Karl Gutzkow: Erinnerungen, Berichte und Urteile seiner Zeitgenossen. Eine Dokumentation 9783110258387, 9783110202526

Karl Gutzkow (1811‑1878) is a key figure of German literature between the July Revolution and the period of rapid indust

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Karl Gutzkow: Erinnerungen, Berichte und Urteile seiner Zeitgenossen. Eine Dokumentation
 9783110258387, 9783110202526

Table of contents :
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten 1821–1834
2. Jungdeutsche Avantgarde. Frankfurt am Main 1835–1837
3. Telegraph für Deutschland. Hamburg 1838–1842
4. Kleine Welt- und Schaubühne. Frankfurt am Main 1843–1846
5. Ritter vom Geist. Dresden 1846–1861
6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung. Weimar 1861–1864
7. Zusammenbruch. St. Gilgenberg 1865
8. Letzte Lebensstationen. Vevey, Kesselstadt, Bregenz, Berlin, Wieblingen, Heidelberg, Sachsenhausen 1866–1878
9. Nachklänge, Rückblicke
Anhang
Quellenverzeichnis und Anmerkungen
Autorenverzeichnis
Lebenschronik
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Register der erwähnten Werke und Zeitschriften Gutzkows
Personenregister

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I Karl Gutzkow

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Karl Gutzkow Erinnerungen, Berichte und Urteile seiner Zeitgenossen Eine Dokumentation

Herausgegeben von

Wolfgang Rasch

De Gruyter

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Library of Congress Cataloging-in-Publication Data Karl Gutzkow : Erinnerungen, Berichte und Urteile seiner Zeitgenossen : eine Dokumentation / edited by Wolfgang Rasch. p. cm. Includes bibliographical references and index. ISBN 978-3-11-020252-6 (alk. paper) 1. Gutzkow, Karl, 1811–1878. 2. Journalists--Germany--Biography. 3. Authors, German--19th century--Biography. I. Rasch, Wolfgang. PN5213.G88K37 2011 070.92--dc22 [B] 2010050353

ISBN 978-3-11-020252-6 e-ISBN 978-3-11-025838-7 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2011 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York Abbildung auf dem Einband: Arthur von Ramberg, Karikatur auf Gutzkow (1850) Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH Co. KG, Göttingen ∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

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Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten 1821–1834

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2. Jungdeutsche Avantgarde. Frankfurt am Main 1835–1837 . . . . .

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3. Telegraph für Deutschland. Hamburg 1838–1842 . . . . . . . . .

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4. Kleine Welt- und Schaubühne. Frankfurt am Main 1843–1846 . . . 169 5. Ritter vom Geist. Dresden 1846–1861 . . . . . . . . . . . . . . . 207 6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung. Weimar 1861–1864 337 7. Zusammenbruch. St. Gilgenberg 1865 . . . . . . . . . . . . . . . 365 8. Letzte Lebensstationen. Vevey, Kesselstadt, Bregenz, Berlin, Wieblingen, Heidelberg, Sachsenhausen 1866–1878 . . . . . . . . 389 9. Nachklänge, Rückblicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 Anhang Quellenverzeichnis und Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . 451 Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513 Lebenschronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 575 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585 Register der erwähnten Werke und Zeitschriften Gutzkows . . . . . 587 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591

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Vorwort

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Vorwort Betroffen und bestürzt reagierte im Dezember 1878 die deutsche Öffentlichkeit auf den Tod Karl Gutzkows, der in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1878 mit 67 Jahren überraschend in seiner Sachsenhausener Wohnung gestorben war. Sein Ende selbst war dramatisch, aufsehenerregend und eigenartig, wie vieles in seinem Leben: Gutzkow erstickte an einem Schwelbrand, der nachts durch ein achtlos fortgeworfenes Zündhölzchen in seinem Zimmer ausgebrochen war, schwer betäubt von Schlafmitteln, ohne die er schon lange keinen Schlaf mehr finden konnte. Darüber schossen die Spekulationen ins Kraut: War es ein Unfall? War er freiwillig aus dem Leben geschieden? Erschütterten schon die außergewöhnlichen Todesumstände Presse und Publikum, so wurde Gutzkows ›Heimgang‹ allgemein als empfindlicher Verlust für die deutsche Literatur und als Zäsur, als das Ende einer Epoche, begriffen. „Mit ihm“, so meldet ein Extra-Blatt der Dresdner Nachrichten1 am 17. Dezember 1878 Gutzkows Tod, „verliert die deutsche Nation ihren größten zeitgenössischen Dichter!“ Das Prager Tageblatt sieht ihn als einen „der Ersten unter den Auserwählten, dem auf dem deutschen Parnaß eine Stelle gebührt in der Reihe der Besten seiner Nation, hinter Göthe und Schiller, neben Heinrich Heine etwa“2 und die Wiener Presse merkt an, ein Autor sei „dahingegangen, der, wie keiner von den Neueren, eine ganze Epoche thätig ausfüllte.“3 Eine Epoche, die mit der Julirevolution 1830 begann, mit der Märzrevolution 1848 einen Höhepunkt erlebte und mit der Reichsgründung 1871 abschloß. Den Zenit seines Ruhms hatte Gutzkow 1878 freilich schon überschritten. Seine letzten Werke zeigten, wie tief er mit sich und seiner Gegenwart zerfallen war. Vor allem in dem einige Monate vor seinem Tod veröffentlichten Pamphlet Dionysius Longinus. Oder: Über den ästhetischen Schwulst in der neuern deutschen Literatur riß er verbittert, zornig und kompromißlos vieles nieder, was seinen Zeitgenossen heilig war. Das war ihm von einem Teil der Öffent1

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Ein Exemplar des Extrablatts befindet sich in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M., Sammlung Houben, Mappe B II b VI (Nekrologe). [Anon.:] Ein heimgegangener Ritter vom Geiste. In: Prager Tageblatt. Prag. Nr. 350, 18. 12. 1878, S. 3. J. B.: Karl Gutzkow. Die Presse. Wien. Nr. 351, 22. 12. 1878, S. 1.

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Vorwort

lichkeit übel genommen worden, hatte Ablehnung und Unverständnis hervorgerufen. Doch solle, so schreibt die Kölnische Zeitung, „dem Manne, der so Großes in der Literatur geleistet hat, um einer krankhaften Schrulle wegen kein Groll ins Grab nachgetragen werden.“4 Wohl kaum ein Zeitgenosse hat sich 1878 vorstellen können, daß der gefeierte Dichter populärer Lustspiele und bedeutender Zeitromane, der einflußreiche Kritiker, Journalist und Vorkämpfer liberaler Ideale einmal an die Peripherie der Literaturgeschichte geraten könne. Und dennoch verblaßte Gutzkows Ruhm im 20. Jahrhundert rapide. Es wurde ihm zwar 1887 in Dresden noch ein Denkmal gesetzt, und nach dem Erlöschen der urheberrechtlichen Schutzfrist seiner Schriften 1908 erschienen noch größere Werkeditionen im Rahmen populärer Klassikerausgaben5, auch wurde sein 100. Geburtstag 1911 noch mit 221 Aufführungen6 seiner Stücke in der Theatersaison 1910/11 und mit weit über 100 Gedenkartikeln7 in der deutschsprachigen Presse begangen. Aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war das öffentliche Interesse an Gutzkow so gut wie erloschen. Seine einst viel gespielten Dramen, Garanten seiner Popularität, verschwanden von den Bühnen, von seinen Werken erschien nach 1930 jahrzehntelang nichts mehr auf dem Buchmarkt. Gutzkow wurde aus dem literaturhistorischen Kanon ausgeschlossen, um zuletzt im Ghetto akademischer Forschung als gelegentliches Nischenthema für Doktoranden zu enden.8 Die Nachwelt nahm Gutzkow im wesentlichen nur noch als Stimmführer des Jungen Deutschland wahr, als Skandalautor, der mit dem Roman Wally, die Zweiflerin 1835 die Verfolgung des Jungen Deutschland durch den Deutschen Bundestag provoziert hatte. Diese einseitige Fokussierung auf eine kurze Periode seines Lebens und auf einen schmalen Werkausschnitt hat den Blick auf Gutzkows literarische Gesamterscheinung lange versperrt. Sie machte aus ihm das flüchtige Gebilde einer literarischen ›Übergangszeit‹, eine Figur, die nur 4 5

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[Anon.:] * Karl Gutzkow. In: Kölnische Zeitung. Köln. Nr. 350, 17. 12. 1878, 1. Blatt. Karl Gutzkows ausgewählte Werke in zwölf Bänden, 1908 hg. von Heinrich Hubert Houben in der Reihe Hesses Klassiker-Ausgaben des Max Hesse Verlags; Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen, 1910 hg. von Reinhold Gensel in der Reihe Goldene Klassiker-Bibliothek des Verlags Bong; Gutzkows Werke hg. von Peter Müller 1911 in der Reihe von Meyers Klassiker-Ausgaben des Bibliographischen Instituts. Vgl. Paul Alfred Merbach: Karl Gutzkow. In: Neue Preußische Kreuzzeitung. Berlin. 01. 01. 1929. Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M., Sammlung Houben, Mappe B II b V („1911“. Gedenkartikel zum 100. Geburtstag). Vgl. dazu den ausführlichen Forschungsbericht von Volkmar Hansen: „Freiheit! Freiheit! Freiheit!“ Das Bild Karl Gutzkows in der Forschung; mit Ausblick auf Ludolf Wienbarg. In: Alberto Martino (Hg.): Literatur in der sozialen Bewegung. Aufsätze u. Forschungsberichte zum 19. Jahrhundert. Tübingen, 1977. S. 488–542.

Vorwort

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noch schemenhaft registriert wurde und einer genaueren Betrachtung, gar einer intensiveren Lektüre, nicht wert schien. Die Desavouierung des Jungen Deutschland als liberal, frankophil, ›artfremd‹, zersetzend und unkünstlerisch in der nationalpädagogischen, völkischen, christlichen oder konservativen Literaturgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts stigmatisierte Gutzkow als Hauptvertreter dieser Bewegung besonders nachhaltig. Es hat lange gedauert, bis Gutzkow mit einigen Werken auf den deutschen Buchmarkt zurückkehrte. Zuerst in der DDR, wo man sich seit 1959 im wesentlichen auf die Herausgabe von Gutzkows Memoiren konzentrierte9, in der BRD seit Mitte der sechziger Jahre mit Ausgaben von Wally, die Zweiflerin10, politischen und literaturkritischen11 Schriften und einer Reihe von Reprintausgaben12. Aber erst in den letzten fünfundzwanzig Jahren hat das Interesse an Gutzkow erheblich zugenommen. Das belegen zahlreiche Neuausgaben einzelner Werke, der Zuwachs an wissenschaftlichen Untersuchungen, eine 1998 veröffentlichte zweibändige Personalbibliographie13, drei internationale Gutzkow-Konferenzen zwischen 1997 und 2010 sowie seit 1999 jährlich stattfindende Arbeitstagungen eines ›Editionsprojekts Karl Gutzkow‹ an der Universität Halle-Wittenberg. Viel Beachtung fanden 1998 eine Ausgabe der Ritter vom Geiste14 nach dem vollständigen Erstdruck von 1850/51 nebst einer umfänglichen Auswahl von Gutzkows Schriften15, die dessen facettenreiches Schaffen 9

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Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären. Autobiographische Aufzeichnungen, Bilder und Erinnerungen. Auswahl u. Einleitung: Fritz Böttger. Berlin, 1959. (Eine erw. Neuausgabe erschien 1971.) – Karl Gutzkow: Berliner Erinnerungen und Erlebnisse. Hg. von Paul Friedländer. Berlin, 1960. Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin. Roman. Faksimiledruck nach d. 1. Aufl. von 1835 […]. Mit e. Nachw. von Jost Schillemeit. Göttingen, 1965. (Deutsche Neudrucke. Reihe Texte des 19. Jahrhunderts.) – Eine gut kommentierte Ausgabe der Wally gab 1979 Günter Heintz in Reclams Universal-Bibliothek heraus; davon erschien 1983 eine durchgesehene und ergänzte Ausgabe. Karl Gutzkow: Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe. Hg. von Walter Boehlich. Frankfurt a.M., 1969. – Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Ausgewählt u. eingel. von Peter Demetz. Frankfurt a.M, Berlin, Wien, 1974. Mehrere Bücher und Zeitschriften des jungen Gutzkow wurden zwischen 1971 und 1973 von Alfred Estermann in der Reihe Athenäum Reprints. Das Junge Deutschland (Frankfurt a.M.) wieder zugänglich gemacht. Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow. (1829–1880). 2 Bde. Bielefeld, 1998. Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Hg. von Thomas Neumann u. (Materialien:) Adrian Hummel. Ausgabe in drei Bänden u. e. Kommentarbd. Frankfurt a.M., 1998 Karl Ferdinand Gutzkow: Schriften. Bd. 1–2. Hg. von Adrian Hummel. Ausgabe in zwei Bänden u. e. Kommentarbd. Frankfurt a.M., 1998.

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Vorwort

aus fünf Jahrzehnten gut repräsentiert. Beide Editionen wurden in der Arno Schmidt gewidmeten Reihe Haidnische Alterthümer herausgebracht – eine Spätfolge der Wiederentdeckung Gutzkows durch Arno Schmidt im Jahr 1965.16 Höhepunkt dieser kleinen Gutzkow-Renaissance ist ohne Zweifel die 2001 begonnene Hybridausgabe von Gutzkows Werken und Briefen, eine textkritische Edition, die als Kommentierte digitale Gesamtausgabe von einer internationalen Editorengruppe betreut wird und als Pilotprojekt die Möglichkeiten des Internets für wissenschaftliche Editionen nutzt.17 Sie will auf der Grundlage der Erstdrucke das gesamte Werk Gutzkows editorisch erschließen, wobei die Texte des Autors nicht nur im Internet, sondern zum Teil auch als Buch erscheinen und alle Apparatteile in digitaler Form zur Verfügung stehen. Inzwischen sind aus verschiedenen Werkgruppen schon mehrere Bände erschienen, etliche Kommentar- und Apparatteile im Internet (unter www.gutzkow.de) verfügbar. Freilich besteht seit Jahrzehnten ein schwerwiegendes Manko für die Gutzkow-Forschung: Es gibt keine profunde, auf umfassenden Quellenforschungen und genauen Textkenntnissen basierende Biographie Gutzkows. Das Bild seiner Persönlichkeit ist bis auf wenige Stereotypen verblaßt, sein unmittelbarer Einfluß auf seine Mitwelt, die wechselhaften Beziehungen zu Zeitgenossen sind weitgehend vergessen, Gutzkows genaueren Lebensumstände heute unbekannt. Gutzkow hatte nicht das Glück, wie etwa Heine18 oder Hebbel19, schon frühzeitig mit einer ausführlichen, materialreichen Lebensbeschreibung bedacht zu werden, auf der andere Biographen später aufbauen konnten. Dieses empfindliche Forschungsdefizit hat die postume Rezeption Gutzkows ebenso beeinträchtigt wie der Mangel an einschlägigen Briefausgaben.20 Zwar bemühte sich der junge Dresdener Journalist und Schriftsteller Johannes Proelß (1853–1911) unmittelbar nach Gutzkows Tod, dessen Leben und Werk akribisch zu erforschen. Er sammelte Briefe und Materialien, setzte sich mit noch lebenden Zeitgenossen in Verbindung, sichtete als erster einen Teil des in Fa16

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Arno Schmidt: Der Ritter vom Geist. In: Ders.: Die Ritter vom Geist. Von vergessenen Kollegen. Karlsruhe, 1965. S. 6–54. Editionsprojekt Karl Gutzkow (Hg.): Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Münster, 2001ff. (Textbände); Texte und Apparat unter www.gutzkow.de. Vgl. dazu: Gert Vonhoff, Martina Lauster: Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Eröffnungsband. Exeter, Berlin, Münster, 2001. Adolf Strodtmann: H. Heine’s Leben und Werke. 2 Bde. Berlin, 1867–69. – Die 2., verb. Aufl. 1873/74 hat insgesamt 1172 Seiten. Emil Kuh: Biographie Friedrich Hebbel’s. 2 Bde. Wien, 1877. Der Gesamtumfang der zwei Bände beträgt 1320 Seiten. Die zahllosen Einzelveröffentlichungen von Gutzkow-Briefen seit über 130 Jahren bilden ein schier unüberschaubares Flickwerk und bieten keinen Ersatz für eine wissenschaftliche, heutigen Editionsgepflogenheiten folgende Briefausgabe.

Vorwort

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milienbesitz befindlichen Nachlasses. Aber seine auf zwei Bände berechnete Biographie sollte nie erscheinen. Nur einen Teil davon konnte Proelß 1892 seinem Buch Das junge Deutschland 21 einverleiben. Entschiedener noch als Proelß widmete sich der Literaturwissenschaftler Heinrich Hubert Houben (1875–1935) den Lebens- und Wirkungsspuren Gutzkows. Er trieb seit Ende der 1890er Jahre systematische Nachlaßforschung, durchforstete Zensurakten, Verlags- und Theaterarchive, kaufte Briefe oder schrieb sie zeichengetreu ab. Auf diesem Wege brachte er innerhalb von zwei Jahrzehnten eine imposante Sammlung von etwa 700 Originalbriefen Gutzkows und mehr als 6000 Briefabschriften zusammen.22 Diese ergiebige Quellenarbeit wurde Grundlage zahlloser kleiner Publikationen in Zeitschriften und Tageszeitungen zwischen 1898 und 1930. Einen Teil der verstreuten Veröffentlichungen gab Houben in seinen Gutzkow-Funden (Berlin, 1901) und in dem Buch Jungdeutscher Sturm und Drang (Leipzig, 1911) heraus. Doch auch Houben scheiterte mit seinem groß angelegten biographischen Unterfangen, scheiterte auch mit dem Vorhaben, eine auf mehrere Bände berechnete Auswahl der umfangreichen Korrespondenz Gutzkows herauszugeben. Seine 126 Seiten umfassende biographische Einleitung im ersten Band der von ihm herausgegebenen Sammlung von Gutzkows Werken23 ist bis heute die einzig faktisch ergiebige und zuverlässige Quelle für Gutzkows Lebensbild geblieben. Waren es ungünstige Zeitverhältnisse oder private Lebensplanungen, die Proelß und Houben an ihren aufwendigen und zeitraubenden Biographie-Projekten scheitern ließen? Oder lag ein Scheitern in der Komplexität des Stoffes und in der Überfülle des Materials begründet? Jedenfalls sind die Probleme, die sich heute einem Biographen Gutzkows in den Weg stellen, nicht kleiner geworden. Mit der Hybridausgabe von Gutzkows Werken und Briefen ist eine verbindliche, zuverlässige Gesamtausgabe erst auf den Weg gebracht worden, eine Briefedition bislang nur in Aussicht gestellt. Neben einer breiten Textbasis fehlt es vor allem an vielen kleinen biographischen Detailuntersuchungen und Quellenpublikationen, unerläßliche Vorarbeiten für ein gründliches Lebensbild. Angesichts des noch bescheidenen Editions- und Forschungsstandes wäre es gegenwärtig verfrüht, an die Ausführung einer größeren GutzkowBiographie zu denken. Aber gerade bei einem ausgesprochenen Zeitschrift21

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Johannes Proelß: Das junge Deutschland. Ein Buch deutscher Geistesgeschichte. Stuttgart, 1892. Die Sammlung Houbens befindet sich heute in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M. Heinrich Hubert Houben: Karl Gutzkows Leben und Schaffen. In: Karl Gutzkows ausgewählte Werke in zwölf Bänden. Hg. von Heinrich Hubert Houben. Bd. 1. Leipzig, [1908].

