Prinzipien der Irregularisierung [1 ed.] 3484304154

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Prinzipien der Irregularisierung [1 ed.]
 3484304154

Table of contents :
Vorwort
Abkürzungen
1. Einleitung
1.1. Zielsetzung
1.2. Zur Auswahl der Sprachen und Verben
1.3. Zum Aufbau der Arbeit
1.4. Auf der Suche nach Irregularisierungen
2. Entstehung von Irregularität und Kürze
2.0. Präliminarien und terminologische Klärungen
2.1. HABEN in den germanischen Sprachen
2.2. WERDEN in den germanischen Sprachen
2.3. GEBEN in den germanischen Sprachen
2.4. NEHMEN in den germanischen Sprachen
2.5. KOMMEN in den germanischen Sprachen
2.6. SAGEN in den germanischen Sprachen
3. Prinzipien von Irregularisierung und Reduktion
3.0. Vorbemerkung
3.1. Reduktionen ohne Irregularisierung
3.2. Irregularisierung bewirkende Reduktionen
3.3. Irregularisierungen nichtreduktiven Ursprungs
3.4. Zur Position von Irregularität und Kürze im Wort und im Paradigma
3.5. “Grenzüberschreitungen” syntagmatischer und paradigmatischer Art
3.6. Zur interlingualen Relativität von Kürze und Irregularität
4. Funktionen von Irregularität und Kürze
4.0 Vorbemerkung
4.1. Die Kontroverse Natürlichkeitstheorie vs. Ökonomietheorie
4.2. Überprüfung und Bewertung anhand des Korpusbefundes
5. Zusammenfassung
5.1. Entstehung
5.2. Prinzipien
5.3. Funktionen
6. Anhang: SEIN, TUN, GEHEN, STEHEN in den germanischen Sprachen
6.1. Alemannisch/Neuhochdeutsch sy̅/sein, due/tun, gō/gehen, stō/stehen
6.2. Luxemburgisch sin, doën/dun/din, goën, stoën
6.3. Niederländisch zijn/wezen, doen, gaan, staan
6.4. Friesisch wêze, dwaan, gean, stean
6.5. Englisch be, do, go, stand
6.6. Dänisch vœre, gøre, gå, stå
6.7. Schwedisch vara, göra, gå, stå
6.8. Norwegisch vœre/vere, gjøre/gjere, gå/gange, stå/stande
6.9. Färöisch vera, gera, ganga, standa
6.10. Isländisch vera, gera, ganga, standa
Literatur

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Linguistische Arbeiten

415

Herausgegeben von Hans Altmann, Peter Blumenthal, Herbert E. Brekle, Gerhard Heibig, Hans Jürgen Heringer, Heinz Vater und Richard Wiese

Damaris

Nübling

Prinzipien der Irreguiarisierung Eine kontrastive Analyse von zehn Verben in zehn germanischen Sprachen

Max Niemeyer Verlag Tübingen 2000

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Nttbling, Damaris: Prinzipien der Irregularisierung : eine kontrastive Analyse von zehn Verben in zehn germanischen Sprachen / Damaris Nübling. - Tübingen : Niemeyer, 2000 (Linguistische A r b e i t e n ; 415) Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Habil.-Schr., 1998 ISBN 3-484-30415-4

ISSN 0344-6727

© M a x Niemeyer Verlag G m b H , Tübingen 2000 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Druck: Weihert-Druck G m b H , D a r m s t a d t Einband: Industriebuchbinderei Nädele, Nehren

Inhalt

Vorwort Abkürzungen

IX XI

1. Einleitung 1.1. Zielsetzung 1.2. Zur Auswahl der Sprachen und Verben 1.3. Zum Aufbau der Arbeit 1.4. Auf der Suche nach Irreguiarisierungen 2. Entstehung von Irregularität und Kürze 2.0. Präliminarien und terminologische Klärungen 2.1. HABEN in den germanischen Sprachen 2.1.1. Alemannisch hä und neuhochdeutsch haben 2.1.2. Luxemburgisch hun 2.1.3. Niederländisch hebben 2.1.4. Friesisch ha(wwe) 2.1.5. Englisch have und die Enklitika 've, 's, 'd 2.1.6. Dänisch have [hs*''] 2.1.7. Schwedisch ha 2.1.8. Norwegisch ha 2.1.9. Färöisch hava 2.1.10. Isländisch hafa 2.1.11. Resümee 2.2. WERDEN in den germanischen Sprachen 2.2.1. Alemannisch würde und neuhochdeutsch werden 2.2.2. Luxemburgisch gin, goen (und Sailen, wäerden) 2.2.3. Niederländisch worden, gaan und zullen 2.2.4. Friesisch wurde und sille 2.2.5. Englisch be, get, become, will, shall, ΊΙ und be going to 2.2.6. Dänisch blive [blia], ville und skulle 2.2.7. Schwedisch bli, komma (att) und skola 2.2.8. Norwegisch bli, verte, skulle, ville/vilje und kom(m)e 2.2.9. Färöisch verda, bliva und skula 2.2.10. Isländisch vera, verda, munu (und skulu) 2.2.11. Resümee 2.3. GEBEN in den germanischen Sprachen 2.3.1. Alemannisch gä und neuhochdeutsch geben 2.3.2. Luxemburgisch gin 2.3.3. Niederländisch geven 2.3.4. Friesisch jaan

1 1 3 6 .7

tiltί

9 9 13 15 26 29 32 36 39 41 45 47 49 52 55 56 65 .73 .76 81 88 91 95 100 102 104 108 109 112 112 112

VI 2.3.5. 2.3.6. 2.3.7. 2.3.8. 2.3.9. 2.3.10. 2.3.11.

Englisch give Dänisch give ['gi(,)] Schwedisch ge Norwegisch gi bzw. gje(ve) Färöisch geva Isländisch gefa Resümee 2.4. NEHMEN in den germanischen Sprachen 2.4.1. Alemannisch nä und neuhochdeutsch nehmen 2.4.2. Luxemburgisch huelen 2.4.3. Niederländisch nemen 2.4.4. Friesisch nimme 2.4.5. Englisch take 2.4.6. Dänisch tage [tae·'»] 2.4.7. Schwedisch ta 2.4.8. Norwegisch ta bzw. ta(ke) 2.4.9. Färöisch taka 2.4.10. Isländisch taka 2.4.11. Resümee 2.5. KOMMEN in den germanischen Sprachen 2.5.1. Alemannisch chö und neuhochdeutsch kommen 2.5.2. Luxemburgisch kommen 2.5.3. Niederländisch komen 2.5.4. Friesisch komme 2.5.5. Englisch come 2.5.6. Dänisch komme 2.5.7. Schwedisch komma 2.5.8. Norwegisch komme bzw. kome 2.5.9. Färöisch koma 2.5.10. Isländisch koma 2.5.11. Resümee 2.6. SAGEN in den germanischen Sprachen 2.6.1. Alemannisch säge/sä(ä)ge und neuhochdeutsch sagen 2.6.2. Luxemburgisch soen 2.6.3. Niederländisch zeggen 2.6.4. Friesisch sizze 2.6.5. Englisch say 2.6.6. Dänisch sige [si:] 2.6.7. Schwedisch säga 2.6.8. Norwegisch si bzw. seie 2.6.9. Färöisch siga 2.6.10. Isländisch segja 2.6.11. Resümee

115 116 117 119 121 122 122 125 126 129 130 130 131 131 132 134 136 137 137 139 140 148 149 150 152 152 152 153 154 154 155 157 158 160 161 163 165 166 168 169 171 172 173

VII 3. Prinzipien von Irreguiarisierung und Reduktion 3.0. Vorbemerkung 3.1. Reduktionen ohne Irreguiarisierung 3.1.1. Phonologische Reduktionen 3.1.2. Syllabische und phonotaktische Reduktionen 3.1.3. Morphologische Reduktionen 3.1.4. Morphosyntaktische Reduktionen 3.1.5. Syntaktische Reduktionen 3.1.6. Semantische Reduktionen 3.2. Irreguiarisierung bewirkende Reduktionen 3.2.1. Prosodische Reduktionen 3.2.2. Phonologische Reduktionen 3.2.3. Orthographische Reduktionen 3.2.4. Morphologische Reduktionen 3.2.5. Intraparadigmatische Reduktionen (Defektivität) 3.3. Irreguiarisierungen nichtreduktiven Ursprungs 3.3.1. Phonologische Irregularitäten (irregulärer Lautwandel) 3.3.2. Orthographische Irregularitäten 3.3.3. Entstehung/Konservierung von Klasseninstabilität 3.3.4. Konservierung von Relikten (Analogieresistenz): Irregularität/Suppletion durch regulären Lautwandel 3.3.5. Mischung von Varianten 3.3.6. Analogische Übernahme von Umlauten 3.3.7. Analogische Übernahme von Wechselflexionsvokalen 3.3.8. Analogische Übernahme von Ablauten und/oder starken Flexiven.... 3.3.9. Suppletion durch Analogie zu einem anderen (Suppletiv-)Verb 3.3.10. Suppletion durch Mischung von Lang- und Kurzformen 3.3.11. Suppletion durch lexikalische Mischung 3.3.12. Suppletion durch Entlehnung 3.3.13. Überdifferenzierungen 3.3.14. Variantenreichtum 3.3.15. Interparadigmatische Irreguiarisierung (Isolierung) 3.4. Zur Position von Irregularität und Kürze im Wort und im Paradigma 3.4.1. Zur Position im Wort 3.4.2. Zur Position im Paradigma 3.4.3. Innovatismus und Konservatismus 3.4.4. Kategorielle Zäsuren und Ausdrucksverfahren 3.4.5. Suppletion und Suppletivität 3.4.6. Kategorielle Ausdrucksformen im Hochfrequenzbereich 3.5. "Grenzüberschreitungen" syntagmatischer und paradigmatischer Art 3.5.1. Prosodische Binnenverdichtung: Enttonung 3.5.2. Phonologische Binnenverdichtung: Verstärkte Assimilationsbereitschaft und akzelerierter Lautwandel 3.5.3. Morphologische Binnenverdichtung: Interner Sandhi, Komprimierung, Amorphismus

177 177 179 179 181 182 183 183 183 184 185 187 195 196 197 197 198 198 200 201 203 203 204 204 205 206 206 207 208 209 210 210 211 215 220 221 228 230 234 235 235 237

VIII 3.5.4.

Intraparadigmatische Grenzüberschreitung: Auflösung von Paradigmenstrukturen und Synkretismen 3.5.5. Semantische Verdichtung: Lexikalisierung, Synsemantisierung 3.5.6. Syntaktische Verdichtung: Externer Sandhi 3.5.7. Interparadigmatische Grenzüberschreitung: Klasseninstabilität, Synkretismen, Suppletion durch Paradigmenmischung 3.5.8. Interlinguale Grenzüberschreitung: Entlehnung 3.6. Zur interlingualen Relativität von Kürze und Irregularität 3.6.1. Zur Relativität von Kürze 3.6.2. Zur Relativität von Irregularität

237 238 238 239 240 240 240 243

4. Funktionen von Irregularität und Kürze 4.0 Vorbemerkung 4.1. Die Kontroverse Natürlichkeitstheorie vs. Ökonomietheorie 4.1.1. Zur Natürlichkeitstheorie 4.1.2. Zur Ökonomietheorie und deren Kritik an der Natürlichkeitstheorie: Prüfstein Suppletion, Faktor Tokenfrequenz 4.1.3. Reaktion der Natürlichkeitstheorie: Suppletionsdomäne 4.2. Überprüfung und Bewertung anhand des Korpusbefundes 4.2.1. Frequenzwandel bewirkt Symbolisierungswandel 4.2.2. Frequenzabnahme bewirkt Regularisierung 4.2.3. Frequenzzunahme bewirkt Irregularisierung/Differenzierung 4.2.4. Differenzierungsanalogie 4.2.5. Kategorielle Frequenz 4.2.6. Personenkodierung (nebst natürlichkeitstheoretischem Exkurs) 4.2.7. Kürze vor intra- vor interparadigmatischer Differenzierung

247 247 249 249 252 257 260 261 262 264 265 271 273 277

5. Zusammenfassung 5.1. Entstehung 5.2. Prinzipien 5.3. Funktionen

283 283 287 290

6. Anhang: SEIN, TUN, GEHEN, STEHEN in den germanischen Sprachen 6.1. Alemannisch/Neuhochdeutsch sy/sein, due/tun, gö/gehen, stö/stehen 6.2. Luxemburgisch sin, doen/dun/din, goen, stoen 6.3. Niederländisch zijn/wezen, doen, gaan, staan 6.4. Friesisch weze, dwaan, gern, stean 6.5. Englisch be, do, go, stand 6.6. Dänisch vcere, gere, gä, stä 6.7. Schwedisch vara, göra, gä, stä 6.8. Norwegisch vcere/vere, gjere/gjere, gä/gange, stä/stande 6.9. Färöisch vera, gera, ganga, standa 6.10. Isländisch vera, gera, ganga, standa

295 296 302 304 306 309 311 314 316 318 319

Literatur

323

Vorwort

Die Idee zu diesem Thema entstand nicht am Schreibtisch, sondern in einer etwas ungewöhnlichen Situation des "Sprachkontakts": Während der beiden ersten Jahre meiner Assistenzzeit am Institut für Vergleichende Germanische Philologie und Skandinavistik an der Universität Freiburg i.Br. wohnte ich in der Schweiz (Basel) und frischte gleichzeitig meine Schwedischkenntnisse auf. Zu meiner Überraschung stieß ich dabei auf einige eigentümliche Parallelen zwischen den Schweizer Dialekten und dem Schwedischen, von denen die neuhochdeutsche Standardsprache ausgenommen ist. Eine solche Gemeinsamkeit besteht in besonders kurzen Verben (die zum Teil auch ganz ähnlich lauten, u.a. wegen der in beiden Fällen eingetretenen ü>ö-Verdampfung), so z.B. alem. gö — schwed. gä 'gehen', alem. stö — schwed. stä 'stehen', alem. (ä)fö 'anfangen' — schwed. fä 'bekommen, dürfen', alem. hä — schwed. ha 'haben', alem. gä 'geben' — schwed. ge usw. Diese Übereinstimmung erstreckt sich sogar auf Verbpaare, die etymologisch nicht miteinander verwandt sind, z.B. alem. nä ( < mhd. nemen) — schwed. ta ( < taga) 'nehmen', alem. zie (< ziehen) - schwed. dra ( < draga) 'ziehen'. Diese sog. Kurzverben basieren zumeist auf nichtlautgesetzlichen Reduktionen, und auffälligerweise enthalten sie fast immer mehr oder weniger starke Irregularitäten unterschiedlichster Art. Ein Blick auf andere germanische Sprachen — besonders das Luxemburgische, das Friesische und die festlandskandinavischen Sprachen - offenbart ganz ähnliche Verhältnisse; dagegen sind das Neuhochdeutsche (nicht jedoch seine Vorstufen und Dialekte) und die beiden inselskandinavischen Sprachen Isländisch und insbesondere Färöisch an Kurzverben arm; doch immerhin enthalten die dortigen entsprechenden Verben auffallend viele Irregularitäten. So entstand der Entschluß, diese germanischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb eines umfassenden Sprachenvergleichs — wie er in anderen Disziplinen wie z.B. der Romanistik viel üblicher ist als in der Germanistik — systematisch zusammenzustellen und zu analysieren. Der Vorschlag, Prinzipien und Funktionen von Irreguiarisierung und Reduktion in einer kontrastiv angelegten Studie nachzugehen, stieß bei meinem Lehrer und dem Leiter des obengenannten Instituts, Prof. Dr. Otmar Werner, auf großes Interesse und volle Unterstützung. Ohne seine vielen Ermunterungen zu diesem Projekt wäre es in dieser Form und Breite nicht entstanden. Ihm gilt mein größter Dank. Leider verunglückte er tödlich wenige Monate vor der Fertigstellung dieser Arbeit. Für die engagierte Hilfe und Unterstützung, ohne die ich diese Arbeit nicht in diesem Zeitrahmen hätte zuende führen können, möchte ich mich besonders herzlich bei Prof. Dr. Heinrich Anz bedanken, ebenso bei den Professoren Wolfgang Raible, John Ole Askedal und Ulrich Knoop, die Ergänzungs- und Verbesserungsvorschläge geliefert haben. Mein Dank geht auch an die Informantinnen und Informanten zu den jeweiligen Sprachen, ohne deren Hilfe ich das Korpus nicht bewältigt hätte (im folgenden seien sie ohne Titel genannt): Muriel Meyers, Alexandra Reckel und insbesondere Pascal Didling zum Luxemburgischen, Marianne Vogel zum Niederländischen, Ype van der Werf zum Friesi-

χ sehen, Helle Egendal zum Dänischen, Eleonor Engbrant-Heider und Christer Lindqvist zum Schwedischen, Berit Hidle Franz zum Norwegischen und Kolbrün Siguröardöttir und Öskar Bjarnason zum Isländischen. Beim Färöischen war mir Otmar Werner behilflich. Alle Fehler und Unzulänglichkeiten fallen selbstverständlich in meine Verantwortung. Trudel Meisenburg, Renate Schrambke und Christer Lindqvist danke ich für die kritische Lektüre der wichtigsten Textpassagen und manche Diskussion, Christer Lindqvist auch besonders für die Erstellung einiger Abbildungen auf dem Computer und für das geduldige Nachdenken über Fragen vom Typ "Wie kommt das j in schwedisch gjorde und was hat es dort zu suchen?". Dank für Korrekturlektüre gebührt Liisa Goldbeck, Vera Gottschall, Heike Kettner, Sebastian Kürschner, Judith Sandhaas und Nadine Waldenberger, schließlich auch Jochen Biedermann für die Erste Hilfe beim obligatorischen Programmabsturz während des Endausdrucks. Auch die hier nicht namentlich genannten Mitglieder unseres Instituts haben durch die immer sehr freundschaftliche und humorvolle Atmosphäre zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen. Schließlich danke ich Hans-Joachim Klöckers: Ohne ihn wäre ich nicht zu meinem Schweizer Aufenthalt und womöglich auch nicht zu diesem Thema gekommen.

Freiburg, September 1999

Damaris Nübling

Abkürzungen

aae. alem. an. dän. dial. engl. fär. fläm. fries. frk. GPK Ind. isl. Konj. lux. mmd. nnd. ndl. nhd. norw. Part.Perf. Pers.Pron. PI. PP Präp. Präs. Prät. schwed. SDS Sg. Sup. Ugs. urn.

altaltenglisch alemannisch altnordisch dänisch dialektal englisch färöisch flämisch friesisch fränkisch Graphem-Phonem-Korrespondenz Indikativ isländisch Konjunktiv luxemburgisch ( = letzebuergesch) mittelmitteldeutsch neuniederdeutsch niederländisch neuhochdeutsch norwegisch Partizip Perfekt Personalpronomen Plural Partizip Perfekt Präposition Präsens Präteritum schwedisch Sprachatlas der Deutschen Schweiz Singular Supinum Umgangssprache urnordisch

1.

Einleitung

Daraus ergibt sich, daß "Einfachheit der linguistischen Beschreibung", was Gleichmäßigkeit/Parallelität des Systems voraussetzt, und "Einfachheit/Ökonomie einer natürlichen Sprache" keineswegs parallel laufen, oder daß der Sprachwandel darin bestünde, die Regeln zu vereinfachen. Im Gegenteil, um eine Sprache möglichst einfach für den Gebrauch zu machen, müssen immer wieder Ungleichmäßigkeiten im System hergestellt [...] werden. Werner (1987b: 296)

1.1. Zielsetzung

Diese Untersuchung handelt von morphologischem und phonologischem Wandel besonderer Art, nämlich von der Irregularisierung und Kürzung bestimmter Verben. Im Unterschied zu den meisten Arbeiten zum Sprachwandel wird hier gerade nicht nach der Regularität, nach der vermehrten Ordnung gefragt, die diachron angeblich — und sehr oft auch tatsächlich — entsteht, sondern der Fokus wird genau in die entgegengesetzte, bisher viel zu stark vernachlässigte Richtung gelenkt: Es wird der Versuch unternommen, Sprachwandel einmal "gegen den Strich zu bürsten", indem systematisch zusammengestellt wird, über welche Wege morphologische "Unordnung", morphologisches "Chaos" entstehen kann, wie es zu Irregularitäten jedweder Art, zur Heterogenisierung und Aufsplitterung von Paradigmen bis hin zu suppletiven Verhältnissen kommt, zu "unerklärlichem" Klassenwechsel und außergewöhnlichen Analogien von Verben stabiler, produktiver Großklassen zu idiosynkratischen Klein(st)klassen oder gar zu irregulären Einzelparadigmen.1 Die Betonung liegt auf kommt: Das Interesse dieser Arbeit liegt nicht (nur) in der Bestandsaufnahme bereits vorhandener Irregularität, sondern vielmehr im Irregularisierungsproze/S. Irregularisierungen kommen weitaus häufiger vor, als dies die sprachgeschichtlichen Darstellungen vermuten lassen. Auch Sprachwandeltheorien, allen voran die Morphologische Natürlichkeitstheorie, ebenso andere Analogietheorien bis hin zur derzeit aktuellen sog. optimality

1

Die gesamte Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die Flexionsmorphologie, die Wurzel (1984) zutreffend als "Morphologie par excellence" (49) bezeichnet. Der Derivation kommen andere Funktionen und Strukturprinzipien zu, weshalb sie hier ausgeschlossen wird (s. Plank 1981).

2 theory, postulieren wohlgeordnete, transparente, möglichst nach dem Baukastenprinzip strukturierte und damit vorhersagbare, komplette Paradigmen und Wortformen als Ziel morphologischen Wandels. Als wichtigster Störfaktor bei der Errichtung bzw. der Erhaltung morphologischer Ideale wie konstruktioneller Ikonismus, Uniformität oder Transparenz wird der phonologische Wandel betrachtet; die durch sein blindes Wirken entstehenden morphologischen "Schäden" werden über analogischen Ausgleich über kurz oder lang wieder "repariert".2 Die Gültigkeit solcher Ordnungsprinzipien soll hier nicht in Frage gestellt werden - sie treffen für die meisten Verben (und auch für andere Wortarten) zu - , doch reichen sie nicht aus. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit besteht darin, aufzuzeigen, daß darüber hinausgehend andere diachrone Prinzipien gelten, die von den eben genannten nicht nur abweichen, sondern diesen diametral entgegenstehen, d.h. genau solche Verhältnisse schaffen, die es — gemäß den Mainstream-Postulaten — eigentlich nicht geben dürfte, die oft als Irrwege oder Unfälle der Sprachgeschichte marginalisiert werden und deren (analogische) Beseitigung nur als eine Frage der Zeit betrachtet wird. Doch wird bei bestimmten Verben durch sukzessiven Lautwandel "von selbst" entstehende Irregularität nicht nur über Jahrhunderte hinweg konserviert und akkumuliert, sondern sie kann auch über irregulären phonologischen, oft sogar morphologischen Wandel geradezu herbeigeführt werden. So können reguläre Paradigmen ohne erkennbaren äußeren Anlaß Varianten integrieren, die ebendieses Paradigma heterogener werden lassen. Ein besonders spektakulärer Weg besteht in der Entstehung von Suppletion durch die lexikalische Mischung zweier verschiedener Paradigmen, ohne daß das ursprüngliche Paradigma, wie allzu oft angenommen, besondere Defizite aufgewiesen haben müßte. Bei den Irregularität anstrebenden Verben handelt es sich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, um eine marginale Gruppe, sondern um das Zentrum, den frequentesten Kernbereich der Verben: Auxiliare einschließlich Modalverben, Kopulaverben und elementare Verben der Bewegung, des Zustande, der Fortbewegung, des Sagens, der Wahrnehmung etc. Um ein paar solcher Verben im Deutschen zu nennen: sein, haben, tun, werden, gehen, stehen, kommen. Wirft man einen Blick auf andere (germanische oder auch nichtgermanische) Sprachen, so stößt man mit frappierender Regelmäßigkeit auf diesen mehr oder weniger stark irregulären verbalen Kernbereich.3 Eine weitere Eigenschaft (die jedoch nur für einen Teil dieser deutschen Verben zutrifft) ist ein besonders kurzer, meist monosyllabischer Ausdruck, d.h. Irregularität und Kürze korrelieren in auffällig hohem Maße. Dabei gilt es, verschiedene Arten, Grade und Orte der Kürze zu differenzieren. Unterschiedliche Kürzungsarten können in folgender Hinsicht bestehen: phonologisch (es fehlen Segmente oder Chroneme), orthographisch (es werden weniger Grapheme als üblich verwendet), auch prosodisch (Schwächung, Klitisierung), morphologisch (Entlehnung

2

Immerhin wird hie und da anerkannt, daß von der Analogie "übersehene" Reliktformen von durchaus längerem Bestand sein können, doch ist man weit davon entfernt, solche Verhältnisse als - ein — Ziel sprachlichen Wandels anzuerkennen.

3

Zu nichtgermanischen und nichtindogermanischen Sprachen s. Mel'cuk (1976), Rüdes (1980) und Dressier (1986).

3 kürzerer Flexive aus anderen Paradigmen), (morpho-)syntaktisch (Elision des Verbs oder eines Teils der Periphrase, in der es auftritt) und schließlich auch semantisch (Grammatisierung, Desemantisierung). Auch bezüglich des Kürzungsgratfey ist zu differenzieren: von partiellen Assimilationen über den Schwund eines bzw. mehrerer Segmente bis hin zur totalen Ellipse. Entscheidend ist auch der Ort, d.h. die Position sowohl im Wort als auch im Paradigma, in der sich die Reduktion vollzieht bzw. befindet. Bei diesen Prozessen kristallisiert sich ein besonders häufig vertretener Reduktionstyp heraus, der im folgenden als Kurzverb bezeichnet wird: Es handelt sich um den Verlust bzw. die Abwesenheit des wurzelfinalen Konsonanten, meist verbunden mit Einsilbigkeit des ganzen Wortes. Geht man von einer prototypischen Wurzelstruktur CV(:)C-(Fiexiv) aus, so besteht die mit Abstand häufigste Reduktionsform im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten zu CV(:)-(Flexiv). So verfügt nhd. geb-en [ge:ban] über die komplette Wurzel, während in einem der wichtigsten deutschen Dialekte, dem Alemannischen, mit gä [ge:] ein Kurzverb vorliegt, ebenso in lux. gi-n4, fries, jaa-n, dän. [gi1''], schwed. ge [je:] und norw. gi [ji:]. Weniger prototypisch, doch umso markanter sind Reduktionen im Wurzel vokal (als Silbenträger) und ganz besonders im Anlaut. Zu diesen gesellen sich außerdem mehr oder weniger starke Irregularitäten. Ebenso sind auch bei den Irregularitäten verschiedene Formen, Grade und Positionen im Wort und im Paradigma zu unterscheiden. Dieses Geflecht soll hier entwirrt und auf das Wirken weniger Prinzipien reduziert werden. Vorrangiges Ziel dieser Arbeit besteht in dem scheinbaren Paradox, die Regularität der Irregularität zu dokumentieren, d.h. eine Systematik der Irreguiarisierung und Reduktion zu erstellen sowie nach deren Funktionen zu fragen. Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß es sich primär um eine morphologische Arbeit handelt. Weitere Untersuchungen bzw. Fundierungen etwa in statistischer oder psycholinguistischer Hinsicht sind wünschenswert. Dies betrifft auch die Einbeziehung weiterer Sprachen und Sprachtypen. Selbstverständlich beschränken sich die hier zu ziehenden Schlußfolgerungen und Erkenntnisse nur auf die — mehr oder weniger stark flektierenden - germanischen Sprachen. Seitenblicke auf die romanischen Sprachen führen jedoch zu einer deutlichen Bestätigung, ebenso was (wenngleich mit zu erwartender Einschränkung) agglutinierende Sprachen betrifft, sofern man sich nicht auf die stark standardisierten großen Schriftsprachen (z.B. Finnisch) beschränkt, sondern gesprochene Varietäten und Kleinsprachen (z.B. Estnisch, Samisch) miteinbezieht.

1.2. Zur Auswahl der Sprachen und Verben

Zu dem Themenkomplex von Prinzipien der Irreguiarisierung und Reduktion ist kaum auf Vorarbeiten zurückzugreifen. Dies macht die detaillierte und systematische Analyse eines

4

Die von mir vorgenommenen Segmentierungen trennen das Infinitivflexiv von der Wurzel ab.

4 größeren Korpus erforderlich, die den ersten großen Teil dieser Arbeit bildet. Um die Übereinzelsprachlichkeit von Irregularität und Kürze bei Verben im Bereich höchster Tokenfrequenz zu dokumentieren, ist diese Untersuchung sehr stark kontrastiv ausgerichtet. Die Wahl fiel auf zehn germanische Standardsprachen5: Das Neuhochdeutsche, die Kleinsprache Luxemburgisch (auch: Letzebuergesch), das Niederländische, (West-)Friesische (in der niederländischen Provinz Friesland), Englische, Dänische, Schwedische, Norwegische (mit den beiden National sprachen Bokmäl und Nynorsk), und schließlich die beiden inselskandinavischen Kleinsprachen Färöisch und Isländisch. In der Abhandlung der einzelnen Sprachen wurde eine Süd/Nord-Abfolge gewählt, unter anderem deshalb, weil die Untersuchung des Deutschen einen Schwerpunkt bildet. Aus diesem Grund wird auch dem Vergleich dieser zehn bzw. elf (unter Berücksichtigung von Bokmäl und Nynorsk) Standardsprachen die Analyse eines der größten deutschen Dialekte vorangestellt, nämlich des Alemannischen auf Schweizer Gebiet. Zum einen besitzt das Schweizerdeutsche mehr Sprecher/innen als manche der gewählten Kleinsprachen, zum anderen und vor allem schließt es das neugermanische Sprachgebiet nach Süden hin ab. So läßt sich vom Alemannischen bis zum Isländischen ein vollständiger Bogen spannen. Natürlich könnte mit ähnlichen Argumenten auch für die Berücksichtigung des Bairischen oder des Niederdeutschen plädiert werden, ebenso für Dialekte anderer Standardsprachen. Daß jedoch bei insgesamt zwölf behandelten Sprachen6 irgendwo eine Grenze gezogen werden muß, bedarf keiner ausführlicheren Begründung. Die Tatsache, daß überhaupt ein Dialekt berücksichtigt wurde, hängt (neben meiner Sympathie für das Schweizerdeutsche) mit dem überraschenden Befund zusammen, daß das Neuhochdeutsche innerhalb der germanischen Sprachen mit nur zwei echten Kurzverben zu den kurzverbärmsten Sprachen gehört, während sich sein alemannischer Dialekt als extrem kurzverbfreundlich erweist und damit an den gesamtfestlandgermanisehen Trend anschließt. Um die Irregularisierungs- und Reduktionsprozesse sichtbar zu machen, ist auf frühere Sprachstufen zurückzugreifen. Da das Interesse in gesicherten Erkenntnissen zur Irreguiarisierung und Kürzung liegt, wird nur bis zu den ersten schriftlich belegten Sprachstufen zurückgegangen. Auf mögliche Verhältnisse vor ca. 800 n.Chr. soll nur vereinzelt eingegangen werden. Da davon auszugehen ist, daß Irreguiarisierungen nicht erst zum Zeitpunkt der Verschriftung einsetzen - wenn, dann wirkt Verschriftung sogar eher regularisierend bzw. konservierend als irregularisierend —, wäre es nicht nur widersprüchlich, sondern unwissenschaftlich, von zwangsläufig ja rein lautgesetzlich rekonstruierten (vorschriftlichen) Formen auszugehen. Mit Irreguiarisierungen ist gerade bei diesen zentralen Verben zu jedem Zeitpunkt zu rechnen. An dem tatsächlich beobachtbaren Prozeß der Irreguiarisierung und der Reduktion orientiert ist auch die Zusammenstellung des Korpus. Damit fallen die in den meisten Sprachen vertretenen vier klassischen, traditionellen Kurzverben heraus, nämlich die sog. mi-, Wurzel- oder athematischen Verben SEIN, TUN, GEHEN und STEHEN. Seit frühester

s

Dabei differiert der Standardisierungsgrad zwischen den einzelnen Sprachen.

6

Der Einfachheit halber wird im folgenden, wenn von den germanischen Sprachen die Rede ist, auch das Schweizerdeutsche darunter subsumiert.

5 Überlieferung erscheinen diese als extrem irreguläre und kurze Verben, wobei die konkrete Entwicklung dorthin sich unserer genauen Kenntnis entzieht. Da diese vier Wurzelverben jedoch für die Entstehung anderer, jüngerer Kurzverben eine wichtige Rolle spielen, etwa indem sie das Muster für analogische Irregularisierungs- und Reduktionsprozesse abgeben, werden sie in Form eines tabellarischen Anhangs (Kap. 6.), mit nur knappen Kommentaren versehen, integriert. Da der Bestand an jüngeren Kurzverben in einigen Sprachen mehr als ein Dutzend beträgt, kann nur eine - möglichst repräsentative - Teilmenge verglichen werden. Die Wahl fiel auf sechs elementare Verben (die jedoch nicht in sämtlichen germanischen Sprachen als Kurzverben, in einigen Fällen auch nicht als besonders irreguläre Verben realisiert werden): HABEN, WERDEN, GEBEN, NEHMEN, KOMMEN und SAGEN. Wird auf das allgemeine Grundkonzept, z.B. 'nehmen' referiert und gleichzeitig nach dessen ausdrucksseitigen Realisierungen in den Einzelsprachen gefragt, erscheint dieses Verb in Kapitälchen (also z.B.: NEHMEN in den germanischen Sprachen). Wird auf das konkrete Material Bezug genommen, greifen wir, um keiner der neugermanischen Sprachen den Vorzug zu geben, auf die gemeinsame germanische Wurzelbasis, in Kapitalis gesetzt und ohne "*" versehen, zurück (also z.B.: NEHMEN wird im Westgermanischen mit NEM- und im Nordgermanischen mit ΤΑΚ- gebildet). Die Auswahl dieser Verben ist wie folgt motiviert: Mit HAB- und SAG- liegen zwei besonders interessante, da ursprünglich schwache Verben vor, die in fast allen Sprachen Sonderentwicklungen vollzogen haben, durch die sie sich z.T. sehr weit von dieser stabilsten und produktivsten aller Flexionsklassen entfernt haben. In einigen Sprachen sind sie zu irregulären bzw. gar zu leicht suppletiven Verben mutiert, meist in Verbindung mit außergewöhnlicher Kürze. Eine etwas andere Perspektivierung erfährt WERDEN, da hier kein einheitliches Konzept vorliegt. Hier werden die wichtigsten der zahlreichen Funktionen von nhd. werden zugrundegelegt, nach deren Korrelaten in den anderen germanischen Sprachen gefragt wird. Durch diese onomasiologische Blickrichtung gelangen besonders viele phonisch und morphologisch ganz anders strukturierte Verben ins Blickfeld, die dennoch - also weitgehend unabhängig von den jeweiligen materiellen Voraussetzungen — den Prinzipien von Reduktion und Irreguiarisierung folgen. Volle, d.h. inhalts- wie ausdrucksseitige Vergleichbarkeit liegt wieder bei GEBEN vor, das in sämtlichen Sprachen auf das starke Verb GEB- zurückgeht (5. Ablautreihe). Dieses Verb hat — außer im Luxemburgischen — keine Grammatisierungen erfahren, zeichnet sich also "nur" durch Hochfrequenz aus. Dennoch bzw. gerade deshalb haben sich hier, vor allem in den generell kurzverbfreundlichen Sprachen, beachtliche Reduktionen und Irregularisierungen vollzogen. Ähnlich verhält es sich mit dem Komplementärverb NEHMEN, bei dem die neugermanischen Sprachen jedoch auf drei unterschiedliche Wurzeln zurückgreifen: Während die nordgermanischen Sprachen und das Englische (durch Entlehung aus dem Altdänischen) sich auf ΤΑΚ- beziehen, setzen die westgermanischen Sprachen NEM- fort, im Fall von lux. huelen westgerm. *hal-ö-. Trotz der phonologisch stark divergierenden Wurzelstrukturen - in ΤΑΚ- ist sogar ein stimmloser Plosiv enthalten — wurden die beiden Stämme NEM- und ΤΑΚ- ähnlich stark reduziert.

6 Mit KOMMEN, das überall auf KWEM- basiert, wurde schließlich ein Verb mit einem ursprünglich komplexen Anfangsrand gewählt, der in allen Sprachen ohne lautgesetzliche Basis vereinfacht wurde. Das Korpus beschließt SAGEN (SAG-), d.h., wie bereits erwähnt, ein schwaches, doch im Gegensatz zu HAB- nicht grammatisiertes Verb.

1.3. Z u m Aufbau der Arbeit

Die Studie zu den Kurzverben gliedert sich in drei große Teile. Den Beginn bildet die Analyse des repräsentativ angelegten Korpus, wie es eben vorgestellt und begründet wurde (Kapitel 2.: "Entstehung von Irregularität und Kürze"). Die sechs Verben bilden sechs Unterkapitel ( 2 . 1 . - 2 . 6 . ) , die sich, da zehn Sprachen berücksichtigt werden, jeweils in zehn weitere Unterkapitel gliedern. Um dieses sehr umfangreiche Korpus leserfreundlich zu präsentieren, ohne daß dies auf Kosten der detaillierten Analyse der Fakten geht, enthält diese Arbeit viele Tabellen und Figuren. Des weiteren wird bei in unterschiedlichen Sprachen ähnlich verlaufen(d)en Reduktions- und Irregularisierungsprozessen querverwiesen. Dies gilt besonders für die festlandskandinavischen Sprachen, innerhalb derer das Dänische, teilweise auch das Schwedische eine ausführlichere Darstellung erfahren als das Norwegische. Insofern ist nicht jedes dieser Unterkapitel gleichwertig und von den anderen unabhängig zu verstehen, auch wenn dies prinzipiell angestrebt wird. Auch die Verben selbst erfahren eine unterschiedlich intensive Bearbeitung: So werden HABEN (2.1.) und WERDEN (2.2.) um einiges gründlicher beleuchtet als die restlichen (Kurz-)Verben. In diesen beiden Kapiteln werden auch die einzelsprachlichen Regularitäten erläutert, da es für die Beschreibung und Bewertung von Kürze und Irregularität unerläßlich ist, zu wissen, wie die Kontrastfolie des Normalfalls aussieht. Manche Sprachen wie etwa das Englische oder das Isländische verfügen ohnehin über vielerlei Klein(sub)klassen an Verben, d.h. hier fallen weitere Irreguiarisierungen weniger ins Gewicht als etwa im Niederländischen oder Norwegischen. Ähnlich verhält es sich mit Kürzungen, die im Schwedischen und Norwegischen weniger markiert sind als im Neuhochdeutschen. Dieses Wissen um die einzelsprachlichen Regularitäten wird dann für die folgenden Unterkapitel (2.3. bis 2.6.) vorausgesetzt. Ein abschließendes Resümee rekapituliert jeweils die wichtigsten Ergebnisse. In Kapitel 3., "Prinzipien von Irregularisierung und Reduktion", erfolgt die Zusammenstellung, Aufarbeitung und Systematisierung der aus dem Korpus gewonnenen Daten. Dabei wird unterschieden zwischen bloßen Reduktionen, die keine Irreguiarisierungen bewirken (3.1.) und solchen, die dies tun (3.2.). Schließlich finden bei vielen Verben Irreguiarisierungen weitgehend unabhängig von reduktiven Prozessen statt (3.3.). Anschließend ist nach den Positionen von Reduktion und Irregularität im Wort und im Paradigma zu fragen, des weiteren nach den Konsequenzen für die Informationsstruktur des Wortes, seine Verarbeitung, seinen Autonomiegrad etc. Auch das Vorkommen und Verhältnis von Innovatismen und Konservatismen wird thematisiert (3.4.). Kapitel 3.5. befaßt sich mit den

7 sog. Grenzüberschreitungen in Form von Auflösungen vorgegebener Strukturen, die diese Verben in vielerlei Hinsicht an den Tag legen. Schließlich soll die interlinguale Relativität von Irregularität und Kürze und damit das Problem der exakten Meß- und Vergleichbarkeit problematisiert werden (3.6.). Kapitel 4., "Funktionen von Irregularität und Kürze", widmet sich schließlich der Erklärung, der Funktionalität von meist miteinander gekoppelter Ausdruckskürze und Irregularität. Dabei wird eine Umbewertung und -benennung vor allem des Negativbegriffs Irregularität, der die Abwesenheit eigentlich erwünschter Regularität impliziert, vorgenommen. Erst durch solche Neubewertungen und unter Einbeziehung weiterer (systemexterner) Faktoren wie Gebrauchsfrequenzen ergibt sich eine sinnvolle Interpretation der dokumentierten Daten und deren Korrelationen. In diesem Zusammenhang soll auch eine Auseinandersetzung mit zwei Theorien zum morphologischen Wandel stattfinden, der Natürlichkeitsund der Ökonomietheorie. Eine Zusammenfassung beschließt die Untersuchung (Kapitel 5.). In einem Anhang, Kapitel 6., finden sich die vier klassischen Kurz- bzw. einstigen Wurzelverben SEIN, TUN, GEHEN und STEHEN tabellarisch zusammengestellt und kurz kommentiert.

1.4. Auf der Suche nach Irreguiarisierungen

Wie eingangs angedeutet, liegen singulare Reduktionen und besonders Irreguiarisierungen nicht im Erkenntnisinteresse sprachgeschichtlicher Darstellungen (und leider nicht nur solcher). Falls einmal auf abweichendes Verhalten eingegangen wird, so werden immer wieder Topoi wie "Druckschwäche" oder "Minderbetontheit im Satzverband" bemüht, wenngleich dies nicht belegt wird bzw. die Fakten sogar dagegen sprechen. Das Interesse an Einheiten, die gegen den Strom schwimmen, ist erstaunlich gering, obwohl diese Wörter in der Performanz von größter Bedeutung sind, da sie praktisch in jedem Satz vorkommen. 7 So nimmt es nicht wunder, daß man sich auf der Suche nach Darstellung und Erklärung von Abweichungen mehr in kleingedruckten Fußnoten und Anmerkungen bewegt — die überdies häufig widersprüchlich sind oder sich in gegenseitigen redundanten Verweisen erschöpfen — als im Haupttext. Oft finden sich diese häufigsten aller Verben unter der Rubrik "Anomalia" marginalisiert — meist ganz am Ende umfangreicher Werke.

7

Die Erkenntnis, daß gerade der sprachliche Kernbereich oft irregulär organisiert ist, wurde vielfach konstatiert und ist nicht neu. Dezidiertes Interesse an Irregularitäten oder gar an Irregularisierungen wird jedoch vor allem von den Vertretern der Ökonomietheorie (s. 4 . 1 . 2 . ) bekundet, besonders auch von Manczak (1980) und (1987), auf das Französische bezogen von Martinez Moreno (1993) und in verschiedenen Arbeiten von Hunnius, auf das Italienische bezogen von Maiden (1991). Zur Irreguiarisierung speziell englischer und niederländischer Verben s. Hansen/Nielsen (1986) und Nielsen (1988). Speziell zu Irregularisierungen in Verbindung mit Wurzel(auslaut)reduktionen im Oberfränkischen sei auf Harnisch (1994) verwiesen.

8 Zuweilen wird man auch gar nicht fündig, sei es, daß die Abweichung als nicht erklärungsoder zumindest beschreibungswürdig befunden wird, sei es, daß die bescheidene Belegsituation älterer Sprachzeugnisse keine Aussagen erlaubt, oder sei es schließlich, daß überhaupt keine ausführlichere Sprachgeschichte bzw. historische Grammatik existiert. Dieses Forschungsdefizit betrifft besonders Kleinsprachen wie das Luxemburgische, Friesische, Färöische und Isländische. Daher war ich häufig gezwungen, nach eigenen Ableitungen und Erklärungen zu suchen, die jedoch gerade in Anbetracht ähnlicher, in anderen Sprachen dokumentierter Reduktions- und Irregularisierungstechniken an Plausibilität gewinnen. Hauptanliegen dieser Arbeit ist es nicht nur, die irregulären Verben bzw. deren Irregularisierungspfade aus ihrem Fußnotendasein zu befreien und einen Grundstein für ihre Systematisierung, Analyse und Erklärung zu legen, sondern auch die Überzeugung zu vermitteln, daß diese oft verschlungenen Pfade des Sprachwandels in praktischer wie in theoretischer Hinsicht viel interessanter und herausfordernder sind als die vielbeschriebenen Regulari sierungen. Mario Wandruszka ist einer der wenigen, der sich in würdig(end)er Weise mit Irregularitäten befaßt. Daher sei diese Einleitung mit einem Zitat aus seinem Buch "Interlinguistik — Umrisse einer neuen Sprachwissenschaft" beschlossen: Keine Regel ohne Ausnahme, das gilt für unsere Sprachen mehr als fir jedes andere menschliche Regelsystem. Selbst die schlichteste Elementargrammatik darf uns die Ausnahmen nicht verschweigen, darf uns unsere Sprachen nicht zu perfekten Systemen simplifizieren, soll sie halbwegs brauchbar sein. Die Anomalien sind ja auch keineswegs periphere Phänomene, gelegentliche Unvollkommenheiten, kleinere Schönheitsfehler da und dort in entlegenen Randbereichen sonst streng analogischer Systeme. Anomalie muß schlechthin zum Wesen unserer Sprachen gehören, denn wir finden sie auffallend oft gerade in Kernbereichen analogischer Systeme. [•••] Sie [Anomalien - D.N.J besitzen gewissermaßen eine eigene Persönlichkeit, die sich der analogischen Systematisierung widersetzt hat. Sie sind eine eigensinnige Minderheit. (Wandruszka 1971: 39/40)

2.

Entstehung von Irregularität und Kürze

2.0. Präliminarien und terminologische Klärungen

Zum richtigen Verständnis sind der nun folgenden Korpusanalyse einige Klärungen allgemeiner und terminologischer Art vorauszuschicken. • Kurzverb/kurzformiges Verb: Im folgenden sprechen wir dann von einem Kurzverb, wenn (1.) kein wurzelfinaler Konsonant vorhanden ist (Wurzelstruktur: (C-)C-V(:)-(Flexiv)) und wenn davon (2.) auch der Infinitiv betroffen ist. In diesem Sinn wird der Terminus in der alemannologischen Forschung verwendet; ebenso dient norw./schwed. kortverb zur Bezeichnung einsilbiger, vokalisch auslautender, 0-markierter Infinitive wie ha 'haben', ge/gi 'geben', ta 'nehmen'. Das Infinitivflexivsollte kürzer als üblich sein: alem. -0 statt -e [a] (hä-0 vs. sing-e), nhd. -n statt -en (tu-n vs. sing-en), ndl. -η statt -en [a] (doe-η statt zing-en), schwed. - 0 statt -a (ha-0 vs. sjung-ä). Ein kunformiges Verb verfügt zwar auch über finite Kurzformen, doch ist der Infinitiv lang; dies betrifft z.B. nhd. haben mit ha-st, ha-t, ha-tte. Kurzformige Verben bilden oft die Vorstufe zu Kurzverben (s. Figur 1). Figur 1: Die Unterscheidung von Kurzverb und kurzformigem Verb

Daß die Kurzformigkeit des Infinitivs zum Unterscheidungskriterium zwischen Kurzverb und kurzformigem Verb gemacht wird, soll nicht implizieren, daß der Infinitiv als Basisform des Paradigmas betrachtet wird. Grundlage ist die schlichte Beobachtung, daß die Hürde zu einem kurzformigen Infinitiv (als eher selten realisierte Form) relativ hoch ist und immer zumindest präsentische finite Kurzformen voraussetzt. Fast immer kommt Kurzverben/kurzformigen Verben auch ein hoher Irregularitätsgrad zu. • Der (bzw. die) Wurzelauslautkonsonant(en)1 bildet die Coda der blanken Verbwurzel und darf nicht mit dem Wortauslaut verwechselt werden. Folgt dem wurzelfinalen Konsonanten ein Nullflexiv, tritt er in den Wort- (und Silben-) Auslaut (hab)\ folgt ihm ein konsonantisches Flexiv, wird er Bestandteil einer komplexen Coda (habt); folgt ihm ein Vokal, bildet er den Onset der nächsten Silbe (ha.ben), vorausgesetzt, es handelt sich um

1

Der Einfachheit halber wird im folgenden oft nur von Wurzelauslaut gesprochen.

10 einen einzelnen wurzelfinalen Konsonanten. Bei wurzelfinaler Mehrfachkonsonanz entscheidet deren Konsonantenstärke über die Verteilung auf die Silben (z.B. wer.den). • (Ir-)Regularität/(Ir-)Regularisierung: Ein nicht geringes Problem bildet die Abgrenzung von Regularität und Irregularität, insbesondere die Abstufung innerhalb der Irregularitätsdomäne. So stellt sich die Frage, ob die starken Verben noch gewissen Regularitäten folgen oder ob sie auf der Stufe von "Anomalia" wie gehen, tun stehen. Sind starke Verben vom Typ schreiben - schrieb - geschrieben aus der ehemaligen 1. Ablautreihe, die sich diese Vokalalternanz synchron mit 16 weiteren Verben teilen, regulärer als z.B. kommen - kam - gekommen, das singulären Vokalwechsel aufweist? Wie sind Irregularität und, damit verbunden, Irreguiarisierung genau zu bemessen? Viele Grammatiken germanischer Sprachen (u.a. auch die Duden-Grammatik) beschränken sich auf die binäre Unterscheidung von regelmäßigen (traditionell schwachen) und unregelmäßigen (traditionell starken und anderen) Verben, jedoch mit entsprechend vielen Subklassen, was die Übersichtlichkeit nicht erhöht. Bei dem synchron bestehenden Kontinuum zwischen maximaler Regularität und Irregularität (Suppletion) spielen mindestens vier Parameter eine Rolle: (1) Regelableitbarkeit: Je eher sich die Formen aus allgemeinen Regeln ableiten lassen, desto regelmäßiger sind diese Formen (so die sog. schwachen Verben mit Wurzeluniformität und Dentalsuffix). Allomorphe sind "regulärer", wenn sie phonologisch (statt morphologisch) determiniert und damit vorhersagbar sind (z.B. sagen [ za:gon] - sagte [za:kta] oder gesagt - gearbeitet). Dagegen ist die Vokalalternanz bei den sog. starken Verben heute (im Gegensatz zu früher) praktisch nicht mehr vorhersagbar und damit idiosynkratisch. (2) Gruppenbildung: Regelmäßige Verben bilden i.a. Großklassen (ca. 4000 schwache Verben vs. circa 170 starke/irreguläre Verben im Deutschen). Nun gibt es auch unregelmäßige Verben, deren Flexion wenig bzw. nicht vorhersagbar ist, die sich jedoch ihren Irregularitätstyp mit anderen Verben teilen. Je größer eine solche Gruppe, desto (relativ) näher am Regularitätspol befindet sie sich bezüglich dieses Parameters (z.B. schreiben (17) vs. kommen (1)). (3) Produktivität: Wichtiges Regularitätskriterium ist die Produktivität, die heute den schwachen Verben zukommt. Jedes neue Verb wird schwach flektiert (jobben, mailen), und viele starke Verben gehen in die schwache Flexion über {weben, backen). Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es auch entgegengesetzte Entwickungen gibt (die Thema dieser Arbeit sind). (4) Formale Ähnlichkeit: Schließlich kommt es gerade bei den irregulären Verben auf den Ahnlichkeitsgrad an: kommen — kam — gekommen und gehen — ging - gegangen weisen zwar jeweils singulare Vokalalternanzen auf, doch ändert sich — gleichermaßen unvorhersagbar - im Fall von gehen mehr: In Präteritum und Partizip Perfekt erscheint wurzelfinales [η]: [ge:an - gi:q - ga'gaipn], Im Fall maximaler Irregularität, der starken (totalen) Suppletion, erfolgt ein kompletter Austausch der Wurzel (oft auch der Flexive): sein — bin — ist — war. Schwache (partielle Suppletion) liegt vor, wenn trotz starker Wurzel- (und Flexiv-) Modifikationen ein Rest von Ähnlichkeit bestehen bleibt, z.B. die Anlautkonsonanz in gehen — ging, stehen — stand). Entgegen anderen Klassifikationen ist Suppletion m.E. nicht schon bei Vorliegen sin-

11 gulärer Vokalalternanz anzusetzen, da viele Verben dieses Prinzip — wenngleich nicht die konkrete Alteraaaz — miteinander teilen. Eine weitere Determinante bzw. eine Konsequenz aus diesen Parametern ist der Grad morphosemantischer Transparenz (Segmentierbarkeit), der zum Irregularitätspol hin abnimmt. So ergibt sich ein kompliziertes, mehrdimensionales Spektrum/Geflecht, besonders was die Irregularitätsdomäne betrifft. Der Regularitätspol läßt sich bezüglich der germanischen Verbalflexion wie folgt charakterisieren: Hochgradige Wurzel- und Suffixuniformität (z.B. Dentalsuffix) bei allenfalls phonologisch motivierter (und damit prädiktabler) Allomorphik, morphologisch additive Verfahren sowie die größte aller Flexionsklassen, die gleichzeitig produktiv ist, d.h. Neuzugänge aufnimmt. Jegliche Entwicklung weg von diesem Prototypen stellt eine Irreguiarisierung dar. Die diachron motivierten Termini schwache und starke Verben sollen hier weiterhin verwendet werden im Sinne von Repräsentanten des regelmäßigen (s.o.) bzw. eines speziellen unregelmäßigen Typs (Vokalwechsel); gleiches gilt für die Rückumlautverben, Präteritopräsentia etc. Dies ist einfacher und leserfreundlicher als, wie mittlerweile oft üblich, streng synchron vom "unregelmäßigen Verb Gruppe C, Typ (b)" zu sprechen, und bietet bessere Vergleichsmöglichkeiten zwischen den germanischen Sprachen. • Die beiden Kapitel zu HABEN und WERDEN (2.1. und 2.2.) fallen ausführlicher aus, da hier die einzelsprachlichen Regularitäten (z.B. die Paradigmenstrukturen, die morphologisch realisierten Kategorien etc.) genannt werden, die Voraussetzung für die adäquate Bemessung und Bewertung von Irregularität und Kürze sind. In den Tabellen zu HABEN werden auch die Subjektpronomina aufgeführt, wobei die Höflichkeitsform fettgedruckt erscheint. Zumeist wird eine grobe Segmentierung mit "-" in Wurzel und Flexiv(e) vorgenommen. Für seltener verwendete, regulär flektierende Kategorien (z.B. den Konjunktiv) wird oft nur stellvertretend die l./3.Sg.Konj. oder einfach die Wurzel (Wz.) angegeben. Klitische Anschlüsse werden durch " = " markiert. In der Regel wird transkribiert, besonders dann, wenn Diskrepanzen zwischen Phonie und Graphie bestehen. Die Akzentbezeichnung durch ['] erfolgt nur bei Zwei- oder Mehrsilbigkeit. Somit ist dän. ["blis] 'werden' zweisilbig, dän. [birg'] 'wird' dagegen einsilbig. Eckige Klammern innerhalb von Zitaten bezeichnen eigene Zusätze (z.B. Übersetzungen von Beispielsätzen). Die Termini Konjunktiv I, II und III beziehen sich ausschließlich auf die Bildungsweise und nicht auf die Funktion(en) der betreffenden Formen. Der Konj.I leitet sich bei den starken/unregelmäßigen Verben aus der 1. Ablautstufe ab und setzt den früheren Konj.Präs. (Optativ, im Neuhochdeutschen auch Zitiermodus) fort. Der Konj.II leitet sich ursprünglich aus der 3. Ablautstufe ab (mit i-Umlaut 2 ) und setzt den Konj.Prät. fort (heute meist Potential/Konditional). Diesen beiden synthetischen Konjunktiven steht der periphrastische Konj.III gegenüber, der mithilfe eines Auxiliars (im Neuhochdeutschen mit würde, im Schwedischen mit skulle) und des infiniten Vollverbs gebildet wird. Daß er im Neuhochdeutschen oft die Funktion des Konj.II, gelegentlich auch des Konj.I. ersetzt, ist hier nicht von Belang, da es nur auf die Konstruktion als solche ankommt.

2

Ob dieser i-Umlaut - wie der Konj.II überhaupt - in den neugermanischen Sprachen noch erhalten ist, ist eine andere Frage.

12

Mit der terminologischen Unterscheidung zwischen Partizip Perfekt (auch Partizip Präteritum) in den westgermanischen und dem funktionsgleichen Supinum in den nordgermanischen Sprachen wird dem linguistischen Usus gefolgt. Das Supinum ist inflexibel. Diachron geht es aus der Neutr.Sg.Nom.-Form des Partizips Perfekt hervor. Das Partizip Perfekt der nordgermanischen Sprachen verhält sich dagegen adjektivisch und wird flektiert (Subjektkongruenz). Doch gibt es in den westnordischen Sprachen (Isländisch, Färöisch, Nynorsk) Perfektperiphrasen mit SEIN als Hilfsverb (v.a. bei Verben der Bewegung), in denen das Partizip flektiert wird (isl. vid eru komnir (PI.) 'wir sind gekommen'). Hier liegen also im skandinavistischem Sprachgebrauch Perfektpartizipien und keine Supina vor. Im Rahmen dieser Arbeit kann davon jedoch abgesehen werden, d.h. für sämtliche Sprachen wird jeweils nur eine Partizip Perfekt- (Westgermanisch) bzw. Supinumform (Nordgermanisch) angegeben. Schließlich sei hervorgehoben, daß es sich bei dieser Arbeit um keine statistische Auswertung handelt, auch wenn oft von (relativen) Frequenzen die Rede ist. Bezüglich der Tokenfrequenzen liegen für die meisten Sprachen Frequenzwörterbücher vor, auf die rekurriert wird. Meist werden dort alle (finiten und infiniten) Formen zu einem Eintrag zusammengefaßt (lexikalische Frequenz), zum Teil werden aber auch die Einzelformen getrennt ausgewertet und aufgelistet (kategorielle Frequenz), was für unser Thema aufschlußreicher ist. Gelegentlich wird von höchst- und hochfrequenten Verben gesprochen, zwischen denen folgende Grenze liegen soll: In den Höchstfrequenzbereich gehören Verben zwischen Rang 1 - 5 (auf die infiniten Grundformen bezogen): Darunter fallen immer SEIN, HABEN, meist auch WERDEN, je nach Sprache und Grammatisierungsgrad auch TUN, MACHEN, GEHEN, KOMMEN, SAGEN oder ein Modalverb. Hieran schließt sich der Hochfrequenzbereich, der grob von Rang 6—15, evt. bis 20 gehen soll und der alle hier behandelten (Kurz-)Verben umfaßt. Was die kategoriellen Frequenzen betrifft - die häufigste Konstellation ist die 3.Pers.Sg.Ind.Präs. —, sei auf Kap. 4.2.5. verwiesen. Die Tokenfrequenz wird hier zwar als ein wichtiger, doch nicht als der einzige Faktor morphologischer Strukturbildung und morphologischen Wandels betrachtet; sie bewirkt unterschiedliche kognitive Verarbeitungsmodi und beeinflußt dadurch - mittelbar - auch die unterschiedliche morphologische Binnenstruktur von Wörtern und Paradigmen. Es wäre jedoch verfehlt, mechanistisch von bestimmten Frequenzwerten auf bestimmte morphologische Strukturen schließen zu wollen. Zu diesem Problem s. Kap. 4.2. • Zuletzt zwei Bemerkungen zur Lesbarkeit dieser Arbeit. Da konkrete Irregularisierungsprozesse bisher nicht systematisch erfaßt worden sind, muß in Kapitel 2. das Fundament in Form des dia- wie synchronen Vergleichs der sechs Verben gelegt werden. Erst dann lassen sich weitere Erkenntnisse ableiten. Da dieses Kapitel eine enorme Stoffülle enthält, die kaum memorierbar und daher auch kaum in vollem Umfang für die Folgekapitel vorauszusetzen ist, werden manche Phänomene in Kapitel 3. und 4. aus Gründen der besseren Lesbarkeit noch einmal kurz rekapituliert, statt daß ausschließlich auf sie zurückverwiesen wird. Es handelt sich dabei um einen schwierigen Kompromiß zwischen minimaler Wiederholungsrate und maximaler Leserfreundlichkeit. Schließlich ist einem möglicherweise entstehenden Mißverständnis vorzubeugen: Formulierungen wie "Verben, die ihre Klassen verlassen", "zu bestimmten Vokalen greifen", "die Irregularität und/oder Kürze suchen/anstreben", "ihr Paradigma zerrütten/differen-

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zieren", "Suppletion schaffen" etc. dürfen selbstverständlich nicht dahingehend interpretiert werden, daß "die Verben" oder "die Sprache" agierende Subjekte seien, die aus eigenem Antrieb bestimmte Ziele ansteuern. Natürlich sind ausschließlich die Kommunikationsteilnehmer für den morphologischen Sprachwandel verantwortlich, also diejenigen, die die Sprache gemäß ihren verschiedenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und kognitiven Voraussetzungen gebrauchen. An der morphologischen Umstrukturierung von Verben ist ihnen vordergründig nicht gelegen, sondern an einer erfolgreichen Kommunikation. Wie in der Einleitung deutlich wurde, soll einer in sich abgeschlossenen und zwangsläufig verengten Systemlinguistik nicht das Wort gesprochen werden, sondern (auch) einer Gebrauchslinguistik. Umso mehr ist mir daran gelegen, Metaphern vom Typ der oben genannten auch nur als solche verstanden zu wissen und diese nicht immer mit Anführungszeichen versehen oder durch schwerfallige Passivkonstruktionen ersetzen zu müssen. Sie sollen nur der Belebung der zuweilen vielleicht etwas anstrengenden Materie dienen.

2.1. HABEN in den germanischen Sprachen

Das eindrucksvollste Beispiel für Irreguiarisierung bei gleichzeitiger Reduktion liefert HABEN in den germanischen Sprachen. Als ursprünglich schwaches Verb hat es in sämtlichen Sprachen seine angestammte Klasse verlassen, doch nicht, um in eine andere Klasse überzutreten, sondern um sich durch ausgefallene Irreguiarisierungen und gleichzeitig oft extreme Reduktionen von allen anderen Verben zu isolieren — eine für ein schwaches Verb außergewöhnliche Entwicklung. In allen Sprachen bildet HAB- das zweithäufigste (nach sein) wenn nicht sogar das häufigste Verb, was - neben seiner elementaren Bedeutung als Vollverb3 - entscheidend mit seiner Auxiliarfunktion bei der Perfekt- und Plusquamperfektbildung zusammenhängt; diese Periphrasen entstehen erst im Mittelalter. Dementsprechend steigt die Frequenz von HAB-, So stellt nhd. haben mit 22,72% fast ein Viertel aller im laufenden Text vorkommenden Verben, übertroffen von sein mit 24,11%.4 Zusammen mit gehen (4,77%) sind es nur drei Verben, die über die Hälfte (51,60%) aller auftretenden Verbformen liefern. Wie die Progression weitergeht, sei anhand der zehn tokenfrequentesten Grundverben im gesprochenen Deutschen veranschaulicht (nach Rouff 2 1990):

3

In manchen Sprachen realisieren jeweils unterschiedliche Verben einerseits die Auxiliarfunktion, andererseits die Vollverbsemantik 'besitzen' (z.B. das Isländische mit hafa vs. eiga). Doch auch hier sind Hilfs- und Vollverb jeweils hochgradig irregulär und reduziert (s. 2.1.10. und Tab. 93 in Kap. 3.3.4.).

4

Zu den Frequenzen von HABEN und SEIN als Voll- und als Hilfsverb siehe Kap. 2.1.1.2.

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1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

sein haben gehen kommen müssen werden machen sagen können wissen

24,11 % 22,72 % 4,77% 3,78% 3,24% 2,67% 2,58% 2,26% 2,01% 1,21%

gesamt:

69,35%

Zurück zu HAB-: Kein anderes Verb ist in so kurzer Zeit zu einer so starken Grammatisierung5, Reduktion und Irreguiarisierung gelangt.6 Auch entstammen insgesamt nur wenige Kurzverben der Großklasse der schwachen Verben, die üblicherweise an Mitgliedern gewinnt und nicht verliert. Das heißt, HAB- hätte die besten Voraussetzungen zu "geordneten Verhältnissen" gehabt im Gegensatz zu starken Verben oder den Kurzverben sein, tun, gehen, stehen, die von den traditionell irregulären mz-Verben abstammen (s. Anhang unter 6.). Doch weist HAB- schon in manchen altgermanischen Sprachen unterschiedliche Klassenzugehörigkeit auf: Im Altenglischen, Altmederfränkischen und im Altfriesischen gehörte es deny'a/i-Verben an (1. Klasse) - vgl. heutiges hebben im Niederländischen mit regulärem /-Umlaut und Konsonantengemination —, ansonsten eher den en-Verben (3. Klasse).

5

Unter Grammati(kali)sierung fassen wir den ganzheitlichen Prozeß der Funktionalisierung von (hier) Voll- zu Hilfsverben. Die Grammatisierung läßt sich in unterschiedliche Prozesse gliedern. So etwa unterscheidet Askedal (1984) zwischen Grammatikalisierung und Auxiliarisierung, wobei unter ersterer die Überführung in ein Periphrasesystem verstanden wird (nach Lehmann 1985 "paradigmaticization"), unter zweiterer der semantische und morphosyntaktische Aspekt von Desemantisierung und von Valenz- und RektionsVerlusten. So ist das bekommen/kriegen/ erhalten-Passiv gleichermaßen grammatisiert, doch nicht auxiliarisiert (erhalten ist weniger auxiliar). Zur Grammatisierung s. auch Hopper/Traugott (1993), Bybee et al. (1994) und Diewald (1997).

6

Ahnliches vollzog lat. habere 'besitzen, halten', das im Spätlatein ebenfalls auxiliarisiert wurde (zur Bildung von Vergangenheits- und Zukunftstempora): "Mit der entsprechenden Frequenzsteigerung wächst das Bedürfnis nach möglichst kurzen Formen, vor dem die Forderung nach Regelmäßigkeit zurückzustehen hat. Die Handbücher des Vulgärlateinischen konstatieren: 'la frequence [...] ronge leur aspect phonique de fa?on anormale' [Väänänen (1967: 147)] und setzen Kurzformen wie *aio (1. Sing. Präs.), *aiam (1. Sing. Präs. Konj.) an" (Hunnius 1989: 56). Äußerst ergebnis- und erkenntnisreich wäre eine entsprechende kontrastive Studie zur Entwicklung von lat. habere in den romanischen Sprachen (man betrachte etwa die extrem reduzierten Formen vor frz. avoir mit dem suppletiven, minimalen Partizip Perfekt eu [y] 'gehabt', das auf einer immerhin dreisilbigen Ausgangsform basiert).

15 Auch im Althochdeutschen treten - neben einem kompletten Paradigma in der m-Klasse - alte (?) umgelautete Formen auf (z.B. hebis 'hast'), ebenso das synkopierte Präteritum hapta < *habda (vermutlich die Vorform zu nhd. hatte). Dabei ist umstritten, ob HABschon im Germanischen diesen beiden Klassen angehört oder ob dies spätere analogische Entwicklungen sind (s. hierzu Dishington 1980). Für unsere Fragestellung genügt, daß dieses schwache Verb schon früh Klasseninstabilität aufweist und diese zur Paradigmendifferenzierung einsetzt.

2.1.1. Alemannisch hä und neuhochdeutsch haben Trotz ähnlicher Grundlagen in den älteren Sprachstufen, dem Alt- und dem Mittelhochdeutschen, bestehen heute große Diskrepanzen zwischen dem alem. hä- und dem nhd. habenParadigma. Gemeinsam ist den beiden Sprachen allenfalls der Grad an Irregularität, den dieses Verb erlangt hat. Über die deutlich kürzeren Formen verfugt jedoch das Alemannische.

2.1.1.1. Zur Diachronie: Althochdeutsch haben und mittelhochdeutsch haben/hän Ahd. haben wird der 3. (en-) Klasse der schwachen Verben zugerechnet, auch wenn es mit einigen markanten Abweichungen von diesem Muster aufwartet. Wie Tab. 1 zeigt, ist die ungekürzte Wurzel hah- (bzw. heb-) in sämtlichen Formen vertreten (Formen nach Braune/Eggers (141987: §304), Weinhold 1967: §373, Raven 1967: 220). Tabelle 1: Die Formen von ahd. haben 'haben, halten' Subj.Pron. Infinitiv

reguläre Form*

irreg. Formen*

hab-e-n

hab-en

Sg-

1 2 3

ih du/dü er, siu, iz

hab-e-m, -e-n hab-e-s(t) hab-e-t

hab-o heb-is heb-it

PI.

1 2 3

wir ir sie, sio, siu

hab-e-mes, -en hab-e-t hab-e-nt

eig-un eig-ut eig-un

Präteritum

Sg.

3

hab-e-ta

hap-ta, heb-i-ta

Konj.I

Sg.

3

hab-e-e

eig-i, -i

Konj.II

Sg.

3

hab-e-ti, -ti

Präsens

Part.Perf.

gi-hab-e-t

ge-hab-en

16 Anmerkung zu Tab. 1: Reguläre Entwicklungen bestehen im Übergang von auslautendem -m zu -n in der l.Sg.Präs., ebenso in der Ablösung der schweren Endung -emes zu -en in der 1.P1. Auch die Flexiverweiterung von -s zu -st in der 2.Sg. über Fehlsegmentierung von enklitischem =du betrifft alle Verben in dieser Zeit. *Die Scheidung in reguläre und irreguläre Formen impliziert nicht, daß diese Paradigmen jeweils nur in Reinform vorkommen müssen; vielmehr vermischen sich reguläre und irreguläre Formen, d.h. die suppletiven ef'g-Formen Präs.PI. können durchaus auch neben regelmäßigen Präs.Sg.-Formen auftreten. D i e wichtigste Abweichung besteht in den umgelauteten heb-Formen.

D i e meisten Gram-

matiken betrachten sie entweder als Relikte einstiger Zugehörigkeit zury'an-Klasse oder als spätere Analogien an diese Klasse. Gegen diese Annahme und für eine Analogie zu den starken Verben der 6. und 7. Ablautreihe (z.B. ahd. far-o,

fer-is,

fer-it

'fahre, fahrst,

fahrt') sprechen jedoch die folgenden Fakten: • Erstens finden sich die umgelauteten heb-Formen

ausschließlich in der 2./3.Sg.Präs. und

nicht, wie bei denyan-Verben üblich, im gesamten Präsens und im Infinitiv. • Zweitens würde alte ^«-Klassenzugehörigkeit Konsonantengemination erwarten lassen, die hier nicht vorliegt. • Drittens sprechen im Mittelhochdeutschen als Varianten auftretende starke Präteritalformen mit dem Wurzelvokal -ie- (hiete 'hatte' sowie starke Partizip Perfekt-Formen wie gehaben,

gehän) deutlich für eine Anlehnung an die 7. Ablautreihe (s.u.).

Schließlich deuten auch die Verhältnisse in anderen germanischen Sprachen (so im Friesischen und Niederländischen) darauf hin, daß dieses Verb durchaus für Anleihen von den starken Verben empfanglich ist. In diesem Sinn argumentiert auch Dishington 1980, der nachweist, daß die umgelauteten Formen hebis 'hast' und hebit 'hat' gerade in oberdeutschen Quellen sehr häufig vorkommen. Er parallelisiert das morphologische Verhalten von ahd. haben im Ind. Präs. mit dem v o n faran.

Doch verwahrt er sich aus mehreren Gründen gegen die verbreitete Annahme,

daß die umgelautete Präteritalform hebita 'hatte' in Verbindung zum umgelauteten Präsens stehe b z w . gar aus diesem abgeleitet sei, da das Vorkommen präsentischer Formen in den Quellen keinesfalls mit dem präteritaler hebita-Formen hebita-Formen

hebis/hebit-

korreliere.

Die

resultieren vielmehr aus Schwankungen innerhalb der schwachen Klassen.

Für diese Annahme spricht auch das Vorkommen von früh synkopiertem und daher umlautlosem hapta, das die Grundlage von nhd. hatte bildet. Dishington 1980 gibt seiner Verwunderung Ausdruck darüber, daß dieses Verb bei seiner offensichtlichen Flexibilität nicht geordnetere Verhältnisse anstrebt: "One must ask why the result was a mixed paradigm and not simply a strong one" (14). W i e wir noch bei diesem, doch auch bei anderen besonders frequenten Verben feststellen werden, ist deren Ziel nicht die Herstellung v o n erhöhter Regularität, sondern ganz im Gegenteil von möglichst disparaten, heterogenen Paradigmen bis hin zur Suppletion. In dieses Bild paßt auch die Existenz suppletiver ez'g-Formen im Präs.PI. und im K o n j . I (Optativ), die Restformen des Präteritopräsens eigan darstellen. Diese sind noch bis ins 8./9. Jhd. hinein üblich (Notker). Im Mittelhochdeutschen sind sie weitgehend abgebaut. Kontaminationen zwischen hab- und «g-Formen

kommen Braune/Eggers ( 14 1987) zufolge öfter vor und werden mit der

17

3.PI.Präs. heigun 'haben' im Ludwigslied greifbar.7 Möglicherweise beruhen auch besondere Konj.I-Formen in heutigen Schweizer Dialekten (z.B. heig(i) '(sie/er) habe') auf diesen Mischformen (s. 2.1.1.2.). Im Mittelhochdeutschen erfährt haben massive Reduktionen und weitere Irregularisierungen. Anzeichen für diesen Sprachwandel ist ein immenser Formenreichtum, wie er bei sonst keinem schwachen Verb anzutreffen ist.8 Tabelle 2: Die Formen von mhd. haben und han Subj.Pron. Inf.

reguläre Form

Kontraktion (klass. Mhd.)

weitere Kontr. (dialektal)

hab-en

ha-n

han, hon, haun, hen, hein ...

Sg-

1 2 3

ih du/dü er, siu, ez

hab-e hab-est hab-et

hä-n hä-st hä-t

s. Inf. ha(u)st, he(i)st ha(u)t, he(i)t,

PI.

1 2 3

wir ir sie

hab-en hab-et hab-ent

hä-n hä-t hä-nt

ha(u)n, he(i)n, hon ha(u)t, he(i)t, hot ha(u)nt, he(i)nt, hont

Prät.

Sg.

3

hab-ete

hä-te (< habeta), ha-t(t)e (< *habda)

hiet(e), hie, hxte, het(e), het(e) (< hebita), heite (< hebete), het(e), hote, hat ...

Konj.I

Sg.

3

hab-e

hab-e (ha)

heije, heige

Konj.II

Sg.

3

hab-ete

hee-te

hette, hiete

ge-hab-et

ge-hab-et, gehap-t, ge-hä-t, ge-ha-t

g(e)hän, ghäbe(n), ghen, ghett ...

Präs.

PP.

Ab dem 11./12. Jhd. wird zweisilbiges haben zu einsilbigem hän kontrahiert. Zwischenformen, etwa mit spirantisiertem b, sind nicht belegt, so daß eine Analogie zu den beiden mi- oder Wurzelverben gän 'gehen' und stän 'stehen' naheliegt: "Das Vorbild für diese Entwicklung mögen die Wurzelverben abgegeben haben" (Paul et al. 231989: §283). Dafür

7

Die Stelle lautet: "Heigun sa Northman harto biduuungan" 'Es haben sie die Normannen (Nordmänner) sehr bedrängt'.

8

Diese Tatsache hat de Boor (1976) zu einer Untersuchung allein der Flexionsformen von haben in Urkunden des 13. Jhds. veranlaßt.

