Alemannen und Franken 9783110809435, 9783110167887

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Alemannen und Franken
 9783110809435, 9783110167887

Table of contents :
Vorwort
Einführung
Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen
Zum Forschungsstand in der Sprachgeschichte
Zum Beitrag der Siedlungsgeographie
Zum Forschungsstand in der Anthropologie
Zum Forschungsstand in der Archäologie
Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit
Schlüsse und Arbeitshypothesen
Ansatz und Grundlagen der Studie
Die Bestattungssitte
Die Gefäßbeigabensitte
Die Waffenbeigabe
Zur Tracht
Siedlungsgeschichtliche Aspekte
Synthese der Einzeluntersuchungen
Exkurs: Bewaffnung oder Beigabensitte?
Die Deutung der Kulturgruppen
Zur Oberschicht
Schlußfolgerungen
Listen
Verzeichnis der benutzten Schriftquellen
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur

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Alemannen und Franken

Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Herausgegeben von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer Band 23

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Walter de Gruyter · Berlin · New York 2000

Alemannen und Franken von Frank Siegmund

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Walter de Gruyter · Berlin · New York 2000

® Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme Reallexikon der germanischen Altertumskunde / von Johannes Hoops. Hrsg. von Heinrich Beck ... — Berlin ; New York : de Gruyter Bis Bd. 4 der 1. Aufl. hrsg. von Johannes Hoops Ergänzungsbände / hrsg. von Heinrich Beck ... Frank, Siegmund: Alemannen und Franken / von Frank Siegmund. — Berlin ; New York : de Gruyter, 2000 (Reallexikon der germanischen Altertumskunde : Ergänzungsbände ; Bd. 23) ISBN 3-11-016788-3

© Copyright 2000 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Druck: Werner Hüdebrand, Berlin Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer GmbH, Berlin

Vorwort Die vorliegende Studie ist eine leicht überarbeitete und aktualisierte Fassung meiner Göttinger Habilitationsschrift, die während meiner Assistentenzeit entstand und im Oktober 1996 von der Philosophischen Fakultät der Georgia Augusta angenommen wurde. Ich danke allen Beteiligten für ihre Unterstützung und ihr Engagement. Besonders herzlich danke ich meinen Gutachtern G. Jacob-Friesen, G. A. Lehmann, M. Bergmann und F. Junge für moralischen und praktischen Beistaad und mancherlei hilfreiche Hinweise. Eine Rohfassung der Arbeit wurde von Ch. Freigang, E. Mählitz und A. Zimmermann gelesen, denen ich für ihre Mühen und Diskussionsbeiträge danke. Viel profitiert habe ich von dem starre Fächergrenzen überbrückenden, ungemein anregenden Arbeitsklima in Göttingen, der gut organisierten Universitätsbibliothek und ihren stets hilfsbereiten Mitarbeitern und nicht zuletzt von Studierenden, die im Alltag eine Herausforderung waren und in der Schlußphase dieser Studie Verständnis für meine knapp bemessene Zeit hatten. Ein steter Quell menschlicher wie wissenschaftlicher Stimulation war der gut vernetzte Mittelbau, insbesondere der Schierker Kreis. Für Zuspruch und Ermunterung, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, danke ich V. Bierbrauer. Vorläufige Ergebnisse konnte ich im Herbst 1995 auf dem von G. Ausenda organisierten Symposium über .Franks and Alamanni' in San Marino und auf Vorträgen in Marburg und Freiburg vorstellen, zu denen mich H. W. Böhme und H. Steuer einluden. Die anschließenden Diskussionen haben zum Reifen der Gedanken wesentlich beigetragen, wofür ich allen Beteiligten danke. Der Text wurde 1998 überarbeitet, wobei im Hinblick auf die angestrebte breite archäologische Quellenbasis vor allem einige in der Zwischenzeit erschienene Gräberfeldpublikationen integriert wurden. Nach dem August 1998 erschienene Literatur konnte nicht mehr berücksichtigt werden. H. Steuer hat sich frühzeitig für den Druck dieser Arbeit engagiert; ich danke ihm herzlich, daß er sich für ihre Aufnahme in die ,Ergänzungsbände' eingesetzt hat. Dem Verlag und dem Herausgeberkreis danke ich für die Annahme des Manuskripts.

Göttingen, Dezember 1998

Inhalt Vorwort Einführung Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen Die Alemannen Die Franken Das Umfeld: Sachsen, Thüringer, Baiern, Burgunder Zum Forschungsstand in der Sprachgeschichte Dialektgeographie Toponymie Zum Beitrag der Siedlungsgeographie Zum Forschungsstand in der Anthropologie Zum Forschungsstand in der Archäologie Romanen Sachsen Thüringer Slawen Baiern Burgunder Alemannen und Franken Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit Moderne Ethnologie Antike Ethnographie έθνος, gens, natio, Volk: die Terminologie der frühmittelalterlichen Schriftquellen im Spiegel der Geschichtsforschung Die Terminologie der Sprachforschung

vili

Inhalt

Ethnos und Kultur in der Archäologie

55

Zusammenschau

73

Schlüsse und Arbeitshypothesen

81

Ansatz und Grundlagen der Studie

85

Der zeitliche Rahmen Chronologische Einheiten Zur Auswahl der Kriterien Zur Statistik Die Stichprobe Wie zuverlässig sind die daraus ableitbaren Aussagen? Zum Grabraub Die Bestattungssitte

88 91 94 95 97 109 115 123

Die Gefäßbeigabensitte Die Intensität der Tongefäßbeigabe Der Anteil handgeformter Keramik Die Intensität der Glasgefäßbeigabe Vorläufige Synthese nach Kategorien Vorläufige Synthese nach einer quantitativen Skala Zwischenbilanz zur Gefäßbeigabensitte

129 135 140 146 151 160 172

Die Waffenbeigabe

174

Zur Tracht Die Tracht der Frauen Die Gürteltracht

214 215 230

Siedlungsgeschichtliche Aspekte Haus- und Siedlungsformen Siedlungsweise

243 243 245

Synthese der Einzeluntersuchungen Zeitschnitt A Zeitschnitt Β Zeitschnitt C Zur handgeformten Keramik

253 254 261 271 283

Inhalt

Kulturmodell Nord Identitätswechsel Elsaß

ix

284 286 289

Exkurs: Bewaffnung oder Beigabensitte?

293

Die Deutung der Kulturgruppen Kulturen oder Ethnien? Identifikation und Benennung der Kulturgruppen

301 305 307

Zur Oberschicht Zum Problem des Adelsbegriffs Ethnizität von Oberschichtgräbern Synthese zur Oberschicht

314 314 319 343

Schlußfolgerungen

351

Listen

362

Verzeichnis der benutzten Schriftquellen

432

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur

434

Einführung Zu Aufbau und Benutzung des Buches Wissenschaftliche Werke werden heute eher partiell benutzt denn ganz gelesen. Hinter dieser ebenso bekannten wie bedauerten Tatsache stehen Zwänge, denen nahezu alle Wissenschaftler unterliegen. Daher erscheint es mir sinnvoll, der Not Rechnung zu tragen und eiligen Lesern vorab die Struktur der Argumentation offenzulegen und dadurch Hinweise für ihre Selektion zu geben. Die Studie möchte auf der Grundlage archäologischer Quellen einen Beitrag zu einer umfassenderen historischen Problematik liefern. Um die Fragestellung zu präzisieren und die Riickbindung in das Umfeld zu sichern, werden in Ubersichten die Forschungsbeiträge der auf verschiedenen Quellen fußenden Wissenschaften beleuchtet. Dem mit der Diskussion Vertrauten werden weite Passagen vorwiegend Bekanntes wiederholen, so daß möglicherweise die Lektüre der Bilanz hinreichend erscheint (S. 73 ff.). Die ersten Kapitel referieren den Kenntnisstand verschiedener Disziplinen zu den frühmittelalterlichen Ethnien (S. 3 ff.), wobei naturgemäß die Schriftquellen (S. 8 ff.) und die Bodenfunde (S. 28 ff.) im Vordergrund stehen. Diese Ubersicht zeigt u. a., daß gut begründete und räumlich konkrete Thesen zum Siedlungsgebiet der Alemannen und Franken auf archäologischer Grundlage für die Gesamtdiskussion nützlich wären, jedoch nicht zu Verfügung stehen. Denn fachintern ist die vielfach verfolgte Argumentation anhand der Verbreitung einzelner Fundtypen, etwa von Fibeln, in ihren Deutungsmöglichkeiten umstritten, und andere Argumentationsstränge stehen zum Vergleich nicht zur Verfügung. Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit dem Begriffsfeld Ethnos in verschiedenen Disziplinen, insbesondere der Ethnologie und der Geschichtsschreibung (S. 39 ff.). Die Ubersicht unterstreicht die Notwendigkeit, auch hier zunächst einen selbständigen archäologischen Ansatz zu entwickeln, wobei aus dem Umfeld vor allem die neueren Forschungen der Ethnologie zum Begriff ,ethnicity' als fruchtbar herausgestellt werden. Die anschließende Bilanz liefert die Grundlage für eine Präzisierung der archäologischen Fragestellung und den methodischen Ansatz (S. 81 ff.). Die archäologische Analyse im engeren Sinne versucht, auf induktivem

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Einführung

Weg und ohne Zugrundelegung konkreter Vorannahmen hinsichtlich räumlicher und ethnischer Strukturen vorzugehen. Wenn die Details der sukzessiven Annäherung an das spätere Ergebnis zunächst weniger interessieren, könnte man sogleich bei den resultierenden Kulturmodellen ansetzen (S. 253 ff.). Zunächst wird die Quellenlage erläutert, ihre spezifischen Probleme und ihre Stärken (S. 85 ff.). Anschließend erfolgt die Analyse der Bestattungs- und Beigabensitte der frühmittelalterlichen Gräberfelder (S. 123 ff.). Dabei werden zunächst Einzelphänomene jeweils über drei Zeitabschnitte hinweg untersucht, wobei sich insbesondere bei der Gefäßbeigabe und der Bewaffnung wiederholt deutliche und einander ähnliche räumliche Unterschiede abzeichnen (zusammenfassend S. 172 u. 212). Andere Beobachtungsgruppen müssen nach dem derzeitigen Forschungsstand zurückgestellt werden, da sie offenbar im wesentlichen von räumlich übergreifenden zeitlichen Veränderungen bestimmt sind (,Moden'). Nach diesem Auswahlprozeß erfolgt pro Zeitabschnitt eine Synthese aufgrund der nutzbaren Merkmale und Methoden; sie führt zur Formulierung expliziter .Kulturmodelle', denen die Gräberfelder mit einem quantitativen Abstandsmaß zugeordnet werden (S. 253 ff.). Ein Exkurs zur Waffenbeigabe möchte plausibel machen, daß die für die einzelnen Kulturmodelle spezifischen Waffenspektren nicht nur Ergebnis der jeweiligen Beigabensitte sind, sondern auch auf Unterschiede in der lebenden Kultur zurückgehen (S. 293 ff.). Für die weitere Deutung dieser Kulturmodelle werden anschließend die Begriffe .Kultur' und .Ethnos' aus archäologischer Sicht beleuchtet und differenziert; vor dem Hintergrund eines archäologischen Ethnoskonzepts können die fraglichen ,Kulturmodelle' als archäologische Ethnien gedeutet werden (S. 305 ff.). Im Vergleich mit den Schriftquellen lassen sich diese bis dato anonymen Ethnien mit historisch überlieferten Namen verknüpfen: Alemannen und Franken sowie Thüringer und Sachsen (S. 307 ff., dazu Abb. 171-172). Aus der Untersuchung war die Oberschicht (,Adel', ,Elite') zunächst bewußt ausgeklammert worden. Nachdem die frühmittelalterlichen Ethnien sich als archäologisch faßbar erwiesen haben, wird nun die Einbindimg der Oberschicht untersucht. Zunächst wird der problematische Begriff .Oberschicht' erörtert (S. 314 ff.), wobei die Überlegungen keinen grundsätzlichen Charakter haben, sondern nur Argumentationsansätze für diese Studie bieten sollen. Anschließend können exemplarisch einzelne Gräber und Grabgruppen beleuchtet werden (S. 320 ff.). Die Synthese legt dar, daß mit gewissen Abstrichen auch Oberschichtgräber in ihrer Ethnizität erkannt werden können (S. 343 ff.). Entgegen den Erwartungen liefert die Oberschicht jedoch nicht das Vorbild für das Verhalten der breiten Bevölkerung, sondern umgekehrt

Einführung

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erweist sich die Oberschicht als in die Verhaltensmuster der übrigen Bevölkerung eingebettet. Die .Schlußfolgerungen* bilanzieren die wesentlichen archäologischen Ergebnisse und versuchen, sie vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Nachbarwissenschaften in den weiteren historischen Kontext zu stellen (S. 351 ff.).

Das Ausgangsproblem In der gewesenen wie in der geschriebenen Geschichte des frühen Mittelalters spielen Ethnien eine wichtige Rolle1. Die Schriftquellen überliefern uns häufig Namen und Nachrichten von Ethnien, moderne Historiker haben im Anschluß an die grundlegende Studie von Reinhard Wenskus gerade in neuerer Zeit große Ethnosmonographien verfaßt2. Auch in der archäologischen Literatur wurden frühmittelalterliche Ethnien vielfach in das Zentrum einer Betrachtung gerückt, oft im Zusammenhang mit großen Ausstellungen3. So erscheint es naheliegend, wenn bei der Publikation von Bodenfunden wie selbstverständlich Stammesnamen erläuternd in die Titel archäologischer Monographien und Aufsätze aufgenommen werden (Abb. I)4. Nach einer langen Periode der Urgeschichte, für die häufig Fundorte, markante Gefäßformen oder ähnliches als Terminus technicus den Namen von Kulturgruppen prägen, und nach einer Frühgeschichte, für die antike Autoren einzelne Stammesnamen und gewisse Vorstellungen von deren Siedlungsgebieten überliefert haben, bewegt man sich im Frühmittelalter angesichts einer reicheren schriftlichen Uberlieferung bei der ethnischen Ansprache des Fundgutes auf scheinbar sicherem Boden. Gegen den üblichen Sprachgebrauch vieler Archäologen verwende ich statt Alamannen das korrekte neuhochdeutsche Wort Alemannen, da mir die Erläuterung der Sachlage bei Geuenich, Alemannen 20 f. einleuchtet. - Statt der im universitären Kontext üblichen Selbstbezeichnung meines Faches als ,Ur- und Frühgeschichte' benutze ich hier stets den im populären Sprachgebrauch weit verbreiteten Begriff ,Archäologie', obwohl mir die feinsinnigen Unterschiede beider Begriffe bewußt sind. Hierzu: J. Hoika, Archäologie, Vorgeschichte, Urgeschichte, Frühgeschichte, Geschichte: Ein Beitrag zu Begriffsgeschichte und Zeitgeist. Arch. Inf. 21, 1998, 51-86. Wenskus, Stammesbildung; Wolfram, Goten; Pohl, Awaren. Pars pro toto: Ahrens, Sachsen; Die Bajuwaren; I Goti; Die Franken; Die Alamannen. Unabhängig von Ausstellungsprojekten z. B.: Christlein, Alamannen; Menghin, Langobarden; Capelle, Sachsen. Die hier und im folgenden verwendete Kartengrundlage lehnt sich an die viel benutzte ,Tübinger Karte' Europas im Maßstab 1: 3 Millionen an; sie wurde mir, auf die Bedürfnisse dieser Publikation angepaßt, elektronisch von cand. phil. Sandra Viehmeier M. A. (Göttingen) zur Verfügung gestellt, wofür ich ihr herzlich danke.

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Einführung

Abb. 1. Ethnische Zuweisung im Titel der Publikationen von frühmittelalterlichen Gräberfeldern. Ausgewählt wurden die hier bearbeiteten Fundorte. - Quadrat: ethnisch neutraler Titel; Kreis: .fränkisch'; Dreieck: .alemannisch'; Kreuz: .bajuwarisch'; Stern: .sächsisch'.

Im konkreten Einzelfall sucht man allerdings häufig vergeblich nach der Begründung für eine vorgenommene ethnische Zuweisung. Sichtet man im Bedürfnis nach einer Erklärung für diese Diskrepanz die Artikel der einschlägigen Lexika, findet man nur wenige und ungenaue Angaben über Versuche bzw. Kriterien zur archäologischen Unterscheidung etwa von Alemannen

Einführung

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und Franken5; ihre Siedlungsgebiete werden, wenn überhaupt, offenbar aufgrund der schriftlichen Uberlieferung umrissen6. Im Detailvergleich erweisen sich ältere Forschungsbeiträge, die von einem noch recht geringen Denkmälerbestand ausgehen mußten7, als zuversichtlicher hinsichtlich der Möglichkeit, anhand der archäologischen Quellen Ethnien fassen zu können. Denn entgegen dem ersten Anschein und einem häufig unreflektierten Sprachgebrauch herrscht heute in der Frühgeschichtsforschung eine tiefe Skepsis hinsichtlich der Frage, ob der Fundstoff Aussagen zu Ethnien erlaubt8. Einen der zentralen Einwände hat Joachim Werner 1959 so formuliert9: JDa die germanische Reihengräberzivilisation der Chlodwigzeit ein nicht an den einzelnen Stamm gebundenes Phänomen ist, sondern Beigabensitte, Tracht und Bewaffnung von einer Adelsschicht bestimmt werden, deren Gräber wir gleichförmig von Marboué bei Châteaudun und Lavoye im Dép. Meuse über Planig und Flonheim in Rheinhessen nach Gültlingen bei Nagold, nach Basel und nach Weimar verfolgen können, ist eine Sonderung der rechtsrheinischen Stammesgebiete im 6. und 7. Jahrhundert mit Hilfe des archäologischen Formengutes unmöglich. Eine fränkisch-alamannische oder eine alamannisch-bajuwarische Stammesgrenze läßt sich archäologisch nirgends erkennen. Es gibt Werkstätten und Werkstättenkreise für Schmuck und Keramik, deren Produkte in der Verbreitung regional gebunden sind. Die Verbreitungsgebiete spiegeln aber Absatzgebiete wider, die nicht mit Stammesgebieten identifiziert werden dürfen oder können Neben die Interpretation von Fundverbreitungskarten als Spiegel von Absatzgebieten hat jüngst Heiko Steuer ein modifiziertes Modell gesetzt10. Ihm erscheint es wahrscheinlich, daß aufwendigere Objekte zentral hergestellt und 5

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Ament, Alamannen· Dort wird die Frage der Trennung zwischen Alemannen und Franken nicht diskutiert, lediglich S. 266 eine mögliche Binnengliederung innerhalb des alemannischen Raumes erwähnt: „Für Einzelzüge der Tracht läßt sich an den Funden des 7. Jahrhunderts eine in den durch den Schwarzwald getrennten ost- und westalamannischen Siedlungsräumen divergierende Entwicklung ablesen. " - Ament, Franken 1989. Hier wird zur Frage der Ethnographie bezeichnenderweise ausführlicher nur die Abgrenzung gegen die Romanen diskutiert. „Dabei fillt eine Unterscheidung innerhalb des germanischen Milieus, also etwa eine Abgrenzung von Franken und Alamannen, schwerer als die Kontrastierung mit der romanischen Bevölkerung." (ebd. 692). - Vgl. Steuer, Alemannen, insbes. 151 § 16; Ament, Franken 1995. Als Beispiel seien die Karten bei Christlein, Alamannen 23 Abb. 8 genannt. Seine Abb. 8d (.Alamannia um 450') orientiert sich an den Angaben des Kosmographen von Ravenna Qänichen, Alemannen 140 Abb. 14; Quellen IV 9-12); seine Abb. 8e (.Alamannia um 600') spiegelt die vermuteten Grenzen des Bistums Konstanz wider. Hoernes, Alemannen; Veeck, Forschung; Forrer, Fortschritte 110-120; Zeiß, Ethnische Deutung. Zuletzt zusammenfassend: Steuer, Forschungstendenzen 13-16. Werner, Stammesgebiete 6; zuversichtlicher der Diskussionsbeitrag von K. Böhner ebd. 80. Ahnlich bestimmt und ablehnend wie Werner schon: Brenner, Forschungsstand 321. Steuer, Forschungstendenzen 15 f.; Steuer, Handel.

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Einführung

dann im Rahmen herrschaftlicher Redistribution ihre späteren Besitzer erreichten. Die Verbreitung einander sehr ähnlicher, vermutlich werkstattgleicher Funde würde dann eher Personenverbände und Räume einer sich ausprägenden Grundherrschaft nachzeichnen11. Zwar stehen auch für diese Thesen umfassendere Versuche einer Verifikation am Material aus, doch bieten sie als durchaus plausible Modelle hinreichend Anlaß zu der oben geschilderten Zurückhaltung in der ethnischen Interpretation des Fundstoffes. So läßt sich in einer für die Frühgeschichte wichtigen Frage eine interessante Spanne divergierender Forschungsmeinungen aufzeigen, sie reichen von ablehnender Skepsis über eine unreflektierte Terminologie bis zu bedeutenden und kaum strittigen Studien über Ethnien 12 . Für Alemannen und Franken, die in der frühmittelalterlichen Geschichte Westeuropas eine zentrale Stellung einnehmen und deren vermutete Siedlungsräume in den archäologisch bestuntersuchten Landschaften Europas liegen, steht derzeit ein konkreter Beitrag der Ur- und Frühgeschichtsforschung zu einer allgemein als wichtig erachteten Frage aus. Auch über diese Epoche hinaus ist die ethnische Deutung archäologischer .Kulturprovinzen' ein viel diskutiertes, offenes Problem. Denn auch an schriftlose urgeschichtliche Epochen wird die Frage nach Kulturen, Stämmen oder Völkern gestellt, d. h. nach jenseits des unmittelbaren Siedlungsverbandes gemeinsam agierenden größeren sozialen Einheiten. Die innerhalb der Archäologie vor allem von der theoretischen Schule der ,New Archaeology' vertretene, bewußte Meidung der ethnischen Fragestellung erscheint mir zwar - gerade in Deutschland - forschungsgeschichtlich verständlich, aber wenig fruchtbar13. Wenn es solche sozialen Verbände gegeben hat, sollten wir darum wissen und folglich danach forschen - wobei dieses Problem sicherlich nicht die einzige Fragestellung der Archäologie sein sollte. In einer erneut zunehmend mit ethnischen Traditionen argumentierenden Welt samt ihrer .ethnischen' Konflikte scheint es mir wichtig, daß Historiker versuchen, der heutigen Gesellschaft Wissen um konkrete Ethnien und ihre Funktionsprinzipien anzubieten14. Um im Nahbereich zu bleiben: die beliebte Stilisierung der 11

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Wie weitflächig solche Fundverbreitungen durch verstreut liegenden Besitz einer Person sein können, zeigt exemplarisch das Testament des Bischofs Berthramn von Le Mans (Weidemann, Testament passim, ζ. Β. 80 Abb. 10). Für letztere exemplarisch: Bierbrauer, Ostgoten. Zur sich zunächst vor allem gegen eine kulturgeschichtliche Archäologie im Sinne Vere Gordon Childes wendenden .New Archaeology' oder .Prozessualen Archäologie' zusammenfassend: Bernbeck, Theorien 35 ff.; Tobias L. Kienlin in: Eggert / Veit, Theorie 67 ff. Vgl. auch, ganz im Sinne der .New Archaeology': Lüning, Kulturbegriff. In diesem Sinne auch: Daim, Ethnicity 71 f.; Schneidmüller, Nomen gentis 155.

Einführung

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Alemannen als .lebendiges Volk' zum Zwecke heutiger Identitätsstiftung 15 bedarf unserer Kommentare ebenso wie die aktuelle, sehr vom Zeitgeist umwehte Herausstellung der Franken und des merowingischen Königtums als Vorläufer der heutigen Europäischen Union und als offene, multikulturelle Gesellschaft16. Das frühe Mittelalter bietet sich in besonderer Weise als methodisches Versuchsfeld an, da hier die Existenz gentiler Strukturen historisch gesichert ist, die ergrabenen Bodenfunde relativ zahlreich und differenziert sind und darüber hinaus gänzlich andere Quellen zur Verfügung stehen und somit weitere Disziplinen befragt werden können. So scheint es sinnvoll, vor einer präziseren Entwicklung der Fragestellung zunächst den Wissensstand der Nachbarwissenschaften zu überprüfen und auf mögliche methodische Ansätze näher einzugehen.

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Nach dem Titel und Tenor des Buches Christlein, Alamannen, zu Recht kritisiert von Keller, Alamannen, insbes. 4 ff. Man vergleiche die Vorworte im Katalog zur Stuttgarter Alemannenausstellung 1997: Die Alamannen. Man lese die Gruß- und Vorworte im Katalog zur Mannheimer Frankenausstellung 1996 (Die Franken; ebenso explizit: Koch, Ethnische Vielfalt) und erinnere die in der Ausstellungsinszenierung wesentlich stärker als im Katalog zutage tretende Betonung dieses Aspekts.

Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen Die Alemannen Der Forschungsstand zur Ethnogenese der Alemannen und zur Alemannia nach den Schriftquellen ist in jüngerer Zeit mehrfach zusammenfassend behandelt worden. Vor allem Hagen Keller und Dieter Geuenich haben die Problem- und Sachlage mehrfach und auch in Kenntnis der archäologischen Diskussion dargelegt1. Der folgende Abschnitt ist bemüht, den Forschungsstand knapp zu rekapitulieren und dabei exemplarisch auf maßgebliche Literatur zu verweisen. Die bislang als ältester Beleg geltende Erwähnung des Alemannennamens bei Cassius Dio zum Jahre 213 wurde von Matthias Springer und Lawrence Okamura als jüngere Konjektur erkannt2, die neuere historische Forschung folgt ihnen3. Das nunmehr älteste unstrittige Zeugnis stammt aus dem Jahre 289 4 , erst im 4. Jahrhundert werden die Belege dichter. Die Alemannen träten also in etwa zur gleichen Zeit wie die Franken in den römischen Quellen auf; vermutlich wird hier auch eine schematische Klassifikation der Römer wirksam: der Gegner am Niederrhein wird als .Franke' bezeichnet, derjenige am Oberrhein als .Alemanne'5. Ob damit ein schon vorher etwa im elbgermanischen Raum existentes Ethnikum erstmals greifbar wird oder sich eine neue 1

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Zuletzt: Geuenich, Alemannen, mit allen notwendigen Verweisen auf ältere Studien. Vgl. insbes.: Keller, Alamannen; Geuenich / Keller, Alamannen; Geuenich, Alemannenforschung; Schaab / Werner, Ducatus Alemanniae. Cassius Dio L X X V I I 13,4 (Quellen I, 9 f.). Nun: Springer, Eintritt, wo die Sachlage, aber auch die Genese der ursprünglich abweichenden Forschungsmeinung ausführlich und anschaulich geschildert wird. Keller, Alamannen und Sueben 110 f.; Geuenich, Alemannenforschung 164 f.; Geuenich, Alemannen 18 f. - Eine Bestätigung scheint nun auch ein neu gefundenes Siegesdenkmal aus Augsburg zu bieten, das über eine Schlacht zwischen Römern und barbaros gentis Semnonum sive Iouthungorum am 24. / 25. April 260 berichtet - der Name der Alemannen wird bezeichnenderweise nicht genannt (Bakker, Raetien passim); doch mahnt Geuenich, Alemannen 37 ff. vor einer voreiligen Deutung dieses Befundes. Zu den bei Ammian als Teilstamm der Alemannen genannten Juthungen zuletzt: Stickler, Iuthungi. Panegyrici Latini Χ (Π) 5 (Quellen 1, 22). Dazu Geuenich, Alemannenforschung 164 f.; Springer, Eintritt 113 ff. (mit schöner Erläuterung des Kontextes). Zur antiken Ethnographie vgl. unten S. 49.

Die Alemannen

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Gemeinschaft nun erst im Kontakt mit den Römern formierte, ist Gegenstand der aktuellen Diskussion unter Historikern 6 . Die Quellenlage erlaubt offenbar keine sichere Entscheidung, doch es erscheint wahrscheinlicher, daß sich wesentliche Stadien der Ethnogenese der Alemannen erst hier auf dem ehemals zur römischen Provinz gehörenden Gebiet vollzogen. Die innere Struktur der Alemannen wird deutlicher greifbar erst im dritten Viertel des 4. Jahrhunderts über die Berichte Ammians. Danach traten den Römern eine Vielzahl unabhängiger alemannischer reges oder reguli entgegen, eine übergreifende Organisation etwa unter einem gemeinsamen König ist nicht nachweisbar 7 . Die Nachrichten überliefern auch eine Vorstellung von den Räumen, in denen Römer und Alemannen einander begegneten; der gesamte Oberrhein bis nach Mainz hin war westliches des Stromes zumeist von den Alemannen kontrolliert, die Neckarregion wurde als alemannisches Siedlungsgebiet bezeichnet 8 . Es bleibt offen, wie lange dieser Zustand fortgeschrieben werden kann, denn für das ausgehende 4. Jahrhundert und die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts fehlen hinreichende Quellen. Ein Gebiet der Alemannen wird erst für die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts durch den gotischen Geographen Athanarid wieder greifbar, der uns über den (anonymen) Kosmographen von Ravenna überliefert ist 9 . Die daraus abgeleitete Karte ist in der Identifizierung einzelner Orte nicht unumstritten 10 . Bei allen Unsicherheiten und unter Ausklammerung einiger Orte weit im Westen (Langres, Besançon, Mandeure) ergäbe sich eine patria Alamannorum, die vom Zürichsee im Süden das gesamte oberrheinische Tiefland bis knapp vor Mainz umfaßte, im Norden den Main mit Aschaffenburg und Würzburg umschloß und nach Osten südlich der Donau bis mindestens an 6

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Für das Erstere: Castritius, Ethnogenesen, insbes. 76; in gleichem Sinne aus archäologischer Sicht: Schach-Dörges, Zusammengespülte Menschen. - Für das Letztere: Geuenich, Alemannenforschung 161 f.; Keller, Probleme; Geuenich, Alemannen 24 ff. Geuenich / Keller, Alamannen 140 ff.; Geuenich, Alemannenforschung 166 ff.; Geuenich, Alemannen 42 ff. Der skizzierte Raum und der Umstand offenbar vieler reges /reguli legt einen Vergleich mit den archäologisch greifbaren Höhensiedlungen nahe, die möglicherweise ein spezifisch alemannisches Phänomen sind. Dazu: Steuer, Höhensiedlungen. Quellen IV, 9 ff.; dazu F. Staab in: Viator 7, 1976, 27-64 und Geuenich, Alemannen 70 f. Vgl. die .vermischt' argumentierende Karte bei Geuenich, Herkunft 73 Abb. 56. Quellen IV, 9; Keller, Alamannen 143 ff. mit Anm. 55; Karte: RGA 2 1 (1973) 140 Abb. 14 nach Beyerle, Süddeutschland. - Auf diese Quelle gehen auch die ethnischen Zuweisungen der »archäologischen* Kartierungen der .Burgen des 5. Jahrhunderts' durch Weidemann (Germanische Burgen 361) und der .Alamannia um 450' bei Christlein (Alamannen 23 Abb. 8d) zurück (vgl. auch die ältere Karte bei Böhner, Franken 80 Wandkarte 11), die von Nachbarwissenschaften gelegentlich sekundär wiederum als Bild des archäologischen Kenntnisstandes verwendet werden (z. B. H. K. Schulze in: Quarthai, Alemannien und Ostfranken 12; H. Steger, ebd. 73 Abb. 4).

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Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen

die Isar reichte11. Wesentlicher als die Frage der konkreten Ausdehnung dürfte jedoch die der Bedeutung dieses Gebietes sein; allgemein wird angenommen, daß hier keinesfalls ein Siedlungsgebiet geschildert wird, sondern ein Herrschaftsgebiet, das wohl auch nur kurzfristig existierte. Im Zusammenhang mit den Nachrichten des späten 5. Jahrhunderts werden ein rex Gebavultus und rex Gibuldus erwähnt, womit, die Identität beider Namen vorausgesetzt, möglicherweise ein übergreifender rex Alamannorum faßbar wird. Dies würde - vermutlich unter Einbeziehung der älteren, nun aus der Uberlieferung schwindenden Suevi12 - für eine stärkere Bündelung der Alemannen sprechen, doch die Hypothese eines alemannischen Einkönigtums in dieser Zeit ist umstritten13. Im Kampf gegen Chlodwig fiel 496 / 97 ein alemannischer rex unbekannten Namens, eine erneute Niederlage der Alemannen (samt Verlust ihres Königs?) ereignete sich möglicherweise im Jahr 506 14 . In der Folge kam zunächst ein Teil der Alemannen unter fränkische Herrschaft15, ein Teil unter ein ostgotisch-römisches Protektorat, das dann 536 / 37 ebenfalls an die Mero11

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Moderne Landschaftsbezeichnungen in Deutschland hier und im folgenden nach: Liedtke, Landschaften. Keller, Alamannen und Sueben, insbes. 98 f. - Zustimmend: Geuenich, Alemannenforschung 162 f. Für ein alamannisches Einkönigtum in dieser Zeit ζ. B. Castritius, Ethnogenesen 81 mit Anm. 62; Schaab / Werner, Ducatus Alemanniae. Dagegen oder doch zumindest mit großen Zweifeln: Geuenich / Keller, Alamanna 144 f.; Geuenich, Landnahme 36 f.; Geuenich, Alemannen 73-75. Chronologie und Identifizierung der Ereignisse 496 / 97 und 506 sind offenbar problematisch und aufgrund der dürftigen Quellenlage wohl kaum abschließend zu klären. Möglicherweise handelt es sich nur um ein Ereignis. Derzeit wird die Schlacht von 496 / 97 (bei Tulbiacum = Zülpich?) vielfach als die wesentliche Auseinandersetzung angesehen, die von 506 nur als Niederschlagung eines Aufstandes. Man vergleiche Zotz, Alamannen; Quellen VI, 112 zum Jahr 496; Castritius, Ethnogenesen 82-84; Geuenich, Alemannen 85 f. Das Datum und die Schlacht waren unlängst angesichts der Feierlichkeiten zur 1500jährigen Wiederkehr der damit vermeintlich verbundenen Taufe Chlodwigs erneut Gegenstand zahlreicher Veranstaltungen und Veröffentlichungen; eine umfassende Darstellung der Rezeptionsstränge bei: Chlodwig. - Es muß dringlich davor gewarnt werden, die archäologische Datierung des Hortfundkomplexes und Zerstörungshorizontes am Runden Berg bei Urach zur Stützung bzw. als Beleg für die Richtigkeit der historischen Chronologie heranzuziehen (so z. B. Schaab / Werner, Ducatus Alemanniae 5). Die .archäologische Datierung' erfolgt m. E. durchaus im Hinblick aus das vermeintlich gesicherte historische Datum von 506. Eine rein archäologisch begründete Entscheidung, ob dieser Horizont dem Jahr 496 / 97 oder dem Jahr 506 entstammt, dürfte einstweilen kaum möglich sein (vgl. z. B. Christlein, Runder Berg 1; Koch, Runder Berg 5; 6). Eine fTeil-) Kartierung des Herrschaftsbereiches um 500 findet sich bei: Castritius, Mittelrhein 76. Die dort skizzierte .hypothetische Grenze* folgt offenbar den erst mittelalterlich greifbaren Diözesangrenzen und bezieht - kaum entzerrt - namenkundliche und archäologische Überlegungen mit ein.

Die Alemannen

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winger fiel. Die Alemannen wurden so binnen einer Generation im frühen 6. Jahrhundert in zwei Etappen politisch in die Organisation des Merowingerreiches integriert. Es regierten dann im 6. und 7. Jahrhundert von den fränkischen Königen eingesetzte duces, die durchweg in enger Verbindung mit dem fränkischen Königshof standen, d. h. Teil des fränkischen Adels bzw. der Gefolgschaft der Merowinger waren 16 . Möglicherweise gab es zeitgleich nur einen dux alamannorum17. Allmählich, aber kaum näher nachvollziehbar, bildete sich ein ducatus alemanniae heraus, wobei wesentliche Formierungsprozesse wohl in die Zeit Dagoberts I. (623-638/39) fielen und mit einer kirchlichen Organisation einhergingen. Es ist jedoch offensichtlich, daß dieser Ducat das Herrschaftsgebiet des jeweiligen dux alamannorum umfaßte, die Identität mit einem geschlossenen Siedlungsgebiet der Alemannen läßt sich nicht erweisen. Am Ende der Merowingerzeit scheint dann die Phase einer .Regionalisierung der Volkstümer' erreicht, die Geuenich und Keller wie folgt beschreiben 18 : „ Von nun an sind Alamannen die, die in Alamannien wohnen bzw. ihre Herkunft haben, unterschieden von den jenseits der Grenzen ihrer Provinz lebenden Elsässern, Burgundern, Rätiern, Bayern oder FrankenDamit verschiebt sich in den Schriftquellen die Bedeutung des Begriffs .Alemanne' im Lauf der Merowingerzeit; stand in der Völkerwanderungszeit der auf einen rex bezogene Personenverband im Vordergrund (gens), der durchaus von einem konkreten Siedlungsgebiet losgelöst sein konnte und in dem die Selbstzuordnung wichtiger war als die Stellung von Geburt her, stand in der Karolingerzeit das Herrschaftsgebiet im Vordergrund {ducatus), dessen Einwohner nach ihm benannt wurden. Für ein Mitglied der Oberschicht kann die Bezeichnung .Alemanne' in den Schriftquellen der späten Merowingerzeit oder der Karolingerzeit ein vom Ethnikum völlig losgelöster Begriff sein, der nur noch angibt, daß die fragliche Person in Alemannien begütert war und dort Herrschaft ausübte19. Im .Historischen Atlas von Baden-Württemberg' haben Meinrad Schaab und Karl Ferdinand Werner versucht, die Alemannia räumlich näher zu umgrenzen20. Eine kritische Prüfung ihrer Argumentation läßt deutlich werden, wie 16

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Keller, Alamannen 9; Geuenich, Alemannen 92 ff. - Zu dem umstrittenen Begriff »Gefolgschaft*: Steuer, Gefolgschaft, und wesentlich skeptischer: Timpe, Gefolgschaft. Geuenich / Keller, Alamannen 147 mit der Tabelle p. 151. - Im Südwesten erfolgte wohl 561 eine Ausgrenzung des ducatus Ultraiuranus. Geuenich / Keller, Alamannen 155. - In ähnlichem Sinne für eine aus den Reichen (Königstümern) hervorgehende Bildung der nationes im 9.-10. Jahrhundert auch: Schneidmüller, Nomen gentis. Keller, Alamannen 10. Schaab / Werner, Ducatus Alemanniae; vgl. Geuenich, Alemannen 101. - Für die For-

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Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen

stark ein solcher Versuch auf den Ergebnissen der Ortsnamenforschung, den erst ab dem 8. Jahrhundert besser greifbaren pagi und der Kenntnis der kirchlichen Gliederung beruht. Die davon unabhängigen Quellen sind gering an Zahl, im wesentlichen Ortsnennungen (grüne Signaturen) in frühen Urkunden; zumeist handelt es sich um Urkunden der seit der Mitte des 8. Jahrhunderts reicher werdenden Uberlieferung der Klöster, vor allem St. Gallens. Die kirchliche Gliederung Süddeutschlands ist von Schaab für den .Historischen Atlas von Baden-Württemberg' in einer Karte dargestellt und erläutert worden21. Für das Frühmittelalter ist die Neugründung des Bistums Konstanz entscheidend, die wohl im frühen 7. Jahrhundert erfolgte22. Ohne den generellen Wert dieser Karte zu bezweifeln, sei aus Schaabs Erläuterung zitiert23: JDie kirchliche Gliederung kann mit verhältnismäßig großer Genauigkeit erst für die Zeit um 1500 dargestellt werden, aus der für alle Diözesen mit Ausnahme der Erzdiözese Mainz einigermaßen vollständige Listen des Bestandes an Pfarreien überliefert sind.... Hauptschwierigkeit für die Darstellung war die Frage der Grenzen. Diese waren auch um 1500 höchstens im Bereich des Altsiedelgebietes vollständig linear ausgeprägt." Es ist sicherlich problematisch, diese im Detail noch um 1500 unsicheren Bistumsgrenzen um 900 Jahre zurückzuschreiben, um auf diese Weise das Bistum Konstanz im 7. Jahrhundert umgrenzen zu wollen und aus seiner Ausdehnung die frühmittelalterliche Alemannia zu erschließen. Allerdings deckt sich die uns vor allem interessierende Nordgrenze des Bistums Konstanz mit der nachfolgend diskutierten Gaugliederung, die seit dem 8. Jahrhundert greifbar ist; die Grenze durchschneidet keine zusammenhängenden Gaue, sondern verläuft zwischen ihnen24. Hans Jänichen hat in einer nützlichen Karte im .Historischen Atlas von Baden-Württemberg' die Bezirksnamen vom 8. bis 12. Jahrhundert zusam-

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schungsgeschichte interessant sind viel benutzte ältere Beschreibungen: Inama-Sternegg, Wirtschaftsgeschichte 29 ff.; Weller, Besiedlung, insbes. 325 f.; Weller, Besiedlungsgeschichte 145 ff.; Stalin, Schwaben 148 ff. Schaab, Kirchliche Gliederung. Konkret überliefert für Dagobert I. allerdings erst in einer Urkunde Friedrich Barbarossas von 1155 (MGH DD Friedrich Barbarossa 1, ed. H. Appelt [Hannover 1975] 212 ff. Nr. 128). Dazu: Keller, Herrschaft 20 f. mit Anm. 88; Eberl, Dagobert. Schaab, Kirchliche Gliederung 4. Problematisch scheint der Süden zu sein, wo Schaab und Werner südlich von Rhein und Bodensee und östlich der Aare entsprechend der kirchlichen Gliederung etwas suggestiv die Ostschweiz bis an die Alpenpässe einbeziehen, was in der Frühzeit für den ducatus Alemánniae wohl nicht belegt ist. Ebenfalls ungelöste Differenzen ergeben sich im Osten, wo der Ducat bis an den Lech reichte, die Grenze der Bistümer Konstanz und Augsburg aber wie schon die der alten Raetia Π entlang der Hier verläuft (dazu: Fried / Lengle, Schwaben, insbes. 49-51). Wichtige Übereinstimmungen ergeben sich hingegen im Westen, wo der Rhein die Grenze zwischen Alemannien und Elsaß bildet, dem aber auch die Ortenau angehört, die östlich des Stroms gegenüber von Straßburg liegt.