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steller, dessen Werk eng mit der Gegenwart verbunden ist, der beobachtend und analysierend in einem komplexen Beziehungsgeflecht kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Lebens steht, in einem wechselhaften persönlichen Spannungsfeld zu seinen Zeitgenossen, der neben allen möglichen Zeiterscheinungen und Tendenzen des Jahrhunderts auch eigene Konflikte und Lebenserfahrungen in seinen Werken verarbeitet hat, sind biographische Zusammenhänge für die Interpretation und Kommentierung seiner Werke unverzichtbar. Auf diesen Kontext hat unmittelbar nach Gutzkows Tod schon der Wiener Schriftsteller Hieronymus Lorm hingewiesen. Er regte daher seine Zeitgenossen an, Erinnerungen an Gutzkow festzuhalten, vor allem weil Gutzkow als enorm streitbarer und umstrittener Autor zahlreiche Gegner auf den Plan gerufen hatte, die ein entschiedenes Negativ-Image von ihm verbreiteten: Die Persönlichkeit […] kann dem Andenken der Nachwelt nur gerettet werden, wenn rasch, sogleich aufgezeichnet wird, was davon in der Erinnerung Einzelner lebt. Bei Gutzkow ist dies zweifach erwünscht und nothwendig; zuerst, weil seine Persönlichkeit zum Theil seine dem politischen Moment dienstbaren Werke erklärt; sodann aber, weil seine Bestrebungen und Tendenzen, seine Kampflust und sein Feuereifer für Prinzipien ihm eine Anzahl von Feinden erweckten, die ihn stets im gehässigsten Lichte sahen und schilderten, und ihn sogar zwangen, beständig auf seiner Huth zu sein, auf dem qui vive! zu stehen. Dadurch bekam seine im Grunde naive und harmlose Natur einen Zug lauernden Mißtrauens, den er unwillkürlich, unbewußt auch dort oft beibehielt, wo keine Ursache dazu vorhanden war, wo keine Gefahr drohte.24

Ob Lorms Appell unmittelbare Folgen hatte, läßt sich nicht feststellen. Tatsache ist jedoch, daß in den fünf Jahrzehnten nach Gutzkows Tod zahlreiche Erinnerungen an ihn erschienen sind und daß er häufig in Autobiographien seiner Zeitgenossen auftaucht oder darin ausführlich geschildert wird. Diese Erinnerungen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden lebensgeschichtlichen, chronologisch angelegten Dokumentation25, die keine erschöpfende Biographie Gutzkows ersetzt, aber zahlreiche Bausteine dafür liefert. Angelegt als Textcollage versucht die Quellensammlung mit Hilfe von Außendarstellungen, Gutzkows Werdegang nachzuerzählen, sein individuelles Profil, sein Persönlichkeitsbild lebendig werden zu lassen, seinen Nimbus und seinen Einfluß im 19. Jahrhundert zu präzisieren. Gutzkows Person soll aus unterschiedlichen 24

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Hieronymus Lorm: Erinnerungen an Karl Gutzkow. I. In: Mehr Licht! Berlin. Nr. 20, 15. 02. 1879, S. 311. Eine Reihe grundsätzlicher Fragen zur Edition solcher oder ähnlicher Dokumentationen behandelt Michael Werner: Probleme der Anordnung und Textkonstitution bei der Edition von Gesprächen und Erinnerungen am Beispiel der Lebenszeugnisse Heines. In: Editio. Hg. von Winfried Woesler. Bd. 9. Tübingen, 1995. S. 130–140.

Vorwort

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Perspektiven und in abwechslungsreicher Beleuchtung dargestellt werden. Neben Erinnerungen sind daher für diese Sammlung zahlreiche weitere Texte genutzt worden, die von Begegnungen mit Gutzkow erzählen oder lebensgeschichtlich relevante Informationen referieren. Berücksichtigt wurdenTagebuchaufzeichnungen, Briefwechsel, Konfidentenberichte, Reisefeuilletons, Zeitungskorrespondenzen, Nekrologe. Ausgeschlossen blieben Rezensionen26, Theaterkritiken, allgemeine Werkbetrachtungen, essayistische Abhandlungen und Polemiken, kurze Lebensabrisse in Zeitungen und Zeitschriften, Parodien, fiktionale Texte, in denen Gutzkow vorkommt oder Gedichte an und über Gutzkow sowie amtliche Dokumente. Nicht immer läßt sich der Autor scharf von der Rezeption seines Werkes trennen. Das Bild, das sich die Mitwelt von Gutzkow macht, wird gravierend von der Wahrnehmung seines Werkes bestimmt, wie auch umgekehrt die Werkrezeption vom subjektiven GutzkowBild des Lesers abhängen kann. Daher werden hier auch persönliche Lektüreeindrücke in Tagebüchern oder Briefen berücksichtigt, wirkungsgeschichtlich relevante Mitteilungen in Konfidentenberichten oder einige Hinweise zur Entstehung von Werken mitgenommen. Zugrunde gelegt wurden fast nur gedruckte Quellen, von denen viele schwer zugänglich oder an sehr entlegener Stelle veröffentlicht worden sind. Einige wenige ungedruckte Textzeugnisse über Gutzkow sind lediglich aus der von Heinrich Hubert Houben angelegten Sammlung „Briefe von, an und über Gutzkow 1818–1879“ (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.) berücksichtigt worden. Bei Briefen und Tagebüchern wurde nach Möglichkeit auf die zuverlässigste Edition zurückgegriffen, bei Erinnerungen auf die jeweils früheste, meist in Tageszeitungen oder Zeitschriften erfolgte Veröffentlichung, auch wenn der Text später als Buch erschienen ist. Die Dokumentation folgt über acht Kapitel den Lebensspuren Gutzkows von seiner Berliner Gymnasialzeit bis zu seinem Tod in Sachsenhausen. Jedes Kapitel orientiert sich an dem jeweiligen Hauptwohnort Gutzkows, mit dem zumeist auch ein bestimmter Lebensabschnitt und ein bestimmter Wirkungsbereich verbunden war: Berlin (bis 1834), Frankfurt (1835–37), Hamburg (1838–42), wieder Frankfurt (1843–46), Dresden (1846–61), Weimar (1861–64), ein fast einjähriger Aufenthalt in der Nervenheilanstalt St. Gilgenberg (1865). Der letzte Lebensabschnitt von 1866–78 ist von häufigen Ortswechseln geprägt (Kesselstadt, Bregenz, Berlin, Wieblingen, Heidelberg, Frankfurt-Sachsenhausen) und im achten Kapitel zusammengefaßt. Ein neun26

Nur auf die höchst emotionale und sehr persönliche Wally-Rezension Menzels aus dem Jahr 1835 konnte nicht verzichtet werden, da sie für das Verständnis anderer Texte dieser Sammlung unentbehrlich ist.

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Vorwort

tes Kapitel sammelt abschließend einige Stimmen zum Tod und ein paar rückblickende Betrachtungen zur Persönlichkeit Gutzkows. Erinnerungen an Gutzkow werden ausschnittweise einem jeweiligen biographischen Bezugspunkt oder Ereignis zugeordnet. Beiträge, die sich auf einen ganzen oder einen längeren Lebensabschnitt beziehen, werden den chronologisch feiner geordneten Texten in einem separaten Kapitelabschnitt vorangestellt. Jedes Dokument hat eine Kopfzeile, die ein wesentliches Ordnungselement innerhalb der oft sprunghaften Textfolge bildet. Neben der Textnummer und dem Verfasser nennt sie – abgesehen von Memoiren, einer Gattung, die sich aus dem Text selbst leicht erschließt – die Textsorte, bedarfsweise den Titel des Beitrags, aus dem der Textausschnitt stammt, in eckigen Klammern und mit einem * versehen das Publikationsdatum bzw. das Jahr der Niederschrift. Rechtsbündig werden gegebenenfalls in Kapitälchen Ort und Zeit angegeben, auf die sich die geschilderten Ereignisse oder Erinnerungen beziehen. Der Zeitraum der Berichte setzt 1821 mit Erinnerungen von Klassenkameraden an Gutzkows Schulzeit ein. Reminiszenzen Dritter aus Gutzkows Kindheit in Berlin zwischen 1811 und 1821 gibt es nicht. Seine ersten zehn Lebensjahre hat Gutzkow 1852 in seinem Erinnerungsbuch Aus der Knabenzeit27 eingehend geschildert. Diese autobiographische Darstellung wird auch in Zukunft die wesentliche Quelle für Gutzkows erste Lebensphase bilden. Auf eine vollständige Wiedergabe aller für diese Dokumentation in Frage kommenden Texte mußte mit Rücksicht auf den Umfang, die Benutzbarkeit und auch Lesbarkeit des Bandes verzichtet werden. Gutzkow stand Jahrzehnte im Mittelpunkt des literarischen Lebens und öffentlichen Interesses. „Vielleicht wurde über Niemand mehr gesprochen, als über ihn“, notiert Berthold Auerbach nach Gutzkows Tod, „denn er griff in Alles ein.“ (S. 439). Dementsprechend viel ist auch über ihn geschrieben worden. Allein die Wiedergabe sämtlicher Konfidentenberichte aus dem Vormärz, die Gutzkow betreffen, dürfte ein eigenes Bändchen füllen. Für diese Sammlung konnte davon nur ein Teil Verwendung finden. Aus Hebbels Tagebüchern etwa lassen sich in Bezug auf Gutzkow zahllose Notizen, Reflexionen, Gedankenreihen, Grübeleien, Sentenzen, Lektüreeindrücke ziehen. In Gänze sagen diese Texte am Ende jedoch mehr über den Schreibenden selbst aus als über denjenigen, dem diese Notationen gelten. Wichtiger schienen mir jene Stellen aus Hebbels Tagebüchern und Briefen, die das unmittelbare persönliche Verhältnis berühren, die gegenseitigen Anziehungs- und Fliehkräfte verdeutlichen und in Umrissen eine Vorstellung von der wechselhaften Beziehung zwischen Hebbel und Gutzkow 27

Es liegt in der Fassung der Erstausgabe wieder gedruckt vor: Karl Ferdinand Gutzkow: Schriften. Bd. 2. Hg. von Adrian Hummel. Frankfurt a.M., 1998. S. 1517–1786.

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vermitteln. Allzu banale, apokryph-anekdotische, sehr lakonische oder marginale, nicht datierbare Mitteilungen sind ausgeklammert, Wiederholungen von Sachverhalten oder von Verdikten vermieden worden. Im wesentlichen versucht die Auswahl, möglichst alle lebensgeschichtlich wichtigen Tatsachen und Ereignisse zu fixieren und die ganze Variationsbreite der unmittelbaren Wirkung Gutzkows auf seine Mitwelt festzuhalten. Neben einigen anonymen Journalisten und Konfidenten kommen hier über 120 namentlich bekannte Personen zu Wort – Schriftsteller, Maler, Musiker, Schauspieler, Philosophen, Politiker, Journalisten, Verleger, Schulfreunde, in ganz seltenen Fällen auch Familienangehörige. Wir begegnen als Autoren prominenten oder heute als prominent geltenden Vertretern des Kulturlebens wie Büchner, Fontane, Heine, Keller, Storm oder Richard Wagner, aber auch einer Vielzahl unbekannter Namen. Dazu gehören ausgesprochene Antagonisten Gutzkows wie glühende Anhänger, Gegner und Konkurrenten ebenso, wie Freunde und Mitstreiter. Die Frage, wie authentisch die Berichte sind, läßt sich nicht immer leicht beantworten. Bei Erinnerungen muß man vor allem berücksichtigen: Wer schreibt? Wie viel Zeit liegt zwischen der Niederschrift und dem sich darauf beziehenden Ereignis? Berichtet der Erzähler Erlebtes oder Gehörtes? Wie setzt sich der Erzähler in Szene, was dürfte als ›besonnte Vergangenheit‹, als verklärende Rückschau, was als ›oratio pro domo‹, was als Revanche für erlittene Kränkungen gelten? Um eine Einordnung dieser Fragenkomplexe für den Leser zu erleichtern, wird die Glaubwürdigkeit einiger Quellen im Kommentarteil problematisiert. Irrtümer werden nachgewiesen und berichtigt, Darstellungen vereinzelt Gutzkows eigenen Erinnerungen gegenübergestellt. Einige Anhaltspunkte bietet auch das Autorenverzeichnis, das neben biographischen Kurzinformationen in vielen Fällen die persönliche Haltung oder Beziehung des Berichterstatters zu Gutzkow erläutert. Wichtige Hinweise für eine erste quellenkritische Einschätzung liefert die Kopfzeile der Texte mit ihren Angaben zum Verfasser, zum Publikationsdatum bzw. dem Zeitpunkt der Niederschrift sowie der Textsorte und damit dem Literarisierungsgrad der Quelle. Als grundsätzlich problematisch dürften Konfidentenberichte gelten. Gutzkow war schon 1833 ins Visier des Metternichschen Geheimdienstes, der Mainzer Central-Polizei, geraten und wurde in Frankfurt zwischen 1836 und 1846 vor allem von zwei Freunden ausspioniert: Von Eduard Beurmann, der selbst dem jungdeutschen Lager zugerechnet wurde und zeitweilig engster Mitarbeiter Gutzkows war, und von Hermann Ebner. Spitzelberichte sind prinzipiell fragwürdige Quellen. Will sich der Agent vor seinem Auftraggeber wichtig und unentbehrlich machen? Übertreibt er die Gefahren, die von seinem Opfer ausgehen, will er ihm persönlich schaden oder nutzt er seine Stellung, um den Überwachten vor Verfolgungen des Staates zu bewahren? Auch wenn Beur-

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Vorwort

mann und Ebner nach vorausgegangenen Differenzen mit Gutzkow in den Berichten bisweilen ihr Mütchen an ihm kühlen, so läßt sich nicht übersehen, daß beide weitgehend bemüht sind, Gutzkow in Schutz zu nehmen, ja ihm sogar zu nutzen. Oft beschränken sie sich darauf, lediglich äußere Vorgänge im Leben des Autors mitzuteilen. Der Anhang zur Textdokumentation bietet ein Quellenverzeichnis und einen Kommentarteil, ein Autorenverzeichnis und eine Lebenschronik, ein Literaturverzeichnis und Register. Im Quellenverzeichnis wird die jeweilige Druckvorlage nachgewiesen, im Kommentarteil werden neben kurzen Sacherläuterungen zu den im Text vorkommenden Personen und Ereignissen auch einige wenige Druckfehler bzw. Texteingriffe festgehalten. Eine unentbehrliche Ergänzung erfährt der Kommentar mit dem Autorenverzeichnis und einer Lebenschronik, die u.a. alle wesentlichen Lebensumstände und Familienverhältnisse Gutzkows, seine Reisen, Aufenthaltsorte, alle Buchveröffentlichungen, die Entstehungsdaten wichtiger Werke, Vertragsabschlüsse, Uraufführungen der Dramen, öffentliche Auftritte, Vorträge und Ansprachen Gutzkows berücksichtigt. Das Zustandekommen dieser Lebenschronik wurde vor allem durch die Auswertung von mehreren Tausend Briefen von, an und über Gutzkow in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M. möglich. Die Textdokumente in ihrer Verbindung mit Kommentarteilen, Lebenschronik, Bildern und Registern können als biographisches Handbuch zu Gutzkow, mithin auch als Buch zur Epoche gelten, in der Gutzkow lebte und die er mitgestaltete. Nicht immer ist der Fokus des Interesses ausschließlich auf Gutzkow gerichtet. Auch Mitstreiter oder Widersacher werden bisweilen skizziert und charakterisiert, ebenso die literarische oder gesellschaftliche Szene erhellt, in der sich Gutzkow bewegt. Sein spezifisches Autorenprofil und seine exponierte Position u.a. als langjähriger Redakteur, Kritiker, Dramatiker und Dramaturg oder Spiritus rector der Deutschen Schillerstiftung vermitteln viele Einblicke in literaturgeschichtliche Prozesse und ergeben reiches Material zu einer Sozialgeschichte des freien Autors. Gutzkow war nicht nur eine Schlüsselfigur der Literatur zwischen Julirevolution und Gründerzeit, er war der Prototyp des modernen Schriftstellers in Deutschland. Der schwierige Einzelgänger und rücksichtslose Workaholic gehörte zu den ersten in Deutschland, die ausschließlich von den Erträgen ihrer Feder lebten. In diese noch ungewohnte, gesellschaftlich nicht im mindesten anerkannte Rolle eines freien Schriftstellers von Profession mußte er sich erst finden. Weder konnte der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Gutzkow auf finanzielle Hilfe seines Elternhauses rechnen, noch auf spendierfreudige Mäzenaten oder königliche Pensionen. Gutzkow hat sich zeitlebens allein durchgekämpft und sich wie kein Zweiter für die Interessen und für die Anerkennung eines in Deutschland erst langsam

Vorwort

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aufkeimenden ›Schriftstellerstandes‹ stark gemacht. Schreiben und Publizieren wurde für ihn zu einer Existenzfrage im wahrsten Sinne des Wortes. Er paßte sich jedoch keineswegs dem Publikumsgeschmack an oder folgte sklavisch literarischen Moden, sondern suchte immer nach neuen, manchmal extravaganten Wegen der Wirklichkeitsbehandlung, forderte sein Publikum mit anspruchsvoller Prosa, polemisierte, provozierte und polarisierte. Seiner Zeit immer ein paar Schritte voraus, fiel dem außergewöhnlich produktiven und vielseitigen Publizisten auch eine Mentorenrolle zu, die ihn zum Idol nachrückender Schriftstellergenerationen, gleichwohl auch zur Zielscheibe ätzender und mitunter folgenschwerer Kritik machte. Der Preis für diesen ehrgeizigen und aufreibenden Lebensentwurf ›freier Autor‹ war hoch. Ende der 50er Jahre geriet Gutzkows Leben mehr und mehr aus den Fugen. Zermürbt von fortdauernden Angriffen vor allem aus dem Lager der Leipziger Grenzboten, entnervt von pausenloser Überarbeitung, vor allem aber zutiefst verunsichert durch eine fortdauernd bedrückende ökonomische Lage steigerten sich seine Empfindlichkeit, Verstimmung und Gereiztheit zu pathologischen Zuständen. Die Anfälle schweren Verfolgungswahns und Gutzkows Suizidversuch 1865 waren nur der traurige Höhepunkt einer schon längeren Entwicklung, deren problematische Erscheinungen sich auch nach 1865 fortsetzten. Viele spätere Erinnerungen an Gutzkow werden von seinen krankhaften Spannungen und Unverträglichkeiten überschattet und haben das postume Bild Gutzkows spürbar beeinflußt. Das vorliegende Lese- und Lebensbuch führt uns aber nicht nur auf literarische Kriegsschauplätze oder an existentielle Abgründe, sondern auch in alltägliche Lebenswelten, in die Werkstatt und Wohnung eines Schriftstellers, in Redaktionsstuben oder Verlagscomptoirs, in Theatersäle, politische Debattierclubs, Lokale, Salons oder Lesekränzchen. Sie leuchtet ebenso in abgesunkene und vergessene Bereiche literarischen, politischen und sozialen Lebens und vermittelt viele Impressionen aus der bürgerlichen Kultur- und Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die Wiedergabe der Texte erfolgt buchstaben- und zeichengetreu. Ganz offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend berichtigt. Auslassungen des Herausgebers sind mit […] gekennzeichnet; Auslassungen am Anfang oder am Ende eines Textsegments werden nicht angezeigt, es sei denn, sie bestehen aus Teilen eines beginnenden oder endenden Satzes. Ergänzungen des Herausgebers im Text werden in eckigen Klammern und kursiviert eingefügt. Einige Editoren verzichten neben der Kursivierung auf zusätzliche eckige Klammern; in diesen Fällen wurde der jeweiligen Vorlage gefolgt. Alle Hervorhebungen des Originals dagegen, gleichgültig ob sie ursprünglich durch Unterstreichungen, Fettdruck oder Kursivierung wiedergegeben wurden, sind grundsätzlich durch Sperrung ausgezeichnet worden.

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Abschließend möchte ich allen, die mich auf unterschiedliche Weise bei diesem langjährigen Arbeitsprojekt unterstützt haben, herzlich danken: Hinweise auf mir unbekannte Quellen oder Materialien gaben mir Joachim Butzlaff (Berlin), Dr. Walter Hettche (München), Klaus Peter Möller (Potsdam), Professor Paul Raabe (Wolfenbüttel), Dorothea Roseboom (Den Haag), Susanne Schütz (Halle) und Lukas Werner (Wuppertal). Der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M. und dem Leiter ihrer Handschriftenabteilung Herrn Dr. Bernhard Tönnies danke ich für die Publikationserlaubnis mehrerer Briefe aus der ‚Sammlung Gutzkow‘, Frau Raschida Mansour im Handschriftenlesesaal der Bibliothek für die zuverlässige und geduldige Bereitstellung von Archivalien. Frau Selma Urfer-Graf in München, letzte Urenkelin Gutzkows, erlaubte mir freundlicherweise, ein in ihrem Besitz befindliches Portrait von Amalie und Hermann Gutzkow erstmals publizieren zu dürfen. Dr. Wulf Wülfing (Bochum) las in einer früheren Phase die ersten Kapitel der Dokumentation und vermittelte viele konstruktive Anregungen zum Kommentar. Professor Martina Lauster (Exeter) prüfte kritisch das Autorenverzeichnis und die Lebenschronik. Ihnen allen danke ich, ganz besonders aber Birgit Fleischmann-Rasch, die im Laufe der Zeit viele Texte kollationierte und mich unermüdlich bei der Fertigstellung des Manuskripts unterstützte. Berlin, Oktober 2010

Wolfgang Rasch

Berlin 1825–1828

1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten 1821–1834

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

Berlin 1825–1828

1. Adolf Licht / Johannes Proelss [*1883]

15 Berlin, 1821–1826

Der Dichter des „Uriel Akosta“ hat seine gelehrte Erziehung in Berlin und zwar auf dem Friedrichs-Werder’schen Gymnasium genossen. In das Gymnasium, welches damals unter Leitung des Prof. Zimmermann stand, trat Gutzkow Ostern 1821 ein. Justizrath Licht erzählt sein Bekanntwerden mit Gutzkow, wie folgt: Der Genannte war von seinem Vater in die Wohnung des Direktors geführt und dann allein gelassen worden. Als er eintrat, stand bereits ein blondhaariger, freundlich lächelnder Knabe im Zimmer, der ihm zutraulich die Hand reichte. „Wo kommst Du hin?“ fragte er ihn. Licht erwidert: „Nach Großquarta und Du?“ – „Ich bin Quintaner geworden, ich heiße Karl Gutzkow und war bei Schubert.“*) „Ich“, entgegnete der Andere, „war bei Messow.“ Sie wurden nach Kinderart sofort gute Freunde. „Gutzkow war ein kräftiger Knabe, etwas kleiner als ich ziemlich aufgespillerter Junge. Von Kurzsichtigkeit merkte ich dem neuen Freunde nichts an.“ Auch auf Professor Zimmermann, den wunderlichen, zerstreuten, für körperliche Züchtigung eifrig begeisterten Rektor und vorzüglichen Mathematiker hatte der Knabe einen gewinnenden Eindruck gemacht, der sich nachhaltig erwies, obgleich gerade sein Lieblingsfach des Knaben Schwäche war und blieb. Seinem Wohlwollen hatte er später den Mitgenuß eines Freitischs zu verdanken. Alle Berichte über sein damaliges Wesen schildern ihn als einen ernsten stillen Knaben, der Alles leidenschaftlich und tief ergriff. Ausgelassenen, in beständigem Uebermuth hintollenden Gesellen, wie Ad o lf Glaß brenner, der in den unteren Klassen sein Mitschüler war, konnte dies Wesen schüchtern und blöde, dagegen wirklich blöden und öden Kameraden mußte er stolz, ja anmaßend erscheinen. – Glaßbrenner war damals im Gymnasium das leitende Prinzip aller bösen Streiche, weshalb er auch als Untertertianer, nachdem er noch eine ostentative Demolirung des Carcers verbrochen hatte, aus der Schule verbannt ward. Vorher aber war er noch im Sommer 1823 einer der Rädelsführer eines großen Schulstrikes gewesen, an welchem auch unser Gutzkow trotz all seines „Ernstes“ theilnahm, einer „Schwänzerei“, die beinahe ein Vierteljahr währte und in der Geschichte der Schulkriminalistik wohl einzig dasteht. Man hatte das Baden in der Panke, das Schwärmen in den Straßen und Umgebungen Berlins, das „Knippkieler spielen“ anziehender gefunden als das Ruhigsitzen in der heißen Schulstube. Da Gutzkow’s heller Verstand und sein durch keine festlichen Störungen in der ärmlichen Häuslichkeit seines Vaters (derselbe war Subalternbeamter im *) So hieß der Vorsteher einer Elementar-Privatschule, welche der Knabe Gutzkow anfangs besucht hatte.