18

spricht auch der Langvokal in kurzem hän. Ähnliche Kontraktionen erfahren läzen -* län 'lassen' (singulärer z-Schwund!) und - hier mit regulärem ft-Schwund - vähen > vän 'fangen, ergreifen' und sIahen > slän 'schlagen'. Dagegen ist der /»-Schwund in haben -> hän singulär und keinem Lautgesetz zuzuordnen. Die mittelhochdeutschen Verben gän 'gehen', stän 'stehen', van 'fassen', län 'lassen', slän 'schlagen' und hän 'haben' bilden eine feste Kleingruppe, die, zumindest im Präsens, gleich flektiert und - bis auf schwaches hän - den starken Verben (der 6. und 7. Ablautreihe) angehört. Bei der Formierung dieser Gruppe hat hän eine Vorreiterrolle gespielt, indem es das erste Verb war, das sich gän und stän angeschlossen hat (Schirmunski 1962: 562). Ein Teil dieser Gruppe bildet auch analogische Kurzpräterita auf -ie: gie 'ging', lie 'ließ', vie 'faßte, fing' und hie 'hatte', wobei Paul et al. Ρ1989: §287) hierfür gie (Kurzform von gienc) als Vorlage betrachten (zu heutigen Parallelen im Friesischen s. Tab. 10 unter 2.1.4.). Tab. 2 enthält die Formen von lautgesetzlich entwickeltem haben und kontrahiertem hän, daneben die wichtigsten Varianten (nach Paul et al. 231989: §288, Weinhold 1967 §373, Mettke 1967: §145, Eis 1950: §111, Mausser 1933: §233). Sie vermittelt nur einen kleinen Eindruck von der im Mittelhochdeutschen herrschenden Formenvielfalt9, die ausschließlich die innovativen Kontraktionen betrifft. Zum Indikativ: Während die Präsenskurzformen auch in ihren Varianten dem mhd. miVerb gän folgen, beeindruckt das Präteritum durch andersartige Vielgestaltigkeit: Zuerst sind die Hauptformen hate («- ahd. habeta) und hat(t)e zu nennen; letztere führen Paul et al. (231989) auf ί-synkopiertes *habda (ahd. hapta) zurück. Evidenz für die Analogie von hän zu gän liefert der /e-Diphthong in der Präteritalformvariante hiet(e) 'hatte' (analog zu gie(nc) 'ging', 7. Ablautreihe), wobei die Apokopierung zu hiet von weiterer Annäherung an die starken Verben durch Verzicht auf die schwache Personalendung -e zeugt (zum Kurzpräteritum hie s.o.). Für die Analogie zu starkem, einsilbigem gie(nc) spricht auch, daß viele mit Vokalwechsel arbeitende Präteritalvarianten e-Apokopen aufweisen (s. die Tabelle). Auch die Partizipialformen gegän und gehän bestätigen dies. Die Analogien erstrecken sich nur auf die häufigeren, kurzen Indikativformen, was generell für Kontraktionsverben gilt: "Kontrahierte Formen finden sich v.a. im Ind., Inf. und Part. Präsens, im Konj. Präs. und Prät. hingegen herrschen unkontrahierte vor." (Paul et al. 231989: §283). Damit liegt eine frequenzgesteuerte Distribution vor: Kurzformen im Indikativ Präsens und Präteritum, Vollformen eher im Konjunktiv und Imperativ. Eine andere Analogierichtung liegt der Präteritalvariante hete zugrunde, die sich an reduplizierendes tete 'tat' angeschlossen hat (Eis 1950: §111, Mettke 1967: §145). Auffälligerweise verlaufen die Analogien in Richtung der besonders irregulären Kleinstklassen. Zum Konjunktiv: Wie bereits erwähnt, verfügt das Alemannische über die besonderen Konj.I-Formen heige bzw. hei je '(er/sie) habe', bei denen es sich entweder um Amalgamierungen aus haben und eigen (-» *heigi) handelt oder um die Kontraktion von *habege bzw. *hebege\ -egel-eje ist ein typisch alemannisches Konjunktivflexiv ungeklärter Herkunft, das sich auch mit anderen Verben verbindet: machege '(er/sie) mache', dienegest '(du) dienest' (Paul et al. 231989: §256, Anm.4; s. auch Boesch 1946: 202).

9

Prinzipiell erklärt sich ein Teil der mittelhochdeutschen (und insbesondere der althochdeutschen) Formenvielfalt aus der mangelnden Normierung dieser Sprachstufen.

19 Funktionalisierung: Das Mittelhochdeutsche nutzt die Indikativformen von hän und haben zur Funktionalisierung: Kurzes hän dient vornehmlich als Hilfsverb für die Perfektbildung, während haben eher in der volleren Bedeutung 'besitzen, halten' vorkommt (Paul et al. 231989: §288). Doch hat sich diese Paradigmenspaltung und -funktionalisierung, die nicht für alle Dialekte mit dieser Rigidität galt (s. de Boor 1976: 121), langfristig nicht erhalten: Das Alemannische entschied sich für das Kurzformparadigma (2.1.1.2.), während das Neuhochdeutsche beide Paradigmen zu einem neuen (Misch-)Paradigma rekombiniert hat (2.1.1.3.).

2.1.1.2. Alemannisch ha Aufgrund der immensen dialektalen Vielfalt speziell bei diesem Kurzverb beschränken wir uns auf drei alemannische Dialekte: das Baseldeutsche (Suter 31992), das Zürichdeutsche (Weber 31987) und den Simmentaler Dialekt (Bratschi/Trüb 1991)10: Tabelle 3: Die Formen von hä im Basler, Zürcher und Simmentaler Dialekt Subj.Pron.

Basel

Zürich

S immental

hä [a:]



hää

i(ch) du/de er, si, (ä)s

hä/ha [a:/a] ht-sch [ε] M-t [ε]

ha/hä hä-sch hü-t

ha he-scht he-t

mir/si (d)ir

hä-n(d) [ae| hä-n(d) [ae|

hä-nd hä-nd

hll [i:] hll-t

Inf. Präs.

Sg.

1

2 3

PI.

1/3

2 Konj.I

Sg-

3

haig, heb

hei(g), heb

hll-gi

Konj.II

Sg.

3

hä-tt(i)

he-tt

he-tti

Imper.

Sg.

2

h&b, haig

heb

hüb 'halte'

g-hä [gha:]

g-hä

g-hää, g-häb-e

PP.

Im Alemannischen herrscht - bis auf wenige südalemannische Reliktgebiete - vollständiger Präteritumschwund, was durch das Perfekt kompensiert wird. Das Plusquamperfekt (nhd. er hatte gesungen) wird durch das sog. doppelte Perfekt ersetzt (er het gsunge ghä).

10

Die in den genannten Darstellungen praktizierte Schreibweise wurde weitgehend beibehalten und nur in Zweifelsfällen mit Transkriptionszeichen versehen. Prinzipiell symbolisiert Gravissetzung Vokalöffnung. Zur Bezeichnung von Vokallänge wurde < v v > in < v > überführt, sofern keine Diakritika vorkommen.

20 Die für diese Periphrasen notwendigen Hilfsverben sy 'sein' und vor allem hä 'haben' treten entsprechend frequent auf. Dies belegt das Häufigkeitswörterbuch gesprochener Sprache (Ruoff 2 1990), dem Daten aus dem süddeutschen Raum zugrundeliegen: haben stellt hier das höchstfrequente Verb überhaupt (17,84% aller Verben), und dies nur in seiner Funktion als Hilfsverb. Es folgt sein als Hilfsverb (11,26%), dann sein als Kopula etc. (10,45%), und an vierter Stelle steht wieder haben, diesmal als Vollverb (4,65%). Kennzeichnend für die Ostschweiz und den Basler Dialekt ist der Einheitsplural (SDS III: 47). Zweiformigkeit herrscht dagegen in der Westschweiz (mit dem Berner Oberland). Die in weiten Teilen des Alemannischen (z.B. im Baseldeutschen) eingetretene Verdumpfung von ä > ö (mhd. gän > alem. gö) hat nicht alem. ha erfaßt; dies setzt voraus, daß hier mhd. langes ä schon vor der Verdumpfung zu a (hän > hari) gekürzt wurde und erst später - nach dem lautgesetzlichen «-Schwund - wieder zu hä gedehnt wurde (alle offenen Einsilbler enden auf Langvokal). Der Vergleich der drei Dialekte ergibt folgendes: • Wurzelauslautschwund: Die Paradigmen weisen durchgehend M o s e Formen auf, d.h. hä ist ein reines Kurzverb geworden. Nur der Imperativ Singular hat b konserviert und trägt, wie Bratschi/Trüb (1991) für den Simmentaler Dialekt hinzufügen, auch noch die Bedeutung 'halt!', d.h. mit der Langform hat sich auch die volle Semantik erhalten. Wurzelfinales b ist auch in einer Partizip Perfekt-Variante des Simmentaler Dialekts, ghäbe, erhalten, die auf die (analogisch) starke Form * gehaben zurückgehen muß. • Kurzflexive: Im Infinitiv und im Ind.Präs. sind besonders kurze Flexive vorhanden: Während die alemannischen Infinitive auf -e enden (fär-e), verfügen die Kurzverben über 0. Auch im Einheitsplural besteht Endungsallomorphik: Im Baseldeutschen enden hier alle Verben auf -e, im Zürichdeutschen auf -ed, die Kurzverbplurale dagegen in beiden Dialekten auf (nicht silbisches) -nd. Alle diese Flexive gehen auf die althochdeutsche Endung der 3.PI., -ent (far-ent) bzw. im Fall der mi-Verben auf -nt (gä-nt) zurück. Während silbisches -ent in die reduktionsanfallige Nachtonposition trat und dort entsprechend stark zu -e(d) reduziert wurde, gelangte -nt unter den Hauptton und hat sich dort bis heute als -nd erhalten; im Baseldeutschen wird es oft zu einfachem -n reduziert (Suter Ί 9 9 2 : §167). Besonders assimilations- und reduktionsanfällig ist -n in enklitischen Verbindungen, speziell die 1 .PI. in Inversionsstellung vor dem Subjektpronomen mer 'wir': hän(d) + mer > hammer 'haben wir', gen(d) + mer > gemer 'gehen wir'. Tabelle 4: Flexive der Normal- und Kurzverben im Simmentaler Dialekt Normalverb Infinitiv Präsens

Kurzverb

fär-e

hää-0

Sg.

1 2 3

fär-e fer-scht fer-t

hä-0 he-scht he-t

PI.

1/3 2

fär-e fär-et

hil-0 hii-t

21 Wie die Gegenüberstellung in Tab. 4 zeigt, fallen im Simmentaler Dialekt die (lexivischen Unterschiede zwischen Kurz- und Normalverben noch deutlicher aus: Hier besteht nur noch in der 2. und 3.Sg. Endungsgleichheit. • Vokalwechsel zwischen Singular und Plural: Obwohl die Kurzverbwurzeln gerade in den Präsensparadigmen mit der Struktur CV(:)- extrem kurz sind, bringen sie über Vokalwechsel Differenzierungen zum Ausdruck, die über diejenigen anderer Verben hinausgehen. Die hierdurch bewirkten intraparadigmatischen Zäsuren liegen jeweils an den gleichen Stellen: So ist in allen drei Dialekten der Plural deutlich vom Singular abgehoben: im Basel- und Zürichdeutschen über extrem offenes [ae] (händ < hand), im Simmentaler Dialekt durch [i:], das auf monophthongierte mhd. «'-Formen zurückgeht. • Wechselflexion: Die zweite Zäsur fallt innerhalb des Singulars zwischen die 1. und die 2.13. Person: baseldt. i ha(a) vs. de hisch/er hit. Solche Sonderformen sind im Alemannischen jedoch ausschließlich bei hä vorhanden (Moulton 1961) mit Ausnahme von Reliktgebieten wie dem Simmentaler Dialekt. Diese Umlautformen basieren auf den schon im Althochdeutschen umgelauteten Nebenformen hebis, hebit. Damit verfügt das Alemannische einzig bei hä über Wechselflexion, obwohl diese nicht (mehr) zu seinem System gehört: Die e > /-Hebung in den mittelhochdeutschen Ablautreihen 3b bis 5 gilt (und galt schon immer) für den gesamten alemannischen Präs.Sg. (/ iss, de issisch, er isst). Der Primärumlaut in den Reihen 6 und 7 wurde dagegen gänzlich beseitigt (i fär, de färsch, er färt). • Weitere Zäsuren befinden sich zwischen dem Indikativ, dem Konj.I und Konj.II: baseldt. i ha(a) vs. i haig/heeb vs. i hätti. Besonders die Konj.I-Formen fallen durch ihre synchron nicht motivierbaren Wurzelauslaute -g bzw. -b auf und rücken bezüglich des Indikativs in ein Verhältnis leichter Suppletion. Da sich im Indikativ keine Formen mit -berhalten haben, wurde die Konjunktivform heeb isoliert, g-haltige Formen finden sich auch in den Konjunktivformen von sy 'sein' (syg) und due 'tun' (dieg) (s. 6.1. im Anhang; zu ihrer möglichen Herkunft als Kontamination zweier Verben s. 2.1.1.1.). Alle diese Sonderentwicklungen — die nicht eingetretene ä > ö-Verdumpfung wegen vorangegangener ä>α-Reduktion, die Kürzung sämtlicher Wurzelvokale (außer im absoluten Auslaut) sowie die verschiedenen Umlaute im Präsensparadigma — haben alem. hä wieder aus dem Verbund der fünf mhd. Kurzverben gän, stän, län, vän, hän austreten lassen. Während die verbleibenden vier Kurzverben noch im heutigen Alemannischen eine einheitlich flektierende Kleingruppe bilden (gö, stö, lö, (ä)fö), hat sich alem. ha von sämtlichen Verben isoliert. Seine inter- wie intraparadigmatische Irregularität hat stark zugenommen. Infolge dieser extremen Differenzierungen und Kürzungen bleibt der Anlaut h- die einzige Konstante im Paradigma: Der Wurzelvokal variiert, je nachdem, welche grammatischen Kategorien er (mit-)kodiert. Entsprechend nimmt die Segmentierbarkeit stark ab. Die Differenzierungen gehen dabei weit über das normale Ausmaß hinaus: Modalverben enthalten zwar auch eine vokalische Numerusopposition, doch keine vokalische Personendifferenzierung im Singular. Damit hat hä schwache Suppletion erlangt. Die Maximalreduktion, nämlich die Ellipse von alem. hä im Infinitiv, beschreibt Christen (1993). Nach den beiden Modalverben chöne und dürfe kann gerade im jüngsten Schweizerdeutschen hä (als Vollverb in der Bedeutung 'besitzen') unterdrückt werden: darf

22 i es Blatt? 'darf ich ein Blatt haben?'; chan i es Blystift? 'kann ich einen Bleistift haben?'. Offensichtlich implizieren diese Modalverben in Verbindung mit einem Akkusativobjekt so stark die Handlung des Besitzens, daß hä unterdrückt werden kann. Mit dieser (modalverbspezifischen) Auslassung eines ganzen Verbs ist die extremste Form der Reduktion erreicht (vgl. auch nhd. ich will/möchte ein Bier (haben), aber: *darf/*kann ich ein Bier?; s. auch schwed. ha).

2.1.1.3. Neuhochdeutsch haben und umgangssprachlich ham Die (partielle) Paradigmenspaltung und -funktionalisierung von mhd. hän (als Hilfsverb) und haben (als Vollverb) ist nicht nur auf dem Weg zum Alemannischen, sondern auch zum Neuhochdeutschen wieder beseitigt worden. Doch während das Alemannische ausschließlich das Kurzverb hän fortgesetzt hat, hat das Neuhochdeutsche beide Paradigmen zu einem neuen kombiniert und damit die einstigen Funktionsunterschiede aufgehoben: Nhd. haben ist heute - ebenso wie alem. hä - Hilfs- und Vollverb zugleich. Bei der sich im Frühneuhochdeutschen vollziehenden Mischung von Kurz- und Langformen hat sich die in Figur 2 dargestellte Struktur herausgebildet. Zum Vergleich werden die baseldeutschen Formen danebengesetzt; zur Visualisierung der Vokallänge werden Längezeichen verwandt (s. Figur 2). Die Mischung von Kurz- und Langformen vollzieht sich im Frühneuhochdeutschen, wobei dieser Prozeß (gemäß Ebert et al. 1993: §M 151) zügig vonstatten geht (im 15./16. Jhd.) und keine nennenswerten Mischungsvarianten entstehen. Nur im Präsens Plural konkurrieren längere Zeit Kurz- und Langformen miteinander, bis sich schließlich die Langformen durchsetzen. Im Präteritum etabliert sich durchgehend die Kontraktionsform. Betrachtet man nun das Mischungsverhältnis der Kurz- und Langformen im neuhochdeutschen Paradigma, ergeben sich Zäsuren, die genau denjenigen des alemannischen Paradigmas entsprechen (s. die Korrespondenz von "L" bzw. "K" im neuhochdeutschen Paradigma mit "A/A'" bzw. "B" im alemannischen Paradigma in Figur 2): Im Präsensparadigma sind die Pluralformen durch die längere Adft-Wurzel ("L") vom Singular abgehoben, genau von der 2./3.Sg., da auch die l.Sg. auf häb- basiert. Länge besteht in zweifachem Sinn, nämlich in wurzelfinalem -b ([p] vor -t und im Auslaut) und in Vokallänge. Da die beiden Wurzeln häb- und ha- etymologisch miteinander verwandt sind, teilen sie sich immerhin den Anlaut und eine ähnliche Vokalqualität, d.h. durch ihre Mischung entsteht leichte Suppletion (Ronneberger-Sibold 1988 und 1990). Die so entstandenen Zäsuren liegen genau an der gleichen Stelle wie im Alemannischen; nur hat das Alemannische zu einem anderen Mittel der Differenzierung, der Umlautung, gegriffen. Über die Wurzelmischungen werden nicht nur Person und Numerus, sondern auch Tempus und Modus (mit-)markiert: Das Präteritum verwendet die kurze Λα-Wurzel, ebenso der daraus abgeleitete Konj.II hätte. Dieser enthält außerdem irregulären Umlaut, der in Analogie zu den starken Verben entstanden sein muß. Dadurch entgeht er der bei den schwachen Verben üblichen Homophonie zwischen Präteritum und Konj.II bzw. dem aufwendigen Konj.III (der Würde-Umschreibung), der sich eben aus Gründen dieser Homophonie herausgebildet hat. Das Partizip Perfekt basiert wiederum auf der häb-Wurzel,

23 ebenso der selten gebrauchte Konj.I und der Imperativ. Wie im Alemannischen finden auch im Neuhochdeutschen die feinsten Differenzierungen im Ind.Präsens-Paradigma statt, insbesondere im Singular. Figur 2:

Mittelhochdeutsch haben/hän und dessen Fortsetzungen im Neuhochdeutschen und im Alemannischen

Infinitiv: Präsens:

Sg. Sg. Sg. PI. PI. PI.

Imperativ Sg. PI. Präteritum Part.Perf.: Konj.I: Konj.II: "L": "A": "B": "C":

1 2 3 1 2 3

nhd.

L/K

baseldt.

haben

L



A

habe hast hat haben habt haben

L Κ Κ L L L

hä hisch hit hän(d) hän(d) hän(d)

A Β Β A' A' A'

hob habt hattgehäbt häbhätt-

L L Κ L L Κ

hib/haig hän(d)

C A'



ghä heighätt(-)

A C A'

Langform; "K": Kurzform; nichtumgelautete Form; "A'": Form mit (sek.) Pluralumlaut; Form mit geschlossenerem Umlaut; andere Form

Während das Alemannische die Differenzierungen auf seiner durchgehend kurzen Wurzel durch qualitative (Umlaut vs. Nichtumlaut) und quantitative (lang vs. kurz) Modifizierungen des Wurzelvokals ausdrückt und damit maximale Kürze erlangt, differenziert das Neuhochdeutsche über die Alternanz von kurzer und langer Wurzel mit dem Preis von mehr Länge in den /iäö-Formen. Doch verleitet die Schreibung zu einer Bewertung, die dem heutigen gesprochenen Deutsch nicht mehr gerecht wird, da umgangssprachlich die Kontraktion zu ham gilt (als reguläres Vergleichsverb bietet sich laben an; zum Vergleich links die standardsprachlichen Formen):

24 Figur 3:

Die schwach suppletiven Paradigmen von standard- und umgangssprachlichem



Umgangssprache

häben

L

harn

habe hast hat haben habt haben

L Κ Κ L L L

hab hast hat ham habt harn

hattgehäbt hübhätthäb

Κ L L L L

hattgehabt (hüb-) hätthab

StandardInfinitiv: Präsens Sg.

PI.

Präteritum: Part.Perf.: Konj.I: Konj.II: Imperativ

1. 2. 3. 1. 2. 3.

Die wichtigsten Innovationen im gesprochenen Deutschen bestehen erstens in der durchgehenden Kürzung des Wurzelvokals (außer im seltenen Konj.I häb-): Die ursprüngliche Differenzierung durch Lang- vs. Kurzvokal (gekoppelt mit Z>-Haltigkeit vs. ö-Losigkeit: hob- vs. ha-) ist zugunsten eines einheitlichen Kurzvokals aufgegeben worden. Zweitens sind sämtliche Präsensformen und der Infinitiv einsilbig geworden, d.h. auch die Silbenzahl wurde reduziert. Endungslosigkeit in der l.Sg. betrifft alle Verben im gesprochenen Deutschen (ich mach, schreib, eß). Was aber bei solchen Vergleichsverben nicht automatisch eintritt, ist die Kürzung des Wurzelvokals (vgl. langes [gra:p] '(ich) grabe', aber kurzes [hap] '(ich) habe'). Mit der reduktiven Entwicklung zu einheitlichem Kurzvokal und zu Einsilbigkeit ist ein Stück Differenzierung zugunsten verstärkter Reduktion aufgegeben worden. Im Zweifelsfall scheint Ausdruckskürze der Differenzierung vorgezogen zu werden (s. Kap. 4.2.2.). Auch die Einsilbigkeit im Plural ist mit Vokalkürze gekoppelt. Die Kontraktion und Assimilation von haben > ham ist fest; hier wirkt keine Allegroregel mehr." Die haben >

11

Manchmal trifft man auch in der Graphie - bei der Wiedergabe gesprochener Sprache z.B. in Comics - auf solche Kontraktionsformen. Hier finden sich auch Verschriftungen, die die Vokalkürze anzeigen ( < h a m m > ) bzw. die Defizienz ( < h a m m ' > ) .

25 /Kzm-Reduktionunterscheidet sich insofern von den mittelhochdeutschen Verbkontraktionen, als das geschwundene -b- Merkmale in Gestalt der Bilabialität des Nasals hinterläßt (ugs. wir ham vs. mhd. hän haben). Solche Reduktionen sind bei laben oder graben undenkbar (graben > *gram). Da diese Assimilation nur zwei der drei Pluralformen betrifft (1./3. Person), wird hierdurch - drittens - mehr Differenzierung im Paradigma erlangt. Außer den genannten Reduktionen mit paradigmanivellierender Wirkung sind auch gleichzeitig solche mit paradigmaprofilierenden Auswirkungen festzustellen. Auf einen besonders interessanten Fall von Erhaltung intraparadigmatischer Differenzierungen weist Kohler (1979) im Zusammenhang mit der kurzen Präteritalform hatte im gesprochenen Deutschen (Umgangssprache) hin: Die Apokope von auslautendem -e bei schwachen Präteritalformen sollte bei allen Verben zu erwarten sein, ganz besonders bei den extrem häufigen Hilfs- und Modalverben; doch tritt sie nur dort ein, wo keine Homophonie mit der entsprechenden Präsensform entstehen kann, also in der l.Sg.: ich wollt wollt ich (vs. will), ich wurd - wurd ich (vs. werd(e)), ich könnt - könnt ich (vs. kann), ich hatt - hatt ich (vs. hab(e)) etc. Auch in der 3.Sg. wird -e nur dann elidiert, wenn durch Vokalwechsel bereits die Tempusmarkierung abgesichert ist: er wollt - wollt er (vs. will), er könnt - könnt er (vs. kann) etc. Da haben jedoch keinen Gebrauch von Vokalwechsel oder anderen Differenzierungsmitteln macht, ist die Auslautelision genau in der homophoniegefährdeten 3.Sg. blockiert: Hier heißt es immer er hatte und hatte er, er machte/machte er und nicht *er hatt'/*hatt' er (wegen homophonem hat), *er macht Ί * macht' er (wegen er macht): Da in diesen Fällen die a priori Wahrscheinlichkeit für kommunikativen Mißerfolg besonders groß ist und die 'Kosten' für die Verwechslung eines vergangenen mit einem gegenwärtigen Ereignis offenbar sehr hoch angesetzt werden, wird die extreme Reduktion weitgehend verhindert, obwohl die phonetischen Bedingungen dazu gegeben sind (Kohler 1979: 18).

Morphologische Bedürfnisse werden also phonologischen übergeordnet: Der e-Elision wird nur dann stattgegeben, wenn die Tempusdistinktion (Präsens vs. Präteritum) garantiert, d.h. anderweitig markiert ist. Dies macht deutlich, daß nur ein hoher Distinktivitätsgrad Reduktionen zuläßt, ohne daß Homonymien entstehen. Da Reduktionen aber besonders in weniger betonten Teilen des Wortes, also hinter dem Wurzelvokal, eintreten, besteht der beste langfristige Schutz vor Formenzusammenfall in besonders gut differenzierten Wurzeln, die bereits Informationen ausdrücken, welche normalerweise in der Endung realisiert werden. Besonders Hilfsverben (und andere Funktionswörter) sind ihrer Frequenz wegen stark reduktiven Prozessen ausgesetzt; das einzige Mittel gegen übermäßige Reduktionen und Nivellierung des Paradigmas besteht in maximal differenzierten, sprich irregulären Formen (s. eingehend Kap. 4). Daher wird immer wieder festzustellen sein, daß extreme Reduktionen und Differenzierungen stets gekoppelt auftreten, und dies, obwohl beide Tendenzen einander hemmen: Mit abnehmender Lautmasse lassen sich auch weniger Unterscheidungen realisieren. Einfacher sind Differenzierungen über segmental-additive Prozesse zu erreichen. So erzeugt das standardsprachliche Paradigma von haben ein Mehr an Differenzierung, indem es Lang- (häb-) und Kurzformen (ha-) mischt. Diese quantitativen Kontraste hat das gesprochene Deutsch nivelliert, jedoch ohne Homophoniegefahr.

26 2.1.2. Luxemburgisch hun Ähnlich wie das Alemannische hat sich auch das Luxemburgische für die Fortsetzung der mittelhochdeutschen Kontraktionsformen entschieden. Wie die Formen in Tab. 5 zeigen, ist der zu erwartende Wurzelauslaut - / - genau wie im Alemannischen - nur noch im Imperativ vorhanden. Tabelle 5: Die Formen von lux. hun Infinitiv Präsens

Präteritum

Imperativ

[hun]

Sg-

1 2 3

ech du (hi)en, si, hatt

hu-n hue-s hue-t

[hun] [huasj [huat]

PI.

1/3 2

mir/si dir/Dir

hu-n hu-t (huet)

[hun] [hut]

Sg.

1/3 2

hat ha-s

[ha:t] [ha:s]

PI.

1/3 2

hat-en hat

[ha: tan] [hart]

ge-ha-t

[ga'ha:t]

Part.Perf Konj. II

hu-n

Sg.

1/3 2

hä-tt hä-ss

[het] [hes]

PI.

1/3 2

hü-tten hä-tt

[hetan] [het]

Sg.

2

hief

[hiaf]

PI.

2

hu-t/hief-t

[hut]/[hiaf]

Anmerkung zu Tab. 5: Das Luxemburgische wird selten geschrieben und gehört zu den wenig normierten Kleinsprachen, d.h. hier ist immer mit Varianten zu rechnen. Im Luxemburgischen besteht bei allen Verben (mit Ausnahme der Präteritopräsentia) Synkretismus im Inf. = 1 .Sg.Präs. = l./3.Pl.Präs., die alle auf-('s)« enden (hier: hun). Ansonstenherrscht volle Person/Numerus-Flexion. Das synthetische Präteritum und der Konj.II sind weitgehend abgebaut und nur noch bei den 1 0 - 2 0 häufigsten Verben geläufig, womit das Luxemburgische einen hohen Grad an Analytizität erlangt (s.u.). Wichtig ist die Regel des sog. "n mobile", die für jedes auf -n auslautende Wort gilt: -n wird nur dann ausgesprochen, wenn im folgenden Wort/Kompositionsglied h, d,t, η, ζ [ts] oder ein Vokal folgt; andernfalls schwindet es. Das Paradigma von lux. hun ist übermäßig differenziert, denn für die meisten Verben gilt das, was Bruch (1973: §23) allgemein zur Verbalflexion feststellt:

27 Von den meisten luxemburgischen Verben überleben heute nur noch die Formen des Indikativ Prägen», des Imperativs, des Infinitivs und des Partizips der Vergangenheit. Alle anderen Tempora und Modi werden entweder durch die Hilfsverben hun (haben), sin (sein), gin (eigtl. 'geben'), goen (gehen)12, doen/donken/din/dun (tun), ech sali (vgl. engl. I shall), ech wäerd [.. .1 oder durch den Kontext zum Ausdruck gebracht. (Hervorhebungen von Bruch) Lux. hun als extrem frequentes Hilfs- und Vollverb gehört zu den 10 bis 20 verbleibenden Verben, die ein synthetisches Präteritum und einen synthetischen Konj.II 13 erhalten haben; die Angaben über die genaue Anzahl dieser Verben divergieren; sie wird bedingt durch Faktoren wie Alter, Dialekt und Herkunft der Person, Nähe-/Distanzsprachlichkeit und Medium des Textes etc. Bei den verbleibenden Präterita und Konjunktiven handelt es sich um Hilfs- und Modalverben (Präteritopräsentia) und einige hochfrequente starke bzw. stark gewordene Verben (z.B. soen 'sagen'). Durch den Präteritumschwund erfährt das periphrastische Perfekt (wie im Alemannischen) eine entsprechende Frequenzsteigerung. Genereller Abbau gilt auch für den Konj.II; dieser kann mit drei möglichen Hilfs- (und gleichzeitig Kurz-!) Verben — periphrastisch ersetzt werden (Konj.III): gin 'werden' (und 'geben'), goen 'gehen' (auch 'werden') und dorn 'tun'; diese Hilfsverben treten dabei selbst in den Konj.II und werden von einem infiniten Vollverb gefolgt. Die Verben mit synthetischem Präteritum und Konj.II gehören alle ausnahmslos dem Höchstfrequenzbereich an und sind überwiegend irregulär. Daß hun alle seine Formen synthetisch bildet, ist als eine Besonderheit in Form von Überdifferenzierung zu bewerten. Ins Auge sticht der Vokalwechsel zwischen Präsens (u/ue) und Präteritum/Partizip Perfekt (a); ob hier lautgesetzliche Entwicklungen vorliegen oder nicht, ist gerade im Luxemburgischen oft schwer zu entscheiden. Da wir bezüglich des luxemburgischen Vokalismus immer wieder auf offene Fragen stoßen werden, sei an dieser Stelle Keller (1961) zitiert, der sich am intensivsten mit der Diachronie des Vokalismus befaßt hat und seinem entsprechenden Kapitel folgende Bemerkung vorausschickt: What makes the historical identification of the Lux. vowel phonemes difficult is not only the extent to which lowering, unrounding, lengthening and diphthongization have radically altered the historical WGmc. or MHG vowel system but above all the frequent contextual interferences. Thus one historical phoneme, e.g. WGmc. or MHG /i/, may now be found to have representatives in four different phonemes, e.g. /i,i:,a,3/, the last with its two chief allophones [a and e]. In every one of these modern Lux. phonemes it has furthermore coincided with some reflexes of other historical phonemes, e.g. in /a/ with one of the reflexes of WGmc. or MHG ο and a (254/255). Zurück zu hun\ Probleme bereitet der markante Präsens-Wurzelvokal -u- bzw. -ue-. Beide Laute müssen historisch auf -ä- zurückgehen; im Norden des luxemburgischen Sprachgebiets finden sich tatsächlich noch solche Reliktformen (s. den Luxemburger Sprachatlas, Karte 22).

12

Das Trema-e dient der Bezeichnung eines Hiats und wird nicht immer konsequent gehandhabt. In dieser Arbeit soll Bruch (1973) gefolgt werden, d.h. es wird immer gesetzt.

13

Der Konj.I ist im Luxemburgischen mit Ausnahme von sin 'sein' restlos abgebaut (s. 6.2. im Anhang).

28 Am plausibelsten erscheint die folgende Ableitung: Der moselfränkische Wurzelvokal ä wurde (wie im Alemannischen) früh zu α gekürzt. Dieses α teilt dann die weitere Entwicklung von westgerm. a, das in ursprünglich offener Silbe über ο zu «e diphthongiert (Bruch 1954: §§20, 23). Auch Formen mit (offenem) ο sind noch heute in luxemburgischen Dialekten zu finden, wie Karte 22 des Luxemburgischen Sprachatlasses (Schmitt 1963) dokumentiert: Das o-Gebiet hegt genau zwischen dem nördlichen a- und dem südlichen «(^-Gebiet. Damit bestätigt die heutige dialektgeographische Situation die diachrone Entwicklung. Problematisch ist, daß moselfrk. hat bzw. hat keine offene Tonsilbe aufwies, was Bedingung für die Verschiebung von a > ue ist. Hier muß analogischer Ausgleich angenommen werden, oder es bestand nach der Reduktion des Wurzelauslauts -v- in *havet ein Stadium der Zweisilbigkeit (etwa hiatisches *ha.et), was die Entwicklung v o n a > o > u e ermöglichte. Vermutlich war der Diphthong ue ursprünglich in allen Präsensformen enthalten; erst später wirkte das Lautgesetz, wonach Diphthonge vor einfachem Nasal gekürzt wurden, also *huen > hun im Infinitiv, in der l.Sg. und l./3.Pl.Präs. (Bruch 1954: §20). Daß auch die auf -t auslautende 2.PI. kurzes u aufweist, muß auf Analogie zu den beiden anderen Pluralformen beruhen; die Variante huet bestätigt dies. Wie im Alemannischen bestehen auch im Luxemburgischen durchgehend Kurzformen: Die Wurzel besteht aus anlautendem h- + Kurzvokal bzw. Diphthong. Dabei wiederholen sich im Luxemburgischen die alemannischen und neuhochdeutschen Strukturen: Der Plural ist vom Singular durch einheitliches u abgehoben; innerhalb des Singulars setzt sich wechselflexivisch die 1. von der 2./3.Sg. ab. Reflexe von wurzelfinalem germ. V sind im Luxemburgischen fast nicht vorhanden; dieses hätte sich intervokalisch zu -w- und auslautend bzw. präkonsonantisch zu -f(-) entwickeln müssen. Einzig in den Imperativformen findet sich dieses Relikt (Sg. hief, PI. hieft neben häufigerem, kurzem hut). Der Wurzelauslautschwund ist nicht lautgesetzlich und damit — wie im Alemannischen und Neuhochdeutschen — irregulär. In Ermangelung sprachgeschichtlicher Darstellungen zum Luxemburgischen ist es, wie bereits angedeutet, oft nicht einfach, eine Lautentwicklung als regulär bzw. irregulär einzustufen. Doch schießt Schanen (1984) über das Ziel hinaus, wenn er im Anschluß an seine Darstellung der im Luxemburgischen tatsächlich stark ausgeprägten Lenisierung intervokalischer Plosive schreibt: "Cet affaiblissement va souvent jusqu'ä la disparition pure et simple de l'occlusive ([...] gin = geben; hun = haben), notamment dans le cas du /g/ intervocalique et final [...]" (361).14 Intervokalisches -gist tatsächlich durchgehend geschwunden, nicht aber -b-, wie Vergleichswörter wie bleiwen 'bleiben', gouwen 'gaben' etc. belegen. Im Fall von hun 'haben' und gin 'werden, geben' handelt es sich um singuläre und damit nichtlautgesetzliche Elisionen. Zwischen Präsens und Präteritum besteht ein ablautähnlicher Vokalwechsel, der sich in dieser Qualität bei keinem anderen Verb des Luxemburgischen findet: Während -u(e)- das Präsens markiert, zeichnet sich das Präteritum durch einheitliches [a:] aus, das gemäß der Lautregel in Keller (1961; §7.3) auf moselfrk. hatte zurückgehen muß. Lautgesetzliche Apokope von unbetontem auslautendem -e hat einige der Formen einsilbig werden lassen. Auch der Konj.II ist von der e-Apokope gekennzeichnet und — wie das Partizip Perfekt gehat — eine reine Kurzform.

14

Übersetzung: "Diese Schwächung geht oft bis zum totalen Schwund des Plosivs ([...] gin = geben; hun = haben), besonders im Fall von intervokalischem und auslautendem /gl [...]."

29 Präteritalformen sind, wie erwähnt, nur bei wenigen Verben erhalten. Dabei wurden sämtliche Präteritalablautvokale zu -ou- (nach der 2. Ablautreihe) vereinheitlicht (Näheres s. uater 2.2.2 ). Besonders selten sind schwache Präteritalbildungen mit Dentalsuffix. Dabei iällt auf, daß das Dentalsuffix -t immer auch mit Vokalwechsel in der Wurzel gekoppelt ist: So bei den Modalverben (mit zwei Ausnahmen) und bei den beiden Rückumlautverben brengen 'bringen' - bruecht 'brachte', denken 'denken' - duecht 'dachte' (mit zusätzlichem Konsonantenwechsel), doch auch bei kreien 'kriegen' - krul 'kriegte' und schließlich bei hun - hat 'haben - hatte'. Bei soen 'sagen' undfroen 'fragen' schließlich weicht in der homophoniegefährdeten 3.Sg. der Präsens- vom Präteritumvokal ab: soen 'sagen' - hie seet [ze:t] 'er sagt' - hie sot [zo:t] 'er sagte' (ebenso auch bei froen\ s. 2.6.2.). Da -t nie alleiniger Träger der Information Präteritum ist, könnte es als zur Wurzel gehörig betrachtet werden. Seine Funktion als echtes präteritales Dentalsuffix hat es jedenfalls längst aufgegeben. Zusammenfassend zeichnet sich lux. hun durch folgende Eigenschaften aus: Die ansonsten stark im Abbau begriffenen synthetischen Präterital- und Konj.II-Formen sind hier erhalten, d.h. das Paradigma ist maximal besetzt. Wie bei den starken Verben wird von Vokalwechsel Gebrauch gemacht: «/«e-Wechselflexion kennzeichnet das Präsens, einheitliches [a:] das Präteritum und ä [ε] den Konj.II. Während fast alle verbleibenden starken Präterita den Einheitsablautvokal -ou- verallgemeinert haben, verwendet hun singulären Vokalwechsel. Hinzu kommt das alte Dentalsuffix -t, das jedoch nur noch bei einer kleinen Restgruppe extrem irregulärer Verben erhalten ist. Bis auf den Imperativ ist überall der wurzelauslautende Konsonant (irregulär) geschwunden. Ähnlich wie alem. hä muß auch lux. hun besonders frequent sein, da die abgebauten Präterita durch die neuen periphrastischen Perfekta ersetzt werden. Dies kann die in beiden Sprachen außergewöhnlich starken Reduktionen und auch die besonders starke modulatorische Profilierung von HAB- begünstigt haben. Auch im Luxemburgischen ist durch diese Entwicklungen schwache Suppletion entstanden: Die allen Formen gemeinsame Basis beschränkt sich auf anlautendes h-, der Rest ist nicht (mehr) nach allgemeinen Regeln ableitbar.

2.1.3. Niederländisch hebben Das Niederländische zeichnet sich durch relativ wenige unregelmäßige Verben aus (Hempen 1988: 15); hebben fällt in diese seltene Kategorie. Zum Paradigma s. Tabelle 6. Uberdifferenzierung: Charakteristisch für alle niederländischen Verben (außer den Präteritopräsentia) ist Endungslosigkeit in der l.Sg.Präs. und -t in der 2./3.Sg. mit jeweils identischer Wurzel, d.h. hier besteht normalerweise Homonymie. Nicht so bei hebben, wo die 2. und 3.Sg. formal unterschieden sind: Die 2.Sg. hebt enthält Kurzvokal und [p] als Wurzelauslaut, die 3.Sg. heeft dagegen Langvokal und den stimmlosen Frikativ -/. Bei hebben besteht also ein dreigliedriges und damit überdifferenziertes Präs.Sg.-Paradigma, wie dies sonst nur noch bei zijn 'sein' der Fall ist. Dabei ist die 3.Sg. durch die besondere Wurzelallomorphik (Langvokal + Frikativ) am deutlichsten von den beiden anderen Personen und auch vom (Einheits-)Plural abgehoben. Die Höflichkeitsform ist normalerweise mit der 3.Sg. identisch (u heeft 'Sie haben'); bei hebben kann sie sich ausnahmsweise auch der 2.Sg. bedienen (u hebt 'Sie haben').

30 Tabelle 6: Die Formen von ndl. hebben Infinitiv Präsens

Präteritum

Imperativ Part.Perf.

hebb-en

[heba(n)]

Sg-

1 2 3

ik jij hij, zij, het, u

heb heb-t heef-t

[hep] [hept] [he: ft]

PI.

1-3

wij/jullie/zij

hebb-en

[heba(n)]

Sg.

1-3

had

[hat]

PI.

1-3

ha-dden

[hada(n)]

Sg. PI.

2 2

heb hebb-en jullie

[hep] [heba(n)]

ge-ha-d

[Xa'hat]

Anmerkung zu Tab. 6: Das Niederländische verfügt im Präsens über Einheitsplural, im Präteritum außerdem über Einheitssingular. Synkretismus besteht zwischen Infinitiv und Präs.PI. und innerhalb des Präs.Sg. zwischen der 2. und 3. Person. Regulär ist auch, daß bei enklitischem =je in der 2.Sg.Präs. das Auslaut-/ schwindet: heb je 'hast du'. Umgangssprachlich kommt die Form heb 'hat' auch in der 3.Sg.Präs. (statt nur in der 1.) vor: hij/zij heb statt he eft. Hier hegt eine Annäherung an die Modalverben vor. Dialektal gibt es in der 2./3.Sg.Präs. auch die echten Kurzformen heil und hei.

"Ablaut": Um das Präteritum vom Präsens zu differenzieren, bedient sich (wie das Luxemburgische) auch das Niederländische eines — im übrigen singulären — Vokalwechsels: Während das Präsens durchgehend [ε] (bzw. in der 3.Sg. [e:]) enthält, verfugt das Präteritum über kurzes a. Diese Alternation geht auf einstige y'-Haltigkeit im Präsens und jLosigkeit im Präteritum zurück, was Kennzeichen der schwachen jan-Verben (1. Klasse) ist, denen ndl. hebben angehörte (im Gegensatz zu ahd. haben). Genaugenommen ist hebben heute noch das einzige verbleibende Rückumlautverb im Niederländischen; alle anderen wurden regularisiert. Im Neuhochdeutschen ist dagegen noch eine Kleingruppe rückumlautender Verben mit e/a-Wechsel erhalten: brennen - brannte, nennen - nannte etc. Eine weitere Irregularität, die hebben in die Nähe der starken Verben rückt, besteht im Prät.Sg. had 'hatte(st)': Schwache Verben enden im Singular immer auf Dentalsuffix + -e (z.B. hoorde 'hörte(st)', im Pural auf Dentalsuffix + -en (hoorden). Indem der Prät.Sg. mit einsilbigem had (statt regulär *hadde) auf (synchron wurzelfinales) -d endet, verhält es sich wie ein starkes Verb (z.B. zong 'sang(st)', bond 'band(est)'). Dieser außergewöhnliche Übergang von der schwachen in die starke Flexion lohnt sich, diachron etwas genauer beleuchtet zu werden (s. auch Hempen 1988: 211/12, 283 und Nielsen 1988): Mit dem Friesischen (und dem Angelsächsischen) teilt das Niederländische die Tatsache, daß der Infinitiv und das gesamte Präsensparadigma auf germ. *hd)j-anzurückgehen. Lautgesetzlich tritt später die westgermanische Konsonantengemination ein,

31 natürlich nur vor -j, d.h. im Infinitiv (*-jan), in der l.Sg. (*-jo) und in der 1.-3.PI. (*-jam, *-jad, *-jand). Dagegen sind die vormittelniederländischen Flexive der 2. und 3.Sg. nach Franck (1910: §123.2) mit -is und -id anzusetzen: Hier unterbleibt jeweils die Gemination (s. das Paradigma von mndl. hebben in Tab. 7). Lautgesetzlich ist auch der iUmlaut im gesamten Präsens. Das Präteritum wurde schon im Germanischen ohne j bzw. i gebildet; folglich unterblieben hier Konsonantengemination und Umlaut. Tabelle 7: Das Paradigma von mittelniederländisch hebben (13.Jhd.) (nach Franck 1910) hebben

Inf. Präs.

Prät.

Part.Perf.

Sg-

1 2 3

hebbe(n) heves, heefs, hefs; analogisch: hebbes, hebs hevet; heeft, heft; (heet, heit, het)

PI.

1/3 2

hebben hebbet, hebt

Sg.

1/3 2

hadde haddes

PI.

1/3 2

hadden haddet ghehadt, ghehat

Variantenreichtum prägt wieder ganz besonders die Präs.Sg.-Formen: Die l.Sg. lautet im Mittelniederländischen lautgesetzlich hebbe, zeigt aber auch auslautendes -n (eine Übertragung von den mi-Verben: mndl. ic gae-n 'gehe', be-n 'bin' -» hebbe-n). In der 2. und 3.Sg. unterblieb die Konsonantengemination: vormndl. *häbis bzw. * hat) id > mndl. heves bzw. hevet. Die Entwicklung von germ, -ίτ- > mndl. -ν- [ν] in intervokalischer Position verläuft regulär, ebenso dessen Desonorisierung z u / v o r Konsonant, nachdem unbetontes e synkopiert worden war (heefs, heeft). Hier treten auch (irreguläre) Vokalkürzungen ein: hefs bzw. hefi. Während später ö-haltige Analogieformen in die 2.Sg. eindringen (hebbes und synkopiertes hebs), erfährt die 3.Sg., wenn auch nur mundartlich, weitere Kürzungen in Form des Wurzelauslautschwunds: heet, heit, het 'hat'. Diese echten Kurzformen werden heute dialektal fortgesetzt; standardsprachlich setzt sich spirantisches heeft durch, das den sonst im Niederländischen geltenden Synkretismus in der 2./3.Sg. sprengt und so zur Paradigmenüberdifferenzierung beiträgt. Im Gegensatz zu den bisher behandelten Sprachen ist keine vermehrte Kürze entstanden: Im gesamten Präsensparadigma haben sich wurzelauslautende Konsonanten erhalten, wenngleich in unterschiedlicher Realisierung. Dagegen hat das Präteritum besonders starke Reduktionen bei gleichzeitiger Differenzierung erfahren: Der Vokal ist im heutigen (Einheits-)Singular und (Einheits-)Plural kurz, der Wurzelauslaut geschwunden, und im Singular ist hier eine singulare, morphologisch motivierte e-Apokope eingetreten:

32 Tabelle 8: Das Präteritum von hebben im Vergleich zur schwachen und starken Flexion schwach

irregulär (schwach/stark)

stark

Inf.

hören 'hören'

hebben 'haben'

zingen 'singen'

Prät.Sg.

hoorde (-d-e)

had [a] (-d-J))

zong (-0)

Prät.Pl.

hoorden (-d-en)

hadden [a] (-(d)d-en)

zongen (-en)

Der Vergleich von hebben mit einem schwachen und einem starken Musterverb in Tab. 8 zeigt, daß had zwischen beiden steht: Einerseits enthält es das Dentalsuffix, andererseits Vokalwechsel und den Numerusmarker -0 im Singular. Zur weiteren Irregularität trägt die Wurzelauslautalternanz heb(b)- vs. ha- bei. Zusammenfassend ist festzustellen, daß hebben im Infinitiv und Präsens zwar keine Kurzformen ausgebildet hat, doch enthält es ein überdurchschnittliches Maß an (intra- wie interparadigmatischer) Differenzierung durch die formale Unterscheidung von drei statt zwei Personen im Präsens Singular. Differenzierung in Verbindung mit Kürze besteht im Präteritum und Partizip Perfekt. Auch ist der präteritale Einheitssingular wegen Fehlens der Singularendung -e besonders kurz. Eine weitere Differenzierung bewirkt der ablautähnliche e(eJ/a-Wechsel zwischen Präsens und Präteritum/Partizip Perfekt neben An- bzw. Abwesenheit des finalen Wurzelkonsonanten -b(b).

2.1.4. Friesisch ha(wwe) Noch stärker als das Niederländische arbeitet fries. ha(wwe) mit Reduktionen und Differenzierungen. Im Präteritum hat es das Dentalsuffix konsequent beseitigt und Vokalwechsel eingeführt. Die Formen dieses nach wize 'sein' häufigsten Verbs (van der Veen 1984) befinden sich in Tab. 9 (nach Fokkema 1948, Jörgensen 1993, Tiersma 1985, Eisma 1989 und dem Wurdboekfan de Fryske taal 1991). Besonders variantenreich sind der Infinitiv, die l.Sg. und der Präsens Plural: Neben standardsprachlichem ha gibt es habbe und kurzes hawwe, ebenso he, hebbe und hewwe. Hierbei handelt es sich um regionale Varianten. Die Kurzformen sind häufiger als die Langformen: "Wat hawwe en hewwe betreft: de volle vorm wordt zelden gebruikt, maar meestal afgekort ha en he".]5 Das Friesische gehört zu den schwächer normierten Kleinsprachen, was den Variantenreichtum erklärt. Eines der nordseegermanischen (ingwäonischen) Merkmale des (West-)

15

Übersetzung: "Was hawwe und hewwe betrifft: Die Vollform wird nicht oft gebraucht, sondern meistens zu ha und he gekürzt."

33 Friesischen ist der seit frühester Zeit16 belegte Einheitsplural in Präsens und Präteritum. Wie im Niedertandischen gibt es auch im Friesischen keine synthetischen Konjunktive mehr. Wie im Neuhochdeutschen hat die 2.Sg. eine f-Erweiterung durch Fehlsegmentierung/Reanalyse von enklitischem 'du' erfahren. Zu der Tatsache, daß ausgerechnet hawwe zum Standard erhoben wurde, schreibt SJÖLIN 1969: [W]enn mehrere dialektale Varianten eines Wortes vorliegen, nimmt das Standardfries, diejenige auf, die sich am weitesten vom Ndl. entfernt (z.B. hawwe, habbe, hewwe, hebbe 'haben', niederl. hebben, St[andard]fries. hawwe). Das St[andard]fries. ist jedoch keinesfalls eine strikt normierte Einheitssprache, sondern läßt viele Varianten als gleichwertig zu (50). Zwingend kurzformig ist die 2./3.Sg.Präs. Auch ist der Vokal im gesamten Präsens kurz. Tabelle 9: Das Paradigma von fries, hawwe Subj.Pron.

Inf. Präs.

Prät.

PP.

Nebenformen (dialektal)

Hauptformen ha (haww-e

[ha:] fhava])

habbe, hewwe, hebbe, he [he:]

Sg.

1 2 3

ik do/jo hy, sy/hja, it

ha(w) ha-st ha-t

[ha(f)l [hast] [hat]

ha(b), he(w), he(b) hest het

PI.

13

wy, jimme, sy/hja

ha (haww-e

[ha:] fhava])

ha(bbe), he(wwe), hefbbe)

Sg.

1/3 2

hie hie-st

[hia] [hisst]

PI.

1-3

hie-ne(n)

[hiene(n)]

hä-n

[ha:n]

Mit unerwartetem Vokalismus überrascht das Präteritum: Hier findet sich ein durchgehender /e-Diphthong, der auf keiner lautgesetzlichen Entwicklung basieren kann. Weder ist ein Dentalsuffix noch ein wurzelfinaler Konsonant vorhanden. Genau der gleichen Mittel der Präteritalbildung bedienen sich die vier »«-Verben gern [gian] 'gehen', stean 'stehen', dwaan 'tun' und weze 'sein' (s. Tab. 10). Synchron besteht hier eine Fünfergruppe hochbis höchstfrequenter Verben. Bei jeweils unterschiedlichem Infinitiv und Präsens sind sie im Präteritum bis auf den Anlautkonsonanten identisch. Eine ganz ähnliche Präteritalanalo-

16

Im Vergleich zu den anderen altgermanischen Sprachen setzen die schriftlichen Zeugnisse des sog. Altfriesischen spät, d.h. erst im 13. Jhd. ein, was zeitlich dem Mittelhochdeutschen entspricht. Diese Periode dauert bis etwa 1500. Eine mittelfriesische Periode wird entsprechend erst von 1550-1800 angesetzt (Tiersma 1985: 4).

34 gie auf -ie wurde auch für das Mittelhochdeutsche festgestellt (s. 2.1.1.1.)· Diese außergewöhnlichen Analogien müssen entweder von dwaan (afries. dede(n) 'tat(en)') oder weze (afries. weren 'waren') ausgegangen sein (s. 6.4. im Anhang). Die Herkunft des n-Einschubs in der Pluralform hiene(n) ist nicht geklärt; sie wird von Werner (1992) als Hiatusfüller zwischen der vokalisch auslautenden Wurzel hie- und dem vokalisch anlautenden Flexiv -en gedeutet (s. auch Visser 1989). Tabelle 10: Analogien im Präteritum friesischer Kurzverben/kurzformiger Verben Nr.

Infinitiv

(1) (2) (3) (4) (5)

gean stean dwaan weze ha

'gehen' 'stehen' 'tun' 'sein' 'haben'

Prät.Sg.

Prät.Pl.

gie stie die wie hie

giene(n) stiene(n) diene(n) wiene(n) hiene(n)

Bezüglich des altfriesischen Formenbestands folgen wir Steller (1928: §103), der speziell das Altwestfriesische behandelt (s. Tabelle 11). Tabelle 11: Die Formen von altwestfriesisch habba Infinitiv Präsens

Präteritum

Imperativ Part.Perf.

habba Sg.

1 2 3

habbe, hab habt hat(h), havit, heweth, heth

PI.

1-3

habbat(h), habbet(h)

Sg.

1-3

hede, hed, hade

PI.

1-3

hadden

Sg. PI.

2 2

heb heb-t/heef-t — (*hav(e)d, *hav(e)n)

Markey (1981: 153) differenziert nicht zwischen den verschiedenen altfriesischen Dialekten und verzeichnet daher viel mehr Formen als Steller (1928), besonders solche mit e-Vokal im Präsens. Hierzu stellt er fest: Members of the third class, as exemplified by the verb 'to have', show a bewildering proliferation of variants in the older Germanic dialects, and it is not immediately clear how the common Germanic paradigm should be reconstructed (Markey 1981: 153/154).

35 Er geht von Schwankungen der Präsensformen zwischen der 1. (Jan-) und der 3. (ai- = e-) schwachen Klasse aus, d.h. von j-haltigen und ./'-losen Formen, wobei die y-IIaltigkeit Konsonantengemination imd Umlaut auslöste. Das Problem der genauen Rekonstruktion kann auch hier nicht gelöst werden. In jedem Fall sind für das Altfiriesische Klasseninstabilität und frühe Reduktionen zu konstatieren. Die l.Sg.Präs. zeigt e-Apokope. Besonders in der 2./3.Sg.Präs. und im gesamten Präteritum ist der wurzelfinale Konsonant geschwunden. Der zusätzliche Schwund des Dentalsuffixes -d im Neufriesischen beruht auf Analogie zu den irregulären »«-Verben (Tab. 10). In der Position vor einem vokalisch anlautenden enklitischen Subjektpronomen wie =er" 'er' oder =ik 'ich' wird dieses -d heute noch restituiert: hied=er 'hatte er' (Fokkema 1948: 59), vergleichbar dem /-Einschub in enklitischem a-t-il im Französischen < lat. habet. Auch das Partizip Perfekt hän hat seinen ursprünglichen Dental aufgegeben und verhält sich mit seinem Nasalsuffix wie ein starkes (Kurz-)Verb. Zusammenfassend bestehen die Besonderheiten von fries. ha(wwe) (1.) in mittlerweile fast durchgehenden Kurzformen sowohl im Präsens als auch ganz besonders im Präteritum und im Partizip Perfekt. Nur der Infinitiv, ebenso Varianten der l.Sg. und des Plural Präsens können noch — je nach Region — wurzelauslautendes -w(w)- enthalten. Auch die Vokale sind, besonders im Präsens, kurz. (2.) Des weiteren ist der Variantenreichtum im Präsens bemerkenswert, der prinzipiell auf Sprachwandel hindeutet, da Varianten die Grundlage für spätere Auswahlen bilden. (3.) Äußerst kurz ist das Präteritum, da es das Dentalsuffix aufgegeben hat, was auch für das Partizip Perfekt gilt, womit (4.) beide in die starke bzw. unregelmäßige Flexion übergegangen sind. (5.) Besondere Differenzierung kommt schließlich durch den (analogisch eingeführten) Diphthong ie zustande, den das Präteritum mit den vier im-Verben teilt. Damit gibt es kein Merkmal mehr, das auf die Vergangenheit von fries, ha als schwaches Verb hinweist. Abschließend seien (nur knapp kommentiert) die nordfriesischen Formen von HABEN aufgelistet (s. Tab. 12): Am meisten ähnelt das Mooring (als einziger Festlanddialekt) mit erhaltenem Wurzelauslaut w im Infinitiv, in der l.Sg. und im PI.Präs. dem Westfriesischen. Durchgehende Kurzformigkeit zeichnet dagegen die drei anderen (Insel-)Dialekte aus. Die konkreten Differenzierungen sind unterschiedlich, doch ist das Grundmuster wohlbekannt: Es korrespondieren der Infinitiv, die l.Sg. und der Plural im Präsens, während sich die 2./3.Sg. jeweils gemeinsam vom Rest abheben (mit Einschränkung im Mooring). Zu HABEN in anderen friesischen Dialekten s. Janzing (1999: 69).

17

Dieses Personalpronomen kommt seinerseits nur in der Enklise vor (klitischer Anschluß wird mit " = " markiert). Die Vollform lautet hy [hei] (Tiersma 1985: 65).

36 Tabelle 12: HABEN in vier nordfriesischen Dialekten (nach Jörgensen 1993)

Infinitiv Präsens

Präteritum

Mooring (Niebüll)

Fering (Föhr)

Sölring (Sylt)

Halunder (Helgoland)

heewe

haa

haa

hoa

Sg-

1 2 3

hääw hääst heet

haa heest hee

haa heest heer

hoa has hat

PI.

1-3

hääwe

haa

haa

hoa

Sg.

3

häi

hed

her

hid

hädj

hed

her

hid

Part.Perf.

2.1.5. Englisch have und die Enklitika 've, 's, 'd Mit dem Englischen kommen wir zu der letzten westgermanischen Sprache und in vielerlei Hinsicht auch zu der spektakulärsten. Das Englische hat seine Personalflexion auf ein Minimum reduziert (nur noch -s in der 3.Sg.Präs.). Bei kurzformigen Verben wie z.B. have hat es Reduktionsgrade erlangt, von denen die anderen germanischen Sprachen weit entfernt sind. Vier Verben, have, be, shall und will, sind im Englischen zu Klitisierungen übergegangen. Sowohl die vollen wie die enklitischen Formen zeichnen sich durch höchste Irregularität aus, was Warner (1993) zufolge alle englischen Auxiliare betrifft: [N]ote first that regular verbal morphology is weak or absent in auxiliaries. [...] The only fully regular forms are being and having, and I argue below that they might well be analysed as nonauxiliary forms (41).

Tabelle 13: Die Formen von englisch have Subj.Pron. Inf.

enklitisch

selbständig have

[hav]

've

[v]

ha-s

[haez]

's

[z/s]

I, you, we, they have

[haev]

've

[V]

Prät.

ha-d

[had]

'd

[d]

PP.

ha-d

[had]

Präs.

Sg. Rest

[3.

she, he, it



Zu den selbständigen Formen: Entgegen dem orthographischen Eindruck verfügt have nur über den Kurzmonophthong [ac] statt regulär zu realisierendem * fei]. In der 3.Sg.Präs.

37 erscheint statt zu erwartendem *haves *[heivz] v-loses und kurzvokalisches has [hsez] (vgl. dagegen behaves). Kurzfbnnig sind auch das Präteritum und das Partizip Perfekt had (dagegen behaved). Gesamtparadigmatische Kürze besteht in dem Kurzvokal [ae]. Zunächst sei ein Blick auf die Diachronie geworfen (Tab. 14): Tabelle 14: Die Formen von altenglisch habbati

habban

Infinitiv Präsens

Präteritum Part.Perf.

Sg-

1 2 3

hcebbe/hafii hafst/hafast hnjp/hafap

PI.

1-3 .

habbap

Sg.

1

hcefde hcefp/htefop

Zu Tabelle 14: Im altenglischen Paradigma trifft man auf die durch Klassenschwankungen zwischen den schwachen ai (= e)- und jan-We.rben bedingten Varianten. Wie schon für das Mittelniederländische festgestellt, folgte der Wurzel der 1. Klasse im Infinitiv, in der l.Sg. und im Einheitsplural des Präsens einy-Suffix, das die Geminierung zu -bb- bewirkte. Der zu erwartende Umlautvokal e ist hier jedoch nicht vorhanden (die Phonemvariante ce ist kein ('-Umlautprodukt). Wurzelauslautendes bb b z w . / i s t noch überall erhalten. Gemäß Hansen/Nielsen (1986: 229) gehen die heutigen Formen allesamt (teils sekundär-analogisch) auf die altenglischen Formen mit Frikativ zurück.

Zu den enklitischen Formen: Das Englische hat (ab dem 16. Jhd.) bei have ein zweites Inventar an Minimalformen ausgebildet, die weder synchron aus den Vollformen ableitbar noch frei mit ihnen austauschbar sind (Taylor 1989: 175ff.); damit liegt echte Paradigmenspaltung vor. Die Enklitika haben ihren Wort- und sogar Silbenstatus eingebüßt und ordnen sich phonologisch ihrer Basis, meist dem Subjektpronomen, unter. Dieses Abhängigkeitsverhältnis ist äußerst bemerkenswert, denn in vielen Sprachen sind diese Relationen umgekehrt: Normalerweise sind es die Personalpronomina, die sich mit dem finiten Verb verbinden und dabei Reduktionen erfahren. Bezüglich der Klitisierung der Objektpronomina folgt auch das Englische diesem Prinzip, doch mit der Enklitisierung des Auxiliars an das Subjektpronomen hat es als einzige germanische Sprache den umgekehrten Fall ausgebaut und grammatisiert (zur Typologie von Klitika s. Nübling 1992). Zu den Enklitika s. Tab. 15: Fast alle Verbindungen bestehen aus monosyllabisch einfachen (C)VC-Strukturen; die meisten Pronomina enden auf eine offene Silbe, die durch das konsonantische Enklitikon geschlossen wird. Die Segmentierbarkeit von Basis und Enklitikon ist immer gewährleistet. Da auch andere Auxiliare klitisieren, entstehen Homophonien: 's kann sowohl von has als auch von is stammen, ebenso 'd von had, would und should. Meist disambiguiert die folgende Verbform (Partizip Perfekt bzw. Infinitiv) die Konstruktion: they'd bought 'sie hatten gekauft' vs. they'd buy 'sie würden kaufen'. Gerade durch dieses kombinierende

38 Verfahren können solche morphologischen Überschneidungen aufgefangen werden18 (zu den Auxiliarenklitika als neue "tense-marking elements]" s. Hansen/Nielsen 1986: 193ff.)· Tabelle 15: Die Enklitika von englisch have Präteritum

Präsens =ve < have =s < has/is I've you 've she's he's it's we've they've

[aiv] |ju:v] [hi:z] [its] [wi:v] [öeiv]

=d < had/would/should I'd you'd she'd he'd it'd we'd they'd

[aid] [ju:d] Lfi:d] [hi:d] [itad] [wi:d] [Öeid]

Innerhalb einer klitischen Kette kann sich engl, 've auch an ein anderes Enklitikon heften; hier tritt es dann im Infinitiv auf: I'd've [aidev] been statt auch möglichem I would've been oder I would have been. Umgekehrt kann have auch seinerseits als Basis fungieren, und zwar in Verbindung mit der enklitischen Negationspartikel n't < not·, havenΊ, hasn% hadn't. Die Basis wird auch hier nicht durch die Enklise verändert (wie dies etwa für won't < will not zutrifft).

Leichte kombinatorische Allomorphik ist bei 's eingetreten, das nach einem stimmlosen Konsonanten [s], sonst [z] lautet. Da in der Enklise jeweils nur noch der Auslautkonsonant erhalten und die gemeinsame Basis ha- geschwunden ist, besteht bei allen Formen starke Suppletion: Weder gibt es zwischen [z/s], [v] und [d] einen gemeinsamen Nenner, noch sind diese monophonematischen Minimalmorphe segmentierbar, d.h. hier liegen hochgradige Portmanteaumorphe in Minimalausstattung vor. Wörterbücher führen diese Enklitika in der Regel als eigene Lexikoneinträge auf. Wenn sie noch mit ihrer entsprechenden Vollform syntaktisch austauschbar sind, entstehen stilistische Unterschiede: Je nähesprachlicher ein Text, desto mehr Verschmelzungen, je distanzsprachlicher, desto weniger. Im gesprochenen Englisch stellen die Klitika die Norm dar; hier würde die Verwendung von Vollformen künstlich-archaisch wirken. Zunehmend dringen sie auch in die geschriebene Sprache ein, auch hier zuerst in konzeptionell nähesprachliche Texte (eingehend s. Krug 1994 und 1998). Von diesen Klitisierungen ist nur das Hilfsverb betroffen. Beim Vollverb mit der Bedeutung 'haben, besitzen' ist die Verschmelzungsrate äußerst gering (nur in gesprochenen, nähesprachlichen Texten): *she's a house/she has a house vs. she's bought/she has bought a house. Gerade im amerikanischen Englisch entwickelt sich die Tendenz, das Vollverb have durch die Konstruktion have got (mit präsentischer Bedeutung) zu ersetzen. Während

18

Zum kombinierenden Verfahren im Neuhochdeutschens. Kap. 2.2.0. und 2.2.1.3.

39 have als Hilfsverb extremen Reduktionen unterliegt, erfährt es als Vollverb Anreicherungen (s. auch Lehmann 1995: 26). Zu der prototypischen Realisierungsform von auxiliarem have als Enklitikon schreibt Krug (1994): " A cursory glance at appendix 1 shows that on the whole, the contraction ratios are higher than mere intuition and introspection would presumably have predicted. [...] Many contractions [...] are obviously the norm rather than exceptions in the realisation of two potentially contractible items" (34). Bezüglich der klitisierbaren Verben stehen die Formen von be an der Spitze der Häufigkeit, gefolgt von denen von have (wobei hier 's vor 've kommt und dieses vor 'd) und schließlich von will/shall (ΊΙ, 'd). Auszählungen von Krug (1994 und 1998) siedeln in der Rubrik mit dem höchsten Kontraktionsanteil ("very frequent and approaching norm status"), nämlich 75% und mehr, enklitisches 's < is/has (she's, he's, it's) an (in je ca. 87% der Fälle kontrahiert!), ebenso 've in der 1 .Sg. (I've) (zu 82,2% kontrahiert). In der Rubrik "frequent" (zu 60-75% kontrahiert) befinden sich dann die restlichen Präsensformen (you've, we've, they've zu 65%, 69,6% und 68,4%) und sämtliche Präteritalformen, immer in Verbindung mit dem Subjektpronomen (I'd bis they'd, wobei diesen Formen auch weniger häufiges would zugrundeliegen kann). Auch die Futur markierenden Klitika ΊΙ < will/shall finden sich hier. Unter die nächsthäufigen Verschmelzungskategorien fallen dieselben Enklitika, allerdings in Verbindung mit Frage- und Relativpronomina oder Adverbien, d.h. die Verschmelzungsrate hängt entscheidend von der Basiswortart ab (s. auch Quirk et al. 131985: 123/124). Subjektpronomina kookkurrieren am häufigsten mit den Auxiliaren, so daß hier die höchste Kontraktionsrate besteht. In der gesprochenen Sprache bilden die Subjektpronomina I, you, we, they sowie there und where in 98,8% der Fälle (in der geschriebenen Sprache immerhin in 86,1 %) die Basis von 've (< have). Der geringe Rest von 1,2% (bzw. 13,9%) wird hauptsächlich von Substantiven und Eigennamen gestellt: "Hence, there is no linear relationship between 'host + full form' and 'host + clitic', but the most frequent potential hosts contract disproportionally more often than less frequent ones." (Krug 1994: 51; Hervorhebung von Krug). Krug kommt zu dem Schluß, daß die Gebrauchsfrequenzen der Kookkurenzen und weniger phonotaktische oder andere Faktoren über die Kontrahierbarkeit entscheiden.

Mit der Klitisierung von have ist ein Höhepunkt der Reduktion und gleichzeitig der Irreguiarisierung erreicht. Richtung und Grad der Kürzung sind einzigartig: Hier wird die gesamte Wurzel reduziert, d.h. die lexikalische Grundlage. Übrig bleibt entweder der ansonsten immer so schwundanfallige wurzelauslautende Konsonant [v] oder das Flexiv: im Fall von 's < has die Personalendung und im Fall von 'd < had das Dentalsuffix. Damit sind maximal reduzierte und gleichzeitig maximal differenzierte (stark suppletive) Portmanteaumorphe entstanden.

2.1.6. Dänisch have [hae(,)] Das Dänische ist bekannt für die große Diskrepanz zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Außerdem ist seine Orthographie stark ususreguliert: Die Lautung vieler Wörter läßt sich, ähnlich wie im Englischen, nicht eindeutig aus der Graphie erschließen. Davon sind in besonderem Maße frequente Wörter betroffen, so daß gerade die Kurzverben meist irregulär verschriftet werden. So impliziert die Graphie von < h a v e > eine Zweisilbigkeit, die nicht (mehr) vorhanden ist (zu weiterem s.u.). Tab. 16 enthält die Formen von dän. have nebst den wichtigsten Ausspracherealisierungen (auf archaisierende Varianten aus Bibel und Dichtung wurde verzichtet).

40 Vergegenwärtigt man sich die Lautungen zu den orthographischen Formen von have, so ist bis auf das Supinum wurzelauslautendes [v/f] geschwunden. Graphisch hat sich nur im Präsens die Kurzform < h a r > (statt früher < haver > ) etabliert - eine für das Dänische außergewöhnliche Innovation, da es Kurzverben kaum als solche verschriftet. Einzig im Supinum befindet sich noch in Phonie und Graphie der wurzelauslautende Konsonant / ; dialektal ist auch dieser geschwunden. Das Schriftbild enthält somit mehr Differenzierungen als die Lautung: Infinitiv und Imperativ sind heterograph, aber homophon. Infinitiv und Präsens sind durch unterschiedliche α-Laute differenziert. Die Formen ohne Stoßton kommen eher allegrosprachlich vor. Segmentelle Reflexe des einstigen v/f sind (außer in haft) nicht mehr vorhanden, wenn man vom Stud als letztem Reflex absieht. Tabelle 16: Das Paradigma von dänisch have [has*''] Graphie

graph. Endung

Phonie

have

-e

[ha:''']

har

-r

[ha''']

Prät.

havde

-de

[hae(:)öa], [haeöö]

Imper.

hav

-0

[h£ = 0 läßt sich somit nicht in Form eines bestimmten GPK-Kontextes formulieren, sondern gilt nur für ein spezielles Wort." [...] Bei dem Homographen < h a v e > 'Garten' greifen dagegen die GPK-Regeln: ['lue:v3], Weiter stellt er fest: Die Irregularität der Nullzuordnung < v e > = 0 beim Wort < h a v e > = [ hj/hae] stellt zwar eine orthographische Singularität dar, die aber nur in den seltensten Fällen zu Schwierigkeiten bei der Bedeutungszuordnung führt. Dies kommt daher, daß die Bedeutung dieses hochfrequenten Wortes kaum über die Lautung erschlossen wird. Vielmehr wird die Bedeutung der graphemischen Gestalt < h a v e > direkt zugeordnet. Dementsprechend ist die eindimensionale Konsekutivität individuell identifizierbarer Grapheme als eine Voraussetzung für die Verwendung alphabetischer GPK:en nur von untergeordneter Bedeutung. Eine singulare orthographische Irregularität wie die Nullzu-

41 Ordnung < v e > = 0 stellt somit gerade bei einem hochfrequenten Schreibwort wie kaum einen lesestrategischen Nachteil dar. In diesem Fall dürfte entsprechendes auch für das Schreiben gelten, weshalb es verständlich ist, daß < v e > = 0 nie Gegenstand ernsthafter Orthographiediskussionen war (157).

Gerade hochfrequente Wörter werden beim Leseprozeß holistisch erfaßt und direkt mit der Inhaltsseite verknüpft (s. Kap. 3.3.2.). Dieser Aspekt macht den hohen Anteil orthographischer Irregularitäten besonders im Hochfrequenzbereich plausibel. In der dänischen Substandardschreibung finden sich dagegen Kurzformschreibungen wie < ha' > , wobei Apostrophsetzungen prinzipiell Mündlichkeit und Substandardsprachlichkeit signalisieren. Außer den abweichenden GPK-Regeln divergiert die Präteritalform havde [hac(:)öa] bzgl. des Dentalsuffixes -de·. Im Dänischen existiert hier - je nach Verbklasse — e d e oder -te, doch nie -de, abgesehen von havde und einem weiteren Kurzverbpräteritum, sagde 'sagte' (s. Kap. 2.6.6.).

2.1.7. Schwedisch ha Auf einheitlichere Verhältnisse stößt man im Schwedischen: Hier ist die Bandbreite an hochsprachlichen Varianten viel geringer als im Dänischen, und die Orthographie repräsentiert relativ konsequent und eindeutig die Lautung. Eine grundsätzliche Eigenschaft der schwedischen Graphie im Gegensatz zur dänischen und deutschen ist, daß im Gesprochenen entstehende Kurzformen relativ schnell Eingang in die Schreibung finden, wenn sie häufig genug verwendet werden (s. hierzu Östman 1991, 1992, Widmark 1987 und Lindqvist 1996) (s. Tab. 17). Tabelle 17: Die Formen von schwedisch ha Infinitiv

ha

[ha(:>]

ha-r 0 im NS

[ha:r]19

Präteritum

ha-de 0 im NS

[ v had:e]

Imperativ

ha

[ha:]

Supinum

haf-t

[haft]

Präsens

jag, du, han/hon/det, vi, ni/Ni, de [dorn]

Schwed. ha ist nur eines unter verhältnismäßig vielen Kurzverben (z.B. bli 'werden', ge 'geben', ta 'nehmen' etc.; s. Tab. 95). Die Langformen ham und haver sind vollkommen

"

Grundsätzlich ist auslautendes -r im Schwedischen entweder sehr schwundanfällig oder sehr frikativ (je nach Varietät). Dennoch folgen wir der obigen Transkription.

