde Trient enthielt. Diese Entdeckung ereignete sich im Gebiet von „Campi Neri", dem Besitz eines gewissen Giacomo Moggio; sie wurde in einem offiziellen, am folgenden Tag verfaßten Protokoll festgehalten und bedeutete eine große Sensation für die Region. Die folgenden Ereignisse ermöglichen eine interessante Überprüfung der wissenschaftlichen und allgemeiner der kulturellen Beziehungen, die Mommsen mit den Lokalgelehrten knüpfte. Insbesondere wurde die Tafel benutzt, um - den Erwartungen des Risorgimento entsprechend - die Italianität von Trient zu beweisen. Auch in jüngerer Zeit, als nationalistische Auseinandersetzungen neu ausbrachen, nutzte die Gemeinde Cles den Jahrestag des Edikts im Jahre 1946 für die Anbringung einer Gedenktafel mit dem claudischen Text am Rathaus.24 Die Nachricht der Entdeckung verbreitete sich sofort durch eine klerikale Lokalzeitung „La Voce Cattolica", die der Konkurrenzzeitung, der liberalen „II Trentino", zuvorkam. In dieser wurde der Entdeckung große Anerkennung gezollt. Der Leiter der Zeitung selbst, der Priester Giovanni a Prato, angesehener Gebildeter, Politiker und Patriot, berichtete darüber. „II Trentino" widmete der Tafel am 3. August 1869 eine außerordentliche Beilage. Hier wurde der von Mommsen im 4. Band des „Hermes" geschriebene Aufsatz übersetzt. Nach a Prato handelte es sich um den einzigen Gelehrten, der zuverlässig war, weil er die in seinen Schriften geäußerten Meinungen belegte. Die „Voce Cattolica" ihrerseits befragte Garrucci. Wie schon angedeutet, wurde die Tafel aufgrund des Klimas der Zeit (im Jahre 1866 wurde das Veneto als Folge des Preußischen-Österreichischen Krieges ein Teil des Königreichs Italien, nicht des Trentino) als ein Beweis für die Italianität des Gebietes ausgelegt: Es galt festzustellen, ob Trient in der Antike zu Rätien oder zu Italien gehört hatte. Mommsen stützte sich in Trient auf die Mitarbeit eines Bibliothekars, Francesco Ambrosi, der, wenngleich kein richtiger Fachkenner der römischen Geschichte, in Verbindung mit Gelehrten stand, die sich mit Epigraphik beschäftigten. Aus einem Brief, den Mommsen an ihn aus Berlin am 5. Mai 1869 adressierte, sowie aus den von Mommsen über ihn geäußerten Beobachtungen („es ist sicherlich wahr, dass Gott nichts schafft ohne einen besonderen Zweck: es ist bewiesen, dass auch euere klerikalische Gazette ihre raison d'etre hat") geht hervor, daß die von ihm empfangene Mitteilung der Entdeckung im be-

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treffenden Exemplar der „Voce Cattolica" mit der ersten Abschrift des Textes wirklich unverzüglich erfolgt sein muß.25 Von Mommsens Besuchen in Norditalien, die der Vorbereitung des CILBandes V dienten, erscheinen die beiden in Pavia im Oktober 1867 und im März 1869 besonders bemerkenswert. Diese Besuche werden in einer Art Tagebuch des damaligen Direktors der Universitätsbibliothek, Bussedi, der sich der Wichtigkeit des Ereignisses bewußt war, genau festgehalten. Bussedi gehörte offenbar zu jener Art von Mitarbeitern, die Mommsen am liebsten waren: Er war beständig, zuverlässig und bescheiden. Er spricht von ihm als einem „lobenswerten Mann aufgrund seiner Gelehrsamkeit und seiner Bescheidenheit" („vir doctrina pariter atque modestia commendabilis"). Als Zeichen der Anerkennung kann die Tatsache gelten, daß Mommsen in einem Brief vom Oktober 1869 an Bussedi betont, Bussedi habe in einem im „Hermes" veröffentlichten Aufsatz zur Laufbahn des jüngeren Plinius die Frage der Heimat des Historikers Cornelius Nepos zugunsten von Pavia (und damit gegen Verona) gelöst: „Es kann vielleicht von einem gewissen Interesse für die Pavesi sein, dass er mir bewiesen zu haben scheint, dass der Historiker Cornelius Nepos nicht aus Verona sondern aus Pavia stammte. Deswegen erlaube ich mir, diesem Brief für Ihre Bibliothek das Separatum aus der genannten Zeitschrift beizufügen".26

Keine Begebenheit beleuchtet die Komplexität und die Bedeutung von Mommsens Beziehungen zu Italien besser als der Vorfall der sogenannten Carte d'Arborea. Die Carte d'Arborea fügt sich mit vollem Recht in die besondere Blüte von Fälschungen, die aus National-, Regional- oder Lokalstolz erwachsen sind und welche die literarische Bildung und die europäische Historiographie zwischen 1845 und 1870 bestimmten. Die Fälscher hatten sich die Methoden der gebildeten Schule zu eigen gemacht, die einsetzend mit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts angefangen hatte, die Echtheit der historischen Zeugnisse zu untersuchen.27 1845 hatte ein Mönch eines Klosters aus Cagliari dem Historiker Pietro Martini, Leiter der Universitätsbibliothek, ein Pergament unsicherer Herkunft zum Kauf angeboten. Den Fälschern war es gelungen, Urkunden herzustellen, die geeignet waren, einige grundlegende Lücken in der mittelalterlichen Geschichte Sardiniens und bei der Herleitung der romanischen Sprachen zu schließen. Der zeitweilige Erfolg dieser Carte d'Arborea erklärt sich auch aus dem positiven Urteil, welches die Akademie der Wissenschaften in Turin in der Frage der Authentizität fällte und das von zwei Experten der Geschichte Sardiniens, La Marmora und Baudi de Vesme, unterzeichnet wurde. Anfang Januar 1870 konnte die Episode zumindest auf wissenschaftlicher Ebene als

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abgeschlossen betrachtet werden, als die Akademie der Wissenschaften in Berlin auf Anfrage der Akademie in Turin ein endgültiges Verdikt gegen die Echtheit formulierte. Auch italienische Gelehrte wie Gerolamo Vitelli trugen zu diesem Verdikt bei, das in dem geißelnden Sarkasmus des Dichters und Professors Giosue Carducci weitere Unterstützung fand. Vor diesem Hintergrund kann man gut verstehen, daß Mommsen, dessen Studienreisen sich nicht auf den engeren Kreis der Wissenschaftler beschränkten, im Jahre 1877 eher voreingenommen nach Sardinien kam. Mommsen traf am 13. Oktober in Cagliariein. Sein Besuch wurde vom Unterrichtministerium vorher angekündigt, und demzufolge gab es Berichte in den Lokalzeitungen. Über Mommsens Aufenthalt in Sardinien sind wir zudem besonders gut durch seinen Briefwechsel informiert. Es ist verständlich, daß auf einer Insel, wo die Frage der Fälschungen noch leidenschaftlich diskutiert wurde, die Anwesenheit des deutschen Gelehrten eine Gelegenheit bot, die alten Auseinandersetzungen neu zu beleben. Eine beiläufige Behauptung Mommsens während eines Festessens zur Wiederverwendung einer antiken Statue, die die geschichtliche Existenz von Eleonora d'Arborea selbst in Frage stellte, rief einen Skandal hervor. Der Rechtsanwalt Gaetano Ghivizzani schrieb einen Brief an die Tageszeitung Cagliaris, um die „heiligen Memoires" und die „Helden" Sardiniens zu verteidigen: „Unter diesem Gesichtspunkt sind die Sarden wie die Germanen. Letztere haben Arminius. Die Sarden haben Eleonora von Arborea, und was immer die gelehrten Germanen darüber sagen können, wird Eleonora immer die Tochter von Mariano IV., die Frau von Brancaleone Doria, die giudicessa von Arborea, die Verfasserin der Carta de Logu bleiben". Aufgrund des großen Echos dieses Vorfalls fühlte sich Mommsen dazu verpflichtet, in einem Brief, der am 12. November in der Zeitung „L'Awenire di Sardegna" veröffentlicht wurde, genauere Aufschlüsse zu geben. Einerseits tadelte er das übertriebene Gewicht, das „einigen von ihm während eines Privattreffens geäußerten Wörtern" beigemessen worden sei, die dann in der ganzen Stadt umhergegangen seien, andererseits bestätigte er als „ehrlicher Mann" erneut sein endgültiges Urteil über die Unechtheit der Carte d'Arborea. Bekanntlich stellt der Lokalpatriotismus eine kontroverse und manchmal auch heikle Angelegenheit dar. Die Carte d'Arborea trugen sicherlich dazu bei, Sardiniens Prestige zu erhöhen. Innerhalb der Insel bedeutete dies jedoch, daß Sassari sein Ansehen jetzt zugunsten von Cagliari verlor. Nicht zufällig wurde Mommsen in Sassari geradezu begeistert empfangen. Enrico Costa, der Leiter der Wochenzeitung „La Stella di Sardegna", rief einen Ausschuß ins Leben, um gebührende Feiern zu Mommsens Ehren zu organisieren.

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Angelo de Castro hingegen, der damals Vertreter des Unterrichtministeriums in Sassari war, Mommsen bei einem Festessen kennenlernte und ihn bei einem Besuch zu einem Nuraghe begleitete, gewann den Eindruck, daß dieser von einem überkritischen Geist geleitet werde und „durch einen zu weit getriebenen Skeptizismus gekennzeichnet" sei. De Castro nahm wahrscheinlich gewisse gelegentliche und wohl widersprüchliche Äußerungen von Mommsen zu ernst. Ganz bestimmt fühlte er sich durch den Sarkasmus verletzt, mit dem Mommsen sich über die von dem in Sardinien sehr bekannten Historiker Giovanni Spano verfochtene Hypothese, daß die Nuraghi Hirtenhäuser gewesen seien, äußerte. Die von De Castro kaum verhehlte Hoffnung war allerdings, daß auch das Urteil über die Unechtheit der Carte d'Arborea genau dieser übertriebenen Skepsis zuzuschreiben sei. Der aus Oristano stammende De Castro war in der Tat einer der letzten Verfechter der Echtheit der Carte. In einem in der Wochenzeitung „Stella di Sardegna" am 25. November 1877 abgedruckten Brief zollt er dem Gelehrten Mommsen zwar jede Ehre, hält aber an dem traditionellen nationalistischen Gedankengut fest und tadelt die vermeintliche Leugnung der Historizität von Eleonora seitens der deutschen Gelehrten: „Die Existenz und die ruhmvolle Heldentaten von Eleonora in Frage zu stellen, heißt, die Geschichte selbst zu verneinen und sich als unumschränkter Skeptiker zu erklären. Wenn man es so weit mit den Zweifeln treibt, könnte man nicht nur an Eleonora zweifeln, sondern auch an der Existenz des ruhmvollen Arminius".

Man kann sagen, daß die Echtheitsfrage der Carte nach dieser letzten Verteidigung aufhörte, ein aktuelles Thema zu sein, zumal auch die ursprüngliche kulturelle Absicht nunmehr unzeitgemäß geworden war. Der schon erwähnte Ettore Pais, der bekannteste von Mommsens italienischen Schülern und ebenfalls sardischer Herkunft, der zunächst Direktor des Archäologischen Museums in Sassari und später von dem in Cagliari war, richtete seine Forschungen über das vorrömische und römische Sardinien darauf aus, das sicherlich echte Material eingehend zu prüfen. Der Unterricht seines Lehrers, an dessen kritischer Methode er sich offensichtlich orientierte, hatte Früchte getragen.28 Mommsens Anwesenheit in der italienischen Kultur der Nachvereinigungszeit erscheint als besonders bedeutungsvoll in einem Augenblick, in dem auf regionaler bzw. nationaler Ebene die römischen und vorrömischen Altertümer wiederentdeckt werden. Das anfangs erwähnte Beispiel aus den Abruzzen ist beachtenswert. Hier besteht der Einsatz der Gemeinde darin, in einer finanziell schwierigen Situation Zuschüsse seitens des Staates zu fordern, die als gebührend und zustehend empfunden wurden. Es ist eine Frage, die, wie man deutlich sagen muß, über

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den engen wissenschaftlichen Bereich hinausgeht. Sie betrifft vielmehr den besonderen rhetorischen und symbolischen Gebrauch, den man seit der Vereinigung Italiens von dem lokalen archäologischen Erbe machte. 29 Das Fach erneuerte sich durch innere Antriebe, die mit der Forderung nach seiner Verwissenschaftlichung zu tun haben, und durch äußerliche Impulse, die die Kulturpolitik auf lokaler Ebene in ihrer Auseinandersetzung mit deijenigen auf nationaler Ebene betrafen. In den Abruzzen wurde das Interesse der Gelehrten von dem traditionellen Forschungsgebiet, wie dem Fuciner-See, auf jene Gebiete gerückt, wo auch zufällige Funde die Siedlungen von verschiedenen vorrömischen Völker, wie den Prätutiern, den Marsern, den Pälignern, den Marrucinern, den Frentanern und den Karakenern belegten. *

Hinsichtlich Mommsens Beziehungen zu Italien muß man auch kurz die sogenannten „Briefe an die Italiener" erwähnen, die zum eher politischen Mommsen gehören und gerade deswegen als zeitbedingt erscheinen. In der Tat betreffen Mommsens Sendschreiben an die Italiener in bezug auf den preußisch-französischen Krieg mehr sein Verhältnis zu den Franzosen als das zu den Italienern. In den ersten Wochen des Krieges wandte Mommsen sich mit offenen Briefen an das italienische Volk. Der erste erschien in der Mailänder Zeitung „La Perseveranza" kurz nach der französischen Kriegserklärung. Der zweite erschien einen Monat später in „II Secolo", einer anderen mailändischen Zeitung. Diese beiden Briefe stellen das erste Kapitel einer Ende des Jahres 1870 unter dem Titel „Agli italiani Teodoro Mommsen" in Berlin erschienen Broschüre (Druckerei: Gustav Schade) dar. Das zweite Kapitel, das ebenfalls die Form eines Briefes an die Italiener hat, trägt die Überschrift „La Pace". Es scheint, daß es Mommsen darauf angekommen ist, als Sprecher der preußischen Regierung zu agieren, weil diese die Bitte an ihn richtete, zu einem Zeitpunkt, wo man eine geheime Verbindung zwischen den Kabinetten von Paris und Florenz (der damaligen Hauptstadt Italiens) vermutete, seine hohe Autorität in Italien zugunsten Deutschlands in die Waagschale zu werfen. 30 Insbesondere der erste Brief ist im pathetischen Stil eines Aufrufs geschrieben (er fängt mit den Worten an: „O amici miei al di lä delle Alpi": „O ihr meine Freunde jenseits der Alpen") und es mangelt nicht an rhetorischen und geradezu nationalistischen Betrachtungen. Mommsen fürchtet, daß jetzt, obwohl die Deutschen prinzipiell Vertrauen zu den Italienern hätten, die Gefahr bestehe, daß die „romanische Rasse", das heißt die Italiener im Bunde mit

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den Franzosen, die „germanische Rasse" ausrotten oder unterwerfen wolle. Aber dieser Brief hat, wie gesagt, eher mit Frankreich, wo er eine wahre Bestürzung im Gelehrtenkreis hervorrief, als mit Italien zu tun. Ton und Inhalt dieses Schreibens verletzten die französischen Gelehrten zutiefst. Mommsen wurde im Jahre 1872 von der „Societe Nationale des Antiquaires de France", deren Mitglied er war, ausgeschlossen, und seine Wahl als Membre Associe Etranger de l'Academie wurde bis zum Jahre 1895 hinausgezögert. Die Stellung Mommsens in bezug auf die offizielle italienische Kultur gleich nach der Einigung ist jedenfalls von herausragender Bedeutung. Es sei daran erinnert, daß Mommsen zu den ersten zehn ausländischen Mitgliedern der auf Grundlage der 1875 mit Regio Decreto (Königlichem Dekret) erlassenen Satzung erneuerten Accademia Nazionale dei Lincei gehört. Mommsen, dessen Name nicht zufällig mehrmals in dem Buch von Federico Chabod über die Geschichte der italienischen Außenpolitik von 1870 bis 1896 erwähnt wird, ist ein wichtiger Verhandlungspartner für die beabsichtigten Projekte. 31 In den Parlamentsreden von Quintino Sella, dem wichtigsten italienischen Politiker jener Zeit, sind die ihm von Mommsen gestellten Fragen zu verzeichnen: „Ma che cosa intendete fare a Roma? Questo ci inquieta tutti: a Roma non si sta senza avere dei propositi cosmopoliti. Che cosa intendete di fare?" „Was gedenkt ihr in Rom zu unternehmen? Daß man in Rom ohne kosmopolitische Vorhaben bleiben zu können glaubt, beunruhigt uns alle. Was gedenkt ihr zu tun?" Auf dem von Sella im Campidoglio mit den Mitgliedern der Accademia Nazionale dei Lincei veranstalteten Ehrenbankett, an dem auch von Moltke und der deutsche Botschafter in Italien teilnahmen, hielt Mommsen im April 1876 die offizielle Rede, welche die Bedeutsamkeit der Akademien bei der Organisation von aufeinander abgestimmten Projekten, an denen gleichzeitig mehrere Forscher arbeiten, betraf. 32 Im Laufe der Zeit jedoch führt das Wachstum Italiens auf kultureller Ebene oft zu einer gewissen Ungeduld gegenüber der kulturellen Führung Deutschlands herbei. In der Tat hatte es auch schon früher einige Bezeugungen von kulturellem Nationalismus gegeben. Die Unbeliebtheit des Dreibundes lieferte in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einen neuen Grund für die Verstimmung Deutschland gegenüber. Auch die offizielle Stellung Mommsens, sozusagen als Botschafter der deutschen Kultur in Italien, litt darunter. Im allgemeinen entschieden prodeutsch und deswegen an Mommsens Freundschaft interessiert, erschienen die Gelehrten, die in den noch nach 1866 zum Habsburgischen Kaisertum gehörenden Gebieten, wie dem Trentino oder Istrien, lebten und die danach strebten, Teil des Königreichs Italiens zu werden. Bezeichnenderweise schreibt der Trentiner Ambrosi, als er Mommsen