Die Franken

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mengestellt25. Sie beruht auf den Erwähnungen von lokalisierbaren Orten in Urkunden, Urbaren und Annalen mit der Hinzufügung in pago, womit der übergeordnete Bezirk oder Landstrich benannt wurde. Die Karte ermöglicht es, die bisweilen in der schriftlichen Uberlieferung greifbaren und einem Herrschaftsgebiet zugeordneten pagi konkret zu lokalisieren26. Insofern ist die Karte ein wichtiger Rückhalt der Zusammenstellung von Schaab und Werner, wo die Ortsbelege wesentlich weniger dicht sind. Insgesamt ergeben die Schriftquellen demnach ab der Karolingerzeit ein weitgehend zuverlässiges Bild der räumlichen Gliederung, während ältere Zustände nur sehr unsicher skizziert werden können.

D i e Franken Die Ethnogenese der Franken stand in jüngerer Zeit weniger im Mittelpunkt des Interesses der historischen Forschung. Die allgemeine Geschichte ist dagegen mehrfach in guten Ubersichten vorgelegt worden 27 , so daß darauf hier weitgehend verzichtet werden kann. Die Franken traten ab der Mitte des 3. Jahrhunderts in den römischen Quellen auf 28 , und zwar als plündernder, inhomogener .Stammesschwarm*. Wohl ab der Jahrhundertwende kam es auch zu Ansiedlungen auf reichsrömischem Gebiet; dabei ist der rechtliche Charakter dieser Besiedlung nach wie vor umstritten (laeti, dediticii, foederati)29, während die räumliche Ausdehnung, Intensität und zeitliche Erstreckung dieser Ansiedlungen in allgemeinem Konsens vorwiegend nach archäologischen Quellen erschlossen wird 30 . Im Laufe des 5. Jahrhunderts scheinen sich aus mehreren gentilen Kleinverbänden, die von duces oder regales / reguli regiert wurden, größere Verbände unter einem rex zu for-

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Jänichen, Bezirksnamen. Eine wichtige Ergänzung bietet: Borgolte, Geschichte. Man vergleiche die Schilderung des karolingischen ducatus Alemanniae etwa bei Geuenich und Keller (Alamannen 153 mit Anm. 112-117) mit dieser Karte. Immer noch nützlich: Zöllner, Franken. - Neuere Übersichten z. B.: E. Ewig in: HEG 1 (1976) 250 ff. und 396 ff.; Anton, Franken; Schneider, Frankenreich; Kaiser, Merowingerreich; Ewig, Merowinger; Geary, Creation; Wood, Kingdoms. Die erste Erwähnung des Namens erfolgt wohl für die Jahre um 257/259 als Φράγγοις bei Zonaras (Bleckmann, Zonaras 222-224). Frdl. Hinweis B. Bleckmann. Zuletzt, mit allen notwendigen Verweisen auf die ältere Literatur: Schwarcz / Steuer, Foederati. Vgl. auch die kontroversen Artikel von P. Tasler und O. Behrends (RGA 2 5 [1984] 286-299 bzw. 299-307). Grundlegend: Böhme, Germanische Grabfunde. - Die germanischen Gräberfelder liegen dichter zwischen Rhein und Seine und erreichen vereinzelt auch die Loire (ebd. 192 f. Abb. 66-68). Zuletzt mit ergänzten Karten und neuerer Literatur: Böhme, Nordgallien.

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Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen

mieren. Konkret greifbar sind diese frühen Formierungen kaum, denn die beiden gerne zitierten Stämme der .Rheinfranken' oder .ribuarischen Franken' und der .Salfranken' oder .Salier' erweisen sich bei kritischer Lektüre der Quellen als wohl nicht zeitgenössische, sondern jüngere Begriffe 31 . Uber die eher sagenhaften Könige Chlodio und Merowech und die historisch faßbaren Könige Childerich (t 482) und Chlodwig (482-511) bildete sich das Geschlecht der Merowinger als bestimmend heraus. Ein zunächst selbständiges Reich zwischen Rhein und Maas mit dem Zentrum Köln, das wiederum über den Kosmographen von Ravenna greifbar ist 32 , wurde, wohl um 509/511, unter Chlodwig in das merowingische Königtum integriert. Nach dem Tod Chlodwigs scheint, allen wechselnden Reichsteilungen und -einigungen zum Trotz, im 6. und 7. Jahrhundert immer der Gedanke an eine alle Franken übergreifende, gemeinsame gens, die vom Geschlecht der Merowinger regiert wird, spürbar zu bleiben 33 . Wichtig für die hier verfolgte Fragestellung ist jedoch, daß es sich, soweit sich in den Quellen des 6. und 7. Jahrhunderts überhaupt konkrete Gebiete abzeichnen, um Herrschaftsgebiete der einzelnen merowingischen reges handelt 34 , keinesfalls um ein geschlossenes Siedlungsgebiet der Franken 35 . Die Frage nach konkreten Siedlungsgebieten der Franken innerhalb der merowingischen Königreiche scheint aufgrund der Schriftquellen kaum beantwortbar und wird derzeit eher über die Sprachgeschichte bzw. Ortsnamenkunde und die Archäologie faßbar 36 .

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Springer, Salier; vgl. dagegen Anton, Francia Rinensis. Ewig, Frühes Mittelalter 11; vgl. F. Staab in: Die Franken 237-240. - Zum vielfach verwendeten Begriff .Rheinfranken' bzw. .ribuarische Franken' kritisch: Springer, Salier. Im Laufe des 7. Jahrhunderts verliert sich die Benennung der merowingischen Teilreiche nach ihren reges bzw. Residenzen (sedes), an ihrer Stelle entwickeln sich die Begriffe Austria und Neustria bzw. Austrasii und Neustrasii für ihre Einwohner. Die Bedeutung dieser neuen Begrifflichkeit im 7. Jahrhundert ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. - Zur Diskussion um Neustrien z. B. die Ergebnisse des Kolloquiums 1985 in Rouen (Périn / Feffer, Neustrie; dazu R. Schieffer, Deutsches Archiv 42, 1986, 299) und Atsma, Neustrie (dazu M. Stratmann, Deutsches Archiv 46, 1990, 647-651). Vgl. etwa Zöllner, Franken, Karte 1-2. Interessant immerhin die .fränkische Binnengliederung', die sich mit den im 6./7. Jahrhundert allmählich herausbildenden Begriffen Neustrien und Austrasien abzeichnet. Dazu mit konkreten und zeitlich geschichteten Karten: M. Rouche in: Atsma, La Neustrie 1. 1-23; LeJan, Austrasien. Vgl. Schneidmüller, Francia; Ewig, Merowinger 53 ff.

Das Umfeld: Sachsen, Thüringer, Baiern, Burgunder

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Das Umfeld: Sachsen, Thüringer, Baiern, Burgunder Die Alemannen und Franken stehen im Zentrum dieser Untersuchung. Für die Geschichte des betrachteten Raumes spielten jedoch in der Merowingerzeit auch andere Ethnien eine Rolle; sie seien hier entsprechend der Themenstellung knapp diskutiert.

Die Sachsen Die Sachsen werden anscheinend erstmals vom griechischen Gelehrten Ptolemaios in der Mitte des 2. Jahrhunderts erwähnt als ein Stamm, der danach nördlich der Elbe auf der jütischen Halbinsel lokalisiert werden kann37. Diese frühe Erwähnung steht jedoch allein und hält quellenkritischer Prüfung nicht stand38. Weitere und nun wohl verläßliche Erwähnungen finden sich erst am Ende des dritten und im vierten Jahrhundert. In dieser Zeit besiedelte der durch Einbeziehung weiterer kleinerer Gruppen anwachsende sächsische Stammesbund die Nordseeküste bis nach Westfriesland und das Binnenland bis etwa zur mittleren Weser39. Nach ihrer Landnahme in England siedelten Sachsen im 6. Jahrhundert auch in der Normandie und in Verbindung mit dem Untergang des Thüringerreiches wohl auch weiter südlich in das norddeutsche Binnenland hinein. Wesentlich waren die in der Mitte des 6. Jahrhunderts einsetzenden Kämpfe mit dem Merowingerreich, in deren Zuge zunächst auch größere Teile Westfalens zumindest zeitweise in das Herrschaftsgebiet der Sachsen einbezogen wurden40. Die in dieser Zeit stark wechselhafte Ereignisgeschichte ist kaum näher zu fassen, denn die Uberlieferung ist für diese von den Zentren der Macht und Schriftlichkeit entfernten Ge-

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Klaudios Ptolemaios, Geographia 2,11,7 und 2,11,9. Text leicht greifbar bei: Goetz/ Welwei, Germanien I, 180 f. u. 182 f.; dazu R. Wenskus in: HEG 1 (1976) 97; ders., in: Lammers, Sachsenstamm 483-545. Eine rekonstruierende Karte findet sich bei: Genrich, Altsachsen 2 f. Abb. 1-2. - Eine moderne, gut geschriebene und weitgespannte Ubersicht über die Sachsen, leider ohne konkrete Anmerkungen und Belege, bietet nun: Capelle, Sachsen. Springer, Sachsen, insbes. 194-196. R. Wenskus in: HEG 1 (1976), 281 ff.; vgl. Wenskus, Stammesbildung 541 ff.; Lammers, Stammesbildung (Zusammenstellung der wesentlichen Quellen). Die Sicht des inneren Charakters des Stammesbundes zur Merowingerzeit hängt eng mit der Datierung (merowingerzeitlich?) und Deutung der umstrittenen, wohl um 800 schriftlich fixierten Vita Lebuini und der daraus ersichtlichen sog. Marklö-Verfassung zusammen. Dazu: R. Wenskus in: Lammers, Sachsenstamm 542 ff. - Zur um 530 scheinbar an der Unstrut gelegenen Grenze zwischen Sachsen und Thüringern siehe: Springer, Sachsen 198 ff.

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Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen

biete dürftig 41 . Genauere Aussagen zur Frage der inneren Struktur der Sachsen und nach dem konkreten Siedlungs- oder Herrschaftsgebiet scheinen nach den Schriftquellen kaum möglich. Im 8. Jahrhundert begann die von Missionstätigkeit begleitete allmähliche Zurückdrängung der Sachsen, welche in den Kriegen Karls des Großen gipfelte und 775-785 mit ihrer Unterwerfung und Eingliederung in das fränkische Reich endete42.

Die Thüringer Die Thüringer sind ein im 4. Jahrhundert im mittleren Elbegebiet entstandener Stamm, der sich dort nach dem Abzug der Langobarden und Juthungen unter Einbeziehung verbliebener suebischer Völker formierte; die Beteiligung der Hermunduren an diesem Prozeß ist umstritten 43 . Ihr Reich gewann nach der Mitte des 5. Jahrhunderts an Bedeutung, das Siedlungsgebiet scheint sich von der Ohre im Norden bis über die Saale im Osten und den oberen Main im Süden ausgedehnt zu haben, wobei der in dieser Zeit siedlungsarme Raum bis an die Donau als ihr .Interessengebiet' (Herrschaftsgebiet?) bezeichnet wird 44 . Für das Ende des 5. Jahrhunderts ist ein anscheinend einflußreicher König Bisinus / Bessinus überliefert, der mit führenden Langobarden, Goten und Merowingern Heiratsbeziehungen unterhielt 45 . In mehreren Unternehmungen wurden die Thüringer von den Merowingern unterworfen, die wohl entscheidende Niederlage fällt in das Jahr 53 146, der letzte thüringische König, Herminafrid, wurde 534 in Zülpich ermordet 47 . Danach wurden wohl in

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R. Wenskus in: Lammers, Sachsenstamm 483-545; E. Freie, in: Kohl, Westfalen 275-335; E. Ewig in: HEG 1 (1976) 427 f. - Zur Stammestradition: Hauck, Stammesbildung (p. 58 ff. die von Widukind von Corvey überlieferte Stammeslegende in deutscher Ubersetzung); vgl. dazu die ältere Diskussion bei: Lammers, Sachsenstamm 332 ff. (de Vries, Drögereit). Th. Schieffer in: HEG 1 (1976) 552 ff. - Dazu die Zusammenstellung der älteren Diskussion bei Lammers, Eingliederung. R. Wenskus in: HEG 1 (1976) 97 f.; Wenskus, Stammesbildung 551 ff.; Werner, Thüringen. R. Wenskus in: HEG 1 (1976) 224 f. - Es ist mir unklar, inwieweit hier schon der m. E. problematische Forschungsstand der Archäologie eingeflossen ist. Vgl. dazu aus anderer Sicht: Wolfram, Goten 315 ff. Die Nachricht bei Gregor (Hist. Π, 27), Chlodwig habe 491 die Thoringi unterworfen, ist umstritten und wird heute vielfach nicht mehr auf die Thüringer bezogen, sondern auf ein nicht weiter bekanntes Kleinkönigreich im Raum Tongern (Wenskus, Saalegebiet; E. Ewig in: HEG 1 [1976] 255; LexMA 2, 1863). Ein .Reich der Rheinthüringer' (Zöllner, Franken 54 f.) um 500 wird heute allgemein abgelehnt. Allerdings scheinen im 5. Jahrhundert besondere Beziehungen zwischen Thüringen und der Familie der Merowinger zu bestehen (Wood, Kingdoms 37 f.). Schmidt, Hermenefred.

Das Umfeld: Sachsen, Thüringer, Baiern, Burgunder

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größerem Maße Thüringer gezielt ausgesiedelt und umgekehrt andere Stammessplitter in Thüringen angesiedelt (Angeln, Friesen, Sachsen?). Die Umsiedlung der Thüringer nach 531 soll vor allem an den Niederrhein erfolgt sein 48 . Die konkrete Lokalisierung des Thüringerreiches allein nach den Schriftquellen scheint kaum möglich, sie ist in den einschlägigen Darstellungen wohl auch von der Kenntnis der Bodenfunde bestimmt. Eine denkbare sprachliche Abgrenzung bleibt offenbar schwierig, da die Belege meist erst dem 15./16. Jahrhundert entstammen 49 . Immerhin scheint der Typus der Ortsnamen auf -leben im Schwerpunkt der Zeit vor 534 anzugehören, woraus zumindest Hinweise auf die Verortung des Thüringerreiches gewonnen werden können 50 .

Die Baiern Die Ethnogenese der Baiern 51 ist ein Thema, das die Forschung schon lange beschäftigt und das gerade in den 1980er Jahren mehrfach in interdisziplinären Kolloquien und aus Anlaß großer Ausstellungsprojekte intensiv diskutiert wurde 52 . Eine gründliche Zusammenstellung der Thesen und Fakten ist in diesem Rahmen kaum möglich, so daß hier nur mit knappem Kommentar auf die weiterführende Literatur verwiesen werden kann 53 . Die Forschungsgeschichte wurde in einem weit ausholenden Aufsatz von dem Prähistoriker Manfred Menke zusammengestellt. Der besondere Wert seines Berichts liegt in der akribischen Nachzeichnung der parallelen Bemühungen der Sprachforscher, Historiker und Archäologen, die sich allzu oft bei Pro-

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Wenskus, Saalegebiet. Rosenbauer, Grundlagen. W. Schlesinger in: Patze / Schlesinger, Thüringen 326 f.; Rosenkranz, Thüringer. Statt der unter Archäologen üblichen Benennung als .Baiuwaren' oder .Bajuwaren' benutze ich den Terminus .Baiern', da mir die Erläuterung des sprachlichen Befundes durch H. Rosenfeld (Baiern, insbes. 1313 ff.) einleuchtet. Somit steht .Baiern' für das frühmittelalterliche Ethnikum und .Bayern' - nach einer Bestimmung Ludwig I. anno 1825 - für das moderne politische Gebilde (Rosenfeld, Baiern 1331 mit Anm. 119). Unter Historikern ist diese Schreibweise offenbar schon seit langem weithin üblich (pars pro toto: Wenskus, Stammesbildung 560). Kolloquien ζ. B. Stift Zwettl 1982: Wolfram / Schwarcz, Bayern; Friesinger / Daim, Bayern. Stift Zwettl 1986: Wolfram / Pohl, Ethnogenese; Friesinger / Daim, Ethnogenese. Ausstellungen ζ. B. .Severin' 1982; .Germanen, Hunnen u. Awaren' 1987; ,Die Bajuwaren' 1988. Forschungsstand kurz und prägnant zusammengefaßt bei: Reindel, Bajuwaren; auch: Reindel, Bayern; Geuenich, Alemannen 90 f.

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Zum Forschungsstand nach den Schriftquellen

blemen im eigenen Fach wechselseitig auf die vermeintlich gesicherten Ergebnisse der Nachbarwissenschaften stützten54. Schon die erste Erwähnung der Baiern ist ein Problem: In der uns überlieferten Fassung stammt sie aus der Gotengeschichte des Jordanes (um 551), geht aber vermutlich auf Cassiodor zurück, dessen Text möglicherweise zum Jahr 519 verfaßt wurde55. Die Deutung des dabei überlieferten Namens Baibaros /Baiawari als .Männer aus Böhmen', die für die Frage nach der Herkunft immer eine große Rolle spielte, ist umstritten56. Letztlich wohl durch den Stand der archäologischen Diskussion veranlaßt, sind auch viele Historiker, bei allen Unterschieden im Detail, heute der Meinung, daß diese Baiern eine colluvies gentium aus vielfältigen Stammessplittern bildeten57. Die eigentliche Ethnogenese fand erst an der Donau statt, in einer Zeit, als dieses Gebiet wohl unter ostgotischer Herrschaft stand. Die ältesten historisch faßbaren .baierischen' Herrscher sind allerdings von den Merowingern eingesetzte Herzöge, als erster ist zum Jahr 555 der dux Garibald (I.) bezeugt. 575/578 und 588 war er jedoch mit den Langobarden gegen die Merowinger verbündet, nach einem Feldzug gegen ihn setzten die Merowinger 590/592 Tassilo I. an seiner Statt als Herzog ein. Für die Frage des Wir-Bewußtseins scheint mir wichtig, daß - anders als etwa für Franken, Goten und Langobarden - eine eigene baierische Stammeslegende nicht bekannt ist. Das räumliche Zentrum war wohl der Bereich Regensburg - Straubing, der Lech wird um 565 als baierischer Fluß genannt58. Wie und wann die später greifbare Ostgrenze an der Enns entstand und wie weit die frühe Besiedlung bzw. Herrschaft nach Süden in die Alpen hineinreichte, ist eine offene Frage. Wesentlich für die spätere Umgrenzung scheint, ähnlich wie bei der Alemannia, die von den Merowingern vorgenommene Abgrenzung der Ducate und Bistümer gewesen zu sein, so daß daran eher merowingerzeitliche Herrschafts- als konkrete Siedlungsgebiete deutlich werden.

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Menke, Forschungsgeschichte. Hierzu und zum folgenden allgemein: St. Hamann in: RGA 2 1 (1973) 606-610; P. Fried in: LexMA 1 (1980) 1698-1704; Wolfram, Donau- und Ostalpenraum 105 f. mit Anm. 51. Insofern wäre die in ihrer Datierung umstrittene Erwähnung der Baiern in der sog. .fränkischen Völkertafel', die manche Forscher um 520 ansetzen, nicht weiter irritierend (Goffart, Table). H. Beck in: RGA 2 1 (1973) 601 f.; Rosenfeld, Baiern; I. Reiffenstein in: Bergmann u. a., Wörter 1333-1341, jeweils mit Verweisen auf die ältere Diskussion. Die konkreten Schreibungen in den verschiedenen frühen Quellen divergieren beträchtlich. H. Rosenfeld rekonstruiert Baia-wari als den vermutlich zugrunde liegenden Namen, der von Schreibern unterschiedlicher Muttersprachen in divergierender Schreibung wiedergegeben wurde. Reindel, Bajuwaren 461 ff. Wolfram, Österreich 328 f. - Vgl. die Karte bei Wolfram in: Die Bajuwaren 133 Abb. 87.

Das Umfeld: Sachsen, Thüringer, Baiern, Burgunder

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Die Burgunder Die Burgunder sind ein ostgermanischer Stamm, der im 2. Jahrhundert n. Chr. wohl zwischen mittlerer Oder und Weichselmündung siedelte und im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts auch in das Blickfeld des römischen Reiches rückte 59 . Im Laufe der Wanderungszeit gelang in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts eine Reichsbildung bei Worms, nach ihrer Unterwerfung durch die Hunnen wurden die Burgunder 443 unter Aëtius in der Sapaudia angesiedelt, worunter im Schwerpunkt wohl ein Gebiet am und südlich des Genfer Sees zu verstehen ist. Das hier entstehende Burgunderreich umfaßte ethnisch auch die bereits dort ansässigen Romanen und umschloß am Beginn des 6. Jahrhunderts das Gebiet der späteren Kirchenprovinzen Lyon, Besançon, Vienne und Tarentaise. 534 wurden die Burgunder in das Merowingerreich integriert60, danach bleibt der Gebietsbegriff trotz der zwischen den merowingischen Teilreichen wechselnden Teilungen und Vereinigungen Burgunds erhalten.

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H. H. Anton in: RGA 2 4 (1981) 235-248; K. F. Werner in: LexMa Π (1983) 1062-1066; J. Richard in: LexMA Π (1983) 1092-1095; C. Pfaff in: Archäologie d. Schweiz VI, 3-7. Wood, Kingdoms 51 f.

Zum Forschungsstand in der Sprachgeschichte Dialektgeographie Die ältere sprachgeschichtliche Forschung zur Frage der Alemannia war im wesentlichen eine Dialektgeographie, die aufgrund rezenter Erhebungen oder wenig älterer Quellen versuchte, eine Dialektregion zu umreißen 1 . Als Beispiel für diesen Ansatz seien Studien von Friedrich Maurer genannt, die eine Fülle systematischer Kartierungen enthalten2. Aus heutiger Sicht birgt ein derartiges Vorgehen zwei grundlegende Probleme. Zunächst wird beim Vergleich einer Vielzahl von Kartierungen deutlich, daß die Grenzen ,weich' sind. Sie decken sich nicht und massieren sich auch nicht in einer eng definierbaren Zone, sondern liegen über weite Räume gestaffelt hintereinander, so daß es letztlich auf einer nahezu beliebigen subjektiven Auswahl beruht, wo ein konkretes Dialektgebiet abgegrenzt wird. Sicherlich würde ein quantitativer Ansatz hier weiterführen, doch scheinen derartige Methoden in der Dialektgeographie bislang nur in Ausnahmefällen Anwendung zu finden 3 . Denn auch neuere Studien zur Frage der Alemannia unterscheiden sich methodisch kaum von den Studien Maurers 4 . Der zweite und sicherlich wesentlichere Einwand betrifft die zeitliche Dimension: die klassische Dialektgeographie untersucht lebende oder aussterbende Dialekte, ihre Ergebnisse beschreiben neuzeitliche Zustände 5 . Eine Rückprojektion in das Frühmittelalter ist sicherlich nicht gerechtfertigt6, vor allem, da politische Grenzen im Laufe längerdauernder Prozesse Sprachgren-

Einen nützlichen allgemeinen Überblick über die Forschungsgeschichte und Tendenzen aktueller Forschung gibt Gerlich, Landeskunde 99 ff. (zur Dialektgeographie) und 139 ff. (zur Ortsnamenforschung). Maurer, Sprachgeschichte; Maurer, Forschungen. Weiterführend und methodisch auch für die Archäologie anregend: Goebl, Dialektometrie; Oden u. a., Wombling. Exemplarisch: Boesch, Sprachraum; Boesch, Name und Bildung; Steger, Mundarten (mit weiterer Lit.); H. Steger in: Quarthai, Alemannien und Ostfranken 61-96. Steger, Mundarten; vgl. zur Methodik auch Ramge, Flurnamenforschung. Ahnlich skeptisch äußern sich ζ. B. Geuenich / Keller, Alamannen 135 f.; Geuenich, Grenzen 121 ff.

Toponymie

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zen häufig erst bilden bzw. diese verändern 7 . Einen fruchtbaren Neuansatz für die Frühzeit würde die dialektgeographische Erforschung von Personennamen bieten, die spätestens ab der Karolingerzeit reicher überliefert sind, doch stehen hier umfassendere Studien noch aus8.

Toponymie Von anderer Qualität sind toponymische Untersuchungen. Sie beruhen auf Gewässer-, Orts- oder Flurnamen, für die immerhin auf ihre jeweils erste Nennung in den Schriftquellen zurückgegriffen werden kann. Zwar sind diese Erwähnungen abhängig von der zeitlichen Ausbreitung und unterschiedlich intensiven Durchdringung der Schriftlichkeit in der jeweiligen Region, woraus sich häufig vernachlässigte, sehr unterschiedliche Uberlieferungsbedingungen ergeben, doch ist die Anknüpfung an mittelalterliche Zustände sicher gegeben. Da Ortsnamen zudem als langlebig gelten dürfen, können hier durchaus früh- oder sogar vormittelalterliche Zustände greifbar sein9. Neuere Studien konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf die Untersuchung des germanisch-romanischen Grenzraumes, im Süden etwa auf die Sprachgrenze zwischen Alemannen und Romanen in der Schweiz 10 , im Westen auf die Frage der Grenze zwischen überwiegend fränkischer und romanischer Besiedlung im heutigen Frankreich und Belgien 11 bzw. die Frage der Sprachinsel der Moselromanen 12 . Dabei scheinen die Ergebnisse der sog. .Rheinischen Schule' heute einer kritischen Prüfung nicht mehr standzuhalten13. Auf veränderter 7 8

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Beispiele: Haubrichs, Sprachgrenzen; Goossens, Niederländisch. Zusammenfassender Uberblick bei: Geuenich, Personennamen; vgl. Geuenich, Grenzen 129 ff.; Geuenich / Kettemann, Pilotprojekt; H. Tiefenbach in: Bergmann u. a., Wörter 1250-1281. - Wie sehr solche Studien jedoch von der regional sehr unterschiedlich dichten Uberlieferung abhängig sind, wird z. B. an dem Aufsatz von W. Kleiber (Wortgeographie 156 ff. mit Kane 1-3) zu früh bezeugten Maßbezeichnungen nach dem St. Galler Urkundenbuch deutlich. Grundlegend für die spätere Forschung, wenn auch heute überholt: Förstemann, Ortsnamen; Arnold, Stämme. z. B. St. Sonderegger in: Archäologie d. Schweiz VI, 75-96. z. B. die Beiträge von J. Hubschmid, M. Pfister, W. Haubrichs, H. Hiegel und W. Müller in: Haubrichs / Ramge, Sprachen. Eine Kartierung der Sprachgrenze zuletzt bei: Pfister, Galloromania 129 Karte 1. Gute moderne Ubersicht mit umfassenden Literaturhinweisen: Kleiber, Moselromanisch; vgl. (mit deutlicher Kritik an der älteren rheinischen Forschung) Haubrichs, Sprachgrenzen, insbes. 123 ff. Exemplarische Ubersichten über die ältere Diskussion: Petri, Frankenreich; Petri, Landnahme. Eine für den Außenstehenden erhellende Forschungsgeschichte und Schilderung der aktuellen Situation gibt: Haubrichs, Germania submersa, insbes. 633-643.

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Zum Forschungsstand in der Sprachgeschichte

methodischer Grundlage sind an ihre Stelle Detailforschungen getreten, die weithin akzeptiert sind und in der Sache weiterführen, aber derzeit nur kleinräumig Aufschluß geben und wiederum in starkem Maße dem RomanenGermanen-Problem verhaftet sind14. Moderne Untersuchungen zur Toponymie im Hinblick auf die germanische Binnenstruktur sind dagegen selten15. Für den .Historischen Atlas von Baden-Württemberg' hat Hans Jänichen zusammen mit Hildegard Graf zwei Karten zu frühen Ortsnamenformen zusammengestellt16. Seine Erläuterungen zielen in starkem Maße auf die Frage des frühmittelalterlichen Landesausbaus. Die Ortsnamen auf -ingen und -heim charakterisieren die Altsiedellandschaften, die -hausen, -hofen, -stellen und -weiler-Orte lassen den ersten Landesausbau kenntlich werden, der wohl in das 7. bis 10. Jahrhundert datiert werden kann. Die Skizzierung einer Alemannia, obwohl im Titel der Karte scheinbar formuliert, ist offenbar nicht beabsichtigt. Die Erläuterungen diskutieren diesen Aspekt nicht und die in der übrigen Karte vorgenommene Differenzierung der -heim-Namen (grüner Punkt, grünes Kreuz) ist im für diese Frage so interessanten Elsaß unterblieben. Die -ingen und -heim-Namen sind über das gesamte Blattgebiet hin verbreitet. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, daß die Ortsnamen auf -ingen etwa nördlich des 49sten Breitengrades erheblich weniger dicht liegen. Eine umgekehrte Tendenz zeigen die von den übrigen -heim-Namen differenzierten -heim-Namen auf einen Personennamen im Genetiv; sie sind im Süden eher selten und häufen sich, beginnend im Raum Stuttgart-Ludwigsburg, nach Norden hin. Im Oberrheintal finden sich die -ingen-Namen häufig im Breisgau, in der nördlich angrenzenden Ortenau fehlen sie völlig, wo jedoch die -heim-Namen auf Personennamen im Genetiv häufig belegt sind. Auch die -ingheim-Namen tendieren deutlich nach Norden. So interessant diese Beobachtungen auch sein mögen: von der Sprachforschung wird eine Interpretierbarkeit im Hinblick auf die Alemannen-Franken-Frage skeptisch beurteilt17, weshalb auch hier natürlich Zurückhaltung zu üben ist. 14

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Haubrichs, Germania submersa; St. Sonderegger in: Archäologie d. Schweiz VI, 75-96; Sonderegger, Interferenzforschung. Haubrichs und Sonderegger sehen in der Interferenzforschung neue, erst ansatzweise ausgeschöpfte Möglichkeiten, bei der nicht mehr die Ortsnamentypen selbst, sondern ihre charakteristischen Veränderungen in sprachlichen Grenzräumen untersucht werden. Wie etwa die Studie von H. Rosenkranz (Thüringer) zu den Thüringern, die wohl den karolingerzeitlichen Zustand beschreibt. Jänichen, Ortsnamen. Zur Interpretation vgl. Boesch, Sprachraum 74-76; Geuenich, Landnahme 41-43; Geuenich, Landesausbau 209 ff. ζ. B. Boesch, Sprachraum 74-76; Boesch, Oberrhein; Boesch, Name und Bildung. Weitere Hinweise bei Geuenich, Landesausbau 209 ff. - Daneben lassen sich jedoch auch einzelne

Toponymie

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Es dürfte sinnvoll sein, die aus der Sicht der Alemannia gestellte Frage erneut aus der Sicht der Francia zu stellen. Eine Durchsicht der einschlägigen Literatur zeigt jedoch rasch, daß eine allgemein akzeptierte und räumlich konkrete Antwort von der Seite der Sprachforschung kaum greifbar ist. Eine moderne Ubersicht bietet ein Artikel von Wolfgang Haubrichs, der die möglichen Untersuchungsfelder absteckt, vor allem aber die quellenbedingt engen Grenzen möglicher Aussagen seiner Disziplin darstellt18. Damit steht der oben geschilderte, im .Historischen Atlas von Baden-Württemberg' dokumentierte Stand für den derzeit verfügbaren Beitrag der Namenforschung zum hier verfolgten Problem. Insgesamt zeigt sich die Sprachforschung als Wissenschaft im Umbruch: viele ältere Ansätze halten der modernen Kritik nicht stand, mancher interessante Neuansatz bedürfte weiterer Diskussion unter den Spezialisten und dann über Exemplarisches hinausgehender Ausarbeitungen. Einstweilen scheint sich für die hier verfolgte Frage kaum sicherer Halt gewinnen zu lassen. Andererseits wird deutlich, daß ein konkreter archäologischer Befund über frühmittelalterliche Ethnien und deren Siedlungsgebiete für das Verständnis der Sprachzeugnisse von großer Bedeutung wäre und möglicherweise neue Deutungsansätze erbrächte.

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moderne Studien benennen, die in der ethnischen Zuweisung der -ingen-Namen weniger zurückhaltend sind (z. B.: Reichardt, -ingen-Namen). Haubrichs, Sprache, mit umfassenden Verweisen auf weitere Literatur. Vgl. zum Hintergrund auch: A. Quak, Franken, Sprache. RGA 2 9 (1995) 374-381; Haubrichs, Anfänge.

Zum Beitrag der Siedlungsgeographie Auch die Siedlungsgeographie bietet einige interessante Hinweise zu der hier verfolgten Fragestellung. Hans-Jürgen Nitz hat mehrfach auf das Phänomen der Langstreifenfluren aufmerksam gemacht 1 . Danach lassen sich durch die Flurforschung Gruppen von Siedlungen erkennen, deren Fluren aus wenigen, sehr großen und sehr regelmäßigen Langstreifenverbänden bestehen. Im Gegensatz zu den üblichen Kurzgewannfluren (sog. Langstreifenkernfluren) mit Längen von etwa 100 bis 200 m sind diese Langstreifenfluren durchweg über 500 m bis über 1000 m lang. Diese Flurform, bisweilen auch .Riemenfluren' genannt, tritt massiert in geschlossenen Verbreitungsgebieten auf: linksrheinisch in Rheinhessen von der Nahe bis um den Bienwald an die Lauter, im Elsaß südlich von Straßburg bis Colmar, südlich der Donau am linken Lechufer bis Augsburg, im heutigen Franken im sog. .Grabfeld' östlich von Bad Neustadt, am Hellweg bei Dortmund, in der Gegend von Hildesheim und Peine sowie im nördlichen Harzvorland 2 . Nitz sah in ihnen planmäßig angelegte Siedlungen der fränkischen Staatskolonisation im 6. bis 9. Jahrhundert. Die zugehörigen Orte werden, teils anhand urkundlicher Erwähnungen, teils durch die Ortsnamenform, in die Merowinger- bis Karolingerzeit datiert. In den .fränkischen' Kerngebieten, d. h. den frühmerowingischen Altsiedellandschaften, fehlten solche Fluren, diese Gebiete seien vor allem durch die o. g. (Kurz-) Gewannfluren bzw. die aus ihnen entstandenen (kürzeren) Langstreifenfluren charakterisiert. Da hieran möglicherweise ein erster merowingischer Ausbau neu integrierter Regionen und damit im Umkehrschluß wohl auch die Altsiedellandschaft selbst besser erkennbar würden, ließe dies etwa auch Schlüsse auf ursprünglich dünn besiedelte Grenzzonen zu. Ein zentrales Problem dieses Ansatzes ist die zuverlässige Datierung der Phänomene 3 . So liegt zu dem bei Nitz auskartierten Gebiet der Langstrei1 2

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Nitz, Langstreifenfluren; später: Nitz, Beiträge; Nitz, Untersuchungen; Nitz, Ergebnisse. Eine schematisierte, aber weitflächige, zusammenfassende Kartierung bieten: Schröder/ Schwarz, Siedlungsformen 16 mit Beilage 1. - Für den Hinweis auf diese Publikation danke ich H.-J. Nitz. Kritisch zu den frühen Datierungen von Nitz unterschwellig M. Born, der diese Kolonisationsphase in das 8. Jahrhundert setzen möchte (Born, Agrarlandschaft 32 f.; Born, Geographie 186). - Auf das ebenfalls siedlungsgeographische Phänomen der zwei oder mehr

Zum Beitrag der Siedlungsgeographie

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fenfluren südwestlich von Mainz inzwischen auch eine gründliche archäologische Bearbeitung vor 4 . Im direkten Vergleich der geographischen und archäologischen Karten zeigt sich, daß beide Bilder im Sinne von Nitz nur mit größeren Problemen zur Deckung zu bringen wären. Die geschlosseneren Gebiete der Langstreifenfluren liegen nicht abseits, sondern gerade in den nachweislich schon merowingerzeitlich und vorher auch römisch besiedelten Altsiedellandschaften5. Hier scheint weitere Detailforschung notwendig, bevor diese Bilder als Grundlage weiterführender Aussagen dienen können. Vor allem wäre die Datierung der Fluren über Ortsnamentypus und Ersterwähnung zu überprüfen.

Siedlungen in einer Gemarkung wird bei den archäologischen Überlegungen näher einzugehen sein; siehe unten S. 232 ff. Nitz, Langstreifenfluren 356 Abb. 3. Vgl. dazu: Müller-Wille / Oldenstein, Besiedlung; Zeller, Rheinhessen. Beispiele: Nahetal zwischen Bingen und Bad Kreuznach; Bereich Großwinternheim, Schwabenheim, Engelstadt und Jungernheim; Bereich Hohenheim, Selzen und Mommenheim. - Einen ähnlichen Befund liefert der von E. Gringmuth-Dallmer (Siedlungsstruktur 59 ff. mit Abb. 4) durchgeführte Detailvergleich für eine Kleinregion bei Schwabmünchen. Er sieht in der Kongruenz jedoch eine Bestätigung der Thesen von Nitz, eine Sicht, der ich nicht zu folgen vermag.

Zum Forschungsstand in der Anthropologie Auch die Anthropologie als die Wissenschaft vom physischen Menschen hat sich als historisches Fach mit Ethnien, Ethnogenesen und Migrationen beschäftigt. Derartige Forschungen sind nach einem Höhepunkt zum Beginn unseres Jahrhunderts heute offensichtlich .unmodern', was sicherlich eng mit der Selbstdiskreditierung dieses Ansatzes insbesondere in der Zeit von 1933-45 zusammenhängt 1 . Abseits solcher historisch begründeten Zurückhaltung wurden jedoch vor allem schwerwiegende methodische Bedenken gegen ethnisch orientierte Forschungen angeführt 2 . An die Stelle des Typ-Konzeptes (Rasse) ist heute das der Population getreten. Unter Rasse wurde eine natürliche zoologische Formengruppe innerhalb der Hominiden verstanden, deren Angehörige eine mehr oder minder kennzeichnende Vereinigung von erblichen Merkmalen der Gestalt und Verhaltensweise zeigen, wobei dieses Merkmalsbündel zu anderen Merkmalsbündeln eine deutliche Kluft aufweist. Das Populationskonzept betrachtet Populationen als sich potentiell überlagernde Merkmalsbereiche3. Zudem betrachtet das Populationskonzept die einzelnen Merkmale als weitgehend unabhängig voneinander, da die nach dem Rassekonzept geforderten Merkmalsbündel nicht nachweisbar sind. Moderne Untersuchungen zeigen, daß die individuellen Unterschiede innerhalb der Gräberfeldpopulationen wesentlich größer sind als die Mittelwertunterschiede zwischen verschiedenen Populationen. Inwieweit dann solche (geringen) Mittelwertunterschiede zwischen verschiedenen Populationen tatsächlich genetisch bedingt sein können, ist offenbar umstritten. Immerhin zeigt sich, daß relativ große Unterschiede auch durch naturräumliche und kulturelle Gegebenheiten erklärt werden können. Da die Völkerwanderungen im frühen Mittelalter

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Knußmann, Anthropologie 1,1, 55 ff. u. 97 ff. Herrmann u. a., Anthropologie 335 ff. u. 345 ff.; Knußmann, Anthropologie 1,1, 97 ff.; Mayr, Evolution 34-39; vgl. auch das Sonderheft der Zeitschrift H o m o (43, 1992) zum 100. Geburtstag von Egon Freiherr von Eickstedt. - Wesentliche Zweifel an dem Rassekonzept gehen wohl auf die Studien von Franz Boas zu Beginn unseres Jahrhunderts zurück, der vor allem auf die starke, ökologisch und sozial bedingte Variabilität von .Rassemerkmalen' hingewiesen hat. Aufsätze zusammengefaßt in: Boas, Race. Beispiel: In einer Gruppe generell kleiner Menschen dürfte der größte Vertreter größer sein als der Kleinste in einer Gruppe großer Menschen.

