Das Volkswohl: Eine Predigt zur Eröffnung der Kammern am 29. November 1852 [Reprint 2022 ed.] 9783112686720

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Das Volkswohl: Eine Predigt zur Eröffnung der Kammern am 29. November 1852 [Reprint 2022 ed.]
 9783112686720

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Wohl dem Volke, deß der Herr sein Gott ist!

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Das Volkswohl Eine Predigt

zur Eröffnung der Kammern am 29. November 1852

gehalten

in der Domkirche zu Berlin

von

W. Hoffmann, Dr. der Tbeol., Königs. Hof- und Domprediger, Echloppfarrer zu Bersin.

Berlin. Druck und Berlag von Georg Reimer. 1852.

Tert.

Psalm 144. Vers 15.

Wohl dem Volke, deß der Herr sein Gott ist!



ruft ein König auf der Höhe seines Glückes und seines

Erdenglanzes aus, der von Gottes Wahl und Gottes Macht auf Adlerflügeln des Sieges emporgetragen war bis auf den einzigen Thron der Welt, auf dem damals die göttliche Verheißung ver­

herrlichend ruhte.

Der gotterwählte Herrscher des gotterwählten

Volkes stand er unter den vergänglichen Mächten, die der Volks­ wille geschaffen oder die rohe Gewalt aufgebaut hatte, einzig da,

auf seiner Stirne das Siegel einer Hoheit, wie sie keiner der ge­

waltigen Fürsten der alten Weltreiche zu erkünsteln vermochte.

Er

war ein König, der es nie vergaß, wer ihm den Thron gegeben,

dem oft in stillen Stunden die Bilder des heißen Kampfes, des ihm so oft nahe getretenen Todes, der ihn von allen Seiten so hart umdrohenden Schmach und Vernichtung vor seinem Geiste

vorübergingen,

und den die Vergleichung seiner jetzigen sicheren

Herrschaft mit dem Schwanken des Bodens unter ihm in vergan­

genen Jahren stets zu einem der Lobgesänge begeisterte, wie sie

jetzt noch aller Sprache des frommen Dankes und der feurigen Gottesfreude die Worte leihen.

Er sprach vom Segen, den der

lebendige Gott seinem Volke geschenkt, oder den er für dasselbe erflehte, immer als wahrer Jsraelite, als von einem Segen der Ver-

4 heißung von ben Vätern her und war er selbst eines Hirten Sohn, der keiner gekrönten Ahnen sich freute, so blickte er doch in demü­

thig großen, Bewußtseyn auf eine lange Reihe von Vätern zurück, um deren Häupter die Krone der Gottcserwählung strahlte, bis hinauf zu einem Jakob, Isaak und Abraham.

Ob er dann von

dem Siege sang den ihm Gott gegeben, oder um Ruhe vor den Heidenvölkern flehte, die ihn hassend und neidisch umgaben, oder

um das kräftige Gedeihen seines Volkes in tüchtiger Manneskraft

und blühender Anmuth, oder um den Reichthum an den Gütern für dasselbe bat, die das irdische Daseyn tragen, sein Schluß war immer: aber wohl dem Volke, deß der Herr sein Gott ist. — Da steht vor uns das heilige Urbild aller vor Gott geweihten und ge­

segneten Herrschaft.

Wir sind die Erben Israels, in dein wahren

Samen Abrahams, dem Heilande der Welt.

Als seine Angehö­

rigen dürfen wir den ganzen Segen göttlicher Wahl und Beru­

fung auf dem Haupte unsers theuren Königs ruhend wissen, als

christliches Volk alles des Guten uns freuen, dessen Er sich freut und unsere großen Gedenktage wie die täglichen Arbeitstage am Baue des Reiches Gottes iin Gebiete des Staates dürfen wir alle

mit dem wohlbegründeten Siegelworte bezeichnen: Wohl dem Volke, deß der Herr sein Gott ist!

und wenn wir es thun, recht inne werden Worin das wahre,

unumstößliche Volkswohl

besteht?

An dem ernsten Tage, da die wichtigen Arbeiten unserer von un­ serm geliebten Könige zusammenberufenen Kammern neu beginnen

sollen, ziemt sich wohl, mit Ernst und vor Gottes Angesicht diese Frage ins Auge zu fassen, und zwar in dem doppelten Sinne,

den sie hat: 1.