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gegenüber seinen Glückwunsch zu dem deutschen Siege im preußisch-französischen Krieg ausspricht und sein Einverständnis mit dem Inhalt des Briefes an die Italiener äußert, unter anderem, daß die geschichtlichen Hauptverdienste der Deutschen gewesen seien, „das Römische Kaisertum und das der Verstellung und Vorurteils (damit ist die weltliche Macht des Papsttums gemeint) zerstört zu haben". *

In diesem Beitrag habe ich versucht, einen Vorgang zu skizzieren und einige Betrachtungen darzulegen, um die Bedeutung von Mommsens Beziehungen zu Italien einschätzen zu können. Mommsen war ganz bestimmt ein kritischer Freund Italiens und der Italiener, der auch streng die vielen Fehler eines sich im Aufbau befindlichen Landes zu tadeln wußte. Aber er hörte auch nie auf, seine Sympathie für die Anstrengungen zu Emanzipation und zivilem Wachstum, die sich fast überall zeigten, zum Ausdruck zu bringen. Mommsens Aufenthalte in Italien sind mit vielen Episoden und zahlreichen Anekdoten verknüpft. An eine möchte ich erinnern. Mommsen war erstmals im Jahre 1846 in Benevent gewesen, und er gewann einen eher trostlosen Eindruck von den Zuständen, in denen sich das epigraphische und archäologische Erbe der Stadt befand. Als er im Juni 1873 in die Stadt zurückkehrte, konnte er zu seiner Befriedigung feststellen, daß bald ein städtisches Museum eingerichtet werden würde. Im September 1903, etwa zwei Monate vor seinem Tode, schickte er der Stadt ein Telegramm, um sie zur Feier des 43-jährigen Jubiläums nach der Befreiung von der päpstlichen Herrschaft zu beglückwünschen. Der Text lautete folgendermaßen: „Grüße seitens eines greisen Mannes, der Benevento zuerst päpstlich und dann italienisch kennenlernte".33 Wie schon festgestellt wurde, nahm die Ablehnung eines Teils der italienischen Kultur gegenüber der deutschen Wissenschaft schon deutliche Züge an. Unter den gänzlich neuen politischen und kulturellen Bedingungen am Anfang des letzten Jahrhunderts erhält die nationalistische Reaktion eine besondere Kraft. Die Schüler sind mittlerweile groß genug, um zu glauben, daß sie ihrer Lehrer nicht mehr bedürfen. Ich will diesen Beitrag mit der Erwähnung einer Episode schließen, die sich Anfang April 1903 zutrug. In Rom fand damals der II. Internationale Historiker-Kongreß statt, ein Kongreß, dem scharfe Auseinandersetzungen und Verstimmungen vorangegangen waren. Anfangs war Mommsens Schüler Ettore Pais als Vorsitzender ernannt worden, und Pais wollte, daß Mommsen den Ehrenvorsitz innehabe. In einem an das Unterrichtsministerium gerichteten

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Brief bedankte sich der greise Althistoriker erfreut für diese Ehre. Aber schließlich wurde Pais, der wegen seiner allzu gründlichen Anwendung der deutschen Methode der Quellenforschung über das frühe Rom auf starken Widerstand stieß und zudem dafür getadelt wurde, auch die Deutschen Hülsen und Heibig, beide Mitglieder des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, in den vorbereitenden Ausschuß des Kongresses berufen zu haben, durch Pasquale Villari als Präsident des Kongresses ersetzt.34 Die „Internationale Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" von 1907 faßte dieses Geschehen folgendermaßen zusammen: Pais sei in Italien wegen seiner prodeutschen Einstellung als Vaterlandsverräter betrachtet worden. Zum Schluß möchte ich einen Abschnitt aus einem Brief zitieren, den Hermann Diels, der Sekretär der Akademie der Wissenschaften Berlin, an Pasquale Villari, seinen Amtskollegen, den Präsidenten der Accademia dei Lincei, am 6. November 1903, dem Tag nach Mommsens Begräbnis schickte: „Hochgeehrter Herr Präsident, gestern Nachmittag hat die Trauerfeierlichkeit und Beisetzung Mommsens unter einer ungewöhnlichen Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung und einer ungewöhnlichen Beteiligung der Gelehrten Deutschlands und Österreichs stattgefunden. Dass kein Vertreter Italiens anwesend war, wurde schmerzlich bewertet [wie bei Diels war auch von der Presse die Abwesenheit einer offiziellen italienischen Delegation betont worden], aber der weite Weg und auch die erst spät zugegangenen näheren Bestimmungen des Beisetzungstages mag diese Abwesenheit erklären. Harnack [Adolf Hamack, der die Leichenrede hielt] gedachte mit besonderer Wärme seines Verhältnisses zu Italien und der Sympathie, die er dort in breiten Kreisen erworben hatte. Auf den unzähligen Kränzen, die neben dem Sarg in der Mitte der Kirche aufgehängt waren, lag der große Lorbeerkranz mit der grünen weißroten Schleife, die in weithin sichtbaren Buchstaben die Inschrift trug »A Teodora Mommsen l'Accademia dei Lincei«".35

In der Sitzung der Accademia dei Lincei am 22. November gedachte der römische Rechtsprofessor Vittorio Scialoja Mommsen. Bei diesem Anlaß gibt Pasquale Villari offiziell das Ableben des ausländischen Mitglieds Theodor Mommsen bekannt und erwähnt auch die Danksagung von Seiten der Familie Mommsens für die Teilnahme der Accademia an der Trauerfeier.36

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Anmerkungen *

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Die in diesem Beitrag behandelten Themen waren auch Gegenstand des Vortrags „Collaboratori italiani di Mommsen" (Die italienischen Mitarbeiter von Mommsen), veröffentlicht in dem Kongreßbericht der Accademia Nazionale dei Lincei „Theodor Mommsen e l'Italia" (Roma, 3-4 novembre 2003), Rom 2004, 209-224, und des Vortrags,,Mommsen und Italien", den ich anläßlich der von der Akademie der Wissenschaften Berlin, der Freien Universität und der Humboldt Universität Berlin und der Mommsengesellschaft veranstalteten Tagung „Theodor Mommsen", Berlin, 6.-8. November 2003, gehalten habe. Vgl.: ANTONINO DI IORIO (Hg.), Theodor Mommsen nel Sannio Antico, Atti del Convegno di Studi, Pietrabbondante, 7 novembre 1998, Roma 1999; insbesondere den Beitrag von ANTONINO DI IORIO, Theodor Mommsen nel Sannio Antico, 4354, wo der Wortlaut des Telefax der Deutschen Botschaft wiedergegeben wird und die Zueignung der Straße für Mommsen anhand einiger Fotos dokumentiert ist. Abgebildet in: LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1964,176, Taf. 8. La filologia di Giacomo Leopardi, Firenze 1955. Dies erkannte zuallererst Amedeo Peyron, wie aus seinem an Giuseppe Acerbi gerichteten Brief hervorgeht, welcher ihm vorgeschlagen hatte, Mais FrontoneAusgabe zu rezensieren (abgedruckt in: ROBERTO Bizzoccm, La „biblioteca italiana" e la cultura della Restaurazione [1816-1825], Milano 1979, 57). „Secondo loro il sommo della sapienza umana, anzi la vera e somma scienza dell' uomo e l'Antiquaria. Non ho ancora potuto conoscere un letterato romano che intenda sotto il nome di letteratura altro che l'Archeologia. Filosofia, morale, politica, scienze del cuore umano, eloquenza, poesia, filologia, tutto ciö e straniero in Roma, e par un gioco da fanciulli, a paragone del trovare se quel pezzo di rame appartenne a Marcantonio e Marcagrippa". Vgl. ADOLF MICHAELIS, Storia dell'Istituto archeologico germanico 1829-1879. Strenna pubblicata nell'occasione della festa del 21. Aprile 1879, Roma 1879. Zu den Beziehungen zwischen Mommsen und Borghesi siehe insbes.: AUGUSTO FRASCHETTI, Bartolomeo Borghesi, Theodor Mommsen e il „metodo combinatorio" (in margine alle parentele di Seiano), Helikon 15-16 (1975-76), 253-279; AUGUSTO FRASCHETTI, Per Bartolomeo Borghesi: antiquari e ,tecnici' nella cultura dell'Ottocento, in: Bartolomeo Borghesi. Scienza e libertä, Colloquio internazionale AIEGL, Bologna 1982, 135-157. „di percorrere questi fogli e che si stampi assieme la lettera aggiunta a lei indirizzata. Lo so troppo bene quanto noi principianti in questi studi dobbiamo a lei per non bramare che lo si possa ripetere pubblicamente". Mommsen widmete Bartolomeo Borghesi die , Jnscriptiones Regni Neapolitani": der Brief des Verfassers an Borghesi wurde als Vorwort in den Bänden IX und X des CIL abgedruckt. Vgl. CLAUDIO FERONE, Teodoro Mommsen e la tradizione antiquaria meridionale: considerazioni su alcuni punti dell'epistola a Bartolomeo Borghesi premessa alle IRNL, Capys 34 (2001), 43-61. Der 138 Briefe aus den Jahren 1847 bis 1893 umfassende Briefwechsel wurde jetzt ediert von MARCO BUONOCORE, Theodor Mommsen e gli studi sul mondo antico.

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Dalle sue lettere conservate nella Biblioteca Apostolica Vaticana, Napoli 2003. Vgl. STEFAN REBENICH, Giovanni Battista de Rossi und Theodor Mommsen, in: Reinhard Stupperich (Hg ), Lebendige Antike. Rezeption der Antike in Politik, Kunst und Wissenschaft der Neuzeit, Mannheim 1985, 173-186. Die Angelegenheit wird in allen Einzelheiten vom Urenkel des Entdeckers der Tafel der Ligures Baebiani, MARIO DE AGOSTINI, behandelt: La tavola alimentäre dei Liguri Bebiani, Benevento 1984, insbesondere Kap. ΠΙ: Storia della scoperta e dell'interpretazione, 67-128. Über Leben und Werk Garruccis (und über seine Rehabilitierung) sind die Arbeiten von Claudio Ferone grundlegend. Außer dem Eintrag im Dizionario Biografico degli Italiani, vol. LH, Roma 1999, 388-390 vgl.: CLAUDIO FERONE, Per lo studio della figura e dell'opera di Raffaele Garrucci (1812-1885), Misc. Greca e Romana 13 (1988), 17-50; DERS.: Raffaele Garrucci nella corrispondenza di Th. Mommsen, F. Ritsehl, E. Gerhard, in: Rend. Accad. Arch. Napoli, n.s. 62 (1989-1990), 33-57; DERS.: Raffaele Garrucci in: La cultura classica a Napoli neH'Ottocento. Secondo contribute, Napoli 1991, 175-197. WICKERT, Mommsen (wie Aiun. 2), 98. Vgl. DE AGOSTINI, La tavola alimentäre dei Liguri Bebiani (wie Anm. 10). Verwiesen sei auf den schon erwähnten Text meines Vortrags in dem Kongreßbericht der Accademia dei Lincei di Roma. Diesen Aspekt habe ich in dem oben erwähnten Beitag zur Tagung in Berlin hervorgehoben. BENEDETTO CROCE, Storia della storiografia italiana nel secolo deeimonono, vol. I, Bari 1964, 53. Croce bezieht sich auf das Vorwort in: THEODOR MOMMSEN, Die unteritalischen Dialekte, Leipzig 1850, und auf das kritische Urteil Mommsens über die Qualität der Arbeit der italienischen Archäologen. CARLO FRANCO, L'archeologia e l'immagine di Venezia tra XIX e XX secolo, MEFRIM 113 (2001), 697-702; DERS., Sullo studio di epigrafi antiche in Venezia austriaca, Atti dell'Istituto Veneto 148 (1989-90), 125-160. Vgl. ALFREDO BUONOPANE/LAURA SANTAGIULIANA, D u e lettere inedite di Theodor

Mommsen a Giovanni da Schio, Atti Accad. Roveretana degli Agiati 252 (2002), ser. Vm, vol. ΠΑ, 7-24. 18 GIAN PAOLO MARCHINI, Antiquari e collezioni archeologiche dell'Ottocento Veronese, Verona 1972, bes. 115-117. 19 CIL V, 2, P. 1024 (1877): Mihi autem hoc quoque dedit eximium et plane singulare beneficium. Ut inedita sua, quae alii collectores sibi reservare solent et cum cura premere, ex ordine operis esempta seorsum in lucem emitteret, scilicet ne ab hac sylloge abessent; quod utperfici posset, plagulas quoque misit antequam liberprodiret. 20

LUISABERTACCHI, C a r l o G r e g o r u t t i e E n r i c o M a i o n i c a , A A A D 4 0 ( 1 9 9 3 ) , 1 8 9 - 2 0 7 .

21 Für die Beziehung zwischen Mommsen und Gregorutti ist der von Mommsen mit dem Forscher und istrischen Patrioten Tomaso Luciani unterhaltene Briefwechsel von besonderer Bedeutung; vgl. dazu: ANTONIO CERNECCA, Theodor Mommsen e Tomaso Luciani. Carteggio inedito (1867-1890), Centro di ricerche storicheRovigno, vol. ΧΧΧΠ (2002), 9-128. 22 Vgl. GINO BANDELLI, Pais e il confine Orientale dell'Italia, in: Leandro Polverini (Hg.), Aspetti della storiografia di Ettore Pais, Napoli 2002, 95-122.

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Arnaldo Marcone

23 Ascoli ist die 1863 erfolgte Einführung der Bezeichnung „Venezia Giulia" für das Gebiet, das die Österreicher „Österreichisches Küstenland" nannten, zu verdanken. Vgl. BANDELLI, Pais (wie Anm. 22), 101.

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Vgl. UMBERTO CORSINI, La tavola „Clesiana" dalla romanitä al Risorgimento, Trento 1971. Vgl. CRISTINA BASSI, Lettere inedite di Theodor Mommsen a corrispondenti trentin i , A t t i Ist. V e n . 1 5 5 ( 1 9 9 6 - 9 7 ) , 7 1 - 8 1 .

26 FEDERICO AGENO, L'Appendix Mazochi Ticinensis, Boll. Societä Pavese di Storia P a t r i a 16 ( 1 9 1 6 ) , 5 3 - 9 0 .

27 Die Angelegenheit ist umfangreich dokumentiert in den Beiträgen des Sammelbandes von LUCIANO MARROCU (Hg.), Le carte d'Arborea. Falsi e falsari nella Sardegna del XIX secolo, Atti del Convegno di Oristano, 22-23 marzo 1996, Cagliari 1997. 28 Vgl. ATTILIO MASTINO, Ettore Pais e la Sardegna romana, in: Polverini, storiografia di Ettore Pais (wie Anm. 22), 247-300. Vgl. auch die Beiträge von ATTILIO MASTINO (con la collaborazione di R. MARA e E. PITTAU), Π viaggio di Theodor Mommsen e dei suoi collaboratori in Sardegna per il Corpus Inscriptionum Latinarum, 225-344, und von ANTONELLO MATTONE, Theodor Mommsen e le carte d'Arborea. Falsi, passioni, filologia vecchia e nuova tra l'Accademia delle Scienze di Torino e quella di Berlino, 345-412, in dem schon erwähnten Kongreßbericht der Accademia dei Lincei (wie Anm *). 29 Vgl. SIMONATROILO, L'archeologia tra municipalismo e regionalismo nell'Abruzzo post-unitario, MEFRIM 113 (2001), 703-737. 30 Die Briefe wurden kürzlich erneut veröffentlicht in: Quaderni di Storia 2 (1976), 197-220. Vgl. GIANFRANCO LIBERATI, Le lettere di Mommsen agli Italiani, ibidem, 221-247.

31 FEDERICO CHABOD, Storia della politica estera italiana dal 1870 al 1896, RomaBari 1951 (Erstausgabe). 32 QUINTINO SELLA, Discorsi parlamentari, vol. I, anno, 212 (14. März 1881); ALESSANDROGUICCIOLI, Quintino Sella, vol. Π, Rovigo 1888, 100-105. 33 Vgl. ANNA PASQUALINI, La scienza antiquaria e il recupero del patrimonio epigrafico di Benevento, Epigraphica 48 (1986), 170-173. 34 Vgl.: KARL D. ERDMANN, Die Ökumene der Historiker. Geschichte der Internationalen Historikerkongresse und des Comite International des Sciences Historiques, Göttingen 1987, 38-63.

35 Vgl. BUONOCORE, Theodor Mommsen (wie Anm. 9), 36 n. 55. 36 Mommsens wurde von Vittorio Scialoja in der Sitzung der Accademia dei Lincei in Rom am 22. November gedacht (RAL s. V, vol. 12 [1903], 447-459 = Boll. Ist. di Dir. Romano 1903, 191ff. = VITTORIO SCIALOJA, Studi giuridici, vol. Π, Roma 1934, 218ff. = TEODORO MOMMSEN, Storia di Roma, vol. I, hg. von Antonio G. Quattrini, Roma 1936, S. ΓΧ-ΧΧΙ).

