Männer. Frauen. Krieg.: Krieg und Frieden - eine Frage des Geschlechts? 9783737004886, 9783847104889, 9783847004882

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Männer. Frauen. Krieg.: Krieg und Frieden - eine Frage des Geschlechts?
 9783737004886, 9783847104889, 9783847004882

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Erich Maria Remarque Jahrbuch / Yearbook XXV/2015 Herausgegeben von Thomas F. Schneider im Auftrag des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums

Carl-Heinrich Bösling, Ursula Führer, Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hg.)

Männer.Frauen.Krieg. Krieg und Frieden – eine Frage des Geschlechts?

V&R unipress Universitätsverlag Osnabrück

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dbb.de abrufbar. ISSN 0940-9181 ISBN 978-3-8471-0488-9 ISBN 978-3-8470-0488-2 (E-Book) ISBN 978-3-7370-0488-6 (V&R eLibrary) Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de Veröffentlichungen des Universitätsverlages Osnabrück erscheinen im Verlag V&R unipress GmbH. © 2015, V&R unipress GmbH, Robert-Bosch-Breite 6, 37079 Göttingen / www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Printed in Germany. Titel: »Die deutsche Frau im Kriege«, Offizielle Postkarte des Bayerischen Landeskomitees für freiwillige Krankenpflege im Kriege. Karton, Kunstanstalt Hans Kohler & Co., München, 1914/18, © KMO, A 4435/17. Redaktion: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider Satz: Thomas F. Schneider Druck und Bindung: CPI buchbuecher.de GmbH, Zum Alten Berg 24, 96158 Birkach Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

Inhalt

Carl-Heinrich Bösling / Ursula Führer Einleitung

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Christoph Rass Auf dem Weg zur gleichberechtigten Gewaltakteurin? Krieg, Militär und Gender im 19. und 20. Jahrhundert

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Thorsten Heese 1814 // 1914 Frau und Patriotismus in Osnabrück

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Lioba Meyer »Wir werden bei dir bleiben, bis wir fallen« Krieg als Abenteuer, Abenteuer als Krieg in der Jungenliteratur der Weimarer Republik

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Jana Mikota Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur

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Nataly Jung-Hwa Han »Trostfrauen«. Die systematisch organisierte Massenvergewaltigung durch das japanische Militär im Asien-Pazifik-Krieg (1937–1949

79

Joshua D. Pilzer / Tsukasa Yajima Lineages of Separation – face to face – Einführung

86

Joachim Paech Männer-Frauen-Krieg: Sarajevo 1992–1995

95

Hiltrud Schäfer Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

109

Reinhold Mokrosch Christliche Friedenserziehung – eine Frage des Geschlechts? Wie sieht das konkret aus?

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Hamideh Mohagheghi Islamische Friedenserziehung – eine Frage des Geschlechts? Wie sieht das konkret aus?

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BeiträgerInnen und HerausgeberInnen dieses Bandes

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Carl-Heinrich Bösling / Ursula Führer

Einleitung

Das vorliegende Erich Maria Remarque-Jahrbuch basiert auf den Beiträgen der im Januar 2015 in der Osnabrücker Volkshochschule durchgeführten Tagung »Männer.Frauen.Krieg. Krieg und Frieden – eine Frage des Geschlechts?«. Nach »Krieg beginnt in den Köpfen« im November 2010 und »Lost in Cyberspace? Schreiben gegen Krieg im Zeitalter digitaler Medien« im Januar 2013 war dies die dritte gemeinsam von der Volkshochschule Osnabrück, der Erich Maria RemarqueGesellschaft und dem Erich Maria Remarque-Friedenszentrum veranstaltete Tagung. Möglich geworden waren alle drei Veranstaltungen mit der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Stiftung Niedersachsen, die Stiftung der Sparkasse Osnabrück und das Literaturbüro Westniedersachsen. Bedauerlicherweise konnten die Beiträge des langjährigen Nahost-Korrespondenten Marcel Pott wie auch der Journalistin Maria von Welser nicht in dieses Jahrbuch aufgenommen werden. Ebenso fehlt leider der Beitrag des irakischen Schriftstellers Najem Wali, der seinen Irak-Kriegsroman Bagdad Malboro vorstellte. Das Buch wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch im Jahr 2014 ausgezeichnet. Ein zusammenfassendes Video der Tagung findet sich unter www.youtube.com/ watch?v=S3QGD754bqE. Die Tagung fand statt in einer aufgewühlten Welt, in einer Welt, der wachsende Ungleichheit, offene und verdeckte Kriege und Terror mehr und mehr zu schaffen machen. Die Aktualität des Tagungsthemas war unübersehbar: Gerade zwei Tage vor Beginn der Tagung war es in Paris zu dem blutigen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo gekommen. Charlie Hebdo war eine der wenigen Zeitschriften, die im sogenannten Karikaturen-Streit im Jahr 2006 die heftig angegriffenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung JyllandsPosten nachdruckten und die regelmäßig Mohammed-Karrikaturen veröffentlichten (Ein zusätzlicher ›Brandbeschleuniger‹ der Tat war vielleicht die Veröffentlichung von Michel Houellebecqs neuem Roman Soumission). Im Hintergrund der Pariser Ereignisse war der Arabische Frühling vielerorts einem Arabischen Winter gewichen. Es ist ein sogenannter »Islamischer Staat« entstanden, der sich mittlerweile große Teile Syriens und des Iraks unterworfen 7

Carl-Heinrich Bösling, Ursula Führer

hat. »Boko Haram« in Nigeria, »Al Qaida« im Maghreb, »Ansar al-Din« in Mali, »Ansar al-Scharia« in Libyen, »Al-Shabaab« in Somalia und weitere radikal-islamistische Gruppen verwandeln Afrika zu einem neuen Schlachtfeld des internationalen Terrorismus, bei dem es, wie es der Afrika-Experte Marc Engelhardt aus Genf nennt, nicht nur um den »Heiligen Krieg« sondern auch und vor allem um handfeste Profite geht. Es mangelt nicht an weiteren Schauplätzen der Gewalt. Erst im August 2014 war der verheerende Gaza-Krieg zu Ende gegangen, und die bewaffneten Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine, einem europäischen Kriegsschauplatz, dauern an. Friedlicher ist die Welt nicht geworden. Im Gegenteil. Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zählte 2013 weltweit 414 Konflikte, von denen 45 als hochgewaltsam einzustufen waren. Viele davon nehmen wir hier bei uns aber gar nicht wahr. Mit insgesamt 17 Kriegen waren der Vordere und Mittlere Orient und das Sub-Saharische Afrika die großen Kriegsschauplätze. Bis Mitte 2014 verzeichnete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) 56,7 Millionen Flüchtlinge sowie Vertriebene innerhalb der eigenen Landesgrenzen bei unaufhaltsam steigender Tendenz. Ein trauriger Rekord. Der Fall des Eisernen Vorhangs und das vermeintliche Ende der Blockkonfrontation zwischen Ost und West weckten viele Hoffnungen auf eine friedlichere Welt. Als der Politologe Francis Fukuyama kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom »Ende der Geschichte« sprach, konnte man nicht voraussehen, was in den folgenden Dekaden auf die Welt zukommen würde und dass sich auch der alte Ost-WestKonflikt wieder zuspitzen würde. Es ist wichtig, einen genauen Blick auf die Entstehungsbedingungen von bewaffneten Konflikten, Bürgerkriegen und Kriegen zu werfen. Was begünstigt ihr Entstehen und was kann sie verhindern? Es ist die Rede von zerfallenden Staaten wie in Libyen und Somalia oder den »neuen Kriegen an der Peripherie der Wohlstandszonen«, wie es beispielsweise der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ausdrückt. Wie im 30jährigen Krieg seien »Kriegsunternehmer« – damals Wallenstein heute Warlords – auf die politische Bühne zurückgekehrt. In Afghanistan etwa oder Teilen Afrikas haben sie aus dem Krieg ein Geschäft gemacht, bei dem Rohstoffe, Entführungen und Geiselnahmen oder der Handel mit illegalen Gütern und Drogen eine zentrale Rolle spielen. Über die verborgenen Kanäle der Globalisierung finden die Profiteure der »neuen Kriege« Anschluss an die prosperierenden Ökonomien der Industriestaaten. Das ist einer der Gründe dafür, warum diese Kriege nicht enden wollen, wie es etwa das Beispiel der Demokratischen Republik Kongo zeigt. Diese Entwicklungen bedeuten nicht das Ende zwischenstaatlicher Kriege. So liefern sich die Atommächte Pakistan und Indien im Streit um Kaschmir, vom Westen aus kaum wahrgenommen, immer wieder Artilleriegefechte. Tausende sind auf der Flucht. Im südchinesischen Meer beanspruchen China, Japan, Viet­ nam und die Philippinen große Gebiete, in denen unter anderem große Ölvor8

Einleitung

kommen vermutet werden. Es steht zu befürchten, dass sich derartige latente Bedrohungssituationen und kleinere Krisenherde schnell zu Kriegen entwickeln können, zumal wir es weltweit wieder mit unübersehbar wachsenden nationalistischen Strömungen zu tun haben. In der Zeitschrift Stern fand sich ein Cartoon des Zeichners Til Mette. Da sitzt ein alter Mann auf einer Parkbank neben einer jungen Mutter mit ihrem kleinen Sohn. Der Alte sagt zu dem Jungen: »Wir haben was gemeinsam, Kleiner. Wir sind beide vor dem Krieg geboren. Du weißt das nur noch nicht…« Ergänzend dazu ein Zitat von Erich Maria Remarque aus dem Roman Der schwarze Obelisk (1956): Den Frieden der Welt! Nie ist mehr darüber geredet und nie weniger dafür getan worden als in unserer Zeit; nie hat es mehr falsche Propheten gegeben, nie mehr Lügen, nie mehr Tod, nie mehr Zerstörung und nie mehr Tränen als in unserem Jahrhundert, dem zwanzigsten, dem des Fortschritts, der Technik, der Zivilisation, der Massenkultur und des Massenmordens.

Wo aber sind die Lösungsansätze? Welche Wege gibt es aus der Gewalt? Könnten Frauen dabei einen besonderen Beitrag leisten? Macht es einen Unterschied, ob wir es mit dem Kriegsgott Mars oder mit Minerva zu tun haben, die im römischen Reich nicht nur als Schutzgöttin der Dichter und Lehrer sondern auch als Göttin der Weisheit, Hüterin des Wissens und der taktischen Kriegführung verehrt wurde. Hier war der konkrete Anlass für die Tagung. Es sollte darum gehen, die in der Politik-, Gender- und Friedensforschung diskutierten Fragen aufzugreifen. Welche Rolle spielten und spielen Frauen in Kriegen? Sind Frauen etwa die besseren Friedensstifterinnen? Diese Frage wurde zu Beginn der Tagung in einführenden Vorträgen und in einem Podium diskutiert und eröffnete eine dreitägige Auseinandersetzung über die Rollen von Männern und Frauen für die Entstehung und Entwicklung von Krieg und Frieden. Die vorherrschenden Geschlechterstereotype basieren in der Regel auf einer künstlichen Unterscheidung zwischen »weichen, friedfertigen« Frauen und »harten, gewaltbereiten« Männern. Mit der Realität stimmt dieses Bild auch in großen Teilen überein. Kriegführen ist Männersache – aber eben nicht nur. Das dominierende Bild ist natürlich das der Frauen als Opfer von Kriegen. Zu erwähnen ist in diesem Kontext, dass für Frauen die Gewalt oft nicht aufhört, wenn ein Krieg zu Ende ist. Eine UNIFEM-Studie belegt, dass die Zerstörung der Menschlichkeit und die Brutalisierung der Männer durch ihre Kriegs- und Gewalterfahrungen bis in den Nachkriegsalltag fortwirken. Das lässt Frauen und auch Kinder zu Opfern häuslicher Gewalt werden. Wir alle haben derartige Bilder vom Krieg im Kopf. Frauen und Kinder auf der Flucht, Frauen als Witwen, Frauen gezeichnet von Gewalt, auch von sexueller Gewalt. Das ist ein richtiges, aber nicht vollständiges Bild. Frauen sind natürlich auch Soldatenmütter oder -frauen, sie sind wichtig für die Logistik von Kriegen – ob als Marketenderin oder Krankenschwester. Sie 9

Carl-Heinrich Bösling, Ursula Führer

sind aber auch Kombattantinnen. Rund 1 Million Frauen etwa haben während des Zweiten Weltkrieges in der Roten Armee gekämpft. Was die Zahl der heute aktiven Soldatinnen angeht, liegen die USA weit vorne. In Israel unterliegen Frauen der Wehrpflicht. Man muss natürlich auch Berichte zur Kenntnis nehmen wie über das irakische Gefängnis Abu-Ghuraib, wo 2003/2004 amerikanische Soldatinnen Gefangene quälten, über »schwarze Witwen« in Tschetschenien oder islamistische Selbstmordattentäterinnen im Irak, die mit ihren Sprengstoffgürteln viele Menschen mit in den Tod rissen, oder über ruandische Frauen, die ideologisch aufgehetzt am Völkermord 1994 teilnahmen. Viel ist in der deutschen Nachkriegszeit bekannt geworden über die Brutalität von KZ-Aufseherinnen. Wendy Lowers neue Studie Hitler‘s Furies thematisiert die massenhafte Komplizen- und Täterschaft deutscher Frauen bei den organisierten Massenmorden in den nach 1939 eroberten Staaten des europäischen Ostens. Aktuell lassen sich junge Frauen anwerben, um als Ehefrau eines Kämpfers in Syrien oder im Irak den »Islamischen Staat« zu unterstützen. Es wird also auch darum gehen, Stereotype zu hinterfragen. In der öffentlichen Meinung ist die Sache klar. Man traut Frauen Kompetenzen in der Politik zu, in den sozialen Bereichen, in Bildung und Erziehung. Umfangreiche Studien in den USA führen zu dem Ergebnis, dass man Frauen dort vorne sieht, wo es darum geht, Kompromisse zu finden oder mit sozialen Problemen umzugehen. In der Kriminalitätsbekämpfung sähen die Befragten lieber Männer an den verantwortlichen Stellen, und wenn es um die nationale Sicherheit und Verteidigung geht, vertrauten nur noch ganze sieben Prozent den Frauen mehr. Jede Betrachtung der Rolle von Frauen in herausgehobenen politischen Funktionen berührt dabei die Grundsatzdebatte über »friedenstiftende Frauen« und »kriegerische Männer«. Es gibt Positionen, die davon ausgehen, dass Krieg und Gewalt zwischen Staaten verschwinden würden, wenn nur Frauen an die Macht kämen. Die Politologin Katharina Götsch hat dazu gearbeitet und positioniert sich folgendermaßen: Im Gegensatz zu vermeintlich aggressiven, kriegerischen Männern besitzen Frauen in den Augen Vieler eine angeborene Friedfertigkeit und Friedfähigkeit – eine These, der sich selbst akademische Größen wie Francis Fukuyama angeschlossen haben. Feministinnen fordern deshalb mehr weiblich besetzte Schalthebel in der Außenund Sicherheitspolitik. Ihre Hoffnungen auf mehr Gewaltfreiheit und Frieden sind aber vergebens: Struktur und Inhalt der internationalen Beziehungen werden kaum vom Geschlecht der politischen Akteure beeinflusst, denn Entscheidungsträgerinnen sind politisch sozialisiert. (Adlas. Magazin für Außen- und Sicherheitspolitik 2012, 3, 60)

Realität ist zumindest, dass Frauen auf allen Ebenen der Konfliktbearbeitung bisher kaum eine Rolle spielen, obwohl seit langem bekannt ist, dass die Beteiligung 10

Einleitung

von Frauen bei der Verhütung und Beilegung von Konflikten schneller und nachhaltiger zum Ziel führt, da sie vermittelnder auftreten als Männer, sie eher zivile Konfliktlösungen präferieren und andere Sichtweisen einbringen. In seiner Rede zum Weltfrauentag 2014 sagt der US-Außenminister, dass es anzuerkennen sei, »dass eine Welt, in der Frauen mehr Chancen haben, auch eine Welt mit mehr Aussicht auf Frieden, Wohlstand und Stabilität ist«. Dennoch waren nur vier Prozent von UN-Polizeikräften und drei Prozent von UN-Soldaten bei den bisherigen Blauhelm-Missionen weiblichen Geschlechts. In 54 internationalen Einsätzen gab es außerdem nur vier weibliche Sonderrepräsentanten des UN-Generalsekretärs. Einer UNIFEM-Studie zufolge waren in insgesamt 22 Friedensprozessen seit 1992  – dazu gehörten Afghanistan, Bosnien und Kongo – nur 7,5 Prozent der Verhandlungsbeteiligten Frauen. Keine Frage also, dass hier noch deutliche Fortschritte gemacht werden müssen.

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Christoph Rass

Auf dem Weg zur gleichberechtigten Gewaltakteurin? Krieg, Militär und Gender im 19. und 20. Jahrhundert

Der Versuch, Verschiebungen der Geschlechterverhältnisse im Kontext von Krieg und Militär über das 20. Jahrhundert hinweg zu skizzieren, ist an sich, gerade aber in einem Kontext, der nach der Rolle von Frauen in Kriegen, der Qualität von Frauen als Friedensstifterinnen und der Bedeutung von Frauen in modernen Armeen fragt, kein einfaches Unterfangen und bedarf einer Vorbemerkung.1 In modernen Kriegen übersteigt die Zahl der zivilen Opfer, unter ihnen vor allem Kinder und Frauen, die direkt unter Gewalt oder indirekt unter den Folgen militärischer Auseinandersetzungen leiden, regelmäßig die Zahl der militärischen Opfer. Mit Ausnahme des Ersten Weltkrieges in Europa bestätigen nahezu alle größeren Konflikte des 20. Jahrhunderts diesen Befund. Insbesondere Sezessionsund Bürgerkriege, ›asymmetrische‹ Konflikte oder Operationen im ›Kampf gegen den Terror‹ bzw. des gegenwärtigen Terrorismus seit dem Ende des Ost-West Konflikts und den Anschlägen vom 11. September 2001 öffnen neue Abgründe der Entgrenzung kollektiver, militärischer Gewalt.2 Geschlechtsspezifische »Verletzungsmacht« und »Verletzungsoffenheit«, wie Heinrich Popitz formulierte, markiert noch immer eine wesentliche Dimension des Kriegsgeschehens. Gewalt ist und bleibt vor allem ›männlich‹ konnotiert,

1 Dieser Beitrag ist die leicht überarbeitete Fassung des gleichbetitelten Vortrages im Rahmen der Tagung »Männer. Frauen. Krieg«. 2 Eine Einführung bietet Joshua S. Goldstein. »War and Gender«. Carol R. Ember, Melvin Ember (eds.). Encyclopedia of Sex and Gender. Springer US 2004, 107–116; aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive grundlegend ist Klaus Latzel, Franka Maubach, Silke Satjukow. »Soldatinnen in der Geschichte. Weibliche Verletzungsmacht als Herausforderung«. Klaus Latzel, Franka Maubach, Silke Satjukow (eds.). Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute. Paderborn 2011, 11–50.

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Christoph Rass

Schwäche ein ›weibliches‹ Attribut:3 Männer scheinen Frauen zu verteidigen, und das Erlangen von »Verletzungsmacht« über Frauen symbolisiert vollkommene Niederlage und Demütigung eines Gegners. Massenvergewaltigung als Mittel der Kriegführung – teils geduldet, teils institutionalisiert – ist eine Folge dieses kulturellen Musters.4 Die unvermindert schreckliche Bilanz ziviler Opfer und die besondere Vulnerabilität von Frauen in den von Kriegshandlungen betroffenen Gesellschaften bilden den Hintergrund für jedes Nachdenken über Frauen als Gewaltakteurinnen in militärischen Organisationen. Zugleich sind, ebenso wie Kriege von Männern und Frauen hervorgebracht werden und gesamtgesellschaftliche Phänomene sind, Frauen auch Gewaltakteurinnen, Täterinnen und als politische Akteure Entscheidungsträgerinnen. Eine ›natürliche‹ Distanz zwischen Weiblichkeit und Gewalttätigkeit gibt es nicht. Frauen haben stets, wenn auch in kleiner Zahl und meist in Verkleidung aktiv an Kriegen teilgenommen. Die weibliche Gewaltgeschichte des Terrorismus ist ebenso alt wie die Geschichte des Terrorismus selbst. In Bürgerkriegen oder asymmetrischen Konflikten stellen Frauen bisweilen einen Anteil an den Kombattanten, der deutlich höher liegt als bei regulären Armeen. Frauen haben selbstverständlich als Herrscherinnen oder in politischen Ämtern Gewalt befohlen, und Frauen waren schließlich auch als Bewacherinnen von Konzentrationslagern Täterinnen des Holocaust.5 Diese Sachverhalte sind stets mitzudenken. Sie werden an dieser Stelle jedoch nur am Rande anklingen, denn im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen militärischen Institutionen in Krieg oder Frieden und Frauen als Akteurinnen in beiden Kontexten. Die Rolle von Frauen in Kriegen und in militärischen Organisationen, ihr Eindringen in diese männlich reklamierte Sphäre, der Kampf um Rollenzuschreibungen und die vielschichtigen Konflikte im Spannungsfeld entgrenzter Gewalt, herausgeforderter Männlichkeit und gesellschaftlicher Zustände

3 Brigitte Aulenbacher, Michael Meuser, Birgit Riegraf. Soziologische Geschlechterforschung: Eine Einführung. Wiesbaden 2010. 4 Vgl. Latzel/Maubach/Satjukow, Soldatinnen; Maja Apelt. »Geschlecht und Militär – Grundzüge der neueren Diskussion«. Jens-Rainer Ahrens, Maja Apelt, Christiane Bender (eds.). Frauen im Militär. Empirische Befunde und Perspektiven zur Integration von Frauen in die Streitkräfte. Wiesbaden 2005, 13–29; Sabine Hirschauer. The securitization of rape. Women, war and sexual violence. Basingstoke 2014. 5 David E. Jones. Women warriors. A history. Washington 2000; siehe dazu pointiert auch Chandra T. Mohanty, Minnie B. Pratt, Robin L. Riley. »Feminism and US wars – mapping the ground«. Robin L. Riley, Chandra T. Mohanty, Minnie B. Pratt (eds.). Feminism and war. Confronting US imperialism. London 2008, 1–16; Kathrin Kompisch. Täterinnen: Frauen im Nationalsozialismus. Wien 2008.

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Krieg, Militär und Gender

zwischen Krieg und Frieden von der Frühen Neuzeit bis in unsere Gegenwart bilden den Schwerpunkt der folgenden Ausführungen.6 Dabei ist es wichtig zu beachten, ob über Frauen als Kombattantinnen in Kriegen und Konflikten gehandelt wird, wobei meist eine auf Europa fokussierte Perspektive vorherrscht, oder über die reguläre Präsenz von Frauen in militärischen Institutionen. Beide Kontexte hängen selbstverständlich untrennbar zusammen, jedes der beiden Felder weist jedoch auch eigene Rahmungen auf, die für sich zum Verständnis des in den Blick genommenen historischen Prozesses beitragen. Kriegsteilnahme und Militärdienst, der eben auch im Frieden stattfindet, sind in Vergangenheit und Gegenwart Schauplatz intensiver und kontroverser Aushandlungsprozesse, in denen die Interpretation von Geschichte und damit verbunden die Reproduktion kultureller Normen eine nicht unwichtige Rolle spielt. Denn wer die Deutungshoheit über das Verhältnis von Frauen zu Krieg und Militär in historischer Rückschau gewinnt, besitzt einen großen Vorteil bei Entscheidungen über künftige Verhältnisse. Es macht also einen Unterschied – und es gibt tatsächlich parallele Narrative, wiewohl in asymmetrischen Verhältnissen zueinander –, auf welche Art und Weise und aus welcher Perspektive die Geschichte von kämpfenden Frauen und weiblichen Soldaten erzählt wird.7 Dazu lassen sich unterschiedliche feministische Positionen einnehmen, die einmal im Sinne der Gleichberechtigung ein Aufbrechen von Krieg und Militär als männlicher Domäne fordern oder aber pazifistisch auf die Möglichkeit eines alternativen weiblichen Weges hoffen, der organisierte kriegerische (und männliche) Gewalt obsolet macht. Diesen diametral gegenüber liegen die hegemonial männlichen Deutungen, die unverhohlen kulturalistisch an der genderline zwischen Krieg und Frieden, Macht und Ohnmacht festhalten. Solche Argumente verbinden sich häufig mit pseudophysiologischen oder pseudopsychologischen Konstrukten, die versuchen, kulturelle Zuschreibungen durch Hinweise auf körperliche Eigenschaften oder psychosoziale Prägungen scheinbar zu objektivieren. Scheinrationale Erklärungen, die eine Präsenz von Frauen in Militär und Krieg vor allem aus einem Diktat der Umstände herleiten wollen, komplettieren das Set gängiger Positionen.8 Wie bei nur wenigen anderen Themen ist der Blick auf das Phänomen durch eine über Jahrhunderte eingeübte und reproduzierte männliche Sichtweise und Geschichtserzählung bestimmt, während zugleich gegenwärtige Ansprüche an

6 Joyce P. Kaufman, Kristen P. Williams. Women at war, women building peace. Challenging gender norms. London 2013. 7 Siehe dazu auch die Beiträge in Latzel/Maubach/Satjukow, Soldatinnen. 8 Paige W. Eager. Waging gendered wars. U.S. military women in Afghanistan and Iraq. London 2014.

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gesellschaftlichen Wandel verlangen, sich dieser Deutungen nicht nur bewusst zu werden, sondern mit ihnen zu brechen.9 Geschlecht müssen wir in diesem Kontext auffassen als ein soziales Konstrukt, das Machtverteilung regelt. Ausgehandelt wird nur vordergründig die Struktur von Streitkräften, dahinter steht der Kampf um agency als individuelle und gesellschaftliche Handlungsmacht. Das durch diese Eckpunkte markierte Feld soll nun auf zweierlei Weise vermessen werden. Ausführlicher durch eine Skizze von Aushandlungen der Rolle von Frauen als Kombattantinnen in kriegerischen Konflikten und als Soldatinnen in regulären Armeen. Pointiert durch einen Blick auf die unterschiedlichen Lesarten dieser Geschichte in aktuellen Diskursen zu Geschlechterordnung und Militär bzw. Krieg. Der erste Teil des Beitrages entwickelt dazu ein historisches Modell, das zentrale Entwicklungslinien des Phänomens seit der Frühen Neuzeit aufzeigt, seinen Schwerpunkt aber im 20. Jahrhundert sucht. Der zweite Abschnitt eröffnet, in gebotener Kürze, die Arena der konkurrierenden Deutungen und Argumente für und wider einer Verweiblichung von Krieg, Militär und damit auch von Gewalt. Eine Armee können wir – wie manch andere Institution – für ein notwendiges Übel in einer nach wie vor nur oberflächlich gebändigten anarchischen Staatenwelt halten. Weiter können wir hoffen, dass eine postheroische und demokratische Gesellschaft in der Lage ist, zivilisierte Streitkräfte hervorzubringen. Dies könnte beispielsweise dann gelingen, wenn ein militärischer Apparat die Gesellschaft, die ihn unterhält mit dem Ziel möglichst genau abbildet, nicht dieses Gemeinwesen zu militarisieren, sondern Streitkräfte aus mündigen Bürgerinnen und Bürgern zusammenzustellen. Abbild hieße dann, die soziale und geschlechtliche Repräsentation ebenso wie die Repräsentation der gesellschaftlichen/geschlechtlichen

9 Siehe zur Reproduktion solcher Deutungen im Film exemplarisch Yvonne Tasker. Soldiers‘ stories. Military women in cinema and television since World War II. Durham 2011; sowie Annegret Zettl. »Soldatinnen und Partisaninnen in sowjetischen Kriegsfilmen zwischen Konstruktion und Dekonstruktion (1925–1985)«. in: Gender – Medien – Screens : (De)Konstruktionen aus wissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive. Konstanz 2015, 273–294; mit Blick auf Denkmäler Gill Abousnnouga. »Visual discourses of the role of women in war commemoration: A multimodal analysis of British war monuments«. Journal of Language and Politics (2011), 3, 322–346; oder Presseberichterstattung Eva Berger. »Combat cuties: Photographs of Israeli women soldiers in the press since the 2006 Lebanon War«. Media, War & Conflict (2011), 3, 269–286; oder Dorotea Gucciardo, Megan Howatt. »Sniper girls and fearless heroines: Wartime representation of foreign women in English-Canadian press, 1941–1943«. Barton C. Hacker, Margaret Vining (eds.). A companion to women‘s military history. Leiden 2012, 547–567; einen breiteren Ansatz im Rahmen einer Fallstudie bieten Helena Goscilo, Yana Hashamova. Embracing arms. Cultural representation of Slavic and Balkan women in war. New York 2012.

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Krieg, Militär und Gender

Machtverhältnisse herzustellen. Auf dieser Grundlage müsste ein Gemeinwesen sehr genau abwägen, wohin und warum es seine Soldatinnen und Soldaten zum Töten und Sterben schickt. Das kann zur Suche nach anderen als militärischen Handlungsoptionen führen. Von diesem Standpunkt aus lässt sich eine vollkommene und uneingeschränkte Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Streitkräften denken, die sich auf Wehrpflicht stützen oder andere Wege finden, Berufstätigkeit als Gewaltakteurin im Militär gesellschaftlich einzubinden. Berufs- oder Freiwilligenarmeen bieten zwar einen einfacheren, gesellschaftlich weniger konfliktträchtigen, möglicherweise aber nicht den besten Weg, Streitkräfte zur Selbstverteidigung mit politisch begrenzter offensiver Einsatzfähigkeit zu unterhalten. Allerdings sind Massenheere aus Wehrpflichtigen für die meisten Staaten sinnlos geworden, und das einzige Beispiel, das diesem Modell nahe kommt – die Armee Israels mit ihrer allgemeinen Wehrpflicht für beide Geschlechter –, stützt die Annahmen gesellschaftlich eingegrenzter Einsetzbarkeit solchermaßen strukturierter Streitkräfte nicht.10 Die Aufgabe von Wehrpflicht (und Ersatzdienst) löst nicht allein ein strukturelles Problem moderner Streitkräfte, sondern verändert ihren Charakter und ihr Verhältnis zur Gesellschaft grundlegend. Die Umstellung von Wehrpflicht auf Berufsarmee, von selektiver Dienstverpflichtung auf Freiwilligenheere zeigt übrigens gleichzeitig, dass radikale Richtungswechsel in militärischen Apparaten durchaus möglich sind. Aber auch in anders verfassten Armeen legen das Ideal der Gleichberechtigung und die Dekonstruktion von Geschlechterrollen die Forderung nach dem Zugang von Frauen zu allen Positionen nahe, wobei es heute vor allem um die Frage des Kampfeinsatzes geht.11 Daneben erscheinen zwei weitere Aspekte wichtig. Erstens könnte, in demokratisch verfassten Staaten, die möglichst engen Bindung von Institutionen organisierter Gewalt an die sie hervorbringende Gesellschaft anstelle der Sonderstellung von Freiwilligen- oder Berufsarmeen eine Chance auf Einhegung bieten, die auch gegen eine Marginalisierung der Soldaten oder das Entstehen eines ›Staates im Staat‹ wirkt. Zweitens kann nur eine konsequente und vollkommene Öffnung von Armeen für beide Geschlechter einen grundsätzlichen Wandel dieser ›männlichen‹ Institution herbeiführen und damit zu gesellschaftlichem Wandel beitragen. Der Umstand, dass wir institutionalisierte militärische Gewalt seit

10 Zu Männlichkeitskonstruktionen im Kontext der Wehrpflicht siehe Sylka Scholz. »Wehrdienst und Konstruktion männlicher Identität«. Ahrens/Apelt/Bender, 173–191; siehe zur Ausdehnung der Wehrpflicht auf Frauen im Überblick Uta Klein. »Wehrpflicht von Frauen: Erfahrungen mit Militär und Geschlecht in Israel«. Ahrens/Apelt/Bender, 194–212. 11 Helena Carreiras. Gender and the military. Women in the armed forces of Western democracies. London, New York 2006.

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Christoph Rass

Jahrhunderten auf eine bestimmte Art organisieren und dabei wirkungsmächtig Geschlechterrollen reproduzieren, macht ein Abweichen von diesem Pfad zwar schwer, der Weg ist aber keineswegs alternativlos. Allein die kulturelle Reproduktion einer Wirklichkeitskonstruktion lässt uns diese Praxis alternativlos erscheinen und führt zur Öffnung einer nach wie vor männlichen Institution für Frauen – die sich dann an deren männliche Normen anpassen sollen. Ein grundlegender Wandel scheint indes kaum möglich. Angesichts der Wirkungsgeschichte männlich verfassten Militärs könnte ein Durchbrechen dieser scheinbaren Pfadabhängigkeit sich lohnen. Insbesondere dann, wenn wir mit Ulrike Wasmuht davon ausgehen, dass Armeen als Institution die Machtverhältnisse ihrer Gesellschaften spiegeln.12 Das nun folgende, stark vereinfachte chronologische Modell geht in drei Schritten vor, die auf der einen Seite die Agency von Frauen als Kombattantinnen umreißen und auf der anderen Seite ihre Position in militärischen Institutionen verfolgen. Wir beginnen (1) mit Schlaglichtern aus der Vormoderne, passieren (2) zentrale Wendepunkte im Verlauf der Frühen Neuzeit und konzentrieren uns dann (3) auf das 19. und 20. Jahrhundert. Nur um anzudeuten, wie weit die Frage nach dem Verhältnis von Frauen zu Krieg, Gewalt und Militär zurück reicht, sei auf das fünfte Buch von Platons Politeia hingewiesen. Es fordert die Verteidigung des Gemeinwesens durch Männer und Frauen und sieht die Geschlechter dabei durchaus auf Augenhöhe – wiewohl schon Platon koinzidiert, dass Frauen dabei leichtere Aufgaben zugewiesen werden sollen. Er sieht allerdings im Kriegsdienst die Voraussetzung für die Vollbürgerschaft und gesteht diese den Frauen zu – im Unterschied zu Aristoteles, der Frauen als ›unvollkommen‹ und daher den Männern unterlegen betrachtet. Platon kommt allerdings mit Blicke auf seinen Entwurf zu dem Schluss, dass ein Staat, in dem die Geschlechter gleichberechtigt seien, nur existieren könne, wenn »entweder die Philosophen Könige werden [...], oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden«.13

12 Ulrike C. Wasmuht, »›Gender‹ und Krieg. Über den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Kriegsakzeptanz und Männlichkeit und Kriegsbereitschaft«. Thomas Roithner (ed.). Nach der Jahrtausendwende. Zur Neuorientierung der Friedensforschung. Münster 2001, 168– 188. 13 Monique Canto-Sperber, Luc Brisson. »Zur sozialen Gliederung der Polis«. Ottfried Höffe (ed.). Platon: Politeia. Berlin 2011, 71–88; Dieter Oberndörfer. Klassische Staatsphilosophie: Texte und Einführungen: von Platon bis Rousseau. München 2010; Zitat nach Friedrich Schleiermacher. Platons Werke. Teil 3, Bd. 1. Berlin 1828, 304 (478).

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Zwar sind quer durch Geschichte und Mythologie Frauen anzutreffen, die zu den Waffen greifen und/oder Armeen anführen.14 Von der alttestamentarischen Richterin und Feldherrin Deborah zu Boudica und ihre Kriegerinnen in Britannien über den Kreuzzug der Eleonore von Aquitanien im 12. Jahrhundert bis zur spätmittelalterlichen Ausnahmeerscheinung Johanna von Orleans sind solche Frauenfiguren in der Zeit präsent.15 Durchgesetzt hat sich aber die Vermännlichung von Krieg, Gewalt und Militär. Schon die römischen Legionen haben als männliche Organisationen ihre Feldzüge unternommen. Häufig aber begleitete sie ein Tross, dem auch Frauen zugehörten, die rund um die Lager Dienstleistungen erbrachten und teils illegitime ›Soldatenfrauen‹ waren, denn heiraten durften die Legionäre nicht. Eine andere Partizipation der Frau am Krieg war in der römischen Gesellschaft nicht denkbar.16 Durchaus finden sich im Hochmittelalter noch Erzählungen über das Tournoiement as Dames, in der Frauen die Rollen kämpfender Ritter übernehmen. Es geht nun jedoch nicht mehr um spezifisch Weibliches, sondern schon darum, dass Frauen nach den Regeln von Männern Gewalt ausüben und mit männlichen Attributen beschrieben werden. Von dort ist der Weg nicht mehr weit zur neuzeitlich einzig möglichen Form der Partizipation von Frauen an kriegerischem Gewalthandeln: der Verkleidung als Mann, also der Übernahme einer männlichen Identität. Spätestens mit dem Ende der Ritterheere und dem Aufkommen des Landsknechtswesens kämpfen Frauen auf diese Art und Weise als Soldaten. Sie wurden zu so genannten cross-dressern, die ihre Weiblichkeit verbergen, um in einer männlichen Institution zu bestehen.17 Frauen sind nun, in der Frühen Neuzeit, noch immer mit Krieg und Militär verbunden, dies allerdings in genau festgelegten weiblichen Rollen.18 Diese Vertei-

14 Vgl. Apelt, 15; siehe zur Stereotypisierung solcher Figuren aus feministischer Perspektive Valeria E. Russo. »The constitution of a gendered enemy«. Elisabeth Addis, Valeria E. Russo, Lorenza Sebesta (eds.). Women soldiers. Images and realities. New York 1994, 49–58. 15 Vgl. Helena Carreiras. Gender and the military. Women in the armed forces of Western democracies. London 2006. 16 Jorit Wintjes. »›Keep the Women out of the camp!‹. Women and military institutions in the classical world«. Hacker/Vining, 17–59. 17 John A. Lynn. »Essential women, necessary wives, and exemplary soldiers: The military reality and cultural representation of women´s military participation (1600–1815)«. Hacker/ Vining, 93–136; siehe dazu auch mit vielen biografischen Beispielen Rosalind Miles, Robin Cross. Hell hath no fury. True profiles of women at war from antiquity to Iraq. New York 2008; bzw. mit Blick auf das Mittelalter Megan McLaughlin. »The woman warrior. Gender, warfare and society in medieval Europe«. Women’s Studies (1990), 3–4, 193–209. 18 Zahlreiche Beispiele für den US-amerikanischen Zusammenhang bietet Lisa T. Frank. An encyclopedia of American women at war. From the home front to the battlefields. Santa Barbara 2013; für die Genderperspektive in der Militärgeschichte allerdings noch immer

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lung der Rollen auf kämpfende Männer und den Soldaten dienende Frauen prägte Krieg und Militär in der Frühen Neuzeit. Die Söldnerheere des 30jährigen Krieges, letztlich kommerzielle Unternehmungen von Militärdienstleistern, erlegten ihren ›Berufssoldaten‹ selten Heiratsbeschränkungen auf, so dass, wie schon im ausgehenden Mittelalter, Scharen von Frauen mit den Regimentern zogen und zum festen Bestandteil des diese umgebenden Dienstleistungsapparates wurden. In den stehenden Heeren des Absolutismus fand später auch diese Korona zu institutionalisierten Formen. So bestimmten Regulament und Ordnung für Gesamtes Kaiserl. Königliches Fuss-Volk der Maria Theresia aus dem Jahr 1740, dass die ein Regiment begleitenden Frauen hinter den Arrestanten unter einer eigenen, von einer Frau getragenen Flagge zu marschieren hatten.19 Andere Regimentsordnungen trugen den mit Soldaten verbundenen Frauen den Betrieb des Lazaretts sowie das Waschen und Kochen auf und bestimmten, dass gar eine festgelegte Zahl von Soldatenfrauen die Verbände als Funktionsträgerinnen ins Feld zu begleiten ­hatten.20 Frauen konnten sich nun entweder als Frauen im Umfeld des Militärs in genau festgelegten Handlungsfeldern bewegen, keinesfalls aber als Frauen Soldaten sein. Kämpfende Frauen gaben sich dagegen als Männer aus, um zu Kombattanten zu werden. Eine dünne aber ununterbrochene Linie solcher verdeckt in männlichen Rollen agierender Frauen zieht sich durch die europäischen Kriege des 17., 18. und auch noch 19. Jahrhunderts. Viele dieser Frauen werden schon zu ihrer Zeit – und auch später – zu Heldinnen stilisiert oder als Tabubrecherinnen verdammt; Normalität jedenfalls konnte ihr Handeln nicht sein. Obgleich der Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert mit der französischen Revolution, der napoleonischen Aggression und den Befreiungskriegen einen bisher ungekannten Grad der Ressourcenmobilisierung mit sich brachte, bewegte sich auch der »Volkskrieg« durchaus im Rahmen dieser Geschlechterordnung. Wieder traten Frauen als Kämpferinnen nur als Männer verkleidet in Erscheinung – bzw. eben nicht. Im bürgerlichen Zeitalter schienen die Frauen dann die ihnen zugeschriebenen Aufgaben zu verinnerlichen. Wiewohl sich die zwischen 1812 und 1815 in den deutschen Staaten entstehenden mehr als 300 »Patriotischen Frauenvereine« nicht mit einer passiven Zuschauerrolle zufrieden geben wollten, akzeptierten sie doch die grund­legend die Beiträge in Karen Hagemann, Ralf Pröve (eds.). Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel. Frankfurt am Main 1998, sowie aktueller Karen Hagemann.»Krieg, Militär und Mainstream. Geschlechtergeschichte und Militärgeschichte«. Karen Hagemann, Jean Quataert (eds.). Geschichte und Geschlechter. Revisionen der neueren deutschen Geschichte. Frankfurt am Main 2008, 92–129. 19 Brigitte Holl. Die Frau im Krieg. Wien 1986. 20 Mary E. Ailes. »Camp Followers, Sutlers, and Soldiers‘ Wives: Women in eraly modern Armies (c.1450–c.1650)«. Hacker/Vining, 61–91.

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Unterstützung der kämpfenden Männer durch Näharbeiten, Spendensammlung und Verwundetenversorgung als ihre Domäne. Allerdings zeigt sich dabei, wie Dirk-Alexander Reder meint, ein Merkmal des entstehenden »modernen Krieges«: Organisation, umfassende Mobilisierung und Streben nach Effizienz durch Aufgabenteilung und Spezialisierung, die immer weitere Teile der Gesellschaft jenseits der traditionell mit dem Kriegführen befassten Schichten tangiert. Dennoch, der »Volkskrieg« blieb ein männlicher, Frauen durften sich ihm in den Bahnen bürgerlicher Weiblichkeitsvorstellungen nähern.21 Die dichteste Annäherung an Krieg, Kampfgeschehen und Militär erreichten Frauen über die Verwundetenfürsorge. Ihre Arbeit in den Kriegen des 19. Jahrhunderts gehorchte aber dem konventionell Möglichen. Sie schloss zwar an den älteren Traditionen der Söldnerheere an, erwuchs nun jedoch nicht mehr aus dem weiblichen Umfeld der Regimenter, sondern aus der Mobilisierung bürgerlichnationaler Gesellschaften. Die Tätigkeit in Lazaretten schließlich wies auch in die Zukunft, denn bis in die Gegenwart sollte der medizinische Bereich eines der wichtigsten Arbeitsfelder von Frauen in modernen Armeen bleiben; so etwa das von Florence Nightingale im Krimkrieg (1853–1856) organisierte Sanitätskorps, mit dem Frauen in einer neuen Rahmung wieder Schlachtfelder betraten. Das erste bedeutende Auftreten weiblicher Selbst- und Fremdmobilisierung in Deutschland während der Befreiungskriege formte im Übrigen nicht nur das weibliche Rollenkonzept im Verhältnis zu Krieg und Militär weiter aus, es endete auch in einer Art und Weise, die sich bis weit ins 20. Jahrhundert als typisches Muster etablieren sollte. Kaum war Napoleon besiegt, war Europa neu geordnet, kam es zu einem radikalen backlash, den Reder als Re-Patriachialisierung beschreibt. Die Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts führten, weiter in die Gesellschaften hineinreichend als je zuvor, zu einer Militarisierung männlicher Geschlechterrollen auch jenseits des Kriegsdienstes. Der Ausbruch der Frauen, der ein Stück weit durch Selbst­ organisation und Selbstmobilisierung in eine männliche Domäne eingegriffen hatte, wurde indes konsequent zurück gedrängt.22 Das gleiche Muster sollte sich in Deutschland in bzw. nach den Konflikten um 1848 und in den Kriegen der 1860er bzw. 1870er Jahre wiederholen und etablieren. Im 19. Jahrhundert wurden die Streitkräfte durch den Ausschluss der Frauen aus den traditionellen Hilfsfunktionen im Tross einerseits, die Bürokratisierung und Professionalisierung der stehenden Wehrpflichtigenarmeen andererseits ›männlicher‹ als zuvor, sobald

21 Dirk A. Reder. Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813–1830). Köln 1998. 22 Allgemeiner beschreibt dieses Muster Carreiras, Gender and the military.