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

Berliner Kriegsministerium) gehemmter, vom Ehrgeiz genährter Fleiß die Anforderungen dieses Unterrichts spielend überwand und sich den klassischen Studien mit Eifer widmete, galt er in den höheren Klassen bei Lehrern und Kameraden durchaus für Einer, den Neigung und Beruf zum Philologen bestimmten. Er war inzwischen dem schon genannten Freund Adolf Licht nachgerückt, in Obersekunda saßen Beide nebeneinander, Licht als Primus, Gutzkow als Sekundus der Klasse. Von dem Freund giebt unser gedächtnißfrischer Gewährsmann folgende Schilderung. „Er war kräftig untersetzt gebaut, hielt sich aber etwas krumm in Folge seiner großen, inzwischen eingetretenen Kurzsichtigkeit, die jedoch die Ausdrucksfülle seines hellen Blicks nicht beeinträchtigte. Sein Hals saß etwas kurz zwischen den kräftigen Schultern. Er war ein mehr innerlich fröhlicher Knabe, erschien äußerlich ernst, ja etwas absonderlich. Seine Kleidung war sehr einfach, aber stets sauber – ich erinnere mich seiner nur in einem dunkelgrünen Oberrock. Solchen, mit denen er es nicht hielt, galt er für stolz. Mir, der sehr heiterer Gemüthsrichtung war, die in behaglichen häuslichen Verhältnissen Nahrung fand, war dieser einfache Knabe lieber als alle andern. Er war ein geistig höchst begabter und gescheuter Junge und imponirte uns Allen durch sein reiches positives Wissen und seinen unermüdlichen Fleiß. Nur einzelne Momente störten die näheren Freunde in dem Glauben, in ihm einen zukünftigen Professor der Philologie erblicken zu müssen. Ich erinnere mich noch, als wir in der Klasse die katilinarischen Reden lasen, trat er zuerst aus seiner Verschlossenheit heraus. Kam das Uebersetzen an ihn, dann donnerte er sein ‚quo usque tandem‘ oder sein ‚evasit, erupit‘, als stände er selbst auf der Rostra. Wir doch zum Spotte geneigten Kameraden fühlten uns von seiner Art lebhaft ergriffen und auch der Lehrer lohnte die Leistung in seinem Berlinisch mit einem ‚Jut, sehr jut, mein Kind.‘ Seine deutschen Aufsätze waren nach unserer Anschauung etwas trocken, weil wenig blumenreich, mehr körnig, er war schon damals Feind jeder Phrase. Freilich waren die Aufgaben zu diesen Aufsätzen auch wenig anregend und oft so trivial, daß Gutzkow sich eines Tages veranlaßt fand, das gegebene Thema parodistisch zu behandeln. Es gelang ihm ganz allerliebst, der Lehrer war bei guter Laune, lachte und las unter großen Lobeserhebungen die Arbeit der Klasse vor, wollte aber natürlich den Fall nur als Ausnahme gelten lassen.“

2. G. Schlemüller [*1879]

Berlin, 1825–1828

[…] Gutzkow […] war […] ein kräftiger, ziemlich breitschultriger Jüngling, von gesunder Gesichtsfarbe, klaren Verstandes, von auffallender Kurzsichtigkeit, mit voller, sonorer Stimme, die er als Schüler der ersten Singeklasse, da un-

Berlin 1825–1828

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ter Kanzler’s Leitung beim öffentlichen Schulexamen größere Partien der Schöpfung von Haydn und des Ostermorgens von Neukomm zur Ausführung kamen, zur Geltung brachte. Jedenfalls war sein gutes Organ auch der Grund, daß er bei der öffentlichen Prüfung am 30. März 1825 in dem Hörsaale des Gymnasiums, den damals das Klassenzimmer Unter-Tertias bildete, zum Deklamiren bestimmt wurde, wozu nur Wenige kamen und was als große Auszeichnung galt. Bei seinem außerordentlichen Fleiß und seinen herrlichen Anlagen war G. der Liebling seiner Lehrer und erhielt beim Schul-Examen des Jahres 1826 als „Zeichen der Zufriedenheit seiner Lehrer“, wie es auf der inneren Seite des Deckels gedruckt stand, ein Prämium, nämlich Cicero’s Reden von Otto in 3 Theilen. Und wie seinen Lehrern, so war er auch uns, seinen Mitschülern, lieb und werth. Zwar schloß er sich nicht grade Vielen an, war in seinem Umgange wählerisch und ist’s im Leben geblieben, wie denn auch der beim Jünglinge schon vorherrschende Ernst dem Manne blieb, wenngleich er auch keinesweges unzugänglich war für Scherz und Spaß. Bald nachdem das Friedrichs-Werdersche Gymnasium nach dem sogenannten Fürstenhause in der Kurfürstenstraße verlegt worden war, befanden sich G. und der Schreiber dieses in Secunda und schlossen sich noch enger als bisher aneinander an, da sie täglich miteinander speisten. Es besteht nämlich und zwar schon seit dem Jahre 1796, durch die Doctorin Charlotte Ernstine Brumbey gegründet, am Gymnasium ein Freitisch für bedürftige und würdige Schüler der obersten Klassen. Zu denen zählten G. und ich und außer uns noch 12 Secundaner und Primaner, die nach dem Klassenschluß um 12 Uhr zur Frau Haußmann an der alten Leipziger und Kurstraßenecke, gegenüber dem Gasthof zum rothen Adler, wanderten und von dieser liebenswürdigen Frau mütterlich aufgenommen und bestens gespeist wurden, während uns der Abendtisch durch den Senior des Freitisches, dem Primaner Hache, der längst als Prediger zu Fürstenberg a.O. verstorben ist, allmonatlich baar ausgezahlt wurde. Gegen Ende des Jahres 1827 trat am Friedrichs-Werderschen Gymnasium mit dem Abgange des Director Zimmermann […] zunächst die Veränderung ein, daß das Directorat provisorisch in die Hände des obengenannten und seit 1810 bereits am Gymnasium fungirenden Prorectors Brunnemann überging. Nach Ablauf eines Jahres begann dann der zum Nachfolger Zimmermann’s ernannte […] Prof. Dr. Ribbeck […] sein Directorat und wurde bei seinem Amtsantritt am 18. Oktober des Jahres 1828 von den Primanern mit einer lateinischen Ode bewillkommt […].

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

3. Adolf Licht / Johannes Proelss [*1883] Berlin, 18. Oktober 1828 Eine lateinische Ode auf schönem Papier gedruckt, ein Fackelzug und ein Ständchen waren die glänzenden Theile des Programms. Wer aber sollte die Ode dichten? Man wählte Karl Gutzkow und dieser unterzog sich der ehrenvollen Aufgabe mit Freuden. Die Deputation begrüßte höchst feierlich, freilich ohne Fackelzug (denn diesen hatte die Polizei als zensurwidrig vom Programm gestrichen), den Gefeierten in seinem hellerleuchteten Zimmer und adressirte ihn in ciceronischer lateinischer Prosa. Darauf kam die Ueberreichung der Ode, welche die „primi ordinis sodales“ (die Primaner) auf Velinpapier mit Goldschnitt hatten drucken lassen. Ribbeck überfliegt sie, nimmt eine lange Prise und bleibt stumm. Allgemeine Bestürzung, Gutzkow kreidebleich – da erlöst der glücklich einfallende Tusch, das Hurrah der Kommilitonen unten, die peinliche Stimmung, die um so schneller schwand, als Licht in der Erregung des Moments über das Hurrah draußen, im Zimmer einstimmte, was große Heiterkeit erregte. Ribbeck und die anwesenden Lehrer thauten in freundlicher Leutseligkeit auf und entließen die Deputation nach gegenseitigem Zutrunk auf ’s Huldvollste. Was aber hatte die zarten Philologennerven des Gestrengen an Gutzkow’s Ode verstimmt? Der junge Dichter hatte eine Abweichung vom strengen Schema der alcäischen Strophe regelmäßig durchgeführt. Er erhielt es später von Ribbeck, unter herzlichem Lob für das Ganze, mitgetheilt. Ribbeck selbst trug Gutzkow seitdem auf den Händen und in der ersten Stunde, die er lateinisch gab, begrüßte er den poeta carminis ingeniosi mit besonderer Wärme.

4. Adolf Licht / Johannes Proelss [*1883]

Berlin, 1828–1829

Der Drang zu eigener literarischer Bethätigung erwachte in Gutzkow verhältnißmäßig früh. Und zwar waren diese Anfänge poetischer und theilweise wissenschaftlicher, aber keineswegs negirend kritischer Natur, wie bisher in den meisten Literaturgeschichten von ihnen behauptet ward. In Saphir’s „Schnellpost“ erschien damals eine erste Novelle. Als Primaner feilte er ferner an einer Uebersetzung der Oden der Sappho, arbeitete an den Anfängen eines (nicht zu Stande gekommenen) Werks über die öffentlichen Spiele der Römer, ja, er ging in Gemeinschaft mit dem genannten Freunde Adolf Licht, mit welchem er seine Neigungen für Poesie und Belletristik theilte, sogar an die Gründung einer eigenen geschriebenen Wo c h e n s c h r i f t . Die Idee ging von ihm aus. Licht erzählt, wie ihn Gutzkow – es war im Frühjahr 1828 – eines Tages in

Berlin 1828

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einen Winkel der Klasse gezogen habe: „Du, wir geben ein Journal heraus.“ – „Aber die Herstellung?“ – „Ich schreib’ es selbst!“ Mit Feuer schritt man an die Ausführung und bald danach erschien die erste Nummer der „Versu ch e i n Pros a u n d Poe si e “. Ein vergilbtes Kleinfolioblatt von 4 Seiten, die zweispaltig von der damals schon männlich klaren, ansprechend flüssigen Handschrift Gutzkow’s beschrieben sind. Der Titel ist kalligraphisch schön mit schwungvollen Schnörkeln ausgeführt. An der Spitze steht als Einführung, ohne besondere Ueberschrift und „A. L. K. G.“ unterschrieben, ein Programm von folgendem Wortlaut: „Zu einer Zeit, wo einestheils die Vorurtheile früherer Geschlechter gegen Alles, was der Geist im Gebiete der schönen Wissenschaften erzeugen kann, gänzlich verschwunden sind, anderntheils aber auch die Menge der sich um die Gunst des gelehrten Publikums bewerbenden Dilettanten immer größer wird: scheint die früh schon beginnende Uebung sowohl im Gebiet der Poesie als auch in dem der sogenannten Brodwissenschaften nicht nur vortheilhaft, sondern auch unumgänglich nothwendig zu sein. Früh schon seine Kräfte in dem Fache, in welchem arbeitend man sich einst öffentlich zeigen will zu üben, früh schon seine, wenn auch noch so mittelmäßigen Erzeugnisse einem Kreise nachsichtiger Freunde mitzutheilen, wäre das Mittel, zum Besseren zu gelangen. Von der Wahrheit dieser Bemerkungen überzeugt, faßten wir in der Hoffnung eines guten Fortganges unseres Unternehmens die Idee, wöchentlich die Erzeugnisse unserer Mußestunden vor das Forum nachsichtiger Freunde zu bringen, deren urtheilende Bemerkungen uns den richtigen Takt zu halten immer mehr lehren könnten. Natürlich haben wir kaum zu erinnern, daß, wenn sowohl die Urtheile sich in hämische und höhnende Kritteleien verwandeln sollten, als auch wenn nicht mehrere unserer Freunde, von gleichen Gesinnungen erfüllt, das Beginnen unterstützend, uns beitreten, wir auf der Stelle diese Bekanntmachung unserer Versuche aufgeben werden.“ Hieran schließt sich als erste Publikation „Sappho an Aphrodite“ aus dem Griechischen von K. G. – „Liebesrache.“ Eine Novelle von A. L. Erstes Kapitel. „Kleinigkeiten“ mitgetheilt von K. G., bilden den Schluß. Der Ode hatte Gutzkow die Bemerkung beigefügt: „Der Uebersetzer bittet die Leser, vorliegende Uebersetzung in metrischer Hinsicht nicht nach dem ängstlichen strengen Schema der Sapphischen Ode beim Horaz, sondern nach der Hellenischen Freiheit des Grundtextes zu beurtheilen.“ Sie selbst ist schwungvoll und flüssig. Die „Kleinigkeiten“ boten eine Reihe von humoristischen Findlingen aus Gutzkow’s gelehrten Studien, auf klassische Wortwitze hinauslaufende Anekdoten, zu denen die alten Klassiker und berühmte Kommentare den Stoff gaben. Die Sache erregte im Allgemeinen bei den Genossen Vergnügen und Beifall. Von den wenigen Mitarbeitern nennt Licht: Hermann Böttcher, der nach anderer Seite hin Gutzkow’s intimsten Umgang bildete, und

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

einen Bernhard Ulrici, der eine nicht üble Satire auf die Faulheit schrieb. Dafür waren die beiden Redakteure um so eifriger. Pünktlich des Montags kam das Journal in einem von Gutzkow geschriebenen Exemplar in die Klasse und zirkulirte während der Woche in derselben, worauf es an Licht zurückkam. Dazwischen wurde zwischen Beiden in gewissen uninteressanten Stunden unter den Bänken eine heimliche Korrespondenz über die nächsten Nummern gepflogen. So ging es fort, bis etwa zwölf Nummern erschienen waren. Da wurde Licht’s Novelle „Liebesrache“ der Ausgangspunkt eines Konfliktes zwischen den beiden Redakteuren. Trotz der auf einen tragischen Schluß anspielenden Ueberschrift wollte der junge Autor, der einer eigenen Herzensneigung einen glücklichen Ausgang wünschte, zur guten Vorbedeutung seiner Erzählung nachträglich einen gleichen geben, wogegen Gutzkow opponirte und dies Verlangen gutmüthig ironisirte. Die gekränkte Autoreneitelkeit führte auf Licht’s Seite Verstimmung herbei und kurz vor den Hundstagsferien brach dann das Ungewitter los. „Ich weiß noch heute nicht, wie es kam, eines schönen Tages ließ ich ein schneidiges Wort fallen. Am andern Morgen erhielt ich von Gutzkow einen schlimmen Brief, kalt und voller Ironie, ich antwortete noch schlimmer, ein Brief gab den andern, der Ton ward immer gereizter, Böttcher betheiligte sich gegen mich; – zuletzt hatte ich genug, packte alle Briefe Gutzkow’s zusammen und sandte sie mit einigen wehmüthigen Worten an diesen zurück als Symbol des Abschlusses aller Verbindung. Damit waren aber auch die schönen, so thöricht verwendeten Ferientage zu Ende, wir traten einander wieder Auge in Auge gegenüber, fielen uns Beide um den Hals und küßten uns schluchzend mit den Worten: „Wie konnten wir uns Das thun!“ – Aber der poetische Zauber, der über dem gemeinschaftlichen Unternehmen vorher gelagert, war dahin. Ein Mitschüler, der sich schon vorher für dasselbe interessirt, der junge von Kamptz, versuchte, es wieder ins Leben zu rufen, aber Gutzkow betheiligte sich nicht wieder; ich gab zwei Gedichte, nichts weiter, in dasselbe, bald schlief es ein. Ich in meiner knabenhaften Aufgeregtheit schrieb dann ein schreckliches Trauerspiel, worin ich Hermann Böttcher als eine Art Franz Moor darstellte und ihn dem Freunde die Liebste (Anspielung auf Gutzkow) verführen ließ. Es blieb natürlich unvollendet, wie meine „Liebesrache“. Trotz dieses Konflikts steht diese Zeit verklärt in meiner Erinnerung. Irre ich mich nicht, so trugen an der Erkältung auch Meinungsverschiedenheiten politischer Natur die Schuld.“

Berlin 1829

5. Adolf Licht / Johannes Proelss [*1883]

21 Berlin, April 1829

Als dann Ostern herankam, wurden von den sämmtlichen Primanern sieben zur Maturitätsprüfung zugelassen, darunter Licht, Böttcher und Gutzkow. Das Thema des lateinischen Aufsatzes war: „Cur Periclis aetas Graeca aurea nominabatur“. In Gutzkow’s Arbeit hatte sich ein Fehler eingeschlichen; da Ribbeck nun bekannt war, daß dieser zur Erlangung eines Stipendiums die erste Zensur haben müsse, die er auch voll verdiente, so gab er ihm die Arbeit noch einmal zurück; er solle sie einmal durchlesen, es scheine ein Schreibfehler drin zu sein. Bald war der Fehler gefunden und so schmückte Gutzkow’s Abgangszeugniß die Eins.

6. G. Schlemüller [*1879]

Berlin, 1829–1830

Ostern 1829 verließ Gutzkow mit noch 6 Abiturienten das Friedrichs-Werdersche Gymnasium, das er 7 Jahre lang, davon er 1½ Jahr in Prima zugebracht, besucht hatte und erhielt das Zeugniß der unbedingten Reife, wie es damals hieß, d.h. No. 1., um zunächst in Berlin Philologie zu studiren. Er hielt bei seinem Abgange am 15. April, als am Tage der öffentlichen Prüfung, die im Hörsaal, Kurstraße 52., über der Wohnung des Direktors, abgehalten wurde, eine lateinische Rede über das Thema: „qui fiat, ut, quum multi in veterum scriptorum lectione versentur, perpauci tamen illorum dignitatem et praestantiam aut oratione aut moribus repraesentent?“ Er bekam wiederum ein Prämium, mit der bei den Primanern und Secundanern üblichen Inschrift: „probatae magistris diligentiae documento laudisque futurae incitamento,“ jedoch

weiß sich Schreiber dieses nicht mehr zu erinnern, worin dieses Prämium Gutzkow’s bestand. Daß G. auf der Universität philologischen Studien unter Boeckh und Lachmann, auch theologischen unter Schleiermacher, ganz besonders aber philosophischen unter Hegel, wenigstens zu Anfang seiner Berliner Studienzeit, eifrig obgelegen, ist bekannt; jedoch möchte, abgerechnet den kleinen Kreis früherer Schulgenossen, der sich durch einzelne die Berliner Universität besuchende Auswärtige erweiterte, das sonst Allen unbekannt sein, daß G. der Mitbegründer einer sehr heiteren Genossenschaft, die den Namen Universitas bibatoria führte und in welche die Mitglieder förmlich per Matrikel aufgenommen wurden, war. Hier konnte man gewahren, wie G. auch ein Mann des heitersten und lustigsten Wesens sein konnte, hier kamen neben harmlosen Scherzen sehr ernste und wichtige Dinge zur Sprache, hier öffneten sich die jugendlichen Herzen und gelobten sich Treue bis in den Tod. Schreiber dieses erinnert sich

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

so manchen lieben Freundes, mit dem er wöchentlich ein auch zwei Mal in der bibatoria, bei der G. sehr selten fehlte, zusammenkam, vermißt unter den Berlinern einen Boeckh, der Joachimsthaler und der älteste als Cand. Phil. schon verstorbene Sohn des berühmten Berliner Philologen war, einen Böhme, der Werderaner war und erst Anfangs vorigen Jahres als Prediger emeritus von Fahlenwerder bei Soldin verstorben, einen Boekler, der gleichfalls Werderaner und im Jahre 1869 als Prediger zu Diergardt bei Ruppin verstarb und gedenkt nur dessen noch, der unserem Gutzkow ganz besonders sympathisch war, den er in seinem: „Rückblicke auf mein Leben“ seinen intimissimus nennt und dem er […] ganz besondere Beweise seiner Liebe und Freundschaft gegeben. Dies war Bürger aus Aschersleben, der Ostern 1830 auf die Berliner Universität kam, um Mathematik und Naturwissenschaften zu studiren. Er war ein schöner, junger Mann, mit herrlicher sonorer Barytonstimme, die er oft unter uns, deren allgemeiner Liebling er war, ertönen ließ.