Zum Forschungsstand in der Anthropologie

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auch einen weitreichenden genetischen Austausch verursachten, scheinen auf biologischen Faktoren gründende ethnische Unterschiede kaum begründet beobachtbar zu sein. Jedenfalls haben vergleichende Untersuchungen, die trotz der geschilderten Bedenken auf solche Unterschiede und Gruppenbildungen abzielten, immer wieder eher die biologische Homogenität der Reihengräberpopulation in Mitteleuropa aufzeigen können4. Auf ein sich derzeit in der Anthropologie dynamisch entwickelndes Forschungsfeld kann nur hingewiesen werden: die Untersuchung der biologischen Verwandtschaft zwischen Individuen. Mit Hilfe der Beobachtung vererbbarer (,epigenetischer') Merkmale oder anhand von Analysen der Reste alter Zellsubstanz (DNA-Untersuchung) können in günstigen Fällen Befunde zur biologischen Verwandtschaft zwischen Individuen erhoben werden5. Wenn sich solche Beobachtungen in größerem Ausmaß mit archäologischen Befunden vergleichen ließen, wären tiefere Einblicke in die Konstituierung von Lokalgemeinschaften möglich - was letztlich auch ganz neue Einblicke für die Frage nach Ethnien und Ethnizität zuließe. Leider stehen für die Merowingerzeit bislang kaum Untersuchungen dieser Art zur Verfügung6.

ζ. B. Rösing / Schwidetzky, Untersuchungen; Schwidetzky, Rassengeschichte 65 ff.; Bernhard, Ethnogenese; Helmuth, Altenerding, insbes. 58 ff.; Wahl u. a., Alamannen 337 f. Eine moderne Übersicht gibt: Alt, Verwandtschaftsanalyse. Gerade auf dem Felde der DNA-Untersuchungen verläuft jedoch die Forschung derzeit so rasch, daß jede Bilanz schnell als veraltet erscheint. - Zur sozialen Verwandtschaft in der Merowingerzeit eine Ubersicht bei: Siegmund, Frauenraub. Die beiden einzigen derzeit in dieser Hinsicht untersuchten Reihengräberfelder sind Kirchheim /Ries und Eichstetten am Kaiserstuhl, wo eine Untersuchung aufgrund epigenetischer Merkmale erfolgte. Nach Vorberichten deuten sich vielversprechende Ergebnisse an (Alt, Verwandtschaftsanalyse 272 ff. und 279 ff.), die gründliche Vorlage und für Eichstetten auch die archäologische Publikation stehen noch aus.

Zum Forschungsstand in der Archäologie Es ist derzeit weit verbreitete Forschungsmeinung, daß es in günstigen Fällen möglich ist, im Frühmittelalter unterschiedliche Ethnien anhand archäologischer Quellen zu erkennen. So wurde schon früh ein .östlicher Reihengräberkreis', als dessen westlichste Vertreter die Langobarden gelten, umrissen, der sich anhand von Trachteigentümlichkeiten, Beigabensitten und Fundtypen recht klar gegen die Franken und Alemannen des .westlichen Reihengräberkreises' absetzen läßt1. In Italien konnte Volker Bierbrauer die archäologische Hinterlassenschaft der Ostgoten gegen andere Ethnien abgrenzen; wegen des für die Goten typischen Fehlens von Waffengräbern stehen die Frauengräber im Mittelpunkt seiner Betrachtung, die durch spezifische Schmuckformen und eine ostgotische Tracht kenntlich werden 2 . Im späten 6. und frühen 7. Jahrhundert können die in Oberitalien eingewanderten Langobarden von ihrer indigenen Umgebung abgesetzt werden 3 . So ließe sich der Forschungsstand für die hier verfolgte Fragestellung auf eine sehr einfache Weise illustrieren. Viele Autoren neigen dazu, ihre Aufsätze oder Gräberfeldmonographien nach einem einfachen Schema zu betiteln: ,Das alemannische Gräberfeld von ...', ,Das fränkische Gräberfeld von ...'. Im deutschsprachigen Raum finden sich bei etwa der Hälfte aller Publikationen Adjektive, die eine ethnische Zuweisung beinhalten, während ansonsten meist ein ethnisch neutrales, allein auf die Zeitstellung abzielendes Adjektiv wie etwa .merowingerzeitlich' oder .frühmittelalterlich' gewählt wird. Im französischen und niederländischen Sprachraum sind solche Titulaturen eher unüblich, hier überwiegen die rein zeitbezogenen Adjektive bei weitem. Vor allem in älterer französischer Literatur wird allenfalls die Kontrastierung von Romanen und Germanen angestrebt und beispielsweise ein , cimetière barbare' publiziert. Setzt man diese Publikationstitel, von deren Wohlüberlegtheit man sicherlich ausgehen darf, in eine Verbreitungskarte um, wird rasch die allge1

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Grundlegend: Werner, Pannonien; Ergebnisse zusammenfassend skizziert in: Werner, Bajuwaren. Aktueller Forschungsstand: Mildenberger, Mitteleuropa (dazu: V. Bierbrauer, Prähist. Zeitschr. 60, 1985, 122-125); Germanen, Hunnen und Awaren; Menghin, Langobarden. Bierbrauer, Ostgoten; Bierbrauer, Ostrogoti. Vorzügliche Ubersicht mit Nachweis der älteren Diskussion: Bierbrauer, Langobarden.

Romanen

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meine Forschungsmeinung über die Siedlungsgebiete der Ethnien deutlich (Abb. 1). Leider wird eine Begründung für diese Titulatur nur in Ausnahmefällen gegeben4. Die Karte spiegelt also die opinio communis wider, die nun auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen ist.

Romanen Ein Feld reger Diskussion der ethnischen Problematik ist seit langem das der Abgrenzung der Romanen gegen die jeweils benachbarten Germanen (Langobarden, Alemannen, Franken). In grober Vereinfachung lassen sich hier Schulen benennen, die zwei unterschiedliche methodische Ansätze verfolgen. Die .Mainzer Schule' (Kurt Böhner, Hermann Ament) geht davon aus, daß die Romanen typischerweise beigabenlos bestatteten; sie schreibt Gräberfelder, die vorwiegend von beigabenlosen Bestattungen geprägt sind, den Romanen zu 5 . Im Detail sind die Sichtweisen jedoch an entscheidender Stelle unterschiedlich. Böhner meinte an der Mosel Gräberfelder beobachten zu können, auf denen im 5. und 6. Jahrhundert weitgehend beigabenlos und im 7. Jahrhundert mit Beigaben, vor allem auch Waffen, bestattet wurde. Er interpretierte dies als allmähliche Akkulturation der verbliebenen Romanen an die germanische Bestattungssitte6. Ament unterstrich dagegen, daß generell ein gegenteiliger Ablauf zu beobachten sei: seit dem 6. Jahrhundert kommt es, ausgehend von der Peripherie der germanischen Besiedlung in Frankreich an Seine und Marne, sukzessive nach Osten fortschreitend zu einer Reduzierung der Beigabensitte, am deutlichsten erkennbar an der Waffenbeigabe 7 . Der Akkulturationsprozeß verliefe nach Ament genau umgekehrt, die Germanen (Franken) folgen zunehmend der romanischen Beigabensitte. In der konkreten archäologischen Anwendung bereitet diese Sicht der Dinge allerdings Probleme. Denn Beigabenlosigkeit kann in diesem Sinne als Hinweis auf Romanen gedeutet werden, daneben kann sie jedoch auch als Indiz einer generellen Armut bzw. niedrigen sozialen Stellung oder der inzwischen modifizierten Bestattungssitten der Germanen interpretiert werden 8 . Deshalb 4

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Vorwiegend dann, wenn eine Nekropole in ihrem Umfeld auffallend fremd erscheint; ζ. B. Martin, Basel-Bernerring. Grundlegend: Zeiß, Seine u. Loire. Hier: Böhner, Bodenfunde, insbes. 312-315; Böhner, Trierer Land 258 ff.; Böhner, Romanen und Franken; Ament, Franken u. Romanen. Böhner, Trierer Land 264 ff. Ament, Franken u. Romanen, insbes. die instruktiven Karten Abb. 1-8. Weshalb H. Ament auch die Meinung vertritt, daß bei fortgeschrittener Akkulturation im 7. Jahrhundert Franken und Romanen nicht mehr zu trennen seien (Ament, Franken u. Romanen 392 f.).

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Zum Forschungsstand in der Archäologie

hat sich die ,Münchener Schule' (Volker Bierbrauer, Max Martin) bemüht, Romanen im Fundbild positiv zu fassen. Anhand der in diesem Milieu generell seltenen Beigaben lassen sich einzelne Bestattungen romanischer Frauen erkennen; sie weisen spezifische Schmuck- und Fibeltypen auf, die in einer typischen, romanischen Tracht getragen werden 9 . So benennt Bierbrauer folgende anhand seiner italischen Erfahrungen entwickelte Kriterien: (1) mediterrane Trachtelemente, (2) mediterrane Frauentracht, (3) weitgehende Beigabenlosigkeit, (4) bestimmte Formen der Grabzurüstung (ζ. B. Kopfauflage), (5) Mehrfachbestattung und (6) fehlende Waffenbeigabe10. Die Aufzählung verdeutlicht, daß hier nicht allein die Beigabenlosigkeit bzw. Waffenlosigkeit entscheidend ist, sondern auch positive Merkmale benannt werden können. Die akribische Analyse der Nekropole von Kaiseraugst durch Martin unterstreicht und erweitert diesen Kriterienkatalog11. Insgesamt zeichnet sich ein gewisser Konsens ab, daß über einzelne charakteristische Typen, vor allem aber über die Betrachtung der Häufigkeit bestimmter Beigabengruppen und Bestattungssitten, Romanen erkennbar sind. Allerdings fehlen über einzelne Gräberfelder hinausgehende, moderne flächengreifende Bearbeitungen dieses Themas im Westen oder etwa zur Frage der Moselromanen.

Sachsen In der späten Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit wurden auf der jütischen Halbinsel und bis über die Elbe in Nordniedersachsen zahlreiche

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ζ. Β. V. Bierbrauer, Berichte z. deutschen Landeskunde 53, 1979, 343 ff.; V. Bierbrauer, Arch. Korrbl. 15, 1985, 497 ff.; M. Martin in: Archäologie d. Schweiz VI, 11-20; M. Martin, Jahrb. Schweiz. Ges. Urgesch. 71, 1988, 161 ff.; M. Martin, Archäologie d. Schweiz 11, 1988, 167 ff. - Vereinzelt lassen sich solcherart charakterisierte Bestattungen von Romaninnen auch weit nördlich der Alpen nachweisen (Siegmund, Niederrhein 239 f.). Mit (notgedrungen) anderer Argumentation, nämlich über die generelle Häufigkeit bestimmter Fundgattungen, aber im gleichen Sinne: Schulze-Dörrlamm, Gondorf 344 ff. - Vgl. auch die kontroverse Diskussion um die ethnische Zuweisung spezifischer Gürtelformen in der Schweiz: Moosbrugger-Leu, Gürtelbeschläge; dazu: Martin, Bemerkungen; H. Schwab, Burgunder und Langobarden. In: Archäologie d. Schweiz VI, 21-38. Zuletzt: V. Bierbrauer in: Beumann / Schröder, Ethnogenese 14; Bierbrauer, Romanen. Martin, Kaiseraugst. Romaninnen tragen im Vergleich zu den germanischen Frauen generell viele Armringe, insbesondere eiserne, viele Fingerringe und viele Ohrringe. Romanen weisen eine spezifische Münzbeigabe auf: Kupfermünzen am Kopf oder im Beckenbereich bzw. bei den Händen, nicht jedoch die im germanischen Milieu häufige Beigabe im Mund (Obolus im eigentlichen Sinne). - Vgl. auch: M. Martin in: Archäologie d. Schweiz 11, 1988, 167 ff.; Schulze-Dörrlamm, Gondorf 157 (Ohrringe), 170 (Fingerringe), 184 (Armringe), 189 (Bernsteinperlen).

Sachsen

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große Urnengräberfelder angelegt, die man den Sachsen zuschreibt. Die Toten wurden verbrannt und in handgemachten, d. h. noch nicht auf der Drehscheibe gefertigten Tongefäßen beigesetzt. Vor allem anhand der Urnen lassen sich verschiedene regionale Gruppen herausstellen12. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts trat neben die Brandbestattung die Sitte der Körperbestattung, für die Merowingerzeit sind .gemischtbelegte' (birituelle) Gräberfelder typisch. Viele der älteren, vor allem der küstennahen Bestattungsplätze wurden jedoch im Laufe der 2. Hälfte des 5. oder frühen 6. Jahrhunderts aufgegeben13. Größere Gräberfelder der Merowingerzeit im engeren Sinne (6. und 7. Jahrhundert) sind nur in sehr geringer Zahl bekannt14. So ist das umfassend ergrabene, etwa 14 km westlich von Nienburg an der Weser gelegene Gräberfeld von Liebenau, auf dem vom 4. bis ins 9. Jahrhundert kontinuierlich bestattet wurde, mit seinen über 500 Gräbern eine wesentliche Quelle für die Sachsen der Merowingerzeit. Um so bedauerlicher ist es, daß dieses Gräberfeld in einer langwierigen Sukzession von schwer überschaubaren Teilpublikationen vorgelegt wurde und bislang keine über Vorberichte hinausgehende Auswertung erfahren hat15. Die Brandgräber machen dort etwa 60 Prozent der Bestattungen aus; unter ihnen finden sich nur wenige Urnenbestattungen, meist handelt es sich um Scheiterhaufenplätze, die nach der Verbrennung des Toten flach überhügelt wurden. Die Körpergräber sind meist süd-nord- (bzw. nord-süd-) ausgerichtet (ca. 26 %), oft aber auch west-ost-orientiert (ca. 14 %). Hinzu treten einige Pferde- und Hundebestattungen. Eine sorgfältige Bearbeitung des Fundstoffes steht aus, so daß das typisch Sächsische im Beigabenspektrum noch nicht herausgearbeitet ist16.

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Zusammenfassend: Genrich, Ursprung; Genrich, Altsachsen; Häßler, Sachsen. - Zuletzt, allerdings ohne Einzelnachweise: Capelle, Sachsen. Dieses gängige und sicherlich nicht völlig falsche Bild bedürfte dringend einer kritischen Uberprüfung aufgrund feinchronologischer Analysen der betreffenden Gräberfelder. Man vergleiche die beträchtliche Modifikation und Präzisierung der historischen Deutung, die nun eine kritische Uberprüfung älterer Thesen zu Angeln durch Michael Gebühr erbracht hat (Gebühr, Angelus desertus?). Nach H.-J. Häßler ist diese Abnahme nach neueren Untersuchungen weniger deutlich; zum Beleg führt er allerdings nur zwei Fundorte auf, Liebenau und Dörverden, von denen Dörverden seinen zeitlichen Schwerpunkt in der Karolingerzeit hat (Häßler, Merowingerzeit 289). Zu berücksichtigen ist nun auch der Fundplatz Issendorf südlich von Stade, dessen erst spät entdeckte Körpergräber bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts reichen, wie ein populär gehaltener Vorbericht zeigt: Häßler, Issendorf. Genrich, Liebenau; Cosack, Liebenau 1; Häßler, Liebenau 2-5. Ein erste umfassende Auswertung bietet: Siegmann, Liebenau. Bislang wurde vor allem auf verschiedene Fremdeinflüsse aufmerksam gemacht: Genrich, Friedhof, insbes. 34 ff.; Bemmann, Drehscheibenkeramik; Häßler, Einflüsse (vorwiegend fußend auf Genrich a. a. O.).

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Zum Forschungsstand in der Archäologie

Eine beachtliche Zahl frühmittelalterlicher Gräberfelder ist in Westfalen aufgedeckt worden, das in dieser Zeit zumindest in Teilen als sächsisch besiedelt gilt. Doch von den etwa 60 Bestattungsplätzen sind nur zwei hinreichend publiziert, nämlich seit 1865 (!) das Gräberfeld Beckum I und unlängst das Gräberfeld von Wünnenberg-Fürstenberg mit sieben merowingerzeitlichen Bestattungen17. Das übrige Material soll vor allem durch Wilhelm Winkelmann bearbeitet werden, der sich in zahlreichen Ubersichten vor allem zur Frage der ethnischen Zuweisung der westfälischen Nekropolen geäußert hat18. Er unterschied in Westfalen zwischen fränkischen und sächsischen Gräberfeldern. Die sächsischen Plätze seien charakterisiert durch das Auftreten (.heidnischer') Süd-Nord-ausgerichteter Körpergräber, das Vorkommen einer typischen handgemachten Keramik und durch Pferdebestattungen, die sich anhand bestimmter Merkmale von denen des fränkischen Typus unterscheiden ließen19. Hinzu kommen nach Winkelmann charakteristische Hausformen, die sich nur im sächsischen Milieu fänden, nämlich Langhäuser mit leicht ausgebauchten Seitenwänden (,schiffsförmig'), die aus Doppelpfostenreihen gesetzt sind und mittig durch Vorbauten geschützte Eingänge aufweisen20. Die fränkische Besiedlung Westfalens reichte dann im 6. Jahrhundert von Süden bis an die Lippe und vom Niederrhein her nach Osten bis auf die Linie Lünen-Stadtlohn21. Nördlich und östlich davon erstreckte sich das sächsische Siedlungsgebiet, das sich im Zuge der Südausbreitung der Sachsen um 700 noch etwas weiter in Richtung auf den Rhein ausdehnte22. So wurden für Westfalen offenbar wohlüberlegte und auf einer beachtlichen Fülle von Material fußende Thesen geäußert, nach denen eine klare Trennung fränkischer und sächsischer Gräberfelder möglich ist - was man jedoch gerne anhand konkreter Materialvorlagen überprüfen würde 23 .

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Beckum: Borggreve, Beckum; Capelle u. a., Beckum I. - Wünnenberg-Fürstenberg: Melzer, Wünnenberg; vgl. Bonner Jahrb. 193, 1993, 626 ff. ζ. B.: Winkelmann, Frühgeschichte; Winkelmann, Münsterland. - Eine (unvollständige) Ubersicht über die Merowingerzeit in Westfalen gibt auch die Bochumer Dissertation von Gabriele Wand (Bestattungssitten); da auch hier jegliche Materialvorlage fehlt und vielfach nur auf mündliche Mitteilungen W. Winkelmanns verwiesen wird, entziehen sich ihre Aussagen einer wissenschaftlichen Kontrolle. Keine Trensen- und Zaumzeugbeigabe, nur junge Hengste. Diese Kriterien nun überzeugend in Zweifel gestellt durch: Oexle, Pferdebestattungen, insbes. 149. Beobachtungen vorwiegend festgemacht an der Siedlung von Warendorf. Dazu nun: Röber, Warendorf. Winkelmann, Frühgeschichte 199 Abb. 2. Winkelmann, Frühgeschichte 216 Abb. 4. Zu sächsischen Bestattungssitten des anschließenden Mittelalters zusammenfassend: Steuer, Haithabu.

Thüringer

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Thüringer Die archäologische Erforschung der Thüringer ist eng mit dem Namen Berthold Schmidt verbunden, der den mitteldeutschen Fundstoff umfassend ediert und untersucht hat; seine Methodik und Chronologie lehnte sich eng an die Arbeit von Kurt Böhner zum fränkischen Fundstoff des Trierer Landes an24. Das dreibändige, 1961-1975 erschienene Werk beruhte auf der 1954 abgeschlossenen Dissertation, seitdem ist nur wenig neues Material erschlossen (publiziert?) worden25. Durch die Herausarbeitung charakteristischer Typen und die Analyse ihrer Verbreitung rekonstruierte er das Siedlungsgebiet der Thüringer, das s. E. im Kern durch die .Thüringer Drehscheibenkeramik' mit ihrer charakteristischen Einglättverzierung und die .Thüringer Fibeln' greifbar wird26. „Es erstreckt sich im Norden von der Ohre bis zum Vorland des Thüringer Waldes im Süden, von Braunschweig /Halberstadt im Westen bis in die Gegend von Altenburg im Osten."17 Bei den Typen der handgeformten Keramik zeichneten sich s. E. drei kleinteiligere Verbreitungsgebiete ab28, die Schmidt mit Stämmen im engeren Sinne verband, weshalb er die Thüringer als .Stammesverband' bzw. .Großstamm' bezeichnet29. Im 7. Jahrhundert lasse sich anhand der .fränkischen' Tongefäße ein .fränkischer Einfluß' nachweisen, am Gräberfeld von Sömmerda wegen seiner .rheinischen Gürtelgarnituren' auch direkte fränkische Besiedlung30. Im Osten treten um diese Zeit Gräberfelder mit Brandbestattungen und Gefäße vom sog. Prager Typus auf, die das Siedlungsgebiet der Slawen erkennen lassen; sie reichen nach Westen über die Mulde hinaus bis an die Saale31.

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Schmidt, Völkerwanderungszeit; Schmidt, Katalog Südteil; Schmidt, Katalog Nord- u. Ostteil. Zuletzt mit kaum veränderten Thesen: Schmidt, Königreich. An größeren Komplexen ist nur das Gräberfeld von Deersheim zu nennen: Schneider, Deersheim. Zusammenfassend: Schmidt, Mitteldeutschland 171 f., dazu die Verbreitungskarten S. 94 Abb. 51 u. S. 124 Abb. 55a,b.; vgl. Schmidt, Eingliederung. Schmidt, Konkordanz 272 mit 274 Abb. 3. Man beachte das nicht weiter begründete .Wachstum' des Thüringerreiches in den Publikationen B. Schmidts; 1961: Schmidt, Mitteldeutschland, Verbreitungskarte 2; 1983: Schmidt, Thüringer 524 Abb. 160; 1996: B. Schmidt, Zwischen römischer Eroberung und Königreich. Archäologie in Deutschland 1996 H. 2, 20-25, hier: 24. Im Vergleich zu Schmidt hinsichtlich der Ausdehnung des Thüringerreiches erheblich vorsichtiger: Ament, Thüringen. Schmidt, Mitteldeutschland 171 f. mit Verbreitungskarte S. 93 Abb. 50. Schmidt, Mitteldeutschland 172. Schmidt, Mitteldeutschland 174 f. Zuerst: Schmidt, Mitteldeutschland Karte 3. Zuletzt mit dichterem Bild: Schmidt, Konkordanz 277 Abb. 4. Vgl. Brachmann, Slawen, ζ. B. 23 Abb. 9 und 25 Abb. 10.

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Zum Forschungsstand in der Archäologie

Vor allem die .Thüringer Fibeln' sind über Mitteldeutschland hinaus auch nach Südwesten hin verbreitet32. Diese Fibeln, an mitteldeutschen Duktus erinnernde handgemachte Keramik33, eiserne Webschwerter34 und die Südausbreitung der Runeninschriften35 werden in der Summe der Beobachtungen von manchen Forschern als archäologische Relikte jener Umsiedlungen oder Auswanderungen gedeutet, die mit der Unterwerfung des Thüringerreiches durch die Merowinger einhergingen36. Daß diese Umsiedlungen nach dem Zeugnis der Schriftquellen in eine ganz andere Richtung gingen, nämlich nach Westen an den Niederrhein, wo vergleichbare archäologische Relikte erheblich seltener sind, ist ein bislang nicht weiter diskutierter Konflikt37.

Slawen Ein weiteres Ethnikum im frühmittelalterlichen Europa, das sich archäologisch gut fassen läßt und zu dem eine reiche Literatur vorliegt, sind die Slawen38. Die ersten (kriegerischen) Kontakte mit dem Westen sind durch Paulus Diaconus für die Jahre 593 und 595 überliefert, sie betrafen wohl die Baiern und den Ostalpenraum39. Neben den historischen Quellen und der

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Schmidt, Mitteldeutschland 124 f. Abb. 55; vgl. Wieczorek, Bevölkerungspolitik 352 Abb. 289; Koch, Bügelfibeln 381 ff. u. 546 ff. mit Karte 24-27. Martin, Basel-Bernerring 150 f. Werner, Pannonien 34 f. mit Taf. 68,2; Martin, Basel-Bernerring 91 f. Martin, Runenfibel; vgl. Die Germanen 315 ff. mit Abb. 67; M. Martin, Schrift aus dem Norden. In: Die Alamannen 499-502. Vgl. Koch, Schretzheim 184 ff. - Eine andere, m. E. sehr plausible Erklärung zumindest für den frühen Horizont .thüringischer' Funde im Westen bietet: H. W. Böhme, Jahrb. RGZM 34, 1987, 736-739. Damit erweist sich die keinesfalls befriedigend diskutierte Feinchronologie des thüringischen Fundstoffes erneut als Desiderat der Forschung. Für die skizzierte Sicht vieler Archäologen mag es gute Argumente geben. Es ist aber im Hinblick auf die Schriftquellen kritisch zu fragen, ob die Thüringer in ihrer Bedeutung nicht erheblich überschätzt werden. Erst die Forschungen B. Schmidts, deren einer modernen Überprüfung bedürftige Argumentation oben skizziert wurde, haben die mögliche Größe des Siedlungsgebietes konkretisiert; unlängst hat Schmidt es noch weiter gefaßt (Schmidt, Konkordanz 272: ,bis zum Main', ,Altmark', ,um Riesa' und .vielleicht auch Böhmen'; dazu Schmidt in: Die Germanen 524 Abb. 160). Es erscheint plausibel, daß ein derart umfangreicher Stamm (Schmidt: »Stammesbund') auch eine hinreichende Population für vielfältige Abwanderungen bzw. Umsiedlungen nach seiner Unterwerfung aufweist. Der Verdacht, daß man einem sukzessive wachsenden Konstrukt aufsitzt, liegt m. E. jedoch ebenfalls nahe. Zu den Ostslawen aus der Sicht der Schriftquellen: Goehrke / Kälin, Ostslaven. - Dazu als Archäologe: Parczewski, Frühslawen. Paulus Diaconus, Hist. Lang. IV 7,10. - Für die Zeit davor: Godlowski, Slawen.

Baiern

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Ortsnamensforschung wird vor allem eine charakteristische Keramik für die ethnische Zuweisung herangezogen40.

Baiern An der Grenzfläche zwischen dem östlichen und dem westlichen Reihengräberkreis kam es im Frühmittelalter zur Stammesbildung der Baiern41. Auch in der Archäologie stand die Frage nach ihrer Herkunft im Zentrum des Interesses; für die Forschungsgeschichte sei wiederum auf den schon zitierten Aufsatz von Menke verwiesen42. Ursprünglich recht eindimensionale Thesen etwa von der Einwanderung als geschlossene Gruppe werden heute allgemein verworfen 43 . Offenbar verlief der Prozeß der Ethnogenese in einem Kernraum entlang der Donau zwischen Regensburg und Künzig und südlich davon (Isartal), wo inzwischen mehrere Gräberfelder untersucht werden konnten, die bereits in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts einsetzten. Unter dem Fundgut dieser Frühzeit fällt die germanische Keramik vom Typ Friedenhain-Pfestovice auf, die tatsächlich Verbindungen zum böhmischen Raum nachweist. Vor allem am Gräberfeld von Altenerding konnte Bierbrauer aufzeigen, daß sich um 500 und im Laufe der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts mehrfach der Zuzug verschiedener Bevölkerungsgruppen nachweisen läßt, und zwar sowohl aus dem Osten (meist Langobarden, auch Thüringer), als auch aus dem Westen (Alemannen)44. Daneben wurde, etwa durch Rainer Christlein, auf den Fortbestand römischer Siedlungen und den Anteil auch der verbliebenen Romanen an der Ethnogenese der Baiern aufmerksam gemacht45. Da jedoch wichtige Grabungen noch unpubliziert bzw. erst in Vorberichten greifbar sind, ist erst in Zukunft eine detailliertere Analyse dieses Prozesses zu erwarten 46 .

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Im Uberblick: Herrmann, Slawen; Brachmann, Slawen. - Detaillierter zum Südwesten: Schwarz, Landesausbau; Gross, Keramikfunde; Gross, Terra Sclavorum. - Zu slawischen Bestattungssitten zusammenfassend: Steuer, Haithabu; skeptisch zur Identifizierbarkeit slawischer Gräberfelder im Mittelalter: Giesler, Ostalpenraum 2, 218 ff., insbes. 226 ff. Zum Namen siehe oben S. 17 Anm. 51. Menke, Forschungsgeschichte. Grundlegend: Werner, Bajuwaren. Bierbrauer, Altenerding. - Vgl. Th. Fischer / H. Geisler in: Die Bajuwaren 61-68; J. Prammer / H. Geisler in: Germanen, Hunnen u. Awaren 589-622. - Jüngste Zusammenfassungen bei: U. v. Freeden in: Die Franken 308-318. R. Christlein in: Severin 217-253. Vgl. H. W. Böhme in: Die Bajuwaren 23-37. Die derzeit besser greifbaren Bestattungsplätze entstammen meist dem 7. Jahrhundert. Mehrere größere, für die Frage der Ethnogenese entscheidende Nekropolen mit Fundstoff des

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Zum Forschungsstand in der Archäologie

Die starke Konzentration der Forschung auf die Frühzeit der baierischen Ethnogenese hat die Frage nach den Eigenheiten der Baiern im 6. und 7. Jahrhundert in den Hintergrund gedrängt. Es ist unklar, inwieweit sich diese archäologisch von den westlich angrenzenden Alemannen absetzen lassen. So schrieb etwa Christlein: „Im Fundgut selbst läßt sich nichts typisch Bajuwarisches aussondern."*7 Es bleibt daher zu klären, ob der sich im späten 5. und frühen 6. Jahrhundert abzeichnende Prozeß zu einem deutlich eigenständigen Ethnikum führte, das dann die merowingische Raumordnung mitverursachte, oder ob hier am Rande der Alemannia Fremdvölker weitgehend integriert wurden und erst die merowingische Raumordnung im 7. Jahrhundert zur Herauskristallisation eines baierischen Ethnikums führte.

Burgunder Das Burgunderreich am Mittelrhein bei Worms im frühen 5. Jahrhundert ist archäologisch bislang kaum faßbar 48 . Nach ihrer Umsiedlung an den Genfer See zeichnet sich für die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts dort nur ein geringer germanischer Fundniederschlag ab, wobei vor allem Gürtelschnallen und Fibeln zu nennen sind, denn als Ostgermanen bestatteten die Burgunder schon in dieser Zeit ohne Waffen. In der Folgezeit wurden die Burgunder offenbar rasch von der romanischen Bevölkerungsmehrheit akkulturiert, wie die grundlegende Studie von Hans Zeiß gezeigt hat; die Bestattungssitten und das Beigabengut .burgundischer' Gräber und Gräberfelder lassen sich nicht von denen der zur gleichen Zeit im gleichen Raum lebenden Romanitas trennen 49 . Burgund erscheint im 6./7. Jahrhundert eher als romanische Trachtprovinz und läßt sich insofern gegen die Alemannen absetzen, kaum aber gegen die Romanitas.

5. und 6. Jahrhunderts sind noch weitgehend unausgewertet (Altenerding, Straubing-Bajuwarenstraße) oder nur in Vorberichten referiert (Bittenbrunn, Straubing-Azlburg Π). Einen wesentlichen Forschungsbeitrag darf man von der in Arbeit befindlichen Habilitationsschrift von Hans Losert (Bamberg) zu Altenerding erwarten. 47

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R. Christlein in: LexMA 1 (1980) 1696-1698, hier: 1697. Vgl. H. Roth in: R G A 2 1 (1973) 610-627. Bezeichnend die Kartierung von M. Menke (in: Die Bajuwaren Abb. 36), die nur eine Differenzierung zum Osten und Süden hin vornimmt. Zuletzt: Schach-Dörges, Zusammengespülte Menschen. Vgl. M. Martin in: Die Alamannen 163-170, hier 163 f. mit Abb. 163; Schulze-Dörrlamm, Abenheim. Grundlegend: Zeiß, Burgundenreich. - Heute zusammenfassend: H. Schwab in: Archäologie d. Schweiz VI, 21-38; M. Martin in: R G A 2 4 (1981) 248-271; M. Martin in: LexMA 2 (1983) 1092-1098; Martin, Solothurn.

Alemannen und Franken

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Alemannen und Franken Angesichts dieser Beispiele für eine rege Diskussion, wenn nicht gar für erfolgreiche ethnische Zuweisungen bei den zuvor genannten Völkern überrascht der Forschungsstand hinsichtlich einer möglichen Trennung zwischen Alemannen und Franken. So schreibt Herrmann Ament skeptisch50: JDabei fällt eine Unterscheidung innerhalb des germanischen Milieus, also etwa eine Abgrenzung von Franken und Alamannen, schwerer als die Kontrastierung mit der romanischen Bevölkerung." Das Bild der oben vorgestellten Karte (Abb. 1) scheint also ohne archäologischen Halt zu sein. Dieser skeptischen Sicht stehen jedoch eine Reihe von gängigen Beobachtungen entgegen, die meist aus älterer Literatur stammen und selten näher erläutert werden, aber auf offenbar deutliche Unterschiede zwischen Alemannen und Franken hinweisen. So gelten bei der Bewaffnung der Männer Franziska und Ango als typisch fränkische Waffen 51 , im 6. Jahrhundert wiesen fränkische Lanzenspitzen fast durchweg Schlitztüllen auf, während alemannische in Ganztüllen enden52. Weiterhin wurden Unterschiede in der Grablage der Spathen diskutiert53. Edouard Salin betonte darüber hinaus auch die quantitativen Unterschiede in der Bewaffnung: bei den Franken seien Spathen seltener und Saxe die übliche Ausstattung, bei den Alemannen seien die Spathen deutlich häufiger54. Walther Veeck machte auf die deutlich unterschiedliche Keramik aufmerksam 55 ; die handgemachten .Rippengefäße' bezeichnete er als typisch alemannisch56, die rote Firnisware als fränkisch. Die schwarzen, reduzierend gebrannten Gefäße mit Einglättverzierung schrieb er gleichermaßen Thüringern und Alemannen zu. Die auf der Drehscheibe hergestellten doppelkonischen Töpfe (Knickwandtöpfe) träten bei Franken und Alemannen auf, seien jedoch bei den Franken offensichtlich älter und folglich dort entstanden. Auch auf Unterschiede in der Grabzurichtung wurde aufmerksam gemacht. So sind die .Kammergräber vom Typ Morken' offenbar im fränkischen Milieu besonders Amern, Franken 1989, 692. ζ. B. Werner, Bewaffnung 331 ff.; Koch, Donautal 93; Martin, Basel-Bernerring 146; Schnurbein, Ango; zuletzt: Theune-Großkopf, Herrschaftssicherung 238 Abb. 251 mit Anm. 5. 52 ζ. B. Böhmer, Trierer Land 151 f.; Martin, Basel-Bernerring 146. 53 ζ. B. Fremersdorf, Müngersdorf 73 (überwiegend an der rechten Seite des Toten); Koch, Schretzheim 94 (überwiegend links); Grünewald, Unterthürheim 133 (überwiegend links). 5 4 Salin, Civilisation mérovingienne I, 216-224. 55 Veeck, Alamannen 88 f.; vgl. Böhner, Entstehung 286. 5 6 In seinem Sinne, aber innerhalb der handgeformten Keramik erheblich genauer differenzierend zwischen Vorbildern aus dem Norden und alemannischen Formen samt einer Verbreitungskarte: U. Gross in: Die Alamannen 233-242; vgl. kontrastierend dazu U. Gross in: Die Franken 581-593.

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Zum Forschungsstand in der Archäologie

häufig57; diese aufwendige Grabform ist jedoch als Oberschichtphänomen generell selten. Eine ältere Gruppe ebenfalls besser ausgestatteter Gräber fällt im fränkischen Raum durch schmale und vor allem ausnehmend lange Grabgruben auf; auch derartiges ist im Alemannischen selten58. Insgesamt fällt auf, daß gerade die frühen Forschungsmeinungen methodisch weniger auf konkrete Objekte abzielen, sondern stärker auf allgemeinere Unterschiede in .Sitten und Gebräuchen', also auf eine Betrachtungsebene, die sich etwa auch bei der Scheidung von Romanen und Germanen bewährt hat. In der aktuellen Forschung hingegen dominieren Beobachtungen, die auf Analyse von Typverbreitungskarten beruhen59. Ihr methodischer Ansatz läßt sich wie folgt subsumieren: einander auffallend ähnliche Objekte werden zu Typen zusammengestellt und ihre Fundorte kartiert; anschließend wird das kartierte Phänomen gemäß seinem Verbreitungsschwerpunkt und der Kenntnis der nach den Schriftquellen erschlossenen Siedlungsgebiete der Alemannen und Franken ethnisch zugewiesen. Es liegt in der Logik dieses Forschungsprozesses, daß dabei .ergebnislose* Kartierungen rasch verworfen und selten publiziert werden, so daß eine unbewußte Auswahl auf die ergebnisträchtigen Phänomene hin stattfindet - wodurch es letztlich zu einer steten Verdichtung eines zuvor erwarteten Bildes kommt. Angesichts der suggestiven Plausibilität solcher Karten scheint sich die Rückkopplung zu den allseits bekannten Einwänden gegen ihre ethnische Interpretation zu erübrigen. So stehen sehr konkrete ethnische Zuweisungen einzelner Typen samt detaillierter historischer Ausdeutungen60 und die generelle, wohl begründete Skepsis gegen eine ethnische Deutung archäologischer Fundverbreitungen gerade zur Frage nach Alemannen und Franken einander unvermittelt gegenüber. Immerhin hat diese weitverbreitete Skepsis dazu geführt, daß abseits von Aussagen zu einzelnen Typen bislang keine Studien vorliegen, die den Versuch unternehmen, diese Karten zusammenzuführen und systematisch zu analysieren. Das Dilemma ist auf direktem Wege nicht lösbar. Daher muß nun, will man die Fragestellung und einen archäologischen Beitrag dazu nicht völlig verwerfen, über den Begriff ,Ethnos' vertiefend nachgedacht und möglicherweise ein anderer methodischer Ansatz entwickelt werden. 57 58 59

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Martin, Basel-Bernerring 22 ff. mit Anm. 18. Koch, Herbolzheim 393 f. Eine systematische Literaturdurchsicht des Verfassers erbrachte über 350 solcher publizierten Verbreitungskarten oder Listen - die Nennung einer genauen Zahl würde zugleich die Benennung von Kriterien voraussetzen, was in diesem Sinne als Verbreitungskarte gilt. Exemplarisch nenne ich neuere Studien von U. Koch, wo solche Kartierungen - ungemein plausibel - eng mit der Ereignisgeschichte verzahnt werden und teilweise detaillierte Biographien einzelner Personen zu erlauben scheinen (z. B. Koch, Klepsau; U. Koch in: Die Alamannen 191 ff. und 219 ff.

Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit Was ist ein Ethnos? Eine zuverlässige Antwort auf diese Frage darf vor allem von der Ethnologie erwartet werden, die den Begriff in ihrem Namen verwendet und deren zentrales Forschungsfeld Ethnien sind1. Von ihrem weltweiten Forschungsanspruch her darf zudem erwartet werden, daß gerade hier aus der Fülle unterschiedlichster Beobachtungen ein Bewußtsein für die vielfältigen Möglichkeiten des Menschen erwachsen ist, soziale Gruppen zu bilden. Aus der Kenntnis dieser breiten Vielfalt ist eine geschärfte und universell tragfähige Begrifflichkeit zu erwarten.