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die Mobilisierung der Frauen auf dem Höhepunkt eines jeden länger währenden Konflikts in der jeweiligen Nachkriegszeit revidiert worden war.23 Gleichzeitig begannen Frauen auch aus der Geschichte der Kriegführung zu verschwinden. Bis zu ersten feministisch motivierten Studien, die in den 1990er Jahren erschienen, existierte weder eine Geschichtsschreibung über kämpfende Frauen noch über Frauen in militärischen Institutionen.24 Die Beschränkung der Frauen auf bestimmte Funktionen einerseits, andererseits der wiederkehrende Rhythmus ihrer Mobilisierung als Ressource in Krisensituationen gefolgt von einer Verdrängung aus den von ihnen reklamierten Handlungsfeldern unmittelbar nach deren Ende, werfen Schatten voraus ins 20. Jahrhundert. Einhundert Jahre nach den Erfahrungen der Befreiungskriege begann 1914 der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts. Die Konzepte und Praktiken der Zuschreibung von Geschlechterrollen erfuhren nun, im ›totalen‹ Krieg, im Vergleich etwa zum noch ›absoluten‹ Krieg des 19. Jahrhunderts bei Clausewitz wichtige Erweiterungen.25 Frauen kommen in der clausewitz’schen Kriegstheorie jenseits der Tatsache, dass seine Ehefrau das Buch posthum herausgegeben hat, an keiner Stelle vor.26 Im 20. Jahrhundert schritt dann mit dem Übergang zur vollständigen Indienstnahme gesellschaftlicher Ressourcen während militärischer Konflikte die Erosion der Unterscheidung von Kombattanten und Zivilbevölkerung weiter fort.27 Zugleich begann eine neue Phase der Beanspruchung von Frauen für den Krieg. Die ›Urkatastrophe‹ des 20. Jahrhunderts führte in den sich bekriegenden Gesellschaften – in Abstufungen – zu einer Mobilisierung von Frauen, die in der Geschichte kein

23 Auf die Gefahr eines solchen backlash in der Bundeswehr verwies 2005 Gerhard Kümmel»Backlash am Horizont? – Die Bundeswehr und die Integration von Frauen im Praxistest«. Ahrens/Apelt/Bender, 62–78. 24 Einen kritischen Überblick geben Carreiras, Gender and the military, oder Irene Jung Fiala. »Unsung Heroes: Women‘s contributions in the military and why their song goes unsung«. Helena Carreiras, Gerhard Kümmel (eds.). Women in the military and in armed conflict. Wiesbaden 2008, 49–61. Allerdings ist ein Aspekt dieser Wiederentdeckung, insbesondere in den USA, die Herausbildung eines patriotisch überzeichneten Narrativs vor dem Hintergrund des hohen Anteils von Soldatinnen an den Streitkräften und der wachsenden Zahl kriegerischer Konflikte; siehe dazu exemplarisch Evelyn M. Monahan, Rosemary NeidelGreenle. »A few good women. America‘s military women from World War I to the wars in Iraq and Afghanistan«. New York 2010; sowie kritisch bereits Cynthia H. Enloe. »The Politics of Constructing the American Woman Soldier«. Addis/Russo/Sebesta, 81–110. 25 Barton C. Hacker. »Reformers, nurses, and ladies in uniform: The changing status of military women (c.1815–c.1914)«. Hacker/Vining, 137–187. 26 Carl Clausewitz. Vom Kriege: Hinterlassenes Werk. Berlin 1853. 27 Einen Überblick geben die Beiträge in Celia Lee, Paul Strong (eds.). Women in war, Barnsley 2012.

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Beispiel kannte.28 Frauen ersetzten dabei nicht nur in Wirtschaft und Verwaltung zu Hunderttausenden die einberufenen Männer. Zwar funktionierten die Kriegswirtschaften der europäischen Staaten nur durch diese Indienstnahme, darüber hinaus war der Erste Weltkrieg der erste Konflikt, in dem umfassend, systematisch und staatlich organisiert weibliche Auxilliarformationen mit paramilitärischem Charakter militärische Dienstleistungen erbrachten. Diese erstreckten sich zwar noch immer vor allem auf den Lazarettdienst – wobei allerdings zum ersten Mal in größerer Zahl Ärztinnen, in vielen Fällen als Angehörige der Streitkräfte, auch ›frontnah‹ eingesetzt wurden. Frauen wurden darüber hinaus in den modernen bürokratisierten Massenheeren aber auch in der Heeresverwaltung, in der Logistik oder für die Nachrichtenvermittlung gebraucht. So entstanden etwa in Deutschland die »Etappenhelferinnen«, in Großbritannien das »Women’s Army Auxiliary Corps«, während Frauen in den USA nicht nur im »Nursing Corps«, sondern auch im »Marine Corps« oder im »Signal Corps« dienen konnten.29 Die Institutionalisierung und deren quantitative Dimension ermöglichte es Frauen nun, Versuche zu unternehmen, gesellschaftliche Stereotype und Rollenzuschreibungen in Frage zu stellen. Ihr Kriegsdienst brachte das etablierte Verhältnis von Militär und Frau ins Wanken und koinzidiert mit dem Erstarken der Frauenbewegung. Zum ersten Mal erhielten Frauen – noch im Umfeld der Armeen – anerkannte, teils mit dienstgradäquivalenten Rängen versehene Positionen. Diese Statusänderung erlaubte es nicht nur, das ›männlich‹ verfasste Militär herauszufordern, sondern half auch, die Neubewertung der Stellung der Frau in der Gesellschaft zu reklamieren. Schließlich hatten Frauen in keiner der kriegführenden Nationen vor 1918 das Wahlrecht. Besonders deutlich manifestierte sich dieser Impuls in Versuchen von Frauen, zu Kampfeinsätzen zugelassen zu werden. Weibliche Soldaten an der Front repräsentierten eine fundamentale Kritik am Stereotyp vom männlichen Beschützer und der schwachen Frau, sowie an den daran geknüpften kulturellen Mustern und Machtverhältnissen. Diese Forderungen stellten die gegen den gleichberechtigten Kriegsdienst von Frauen und allgemeiner gegen die Gleichberechtigung vorgebrachten Argumente und damit die Struktur des Militärs und der Gesellschaft an sich in Frage. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum auch im Ersten Weltkrieg Frauen fast ausschließlich mit männlicher Identität kämpften. Nur in Russland wurden un-

28 Siehe exemplarisch zur Erschütterung der Rollenbilder durch den Krieg am Beispiel Frankreichs Joelle Beurier. »›You can tell they‘re not one of us‹. Redefining gender in World War One France«. Claudia Glunz, Thomas Schneider (eds). »Then Horror Came into Her Eyes…«. Gender and the wars. Göttingen 2014, 39–68. 29 Nancy L. Goldman, Richard Stites. »Great Britian and the World Wars«. Nancy L. Goldman (ed). Female soldiers. Combatants or noncombatants? Westport 1982, 21–45; Jeff M. Tuten. »Germany and the World Wars«. Goldman, 47–60.

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ter Kerensky im Jahr 1917 einige Infanteriebataillone aus Soldatinnen aufgestellt. Diese etwa 5–6.000 Frauen umfassenden Einheiten dienten aber vor allem einer Propaganda, mit deren Hilfe eine breite Unterstützung für die provisorische Regierung und ihres Kriegskurses unter Beweis gestellt und Männer beschämt und so zu den Waffen getrieben werden sollten.30 In den alliierten Staaten, etwa in Canada, Großbritannien, Frankreich oder den USA, bildeten sich zwar beachtlich umfangreiche zivilgesellschaftlich organisierte paramilitärische Frauenverbände, es gelang jedoch der Frauenbewegung in keiner dieser Gesellschaften, das Recht auf bewaffneten Militärdienst zu erstreiten. Wie fast zu erwarten folgte auf den Frieden erneut unmittelbar die Zurückdrängung der Frauen aus den zugestandenen Handlungsfeldern. So blieben etwa in Großbritannien oder den USA nur wenige Hundert Frauen im Dienst verschiedener Hilfsformationen. Ohne Gegenwehr sollte sich dies indes nicht mehr vollziehen. Die Situation in den USA verdeutlicht die gegensätzlichen Positionen exemplarisch: Einige Militärplaner konzipierten eine weibliche Kräftereserve, die im Kriegsfall mobilisiert werden sollte, um die Armee zu unterstützen ohne zu ihr zu gehören. Weiterführende Pläne – von Frauen vorgelegt – sahen dagegen ein ständig aktives »Women‘s Service Corps« als militärparallele Auxiliarformation vor. In der Zwischenkriegszeit verblieben aber allein Krankenschwestern in der regulären Armee – übrigens als einzige Militärangehörige ohne Pensionsansprüche. Weibliche Hilfskorps wurden dann, wie zu erwarten, mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wieder aufgebaut, nun allerdings in erheblich erweitertem Umfang und in größerer Nähe zum Militär.31 Dies gilt als ein weiterer entscheidender Wendepunkt, denn jenseits der schieren Anzahl der nun aktiven Frauen kamen diese nun in einer ganzen Reihe, den weiblichen Militär- oder Hilfstruppenangehörigen traditionell nicht offen stehenden Bereichen zum Einsatz. Frauen dienten nicht nur als Ärztinnen, Krankenschwestern oder Bürokräfte im Krieg, sondern wurden Mechanikerinnen, Waffentechnikerinnen, Pilotinnen, Radaroperateurinnen oder dienten in Flak-Einheiten – wobei, und dies ist bezeichnend, Frauen

30 Laurie Stoff. They fought for the Motherland. Russia’s women soldiers in World War I and the revolution. Lawrence 2006; sowie mit Blick auf den Einsatz von Frauen in der Krankenpflege, Dies. »The ›Myth of the war experience‹ and Russian wartime nursing during World War I«. Aspasia (2012), 1, 96–116. 31 Zu Deutschland in beiden Weltkriegen siehe Karen Hagemann. »Mobilizing women for war: The history, historiography, and memory of German women‘s war service in the two World Wars«. Journal of Military History (2011), 4, 1055–1094; bzw. Dies. »›German Women help to win!‹ Women and the German military in the age of World Wars«. Hacker/Vining, 485– 511.

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etwa in den britischen Flugabwehrbatterien alle feuervorbereitenden Tätigkeiten übernehmen durften, den Schuss auslösen musste dann jedoch ein Mann.32 Großbritannien mobilisierte auf diese Weise rund 450.000 Frauen und führte sogar eine Dienstpflicht ein.33 Die USA stellten ein Hilfskorps als Teil der Streitkräfte im Umfang von 350.000 Frauen auf.34 Ebenso wie in der Mehrzahl der anderen kriegführenden Staaten, so auch im »Dritten Reich«, das schließlich eine halbe Million Frauen als »Wehrmachthelferinnen« aufbot, blieben Frauen aber von direkten Kampfeinsätzen in der Regel ausgeschlossen.35 Die Sowjetunion indes mobilisierte etwa 1 Million Frauen als Soldatinnen der Roten Armee. Nachdem diese nach dem Bürgerkrieg Frauen im Militär systematisch zurückgedrängt hatte, erzwangen die ungeheuren Verluste der ersten Kriegsmonate 1942 zum bisher umfassendsten Einsatz von Frauen in einer regulären Armee. Bis 1945 dienten Rotarmistinnen nicht nur als Pflegepersonal, Fahrerinnen oder in der Verwaltung, sondern auch bei Artillerieverbänden, in der Infanterie, als Scharfschützinnen oder bei der Luftverteidigung.36 Ebenso radikal wie ihre Mobilisierung war dann in der Sowjetunion deren Verdrängung nach dem Sieg. Weibliche Soldaten wurden in kurzer Zeit vollständig demobilisiert. Während in den westlichen Armeen zwar abgerüstet wurde, die weiblichen Verbände aber prinzipiell nach 1945 erhalten blieben, verschwan-

32 Kimberly Jensen. »Volunteers, auxiliaries, and women´s mobilization: The First World War and beyond (1914–1939)«. Hacker/Vining, 189–231; oder spezifischer Georgina Natzio. »Homeland defence. British gunners, woman and ethics during the Second World War«. Lee/Strong, 87–100; sowie in längerer Perspektive auch die Beiträge in Lucy Noakes (ed.). Women in the British Army. War and the gentle sex, 1907–1948. London 2006. 33 Eine populärwissenschaftliche Darstellung bietet Kate Adie. Corsets to camouflage. Women and war. London 2003. 34 Aus diesem Kontext liegen zahlreiche Selbstzeugnisse von Soldatinnen vor, siehe exemplarisch Betty Bandel, Sylvia J. Bugbee (eds.). An officer and a lady. The World War II letters of Lt. Col. Betty Bandel, Women‘s Army Corps. Hanover 2004; zur visual history, allerdings illustrativ, siehe Evan Bachner. Making WAVES. Navy women of World War II. New York 2008; populärwissenschaftlich wird der britische Fall behandelt in Carol Harris. Women at war. In uniform, 1939–1945. Stroud 2003; einen breiten Überblick gibt Carreiras, Gender and the military. 35 Margaret Vining. »Women join the armed forces: The transformation of women‘s military work in World War II and after (1939–1947)«. Hacker/Vining, 233–289; Selbstzeugnisse für den deutschen Kontext finden sich beispielsweise bei Rosemarie Killius. Frauen für die Front. Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen. Leipzig 2003. 36 Eruidice C. Cardona, Roger D. Markwick. »›Our brigade will not be sent to the front‹: Soviet women under arms in the Great Fatherland War, 1941–45«. The Russian Review (2009), 240–262; Roger D. Markwick, Euridice C. Cardona. Soviet women on the frontline in the Second World War. New York 2012; sowie Anna Krylova. Soviet women in combat. A history of violence on the Eastern Front. New York 2010.

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den Frauen aus der Roten Armee wieder nahezu vollständig.37 Stärker noch als in anderen Gesellschaften, schloss sich für viele Jahrzehnte – jenseits der Propaganda – eine regelrechte Amnesie des kollektiven Gedächtnisses an, von der die Soldatinnen des »Großen Vaterländischen Krieges« aus der Erinnerung nahezu getilgt wurden. Bis auf diese Ausnahme – und auch die Beteiligung von Frauen am Kampf der Widerstandsbewegungen – haben Frauen im Zweiten Weltkrieg zwar im Militär gedient, blieben aber nach wie vor auf bestimmte, wenn auch erweiterte, Tätigkeitsfelder beschränkt und haben nicht in direkter Auseinandersetzung mit der Waffe gekämpft. Nach dem Krieg wiederholte sich dennoch das bereits Beobachtete: ein weitgehender Rückbau weiblicher Mobilisierung und ihrer Institutionen zur Wiederherstellung männlicher Kriegs- und Militärkonzepte. Ein anderes bemerkenswertes Phänomen des 20. Jahrhunderts ist die Präsenz von Frauen als Kämpferinnen in nicht-staatlichen Gewaltkollektiven, in Revolutionsarmeen, Partisanengruppen oder Widerstandsbewegungen.38 Wenn Gesellschaften dramatische Transformationen durchlaufen oder existenziell bedroht sind, können die Geschlechterrollen offenbar eher durchbrochen und die damit verbundene Herausforderung männlicher Hegemonie eher akzeptiert werden. Dies zeigen beispielswiese die russische Revolution bzw. der folgende Bürgerkrieg, der spanische Bürgerkrieg, die jugoslawische Partisanenbewegung – in der zwischen 1941 und 1944 mehr als 100.000 Frauen gekämpft haben –, die anitimperialistischen Befreiungsbewegungen in den Dekolonisationskriegen in Afrika, Asien bzw. Lateinamerika oder der Dienst von Frauen in der Hagana.39

37 Siehe zur gegenwärtigen Situation Christiane Eifler. »Soldatinnen in Russland«. Ahrens/ Apelt/Bender, 213–229. 38 Aus solchen Kontexten stammen zahlreiche Selbstzeugnisse von Soldatinnen bzw. Kombattantinnen, siehe exemplarisch Bingying Xie, Lily C. Brissman, Barry Brissman. A woman soldier‘s own story. The autobiography of Xie Bingying. New York 2001. 39 Vgl. dazu als Überblick Barton C. Hacker. »Revolutionaries, regulars, and rebels:  Women and non-western armies since World War II«. Hacker/Vining, 331–377; sowie als Auswahl von Fallstudien Margaret P. Anagnostopoulou. »From heroines to hyenas: Women partisans during the Greek Civil War«. Contemporary European History (2001), 3, 481–501; Sandra C. Taylor. Vietnamese women at war. Fighting for Ho Chi Minh and the revolution. Lawrence 1999; Susan McKay, Dyan E. Mazurana. Where are the girls? Girls in fighting forces in northern Uganda, Sierre Leone and Mozambique. Their lives during and after war. Montréal 2004; Barbara Jancar. »Yugoslavia: War of resistance«. Goldman, 85–105; William J. Duiker. »Vietnam: War of insurgency«. Goldman, 107–122; Jelena Batinić. Women and Yugoslav partisans. A history of World War II resistance. New York 2015; Renée Lugschitz. Spanienkämpferinnen. Ausländische Frauen im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939. Wien 2012; Richard Stites, Anne E. Griesse. »Russia: Revoultion and war«. Goldman, 61–84; Djamila Amrane. »Algeria: Anticolonial war«. Goldman, 123–135; Yehudit Kol-Inbar. »›Not even for three lines in History‹:  Jewish Women underground members and partisans during the Holocaust«. Hacker/ Vining, 513–546.

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Dringt Krieg so tief in eine Gesellschaft ein wie in diesen Fällen, scheint es nur schwer möglich, die etablierten Geschlechterverhältnisse aufrecht zu erhalten. Es fragt sich allerdings, ob es sich dabei um die Chance für tatsächlichen strukturellen Wandel der Geschlechterordnung bzw. der Machtverhältnisse handelt oder ebenfalls um eine Art zeitweiliger Suspendierung bis zum Ende der Krise. Die Mehrzahl der Befunde spricht für die zweite Vermutung. Denn neuere Untersuchungen zeigen, dass die Mobilisierung von Frauen in nicht staatlich sanktionierten militärischen Organisationen diesen meist letztlich doch die konventionellen Rollen zuweist, sie in dieser Rahmung aber häufig noch weniger geschützt sind vor männlichen Übergriffen. Zugleich verändert sich die Machtverteilung innerhalb dieser Institutionen grundlegend ebenso wenig wie die Geschlechterordnung in den jeweiligen Nachkriegsgesellschaften.40 Dennoch wird das Zeitalter der Weltkriege durchaus auch als eine Phase des Fortschritts der Gleichberechtigung gewertet – allerdings zu einem hohen Preis. Tatsächlich erwiesen sich einige der Veränderungen – etwa das Wahlrecht für Frauen, dessen Durchsetzung in den westlichen Staaten eng mit den Weltkriegen verbunden ist – als irreversibel. Hinsichtlich der Partizipation am Arbeitsmarkt, dem Zugang zu Bildung und höher qualifizierten Karrieren sowie generell der gesellschaftlichen Machtverteilung haben die Weltkriege jedoch fundamental zunächst nur wenig geändert. Dies bestätigen zwei in der Forschung breit geteilte Befunde: Erstens hat die Position von Frauen in militärischen Organisationen und ihre Rolle in Kriegen sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg über die schrittweise Institutionalisierung weiblicher Auxiliarverbände zwar grundsätzlich gewandelt, es hat sich dabei jedoch um temporäre Zugeständnisse als Teil von Mobilisierungsstrategien in Krisensituationen gehandelt, die nach deren Ende stets weitgehend rückgängig gemacht worden sind. Insbesondere die letzte Domäne des Mannes, der eigentliche Kampf bzw. der Dienst in Kampfverbänden, wurde dabei nicht bzw. nur selten angetastet. Weitgehend blieben die weiblichen Hilfstruppen überdies von den regulären (männlichen) Einheiten segregiert und erhielten keinen vollen militärischen Status. Eine nachhaltige Öffnung des Militärs können wir in dieser Periode nur in Ausnahmefällen beobachten. Nach wie vor sind die »Israeli Defence Forces« eine von wenigen Armeen mit einer Wehrpflicht für beide Geschlechter, die allerdings Frauen seit dem Ende des Unabhängigkeitskrieges zunächst wieder vom unmittelbaren Kampfeinsatz ausgeschlossen haben. Erst seit dem Jahr 2000 unterhält die israelische Armee ein Infanteriebataillon, das mehrheitlich aus wehrpflichtigen Soldatinnen besteht.41 40 Dazu generell Carreiras, Gender and the military. 41 Anne R. Bloom. »Israel. The longest war«. Goldman, 137–162; Susanne A. Friedel. »Feminisierte Soldatinnen. Weiblichkeit und Militär«. Martina Thiele, Tanja Thomas, Fabian Virchow (eds.). Medien - Krieg - Geschlecht: Affirmationen und Irritationen sozialer Ordnungen. Wiesbaden 2010, 103–118.

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Zweitens hat im Zeitalter der Weltkriege und lange darüber hinaus durch die sukzessive Öffnung der Streitkräfte keine grundlegende Verschiebung der Geschlechterrollen oder der Machtverteilung stattgefunden. Wird Frauen der Zugang zum Militär und eine entsprechende Beteiligung an Kriegshandeln gestattet, so müssen sich die Frauen für die Zeit dieser Öffnung an die männlichen Normen und Kulturen von Krieg und Militär anpassen, während die tiefer liegenden Konzepte von Geschlecht, Gewalt, Krieg und Militär sich nicht prinzipiell verändern, sondern im Zuge einer ›Normalisierung‹ nach dem Ende des Ausnahmezustandes rekonstruiert werden. Vor dem Hintergrund dieser Rückschau wird die Bedeutung einer Entwicklung der letzten 25 Jahre verständlich, in der eine wachsende Zahl von Gesellschaften ihre Streitkräfte permanent und mit einem wachsenden Grad der Gleichberechtigung für Soldatinnen als reguläre Armeeangehörige zugänglich gemacht haben. In den USA sind seit dem Armed Forces Integration Act von 1948 Schritt um Schritt Beschränkungen und diskriminierende Bestimmungen aufgehoben worden, so dass seit den 1990er Jahren Frauen in allen Positionen dienen können, die keine direkte Konfrontation mit gegnerischen Bodentruppen erwarten lassen.42 Ab 2016 sollen Frauen prinzipiell zu allen Funktionen Zugang erhalten, auch zu Kampfverbänden. Diese Entwicklung ist zum einen den Forderungen der Frauen­ bewegung auf Gleichberechtigung in den Streitkräften zu verdanken, hängt ursächlich allerdings auch mit einem akuten Personalmangel zusammen, dem sich die USA seit der Umstellung von einer Wehrpflichtigen- auf eine Freiwilligenarmee im Jahr 1973 gegenüber sehen.43 Ähnlich haben sich inzwischen die meisten Armeen der NATO bzw. der westlichen Demokratien entwickelt, darunter auch die Bundeswehr, und tatsächlich markiert diese dauerhafte und weitgehend gleichberechtigte Präsenz von ­Frauen in Streitkräften einen fundamentalen Bruch mit dem etablierten historischen Muster, obgleich bei Werten zwischen fünf und 15 Prozent der Anteil der F­rauen am militärischen Personal noch immer ausgesprochen gering bleibt und ihr Zugang zu höheren Positionen oder gar Generalsrängen vielfach formell und in-

42 Exemplarisch verdeutlichen Studien der US-amerikanischen Streitkräfte deren Bemühungen um Diversität und Gleichberechtigung, siehe dazu exemplarisch etwa Darrel E. Adams. »Mentoring women and minority officer in the US military. A research paper« 1997; oder Anne W. Chapman. Mixed-gender basic training. The U.S. Army experience, 1973–2004. Fort Monroe 2008; siehe dazu allgemeiner Rosemarie Skaine. Women at war. Gender issues of Americans in combat. Jefferson 1999. 43 Drew Lindsey. »Why not send women to war?«. MHQ: Quarterly Journal of Military History (2013), 3, 50–61.

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formell beschränkt ist.44 Der Dienst von Frauen als Soldaten trägt – immer den kritischen Blick auf die Existenz von Armeen überhaupt vorausgesetzt – zur Geschlechtergerechtigkeit bei, hat das Potential, über die Veränderung von Männlichkeits- und Weiblicheitsbildern institutionellen und gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, und öffnet, ganz schlicht, Frauen ein nicht unwichtiges Arbeitsmarktsegment.45 Die Frage allerdings, inwieweit sich die Institution Militär verändert oder Frauen vor allem zu Anpassungsleistungen an deren Strukturen gezwungen werden, und, viel grundsätzlicher, ob dieser alle Akteure fordernde Prozess überhaupt sinnvoll und wünschenswert ist, macht die prinzipielle Öffnung des Militärs für Frauen zu einem intensiv umstrittenen Feld. Vereinfacht stehen sich dabei, natürlich, männlich hegemoniale und feministische Positionen gegenüber.46 Das derzeit wichtigste Argument der Gegner ist der Verweis auf soziologische und physiologische Befunde: Es wird dargelegt, dass die körperliche Leistungs­ fähigkeit von Frauen diese für die meisten militärischen Tätigkeiten disqualifiziert und bei einer Integration ins Militär zu einer Senkung der Einsatzfähigkeit gemischter Verbände führt. Verstärkt werden, so das Argument weiter, die Probleme durch die Gebärfähigkeit der Frauen, die ihre Einsetzbarkeit vermindert, und durch eine steigende Zahl von Schwangerschaften im Einsatz, die aus Beziehungen innerhalb des Militärs resultieren. Militärsoziologisch wird flankiert, dass die Präsenz von Frauen die Kohäsion militärischer Verbände unterminiert und Disziplin und Kampfkraft schädigt, da zwischengeschlechtliche Konflikte einerseits, das Fehlen körperlicher Leistungsfähigkeit, aggressiver Veranlagungen, Leidensfähigkeit usw. andererseits die Präsenz von Frauen schlicht zu einer Gefahr machten. Frauen machen also aus dieser Perspektive Moral, Einsatzfähigkeit und Zusammenhalt ›der Truppe‹ zunichte. Rollenzuschreibung, Stereotpyisierung und Machtverteilung scheinen ungebrochen.47

44 Vgl. Carreiras, Gender and the military; siehe zur Entwicklung in der Bundeswehr Jens-Rainer Ahrens. »Verzögerte Anpassung und radikaler Wandel«. Ahrens/Apelt/Bender, 32–44; Christiane Bender. »Geschlechterstereotypen und Militär im Wandel. Symbolische und institutionelle Aspekte der Integration von Frauen in die Bundeswehr«. Ahrens/Apelt/Bender, 45–61; oder Maja Apelt, Cordula Dittmer, Anne Mangold. »Die Bundeswehr auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter?«. Ahrens/Apelt/Bender, 108–131; sowie als Reportage Andrea Jeska (ed.). Wir sind kein Mädchenverein. Frauen in der Bundeswehr. München 2010. 45 Birgit Riegraf. »›Frauenbereiche‹ und ›Männerbereiche‹: Die Konstruktion von Geschlechterdifferenzen in der Arbeits- und Berufswelt«. Ahrens/Apelt/Bender, 134–155. 46 Lorenza Sebesta. »Women and the legitimation of the use of force: The case of female military service«. Addis/Russo/Sebesta, 28–48; Ruth Seifert. »Weibliche Soldaten: Die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation«. Ahrens/Apelt/Bender, 230–241. 47 Jeff M. Tuten. »The Argument against female combatants«. Goldman, 237–265; George H. Quester. »The Problem«. Goldman, 217–235.

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Selbstverständlich existiert eine ebenfalls empirisch untermauerte Gegenposition, die im Kult um Kraft und Aggressivität ein Scheinargument zur Verteidigung einer männlichen Domäne sieht und fordert, Vorstellungen und Standards so zu verändern, dass Frauen als Frauen wahrgenommen werden und – ganz nebenbei – diese Standards den körperlichen, intellektuellen und psychischen Anforderungen des modernen Krieges entsprechen.48 Untersuchungen zeigen weiter auf, dass Konflikte in militärischen Einheiten unabhängig von ihrer Zusammensetzung auftreten und die Gruppenkohäsion schädigen, während zugleich hochintegrierte gemischtgeschlechtliche Verbände existieren. Das Problem liegt also bei der militärischen Führung und der vorherrschenden Soldatenkultur aber nicht in der Präsenz von Frauen. Die Schlacht der Argumente dauert an und ihr Ausgang – nicht im Sinne eines erneuten rollback weiblicher Präsenz in den Streitkräften, sondern hinsichtlich der damit verbundenen institutionellen und gesellschaftlichen Veränderungen – scheint durchaus noch offen. Weit verbreitet sind immer noch Auffassungen, die von einer Schwächung des Militärs durch Frauen ausgehen, und auch solche, die meinen, die Situation von Frauen verschlechtere sich sogar durch ihre Präsenz im Soldatenberuf. Akzeptanz und Wandel werden, wie Helena Carreiras und Gerhad Kümmel betonen, nicht aus der Veränderung von Normen und Vorschriften resultieren, denn die Persistenz kulturell verankerter Stereotypen scheint auf diese Weise schwer zu überwinden.49 Vielmehr müssen sich kulturelle Vorstellungen und Konstrukte selbst wandeln. Gerade im Militär aber ist die Dominanz hegemonialer Männlichkeit nach wie vor zentral für die Konstruktion soldatischer Identität – und Uniformität.50 Dieser Befund unterstreicht die Schärfe des Konflikts zwischen einer maskulinen, sexistischen militärischen Kultur und veränderten Rahmungen des Militärs, die Frauen Zugang gewähren, bzw. überhaupt der Präsenz von Frauen in Streitkräften.51 Dieser Konflikt verweist auf die große Bedeutung und das Potential, das in

48 Siehe dazu am Beispiel der Polizei Sylvia M. Wilz. »›Nicht genügend kann davor gewarnt werden…‹ – Männer und Frauen bei der Polizei:  Fakten und Diskurse«. Ahrens/Apelt/ Bender, 156–172; siehe für militärische Institutionen Stephan Maninger. »Women in Combat:  Reconsidering the case against the deployment of women in combat-support and combat units«. Carreiras/Kümmel, 9–27; und Helena Carreiras, Gerhard Kümmel. »Off Limits: The cults of the body and social homogeneity as discoursive weapons targeting gender integration in the military«. Carreiras/Kümmel, 29–47 , bzw. älter Mady Wechsler Segal. »The argument for female combatants«. Goldman, 267–290. 49 Carreiras/Kümmel. 50 Dazu im Kontext der Bundeswehr Jörg Keller. »Soldat und Soldatin – Die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit am Beispiel von Printmedien der Bundeswehr«. Ahrens/ Apelt/Bender, 79–107. 51 Carreiras, Gender and the military.

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Krieg, Militär und Gender

dem Ansinnen liegt, solche Verkrustungen weit über den militärischen Kontext hinaus aufzubrechen. Dies fordern seit nunmehr Jahrzehnten feministische Argumente in der Debatte, die der hegemonialen Auffassung entgegen treten, Frauen im Militär würden diese Institution ebenso zerstören wie die ›Friedfertigkeit‹ der Frau als ein Grundpfeiler von Gesellschaft – also die Idee eines grundlegenden und ›natürlichen‹ Unterschieds zwischen den Geschlechtern. Allerdings sind die Argumente auch an dieser Stelle komplex gelagert. Ein pazifistischer Feminismus verweigert die Militarisierung der Frau mit dem Hinweis, dass es falsch sei, dem männlichen Weg der Konfliktlösung durch Gewalt zu folgen. Dies jedoch lässt die männliche Domäne Militär mit all ihren Konsequenzen für das innergesellschaftliche Geschlechterverhältnis unangetastet. Der auf prinzipielle Gleichberechtigung konzentrierte Feminismus dagegen sieht in der vollständigen Öffnung des Militärs für Frauen einen wichtigen Schritt in diese Richtung. Dem hält der kritische Feminismus entgegen, dass Frauen in Streitkräften vor allem männliche und martialische Werte übernehmen müssen, wodurch sie weniger ›Empowerment‹ als eine maskuline Militarisierung erfahren. Das Rennen aber, zu ›besseren Männern‹ zu werden, ist in der militärischen Kultur von vorne herein verloren. Sich damit zufrieden zu geben, würde bedeuten, dass nach wie vor – wie im historischen Modell gezeigt – das Militär und seine Bedürfnisse die Rolle der Frau in den Streitkräften bestimmen. Konsequenz dieser Analyse ist die Forderung nach einer Dekonstruktion von Krieger- und Soldatenmythen, um, über die Öffnung der Streitkräfte, ein anderes Konzept von Partizipation, Geschlechterverständnis und Gleichberechtigung zu erreichen.52 Auf dem Weg dorthin werden alle Gesellschaften, die sich diesem Prozess stellen, drastische Erfahrungen machen. Genderintegrierte Streitkräfte bringen nicht nur neue Binnenverhältnisse von Männern und Frauen hervor. Ihr Einsatz heißt auch, dass Frauen – wie Männer – mit großer Effizienz und Brutalität Gewalt ausüben: töten, verwunden, verwüsten. Gesellschaften werden sich damit auseinandersetzen müssen, dass Soldatinnen in Kriegen auf bestialische Weise – so wie Männer – verwundet, getötet, misshandelt werden. Leid verursachen und Leid erfahren. Frauen werden – und sind – Akteurinnen entfesselter und völkerrechtswidriger Gewalt, von Kriegsverbrechen und Gräueltaten.53 Weit über die USA hinaus sitzt der Schock über die Geschehnisse im Gefängnis von Abu Grahib noch immer tief. Warum aber wundert es uns, dass Frauen im Militär gegenwärtigen Zuschnitts auch zu Täterinnen werden? Drastisch haben uns die Fotos brutaler Folterungen durch Frauen vor Augen geführt, dass es tatsächlich keinen Unter-

52 Kaufman/Williams, Women at war, women building peace. 53 Siehe dazu exemplarisch die Beiträge in Tara McKelvey. One of the guys. Women as aggressors and torturers. Emeryville 2007.

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schied zwischen Frauen und Männern gibt.54 Damit aber wird deutlich, dass das Hervorbringen von Militär ebenso wie das Potential für Militärdienst im besten und im schlimmsten Sinne gesellschaftlich, menschlich sind und keine männliche Domäne. Die Erfahrungen vor allem auch der Konsequenz der Einsätze von Soldatinnen in den ›neuen Kriegen‹ mit ihren global verteilten Schauplätzen führen zu einer drastischen, aufrüttelnden Konfrontation mit ausgeübter und erlittener Gewalt und mit dem Preis, den wir Menschen abverlangen, die wir in diese Kriege schicken. In diesem Sinne ist der Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen im Militär in sich von großer Bedeutung – so lange wir Streitkräfte unterhalten. Zu seinen unmittelbaren Folgen zählt eine herausfordernde und schockierende Perspektive auf alle Aspekte kriegerischer Gewalt und militärischer Funktionalität. Das Ziel aber kann die radikale Dekonstruktion einer durch und durch maskulinen Institution sein und damit ein weit über den unmittelbaren militärischen und emanzipatorischen Zusammenhang hinaus bedeutender Wandel von Gesellschaft.

54 Den Aspekt Gender im Diskurs über US-amerikanische Kriegsverbrechen im Irak diskutiert Ryan A. Caldwell. Fallgirls. Gender and the framing of torture at Abu Ghraib. Farnham 2012.

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1814 // 1914 Frau und Patriotismus in Osnabrück In dem folgenden Beitrag sollen zwei Phasen Osnabrücker Frauengeschichte vorgestellt werden, in denen Osnabrückerinnen in ihrem Einsatz für die »deutsche Nation« jeweils ihre persönliche Identität suchten und wohl auch fanden. Es geht um eine Spurensuche nach der Patriotischen Frau von 1814 sowie nach der Vaterländischen Frau von 1914. »Zur Rettung des Vaterlandes« – Der »Frauen-Verein« von 1814 Mit den Patriotischen Frauen von 1814 begann vor zwei Jahrhunderten die Geschichte der Osnabrücker Frauenvereine; und sie begann unter nationalem Vorzeichen.1 In der napoleonischen Zeit ließen sich Frauen erstmals durch den Appell an ihren Patriotismus mobilisieren.2 Die Schaffung einer deutschen Nation war eines der Motive der sog. Befreiungskriege gewesen, auch wenn sich der Wunsch nach einem deutschen Nationalstaat damals trotz der napoleonischen Niederlage noch nicht erfüllte. Die Vertreter der Restauration wussten dies entgegen den aufgekommenen nationalen Tendenzen zu verhindern. Ein solcher Nationalstaat hätte den Partikularinteressen der einzelnen deutschen Staaten deutlich widersprochen. Gleichwohl kam in den antinapoleonischen Kriegen erstmals ein Nationalbewusstsein zum Tragen, das nicht nur die – männlichen – Soldaten motivierte, sondern auch eine ›Heimatfront‹ etablierte, an der die ›deutsche Frau‹

1 Thorsten Heese. »›... zur Rettung des Vaterlandes‹. Vor 200 Jahren gründete sich der erste Osnabrücker Frauenverein«. Osnabrücker Mitteilungen 119 (2014), 61–66. 2 Andrea Süchting-Hänger. »›Gleichgroße mut’ge Helferinnen‹ in der weiblichen Gegenwelt. Der Vaterländische Frauenverein und die Politisierung konservativer Frauen 1890–1914«. Ute Planert (Hg.). Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne. Frankfurt/M., New York 2000 (Geschichte und Geschlechter 31), 131–146; hier 132.

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»Die deutsche Frau im Kriege«, Offizielle Postkarte des Bayerischen Landeskomitees für freiwillige Krankenpflege im Kriege. Karton, Kunstanstalt Hans Kohler & Co., München, 1914/18, 13,8 x 9 cm. © KMO, A 4435/17.

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ihren ›Mann‹ stehen konnte. Der propagierte ›Nationalkrieg‹ oder ›Volkskrieg‹ zur Befreiung der deutschen Nation vom vermeintlichen französischen Joch war in diesem Sinne ein ›totaler‹ Krieg, in dem die gesamte, als ›Volksfamilie‹ verstandene Nation mobilisiert wurde und diese ihre bedingungslose Opferbereitschaft sowie ihren Patriotismus unter Beweis stellen konnte.3 Die patriotische Wohltätigkeit im Kontext der Befreiungskriege bot Frauen erstmals die Möglichkeit, sich national zu engagieren. Sie organisierten sich dafür in Vereinen. Für die Jahre 1813–1815 sind im deutschsprachigen Raum 573 Frauen­vereine nachgewiesen.4 Die ersten gründeten sich 1813 in Preußen und wurden dabei von allerhöchster Stelle unterstützt, indem die weiblichen Mitglieder der preußischen Königsfamilie zur Gründung von Frauenvereinen aufriefen: Das Vaterland ist in Gefahr! So sprach der König zu seinen treu Ihn liebenden Untertanen, und alles eilt herbei, um es dieser Gefahr zu entreißen. Männer ergreifen das Schwert [...]. Aber auch wir Frauen müssen mitwirken, die Siege befördern helfen, auch Wir müssen Uns mit den Männern und Jünglingen einen, zur Rettung des Vaterlandes. Darum gründe sich ein Verein, er erhalte den Namen der FrauenVerein, zum Wohle des Vaterlandes.5

Die folgende Gründungswelle patriotischer Frauenvereine verlief entsprechend dem Kriegsverlauf tendenziell von Osten nach Westen. Der Osnabrücker Frauenverein gründete sich im Februar 1814. Die Osnabrückerinnen wurden dazu durch die Entstehung eines Frauenvereins in Hannover im Dezember 1813 angeregt, der »zum Besten des Vaterlandes, für dessen Vertheidiger, für kleinere Militairbedürfnisse der Landwehr, und für die durch die Folge des Krieges vorzüglich erschöpften Mitbürger« Spenden sammelte. »Schon längst hat ein gleiches Bestreben die Frauen und Mädchen dieser Stadt beseelt«, ließen die Mitglieder des neu gegründeten Osnabrücker Frauenvereins6 am 21. Februar 1814 verlauten und warben um

3 Karen Hagemannn. »›Deutsche Heldinnen‹. Patriotisch-nationales Frauenhandeln in der Zeit der antinapoleonischen Kriege,«. Planert, 86–112; hier 86, 98 u. 103. 4 Dirk Reder. Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813–1830). Köln 1998, 504. 5 »Aufruf an die Frauen im Preußischen Staat«. Vossische Zeitung, Nr. 39; zit. nach: Hagemannn, 92. 6 Frau von Ostmann (geb. Böselager), Frau von Dinklage (geb. von dem Bussche), »Hofsecretairin« L. Wedekind (geb. Schwartze), »Postmeisterin« M. G. Corsica (geb. Schwartze) sowie Sophie von Reichmeister (geb. von Ostmann); Osnabrückische Öffentliche Anzeigen (OÖA), 26.02.1814, Sp. 210; im Mai 1815 waren dem Verein zudem noch beigetreten: Bernardine von Gülich (geb. Schmidtmann) und Frau von Bar (geb. Dürfeld); OÖA, 10.05.1815, Sp. 655f.

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das »patriotische[...] Mitgefühl unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen«.7 Spätestens im November 1815 bestand neben der Osnabrücker Gruppe auch in Meppen ein »Frauen= und Jungfrauen Verein«.8 Die patriotischen Frauenvereine sammelten Geld- und Sachspenden zur Ausrüstung der Freiwilligen und der Landwehrsoldaten; sie versorgten Kranke und Verwundete und sie kümmerten sich um die Invaliden, Kriegswitwen und -waisen. Ihre Bedeutung war beträchtlich, beruhte doch die gesamte Kriegsfürsorge auf ihrer Organisation und den Finanzmitteln, die mit ihrer Hilfe zusammengetragen wurden. Die meisten Frauen stammten aus dem Adel und dem gehobenen Bürgertum. Diese übernahmen auch die Leitung der Vereine und wurden dabei häufig von Männern – meist den Ehepartnern oder Vätern – unterstützt, z.B. bei der Verwaltung der Finanzen. Dagegen engagierten sich Frauen aus unteren Gesellschaftsschichten besonders in den praktischen Tätigkeiten, indem sie beispielsweise Socken oder Leibbinden für Soldaten strickten oder Wäsche und Hemden nähten.9 Der Osnabrücker Frauenverein startete seinen ersten offiziellen Spendenaufruf im Februar 1814: »Es wird eine jede Gabe, sie bestehe in Gelde, Geldeswerth, Leinen, Hemden, Strümpfen etc.; sie sey groß, oder so unbedeutend wie sie wolle, angenommen.« Bei den Spendenaufrufen spielten die Kirchen als Vermittler eine zentrale Rolle, weshalb der Frauenverein die Geistlichen ausdrücklich dazu aufrief, »dieses unser Erbieten öffentlich zur möglichst ausgebreiteten Kunde aller Patrioten und Menschenfreunde gelangen zu lassen.«10 Wie an den umfangreichen veröffentlichten Nachweisen der Sammlungen des Osnabrücker Frauenvereins zu sehen ist,11 war die Spendenbereitschaft aller gesellschaftlichen Schichten und Gruppierungen der örtlichen Bevölkerung gerade nach dem Sieg über Napoleons Truppen in der »Völkerschlacht bei Leipzig« sehr groß und wohl auch spontan. »Aus einer Damen=Gesellschaft« erhielt der Verein beispielsweise »8 goldene Ringe«.12 Die »Israelitische Gemeinde«, für die aufgrund der Talmudregeln Wohltätigkeit eine besondere Rolle spielte, sammelte »zum Besten der hinterlassenen Wittwen und Waysen der tapferen Krieger« 18 Reichstaler und 15 Gutegroschen.