7. G. Schlemüller / Johannes Proelss [*1880] Berlin, 1830–1831 Das burschenschaftliche Kneipkränzchen bestand fort und als Böttcher nach halbjähriger Abwesenheit nach Berlin zurückkam, constituirte sich dasselbe heimlich unter dem harmlosen Namen „societas bibatoria“ zu einer regelrechten burschenschaftlichen Verbindung, trotzdem der §. 3 der 2. Abtheilung der Karlsbader Beschlüsse, die am 18. October 1819 zum Königlich Preußischen Gesetz erhoben worden waren, jedes Mitglied einer solchen von jeder öffentlichen Anstellung ausschloß und trotzdem ferner auf diesen Paragraphen jeder Studirende bei der Immatriculation sich handschriftlich verpflichten mußte, sich jeder Theilnahme an einer nicht autorisirten Verbindung zu enthalten. Präses war in der ersten Zeit ein stud. theol. Kämmerer aus Brandenburg, der mit jenem Sohn Boeckh’s, der vom Joachimsthaler Gymnasium kam und den Werderanern Gutzkow, Böttcher und Hache als Begründer anzusehen ist. Gutzkow gehörte zu den Chargirten und war im Wintersemester Präses. Ostern dieses Jahres waren noch die Werderaner Böhme, Schlemüller, Fink, Bökler, die vom Französischen Gymnasium gekommenen studiosi phil. Chambeau und Hegel, ein aus Aschersleben gekommener Enkel des Dichters August Bürger, ein Theologe Meyer aus Ratzeburg und noch einige andere beigetreten, ein Holländer van der Smissen war das bemooste Haupt im Bunde. Das Kneiplokal lag in einem entlegenen Stadttheil, auf der Splittgerbergasse. Im Sommer bot es den Freunden einen verschwiegenen Garten zum Aufenthalt. Der Wirth hieß Kaumann und verzapfte das reichlich genossene Weißbier, das damals noch nicht vom braunen Lagerbier verdrängt war, vielmehr ge-

Berlin 1830–1831

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rade erst den Kampf um seine Hegemonie mit dem fremden Eindringling begann. Entlegen mußte die Stätte wohl sein, wo ein Enthusiasmus, der gegen zwanzig junge Musensöhne zur Verletzung eines allerdings herausfordernden Gesetzes getrieben hatte, seine Feste feierte. Alle hatten damit ihre Zukunft auf ’s Spiel gesetzt und die „Füchse“ mußten den Frieden der Kneiptafel mit derselben Vorsicht überwachen, mit welcher jetzt etwa die Stätte eines verbotenen Duells behütet wird. So kam es denn auch, als im Laufe des Sommers 1831 das Mitglied Chambeau eines Tages die Meldung brachte, sein Onkel, ein zu Besuch in Berlin aufhältiger russischer Staatsrath, habe ihm sub sigillo anvertraut, daß die Existenz des Bundes und die Namen der Mitglieder dem Ministerium bereits bekannt seien und dieses demnächst das Netz zu schließen beabsichtige, daß die meisten der Freunde der Schrecken zum Austritt veranlaßte und die Auflösung eintrat, zu der auch Gutzkow gerathen. […] Von Gutzkow, sagt er [Schlemüller], galt als Schüler wie als Student: sana mens in corpore sano. Rüstig, unermüdlich, war er im Studium wie beim Vergnügen immer ganz bei der Sache. Auch jetzt meist ernsten Wesens, war er im Kreise der Freunde froh und heiter. Ja, er bildete von diesem recht eigentlich die Seele. Charakteristisch war für den doch von Haus aus Mittellosen sein durchaus nobles Wesen. Er war ein flotter Studio, aber er hielt Maß und Ziel. Mit dem Rappier wußte er, trotz seiner Kurzsichtigkeit, gut umzugehen, aber das Bewußtsein seiner Kraft verleitete ihn nie zu Herausforderungen und leichtsinnigen Händeln. Die Bestimmungsmensur kannte die echte Burschenschaft nicht. Als Basso I zeichnete er sich beim Rundgesang wie bei Ständchen aus, die damals trotz des strengen Regiments sehr in Uebung waren. Für Gesang hatte er besondere Neigung und auch Talent. Schon als Gymnasiast hatte er bei öffentlichen Gesangsaufführungen nicht fehlen dürfen. Dieselben Lieder – das Commersbuch war das Serig’sche aus Leipzig –, von denen der Student von heute viele nur absingt, ohne ihren lebendigen Inhalt zu empfinden, wie z.B. das Binzer’sche „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“, wurden mit glühender subjectiver Leidenschaft gesungen. Ceremonien, wie der „Landesvater“, für welchen hier das „Vaterland“ substituirt war, wurden mit der Weihe einer unendlich feierlichen Handlung ausgeführt. Schlemüller weiß sich noch eines ihm unvergeßlichen Commerses zu erinnern, der am 17. December 1830 stattfand, dem Gutzkow im vollen schwarzrothgoldnen Wichs präsidirte und bei welchem dieser mit exaltirter Begeisterung den Tisch beschritt, die Mützen der Freunde aufs Schwert bohrend. Der Rundgesang „Lebe, liebe, trinke, scherze!“ war Gutzkow’s Lieblingslied, das er immer zum Schluß als versöhnlichen Akkord anstimmte, wenn die Geister in Gespräch und Debatte auf einander geplatzt waren und in Flammen standen.

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

8. G. Schlemüller [*1879]

Berlin, 3. August 1830

Nach diesen Abschweifungen komme ich auf das Jahr 1830, das für unsern G. ein hocherfreuliches war, zurück. Gutzkow hatte sich an die Bearbeitung der von der philosophischen Fakultät zu Berlin gestellten Preisaufgabe: „de diis fatalibus“ gemacht und hatte sie, wie seine Freunde nachher erfuhren, in 6 Wochen beendet. Nur wenige wußten um die Bewerbung. Schreiber dieses war sie nicht unbekannt, und er befand sich am 3. August in auditorio maximo in G.’s Nähe. Prof. Hegel als Rektor der Universität kritisirte die eingegangenen Arbeiten, machte seine Ausstellungen und erklärte schließlich eine des ausgesetzten Preises für würdig. Noch höre ich Hegel sagen: „verso Schedulam et invenitur nomen Carolus Ferdinandus Gutzkow, Berolinensis“ und sehe ihn die 72 Thaler Werth habende goldene Medaille inmitten einer zahlreichen Versammlung von Professoren und Studenten dem anwesenden Sieger überreichen. Daß derselbe mit seinen Freunden in Folge dessen einen heiteren Abend in der Universitas bibatoria verlebte, war selbstverständlich, wie denn diese Abende den Anwesenden, deren Zahl sich auf etwa 25 belief, überhaupt reiche Genüsse bereiteten, vollends wenn Gutzkow sein Licht unter uns leuchten ließ. Da waren wir oft ganz Ohr über das Geniale, wenngleich Excentrische, was wir hörten, und der „bemooste Bursche“ unter uns, der Philologe van der Smissen aus Holland, ein biederer, trefflicher Charakter, dessen sich G. später noch oft erinnerte, lauschte jedem Worte, das aus Gutzkow’s Munde kam, mit einer durch nichts zu störenden Aufmerksamkeit. Daß wir es als Freundespflicht ansahen, unsern G. bei seinem ersten schriftstellerischen Auftreten durch Pränumeration auf das von ihm im Jahre 1831 herausgegebene „Forum der Journal Literatur, eine antikritische Quartalschrift“, zu unterstützen, brauche ich wohl kaum zu erwähnen […].

9. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 6. August 1831 In einem „Forum der Journalliteratur“, das in Berlin erscheint und von einem jungen Mann, Gutzkow, nicht ohne Geist redigirt wird, fand sich ein Aufsatz über die „Blätter für literarische Unterhaltung“. Der Mann findet zwar die Verschiedenheit der Ansichten in der Zeitschrift, deren Interesse er anerkennt, anziehend, aber doch sehr tadelnswerth. Man will durchaus Menzel’sche Einseitigkeit! Was er von der Planlosigkeit der Zeitschrift, von der Zufälligkeit dessen, was darin enthalten, spricht, hat mir ein Lächeln abgenöthigt. Ich weiß recht gut, was ich mit den „Blättern“ will und wollen kann, aber absprechen läßt sich leicht über dergleichen; man muß es selbst versuchen und dann urtheilen.

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München 1833

10. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 17. Juni 1832 Ein bedeutendes Buch von einem sehr jungen Mann „Briefe eines Narren an eine Närrin“ habe ich übernommen. Der Mensch wird es zu etwas Ungewöhnlichem bringen, und mache ich Sie aufmerksam hierauf.

11. Ludwig Börne, Brief aus Paris, 13. November 1832 Ein herrliches deutsches Buch habe ich hier gelesen; schicken Sie gleich hin es holen zu lassen. Br i e f e e i n e s Na r re n a n e i n e Närri n. Auch in Hamburg bei Campe erschienen, der seine Freude daran hat, die Briefe aller Narren an alle Närrinnen drucken zu lassen. Es ist so schnell abwechselnd erhaben und tief, daß Sie vielleicht müde werden es zu lesen, ich bin es selbst geworden und bin doch ein besserer Kopfgänger als Sie. Aber es ist der Anstrengung werth. Der Narr ist ein schöner und edler Geist und so unbekümmert um die schöne Form, welcher oft die besten Schriftsteller ihr Bestes aufopfern, daß diese, wie jede Kokette, weil verschmäht, sich ihm so eifriger zudringt. Der Verfasser schreibt schön ohne es zu wollen. Er ist ein Republikaner wie alle Narren; denn wenn die Republikaner klug wären, dann bliebe ihnen nicht lange mehr etwas zu wünschen übrig und sie gewönnen Zeit sich zu verlieben und Novellen zu schreiben. Nichts kommt ihm lächerlicher vor als das monarchische Wesen, nichts sündlicher gegen Gott und die Natur. Er theilt meinen Abscheu gegen die vergötterten großen Männer der Geschichte und meint, die schöne Zeit werde kommen, wo es wie keine Hofräthe, so auch keine Helden mehr geben wird.

12. Zeitungsmeldung aus Berlin, 11. Juni 1833 Der, als geistreicher Schriftsteller und namentlich als Kritiker bekannte Dr. Gu t z k ow, Mitarbeiter des Me n ze l’schen Literaturblattes, ist gegenwärtig in Mü n c he n , und arbeitet an einem neuen Roman.

13. Heinrich Laube [*1870]

München, 2. August 1833

Mit ihm [Gutzkow] wurde ich am frühesten bekannt. Er bezeigte brieflich Theilnahme an dem Treiben der „eleganten Zeitung“, ohne jedoch Beiträge zu liefern, und schlug mir vor, eine gemeinschaftliche Reise mit ihm nach OberItalien zu machen.

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

Ludwig Börne

München und Salzburg 1833

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[…] So kam ich zum erstenmale nach München und eilte in Gutzkow’s Wohnung. Er war nicht daheim. Im Englischen Garten werde ein großes Concert aufgeführt, dort werde er sein. Ich ging denn auch dahin und sah auf dem Wege mit Erstaunen die wüsten Plätze in reizloser Ebene, auf denen vereinsamte griechische Gebäude aufgebaut worden, und sah kopfschüttelnd daneben die dicken Blasenthürme der städtischen Hauptkirche und die styllosen kleinen Häuser der Vorstadt, welche ans neue sandige Griechenland grenzte. Erst im Hofgarten und im kühlen Englischen Garten fand ich Harmonie. Das bläuliche Seifenwasser der Isar, voll und ungestüm einhergehend, erschien mir wie die beste Gabe Münchens. Die Leute kamen eben in Schaaren zurück von dem Concerte. Ich stellte mich am Wege auf, um sie zu mustern, mir einbildend, ich würde Gutzkow, den ich in meinem Leben nicht gesehen, wol erkennen. Es kam aber Niemand, den ich mit seinem Namen hätte anrufen mögen; es kamen lauter Gesichter und Gestalten, denen man normale Gesundheit und körperliche Kraft absah, denen man aber nicht gerade geistige Kraft und Feinheit zutrauen mochte. […] Gutzkow, welchen ich am Abende fand, war eben kein Baier, sondern ein Berliner, seinem Namen und wol auch seiner körperlichen Structur nach von halb slavischer Abstammung.

14. Konfidentenbericht, München, 5. August 1833 Wie ich heute vernehme, und zwar, wie ich glaube, aus nicht schlechter Quelle, werden in Wien zwei sogenannte Gelehrte eintreffen: Herr Gutzkow aus Berlin und Herr Dr. Laube von Leipzig, Redakteur der „Eleganten Zeitung“ in Leipzig. Der Zweck soll – wie man mit Wahrscheinlichkeit vermutet – sein, sich in Wien umzusehen und sodann demnächst etwas über Wien usw. zu schreiben.

15. Heinrich Laube an Gustav Schlesier, Salzburg, 6. August 1833 Gestern Abend kamen wir von München an. […] Noch hab ich nichts als das Castell vom Fenster aus gesehen, es ist schon zwölf, Gutzkow liest neben mir die Novelle, Axfeldt putzt sich. […] Gutzkow ist sehr ruhig, bequem, mehr Berliner als ich dachte, angenehm, kränklich wie ich, keineswegs aber so warm u. feurig wie wir dachten. Er geht mit bis Dresden, u besucht uns später von Berlin aus. Wenn er Zeit hat, schreibt er, vorläufig grüßt er Dich bestens.

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

16. Heinrich Laube [*1870]

August/September 1833

Solche Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, als ich mit Gutzkow nach Tirol hinauffuhr und als ich im Verkehre mit ihm die Einheit nicht finden konnte, welcher er angehörte. Zahlreiche und reiche Bestandtheile traten mir entgegen: Wissen, Schule, Geist nach allen Richtungen; aber eigentlich eine unfaßbare Persönlichkeit. Zuerst und zuletzt ist er ein Denker, sagte ich zu mir, als wir über den Brenner fuhren. Ein Denker! und alles Künstlerische ist angeeignet. Aber reichlich und sorgfältig angeeignet. Bis auf den Styl. Selbst über diesen zeigt er theoretische Studien, und er weist geläufig nach, wo, wann und wie die Rede durch eine Frage unterbrochen und belebt werden müsse, wo, wann und wie diese oder jene Redeform angewendet sein könne. Und dies belegt er mit wissenschaftlichem Nachweise aus den alten Sprachen, und wie Zumpt oder sonst ein Sprachgelehrter über diese und jene Nuance denke. Meine Stylgelehrsamkeit vom Glogauer Gymnasium erschien mir daneben recht dürftig, und Magister Röller’s Regeln kamen mir vor wie bloße Hausmittel neben approbirten Recepten der Facultät. Auch der schönen Natur gegenüber, welche da in Südtirol und am Gardasee uns farbenreich entgegentrat, war sein Verhalten ganz anders als das meinige. Oft schien es, als ob er die Schönheit gar nicht bemerkte; in einer späteren Bemerkung zeigte sich’s aber, daß er sie gar wohl bemerkt hatte, nur anders, gleichsam auf anderem Wege. Vielleicht weil er in großer Stadt aufgewachsen, welche ohne landschaftlichen Reiz. Für solche Großstädter wird auch der Naturreiz ein besonderer Act der Bildung. Er war überhaupt viel schweigsamer, als ein Mann seines jungen Alters und seiner mannichfaltigen Wissenschaft zu sein pflegt. Seine mittelgroße Gestalt erhielt dadurch etwas Suchendes, daß Hals und Haupt immer ein wenig nach vorn gebeugt waren; eine scharfe Nase und das oft nur halb geöffnete, kurzsichtig scheinende Auge stimmten zu dieser suchenden Haltung. Das Organ, ein angenehm hoher Bariton, war auch musikalisch geschult; das kam gelegentlich im Zimmer überraschend zum Vorscheine. Im Freien hätte man nicht geahnt, daß er singen könnte. Er machte durchwegs ganz andere Bemerkungen als ich, und als wir in Verona nach Romeo und Julia ausgegangen waren und die Arena betrachtet hatten, da kam ich zu dem Schlusse: wir sind zwei ganz von einander verschiedene Menschen, und es wird gar nicht leicht sein, daß wir einander gegenseitig gerecht werden. Wir reisten recht ungeschickt. Oder vielleicht traf dieser Vorwurf nur mich. Das Reisen will erlernt und geübt sein wie das Leben, und zu Anfang übereilt man beides. […]

Wien und Prag 1833

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Ich verschlang damals Ober-Italien ohne Rücksicht auf meine Verbrauchsfähigkeit, und als wir in Triest ans Land stiegen, erschien es mir als das Wichtigste, daß ich nun nicht mehr die kreideartige Polenta essen, den tintenartigen Wein trinken müßte. Ob ein fremdes Land und Volk fordern könne, der Reisende soll sich ihm fügen, das kam der jungen Unverschämtheit nicht zu Sinne. Wirklich fanden wir auch deutsches Brot und Rheinwein in Triest, und wir wurden nicht in der Illusion gestört, daß wir auf deutschem Boden wären. […] Wie das Land aussieht von der adriatischen Küste bis Wien, das konnten wir damals absolut nicht entdecken. Wir wären so gern den Römerspuren gefolgt, die über Carnutum nach der Vindobona gezogen sind, umsonst! Ein Regenmantel hüllte Alles ein; erst als wir vom Semmering herunter kamen, in Niederösterreich also, wurde die Welt wieder licht.

17. Heinrich Laube [*1870]

Wien und Prag, September 1833

Unsere Gedanken in der Eilpost suchten den Eindruck zu sammeln, welchen Wien im Ganzen gemacht. Dieser Eindruck war doch eigentlich gering, war nicht der einer großen Stadt. Die geistige Welt fehlte gar zu sehr. Ein Abend im „blauen Stern“ schimmerte allein ein wenig. In jenem Wirthshause auf der Brandstätte fanden sich damals des Abends einige Literaten zusammen, und dort sahen und sprachen wir einmal Grillparzer und Bauernfeld. Aber Grillparzer war schweigsam und Bauernfeld gerieth mit Gutzkow in ein gelehrtes ästhetisches Gespräch, dessen Mittelpunkt Euripides war. Das Interessanteste daran war mir hie und da ein Wort, welches Grillparzer dazu gab und welches immer entschied. Man hörte stets heraus, daß seine ästhetische Regel nicht trocken geblieben, sondern mit Lebensathem gefüllt war. Er war persönlich in Griechenland gewesen, das wußte ich, und was er über die Alten sagte, das war ersichtlich nicht bloße Schulweisheit, es war durchlebte Vergleichung. Aber er sprach sehr wenig aus dem Schattenwinkel hervor, in den er sich gesetzt, man konnte seiner nicht habhaft werden. […] Beim Nachhausegehen wandelten wir noch eine zeitlang in der Rothenthurmstraße auf und nieder, und da sprach er etwas mehr; in der Dunkelheit schien der Poet lauter zu werden. Aber aphoristisch blieb er auch da, höflich, zurückhaltend. In Prag war wieder Regenwetter gewesen und die Luft färbte Alles bleich und grau. […] Als wir des Abends in unseren Gasthof heimkehrten, meldete uns der Lohndiener nicht ohne Zeichen von Betroffenheit, daß er auf der Polizei unsere Pässe nicht erhalten, sondern daß man ihm angezeigt hätte, wir sollten selbst hinaufkommen.

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

Dies schien uns befremdlich und bedenklich. Die geheimnißvolle Atmosphäre der österreichischen Polizei fiel wie ein dichter Nebel auf uns. Was war da nicht Alles möglich! In Wien hatte man unsere nähere Bekanntschaft nicht gesucht, unsere Pässe waren von dort visirt, und doch! – Ah, flüsterte man uns zu, Prag ist stets viel schlimmer als Wien; im zweiten Orte thut man stets mehr als nöthig, um genug zu thun, und was der menschenfreundliche Charakter des specifischen Oesterreichers auszugleichen sucht, das verschärft der buchstabenmäßige Charakter des böhmischen Beamten noch. Wir wußten nicht, ob das begründet wäre. Aus späterer Zeit weiß ich allerdings aus eigener Erfahrung, daß Prag immer der schwierigste Durchgangspunkt war für den Reisenden mit Paß- und Zollfrage. Unser Verlangen ging gar nicht dahin, volle Aufklärung zu erhalten: wir reisten in Nacht und Nebel der sächsischen Grenze zu und ließen unsere Pässe im Stiche.

18. Heinrich Laube an Heinrich Heine, Leipzig, 6. Dezember 1833 Den Narrenbriefler, Gutzkow, hab ich aufgegeben, er ist dem Menzel und der teutschen Lyrik und der griechischen Partikelwirthschaft verfallen, ich hab ihn zwei Monate umsonst bearbeitet. Er ist zu egoistisch und hat keine eigentliche Liebe zu uns im Leibe, und ohne Liebe wird nichts Neues geboren.