42 veraltet. Das Paradigma von ha ist fast durchgehend kurzformig; nur im Supinum hat sich der Wurzelauslaut / - vor stimmlosen Konsonanten desonorisiert - erhalten. Umgangssprachlich und dialektal gibt es auch hier die Kurzform hatt (Cederschiöld 1902: 267, Wess6n "1992: 244). Während die massive Integration von Kurzverben in den Standard und in die Orthographie gemäß Bergman (31991) in den 60er Jahren stattfindet, wird ha schon früh als Kurzverb verschriftet. Ein guter Gradmesser für die Akzeptanz von Kurzverben sind die verschiedenen Auflagen des SAOL (Svenska Akademiens Ordlista) seit 1874 (hierzu s. eingehend Westman 1986 und Östman 1992). Diachron nimmt ha insofern eine wichtige Position ein, als es das erste Verb überhaupt ist, das reduziert wird. Früh wird auch das aus dem Mittelniederdeutschen entlehnte bliva 'werden' zu bli gekürzt. Diese beiden Hilfsverben verbindet außer ihrer starken Grammatisierung (und damit hohen Frequenz) und ihrer frühen Kürzung auch der reduzierte Konsonant selbst: In keinem anderen Wort des Schwedischen, mit Ausnahme von ge < giva, schwindet der Frikativ -v-. Viel öfter, wenn auch nicht regulär, schwinden [ö] und [γ] in dieser Position. Gemäß Östman (1992) datiert der (schriftliche) Erstbeleg für Kurzformen von ha(va) bereits aus dem Jahr 1529; dies betrifft den Präsens Singular und den Infinitiv. 1621 finden sich kontrahierte Formen der 2.Pl.Präs. ha(a)n bzw. ha'n (< haven '(ihr) habt'). Noch im 17. Jhd. tritt die weitere Kürzung der (ohnehin schon wurzelauslautreduzierten) Präteritalform had (hie1" *[ha:Öe] > ha 'hatte(n)' ein.21 Ungefähr während dieser Zeit kontrahiert sade > saa 'sagte', später auch la(g)de > loa 'legte' (s. 2.6.7.). Doch haben sich hier die Kurzpräterita - im Gegensatz zu ha 'hatte' - bis heute erhalten, und dies deshalb, weil das Präsens deutlich vom Präteritum unterschieden ist: Säger [ sej:er] 'sagt' vs. sa 'sagte' [sa:] und lägger [ legrer] 'legt' vs. la [la:] 'legte'. Nicht so bei ha, dessen Präsensform ha(r) [ha:(r)] 'hat' mit dem Kurzpräteritum ha(a) [ha:] 'hatte' kollidierte: Hos verbet hava har däremot [entgegen säga und läggä] presens och imperfekt sammanfallit (han ha'kommit ['er ist/war gekommen']). Detta är väl anledningentili att det "ljudlagsenliga" imperf. ha har blivit ersatt av ett efter 3. konjugationen (typen tro, trodde) nybildat hadde (skrivet hade) (Wessen 81992: 244).22

20

21

22

Der Wurzelauslautschwund von haffde > hadhe (> hade), ebenso der von sagde > sade (> sa) 'sagte' und von lagde > ladhe (> la) 'legte' fällt gemäß Wessen ("1992) ins 16. Jhd. Agneta Horn (eine Schreiberin im 17. Jhd.) vermeidet zwar die Kurzverbschreibung * < h a > , verwendet aber andere Schreibungen so inkonsequent, daß Östman zurecht annimmt, daß nur die Kurzform ha gemeint sein kann: "Bruket av hava hos Horn bjuder pä en komplikation. Där vi idag skulle skriva hade + supinum, dvs. i pluskvamperfektum, alternerar hon mellan hade, hafiw och har + supinum. Intressant nog underviker hon kortformen ha. Den är ju sällsynt (tvä belägg) och har möjligen en alltför talspraklig klang för Horn. Rimligtvis bör hennes användning i skrift av hafiva och har i stallet för hade tydas som att hun künde uttala alla tre varianterna som ha" (53). Übersetzung: "Bei dem Verb hava sind dagegen Präsens und Präteritum zusammengefallen (han ha' kommit ['er ist/war gekommen']). Dies ist wohl die Ursache dafür, daß das lautgesetzliche Präteritum ha durch eines nach der 3. Konjugation ersetzt wurde (vom Typ tro, trodde), nämlich neugebildetem hadde (geschrieben hade)" (Wessen 81992: 244).

43

Schwed. ha hat also wegen drohenden Zusammenfalls der reduzierten Präterital- mit den Präsensformen seine angestammte Klasse verlassen und ist in die sog. 3. Konjugatiotf3 übergetreten. Dies ist eine kleine schwache Klasse, die erst im 14. Jhd. im Schwedischen24 entsteht und nur Kurzverben umfaßt.25 Die 3. Konjugation zeichnet sich durch einsilbige Infinitive und Präsensformen, durch deutlich markierte zweisilbige Präterita mit "geschärftem" Dentalsuffix -dde [d:e] und durch einsilbige Supinumformen auf -tt [t(:)] aus. Ein prototypisches Verb aus dieser Klasse ist bo 'wohnen' ( ~ nhd. bauen), das hier dem Neuzugang von irregulär gekürztem ha gegenübergestellt wird: bo -*ha

[bu:] [ha:]

-

bodde [vbud:e] hade ['had:e] -

bott [but(:>] hafi [haft]

Irregularitäten bestehen in der archaisierenden Schreibung der Präteritalform mit nur einem < d > statt üblicherweise zwei und im Supinum mit erhaltenem Wurzelauslaut -/-; haft bildet zwar die einzige vom Altnordischen her lautgesetzlich entwickelte Form, wurde jedoch durch den in allen anderen Formen eingetretenen v/jf-Schwund im Paradigma ("passiv") isoliert. Synchron ist es als ein Fall leichter Suppletion zu werten. Umgangssprachlich existiert jedoch die Form hatt\ sie bildet den letzten Schritt zum Übertritt in die 3. Konjugation: Ocksä i supinum är väl talspräkets (han har) halt väsentligen en analogiform efter typen bo bodde bott. Den brukas numera huvudsakligen i mycket trycksvag ställning. Skriftspräket har heia tiden uppehillit den traditionella formen haft, och denna har därför alltmer fätt faste och utbredning även i talat spräk. Utvecklingen av hjälpverbet hava (har — hade — haft) är ett intressant exempel pä samspel mellan fonetiska faktorer, inflytande frin mönstergrupper (analogibildning) och frän skriftformer (Wessen 81992: 244).26

Insgesamt hat schwed. ha ein hohes Maß an Kürze erlangt, ebenso an Differenzierung: Das Supinum haft hat im Gegensatz zum Restparadigma den irregulären Reduktionen widerstanden und sich dadurch von diesem abgesetzt. Mit der Schreibung < hade > statt

23 24

25

26

Diese Klasse hat nichts mit der 3. (e-) Klasse des Altnordischen zu tun. Diese neue Verbklasse ent- und besteht auch im Norwegischen, teilweise auch im Färöischen, nicht aber im Dänischen und Isländischen. Diese rekrutieren sich aus Verba pura sowie starken und schwachen Verben, die aus unterschiedlichen Gründen (besonders oft wegen Schwund von wurzelfmalem -d(h)-) kurzformig geworden waren. Noch heute finden Übergänge in diese Kleinklasse statt (z.B. klä «- kläda). Zur Entstehung dieser Klasse s. Wessen ("1992), Jansson (1948), Bandle (1973), Haugen (1984). Übersetzung: "Auch im Supinum ist wohl gesprochensprachliches (han har) hatt '(er hat) gehabt' im wesentlichen eine Analogieform nach dem Typ bo bodde bott 'wohnen wohnte gewohnt'. Heutzutage verwendet man diese Form hauptsächlich in sehr druckschwacher Position. Die Schriftsprache hat die ganze Zeit die traditionelle Form haft bewahrt, und diese hat deshalb umso mehr in der gesprochenen Sprache Fuß gefaßt und sich ausgebreitet. Die Entwicklung des Hilfsverbs hava (har — hade — haft) ist ein interessantes Beispiel für das Zusammenspiel zwischen phonetischen Faktoren, Einfluß von Mustergruppen (Analogiebildung) und von Schriftformen."

44

regulär * wird eine GPK-Regel verletzt, womit auch eine orthographische Irregularität reduktiver Art vorliegt. Ein Höchstmaß an Kürze, nämlich den totalen Schwund, haben finites har und hade in Nebensätzen erlangt: "The supine is frequently used without the auxiliary har/ hade in all kinds of subordinate clauses, especially relative clauses" (Holmes 1994: 287). Beispiele: som du redan hört, ska vi resa i morgon 'wie du schon gehört (hast), werden wir morgen abreisen'; han sa, atthan varit sjuk 'er sagte, daß er krank gewesen (war, eig. hatte)'; om han studerat mer, skulle han ha klarat provet 'wenn er mehr studiert (hätte), hätte er die Prüfung bestanden' (ebd.).27 Diese in diesem Ausmaß nur für das Schwedische typische Auslassung von auxiliarem har/hade soll besonders häufig in der gesprochenen Sprache und in Dialekten vorkommen (s. Holm 1951 und 1960) (zur entgegengesetzten Auffassung s. jedoch Johannisson 1960, Platzack 1983 und Malmgren 1985). Die Herkunft dieser Ellipse ist nicht genau geklärt. Ihr Beginn ist in das 17. Jhd. zu datieren. Wess6n (*1992) vermutet, daß gegen 1500, als Präsens und Präteritum in ha' zusammengefallen waren, das Verb in der druckschwachen Position hinter einem Nebensatzeinleiter und dem Subjekt und vor dem Vollverb nicht mehr wahrnehmbar war: Det ljudlagsenliga ha 'har, hade' torde vara förutsättningen för 'bortfallet' av hjälpverb i bisats; det blev sä trycksvagt, att det helt försvann för örat: när han (h)a kommit fram > när han kommit fram, det var den boken ja (h)a fätt av min bror > ... jag fätt... I bisats är hjälpverbet 'har', 'hade' alltid trycksvagt; i huvudsats varierar trycket mera, och det helt trycksvaga ha(a) växlar därför med har och hade (hadde). Detta är anledningen tili att sa smäningom det utbildas en regel, att i prosaspräket har och hade kan undvaras i bisats (men icke i huvudsats). Bruket av supinum ensamt som predikat i bisats (med underförstitt 'har' eller 'hade') är som bekant utmärkande för nsv. skriftspräk. Det torde i viss utsträckning förekomma även i talspräk och i dialekt (245).28

Evidenz für dieses Druckschwächeargument liefert das heutige Nynorsk, das den haAusfall zumindest gelegentlich kennt: "Hjelpeverbet ha kan stundom falle ut, t.d. 'men det

27

Aussagen von Schwedisch-Muttersprachler/inne/n zufolge ist ha auch im Hauptsatz auslaßbar: om han [0] studerat mer, skulle han [0] klarat provet. Außerdem wird die Aa-Ellipse in der gesprochenen Sprache als absolut üblich und unmarkiert empfunden. Zur Auslassung von infinitem ha nach Modalverb s. Äkermalm (1979: 85).

28

Übersetzung: "Lautgesetzlich entwickeltes ha 'hat, hatte' dürfte die Voraussetzung für den "Wegfall" des Hilfsverbs im Nebensatz sein; es wurde so druckschwach, daß es für das Ohr ganz verschwand: när han (h)a kommit fram > när han kommit fram 'als er angekommen war (eig. hatte) > als er angekommen', det var den boken ja (h)afätt av min bror > ... jag fätt... 'das war das Buch, das ich von meinem Bruder bekommen habe > ... ich bekommen ... Im Nebensatz ist das Hilfsverb har 'hat', hade 'hatte' immer unbetont; im Hauptsatz variiert der Druck mehr, und das vollkommen druckschwache ha (a) wechselt daher mit har 'hat' oder hade (hadde) 'hatte'. Das ist die Ursache für die sich nach und nach herausbildende Regel, daß man in der Prosasprache har und hade im Nebensatz auslassen kann (aber nicht im Hauptsatz). Der Gebrauch des Supinums ausschließlich als Prädikat im Nebensatz (mit mitverstandenem 'hat' oder 'hatte') ist bekanntlich ein Merkmal der neuschwedischen Schriftsprache. In gewissem Ausmaß dürfte dies sogar in der gesprochenen Sprache und im Dialekt vorkommen."

45 var det han vilde sagt'" (Beito 21986: 295).29 In einer Fußnote fügt Beito jedoch hinzu: "Infinitiven ha heng ofte att i talcmilet som eh enklitisk -a til hjelpeverbet, t.d. han villa sagt det" (ebd., Fußn. 2).30 Dies spricht dafür, daß der Schwund kontinuierlich, d.h. über Schwächungen verlaufen ist und nicht primär syntaktisch motiviert ist. Wenig überzeugend ist jedoch die Erklärung von Haugen (1984), der den Ausfall von schwed. ha in Nebensätzen auf niederdeutsche Lehnsyntax zurückführt; das Deutsche selbst habe das Hilfsverb im 19. Jhd. wieder restituiert (479/480); zu dieser Hypothese s. auch Johannisson (1960) und Moberg (1993). Abgesehen von mangelnder Plausibilität einer solchen "Lehnellipse" stellt sich die Frage, warum sie sich nicht auch im Norwegischen und insbesondere im Dänischen etabliert hat. Besonders häufig kommt die ha-Auslassung gemäß Malmgren (1985) in Relativ- und rfa/J-Sätzen vor, ebenso in temporalen Nebensätzen: Bei Auszählungen ermittelt er hier eine etwa 90% ige Dominanz gegenüber Nebensätzen mit har/hade. Auch er geht von satzrhythmischen Faktoren aus. Da im Schwedischen alle Nebensätze mit einem Einleiter (Konjunktion, Relativpronomen o.ä.) beginnen, gerät har/hade stets in die reduktionsanfällige Akzentsenke. Die heutige Ellipse dürfte allerdings hochgradig grammatisiert sein. Andere Verben sind von solchen 0-Realisierungen nicht betroffen. Im Gegensatz zum Alemannischen, wo das Vollverb hä nur nach ganz bestimmten Modalverben fehlen kann, ist die schwedische Ellipse des Auxiliars ha heute rein syntaktisch motiviert, auch wenn sie ursprünglich satzphonetischer Natur gewesen sein mag. Das Schwedische ist übrigens die einzige skandinavische Sprache, die zur Perfektbildung ausschließlich ha verwendet und die die Äö-Auslassung kennt. Auf die Formen von an. hafa wird in Abschnitt 2.1.10. eingegangen. Hier soll es genügen, darauf hinzuweisen, daß aschwed. hava durchgehend, auch im Präteritum, wurzelauslautendes -v- bzw. -/- aufweist: havir/haver (3.Sg.Präs.); hajpi (3.Sg.Prät.); havat/haft (Supinum).

2.1.8. Norwegisch ha In Norwegen existieren zwei offizielle Schrift- und Standardsprachen: Bokmäl und Nynorsk. Das Bokmäl (gelegentlich auch als "Danonorwegisch" bezeichnet) ist vom Dänischen stark überformt und insgesamt deutlich weiter verbreitet und stärker standardisiert als das Nynorsk ("Neunorwegisch"); letzteres läßt eine Vielzahl an Varianten und Ausspracherealisierungen zu und basiert auf verschiedenen (west)norwegischen Dialekten. Um das Nynorsk vom Bokmäl abzuheben, greift man oft auf archaische Formen zurück (s. etwa Beito 21986). Bei speziellen Fragen der Transkription wurden die Auskünfte von Muttersprachlern zugrundegelegt.

29

Übersetzung: "Das Hilfsverb ha kann manchmal ausfallen, z.B. men det var det han vilde sagt 'aber das war es, was er gesagt (haben) wollte'".

30

Übersetzung: "Der Infinitiv ha hängt in der gesprochenen Sprache oft wie ein enklitisches -a am Hilfsverb, z.B. han villa [vill=(h)a] sagt det 'er wollte das gesagt haben']."

46 2.1.8.1. ha im Bokmäl Im Bokmäl (und Nynorsk) kennt keine von den in schwed. ha enthaltenen Irregularitäten. Norw. ha hat sich, abgesehen vom Supinum hatt, der 3. Konjugation" angeschlossen (s. Tab. 18). Tabelle 18: Die Formen von ha im Bokmäl und Nynorsk Infinitiv

ha

[ha:]

ha-r

[ha: r/ha: (R)]

Präteritum

ha-dde

[ v had:a]

Imperativ

ha

[ha:]

Supinum

ha-tt

[hat(:)]

Präsens

jeg, du, han, hun, vi, dere, de/De

Die Präteritalform hadde verhält sich im Gegensatz zum Dänischen und Schwedischen orthographisch regulär. Das Supinum ist kurz, d.h. -v- bzw. -/- ist in sämtlichen Positionen geschwunden. Abweichend von der 3. Konjugation - vgl. bo 'wohnen' - bodde - bodd - lautet das Supinum hatt mit stimmlosem (statt sonst stimmhaftem) Plosiv aus. Diese Abweichung erklärt sich aus der diachron zugrundeliegenden Form haft. Stärker als das Schwedische und Dänische hat das Bokmäl bei ha das Kürzeprinzip favorisiert auf Kosten vermehrter inter- und intraparadigmatischer Differenzierung. Die Ellipse des Auxiliars ha hat nicht die Verbreitung wie im Schwedischen. Nur im Konditional und Irreal kann der Infinitiv ha hinter dem Hilfsverb skulle oder vi lie ausgelassen werden: jeg skulle (ha) reparert bilenfor ferien begynte 'ich hätte das Auto repariert (haben) sollen, bevor die Ferien begannen' (Strandskogen 1986: 27; Leirbukt 1986: 8).

2.1.8.2. ha(ve) im Nynorsk Sämtliche Formen von nyn. ha decken sich mit dem Bokmäl (s. Tab. 18), außer daß für den Infinitiv auch die Langform have verzeichnet wird (Hellevik 1976, Bjones 1986, Beito 2 1986: 306). Da das Supinum der 3. Konjugation im Nynorsk die beiden Allomorphe -dd und -tt (z.B. budd/butt 'gewohnt') kennt, fügt sich das Supinum hatt noch stärker in diese Klasse ein, als dies für das Bokmäl gilt. Damit hat nyn. ha den höchsten Regularitätsgrad innerhalb der germanischen Sprachen inne.

31

Die ältere, diachron motivierte Vierklasseneinteilung der schwachen Verben wird neuerdings durch ein Zweiklassensystem abgelöst, was jedoch durch die Errichtung entsprechend vieler Subklassen erkauft wird (z.B. bei Faarlund et al. 1997).

47 Interessant ist, daß Beito ( ^ β ό ) zwischen Kurz- und Langform - ähnlich wie im Mittelhochdeutschen zwischen hün und haben - folgende Funktionalisierung beschreibt: Ved somme verb er det no ein heller fast funksjonsskilnad mellom einstavigs- og tostavigsformer; [...] ha er vanleg hjelpeverb; have (eige, fä) er sjelvstendig (Beito 2 1986: 278). 32

Da jedoch die finiten Formen und das Supinum von nyn. ha wie have immer kurz sind, kann nur der Infinitiv von dieser Funktionalisierung betroffen sein.

2.1.9. Färöisch hava Bei fär. hava handelt es sich um ein hochdifferenziertes Verb (zu den Formen s. Tab. 19). Ahnlich wie im Altnordischen und Neuisländischen zeichnet es sich durch Klasseninstabilität aus, d.h. es schwankt zwischen der schwachen ja- und der e-Klasse. Seine Formen folgen mehrheitlich der e-Klasse; dieser Klasse entspricht der Infinitiv hava, die l.Sg.Präs. havi und der Einheitsplural hava. Nur die 2. und 3.Sg.Präs. folgen dem Muster einer Wechselflexion, indem sie durch «r-haltige (statt regulär ir-haltige) Endungen und /-Umlaut abweichen: hevur (statt regulär nach der e-Klasse *havir). Im Gegensatz dazu läßt das Isländische den gesamten Präs.Sg. (1.-3.P.) derya-Klasse folgen: ig hef, pü/hann hefur (s. 2.1.10.). Das Färöische differenziert hier also stärker, indem es Personendistinktionen in den Wurzelvokal vorverlagert hat (eg havi, tüßiann hefur). Der e-Klasse folgen ferner der Konjunktiv havi und die Imperativformen, der ya-Klasse das (themavokallose) Supinum havt. Zu den Formen (s. Tab. 19): Besonders stark differenziert, ja fast aufgespalten hat sich das Präteritum, das im Singular einheitliches hevdi [ heiji] und im Plural hovdu [ hced:u] ausgebildet hat. Die Orthographie verdeckt diese Kluft. Da im Färöischen δ in aller Regel verstummt ist, wäre für den Singular die reguläre Aussprache *['he:vi] anzusetzen. Aus der tatsächlichen Aussprache mit der (typisch färöischen) Hiatusfüllung -j- geht hervor, daß auch das wurzelauslautende ν geschwunden sein muß: hevdi *['hevöi] > *hedi *['he(:)öi] > *['he(:)i] > [ heiji]. Hierdurch ist dieses Verb kurzformig geworden. Die Orthographie verletzt die geltenden GPK-Regeln zugunsten des Morphemkonstanzprinzips, der Erhaltung der graphisch einheitlichen Wurzel < h . . . v > - . Ganz ähnliche Präteritalkurzformen haben die beiden Verben siga 'sagen' (-» segdi [ seiji]) und leggja 'legen' (-» legdi [ leiji]) ausgebildet (2.6.9.), d.h. hier hat sich eine irreguläre Kleinstgruppe etabliert. Ungeklärt ist, wie es zu den Wurzelvokalen im Prät.Sg. kommen konnte: Sowohl im Altnordischen wie im Neuisländischen bestehen hier die (Rückumlaut-)Formen hafdi, sagdi und lagdi. Möglicherweise hat das Färöische hier später noch palatalisiert (die Personeneinheitsendung enthält -Γ).

32

Übersetzung: "Bei einigen Verben gibt es noch einen ziemlich festen Funktionsunterschied zwischen einsilbigen und zweisilbigen Formen; [...] ha ist gewöhnlich ein Hilfsverb; have (eige, fä) ist selbständig" (Beito 21986: 278). Diese Funktionalisierung wird jedoch nicht im Nynorskordboka erwähnt und soll nach Auskunft von John Ole Askedal nicht (mehr) existent sein.

48 Tabelle 19: Die Formen von faröisch hava Infinitiv Präsens

Sg-

1

hava

[heava]

havi

[heavi]

hevur

[he:vur]

hava

[heava]

2/3

eg tu, tygwn,

PI.

1-3

vit, tit,

Sg.

1-3

hevdi

['heiji]

PI.

1-3

hevdu

[hoed:u]

Supinum

havt

[haft]

Konj.I

havi

[heavi]

Präteritum

Imperativ

hann/hon/tad

teir/tcer/tey

Sg.

2

hav

[heav]

PI.

2

havid

[heavi]

Anmerkung: Im Färöischen bestehen Einheitsplurale in Präsens und Präteritum, wobei der Infinitiv mit dem Präs.PI. formal identisch ist. Im Präteritum gilt auch für den Singular Einheitsflexion. Die l.Sg.Präs. basiert auf der (nicht umgelauteten) Infinitiv- (bzw. Präs.PI.-) Wurzel und endet immer auf (sekundäres) -i, während die homonyme 2. und 3.Sg., beide auf -ur endend, die altnordischen Formen fortsetzen. Bei den starken Verben besteht im Präteritum noch der alte Numerusablaut. Die Konjunktive sind geschwunden (im einzelnen s. Lockwood 3 1977). Auch muß der (nicht minder auffallige) Prät.Pl. hovdu

[hoed:u] auf dem Schwund von

wurzelauslautendem ν basieren (und nicht, wie dies vordergründig erscheinen könnte, auf einer Assimilation von hevdu

> *fi0ddu [ hoed:u]). Werner (1993) zufolge haben Verben,

deren Wurzel vokalisch auslautete, oft sekundär "geminierte Dentalsuffixe" angenommen: -dd- [d:] im Präteritum und -tt pt] im Supinum. Diese markanten Dentalsuffixe entsprechen denen der sog. 3. Konjugation im Norwegischen und Schwedischen (vgl. norw. schwed. bodde).

hadde,

Die Wurzel von fär. hava dürfte in keiner der Formen lautgesetzlich

vokalisch auslauten, d.h. ν schwindet normalerweise nicht. Irregulärer v-Schwund und anschließend regulärer d-Schwund (h0vdu > *hodu*[

hcevöu > hce:öu > hoe(:)u]) hat zu

der vokalisch endenden Kurzwurzel [hce(:)]- geführt, die dann über Analogie zum markanten Dentalsuffix -dd(u)

gegriffen hat und hierdurch zu einer Stärkung gelangt ist. Damit

verfährt auch die Schreibung hochgradig irregulär. Ebenso lauten die Prät.Pl.Formen von siga

'sagen' und leggja

'legen' sogdu [sced:u] bzw. logdu ['lced:u]. Bemer-

kenswert dabei ist, daß die Prät.Sg.-Wurzel trotz gleicher Voraussetzungen -

auch sie

endet j a vokalisch - nicht das geminierte Dentalsuffix angenommen hat (also nicht [he(:)öi >

hei(j)i

*'hed:i], sondern [heiji]). Indem diese Analogiemöglichkeit im Singular nicht

wahrgenommen wurde, hat sich die markante Numerusopposition innerhalb des Präteritums herausgebildet: Reduziertes [heiji] vs. gestärktes [ hoed:u] teilen sich nur noch den Anlaut und sind damit in ein (partiell) suppletives Verhältnis zueinander getreten. Diese präteritale Numerusdifferenzierung ist als eine besondere Form der Irreguiarisierung zu werten und

49 hat sich ausschließlich bei diesen drei Verben (hava, siga, leggja) durchgesetzt; alle anderen Verben mit vokalischem Wurzelauslaut haben einen einheitlichen Wurzelvokal und einheitliches -dd- im gesamten Präteritum und -tt im Supinum (z.B. spä 'prophezeien': Prät.Sg. späddi, Prät.Pl. späddu, Sup. spätt). Eine gewisse Stütze erfährt die präteritale Numerusopposition durch den bei den starken Verben erhaltenen alten Numerusablaut. Schließlich enthält auch das Supinum havt [haft] Abweichungen: Daß es statt regulär < h a f t > verschriftet wird, zeugt wieder von der Dominanz des morphologischen über das phonographische Prinzip. Das schon im Altnordischen bestehende haft zeichnet sich durch die Desonorisierung von [v] > [f] vor [t] aus. Dieser Wurzelauslaut ist - wie in den meisten anderen skandinavischen Sprachen — erhalten; trotz des geminierten Dentalsuffixes -dd- im Prät.Pl. hat das Supinum nicht zu dem üblicherweise damit korrespondierenden geminierten Dentalsuffix -tt gegriffen (also regulär späddi/späddu - spätt [spo"t], aber [heiji]/['hoed:u] - havt [haft] statt zu erwartendem *hatt [ha4]). Als eine über die anderen skandinavischen Sprachen weit hinausgehende Grammatisierung von fär. hava ist seine Funktion als Konjunktivauxiliar hervorzuheben: In der Periphrase Präteritum von hava + Supinum vermag es sowohl irreale (vergangene) als auch reale, noch erfüllbare (zukünftige) Bedingungsrelationen auszudrücken. Das Syntagma hon hevdi konüd bedeutet also sowohl 'sie wäre gekommen' (Irrealis) als auch 'sie käme/ würde kommen' (Konditional).33 Die wichtige Unterscheidung zwischen irrealer und realer (potentialer) Interpretation liefert - so Lockwood (1977) etwas lapidar - der Kontext: "[T]he context determines the exact meaning" (132). Mit dieser Grammatisierung des Präteritums hevdi/h0vdu (in Verbindung mit dem Supinum des Vollverbs) ist ein entsprechender Frequenzanstieg dieser beiden Formen verbunden, was ihre außergewöhnlichen Reduktionen und Irreguiarisierungen plausibel macht. Immerhin ist dieses schwache Verb zu einem Inventar von insgesamt fünf Wurzelvarianten gelangt: [heav]-, [he:v]-, [hei]-, [hce]- und [haf]-.

2.1.10. Isländisch hafa Das Isländische gilt als die konservativste der heutigen germanischen Sprachen. Davon zeugt auch das Paradigma von hafa, das in keiner Position den Wurzelauslaut reduziert hat (s. Tab. 20). Wegen der vielen Umlaute werden hier die Flexive gesondert aufgeführt (s. Tab. 20). Während hava ausschließlich die Auxiliarfunktion innehat, liefert das kürzeste aller Kurzverben, isl. eiga, die Vollverbbedeutung 'besitzen'; zu seinen Formen s. Tab. 93 in Kap. 3.3.4.

33

Erne solche Überschneidung gilt auch für das Norwegische (Leirbukt 1986: 8ff.).

50 Tabelle 20: Das Paradigma von isländisch hafa Subj.Pron. Inf. Präs.

Prät.

Schreibung

Aussprache

Flexiv(e)

hafa

[ha:va]

-a

Sg.

1 2/3

eg pü, hann/ hon/paÖ

hef(hefi) hefur (hefir)

[he:f] ([he:vi]) [he:wr] ([he:vir])

0 + i-UL ur + (-UL

PI.

1 2 3

vid pid peir/ p&r/pau

höfum hafid hafa

[h0:vYm] [ha:viö] [ha:va]

-um + u-UL -iö -a

hafdi hafdir

[havöi] [havöir]

-di -dir

höföum höfdud höfdu

[hervÖYm] [hOTÖYÖ] [hervÖY]

-dum + «-UL -öud + M-UL -du + «-UL

haft

[haft]

-1

Sg.

1/3 2

PI.

1 2 3

Sup. Konj.I

Sg.

1/3

hafi

[ha: vi]

-i

Konj.II

Sg.

1/3

hefdi

[hevöi]

-di (irr. (-UL)

Imper.

Sg.

2

hafdu

[havöY]

-du

PI.

2

hafid(i)

[ha:viö(i)]

-id(i) (< piö)

Anmerkung: Das Isländische verfügt über volle Person/Numerusflexion im Präsens und Präteritum des Indikativs und Konjunktivs; dies führt zu sehr umfangreichen Paradigmen. Synkretismus besteht zwischen Infinitiv und 3.PI.Präs., zwischen der 2./3.Sg.Präs. und zwischen der l./3.Prät.Sg. und der l./3.Prät.Pl. Über die Flexions regeln informiert die letzte Spalte "Flexiv(e)". Bei den starken Verben hat sich der Numerusablaut im Präteritum erhalten. Die Imperative werden heute durch die entsprechenden enklitischen Subjektpronomina erweitert (s. Oresnik 1997).

Isl. hafa wird i.a. als unregelmäßiges Verb der 3. Klasse (e- = germ. ai-Klasse) behandelt. Besondere Kürze ist nicht festzustellen: Wurzelfinales < f > (vor stimmhaftem Laut [v], sonst [f]) ist überall vorhanden, und besondere Vokalreduktionen sind auch nicht eingetreten. Die irregulären, d.h. von der 3. Klasse abweichenden Formen von nisl. hafa sind die folgenden: • Die drei Formen des Präs. Sg.-Paradigmas verstoßen gegen die Paradigmenstrukturbedingungen der 3. Klasse. Dies betrifft beide Varianten (die eingeklammerten j'-haltigen Formen sind weniger geläufig). Die Hauptformen hef, hefur, hefur gehen mit den kurzstämmigen jö-Verben der 1. Klasse konform, sowohl was die Umlautung des Wurzelvokals als auch die Personalendungen betrifft (vgl. etwa tel, telur, telur von telja 'zählen'). Dabei handelt es sich um Relikte aus dem Altnordischen.

51 Rein synchron bietet es sich auch an, das gesamte Präsensparadigma von hafa einschließlich des Infinitivs den starken Verben der 6. Ablautreihe zuzuordnen. Die Gemeinsamkeiten sind hier viel zahlreicher als mit den kurzstämmigen (schwachen) ja- Verben, die in allen diesen Formen durchgehend MJmlaut aufweisen. Die (ü-haltigen) Verben der 6. Ablautreihe dagegen enthalten den /-Umlaut nur im Singular, doch nicht im Plural und Infinitiv. Ein solches zu hafa paralleles Verb wäre halda 'halten': held, heldur, heldur, höldum, haldid, halda (zu einer ähnlichen Klassifikation von ahd. haben s. Kap. 2.1.1.1.). Auch die Nebenformen hefl/hefir verhalten sich abweichend: Zwar tragen sie die regulären Endungen -(' und -ir der 3. Klasse, doch dürften sie keinen (-Umlaut aufweisen. Dieser kann nur über Analogie an die umgelauteten Hauptformen aus der 1. Klasse erklärt werden.

• Nach der 1. Klasse bzw. der starken Flexion ist auch der Konj.II hefdi gebildet, der normalerweise (d.h. in der 3. Klasse) keinen Palatalumlaut aufweisen dürfte und mit den Präteritalformen homonym sein müßte (also eigentlich *haföi statt hefdi 'hätte'). 34 • Die dritte Irregularität, diesmal verbunden mit einer besonderen Form der Kürze, besteht im Supinum haft, das weder der 3. noch der 1. (noch sonst einer) Klasse folgt und regulär *hafad lauten müßte. Hier ist früh Synkope des Themavokals eingetreten. Das einzige andere Verb, das auch diese Besonderheit besitzt, ist segja 'sagen' mit sagt [sakt] 'gesagt' (s. hierzu 2.6.10.). Durch diese Irreguiarisierungen hat sich hafa von sämtlichen anderen Verben isoliert. Zwar sind im Isländischen auch viele andere Verben unregelmäßig, doch ist der Irregularisierungstyp von hafa - seine spezifische Klasseninstabilität - singular. Die altnordischen Formen von hafa sind im Prinzip die gleichen wie im Neuisländischen, womit sich ein sprachgeschichtlicher Exkurs erübrigt. Was die Entwicklung vom Altnordischen zu den bereits behandelten festlandskandinavischen Sprachen betrifft, ist von einem frühen paradigmatischen Vokalausgleich zugunsten von einheitlichem α auszugehen: Ein Charakteristikum der ostnordischen Sprachen (Dänisch, Schwedisch, Bokmäl) ist ihre sog. Umlautfeindlichkeit, d.h. sie haben die (;'- und «-)Umlaute entweder schon früh abgebaut oder wahrscheinlich gar nicht erst systematisch eingeführt (Haugen 1976 und 1985, Bandle 1973). Dies erklärt die durchgehende α-Konstanz in den HABEN-Paradigmen. Nur für das ältere Nynorsk (das wie das Isländische und Färöische zum Westnordischen gehört) verzeichnet Beito (^1986: 306) auch e-haltige Formen, die jedoch zugunsten der ahaltigen Formen aufgegeben wurden. Die wichtigste Irregularität in den festlandskandinavischen Sprachen besteht im Schwund des Wurzelauslauts, der so konsequent erfolgte, daß das lautgesetzlich entwickelte Supinum haft synchron die Abweichung, die Ausnahme bildet.

34

Vgl. auch nhd. hätte, das lautgesetzlich entwickelt *hatte lauten müßte (Kap. 2.1.1.3.).

52 2.1.11. Resümee Das Hilfs- und Vollverb HAB- ist in allen germanischen Sprachen ein irreguläres und auch - mit Ausnahme des Isländischen - ein kurzes Verb geworden. Die Betonung liegt auf geworden, und dies wird in der Literatur viel zu wenig thematisiert. Die Wege zu Kürze und Irregularität sind vielfältig und sollen nun abschließend zusammengestellt werden. Einen Überblick über die wichtigsten Formen von HAB- liefert Tab. 21. Tabelle 21: Die wichtigsten Formen von HABEN in den germanischen Sprachen Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP/Sup.

(la) Alem.

hä [a:]

het!/händ!



ghä

(lb) Nhd.

haben, (ham)

hat'./haben (ham)

hatte!/hatten!

gehabt

(2) Lux.

hun [u]

huet [ u h u n [u]

hat/haten

gehat

(3) Ndl.

hebben

heeft! [e:]lhebben [ε]

had/hadden

gehad

(4) Fries.

hawwe, ha

hat/hawwe, ha

Mej [i(3)l hiene(n) li(a)l

hält [o )

(5) Engl.

have!, 'veü

's!! [s/z], has!/ 'veü [v], have!

'dü, had

had!

(6) Dän.

have [ha''']

har

havde i'haeöal

had

(7) Schwed.

ha

har

hade!

haft

(8a) Bokmäl

ha

har

hadde

hau

(8b) Nynorsk

ha/have

har

hadde

hatt

(9) Fär.

hava

hevur/hava

hevdi f heijil/ hevdu i'hced:ul

havt!

(10) Isl.

hafa

hefur (hefirj/hafa

hafdi/höfdu

hafl!

Fettdruck:

Unterstreichung: Fettdruck + Unterstreichung:

kurzformig, d.h. ohne Wurzelauslautkonsonant (und dadurch meist auch irregulär bzw. suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Lautgesetzlich entwickelt wäre HAB- in den germanischen Sprachen ein reguläres schwaches Verb mit dentalsuffixhaltigem Präteritum und Partizip Perfekt, das im Neuhochdeutschen wie laben flektieren müßte. Doch ist es in keiner germanischen Sprache in dieser stabilsten und produktivsten aller Flexionsklassen geblieben, sondern es hat sich durch

53 reduktive und irregularisierende Sonderentwicklungen, bei denen es sich anderen starken oder gar unregelmäßigen Verben - meist nur partiell - angeschlossen hat, mehr oder weniger stark von sämtlichen Verben isoliert. Reduktionen: Wie die fettgedruckten Formen eindrucksvoll zeigen, ist der (durchweg irreguläre) Schwund des wurzelfinalen Konsonanten weitaus häufiger als dessen Erhalt. Dort, wo er erhalten ist, trägt zur Paradigmendifferenzierung bei. Nur im Isländischen ist der Wurzelauslaut gesamtparadigmatisch vorhanden. Für durchgehende Wurzelauslautreduktion haben sich das Alemannische, das Luxemburgische (von den Imperativen jeweils abgesehen) und besonders das Norwegische entschieden, d.h. in diesen Sprachen verursacht diese Form der Kürze kaum/keine vermehrte Irregularität. Im Dänischen und Schwedischen beschränkt sich der Erhalt des finalen Wurzelkonsonanten auf das Supinum haft, das zwar (vom Altnordischen her) lautgesetzlich entwickelt ist, doch durch die Kürzungen im Restparadigma intraparadigmatisch isoliert wurde. Eine weitere Form der Kürze - oft mit dem Wurzelauslautschwund gekoppelt — ist die des Vokals (vgl. etwa nhd. [ha]- vs. [ha:b]-). Auch Flexive können von Kürze und Schwund betroffen sein (s. die alemannische Kurzverb-Pluralendung -nd statt regulär -ed, die vielen Infinitive auf -0, die beseitigte Singular-Endung im Präteritum von ndl. had statt *hadde 'hatte' und den Schwund des gesamten Dental- und Personalsuffixes in fries, hie [his] 'hatte'). Isl. haft 'gehabt' weist immerhin Schwund des Themavokals auf. Zu besonders ungewöhnlichen Reduktionen hat das Englische mit der Enklitisierung von have gegriffen: Hier sind es - bedingt durch die Nachtonposition - genau die Flexive ('d, 's) bzw. der Wurzelauslautkonsonant ('ve [v]), die übrigblieben, während die Wurzel ha[hje]- geschwunden ist. Regelrechte Kontraktionen vollziehen sich im gegenwärtigen Deutschen mit haben > ham. Auslautendes -m ist weder eindeutig der Wurzel noch der Endung zuzuschlagen, was zeigt, daß Kürzungen auf Kosten der Segmentierbarkeit gehen können. Auch Fälle orthographischer Kürze wurden dokumentiert: So verzichtet das Luxemburgische bei < hun > auf die Bezeichnung der Vokalkürze durch Doppelschreibung des Folgekonsonanten, ebenso das Deutsche mit < h a t > trotz regulärem < hatte > , und auch das Schwedische verletzt eine GPK-Regel, wenn es statt regulär * nur schreibt. In diesen Fällen zeichnen sich die orthographischen Abweichungen durch eine Verminderung des graphischen Aufwands, also durch Reduktivität aus. Totaler Schwund des gesamten Auxiliars besteht schließlich im Alemannischen hinter bestimmten Modalverben und im Schwedischen besonders in Nebensätzen. Hierbei handelt es sich um Reduktionen syntaktischer Natur. Irreguiarisierungen: Viele Irreguiarisierungen gehen auf nur punktuelle Kürzungen im Paradigma zurück. So arbeiten einige Sprachen wie das Neuhochdeutsche und Schwedische mit der Mischung von Kurz- und Langformen. Im Englischen ist durch die Wurzelreduktion sogar starke Suppletion entstanden: 's, 've und 'd entbehren jeglicher Gemeinsamkeit. Eine besonders interessante Irreguiarisierung hat das Färöische in den Singular- und Pluralformen des Präteritums ausgebildet, indem es einerseits durch (irreguläre) Kürzungen im Singular, andererseits durch eine Stärkung des Plurals (durch analogische Übernahme des geminierten Dentalsuffixes [d:]) eine solch extreme Aufspaltung verursacht hat, daß nur noch der Λ-Anlaut identisch ist: hevdi [heiji] 'hatte (Sg.)' vs. hevdu [hoed:u] 'hatten (PI.)'; die morphologische Schreibung verdeckt diese Kluft. Diese verschärfte präteritale

54

Numerusopposition wird von zwei weiteren schwachen Verben, fär. siga und leggja geteilt, womit streng strukturalistisch im Präteritum nur noch die asyllabischen Anlaute h-, s- und l- die lexikalische Bedeutung tragen. Abgesehen von diesen reduktiven Irreguiarisierungen vollzieht HAB- auch Irregularisierungen anderer Natur, die alle in Richtung der starken bzw. unregelmäßigen Verben weisen. Hierunter fallen die in so unterschiedlichen Sprachen wie dem Alemannischen, Nordfriesischen, Färöischen und Isländischen vorkommenden, z.T. wechselflexionsartig distribuierten i'-Umlaute im Präsensparadigma. Diese Umlaute scheinen Reminiszenzen alter Klassenschwankungen von HAB- zwischen der schwachen 1. (Jan-) und 3. (e- bzw. ai-) Klasse im Germanischen darzustellen. Im Neuhochdeutschen hat sich eine wechselflexionsartige Alternanz zwischen häb- und Λύ-Formen herausgebildet, die auf die sekundäre Mischung zweier Paradigmen zurückgehen. Im Alemannischen alternieren wechselflexivisch ä- und e-haltige Formen im Präs.Sg., im Luxemburgischen u- und we-haltige Formen; außerdem besteht hier (singulärer) Vokalwechsel zwischen Präsens (u/ue) und Präteritum (a). Auf ein altes Relikt geht im Niederländischen die 3.Sg.Präs. hetft zurück, die darüberhinaus eine kategorielle Überdifferenzierung des Präsensparadigmas bildet, indem sie von der normalerweise homophonen 2.Sg.Präs. (hier: hebt) divergiert. Ebenso stellt auch die - synchron ablautähnliche - Erhaltung des Rückumlauts in ndl. hebben had ein singuläres, analogisch nie beseitigtes Relikt dar. Dagegen hat sich das Friesische die Vokalalternanz in ha vs. hie "aktiv" über die Analogie an andere (unregelmäßige) Kurzverben beschafft, wobei es konsequenterweise ganz auf das Dentalsuffix verzichtet (im Gegensatz zum Niederländischen, das "nur" die starken Flexive, nämlich -0, "übernommen" hat). Zwar ist im Friesischen die analogiestiftende Kurzverbklasse mit insgesamt nur fünf Mitgliedern ('gehen', 'stehen', 'sein', 'tun', 'haben') äußerst klein, doch genügen offensichtlich hohe Gebrauchsfrequenzen, um irreguläre Kleinklassen nicht nur zu stabilisieren, sondern in gewissem Maße sogar produktiv werden zu lassen. Fries. ha(wwe) ist von HAB- in allen germanischen Sprachen den starken bzw. unregelmäßigen Verben am nächsten: ha — hie — hän. Auch andere Ebenen der Sprache wie z.B. die (ortho-)graphische können von Irregularisierung betroffen sein: So verschilftet das Dänische fast alle seine phonischen Kurzformen als Langformen: < h a v e > [hae0i]; s. auch engl. < h a v e > -» [haev]. Solche orthographischen Ususregulierungen betreffen immer besonders frequente Wörter und damit auch Kurzverben. Wie kein anderes Verb hat sich HAB-, bedingt durch starke Grammatisierung und Frequenzsteigerung zum heute in der Regel zweithäufigsten Verb, in allen germanischen Sprachen aus seinem stabilen Klassenverband gelöst und durch unterschiedlichste Techniken und Strategien in bemerkenswert kurzer Zeit (ca. 1000 Jahren) ein extrem hohes Maß an Kürze und Irregularität (Differenzierung) erlangt.

55

2.2. WERDEN in den germanischen Sprachen

In diesem Kapitel soll WERDEN bzw. genauer die Entsprechungen des neuhochdeutschen Auxiliars werden in den germanischen Sprachen untersucht werden. Im Gegensatz zu HAB-, dessen Hauptfunktionen als Perfektauxiliar und Vollverb sich innerhalb der germanischen Sprachen stark überschneiden, versieht nhd. werden mehrere grammatische Funktionen, denen in den germanischen Sprachen meist unterschiedliche Verben entsprechen. Die Polyfunktionalität von nhd. werden läßt sich über die folgenden Beispielsätze skizzieren: (1) (2) (3) (4)

Kopula (inchoativ): Futurauxiliar: Passivauxiliar: Konj.III-Auxiliar:

(5) Modalverb:

Sie wird/wurde krank; Sie wird/wurde Lehrerin; Sie wird morgen unterrichten; Sie wird/wurde unterrichtet; (Vorgangspassiv) Sie sagte, sie werde/würde unterrichten; (Zitiermodus) Wenn sie Zeit hätte, würde sie unterrichten;. (Konditional) Sie wird (vermutlich) unterrichten/unterrichtet haben-, (Vermutung)

Zu (1): Seine Funktion als Kopula teilt sich werden mit bleiben und sein. Alle drei Verben verknüpfen ein prädikatives Adjektiv oder Nomen mit dem Subjekt und tragen selbst nur ein Minimum an Informationen bei: sein als die neutralste Kopula dient der unmarkierten Zuschreibung einer Eigenschaft/eines Zustandes, bleiben betont deren Andauern (durativ/kontinuativ), und werden markiert deren Beginn (ingressiv/inchoativ) bzw. den Übergang von einem in den anderen Zustand (translativ). Zu (2): Zum Ausdruck des Futurs verbindet sich finites werden mit einem Infinitiv. Doch drücken die germanischen Sprachen zukünftige Ereignisse üblicherweise durch das reine Präsens, oft in Verbindung mit einem temporalen Adverb, aus. Zu (3): Als Passivauxiliar wird finites werden von einem Partizip Perfekt gefolgt. Die Kontrastierung von Satz (2) und (3) (sie wird unterrichten vs. sie wird unterrichtet) macht deutlich, daß die Kategorie Futur bzw. Passiv nicht von werden allein kodiert wird, sondern synsemantisch, d.h. im Verbund mit einer infiniten Form des Vollverbs (Infinitiv vs. Partizip Perfekt). Dieses morphosyntaktische Verfahren wird als kombinierendes Verfahren bezeichnet, gelegentlich auch als grammatischer Phraseologismus.35 Der Ausdruck von Futur und Passiv erfolgt also diskontinuierlich (s.u.). Zu (4): Zunehmender Häufigkeit besonders im gesprochenen Deutsch erfreut sich der sog. Konj.III, d.h. die Periphrase mit der Konj.II-Form würde und dem infiniten Vollverb. Der wwtfe-Konjunktiv ersetzt sowohl den Konj.I in seiner Funktion als Zitiermodus als auch den Konj.II in seiner Funktion als Konditional. Seine Verwendung hängt auch davon ab, ob das Vollverb ein schwaches bzw. ein unge-

33

Erben (1980) spricht hier von einer "Aktionsgemeinschaft" zwischen Hilfs- und Vollverb.

56 bräuchliches starkes Verb ist - wo dann meist die wörde-Periphrase eintritt oder nicht (wie etwa bei sein, haben, gehen, kommen etc. und den Modalverben mit sehr gebräuchlichen synthetischen Konj.II-Formen; s. die Duden-Grammatik 5 1995: §§270ff„ 1342ff.). Zu (5): Von der modalen Bedeutung der Vermutung soll im folgenden abgesehen werden (ebenso von peripheren Verwendungen von werden als Vollform). Diese Grammatizität und Polyfunktionalität von nhd. werden hat dazu geführt, daß es dem Häufigkeitswörterbuch gesprochener Sprache (Ruoff 21990) zufolge mit 2,67% Anteil an sämtlichen Verben das sechsthäufigste Verb bildet (nach sein, haben, gehen, kommen und müssen). Bei Ortmann (1975), der sich auf die geschriebene Sprache bezieht, ist die graphische Form werden (Inf., l./3.Pl.Präs.) sogar die dritthäufigste sämtlicher Verbformen (nach ist und war). Die Präsensform wird folgt auf Rang 5 nach hat. Diese Diskrepanzen ergeben sich — abgesehen von den unterschiedlichen ausgewerteten Textsorten — zum einen daraus, daß Ruoff (21990) im Gegensatz zu Ortmann (1975) alle Flexionsformen zu einer Grundform zusammenfaßt, zum anderen, daß die Kategorie Futur in der gesprochenen Sprache eher präsentisch ausgedrückt und das Passiv seltener verwendet wird. Das Verb werden ist zwar in allen altgermanischen Sprachen (Seebold 1970: 559/560), doch nicht in allen neugermanischen Sprachen erhalten (z.B. nicht im Englischen, Dänischen, Schwedischen). Als Vollverb ist es kaum erhalten, von peripheren Wendungen wie nhd. das wird schon wieder abgesehen. Seebold (1970) führt es auf die idg. Wurzel * wertvoll der Bedeutung 'drehen' zurück (die in lat. vertere 'wenden, drehen' präsent ist, ebenso im deutschen Richtungssuffix -wärts). Für das Germanische ist *werp-a- anzusetzen. In den altgermanischen Sprachen trägt dieses Verb noch sehr konkrete Bedeutungen (nach Seebold 1970): got. wafrpan 'werden, geboren werden, entstehen, stattfinden, kommen', ähnlich in an. verda 'werden, entstehen, hereinbrechen, geschehen, zustoßen' und ae. weordan, afries. wertha, as. werdan, ahd. werdan. Die überall vorhandene Komponente der Zustandsveränderung macht die translative bzw. inchoative Funktion der Kopula und die futurische Funktion von nhd. werden plausibel. Stärker grammatisiert ist es als Passivauxiliar und als Konj.III-Auxiliar. Dieses Funktionsspektrum hat es in keiner anderen germanischen Sprache ausgebildet; es wird immer durch mehrere Verben ausgedrückt. Doch aufgrund ihrer Auxiliarität und der daraus resultierenden hohen Frequenz sind die meisten dieser Verben trotz jeweils unterschiedlicher phonisch-materieller und morphologischer Voraussetzungen über verschiedene Wege und Strategien zu verstärkter Reduktion und Irregularität gelangt.

2.2.1. Alemannisch würde und neuhochdeutsch werden Alem. würde deckt sich weitgehend mit dem Funktionsspektrum von nhd. werden, besonders als Kopula; als Futurauxiliar ist es selten, ebenso als Passivauxiliar, da beide Kategorien eher an die Schriftlichkeit gebunden sind. Bezüglich der Konjunktivumschreibung ergeben sich folgende Unterschiede: In der Nordostschweiz herrschen wüRDE-Umschrei-

57

bungen vor, während die gesamte Rest(deutsch)schweiz tendenziell TÄTE-Umschreibungen bevorzugt (SDS III: Karte 126).

2.2.1.1. Zur Diachronie: Ahd. werdan, s(k)ulan und mhd. werden, suln/süln Im Althochdeutschen hat werdan noch nicht den Grammatisierungsgrad und folglich auch nicht die Frequenz von nhd. werden und alem. würde: Es fungiert hauptsächlich als Vollverb, Kopula und als (noch seltenes) Vorgangspassivauxiliar. Zum Ausdruck des (ebenfalls seltenen) periphrastischen Futurs dient skulan (neben wellen). Daneben tragen werdan und skulan weitere Bedeutungen. Ein Konj.III existiert im Althochdeutschen noch nicht (s. Figur 4)36: Figur 4: Funktionen und Bedeutungen von ahd. werdan und skulan Kopula (inchoativ)

I

+ Adj./+ Subst.

ahd.

werdan

Passiv (Vorgangs-)

I

Futur

(Modalität)

+ Inf.

(+ Inf.)

'sollen'

('wollen')

+ Part.Perf.

'entstehen, wachsen, geschehen ...'

Im Mittelhochdeutschen beginnt werden in den Funktionsbereich von suln/süln einzudringen, indem es zunehmend auch zum Ausdruck des Futurs eingesetzt wird. Dabei verbindet sich finites werden anfanglich mit dem Partizip Präsens und erst später, vor allem im Frühneuhochdeutschen, mit dem Infinitiv: ich wirde sprechende -» ich wirde sprechen.21 Während anfangs der inchoative Aspekt dominiert, erfolgt später die Bezeichnung der temporalen Kategorie Futur (s. Figur 5). Auch wird schon der Konditional sporadisch mit würde gebildet: ich würde sprechen (Paul et al. 231989: §237).

36

37

Alle folgenden Skizzen behandeln nur die wichtigsten Korrelate zu nhd. 'werden'; weitere Bedeutungen und Funktionen der Korrelate werden weitgehend ausgeblendet. Ob es sich um die Ersetzung der Partizipialform durch den Infinitiv handelt oder um den lautlichen Zusammenfall der (auslaut)reduzierten Partizipialform mit dem Infinitiv, ist in der Literatur umstritten (Leiss 1985 und 1990).

58 Figur 5: Funktionen und Bedeutungen von mhd. werden und suln/süln Kopula (inchoativ)

Passiv (Vorgangs-) I + Part.Perf.

+ Adj./ + Subst.

Futur

(Modalität)

+ Part. Präs. (+ Inf.)

(+ Inf.)

mhd.

(wellen)

'sollen'

'entstehen, wachsen, geschehen ...'

('wollen')

Ahd. werdan ist ein starkes Verb der Ablautreihe 3b mit grammatischem Wechsel. Hier die Stammformen (die Spirantenverschiebung, die sich im Altfränkischen erst gegen 900 durchsetzt, wird vorausgesetzt): werdan/wirdu - ward - wurtum - wortan. Der Ausgleich des grammatischen Wechsels vollzieht sich erst in der 3., dann in der 4. Ablautstufe. Wegen seiner inhärenten Perfektivität wird das Partizip Perfekt ohne das perfektive Präfix ge- gebildet (dies betrifft auch andere perfektive Verben wie findan, queman und bringari). Die 2. und 3.Sg.Präs. lauten regulär wirdis(t) und wirdit. Braune/ Eggers (141987) vermerken jedoch, daß bei Notker, also im Spätalthochdeutschen, in der 3.Sg. häufig kontrahiertes wirt statt wirdit auftritt. Zum Mittelhochdeutschen s. Tab. 22: Tabelle 22: Das Paradigma von mhd. werden Inf. Präs.

Prät.

werd-en

PP

word-en, wor-n

sg.

1 2 3

wird-e wird-est, wir-st wird-et, wir-t

Konj.I Konj.II

SgSg-

1/3 1/3

werd-e würd-e

PI.

1 2 3

werd-en werd-et werd-ent

Imper.

Sg. PI.

2 2

wirt! werd-et!

Sg.

1/3 2

wart (warde) würd-e

PI.

1/3 2

wurd-en wurd-et

Zu mhd. werden (Tab. 22): Die Kontraktion und der ^-Schwund in der 3., später auch der 2.Sg.Präs. (wirt, wirst) gewinnen im Mittelhochdeutschen an Häufigkeit; gleiches gilt für

59 die alternative Part.Perf.-Kurzform worn, die zum Neuhochdeutschen hin zugunsten von (ge-)worden wieder beseitigt wird. Besondere Beachtung verdient die eingeklammerte Form der l./3.Sg.Prät. warde 'wurde', die - so Paul et al. 23 1987: §240, Anm.6 - "zuweilen in Angleichung an die schwachen Verben" eine e-Erweiterung erfahren. Heutiger Reflex davon ist die bei werden singulare ^-Endung im ablautenden Präteritum wurde (s. eingehend 2.2.1.3.). Bei ahd. skulan/skolan bzw. sulan/solan 'werden, sollen, müssen' handelt es sich um ein Präteritopräsens der 4. Ablautreihe. Neben dem reinen Futurausdruck dient es dem (modalen) Ausdruck der Erfordernis und Notwendigkeit einer Handlung; hier ist es mit 'schuldig sein, müssen' wiederzugeben. 38 In dieser modalen Funktion hat es sich bis ins Neuhochdeutsche fortgesetzt, doch nicht als Futurauxiliar, was als Degrammatisierung zu betrachten ist (s. auch 2.2.7.2.). Der Wurzelvokalismus dieses althochdeutschen Hilfs- und Modalverbs ist uneinheitlich. Seine Stammformen sind: skolan/skulan (Inf.) - skal (l./3.Sg.Präs.) skulum (l.Pl.Präs.) - skolta (l./3.Sg.Prät.). Im Spätalthochdeutschen (Notker) vollzieht sich der Wandel von α > ο im Präs.Sg. (was auf verdumpfenden Einfluß des folgenden l zurückgeführt wird) - im Gegensatz zu der bei anderen Präteritopräsentia weiterbestehenden a/uNumerusopposition. Vor allem aber erfahrt skulan eine Anlautvereinfachung von sk- zu s-, die jeglicher lautgesetzlichen Grundlage entbehrt (regulär wäre die Entwicklung zu nhd. [J]-). Hierzu schreiben Braune/Eggers (141987): Das Verb skal, skolan erscheint seit dem 11. Jhd. meist als sal, sol, solan, früher sind die Formen ohne k selten;39 [...]. Dieses Hilfszeitwort hat oft schwachen Satzakzent (§146, Anm.

4). Der "schwache Satzakzent" wird in vielen Grammatiken und Darstellungen allzu pauschal immer dann angeführt, wenn es um die "Erklärung" irregulärer Reduktionen geht (zu diesen prosodischen Erwägungen s. 3.2.1.). Birkmann (1987: 151) schreibt hierzu: Vermutlich dürfte nicht nur der schwache Satzakzent ausschlaggebend gewesen sein; hochfrequente Wörter neigen am ehesten zur Kürzung im Ausdruck, und skulan als Modalverb und futurumschreibendes Hilfsverb ist eines der höchstfrequenten Verben im Ahd. (wie im Aschw. undAgutn.). Natürlich hängen Satzakzent und Frequenz voneinander ab - hochfrequente Wörter sind so gut wie immer unbetont - , wir stufen allerdings als auslösenden Faktor die Frequenz höher ein als die Betonung.

Zu der regulären sk- > [f]-Assimilation konnte es bei skulan nicht mehr kommen (bzw. nur dialektal), da zuvor die Anlautkonsonanz zu s- (sulan) vereinfacht worden war. Dem "gängigen" Reduktionsmuster, nämlich der Elision des finalen Wurzelkonsonanten, entspricht die im frühen Mittelalemannischen entstehende Präsens Plural-Form sund < sulent. Ebenso finden sich "nur" kontrahierte bzw. synkopierte Formen (d.h. mit erhal-

38

Siehe auch seine etymologische Verwandtschaft mit Schuld·, vgl. auch fachsprachliches Soll im Sinne von 'Schuld'.

39

So etwa kommen sie sporadisch bereits im Tatian vor (s. Birkmann 1987: 149).

60 tenem Wurzelauslaut) wie sulnd; solche Kontraktionsfonnen im Präsens Plural werden im Mittelhochdeutschen so häufig, daß sie dort als die regulären Formen gelten. Bei Notker ist das Verhältnis zwischen unkontrahierten und kontrahierten Formen bereits ziemlich ausgeglichen, aber doch so, daß in den frequenteren Personen (1./3.P1.) die kürzeren etwas zahlreicher sind, wohingegen in der 2.PI. und im Konj. die kontrahierten Formen in der Minderheit sind. Dieser Wandel und seine Verteilung bei N[otker] spricht klar für eine Abhängigkeit zwischen der Frequenz und der Neigung, im Ausdruck zu verkürzen (Birkmann 1987: 151).

Mhd. suln/süln (auch soln, sölri) 'sollen, müssen, werden' übertrifft das Althochdeutsche an Variantenreichtum, da nun auch (in ihrer Herkunft umstrittene) Umlaute in die Ind.Präs.Pl.-Formen (und auch in den Ind.Prät.) eindringen. Typisch für suln/süln ist die vorherrschende Einsilbigkeit, die im Präsens Plural auf Synkopen (sul(e)n, sol(e)n), im Konj.I auf Apokopen zurückgeht (sul(e), sol(e), siil(e), söl(e)). Die (minderfrequenten) Präterital- und Konj.II-Formen bleiben dagegen zweisilbig.40 Noch im Mittelhochdeutschen bahnt sich die Tendenz zu einheitlichem ο im Gesamtparadigma an (s. nhd. sollen - soll/sollen - sollte)·, zu erwarten, d.h. den Präteritopräsentia entsprechend wäre *söllen - sall/söllen - sollte wie nhd. können. Die Vokalnivellierung zu ο (Unterdifferenzierung) ist möglicherweise mit der Beschränkung auf die bloße modale Funktion von sollen, d.h. mit seiner Frequenzminderung in Verbindung zu bringen: Befand es sich im Althochdeutschen noch unter den höchstfrequenten Verben, rangiert es im Neuhochdeutschen Ruoff ^1990) zufolge auf Position 23. Unter den heutigen Modalverben ist es das einzige, das keinen Numerusablaut im Präsens hat. Damit hat sollen einen eigenen Weg eingeschlagen und sich (nur in diesem Merkmal) von den anderen Modalverben entfernt.

2.2.1.2. Alemannisch würde Alem. würde entspricht weitgehend dem Funktionsspektrum von nhd. werden. Doch ist der Gebrauch des synthetischen Konj.I und II im Alemannischen noch gebräuchlicher als im Neuhochdeutschen. Hier die wichtigsten Formen der Dialekte von Zürich und Basel (s. Tab. 23; wir folgen - auch in der graphischen Wiedergabe - Weber 31987, Suter 31992 und dem SDS III). Die Paradigmen enthalten rf-haltige und rf-lose Formen. Im Fall von alem. würde (wie nhd. werden) schwindet der zweite Konsonant, der als Plosiv konsonantischer ist als der Liquid. Die Reduktionen finden v.a. in der 2. und 3.Sg.Präs. statt. Im Zürichdeutschen war früher auch die l.Sg. «/-reduziert (i wäre 'ich werde'), doch ist heute die tf-haltige Form — möglicherweise unter Einfluß des Neuhochdeutschen — die geläufigere. Außerdem finden sich tf-lose Formen im Konj.II des Zürichdeutschen: i wuur neben seltenerem

40

Die radikalsten Kürzungen finden im Präsens des Alemannischen statt: Hier sind sowohl synkopierte Formen als auch wurzelauslautreduzierte Formen überaus häufig: sun(t) < sulent, son(l) < solent 'sollen' (Einheitsplural). Sogar im Präteritum finden sich hier Formen wie solle oder apokopiertes sot 'sollte'.

61 Tabelle 23: Die Paradigmen von zürichdt. weerde und baseldt. wäärde Zürich weerd-e

[ve:rda]

wäärd-e

[vae:rda]

1 2 3

wiir(d)-e wiir-sch wiir-t

[vi:r(d)3]

wiird wiir-sch wiir-d

[i:]

1-3

weerd-ed

[ε:]

wäärd-e

[*:]

woord-e

[ο:]

wdörd-e

[o:]

Infinitiv Präs.

Sg-

Part.Perf.

Basel

Konj.I

Wz.

weerd-

[ε:]

wäärd-

[*:]

Konj.II

Wz.

wuur(d)-

[υ:]

wuürd-

[u:]

i wuurd 'ich würde'. Das Baseldeutsche kennt hier nurrf-haltigeFormen. Aufschluß über dieses divergierende Verhalten liefert ein Vergleich der Karten 126 und 127 des SDS III: Das Verbreitungsgebiet der Konj.III-Bildung mit wuur(d) liegt im Nordosten der Deutschschweiz (u.a. Zürich). Ansonsten herrschen wird Ekthlipsis oder Kontraktion vorliegt, ist nicht eindeutig entscheidbar. Die gekürzte partizipiale Nebenform mhd. worn ist geschwunden. Auch die durchgehende Präfixlosigkeit des Partizips, die bis zum Ende des 16. Jhds. fast ausschließlich galt (Ebert et al. 1993: §M 87, Anm.3), wird teilweise aufgegeben, und zwar in der Funktion von werden als Kopula: sie ist krank geworden, aber (Passiv): sie ist unterrichtet worden. Damit hat sich funktional gesteuerte Allomorphik eingestellt, d.h. das werdenParadigma erfährt eine partielle Spaltung. Wirft man jedoch einen Blick auf die gesprochene Umgangssprache, ergeben sich bemerkenswerte Diskrepanzen zum (Schrift-)Standard, wie sie in ähnlichem Ausmaß auch bei haben/ham festzustellen waren: Kohler (1995: 216) ist zu entnehmen, daß sog. Formverben im Gesprochenen oft drastische Kürzungen erfahren: werden [veen]/[vei?n], wurden [vuBn], würden [ V Y B I I ] , geworden [gavoen], Die tf-Elision (nebst vokalisiertem [R]), die Synkope und die Vokalkürzung treten (außer bei standardisiertem wirst, wird) nur dann ein, wenn die Formen auf Nasal auslauten (also nicht in werdet). Damit ist der Schwund auch lautlich, wenngleich nicht lautgesetzlich determiniert: In Vergleichswörtern wie Herden, Hürden, Horden findet trotz nasaler Auslaute keine solche Reduktion statt. Durch diese irregulären Kürzungen differenziert sich das Paradigma von werden intern und extern beträchtlich. 42

Als weitere Form der Reduktion kann die (noch) fakultative Auslassung von werden in passivischen Futursätzen genannt werden (s.o.): "Doppeltes werden vermeidet man gern. Im Futurum heißt es daher oft: Er wird in Kürze aufgerufen" (Erben 1980: 100). Weitere Beispiele: daß sie unterrichtet wird (Präsens Passiv) vs. daß sie bald unterrichtet (werden?) wird (Futur Passiv). Zweifaches Auftreten von werden im gleichen Satz scheint eher dann möglich zu sein, wenn die beiden Formen nicht direkt aufeinander folgen (morgen wird sie unterrichtet werden), womit die Ellipse euphonische Gründe hätte.

Darüberhinaus enthält das Paradigma von werden beachtliche Irregularitäten und Sonderentwicklungen, die es interparadigmatisch isoliert haben. Zuerst ist auf die einzigartige Ablautalternanz e-u-o {werden — wurde — geworden) hinzuweisen anstelle von in dieser Ablautreihe regulärem e-a-o (z.B. werfen - warf - geworfen). Entgegen den sonstigen Regularitäten der Ablautreihe 3b ist im Präteritum ausnahmsweise die 3. Ablautstufe (statt der 2.) generalisiert worden. Dabei hat sich der präteritale Numerusablaut als solcher immerhin bis ins 20. Jhd. erhalten, wie ward-Formen in literarischen Texten belegen. Doch ist die ward- im Gegensatz zur wurde-Form schon seit dem 19. Jhd. stilistisch markiert. Im heutigen Deutsch kann der Ausgleich zugunsten von wurde als abgeschlossen gelten (s. Best/Kohlhase 1983b: 93/94; Moser et al. 1988: §128).

42

Zum starken Frequenzanstieg von würde auf Kosten des Konjunktivs Präteritum im Frühneuhochdeutschen s. Moser et al. (1988: §167).

65 Eine weitere Sonderentwicklung hat zu der e-Erweiterung - dem sog. epithetischen e - in der Prät.Sg.-Fonn wurd-e geführt, die möglicherweise auch als wur-de mit reduzierter Wurzel und einzigartigem Dentalsuffixallomorph -de (statt sonst -te) segmentierbar wäre (s. hierzu Bech 1969). Im Mittelhochdeutschen sind wir bereits auf die Nebenform warde 'ich/er wurde' gestoßen, die auf Analogie zu den schwachen Präterita (weniger zum Konjunktiv) zu beruhen scheint. Im Frühneuhochdeutschen werden solche e-Erweiterungen bei vielen starken Präterita (er fände, sänge, warde, sähe, ritte) so häufig, daß sie lautgesetzlichem - 0 fast die Waage halten. Parallel zu dieser Entwicklung im Indikativ vollzieht sich zunehmend ein komplementärer e-Schwund bei den entsprechenden Konjunktivformen: fänd(e), säng(e) etc. "Zum Ende des Frnhd. ist -e wieder obligatorisch für den Konj., im Ind. sind - 0 und -e etwa gleich häufig" (Ebert et al. 1993: §M 91). Die Modusdifferenzierung ist damit weitgehend wiederhergestellt. Im weiteren Verlauf wird das epithetische -e bei den starken Verben wieder abgebaut — bis auf die heute isolierte Form wurde, die etwa ab 1600 die ältere Form warde ablöst (s. Best/Kohlhase 1983b; Ebert et al. 1993: §M 91). Diese beiden singulären Sonderwicklungen - u als Präteritalablaut und die e-Epithese — haben zu einer so starken (interparadigmatischen) Differenzierung von werden geführt, so daß es weder eindeutig den schwachen noch weiterhin den starken Verben zugeordnet werden kann (Imsiepen 1983: 130). Handelt es sich mit der Verallgemeinerung der dritten Ablautstufe -u- (statt klassenkonformem -a-) um einen dieses Verb interparadigmatisch isolierenden Alleingang, ist die e-Epithese als Fall von Analogieresistenz zu bewerten: Ein im Frühneuhochdeutschen relativ weit fortgeschrittener (analogischer) Sprachwandel (Höhepunkt gegen 1700) wurde wieder abgebaut - mit der einzigen Ausnahme von wurde (Näheres zu diesem interessanten Sprachwandel s. bei Imsiepen 1983). Als weitere Irregularität ist die Imperativform des Singulars, werde, anzuführen, die regulär *wird! (wie wirf!) lauten müßte (mit Hebung). Auch hier scheint eine Anleihe an die schwachen Verben vorzuliegen. Zuletzt sei eine Auffälligkeit orthographischer Natur genannt: Die Wurzel Schreibung der 3.Sg.Präs. legt Ekthlipsis, d.h. Schwund von -et nahe. In diesem Fall sollte morphologische < dt >-Schreibung zu erwarten sein (vgl. ). Falls jedoch, was die 2.Sg. wirst nahelegt, ^-Schwund und Synkope stattgefunden haben - das Althochdeutsche und auch heutige alemannische Dialekte schreiben konsequent —, handelt es sich bei < wird > um eine ahistorische Schreibung, die jedoch wegen der Auslautverhärtung zu keiner Verletzung der GPK-Regeln führt.

2.2.2. Luxemburgisch gin, goen (und sallen, wäerden) Außergewöhnliche Verhältnisse haben sich im Luxemburgischen herausgebildet: Dem Grammatisierungsgrad und -muster von nhd. werden entspricht weitgehend das Hilfs- und Vollverb gin, ein Kurzverb, das nhd. geben entspricht und als Vollverb diese Bedeutung auch noch innehat. Nur in der Futurperiphrase ist gin nicht üblich; hier kommt goen 'gehen' zum Einsatz (s. 2.3.2. und 6.3. im Anhang), daneben die beiden defektiven Verben wäerden und sallen (s. Figur 7).

66 Figur 7:

Funktionen und Bedeutungen von lux. gin 'geben, werden' und goen 'gehen, werden':

Kopula (inchoativ)

Passiv

Konj.III

'geben'

'tun'

Futur

(Modalität)

'gehen'

2.2.2.1. Luxemburgisch wäerden (und sollen) Vorab ist mit Keller (1961) zu betonen, daß das Futur - wie in den meisten germanischen Sprachen — überwiegend präsentisch realisiert wird: "Generally the future time is expressed by the present, but goen is occasionally used, e.g. wat geet een maachen? cf. English what is she going to do?" (278).43 Die Futurauxiliare wäerden und sallen erwähnt er gar nicht, doch finden sie in ausführlicheren Darstellungen Eingang (z.B. im Luxemburger Wörterbuch, in Muller 1985-87, Bruch 1973). Lux. wäerden entspricht ausdrucksseitig nhd. werden und dient dem Futurausdruck. Gleichzeitig enthält es die Modalität der Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit oder der Erwünschtheit eines zukünftigen Ereignisses. Dies erinnert an die auch in nhd. werden enthaltene Modalität (s. Bsp. 5 unter 2.2.0.). Das Paradigma von lux. wäerden ist defektiv: Es kommt nur noch im Indikativ Präsens vor: ech wäerd du wäer(d)s hie wäerd

[ve:Rt] [ve:Rs] [ve:Rt]

mir wäerden dir wäert si wäerden

[ve:Rsn] [ve:Rt] [ve:Ran].

Abweichend von den üblichen Merkmalen starker (und schwacher) Verben, die in der l.Sg. immer auf -en und in der 3.Sg. auf -t enden, verhält sich wäerden hier endungslos: ech wäerd statt regulär zu erwartendem *wäerden. Das luxemburgische Hilfs- und Modalverb wäerden ist also zu den Präteritopräsentia übergegangen. Wie die Transkriptionen zeigen, sind einige Formen tf-reduziert. In der 2.Sg. wäers ist regulärer Schwund von d vor s eingetreten, während er in wäerden [ve:Ran] Ί./3.Ρ1.' irregulärer Natur ist.

43

Luxemburgischen Informanten zufolge hat goen nicht den Grammatisierungsgrad von engl, be going to, d.h. im Luxemburgischen ist die Komponente des Gehens viel stärker enthalten.

67 Reine Futurfunktion versieht gemäß Muller (1985-87) das Präteritopräsens sollen, das heute jedoch veraltet ist44 und durch wäerden bzw. auch goen ersetzt wird (s. 6.2. im Anhang). Neben Sailen existiert im Luxemburgischen auch sollen. Beide Verben sind das Ergebnis einer in dieser Form m.W. einmaligen Paradigmenspaltung. Während Sailen ausschließlich futurische Funktion innehat, ist sollen 'sollen, müssen' reines Modalverb mit einem kompletten Paradigma, das weitgehend nhd. sollen entspricht. Dagegen kommt sollen (wie auch wäerden) nur noch im Indikativ Präsens vor, d.h. auch sallen ist defektiv: ech sali, du sails, hie sali, mir Sailen, dir sallt, si Sailen. Seine präteritopräsentische Flexion ist im Gegensatz zu wäerden alt. Außer der sk- > s- Vereinfachung ist bei sollen die Defektivität - eine (seltene) Reduktionsform intraparadigmatischer Art - zu nennen.

2.2.2.2. Luxemburgisch gin (und doen) Ein weites Funktionsfeld umspannt gin, indem es — wie nhd. werden — (1.) die inchoative Kopula, (2.) das Vorgangspassiv und (3.) den Konj.III bildet. Schließlich ist auch (4.) die Vollverbsemantik 'geben' zu nennen. Dies läßt vermuten, daß lux. gin das dritthäufigste Verb ist (hinter sin 'sein' und hun 'haben')45. Zu den drei grammatischen Funktionen und der Vollverbbedeutung hier je ein Beispiel: (1) (2) (3) (4)

ech ech ech ech

gi gesond gi/gouffond giif bleiwen gin der eppes

'ich 'ich 'ich 'ich

werde gesund'; werde/wurde gefunden'; würde bleiben'; gebe dir was';

Zu seiner zweiten Funktion als Hilfsverb der Konj.III-Periphrase sind folgende Präzisierungen vonnöten: gin führt die Liste von insgesamt drei möglichen Allo-Auxiliaren an (daneben goen und doen\ s. 6.2. im Anhang). In einigen Arbeiten zum Luxemburgischen (z.B. Muller 1985-1987) wird gin bzw. dessen Konj.II-Form geif als einzig mögliches Hilfsverb überhaupt dargestellt. Anders Bruch (1954 und 1973), der als Alternative auch goen 'gehen, werden' (bzw. geing 'würde') und doen 'tun' (bzw. deit 'würde') anführt. Doch betont Bruch deren deutlich selteneres Vorkommen und deren modale Komponente des Wunsches. Gelegentlich auftretende Kontaminationen zwischen diesen Formen deuten daraufhin, daß die Sprecher diese Auxiliare miteinander identifizieren. In jedem Fall gilt, daß geif das mit Abstand häufigste Auxiliar der Konj.III-Konstruktion ist, gefolgt von geing und schließlich deit. Da synthetische Konjunktivformen nur noch bei den 10 bis 20 häufigsten Verben (hier sind Hilfs- und Modalverben eingeschlossen) existieren, ist die Konj.III-Periphrase entsprechend häufig (Bruch 1954: 143). Sowohl bei gin (s.u.) als auch bei goen und doen handelt es sich um Kurzverben (s. den Anhang). Wie der erste Eindruck bestätigt, sind bei gin radikale und irreguläre Reduktionen eingetreten. Die hypothetische, aus germ. *ge1f lautgesetzlich entwickelte Form müßte heute

44

45

Die Anfrage bei Muttersprachlern ergab, daß Sailen nicht einmal bekannt war. Dagegen führt Muller 1985-87: 82, 159 sollen als einziges Futurauxiliar an. Diese Diskrepanzen können nur durch starke regionale, eventuell auch zeitliche Unterschiede erklärt werden. Leider gibt es für das Luxemburgische keine Frequenzerhebungen.