Moderne Ethnologie Kultur und Ethnos Um das Ergebnis vorwegzunehmen: diese hohe Erwartung wird von der Ethnologie nicht eingelöst. Einen unter Ethnologen weithin anerkannten Ethnosbegriff gibt es nicht2. Vielmehr ist die Zahl der sich zu diesem grundsätzlichen Terminus Äußernden recht gering und unter diesen letztlich kein Konsens erreicht. Angesichts der Komplexität des Themas kann es nicht Aufgabe dieses Abschnitts sein, die Diskussion akribisch nachzuzeichnen. Es gilt indes, den Bereich des Konsenses zu skizzieren und darüber hinaus die Felder der Diskussion und damit die Probleme zu schildern. Volk, Stamm, Rasse, Kultur, Ethnos - ein größeres Spektrum an Begriffen benennt oder benannte das zentrale Forschungsfeld der Völkerkunde oder Ethnologie. Ausgeklammert wird heute meist der Begriff der Rasse; er zielt auf genetisch begründete Gruppen, die ein Forschungsfeld der Anthropologie, nicht der Ethnologie sind3. Der Begriff ,Stamm' (engl, tribe) scheint meist als Ich folge dem etwas ungeordneten, aber weit verbreiteten Sprachgebrauch der Ethnologie und benutze den Begriff Ethnos - oder synonym Ethnie - für den Singular und Ethnien für den Plural, wobei in der Schreibweise wie üblich auf das eigentlich notwendige Trema verzichtet wird (Ethnie, Ethnien). So auch: Rudolph, Ethnos 71. Aus der Sicht der Ethnologie: H. Fleischhacker, Rasse, Rassenkunde. In: Hirschberg,

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

Unterbegriff des Begriffsfeldes .Volk / Ethnie / Kultur' verstanden zu werden; als Stamm gilt dann eine Ethnie ohne starke Zentralautorität, der Begriff charakterisiert Ethnien eines bestimmten Organisationstypus, worauf unten noch näher einzugehen sein wird4. Unter den verbleibenden Begriffen werden ,Volk* und ,Ethnos / Ethnie' häufig weitgehend synonym gebraucht5, was auch an der wechselnden Selbstbezeichnung des Faches als Völkerkunde oder Ethnologie kenntlich wird. Im folgenden wird der Begriff Ethnos benutzt. Eine Differenzierung zwischen den Begriffen .Ethnos' und ,Kultur' ist schwierig und schon mehr theoretischer Natur. Der Begriff Kultur zielt mehr auf die äußerlich greifbaren Gegebenheiten, u. a. die materielle Kultur, der Begriff Ethnos stärker auf die die Kultur tragende Menschengruppe6. Insofern scheint der Begriff Kultur allgemeiner, denn er impliziert nicht notwendigerweise die Frage nach einer Gruppierung bzw. Abgrenzung nach außen. „Kultur umfaßt alles Materielle und Nichtmaterielle, was im menschlichen Dasein nicht von Natur aus vorgegeben ist, sondern von Menschen durch ,Innovation ' zielgerichtet hinzugefügt wurde. Die Definition von ,Kultur' ist dementsprechend: „Gesamtheit der Ergebnisse von Innovation"."7 Diese ethnologische Definition des Begriffs Kultur ist eine von vielen möglichen, in einer systematischen Zusammenstellung wurden 1952 von Alfred Louis Kroeber und Clyde Kluckhohn etwa 300 verschiedene Definitionen des Kulturbegriffs gesammelt8. Dementsprechend ist auch der Ethnosbegriff ein wechselnd oder unscharf definierter Begriff. Die opinio communis und die grundsätzlichen Kriterien werden etwa an folgendem Zitat aus einem Lexikonartikel deutlich9:

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Wörterbuch Völkerkunde 390 ff.; Mühlmann, Rassen 77 ff. - Ein schönes Beispiel, wie wenig die biologische Konditionierung die kulturelle Identität und die ethnische Zuweisung beeinflußt, führt E. Tonkin aus Liberia an. Dort wurden auf gezieltes Betreiben hin ab 1820 planmäßig freigelassene schwarze Sklaven aus Nordamerika angesiedelt. Diese schwarzen Siedler wurden von den indigenen Stämmen als .Weiße' bezeichnet, da sie sich in ihrer Wirtschafts- und Lebensweise von den Einheimischen deutlich unterschieden und eben wie .Weiße' lebten. Wohl über das ganze 19. Jahrhundert hin ist dann ein gemeinsamer Begriff ethnischer Bedeutung für .zivilisiert / modern / westlich / weiß' (ku, pl. kui) nachweisbar, der auch für diese schwarzen Siedler galt (Tonkin, Liberia). W. Bauer in: Hirschberg, Wörterbuch Völkerkunde 452; J. Stagi, Politikethnologie. In: Fischer, Ethnologie 213-237, hier 226 f.; Thiel, Grundbegriffe 85 f. Anders: Mühlmann, Methodik 227. Für Mühlmann ist Volk ein Oberbegriff, der Ethnien zusammenfaßt. Diese Begrifflichkeit ist jedoch bei Mühlmann kaum näher definiert. Vgl. dazu unten S. 42 f. Vgl. Hirschberg, Ethnos; Giddens, Sociology 298. W. Rudolph, Ethnos 62. Vgl. die Übersicht von T. Ingold, Introduction to culture. In: Ingold, Anthropology 329-349. Kroeber / Kluckhohn, Culture. Vgl. z. B.: Rudolph, Ethnos; Thiel, Grundbegriffe 85 f.; Mühlmann, Rassen; Wernhart, Ethnosnotiz.

Moderne Ethnologie

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Jïthnos, Ethnie, eine Menschengruppe mit gemeinsamer Abstammung, Stammesüberlieferung und Wir-Bewußtsein. Zusätzliche Kriterien wie Sprache, Rechts-, Siedlungs-, Religions- und / oder Kultgemeinschaft, einheitliche materielle Kultur u. a. sind in ihrer jeweiligen Bedeutung stark veränderlich und können nicht allein zur Feststellung oder Benennung einer ethnischen Einheit herangezogen werden."10 Als wichtigstes Element dieser Definition gilt das Wir-Bewußtsein. Es unterstreicht zunächst einmal einen offenbar allen Ethnologen wesentlichen Aspekt: Ethnien sind aus sich selbst heraus zu betrachten, von außen vorgenommene klassifikatorische Einteilungen werden vielfach abgelehnt11. Die gemeinsame Abstammung und Stammesüberlieferung gelten als wesentliche Kriterien, wobei der allgemeine Glaube der Mitglieder einer Ethnie ata die gemeinsame Abstammung (Stammeslegende) wichtiger ist als die tatsächlichen historischen und biologischen Gegebenheiten12. Als weiteres, in der obigen Definition nicht aufgeführtes, meist aber als bedeutend benanntes Element gilt eine starke Tendenz zur innerethnischen Endogamie13. Zusätzliche Elemente wie gemeinsame Sprache, gemeinsame Symbole und Wertvorstellungen, gemeinsames Handeln, ein überschaubares, zusammenhängendes Territorium14, eine homogene (materielle) Kultur und ähnliches können Kriterien sein, sind aber offenbar nicht immer entscheidend. Ethnien sind historisch gewachsene, offene und sich dynamisch verändernde soziale Einheiten, deren konstituierende Merkmale einem historischen Wandel unterliegen können15. Eine scharfe, allgemeingültige Begriffsdefinition wäre dem zu untersuchenden Phänomen daher kaum angemessen16, weshalb vielfach überhaupt auf eine nähere Begriffsdefinition verzichtet wird17. 10 11

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M. A. Höfer in: Hirschberg, Wörterbuch Völkerkunde 134. Zu anderen Sehweisen, die mit der Diskussion »emisch - etisch' zusammenhängen, vgl. unten S. 45 f. Erzählungen über eine Einwanderung sind auch jenseits der europäischen Völkerwanderungszeit ein offenbar weit verbreiteter, typischer Bestandteil solcher Stammesursprungslegenden. Exemplarisch: Prem, Mexi'ca'; Braukämper, Migrationen. So ist auch bei dichtem Miteinandersiedeln verschiedener Ethnien in zwei Drittel bis drei Viertel aller Beobachtungen innerethnische, kognitive und faktische Endogamie bezeugt (z. B. Hackstein, öaras 58 ff., zusammenfassend 90 ff.). Das strenge Territorialprinzip ist in Europa sicherlich jung und in dieser Ausprägung auch in der Ethnologie nur selten beobachtet. Da ein gewisses Empfinden für ein eigenes Territorium aber offenbar weithin beobachtet werden kann, prägt Mühlmann (Ethnogonie 19 f.) den Begriff der limitischen Struktur, die auch räumlich fest oder bodenvage ausgeprägt sein kann. Zu dem scheinbaren Gegensatz zwischen dem starken Wir-Bewußtsein und der dennoch immer vorhandenen Offenheit für Fremde, die assimiliert werden können, und verschiedenen typischen Assimilierungsprozessen: Mühlmann, Ethnogonie. Vgl. auch den Diskussionsbeitrag von R. Schott in: Studien zur Ethnogenese 123 f. Exemplarisch: Rudolph, Ethnos. Der dort verfolgte Weg einer Relativierung des Ethnos-

Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

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N a c h d e m damit der Konsensbereich umrissen ist, seien nun einige zentrale T h e m e n der Diskussion geschildert 1 8 . Zunächst ist festzuhalten, daß bei Bedarf Ethnien oder Situationen angeführt werden können, in denen eines oder mehrere der oben genannten Zusatzkriterien nicht zutreffen, d. h. etwa eine gemeinsame Sprache 1 9 , ein annähernd geschlossenes Siedlungsgebiet 20 , eine gemeinsame Kultur 2 1 oder ähnliches nicht vorliegen. E i n Individuum kann gleichzeitig verschiedenen E b e n e n und A r t e n sozialer Gruppen angehören, wodurch weitere Definitionsprobleme entstehen 2 2 . Familie, Geschlecht (Lineage), Sippe, Klan bieten Beispiele für das erstere, Geschlecht (Gender), Altersgruppe, Stand, Bund, Berufsgruppe u. ä. für das letztere 2 3 . Wilhelm E . Mühlmann grenzt solche konkurrierenden Gruppenmitgliedschaften aus, indem er den Begriff E t h n o s an die Spitze einer Hierarchie setzt und die Ethnie als „die größte feststellbare souveräne den betreffenden

Einheit,

die von

Menschen selbst gewußt und gewollt wird," umreißt 2 4 .

Eine gewisse Uneinigkeit herrscht bei der Anwendung des Parallelbegriffs Volk, der bisweilen als S y n o n y m zu E t h n o s (Stamm), bisweilen aber auch als letzter Oberbegriff verwendet wird, der mehrere Ethnien umfassen kann 2 5 .

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begriffs führt auf S. 76 zu einem letztlich für jede .Gruppe' offenen Begriffsverständnis. Das Zentrum dieses Ethnosbegriffs liegt auf der untersuchten Gruppe, vor allem ihr Außenzusammenhang wird ausgeblendet. In diesem Sinne verlaufen vielfach auch Feldforschungen, die zwar innerhalb der untersuchten (besuchten) Gemeinschaft Gruppen (.Ethnien') differenzieren, aber nicht mehr zu Aussagen über weitere Mitglieder dieser Ethnien außerhalb der unmittelbar besuchten Gruppe vorstoßen (ζ. B.: Reiter, Grenzen). Man vergleiche auch die über mehrere Jahrgänge der .Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien' verlaufende Ethnosdiskussion, z.B. K. R. Werahart, ebd. 109, 1979, 173 ff.; R. Girtler, ebd. 112, 1982, 42 ff.; W. Hirschberg, ebd. 118/119, 1988/89, 9 ff.; W. Angeli, ebd. 121, 1991, 191 ff. In einem von dem Archäologen K. J. Narr (Studien zur Ethnogenese 57-99) referierten Beispiel aus Nordamerika zu einem Pueblo, das von Hopi und Tewa besiedelt wird, würde man aufgrund der Gesamtheit der Situation sicherlich von einer intensiv verflochtenen ethnischen Einheit sprechen, obwohl die Gruppen sprachlich getrennt bleiben. So beschreibt etwa H. Siverts (in: Barth, Ethnic Groups 101-116) eine Situation in Südmexiko, wo verschiedene Ethnien gemeinsam ein bestimmtes Gebiet besiedeln und in intensivem wirtschaftlichem Zusammenhang stehen, und dennoch an ihrer ethnischen Unterschiedlichkeit festhalten. So beschreibt etwa J.-P. Blom (in: Barth, Ethnic groups 74-85) eine Situation in Südnorwegen, wo bei gemeinsamem Wir-Bewußtsein, gemeinsamer Sprache und stark verflochtener Wirtschaftsweise zwischen Bauern im Tiefland und Bauern im Hochland ein zunehmendes Auseinanderdriften der Wirtschaftsweise und damit der .Kultur' zu beobachten ist. Phänomen zur Problematisierung des Ethnosbegriffs diskutiert z. B. bei: Girtler, Ethnos. Dazu beispielsweise E. W. Müller in: Fischer, Ethnologie 149-183. Mühlmann, Rassen 57. Dazu z. B. die bei E. W. Müller (Volk, passim) zusammenfassend geschilderte Diskussion, die auch auf den Wandel des Begriffsinhalts bei W. E. Mühlmann selbst aufmerksam macht.

Moderne Ethnologie

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Dabei wird auch ein gewisses Unwohlsein mancher Ethnologen deutlich, den Begriff Ethnos allumfassend anzuwenden, da die historische und gesellschaftliche Situation ihnen als zu unterschiedlich erscheint. Daraus erwachsen Vorschläge wie etwa der von Mühlmann, den Begriff Ethnos für Stammesgesellschaften zu reservieren, den Begriff Volk auf die staatlich organisierten Völker des mittelalterlichen und neuzeitlichen Europas anzuwenden, und davon wiederum die modernen Massendemokratien (Demos) abzusetzen26. Die Überlegungen zielen auf eine Systematisierung und eine allgemeine EthnosTheorie, für die dann sogar wieder taxonomische Einheiten und Begriffe benötigt würden27.

Der Ethnos-Begriff und die Evolution menschlicher Gesellschaften Dies führt auf ein anderes Problemfeld, das ebenfalls mit dem Ethnosbegriff zusammenhängt, und das bereits oben beim Begriff ,Stamm' auftrat. Es ergibt sich aus vergleichenden Betrachtungen von verschiedenen Ethnien, in denen sich Regelhaftigkeiten im Hinblick auf soziale Organisationsformen abzuzeichnen scheinen. Als Ausgangspunkt der modernen Diskussion gilt eine 1878 publizierte Studie von Lewis Henry Morgan (1818-1881), in der er versuchte, aufgrund ethnologischer Beobachtungen allgemeine Tendenzen in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von der .Wildheit' zur .Zivilisation' zu fassen und zu systematisieren28. Seine Überlegungen wurden von Friedrich Engels (1820-1895) aufgegriffen und waren Anlaß für seine Arbeit über den .Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats'29. Teils mit30, teils ohne marxistische Vorzeichen wird diese Diskussion unter dem Begriff .Evolutionismus' bis heute weitergeführt31, wichtige neuere Studien stammen von Morton H. Fried und Elman R. Service32. Die vielfältige und

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Die Unterschiede erscheinen mir weniger in den einzelnen Lösungen denn als Hinweis auf die Problematik interessant. Mühlmann, Ethnogonie. Vgl. Müller, Volk. Stark in diese Richtung gehen die Bemühungen russischer Ethnologen, vor allem - fußend auf S. M. Shirokogoroff - von J. V. Bromlej (Ethnos), die allerdings keine allgemeine Akzeptanz finden; vgl. Müller, Volk 245 ff. Morgan, Ancient society. Engels, Ursprung. Eine nützliche Übersicht geben die Artikel in: Herrmann / Köhn, Gesellschaftsformation. Ubersichten mit unterschiedlichem Schwerpunkt: J. W. Raum in: Fischer, Ethnologie 283309; E. Rüddenklau in: Schmied-Kowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 331-355; Antweiler, Kulturevolution. Fried, Evolution; Service, Organization; Service, Origins.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

weite Diskussion kann hier nicht genauer nachgezeichnet werden. Für die ethnische Problematik ist sie insofern von Bedeutung, da danach mit bestimmten gesellschaftlichen Organisationsformen charakteristische Gruppenbildungen einhergehen33. Einfache Jäger und Sammler scheinen typischerweise in kleinen, vom Familienverband geprägten Gruppen zusammenzuleben 34 . Möglicherweise erfolgt der Ubergang zu größeren Gruppen parallel mit dem Aufkommen produzierender Wirtschaftsweise; derartige Verbände, im Deutschen gern als Stamm bezeichnet, bestehen aus mehreren Familien und umfassen einige hundert Individuen 35 . Einen weiteren Grad der gesellschaftlichen Differenzierung bezeichnen Häuptlingstümer (chiefdom); sie umfassen größere Regionen und integrieren viele lokale Gemeinschaften, die in ihrer Wirtschaft auf den Häuptling bezogene zentralisierende und redistributive Elemente aufweisen. Es wurden Differenzierungen zwischen ¿imple chiefdom' und ,complex chiefdom' (Service; Earle) oder ,ranked society' und stratified society' (Fried) vorgeschlagen, doch scheinen präzise Definitionen problematisch, da die Unterschiede eher gradueller Natur sind. ,Simple chiefdoms' oder ,ranked societies' weisen typischerweise eine gemäßigte soziale Differenzierung auf und umfassen einige tausend Individuen, während ,complex chiefdoms' oder ,stratified societies' eine deutliche soziale Differenzierung und einige zehntausend Individuen umfassen. Größer sind dann Staaten 36 , deren komplexe Gesellschaften starke Tendenzen zur wirtschaftlichen Spezialisierung aufweisen, und die mit einer stark differenzierten Gesellschaftsstruktur einhergehen; Schriftlichkeit, Bürokratie, Militär und eine kontrollierte Religion gelten als typische Merkmale. Offenbar hängt mit diesen unterschiedlichen Stadien ein graduell unterschiedliches Wir-Bewußtsein zusammen. Ein ausgeprägtes Ethnosbewußtsein scheint sich erst bei Häuptlingstümern zu entwickeln und gehört bei den frühen Staaten mit zu den wesentlichen Gemeinsamkeit stiftenden Merkmalen. Für letztere möchten manche Forscher jedoch an die Stelle des Begriffs Ethnos den Begriff Volk setzen 37 . Folgt man solchen Überlegungen, wäre mit der Konstatierung eines Ethnosbewußtseins implizit auch die eines bestimmten gesellschaftlichen Zustandes verbunden, da dieses

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Das folgende, notwendigerweise stark vereinfachte Bild lehnt sich an neuere zusammenfassende Ubersichten von Timothy Earle an (Earle, Evolution; Johnson / Earle, Evolution). Vgl. den stärker auch antizyklische Entwicklungen berücksichtigenden Vorschlag von Stefan Breuer (Staat, insbes. 17-74). Service: , b a n d F r i e d : ,egalitarian societyEarle: family level society'. Service, Earle: ,tribe' bzw. ,local group'·, Service: ,big-man-society'; Fried: .egalitarian /ranked society'. Service, Fried, Earle: ¿tate'. ζ. Β. Mühlmann, Ethnogonie.

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etwa den familiär geprägten Gesellschaften (,band\ ,tribe') fremd sei, oder, anders betrachtet, die ethnische Fragestellung sei nur bei bestimmten Gesellschaftsformen sinnvoll. Uberträgt man diese Überlegungen in die Merowingerzeit, die sich nach den skizzierten Kriterien zwischen komplexem Häuptlingstum und frühem Staat bewegt, wäre die ethnische Fragestellung zweifelsohne gerechtfertigt; andererseits wäre auch im frühmittelalterlichen Europa in unterschiedlichen Zeiten und Räumen je nach dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ein unterschiedliches Stadium der Ethnien und des Ethnos-Bewußtseins denkbar.

Emische Betrachtung versus etische Betrachtung Vergleichende Untersuchungen zwischen verschiedenen Ethnien wie die obige Diskussion führen zum Konflikt mit dem Primat der teilnehmenden Beobachtung und der ausschließlichen Sicht der Ethnien aus sich selbst heraus. Dieser Konflikt wird in der Ethnologie üblicherweise mit dem Begriffspaar emisch / etisch benannt, das auf den Linguisten Kenneth L. Pike zurückgeht. Es stellte die teilnehmende, .emische' Sicht fremder Kulturen von innen, aus ihrem eigenen Verständnis heraus, einer .etischen' Betrachtung von außen her gegenüber38. Die quellenkritische Diskussion, inwieweit eine konsequent emische Sicht überhaupt möglich sei39, und das Bedürfnis nach interkulturellen Vergleichen erfordern bisweilen Begrifflichkeiten und Sichtweisen, die von außen an die Menschen und Gesellschaften herangetragen werden. So ist es beispielsweise bei der Frage nach Verwandtschaftssystemen üblich, die in der jeweiligen Gesellschaft geglaubten Beziehungen und die dafür verwendeten Bezeichnungen mit den biologischen Gegebenheiten zu konfrontieren 40 .

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J. Stagi in: Schmied-Kowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 24. - Ausführlicher zur Begriffsgeschichte und Problematik: Müller, Begriffe. Das vor allem auf Bronislaw Malinowski (1884-1942) zurückgehende Ideal der emischen, teilnehmenden Beobachtung wurde später anläßlich von Parallelstudien verschiedener Forscher am gleichen Ethnos entschieden relativiert. Als klassische Beispiele gelten Studien von Robert Redfield und Oscar Lewis am Dorf Tepoztlan (Mexiko) oder Margaret Read und Reo Fortune in Neuguinea (dazu: H. Fischer in: Fischer, Ethnologie 90 ff.). - Wie ein amüsant-lesenswerter Artikel von Hans Peter Duerr (Uber die Grenzen einer seriösen Völkerkunde oder: Können Hexen fliegen? In: Schmied-Kowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 381-391) zeigt, führt eine konsequent emische Sichtweise u. a. zu der Erkenntnis, daß Hexen fliegen können. Zur .Verwandtschaft' in der Ethnologie: Müller, Verwandtschaft 145 ff.; E. W. Müller, Sozialethnologie. In: Fischer, Ethnologie 149-183. - Ein ähnliches Beispiel zum Nutzen der Kontrastierung von emischer und etischer Betrachtung wäre die Gegenüberstellung von

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

Gerade aus der Gegenüberstellung von emischer und etischer Sicht entstehen wesentliche Erkenntnisse. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion erscheint es fraglich, inwieweit es - wie oben postuliert - nützlich ist, Ethnien einzig aus ihrer Selbstsicht heraus zu konstatieren. Die skizzierten Probleme mit dem Ethnosbegriff und einer allgemeingültigen Ethnos-Definition haben viele Ethnologen dazu geführt, die ethnischen Einheiten als wenig relevant zu erachten und sich anderen Fragestellungen zuzuwenden41, oder die Existenz von Ethnien grundsätzlich zu bezweifeln42. Diese Diskussion dauert an, sie kann hier ob ihrer Komplexität nicht nachgezeichnet werden. Die Argumente gegen die Existenz von Ethnien sind ähnlich denen, die auch in der ,New Archaeology' gegen Kulturen als reale Einheiten vorgebracht werden, so daß auf diese unten zu schildernde Diskussion verwiesen werden kann.

Ethnicity Ein schmaler Sammelband des norwegischen Ethnologen Fredrik Barth hat die Diskussion mit der Prägung des Begriffes ,ethnicity' neu belebt43. Er verschiebt unter weitgehender Beibehaltung des üblichen Ethnoskonzepts 44 den Schwerpunkt der Betrachtung von der Frage der Existenz der Ethnien und von der mechanisch-additiven Schilderung ihrer Merkmale hin zu einem anderen Aspekt: was sind die konstituierenden, identitätsstiftenden Merkmale

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Geschlecht im biologischen Sinne (sex) und Geschlecht im sozialen Sinne {gender) oder die Kontrastierung von biologischem Alter und sozialem Alter. z. B. Funktionalismus (Malinowski, Radcliffe-Brown), Strukturalismus (Lévi-Strauss) usf.: K. E. Müller in: Fischer, Ethnologie 43 ff. mit weiterer Literatur. z. B.: E. Leach, Tribal ethnography: past, present, future. In: Tonkin u. a., Ethnicity 34-47. Man vergleiche dazu die Erwiderung von Raymond Firth im gleichen Band (ebd. 48-52). Barth, Ethnic groups. In einer gründlichen Literaturstudie wies M. Heinz (Ethnizität) nach, daß der Begriff und einige mit ihm verbundene Inhalte schon vor Barth in der Diskussion standen. Dennoch scheinen ,die Ethnologen' gemeinhin Barth als Begründer des EthnizitätsBegriffs zu sehen - ein schöner Fall einer putativen Ursprungslegende im Bereich der Wissenschaft. - Anscheinend unabhängig davon ist eine verwandte Sichtweise, ebenfalls unter dem Begriff Ethnizität, in der Soziologie entwickelt worden: E. K. Francis, Interethnic relations. An essay in sociological theory (New York u. a. 1976). Vgl. Giddens, Sociology 296-341. - Eine umfassende Ubersicht über die Diskussion zum Schlagwort .ethnicity' mit archäologischer Blickrichtung bietet nun: Jones, Ethnicity, insbes. 56 ff. (vgl. K. Matthews, Antiquity 72, 1998, 464-465). Ihre Studie erschien leider erst, nachdem wesentliche Teile meiner Arbeit abgeschlossen waren, und konnte hier nicht mehr im wünschenswerten Umfang berücksichtigt werden. Barth, Ethnic groups 10 ff.; Heinz, Ethnizität 125 ff.

Moderne Ethnologie

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und sozialen Prozesse, wodurch wird eine Abgrenzung nach außen erzeugt? Dieser Ansatz hat in den 1970-80er Jahren zu einer lebendigen Diskussion und einer beträchtlichen Fülle an Untersuchungen geführt, die sich allerdings stark auf rezente Ethnosbeobachtungen konzentrieren45. Danach definiert heute der .Tübinger Atlas des Vorderen Orients'46: Jïthnische Gruppen sind solche vorwiegend endogamen Gruppen, deren maßgebliche Gruppenkonstituenten aus der Vergangenheit selektierte Traditionen sind. Unter ,Ethnizität' verstehen wir Vorstellungen, Gefühle und Handlungen der Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen. Sie grenzen diese gegenüber anderen gleichen innerhalb von Staaten ab." Neben der Identitätsstiftung und -Sicherung nach innen liegt die Betonung dieses Konzepts auf der sozialen Abgrenzung nach außen. Daraus lassen sich überprüfbare Hypothesen sowohl für den Ethnologen als auch für den Archäologen ableiten. Denn nach dem polythetischen Konzept von .Kultur' ergäben sich innerhalb des (zufällig) beobachteten Ausschnitts zwar scheinbar typische Merkmalskombinationen, an den Rändern aber wegen des diffusen und unterschiedlichen Auslaufens der Einzelmerkmale Vermischungszonen oder Ubergangsbereiche. Im Sinne der Theorie der .ethnicity' wäre dagegen gerade an den Rändern eine besondere Betonung der identitätsstiftenden Merkmale zu erwarten, Vermischungszonen also auszuschließen. In einem weiteren Schritt wird heute unterschieden zwischen .primordialer' und .situativer' Ethnizität47. Unter .primordialer Ethnizität' werden die Bande verstanden, die die Mitglieder der Primärgruppe zusammenhalten, die Vorstellung von der gemeinsamen Abstammung, ein gemeinsames Territorium usf., wobei der umfassenden Solidarität untereinander ein hoher Rang als Merkmal zukommt. Die primordiale Ethnizität ist unauslöschlich und hat zwingenden Charakter. Der Gegenbegriff ist die .situative Ethnizität', die kontextabhängig ist; ein Individuum kann eine andere ethnische Identität annehmen, wenn diese vor-

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Beispiele: A. Cohen (Hrsg.), Urban Ethnicity. ASA Monographs 12 (London 1974); Hackstein, úaral 1; P. A. Andrews, Ethnic groups in the Republic of Turkey. Beih. Tübinger Atlas d. Vorderen Orients Β 60 (Wiesbaden 1989); Tonkin u. a., Ethnicity; A. D. Smith, The politics of culture: ethnicity and nationalism. In: Ingold, Anthropology 706-733; S. Macdonald (Hrsg.), Inside European Identities: Ethnography in Western Europe (Providence 1993). Hier nach: Hackstein, (jara! 1. Zusammenfassend: Heinz, Ethnizität 261 ff.; A. D. Smith in: Ingold, Anthropology 706 ff. Das von Jones, Ethnicity 65 ff. eingebrachte Begriffspaar primordial ethnicity und instrumental ethnicity kreist um eine ähnliche Problematik, hat jedoch im Detail eine abweichende Bedeutung.

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Ethnos: Überlegungen zur Begriíflichkeit

teilhafter ist48. Ein Vorgang, der nicht willkürlich verläuft, da er in seinem sozialen Kontext abgesichert sein muß, d. h. die neue Selbstzuordnung muß vom Umfeld, der eigenen und der fremden Gruppe, akzeptiert werden. Insofern lassen sich die Regeln der situativen Ethnizität erforschen 49 . Beide Zustände, primordiale und situative Ethnizität, werden nicht als sich ausschließend betrachtet, sondern stehen in engem Zusammenhang. Die primordiale Ethnizität beschreibt die Grundprägung des Individuums, die situative Ethnizität kann, aber muß nicht zu einer dauerhaften Änderung der primordialen Ethnizität führen, eher geht es um ein gelegentliches Hin- und Herwechseln50. Eine grundsätzlich neue Lösung der Ethnos-Problematik ergibt dieser Ansatz sicherlich nicht. Er führt aber mit seiner Verschiebung der Fragestellung vom Sein zum Tun zu einer m. E. sinnvollen Veränderung des Betrachtungsschwerpunktes und hat sich gerade in polyethnisch geprägten Situationen bei Feldforschungen mehrfach als fruchtbar erwiesen51. Insgesamt zeigt die knappe Ubersicht Konsens und Probleme der Ethnologen mit dem Ethnosbegriff und deutet an, welche Kriterien häufiger zur Abgrenzung einer ethnischen Einheit dienen. Bei allen definitorischen Unterschieden im Detail ist als gemeinsame Tendenz erkennbar, Ethnien zunächst individuell und aus ihrer eigenen Sicht heraus zu beschreiben und zu verstehen; ein Anliegen, das dem modernen Ansatz der Historiker sehr ähnlich ist und eine allgemeingültige Ethnos-Definition nicht zuläßt. Daneben wird jedoch eine Diskussion deutlich, die zu Gründen auch für eine .etische' Betrachtung menschlicher Gesellschaften nach von außen angelegten Kriterien führt.

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Hackstein, ôaraï 2 ff. Eine Fallstudie über eine polyethnisch besiedelte, rezente Kleinstadt in Jordanien konnte zeigen, daß dort die stärker an das Haus gebundenen Frauen ihre Sprache und Kleidung stärker nach ihrer primordialen Ethnizität orientieren und daran ethnisch leichter unterscheidbar sind. Männer dagegen zeigten situativ zur Konfliktvermeidung im Berufsleben eine deutliche Tendenz zu einer ethnisch neutralen Sprache, Kleidung und Namensgebung. Andererseits wurde beispielsweise situativ auch .fremde' Kleidung getragen, etwa um in deutlicher Absetzung von der primordialen Ethnizität ihrer ländlichen Umgebung Weltläufigkeit und städtische Erfahrung zu demonstrieren (Hackstein, äaral passim). MaKay, Synthesis. In ähnlicher Weise hat unlängst S. Kristoffersen (Norw. Arch. Rev. 28, 1995, 1-17), eine Studie von CI. Lévi-Strauss aufgreifend, den Betrachtungsschwerpunkt beim germanischen Tierstil verlagert, wenn sie nach den mit der Verfertigung jeden neuen Stückes erneut zu bestätigenden oder zu modifizierenden Stilregeln in ihrem gesellschaftlichen Kontext fragt.

Antike Ethnographie

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Antike Ethnographie Viele der von heutigen Archäologen und Historikern benutzten Volksnamen stammen aus antiken Schriftquellen. Es scheint daher sinnvoll, kurz auf den Ethnosbegriff der antiken Ethnographie einzugehen52. Die wesentliche erste Quelle der antiken Ethnographie ist Herodot, der mit seiner Form der Exkurse für viele spätere Beschreibungen auch stilistisch prägend war 53 . Seine Darstellungen schöpfen aus älteren Quellen und Berichten, aber vielfach auch aus eigenen Reisen und Beobachtungen. Die Exkurse sind keinesfalls allein vom naiven Gegensatz Griechen - Barbaren geprägt, sondern gehen durchaus differenziert auf die fremden Völker ein. Herodot schildert den Naturraum, geht auf Verbreitung und Größe der Völker ein, und beschreibt Ursprung, Sprache, Wirtschafts- und Ernährungsweise, Siedlungsform, Tracht, Religion und vieles mehr. Die Kriterien seiner Schilderungen wechseln je nach Kenntnislage stark. Ein durchgehender Zug seiner Ethnographie ist, daß die Ursprungsmythen möglichst immer und meist zuerst geschildert werden, sie galten offenbar als wesentlich. Darüber hinaus werden besonders diejenigen Dinge festgehalten, die von der griechischen Lebensart deutlich abweichen. Insofern erfolgt die Betrachtung von außen und der Gegensatz Kulturvolk Barbaren, den die moderne Ethnologie vermeidet, bleibt ein unterschwelliger Begleiter seiner Ethnographie. Bei Herodot werden Völkerverbände wie etwa Skythen, Babylonier und Karer genannt, die durchaus als künstliche, von außen klassifizierte Einheiten zu sehen sind. Daneben nennt und schildert er jedoch vor allem - ganz im Sinne der modernen Ethnographie - einzelne Völker, die sich wohl auch selbst als solche empfunden haben; kennt er ihre Eigenbezeichnungen nicht, benennt er sie häufig anhand als charakteristisch empfundener Eigenschaften mit griechischen Namen 5 4 . Die römische Ethnographie steht eng in der Tradition der griechischen, scheint jedoch stärker unter praktischen Gesichtspunkten, etwa militärischen,

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Heute überholt: Mühlmann, Methodik 9 ff. - Siehe nun: Κ. E. Müller, Geschichte der Ethnologie. In: Fischer, Ethnologie 23-56 (mit weiterer Literatur); D. Timpe, Ethnologische Begriffsbildung in der Antike. In: Beck, Germanenprobleme 22-40. Amüsant und erhellend für die Selbstreflektion der modernen Ethnologie ist der Hinweis auf Homer und Hesiod als Ethnographen sowie die Relativierung Herodots bei: M. Münzel, Gibt es eine postmoderne Feldforschung? Skizze einiger möglicher Fragen zum ethnologischen Umgang mit Altmodischem. In: Schmied-Kowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 395406, hier: 402 ff. Beispiele: Androphägen (Herodot, Hist. IV 18,3), Melanchlainen (Schwarzmäntel: Hist. IV 20,2; IV 107). Vgl. D. Timpe in: Beck, Germanenprobleme 26 f. mit weiteren Belegen.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

verfaßt worden zu sein, was auch den Inhalt der Schilderungen beeinflußt55. Stärker als zuvor treten künstliche Klassifikationen zu Verbänden höherer Ordnung auf, die von den Völkern selbst wohl nicht immer so empfunden worden sind. So sind etwa die Germanen zunächst einmal eine künstlich klassifizierte Großgruppe verschiedener Völker. Dieser klassifikatorische Ansatz und die Betrachtung von außen unterscheiden sich vom gängigen Ansatz der modernen Ethnologie56. Doch insgesamt spielen auch für die römische Begriffsbildung in starkem Maße die Kriterien eine zentrale Rolle, die auch die heutige Ethnologie nutzt: gemeinsame Ursprungslegende, Sprache, politische und soziale Ordnung, äußere Erscheinung. Bemerkenswert und für die heutige Geschichtsschreibung lästig ist allerdings der gelegentlich nachlässige Umgang mit den Namen der Völker in den spätantiken und bisweilen auch in den frühmittelalterlichen Quellen. Selbst wenn man vielfache Verschreibungen (Verschlimmbesserungen) mittelalterlicher Kopisten in Rechnung stellt, bleibt als Befund bestehen, daß in der Spätantike gerne teils altehrwürdige berühmte Namen auf neu aufkommende, andere Völker übertragen wurden, teils zeitgenössische neue Namen in Zitate älterer Quellen hineinemendiert wurden - die häufige Gleichsetzung von Hunnen und Awaren ist nur ein Beispiel57. Dieser bislang meist in quellenkritischem Kontext diskutierte Befund verdiente es, stärker auch in die Diskussion um antike Ethnosvorstellungen integriert zu werden.

έθνος, gens, natio, Volk:

die Terminologie der frühmittelalterlichen Schriftquellen im Spiegel der Geschichtsforschung Die Schriftquellen des frühen Mittelalters denken ganz selbstverständlich in ethnischen Kategorien - gerade weil dies keinesfalls selbstverständlich ist, bedarf dieser Befund der expliziten Erwähnung. Größere soziale Gruppen werden meist mit ethnischen Substantiven oder Adjektiven bezeichnet, alle anderen denkbaren Kategorisierungen sozialer Gruppierungen treten dahinter

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D. Timpe in: Beck, Germanenprobleme 33 (mit Belegen). Vgl. ebd. die Artikel von W. M. Zeitler, A. A. Lund und H. v. Petrikovits. Ein interessantes Zeugnis, daß solche von außen angelegten Ethnosklassifikationen auch bei einfachen Gesellschaften vorkommen, schildert H. Fischer für Neuguinea (in: Fischer, Feldforschungen 37 f.). Paulus Diaconus, Hist. Lang. 4, 11; Fredegar Π 57. Weitere, umfassend erläuterte Beispiele bei Springer, Eintritt; Springer, Salier.

έθνος, gens, natio, Volk Terminologie der Schriftquellen

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quantitativ deutlich zurück58. Damit setzt, ab dem Ende des 4. Jahrhunderts spürbarer hervortretend, eine .Tribalisierung' oder .Retribalisierung' des Denkens ein, die von vielen Historikern als Reaktion auf die zunehmende äußere Unsicherheit gewertet wird und die der Abgrenzung wie der Identitätsstiftung dient59. Zeitgenössische ethnographische Quellen im antiken oder modernen Sinne sind kaum verfügbar, doch lassen gelegentliche Bemerkungen in den Schriftquellen in der Summe deutlich werden, daß ethnische Unterschiede sich - ohne scharf definierten Kriterienkatalog - letztlich an den schon oben aus der Ethnologie bekannten Merkmalsbereichen festmachen: Sitten und Gebräuche, Sprache, Tracht und Bewaffnung60. Exemplarisch mag dies ein Zitat aus einem Epos zeigen, das im beginnenden 9. Jahrhundert über die Begegnung Karls der Großen mit Papst Leo 799 in Paderborn verfaßt wurde: .Staunend sieht er die Völker (gentes) aus allen Teilen der Welt, verschieden in Verhalten (habitus) und Sprache, Kleidung (vestís) und Waffen'61. Die ethnische Zuordnung eines Individuums war im Frühmittelalter wichtig, was auch den Rechten deutlich wird. Die Gesetze sind stammesspezifisch: Lex Salica, Lex Alamannorum, Lex Baiuwariorum usw. Angesichts nicht geringer Unterschiede zwischen diesen Gesetzen in Verfahren und Bußhöhen konnte es im Konfliktfall wichtig sein, nach welchem Stammesrecht ein Fall zu beurteilen war. Im fränkischen Recht des frühen 7. Jahrhunderts scheint es hier Regelungsbedarf gegeben zu haben; denn im Paragraphen 35 Absatz 3 der Lex Ribuaria wird bestimmt, daß Jeder nach seinem Stammesrecht zu behandeln sei (sog. Personalitätsprinzip). In ihrem Kommentar halten Franz Beyerle und Rudolf Buchner dies für eine erkennbar junge Bestimmung62, das ältere fränkische Recht (Pactus Legis Salicae) aus der Zeit um 500 kennt eine solche Regelung nicht63. Das Gesetz benennt auch das entscheidende Kriterium, nach dem die ethnische Zuordnung erfolgen solle: ubi natus fuit - nach Geburtsort also.

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Mit Hilfe von Worthäufigkeitsuntersuchungen in den einzelnen Quellen ließe sich dieser Befund leicht erhärten und dann vermutlich auch zeitlich abschichten, doch scheinen solche Untersuchungen bislang nicht durchgeführt worden zu sein. W. Pohl, Introduction. In: Pohl / Reimitz (eds.), Distinction 1-15. Eine übersichtliche Zusammenschau der Quellen bietet: Pohl, Difference. Karolus Magnus et Leo Papa 494-496: Iam Leo Papa subit que extemo se agmine rniscet. Quam varias habitu Unguis tam vestís et armis miratur gentes diverses partibus orbis. - Zum Text insgesamt: Ratkowitsch, Karlsepos. F. Beyerle / R. Buchner (Hrsg.), MGH LL nat. Germ, m 2 (Hannover 1954) 146. Die moderne Forschung sieht im Pactus Legis Salicae das ältere fränkische Recht, in der Lex Ribuaria das jüngere fränkische Recht, jeweils für alle Franken, keinesfalls für einen ,salischen' und .ribuarischen' Teilstamm (z. B. Springer, Salier).

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

Vor diesem Hintergrund sind Buchtitel moderner Historiker wie ,Die Goten' oder ,Die Awaren' verständlich, denn sie vollziehen in emischer Sicht Kategorisierungen nach, die im Frühmittelalter üblich waren. Denn deutlicher noch als die Ethnologie sind viele Historiker um eine emische Begrifflichkeit bemüht, was in der interdisziplinären Diskussion berücksichtigt sein will. „Der Historiker möge seine Begriffe der Sprache der Quellen entlehnen" - dieser Forderung Otto Brunners wird vielfach gefolgt64. Es ist ein wichtiges Anliegen historischer Forschung, den Begriffsinhalt dieser den Quellen entnommenen Termini zu verstehen und seine Veränderung in Zeit, Raum und individuellem Gebrauch nachzuvollziehen (.konstative Begriffsdefinition')65. Eine derartige Begrifflichkeit ist sicherlich nicht immer stringent durchhaltbar, weshalb die genannte Forderung nur gemildert und ergänzt durch vorab .künstlich' definierte Begriffe (.präskriptive Begriffsdefinition') umgesetzt wird. Doch haben etwa Wenskus und Wolfram Sinn und Nutzen der konstativen Begrifflichkeit in der historischen Forschung unlängst in auch für Archäologen relevanten Zusammenhängen einleuchtend verteidigt66. Grundlegend für die hier verfolgte Fragestellung war die 1961 publizierte Studie von Reinhard Wenskus, die sich gegen die noch von Vorstellungen des 19. Jahrhunderts geprägte Begrifflichkeit (Stamm, Volk) wandte67. In starkem Maße hatte er die Diskussion der Nachbarwissenschaften verfolgt. Für seine Modellbildung spielte die Ethnologie, vor allem die Forschungen W. E. Mühlmanns, eine große Rolle, die Thesen der Historiker wurden mit denen der Sprachforschung und der Archäologie verglichen. Systematisch hatte er

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Brunner, Grundfragen passim, insbes. 163 f. u. 440. Heute wird dies bei grundsätzlicher Zustimmung etwas distanzierter gesehen: Schieder, Geschichte 118; Wolfram, Ethnogenese 98; Wolfram, Österreich 311. - Zu der verwandten Diskussion in der Ethnologie um eine emische oder etische Sichtweise siehe oben S. 45 f. Charakteristisch für diesen Ansatz und wichtig in unserem Zusammenhang: Reinhart Koselleck, Volk, Nation Kap. I. In: Geschichtliche Grundbegriffe 7, 142-151; Fritz Gschnitzer, Volk, Nation Kap. Π. In: ebd. 151-171; Werner, Volk. R. Wenskus in: Beck, Germanenprobleme 1-21; H. Wolfram in: Beumann / Schröder, Ethnogenese 98. Wenskus, Stammesbildung. Das Werk hat anscheinend nur wenige zeitnahe Besprechungen erfahren, der 1977 erschienene unveränderte Nachdruck scheint mir Indiz für eine zweite Rezeptionsphase zu sein. Rezensionen aus archäologischer Sicht: R. v. Uslar, Germania 43, 1965, 138-148; R. Hachmann, Histor. Zeitschr. 198, 1964, 663-674. - Zum Begriff gens nun sehr anschaulich: Wolfram, 3 Goten 18 ff.; vgl. W. Goffart, Speculum 57, 1982, 444-447. Eine knappe Zusammenfassung seiner Thesen bietet R. Wenskus in: H E G 1 § 4-5, 94 ff., inbes. 102 f.