Mommsens Prosa - Historiographie als Literatur Gert Mattenklott

Nach Goethe, den Brüdern Schlegel und Heine ist das deutschsprachige 19. Jahrhundert nicht eben reich an großer Prosa. Nietzsche und Freud, die großen Erneuerer, überblättern später Jahrzehnte, um Vorbilder zu finden. Beide stoßen dann vor allem auf Goethe und Heine, die beiden unterschiedlich viel gelten. (Nietzsches Haltung ist ambivalent.1) Hat Freud Mommsen gelesen? Ich weiß es nicht, finde jedenfalls keinen Beleg; Nietzsche schon, doch für ihn kam der Historiker aus kulturpolitischen Gründen nicht in Frage. Er zählt ihn zu den Jungen Greisen", politischen Pubertanden, die sich auf unproduktive Weise mit der Historie gemein machen. Als Herausforderung hat er ihn gleichwohl empfunden. In den nachgelassenen Fragmenten zu seinen Basler Vorträgen „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten" (1872) findet Mommsen sich - neben Gutzkow, Julian Schmidt, Gustav Freytag und Berthold Aueibach als ein Beispiel für die „Verehrung des Wirklichen, als Gegensatz zu der Zucht des Klassischen". Der wenig später selbst als Frevler an den Prinzipien der Klassischen Philologie in ihrer akademischen Tradition gebrandmarkt werden sollte, klagt hier: „Es fehlt an einer Imperativischen Behörde der Kultur." Mommsen hat er den Flüchtlingen aus Universität und Gymnasium zugeordnet, den „Zeitungsschreibern" und journalistischen Modernisierern der Geschichte, Romanciers und Photographen: „Mommsen (Cicero). Anknüpfung des Gelehrtenthums an die politische Tagesschablone." Nietzsches Grauen vor dem politischen und kulturellen Demokratismus der Jungdeutschen amalgamiert sich mit seiner Abneigung gegen den aktualisierenden Stil in der Historiographie: „Wer die römische Geschichte durch ekelhafte Beziehung auf klägliche moderne Parteistandpunkte und deren ephemere Bildung lebendig macht, der versündigt sich noch mehr an der Vergangenheit als der bloße Gelehrte, der alles todt und mumienhaft läßt. (So ein in dieser Zeit oft genannter Historiker, Mommsen.)." 2

Die erste „Unzeitgemäße Betrachtung" - hauptsächlich der Polemik gegen David Friedrich Strauß gewidmet - wird diesen Widerwillen zu einer furiosen

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Attacke gegen den journalistischen Stil ausweiten, dort übrigens ohne Mommsen ausdrücklich zu nennen. Dergestalt bleiben bei Nietzsche die großen Historiker der Zeit, bleiben neben Mommsen auch Niebuhr und Ranke - den er als Historisten verachtet, doch als „beschönigenden Advokaten der Tatsachen" immerhin hochschätzt 3 als Stilisten unbeachtet, durchaus zu unrecht. Dennoch, zwischen den bedeutenden romantischen Prosaisten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und den Erneuerern der deutschen Prosa um die Wende zum 20. liegt zwar kein Niemandsland, doch auch keine Sprachlandschaft, die etwa der französischen mit Balzac und Sainte-Beuve, Stendhal, Flaubert und Hugo, den Brüdern Goncourt, Jules Michelet und Hyppolyte Taine; der englischen mit Thomas Babington Macaulay, Carlyle und Darwin, Byron und Lewis Carroll, mit Ruskin, Matthew Arnold und Walter Pater irgend vergleichbar wäre. 4 Prominente Autoren deutscher Sprache, mit denen Mommsen Umgang hatte, dem lebenslang befreundeten Theodor Storm etwa und dem seit der Leipziger Professur vertrauten Gustav Freytag, für dessen historische Romane er gelegentlich Expertisen abgab, bis die Freundschaft über Freytags Kronprinzenbuch zerbrach - als stilistische Vorbilder kamen sie nicht in Betracht. Woran aber das deutsche Bildungsbürgertum seine helle Freude hatte, Wagners hochtrabender Superlativstil, war für Mommsen Gegenstand tiefen Abscheus, wie überhaupt die Ästhetik des Teilhabers seiner Züricher Exilsjahre. Übrigens waren Wagners Ansichten über Mommsen auch nicht wesentlich vorteilhafter. 5 Ambivalent war das Verhältnis zwischen Mommsen und Hebbel. Mommsen hatte dem zunächst von ihm verehrten Dichter 1845 seine Aufwartung gemacht, 6 sein Urteil aber später durchaus kritisch revidiert, allerdings ohne daß dabei Stilfragen eine Rolle gespielt hätten. 7 Hebbel seinerseits hat nach anfänglich sehr kritischer Einstellung Mommsen gegenüber, die sich auch auf dessen antithetischen Stil bezog, sein Urteil nach gründlicherer Beschäftigung mit der „Römischen Geschichte" in einem Brief an Karl Werner korrigiert, dem er schreibt, „dass ich Mommsen's Römische Geschichte auf meine persönliche Bekanntschaft mit dem Verfasser hin im mündlichen Gespräch mit Ihnen zu voreilig beurtheilt habe; es ist ein ganz vortreffliches Buch und das gerade Gegenteil dessen, was ich erwartete. Ich hielt den Mann für einen höchst bornirten Mikrologien-Krämer, als ich ihn in Rom und Neapel sah, und war dazu berechtigt, denn sein Denken bewegte sich in der allerengsten Sphäre [...]".8 Tatsächlich steht Mommsens eigene Sprachkunst auf einsamem Posten. Worin besteht sie und welches sind ihre Bedingungen?

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Am gründlichsten und mit lebenslanger bewundernder Erinnerung hat Momrasen Goethe gelesen. Noch in späten Jahren soll er ihn in langen Passagen aus dem Gedächtnis rezitiert haben. Ob er den Prosaisten Heine kannte? Dessen politisierende Lyrik jedenfalls verfiel (wie die Herweghs) Mommsens Kritik zugunsten eines literarischen Klassizismus, der sich nach Goethe lieber an Mörike hielt. Das ist bemerkenswert, weil es schon in diesen frühen Jahren ein klares Unterscheiden zwischen literarischem und politischem Urteil belegt. Denn von Beginn an standen das Junge Deutschland und Heine dem liberalen Mommsen politisch näher als die Autoren des Biedermeier. Noch in die Jahre des Jura-, Philologie- und Geschichtsstudenten sowie der Studienfreundschaft mit Storm fallen Übersetzungsversuche aus dem Englischen, Französischen und Italienischen: Shakespeare und Byron, Hugo und Giosue Carducci. Dem italienischen Nationalisten, dessen Ideal des hohen Stils an griechischrömischer Historiographie geschult war, wird der Nobelpreis für Literatur 1906 zugesprochen, vier Jahre nach Mommsen, der ihn als erster deutschsprachiger Autor in dieser Sparte erhielt. Insbesondere für die Erweiterung und Ausdifferenzierung des Wortschatzes dürften solche Übersetzungsübungen aus den großen europäischen Sprachen von großem Wert gewesen sein. Auf der Suche nach Vorbildern wird man schließlich an die Texte des römischen Corpus iuris denken müssen, deren distinkte und klare Konstruktionen für den Kieler Studenten und jungen Rechtshistoriker das quantitativ und qualitativ ergiebigste stilistische Repertitorium boten. - Dennoch, zehrt Mommsens Prosa von solchen Lektüren? Wesentlicher als von ihnen und noch vielen weiteren zu allererst vom Umfang einer Bildung, die Rechtsgeschichte, Literatur und Philologie, Religionswissenschaft und Nationalökonomie, Kultur- und Sittengeschichte sowie die historischen Hilfswissenschaften erstmals - und auf diesem Niveau wohl auch kaum noch einmal - zu einer alles umfassenden Altertumswissenschaft verschränkt sehen wollte. Die Höhe des Stilniveaus sowie Kraft und Energie des Zugriffs müssen sich am Volumen dessen messen, was hier mit dem Schleppnetz der Sprache eingefangen werden soll. Da konnten Sprachschulen, welche auch immer, höchstens Anregung geben, Vorbilder kaum. Die Charakterisierung von Eigenheiten des Mommsenschen Stils im Sinn eines rhetorischformalen Modus muß ungenügend ausfallen, wenn sie den Blick nicht zunächst auf das Darzustellende und Dargestellte lenkt. Die Würdigung der literarischen Form jenes Werks, mit dem vor allem sich Mommsen in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat, seiner „Römischen Geschichte", muß

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ihren primären Anlaß in der Phänomenologie ihres Gegenstandes finden: der römischen Geschichte im vollen Umfang des seinerzeit verfügbaren Wissens. Denn es ist die Fülle der Materialien aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten und der Reichtum an Einsichten in ein Geschehen, das der Autor als Geschichte des europäischen Abendlandes in statu nascendi gibt, die der stilistischen Leistung den Maßstab setzen und die Form diktieren. Das historiographische Programm Mommsens, die Inszenierung der Frühgeschichte Europas, bestimmt die literarische Gestalt. Eben dies ist der Grund, weshalb sich von dieser nicht sprechen läßt, ohne den Maßstab des Darzustellenden im Auge zu behalten, der hier allein angemessen ist. Aus der Retrospektive des 50. Doktoijubiläums hat Mommsen selbst den komplexen Gehalt seiner Aufgabe - und mit einem gewissen Stolz auch seinen Anteil, sie zu lösen - benannt: ,3s ist mir beschieden gewesen, an dem großen Umschwung, den die Beseitigung zufälliger und zum großen Teil widersinniger, hauptsächlich aus den Fakultätsordnungen hervorgegangener Schranken in der Wissenschaft herbeigeführt hat, in langer und ernsthafter Arbeit mitzuwirken. Die Epoche, wo der Geschichtsforscher von der Rechtswissenschaft nichts wissen wollte, und der Rechtsgelehrte die geschichtliche Forschung nur innerhalb seines Zaunes betrieb, wo es dem Philologen als ein Allotrium erschien, die Digesten aufzuschlagen, und der Romanist von der alten Literatur nichts kannte als das Corpus juris, wo zwischen den beiden Hälften des römischen Rechts, dem öffentlichen und dem privaten, die Fakultätslinie durchging, wo der wunderliche Zufall die Numismatik und sogar die Epigraphik zu einer Art von Sonderwissenschaft gemacht hatte und ein Münz- oder Inschriftenzitat außerhalb dieser Kreise eine Merkwürdigkeit war - diese Epoche gehört der Vergangenheit an, und es ist vielleicht mit mein Verdienst, aber vor allen Dingen mein Glück gewesen, daß ich bei dieser Befreiung habe mittun können."9 Damit ist allerdings nur - dem Anlaß entsprechend - der akademisch relevante Teil der Aufgabe und ihrer Bewältigung beschrieben, freilich auch dieser - mit der Akzentuierung des Inter- oder Transdisziplinären, wie wir heute wohl sagen würden - nur zu einem gewissen Teil. Erübrigt der kulturhistorische Weitwinkel doch nicht die antiquarische Gelehrsamkeit im Detail, eine kleinteilig detektivische Recherche, wie Mommsen mit gleichem Nachdruck und der Assoziation einer kriminalistischen Untersuchung unterstreicht: „Erst wenn das gewaltige Leben selber still geworden ist, beginnt die Geschichte recht eigentlich ein Todtengericht, sehr allmählich die Beweisstücke sammelnd, häufig durch Actenmangel oder Actenwust getrübt, durch Advocatenlist gefälscht, in unendlichem Instanzenweg ewig abschließend und niemals geschlossen - in der That eine dauernde Offenbarung, die in dem allmählichen Durchdringen einer je-

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den einzelnen Epoche jedes Mal die ganze Entwicklung des Menschengeistes im Kleinen wiederholt."10 Von mindestens gleicher Bedeutung wie solche Gesichtspunkte forscherlicher Faktensicherung und Wissensfreude sowie dem Gegenstand angemessener Integration der akademischen Disziplinen in die Altertumswissenschaft war aber für den Autor die Pointierung des eigenen zeitgenössischen Fluchtpunkts. Er ist politisch, ja im präzisen Sinn des Worts journalistisch definiert: durch eine Hermeneutik des historischen Tages, an dem sich die Perspektive auf Rom und seine Geschichte eröffnet. An diesem Punkt - für Nietzsche der anstößigste von Mommsens Werk - eröffnet sich eine weitere Antwort auf die Frage nach den Voraussetzungen von Mommsens literarischer Darstellungsgabe. Wie schon einmal in der Geschichte deutscher Prosa - ich meine Heinrich Heine - steht in der Tat der Journalismus Pate. Karl Kraus hat einem typisch deutschen Vorurteil Ausdruck gegeben, als er Heines Prosa „die Franzosen" anhexte: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat. Wie leicht wird man krank in Paris! Wie lockert sich die Moral des deutschen Sprachgefühls! Die französische gibt sich jedem Filou hin."11 Mommsen, ein deutscher Nationalist, hat von solcher Sprachmoral nichts gewußt. Seine im engeren Sinn journalistische Karriere ist zwar nur kurz, doch hat sie zumindest sein sprachliches Situationsbewußtsein, die Geistesgegenwart für Ort und Zeit des eigenen Schreibens und damit den Sinn für sein Lesepublikum geschärft. Kaum zufällig erreicht den Autor der „Römischen Geschichte" die Anregung zu diesem opus magnum in erster Linie nicht aus Respekt vor dem Rechtshistoriker und Philologen, sondern - in der letzten Phase der 1848er Revolutionswirren - aus Zutrauen zu dem politischen Publizisten mit altertumswissenschaftlichem Hintergrund. Mommsen war eben noch Redakteur der „Holsteinischen Zeitung" gewesen und hatte die Anfrage für die „Römische Geschichte" von Reimer und Hirzel nach einem Vortrag vor fachfremdem Publikum über die Gracchen erhalten. Der notorische offene Brief an Gustav Freytag bekennt das später mit aller nötigen Selbstironie: „Wissen Sie, wie ich dazu gekommen bin, die Römische Geschichte zu schreiben? [...] Die Verleger Reimer und Hirzel fragten, ob ich ihnen nicht für ihre Sammlung eine römische Geschichte schreiben wollte. Nun war mir das zwar sehr überraschend, da mir selbst diese Möglichkeit noch nie in den Sinn gekommen war; aber Sie wissen ja, wie es in jenen Jahren der Wirren und Irren herging; jeder traute sich alles zu, und wenn man einen Professor neckte: wollen Sie nicht Kulturminister 12 werden? so sagte er gewöhnlich ja. So sagte ich denn auch ja."

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Übrigens träumt Mommsen später sogar gelegentlich von einem gesamtdeutschen Kultusminster 13 , wozu ihn freilich kein Ruf erreicht hat. Joachim Fest hat in einem Essay über Mommsen einige typische Belege zusammengestellt, die erkennen lassen, wie der Autor als politischer Publizist bestrebt war, nicht so sehr die Geschichte des antiken Rom zu aktualisieren, wie seine Kritiker ihm ärgerlich vorwarfen, als vielmehr ihre zeitgenössische Aktualität zum sprachlichen Vorschein zu bringen: „Der Consul wird zum Bürgermeister', der Proconsul zum ,Landvogt'; es gibt ,Generale', ,Admirale' und ,Schwadronen'; Mommsen spricht von ,Ingenieuren', .Kapitalisten', Fabrikarbeitern', von .Primadonnen' und .Kurtisanen'."14 Solche Belege lassen sich fast beliebig durch literarische Assoziationen ergänzen, etwa wenn Sulla als ein Don Juan gegeben wird oder Cato als Sancho Pansa. Als Symptome einer Manier wären sie unterschätzt. Sie fügen sich in eine methodisch vollzogene Vergegenwärtigung der Geschichte in der Sprache der eigenen Gegenwart, die der Autor gelegentlich auch ausdrücklich verteidigt hat. Darüber hinaus ist freilich auch Fests These überzeugend, daß sich an der modernen Nomenklatur mehr zeigt als journalistisches Sprachbewußtsein, vor allem nämlich das Engagement des 48er Liberalen, der seine eigenen politischen Sympathien und Idiosynkrasien im antiken Urgestein vorgebildet findet und sich bei ihrer Artikulation keinen Zwang antut: ,.Dass diese Übersetzung ins Gegenwärtige aber nicht allein von der Absicht bestimmt war, ,die Alten lebendig zu machen, sie von dem phantastischen Kothurn, auf dem sie der Masse des Publikums erscheinen, in die reale Welt... zu versetzen', wird überall deutlich, wo Mommsen politische, mit einem bestimmten Affektgehalt besetzte Begriffe ins Altertum überträgt. Die Populären werden zu ,Anhängern der Volks- oder Fortschrittspartei', die Aristokraten zu ,Junkern', die Linken heißen .bornierte Radikale', die Rechten .Ultras'; er spricht von dem .notorisch feilen Senatorengesindel', von der .demokratischen Servilität, die zu allen Zeiten mit der höfischen gewetteifert' habe, oder vom, proletariat' mit , seinen bald pinselhaften, bald bübischen Ansprüchen und seiner Fratze der Volkssouveränität'."15 Übrigens scheint Mommsen sich der Gefahren seiner kühnen Assoziationskraft über weite historische Spannen und individuellen Verhältnisse hinweg durchaus bewußt gewesen zu sein, und er hat sie an anderer Stelle auch durchblicken lassen. Wo nicht unmittelbar seine politischen Interessen im Spiel waren oder er Grund genug hatte, deren Artikulation zurückzuhalten, wie seinem adeligen Schwiegersohn Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf gegenüber (der seinerseits die Sympathien seines Schwiegervaters den 48ern gegenüber zu dessen Lebzeiten schonend beschwieg), hat er sie formuliert. Jürgen Malitz hat dafür