68 *giewen heißen. Stattdessen ist über den irregulären Schwund des Wurzelauslauts -w- (bei gouwen, auch goufen 'gaben, wurden' - s. Fußnote 49 - oder bleiwert6 'bleiben' ist er erhalten) und anschließende Kontraktion einsilbiges gin mit Kurzvokal entstanden. Des weiteren bestehen zwischen gin und goen in einigen Positionen des Präsensparadigmas interparadigmatische Homonymien (s. Fettdruck in Tabelle 25): Tabelle 25:

Interparadigmatische Homonymien zwischen lux. gin 'werden, geben' und goen 'gehen, werden' (Fettdruck)

Infinitiv Präsens

gi-n

[gm]

goe-n/gi-n

[go: an]

Sg-

1 2 3

gi-n ge-s ge-t

[gm] [gas]47 [gas]

gi-n gee-s gee-t

[gm] [ge:s] [ge:t]

PI.

1/3 2

gi-n gi-t(t)/ge-t

[gm] [git/gst]

gi-n gi-t(t)

[gm] [grt]

Zu den Tabellen 25 und 26: Die interparadigmatischen Synkretismen zwischen gin und goen betreffen vor allem das Präsens und hier jeweils die Synkretismuskonstellation l.Sg. = l./3.Pl.Präs. (zunehmend auch den Infinitiv goen mit der Nebenform gin) sowie in der Regel auch die 2.Pl.Präs. (Fettdruck). Dabei ist es das GEHEN-Paradigma, das vom GEBEN-Paradigma die z'-haltigen Formen entlehnt hat. Hierdurch ist das GEHEN-Paradigma zu einer Art Wechselflexion gelangt, die es auf lautgesetzlichem Weg nicht erlangt hätte. Offensichtlich werden interparadigmatische Homophonien in Kauf genommen, um mehr intraparadigmatische Differenzierungen zu erlangen (s. Kap. 4.2.7.). Möglicherweise bildet diese partielle Paradigmenüberschneidung die Vorstufe zu einem Zusammenschluß zu einem echten Suppletivparadigma. Im Präsens ist dies bis auf die 2./3.Sg. bereits eingetreten. Damit würden sich auch die jeweiligen Funktionen vereinigen48, d.h. die futurische 'werden'-Funktion von goen verbände sich mit den drei anderen 'werden'-Funktionen von gin, womit das Gesamtspektrum von nhd. werden praktisch abgedeckt wäre. Hier liegt also der seltene Fall von Suppletio'n durch lexikalische Mischung in statu nascendi vor.

46

Hierzu das Luxemburger Wörterbuch: "Wgm. b entwickelt sich, noch vor dem 14. Jahrhundert, im Inlaut nach Vokal, nach l und r zu w, im Auslaut z u / [ . . . ] " (S. XXVII). Siehe auch Bruch (1954).

47

Mit diesem betonten [β] < e > folgen wir der Transkription in Christophory (1973) und (1979). Bruch (1973: 24) schreibt zu diesem Laut: "Der kurze, betonte, kaum gerundete Mittelzungenvokal e (der im Deutschen nur in unbetonten Silben steht) wird immer, auch als scheinbarer oUmlaut (selbst in Fällen, wo im Deutschen ein ö geschrieben wird) durch e bezeichnet." Die Funktion des Auxiliars zur Konj.III-Bildung teilen sie sich bereits: eck geif/geing der et soen 'ich würde ("gäbe"/"ginge") es dir sagen'.

48

69 Tabelle 26: Das Restparadigma von lux. gin Prät.

Sg.

1/3 2

gouf gouf-s

[gouf] [goufs]

PI.

1/3 2

gouf-en49 gouf-t

[goufsn] [gouft]

gi-nx

[gm]

Part.Perf. Imperativ

Konj.II

Sg.

2

gef

[gaf]

PI.

2

gi-t/ge-t

[git/gat]

Sg.

1/3 2

geif geif-s

[geif] [geifs]

PI.

1/3 2

geif-en geif-t

[geifan] [geift]

Die stärksten Reduktionen haben erwartungsgemäß im Präsensparadigma stattgefunden, wo durchgehend die vier folgenden teils irregulären, teils regulären Entwicklungen eingetreten sind: -w-Schwund, Kontraktion zur Einsilbigkeit, Monophthongierung und Kürzung des Wurzelvokals: germ. *geban > altmoselfrk. *giewen *['giavan] (reguläre Diphthongierung von e > ie in offener Tonsilbe) > *gien *[gia.3n] (w-Schwund) > [gianf (Kontraktion) > gin [gm] (Monophthongierung zu Kurzvokal vor -n). Nur der Imperativ Singular hat im Auslaut stimmloses -/konserviert. Auf diesen Wurzelauslaut trifft man auch im Präteritum und im Konj.II, der besonders durch seine Verwendung als Auxiliar in der Konj.IIIKonstruktion gefestigt ist. Damit sind einzigartige Wurzelvarianten entstanden, die sich nur noch den gemeinsamen g-Anlaut teilen: [gi]-, [ga]-, [gouf]-, [geif]-, [gaf|-. Regulär ist der bekannte Synkretismus zwischen Infinitiv, l.Sg. und 1./3.P1. im Präsens (gin), ebenso die Wechselflexion im Präs.Sg.: du ges, hie get entspricht der Hebung in nhd. gibst, gibt·, nur die Reduktionen sind irregulär: westgerm. *gWis > altmoselfrk. *giwis > *gis > lux. ges [gas] (westgerm. i in geschlossener Silbe > lux. e) (entsprechend auch in der 3.Sg.). Der Einheitsablaut -ou- im Präteritum ist fast allen verbleibenden starken Präterita eigen (z.B. blouf'blieb', koum 'kam') und geht — wie Werner (1990) nachweist — auf eine

49

Das Luxemburger Wörterbuch verzeichnet bei goufen und geifert Formen mit < w > : gouwen, geiwen. Doch ist Muttersprachlern zufolge die [f]-Schreibung und -Aussprache geläufiger.

50

In der Bedeutung 'gegeben' (Vollverb) wird es mit hun, in der Bedeutung 'geworden' (Hilfsverb) jedoch mit sin gebildet.

51

Diese Aussprache ist noch im Luxemburger Wörterbuch belegt und wird als "alt" gekennzeichnet; ebenso ist sie noch für den Norden des Luxemburger Sprachgebiets belegt (s. auch Schmitt 1963: 39).

70 Generalisierung des Ablauts aus einer Unterklasse der 2. Ablautreihe zurück. Diese konsequent durchgeführte und innerhalb der germanischen Sprachen einzigartige Analogie wird durch die im Luxemburgischen unüberschaubar gewordene Klassenaufsplitterung erklärt, die durch vielfaltige und oft komplizierteste Vokalveränderungen verursacht wurde. Gleichzeitig geht der Gebrauch des Präteritums zugunsten des Perfekts zurück, so daß ein einheitlicher Präteritalablaut den letzten "Rettungsversuch" (so Werner 1990) starker Präteritalformen darstellen könnte. Selbst einige schwache Verben haben sich dieser Einheitsklasse angeschlossen. Gleiches betrifft die Konj.II-Formen mit uniformem -eiDiphthong, den Werner (1990) als entsprechendes Umlaut- und Entrundungsprodukt zum Präteritaldiphthong betrachtet. Auch -ei- hat sich auf einige besonders häufige schwache Verben52 übertragen: kreig 'bekäme' zu kmen (dient dem Rezipientenpassiv), meich 'würde machen' zu machen, keif 'würde kaufen' zu verkafen (s. Muller 1985-87: 166). Nur bei den beiden höchstfrequenten Verben sin und hun (auch bei soen 'sagen') bestehen eigene Präteritum- und Konj.II-Formen ohne die jeweiligen Einheitsdiphthonge. Das Partizip Perfekt ist mit gin 'gegeben' äußerst reduziert: Außer den phonologischen Reduktionen ist auf die Abwesenheit des ge-Präfixes hinzuweisen, die der Liste in Müller (1985-87: 98) zufolge jedoch mehr Verben betrifft - es sind 17 - als im Alemannischen und Neuhochdeutschen53, womit die Präfixlosigkeit im Alemannischen und noch mehr im Neuhochdeutschen höher zu bewerten ist als im Luxemburgischen (zur Relativität von Irregularität s. 3.4.4.1.). Die Disambiguierung von 'gegeben' vs. 'geworden' erfolgt durch das Hilfsverb hun vs. sin, was ökonomisch im kombinierenden Verfahren realisiert wird: ech hu gin 'ich habe gegeben' vs. ech si gin 'ich bin geworden'. Wie für hun gilt auch für gin, daß es den orthographischen Vokalquantitätsbezeichnungen zufolge mit doppeltem < n n > geschrieben werden müßte. Gerade die Kurzverben bilden von dieser Regel eine Ausnahme. Zusammenfassend ist festzustellen, daß der hohe Grammatisierungsgrad von gin und die daraus resultierende Frequenzsteigerung mit dem ausdrucksseitigen Kürze- und Irregularitätsgrad korreliert. Wie das Kapitel über GEB- in den germanischen Sprachen noch zeigen wird, ist dieses Verb in keiner anderen Sprache so stark grammatisiert, reduziert und differenziert. Deutliche Evidenz für diesen Zusammenhang liefert der (auch zum Moselfränkischen gehörende) Saarbrücker Dialekt, der für gen als Vollverb 'geben' und als Hilfsverb 'werden' je unterschiedliche finite Formen ausgebildet hat; erwartungsgemäß koinzidieren die längeren Mialtigen Formen mit der Vollverbsemantik und die Kurzformen mit der Hilfsverbsemantik (nach Steitz 1981, der durchgehend transkribiert und dem wir hierin folgen); homophone Formen sind durch Fettdruck hervorgehoben, wurzelfmales b/v ist unterstrichen:

52

53

Hier findet sich eine Parallele in schweizerdeutschen Dialekten, die bei denselben schwachen Verben starke Konjunktive entwickelt haben: vgl. z.B. berndt. miech [ιηϊβχ] 'würde machen' zu mache, chieff [xiaf] 'würde kaufen' zu chouffe etc. (s. Marti 1985: 144; Nübling 1997). Von Präfixverben ohne Initialakzent (z.B. be-/zer-/ver-/entgehen), deren Partizip immer ohne gegebildet wird, wird hier abgesehen.

71 Tabelle 27: Paradigmenspaltung bei gen 'geben' und 'werden' im Saarbrücker Dialekt Infinitiv Präsens

[gen] 'werden' (Passiv)

Sg-

1 2 3

[gen] 'gebe' 'gibst' [gebd] 'gibt'

[gen] 'werde' [ge/] 'wirst' [ged] 'wird'

PI.

1-3

[gen] 'geben'

[gen] 'werden'

[g«b] 'gegeben'

[gen] 'geworden'

Part.Perf. Konj.II

[gen] 'geben'

Sg.

1/3 2

[ge:y 'gäbe' [ge:bj] 'gäbest'

[ge:d] 'würde' [ge:dj] 'würdest'

PI.

1-3

[ge:va] 'gäben'

[ge:de] 'würden'

Während im Luxemburgischen formal nur noch das Hilfsverb hun vs. sin in der Perfektperiphrase über die Semantik von partizipialem gin entscheidet (hun -» 'gegeben', sin -» '(ge)worden'), ist im Saarländischen eine fast komplette Paradigmenspaltung eingetreten: [geb] 'gegeben'vs. [gen] 'geworden'. Übrigens existiert hier neben gen als (wichtigerem) Hilfsverb auch wire [ vire] 'werden', das nur mit Kurzvokal und fast durchgehend ohne d vorkommt (Steitz 1981: 268/269).

Exkurs: Zur Auxiliarisierung von 'geben' zu 'werden' von luxemburgisch gin Bei der lux. 'geben' -» 'werden'-Grammatisierung handelt es sich um einen bisher viel zu wenig wahrgenommenen, äußerst interessanten Grammatisierungspfad, den jüngst Bellmann (1998) erst genauer in den Blick genommen hat und den das Luxemburgische mit dem Chinesischen teilt.54 Das 'geben'-Passiv muß auf eine nachmittelalterliche, mangels Verschriftung uns unzugängliche Entwicklung zurückgehen und findet sich auch in den an das Luxemburgische angrenzenden deutschen (moselfränkischen) Dialekten (s. Christa 1930, Schirmunski 1962, Steitz 1981, Bellmann 1996 und 1998). Als Futurmarker findet 'geben' keine Verwendung, doch deckt es - von seiner Vollverbsemantik abgesehen - die übrigen Funktionen von nhd. werden ab (Inchoativkopula, Konj.III-Bildung). Als Passivauxiliar beschränkt es sich auf den (kombinierenden) Ausdruck des Vorgangspassivs: ech gifond 'ich werde gefunden'. Immerhin handelt es sich bei geben um ein transitives, dreiwertiges Verb mit donativer, vom (belebten) Agens fortweisender Semantik. Der Handlungsempfänger (Experiencer) steht im Dativ, das Handlungsziel (Patiens) im Akkusativ: ich gebe ihr das Buch. Üblicherweise grammatisieren Verben mit entgegengesetzter Handlungsdirektionalität zu Passivauxiliaren (s. etwa die Rezipientenpassivauxiliare bekommen, kriegen und erhalten im Neuhochdeutschen), bei denen das Subjekt Patiens der Handlung ist: er kriegt/bekommt

54

Näheres zu diesen Konstruktionen siehe bei Kautz (1991: 69ff). Für diesen Hinweis danke ich Martin Haspelmath, für nähere Erläuterungen Li Shengchao.

72 sein Fahrrad repariert (zum Rezipientenpassiv s. Askedal 1984). Bei der Entwicklung von 'geben' zu passivischem 'werden' muß daher von einem "Grammatisierungsumweg" ausgegangen werden, und zwar über die inchoative bzw. translative Kopula: 'geben' -» 'werden' (inchoativ/translativ) -» 'werden' (Passiv).55 Der gleiche Weg gilt für die bairische 'kommen'-Grammatisierung: 'kommen' (Vollverb) -»'werden' (inchoativ) -»'werden' (Passiv) (zur Verbreitung im Bairischen und auch in Randgebieten der Deutschschweiz s. Wiesinger 1989, Eroms 1995). Eine gewisse Bestätigung dieser Grammatisierungsstufen liefert wieder der Saarbrücker Dialekt, der wie das Luxemburgische [gen] 'geben' zum Passivauxiliar entwickelt hat; noch teilt der Saarbrücker Dialekt diese Funktion mit älterem und insgesamt seltenerem [vire] 'werden' (Passiv). Nun versieht [gen] 'werden' (Passiv) gleichzeitig — im Gegensatz zu [vire]! 'werden' (Passiv) — die Funktion der Kopula: [gen] 'werden' (inchoativ). Hier hat [gen] älteres ['vire] offensichtlich bereits verdrängt, was darauf hindeutet, daß die Grammatisierungsetappe als Kopula älter ist, d.h. der Stufe des Passivauxiliars zeitlich vorgelagert ist.

Daß werden, kommen und geben diesen Grammatisierungspfad beschritten haben, erklärt sich gemäß Bellmann (1998) wie folgt: (1.) handelt es sich um Bewegungsverben, im Fall von geben im Sinn einer "kausative[n] Beförderungsbewegung [...], durch die ein Objekt Ζ aus der Verfügung von Α in die von Β übertragen wird" (252). (2.) legt diese "ProtoBedeutung" den Ausdruck von Inchoativität nahe. (3.) handelt es sich um Richtungsverben; dabei scheint die genaue Richtungsbewegung neutralisiert zu werden ('kommen' und 'geben' sind ja diesbezüglich einander entgegengesetzt). Bellmann reduziert dies auf eine allgemeine Deixis dieser Verben. Schließlich spielt Intransitivität eine wichtige Rolle, die ursprünglich aber nur werden und kommen im Gegensatz zu geben zukommt. Im Zuge seiner Auxiliarisierung (nicht als Vollverb) wurde geben intransitiviert, ähnlich wie haben im Zuge seiner Grammatisierung zum Perfektauxiliar. Grammatisierungen von geben zum Kopulaverb mit nachfolgendem Prädikatsnomen (jedoch nicht -adjektiv) sind auch im Neuhochdeutschen und vor allem seiner Umgangssprache zu finden, z.B. in Sätzen wie: Was gibt denn das? Gleich gibt es ein Gewitter. Das gibt ein Problem/eine Katastrophe. Sie gibt einmal eine gute Lehrerin. Die Standardsprache verwendet hier noch eher Präfixbildungen wie ergeben, abgeben etc. Solche Sätze dokumentieren das in geben enthaltene Kopula-Potential. Weitere Grammatisierungsschritte bestehen in der Verbindung von ingressivem geben mit unpersönlichem Subjekt und

55

Speziell über die Herausbildung von Passivauxiliaren ist in der mittlerweile intensiven und umfangreichen Grammatikalisierungsforschung überraschend wenig gearbeitet worden. Daß die Passivgrammatisierung über das Stadium der Inchoativkopula läuft, stellt auch Lehmann (1995: 32) fest: "The notion of 'becoming' is at the basis of the auxiliary which serves in German (werden) and Persian (sodan) passive constructions; it also appears in the English grt-passive. Because of the basic meaning of the auxiliary, these passives were originally inchoative; wird grammatikalisiert would have meant 'becomes grammaticalized', the passive meaning being carried exclusively by the participial form of the main verb. With increasing grammaticalization, however, the auxiliary loses its inchoative meaning and becomes a mere carrier of finite verbal categories. This is another example of renovation through complex reinforcement." Doch bleibt die Frage nach der Entwicklung von 'geben' zur Inchoativkopula 'werden' offen.

73 schließlich mit einem Prädikatsadjektiv, von wo der Weg zum Partizip Perfekt und damit zur Passivkonstruktion nicht mehr weit ist5®, zumal - wie Bellmann betont - in althochdeutschen Texten passivische Partizipien wie Verbaladjektive flektiert wurden (in Kongruenz zum Subjekt). Was die konkrete Verteilung der unterschiedlichen Funktionen von gm-Formen im Luxemburgischen betrifft, so existieren hierfür leider keine Untersuchungen. Doch hat Bellmann ein auf Schrifttexten basierendes Korpus für den Trierer Dialekt erstellt und analysiert. Abgesehen von der grammatisierungsbedingt auffallend hohen Tokenfrequenz der geben-Fouaen (bis um das Vierfache erhöht) gelangt er bei den ausgewerteten 373 Belegen zu folgender Verteilung: 42,3% als Passivauxiliar (darunter 2,9% mit indefinitem Subjekt), 26% als Kopula, 24,1% standardkonform, d.h. vor allem als Vollverb 'geben' und schließlich 1,9% in der Vollverbhandlung von nhd. werden. Doch dürfte sich der hohe Passivanteil zum Teil durch das schriftsprachbasierte Korpus erklären. Damit sind die wichtigsten Etappen auf dem verschlungenen Grammatisierungspfad von lux. gin zum Passivauxiliar skizziert. Auch weitere Grammatisierungsphänomene wie die Synsemantisierung sind eingetreten, indem gin nur kombinatorisch (im Verbund mit dem Partizip Perfekt) das Passiv konstituiert. Die in 'geben' enthaltene Dynamik legt es nahe, daß gin zum Vorgangs- (und nicht zum Zustands-) Passiv grammatisiert wurde. Insgesamt bleibt zu hoffen, daß dieser außergewöhnliche luxemburgische Sprachwandel die ihm gebührende Beachtung in Form einer umfassenden dia- und synchronen Untersuchung erfährt.

2.2.3. Niederländisch worden, gaan und zullen Auf geordnetere Verhältnisse trifft man wieder im Niederländischen, was mit der länger bestehenden Verschriftlichung und stärkeren Normierung dieser Sprache - im Vergleich zum Luxemburgischen und Friesischen - zusammenhängen dürfte. Ndl. worden, gaan und zullen teilen sich die vier Funktionen von nhd. werden (s. Figur 8). Figur 8: Die Funktionen von ndl. worden, gaan und zullen

ndl.

56

Kopula

Passiv

Futur

Konj.III

(Modalität)

+ Adj/Subst.

+ Part. Perf.

+ Inf.

als zou

( + Inf.)

gaan

zullen

worden

Von hier aus wäre auch der Weg zu einem Futurauxiliar nicht allzu weit: Statt eines Partizips verbindet sich das Auxiliar mit einem Infinitiv.

74 2.2.3.1. Niederländisch worden (und gaari) Ndl. worden entspricht etymologisch nhd. werden und versieht auch zwei seiner Funktionen, die der inchoativen Kopula und des Passivauxiliars (s. Tab. 28). Ndl. gaan dient dem Futurausdruck. Tabelle 28: Die Formen von ndl. worden Infinitiv Präsens

Präteritum

['vorda(n)]

Sg.

1 2/3

word word-t

[vort] [vort]

PI.

1-3

word-en

['vorda(n)]

Sg.

1-3

werd

[vert]

PI.

1-3

werd-en

['verda(n)]

ge-word-en

[%a'vord3(n)]

Part.Perf. Imperativ

word-en

Sg.

2

word

[vort]

PI.

2

worden jullie

['vorda(n)]

Ndl. worden hat keine besonderen Kürzen entwickelt. Die < dt>-Schreibung in der 2./3.Sg. Präsens dient der Erhaltung graphischer Morphemkonstanz. Doch hat worden mit seinem Wurzelvokalismus singulare Entwicklungen vollzogen, die es von sämtlichen Mitgliedern der einstigen Ablautreihe 3b entfernt haben und die für heutiges worden eine eigene Ablautreihe bzw. Klasse erforderlich machen (s. Hempen 1988: 284, Haeseryn et al. 1997: 92). Die einzelnen — noch nicht ausreichend geklärten — Schritte lassen sich gemäß Hempen (1988) wie folgt resümieren: Im Altniederfränkischen verhält sich werthan der Ablautreihe 3b konform. Den Ablaut e-a-u-o teilt es sich mit elf weiteren Mitgliedern57. Im Mittelniederländischen wird α vor r + Labial/Velar zu e gehoben, was, obwohl mit d ein Dental vorliegt, ausnahmsweise auch auf mndl. werden angewandt wird: Die zweite Ablautstufe ward 'wurde' wird zu werd. Da außerdem zuvor der Vokalismus der 3. Ablautstufe («) zugunsten der 2. Ablautstufe (a) ausgeglichen worden war (wurden -» warden), ist nach Wirken dieses Lautgesetzes jegliche Vokalopposition zwischen Präsens und Präteritum aufgehoben: mndl. werden - werd(en) 'werden - wurde(n)'. Im 16. Jhd. sind im Präsensparadigma e- und o-Vokale zu verzeichnen, wobei sich ο aus der Labialisierung des e nach w- ergeben haben könnte. Der Präteritalvokal schwankt zwischen -e-, aus der 7. Reihe entlehntem -ie- (fläm. wiert 'wurde') und -o-, wobei hier neben selteneren

57

Hinzu kommt der grammatische Wechsel, der später (im Mittelniederländischen) zugunsten von th (später > d) ausgeglichen wird.

75 starken Formen (z.B. wort 'wurde') ähnlich wie im Deutschen e-erweiterte Bildungen vorherrschen (worde 'wurde'). Stabil bleibt der Vokalismus mir im Partizip Perfekt (ge)worden. Langfristig kristallisiert sich im Präteritum der Vokal -e- (werd 'wurde') heraus und im Infinitiv -o- (worden 'werden'), was Hempen (1988) mit dem Einfluß von partizipialem (ge)worden in Verbindung bringt. Doch sind m.E. auch assimilatorische Prozesse zu berücksichtigen (we- > wo-). Solche verstärkten Labialisierungen (besser: Überlabialisierungen) treten besonders unter Höchstfrequenz auf, was präsentisches wordim Gegensatz zu präteritalem werd(-) plausibel macht (vgl. auch ndl. komen (Präs.) < queman vs. kwam (Prät.), wo auch nur im Präsens kwe- > ko- labialisiert wurde). Dieser ganze Vorgang läßt sich resümierend wie folgt skizzieren: mndl. werden — ward — (ge)worden > werden - werd - (ge)worden > werden - werd(e)/wierd/word(e) geworden > ndl. worden - werd - geworden. Die meisten anderen Klassenmitglieder haben langfristig den Wechsel e-o-o durchgesetzt; manche, wie helpen 'helfen' und werpen 'werfen', haben die Lösung mit dem analogischen ie-Ablaut bevorzugt (Donaldson 1981: 130-132). Nur worden hat zu dem singulären Ablautmuster o-e-o gegriffen, was es interparadigmatisch isoliert hat. Doch verhält es sich intraparadigmatisch den starken Verben konform (im Gegensatz zum Neuhochdeutschen). Zu gaan s. 6.3. im Anhang.

2.2.3.2. Niederländisch zullen Ndl. zullen dient — neben gaan — dem Futurausdruck, wobei gaan das üblichere und weniger markierte Hilfsverb ist; "zullen drückt meistens nicht nur den Zukunftsaspekt, sondern eine zusätzliche modale Bedeutung aus: eine Zusicherung/ein Versprechen, einen Vorschlag usw." (Berkel/Sauer 1994: 146; s. auch Bybee et al. 1994: 257). In seiner Präteritalform zou und in Verbindung mit einem infiniten Vollverb kommt es der nhd. Würde-Funktion nahe. Tab. 29 enthält die Formen. Tabelle 29: Die Formen von ndl. zullen Infinitiv Präsens

Präteritum

Part.Perf.

zull-en

['zYla(n)]

Sg-

1/3 2

zal zul-t/zal

[zat] [zYlt] [zal]

PI.

1-3

zull-en

('zYta(n)]

Sg.

1-3

zou

[zau]

PI.

1-3

zou-d-en

['zauda(n)] ugs.: ['zaua(n)]!



Ndl. zullen ist von alters her ein Präteritopräsens. Wie im Althochdeutschen wird auch im Altniederfränkischen seine Anlautkonsonanz sc- [sk]- zu s- [z]- vereinfacht. Der a/u-

76 Numerusablaut im Präsens hat sich bis heute erhalten. Hinzu kommt im 16. Jhd. im Zuge der allgemeinen Ersetzung der 2.Sg. zal durch die 2.P1. zult eine α/«-Differenzierung im Singular, was den Präs.Sg. zusätzlich differenziert. Besondere Reduktionen haben sich im Prät.Sg. eingestellt: mndl. zulde 'sollte, wurde' erfahrt eine reguläre /-Vokalisierung vor Konsonant zu zoude (vgl. ndl. goud < gold 'Gold'). Auch die Apokopierung zu *zoud entspricht den lautgesetzlichen Entwicklungen vom Mittel- zum Neuniederländischen. Keine lautgesetzliche Basis hat dagegen der Schwund des Auslauts -d, der zu heutigem z.ou im (Einheits-)Singulai58 vs. zouden im (Einheits-) Plural geführt hat. Hempen (1988) motiviert diese Entwicklung mit dem Vorbild der starken Verben, die durchgängig im Singular Einsilbigkeit und im Plural Zweisilbigkeit aufweisen. Die Einsilbigkeit wäre allerdings mit der Apokope schon erreicht gewesen, und *zoud entspräche z.B. starkem bond 'band'. Daher muß bezweifelt werden, daß der rf-Schwund nur analogisch nach dem Vorbild der starken Verben motiviert war (in bond 'band' oder had 'hatte' ist er ja erhalten). Vielmehr ist er in die Kategorie irregulärer Reduktionen mit resultierender Paradigmenheterogenisierung einzuordnen: In Infinitiv (zullen) und Präsens (zat) endet die Wurzel auf -/, im Prät.Sg. (zou) auf Vokal (bei gleichzeitig optimaler CV:-Silbenstruktur) und im Prät.Pl. (zoud-en) auf -d. In Anbetracht der Dentalsuffixlosigkeit im Prät.Sg. ist das d im Prät.Pl. als Teil der Wurzel zu analysieren (das Präteritum wird bereits durch den Vokalwechsel kodiert), d.h. ihm kommt der gleiche Status zu wie das d in bonden 'banden'. Doch deutet sich bereits in der gesprochenen Sprache mit ['zaua(n)] der Schwund dieses wurzelfinalen -d an. Als Bilanz ist die Entstehung von vier Wurzelallomorphen festzustellen59; außerdem findet eine starke Komprimierung und gleichzeitige Vorverlagerung (Vokalwechsel statt Dentalsuffix) der Kategorien im Wort statt; gemeinsamer Nenner bleibt anlautendes z-. Vermutlich hat die Frequenzsteigerung von zou/zouden als Auxiliar der Konj.III-Konstruktion diese besondere Reduktion und Irreguiarisierung begünstigt (s. auch Nielsen 1988). Eine ganz parallele Entwicklung hat kunnen 'können' vollzogen, dessen Prät.Sg.-Form kon sich irregulär aus konde herausgebildet hat. Etwas anders bei mögen 'dürfen', dessen Prät.Sg. den /-Auslaut bewahrt hat: mocht 'durfte' < mndl. mochte.

2.2.4. Friesisch wurde und sille Das Westfriesische hat sowohl wurde als auch sille auxiliarisiert: wurde ist inchoative bzw. translative Kopula und Passivhilfsverb, sille drückt das Futur aus. Das Präteritum von sille dient (ähnlich nhd. würde) dem Ausdruck des Konditionals (Tiersma 1985: 75), wobei diese Periphrase seltener ist als im Niederländischen und Neuhochdeutschen. Stattdessen

58

In der Enklise vor (vokalisch anlautendem) u 'Sie' findet sich noch ein Relikt des alten Dentalsuffixes: zoudt u (neben zou u) 'würden Sie'; vgl. hierzu fries, hied er 'hatte er' (sonst hie 'hatte') und frz. a-t-elle 'hat sie' (sonst eile α 'sie hat').

59

Damit bildet das Niederländische einen deutlichen Kontrast zum Deutschen, wo weitaus weniger grammatisiertes sollen nur über eine einzige uniforme Wurzel verfügt (soll-).

77

verwendet das Friesische zum Ausdruck des Konditionals die Präteritalformen der Vollverbeii. Dcnnoch finden sich Konj. III-Konstruktionen wie dot it moogHk w&ze sot 'daß es möglich wäre' (wörtl.: 'sein würde') oder dat er moarn wer komme soe 'daß er morgen wieder käme' (wörtl.: 'kommen würde') (Bosma-Banning 1981: 110). Trotz im einzelnen bestehender Unterschiede gelangt man zu einer ähnlichen Funktionszuordnung wie im Niederländischen (s. Figur 9). Figur 9: Die Funktionen von fries, wurde und sille Kopula

Passiv

+ Adj/Subst.

+ Part. Perf

fries.

Futur

V wurde

Konj.III

(Modalität)

sille

2.2.4.1. Friesisch wurde Tabelle 30: Die Formen von fries, wurde wurd-e

['v0r3)/['v0d3] f>o

1 2 3

wurd wurd-st wurd-t

[v0r]/[v0t]

PI.

1-3

wurd-e

[v0re]/['v0da]

Sg.

1/3 2

waard waard-st

[va:r]/[va:t] [va:(r)st]

PI.

1-3

waard-en

[va:rn]/['va:dn]

wurd-en/ woar-n

[v0rn]/['v0dn]

wurd

[v0r]

Infinitiv Präsens

Präteritum

Sg-

Part. Perf. Imperativ

60

Sg./Pl.

2

[V0St] [V0t]

[voan]

In der Abfolge der Aussprachevarianten bin ich den Auskünften eines Muttersprachlers gefolgt, der die jeweils erste Form präferiert.

78

Fries, wurde ist ein irreguläres Verb mit der einmaligen Vokalalternanz wurde [0] waard [a:] - wurden [0]. Bei den Formen in Tab. 30 sind die Transkriptionen besonders wichtig, weil sie durch die Orthographie verdeckte Reduktionen offenlegen. Die Aussprache [0] für < u > folgt friesischen GPK-Regeln. Die in den Transkriptionen angezeigten Kürzungen sind teilweise lautgesetzlicher Natur, teilweise nicht. Tiersma (1985: 32) ist zu entnehmen, daß jedes [r] vor den Dentalen/Alveolaren [t, d, n, 1, s, z] schwindet, was sämtliche Formen von wurd- betrifft. Ebenso schwindet ein d vor den Flexiven -stund -t, d.h. die Realisierung [v0st] 'wirst', [v0t] 'wird' und [va:st] 'wurdest' ist regulär. Nichtlautgesetzlicher Natur sind die Aussprachevarianten ohne wurzelfinales -d, z.B. [v0ra] 'werden'. Eine besonders kurze Partizipialform verzeichnet Eisma (1989: 60) mit woarn [voan]. Schwierig gestaltet sich mangels Literatur die genaue Ableitung von neufries. wurde aus dem Altfriesischen. Steller (1928) zufolge bestanden im Altfriesischen (13.-15. Jhd.) die folgenden vier Ablautstufen (mit grammatischem Wechsel): wertha — warth — wurdon — worden. Während hier ausnahmsweise die zweite Ablautstufe im Präteritum generalisiert wurde (statt üblicherweise der dritten), ist der Wurzelvokal [e] der ersten Ablautstufe möglicherweise unter Einfluß des w- zu einem [u] gerundet worden (ähnlich wie im Niederländischen). Die anschließende Entwicklung von [u] > [0] scheint regulär zu sein, wofür Parallelfälle wie z.B. < h u r d > [ce] < *herd 'Ofen'Juster [oe] < *gester(n) 'gestern' etc. sprechen. Nach Ausweis von Sjölin (1969) existiert für fries. < u > [0/ce] keine andere Quelle als afries. [e]. Daß sich < u > [0/oe] auch im Partizip Perfekt findet, kann nur über Analogie zur 1. Ablautstufe plausibel gemacht werden. Dagegen ist in der Variante woarn 'geworden' die Fortsetzung von afries. worden zu sehen (vgl. auch moarn 'morgen'). Damit hat sich auch fries, wurde interparadigmatisch isoliert. Die Verben der ehemaligen Ablautreihe 3b haben meist den Vokal der 3. Ablautstufe als Präteritalablaut generalisiert (also z.B. werpe — wurp — wurpen aus der Reihe 3b), doch bei wurde die 2. Stufe. Umgekehrt hat das Deutsche bei werden mit wurde ausnahmsweise die 3. statt üblicherweise der 2. Ablautstufe gewählt. Auch das Niederländische bestätigt die Isolierung genau dieses Verbs.

2.2.4.2. Friesisch sille Etliche Sonderentwicklungen und Kürzungen regulärer und irregulärer Natur weist auch das Präteritopräsens sille 'werden, sollen' auf (ehemals 4. Ablautreihe). Zu dessen Formen s. Tab. 31 (gemäß Tiersma 1985). Im Präsensparadigma sticht die 2.Sg. durch Abwesenheit des Wurzelauslauts [1] hervor: [sist] statt regulär [silst]61. Damit enthält < silst > -» [sist] auch eine orthographische Irregularität. Tiersma (1985: 32) zufolge handelt es sich beim /-Schwund um eine sporadische Konsonantenclustervereinfachung, was eine Irregularität darstellt. Das zweite Verb

61

Die Aussprache [silst] war meinem Informanten jedoch nicht unbekannt (neben [sist]).

79 mit dieser Reduktion ist wolle 'wollen' mit wolst [vost] 'willst'62. Van der Meer/De Graaf (1986) beschreiben auch einen /-Schwund in der Inversion vor Cflkl ittschcm PefiKHiftl· pronomen: silik [sik] 'werde ich', wolik [vok] 'will ich', sogar wollejim [vojma] 'wollt ihr', wo hier noch e-Apokope hinzukommt. Tabelle 31: Die Formen von fries, sille Infinitiv Präsens

Präteritum

Part.Perf.

sill-e

[sda]

Sg.

1/3 2

sil sil-st

[sd] [sist]

PI.

1-3

sill-e

[sila]

Sg.

1/3 2

soe soe-st

[sua]/[su(:)] [suast]/[su(:)st]

PI.

1-3

soen-e (n)

['suana(n)] / [su(: )na(n)] / [su: n]

sill-en (sil-d)

[sdan] [sdd]

Noch stärkere Reduktionen haben sich in den Präteritalformen soe etc. vollzogen, die auf afries. solde etc. zurückgehen. Ahnlich, doch noch konsequenter als im Niederländischen, ist hier das gesamte Dentalsuffix nebst wurzelauslautendem -l- abgebaut worden. Dies hat — wie bei den starken Verben — zu einsilbigen Singularformen und (mit hiatusfüllendem n-Einschub) zu zweisilbigen Pluralformen geführt: soe [su(a)] 'wurde' vs. soene(n) ( su(e)ns(n)] 'wurden'. Die Einführung von Einsilbigkeit im Prät.Sg. muß morphologisch motiviert sein, denn sie ist bei allen Präteritopräsentien durchgeführt worden: Sei es durch bloße (nicht reguläre) e-Apokope (mocht 'mochte', moast 'mußte', wist 'wußte'), sei es durch Schwund des ganzen Dentalsuffixes einschließlich des Wurzelauslautkonsonanten (koe 'konnte', woe 'wollte' und soe 'wurde, würde, sollte').63 Diese letzten drei Modalverben haben sich im Präteritum zu einer kleinen Kurzformgruppe zusammengeschlossen und verhalten sich prinzipiell wie starke Verben (kein Dentalsuffix, präteritaler Vokalwechsel) (s. hierzu auch Werner 1992: 186-188). Für diese Formen beschreibt Tiersma (1985: 20) außergewöhnliche vokalische sog. "allegro shortenings" von [ua] > [u] (s. auch den Anhang unter 6.). Um diese grundlegenden Veränderungen im Paradigma zu nfries. sille zu verstehen, sollte ein Blick ins Altfriesische geworfen werden. Vorab ist hier die (Sprachwandel

62

Ganz ähnliche irreguläre /-Reduktionen im Wurzelauslaut bei genau den gleichen Verben finden sich im Alemannischen: wot 'will, wollte (gern)' < mhd. wollte, wit 'willst' < mhd. will (auch sot < sollte)·, vgl. auch engl, should [fud], would [wud]; Kohler (H995: 216) beschreibt folgende Schwachformen im Deutschen: soll [zo], will [vi],

63

Zu Reduktionserscheinungen in anderen friesischen Sprachen und Dialekten s. Janzing (1999).

80 signalisierende) Formenvielfalt hervorzuheben, die Birkmann (1987: 339) zufolge bei afries. skela/skila 'sollen' sogar am stärksten ausgeprägt ist (verglichen mit den anderen altgermanischen Sprachen). Tab. 32 enthält eine Auswahl der häufigsten Formen (nach Birkmann 1987, Steller 1928 und Markey 1981). Tabelle 32: Die wichtigsten Formen von afries. skela/skila (ca. 1200) Infinitiv Präsens

Präteritum

skel-a,skil-a Sg-

1/3 2

skel, skil, sal, sei skal-t, skel-t, skil-t

PI.

1-3

skil-en, skil-un, skel-en, ske-n

Sg.

1/3

skol-de, skul-de, skö-de, skoe-de

Der i/c-Anlaut wurde zunächst im frequentesten Präs.Sg., später dann auch im Restparadigma zu s- reduziert. Die e//-haltigen Formen in der l./3.Sg.Präs. gehen Steller (1928) zufolge auf die altfriesische "Aufhellung" von α in geschlossener Silbe zurück; vor l + C bleibt α erhalten (skalt 'sollst'). Im Präsens Plural (und Infinitiv) sollte der Ablautvokal -uzu erwarten sein, doch herrschen auch hier e/i-Formen (aus der l./3.Sg.?) vor64. Besonders hinzuweisen ist auf die Kontraktion sken < skelen, die sich jedoch langfristig nicht durchgesetzt hat. Dafür haben sich überall im Präteritum Kurzformen gebildet und ausgebreitet: Wie die altfriesischen Varianten verdeutlichen, schwindet in skolde zuerst das präkonsonantische - / - (sköde mit Ersatzdehnung) und später das Dentalsuffix (und -k- im Anlaut). Gleiches hat sich bei wolde > wöde > woe und künde > küde > koe vollzogen. Doch hat sich in der Inversion der 3.Sg. vor dem alten, enklitischen Personalpronomen =er 'er' das alte d erhalten: soe + er -> soed er 'wurde/würde/sollte er'. Dies betrifft auch woed er 'wollte er' und koed er 'konnte er' sowie hied er 'hatte er', died er 'tat er' und seid er 'sagte er'. Hier, erstarrt in der Enklise, befindet sich also das letzte Rückzugsgebiet des einstigen Dentalsuffixes. Analogisch miteingeführt worden sein muß dieses hiatusfüllende -d nach wie 'war' in wied er 'war er': Hier existierte nie ein -d (ebensowenig der Diphthong -ie). Daher plädiert Tiersma dafür, d in allen diesen Fällen als geschwunden zu betrachten: "Historically speaking, of course, the d has been deleted in all environments exept the above. Yet in synchronic terms, it probably makes more sense to consider the d to be inserted under these very restricted circumstances rather than regarding it as part of the stem." (Tiersma 1985: 35)

64

Die Möglichkeit alter umgelauteter Konjunktivformen, die hier eingedrungen sein könnten, wird bei Birkmann (1987: 340) diskutiert.

81 2.2.5. Englisch be, get, become, will, shall, 7/ und be going to Das Englische repräsentiert in vielerlei Hinsicht die Sprache, die am stärksten vom Kontinuum der germanischen Sprachen abweicht. So auch bezüglich der werrfen-Entsprechungen: Hier bestehen sieben Äquivalente, wobei wir, wie immer, nur die wichtigsten auflisten (Figur 10). Figur 10: Die Funktionen von engl, be, get, become, will, shall, ΊΙ und be going to Kopula

Passiv

Futur

Konj.III

(Modalität)

+ Adj./ + Subst.

+ PP.

+ Inf.

als would/should/ •d + Inf.

(+ Inf.)

be

be going to

ΊΙ

engl, become

get

will

shall

2.2.5.1. Englisch be Im Gegensatz zu anderen Sprachen unterscheidet das Englische formal oft nicht zwischen Vorgangs- und Zustandspassiv; für beide Fälle wird be + Partizip Perfekt verwendet: the house is sold 'das Haus ist/wird verkauft'. Doch verfügt das Englische über andere Mittel, diesen Unterschied gegebenenfalls auszudrücken, etwa über die progressive form (the house is being sold 'das Haus wird (gerade) verkauft') oder über Adverbien (the house is already sold 'das Haus ist (bereits) verkauft'). In jedem Fall kommt hier ausschließlich das A u x i l i a r y zum Einsatz. Doch ist im "informal English" die Kopula get als — nicht immer einsetzbare — Alternative zu be möglich: this story eventually got translated into English 'diese Geschichte wurde schließlich ins Englische übersetzt' (Quirk et al.131995: 161; s. auch S. 160-162). Auch become, hauptsächlich Inchoativkopula, kann unter bestimmten Bedingungen als Passivauxiliar fungieren. Diese beiden Alternativkonstruktionen kommen dem Vorgangspassiv am nächsten und dokumentieren deutlich die Affinität zwischen Inchoativkopula und Passivauxiliar (vgl. die Diskussion zu den Grammatisierungspfaden von lux. gin 'geben' > 'werden' (2.2.2.2.), nhd. werden (2.2.1.3.), dän. blive, norw./ schwed. bli 'bleiben' > 'werden' (inchoativ, Passiv) (2.2.6.1.) und südalem. chö 'kommen' > 'werden' (inchoativ, Passiv) (2.5.1.2.). Engl, be vereinigt auf sich einige Superlative (s. auch 6.5. im Anhang): Es ist (a) das "suppletivste" Verb im Englischen. Des weiteren ist (b) sein Paradigma überdifferenziert, es ist (c) das höchstfrequente Verb und es verfügt (d) über extrem kurze Formen. Schließlich ist es (e) das am häufigsten klitisierende Verb. Zu seinen Formen s. Tab. 33.

82 Tabelle 33: Die Formen von engl, be (Vollformen und Enklitika) Enklitika

Vollformen Infinitiv

be

[bi:]



Sg.

1 2 3

am are is

[®m] [α:Ί [iz]

'm 're 's

[m] [(β)Ί [z/s]

PI.

1-3

are

[a:1

Ve

[(3)T

Sg.

1/3 2

was were

[WDZ]



[w 3(:)T



1-3

were

[W3(:)1



Part. Präs.

being

[bi:iq]



Part.Perf.

been

[bi:n]



Präsens

Präteritum

PI.

Konj.II

Imperativ

1/3 2

were (was) were



PI.

1-3

were



Sg./Pl.

2

be



Sg.



Zu (a), Suppletion: Synchron betrachtet handelt es sich bei am, are, is, was/were und be(en) um starke, speziell bei was vs. were um schwache Suppletivformen. Stark suppletiv sind auch die einkonsonantischen Enklitika im Präsens, deren vokalische Basis jeweils geschwunden ist. Die drei verarbeiteten idg. Wurzeln werden mit *es-, *bh(e)u- und *wesangesetzt (s. 6.1.2. und 6.5.): Bei am, are und is handelt es sich um mehr oder weniger reguläre Fortsetzungen der *ei-Wurzel mit der jeweiligen Personalendung: • l.Sg.Präs.: idg. *es-mi > germ. *ez-mi > immi > im > ae. eom/eam > engl. am\ • 2.Sg.Präs.: idg. *es-si > germ. *esi > ae. bis (Kontamination mit der *bh(e)u-Wurzel); Übernahme des altenglischen Pluralstamms ear- (mit grammatischem Wechsel) + Endung -ö der Präteritopräsentia -> ae./dial. eard/eart/ard > me. art -> engl, are aus dem Pluralparadigma (2.PI.); • 3.Sg.Präs.: idg. es-ti > germ. *est(i) > ae./engl. is; • 1.-3.PI.Präs.: are ist auch auf die idg. es-Wurzel (mit grammatischem Wechsel) beziehbar.65

65

Einige Sprachgeschichten betrachten are als Entlehnung von an. eru, das jedoch auch auf idg. basiert.

83 Dagegen liegt den Formen be, being und been die idg. *bh(e)«-Wurzel zugrunde. Die Präterital- und Konjunktivformen basieren schliefHich auf der idg. Wurzel. Konserviert wurde bis heute die Alternanz s ~ r (was ~ were), resultierend aus dem grammatischen Wechsel, der ansonsten analogisch beseitigt wurde (Näheres zu den Formen s. bei Seebold 1970, Prokosch 1938, Ramat 1981, Lass 1992 und Bammesberger 1986). Das Präsensparadigma ist am stärksten differenziert (am, are, is), gefolgt vom Präteritumparadigma (was/were) und den infiniten Formen (be/being/beeri), die jeweils zumindest identische Wortanfänge aufweisen. Zu (b), Überdifferenzierung: Extrem irreguläre Verben unterscheiden formal oft mehr Kategorien als üblich; so auch be: "BE [...] is also unique among English verbs in having as many as eight different forms" (Quirk et al. "1995: 129). Wie Tabelle 33 zeigt, werden im Präsens Singular alle drei Personen morphologisch unterschieden und nicht nur, wie sonst, die 3.Sg. von der l./2.Sg; dies betrifft auch die drei Enklitika 'm, 're, 's. Außergewöhnlich ist auch die Personendifferenzierung im Prät.Sg., die üblicherweise entfällt. Nicht zufällig ist das seltenere Präteritum bzgl. des Personenausdrucks "nur" partiell suppletiv organisiert, während das Präsens totale Suppletion aufweist. Dagegen werden die für die Verbbedeutung relevant(er)en Tempuskategorien (Präsens vs. Präteritum vs. Perfekt) durchgehend stark suppletiv kodiert. Abweichend von sämtlichen anderen Verben hat be die alte synthetische Konj.II-Form were konserviert: if she were rich 'wenn sie reich wäre'. In informellem Stil tritt hier eine zusätzliche personale Differenzierung hinzu: Analog zum Präteritumparadigma lautet die l./3.Sg. des Konjunktivs was: ifl/she was rieh 'wenn ich/sie reich wäre'. Zu (c), Höchstfrequenz: In Anbetracht der vielen Auxiliarfunktionen von be verwundert es nicht, daß es frequenziell an der Spitze sämtlicher Verben steht (Johansson/Hofland 1989). Zu (d), Kürze: Bis auf die progressive form being sind sämtliche Formen einsilbig und bestehen aus maximal drei Lauten. Komplexe Konsonantencluster sind nicht vorhanden. Besonders kurz sind die (differenziertesten) Präsensformen mit VC-Struktur. Zu (e), Klitisierung: Würde man nach den tatsächlich realisierten Formen von be gehen, müßten die klitischen Formen des Präsensparadigmas in Tabelle 33 an erster Stelle aufgeführt werden. So schreibt Krug (1994: 57), sich auf die Ergebnisse von Hiller (1988) beziehend: [I]n spontaneous spoken English, irrespective of the stylistic level, the forms of be have the highest ratios of realised contractions. These range from an average of 94% for the informal level of spontaneous spoken English to 74% for more formal levels of spontaneous language use [...].

Den statistischen Auswertungen von Krug (1994) und (1998) zufolge (basierend auf den Spoken Data from the Bank of English Corpus (8,5 million tokens of British mainstream English)) ergeben sich für die Verschmelzungen von Subjekt-, Fragepronomina und Adverbien mit finiten Formen von be folgende Prozentzahlen: An der Spitze steht die Verbindung I'm [aim] mit 93,5% Verschmelzungsrate (bei über 21.000 ausgewerteten

84 Kombinationen von I + am), gefolgt von that's < that is/hasm (90,6%), he's (87,6%), you're (87,6%), it's (87,2%), she's (86,5%), they're (81,5%), there's (80,3%), we're (80,2%) etc. Alle diese Verschmelzungen fallen unter die Rubrik very frequent and approaching norm status, was eine Verschmelzungsrate zwischen 75 und 100% voraussetzt. Selbst im Medium der Schriftlichkeit finden sich solche Zusammenschreibungen überaus häufig, abhängig von der Nähe-/Distanzsprachlichkeit des Textes. Es fallt auf, daß bei be nur die Präsensformen klitisieren (im Gegensatz etwa zu had > 'd). Des weiteren hat enklitisches 's (3.Sg.) eine zusätzliche Differenzierung erfahren, indem es - abhängig vom Auslaut seiner Basis — als [z] oder [s] realisiert werden kann. Daß es sich bei den Verschmelzungen nicht nur um automatische Koartikulationsphänomene handelt, zeigen minderfrequente, auch vokalisch auslautende Kookkurrenzen wie z.B. how + is oder why + is, die nur in 33,9% der Fälle zu how's bzw. in 13,5% der Fälle zu why's verschmelzen. Als verschmelzungsfördernde Faktoren sind daher zum einen die relativen Frequenzen der jeweils verschmelzenden Einheiten, zum anderen aber auch die Häufigkeit ihrer faktischen unmittelbaren syntaktischen Nachbarschaft (Kookkurrenzfrequenz) von entscheidender Bedeutung. Krug (1994, 1998) diskutiert auch andere Parameter stilistischer, phonologischer, phono taktischer, syntaktischer und — was die Basis der Verbindung betrifft — lexikalischer Art, ebenso Wortklassen und Satztypen, doch mißt er dem Frequenzfaktor den größten Stellenwert bei.

2.2.5.2. Englisch get und become Im Unterschied zu anderen germanischen Sprachen verfugt das Englische über mehrere Inchoativkopulas {'resulting' copulas), von denen get und become die gängigsten sind (zu anderen, z.B. turn, come, go, s. Quirk (l31995: 16.21.-23.). Die Wahl der Kopula hängt dabei vom folgenden Prädikativum ab. Besonders get kann auch die Funktion als Passivauxiliar erfüllen (Matthews 1993). Engl, get als die häufigere der beiden weist morphologisch und semantisch einige Besonderheiten auf, jedoch weniger in seiner Funktion als Kopula. Die wichtigsten Abweichungen: Zum einen verfügt es über zwei Perfektpartizipien: got ohne Nasalsuffix (eher im britischen Englisch) und gotten (eher im amerikanischen Englisch). In seiner Vollverbsemantik 'bekommen' ist es zum anderen dabei, eine Tempusverschiebung im Sinn der Präteritopräsentia zu vollziehen: Die Konstruktion I've got the house 'ich habe das Haus bekommen' wird zunehmend präsentisch-resultativ verwendet als 'ich habe/besitze das Haus' (als unmittelbare Konsequenz des Bekommens) (s. auch 2.1.5.). Ebenso nimmt auch die Präteritalform got diese präsentische Bedeutung an, wie Bybee (1985: 19) feststellt: For a substantial group of American children I have observed, got can be used in the present tense: I got; you got; he, she, it gots; we got; I don't got; he doesn't got; do you got? does he got? are all frequently heard. It is not yet used after modals, *I'll got it; *I can got it, but its use in the Present Tense shows lexicalization.

66

Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, daß sich hinter 's auch has verbergen kann (s. Kap. 2.1.5.).

85 Des weiteren verschmilzt die Sequenz (have) got + to nähesprachlich öfters zu gotta (Krug 1994 zufolge immerhin in 8,3% von insgesamt 5.049 got + ίο-Sequenzen). Engl, get stellt eine Entlehnung aus dem Altdänischen dar, erkennbar an nicht palatalisiertem [g]-. Zur Morphologie von become s. das Kapitel zu engl, come (2.5.5.).

2.2.5.3. Englisch be going to, will, shall und 71 Neben dem reinen Präsens ist die be going ro-Konstruktion die einzige Möglichkeit, reines, neutrales Futur auszudrücken (zu suppletivem go/went s. 6.5. im Anhang). Die beiden anderen Futurauxiliare will und shall sind nie ganz frei von ihrer angestammten Modalität: The future and modal functions of these auxiliaries can hardly be separated [...]. Although shall and, particularly, will, are the closest approximations to a colourless, neutral future, they do not form a future tense comparable to the present and past tenses" (Quirk et al. 201992: 87).

Nur in Verbindung mit einem unpersönlichen Subjekt (it will soon be dark) oder mit einer progressive form wird die Konstruktion ihres potentiell modalen Gehalts entledigt: he 71 do his best ("future or volitional interpretation possible"), aber he'll be doing his best ("future interpretation only") (Quirk et al. 201992: 89; zur Modalität bzw. Temporalität von will und shall s. auch Bybee/Pagliuca 1987 und Bybee 1994 et al.: Kap.7). Enklitisches ΊΙ ist gegenüber seinen Vollformen demodalisiert und markiert am ehesten reines (temporales) Futur. Was die Distribution von will und shall als Futurauxiliare betrifft, so haben sich (v.a. im britischen Englisch) folgende Verhältnisse herausgebildet: shall kann nur in der 1. Person (Singular und Plural) stehen, will dagegen überall (auch in den 1. Personen). Klitisches 7/ als Verschmelzungsprodukt sowohl von shall als auch von will kann in jeder Position auftreten. Da in der gesprochenen Sprache die üblichere Konstruktion ohnehin die mit 71 ist, wird die i/iaW/mVZ-Allomorphik zunehmend obsolet — es sei denn, es soll das modale Potential dieser beiden Verben genutzt werden (zu den Paradigmen s. Tab. 34). Tabelle 34: Die (defektiven) Paradigmen von will, shall und deren gebundene Allomorphe Vollformen

Präsens

Präteritum (formal)

Sg./Pl.

Sg./Pl.

Enklitika

Basen für enklitische Negation

1

will/ shall

[wil] Lfal]

ΊΙ [1] 71 [1]

won't shan't

[wsunt] tfa:nt]

2/3

will

[wil]

7/ [1]

won't

[waunt]

1-3

would should

[wud] Üud]

'dl d] 'd[d)

wouldn 't shouldn 't

[wudnt] Liudnt]

Die formalen (nicht funktionalen) Präterita would und should versehen jeweils mehrere Funktionen, vor allem als Auxiliare in Bedingungsgefügen.

86 Zu den Formen will und shall nebst Allomorphen: Die Paradigmen in Tab. 34 zeichnen sich durch extreme Defektivität aus. Sowohl will als auch shall verfügen lediglich über eine Präsens- und eine formale Präteritalform, außerdem über Klitika. Dieser kategoriellen Defektivität stehen auf der anderen Seite vielfältige Allomorphe gegenüber: Zum einen in Verbindung mit dem vorangehenden Satzeinleiter (vornehmlich dem Subjektpronomen: I'll, she'll), zum anderen mit der nachfolgenden enklitischen Negationspartikel =n't (won't, shan't). Im ersten Fall klitisieren die beiden Verben selbst, im zweiten Fall bilden sie die Basis der klitischen Verbindung. Entsprechend gestaltet sind auch die Allomorphe: Als Enklitika sind sie vorne gekürzt, als Basen hinten: will [wil] -» 'II -[1] bzw. wo- [wau]- und shall [Jael] -» 'II -[1] bzw. sha- [Ja:]-. Ihre extrem starken (und durchgehend irregulären) Reduktionen lassen auf ein hohes Alter — sie sind seit dem 16./17. Jhd. häufig belegt — und eine hohe Frequenz dieser Verbindungen schließen. Hierzu schreiben Quirk et al. (131995: 136): Regarding the frequency of the modal auxiliaries, the following findings [...] are of significant interest: (a) The frequency of individual modals varies greatly from will [..] to shall [...]. The marginal modals ought to, need, and dare are in their turn strikingly less frequent than shall. (b) The modals as a whole are much more frequent in spoken than in written English. (c) Will, can, and their past forms would and could are notably more frequent than other modals.

Bei allen vier Reduktionsformen bleibt — verglichen mit der Vollform — jeweils nur ein einziger Laut konstant: Als Enklitikon der Auslaut -[1], als Basis der Anlaut [w]- bzw. [J]neben jeweils einem synchron irregulären Vokal. Ob sich die gebundenen Wurzelallomorphe [wau]- und [Ja:]- überhaupt noch in dieser Form segmentieren lassen oder ob hier bereits portmanteauähnliche, amorphe Verbindungen vorliegen, ist — besonders im Fall von won't — diskussionswürdig. Diese Minimalformen werden weitaus häufiger verwendet als die Vollformen. Die Verschmelzungsraten von Krug (1994) lauten (wieder bezogen auf die Spoken Data from the Bank of English Corpus): I'll: she'll·. you Ίl: he'll: they'll: it'll:

82,7% (von 6.507 registrierten I + vw7/Mö//-Sequenzen), 80,7% (von 378 Sequenzen), 75,1 % (von 3.782 Sequenzen), 72,8% (728 Sequenzen), 70,4 % (1.789 Sequenzen) und 62,5% (1.895 Sequenzen).

Während there'll mit 56,1 % (von 490 Sequenzen) und that'll mit 51,7% (von 865 Sequenzen) noch in über der Hälfte der Fälle verschmelzen, nimmt diese Rate bei selteneren Sequenzen wie those ΊΙ und this'll stark ab. Hier dürften phonotaktische Faktoren stärker ins Gewicht fallen, da auslautendes -[1] im Englischen - zumal nach Konsonant - weitaus weniger üblich ist als etwa auslautendes -s [z/s] (Krug 1994: 41). Zusammenfassend schreibt er: "Among the verbs that can be cliticised (be, have, will/shall), fce-contractions are the most frequent, followed by cliticised will" (37).

Noch häufiger stellen will und shall ihrerseits die Basis für enklitisches η 't. Im Konfliktfall - etwa in der Sequenz he + will + not + go - ist die not- der vW//-Klitisierung über-

87 geordnet: he won't go und nicht *he'll not go - es sei denn, ηόί trägt einen Emphaseakzent, was seine Verschmelzbarkeit prinzipiell blockiert; so ergibt sich die Spitzenstellung der noi-Kontraktion unter sämtlichen Verschmelzungstypen. Of all contraction types [...], negative contractions are the most frequent ones; indeed, most of them are approaching a near-norm status in spoken British English (14 out of 25 have contraction ratios of over 90%). [...] The overall tendency is: the less frequent a negated auxiliary is, the less frequent is its negative contraction. (Krug 1994: 37)

Unter die noi-Kontraktion fallen natürlich auch solche mit be, have und do als Basis, doch abgesehen von don't finden nirgendwo so starke Wurzelmodifikationen statt wie bei shall und vor allem bei will. Entsprechend hoch sind ihre Verschmelzungsraten: won't: 92,8%, shan't·. 84,6%, wouldn't: 96,0% und shouldn't: 91,9%. Die Entstehung von won't wird ins Mittelenglische datiert und auf die Verbindung des Präsensallomorphs wol (mit analogischem Vokal aus präteritalem wold(e)) + not zurückgeführt. In dieser Verbindung wird der Wurzelauslaut -l zunehmend reduziert, was zur Verschmelzungsform wonnot im 16. Jhd. und schließlich zu kontrahiertem won't ab dem 17. Jhd. führt (Faiss 1989: 292/293; Lass 1992: 71). Ebenso existiert auch die Kurz- und Kontraktionsform shan't seit dem 17. Jhd.

Zu den Formen would und should nebst Allomorphen: Die beiden Formen would und should sind kategoriell nicht mehr als Präterita zu will und shall zu bewerten, einzig in formaler Hinsicht: "would is nowadays not 'the past of will' [...]. The old past forms can be used in distinctly non-past contexts (e.g. I would like you to ...), and this was already quite common in the fifteenth century" (Blake 1992: 72; s. auch Warner 1993: 148ff.). In Zusammenhang mit dieser inhaltsseitigen Abkoppelung sieht Blake (1992) auch die Tatsache, daß der (einstige) Präteritalvokal -o- von ae. wold(e) in das (einstige) Präsensparadigma eindringen konnte: me. wil und wol (Grundlage von späterem won't) 'will, wird'. One reason for this interchange of stem forms, as well as variant stems in other verbs like shall [...], appears to be a weakening of the temporal meaning of the stems of some modal verbs, as a first stage in the eventual split into (partially) distinct verbs [...]." (Blake 1992: 71/72).

Aus dieser Dissoziation folgt auch, daß das Dentalsuffix -d nicht mehr als Präteritalzeichen, sondern als Teil der Wurzel analysiert wird: (segmentierbares) wo(u)l-d 'woll-' + 'Prät.' -» would 'würde', ebenso sho(u)l-d 'soll-' + 'Prät.' -» should 'würde'. "In both verbs the past vowel and the /d/-suffix seem no longer associated with tense, but have become part of a new unitary lexical item" (Blake 1992: 72). Damit läge der seltene Fall einer indirekten Wurzelerweiterung vor. Als weitere Begleiterscheinung dieser Paradigmenspaltung und möglicherweise auch als Reaktion auf die Wurzelerweiterung von -l > -ld ist m.E. zu werten, daß [1] sowohl in would als auch in should geschwunden ist und damit auch formal das Band zu den einstigen Präsensformen will und shall gelockert wurde. Faiss (1989) führt frühneuenglische Schreibungen wie statt 'wird' (s. Karker 1997 und Lindqvist 1996).

90 varde/vorde7° Nachdem blive in die Inchoativdomäne (Haugen spricht von Futur) gerückt war, "war es nur ein kleiner Schritt, es als Hilfsverb mit dem Partizip Perfekt zu verwenden (wie im Deutschen werden und engl, be), z.B. ADä bliwce slaflue 'sind getötet', aber in demselben Text wordhce slafiuE (Rydaarbogen I, um 1400)" (Haugen 1984: 404). Wenngleich man geteilter Auffassung darüber sein kann, den Schritt vom Inchoativ- zum Passivauxiliar, also von einer Aspekt- zu einer Diathesemarkierung, als klein zu bezeichnen, so zeigt diese Entwicklung doch, daß der Weg zu Passivauxiliaren über die Inchoativkopula läuft. In den Bibelübersetzungen des 16. Jhds. ist blive in den heutigen Bedeutungen bereits völlig geläufig. Haugen (1984) zufolge ist die Grammatisiening von blive von (durativem) 'bleiben' zu inchoativem 'werden' primär eine skandinavische Angelegenheit. Diese Ansicht vertritt auch Elmevik (1969), der sich vehement gegen die Auffassung von Markey (1969) stellt, daß die Funktionen von blive als Kopula und Passivauxiliar bereits im Mittelniederdeutschen vorhanden oder zumindest angelegt gewesen seien. Das Niederländische und das Niederdeutsche kennen diese Auxiliarisierung nicht. In nordnorwegischen Dialekten ist b(l)i sogar zum Futurauxiliar weitergrammatisiert (Jahr/Skäre 1996).

2.2.6.2. Dänisch ville und skulle Tabelle 36: Die Formen von dan. ville und skulle Infinitiv

vill-e

[Vila]

skull-e

fsgula]

Präsens

vil

[ve/vel]

skal

[sgac/sgad]

Präteritum

vill-e

[ viH] ([vi])

skull-e

[sgu/'sgull]

Supinum

vill-et

[vilö/velö]

skull-et

[sgulö]

Weder ville noch skulle sind reine Futurauxiliare: ville haftet die modale Komponente 'wollen' an, skulle die Komponente 'sollen' oder 'müssen'. In dän. jeg vil/skal hjcelpe dig 'ich werde (will/soll) dir helfen' verdeutlicht nur der Kontext, ob der Wille, die Verpflichtung oder die bloße Ankündigung einer Handlung im Vordergrund steht. Die neutralste Zukunftsbezeichnung erfolgt über das Präsens, meist in Verbindung mit einer Zeitangabe. Trotz des potentiell modalen Gehalts sollen ville und skulle als (schwach grammatisierte) Futurauxiliare behandelt werden; ville ist etwas grammatisierter, da es auch auf ein unpersönliches Subjekt folgen kann: det vil aldrig ske 'das wird nie geschehen' (Jones/Gade 1981: 122). Bei persönlichen Subjekten besteht die Tendenz, die 1. Person (Sg./Pl.) mit vil oder skal (je nach Modalität) zu versehen, die 2. Person (Sg./Pl.) eher nur mit skal, ebenso die 3. Person (Sg./Pl.), wobei hier (gelegentlich) auch vil folgen kann. Diese Distributionsunterschiede erklären sich aus der Tatsache, daß die sprechende(n) Person(en) eher über ihren Willen Auskunft geben kann/können als über den des/der Angesprochenen

70

Ein Grund (oder begünstigender Faktor) für den Rückgang von varde/vorde und sein Ersatz durch blive wird auch im verbreiteten d-Schwund gesehen, der die Fortsetzungen von an. veröa 'werden' und vera 'sein' homophon werden ließ (so vor allem Markey 1969; weniger Bedeutung mißt dem Elmevik 1969 bei).

91 oder Besprochenen. Eine 'würde'-Verwendung von ville besteht in der analytischen Konjunktivbildung (in der Funktion des Konditionals und Irreais): hvis jeg havde en million ville det vcere rart 'wenn ich eine Million hätte, wäre das nett' (Jones/Gade 1981: 129). Zu den Formen von ville und skulle s. Tab. 36. Die Transkriptionen in Tab. 36 zeugen wieder von einer beträchtlichen Diskrepanz zwischen Graphie und Phonie. Tatsächlich handelt es sich bei beiden Verben um kurzformige Verben. Erwartungsgemäß korreliert der Reduktionsgrad mit der Frequenz, d.h. gekürzt wird besonders im Präsens ([ve]/[sgae]), doch auch im Präteritum skulle [sgu], regional auch bei ville [vi] (Karker 1997). Im Fall von < ville > und < skulle > besteht der seltene Fall von Homographie bei Heterophonie zwischen Infinitiv und Präteritum. Die jeweils erste der Transkriptionen bezeichnet die üblichere; die (irregulären) Kurzformen sind geläufiger als die (regulären) Langformen (die meist mit "emfatisk" beschrieben werden). Ähnliche irreguläre Auslautkürzungen wie skulle hat auch das Modalverb kunne 'können' mit [ku] erfahren. Kurzverbschreibungen wie < s k a > und < s k u ' > kommen nur im Substandard vor. Sie sind bei weitem nicht so akzeptiert und etabliert wie schwed. ska (Karker 1997: 8). Doch geht das Dänische weit über das Schwedische und Norwegische hinaus, indem es monosyllabische Kurzformen bei den Präterita skulle und ville (wie auch zu kan [ka] und kunne [ku]) ausgebildet hat. Besondere Irregularitäten bestehen bei den Präterita ville 'wollte/n, würde/n' und skulle 'sollte/n', die — neben kunne [ku] 'konnte/n' - kein Dentalsuffix (mehr) enthalten. Diese Dentalsuffixlosigkeit erklärt sich aus der Assimilation von [ld] > [1:] (später > [1]) im 13. Jhd.: skulde > skulle. Auch in anderen Sprach(stuf)en, z.B. dem Alt- und Mittelhochdeutschen, sind bei den Modalverben solche Totalassimilationen eingetreten, doch wurde hier das Dentalsuffix später analogisch restituiert (z.B. nhd. mußte *- ahd. muosa). Die (nicht singulare) Senkung von dän. [i] > [e] vor allem in der Präsensform vil sorgt für leichte intraparadigmatische Differenzierung. Das Dänische ist die erste der hier behandelten Sprachen, das die Anlautkonsonanz sk- nicht vereinfacht hat.

2.2.7. Schwedisch bli, komma (att) und skola Auf etwas andere Verhältnisse stößt man im Schwedischen: Hier entsprechen dem Bedeutungsspektrum von nhd. werden die Verben bli, komma att und skola (Figur 12). Figur 12: Die Funktionen von schwed. bli, komma att und skola Kopula

Passiv

I I

+ Adj./Subst. + Part.Perf.

schwed.

bli

Futur

Konj.III

(Modalität)

+ Inf.

I I I skulle + Inf.

komma att

skola

(+ Inf.)

92 2.2.7.1. Schwedisch bli Im Schwedischen ist die Kurzformigkeit von bli viel stärker etabliert als im Dänischen: Im gesprochenen Schwedisch herrscht ausschließlich die Kurzform, und selbst in geschriebenen Texten wirkt die Verwendung der Langform bliva (und noch mehr der Präsensform bliver) extrem markiert und archaisch (bibelsprachlich) (s. Tab. 37). Zu Tabelle 37: Schwed. bli enthält einen beträchtlichen Variantenreichtum. Hochsprachlich akzeptiert sind nur die Formen bli, blir - blev - blivit. Im Gegensatz zum Dänischen und Norwegischen wird der v-Auslaut im Präteritum artikuliert, ebenso im Supinum, was die Distanz zu den v-losen Formen erhöht. Bei der v-Reduktion handelt es sich um eine irreguläre und besonders seltene Entwicklung, die sonst einzig die beiden (Kurz-)Verben ha < hava 'haben' und ge < geva/giva 'geben' betrifft (dagegen gibt es viel mehr Kurzverben, die auf einer ^-Reduktion beruhen; s. hierzu 3.2.2.1.). Östman (1992) zufolge datiert der erste Schriftbeleg einer Kurzform von 1579, nämlich die frequenteste Präs.Sg.Form blir, 1621 taucht der erste Kurzinfinitiv auf. Auch Kurzformen des Hilfsverbs ha(va) treten bereits im 16. Jhd. auf, andere (weniger frequente) deutlich später. Tabelle 37: Die Formen von schwedisch bli Standard*

Substandard*

Infinitiv

bli

[bli:]

(bi)

Präsens

bli-r

[bli:r]

(bi-r)

Präteritum

blev (vart

[ble:v] [vat(:)D

bli-dde (bidde)

[blidre] [*bid:e]

Supinum

bliv-it

[Vbli:vit]

bli-tt

[blit(:)]

Imperativ

bli

[bli:]

* Die Standardformen können auch im Substandard vorkommen, doch nicht umgekehrt.

Weite Verbreitung kommt im gesprochenen Schwedisch der suppletiven Präteritalform \>art'· zu, die eine letzte Reminiszenz an das alte va/vfa-Paradigma darstellt und zu maximaler Paradigmendifferenzierung fuhrt: bli/blir — vart — blivit. Durch die Integration von vart ins M-Paradigma entsteht totale Suppletion, während die Präteritalform blev "nur" zu partieller Suppletion führt. Eine Bewegung in die andere Richtung, die Regularität, stellen dagegen die Substandardformen blidde72 'wurde/n' und (häufigeres) blitt 'geworden' dar, die der 3. Konjugation folgen. Die 3. Konjugation enthält durchgehend Kurzverben, die ihr Präteritum mit -dde -[d:e] und ihr Supinum mit -tt [t(:)] bilden (s.

71

Zu seiner genauen Funktion siehe Markey (1969), zur geographischen Verbreitung Karte 17.

72

Zur geographischen Verbreitung von blidde (auch bledde) siehe Markey (1969: Karte 8).

93 2.1.7.). Während das Supinum durch diese Regularisierung an Kürze gewinnt (blivit > bliu), verhält es sich mit dem Präteritum umgekehrt (blev > blidde). Dies könnte erklären, weshalb blitt eher akzeptiert wird als blidde (im Norwegischen hat sich tatsächlich bli, blir - ble - bliu herausgebildet). Schließlich ist auf die regional begrenzte Anlautreduktion zu bi und bidde/bedde hinzuweisen (zur geographischen Verbreitung in Zentralschweden s. Karte 13 in Markey 1969): Wie in ahd. (und sporadisch auch aschwed.) skall > sali ist es auch bei schwed.-dial. bli > bi der zweite Konsonant des Anlautclusters, der schwindet, während der absolute Anlaut stabil bleibt (s. 2.2.8.). Eine ähnliche Anlautvereinfachung bei Stabilität des absoluten Anlauts erfährt schwed.-dial. plä > pä — auch dies ein auxiliarisiertes, dem Mittelniederdeutschen entlehntes Kurzverb (— nhd. pflegen), das die habituelle Bedeutung '(etw. zu tun) pflegen' trägt und im Mittelschwedischen als plä (< pläga) weit verbreitet war (Östman 1992). Mit seinem späteren Ersatz durch (ebenfalls mnd.) bruka wurde altes p(l)ä verdrängt. Zur heutigen dialektalen Verbreitung von plä und pä s. Markey 1969: Karte 10). Im Nynorsk existiert habituelles pla noch heute als reines Kurzverb.

Zur Entlehnung von aschwed. bliva aus dem Mittelniederdeutschen ist auf das Kapitel zum Dänischen zu verweisen. Auch der Gebrauch von bli als Kopula und Passivauxiliar entspricht weitgehend dem Dänischen.

2.2.7.2. Schwedisch komma (att) und skola Das Schwedische verfügt über zwei sehr grammatisierte Futurperiphrasen: kommer att + Infinitiv und ska + Infinitiv. Auch das Präsens dient dem Ausdruck zukünftiger Ereignisse (wenngleich nicht so häufig wie im Dänischen). Das neutralste Futurauxiliar ist komma att, da es sich auch auf durch das Subjekt nicht beeinflußbare Zustände beziehen kann: det kommer att regna i morgon 'morgen wird es regnen'; Peter kommer att sälja bilen 'Peter wird das Auto verkaufen'. Während die Ersetzung von kommer att durch ska im ersten Satz (det ska regna) impliziert, daß der Sprecher diese Information aus zweiter Hand hat ('es soll regnen'), führt sie im zweiten Satz dazu, daß die modale Komponente 'Wille' mitschwingt: Peter ska sälja bilen 'Peter will das Auto verkaufen' (Viberg 1987: 74; Braunmüller 1991 spricht hier von einer voluntativen Komponente).73 In funktionaler Hinsicht ist also die komma αίί-Konstruktion die grammatisiertere, doch nicht morphonologisch: komma enthält keine Kurzformen. Dies kann mit der kurzen Zeit seiner Grammatisierung zusammenhängen und/oder mit dem ambisyllabischen Wurzelauslaut [m:]. Entgegen ska + Infinitiv tritt zwischen das Hilfsverb kommer und den Infinitiv das Infinitivzeichen att [o]. Hier ist das gegenwärtige gesprochene (und zunehmend auch geschriebene) Schwedisch dabei, stärker zu grammatisieren, indem die Partikel att [o] fällt: vi kommer fä däligt väder 'wir werden schlechtes Wetter bekommen', de kommer ha 'sie werden haben', han kommer resa 'er wird reisen' etc. Auf eine Leseranfrage zu diesem

73

In noch stärkerem Maße ist die modale Komponente des Beabsichtigens im dritten Futurauxiliar, tänka + Infinitiv, enthalten, das hier jedoch ausgeklammert wird.