7 OÖA, 26.02.1814, Sp. 209f. 8 OÖA, 11.11.1815, Sp. 1439f. 9 Hagemannn, 92–95 u. 98. 10 OÖA, 26.02.1814, Sp. 209f. 11 Siehe exemplarisch den über 16 Spalten reichenden Nachweis der Sammlung im Sommer 1815. OÖA, 05.07.1815, »Beylage zum 53sten Stück der Osnabrückischen Anzeigen, vom Jahre 1815«. 12 OÖA, 12.03.1814, Sp. 215f.

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Die Iburger Schuljugend stiftete Wundfäden, Binden und Kompressionen.13 Die Einnahmen wurden je nach Notwendigkeit weitergeleitet. Aus der Sammlung, die im Zuge der Rückkehr Napoleons und seiner endgültigen Niederlage bei Waterloo im Mai/Juni 1815 für die verwundeten und kranken Osnabrücker Soldaten durchgeführt wurde, ging z.B. verarbeitete Leinwand an das Lazarett in Hannover.14 In der Institution des bürgerlichen Vereins hatte so neben dem Spendensammeln auch die zentrale Aufgabe der Kranken- und Verwundetenpflege eine damals hochmoderne Organisationsform gefunden.15 Dabei ist bemerkenswert, mit welcher Dynamik sich die patriotischen Frauenvereine zu diesem Zeitpunkt etablierten. Diese lässt sich nur mit der Entwicklung der Lesegesellschaften vergleichen. Ihre Zahl und ihr Einfluss waren auch weit bedeutender als entsprechende von Männern initiierte Vereine. Frauen bedienten sich hier mithin bereits eines neuen Mediums, um in bis dahin nicht gekannter Weise im öffentlichen Raum zu agieren. Diesen Spielraum eröffnete ihnen mit dem Krieg eine besondere gesellschaftspolitische Ausgangslage. Als »Kriegsgeburt«16 hatte dieser Spielraum allerdings zugleich den Effekt, dass die Akteurinnen in gleicher Weise zu Opfern und Täterinnen wurden. Einerseits verloren sie Väter, Ehemänner und Söhne oder erhielten diese als Versehrte zurück. Andererseits waren sie Teil der Kriegsmaschinerie und vertraten ideologisch Werte, die sich, ausgehend von einem ›christlichdeutschen‹ Nationenbegriff, nationalchauvinistisch gegen alles Französische oder mitunter auch gegen ihre jüdischen Nachbarn richtete. Als den heimkehrenden Soldaten des Osnabrücker Landwehrbataillons, die in der Königlichen Deutschen Legion17 auf Seiten Großbritanniens gegen das napoleonische Frankreich gekämpft hatten und bei Waterloo siegreich gewesen waren, am 22. Januar 1816 nach Osnabrück zurückkehrten, bereitete ihnen die Bevölkerung einen begeisterten Empfang. Unter den Jubelnden befanden sich auch die Mitglieder des »Osnabrückischen Frauen-Vereins«. Die Frauen sangen zu Ehren

13 OÖA, 12.07.1815, Sp. 905–908. 14 OÖA, 05.07.1815, Beilage. 15 Die Tätigkeit selbst knüpfte allerdings an historische Vorbilder an. In der Frühen Neuzeit gehörte dies traditionell zu den Aufgaben der Soldatenfrauen, die den Tross begleiteten. Auch die Frauen von Offizieren und Gutsbesitzern waren standesgemäß zu dieser Hilfe verpflichtet. Hagemannn, 96. 16 Ebd., 99; siehe auch im Folgenden ebd., 95ff. 17 Die »King’s German Legion« wurde vorrangig aus ehemals kurhannoverschen Truppenverbänden gebildet und wurde zwischen 1803 und 1816 eingesetzt.

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der »tapferen Osnabrückischen Landwehr« ein extra für diesen Anlass verfasstes Lied, das mit der Zeile endete: »Willkommen in dem deutschen Vaterlande!«18 Mit der baldigen Auflösung der meisten dieser Frauenvereine in der Zeit um 1815/16 schränkte sich der Handlungsspielraum der darin engagierten Frauen wieder ein. Auf der einen Seite widersprach dies, nachdem die Ausnahmesitua­ tion des Krieges beendet war, nicht ihrer grundsätzlichen Akzeptanz der vorherrschenden bürgerlichen Geschlechterordnung, die dem Mann die öffentliche und der Frau die häusliche Sphäre zuwies. Auf der anderen gab es auf Seiten der Männer durchaus das Interesse, nach dem Krieg zur vorgeblich natürlichen Aufgabenteilung zwischen beiden Geschlechtern zurückzukehren. Während es im Sinne der patriotischen Ziele im Krieg ein ›sprechendes Bild‹ gewesen war, die ›natürliche Mütterliebe‹ in eine ›patriotische Mütterlichkeit‹ umzudeuten, konnten nun die ›Volksmütter‹ getrost die Öffentlichkeit verlassen und an den ›heimischen Herd‹ zurückkehren, um dem Mann wieder das öffentliche Territorium zu überlassen. Größerer Widerspruch von Seiten der Frauen wäre hier allerdings auch nicht zu erwarten gewesen. Zwar hatten ihnen die während der französischen Revolution entstandenen Frauenvereine als Vorbild gedient; während diese jedoch für ihre Unterstützung in den Revolutionskriegen gleiche politische Rechte forderten, richtete sich der ›Befreiungskampf‹ der deutschen patriotischen Frauenvereine vor allem auf die Nation und die Integration der Frau in einen – noch zu bildenden – Nationalstaat.19 Dennoch hatte der Einsatz für »den ›heiligen‹ Wert der Nation«20 den Frauen bis dahin nicht gekannte Handlungsspielräume eröffnet, durch die sie Erfahrungen mit Selbstständigkeit und Autonomie hatten sammeln können. An diese konnte später wieder angeknüpft werden. Parallel dazu sollte sich das hier erstmals ablesbare Phänomen, dass die »kriegsbedingte spezifische Verschiebung der gesellschaftlichen Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern«21 nach Ende der Freiheitskriege in der Phase der Restauration zur Stabilisierung der Geschlechterwie der Gesellschaftsordnung weitgehend wieder aufgehoben wurde, in späteren Phasen wiederholen – nicht nur in Deutschland.

18 KMO, A 1850 (130): Erinnerung an das Jahr 1815. Der tapferen Osnabrückischen Landwehr bei ihrer Heimkehr aus dem Feldzuge d.J. 1815 überreicht von dem Osnabrückischen FrauenVerein 22. Januar 1816. Osnabrück: J.G. Kisling, 1865; siehe auch Ludwig Hoffmeyer. Chronik der Stadt Osnabrück. 5. Aufl. Osnabrück 1985, 341. 19 Hagemannn, 95, 99 u. 102f. 20 Ute Planert. »Vater Staat und Mutter Germania: Zur Politisierung des weiblichen Geschlechts im 19. und 20. Jahrhundert«. Planert, 28. 21 Hagemannn, 102f.

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Der Vaterländische Frauenverein – Vorbereitung auf einen Weltkrieg Gleichwohl sollte der Einfluss der patriotischen Frauenvereine der napoleonischen Ära über diese kurze Periode hinauswirken. Als sich ein halbes Jahrhundert später im Zuge der sog. Reichseinigungskriege 1866 der Vaterländische Frauenverein (VFV) gründete, berief er sich ausdrücklich auf die Tradition jener patriotischen Frauenvereine.22 Im neu entstehenden deutschen Nationalstaat stieg der Verein zu einem der einflussreichsten Verbände auf und sollte sich bis zu seiner Auflösung im Jahre 1937 zur einer der größten deutschen Frauenorganisationen überhaupt entwickeln.23 Mit der Gründung des VFV wurde bezweckt, die bis dato private Organisation der Hilfeleistungen staatlich kontrollieren zu können. Der Hauptverband und die Ortsgruppen gehörten organisatorisch dem Roten Kreuz an. Im Falle eines Krieges unterstanden sie dem 1869 gegründeten »Centralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz«.24 Am 28. Januar 1870, nur wenige Jahre nach Gründung des Hauptvereins, bildete sich in Osnabrück ein Zweigverein des VFV.25 Er verschrieb sich nicht nur der Linderung der wirtschaftlichen und sittlichen Not. Getreu dem Motto der Dachorganisation – »Im Notwendigen Einheit, in den anderen Dingen die Freiheit, in allem aber die helfende Liebe« – wurden die beteiligten Osnabrückerinnen noch in Kriegszeiten aktiv. Als eine ihrer ersten Aktivitäten richteten sie im deutsch-französischen Krieg in Kooperation mit dem »Lokal=Verein für Stadt und Amt Osnabrück zur Pflege der im Felde verwundeten und erkrankten Krieger« im Osnabrücker Schloss ein Lazarett mit 100 Betten ein und betreuten es.26

22 Thorsten Heese. »›Wir deutschen Männer neigen vor den deutschen Frauen das Haupt in Ehrfurcht‹. Die Osnabrückerin als Vaterländische Frau zwischen kaltem Frieden und heißem Krieg. Rolf Spilker (Hg.). Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg. Osnabrück 1914– 1918. Osnabrück-Bramsche, 2014, 92–113; hier 96. 23 Süchting-Hänger, 131. 24 Andrea Hänger. »Politisch oder vaterländisch? Der Vaterländische Frauenverein zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik«. Eva Schöck-Quinteros, Christiane Streubel (Hg.). »Ihrem Volk verantwortlich«. Frauen der politischen Rechten (1890–1933). Organisationen, Agitationen, Ideologien. Berlin 2007 (Schriften des Hedwig-Hintze-Instituts Bremen 9), 57–86; hier 58. 25 Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Osnabrück (NLA O), Dep. 3 b IV, Nr. 1777: Satzung des Vaterländischen Frauen-Vereins für den Stadtkreis Osnabrück: Osnabrück: J.G. Kisling o.D. [1902]. 26 Osnabrücker Tageblatt, 29.01.1920.

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Die vaterländische Gesinnung von Frauen, die im VFV vom Hauptverband bis zum Ortsverein zum Ausdruck kam, entwickelte eine ähnlich staatstragende Bedeutung wie der Patriotismus der Kriegervereine oder anderer nationaler Verbände. Ihre Wirkung war durchaus von politischer Dimension, auch wenn die Kon­ struktion des Vereins und die karitative Ausrichtung auf den ersten Blick darüber hinwegtäuschen mochten. Der Einfluss reichte schon aufgrund der beachtlichen Mitgliederzahl deutlich an so zentrale reichsweite Verbände wie den Deutschen Flottenverein oder den Alldeutschen Verband heran, die die politischen Akteure durch ihre nationalistisch-imperalistische Agitation schon vor Kriegsausbruch erheblich unter Handlungsdruck setzten.27 Der Verein genoss das Wohlwollen des Herrscherhauses. Im kaiserlichen Protektorat zeigten sich die staatstragende Funktion und die herausgehobene gesellschaftliche Stellung des Vereins. Gemäß Satzung war die Kaiserin oberste Protektorin.28 Das Protektorat wurde symbolisch stark aufgeladen. Die Kaiserin wurde – als Vorbild für alle im Verein aktiven Frauen – mystifiziert zur »Samariterin auf dem Throne, die begütigend und lindernd auszugleichen bemüht war, was Kugel und Schwert in blinder Härte zerrissen und zermalmten«.29 Die Konstruktion des Protektorates diente zugleich der Verankerung des Vereins im monarchischen Herrschaftssystem. Über Großorganisationen wie den VFV konnte das Kaiserhaus sowohl gesellschaftlich als auch politisch Einfluss nehmen. Dieser reichte über ihr satzungsgemäßes Recht, die zentralen Vorstände persönlich einzusetzen, weit hinaus. Ohne das Plazet der Kaiserin konnten keine maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden. Dementsprechend war der Verein permanent um ihr Wohlwollen bemüht. Dies war umso schwieriger, als sich das Interesse der strengen Protestantin auf die von ihr selbst gegründete Evangelische Frauenhilfe konzentrierte, wogegen sie die offizielle Interkonfessionalität des VFV eher argwöhnisch beobachtete.30

27 Christoph Nübel. »Bedingt kriegsbereit. Kriegserwartungen in Europa vor 1914«. Aus Politik und Zeitgeschichte 12 (2013), 22–27; hier 26f. 28 NLA O, Dep. 3 b IV, Nr. 1777: Satzung des Vaterländischen Frauen-Vereins für den Stadtkreis Osnabrück. Osnabrück: J.G. Kisling o.D. [1902]. 29 Bericht über die Heirat des Kronprinzen, in Das Rote Kreuz 23, 1905, 356; zit. nach SüchtingHänger, 136. 30 Süchting-Hänger, 132 u. 136.

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Der Vaterländische Frauenverein als weibliche Gegenwelt unter männlichem Patronat Was sich mit der Etablierung von Frauenvereinen wie dem VFV gesellschaftlich vollzog, lässt sich vielleicht als eine ›Emanzipation im national-konservativen Kleid‹ beschreiben. Obgleich ein »Frauenverein«, handelte es sich keinesfalls um eine autonome Frauenorganisation. Die ordentliche Mitgliedschaft im VFV war zwar ausschließlich Frauen vorbehalten. Der Einfluss von Männern war jedoch beträchtlich. Die langjährige Vorsitzende Charlotte Gräfin von Itzenplitz (1866–1916) ließ ihre Reden bei offiziellen Anlässen sogar von einem männlichen »Wortführer« halten.31 Wichtige Vorstandsposten wie der des Schriftführers oder des Schatzmeisters wurden offiziell bis auf die Ebene der Ortsvereine von Männern eingenommen. Im Osnabrücker VFV war etwa Kommerzienrat Kromschröder Schatzmeister des Vereins. Der männliche Einfluss wurde unter anderem damit begründet, dass Männer aufgrund ihrer etablierten gesellschaftlichen Rolle mit dem öffentlichen Leben besser vertraut seien. Verheiratete Frauen waren zudem nicht voll rechtsfähig und traten deshalb nur selten selbst mit Behörden in Kontakt. Der VFV war fest in das national ausgerichtete gesellschaftliche Gefüge eingebunden. Die Frauen gehörten überwiegend Schichten an, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung hatten, und daher gute Gründe besaßen, traditionell und beharrend zu sein. Eine persönliche Anerkennung durch die Kaiserin hatte in ihrem Weltbild eine höhere Priorität als das Recht zu wählen.32

Ein politisches Frauenwahlrecht hätte im Verständnis der Vaterländischen Frau die bestehende gesellschaftliche Ordnung, in der sie gerade ihren Platz gefunden zu haben glaubte, bedroht, weshalb sie bereit war, diese Ordnung nach außen wie nach innen zu verteidigen, und dazu gehörte ein bewusster Verzicht auf das Frauenwahlrecht.33 Als einziges ›Recht‹ der – Vaterländischen – Frau beanspruchte der Verein die Beteiligung am Kriegssanitätsdienst.34

31 Hänger, 58. 32 Ebd., 62. 33 Süchting-Hänger, 142. – Entsprechenden Forderungen stellte sich der VFV 1917/18 denn auch konsequent – und sogar satzungskonform – entgegen; ebd. 136. 34 Im Mai 1918 äußerte sich dazu die Vorsitzende Gräfin von der Groeben auf der Mitgliederversammlung: »Es ist das einzige Recht, das wir für uns in Anspruch nehmen, sonst kennen wir nur Pflichten.« Zit. nach Hänger, 62.

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Stattdessen stilisierte der VFV das vaterländische Engagement der Frau, das bis auf die Befreiungskriege zurückgeführt werden konnte, zur »Wurzel aller öffentlichen Frauentätigkeit«. Durch diesen politischen Gegenentwurf distanzierte er sich deutlich von der organisierten Frauenbewegung.35 Auch wenn der VFV keine Partei war, ist sein Wirken mithin doch in einen nationalen Zusammenhang mit weitreichenden politischen Implikationen einzuordnen. In einem vorgeblich unpolitischen, weil karitativen Rahmen versuchte der Verein im Interesse des Kaiserhauses und der mit ihm verbundenen herrschenden Eliten die monarchistischnationalistische Grundeinstellung der weiblichen Bevölkerung im Kaiserreich zu festigen. Die beständige Hervorhebung der patriotischen Pflichterfüllung der Frau bewirkte eine indirekte Politisierung und förderte die Einbindung vieler Frauen in den monarchistischen Nationalstaat. Gleichwohl ging die Politisierung der Frauen nicht so weit, dass sie auch aktiv in das politische Geschehen eingreifen sollten. Ihre Losung hieß: Akzeptanz des vorgesehenen Platzes innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung bei gleichzeitiger bedingungsloser Verteidigung dieser nationalpatriotisch definierten Ordnung. Dass diese Position dem gesellschaftspolitischen Verständnis sehr vieler nationalkonservativ eingestellter Frauen entsprach, zeigt die breite gesellschaftliche Verankerung des VFV, der die treibende Kraft dieser weiblichen Politisierung war. Angesichts eines latent drohenden großen Krieges sollte sich diese Fundamentalpolitisierung der Vaterländischen Frau zwischen 1890 und 1914 verstärken.36 Die stückweise Ausweitung weiblicher Handlungsspielräume gegenüber der männlichen Einflusssphäre wurzelte demnach nicht in der Durchsetzung von Forderungen nach Gleichberechtigung, sondern in einer durch bürgerliche Wertvorstellungen geprägten Geschlechterwelt, in der die Anerkennung einer vermeintlich »spezifisch weibliche[n] Fähigkeit des Hegens und Pflegens«, verbunden mit der »Legitimationskraft der Nation«,37 ›national-emanzipative Kräfte‹ freisetzte. Militarisierung in Friedenszeiten Durch die streng hierarchische und eng mit den staatlichen Behörden verwobene Organisationsstruktur des VFV konnten die ihm zukommenden Kriegsvorbereitungen seit den 1890er Jahren zunehmend professionalisiert werden.38 Das

35 Süchting-Hänger, 135f. 36 Hänger, 57; Süchting-Hänger, 131, 137 u. 141. 37 Planert, Mutter Germania, 39. 38 Ebd.

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Bestreben, gerade junge, gebildete Frauen aus dem Bürgertum für den Beruf der Krankenschwester zu rekrutieren, beruhte denn auch weniger auf einer vermeintlich gestiegenen Akzeptanz weiblicher Berufstätigkeit. Vielmehr lag dies im Inter­ esse des VFV, zumal das Kriegsministerium darauf drängte, für den potenziellen Kriegsfall ausreichendes Fachpersonal zur Verfügung zu haben.39 Dem Drängen des Ministeriums wurde nachgegeben, indem nun in der Regel von Militärärzten in Militärlazaretten oder den Unfallstationen der allgemeinen Krankenhäuser für die Vereinsmitglieder praktische und theoretische Ausbildungskurse für freiwillige Helferinnen angeboten wurden. Mit den wachsenden politischen Spannungen um 1900 wurden diese Aktivitäten noch einmal bedeutend ausgeweitet.40 Für die Frauen, die sich dazu entschlossen, sich auf einen etwaigen Hilfsdienst im Krieg als Helferin oder als Kriegskrankenschwester vorzubereiten, vermengte sich ein traditionelles konservatives Gesellschaftsbild, das der Frau die Rolle der einfühlenden, helfenden Caritas zuschrieb, mit der Möglichkeit, eine gesellschaftspolitisch anerkannte Position einzunehmen. Während sich dem – männlichen – Soldat die Chance, sich »Mit Gott für König und Vaterland«41 verdient zu machen, beim Militär und im Kriegsfall an der Front bot, konnten sich Frauen in der Kriegskrankenpflege verantwortlich zeigen und durch das ihnen zugedachte Engagement zumindest symbolisch in der Landesverteidigung ihre Integration in die Monarchie unter Beweis zu stellen. Der Verein erinnerte seine Mitglieder daran, »daß wir Frauen als Angehörige eines Staates, der unsere Existenz schützt, und einer Nation, auf die wir stolz sein können, beiden gegenüber auch soziale und nationale Pflichten haben«. Ihre Aufgabe wurde denn auch von vielen Frauen als eine Art ›weiblicher Wehrpflicht‹ verstanden, hinter der die eigenen »Passionen« zurückstehen mussten, ja mehr noch: Wer sich dieser ›Pflicht‹ entzog, machte sich gewissermaßen der Fahnenflucht schuldig.42 Der VFV ermöglichte seinen Mitgliedern »die Teilhabe am Glanz des wilhelminischen Militarismus und schuf damit [...] eine komplementäre weibliche Ge-

39 »›... in Hinblick auf die gewaltigen Mengen, die verlangt werden, wenn das Vaterland im schweren Ringen um seine Weltstellung oder seine Existenz steht!‹ Die Gründung der Helferinnenabteilung des Vaterländischen Frauenverein, Ortsverein Königsberg«. Das Rote Kreuz 31 (1909), 237; zit. nach: Hänger, 59. 40 Hänger, 60. 41 Der Verein übernahm das für Soldaten gültige Leitmotiv: »›Tretet ein ihr Frauen, in unsern Verband! Mit Gott für König und Vaterland!‹ Wirken und Aufgaben des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins Berlin«. Das Rote Kreuz 21 (1903), 253; zit. nach: SüchtingHänger, 137. 42 Siehe auch Lilly Gabler. »Unsere Frauen vom Roten Kreuz im sozialen und wirtschaftlichen Leben«. Das Rote Kreuz 35 (1913), 783; zit. nach: Hänger, 61, u. Süchting-Hänger, 131.

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genwelt, die zum Ausgangspunkt der Politisierung konservativer Frauen werden konnte.«43 Dieses national-patriotische Angebot des Vereins kam offensichtlich dem Bedürfnis vieler Frauen entgegen, die sich nicht einem vermeintlich sinnlosen Zeitvertreib hingeben, sondern ihrem Tun einen Sinn geben wollten, ohne dass damit eine auf Eigenständigkeit abzielende Berufsausbildung angestrebt wurde. Der Sinn lag in der Hingabe der eigenen Kräfte an das Vaterland, die im Kriegsfall noch eine besondere Weihe erfuhr. Die weibliche Gegenwelt des VFV bot Frauen anstelle einer wirklichen Integration in die Männerwelt einen gesellschaftlichen Parallelraum, der nach der Logik männlicher Loyalitäten und Hierarchien funktionierte. Dies verwundert wenig angesichts der starken Ausrichtung am Militär, dessen Hierarchie und Befehlsstrukturen der Verein verinnerlichte: Vorstandsdamen wurden zu »Offizieren«, die für ihre »Mannschaften« verantwortlich waren; Delegiertenversammlungen avancierten zur »Heerschau der Kaiserin«; die hunderttausende Mitglieder bildeten das »Heer der Frauen«. Schließlich war die Tracht der Helferinnen der »königliche Rock«, ein »Gewand der Ehre«.44 Die Frauen wurden in dieser männlich-militärisch geprägten, weiblichen Gegenwelt dazu animiert, dienenden Gehorsam und Schicksalsergebenheit zu kultivieren. Als großes Vorbild galt ihnen die Kaiserin, die die ihrer gesellschaftlichen Stellung entspringenden Pflichten erfüllte. Dasselbe wurde von jeder Vaterländischen Frau erwartet, ein dem gemäßes Verhalten entsprechend belohnt. Zur Versinnbildlichung dieser quasi schicksalhaften Verbindung zwischen der Kaiserin und ihrem weiblichen »Heer« erhielten verdiente Frauen meist während der jährlichen Feier anlässlich des Geburtstags der Kaiserin Orden oder Medaillen verliehen. Forcierte Kriegsvorbereitung ab 1900 und Kriegsausbruch Die in der Satzung definierten »Kriegszeiten« rückten nach der Jahrhundertwende auch für den Osnabrücker Verein deutlich näher. Nachdem der Hauptverband 1906 vorgab, dass die Ortsvereine ihre Gelder im Wesentlichen nur noch für Unternehmungen einsetzen sollten, die im Falle eines Krieges unmittelbar militärischen Zwecken zugute kamen, setzten in Osnabrück verstärkt Kriegsvorbereitungen ein. Die Aktivitäten des Zweigvereins konzentrierten sich darauf, im Kriegsfall ein Reservelazarett betreiben zu können. Dies umfasste die Beschaffung von geeigneten Räumlichkeiten und Inventar sowie die Schulung des Pflegepersonals.

43 Ute Planert. »Nationalismus und weibliche Politik. Zur Einführung«. Planert, 9–14; hier 12. 44 Süchting-Hänger, 134ff.; siehe auch im Folgenden ebd.

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»Außenansicht vom Lazarett des Vaterländischen Frauen-Zweig-Vereins Osnabrück. (G. Kromschröders Fabrick)«. Fotografie von Rudolf Lichtenberg, Osnabrück um 1916, 16,5 x 22,3 cm. © NLAStAOs, Dep. 3 b III, Nr. 588, Nr. 64a.

1907 stellte der Unternehmer Otto Kromschröder die Räume seiner Gasmesserfabrik für diese Zwecke zur Verfügung. Für die Ausstattung des »Vereinslazaretts« hatte er im Jahr zuvor bereits 100 Bettstellen mit Matratzen im Wert von 5.000 Reichsmark gestiftet. 1907 organisierte der Verein zudem einen »unentgeltlichen Kursus zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen« mit dem Regierungs- und Geheimen Medizinalrat Grisar. Die damit verbundenen »praktischen Übungen« leitete Sanitätsrat Pelz vom städtischen Krankenhaus.45 Schon Ende 1908 konnte der Verein den Abschluss seiner Vorbereitungen melden. Das außergewöhnliche Tempo, mit dem der Osnabrücker VFV binnen drei Jahren kriegsbereit war, stützte sich zum einen auf das große finanzielle Engagement Kromschröders, zum anderen auf die sich zuspitzende außenpolitische Lage. Ein Krieg lag ›in der Luft‹.

45 NLA O, Dep. 3 b IV, Nr. 1777: Schreiben Vaterländischer Frauenverein Osnabrück an Magistrat Osnabrück, 30.01.1907.

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»Liebesgaben-Versand des Vaterländischen Frauen-Zweigvereins ­Osnabrück«. Foto­grafie von Rudolf Lichtenberg, Osnabrück um 1916, 16,3 x 18,8 cm. © NLAStAOs, Dep. 3 b III, Nr. 588, Nr. 63d.

Wenn dabei von einem bevorstehenden »Volkskrieg«46 die Rede war, so ist dies nicht nur auf die große Menge mobilisierter Soldaten zu beziehen. Vielmehr zeigt sich hierin bereits, wie schon in der Rhetorik der Befreiungskriege, das gemeinsame Agieren breiter Gesellschaftskreise. Dazu sind auch die kriegsvorbereitenden Maßnahmen des VFV zu zählen. Wenn dieser also ab 1909 seine »jederzeitige vollkommene Bereitschaft«47 signalisierte, dann war dies ein wichtiger Baustein

46 »Es wird ein Volkskrieg werden, der nicht mit einer entscheidenden Schlacht abzumachen sein wird, sondern der ein langes mühevolles Ringen mit einem Lande sein wird, das sich nicht eher überwunden geben wird, als bis seine ganze Volkskraft gebrochen sein wird, und der auch unser Volk, selbst wenn wir Sieger sein sollten, bis aufs äußerste erschöpfen wird.« Moltke 1905; zit. nach: Nübel, 24. 47 NLA O, Dep. 3 b IV, Nr. 1777, Verwaltungsbericht 1908, 1909, Bl. 49.

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einer allgemeinen Kriegsbereitschaft, die den Schritt zum Kriegseintritt begünstigte.48 Mit dem Einüben möglicher Rollen im Krieg übernahm der Verband zudem eine weitere zentrale politische Funktion, die in der Vorbereitung der Bevölkerung auf einen möglichen Krieg lag. Das bedeutet nicht, dass er – wie etwa die nationalistischen Agitationsverbände – aggressive Kriegshetze betrieb. Es ging vielmehr darum, die Akzeptanz des Krieges als unvermeidliches Mittel der Politik zu fördern. Der insbesondere an der ›Heimatfront‹ zu leistende Teil war der Beitrag der Vaterländischen Frau zur »Wacht am Rhein«.49 Der Krieg, für den sich der VFV seit Jahren intensiv vorbereitet hatte, kam im August 1914. Bei Kriegsausbruch beschränkte sich die Tätigkeit des VFV im Wesentlichen auf die Versorgung der Verwundeten. Dazu wurden reichsweit etwa 118.000 Frauen eingesetzt, davon 19.000 unmittelbar in Kriegsgebieten. Diese waren dem Roten Kreuz direkt unterstellt, bildeten aber nur den geringeren Teil der im VFV organisierten Frauen, die nun aktiv wurden. Der weit größere Teil wurde vor Ort in den Hilfslazaretten und Erfrischungsstationen eingesetzt, strickte Wollsocken und packte die »Liebesgaben« zusammen, die per Feldpost an die Soldaten versandt wurden.50 In einer Welle vaterländischer Hilfsbereitschaft stieg die Zahl der Mitglieder des VFV sprunghaft an und verdoppelte sich durch den Krieg. So wie sich ein großer Teil der bürgerlichen, akademisch gebildeten Jugend begeistert freiwillig für den Fronteinsatz meldete, zog es viele Frauen zur »freiwilligen Kriegshilfe«51 an die Heimatfront. Vereine wie der VFV mit seinem weit verzweigten, gut und langfristig organisierten System waren eines der tragenden Elemente der gewaltigen Kriegsmaschinerie. 1916 waren mehr als 800.000 Mitglieder in 2.320 Zweigvereinen organisiert und leisteten Freiwilligendienste. Nun konnte die von langer Hand vorbereitete »Kriegsarbeit des Vaterländischen Frauenvereins«52 beginnen. Der VFV übernahm gleich zu Kriegsbeginn die Betreuung der Truppentransporte. Die Züge machten im 30-Minuten-Takt auf dem Weg zur Front Station in Osnabrück. Während der Mobilmachung des deutschen Heeres in den ersten beiden Augustwochen wurden nach einem detailliert ausgearbeiteten Fahrplan ohne größere Betriebsstörungen in insgesamt 11.000 Zügen drei Millionen Soldaten, 860.000 Pferde und große Mengen an Kriegsmaterial an die Fronten befördert.53 Während der Halte der Züge wurden Getränke,

48 Zur unmittelbaren Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges siehe exemplarisch Nübel. 49 Süchting-Hänger, 141. 50 Hänger, 63. 51 Osnabrücker Tageblatt, 02.11.1916. 52 »Die Kriegsarbeit des Vaterländischen Frauenvereins«. Artikelserie, Osnabrücker Zeitung, 25.–27.01.1917. 53 Zug der Zeit – Zeit der Züge. Deutsche Eisenbahn 1835–1985. Berlin 1989, 243.

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»Verkaufstelle vom roten Kreuz – Hauptbahnhof Frl. Brickwedde, Frau Gosling, Frl. Schmidt, Frl. Westerkamp«. Fotografie, Osnabrück 1916, 8,9 x 11,9 cm. © NLAStAOs, Dep. 3 b III, Nr. 588.

Butterbrote und Rauchwaren ausgegeben. In Osnabrück wurden zu diesem Zweck vom VFV in einem ehemaligen Güterschuppen des alten Bremer Bahnhofes sowie auf dem Hauptbahnhof Verbands- und Erfrischungsstellen eingerichtet. Die Heimatfront besaß ihre eigenen ›Materialschlachten‹: Im Berichtsjahr 1915 gaben die Helferinnen des Vereins in Tag- und Nachtarbeit 27.500 warme und 62.000 kalte Mahlzeiten sowie 50.000 Liter Milch aus; 2.150 Verbände wurden angelegt und 20.000 Personen über Nacht beherbergt.54 In Zentrum der Arbeit des VFV stand das »Vereinslazarett« in der Gasuhrenfabrik Kromschröder mit seinen 100 Betten. Es war ab 30. August 1914 einsatzbereit. Bis Ende 1915 wur-

54 Osnabrücker Tageblatt, 25.01.1916.

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den 671 Verwundete behandelt, von denen die Hälfte wieder dienstfähig wurde; zwei Patienten starben. 1916 wurden insgesamt 574 Verwundete versorgt. Als die Gasmesserfabrik für die Produktion von Kriegsmaterial benötigt wurde,55 musste das Lazerett verlagert werden. Neuer Standort wurde der Neubau des Kaufhauses Leffers an der Johannisstraße. Dort konnten 85 statt bisher 65 Kranke in einem Saal untergebracht werden.56 Die militarisierte Frau Die in den »Friedenszeiten« zu beobachtende Militarisierung der Frauen hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Viele Kriegskrankenschwestern stellten sich ihren Dienst im Krieg als Abenteuer vor. Bei Kriegsausbruch drängte es viele Frauen unmittelbar an die Front. Das »Augusterlebnis« beschränkte sich demnach offensichtlich nicht auf die männliche Bevölkerung. In zeitgenössischen Berichten wird geschildert, wie Frauen in Ausbildungs- oder Auffrischungskursen förmlich danach gierten, endlich ›echte Verwundete‹ zu pflegen, und dann enttäuscht waren ob der wund gelaufenen Füße, die zu behandeln waren. Einer solchen Wahrnehmung musste das eigentliche zerstörerische Potenzial des Kriegsgeschehens entgehen. Das Phänomen, dass die Frauen den Krieg weniger als organisierte Vernichtung der Väter, Brüder und Söhne sondern eher als eine individuelle Herausforderung und Gelegenheit wahrnahmen, sich mit dem Staatskörper zu identifizieren sowie gesellschaftliche Legitimation und Anerkennung zu erfahren, war im Übrigen keineswegs nur ein deutsches Phänomen, sondern betraf auch die anderen am Krieg beteiligten Staaten.57 In der Kriegskrankenpflege verband sich das Nationale mit dem konservativen Ideal der Frau: Die »dienende, helfende, betende Frau«, »nach ihrer schöpferischen Anlage viel leidensfreudiger und leidensfähiger als der Mann«, war der immer wieder beschriebene und idealisierte Frauentypus. [...] Die Tätigkeit der Krankenpflege, so hieß es, sei eine einfache Übertragung der mütterlichen Aufgaben der Frau von der Familie auf den öffentlichen Bereich. Sie erfahre im Krieg ihre höchste Steigerung und werde zur mütterlichen Sorge für das ganze Volk.58

55 NLA O, Dep. 3 b IV, Nr. 1777: Jahresbericht 1916. 56 Osnabrücker Volks-Zeitung, 24.01.1918. 57 Süchting-Hänger, 140; Hänger, 64. 58 Süchting-Hänger, 135.

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Dies bedeutete eine – aktive – Erweiterung der Rolle der Frau in der nationalen Agenda, in der ihr generell das – passive – Opfern, Leiden und Dulden zugedacht war. In jeder Kriegssituation wurde von Frauen aufs Neue erwartet, ihre Söhne, Männer und Geliebten auf dem »Altar des Vaterlandes« zu opfern, die eigenen Emotionen zurückzuhalten um den Auszug der »Helden« in die Schlacht und die Durchhaltebereitschaft nicht zu gefährden, klaglos auszuharren und Leid allenfalls »in stolzer Trauer« zu bekunden.59

Das der Tätigkeit des VFV unterliegende Rollenverständnis der Zeit sah auf der einen Seite den »kämpfenden Mann«, der im Kampf »Wunden schlägt«. Dem gegenüber stand »die milde Frauenhand«, die die »geschlagenen Wunden zu heilen und die Schrecken des Krieges zu mildern« suchte.60 Das bemühte Bild der »milden Frauenhand« entsprach exakt dem Zeitgeist. Die Frauen erhielten gemäß der Binnenlogik der weiblichen Gegenwelt ihren eigenen Platz und ihre eigene Aufgabe. In Analogie zur Kaiserin als »Samariterin auf dem Throne« war nicht der Kampf das zentrale Motiv, sondern die Hilfe für die Verwundeten.61

Die mit religiös übersteigerten Metaphern wie dem »milden Engel« oder dem »Engel der Barmherzigkeit und Liebe« propagierte und idealisierte Rolle der Vaterländischen Frau war im Kriegsfall ein äußerst positives Identifikationsangebot. Der Mann musste zerstören – die Frau heilte. Verwundetenpflege, Hilfsdienste bei der Versorgung der Truppen und moralische Unterstützung waren aber keineswegs nur Akte der »Mildtätigkeit« oder einer »ausserordentlich segensreichen Liebestätigkeit«, wie es Osnabrücks Oberbürgermeister Rißmüller am 9.  November 1916 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Gesamtvereins gegenüber der Vereinsvorsitzenden Agnes Schoeller (1861–1945) formulieren sollte,62 also ein vermeintlich friedliches Agieren, das unabhängig von der militärischen Kriegsführung zubetrachten ist. Vielmehr waren diese kriegsunterstützenden Maßnahmen eine unmittelbare Konsequenz aus der Kriegsführung, ohne die ein Funktionieren des gesamten Kriegsapparates

59 Planert, Mutter Germania, 40. 60 Osnabrücker Tageblatt, 02.11.1916. 61 Süchting-Hänger, 139. 62 NLA O, Dep. 3 b IV, Nr. 1777: Schreiben Magistrat Osnabrück, Oberbürgermeister Rißmüller, an Vaterländischen Frauenverein, Vorsitzende, Agnes Schoeller, 09.11.1916.

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nicht denkbar gewesen wäre. »Damit wird die Militarisierung einer humanitären Idee überdeutlich: die Leistung der Frauen ist die Unterstützung des Kampfes, nicht das Lindern von Leid aus rein humanitären Motiven, wie es das Bild des guten Engels suggeriert.«63 Insofern waren die Schlussworte der Vorsitzenden Agnes Schoeller auf der Generalversammlung des Vereins Ende Januar 1918 im Großen Club nur vaterländische Rhetorik respektive verschleierndes ›Understatement‹. Wenn sie behauptete, dass sich die Aktiven im VFV »nicht mit den Kämpfern an der Front messen können«, so unterschlug sie, dass ein kriegführender Staat nicht ohne die »in Treue und Selbstlosigkeit« erfüllte Pflicht der »Vaterländischen Frau« auskam. Kriegsende – Kapitulation – »Revolution« Das staatstragende Auftreten des VFV spielte mit zunehmender Kriegsdauer für die Propaganda eine wichtige Rolle. Als sich der Verein im September 1917 bei einer vom Deutsch-Evangelischen Frauenbund initiierten »Kundgebung deutscher Frauen gegen die Wilsonnote« als Unterstützerin des Siegfrieden-Lagers positionierte, war dies eine ideale Vorlage für Hindenburg, der stolz verkünden konnte: Verbindlichen Dank für die gütige Zusendung der herrlichen Kundgebung der deutschen Frauen. Sie hat mir von Herzen wohl getan. Mit flammendem Zorn treten die deutschen Frauen neben uns Männer in die Front gegen fremde Anmassung, wie sie allezeit aufopfernd und stolz Leid und Freud’ mit uns getragen haben. – Wir deutschen Männer neigen vor den deutschen Frauen das Haupt in Ehrfurcht.64

In der besonderen Kriegssituation wurde die Gemeinschaft des örtlichen Vereins wie die des Zentralvereins auch rituell noch einmal überhöht und in die Schicksalsgemeinschaft des sich im Krieg befindenden ›Volkes‹ gehoben. Dem unbedingten Durchhaltewillen an der heimatlichen Front in Osnabrück entsprach die Linie des Hauptverbandes des VFV, der bis zum letzten Moment Durchhalte­ parolen verbreitete und noch im Oktober 1918 zur Zeichnung der 9. »Siegsanleihe« aufrief. Mit dem Waffenstillstand war der Krieg für den VFV nicht beendet. Das Reservelazarett blieb zunächst noch bestehen und wurde erst im Frühjahr 1919 offiziell aufgelöst. In vier Jahren waren dort 3.000 Kranke und Verwundete versorgt worden. Mit dem Kriegsende veränderte sich die Stellung des Roten Kreuzes und

63 Süchting-Hänger, 139f. 64 Archiv des deutschen evangelischen Frauenbundes, Q 7: Antworttelegramm des Generalfeldmarschalls von Hindenburg, 27.09.1917; zit. nach: Hänger, 65.

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»Getreu bis in den Tod. Der sterbende Krieger.« Postkarte, E. Sanwald, Esslingen, Karton, bedruckt, 1915, 9,1 x 14 cm. © KMO, A 4215/6.

des VFV grundlegend. Durch den Sturz der Monarchie wurde die Kaiserin als Schirmherrin obsolet. Die Privilegien, die bislang den engen Beziehungen zum Hof und zum Militär entsprungen waren, entfielen. Zudem wurde den Vereinen eine neue Organisationsstruktur auferlegt. Im Sinne einer ›Zivilisierung‹ wurden die Aufgaben der bisherigen Kriegskrankenpflege in einen »Amtlichen Sanitätsdienst« umgewandelt. Dazu wurde die ministerielle Zuständigkeit vom Reichswehrministerium auf das Innenministerium übertragen. Die Kriegsvorbereitung als vorherige zentrale Aufgabe des Vereins tauchte in der neuen Satzung nur noch in verklausulierter Form auf. Als gravierend erwies sich auf Dauer der folgende wirtschaftliche Abstieg breiter Kreise der bisherigen bürgerlichen Trägerschichten des VFV, denen zunehmend die Mittel für das bisherige wohltätige Engagement fehlten. Um dieser Entwicklung zu begegnen, reagierte der Verein mit einer Verlagerung seiner karitativen Ausrichtung weg von der bislang geförderten Arbeiterschaft hin zum vermeintlich staatstragenden Mittelstand. Dahinter verbarg sich zugleich eine deutliche politische Positionierung gegen das ›revolutionäre‹ Weimarer Regierungssystem.65

65 Hänger, 66f.

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Die Vaterländische Frau als Nationalistin im Engelskostüm – ein Fazit Bot Frauen die Aktivität in bürgerlich-konservativen Vereinen wie dem VFV in dem nationalistisch geprägten Gesellschaftsklima des Kaiserreiches die Möglichkeit zu verstärkter gesellschaftlicher Teilhabe oder gar bis dahin nicht gekannte politische Handlungsspielräume? Tatsächlich zeigt ja das Entstehen solcher Vereinigungen, dass das im 19. Jahrhundert vom deutschen Nationalismus propagierte »einig Volk von Brüdern« durchaus auch aus »Schwestern« bestand. Die Forschung schwankt hier gleichwohl zwischen zwei Polen: Die eine Seite glaubt durchaus erweiterte Handlungsspielräume sowie Möglichkeiten zur gesellschaftspolitischen Teilhabe festzustellen. Dagegen konstatiert die andere, dass die Frauen lediglich instrumentalisiert wurden, indem sie unter nationalpatriotischem Vorzeichen zur Ableistung weiblicher Hilfsdienste motiviert wurden, ohne dass ihnen gleichzeitig politische Mitwirkungsmöglichkeiten eingeräumt wurden. Dadurch sei zugleich das unter Geschlechterperspektive ungleiche nationalstaatliche Modell gefestigt und fortgeschrieben worden. Unbestritten ist, dass Frauen, indem sie sich auf Begriffe wie die Nation oder das Vaterland beriefen, in einer gesellschaftlich akzeptierten Form ihre Handlungsspielräume erweitern konnten. Viele Frauen werden dabei auch im Vertrauen auf das »Partizipationsversprechen des modernen Nationalismus« gehofft haben, durch die Erfüllung ihrer nationalen Pflicht einen Anspruch auf eine staatsbürgerliche Gleichstellung zu erhalten.66 Indem Frauen ihre Opferbereitschaft für das Vaterland signalisierten, machten sie zugleich ihr Bedürfnis sichtbar, an der Nation teilhaben zu wollen. Gemäß dem Rollenmodell der bürgerlichen Gesellschaft wurde der Frau dabei ein spezifisches, als weiblich definiertes Aktionsfeld zwischen Erziehung, Kultur und Wohltätigkeit zugewiesen. Die normative Trennung zwischen einer männlich dominierten öffentlichen und einer weiblich bestimmten privaten Sphäre entsprach dabei nur begrenzt der gelebten Wirklichkeit. Die normative Grenzziehung wurde im Alltag schon durch die Einbindung der Frau in das gesellige Leben, die Vereinskultur und auch das Wirtschaftsleben regelmäßig überschritten. Als noch bedeutender erwies sich die Zuweisung öffentlicher Funktionen im Rahmen der Nation wie bei dem Engagement im VFV. »Der Einsatz für Mutter Germania führte in dieser Sicht gleichsam mit Notwendigkeit zur Teilhabe an Vater Staat.«67 Durch die nationale Einfärbung wirkte das vermeintlich private Engagement politisch – mit entsprechenden Konsequenzen für die dauerhafte alltägliche Überschreitung der rollenspezifisch definierten normativen Grenzen der wilhelminischen Gesellschaft. »Die restriktive, auf Ergänzung des Männlichen hin angelegte nationale

66 Planert, Nationalismus, 9f. 67 Planert, Mutter Germania, 49.

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Konzeption von Weiblichkeit trug gleichsam den Stachel der Veränderung systemimmanent in sich.«68 Dies führte jedoch nicht automatisch zu einer gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter. Die ›gleichberechtigte Patriotin‹ war keine gleichgestellte Staatsbürgerin; ihre patriotische Pflichterfüllung strebte nicht unmittelbar nach politischer Gleichberechtigung und resultierte auch nicht darin. Unabhängig vom Geschlecht setzte der Nationalismus bei den konkreten Aktivitäten des VFV die ihm eigene Dynamik frei: Während nach innen auf Homogenität gedrungen wurde, grenzte sich die Nation in ihren jeweiligen Strukturen und Organisationen aggressiv nach außen ab.69 Was die Vaterländische Frau betraf, so boten ihr die weiblichen patriotischen Identifikationsangebote der »Samariterin« oder des »Not lindernden Engels« die Möglichkeit, sich der eigentlichen Verantwortung ihres Handelns zu entziehen.70 Tatsächlich aber war auch die Vaterländische Frau eine Täterin. Indem sich die weitaus meisten bürgerlichen Frauen zur Legitimierung ihres Handelns nicht auf die Menschenrechtstradition, sondern auf das Nationalprinzip beriefen, schrieben sie nicht nur das dualistische Geschlechterprinzip fest, sondern trugen auch die dem Nationalismus inhärenten exklusiven und aggressiven Elemente mit, seine nicht notwendig immer sichtbare, aber doch immanente Nähe zu Antisemitismus, nationalem Chauvinismus, Rassismus und Imperialismus.71

Auch Frauen waren mithin an diesen Phänomenen mit allen ihren Ursachen und Folgen aktiv beteiligt.