Was ist das rechte Volkswohl?

2. Wie wird es begründet?

Herr, du ewiger König, dein Wort führt uns klare, sichre Wege,

5 laß es auch heute, laß eS jetzt unsern Leitstern seyn und deinen

Geist es uns verklären!

Amen.

Volkswohl! ist das Ziel der ernstesten und ausharrcndften

Anstrengungen aller derer, die gewissenhaft ihre Aufgabe in der Berathung der Gesetze und Ordnungen des Staates oder in ihrer Handhabung lösen wollen. — Das Volk war im Alten Bunde nur diese Eine Gciiicinschaft, es war Israel.

Alle andern Na­

tionen waren kein Volk in diesem Sinne, sie sollten cs erst wer­ den.

Unter dem Volke verstanden die heiligen Sprecher Gottes

stets das in Familien und Gemeinden, in Geschlechtern und Stäm­

men gegliederte, nach den Geboten Gottes in einander greifende

Ganze, nicht einen wirren Haufen von Leuten, die sich irgend wie zusamincngefundcn hatten; das Volk waren die Kinder Israels,

die Söhne Eines Hauses, die Ein Gepräge trugen, nach Einem

Ziele gingen, Eins waren, daß wo Ein Glied litt, die andern alle mit litten.

Das christliche Volk unserer Tage ist auch ein

solches Ganze, und nur wer da eingegliedert seyn will und sich

hingicbt an die Grundordnungen, welche Christus, das Haupt über Alle, theils als uralt göttliche neu gcwcihct und bestätigt, theils erst aufgestellt und begründet hat, der gehört zum Volke.

Wer

wider diese Grundordnungen stürmend aiiläufk, wer das von Gott

geordnete Haupt in Frage stellt, wer erst schaffen will, was Gott

von Alters her schon geschaffen hat, der ist in verworrener Thor­ heit noch nicht bis zum bewußten Gliede eines Volkes geworden,

er gehört zum Haufen, der nur durch die Masse wirkt und in sinnvcrstörendcr Unklarheit nur verderben nicht schaffen noch erhal­ ten kann.

Des Volkes Wohl aber verkündet unser Psalmwort,

nicht das Wohlseyn auch derer, die sich von der Gemeinschaft los­ reißen und sich allein mit ihrer zufälligen Weisheit oder Kraft und

ihrem willkürlichen Begehren als Meister aufstellcn, das Lebeil zu ordnen und zu regeln.

Ein Volk giebt cs nur auf Anerkennung

6 der göttlichen Lebensordnung, wie sie die Familie mit ihrer Ueberund Unterordnung, wie sie den Staat mit Obrigkeit und Unter­

than, mit Gesetz und Recht hervorbringt.

Wer da noch nicht

hinein gehört und nur sich selber sucht und nicht das was deS

Andem ist, in wem die heilige Liebe und die eben so heilige Ehr­ furcht nie erwacht oder wieder erstorben ist, dem kann nur die

ernste, strenge Zucht dienen, um ihn zum Gliede des Volks erst werden zu lassen.

Sein Volk aber hat der Psalmsänger im Auge,

wenn er betet, nicht die „fremden Kinder," von denen er blos um Erlösung bittet.

Das Wohl des Volks ist aber, daß es ein

rechtes Volk sey, ein Volk des Herrn, daß ihm die festen Bande, die geweihten Grundlagen des Lebens, die kräftige Bewegung auf

denselben, die rechte Ausbildung aller Kräfte für den Dienst Got­

tes, nicht fremde Mächte, nicht harte Joche, nicht eiserne Ketten, sondem daS seyen, waS im lebendigen Leibe die Nerven und Mus­ keln, die Bänder und Gelenke sind, ein sichrer Zusammenhalt des

ganzen Lebens.

Wer im Volke das Haupt liebt und die Glie­

der, wer selbstvergessen nur dem Andern dient, wer in der Liebe

hingiebt und ebendarum empfängt, wer in der Familie, in der

Gemeinde, im Staate liebend und geliebt, ehrend und geachtet, gebend und empfangend seine rechte Stelle einnimmt, gem dient

und gehorcht, mit zarter Liebe herrscht und leitet, nicht träge hin­ schlendert, wo er handeln, nicht schweigt, wo er reden soll, nicht

in eitler Thatenlust am unrechten Orte einschreitet und die nächsten Aufgaben sich selbst zu gering oder zu schwer findet, wer in die­ sem ganzen, lebendigen Leib seine Stelle unverkümmert und ohne Ueberschreiten einnimmt, dem ist es wohl in diesem Ganzen.