έθνος, gens, natio, Volk: Terminologie der Schriftquellen

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die verschiedenen Aspekte des Stammesbegriffes beleuchtet: Abstammungsgemeinschaft, Heiratsgemeinschaft, Rasse (genetische Gruppe), Friedens- und Rechtsgemeinschaft, Siedlungsgemeinschaft, Sprach- und Kulturgemeinschaft. Angewandt auf die Germanen der Römischen Kaiserzeit und die Stämme der Merowingerzeit zeigte er, daß alle genannten Kriterien auf Stämme zutreffen können, ja häufig auch zutreffen, daß aber immer wieder auch Belege für das Gegenteil beigebracht werden können. Nachdrücklich zeigte er auf, wie sehr diese Gruppen ,im Fluß' sind, d. h. Stämme entstehen und verschwinden, wobei Abspaltungen, Anlagerungen, Akkulturationsprozesse etc. eine große Rolle spielen. So zielte seine Untersuchung in starkem Maße auf die Erfüllung der Forderung, möglichst quellennah und individuell einzelne Gruppen zu beschreiben und zu verfolgen. Als zentraler, den zeitgenössischen Quellen entlehnter Begriff diente ihm der Terminus gens, mit dem sich die frühmittelalterlichen Stämme oder Völkerschaften (unter anderen) selbst benannten. Eine Untersuchung der verschiedenen konkurrierenden Begriffe (gens, regnum, populus, natio) ließ feine Unterschiede in ihrem Begriffsinhalt deutlich werden, wobei gens als der für diese Zeit angemessenste erkennbar sei68. Diese gentes waren politische und militärische Personenverbände, die sich als Abstammungsgemeinschaft verstanden, selbst wenn sie es realiter nicht waren, und die unter der Führung eines Königs (rex) standen. Die gens mit dem König an der Spitze und dem Heer als Zentrum des Personenverbandes und nicht etwa ein abstraktes Staatswesen oder ein konkretes Siedlungs- oder Herrschaftsgebiet bestimmten das politische Denken der Völkerwanderungszeit69; ihre geglaubte Identität und Uberlieferungen bilden den .Traditionskern' einer gens70. Der gentile Bezug der sozialen Verbände wird klar greifbar an der Selbstnennung der Könige; sie hießen rex. francomm und rex langobardorum, nicht etwa rex

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Werner, Volk. Unser heutiges Bild der germanischen Gesellschaftsstrukturen ist stark von den Nachrichten antiker Autoren geprägt, insbesondere von Caesar und Tacitus, wonach ein patrilineares vorfahren-bezogenes Verwandtschaftssystem galt. In einer sehr sorgfältigen und quellennahen Studie hat der Historiker A. C. Murray (Kinship) dieses Bild einer clan-orientierten Gesellschaft überprüft und zumindest für die Merowingerzeit mit m: E. überzeugenden Argumenten verworfen. Er glaubt ein bilaterales ego-bezogenes Verwandtschaftssystem nachweisen zu können. Sollte sich diese Sicht erhärten lassen, wäre für die Merowingerzeit die Vorstellung von vorfahren-bezogenen patrilinearen gentes (= Clans) als Kern des WirBewußtseins nicht haltbar. - Vorsichtiger, aber im Tenor durchaus vergleichbar schon: J. Fleckenstein, Grundlagen und Beginn der deutschen Geschichte. Deutsche Geschichte 1 (Göttingen 1974) 19 f. Zum Begriff .Traditionskern': Wenskus, Stammesbildung passim, insbes. 64 ff.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

frandae oder rex langobardiae. Entscheidend für die Mitgliedschaft in einer gens war nicht die Stellung von Geburt her, sondern letztlich die Selbstzuordnung des Einzelnen. So konnten neue gentes, wenn sie politisch erfolgreich waren, durch Zulauf rasch wachsen71. Die geglaubte Tradition und der König als militärischer Führer, aber auch als Verteiler von Prestigegütern in Form von Geschenken, Ehrentiteln oder Beuteanteilen stifteten Identität. Die moderne Forschung betont jedoch wie schon Wenskus, daß diese gentilen Identitäten stark im Fluß sein können und ihr Niederschlag in den Schriftquellen vielfach von antiken und zeitgenössischen topoi durchzogen ist, die nicht notwendigerweise auch eine gelebte Realität widerspiegeln72. Die eingehenden Studien von Keller und Geuenich zur Ethnogenese der Alemannen, aber auch die umfassendere Beleuchtung der Begrifflichkeit im Frühmittelalter durch K. F. Werner haben unterstrichen, daß sich für Alemannen und Franken der Begriffsinhalt schon in der Merowingerzeit deutlich wandelte73. Die räumliche Ordnung des fränkischen Reichs unter den Merowingern vor allem im 7. Jahrhundert verschob diese gens vom völkerwanderungszeitlichen Personenverband zu einer gens als Lokal- und Rechtsbegriff. Die räumliche Definition der merowingischen Ducate, die mit einer Gesetzgebung einherging {lex alamannorum, lex baiuwariorum), veränderte allmählich die Auffassung der gentes: Mitglied der gens alamannorum war, wer im ducatus alemannorum und nach alemannischem Recht lebte74. Die Terminologie der modernen Historiker benutzt also möglichst die zeitgenössischen Begriffe, deren Bedeutung erforscht und nachvollzogen wird. Danach wird für die Merowingerzeit der Begriff gens benutzt, der innerhalb dieses Zeitabschnitts offenbar einem deutlichen inhaltlichen Wandel unterworfen ist und daher möglichst genaue Zustandbeschreibungen erfordert.

Die Terminologie der Sprachforschung Die Terminologie der älteren Sprachwissenschaft kann knapp und einfach am Beispiel der Germanen beschrieben werden: Germane ist, wer die erste germa-

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Pohl, Ethnogenesen, insbes. 96. Zuletzt, mit zahlreichen Quellenbelegen: Pohl, Difference. Werner, Volk, hier vor allem: 219 f. Möglicherweise findet die Ethnogenese der Baiern erst durch diese Prozesse ihre klaren Konturen. So angedeutet bei: Werner, Volk 220.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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nische Lautverschiebung mitgemacht hat75. Die gemeinsame Sprache galt als konstituierendes Element eines Volkes. Hinter dieser Sicht stand der spezifische Forschungsansatz der Sprachforschung, der eher auf Regelhaftigkeiten und hierarchische Systematisierung hin abzielte denn auf historische Individualität76. Insofern sind die Zielsetzungen der Sprachforschung nur schwer mit der historischen (und prähistorischen) Terminologie vereinbar77. Die moderne Sprachforschung ist dem Ansatz der Historiker gefolgt, der das Eigenbewußtsein der Ethnien in das Zentrum stellt, und vermeidet es, ihre Sprachräume unmittelbar mit einem ethnischen Begriff zu verbinden. Denn Sprache und Wir-Bewußtsein decken sich häufig nicht, sei es, daß es innerhalb eines weitgehend homogenen Sprachraumes zur Herausbildung separierter Ethnien kam, sei es, daß sich Menschen auch ohne einheitliche Sprache als Wir-Gruppe fühlten78. Gerade das Frühmittelalter bringt eine Fülle von Belegen für polyglotte Ethnien und für die Mehrsprachigkeit weiter Bevölkerungsteile79, die erst durch die neuzeitlichen Nationalstaaten, ihre Grenzen und normierenden Schriftsprachen zugunsten einer weitgehenden Einsprachigkeit zurückgedrängt wurde.

Ethnos und Kultur in der Archäologie In der deutschsprachigen prähistorischen Archäologie wird heute zur Bezeichnung räumlich-zeitlicher Einheiten meist der Begriff Kultur, seltener der Begriff Ethnos (Volk, Stamm) verwendet. Diese Begrifflichkeit hängt mit theoretischen Positionen und der Forschungsgeschichte zusammen. Eine umfassende Begriffsgeschichte soll hier nicht geschrieben werden, da dazu auf einen nützlichen, von Rolf Hachmann herausgegebenen Sammelband ver-

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Etwas umfassender erläutert bei: W. P. Schmid, Alteuropa und das Germanische. In: Beck, Germanenprobleme 155-167, insbes. 155 f. Die Problematik dieser präskriptiven Begrifflichkeit hat unlängst R. Wenskus aus der Sicht des Historikers diskutiert: Wenskus, Germanenbegriff. Eine kurze, prägnante Forschungsgeschichte findet sich bei: P. S. Ureland in: Ureland, Sprachen und Völker 7 ff. Vgl. dazu die einleitenden Bemerkungen zum Mannheimer Kolloqium 1984 von E. Oeser (in: Ureland, Sprachen und Völker 1 ff.) und P. S. Ureland (ebd. 7 ff.). Als Beispiel für das erstere dienen etwa Polen und Tschechen im 10./11. Jahrhundert oder Serben und Kroaten in der Neuzeit, für das letztere die deutsche Nation im Mittelalter (F. Graus in: Ureland, Völker und Sprachen 71 ff.). z. B. J . Jarnut in: Ureland, Völker und Sprachen 83 ff.; W. Pohl ebd. 93-101, insbes. 98 f.; Pohl, Difference 22 ff.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

wiesen werden kann 80 . Im folgenden möchte ich lediglich exemplarisch einige Positionen schildern, die mir zum Verständnis des heutigen Standes notwendig erscheinen81.

.Kultur' Die prähistorische Archäologie bedarf in ihrer Alltagsroutine einiger Termini technici zur Bezeichnung sinnvoller zeit-räumlicher Einheiten. Hierfür wird zumeist der Begriff .Kultur' benutzt. Ein Bodendenkmalpfleger, der bei einer Feldbegehung einige spezifisch verzierte, handgemachte Scherben und ein bestimmtes Steinbeil aufsammelt, wird von einer Fundstelle der ,bandkeramischen Kultur' sprechen. Damit ist, wenn auch meist unbewußt, der Komplex sinnvoll einem Kulturkreis zugewiesen, der sich u. a. durch eine typische Keramik, bestimmte Steingeräte, typische Hausformen und eine bestimmte Siedlungsweise auszeichnet. Da Gräber aus dieser Zeit seltener gefunden werden, würde man hier ab einer gewissen Menge an Funden eine Siedlungsstelle erwarten, was etwa im Falle einer Gefährdung des Platzes durch einen geplanten Straßenbau zu sinnvollen, gezielten weiteren Unternehmungen führen könnte, da durch die Klassifikation vernünftige Erwartungen an das noch zu Findende geknüpft sind. Eine rein zeitlich orientierte Begrifflichkeit leistet dies nicht, denn im gleichen Jahrtausend und im gleichen Raum wäre durchaus eine Fundstelle des Spätmesolithikums denkbar 82 , die etwa im Hinblick auf eine Grabungsplanung ganz anders zu behandeln wäre. Sähen die gefundenen Scherben ein wenig anders aus, was wiederum im gleichen Raum und im gleichen Jahrtausend möglich wäre, würde man den Fundplatz etwa als ,La Hoguette' ansprechen. Hier würde im derzeitigen Sprachgebrauch der Begriff .Kultur' noch vermieden, da über die weiteren mit dieser eigenartigen Keramik verbundenen Spezifika bislang nur wenig bekannt ist 83 , gleichzeitig wäre jedoch mit dieser Klassifikation die große Bedeutung des Platzes deutlich und würde sicherlich rasch zu umfangreichen Untersuchungen führen. Das Beispiel soll den archäologischen Fachalltag

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Hachmann, Kulturbegriff. Eine knappe, allgemeine Forschungsgeschichte der Faches gibt: Kossack, History. Insofern meinen meist auch scheinbar rein zeitlich formulierte Begriffe wie ,Spätmesolithikum' eher, wenn auch oft unscharf umrissene Kulturen im Sinne der Kulturkreislehre. Gerade die Vermeidung des Begriffes .Kultur' für solche noch wenig erforschten Phänomene unterstreicht, wie deutlich der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch auf Kulturkreise, auf eine zeit-räumlich begrenzte Kombination typischer Merkmale hin orientiert ist.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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verdeutlichen, in dem solche .Kulturen' übliche und nützliche Termini sind, ohne daß damit notwendigerweise eine tiefgehende Reflektion über den Kulturbegriff einhergeht.

Gustaf Kossinna Der Begriff έθνος und die ethnische Fragestellung sind in der Ur- und Frühgeschichte eng mit dem Namen Gustaf Kossinna (1858-1931) verbunden 84 . Nach einem Studium in Göttingen, Berlin, Leipzig und Straßburg wurde er 1881 mit einer Studie zur Grammatik des Althochdeutschen als Germanist promoviert 85 . Nach Forschungen auf dem Gebiet der Ur- und Frühgeschichte wurde er 1902 zum Professor ernannt und erhielt den (unbezahlten) außerordentlichen .Lehrstuhl für deutsche Archäologie' in Berlin. Die ethnische Fragestellung stand im Zentrum seiner Interessen. Im persönlichen Umgang offenbar schwierig, in seinen Schriften vielfach polemisch und in seiner Argumentation mehr zu Kürze und Andeutungen neigend als zu Ausführlichkeit, ist es nicht leicht, seine Begrifflichkeit und den damit verbundenen methodischen Ansatz treffend zu schildern. Die sein ganzes wissenschaftliches Leben ausfüllende Fragestellung und Methodik vertrat er erstmals öffentlich in einem 1895 in Kassel gehaltenen Vortrag 86 . Später formulierte er seine Grundannahme in einem Lehrsatz87: BScharf umgrenzte archäologische Kulturprovinzen decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern oder VölkerstammenEine präzisere Variante stammt aus dem Jahre 192688: „Streng umrissene, scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- oder Stammesgebieten zusammen Dabei bildete Volk bei Kossinna den Oberbegriff; ein Volk in seinem Sinne

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Kossinna war jedoch keinesfalls der erste Archäologe, den derartige Fragen bewegten. Dazu mit Belegen: Jacob-Friesen, Grundfragen 137 ff.; Trigger, History 148 ff.; Kossack, History 79 ff. Zur Biographie Kossinnas: Eggers, Einführung 199 ff.; Klejn, Kossinna; Smolla, Kossinna; G. Smolla, in: Germania 64, 1986, 682-686; Kossack, History 82 ff.; W. Adler in: Hachmann, Kulturbegriff 33 ff.; von Krosigk, Nachlaß Kossinna. - Nützlich und für die Zeitgeschichte lesenswert bleibt die Huldigungsschrift seines Schülers und überzeugten Nationalsozialisten Rudolf Stampfuß (Gustaf Kossinna - ein Leben für die Deutsche Vorgeschichte [Leipzig 1935]). Kossinna, Ausbreitung. Zitiert nach der ersten monographischen Publikation von 1911, die in ihrem polemischen Stil und in ihrer Kürze (30 Seiten) typisch ist: Kossinna, Herkunft 3. Kossinna, Ursprung und Verbreitung 15.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

konnte aus verschiedenen Stämmen bestehen89. Im Vergleich zu der heute auf die Selbstsicht zielenden Begrifflichkeit der Historiker und vieler Ethnologen muß sein Volksbegriff als klassifikatorisch bezeichnet werden, denn Kossinna verwendete neben überlieferten Stammesnamen ζ. B. mit dem Begriff Karpodaken eine nur ephemer belegte oder mit den Ostgermanen eine historisch nie bezeugte, sondern aus der zeitgenössischen Sprachwissenschaft übernommene, künstliche Einheit90. Die Frage nach dem Wir-Bewußtsein seiner Völker stellte Kossinna nicht. Die Kulturprovinzen ergaben sich aus der übereinstimmenden Verbreitung mehrerer verschiedener Phänomene, Kossinna nannte ζ. B. Gefäßtypen, Bestattungsformen und Grabbeigaben; ebenso forderte er übereinstimmende anthropologische Merkmale (Rasse) und in den jüngeren Epochen auch eine gemeinsame Sprache91. Zwar sei die Verbreitung von Einzelerscheinungen etwa auch durch Handel o. ä. denkbar, aber die regelhafte Kombination solcher Merkmale könne nur durch ein Volk entstehen und verbreitet sein. Insofern ziele seine ethnographische Vorgeschichte oder ethnologische Archäologie nicht auf Kulturkreise, sondern auf Völker92. Ein zweiter wichtiger Schritt nach der Herausarbeitung eines Volkes war für Kossinna die Verfolgung der Phänomene durch die Zeit, denn daran lasse sich die zeitliche Tiefe beobachten sowie Abwanderungen, Zuwanderungen und ähnliches93. Ausgehend von historisch bezeugten Stammesgebieten einerseits und zeitgleichen archäologischen .Völkern' versuchte er, durch sukzessive Rückschreibung die Herkunft vorwiegend der Germanen zu klären, was ihm s. E. bis weit ins Neolithikum gelang94.

Kulturkreise Für ein anderes bedeutendes Paradigma aus diesem Abschnitt unserer Forschungsgeschichte stehen die Begriffe Kultur und Kulturkreis. Der Begriff Kultur, der im 18. Jahrhundert in der Philosophie der Aufklärung eine weitaus umfassendere Bedeutung gewann als der ursprünglich engere Wortsinn

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Kossinna, Herkunft 5. Die καρποδάκαι sind in der antiken Literatur nur einmal erwähnt (Zosimus IV 34); dazu und zu den etwas besser bezeugten Carpi·. RE ΠΙ,2 (1899) 1608-1610. Kossinna, Herkunft 11. Kossinna, Herkunft 13 u. 15. Kossinna, Herkunft 17. Kossinna, Ursprung und Verbreitung.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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von lateinisch cultura (Landbau)95, findet sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in der archäologischen Literatur, wo er im Sinne eines klassifikatorischen Ordnungsbegriffs zur Benennung von zeitlich und räumlich ähnlich erscheinenden Komplexen benutzt wurde96. Der Begriff Kulturkreis, zunächst rein deskriptiv verstanden, scheint erstmals von dem Ethnologen Friedrich Ratzel (1844-1904) verwendet worden zu sein und wurde bald von Leo Frobenius (1873-1938) übernommen 97 . Später, ab etwa 1904, wurde daraus durch Fritz Graebner (1877-1934), Bernhard Ankermann (185943) und vor allem Pater Wilhelm Schmidt (1868-1954) eine umfassendere Theorie entwickelt, die als Kulturkreislehre bezeichnet wurde98. Unter Kulturkreis wurde ein Gebiet mit einem charakteristischen Komplex von Kulturelementen verstanden, die auf dieses Gebiet begrenzt sind. Die Kulturkreislehre war um eine weitläufige Betrachtung bemüht, sie wollte solche Kulturkreise durch eine möglichst objektive Beschreibung verschiedener Völker und eine systematische Kartierung der Merkmale weltweit verfolgen und über die rezente Beobachtung hinaus historische Tiefe gewinnen (Kulturschichten), um auch genetische Prozesse und Migrationen beobachten zu können. Das theoretische Modell, über das sich zeitliche Tiefe gewinnen lasse, ist der Diffusionismus·. viele Erscheinungen seien anfangs nur kleinräumig verbreitet. Im Laufe der Zeit könnten sie sich, etwa als überzeugende technische Innovation, weiter ausbreiten. Daher seien enge Formenkreise jung, ausgedehnte Formenkreise dagegen wohl alt. In der Praxis wurden die besuchten Regionen recht umfassend erfaßt und kartiert, neben den in der Ethnologie üblichen Beobachtungsfeldern wie Verwandtschaftssystem, soziale Organisation, Riten usw. spielte die Untersuchung der materiellen Kultur immer eine bedeutende Rolle (Hausbau, Bewaffnung, Kleidung und Alltagsgerät)99. Die Kulturkreise galten

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R. Hachmann, Einleitung. In: Hachmann, Kulturbegriff 9 ff. So folgt E. Meyer (Altertum, insbes. I 21 f.) sicherlich dem zeitgenössischen Sprachgebrauch, wenn er von Ägyptischer, Griechischer, Trojanischer oder Mykenischer Kultur spricht. Dabei setzt er Volk und Kultur gleich, während der Begriff Kulturkreis bei ihm offenbar als Oberbegriff dient, der mehrere trennbare Einheiten klassifikatorisch zusammenfaßt. Vgl. für den englischsprachigen Raum: Trigger, History 148 ff. Ratzel, Völkerkunde, z. B. p. 5; 14; 19. L. Frobenius, in: Petermanns geographische Mitteilungen 43, 1897, 225; ders., ebd. 44, 1898, 193. Schmidt, Ethnologie 161 ff.; 205 ff. Eine sorgfältige Begriffsgeschichte findet sich bei Leser, Kulturkreis. Zusammenfassende Übersichten: W. Hirschberg in: Hirschberg, Wörterbuch Völkerkunde 271-273; K. E. Müller in: Fischer, Ethnologie 38 ff.; K. E. Müller in: SchmiedKowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 197-232. Man blättere etwa in den Jahrgängen 1900-1920 der .Zeitschrift für Ethnologie'. Als konkrete Beispiele: F. Gräbner, ebd. 37, 1905, 28 ff.; B. Ankermann, ebd. 37, 1905, 54 ff.; W. Schmidt, ebd. 45, 1913, 1014 ff.

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Ethnos: Überlegungen zur Begriíflichkeit

nicht als abstrahierende Konstrukte, sondern als historisch wahre Phänomene, waren aber in Relation zum Ethnos offenbar Oberbegriffe, die mehrere konkret beobachtete Ethnien zusammenfassen konnten. Heute gilt die Kulturkreislehre in der Ethnologie als überholt. Dies hängt mit einem ganz allgemeinen Paradigmenwechsel zusammen, aber auch mit den bald offenbar werdenden Schwächen der Kulturkreislehre selbst100. In der statischen Summierung der Kulturmerkmale ging der Mensch und seine sozialen Verhältnisse verloren, die rückschreibenden historischen Konstruktionen erwiesen sich als unhaltbar101. Daher konnte oben für die Ethnologie auf eine entsprechende Begriffsdiskussion verzichtet werden. Für die Ur- und Frühgeschichte ist der Begriff jedoch wichtig, da in unserer Forschungsgeschichte das Kulturkreiskonzept eine größere Rolle spielte102. Als theoretische Schrift in diesem Sinne kann die Studie von Karl Hermann Jacob-Friesen gesehen werden, die zwar auch eine Auseinandersetzung mit G. Kossinna und seiner ethnischen Fragestellung darstellt, vor allem aber eigenständig für eine sorgfältige Methode zur Untersuchung der urgeschichtlichen Kulturkreise eintrat103. Zunächst zeigte er auf, daß die Verbreitung von Fundtypen durch verschiedene Faktoren des Naturraumes bedingt sein kann 104 . Sodann diskutierte er die verschiedenen anthropogenen Möglichkeiten der Fundausbreitung durch Tausch, Gastgeschenke oder Handel sowie durch Ideenausbreitung oder Völkerausbreitung105. Wolle man hier zu Kulturen oder Kulturkreisen gelangen, sei eine kritisch angewandte »chorologische Methode' notwendig, die die Verbreitung von Fundtypen im Raum untersucht. Aus der Gegenkartierung vergleichbarer, aber räumlich anders verbreiteter Typen ließen sich dann

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Zur frühen Rezeption und Auseinandersetzung in den USA siehe: C. Kluckhohn, Some reflections on the method and theory of the ,Kulturkreislehre'. American Anthropologist NS 38, 1936, 157-196. - Das Verschwinden der Kulturkreislehre ist näher geschildert bei: G. Schlee, Das Fach Sozialanthropologie /Ethnologie seit dem Zweiten Weltkrieg. In: Prinz / Weingart, Innenansichten 306-312, hier: 308. Eine Gesamtwürdigung aus heutiger Sicht bei: K. E. Müller in: Schmied-Kowarzik / Stagi, Grundfragen (2) 197-232. Dort auch ein Abriß der amerikanischen Variante der Kulturkreislehre (.Kulturareallehre'), die stärker auch um eine theoretische Begründung bemüht war. Kossack, History 85 f. - Man erinnere etwa auch einen Buchtitel wie: W. Buttler, Der donauländische und der westische Kulturkreis der jüngeren Steinzeit. Handbuch der Urgeschichte Deutschlands 2 (Berlin, Leipzig 1938). Jacob-Friesen, Grundfragen. ,Biotische', ,edaphische', .orographische', »klimatische Faktoren': Jacob-Friesen, Grundfragen 121 ff. Jacob-Friesen, Grundfragen 145 ff.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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Formenkreise erkennen, die in ihrer Summe die Feststellung von Kulturkreisen zuließen106. Als (Muster-)Beispiel solcher Forschung griff er auf ein Unternehmen zurück, das 1904 von der .Deutschen Anthropologischen Gesellschaft' begründet worden war, nämlich die von Abraham Lissauer und Robert Beltz erstellten Berichte der .Kommission für prähistorische Typenkarten', in denen systematisch über größere Räume hinweg verschiedene metallzeitliche Fundgattungen typisiert und als Fundpunkte auskartiert wurden 107 . Als Publikationsorgan dieser Berichte diente seinerzeit die .Zeitschrift für Ethnologie. Organ der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte' 108 . Die enge Verknüpfung dieses prähistorischen Projekts mit der Kulturkreislehre der Ethnologie wird schon am Publikationsorgan deutlich, denn in den gleichen Jahrgängen veröffentlichten etwa Frobenius und Gräbner Studien zu ihren ethnologischen Kulturkreisen 109 . In seinen .Grundfragen' Schloß Jacob-Friesen die ethnische Fragestellung nicht grundsätzlich aus, forderte aber vorab solchermaßen wohlbegründete Studien zu Kulturkreisen, aus denen sich dann möglicherweise auch Ethnien ableiten ließen110.

Vergleich der Standpunkte Versucht man, in einem Zeitschnitt gegen Ende der 1920er Jahre beide Positionen miteinander zu vergleichen, werden bei allen Unterschieden vor allem auch Gemeinsamkeiten deutlich 111 . Viele Prähistoriker hatten nach grundlegenden Studien zur Typologie und Chronologie den Eindruck, auf diesem Felde über ausgereifte Methoden und ein erstes gesichertes Faktenwissen zu verfügen 112 , so daß nun auch übergreifende Fragestellungen verfolgt werden konnten. Darum war die Stammeskunde Kossinnas ebenso bemüht wie die

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Jacob-Friesen, Grundfragen 170 ff. Vgl. Kossack, History 81 f. A. Lissauer, Zeitschr. Ethn. 36, 1904, 536-607; 37, 1905, 793-847; 38, 1906, 817-862; 39, 1907, 785-831. R. Beltz, Zeitschr. Ethn. 43, 1911, 664-817; 45, 1913, 659-900. Man vergleiche etwa auch die Studie von Lissauer zu den .Kabylen', wo er wie ein Ethnologe der Kulturkreislehre Hausbau, Bestattungssitten, Sachgut und physisch-anthropologische Merkmale beschreibt: A. Lissauer, Archäologische und anthropologische Studien über die Kabylen. Zeitschr. Ethn. 40, 1908, 501 ff. Jacob-Friesen, Grundfragen 230. Als zeitgenössischer Kommentar interessant ist ein Artikel von Albert Kiekebusch, der den Fragestellungen Kossinnas durchaus nahesteht: A. Kiekebusch, Siedlungsarchäologie. In: M. Ebert (Hrsg.), Reallexikon der Vorgeschichte 12 (Berlin 1928) 102-117. Man lese etwa das selbstbewußte Resümee bei Jacob-Friesen, Grundfragen 229 oben.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

Erforscher der prähistorischen Kulturkreise. Beiden Richtungen war interdisziplinäres Arbeiten ein wichtiges Anliegen, wobei Kossinna gemäß seiner Ausbildung eher auf die Sprachforschung zielte und die gemischte Argumentation bei Bedarf nutzte, während Jacob-Friesen darüber hinaus auch die Anthropologie und Völkerkunde stärker berücksichtigte, aber gemischte Argumentationen vermied 113 . Kossinna suchte, weil er Geschichte schreiben wollte, die Völker, weshalb er - wie die ethnologischen Kulturkreisforscher auch über das Sachgut Hinausgehendes berücksichtigen wollte; so nannte er etwa auch den Bestattungsritus als Kriterium, das ethnische Zusammengehörigkeit fassen lasse. Die prähistorischen Kulturkreisforscher waren stärker allein auf das Sachgut hin orientiert und forderten gegen Kossinna vor allem einen sorgfältigeren Umgang mit den archäologischen Quellen 1 1 4 . Die Möglichkeit, daß hinter gut bezeugten Kulturkreisen auch Ethnien stehen könnten, wurde ausdrücklich offen gehalten; allerdings fehlten theoretische Konzepte, wann man statt von Kulturen auch von Ethnien sprechen könne. Als weiteres wesentliches Element des Kossinnaschen Ansatzes muß das sukzessive Zurückschreiben seiner Ethnien in ältere Zeiten gelten. Dieses Element - ein wesentlicher Teil auch der ethnologischen Kulturkreislehre wurde von den archäologischen Anhängern der Kulturkreise sehr kritisch gesehen, aber unter der Voraussetzung einer sauberen Arbeitsweise keinesfalls rundweg abgelehnt. Man solle dann nur nicht mehr, wie in der Frühgeschichte zu Recht, von Völkern, sondern von Kulturen sprechen 115 . Der naive Volksbegriff Kossinnas mit seiner statischen Gleichsetzung von Rasse, Sprache und archäologischer Kultur über langdauernde Zeiten hinweg ist heute durch die Forschungen der Historiker, Völkerkundler und Anthropologen hinfällig geworden. Der von Rolf Hachmann initiierte, akribische Vergleich des Kulturbegriffs bei bedeutenden Prähistorikern der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, Gustaf Kossinna, Paul Reinecke, Martin Jahn, Ernst Sprockhoff, Gero von Merhart, Oswald Menghin und Ernst Wahle, zeigt in

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Im Detail erweist sich Jacob-Friesen hier als erheblich kritischer und eher auf der Höhe des Forschungsstandes. Man vergleiche die in etwa zeitgleich veröffentlichte Sicht Kossinnas zur .nordischen Rasse' (Kossinna, Ursprung und Verbreitung 59 ff.) mit dem entsprechenden Kapitel bei Jacob-Friesen (Grundfragen 6 ff., insbes. 30 ff.). Zu dieser Zeit waren ζ. B. Studien des deutsch-amerikanischen Anthropologen Franz Boas hinreichend bekannt, die abseits genetischer Fragen die starke Abhängigkeit der menschlichen Physis von seiner Umwelt herausgestellt hatten (ζ. B. Boas, Einfluß). Die o. g. Typenkarten von Lissauer und Beltz gelten vor allem wegen ihrer umfangreichen Einzelnachweise der kartierten Stücke als vorbildlich. Jacob-Friesen, Grundfragen 203 f.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

63

den Inhalten und den Methoden letztlich mehr Gemeinsamkeiten denn Trennendes116. Der Unterschied lag im wesentlichen auf der Ebene der Interpretation, d. h. der Frage, ob man die gefundenen Kulturen ethnisch interpretieren könne oder nicht. Wie festgefahren die archäologische Diskussion um Kossinnas Ansatz schon früh war, zeigt exemplarisch die Diskussion zwischen seinen Schülern Ernst Wahle und Martin Jahn. Ernst Wahle hatte in einer 1941 (!) gedruckten Studie an mehreren Beispielen Fehler in Kossinnas Methode nachgewiesen und daher die Möglichkeit einer ethnischen Deutung archäologischer Kulturkreise grundsätzlich bestritten117. Martin Jahn hat seinen Lehrer schon 1941 in einem Aufsatz verteidigt, ausführlicher war sein 1952 (!) publizierter Vortrag vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, als Jahn bereits Professor und Leiter des Landesmuseums in Halle an der Saale war (1946-58)118. Er insistierte darauf, daß sich bei sorgfältiger Arbeitsweise Kulturkreise herausarbeiten ließen, die eben nicht anders als ethnisch zu deuten seien. Im Gegensatz zu Kossinna räumte er jedoch die Möglichkeit von Übergangsbereichen (Mischzonen) ein119. Damit war die Diskussion an einer Glaubensfrage festgefahren120.

Die Diskussion nach 1945 Das Abbrechen des Diskurses zu dieser Problematik hängt in der westdeutschen Archäologie eng mit der Zeitgeschichte zusammen. Die Verknüpfung des geschilderten Volksbegriffs Kossinnas und seiner Methoden mit der später auch bei ihm nationalistisch gesehenen Germanenfrage wirkte politisch polarisierend121. Im Nationalsozialismus wurde die nach Kossinna nunmehr wissenschaftlich nachweisbare weite Verbreitung der (Ur-)Germanen vor

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Hachmann, Kulturbegriff passim. Wahle, Ethnische Deutung; vgl. Ch. Bernard in: Hachmann, Kulturbegriff 125 ff. Jahn, Sackgasse; Jahn, Abgrenzung; vgl. P. Ostermann in: Hachmann, Kulturbegriff 73 ff. Jahn, Abgrenzung 17 ff. - Gerade an der gedanklichen Zulassung von Vermischungszonen wird die hier additiv-mechanische Sicht der Ethnien besonders deutlich. Im Sinne des .ethnicity'-Ansatzes wären gerade an den Rändern sich scharf absetzende Merkmale zu erwarten. Dieser unentschiedene Schwebezustand zwischen plausiblen Deutungsversuchen und theoretischen Einwänden wird m. E. besonders gut an dem Versuch einer wohlabgewogenen Darstellung durch E. Sangmeister deutlich (Methoden der Urgeschichtswissenschaft. Saeculum 18, 1967, 199-244, hier: 235 ff.). Nach Meinung G. Smollas (Kossinna-Syndrom passim) entspringt Kossinnas heute insgesamt irritierende Begrifflichkeit in weiten Zügen dem Zeitgeist. Hinweise für eine Hinwendung Kossinnas zu einem explizit .völkischen' Nationalismus sind s. E. erst ab 1913

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

allem über Hans Reinerth (1900-1990), der in der .Nachfolge' Kossinnas (gest. 1931) im Jahre 1934 auf die damals neu eingerichtete ordentliche Professur für Vor- und Frühgeschichte in Berlin berufen wurde, in die politische Diskussion eingebracht und der Staatsideologie anheimgestellt122. Damit galt nach 1945 die ethnische Fragestellung als grundsätzlich diskreditiert123. Die weitgehende Ausklammerung der ethnischen Fragestellung in der westdeutschen Archäologie nach 1945 wird besonders greifbar an Studien, die über Kulturen, Kulturgruppen, Kulturkreise u. ä. forschen, aber in starkem Maße um raumzeitliche Einheiten bemüht sind, die nicht nur aus einer mechanischen Addition von im Sachgut ablesbaren Formenkreisen bestehen. Als Beispiel nenne ich die eindrucksvolle Studie von Ulrich Fischer, der im mitteldeutschen Neolithikum eine überraschende Kongruenz von Keramikstilen und Bestattungssitten feststellte - eine Beobachtung, die zumindest als deutlicher Hinweis auf ethnische Einheiten diskutiert werden könnte 124 . Die Frage nach der Abgrenzung von Kelten und Germanen für die Jahrhunderte um Christi Geburt blieb auch nach 1945 weiterhin in der Diskussion - allerdings ohne die zeitlich langen Rückprojektionen Kossinnas. Dabei war den Forschern bewußt, daß Kelten und Germanen eine Vielzahl von Ethnien zusammenfassende Oberbegriffe sind. Zentrales Werk der Diskussion war das 1962 erschienene, interdisziplinär angelegte ,Dreimännerbuch', in

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nachweisbar und erscheinen auch dann als innerhalb des Zeitüblichen nicht extrem. Vgl. Klejn, Kossinna, insbes. 19 ff. These 6 ff. - Wie weit jedoch die ideologische Durchdringung reicht, wird exemplarisch deutlich, wenn man Kossinnas .Deutsche Vorgeschichte' (1912) mit einem .ähnlichen' Unterfangen C. Schuchhardts (Vorgeschichte) vergleicht. Bei Kossinna fehlen die nichtgermanischen Kulturen (ζ. B. Lausitzer Kultur, Kelten, Westslawen), die Schuchhardt entsprechend ihren Siedlungsräumen ausführlich darstellt. Bollmus, Rosenberg 153 ff.; vgl. Kossack, History 93 ff. - Wie sehr dies mehr im Sinne eines Sich-Andienens von manchen Archäologen ausging und weniger vom Staat selbst, wird an der o.g. Publikation von Wahle deutlich. Sie zeigt, daß zumindest 1941 das Thema aus der Sicht des Staates als so randlich galt, daß darüber auch öffentlich in kritischer Ablehnung wissenschaftlich gestritten werden konnte. Die strikte Meidung einer wissenschaftlichen Diskussion ethnischer Fragen nach 1945 führte Günter Smolla zur Prägung des Begriffs .Kossinna-Syndrom' (Smolla, Kossinna-Syndrom). Forschungsgeschichtlich interessant ist die neue, von 1950 bis 1963 erschienene Zeitschrift .Archaeologia Geographica', in der H. J. Eggers (ebd. 1, 1950, 1-3) programmatisch zur Erstellung und Deutung von Kartierungen auffordert (vgl. zur Programmatik erneut: H. J . Eggers, Archaeologia Geographica 8/9, 1959/60, 1-6). Er fordert sorgfältige Karten mit Einzelnachweisen (vgl. oben S. 61 Anm. 108 zum Projekt .Prähistorische Typenkarten'), die historisch deutbar sein sollten, ohne jedoch auf eine vorgefaßte ethnische Fragestellung abzuzielen - letztlich ein kurzzeitiges Wiederaufflackern der Kulturkreislehre. Fischer, Saalegebiet; dazu die Rez. von G. Mildenberger, Germania 35, 1957, 132-134. Befund nun von Lüning (Kulturbegriff 148 f. Anm. 20) heftig relativiert.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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dem Georg Kossack die archäologische Argumentation betreute125. In einer recht kursorischen Wanderung über größere Räume in Westeuropa versuchte er, ethnische Strukturen zu erkennen, wobei ihm als archäologische Kriterien im wesentlichen Verbreitungskarten von Fundgattungen und einzelnen Typen sowie Bestattungssitten dienten. Auch für Mitteldeutschland wurde die Frage von Kelten und Germanen intensiv diskutiert126, hier darf mit vielen Aufsätzen Karl Peschel als wesentlicher Forscher genannt werden. Wichtig für die hier verfolgte Fragestellung sind insbesondere sein Ethnoskonzept und die angewandten Methoden. Die Tatsache der Ethnien wird bei ihm aus den Schriftquellen abgeleitet, ihre Siedlungsräume können nach diesen zumindest annähernd skizziert werden. Als Archäologe lieferte er kein eigenständiges Ethnoskonzept, sondern sah seine Aufgabe darin, durch archäologische Zeugnisse die nach den Schriftquellen grob abgesteckten Räume konkreter zu umreißen. So wurden für die Ethnien u. a. Kriterien benannt wie Bewußtsein

gemeinsamer

Abstammung, gleiche Kultausübung und gemeinsam

erlebte

Geschichte127. Zum Nachweis dieser Kriterien wurde ausschließlich auf die schriftliche Uberlieferung zurückgegriffen128. Die konkrete Verortung dieser Ethnien erfolgte mit Hilfe von Karten, die die Verbreitung als charakteristisch empfundener Einzeltypen bzw. Fundgattungen nachweisen129. Studien zu Ethnien im eigentlichen Sinne sind hingegen außerhalb der Frühgeschichte vergleichsweise selten. Zu nennen ist die Arbeit von Joseph Bergmann zur Lüneburger Bronzezeit, die aus seiner Marburger Dissertation von 1941 erwachsen war 130 . In seinem Untersuchungsfeld verzichtete er bewußt auf die Interpretation der Typverbreitungskarten, da s. E. die dadurch möglicherweise gewinnbaren Formenkreise für die ethnische Fragestellung nicht 125

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Hachmann / Kossack / Kuhn, Völker, hier: 69 ff. - Vor allem zum sprachwissenschaftlichen Teil berücksichtige man die Rez. von K. Kraft (Germania 42, 1964, 313-320) und aus heutiger Sicht: Beck, Germanenprobleme. Zunächst spielte die Diskussion über die Chronologie und ethnische Deutung des Gräberfeldes von Großromstedt (Kr. Weimarer Land, Thüringen) eine zentrale Rolle. Dazu ζ. B.: R. Hachmann, Die Chronologie der jüngeren vorrömischen Eisenzeit. Studien zum Stand der Forschung im nördlichen Mitteleuropa und in Skandinavien. Ber. RGK 41, 1960, 1-276, hier 102 ff.; R. Christlein, Datierungsfragen der spâtestlatènezeitlichen Brandgräber Südbayerns. Bayer. Vorgeschbl. 29, 1964, 241-249; K. Peschel, Zur Chronologie und Struktur des elbgermanischen Gräberfeldes Großromstedt. In: Horst / Keiling, Bestattungswesen 131-155. Peschel, Bemerkungen 259. Peschel, Bemerkungen 260 ff. Peschel, Bodenfunde 632 ff. Abb. 2 ff.; Peschel, Kelten u. Germanen Abb. 2, 4, 5, 7 usf. Bergmann, Bronzezeit. Zur Werkgeschichte ebd. 9 mit Anm. 1. - Begleitend: J. Bergmann, Formenkreise der frühen und älteren Bronzezeit in Nordwestdeutschland. In: Actes du VIIe

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

relevant seien. Statt dessen versuchte er, anhand der Ausstattung der Männergräber Bewaffnung und Kampfesweisen zu rekonstruieren und deren räumliche Verbreitung abzustecken. Ahnlich wurden die Frauengräber im Hinblick auf die regionalspezifische Tracht untersucht. Zu diesem Zweck wurden die einzelnen Grabinventare zu fünfzehn Einheiten - drei chronologische Gruppen (Periode Ι-ΙΠ) und fünf Räume - zusammengefaßt131, so daß quantitative Vergleiche möglich wurden 132 . Daraus abgeleitete Räume gemeinsamer Kampfesweise und Tracht, die sich von benachbarten Räumen anderer Traditionen abgrenzen ließen, wurden ethnisch interpretiert 133 . Entsprechend ihrer anspruchsvollen Zielsetzung fand die Arbeit mehrere umfangreiche Besprechungen, die zunächst auf allerlei Mängel im typologisch-chronologischen Bereich und eine angesichts ihrer Fragestellung recht geringe Materialbasis, vor allem aber auf die fehlende Quellenkritik aufmerksam machten 134 . Der Versuch Bergmanns, ohne Überlegungen zu den Bestattungs- und Beigabensitten sowie generell zur Frage der Repräsentativität seiner archäologischen Quellen die Verbreitungskarten unmittelbar historisch zu interpretieren, war methodisch unhaltbar, so daß seine Ergebnisse allgemein verworfen wurden. Wesentlich näher an historische Zeiten rückte eine weitere Untersuchung mit explizit ethnischer Fragestellung, die 1969 abgeschlossene Habilitationsschrift

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congrès international des sciences préhistoriques et protohistoriques, Prague 21-27 août 1966 (Prag 1970) 649-654; ders., Ethnosoziologische Untersuchungen an Grab- und Hortfundgruppen der älteren Bronzezeit in Nordwestdeutschland. Germania 46, 1968, 224-240; ders., Ethnos und Kulturkreis. Zur Methodik der Urgeschichtswissenschaft. Prähistor. Zeitschr. 47, 1972, 105-110; ders., Zum Kulturkreis. Zur Denkweise der Urgeschichtswissenschaft. Archäologische Informationen 2-3, 1973-74, 189-191. - Dazu das trotz des Titels eher als Zusammenfassung der älteren Studien zu sehende Alterswerk: J. Bergmann, Die metallzeitliche Revolution. Zur Entstehung von Herrschaft, Krieg und Umweltzerstörung (Berlin 1987). In dieser prinzipiell notwendigen, aber kaum näher begründeten und später nicht hinterfragten Zusammenfassung sieht Gernot Jacob-Friesen (Germania 51, 1973, 581 f.) einen wesentlichen sachlichen Mangel der Studie Bergmanns. Die quantitative Basis ist mit 307 Gräbern für drei Stufen und fünf Räume nicht sehr umfassend, weshalb Bergmann meinte, auf Prozentzahlen oder statistische Verfahren verzichten zu müssen, und in zusammenfassenden Tabellen nur zwischen ,nie, gelegentlich und häufig' unterschied (Bergmann, Bronzezeit 21 f.). Hingewiesen sei nur auf die anschließende Ebene seiner Studie, in der er den unterschiedlichen und zeitlich sich verschiebenden Reichtum seiner Ethnien betrachtet und daraus historische Prozesse rekonstruiert. Sie ist für die hier verfolgte Fragestellung unbedeutend. H. Behrens, Jahresschr. mitteldt. Vorgesch. 57, 1973, 251-254; J. Driehaus, Nachr. Nieders. Urgesch. 41, 1972, 283-290; G. Jacob-Friesen, Germania 51, 1973, 568-588, insbes. 581 ff. (dazu die Entgegnung J. Bergmanns in: Germania 52, 1974, 161-169); R. Pittioni, Arch. Austriaca 52, 1972, 112-113; K. Tackenberg, Bonner Jahrb. 172, 1972, 601-605.