94 neuen Phänomen, die am 6.11.1973 im Sydsvenska dagbladet veröffentlicht wurde74, antwortet Dunäs (1978): Det vore trist om spräkvärdare här bara stretade emot. Om att slopas fär vi ett bekvämt satt att uttrycka ren framtid. Verbet skola har ofta en bibetydelse: 'handlingen uppfattas säsom bestämd av nagon annans'. 75

Wie Dunäs im gleichen Artikel schreibt, ist komma att + Infinitiv bereits eine Verkürzung aus komma tili att + Infinitiv: det kommer tili att kosta > det kommer att kosta > det kommer kosta 'das wird kosten'. Damit handelt es sich um eine ursprünglich sehr komplexe Periphrase (wie sie noch heute im Norwegischen besteht), die sich immerhin schon der Präposition tili entledigt hat und gegenwärtig dabei ist, auch att zu eliminieren. Eine Irregularität interparadigmatischer Art von komma besteht darin, daß es neben sova 'schlafen' das einzige starke Verb ohne Vokalwechsel ist: komma - kom - kommit (zu den Gründen hierzu s. 2.5.7.). Dagegen hat ska, das nie durch att o.ä. von seinem Infinitiv getrennt war, außerdem auch älter ist und damit ganz andere Startbedingungen als kommer tili att + Infinitiv hatte, starke formale Kürzungen und Irreguiarisierungen erfahren. Das Paradigma findet sich in Tabelle 38. Tabelle 38: Die Formen von schwedisch skola Infinitiv

skol-a [ v sku:la]

Präsens

ska(ll) [ska(:)] ([skal(:)])

Präteritum

skull-e [ v skul:e]

Supinum

skol-at ["sku:lat]

Das Paradigma von schwed. skola ist stärker differenziert als das dänische. Die Wurzelvokale wechseln zwischen [u:], [u] und [a]. Kurzes ska [ska(:)] ( < skull) hat sich längst durchgesetzt. Auch bei skall > ska handelt es sich um eine Reduktion ohne lautgesetzliche Basis. Schwed. ska kommt schon auf Platz 6 sämtlicher Verbformen; die Positionen 1-5 werden von är, har, kan, var und skulle belegt. Daß die Präteritalform skulle häufiger auftritt als präsentisches ska, ist auf seine Funktion als Konjunktivauxiliar 'würde' zurückzuführen. Wie im Dänischen handelt es sich auch bei schwed. skulle (und vi lie) um eine synchron irreguläre, da dentalsuffixlose Präteritalbildung, dessen einstiges -d- nach -/geschwunden ist: aschwed. skulde > skulle, vilde > ville (Wess6n 8 1992: §53, §202). Die Dentalsuffixe wurden (im Gegensatz zum Neuhochdeutschen) nicht restituiert, was diese Verben von den anderen abhebt. Äußerst selten kommen der Infinitiv und das Supinum vor, die erwartungsgemäß am unversehrtesten geblieben sind.

74 75

Diese Informationen verdanke ich Lena Moberg vom Svenska Spmknämtiden in Stockholm. Übersetzung: "Es wäre traurig, wenn Sprachpfleger hier nur dagegen angingen. Wenn att wegfällt, bekommen wir eine bequeme Art, reine Zukunft auszudrücken. Das Verb skola hat oft eine Nebenbedeutung: 'Die Handlung wird als durch jemand anderen bestimmt aufgefaßt'".

95

Über das Vordringen von kurzem ska auf Kosten von skull handelt Ewerth (1996): Auszählungen von acht Zeitungen aus den Jahren 1962, 1977 und 1992 haben zu dem deutlichen Befund geführt, daß ska von ursprünglich 26% über 48% auf nunmehr 68% aller skall/ska-Vorkommen angestiegen ist - trotz des Schriftmediums. Erwartungsgemäß überwiegt sein Anteil in konzeptionell nähesprachlichen Textsorten (wie in Sportberichten) und erst recht und in weit stärkerem Maße im Medium der Mündlichkeit. Entsprechend dem Frequenzzuwachs von ska nimmt auch seine stilistische Stigmatisierung ab, während skull sich in extrem distanzsprachliche Textsorten zurückzieht (Gesetze, Vorschriften). Darüber hinaus macht Ewerth die interessante Beobachtung, daß ska und skall sich semantisch zu differenzieren beginnen: skall beschränkt sich zunehmend (wieder) auf die modale Funktion (was als eine Art Degrammatisierung zu bezeichnen wäre)76, während sich ska als neutrales, temporales Futurauxiliar etabliert, sich also zunehmend der einstigen Modalität entledigt (vgl. die Paradigmenspaltung lux. sollen/sallen und engl, shall/'ll). Auch für das Schwedische gilt, daß es sk- bewahrt hat. Wessen ( 8 1992) berichtet zwar von einfachen s-Formen im Altschwedischen und sogar im Runenschwedischen (§128, Anm. 2), doch haben sich diese nicht durchgesetzt. Dafür sind dialektal (Gotland, Dalarna) Formen ohne jegliche Anlautkonsonanz zu verzeichnen: al statt skalfl) (Präs.Sg.), ulu statt skulu (Präs.PI.). Wessen macht hierfür Druckschwäche verantwortlich, doch erklärt dies nicht, weshalb im einen Fall vorne und im anderen hinten gekürzt wird. M.E. ist häufige enklitische Position von =skal (z.B. nach dem Subjektspronomen) im Gotland- und Dalarna-Schwedischenanzunehmen, d.h. die sk-Verbindung muß in den Inlaut eines prosodisch-phonologischen Wortes geraten sein. Mit Blick auf das Englische erweist sich eine solche Enklise als durchaus plausibel; vgl. engl. I'll < I shall/will, you'll, he'll etc., sogar I'd < I had/would/should. Doch findet im Englischen keine Abtrennung dieser (im übrigen unsilbischen) Enklitika statt, während schwed.-dial. al, ulu ihren Silbenstatus behalten. Es wäre zu überprüfen, ob o//«/«-Enklisen in (alten) Texten besagter Dialekte öfter auftreten, was sich in besonders häufigen Zusammenschreibungen von Personalpronomen + (sk)al/(sk)ulu äußern könnte.

2.2.8. Norwegisch bli, verte, skulle, ville/vilje und kom(m)e til ä Die beiden norwegischen Sprachen verhalten sich bezüglich des Ausdrucks von 'werden' nicht gleich: Während das Bokmäl - ähnlich dem Schwedischen und Dänischen - ausschließlich bli als Kopula und Passivauxiliar verwendet, verfügt das Nynorsk darüber hinaus über ein ve/te-Paradigma.

2.2.8.1. bli, skulle, ville und komme til ä im Bokmäl Im Bokmäl stellen sich die Entsprechungen zu nhd. werden gemäß Figur 13 dar.

76

Eine Degrammatisierung vollzog sich auch zwischen ahd. s(k)ulan 'sollen, werden' > nhd. sollen 'sollen' (s. 2.2.1.1.).

96 Figur 13: Die Funktionen von bli, skulle, ville und komme til ä im Bokmäl Kopula

Passiv

Futur

Konj.III

(Modalität)

2.2.8.1.1. bli im Bokmäl Im Bokmäl handelt es sich bei bli um ein reines Kurzverb: Sämtliche Formen sind um den Wurzelauslaut -v reduziert worden (Tabelle 39). Zu Tabelle 39: Im Bokmäl hat sich das fest etabliert, was sich im gesprochenen Schwedischen im Variantenstadium befindet: Sämtliche Formen sind in Phonie und Graphie kurz, insbesondere auch das Präteritum (ble) und das Supinum (blitt). Der Präteritalablaut wurde beibehalten, was das Paradigma intern differenziert und dennoch kurzformig hält. Damit hat das Bokmäl die optimale Verbindung von Kürze bei gleichzeitiger Differenzierung erlangt. Gemäß Heggstad (1982) ist ble immerhin die fünfthäufigste sämtlicher Verbformen (vor blir auf Rang 8 und bli auf Rang 12). Dialektal kommen auch Mose Formen vor, die beim Nynorsk behandelt werden. Verwendung und Funktion von norw. bli entsprechen weitestgehend dem Schwedischen (s. Faarland et al. 1997: 523ff.); ebenso findet sich umgangssprachlich die suppletive Präteritalform vart. Tabelle 39: Die Formen von bli im Bokmäl Infinitiv

bli

[bli:]

Präsens

bli-r

[bli:r]

Präteritum

ble (blei) (vart)

[ble:] ([blai]) üvatO)])

Supinum

bli-tt

[blit(:)]

Imperativ

bli

[bli:]

2.2.8.1.2. skulle, ville und komme til ä im Bokmäl Zur Futur- (und Konj.III-) Periphrase werden sowohl skulle als auch ville verwendet, wobei der modale Gehalt bei skulle geringer ist; vil + Infinitiv ist dagegen nach einem

97 persönlichen Subjekt fast immer zweideutig (Naes 31972: 275). Tendenziell hat sich bezüglich dieser beiden Hilft- und Modalverben die folgende (auch im Dänischen geltende) Distribution herausgebildet: 1. Person (Sg./Pl.): skal + Infinitiv; 2. /3.Person (Sg./PI.): vil + Infinitiv. Der neutralste Futurausdruck wird jedoch mit der aufwendigen Konstruktion komme til ä + Infinitiv erzielt: han kommer til ä g/0re det godt 'er wird das gut machen'. Doch bemerkt Naes (M972) hierzu: "Men futurum blir jo en litt lang form pä denne mäten. Alt i alt har vi pä framtidsomrädet flere valgmuligheter enn tjenlig for spräkets 0konomi" (276)77. Daraus läßt sich schließen, daß der komme til d-Konstruktion nicht die Gebräuchlichkeit der schwed. komma (attj-Periphrase zukommt. Auch morphosyntaktische Verkürzungen sind hier nicht so üblich. Das Paradigma von komme wird in Kap. 2.5.8.1. behandelt, das von (nicht übermäßig reduziertem) skulle und ville findet sich in Tabelle 40; immerhin entspricht der orthographisch obligatorischen Vollform < skal > im gesprochenen Bokmäl auch auslautreduziertes [ska]. Tabelle 40: Die Formen von skulle und ville im Bokmil Infinitiv

skulle

[vskul:e]

ville

[Vvil:e]

Präsens

skal

[skal(:)/ska]

vil

[vil(:)]

Präteritum

skulle

[ skul:a]

ville

["vil: β]

Supinum

skullet

[vskul:at]

villet

Γ vil: at]

v

2.2.8.2. bli, verte, skul(l)e, vilje und kome til ä im Nynorsk Mit den Entsprechungen zu nhd. werden verhält es sich im Nynorsk gemäß Figur 14. Figur 14: Die Funktionen von bli, verte, skul(l)e, vilje und kome til ä im Nynorsk Kopula

77

Passiv

Futur

Konj.III

(Modalität)

Übersetzung: "Aber auf diese Weise wird das Futur ja ein bißchen lang. Insgesamt haben wir für den Zukunitsausdruck mehr Wahlmöglichkeiten, als der Sprachökonomie dienlich ist."

98 2.2.8.2.1. bli und verte im Nynorsk Tabelle 41: Die Formen von bli und verte im Nynorsk Flexiv (stV) Infinitiv

bli

[bli:]

verte

[Vverta]

-e

Präsens

bli-r

[bli:r]

vert

[vert]

-0

Präteritum

blei (vart)

[blai]

vart*

[vart]

-0 + AL

Supinum

bli-tt (vorte)

[blit:]

vorte**

["vorta]

-el + AL

Imperativ

bli

[bli:]

vert

[vert]

-0

* **

Zu den Realisierungen von vart bzw. generell verte in den norwegischen Dialekten s. eingehend Markey (1969). Für das Supinum werden immer auch auf -i auslautende Formen verzeichnet (vorti, vurti) (Beito 2 1986, Faarlund et al. 1997), die Muttersprachlern zufolge jedoch viel seltener als die e Formen sind und deshalb nicht in die Tabelle integriert wurden. Auch wird hier von vielen Varianten im Nynorsk abgesehen.

Das Nynorsk erweist sich auch hier wieder als typologisches Bindeglied zwischen dem Festland- und dem Inselnordischen: Zum einen besitzt es ein vollständiges M-Paradigma, zum anderen ein (altes) vme-Paradigma (s. Tabelle 41). Beide Hilfsverben sind austauschbar, d.h. sie sind eher regional als funktional unterschieden. Allerdings deutet Aasen (1864/1965) an, daß im Präsens eher blir als vert verwendet wird. Dies könnte als Indiz für die Entstehung eines Suppletivparadigmas (ähnlich dem gesprochenen Schwedischen) gewertet werden; die Bedingungen hierfür — zwei koexistierende synonyme Paradigmen - sind ideal. Neben kurzem bli existiert auch ein langes Mve-Paradigma (blive/bliv — bleiv — blive/blivi), das jedoch ein Vollverb mit der Bedeutung 'bleiben' darstellt. Als Hilfsverb kommt es nur regional begrenzt vor; hierfür ist das Kurzverb bli (bzw. verte) zuständig. Hier hat sich also eine ähnliche Paradigmenspaltung aufgetan wie im Mittelhochdeutschen mit haben (Vollverb) vs. hän (Hilfsverb). Zu Tabelle 41: Auch im Nynorsk hat sich bei bli ein reines Kurzverb herausgebildet: In sämtlichen Formen ist der Wurzelauslaut -v irregulär geschwunden. Das starke Präteritum blei hebt dieses Verb durch Bewahrung des Ablauts von den anderen Kurzverben der 3. Konjugation ab. Sehr viel häufiger als im gesprochenen Schwedisch ist im gesprochenen Norwegisch das anlautreduzierte Hilfsverb bi (< bli) meist mit dem starken Kurzpräteritum bei. Das Vollverb blive dagegen kennt diesen /-Schwund nicht. Schon Aasen (1864/1965: 190) begrüßt diese "bequeme" Minimalform sehr:

99 Men vid Siden heraf [von bli 'werden'] findes ogsaa en Form bi (i Nordland, Trondh. Stift og 0sterd.) [...]. Om dette bi (Impf, bei) kan bruges i Skrift, er altsaa tvivlsomt, men for Dagligtalen er det den bekvemmeste Form, som man kan 0nske sig".78 (Zur allgemeinen Verbreitung von bi im Norwegischen s. Markey (1969: K.14).

Ebenso kommt es in Dialekten zu Suppletivparadigmen wie bli/blir - vart - vurti oder blitt. In manchen norwegischen Mundarten kommt es sogar zu den Mischparadigmen bi bir - blidde - blitt, wo offensichtlich der Frequenzfaktor die Distribution von komplexem vs. einfachem Anlaut steuert (s. Markey 1969: 165). Bei beiden Mischungen zeigt sich, daß sich die innovativen Formen (sei es bli vs. vart, sei es bi vs. bli) im Präsens und im Infinitiv befinden, während sich in den minderftequenten Kategorien eher die Konservatismen halten. Den Höhepunkt der Grammatisierung erlangt bli bzw. anlautreduziertes bi in nordnorwegischen Dialekten, wo es auch als Futurauxiliar fungiert: ce b(l)i ä reise i märra 'ich werde morgen (ver)reisen' (Jahr/Skire 1996). Beim Alternativverb verte handelt es sich um ein reguläres starkes Verb aus der 3. Ablautreihe, das schon natürlicherweise sehr differenziert ist. Irregularitäten des altnordischen Paradigmas wurden teilweise analogisch beseitigt, so etwa der v-Schwund im Anlaut: an. oröit 'geworden' -» nyn. vorte.

2.2.8.2.2. skul(l)e, vilje und kome til ä im Nynorsk Tabelle 42: Die Formen von skul(l)e und vilje im Nynorsk Infinitiv

skul(l)e

[ v skul:a]

vilje/vilja

[ "vilja/" vilja]

Präsens

skal (PI.: skulo/sko)

[skal]

vil

[vil]

Präteritum

skulle

[ v skul:e]

vi lie

[ V vil:a]

Supinum

skul(l)a

[ v skul:a]

vilja

["vilja]

Wie in den anderen Sprachen enthalten die beiden Futur- (und Konjunktiv-)Auxiliare skul(l)e und vilje eine modale Komponente, besonders vilje·, daher wird skul(l)e etwas häufiger verwendet: det skal (vil) gä mange ekstratog andre päskedag 'es werden viele Sonderzüge am Ostermontag gehen' (Beito 2 1986: 293). Ebenso kann das Präsens futurische Bedeutung annehmen. Auch das Nynorsk verfügt über eine kome til ά + InfinitivKonstruktion: "Framtid utan modal tydingsnyanse vert [sie] ofte uttrykt med kome til +

78

Übersetzung: "Aber daneben findet sich auch eine Form bi (in Nordland, Trondheim Stift und 0sterdalen). Ob dieses bi (Prät. bei) schriftlich verwendet werden kann, ist zweifelhaft, aber für die Alltagssprache ist das die bequemste Form, die man sich wünschen kann."

100 infinitiv, som oftast har infinitivsmerke, t.d.: Eg kjem til ä reise i morgon" (Beito 21986: 294).79 Doch kommt dieser Periphrase nicht die Frequenz und der Grammatisierungsgrad des Schwedischen zu (zum Paradigma von kome (til ä) s. 2.5.8.2.). Beito ( ^ δ ό ) und Faarlund et al. (1997) sind noch weitere Futurauxiliare peripherer Art zu entnehmen, z.B. mune, fä etc. + Infinitiv. Was die Formen betrifft, so sind hier keine besonderen Kürzungen eingetreten abgesehen von der dialektalen Pluralvariante sko < skulo. Mit Sicherheit weisen die Dialekte mehr Reduktionen auf. An formalen Differenzierungen sind beide Paradigmen reich: a/w-Wechsel bei skul(l)e, besondere Präteritalbildungen, spezielle Flexivik der Modalverben und j-Haltigkeit im Infinitiv und Supinum von vilja.

2.2.9. Färöisch verda, bliva und skula Figur 15: Die Funktionen von far. verda, bliva und skula

far.

Kopula

Passiv

Futur

Konj.III

[Modalität]

+ Adj./Subst.

+ Part.Perf.

+ Inf.

skuldi + Inf.

[+ Inf.]

verda

bliva

Nhd. werden entsprechen im Färöischen drei bis vier Verben (s. Figur 15). Da ein analytischer Konjunktiv {skuldi + Infinitiv) viel seltener ist als in den bisherig betrachteten Sprachen - im Bedingungsgefuge tritt das Vollverb in das Präteritum oder Plusquamperfekt (Lockwood 31977: 132) —, befindet sich hier nur eine gestrichelte Linie.

2.2.9.1. Färöisch verda und bliva Sowohl verda als auch bliva dienen dem Inchoativ- wie dem Passivausdruck. Ihre Distribution ist primär stilistisch und medial gesteuert: In der geschriebenen und prinzipiell in gehobener (literarischer) Sprache dominiert verda, in der gesprochenen Umgangssprache dagegen bliva: eg verdi/blivi hjälpin 'mir wird geholfen' (zu den Formen s. Tabelle 43). Lockwood f l 9 7 7 : §74) zufolge ist verda vor allem im Präsens gebräuchlich. Puristische Bestrebungen, den Gebrauch von verda auf Kosten von (entlehntem) bliva zu stärken,

79

Übersetzung: "Zukunft ohne modale Bedeutungsnuance wird oft mit kome til d + Infinitiv ausgedrückt, das in der Regel das Infinitivzeichen bei sich hat, z.B. Eg kjem til ά reise i morgon 'ich werde morgen verreisen'".

101 blieben ohne den erwünschten Erfolg - möglicherweise wegen der Homophonie von veröa 'werden' zu vera 'sein': beide [ve:ra]. Doch betrifft diese Homophonie mir wenige Paradigmenpositionen, denn vera 'sein' ist ein hochgradig suppletives Verb (s. Kap. 6.9.). Tabelle 43: Die Formen von veröa und bliva im Färöischen Infinitiv Präsens

Präteritum

[ve:ra]

bliva

sg.

1 2/3

veröi veröur

[ve:n] [ve:rur]

blivi blivur

PI.

1-3

veröa

[ve:ra]

bliva

Sg.

1/3 2

varö varöst

[vear] [vasd]

bleiv bleivst

PI.

1-3

vöröu

[vauru]

blivu

voröiö

[vo:n]

bliviö

veröi

[ve:n]

blivi

Supinum Konj. (I)

veröa

Sg./Pl.

1-3

Zu den Formen: Weder bei veröa noch bliva hat das Färöische Kurzformen ausgebildet. Allerdings ist [ö] nach [r] lautgesetzlich geschwunden. Auch die anderen Reduktionen und Vokalisierungen sind lautgesetzlicher Natur. Wie schon bei fär. ganga und hava liegen auch bei veröa und bliva reguläre Langformparadigmen starker Verben vor. Im Fall von veröa wurde das im Urnordischen vor Labialvokal lautgesetzlich geschwundene (und im Altnordischen und Neuisländischen noch abwesende) v- wieder analogisch restituiert (z.B. an. oröiö 'geworden' -» fär. voröiö).

2.2.9.2. Färöisch skula Tabelle 44: Die Formen von skula im Färöischen Infinitiv Präsens

Präteritum

[skul:a]

Sg-

1/3 2

skal skalt

[skeal] [skealt]

PI.

1-3

skulu

[skul:u]

Sg-

1-3

skuldi

[skuldi]

PI.

1-3

skuldu

[skuldu]

skulaö

[skul:a]

skuldi

[skuldi]

Supinum Konj. (I)

skula

Sg./Pl.

1-6

102 Das wichtigste Futurauxiliar bildet skula, das immer auch die modale Komponente der Verpflichtung enthalten kann. In noch viel stärkerem Maße ist die Modalität bei vilja vorhanden, dessen Formen deshalb nicht aufgeführt werden. Außergewöhnliche Reduktionen finden sich auch hier nicht. Das Auxiliar gehört der ohnehin sehr differenzierten Klasse der Präteritopräsentia an, verhält sich aber innerhalb dieser regulär.

2.2.10. Isländisch vera, verda, munu (und skulu) Die isländischen Entsprechungen von nhd. werden ergeben sich aus Figur 16. Figur 16: Die Funktionen von isl. vera, verda, munu (und skulu) Kopula

Passiv

Futur

Konj.III

(Modalität)

2.2.10.1. Isländisch vera und verda Das Isländische verfügt (neben weiteren Möglichkeiten) über zwei Auxiliare zur Bildung des Vorgangspassivs: vera 'sein, werden' und verda 'werden'. Isl. vera dient außerdem der Bildung des Zustandspassivs, so daß folgender Satz (für sich genommen) doppeldeutig ist: hüsid var byggt ür steini 'das Haus ist/wurde aus Stein gebaut' (Kress 1982: §398). Dagegen kann verda - immer kombinierend mit dem Partizip Perfekt - nur das Vorgangspassiv ausdrücken. Zu den Formen von vera in Tab. 45 (s. auch Kap. 6.10. im Anhang): Bei diesem häufigsten aller Verben handelt es sich um ein altes Suppletiwerb, das sich aus ursprünglich zwei unterschiedlichen Wurzeln zusammensetzt: er(-) im Präsens und ver- (mit den Ablautstufen der 5. Reihe) im Infinitiv, Präteritum, Supinum, Konj.II und Imperativ. Die Konj.I-Wurzel si- ist diachron der er-Wurzel zuzuordnen, doch synchron als dritte Suppletivform zu bewerten, die außerdem kurzformig ist. Neben der hochgradigen Suppletivität ist auf die abweichende Präteritalflexivik im gesamten Präsens hinzuweisen (zum Vergleich s. die regulären Präsensendungen starker Verben bei verda). Zwar weisen auch die Präteritopräsentia präteritale Flexion im Präsens auf, doch meist nur im Singular; bei vera ist diese (neben munu und skulu) auch im Plural vorhanden. Abweichend von den Regularitäten de;r 5. Ablautreihe, die in der 3. Ablautstufe langes -ά- [au:] vorsieht, ist im Prät.Pl. eine (möglicherweise durch den Labiodental [v]- bedingte) Rundung zu [o:] eingetreten (vorum etc. statt *värum).

103 Tabelle 45: Die Formen von vera und verda im Isländischen Inf. Präs.

Prät.

vera

[Ve:ra]

verda

[VerÖa]

Sg.

1 2 3

er ert er

[e:r] [ert] [e:r]

verd verdur verdur

[verö] [VerÖYr] [VerÖYr]

PI.

1 2 3

erum erud eru

[e:rYm] [e:nrÖ] ['e:rv]

verdum verdid verda

[verÖYm] [VerÖiÖ] [veröa]

Sg.

1/3 2

var varst

[va:r] [varst]

vard vardst

[varö] [varst]

PI.

1 2 3

vorum vorud vorn

[vo:mn] [Vo:rYÖ] [Vo:rY]

urdum urdud urdu

[VrÖYm] [VrÖYÖ] [VrÖY]

verid

[Ve:nÖ]

ordid

[oröiö]

Sup. Konj.I

Wz.

se(-)

[sje(:>]

verd-

[verö]-

Konj.II

Wz.

vcer-

['vai(:)rj-

yrd-

[irö]-

Imp.

Sg.

2

vertu

[VertY]

(verdu

[VerÖY])

PI.

2

veridi(d)

[Ve:nÖi]

(verdidi(d)

[Veröiöi])

Zu den Formen von verda: verda ist das vierthäufigste Verb im Isländischen (nach vera, hafa und koma). Isl. verda ist ein Paradebeispiel für ein synchron extrem differenziertes Paradigma, dessen Allomorphik auf die jahrhundertelange Konservierung lautgesetzlicher Entwicklungen zurückgeht; Analogien, die für Ausgleich und Regularisierung hätten sorgen können, unterblieben. Beachtlich ist die Instabilität des besonders exponierten Wortanlauts, der hier zwischen [v]-, [y]-, [i]- und [o]- wechselt. Wie bereits erwähnt, geht der vSchwund auf die urnordische Totalassimilation von v- ([w]-) vor gerundetem Vokal zurück. Bis heute ist im Isländischen eine analogische v-Restitution ausgeblieben (im Gegensatz zum Nynorsk und Färöischen). Das Isländische ist die einzige skandinavische Sprache, in der bliva nicht grammatisiert wurde (was puristisch motiviert ist).

2.2.10.2. Isländisch nuinu (und skulu) Das neutralste Auxiliar der Futurperiphrase ist — wie schon im Altnordischen — munu, das ausschließlich als Hilfs- (und Modal-) Verb vorkommt. Seine modale Nebenbedeutung weist auf die Ungewißheit eines zukünftigen Ereignisses hin: hann man koma 'er wird (voraussichtlich) kommen' (P6tursson 1987: 99; Kress 1982: §§365, 366, 422). Dagegen

104 ist der modale Gehalt in skulu bedeutend höher: Hier steht die Verpflichtung, der Zwang zu einer Handlung im Vordergrund (harm skal koma 'er soll/muß kommen'). In der gesprochenen Sprache dominiert die Periphrase fara ad + Infinitiv. Weder munu noch skulu enthalten Kurzformen, doch ist ihr Irregularitätsgrad beträchtlich. Beide gehören den (ohnehin stark differenzierten) Präteritopräsentia an, wobei noch die folgenden Abweichungen hinzutreten: Isl. munu weist keinen Numerusablaut im Präsens auf. Des weiteren sind beide Paradigmen defektiv, d.h. sie bilden keine Partizipien und keine Präterita (zu den Formen s. Jörg 1989). Auch sind sie die einzigen Verben mit dem Infinitivallomorph -u (statt regulär -a), und - neben vera - mit Präteritalflexiven im gesamten Präsens. Neben ihrer Defektivität überraschen beide Verben durch außergewöhnliche Infinitive des Präteritums, die ebenfalls auf -u enden80: mundu, skyldu: harm sagöist rmindu koma 'er sagte, daß er kommen würde'; harm sagöist skyldu koma 'er sagte, daß er kommen sollte/müßte' (zur Diachronie dieser präteritalen Infinitive s. Birkmann 1987: 238ff.)81

2.2.11. Resümee Das Kapitel zu WERDEN in den germanischen Sprachen ist umfangreicher und heterogener als die Kapitel zu den anderen Kurzverben. Dies liegt an den zahlreichen Funktionen von nhd. werden und seinen Mehrfachentsprechungen in den germanischen Sprachen. Germ. *werp- wurde in einigen Sprachen nicht oder nur rudimentär tradiert. Sowohl nhd. werden als auch einige seiner funktionalen Entsprechungen in anderen Sprachen verfugen über Konsonantencluster, sei es, wie bei *werp-, im Wurzelauslaut (CV(:)C,C2-), sei es, wie bei *skal- und *b(i)leib-, im Anlaut (C,C2V(:)C-). In der Mehrzahl der Fälle sind hier starke Vereinfachungen eingetreten: In nhd. werden haben dReduktionen stattgefunden (z.B. wir-st). Reduktionen innerhalb der Anfangscluster gehen auffälligerweise immer zulasten des zweiten Konsonanten, d.h. der absolute Anlaut bleibt stabil: ndl. zullen, fries. sille\ norw./schwed.-dial. bi < bliva (C,C2V(:)C- -» C,V(:)C-). Die wichtigsten Äquivalente von nhd. werden und deren Sonderentwicklungen seien kurz resümiert (zu den Formen s. Tab. 46).

80

Statt der Infinitiv Präsens- und Infinitiv Präteritum-Endung -u beschreibt Kress (1982: §366, Anm.) das "populäre" Allomorph -i (muni/mundi bzw. skuli/ skyldi), d.h. auch in der gesprochenen Umgangssprache besteht nicht die Tendenz, die reguläre Infinitivendung -a einzuführen.

81

Bei munu handelt es sich vermutlich nicht um ein altes Präteritopräsens, wie dies für das partiell homophone muna '(sich) erinnern' zutrifft, das Numerusablaut im Präsens aufweist und sich auch ansonsten innerhalb dieser Klasse regulär verhält. Vermutlich ist munu zu dem schwachen Verb got. munan 'zu tun gedenken, wollen' zu stellen (s. eingehend Birkmann 1987).

105 Tabelle 46: Die wichtigsten Formen von WERDEN in den germanischen Sprachen Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP/Sup.

(la) Alem.

würde

wiirt/wärde



(g)wörde!

(lb) Nhd.

werden

wird/werden

wurde

(ge)worden!

(2) Lux.

gin! goen wäerden (sollen)

get!/gin! geet/gin! wäerd/wäerden (sall/sallen)

gouf/gouwen gougg/goungen (defektiv) (defektiv)

gin! gaang(en)! (defektiv) (defektiv)

(3) Ndl.

zullen worden gaan

zal/zullen wordt/worden gaat/gaan

zoul/zouden werd/werden ging/gingen

(defektiv) geworden gegan

(4) Fries.

sille wurde

sil/sille wurd/wurde

soe!/soene(n)! waard/waarden

sillen, sild wurden/ woarn

(5) Engl.

(defektiv) (defektiv)

will, 'II!! shall, 'IU! is, 'sll/are. 'reü

would!, 'd!!, woshould!, 'd!!, shawas/were

(defektiv) (defektiv) been

(6) Dän.

blive ["blia] ville skulle

bliver [blijs] vil [ve(l)] skal [sgae(l)]

blev [ble'] ville ([vi]) skulle [sgu(ll)]

blevet [ bleöö] villet skullet

(7) Schwed.

bli skola

blir ska

blev skulle

blivit skolat

(8a) Bokm.

bli skulle ville

blir skal vil

ble skulle ville

blitt skullet villet

(8b) Nyn.

bli skul(l)e vilie

blir skal vil

blei skulle ville

blitt skul(l)et vilia

(9) Fär.

verda bllva

veröur/verda blivur/bliva

vart/vördu bleiv/blivu

vordid blivid

(10) Isl.

vera verda munu skulu

er.'/eru! verdur/veröa mun/munu skal/skulu

var/voru varö/uröu! (defektiv) (defektiv)

verid oröiö! (defektiv) (defektiv)

106 Fettdruck: Unterstreichung: Popp. Unterstreichung:

kurzformig (und dadurch meist auch irregulär bis suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); extrem irregulär/suppletiv;

Fettdruck + Unterstreichung:

kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Wie im Neuhochdeutschen, so ist auch in alem. würde das d in wirsch und wirt reduziert, darüber hinaus - je nach Dialekt - auch in anderen Formen. Gebiete, in denen der Konj.III ausschließlich mit WÜRDE (und nicht mit TÄTE) gebildet wird, weisen viel eher dlose wu(u)r/ wü(ü)r-Formen auf. Auch in der nhd. Umgangssprache finden mehr und vor allem viel stärkere Wurzelauslautreduktionen und Kontraktionen statt, möglicherweise begünstigt durch die r-Vokalisierung wie etwa bei [vuen] 'wurden' und [wisn] 'würden'. Morphologische (konservierte) Kürze besteht in der ge-Abwesenheit beim Partizip PerfektAllomorph von nhd. worden und alem. wo(o)rde. Viel zahlreicher sind jedoch die Irreguiarisierungen: Neben der für diese Ablautreihe unüblichen Generalisierung des Präteritum Plural-Vokals -u- (statt -α-) ist das epithetische -e in wurde zu nennen als letztes Relikt eines im Früneuhochdeutschen aufkeimenden und sich dann wieder zurückbildenden Sprachwandels. Auch der e- (statt /-) haltige Imperativ werde weicht vom üblichen Muster ab. Schließlich verhält sich die Wurzelschreibung < w i r d > (statt < wirt > ) orthographisch deviant. Im Luxemburgischen hat gin 'geben, werden' eine innerhalb der germanischen Sprachen einzigartige, extreme Grammatisierung vollzogen, indem es große Teile des Funktionsspektrums von nhd. 'werden' übernommen hat. Seine dadurch erlangte Höchstfrequenz korreliert in auffälliger Weise mit dem Grad an Kürze und Irregularität: Der Wurzelauslaut findet sich nur noch im (seltenen) Präteritum gouf, ansonsten ist er restlos geschwunden. Zusätzliche Kürze besteht in der Kontraktion zur Einsilbigkeit, im kurzen Wurzelvokal, in der Abwesenheit des partizipialen ge-Präfixes und in der abweichenden Schreibung mit nur einem (statt regulär zwei) < n > . Als Vollverb mit der Bedeutung 'geben' hat es alle diese Reduktionen mitvollzogen (die einzige formale Bedeutungs/Funktionsunterscheidung wird in der Perfektperiphrase mit auxiliarem hun -» Vollverb vs. sin -* Auxiliar getroffen), während hier im Saarbrücker Dialekt Paradigmenspaltung eingetreten ist: Mit der Vollverbsemantik verbindet sich weitgehend "unversehrtes" [geb]/ [ge:b]-, mit dem Auxiliar die reduzierten [ge]-/[g8:]-Allomorphe. Als Futurauxiliar fungiert das Kurzverb goen 'gehen, werden', das im Präsens einige formale Überschneidungen mit dem gm-Paradigma aufweist. Einerseits sind also morphonologische Paradigmenspaltungen zu konstatieren ([ge(:)b]vs. [ge(:)]-), andererseits Paradigmenverschmelzungen (lux. gin + goen). Auf intraparadigmatische Reduktionen (Defektivität) stößt man schließlich bei den luxemburgischen Präteritopräsentia sallen und wäerden. Im Niederländischen besteht mit worden, zullen und gaan eine Dreifachentsprechung zu nhd. werden. Ndl. worden weist "nur" Irregularitäten in Gestalt eines singulären Vokalalternanzmusters auf. Dagegen hat zullen kräftige Reduktionen vollzogen: Die sk- > z-An-

107 lautreduktion fällt schon ins Altniederfränkische, während auf dem Weg zu Neuniederländischen im Prät.Sg. sowohl das -e apokopiert als auch das Dentalsuffix -d- (irreguläranalogisch) eliminiert wurde (zoude > zou 'würde'). Damit verhält sich diese Form wie die eines starken Verbs - im Gegensatz zu seiner schwach gebildeten Prät.Pl.-Form zouden (das jedoch meist schon ohne [d] artikuliert wird) und im Gegensatz zum präteritopräsentischen Präsens: Dieses ist insofern besonders stark differenziert, als die 2.Sg. zult gegenüber der l./3.Sg. zal vokalalterniert. Im Friesischen trifft man auf wurde und sille. Während ersteres wieder singulären Ablaut, außerdem z.T. starke (teilweise auch lautgesetzliche) Kürzungen im Wurzelauslaut aufweist, ist sille ein gutes Stück weiter als ndl. zullen gegangen. Zum einen finden hier (irreguläre) /-Tilgungen statt (z.B. silst [sist] 'wirst', auch in satzphonetischen Verbindungen), zum anderen enthält das Präteritum überhaupt keine Reminiszenzen mehr an seine einst schwache Flexion: Die Personalendung wird in der l./3.Sg. soe [sua] wie bei den starken Verben nullrealisiert, das Dentalsuffix ist durchgehend geschwunden, darüberhinaus auch der Wurzelauslaut -l. Im Prät.Pl. soene(n) 'würden' dient -n- der Hiatusfüllung, nachdem d geschwunden war. Die meisten Korrelate zu nhd. werden finden sich im Englischen. Hier seien nur die wichtigsten, be und will, shall bzw. '// herausgegriffen. Bei be handelt es sich um ein traditionell stark suppletives, extrem kurzes Verb. Sein Paradigma setzt sich aus drei Wurzeln zusammen und ist in mehrfacher Hinsicht überdifferenziert: Sowohl im Präsens Singular (am, are, is) als auch im Präteritum (was, were) trifft es Personaldistinktionen, über die sonst kein anderes Verb verfügt. Auch die Konservierung des synthetischen Konj.II betrifft ausschließlich dieses Verb. Das Höchstmaß an Reduktion und Differenzierung wird durch Klitisierungen erlangt. Während bei be nur die Präsensformen klitisieren, tun dies bei shall/will (-» 71) auch deren einstige (heute detemporalisierten) Präteritalformen would und should (-* 'd). Diese beiden Präteritopräsentia verfügen über die vielfältigsten Reduktionen und Allomorphe überhaupt, indem sie als Vollform, als Enklitikon und auch als Basis der enklitischen Negationspartikel =n't fungieren. Als Vollformen fehlt would [wud] und should [Jud] der Wurzelauslaut [1], als Enklitika sowohl der An- als auch der Inlaut (will/shall -* 71, would/ should -* 'd), und als Basis von =n 't der Wurzelauslaut (won't, shan 't). Gerade in dieser Verbindung kommt es zu besonders tiefgreifender Allomorphik, die sich bis in den Wurzelvokal erstreckt. Diese allomorphische Abundanz kontrastiert mit intraparadigmatischer Defektivität: Weder existieren Infinitive, Gerundien, Partizipien, noch Präterita (would und should sind keine temporalen Präterita mehr zu will und shall). Damit ist das defunktionalisierte Dentalsuffix -d konsequenterweise zur Wurzel zu schlagen, womit der seltene Fall einer Wurzelerweiterung vorliegt. Bei den Enklitika von be, will/shall, would/should (und have) ist zweierlei wichtig: Durch die massive Reduktion gerade der distinktiven Wurzel verringern sich die materiellen Distinktionsmöglichkeiten, d.h. es kommt zu interparadigmatischen Überschneidungen, die offensichtlich hingenommen werden (und die zumeist durch den Kontext disambiguiert werden): 'd < had, would, should, 's < is/has, 71 < will/shall. Andererseits sorgt die Klitisierung auch für intraparadigmatische Aufspaltungen, d.h. es entsteht eine große Distanz des Klitikons zu seiner Vollform. Ihr gemeinsamer Nenner besteht in jeweils nur noch einem einzigen Laut, nämlich dem Klitikon selbst, das dem Auslaut der Vollform entspricht {shall/will - ΊΙ, should/would - d etc.).

108 In den (festland-)skandinavischen Sprachen tritt als neues Korrelat zu nhd. werden das mittelniederdeutsche Lehnwort bli(ve) hinzu. Das Dänische behandelt seine Kurzverben orthographisch, doch nicht phonisch als "Normal"verben, womit sich die Zuordnung < blive > -*• ["blis] als orthographische Irregularität erweist. Dies gilt auch für alle anderen Formen von blive, weitgehend auch für ville und skulle. Diese beiden letzten Präteritopräsentia enthalten wurzelauslautreduzierte Formen, besonders häufig im frequentesten Präsens, doch auch im Präteritum, wo es sogar zu Einsilbigkeit kommen kann: ville [vi/'vill] und skulle [sgu/'sgulj]. Sowohl phonisch als auch graphisch ist das Dentalsuffix längst geschwunden, was diese Verben zusätzlich irregularisiert hat. Im Schwedischen ist bli in Infinitiv und Präsens kurz, doch nicht im Präteritum und Supinum, wo der Erhalt von -v- für intraparadigmatische Differenzierung sorgt: bli/blir blev - blivit. Noch stärker tut dies die umgangssprachlich sehr verbreitete Präteritalform varty die dem alten va/tfa-Paradigma entstammt und für totale Suppletion sorgt: bli/blir vart - blivit. Dialektal sind mit bi Anlautvereinfachungen eingetreten. Die Futurperiphrase komma att + Infinitiv erfahrt im gegenwärtigen Schwedisch die morphosyntaktische Reduktion zu komma + Infinitiv (nachdem es bereits die ft//-Reduktion der ursprünglichen komma tili att + Infinitiv-Konstruktion vollzogen hatte). In skola ist für das Präsens die Kurzform ska (neben mittlerweile veraltetem skall mit Ansätzen zur Paradigmenspaltung zu verzeichnen und für skulle die Totalassimilation des alten Dentalsuffixes. In dialektalem al und ulu ist sogar gänzlicher Anlautclusterschwund eingetreten. Das Norwegische überrascht durch konsequente Auslautreduktion und Einsilbigkeit bei bli/blir - ble - blitt. Dieses Verb hat sich partiell der Kleinklasse der sog. 3. schwachen Konjugation angeschlossen bei Erhalt des differenzierenden Ablauts. Regional-/umgangssprachlich findet sich auch die präteritale Suppletivform vart. In Dialekten stößt man auf die anlautvereinfachtes bi. Im Nynorsk trifft man auf verte, das ohnehin stark differenziert ist. Armut an Kurzverben kennzeichnet wieder das Färöische und Isländische. Während in far. veröa [ve:ra] der Dental lautgesetzlich geschwunden ist, ist bliva 'werden' ein normales Verb der 1. Ablautreihe und skula ein zwar "normales", doch insgesamt stark differenziertes Präteritopräsens. Im Isländischen kommt stark suppletives vera als Passivauxiliar zu (auxiliarem) veröa hinzu. Im Gegensatz zum Färöischen, das bei veröa in allen Formen das v- restituiert hat, hat das Isländische die anlautreduzierten Formen (vor gerundetem Vokal) konserviert (also z.B. veröa 'werden', aber uröu 'wurden', oröiö 'geworden'). Mit den Präteritopräsentien munu und skulu besitzt es außergewöhnlich differenzierte (teilweise sogar überdifferenzierte) Futurauxiliare, deren Paradigmen gleichzeitig Defektivität aufweisen.

2.3.

GEBEN

in den germanischen Sprachen

Ähnlich wie für HABEN gilt auch für GEBEN, daß alle germanischen Sprachen auf dasselbe Etymon, germ. *gefi-, zurückgreifen, d.h. hier liegt (in krassem Gegensatz zu WERDEN)

109 sowohl ausdrucke- als auch inhaltsseitige Parallelität vor. Darüberhinaus sind die Wurzeln von HAB- und GEB- ähnlich strukturiert: Abgesehen von der CV(:)C-Stniktur handelt es sich beim wurzelfinalen Konsonanten in beiden Fällen um einen Bilabial, der in keiner der germanischen Sprachen lautgesetzlich schwindet. GEB- repräsentiert ein Verb, das - abgesehen vom Luxemburgischen - kaum Grammatisierungen erfahren hat, sondern nur seiner elementaren Semantik wegen zu den hochfrequenten Verben gehört: So etwa kommt es im Neuhochdeutschen auf Rang 12 (der zum Infinitiv zusammengefaßten Grundverben), im Friesischen auf Rang 15 und im Isländischen auf Rang 29. Grammatisierung und Hochfrequenz sind hier also im Gegensatz zu HAB- entkoppelt, d.h. die dennoch eingetretenen Reduktionen und Irreguiarisierungen sprechen für die Korrelation Hochfrequenz -» Reduktion und Irreguiarisierung ohne zwingende Grammatisierung. Frequenzsteigerad bei GEB- wirken auch die überaus häufigen Präfixbildungen. GEB- ist ein Verb der 5. Ablautreihe, wodurch es im Gegensatz zu HAB- schon ein gewisses Maß an vokalischer Differenzierung mitbringt.

2.3.1. Alemannisch gä und neuhochdeutsch geben Wie die Überschrift dokumentiert, divergieren das Alemannische und das Neuhochdeutsche beträchtlich: Das Alemannische hat ein Kurzverb ausgebildet, das Neuhochdeutsche nicht. Wie es zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen kam, verdeutlicht der Exkurs ins Alt- und Mittelhochdeutsche.

2.3.1.1. Zur Diachronie: Althochdeutsch getan und mittelhochdeutsch geben Im Althochdeutschen handelt es sich bei getan um ein reguläres Verb der 5. Ablautreihe. Eine erste spärliche Reduktion wird von der Braune/Eggers (141987) nur für git < gibit (bei Williram) verzeichnet mit dem Vermerk, daß diese Kontraktion "auch spätahd. erst sehr vereinzelt" auftritt (§306, Anm.2). Eine frühe ^-Reduktion innerhalb der Enklise findet man in den für ihre Nähesprachlichkeit bekannten Pariser Gesprächen aus dem 8./9. Jhd.: Hier kommen wiederholt die Imperative gimer 'gib mir' vor (gimer min ros 'gib mir mein Roß', gimer min spera 'gib mir meinen Speer' etc.). Auch im Mittelhochdeutschen verhält sich geben der 5. Ablautreihe gemäß weitestgehend konform. Erst für das 14. Jhd. werden Kontraktionen besonders bei intervokalischen Media beschrieben (Paul et al. 23 1989: §285/286), doch auch hier nur bei den geläufigsten Verben wie z.B. mhd. Ilgen, legen, queden, laden, tragen, sagen und natürlich haben. Diesen Verben nach zu schließen schwinden eher die Media -d- und -g-, deutlich seltener, nämlich nur in haben und geben, auch -b-. Damit bildet die Beschaffenheit des Wurzelauslautkonsonanten einen reduktionsfördernden Faktor, auch wenn hier prinzipiell keine Lautgesetzlichkeit besteht (s. 3.2.2.1.). Die Kontraktionsformen von mhd. geben verteilen sich im Paradigma wie folgt: 3.Sg.Präs. gibet > git mit Ersatzdehnung des Vokals, 2.Sg.Präs. gibest > gist\ später (ab

110 dem 14. Jhd. und vor allem im Alemannischen) kontrahiert auch gäben > gin/gen. Unkontrahiert bleibt die l.Sg. gibe, ebenso die Präterital- und Konjunktivformen.

2.3.1.2. Alemannisch gä Im Vergleich zu alem. hd 'haben', das in allen Positionen kurz ist, enthält das Kurzverb gä weniger Kurzformen, und auch die geographische Verbreitung ist begrenzter. Der prinzipiell kurzverbreichere Osten der Deutschschweiz zeichnet sich durch mehr Kurzformen im Paradigma aus als der Westen (SDS III: 90). Aufgrund dieser Ost/West-Unterschiede werden in Tabelle 47 der Simmentaler und Berner Dialekt als Vertreter der (deutschen) Westschweiz und das Zürichdeutsche als Vertreter der Ostschweiz gewählt: Tabelle 47: Die Formen von gä im verschiedenen Schweizer Dialekten82

Inf. Präs.

Bera

Basel

Zürich

gee [ge:]

gä [gse:]

gää [ga:]

gSS [ge:]

Sg-

1 2 3

gib-e [giba] gl-scht [gift] gi-t [git]

gib-e [gibe] gi-sch [gij] gi-t [git]

giib [gi:b] gi-sch [gij] gi-t [git]

gib-e gi-sch gi-t

PI.

1/3

gee (gäb-e [ae]) gee-t (gäb-et)

gä (gäb-e [»]) gä-t (gäb-et)

gä-nd [gsend] gä-nd

gä-nd [gaend] gä-nd

ggee



gää

ggee [ge:]

2 PP. Imp.

Simmental

Sg.

2

gib gi-mu*

gib

giib

gib

PI.

2

geet (gäb-et)

gä-t gäb-et

gä-nd

gä-nd

Konj.I

(Wz.)

gäb-

gäb-

(gääb-)

gäb-

Konj.II

(Wz.)

gieb[geeb]-

gäb- [gasb]gub- [gub]gieb- [giab]-

gääb-

geeb-

* 'gib ihm': enklitische Verbindung von gib + imu zu kurzformigem gimu;

82

Formen nach Bratschi/Trüb 1991, Marti 1985, Suter '1992, Weber '1987 und dem SDS III.

Ill Kurzformig ist in sämtlichen Dialekten der Infinitiv, das homophone Partizip Perfekt und die 2./3.Sg.Präs. M Der Wurzelvokal der 2./3.Sg.Präs. ist immer kurz entgegen mhd. gist und gtt. Durch die nur rudimentäre Ausbreitung der (fettgedruckten) Kurzformen im Paradigma bildet sich ein kräftiger Kontrast zu den ö-haltigen Formen heraus, die sich v.a. in der l.Sg.Präs. und im ganzen Konjunktiv finden. Wie Bratschi/Trüb (1991) bemerken, schwindet im Simmentaler Dialekt der Wurzelauslaut in der Enklise vor einem Pronomen: gi-mu 'gib ihm'. Mit Sicherheit gilt dies auch für andere Dialekte. Der wurzelfinale Konsonant ist also auch für satzphonetische Reduktionen empfänglich. Die größten interdialektalen Unterschiede ergeben sich im Präsens Plural. Wie der Simmentaler und Berner Dialekt zeigen, ergeben sich diesbezüglich sogar kleinräumige Unterschiede. Im Osten der Deutschschweiz bestehen hier Kurzformen. Auch die Flexive weichen von denen der starken Verben ab, besonders im Infinitiv, im Partizip Perfekt und im Präsens: Die Infinitive und Perfektpartizipien bestehen überall aus der bloßen Wurzel (z.B. berndt. gä), desgleichen die 1./3.P1. des Simmentaler und des Berner Dialekts. Wie die selteneren Langformen gäbe(t) zeigen, schwindet bei der Kurzform neben dem Wurzelauslautkonsonanten auch der Endungsvokal -e\ im Basel- und Zürichdeutschen besteht im Einheitsplural das kurzverbspezifische Kurzflexiv -nd statt des für starke und schwache Verben üblichen silbischen -e. Alle diese Reduktionen bewirken eine verstärkte Paradigmendifferenzierung, besonders im Präsens. Zu der angestammten vokalischen Numerusopposition zwischen -i(i)- und -ätritt zusätzlich die Kurzformigkeit in der 2./3.Sg. und teilweise im Plural hinzu. Indem die l.Sg. Präsens auf dem Wurzelauslaut -b(-) beharrt (im Baseldeutschen auch auf dem Langvokal), vermehrt sich die intraparadigmatische Heterogenität. Dies betrifft auch das Verhältnis Indikativ/Konjunktiv: Durch die Kurzformigkeit der meisten Indikativformen hat sich der Abstand zu den ausnahmslos unkontrahierten Konjunktivformen vergrößert (Weber 3 1987: §201). Im Konjunktiv besteht besonders im Berndeutschen großer Variantenreichtum, was mit dem Schwund der den Konjunktivformen zugrundeliegenden Präteritalformen zusammenhängt, was zu einer gewissen Orientierungslosigkeit im Konjunktiv geführt hat (Nübling 1997).

2.3.1.3. Neuhochdeutsch geben Im Gegensatz zum Alemannischen setzt das Neuhochdeutsche das regulär-langformige Paradigma geben — gab [ga:p] — gegeben fort, ohne daß nennenswerte Kürzungen oder Irreguiarisierungen zu verzeichnen sind. In der Umgangssprache findet in der 2./3.Sg.Präs. oft — zusätzlich zur qualitativen Wechselflexion — eine Vokalquantitätsreduktion statt:

83

Das Partizip Perfekt geht vermutlich auf unpräfigiertes mhd. geben 'gegeben' zurück, was prinzipiell für perfektive Verben gilt (z.B. mhd. fimden, troffen, komen und - als letztes Relikt auch im Neuhochdeutschen - worden; s. Paul et al. 231989: §243). Möglich wäre auch das Etymon gegeben mit im Alemannischen regulärem Schwund des vortonigen e und anschließender Totalassimilation der beiden Plosive zu [g] (in Grammatiken wie z.B. bei Weber 3 1987 wird daher oft die morphologische Schreibung < g g > - praktiziert).

112 [gipst] statt [gi:pst], [gipt] statt [gi:pt]. Diese Variante ist in den anderen Positionen unmöglich, ebenso in der 2./3.Sg. von Vergleichsverben: *[hst], sondern [Ii:st]. Eine orthographische Irregularität reduktiver Art besteht in der unterbleibenden Markierung von standardsprachlich langem [i:] in < gibst > durch < i e > ; nicht so bei anderen langvokalischen Verben der 5. Ablautreihe: < l i e s t > , , < s i e h t > .

2.3.2. Luxemburgisch gin Extreme Grammatisierungen hat lux. gin erfahren, das — neben der vollen Bedeutung 'geben' - als Auxiliar die Bedeutung 'werden' (Inchoativkopula, Passiv-, Konj.III-Auxiliar) trägt. Darüber wurde ausführlich in Kap. 2.2.2. diskutiert, auf das hier verwiesen sei.

2.3.3. Niederländisch geven Das Niederländische als eher kurzverbarme Sprache hat bei geven — ähnlich wie das noch kurzverbärmere Neuhochdeutsche - weder Reduktionen noch Irregularitäten aufzuweisen. Doch ist dieses Verb der 5. Ablautreihe natürlicherweise stark in sich differenziert, indem es - im Gegensatz zum Neuhochdeutschen - den quantitativen Numerusablaut im Präteritum und damit insgesamt vier Ablautstufen bewahrt hat: gaf [χαί] (Prät.Sg.) vs. gaven ['xa:va(n)] (Prät.Pl.). Tab. 50: Die Formen von ndl. geven Infinitiv Präsens

Präteritum

gev-en

['xe:va(n)]

1

geef

2/3

geef-t

[xe:f] Ixerft]

PI.

1-3

gev-en

['xe:va(n)]

Sg.

1-3

gaf

[χαί]

PI.

1-3

gav-en

['xa:vs(n)]

ge-gev-en

[χβ'χε:ν9(η)]

Sg.

Part.Perf.

2.3.4. Friesisch jaan Ein extrem differenziertes und kurzformiges Paradigma hat fries, jaan herausgebildet. In der Komplexität und auch im Tempo der hier stattgefundenen (regulären wie irregulären) Prozesse dürfte es lux. gin sogar übertreffen. Tabelle 51 enthält die Formen.

113 Tabelle 51: Die Formen von westfries. jaan (nach Tiersma 1985) Infinitiv Präsens

Präteritum

jaa-n

[ja:n]

Sg-

1 2 3

jou jou-st jou-t

[jou] [joust] [jout]

PI.

1-3

jouw-e

[jouwa]

Sg.

1/3 2

joech joech-st

Üu(:)x] |ju(:) Z st]

PI.

1-3

joeg-en

[juOyen] flju(a)n])

jü-n

[ju:n]

Part.Perf.

Synchron betrachtet handelt es sich bei jaan um ein klares Kurzverb: Kurzformig sind der Infinitiv jaan, die Präs. Sg.-Formen jou, joust, jout und das Partizip jün. Dagegen setzt die Einheitspluralform jouwe mit wurzelfinalem Halbvokal -w- einen Reflex des einstigen -bfort. Stark abweichend von der 5. Ablautreihe verhalten sich die Wurzelvokale, die in dieser Kombination singular sind: Weder der Infinitiv ([a:]) noch das Präsens ([ou]), das Präteritum ([u(:)]) und das Partizip ([u:]) setzen einen lautgesetzlich entwickelten Vokal fort. Dies ist Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels verschiedener Assimilationen, Reduktionen, Analogien etc. Zu diesen diachronen Prozessen s. die Formen des Altfriesischen (1275-1550) in Tab. 52 (nach Steller 1928 und Markey 1981; vgl. auch Siebs 1901: §139). Tabelle 52: Die Formen von altfries. jeva 'geben' Infinitiv Präsens

Präteritum

Part.Perf.

jeva (jeua, jewa) jo(u)wa, jä, jän Sg-

1 2 3

jew(e) jefst jefth

PI.

1-3

jevat(h)

Sg.

1/3 2

jef jefst

PI.

1-3

jevon, jeven, jeven (e)jeven

Vorab ist auf die reguläre Palatalisierung (und Spirantisierung) von germ, g- vor Palatalvokal im sog. Urfriesischen (ca. 800-1275!) hinzuweisen, der hier (Markey 1981 folgend)

114

mit < j > wiedergegeben werden soll. Diese Palatalisierung gilt regulär auch für die Präteritalformen, deren ursprünglich (d.h. im Westgermanischen) velare Wurzelvokale -ain der 2. Ablautstufe bzw. -ä- ( < germ, e,) in der 3. Ablautstufe schon im Urfriesischen zu -e- bzw. -έ- gehoben worden waren: urfries. *gevan — gef - givum - gegevan. Zum Infinitiv: Der regulär entwickelte altfriesische Infinitiv jeva dürfte die älteste der Varianten sein: germ. -t>- wurde im Friesischen intervokalisch lautgesetzlich zu -wlenisiert84. Dieser stark gerundete Wurzelauslaut bewirkt in der Folge eine nichtlautgesetzliche regressiv-assimilatorische Velarisierung und Labialisierung des vorangehenden e > o(u), was zu der Variante jo(u)wa führt. Die im Spätaltfriesischen eingetretene Kontraktion führt von zweisilbigem jeva zu einsilbigem, langvokalischem jäSi, das sich darauf den beiden alten Kurzverben gän und stän anschließt, die ihr altes Infinitiv-«, da unter Hauptton stehend, bewahrt haben: afries. ja -* jän (nach gänlstän).86 Noch heute charakterisiert dieses Infinitivallomorph -n die Klasse der sieben Kurzverben gean 'gehen', stean 'stehen', dwaan 'tun', slaan 'schlagen', sjen 'sehen', tsjen 'ziehen' undjaan 'geben'. Über die Reduktion des Wurzelauslauts, Kontraktion, Akzentumsprung auf den einstigen Endungsvokal -a und analogische Übernahme des -n hat sich jaan maximal von seinem Etymon und auch von den finiten Formen entfernt. Dadurch wurde die für (fast) alle friesischen Verben geltende Homonymie zwischen Infinitiv und Einheitsplural im Präsens durchbrochen: jaan 'geben' (Inf.) vs. jouwe 'geben' (Präs.PI.).87 Auch die Präsensformen haben Sonderentwicklungen vollzogen. Sie basieren offensichtlich auf der Labialisierung von e > o(u) vor und durch w: jewe '(ich) gebe' > jow(e) > jou. In der 2./3.Sg. muß der Endungsvokal früh synkopiert worden sein, da w > f desonorisiert wurde: jefst 'gibst', jefth 'gibt'; diese entwickelte sich zu kurzformigem joust, jout, wobei vermutlich eine Analogie zur l.Sg. vorliegt. Der zu erwartende Reflex von germ. ist im -w- des Einheitsplurals vorhanden; auch hier gilt die nichtlautgesetzliche (Über)Labialisierung von e > ou vor w: afries. jevat(h) > *jouve > nfries. jouwe 'geben/gebt' (Präs.Pl.). Zu den Präteritalformen: Jeglicher Lautgesetzlichkeit entbehren die heutigen Präteritalformen joech(st), joegen, einzig abgesehen vom Anlaut j-. Wie das Altfriesische zeigt, fällt nach der urfries. a > e- (bzw. ä > έ-) Hebung der Präterital- mit dem Präsensvokalismus zusammen, ebenso mit dem in der 5. Ablautreihe ohnehin bereits normalstufigen Partizip .Perfekt. Bei Markey (1981) (und Sjölin 1969) sind alle vier Ablautvokale zu kurzem -enivelliert: e - e - e - e (jeva - jef - jeven - (ejjeven). Damit war die Tempusmarkierung gefährdet. Fries, jaan hat sich hier für einen radikalen Ausweg entschlossen: Es hat seine Präteritalformen analogisch nach einem anderen Kurzverb, nämlich (seinerseits stark

84 85 86

87

Alternative Schreibungen sind < ν > , < u > oder < w > . Möglicherweise ging diesem steigenden Diphthong ein fallender, *ia, voraus. Gleiches tun übrigens auch andere sekundäre Kurzverben wie sla(n) 'schlagen' < urfries. *slaha, fa(n) 'fangen' ( < germ. *fanhan), sia(n) 'sehen' ( < *seha) und einige weitere Kontraktionsverben (Meijering 1990). Weitere Ausnahmen gehören dem Höchstfrequenzbereich an, so weze 'sein' vs. binne 'sind' (PI.) und dwaan 'tun' vs. dogge 'tun' (PI.) (s. 6.4. im Anhang).

115 irregulärem) slaan 'schlagen' ausgerichtet: afries. slä(n) - slöch - slögon > nfries. slaan - sloech [slu(:)%] - stiegen [sluOban] 'schlagen, schlug, schlugen'. Da kein anderes Verb außer slaan über Präteritalformen auf -oech/-oegen verfügt (und slaan - sloech damit schwach suppletiv ist) und da slaan sich nur im Anlaut von jaan unterscheidet, kann als Lösung nur diese außergewöhnliche Analogie in Betracht kommen - außergewöhnlich deshalb, weil die Analogiewirkung von einer singulären Suppletivform ausgeht und weil die Analogie nicht Morphe betrifft, sondern das gesamte Wort bis auf den Anlaut: y'-ef-» j-oech 'gab' nach sl-oech 'schlug', j-even -* j-oegen 'gaben' nach sl-oegen 'schlugen'. Hierdurch ist das jaan-Paradigma schlagartig zu leichter Suppletion gelangt. Zum Partizip Perfekt jün: Nicht weniger tiefgreifende und radikale Entwicklungen hat jün 'gegeben' hinter sich gebracht, wenn man von der altfriesischen Basis (e)jeven ausgeht. Das einstige Präfix gi-lge- ist im Altfriesischen nur noch als sporadisches e- zu greifen. Nachdem ge- zu je- palatalisiert worden war, wurde vortoniges j-, später auch vortoniges e [β] > 0 reduziert: urfries. *ge'gevan > jejeven > afries. ejeven > jever?8 (Markey 1981: 141). Afries. jeven 'gegeben' hat dann auch die regressive Labialisierung zajoven/ jouwen vollzogen. Die Kontraktion mit anschließender Monophthongierung zu *joun hat schließlich zu heutigem kurzformigem jün geführt. Damit hat sich fries, jaan, zusammen mit lux. gin, am weitesten vom germanischen Etymon fortentwickelt, und dies, obwohl es - im Gegensatz zu gin - keine Grammatisierung erfahren hat. Durch vielfältige Reduktionen und Irreguiarisierungen hat sich sein Paradigma so stark zerklüftet, daß sich heute jegliche interne Ableitbarkeit verbietet. Die einzige Konstante besteht im Anlaut j-, was deutliche Evidenz für die Prominenz des Wortanlauts liefert (s. hierzu Kap. 3.4.1.2.).

2.3.5. Englisch give Engl, give [giv] ist ein altdänisches Lehnwort aus der Zeit des von Skandinaviern bewohnten Britannien zwischen dem 7.Jhd. und 1066. Daß solche elementaren Verben wie GEBEN aus einer anderen (wenn auch verwandten) Sprache entlehnt werden, zeugt von intensivem, tiefgreifendem Sprachkontakt. Den Hinweis auf die skandinavische Herkunft liefert noch heute der nicht palatalisierte Anlaut [g]-;89 Erbwörter haben dagegen eine g-Palatalisierung vor Palatalvokal vollzogen: yesterday (~ gestern), yellow (~ gelb) etc. So ist engl. give eines der wenigen Wörter mit [g]- vor Palatalvokal, was als eine (bescheidene) Form einer (phonotaktischen) Besonderheit zu bewerten ist. Folglich weicht auch die Schreibung < give > von den üblichen GPK-Regeln ab. Da es sonst keine hochsprachlichen Abweichungen enthält, kann auf eine tabellarische Auflistung verzichtet werden. Der Wurzelauslaut -v zieht sich (im Gegensatz zu have) durch das gesamte Paradigma. Doch deuten Totalassimilationen des Wurzelauslauts in der Enklise auf eine gewisse

88

Die Akzentangaben stammen von mir.

89

Weiteres Indiz für die skandinavische Herkunft ist der Wurzelvokal i, dessen Herkunft im Kapitel zum Dänischen (2.3.6.) diskutiert wird.

116 Instabilität hin: Ähnlich ahd. gimer 'gib mir' und alem./dial. gl-mu 'gib ihm' fällt in der Verbindung engl, gimme < give me 'gib mir' das -v-; auch im schriftlichen Medium breitet sich diese Verschmelzungsform zunehmend aus, indem sie in einige nähesprachliche Textsorten eindringt (neben der Kontraktionsform lemme < let me 'laß mich', wo sogar ein stimmloser Plosiv fällt). Wie Krug (1994) feststellt, handelt es sich hierbei - verglichen etwa mit don't oder I've - um seltene Formen. Ohne diese beiden SubstandardKontraktionen überbewerten zu wollen, sind sie doch Indiz für eine sich möglicherweise anbahnende Kurzformbildung. Ein erstes Einfallstor besteht oft in satzphonetischen bzw. klitischen Kontexten. Nicht zufallig handelt es sich bei diesen Kurzverbkandidaten um hochfrequentes give und let (die andere Sprachen zu richtigen Kurzverben ausgebildet haben; s. alem. gä, lö, norw. gi, la).

2.3.6. Dänisch give [Ii'''] Bei dän.give täuscht wieder die konservative Orthographie des Dänischen über die Kurzformigkeit hinweg (s. die Transkriptionen in Tabelle 53). Tabelle 53: Die Formen von dän. give üblich

selten fgi'va]

Infinitiv

give

[gi'/fti]

Präsens

giver

ttil'l

Präteritum

gav

[4Β]

Bew']

Supinum

givet (gevet)

[giöö] ü'geöö])

[£iööd/'gi:vÖ]/ ['geÖöd/'£e:vÖ]

Imperativ

giv

[gi/gi'l

[gi(:)v/gi(:)w]

Präsens

gives

[gi:ws]

tti's]

Präteritum

gaves

[gae:vas]

s-Passiv



Die Abfolge der transkribierten Formen repräsentiert deren Häufigkeit und Verbreitung: In der linken Spalte befindet sich die geläufigste Form, rechts dagegen Formen mit Bemerkungen wie "(meget) sjaeldent", "arkaiserande" oder "dialektalt" im Store Danske Udtaleordbog.90 Links erscheinen fast nur Kurzformen, rechts die eher lautgesetzlich entwickelten, oft zweisilbigen Langformen mit erhaltenem Wurzelauslautkonsonanten. Seit kürzerer Zeit kommen Graphien wie < g i ' r > statt < giver > vor, die jedoch substandardsprachlich markiert sind (Karker 1997, Lindqvist 1996).

90

Übersetzung: "(sehr) selten", "archaisierend", "dialektal"

117 Beim ί-Passiv kippt jedoch das Verhältnis Kurz-/Langform um: Diese seltenste aller Flexionsfbrmen hat im Präsens die zweisilbige, langvokaKsche und wurzelauslauthaltige Form ['gi:ws] bewahrt, wohingegen es hier die Kurzform [gi's] ist, die im Store Danske Udtaleordbog den Vermerk "sjaeldent" erhält. Noch stärker ist diese Diskrepanz im noch selteneren Passiv Präteritum gaves, wo mit [g£e:v3s] ausschließlich die reguläre Langform möglich ist. Hierdurch differenziert sich das Paradigma beträchtlich, und die Prinzipien von Reduktion und Differenzierung werden gut sichtbar: "Regulärer" entwickelt und entsprechend weniger reduziert sind immer die seltener gebrauchten Formen. Für das Nebeneinander von offiziellem givet und oft realisiertem gevet im Supinum gilt, daß der zweiten Form eine relativ weite regionale Verbreitung im Raum Kopenhagen und auf Sjaelland zukommt. Diese //e-Alternation begegnet einem auch in anderen skandinavischen Sprachen (z.B. schwed. ge, aber giva). An. gefa wurde im Altostnordischen (ca. 800-1200) zu *gäva (lautgesetzliche Öffnung des betonten Kurzvokals e > ä). Unter bestimmten Bedingungen wurde es zu i palatalisiert, hier anscheinend wegen der Position hinter g- in - so Wess6n (®1992) - druckschwacher Position: I nigra fall har närheten av palatala ljud föranlett, att utvecklingen har blivit en annan [nämlich ä > i]: Slutligen även efter g i de bäda verben giva (isl. gefa) och gita (isl. geta), som ofta har brukats trycksvagt (29/30)."

Offensichtlich war das g- vor e bereits so stark palatalisiert worden, daß es seinerseits die weitere progressive (Über)Palatalisierung von e > i bewirken konnte. Dies betrifft nur wenige, besonders frequente Verben (s. auch Kap. 2.6.8. zu sige 'sagen')- Unklar bleibt, was dies mit Druckschwäche zu tun hat. Warum sollten ausgerechnet giva und gita weniger betont werden als andere Verben? Vielmehr sind solche unbelegten Erklärungsversuche verläßliche Indikatoren für singulare und damit irreguläre Entwicklungen (s. hierzu Kap. 3.2.1.).® Die heutige Qualität des dän. g- ist ausschließlich okklusiv, doch belegen frühere Schreibungen, daß auch im Dänischen die g-Palatalisierung stattgefunden hat (die dialektal heute noch existiert)." Als eine Grammatisierung verzeichnet Hansen (1967: Bd. III, 30) die Inchoativkonstruktion give sig til at -l- Infinitiv: han gav sig til at grade 'er begann zu weinen'. Doch ist diese Periphrase nicht allzu geläufig, wofür auch die Tatsache spricht, daß sie immerhin vier Bestandteilen umfaßt.

2.3.7. Schwedisch ge Im Schwedischen hat sich das Kurzverb ge vollständig etabliert. Altes giva gilt als archaisch-bibelsprachlich und wird heute nicht einmal mehr geschrieben. Das Schwedische

91

Übersetzung: "In einigen Fällen hat die Nachbarschaft palataler Laute eine andere Entwicklung veranlaßt: Schließlich sogar nach g in den beiden Verben giva (isl. gefa) und gita (isl. geta), die oft druckschwach verwendet werden."

92

Nicht auszuschließen ist auch ein e > /-Hebung in der 2.Sg.Präs. des Urnordischen: *geflR > gifr. Von dort aus müßte analogische Ausbreitung angenommen werden. Zur Palatalisierungsphase im früheren Dänischen s. Haugen (1984: 92, 339).

93

118 (ebenso das Norwegische) verschriftet mit seiner relativ flachen Orthographie viel eher Kurzformen als das Dänische mit seinem tieferen Schriftsystem (s. Tab. 55). Östman (1992: 57) zufolge betrifft der erste (schriftliche) Kurzformbeleg erwartungsgemäß die frequenteste Präsensform (damals noch Sg.), die schon aus dem Jahr 1522 datiert, gefolgt 1648 von Infinitiv und Supinum. In der Abfolge Präsens -» Infinitiv Supinum/Präteritum setzen sich die Kurzformen sukzessive durch, ihre stilistische Markiertheit nimmt stetig ab, so daß sich in heutigen Wörterbüchern schließlich der Haupteintrag bei ge findet; gleiches gilt für die Präsensform ger. Das Kurzsupinum gett und langes givit 'gegeben' halten sich heute in Frequenz und Stilwert ungefähr die Waage (Östman 1992: 154, 195, 213; s. Tab. 55). Dafür sprechen auch die Frequenzermittlungen von ΑΙΙέη (1972) (Grundlage: Zeitungstexte von 1965): Unter sämtlichen graphischen Wörtern (und Wortformen) aller Wortarten führt, bezogen auf das Paradigma von ge, die Präsensform ger mit Rang 131 (unter den Verbformen Rang 26), gefolgt vom Infinitiv ge auf Rang 510, dem Präteritum gav auf Rang 325, der Passivform ges auf Rang 875 und schließlich den beiden Supinumformen gett auf Rang 1068 und givit auf Rang 1117. Damit führt schon in schriftlichen Zeitungstexten des Jahres 1965 gett leicht vor givit. Äußerst stabil verhält sich das Präteritum gav, das sich durch den konservierten Wurzelauslautkonsonanten -v, den Ablautvokal und den gutturalen Anlautplosiv [g]- stark vom Restparadigma abhebt: Zwischen [je:r] 'gibt' und [ga:v] 'gab' hat sich ein synchron singuläres und damit suppletives Verhältnis herausgebildet. Die Analogiewirkung der 3. (schwachen) Konjugation versagt hier. "Regulär"-schwach gebildetes gedde ["jed:e] ist regional stark begrenzt (bzw. kindersprachlich). Tabelle 55: Die Formen von schwed. ge Infinitiv

ge

[je:]

Präsens

ger

Üe:r]

Präteritum

gav ((gedde))

[ga:v] (([•jüd:e]))

Supinum

givit/gett

[ V ji:vit]/[get(:)]

Imperativ

ge

[je:]

Präsens

ges

[je:s]

Präteritum

gavs

[ga:vs]

s-Passiv

Auffällig ist die Kombination von kurzer e- und langer /-Form im heutigen schwedischen Paradigma: gel ger — gav — gett/givit. Wie Östman (1992) anhand schwedischer Autor/inn/en des 16.-18. Jhds. nachweist, alternieren damals e- und i'-haltige Kurz- und Langformen frei. Im Zuge der Standardisierung wurden diese Varianten gemischt (zur Entstehung der /-haltigen Formen durch Überpalatalisierung s. Kap. 2.3.6. zum Dänischen). Die Kurzformen haben sich auch in Präfixbildungen durchgesetzt: utge, medge, överge.

119 Schwed. ge basiert auf dem Schwund des an sich wenig reduktionsanfälligen -v-, was sonst nur noch ha < hava und bli < btiva betrifft. Die hohe Gebrauchsfrequenz von ge erklärt, weshalb es seine Irregularitäten konserviert; seltenere Verben mit schwundanfalligeren Wurzelauslauten zeigen dagegen weniger Resistenz und treten bald in die 3. (schwache) Konjugation über (z.B. kläda > klä - klädde 'kleiden - kleidete', räda > rä - rädde 'raten - riet').

2.3.8. Norwegisch gi bzw. gje(ve) Das Bokmäl tendiert zu starker Kurzformigkeit, wohingegen das (weniger normierte) Nynorsk sowohl Kurz- als auch Langformen kennt. Da es zu den norwegischen Kurzverben keine Untersuchung gibt, die der von Östman (1992) entspricht, können keine so detaillierten Angaben über den Reduktionsprozeß gemacht werden; doch dürften die Verhältnisse des Schwedischen im Prinzip auch für das Norwegische gelten (wie Entstehungszeitraum der Kurzformen, ihre Durchsetzung in den einzelnen Paradigmenpositionen).

2.3.8.1. gi im Bokmäl Tabelle 56: Die Formen von gi im Bokmäl Infinitiv

gi

Üi:]

Präsens

gir

[ji:r]

Präteritum

ga(v)

[ga:]

Supinum

gitt

Üit(:>]

Imperativ

gi

i-Passiv

L)i:]

Präsens

gis

[ji:s]

Präteritum

gavs

[ga:vs]

Noch stärker als das Schwedische hat das Bokmäl Kurzformen ausgebildet: Wie Tabelle 56 zeigt, besteht das gesamte Paradigma aus einsilbigen Kurzformen. Neben kurzem Infinitiv (gi) und Präsens (gir) ist auch das Supinum gitt obligatorisch kurz - und vor allem auch die Präteritalform ga(v) [ga:], die zwar noch in der Graphie, doch nicht mehr in der Phonie den Wurzelauslaut enthalten kann. Obwohl die «'-Formen der 3. Konjugation folgen (abgesehen vom stimmlosen Auslaut von gitt), beharrt die Präteritalform auf ihrem Ablautvokal α und der damit verbundenen Velarität und Plosivität von [g]-. Die solchermaßen isolierte Form sorgt für starke Distinktivität: gir [ji:r] 'gibt' vs. ga(v) [ga:] 'gab'. Im Unterschied zum Schwedischen basieren sämtliche Kurzformen des Bokmäl auf den r-Formen, was für eine gewisse Einheitlichkeit des Paradigmas bewirkt, ebenso die

120 durchgängige Kurzformigkeit auch im Präteritum und Supinum. Nur im selteneren s-Passiv Präteritum hält sich wurzelfinales v. Wie schon bei den anderen Kurzverben festgestellt, geht das Bokmäl innerhalb der skandinavischen Sprachen bezüglich der Kurzformigkeit am weitesten.