Wo

alle Glieder oder doch die meisten so sind, daß daö Ganze durch

sie lebt und in ihnen sich kräftig und gesund bewegt, da ist es dem Volke wohl.

Die Grundlagen des Volkswohls sind daher

die Ehrfurcht Aller, der Gesetzgebenden und Gesetzempfangenden, vor den ewigen von keinem Menschenurtheil weiter abhängigen

7 Gottesordnungen, sonach die demüthige Anerkennung der Obrig­

keit, der Gott die Gewalt über uns gegeben und die daS göttliche Siegel ihrer Gewalt trägt. Nicht der Reichthum, nicht die glück­ liche Strömung des Geldes und die Blüthe der Gewerbe, sondern

die ernste Herzensstellung der Meisten oder Aller zu den Gewal­ ten, die Gott geordnet hat, macht ein Volk glücklich, und ohne sie

würde alle Fluth von Gütern nicht Segen seyn, sondern überflu-

thendcs Verderben. DaS Volkswohl suchen wir,

es muß uns heute recht

dringend vor die Seele treten als die Forderung an uns; da

zeigt uns denn David wie man cs zu suchen hat. denn mit unsrer Macht ist nichts gethan.

Im Gebet!

WaS hülfen auch

die besten Gesetze, wenn die Ausführung sie verderbte, wenn die Aufnahme eine verkehrte wäre! waS vermöchten alle von Men­

schen gestellten Ordnungen, wenn die Grundsäulen, auf welchen sie festgcstellt werden, zusammenbrächen oder wichen.

Der Herr ists,

zu dem wir ausblicken müssen, dainit die Arbeit, die angestrengte, männliche, gewissenhafte, nicht vergeblich sey, sondern Grund und

Boden finde.

haupte:

Ich fürchte nicht zu kühn zu seyn, wenn ich be­

wenn wir einmal bei den gesetzgeberischen Arbeiten im

Staate, wie Sie dieselben jetzt wieder aufzunehmen berufen sind, die Heiligthümer Gottes voranstellten, und mit Bewußtseyn auf

den ewigen Grundlagen, die des Herrn Hand gestellt hat, auf­ bauen wollten, wir würden die Wahrheit der Verheißung auch da

erleben: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird Euch daS Uebrige Alles zufallen."

Ich fordere, wenn wir das thun, mit Gebet und Glauben und Entschlossenheit thun, die ganze Zukunft heraus mich Lügen zu

strafen, wenn ich im Namen Gottes ein Gedeihen verheiße, wie

es bisher noch nicht da gewesen ist. Damit sind wir schon übergegangen zur Frage: wie wird daö

rechte Volkswohl begründet? Wohl dem Volke, deß der Herr

8 sein Gott ist.

Er begründet eS, der lebendige Gott, Jehovah,

wie ihn nur Israel in der alten Welt kannte, der lebendige Gott, wie wir ihn im neuen Bunde kennen in Jesu Christo Seinem

Sohne. Nicht was man Religiosität nennt, dieses allgemeine, tau­ sendfarbig schillernde Leben des religiösen Gefühls, wie es dem Menschen eingeschaffen, angeboren ist, das aber tausend Götzen

dienen kann, eben so gut, wie dem lebendigen Gott, schafft das Volköwohl, sondern daß ihm der Herr sein Gott ist. — Wie kann es, fragt man erstaunt, uns da fehlen, den Christen? ken­

nen wir ihn denn nicht Alle, den einzigen, wahren, ewigen Gott? — o daß wir ihn kenneten, daß es wirklich überall in christlichen

Landen wahr wäre dieses große Wort: der Herr ist unser Gott! — aber ach! wie wenige kennen ihn, wie Viele beben zurück vor sei­

ner Majestät und verzerren sich ihr strahlendes Bild nach ihres

Herzens Gelüsten.