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ein sehr sprechendes Beispiel zitiert. 16 1887 erläutert Wilamowitz sein Vorhaben, römisches und griechisches Staatsrecht analogisch und im Modus von Ähnlichkeitsverhältnissen aufeinander zu beziehen: „Ich kann ja eigentlich auch nur der eigenen Belehrung nachgehen, ziehe überall die griechischen Parallelen und bemesse damit zum Teil den Glauben, hier wie dort: denn daß die Grundlage des Staates und die Rechtsauffassung sich ganz nahe berührt, bestätigt sich mir auf Schritt und Tritt."17 Mommsen antwortet darauf in skrupulöser Ambivalenz; grundsätzlich ja, aber ebenso viele Schritte zurück wie vorwärts: „Dem Parallelismus bin ich allerdings entsagend und entschlossen aus dem Wege gegangen, und nicht bloß, weil ich die griechischen Dinge zu wenig kenne. Wir müssen allerdings dahinkommen; als ich vor Jahren über das Gastrecht schrieb, habe ich einige Wünsche darüber in den Wind gesprochen. Aber ich bin der Meinung, daß es zunächst weise ist, die Schranken der Völker einzuhalten; sonst gerate man teils in Schwindel, teils verwischt man damit das individuell Charakteristische."18 Das „individuell Charakteristische" im Fortschreiten der Geschichte zu treffen, gehört zum Credo des Historismus seit Herder. Zumindest ebenso alt - und durch die Hegemonie des historischen Diskurses nicht einfach entlegitimiert ist freilich auch das Bestehen auf Ähnlichkeiten, die zu artikulieren kein Historiograph entsagen wird. Ihre Formulierung in Vergleichen aller Art, von der ausdrücklichen Parallele bis zur diskreten Metapher, relativiert die Differenz von Geschichtswissenschaft und literarischer Historiographie. Mit dem mehrere sonst getrennte Fachgebiete umfassenden Volumen von Mommsens Historiographie und seiner dessen ungeachtet zuverlässigen Recherche en detail, der Vergegenwärtigungskunst des Publizisten und der offen artikulierten politischen Parteilichkeit in der Sache, schließlich auch seiner vorsichtigen Öffnung für Analogie, Ähnlichkeit und Parallele historiographisch komparatistischer Narrativik sind verschiedene Voraussetzungen von Mommsens Sprachkunst deutlich geworden. Es hat sich dabei einmal mehr gezeigt, was Alfred Heuss in seinem unvermindert lesenswerten Essay über Mommsen 1956 gefordert hatte: daß für die Beurteilung der in der „Römischen Geschichte" erbrachten Leistung die literarische Leistung des Autors von der des Geschichtsschreibers nicht getrennt gesehen werden dürfe: „Auf jeden Fall ist der billige und doch so oft begangene Ausweg verschlossen, den schriftstellerischen Künstler Mommsen gegen den Historiker auszuspielen und jenen mit Lorbeer zu bekränzen, um diesen umso bequemer zu verurteilen. Mommsens erstaunliche formale Fähigkeiten beruhen gewiß auf einem besonderen

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Talent, aber es ist ganz unmöglich, dieses aus dem Gesamthaushalt seines Geistes herauszulösen und gegen die Form seines Denkens und Vorstellens abzusetzen."19 Die historiographische Leistung Mommsens in seinem opus magnum sei so untrennbar der schriftstellerischen Vision und damit der Produktivität der gewählten literarischen Formen sui generis inwendig, daß Geschichtsschreibung und literarische Einbildungskraft sich nicht getrennt von einander denken lassen. *

Ich möchte mich nun einigen stilistischen Konsequenzen und formalen Eigenheiten zuwenden, an denen diese Verschränkung hervortritt.20 Proben darauf lassen sich an fast jeder beliebigen Stelle des großen Werks entnehmen. So halte ich mich an die ersten Sätze, wie sie jedem Leser der „Römischen Geschichte" leicht erinnerlich sein werden: „Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den grössten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen. Dies historische Ganze ist es, was man nicht passend die Geschichte der alten Welt zu nennen pflegt, die Kulturgeschichte der Anwohner des Mittelmeers, die in ihren vier grossen Entwicklungsstadien an uns vorüberfuhrt: die Geschichte des koptischen oder ägyptischen Stammes an dem südlichen Gestade, die der aramäischen oder syrischen Nation, die die Ostküste einnimmt und tief in das innere Asien hinein bis an den Euphrat und Tigris sich ausbreitet, und die Geschichte des Zwillingsvolkes der Hellenen und der Italiker, welche die europäischen Uferlandschaften des Mittelmeers zu ihrem Erbteil empfingen. Wohl knüpft jede dieser Geschichten an ihren Anfängen an andere Gesichts- und Geschichtskreise an; aber jede auch schlägt bald ihren eigenen abgesonderten Gang ein. Die stammfremden oder auch stammverwandten Nationen aber, die diesen grossen Kreis umwohnen, die Berber und Neger Afrikas, die Araber, Perser und Inder Asiens, die Kelten und Deutschen Europas, haben mit jenen Anwohnern des Mittelmeers wohl auch vielfach sich berührt, aber eine eigentlich bestimmende Entwicklung doch weder ihnen gegeben noch von ihnen empfangen; und soweit überhaupt Kulturkreise sich abschliessen lassen, kann derjenige als eine Einheit gelten, dessen Höhepunkt die Namen Theben, Karthago, Athen und Rom bezeichnen. Es haben jene vier Nationen, nachdem jede von ihnen auf eigener Bahn zu einer eigentümlichen und grossartigen Zivilisation gelangt war, in mannigfaltigster Wechselbeziehung zueinander alle Elemente

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der Menschennatur scharf und reich durchgearbeitet und entwickelt, bis auch dieser Kreis erfüllt war, bis neue Völkerschaften, die bis dahin das Gebiet der Mittelmeerstaaten nur wie die Wellen den Strand umspült hatten, sich über beide Ufer ergossen und, indem sie die Südküste geschichtlich trennten von der nördlichen, den Schwerpunkt der Zivilisation verlegten vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean. So scheidet sich die alte Geschichte von der neuen nicht bloss zufallig und chronologisch; was wir die neue Geschichte nennen, ist in der Tat die Gestaltung eines neuen Kulturkreises, der in mehreren seiner Entwicklungsepochen wohl anschliesst an die untergehende oder untergegangene Zivilisation der Mittelmeerstaaten wie diese an die älteste indogermanische, aber auch wie diese bestimmt ist, eine eigene Bahn zu durchmessen und Völkerglück und Völkerleid im vollen Masse zu erproben: die Epochen der Entwicklung, der Vollkraft und des Alters, die beglückende Mühe des Schaffens in Religion, Staat und Kunst, den bequemen Genuss erworbenen materiellen und geistigen Besitzes, vielleicht auch dereinst das Versiegen der schaffenden Kraft in der satten Befriedigung des erreichten Zieles. Aber auch dieses Ziel wird nur ein vorläufiges sein; das grossartigste Zivilisationssystem hat seine Peripherie und kann sie erfüllen, nimmer aber das Geschlecht der Menschen, dem, so wie es am Ziele zu stehen scheint, die alte Aufgabe auf weiterem Felde und in höherem Sinne neu gestellt wird. Unsere Aufgabe ist die Darstellung des letzten Akts jenes grossen weltgeschichtlichen Schauspiels, die alte Geschichte der mittleren unter den drei Halbinseln, die vom nördlichen Kontinent aus sich in das Mittelmeer erstrecken."21 Die früheste Vorstellung römischer Geschichte, die hier erzeugt wird, ist das in sich sogleich tief gestaffelte Bild einer Landschaft. Die differenziert gegebenen Verhältnisse von Wasser- und Landmassen zueinander lassen die mäditerranee als eine kulturgeographische Gestalt erkennen, die zugleich ein- und ausschließt. Die Architektur des Periodenbaus mit ihren sich bald nach innen verengenden, bald wieder die Peripherie suchenden Verschachtelungen ahmt diese Ambivalenz von In- und Exklusion nach. Erzeugt die periodisch reich gegliederte Satzstruktur einen räumlichen Eindruck, so wird dieser doch durch die gegenstrebig wirkende Dynamik einer Prosa in freien Rhythmen temporalisiert. Diese vollzieht dergestalt dahinflutend das elementare Verhältnis gleitender Wassermassen und sie stauender architektonischer Gestade mimetisch. Die Produktivität dieser Vorstellung erweist sich sogleich einmal mehr, indem sie in eine Metapher des Schauspiels mündet, das sich dem Autor bei der Betrachtung dieser Szene bietet: Die Kulturgeschichte der Anwohner des Mittelmeers „fährt an uns vorüber", Schiffsverbände und Häfen zugleich, An- und Ablagerungen an den Gestaden und doch stets zu neuen Ufern unterwegs. Die Prosa liefert sich an diese metaphorische Textur freilich nicht unbedacht aus. Ihre innere Logik treibt vielmehr darauf zu, einen Begriff zu bilden,

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der sich nicht per definitionem einstellt, sondern quasi morphologisch hervortritt,22 den von Goethe und den Humboldts nahegelegten des Kulturkreises. Er nimmt die geographischen Merkmale und die Vorstellung eines in sich gegliederten Ganzen ebenso auf wie die ethnologischen, sprach- und kulturgeschichtlichen Umstände von Gemeinschaftlichkeit und Separation und ist doch sogleich wieder revisionsbedürftig, weil seine Geometrie die historische Entwicklung nicht einbegreift. Diese wird dann sogleich als Abfolge der menschlichen Lebensalter in das phantasmagorische Bild der Kreisformationen zugleich implantiert und projiziert. Statische und kinetische Geschichtsbetrachtung zusammen zu fuhren, ist eine idee fixe Mommsens. Heute erweist sich allerdings der Begriff des Kulturkreises auch darin als unzulänglich, als das Bild dieser geometrischen Figur feste, gleichmäßig verlaufende Kulturgrenzen suggeriert sowie an ein Zentrum denken läßt, zu dem jeder Punkt auf der Peripherie gleich weit entfernt ist. Es ist evident, daß Multikulturalität in dieser Vorstellung nicht gut unterzubringen ist. Zugleich erhellt aber auch, was ich im Anschluß an Alfred Heuss hier behauptet hatte, daß begriffsbildende Geschichtsschreibung und literarische Formbildung sich nicht voneinander trennen lassen. Die Art und Weise, wie der Begriff hier eingeführt und sogleich auch schon wieder relativiert und metaphorisierend aufgelöst wird, ist für das Zusammenwirken von historischer Bildung und ästhetischer Erfahrung bezeichnend. Die letztere sabotiert die Verendlichung der Geschichte, wie sie sich in einem vermeintlichen Wissen ereignet, das gegen die Fliehkräfte der Gegenwart wie sinnentleerter und doch schwerkräftiger Ballast wirkt. Die Leistung Mommsens kann man wohl allenfalls ermessen, wenn man sich vorstellt, wie anders hier wohl eine historisch systematische Abhandlung über Aufbau und Struktur des mittelmeerischen Kulturkreises aussehen würde. Exemplarisch ist die zitierte Passage noch in einer weiteren für das Zusammenspiel von Geschichtsauffassung und literarischer Formbildung wesentlichen Hinsicht. Den impliziten Autor ihrer Prosa hat man sich als den Betrachter eines großartigen „weltgeschichtlichen Schauspiels" mit einem unendlich retardierten letzten Akt vorzustellen, die auf den ersten Seiten imaginierte Szene aber als die Einrichtung des Bühnenraums, auf dem dieses Schauspiel Gestalt gewinnt. Sein Betrachter sitzt erhöht und auf Distanz, gleichwohl aber als ein emotional und intellektuell in das ihm gebotene Geschehen engagierter Kommentator. Mimetisch bleibt aber Mommsens Stil, auch bei dramaturgisch veränderter Situation. Der architektonisch gegliederte Sprachfluß der ersten Seiten, die sich als Anmerkungen zur Szene lesen lassen, ist nicht etwa der Dauerton des Werks. Man vergleiche damit etwa die Schilderung der Punischen Kriege. An Stelle der komplexen Periodenbildung tritt dort

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das Staccato kurzer Sätze, in denen die dramatische Hektik bedrohlicher Situationen beschworen wird; treten Schwellformen, wie die enumeratio nach dem Gesetz der wachsenden Glieder, an deren Ende der Begriff einer Katastrophe steht: „Wenn man in Rom beabsichtigt hatte, die Ausgänge der Alpenpässe zu besetzen, so kam man damit wieder zu spät; schon vernahm man, daß Hasdrubal am Padus stehe, daß er die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe, daß Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, daß er erschien."23 Der theatralischen Vorstellungskraft zugehörig ist auch die Inszenierung der Charaktere. Gewiß, die Quellenlage gibt das Faktische von Lebensgeschichte und Körpergestalt, Temperament und anekdotisch Berichtetem vor. Doch ist es der Gestaltenphantasie des Autors überlassen, ob er etwa die dramatis persona einer Szene eher aus der Logik einer von ihrem Ende her gedeuteten Handlung oder aus dem in sich widersprüchlichen Potential einer Persönlichkeit gibt, wie sie ihm - aus den Quellen gelesen, wie aus dem zufälligen überlieferten Wurf eines Orakels - vor dem inneren Auge steht. Die Alternative ist künstlich und konstruiert. Hier kommt es aber auf die Neigung Mommsens an, das Personal seines Schauspiels nach dem Vorbild einerseits gewisser politischer Protagonisten Mitte des 19. Jahrhunderts, andererseits aber auch nach dem Vorbild der „gemischten Charaktere" klassischer Dramaturgie von Aristoteles bis Lessing zu entwickeln, ζ. B. die Person des von ihm ungeliebten Cato: „Die Reformpartei tritt uns gleichsam verkörpert entgegen in der Person des Marcus Porcius Cato (520-605; 234-149). Cato, der letzte namhafte Staatsmann des älteren, noch auf Italien sich beschränkenden und dem Weltregiment abgeneigten Systems, galt darum späterhin als das Muster des echten Römers von altem Schrot und Korn; mit größerem Recht wird man ihn betrachten als den Vertreter der Opposition des römischen Mittelstandes gegen die neue hellenisch-kosmopolitische Nobilität. Beim Pfluge hergekommen, ward er durch seinen Gutsnachbarn, einen der wenigen dem Zuge der Zeit abholden Adligen, Lucius Valerius Flaccus, in die politische Laufbahn gezogen; [...] Seine furchtlose und schlagfertige Rede, sein derber treffender Bauemwitz, seine Kenntnis des römischen Rechts und der römischen Verhältnisse, seine unglaubliche Rührigkeit und sein eiserner Körper machten ihn zuerst in den Nachbarstädten angesehen, alsdann, nachdem er auf dem Markt und in der Kurie der Hauptstadt auf einen größeren Schauplatz getreten war, zu dem einflußreichsten Sachwalter und Staatsredner seiner Zeit. [...] sein langes Leben hat er daran gesetzt, dem einreißenden Verfall redlich, wie er es verstand, nach allen Seiten hin zu begegnen, und noch in seinem funfundachtzigsten Jahre auf dem Marktplatz dem neuen Zeitgeist Schlachten geliefert. Er war nichts weniger als schön - grüne Augen habe er, behaupteten seine Feinde, und rote Haare -

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und kein großer Mann, am wenigsten ein weitblickender Staatsmann. Politisch und sittlich gründlich borniert und stets das Ideal der guten alten Zeit vor den Augen und auf den Lippen, verachtete er eigensinnig alles Neue. Durch seine Strenge gegen sich vor sich selber legitimiert zu mitleidloser Schärfe und Härte gegen alles und alle, rechtschaffen und ehrbar, aber ohne Ahnung einer jenseits der polizeilichen Ordnung und der kaufmännischen Redlichkeit liegenden Pflicht, ein Feind aller Büberei und Gemeinheit wie aller Eleganz und Genialität und vor allen Dingen der Feind seiner Feinde, hat er nie einen Versuch gemacht, die Quellen des Übels zu verstopfen, und sein Leben lang gegen nichts gefochten als gegen Symptome und namentlich gegen Personen. Die regierenden Herren sahen zwar auf den ahnenlosen Beller vornehm herab und glaubten nicht mit Unrecht, ihn weit zu übersehen; aber die elegante Korruption in und außer dem Senat zitterte doch im geheimen vor dem alten Sittenmeisterer von stolzer republikanischer Haltung, vor dem narbenbedeckten Veteranen aus dem Hannibalischen Krieg, vor dem höchst einflußreichen Senator und dem Abgott der römischen Bauernschaft. Einem nach dem andern seiner vornehmen Kollegen hielt er öffentlich sein Sündenregister vor, allerdings ohne es mit den Beweisen sonderlich genau zu nehmen, und allerdings auch mit besonderem Genuß denjenigen, die ihn persönlich gekreuzt oder gereizt hatten. Ebenso ungescheut verwies und beschalt er öffentlich auch der Bürgerschaft jede neue Unrechtfertigkeit und jeden neuen Unfug."24 Stilistisch dominieren hier die Antithesen des „Einerseits/Andererseits" sowie des „Zwar/Aber/Doch", und noch einmal können wir Alfred Heuss folgen, der an solche Beobachtungen anknüpfend auf den Gegensatz dieser antagonistisch dramatisierenden Auffassung zu einer annalistisch narrativischen aufmerksam gemacht hat. Im Rückblick auf die Poetik des Aristoteles schreibt er: „Wenn Geschichtsschreibung schlechthin mit dem Epos verwandt sein soll, so widerlegt die Mommsensche Darstellung diesen Satz, denn sie ist ausgesprochen unepisch. Das bloße Aneinanderreihen der Dinge, das ,Erzählen', ist Mommsenunbekannt, und man kann deshalb sagen, dass zu dessen reinster Form, der Annalistik, das Mommsensche Werk wie das diametrale Gegenstück sich verhält. Mommsen ist bestrebt, die rohe, nur registrierbare Tatsächlichkeit in sprechende Sinnkomplexe umzusetzen und statt einer Fassade immer eine Bühne mit Hintergrund zu geben."25 Dramatische Handlung statt epischer Schluß - eine Entgegensetzung, in deren Rahmen Heuss die Dramaturgie Mommsens von der Narrativik Rankes unterscheidet. Keine „große Erzählung" also, doch statt dessen großes Welttheater von nicht minder fiktiven Graden? Spätestens hier ist es angebracht - und wie mir scheint, auch leicht möglich - Mommsens Darstellungskunst von derjenigen zu unterscheiden, die in den letzten Jahrzehnten im Zeichen der literarischen Postmoderne und der theo-