68 Ebd. 69 Planert, Nationalismus, 10. 70 Süchting-Hänger, 140. 71 Planert, Mutter Germania, 50.

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»Wir werden bei dir bleiben, bis wir fallen« Krieg als Abenteuer, Abenteuer als Krieg in der Jungenliteratur der Weimarer Republik

Solang ich denke und atme und bin hat das Leben für mich nur den einen Sinn: die Ketten zu brechen! Und was ich auch tue bei Tag und bei Nacht ich habe nur einen Gedanken gedacht: Die Schande zu rächen!

So dichtete 1922 ein Bogislaw von Selchow im Deutschen Offiziersblatt.1 Diese Zeilen spiegeln das wider, was das kollektive Bewusstsein der konservativen Kreise der Weima­rer Republik prägte: Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Versailler Vertrag. Sie wurden als Schande empfunden, die es zu rächen galt. Und folgerichtig rief der Gymnasialprofessor Nicolaus Wöhrner unter allgemeinem Beifall auf der Reichsschulkonferenz von 1920 aus: »Vor­gestern hat der Deutsche gesiegt, gestern unterlag er, und übermorgen kann er wieder den anderen niederringen.«2 In der Weimarer Republik setzten sämtliche politischen Gruppierungen ihre Hoffnung auf die Erziehung der Jugend, der man nicht nur eine eigene Ge­schichte zugestand, sondern der man auch zutraute, selbst Geschichte ›ma­chen‹ zu können. Damit kam der Jugendliteratur eine große Bedeutung zu. Es entstand der »Mythos Jugend«, dessen Wurzeln bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückreichten. Die Jugend galt als Hoffnungsträger, um die als Krise empfundene Mo-

1 Zit. nach Uwe Ketelsen. »Krieg in der Kinder- und Jugendliteratur«. Norbert Hopster (Hg.). Die Kinder- und Jugendlitera­tur in der Zeit der Weimarer Republik. Teil 1. Frankfurt/Main 2012, 269. 2 Ebd., S. 270.

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derne überwinden zu können – Tummelplatz ideolo­gischer Auseinandersetzungen aller Art.3 Vor diesem knapp skizzierten Hintergrund möchte ich an einigen ausgewähl­ ten Beispielen zeigen, welches Bild vom Krieg und kriegstauglichen männli­chen Tugenden die Jungenbücher der Weimarer Republik prägen. Die Spannweite insbesondere der bürgerlichen Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik war groß und uneinheitlich. Sie reichte von der Aufwärmung germanischer Heldensagen über Berichte aus dem Dreißigjährigen Krieg und Schilderungen der Kolonisation zu Heldentaten der Marine und Luftwaffe bis hin zu Abenteuerbüchern und Natur- und Tiergeschichten.4 Jugendliteratur als Sprachrohr rechtskonservativer Kreise stellte einen Affront gegen den freiheitlich-demokratischen Grundgedanken der Weimarer Verfassung dar. Sie propagierte gewaltorientierte Konfliktlösungen und setzte den Militarismus des Wilhelminischen Zeitalters literarisch fort. Sie vertrat rassistische und nationalistisches Gedankengut und negierte die Gleichberechtigung der Frau.5 Kultbücher der Weimarer Republik – 3 Beispiele Drei Bücher aus der Kriegs - und Vorkriegszeit waren es unter anderen, die die Jugendlichen der Weimarer Re­publik prägten: Der Zupfgeigenhansel von Hans Breuer, der Wehrwolf von Hermann Löns und Der Wanderer zwischen beiden Welten von Walter Flex. 1908 erschien Der Zupfgeigenhansel, eine von Hans Breuer zusammen­gestellte Sammlung alter Volkslieder, das Liederbuch der Jugendbewegung und des Wandervogels. Die Jugendbewegung, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden war, suchte ihre Selbstfindung in der Natur abseits der Städte: Romantisch, freiheitslie­bend, sentimental und unpolitisch. Eines ihrer Lieder: Aus grauer Städte Mauern zieh‘n wir durch Wald und Feld. Die Helden ihrer Lieder waren Gesetzlose wie Seeräuber und Landsknechte und rechtlose Minderheiten wie »Zigeuner« und Landstreicher. Das Liederbuch erreichte in der Weimarer Republik hohe Auflagen und hatte Kultcharakter. Wie aber konnten aus Jugendlichen, die aufbegehrten, die in Minderheiten und Au­ßenseitergruppen ihr Vorbild sahen, im Gleichschritt marschieren-

3 Vgl. Sandra Ludwig. »Die Diskussion um die Kinder- und Jugendliteratur in der Weimarer Republik«. Hopster, Teil 2, 541 ff. 4 Vgl. Ketelsen, 272. 5 Vgl. Karsten Leutheuser. Frei, geführte und verführte Jugend. Politisch motivierte Jugendliteratur in Deutschland 1919–1989. Paderborn 1995, 81ff.

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de kriegsbe­geisterte junge Männer werden? Und dies, trotz eines grauenhaften Kriegs und seiner Folgen? Der Zupfgeigenhansel ist ein Beispiel für diese Bewusstseinsveränderung. Er instrumentalisiert das ursprüngliche Liedgut für nationalistisches und militärisches Denken. Hieß es im Vorwort von 1908 noch »Was hier gebracht wird, hat seit Wandervogels Anbeginn eine unverwüstliche Lebenskraft be­wiesen, hat Jahrhundert um Jahrhundert im Volke fortgelebt« erklärt das Vorwort von 1915 das Volkslied zum typisch deutschen Wanderlied und damit zum Werkzeug der Erziehung zum »Deutschen Volkstum«, wenn es heißt: »Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe. Erwandert euch, was deutsch ist. Werdet Männer, festzustehen und euren Platz auf der Erde zu behaupten! Das ist heilige Pflicht vor euren Brüdern, die gefallen sind.« Hermann Löns, dessen Wehrwolf von 1910 in der Weimarer Republik eine riesige Auflagenhöhe erreichte, fasst die anarchischen Zustände während des Dreißigjährigen Krieges in der Devise zusammen: »Besser fremdes Blut am Messer, als ein fremdes Messer am eigenen Blut!«6 Löns feiert in wüsten und häufig rührseligen Bildern vom Krieg das Recht auf Selbstverteidigung zum Erhalt der Ehre. Und Krieg wird als Spaß am Abschlachten geschildert, wenn es heißt »›Junge‹, sagte der alte Mann, ›das war ein Spaß! Was haben wir die krum­men Hunde geweift! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den Brägen ge­schlagen, dass es nur so ballerte.‹«7 In Anlehnung an Grimmelshausens Simplicissimus stellt Löns die Selbstver­ teidigung als angestammtes Recht des kleinen Mannes dar und Gewalt als einzige Form der Konfliktlösung. Aber Löns nimmt eine entscheidende Ände­rung vor: Dieses Recht haben nur die Menschen germanischer Abstammung, Sie allein haben die »Haide« kultiviert, von der es zu Beginn des Romans in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte heißt: »Im Anfang war es wüst und leer in der Haide. [...] Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter und gelbes Haar hatten«.8 Diese Verbindung von Lust am Krieg und ursprünglichem Germanentum: Das war es, was junge Leser bis in die Zeit des Nationalsozialismus faszinierte. Walter Flexs Kriegsbuch Der Wanderer zwischen beiden Welten von 1917 schließlich war ein Kultbuch vieler Jugendlicher der Weimarer Republik.9 Flex, der die Schrecken des Krieges idealisiert und romantisiert, widmete die Novelle seinem 1915 gefallenen Kriegskameraden Ernst Wurche, der sich durch Schönheit, Bildung und tiefe Religiosität auszeichnet.

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Hermann Löns. Der Wehrwolf. Jena: Eugen Dierichs, 1941, 13. Ebd., 2. Ebd., 1. Vgl. dazu Leutheuser, 40 ff.

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Wurche, von dem es heißt: »Sein Gott war mit einem Schwerte gegürtet, und auch sein Christus trug wohl ein helles Schwert, wenn er mit ihm in den Kampf schritt«,10 ist für Walter Flex das »Idealbild des neuen Menschen«. Der Krieg wird zur Bewährungsprobe und das Sterben im Krieg das große Abenteuer, wenn es von Wurche heißt: »Großen Seelen ist der Tod das größte Erleben«,11 und Wurches Mutter fragt, als sie vom Tod ihres Sohnes erfährt: »Hat Ernst vor seinem Tode einen Sturmangriff mit gemacht?« Ich nickte. [...] Da schloss sie die Augen und lehnte sich im Stuhle zurück. »Das war sein großer Wunsch«, sagte sie langsam, als freue sie sich im Schmerz einer Erfüllung, um die sie lange gebangt hatte.12

Walter Flex reduziert das Grauen des Krieges auf Kameradschaft und Schwärmerei. Dies kulminiert in seinem romantisierenden Lied Wildgänse rau­schen durch die Nacht13 angesichts eines Gänseschwarms, den er über die Schlachtfelder der Westfront ziehen lässt. Ein Lied, das Motive des Wandervogels mit Kriegsmotiven mischt. Hören wir uns dies Lied einmal an. Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden; Unstete Fahrt habt Acht, habt Acht, die Welt ist voller Morden. Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt, graureisige Geschwader! Fahlhelle zuckt und Schlachtruf gellt, weit wallt und wogt der Hader. Rausch zu, fahr zu, du graues Heer! Rauscht zu, fahrt zu nach Norden! Fahrt ihr nach Süden übers Meer, was ist aus uns geworden? Wir sind wie ihr ein graues Heer und fahr‘n in Kaisers Namen Und fahr‘n wir ohne Wiederkehr, rauscht und im Herbst ein Amen. 10 Ebd., 25. 11 Ebd., 97. 12 Ebd., 63. 13 Ebd., 8.

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Wurche bezieht sich in seiner Begeisterung für den Krieg ausdrücklich auf die Jugendbewegung, wenn es von ihm heißt: »Aller Glanz und alles Heil deutscher Zukunft schien ihm aus dem Geist des Wandervogels zu kommen.«14 Und genau in dieser Verbindung von Nationalismus, Kriegsbegeisterung, Religiosität und Jugendbewegung liegt die Faszination und die Verführungskraft dieses Buches. Männliche Würde und Unbeugsamkeit, Opferbereitschaft bis in den Heldentod, Mut und Disziplin, Nationalstolz und Verachtung vor allem der Russen, deren Beschreibung an Ungeziefer erinnert – ein Topos, der später wieder in Adolf Hitlers Mein Kampf auftaucht –, das sind die soldatischen Tugenden, die Walter Flex in seinem Buch vermittelt. Und während die »Russenhorden« mit »Geheul vorbrechen«15 – ein Bild, das an wilde Tiere erinnert – werden die ge­fallenen Deutschen zu Helden und Märtyrern: Nun blüht seiner Jugend Heiligenschein als Opferflamme im Heldenhain über der blutigen Erde.16

Diese Bilder vom männlich-heroischen Soldaten finden sich auch auf den politischen Plakaten, die seit 1918 zu einem wichtigen Medium der Propagan­da werden. Ein Beispiel dafür ist Fritz Erlers Plakat Mann im Stahlhelm, das einen rußgeschwärzten jungen Soldaten mit Stahlhelm zeigt, der, dekorativ umrahmt von einem zerrissenen Stacheldraht, mit leuchtenden Augen die Vision eines siegreiches Deutschland darstellt.17 Die drei Beispiele zeigen, wie vielfältig die Bilder von männlichen Tu­genden sind, denen Jungen in den Büchern der Weimarer Republik begegnen: Vom bärbeißigen Bauern aus dem Dreißigjährigen Krieg, der im Bewusstsein seiner arischen Abstammung sein Recht auf Selbstverteidigung mit der Waffe in der Hand einfordert, über den Wanderer, der mit Klampfe und Gesang den Platz Deutschlands behauptet wider alle Versailler Verträge, bis zum intellektuellen jungen Soldaten mit den Büchern von Nietzsche und Jünger im Gepäck, die ihm das moralische Rüstzeug für den Kampf im Krieg liefern und seinen Tod zum Heldentod erklären.

14 Ebd., 20. 15 Ebd., 107. 16 Ebd., 105. 17 Vgl. dazu Petra Maria Schulz. »Ästhetisierung von Gewalt in der Weimarer Republik«. Erich Maria Remar­que-Jahrbuch 16 (2006), 124.

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Helden der Kolonien, der Luft und der Meere – Krieg als Abenteuer in Jungen­­ büchern der Weimarer Republik – zwei Beispiele Krieg als aufregendes Abenteuer, Kriegserlebnisse, die das Kriegsgeschehen als Heldentaten Einzelner erzählten, aben­teuerliche Erlebnisse und Kämpfe in den Kolonien, vor allem in Afrika: Das war die Literatur, die vor allem von Jungen gele­sen wurde. Ebenso wie die Geschichten von Aben­teurern der Seeflotte und Heldentaten von Kampffliegern, die zu Ikonen des modernen Ritters stilisiert wurden.18 Dass diese Helden ihre eigenen Abenteuer erzählten, spielte dabei eine wichtige Rolle. Dies auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen war fast unmöglich, darf man doch nicht vergessen, dass es weder Fernsehen noch Internet gab. Ich möchte dazu zwei Beispiele vorstellen: Felix Graf von Luckner, Seeteufel, Abenteuer aus meinem Leben von 1921 und General Paul von Lettow-Vorbeck, Heia Safari! Deutschlands Kampf in Ost­afrika, Der Deutschen Jugend erzählt von von 1920. Wer den Seeteufel aufschlägt, wird zunächst in den Bann der Geschichte eines abenteuerhungrigen Halbwüchsigen gezogen, der um der Liebe zur Seefahrt willen die Schule abbricht, von Zuhause wegläuft und auf eigene Faust auf einem Schiff anheuert. Ein Mordskerl, der Luckner, so scheint‘s, der im Spinnen von Seemannsgarn ein Meister war, Abenteuer an Abenteuer reiht und alles mit schönstem Hamburger Platt würzt. Wenn unser Volk sich selber erst gefun­den hat, dann, ihr jungen Land – und Seeadler, wachsen die Schwingen! Heu­te, da alles verloren ging, was uns Seedeutschen die zweite Heimat bedeute­te, Schiffe, Kolonien, und ein stolzes freies Gefühl unter der deutschen Flag­ge auf allen Meeren, ist uns nur eins geblieben, die deutsche Scholle. Möchte aus ihr eine kräftige junge Eiche aufwachsen, die das ganze Volk unter ihrem Schatten vereint! Möchten ihre Schösslinge wieder als Mastbäume auf deut­schen Schiffen ragen! Die Sehnsucht nach dem verlorenen Meer weht durch das deutsche Land!19

Unter diesem Motto erzählt Luckner sein Leben als tollkühnes Abenteuer vom Krieg auf den sieben Weltmeeren. Seinen Ruhm erlangt Luckner, als er 1916 als Kapitän des motorisierten Se­gelschiffs »Seeadler« die englische Blockade durchbricht, getarnt als norwegi­scher Frachter. Eine Operation – tollkühn und phantastisch zugegebenerma­ßen –, die er mit einem Hauch von Seeräuberromantik versieht und die mit dem Grauen der Schlachtfelder bei Verdun und Ypern so nichts gemein hat.

18 Vgl. dazu Ketelsen, 269f. 19 Felix Graf von Luckner. Seeteufel. Abenteuer aus meinem Leben. Leipzig 1921, 309.

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Welche Tugenden nun zeichnen die Seeleute aus, die bei dieser Operation auf sich allein gestellt waren? Nach gelungener Operation, unter dem Weih­ nachtsbaum, der im Salon des »Seeadlers« aufgestellt ist, heißt es: Nun ru­hen alle Gedanken daheim bei den Angehörigen aus. [...] Jede Meile brachte uns weiter weg, umringt von Feinden. [...] Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, und wir wollten dem deutschen Namen Ehre machen und den Feinden zeigen, was deutsch ist.20

Als Luckner und seiner Besatzung die Flucht aus der Internierung auf einer neuseeländischen Insel gelungen ist und sie den Schoner »Moa« entern können, lobt Luckner seine Mannschaft: Dort auf hoher See vereidigte ich die Kadetten. [...] Nun durfte Krieg geführt werden! Man sah die fieberhafte Aufregung der Kadetten, man fühlte ihren frischen Jugendgeist vor Tatendurst brennen. Vorgestern noch gefangen, heute unter der siegreichen deutschen Kriegsflagge deutscher Soldat, sie, die schon geglaubt hatten, nicht mehr heran zu kommen an den Feind.21

Und 1920, zurück in Deutschland, erklärt Luckner seinen Landsleuten: »Nehmt euch meine Jungs zum Beispiel. Als ihre Heimat auf dem Korallenriff zerschmettert wurde, eins ließ sich nicht zum Wrack schlagen: Ihr alter deut­scher Geist und Mut.«22 Tollkühnheit und Stolz, Tatendrang, Wagemut und Treue bis in den Tod und Sehnsucht nach der Bewährung im Kampf für Deutschland: Das sind die her­ vorstechenden Eigenschaften der jungen Seeleute, die Luckner seinen Le­sern zum Nacheifern anbietet. Dass Luckner später als Seebär durch die Lande zog, seine Abenteurer er­zählte, Hufeisen verbog, Telefonbücher durchriss, wegen sexuellen Miss­brauchs verurteilt wurde und trotzdem 1953 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, sei hier nur am Rande erwähnt.23 Als Paul von Lettow-Vorbeck, ehemaliger Kolonialoffizier, 1964 starb, be­zeichnete ihn der damalige Verteidigungsminister Kai Uwe von Hassel in sei­ner Trauerrede als »eine der großen Gestalten, die das Recht beanspruchen dürfen, Leitbild genannt zu werden.« Er bestätigte damit den Mythos des sog. »Löwen von Afrika«,

20 Ebd., 168. 21 Ebd., 283. 22 Ebd., 308. 23 Vgl dazu Der Spiegel, 03.03.1998.

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der als fürsorglicher General mit Hilfe seiner »treuen« afri­kanischen Soldaten, der Askari, angeblich erfolgreich einer gewaltigen alliier­ten Übermacht trotzte und »unbesiegt« nach Deutschland zurück kehrte. Tatsächlich jedoch praktizierte Lettow-Vorbeck eine brutale, rücksichtslose und menschenverachtende Kriegführung. Seine Opfer waren sowohl die schwarze Zivilbe­völkerung als auch die schwarzen Soldaten, weshalb ihn die Askari, die ihm angeblich so treu ergebenen waren, als den »Herrn« bezeichneten, »der unser Leichentuch schneidert«.24 Wie nun konnte dieser Mythos vom treusorgenden unbesiegbaren Feldherrn entstehen? Diesen Mythos hat Lettow-Vorbeck selbst geschaffen, insbeson­dere mit seinem Jugendbuch Heia Safari!, einem Buch, das noch bis 1952 in neun Auflagen mit 281.000 Exemplaren erschien. Das Buch, ein berühmtes Beispiel von Kolonialliteratur, reiht eine Kampfhand­ lung der Deutschen in Ostafrika an die andere und schmückt sie zu Heldenta­ten aus. Es beschreibt die Mühen und Erfolge der Deutschen, den Schwarzen die Kultur und Zivilisation der Weißen zu vermitteln, die diese erst zu den an­geblich treu ergebenen Soldaten machen. Und so heißt es in dem Buch: »Wir werden bei dir bleiben, bis wir fallen!« Klingt das nicht wie der Ausdruck unse­res eigensten germanischen Wesens mit seiner schlichten, wortkargen Treue, mit seiner mannhaften Festigkeit, die die Zähne zusammenbeißt? [...] Und doch waren es einfache schwarze Soldaten, die so zu mir sprachen. [...] Deutsches Soldatentum hatte ihnen seinen Stempel aufge­drückt; Anhänglichkeit an die deutschen Führer, Pflichtgefühl und unbändiger Soldatenstolz.25

Hören wir dazu das bekannte Lied über diese treuen Askari: Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad, wohl durch der Wüste Mitten, wenn früh der Morgen naht. Wie lauschten wir dem Klange, dem altvertrauten Sange der Träger und Askari: Heia, heia, Safari.

24 Vgl. dazu Uwe Schulte-Varendorff. Kolonialheld für Kaiser und Führer, General Lettow-Vorbeck. Eine Biographie. Berlin 2006. 25 Lettow-Vorbeck. Heia Safari!. Leipzig: K.F. Koehler, 1920, V.

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Steil über Berg und Klüfte, durch tiefe Urwaldnacht, wo schwül und feucht die Lüfte und nie die Sonne lacht. Durch Steppengräserwogen sind wir hindurchgezogen mit Trägern und Askari: Heia, heia, Safari.  Und saßen wir am Feuer des Nachts wohl vor dem Zelt, lag wie in stiller Feier um uns die nächt‘ge Welt. Und über dunkle Hänge Tönt es wie ferne Klänge von Trägern und Askari: Heia, heia, Safari.  Tret ich die letzte Reise, die große Fahrt einst an, auf, singt mir diese Weise statt Trauerliedern dann. Daß meinem Jägerohre, dort vor dem Himmelstore, Es klingt wie ein Halali: Heia, heia, Safari.

Die deutschen Soldaten beschreibt Lettow-Vorbeck so: »Ein Deutscher weicht nicht, ein Deutscher ergibt sich nicht, ein Deutscher kämpft bis zum Ende. [...] Deutsche Mannestreue marschierte mit uns. [...] Dulce et decorum est pro patria mori!«26 Lettow-Vorbeck beendet sein Buch mit dem Aufruf: Die Zukunft aber gehört der Jugend. [...] Darum: Hand ans Werk! Keine Minute verloren mit öden Reden! Keine Kräfte verloren mit flachen, rohen Vergnügungen, die den Menschen entwürdigen und Energie erschlaffen!...Ist es nicht schön, dabei mit zu schaf­fen, deutsche Jugend? Frisch ans Werk, es ist nichts unmöglich!27

26 Ebd., 260f. 27 Ebd., 280.

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Männliche Tatkraft, Tapferkeit, Treue bis in den Tod, Handeln und nicht Reden, Pflichtgefühl und deutscher Soldatenstolz: Das sind die Tugenden, die LettowVorbeck seinen jungen Lesern als Vorbild vorführt. Und immer sind diese gekoppelt an Nationalstolz und Heldentod fürs Vaterland. Die Verteidigung der Kindheit und Jugend – die Jugendgruppe als Gegenentwurf zur Erwachsenenwelt . Ein Beispiel Jugendliche und Kinder als »kreative Lebens- und Überlebenskünstler«, Jugendliche, die ihre eigene Welt gegen eine Erwachsenenwelt verteidigen, die sie als verlogen empfinden: Dies sind Kennzeichen einer neuen Jugendliteratur der Weimarer Repu­blik. Kinder und Jugendliche werden als wache Beobachter und Kritiker ihrer Zeit darstellt. »Aus Märchenkindern werden Zeitgenossen«, so formuliert es Helga Karrenbrock für die Kinderliteratur.28 Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie dies aussehen kann: Wilhelm Speyers Buch Kampf der Tertia von 1928. In seinem Buch beschreibt Speyer den wütenden Widerstand der Obertertia eines reformpädagogischen Landschulheims gegen die amtliche Verordnung, sämtliche Katzen der nahe gelegenen Kleinstadt zu töten. Begründet wird die Verordnung mit angeblicher Tollwutgefahr – eine Behauptung, die ein wohlhabender Fellhändler in die Welt gesetzt hat, um billig an Katzenfelle zu kommen. Die Tertia, eine aufmüpfige, verschworene Gemeinschaft mit eigenen Ritualen wie Parolen, Initiationsriten, geheimen Versammlungsorten und eigenen Hierarchien, kämpft für ein moralisches Ziel: Für den Schutz von Tieren. Speyer beschreibt in seinem Buch Kinder auf der Schwelle zur Jugend, die als »eigenständig und solidarisch handelnde Jugendgruppe [...] einen utopischen Gegenentwurf zur Erwachsenenwelt«29 darstellen. Allerdings: Die Konflikte, die diese Jugendgruppe mit den Erwachsenen hat, lassen sich nach Wilhelm Speyer nur mit Homerischen Kämpfen lösen. Diese gipfeln in einer regelrechten Schlachtbeschreibung, die, wenn auch durchaus ironisch vorgetragen, an den Kampf vor Troja oder an Frontszenen aus dem Ersten Weltkrieg erinnert: »Inzwischen hatte sich hinter Falks Haus die Schlachtfront gebildet. Brausend, mit einem Geschrei, das die Erde erzittern machte, brach die Tertia in ihre Feinde ein... Das Schlachtfeld füllte sich mit neuen und immer neuen Feinden.«30 Der Schutz der Einzelnen durch die Gruppe verlangt zudem feste Regeln und eine strikte Auto­ritätshörigkeit. Zweifel an den Anweisungen des Anführers sind

28 Vgl dazu Helga Karrenbrock. »Großstadtromane für Kinder«. Hopster, Teil 1, 208. 29 Ebd., 217. 30 Zit. nach ebd., 229 ff.

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nicht erlaubt: Eine Eigenschaft, deren Wurzeln, wenn man sie konsequent zu Ende denkt, in der Untertanenmentalität der Kaiserzeit liegen und im Kadavergehorsam des Nationalsozialismus endete. Wer sich außerhalb der eingeschworenen Gruppe stellt, hat keine Chance. Folgerichtig werden nur einige Tertianer als Individuen beschrieben, meist ist die Tertia nur ein Kollektiv: »Sie waren nunmehr nur noch ein Leib...Die Tertia stürmt...Die Tertia marschiert.«31 Anführerin der Tertia ist Daniela. Dass ein Mädchen eine bisher von Jungen dominierte Position behauptet, ist neu. 32 Daniela ist eine kriegerische Amazone. Und als rächende Amazone entscheidet sie schließlich den Kampf: »Ihr mykenisch helles Haar flatterte im Sturm der Schlacht, steil sprang sie vom Stand aus in die Lüfte, und mitten ins Getümmel der Feinde ließ sie sich wie eine speerschüttelnde Göttin hinab.«33 Einerseits steht Daniela für die neuen selbstbewussten Mädchengestalten, andererseits jedoch zeichnet sie sich ausschließlich durch männliche Tugenden aus  – Mut und Härte, gepaart mit Entschlossenheit zum Kämpfen und aggressiver Angriffslust. Ihre Hände sind »gewalttätig« und ihr Blick ist »herrisch«. Nur weil sie noch männlicher ist als die Jungen, kann Daniela ihren Platz behaupten. Ein Buch, das selbstbestimmte Jugendliche zeigt, die nach eigenen Moralvorstellungen agieren.Ein Buch aber auch, das Wertvorstellungen vermittelt, die nicht nur alles andere als friedlich sind, sondern auch in letzter Konsequenz kritiklosem Gehorsam und Demokratiefeindlichkeit Vorschub leisten können: Die widerspruchslose Unterordnung unter die Anführer, das Aufgehen der Einzelnen in der Gruppe und die Vorstellung, dass Gewalt der einzige Weg zur Konfliktlösung sei. Luckner oder Lettow-Vorbeck: Die Absicht solcher Bücher liegt auf der Hand. Nicht so bei jenem Buch, dessen Wirkung einzuschätzen nicht so leicht ist. Das gilt zum Beispiel auch für Waldemar Bonsels wunderbares Kinderbuch Die Biene Maja von 1912. Ein Buch, das neben den Erlebnissen der neugierigen Maja eben auch eine martialische Kriegsszene schildert zwischen Bienen und Hornissen. Dass es auch anders gehen kann, dass eine eingeschworene Kinder- und Jugendgruppe Konflikte ohne Gewalt lösen kann, mit Verständigung, mit sozialen Kompetenzen, mit Witz und ohne totale Unterordnung unter Anführer, das beweist Erich Kästners Buch Emil und die Detektive von 1928. Entscheidend ist, wie diese Bücher während der Weimarer Republik verstanden wurden, in einer Zeit, in der Nationalismus und Militarisierung zunehmend an Bedeutung gewannen. Individuelle Prägung durch familiäre Erziehung und gesellschaftliches Umfeld haben sicherlich das beeinflusst, was für den jugend-

31 Ebd., 165 ff. 32 Ebd., 214. 33 Ebd., 238.

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lichen Leser damals Priorität hatte: Neugier, Solidarität und Selbstbestimmung oder Unterordnung und absoluter Gehorsam. Übrigens: Die zuletzt genannten Bücher wurden natürlich auch von Mädchen gelesen. Ein kleiner Ausblick auf unsere Gegenwart sei am Schluss erlaubt: Wie kriegslüstern und martialisch geht es heute zu in Büchern und in den digitalen Medien? Was wird vor allem Jungen hier angeboten? Ein Klick ins Internet zeigt eine schier unüberschaubare Menge von Kriegsspielen, die Kinder und Jugendliche problemlos herunter laden können. Und am Schluss noch dies: Kürzlich stellte die Süddeutsche Zeitung das USKinderbuch My Parents Open Carry vor, das seit kurzem im Internet vertrieben wird und gegenwärtig im Netz großes Aufsehen erregt: Ein Kinderbuch, das für offenes Waffentragen wirbt, auch bei Kindern. Simpler Text mit vielen Bildern, für Kinder leicht verständlich. Denn Selbstverteidigung, so erklären die dauergrinsenden Eltern ihren Kindern im dem Buch, gehöre zur ureigensten Verantwortung eines Menschen, auch der eines Kindes, im Supermarkt, auf der Straße, in der Schule. 34 Sie können das Buch bei Amazon für 3,03 € auf Ihr E-Book herunter laden oder für 11,67 € kaufen und bekommen dann sogar noch ein 2. Buch dazu geschenkt. Es trägt den schönen Titel Raising Boys Feminists Will Hate. Zu Deutsch: »So erziehen Sie Jungs, die Feministen hassen werden.« Wie schade, dass Weihnachten schon vorüber ist! So haben Sie das schönste Weihnachtsgeschenk für Ihren Nachwuchs verpasst!

34 Süddeutsche Zeitung, 07.08.2014, 8.

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Jana Mikota

Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur1

Mädchenliteratur ist vielfältig und es sind nicht nur Liebes- oder Pensionatsgeschichten, die Leserinnen präsentiert werden, sondern um die Jahrhundertwende entstand auch eine Mädchenliteratur, die gängige Muster des sog. Backfischromans verlassen hat. Während des Ersten Weltkrieges entstanden Texte, die nicht nur den Krieg thematisiert, sondern diesen auch befürwortet haben. Ihnen wird eine spezielle Funktion zugeschrieben, die im folgenden Beitrag diskutiert werden soll.2 Im Mittelpunkt stehen neben Landwehrsmanns Einzige (1915) von Marie von Felseneck, Thea von Harbous Gold im Feuer (1916), Die wir mitkämpfen (1916) von Johanna Klemm, Eine Kriegsheldin (1916) von Grete Hallberg, Bertha Clements Morgenrot sowie Nesthäkchen und der Weltkrieg (1916) von Else Ury. Die Autorinnen dürften heutigen Leserinnen bis auf Else Ury unbekannt sein. Else Urys Nesthäkchen-Reihe wurde bis auf wenige Ausnahmen – hier sind insbesondere die Verdienste von Barbara Asper zu nennen – kaum in der Forschung beachtet, und auch die Mädchenliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte lange Zeit den Ruf, affirmativ und Erziehungsliteratur im Sinne der Vorbereitung der Frau auf die Rolle der Hausfrau, Mutter und Gattin zu sein. Erst die Arbeiten von Gisela Wilkending machten klar, dass eine solche Lesart der Mädchenliteratur zu einfach sei und die Subtexte nicht ernst nähme.

1 Ein Text, der sich bereits mit der Mädchenliteratur im Ersten Weltkrieg beschäftigt, ist erschienen in Jana Mikota. »Wie Mädchen den Krieg erleben. Anmerkungen zu Mädchenromanen aus den Kriegsjahren 1915/16«. Bernd Dolle-Weinkaff, Hans-Heino Ewers, Carola Pohlmann (eds.). Kinder- und Jugendliteraturforschung 2013/14. Frankfurt am Main 2014, 79–87. Dort wird ein Teil der hier behandelten Mädchenromane ebenfalls vorgestellt. 2 Eine Mädchenliteratur, die den Ersten Weltkrieg thematisiert, beschränkt sich nicht nur auf den deutschsprachigen Raum. Auch in den USA oder Kanada erscheinen mädchenliterarische Texte zum Ersten Weltkrieg.

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Mädchenliteratur Gisela Wilkending begreift Mädchenliteratur als einen Diskurs über »weibliche Bestimmung« und den »weiblichen Geschlechtscharakter« (Wilkending 1994, 45). Mädchenliteratur greife Debatten um Bildung, Erziehung und Verhaltensmuster auf, die sich im Laufe der Zeit wandelten. Während des Ersten Weltkriegs habe die Mädchenliteratur sich allerdings von den tradierten Mustern des Genres teilweise gelöst. Die Mädchenliteratur, die sich im ausgehenden 18. Jahrhundert herausbildete und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Literaturzweig der Kinder- und Jugendliteratur entwickelte, war zunächst an bürgerliche Leserinnen adressiert, was sich im Laufe der Geschichte jedoch änderte. Gisela Wilkending differenziert in typische und atypische Mädchenliteratur, was ich noch kurz später erläutern werde. So publizierte Marie von Felseneck für Mädchen der unteren Schichten und griff damit nicht nur ein anderes Mädchenbild auf, sondern auch andere Themen und Probleme. Gisela Wilkending hat in ihren Studien zur Mädchenliteratur der Kaiserzeit dargelegt, dass nicht nur Jungen als kriegsbegeisterte Protagonisten geschildert, sondern auch weibliche Charaktere aufgeboten wurden, die den Krieg befürworteten und unterstützten. Nach Wilkending sind in den ersten Kriegsjahren »über zwanzig zeitgeschichtliche Romane speziell für junge Mädchen erscheinen« (Wilkending 2003, 260). Diese Mädchenliteratur sei nicht mehr einem Weiblichkeitskonzept verpflichtet gewesen, das die jungen Leserinnen in private Lebensbereiche verwiesen habe; sie sei vielmehr »zu einem Medium der direkten Einbeziehung weiblicher Jugendlicher in den Prozeß der Nationsbildung« (Wilkending 2003, 260) geworden. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden in Mädchenzeitschriften wie dem Kränzchen oder dem Töchter-Album Berichte über den Weltkrieg ebenso publiziert wie auch Ratschläge, wie sich Mädchen in Kriegszeiten zu verhalten hätten (vgl. Wilkending 1994). Damit sei die Mädchenliteratur zu einer politischen Literatur geworden, die der Bildung einer Nation und einer nationalen Identität dienen sollte. Zugleich handelte sie von aktiven Mädchen, die einen wichtigen Beitrag zur Festigung der Nation leisteten. Diese Themen werden auch die hier vorgestellten Mädchenromane bestärken. Mädchenliteratur im Ersten Weltkrieg Frauen begrüßten den Ersten Weltkrieg ähnlich euphorisch wie Männer. Auch die Autorinnen der Mädchenliteratur wollten etwas zur Verteidigung des Vaterlandes beitragen und ihren Leserinnen weibliche Vorbilder bieten, die an der Heimatfront ihren vaterländischen Dienst taten. Ihren Romanen war gemeinsam, dass sie die Verdienste der Frauen im Ersten Weltkrieg herausstellten; sie wollten ihren Leserinnen zeigen, dass auch Frauen und Mädchen einen Beitrag für das Wohl des 68

Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur

Vaterlands leisten könnten. Der folgende Beitrag untersucht, wie die genannten Autorinnen die Kriegsthematik verarbeitet und dabei möglicherweise die herkömmliche Geschlechterpolarität hinterfragt haben. Marie von Felsenecks Landwehrmanns Einzige ist der erste Teil einer Trilogie, in der das Mädchen Röschen im Mittelpunkt steht. Sie stammt aus der Arbeiterschicht, ihr Vater geht selbstverständlich in den Krieg, ihre Mutter arbeitet als Wäscherin bei wohlhabenden Leuten. Hier lernt Röschen auch bürgerliche und adelige Töchter kennen, denen sie im Laufe der Handlung u.a. das Stricken beibringt. Röschen selbst leistet immer wieder Dienst am Vaterland, möchte eine Ausbildung als Krankenschwester machen und kann am Ende diese auch dank der Unterstützung eines wohlhabenden Soldaten beginnen. Gold im Feuer spielt im Gegensatz zu Landwehrmanns Einzige nicht in Berlin, sondern im Grenzgebiet zu Russland. Auch hier steht mit Katrin ein Mädchen aus den unteren Schichten im Mittelpunkt, das jedoch auch bei der ansässigen Adelsfamilie angesehen ist. Bei Kriegseintritt gehen auch hier die Männer selbstverständlich in den Krieg, die Frauen leisten den Dienst in der Heimat und Katrin, wie noch gezeigt wird, kann sogar mit ihrem Mut das Dorf vor den mordenden Russen retten. Die wir mitkämpfen unterscheidet sich sowohl inhaltlich als auch vom Titel von den bisher genannten Romanen, denn der Roman wechselt nicht nur die Erzählperspektive zwischen zwei bürgerlichen/adeligen Mädchen, sondern auch zwischen Stadt und Land. Im Mittelpunkt stehen die Mädchen Ruth und Ilse: Ruth lebt in einer musischen Familie auf dem Land, Ilse dagegen in einer Offiziersfamilie in Berlin. Kennengelernt haben sich die Mädchen in einem Pensionat und schreiben sich Briefe. Beide erleben den Kriegsbeginn unterschiedlich, und vor allem Ilse engagiert sich in Berlin. Anders als die bisherigen Mädchen strickt sie nicht nur Liebesgaben oder fällt durch Fleiß und »mütterliche« Arbeit wie Krankenpflege auf, sondern arbeitet in einem Amt und sucht u.a. vermisste Soldaten. In der Nesthäkchen-Serie verteilt sich der Erste Weltkrieg auf drei Bände, der Beginn ist im Band Nesthäkchen im Kinderheim. Annemarie erlebt auf Amrum den Beginn des Krieges, schafft es noch nach Berlin und verliert dabei ihre Puppe Gerda, die das Kriegsopfer fordert. Der Band Nesthäkchen und der Weltkrieg, der nach 1945 aufgrund der nationalen Tendenzen nicht mehr verlegt wurde, schildert den Krieg in Berlin. Nesthäkchens Backfischzeit schließlich spielt nach Kriegsende, aber die Auswirkungen des Krieges sind spürbar, Annemarie macht mit ihren Freunden Hamsterfahrten, erlebt Hunger und Leid der Bevölkerung und spürt aber auch die Veränderungen der Weimarer Zeit, diskutiert mit ihrem Vater die politische Situation und bewegt sich relativ frei auf Berlins Straßen. Im Mittelpunkt des Romans Morgenrot von Bertha Clement stehen die Schwestern Ruth und Renate, die zu Beginn des Krieges nicht zu Hause sind. Ruth begleitet ihre Mutter auf einer Kur, erst nach einer dramatischen mehrtätigen Reise kehren sie nach Hause zurück; Renate ist bei ihrem Onkel auf dem Land und kehrt 69

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sofort bei Kriegsbeginn zu ihrem Vater in die Stadt Insterburg zurück. Der Vater selbst muss in den Krieg, die drei Frauen halten die Stellung. Im Gegensatz zu den bisherigen Romanen endet dieser mit einer Liebesgeschichte. Allerdings verlobt sich Ruth mit einem Mann, der kriegsverletzt ist. Hier wird die Opferbereitschaft der deutschen Frau auch auf die Ehe ausgeweitet. Mit der Ehe schließt auch der letzte deutschsprachige Roman, Eine Kriegsheldin, denn hier steht ein polnisches, sehr nationalbewusstes Mädchen bzw. eine junge Frau im Mittelpunkt, das/die verkleidet als Offizier in den Krieg zieht und Polens Freiheit erkämpfen möchte. Sie wird schwer verletzt und trifft dabei auf den Arzt, den sie bereits während eines Berliner Aufenthaltes traf. An dieser Stelle auch einige Hinweise zu den Autorinnen: Marie von Felseneck (geboren als Maria Luise Mancke; 1847–1926) lebte zunächst in Leipzig, dann in Dresden und Berlin. Sie hat zahlreiche Mädchenromane vor allem für die unteren Schichten verfasst. Thea von Harbou (1888–1954), absolvierte eine Schauspielausbildung und hatte Theaterspielzeiten u.a. in Düsseldorf, Weimar und Aachen. 1922 heiratete sie den Regisseur Fritz Lang; 1933 wurde die Ehe geschieden. Sie war Parteimitglied der NSDAP. Sie gehörte zu den bekanntesten Drehbuchautorinnen der 1920er und 1930er Jahre. Else Ury (1877–1943), in Berlin geboren und aufgewachsen, schrieb neben der populären Nesthäkchen-Reihe weitere Mädchenromane, aber auch Texte für die Vossische Zeitung. Bert[h]a Clément (1852– 1930) schrieb zahlreiche Mädchenromane, die zum Teil auch sehr hohe Auflagen erzielten. Zu Grete Hallberg konnten bislang keine Daten ermittelt werden. Johanna Klemm (1856–1924) gehört sicherlich zu den interessantesten Mädchenbuch­ autorinnen dieser Zeit, Ausbildung als Erzieherin, zahlreiche Reisen.3 Die Heldinnen in den hier vorgestellten Romanen erleben den Ersten Weltkrieg unterschiedlich. Vor allem der Roman von Harbou zeigt, wie Mädchen unmittelbar von Kriegshandlungen betroffen waren und evakuiert werden mussten. Grete Hallberg lässt eine junge polnische Adelige auftreten, die nicht nur national und selbstbewusst denkt, sondern auch als ein verkleideter Offizier für die Unabhängigkeit Polens gegen die Russen kämpft. Alle Romane behandeln außerdem Themen wie Lebensmittelknappheit, schildern den Kriegsalltag und flechten dies in eine typische mädchenliterarische Handlung ein. Zugleich werden unterschiedliche Familienmuster vorgestellt: Neben der bildungsbürgerlichen Familie, die Johanna Klemm in ihrem Roman beschreibt und damit ein gängiges Setting der Mädchenliteratur aufgreift, sind es vor allem auch Mädchen aus den unteren Schichten, die ebenfalls in den Romanen vorgestellt werden. In allen Romanen stehen Mädchen im Mittelpunkt, deren Kriegsbegeisterung nicht nur das Familienleben, sondern auch ihre Freundschaften und ihren Alltag