2.3.8.2. gi/gje/gjeve im Nynorsk Auch bei GEBEN verbindet das Nynorsk wieder das kurzverbreiche Festland- mit dem kurzverbarmen Inselnordischen. Es verfugt über Lang- und Kurzformvarianten, wie dies prinzipiell für viele seiner Kurzverben gilt: "I NN [Nynorsk] har de fleste bare funnet plass som varianter: la(te), ta(ke), dra(ge), gje(ve)/gi." (Naes 31972: 176)94 (zu den Formen s. Tab. 57). Tabelle 57: Die Formen von gi/gje/gjeve im Nynorsk Infinitiv

gi/gje/gjeve

[ji:]/|je:]/rje:v3]

Präsens

girlgjev

[ji:r]/|je:v]

Präteritum

gav

[ga:v]

Supinum

gittlgjeve

[jit(:)]/rje:v3]

Imperativ

gilgje

[ji:]/[je:]

Präsens

gis

[ji:s]

Präteritum

gavs

[ga:vs]

j-Passiv

Auffallig ist wieder die Abwesenheit von Varianten im Präteritum, möglicherweise weil die gemäß der 3. Konjugation regularisierte potentielle Form *gidde länger und weniger differenziert wäre. Dagegen scheint in allen anderen Positionen die 3. Konjugation durch. Wie im Schwedischen gilt auch im Norwegischen, daß sekundäre Kurzverben, d.h. solche mit relativ spät geschwundenem Wurzelauslautkonsonanten, in der Regel auf -d(bzw. [ö]) ausgingen; "[SJjeldnare er det annan intervokalisk konsonant, som ved bli blive, dra - drage, gi el. gje - gjeve, ha - have, la - late, ta - take [...]." 95 (Beito 2 1986: 278). Wie die beiden letzten Beispiele zeigen, sind sogar stimmlose Plosive kein Hindernis zur Kurzverbbildung. Was die Häufigkeit und Leichtigkeit, mit der Wurzelauslaute schwinden, betrifft, läßt sich für das Norwegische folgende abnehmende Skala

94

Übersetzung: "Im Nynorsk haben die meisten nur als Varianten Einzug gehalten: la(te), dra(ge), gje(ve)/gi ['lassen, nehmen, ziehen, geben']."

95

Übersetzung: "Seltener handelt es sich um einen anderen intervokalischen Konsonanten, wie bei bli - blive, dra - drage, gi oder gje - gjeve, ha - have, la - late, ta - take [...]".

ta(ke),

121 aufstellen: -h- -* -d- -» -g- -» -v- -> (-r-) -» -k- -* -t-. Diese wird im Norwegischen stärker ausgeschöpft als im Schwedischen: Im BokmM wie im Nynorsk ist 'lassen' mit la kurz,

wohingegen schwed. läta nie zu *lä reduziert wird (s. Kap. 3.2.2.1.). Das Norwegische verfugt also nicht nur über mehr und stärker reduzierte Kurzverben, sondern auch über solche, die bei ihrer Kontraktion beachtliche konsonantische Hürden genommen haben.

2.3.9. Färöisch geva Die färöische Palatalisierung von g- vor e, i, y, ey hat zur Affrikate [d3]- (bei Lockwood 3 1977 mit [j] transkribiert) geführt, die sich, alternierend mit [g]- vor anderen Vokalen, durch das Paradigma zieht (s. Tab. 58). Tabelle 58: Die Formen von fär. geva Infinitiv Präsens

Präteritum

geva

[d3e:va]

sg.

1 2/3

gevi gevur

[d3e:vi] [d3e:vur]

PI.

1-3

geva

[d3e:va]

Sg.

1/3 2

gav gavst

[geav] [geafst]

PI.

1-3

gövu

[gouwu]

giviö

[d3i:vi]

Supinum Konj.(II!) (Optativ)

Sg./Pl.

1-3

gävi/ gtzvi

[goavi] [geavi]

Imperativ

Sg.

2

gev

[d3e:v]

PI.

2

gevid

[d3e:vi]

Besondere Kürzen weist das Färöische hier nicht auf; es verfügt in allen Positionen über den Wurzelauslaut und verhält sich ansonsten wie ein normales Verb der 5. Ablautreihe. Eine Irregularität besteht in der Konjunktivform: A relic of an ancient past optative survives in living use of the word gdvi, also g&vi from geva, and corresponds to English "would that", etc.: gdvi (at) eg kundi tnid tcer! would that I could trust you! geevi (at) tad hevdi vend! if only it had been, would be, were so!" (Lockwood 31977: §138).

Anstelle von regulärem *gevi, der ehemaligen Konj.I-Form, die sich von der 1. Ablautstufe ableitet, hat das Färöische einzig bei diesem Verb die alte Konj.II-Form tradiert, die auf der 3. Ablautstufe basiert: gävi bzw. auch umgelautet gcevi. Die Funktion dieser Form

122 ist, wie die Beispiele zeigen, optativisch, wobei - dem Zitat zu entnehmen - hierin auch eine Art Lexikalisierung gesehen werden könnte. Auf einer weiteren Irregularität muß das Supinum givid basieren mit gehobenem i < e. Solche nichtlautgesetzlichen e > (-Hebungen haben mehrere, meist Palatale enthaltende Supina wie gingid l'd^i/^il 'gegangen', tikid [ ti:tji] 'genommen' etc. vollzogen. Auch hier ist, ähnlich wie im Festlandskandinavischen, von singulären Überpalatalisierungen auszugehen (bei Lockwood 1977: 83 fallen diese Verben unter die Rubrik "miscellaneous vowel changes"). Damit verfugt far. geva über mehr Differenzierungen als die angestammten und lautgesetzlich entwickelten.

2.3.10. Isländisch gefa Im Isländischen ist gefa schließlich ein prototypisches Verb der 5. Ablautreihe ohne jegliche Kürzungs- und/oder Irregularisierungserscheinungen. Das Paradigma ist zwar wegen der leichten Palatalisierung von [g]- > [gj]- vor Palatalvokal etwas differenziert, ebenso wegen vokalischer Divergenzentwicklungen lautgesetzlicher Art (zu den Formen s. z.B. Jörg 1989: 103). Als einzige Abweichung, der wir in dieser Art bereits in mehreren Sprachen begegnet sind, ist wieder die Imperativform in Verbindung mit dem Personalpronomen 'mir' zu nennen: "Bei bestimmten Verben kommen zusätzlich Sonderformen vor, wie z.B. gefdu mir 'gib mir' [gjevÖY mje:r] > [gjem:jer]" (Petursson 1986: 264)96. Das heißt: Nähesprachlich schwindet sowohl enklitisches, heute an jedem Imperativ haftendes =du als auch der Wurzelauslautkonsonant -/[v].

2.3.11. Resümee Die Fortsetzungen von germ. GEB- in den heutigen Sprachen lassen die kurzverbreichen und -armen Sprachen sichtbar werden. Als ein Verb, das — abgesehen vom Luxemburgischen — keine übermäßigen Grammatisierungen erfahren hat, gehört es wegen seiner elementaren Semantik zwar in den Hochfrequenzbereich, doch weist es keine Spitzenwerte auf. Kurzverbfreundliche Sprachen wie Alemannisch, Friesisch und die festlandskandinavischen Sprachen haben es mehr oder weniger stark reduziert und irregularisiert. Den Rekord hält das Luxemburgische (neben dem Friesischen): Es hat dieses Verb mit mehreren grammatischen Funktionen befrachtet und — bedingt durch die Frequenzsteigerung — formal extrem reduziert. Mit singulären Entwicklungen wartet auch das Friesische auf, wo ein kompliziertes Geflecht von regulären und irregulären phonologischen und morphologischen Prozessen zu außergewöhnlichen Resultaten geführt hat. Hier die wichtigsten Ergebnisse (s. auch Tab. 59):

96

Petursson (1986) transkribiert das leicht palatalisierte [gj] als [c].

123 Tabelle 59: Die wichtigsten Formen von

GEBEN

in den germanischen Sprachen

Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP. /Sup.

(la) Alem.



git/gänd





(lb) Nhd.

geben

gibt/geben

gab/gaben

gegeben

(2) Lux.

gin

get/gin

gouf/goufen

gin!

(3) Ndl.

geven

geφ/geven

gaf/gaven

gegeven

(4) Fries.

iaan

iout/iouwe

ioech/ioeeen

im

(5) Engl.

give

gives/give

gave

given

(6) Dän.

give [&">]

giver [gig']

eav [έ«"']

givet

(7) Schwed.

ge [je:]

ger [je:r]

gav

givit/gett

(8a) Bokmäl

gi Ü«:]

gir [ji:r]

ga/gav [ga:]

gitt [jit(:)]

(8b) Nynorsk

gi/gfe

gir/gjev

gav

gitt/gjeve

(9) Fär.

geva

gevur/geva

gav/gövu

givid

βΦ

gefur/gefa

gaf/gäfu

gefiö

(10) Isl. Fettdruck: "!": Unterstreichung:

Popp. Unterstreichung: Fettdruck + Unterstreichung:

kurzformig (und dadurch meist auch irregulär bis suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); extrem irregulär/suppletiv; kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Das Alemannische hat in den untersuchten Dialekten jeweils im Infinitiv, im Partizip Perfekt und in der 2./3.Sg.Präs., meist auch im Präs.PI., Kurzformen entwickelt (was sich bereits im Mittelhochdeutschen andeutet), doch nicht in der l.Sg.Präs. und im Konjunktiv. Im Vergleich zum Hilfsverb hä 'haben' hat es nicht so konsequent gekürzt (was die Übersichtstabellen im Resümee-Teil nicht zeigen). Abgesehen von dem für wenig normierte Sprachen typischen Variantenreichtum gerade bei den häufigen Wörtern/Formen hat es sein Paradigma intern differenziert, indem es b-haltige mit Mosen Formen alternieren läßt und quantitativen und qualitativen Vokalwechsel kultiviert. Zu dieser Fülle unterschiedlicher Formen und Varianten bildet das Neuhochdeutsche einen kräftigen Kontrast, indem es geben lautgesetzlich fortgesetzt hat. Nur in der gesprochenen Sprache lassen sich Vokalkürzungen in der 2./3.Sg.Präs. feststellen (sie gibt [gipt] neben regulär [gi:pt]). Irregulär verhält sich die Schreibung ebendieser (standardsprachlich

124 langvokalischen) Formen, indem das Dehnungs- hier ausnahmsweise entfällt (vgl. dagegen . Den Gegenpol dazu bildet wieder das Luxemburgische, wo gin deutlich höherfrequent ist, da es als Auxiliar mit der Funktion der (inchoativen) Kopula, des Passiv- und des Konj.III-Hilfsverbs fungiert. Kurzformig ist erwartungsgemäß das gesamte Präsens, der Infinitiv und das Partizip Perfekt. Erhalten blieb der Wurzelauslaut im Imperativ Singular, im Präteritum und Konj.II. Besonders interessant ist die Tatsache, daß gin vier Präsensformen (darunter die drei synkretistischen Formen der l.Sg. = 1./3.P1. und außerdem — viertens - die 2.P1. git(t)) ins goen-Paradigma entlehnt hat. Nur die 2. und 3.Sg. (ges/get vs. gees/geet) unterscheiden sich noch. Hier läßt sich möglicherweise die Entstehung von Suppletion durch lexikalische Mischung zweier Paradigmen beobachten. Durch reguläre Entwicklungen zeichnet sich wieder das (normierte) Niederländische aus, das in geven zwar relativ viele Differenzierungen vornimmt, die jedoch lautgesetzlicher Natur sind. Ähnlich wie das Neuhochdeutsche gehört auch das Niederländische prinzipiell zu den an Kurzverben ärmeren Sprachen. Diesen Verhältnissen steht das Friesische diametral entgegen: Es hat relativ viele Kurzverben ausgebildet, wozu auch jaan 'geben' gehört. Im Gegensatz zum Luxemburgischen hat es jedoch keine Grammatisierungen vollzogen. Fries, jaan ist das Produkt komplizierter (regulärer und irregulärer) Kürzungen, von Kontraktion, Akzentumsprung über verstärkte interne Labialisierung bis hin zur Analogie zu einem Suppletivverb. Fries. jaan leitet sich aus afries. jeva ab. Angelpunkt dieser Entwicklungen ist der Wurzelauslaut -ν-: Im Infinitiv ist er geschwunden (wo dann eine Analogie an slaan 'schlagen' stattgefunden hat); im Präs.Sg. hat er — bevor er selbst vokalisiert wurde — zur regressiven (Uber)Velarisierung des Wurzelvokals geführt (jou, joust, jout), während er im Prät.Pl. neben diesen Assimilationen als -w- erhalten blieb (jouwe). Möglicherweise resultiert auch das ü des Partizips Perfekt jün 'gegeben' aus einem solchen Reflex des früheren Wurzelauslauts auf dem Wurzelvokal e - bei zusätzlicher Kontraktion der Form (afries. (eleven). Zu besonders spektakulären Maßnahmen hat das Präteritum gegriffen, das im Altfriesischen unterdifferenziert war, da sämtliche Ablautvokale dieser Reihe zu -enivelliert waren. Dieser Unterdifferenzierung hat es sich als einziges Verb durch die Analogie an ein schwach suppletives Verb, slaan 'schlagen', entzogen, indem es abgesehen vom Anlaut — dessen gesamte Form (heute sloech/sloegen) übernommen hat: afries. jef 'g&b'ljeven 'gaben' -» nfries. joech/joegen. Damit ist auch jaan schlagartig zu leichter Suppletion gelangt, wenngleich es seinen Vokal und seinen Wurzelauslautkonsonanten nun mit slaan teilt. Damit ist das Paradigma von jaan extrem differenziert. Einzige Konstante bleibt anlautendes j-. Eine Überdifferenzierung besteht in der Durchbrechung des Synkretismus Infinitiv = Präsens Plural durch jaan vs. jouwe. Im Englischen stößt man bei give auf relativ geordnete Verhältnisse, d.h. Klitisierungen wie bei den vorangehenden Kurzverben have, be, shall und will finden sich hier nicht. Dennoch waren kleinere Sonderentwicklungen zu konstatieren: give ist das Resultat einer Entlehnung aus adän. giva und hat daher nicht die reguläre Palatalisierung von g- vor Palatalvokal vollzogen. Im gesprochenen Englisch kommt es im Imperativ zur Enklise gimme < give me, in der der Wurzelauslaut fällt.

125 Mit dem Dänischen gelangt man zu den kurzverbreichen festlandskandinavischen Sprachen. Trotz der konservativen Graphie < give > bestdien eindeutige Kurzformen (z.B. [gi('']), auch in den meisten anderen, besonders den frequentesten Positionen des Paradigmas. Indem das seltenere j-Passiv den Wurzelauslaut konserviert, differenziert sich das Gesamtparadigma. Problematisch bleibt die Erklärung der Hebung von an. gefa zu dän. give\ wahrscheinlich hat sich die (im Dänischen historische) Palatalität des Anlauts verstärkt auch auf den Wurzelvokal ausgewirkt. Fest steht, daß dieser Prozeß keine lautgesetzliche Basis hat. In schwed. ge sind die Kurzformen in die Graphie integriert. Allerdings beharren das Supinum givit und das Präteritum gav auf ihrem Wurzelauslaut; des weiteren kommt es zu e/i'-Alternanzen im Wurzelvokal. Übergänge in die 3. Konjugation liegen mit substandardsprachlichem) gedde und v.a. mit (neben givit gleichberechtigtem) gett vor. Eine zusätzliche "natürlichere" Differenzierung im markanten Wurzelanlaut bewirkt die reguläre Palatalisierung von [g]- > [j]- vor Palatalvokal. Konsequenter ist wieder das BokmAl verfahren, das in sämtlichen Formen von gl [ji:] den Wurzelauslaut getilgt hat. Mit den Stammformen gi/gir - ga — gitt hat es die /-Form vereinheitlicht, auch im kurzen Supinum. Nur die Präteritalform hebt sich deutlich ab, indem sie weiterhin ihren α-Ablaut behält und hierdurch der Palatalisierung entgangen ist: gi [ji:] vs. ga [ga:]. Das Nynorsk als Bindeglied zwischen kurzverbreichem Festland- und kurzverbarmem Inselskandinavischem verfügt sowohl über Kurz- als auch über Langformvarianten - bis auf das immer ungekürzte und ablautende Präteritum gav. Das Färöische hat bei geva [d3e:va] erwartungsgemäß keine Reduktionen durchgeführt, doch ist die (lautgesetzliche) intraparadigmatische Differenzierung beträchtlich: Im Wortanlaut alterniert die palatalisierte Affrikate [CI3]- mit velarem [g]-. Bei seinem morphologischen Konservatismus blieb auch der Numerusablaut im Präteritum erhalten (geva - gav — g6vu — giviö), während das Supinum vermutlich auf progressiver Überpalatalisierung basierendes i enthält. Irregulär ist der singulare Erhalt der alten Konj.II-Form gävi bzw. gaevi zum Ausdruck des Optativs. Schließlich setzt auch das Isländische sein ohnehin stark differenziertes Paradigma regulär fort. Die einzige Reduktionserscheinung besteht in der enklitischen Imperativform gefdu mär [ gjem:jer], wo sowohl enklitisches =du als auch der Wurzelauslaut fallen kann. Einen Teil dieser Resultate dokumentiert Tab. 59, die jedoch nur die Stammformen berücksichtigt.

2.4.

NEHMEN

in den germanischen Sprachen

Im Unterschied zu HABEN und GEBEN, das in allen germanischen Sprachen die germ. HABbzw. GEB-Wurzel fortsetzt, wird NEHMEN mit insgesamt drei unterschiedlichen Wurzeln gebildet: NEM- in den westgermanischen Sprachen, ΤΑΚ- in den nordgermanischen (und, von dort entlehnt, im Englischen), und HAL- im Luxemburgischen (lux. huelerv, vgl. nhd. holen).

126 Galt NEM- ursprünglich gesamtgermanisch, so haben die skandinavischen Sprachen geneuert, indem sie die ΤΑΚ- (im Altnordischen noch mit der konkreteren Bedeutung 'ergreifen') zum Ausdruck von allgemeinem NEHMEN entwickelt haben. Altes NEM- ist im Festlandskandinavischen geschwunden, im Inselskandinavischen zu 'lernen' bedeutungsverengt. NEM- gehört im Germanischen den starken Verben der 4. Ablautreihe an mit dem Stammsilbenvokalismus e — a — e — u; die nordwestgerm. e > α-Entwicklung und der α-Umlaut, der in der 4. Ablautstufe zur Senkung von u > ο führt, ergibt im Althochdeutschen die reguläre Reihe neman - nam - nämum - ginoman, im Altnordischen nerna - nam - nämum - nominn. Etwas komplizierter verhält es sich mit ΤΑΚ- (6. Ablautreihe), das sich nicht lautgesetzlich auf eine idg. Wurzel zurückführen läßt, da das Indogermanische keine Media, die hier anzusetzen wären, im An- und Auslaut kennt. Daher betrachtet Seebold (1970) germ. tak-a- "als unregelmäßige Entwicklung (oder sekundäre Variante) von idg. tag-/teg- [...]" (499). HAL- dagegen gehört der schwachen Flexion an (vgl. nhd. holen). Was die Frequenzen von NEHMEN in den jeweiligen Sprachen betrifft, so liegen sie alle — ähnlich wie bei GEBEN — im oberen Bereich, d.h. etwa zwischen Rang 10 und 25. Auch bei NEHMEN erklärt sich die hohe Frequenz durch die elementare Semantik, des weiteren durch seine desemantisierte Verwendung in Funktionsverbgefugen oder gar in grammatischen Periphrasen (etwa als Translativauxiliar ta im Schwedischen). Schließlich wirkt auch die hohe Wortbildungsaktivität bei starker Lexikalisierung frequenzsteigernd (s. nhd. benehmen, vernehmen, entnehmen, übernehmen, unternehmen, aufnehmen usw.), wobei es sogar zu Homonymien kommen kann, z.B. annehmen 'akzeptieren' und 'vermuten' .

2.4.1. Alemannisch nä und neuhochdeutsch nehmen Wieder verfügt das Alemannische über ein Kurzverb im Gegensatz zum Neuhochdeutschen. Um diese Divergenzen zu rekonstruieren, sei wieder ein kurzer Blick auf das Alt- und Mittelhochdeutsche geworfen.

2.4.1.1. Zur Diachronie: Althochdeutsch neman und mittelhochdeutsch nemen Ahd. neman verhält sich mit neman/nimu - nam — nämum — ginoman vollkommen regulär. Die entsprechenden Grammatiken berichten nichts über besondere Irregularitäten, Reduktionen oder andere Abweichungen, nicht einmal über Nebenformen. Auch im Mittelhochdeutschen verhält sich nemen vollkommen regulär. Für das Alemannische werden jedoch ab dem 14. Jhd. Kontraktionsformen beschrieben: nen für nemen (Inf. und 3.PI.Präs.) und genon für genomen (Part.Perf.) (s. Paul et al. 231989: §286). Die Beispiele deuten darauf hin, daß der bilabiale stimmhafte Nasal -m- zuerst intervokalisch schwindet.

127 2.4.1.2. Alemannisch nä Da das Alemannische keine Dehnung in offener Tonsilbe vollzogen hat, verfügt es wie das Alt- und Mittelhochdeutsche über kurze Wurzelvokale, es sei denn, diese sind (reduktionsbedingt) in den absoluten Auslaut geraten. Daher sind die Infinitiv- und Partizip Perfekt-Vokale wie bei allen Kurzverben lang (s. Tab. 60). Tabelle 60: Die Formen von alem. nä im Berner, Basler, Zürcher und Zuger Dialekt

Inf. Präs.

Bern

Basel

Zürich

Zug

näet7 [ae:]

nää [ε:]

nee [ae:J

nää [as:]

Sg-

1 2 3

nim-e [i] nim-sch nim-t

nimm [i] nimm-sch nimm-t

nim-e [i] mnsdh min-t

nim-e [i] nii-sch(t) [i:]98 nii-d [i:]

PI.

1/3 2

nää [as:] nää-tl [ae:] näm-et [as]

nämm-e [as]

nä-nd [ae]

nem-idl nM-nd

gnoo [o:]

gnoo

gnaa [a:]

gndd

PP. Konj.I

Sg.

1/3

nääm(-i)

nääm

nämm [se]

nääm

Konj.II

Sg.

1/3

nääm(t)(i) nuum(t)(i) niem(t)(i)

näämt(-i)

neem [ε:]

nüüm näämt(i)

Imp.

Sg.

2

nimm!

nimm!

nimm!

nimm!

PI.

2

nää-t!/ näm-et!

nämm-e!

nä-nd!

nem-id!/ nän-ml!

Ein Blick auf die Karten 90-95 des SDS III zeigt, daß im Infinitiv NEHMEN überall kurz ist, ebenso im Partizip Perfekt. Kontrahiertes nä in der 1.-3.PI.Präs. hat seinen Schwerpunkt in der Ostschweiz. Innerhalb des «5-Paradigmas gibt es weniger Kurzformen als bei gä. Hier ist Karte 92 für die 2./3.Sg.Präs. besonders interessant: Kontrahiertes niisch(t)/niit 'nimmst/nimmt' findet sich ausschließlich in der Ostschweiz. Bei diesem Verb bekommt man auch Übergangsformen zwischen Lang- und Kurzverb zu fassen, die in regressiv-assimiliertem ninsch(t)/nint im Zürichdeutschen bestehen (der Nasal übernimmt

97

Marti (1985) schreibt hier — in Anlehnung an die neuhochdeutsche Orthographie - < n ä h > mit D e h n u n g s - < h > . Dies wird hier in Doppelschreibung des (Lang-)Vokals überführt.

98

Wir ersetzen die < y > -Schreibung bei Bossard (1962) durch < ii > ; der Lautwert ist in beiden Fällen [i:].

128 die Apikodentalität des Folgelauts). Wegen der besonderen Ostschweizer Verhältnisse wird in Tab. 60 der Zuger Dialekt berücksichtigt (nach Marti 1985, Suter 31992, Weber 31987, Bossard 1962 und dem SDS III; die Kurzformen sind fettgedruckt, die Zwischenformen mit n-Auslaut schattiert). Zu den Wurzelauslautreduktionen treten die typischen Kurzflexive vor allem im Infinitiv, Partizip Perfekt und Präsens Plural hinzu. Zur formalen Differenzierung des Paradigmas tragen zum einen die unterschiedlich stark durchgeführten Kürzungen bei; zum anderen besteht vielfältiger Vokalwechsel sowohl innerhalb des Präsens als auch zwischen den Tempora und Modi. Die meisten Wurzelvarianten finden sich wieder im Konj.II, der nach Verlust der präteritalen Basis unterschiedliche Analogieangebote wahrnimmt. Alem. nä hat sich durch diese Entwicklungen interparadigmatisch isoliert.

1.4.1.3. Neuhochdeutsch nehmen Tabelle 61: Die Formen von nhd. nehmen Infinitiv Präsens

Sg.

PI. Präteritum

nehm-en

[e:]

1 2 3

nehm-e nimm-st nimm-t

[e:]

1/3 2

nehm-en nehm-t

[e:] [e:l

nahm-

[a:]

ge-nomm-en

[o]

(Wurzel)

Part.Perf.

[I] [I]

Konj.I

(Wurzel)

nehm-

[e:]

Konj.II

(Wurzel)

nähm-

[ε:]

Imperativ

Sg-

2

nimm!

[I]

PI.

2

nehm-t!

[e:]

Nhd. nehmen hat kaum Sonderentwicklungen vollzogen. Die einzige (reduktive) Abweichung besteht in den kurzen Stammsilbenvokalen in der 2./3.Sg. nimmst und nimmt, im Imperativ Singular nimm und im Partizip Perfekt genommen (Tab. 61). Lautgesetzlich entwickelt müßte genommen (wegen offener Tonsilbe) einen Langvokal enthalten, ebenso nimmst und nimmt, da diese zum Zeitpunkt der Dehnung noch zweisilbig waren (und damit die erste Silbe offen; vgl. mhd. ni.mest, ni.met). Während hier also die lautgesetzliche

129 Dehnung unterblieb", hat sich die Imperativform nimm - da schon im Mittelhochdeutschen mit geschlossener Silbe - regulär entwickelt. Hier unterblieb der intraparadigmatische analogische Ausgleich. Als Kontrastverb sei stehlen ( < mhd. Stelen) angeführt, das durchgehend, auch im Imperativ stiehl, über Langvokale verfügt. Nhd. nehmen hat sich durch seine singulare (quantitative) Vokalalternanz [e:]/[i] - [a:] - [o] von allen anderen Ablautreihen isoliert (Hempen 1988: 24; s. auch Moser et al. 1988: §127, Kienle 1969: §212 und Solms 1984: 67).

2.4.2. Luxemburgisch huelen Im Luxemburgischen ist bei NEHMEN eine lexikalische Neuerung eingetreten, indem huelen ( ~ nhd. holen) altes NEM- ersetzt hat. Lux. huelen ( < westgerm. *hal-ö-) bedeutet auch 'holen' und 'stehlen'. Obwohl von Haus aus schwach, ist es in die starke Flexion übergetreten (s. Tab. 62). Tabelle 62: Die Formen von lux. huelen Infinitiv Präsens

Präteritum

['hualan] [hualen] [hals] [halt]

Sg.

1 2 3

huelen hels helt

PI.

1/3 2

huelen huelt

(Wurzel)

Part.Perf.

99

huelen

houl-

lou]

geholl

Μ

häl-

[ei]

Konj.II

(Wurzel)

Imperativ

Sg-

2

huel!

PI.

2

huelt!

Es ist nicht auszuschließen, daß erst nach der Dehnung diese Vokalreduktionen (die gerade vor m öfters stattfanden) eintraten. Da die Bezeichnung von Vokalquantitäten im Frühneuhochdeutschen zumeist unterblieb, läßt sich diese Frage kaum klären. Auch in diesem Falle bestünde die Besonderheit in der intraparadigmatisch nur partiell durchgeführten Kürzung. Eine weitere Erklärungsmöglichkeit ist, daß der Schwa-Schwund schon vor der Dehnung eingetreten war und damit die Bedingung der offenen Silbe nicht mehr gegeben war. In diesem Fall bestünde die Irregularität in der verfrühten Kontraktion und letztlich ebenfalls im nicht durchgeführten Vokalquantitätsausgleich.

130 Lux. huelen hat mehr Differenzierungen als Reduktionen vollzogen. Neben der Abwesenheit jeglichen Suffixes im Partizip Perfekt geholl 'genommen' hat es über den ue/e-Wechsel im Präs.Sg. nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Wechselflexion per Analogie eingeführt - ein gutes Beispiel dafür, wie Kürze und Differenzierung Hand in Hand gehen können. Lautgesetzlich entwickelt müßte es durchgehend -ue- enthalten. Daß im Partizip Perfekt nicht diphthongiert wurde (regulär wäre *gehuelt), muß an einer vorangegangenen Vokalkürzung liegen. Im Präteritum wurde das Dentalsuffix durch den Einheitsablaut -ou- (houl(-) 'nahm-') ersetzt. Schließlich ist auch der synthetische Konjunktiv durch den Einheitsvokal -έί- stark geworden (heil- 'nähm-'). Da sich im Luxemburgischen alle Präteritum- und Konj.IIFormen durch die Verallgemeinerung eines Diphthongs auszeichnen, kommt es hier zu Überschneidungen mit dem traditionell starken Verb halen 'halten' (houl(-) 'hielt(-)', heil(-) 'hielte(-)'). Offensichtlich werden solche interparadigmatischen Homophonien als Preis für die bei huelen erwünschte intraparadigmatische Irreguiarisierung in Kauf genommen. Doch werden diese synthetischen Restformen zunehmend durch analytische Konstruktionen (Perfekt bzw. Konj.III) ersetzt. Mit seinem Vokalwechsel -ue/e- im Infinitiv und Präsens, -ou- im Präteritum und -o- im Partizip Perfekt repräsentiert nunmehr starkes huelen eine im luxemburgischen Verbalsystem singulare Vokalalternanz (Rausch 1994: 341).

2.4.3. Niederländisch nemen Das Niederländische führt mit nemen ein typisches Verb der 4. Ablautreihe fort: nemen [e:] - nam [α] - namen [a:] - genomen [ο:]. Sonderentwicklungen sind nicht eingetreten. Diese Verbgruppe — s. auch geven 'geben' - bildet mit vier unterschiedlichen Ablautvokalen die differenzierteste aller Klassen (Hempen 1988: 29).

2.4.4. Friesisch nimme Fries, nimme ist mit seinen drei Stammformen nimme, naam, nommen stärker differenziert, als es dies lautgesetzlich entwickelt sein dürfte. Der altfriesische Vokalismus der 4. Ablautreihe (ebenso der 5.; s. fries, jaan 'geben') war z a e - e - e - e eingeebnet worden: afries. spreken - sprek - spreken - (e)spreken). Markey (1981: 144) bemerkt zum Verhalten von afries. nema: "The verb nima/nema has an aberrant inflection: nima/nema - nam/nom - nomen/namen - nimen/nemen [...]" (s. auch Sjölin 1969: 38). Spontane Vokalalternationen zwischen e und i scheinen im Altfriesischen häufig vorgekommen zu sein, was die Alternanzen im Infinitiv und Präsens erklärt. Langfristig fortgesetzt wurde die nima- Variante. Wie es zu heutigem nommen kam, läßt sich der Literatur nicht entnehmen.

131 2.4.5. Englisch take Mit engl, take beginnt das T/ltf-Gebiet, wobei es sich hier um eine Entlehnung aus dem Skandinavischen handelt. Wieder liegt der Fall vor, daß extrem häufige und elementare Verben entlehnt werden (s. give < adän. giva und get < adän. geta). Besondere Kürzungen oder Irreguiarisierungen sind hier nicht zu verzeichnen (zu einer Grammatisierung s. Hopper 1991: 23).

2.4.6. Dänisch tage [tae('>] Alle festlandskandinavischen Sprachen haben germ. *tak- um wurzelfinales k reduziert, und dies auf irregulärem Weg. Wie schon vielfach beobachtet, verschriftet das Dänische zwar die Vollformen, doch existieren phonisch nur Kurzformen. Diese Tatsache vermehrt die ohnehin komplizierten GPK-Regeln um weitere Ausnahmen. Regulär müßte < t a g e > etwa als *['tae:ja] gelesen werden (was allenfalls noch in archaisierender, überdeutlicher, konzeptionell schriftlicher Aussprache geschieht). Tabelle 63 enthält die geschriebenen und (grob) transkribierten Formen. Tabelle 63: Die Formen von dänisch tage [tffi('J] Graphie

Phonie

Infinitiv

tag-e

[tae()]

Präsens

tag-er

[ta'l

Präteritum

tog

[to]

Supinum

tag-et

[teöö]

Imperativ

tag

[tae'l

Die Entwicklung des altnordischen Wurzelauslauts -k(-) > adän. -g(-) entspricht der (dänischen) Sonorisierung postvokalischer Plosive um 1200. Im weiteren Verlauf wurden solche stimmhaften Plosive zu Spiranten bzw. Halbvokalen geöffnet, was im Dänischen zur Entstehung zahlreicher sekundärer Diphthonge geführt hat. Doch der totale Schwund (der über das Stadium des Stoßtons läuft), wie er in Kurzverben wie tage [tae'''] stattgefunden hat, betrifft nur wenige, besonders häufig gebrauchte Einzelverben. Es bestätigt sich wieder das Prinzip, daß bei Kurzverben bestimmte Lautgesetze oder -entwicklungen besonders früh und/oder besonders konsequent vollzogen werden bzw. sogar übererfüllt werden, d.h. über das eigentliche Ziel hinausschießen (in diesem Fall also nicht nur die reguläre Sonorisierung und Vokalisierung ehemals stimmloser Plosive, sondern deren totaler Schwund). Mit dem Verlust des Wurzelauslauts kontrahieren die Formen zur Einsilbigkeit.

132 Neben der Kürze findet sich auch eine Grammatisierung, nämlich die Translativkonstruktion tage og + Infinitiv, die mit der Alternativkonstruktion give sig til at + Infinitiv konkurriert (s. hierzu 2.6.7. und Coseriu 1966). Bsp.: Du skulle tage og se dig for 'Du solltest dich jetzt vorsehen' (Hansen 1967, Bd.III: 30). Häufig erscheint diese Periphrase mit tage og in Imperativsätzen, wo sie den Befehlscharakter abschwächt: ta' og gi' mig det! (hier in umgangssprachlicher Verschriftung der Kurzverben) 'sei so nett und gib mir das'. Diese Translativ- bzw. Inchoativkonstruktion ist im (gesprochenen) Schwedischen viel stärker grammatisiert und soll dort genauer betrachtet werden.

2.4.7. Schwedisch ta Im Schwedischen hat sich älteres taga < an. taka zum Kurzverb ta entwickelt. Zu den Formen s. Tab. 64. Tabelle 64: Die Formen von schwed. ta Infinitiv

ta

[ta:]

Präsens

tar

[ta:r]

Präteritum

tog

[tu:g]

Supinum

tagit (tatt)

[*ta:git] ([tat(:)])

Imperativ

ta(g)l

[ta:(g>]

Erklärungsbedürftig ist zunächst die Sonorisierung von k > g in an. taka > aschwed. tag(h)a, denn heutiges ta ist aus taga mit stimmhaftem g hervorgegangen. Im Schwedischen besteht im Gegensatz zum Dänischen keine lautgesetzliche Basis, d.h. hier hat keine reguläre Sonorisierung stattgefunden. Wess6n fl992: 83) macht für diese altschwedische Sonderentwicklung Druckschwäche verantwortlich: "I trycksvag ställning övergär k > gh [...]. Övergängen av (tonlös) explosiva tili (tonande) frikativa innebär en försvagning av artikulationen. [...] take, tok > tagha, tog"m. Auch für den später eintretenden Totalschwund bemüht er diese immer bei Ausnahmen vorgebrachte prosodische Erklärung (s. 3.2.1.): "Trycksvaga ord. Hit hör firamför allt en del vanliga verb, som i satssammanhanget ofta är obetonade: [...] tager > tar [...]." (ebd.:156)101. Plausibler ist die Annahme einer singulären Artikulationsvereinfachung, die im Hochfrequenzbereich immer von Vorteil ist.

100

Übersetzung: "In druckschwacher Position geht k > gh über. Der Übergang von (stimmlosem) Plosiv zu (stimmhaftem) Frikativ beinhaltet eine artikulatorische Schwächung. [...] take, tok > tagha, tog."

101

Übersetzung: "Druckschwache Wörter. Hierher gehören vor allem einige geläufige Verben, die im Satzzusammenhang oft unbetont sind: tager > tar."

133 Wichtig ist, daß ta nicht in die schwache dritte Konjugation übergegangen ist, sondern an seiner ablautenden und g-haltigen Präteritalfonn tog [tu:g] 102 festhält und so für vermehrten intraparadigmatischen Kontrast sorgt (Infinitiv und Präsens ohne, Präteritum mit g). Das Supinum kennt neben regulärem tagit im Substandard auch die synkopierte und kontrahierte Kurzform tatt 'genommen'. Im gesprochenen Schwedisch hat ta eine starke Grammatisierung zum Ausdruck unmittelbar eintretender bzw. geplanter Handlungen erfahren. Hierin konkurriert es mit ähnlich grammatisiertem gä och + Infinitiv: jag ska gä och handla ~ jag ska ta och handla 'ich gehe gleich einkaufen' (s. Kap. 6.7. im Anhang). In dieser Ingressivkonstruktion muß ta obligatorisch als Kurzverb auftreten und überdies im Infinitiv, da es - wie gä - immer dem Futurauxiliar ska folgt, das hier ebenfalls obligatorisch kurz ist. Damit handelt es sich um eine ziemlich komplexe Periphrase (die im Gesprochenen jedoch stark gerafft wird). Im Altnordischen (und im Färöischen und Isländischen) besteht Bandle (1973) zufolge taka at 'zu' + Infinitiv, was einer Subordination entspräche. Wird sie jedoch im Schwedischen verschriftet (was nicht oft geschieht), dann als koordinierendes ta och 'und', was vermutlich auf einer orthographischen Verwechslung beruht, da sowohl an. at als auch ok im Schwedischen zu [o] zusammenfielen. Ekberg (1993) folgt der zweiten Interpretation und nennt diese Periphrasen Pseudokoordinationen, weil tiefenstrukturell Unterordnung und oberflächenstrukturell Nebenordnung vorliegt. Als mögliches Übergangsstadium von der Ko- zur Subordination betrachtet sie (nicht belegte) Konstruktionen, in denen die Objektposition von ta noch besetzt ist: hart tog en smörgäs och ät 'er nahm ein Butterbrot und aß'. Auxiliarisiertes ta drückt Ekberg (1993) zufolge das sofortige und geplante, aktive Ingangsetzen einer Handlung aus, womit es Aspekt ausdrückt. Diese Funktion tritt besonders deutlich dann hervor, wenn man als Vergleich eine ία-lose Konstruktion wählt: han simmade 'er schwamm' (zeitlich unbegrenzter Prozeß, durativ) vs. han log och simmade 'er begann zu schwimmen' (Ingangsetzen eines Prozesses, ingressiv/inchoativ). Die semantische Brücke zwischen dem Voll- und dem Hilfsverb ta sei allenfalls noch in der Inbesitznahme einer Handlung zu erkennen. Als weiteres Charakteristikum dieser Konstruktion sieht sie die Expressivität, die das Subjekt der zu vollziehenden Handlung entgegenbringt (Coseriu 1966: 37 spricht hier von "subjektiver Aktionsart"). In seinem Aufsatz Tomoy me voy (wörtl.: 'Ich nehme und [sie] gehe') nimmt Coseriu (1966) eine Präzisierung von NEHMEN in periphrastischen Konstruktionen vor. Er kommt nach der Analyse vieler Beispiele zu dem Schluß, daß hiermit weniger der Beginn einer Handlung ausgedrückt wird als vielmehr ihre "Gesamtheitlichkeit" (42). Hauptfunktion der NEHMEN-Konstruktion sei es, die Entschlossenheit des Agens auszudrücken, sofern es eine beabsichtigte Handlung sei. Andernfalls unterstreiche diese Konstruktion die Tatsächlichkeit, wirke intensivierend, "drückt den schnellen Vollzug der Handlung aus und läßt sie durch den Gegensatz zu den anderen Handlungen als unerwartet erscheinen; [...] Durch das Unerwartete der Handlung erklärt sich weiterhin der gelegentliche Anflug von Überraschung oder Erregung seitens des Sprechers." (42) Handelt es sich beim Vollverb um ein duratives Verb, so kann tatsächlich auch dessen Handlungsbeginn betont werden; insofern beinhaltet diese Periphrase auch den Aspekt der Ingressivität. Dies betrifft jedoch nicht punktuelle

102

Für die umgangssprachliche Präteritalfonn von std 'stehen', slog (neben regulär slod) ist tog sogar zum Analogievorbild geworden (s. Anhang).

134 Handlungen. In dem Beispiel she took and died ist die ingressive Bedeutung "einfach unmöglich, ja sogar absurd" (39), da die Betreffende nicht zu sterben anfing, sondern plötzlich, unerwartet starb. Gleiches dürfte auch für viele skandinavische Konstruktionen gelten, etwa für schwed.y'ag ska la och gä, das weniger ingressiv zu deuten ist (*'ich werde anfangen (weg-) zu gehen'), sondern die Entschlossenheit zu dieser unmittelbar bevorstehenden Gesamthandlung ausdrückt ('ich habe jetzt vor, zu gehen'). So dürfte sich auch erklären, weshalb diese Periphrasen sich nicht in die (durch fehlende Spontaneität und Unmittelbarkeit gekennzeichnete) Schriftlichkeit ausgebreitet haben.

Frequenziell ist ta zu den hochfrequenten Verben zu zählen, obwohl die grammatisierte ta oc/i-Konstruktion keinen Eingang in die schriftsprachbasierte Statistik von ΑΙΙέη (1972) gefunden haben kann: Von allen (infiniten und finiten) Verbformen nimmt ta Platz 29 (vor ge 'geben') und tar Platz 45 ein (die ersten 18 Ränge sind ausschließlich von Hilfs- und Modalverbformen belegt). Dabei werden die Wortbildungen mit ta (z.B. anta) gesondert gezählt.

2.4.8. Norwegisch ta bzw. ta(ke) 2.4.8.1. ta im Bokmäl Noch stärker als im Schwedischen wurde ta (< take) im Bokmäl gekürzt (s. Tab. 65): Tabelle 65: Die Formen von ta im Bokmäl Infinitiv

ta

[ta:]

Präsens

tar

[ta:r]

Präteritum

tok

[tu:k]

Supinum

tatt

[tat(:)]

Imperativ

ta!

[ta:]

Im Gegensatz zum Standardschwedischen hat sich im Bokmäl kurzes tatt voll durchgesetzt. Abweichend verhält sich die Präteritalform tok mit dem erhaltenen stimmlosen wurzelfinalen -k. Damit setzt sich das Paradigma aus einer Langform (tok), aus Kurzformen gemäß der 3. Konjugation (ta, tar) und aus solchen abweichend von der 3. Konjugation (tatt statt "regulär" *tadd) zusammen, womit es Einzigartigkeit erlangt. Im Gegensatz zu schwed. ta < taga < taka hat sich im Norwegischen der stimmlose Plosiv regulär erhalten. Damit hat ta < take die beachtliche Hürde eines stimmlosen Plosivs genommen (s. 3.2.2.1.). Was Inchoativkonstruktionen mit ta betrifft, so sind sie weniger häufig und grammatisiert als im Schwedischen (s. Faarlund et al. 1997, Vannebo 1969: 113ff.). Die Grammatik von Golden et al. (1988) erwähnt sie nur kurz: "Verbene begynne og starte og verbaluttrykkene ta til og skulle til ά viser at en handling er begynt, men ikke avsluttet: [...] Det

135 tok til ά regne i ettermiddag 'es begann am Nachmittag zu regnen'". 103 Den Beispielen zu entnehmen ist die gesamte Konstruktion sogar dreigliedrig: ta til ä + Infinitiv. Diese Komplexität und auch die Vielfalt an Alternativkonstruktionen weist auf einen geringen Grammatisierungsgrad hin. Was die Frequenz von norw. ta betrifft, so ergeben sich Heggstad (1982) zufolge ähnlich hohe Frequenzstellenwerte wie für das Schwedische.

2.4.8.2. ta(ke) im Nynorsk Im konservativeren und weniger normierten Nynorsk stößt man auf die beiden Varianten take und ta (s. die Formen in Tab. 66). Tabelle 66: Die Formen von take und ta im Nynorsk Infinitiv

take ta

["ta:ka] [ta:]

Präsens

tek tar

[te:k] [ta:r]

Präteritum

tok

[tu:k]

Supinum

teke tatt

[ v te:ka] [tat(:)]

Imperativ

ta(k)l

[ta:(k)]

Tabelle 66 demonstriert das Nebeneinander konservativer und durchgehend starker Langformen und innovativer Kurzformen; dabei geben die Präsens- und Supinumkurzformen tar und tatt den angestammten i-Umlaut auf, d.h. sie nähern sich der schwachen Flexion an. Als resistent gegen diesen Übergang erweist sich wieder die Präteritalform tok mit stabilem Ablaut und Wurzelkonsonant -k. Beito C1986) und Faarlund et al. (1997: 535) verzeichnen auch für nyn. ta - also bezeichnenderweise nur für die Kurzform — die bekannte Grammatisierung zum Ingressivmarker: "Til omskrivning av ingressiv aksjonsart vert mykje nytta ta til eller ta pä, stundom berre ta\ vanleg er ög byrje og somtid bere til eller bere i, fare til (el. ρά) ά springe [,..]" 104 (Beito 2 1986: 263). Wie im Bokmäl besteht eine dreigliedrige Konstruktion, die auch zwei Varianten kennt: ta til ά + Infinitiv oder ta ρά ά + Infinitiv. Ein weiteres Grammatisierungsindiz ist die erwähnte Reduktion zu bloßem ta + Infinitiv (die das gesprochene Schwedisch längst durchgeführt hat).

103

104

Übersetzung: "Die Verben begynne und starte und die Verbalausdrücke ta til und skulle til ά zeigen an, daß eine Handlung begonnen hat, aber nicht abgeschlossen ist." Zur Umschreibung der ingressiven Aktionsart wird oft ta til oder ta ρά benutzt, manchmal auch nur ta\ gebräuchlich ist auch byrje und manchmal bere til oder bere i, fare til (oder pä) d springe."

136 2.4.9. Färöisch taka Das Inselnordische verzichtet auch bei diesem Verb auf jegliche Kurzformigkeit. Doch faßt Lockwood (31977: §89) taka unter die Verbgruppe "miscellaneous vowel changes". Tabelle 67: Die Formen von far. taka tak-a

[teaka]

2/3

tak-i tek-ur

[ teatji] [te:kur]

PI.

1-3

tak-a

[teaka]

Sg.

1/3 2

tök tök-st

[touk] [toukst]

PI.

1-3

tök-u

[touku]

tik-id

['ti:tji]

Infinitiv Präsens

Präteritum

Sg-

1

Supinum Imperativ

Sg.

2

tak!

[teak]

PI.

2

tak-id!

[teaki]

Die reguläre Palatalisierung von an. k > fär. [tj] vor Palatalvokal (s. tikiö) bringt automatisch eine beträchtliche Differenzierung mit sich. In der Literatur ist der Wurzelvokal i in tikiö < an. tekit ungeklärt. Solche e > /-Hebungen kommen in mehreren Supina vor deuten auf verstärkte Palatalisierung hin: Schon im Altnordischen besteht ein besonderer Palatalumlaut, der von sog. jungem i (das auf unbetontes e bzw. e im Urnordischen zurückgeht) regressiv wirkt, indem er ein kurzes, betontes a > e umlautet unter der weiteren Bedingung, daß zwischen α und i ein (palatalisierungsverstärkendes) g oder k liegt (Ranke/Hofmann 51988: §7.4, Iversen Μ990: §14). Genau diese Konstellation findet sich in altnordischen Supinumformen realisiert wie z.B. tekit (zu taka) 'genommen', gengit (zu ganga) 'gegangen' etc. Durch die erst im Färöischen eingetretene weitere Palatalisierung (und Affrizierung) von g > [d3] und von k > [tf] vor e und i muß abermals eine Palatalisierungsverstärkung auf den Wurzelpalatal e gewirkt haben, der ihn zu palatalerem i gehoben hat: far. tikiö [ti:tji] 'genommen', givid [d3i:vi] 'gegeben', gingid [dji/id^i] 'gegangen', flngid [ fipd^i] 'bekommen', sligid [sli:ji] 'geschlagen'. Da die e > /-Hebung sehr oft in Partizipien mit extrem palatal(isiert)en Konsonanten eintritt, erlangt die vorgeschlagene vokalische Überpalatalisierung große Plausibilität. Was Periphrasen mit fär. taka angeht, so verzeichnet Lockwood f 1977: 237, 151) älteres und längeres taka til at + Infinitiv neben jüngerem und gebräuchlicherem taka at + Infinitiv zum Ausdruck inchoativer Handlungen.

137 2.4.10. Isländisch taka Im Isländischen handelt es sich bei taka um das immerhin achthäufigste Verb (Pind 1991). Dieser Stellenwert beruht zum einen auf der elementaren Bedeutung dieses Verbs, zum anderen auf seiner Grammatisierung zum Inchoativmarker (taka αό + Inf.): "In gehobener Sprache findet sich eine inchoative Konjugation mit taka αό: presturirm t6k ad predika 'der Pfarrer begann zu predigen'" (Kress 1982: §412, Anm.l). Im Gegensatz zu fara ad bezeichnet taka ad bereits den Beginn der Handlung, während fara aö den unmittelbar anstehenden Vollzug der Vollverbhandlung ausdrückt. Ebenso läßt sich mit dem Supinum von taka in Verbindung mit vera 'sein' ausdrücken, daß eine Handlung bereits begonnen hat: er tekid ad messa? 'hat die Messe schon angefangen?' (Kress 1982: §414, Anm.). Auffällig ist der unterschiedliche Stilwert der inchoativen taka αί-Konstruktion: Im Isländischen gehört sie der gehobenen Sprache an, in den festlandskandinavischen Sprachen dagegen der gesprochenen Umgangssprache, weshalb sie oft gar nicht Eingang in Grammatiken findet (zu den Formen im Isländischen sei auf Jörg 1989 verwiesen).

2.4.11. Resümee Die kontrastive Untersuchung von NEHMEN hat sich mit einem Verb befaßt, das noch im Mittelalter ein reguläres Verb der 4. (NEM-) bzw. der 6. (TAK-) Ablautreihe war und es in manchen Sprachen auch heute noch ist. Mit Blick auf lux. huelen kommt eine dritte Wurzel, HAL-, hinzu, das traditionell ein schwaches Verb war. Trotz der völlig unterschiedlichen phonologischen und morphologischen Ausgangsbedingungen dieser drei Verben sind überall (wenn auch nicht in allen Sprachen) die unter Hochfrequenz erwartbaren (meist irregulären) Sonderentwicklungen eingetreten. Dies liefert deutliche Evidenz dafür, daß die materielle Beschaffenheit der Wurzel nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Prinzipien von Reduktion und/oder Differenzierung greifen weitgehend ungeachtet der konkreten Voraussetzungen (s. auch Tab. 68): Das Alemannische hat die im Spätmittelhochdeutschen entstehenden Kontraktionsformen fortgesetzt und teilweise vermehrt: Neben dem Infinitiv riä und dem Partizip Perfekt gnö ist auch wieder — wechselflexionsartig - die 2./3.Sg.Präs. kurzformig. Gerade in diesen beiden Positionen kommt es zu interessanten Übergängen zwischen dem alten Wurzelauslaut und dessen Schwund: Vor -[f] und -[tj assimiliert m > η (ninsch/nint 'nimmst/ nimmt'), im Zuger Dialekt ist der Nasal sogar ganz geschwunden (niisch/niid). Je nach Dialekt verfugt auch der Präs.PI. über Kurzformen (nänd). Nicht zu vergessen sind die speziellen Kurzflexive, die sich mit den Kurzwurzeln verbinden (im Einheitsplural -nd statt -ed, in Infinitiv und Partizip Perfekt -0 statt -e). Dagegen beharren jeweils die l.Sg.Präs., der Imperativ Singular und die Konjunktive auf den alten Vollformen. Alle diese Reduktionsprozesse differenzieren das Paradigma beträchtlich. Bescheidenere Reduktionen haben sich im Neuhochdeutschen etabliert. Hier unterblieben (lautgesetzliche und analogische) Vokaldehnungen, was zu den heutigen Kurz- vs. Langvokalkontrasten geführt hat. Abweichend sind die Formen nimmst/nimmt, genommen und der Imperativ nimm (entgegen regulär nehmen etc.).

138 Tabelle 68: Die wichtigsten Formen von NEHMEN in den germanischen Sprachen Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP/Sup.

(la) Alem.



nint/nänd



gnö/gnä

(lb) Nhd.

nehmen

nimmtl/nehmen

nahm/nahmen

genommen!

(2) Lux.

huelen

helti/huelen

houl/houlen

geholt

(3) Ndl.

nemen

nemt/nemen

nam/namen

genomen

(4) Fries.

nimme

nimt/nimme

naam/namen

nommen

(5) Engl.

take

takes/take

took

taken

(6) Dan.

tage [tae]

tager [ta ]

tog [to']

taget [taeöö]

(7) Schwed.

ta

tar

tog

tagit

(8a) Bokmäl

ta

tar

tok

tatt

(8b) Nynorsk

take, ta

tek, tar

tok

teke, tatt

(9) Fär.

taka

tekur/taka

tök/töku

tikid [ti:tfi]

(10) Isl.

taka

tekur/taka

tök/töku

tekid

Fettdruck: "!": Unterstreichung: Popp. Unterstreichung: Fettdruck + Unterstreichung:

kurzformig (und dadurch meist auch irregulär bis suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); extrem irregulär/suppletiv; kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Sehr eigenwillig und morphologisch interessant verhält sich wieder das Luxemburgische, weniger, indem es mit der Wurzel huel- geneuert hat, sondern indem es dieses einst schwache Verb in die starke Flexion überführt hat. Mit den drei vokalalternierenden Stammformen huelen — houl — geholt, der analogischen Wechselflexion in der 2./3.Sg.Präs. (hels/helt) und dem starken Konjunktiv heil- verhält es sich in jeder Hinsicht wie ein starkes Verb; außerdem ist es, indem es überhaupt ein synthetisches Präteritum und einen synthetischen Konjunktiv besitzt, übermäßig differenziert (nur die 10-20 häufigsten Verben verfügen noch über solche Formen). Hinzu kommt, daß es mit seiner Vokalalternanz ein singuläres Ablautmuster repräsentiert. Durch vollkommene Regularität hebt sich das Niederländische deutlich von den luxemburgischen Verhältnissen ab. Indem ndl. nemen der (ehemaligen) 4. Ablautreihe angehört, ist es schon natürlicherweise vokalisch extrem differenziert, da nur diese Ablautreihe vierstufig geblieben ist: ndl. nemen [e:] - nam [α] - namen [a:] - genomen [ο:].

139 Bei engl, take liegt keine Sonderentwicklung vor, außer daß es sich hier um eine Entlehnung aus dem Altdänischen handelt. In den festlandskandinavischen Sprachen trifft man erwartungsgemäß auf besonders viele und starke Reduktionen. Auch dän. tage [tae°] ist phonisch ein Kurzverb, obwohl es durchgehend die längst geschwundenen Wurzelauslaute verschilftet. Innerhalb der skandinavischen Sprachen geht es in reduktiver Hinsicht durch den konsequenten Schwund des Wurzelauslauts am weitesten, wozu der graphische Konservatismus einen besonders starken Kontrast bildet. Konsequenter verfährt hier in gewohnter Weise das Schwedische, das seine Kurzformen von ta verschriftet. Allerdings zieht sich die Kurzformigkeit nicht so systematisch durch das Paradigma wie im Dänischen: Das Präteritum konserviert in tog den Wurzelauslaut, ebenso das Supinum in tagit, was paradigmendifferenzierend wirkt. Diesen Auslauten liegt jedoch eine Sonderentwicklung zugrunde, weil im Schwedischen an. k normalerweise nicht sonorisiert wurde. Besonders weit fortgeschritten ist die Grammatisierung von ska ta och + Infinitiv als Ingressiv(semi)auxiliar. Zwar kennen auch die anderen skandinavischen Sprachen solche (oder ähnliche) Konstruktionen, doch nicht mit diesem hohen Grammatisierungsgrad. Im Norwegischen tun sich die bekannten Divergenzen zwischen dem innovativen Bokmäl und dem konservativen Nynorsk auf: Während das Bokmäl über das Schwedische hinausgehend auch das Supinum zu tatt gekürzt hat, bestehen im Nynorsk Voll- und Kurzformen nebeneinander. Nur im Präteritum herrscht mit tok beide Male die obligatorische Vollform. Keine der festlandskandinavischen Sprachen tendiert also dazu, ta vollständig in die 3. Konjugation zu überführen; das ablautende und wurzelauslauthaltige Präteritum ist gegen die Vereinheitlichung und Regularisierung zu *tadde resistent, und das im Norwegischen tatsächlich vorhandene Supinum tatt weicht im Auslaut von der 3. Konjugation ab (vgl. bodd). Dieser Mischungszustand zwischen Kurz- und Vollformen trägt zur Profilierung der Paradigmen bei. Im Färöischen und Isländischen verhält sich taka weitgehend regulär, auch wenn die Paradigmen intern, absolut gesehen, jeweils viel stärker differenziert sind als im Festlandskandinavischen; dies liegt an ihrem prinzipiellen Konservatismus und größeren Formenreichtum. Im Färöischen liegt jedoch mit dem Supinum tikid ( < an. tekit) ein Fall sog. Überpalatalisierung vor.

2.5. KOMMEN in den germanischen Sprachen

Auch bei KOMMEN greifen alle germanischen Sprachen mit *KWEM- auf ein gemeinsam es Etymon zurück. Die germ. *kwem-Wurzel wurde fast ausnahmslos assimilatorischen Reduktionen unterzogen: Der bilabiale Halbkonsonant -w- hat den Folgevokal labialisiert, bevor er selbst schwand (z.B. nhd. kommen < ahd. queman, vgl. aber noch das nhd. Adjektiv bequem). Seebold (1970) zieht im Fall der in verschiedenen Sprachen vorkommenden w-haltigen Formen (kum(m)-) auch die Möglichkeit eines (hier irregulären) schwundstufigen Präsens in Betracht:

140 Die naheliegende Erklärung der verschiedenen Präsensformen ist die, daß zumindest im Awn.

[Altwestnordischen, z.B. kuma], Ae. [cum(m)an], Afr. [Altfriesischen, z.B. kuma] und As. [kuman] ein schwundstufiges Präsens bestand, aus dem die belegten Formen lautgesetzlich entwickelt wären, und das auch zu den Formen in den außergermanischen Sprachen gut passen würde. (315)

Neben dieser Schwundstufenhypothese geht er auch auf die Labialisierungstheorie ein: Andererseits haben sich die anlautenden Labiodentale sehr häufig unregelmäßig verhalten [...], so daß die Möglichkeit einer sekundären, unregelmäßigen Entwicklung quem- zu com-, cumnicht mit völliger Sicherheit auszuschließen ist. (315/316)

Im Hinblick auf die sicher schon damals bestehende Hochfrequenz dieses Verbs und die in dieser Arbeit schon vielfach beobachteten verstärkten Assimilations- und Komprimierungstendenzen unter Hochfrequenz erstaunt diese Vermutung keineswegs. So sei nur an die (irreguläre) Anlautvereinfachung sk- > s- der ita/-Wurzel in den meisten germanischen Sprachen erinnert, ebenso bli > bi (und plä > pä) im Skandinavischen. Dagegen haben minderfrequente Vergleichsverben wie z.B. *kwel- 'quellen' oder *kwer- 'seufzen' diese reduktiven Assimilationen nicht erfahren. Prokosch (1938) setzt schon für das Germanische die beiden Wurzeln *qem- und *kum- an, in denen er unterschiedliche Aspektformen sieht (*qem- als Durativ Präsens, *kum- als Aorist). In diesem Fall bestünde die Abweichung in der Konservierung ansonsten abgebauter grammatischer Formen, die sich zu einem irregulären Paradigma verbinden.

Tokenfrequenziell fällt KOMMEN in den heutigen Sprachen im allgemeinen unter die fünf häufigsten Verben. Teilweise sind auch Grammatisierungen eingetreten, die einen zusätzlichen Frequenzanstieg bewirkt haben, ebenso die vielen Wortbildungsmöglichkeiten bei oft starker Lexikalisierung (z.B. nhd. be-, ver-, entkommen, auf-, über-, unter-, ankommen etc.).

2.5.1. Alemannisch chö und neuhochdeutsch kommen Sowohl nhd. kommen als auch besonders alem. chö weisen vielfältige Sonderentwicklungen auf. Um deren Voraussetzungen besser verstehen zu können, soll wieder zuerst ein Blick auf das Alt- und auf das Mittelhochdeutsche geworfen werden.

2.5.1.1. Zur Diachronie: Althochdeutsch queman und mittelhochdeutsch komen/kumen Im frühen Althochdeutschen besteht noch der charakteristische < q u > - bzw. < k w > Anlaut (*[kw]-/*[kv]-, im folgenden < q u > - . Zu den Formen s. Tab. 69, wobei der fast unüberschaubare Variantenreichtum reduziert wurde. Allgemein gesagt verhält sich queman im frühen Althochdeutschen noch relativ regulär. Die anlautvereinfachten und vokalgerundeten Formen nehmen ab dem 11. Jhd. zu und verdrängen sukzessive die alten «/«-Formen. Dabei assimiliert (labialisiert) prinzipiell der offenere Vokal in que- zu co- und entsprechend geschlossenes qui- zu cu-. Damit erhält

141 sich die alte Numerusopposition im Präsens. Doch kommt es auch zu paradigmatischen Ausgleichen in beide Richtungen. Im Altalemannischen entstehen lautverschobene und wreduzierte cft-Anlaute ([χ]-) (in Tab. 69 durch eingeklammertes h angedeutet). Die Präteritalwurzeln qua-/quä- werden oft (v.a. im Mittelhochdeutschen/Bairischen) zu c(h)o-/c(h)ölabialisiert, was zum Synkretismus mit dem Präsens führt. Eine (ungeklärte) Besonderheit besteht im Partizip Perfekt queman 'gekommen', wo der Wurzelvokal -e- der 1. Ablautstufe entspricht statt in der 4. Ablautreihe zu erwartendem ο-. Erst im 11. Jhd. wechselt es zu regulärem c(h)omen 'gekommen' und damit von der 5. in die 4. Ablautreihe105. Tabelle 69: Die Formen von ahd. queman/c(h)omen

Inf. Präs.

Prät.

bis ca. 11. Jhd.

ab ca. 11.Jhd. (v.a. auch alem.)

quem-an

c(h)om-en

Sg-

1 2 3

quim-u quim-is(t) quim-it

c(h)um-u c(h)um-ist c(h)um-it

PI.

(Wz.)

quem-

c(h)om-

Sg.

1/3 2

quam quäm-i

c(h)am/ -ö- (bair.) c(h)äm-e/ -ö-

PI.

(Wz.)

quäm-

c(h)äm-/chöm-

quem-an (quom-an)

c(h)om-en

PP. Konj.I

(Wz.)

quem-

c(h)om-

Konj.II

(Wz.)

quäm-

c(h)äm-

Imp.

Sg-

2

quim

c(h)um

PI.

2

quem-et

c(h)om-et

Im Mittelhochdeutschen findet sich noch die o/«-Alternanz: Tendenziell zeichnet sich der Präsens Singular durch u-, der Plural durch o-Formen aus (mit Vereinheitlichungsbestrebungen in beide Richtungen, die in Tab. 70 eingeklammert sind).

105

Seebold (1970) nimmt für einige altgermanische Sprachen ein frühes schwundstufiges Präsens an (s.o.; z.B. as. kuman und ae. cum(m)an 'kommen'), das später sekundär an den Normaltyp der 4. AL-Reihe angeglichen worden sei. In diesem Zusammenhang könnte die Analogie von (schwundstufigem) cum- zu (vollstufigem) quem- "fälschlicherweise" auch auf das regulär schwundstufige (w-haltige) Partizip Perfekt übertragen worden sein.

142 Tabelle 70: Die Formen von mhd. komen/kumen komen/kumen (alem. chomen, chon/kon)

Infinitiv Präsens

Präteritum

sg.

1 2 3

kume (-o-) kum(e)st/küm(e)st (-Ö-) kum(e)t/kiim(e)t (-Ö-) (alem. kunt)

PI.

1 2 3

komen (-u-) komet (-U-) koment (-U-) (südalem. kont)

Sg.

1/3 2

quam (kom, kam) quceme

PI.

1/3 2

quämen (körnen, kämen) quämet (körnet, kämet)

Part.Perf.

komen

Konj.I

kom-

Konj.II

kcem-

(-U-)

Bei mhd. komen schwindet besonders in der 2./3.Sg.Präs. das Endungs-e: kumest > kumst, kumet > kuml. Dieser erst später lautgesetzlich durchgeführte Schwa-Schwund greift bei komen extrem früh. Im Südalemannischen entsteht kunt < kum(e)t: Da die Endung -(e)t keinen Nasal enthält, muß es sich bei -n- um eine (seltene) Assimilation des bilabialen Nasals -m- der Wurzel an den apikodentalen Plosivs -t der Endung handeln. Ebenso erwähnen Paul et al. ("1989: §286) für das Alemannische die Form kon statt komen und die 3.PI.Präs. kont statt koment. Wie im Althochdeutschen erscheint auch im Mittelhochdeutschen das Partizip Perfekt weiterhin ohne das perfektive ge-Präfix; dies zieht sich Ebert et al. (1993) zufolge bis weit in das 18. Jhd. hinein, und zwar ausschließlich bei den beiden hochfrequenten Verben werden und kommen. Diese morphologische Defizienz ist als ein besonderes Kürzephänomen zu bewerten, da sie anderen, perfektiven Verben nicht mehr zukommt. Neben diesen formalen Auffälligkeiten erfahrt komen im Mittelhochdeutschen eine Grammatisierung, indem es sich periphrastisch mit dem Partizip Perfekt eines anderen Bewegungsverbs verbinden kann wie z.B. gän, riten, loufen etc.: nü kom der Iwein ... gewalopiert (Iw. 2551-53) 'nun kam der Iwein angaloppiert' (Paul et al. 231989: §331). Auch im Neuhochdeutschen sind solche kommen + Partizip Perfekt-Konstruktionen möglich (da kommt sie angerannt).

143 2.5.1.2. Alemannisch chö Tabelle 71: Die Formen von alem. chöm

Inf. Präs.

Bern

Basel

Zürich

Zug

chö



chä/chö

chdö [χοο]

Sg-

1 2 3

chum-e chun-sch chun-t

kumm künn-sch kunn-t

chum-e chun-sch chun-t

chum-e chü-sch(t) chun-d

PI.

1/3 2

chöm-e chöm-et

kintm-e

chö-nd/ chömm-ed

chöm-id

chö



chä/chö

chdö

PP. Konj.I

(Wz.)

chöm(i)-

käm-

chämm-/ chömm-

chöm(m)-

Konj.II

(Wz.)

chäm(t)(i)-/ chiem(t)(i)-/ chum(t)(i)-

kämt(i)-

cheem-

chäm-l chämti-

Imp.

Sg-

2

chumm

kumm

chumm

chum(m)

PI.

2

chöm-et

kimm-e

chö-nd/ chömm-ed

chöm-id

Was sich im Mittelhochdeutschen andeutet, hat sich im heutigen Alemannischen fest etabliert und teilweise noch verstärkt (s. Tab. 71). Die mhd./alem. Kontraktionsform kon < komen hat sich mit lautgesetzlichem Nasalschwund als bern- und zürichdt. chö, baseldt. kö und zugdt. chdö fortgesetzt (wobei offene betonte Einsilbler im Alemannische immer auf Langvokal enden). Die zürichdeutsche Nebenform chä beruht auf der dort regulär eingetretenen o/ö > α/d-Öffnung. Besonders sticht die konservierte M/o-Numerusopposition im Präsens hervor (im Gegensatz zum Neuhochdeutschen). Zu den Formen und Dialekten im einzelnen (s. Tabelle 71): Kürze: Überall kurzformig sind der Infinitiv und das homophone Partizip Perfekt. Bemerkenswerte Verhältnisse haben sich in der 2. und 3.Sg.Präs. mit du chunsch, er chunt herausgebildet107. Daß diese Assimilation nicht in der l.Sg. eingetreten ist, erklärt sich durch das Fehlen eines dentalen Auslauts: Im Baseldeutschen tritt -m durch -0 in den absoluten Auslaut; in den anderen Dialekten ist es durch -e (< -eri) gedeckt. Damit werden Reduktionen auch durch ihre lautliche Umgebung begünstigt bzw. behindert.

106 < v v > wurde hier zu < V > 107

vereinheitlicht.

Zum Grenzverlauf zwischen kurzem kö/chö (bzw. elsässisch kü/chü) und langem komme (bzw. kumme) s. Schrambke (1997: Karte 9) und den SDS III: Karte 103.

144 Im Zuger Dialekt ist der Wurzelauslautnasal in chü-sch(t) 'kommst' gänzlich geschwunden; dabei handelt es sich um regulären n-Schwund zwischen Vokal und Frikativ (Bossard 1962: §20). Renn (1999) zufolge bestehen im West- und Oberallgäuer Dialekt bei kurzem ku bzw. kumme folgende Präsensformen: kumm, kiischl, kiit, PI.: kummet. Die Palatalisierung ist hier regressiv durch nachfolgendes η bedingt, was die Formen *kunscht/*kunt voraussetzt. Zu wechselflektierendem kuemmen im Niederdeutschens. Lindow et al. (1998: 122).

Seltener ist der Plural von Reduktionen betroffen (Tab. 71), d.h. hier herrschen eher zweisilbige Formen mit -m- vor. Im Zürichdeutschen koexistiert die Kurzform chönd mit jüngerem chömmed. Weber31987 begründet den Rückgang von chönd mit der Homophonie zu 'können': chönd 'kommen' (PI.) und 'können' (PI.). Hier zeigt sich, daß zu starke Reduktionen die Gefahr interparadigmatischer Überschneidungen in sich bergen können: Je kürzer die Formen, desto geringer auch die materielle Basis, mittels derer die Unterschiede markiert werden können (s. hierzu Kap. 4.). Interessante Verhältnisse offenbart Karte 101 des SDS III für den Imperativ der 2.Sg.: Während für den größten Teil der Schweiz chum vorherrscht, bestehen in Unterwaiden, Uri und Wallis auslautreduzierte Formen: So existieren im Wallis c/m-Formen vor Vokal (z.B. chu innmr 'komm (he)rein') und vor du (s. auch Aschwanden/Clauss 1982: 314). Das Bemerkenswerte hieran ist, daß in häufigen syntaktischen Kombinationen (z.B. chu(n) du 'komm du') besondere Reduktionen eintreten, jedoch nicht in anderen vergleichbaren Lautumgebungen (z.B. komm dann, komm doch). Auf genau das gleiche Phänomen stößt man im äußersten Norden des germanischen Sprachgebiets, im Isländischen (s. Kap. 2.5.10.).

Auch alem. chö verfugt über die bekannten Kurzflexive -0 im Infinitiv und Partizip Perfekt und -nd (statt -e(d)) im Präsens Plural. Anders als im Neuhochdeutschen hat alem. chö nie eine ge-Präfigierung im Partizip Perfekt erfahren, wohl aber andere perfektive Verben (z.B. alem. gfunde 'gefunden'). Paradigmendifferenzierung: Durch die Kürzungen und Assimilationen («-Formen) hat sich das Paradigma intern stärker zerklüftet und auch interparadigmatisch isoliert; so verfügt das Zuger Deutsch allein im Präs.Sg. über drei Wurzelallomorphe: chum-, chunund chü-. Hinzu kommt noch der Vokalwechsel: Während Infinitiv und Partizip Perfekt auf ö basieren, erscheint dieser Vokal im Plural des Präsens als umgelautetes, kurzes ö (im Baseldeutschen entrundet zu έ). Dieser morphologische Pluralumlaut ist spezielles Kennzeichen der schweizerdeutschen Kurzverben. Er bewirkt eine besonders frühe Signalisierung der Information 'Plural'. Obwohl das Alemannische bei den meisten Kurzverben eine vokalische Numerusopposition im Präsens kennt, findet sich speziell der «/o-Wechsel ausschließlich bei chö. Damit verhält sich chö sowohl intra- wie interparadigmatisch singular. Besonders viele Wurzelallomorphe finden sich wieder in den Konjunktiven, v.a. im Konj.II (s. besonders das Berndeutsche); hinzu kommen diverse Endungsallomorphe (-0, t, -i, -ti), sodaß sich theoretisch (und praktisch) extrem viele Konj.II-Varianten ergeben. Dieser Variantenreichtum begründet sich wieder mit dem Fehlen der präteritalen Ableitungsbasis. Auffälligerweise wird nicht nach Periphrasen gegriffen, sondern nach neuen synthetischen Bildungen. Führt man sich sämtliche Wurzelallomorphe von zugdt. 'kommen' vor Augen, gelangt man immerhin zu sechs mehr oder weniger stark unterschiedlichen Formen: chdö [χοο], chum-, chun-, chü-, chöm- und chäm-.

145 Grammatisierungen: Bei alem. chö sind zwei unterschiedliche Grammatisierungen zu beschreiben, die sich geographisch nur teilweise decken: Zum einen ist die weitverbreitete Konstruktion vom Typ er chunt cho luege "er kommt kommen schauen" zu nennen, d.h. pleonastisches 'kommen' von der Struktur Subjekt + fin. chö + infinites cho bzw. che + infin. Vollverb. Zum anderen fungiert chö als reguläre Inchoativkopula vom Typ du chunsch chrank "du kommst krank" 'du wirst krank'. In diesem geographisch sehr begrenzten Gebiet gibt es auch Passivkonstruktionen mit chö als Auxiliar. Da diese Grammatisierungen bisher kaum beachtet wurden, seien sie in einem kleinen Exkurs etwas genauer vorgestellt (zur 'kommen'-Grammatisierung s. Stolz 1994, Lüdtke 1987 und v.a. Bellmann 1998; vgl. auch schwed. komma (att) als reguläres Futurauxiliar).