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retischen Historiographie Hayden Whites26 hervortritt. Unter Berufung auf Kant scheint Historiographie hier zu fast beliebiger Disposition gestellt. Sowenig wie Mommsen Geschichte wenn auch voluntaristisch aus den Willensakten von Personen, so doch nicht als Ergebnis beliebiger Zufälle verstand, so wenig hat er die Geschichte der Historiographie und also auch das eigene Schreiben als das Auswechseln einer Fiktion durch eine immer andere verstanden. Es mag hilfreich sein, sich darüber durch den Vergleich mit einem Werk klar zu werden, das ein 1937 geborener Archäologe 1997 vorgelegt hat, „La nascitä di Roma" des Archäologen Andrea Carandini von der Sapientia in Rom.27 Der Unterschied in der Thematik kann hier außer Betracht bleiben Mommsen gibt seine „Römische Geschichte" als Geschichte eines Kulturkreises, Carandini beschränkt sich auf die Geschichte Roms; ebenso die formale Ähnlichkeit - monumental sind beide Werke, kommt Carandini selbst bei seinem sehr eingeschränkten Gesichtsfeld auf nahezu 900 Seiten. Hier soll uns nur das Verhältnis von Historiographie und ästhetischer Faktur beschäftigen. Anknüpfend an neuere Grabungsergebnisse an der Römischen Stadtmauer will Carandini den Nachweis historischer Triftigkeit des Mythos von Romulus und Remus führen. Sein Anspruch: „das Wahrscheinliche" zu erzählen. Seine literarische Synthese nimmt Erkenntnisse der Gründungsgeschichte Roms aus Genealogie und Chronik, Mythologie und Sage auf. Archäologie und Kulturgeographie kommen ebenso zur Anwendung wie Ethnologie und Siedlungsgeschichte. Ohne Anwendung historisch-philologischer Quellenkritik mischt der Autor seine Quellen in freier Komposition - eine philologische Todsünde - , indem er sie nicht nach der Logik ihrer historisch-philologischen Beziehung aufeinander bezieht, sondern gemäß ihrer narrativischen Paßform. Die dichte Konsistenz und Kohärenz, der Reichtum von Kontexten und die Stimmigkeit der „inneren Form" seiner Erzählung sind das Ergebnis eines erzählerischen Konstruktivismus, dessen Kriterien das Wahrscheinliche und Mögliche, das Nicht-Auszuschließende und das Kongruente sind. Vom anarchischen anything goes will Carandini sein Verfahren unterschieden wissen, indem er von einer narrativ erzeugten Wahrheit spricht, die - unter Einbeziehung von Fiktionen - solange gilt, wie ihre Gestalt nicht wegen erwiesener Unstimmigkeiten revidiert werden muß. Die diversen Wissensdiskurse, die er in seine Gründungsgeschichte einliest, haben für ihn einen „implicit author", als dessen Stellvertreter Carandini fungiert. Dieser „implicit author" wirkt als generativer Motor, um in den homolog gelagerten Diskursen eine vermeintlich primäre Sinnschicht zum Vorschein zu bringen. Anders als die Zunftgenossen aus der Altertumswissenschaft: von Archäologie, Klassischer Philologie und Religionswissenschaft, ordnet er die Schichten von Mythologie, Annalistik und

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Chronik nicht quellenkritisch, sondern auf einen hypothetisch postulierten Bedeutungs- und Sinngehalt bezogen, den sie auf unterschiedliche Weise zum Erscheinen bringen. Dergestalt unterstellt er, daß jeder der berücksichtigten Diskurse seine Resultate in einer eigenen ästhetischen Form bietet, die dechiffriert werden muß, um den jeweils identischen Bedeutungskern freizulegen. Carandini versteht seine archäologische Erzählkunst als Kritik am historiographischen Positivismus; Abwendung von der zirkulären Methodik, der zufolge sie Begriffschimären produziere, deren vermeintliche Gegenstände sie dann in den Quellentexten zu finden meint; Revision einer Ausdünnung des Wissens durch Verarmung von Kontexten. Die Berechtigung dieser Kritik zu prüfen, ist hier nicht der Ort, und ich habe auch nicht die Kompetenz, die dazu erforderlich wäre. Worauf es mir aber bei dem methodischen Vergleich von Carandinis Erzählkunst mit Mommsens Dramatisierung ankommt, ist die unterschiedliche Haltung zur Geschichte. Wie stark auch immer bei Mommsen die voluntaristischen Impulse mit ihrer Exponierung bedeutender Individuen und ihrer Entschließungen sind, immer bleibt doch seine Dramaturgie im Bann des klassisch-romantischen Idealismus: der Morphologie von Goethe und Humboldt, der Dialektik von Hegels Fortschrittsdenken, die zwar nicht systematisierend, wohl aber appellativ in die Konzeption der „Römischen Geschichte" hineinwirken. Carandinis Verhältnis zu solchen „Wahrheiten" ist eher spielerisch. Sie haben keinen anderen Geltungsbereich als den ästhetischen, wo sie solange Bestand haben, wie sie nicht durch Angebote höherer Komplexität bei unverminderter formaler Konsistenz überboten werden.28 Hier ließe sich nun durchaus mit Zitaten aus der Würdigung Mommsens schließen, wie sie ihm bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur wie Lorbeer zuteil wurde. Sie ist verständnisvoller und angemessener als es die leise Geringschätzung nahe legt, mit der die professionelle Literaturkritik den literarischen Nobelpreis zu würdigen pflegt:29 „Mommsen's Römische Geschichte, which has been translated into many languages, is distinguished by its thorough and comprehensive scholarship as well as its vigorous and lively style. Mommsen combines his command of the vast material with acute judgment, strict method, a youthful vigour, and that artistic presentation which alone can give life and concreteness to a description. He knows how to separate the wheat from the chaff, and it is difficult to decide whether one should give higher praise and have more admiration for his vast knowledge and the organizing power of his mind or for his intuitive imagination and his ability to turn carefully investigated facts into a living picture. His intuition and his creative power bridge the gap between the historian and the poet."30

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Statt hier fortzufahren, möchte ich an eine Würdigung seiner historischliterarischer Gestaltenphantasie erinnern, die ihm von Friedrich Gundolf zuteil wurde und - unzitiert, aber gegenwärtig - von Heuss bis Fest nachwirkt. Gundolf endet seine Ruhmesgeschichte Caesars mit den Sätzen: „In diesem Jahrhundert hat man mehr über Cäsar geschrieben als in allen früheren zusammen. Die philosophische Deutung seiner Tat durch Hegel und die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung seines Werks durch Mommsen sind die beiden mächtigen Beiträge dieses Zeitalters zur künftigen Geschichte des cäsarischen Ruhms, beide noch Erbschaft Napoleons. Die Gewaltigen als Träger und Vollstrecker des Weltgeistes, als wandelnde ,Weltseelen' derart zu schauen, wie Hegel, dazu bedurfte es - bei allen Denkvoraussetzungen seiner Philosophie, Kant Herder Romantik - doch noch die sinnliche Schicksalsluft: die gab Napoleon. Was in Mommsen über die zahllosen philologischen Einzelfünde hinausreicht, das Wissen um staatliches Wesen und Geschehen, das stammt noch aus dem europäischen Schauer des letzten Heroen, empfangen von einem feurigen und strengen Geist."31 Gewiß, das ist mit dem Pathos des Heroenkults gesagt, in dem der Kreis um George seine Tradition im Sinne von personalen Präfigurationen ihres St. Stefan zusammenstellt. Was dabei über Mommsen gesagt wird, findet in dessen „Römischer Geschichte" gleichwohl seinen Gegenstand: historisch-philologisches Wissen und Europa-Ahnung literarisch zusammengeführt.32

Anmerkungen 1

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„Bei Hegel das nichtswürdigste Grau, bei Heine das Schimmern der elektrischen Farbenspiele, die die Augen fürchterlich angreifen, wie auch jenes Grau. Denkt euch nur alles mimisch, bei Hegel und Heine. Jener ein factor, dieser ein farceur." FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente (Sommer 1872 bis Ende 1874), Aphorismus 1453, in: Ders., Gesammelte Werke, hg. von Giorgio Colli/Mazzimo Montinari, Montinari, HL Abteiig., Bd. 4, Berlin u. a. 1978, 199. FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente Nr. 710 und 1176 (zwischen Herbst 1869 bis Herbst 1872), in: Ders., Gesammelte Werke, wie Anm.l, EL Abteiig., Bd. 3, 67 und 92. - Im Gespräch scheint sich Nietzsche doch immerhin von Mommsens Analogien beeindruckt gezeigt zu haben. In einer Tagebucheintragung vom 29. Mai 1871 berichtet Cosima Wagner über ein Tischgespräch, in dem Nietzsche Mommsens Charakterisierung Sullas als eines Landjunkers und Ciceros als eines Journalisten zitiert habe: „Fritz [sc. Nietzsche] meint dabei, es gäbe wohl Analogie in den Zuständen und Personen, was R. [sc. Richard Wagner] durchaus leugnet; er sagt, das sei eben der Unterschied, bei uns ist es ein Feuilletonist, dort ist es Cicero [...]." COSIMA WAGNER, Die Tagebücher, Bd. I (1869-1877), ediert

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und kommentiert v. Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München/Zürich 1982, 392f. Eine letzte Erwähnung Mommsens durch Nietzsche findet sich in einem Brief an Heinrich Köselitz vom 18. Juli 1880, in dem der Absender sein Erschrecken über den Brand in Mommsens Arbeitszimmer schildert: „Haben Sie von dem Brande von Mommsen's Hause gelesen? Und dass seine Excerpten vernichtet sind, die mächtigsten Vorarbeiten, die viel(leicht) ein jetzt lebender Gelehrter gemacht hat? Er soll immer wieder in die Flammen hineingestürzt sein, und man musste endlich gegen ihn, den mit Brandwunden bedeckten, Gewalt anwenden. Solche Unternehmungen, wie die M(ommsen)'s müssen sehr selten sein, weil ein ungeheures Gedächtniß und ein entsprechender Scharfsinn in der Kritik und Ordnung eines solchen Materials selten zustande kommen, vielmehr gegen einander zu arbeiten pflegen. - Als ich die Geschichte hörte, drehte sich mir das Herz im Leibe um, und noch jetzt leide ich physisch, wenn ich dran denke. Ist das Mitleid? Aber was geht mich M(ommsen) an. Ich bin ihm gar nicht gewogen." FRIEDRICH NIETZSCHE, Sämtliche Briefe, Kritische Studienausgabe in 8 Bdn., hg. v. Giorgio Colli/Mazzimo Montinari, Bd. 6 (Januar 1880-Dezember 1884), Berlin/New York 1986, 29. Sarkastisch ist ein Kommentar des Brandes durch Wagner, den Cosima Wagner in ihrem Tagebuch vom 18. August 1880 berichtet: „Da über den Brand der Bibliothek geklagt worden war, sagte er [sc. Richard Wagner] mir: ,Es wäre doch entschieden besser, Mommsen wäre verbrannt und seine Bücher und Manuskripte gerettet, da alles von solch einem Menschen in seinen Büchern steckt."' COSIMA WAGNER, Die Tagebücher Bd. Π (1878-1883), (wie oben), 583. Ich verdanke einige dieser Hinweise Herrn Dr. Christian Benne. 3 FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente Nr. 10607 (zwischen Herbst 1884 und Herbst 1885), in: Ders., Gesammelte Werke, hg. v. Giorgio Colli/Mazzimo Montinari, Bd. VII.3, Berlin u. a. 1974,423. 4 Vgl. hierzu etwa GEORGE P. GOOCH, Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahrhundert, vom Verf. neubearb. dt. Ausgabe mit einem Ergänzungskapitel, Frankfurt a. M. 1964 (engl. Erstausgabe 1913 als „History and Historians in the Nineteenth Century"). 5 Joachim Fest hat an die spöttische Notiz Richard Wagners erinnert, „der nach einem Zusammentreffen, die leicht karikatureske Aura der Erscheinung mokant erfassend, [notierte], der Gelehrte sehe aus wie jemand, der in dieser Maske zum Redoutenball unterwegs sei." JOACHIM FEST, Theodor Mommsen. Zwei Wege zur Geschichte - Eine biographische Skizze, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Juli 1982, Nr. 174. 6 Vgl. den Brief Hebbels vom 8. April 1 8 4 5 an Elise Lensing. In: FRIEDRICH HEBBEL, Sämtliche Briefe, Historisch-kritische Ausgabe von Richard M. Werner, Bd. 5 ( 1 8 5 2 - 1 8 5 6 ) , Berlin 1 9 0 6 , 2 2 6 (Brief Nr. 2 0 4 ) . 7 Vgl. dazu RUDOLF BÜLCK, Hebbel und Mommsen, Euphorion 4 7 ( 1 9 5 3 ) , 3 3 1 - 3 4 0 . 8 HEBBEL, Sämtliche Briefe (wie Anm. 6), 307. 9 Noch der Marxist Jürgen Kuczynsnki hat dieses Programm als genügend vorbildlich gefunden, um es zu zitieren: JÜRGEN KUCZYNSKI, Theodor Mommsen - Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers, Studien zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 9, Berlin 1978, 260. 10 Thiers und die Kaiserzeit, Preussische Jahrbücher 1 (1858), 225.

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Die Schere im Kopf oder: ,Heine und die Folgen', Die Fackel Nr. 329/330, 1911, 1-33, Zitat 7. Zitiert nach LOTHAR WICKERT, Theodor Mommsen. Eine Biographie, Bd. 3: Wanderjahre. Leipzig - Zürich - Breslau - Berlin, Frankfurt a.M. 1969, 655f. (Anm. 175). LOTHAR WICKERT, Beiträge zur Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts 1879-1929, Mainz 1979, 5. JOACHIM FEST, Pathetiker der Geschichte und Baumeister aus babylonischem Geist. Theodor Mommsens zwei Wege zur Geschichte, in: Ders., Wege zu Geschichte. Über Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann. Mit einem Vorwort von Christian Meier, Zürich 1 9 9 2 , 4 2 . Ebd. JÜRGEN MALITZ, Theodor Mommsen und Wilamowitz, in: WILLIAM M. CALDER W HELMUT FLASHAR/THEODOR LINDGEN (Hgg.), Wilamowitz nach 50 Jahren, Darmstadt 1985, 31-55. Das Folgende nach Malitz. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, Brief Nr. 232 vom 20. Januar 1887, in: FRIEDRICH und DOROTHEA HILLER VON GAERTRINGEN (Hgg.), Mommsen und Wilamowitz. Briefwechsel 1872-1903, Berlin 1935. Theodor Mommsen, Brief Nr. 233 an Wilamowitz vom 23. Januar 1887, ebd. ALFRED HEUSS, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1 9 5 6 , 6 6 . Ich halte mich dabei allein an Mommsens „Römische Geschichte", von der Alfred Heuss gesagt hat, sie sei ein „Einzelgänger" im Werk Mommsens (HEUSS, Mommsen [wie Anm. 19], 33), ein „Einzeltreffer" (HEUSS, a.a.O., 58) ohne Vorläufer und Nachfolger, der nichtsdestoweniger über dessen Publikumsbedeutung entschieden habe. Beobachtungen zur literarischen Darstellungskunst Mommsens gibt es nur selten und verstreut. Eine Ausnahme ist die Dissertation von GUIDO LOOSER, Mommsens Kunst der Darstellung. Studien zu seiner Römischen Geschichte, Diss. Zürich 1918. Eine gründlichere Untersuchung als sie in diesem Rahmen möglich ist, hätte Mommsens literarischen Werdegang von eigenen lyrischen Anfängen über die Artikel im„Rheinischen Museum", die „Römische Geschichte" sowie seine Epistolographie und Redekunst bis zu seiner latenten Absetzung von Niebuhr zu verfolgen. Unerörtert muß hier auch sein literarisches Verhältnis zu antiken Geschichtsschreibern bleiben. THEODOR MOMMSEN, Römische Geschichte. [1854-1856], in 8 Bdn., München 2001, Bd. 1, 19f. (= RGI, 3f.). Zu Mommsens organologischer Metaphorik vgl. ALEXANDER DEMANDT, Das Ende des Altertums in metaphorischer Deutung, Gymnasium 87 (1980), 178-204. MOMMSEN, Römische Geschichte (wie Anm. 21), Bd. 1, 173 (= RG I, 649). MOMMSEN, Römische Geschichte (wie Anm. 21), Bd. 1, 344f. (= RG I, 815f.).

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HEUSS, Mommsen (wie Anm. 19), 67.