3 Vgl. auch Wilkeding 2003.

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beeinflusst. Die Mädchencharaktere reifen an den Erfahrungen, werden erwachsen und unterstützen den Krieg mit Handarbeiten und anderen »weiblichen« Dienstleistungen. Allen kriegsbedingten Belastungen und Entbehrungen zum Trotz ergeben sich für die heranwachsenden Mädchen auch emanzipatorische Effekte, wie nicht zuletzt in Else Urys Nesthäkchen-Reihe sichtbar wird. Hinzu kommt, dass sich Autorinnen wie Bertha Clément oder Thea von Harbou keineswegs scheuen, den Krieg auch drastisch zu entwerfen. Es werden Kriegshandlungen eingeflochten. Aber: Der Erste Weltkrieg markiert zwar Veränderungen in der Mädchenliteratur, aber diese deuteten sich bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert an. Es entsteht eine »atypische« Mädchenliteratur, so Gisela Wilkending, die Mädchen auch in öffentlichen Räumen auftreten lässt, und zumindest im Kolonialroman sind Mädchen auch in Kampfhandlungen zu sehen. Hier greifen Mädchen zum Teil noch stärker zur Waffe als in der Literatur zum Ersten Weltkrieg. Insofern kann man, was die Mädchenliteratur zum Ersten Weltkrieg betrifft, von Veränderungen, aber nicht von Brüchen oder gar von einer Zäsur/neuen Epoche sprechen. Die Erzählungen sind patriotisch und zeichnen sich durch eine deutliche Kriegsbefürwortung aus. Aber: Auch hier finden sich vereinzelt Ausnahmen, und Autorinnen wie Ury und Klemm schaffen es, die nationalen Tendenzen und auch den Krieg zu hinterfragen. Ein Wandel ergab sich auch hinsichtlich der sozialen Stellung des Figurenarsenals Eine Begrenzung auf gehobene Schichten ist in den hier untersuchten Romanen nicht mehr zu finden – etwas, was sich beispielsweise noch in der Backfischliteratur findet und erst nach und nach aufgebrochen wurde. Freundschaften zwischen Mädchen und Jungen aus unterschiedlichen Schichten scheinen jetzt möglich zu sein; der Krieg habe alle Klassenschranken überwunden, so der Tenor der Mädchenromane: Es war ein Anklang an gemeinsam froh verlebte Kindertage, die Helmut das vertrauliche »Du« auf die Lippen legte. In dieser großen hohen Zeit fielen die Schranken, die in den letzten Jahren sich zwischen den ehemaligen Spielgefährten durch den nach verschiedenen Seiten hin sich entwickelnden Lebensweg ausgerichtet hatten, und das alte liebe Kinderverhältnis brach bei Helmut durch. (Felseneck 1915, 58)

Helmut gehört einer adeligen Militärsfamilie an, Paule ist ein Waisenkind, das von der Arbeiterfamilie Brandt adoptiert wurde. Röschen, Tochter einer Wäscherin und eines Arbeiters, ist mit Helmuts Schwester Ursula befreundet und wird dieser, wie noch gezeigt wird, immer wieder als Vorbild gegenübergestellt. In Nesthäkchen und der Weltkrieg heißt es dementsprechend: »Ja, im Schützengraben kämpft doch auch jetzt reich und arm nebeneinander.« (Ury 1916, 48) Die Mädchen zitieren dabei den Kaiser, der vermeinte, keine Parteien und Klassen mehr, sondern nur doch Deutsche zu kennen. 71

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Eine Änderung ergab sich auch hinsichtlich der Behandlung des männlichen Geschlechts. Während in den klassischen Mädchenromanen wie Trotzkopf (1885) von Emmy von Rhoden oder Papas Junge (1905) von Henny Koch junge Männer lediglich am Ende als Heiratskandidaten auftauchen, werden jetzt die Lebensverhältnisse beider Geschlechter in den Blick genommen und die Erlebnisse junger Frontsoldaten ebenso skizziert wie das Leben an der Heimatfront. Es sind vor allem die oft mehrere Seiten einnehmenden Feldpostbriefe, die die Gefühle und Erlebnisse der jungen Männer schildern. Zugleich bedeuten die Briefe auch, dass die Mädchen die Situation an der Front aus zweiter Hand miterleben dürfen. Aber: In den Gesprächen nach der Lektüre der Briefe wird keine kritische Haltung gegenüber dem Krieg eingenommen: Die Soldaten sind tapfer, selbstlos und kaisertreu. Sie entwerten ihre Feinde teilweise als Barbaren, die nicht einmal die Regeln des Krieges einhalten und sich feige verhalten. Zentral für die Mädchenliteratur seit Erscheinen von Clementine Helms Backfischchens Freuden und Leiden (1863) waren die Liebeshandlung und die Wandlung der Heldin von einem Wildfang zu einer reifen Frau. Der Reifungsprozess endete in vielen Entwicklungsgeschichten für Mädchen mit der Verlobung bzw. Heirat. Diese Handlungsmuster traten in den Mädchenromanen der Kriegszeit in den Hintergrund. Die Mädchen sind von Beginn an durch eine innere und äußere Schönheit ausgezeichnet und dienen insbesondere den Mädchen der oberen Schichten als Vorbild, was auch für die jungen Leserinnen aus dem bürgerlichen Milieu gelten sollte. Es geht nicht mehr um Privatgeschichten; geschildert werden vielmehr der Austritt aus der Privatsphäre und die Bewährung von Mädchen in einen öffentlichen Raum. Mädchen an der Heimatfront In den hier ausgewählten Romanen leisten Mädchen auf unterschiedliche Weise ihren Heimatdienst. Im Mittelpunkt stehen hilfsbereite und aufopfernde Mädchen, die einem Frauenideal entsprechen, das auch, wenn nicht gar vornehmlich, in den Unterschichten bzw. der Arbeiterschaft beheimatet war. In Gestalt der Bürgerstochter Annemarie aus der Nesthäkchen-Serie, die Handarbeiten ablehnt, wird demgegenüber ein Wildfang entworfen, der an die tradierte Mädchenliteratur erinnert. Zwar macht das Nesthäkchen während der Kriegsjahre einen Charakterwandel durch, doch bleibt sie auch an dessen Ende noch das selbstbewusste und keineswegs zurückhaltende Bürgermädchen. Die Mädchen des Bürgertums und des Adels lehnten Handarbeiten nicht nur ab, sondern hatten diese auch gänzlich verlernt. Doch der Erste Weltkrieg und ihre Hilfsbereitschaft zwangen sie dazu, diese erneut zu erlernen. Es wurde nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch genäht: Hier sind es Fahnen, die von den Frauen hergestellt und aus den Fenstern gehängt werden. 72

Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur

Gisela Wilkending hebt in ihrer Untersuchung zur Mädchenliteratur der Kaiserzeit hervor, dass der Krieg Beschäftigungen auch für jene mit sich brachte, die bislang keiner Arbeit nachgehen mussten (Wilkending 2003, 274). Diese These passt auf jene Mädchenkriegsromane, die der Gattungstradition folgend von Mädchen aus dem Bürgertum handeln. Mädchen aus der Arbeiterschicht mussten demgegenüber bereits vor dem Krieg einer Arbeit nachgehen und so für den Unterhalt der Familie mit sorgen. Trotzdem ermöglichte der Krieg auch diesen die Möglichkeit, sich selbstständiger zu entfalten. So äußert Felsenecks Röschen mutig einen Berufswunsch, der ihr am Ende des ersten Bandes auch gewährt wird. Mit der Ausbildung zur Krankenschwester schlägt sie freilich eine Laufbahn ein, die im Rahmen damaliger weiblicher Rollenvorstellungen bleibt. Johanna Klemm zeigt, wie der Krieg eine bildungsbürgerliche Familie belastet: Im Mittelpunkt steht Ilse, die mit ihren drei Brüdern wohlbehütet in einer Kleinstadt aufwächst, sich für Musik und Literatur, aber nicht für Politik interessiert und damit den Kriegsbeginn im Vergleich zu ihrer Freundin Ruth, die in Berlin als Tochter eines Offiziers aufgewachsen ist, überraschend und auch etwas naiv erlebt. Die Familie muss die Söhne in den Krieg ziehen lassen, und auch hier werden die bereits erwähnten Themenfelder angesprochen und Frauen leisten ihren Dienst an der Heimatfront. Doch: Klemm entwirft unterschiedliche Leistungen. Während Ilse in ihrer Kleinstadt hilft, arbeitet Ruth auch in der Verwaltung, sucht nach Verschollenen, etc. Oder anders gesagt: Klemm entwirft somit aktive Mädchen, die nicht nur ihren Liebesdienst in Form von Stricksachen leisten, sondern auch außerhalb des Hauses handeln und damit den Krieg aus unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen. Idealbilder von weiblicher Opferbereitschaft dominieren alle Erzählungen, auch wenn sie unterschiedlich akzentuiert werden: Annemaries Großmutter erinnert immer wieder daran, dass man in schweren Zeiten Opfer bringen müsse, und auch die Lehrerinnen passen den Schulalltag an die Kriegssituation an und ermuntern die Mädchen, mit so genannten »Liebesgaben« die kämpfenden Soldaten zu unterstützen. Die Mädchen werden in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. In einem Brief des Direktors der Mädchenschule heißt es: An die Schülerinnen des Schubertschen Mädchenlyzeums zu Berlin. In diesen schweren Tagen soll auch euch Gelegenheit gegeben werden, euch zum Wohle des Vaterlandes zu betätigen. Das Lehrerkollegium hat beschlossen, zwei Hilfsabteilungen im Dienste des Roten Kreuzes zu gründen: 1. Eine Strick- und Nähabteilung (Vorsitzende Fräulein Hering). In dieser sollen wollene Strümpfe, Handschuhe, Bettwäsche usw. für unsere Truppen angefertigt werden. Die Arbeiten werden unter Leitung der Lehrerinnen eingerichtet, und dann so weit als möglich zu Hause vollendet. […]

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2. Eine Verpflegungsabteilung wird eingerichtet. […] Durchziehenden Truppen sollen Erfrischungen gereicht werden. Diese vaterländische Betätigung im Dienste des Roten Kreuzes erfordert viel Geld. Es ergeht daher an alle Schülerinnen der Aufruf, Geldbeiträge zu spenden, dieselben durch ihre Vertrauensschülerinnen zu sammeln und an den Direktor abzuliefern. Opfert dem Vaterlande! (Ury 1916, 32)

Annemarie fällt es schwer, sich für eine der zwei Abteilungen zu entscheiden; sie möchte lieber Geld spenden. Doch macht die Großmutter ihr klar, dass dies keineswegs ausreicht. Kathrin, die Heldin aus Gold im Feuer, ist ebenfalls ein Unterschichtenkind – brav und fleißig und bei der adeligen Familie sehr angesehen. Das 16-jährige Mädchen muss erleben, wie ihr Dorf von russischen Soldaten überfallen und geplündert wird, wobei ihre Mutter getötet wird. Kathrin, die sich nur langsam erholt, zündet das eigene Haus an, um das Dorf und die Herrschaft auf dem Gut vor den nahenden russischen Soldaten zu warnen. Kathrin rettet auf diese Weise ihr Dorf und ihre Herrschaft und gerät mit ihrer Tat sogar in die Zeitung. Die Gutsherrin redet dem bescheidenen Mädchen, das von seiner Heldentat nichts wissen will, wie folgt zu: Und so wie du sprechen vielleicht alle unsere Helden draußen vor dem Feinde, wenn sie sich das Eiserne Kreuz verdient haben und meinen, sie hätten doch nur ihre Pflicht getan, und das sei – weiter nichts. Aber das Vaterland denkt anders darüber, mein Herzenskind, wie auch wir anders als du über deine schöne Tat denken. Und da wir dir kein Eisernes Kreuz auf dein tapferes Herzchen heften können, obgleich du es gewiß verdient hast, so haben mein Mann und ich uns überlegt, wie wir dir so recht von Herzen unsere Dankbarkeit beweisen könne. (Harbou 1916, 218)

Auch wenn sie kein Eisernes Kreuz verliehen bekommen, stehen Frauen mit ihren Taten den kämpfenden Männern in nichts nach. Alle Bände zeigen zudem, dass sich das Mädchenbild bereits vor dem Ersten Weltkrieg gewandelt hat, und nicht umsonst fasst es Berta, eine Freundin von Ilse aus Die wir mitkämpfen, wie folgt zusammen: »Ist es nun nicht gut«, rief Berta, »daß in den letzten Jahren die Mädchen und Frauen so viel anderes gelernt haben, als Malen und Klavierspielen, oder höchstens Schule halten!?« (Klemm 1916, S. 150)

Die Bildung der Mädchen hat sich während der Kaiserzeit verbessert: Seit 1908 ist ihnen das Abitur möglich und neue Berufsbilder werden erobert. 74

Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur

Nationale Tendenzen in der Mädchenliteratur Eine kritische Distanzierung vom oder gar Ablehnung des Kriegs finden sich in keinem der hier vorgestellten Romane. Es wird im Gegenteil der Eindruck einer ungeteilten Zustimmung vermittelt; hierzu dienen die Wiedergabe von Liedern, das Zitieren von Extrablättern und Siegesmeldungen ebenso wie die Schilderung von Kundgebungen. Die jungen Romanheldinnen sind patriotisch eingestellt und wollen dem Vaterland dienen. Die Frage, wer für den Ausbruch des Kriegs verantwortlich zeichnet, wird lediglich gestreift. So heißt es in Nesthäkchen im Kinderheim: Österreich hatte Serbien den Krieg erklärt. Das brachte die Gemüter in Aufruhr. Oder vielmehr die Möglichkeit, daß Deutschland als Österreichs Bundesgenosse, falls Rußland feindlich vorging, in den Krieg mit hineingezogen werden könnte. Sollte man abreisen oder bleiben – keiner wußte, was das Richtige war. (Ury 1915, 168)

»Anstifter« seien die Serben; Österreich müsse sich verteidigen und habe Deutschland um Hilfe gebeten, da nun auch Russland mobilgemacht habe. Das Deutsche Reich sei unschuldig am Ausbruch des Weltkrieges, so der Tenor dieser Mädchenromane. Russland lasse seine Soldaten nach Berlin ziehen, verursache dabei eine Schneise der Verwüstung und sei damit der eigentlich Schuldige, so die Haushälterin im Hause von Nesthäkchens Familie. Deren wiederholte Rede von der anrückenden russischen Armee ängstigt Annemarie nachhaltig. Aber nationalistische Töne finden sich in der Serie überwiegend in den unteren Schichten, und auch Annemarie lernt im Laufe der Handlung, ihre nationalistischen Auswüchse zu hinterfragen. In ihrem Haus wohnt bspw. ein fremdländischer Mann, den sie den »Japaner« nennt. Als Japan in den Ersten Weltkrieg eintritt, wird das Land von Annemarie als »Feind Deutschlands« bezeichnet, und damit ist auch ihr Nachbar, zu dem sie ein freundschaftliches Verhältnis hatte, ein Feind. Er wird nicht mehr gegrüßt, und als er ihr ein Stückchen Schokolade anbietet, spuckt sie es sofort aus. Aber: Sie erzählt weder ihre Freunden – einzige Ausnahme ist Margot, die entsetzt reagiert – noch ihrer Familie etwas davon, sondern schämt sich. Urys Roman ist nicht pazifistisch, aber kritisch gegenüber nationalistischen Auswüchsen, und vor allem Annemaries Einteilung in Gut und Böse wird immer wieder hinterfragt und widerlegt. Auch in Harbous Mädchenroman wird eine russische Armee gezeichnet, die mordend und plündernd durch das Land zieht, um schließlich von der ordentlichen preußischen Armee in die Flucht geschlagen zu werden. Es werden gar die Attentäter von Sarajewo als »Werkzeuge [...] in einer größeren Hand«, nämlich derjenigen Russlands, bezeichnet (Harbou 1916, 21). Der Krieg, begriffen als Art Verteidigungskrieg, sei unumgänglich, um den nachfolgenden Generationen 75

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Frieden zu bereiten. Nicht zuletzt sei es der deutsche Kaiser gewesen, der sich bis zu letzten Minute für den Frieden eingesetzt habe: »Zwar unser Kaiser möchte den Frieden halten, doch die Russen wollen nicht; [...] Aber auch die Franzosen warten nur auf einen günstigen Augenblick, um uns den Krieg zu erklären.« (Felseneck 1915, 17)

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die Mädchen in die Gespräche über den Krieg und dessen Verlauf wie selbstverständlich mit einbezogen werden; ja, sie dürfen sich sogar zur politischen Lage äußern. Auch dies stellt eine Erweiterung der Lebenswelt der Mädchen in Richtung Gesellschaft dar. In den Mädchenromanen werden die gegnerischen Nationen unter Verwendung eines teilweise rassistischen Vokabulars äußerst negativ gezeichnet, wobei insbesondere Russland heftig diffamiert wird. So liefert Thea von Harbou ein krasses Bild von den betrunkenen plündernden russischen Soldaten, die Kathrins Mutter umbringen. Den gegnerischen Franzosen und Engländern wird demgegenüber eine gewisse Kultur und Menschlichkeit zugestanden. So nimmt es nicht wunder, dass Annemarie trotz Protest weiterhin Französisch lernt. Nichtdestotrotz wird den Leserinnen vermittelt, dass die Deutschen eine in kultureller und moralischer Hinsicht überlegene Nation seien. Den Feinden wird immer wieder hinterhältiges und niederträchtiges Verhalten attestiert. Insbesondere die Mütter aus der Arbeiterschicht stechen durch Ihren Fleiß hervor und lassen es auch an mütterlicher Fürsorge nicht missen. Den Leserinnen wird hier ein Frauenbild vorgehalten, das zwar traditionelle Züge trägt, hinsichtlich des Wirkungsfelds jedoch über die häusliche Sphäre weit hinausragt. Da wurden Kinderheime gegründet, und an die Damen vom Roten Kreuz traten verschiedene Anforderungen heran. Strickstuben und Nähstuben wurden geschaffen, überall regte und zeigte sich der vorsorgliche praktische Sinn der deutschen Frau. (Felseneck 1915, 52)

Gelegentlich wird über die abverlangte Opferbereitschaft auch gestöhnt: Urys Annemarie klagt immer wieder, dass das Vaterland zu viel verlange. Auch sonst ist sie betrübt und verängstigt: So ist die Trennung von den Eltern für sie schwer zu ertragen; sie weint des Nachts und sorgt sich um die Mutter. Im Erhoffen eines schnellen Friedensschlusses zeigt sich, dass die Kriegsbegeisterung durchaus ihre Grenzen hat. Auch der Opferbereitschaft für das Vaterland wird mit einer gewissen Reserve begegnet. Solche Töne finden sich in Felsenecks oder Harbous Mädchenromanen nicht, wo die Einberufung der Väter und Brüder zwar als schmerzvoll empfunden, doch nie in Fragegestellt wird. 76

Der Erste Weltkrieg in der Mädchenliteratur

Zusammenfassung Aus heutiger Sicht erscheinen die patriotischen und bisweilen national-chauvinistischen Töne dieser Mädchenromane gewiss als befremdlich, doch erweist es sich als problematisch, »Geschichte von der Gegenwart her zu deuten« (Asper/Kempin 2007, 45). Bei aller Betonung der Opferbereitschaft und Mütterlichkeit tragen die Mädchenfiguren doch auch fortschrittliche Züge. Else Urys Annemarie stellt durchaus eine neue Mädchenfigur dar, die, wie die nachfolgenden Bände Nesthäkchens Backfischzeit und Nesthäkchen fliegt aus dem Nest zeigen, das Abitur schafft und ein Medizinstudium aufnimmt. Doch auch die »brave« Kathrin aus Harbous Roman macht der Mutter deutlich, dass sie ein Mädchen des 20. Jahrhunderts sein und gerne einen Beruf ergreifen möchte. Die Mädchenromane aus der Zeit des Ersten Weltkriegs lösen sich damit teilweise von der Tradition der Backfischliteratur, indem sie ihren Leserinnen aufzeigen, dass es neben der Ehe andere Möglichkeiten gibt, und modellieren auf diese Weise in Ansätzen ein neues Mädchenbild. Bezüglich der Titelgebung fällt das Fehlen der üblichen Kosenamen für Mädchen à la Trotzkopf auf. Statt früherer Verniedlichungen wird nun bereits im Titel ein ernstes Ereignis, der Weltkrieg nämlich, angesprochen. Die Mädchencharaktere reifen in den Kriegsjahren, erfüllen mit Begeisterung vaterländische Pflichten an der Heimatfront. In Else Ury Nesthäkchen und der Weltkrieg werden jedoch auch neue Freiräume für Mädchen sichtbar. Erziehungsinstanzen wie Schule, Eltern oder Hauspensionat geraten in den Hintergrund, zumal Nesthäkchens Eltern nicht vor Ort sind und die Aufsicht ihrer Großmutter und ihrem früheren Kindermädchen überantwortet ist.

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Primärliteratur Bertha Clément. Morgenrot. Eine Erzählung aus dem großen Krieg für Mädchen. Stuttgart 1916. Marie von Felseneck. Landwehrmanns Einzige. Berlin 1915. Grete Hallberg. Eine Kriegsheldin. Erzählung für junge Mädchen aus dem Weltkriege 1914/1916. Berlin 1916. Thea von Harbou. Gold im Feuer. Stuttgart 1916. Johanna Klemm. Die wir mitkämpfen. Erzählung für junge Mädchen und ihre Mütter. Leipzig 1916. Else Ury. Nesthäkchen im Kinderheim. Berlin 1915. Else Ury. Nesthäkchen und der Weltkrieg. Berlin 1916. Else Ury. Nesthäkchens Backfischzeit. Berlin ca. 1920.

Sekundärliteratur Barbara Asper, Hannelore Kempin, Bettina Münchmeyer-Schöneberg (eds.). Wiedersehen mit Nesthäkchen. Else Ury aus heutiger Sicht. Berlin 2007. Otto Brunken, Bettina Hurrelmann, Maria Michels-Kohlhage, Gisela Wilkending (eds.). Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1850 bis 1900. Stuttgart 2008. Hans-Heino Ewers. »›… gefaßt sein, wo das Herz zerspringen will vor Jammer‹. Anmerkungen zu Hulda Micals österreichischem Kinderroman Wie Julchen den Krieg erlebte (1916)«. Gunda Mairbäurl, Susanne Blumesberger, Hans-Heino Ewers, Michael Rohrwasser (eds.). Kindheit, Kindheitsliteratur, Kinderliteratur. Studien zur Geschichte der österreichischen Literatur. Wien 2010, 104–110. Jennifer Redmann. »Nostalgia and Optimism in Else Ury’s Nesthäkchen Books for Young Girls in the Weimarer Republik«. German Quarterly 4 (2006), 465–483. Jennifer Redmann. »The Frauenfrage in German Girls’ Literature of the First World War«. (Veröffentlichung in Vorbereitung) Gisela Wilkending (ed.). Kinder- und Jugendliteratur: Mädchenliteratur. Vom 18. bis zum Zweiten Weltkrieg. Eine Textsammlung. Stuttgart 1994. Gisela Wilkending. »Mädchen-Kriegsromane im Ersten Weltkrieg«. Dagmar Grenz, Gisela Wilkending (eds.). Geschichte der Mädchenlektüre. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frauen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Weinheim 1997, 151–172. Gisela Wilkending. »Krieg und Geschlecht. Zu Strukturen und Funktionen kaiserzeitlicher Mädchen-Kriegsromane«. Gisela Wilkending (ed.). Mädchenliteratur der Kaiserzeit. Zwischen weiblicher Identifizierung und Grenzüberschreitung. Stuttgart 2003, 259–303. Gisela Wilkending. »Lebens- und Entwicklungsgeschichten für die Jugend«. Otto Brunken, Bettina Hurrelmann, Maria Michels-Kohlhage, Gisela Wilkending (eds.). Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1850 bis 1900. Stuttgart 2008, 434–537.

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»Trostfrauen« Die systematisch organisierte Massenvergewaltigung durch das japanische Militär im Asien-Pazifik-Krieg (1937–1945)

Das japanische Militär entführte während des Asien-Pazifik-Krieges (1937–1945) systematisch junge Frauen und zwang sie zur Prostitution. Betroffen waren schätzungsweise 200.000 Frauen, größtenteils Minderjährige ab dem 11. Lebensjahr bis durchschnittlich 16 Jahre. Zunächst verschleppte das Militär Frauen aus seinen ehemaligen Kolonien Korea und Taiwan in die Kriegsgebiete. Später, da der ›Nachschub an Frauen‹ nicht ausreichte, holte das japanische Militär sie wahllos aus fast allen besetzten Gebieten und brachte sie in die militäreigenen Bordelle. Diese Frauen sollten den jungen Soldaten, die vom Tode bedroht waren, »Trost« spenden. Offiziell wurden auf Japanisch die Frauen als ianfu, »Trostfrauen«, und die Militärbordelle als iansho, »Troststationen« bezeichnet.1 Erst fünfzig Jahre später wurde das Schweigen über dieses Kapitel des Zweiten Weltkrieges gebrochen. Seither kämpfen Überlebende mit ihren Organisationen um die Wiederherstellung ihrer Würde. Die japanische Regierung hat sich bis heute – 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – immer noch nicht offiziell bei den Frauen entschuldigt, geschweige denn sie entschädigt. Manche Politiker leugnen sogar dieses schwere Kriegsverbrechen: Die Frauen hätten sich

1 Die Verwendung des euphemistischen Begriffs »Trostfrauen« wurde und wird kontrovers diskutiert. In Ostasien bevorzugen Feministinnen den Begriff Songnoye, »Sexuelle Sklavin«. Doch im deutschen Kontext ist unter dem Begriff »Trostfrauen« die spezielle Form der japanischen Zwangsprostitution bekannt geworden. Ferner möchten die Betroffenen inzwischen nicht als »Sexuelle Sklavinnen« bezeichnet werden. Da die direkte Übersetzung »Trost­frauen« die Funktion/Absicht hinter den Bordellen verdeutlicht, verwende ich den Begriff immer in Anführungszeichen.

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freiwillig gemeldet und sogar viel Geld verdient. Nicht das japanische Militär, sondern die privaten Bordellbetreiber hätten die Frauen mobilisiert.2 Errichtung der militäreigenen Bordelle Iansho Die japanische Armee errichtete bereits Anfang 1930 beim Überfall auf die Mandschurei in China ihre eigenen Bordelle. Zur massiven Ausweitung des »Trostfrauen«-Systems kam es ab 1937, als Japan erneut Krieg mit China und später im gesamten Asien-Pazifik-Raum führte. Die Forschung fand anhand von Dokumenten des Militärs heraus, dass durch die Errichtung von militäreigenen Bordellen Massenvergewaltigungen vor Ort verhindert und damit Übergriffe der Einheiten auf die Einheimischen in den besetzten Gebieten vermieden werden sollten. Vor allem ging es darum, die Soldaten vor Infizierung mit Geschlechtskrankheiten zu schützen, wodurch ihre Kampfkraft beeinträchtigt worden wäre. Die zur Prostitution gezwungenen Frauen wurden regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten untersucht. Nicht zuletzt handelte es sich um ein Belohnungssystem: Der Bordellbesuch war ein Geschenk des japanischen Kaisers, mit ihm wurde das Gefühl von Heimat vermittelt. 3 Die Spuren dieser Bordelle sind noch heute im gesamten asiatisch-pazifischen Raum zu finden, von China und Südostasien über die östlichen indischen Inseln bis nach Osttimor. Betroffen waren Frauen aus 13 Ländern, unter anderem Korea und Taiwan, China, Burma, Indonesien, Singapur, Guam, Osttimor und den Philippinen. Auch junge Mädchen aus den Niederlanden, die sich damals in Indonesien aufhielten, waren betroffen. Menschenrechtsverletzungen in extremem Maße Vor den Bordellen waren Hygienevorschriften und Preistabellen für die Nutzung der Bordelle ausgehängt. Nur wenige Soldaten hielten sich offenbar an die Regeln, denn zahlreiche Frauen wurden mit Geschlechtskrankheiten infiziert und auch schwanger. Die Militärmarken, die symbolisch an die Frauen gezahlt wurden, wa-

2 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/klage-gegen-zeitung-asahi-wegen-rufbeschaedigungjapans-13391702.html. 3 Japanische Fraueninitiative Berlin, Koreanische Frauengruppe Berlin e.V., Umverteilen! Stiftung für eine, solidarische Welt (Hg.) …gib mir meine Würde zurück! Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans. Berlin 1993.

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»Trostfrauen«

ren wertlos. Zeugenberichten zufolge machte man die Frauen vor ihrem ›Einsatz‹ durch Schläge, Drohungen und Vergewaltigungen ›gefügig‹. Bei Fluchtversuchen wurden sie gefoltert oder getötet. Tag und Nacht mussten sie den Soldaten zur Verfügung stehen. In den schlimmsten Fällen hatten sie nicht einmal Zeit zum Essen oder auf die Toilette zu gehen. Schwangerschaften wurden abgebrochen sowie manche Frauen zwangssterilisiert. Nach der Kapitulation 1945 soll das japanische Militär »Trostfrauen« vor Ort getötet haben, um ›Beweismaterial‹ zu vernichten. Die Überlebenden berichten, dass sich das Militär über Nacht verzogen und sie mittellos in der Fremde zurückgelassen hätte. Daher schafften nur wenige Frauen den weiten Weg in ihre Heimat zurück. Zahlreiche Frauen, deren Spuren wir heute nur schwer verfolgen können, verblieben in den Ländern, wohin sie verschleppt worden waren. Die Fortsetzung des Alptraums nach Ende des Krieges Ihr Alptraum endete nicht mit Kriegsende. Sie trauten sich aufgrund ihrer Schamund Schuldgefühle oft nicht einmal, im engsten Familienkreis von ihren traumatischen Erlebnissen zu erzählen. Auch die Eltern, wenn sie davon erfahren hatten, schwiegen aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. Verdrängt wurde das Schicksal dieser unzähligen jungen Frauen somit nicht nur in der Täternation Japan, sondern auch in ihren Opferstaaten. Die betroffenen jungen Frauen galten als Schande der Familie und der Nation. Die Überlebenden berichten, dass sie unter ständiger Angst lebten, andere könnten von ihrer ›Vergangenheit‹ erfahren. Einige der »Trostfrauen«, die Sterilisationen erlitten, blieben ledig. Ohne familiären Rückhalt lebten und leben die meisten von ihnen in extremer Armut. An die Öffentlichkeit und an die »Trostfrauenbewegung« Ohne die Initiative der Altersgenossin, Prof. Dr. Yun Jeong-Ok, 1926 in Südkorea geboren, wäre vielleicht bis heute nichts über das Schicksal der »Trostfrauen« an die Öffentlichkeit geraten. Als junge Schülerin erlebte Yun selbst, wie zahlreiche Mädchen für die so genannte »Freiwilligen-Truppe«, auf Koreanisch Jeongshindae, für Munitions- und Textilfabriken sowie für Lazarette zwangsrekrutiert wurden. »Nach Kriegsende hörte ich von den heimgekehrten Zwangsarbeitern und -soldaten aber nichts von den Frauen, die ebenfalls in großer Anzahl mobilisiert wurden, was mich wunderte«, erinnert sich Yun. Anfang 1980 begab sie sich auf die Suche nach den verschleppten Frauen und entdeckte das Ausmaß dieses Verbrechens. Daraufhin gründeten 1990 insgesamt 37 Frauenorganisationen den Zusammenschluss The Korean Council for the Women Drafted for Military Sexual Slavery by Japan (kurz: The Korean Council). Nach einer Reihe von Aufrufen über 81

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Radio und Fernsehen meldeten sich vereinzelt Überlebende bei einer Hotline. The Korean Council forderte die japanische Regierung 1991 auf, sich der Geschichte zu stellen – was allerdings rigoros zurückgewiesen wurde. Aus Empörung über die Reaktion Japans trat schließlich am 14. August 1991 Kim Hak-Soon als Erste der Überlebenden vor eine südkoreanische Kamera und brach das öffentliche Schweigen. Jan Ruff O’Herne, gebürtige Niederländerin, erzählt in dem Dokumentarfilm 63 Years On... (2008) von Kim Dong-won: Der mutige Schritt von Kim Hak-Soon war wie ein Knall, der um den Globus ging [...]. Es mag sich dumm anhören, aber ich dachte, man würde mir, einer »weißen« Frau, eher glauben, als den Koreanerinnen. So trat ich auch öffentlich auf.

So begann die »Trostfrauenbewegung«, die auch heute, nach fast 25 Jahren, weiter fortbesteht. Wiederholte Leugnung und die Bedrohung des Friedens in Ostasien Es war ein Riesenglück, dass Professor Yoskiaki Yoshimi von der Chuo-Universität (Tokio) 1992 in der Bibliothek des japanischen Verteidigungsministeriums zahlreiche militärische Dokumente fand, aus denen die direkte Beteiligung der japanischen Armee an der Rekrutierung von Frauen und der Errichtung von Militärbordellen hervorging. Am 4. August 1993 erkannte Kono Yohei in seiner damaligen Funktion als leitender Sekretär des japanischen Kabinetts die staatliche Beteiligung am »Trostfrauen«-System an, was als die Kono-Erklärung bezeichnet wird. 1995 wurde unter der Leitung des damaligen Premiers Murayama Tomichi ein privater »Fond für asiatische Frauen« gegründet. Diesen umstrittenen Fond lehnten viele der »Trostfrauen« in Südkorea und Taiwan ab, weil die Zahlungen nicht als staatliche offizielle »Entschädigung«, sondern als »Trostgeld für medizinische Untersuchungen und Sozialhilfe« erfolgten. Auf den Philippinen nahmen manche Frauen das Geld an, manche nicht, was die »Trostfrauenbewegung« in zwei Lager spaltete. In Indonesien behielt die Regierung das »Trostgeld« für sich ein, mit dem Versprechen, es an die Betroffenen zu verteilen, was dann nicht stattfand. Dieser Umstand führte dazu, dass die Organisationen, die sich um die Belange der Frauen kümmerten, zusammenbrachen, sodass sich heute niemand in Indonesien um die Betroffenen kümmert und es den Frauen schlecht geht,

berichtete Hilde Janssen, die als Journalistin aus den Niederlanden zusammen mit dem Fotografen Jan Banning intensive Recherchen zu den indonesischen »Trostfrauen« anstellte. 82

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Der Asian Womens Fond wurde schließlich 2007 mit Begründung der »Verjährung« aufgelöst. Seither fanden keinerlei Bemühungen für erneute staatliche Kompensationen statt. Manche behaupten, Japan habe bereits Reparationen an »Trostfrauen« im Rahmen des Koreanisch-Japanischen Normalisierungsvertrages im Jahre 1965 geleistet. In dem Vertrag wurden zwar über die Zwangsarbeiter und Soldaten gesprochen, aber von den »Trostfrauen« war keine Rede. Man darf an dieser Stelle nicht vergessen, dass es fast ausschließlich nur um die Beziehung zwischen Südkorea und Japan ging und nicht um die Regelung mit weiteren Opferstaaten des Asien-Pazifik-Krieges. Japan beschloss 1994, das Problem der »Trostfrauen« in die Schulbücher aufzunehmen – doch das war nur von vorübergehender Dauer. Konservative PolitikerInnen setzten schließlich durch, dass jegliche Hinweise auf dieses Kapitel der japanischen Kriegsgeschichte wieder aus den Schulbüchern entfernt werden sollten. Es folgten zwar eine Reihe öffentlicher Entschuldigungen seitens politischer RepräsentantInnen gegenüber den Überlebenden, doch genauso häufig fielen Äuße­rungen, die offenbarten, dass sich viele ihrer Verantwortung entzogen: »Vergewaltigungen zu Kriegszeiten sind ein notwendiges Übel, die nicht nur durch Japan geschahen.« Frauen hätten sich freiwillig gemeldet, um Geld zu verdienen. Die Frauen hätten mehr Geld verdient als die Offiziere. Und: Es seien die privaten Agenturen, die für ihre Bordelle Frauenhandel betrieben hätten. Die japanische Regierung sei nicht an der Rekrutierung beteiligt gewesen. Als in Japan im April 2008 nach 54 Jahren ein Regierungswechsel stattfand, kam neue Hoffnung auf Anerkennung und Entschädigung auf, da die Sozialdemokraten zur Regierungspartei gewählt wurden. Sie hatten bereits im April 2000 einen Gesetzesentwurf zur Klärung der Frage der »Trostfrauen« aus der Kriegszeit in das japanische Repräsentantenhaus eingebracht. Doch dann überschattete die Katastrophe in Fukushima die japanische Gesellschaft. Das jahrzehntelange Versäumnis, die imperiale und faschistische Vergangenheit aufzuarbeiten, scheint nicht mehr nachzuholen zu sein. Die Beziehungen zu Japans Nachbarländern – Nord- und Südkorea, China und Taiwan – sind von extremer Anspannung gekennzeichnet. Der neue Premierminister Abe Shinzo stattete provokativ einen Besuch im Yasukuni-Schrein ab und will nun die Kono-Erklärung revidieren. Abes Revisionismus stärkt den Rücken der Rechten und schaltet die kritischen Stimmen aus. Der Keim der Hoffnung auf internationale Solidarität wurde erstickt Internationale Organisationen wie die UNO-Menschenrechtskommission, Amnesty International und ILO forderten Anfang der 1990er Jahre die japanische Regierung auf, sich bei den Überlebenden zu entschuldigen und sie zu entschädigen. Im Jahre 2000 fand diese Solidaritätsbewegung ihren Höhepunkt in einem 83

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Frauenkriegstribunal in Tokio. Unmittelbar nach dem Tribunal trat aber bei den meisten AktivistInnen ein Erschöpfungszustand ein, da jegliche Anstrengungen erfolglos zu bleiben schienen. Seither werden bedauerlicherweise Argumente angeführt, dass es dringendere Probleme zu lösen gäbe, als sich mit der Vergangenheit zu befassen. Meines Erachtens werden jedoch politische Ereignisse viel zu schnell als Vergangenheit abgetan. Angesichts der langen Menschheitsgeschichte sind 70 Jahre von einer kurzen Dauer.4 Im Jahre 2007 kam erneut Hoffnung auf, als im US-amerikanischen Repräsentantenhaus die berühmte »Honda-Resolution« verfasst wurde. Daraufhin folgten fünf weitere Resolutionen in den Ländern Kanada, Südkorea, Taiwan, den Niederlanden und im Europäischen Parlament. Im Zuge dessen verfassten mehr als 30 japanische Städte ihrer eigenen Regierung gegenüber Resolutionen. Auch diese hoffnungsvolle Entwicklung wurde mit der Katastrophe in Fukushima zunichte gemacht. So stellte die SPD-Fraktion im Jahre 2013 im deutschen Bundestag den Antrag auf die Resolution, die durch die CDU/CSU mit der Begründung, man dürfe das von Fukushima geplagte japanische Volk nicht mit der Vergangenheit belasten, abgelehnt wurde. Erika Steinbach plädierte dafür, sich mehr um unsere deutschen Frauen zu kümmern, die im zweiten Weltkrieg von den russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Wiederherstellung der Würde der Frauen durch kollektive Erinnerungsarbeit In Südkorea existieren derzeit zwei Organisationen, die sich mit der Frage der »Trostfrauen« befassen. Die betroffenen Frauen erhalten finanzielle Unterstützung durch die eigene südkoreanische Regierung und von Frauenorganisationen. Im Wohn- und Museumsprojekt »Das Haus des Teilens« in Gwangju bei Seoul verbringen derzeit zehn betroffene Frauen gemeinsam ihren Lebensabend. In Shimteo von The Korea Council werden drei Frauen betreut. Jeden Mittwoch demonstrieren sie seit Januar 1992 vor der japanischen Botschaft und fordern gemeinsam mit ihren UnterstützerInnen »Entschuldigung und Entschädigung«. An Wochenenden empfangen sie internationalen Besuch. Diese Begegnungen scheinen die Damen noch im hohen Alter wach und offen zu halten.

4 Aktuelle Berichte über die Leugnung der Verantwortung durch die japanische Regierung: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2013/11/05/a0115; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/japan-versammlung-in-tokio-leugner-japanischer-kriegsverbrechen-12835165. html; http://www.hani.co.kr/arti/international/japan/685905.html.

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»Trostfrauen«

Die AG »Trostfrauen« des Korea-Verbands in Berlin hat seit 2008 jedes Jahr die Zeitzeuginnen nach Deutschland eingeladen – soweit dies der gesundheitliche Zustand der Betroffenen zugelassen hatte. Frau Gil Won-ok wurde im Alter von elf Jahren nach China verschleppt. Im Jahre 2010 sprach sie auf dem Alexanderplatz: Sie will, so lange sie sich bewegen kann, um die Welt reisen, denn »meine Jugend wird niemals wieder gut, doch ich möchte nicht, dass das Gleiche anderen jungen Frauen geschieht. Der Krieg ist an allem Schuld.« Gemeinsam mit ihrer Leidensgenossin Frau Kim Bok-dong hat sie den »Schmetterlingsfond« eingerichtet. Frauenförderprojekte im Kongo, wo lange Zeit Bürgerkriege herrschten und junge Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden, hat der Fond unterstützt. In jüngster Zeit werden auch Projekte in Vietnam mit dem »Schmetterlingsfond« eingerichtet. Dort vergewaltigten und töteten südkoreanische Soldaten, die durch die USA und die eigene Regierung im Vietnamkrieg eingesetzt wurden, Frauen und ganze Dörfer. Die »Trostfrauen« gehörten überwiegend der armen Schicht des kolonisierten Koreas an. Sie überwanden ihr Schamgefühl und stellten ihre eigene Würde wieder her, indem sie erkannten, dass nicht sie schuldig sind, sondern die Verantwortlichen in der japanischen Regierung. Die »Trostfrauenbewegung«, die aus der Opfer-Perspektive begonnen hatte, erkannte, dass Vergewaltigungen zu Kriegszeiten ein fast universelles Problem darstellen, und erweiterte ihren Horizont auf internationaler Ebene. Wir können nur hoffen, dass die japanische Bevölkerung nicht in die Falle der Argumentationsmuster ihrer Regierung tappt, dass Japan sich bei den Frauen bereits ›einmal‹ entschuldigt habe und die Frauen die liebevoll gesammelten Spenden von privaten Personen abgelehnt hätten. Angesichts dessen, was den Frauen widerfahren ist, können nur sie den Zeitpunkt der Versöhnung bestimmen und nicht etwa die Täter Forderungen an Opfer stellen. Die Verantwortlichen in Japan müssen auch einsehen, warum eine gesetzlich offizielle Verankerung der Lösung des Problems notwendig ist. Denn solange in Japan kein vergleichbares Gesetz wie ein »Verbot der Leugnung des Holocaust« existiert, werden die Opfer immer wieder aufs Neue traumatisiert.