Exkurs: Grammatisierungen von alemannisch chö Näheres zum ersten Grammatisierungstyp, der Doppelung von chö: Ähnlich der üblicheren er göt go /wege-Konstruktion (s. 6.1. im Anhang) existiert auch eine er chunt cho luegePeriphrase, die jedoch insgesamt seltener und regional begrenzter ist. Während die erste die häufigere und neutralere Inchoativperiphrase darstellt, impliziert die zweite Konstruktion eine Deixis des Agens. In Teilen der Schweiz wird finites chö mit infinitem go (bzw. geschwächtem ge, gi) oder auch choge "kommengehen" kombiniert. Dagegen ist infinites cho nicht mit finitem gö verbindbar: *er göt cho luege (s. SDS III: Karte 265, Lötscher 1993 und Nübling 1995a). Auch nach einem Modalverb kann infinites, reduziertes cho bzw. che erscheinen: er soll cho ässe "er soll kommen essen" -» 'er soll essen kommen' (Lötscher 1983: 110). Hodler (1969: 544) spricht hier von einer "Partikel von finaler Bedeutung (wie 'zu')". Die c/iö-Grammatisierung äußert sich konkret in (1.) der phonologischen Reduktion von infinitem cho als [χο] oder [χβ]; hierzu gehört auch der Kurzverbstatus von chö. (2.) ist eine semantische Reduktion von chö eingetreten, indem chö nicht mehr zwingend die semantischen Merkmale 'Fortbewegung des Körpers mithilfe der Beine' enthält: 's chunnt cho rägne 'es wird (bald) regnen' (s. SDS III: Karte 265). Diese semantische Reduktion erhöht (3.) seine Kombinierbarkeit mit unterschiedlichen Subjekten (in diesem Fall sogar nur mit einem grammatischen). (4.) ist es obligatorisch, d.h. nach finitem chö folgt zwingend auch infinites cho (bzw. go). Des weiteren ist (5.) eine starke syntaktische Fixierung zu verzeichnen, indem infinites cho vorzugsweise vor das infinite Vollverb tritt. (6.) hat infinites cho eine Dekategorisierung erfahren, denn ein echter Infinitiv wäre in dieser Position ungrammatisch. Damit hat es eine Paradigmatisierung erfahren und stellt sich zu parallelen (Doppel-)Konstruktionen mit gö/gä 'gehen', lä 'lassen' und (ä)fä 'anfangen'. Dies ergibt immerhin ein Viererparadigma. Die (redundante) Doppelung von finitem und infinitem chö deutet (7.) auf eine Skopusverengung hin: Weder finites noch infinites chö allein vermag Inchoativität zu markieren. Nicht zuletzt gehört chö zu den höchstfrequenten Verben, d.h. seine Grammatisierung hat (8.) zu einer deutlichen Frequenzsteigerung geführt. Näheres zum zweiten Grammatisierungstyp von chö als Inchoativkopula und Passivauxiliar: Eine noch stärkere Grammatisierung hat chö in Randgebieten der Deutschschweiz erfahren

146 (s. Karte 266 des SDS III): Hier hat es die Bedeutung 'werden', z.B. als Inchoativkopula in Verbindung mit einem Adjektiv angenommen: du chunsch chrank 'du wirst krank'. Aufschlußreiche Korrelationen offenbart ein Vergleich der Karten 100 und 266: Mit den am stärksten reduzierten Kurzformen des Schweizerdeutschen (Typ du chu(u)sch) korreliert ziemlich deutlich auch die stärkste Grammatisierung von chö, nämlich als Kopula. Innerhalb dieser Randgebiete läßt sich die weitere Grammatisierung von chö zum Passivauxiliar konstatieren: In mehreren an romanisches Gebiet angrenzenden Landschaften der Schweiz hat sich chö in Verbindung mit dem stark flektierenden Ptz. [Partizip] Prät. zur Umschreibung des Passivs eingebürgert, entweder neben würde oder dieses völlig verdrängend (Hodler 1969: 473).

Einige Beispiele (aus Hodler 1969: 473 ff.): wenn numa d'Schwindler gstraft chöme '... bestraft werden'; agstelltcho 'angestellt werden'; gschlage cho 'geschlagen werden'. Das Verbreitungsgebiet von chö als Passivauxiliar ist also in dem von chö als Kopula enthalten, d.h. das Kopulagebiet ist größer. Hodler (1969) schreibt zu dieser Grammatisierung: Parallel zur Passivkonstruktion mit cho läuft auf dem ganzen Gebiet eine solche von cho mit (meist) flektiertem adjekt. Prädikativ: Ar chunnt großa, si chunnt roti, äs chunnt bliichs. Beide Konstruktionen stehen unfraglich in engstem Zusammenhang miteinander. Das präd. Partizip ist ja auch ein Adjektiv. [...] Außerdem haben wir im ganzen ma. Gebiet ähnliche Verbindungen von cho mit Adverb wie es chunnt guet, rächt, lätz, tiir, billig, lustig, anders, besser, so, das doch auch gelegentlich als Prädikativ aufgefaßt werden konnte oder auch musste, wie in: es chunnt mer gäbig, chummlig, wol, z'dick 'zu reichlich, zu lästig' [...]. Da diese Ausdrücke im ganzen [schweizer]deutschen Sprachgebiet verbreitet sind, so schließt sich hier Einfluß von roman. venir(e) aus. In ihnen könnte man aber eine Vorstufe sehen zu der Verbindung von 'kommen' mit Ptz. [Partizip], also der Passivumschreibung [...]. Wir haben auf den Parallelismus von cho mit präd. Adj. und mit präd. Ptz. Prät. (die Passivumschreibung) hingewiesen. Dabei muß bemerkt werden, daß die erstgenannte Verbindung jedenfalls die viel häufigere ist. [...] Die Frage, welche von den beiden Verbindungen die ursprüngliche sei, ist damit entschieden. Für die Erklärung des Passivs mit cho braucht somit nicht auf romanische Vorbilder zurückgegriffen zu werden. Es stellt sich aber die Frage, ob dies für cho in der Bed. [Bedeutung] 'werden' nötig sei (474).

Damit bestätigt sich das, was bereits für lux. gin 'werden, geben' und nhd. werden festgestellt wurde und was auch für bli(ve) im Festlandskandinavischen gilt: Voraussetzung für die Herausbildung eines Passivauxiliars ist seine Grammatisierung zur Inchoativkopula (s. auch Bellmann 1998). Meist versieht das Passivauxiliar weiterhin seine frühere Funktion als Kopula, seltener auch als Vollverb (wie bei lux. gin, nhd. werden, südalem. chö, auch norw./schwed. bli, dän. blive als Kopula und Passivauxiliar) (zu weiteren kommen-Passiva in deutschen Dialekten, v.a. im Bairischen, s. Wiesinger 1989, Eroms 1995 und Bellmann 1998).

2.5.1.3. Neuhochdeutsch kommen Nhd. kommen hat ganz andere Entwicklungen vollzogen als alem. chö; vor allem verfügt es über keinerlei Kurzformen (s. Tab. 72).

147 Tabelle 72: Die Formen von nhd. kommen Infinitiv Präsens

Präteritum

kommen

(komen]

Sg.

1 2 3

komme kommst kommt

[o] [o] [o]

PI.

1/3 2

kommen kommt

[o] [o]

kam-

[a:]

gekommen

[ga'koman]

(Wurzel)

Part.Perf. Konj.I

(Wurzel)

komm-

[o]

Konj.II

(Wurzel)

käm-

[ε:]

Imperativ

Sg.

2

komm

[o]

PI.

2

kommt

[o]

Kürze: Eine Form von Kürze besteht in durchgehend kurzem [o], d.h. mhd. komen hat ausnahmsweise keine Dehnung des Tonvokals in offener Silbe erfahren (im Gegensatz etwa zu mhd. nemen > nhd. nehmen [ ne:men])108. Graphisch wird die Vokalkürze ab dem Frühneuhochdeutschen durch Doppelschreibung des Folgekonsonanten angezeigt, während der Langvokal im Präteritum mit graphisch unbezeichnet bleibt (ohne Dehnungsh wie etwa in oder < stahl >). Dies ist als besondere graphische Kürze zu bewerten. Darüber hinaus enthält kommen einige Besonderheiten, die es von den anderen starken Verben abhebt: Singulärer Vokalwechsel: Es gibt kein anderes Verb im Neuhochdeutschen mit dem Vokalwechsel [o] — [a:] — [o]. Damit bildet kommen eine eigene, isolierte Reihe (Hempen 1988: 25; Duden-Grammatik 51995: §231). Grammatisierung: Nhd. kommen tritt häufig in Funktionsverbgefügen (Struktur: Präposition (+ Artikel) + (deverbales) Substantiv + kommen) als finites (Funktions-) Verb auf und drückt hier den inchoativen Aspekt mit passivischer Färbung aus: zur Kenntnis kommen 'bekannt werden' (zu ankommen als jungem Aspektmarker s. Keller 1995: 232). Daneben sind periphrastische Konstruktionen vom Typ kommen + Partizip Perfekt eines Bewegungsverbs zu verzeichnen: sie kommt (an)gerannt/(an)geschwommen/(an)geflogen etc. Auch hier wird Inchoativität, verbunden mit einer spezifischen Deixis, ausgedrückt (s. Folsom 1966: 44/45, Dal 1971: 200ff. und Schöndorf 1998). Deutlich stärker grammatisiert ist bekommen im sog. Rezipientenpassiv (Askedal 1984).

108

Kienle (1969: §212) setzt bei (ge)kommen und genommen sekundäre Gemination des m an, die die Dehnung verhindert hat.

148 2.5.2. Luxemburgisch kommen Interessante Verhältnisse hat wieder das Luxemburgische ausgebildet, das in bezug auf Reichtum, Vielfalt, Konservatismus und gleichzeitig auch Innovatismus eher dem Alemannischen nahekommt (an das es ja auch dialektgeographisch anschließt). Zu den Formen s. Tab. 73. Tabelle 73: Die Formen von lux. kommen Infinitiv Präsens

Präteritum

komm-en

[0]

Sg.

1 2 3

komm-en kenn-s kenn-t

[o] [3] Μ

PI.

1/3 2

komm-en komm-t

[o] [o]

koum-

[ou]

komm

[o]

keim-

[ei]

(Wurzel)

Part. Perf. Konj.II

(Wurzel)

Imperativ

Sg-

2

komm

[0]

PI.

2

kommt

[o]

Im Luxemburgischen besteht (im Gegensatz zum Neuhochdeutschen) Wechselflexion: kommen, kenns, kennt. Lux. e kann auf zwei lautgesetzliche Entwicklungen zurückgeführt werden: Zum einen ist im Moselfränkischen ö > e entrundet worden (was die Umlautformen *kömms und *kömmt voraussetzt)109, zum anderen kann e auch das Ergebnis der mitteldeutschen Senkung von i sein, was die (heute noch im Bairischen vorhandenen) Formen *kimms und *kimmt nahelegen; dann ginge lux. kommen auf altes kummen zurück (hierzu s. Keller 1961: 251). Wie im Alemannischen hat sich in der 2./3.Sg.Präs. eine irreguläre regressive Assimilation von m > η vor Apikodental entwickelt: kenns 'kommst', kennt 'kommt'. Auffälligerweise ist diese Assimilation nicht in der 2.Sg.Prät. koums 'kamst' und in der 2.Sg.Konj.II keims 'kämest' eingetreten, obwohl hierfür die gleichen phonologischen Voraussetzungen bestanden: kemms > kenns 'kommst', aber koums > *kouns 'kamst'. Die weit höhere Frequenz der Präsensformen (gegenüber den Präterital- und Konj.IIFormen) erklärt, weshalb nur hier solche Sonderreduktionen stattfinden.

109

Meinem Informanten Pascal Didling zufolge schreiben viele (statt mit < e > ) , was jedoch nicht zwingend als etymologische Schreibung zu bewerten ist (sondern als morphologische zu < kommen > ) .

149 Im Rahmen der starken Verben regelhaft verhält sich das Präteritum mit dem Einheitsablautvokal -oil- und der Konditional mit dem Einheitsdiphthong -ä-,

2.5.3. Niederländisch kamen Wie das Neuhochdeutsche (und entgegen dem Alemannischen und Luxemburgischen) enthält auch das niederländische Paradigma von komen keine Kurzformen, doch einige bemerkenswerte Irregularitäten und kleinere Reduktionen (s. Tab. 74). Tabelle 74: Die Formen von ndl. komen Infinitiv Präsens

Präteritum

[ko:mg(n)]

Sg.

1 2/3

kom kom-t

[o] [o]

PI.

1-3

kom-en

[o:]

Sg.

1-3

kwam

Ia]

PI.

1-3

kwam-en

[a:l

ge-kom-en

[o:]

Part.Perf. Imperativ

kom-en

Sg.

2

kom

[o]

PI.

2

kom-en jullie

[o]

Kürze: Ndl. komen ist das einzige Verb, dessen Infinitiv und Präsensformen (im Sg.) unterschiedliche Vokalquantitäten enthalten: Während der Infinitiv (und der Einheitsplural) Langvokal aufweisen, weichen die Singular-Formen durch interparadigmatisch einzigartige Kurzvokale ab. Eine lautgesetzliche Entwicklung hätte — etwa wie bei nemen [ ne:ms(n)] 'nehmen' — wegen der Dehnung von Vokalen in offener Tonsilbe zu einem langen Wurzelvokal (und zu der Schreibung * < koom, koomt > ) führen müssen; dieser Lautwandel war schon gegen 1100 abgeschlossen und betraf auch die damals noch zweisilbigen Präsens Singular-Formen: anfrk. ic neme, du nemes, hi nemet jeweils mit Langvokal; die Schwa-Reduktion erfolgte erst im Mittelniederländischen, wobei der Langvokal trotz der hierdurch veränderten Silbenstruktur bestehen blieb (ndl. ik neem, je/hij neemt). Nur bei ndl. komen [o:] (ik kom [o], je/hij kamt [o]) sind sekundäre, irreguläre Quantitätsreduktionen eingetreten (s. Donaldson 1983). Irregularitäten: Ähnlich wie im Neuhochdeutschen bildet auch im Niederländischen die Vokalalternanz [o/o: - a/a: - o:] in komen ein singuläres Muster (s. Hempen 1988: 30). Ein besonderes Relikt tradieren die Präteritalformen kwam und kwamen, indem sie die kwAnlautkonsonanz seit dem Germanischen konserviert haben. In allen anderen germanischen Sprachen ist dieser komplexe Anlaut überall längst abgebaut worden (außer im Nieder-

150 deutschen; s. Lindow et al. 1998: 122). Im Gegensatz zu den meisten anderen Reduktionsverben enthält das Niederländische die Abweichung im exponierten Anlaut. Damit hat sich ndl. komen interparadigmatisch isoliert.

2.5.4. Friesisch komme Fries, komme ist weder Kurzverb noch kurzformiges Verb. Ebenso enthält es intraparadigmatisch kaum Irregularitäten, doch interparadigmatisch: Wie in allen germanischen Sprachen hat es sich durch singulären Vokalwechsel (hier: [o - a: - o]) von den anderen Ablautreihen isoliert (s. Tab. 75). Tabelle 75: Die Formen von friesisch komme Infinitiv Präsens

Präteritum

[o]

Sg.

1 2 3

kom kom-st kom-t

[o] [o] [o]

PI.

1-3

komm-e

[o]

Sg.

1/3 2

kaam kaam-st

[α:] [α:]

PI.

1-3

kam-en

[α:]

komm-en/kom-d

[ο]

kom

[ο]

Part.Perf. Imperativ

komm-e

Sg./Pl.

2

Nach Ausweis von Eisma (1989) gibt es im Friesischen nur drei starke (bzw. unregelmäßige) Verben, deren Präteritalablaut [α:] beträgt: komme - kaam, wurde - waard und nimme — naam. Diese drei Verben sind sehr frequent und werden in anderen Sprachen als Kurzverben oder kurzformige Verben realisiert. Im Friesischen haben sie sich immerhin zu einer Kleingruppe mit gemeinsamem Präteritalvokal zusammengeschlossen und sich damit aus ihrer jeweils angestammten Ablautreihe entfernt. Bemerkenswert ist die Partizip Perfekt-Variante komd, die durch ihre schwache Bildung zu einem gemischten Paradigma führt. Ein kurzer Absatz in dem Artikel Sandhi phenomena in Frisian von van der Meer/de Graaf (1986) deuten auf das interessante Faktum hin, daß das auslautende -m im Imperativ seine Stabilität einbüßt. Im Kapitel Regressive deletions — External processes wird aufgelistet, welche Auslaute unter welchen Bedingungen durch vom Folgewort/-morph bewirkte Assimilationen reduziert werden können. Was auslautende Nasalkonsonanten betrifft, so gibt es diverse -«-Reduktionen, die teilweise den vorangehenden Vokal nasaliert haben. Solches betrifft jedoch nicht auslautendes -m - von der einzigen Ausnahme des Imperativs kom 'komm' abgesehen, wozu der entsprechende Abschnitt zitiert sei:

151 We know of only one word where [m] regularly drops, viz. kom 'come'. Thus in exclamations like kom hjir [kö jir] 'come here' and kom jong(es) [ko joijss] 'come on, boys' the [m] is frequently lost. It seems that as an ordinary finite form kom is never treated like that: ik kom hjir [ik kom jir] Ί come here'; ik kom hjoed [ik kom just] Ί come today' (van der Meer/de Graaf 1986: 319).

Nur in wenigen, besonders häufig vorkommenden Wortsequenzen verliert also das -m seine Stabilität, indem es den vorangehenden Wurzelvokal nasaliert und selbst als Segment schwindet. Hierin könnte ein erstes Einfallstor für weitere Reduktionen bestehen (s. hierzu auch das Alemannische, das Isländische uund das Nordfriesische in Tab. 76). Grammatisierung: Ähnlich wie im Neuhochdeutschen kann fries, komme mit dem Partizip Perfekt eines Bewegungsverbs meist mit Richtungspräfix verbunden werden: "komme 'come' enters into a similar relationship with a limited number of verbs, almost always verbs with separable prefixes: hy kaam oanriden 'he came riding up'" (Tiersma 1985: 127). Zum Nordfriesischen: Nur am Rande sei erwähnt, daß man im KOMMEN-Paradigma der Wiedingharder Varietät des Nordfriesischen (Wilts 1993) wieder auf die (vom Alemannischen und Luxemburgischen bekannte) m > «-Assimilation in der 2. und 3.Sg.Präs. trifft. Wie im Luxemburgischen findet diese einzigartige Artikulationserleichterung jedoch nicht in der 2.Sg.Prät. statt, obwohl auch hier die Sequenz m + st besteht: kämst > känst 'kommst', aber kumst > *kunst 'kamst' (s. Tabelle 76). Tabelle 76: Die Formen von käme 'kommen' im Wiedingharder Nordfriesischen Infinitiv Präsens

Präteritum

Part.Perf.

käm-e Sg-

1 2 3

käm kän-st kän-t

PI.

1-3

käm-e

Sg.

1/3 2

kum kum-st

PI.

1-3

kum-en kiim-en

Zum Ostfriesischen (Saterländisch): Hier ist ein qualitativer präteritaler Numerusablaut bzw. präziser eine Vokalalternanz zu konstatieren, was kein Kennzeichen des Ostfriesischen ist. Der Prät.Sg. basiert auf der Wurzel koom (koom, koomst, koom 'kam, kamst, kam'), der Prät.Pl. dagegen auf der Einheitsform keemen (Janzing 1999: 100).

152 2.5.5. Englisch come Englisch come/comes — came — come weist den singulären Wechsel [Λ] — [ei] — [Λ] auf, doch ist dies angesichts der starken Aufsplitterung der alten Ablautreihen nicht allzu außergewöhnlich. Kurzformen sind keine zu verzeichnen. Allerdings vermerkt Faiss (1989: 269) bei come, daß es im Gegensatz zu den anderen ehemaligen Mitgliedern der 4. Ablautreihe keine mittelenglische Dehnung erfahren hat (wie sich auch nhd. kommen der Dehnung entzogen hat). Eine weitere Form von Kürze liegt in der Abwesenheit des Nasalsuffixes im Partizip Perfekt: come [kAin] 'gekommen' (vgl. given 'gegeben', eaten 'gegessen') (s. auch Hansen/Nielsen 1986: 219/20). Grammatisierung: Quirk et al. (201992) zählen come wegen der Konstruktion come to 'geschehen' zu den "semiauxiliary verbs". In seltenen Fällen kann es auch inchoatives 'werden' ausdrücken: his dreams came true 'sein Träume wurden wahr'. Faiss (1989) bemerkt, daß es in älteren Stufen des Englischen und heute noch im amerikanischen Englisch come-Passiva gibt. In weit stärkerem Maße grammatisiert ist präfigiertes become, das als Inchoativkopula und Passivauxiliar fungiert und mit dem üblicheren ger-Passiv konkurriert (s. 2.2.5.2.).

2.5.6. Dänisch komme Dän. komme ist weder Kurzverb noch kurzformiges Verb. Die einzige Abweichung von den üblichen starken Verben besteht im Fehlen jeglicher Vokalalternanz (Unterdifferenzierung), die gerade das Hauptcharakteristikum starker Verben bildet: komme {k^mz}!kommer ['kornu] - kom [kam] - kommet [komaö], Diese Ablautnivellierung von komme ist als Irreguarität einzustufen, da es im Dänischen nur drei weitere starke Verben ohne Ablaut und sonstige Wurzelveränderungen gibt (sove[v> 'schlafen', hedde 'heißen', grceöe 'weinen'; Stemann/Mogens 1967: 12).

2.5.7. Schwedisch komma Auch das Schwedische verzichtet bei komma auf jegliche Vokal- bzw. Wurzelalternanz: komma [ v kom:a]/kommer [ kom:er] - kom [kom(:)] - kommit ['kom:it]. Im Schwedischen gibt es nur ein einziges weiteres starkes Verb ohne Vokalwechsel, sova 'schlafen' (Holmes 1994: §613). Für das älteste Schwedisch setzt Wess6n (81992) die Formen des Altgutnischen an: cuma - quam - quämu - cumin (§120). Im späteren (belegten) Altschwedisch hat bereits weitgehend die Senkung bzw. Labialisierung (im Präteritum) zu -o- stattgefun-

110

Ähnlich wie komme auf altes *kwem- geht sove auf altes *swef- zurück; beide Male hat also der Bilabial [w] die Labialisierung des Folgevokals verursacht, d.h. sowohl von -e- (im Präsens und Supinum) als auch von -a- > -o- (im Präteritum). Im Färöischen findet sich noch der Anlaut SV-.

153 den: koma (kuma) - kom - kömo *[ko:mo] > [kom:o] - kommit (Wess6n 81992: §199.4). Schwed. komma selbst hat keine substantiellen Reduktionen erfahren, doch in der Periphrase komma att + Infinitiv eine starke Grammatisierung zum Futurauxiliar; hierüber wurde bereits im Zusammenhang von WERDEN gesprochen, ebenso über die gegenwärtige att-Reduktion (s. Kap. 2.2.7.2.).

2.5.8. Norwegisch komme bzw. kome 2.5.8.1 komme im Bokmäl Was das Bokmäl betrifft, so ist weitgehend auf den Abschnitt zum Schwedischen zu verweisen. Auch komme entbehrt des Vokalwechsels: komme [vkom:s]/'kommer [kom:ar] — kom [kom] — kommet [vkom:3t]. Bezüglich der Grammatisierung zeichnet sich die Konstruktion komme til ά + Infinitiv gegenüber dem Schwedischen durch höhere Komplexität aus: Weder til noch ά weisen Schwundtendenz auf (s. Kap. 2.2.8.1.2.).

2.5.8.2. kome im Nynorsk Das Nynorsk lautet das Einheitspräsens der starken Verben um (sofern umlautfahig), d.h. kjem folgt den Regularitäten starker Verben. Weitere Beispiele: drage 'ziehen' — dreg 'zieht' (Einheitspräsens), gjose 'gießen' - gys 'gießt', bläse 'blasen' - bles 'bläst'. Vor diesem Hintergrund ist jedoch der konkrete o/e-Wechsel zwischen Infinitiv und Präsens von kome als singulare Abweichung des üblichen Umlautmusters (und damit als Irregularität) zu betrachten; erwartbar wäre die Alternanz 0/0 (zu den Formen s. Tab. 77). Tabelle 77: Die Formen von kom(m)e im Nynorsk Infinitiv

kom(m)e

[vkom:a]

Präsens

kjem

[ge:m]

Präteritum

kom

[kom]

Supinum

kom(m)e

["kom:a]

Der Wurzelvokal -e- in kjem geht auf die reguläre an. ο > 0-Palatalisierung im Präsens Singular zurück: an. k0mr 'komm(s)t (2./3.Sg.Präs.)'". Im 13. Jhd. wird 0 laut

111

Doch ist zu betonen, daß solche ο > 0-Umlaute (wegen des nordwestgerm. α-Umlauts) äußerst selten sind und nur auf später (nach der a-Umlautphase) entstandenem -o- basieren können; solche sekundären o-Laute liegen in an.

koma


urn.

*queman

ο beeinflußt hat.

und in an.

sofa
kemr\ dies bildet die Grundlage für kjem im Nynorsk. Bei 'schlafen' scheint mit S0v diese Entrundung jedoch nicht eingetreten zu sein. Daher ist die Alternation kome - kjem singular. Die lautgesetzliche Anlautpalatalisierung in kjem [?e(:)m] sorgt für eine weitere Differenzierung [ς] vs. [k] im Paradigma. Was die Grammatisierung von kome anbelangt, so entspricht sie mit der Konstruktion kome til ä + Infinitiv weitgehend dem Bokmäl, wobei das Infinitivzeichen ä zuweilen fehlen kann (s. Beito 2 1986: 294).

2.5.9. Färöisch koma Fär. koma enthält einige Abweichungen von der 4. Ablautreihe, die auch im Isländischen bestehen und daher im folgenden Abschnitt behandelt werden. Entgegen den Regularitäten der 4. Ablautreihe verfügt das Färöische im Präsens über eine Numerusopposition in Gestalt eines e/o-Wechsels (nebst Palatalisierung von [k]- > [tfj- vor Palatalvokal: kemur [ tje:mur] 'komm(s)t' vs. koma [ko:ma] 'kommen (PI.)'. Ein Vokalwechsel dieser Art kommt sonst nur noch bei sova 'schlafen' vor: svevur 'schläft' vs. sova 'schlafen'. Als weitere Besonderheit enthält fär. koma keine Numerusopposition im Präteritum, obwohl diese sowohl in der 4. als auch in anderen Ablautreihen regulär ist: kom 'kam' und komu 'kamen' (dagegen regulär z.B. nam 'nahm mit' (Sg.) vs. ηόηαι 'nahmen mit' (PI.)). Die Vokalvereinheitlichung resultiert aus progressiver Rundung (und Schwund) des im Wurzelanlaut ursprünglich enthaltenen kv-.

2.5.10. Isländisch koma Isl. koma/kemur — kom/komum — komid wird in den Grammatiken als unregelmäßiges Verb der 4. Ablautreihe behandelt; seine Irregularitäten sind folgender Art: Wie in den anderen germanischen Sprachen besteht die wichtigste Abweichung im Wurzelvokalismus, der statt zu erwartendem -e- ein -o- aufweist (vgl. reguläres nema 'lernen', aber irregulär entwickeltes koma). Wie im Nynorsk und v.a. im Färöischen zeichnet sich der Präsens Singular durch den Umlaut über an. -0- und Entrundung zu nisl. -e- aus: nisi, eg kern [kge:m] 'ich komme', pü, hann/hun kemur [k?e:mYr] 'du, er/sie komm(s)t' (jeweils mit Palatalisierung von [k]- > [kg]- vor e), aber Plural vidkomum 'wir kommen', pidkomid 'ihr kommt', peir/peer/paukoma 'sie kommen'. Außer sofa 'schlafen' gibt es kein anderes Verb mit e/o-Alternanz im Präsens. Abweichend verhält sich auch das Präteritum, indem es die übliche Numerusopposition vermissen läßt: In allen Personen und Numeri besteht einheitliches kom- (vgl. dagegen nam 'ich/sie lernte' vs. nämu 'sie lernten'). Als drittes ist die Konj.II-Form keerni [ kfai:mi] zu verzeichnen, deren Ableitbarkeit aus der kurzvokalischen Präteritalwurzel kom- 'kam-' abgebrochen ist {ce korrespondiert morphographemisch mit ό oder ά). Insgesamt gibt es nur acht Verben mit solchen autonomen Konj.II-Formen — eine für das Isländische geringe Zahl.

155 Obwohl das Isländische an Kurzverben/kurzformigen Verben sehr arm ist und auch koma kein solches ist, kann zumindest 6in Kümmgsphänomen beschrieben werden, das sich in dieser Form durch mehrere germanischen Sprachen zieht: In der Imperativ Singular-Form komdu 'komm', die heute fast nur mit enklitischem =du (< pü) vorkommt, ist der Wurzelauslautkonsonant m, regressiv beeinflußt durch das d, zu η assimiliert worden: [VondY]. Zu dieser Ausnahme schreiben Gislason/^räinsson (1993): ί Jjessu oröi [nämlich komdu ['k'ondY]] er siöari framburöurinn vikjandi og eöligur. Hann gengur })ό ekki ί öörum sambaerilegum oröum: lemdu *[lendY], [...] gleymdu *[gleindY]. (117) 112

Wieder erweist sich, daß der Wurzelauslaut in sandhianfälligen Konstellationen erste Instabilitäten aufweist. Trotz des immensen Reichtums an Verbalperiphrasen unterschiedlichster Art und Funktion sind für isl. koma kaum systematische Grammatisierungen festzustellen. Doch ist dieses ohnehin sehr elementare und frequente Verb — unter den isländischen Verben auf Rang 3 (nach vera und hafa) - häufiger Bestandteil von Funktionsverbgefügen und lexikalisierten Wortfügungen (z.B. komafyrir 'geschehen', koma med 'mitbringen', koma ser saman um 'abmachen', koma upp um 'verraten' etc.; dies betrifft prinzipiell auch komast\ s. Ellertsson 1993).

2.5.11. Resümee Mit den Fortsetzungen von germ, kwem- in den neugermanischen Sprachen wurde ein Verb gewählt, das in vielen Sprachen — besonders den skandinavischen — keine Kurzformen ausgebildet hat. Doch hat es kleinere Reduktionen aufzuweisen, und in sämtlichen Sprachen hat es Irregularitäten akkumuliert, die es von den anderen Verben isoliert haben (s. Tab. 78). In allen Sprachen ist es außerordentlich frequent und in den meisten auch mehr oder weniger - grammatisiert. Reduktionen: In sämtlichen germanischen Sprachen ist die Anlautkonsonanz kw- nach der progressiven Labialisierung des Wurzelvokals zu k- vereinfacht worden - was in Tab. 78 jedoch nicht eigens als Kürze markiert wird. Einzig im Niederländischen hat sich der komplexe Nexus im Präteritum erhalten (ndl. kwam 'kam'), womit er einen markanten Anlautkontrast zu den restlichen ^-Formen herstellt. Dabei erscheint der längere Anlaut im selteneren Präteritum und der einfache im häufigeren Präsens (und Infinitiv).

112

Übersetzung: "In diesem Wort ist die letzte Aussprache [nämlich ['k'andY]] vorherrschend und normal. Doch gilt sie nicht für vergleichbare Wörter: lemdu *[lendY] 'schlag', [...] gleymdu *[gleindY] 'vergiß'."

156 Tabelle 78: Die wichtigsten Formen von KWEM- in den germanischen Sprachen Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP/Sup.

(la) Alem.

chö

chunt/chömed



chö\

(lb) Nhd.

kommen!

kommt/kommenl

kam/kamen

gekommen!

(2) Lux.

kommen

kennt/kommen

koum/koumen

komen

(3) Ndl.

komen [o:]

komt\ [o]/ komen [o: ]

kwam [a]l kwamen [a:]

gekomen [o:J

(4) Fries.

komme

komt/komme

kaam/kamen

kommen

(5) Engl.

come

comes/come

came

come_

(6) Dän.

komme

kommer

kom

kommet

(7) Schwed.

komma

kommer

kom

kommit

(8a) Bokmäl

komme

kommer

kom

kommet

(8b) Nynorsk

kom(m)e

kjem [ge:m]

kom

kome

(9) Fär.

koma

kemur [tfermur]/ koma

kom/komu

komid

(10) Isl.

koma

kemur/koma

kom/komu

komid

Fettdruck: "!": Unterstreichung: Popp. Unterstreichung: Fettdruck + Unterstreichung:

kurzformig (und dadurch meist auch irregulär bis suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); extrem irregulär/suppletiv; kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Die Reduktionen sind am ausgeprägtesten im Alemannischen, wo chö ein echtes Kurzverb bildet und extrem viele Wurzelallomorphe ausgebildet hat. Hier wurde die alte u/o-Wurzelvokalalternanz konserviert und zur Numerusopposition im Präsens funktionalisiert; außerdem legt sich im Präsens Plural der morphologische /-Umlaut darüber. Im Konjunktiv konkurrieren gleich mehrere Wurzelvokale miteinander. Durch die partiell-regressive Assimilation von m > η vor Dental erhöht sich nochmals der Grad an Allomorphik. Mit diesen morphonologischen Idiosynkrasien korrelieren starke Grammatisierungen, die in Doppelkonstruktionen von chö zum Ausdruck der Ingressivität bzw. in der Auxiliarisiening zur Inchoativkopula und zum Passivhilfsverb bestehen.

157 Ansonsten arbeiten die Sprachen bei KOMMEN mit Reduktionen nichtsegmenteller Natur. In so verschiedenen Idiomen wie dem Alemannischen, dem Luxemburgischen, dem Nordfriesischen und dem Isländischen kommt es zur irregulären m > «-Assimilation vor folgendem Apikodental (alem. chun-t, lux. kenn-t, nordfries. kän-t 'kommt', isl. komdu [VbndY]). Abweichende vokalische Kürze besteht in den nhd. komm-Formen und im Präs.Sg. des Niederländischen; wieder korreliert hier die Kürze mit den höherfrequenten Kategorien. Graphische Kürze gilt für die ausbleibende Vokallängebezeichnung in nhd. (vgl. ). Eine besondere Form morphosyntaktischer Kürze bildet sich im Schwedischen heraus, wo die futurmarkierende Konstruktion komma att + Infinitiv zunehmend auf bloßes komma + Infinitiv reduziert wird und wo auch die aß-haltige Konstruktion bereits eine Reduktion aus komma tili att + Infinitiv darstellt: vi kommer ((*tillj) (att) fä däligt väder 'wir werden schlechtes Wetter bekommen'. Sprachübergreifend und insgesamt zahlreich sind die eingetretenen Irreguiarisierungen. Zum einen ist durch die nur partielle Durchführung der genannten phonologischen Reduktionen und Assimilationen im Gesamtparadigma ein hohes Maß an Differenzierung entstanden (alem. chö-0und chun-t, aber chöm-ed; ndl. komen [o:], aber kom [o] '(ich) komme', außerdem kwam 'kam'). Zum anderen finden sich auch viele reduktionsunabhängige Irreguiarisierungen: In fast keiner Sprache gibt es ein anderes starkes Verb, das die Ablautalternanz — die in den skandinavischen Sprachen gerade in einer Nicht-Alternanz und damit Unterdifferenzierung besteht! - mit KOMMEN teilt, d.h. dieses Verb hat sich überall interparadigmatisch isoliert. Diese singulären Vokalwechsel (bzw. -nivellierungen) werden in Tab. 78 durch Unterstreichung angezeigt; ihnen kommt je nach einzelsprachlichem Bezug unterschiedliche Wertigkeit zu: Während es z.B. im Neuhochdeutschen oder Englischen sehr viele starke Verben mit singulärem Vokalwechsel gibt, bildet dies etwa im Schwedischen eine größere Abweichung. Solche sprachspezifischen Unterschiede vermag Tab. 78 nicht auszudrücken.

2.6.

SAGEN

in den germanischen Sprachen

Mit der konstrastiven Analyse des Verbums dicendi SAGEN in den germanischen Sprachen soll der empirische Teil dieser Arbeit beschlossen werden. SAG- ist zwar in den meisten germanischen Sprachen das allgemeinste, unspezifischste Verb des Sagens, ohne jedoch im strengen Sinn grammatisiert zu sein (wie dies für HABEN zutrifft). Das heißt, dieses Verb ist ausschließlich hochfrequent.113 Immerhin steht unter den infiniten Grundverben nhd.

113

Es ist in der Forschung umstritten, ab wann genau ein Grammatisierungsprozeß einsetzt. Manche plädieren dafür, Frequenzzunahme als Indikator für Grammatisierung zu betrachten, so etwa Hopper/Traugott (1993: 103): "One important factor in our discussion will be the tendency for less grammatical items to become more grammatical. Another will be frequency: the more

158 sagen auf Rang 5, fries, sizze auf Rang 6, norw. si auf Rang 11, isl. segja auf Rang 5, unter den infiniten Verbformen kommt norw. sier (Präsens) auf Rang 21 und schwed. Säger (Präsens) auf Rang 26. Zum zweiten liegt mit der gemeinsamen Wurzel germ. *saggute Vergleichbarkeit in sämtlichen germanischen Sprachen vor. Drittens gehört SAG- den schwachen Verben an, d.h. es bringt von Haus aus einen geringen Grad an Differenzierung mit. Die einzige Abweichung besteht - ähnlich wie bei HAB- - darin, daß es in manchen Sprachen den jan-, in anderen den en-Verben angehört, und in manchen vereint es Merkmale beider Klassen.

2.6.1. Alemannisch sage/sä(ä)ge und neuhochdeutsch sagen Dem neuhochdeutschen Normalverb sagen entspricht im Alemannischen ein kurzformiges Verb: Während der Infinitiv in den meisten alemannischen Dialekten" 4 unversehrt blieb, haben sich im Partizip Perfekt Kurzformen gebildet: saisch 'sagst', sait 'sagt' und gsait 'gesagt'.

2.6.1.1. Zur Diachronie: Althochdeutsch sagen und mittelhochdeutsch sagen Für das Althochdeutsche wird zumeist das reine schwache erc-Verb sagen angesetzt; doch bestehen Klassenschwankungen zu denyan-Verben (ähnlich wie bei ahd. haben). Gerade in oberdeutschen Quellen kommt es zu den umgelauteten Präsens-, Präterital- und Partizip Perfekt-Formen segis 'sagst', segit 'sagt', segita 'sagte' und gisegit 'gesagt'. Auch wird das synkopierte Präteritum sagda beschrieben (s. Braune/Eggers '"1987: §368, Anm.2, §264, Anm. 3). Solche Schwankungen sind im Althochdeutschen selten und betreffen fast ausschließlich die beiden genannten Verben haben und sagen. Damit ist in der Entstehung und vor allem Beibehaltung von Klassenschwankungen eine frühe Irregularisierungstechnik zu sehen. Was Reduktionen betrifft, so kommt es im Alemannischen des 10./11. Jhds. zu Kontraktionen der Folge -egi > -ei (Braune/Eggers 141987: §149, Anm.5a). Zu mhd. sagen: Paul et al. (231989) beschreiben für die Zeit ab dem 12. Jhd. die folgenden Kontraktionen: Ahd. /igi/, mhd. /ige/ > /i/, ahd. /egi/, mhd. /ege/ > /ei/. Diese beiden Kontraktionen sind im Mhd. allgemein verbreitet, seltener ist mhd. /age/ > /ei/ [...]. Die Media /g/ wird palatalisiert zu /}/, das mit nachfolgendem /i/ zusammenfällt und schwindet. (§107)

frequently a form occurs in texts, the more grammatical it is assumed to be. Frequency demonstrates a kind of generalization in use patterns". In dieser Arbeit wird Grammatisierung enger gefaßt und ihr Beginn erst bei der systematischen Markierung einer grammatischen Kategorie (bei gleichzeitiger Delexikalisierung) angesetzt. " 4 Herrn Seidelmann (Institut für Geschichtliche Landeskunde Freiburg i.Br.) verdanke ich die Information, daß es in schwäbischen Mundarten SAGEN als echtes Kurzverb gibt. Auch Harnisch (1994) verzeichnet kurzes sa für einen oberfränkischen Dialekt.

159 Da eine Voraussetzung für Palatalisierung und Schwund des -g- nachfolgendes ahd. -i war, kommen die Kontraktionen immer in der 2. und 3.Sg.Präs. vor, bei den schwachen janVerben auch im Präteritum und Partizip Perfekt: seit 'sagt' ( < *segit), seist 'sagst', seite 'sagte' und geseit 'gesagt' (gleiches betrifft 'liegen', 'legen', 'pflegen', 'tragen' etc.). Diese Kontraktionen treten besonders bei den häufigsten Wörtern (auch Substantiven und Eigennamen) auf, deutlich seltener jedoch bei Normal- und Niedrigfrequenz (z.B. beweit 'bewegt'). Bei solchen Wörtern finden bald analogische Ausgleichsprozesse zu den unkontrahierten Formen des Restparadigmas statt. Das Neuhochdeutsche hat überhaupt keine Kontraktionsformen tradiert, während das Alemannische sie genau bei den vier höherfrequenten Verben 'liegen', 'legen', 'tragen' und 'sagen' bis heute konserviert hat.

2.6.1.2. Alemannisch säge/sä(ä)ge Bei alem. säge/sä(ä)ge handelt es sich um ein kurzformiges Verb. Als Beispieldialekte werden die von Simmental, Bern, Zürich und Basel gewählt. Die Kurzformen erscheinen fettgedruckt (s. Tab. 80; nach Bratschi/Trüb 1991, Marti 1985, Suter 3 1992 und Weber 3 1987). Tabelle 80: Die Formen von säge/sä(ä)ge in vier alemannischen Dialekten

Inf. Präs.

Bern

Basel

Zürich

säge [ae]

säge [ae]

säge [a:]

säge [a;:]

Sg-

1 2 3

säge süscht [i:] slit [i:]

säge seisch [ei] seit [ei]

säg saisch [ai] sait [ai]

säge säisch [sei] säit [aei]

PI.

1/3 2

säge säget

säge säget

säge

säged

gslit [i:]

gseit

gsait

gsäit

PP. Imp.

Simmental

It

Sg.

2

säg

säg

säg

säg

PI.

2

säget

säget

säge

säged

Konj.I

(Wz.)

säg-

säg-

säg-

säg-

Konj.II

(Wz.)

sllt-

sieg- [ia|

sait(saitet-)

sält-f sieg-

Das Alemannische hat also an den mhd./alem. Kontraktionsformen festgehalten, die auf den umgelauteten (irregulären)y'an-Formen (ahd. segist, segit, gisegit) basieren. In einigen

160 Dialekten sind a > ώ-Palatalisierungen auch in den Langformen eingetreten. Schrambke (1997: 188) sieht hierin einen sekundären Umlaut, der "wohl aus der Kontamination aus ahd. saget und segit" resultiert (s. auch Hotzenköcherle 1984: 19). Der sekundäre eiDiphthong wurde im Simmentaler Dialekt lautgesetzlich zu [i:] monophthongiert, was das Paradigma stärker zerklüftet. In allen Dialekten hat sich ein Wechselflexionsmuster herausgebildet, das auch für die drei anderen Kontraktionsverben und für hä gilt, doch sonst im Alemannischen nicht ausgebaut wurde. Der Konj.II basiert auf dem geschwundenen Kurzpräteritum mhd. seite - abgesehen vom Zürich- und Berndeutschen, die ihn "gestärkt" haben, d.h. in die 7. Ablautreihe überführt haben (sieg-). Im Zuge der Um- und Restrukturierung des alemannischen Konj.Ii-Systems nach dem Präteritumschwund haben auch einige besonders frequente schwache Verben zu starken Konj.Ii-Bildungen mit -iegegriffen (so etwa mache 'machen' zu miech, frage 'fragen' zu frieg und chouffe 'kaufen' zu chieff(s. Marti 1985: 144/145, Weber 31987, Nübling 1997).

2.6.1.3. Neuhochdeutsch sagen Das Neuhochdeutsche ist die einzige Sprache, die sagen flektiert. Die Stammformen weisen mit sagen |'za:g9n| [ga'za:kt] reguläre kombinatorische Allomorphik auf ([g] umgangssprachlich zu Vokalkürzungen kommen (da sagt er klagen nicht möglich sind.

vollkommen regulär-schwach - sagte [za:kta] - gesagt > [k] vor [t]). Doch kann es [dazakte]), die bei plagen oder

2.6.2. Luxemburgisch soen Das Luxemburgische tritt mit einer beträchtlichen Irregularisierungs- und Kürzungsbilanz bei soen 'sagen' in starken Kontrast zum Neuhochdeutschen (s. Tab. 81). Lux. soen ist ein reines Kurzverb, das hiatisch artikuliert wird und dessen Schwund von wurzelfinalem g auf lautgesetzlicher Lenisierung und anschließender Tilgung zu 0 basiert (vgl. lux. We(e) ' W e g \ f l i i e n 'fliegen', Reen 'Regen' etc.). Das Luxemburger Wörterbuch verzeichnet auch kontrahiertes son [zo:n], was bezeichnenderweise nicht für (minderfrequentes) froen 'fragen' oder kloen 'klagen' gilt (*fron, *klon). Speziell in der westgermanische Verbindung -age- hat im Luxemburgischen Verdumpfung und (Ersatz-?)Dehnung von α [a] > ο [ο:] stattgefunden (Keller 1961: §7.4). Neben diesen wieder teils regulären, teils irregulären Reduktionen ist eine Reihe morphologischer Irregularitäten (neben weiteren Reduktionen) zu verzeichnen: Lux. soen ist ein schwaches Verb. Tatsächlich bleiben seine Wurzelvokale zumindest in den drei Stammformen stabil: soen — sot — gesot. Doch ist es im Präsens Singular zu einer (bei starken Verben typischen) Wechselflexion gekommen: ech soen, du sees, hie seet. Dieses [e: ] ist auf die beiden (nicht en-klassenkonformen) kontrahierten und umgelauteten ya/j-Formen seist ( < ahd. segist), seit (< ahd. segit) zurückzuführen (Keller 1961: §7.2). Das heißt, daß das Luxemburgische (wie das Alemannische) die Klassenschwankungen nicht beseitigt, sondern zur paradigmatischen Heterogenisierung verwendet hat. Diese Wechsel flexion teilt

161

es mit (ebenfalls schwachem) froen 'fragen' und mit goen, stoen und doen, denen als einstige mi-Verben keine lautgesetzliche Wechselflexion zukommt. Tabelle 81: Die Formen von lux. soen Infinitiv Präsens

Präteritum

soe-n/so-n

[zo:en]/[zo:n]

Sg-

1 2 3

soe-n/so-n see-s see-t

[zo:an]/[zo:n]/ [ze:s] [ze:t]

PI.

1/3 2

soe-n/so-n so-t

[zo:en]/[zo:n] [zo:t]

Sg.

1/3 2

sot so(ot)-s

[zo:t] [zo:s]

PI.

1/3 2

sot-en sot

[zo:tan] [zo:t]"5

ge-sot (ge-sot-en)

[gezo:t] ([ga'zo:tan])

(seet(-)) (siet(-))

[ze:t] [ziat]

Part.Perf. Konj.II

(Wz.)

Imperativ

Sg.

2

so

[zo:]

PI.

2

so-t

[zo:t]

Was das Präteritum sot betrifft, so ist bereits seine Existenz als Ausnahme (Überdifferenzierung) zu bewerten, da, wie mehrfach erwähnt, im Luxemburgischen starker Präteritumschwund herrscht. Eine weitere Annäherung an die starken Verben besteht in der nasalhaltigen Partizip Perfekt-Variante gesoten 'gesagt', die Russ (1996: 86) für Luxemburg Stadt beschreibt.116

2.6.3. Niederländisch zeggen Mit dem Niederländischen kommen wir nun zu einer Sprache, die SAG- als reines janVerb mit lautgesetzlichem Umlaut und Konsonantengeminierung, nämlich als zeggen fortsetzt (zu den Formen s. Tab. 82).

115

116

Vermutlich wegen der Homophonie zu dir sot 'ihr sagt' im Präsens weicht das Präteritum fast immer ins Perfekt aus: dir hut gesot 'ihr habt gesagt' (statt dir sot 'ihr sagtet'). Muttersprachlern zufolge ist gesot üblicher, ebenso die Verwendung des Perfekts (statt des Präteritums) und v.a. des Konj.III (statt des Konj.II, der daher in Klammern erscheint).

162 Tabelle 82: Die Formen von ndl. zeggen Infinitiv Präsens

Präteritum

['ζεχβ(η)]

Sg.

1 2/3

zeg zegt

[ζεχ] [ζεχί]

PI.

1-3

zeggen

['ζεχ 3 (η)]

Sg.

1-3

zei (-zegde)

[ζει] (-['ζεχΐ3])

PI.

1-3

zeiden (-zegden)

[z8id3(n)]/['z8ie(n)] -['zexta(n)]

gezegd

[x3zext]

Part.Perf. Imperativ

zeggen

Sg.

2

zeg

[ζεχ]

PI.

2

zeggen jullie

['ζεχφ(η)]

Während Präsens, Partizip Perfekt und Imperativ keine Abweichungen zu den schwachen Verben aufweisen, verdient die irreguläre und kurzformige Präteritalform zei (Sg.) bzw. zeiden (PI.) besondere Beachtung. Regelmäßig gebildetes zegde(n) kommt nur in bestimmten Wortbildungen vor; s.u.) und erscheint daher in Klammern. Die dominierende dentalsuffixlose Form zei wird in Haeseryn et al. (1997: 86) als eigene Untergruppe der unregelmäßigen Verben behandelt, die sich durch ein unregelmäßiges Präteritum mit Vokal- und Konsonantenveränderung auszeichnet. Zum Schwund des g schreibt Donaldson (1983: 146/148): "In a few words the diphthong ei is the result of a contraction of e + g + i (< ägi) where the g has been palatalised after Umlaut and syncopated. [...] zei < zegde < *zegide".ul Ähnlich wie im Alemannischen und Luxemburgischen bzw. Mittelhochdeutschen liegt hier eine Palatalisierung von g > j vor (die dialektal auch in der 3.Sg.Präs. vorkommt). Nicht erklärt wird der Schwund des Dentalsuffixes -de > 0 (zeide > zei), der nur als weiterer, morphologisch motivierter Schritt in Richtung der starken Verben gedeutet werden kann und der eine Reduktion von der Zwei- zur Einsilbigkeit bewirkt (s. hierzu auch die niederländischen Modalverben zou 'würde' und kon 'konnte' in Kap. 2.2.3.2.). Möglicherweise hat der durch Palatalisierung und Kontraktion entstandene (ablautähnliche) Vokalwechsel zwischen Präsens und Präteritum ([ε] vs. [ei]) zu einer weiteren Annäherung an die starken Präterita motiviert (zeg(i)de > zeide > zei). Mit dem Verlust des Dentalsuffixes im Präteritum Singular können diese Formen nur noch den starken Präterita zugerechnet werden. Zurecht wird zeggen daher bei Hempen (1988: 27)

Hempen (1988: 286) skizziert diese Entwicklung (nach Van Loey "1970) wie folgt: mndl. seghede > seyede > seide > nndl. zei(de): "Bei diesem hochfrequenten Verb setzt sich die lenisierte Form gegen die regelmäßige Form zegde durch, die auf die Schriftsprache beschränkt ist [...]" (187) (s. auch Nielsen 1988).

163 zu den gemischten Verben mit starkem Präteritum (Vokalwechsel) und schwachem Partizip Perfekt gezählt. Dabei konstituiert zeggen eine eigene Subklasse, d.h. es hat sieh von allen anderen Verben isoliert. Im Präteritum Plural wird das Dentalsuffix in zeiden zwar verschriftet, doch ist es in der gesprochenen Sprache bereits geschwunden. Hierzu sei eine aufschlußreiche Anmerkung in Haeseryn et al. (1997: 86, Anm. 11/12) zur Präteritumform zei zitiert: Meervoud zeiden; in informeel taalgebruik zeien. [...] De regelmatige vorm zegde komt in regionaal taalgebruik voor [...] en verder in de betekenis 'declameerde' (dan behoort het tot formeel taalgebruik); in de standaardtaal ook wel in afleidingen en samenstellingen (bijv. ontzeggen, opzeggen, loezeggen). Vaste regels voor het gebruik zijn niet te geven; in het algemeen zal in gesproken taal eerder -zei, in geschreven taal eerder -zegde gebruikt worden. In overeenstemming hiermee zal bij een werkwoord als ontzeggen, dat in gesproken taal minder voorkomt, meer -zegde worden aangetroffen (Ter wille van zijn hinderen ontzegde hij zieh veel), in tegenstelling tot een gewoon woord als opzeggen (Toen ze haar baan opzei, vond iedereen dat jammer)."*

Ohne sich mit morphologischen und/oder semantischen Überlegungen abzugeben, stellen Haeseryn et al. (1997) so schlicht wie zutreffend fest, daß innerhalb von Präfixbildungen die Verteilung vor irregulärem -zei und regulärem -zegde zum einen von der Dimension gesprochen/geschrieben abhängt, zum anderen von der Gebrauchsfrequenz der betreffenden Verbindung.

2.6.4. Friesisch sizze Fries, sizze [ size] ist phonologisch auffallig, da es die im Altfriesischen lautgesetzlichen, doch auf den Wortanlaut beschränkten Palatalisierungen von g- und k- vor Palatalvokal ausnahmsweise auch im Inlaut vollzogen hat. Die heutigen Formen finden sich in Tab. 83. Für fries, sizze ist als Ausgangspunkt das jan-Vcrb seggian < germ. *sag-j-an- anzusetzen. Sowohl einfaches als auch geminiertes inlautendes g(g) wurde im Altfriesischen vor i, ί oder j sukzessive palatalisiert (affriziert und spirantisiert), was sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Schreibungen manifestiert. Steller (1928: §§42, 99) belegt z.B. . Mit Sicherheit lief die Palatalisierung von g(g) > z(z) über die Stufe der Affrizierung und kann wie folgt skizziert werden: [g > gj > dj > d3 > dz > z]. Im heutigen Friesisch folgt stimmhaftes [z] normalerweise nur auf Langvokal oder Diphthong

118

Übersetzung: "Plural zeiden-, in informellem Sprachgebrauch zeien. Die regelmäßige Form zegde kommt regional vor [...] und ferner in der Bedeutung 'rezitierte' (formeller Sprachgebrauch); in der Standardsprache findet sich diese Form auch in Ableitungen und Zusammensetzungen (z.B. ontzeggen 'jem. etw. versagen', opzeggen 'kündigen', 'aufsagen'). Feste Regeln für den Gebrauch sind nicht anzugeben; im allgemeinen wird in gesprochener Sprache eher -zei, in geschriebener eher -zegde verwendet. In Übereinstimmung hiermit wird bei einem Verb wie ontzeggen, das in gesprochener Sprache seltener vorkommt, öfter -zegde angetroffen werden (Ter wille van zijn kinderen ontzegde hij zieh veel 'zugunsten seiner Kinder versagte er sich viel'), im Gegensatz zu einem gebräuchlichen Wort wie opzeggen (Toen ze haar baan opzei, vond iedereen dat jammer 'als sie ihre Stelle kündigte, fanden es alle schade')".

164 - bis auf vier Ausnahmen, unter die auch sizze fällt. Um diese phonotaktische Irregularität zu beseitigen, hört man auch, so Tiersma (1985), die langvokalische, gesenkte Aussprache [se:za]: "The last three [dizze 'diese', lizze 'l(i)egen', sizze] are often pronounced with [e:] to avoid the combination of short vowel followed by voiced fricative" (25). Damit verhält sich sizze in jedem Fall irregulär: Als [ sizs] in phonotaktischer Hinsicht ([ζ] nach Kurzvokal), als [ se:za] in orthographischer Hinsicht (keine phonische Ableitbarkeit aus < sizze > , damit Abweichung von den GPK-Regeln). Tabelle 83: Die Formen von fries, sizze Infinitiv Präsens

Präteritum

sizz-e

['size], [se:za]

1 2 3

sis sei-st sei-t

[SIS]

PI.

1-3

sizz-e

['size], [se:za]

Sg.

1/3 2

sei sei-st

[sai] [saist]

PI.

1-3

sein-e(n)

['saina(n)]

sei-n

[sain]

siz

[SIS]

Sg.

Part.Perf. Imperativ

Sg./Pl.

2

[saist] [sait]

Wechselflexionsartig differenziert ist der Präsens Singular, indem sich die 1. Person mit sis von den Kurzformen der 2. und 3.Pers. sei-st und sei-t abhebt. Die Sprachgeschichten äußern sich nicht zu dieser Auffälligkeit. Auch hier sind Kontraktionen als Basis anzunehmen. Unklar ist auch, wie es zur "Hebung" von betontem e > i, d.h. von seggian zu sizze kam (gleiches geschah mit leggian > lizze 'l(i)egen'). Es werden weder freie noch kombinatorische e > (-Entwicklungen beschrieben. Möglicherweise fand im Zuge der Palatalisierung von -gg- eine regressive Palatalitätsverstärkung von e > i statt. Auf dieses Phänomen erhöhter interner Assimilationsbereitschaft sind wir schon mehrfach in verschiedenen Sprachen gestoßen, etwa bei dän. give, schwed. giva, norw. gi, fär. giviö < an. gefit, wobei es hier jeweils der Anlaut ist/war, der progressiv die verstärkte Palatalisierung bewirkt hat. Auch bei SAGEN weisen diese Sprachen Überpalatalisierungen auf. Das Präteritum hat Kurzformen ausgebildet, und diese basieren mit Sicherheit auf nichtlautgesetzlichen Reduktionen. Im Altfriesischen besteht noch die dentalsuffixhaltige Kontraktionsform seide 'sagte' (Steller 1928: 67). Bemerkenswert ist der spätere Schwund des gesamten Dentalsuffixes (seide > sei), der m.W. nirgends thematisiert wird. Die Parallelen zum Niederländischen sind nicht zu übersehen: Nachdem mit dem Vokalwechsel zwischen Präsens und Präteritum eine erste Konzession an die starken Verben gemacht worden war, wurde in einem weiteren Schritt auch das Dentalsuffix im Präteritum besei-

165 tigt. Damit gehört fries, sizze der starken Klasse an (starkes Präteritum und - im Gegensatz zum Niederländischen - auch ein starkes Partizip Perfekt, sein - s.u.). Im Vergleich zum Niederländischen verfügt das Friesische mit seinem Wechselflexionsmuster über ein differenzierteres Präsens. Dabei kommt es in der 2.Sg. zu Synkretismen zwischen Präsens und Präteritum: seist 'sagst' und 'sagtest'119. Im Präteritum Plural stoßen wir auf intervokalisches -n- (seine(n)); auf dieses sind wir bereits bei fries, hiene(n) 'hatten' und soene(n) 'würden' - zwei ebenfalls sekundär stark gewordenen Präterita - gestoßen, was dort als Hiatusfüller gewertet wurde. Im Gegensatz zum Niederländischen hat das Friesische auch mit dem Partizip Perfekt sein 'gesagt' den Übergang zu den starken Verben vollzogen: Statt des Dentalsuffixes (das in der Nebenform seid noch enthalten ist) hat es das (starke) Nasalsuffix angenommen. Im Altfriesischen lautet das Partizip mit (e)seid noch auf Dental aus.

2.6.5. Englisch say Im Englischen stoßen wir wie bei kaum einer anderen germanischen Sprache - abgesehen vom Dänischen - auf das Problem der regulären Lenisierung und Vokalisierung auslautender Plosive. So erweckt say [sei] den Eindruck, ein reines Kurzverb zu sein, doch würde dies für Dutzende weiterer - auch ungebräuchlicher - Verben gelten (z.B. play). Wie bereits angesprochen, müssen für das Englische andere, strengere Kriterien der Kurzformigkeit formuliert werden, etwa die Fähigkeit, zu klitisieren, was ja für die Auxiliare be, have, will und shall zutrifft. Diese Fähigkeit kommt say nicht zu. Doch hat es in einigen Formen den ungewöhnlichen kurzen Monophthong [e] entwickelt (s. die Transkriptionen in Tab. 84). Tabelle 84: Die Formen von engl, say Infinitiv

say

[sei]

3.Sg.

says

[sez]

Rest

say

[sei]

Präteritum

said

[sed]

Part.Perf.

said

[sed]

Part. Präs.

saying

[sein)]

Präsens

Der (reguläre) Diphthong [ei] findet sich im Infinitiv, im Präsens außer der 3.Sg. und im Partizip Präsens. Ansonsten besteht der Wurzelvokal aus kurzem, irregulärem [e]. Dieser

Mein Informant berichtete jedoch genau in dieser Position von der präteritalen Langform seidest.

166 gilt nicht für Vergleichsverben wie play oder lay. Daher wird say in den Grammatiken zu den unregelmäßigen Verben gezählt; hierunter fallen auch die ehemals starken Verben, die sich wegen ihrer vielfältigen Differenzierungen im Englischen keinen festen Ablautreihen mehr zuordnen lassen. Entsprechend breitgefächert sind die Ausdrucksformen der Irregularität und die jeweiligen Gruppierungen, die vorgenommen werden. Unregelmäßiges say wird in die Gruppe der Verben mit Vokalwechsel und Dentalsuffix sowohl im Präteritum als auch im Partizip Perfekt gefaßt, doch teilt es mit keinem anderen Verb alle seine Merkmale (s. Quirk et al. 131995: 108). Dagegen lassen sich viele andere unregelmäßige Verben immerhin zu Kleingruppen zusammenfassen. Diachron ist engl, say auf diey'an-Klasse zurückzuführen mit dem Etymon ae. secg(e)an (as. seggiari). Im Mittelenglischen wurde -gg- palatalisiert; seine anschließende Vokalisierung zu [j] führte zur Entstehung des Diphthongs [ei] (Moessner/Schaefer 1987: 118/119). Im Präteritum kommt es schon im Altenglischen zum Schwund des Wurzelauslauts -g-: scegdon > sädon, sceden 'sagten'. Zur Vokalkürze in den [e]-Formen liefert Faiss (1989) die bekannte Standarderklärung: "Für /e/ in ne. says, said ist frühne. Kürzung in im Redezusammenhang minderbetonter Stellung maßgeblich" (80) (s. auch Hansen/Nielsen 1986: 171). Die 3.Sg.Präs. says weicht durch ihre Wurzelmodifikation (Kurzvokal) im Vergleich zu den anderen Verben stärker vom üblichen Flexionsmuster (konstante Wurzel + -5) ab, als dies das Präteritum und das Partizip Perfekt mit ihrem Kurzmonophthong tun (d.h. viele Verben enthalten in den Vergangenheitsformen Wurzelvokalveränderungen, doch ungleich seltener in der 3.Sg.Präs.): Apart from the three primary verbs be, have, and do [...], the only verbs which have an irregular -5 form are say /sei/ — says /sez/, and derivatives of do [...]. In the -s form, say is irregular in pronunciation, but not in spelling. Gainsay ['widersprechen'], historically a derivative of say, may have a regular or an irregular pronunciation of the -s form: gainsays /seiz/ or /sez/ (Quirk

"1995: 99). Insofern ist engl, says [sez] markierter als said [sed]. Wie im Zitat von Quirk deutlich wurde, korrespondiert die phonologische Irregularität nicht mit der Graphie, d.h. < says > verdeckt die tatsächliche Vokalkürze. Damit enthält < says > -»/sez/ eine Abweichung von den GPK:en (was im Englischen jedoch nicht allzu markiert ist).

2.6.6. Dänisch sige [si:] Die skandinavischen Sprachen setzen bei SAG- das schwache Rückumlautverb an. segja sagdi — sagt fort, das in seiner Flexion zwischen den kurzstämmigen ja- und den enVerben schwankt. Zu Genauerem sei auf den Abschnitt zum Isländischen verwiesen (2.6.10.). Das Dänische hat bei sige fast überall Kurzformen entwickelt, und wieder repräsentiert die Orthographie nur die alten Langformen (s. Tab. 85). In Infinitiv und Präsens ist weder -g- noch ein Reflex davon vorhanden, ebensowenig im Präteritum und in den Passiva. Relikte finden sich in Gestalt von (an den vorangehenden Vokal assimiliertem) [w] in der seltenen Präteritalvariante [sawda], die jedoch in Klam-

167

mein erscheint, da sie gemäß dem Store Danske Udtaleordbog veraltet ist und allenfalls im Vortragsstil vorkommt, d.h. auf Leseaussprache beruht. Dagegen wird bei der entsprechenden Artikulation der s-Passivform sagdes 'wurde gesagt' als [sawdas] vermerkt, daß diese üblicher sei als in der (häufigeren) Aktivform. Die unmarkierte Aussprache beider Formen besteht jedoch in kurzformigem, einsilbigem [sae:(s>], womit sogar das Präteritum jegliche Reflexe der alten Zweisilbigkeit und des (nur noch graphisch existenten) Dentalsuffixes beseitigt hat. Nur im Infinitiv besteht noch bei deutlicher Aussprache die zweisilbige (doch wurzelauslautlose) Variante [ si:a]. Von all diesen Kurzformen hebt sich deutlich das Supinum sagt [sagd] mit dem erhaltenen Wurzelauslaut -g- ab. Damit ist dän. sige synchron als gemischtes Verb zu klassifizieren: starkes Präteritum (da Vokalwechsel), doch "halbstarkes" Supinum (zwar Vokalwechsel, doch Dentalsuffix): [si: — ss: — sagd]. Tabelle 85: Die Formen von dän. sige Infinitiv

sige

[si:], ([si:e])

Präsens

siger

[si:ß]/[si£]

Präteritum

sagde

[sae:] ([sawde])

Supinum

sagt

[sagd]

Passiv Präsens

siges

[sias]

Passiv Präteritum

sagdes

[sae:s] ([sawdas])

Imperativ

sig

[si']

Erklärungsbedürftig ist, wie es zu den [si(:)]-Realisierungen kam, da im Altnordischen nur segja vorliegt. Wie im Friesischen kam es zu einer e > /-"Hebung" (an. segja > dän. sige). Auch im Dänischen scheint das (durch folgendes -j-) extrem palatalisierte -g- eine weitere (regressive) Palatalisierung des betonten e > i bewirkt zu haben. Auskunft hierüber erteilt uns Wess6n (81992), der auch für das Altschwedische i-haltige sighiaVarianten registriert (die sich dort jedoch im Gegensatz zum Dänischen langfristig nicht durchgesetzt haben): Framför ljudförbindelsen ji (tecknad ghi) övergick kort ä tili i. Ex.: isl. segia fsv. sighia, isl. pegia fsv. pighia. I pres. sg. av dessa verb kvarstod emellertid ä (sägjer, pägher). I verbet sighia har ä-vokalen sedan trängt in i pres. pl. (vi säghiom, the säghia) och inf. [...]. I pighia har däremot utjämningen skett tili förmän för vokalen i plural och infinitiv (tiga). Da. har sige, tie, salunda med i i bäda verben. (29/30)120

120

Übersetzung: "Vor der Lautverbindung ji (geschrieben ghi) ging kurzes ä in i über. Bsp.: isl. segja ['sagen'], aschw. sighia, isl. pegia ['schweigen'] aschw. pighia. Im Präs.Sg. dieser Verben blieb indessen ä bestehen (sägjer, pägher). Beim Verb sighia ist der ä-Vokal dann in

168 Es ist festzuhalten, daß es sich bei der e > /-Hebung um eine seltene regressiv-assimilatorische Palatalisierungsverstärkung handelt. Dabei koexistierten in den mittelskandinavischen Sprachen (ca. 14.-16. Jhd.) i- und e- (bzw. ä-)haltige Varianten. Langfristig haben sich die /-Formen im Dänischen, Bokmäl und Färöischen durchgesetzt, die e- bzw. äFormen dagegen im Schwedischen, Nynorsk und Isländischen. Die Verschriftung der alten Langformen bewirkt bei sige, wie eingangs erwähnt, starke Abweichungen der (ohnehin nicht einfachen) GPK-Regeln. Substandardsprachlich kommt es zu apostrophhaltigen Verschriftungen wie < s i ' > für , < s i ' r > für und < s a ' e > für .

2.6.7. Schwedisch säga Tabelle 86: Die Formen von schwed. säga Infinitiv

säga

["sej:a]

Präsens

Säger

[sej:er]

Präteritum

sa, sade

[sa:] ([vsa:de])

Supinum

sagt

[sakt]

Passiv Präsens

sägs

[sejs]

Passiv Präteritum

sades

[sa:s]

Imperativ

säg

[sej]

Schwed. säga wird als irreguläres Verb klassifiziert (Holmes 1994: 252, Viberg 1987: 83). Zu den Formen s. Tab. 86. Die schwed. e > ä-Öffhung ist lautgesetzlich. Die auf dieses singulare Verb begrenzte inlautende Palatalisierung von g vor j zu [γ] bzw. [j] erfolgte bereits im 14. Jhd. (Wessin 81992: §50). Im Gegensatz zum weder kurzformigen noch kontrahierten Infinitiv und Präsens ist das Präteritum mit [sa:] besonders stark reduziert. Zwar existiert noch die graphische Langform neben längst standardsprachlichem < s a > , doch ist es in der Aussprache fast ausschließlich kurz. Bis ins 16. Jhd. existierte reguläres sagde, das dann g-Schwund erfuhr (sad(h)e) und schließlich im 17. Jhd. über sae zu einsilbigem sa (oft auch geschrieben) reduziert und kontrahiert wurde (ebenso la 'legte' < lagde) (s. Wess6n 8 1992: §200.e und Östman 1992: 62). Als Grund für diese Reduktion sieht Wess6n, wie immer, Druckschwäche. Daß genau bei diesen beiden Verben die Kurzpräterita erhalten

den Präs.PI. und Infinitiv eingedrungen (vi säghiom, the säghia ['wir' bzw. 'sie sagen']). Bei pighia hat sich dagegen der Ausgleich zugunsten des Vokals i in Plural und Infinitiv (tiga) vollzogen. Das Dänische hat sige, tie, also mit i in beiden Verben."

169 blieben, erklärt Wess6n mit den deutlich davon differenzierten Präsensformen: "De bäda forra formen» han la, han sa är tydligt skikk frim preseasformerna lägger, sä/er" (243/244).121 Dies galt dagegen nicht für ein weiteres damaliges Kurzpräteritum, nämlich ha 'hatte', dem die Homophonie zur (nichtumgelauteten) Infinitiv- und Präsensform ha bzw. har drohte. Daher ist präteritales 'hatte' in die 3. Konjugation übergetreten: ha -» hade [vhad:e] (doch mit irregulärer Schreibung und irregulärem Supinum haft\ s. hierzu Kap. 2.1.7.). Mit dem Schwund des Dentalsuffixes von sadhe > sa ist das Präteritum stark geworden: Es weist gegenüber dem Präsens Vokalwechsel auf, und es hat kein Dentalsuffix (zur sukzessiven Ausbreitung von sa auf Kosten von sade s. Östman 1992: 163ff.). Heute bilden sa und la die einzigen (hochgradig markierten) Kurzpräterita im Schwedischen. Wie im Dänischen kontrastiert auch im Schwedischen das Supinum sagt [sakt] stark mit dem Restparadigma. Der Wurzelauslaut -g- wurde vor -t lautgesetzlich zu -k- desonorisiert. Da kein anderes Verb die Eigenschaften von säga besitzt, ist es als schwach suppletiv zu bewerten. Nicht zuletzt enthält < säga > auch eine orthographische Irregularität, da eine Anwendung der schwedischen GPK-Regeln die Aussprache *["se:ga] ergäbe.122 Diese Regelverletzung wiegt umso schwerer, als es im Schwedischen kaum Abweichungen von den i.a. sehr klaren, fast eineindeutigen GPK:en gibt. In nähesprachlichen Texten kommt es daher öfters zu Schreibungen wie und 123 . Auch die konservative Schreibung des Präteritums -» [sa:] führt zu starken Regelverletzungen; dies betrifft ganz besonders die s-Passivform sades -* [sa:s], da diese fast immer als Langform verschriftet wird.

2.6.8. Norwegisch si bzw. seie 2.6.8.1. si im Bokmäl Auch bei si erweist sich das Bokmäl als extrem kurzverbfreudig. Si stellt das einzige ehemals schwache Kurzverb mit Vokalwechsel dar und wird daher zurecht als starkes Kurzverb (mit schwach suppletivem Supinum) bewertet (so z.B. von Faarlund et al. 1997). Die Formen sind Tab. 87 zu entnehmen. Bis auf die zweisilbige, unregelmäßig gebildete Form sier124 deutet nichts mehr auf die Vergangenheit als schwaches Verb hin. Auch in Infinitiv und Präteritum wurde wurzelauslautendes g restlos getilgt, des gleichen das präteritale Dentalsuffix. Das Supinum sagt

Übersetzung: "Die beiden vorher genannten Formen han la ['er legte'], han sa ['er sagte'] sind deutlich von den Präsensformen lägger, säjer unterschieden." Doch soll es gelegentlich, etwa bei feierlich verlesenen Vorträgen, zu solchen hyperkorrekten Leseaussprachen kommen. Regulär zu erwartendes verbietet sich aus graphotaktischen Gründen. Regulär wäre *sir (Faarlund et al. 1997: 478).

170 hat den Wurzelauslaut konserviert und sich damit vom Restparadigma abgesetzt, was schwache Suppletion bewirkt hat. Damit bildet das Bokmäl unter allen germanischen Sprachen bezüglich der Kurzformigkeit von SAG- den Höhepunkt. Wichtig ist, daß die vokalischen Unterschiede zwecks Paradigmendifferenzierung beibehalten wurden (ablautähnlicher Vokalwechsel si - sa) und daß dieses Verb nicht in die 3. Konjugation (mit Präterita auf -dde) übergetreten ist.125 Tab 87: Die Formen von si im Bokmäl Infinitiv

si

[si:]

Präsens

sier

[si:ar]

Präteritum

sa

[sa:]

Supinum

sagt

[sakt]

Passiv Präsens

si(e)s

[si:(a)s]

Passiv Präteritum

(sa(e)s

[sa:(a)s])126

Imperativ

si

[si:]

Frequenziell kommt finites sier schon auf Rang 21 sämtlicher (finiter wie infiniter!) Verbformen, sa auf Rang 31, si auf Rang 46 und die längste Form sagt nach Rang 80. Zu sprachgeschichtlichen Details und dem «'-Vokal s. die Abschnitte zum Dänischen und Schwedischen.

2.6.8.2. seie im Nynorsk Erwartungsgemäß verhält sich das Nynorsk konservativer als das Bokmäl; dies bestätigt auch der Vergleich der Kürzungen bei SAGEN (s. Tab. 88): Das Nynorsk hat in Infinitiv und Präsens zweisilbige Formen bewahrt. Palatalisiertes -g- ist über -j- mit dem vorangehenden e zum Diphthong ei [ai] verschmolzen (Beito 21986: 305). Daher kann man den Wurzelauslaut als geschwunden betrachten und den y-Reflex zum Wurzelvokal schlagen. Das Präteritum zeigt ein Nebeneinander von Lang- und Kurzform, und das Supinum entspricht mit sagt den anderen skandinavischen Sprachen.

Faarlund et al. (1997) klassifizieren si (und legge 'legen') als starke Verben: "Verbene si og legge er opphavlig svake verb som tidligere kunne ha endelse i preteritum: sagde, lagde. I dag har de enstavelsesform i preteritum og kanklassifiseres som Sterke verb, [...]" (186). Übersetzung: "Die Verben si und legge sind ursprünglich schwache Verben, die früher im Präteritum eine Endung haben konnten: sagde, lagde. Heute sind sie im Präteritum einsilbig und können als starke Verben klassifiziert werden." Im Präteritum ist eine reguläre ί-Passivierung viel weniger als im Präsens oder Infinitiv möglich; die meisten sa(e)j-Bildungen sind lexikalisiert (s. Hovdhaugen 1977).

171 Tabelle 88: Die Formen von seie im Nynorsk Infinitiv

seie

I'saia]

Präsens

seier

[saiar]

Präteritum

sa (sagde)

[sa:]

Supinum

sagt

[sakt]

Passiv Präsens

(seies

[saias])

Passiv Präteritum

(sagdes

[sagdas])127

Imperativ

sei

[sai]

2.6.9. Färöisch siga Tabelle 89: Die Formen von siga im Färöischen Infinitiv Präsens

Präteritum

Passiv

[si:ja]

sg.

1 2/3

sigi sigur

[si:ji] [si:vur]

PI.

1-3

siga

[*si:ja]

Sg.

1-3

segdi

['seiji]

PI.

1-3

segdu

[soed:u]

sagt

[sakt]

Supinum Imperativ

siga

Sg.

2

sig

[si:]

PI.

2

sigid

[si:ji]

sigst

[sikst]

Wie im Dänischen und Bokmäl fällt auch in fär. siga der extrem palatale Wurzelvokal i auf (vgl. an. segja), der vermutlich durch den Folgepalatal bewirkt wurde. Ähnlich wie hava wird siga der e-Klasse zugeordnet, obwohl es auch Formen dery'a-Klasse enthält, z.B. die 2./3.Sg.Präs. sigur, die gemäß der e-Klasse *sigir heißen müßte. Damit kultiviert auch fär. siga stabile Klasseninstabilität. Besonders interessant ist die Numerusspaltung im Präteritum, die in gleicher Weise für hava und leggja gilt (s. Kap. 2.1.9.): Prät.Sg. segdi [seiji] vs. Prät.Pl. S0gdu [ soed:u].

Zu den präteritalen J-Passiva siehe die entsprechende Fußnote zum Bokmäl.