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KARL KRAUS,

Metahistory: Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt 1981. 2 7 ANDREA CARANDINI, Die Geburt Roms, Übers, der ital. Originalausgabe „La nascitä di Roma" (1997), Zürich 2 0 0 2 . 28 In einer Hinsicht freilich kommen Mommsen und Carandini überein, in ihrer Faszination durch die Frage nach Ursprung und Genese, wohl ein gemeinsames Erb-

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HAYDEN WHITE,

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teil der klassisch-romantisch geprägten Einbildungskraft, zugleich aber auch ein Echo auf eine bereits in der antiken Stadtgründungsliteratur angelegte Unterscheidung von mythologisch-philosophischer Ursprungsfrage und der Erforschung historischer Entstehung. So macht Aldo Schiavone auf die „interdizione della genesi" im Ursprungsdenken antiker Autoren aufmerksam: „per quanta indietro tentiamo di gettare lo sguardo, non riusciamo mai a identificare, sia pure in modo indiretto, una vera e propria condizione di ,stato nascente', i germi elementari e ancora disaggregati degli sviluppi successivi." ALDO SCHIAVONE, I saperi della citta, in: Storia di Roma, 7 Bde., Torino 1988-1993, Bd. I, Roma in Italia, Rom 1988, 545. Ich danke Herrn cand. phil. Gabriele Guerra für diesen Hinweis. Der Vorschlag für den Preis kam ohnehin nicht aus der literarischen Szene. Unter den 18 Unterzeichnern war der Literarhistoriker Erich Schmidt der einzige Germanist. Über die Gründe des Umwegs, Mommsen, den Historiker, als literarischen Autor zu ehren, vgl. HEINRICH SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Ein „goldener Lorbeerkranz" für die „Römische Geschichte" - Theodor Mommsens Nobelpreis für Literatur, in: Wiesehöfer, Josef (Hg.), Theodor Mommsen: Gelehrter, Politiker und Literat, Kiel 2005, 207ff. Presentation Speech by Carl David af Wirsen, Permanent Secretary of the Swedish Academy on December 10, 1902, in: Nobel Lectures, Literature 1901-1967, Amsterdam 1969. Die Rede ist auf Englisch publiziert im Internet (10. Januar 2005): http://nobelprize.org/literature/laureates/1902/press.html. FRIEDRICH GUNDOLF, Caesar. Geschichte seines Ruhms, Berlin 1924, 264f. Vgl. zu Mommsens Caesar-Bild auch ALEXANDER DEMANDT, Mommsen zum Niedergang Roms, HZ 261 (1995), 24-49, hier 27-30.

Die verfehlte Nation. Warum Mommsens Rom nicht ans geschichtliche Ziel gelangte Egon Flaig

Wer auf dem Jahrmarkt ein Luftgewehr in die Hand nimmt, um auf jene weißen Röhrchen zu zielen, in denen die Papierrosen stecken, der erfährt, daß nicht jeder Schuß ein Treffer ist. Man kann das Ziel verfehlen. Seltsamerweise handelt das erfolgreichste historiographische Werk in deutscher Sprache von einer Zielverfehlung. Es ist die «Römische Geschichte» von Theodor Mommsen, vom Autor angelegt auf fünf Bände, von denen zunächst nur drei erschienen, zwischen 1854 und 1856. Wenn Mommsen drei umfangreiche Bände über eine Zielverfehlung schrieb, fragt sich zunächst: Was war das Ziel und wer verfehlte es? Was ist eigentlich der Gegenstand dieser «Römische Geschichte»? Das scheint eine unsinnige Frage, denn eine „Römische Geschichte" fokussiert selbstverständlich die Stadt Rom und ihre Geschichte. Doch in der ,Einleitung' lesen wir: „Es ist die Geschichte Italiens, die hier erzählt werden soll, nicht die Geschichte der Stadt Rom".1 So steht es leider im Text. Für den Fachwissenschaftler ist das ein Nasenstüber; denn selbstverständlich benutzen wir dieses kanonisierte Werk so, als behandle es die Geschichte Roms. Fragen wir nun Mommsen, wie er dazu kommt, uns diese Mogelpackung zu servieren, und eine Geschichte Italiens als Römische Geschichte zu verpacken, dann erhalten wir reichliche und redliche Auskunft; er behauptet schlicht, der Historiker betrachte den Geschichtsprozeß unter zwei Perspektiven; die erste erlaube, auf die formalen Veränderungen der Zustände zu achten, die zweite hingegen verstatte den tiefen Blick auf die Bedeutung des historischen Wandels: „Wenn auch nach formalem Staatsrecht die Stadtgemeinde von Rom es war, die die Herrschaft erst über Italien, dann über die Welt gewann, so läßt sich doch dies im höheren geschichtlichen Sinne keineswegs behaupten und erscheint das, was man die Bezwingung Italiens durch die Römer zu nennen gewohnt ist, vielmehr als die Einigung zu einem Staate des gesamten Stammes der Italiker [.. ,]." 2

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Mommsen gibt also gerne zu, daß es die Stadt Rom war, die sich aufschwang zur Herrscherin zunächst über Italien dann über den mittelmeerischen Erdkreis. Doch dabei stehen zu bleiben, hieße die beschränkte Sichtweise des nur empirisch arbeitenden Historikers zu reproduzieren. Hinter den empirischen Veränderungen wirkt eine immanente Vernunft, und wer sich auf deren Standpunkt stellt, bemerkt schnell, daß die Stadt Rom bloß ein Agent dieser Vernunft war; der Agent vollzog nolens volens eine historische Aufgabe, nämlich die Einigung Italiens und damit der italischen Nation. Mommsen unterwirft sein historiographisches Unternehmen dieser geschichtsphilosophischen Sicht. Dementsprechend gliedert er seine «Römische Geschichte»: „Die italische Geschichte zerfällt in zwei Hauptabschnitte: in die innere Geschichte Italiens bis zu seiner Vereinigung unter der Führung des latinischen Stammes und in die Geschichte der italischen Weltherrschaft."3 Diese Gliederung verblüfft. Denn gelernte Althistoriker lesen die Mommsensche «Römische Geschichte» anders. Für sie erfolgt die große historische Zäsur zwischen Republik und Kaisertum. Doch eben dort liegt sie nicht; vielmehr setzt Mommsen sie dort, wo Italien endlich zur politischen Einigung findet: „Wir werden also darzustellen haben des italischen Volksstammes Ansiedelung auf der Halbinsel; die Gefährdung seiner nationalen und politischen Existenz und seine teilweise Unteijochung durch Völker anderer Herkunft und älterer Zivilisation, durch Griechen und Etrusker; die Auflehnimg der Italiker gegen die Fremdlinge und deren Vernichtung oder Unterwerfung; endlich die Kämpfe der beiden italischen Hauptstämme, der Latiner und der Samniten um die Hegemonie auf der Halbinsel und den Sieg der Latiner [.. ,]."4 Italien hat also „natürliche Grenzen", Sizilien gehört von der Natur her zu Italien; diese „natürlichen Grenzen" stecken das Gelände ab, auf welchem sich die italische Nation heranzubilden hat; und diese „natürlichen Grenzen" markieren die römische Expansion von einer bestimmten Stelle an als unheilvoll, wie noch zu sehen sein wird. Griechen und Etrusker waren demnach Fremdlinge auf der Halbinsel, einfach darum, weil ihr politisches Vorhandensein die italische Entwicklung zur selbständigen Nation gefährdete. Alle Kämpfe in der frühen Geschichte Roms haben somit einen nationalen Inhalt: in ihnen finden sich die italischen Stämme zusammen gegen drohende Unterjochung, befreien sie sich von Fremdlingen und kämpfen sie um den Vorrang auf einer Halbinsel, die dadurch ihrer Einigung entgegengeht. Die «Römische Geschichte» von Theodor Mommsen behandelt also die Heranbildung der italischen Nation.

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Althistoriker sind nicht gewohnt, Mommsens «Römische Geschichte» auf diese Weise zu lesen. Sie lesen sie vielmehr als eine unaufhaltsame Verfallsgeschichte der Republik, als eine Geschichte, wie sich die Monarchie nach qualvollen Jahrzehnten endlich durchsetzt, als eine Geschichte, welche ihren Abschluß findet in jenem von Mommsen so vergötterten Genie Casars. Karl Christ hat in einem bis heute maßgeblichen Aufsatz behauptet, im Mittelpunkt von Mommsens Interesse liege „die lange Krise der römischen Republik nach Pydna und die Ausbildung der Militärmonarchie". 5 Ahnlich meint Stefan Rebenich in seiner brillant geschriebenen Biographie, Mommsen behandle die römische Frühzeit allzu knapp, denn „der eigentliche Fokus ist die Krise der späten Republik".6 Beide Forscher vermuten den Schwerpunkt des Werkes dort, wo auch der Schwerpunkt des disziplinaren Interesses liegt. Die althistorische Zunft ist - so glaube ich - berechtigt, Mommsens Werk ,falsch' zu lesen. Warum? Weil jede Fachwissenschaft für die Ausbildung ihrer Forscher ein verbindliches Fundament bereitstellen muß, weil sie darum die Fachmitglieder dem professionellen Zwang unterwerfen muß, sich disziplinar zu homogenisieren.7 Deswegen erhebt die Fachwissenschaft bestimmte Werke zu ,Grundlagen'; sie löst solche Werke heraus aus dem Kontext, in welchem sie geschrieben wurden, und paßt sie in eine ,Fortschrittsgeschichte der Disziplin' ein. Je weiter die Autonomisierung des Faches voranschreitet, und je mehr die Selbstreferentialität zunimmt, desto stärker ist diese Tendenz. Die Fachwissenschaft neigt mithin dazu, ,vorbildliche' Werke zu kanonisieren. Und Kanonbildung ist Kontextzerstörung.8 Aber ohne Kanonbildung keine Fachwissenschaft. Deswegen sind wir als Althistoriker berechtigt, den Mommsenschen Text so zu lesen, als wolle er uns Hypothesen und Theoreme fur unsere Problemstellungen liefern. Und dann dürfen wir über Mommsens explizite Intentionen hinweglesen, und wir dürfen seine Obsessionen ignorieren. Indes, die fachliche Selbstbesinnung verlangt eine andere Herangehensweise. Selbstreflexion erfordert, den Kanon zu dekonstruieren und den Kontext zu rekonstruieren, also den geschichtsphilosophischen Kontext einer „Römischen Geschichte" oder die politischen und auf jeden Fall die polemischen Bezugnahmen. Denn jedes historiographische Werk bezieht Stellung und geht in Stellung. Nimmt man die Kategorien in den Blick, vermittels welcher Mommsen sein Werk konstruierte, dann könnte sich ergeben, daß diese Konzepte keinesfalls neutral, sondern daß sie prall mit Politik gefüllt sind. Falls Mommsen seine «Römische Geschichte» mit geschichtsphilosophischen Sehe-

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mata konzipierte und mit Kategorien der zeitgenössischen Politischen Philosophie strukturierte, dann brauchen wir eine andere Lektüre dieses Werkes. Wie könnte eine solche Lektüre aussehen? Besehen wir zunächst die logische Struktur von Mommsens Problemaufriß. Den einzelnen italischen Stämmen und Völkerschaften verleiht er den Titel „Nationen"; er ist genötigt, ihre kulturelle und sprachliche Verschiedenartigkeit zu berücksichtigen. Wenn sie aber „Nationen" waren, wie konnte dann aus ihnen die „italische Nation" entstehen? Das geht nur, wenn es .Nationen' gibt, denen keine geschichtsmetaphysische Würde zukommt; sie sind sozusagen prädestiniert, Bestandteil von .wahrhaften Nationen' zu werden. Will man der multisprachlichen und multikulturellen Ansammlung auf der italischen Halbinsel eine gemeinsame Nationalität unterstellen, benötigt man waghalsige historiographische Beweisverfahren. Einerseits - so behauptet Mommsen - sei Italien erst mit der römischen Eroberung „eine politische Einheit" geworden und im Zuge gewesen, „eine nationale zu werden".9 Anderseits hätten sich „die verschiedenen Nationen" Italiens schon lange „als eine Einheit gefühlt und zusammengefunden [...] theils in dem Gegensatz gegen die Hellenen, theils und vor allem in der gemeinschaftlichen Abwehr der Kelten". 10 Wir sehen einepetitio principii am Werke: Es mag die Regel sein, daß das ,Nationalgefuhl' auftaucht, bevor die Etablierung eines Nationalstaates gelingt. Doch hier existiert und wirkt das ,Nationalgefühl' bevor die Nation selber vorhanden ist. Eine italische Nation avant la lettre war schon vorhanden, bevor die Römer sie zusammenfaßten. Der Historiker konstruiert den geschichtlichen Prozeß dergestalt, daß die , wahrhafte Nation' sich zu verkörpern sucht, daß sie darum ringt, in die geschichtliche Existenz zu treten. Sie muß dann allerdings schon Wirklichkeit sein, bevor sie zu existieren beginnt. Wir stoßen auf eine typische Denkbewegung des deutschen Idealismus: etwas was ,an sich' schon da ist muß ,für sich' in die Existenz treten. Die Homologie zur Marxschen Problematik, wie die Arbeiterschaft aus einer ,Klasse an sich' zu einer ,Klasse für sich' werden kann, ist evident. Die italische Nation ist an sich da, muß aber für sich existent werden. Tatsachen, welche dieses Bild trüben könnten, entwertet der Historiker mit einem geschichtsteleologischen Argument: auch wenn - so sagt er - gelegentlich italische Städte mit den Kelten gegen Rom gemeinschaftliche Sache machten, „so brach doch auf die Länge das gesunde Nationalgefühl nothwendig sich Bahn".11 Das Nationalgefühl wirkt also genau analog wie das Klassenbewußtsein bei Marx; es verstärkt sich in der «Römische Geschichte» in und durch gemeinsame Abwehrkämpfe gegen Feinde, genauso wie das Marxsche Klassenbewußtsein sich im Klassenkampf verstärkt und aus der Klasse ,an sich' eine sich ihrer selbst bewußten Klasse ,für sich'

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macht. Es ist das Nationalgefühl einer noch nicht vorhandenen Nation, welches als kardinaler Faktor dazu drängt, daß eine ,Nation an sich' zu einer .Nation für sich' wird. Dieser historischen Arbeit des ,Nationalgefühls' bescheinigt Mommsen .Notwendigkeit'. Notwendigkeit ist freilich eine Kategorie, die sich erst mit Sinn füllt, wenn der Historiker Einblick hat in die Zwecke des Geschichtsprozesses, wenn er also dem Weltgeist über die Schultern gucken darf, um diesen beim Plänemachen zuzusehen. Deswegen heißt Mommsen den Geschichtsprozeß „eine Bibel", 12 Toren mögen sie mißverstehen, Eingeweihte werden sie begreifen. Und wenig später schreibt er in einer Rezension, die Geschichte sei „in der Tat dauernde Offenbarung". 13 Die hegelschen Prämissen dieses Denkens sind offensichtlich. So kann der Historiker sprechen als Apostel des Weltgeistes, jenes in der Geschichte mächtigen Geistes, den Mommsen unverfroren einen „heiligen Geist" nennt. 14 *

Mommsen geht davon aus, daß die Italiker aus dem Norden einwanderten. Diese Einwanderer standen - so befindet er auf Grund sprachgeschichtlicher Überlegungen - den Griechen sehr nahe: „der Grieche und der Italiker sind Brüder, der Kelte, der Deutsche und der Slave ihnen Vettern". 15 Er operiert hier mit einem Nationenbegriff, der unterschiedliche Grade der politischen Kohäsion zuläßt und darum Griechen und Italiker eine Nation sein läßt, bevor sie sich schieden: „Wenn die Aufgabe den Culturgrad zu bestimmen, den die Indogermanen vor der Scheidung der Stämme erreichten, mehr der allgemeinen Geschichte der alten Welt angehört, so ist es dagegen speciell Aufgabe der italischen Geschichte zu ermitteln, so weit es möglich ist, auf welchem Stande die graecoitalische Nation sich befand, als Hellenen und Italiker sich voneinander schieden."16 Diese Scheidung ist von weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie ermöglichte, daß die Griechen ihre Entwicklung durchmachten, um ihre spezifische Kultur auszubilden, wohingegen die Italiker eine ganz eigentümliche Entwicklung nahmen: „So stehen die beiden Nationen, in denen das Alterthum sein Höchstes erreicht hat, ebenso verschieden wie ebenbürtig neben einander [...]. Es war eben das Beste und Eigenste des griechischen Volkes, was es ihm unmöglich machte von der nationalen Einheit zur politischen fortzuschreiten, ohne doch die Politie zugleich mit 17 der Despotie zu vertauschen.." Die Kohäsion, welche die Griechen zusammenband, war eine rein kulturelle; entsprechend entfaltete die griechische Kultur ein künstlerisches und kulturelles Leben, das einzigartig reich und schöpferisch war. Die italische Nation

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hingegen erfüllte jene politische Aufgabe, welche die griechische nicht einmal zu stellen imstande war: gab dagegen der Italiker die Willkür hin um der Freiheit willen und lernte dem Vater gehorchen, damit er dem Staate zu gehorchen verstände. Mochte der Einzelne bei dieser Unterthänigkeit verderben und der schönste menschliche Keim darüber verkümmern; er gewann dafür ein Vaterland und ein Vaterlandsgefiihl wie der Grieche es nie gekannt hat und errang allein unter allen Culturvölkern des Alterthums bei einer auf Selbstregiment ruhenden Verfassung die nationale Einheit [,..]." 18 „Entschlossen

Die Antinomie zwischen dem Anrecht der Gesellschaft auf das Individuum und dessen Anspruch auf Entfaltung hatte einst Rousseau radikalisiert; sie lastete obsessiv auf dem Denken der deutschen Klassik; Hegel baute diese Antinomie in seine Aufeinanderfolge der Volksgeister ein und hob sie geschichtsphilosophisch auf. Auch Rousseau hatte im ,Contrat Social' die erträgliche Bewegungsform dieses antinomischen Verhältnisses in der politischen Freiheit gefunden: nämlich darin, daß die Bürger dem Gesetz gehorchen, welches sie selber beschlossen haben (auf die ,Willkür' verzichten, um die Freiheit' zu gewinnen). Mommsen reklamiert diese rousseausche Lösung einseitig für die Geschichte Italiens und spricht sie den Griechen ab. Wenn sich die .graecoitalische' Kultur auf diese Weise schied und ihre beiden Zweige sich zu neuen Nationen heranbildeten, welche jeweils eine ganz individuelle' Ausprägung durchlief, dann stellt sich die Frage, ob solche geprägten und entfalteten Nationen überhaupt je wieder dazu taugen, mit anderen zusammenzuwachsen', also zu Bestandteilen von neuen Nationen zu werden. Wenn diese Scheidung der latinischen wie der griechischen Nation dazu verhilft, ihre ,Idee' auszubilden, so erfüllt diese jeweilige spezifische Ausprägung einen welthistorischen Zweck: „Der tiefste und letzte Grund der Verschiedenheit beider Nationen liegt ohne Zweifel darin, daß Latium nicht, wohl aber Hellas in seiner Werdezeit mit dem Orient sich berührt hat. Kein Volksstamm der Erde für sich allein war groß genug weder das Wunder der hellenischen noch späterhin das Wunder der christlichen Cultur zu erschaffen; diese Silberblicke hat die Geschichte da erzeugt, wo aramäische Religionsideen in indogermanischen Boden sich eingesenkt haben. Aber wenn eben darum Hellas das Prototyp der rein humanen, so ist Latium nicht minder für alle Zeiten das Prototyp der nationalen Entwickelung; und wir Nachfahren haben beides zu verehren und von beiden zu lernen."19