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Lineages of Separation – face to face – Einführung

Die systematisch organisierte Massenvergewaltigung durch das japanische Militär im Asien-Pazifik-Krieg kam erst im Jahre 1991 ans Licht. 24 Jahre sind seitdem vergangen und viele der Überlebenden sind nun verstorben. Die Aufarbeitung der sexuellen Sklaverei durch das japanische Militär beinhaltet nicht nur die Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung und Entschädigung seitens der japanischen Regierung, sondern befasst sich mit einer Vielzahl an aktuellen und relevanten Themen. Themen wie Imperialismus und Kolonialisierung, historische Anerkennung, Diskriminierung und »Othering«, Gender und Frauenrechte in heutigen Gesellschaften, staatliche Kriegsverbrechen, natio­ naler und internationaler Frauen- und Sexhandel werden ebenfalls aufgegriffen, welche uns oft entfallen. Es scheint, dass der Abstand zwischen den Überlebenden und uns größer ist, als wir es uns vorstellen können. Zuerst müssen wir diese Kluft zwischen den Überlebenden und uns überqueren, bevor wir ein Verständnis für diese Themen entwickeln können. Innerhalb der sozialen Kontexte der sexuellen Sklaverei durch das japanische Militär versucht die Zusammenführung von Stimmen und Porträts der Überlebenden mit dem Titel Lineages of Separation die maßgeblichen Diskontinuitäten, die uns von den Überlebenden trennen, zu begreifen und anzuerkennen. Darauf werden Wege vorgeschlagen, wie wir die Frauen an unsere Erinnerungen binden und auf ihre fortwährenden Rufe reagieren und antworten können. Die Stimmen der Frauen folgen in fließender Weise aufeinander. Bisweilen singen sie Lieder des japanischen Militärs, welche die sexuelle Ausbeutung und Vernichtung der »Anderen« in Krieg und Kolonialismus widerspiegeln. Manchmal sind es die Lieder der Länder, in welche die Frauen zwangsverschleppt wurden, und die sie fernab ihrer Heimat und Familien lernten. Dann sind es wieder Stimmen, die sich zu andächtigen Gebeten zu Göttern formen, die den Frauen halfen zu überleben. Sie werden zu traditionellen oder populären Songs, welche die Frauen mit anderen Frauen zusammen singen und welche sie umändern, um ihren Gedanken und Emotionen einen Raum zu schaffen. Diese Ausdrucksfor86

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men stehen für Strategien und Wege, trotz der Erinnerungen an unvorstellbaren Schrecken und Schmerz zu überleben. Jedes einzelne Stück zeigt uns eine wichtige Seite der individuellen Geschichten der Frauen. In den Momenten, in welchen wir den Frauen von Angesicht zu Angesicht (face to face) gegenüberstehen, schaut jede einzelne Frau zu uns in einer diffusen Reflektion zurück. Das Porträt erwacht zum Leben, welches eine Verbindung zwischen uns und den Frauen erschafft. Der einheitliche Winkel und Rahmen jedes Bildes symbolisieren die geteilten Erfahrungen der Frauen als Opfer sexueller Gewalt durch das japanische Militär. Dennoch, alle Frauen, die uns in den Fotografien begegnen, sind ohne Zweifel Individuen, jede mit ihrem eigenen Namen und ihrer eigenen Identität, die ihre Rechte tagtäglich von der patriarchalischen Gesellschaft, in der wir leben, mit Füßen getreten sehen. Und nun fordern diese Menschen die Wiederherstellung ihrer Würde ein. In den Porträts machen die Frauen einen Schritt nach vorne und hinterfragen unsere Beziehung zu ihnen. Mithilfe der einzigartigen Individualität jeder Frau, die durch den Klang ihrer Stimme und der visuellen Aufnahme von einer großen Einheit zu einer Gruppe von Individuen zum Ausdruck gebracht wird, erhoffen wir, dass jedes einzelne Gesicht der Frauen einen dauerhaften Platz in Ihrem Geist erhält. Aus dem Englischen von Alexandra Bauer.

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Photo Tsukasa Yajima.

Bae Chunhui geb. 1923 in Seongju, im nördlichen Teil der Provinz Gyeongsang, gest. 2014 Als Bae Chunhui mit 19 einmal ihre beste Freundin Bongsun besuchte, hörte sie, dass man nach Freiwilligen für Arbeitsgruppen suchte. Unwissend über den Begriff einer »Trostfrau«, und auf das Wort hin, dort Geld verdienen zu können, meldete sie sich zusammen mit ihrer Freundin Bongsun. So begann in der Mandschurei ihr Leben als Sexsklavin. Bis nach Kriegsende konnte sie nicht nach Korea zurückkehren, und eine Zeit lang in China verweilend, ging sie 1951 nach Japan hinüber, wo sie an die 30 Jahre lang lebte, bis sie 1981 nach Korea heimkehrte. Die Lieder von Bae Chunhui, die in Japan als Kabarett-Sängerin auftrat, haben Klasse. 88

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Im »Haus des Teilens« wird sie als Künstlerin verstanden. Die sich den Menschen schwer öffnende Großmutter Bae verschenkt ihr Herz nur an Tiere und Kinder leicht. Darüber hinaus mag sie melodramatische und romantische Lieder und Filme. Das von ihr gesungene Lied von der Blüte der Jugend ist zwar ein traditionell chinesisches Volkslied, aber es wurde 1967 durch das zum Hit avancierte chinesische Melodrama Susanna, in dem die Haupdarstellerin dieses Lied singt, in Korea sehr bekannt.

Blüte der Jugend (1938) (auf Chinesisch) Die Sonne steigt wie in alten Tagen aus dem Schoß des Berges empor. Auch wenn die Blumen verwittern, im nächsten Jahr erblühen sie wieder. Wie das wunderschöne Vögelchen, das spurlos davonfliegt, So kehrt auch meine Jugend, dem kleinen Vogel gleich, nicht wieder, So kehrt auch meine Jugend, dem kleinen Vogel gleich, nicht wieder. Das sollte nicht sein, so sollte es nicht sein. Auch die Blüte meiner Jugend verlässt mich wie der Vogel und kommt nicht wieder. So sollte es nicht sein, so darf es nicht sein.

Blüte der Jugend (1938) (auf Koreanisch) Die Sonne geht wieder auf, Wenn es Frühling wird, blühen die Blumen wieder. Das Vöglein fliegt weit fort. Die Blüte meiner Jugend kehrt nicht wieder. Die Blüte meiner Jugend kehrt nicht wieder. Die Blüte meiner Jugend kehrt nicht wieder.

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Kim Sundeok geb. 1921 in Uiryeong, im südlichen Teil der Provinz Gyeongsang, gest. 2004 Im Jahr als Kim Sundeok 17 Jahre alt wurde, fiel sie auf die inszenierte Rekrutierung von Krankenschwestern herein und wurde zur »Trostfrau« im japanischen »Trostcamp«. Im Folgenden konnte sie 1940 dank der Hilfe eines japanischen Offiziers über Nanjing nach Hause zurückkehren. 1991 sah sie im Fernsehen das Zeugnis von Kim Haksun und nach einiger Überlegung und der Anfertigung ihres eigenen Berichts lebte sie ab Oktober 1992 im »Haus des Teilens«. Sie malte das Bild Die nicht erblühte Blume, das zum Symbol für die Frauenbewegung gegen die sexuelle Ausbeutung durch das japanische Militär wurde. Auch mit zunehmendem Alter verweilte sie nie an einem Ort, war stets viel 90

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beschäftigt und fleißig und ist so eine führende Hand im »Haus des Teilens« geworden. Bis zuletzt noch nahm sie an den Mittwochsdemonstrationen vor der japanischen Botschaft teil, vernachlässigte nie ihre Farmarbeit und malte auch stetig an ihren Bildern weiter. Diese ältere Dame, die als Kind einmal eine Gisaeng werden wollte und auf eine entsprechende Schule ging, ist stolz auf ihre unterhaltende Wortgewandtheit und auf ihre Stimme. Deswegen ist ihr Wanderkünstler-Taryeong umso erfreulicher. »Eine Billion Jahre will ich leben«, sagte Kim Sundeok, die jeden Mittwoch kam und mitdemonstrierte, und verließ doch am 30. Juni 2004 unsere Welt.

Wanderkünstler-Taryeong (Minyo – Koreanisches Volkslied) Nein, oh nein – da kann man nicht anders als vor Freude springen! Im August der 15. ist der Tag, an dem unser Land befreit wurde. Jedes Haus hisst die Flagge, in jeder Straße der Klang des »Zehntausend Jahre!« Hurra, hurra! Es lebe die Unabhängigkeit! Unser Land ist befreit! Glaubt Amerika nicht und lasst euch nicht von den Sowjets täuschen. Treiben wir voran die Vereinigung des Nordens und Südens, errichten wir unsere Nation – Eine Billion Jahre möcht‘ ich leben! »Eine Billion Jahre will ich leben.« Nein, oh nein, da kann man nicht anders als vor Freude springen! In einer stillen Nacht, in der alle anderen schlafen, sitze ich allein wach. Vergangene Dinge entfalten sich vor mir und heute denk‘ ich an meinen Kummer. Von außen ist der Berg eine gewaltige Bergkette, Von außerhalb ist das Wasser ein unermesslicher Ozean. »Der Sinn erschließt sich dir nicht ganz, nicht wahr?«

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Mun Pilgi geb. 1925 in Jinyang, im südlichen Teil der Provinz Gyeongsang, gest. 2008 Als Tochter geboren, ließ der Vater sie nicht zur Schule gehen, und so versorgte sie seit dem 9. Lebensjahr den Haushalt und half sogar bei der Feldarbeit, pflückte Baumwolle und auch Spinnen und Weben konnte sie. 1943, mit 18 Jahren, verließ sie heimlich ihre Eltern und folgte einem Mann, der für das japanische Militär arbeitete und der ihr versprach, sie an einen Ort zu bringen, an dem sie lernen und Geld verdienen konnte. Damit begann ihr Leben als »Trostfrau« in den sogenannten »Trostcamps« der japanischen Soldaten. Gleich nach dem Sieg über Japan marschierten die Sowjets ein und übernahmen das Camp, doch Mun Pilgi stahl sich heimlich aus dem Lager weg und es gelang ihr, nachts wandernd, von Pyeongyang über Gaeseong nach Seoul zu fliehen. 92

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Nachdem sie im Fernsehen einen Zeugenbericht über die Erfahrungen älterer Frauen als »Trostfrauen« des japananischen Militärs sah, trat auch sie mit ihren Schicksalserfahrungen vor die gesamte Welt. Sie ist eine friedliche, immer mit einem milden Lächeln geschmückte, attraktive alte Dame. Nur wenige Jahre zuvor sang sie mit solcher Freude, dass man sogar selbst, wann immer man sang, an Mun Pilgi denken musste. Das von ihr am liebsten gesungene Lied ist ein Lied, das zu singen ihr nun an Kraft mangelt, daher wird sie es liegend jetzt ein letztes Mal für uns singen.

Weine, Gitarrensaite! (1955) (Komposition: Yi Jaeho, Text: Mu Jeogin) Ein unvertrautes fremdes Land, jene Nacht, jener junge Mann. Was ist es, das mich wohl nicht vergessen lässt. Die Liebe gespannt auf den Gitarrensaiten, die Liebe eines Wanderers – Weine, oh du meine Gitarre!

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Männer-Frauen-Krieg: Sarajevo 1992–1995

Ganz in unserer Nähe, im Südosten Europas, ging vor 20 Jahren auf dem Balkan ein Krieg zu Ende, der von 1992 bis 1995 dauerte und von besonderer Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung gekennzeichnet war. Opfer waren in ungewöhnlichem Ausmaß Frauen und Kinder, die immer schon wehrlose Leidtragende in Kriegen waren, hier jedoch ihrer systematischen Verfolgung ausgesetzt waren. Während vom Krieg der Männer in der Regel ausreichend Reportagen und auch Abbildungen von Kampfhandlungen vorliegen, ist der Krieg gegen die Frauen im blinden Fleck öffentlicher Wahrnehmung geblieben und nur sporadisch ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Systematische Massenvergewaltigungen und vielfache Ermordungen von Frauen sind in diesem Krieg weitgehend ohne anklagende Stimme und unsichtbar geblieben. Und wo es Anklagen gab und Bilder der Verbrechen, sind sie in der gegenseitigen Propaganda der Kriegsparteien unglaubwürdig geworden. Die Zeugenschaft für die Massenvergewaltigungen von Frauen in diesem Krieg ist bei den Opfern geblieben, die aber, traumatisiert und aus Scham, schweigen. Und wenn sie es doch über sich bringen darüber zu reden, was ihnen angetan wurde (was in den beiden Büchern von Maria von Welser und Alexandra Stiglmayer beeindruckend dokumentiert ist1), dann bleibt doch ausgeblendet, was in unserer Mediengesellschaft so wesentlich geworden ist, die visuelle Evidenz der Verbrechen der Täter durch Bilder, die es in den Lagern dieses Krieges ebenso wenig gegeben hat und geben konnte wie in den KZs des Holocaust.2 Wenn es um die Innenansichten der Unmenschlichkeit geht, sind, mit wenigen eher zufälligen Ausnahmen wie Abu Ghraib, die Bilder ausgesperrt (der ›Skandal‹ von Abu Ghraib war gerade, dass es diese Bilder überhaupt gab. Auch

1 Vgl. Maria von Welser. Am Ende wünscht du dir nur noch den Tod. Die Massenvergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan. München 1993, und Alexandra Stiglmayer (ed.). Massenvergewaltigungen. Krieg gegen die Frauen. Freiburg i.B. 1993. 2 Bei den Nürnberger Prozessen spielten Fotos (der Täter selbst) eine wesentliche Rolle bei der Überführung von Nazitätern und dem Beweis für ihre Teilnahme an Verbrechen.

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wenn heute kleinste Kameras z.B. in iPhones weit verbreitet sind, werden es Fotos der Täter sein, die womöglich öffentlich werden). Filmreportagen und Dokumentationen insbesondere über die 4 Jahre dauernde Belagerung von Sarajevo durch serbisch-bosnische Truppen und deren Krieg gegen die Zivilbevölkerung in dieser Stadt hat es gegeben. Ein kurzer, bereits 1992 entstandener 2 Minuten langer Film von Jean Luc Godard Je vous salue, Sarajevo, enthält nur ein Foto, das der Kriegsreporter Ron Haviv 1992 in Bijeljina gemacht hat. Es zeigt die Aggression serbischer Soldaten gegen die Zivilbevölkerung. Es ist ein ›symptomatisches‹ Bild, das Godard veranlasst, es zu einer Aussage über den Zusammenbruch der Kultur in Europa zu verallgemeinern. Erst nach dem Krieg konnten Filme entstehen, die versuchen, ex post sich auch dem ›Krieg gegen die Frauen‹ aus der Innenansicht der Gewalt zu nähern.3 Zwei sehr unterschiedliche Filme, die 2006 und 2011 entstanden sind, denen jedoch das Thema der Massenvergewaltigungen gemeinsam ist, will ich hier vergleichend vorstellen und fragen, welche filmischen Strategien ihrem Thema zugrunde liegen. Zunächst ein paar Worte zu diesem an sich schon unübersichtlichen Krieg in Bosnien-Herzegowina, die ein wenig die besondere Situation der Bevölkerung in dieser Region und insbesondere in Sarajevo verständlich machen sollen. *** Geopolitischer Ausgangspunkt ist die Auflösung Jugoslawiens zu Beginn der 1990er Jahre. 1945 als Folge des Zweiten Weltkriegs entstanden, war Jugoslawien eine Sozialistische (in der Folge blockfreie) Föderative Republik bestehend aus sechs Teilrepubliken. Im Norden Slovenien, dann zwischen Ungarn und der Adriatischen Küste Kroatien, im Südosten Serbien, im Süden Montenegro, Mazedonien und mittendrin Bosnien-Herzegowina mit seiner Hauptstadt Sarajevo. Die Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas besteht aus kroatischen (katholischen) und serbischen (orthodoxen) Bosniern sowie muslimischen Bosniaken vor allem um Sarajevo herum. 1992 haben sich zunächst Kroatien und dann Bosnien-Herzegowina in einer erfolgreichen Abstimmung für unabhängig erklärt, während Serbien gewissermaßen Jugoslawien beerbt hat. Die Autonomieerklärung war für Bosnien-Herzegowina folgenreich für das bis dahin relativ gutnachbarschaftliche Zusammenleben der drei Bevölkerungsgruppen. In dem nun beginnenden Krieg ging es für Serbien im wesentlich um die Eroberung und Eingliederung umfangreicher bosnisch-serbisch dominierter Gebiete, vielfach mit historischer Rechtfertigung im Sinne der Verwirklichung groß-serbischer Ansprüche. Ähnli-

3 Irma Duraković. »Die Zeit im Spiegel des Films. Einige Notizen zum bosnisch-herzegowischen Nachkriegsfilm«. Irma Duraković, Michael Lommel, Joachim Paech (eds.). Raum und Identität im Film. Historische und aktuelle Perspektiven. Marburg 2012, 105–116.

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che Interessen verfolgte Kroatien mit dem kroatisch dominierten Herzeg-Bosnia und dessen Hauptstadt Mostar. Die militärische Strategie der bosnischen Serben lief auf die Vertreibung und Ermordung zig-tausender Menschen im Sinne einer ›ethnischen Säuberung‹ hinaus, um die spätere Rückkehr vor allem muslimischer Bosniaken in die eroberten Gebiete künftig auszuschließen. Die Massenvergewaltigungen vor allem muslimischer Frauen sollten erreichen, dass die Bosniaken, wenn sie nicht ermordet wurden, nie mehr in ihre Heimat zurückkehren wollen und wenn, dann mit serbischem ›Inhalt‹.4 Sarajevo ist auch deshalb zum symbolischen Ort für diesen Krieg geworden, weil hier alle Bevölkerungsgruppen dicht zusammenlebten in einer Stadt, die bis dahin überwiegend muslimisch geprägt war (und es wieder ist). Sarajevo war schon einmal 1914 der Ort, an dem die (serbische) Lunte an das Pulverfass Europa gelegt worden war. Diesmal drohte die Stadt vor den Augen Europas unterzugehen, ein Europa, das sich zu lange nicht entschließen konnte, dem Foltern und Abschlachten vor allem von Frauen und Kindern Einhalt zu gebieten. Geradezu beispielhaft dafür war das Verhalten einer niederländischen UN-Schutztruppe, die in Srebrenica, einer Art bosnischen Enklave im serbischen Srptska, tatenlos einem serbischen Massaker an der männlichen Bevölkerung mit über 3.000 Opfern zugesehen hat. Für derart extreme Grausamkeiten wurden u.a. serbische paramilitärische Milizen verantwortlich gemacht, sog. Tschetniks, die marodierend und mordend in diesem Krieg unterwegs waren (entsprechende rechte Ustascha-Milizen operierten von Kroatien aus). Beide Filme, die ich hier diskutieren möchte, handeln von den Ereignissen in Sarajevo während der Belagerung der Stadt durch jugoslawische und in deren Nachfolge serbische Truppen, die einen Teil der Stadt (Grbavica) besetzt und auf den Hügeln rings um Sarajevo Stellungen ausgebaut hatten, von denen aus in die Stadt geschossen wurde. Höhepunkt war das Massaker auf dem MarkaleMarktplatz am 5. Februar 1994 als auf einen Schlag 64 Zivilisten getötet und Hunderte verletzt wurden (ein zweites Massaker im August 1995 am selben Ort führte schließlich zur Intervention der Nato). Verteidigt wurde die Stadt, die erfolglos zur UN-Schutzzone erklärt worden war, von der bosnisch-herzegowinischen Armee, die den Serben weit unterlegen war. In Sarajevo begann der Krieg im März 1992 weithin sichtbar mit der Zerstörung der Nationalbibliothek, der »Viječnica‘»im August 1992;5 er endete durch die militärische Intervention der NATO und den

4 Ziel der ethnischen Säuberungen ist es, »alle Nicht-Serben zu vertreiben – und zwar dauerhaft. Sie werden in Lager gesperrt und deportiert, zielgerichtet werden Terror, Folter und Vergewaltigungen eingesetzt, um ihre Rückkehr zu verhindern, werden ihre Häuser und Kulturgüter gesprengt, damit sie nichts mehr haben, wenn sie zurückkommen wollen.« Stiglmayer, 46. 5 Die absichtlich von den Serben in Brand geschossene Bibliothek osmanischer Gründung, mit deren Zerstörung Kulturschätze unwiederbringlich verloren gegangen sind, beweist,

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›Frieden‹ von Dayton 1995. Mit 1.425 Tagen ging die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert zu Ende; die Menschen dort waren immer wieder ohne Wasser und Strom und mussten unter permanenter Bedrohung ihres Lebens versuchen zu überleben; die Luftbrücke, die zur Versorgung ihrer verbliebenen 100.000 Bewohner eingerichtet wurde, dauerte länger als die Berliner Luftbrücke. 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder sind der Belagerung zum Opfer gefallen. *** Der Titel des Films In the Land of Blood and Honey steht für den ›Balkan‹, den Namen der südosteuropäischen Halbinsel, der aus den türkischen Wörtern »bal« für Honig und »kan« für Blut zusammengesetzt ist. Der Film ist die erste Regiearbeit des Hollywood-Stars Angelina Jolie und wurde zuerst im Januar 2012 in Toronto, dann am 23. Februar 2012 im Programm »Berlinale spezial« der Filmfestspiele in Berlin aufgeführt. Die Produktionsgeschichte des Films ist symptomatisch, sie zeigt, dass auch 20 Jahre nach Kriegsende noch massive Vorbehalte gegen jede Art von Darstellung des Krieges bestanden. Die ursprüngliche Absicht, in der Nähe von Belgrad, also in Serbien, zu drehen, musste schnell fallengelassen werden; in Bosnien wurde geargwöhnt, dass der Film den Krieg verkitschen könnte; der deutsche Verleihtitel Liebe in Zeiten des Krieges noch dazu zwischen einer muslimischen Bosniakin und einem bosnischen Serben lässt vermuten, dass das Thema der Vergewaltigungen hier melodramatisch relativiert worden sein könnte. Aus ähnlichen Gründen wurde die Drehgenehmigung auch vom muslimischen Kultusministerium für Sarajevo verweigert. Die Dreharbeiten fanden schließlich im Oktober 2010 in der Nähe von Budapest statt. Der Film ist ausschließlich mit Schauspielern besetzt, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen und den Bosnienkrieg zum Teil selbst erlebt haben, was auch der Authentizität des Dargestellten zugutekommen sollte. Zudem wurde neben der englischen Version auch eine Version in der bosnischen Muttersprache der Schauspieler gedreht. Erzählt wird die Geschichte von Ajla, einer jungen Malerin, und Danijel, einem Polizisten, die sich in einem Tanzlokal in Sarajevo ineinander verlieben. Die Explosion einer Bombe, die den Beginn des Krieges markiert, überleben beide, aber von nun an ist Ajla nur noch eine Bosniakin, eine bosnische Muslimin, und Danijel ist bosnischer Serbe. Ajla wird mit anderen Frauen aus ihren Wohnungen geholt und in ein serbisches Hauptquartier in der Nähe von Sarajevo verschleppt, wo sie in einem Frauenlager zusammengepfercht, beraubt, geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt werden. Der Krieg in diesem Film ist von Anfang an ein

dass auch ein Krieg gegen die Kultur der ‚Anderen‘ geführt wurde. Umso wichtiger ist, dass die ‚Viječnica‘ inzwischen wieder aufgebaut und im Sommer 2014 eröffnet wurde.

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Krieg gegen die Frauen. Gleich bei ihrer Ankunft im Lager wird eine der Frauen demonstrativ vor den Augen der anderen vergewaltigt. Danijel ist inzwischen serbischer Hauptmann in einer bosnisch-serbischen Einheit, die von seinem Vater, einem ethnischen Hartliner,6 als Kommandant befehligt wird. Danijel erkennt Ajla unter den anderen Frauen im Lager und erklärt sie zu seinem persönlichen Eigentum, auch um sie vor seinen Kameraden zu schützen. Es entsteht ein Widerspruch zwischen drastischen Bildern vergewaltigter Frauen, die auch als lebende Schutzschilde im Kampf missbraucht werden, und einer Art Enklave für die Liebesbeziehung zwischen Ajla und Danijel, die allerdings ständig bedroht ist. Der Wahnsinn des Krieges macht am Ende auch diese Beziehung zunichte. Danijel erschießt Ajla und stellt sich den UN-Truppen, indem er sich als Kriegsverbrecher bezichtigt. Dieser Film hat alle Merkmale eines Hollywood-Films. Die Mischung aus Kriegsgrausamkeiten, Action und Melodram ist ein stets wiederkehrendes Muster, nach dem auch Kriegshandlungen immer wieder gestrickt werden. Seine Ästhetik ist die der filmischen Illusionsbildung, die auf die Verringerung der Distanz und der vollkommenen Transparenz zur dargestellten Handlung zielt, um ein (medial) ungestörtes Verhältnis zum Geschehen zu ermöglich, an dem wir als Zuschauer emotional beteiligt werden, auch wenn es um besonders grausame Szenen geht. Die Tatsache, dass die Regisseurin Angelina Jolie ein berühmter Hollywood-Star ist und der Film auf einem der großen Festivals gestartet wurde, macht ihn vollends zum Blockbuster unter vielen anderen. Der Erfolg des Films hängt sicherlich auch damit zusammen, dass seine Regisseurin erstaunlich sicher die Produktionsregeln Hollywoods umgesetzt hat. Ob er dennoch oder gerade deswegen seinem großen Thema der Aufklärung über Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg

6 Er rechtfertigt gegenüber seinem Sohn die Grausamkeiten: »Du meinst wir sind hart. Ich versteh dich, du bist jung und denkst nicht an die Geschichte. Wir Serben haben 500 Jahre lang gegen die Türken gekämpft und haben sie aus Europa vertrieben. 1914 sind wir gegen die österreichisch-ungarische Monarchie aufgestanden und haben gesiegt. Wir haben auch Hitler einen Arschtritt verpasst. Wir geben nie auf. Eine Million Serben sind im Zweiten Weltkrieg gestorben, dieses Land ist durchtränkt von serbischem Blut und jetzt sollen wir so ein Gebilde akzeptieren [d.h. ein autonomes Bosnien-Herzegowina], einen Staat mit muslimischer Verwaltung, regiert von Moslems?« Die Geschichte, die zur Rechtfertigung des Krieges beschworen wird, reicht von 1389, der Schlacht auf dem Amselfeld, als Serben gegen osmanische Eroberer kämpften, bis zu persönlichen Erinnerungen des Kommandanten, dessen Familie 1944 von Moslems und faschistischen Ustascha Leuten in einer SS-Division abgeschlachtet wurde. Danijel: »Aber viele Leute kenne ich, ich hole Menschen aus ihren Wohnungen, die ich von früher noch kenne.« Kommandant: »Sie geben nur vor, gute Nachbarn zu sein, unter Tito [in Jugoslawien] haben sie ihre Absichten geheim gehalten und nur darauf gewartet, bis sie endlich angreifen und Jugoslawien zerbrechen konnten. […] Geh zu deinen Männern, zieh die Säuberung des Bezirks durch.«

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gerecht geworden ist, will ich diskutieren, nachdem ich den zweiten Film zu diesem Thema vorgestellt habe. Esmas Geheimnis – Grbavica ist ein Film von Jasmila Žbanić. Er ist eine Koproduktion der Länder Österreich (coop99), Bosnien und Herzegowina (Deblokada), Deutschland (noirfilm) und Kroatien (Jadran Film) mit Unterstützung von arte und ZDF. Der Kinostart in Österreich war am 3. März 2006, in Deutschland am 6. Juli 2006. Jasmila Žbanić, Jahrgang 1974, ist wie ihre Schauspielerinnen Bosnierin aus Sarajevo, was die Legitimität für ihren ersten langen Spielfilm über das Leiden der Frauen in Sarajevo während des Bosnienkrieges sicherlich gestärkt hat.7 Der Erfolg von »Grbavica« hängt offenbar an Dingen, die mit bloßem Können nichts zu tun haben. Etwa an der Nähe des Films zu den Menschen, unter denen Jasmila Žbanić selbst aufgewachsen ist. An der Einfachheit und Geradlinigkeit der Geschichte, am Verzicht auf Symbolismen und Ballereien. Und an dem Blick, der das Geschehen begleitet, einem Blick, der die Personen nicht in Gute und Böse sortiert, sondern ihnen ihre Widersprüche lässt, die Risse und Sprünge in ihrer Biographie, die sie hinter der Fassade der Normalität verstecken.8

Dieser Film ist 2006 im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele gelaufen und hat dort den Goldenen Bären gewonnen. Während der Preisverleihung hat Jasmila Žbanić ausdrücklich auf die serbischen Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen hingewiesen, vor allem Radovan Karadžić und Ratko Mladić, die inzwischen in Den Haag angeklagt sind. Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara im während des Krieges serbisch besetzten Stadtteil Grbavica in Sarajevo. Der Krieg ist seit mehreren Jahren vorbei, das Leben in Sarajevo hat sich so weit wie möglich normalisiert, in der Stadt sind die Kriegsschäden noch deutlich erkennbar, in den Köpfen der Menschen sind die Folgen des Krieges spürbar. Esma arbeitet als Kellnerin in einem Nachtclub, weil die Unterstützung durch den Staat nicht ausreicht. Um für Saras bevorstehende Klassenfahrt nicht den vollen Preis bezahlen zu müssen, muss nachgewiesen werden, dass ihr Vater ein Kriegsheld war (d.h. öffentlich anerkannt werden der ›Heldentod der Männer‹, nicht aber die Leiden und Opfer der Frauen). Esma kann den Nachweis nicht auftreiben und scheint etwas vor ihrer Tochter zu verbergen. Das fehlende Geld sammelt Esma bei Kolleginnen und befreundeten Frauen ein, aber Sara besteht auf dem Nachweis über ihren Vater. Gemeinsam mit ihrem Mitschüler Samir, der ebenfalls seinen Vater im Krieg verloren hat, beginnt sie

7 Auch der erfolgreiche Regisseur Emir Kusturica stammt als bosnischer Serbe aus Sarajevo. 8 Andreas Kilb. »Meisterhafter Film aus Bosnien: ›Esmas Geheimnis‹«. FAZ, 05.07.2006.

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nachzuforschen und ihrer Mutter die Geheimnisse aus der Zeit des Krieges zu entlocken. Schließlich erfährt sie die schockierende Wahrheit: Esma gehört zu den zahllosen Opfern systematischer Vergewaltigung während des Kriegs, und Sara ist die Frucht eines solchen Gewaltaktes durch einen serbische Tschetnik. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die Wahrheit über die Vergangenheit ein verständnisvolles Zusammenleben zwischen Mutter und Tochter bzw. zwischen den Generationen in der Zukunft möglich macht. Der Film Esmas Geheimnis zeigt nicht den Krieg, sondern im zeitlichen Abstand die traumatischen Folgen des Krieges für dessen Opfer und vor allem die Folgen der Vergewaltigungen für die Frauen. Sie kommen zusammen, sie sitzen zusammen, aber sie sind unfähig, über das zu reden, was sie im Krieg erleben mussten. Ihre Erinnerung ist traumatisch blockiert. Damit ein Weiterleben nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges möglich ist, muss die Erinnerung daran verdrängt werden. Es entsteht eine nach wie vor bedrückende Leerstelle, die häufig durch eine veränderte Deckerinnerung ersetzt wird, mit der die Vergangenheit in die Gegenwart geholt werden kann. Abgesehen davon, dass solche verdeckten Erinnerungen sehr brüchig und immer gefährdet sind, machen die ›heilsamen Lügen‹ die Erinnerungen oft unglaubwürdig, die Zeugenschaft problematisch. Der Film handelt von dieser Leerstelle der Verdrängung und den ›Lebenslügen‹, die an ihre Stelle getreten sind. Esmas Geheimnis ist das, was von ihr unausgesprochen bleiben oder vergessen werden muss, damit sie ihren Alltag leben kann, auch wenn sie körperlich darunter leidet. Allerdings ist die (Ein-) Schließung in das Trauma von Anfang an unvollständig, weil ihre Tochter Sara die lebendige Evidenz für das ist, was nicht gewesen sein darf. Es geht um den abwesenden Vater, der nicht zurückkehren darf, um das mit ihm verbundene Geheimnis mit allen Risiken für die Beziehung zwischen Mutter und Tochter nicht zu zerstören. An seine Stelle ist ein anderer, imaginärer Vater und ›Kriegsheld‹ getreten, der jedoch den Anforderungen der Realität nicht standhalten kann. Sara möchte wissen, wer ihr Vater ist. Als sie schließlich die Wahrheit über ihren Erzeuger erfährt, dass sie das Kind einer Vergewaltigung ist, schert sie sich die Haare vom Kopf, weil ihre Mutter gelogen hat, sie habe zumindest die Haarfarbe von ihrem Vater, um so diese schreckliche Wahrheit an sich selbst ungeschehen zu machen. Der dramatische ›Moment der Wahrheit‹ ist für beide, Esma und Sara, mit dem Risiko des Zusammenbrechens ihrer bisherigen Lebensgrundlage und Beziehung zwischen Mutter und Tochter behaftet. Aber für Esma und ihre Tochter Sara ist das Aussprechen der Wahrheit die Voraussetzung dafür, dass sie künftig die Chance für eine Gemeinsamkeit ohne Lügen und mit gegenseitigem Respekt haben werden. Sich dieser Wahrheit zu stellen ist die Aufforderung an die gesamte von diesem Krieg betroffene Gesellschaft in diesem Film. Gezwungen von ihrer Tochter muss Esma die Wahrheit (das Geheimnis) über die Massenvergewaltigungen, deren Opfer sie und gewissermaßen auch Sara geworden sind, preisgeben. Sie legt Zeugnis ab über ein Geschehen, das nur indem 101

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es ausgesprochen wird, als erlebtes und erlittenes Geschehen wahrhaftig erinnert (und ›bewältigt‹) werden kann. Genau das macht die Interviews mit den Vergewaltigungsopfern in den Büchern von Alexandra Stiglmayer und Maria von Welser so unverzichtbar. Es kann keine dokumentarischen Bilder aus den Lagern geben, deren Evidenz die Geschehnisse direkt abbilden könnten, weshalb es bei der Wahrhaftigkeit des Sprechens über das Erlebte bleiben muss.9 Die Innenansichten der Unmenschlichkeit, das Aufdecken ihrer ›Geheimnisse‹, bleiben denen vorbehalten, die ihre Opfer und Zeugen geworden sind. Von uns, den Zuhörern ist jene Empathie gefordert, die uns zu Mitwissern und schließlich zu Mitverantwortlichen für die Konsequenzen des Mitgeteilten macht. *** Zwei Filme, die im Abstand von 4 Jahren entstanden sind, über das dasselbe Thema, Kriegsverbrechen an Frauen während des Bosnien-Krieges, am selben Ort, Sarajevo. Die Autorinnen beider Filme sind Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die eine, Angelina Jolie, ein Hollywood-Star, glamourös, ein wenig skandalös, aber auch weltweit bemüht um die Ächtung von Vergewaltigungen als Waffe im Krieg gegen Frauen, mit ihrem viel beachteten ersten Film als Regisseurin; die andere, Jasmila Žbanić, gebürtig aus Sarajevo, ebenfalls mit ihrem Erstlingsfilm in einer europäischen Koproduktion. Der Krieg liegt 10 bis 15 Jahre zurück, aber die Wunden des Krieges sind in Sarajevo noch deutlich spürbar. Ein Film über die schrecklichen Ereignisse dieses Krieges wie Massaker und Massenvergewaltigungen muss Stellung beziehen, er wird in jedem Fall von der einen oder anderen Seite für die Wahrheit seiner Darstellung des Geschehens verantwortlich gemacht – auch, wenn es sich ›nur‹ um einen fiktionalen Spielfilm handelt. Seine moralische und politische Botschaft setzt die Aufrichtigkeit seiner Absichten voraus. Beide Filme sind wie gesagt fiktionale Filme, in Drehbüchern erzählt, für die Kamera inszeniert und von Schauspielern gespielt. Sie erzählen vom Krieg, der eine, indem er ihn unmittelbar darstellt, der andere, indem er ihn im Abstand von mehr als 10 Jahren erinnert. Esmas Geheimnis handelt von den psychischen und sozialen Folgen der Gewalt gegen Frauen, In The Land of Blood and Honey zeigt diese Gewalt direkt, indem der Film den Krieg im Rahmen seiner Erzählung von Anfang bis Ende begleitet. Wie verfahren die beiden sehr unterschiedlichen Filme, indem sie uns eine möglichst wahrhaftige Vorstellung von ihrem gemeinsamen Thema der ›Massenvergewaltigungen als Waffe im Krieg gegen Frauen‹ während des Bosnien-Krieges geben?

9 Vgl. Joachim Paech. »Dargestelltes Trauma – Trauma der Darstellung«. Aleida Assmann, Karolina Jeftic, Friederike Wappler (eds.). Rendezvous mit dem Realen. Die Spur des Traumas in den Künsten. Bielefeld: transcript, 2014, 37–58.

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Angelina Jolie beginnt ihren Film mit Szenen friedlichen Alltagslebens. Junge Leute treffen sich und verlieben sich in einem Tanzclub, dann explodiert eine Bombe und plötzlich ist alles anders. Der Krieg bricht über sie herein, es gibt Tote und Verletzte, aus Nachbarn und Freunden sind Feinde geworden und niemand weiß warum. Die Bevölkerung von Sarajevo differenziert sich in Zivilisten und Soldaten, Frauen auf der Seite der Opfer und Männer als Täter auf der Seite der Gewalt. Unterschiede der ethnischen und religiösen sowie der Zugehörigkeit zu verschiedenen Volksgruppen brechen auf. Sämtliche Unterscheidungen bedeuten Grenzen und ziehen gewaltsame Grenzüberschreitungen nach sich. Der Krieg tötet Menschen und zerstört nicht nur große Teile von Sarajevo, er zerstört auch jede Form von Gemeinsamkeit und des Zusammenlebens unter den Menschen dieser Stadt, die exemplarisch für diesen Krieg ist. Der Film In The Land of Blood and Honey handelt von diesen Grenzüberschreitungen. Kaum spielen Kriegshandlungen im traditionellen Sinne eine Rolle. Statt dessen wird das gewaltsame Vorgehen gegen Zivilisten in ihren Wohnungen gezeigt, Menschen werden wie Vieh getötet, ein schreiendes Baby wird kurzerhand über den Balkon geworfen, Männer werden hingerichtet und Frauen verschleppt, vergewaltigt und in Kriegshandlungen als lebende Schutzschilde missbraucht. Wo jede Grenze der Humanität überschritten, Kultur zusammengebrochen ist und bedingungsloser Terror herrschen, versucht der Film einen Rest an Menschlichkeit in der Beziehung zwischen einem der Opfer, der Muslimin Ajla und dem serbischen Soldaten Danijel auf der Seite der Täter zu retten, wiederherzustellen. Die Liebesgeschichte soll – letzten Endes vergeblich – die Hoffnung auf das Überleben der Menschlichkeit bewahren. Mit der Malerin Ajla wird auch die bedrohte Kultur aufgerufen, ihre Bilder hängen in der zerstörten Nationalbibliothek Viječnica, mit ihrer Kunst kann sie vorübergehend die Soldaten in ihrer stupiden Gewalt irritieren. Mit der Figur der Ajla geht es nicht nur um eine schöne Frau, ihre Liebe in Zeiten des Krieges, sondern auch um die Vernichtung der Kultur der Anderen, die in diesem Film als eine Kultur der Frauen verhandelt wird. Deshalb ist es falsch oder verkürzt, wenn ein Kritiker über diesen Aspekt des Films schreibt: »Es ist Kitsch über das kleine Glück im großen Krieg, es ist banales Polit-Mainstream-Thesenkino.« Es ist doch mehr als das. Die Darstellung der Sexualität ist auf beiden Seiten von Liebe und Gewalt angesiedelt. Die sexuelle Liebe, zumal sie die unbedingte Verfügung über die Frau einschließt, ist nicht ohne Gewalt; aber die sexuelle Gewalt ist ohne Liebe. Das bedeutet, dass in diesem Film beide Seiten der Sexualität aufeinander bezogen bleiben, dass Vergewaltigungen nach wie vor ihre Gegenseite in der einverständigen körperlichen Liebe haben, eine Ambivalenz, die für die Darstellung von Vergewaltigungen als purer Gewaltakt im Krieg gegen Frauen problematisch sein kann. Die Kritik hat dem Film entsprechend vorgeworfen, dass dort Vergewaltigungen in »ähnlichen softpornographisch-voyeuristischen Bildern wie der einvernehmliche Sex« gezeigt würden, dass aus spekulativen Interessen kein Unterschied zwi103

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schen Sex aus Liebe und Gewalt gemacht würde. Ähnlich spekulativ würde auch Gewalt gezeigt: »In seiner Darstellung des Krieges lässt In the Land of Blood and Honey nichts aus. Der Film zeigt Exekutionen, Massaker und Massengräber, über deren Leichenberge Planierraupen fahren. Die Internierungslager erscheinen als wiedererstandene KZs.«10 Es ist eindeutig von einem Übermaß an Gewalt die Rede: An In The Land Of Blood and Honey ist so vieles falsch! Die Grausamkeiten – von Massenvergewaltigung über menschliche Schutzschilde bis hin zu Babys, die von Balkonen geworfen werden – sind so drastisch, dass der Film nur kurz vor Kriegspornographie stehen bleibt.11

Die sexuelle Konnotation dargestellter Gewalt und ihrer Wahrnehmung als Pornographie meint, dass der ›Zuschauer‹ in jedem Fall in eine voyeuristische Haltung gezwungen wird, die ihn distanzlos am Geschehen beteiligt, was den Film in seiner moralischen Haltung diskreditieren würde. In der Tat ist der inszenierte Blick auf das Geschehen für die Haltung des Films und entsprechend für die seiner Zuschauer entscheidend. Die Gewalt geht in jedem Fall von den serbischen Aggressoren aus und richtet sich gegen die Zivilbevölkerung von Sarajevo im Allgemeinen und gegen die Frauen im Besonderen. Wenn Scharfschützen auf den umliegenden Hügeln mit Zielfernrohren auf den Gewehren in die Stadt unter ihnen zielen, einzelne für kurze Momente schutzlos vorüber rennende Menschen erkennen, die sie wie bei einer Jagd auf Kaninchen abschießen, dann ist die Kamera neben ihnen und beteiligt den Zuschauer an der Jagd – ob er will oder nicht. Deutlicher kann der Blick auf das Opfer nicht durch den Blick des Täters auf sein Opfer bestimmt sein. Diese Perspektive ändert sich, wenn der Film explizit Gewalt gegen Frauen zeigt. Die folgenden Sequenzensind symptomatisch für diesen Perspektivwechsel: Am Beginn des Krieges versucht Ajla noch die Stadt zu verlassen, sie packt ihre Koffer in der Wohnung ihrer Schwester. Vor dem Haus halten Lastwagen und Militärbusse, serbische Soldaten laufen in die Häuser, die Kamera ist dicht bei ihnen, wenn sie die Treppe hinauflaufen bis zu den Wohnungstüren. Die Bewohner werden vor das Haus getrieben. Von nun an ist die Kamera auf der Seite der Frauen, die erschrocken und ängstlich mitansehen müssen, wie ihre Männer weggeführt und Frauen unter ihnen selektiert und in die bereitstehenden Militärbusse geschickt werden. Maschinengewehrsalven deuten darauf hin, dass die Männer exekutiert wurden. Alles was geschieht spiegelt sich in den Gesichtern der Frauen, die Angst und Verzweiflung

10 Jörg Schöning. Spiegel online, Berlinale Blog, 11.02.2012. 11 Christian Ihle. blogs.taz.de, 10.02.2012.

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der Trennung, der Schrecken als die Schüsse zu hören sind. Diese Sichtweise setzt sich fort, wenn die Frauen im Lager ankommen und mit ihren Peinigern konfrontiert werden. Als eine von ihnen ergriffen, über einen Tisch geworfen und vergewaltigt wird, wird das Geschehen mit den Augen der anderen Frauen gesehen, in deren Gesichtern sich Entsetzen und Scham spiegeln. Und wir als Zuschauer des Films sind wie sie mit sexueller Gewalt konfrontiert und wissen, was in diesem Lager auf sie zukommen wird. Schrecken und das Gefühl der Hilflosigkeit überträgt sich von der Kameraposition auch auf die Zuschauer. Dass dies der Film einer Frau ist, der den »Krieg gegen die Frauen« zeigen will, erkennt man vor allem daran, dass er sich auf der Seite der Frauen positioniert, wenn er explizit von der Gewalt gegen Frauen handelt. Der deutlich ›weibliche‹ Aspekt des Films wird gerade nicht durch die Liebesgeschichte mit schönen Körpern auf weißen Bettlaken repräsentiert, sondern durch die Position, die die Kamera zur Gewalt einnimmt. Keine Frage, die Szene der Vergewaltigung ist in diesem Film über Vergewaltigungen als Waffe im Krieg gegen die Frauen eine schockierende Erfahrung unabhängig davon, welche anderen Bilder von Sexualität der Film in der Folge zeigt, die evtl. geeignet sind, diesen grausamen Eindruck zu relativieren (nach dem Motto »Liebe in Zeiten des Krieges«). Aber diese Vergewaltigungsszene macht noch ein anderes Problem deutlich, von dem schon die Rede war. Wir sehen, was in den meisten Fällen unsichtbar bleibt, aber erkannt und gewusst werden muss, um die Gewalt verurteilen zu können. Ihre fiktionale Darstellung ermöglicht die größte Nähe zum Geschehen und eine Kameraposition, die eigentlich unmöglich ist, weil sie etwas in einer Situation zeigt, in der die Zeugenschaft einer Kamera, jedenfalls auf der Seite der Opfer, unmöglich ist. Gerade dass wir diese Vergewaltigung zu sehen bekommen, macht ihren fiktionalen Charakter deutlich und erklärt womöglich auch die abwehrenden Reaktionen, die der Darstellung »softpornographisch-voyeuristische« Absichten unterstellen. Was Bilder auch leisten können, nämlich die objektive Zeugenschaft, ist hier sinnlos (und wird von den gemeinten Tätern als Propaganda zurückgewiesen). Es kann keine dokumentarischen Bilder der Opfer aus den Lagern geben. Diese Ambivalenz von engagierter Darstellung und unmöglicher authentischer Abbildung erlittener Gewalt, die eben nur Gewalt bedeutet und nicht ist und dennoch als Gewalt empfunden wird, ist das Problem aller Filme, die Gewalt in welcher Form auch immer thematisieren. Der Film Esmas Geheimnis ist andererseits der Beleg dafür, dass die explizite Darstellung sexueller Gewalt nicht unbedingt erforderlich ist, um dennoch begreifbar zu machen, was die Vergewaltigungen als Waffe gegen die Frauen im Krieg bedeuten und welche traumatischen Folgen diese furchtbaren Erlebnisse für sie haben. An der Stelle, an der Angelina Jolie auf die explizite Darstellung setzt, fügt Jasmila Žbanić eine Leerstelle ein, die traumatische Verdrängung dessen, was genau nicht darstellbar, ja nicht einmal erinnerbar und dennoch ständig anwesend ist. Als Esma dann doch aussprechen muss, was sie bis dahin erfolgreich verdrängt hat, kehrt die Erinnerung mit Gewalt zurück. Was geschehen ist, wird für 105

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einen Moment in Esmas Reaktion auf ihre Tochter erschreckend spürbar. Beide Filme gehen ihr gemeinsames Thema der Massenvergewaltigungen während des Bosnien-Krieges sehr unterschiedlich an, was auch verschiedene Darstellungsweisen erfordert. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Vorgehensweise in Esmas Geheimnis näher ist an Formen kollektiver Erinnerung, wenn es darum geht, das wirkliche Geschehen in diesem Krieg zu bezeugen, was eben nur dadurch möglich ist, dass die Opfer aussprechen, was mit ihnen geschehen ist und ein Film ›zur Sprache‹ bringt, was erinnert werden soll. Bilder können äußere Zerstörungen zeigen, die Innenansicht des Leidens ist jenseits traumatischer Blockierungen nur dem Wort vorbehalten. Susan Sontag hat in ihrem Essay Das Leiden anderer betrachten12 zu bedenken gegeben, dass auch dokumentarische Bilder von Gräueltaten im Krieg oder in den KZs der Nazis in den meisten Fällen erst nachträglich entstanden sind und die Überreste von etwas vorstellen, was nicht mehr im Bild darstellbar, aber als Erinnerung bewahrt ist und im Wort bezeugt werden muss. Beide Filme sind Spielfilme, die auf einem Filmfestival vorgestellt wurden, Esmas Geheimnis hat sogar 2006 den Hauptpreis der Berlinale gewonnen. Während der glamouröse Rahmen, in dem die Filme aufgetreten sind, dem Film von Jasmila Zbanić wenig anhaben konnte, ist die Wahrnehmung von In the Land of Blood and Honey stark vom Hollywood-Star Angelina Jolie geprägt gewesen. Hier der Weltstar Angelina Jolie, der auf der Berlinale seit Tagen für Menschenaufläufe und Blitzlichtgewitter sorgt. Dort der Dreck, die Gewalt, der Schmerz und das Leid, dem sie sich als UN-Botschafterin an den Krisenherden der Welt aussetzt, von denen sie einen zum Thema ihres Films In the Land of Blood and Honey gemacht hat. Zwischen beiden Welten liegt eine Kluft. Allzu leicht regt sich da der Verdacht, dass sich ein Star das humanitäre Engagement ansteckt wie eine teure Brosche.13

Es besteht die Gefahr, dass diese Kluft zwischen den zwei Welten der Regisseurin und ihres Films auch die politische und humanitäre Glaubwürdigkeit von In the Land of Blood and Honey beeinträchtigen könnte. Ihr Leben als Star und als Sondergesandte des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR findet nebeneinander in den Medien statt, im besten Fall unterstützt das eine das andere für die erforderliche Publizität. Es spricht für die Aufrichtigkeit ihrer politischen und humanitären Absichten, die sie mit ihren Filmen verfolgt, dass sie zunehmend versucht, ihr gla-

12 Susan Sontag. Das Leiden anderer betrachten. München 2003, u.a. 97–100. 13 Anke Sterneborg. »Von der dreckigen Realität des Lebens«. Süddeutsche Zeitung, 13.02.2012.