19. Heinrich Laube [*1883]

Leipzig, Februar 1834

Gutzkow kam im Winter 1833 zu mir nach Leipzig, um mir seine Theilnahme auszudrücken an meiner lebhaften „Eleganten“, Theilnahme in literarischem und politischem Sinne. Nicht Mitarbeitung. Er hat mir nie einen schriftlichen Beitrag gegeben. Ein Zimmer miethend, blieb er einige Monate da, und wir sahen uns täglich. Er kam von Berlin, wo er geboren und aufgewachsen war, damals kaum einige zwanzig Jahre alt, fünf Jahre jünger als ich. Sein Vater, ein kleiner Beamter von streng preußischer Signatur, hatte ihm eine gelehrte Laufbahn beschieden, und Karl hatte sie fleißig und ausgiebig benützt vermöge seiner vorzüglichen Geistesanlage. Er war von genauester Schulbildung und in allen Disciplinen sattelfest. Auch das damals in Berlin herrschende Hegelthum war ihm geläufig, obwol er sich ihm durchaus nicht hingegeben. Schon in solcher Jugend hatte er einige Bücher durch die vornehme Cotta’sche Buchhandlung auf den Markt gebracht: „Briefe eines Narren an eine Närrin“ und „Maha Guru, die Geschichte eines Gottes“. Sie waren schwer ver-

Leipzig 1834

Heinrich Laube

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

ständlich oder wenigstens schwer genießbar. Darin gab es geistvolle Excurse, deren Zusammenhang und Zweck jedoch undeutlich blieb. Persönlich erschien er mir ganz anders als der Verfasser dieser Bücher; er sprach klar und gut, sprach insbesondere mit großer Leichtigkeit und in sicherem Flusse. Seine Gestalt war von hoher Mittelgröße, seine Haltung leicht vorgeneigt mit Kopf und Schultern, vielleicht weil er kurzsichtig war. Er schloß auch oft, wenn er aufmerksam zuhörte, die Augenlider zur Hälfte. Eine scharfe Nase beherrschte das längliche Gesicht, schlichte dunkelblonde Haare rahmten es ein; über der Lippe und am Kinn sproßte ein dünner Bart. Es zeigte sich bald, daß wir grundverschiedene Naturen waren. Die Schrift war sein Element. Er las alle Zeitungen, welche in den Conditoreien erreichbar waren. Wie in Berlin bei Steheli, so war damals auch in Leipzig die Conditorei das Zeitungsdepot. Erst allmälig haben sich die Conditoreien in Norddeutschland zu Kaffeehäusern entwickelt. Draußen im Rosenthale unter hohen Bäumen beim Kinsky entfaltete sich eine solche Conditorei. Dort saß Gutzkow immer einsam zur Seite und entzifferte Zeitungen, sie dicht vor die Augen haltend, während ich mit den Leipziger Schöngeistern politisirte, Luft und Waldesathem genießend. So kam es, daß er auch das kleinste Schriftstellerlein in Deutschland kannte und beobachtete, meines Erachtens nicht zu seinem Vortheile. Dadurch erfuhr er jede kleinliche Polemik und betheiligte sich später an Streitigkeiten, welche tief unter seiner Bedeutung waren. Es brachte dies eine stete Unruhe mit sich, welche jedes Behagen ausschloß. Nur die ausgebreitete scharfe Bildung Gutzkow’s machte es möglich, daß er doch immer wieder auf höheren Standpunkten gesammelt erschien.

20. Heinrich Laube [*1868]

Leipzig, Februar 1834

Schon im Jahre 1834, als ich Reisenovellen schrieb und er seine „Wally“ noch im Kopfe trug, sagte er mir plötzlich einmal in Leipzig: „Eigentlich müßten wir für die Bühne schreiben!“ Und dabei entwickelte er die Macht, welche von der Bühne ausgehen könnte, sobald sie die Interessen der Gegenwart darstellte. Ich schüttelte damals den Kopf. Obwohl ich von Jugend auf lebhafteren Antheil an der Bühne genommen als er, obwohl ich gleich nach der Studentenzeit der Bühne wirksam nahegetreten und Stücke – natürlich unreife Waare! – zur Aufführung gebracht, obwohl ich also mehr als er berufen gewesen wäre, auf Theatergedanken zu gerathen, billigte ich doch damals in Leipzig seine Idee gar nicht. Ich meinte, unsere Ideale lägen viel zu fern von dem, was auf dem Theater möglich und wirksam wäre. Wir ruderten in Politik und socialer Erweite-

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Frankfurt am Main 1834

rung; ich begriff nicht, was wir mit der Bühne gemein haben konnten, welche ja doch im Wesentlichen auf bestehende Sitte und Anschauung gewiesen sei. Er sah weiter als ich und beharrte auf seinem Gedanken, und so war er auch wirklich der Erste von uns, welcher einige Jahre später mit einem Theaterstück auftrat, mit „Richard Savage“, welches sogar die „Burg“, die uns so fernliegende Burg, in den ersten Vierziger Jahren aufführte.

21. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 23. Juli 1834 Das Gutzkow hier ist, sagte ich Ihnen wol – Verfaßer der Briefe eines Narren an eine Närrin – Er war bedeutend krank. Simon hat ihn aber ganz gut ausgeflickt, und von hier geht er nach Augsburg zur Allgemeinen Zeitung an der er seit längerer Zeit ein thätiger Mitarbeiter ist. Während Menzel bei den Ständen war, vicarierte er am Morgenblatte die Literatur.

22. Ludolf Wienbarg [*1843]

Altona, Juli 1834

Von Eutin ging ich nach Altona, wo mich Karl Gutzkow aufsuchte, der damals, im Sommer 1834, noch mit Menzel im Briefwechsel stand, und durch denselben vor dem Verfasser der ästhetischen Feldzüge ge warnt wurde. Mir war schon damals und früher Menzel’s aufgeblähtes, grobes, nichtssagendes Wesen zuwider.

23. Zeitungsmeldung aus Berlin, 5. Dezember 1834 Herr Gutzkow hat die Redaction eines Literaturblattes übernommen, das als Beilage zu dem von E. Duller redigirten „Phönix“ in Frankfurt am Main, erscheinen wird. Bon!

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1. Berliner Lehrjahre, erste Ausfahrten

Frankfurt am Main 1835–1837

2. Jungdeutsche Avantgarde Frankfurt am Main 1835–1837

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2. Jungdeutsche Avantgarde

Frankfurt am Main 1835–1837

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I. 24. Wolfgang Menzel [*1877] Ich weiß nicht mehr, wer den Namen des „jungen Deutschland“ zuerst aufbrachte, gewiß aber ist, daß er ausschließlich von den Fleischesemancipatoren in Anspruch genommen wurde, von Gutzkow, Wienbarg, Laube, Theodor Mundt etc. Karl Gut zk ow, ein Berliner Student von kleiner Figur, schien anfangs aufs wärmste und bis zur Uebertreibung für mich zu schwärmen, von einem edlen Zorn gegen alles Schlechte und von Begeisterung für dieselben Ideale erfüllt zu sein, die ich festhielt. Das erste, was er drucken ließ, war ein unbedingtes Anklammern an mich, ein Schwören auf mich, gleichsam ein feierlicher Eid der Treue vor der ganzen Welt abgelegt. Als er aber nach Stuttgart gekommen war, sah ich mich durch seinen förmlichen Abfall zur unsittlichen Partei und namentlich durch seinen Roman Wally, worin er von Christo als von einem Judenjungen sprach, genöthigt, den Verkehr mit ihm abzubrechen und mich auch öffentlich von ihm loszusagen, behandelte ihn, wie er es verdiente, und entlud ein starkes Gewitter über dem Sumpf des ganzen sog. jungen Deutschland.

25. Heinrich Laube [*1883] Die Frage um größere sinnliche Berechtigung war mir weniger klar, aber sie beschäftigte mich fortwährend. Das schreiende Wort „Emancipation des Fleisches“ stand und steht ihr im Wege, wie ein Heer tugendhafter Polizeisoldaten. Vor diesem Worte erschrickt die christliche Welt wie vor dem Laster. Und doch dachte ich durchaus nicht an etwas Lasterhaftes, sondern nur daran, wie gewaltsam unterdrückte Naturnothwendigkeit und Schönheit gesetzlich erleichtert und erweitert werden könnte. Man hat später oft das sogenannte junge Deutschland dahin charakterisirt, daß es eine sträfliche Sinnlichkeit einführen gewollt. Etwas Unwahres. Das Thema der Sinnlichkeit ist in unseren Schriften kaum gestreift worden, und drei von uns Jungdeutschen, Wienbarg, Mundt und Gutzkow, haben dazu gar keine innere Beziehung gehegt. Wienbarg nicht die geringste, Mundt, ein glücklicher Ehemann, auch nicht. Er war ein philosophischer Theoretiker, welcher dem in Mode kommenden Thema von freier Sinnlichkeit eine Novellenform verleihen zu müssen glaubte in seiner „Madonna“, und zwar eine recht theoretische, eine künstliche, nicht künstlerische. Er war kein Fabulist, kein erzählendes Talent; die Figuren in seiner „Madonna“ lebten gar nicht, sie blieben

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2. Jungdeutsche Avantgarde

abstract. Zufällig aber war er Professor in Berlin, und diese „Madonna“ war deßhalb dem Herrn v. Tschoppe sehr willkommen. Er trug sie zu seinem Chef, dem alten Fürsten Wittgenstein, welcher das Ohr des alten strengen Königs Friedrich Wilhelm des Dritten hatte, und sprach: „Da sehen Durchlaucht, wie nöthig eine Unterdrückung dieser sittenlosen, staatsgefährlichen Literatur ist. So nahe rückt sie uns schon! Da drüben am Opernplatze in unserer Universität tritt sie sogar auf, dem königlichen Palais gegenüber!“ Diesem Zufalle entsprang das Verbot unserer Schriften, und nicht nur unserer Schriften, sondern auch alles dessen, was wir je schreiben würden. So entsprang das Stigma eines verbrecherischen jungen Deutschland. Liberale Schriftsteller sollten beseitigt werden, und man benützte dazu den Vorwand: sie wären unsittliche Menschen. Gutzkow endlich, ein weit und scharf suchender Geist, hatte seine „Wally“ nur so nebenher geschrieben und ihr nur ein Tüpfelchen von der Frage um Sinnlichkeit zugetheilt, ohne irgend einen Nachdruck darauf legen zu wollen. Er selbst, wie alle Welt, war ganz erstaunt, daß da von einer Tendenz die Rede sein sollte, welche ihn gar nicht beschäftigte. Alle Welt verschaffte sich nun die „Wally“ und schalt nach der Lectüre ärgerlich, in dem Büchlein gar nichts von besonderem Interesse finden zu können. Wenn da von Sündern die Rede sein konnte, so waren diese wol allenfalls Heine und ich. Heine als begabter Dichter stachelte die tugendhafte Welt öfters mit erschreckender Verspottung, aufs freie Griechenland verweisend. Er hatte aber eine wirkliche Tendenz solcher Art nirgends dargethan, und ich war wol innerlich von einer solchen Tendenz getrieben, und das mochte hie und da in meinen Schriften, namentlich im „Jungen Europa“, zum Vorscheine gekommen sein. Aber ich hatte in dieser Beziehung immer weniger gesagt als gedacht, und was ich etwa gesagt, das war immer nur als etwas hingestellt worden, was den Widerspruch herausforderte und auch den Widerspruch immer fand. Ein Zusammenhang endlich hatte niemals unter uns bestanden; es konnte also von einer Schule in dieser Richtung nicht die Rede sein. Persönlicher Verkehr fand nur statt zwischen mir und Gutzkow, aber gerade dies Thema hatte zwischen uns niemals zu einem Austausch der Meinungen geführt. Den Titel „junges Deutschland“ hatte Wienbarg, vorzugsweise im Hinblick auf Artikel in der „Eleganten“ aufgebracht, und damit nichts weiter gemeint als frei denkende und schreibende junge Männer; Tschoppe dagegen hatte ihn als schreienden Gesammt-Titel aufgegriffen, in welchem politische Frevler als ein Bündel vereinigt und vernichtet werden sollten.

Frankfurt am Main 1835–1837

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26. Ludolf Wienbarg [*1843] Im Frühjahr 1835 machte ich die Reise durch die Niederlande, den Rhein bis Mainz hinauf, nach Fr a n k f u r t , wo ich, auf Gutzkow’s Antrag, mich freudig zur Mitherausgabe einer dem Zeitgange und den Bedürfnissen der zersplitterten Literatur entsprechenden Wochenschrift unter dem (wohl schlechten) Titel einer „deutschen Revüe“ willig fand. Menzel’s persönlich diffamirenden Angriff auf Gutzkow entgegnete ich durch das „Programm d er d eu t sch en Revü e “, eine Broschüre, welche den zwiefachen Fehler hat, daß sie sich 1) zu viel mit Menzel und zu wenig mit der deutschen Revüe beschäftigt, und 2) daß sie mich in der Aufregung des Augenblicks und meiner Freundschaft zu Gutzkow die parteilose höhere kritische Stellung vergessen ließ. Aber Menzel’s Schnödigkeit war derartig, daß sie mir nur eine persönliche Züchtigung zu verdienen schien, und die Verleumdung Gutzkow’s war so platt und niederträchtig, daß ich mich seiner, ohne weitere kritische Abwägung, mit Haut und Haar annehmen zu müssen glaubte. Der Fehler blieb indeß derselbe, oder vielmehr, ich hätte diese persönliche Streitsache besonders abmachen und nicht mit der Sache der deutschen Revüe zusammenbringen sollen. Zu Ostern dieses Jahrs waren meine „Wanderungen durch den Thierkreis“ erschienen, ein Product des vorhergehenden Sommers und Winters, und größtentheils einer Stimmung, die ich von leidenschaftlicher Bitterkeit nicht ganz freisprechen will. Jetzt begannen die Regierungen, auch durch Menzel’s böswillige Taktik aufgereizt, auf eine junge Literatur aufmerksam zu werden, in der sie eine geschlossene staatsund sittengefährliche Verbindung zwischen politisch-radicalen und sittlichleichtfertigen Grundsätzen zu erblicken glaubten. Zufällig wurde mir das aufsteigende Gewitter schon ziemlich früh verrathen, und ich erhielt actenmäßige Kenntniß von den Verhandlungen, die im Schooße des frankfurter Bundestages über und gegen das sogenannte junge Deutschland (ein Name, der auf wunderliche Weise aus einer Dedication der Feldzüge an die gesammte und namentlich die studirende deutsche Jugend zu einer reichsofficiellen Geltung oder Brandmarkung für fünf Schriftsteller gelangte) sich erhoben. […] Ich war also so ziemlich auf die Schläge vorbereitet, welche die junge Literatur treffen sollten. Mittlerweile war man, nach Menzel’s Vorgang, perfid genug, einen Roman wie die Wally, dessen größtes Verbrechen seine Gebrechen, als die Quintessenz der jungen Literatur umherzutrommeln, und wie diese theologisch, moralisch, ästhetisch herunterzumachen. Um dem Skandal die Krone aufzusetzen, wurde der Verfasser dieser Wally vor ein Sittenvehmgericht in Mannheim geladen, dort in’s Gefängniß geworfen und zu einer processualischen Komödie verurtheilt.

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2. Jungdeutsche Avantgarde

II. 27. August Lewald an Heinrich Heine, Stuttgart, 20. Januar 1835 Menzel sitzt zwar noch immer auf dem critischen Throne, den er sich selbst erbaut hat, aber zu seinen alten Feinden gesellten sich nun noch in neuerer Zeit junge Gegner, die er zum Ex selbst großgesäugt, und die ihn ernstlich zu stürzen trachten und wohl auch stürzen werden, weil Alles seine Zeit hat. Die jungen Leute, die sich bei ihm den Schnabel wetzten und critisiren lernten – so zu sagen – schreien jetzt wir brauchen keine Kritik à la Menzel mehr, überhaupt keine deutsche Kritik, wir wollen eine blos anzeigende, rein prosaische, als Gegenstück aller Poesie. Mit solchen Meinungen thun sich jetzt Jüngelchen hervor, von denen man vor 4 Jahren noch keine Ahnung hatte. So ein gewisser Gutzkow, der schon mit 17 Jahren in Berlin ein Forum der gesammten Journalistik herausgab und damit durchfiel, den dann Menzel herkommen ließ und ihn bei seinem Lit.blatt verwandte und der sich nun so vernehmen läßt: wie? Menzel will von hier aus über alle deutschen Zustände schreiben, er – der Deutschland gar nicht kennt. Gutzkow ist ein Mensch von Geist und nun 21 Jahre alt. Er hat gar keine Jugend gehabt, ist kränklich und nicht im Stande ein passables lyrisches Gedicht zu machen. Er war verliebt, wollte heirathen und die Partie hat sich zerschlagen. Darauf ward er ungefähr 4 Wochen liederlich und hat jetzt 3 Jahr schon den Tripper und andere Geschichten, die ihm unsägliche Schmerzen machen und einer fürchterlichen Kur preisgegeben haben. Er war 3 Monate bei unserm Campe in Hamburg, dort bekam er das kalte Fieber; wer Campe nicht näher kennt und seinen Dunstkreis nicht gewohnt ist, kann so etwas leicht davon tragen; reiste hierauf den Rhein herauf, krank, mit geschwollener Backe bis nach Stuttgart, war hier wieder 3 Monate auf dem Zimmer Patient, er ist in Pelze gehüllt, am 1 Januar nach Frankfurt gereist um das Literaturblatt einer neuen Zeitschrift: Phoenix, die bei Sauerländer erscheint, zu redigiren und dabei seinen Freund und Lehrer Menzel, den er früher schon in einer Vorrede zu 2 Bden Novellen geärgert hatte, ein Wenig um’s Leben zu bringen. Dort sagte er nehmlich: „wenn Menzel schreibt, denkt er nur daran Paulus zu ärgern“, und das nahm Menzel schief und kündigte ihm die Freundschaft auf. Das ist Gutzkows ganzes Leben und doch ist er ein ausgezeichneter Kopf. Seine Oeffentlichen Charactere in der allg. Zeit. fanden Beifall und es ging recht gut damit, jetzt da er Metternich und Ancillon einsandte, glaube ich daß ein Haar in die Maschine gekommen seyn wird. Wenigstens erscheint nichts in einer langen Zwischenpause. Uebrigens ist Gutzkow ein armer Teufel und den Buchhändlern verfallen was sehr schlimm ist.

Frankfurt am Main 1835

August Lewald

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2. Jungdeutsche Avantgarde

28. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 13. März 1835 In Frankfurt erscheint ein neues Journal, der Phönix, vom Januar an, wobei ein Literaturblatt befindlich ist, das Dr Carl Gutzkow herausgiebt. Er ließ bei mir die Briefe e. Narren an eine Närrin erscheinen, dann bei Cotta, Maha guru, Geschichte eines Gottes. Ietzt giebt er bei mir Schleiermachers Briefe über die Lucinde – die Si e durchaus verkannt haben, die Sie Schleiermacher zum Verbrechen anrechnen! Wie konnten Sie das? Gewiß haben Sie sie nie gelesen, sonst wäre ein solcher Vorwurf, eine Hindeutung darauf nicht aus Ihrer Feder gefloßen. Zu diesen Briefen giebt Gutzkow eine Einleitung, die das Merkwürdigste in der ersten Hälfte dieses Jahres am lit. Himmel seyn mögte! Dann bringe ich von ihm öffentliche Charaktere, die Sie theilweise in der allgemeinen Zeitung gelesen haben werden, als Chateaubriand, Talleyrand, Oconnel usw Carrel, Ancillon, Metternich u sw, daran wagte die allgem. sich nicht Genug dieser Gutzkow, wird in unserer Literatur, Sie werden es sehen, ein Heros! Geist und Wissen halten Schritt bei ihm. Novellen 2 Bände von ihm habe ich Sauerländer überlaßen, wie auch eine Tragödie Nero. Gutzkow hat Sie vor im Phönix, wie er mir schrieb, doch kann er nicht so gnädig seyn wie Wienbarg, mit den er sich befreundete. Er lebte vom April bis July hier. Früher hatte er in Menzels Abwesenheit das literaturblatt zum Morgenblatt besorgt. Der junge Cotta kroch ihm in den A. und sah einen Gott in ihm. Genug er engagierte ihn für die Allgemeine. Aber wie es zu gehen pflegt – in der Nähe wollte es nicht gelingen, sich zu verständigen und so ging er nach Frankfurt Er liebt Sie, wenn er auch durchweg nicht einer Ansicht mit Ihnen ist und Sie können auf ihn als Freund zählen. Hier war er sehr elend krank. Die Homöopathen hatten ihn für den Kirchhof den Paß bereitet. Ein miserabler Kerl von Homöopathen hatte ihn hier in der Mache, als ich von der Meße kam. Offen erklärte ich ihm, wenn mein Hund, mein Sarras, der sich Ihrem Andenken als Pustkuchen oder Baermann, wie Sie ihn einst nannten, bestens empfiehlt […] krank sey, würde ich ihn seinem (Gutzkows) Leib Medikus nicht anvertrauen. So fiel er Dr Simon, dem Venerischen, in die Hände, der mit Sublimat und Quecksilber dem Dinge ein Ende machte, und mit kräftiger Hand ihn aus dem Grabe holte.