Mommsen akzeptiert die Einbettung des Christentums in eine synkretistische Kultur, welcher Droysen den Namen .Hellenismus' gegeben hatte. Aber indem er Latium zum „Prototyp der nationalen Entwicklung" erhebt, verschafft er der

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römischen Geschichte eine politische Verbindlichkeit für die Moderne, welche der griechischen abgehen muß. Die Formel „für alle Zeiten" nimmt Mommsen zwar häufig in den Mund, aber nie ohne Bedacht. „Für alle Zeiten" heißt eben auch für die Moderne. Am Gelingen dieses Prototyps hängt also einiges. Diese Aussage bekräftigt er später, indem er unterstreicht, das römische Volk habe „in seinem Senat längere Zeit als es einem Volke verstattet zu sein pflegt, das großartigste aller Menschenwerke durchzuführen vermocht, eine weise und glückliche Selbstregierung". 20 Der Historiker zeigt sich hier als Zoon politikon im eminenten Sinne: wenn Aristoteles die politische Kommunikation für die höchste Form der Kommunikation unter Menschen hält, dann ist die Konsequenz schwerlich abzuweisen, daß das gelungenste politische Experiment als großartigstes „Menschenwerk" anzusprechen ist. Was an der römischen Geschichte vorbildhaft war, hat Mommsen nun historiographisch darzulegen; und dabei steht viel auf dem Spiele. Die einwandernden Graeco-Italiker bestanden aus zwei Zweigen: den Latinern und den Umbro-Samniten. Mommsen beharrt nun darauf, daß die Einigung Italiens eine einseitige Errungenschaft der Latiner gewesen sei. Heftig wehrt sich Mommsen gegen die Vorstellung, daß „die römische Nation ein Mischvolk" sei, ein „wüstes Gerölle etruskischer und sabinischer, hellenischer und leider sogar pelasgischer Trümmer". 21 Er behauptet, die Latiner in Rom hätten Sprache, Staat und Religion rein gehalten. Er läßt gelten, daß eine sabinische Zuwanderung stattfand; doch diese habe den latinischen Charakter Roms nicht tangiert. Aus diesem Grunde muß Mommsen die Etrusker als,Fremde' aus Italien ausbürgern. Erstens seien sie später eingewandert als die Italiker, zweitens seien sie ,artfremd': „Im schärfsten Gegensatz zu den latinischen und den sabellischen Italikem wie zu den Griechen steht das Volk der Etrusker [...]. Schon der Körperbau unterschied die beiden Nationen; statt des schlanken Ebenmaßes der Griechen und Italiker zeigen die Bildwerke der Etrusker nur kurze stämmige Figuren mit großem Kopf und dicken Armen. Was wir wissen von den Sitten und Gebräuchen dieser Nation, läßt gleichfalls auf eine tiefe und ursprüngliche Verschiedenheit von den griechischitalischen Stämmen schließen, so namentlich die Religion, die bei den Tuskern einen trüben phantastischen Charakter trägt und im geheimnisvollen Zahlenspiel und wüsten und grausamen Anschauungen und Gebräuchen sich gefällt, gleich weit entfernt von dem klaren Rationalismus der Römer und dem menschlich heiteren hellenischen Bilderdienst [...]."22 So wie Burckhardt im ,Cicerone' die Kunstwerke Italiens beginnen läßt mit den Tempeln von Paestum und damit den Griechen sowohl die chronologische

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als auch die kulturelle Priorität für die Entwicklung der Kunst auf italischem Boden sichert, so schneidet Mommsen - fast zeitgleich mit Burckhardt - die etruskische Kultur als einen Fremdkörper auf italischem Boden ab. Beide deutschsprachige Historiker vollziehen damit eine radikale Abkehr von der Etruscheria ihrer Zeit, Burckhardt leise, Mommsen laut, beide entschieden. Daher verwendet Mommsen so viel Mühe auf den Nachweis, daß die Latiner ihre Schrift nicht von den Etruskern, sondern direkt von den Griechen übernahmen. Überdies hätte eine barbarisierende Lautzerrüttung die Etrusker am schlimmsten betroffen: „Daß diese Barbarisierung die Etrusker in stärkerem Maße erfaßte als irgend einen der italischen Stämme, stellt sich zu den zahlreichen Beweisen ihrer minderen Culturfähigkeit f...]." 23 Daß Mommsen so sehr auf der ,Reinheit' der latinischen Kultur insistiert, insbesondere hinsichtlich der Sprache, der Religion und des Staatswesens, ist für seine Gesamtkonzeption der römischen Geschichte deswegen so wichtig, weil er bereits in den Anfängen Roms die Grundelemente und die Grundrelationen des römischen Staatsrechtes entdeckt. 24 Wenn das römische Staatsrecht als Idee im Laufe der historischen Zeit sich verwirklicht ohne seine logische Geschlossenheit zu verlieren, dann darf das konkrete römische Staatswesen nicht ein Agglomerat von Elementen unterschiedlichster kultureller Herkunft sein. *

Die Geschichte Roms vollzog sich größtenteils unter republikanischer Herrschaftsform. Mommsen nennt die Abschaffung der römischen Monarchie, in welcher das Ideal eines auf Volkssouveränität beruhenden Königtums sich verwirklicht habe, eine Revolution und die Errichtung einer aristokratischen Herrschaft, deren institutionelles Zentrum der Senat verkörperte, eine Usurpation. Der historische Erfolg rechtfertigte beides: „Indes wenn jede Revolution und jede Usurpation durch die ausschließliche Fähigkeit zum Regimente vor dem Richterstuhl der Geschichte gerechtfertigt erscheint, so muß auch ihr strenges Urteil anerkennen, daß diese Körperschaft ihre große Aufgabe zeitig begriffen und würdig erfüllt hat."25 Der Historiker reicht der römischen Republik vor dem zweiten punischen Krieg den Palmenzweig: nie sei ein Staat nach außen fester und würdiger vertreten worden als Rom in seiner guten Zeit durch den Senat. Wie konnte dann die Geschichte falsch laufen? Zwar entwickelt sich Roms Größe - wie Momm-

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sen sagt - „mit wunderbarer fast mathematischer Folgerichtigkeit". 26 Doch was wenn Rom einfach nicht seine Aufgabe erledigt? Wenn also die Bildung der italischen Nation nicht gelingen sollte? Das kann den Leser umso weniger kalt lassen, als das Volk der Latiner „für alle Zeiten" als Prototyp der nationalen Entwicklung zu gelten hat. Rücken wir den Text in harte Sehnähe. Mommsen überschreibt das Kapitel III seines zweiten Buches mit „Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen". Es geht um die Eroberung Siziliens im ersten punischen Krieg und um die Inbesitznahme von Sardinien und Korsika. Die Einigung Italiens ist also größtenteils etwa um 235 v. Chr. vollzogen, die Unterwerfung des Gebietes zwischen Apennin und Alpen benötigte zwar noch einige Zeit, aber das waren peanuts. Mommsen faßt das Ergebnis des ersten punischen Krieges in einem sonderbaren Satz zusammen: „Die italische Eidgenossenschaft [...] oder der Staat Italien vereinigte unter römischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden vom Apennin bis an das ionische Meer". 27

Mommsen spricht ungeniert vom „Staat Italien". Welche Gestalt sollte nun dieser „Staat Italien" gehabt haben? Mommsen bezeichnet diese Form als „Eidgenossenschaft". Mit diesem Wort suggeriert er, daß das römische Bündnissystem ein staatlicher Verband war, und zwar ein solcher, in dem die Bündner als Teil eines Gesamtstaates fungierten. Das Wort Eidgenossenschaft sucht den Anklang an die Schweizer Republik, deren Teile gleichberechtigte Genossen waren, die ein beschworener Bund zusammenhielt. Doch das römische Bündnissystem war ein Herrschaftsverband, in welchem Rom die Führung ausübte. Für die Römer war dieses System kein Staat. Mommsen benötigt aber diese Annahme, um die Möglichkeit plausibel zu machen, daß im 3. Jh. v. Chr. auf italischem Boden ein Nationalstaat im Entstehen begriffen war. Warum? Weil die Antike es nie zur Repräsentativ-Verfassung gebracht hat, wie Mommsen immer wieder einhämmert. Soll jedoch ein nationaler politischer Verband entstehen, der überdies auch noch freiheitlich organisiert ist, also auf der Volkssouveränität beruht, dann ist er nur in Form einer Eidgenossenschaft herzustellen, solange ein Repräsentationssystem nicht in Sicht ist. Doch genau in diesem Moment, wo Rom die Einigung hätte bewerkstelligen können, kam die Nationenbildung auf ein falsches Geleise. Denn die Inseln wurden nicht in die Eidgenossenschaft aufgenommen; die Römer behandelten Sizilien, Sardinien und Korsika statt dessen als Untertanenland und verwalteten diese Gebiete entsprechend. Die Inseln wurden zu regelrechten Provinzen, die ihr Waffenrecht verloren; sie wurden also keine militärisch vollwertigen Eidgenossen, sondern hatten Steuern zu zahlen wie Untertanen. 28

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Eine scharfe Bruchlinie tat sich somit auf, diejenige zwischen Bundesgenossenschaft einerseits und Untertänigkeit anderseits; diese Linie spaltete das soeben politisch vereinigte Italien. Wer hatte das verbrochen? Für Mommsen war dies keinesfalls eine blinde geschichtliche Entwicklung, sondern ein intentionaler Akt der römischen Führung: die Halbinsel - so sah es die senatorische Aristokratie vor - „sollte ein neues und weiteres Italien werden", nicht so die Inseln: „Also wurden die überseeischen Besitzungen nicht bloß Untertanenland, sondern sie waren auch bestimmt es für alle Zukunft zu bleiben".29 Untertanenland für alle Zeiten zu schaffen hieß das Staatsgebiet der zu einigenden Nation in zwei Teile zu zerlegen. Ein planvoller Eingriff der römischen Führung hat damit die römische Geschichte auf Geleise gelenkt, die von der Nationenbildung wegführten. Warum? Weil just diese Spaltung sich 40 Jahre später fatal auf die Eidgenossenschaft selber auswirkte. Nachdem die Italiker Hannibal besiegt hatten, klafften nämlich gefährliche Risse innerhalb der Eidgenossenschaft auf. Nach Mommsen ereignete sich nun eine doppelte Spaltung: Einerseits hierarchisierte sich die römische Bürgerschaft in einem unerhörten Ausmaß sozial, und damit kam der Res publica ihr homogenes Staatsvolk abhanden. Andererseits sonderte sich die römische Bürgerschaft scharf von den italischen Bundesgenossen ab; und dabei wurden die Latiner auf den Status der anderen Italiker hinuntergedrückt. Die latinischen Städte fingen an „sich nicht mehr als die bevorzugten Teilhaber an der Herrschaft der mächtigen stammverwandten Gemeinde, sondern wesentlich gleich den übrigen als Untertanen Roms zu empfinden". 30 Die Römer gewöhnten sich daran, die Italiker nicht mehr länger als Bundesgenossen zu betrachten, sondern als Untertanen wie die Sizilianer oder Sardinier. Somit veränderte die „Eidgenossenschaft" selber ihren Charakter. Aber nur innerhalb der politischen Form einer „Eidgenossenschaft" war die nationale Einigung zu erreichen. Die Nationenbildung selber geriet damit zur historischen Mißbildung. 31 Zwar schreibt Mommsen ein paar Hundert Seiten später: „Werfen wir zum Schluß einen Blick zurück auf den von Rom seit der Einigung Italiens bis auf Makedoniens Zertrümmerung durchmessenen Lauf, so erscheint die römische Weltherrschaft keineswegs als ein von unersättlicher Ländergier entworfener und durchgeführter Riesenplan, sondern als ein Ergebnis, das der römischen Regierung sich ohne, ja wider ihren Willen aufgedrungen hat".32

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Wider Willen - gegen jegliche Absicht. Dennoch nicht unvermeidlich. Denn Mommsen nennt den Zeitpunkt ab dem dieser Anschein des Notgedrungenen sich einstellt, es ist just die Einigung Italiens. Die Unausweichlichkeit der immer ausgreifenderen Eroberungen ergab sich also, als die Fehlsteuerung eingetreten war. In der römischen Geschichte ereignete sich demnach ein Sündenfall; Mommsen inszeniert ihn im 3. Kapitel des 3. Buches: Die römische Aristokratie richtete auf italischem Boden Untertanenland ein. Von diesem Sündenfall her ist die Figur Cäsars in Mommsens «Römischer Geschichte» zu verstehen. Immer wieder hat die sakrale Aura, mit der Mommsen Cäsar umgibt, kritische Leser befremdet. Ohne Cäsar „würde unsere Zivilisation zu der römisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhältnis stehen als zu der indischen oder assyrischen Kultur. Daß von Hellas und Italiens vergangener Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neuern Weltgeschichte eine Brücke hinüberfuhrt [...], das ist Caesars Werk [...]". 33 Mommsen schreckt nicht davor zurück, jene berühmte Formel, wonach Jesus gekommen sei, um das Gesetz zu erfüllen, umzuprägen: „So war auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen".34 Diese Umprägung stellt die moderne Geschichte in einen Heilszusammenhang, dessen soteriologische Qualitäten sich aus der Vorbildhaftigkeit vieler Errungenschaften der Antike ergeben. Christian Meier hat das Befremdliche dieser Aussagen zurecht hervorgehoben; 35 es kommt darauf an, sie in einen geschichtsphilosophischen Kontext zu stellen, innerhalb dessen sie ihren spezifischen Sinn zeitigen: Cäsar ist der Heiland, welcher die römische Geschichte vor dem Aus bewahrt, zu dem sie durch den Sündenfall verdammt war, der Heiland, der eine soteriologische Mission erfüllt, indem er die römische Geschichte dahinlenkt, wo sie zur Vorgeschichte der Moderne werden konnte. *

Es stellt sich die Frage, wohin diese Fehlsteuerung führte. Mommsen choreographiert nun einen atemberaubenden Zerfall, dem nachzugehen nicht mein Thema ist. Statt dessen möchte ich in den beiden letzten Teilen meines Beitrages zwei Faktoren in den Blick nehmen, die als verursachte Ursachen den Zerfall beschleunigen, nämlich die sozialgeschichtlich bewirkte Entnationalisierung Italiens sowie die sozialökonomisch produzierte hauptstädtische Masse. Und abschließend geht es um die Volkssouveränität und ihre Beziehung zur Repräsentatiwerfassung.