Ethnos und Kultur in der Archäologie

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von Torsten Capelle135. Für die Zeit zwischen etwa 50 v. Chr. und 200 n. Chr. versuchte er, in einem begrenzten Raum ethnische Strukturen zu erkennen. In sorgfältig abgewogener Argumentation verzichtete er wegen der bekannten Probleme auf die Kartierung von Fundverbreitungen (Formenkreise), sondern versuchte, Tracht- und Bewaffnungskreise zu ermitteln. Dazu wurden 42 Gräberfelder jeweils als Ganzes betrachtet und nach der Häufigkeit entsprechender Fundgattungen und ihrer Kombinationen verglichen. Anhand der Auskartierung der relativen Häufigkeiten dieser Merkmale auf den einzelnen Gräberfeldern gelang es ihm, fünf Gebiete zu umreißen, die jeweils in Tracht und Bewaffnung untereinander ähnlich, von den anderen aber verschieden sind. Anschließend wurden diese fünf archäologisch begründeten Einheiten mit historisch überlieferten Ethnien verknüpft. Die theoretische Position Capelles, die er selbst nicht explizit darlegte, ließe sich danach wie folgt beschreiben: An der grundsätzlichen Existenz von Ethnien in dieser Zeit bestehen keine Zweifel. Sie sind archäologisch zuverlässiger an Tracht- und Bewaffnungskreisen erkennbar denn an Formenkreisen. Ein derart herausgearbeiteter Tracht- und Bewaffnungskreis kann mit historisch überlieferten, lokalisierbaren Namen verbunden werden. Neben dem methodischen Ansatz erscheint mir für die Forschungsgeschichte die Reaktion auf diese Arbeit wichtig. Ahnlich wie bei Bergmann wurde in Rezensionen auf deutliche sachliche Mängel hingewiesen; andererseits scheint die von Capelle vorgenommene ethnische Deutung akzeptiert worden zu sein136. Verallgemeinernd ergibt sich der Eindruck, daß ethnische Studien im Bereich der Frühgeschichte selbstverständlich als möglich erscheinen, weshalb theoretische Überlegungen zum Ethnosbegriff kaum als notwendig erachtet wurden137. Dagegen herrscht bei Studien im Bereich älterer Perioden Skepsis vor; diese drückt sich in einer verhaltenen Terminologie aus, die archäologische Einheiten unterschiedlichster Art nahezu durchweg als .Kulturen' bezeichnet, auch dann, wenn Ethnien gemeint sind138.

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Capelle, Elbgermanen. R. Köhler, Nachr. Nieders. Urgesch. 41, 1972, 290-296; J. Bergmann, Göttingische Gelehrte Anzeigen 225, 1973, 74-90. So verzichtete ζ. B. auch die für die Merowingerzeit sachlich und methodisch wichtige Studie von Hans Zeiß völlig auf eine theoretische Ethnosdiskussion. Er hatte ,im Auftrag des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung' im Zuge der .neuen Aufgaben im Westen' (Ber. RGK 31, 1941, 1) die frühmittelalterliche Besiedlung zwischen Seine und Loire untersucht, um dort romanisch und fränkisch besiedelte Gebiete zu trennen (Zeiß, Seine und Loire; knappe Zusammenfassung: Forsch, u. Fortschritte 19, 1943, 49-51). So auch: U. Veit, Ethnic concepts in German prehistory: a case study on the relationship between cultural identity and archaeological objectivity. In: Shennan, Cultural identity

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

V. Gordon Childe Der geschilderte Ethnosbegriff war, auch wenn die obige Diskussion zunächst diesen Anschein erwecken mag, nicht allein auf die deutschsprachige Forschung begrenzt. Der britische Archäologe Vere Gordon Childe (1892-1957) hatte 1926 in der Einleitung seines damals bedeutenden Werkes über die Urgeschichte des Donauraumes verschiedene, allgemein gebräuchliche Begriffe einer expliziten Definition oder Erklärung unterworfen 139 . Unter .culture' verstand er einen archäologischen Komplex, in dem regelhaft charakteristische Artefakte, Bestattungssitten, Hausformen etc. miteinander kombiniert seien. Diese archäologischen Kulturen seien von Ethnien getragen. Auch bei der Erläuterung des beliebten Begriffs .influence' betonte er, daß dahinter Menschen stünden, die in Kontakt getreten seien 140 . An diesem Kulturbegriff, der im Falle ihrer klaren räumlichen Abgrenzbarkeit auf Ethnien rückschließen lasse, hat Childe auch später festgehalten 141 . Da er diesen Begriff ohne einen nationalistischen oder rassistischen Hintergrund verwendete und für die Archäologie auch nach 1945 ein wichtiger Forscher und Lehrer war, wurde sein Ethnosbegriff außerhalb Deutschlands nicht der o. g. Tabuisierung unterworfen. Seine Forschungen galten vielfach in letztlich historistischem Sinne der Herausarbeitung der individuellen Geschichte solcher Kulturen. Damit bildete sein Kulturbegriff im englischsprachigen Raum den Hintergrund jener .kulturgeschichtlichen' Archäologie, die in den 1950er und -60er Jahren dominierte und dann zum wesentlichen Angriffspunkt der .New Archaeology' wurde.

Ostdeutschland Die Ur- und Frühgeschichtsforschung in Osteuropa nahm nach 1945 in Teilen ebenfalls einen anderen Weg; insbesondere in der D D R wurde die Diskussion um die ethnische Fragestellung und den Ansatz Kossinnas zunächst intensiv fortgeführt. Wesentlich für die staatsnahe offizielle Archäologie wur-

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35-56. Mit L. S. Klejn (Comments) sehe ich dies jedoch nicht als ein Zeichen von Theorielosigkeit, sondern als Ergebnis einer bestimmten, ethnische Fragen dezidiert ablehnenden Theorie. Zu Childe: Fr. Loré in: Hachmann, Kulturbegriff; Wolfram, Theoriediskussion 9 ff.; Trigger, History 167 ff.; D. R. Harris (Hrsg.), The archaeology of V. Gordon Childe (London 1994); P. Gathercole, Childe in history. Inst. Arch. Bull. 31, 1994, 25-52. Childe, Danube S. V f. mit Anm. 1. Childe, Past 111 ff.

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de hier die Überzeugung von der Gültigkeit des marxistischen Geschichtsbildes. Darin kennzeichneten die Begriffe Gens, Stamm, Völkerschaft und Volk Einheiten auf einer bestimmten, unterschiedlichen Stufe der sozialökonomischen Entwicklung142. Der Frage, auf welchem Stand der - insgesamt als bekannt vorausgesetzten - Entwicklung sich die untersuchten Kulturen befanden, kam primäre Bedeutung zu. Erst nach Beantwortung dieser Frage ließen sich innerhalb der Bereiche identischer gesellschaftlicher Entwicklung möglicherweise ethnische Einheiten erkennen. Eine Theorie, wann und wie dies unter Einhaltung der genannten Voraussetzungen möglich sei, scheint nicht formuliert worden zu sein. Für das Frühmittelalter galt die ethnische Fragestellung als nicht mehr wesentlich; denn hier erfolgte nach der marxistischen Theorie der Ubergang zum Feudalismus bzw. zur Klassengesellschaft. Die nun sich formierenden Völker seien von den feudalen Strukturen geprägt gewesen, in denen die Ethnien (= Verwandtschaftsgruppen?) keine Rolle mehr spielten143. Daß trotz dieser theoretischen Position gerade in der ehemaligen DDR in Studien zur Frühgeschichte Völkernamen intensiv auch in Zusammenhang mit archäologischem Fundstoff benutzt wurden, ist eine Diskrepanz, die hier nur festgestellt, aber nicht aufgelöst werden muß. Es scheint mir jedoch wichtig, die verfolgten methodischen Ansätze zu skizzieren. Die Archäologie des Frühmittelalters wurde auf Betreiben des .Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR' durch Autorenkollektive in zwei umfassenden Handbüchern dargestellt, die als kompetente Zusammenfassungen des Forschungsstandes gesehen werden können 144 . Das den Germanen und das den Slawen gewidmete Handbuch sind einander in ihrem Aufbau und im Hinblick auf die ethnische Fragestellung sehr ähnlich. Den Beginn bildete eine Analyse der Schriftquellen, die die historische Gesamtsituation fassen soll, und die zugleich die Frage nach den Siedlungs-

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ζ. Β.: Κ. H. Otto, Archäologische Kulturen und die Erforschung der konkreten Geschichte von Stämmen und Völkerschaften. Ethnogr.-Arch. Forsch. 1, 1953, 1-27; ders., Deutschland in der Epoche der Urgesellschaft. Lehrbuch der deutschen Geschichte, Beiträge 1 (Berlin 1960). Otto a. a. O.; J . Herrmann in: Herrmann, Archäologie 9-28; I. Sellnow in: Herrmann, Archäologie 45-59; H.-J. Brachmann, Archäologische Kultur und Ethnos. Zu einigen methodischen Voraussetzungen der ethnischen Interpretation archäologischer Funde. In: J. Preuß (Hrsg.), Von der archäologischen Quelle zur historischen Aussage (Berlin 1979) 101-121. Insgesamt erscheint die Haltung zu Kossinna ähnlich wie bei der .bürgerlichen' Kritik von Κ. H. Jacob-Friesen, auf den auch häufig Bezug genommen wird: vor der ethnischen Frage sind die Randbedingungen sorgfältig zu klären. Danach wird die Erkennbarkeit von Ethnien für möglich, aber kaum für wichtig gehalten. Die Germanen; Herrmann, Die Slawen.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

räumen der einzelnen Stämme klärte145. Diese anhand der Schriftquellen ermittelten Völker und ihre Siedlungsräume wurden in entsprechenden Ubersichtskarten dargestellt. Die archäologischen Quellen wurden erst anschließend genutzt, um bei der Frage nach der Wirtschaftsweise, der Siedlungsweise und der gesellschaftlichen Struktur die Schriftquellen zu ergänzen. Ein Ethnos-Konzept wurde weder aufgrund der Schriftquellen noch aufgrund der Bodenfunde formuliert. Warum etwa die Wilzen, die Obodriten, die Lipanen usw. Völker oder Stämme waren und in welchem Sinne, und wodurch sie sich gegeneinander abgrenzten oder abgrenzen lassen, sind Fragen, die nicht gestellt wurden. Nach der Theorie sind es sich herausbildende Adelsherrschaften, deren Identität und Zusammenhalt nicht von der Gesamtheit der Bevölkerung abhing, sondern von lokalen Adelssippen bestimmt war146.

Die angloamerikanische Diskussion Mit einem 1962 publizierten Aufsatz von Lewis R. Binford in den USA und einer 1968 in England erschienenen Monographie von David L. Clarke setzte in den 1960er Jahren im angloamerikanischen Raum eine zunächst als ,New Archaeology', heute meist als .Prozessualismus' bezeichnete, u. a. gegen Childe gerichtete Neuorientierung der Forschung ein 147 , die sich in starkem Maße durch theoretische Überlegungen und Modellbildung sowie eine sehr lebendige Diskussion auszeichnete. Da mehrere jüngere Ubersichten zu ihrer Forschungsgeschichte vorliegen, kann auf eine solche Darstellung verzichtet werden148. Die New Archaeology mit ihren vielfältigen Facetten hat nicht nur kein Ethnoskonzept entwickelt, sondern die Fragestellung entschieden verworfen. Archäologie im Sinne der Kulturkreisforschung, im Sinne Kossinnas oder Childes wurde generell als .Historisierende Archäologie* klassifiziert

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Herrmann, Die Slawen 7 ff. mit 54 Taf. 1; Die Germanen 2, 11 ff. mit 13 Abb. 1. Vgl. auch: J. Herrmann, Frühe Kulturen der Westslawen (Berlin 3 1981) 62 ff. L. R. Binford, Archaeology as Anthropology. American Antiquity 28, 1962, 217-225 (Wiederabdruck: L. R. Binford, An archaeological perspective [New York, London 1972] 20-32); Clarke, Analytical Archaeology. - Vgl. T. Champion, Theoretical Archaeology in Britain. In: Hodder, Archaeological Theory 129-160. Wolfram, Theoriediskussion; Härke, Großbritannien; Trigger, History; Hodder, Archaeological Theory (dazu: F. Herschend, Norw. Arch. Rev. 25, 1992, 130-132); Bernbeck, Theorien; Eggert / Veit, Theorie. - Man vgl. auch den heute in vielem überholten, aber für die Rezeption in Deutschland wichtigen Aufsatz: M. K. H. Eggert, Prähistorische Archäologie und Ethnology: Studien zur amerikanischen New Archaeology. Prähist. Zeitschr. 53, 1978, 6-164.

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und abgelehnt149. Kulturen galten als polythetische Gebilde, die vom Archäologen beobachteten Merkmalskombinationen seien letztlich vom betrachteten Ausschnitt abhängig150. In seiner .Analytical archaeology' hat David L. Clarke der Frage nach den Völkern ein Kapitel gewidmet. Die Möglichkeit, ethnische Einheiten mit archäologischen Methoden aufzudecken, wurde zwar keinesfalls abgelehnt, aber doch mit höchster Skepsis beurteilt. An einigen Völkern, die jeweils durch ihre gemeinsame Sprache definiert sind, zeigte er die Probleme exemplarisch auf151. Das Forschungsinteresse der ,New Archaeology' galt Prozessen, Mustern und Strukturen im Sinne allgemeingültiger Regeln menschlichen Verhaltens. Selbst die ihrem Namen nach der hier verfolgten Fragestellung so nahe Stilrichtung der ,New Archaeology', nämlich die sog. Ethnoarchaeology, verfolgte durchweg andere Fragestellungen und vermied die Betrachtung ethnischer Einheiten152. Dieses verstärkte Interesse an allgemeingültigen Regeln und Strukturen - und damit auch ein veränderter Kulturbegriff - wurde auch in Deutschland rezipiert, wohl auch, weil es hier mit unabhängig von der ,New Archaeology' entstandenen Ansätzen korrespondierte153. So hat Jens Lüning in einer wichtigen Studie zum Kulturbegriff im Neolithikum die eingangs skizzierte Alltagsbegrifflichkeit als .induktiven Kulturbegriff' bezeichnet, da er aus der archäologischen Praxis selbst entwickelt und nicht etwa von ethnologischen Modellen deduziert sei154. Er wies nachdrücklich auf die Unschärfen und Schwächen dieser Begriffe hin und leitete daraus zwei Forderungen ab. Man möge - eine alte Forderung - als Zeitbegriffe gänzlich neutrale Benennungen entwickeln oder zumindest anstelle von .Michelsberger Kultur' von .Michels-

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Die nach langem Bemühen um ein Ethnoskonzept seinerzeit sehr kritische Diskussion in der Ethnologie zur generellen Frage der Existenz von Ethnien wurde dankbar rezipiert (ζ. B.: A. Sherratt in: A. Sherratt [Hrsg.], The Cambridge encyclopedia of archaeology [Cambridge u. a. 1980] 28; Clarke, Analytical Archaeology 358 ff.). Clarke, Analytical Archaeology 246 Abb. 53. Clarke, Analytical Archaeology 358 ff., dazu 367 Abb. 62. Zusammenfassende Uberblicke mit weiterer Literatur: Wolfram, Theoriediskussion 92 ff.; F. G. Fetten, Arch. Inf. 16, 1993, 273-284; W. A. Longacre (Hrsg.), Ceramic Ethnoarchaeology (Tuscon 1991). - Die wenigen Untersuchungen mit ethnischer Fragestellung in unserem Sinne erweisen sich meist als recht zweifelhaft. So erscheint mir der Versuch von J. M. O'Shea, anhand von neun nicht gleichzeitigen Gräberfeldern in Nordamerika drei Ethnien differenzieren zu wollen, allein schon wegen dieser schmalen Datenbasis als fragwürdig und daher kaum für allgemeingültige Schlußfolgerungen brauchbar (J. M. O'Shea, Mortuary variability. An archaeological investigation [Orlando u. a. 1984]). Zur jüngeren Forschungsgeschichte in Deutschland: Kossack, History; H. Härke in: Hodder, Archaeological Theorie 187-222. Lüning, Kulturbegriff 162 ff.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

berger Periode' (oder .Stufe') sprechen155. Wolle man die räumlichen Aspekte fassen, möge man eben nicht von Kulturen, sondern von Gruppen, Kreisen, Stilen oder Stilprovinzen sprechen. Anschließend folgerte er unter ausdrücklichem Bezug auf die Ansätze der ,New Archaeology'156: „Schon aus heuristischen Gründen sollte man dann ,die reale Existenz von Kulturen' energisch in Abrede stellen und sich einer Gesamtanalyse der Kultur in neolithischer Zeit zuwenden. Die fruchtlose Frage, ob es ,Kulturen ' im Neolithikum gegeben habe, und welchen Begriff man sich davon mache, wird dabei ganz von selbst in die Frage nach Entwicklung, Korrelation und Struktur aller kulturellen Einzelerscheinungen des Neolithikums aufgelöst werden." In jüngster Zeit wird vielen Forschern nach intensiven Bemühungen im Sinne der ,New Archaeology' um Regelhaftigkeiten und Muster menschlichen und gesellschaftlichen Verhaltens wieder deutlicher, daß menschliche Kulturentwicklung nicht nach festen Regeln verläuft und allein aus ihren Randbedingungen erklärbar ist, sondern auch individuelle Züge hat. Hieraus entwikkelten sich gegen die ,New Archaeology' gerichtete theoretische Ansätze, die mit verschiedenen Zielrichtungen und unter verschiedenen Benennungen oft auf den britischen Archäologen Ian Hodder zurückgehen und derzeit von Dritten meist unter dem Begriff .Postprozessualismus' zusammengefaßt werden157. In diesem Kontext wächst vereinzelt auch im angloamerikanischen Bereich die Bereitschaft, wieder eine .historisierende Archäologie' zu betreiben und nach ethnischen Einheiten zu fragen158. So ist es m. E. für die aktuelle Situation bezeichnend, daß eine traditionsreiche polnische Fachzeitschrift, die ihr Konzept im Zuge einer Neuorientierung renovieren wollte, ihr erstes Heft nach der Umstellung dem Thema .Ethnicity' widmete159. Klammert man aus den postprozessualen Diskussionen allerlei Wildwuchs und eine bedenkliche Neigung zu postmoderner Beliebigkeit aus, läßt sich hier für die ethnische Fragestellung ein Suchen nach neuen Ansätzen erkennen, das vor allem um Anregungen aus der Ethnologie und der modernen Sozialwissenschaft (Giddens, Bourdieu) bemüht ist. Als bezeichnend für den post-

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Lüning, Kulturbegriff 170 f. - In diesem Sinne auch der Vorschlag von U. Fischer, Ein Chronologiesystem im Neolithikum. Germania 54, 1976, 182-184. Lüning, Kulturbegriff 169 f. Ubersichten zu der facettenreichen aktuellen Diskussion bei: Bernbeck, Theorien 271-344; Eggert / Veit, Theorie 183-326. So auch: B. Myrhe, Theorie in Scandinavian archaeology since 1960: a view from Norway. In: Hodder, Archaeological theory 161-186, inbes. 176. Archaeologia Polona 29, 1991. - Ähnlich signifikant sicherlich der zweite Band des ESFProjektes ,The transformation of the Roman world': Pohl / Reimitz, Distinction.

Zusammenschau

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prozessualistischen Diskussionsstand kann m. E. die Studie von Siân Jones gelten160, die neben der archäologischen Forschungsgeschichte die dortige Theoriediskussion referiert und abschließend eine Umsetzung dieser Uberlegungen in konkrete archäologische Studien ankündigt.

Zusammenschau In keiner der befragten Wissenschaften findet man einen allgemein gültigen oder auch nur in breiten Kreisen anerkannten Ethnosbegriff. Vielfach gilt eine emische Betrachtung der Ethnien als wichtig, ihr Wir-Bewußtsein als entscheidend. Unter dieser Voraussetzung erweisen sich die Ethnien in der konkreten Beobachtung als so vielfältig, daß eine von außen kommende allgemeine Definition kaum möglich erscheint. Die Probleme mit der Beschreibung und Umgrenzung konkreter Ethnien und mit der abstrakten Frage ,was ist ein Ethnos' sind allgemein und haben zu einer generell skeptischen Behandlung solcher Fragen geführt. Andererseits haben weder Historiker noch Ethnologen ihre Beantwortung aufgegeben, denn offenbar erscheint Beobachtern wie Beobachteten ein Ethnosbewußtsein als wichtig. Die gerade in der Nachfolge von R. Wenskus vermiedene etische Sicht von außen scheint im konkreten Einzelfall nützlich, wie die ethnologische Diskussion und das Beispiel der Verwandtschaftssysteme zeigen. Die in der wohl um die Mitte des 7. Jahrhunderts aufgezeichneten Fredegar-Chronik greifbar werdenden Vorstellungen eines Ursprungs der Franken aus Troia sollten in emischer Sicht als Teil des Wir-Bewußtseins ernst genommen werden161, sie aus heutiger Kenntnis von außen her als historische Tatsache abzulehnen, ist sicherlich ebenfalls vernünftig. Wo es gelingt, Selbstsicht und Wir-Bewußtsein mit wohl begründeten, von außen angelegten Kriterien zu konfrontieren, werden tiefere Einsichten möglich. Insofern vermag ich der Forderung nach der Ausschließlichkeit oder dem Primat einer emischen Betrachtung nicht zu folgen. Für das Frühmittelalter böten die Bodenfunde wie auch die Toponymie als von den Schriftquellen unabhängige und gänzlich anderen Bedingungen unterliegende Quellen eine wichtige Parallelüberlieferung, die solche Konfrontationen erlaubt162. 160 161

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Jones, Ethnicity. Fredegar ΙΠ,2; vgl. die Parallelüberlieferung im Liber Hist. Franc. 1. - Zu Quelle und Legende zusammenfassend: U. Nonn in: LexMA 4 (1989) 884 f.; Zöllner, Franken 5 f.; Schneider, Frankenreich 9 f.; Wood, Kingdoms 33 ff. So schon gefordert von dem Historiker E. Bernheim in seinem seinerzeit viel benutzten Lehrbuch (Bernheim, Methode 603).

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

Der interdisziplinäre Vergleich macht deutlich, daß jede Wissenschaft zu einem an ihren spezifischen Quellen orientierten Ethnos-Begriff neigt. Schon dieser Befund zeigt, wie problematisch die Vorstellung einer rein emischen Betrachtung ist: welche Disziplin wäre dazu befugter als andere? So gilt ζ. B. überwiegende Endogamie unter Ethnologen als wichtiges Kriterium, denn Verwandtschaft, Heiratsverhalten und Lokalität sind eine typische Fragestellung vieler Feldforschungen163. Der auf das Frühmittelalter hin konzentrierte Historiker entnimmt seinen Quellen allenfalls Informationen über das Heiratsverhalten der sozialen Führungsschicht, wo exogame Heiraten erkennbar ein Instrument der Herrschaftssicherung und Politik sind. Repräsentative Informationen zum Verwandtschaftssystem und zum Heiratsverhalten der übrigen Bevölkerung scheinen den Schriftquellen kaum zu entnehmen sein, weshalb Endogamie in der Diskussion der Frühmittelalterhistoriker nicht unter den ethnos-relevanten Kriterien auftaucht. Die gemeinsame Sprache gilt dem Sprachforscher als entscheidendes und dem Ethnologen häufig als wichtiges Kriterium, da beide Wissenschaften sich mit der Sprache beschäftigen können. Dem Frühmittelalterhistoriker, dessen Quellen vorwiegend in lateinischer Sprache verfügbar sind, ist dagegen die gemeinsame Sprache für die frühmittelalterlichen Ethnien kaum ein wichtiges Kriterium. Das notwendige Bemühen jeder Disziplin um einen möglichst angemessen Umgang mit den eigenen Quellen führt notwendigerweise zu quellenbedingten Unterschieden auch in den Konzepten und Kriterien zur Frage nach den Ethnien 164 . So erscheint es notwendig, auch die Kriterien für Ethnos-Untersuchungen zunächst innerhalb der jeweiligen Disziplinen zu entwickeln und zu deuten und sich erst dann um eine übergreifende Zusammenschau zu bemühen165.

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H. Fischer, Feldforschung. In: Fischer, Ethnologie 79-99, vor allem p. 89 (Graphik zu .Standardverfahren und Basisdaten'). Abseits solcher interdisziplinärer Unterschiede in der Schwerpunktsetzung sind kultur- oder ethnosspezifische Lebensbereiche denkbar, die bislang im Kriterienkatalog aller Disziplinen fehlen. Als Beispiel sei der Sektor Ernährung benannt: Zwar ist es heute vielfach ganz selbstverständlich, .chinesisch', .indisch' oder .italienisch' essen zu gehen, doch ist das Thema Ernährungsgewohnheiten nach meiner Kenntnis für die Frage nach historischen Ethnien noch weitgehend unentdeckt. Ansatzpunkte wären durchaus gegeben, man vergleiche etwa das Fleischbeigabenspektrum der Gräberfelder von Lauchheim und Liebenau (M. Kokabi in: Die Alamannen 333 Abb. 362; E. May in: Häßler, Liebenau 5, 186 Tab. 32), oder denke an die mit einer spezifischen Nahrungsbereitung zusammenhängenden römischen Reibschalen, die mit dem Frühmittelalter nahezu schlagartig aus dem Fundbild verschwinden.

165 vgl. die programmatischen Ausführungen von Guy Halsall (Archaeology) zum Verhältnis von Archäologie und Geschichte.

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Eine bewußt vergröbernde Forschungsgeschichte läßt erkennen, daß über die Archäologie hinaus und oft anscheinend unabhängig voneinander das Interesse etwa der Historiker, Ethnologen, Archäologen und physischen Anthropologen in vergleichbaren Phasen verlief. Das erste Drittel unseres Jahrhunderts war in der Ethnologie (und Teilen der Archäologie) geprägt durch die Kulturkreislehre, in der Archäologie wurden ethnische Fragestellungen entweder offensiv verfolgt (ζ. B. G. Kossinna, V. G. Childe) oder ihre Beantwortung doch zumindest für möglich gehalten (ζ. Β. Κ. H. Jacob-Friesen). Zugleich fiel die anthropologische Diskussion um menschliche Rassen in diese Zeit 166 . In Deutschland nach 1945 und im angloamerikanischen Raum mit dem Ausgreifen der ,New Archaeology' in den 1960er Jahren verließ die Archäologie die ethnische Fragestellung zugunsten einer Hinwendung zu Strukturen, Regelhaftigkeiten und allgemeinen Prinzipien. Parallel dazu war in der Völkerkunde eine beträchtliche Skepsis gegenüber ethnischen Einheiten gewachsen, was ebenfalls zu einer veränderten, mehr auf allgemeine Regelhaftigkeiten abzielenden Forschung führte 167 . In diesem Stand befindet sich die heutige physische Anthropologie mit ihrer Abkehr vom Rassen- und ihrer Hinwendung zum Populationskonzept. Zugleich blühte die Human-Ethologie auf, die versuchte, die biologische Konditionierung menschlichen Verhaltens zu fassen168. Historiker entdeckten unter teilweiser Abkehr von einer Individual- und Ereignisgeschichte Strukturen, Mentalitäten und die ,longue durée'169. Insofern erscheint das vielzitierte, 1961 publizierte Werk von R. Wenskus über Stammesbildung und Verfassung der Germanen als ein unzeitgemäßes Buch. In seiner Rezeption wirkte es zunächst mehr in die Vergangenheit gewandt im Sinne eines posthumen Uberwindens der Vorstellun-

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Lesenswert als Versuch einer Forschungsgeschichte, zugleich aber auch exemplarisch geprägt von der heutigen Haltung »weil nicht sein kann, was nicht sein darf': F. G. Fetten, Rassenkunde und Geschichte: Bemerkungen zu einer verhängnisvollen Nachbarschaft. Arch. Inf. 14, 1991, 5-15. ζ. B. Funktionalismus (Malinowski, Radcliffe-Brown), Strukturalismus (Lévi-Strauss) usf.: K. E. Müller in: Fischer, Ethnologie 43 ff. Auch hier zitiere ich ein Handbuch, das eher den Abschluß einer Forschungswelle dokumentiert: I. Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie (München, Zürich 1984, 2 1986). Eine zusammenfassende Übersicht über die ethologische Diskussion im Hinblick auf ethnische Fragen bei: Heinz, Ethnizität 306 ff. Dazu die retrospektive und insofern wieder ein erstes Ende markierende Zusammenschau von J. Le Goff u. a.: J . Le Goff / R. Chartier / J. Revel (Hrsg.), La nouvelle histoire (Paris 1978, 2 1988¡ deutsch: Die Rückeroberung des historischen Denkens. Grundlage der Neuen Geschichtswissenschaft. Frankfun 1990).

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gen der ersten Jahrhunderthälfte 170 ; obwohl es die Voraussetzung dafür schuf, wirkte es zunächst kaum beflügelnd in die Zukunft der Forschung, d. h. als Aufbruch zu einer reflektierteren ethnischen Fragestellung. Auch die dritte, aktuelle Phase der Forschung in unserem Jahrhundert verläuft weitgehend parallel. Als Neubeginn der Ethnienforschung in der Völkerkunde gilt der 1969 von F. Barth herausgegebene Sammelband zur Ethnizität, der vor allem seit den 1980er Jahren zu einer Fülle entsprechender Untersuchungen führt. Ihnen entsprechen Bemühungen moderner Sozialwissenschaftler zu europäischen Gesellschaften, von denen ich exemplarisch Pierre Bourdieu und sein Konzept des .Habitus' nenne, mit dem er sich unterscheidenden sozialen Gruppen innerhalb der modernen französischen Gesellschaft nachspürt 171 . Sicherlich ohne direkte Abhängigkeit davon sind die gewandelten Interessen vieler Historiker zu sehen, für die ich exemplarisch das 1979 erschienene, sehr erfolgreiche Buch von H . Wolfram über die Goten und die Studie von W. Pohl über die Awaren nenne 172 . Ihnen sind die in den 1980er Jahren verstärkten interdisziplinären Bemühungen etwa zur Ethnogenese der Baiern an die Seite zu stellen. Auch aus der Archäologie lassen sich nun wieder explizit .ethnische' Themenstellungen benennen, die sogar Epochen vor der Frühgeschichte betreffen 173 .

Die ethnische Fragestellung in der Frühmittelalterarchäologie Der letzte Abschnitt hat eine Ubersicht über die Diskussion zum Kultur- und Ethnosbegriff in der prähistorischen Archäologie und ihrem Umfeld gegeben, die sich dabei als eng verzahnt mit der Geschichte der Theorieentwicklung im und außerhalb des Faches erwiesen hat. Damit ordnet er die hier unter-

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Es ist auffällig, daß in der Rezeption des Werkes von R. Wenskus vor allem die im Hinblick auf die Möglichkeiten der Archäologie skeptischen Überlegungen von der Ur- und Frühgeschichtsforschung aufgegriffen wurden. Seine Anregungen zu einer reflektierten archäologischen Beschäftigung mit der ethnischen Fragestellung wird wenig wahrgenommen (Wenskus, Stammesbildung 122-124). Ahnliches gilt auch innerhalb des Faches etwa für H. J. Eggers, dessen kritische Diskussion der Kossinnaschen Arbeitsweise stärker wahrgenommen wird als seine konstruktive Skizze möglicher methodischer Ansätze (Eggers, Einführung 276 ff., inbes. 292 ff.). Bourdieu, Distinction. Da seine Untersuchungen auf eine moderne, sehr komplexe Gesellschaft abzielen, sind die daraus ableitbaren Konzepte kaum für die hier verfolgte Fragestellung nutzbar zu machen. Wolfram, Goten (vgl. W. Goffart, Speculum 57, 1982, 444-447); Pohl, Awaren. Beispiele: L. Larsson, Ethnicity and traditions in mesolithic mortuary practices of southern Scandinavia. In: Shennan, Cultural identity 210-218. - R. R. Newell u. a., An inquiry into

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nommene Studie in einen weiteren Kontext ein. Es gilt jedoch dem Eindruck entgegenzusteuern, motiviert allein durch den Verlauf der Forschungsgeschichte und von den Fragen der Nachbarwissenschaften sei nun eine solche Studie auch in der Frühmittelalterarchäologie naheliegend. Denn daneben gibt es auch eine immanente Notwendigkeit, sich mit der Frage nach räumlichen und ethnischen Strukturen zu befassen - und dies soll im folgenden begründet werden. Die Archäologie der Merowingerzeit stützt sich in West- und Süddeutschland vorwiegend auf die Analyse von Gräbern, andere Quellengattungen, insbesondere Siedlungen, spielen in der Diskussion derzeit eine nachgeordnete Rolle. Dies hängt nicht nur mit der größeren ,Schönheit' von Grabfunden zusammen und der Seltenheit von umfassender ergrabenen Siedlungen174, sondern auch mit der Qualität dieser spezifischen Quellengattung. Am Ende des 5. Jahrhunderts bildet sich bei den Germanen die Sitte der Reihengräber flächendeckend aus175 und endet - regionale Unterschiede einmal vernachlässigt - sukzessive im Verlaufe der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Innerhalb dieser Zeitspanne weisen die Reihengräber dieses Kreises viele Gemeinsamkeiten auf, die sie deutlich gegen andere Räume und Zeiten absetzen. Damit liegt über einen weiten Raum und eine längere Zeitspanne hinweg eine häufige und in sich recht homogene Quellengattung vor, die vielfältige Auswertungsmöglichkeiten bietet. Die innerhalb dieses Rahmens unterschiedliche Ausstattung der Gräber wird neben immer zu berücksichtigenden individuellen Zügen im wesentlichen durch einige zentrale Faktoren bestimmt (Abb. 2): Alter und Geschlecht der Bestatteten, Zeit der Niederlegung, soziale Stellung und Ethnikum der Toten. So bieten die Grabfunde Aussagemöglichkeiten über den Toten und seine Einbindung in Zeit, Raum und Gesellschaft; ihre Analyse muß sukzessive von den evidenteren Einflußgrößen hin zum Unbekannten erfolgen. So läßt sich das soziale Geschlecht (gender) der Bestatteten in der Regel recht zuverlässig anhand der Grabbeigaben bestimmen. Die Annahme einer weitgehenden Kongruenz von sozialem (gender) und biologischem Geschlecht (sex) wird bei der Konfrontation mit anthropologischen Geschlechtsbestimmungen nahezu

the ethnic resolution of mesolithic regional groups. The study of their decorative ornaments in time and space (Leyden 1990); dazu: L. Verhart in: Proc. Preh. Soc. 58, 1992, 419 f. Zum Epipaläolithikum der Levante die Diskussion in: Antiquity 70, 1996, 130-147. 174 Uberblick bei: Donat, Haus, insbes. Karte 1. Dazu exemplarisch: Bernhard, Speyer; Schulze, Wülfingen; Kohnke, Künzerhof. 175 Werner, Reihengräberzivilisation; Quast, Reihengräbersitte.

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

regionale Einbindung

Zeitstellung V Geschlecht biolog. /sozial

i

• Alter biolog. / sozial

Grabausstattung t

soziale Stellung

Ethnikum

individuelle Faktoren

\ wirtschaftliche Potenz

Abb. 2. Schematisches Bild zur Illustration der Beeinflussung der Grabinventare durch verschiedene Faktoren.

immer bestätigt und darf als gut abgesichert gelten: Waffenbeigaben lassen in der Merowingerzeit auf Männer schließen, Schmuck wie Perlen und Fibeln auf Frauen 176 . Systematische Untersuchungen zum Einfluß des biologischen Alters der Verstorbenen auf ihre Beigabenausstattung liegen leider kaum vor 1 7 7 , obwohl inzwischen eine nennenswerte Zahl anthropologisch hinreichend gut untersuchter Gräberfelder zur Verfügung stünde - auf dieses m. E. lohnende Forschungsfeld kann hier nur hingewiesen werden. Ein traditionell wichtiges Feld der Forschung ist die Chronologie, die das notwendige Gerüst für nahezu jede weitere Untersuchung bildet. Hier sind die Grabbeigaben mit

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Seltene Beispiele von Widerspruch zwischen anthropologischer und archäologischer Geschlechtsdiagnose ζ. B. bei: H.-P. Wotzka, Hammaburg N F 9, 1989, 141 mit Anm. 128. Die Forschungslage für die Römische Kaiserzeit ist in dieser Frage offen: Μ. Κ. H. Eggert, Hephaistos 9, 1988, 44 f. mit weiterer Literatur. - Beispiele anthropologischer Untersuchungen an merowingerzeitlichem Material: G. Boenisch in: Schnurbein, Frielingen 111 ff.; L. Buchet, La nécropole gallo-romaine et mérovingienne de Frénouville (Calvados). Etude anthropologique. Arch. Médiévale 8, 1978, 15-53; F. Langenscheidt, Methodenkritische Untersuchungen zur Paläodemographie am Beispiel zweier fränkischer Gräberfelder. Materialien zur Bevölkerungswissenschaft Sonderheit 2 (Wiesbaden 1985); W. Henke / Κ. H. Nedder, Zur Anthropologie der fränkischen Bevölkerung von Rübenach. Bonner Jahrb. 181, 1981, 395-424; G. L a n g e / J . Schleifring, Die Skelette des Gräberfeldes von Moos-Burgstall. Anthropologischer Befund. Ber. R G K 68, 1987, 579-597.