Frankfurt am Main 1835

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29. Korrespondentenbericht aus Mannheim, April 1835 Seit mehreren Tagen weilt Dr. Gutzkow, der Verfasser der Narrenbriefe, des Mahaguru, der öffentlichen Charaktere, mehrerer Vorreden, und des PhönixLiteraturblattes, in unsern Mauern. Es gehört zu den Lieblingsredensarten der Feinde der aufkeimenden literarischen Generation, daß diese keine Tiefe, keine Gründlichkeit besitze. Von Gutzkow muß dieser einseitige Vorwurf abprallen. Er verbindet den kritischen Scharfsinn Lessings mit dem Feuer und der Kühnheit Börne’s, er besitzt Kraft und Fülle, und das tiefe, reiche Gefühl Jean Paul’s; er ist voll philosophischer Tiefe und lebensfroher Poesie, voll raschen, jugendlichen Geistes und edlen, hingebenden Gemüthes.*) Dieser liebenswürdige Charakter athmet jedem Unbefangenen aus seinen Werken entgegen, und die, welche seinen nähern Umgang genießen, werden ihn in seiner ganzen Persönlichkeit klar ausgedrückt finden. Wie wir hören, wird Hr. Gutzkow längere Zeit hier verweilen.

30. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 15. April 1835 Mir war ganz unbekannt, daß Schleiermacher Briefe über die „Lucinde“ geschrieben hat; diese sind jetzt von Gutzkow mit einer merkwürdigen Vorrede herausgegeben worden. Es ist viel Schönes darin und man kann z.B. über falsche Schamhaftigkeit, Prüderie nicht treffender sprechen.

31. Theodor Mügge: Aus Berlin, im Mai 1835 Die Vorrede des Dr. Gutzkow zu den Schleiermacher’schen Briefen über die Luzinde hat hier in den höhern Kreisen viel Aufsehen erregt. Man betrachtet den Verfasser als einen beispiellosen und gefährlichen Atheisten; in den frommen Zirkeln geschah ein Aufstand, und seine Angriffe auf Berlin sind ihm von anderer Seite eben so übel gedeutet worden. – Den Herausgebern der Schleiermacher’schen Werke hat es viel Aerger gemacht, da diese bekanntlich es ganz beseitigen und mit Vergessenheit bedecken wollten.

*) Zu viel auf einmal! Zu viel auf einmal! (Figaro.) A.d.R.

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32. Georg Büchner an seine Familie, Straßburg, 5. Mai 1835 Ich habe mich in seinem Namen an Gutzkow gewendet, mit dem ich fortwährend in Correspondenz stehe. Er ist im Augenblick in Berlin, muß aber bald wieder zurückkommen. Er scheint viel auf mich zu halten, ich bin froh darüber, sein Literaturblatt steht in großem Ansehn…… Im Juni wird er hierherkommen, wie er mir schreibt. Daß Mehreres aus meinem Drama im Phönix erschienen ist, hatte ich durch ihn erfahren, er versicherte mich auch, daß das Blatt viel Ehre damit eingelegt habe. Das Ganze muß bald erscheinen. […] Gutzkow hat mich um Kritiken, wie um eine besondere Gefälligkeit gebeten; ich konnte es nicht abschlagen, ich gebe mich ja doch in meinen freien Stunden mit Lectüre ab, und wenn ich dann manchmal die Feder in die Hand nehme und schreibe über das Gelesene etwas nieder, so ist dieß keine so große Mühe und nimmt wenig Zeit weg.

33. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Heidelberg, 10. Juni 1835 Gutzkow war mehrere Wochen hier, er ist mir Freund geworden. Er wird auch eine Recension schreiben, aber auch nicht näher eingehen. Lies im Literaturblatte zum Phönix den Artikel über jüdische Theologie, es sind viele von meinen Ideen darin, ich habe ihn aber selbst noch nicht gelesen.

34. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 16. Juni 1835 Mit der Censur wird es täglich ärger! Ein Buch von Wienbarg hat man mir so verschneiden wollen, daß ich es ruhig ad Acta legen muß. Von Gutzkow habe ich öffentliche Charaktere unter der Preße; zwei Personen, Metternich und Ancillon hat man mir gestrichen, total, – ich handle und dinge noch mit dem Censor; ob es zu irgend etwas führt steht dahin. Gutzkow hat die Religion zu seinem Buzephalus gewählt. Seiner Vorrede wegen, zu Schleiermachers Briefen über die Lucinde, die ich druckte, haben mich die hiesigen Pfaffen der Blasphemie anklagen wollen. Ich besaß das Imprimatur und so sind sie damit abgefahren. In Preußen wurde dieses Buch verboten und Confiscir t, was bis dahin nie der Fall war. Auf der Leipziger Börsen Versammlung trug Reimer darauf an, man möge dieses, wie einst Althings nachgel. Schriften, öffent. vernichten und jeder Buchhändler möge sich Verpflichten, es nicht zu debitieren, weil es ein Gotteslästerliches Buch sey. Ich Mopste ihn, – und so fuhr er auch mit diesem Antrage ab.

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Genug, das Ding hat Lärm gemacht und wird noch mehr machen, da Gutzkow das alles nicht so einsteckt, sondern eben nur darauf wartete: um noch einige Raketen steigen zu laßen. Er ist der Ansicht, die polit. Ketzerei führe zu nichts, nicht einmal auf das Schaffot, – nur allein in’s Zuchthaus. Dagegen wäre die religiöse baarer Stoff und liefere Bücher. Die polit. Ketzereien liefern nur geringe Ausbeute, denn was da zu beweisen sey, ließe sich kurz und bündig und ohne Wiederrede, auf 4 Seiten abmachen. Gestern hatte ich von ihm einen Brief aus Mannheim; Lewald war bei ihm und beabsichtigten eine Rheinreise.

35. August Lewald: Rheinreise. [*1836]

Mannheim, Juni, 1835

Für mich war […] der interessanteste von allen Bewohnern Mannheims, Karl Gu t z k ow, den ich nach längerer Trennung hier wieder fand. Ich muß meine schönen, frommen Leserinnen bitten, nicht sogleich mein Buch wegzuwerfen, wenn ich den so arg verschrieenen und verketzerten Dichter hier in meiner Aquarellmanier zu skizziren gedenke. Gutzkow ist nicht das, was seine Feinde aus ihm machen wollen, und ich kann es Allen, die sich in der Ferne für ihn interessiren, zurufen: daß die schöne Welt Frankfurts ihm gern zulächelt, wenn er seine fein zugespitzten und für den Zweck berechneten Vorlesungen im dortigen Museum hält. Der junge Verbrecher ist wahrlich so übel nicht! Ein edles Profil, ein offenes, helles Auge, blondes Haar, eine Toilette nach der Mode, die nur so viel Nachlässigkeit zeigt, um den genialen Schriftsteller von dem Commis-voyageur zu unterscheiden. Die Haltung könnte freilich anders seyn; es wäre zu wünschen, daß eine liebenswürdige Lehrmeisterin hier meinen geliebten Autor ein wenig verbesserte. Die Rede ist weich, wie man sie nur eben am Ufer der Spree erlernt; in diesem Punkt ist Gutzkow stets ein guter Preuße geblieben. Sein Umgang ist im höchsten Grade anziehend. Wir hören nichts von jenen beißenden und vernichtenden Sätzen, die in seinen Schriften so schlagend wirken; nichts von jenen Sarkasmen, die zarte, fromme Kinder so zurückscheuchen; er ist heiter und komisch, wie in manchen Schilderungen des Mahaguru und der Novellen, sentimental wie in den Narrenbriefen, feurig und hinreißend wie im Literaturblatt; klug und präcis wie in den öffentlichen Characteren. Sein glänzender Geist, seine ausgebreiteten Kenntnisse, sein Ideenschwung, das Feuer der Jugend, werden aber noch von seiner Anspruchslosigkeit im Umgange übertroffen, von seiner Zuvorkommenheit und von einem so hohen Grade jugendlich unbefangenen Wesens, daß man ihn zuweilen für eine Erscheinung des Märchens halten möchte.

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Wenn man ihn eben verlassen und dann gleich darauf von ihm hört, so ist es schwer diese Gegensätze zu vereinbaren. Mir ging es so, nachdem ich wieder zu Hause war, und ihn mir dachte, wie er so milde auf dem Dampfschiffe gesessen, und mit meinem Löffel sein gezuckertes Selterwasser umgerührt, und nun hörte, wie die Leute über ihn losfuhren und ihn als ein wahres Ungethüm darstellten. Am meisten versündigen sich aber seine Berliner Schulkameraden an ihm, die ihn weder von Person noch aus seinen Werken gehörig kennen und lügenhaftes, entstellendes Zeug über ihn bekannt machen. Der ärgste Vorwurf, der ihn trifft, ist, daß er über den Schlagbaum setzt, der ihm die Straße versperren will, und dem gemächlichen Chausseewärter dabei mit dem Absatz vor den Kopf stößt. Mit etwas mehr Weile, die er sich nähme, käme er ungefährdeter zu seinem Ziele. Aber – „wär’ er besonnen, hieß er nicht der Tell!“ – Ich glaube nicht, daß es leicht dahin kommen wird, Gutzkow’s Schriften von jenen Damen gelesen zu sehen, die jetzt so häufig im engerm Comité, Sonntags Vorlesungen aus Andachtsbüchern halten; dabei verliert er aber nichts; sein Publikum hat er, das sich an seinen kühnen Ideen erfreut und seinen Muth bewundert, ein Publikum, das ihn für die hervorragendste Erscheinung der jüngsten Literatur anerkennt, gleich wie die bedeutendsten Buchhändler, die ihn bereits zum Mittelpunkt ihrer Speculationen machen möchten. Dies Alles hat ihn nun im Leben so glücklich gestellt und ihm eine so vollkommene Unabhängigkeit verschafft, wie sie allen jugendlichen Geistern seines Schlages im vollsten Maaße zu wünschen wäre. Er führt ein Leben, wie es vor zehn Jahren für einen jungen, deutschen Schriftsteller noch nicht zu denken war. Am schönen Rheine haust er, kann man mit vollem Rechte von ihm sagen; zu gleicher Zeit hatte er elegante Wohnungen in Frankfurt, Mannheim und Heidelberg, aber er zieht es vor auf dem Dampfschiffe den breiten Rücken des Stromes bis an Holland’s Gränze hinunter zu schwimmen. So arbeitet er, so dichtet er; wie verschieden von dem Bilde, das man sich sonst von armen deutschen Dichtern im Dachstübchen entwarf! – Ich hoffe daß Gutzkow’s nächstes Werk, der Roman „Seraphine“, der bei Cotta erscheint, ihm auch zärtliche Gemüther zuwenden wird, wie ihm jetzt edle und starke anhängen. Es ist die rührendste Liebesgeschichte, die jemals erfunden wurde.

36. Georg Büchner an die Familie, Straßburg, um den 23. Juni 1835 Mit meiner Uebersetzung bin ich längst fertig; wie es mit meinem Drama geht, weiß ich nicht; es mögen wohl fünf bis sechs Wochen seyn, daß mir Gutzkow schrieb, es werde daran gedruckt, seit der Zeit habe ich nichts mehr darüber ge-

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hört. Ich denke es muß erschienen seyn, und man schickt es mir erst, wenn die Recensionen erschienen sind, zugleich mit diesen zu. Anders weiß ich mir die Verzögerung nicht zu erklären. Nur fürchte ich zuweilen für Gutzkow; er ist ein Preuße und hat sich neuerdings durch eine Vorrede zu einem in Berlin erschienenen Werke das Mißfallen seiner Regierung zugezogen. Die Preußen machen kurzen Prozeß; er sitzt vielleicht jetzt auf einer preußischen Festung; doch wir wollen das Beste hoffen.

37. Zeitungskorrespondenz aus Stuttgart, 24. August 1835 Man liest im Nürnberger Korrespondent: „Gutzkow’s Nero ist vor einigen Tagen hier in Cotta’s Verlag erschienen. Ein geniales Werk, voll hoher poetischer Schönheiten und einer Fülle von ächtem Humor, wie er jetzt sehr selten ist. Der Dichter ist hier angekommen, und wir hoffen, ihn hier zu behalten, denn er soll sich von der Redaktion des Literaturblattes zum Phönix ganz losgesagt haben. So sehr wir den Phönix beklagen, so sehr wünschen wir Gutzkow Glück; es war das närrischste Gespann unter der Sonne, diese matte Frühlingszeitung neben dem feuersprühenden Literaturblatt zu erblicken, einzig von ihm getragen und gehalten. Man spricht davon, dass Gutzkow hier eine neue Zeitschrift begründen wolle, im Verein mit mehreren ihm gleichgesinnten Freunden. Es wird ihm hier an einem tüchtigen Verleger nicht fehlen, und wir können diesem, so wie dem gesammten Lesepublikum, zu dieser Erscheinung nur im Voraus gratuliren.“

38. Zeitungskorrespondenz aus Frankfurt, 2. September 1835 Aus Stuttgart erfährt man, dass Dr. Gutzkow von dort in den ersten Tagen wieder hieher zurückkehren werde, um mit dem bekannten Litteraten Wienbarg und andern Schriftstellern von hier aus eine in der J. G. Cotta’schen Verlagshandlung wöchentlich erscheinende neue litterarische Zeitschrift, die „deutsche Revue“ zu redigiren.

39. Theodor Mundt an Ferdinand G. Kühne, Berlin, Anfang September 1835 Das junge Deutschland sammelt sich jetzt in Frankfurt am Main! Auch Wienbarg ist dort und wird sein Domicil auf längere Zeit dort aufschlagen. Ich habe neulich wieder sehr dringende Mittheilungen vom jungen Deutschland ge-

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habt, und will mit diesen Männern, die sehr lebhaft einen festen Bund wünschen, wenigstens einen Congreß verabreden, auf dem man sich persönlich und mündlich zu vereinigen und zu vermitteln suchen sollte! Gutzkow übernimmt mit dem nächsten Jahre wahrscheinlich den ganzen „Phönix“. Seine entsetzliche Tactlosigkeit, durch die er Einen compromittiren kann, eh man sich’s versieht, mit der er es jedoch gar nicht so übel zu meinen scheint, ist das größte Hinderniß zu einer planmäßigen Verbindung. Man höre aber wenigstens, was werden kann und soll!

40. Wolfgang Menzel: Wally, die Zweiflerin. Roman von Karl Gutzkow. [*1835] Wenn Herr Gutzkow nicht Talent besäße, würde ich mich seiner nicht angenommen haben. Ich war es, den dieses junge Talent sich zum ersten Führer wählte. Ich glaubte, es pflegen, es vor Verirrungen hüten, ihm eine freie Bahn öffnen zu müssen. Ich habe Herrn Gutzkow jede Unterstützung und Empfehlung angedeihen lassen und wie ein Vater an ihm gehandelt. Er wird mir das Zeugniß geben, daß ich nie darauf ausging, sein Talent für mich ausbeuten zu wollen. Obgleich er sich mir vielfach anbot, habe ich ihm immer gesagt, er müsse selbstständig werden, nicht für mich, als literarischer Schildträger, sondern frei auftreten und die eigene Bahn gehen. Ich eröffnete ihm in der Nähe und Ferne Verbindungen. Ich rieth ihm, seines linkischen Benehmens wegen, zu reisen, neben den Büchern auch Menschen kennen zu lernen, und verschaffte ihm die Mittel dazu. […] Daß ich es nicht vermocht habe, Herrn Gutzkow auf der Bahn der Tugend und Ehre, auf der er mir einst nachkam, festzuhalten, thut mir leid, denn es geht mit ihm ein schönes Talent verloren. Ich habe jedoch keine Schuld daran. Von mir hat er keine Lehren erhalten, als die eines Mannes von Ehre würdig sind. In dem ersten Augenblick, da der unsaubere Geist in ihm deutlich aus seiner Maske hervorsah, habe ich ihm die Thür gewiesen und den Schmutz seiner Nähe von der reinlichen Schwelle meines Hauses hinweggefegt. Ich habe keinen Theil an dem Geiste, der seitdem in ihm getobt und das Papier um ihn her besudelt hat, es müßte denn seyn, daß meine Verachtung den bösen Trotz in ihm noch mehr geweckt hätte. […] Erst jezt, da es sich nicht mehr um Persönlichkeiten, sondern um Sachen handelt, da Herr Gutzkow es unternommen hat, an der Spitze eines sogenannten jungen Deutschland unsere bisherige Sitte und Denkart zu reformiren,

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muß ich doch sehen, was hinter dem Ofen vorgeht, und ob denn der Pudel wirklich zum höllischen Rhinozeros geworden ist. Ich finde da einen Roman des Herrn Gutzkow, der in der That von Frechheit und Immoralität schwarz aufgeschwollen ist und muß nun meines Amtes warten. So lange ich lebe, werden Schändlichkeiten dieser Art nicht ungestraft die deutsche Literatur entweihen. […] Sein Roman ist voll kränklicher, raffinirter, ausgedüftelter Wollust. Der Verfasser glaubt nicht pikant genug seyn zu können und entblößt seine Geliebte gleichsam auf offner Straße, um sich bemerklich zu machen. Die gute Person muß sich schämen, sich geschämt zu haben, und das ist die witzige Pointe. Bei alledem maßt sich Herr Gutzkow an, das Haupt des „jungen Deutschland“ zu seyn und im Kampf der Zeit eine große Rolle zu spielen. Auf einem kranken Bock reitend, glaubt er sein Ritterthum im Kampf der Zeit zu bewähren. Mit Unzucht will er die Welt verbessern. Eine schändliche Krankheit bietet er ihr als Heilmittel an. […] Vom jungen Deutschland werden doch unsere Frauenzimmer auch etwas wissen wollen. Wohlan, so seht her, da wankt das kranke, entnervte und dennoch junge Deutschland aus dem Bordell herbei, worin es seinen neuen Gottesdienst gefeiert hat. Wie gefällt euch diese junge Generation? Es sind mehrere edle Jünglinge, die seit einiger Zeit die frechsten Darstellungen der Wollust versuchen. Sie sind alle klein, schwächlich, von eckigem Benehmen, und so vollkommen unliebenswürdig, daß es nicht erst ihres literarischen Schmutzes bedürfte, um sie dem schönen Geschlecht widerlich zu machen. Ueberhaupt, wenn eine überwiegende sinnliche Kraft, ohne von sittlicher und geistiger Kraft gezügelt zu seyn, sich in die Wogen der Wollust stürzt, so mag diese Erscheinung im Leben, trotz ihrer Verwerflichkeit, etwas Entschuldbares haben. Echte Mannheit, auch wenn das Thier in ihr überwiegt, hat etwas, das wider Willen gefällt. Darum wird man einem Don Juan den verführerischen Reiz nie absprechen können. Aber nun denke man sich schwächliche, kleine Jünglinge, marklos und wadenlos, das vollkommene Gegenbild von Don Juan, die nicht das Leben warm und kraftvoll umarmen, sondern die dasitzen und hinter dem Schreibtisch hocken und geile Bilder entwerfen und sich erhitzen an kranken Vorstellungen und wie der betrogene Jupiter die kalte Nebelwolke umarmen, und die dann den jungen Mädchen, denen nicht ihre bloße Nähe schon wie dem Gretchen „in tiefer innerer Seele verhaßt“ ist, ihre geilen Schriften zur bildenden Lektüre in die Hand geben. […]

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Herr Gutzkow hat gefühlt, daß er die sittlichen Grundlagen nicht erschüttern könne, ohne zugleich die religiösen zu untergraben. Die Scham ist etwas Heiliges, und bleibt dem Menschen treu, so lange er noch irgend etwas Heiliges erkennt. Es ist psychologisch interessant, daß auch er, wie vor ihm fast alle literarischen Wüstlinge in Frankreich, sich nicht begnügt, das Haus der Sünde neben den Tempel zu bauen, sondern den Tempel selbst zum Haus der Sünde machen will. Unzucht und Gotteslästerung stehn in einer uralten Verbindung, deren Ueberlieferung wir schon im Alten Testamente finden. Noch deutlicher wird diese Allianz in der spätern Zeit. Da Christus als das sichtbare Ideal der Tugend und Herzensreinheit, wie der Polarstern fest in der sittlichen Welt steht, und sein Name wie ein Siegel das Thor des Abgrunds schließt, so rütteln seitdem alle unsaubern Geister an diesem Thore, und über kurz oder lang kommt eine Ratte gelaufen und sucht die allmächtige Signatur abzunagen mit kleinem giftigen Zahn. […] Nur im tiefsten Kothe der Entsittlichung, nur im Bordell werden solche Gesinnungen geboren. Sie waren gäng und gäbe bei den philosophischen Sykophanten des altfranzösischen Hofes. Im Palays-Royal wurden sie zuerst aus der Hofsprache in die der Jakobiner übersezt. Wenn sie aber den Dienst des Despotismus nur verlassen hätten, um unter der Maske der Freiheit die Völker um ihre lezte Tugend zu betrügen, so wäre es weiter gekommen, als ich glauben kann. Herr Gutzkow hat es über sich genommen, diese französische Affenschande, die im Arme von Metzen Gott lästert, auf ’s Neue nach Deutschland überzupflanzen, in einem Zeitalter, das Gott sey Dank, gereifter und männlicher ist, als das Jahrhundert Voltaires. Damals schon scheiterte das Laster am Sinn unseres Volkes; jezt wird es um so weniger durchdringen. Die Literatur wird es ausstoßen, die öffentliche Meinung wird es brandmarken. Nachdem sich diese Versuche wiederholt haben, nachdem dieses junge Deutschland es gar kein Hehl mehr hat, daß es mit „dem Kapital von Verruchtheit“ anfangen wolle, mit dem das alte, durch alle Schulen der Unsittlichkeit gegangene Frankreich aufgehört hat, ist es Zeit, ihm nicht die mindeste Schonung mehr angedeihen zu lassen, sondern es bis zur Vernichtung zu bekämpfen. Um so mehr, als die Frechheit sich immer wieder ein neues Organ zu schaffen bemüht ist. Kaum ist das Gift an einem Orte ausgeschwizt, so legt es sich an dem andern wieder an. Unstät und flüchtig, ein böser Gast überall, wo es hinkommt, und immer bald ausgetrieben, ist es gleichwohl vorhanden und täuscht die Unerfahrenen. Der „Phönix“ hat seine tausendjährige Periode nicht abgewartet, um sich zu verjüngen, schon in wenigen Monaten vertrug er das Gift seines Literaturblatts nicht mehr. Nichtsdestoweniger droht uns Herr Gutzkow mit einer neuen literarischen Revue im großen Styl, mit einem mächtigen Or-

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gan des sogenannten jungen Deutschland, das große Wunder wirken und alles umgestalten soll im alten Deutschland. Aber ich will meinen Fuß hineinsetzen in euern Schlamm, wohl wissend, daß ich mich besudle. Ich will den Kopf der Schlange zertreten, die im Miste der Wollust sich wärmt. […] Wenn man eine solche Schule der frechsten Unsittlichkeit und raffinirtesten Lüge in Deutschland aufkommen lassen wollte, wenn sich alle Edeln der Nation nicht dagegen erklärten, wenn sich deutsche Verleger nicht vorsähen, solches Gift dem Publikum feil zu bieten und anzupreisen, so würden wir bald schöne Früchte erleben. Aber diese Schule wird nicht aufkommen. Unsere reiche, von würdigeren Kräften geschaffene Literatur wird nicht das Erbe solcher Lüderlichen werden. Aber schlimm genug, wenn die Verruchtheit nur eine Zeitlang ihr Wesen treiben und ihre Spur in die Literatur und in’s Leben eindrücken darf. Schlimm genug, wenn ein Schmutzroman, wie diese Wally, nur in die Hände weniger Mädchen kommt. Und Schande genug, sofern es nur einmal möglich war, daß ein Mensch, dem nichts heilig ist, sich zum literarischen Richter in Deutschland aufwerfen konnte, daß einmal der Koth sich anmaßen durfte, die Literatur reinigen zu wollen.