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Roms Geschichte als Geschichte einer gescheiterten Nationenbildung war im Grunde im Jahre 82 v. Chr. mit Sullas Diktatur endgültig abgeschlossen. Es gab keine Alternative zur Monarchie mehr. Entweder eine Monarchie oder die Auflösung des römischen Staatsverbandes: „Die gesamte organische Gliederung des römischen Gemeinwesens war zugrunde gegangen [...]. Der Zustand drohte in volle Anarchie und in innere und äußere Auflösung des Staates überzugehen.."36

Für den Historiker gab es immer noch historische Möglichkeiten und damit die Freiheit der Akteure, der Geschichte eine andere Wendung zu geben. Aber diese Möglichkeiten waren auf zwei zusammengeschrumpft: Monarchie oder Untergang. Befragt man den Text, wo die letzte Ursache fur diese Entwicklung lag, dann gibt Mommsen eine zwiefache Antwort: Erstens griff Rom über Italien hinaus und verpaßte damit seine welthistorische Aufgabe, die italische Nation in einem Nationalstaat zusammenzufassen; zweitens integrierte Rom die italische Nation in die „Stadtgemeinde", anstatt einen gesamtitalischen Staat herauszubilden. Besehen wir zunächst den ersten Ursachenstrang. Mommsen formuliert eine sozialgeschichtliche Bedingungskette. Sie lautet folgendermaßen: „Es war keine zufallige Katastrophe, der Vaterlandsliebe und Genie hätten wehren können; es waren uralte sociale Schäden, im letzten Kern der Ruin des Mittelstandes durch das Sklavenproletariat, an denen das römische Gemeinwesen zu Grunde ging" 37

Er argumentiert hier mit einer sozio-ökonomischen Beseitigung einer politischen Bedingung: Für Mommsen verdrängte eine sklavistische Produktionsweise das italische Bauerntum - als den „gesunden" Träger der Wehrkraft und des freien Gemeinwesens - und vernichtete dadurch sowohl die nationale Substanz als auch die soziale Basis für ein freies Gemeinwesen. Mommsen nimmt damit dezidiert für die Abschaffung der Sklaverei Stellung; er folgt ziemlich genau den Thesen, die Henri Wallon in seiner Untersuchung der antiken Sklaverei von 1847 vorgebracht hatte. Hinter dieser bedingenden Ursache - der Sklavenwirtschaft - liegt eine Fehlentwicklung. Denn es hätte ja gar nicht zum Ruin der italischen Bauernschaft kommen müssen. Die Voraussetzung dafür, daß die Sklaverei dermaßen überhand nahm, war eben die permanente Ausdehnung des Herrschaftsbereiches über Italien hinaus. Daß die römische Republik den Boden der „italischen Nation" verlassen und ein Weltreich geschaffen hatte, war das Grundübel. Später und andernorts wird Mommsen schreiben:

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„Es ist das Verhängnis solcher Staatenbildungen, die sich von der Nationalität loslösen, daß es für sie keine Schranken mehr gibt."38

Das Schema, an welchem Mommsen abmißt, ob ein historischer Prozeß gelingt oder nicht, ist damit an einem essentialistischen und substantialistischen Begriff der Nation ausgerichtet: die politische Organisation wird eine weltgeschichtliche Mißbildung, sobald sie nicht mehr quasi-organisch an eine nationale Essenz gebunden bleibt. Der massenhafte Import von Sklaven zerstörte nicht allein die soziale Basis der Republik, nämlich den sogenannten „Mittelstand" als den Hauptträger der „italischen Nationalität", sondern griff auch die nationale Substanz an; denn die Sklaven ersetzten als Scharen von Freigelassenen mit Bürgerrecht das ehemalige römische und italische Volk. Sie , entnationalisierten' Italien.39 Mommsen suggeriert in seiner Darstellung, daß dies nicht notwendig so kommen mußte; er betont, die Notwendigkeit sei selber immer zwangsläufiger geworden, je länger die Adelsrepublik bestand. Eine Monarchie hätte die römische Geschichte wohl noch in die richtige Richtung lenken und einen italischen Nationalstaat herausbilden können, wenn ein großer Revolutionär dem Adelsregime rechtzeitig den Garaus gemacht hätte. Die Chance dafür hatte bestanden, als Tiberius Gracchus 133 v. Chr. seine Agrarreform konzipierte; sie fing an zu schwinden, als Gaius Gracchus die hauptstädtische Masse zum politischen Faktor erhob, wie wir noch sehen werden. Im zweiten und dritten Band des Werkes bringt Mommsen den Leser in stilistisch choreographierte Atemnot: Es kann ihm gar nicht schnell genug gehen, bis endlich ein Monarch die Adelsherrschaft beseitigt.40 Wir sehen einem Wettlauf mit der Zeit zu: Ob die Monarchie das römische Reich wieder stärker auf den italischen Boden gründen kann oder nicht. Das Ergebnis ist bekannt: Die Monarchie Cäsars kam zu spät; das Weltreich war schon riesengroß, als endlich die Senatsherrschaft endete;41 und es war unverzichtbar geworden. Nun zum zweiten Ursachenstrang. Es hatte auch verfassungsrechtliche Gründe, daß die Bildung einer italischen Nation mißriet.42 Der Krieg gegen die italischen Bundesgenossen 90-87 hatte dazu geführt, daß diese Bundesgenossen Römer wurden. Nicht Rom wurde italisch, sondern die Italiker zu Bürgern der hegemonialen Stadt: „Die Stadtgemeinde Rom hatte durch ihre widernatürliche Erweiterung sich selber zersprengt. Die italische Eidgenossenschaft war aufgegangen in die Stadtgemeinde [...].- 4 3

Und diese hypertrophe „Stadtgemeinde" steuerte geradewegs in die Anarchie. Wie konnte es zu dieser Fehl-Integration kommen? Roms Geschichte ist nicht

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nur die Erzählung, wie die Akteure dabei versagten, die italische Nation zu bilden, sondern überdies die Erzählung einer mißlungenen Staatenbildung. Die römischen Politiker hätten nämlich die Eidgenossenschaft in ein Repräsentativsystem umwandeln müssen; dann hätte die italische Nation ihre politische Vergegenständlichung erhalten: „Es rächte sich hier der Grundfehler der Politie des Altertums, daß sie nie vollständig von der städtischen zur staatlichen Verfassung oder, was dasselbe ist, von dem System der Urversammlungen zum parlamentarischen fortgeschritten ist." 44

Mommsen unterscheidet also scharf zwischen stadtstaatlicher Verfassung und staatlicher. Falls Flächenstaaten freie Gemeinwesen bleiben wollen, dann brauchen sie ein parlamentarisches System; Mommsen bezeichnet damit das Repräsentationssystem überhaupt. Schon seit dem zweiten punischen Krieg hatten die allermeisten römischen Bürger keine Chance mehr, an den politischen Entscheidungen zu partizipieren; sie wohnten einfach zu weit entfernt von Rom; und diese Quote stieg ständig. Damit waren die meisten Bürger faktisch von der wichtigen Politik ausgeschlossen. Freilich, nicht bloß die Adelsherrschaft trägt Schuld an der Fehlsteuerung der römischen Geschichte. Sondern die Adelsrepublik hatte eine metropolitane Masse sozialökonomisch produziert,45 welche ab den 30er Jahren des 2. Jahrhunderts v. Chr. als zusätzlicher Faktor politisch ins Gewicht fiel. Die Volksversammlungen in Rom stellten nicht mehr das Volk dar, sondern nur noch einen beliebigen Bruchteil der Bürgerschaft. Und nach Mommsen beherrschte ein städtischer Pöbel die Versammlungen, welcher beliebig manipulierbar war.46 Hier berühren wir eine politische Obsession des Historikers. Zwar liest sich Mommsens «Römische Geschichte» auf weiten Strecken wie ein antiaristokratisches Pamphlet; aber sie liefert zugleich einen kohärenten Diskurs über die politische Gefährlichkeit der sogenannten „Massen". So urteilt er über die Volksversammlungen seit den Gracchen: „Die souveräne Versammlung Roms war, was die souveräne Versammlung in England sein würde, wenn statt der Abgeordneten die sämmtlichen Wähler Englands zum Parlament zusammentreten wollten: eine ungeschlachte, von allen Interessen und Leidenschaften wüst bewegte Masse, in der die Intelligenz spurlos verschwand; eine Masse, die weder die Verhältnisse zu übersehen noch auch nur einen eigenen Entschluß zu fassen vermochte; eine Masse vor allem, in welcher (von seltenen Ausnahmen abgesehen) unter dem Namen der Bürgerschaft ein paar hundert oder tausend von den Gassen der Hauptstadt zufällig aufgegriffene Individuen handelten und stimmten". 47

Verweilen wir einen Augenblick dabei, wie Mommsen die sogenannte Masse charakterisiert, gute 40 Jahre vor der „Psychologie der Massen" von LeBon; er

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rechnet ihr vier Merkmale zu: Erstens ist sie „von allen Interessen und Leidenschaften wüst bewegt"; zweitens verschwindet in ihr die Intelligenz spurlos; drittens ist sie unfähig zu klarer Übersicht; viertens ist sie außerstande, einen eigenen Entschluß zu fassen. Mommsen bezieht an dieser Stelle die Raster seiner Bildgestaltung aus den konterrevolutionären Diskursen des 19. Jahrhunderts. Der erste Punkt macht diese Menschen - insofern sie in ihrer sozialen Formation als Masse auftreten politikunfähig. Denn zur Politik ist nur fähig, wer sich nicht von Leidenschaften treiben läßt und vor allem und ganz besonders, wer nicht Interessen vertritt. Das Interesse ist selbstsüchtig und ist damit der schlimmste Feind des Allgemeinwohls. Nicht nur in der politischen Philosophie Rousseaus, sondern fast der gesamten politischen Philosophie der Neuzeit. Noch weitaus schlimmer sind die anderen Merkmale, Verlust der Intelligenz, Unfähigkeit zur Übersicht, Unfähigkeit zu eigenem Entschluß. Das sind die Charakteristika, mit der Aristoteles den Sklaven von Natur bezeichnet hatte, also den ,Untermenschen', den man als Sklaven halten durfte. Aristotelisch gelesen heißt diese Passage: die Masse ist,untermenschlich'. In der Diskussion um die schwarze Sklaverei in den USA waren just diese aristotelischen Argumente an der Tagesordnung. Es ist daher vielsagend, daß sogar ein glühender Abolitionist, wie Theodor Mommsen es aufrichtig war, dem Sog dieser ideologischen Formeln verfällt. Formeln, die sich wunderbar zu ordnungspolitischen Rezepten geeignet haben. Und sie hatten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Hochkonjunktur unter dem Stichwort,Massenpsychologie', weil man damit den Massen so gut anlasten konnte, was die Eliten im Dritten Reich verbrochen hatten.48 Zurück zum Text. Nur ein Repräsentativ-System hätte verhindern können, daß diese hauptstädtische ,Masse' direkt in die Politik eingriff.49 Doch die Antike bildete eben kein System politischer Repräsentation aus. Mommsen bereichert seine Imago von der Masse mit heftigen Pinselstrichen. Die Masse brachte eine ungewohnte Beschleunigung in die Politik; ihr Ort schlechthin war die Straße; seit Gaius Gracchus zeigte sich, daß sie nur ihre eigenen Interessen verfolgte;50 sie beförderte die politische Entropie der Republik.51 In zwei Gestalten läßt der Historiker die Masse auf den geschichtlichen Plan treten: einerseits als „souveräner Pöbel der Hauptstadt", der zu seiner Versorgung die Ausbeutung der Provinzen benötigte,52 also das Weltreich wollte; und andererseits als „militärische Masse"53, die auf Siege und Eroberung aus war und daher das Weltreich schuf. Diese Massen hatten den römischen Staat schon längst ins Weltreich hineingetrieben, als endlich Cäsar auftrat. Die Monarchie verspätete sich und erreichte nicht mehr das historisch Wünschenswerte.

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„Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und einer einheitlichen Nationalität [...]", so schreibt Mommsen, sei durch Cäsar zu einer sicheren Grundlegung fortgeschritten.54 Freilich konnte er sich nicht realisieren, denn so fügt der allwissende Historiker hinzu: dieser Gedanke „wäre auch sonst nichts gewesen als ein Fehler".55 Aus zwei Gründen: Erstens konnte jenes Ideal, das Cäsar (nach Mommsen) vorschwebte - Wiederherstellung der altrömischen Monarchie mit voller Bürgerfreiheit in einem freien Gemeinwesen56 - nicht mehr gelingen; auch konnte die Militärdespotie nicht verhindert, sondern bloß um etwa 200 Jahre hinausgeschoben werden. Zweitens hatten die beiden Nationen vor ihrer Scheidung eine gemeinsame ,Nation' gebildet; nachdem sie sich aber geschieden hatten, um je eine unterschiedliche Entwicklung durchzumachen, waren sie zu einer gemeinsamen Nation - „einheitlichen Nationalität" - gar nicht mehr zu vereinigen. Mommsen ist kein Freund organologischen Denkens. Doch an dieser Stelle könnten ihm organologische Muster das Denken eingegrenzt haben: wenn sich die Zweige erst einmal voneinander geschieden haben, wachsen sie nicht mehr zusammen. *

Rom verfehlte den Zweck seiner Geschichte; denn es versäumte die Herausbildung eines freiheitlich organisierten italischen Nationalstaates. Ironischerweise endet Mommsen das 2. Kapitel seines riesigen Werkes mit dem Satz: Zwar konnte sich der einzelne Italiker nie so schön entfalten wie ein Hellene, doch „er gewann dafür ein Vaterland und ein Vaterlandsgefühl wie der Grieche es nie gekannt hat und errang allein unter allen Kulturvölkern des Altertums bei einer auf Selbstregiment beruhenden Verfassung die nationale Einheit" (RGI, 29). Indes, was der Indikativ behauptet, das dementiert der Autor heftig im zweiten und dritten Band. Hätte Rom ein Repräsentativsystem entwickelt, wäre die Geschichte 2.000 Jahre früher zu diesem Telos der Geschichte gelangt, - d h zur nationalen Einheit bei politischer Freiheit. Aber das geschah nicht. Mommsen behält zwar die Kategorie der historischen Notwendigkeit bei, er verzichtet also nicht auf den hegelschen Standpunkt der Einsicht in den Zweck der historischen Prozesse. Doch er entkleidet die Notwendigkeit ihres zwingenden Charakters: eine übergeschichtliche Notwendigkeit treibt auf die Bildung von Nationalstaaten hin; aber die konkrete Verwirklichung des Notwendigen kann scheitern; das von ihr angegebene Ziel kann verfehlt werden,

Die verfehlte Nation

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nämlich dann, wenn die Akteure an bestimmten Knotenpunkten nicht den Weg einschlagen, den sie eigentlich gehen sollten, falls sie ihre geschichtliche Aufgabe erkennten. Mommsens Reflexion ist dem Fortschritt verpflichtet, aber sie denkt den Fortschritt nicht gänzlich in seiner Hegeischen Form.57 Die Geschichte kann sich stets um ihr Ziel bringen; diese Gefahr nimmt Mommsen in doppelter Weise ernst, systematisch in seiner Historiographie, praktisch in seinem politischem Verhalten. Die Errungenschaften der Moderne sind bei Mommsen nicht auf hegelsche Weise ein für allemal gesichert. Sie sind verlierbar. Für Mommsen ist die Verlierbarkeit von Errungenem eine maßgebliche geschichtsphilosophische Kategorie, und auch eine politische Befürchtung, eine Obsession. Später kalkuliert Mommsen die Möglichkeit ein, daß auch die moderne Welt ihre weltgeschichtliche Bestimmung verfehlen kann. Auf welche Weise? Indem die europäischen Kriege und der Militarismus eine Konstellation entstehen lassen, in der eine der „bewaffneten Massen" alle anderen überwältigt und ein Großreich schafft, in welchem die Nationalität als kulturelles und politisches Prinzip abermals abdanken muß. Mommsen gebrauchte die Vergangenheit nicht oft als Warnschild; aber an diesem Punkt riskierte er später eine Warnung abzugeben. Um die Gefahr sichtbar zu machen, daß gewaltsam ein europäisches Großreich geschaffen werde, kann - so sagt er wörtlich - das römische Kaiserreich „der Gegenwart einigermaßen zum Spiegel dienen". 58 Was sagt uns jener Spiegel heute? Der Winkel, in dem wir zu ihm stehen, ist kein rechter. Was wir in ihm sehen geht uns folglich nichts mehr an. Denn uns bedrängt eine historische Aufgabe, die sich Mommsen nicht hatte vorstellen können. Nämlich riesige Flächenstaaten, die mehrere Nationen zusammenfassen, auf freiheitliche Weise zu organisieren. Politische Freiheit ist aber an die Souveränität des Volkes gebunden. Das hämmert uns Mommsens «Römische Geschichte» Kapitel für Kapitel ein. Eben darum ist sie aktuell. Und wenn wir diese Lektion beherzigen, dann mag zwar das Alte Rom sein geschichtliches Ziel verfehlt haben, aber die Erzählung von dieser Zielverfehlung erfüllt dann ihren politischen Zweck.

Anmerkungen 1 2 3

THEODOR MOMMSEN,

Ibid. Ibid.

Römische Geschichte, Bd. 1, 6 Berlin 1874 (zit. als RGI), 6.

198 4

Egon Flaig

RGI, 6f.

Theodor Mommsen und die Römische Geschichte, in: Ders., Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Bd. ΠΙ (Wissenschaftsgeschichte), Darmstadt 1983, 26-73 (erstes Erscheinen 1976), hier 44, ähnlich 64. 6 STEFAN REBENICH, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2 0 0 2 , 8 6 (Mommsen blende weite Teile der Frühzeit aus). 7 Dazu: RÜDIGER VOM BRUCH, Historiographiegeschichte als Sozialgeschichte. Geschichtswissenschaft und Gesellschaftswissenschaft, in: WOLFGANG KÜTTLER/JÖRN RÜSEN/ERNST SCHULIN (Hgg.), Geschichtsdiskurs. Bd. 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt a.M. 1993, 257-270; JÖRN RÜSEN, Konfigurationen des Historismus. Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Frankfurt a. M. 1993, 34-69. 8 Dazu: A. GOLDBERG, Die Zerstörung von Kontext als Voraussetzung für die Kanonisierung religiöser Texte im rabbinischen Judentum, in: ALEIDA u. JAN ASSMANN (Hgg.), Kanon und Zensur. Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation Π, München 1987, 201 -211. 9 RG I, 428. 10 RG 1,427. 11 RG 1,427 12 RG 1,478. 13 Preußische Jahrbücher 1 ( 1 8 5 8 ) , 2 2 5 . Zitiert bei CHRISTIAN MEIER, Das Begreifen des Notwendigen. Zu Theodor Mommsens Römischer Geschichte, in: Reinhart Koselleck/Heinrich Lutz/Jörn Rüsen (Hgg.), Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik Bd. 4: Formen der Geschichtsschreibung, München 1 9 8 2 , 2 0 1 - 2 4 4 , hier 5

KARL CHRIST,

211.

14

15 16 17 18 19 20 21 22 23 24

THEODOR MOMMSEN, Römische Geschichte, Bd. 3, 'Berlin 1904 (zit. als RG ΙΠ), 222. Zwar vollzieht sich auch bei Hegel die geschichtliche Notwendigkeit vermittels der , Volksgeister'; doch diese sind überhaupt nicht an Nationen gebunden, geschweige denn an Nationalstaaten. Mommsen hingegen ist Nationalist in dem Sinne, daß er dem Nationalstaat einen soteriologischen Status zuspricht: dieser darf jede Wunde schlagen, da er jede heilen kann. RGI, 13. RGI, 18. RGI, 29. RGI, 29. RGI, 176. RGI, 318. RGI, 43. RGI, 117. RGI, 218. Darauf weist CHRIST, Mommsen (wie Anm. 5), 54 hin: „Es dürfte augenfällig sein, daß hier bereits die Basis des >Römischen Staatsrechts< gelegt ist". Freilich meint Christ, Mommsen habe die staatliche Organisation des frühen Rom nicht theoretisch konstruiert: „[...] Selten ist eine Verfassungsentwicklung frei von schematischen Schablonen und Abstraktionen so anschaulich und plastisch beschrieben worden wie in der >Römischen Geschichte