172 Früher Schwund des Wurzelauslauts g (und außerdem regulärer Schwund von d) hat im Singular zur hiatusgefüllten Form [seiji], im Plural jedoch zu einer Stärkung in Form der Übernahme des geminiertenDentalsuffixes-dd- [d:] geführt: S0gdu [soedru] (Werner 1993: 233). Durch Analogieresistenz im Singular (hier keine Übernahme des geminierten Dentalsuffixes zu *['sed:i]> und Analogiebereitschaft im Plural sind suppletive Verhältnisse entstanden. Wie schon bei hava ausgeführt, verstoßen die etymologisierenden Schreibungen dieser Formen gegen die geltenden GPK-Regeln. Auch das Supinum sagt [sakt] hat sich vom Restparadigma isoliert, indem es den desonorisierten Wurzelauslautkonsonanten [k] beibehalten hat und nicht etwa zum geminierten Supinum-Dentalsuffix -tt (*satt) gegriffen hat. Ebenso befindet sich in der Passivform sigst stimmloses [k]. Mit all diesen Modifikationen gelangt man zu einem besonders für ein schwaches Verb beachtlichen Inventar an Wurzelallomorphen: [si:]-, [sei]-, [see]-, [sak]-, [sik]-. Das Neuhochdeutsche verfügt dagegen nur über die beiden phonologisch determinierten Allomorphe [za:g]- und [za:k]-.

2.6.10. Isländisch segja Isl. segja enthält keine Kurzform, doch - wie auch fär. siga - Irregularitäten in Form von Klasseninstabilität. Entsprechend schwankt auch seine synchrone Einordnung: Während Jörg (1989) es als irreguläres ja(n)-\zrb klassifiziert, behandeln es Kress (1982) und Pötursson (1987) als irreguläres Verb der 3. schwachen (e(n))-Klasse. Tatsächlich verhält es sich wie ein Zwitter zwischen diesen beiden Klassen (zu den Formen s. Tab. 90): Mit den (kurzstämmigen)7'öfnJ-Verben teilt es, abgesehen vom Stammelement -j-, den Umlaut im Infinitiv (segja) und im Präsens (segi '(ich) sage'), den sog. Rückumlaut im Präteritum (sagdi '(ich) sagte') und Partizip Perfekt (sagt) und schließlich den /-Umlaut in Konj.I und II (segi '(sie) sage', segdi '(sie) würde sagen'). Dagegen bezieht es aus der e(h)-Klasse die Personalflexive im Präsens Singular: ig seg-i, pü/hann seg-ir (statt -0, -ur bei den ja(n)Verben). Als echtes e(n)-Werb dürfte es keinen Umlaut aufweisen. Bemerkenswerterweise divergiert das Flexionsklassenmischungsmuster des Isländischen von dem des Färöischen (s.o.). Auch im Altnordischen gehört segja, zusammen mit pegja, 'schweigen' zu den e(n)Verben mit der Besonderheit des y'-Suffixes in Präsens und Infinitiv. Seine Flexion ist praktisch dieselbe wie im Neuisländischen. Damit hat es schon seit frühester (belegbarer) Zeit Klasseninstabilität inne. Sämtliche Umlaute weichen von der e(«j-Klasse ab und resultieren aus der y-Palatalisierung. Im Altnordischen existierte noch das efhj-Partizip sagat (Nom.Sg.N.), doch daneben auch schon kurzes sagt, das sich im Neuisländischen durchgesetzt hat (dagegen verfugt paralleles pegja im Neuisländischen über das reguläre, themavokalhaltige Supinum pagaö 'geschwiegen' < an. pagat). Noch heute bewegt sich segja zwischen diesen beiden Klassen, d.h. es hat seine Instabilität nicht einmal partiell abgebaut. Einige seiner konkreten Besonderheiten (z.B. die Umlaute) teilt es mit dem irregulär-schwachen e(n)-\zrb hafa, das auf andere Weise klasseninstabil ist (s. Kap. 2.1.10.).

173 Tabelle 90: Die Formen von segja im Isländischen und im Altnordischen segja

[sei:ja]

segi segir

[sei:ji] [sei:jir] [sei:jYm]

3

segjum segid segja

Sg.

1/3

sagdi

[sayöi]

PI.

1

sögdum

[soeyÖYm]

sagt2*

[saxt]

Infinitiv Präsens

Sg.

1/3

2 PI.

1

2 Präteritum

Supinum

[seirjiÖ]

[sei:ja]

Konj.I (Bsp.)

Sg.

1/3

segi

[sei:ji]

Konj.II (Bsp.)

Sg.

1/3

segdi

[seyöi]

Imperativ

Sg.

2

segdu

[seyÖY]

PI.

2

segidi(d)

[sei:jiöi]

sigst

[sixst]

Passiv

2.6.11. Resümee Einen wie immer nur rudimentären Überblick über die wichtigsten Formen von SAGvermittelt Tab. 91. Ginge man von der Flexion von sagen im Neuhochdeutschen aus, so würde man nicht erwarten, daß dieses regelmäßig-schwache Verb in allen anderen germanischen Sprachen mehr oder weniger stark irregulär ist und zumeist auch stark reduziert wurde. Doch schon in der deutschen Umgangssprache kommt es zu Vokalkürzungen (sie sagt [zakt]), und spätestens in den Dialekten herrschen "gesamtgermanische" Verhältnisse: Hier hört man Umlautformen wie sie secht und kurzes sa 'sagen' im Schwäbischen und Fränkischen. Dialektuntersuchungen hierzu wären sicher sehr ertragreich. Dafür spricht auch der hier exemplarisch gewählte Dialekt, das Alemannische, das in der 2. und 3.Sg.Präs. mit Kontraktionen aufwartet (du saisch, er sait)\ dies kommt einer Art Wechselflexion nahe, über die das Alemannische sonst gerade nicht verfügt (von alem. hä 'haben' abgesehen); d.h. alem. säge ist überdifferenziert insofern, als die Personenmarkierung nicht nur über die Endung, sondern zusätzlich durch Wurzelaiternanten markiert wird. Auch in fries, sis vs. seist/seit basiert die "Wechselflexion" auf Kontraktion. Rein

Im Altnordischen auch sagat.

174 vokalische Wechselflexion hat sich im Luxemburgischen etabliert (soen vs. sees/seet). Hier hat sich schwaches soen den starken Verben angenähert, worauf auch andere Entwicklungen hindeuten. Tabelle 91: Die wichtigsten Formen von

SAGEN

in den germanischen Sprachen

Infinitiv

3.Sg./3.Pl.Präs.

3.Sg./3.Pl.Prät.

PP/Sup.

(la) Alem.

säge

smt/säge



gsait [ksait]

(lb) Nhd.

sagen

sagt/sagen

sagte/sagten

gesagt

(2) Lux.

son, soen

seet/soen

sot/soten

eesot, eesoten

(3) Ndl.

zeggen

zegt/zeggen

zei/zei(d)en

gezegd

(4) Fries.

sizze

seit/sizze

sei/seine(n)!

sein [sain]

(5) Engl.

say [sei]

says [sez]/ say [sei]

said [sed]

said [sed]

(6) Dän.

sige [si:]

sieer

sagde isae: 1

sagt [sagd]

(7) Schwed.

säga [sej:a]

säger [sej:er]

sa

sagt

(8a) Bokmäl

si

sier

sa

sagt

(8b) Nyn.

seie

seier

sa

sagt

(9) Fär.

siga

sigur/siga

segdi rseiiil segdu [soed:u]

sagt

(10) Isl.

segja

segir/segja

sagdi/sögdu

sagt

Fettdruck: "!": Unterstreichung: Fettdruck + Unterstreichung:

[SI:B]

kurzformig (und dadurch meist auch irregulär bis suppletiv); Kürze, die nicht im Schwund des Wurzelauslautkonsonanten besteht; irreguläre/s Form/Segment (bzgl. Phonie, Graphie und/oder Morphologie); kurzformig + irregulär, wobei die Irregularität/en nicht aus der Wurzelauslautreduktion resultiert/resultieren;

Annäherungen an die starken Verben vollziehen sich auch im Niederländischen, Friesischen und in den festlandskandinavischen Sprachen, wo sich vokalalternierende, dentalsuffixlose und daher auch sehr kurze Präteritalformen herausgebildet haben: ndl. zei 'sagte' [zei], zeiden 'sagten' [zei(d)a(n)], fries, sei [sai], seine(n) ['saina(n)], dän. sagde [sae:], schwed./norw. sa [sa:]. Dabei kommt den skandinavischen Sprachen der Rückumlaut

175

zugute (vgl. an. segja 'sagen' - sagdi 'sagte'), d.h. hier liegt eine natürliche Affinität zu den starken Verben vor. Auffällig ist, daß gerade die Präteritalfbrmen und weniger die Präsensformen extrem reduziert sind, womit "Markiertheitsumkehr" bzw. Kontraikonik vorliegt (hierzu s. Kap. 4.). Für Irreguiarisierung und verstärkte Paradigmendifferenzierung, doch auch für mehr Ausdrucksökonomie sorgt schließlich die Palatalisierung des Wurzelauslauts -g(g)- + j bzw. dessen Reflex oder Totalschwund. Verstärkte Palatalisierungen liegen dort vor, wo das (palatale) -gj- eine e > 2-Hebung bewirkt hat (fries, sizze, dän. sige, bokm. si, fär. siga). Das Englische hat mit seinen ohnehin sehr kurzen Verben und mit seiner minimalen Personal flexion nicht viele Möglichkeiten der Reduktion und der Irregularisierung. Bei say hat es jedoch in der 3.Sg.Präs. den Vokal monophthongiert und gekürzt ([sez]); gleiches gilt für die beiden Vergangenheitsformen said [sed]. Am radikalsten gekürzt und gleichzeitig das Paradigma differenziert hat das Bokmäl, das die drei Wurzeln si(-), sa und sag[sak] aufweist. Hier korrelieren Kürze und Differenzierung hochgradig; synchron ist dieses Verb nicht mehr von einem starken Verb zu unterscheiden. Mit dem Supinum sagt [sakt] erlangt es sogar schwache Suppletion. Während fär. siga über Klasseninstabilität und über für ein schwaches Verb ungewöhnlich viele Vokalalternationen, schließlich auch über eine markante Numerusopposition im Präteritum verfügt (segöi [seiji] vs. segdu [sced:u]), begnügt sich das Isländische mit stabiler Flexionsklasseninstabilität zwischen der 1. und 3. schwachen Klasse, die es seit dem Altnordischen konserviert hat und die sich strukturell von der faröischen Klasseninstabilität unterscheidet.

3. Prinzipien von Irreguiarisierung und Reduktion

One must ask why the result was a mixed paradigm and not simply a strong one. Dishington 1980 angesichts der vielfältig divergierenden Analogierichtungen von schwachem haben im Althochdeutschen, das immer wieder zu heterogenen Paradigmen statt zu einem einheitlich-klassenkonformen tendiert.

3.0. Vorbemerkung

Der empirische Teil über die sechs Kurzverben hat deutlich gemacht, daß Irreguiarisierung und Reduktion in der Regel zwei eng miteinander verflochtene Erscheinungen sind - sei es, daß die Reduktion selbst irregulärer Natur ist, sei es, daß sie zur Irreguiarisierung des Paradigmas beiträgt, indem sie nur in manchen Paradigmenpositionen auftritt, oder sei es schließlich, daß anderweitige (reduktionsunabhängige) Irregularitäten auftreten, die bei "Normal"-Verben nicht oder nicht so häufig vorkommen. Reduktion und Irreguiarisierung sollen im folgenden, soweit möglich, entflochten werden. Zwischen ihnen wird keine direkte Kausalität, doch eine gewisse funktionale Komplementarität angenommen (s. Kap. 4.). Die folgende Systematik basiert hauptsächlich auf dem Material der sechs Kurzverben, daneben auch auf den vier Verben des Anhangs (Kap. 6.), die besonders dann herangezogen werden, wenn sie eine außergewöhnliche Reduktions- und/oder Irregularisierungstechnik an den Tag legen. Selbstverständlich können immer nur einige Beispiele aus dem reichhaltigen Korpus als Belege herausgegriffen werden. Bezüglich der Reduktions- und Irreguiarisierungstrategien ist zwischen den betroffenen Positionen im Wort zu unterscheiden, d.h. dem konsonantischen Anfangsrand, dem Wurzelvokal selbst (Mitte) und dem konsonantischen Endrand der Wurzel. Wie die anhand der Korpusanalyse gewonnenen Beobachtungen bereits vermuten lassen, nimmt die Reduktions- und Irregularisierungsanfalligkeit prinzipiell genau in dieser Ordnung zu (s. den Pfeil in Figur 17), wobei sich im Detail Divergenzen zwischen den beiden Prozessen ergeben (hierzu s. Kap. 3.4.1.1.).

178 Figur 17: Reduktions- und Irregularisierungsanfälligkeit ("R&I") in Abhängigkeit zum Wurzelsegment C

+

geringe R&I

V(:) +

C

+ Flexiv >

hohe R&I

Weshalb Reduktionen und Modifikationen im Anlaut ungleich seltener sind als im In- oder Auslaut, wird in Kap. 4.1. diskutiert. Außer der Wurzel sind auch andere Teile des Wortes wie Suffixe (Flexive) und Präfixe, ja sogar Teile ganzer Periphrasen, in denen das Verb enthalten ist, von Reduktionen betroffen. Darüberhinaus sind auch unterschiedliche Grade der Reduktion zu differenzieren, z.B., • ob ein Segment vereinfacht wird, indem es Merkmale verliert bzw. von seiner Umgebung assimilatorisch übernimmt (nichtsegmentale Reduktion), • ob das Segment quantitativ reduziert wird (z.B. Lang- > Kurzvokal), • ob es ganz schwindet oder • ob sogar mehrere Segmente schwinden. Außerdem ist zu berücksichtigen, ob die Silbenzahl vermindert wird, ebenso ob und inwiefern sich phonotaktische Erleichterungen in Richtung CV-Struktur herausbilden, wobei diese beiden Optimierungsparameter miteinander konfligieren können. Doch da von totalem Schwund ungleich häufiger Konsonanten — gerade im Wurzelauslaut — betroffen sind als Vokale, ergibt sich oft automatisch eine Vereinfachung sowohl in silbenquantitativer als auch in silbenstruktureller (phonotaktischer) Hinsicht. Wie bei der Reduktion kann auch das Ausmaß der Irregularität sehr unterschiedlich ausfallen: • Weicht nur ein Segment von den sonstigen paradigmatischen Regularitäten ab, • weichen mehrere ab, • ist es ein Großteil der Verbform (schwache bzw. partielle Suppletion) oder • ist es sogar die gesamte Form? Hier ist das Höchstmaß an Irregularität, nämlich starke bzw. totale Suppletion erreicht. Neben der Position im Wort ist schließlich auch die Position im Paradigma, die von diesen Prozessen affiziert wird, zu berücksichtigen. Den Beginn bilden die (seltenen) Reduktionen, die keine Irreguiarisierung nach sich ziehen (Kap. 3.1.). Dann fahren wir mit dem weit häufigeren Typ der irregularisierenden Reduktion fort (Kap. 3.2.). Schließlich werden die unabhängig von den Reduktionen auftretenden Irreguiarisierungen zusammengestellt (Kap. 3.3.). Im Einzelnen kann es zu Überschneidungen zwischen diesen drei Rubriken kommen bzw. zu nicht eindeutig entscheidbaren Klassifikationen: So wird eine differenzierende Analogie wie afries. hade -* hie 'hatte' (nach irregulärem die 'tat') primär als Irreguiarisierung betrachtet (von schwacher zu starker/irregulärer Flexion), obwohl die Form dabei deutlich an Kürze gewinnt. Dieser Fall ist sogar die Regel, doch wird in diesem Fall die Reduktion als sekundäre

179 Erscheinung, als willkommenes Nebenprodukt betrachtet und die Irreguiarisierung als primäres Ziel. Jedenfalls gibt es kaum eine Irrcgukrisienmg, die zu einer Ausdrucksverlängerung fuhrt, allenfalls zu einer quantitativ gleichbleibenden Bilanz. Kap. 3.4. befaßt sich mit der Position von Reduktion und Irreguiarisierung im Wort und im Paradigma. In Kap. 3.5. sollen viele der beschriebenen Phänomene unter dem ihnen gemeinsamen Aspekt der "Grenzüberschreitungen" unterschiedlichster Art betrachtet werden. Abschließend wird kurz die interlinguale Relativität dieser Phänomene problematisiert (Kap. 3.6.).

3.1. Reduktionen ohne Irreguiarisierung

Theoretisch muß die Reduktion eines Verbs nicht mit seiner Irregularisierung einhergehen, auch wenn die Reduktion als solche nichtlautgesetzlicher Natur ist. Tatsächlich gibt es jedoch überraschend wenige solcher Fälle, denn in aller Regel etabliert sich eine Reduktion nur in ganz bestimmten Positionen des Paradigmas und sorgt dadurch für paradigmatische Heterogenisierung des Verbs.

3.1.1. Phonologische Reduktionen Bei phonologischen Reduktionen ist grundsätzlich zwischen segmenteilen und nichtsegmentellen Reduktionen zu unterscheiden. Während mit den segmenteilen durch den Ausfall eines ganzen Lautes (oder mehrerer) sowohl Zeit- als auch Energieersparnis einhergeht, beschränken sich die nichtsegmentellen Reduktionen (z.B. partielle Assimilationen) vor allem auf eine Verminderung der Artikulationsenergie.

3.1.1.1. Reduktionen im Wurzelauslaut Ein Fall von Reduktion ohne Irregularisierung besteht allenfalls in nyn. ha/har 'haben' — hadde - hatt (s. Kap. 2.9.2.). Die älteren Nynorsk-Formen gibt Beito (21986: §390) mit hava (Inf.)/Äev (Präs.) — havde (Prät.) — havt (Sup.) an. Mit dem durchgehenden vSchwund und der Generalisierung der Λα-Wurzel (hev -» ha-r) ist sogar vermehrte Regularität entstanden, indem dieses einstige y'a-Verb der 3. (schwachen) Konjugation zugeführt wurde. Diese Klasse zeichnet sich durch vokalisch auslautende (Kurz-)Wurzeln, (nichtumgelautete) Einheits-Präsensformen auf -r, Präterita auf -dde [d:a] und Supina auf -dd [d:] oder -tt [t:] aus. Daß im Nynorsk eine solche Klasse überhaupt existiert, hat die konsequente Beseitigung von ν in have wahrscheinlich begünstigt. Ohne dieses Analogieangebot hätte dieses Verb seine Kürzungen sicherlich nicht in dieser Weise durchgeführt. Wie das Schwedische zeigt, kann das Analogieangebot der 3. Konjugation auch ausgeschlagen bzw. nur partiell genutzt werden, wodurch eine Paradigmenirregularisierung bewirkt wird: Schwed. ha hat sich mit dem Präteritum hade [vhad:e] und dem alten Supinum haß nur teilweise der 3. Klasse

180 angeschlossen: Während das Supinum hafl analogieresistent geblieben ist, hat sich die Präteritalform (aschwed. hajpe) der 3. Klasse angeschlossen, doch nicht in der Graphie: Als einziges Präteritum dieser Gruppe beharrt es auf einfachem < d > ( < h a d e > 'hatte') und verletzt damit eine GPK-Regel.

3.1.1.2. Reduktionen im Wurzel vokal Bemerkenswerterweise können nur wenige Fälle systematischer Vokalreduktion dokumentiert werden - sei es, daß ein Langvokal zum Kurzvokal wird oder ein Diphthong zum Monophthong. Zwar gibt es viele Fälle von Vokalreduktion, doch zieht sich diese in aller Regel nicht durch das Gesamtparadigma. Eines der seltenen Beispiele systematischer Vokalkürzung liegt in engl, have/has - had - had mit durchgehend kurzem [ a e ] vor (entgegen regulär entwickeltem behave [ei]). Ähnliches betrifft das Paradigma von alem. ha, dessen langes ä ein kurzes α voraussetzt: mhd. hän > han > alem. ha. Wäre auf dem Weg zum Alemannischen keine Vokalkürzung eingetreten, hätte die lautgesetzliche ä>öVerdumpfung stattgefunden (z.B. mhd. gän > alem. go). Prinzipiell werden gerade vokalische Alternationen (quantitative wie qualitative) bevorzugt zur Paradigmendifferenzierung herangezogen. Der Vokal als Zentrum der Wurzel und als Silbengipfel der Laut mit der maximalen Schallfülle eignet sich in ganz besonderem Maße zur Modulation. Dabei spielt auch die lange Tradition apo- wie metaphonischer Prozesse in den germanischen Sprachen als intensiv genutzte Kodierungsstrategie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Als artikulatorische Vereinfachung nichtsegementeller Art können die hier sog. Überpalatalisierungen gewertet werden, die bei gleichen Verben unterschiedlicher Sprachen (GEB- und SAG-) festzustellen waren. Hier wurden (bereits palatale) Wurzelvokale durch palatale Nachbarkonsonsonanten assimilatorisch in ihrer Palatalität verstärkt, d.h. e wird (z.B. unter Einfluß von j) zu i. Im Fall von GEB- fanden progressive, im Fall von SAGregressive Assimilationen statt. Wie Wess6n 8 1992 etwas allgemein schreibt, geschah dies nur "i nigra fall" ("in einigen Fällen"). Da solche Ausnahmen in aller Regel gerade die frequentesten Wörter betreffen, legt dies den Schluß nahe, daß die Laute hochfrequenter Wörter stärker miteinander interagieren, als dies im Normalwortschatz der Fall ist. Hochfrequenz scheint die Bereitschaft zu erhöhen, Merkmale benachbarter Laute zu übernehmen - zumindest korreliert sie deutlich mit erhöhter Homorganität und Interaktivität im Wort (s. Kap. 3.5.2.). Auch im Fall von an. koma < kvema(n) 'kommen' (und sofa < svefa(n) 'schlafen') sind wir auf die Labialisierung von e > ο durch Einfluß von vorangehendem (und später geschwundenem) ν [w] gestoßen. Dies ist in Vergleichswörtern unterblieben. Haben sich solche verstärkten Assimilationen gesamtparadigmatisch durchgesetzt, sind sie als Reduktion ohne Irregularisierungseffekt zu bewerten (z.B. bei KOM- in den meisten Sprachen) (es sei denn, man berücksichtigt die interparadigmatische Perspektive). Andernfalls - und dies ist üblicher - fallen sie unter die Rubrik "Irreguiarisierung bewirkende Reduktionen" (Kap. 3.2.) wie etwa im Fall von schwed. ge/ger - gav - givit.

181 3.1.1.3. Reduktionen im Wurzelanlaut Die wenigen Fälle, in denen Anlaute bzw. Anlautcluster reduziert wurden, dienen fast durchweg der Erhöhung der Kürzungsbilanz bzw. der Verminderung des Energieaufwands, doch nicht der Irregularisierungsbilanz; d.h. der besonders markante und für die Worterkennung zentrale Wortanfang wird innerhalb des Paradigmas in aller Regel konstant gehalten (s. Kap. 3.4.1.). Die Fälle von Anlautreduktionen in unserem Korpus betreffen fast nur zweikonsonantische Cluster, wobei durch die Tilgung immer des zweiten Konsonanten der absolute Anlautkonsonant stabil bleibt: Ein Fall betrifft ahd. skulan/skolan > sulan/solan. Noch vor der systematischen sk > [j]-Palatalisierung (im 11. Jhd.) ist -k- in ahd. skulan/skolan geschwunden. Während die vokalischen «/o-Varianten noch lange beibehalten wurden, ist die Anlautvereinfachung zügig und konsequent im gesamten Paradigma durchgeführt worden. Auch im Luxemburgischen, Niederländischen und Friesischen haben solche sk- > ^-Reduktionen stattgefunden. Der radikalste (totale) Anlautschwund hat sich bei dem gleichen Auxiliar im Altgutnischen mit al (Sg.) bzw. ulu (PI.) vollzogen (noch heute dialektal vorhanden). Der zweite Fall betrifft regionale bzw. dialektale Formen von norw. und schwed. bli 'werden' (Kopula und Passivauxiliar) (s. Kap. 3.2.7.1. und 2.2.8.2.1.), die systematisch zu den /-reduzierten Formen bi - bidde - bitt vereinfacht wurden. Für bli/bi verzeichnet Markey (1969) jedoch auch anlautalternierende Paradigmen vom Typ bi/bir - blidde — blitt, was den Irregularitätsgrad erhöht und gleichzeitig das bekannte Irregularisierungsund Reduktionsmuster kürzerer Präsens- bei längeren Nichtpräsensformen sichtbar macht. Wichtig ist, daß anlautreduziertes bi immer auch die Auslautreduktion impliziert: bliva > bli > bi (*biva). Ähnlich verhält es sich mit schwed.-dial. pä < plä < pläga '(etw. zu tun) pflegen'. Das heißt, Anlaut- implizieren meist auch In-/Auslautreduktionen (wobei im Fall von obigem (sk)al, (sk)ulu Enklise anzunehmen ist). Ein vierter, etwas anders gelagerter Fall besteht in der gesamtgermanischen kwem- > tom-Reduktion, wobei zuvor die Rundung von e > ο erfolgt war. Entsprechendes trat bezeichnenderweise nicht bei (minderfrequentem) quellen < ahd. quellan ein. Auch die [kw] > [k]-Reduktion wurde im gesamten Paradigma von KOMMEN durchgeführt (abgesehen vom Niederländischen; s. 2.5.3.). Eine sekundäre, den Wurzelvokal betreffende (interparadigmatische) Irregularisierung wurde jedoch insofern bewirkt, als kommen durch die Labialisierung mit den Stammformen kommen [o] — kam [a:] - gekommen [o] ein singuläres Vokalalternanzmuster erlangt hat. In den skandinavischen Sprachen wurde dagegen jegliche Vokalalternanz zu durchgehendem ο nivelliert, was letztlich auch zu einem Sonderstatus von KOMMEN geführt hat.

3.1.2. Syllabische und phonotaktische Reduktionen Syllabische Reduktionen reduzieren das Wort um (mindestens) eine Silbe. Da der betonte Wurzelvokal in aller Regel nicht schwundanfallig ist - abgesehen von den (zuvor enttonten) englischen Auxiliarenklitika 'd < should/would bzw. had etc. - , ist es normalerweise

182 der unbetonte Vokal des Flexivs (bzw. ein Themavokal, z.B. an. sagat > isl. sagt). Meist schwindet dabei auch der Wurzelauslautkonsonant, womit Kontraktion besteht. Mit norw. have > ha wurde bereits ein Beispiel syllabischer Reduktion ohne Irreguiarisierung, da gesamtparadigmatisch durchgeführt, genannt (s. Kap. 3.1.1.1.). Dies betrifft auch die mittelhochdeutschen Kontraktionsverben wie hän < haben. Durch die syllabische Reduktion kann sich die Silbenstruktur verändern. Wenn man von dem Ideal CV(:) ausgeht, entsteht bei vielen Kurzverben keine Zunahme an Komplexität (z.B. schwed. ha.va > ha, ta.ga > ta). Komplexere Endränder sind jedoch in nhd. wirst < frnhd. wir-d.est entstanden, obwohl durch den Schwund des Wurzelauslauts -d schon eine Erleichterung eingetreten ist (*wirdst > wirst). Auffälligerweise sind gerade die 2. und 3.Sg.Präs., also die beiden Formen mit rein konsonantischem Flexiv, in den meisten (westgermanischen) Sprachen am stärksten vom Wurzelauslautschwund betroffen, d.h. der durch die Kontraktion entstehende Cluster scheint den Wurzelauslautschwund zu fördern: wirst statt *wirdst, hast statt *habst, alem. gisch statt *gibsch etc. Ziel scheint neben der quantitativen Silbenreduktion immer auch die Optimierung der Silbenstruktur zugunsten einer Artikulationsvereinfachung zu sein. Dabei kommt es oft zu radikaleren Reduktionen als im Normalwortschatz. Oft verletzen Kurzverben die Bedingungendes sog. Wortdesigns, das (auch) syllabischen Kriterien unterliegt: Gemäß Neef (1996) bestehen die beiden Designbedingungen des neuhochdeutschen Infinitivs zum einen in der segmentalen Endung [N], zum anderen in der sog. unikalen Nebensilbe, d.h. die Wortform muß mit einer Nebensilbe enden (tra.gen, tau.meln). Die einzigen hochsprachlichen Ausnahmen von diesen Designbedingungen bestehen genau in den beiden Kurzverben sein und tun.

3.1.3. Morphologische Reduktionen Das einzige Beispiel für eine morphologische Reduktion setzt eine phonologische Reduktion voraus und ist damit nur sekundär morphologisch motiviert: Es handelt sich wieder um die relativ zahlreichen schwedischen bzw. norwegischen Kurzverben (3. Konjugation) vom Typ schwed. bo/bor - bodde - bott, die als analogisch-morphologische Kürzungsvorlage für ehemalige "Lang"verben dien(t)en. Bei solchen Langverben erfolgt(e) meist dann eine Kontraktion, wenn der Wurzelauslaut aus [h], [g] oder [d] besteht/bestand bzw. - wie bei den Verba pura - nie vorhanden war. Das analogische Muster der 3. Konjugation wirkt also hauptsächlich auf Verben, die ohnehin bereits einen reduktionsanfälligen Wurzelauslaut enthalten und damit bestimmte phonologische Voraussetzungen erfüllen. Die morphologische Dimension besteht darin, daß das betreffende Verb nach der phonologischen Reduktion in die 3. Konjugation überwechselt1 (schwed. kläd-ade 'kleidete' -» klä-dde; kläd-at 'gekleidet' -»klä-tt). Die meisten dieser regelmäßigen Kurzverben liegen jedoch im niedrigeren Frequenzbereich (s. 3.6.1.). Höherfrequente Verben beschränken sich - wenn

1

Theoretisch könnte es (ähnlich wie im Dänischen) in der alten α-Klasse verbleiben (z.B. *kläade) oder zu *kläde [*kle:de] werden.

183 überhaupt - auf den partiellen Übergang in die 3. Konjugation, und sie können auch weniger schwundanfällige Konsonanten enthalten haben (s. den v-Schwund in schwed. ha/har - hade, aber haft).

3.1.4. Morphosyntaktische Reduktionen Es gibt auch Reduktionen, die das Verb nicht in seiner Integrität betreffen, sondern seine unmittelbaren Erweiterungen. Ein solcher Fall besteht in der komplexen Futurperiphrase komma att + Infinitiv im Schwedischen (s. 2.2.7.2.). Da att [o] obligatorisch erscheinen muß und nicht ersetzbar ist, da kaum ein anderes Wort zwischen komma und att treten kann und beide eine prosodische Einheit bilden2, liegt hier ein festes morphosyntaktisches Gefüge vor. Im gesprochenen (zuweilen auch schon im geschriebenen) Schwedisch wird art zunehmend unterdrückt: det kommer (att) regna 'es wird regnen'. Diese Konstruktion war ursprünglich noch komplexer: komma tili att + Infinitiv. Mit der sich derzeit anbahnenden Reduktion auf bloßes komma + Infinitiv ergibt sich eine beachtliche Kürzungsbilanz. Für das Schweizerdeutsche gilt die Ellipse des infiniten Vollverbs hä nach bestimmten Modalverben: Darf i es Blystift (hä)? 'darf ich einen Bleistift haben?' (s. auch nhd. haben und gehen in ich will ein Bier (haben); ich will ins Kino (gehen)·, aber: *darf ich ein Bier?).

3.1.5. Syntaktische Reduktionen Die radikalste Reduktion, nämlich den totalen Schwund des gesamten Kurzverbs, erfährt schwed. ha 'haben' als Auxiliar. Diese Ellipse ist syntaktisch motiviert, d.h. sie tritt in Nebensätzen (v.a. Relativsätzen) auf: han sa atthan (0) varit sjuk 'er sagte, daß er krank gewesen (sei)'. Die Auslassung von finitem ha erfreut sich gerade im gesprochenen Schwedisch wachsender Beliebtheit und weitet sich zunehmend auch auf Hauptsätze aus.

3.1.6. Semantische Reduktionen Immer wieder waren bei den Kurzverben semantische Reduktionen in Form von Grammatisierungen zu konstatieren: Im Zuge seiner Auxiliarisierung baut das Verb semantische Merkmale ab, was seine Spezifik verringert und entsprechend seine Anwendbarkeit erhöht. Damit einher gehen auch Rektions- und Aktantenverluste. Klassisches Beispiel ist GEHEN in vielen (nicht nur germanischen) Sprachen, das das Merkmal 'körperliche Fortbewegung mittels der Beine' mehr oder weniger stark reduziert (hat) und dadurch dem abstraktkategoriellen Ausdruck der (näheren) Zukunft dienen kann; s. auch HABEN, das vom

2

Weder ist att betonbar noch in seiner Vollform *[at] aussprechbar, sondern nur reduziert als [a].

184 Vollverb des Besitzens zum Perfektauxiliar grammatisiert ist. Den wohl außergewöhnlichsten Fall von Grammatisierung hat das luxemburgische Kurzverb gin 'geben' vollzogen, das heute fast das gesamte Funktionsspektrum von nhd. werden abdeckt. Obwohl die Grammatisierungen hier nur am Rande mitbehandelt werden konnten3, gehören auch sie in eine Typologie der Reduktion. Doch bestehen nicht alle Grammatisierungen ausschließlich in Desemantisierungsprozessen (oft bleaching genannt), sondern auch in Metaphorisierungen und Anreicherungen: So stellen die verschiedenen 'werden'-Funktionen von lux. gin mehr dar als einen semantischen Ausschnitt von 'geben'. Auch diejenigen Korpusverben, die keine direkten Grammatisierungen aufweisen, zeichnen sich durch eine sehr allgemeine Bedeutung aus, also durch wenige semantische Merkmale (sog. Grundkonzeptverben bei Raible 1996a). Typische Kurzverbinhalte sind 'sein', 'haben', 'gehen', 'kommen', 'stehen', 'machen/ tun', 'geben', 'nehmen' etc. Sehr oft sind solche Elementarverben Bestandteile von Funktionsverbgefügen (zur Ausführung!Anwendung kommen). Auch hier erfahren sie Desemantisierungen, oft sogar regelrechte Grammatisierungen, etwa indem sie dem Ausdruck von Aspekt dienen. Generell bewirkt die Armut an semantischen Merkmalen eine erweiterte Anwendbarkeit des Verbs und folglich eine hohe Tokenfrequenz, die ihrerseits Reduktionen auf der Ausdrucksseite bewirkt. Insofern korrelieren ausdrucks- und inhaltsseitige Reduktion im Sinne eines Isomorphismus. Zu dieser reziproken Korrelation, auch "the parallel reduction hypothesis" genannt, siehe eingehend Bybee et al. 1994: Kap. 4. Dort wird außerdem festgestellt, daß die Laute grammatisierter Einheiten stets nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtlautinventars repräsentieren (im Englischen z.B. besonders viele Alveolare). Bybee et al. (1994) gehen sogar soweit zu sagen, daß formale Reduktionen und Fusionen eine entsprechende Grammatisierung ermöglichen.

3.2. Irreguiarisierung bewirkende Reduktionen

Wir kommen nun zu der großen Rubrik derjenigen Reduktionen, die gleichzeitig eine (oder mehrere) Irregularisierung(en) bewirken. Das Typische dieser Reduktionen besteht in ihrer nur partiellen Ausbreitung im Paradigma. Da fast alle Kurzverben bzw. kurzformigen Verben solche unsystematischen Kürzungen vollzogen haben, werden im folgenden nur wenige Beispiele aus unserem Korpus herausgegriffen.

3

Zur Grammati(kali)sierung allgemein siehe z.B. Traugott/Heine (1991), Heine et al. (1991), Hopper/Traugott (1993), Bybee et al. (1994), Stolz (1994), Lehmann (1982, 1985, 1987, 1989, 1995), Askedal 1984, Hagege 1993.

185 3.2.1. Prosodische Reduktionen Die in der Fachliteratur vorgebrachte Standarderklärung angesichts singulärer Reduktionen und Irreguiarisierungen besteht in Akzentlosigkeit, Druckschwäche, Minderbetontheit im Satzverband etc.; einschlägige Zitate wurden bereits angeführt. Es ist ist nicht zu bestreiten, daß besonders häufige Auxiliare, die syntaktisch immer an ähnlicher Stelle im Satz erscheinen, von hoher Erwart- und Vorhersagbarkeit bzw. kontextueller Erschließbarkeit sind, eine geringere Betonung bzw. (wie alle Funktionswörter) keinen lexikalischen Akzent erhalten (wenngleich einen potentiellen Kontrastakzent) (Kohler 2 1995: 117). In diesem Sinn argumentiert Kohler (1979: 15/16): Die Notwendigkeit auditiver Differenziertheit ist bei Formwörtern naturgemäß geringer als bei Sinnwörtern, da sie eine geschlossene Klasse bilden und infolge morphologischer und syntaktischer Stringenzen, d.h. infolge von Konstruktionszwängen, erhöhte Redundanz aufweisen. Daher können sie bei Erfüllung der Voraussetzungen dem Drang nach artikulatorischer Erleichterung stärker folgen als Sinnwörter, die ähnlich extreme Abschwächungen nur in festgefügten Wendungen erfahren, wo ebenfalls eine starke Redundanzvergrößerng vorliegt.

Diese kontextuell bedingte Redundanzvergrößerung ist für Fenk-Oczlon (1990a: 41) letztlich ftequenzbasiert: Der zweite Punkt betrifft Phänomene, zu deren Interpretation der Linguist gerne auf "Kontexteffekte" zurückgreift. Mit Recht übrigens. Aber es läßt sich zeigen, daß diese Kontexteffekte im Grunde genommen Effekte internalisierter Häufigkeiten sind.

Auch weitere Einwände sind gegen das reine Druckschwächeargument vorzubringen: Zum einen sind nicht nur Funktions-, sondern auch Vollverben wie GEBEN, NEHMEN, SAGEN etc. von solchen Reduktionen betroffen. Im Zusammenhang der Entstehung des schwedischen Kurzverbs ge 'geben' schreibt Wessön (81992: 235): "Av geffua, geffur blir i trycksvag ställning ge, ger". 4 Schwed. ge ist jedoch in keiner Weise grammatisiert, sondern schlicht ein häufig gebrauchtes Verb, bei dem sich vermehrte Kürze lohnt (ähnlich bei dra < draga 'ziehen'). Wäre die Reduktion nur druckschwächebedingt, müßten auch andere, minderfrequente Vollverben reduziert werden (was nicht zutrifft). Zum anderen bleibt unerklärt, warum nicht das gesamte Paradigma (z.B. auch präteritales gav oder tog), sondern immer nur ganz bestimmte Einzelformen — meist im Präsens und hier (sofern formal differenziert) im Singular — von Druckschwäche und daraus resultierender Reduktion betroffen sein sollen. Vielmehr wird auch hier deutlich die Korrelation von Hochfrequenz und Reduktion sichbar. Das heißt, nicht nur Funktionsverben, sondern prinzipiell häufig gebrauchte (Formen häufig gebrauchter) Verben zeichnen sich durch erhöhte Erwartbarkeit aus und können sich dadurch eine Minderbetonung bzw. Allegroaussprache leisten. Allerdings müßte nachgewiesen werden, daß auch spezifische Enttonungsreduktionen stattfinden wie z.B. Vokalkürzungen, -Öffnungen, -Zentralisierungen, Konsonantenlenisierungen etc. - , was für den v-Schwund von schwed. ha und ge nicht zutrifft. Auch Manczak (1987) führt viele Beispiele an, wo unter Hochfrequenz Laute schwinden, die bei Unbetontheit normalerweise erhalten bleiben:

4

Übersetzung: "Aus geffua, geffur wird in druckschwacher Position ge, ger."

186 Es gibt Sprachen, wo der regelmäßige Lautwandel manchmal von der Betonung tatsächlich abhängt, aber die dort stattfindenden unregelmäßigen Reduktionen keineswegs durch Unbetontheit erklärt werden dürfen. Man behauptet z.B., der Schwund von l in engl, should sei der Unbetontheit zuzuschreiben, aber man berücksichtigt nicht, daß Id in scaffold erhalten bleibt, obwohl ld sich in diesem Wort in einer unbetonten Silbe befand. (10)5

Gegen das Druckschwächeargument führt Maüczak auch Sprachen mit stark nivellierten Betonungsgraden (wie das Koreanische) an, die dennoch irreguläre Reduktionen kennen. Verknüpft man das Enttonungsargument weniger mit bestimmten Wortklassen wie Pronomina, Artikeln etc. als mit der Gebrauchsfrequenz - alle "akzentreduzierten" Wortklassen enthalten ja durchweg hochfrequente Einheiten - , führt dies zu einer adäquateren Bewertung. Schließlich sind in Sprachen wie dem Schwedischen und Norwegischen sogar Vertreter aus der Hauptwortart der Substantive von irregulären Reduktionen betroffen, was schlicht mit deren hoher Frequenz, doch auch mit Position und Qualität des schwindenden Konsonanten — hier immer intervokalisches -d- und -g— zusammenhängt: schwed. mor < moder 'Mutter', bror < broder 'Bruder', far < fader 'Vater', stan < Staden 'die Stadt', dan < dagen 'der Tag', dar < dagar 'Tage', huvet < huvudet 'der Kopf. Daß es sich dabei nicht um "automatische" Reduktionen handelt, zeigen zum einen viele nichtkontrahierbare Vergleichswörter, zum anderen lexikalisierte Verbindungen, in denen die genannten Wörter obligatorisch in ihrer Langform erscheinen müssen (z.B. moderfirma 'Mutterfirma'). Wo jedoch die (frequentere) Primärbedeutung hervortritt, wird kontrahiert (mormor 'Großmutter'; s. Östman 1992). Auch Fenk-Oczlon (1989a) befaßt sich eingehend mit der Tatsache, daß hochfrequente Wörter besonders anfällig für (beschleunigten) phonologischen Wandel, sog. Backgrounding-Prozesse, sind, was sie mit vielen und zumeist nicht druckschwächespezifischen Reduktionsphänomenen aus unterschiedlichen Sprachen belegt. Auch das Wirken sog. Allegroprozesse macht sie weniger vom Sprechtempo als solchem als von der hohen Verwendungshäufigkeit und damit Geläufigkeit der Wortform abhängig. Bezeichnenderweise betreffen die "allegro shortenings", die Tiersma (1985: 20) für das Friesische beschreibt, ausschließlich hochfrequente Wörter wie 'vielleicht', 'immer', 'zwei' und die Kurzverbformen woe 'wollte', soe 'würde', wie 'war', die 'tat', giet 'geht' und stiet 'steht'. Allegro- wie Schwächungserscheinungen sind also mit Fenk-Oczlon als primär durch hohe Tokenfrequenz bedingt zu betrachten: Aber unter all den Bedingungen, die in der Literatur genannt werden, muß der Verwendungshäufigkeit und Geläufigkeit eine Sonderstellung eingeräumt werden: Alle zusätzlich wirksamen Faktoren, wie Formalitätsgrad oder Sprechtempo, greifen offensichtlich zuallererst oder überhaupt nur dort, wo bestimmte Elemente auf Grund der hohen Verwendungshäufigkeit und Geläufigkeit - auf Grund ihrer "Redundanz" (Lüdtke, 1980) — reduziert werden können, ohne die Kommunikationsziele zu gefährden. Es liegt nahe, die mit Backgrounding-Prozessen einhergehenden Wortreduktionen als status nascendi oder zumindest als Wegbereiter der vielfach (insbesondere Zipf, 1929) beschriebenen Tendenz zu einer dauerhaften Kurzcodierung häufiger Wörter anzusehen (Fenk-Oczlon 1989a: 101).

5

Allerdings vergleicht Manczak (1987) auch Laute bzw. Verbindungen, die sich in der Position im Wort unterscheiden und daher nicht vergleichbar sind.

187 Damit ist festzuhalten, daß es unter Hochfrequenz zu schwächungsspezifischen, doch auch zu nichtschwächungsspezi fischen Prozessen kommen kann. In jedem Fall siad diese reduktiver, nicht vorhersagbarer Natur und betreffen, unabhängig von ihrem grammatischen Status, hochfrequente Wörter bzw. Wortformen. Als Konsequenz hoher Kookkurenzfrequenz kann es zu Verfestigungen in Form von Klitisierungen kommen, wofür die englischen Auxiliarenklitika, die sich bevorzugt mit dem vorangehenden Subjektpronomen verbinden, ein anschauliches Beispiel liefern: I am-* I'm, you are -» you're, he is -» he's [z], it is -* it's [s]. Wären diese Klitisierungen ausschließlich eine Frage der Prosodie, müßten gleichermaßen auch die Auxiliare was und were klitisieren (wie dies phonisch ähnlich strukturiertes will/shall > Ίl getan haben). Hier greifen nur frequenzielle Gesichtspunkte (Birkmann 1987: 151, Krug 1998). Quantität und Qualität dieser extremen Reduktionen gehen weit über die üblichen Schwächungserscheinungen hinaus.

3.2.2. Phonologische Reduktionen 3.2.2.1. Reduktionen im Wurzelauslaut Tab. 92: Assimilationen bei KWEM- im Alemannischen, Luxemburgischen und Nordfriesischen6

Infinitiv Präsens

Alem.

Lux.

Nordfries. (Wiedinghard)

chö

komm-en

käm-e

Sg.

1 2 3

chum-e chun-sch chun-t

komm-en kenn-s kenn-t

kam kän-st kän-t

PI.

1 2 3

chöm-e chöm-et chöm-e

komm-en komm-t komm-en

käm-e käm-e käm-e

Ein einschlägiger Fall nichtsegmenteller Reduktion im Wurzelauslaut besteht in der regressiven partiellen Assimilation von -m- zu -n- vor Dental bei KWEM-. Dies betrifft so unterschiedliche Sprachen/Dialekte wie das Alemannische, Luxemburgische, Nordfriesische und

6

Im Isländischen beschränkt sich diese irreguläre Assimilation auf die Imperativ Sg.-Form [kSndY] 'komm'. In manchen Dialekten wie dem Zuger Deutschen (chüsch, chüt), dem Oberallgäuer Dialekt (kuscht, kül) und dem Kölsch (kütt) sind sogar segmentelle Reduktionen eingetreten.

188 Isländische.7 In Tab. 92 befinden sich die davon jeweils betroffenen Präsensformen (Fettdruck). Durch die (irreguläre) Assimilation differenziert sich das Paradigma (s. die erhöhte Wurzelallomorphik chum-/chun-, komm-fkenn- bzw. käm-/kän-); gleichzeitig erleichtert sich die Artikulierbarkeit (Homorganik). Syntagmatische Erleichterungen werden paradigmatischen vorgezogen: Offensichtlich wird auf Morphemkonstanz weniger Wert gelegt als auf die leichte und schnelle Artikulierbarkeit einzelner (besonders frequenter) Formen. Dieses Primat der Peformanz ist oft zu beobachten (s. Kap. 4.2.7.). Ein anderer Fall liegt in der 3.Sg.Präs. heeft 'hat' von ndl. hebben 'haben' vor, die regulär *hebt heißen müßte. Zwar beruht die Spirans -/- nicht primär auf assimilatorischen Prozessen, doch stellt sie eine Artikulationsvereinfachung dar, indem statt eines Plosivs nur ein Frikativ gebildet werden muß. Die Form Äee/r bildet dabei ein Relikt und hat bis heute dem analogischen Druck nach intraparadigmatischer Uniformität standgehalten. Der in unserem Korpus mit Abstand häufigsten Typus phonologischer Reduktion besteht im kompletten, segmenteilen Schwund des finalen Wurzelkonsonanten; hier ließen sich Dutzende von Beispielen auflisten (s. Tab. 95). In der Regel erfolgt — falls ein Hiat entsteht - auch die Kontraktion zur Einsilbigkeit. In vereinzelten Fällen etablieren sich auch nichtkontrahierte und dennoch wurzelauslautlose Formen, so etwa bei dän. blive [bli.s] 'werden' und norw. sier [ si:ar] 'sagt', lux. soen [zo:an] < *sagen. Dabei kann — wie im luxemburgischen Beispiel — der Schwund lautgesetzlich motiviert sein oder auch, was häufig ist, nicht (Dänisch, Norwegisch). Viele Wurzelauslautreduktionen verlaufen nicht kontinuierlich wie etwa bei nhd. haben -* harn, wo mehrere Zwischenstufen belegt sind ([ha:ban] > [ha:bm] > [ha(:)m] > [ham]), sondern abrupt über analogische Prozesse. So etwa sind für mhd. haben > hän keine Zwischenformen belegt, d.h. hän scheint direkt in Anlehnung an die beiden Wurzelverben gän und stän entstanden zu sein (gleiches gilt für Ιάη 'lassen'). Dennoch spielt auch bei diesen Analogien die Art des vom Schwund betroffenen Konsonanten eine Rolle: Je konsonantischer, desto schwerer ist er reduzierbar. Dies veranschaulicht Figur 18: Figur 18: Konsonantische Reduktionsfälligkeit und Sonorität

stl. Obstruenten 1 Konsonanz —» geringste Reduktions. Wahrscheinlichkeit.

7

Sth. Obstruenten

Nasale

Liquide

Halbkonsonanten

—ι Sonorität —» höchste Reduktionswahrscheinlichkeit.

Äußerst interessant (da spiegelbildlich) verhält sich diesbezüglich das Niederdeutsche (Münsterländische), w o ausschließlich bei niemen und kuemmen in der 3.Sg.Präs. eine progressive Assimilation - nämlich die Bilabialisierung des Flexivs -/ > -p nach m - eingetreten ist: nimmp 'nimmt', kümp 'kommt' (Lindow et al. 1998: 122).

189 Diese Korrelationen werden nur unter der Voraussetzung durchbrochen, daß hohe konsonantische Stärke mit besonders hoher Gebrauchsfrequenz gekoppelt ist. Diese Zusammenhänge lassen sich anhand der neun mittelhochdeutschen Kontraktionsverben dokumentieren (s. Figur 19): Eine ganze Reihe von Verben hat regulären, inlautenden Λ-Schwund8 vollzogen und ist damit "automatisch" kontrahiert worden (s. Bsp. (l)-(4)). Interessanter wird es bei den Verben (5) bis (9), die nach zunehmender konsonantischer Stärke ihres wurzelfinalen Konsonanten angeordnet sind. Figur 19: Im Mittelhochdeutschen reduzierte und kontrahierte Verben < ahd.

alemannisch

< mhd. Kurzform

< mhd. Langform

(1) (2) (3) (4)

(a)fö schlö zie kse

[fo:] Lflo:]

vän slän zien (ge)sen

vähen slähen ziehen sehen

fähan slähan ziohan sehan

(5) (6) (7) (8) (9)

chö nä gä hä lö

[χο:] [ηε:]

(kon) (nen) (gen/gen) hält län

komen nemen geben haben läzen

queman neman geban haben läTzan

[tsia] [kse:]

[ge:]

[ha:] [lo:]

Schwund von mhd.

h -h-

l

V

reguläre

Kontraktionen

-h-) -m-m- l irreguläre -b- > Kontraktionen

-b-1 -z- [s] [+ kons. Stärke] [— Sonorität]

Die schwundresistentesten Konsonanten fallen nur bei entsprechender Hochfrequenz des Verbs/der Verbform — dies sind die beiden Auxiliare haben [b] und läzen [s]. Damit ergibt sich eine Korrelation zwischen der Schwundwahrscheinlichkeit von Konsonanten geringer Sonorität und der Frequenz des Wortes, in dem dieser Wurzelkonsonant auftritt: Je häufiger das Wort, desto eher fallen auch an sich reduktionsresistentere Konsonanten (s. Figur 20). Dieses Prinzip bestätigt sich auch mit Blick auf das kontraktionsfreudige Schwedische und Norwegische: Der mit Abstand instabilste (intervokalische) Konsonant ist in beiden Sprachen -d- (im Norwegischen noch mehr als im Schwedischen), das jedoch in der Hauptschwundphase, dem 16./17. Jhd., wahrscheinlich frikativ war, wie Schreibungen mit < d h > etc. nahelegen (s. Östman 1992). Doch heute zu den Kurzverben übergehende Verben enthalten okklusives [d] (z.B. schwed. kläda > klä). Es folgt intervokalisches -g(ftüher vermutlich [γ] < g h > ) (schwed. ta < taga, dra < draga). Nur bei höchstfrequenten Verben fällt -v-, nämlich bei auxiliarem ha < hava/have, bli < bliva/blive und bei ge/gi < geva/give (s. Figur 21).

Im Althochdeutschen wird in- und auslautendes -h(-) noch artikuliert.

190 Figur 20: Abhängigkeit intervokalischen Konsonantenschwunds von Sonorität und Wortfrequenz [Frequenz]

[Sonoritätsgrad] stl. Obstruenten

τ sth. Obstruenten

1

1

Nasale

Liquide

1 Halbkonsonanten

Figur 21: Schwedische Kurzverben in Abhängigkeit zu Frequenz und ursprünglichem wurzelfinalem Konsonant

[Frequenz] [unregelmäßige Flexion] ( V okal-/Konsonantenwechsel)

[regelmäßige Flexion] (3. Konjugation, Suffigierung) [Sonoritätsgrad]







191 Das Norwegische geht noch einen Schritt weiter, indem es hochfrequentes late > la 'lassen* reduziert hat, d.h. wie in mhd. läzen > län die besonders hohe Hürde eines stimmlosen Konsonanten genommen hat. Auch in norw. ta < take wurde ein stimmloser Konsonant beseitigt. Auf Figur 21 bezogen wäre für das Norwegische der Skalenbereich links von [v] durch [k] und [t] zu erweitern. Folgendes ist also festzuhalten: Keine dieser Reduktionen erfolgt lautgesetzlich. Die Reduktions- und Kontraktionsanfälligkeit unterliegt - obgleich analogisch (durch die 3. Konjugation) motiviert9 - phonologisehen Restriktionen, was nur von entsprechender Hochfrequenz durchbrochen werden kann (s. FenkOczlon 1989a). Figur 21 dokumentiert einen weiteren wichtigen Zusammenhang zwischen Hochfrequenz und Differenzierung: Auffälligerweise bleiben die (hochfrequenten) Kurzverben mit schwundresistenteren Konsonanten stark bzw. irregulär (Vokalwechsel, teilweise mit Erhalt des Wurzelauslauts), während die auch bei Niedrigfrequenz schwindenden sonoren Konsonanten vornehmlich in schwachen Verben der hierfür "geschaffenen" 3. Konjugation vorkommen (s. Kap. 2.1.7.). Hochfrequente Verben nutzen also das Analogieangebot der 3. Konjugation nur partiell, nämlich meist im Infinitiv und im frequenten Präsens, während Präteritum und Supinum in den alten Klassen zu bleiben pflegen: schwed. ge/ger vs. gav - givit (neben ugs. gedde, gett), bli/blir vs. blev (bzw. suppletivem vart) - blivit (neben ugs. blidde, blitt). Hierdurch entsteht ein beträchtliches Maß an Irregularität. Auch das Luxemburgische bestätigt die eben skizzierte Hierarchie der Schwundanfälligkeit, wobei der Schwund von -d- und -g- bis zur Lautgesetzlichkeit geht. Nur -b- wird im Normalfall zu -w- [v] spirantisiert: bleiwe 'bleiben'. Ausnahmen bilden auch hier wieder die beiden hochgrammatisierten und -frequenten Kurzverben gin 'werden, geben' und hun 'haben'. Wurzeln mit mehr als einem Wurzelauslautkonsonanten sind zu selten, als daß sich hier Reduktionsprinzipien formulieren ließen. Ein Beispiel ist nhd. werden10, das in der 2./3.Sg.Präs. zu wirreduziert ist; noch extremer verhält sich das gesprochene Deutsch mit wurden als [vuen] und würden als [wen], wobei diese (irreguläre) Reduktion und Kontraktion an die Bedingung eines nasalen Auslauts geknüpft ist. Während bei *wir(d)st der zweite, konsonantischere Laut d getilgt wurde, verhält es sich im Fall von engl, could [kud] und would [wud], should [fud] umgekehrt, indem sonoreres η bzw. I fiel (s. Kap. 2.2.1.3. und 2.2.5.3.).

Der Irregularisierungseffekt bei Wurzelauslautreduktion und Kontraktion besteht in der nur partiellen Übernahme der Kurzformen ins Paradigma. Oft sind (wechselflexionsartig) die 2. und 3.Sg.Präs. von der Reduktion betroffen (nhd. werde vs. wirst/wird). Hierfür lassen sich silbenstrukturelle Gründe aufführen: Während der r [B], womit strenggenommen kein komplexer Wurzelauslaut mehr vorliegt.

192 wird (wirst statt *wirdst)·, ebenso verhält es sich bei ha.be(n) mit hast/hat statt *habst/ *habt. Dennoch handelt es sich um irreguläre phonotaktische Erleichterungen, wie ein Vergleich mit minderfrequenten Verben, z.B. lebst, schnell zeigt. Am seltensten greift die Reduktion auf Präterita, Konjunktive und Imperative über, abgesehen von einigen extrem frequenten Verben: nhd. hatte, hätte, fär. hevöü hßvdu [heiji/'hced:u] und norw./schwed. sa, ndl. zei, fries, sei 'sagte'.

3.2.2.2. Reduktionen im Wurzelvokal Obwohl der Vokal als Zentrum der Wurzel generell stark zur Symbolisierung lexikalischer Bedeutung und (prinzipiell von allen!) verbalen Kategorien genutzt wird (durch Ablaut, Umlaut, Hebung/Brechung), dient er trotz dieser enormen funktionalen Belastung auch der Kürzungs- und Irregularisierungsbilanz. Als Silbenträger kann der Wurzelvokal nicht vom Totalschwund betroffen sein (es sei denn, das ganze Verb klitisiert). Dennoch kann es zu Reduktionen kommen. Diese bestehen in Monophthongierungen von Diphthongen und/oder in der Kürzung eines Langvokals bzw. in der ausnahmsweise nicht durchgeführten Dehnung betonter Kurz- zu Langvokalen, d.h. Vokalkürze kann sowohl auf Innovatismus als auch auf Konservatismus beruhen. Indem sich im Paradigma ein Kontrast zwischen Langund Kurzvokal etabliert, entsteht, zumindest im Neuhochdeutschen, Irregularität: So in nehmen [e:], das mit nimmst, nimmt [i] und genommen [o] (auch nimm) vom Prinzip der üblicherweise gesamtparadigmatisch verallgemeinerten Vokaldehnung abweicht. Ahnliches gilt für ndl. komen [ ko:me(n)], das als einziges niederländisches Verb zum langvokalischen Infinitiv und Einheitsplural einen kurzvokalischen Singular (Präsens) aufweist: kom [kam] 'komme', komt [kamt] 'komm(s)t'. Zu den quantitativen können auch qualitative Differenzierungen hinzukommen, etwa indem ein Diphthong mit einem Kurzvokal alterniert wie in lux. hun 'haben', wo der Diphthong -ue- mit einfachem, gekürztem -u- kontrastiert: hun (Inf.), ech hun 'ich habe' vs. du hues, Men huet 'du hast, er hat' vs. mir hun, dir hut (huet), si hun 'wir, ihr, sie haben'. Ähnliches liegt in engl, say [sei] vor, das mit says und said in seinem Paradigma kurzes [e] enthält (wenngleich graphisch verdeckt). Häufig koinzidiert Vokalkürze mit weiteren Kürzephänomenen, etwa dem Schwund des Wurzelauslauts, während bei Vokallänge der wurzelfinale Konsonant eher vorhanden ist; hierfür liefert das Neuhochdeutsche mit hab-e [ha:bs]lgehab-t [ga'ha:pt] vs. ha-st, ha-t [hast, hatyhatte [ hata] ein anschauliches Beispiel. Prinzipiell ist festzustellen, daß nichtlautgesetzliche Reduktionen bzw. Irreguiarisierungen im Wortbeginn oft auch solche im weiteren Wortverlauf implizieren, doch nicht umgekehrt (außer bei Enklitisierungen).

3.2.2.3. Reduktionen im Wurzelanlaut Der klassische Fall einer nichtsegmentellen initialen Artikulationsvereinfachung besteht in den (lautgesetzlichen) Palatalisierungen von g- und k- vor Palatalvokal. Da in bestimmten Paradigmenpositionen auch velare Wurzelvokale vorkommen, alternieren palatalisierte mit

193 nichtpalatalisierten Anlauten, und dies in voraussagbarer (regulärer) Weise. Mit einer Palatalisierung ist üblicherweise nicht mir eine Veränderung des Artikulationsorts (Palatalisierung i.e.S.), sondern auch der -art (Spirantisierung) verbunden. Paradebeispiele für im Paradigma nur partiell durchgeführte Palatalisierungen liefern das Schwedische und das Norwegische, die g- vor Palatalvokal (außer [u]) zu [j]- und k- zu [9] assimiliert haben: schwed. gä [go:] - gick [jik(:)] - gätt [got(:)J 'gehen - ging - gegangen' und ge [je:] — gav [ga:v] — givit [ V ji:vit] 'geben - gab - gegeben' (entsprechend auch im Norwegischen). Segmentelle konsonantische Anlautreduktionen werden auffällig selten zur Paradigmendifferenzierung genutzt: Wenn im Anlaut reduziert wird, dann systematisch in allen Positionen des Paradigmas (s. Kap. 3.1.1.3.). Der Anlaut als exponierteste Stelle des Wortes und wichtigstes Segment zur Worterkennung wird nur in Ausnahmefällen modifiziert. Eines der wenigen Beispiele dafür liefern ndl. komen und isl. veröa: Während in den gesamten ÄTWEM-Paradigmen aller germanischen Sprachen der alte [kw]-Anlaut systematisch zu [k]- vereinfacht wurde, hat sich das Niederländische zur Beibehaltung von (komplexerem) kw- im (selteneren) Präteritum entschieden": komen — kwam [kvam]//nvamen [ kva:ms(n)] — gekomen. Die Alternanz k- vs. kw- repräsentiert damit einen der seltenen Fälle von Alternanz in der wurzelinitialen Konsonanz, wobei immerhin der absolute Anlautkonsonant [k]- konstant bleibt. Ähnliches besteht synchron gesehen auch zwischen fries, dwaan 'tun' (Inf.) und doch(-)/dogge (Präsens), wobei dieser Alternanz keine Kürzung, sondern komplizierte irreguläre phonologische Prozesse und Differenzierungsanalogien zugrundeliegen (Kap. 3.3.1. und 6.4.). Anders bei isl. veröa, wo v- mit 0bzw. dem blanken Wurzelvokal alterniert: verda — varö, aber: urdum — ordinn. Das Nynorsk und das Färöische haben hier v- wieder restituiert und damit den Anlaut (re)stabilisiert. Auch im Neuhochdeutschen alterniert in bist vs. ist anlautendes b- mit 0- bzw. Vokal, doch beruht ist nicht etwa auf einer Anlautreduktion, sondern bist auf einer Anlauterweiterung: In den westgermanischen Sprachen setzte sich das SEIN-Paradigma aus drei idg. Wurzeln zusammen: idg. *es- 'sein', bhü- bzw. *bheu-/bhews (künftig kurz *bhü-) 'werden, wachsen' und *wes- 'bleiben'. Auf das Neuhochdeutsche bezogen stellt sich die Verarbeitung dieser Wurzeln wie folgt dar: Figur 22: Die Verarbeitung der drei idg. Wurzeln *es- *bhü- und *wes- im Paradigma von nhd. sein idg. bin

— bist

— ist — sind

— seid

— war

— gewesen

Wie die Darstellung deutlich macht, sind nur die beiden Wurzeln *es- und *wes- komplementär verteilt, wobei erstere der Präsens- und zweitere der Präteritalbildung vorbehalten

" Zu solchen befremdlichen Formulierungen siehe immer Kap. 2.0.

194 ist. Die Wurzel *bhü- dagegen hat sich nur erhalten, indem sie sich vor die (Reflexe der) *es- Wurzel geheftet hat; damit heben sich bin und bist deutlich vom Restparadigma (ist, sind, war/en ...) ab. Über diesen ungewöhnlichen Weg der (sekundären) Anreicherung ist es zu einer markanten Paradigmendifferenzierung gekommen. Außer der Anreicherung ist auch die Position dieser Operation außergewöhnlich: Statt den Wurzelin- oder -auslaut anzureichern, wurde der exponierte Wurzelanlaut gewählt. Die hierdurch geschaffenen intraparadigmatischen Zäsuren folgen dem bekannten Ökonomieprinzip der Ausdruckskürze in frequenteren (3.Sg. ist) und der Ausdruckslänge in weniger frequenten Positionen (l./2.Sg. bin/bist; zur Diachronie des ^-Vorschlags s. 6.1.2. im Anhang). Einen Sonderfall von Anlaut- und zusätzlicher Inlautreduktion (Mehrfachreduktion) stellt engl. would/had> 'd, is/has > 's, am > 'm etc. dar. Doch entzieht sich dieser Fall der direkten Vergleichbarkeit mit den anderen Anlautreduktionen, da die Restkonsonanten mangels Wortstatus nicht isoliert auftreten, sondern ihrerseits den Wortauslaut einer enklitischen Verbindung stellen. Immerhin hat die Reduktion dieser morphologisierten Auxiliare zur Ausbildung starker Suppletion geführt.

3.2.2.4. Reduktionen im Flexiv Auch das an die Wurzel anschließende Flexiv kann phonologischen Reduktionen unterworfen sein und durch Allomorphik Irregularität bewirken. Ein krasses Gefalle zwischen Normal- und Kurzverb-Infinitivendung weisen das Alemannische und die nordgermanischen Sprachen auf, wo der Kurzverbinfinitiv nullmarkiert ist, also aus der blanken Wurzel besteht: alem. gö 'anfangen' ( - 0 vs. regulär -e [a]), dän./schwed./norw. gä 'gehen' ( - 0 vs. regulär -e, -ä), isl. fä 'bekommen' (-0 vs. regulär -a). In weiten Teilen der Niederlande ist Nasalschwund in unbetontem Auslaut eingetreten, was zu dem Normal-Infinitivmorph -[a] - < e n > (z.B. maken [ma:ka] 'machen') vs. dem Kurzverb-Infinitivmorph -n geführt hat (z.B. doen [du:n] 'tun', da -n in Tonsilbe). Hier ist jegliche phonische Gemeinsamkeit zwischen den Allomorphen abhanden gekommen. Auch finite Kurzverb-Personalendungen können von den Normalflexiven abweichen, wobei sie dann auch immer kürzer sind. Hier ist an den alemannischen Einheitsplural auf -nd (gö-nd 'gehen') statt regulär -ed (mach-ed 'machen') zu erinnern. Wieder besteht hier besonders starke Allomorphik, da das Kurzflexiv formal nicht im Normalflexiv enthalten ist. Schwund des Dentals ist in dän. vi lie (villi ( < vilde) 'wollte, würde' und skulle [sgu(ll)] ( < skulde) 'sollte, würde' eingetreten (ebenso im Schwedischen und Norwegischen), wodurch das Kurz"dentar'suffixallomorph -e entstanden ist. Ähnliches ist im Norwegischen (und nur hier) bei gfore 'tun' mit dem irregulär ^-reduzierten Präteritum gjorde r j u : r a ] geschehen (Kap. 6.8.) und im Niederländischen und Friesischen bei 'würde' (zou bzw. soe) und 'sagte' (zei bzw. sei).

195 3.2.2.5. Kombination verschiedener Reduktionsarten Der Vollständigkeit halber sei betont, daß die unterschiedlichen Reduktionsgrade und -arten - segmentelle/nichtsegmentelle, positionelle - oft gemeinsam auftreten. Ein markantes Beispiel hierfür liefert das Deutsche, das standardsprachliches haben [ ha:ban] in der Umgangssprache längst zu ham [ham] reduziert hat mit den anzunehmenden Reduktionsschritten [ ha:ban] > [ha:bm] > [ha(:)m] > [ham], Segmentelle Reduktionen bestehen in der Kürzung des Wurzelvokals, im [s]-Schwund und schließlich im (irregulären) [b]Schwund, was auf der syllabischen Ebene zur Reduktion von Zwei- zu Einsilbigkeit fuhrt. Nichtsegmentell ist die Assimilation des auslautenden -[n] an den Wurzelauslaut [b], nachdem [s] geschwunden war: *[bn] > [bm], d.h. hier wurde nur die Artikulation vereinfacht (erhöhte Homorganik). In positioneller Hinsicht wurden sämtliche Laute bis auf den Anlaut von diesen Prozessen affiziert.

3.2.3. Orthographische Reduktionen In unserem Korpus waren häufig graphische Irregularitäten reduktiver Art festzustellen. Oft wird Vokalkürze entgegen sonstiger Konvention nicht bezeichnet. So nutzt (ähnlich wie das Neuhochdeutsche, doch konsequenter) das Luxemburgische die Doppelschreibung bestimmter Konsonantengrapheme zur Markierung der Kürze des vorangehenden Vokals. Hierauf wird im Fall der Kurzverben verzichtet: [gm], [sm], [hun] etc. (s. Bruch 1973: 19/20). Ausnahmen von dieser sog. Quantitätsregel bilden üblicherweise nur Nebenwortarten wie Präpositionen, Konjunktionen, Pronomina und einige Adverbien. Gleiches betrifft die Schreibung von nhd. , wo auf die Konsonantenverdoppelung zur Bezeichnung des Kurzvokals (wie etwa bei < statt > , < satt>) verzichtet wird (regulär verhält sich < hatte >). Ein etwas anders gelagerter Fall besteht in schwed. ["had:e] 'hatte', das im Gegensatz zu allen anderen Präterita dieser Klasse die Markierung des langen [d:] durch unterläßt und damit riskiert, daß vorangehendes < a > als Langvokal gelesen wird und entsprechend ambisyllabisches [d:] als kurzes [d]. Die graphische Reduktion besteht in der Schreibung nur eines < d > -Graphems, die Irregularität in der Verletzung der im Schwedischen besonders konsequenten, fast eineindeutigen GPK-Regeln. Eine weitere orthographische Reduktion und Irregularität besteht in der Nichtbezeichnung des langen [i:] in nhd. und . Dagegen wird bei anderen Verben der gleichen Ablautreihe langes [i:] regulär durch Dehnungs-e angezeigt: < liest > , , . 12 Fehlende Vokallängebezeichnung betrifftauch nhd. [i:[ und -» [a:] (vs. regulär , ).

12

In älteren Texten (18./19. Jhd.) stößt man bei geben oft auf < ie >-Schreibungen: giebt > .

, das eigentlich *[haevde] gelesen werden müßte, tatsächlich jedoch ['hx(:)öa] lautet (ähnlich bei give, blive, tage etc.). Auch im Englischen ist dem Schriftbild von < h a v e > nicht zu entnehmen, daß der Vokal nicht als Diphthong, sondern als kurzes [je] zu artikulieren ist. Graphische Abundanz betrifft auch dän. sige 'sagen' mit [si], sagde 'sagte' mit [sa:], ebenso engl, says und said mit [sez] bzw. [sed]. Obwohl die dänische Orthographie — wie auch die englische — für ihre relativ hohe Ususreguliertheit bekannt ist, verstoßen diese Fälle in besonders eklatanter Weise gegen die GPK-Regeln. Ergebnisse der Leseforschung liefern deutliche Evidenz dafür, daß hochfrequente Wörter ganzheitlich abgespeichert und während des Leseprozesses nicht über Regeln (GPKren) realisiert, sondern direkt abgerufen und verlautlicht werden: In both tasks, the processing of higher frequency words was not adversely affected by uncommon spellings or irregular pronunciations. The results suggest that these common words are rapidly recognized on the basis of familiar visual information, with pronunciations subsequently read out of memory storage (Seidenberg 1984: 396).

Ebensowenig verringert sich die Lesezeit durch die graphischen Abweichungen: There is a large pool of higher frequency exception words (such as have and foot) which do not take longer to read than matched regular words (Seidenberg 1985: 6).

In den Listen, die für die Leseexperimente verwandt wurden, finden sich denn auch viele unserer (englischen) Korpusverben: does, done, are, were, have, give, shall, says, said (s. Appendix C in Seidenberg 1984: 402). Besonders Sprachen mit geringem Eineindeutigkeitsgrad zwischen Graphem und Phonem (Englisch, Dänisch) leisten sich bei der Kurzverbschreibung besonders viele Irregularitäten und adaptieren kürzer bzw. irregulärer werdende Verben graphisch in weit geringerem Maß. Dagegen integrieren die straffer organisierten Schriftsysteme des Schwedischen und Norwegischen sehr viel schneller ihre Kurzverben in die Orthographie (s. dennoch — umso markiertere — Abweichungen wie schwed. < h a d e > [ v had:e] und norw. < g j o r d e > [ v ju:r3]). Relativ neu verschriftete (und auch wenig geschriebene) Sprachen/Dialekte wie das Luxemburgische, Friesische und Alemannische legen ihre Kurzverben und deren Irregularitäten graphisch offen. Ob es dagegen im Deutschen jemals zu einer < h a m > - , < i s > - oder gar -Schreibung kommt bzw. im Niederländischen zu < z e i e n > 'sagten' oder < z o u e n > 'würden', ist zu bezweifeln. Gleiches gilt für das Färöische, das zwar erst seit relativ kurzer Zeit verschriftet wird, sich jedoch für ein ausgesprochen tiefes Schriftsystem entschieden hat (zu den Gründen s. Lindqvist 1996). Hier werden Reduktionen und Irregularitäten graphisch systematisch verdeckt (vgl. < h e v ö i > -> fheiji] und -» [hoed:u]) (zum Problem der Graphie s. Kap. 3.6.2.).

200 3.3.3. Entstehung/Konservierung von Klasseninstabilität Daß bei Klassenübertritten vorübergehend das Stadium der Klassenschwankung durchschritten wird - einige Flexionsformen folgen bereits der neuen, andere noch der alten Klasse ist erwartbar und der Normalfall. Doch kommt es gerade bei hochfrequenten Verben häufiger vor, daß sie in diesem Stadium verharren, d.h. sie rekrutieren ihr Paradigma langfristig aus Flexionsformen zweier Klassen und gelangen hierdurch zu beträchtlicher Irregularität. Dabei kultivieren sie oft ein von echten Übergangsverben gerade abweichendes Mischungsverhältnis. Ein Beispiel dafür liefert das Isländische, das zwar als einzige Sprache in seinem HABParadigma keine Kurzformen, doch durchaus Irregularitäten enthält. Isl. hafa schwankt schon seit altnordischer Zeit zwischen der schwachen 3. ( = i- bzw. en-) und 1. ( = ja-) Klasse, wobei es m.E. viel naheliegender und adäquater ist, hafa zwischen der 3. schwachen Klasse und der 6. Ablautreihe der starken Verben schwanken zu lassen (zu der Argumentation s. Kap. 2.1.10.). Damit verfügt hafa über ein "halbstarkes" Mischparadigma. 13 Auch die neuhochdeutsche Umlautform hätte kann nur auf starker Flexion beruhen. Obwohl diese Klassenmischungen schon seit vielen Jahrhunderten bestehen, wurde nie die Gelegenheit zum analogischen Ausgleich ergriffen. Daß ausgerechnet die Präs.Sg.Formen zu den kürzeren und differenzierteren hef- Formen gegriffen haben, ist wieder frequenzbedingt. Auch das Färöische differenziert flava, doch über ein anderes Mischungsmuster als das Isländische. Hier liegen die Zäsuren sogar innerhalb des Präs.Sg.: eg havi [heavi] vs. tu/hann hevur ['he:vur]. Ebenso basiert alem. hä/hesch/het seit althochdeutscher Zeit auf stabiler Klasseninstabilität. Auch bei SAG- war im Isländischen (und Färöischen) äußerst stabile Instabilität festzustellen, wobei isl. segja (im Gegensatz zu hafa) tatsächlich zwischen der 1. und 3. schwachen Klasse steht (s. 2.6.10.). Ebenso basieren die alemannischen Kontraktionsverben seisch, seit 'sag(s)t' (vs. säge 'sagen', i(ch) säg(e) 'ich sage') auf den beiden (ins enParadigma eingestreuten) ahd. y'a/i-Formen segist, segit. Schließlich liefert auch das Neuhochdeutsche mit werden ein Beispiel für ein seit Jahrhunderten "halbstarkes" Verb, doch wieder mit einem ganz anderen Mischungsverhältnis als bei von der starken in die schwache Flexion übertretenden Verben (wie backen, weben)·. Einerseits weist werden Ablaut auf — wobei die Alternanz e — u — ο singular ist —, andererseits bedient es sich der Präteritalflexivik der schwachen Verben: Mit wurde in der l./3.Sg.Prät. verfügt es als einziges Ablautverb über die schwache Personalendung -