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Immerhin im Ansatz: I. Ottinger, Waffenbeigabe in Knabengräbern. In: Festschrift J. Werner Π 387-410. - Ganz anders der Forschungsstand für Gräberfelder der römischen Kaiserzeit im freien Germanien, wo jedoch statt der Skelettgräber nahezu ausschließlich Leichenbrände vorliegen, die naturgemäß beträchtliche Bestimmungsunsicherheiten aufweisen. Siehe ζ. Β.: M. Gebühr, Archäologischer und anthropologischer Befund der Bei-

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ihren unterschiedlichen Typen und ihrer wechselnden Zusammenstellung die essentielle Quelle der Forschung; die vergleichsweise günstige Quellenlage führt im Frühmittelalter zu recht differenzierten und gut abgesicherten Ergebnissen178. Neben den individuellen Zügen einer Bestattung sind mit dem Geschlecht und der Zeitstellung die beiden wesentlichen Einflußgrößen gefaßt, die die unterschiedliche Beigabenausstattung der Gräber bestimmen. Ein weiteres zentrales Forschungsfeld ist die Frage nach den vertikalen Sozialstrukturen179, wobei sich die wirtschaftliche Potenz des Toten bzw. seiner Familie und seine soziale Stellung wohl kaum entzerren lassen. Vielfach wird die Waffenausstattung der Männergräber als Indiz für die soziale Stellung der Bestatteten gewertet 180 . Es gibt jedoch deutliche Hinweise auch auf ethnisch bedingte Unterschiede; so finden sich beispielsweise Spathen auf süddeutschen (.alemannischen') Gräberfeldern generell häufiger als in Westdeutschland oder Belgien (.Franken'), für Äxte und Beile gilt das Umgekehrte 181 . Auch der interessante und weiterführende Versuch von R. Christlein, geprägt vom Bemühen um eine neutrale Terminologie und dem Konzept, aus der Seltenheit von Fundgattungen auf ihre Kostbarkeit zu schließen, krankt an diesem Punkt 182 ; ohne Berücksichtigung der zeitlich und räumlich (ethnisch) bedingten Unterschiede in den Grabausstattungen läßt sich das Bild nicht hinreichend scharf entzerren 183 . Folglich ist für eine differenziertere Analyse der

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gaben und Leichenbrände aus Westholstein. Versuch einer Zusammenschau. In: H. Hingst, Die vorrömische Eisenzeit Westholsteins (Neumünster 1983) 183-192; M. Gebühr / U. Härtung / H. Meier, Das Gräberfeld von Neubrandenburg. Beobachtungen zum anthropologischen und archäologischen Befund. Hammaburg N F 9, 1989, 85-107; H. Hingst / S. Hummel / H. Schutkowski, Urnenfriedhöfe aus Schleswig-Holstein. Leichenbranduntersuchungen und kulturkundliche Analyse. Germania 68, 1990, 167-222. Ament, Chronologie. RGA 2 4 (1981) 664-667. - Weiterhin ζ. B. Koch, Schretzheim; Koch, Bargen u. Berghausen; Siegmund, Niederrhein. Einen umfassenden Uberblick über den Forschungsstand gibt: Steuer, Sozialstrukturen; Steuer, Forschungstendenzen. - Die Betonung der Frage nach den vertikalen Sozialstrukturen ist nicht ein allein deutsches Phänomen; so werden Gräber in der aktuellen britischen Forschung über Typologie und Chronologie hinaus vorwiegend als Quelle zur Sozialgeschichte genutzt. Einen nützlichen Uberblick mit Verweisen auf weitere Literatur gibt: Härke, Diskussion. Siehe weiterhin ζ. B.: Rahtz u. a., Cemeteries; R. Chapman / 1 . Kinnes / K. Randsborg (Hrsg.), The archaeology of death. New directions in archaeology 1 (Cambridge 1981). Christlein, Besitzabstufungen. - Die vielfältigen Ansätze behandelt im Uberblick: Steuer, Sozialstrukturen 309 ff. Steuer, Bewaffnung 69 ff.; Steuer, Phasen 360 f. Christlein, Besitzabstufungen 157 Abb. 11. So ging ζ. B. Christlein von einer räumlich und zeitlich gleichförmigen Verteilung der Gräber mit Trensenbeigabe aus; diese These widerlegen die von J. Oexle (Pferdebestattun-

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Ethnos: Überlegungen zur Begrifflichkeit

vertikalen Sozialstrukturen neben der Kenntnis der zeitlich bedingten sowie der geschlechts- und altersbedingten Varianz der Grabausstattungen auch die Diskussion der ethnischen Dimension erforderlich. Diese Überlegungen möchten daran erinnern, daß die Bearbeitung der verschiedenen Probleme nicht in einer willkürlichen Reihenfolge geschehen kann. Die Differenzierung der Gräber nach den Geschlechtern und ihre Datierung haben Vorrang, da dadurch die schwerwiegendsten Einflußfaktoren auf die Grabausstattung erklärt werden können. Die daneben so rasch ins Zentrum des Interesses gerückte Frage nach den vertikalen Sozialstrukturen scheint mir dagegen dringlich einer vorhergehenden oder zumindest parallelen Untersuchung der regionalen und ethnischen Bedingtheiten einer Grabausstattung zu bedürfen. So ist die Diskussion der ethnischen Frage nicht nur für sich interessant, sondern fest eingebundener Teil systematischer Forschung. Damit wird eine Einordnung des eigenen Tuns in den übergreifenden Forschungszusammenhang deutlich. Die Frage nach Ethnien ist nicht wertneutral und selbstverständlich; sie impliziert die Uberzeugung von der Existenz derartiger individueller historischer Einheiten und ihres Wertes als Forschungsobjekt. Die verfolgte Fragestellung bietet sich fachimmanent aus der vorherigen Forschungsphase an, die sich stärker auf Allgemeingültiges und Regelhaftigkeiten konzentrierte und an deren Ende auch das Bewußtsein für historische Individualität geschärft ist. Für die Frühmittelalterarchäologie geht sie jenen beiden Ethnien nach, die bislang archäologisch kaum zu entzerren sind und die zugleich die prägenden Einheiten im östlichen Teil des Merowingerreiches bildeten. Innerhalb unserer Disziplin ist sie zugleich ein notwendiger Schritt im Hinblick auf die weitere Untersuchung der vertikalen Sozialstruktur. Abseits der fachimmanenten Ebene erwartet die bei Historikern und Ethnologen neu belebte Ethnosforschung einen Diskussionspartner in der Archäologie184.

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gen 123-130, Abb. 1-4) zusammengestellten Karten deutlich. Die zeitliche Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Qualitätsgruppe D diskutiert ζ. B.: Donat, Adelsgräber. z. B. W. Schlesinger, Zeitschr. Arch. Mittelalter 2, 1974, 9; Keller, Alamannen 4.

Schlüsse und Arbeitshypothesen Die ethnische Fragestellung ist für das Frühmittelalter legitim; denn nach ethnologischen Vergleichen ist bei den frühmittelalterlichen Gesellschaften ein Ethnos-Bewußtsein zu erwarten, nach Aussage der zeitgenössischen Schriftquellen ist es gegeben. Im Zusammenspiel der um das Frühmittelalter bemühten Disziplinen ist ein Beitrag von archäologischer Seite wünschenswert. Fachimmanent ist eine Klärung der Divergenz zwischen einer theoretisch begründeten Skepsis hinsichtlich der ethnischen Deutung und einer weitverbreiteten, optimistischen Forschungspraxis dringend notwendig. Allerdings ist die kontroverse Diskussion um die Deutung von Fundverbreitungskarten erkennbar festgefahren. Folglich bedarf es eines anderen methodischen Ansatzes; dabei verweist die Literaturübersicht auf das Thema .Sitten und Gebräuche' als möglicherweise fruchtbaren Ansatzpunkt. Sofern sich eigenständig Ergebnisse erzielen ließen, könnten sich von dort aus neue Aspekte und vertiefte Deutungsmöglichkeiten auch für die Fundverbreitungskarten ergeben. In der Frühmittelalterforschung ist die ethnische Fragestellung ein fest eingebundener Teil einer übergreifenden Forschungsstrategie. Innerhalb der weiteren Ur- und Frühgeschichte bietet das Frühmittelalter ob seiner relativ reichen Quellen und mit seiner Möglichkeit, archäologische Ergebnisse mit denen anderer Disziplinen zu vergleichen, ein günstiges Versuchsfeld, von dem ausgehend methodische Erkenntnisse auch auf ältere, schriftlose Epochen übertragen werden könnten. Das Wissen um die dynamische Entwicklung von Ethnien ist allgemein, und gerade von seiten vieler Historiker für das Frühmittelalter immer wieder betont worden. Langdauernde statische Phänomene sind nicht zu erwarten und - wenn sie denn behauptet werden - mit äußerster Skepsis zu verfolgen. Rückschreibungen über lange Zeiträume und über erkennbare Brüche hinweg sind abzulehnen1. Daher muß auch eine archäologische Untersuchung verDer Unfug der Zurückschreibung von Ethnien über Brüche und lange Zeiträume hinweg ist schön dargelegt bei: L. Pauli, Die Herkunft der Kelten. Sinn und Unsinn einer alten Frage. In: Die Kelten in Mitteleuropa. Salzburger Landesausstellung 1. Mai - 30. September 1980 im Keltenmuseum Hallein (Salzburg 1980) 16-24.

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Schlüsse und Arbeitshypothesen

suchen, die Phänomene in hinreichender zeitlicher Differenzierung zu beleuchten. Gerade die offene Diskussion in der Geschichtsschreibung um die innere Struktur der Alemannen, aber auch etwa um ,Sal- und Rheinfranken' unterstreicht, daß die Untersuchung nicht unkritisch von der Existenz großer monolithischer Einheiten wie ,die Alemannen', ,die Franken' oder ,die Baiern' ausgehen kann. Sie scheint nach den Quellen möglich, zugleich besteht aber auch die Gefahr, daß sich hierin vor allem aus jüngeren Zuständen idealisierend rückprojizierte Bilder widerspiegeln. Angesichts der Probleme, die Ethnologen, Historiker und Sprachforscher mit dem Ethnosbegriff bzw. der Ethnizität haben, und angesichts der beträchtlichen Unterschiedlichkeit der jeweiligen Quellen, kann die Archäologie kein fertiges Ethnoskonzept von außen übernehmen. Die Priorität eines der durchaus unterschiedlichen externen Ethnoskonzepte wäre kaum begründbar. Daher muß, selbstverständlich in Kenntnis der Diskussion der Nachbarfächer, zunächst eine eigenständige Begrifflichkeit und Methodik entwickelt werden. Die unterschiedlichen uns aus dem Frühmittelalter überlieferten Quellen wie Sprachzeugnisse, Schriftquellen oder Bodenfunde unterliegen jeweils ihren eigenen Bedingtheiten und sind zudem nicht notwendigerweise direkter Spiegel einer unmittelbar gemeinsamen Wirklichkeit. Die denkbare Aussage eines Anthropologen, ein Individuum sei biologisch als ,Frau' zu klassifizieren, hat quellenspezifische Probleme und (Un-)Sicherheiten, ebenso wie die denkbare Aussage eines Archäologen zum selben Individuum. Sollte der Archäologe nun, etwa aufgrund spezifischer Grabbeigaben, mit hoher Sicherheit zum Befund ,Mann' gelangen, wäre dies nach kritischer Prüfung und jeweiliger Bestätigung dieser anscheinend konträren Aussagen ja ein durchaus interpretierbares Ergebnis: beide Aussagen könnten wahr sein und gerade in ihrer Konfrontation besonders klärende Einblicke in eine komplexe Situation ermöglichen. Mit diesem Bild möchte ich die bekannte Devise .getrennt marschieren, vereint schlagen' erhärten und vertiefen, in ähnlichem Sinne findet sich diese Forderung auch in der britischen Schule der .contextual archaeology' 2 . Denn gerade der in letzter Zeit mehrfach von Historikern geäußerte Verdacht, daß hinter den entsprechenden Nachrichten der Schriftquellen

Zum Begriff übersichtlich: Bernbeck, Theorien 278 ff. - Als konkretes Beispiel mit unmittelbarem Bezug zum Frühmittelalter nenne ich Guy Halsall mit einem theoretischen Artikel (Halsall, Archaeology) und einer exemplarischen Studie in diesem Sinne (Halsall, Metz).

Schlüsse und Arbeitshypothesen

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mehr topoi und ethnische Rhetorik stehen denn eine gelebte Realität3, unterstreicht für die Archäologie die Notwendigkeit, in breiter Kenntnis der Problemlage zunächst quellen- und fachimmanent selbständige (Teil-) Befunde zu erarbeiten, die erst dann in interdisziplinärer Betrachtung vertiefend gedeutet werden sollten4. Im interdisziplinären Vergleich sind die Charakteristika archäologischer Quellen für die hier verfolgte Fragestellung deutlicher geworden. Zu vielen möglichen Ethnos-Kriterien wie Sprache oder Stammesursprungslegende werden sie keine Aussagen ermöglichen, andere wie ,Wir-Bewußtsein' sind nur indirekt erschließbar. Im Vergleich liegt eine besondere Qualität der Bodenfunde darin, daß sie konkrete Zeugnisse von weiten Bevölkerungskreisen bieten, die sich in Schriftquellen weniger niederschlagen. Die archäologischen Befunde haben üblicherweise einen klaren Zeit- und Ortsbezug und sind räumlich vergleichsweise dicht gesät. Damit bieten sie, ähnlich der Toponymie, in besonderer Weise Informationen zur Frage nach Räumen und Siedlungsgebieten. Identität ist nicht, Identität muß konstituiert und immer wieder bestätigt werden. Insofern erscheint mir die hinter dem Begriffswechsel von Ethnos zu Ethnizität stehende Schwerpunktverschiebung der Betrachtung sinnvoll. Der additiv konstatierte Besitz identischen Sachgutes allein konstituiert keine Ethnien. Besondere Bedeutung kommt jenen Bereichen zu, in denen sich soziales Verhalten archäologisch beobachten läßt. Es muß versucht werden, identitätsstiftende Merkmale, Ereignisse oder Handlungen zu fassen. Dies wird anhand archäologischer Quellen immer ein schwieriges Unterfangen bleiben. Da sich jedoch Identitätsstiftung oder -bestätigung erfahrungsgemäß häufig an Ubergangsriten (rites de passage) festmacht, scheint auch dies nicht unmöglich. Denn die frühmittelalterlichen Gräber fassen mit dem Tod zumindest einen bedeutenden Punkt des Ubergangs; andere Ubergänge, etwa der des Erwachsen-Werdens, sind möglicherweise in der Grabausstattung fossilisiert. Dabei wird Ethnos hier ausschließlich als soziales Phänomen aufgefaßt, ohne eine Rückbindung in die Biologie. Die sich aus der physischen Anthropologie ergebenden Merkmale werden nicht berücksichtigt, sowohl der

Pohl, Difference. Vgl. in diesem Sinne auch das Schlußwort von Ian Wood im gleichen Band (Pohl / Reimitz, Distinction 297-303). Zum Begriff .Interdisziplinär': M. N. Haidle, Interdisziplinarität in der Archäologie: eine Notwendigkeit?! Arch. Inf. 21, 1998, 9-20.

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Schlüsse und Arbeitshypothesen

Aspekt .Rasse* als auch der der biologischen Verwandtschaft5. Ein Individuum gehört der Gruppe an, der es sich selbst zuordnet und die diese Selbstzuordnung akzeptiert; seine Physis ist dabei unbedeutend6.

Zweifellos werden künftig die derzeit hinzuwachsenden Aussagen zur biologischen Verwandtschaft zwischen Individuen wesentliche neue Aussagemöglichkeiten erschließen, doch muß hier die Vorlage einer größeren Zahl von Befunden abgewartet werden. Ein schönes Beispiel schildert P. Bolz (Oglala 26) von seinen Feldforschungen bei den Oglala, wo die weiße Ehefrau seines indianischen Informanten sozial so umfassend integriert war, daß sie als indianischer galt als manches .Halbblut*.

Ansatz und Grundlagen der Studie Einen klassischen Ansatz für die ethnische Fragestellung böten Verbreitungskarten von verschiedensten Fundtypen. So jedenfalls arbeitete Kossinna, so wurden vielfach im Sinne der Kulturkreislehre Kulturen herauszuarbeiten versucht. Die Einwände gegen einen solchen Ansatz wurden bereits diskutiert: Es ist derzeit unklar, wie solche Typverbreitungskarten interpretiert werden können, d. h. welche Erscheinungen in der lebenden Kultur hinter ihnen stehen. Begriffe wie Werkstattkreise, individuelle Züge von Wanderhandwerkern, Einzugsgebiete lokaler Märkte, Spiegel von Personenverbänden und entstehenden Grundherrschaften oder ethnische Strukturen stehen für unterschiedliche und meist widersprüchliche Möglichkeiten und Hypothesen, die als Erklärungen in der Literatur entwickelt wurden. Sie können derzeit kaum entzerrt und isoliert werden, einen Ansatz, mit berechtigtem Anspruch auf allgemeinere Gültigkeit einzelne dieser Thesen zu verifizieren oder falsifizieren, sehe ich derzeit nicht. Dies liegt im wesentlichen am Fehlen unabhängiger Kontrollhypothesen, wenn man nicht in eine der Nachbarwissenschaften ausweichen will. Die hier unternommene Studie soll u. a. eine unabhängige fachimmanente Argumentationskette entwickeln, die später auch für die Fundverbreitungskarten zu Vergleichen einlädt. Doch selbst wenn die geschilderten Probleme der Fundverbreitungskarten gelöst wären, ließen sich am Ende der Bemühungen allenfalls Gruppen umreißen, die sich durch eine größere Zahl gemeinsamen Sachgutes auszeichneten. Eine ethnische Interpretation solcher Gruppen wäre ausnehmend problematisch, obwohl umgekehrt natürlich die Erwartung naheläge, daß ethnische Gruppen auch hinsichtlich ihres Sachgutes größere Gemeinsamkeiten aufweisen. Die skizzierte Diskussion um Ethnien unter Historikern, Ethnologen und Archäologen hat den Betrachtungsschwerpunkt vom äußeren Rahmen weg auf gemeinsames Bewußtsein und aktives, gemeinsames Verhalten hin verschoben. So setzen auch die modernen archäologischen Versuche in diesem Sinne bei Erscheinungen an, die man unter die Schlagworte .Sitten und Gebräuche' fassen könnte, also bei Trachtkreisen oder Räumen gemeinsamer Bestattungsbräuche 1 ; insbesondere die oben diskutierten verschiedenen StuEs sei erinnert an die Studien von V. Bierbrauer zu den Langobarden in Oberitalien oder

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Ansatz und Grundlagen der Studie

dien zur Unterscheidung von Germanen und Romanen sind diesem Ansatz verhaftet. Dieser Weg, für den die Grabfunde der Merowingerzeit immerhin gute Ansatzpunkte zu bieten scheinen, sei hier beschritten. Mit der Loslösung von den Typverbreitungen und der Hinwendung zu Sitten und Gebräuchen verbinde ich eine weitere Verschiebung der Betrachtungsebene: Die Grundlage der Argumentation sollen im folgenden Gräberfelder sein, nicht individuelle Bestattungen oder Einzelfunde. Denn Gruppenverhalten läßt sich naturgemäß besser an Gruppen beobachten. Soziale Identität ist einem Individuum nicht per se gegeben, sondern sie wird im Rahmen sozialer Prozesse erworben und möglicherweise modifiziert. Zudem führt eine Betrachtung auf dem Niveau ganzer Gräberfelder zu zählbaren Quantitäten, wodurch Regelhaftigkeiten ebenso erkennbar werden wie individuelle Ausnahmen2. Auch dies erscheint mir gegenüber der Analyse von Fundverbreitungskarten als methodischer Vorteil. Denn dort treten individuelle Ausnahmen, die es ja immer geben kann, im Kartenbild als .Ausreißer' in Erscheinung; die Beurteilung, was in solchen Fällen noch zum regelhaften Verbreitungsgebiet gehört und was als individuelle Ausnahme betrachtet wird, erfolgt bislang durchweg in sicherlich wohl abgewogenem subjektivem Urteil des Bearbeiters, Versuche zu einer notwendigen Objektivierung dieses Vorgehens stehen aus. Eine Problematik der Betrachtungsweise auf dem Niveau ganzer Gräberfelder sei jedoch frühzeitig ins Auge gefaßt, nämlich die Nivellierung von inhomogenen Gräberfeldern, auf denen zwei oder mehrere sich unterscheidende Gruppen bestattet sind. So wurden beispielsweise die Gräberfelder von BaselBernerring und Klepsau als Bestattungsgemeinschaften gedeutet, die eine fremde Oberschicht und ihre einheimischen Abhängigen umfassen3. Gräberfelder, für die derartige Erscheinungen vermutet werden, sind jedoch selten und dürften daher quantitative Untersuchungen kaum stören. Es wird später zu prüfen sein, inwieweit hier individuelle Nachbetrachtungen notwendig sind. T. Capelle zu den Elbgermanen (vgl. oben S. 62 f.) oder die Skizzierung einer Vorgehensweise bei Eggers, Einführung 276 ff. Ahnlich war auch das Vorgehen von Hans Zeiß in seiner wichtigen Studie zur Frage der Grenze zwischen romanischer und germanischer Besiedlung in Frankreich (Zeiß, Seine u. Loire 23 ff.). Er benutzte allerdings gröbere Kriterien und abstrahierte sogar vom Niveau der Gräberfelder auf das von Departements, d. h. Mikroregionen. Koch, Klepsau; Martin, Basel-Bernerring. Demnächst zustimmend zur These polyethnischer Belegung Koch, Pleidelsheim; einstweilen: Koch, Ethnische Vielfalt. Vgl. Wieczorek, Bevölkerungspolitik. - Es sei nicht verschwiegen, daß ich die dort entwickelte Sicht der Franken als einer offenen, multikulturellen Gesellschaft nicht teile und die Anwendung von Begriffen wie .Bevölkerungspolitik' für fragwürdig halte.

Ansatz und Grundlagen der Studie

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Oberschicht Die Oberschicht der Merowingerzeit ist für die hier verfolgte Fragestellung möglicherweise besonders problematisch. An der sozialen Spitze ist mit großer räumlicher Mobilität zu rechnen, die vielfältigen Heiratsbeziehungen der Königsfamilien zeugen davon. Es ist offen, wie sich etwa ein ethnisch alemannischer nobilis im merowingischen Königsdienst oder ein ethnisch fränkischer nobilis, der im ducatus alamanniae Herrschaft ausübte, archäologisch niederschlägt. Oberschichtspezifische Grabbeigaben werden vermutlich anders erworben als normale Grabausstattungen. Während die Tongefäße des alltäglichen Bedarfs oder herstellungstechnisch einfache Waffen wie Lanzenspitzen oder Saxe sicherlich lokal erworben werden konnten4, sind Produkte spezialisierter Handwerker so vermutlich nicht zugänglich gewesen. Das plausible Modell von Heiko Steuer zum Erwerb von Luxusgütern als Rangabzeichen im Rahmen des Gefolgschaftswesens, das dem ethnologischen Modell der Redistribution von Luxusgütern in Häuptlingstümern nahekommt, läßt für Fundtypen dieser Art ganz andere Regelhaftigkeiten erwarten5. Daher sollten typische Oberschichtphänomene einstweilen möglichst ausgeklammert bleiben und später separat untersucht werden. Für die Frage, was im archäologischen Sinne als Oberschichtphänomen gelten soll, greife ich auf das Qualitätsgruppenkonzept von Christlein zurück6; es ist zwar umstritten, doch betrifft diese Kontroverse mehr die sozialgeschichtliche Interpretation denn die von ihm zusammengestellte Liste der Merkmale7. Daher werden zunächst alle die Phänomene ausgeblendet, die exklusiv auf seine Qualitätsgruppen C und D begrenzt sind; beispielsweise wird zur Frage der Gefäßbeigabensitte die geläufige Beigabe von Ton- und Glasgefäßen betrachtet werden, nicht jedoch die Beigabe von Eimern und Bronzegefäßen oder Holzkästchen. Eine gravierende, nachteilige Einschränkung bedeutet diese Begrenzung nicht. In ihrer Zahl sind Mitglieder der Oberschicht immer selten, sonst wäre es keine Oberschicht. Aus den hier bearbeiteten Stichproben für das 6. und 7. Jahrhundert wurden die kleinen Separatnekropolen der Oberschicht bewußt ausgeklammert. Auf den übrigen Gräberfeldern, auf denen sich neben der breiten Bevölkerung auch einzelne Oberschichtbestattungen finden, spielen

Archäologische Überlegungen zum Einzugsbereich lokaler Märkte zusammengestellt bei: Siegmund, Frauenraub 120 ff. Steuer, Forschungstendenzen, insbes. 15; zuletzt: H. Steuer in: Die Alamannen 275-287. Christlein, Besitzabstufungen; vgl. Christlein, Alamannen 83 ff. Eine ausführliche Diskussion erfolgt im Abschnitt ,Zur Oberschicht' p. 298 ff.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

diese quantitativ keine Rolle. So wären alle Gräberfelder in gewünschtem Maße untereinander vergleichbar. Erwartungen an die Kartierungen Um die Fragen an das Fundmaterial besser stellen und Bilder besser interpretieren zu können, seien vorab verschiedene Möglichkeiten als Erwartung formuliert. Folgt man der allgemeinen Skepsis in der archäologischen Unterscheidung von Alemannen und Franken, wären archäologisch zwei verschiedene zu dieser These passende Bilder denkbar: (1) Alle Bestattungen folgen gemeinsamen Regeln, die Sitten und Gebräuche erweisen sich als über einen weiten Raum hin gleich. (2) Jede Bestattungsgemeinschaft zeigt deutlich individuelle Züge, Gruppierungen erweisen sich als nicht sinnvoll. Auf ein solches Bild deuten Beobachtungen hin, die zeigen, daß etwa die Gefäßbeigabe auch zeitgleicher und dicht benachbarter Gräberfelder unterschiedlich ist8. Diesen Möglichkeiten sei als Hypothese (3) die Aufdeckung weniger in sich recht homogener .Kulturgruppen' gegenübergestellt, die weit verbreitet sind und zugleich einigermaßen geschlossene Verbreitungsbilder aufweisen. Dies wäre ein Bild, das angesichts der geschilderten historischen Verhältnisse eine ethnische Interpretation nahelegen würde. Besondere Aufmerksamkeit verdienten hier die .Grenzen', denn nach dem Konzept der Ethnizität würde man entlang ethnischer Grenzen eher eine Betonung, nicht eine Nivellierung der Unterschiede erwarten. Als Möglichkeit (4) wären viele kleinere, regionale .Kulturgruppen' denkbar, in denen sich die gemeinsamen Sitten und Gebräuche etwa von einzelnen Siedlungskammern oder Personenverbänden widerspiegeln.

Der zeitliche Rahmen Die Untersuchung beschäftigt sich mit dem frühen Mittelalter9, recht pragmatisch wird in der Archäologie der Begriff .Merowingerzeit' bevorzugt. ζ. B. Siegmund, Niederrhein 235 ff. Tab. 30. Zum Epochenbegriff aus der Sicht des Historikers ζ. Β.: H. Boockmann, Einführung in die Geschichte des Mittelalters (München 41988) 13-18; ders., Tausend Jahre Verlegenheit zwischen Antike und Neuzeit: Vorstellungen vom Mittelalter - Umrisse des Mittelalters. In: H. Boockmann / K. Jürgensen (Hrsg.), Nachdenken über Geschichte. Beiträge aus der Ökumene der Historiker. In Memoriam Karl Dietrich Erdmann (Neumünster 1991) 367381. - Zusammenfassend: Schneider, Frankenreich 2 f.

Der zeitliche Rahmen

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Denn die Zeit dieses Herrscherhauses deckt sich in etwa mit der Zeit, in der uns die Gräberfelder als wesentliche Quelle zur Verfügung stehen10.

Phasen der Niederrhein-Chronologie

Abb. 3. Schaubild zur zeitlich variierenden Menge der datierbaren Bestattungen am Niederrhein. - Wegen der unterschiedlichen absoluten Dauer der einzelnen Phasen werden hier besser vergleichbare, relative Zahlen im Sinne von .Gräbern pro Jahrzehnt' dargestellt. Phase 1-3 ca. 400-530 n. Chr.; Phase 4 ca. 530-555 n. Chr.; Phase 5-9 ca. 555-670 n. Chr.; Phase 10-11 ca. 670-740 n. Chr.

Dabei nimmt der erste Abschnitt, die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts und das frühe 6. Jahrhundert, eine Sonderstellung ein. Viele Reihengräberfelder beginnen erst im frühen 6. Jahrhundert, etwa mit dem zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts setzt jene regelhaft geübte und recht gleichförmige Beigabensitte ein, die bis über die Mitte des 7. Jahrhunderts andauert und für den Archäologen zu einigermaßen gleichmäßigen und repräsentativen Beobachtungsbedingungen führt 11 . In der frühen Merowingerzeit, der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts und dem ersten Viertel des 6. Jahrhunderts 12 , sind die Bestattungs- und Beigabensitten offenbar abweichend, vor allem ist die

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Ament, Periodisierung. Zur Entstehung der Reihengräber neuere Übersichten bei: Quast, Reihengräbersitte; Koch, Grabformen. Die von H. Ament (Periodisierung) vorgeschlagene Periodisierung der Merowingerzeit berücksichtigt diese über weite Räume hin verfolgbare deutliche Zäsur etwa an der Wende vom ersten zum zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts nicht. Ähnlich problematisch dürfte sein Begriff .mittelmerowingisch' gefaßt sein, obwohl sich mit dem .Horizont um 600' ein recht klar faßbarer, enger zu setzender Begriffsinhalt aufdrängt. Daher erscheinen mir seine Begriffsinhalte für die Perioden .früh-, mittel- und spätmerowingisch' ungeschickt und hier nicht anwendbar.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

Beigabensitte deutlich weniger ausgeprägt. Gut beschreibbar wird dieses Phänomen, wenn man für eine größere Region die Zahl der datierten Bestattungen auszählt. Als Beispiel wird hier der Niederrhein herangezogen, wo insgesamt gut 2500 Bestattungen überschaubar sind (Abb. 3). Die Zahl der datierbaren Gräber liegt ab dem zweiten Drittel des 6. Jahrhunderts bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts bei etwa 100 pro Jahrzehnt, in der frühen Merowingerzeit nur bei etwa 10 bis 15. Selbst wenn man alle undatierten Bestattungen, was sicher nicht gerechtfertigt ist, versuchsweise diesen frühen Phasen hinzurechnete, würde sich die Zahl nur auf etwa 50 erhöhen, d. h. ein deutliches Mißverhältnis bliebe bestehen. Die Annahme eines raschen Bevölkerungswachstums reicht für derart große Unterschiede in den Zahlen nicht aus, weshalb das Phänomen anders erklärt werden muß. Die Überlegungen zielen meist auf die schlechtere Auffindbarkeit, da die frühen Nekropolen wohl kleiner waren und einen wesentlich höheren Anteil beigabenloser Bestattungen aufweisen, aber auch auf gänzlich abweichende Bestattungssitten13. Hier genügt die bloße Konstatierung des Phänomens, das zu einer vergleichsweise schlechten Quellenlage in der frühen Merowingerzeit führt. Sie betrifft genau jenen Zeitabschnitt, der im Betrachtungsraum möglicherwiese durch eine höhere Mobilität und größere Verschiebungen oder Wanderungen geprägt ist, exemplarisch sei an den Zug der Burgunden oder das Ende des Thüringerreiches erinnert. Wenn schlechte Quellenlage und komplizierte historische Verhältnisse aufeinandertreffen, dürften die Aussagemöglichkeiten eng begrenzt sein. Das Ende der Reihengräberfelder vollzieht sich im Laufe des 7. Jahrhunderts in einem komplexen Vorgang14. Die Intensität der Beigabensitte geht sukzessive zurück, wobei einzelne Regionen und einzelne Fundgattungen unterschiedlich betroffen sind. So läßt die Sitte der Waffenbeigabe im Westen wesentlich früher nach, ihr Rückgang schreitet allmählich nach Osten fort 15 . Die Sitte der Gefäßbeigabe dauert am Niederrhein noch bis ins 8. Jahrhundert an, während sie in Bayern schon im frühen 7. Jahrhundert stark zurückgeht. Zudem werden die Begräbnisstätten verlagert; liegen die Friedhöfe des 6.-7. Jahrhunderts regelhaft etwas außerhalb der Siedlungen, wird im 8. Jahrhundert üblicherweise an den in den Dörfern gelegenen Kirchen bestattet, wobei die Gräber dann wesentlich dichter und sich vielfach überlagernd ange-

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Zusammenfassend ζ. B. Amern, Eschborn 46 f. Eine umfassende Darstellung und systematische Analyse dieses Phänomens steht aus. Zum heutigen Kenntnisstand zusammenfassend ζ. B. Ament, Chronologische Untersuchungen 310-313; Β. E. Theune-Grosskopf in: Die Alamannen 471-480. Zusammenfassend: Ament, Franken u. Romanen.

Chronologische Einheiten

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legt werden. Dieser Wechsel vom Friedhof zum Kirchhof vollzieht sich in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, auch hier gibt es größere regionale und lokale Unterschiede. Vermutlich kommt dabei der Oberschicht eine Pionierfunktion zu, denn unter den frühen Kirchen findet man üblicherweise auffallend reiche Bestattungen. In der Summe führen diese Phänomene dazu, daß die merowingerzeitlichen Gräberfelder bis in das mittlere Drittel des 7. Jahrhunderts untereinander einigermaßen gut vergleichbar sind, während danach die Beigabensitte stark nachläßt und viele regionale und lokale Besonderheiten zu berücksichtigen wären. Damit ist die obere zeitliche Begrenzung der Untersuchung beschrieben und begründet.

Chronologische Einheiten Innerhalb der Merowingerzeit sind heute feine chronologische Differenzierungen möglich, vielfach können Grabinventare durchaus enger als auf Dritteljahrhunderte festgelegt werden16. Damit lassen sich Phänomene sehr detailliert auch in ihrer zeitlichen Entwicklung verfolgen, eine relativ enge Korrelation mit Schriftquellen und historischen Ereignissen ist prinzipiell möglich. Der vor diesem Hintergrund verständliche Wunsch nach einer möglichst feinen chronologischen Gliederung innerhalb des betrachteten Zeitraums ist jedoch problematisch. Mit zunehmender Differenzierung der Chronologie nimmt der Anteil der hinreichend sicher zuweisbaren Inventare ab, da viele Gräber mangels spezifischer Beigaben nur weniger eng festgelegt werden können. Auch ohne dieses Problem nimmt mit wachsender Differenziertheit die Menge der zugewiesenen Inventare ab: je feiner man den Zeitraum in kleinere Einheiten unterteilt, desto geringer wird der Inhalt der einzelnen Zeiteinheiten. So stünden bei einer detaillierten Gliederung vielfach nur wenige .zeitgleiche' Inventare pro Gräberfeld zur Verfügung, was eine Argumentation mit Häufigkeiten schwierig machte. Ein weiteres Hindernis ist der allgemein erreichte Forschungsstand. Die Zahl gut und modern untersuchter Nekropolen ist begrenzt, vielfach sind nur ältere Analysen verfugbar, die lediglich gröbere Differenzierungen vornahmen. Bei den verfügbaren Feinchronologien handelt es sich zudem meist um Gräberfeldchronologien, allenfalls um regionale Untersuchungen. Eine weit-

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Beispiele für solche Feinchronologien: Koch, Schretzheim; Siegmund, Niederrhein; Koch, Pleidelsheim.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

räumige Verknüpfung dieser Analysen und ihre Ausweitung auf bislang kaum differenziertes Material steht einstweilen aus und kann hier nicht geleistet werden 17 . Als pragmatischer Kompromiß zwischen wünschenswerter Detailliertheit und notwendiger Verallgemeinerung wird das Fundgut daher in drei Abschnitte gegliedert, die ich mit Α-C benenne. Der erste Zeitschnitt A umfaßt absolutchronologisch in etwa die Zeit zwischen 450 und 530 n. Chr., im allgemeinen Sprachgebrauch der Merowingerforschung wird diese Zeit häufig auch verkürzend das ,5. Jahrhundert' genannt. Der Fundstoff ist noch gering an Zahl und chronologisch daher schwieriger zu gliedern. Der archäologische Inhalt wird vielfach mit Begriffen wie .Horizont Flonheim-Gültlingen' oder .childerichzeitlich / chlodwigzeitlich' belegt, er umfaßt - um exemplarisch einige wesentliche Chronologiesysteme zu benennen - die Stufe Π nach K. Böhner, den Abschnitt AM I nach H. Ament, die Phasen 2-3 meiner Niederrhein-Chronologie bzw. die Phasen 2-4 der neuen Chronologie von U. Koch18. Die absolutchronologische Ansetzung seines Endes und des Beginns des folgenden Zeitschnitts Β ist umstritten, einzelne Forscher setzen ihn bereits auf um 510 n. Chr. an19. Für die hier verfolgte Fragestellung wäre eine allgemein überzeugende Lösung dieser Diskussion nützlich, notwendig ist sie nicht, da abseits der absoluten Chronologie weitgehende Ubereinstimmung hinsichtlich des archäologischen Inhalts besteht. Der zweite Zeitschnitt B, verkürzend auch ,6. Jahrhundert' genannt, umfaßt absolutchronologisch etwa den Zeitraum 530-585 n. Chr. Er ist geprägt von Frauengräbern mit Vierfibeltracht aus Bügelfibeln, Almandinscheibenfibeln oder Vogel- und S-Fibeln. Die Gürtel weisen beschlaglose Schnallen mit Schilddorn bis hin zu einteiligen Garnituren mit triangulären Beschlägen auf, bei den Männern sind etwa Schmalsaxe und Schildbuckel mit Spitzenknopf typische Waffen. Der Zeitraum entspricht den Phasen NRh 4-6 und annähernd der Stufe ΠΙ nach K. Böhner bzw. dem Abschnitt AM Π-ΠΙ nach 17

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Einige chronologisch kaum untersuchte Nekropolen wurden hier rasch in das Chronologiesystem für den Niederrhein eingeordnet, entsprechende Nachweise finden sich im Katalog. Dieses Verfahren ist aber über weite Räume hin nicht vertretbar. Ament, Flonheim 127 f.; Ament, Periodisierung; Müller, Hemmingen 149 f.; Böhner, Trierer Land 25; Siegmund, Niederrhein 203 ff.; Quast, Gültlingen 18 ff. - Zur neuen Süddeutschland-Chronologie U. Kochs demnächst: Koch, Pleidelsheim. Ich danke U. Koch herzlich für die Gelegenheit, frühzeitig auf wesentliche Teile ihrer Studie zurückgreifen zu können. Martin, Gliederung; Quast, Gültlingen 20. - Vor allem wegen methodischer Einwände vermag ich dem Ansatz Martins nicht zu folgen, sondern halte an dem konventionellen Datum fest. Der neue Vorschlag von U. Koch (Pleidelsheim) bringt ebenfalls Argumente für ein Datum um 530 n. Chr.

Chronologische Einheiten

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H. Ament. In Süddeutschland wäre als Entsprechung die Gliederung des Gräberfeldes von Schretzheim heranzuziehen, dessen Stufen 1 und 2 sowie der ältere Teil der Stufe 3 in diesen Zeitraum fallen; als wichtiges älteres System ist das Schichtenmodell von R. Christlein zu nennen, dessen Schicht 1 dem hier skizzierten Zeitraum entspricht20. Der dritte Zeitschnitt C, verkürzend auch ,7. Jahrhundert' genannt, umfaßt absolutchronologisch etwa die Zeit von 585-670 n. Chr. Er entspricht den Phasen NRh 7-9 und in etwa der Stufe IV nach K. Böhner bzw. den Stufen JM Ι-Π nach H. Ament. In Süddeutschland umfaßt er den jüngeren Teil der Schretzheimer Stufe 3 und die Schretzheimer Stufen 4-5 bzw. die Schichten 2 und 3 nach R. Christlein. Bezogen auf das Sachgut ist es die Zeit der Einfibeltracht bei den Frauen, meist mit Goldscheibenfibeln, und der Breitsaxe und Schildbuckel ohne Spitzenknopf bei den Männern. Die charakteristischen Leitformen sind die Gürtel, die geprägt sind von zwei-, drei- oder mehrteiligen Gürtelgarnituren mit halbrunden oder triangulären Beschlägen, die häufig Tauschierungen mit geometrischen Mustern oder Tierstildekor aufweisen. In ihrer absoluten Dauer umfassen der erste und der dritte Zeitschnitt A und C etwa drei Generationen (ca. 80 bzw. 85 Jahre), der zweite Zeitschnitt Β etwa zwei Generationen (ca. 55 Jahre). Diese Gliederung der Merowingerzeit in drei Einheiten ist archäologisch leicht faßbar, in ihrem Inhalt wenig umstritten und über weite Räume hin gut synchronisierbar. Eine stärkere Differenzierung würde die Zahl der dann noch nutzbaren Nekropolen und die Menge der auf ihnen datierbaren Gräber zu sehr einschränken. Die drei Zeitschnitte wurden zunächst unter dem Primat ihrer archäologischen Praktikabilität umrissen. Im Vergleich zu den historischen Ereignissen sind sie jedoch nicht unpassend. Der Zeitschnitt A umfaßt im wesentlichen den Zeitraum, in dem sich mit Childerich (f 482) und Chlodwig (f 511) ein merowingisches Königtum etabliert, während die Alemannen noch politisch eigenständig sind. An seinem Ende im frühen 6. Jahrhundert werden die Alemannen in die merowingische Herrschaft integriert. Der Zeitschnitt Β fällt historisch in die Zeit der Söhne Chlodwigs, die das fränkische Herrschaftsgebiet zunächst weiter ausdehnen und stabilisieren. In die 530er Jahre fallen die Unterwerfung des Thüringerreiches und der Burgunder, weiterhin

20

Zur genaueren Korrelation der verschiedenen Chronologiesysteme und zur Schilderung ihres Inhalts sei auf entsprechende Spezialuntersuchungen verwiesen, ζ. B.: Koch, Schretzheim; Koch, Bargen u. Berghausen; Siegmund, Niederrhein. Im Sinne von Koch, Pleidelsheim, entspricht der Zeitschnitt Β den Phasen SD 5-6.