41. Zeitungsmeldung aus Frankfurt, 22. September 1835 Es heißt, Dr. Gutzkow habe Menzeln gefordert, letzterer habe aber das Duell anzunehmen verweigert.

42. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 24. September 1835 Menzel hat sich entschieden von Gutzkow getrennt und ihm im „Morgenblatt“ auf eine solche Weise die Wahrheit gesagt, wie mir etwas Aehnliches kaum noch vorgekommen ist. Die Gesinnung Menzel’s hierin ist sehr ehrenwerth, denn er hat Gutzkow gewissermaßen gehoben und ihn eingeführt; aber der Aufsatz könnte eine würdigere Haltung haben. Gutzkow hat derb geantwortet, aber eigentlich nichts gesagt, sich gegen die Anklage des Schmuzes und der Unsittlichkeit in seinen Schriften nicht zu vertheidigen vermocht. Gutzkow und Wienbarg wollen eine „Deutsche Revue“ herausgeben, bei der sich wol wieder die Fabel vom Berg und der Maus wiederholen wird. Ich blätterte in Gutzkow’s neuestem Roman „Wally“; etwas Geistloseres in der Frechheit ist mir noch nicht vorgekommen.

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43. Theodor Mundt an Karl August Varnhagen von Ense, Leipzig, 14. Oktober 1835 Ich bin sehr häufig, und zu meinem Schaden, mit Gutzkow und dessen Tendenzen verwechselt worden, und war es mir selbst schuldig, öffentlich zu erklären, wie wenig Antheil ich an diesen kannibalischen Ausbrüchen eines großen Talents habe und wie weit ich mit ihm sympathisire und streite, um so mehr, da er auch in seiner Broschüre gegen Menzel wieder meinen Namen herangezogen hat, um sich zu seiner Unterstützung mit wahlverwandten Charakteren zu umgeben. Jetzt habe ich ihn nun durch Wienbarg in Frankfurt a. M. persönlich kennen gelernt und bin ihm offen mit meinen Ansichten über ihn entgegengetreten. Ich halte ihn trotz der Kälte, Ruhe und Besonnenheit, die sich in seinem Wesen ausdrückt, für sehr unglücklich, und einige tiefergehende Gespräche mit ihm brachten mir einen großen, schmerzhaften Antheil für seine Person hervor. Wir verkehrten seitdem täglich und stündlich mit einander und ich werde seinen Schriften künftig immer die größte Aufmerksamkeit widmen, ohne meine Abweichung von ihnen zu bergen. Bei seiner großen Jugend – denn er zählt fünf Jahre weniger als ich – sind noch erhebliche Veränderungen von ihm zu erhoffen, wie wenig Lust und Liebe man auch dazu haben mag, an eine Natur zu glauben, die sich absichtlich vorgesetzt hat, die ganze Welt gegen sich zu reizen, und es auszusprechen wagt, wie Gutzkow gegen mich mündlich gethan, daß er seine Hauptaufgabe in einem „Trotz gegen die Gottheit“ sehe. Im übrigen bin ich in seiner Person auf mehr Grund und Boden gestoßen als in seinen bisherigen Schriften, und zu der Ausgleichung und Vermittelung, die er auch mit Ihnen wünscht, möchte ich gern beitragen.

44. Zeitungsmeldung aus München, 17. Oktober 1835 Der Roman: „Wally die Zweiflerin, von Karl Gutzkow“ wurde mit Beschlag belegt. (Dem Vernehmen nach fand diese Beschlagnahme unmittelbar auf die Erscheinung der bekannten Menzelschen Erklärung gegen diese Schrift statt.)

45. Zeitungsmeldung aus Frankfurt, 21. Oktober 1835 Dr. Gutzkow beabsichtigt, sich mit einem noch sehr jungen hiesigen Bürgersmädchen aus ehrbarer Familie zu verehelichen.

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46. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 23. Oktober 1835 Das junge Deutschland befindet sich in großer Noth: alles fällt darüber her. Menzel hat mit Gutzkow Krieg auf Leben und Todt angefangen. Gutzkow gab ein Buch heraus „Wally die Zweiflerin“ – die Tendenz deßelben – eine Art Lucinde – griff Menzel an, auf eine Weise, die Beispiellos ist, und zwar so, daß ein Blinder sah, es handelte sich hier nicht um das Buch sondern um andere Dinge, nämlich Privathaß. – Die Recension ist v 11 und 14 Septbr; das Wort Bordell gebraucht Menzel in jeden Absatz, spricht fleißig von Venerie (Gutzkow hatte derg.; aber Menzel hatte sie öfter –) spricht von Gutzkows Waden, genug es war auf einen bürgerlichen, moralischen Todtschlag abgesehen. Gutzkow, ein wißenschaftlicher Goliath, läßt sich so etwas nicht bieten. – Für die Persönlichkeiten forderte er Menzel auf Pistolen. Menzel liebte derg. nicht; meldete zurück, er erwarte ihn Literarisch. Neben dieser Forderung ging Gutzkow an den Schreibtisch und schrieb eine Entgegnung die in der Allgem. Zeitung circa den 15 bis 18 Septbr vorkömmt, die den Menzel nichts, garnichts läßt, und das thut er durch Sachen: Thatsachen kund. Hierauf brachte Menzel eine Entgegnung in seinem Literatur Blatt, die so flach, so erbärmlich, alles früher gesagte, wie Kohl, noch einmal aufwärmt, auf alle Sa c h e n nichts antwortet, daß er, hiernach zu urtheilen, pauvre wie ein Bettler dasteht und mir die Ueberzeugung giebt, daß Menzel ausgedient hat und hier eine gänzliche Niederlage erleidet, die ihn leicht aus dem Literaturblatte bugsieren dürfte. Gutzkow schrieb eine Brochure, Wienbarg eine Ditto gegen Menzel, ich habe sie noch nicht. Menzel kriegt seine Schildknappen auf, und da sehe ich in süd-deutschen Blättern, daß sich ein Kämpfer für ihn gefunden hat. […] Menzel ist Redacteur; – der, die feige sind, die Furcht haben, giebt es viele! – da spielt unser Freund Lewald eine große Rolle! Mit Gutzkow ist er auf das Innigste Liirt, meinen Sie, daß er es wagt, an Gutzkow eine Zeile zu richten?

47. Heinrich Laube an Heinrich Heine, Naumburg, 3. November 1835 Namentlich concentrirt er [Menzel] es auf Gutzkow, und die Vertheidigung ist darum so schwer, weil Gutzkow mit einem prickelnden, zerrigen Wesen Alles gerissen hat, aber auch Alles und leider meisthin mit Indiscretion ohne Gleichen. Er ist ein geistreicher, bedeutender und mir sehr werther Junge, meine schreckliche Stellung heischt aber eher gelindes Auftreten gegen ihn – denn Politik förchten sie gar nicht mehr; als nächst zu bekämpfendes wird die dissolvirende Literatur angegeben – ich hab’ ein Journal wieder zum Neujahr

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übernommen, „die Mitternachtzeitung“, und kann nicht umhin, eine Fahne aufzurichten. Um Sie ganz au fait zu setzen, kohl’ ich so Viel. Mach ich gar keine Concession aeusserlich, so wird mir die Redaction ohne Weiteres gar nicht gestattet – Gott weiß ob es mit jener zum Durchschlüpfen Gelegenheit giebt – ich kann also keineswegs, wie Gutzkow und Wienbarg erwarten, die Fahne des jung. Deutschland aufrollen, sondern muß eine feste, prüfende, philisterhaft zu und abrathende Stellung einnehmen neben diesen Freunden; nur Menzel’s Unfläthigkeit darf ich geradezu bekämpfen, denn diese bietet mannigfach andres Terrain.

48. Wolfgang Menzel an Ludwig Börne, Stuttgart, 5. November 1835 In der Allg. Z. haben Gutzkow u. Wienbarg angekündigt, Sie und Heine, Spazier, W. Schulz etc. seien Mitarbeiter der Deutschen Revue. Kennen Sie diese G. u. W.? Es sind die charakterlosesten Schurken, die je die Sonne beschienen hat. Durch Ihren Namen wollen sie der liberalen Partei nur ein Blendwerk vormachen, so wie sie auf der anderen Seite durch die Namen Goethe u. Hegel u. indem sie viel preußische Universitätsprofessoren ebenfalls als ihre Mitarbeiter nennen, die Regierung bestechen wollen. Ihre Moral ist die schmutzigste, ihre Politik die zweideutigste. Wenn sie die Liberalen kompromittiert haben, werden sie zuverlässig als Renegaten endigen. Alles war erstaunt, Sie, der Sie kürzlich erst gegen Heine aufgetreten sind, mit diesen ehrlosen Buben in Verbindung zu sehen. Dulden Sie nicht, daß man Ihren im Vaterlande von allen wackeren Männern hochverehrten Namen mißbraucht. Halten Sie diese moralische u. politische Besudelung von sich. Reißen Sie Ihren edeln Namen von dem Pranger wieder herunter, an den ihn Huren und Buben der schlechtesten Kategorie angeheftet haben. Wenn Sie sich hier kompromittieren, würde Heine ins Fäustchen lachen. Sie sind zu würdig, zu groß, zu konsequent, um Ihren Feinden u. falschen Freunden eine solche Schadenfreude zu bereiten.

49. Ludwig Börne an Wolfgang Menzel, Paris, 12. November 1835 Gutzkow und Wienbarg hatten mich vor einigen Monaten zur Theilnahme an

ihrer Revüe eingeladen, welche ich aber ablehnte, damals blos aus dem Grunde, weil ich unter keiner Censur schreiben, oder wenigstens mich nicht verpflichten wollte mich jederzeit den Launen der Zensur zu unterwerfen. Als ich den Brief der beiden jungen Herren erhielt, wußte ich noch nicht das Geringste von ihnen. Ihren Artikel im Literaturbl. bekam ich später zu Gesicht, und bald dar-

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auf theilten mir G. u. W. ein Paar Flugschriften mit, die gegen Sie gerichtet sind. Auf ihren lezten Brief habe ich noch nicht geantwortet. Was Sie mir von diesen Leuten sagen glaube ich Ihnen auf das Wort, wie auch alles was Sie gegen die Wally geschrieben, die ich selbst nicht gelesen. Ich theile ganz Ihren Abscheu vor solchen Sittenlosen und glaubensschändrischen Schriften, aber ich gestehe, daß dieser Abscheu auf die Person des Verfassers nicht überging. Wenn G. u. W. den Deutschen Voltairs Excremente auftischen wollen, fürchte ich nicht daß sie viel Gäste bekommen werden. Es mag eine Parthei geben, die solchen Ansichten huldigt, allein dann ist es erwünscht, daß diese Parthei ein Organ gefunden. Wie anders könnte man sie bekämpfen als in ihren Organen? Sie haben durch Ihre Opposition dem G. eine Wichtigkeit gegeben, wofür er Ihnen in seinem Herzen danken wird. G. hat mir durch einige Worte in einem Artikel über mich und Heine in dem Phönix, seine schwache Seite gleich verrathen, und wenn ich gegen ihn schriebe würde ich die benutzen. Ich hatte von Heines Diatriben gegen das Christenthum gesagt: das sei alles a l t e r Plu nd er – das hat G. gleich aufgefaßt, das hat ihn getroffen. Er möchte originell seyn, eine neue Schule des Unglaubens gründen; wenn man ihm das Verdienst der Erfindung nimmt, nimmt man ihm seine Freude an der Sünde. Sie selbst haben G. Talent zuerkannt, er und einige seiner Kameraden schreiben doch mit einer gewissen Lebendigkeit, die der deutschen Literatur früher fremd war. Das haben diese junge Leute von Ihnen, von Heine, auch etwas von mir gelernt. Sollten wir uns darüber nicht freuen? Daß es nur nicht an Bewegung fehle, darauf kömmt es an, dann wird das rechte Ziel immer erreicht von einem oder dem Andern. An Gs Journal zu arbeiten habe ich also nie gedacht und denke jezt um so weniger daran, da ich selber den Entschluß gefaßt vom künftigen Jahre an eine eigene kleine Revue in franz. Sprache hier herauszugeben.

50. Johann Baptist Pfeilschifter, Konfidentenbericht, Frankfurt, 11. November 1835 Die junge deutsche Litteratur. Der hiesige Buchhändler Dr. Sauerländer gründete im verflossenen Jahre eine Zeitschrift „Der Phönix“ mit einem Literaturblatt. Den belletristischen Theil redigiert Dr. Du ller, ein Wiener (nun durch Heirath Bürger zu Trier), den kritischen Theil oder das Litteraturblatt Dr. Gutzkow, ein Berliner, der im Begriffe steht, hier Bürger werden zu wollen.*) *) Gutzkow hat sich seit einiger Zeit von dem Litteraturblatt des „Phönix“ losgesagt, da ihm Dullers Ansichten nicht behagten.

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Gu t z k ow befand sich eine Zeit lang bei Wo l f g a n g Me n ze l , dem bekannten Kritiker und Redakteur des Litteraturblattes des „Morgenblattes“. Durch seine hervorragenden schriftstellerischen Talente, durch vieles und anhaltendes Studium und die dadurch gesammelten Kenntnisse, sowie auch durch seine originellen schriftstellerischen Tollheiten übte Gutzkow über den sich gern der Ruhe hingebenden Menzel eine Art von Gewalt aus, die damals aus mancher Nummer des Literaturblattes zu entnehmen war und welche den jungen Gutzkow auf den Gedanken brachte, eine selbständige kritisirende Macht in der deutschen Litteratur bilden zu können. Er trennte sich von Menzel, hatte durch einige scharfe Kritiken des „Morgenblattes“ den Blick der jungen deutschen Litteratoren auf sich gezogen, wurde nunmehr Menzels Antagonist und übernahm die Redaktion des Litteraturblattes des „Phönix“. Von diesem Zeitpunkte an glaubte Gutzkow entschieden auftreten und es versuchen zu dürfen, sich eine eigene Bahn zum Tempel der Anerkennung der Mitwelt und des Nachruhmes zu brechen. Sowie die Revolution Alles niederzureißen sucht, was ihrem Lauf hemmend entgegentritt, so wirkte G. in litterarischer Hinsicht. Er erklärte fast der ganzen in Ansehen stehenden Litteratur und den sie pflegenden Litteratoren den Krieg und zwar meistens in beißenden Artikeln. Börne und Heine schwebten Gutzkow vor den Augen, allein er nahm einigermaßen die Erfahrung zu Rathe,*) und wollte sich von der Politik entfernt halten. Er wollte nur die sozialen Fragen beleuchten, sie umgestalten, grade so wie die Revolution die materiellen Interessen; allein die sozialen Fragen machen einen wesentlichen Theil der politischen aus und in dem Angriffe auf die ersteren ist auch der auf die letzteren enthalten. Es konnte somit nicht fehlen, daß die Schriftsteller der Revolution Gutzkow ihren Beifall schenkten, indem sie von ihm gute Dinge erhofften. G. schloß sich ihnen, wenn auch gerade nicht vor der Öffentlichkeit, an. Gutzkows hiesiger Aufenthalt und sein litterarisches Wirken von hier aus, das eine j u n ge de u t s c h e L i t t e r a t ur, e i n jun g es Deu t sch land ins Leben rufen will, zog mehrere junge Autoren hierher, die sich ihm eng anschlossen. Wienbarg, ein Holsteiner, der demokratische Grundsätze hegt, in Hamburg einem liberalen litterarischen Wirken schon oblag, kam hierher und schloß sich Gutzkow eng an. *) Was daran ist, daß Gutzkow, wie es heißt, preußischen Schutz genießt, oder dem preußischen Interesse wirklich aufrichtig ergeben ist, werde ich genau zu erfahren suchen. Zu bemerken ist noch, daß die preußische Censur der „Magdeburger Zeitung“ erst kürzlich eine Stelle strich, worin Gutzkows „Oeffentliche Charaktere“ und namentlich der Artikel „Ancillon“ sehr gelobt wurden.

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Dr. Kot t e n ka m p, der früher, wenn ich nicht irre, von Berlin aus stark in

französische Blätter korrespondirte*) und eine Masse von Kenntnissen im Kopf hat, sonst aber nur eine Maschine ist, die in Bewegung erst gesetzt werden muß, wenn sie etwas leisten soll, kam gleichfalls hierher und wurde von Gutzkow und Wienbarg in Beschlag genommen und dient nur ihren Zwecken. Dr. Beurmann, der schon vor Gutzkow hier war, in unerfreulichen Verhältnissen als Advokat von Bremen wegging, sich in seinem litterarischen Wirken aber auch dem jungen Deutschland zuneigte, schloß sich gleichfalls dem jungen Deutschland an, das sich nun hier befestigen will. Börne und Heine wurden aufmerksam und namentlich auf Gutzkow und Heine besonders nimmt sein literarisches Treiben in Schutz, wie dieses aus einem bei Campe in Hamburg von Heine zu erscheinenden Werke zu ersehen sein wird. In französischen Blättern, z.B. der Revue du Nord wird Gutzkows und seiner Freunde Wirken in Deutschland überaus gelobt und die Hoffnung ausgesprochen, daß sie dem jungen Deutschland auf die Beine helfen würden. Spazier ist der Lobpreiser der jungen deutschen Litteratur in diesen französischen Blättern, und auch der Verfasser des erst neulich in der „Allg. Zeitg.“ gestandenen Artikels „Pückler-Muskau“, worin Wienbarg und Kottenkamp herausgestrichen werden. Noch mehrere junge Autoren, zum Theil politische Flüchtlinge, stehen mit der jungen deutschen Litteratur in Verbindung und sind ihre eifrigen Pfleger. Mundt in Berlin, der, wenn ich nicht irre, von der Preuß. Staatszeitung abgegangen ist, war hier und hat sich wieder enger an Gutzkow angeschlossen. Einige jüdische Litteratoren dahier, z.B. Dr. Wihl u. A. sind eifrige Verehrer des Gutzkow und Consorten, weil sie die christliche Religion mehr oder weniger zu untergraben suchen. Von Publizisten verehrt Be r l y, der Schreiber der einleitenden Artikel in der O[ber] P[ost] A[mts] Z[eitung] dahier die jungen Talente und nimmt sie in Schutz, weil er selbst an der christlichen Religion nicht haftet. Überhaupt gewinnt die junge deutsche Litteratur immer mehr an Anhängern und zwar an solchen, welche entweder von Umgestaltung der socialen, religiösen oder kirchlichen Fragen die Umgestaltung der politischen hoffen, oder welche persönliche Feinde der gegnerischen Autoren des „jungen Deutschlands“ sind und mithin den Sieg des letzteren wünschen. Es kann übrigens nicht geläugnet werden, daß die junge deutsche Litteratur gerade die ausgezeichneteren jün g e re n Talente im Gebiete der Wissenschaf-

*) Jetzt es aber nicht mehr tut, weil er fürchtet in Gefahr zu kommen.