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mouröses Image zu vermeiden, um sich künftig noch intensiver gegen das Leiden der Menschen in Krisengebieten und Kriegen einzusetzen.14 *** Epilog. Gegenüber dem berechtigten Misstrauen angesichts fiktionaler, aber auch dokumentarischer Bilder von Gewalt soll eine andere Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Krieg und Kriegsverbrechen auch am Beispiel des Bosnienkrieges zumindest kurz erwähnt werden. Auf der Bühne des Gorkitheaters in Berlin war ab März 2014 eine Aufführung einer Art politischer Revue zu sehen. Ein Ensemble von jungen Leuten mit Migrationshintergrund, in diesem Fall waren es Migranten vom Balkan, die der Krieg von dort vertrieben hat, stellte fast ohne zusätzliche Bilder Erinnerungen, Erfahrungen, Informationen etc. dieses Krieges ›durch sie selbst‹ dar. Zwischen Serben, Kroaten, Bosniern und Bosniaken, jungen Männern und Frauen, funktionierte die Bühne als Common Ground (so der Titel der Regiearbeit von Yael Ronen15) für ihre Selbstverständigung über Ursachen und Folgen der Gewalt und die Möglichkeiten künftigen friedlichen Zusammenlebens (das ja auch für sie täglich in Berlin möglich ist). Die körperliche Präsenz der Schauspieler (ihrer selbst) und das Theater, das ihnen ein Forum gibt, gibt dem, was sie über sich und ihre Erfahrungen mit dem Krieg auf dem Balkan und ihre Hoffnungen auf ein Zusammenleben ohne Krieg zu sagen haben, das Gewicht der Zeugenschaft. Es gibt viele Gründe, dem Theater wieder etwas zuzutrauen, was die technischen Bildmedien an Vertrauen verspielt haben: glaubwürdige Verhandlungen über Krieg und Frieden. Am Schluss soll im Sinne des Themas »Massenvergewaltigungen im (Bosnien)Krieg gegen die Frauen« eine Rede von Angelina Jolie, die sich seit mehreren Jahren für die Strafverfolgung von Vergewaltigern eingesetzt hat, zitiert werden.16 Sie weist darauf hin, dass Vergewaltigung als bewusst eingesetzte Waffe im Krieg längst und viel zu lange ein Problem vieler Krisen und kriegerischer Auseinandersetzungen der Gegenwart ist – wie zum Beispiel im Kongo, wo sich Denis Mukwege um die medizinische Versorgung von Vergewaltigungsopfern bemüht und unter Gefahr seines eigenen Lebens gegen die Straffreiheit der Täter eingesetzt hat, wofür er jetzt (2014) mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet wurde.

14 Vgl. »Gegen Glamour. Angelina Jolie will ein neues Image, vergeblich: Sie ist Angelina Jolie«. Süddeutsche Zeitung, 28.11.2014. 15 Yael Ronen & Ensemble. Common Ground. Gorki Theater Berlin, Uraufführung 14.03.2014. 16 Vgl. »Jolie setzt Zeichen gegen Straffreiheit von Vergewaltigungen«. Spiegel online, 12.06.2014.

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Auf der Konferenz End Sexual Violence in Conflict, Global Summit London 2014 hat Angelina Jolie gesagt: Es ist ein Irrglaube, dass Vergewaltigung ein unvermeidlicher Teil von Konflikten ist, nichts ist unvermeidbar, sie ist eine Kriegswaffe, gerichtet gegen Zivilisten, sie hat nichts mit Sex zu tun, sondern ausschließlich mit Macht. Sie dient dazu, unschuldige Menschen zu quälen und zu erniedrigen, oftmals sehr kleine Kinder. [...] Sie leben in Flüchtlingslagern, auf ausgebombten Straßen und in Gegenden, in denen es kein Gesetz gibt, keinen Schutz und nicht mal die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Sie schaffen es kaum, ihre Kinder zu beschützen, und wenn sie zugeben, vergewaltigt worden zu sein, müssen sie mit noch mehr Gewalt und gesellschaftlicher Ablehnung rechnen. [...] Das ganze Thema wurde viel zu lange tabuisiert. Vergewaltigung in Kriegsgebieten ist ein Verbrechen, das von Schweigen und Verleumdung lebt. Das Stigma lastet schwer auf den Opfern und erzeugt Gefühle von Scham und Wertlosigkeit.

So lange die Täter damit rechnen können, einfach so davon zu kommen, wird dieses Übel »weiter das Leben von Millionen Menschen zerstören«. Es darf keine Schande sein, ein Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein, »die Schande liegt bei den Tätern.« Am Ende ruft Angelina Jolie dazu auf, »Vergewaltigung und sexuelle Gewalt als Kriegswaffen ein für allemal zu beseitigen.« Diesem Aufruf sollten wir uns alle anschließen.

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Der Krieg hat kein weibliches Gesicht*

Damit Sie die nachfolgenden Erläuterungen besser einordnen können, möchte ich meine Biografie um einige Daten ergänzen: Geboren 1937 in Luckau/Dannenberg. Als Kind die ersten Kriegsjahre in Kassel erlebt mit Bombenangriffen, Luftschutzbunkerbesuchen, Zerstörung meines Kinderbettes durch eine Brandbombe. 1942 Kriegstod des jungen Vaters in Stalingrad *Swetlana Alexijewitsch.

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Aufgewachsen mit zwei Geschwistern mit der Mutter, Kriegerwitwe, die Lehrerin wurde und später aktiv in der Friedensbewegung mitmachte, und der Großmutter, ebenfalls Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg. Abitur, Studium, Heirat, drei Kinder. Die beiden Söhne verweigern den Wehrdienst. 1991 sehr früher Tod des Ehemannes. Künstlerische Tätigkeit seit ca. 30 Jahren. Mein Vortrag behandelt nur einen kleinen Teilaspekt des Themas »Männer. ­Frauen. Krieg«. Als Frau und Künstlerin mit kriegsgeprägter Biografie stelle ich meine künstlerischen Arbeiten als eine von diesen drei Koordinaten geprägte Kunst in Bezug zu drei zeitgenössischen Künstlerinnen, die ich willkürlich ausgewählt habe. Es gibt keine Wahrnehmung von Gegenwart ohne ein Erinnern vergangener Gegenwarten, Orte, Gestimmtheiten, die in die Gegenwart hineinragen, so wie die momentan gegenwärtige Wahrnehmung die Zukunft des Wahrnehmens beeinflussen wird. Wahrnehmen und erinnern sind die beiden aufeinander verweisenden Konstanten ästhetischer Biografiearbeit.

So Gert Selle, em. Professor für die Praxis ästhetischer Erziehung, Universität Oldenburg. Jede Form ästhetischer Arbeit ist biografisch verankert, enthält biografische Anteile. Diese Erinnerungsspuren können – können – sowohl in Handlungen und Tätigkeiten, aber auch in der Kunst sichtbar werden. Ästhetisches und Existenzielles vermischen sich. Erinnerungsfragmente – zum Teil verfügbar, teils nicht verfügbar – zeigen Spuren der Verluste, des erfahrenen Leidens, Narben von Lebenskrisen usw. So könnte z.B. der Kriegstod des Vaters, der stets abwesend und anwesend zugleich war, und auch der frühe Tod des Ehemannes eine – wenn auch unbewusste – Spur hinterlassen haben in der Installation Vergänglichkeit und Zerfall. Die Wandinstallation mit den amorphen Gliedmaßen, Krücken und Fotos von Tod, Gewalt und Verletzung oder die Installation Das Leid der Mütter, mit den toten Kindern neben den Bleidecken verweisen vielleicht auf frühe optische Wahrnehmungen von Kriegsversehrten und Verwundeten, denen ich als Kind 1945/46 begegnet bin. Die Arbeit Menschenbilder im Augustaschacht – einem ehemaligen Umerziehungslager für Zwangsarbeiter – an den maroden Wänden des alten Gebäudes, zu besichtigen nur mit einer Taschenlampe, weil das Haus zugemauerte Fenster hatte, und die Bleikästen/Bleisärge mit menschenähnlichen Figuren mögen eine späte ›Spiegelung‹ der vielen Fotos und Filmdokumentationen von den Konzentrationslagern sein (wie der Film Nacht und Nebel), die mich als Jugendliche tief beeindruckt haben. 110

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Ich habe diese wenigen Versuche einer Interpretation mit Vorsicht formuliert, eigentlich sind es eher Fragen. Erfahrungen und Erlebnisse, die ich als Bilder in mir trage und nicht in Worte fassen kann, sind in die Kunst eingeflossen. In vielen Fällen kann ich nicht einmal sagen, warum ich gerade welches Thema bearbeite. Vielleicht weil unbewusste Bilder auftauchen und zu aktuellen Themen passen? So wie Gert Selle sagt: Keine Wahrnehmung der Gegenwart ohne ein Erinnern vergangener Gegenwarten. Das aber, was Kunst ausmacht, ist, dass Biografisches zu Existenziellem wird. So kann Kunst den Rezipienten emotional berühren, sensibel und aufmerksam machen. Der Künstler kann Sehgewohnheiten aufbrechen, Mitleid erzeugen, Fragen stellen. Auch wenn Kunst keine unmittelbare Konsequenzen im Denken und Verhalten der Rezipienten zur Folge haben muß, keine Garantie dafür ist, gesellschaft111

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liche Veränderungen zu bewirken, kann sie überindividuelle Fragen stellen, in ihren Werken menschliche Grenzerfahrungen wie Tod, Leid, Krieg und Gewalt thematisieren, damit beim Betrachter unmittelbare Emotionen wecken und Prozesse der Reflexion auslösen und damit nachhaltig wirksam sein. Das ist schon sehr viel. Und damit bin ich beim Thema: »Krieg – Frieden – Frauen – Kunst« und den von mir ausgewählten Künstlerinnen, deren Arbeiten ich meinen hinzufügen möchte. Frauen haben lange Traditionen des Widerstandes gegen den Krieg, von Lysistrata über Streiks gegen Munitionstransporte, die Friedensmärsche durch Europa bis zu den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen, nicht zu vergessen die 112

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russischen und tschetschenischen Soldatenmütter 1995 und die Frauen von der Plaza del Mayo in Buenos Aires in Lateinamerika in den 1970er Jahren. Da Frauen und Kinder inzwischen weltweit die größte von Kriegen betroffene Gruppe bilden, ist es auch nicht verwunderlich, dass sie den größten Anteil an der Friedensarbeit haben. Damit sind sie nicht mehr nur Opfer, sondern auch Handelnde. Auch wenn es in der Geschichte einige Beispiele vom Gegenteil gibt, der Krieg ist männlich, möchte ich behaupten. Sind Frauen also friedfertiger? Die Jahrtausende alte Erziehung der Frauen zur Friedfertigkeit und die Tatsache, dass sie nicht in dem Maße politische Verantwortung trugen, also bei Kriegsentscheidungen wenig oder kein Mitspracherecht hatten, hat zwar auch zu dem Bild der Friedfertigkeit beigetragen, aber wichtiger sind ihre spezielle Begabung für Ausgleich und Diplomatie, ihre starke Fähigkeit zur Empathie, und schließlich weil es ihre Söhne sind, die in den Kriegen sterben. Zeigen sich nun diese genannten Eigenschaften besonders in der Kunst von Frauen? In den beiden großen Weltkriegen waren Frauen in der Kunst nicht sehr präsent. Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann, George Grosz (und viel später auch Picasso) haben in eindrucksvollen Bildern das Grauen des Krieges dargestellt. Diese Grenzerfahrungen (sie waren zunächst mit Begeisterung in den Krieg gezogen) veränderten das Werk dieser Künstler. Es entstanden wegweisende Wer113

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ke der Moderne. Erst Käthe Kollwitz war eine der ersten Frauen, die mit Antikriegsbildern das Leid vor allen Dingen der Mütter thematisierte und das auch erst nach dem Kriegstod ihres Sohnes. Ihnen allen bekannt sind das berühmte Plakat Nie wieder Krieg! und auch ihre Skulpturen. Unter der Fragestellung »Gibt es eine spezifisch weibliche Art der künstlerischen Auseinandersetzung mit Krieg?« habe ich drei Beispiele aus der zeitgenössischen Kunst von Frauen ausgewählt. Es ist eine willkürliche Auswahl, nicht repräsentativ oder vollständig. Marina Abramovic Geboren im ehemaligen Jugoslawien, ihre Eltern Partisanen, weltbekannte Performancekünstlerin. 1997 zeigt sie auf der Biennale in Venedig Balkan Baroque. Vier Tage lang saß sie auf einem riesigen Haufen blutiger Rinderknochen, säuberte sie und sang jugoslawische Volks- bzw. Totenlieder, die dort traditionell von Klageweibern gesungen werden. Die Performance ging als Sinnbild für die blutigen Konflikte auf dem Balkan in die Kunstgeschichte ein. Es war eine Art Trauerarbeit, die auch biblische Bezüge hatte: Schuld und Sühne, Leid und Mitleid. Damit hat diese Performance eine Allgemeingültigkeit über den Balkanbezug hinaus. Mona Hatoum Geboren 1952 in Beirut als Tochter von Christen. Sie macht Videos und Installationen zum Thema Krieg, Vertreibung, Exil und Heimatlosigkeit durch Kriege. Die Arbeiten haben häufig politische Inhalte und sind gespeist aus eigener Erfahrung von Krieg, Gewalt und Vertreibung. 2010 erhält sie den Käthe-Kollwitz-Preis für ihr Werk. Das Material mit dem sie arbeitet ist sehr weiblich: menschliches Haar, mit dem sie stickt, Küchenutensilien, Textilien, Alltagsgegenstände. Greater Divide: Ein Gemüsehobel in der Größe eines Paravents, scharf und aggressiv, Sicherheitsabstand fordernd, ein Zeichen für Folter und Gewalt. Home: Küchengeräte, blank und glänzend, wirken zunächst anziehend, entpuppen sich dann als Waffen, denn alle sind unter Strom gesetzt, eine latente Bedrohung und Gefahr ist vorhanden. Oberflächlich betrachtet könnte sich diese Installation mit den Geschlechterrollen beschäftigen. Der Biografie der Künstlerin und ihren anderen Arbeiten kann man aber entnehmen, dass die latente Bedrohung durch Krieg und Heimatverlust gemeint ist.

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Plenelope Wehrli Geb. 1957 in Zürich, arbeitet u.a. auch als Bühnenbildnerin, und als Künstlerin viel mit Sprache. Eine der bekanntesten Arbeiten dieser Künstlerin ist Feuerfluß, eine Performance und Installation zu autobiografischen Texten über Suizid von traumatisierten Frauen, die in Kriegssituationen leben, dort misshandelt oder vergewaltigt wurden (in diesem Fall in Bosnien). In dieser Performance werden Hemdobjekte aus Papier und Wachs öffentlich verbrannt. Die Hemden sind beschrieben mit den Originaltexten in bosnischer Sprache , zeitgleich sind die Texte auch zu hören. Gezeigt wurde diese Installation u.a. in Zagreb, Sarajevo, Belgrad und New York. Mit diesen individuellen Berichten von Frauen hinterfragt sie Gewalt, Folter und Verletzung in Kriegen. Das Feuer steht für Gewalt und Zerstörung. In Osnabrück hat diese Künstlerin übrigens 1998 in der Stadtbibliothek eine Live-Übertragung aus dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag für das ehemalige Jugoslawien auf den Marktplatz übertragen. Bei allen 3 Künstlerinnen liegt der Fokus auf der Beziehung Frau und Krieg, Frau und Gewalt. Marina Abramovic singt Totenlieder, die bei Beerdigungen von Klageweibern gesungen wurden, ein altes, auch in anderen Ländern geübtes Trauerritual. Mona Hatoum benutzt alltägliche Küchengeräte und Gegenstände aus dem Umfeld von Frauen für ihre Aussagen über Krieg und Folter . Penelope Wehrli setzt Interviews mit Frauen aus Kriegsgebieten ein. Alle diese Kunstwerke, die sich mit Krieg und Gewalt beschäftigen, haben eine typisch weibliche Konnotation. Resümee Da sich erst nach dem Ersten Weltkrieg die Kunstakademien für Frauen öffneten, gibt es in der Kunstgeschichte davor grundsätzlich wenig Arbeiten von Frauen in den Museen zu finden, erst recht nicht zum Thema Krieg. Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war in Deutschland eine Künstlerexistenz als kreativer Lebensentwurf für Frauen so gut wie unmöglich. Folglich gibt es auch aus dieser Zeit wohl auch keine oder nur sehr wenig künstlerische Stellungnahmen zum Thema Krieg und Frieden. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus war ernsthafte Arbeit als Künstlerin mit dem nationalsozialistischen Frauenbild unvereinbar. 1944 gab es unter Hitler eine große Ausstellung zum Thema Krieg. Unter den 63 Künstlern war keine einzige Frau. 115

Hiltrud Schäfer

Nach Hitler und Hiroshima war für viele Künstler der Krieg, so wie er bisher thematisiert wurde, kein Thema mehr. Sie hatten keine Bilder und keine Worte mehr. Ließ Krieg sich überhaupt noch darstellen? Wenn ja, mit welchen künstlerischen Mitteln? Heute, nach einem großen Abstand vom Zweiten Weltkrieg und angesichts der endlosen Kriegsberichte und Kriegsbilder aus aller Welt und ihrer eigenen Betroffenheit äußern sich viel Künstlerinnen zum Thema Krieg, stellen den Schrecken dar, entwickeln eigene »Gegenbilder«, finden mit neuen künstlerischen Mitteln neue Bilder für das Gauen, wie ich anhand der drei ausgesuchten Beispiele gezeigt habe. Ob ihre Anzahl größer ist als die der Männer, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich habe versucht aufzuzeigen, dass Materialien, Techniken, künstlerische Herangehensweisen typisch weiblich sind: Bei Abramovic werden Knochen geputzt, bei Hatoum Küchengeräte eingesetzt, bei Wehrli Kleidungsstücke verbrannt. Ich selbst benutze fragiles leichtes Papier, alles Materialien und Techniken, die man eher mit Frauen assoziiert. Der Krieg hat kein weibliches Gesicht: Diesen Titel entnahm ich einer Publikation von Swetlana Alexandrowa Alexijewitsch, einem Buch über die sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Die Autorin bekam 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2001 erhielt sie den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück. Die Wahl des Titels hat für mich einen ganz persönlichen biografischen Bezug: Großvater, Vater , Onkel sind alle im Krieg geblieben, d.h. seit zwei Generationen sind alle Männer kriegsbedingt abwesend. Auf meine Kunst und die vorgestellten Arbeiten bezogen hat die Darstellung von Krieg durchaus ein sehr weibliches Gesicht.

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Reinhold Mokrosch

Christliche Friedenserziehung – eine Frage des Geschlechts? Wie sieht das konkret aus?

Zwei Hypothesen zur Einleitung Hypothese 1: Eine christliche Friedenserziehung im Sinne Jesu scheint unrealistisch, undurchführbar und auch unvernünftig zu sein. Deshalb sollte eine andere, freilich an die Bergpredigt anknüpfende Form der Friedenserziehung und Friedensstiftung gefunden werden. Eine rein christliche Friedenserziehung müsste, so bin ich überzeugt, auf der Bergpredigt Jesu basieren. Eine Realisierung derselben in unserem Alltag ist aber eine Utopie und würde neben der mehr an der Realität ausgerichteten muslimischen Friedenserziehung auch effektlos wirken. Denn Jesus forderte seine Anhänger auf: (1) Brecht nicht in Wut und Zorn aus! Denn wer seinem Mitmenschen zürnt, der tötet ihn! (2) Unterlasst jede Art von Gewalt, auch Gegengewalt und Verteidigungsgewalt! Ja, bietet dem Schläger sogar noch die andere Wange hin! (3) Der Geschlagene soll seinen Angreifer und Feind sogar noch lieben! Liebt Eure Feinde! Und (4) Richtet und verurteilt nicht, damit nicht Ihr gerichtet und verurteilt werdet!, forderte Jesus. – Wäre es nicht Wahnsinn, zu solchen Verhaltensweisen zu erziehen? Wäre es nicht unsinnig, unvernünftig, kontraproduktiv und unmöglich, solches Verhalten einzufordern? Sollen christliche Friedenserzieher/innen etwa zum Märtyrertum erziehen? Stiften sie damit Frieden? Wenn diese Annahme stimmt, dann sollte, wie ich meine, eine andere Form der Friedenserziehung und des Friedenstiftens gefunden werden, die freilich an die Bergpredigt Jesu anknüpft und ihr nicht widerspricht, die aber realistischer und alltagsorientierter wirkt. Wie könnte und sollte eine solche christliche Friedenserziehung aussehen? Hypothese 2: Friedenserziehung mit Mädchen und Frauen verläuft anders als mit Jungen und Männern, denn Mädchen und Frauen sind zwar nicht in ihrem Verhalten, aber in ihrer Einstellung friedenswilliger und friedensbereiter als Jungen und Männer. 117

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Sie sind in ihrer Einstellung offener für z.B. Jesu Forderungen in der Bergpredigt und Jesu Samariter-Moral als Jungen und Männer. Sie halten das Unmögliche für möglich und halten Jesu Weg für vernünftig und sinnvoll. Diese steile Hypothese stelle ich aufgrund meiner subjektiven Beobachtungen in Schulen und Hochschulen auf, nicht aufgrund valider empirischer Untersuchungen. Zwar gehen die Untersuchungen und Thesen von Carol Gilligan1 in die gleiche Richtung, stellen aber noch keine valide Basis für diese These auf. Die These bleibt eine Hypothese. Würde sie sich aber bewahrheiten, dann würde sie dazu herausfordern, Friedenserziehung mit Mädchen und Frauen anders zu gestalten als mit Jungen und Männern. Beide Hypothesen möchte ich auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen und dann Konsequenzen für christliche Friedenserziehung neben muslimischer Friedenserziehung ziehen. Sind die Friedensforderungen des Bergpredigers wirklich nicht realisierbar? Ich gehe nur auf die vier bereits angesprochenen Forderungen Jesu in der Bergpredigt ein: Seine erste Forderung lautete: »Zürnt nicht! Denn jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen!«(Mt 5,21–26) Diese Weisung erscheint wahnwitzig und absurd, denn Jesus unterschied ja nicht zwischen berechtigter und unberechtigter Wut. Vielmehr verurteilte er jede Wut. Auch die Wut gegen Unrecht und Willkür. Und noch radikaler: Der vollständige Text enthält eine Klimax von Verschuldung und Verurteilung: Wer allgemein zürnt, solle vom Orts-Gericht verurteilt werden. Wer jemanden als Dummkopf, d.h. als mitmenschlichen Krüppel bezeichnet, solle vor ein Land-Gericht gezerrt werden. Und wer jemanden als Lästerer, d.h. als Gotteslästerer anpöbelt, der solle die Hölle erleiden. Jesus fragt überhaupt nicht nach der Ursache der Verbal-Attacke. Warum nicht? Weil wir berechtigten Zorn über Aggressoren, Unterdrücker, Mörder und Sadisten Gott überlassen sollen? Weil wir nicht unsere eigenen Richter werden sollen? Wir sollen unseren Feinden allein mit Liebe und Sanftmut

1 Die amerikanische Soziologin Carol Gilligan hielt auf der Grundlage ihrer Forschungen ihrem Lehrer Lawrence Kohlberg entgegen, dass Mädchen und Frauen eine Fürsorge- und Nächstenliebe-Moral und nicht wie die Jungen und Männer eine Gerechtigkeits-Moral vertreten würden und insofern der Bergpredigt und der Samariter-Moral gegenüber offener seien als ihre männlichen Kollegen. Vgl. Carol Gilligan. Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München 1984.

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begegnen, erwartete Jesus. Ja, wir sollen schon jetzt im irdischen Alltag der Liebe und Sanftmut des »Reiches Gottes« entsprechen. Ist das realisierbar? Ist das vernünftig? Wozu diese Übertreibungen? Wollte Jesus seinen Anhängern und uns vielleicht die Augen öffnen für die vernichtende Wirkung von Rufmord, Mobbing und Verbalinjurien im Alltag? Mag sein. Aber rechtfertigt das solche Übertreibungen? Oder wollte Jesus dazu auffordern, zwischen Täter und Tat zu unterscheiden, d.h. nur gegen die böse Tat zu zürnen, nicht aber gegen den Täter? Aber Jesus unterschied ja, wie gesagt, gar nicht zwischen berechtigtem und unberechtigtem Zorn. Zürnt nicht, denn wer zürnt, der mordet, rief er. Müssen wir Friedenserzieher nicht – im totalen Gegensatz zu Jesus – doch zum berechtigten Zorn und Protest gegen Unrecht anleiten und aufrufen? Gibt es nicht auch einen »Heiligen Zorn«? Ist prinzipielle Aggressionslosigkeit nicht eine gefährliche Haltung? Ist Jesu Aufruf nicht prinzipiell gefährlich und keineswegs friedenstiftend? In der Auslegungs- und Anwendungsgeschichte der Bergpredigt gab es immer wieder Abschwächungsversuche. Thomas von Aquin meinte 1260, solche Forderung könne man nur einem Kleriker, nicht aber einem Normal-Christen abverlangen. Martin Luther räumte 1523 ein, dass ich als Privatperson niemals zürnen solle, als öffentliche Amtsperson aber gegen Unrecht wütend protestieren müsse! Und Wilhelm Hermann forderte 1910 auf, nur in der Gesinnung nicht zu zürnen, wohl aber im Verhalten Wut und Zorn gegen Unrecht auszudrücken. Ich halte alle drei Abschwächungsversuche für unbefriedigend. Deshalb schlage ich für eine christliche Friedenserziehung heute vor, uns durch Jesu Übertreibungen die Augen für strukturelles Töten öffnen zu lassen. Rufmord und Mobbing können Menschen zu Tode quälen. Das öffentliche Facebook- und Twitter-Mobben ist dafür ein beredtes Beispiel. Wir sollten dazu erziehen, die ­Augen zu öffnen für solche Tötungen im Alltag. Ferner sollten wir andere dazu sensibilisieren, zwischen berechtigter und unberechtigter Wut zu unterscheiden. Wie oft erleiden Menschen unberechtigterweise Wutausbrüche anderer! Und schließlich: Wir sollten als Friedenspädagogen dazu anleiten, zwischen Täter und Tat zu unterscheiden. Ein Wut- und Zornesausbruch sollte der bösen Tat und weniger dem Täter gelten. Den Täter sollten wir im Kern prinzipiell für friedensfähig halten, da auch er in seinem Kern Gottes Geschöpf und gottebenbildlich ist. Solche Formen christlicher Friedenserziehung erfüllen nicht Jesu Forderungen, widersprechen ihnen aber auch nicht, sondern knüpfen an sie an. Ich halte sie für berechtigt. Eine zweite Forderung Jesu lautete: „»Widerstehet nicht dem Bösen! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann biete ihm auch die andere dar!« (Mt 5, 38–42) Man glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen: Jesus fordert dazu auf, dem Bösen nicht zu widerstehen? Das ist doch wahnwitzig! Unsere ganze Friedenserziehung zielt darauf ab, Kinder, Jugendliche und Erwachsene dazu zu motivieren, dem 119

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Bösen und der Gewalt bewusst entgegenzutreten; und nun fordert Jesus zum Gegenteil auf: ›Widersteht nicht! Ertragt das Unrecht!‹ Das ist doch absurd! – Und darüber hinaus fordert er den Geschlagenen auf (der auf die rechte Wange geschlagen wurde, also mit dem besonders demütigendem Handrückenschlag des Angreifers), nicht zurück zu schlagen, aber auch nicht einfach wegzulaufen, sondern sogar noch die andere Wange für einen neuen Schlag hinzuhalten. Und er hatte noch weitere Bilder hinzugefügt: »Wenn Dir jemand den Mantel nehmen will, dann lasse ihm auch noch den Rock!« (Mt 5, 40) Der Hintergrund dieser Forderung war folgender: Wenn ein Angeklagter vor Gericht stand und der Prozess bis Sonnenuntergang noch nicht beendet war, musste derselbe sein Obergewand als Pfand hinterlassen, nicht aber sein Untergewand, weil er sonst in der kalten Nacht Palästinas hätte Schaden nehmen können. Jesus forderte nun auf: Hinterlasst auch euer Untergewand und verlasst den Gerichtssaal nackend! Vielleicht werden sich dann Ankläger und Richter ihres Unrechts bewusst! – Und ein drittes Bild lautete: »Wenn Dich jemand nötigt, mit ihm eine Meile zu gehen, dann gehe mit ihm zwei Meilen!« (Mt 5, 41) Der Hintergrund war folgender: Jeder römische Besatzungssoldat hatte das Recht, sein schweres Gepäck einem vorbei kommenden Juden aufzubürden, der es für eine Meile tragen musste. Jesus forderte diesen nun aber auf: Trage das Gepäck deines verhassten Besatzers zwei Meilen, vielleicht kommt ihr ins Gespräch und die Feindschaft zwischen euch könnte abnehmen. Wieder muss ich die Abschwächungsversuche benennen, die es in der Auslegungs- und Anwendungsgeschichte dieser Forderung Jesu gegeben hat: Schon in der Alten Kirche hatte Euseb (2. Jh.) überlegt, ob Jesus mit »dem Bösen« den »bösen Herodes« meinte, dem man lieber nicht widerstehen sollte. Aber das war falsch! Jesus meinte »das Böse« schlechthin. Thomas von Aquin meinte wieder, dass besonders diese Weisung Jesu nur tief religiösen Klerikern, nicht aber dem gemeinen Volk zuzumuten sei. Martin Luther verkündete, dass der Christ als Privatperson »für sich« (mit Gottes Hilfe) sich schlagen lassen solle, nicht aber als Amtsperson in der Verantwortung »für andere«. Und Wilhelm Hermann vertrat die Ansicht, dass man Jesu Gewaltfreiheit wenigstens in der Gesinnung vertreten solle, wenn man sie schon nicht in der politischen Realität verantworten könne. Wieder halte ich diese Anwendungen heute für unzureichend. Deshalb schlage ich einen anderen Weg vor: Die Bilder sollten nicht wörtlich, sondern symbolisch verstanden werden. Jesus fordert uns auf, kreativ-symbolisch zu handeln. Wir sollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern Gleiches mit Ungleichem. Dem Terror-Angriff einer Person, einer Gang oder einer Nation sollten wir mit unerwartetem Entgegenkommen, z.B. mit Gesprächsbereitschaft, mit Nachfragen nach dem Grund, mit Bekennen unserer Angst etc., begegnen. Ein offensichtliches Unrecht sollten wir mit unerwarteter Hilfsbereitschaft beantworten. Und einer offensichtlich unberechtigten Strafe sollten wir vielleicht mit übermäßiger Botmäßigkeit entgegen 120

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kommen. Wir sollten, so forderte Jesus auf, kreativ, paradox und symbolisch handeln und uns verhalten, um den Gegner zur Besinnung zu bringen und auf diese Weise möglicherweise Frieden zu stiften. Solche Auslegung und Anwendung der Forderung Jesu halte ich heute für berechtigt. Sie verifiziert nicht den Bergprediger, aber sie knüpft an ihn an. Eine dritte Forderung Jesu lautete: »Liebt eure Feinde! Betet für eure Verfolger! So werdet Ihr Kinder eures Vaters im Himmel sein!« (Mt 5, 43-48) Sie wirkt wahnwitzig und widerspricht allen menschlichen Empfindungen und Erfahrungen. Wir sollen den Terroristen, Angreifer und Feind lieben?! Das ist doch total verrückt! Oder meinte Jesus mit »Feind« nur Gegner, Kontrahent und Konkurrent? Gegner-Liebe wäre ja einfacher als Feindesliebe! Und: Meinte er nur persönliche, nicht aber politische und soziale Feinde? Nein, Jesus differenzierte nicht. Unter »Feinde« schloss er Gegner, Kontrahenten und Konkurrenten ein und meinte jeden Feind, den persönlichen, politischen und sozialen Feind. Und er meinte wirklich »Liebe«, nicht nur ›Achtung‹ und ›Respekt‹. Die Abschwächungen in der Auslegungs- und Anwendungsgeschichte lauten wie oben genannt: Thomas verlangte nur von Klerikern Feindesliebe. Luther begrenzte Feindesliebe auf den persönlichen Bereich einer Privatperson. Und W. Hermann begrenzte Feindesliebe auf die Gesinnung. Ich schlage folgende Anwendung vor: Feindesliebe ist nicht möglich, wohl aber Entfeindungsliebe mit einzelnen Schritten der Entfeindung. Es könnte sich um folgende Schritte handeln: Mögliche Anerkennung des Rechts des Anderen / Wahrnehmung seiner Ängste und Unsicherheiten / Wahrnehmung meiner eigenen Ängste und Unsicherheiten / Überlegung, ob der gegenwärtige Feind einmal mein möglicher Freund werden könnte / Unterscheidung zwischen dem Feind als Person und seiner bösen Tat, um die Tat zu zerstören, nicht aber den Täter / usw. Carl-Friedrich von Weizsäcker entwickelte in diesem Sinn sein Konzept »Intelligenter Feindesliebe«; Franz Alt schlug eine »Politischen Feindesliebe« auf der Grundlage der Bergpredigt vor; und Pinchas Lapide entfaltete ein »Theopolitikkonzept«.2 Überall geht es darum, kreative Entfeindungsideen zu entfalten, welche dem Feind ungewöhnlich und paradox erscheinen und ihn zum Einlenken bewegen könnten. – Das führt sicherlich nicht immer zum Frieden. Aber Gewalteskalation wird damit ausgeschlossen. Ich halte solche Schritte der Entfeindung mit paradox-kreativen Methoden für eine machbare christliche Friedenspolitik, zu der christliche Friedenserzieher/innen motivieren sollten.

2 Vgl. Reinhold Mokrosch. Die Bergpredigt im Alltag. Gütersloh 1991, 94–100.

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Eine vierte Forderung Jesu lautete: »Richtet nicht, damit nicht ihr gerichtet werdet!« (Mt 7, 1–6) Wieder erscheint mir diese Forderung Jesu unsäglich. Unser pädagogisches Ziel ist es doch, Schüler und Schülerinnen zur Urteilsfähigkeit, d.h. zum Entscheiden und Richten zu erziehen. Und genau das untersagt der Bergprediger. Er unterscheidet ja nicht zwischen berechtigten und unberechtigten Urteilen und Richtersprüchen, sondern er fordert auf, überhaupt nicht zu richten, zu urteilen und zu verurteilen. Warum? Untersagte Jesus evtl. nur im privaten, nicht aber im öffentlichen Leben das Richten und Urteilen, damit niemand »sein eigener Richter« sei. Aber nichts deutet auf solche Unterscheidung hin. Freilich niemand, der im Glashaus sitzt, sollte mit Steinen werfen, bzw. jeder sollte zuerst den Balken im eigenen Auge entdecken, bevor er den Splitter aus dem Auge eines anderen zieht (Mt 7, 4f.). Aber auch solche Verhältnislosigkeit des Richtens und Verurteilens kann nicht das Haupt-Ziel des Verbotes Jesu gewesen sein. Er verbot prinzipiell zu richten, weil allein Gott das Richteramt zukomme. Deshalb ist es auch nicht möglich zu behaupten, dass der Bergprediger nur Vorverurteilungen kritisieren, nicht aber Urteilen und Richten insgesamt verbieten wollte. Solche Abschwächungen gehen an der Bergpredigt gänzlich vorbei. Wie können wir diese Weisung Jesu aber dann behandeln und ernst nehmen? Ich neige dazu, die von mir selbst abgelehnte Verhaltensweise doch aufzunehmen: Keine Vorverurteilung! Erst die eigene Schuld entdecken, bevor man den anderen beschuldigt! Und: Bezugnahme auf das private, nicht auf das öffentliche Leben! Aber das entspricht eben nicht der Weisung Jesu. Verbot von Vorverurteilungen und Verbot von Richten und Urteilen prinzipiell ist etwas anderes. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit und halte ein Verbot von Vorverurteilungen auch für eine christliche Haltung, welche an die Bergpredigt anknüpft, wenngleich es dieselbe in keiner Weise erfüllt. Ich habe versucht, meine 1. Hypothese zu verifizieren. Ja, die Bergpredigt lässt sich auf gar keinen Fall 1:1 umsetzen und zur Grundlage christlicher Friedenserziehung machen. Aber es ist möglich und sinnvoll, in Anknüpfung an Jesu Forderungen (1) vor strukturellem, verbalem Töten zu warnen, (2) zu kreativem paradox-symbolischem Handeln dem Angreifer gegenüber anzuleiten, (3) Schritte einer Entfeindung einzuleiten und (4) Vorverurteilungen zu verhindern. Das alles sollte freilich im Vertrauen auf Gottes Beistand geschehen. Es wäre eine postchristliche Friedenserziehung, welche an die Bergpredigt anknüpft, sie aber nicht erfüllt.