94

Ansatz und Grundlagen der Studie

Auseinandersetzungen mit Westgoten, in deren Verlauf das Herrschaftsgebiet nach Südfrankreich ausgreift, und Feldzüge nach Oberitalien. Danach ist es die Zeit vielfältiger Auseinandersetzungen innerhalb der merowingischen Königsfamilie. Der Zeitschnitt C fällt mit dem Beginn einer Restabilisierung der politischen Führung zusammen, die dann ihren Höhepunkt in den Königen Chlotar Π. (f629) und Dagobert I. (f 638/639) erreicht. Letzterem schreibt man gerade im Osten, d. h. im rechtsrheinischen Gebiet, wesentliche Strukturierungen von Raum und Herrschaft zu, so etwa die Gründung des Bistums Konstanz und die Reorganisation der Herrschaft in Thüringen und Mainfranken. Die notwendigerweise Zeiträume zusammenfassenden Zeitschnitte Α-C korrespondieren insofern sinnvoll mit Epochen der äußeren Geschichte, was für einen späteren Vergleich der archäologisch erzielten Ergebnisse mit dem Befund der Schriftquellen hilfreich sein wird.

Zur Auswahl der Kriterien Der Vergleich der Disziplinen hatte unter anderem gezeigt, daß eine wesentliche Qualität der archäologischen Uberlieferung in ihrer Häufigkeit und ihrer Ortsgebundenheit besteht. Daran muß sich auch die Auswahl der Kriterien orientieren; ähnlich wie bei der oben diskutierten Frage nach einer mehr oder weniger detaillierten Chronologie ist auch hier die Zielsetzung zu berücksichtigen, eine quantitativ und in der räumlichen Verbreitung hinreichend repräsentative Zahl an Beobachtungen machen zu können. So werden hier vielfach scheinbar grobe, einfache Beobachtungen bevorzugt, da diese an vielen Gräberfeldern gemacht werden können. Manche sinnvolle Hypothesen, etwa zu Unterschieden in der Grablage der Spathen, erfordern detailliertere Dokumentationen des Befundes auf der Grabung und eine entsprechende Publikation. So sehr dies heute auch selbstverständlicher Standard sein mag, viele Altgrabungen erfüllen solche Ansprüche nicht. Hier zwingt der Wunsch, auch solche weniger akribisch gegrabenen oder auch weniger informativ publizierten Gräberfelder berücksichtigen zu können, um die Materialbasis zu erhöhen, gelegentlich zum Verzicht auf die Untersuchung manch interessanter Hypothese21.

21

Dies gilt in starkem Maße auch für die Frage nach den Bestattungsformen, wo eine irritierende Publikationspraxis dazu führt, daß auch von besser ergrabenen und dokumentierten Nekropolen Grabpläne meist nur exemplarisch in geringer Zahl vorgelegt werden. - So wäre etwa der Hinweis von U. Koch auf die .fränkischen' überlangen Gräber wert, anhand einer größeren Serie auf seine Stichhaltigkeit überprüft zu werden (Koch, Herbolzheim

Zur Statistik

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Ähnlich wie bei der Chronologie nimmt bei zunehmender Komplexität der Kriterien die Zahl der noch nutzbaren Gräber und Gräberfelder ab. Der Anteil etwa der Schwerter an der Gesamtbewaffnung läßt sich zumeist erheben und ergibt statistisch auch an recht kleinen Nekropolen noch brauchbare Zahlen. Bei der Frage nach der Grablage der Spathen bildeten jedoch nicht mehr die Waffen, sondern nur mehr die geringere Anzahl der Spathen die Grundgesamtheit. Diese würde nun auf zwei Möglichkeiten verteilt: Lage rechts oder links des Bestatteten. Die Materialbasis weiter schmälernd wären jene keinesfalls seltenen Fälle, wo etwa nach einem Grabraub noch das ehemalige Vorhandensein einer Spatha erschließbar ist, ihre Lage jedoch unklar bleibt. In ähnlicher Weise erschiene mir die Frage nach der Art und der Kombination verschiedener Typen von Tongefäßen sowie ihrer Lage im Grab erfolgversprechend. Aber dort, wo die Sitte der Tongefäßbeigabe insgesamt nur in geringem Maße geübt wurde, würde die statistische Basis recht schmal. An großen und hinreichend gut publizierten Nekropolen ließen sich derartige Fragen zwar mit Gewinn verfolgen, doch kleinere Gräberfelder und weniger modern publiziertes Material müßten dann zunehmend ausgeschlossen bleiben, was die hier anzustrebende Erschließung der Fläche sehr problematisch machen würde. So wird manche interessante und berechtigte Hypothese, die in der Literatur zu finden sein mag, nicht weiter verfolgt werden können, da dies nur an einer allzu kleinen Teilmenge der hier zusammengetragenen Gräberfelder möglich wäre.

Zur Statistik Anders als viele Schriftquellen zum Frühmittelalter oder Bauwerke und Kunstgegenstände dieser Zeit sind ur- und frühgeschichtliche Bodenfunde für sich allein genommen meist unscheinbar und wenig aussagekräftig, oft aber in großen Mengen verfügbar. Daher gehört die Beobachtung von Regelhaftigkeiten und Häufigkeiten seit der Verwissenschaftlichung unserer Disziplin zum festen methodischen Repertoire, um die Quantität archäologischer Quellen in Qualität umsetzen zu können22. So lag es nahe, daß sich die Ur- und Frühgeschichtsforschung seit der weiteren Verbreitung von Großrechnern

22

393 f.). Nach einer ersten Sichtung der mir verfügbaren Daten für den Niederrhein läßt sich ihr Bild m. £. nicht bestätigen, da sich kaum klare Zäsuren für die Abgrenzung dieser Grabform finden lassen. Doch dieses negative Ergebnis kann durchaus mit der räumlichen Begrenztheit meiner Stichprobe zusammenhängen. Montelius, Methode, ζ. B. p. 2 u. 13.

96

Ansatz und Grundlagen der Studie

und Programmen zur Statistik in den späten 1960er Jahren offensiv dieser neuen Instrumente bedient hat. Eine wichtige frühe Zusammenschau der Entwicklungen bot das 1975 erschienene Werk von J. E. Doran und F. R. Hodson, ihm folgt für den deutschsprachigen Raum 1978 ein Lehrbuch der Statistik für Archäologen von P. Ihm23. Manches statistische Verfahren wurde von Prähistorikern erfunden bzw. auf ihre Anregung hin entwickelt, bekanntestes Beispiel hierfür ist die Seriation. Die hier verwendeten quantitativen Methoden dürfen in der Ur- und Frühgeschichte als weithin bekannt gelten und sind Gegenstand verbreiteter Lehrbücher24. Daher kann im Text der vorliegenden Studie normalerweise auf nähere Erläuterungen verzichtet werden. Um jedoch eine Verständlichkeit auch für weniger stark quantifizierend arbeitende Wissenschaftler zu erhalten, werden die verwendeten Begriffe und Verfahren der Statistik jeweils bei ihrer ersten Nennung zumindest in einer Fußnote erläutert. Da die vorliegenden Daten - wie zumeist bei archäologischen Problemen die verteilungstheoretischen Anforderungen an parametrische Verfahren in der Regel nicht erfüllen, werden hier häufig, oft nicht weiter kommentiert, parameterfreie Verfahren gewählt. Sie beruhen meist auf der Uberführung der tatsächlich beobachteten Werte in Ränge25. Die statistischen Berechnungen wurden weitgehend mit bewährten kommerziellen Standardprogrammen vorgenommen. An erster Stelle ist zu nennen SPSS/PC + Vers. 4.01, der PC-Version des .Statistical Package for the Social Sciences'26. Die Seriationen wurden mit Hilfe von BA SP 4.5 (.Bonn Archaeological Statistics Package Vers. 4.5') berechnet27. Die hier vorgelegten Kartierungen erfolgten automatisiert mit Hilfe der Fundplatzkoordinaten28; benutzt wurde das Programm Mapinfo 4.5.

23

24

25 26

27 28

J. E. Doran / F. R. Hodson, Mathematics and Computers in Archaeology (Edinburgh 1975); Ihm u. a., Statistik. Neben Ihm u. a., Statistik z. B.: C. Orton, Mathematics in Archaeology (Cambridge 1980); St. Shennan, Quantifying Archaeology (Edinburgh 1988); R. D. Drennan, Statistics for Archaeologists (New York 1996). Dazu umfassend und gut lesbar: Siegel, Methoden. Zunächst: Ν. H. Nie / C. H. Hull / J. G. Jenkins / Κ. Jenkins / Κ. Steinbrenner / D. H. Bent, SPSS. Statistical package for the social sciences (New York, San Francisco, St Louis 1975). - Zur PC-Version: M. J. Norusis, SPSS/PC + V2.0 Base Manual (Chicago 1988); dies., SPSS/PC + Advanced Statistics V2.0 (Chicago 1988); dies., SPSS/PC + Update for V3.0 and V3.1 (Chicago 1989); dies., The SPSS Guide to Data Analysis for SPSS/PC + (Chicago 1992). Scollar u. a., BASP. Die Umrechnung der unterschiedlichen Fundplatzkoordinaten (Gauß-Krüger-Koordinaten, Geographischen Koordinaten u. a.) in ein hier zugrunde gelegtes übergreifendes kartesisches Koordinatensystem erfolgte mittels eines FORTRAN-Programmes, das mir A. Zimmer-

Die Stichprobe

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Die Stichprobe Die Einheiten der Untersuchung sind Gräberfelder, nicht einzelne Gräber. Aufgenommen wurden innerhalb des als relevant betrachteten Raumes alle wesentlichen Nekropolen (Abb. 4-6). Sie sollten möglichst nicht klein sein, vollständig oder in größeren Ausschnitten ergraben, in einem ordentlichen Katalog überprüfbar publiziert und möglichst auch im Sinne moderner Chronologievorstellungen analysiert sein. In quantitativ gut belegten Regionen wurden nur größere und gut untersuchte Nekropolen aufgenommen; in schlechter belegten, aber für die Fragestellung wichtigen Bereichen mußten vereinzelt auch weniger geeignete Nekropolen berücksichtigt werden. Unter diesen Voraussetzungen konnten für die Zeitschnitte Β und C zusammen 185 Fundorte mit insgesamt ca. 27.060 Gräbern zusammengestellt werden, von denen ca. 10.440 näher datierbar sind. Sie enthalten etwa 6.240 Waffen und 5.530 Ton- und Glasgefäße. Etwa 3.390 der datierbaren Gräber stammen von 103 Fundplätzen für den Zeitschnitt Β (,6. Jahrhundert': 1.890 "Waffen, 2.660 Ton- und Glasgefäße) und etwa 7.060 datierbare Gräber von 157 Fundplätzen für den Zeitschnitt C (,7. Jahrhundert': 4.350 Waffen, 2.880 Ton- und Glasgefäße). Berücksichtigt man die unterschiedlich lange Dauer der beiden Zeitschnitte, ist das ,7. Jahrhundert' nach der Zahl der Gräber um den Faktor 1,3 besser belegt als das ,6. Jahrhundert', ein allgemein bekanntes Phänomen, denn vor allem in Süddeutschland sind Gräberfelder des 6. Jahrhunderts vergleichsweise selten. Ausgangspunkt der Sammlung für den Zeitschnitt A (,5. Jahrhundert') ist ein spezifischer Typ .alemannischer' Gräberfelder, der unlängst von H. Ament erneut zusammengestellt und kartiert wurde29. Es handelt sich um relativ kleine Gräberfelder mit Körperbestattungen, die durchweg der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts angehören und die ,um 500' oder während des ersten Viertels des 6. Jahrhunderts abbrechen; als ihr Hauptverbreitungsgebiet zeich-

29

mann (Köln) zur Verfügung stellte. Für diese Hilfe danke ich ihm herzlich. - Zum Problem der Transformation unterschiedlicher Koordinatensysteme einschließlich der notwendigen Formeln und Parameter: I. Scollar, Geodetic and cartographic problems in archaeological data bases at and within the boundaries of some countries. In: S. P. Q. Rahtz / J. Richards (eds.), Computer applications and quantitative methods in archaeology 1989. BAR Int. Ser. 548 (Oxford 1989). Ament, Eschborn 42 ff. mit Abb. 12. - Alle hinreichend publizierten Gräberfelder seiner Liste wurden aufgenommen. Leider sind mehrere dieser Nekropolen nur durch heute unzulänglich erscheinende Altgrabungen erschlossen, andere erst in jüngster Zeit ergraben worden und nur in Vorberichten angekündigt, so daß manche Orte nicht genauer erfaßt werden konnten.

98

Ansatz und Grundlagen der Studie

net sich der süddeutsche Raum zwischen Oberrhein, Donau und Neckar ab. Hinzu treten einige größere (Reihen-)Gräberfelder, die noch im 5. Jahrhundert einsetzen, aber nicht im frühen 6. Jahrhundert abbrechen, sondern kontinuierlich weiter genutzt wurden30. Solche Nekropolen finden sich gleichermaßen in Süd- und Westdeutschland. Im Westen wird die Stichprobe erweitert um einige spätantike Gräberfelder auf dem Gebiet des römischen Reichs, die anhand ihrer Frauentracht und der Waffenbeigabe als Bestattungsplätze von Germanen kenntlich werden. Sie setzen häufig schon im 4. Jahrhundert ein und werden mit germanischen Laeten oder Foederaten verknüpft31. Angesichts der hier verfolgten Fragestellung wurden Nekropolen ausgewählt, die in ihrem Schwerpunkt dem 5. Jahrhundert angehören. Die Ergebnisse werden zeigen, daß diese Erweiterung sinnvoll ist. Trotz dieses weiträumigen und auch chronologisch großzügigen Ansatzes führt die Zusammenstellung zum Zeitschnitt A nur zu einer vergleichsweise geringen Zahl an Gräberfeldern und Bestattungen. Die Stichprobe für den Zeitschnitt A (,5. Jahrhundert') umfaßt nur 32 Orte mit ca. 850 beigabenführenden Gräbern, aus denen insgesamt ca. 235 Waffen und 715 Ton- und Glasgefäße stammen. Die oben geschilderten Stichproben für die Zeitschnitte Β und C (,6. und 7. Jahrhundert') sind damit um den Faktor 7 umfangreicher; sie ließen sich zudem - wenn auch mit größerer Mühe und vorwiegend durch einzelne Gräber und sehr kleine Nekropolen - sicherlich verdoppeln. Eine ähnliche Vergrößerung der Stichprobe zum Zeitschnitt A wäre aufgrund des publizierten Materials nicht möglich, eine der folgenden Zeit nur annähernd vergleichbare Größenordnung ist nicht erreichbar. In der Interpretation ist nicht nur die damit verbundene geringere Sicherheit der Aussagen zu bedenken. Letztlich steht die Frage im Raum, was eigentlich in den Bestattungsplätzen des 5. Jahrhunderts greifbar wird: eine zwar ausnehmend kleine, aber repräsentative Stichprobe des tatsächlichen Verhaltens, oder eine seltene und spezifische, zum jüngeren hinleitende Bestattungssitte, der andere, uns verschlossen bleibende Riten gegenüberstehen, denen die Masse der Bevölkerung folgte und die erst im frühen 6. Jahrhundert aufgegeben wurden. Dieses Pro-

30

31

Dazu im einzelnen Liste 1; vgl. die Zusammenstellungen von U. Koch und K. Weidemann (U. Koch, Alamannische Gräberfelder der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts in Südbayern. Bayer. Vorgeschbl. 34, 1969, 162-193; K. Weidemann, Untersuchungen zur Siedlungsgeschichte des Landes zwischen Limes und Rhein vom Ende der Römerherrschaft bis zum Frühmittelalter. Jahrb. RGZM 19, 1972, 99-154, hier: 132 f.). Auch hier sind viele der möglichen Gräberfelder in alter Zeit nur turbulent ergraben oder neuere Untersuchungen noch nicht hinreichend vorgelegt. Grundlegend: Böhme, Germanische Grabfunde.

Die Stichprobe

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blem kann hier nicht geklärt werden, die Frage der Repräsentativität und die geringe Stichprobengröße müssen jedoch bei der Interpretation der folgenden Untersuchung zum 5. Jahrhundert ständig bewußt bleiben. Die Kartierungen Abb. 4-6 zeigen die Verbreitung der für die drei Zeitschnitte herangezogenen Fundorte. Die Problematik für den Zeitschnitt A wurde diskutiert. Den Zeitschnitten Β und C müßte als Gegenkartierung ein Bild des derzeitigen Forschungsstandes gegenübergestellt werden, damit überprüfbar wäre, inwieweit die Stichproben auch vor dem Hintergrund des Forschungsstandes einigermaßen repräsentativ sind. Leider fehlt eine entsprechend großräumige neuere Zusammenstellung; gute Regionalkartierungen, aus denen sich eine solche kompilieren ließe, vermißt man vor allem für den süddeutschen Bereich32. Die verfügbaren älteren Karten zeigen, daß vielleicht auch die tatsächliche Besiedlung, eher jedoch der regionale Forschungsund Publikationsstand sehr unterschiedlich ist und das Kartenbild prägt33. Vor allem eine auch die Quantitäten verdeutlichende Kartierung von E. Gringmuth-Dallmer macht auf beträchtliche Forschungslücken aufmerksam34. Die hier benutzte Stichprobe unterliegt den gleichen Bedingtheiten, sie scheint im Vergleich mit diesen Karten repräsentativ zu sein. In Relation zur Fragestellung bleiben jedoch einige Gebiete problematisch dünn besetzt: das Elsaß, der Norden Baden-Württembergs, Mainfranken und der Raum zwischen Bodensee und Iiier. Diese Quellendefizite können hier nun benannt, nicht gelöst werden. Im Vergleich der Zeitschnitte Β und C fällt die etwas geringere Zahl der Fundpunkte in Bayern, südlich der Donau und östlich des Lech, vor allem im ,6. Jahrhundert' auf, ansonsten scheinen beide Zeitschnitte in ihrer flächigen Repräsentanz keine größeren Unterschiede aufzuweisen. Nachdem so die Probleme - weniger der Stichprobe als des Forschungsstandes - beleuchtet sind, soll nun im positiven Sinne auf die Qualität der Informationen eingegangen werden. Die hier zusammengestellten Fundorte

32

33

34

Die beiden großräumigen Karten für Baden-Württemberg sind sicher (Christlein, Alamannen, Einband) oder vermutlich (Dauber, Reihengräber; ohne Nachweise) unvollständig. Großräumig nur: J. Werner, Verbreitung der Reihengräberfelder im 7. Jahrhundert. In: Bayerischer Schulbuch-Verlag (Hrsg.), Mittelalter. Großer Historischer Weltatlas 2 (München 1970) 64a. Gringmuth-Dallmer, Kulturlandschaftsentwicklung Abb. la. - Letztlich sind die hier vermißten Informationen zur regional unterschiedlichen Fundintensität den jeweiligen Ämtern für Bodendenkmalpflege bekannt; es wäre für die Forschung nicht nur zur Merowingerzeit nützlich, wenn sie auch öffentlich verfügbar wären. Vgl. ζ. B. Siegmund, Niederrhein 7 Abb. 2.

100

Ansatz und Grundlagen der Studie

Abb. 4. Kartierung der hier verwendeten Gräberfelder des Zeitschnitts A (,5. Jahrhundert'). Die Zahlen beziehen sich auf die Fundortnumerierung im Katalog (Liste 1).

dürften eine einigermaßen repräsentative Stichprobe aus dem publizierten Gesamtbestand darstellen, die bis auf unpubliziertes Material und sehr kleine Fundstellen alle wesentlichen Nekropolen umfaßt. In den Abbildungen 7-8 sind für die hier verwendete Stichprobe das Jahr der Entdeckung bzw. des Grabungsbeginns und das Erscheinungsjahr der benutzten Publikationen zusammengestellt und addierend in eine Summenkurve übertragen. Die Bilder verdeutlichen, daß gerade in den 1970er und -80er Jahren eine beträchtliche

Die Stichprobe

101

Abb. 5. Kartierung der hier verwendeten Gräberfelder des Zeitschnitts Β (,6. Jahrhundert'). Die Zahlen beziehen sich auf die Fundortnumerierung im Katalog (Liste 1).

Menge an Fundplätzen und Fundstoff publiziert wurde. Verglichen mit dem Quellenstand etwa Ende der 1960er Jahre verfügen wir daher heute - sowohl hinsichtlich der Anzahl der Fundorte als auch der Gräber - über eine etwa dreifache Informationsmenge. Dies sollte ermutigen, Fragen erneut anzugehen, deren Beantwortbarkeit ehedem skeptisch betrachtet wurde. Zugleich ermöglicht diese Betrachtung natürlich auch eine frühzeitige Relativierung des heutigen Kenntnisstandes. Verschiedene Analysen zu mero-

Ansatz und Grundlagen der Studie

Abb. 6. Kartierung der hier verwendeten Gräberfelder des Zeitschnitts C (,7. Jahrhundert'). Die Zahlen beziehen sich auf die Fundortnumerierung im Katalog (Liste 1).

wingerzeitlichen Fundregionen haben zeigen können, daß trotz steigender Aktivitäten der Bodendenkmalpflege die Masse der Neuentdeckungen in der Merowingerarchäologie schon hinter uns liegt oder ein Gipfel zumindest in naher Zukunft zu erwarten ist35. Ausgrabung, Konservierung und wissen35

Siegmund, Niederrhein 8 f. Abb. 3; Nieveler, Erftkreis u. Euskirchen 15 Abb. 5; T. Dickinson in: Rahtz u. a., Cemeteries 15 Abb. 1,1.

103

Die Stichprobe 200 175 150 r

o Ί3 125 ΐC

100

Ο 75

-ϊ -Q

50 25

0 1840 -60

-80 1900 -20

-40

-60

-80

Abb. 7. Summenkurve zur Zahl der neu entdeckten Fundorte pro Jahrzehnt. Grundlage ist die hier zusammengetragene Stichprobe für die Zeitschnitte Β und C, insgesamt 185 Fundorte. Die Balken zeigen den Zuwachs an neu entdeckten Fundorten, die gestrichelte Linie zeigt den Zuwachs an publizierten Fundorten.

27500 η 25000 22500 20000 I

17500

Ô 15000

-50 -70 -90 -10 -301 -50 -70 -90 1840 -60 -80 1900 -20 -40 -60 -80 Abb. 8. Summenkurve zur Zahl der neu entdeckten Gräber pro Jahrzehnt. Grundlage ist die hier zusammengetragene Stichprobe für die Zeitschnitte Β und C, insgesamt 27178 Bestattungen. - Die Balken zeigen den Zuwachs an neu entdeckten Gräbern, die gestrichelte Linie zeigt den Zuwachs an publizierten Gräbern.

schaftliche Quellenvorlage benötigen eine gewisse Zeit. In der hier verwendeten Stichprobe liegt für die nach 1945 entdeckten Plätze - bei großer Spannweite - der mittlere zeitliche Abstand zwischen dem Grabungsbeginn eines Gräberfeldes und seiner hier verwendeten Publikation bei etwa 16 Jahren. So dürfte in die Zukunft hinein auch bei demnächst stark abnehmender Zahl

104

Ansatz lind Grundlagen der Studie 10

3 6 ? *ö 44 1A O 2

0

„ I i ΓΤΓιΤιΤι ¡ ι1 I I I I !! 25 I 65 I 105 i 145 I 185 225 5 45 85 125 165 205 Zahl der datierbaren Gräber

Abb. 9. Zeitschnitt A. Histogramm zur Zahl der datierbaren Bestattungen pro Gräberfeld. Summe 850, Mittelwert 25,8 ± 20,5, Median 20,0.

Zahl der d a t i e r b a r e n G r ä b e r

Abb. 10. Zeitschnitt B. Histogramm zur Zahl der datierbaren Bestattungen pro Gräberfeld. Summe 3385, Mittelwert 33,2 ± 36,5, Median 19,0.

von Neuentdeckungen zunächst wegen der späteren Publikationen noch ein beträchtlicher Materialzuwachs zu erwarten sein. Die Histogramme Abb. 9-11 weisen für die Zeitschnitte Α-C die Zahl der jeweils datierbaren Bestattungen pro Gräberfeld nach36. Die Mittelwerte lie36

Mittelwert, auch: arithmetisches Mittel. Sinnvolles Zentralmaß bei allen Daten, die normalverteilt sind oder einer Normalverteilung nahekommen. Gegen Abweichungen von

Die Stichprobe

105

Zahl der datierbaren Gräber Abb. 11. Zeitschnitt C. Histogramm zur Zahl der datierbaren Bestattungen pro Gräberfeld. Summe 7052, Mittelwert 45,2 ± 45,4, Median 28,5.

gen leicht variierend bei etwa 20 Gräbern 37 , die Plätze des Zeitschnitts C sind tendenziell etwas umfangreicher, im Vergleich zum Zeitschnitt Β aber auch chronologisch etwas umfassender. Angesichts der zunächst irritierenden Kleinheit ist zu betonen, daß es sich hierbei nur um die datierbaren Bestattungen handelt, die als solche nun besser ausgestattet sind. Die Kartierungen Abb. 12-14 weisen die besonders kleinen und die besonders umfangreichen Nekropolen pro Zeitschnitt aus. Sie machen deutlich, daß in keiner Region ungewöhnlich kleine oder große Bestattungsplätze überrepräsentiert sind.

dieser Forderung (ζ. B. stark schiefe Verteilung, Mehrgipfligkeit) ist der Mittelwert sehr empfindlich. Da, wo der Mittelwert berechtigterweise ermittelt wird, ist die Standardabweichung ein sinnvolles Maß für die Streuung um diesen Zentralwert. Im Intervall Mittelwert ± Standardabweichung liegen ca. 68 % aller Beobachtungen. - Der Median ist der mittlere Wert einer Zahlen- (Daten-) Reihe, der die nach Rängen geordnete Reihe in genau zwei Hälften teilt. 50 % aller Beobachtungen sind größer, 50 % aller Beobachtungen sind kleiner als der Median. Während der Mittelwert nur benutzt werden kann, wenn die Verteilung der Daten annähernd einer Normalverteilung entspricht, ist der Median ein stabiles und geeignetes Zentralmaß für eingipflige, aber nicht normalverteile Daten. Das in diesen Fällen statt der Standardabweichung üblicherweise benutzte Maß für die Streuung um den zentralen Wert ist der Interquartilabstand. Er bezeichnet die Spanne, in die 50 % aller Beobachtungen fallen. 37

Zeitschnitt Α-C: Median 20 (13-32) / 19 (11-35) / 28 (15-60). Die Zahlen in Klammern geben den Interquartilabstand an, in den 50 % aller Beobachtungen fallen.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

Abb. 12. Zeitschnitt A. Kartierung zur Gräberfeldgröße. - Offenes Quadrat: übliche Gröfie; gefüllter Kreis: zehn und weniger Bestattungen; gefülltes Dreieck: 35 und mehr Bestattungen.

Die Stichprobe

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Abb. 13. Zeitschrift Β. Kartierung zur Gräberfeldgröße. - Offenes Quadrat: übliche Größe; gefüllter Kreis: zehn und weniger Bestattungen; gefülltes Dreieck: 35 und mehr Bestattungen.

Ansatz und Grundlagen der Studie

Abb. 14. Zeitschnitt C. Kartierung zur Gräberfeldgröße. - Offenes Quadrat: übliche Größe; gefüllter Kreis: zehn und weniger Bestattungen; gefülltes Dreieck: 35 und mehr Bestattungen.

Wie zuverlässig sind die daraus ableitbaren Aussagen?

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Wie zuverlässig sind die daraus ableitbaren Aussagen? Die Problematik der Stichprobe für den Zeitschnitt A ist hinreichend geschildert, die folgenden Überlegungen konzentrieren sich auf die Zeitschnitte Β und C. Die Zahl von etwa 10.440 Bestattungen für eine Zeitspanne von 140 Jahren über einen so weiten Raum erscheint wenig. Bei zu kleinen Stichproben besteht die Gefahr, daß schon relativ wenige Neufunde, die aber deutlich vom zufälligen Bild der alten Stichprobe abweichen, zu gänzlich anderen Bildern führen. Daher soll nachfolgend abgeschätzt werden, was eine Zahl von gut 10.000 beurteilbaren Bestattungen bedeutet.

Der relative Umfang der Stichprobe Von historischer Seite wurden mehrfach Schätzungen der Bevölkerungsdichte im Frühmittelalter versucht. Systematische Zusammenstellungen zeigen, daß die Ansätze sehr stark schwanken und sich ein Konsens auch über die Größenordnung nicht abzeichnet38. Angaben von 2,2 Einwohner pro Quadratkilometer (EW/km 2 ) scheinen ebenso begründbar wie solche von 34 bis maximal 43 EW/km 2 . Es scheint daher sinnvoll, das Problem eher über die archäologischen Quellen anzugehen. Als einer der wenigen Frühmittelalterarchäologen hat sich H. Steuer intensiver mit der Frage beschäftigt, wie das quantitative Verhältnis zwischen ehedem tatsächlich Vorhandenem und heute Ergrabenem einzuschätzen ist39. Im Zentrum seiner Argumentation stehen archäologische Funddichten in gut untersuchten Kleinräumen. Für die Römische Kaiserzeit sind Werte von 3 (Archsum), 23,5 (Wursten) bis 60 (Feddersen Wierde) EW/km 2 wahrscheinlich, wobei die beiden letzten Beispiele sicherlich als ungewöhnlich dicht besiedelte Einzelfälle zu sehen sind, denen in unmittelbarer Nachbarschaft weitgehend leere Flächen gegenüberstehen. Insgesamt kommt Steuer zu dem Ergebnis, daß uns heute etwa 1 Prozent bis 1 Promille des ehemals Vorhandenen bekannt sind. In einer Detailstudie für die Merowingerzeit am Niederrhein konnte ich eine Siedlungsdichte in der Größenordnung von 4,3 EW/km 2 im Rheintal wahrscheinlich machen40. Aus archäologischer Sicht scheinen Werte zwischen 3 und 6 EW/km 2 vernünftig zu sein, wenn man einen Mittelwert über dichter

38 39 40

ζ. B. Rösener, Agrarwirtschaft 4; Schneider, Frankenreich 126 ff. Steuer, Sozialstrukturen 59 ff. Siegmund, Besiedlung.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

besiedelte Zonen und die weiten Waldflächen bildet41. Die hier kartierten Fundstellen spannen eine Fläche von etwa 700 χ 680 km auf, vernachlässigt man einige isolierte Punkte am Rande, ist das Gebiet etwa 570 χ 480 km groß. Danach ergibt sich im Kern ein Kartenausschnitt von etwa 275.000 km2. Nach den obigen Schätzungen wäre hier eine gleichzeitig lebende Bevölkerung in der Größenordnung von 605.000 (2,2 EW/km 2 ) bis 1.650.000 (6 EW/km 2 ) gleichzeitig lebenden Menschen denkbar. Dem stehen die genannten 10.440 datierbaren Gräber unserer Stichprobe gegenüber, die nach den üblichen Ansätzen etwa 3.730 gleichzeitig lebende Menschen repräsentieren42. Demnach umfaßt unsere Stichprobe etwa 2,3 bis 6,2 Promille der ehedem lebenden Bevölkerung43, womit die genannte Schätzung von Steuer bestätigt und präzisiert wird.

Moderne Repräsentativbefragungen In der modernen empirischen Sozialforschung gelten für die meisten Fragestellungen Erhebungen an 1.000 bis 2.000 Personen als hinreichend groß44. Bezogen auf die heutige Bundesrepublik sind dies Stichproben von etwa 0,025 Promille der Gesamtbevölkerimg. Wie sich an Beispielen tatsächlicher Umfragen überprüfen läßt, entspricht dieser Wert den in der Meinungs- oder Marktforschung gängigen Größenordnungen45. Den Beobachtungen der Ein41

42

44

45

Ausführliche Diskussion und systematische Sammlung von Vergleichsdaten bei: Zimmermann, Bevölkerungsdichte. 10.440 Gräber plus 45 % Kinder, Lebenserwartung 27,5 Jahre, Dauer 140 Jahre. Selbst wenn man die sicherlich erheblich zu hohe Schätzung von 30 EW /km 2 auf das Kerngebiet übertrüge, ergäbe sich mit 3.730 zu 8.250.000 Menschen ein Anteil von immerhin 0,45 Promille. Trotz des gut drei Jahrzehnte zurückliegenden Erscheinungsdatums nützlich: E. Noelle < Noelle-Neumann > , Umfragen in der Massengesellschaft. Einführung in die Methoden der Demoskopie (Hamburg 1963). - Die gleiche Größenordnung gilt bei Befragungen für Wahlprognosen, wo jedoch Wiederholungsbefragungen (,Panel-Studien') angestrebt werden. Einen informativen Uberblick über die Theorie geben: W. Kaltefleiter / P. Nißen, Empirische Wahlforschung. Eine Einführung in Theorie und Technik. Uni-Taschenb. 957 (Paderborn 1980), insbes. 167 ff.; J. W. Falter / S. Schumann, Methodische Probleme von Wahlforschung und Wahlprognose. In: Aus Politik u. Zeitgeschichte. Beilage Wochenzeitung DAS PARLAMENT 43/89 (20. Oktober 1989) 3-14. Beispiele aus bewußt unterschiedlichstem Kontext: E. Noelle-Neumann / R. Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrb. Demoskopie 9, 1984-1992 (München 1993), p. E 29. - Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Werthaltungen, Zukunftserwartungen und bildungspolitische Vorstellungen der Jugend 1985. Eine Repräsentativbefragung des EMNID-Instituts. Schriftenreihe Stud. Bildung u. Wiss. 20 (Bonn 1985). - Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Bildung heute. Bedeutung und Anerkennung in

Wie zuverlässig sind die daraus ableitbaren Aussagen?

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schaltquoten beim Fernsehen, denen im Hinblick auf die für die Werbung zu erzielenden Einnahmen eine hohe kommerzielle Bedeutung zukommt, lagen im Jahr 1995 genau 4.400 beobachtete Haushalte zugrunde, d. h. nur 0,14 Promille der knapp 32 Millionen Fernsehhaushalte46. Das Fernsehverhalten der Bundesbürger wird also an einer Stichprobe geschätzt, die relativ etwa um den Faktor 20 bis 40 kleiner ist als die für die Merowingerzeit verfügbare Information.

Konfidenzintervalle Die scheinbare Kleinheit der Stichproben sowie die über verschiedene Untersuchungen ungewöhnliche Konstanz der Zahl von 1.000 bis 2.000 Interviews ohne Rücksicht auf die Größe der Grundgesamtheit ist irritierend und bedarf einer Erklärung. Die Aussage .Drei von Zehn = 30 Prozent' und die Aussage .Dreihundert von Tausend = 30 Prozent' sind gleichermaßen korrekt, wenn sie rein deskriptiv als Aussage über die jeweils untersuchte Gesamtheit verstanden werden. Handelt es sich jedoch in beiden Fällen um Stichproben, deren Beobachtung Rückschlüsse auf eine dahinterstehende Grundgesamtheit ermöglichen soll, sind sie recht unterschiedlich zu werten. Die Beobachtung ,3 von 10 gleich 30 Prozent' ist sicherlich nicht falsch, aber von geringerer Zuverlässigkeit als die Aussage ,300 von 1000 gleich 30 Pro-

46

cter Gesellschaft. Repräsentativuntersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach. Schriftenreihe Stud. Bildung u. Wiss. 29 (Bonn 1986). - Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.), Frauen und Kirche. Eine Repräsentativbefragung des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach. Arbeitsjiilfen 108 (Bonn 1993). - Der Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.), Eigentumswohnungen. Erfahrungen von Bewohnern und Experten. Schriftenreihe .Forschung' d. Bundesministers f. Raumordnung, Bauwesen u. Städtebau 467 (Bonn 1989). - K. Liepelt / W. Neuber / M. Schenk, Lokalradio in Nordrhein-Westfalen. Analysen zur Mediennutzung. Schriftenreihe Medienforsch, d. Landesanstalt f. Rundfunk Nordrhein-Westfalen 4 (Opladen 1993). Die automatisierte Beobachtung einer Stichprobe von Fernsehhaushalten wurde 1963 von ARD und ZDF eingeführt. Zunächst wurden 625, dann 825 Haushalte beobachtet, zwischen 1975 und 1984 waren es 1.200 Haushalte. Später wurde die Grundlage im Hinblick auf die zuwachsenden Privatsender und die deutsche Vereinigung verbreitert; seit 1991 umfaßte die Stichprobe zunächst 2.860 Haushalte in Westdeutschland und 1.100 Haushalte in Ostdeutschland. Nach einer gezielten Erweiterung 1993 um 400 Haushalte ausländischer Staatsbürger in Deutschland beträgt die Stichprobe 4.400 von seinerzeit knapp 32 Millionen Fernsehhaushalten. Quellen: M. Büß, Die Methoden der Fernsehforschung. Wie funktioniert die Fernsehforschung in den alten und neuen Bundesländern. In: Sender Freies Berlin (Hrsg.), Die Quote: der heimliche Machthaber. SFB Werkstatth. 20 (Berlin 1991) 10-15; B. Frank, Fernsehforschung im Wettbewerb. ZDF Jahrb. 93 (Mainz 1994) 198-200.

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Ansatz und Grundlagen der Studie

zent'. Das zugrunde liegende Problem wird in der Statistik unter dem Begriff .Vertrauensbereich (Konfidenzintervall) einer beobachteten Häufigkeit aus einer binomialverteilten Grundgesamtheit' behandelt47. Der Vertrauensbereich gibt jene Spanne an, innerhalb der ein aus einer Stichprobe geschätzter Wert in der erschlossenen Grundgesamtheit mit großer Sicherheit tatsächlich liegt. Meist wird als Irrtumsrisiko dieser Schätzung eine Schranke von 5 % 100.000 -Γ 50.00010.000-

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7.500 -5.0004.0003.0002.000-

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Abb. 15. Schaubild zu den Koniidenzintervallen beim Schluß auf unendlich große Grundgesamtheiten. Hier: tatsächlicher Anteil 30 Prozent (graue Linie), die Symbole markieren jeweils die Unter- und Obergrenze des Konfidenzintervalls bei vachsenden Stichprobengrößen. - Nachweis der Zahlen in Liste 6.

gesetzt, wonach bei 19 von 20 Schätzungen der tatsächliche Wert innerhalb dieses Vertrauensbereiches liegt. Es leuchtet ein, daß diese Vertrauensbereiche bei geringem Stichprobenumfang weit sind und bei größerem Stichprobenumfang enger werden. Abb. 15 zeigt eine entsprechende Graphik für einen angenommenen Anteil von 30 %, der mit wachsender Stichprobengröße geschätzt wird (dazu Liste 6). Man erkennt deutlich, daß zunächst jede Vergrößerung der Stichprobe zu einer beträchtlichen Steigerung in der Genauigkeit der Schätzung führt. Ab etwa 500 Individuen nimmt die Genauigkeit jedoch mit Schritten der Größenordnung von Halbprozenten nur mehr langsam zu, bei etwa 1000 Individuen setzt ein Bereich ein, in dem eine Verdoppelung der Stichprobe die Zuverlässigkeit der Schätzung nur mehr im Promillebereich

47

Ihm, Statistik 292-295; Sachs, Statistik 433 ff.; Weber, Grundriß 236 f. mit 612 ff. Taf. 22 u. 22a.

Wie zuverlässig sind die daraus ableitbaren Aussagen?

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verbessert. In der Demoskopie betrachtet man diese nun noch mögliche Präzisierung als unwirtschaftlich. Die Konfidenzintervalle sind in ihrer Berechnung nicht ganz trivial, weshalb die Daten meist Tabellenwerken entnommen werden. Ein Blick auf die üblichen Formeln zeigt, daß beim Schluß auf eine (theoretisch) unendlich große Grundgesamtheit allein die Stichprobengröße und der untersuchte Anteil 34

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