Haben ihn denn nicht Schaaren unter den Ge­

bildeten der Zeit hinter der Welt so verloren, daß sie über das

allgemeine, in jedem wehenden Blatte und rauschenden Strome, in Tageslicht und Sternenglanz, in Waldescinsamkeit und Berges­ höhe ihnen entgegen hauchende Gottesgefühl nicht hinaus kommen,

daß ihnen der Gott des alten Testaments ein schrecklich fremder

Gott ist, daß sie in Christo seine Gnade und Wahrheit nicht er­

fassen können, weil sie in dem Gesetzesdonner seinen Ernst nicht ver­ standen.

Wie Vielen ist er wohl da, aber ferne droben über den

Wolken, sie kennen ihn nicht, sie gehen mit ihm nicht um, das Gebet ist verstummt, das Hören seines Wortes ist ihnen ekel ge­ worden, sic fragen nach ihm nicht bei ihrem Ein- und Ausgang

im Leben, und er hat nichts mehr, wie sie vermeinen, zu thun mit ihren Dingen.

Die Gottesfurcht ist selten geworden, die

Gottes liebe noch seltner.

Denn ein andres ist, noch etwa zu­

geben, daß ein Gott im Himmel lebt, und ein anderes erkennen, daß der Herr, der ewige Jehovah, der die Welt erschaffen, der

Abraham erschien, der auf Sinai das Gesetz gegeben, der sein

9 Volk durch die Jahrhunderte geleitet, in Christo Mensch geworden ist und nun nach seiner ain Kreuze gestifteten Erlösung sitzt zur

Rechten Gottes und bei den ©einigen ist alle Tage bis an der

Welt Ende! Ja, da wo es noch lautet: der Herr ist mein Gott! ich

kenne ihn, er liebt mich,

er hat mich erkaufet und trägt mich

durchs Leben mit starker Hand, da ist das Wohl des Herzens,

der Familie noch geborgen.

Aber lebt auch ein Volk auf Erden

jetziger Zeit, das dieses Bekenntniß von sich ablegen könnte, und ist es unser Volk? In dem Herrn Geliebte, da liegt die große

Aufgabe der Aufgaben, die vor Allem zu lösende.

Strengen wir

nicht alle Kräfte an und wenden alle Mittel auf zuerst zu diesem

Ziele, daß der Herr der Gott unsers Volkes werde, sein eigner Gott, der in Herz und Haus und Volksgemeinschaft über Alles gilt,

den man liebt, ehrt, sucht, zu dem man betet, von dem man alles annimmt, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reich­

thum, so wird kein Volk geschaffen in heiliger Zucht und Furcht, in edler Kraft und Liebe, und auch kein Volks wohl begründet mit allem Wirken und Mühen, ©innen und Rathen.

Nicht Re­

ligiosität thut uns Noth, sondern der lebendige Glaube an den Gott der Bibel, den Gott zu dem Abraham in der Einöde seine Hände aufhob, zu dem Mose rief in der Angst seiner Seele, zu dem David flehte in der Todesnoth der Flucht, wie auf dem Sie-

gesthron, den die Propheten anriefen und verkündeten, der in Jesu Christo uns nahe war und nahe seyn will, dem unsre Väter bis

in den letzten Hauch anzugehören begehrten, der auch in unserer

Volksgeschichte sich mächtig von Rath und herrlich von That ge­ zeigt hat.

Wenn wir nicht Jesum Christum und sein Heil dem

Volke vor Allem zu schaffen suchen, so bauen wir unser Haus auf Sand, unser Werk ohne Grund, und so schallt es richtend

auch in unsere Rathsversammlungen hinein: beschließet einen Rath und es werde nichts daraus!

10 Ist aber der Herr dein Gott, du christliches Volk, so wirst du Ihn lieben und Ihm auch in den Ordnungen des Staates die­ nen, dann wirst du inne werden, wie Er denen hilft, die sich von Ihm wollen helfen lassen, weil er ihr Gott ist, so wird Sein

Geist nicht nur auf dem Throne, auch in den Herzen aller deiner

Führer, in deinen Rathsversammlungen walten, und du wirst seyn

ein Baum gepflanzet an den Wasserbächen, dessen Blätter nicht welken, du wirst jauchzen und dich freuen in dem Gott deines

Heils immer und ewiglich.

DaS geschehe!

Amen.