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Gibt es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bei der Friedenserziehung? Ich wiederhole meine Frage zur 2. Hypothese: Sind Mädchen und Frauen friedenswilliger und friedensbereiter als Jungen und Männer? Stehen sie den Forderungen Jesu näher als letztere? Und sind auch Friedenserzieherinnen begeisterter und stehen sie christlichen Friedens-Idealen näher als ihre männlichen Kollegen? Ich habe folgende Beobachtung gemacht: Kinder haben in der Regel sehr kreative Vorstellungen, wie man sowohl im Nahbereich als auch im Fernbereich Frieden und Versöhnung stiften könnte. Sie sind in ihrer Einstellung außerordentlich friedensbereit. Und das trifft besonders für Mädchen im Kindesalter zu. Sie entwickeln enorme Phantasien, wie Feinde sich entfeinden und versöhnen könnten. Jesus hätte an ihnen seine helle Freude gehabt. Aber im konkreten Alltag verhalten sich Kinder oft unsolidarisch, unfriedlich und beteiligen sich gerne am Mobbing gegen eine unbeliebte Schülerin. Das trifft erfahrungsgemäß genauso für Mädchen wie für Jungen zu. Im Jugendalter ist es oft genau umgekehrt: Viele Jugendliche sind in ihrer Einstellung äußerst skeptisch gegenüber Jesu Bergpredigt und halten sie für Traumtänzerei. Jugendliche Mädchen, das zeigt die Erfahrung, sind genauso skeptisch wie jugendliche Jungen. Aber im konkreten Alltag entwickeln diese skeptischen Jugendlichen oft ein großartiges phantasievolles Friedensverhalten. Und das gilt wiederum besonders für Mädchen. Für erwachsene Frauen liegen mir keine Beobachtungen oder Daten vor. Aber der Alltag zeigt, dass viele sich vom gesellschaftlichen männlichen Trend treiben lassen. 1914 haben Millionen Mütter ihre Söhne gerne in den Krieg geschickt. Bertha von Suttner allerdings, die erste Pazifistin des 19. Jahrhunderts, ist typischerweise eine Frau gewesen. Daraus schließe ich, dass der Graben zwischen Einstellung und Verhalten bei Mädchen größer ist als bei Jungen: Im Kindesalter ist er besonders groß, wenn Mädchen mit ihrer Fürsorgemoral tolle Phantasien zur Versöhnung entwickeln und sich dann auf dem Schulhof und im Alltag als genauso unfriedlich wie Jungen vorfinden. Es trifft aber auch im Jugendalter zu, wenn Mädchen – umgekehrt gegenüber ihrer Kindheit – in der Einstellung friedensskeptisch, im Verhalten aber besonders friedensfähig sind. Daraus ist zu schließen, dass Mädchen in der Friedenserziehung besonders auf den Graben zwischen Einstellung und Verhalten hinzuweisen sind, und dass die Friedenserzieher/innen an diesem Graben bei Mädchen besonders arbeiten müssen. Eine andere Friedenserziehung gegenüber derjenigen mit Jungen braucht es aber nicht zu sein. Es ist nicht grundsätzlich so, dass Mädchen in jedem Lebensalter in ihrer Einstellung friedenswilliger sind als Jungen. Die Friedenserziehung sollte gemeinsam mit Jungen und Mädchen durchgeführt werden. Erwachsene Frauen sollten immer wieder an ihre Friedens- und Versöhnungsphantasien im Kindesalter und an ihre Friedensfähigkeit im Jugendalter erinnert 123

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werden, wenn sie zu sehr im Trend einer gesellschaftlichen Kriegsbereitschaft mitschwimmen. Meine Hypothese, dass Mädchen in ihrer Einstellung prinzipiell friedensbereiter seien als Jungen und deshalb einer anderen Friedenserziehung bedürften als Jungen, hat sich nicht bestätigt. Wohl aber hat sich gezeigt, dass Mädchen stärker im Hiatus zwischen Einstellung und Verhalten leben als Jungen und dass darauf ein besonderes Augenmerk bei der Friedenserziehung gelegt werden sollte. Was verbindet eine postchristliche Friedenserziehung mit muslimischer Friedenserziehung? Fraglos gibt es viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Friedenstiftens und der Friedenserziehung zwischen Christen und Muslimen: – Beide Religionen sind sich einig, dass allein Gott die Quelle der Friedenskraft, Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit im Menschen sein kann; und dass deshalb Friedenserziehung auch immer mit Glaubensfähigkeit zu tun hat. – Ferner halten beide Religionen daran fest, dass Frieden immer mit Gerechtigkeit verbunden sein und dass deshalb Friedenserziehung mit Gerechtigkeitserziehung verbunden sein muss. – Und beide Religionen sind überzeugt, dass Friedenserziehung auf ihren Heiligen Schriften basieren muss. Aber genau hier beginnen die möglichen Differenzen: – Viele Muslime nehmen die Aufforderungen des Koran, der Sunna oder einiger Hadithe zum Friedenstiften, zur Bestrafung delinquenten Verhaltens und zur Gewaltanwendung wortwörtlich. Viele Christen dagegen gestehen sich die Nicht-Realisierbarkeit von z.B. Jesu Friedensforderungen ein und suchen Wege in Anknüpfung an die Bibel, nicht aber in wörtlicher Erfüllung derselben. Dasselbe gilt für biblische Aufforderungen zur Gewaltanwendung oder für Bestrafungsvorschriften. – Eine weitere Differenz besteht darin, dass die Aufforderungen Jesu zur totalen Gewaltlosigkeit, zur Bereitschaft, Unrecht zu erleiden, und zur Feindesliebe radikaler sind als die Aufforderungen des Propheten Muhammad. Da aber viele Christen (wie ich selbst) dazu neigen, die radikalen Forderungen Jesu abzumildern, wird diese Differenz wieder aufgehoben. Es steht außer Frage, dass Christen und Muslime gemeinsam Frieden stiften und gemeinsam zum Frieden erziehen können, trotz der Differenzen. 124

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Beispiele gelungenen gemeinsamen Friedensstiftens und gemeinsamer Friedenserziehung Zum Abschluss möchte ich auf jüngste gemeinsame Friedensaktionen zwischen Christen und Muslimen hinweisen: Angesichts der drohenden PEGIDA-Demonstrationen haben Christen und Muslime mit den gleichen Argumenten gegendemonstriert: Jesus und Muhammad seien beide Flüchtlinge gewesen und seien von ihren Gegnern deshalb nicht angenommen worden. Dem müssten sich alle Gläubigen widersetzen und zur vorbehaltlosen gegenseitigen Annahme aufrufen, so wie Christus und Muhammad aufgerufen hätten: »Nehmet einander an!« Außerdem glauben beide, Christen und Muslime, an die Gottebenbildlichkeit bzw. an das Kalifat jedes (!) Menschen. Jeder Mensch sei eine Kreatur Gottes, wenigstens in seinem innersten Kern. Deshalb sollten beide Religionen zwischen Täter und Tat, d.h. zwischen der bösen Augenblickstat eines Menschen und seinem innersten Geschöpflichkeitskern unterscheiden. (Freilich ist diese Gleichheit noch nicht in alle Bereiche der Familie, Ehe, Beziehungen zwischen Mann und Frau, Sexualität und Homosexualität eingedrungen.) Ferner haben sich Angehörige beider Religionen in letzter Zeit massiv gegen jede Ideologisierung ihrer Religion gewehrt und damit einen großen Beitrag zum Frieden geleistet. Ideologien, sagen beide, seien von Menschen erdacht, Religion aber sei eine Antwort auf Gottes Offenbarung und somit von Gott selbst gestaltet. Und: Ideologien seien verengt auf eine einzige Idee: z.B. auf die Idee eines weltweiten Kalifats; oder auf die Idee eines Kreuzzugs; oder auf die Idee eines Groß-Israel vom Hermon bis zum Sinai; usw. Solche Idee müsse, koste es was es wolle, auch durch Terror abgesichert und realisiert werden. Aber genau das widerspreche Muhammad und Christus total. Ideologie sei mit Religion nicht vereinbar. Ich erinnere auch an den gemeinsamen Widerstand von Christen und Muslimen gegen den Völkermord in Ruanda 1994: Muslimische und christliche Mönche hatten in Ruanda ihre Klöster geöffnet für alle Verfolgten; sie hatten mit Bananenstauden Beerdigungen von Tutsis vorgetäuscht, um die angreifenden Hutus zu täuschen; und sie hatten auf den Straßen falsche Schilder aufgestellt, um die Angreifer in falsche Richtungen zu lenken. Ohne ihren Widerstand hätte der Völkermord länger als 100 Tage gedauert und es wären mehr als eine Million Menschen ermordet worden. Es ließen sich auch Beispiele anführen, wie Christen und Muslime gemeinsam für Kinderrechte, für Rechte von Älteren und für Rechte von Behinderten kämpfen. Sie setzen sich Seite an Seite für Versöhnung und Frieden ein. Diese Beispiele sollten christliche und muslimische Friedenserzieher/innen ihren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nahe bringen. (Außerdem: In Kairo ist zum letzten Weihnachtsfest eine eindrucksvolle Postkarte erschienen mit der Geburt Jesu und der Geburt Muhammads auf einem gemeinsamen Bild.) 125

Reinhold Mokrosch

Ausblick Zwar gibt es Differenzen zwischen christlicher und muslimischer Friedenspädagogik: Die Friedensforderungen Jesu sind radikaler als diejenigen Muhammads; Muslime nehmen den Koran wortwörtlicher als Christen ihre Bibel; und Christen orientieren ihr Friedenstiften und ihre Friedenserziehung oft mehr an der realen Situation als manche etwas fundamentalistisch ausgerichtete Muslime. Aber die Gemeinsamkeiten sind größer: Christen und Muslime treten gleichermaßen für Gottes Recht ein und versuchen, es so weit wie möglich im Alltag zu realisieren. Beide glauben an Gottes Beistand und göttliche Kraft, um Frieden zu stiften und zum Frieden zu erziehen. Und beide erkennen in jedem Menschen einen Kern von Gottebenbildlichkeit bzw. der Stellvertretung Gottes (Kalifat). Und sie gehen die gleichen Schritte der Entfeindung; sind in gleicher Weise bereit, Unrecht zu erleiden, wenn es dem Frieden dient; und sie bekämpfen in gleicher Weise Vorverurteilungen und verbales Töten. – Ob jedoch auch im Islam Muslimas bzw. Mädchen und Frauen friedenssensibler sind als Muslime bzw. Jungen und Männer, weiß ich nicht.

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Hamideh Mohagheghi

Islamische Friedenserziehung – eine Frage des Geschlechts? Wie sieht das konkret aus?

Ob die Friedenserziehung eine Frage des Geschlechts sei, kann ich eher spekulativ beantworten. Nach Hören und Sagen sind die Mädchen weniger gewaltbereit, sie sind zurückhaltend bei der Anwendung von Gewalt gegen andere. Es gibt jedoch auch Berichte, die anhand empirischer Beobachtungen das Gegenteil beweisen: Das »Klischee von friedfertigen Mädchen ist überholt.«1 Bei diesem Bericht geht es darum, wie immer mehr die Mädchen in der Schule in bestimmten Situationen durchaus aggressiv handeln und darin den Jungen in nichts nachstehen. Es ist heute mehr denn je notwendig, das Friedenspotenzial des Glaubens zu aktivieren und die Menschen durch die Kraft des Glaubens zu friedliebenden Menschen zu erziehen. Dass aus den Texten der Religionen mit Hilfe von Interpretation ein Gewaltpotenzial herausgearbeitet werden kann, ist bekannt, und dieses Gewaltpotenzial wird oft in den Vordergrund gestellt. Dementsprechend und aufgrund der Aktivitäten einiger seiner gewaltbereiten Anhänger ist der Islam aktuell in Verruf geraten, eine Religion der Gewalt zu sein. Aufgrund der Untaten einer kleinen Minderheit der Muslime, die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, gibt es Bilder vom Islam, die es erschweren zu glauben, dass er einen konstruktiven Beitrag zur Friedenserziehung anbieten kann. In diesem Beitrag möchte ich das Friedenpotenzial des Islam erörtern und anhand einiger Qur‘an-Stellen und Überlieferungen darlegen, wie eine Friedenserziehung eingebettet in den islamischen Quellen zu verwirklichen ist.

1 http://www.derwesten.de/panorama/klischee-vom-friedfertigen-maedchen-ist-ueberholtid74067.html, Abruf 19.06.2015.

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Hamideh Mohagheghi

I. Glaube als Mittel zur Friedenderziehung In einer Studie für die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben die Experten der Universitäten in Heidelberg, Tübingen, Frankfurt/Main, Bonn und Dortmund 1.377 Kinder im Alter von acht bis neun Jahren sowie deren Eltern befragt.2 Das Ziel der Studie war, empirisch zu untersuchen, ob der Glaube eine Wirkung auf das soziale Verhalten der Kinder hat. Laut dieser Studie sind die gläubigen Kinder friedfertiger und hilfsbereiter als nicht-gläubige Kinder. Die Studie zeigt, dass im (hier christlichen) Glauben verwurzelte Kinder bei Auseinandersetzungen eine friedfertige Position einnehmen und eher bereit sind, den anderen zu helfen. Der Glaube ist eine wichtige Komponente der Identität und Erziehung, durch ihn können Werte vermittelt und durch Rituale die angemessene Meinung und Haltung eingeübt werden. Der Glaube kann emotional und rational die Kinder berühren und sie zu friedfertigen und friedliebenden Menschen erziehen. Dafür ist zuerst die Kenntnis der entsprechenden Quellen notwendig, der dann pädagogische und didaktische Umsetzung folgen soll. II. Was ist Frieden? Ist Frieden nur ein »Nichtvorhandensein« des Krieges? Ist er ein politisches oder anthropologisches Thema? Ist der Mensch in seinem Wesen/in seiner Natur gewaltbereit oder ist er von Natur aus friedfertig? Diese und viele weitere Fragen sind u.a. in Bezug auf Frieden zu stellen, auf die es möglicherweise vielfältige Antworten gibt und im Rahmen dieses Beitrages nicht erörtert werden können. Aus islamischer Perspektive entfaltet der Glaube den Drang der Menschen zum Frieden und zeichnet ihnen Wege auf, wie sie den Frieden erlangen können. Eine berechtigte Frage an dieser Stelle ist: Wenn der Glaube Friedenswegweiser ist, wie können die Gräueltaten der Menschen gedeutet werden, die sich als Gläubige verstehen und als solche von anderen wahrgenommen werden. Wie ist es möglich, dass die religiösen Fanatiker bereit sind, für die Durchsetzung ihrer angeblich religiösen Ideale maßlose Gewalt anzuwenden, wie die Geschichte uns bezeugt und wie wir es heute noch erfahren. Der Frieden ist für mich an erster Stelle eine subjektive Haltung, die jeder Mensch in sich entdecken und entfalten kann. Es ist die innere Gewissheit und Sicherheit, die dem Individuum die innere Ruhe und den Frieden ermöglicht. Dieser subjektive Frieden ist die Grundlage für den Frieden in allen Beziehungen, die der Mensch hat: Frieden mit sich, Frieden mit Gott, Frieden mit Mitmenschen und Frieden mit der gesamten Schöpfung.

2 http://www.kath.net/news/45754, Abruf 24.06.2015.

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Der Begriff im Qur‘an, der als »Glaube« übersetzt wird, lautet in Arabisch īmān und bedeutet in seinem Wortstamm »sich sicher, friedlich fühlen; treu, zuverlässig sein; in Sicherheit sein und anvertrauen«. Der Islam ist die Hingabe zu Gott, durch diese Hingabe muss der Mensch die Stufe des īmāns erreichen. Im Qur‘an sind stets die mu‘minūn (die Gläubigen) und nicht Muslimun (sich Gott Hingebende) angesprochen. Demnach muss der Hingabe zu Gott eine innere Haltung folgen, die von Gewissheit geprägt ist und den Menschen Vertrauen und Zuversicht schenkt, so dass sie in allen ihren Angelegenheiten von einer barmherzigen und mächtigen Kraft begleitet werden. Zwei Tugenden werden im Qur‘an oft erwähnt: Ruhe und Geduld. Ruhe als innere Gelassenheit, die es dem Menschen ermöglicht, in komplexen und schwierigen Lebenssituationen Ruhe zu bewahren und geduldig nach bestmöglichen Wegen zu suchen. Gerade in Konfliktsituationen wird vor voreiligen Entscheidungen gewarnt. III. Der Mensch als ein multivalentes Wesen Das qur‘anische Menschenbild sieht die anfängliche Übertretung des Menschen im paradiesischen Zustand nicht ausschließlich als einen Sündenfall, die ihn kontinuierlich als schlechte menschliche Komponente begleitet, sondern auch als die Chance, dass dem Menschen seine Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst werden und er erkennt, dass er über gewisse Freiheiten verfügt und sich für das Gute einsetzen kann. Der verbotene Baum im Paradies war ein Mittel zur Verdeutlichung der Entscheidungsfreiheit sowie der Erkenntnis, dass das menschliche Begehren, die Willenskraft und Fähigkeit des Menschen, zu verzichten, stets herausgefordert sind. Das Vergehen, bzw. die »Sünde« setzt die Freiheit der Entscheidung voraus. Der Qur‘an kennt den Zwiespalt zwischen Gutes-tun-wollen und der Unfähigkeit, es immer auszuführen, und sieht es als menschlich, wenn man sich irrt, Fehler begeht und nicht immer die innere Stimme des Gewissens hört. Als multivalentes Wesen hat der Menschen die Gabe und Fähigkeit zu lernen (Q 2:31), zu denken (Q 3:191), mit Hilfe der Gabe der Vernunft zu erörtern und zu erschließen (Q 38:29), um schließlich eine Entscheidung zu treffen (Q 18:29). Diese Fähigkeiten machen sein Menschsein aus, er handelt nicht nur instinktiv, sondern ist in der Lage, seine Empfindungen und Triebe zu erkennen und zu steuern. Der Qur‘an erwähnt aber auch die Unzulänglichkeiten des Menschen, die ihn ständig herausfordern: Seine Zuwendung zu Gott entspringt nicht immer einer inneren wahrhaftigen Überzeugung, sondern ist auch zweckgebunden (Q 41:49– 50), er stiftet auf der Erde Unheil und missbraucht die Schöpfung (Q 30:42), er ist nicht bereit, die Zeichen in der Schöpfung zu lesen und in ihnen Gott zu erkennen (Q 19:66–67), er ist voreilig und verliert den Überblick (Q 17:11) und ist geizig und nicht bereit zu teilen (Q 17:100). 129

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Der Mensch ist in seiner innersten Natur, in seiner fitra Gottsuchender, und es obliegt ihm, diesen zu entdecken und zu erfahren bzw. es liegt in seiner freien Entscheidung, auch dies zu leugnen. Die Konsequenz seiner Entscheidung muss er jedoch als Individuum tragen. Der Mensch ist ảbd, Diener, und Halīfa, Statthalter Gottes zugleich, von Ihm abhängig, jedoch frei, sich Gott vertrauensvoll hinzugeben oder auch Ihn zu leugnen. Gott hat die Menschen erschaffen, um Ihm zu dienen (Q 51:56). Dienst an Gott geschieht durch Erkennen Gottes und durch eine tiefe und innige Beziehung zu ihm, die aus Erkenntnis und Liebe besteht. Diese innere Haltung lässt das Herz beruhigen und bewirkt eine innere Zufriedenheit und Frieden. Dieses Gefühl ermöglicht, sich zu bemühen, nach Anweisungen und Weisungen Gottes zu leben und in diesem Sinne in seinem Dienste zu sein. In einer Überlieferung wird berichtet, dass jemand den Propheten Muhammad fragte, wie er wissen könne, dass er richtig handle. Der Prophet antwortete, dass er auf sein Herz hören soll: Wenn das Herz beruhigt ist und nicht vor Unruhe bebt, könne er davon ausgehen, dass er richtig gehandelt hat. Sonst würde das Herz rebellieren und unruhig sein. Der Mensch kann sich selbst nicht belügen, während er durchaus in der Lage ist, den anderen etwas vorzutäuschen. IV. Welche Grundlagen bietet der Qur‘an für die Friedenserziehung? In einem Grundsatzvers im Qur‘an heißt es, dass Gott zum Haus des Friedens einlädt, dieser Einladung folgt der Mensch, indem er im Bewusstsein Gottes lebt und Gutes tut (Q 10:25). Diese Einladung steht in einem Abschnitt im Qur‘an, der mit einer Ermahnung beginnt: »O ihr Menschen! Alle euere ungeheuerlichen Taten werden bestimmt auf euch selbst zurückfallen […].«3 Dann wird mit einem Gleichnis das Leben auf dieser Welt beschrieben. Es wird mit dem Regen dargestellt, der von der Erde aufgenommen wird und in ihr allerlei Lebewesen gedeihen lässt und die Erde schmückt. Der Mensch freut sich über die Pracht, die aus der Erde hervortritt, und über diesen natürlichen Schmuck. Dadurch empfindet der Mensch das Gefühl, dass er die Herrschaft über sie hat, und nimmt an, dass alles unendlich und ewig ist. Die Ernüchterung kommt, wenn alles verwelkt und die Erde wie ein »niedergemähtes Feld« wird.4 Daran soll der Mensch sehen, dass sein irdisches Leben ein Ende haben wird und alles, woran er hängt, keinen Bestand hat. Nur die guten Taten bewirken auf dieser Welt ein segenreiches und heilsames Leben und ermöglichen dem Menschen, dass er im ewigen Leben den paradiesi-

3 Q 10:23. 4 Vgl. Q 10:24.

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schen Zustand erlangt. »Gute« Handlung wird im Qur’an als Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden genannt, und es wird an mehreren Stellen in unterschiedlichem Kontext erläutert, was damit gemeint ist: Der Schutz des Lebens, Güte zu Eltern, liebevoller Umgang und Fürsorge für die Kinder, Teilhabe an Leid und Schmerz der anderen, Einhaltung von Maß und Gleichgewicht sowie Bescheidenheit und Demut sind hier genannt (Q 6:151–156 ; Sure 17:33–39). In diesem Zusammenhang ist auch die Rede von Ğihād, ein Begriff, der fälschlicherweise als »heiliger Krieg« übersetzt wird. Der Begriff Ğihād bedeutet lexikalisch sich anstrengen, sich verausgaben für etwas. Das bedeutet sprachlich, dass es sich bei dem Begriff Ğihād in irgendeiner Weise um einen konstruktiven Einsatz für eine Sache bzw. ein Ziel handelt. Der Aspekt der »Abwehr von etwas«, z.B. gegen physische, militärische und wirtschaftliche Angriffe mit geeigneten Mitteln, ist ebenfalls inbegriffen. Man spricht z.B. von Ğihād für Bildung, Ğihād für gerechte Wirtschaft und Gesellschaftsordnung sowie Ğihād gegen Tyrannei und Unterdrückung. Der Mensch ist im islamischen Verständnis Statthalter auf der Erde, er hat die Aufgabe, in seiner Lebenszeit auf dieser Welt die Schöpfung zu verwalten. Alles, was er hier besitzt, ist eine Leihgabe Gottes und vergänglich. Er ist nicht der Eigen­tümer, sondern Besitzer und hat die Pflicht, sorgfältig und bedacht mit diesem Besitz umzugehen. Die Schöpfung ist in »bester Form« erschaffen, und der Mensch ist angehalten, diese zu schützen und unversehrt den weiteren Genera­ tionen zu hinterlassen. Im Qur’an ist stets von Handlungen der Menschen und Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Rede: »Diejenigen, die Reue zeigen, sich bessern und versöhnen und sich von ihren schlechten Taten entfernen, denen wende Ich Meine Gnade wieder zu, denn Ich bin der gnädig sich wieder Zuwendende, der Barmherzige.« (Q 2:160) Der Mensch ist hier aufgerufen, sich um Versöhnung und Besserung der eigenen Haltung und Handlung zu bemühen. Auch wenn er Fehler und Übertretungen begeht, kann er sich immer wieder an den barmherzigen Gott wenden, der bereit zum Vergeben ist. Dieser Zuspruch soll aber nicht zu Leichtsinn und Unachtsamkeit führen. Gerade wenn es um Mitmenschen geht, sind sie es zuerst, die man um Vergebung bitten muss, bevor man sich an Gott wendet. Es sind zuerst die Menschen, die untereinander sich um Versöhnung und Frieden bemühen müssen. Vergebung und Versöhnung sind maßgebend für den Frieden, sie sind Tugenden, die einer empirischen Erziehung bedarf. Diese Erfahrung beginnt bereits in der Familie und von dem ersten Tag an, wenn ein Kind geboren wird. Der Umgang der Eltern miteinander und ihre Bereitschaft, für den Frieden in der Familie zu sorgen, sind die ersten Erfahrungen, die die Kinder dazu befähigen, friedfertige und friedliebende Menschen zu werden. Daher gibt es zahlreiche Überlieferungen, die zum Teil akribisch erklären, wie die Beziehungen und der Umgang in der Familie auszusehen haben. Es ist plausibel, dass der Inhalt dieser Überlieferungen vom 131

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Zeitgeist ihrer Entstehung geprägt ist, dennoch können sie für uns heute auch ein Wegweiser sein. Weitere Verse, die den Weg zum Frieden ebnen, sind die z.B. Verse 34 und 35 in Sure 41: Da Gut und Übel nicht gleich sein können, wehre du (Übel) mit etwas ab, was besser ist – und siehe! der, zwischen dem und dir selbst Feindschaft war, mag dann werden als ob er dir nahe gewesen ist, ein wahrer Freund! Doch dies ist keinem gegeben außer jenen, die mit dem größten guten Geschick versehen und geduldig sind!

Ob diese Stelle mit der bekannten »Feindesliebe« im Christentum in Beziehung gesetzt werden kann, ist eine Überlegung wert. Diese Stelle erwartet vom Menschen, die erfahrene Gewalt in jeglicher Form mit etwas abzuwehren, was besser ist, und dies ist nur möglich, wenn der Mensch sich von seinem Zorn und seiner Wut nicht leiten lässt. Geduld ist eine Tugend, die von Gott geliebt wird, und in zahlreichen Überlieferungen ist dargestellt, wie der Mensch Geduld üben kann. »wenn du wütend bist, bete zwei Rak‘a (Gebetseinheit); wenn Du stehst, sollst du dich hinsetzen, wenn du sitzt, sollst du dich hinlegen!« Das Gebet hat hier die Funktion, in Zuwendung zu Gott die Ruhe zu finden, sich Zeit zu lassen und erst dann eine Entscheidung zu treffen und auf die Situation zu reagieren. Dadurch wird sogar die Feindschaft überwunden, und der Feind kann zum Freund werden. Mit anderen Worten: Die Antwort auf ein Übel soll dieses in das Gute umwandeln. Aus der Erfahrung wissen wir, dass Provokation nicht durch Provokation abzuwehren ist, sondern durch weise und ruhige Worte und Taten, die den Provokateur erst überraschen und allmählich ruhiger stimmen. Daher ist im Qur‘an ausdrücklich erwähnt, dass die Feindschaft nicht den Menschen zum ungerechten Verhalten anfachen soll: »Feindschaft eines Volkes soll euch nicht reizen, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gewissenhaftigkeit näher, und lebt verantwortlich in Gottes Gegenwart. Gott nimmt sehr wohl wahr, was ihr tut.« (Q 5:8) Ein bedeutender Indikator für Gläubigkeit ist der Einsatz für den Frieden: »O die ihr glaubt! Tretet allesamt ein in den Frieden (salam) und folgt nicht den Fußstapfen des Satans. Er ist offenkundiger Feind« (Q 2:208). Unfriede ist ein satanischer Zustand, der zerstörerisch und tyrannisch wirkt. Wer für Unfrieden sorgt, folgt dem Satan und entfernt sich von Gott. Das arabische Wort für Satan ist šaitān, jemand der etwas in Brand steckt. Satan steht symbolisch für eine de­ struktive und zerstörerische Macht. Die Menschen werden davor gewarnt, sich in die Fußstapfen dieser Mächte zu begeben. Die destruktiven Mächte sind sowohl die äußeren als auch die inneren Mächte. Die menschlichen Begierden können vehement zerstörerisch wirken. Diese Kräfte können dazu beitragen, dass die Menschen ungerecht handeln, Kriege ausbrechen und die Gemeinschaften ins Verderben getrieben werden. 132

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Von Frieden wird viel geredet und das zeigt, dass die Sehnsucht nach Frieden die Menschen vereint, er ist ein Idealzustand, nach dem alle sich sehnen. Die Frage ist, warum Frieden als unerreichbares Ideal erscheint und warum die Macht der Gewalt immer wieder den Frieden bedroht. Auch wenn wir hier in Frieden im Sinne von Abwesenheit des Krieges leben, begegnen wir sogar im Alltag Gewalt und Unfrieden. Es beginnt manchmal mit einfachen Streitigkeiten in der Familie, unter Freunden und Nachbarn, die den Frieden im größeren Kreis gefährden. Eng verbunden mit dem Frieden ist die Gerechtigkeit, die fundamental in qur‘anischen Erzählungen ist. Der Einsatz für die Gerechtigkeit ist ein Gebot: Siehe, Gott gebietet Gerechtigkeit und das Tun des Guten und Großzügigkeit gegenüber den Mitmenschen; und Er verbietet alles, was schmachvoll ist, und alles, was der Vernunft zuwiderläuft, wie auch Neid; Er ermahnt euch, auf dass ihr all dies im Gedächtnis behalten möget. (Q 16:90)

Gerechtigkeit ist ein komplexer Begriff, der in diesem Beitrag nicht ausführlich dargelegt und definiert werden kann. In der islamischen Lehre ist sie die Grundnorm menschlichen Zusammenlebens und Voraussetzung für den Frieden. In den Debatten um Gesetzgebung, Rechtsprechung, in der Ethik und Rechts- und Sozialpolitik sowie in der Morallehre ist sie ein zentrales Thema. Dieser komplexe Begriff kommt jedoch auch im Vokabular der Kinder vor: Wenn sie sich bei einer Sache übergangen und nicht wohl fühlen, meinen sie, dass sie ungerecht behandelt werden: »Das ist ungerecht!«, ist zu hören. Dies ist zuerst eine Empfindung, die sogar die Kinder berührt. In einem großen Gemeinwesen kann die Gerechtigkeit vereinfacht als Bewahren des Gleichgewichts in der Schöpfung bezeichnet werden. Sie beinhaltet die ausgewogene Verteilung der Ressourcen, Chancengleichheit für alle Menschen, in Demut und Bescheidenheit die Gaben Gottes zu nutzen und den anderen Zugang zu diesen zu ermöglichen. Man meint, dass dies alles heute möglich und relativ einfach ist, weil die Menschen auch in der Ferne sich sehr nah sind. Sie können medial voneinander wissen und erfahren, wie es den anderen geht. Die Mittel, um zu teilen und Hilfe zu leisten, sind vorhanden und können in kurzer Zeit viel bewirken. Dennoch leben wir in einer Welt der Ungerechtigkeit und des Unfriedens. In einer Welt, in der im Minutentakt Menschen wegen unwürdiger Armut vor Hunger sterben – auch in den Gebieten, in denen durchaus reiche Ressourcen vorhanden sind. Die Armut, die in manchen afrikanischen Ländern herrscht, obwohl sie reiche Bodenschätze haben, könnte behoben werden, wenn z.B. diktatorische Machthaber und Regierungssysteme nicht aus wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen von anderen Mächten aus der Weltgemeinschaft Unterstützung erhielten.

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V. Praktische Empfehlungen für die Friedenserziehung Unterstützend zu qur’anischen Versen wirken Aussagen des Propheten Muhammad und die Weisheiten in der islamischen Philosophie und Ethik, die durch praktische Empfehlungen wegweisend für Friedenserziehung sein können. Das tugendhafte Verhalten wird oft im Qur‘an und in der Tradition mit Glauben in Beziehung gesetzt: »Muslim ist jemand, vor dessen Hand und Zunge die Menschheit in Sicherheit ist.« Diese Überlieferung ist eine deutliche Botschaft an Menschen, die mit ihren Worten und Handlungen andere verletzen und vernichten. Eine klare Absage an willkürliches Verhalten, an jede Form von Gewaltanwendung gegenüber allen Menschen. Um sich den zerstörerischen Kräften in und um uns widersetzen zu können, beschreibt der Qur‘an, dass Gott ethisch-rechtliche Wege durch die Propheten und Offenbarungen an die Menschheit vermittelt hat. Sie sollen sowohl die inneren Werte des Menschen zum Vorschein bringen und sie aktivieren als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft so regeln, dass eine Grundlage für die Sicherheit und die Möglichkeit zum gegenseitigen Vertrauen gegeben ist. ...einem jeden von euch haben Wir einen ethisch-rechtlichen Weg (schir’an) vorgeschrieben. Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Er will euch jedoch prüfen durch das, was Er euch gegeben hat. Wetteifert darum miteinander zum Guten. Zu Gott ist euer aller Heimkehr. Dann wird Er euch aufklären über das, worin ihr uneinig wart. (Q 5:48)

Eindeutig ist in diesem Vers, dass Gottes Wege vielfältig sind und es darauf ankommt, dass alle diese Wege als Ziel eine innere Haltung und Handlungsweise haben, die der Schöpfung dient. Die Streitigkeiten über die Wahrheit ist nach diesem Vers keine Aufgabe für die Menschen, dadurch verpassen wir die Chance, unter Vereinigung der in der Vielfalt vorhandenen Kräfte wirkungsvoller für verbindliche und verbindende Werte einzutreten. Es ist eine historische Realität, dass Anhänger der Religionen im Namen der Religion grausame Kriege geführt haben. Ein Phänomen, das bis heute das Leben der Menschen beeinträchtigt und auch ein Hindernis für ein friedliches Zusammenleben ist. Wenn auch die genaue Konfliktforschung als Ursachen durchaus an erster Stelle soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten feststellt, spielt oft die Instrumentalisierung der Religionen eine tragende Rolle in den Konflikten. Unsere wichtigste Aufgabe ist es gerade jetzt, gemeinsam das Friedenpotenzial der Religionen stärker hervorzuheben und zu verdeutlichen, ohne dabei die Gefahr zu übersehen, dass die Quellen der Religionen und ihre Geschichte durchaus als Legitimation für Gewalt herangezogen werden können. Ja, es gibt zweifelsohne Grundwerte, die von allen Religionen bejaht werden, aber es gibt auch gleichzeitig 134

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den Anspruch der jeweiligen Religion, im Besitz der Wahrheit zu sein – wenn dies jedoch als exklusiver Wahrheitsanspruch gesehen und gegenüber anderen deklariert wird, entsteht von vorherein eine Herabsetzung der jeweils anderen Religionen. Diesen Anspruch herunterschrauben und gar zu überwinden, wäre ein erster und zugleich schwierigster Schritt in die richtige Richtung zum gegenseitigen Verständnis. Hier ist Selbsterziehung von enormer Bedeutung, damit man schrittweise Egoismus abbaut und innerlich zu Einsicht und Weisheit gelangt. Einsicht und Weisheit, die die Menschen dazu befähigen, den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden von den eigennützigen Interessen zu trennen. Für die Entscheidungen ist an erster Stelle an das Gemeinwohl zu denken und nicht an Zuwachs von Kapital und materiellem Eigenprofit. Die sozialen Ungerechtigkeiten und die tiefer werdende Kluft zwischen Armen und Reichen dieser Welt erzeugen Ängste, Unzufriedenheit und Verdrossenheit. In solchen Situationen ist es leicht, Feindbilder zu schaffen und die Menschen zu motivieren, gegen diese anzugehen. Die Kultur und Religion geben den Menschen Identität und Halt im Leben. Sie können sie aber auch manipulierbar machen, wenn die eigenen kulturellen und religiösen Überzeugungen indoktriniert sind und als absolut und einzig richtig dargestellt und Erziehung und Wertvorstellungen dafür eingesetzt werden, diese eigenen Vorstellungen mit allen Mitteln zu verteidigen und auch anderen aufzuzwingen. Den Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, sowohl in der Verantwortung des Individuums als auch im kollektiven Einsatz: Dies muss entschieden und mit allen möglichen Mitteln realisiert werden, wie folgende Überlieferung anregt: Wer eine ungerechte Handlungsweise sieht, soll sie verhindern. Wenn er dies nicht mit seinem Einsatz tun kann, soll er es mit seinen Worten tun und wenn er es nicht mit Worten verhindern kann, soll er sich im Herzen davon fernhalten und sie verabscheuen.

Es ist von enormer Bedeutung, die Gleichgültigkeit zu überwinden und auch sich um Änderung zu bemühen, wenn man Ungerechtigkeit und Unfrieden beobachtet. Dieser Einsatz erfordert wachsame gegenseitige Wahrnehmung und die Suche nach möglichen gemeinsamen Aktionen, die das Wohlbefinden der Gemeinschaft der Menschen und Schöpfung als Ziel haben. Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit benötigt neben Motivation und Glaube auch Ausdauer und Beharren. In einer individualisierten, materialistischen Welt sowie den stark Ich-bezogenen Lebensformen besteht die Gefahr, dass die gemeinsame Aufgabe und der Einsatz für einander in den Schatten der gewinnorientierten Ziele gestellt werden.

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VI. Einige Thesen aus islamischer Sicht, wie der innere und äußere Frieden erlangt werden kann Die Selbsterziehung ist von enormer Bedeutung, damit man Egoismus abbaut und innerlich zu Einsicht und Weisheit gelangt. Einsicht und Weisheit, damit der Mensch in jeder Situation vernünftig und rational entscheiden kann. Auch in Konfliktsituationen muss die Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit im Vordergrund stehen und nicht Affront und der Eigennutz. Auch wo Handeln notwendig ist, zeigt der Islam die Grenzen und empfiehlt den sanften Weg und den Weg der Gerechten. Eine wesentliche Bedingung für das Entstehen und Wachsen von Frieden ist Vertrauen. Vertrauen zwischen Menschen, zwischen Gemeinschaften und in unserer globalen Welt zwischen Ländern und Völkern. Das Vertrauen kann durch offene und ehrliche Begegnung und durch Austausch entstehen, wodurch die Vorurteile abgebaut werden. Es ist nicht möglich, von Frieden zu sprechen, ohne sich dafür einzusetzen, dass Gerechtigkeit herrscht. Gerechtigkeit ist die göttliche Ordnung, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zuspricht. Wenn diese Ordnung durch das menschliche Handeln beeinträchtigt ist, kann es zu Enttäuschung, Misstrauen, Hass und Gewalt kommen. Dies zu vermeiden ist die Verantwortung jedes einzelnen Menschen, gestützt durch die Verantwortlichen in der Gesellschaft. Zum Erlangen des Friedens ist sowohl Verständnis und Vertrauen zwischen den Religionen notwendig als auch die kritische Betrachtung der eigenen ­Reli­gion. Jede der großen Religionen lässt erkennen, dass sie prinzipiell einen Weg vom persönlichen inneren Frieden zur aktiven Überwindung von Aggressionen zeigt. Es ist wichtig hervorzuheben, dass zahlreiche führende Persönlichkeiten, die sich für die Friedensbewegungen eingesetzt haben, einen religiös motivierten Hintergrund hatten. Es gibt eine Querverbindung zwischen diesen Persönlichkeiten, obwohl sie von unterschiedlichen Weltanschauungen überzeugt waren. Auch dies zeigt, dass es potentielle positive Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen gibt. Die Einheit der Schöpfung manifestiert sich in der Vielfalt, die als ein Segen Gottes zu verstehen ist, wenn wir uns die Aussage des Propheten Muhammad vergegenwärtigen: »In der Meinungsverschiedenheit meiner Gemeinschaft liegt ein Segen.« Die Wahrnehmung anderer Menschen und Gruppen geschieht in unserer Zeit vorwiegend medial. Die Feindbilder schleichen sich durch Bilder, die uns vermittelt werden, ein, verfestigen sich in unseren Köpfen und beeinträchtigen unser Urteilsvermögen über die anderen. Ein kritischer und differenzierter Blick auf die medialen Mitteilungen ist zusätzlich zu intensiven Begegnungen notwendig, damit die persönliche Wahrnehmung aus »Fremden« Mitmenschen macht, mit denen man sich unterhalten, austauschen und mit denen man durchaus auch leben und agieren kann. 136

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Jeder Mensch braucht ein Wertesystem, in dem er zu Hause sein kann und von dem aus er Orientierung für sein Leben finden kann. Kenntnis über die ethischen Werte der eigenen Religion ist notwendig, um mit anderen nach gemeinsamen Grundwerten zu suchen, die in einer Gesellschaft als Grundlage für alle gelten können. Wenn ein Mensch in der eigenen Lebensweise »beheimatet« ist, mit seinen eigenen Wurzeln vertraut ist, bringt er die Basis mit, sich den anderen zu öffnen, sie kennen zu lernen und sie zu verstehen. So können die Menschen miteinander in ein ernsthaftes, fruchtbares und friedliches Gespräch eintreten. Und letztlich müssen wir uns bewusst werden, dass die religiösen Menschen heute nicht mehr geschlossen unter sich sind – es ist notwendig, eine Öffnung zu Menschen zu ermöglichen, die keiner Religion angehören oder sich bewusst gegen alle Formen der Religion entschieden haben. Begegnung mit Achtung und Respekt ihnen und ihren Wertvorstellungen gegenüber ermöglicht es, alle die Kräfte zu vereinen, die gemeinsam den Frieden als Ziel haben. VII. Schlusswort Die Frage nach der geschlechtsbezogenen Friedfertigkeit ist kein Thema in der islamischen Lehre, und daher bleibt in diesem Beitrag die explizit gestellte Frage, ob Friedenserziehung eine Frage des Geschlechts sei, unbeantwortet. Ob die Frauen bessere Friedenserzieherinnen und ob sie stärker bereit sind, sich für den Frieden einzusetzen, kann ich nur aus subjektiver Beobachtung und aus Beratungstätigkeit beantworten: Vielen Frauen liegt mehr daran, vor allem in der Familie den Frieden zu bewahren und ihn wieder herzustellen – und wenn notwendig dafür auch das eigene Leid sowie Interessen zurückzustellen. Außerhalb der Familie jedoch hat die Frage der Friedfertigkeit m.E. mit der Machtfrage zu tun. Wer nach Macht und Ruhm strebt – ob Mann oder Frau – und dies als Ziel seines Lebens setzt, ist eher bereit, auf diesem Weg notwendige bis willkürliche und exzessive Gewalt anzuwenden. Aus der Kraft des Glaubens geht eine Friedenserziehung hervor, die Menschen – unabhängig vom Geschlecht – anspricht und den Menschen Wege zeigt, wie sie bei der Friedenserziehung bei sich selbst anfangen können. Al Ghazali, der große Gelehrte und Philosoph des 11./12. Jahrhunderts, hat sich in zahlreichen Abhandlungen und Schriften über Ethik und Wege zur Glückseligkeit und zum Frieden über die möglichen erzieherischen Methoden ge­äußert. Mit einem Zitat aus seinem Buch möchte ich meinen Beitrag beenden – auch wenn die Gedanken von Al-Ghazali in den Kenntnissen seiner Zeit eingebettet sind, können sie uns heute Wegweiser sein: Die wichtigsten aller Wissenschaften sind die Erziehung der Seele, die Beherrschung der Körpers und die Bewahrung des Ausgleichs dieser Charaktereigenschaften.

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Wenn diese Charaktereigenschaften ausgeglichen sind, führt dies zur Gerechtigkeit gegenüber Frau und Kind und darüber hinaus gegenüber allen Einwohnern des Landes. Denn: »Ihr seid alle Hirten und jeder Hirte ist für seine Schutzbefohlenen verantwortlich.« Alles andere verhält sich wie die Armensteuer zum Grundbesitz, das Licht zur Sonne und der Schatten zur Person. Wie kannst du erwarten, dass der Schatten gerade ist, obwohl der Gegenstand, der den Schatten wirft, krumm ist? Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, sich selbst zu lenken und zu zügeln, wie kann er dann andere führen? Das ist die Summe aller praktischen Wissenschaften.5

Damit möchte Al-Ghazali mitteilen, dass die religiöse Praxis erst dann Früchte tragen kann, wenn jeder einzelne Mensch erst an sich, seiner eigenen Haltung und Einstellung arbeitet und diese optimiert.

5 Al-Ghazali. Das Kriterium des Handelns. Darmstadt 2006, 120.

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BeiträgerInnen und HerausgeberInnen dieses Bandes Carl-Heinrich Bösling, Dr. rer. pol.; Geschäftsführer Volkshochschule der Stadt Osna­brück GmbH und Fachbereichsleiter »Gesellschaft und Politik«; [email protected]. Ursula Führer; Vorsitzende der Erich Maria Remarque-Gesellschaft Osnabrück e.V.; [email protected].

Claudia Glunz, M.A.; Erich Maria R ­ emarque-Friedens­zen­trum, Universität Osnabrück; [email protected]. Thorsten Heese, Dr. phil.; wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator für Stadtgeschichte am Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück; [email protected]. Nataly Jung-Hwa Han; Leiterin des Korea Kommunikations- und Forschungszentrum, Berlin; [email protected]. Jana Mikota, Dr. phil.; Germanistik, Universität Siegen; mikota@germanistik. uni-siegen.de. Lioba Meyer; Lehrerin, Kinderbuchautorin, ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Osnabrück, ehemals Vorsitzende der Erich Maria Remarque-Gesellschaft, Engagement zur regionalen Förderung von Kunst und Kultur; [email protected].

Hamideh Mohagheghi; Religions- und Rechtswissenschaftlerin, Theologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn für die islamische Theologie; [email protected]. Reinhold Mokrosch, Prof. emer. Dr.; Institut für Ev. Theologie der Universität Osnabrück; [email protected]. Joachim Paech, Prof. emer. Dr.; Professor für Medienwissenschaften an den Universitäten Osnabrück und Konstanz; www.joachim-paech.com. 139

BeiträgerInnen und HerausgeberInnen

Joshua D. Pilzer, Prof. Dr.; Associate Professor of Ethnomusicology, Faculty of Music, University of Toronto; individual.utoronto.ca/kippen/Ethnomusicology/ faculty.html. Christoph A. Rass, PD Dr.; Professur für Neueste Geschichte, Institut für Migrationsforschung, Historisches Seminar und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück; [email protected]. Hiltrud Schäfer; Künstlerin, zahlreiche Ausstellungen weltweit; lebt und arbeitet in Osnabrück. Thomas F. Schneider, Dr. phil. habil.; Erich Maria ­Remarque-Friedens­zen­trum, Universität Osnabrück; [email protected]. Tsukasa Yajima; freier Photograph, lebt in Berlin; www.tsukasa-yajima.com.

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