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ten oder vielmehr schöngeistigen Litteratur zählt und daß sie immer noch keinen populären Gegner gefunden hat, denn selbst Wolfgang Menzel wird von vielen Antagonisten der jungen deutschen Litteratur gehaßt. So also wird die Fahne der jungen deutschen Litteratur „Die deutsche Revue“ nun bald vor unseren Augen entfaltet werden. Gutzkow und Wienbarg sind die Fahnenträger; Börne, Heine, Spazier, Kottenkamp, Beurmann, Kollhoff usw. halten mit die Stange. Prof. Ulr ic i hat sich in der „Allg. Zeitg.“ von der jungen deutschen Litteratur losgesagt und dadurch gewissermaßen lächerlich gemacht. Er hätte schweigen sollen, da er Gutzkown im Sept. bei der Einladung zur Theilnahme an der „Deutschen Revue“ eine sehr schmeichelhafte Antwort schrieb, die Gutzkow nun veröffentlichen will. Das erste Heft der „Deutschen Revue“, die hier bei Schneider gedruckt wird, erscheint in 30000 Exemplaren, wird gratis an die Buchhändler abgegeben, damit diese einen Gewinn haben und Beruf fühlen, das Unternehmen zu unterstützen.

51. Heinrich Heine: Die romantische Schule. [*1835] Heinrich Laube, einer jener Schriftsteller, die seit der Juliusrevolution aufgetreten sind, ist für Deutschland von einer socialen Bedeutung, deren ganzes Gewicht jetzt noch nicht ermessen werden kann. […] Er ist begeistert für das Schöne eben so sehr wie für das Gute; er hat ein feines Ohr und ein scharfes Auge für edle Form; und gemeine Naturen widern ihn an, selbst wenn sie als Kämpen für noble Gesinnung dem Vaterlande nutzen. Dieser Kunstsinn, der ihm angeboren, schützte ihn auch vor der großen Verirrung jenes patriotischen Pöbels, der noch immer nicht aufhört, unseren großen Meister Goethe zu verlästern und zu schmähen. In dieser Hinsicht verdient auch ein anderer Schriftsteller der jüngsten Zeit, Herr Carl Gutzkow, das höchste Lob. Wenn ich diesen erst nach Laube erwähne, so geschieht es keineswegs weil ich ihm nicht eben so viel Talent zutraue, noch viel weniger weil ich von seinen Tendenzen minder erbaut wäre; nein, auch Carl Gutzkow muß ich die schönsten Eigenschaften der schaffenden Kraft und des urtheilenden Kunstsinnes zuerkennen, und auch seine Schriften erfreuen mich durch die richtige Auffassung unserer Zeit und ihrer Bedürfnisse; aber in allem was Laube schreibt herrscht eine weitaustönende Ruhe eine selbstbewußte Größe, eine stille Sicherheit, die mich persönlich tiefer anspricht, als die pitoreske, farbenschillernde und stechend gewürzte Beweglichkeit des gutzkowschen Geistes.

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Herr Carl Gutzkow, dessen Seele voller Poesie, mußte eben so wie Laube sich zeitig von jenen Zeloten, die unseren großen Meister schmähen, aufs bestimmteste lossagen. Dasselbe gilt von den Herren L. Wienbarg und Gustav Schlesier, zwey höchst ausgezeichneten Schriftstellern der jüngsten Periode, die ich hier, wo vom jungen Deutschland die Rede ist, ebenfalls nicht unerwähnt lassen darf. Sie verdienen, in der That, unter dessen Chorführern genannt zu werden und ihr Name hat guten Klang gewonnen im Lande.

52. Konfidentenbericht, Frankfurt, 15. November 1835 Ich ging gestern zu Gutzkow. Die kleine unansehnliche Figur, abgemagert, bleicher Wange, kurzen Gesichtes, gesträubten Haares, lag unwohl auf dem Sofa; vor ihm saß Wienbarg. Vor dem Sofa befand sich ein Tisch, überhäuft mit den Schriften des Tages oder die an der Tagesordnung sind. Niedergeschlagenheit malte sich auf dem Antlitze des demokratischen Holsteiners Wienbarg, schlecht verhaltener Groll und Unmut auf dem des Gutzkow. Es war ein Schreiben von Mannheim von dem Verleger der Werke des jungen Deutschland, Löwenthal, eben eingetroffen, worin derselbe anzeigte, daß ihm von der G. H. badischen Regierung das Verbot irgendeines ferneren Buchverlags zugekommen und ihm hierzu die Konzession von der G. H. badischen Regierung nicht gegeben werde. (Löwenthal war nämlich vorläufig nur autorisiert zum Buchverlag und sollte von seiner Regierung die Konzession später erhalten.) Zugleich bemerkte Löwenthal, daß nun mit dem weitern Druck und Satz der „Deutschen Revue“ (bei Schneider dahier) eingehalten werden müßte. „Das kommt von den Regierungen insgesamt“, rief Gutzkow; „nicht das, was wir geleistet, ist ihnen ein Anstoß, sondern das, was von uns noch kommt, fürchten sie, denn die Zukunft liegt in unseren Händen.“ Der Kommissionär Löwenthals, Buchhändler Streng, kam in Verlegenheit und Gutzkow setzte ihm auseinander, daß sich schwerlich ein anderer Verleger für die Revue finden werde und also mit deren Erscheinen nichts sei. (Das erste Heft ist im Druck vollendet, das zweite beinahe, sie enthalten nichts Anstößiges.) Die hier sich befindenden Mitglieder des jungen Deutschland wissen, daß ihrer Sache vor kurzem beim Bundestage gedacht wurde und sehen noch ferneren Maßregeln gegen sie entgegen. Wienbarg und Kottenkamp ist der fernere Aufenthalt dahier versagt worden. Ersterer will sich an den dänischen Gesandten wenden, letzterer an den Senat. Gutzkow sieht mit einiger Ängstlichkeit der Entscheidung seines Bürgerrechtsgesuchs dahier entgegen. Unter seiner Feder befinden sich zwei neue Werke: ein Roman „Seraphine“ und eine Philosophie der Geschichte. Es kann nicht geleugnet werden, daß dieser junge Literat ein bedeutendes Schrift-

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stellertalent besitzt, aber auch um so mehr Besorgnisse erregt. Wienbarg ist mit Vollendung der Beschreibung seiner Reise durch Holland und Belgien beschäftigt. Wahrscheinlich wird Gutzkow nun über seine Streitsache mit Menzel noch eine Broschüre herausgeben. Die auswärtigen Mitglieder des jungen Deutschland werden über die Hiobspost betroffen sein und es ist möglich, daß man es versuchen wird, einen anderen Verleger für die „Deutsche Revue“ zu finden. Vorerst aber ist die Wirksamkeit des jungen Deutschland, vom hiesigen Platze aus, gelähmt und es wird sich nun zeigen, ob die Häupter desselben sich wo anders zu konzentrieren suchen werden.

53. Konfidentenbericht, Frankfurt, 17. November 1835 Die offizielle Paralysis, welche der Herausgabe der „Deutschen Revue“ entgegengetreten, hat auf die Herausgeber derselben, Gutzkow und Wienbarg, einen tiefen Eindruck gemacht. Sie sehen die Unmöglichkeit ein, dieses Unternehmen jetzt noch durchführen zu können. Dennoch glauben sie auch in dem Kampfe der jungen mit der älteren Literatur nicht jetzt schon das Feld räumen zu müssen, um nicht ganz die Sache des jungen Deutschland verloren zu geben. Gutzkow hat denn auch augenblicklich einen anderen Plan gefaßt zur Herausgabe einer anderen Zeitschrift, um die schon für die Revue gesammelten Materialien nicht umkommen zu lassen. Er hat demzufolge gestern abend mit Krebs, dem Eigentümer der Andreäschen und Varrentrappschen Verlagsbuchhandlung dahier, einen Kontrakt abgeschlossen. Krebs verlegt eine von Gutzkow zu redigierende Zeitschrift „Athenäum“, welche vom 1. Jänner 1836 an erscheinen und der Kampfplatz für die Verteidigung der Grundsätze der jungen deutschen Literatur werden soll. Krebs, in dessen Buchdruckerei die Bundestagsprotokolle etc. etc. gedruckt werden, übernahm wohl deswegen die Herausgabe der neuen Zeitschrift, weil er voraussieht, daß er seine Rechnung dabei finden wird. Wie es aber scheint, so wird Gutzkow weit vorsichtiger auftreten und auch Wienbarg bei der Redaktion der neuen Zeitschrift außer Spiel bleiben. […] Gutzkow denkt an keine Auswanderung; er will hier Bürger werden, seine literarischen Arbeiten, soweit sie hier gedruckt werden, der Zensur unterwerfen, und da dieselbe selbst die Ankündigung der Mitarbeiter der Deutschen Revue strich, so weiß er was er zu hoffen hat. Es dürfte deswegen mit Bestimmtheit behauptet werden, daß die Deutsche Revue nichts Anstößiges würde enthalten haben. Auch Wienbarg möchte gern hier bleiben, es wäre also auch von ihm anzunehmen, daß er in bescheideneren Schranken gegen die ältere Literatur und manche soziale Fragen ankämpfen wolle. Ich spreche besonders von Gutzkow und Wienbarg, weil sie wirklich die hervorragendsten unter dem

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jungen Deutschland sind. Wahr ist es indessen, daß sie von ihren Ideen so leicht nicht ablassen und den Kampf fortsetzen werden, so lange es geht. Kottenkamp ist ein trockener Stubengelehrter und ein nicht gefährlicher Mensch; er zeichnet sich durch vieles Wissen aus. Beurmann befindet sich jetzt für den Rest des Jahres in Kassel bei seiner Frau, die dort Hofschauspielerin ist. Mit den hiesigen Liberalen stehen obengenannte Männer in keiner Verbindung; sie kämpfen mit geistigen Waffen, auf eine Art, die allerdings den Beifall der Liberalen erhält.

54. Zeitungskorrespondenz aus Berlin, 17. November 1835 Man hat bisher dem, was von dem sogenannten jungen Deutschland, und namentlich denen, welche sich als die Repräsentanten desselben geriren wollen, den HH. Gu tz k ow, Wi e n b a r g etc. ausgegangen ist, mit ziemlicher Ruhe zugesehen, und keinen entscheidenden Schritt gethan; aus sicherer Quelle weiß ich jedoch, daß in diesen Tagen e i n e s e h r e n erg i sch e Maß reg el abseiten der hiesigen Regierung getroffen werden wird, um diesem Unwesen zu steuern, und daß dieser Schritt die obenbenannten Herren wenigstens wohl zur Erkenntniß dessen bringen dürfte, was sie zu vermeiden haben; was sie t h u n sollen, ist schwer zu sagen.

55. Zeitungskorrespondenz aus Frankfurt, 18. November 1835 Wie der Phönix anzeigt, ist durch einen Regierungsbeschluß dem Buchhändler Löwenthal in Mannheim seine Concession genommen worden. Die „Deutsche Revue“ […] wird demzufolge nicht erscheinen.

56. Zeitungskorrespondenz aus Bayern, 19. November 1835 Auf Antrag der zu München zur Prüfung der erschienenen politischen und religiösen Werke eingesetzten Kommission wurden schon mehre Werke von Karl Gutzkow in Baiern konfiscirt und verboten. Wie man nun aus sicherer Quelle vernimmt, so hat sich die k. baier. Regierung im Interesse der Sittlichkeit und der Religion zu dem Antrage bewogen gefunden, es mögen gegen diese und ähnliche Werke, so wie überhaupt gegen die Tendenz eines Vereins von Gelehrten, der sich unter dem Namen „das junge Deutschland“ ankündige, von Seite des deutschen Bundes die geeigneten Maßregeln ergriffen werden.

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57. Konfidentenbericht, Frankfurt, 20. November 1835 Christentum und Ehe sind diesen Herren allerdings sehr hinderlich, sowie auch Ehrfurcht vor Regierungen und gesetzliche Ordnung. Dies alles liegt in der unseligen Richtung, welche die Jugend genommen hat; Gutzkow und der, wie mir scheint, bessere L. Wienbarg sind blos Organe, Zeugen des bestehenden Übels; Menzel jedoch ist nicht der Mann, der mit Erfolg entgegenstehen wird, denn seine verletzte Eigenliebe, sein Brotneid sind im Spiele und der Kampf muß von allen Guten und mit voller Reinheit geführt werden, sonst wird dadurch das Übel noch ärger.

58. Heinrich Heine an Heinrich Laube, Boulogne sur mer, 23. November 1835 Mit dem übrigen jungen Deutschland steh ich nicht in der mindesten Verbindung; wie ich höre haben sie meinen Namen unter die Mitarbeiter ihrer neuen Revüe gesetzt, wozu ich ihnen nie Erlaubniß gegeben habe. – Einen guten Rückhalt sollen diese jungen Leute dennoch an mir haben, und es wäre mir höchstverdrießlich, wenn es zwischen letzteren und Ihnen zu Reibungen käme.

59. Zeitungskorrespondenz aus Preußen, 24. November 1835 Dieser Tage ist hier der Befehl gekommen, daß sämmtliche Verlagsartikel des Dr. Löwenthal in Mannheim verboten sind und daß von den Schriften der HH. Gutzkow, Wienbarg, Laube und Mundt, ohne spezielle Erlaubniß des Ministeriums, Nichts ausgelegt, in Lesezirkeln mitgetheilt und durch Buchhändler verkauft werden darf. So wäre denn äußerlich eine Richtung der Literatur unterdrückt, von der es sich leider nicht läugnen läßt, daß sie schon zu tief in das innere Leben der höheren Stände und in ihre Gesinnung eingedrungen ist, als daß jene, an und für sich nothwendige Maßregel, irgend etwas fruchtet. Ja – man muß das Treiben des sogenannten jungen Deutschlands als nothwendige Entwickelung vorhergehender Kulturmomente ansehen, und alsdann kommt man zu der Ueberzeugung, daß hier nichts Oberflächliches, durch Polizeimaßregeln wegzutilgen ist, sondern daß das Tiefwurzelnde, allmählig Vorbereitete und Herangebildete leider organisch in der allgemeinen Krankheit der Zeit seinen Grund findet.

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60. Konfidentenbericht, Frankfurt, 25. November 1835 Seit meinem letzten Berichte ist das junge Deutschland wohl ohne Zweifel zu Grabe gegangen. An die Stelle der nicht zum Leben gekommenen „Deutschen Revue“ sollten die „Deutschen Blätter“ von Dr. Gutzkow treten. In dieser Form wollte er das begonnene Werk der literarischen und sozialen Reform fortsetzen. – Krebs, der Eigentümer der Varrentrappschen Buchhandlung, welcher den Verlag der „Deutschen Blätter“ übernommen, hatte in dieser Übernahme nur einen merkantilen Zweck – Geldgewinn – vor Augen. Er wurde aber von verschiedenen Seiten auf die Hindernisse aufmerksam gemacht, welche dem Unternehmen in den Weg treten könnten; ebenso deutete man ihm dessen Folgen an. Er suchte sich daher im Bundespalais Rats zu erholen und wird ihn auch wahrscheinlich gefunden haben, denn er leistete auf das Erscheinen der „Deutschen Blätter“, welche bis zum zweiten Bogen ausgedruckt waren, Verzicht. Vorgestern abend ließ er dieses durch den Hofrat Berly Dr. Gutzkow eröffnen. Die Unterhandlungen wurden fortgesetzt und die Varrentrappsche Buchhandlung gab Gutzkow eine Abfindungssumme von 100 fl., welche ihm Hofrat Berly gestern morgens auch überbrachte. Unterdessen hatte sich Gutzkows Lage wesentlich verändert und verschlimmert, so daß er recht gern die Abfindungssumme annahm. – Durch die Vorforderung Löwenthals in Mannheim (welcher die „Wally“ verlegte), um sich vor dem dortigen Hofgericht wegen des Verlags dieses verderblichen Buches zu verantworten, war Gutzkow schon ein Zeichen gegeben, was seiner als Verfasser harre*). Vorgestern morgen wurde denn auch von dem hiesigen Polizeiamte dem Dr. Gutzkow eine Vorladung des Mannheimer Hofgerichts überreicht, um sich am 1. Oktober [recte: Dezember] persönlich in Mannheim zu stellen und vor Gericht zu verantworten über das Verbrechen der Blasphemie etc. etc., dessen er sich durch seinen in Mannheim erschienenen Roman „Wally“ schuldig gemacht. Die Mitteilung hat ihn zu Boden geworfen und eine derartige Alteration in ihm erregt, daß er leidend wurde und Arznei nehmen mußte. Er war gestern fortwährend sehr niedergeschlagen. Briefe, die er von Gleichgesinnten aus Paris erhielt, konnten ihn nicht im geringsten zerstreuen. Seine Gefühle waren äußerst aufgeregt und sprachen sich in Unentschlossenheit aus. Dennoch schien er zu einem Entschlusse gekommen zu sein. Er wollte nicht nach Mannheim gehen, aus Furcht vor Gefängnisstrafe; er wollte sich direkt *) NB. Löwenthal hat an verschiedene Zeitungsredaktionen, auch dahier, die schriftliche Bitte ergehen lassen, keine Artikel in betreff seiner Angelegenheit überzunehmen, da letztere dadurch nur sehr verschlimmert und seine Familie noch unglücklicher gemacht werden könnte.

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nach Berlin begeben, um sich dort, in seiner Vaterstadt einer Prozedur zu unterziehen. Er sieht sich gewissermaßen als einen Märtyrer seiner Sache an, er wollte schon gestern seinen Paß und sonstige Angelegenheiten in die Reihe bringen lassen, um ungesäumt abreisen zu können. Heute ist Gutzkow anderen Sinnes geworden; er behauptet krank und unfähig zum Reisen zu sein. Sein Arzt Dr. Clemens, ein getaufter Jude und von gleichen Gesinnungen mit Gutzkow in mancher Hinsicht, will es ihm bezeugen. Nach Karlsruhe will er sich schriftlich wenden, um wenigstens das Nichterscheinen in Person zu erlangen; einem anderen schriftlichen Prozesse wolle er nicht ausweichen. Dieses sind heute seine Entschlüsse, allein es frägt sich, ob sie sich nicht schon morgen geändert haben. Unterdessen ist ihm auch gestern in der Senatssitzung sein Bürgerrechtsgesuch abgeschlagen worden, welche Kunde ihn abermals tief erschütterte; er sieht alles Unglück über sich hereinbrechen. Aber er hat mit seiner „Wally“ auch viel Übles gestiftet. Das Buch wird verschlungen; eine einzige Lesebibliothek hat neun Exemplare, die fortwährend außer dem Hause sind; sogar aufs Land ist die Kunde von den in der Wally ausgesprochenen unsittlichen Ansichten gedrungen. Unterdessen glaubt Gutzkow seine „Wally“ verteidigen zu können.

61. Bekanntmachung des Polizei-Amts, Frankfurt, 26. November 1835 In Gemäßheit hochverehrlichen Rathsschlusses vom 24. d. Mts. ist der Roman von Dr. Carl Gutzkow „Wally“ betitelt, wegen seines gotteslästerlichen und unsittlichen Inhalts hiermit in hiesiger Stadt und deren Gebiet verboten, und dessen Confiscation verordnet. Es sind demnach durch die Polizei in allen dahiesigen Buchläden und Leihbibliotheken die davon vorhandenen Exemplare sofort hinwegzunehmen und anhero abzuliefern. Frankfurt, den 26. November 1835 Polizei-Amt.

62. Ludolf Wienbarg an Georg von Cotta, Frankfurt, 28. November 1835 Schon bei Ihrer Anwesenheit in Frankfurt, wo ich die Ehre hatte, Ihnen durch Herrn Dr. Gutzkow vorgestellt zu werden, hatte ich die Absicht, Ihnen meine Feder […] anzubieten. Ich weiß nicht, was mich abhielt, wenn nicht etwa die nächste Teilnahme am Schicksal der Deutschen Revue, die meinem Freunde und mir anfangs die Hauptlast der Bestreitung auf die Schulter gelegt hätte. –

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Unser Werk ist gescheitert, Dank sei’s den Insinuationen der Kritik, die in diesem Augenblick sogar meinen armen Gutzkow vor das Gericht in Mannheim befördern! – […] Einstweilen haben wir jeden Plan einer gemeinschaftlichen Zeitschrift aufgeben müssen. Wir sind gezwungen uns zu isolieren, um den Strom der Meinungsgehässigkeiten, der unserer Verbindung zufloß, zwischen uns durchzulassen. Jeder wird sein Eigentümliches herauskehren, und selbst das Unglück, das über uns hereingebrochen, wird insofern heilsam sein, als es uns vorsichtiger und reifer macht. Das beste Mittel gegen Menzels Lamentationen sind positive Schöpfungen. Wir glauben uns dadurch den allgemeinsten Beifall zu erwerben, wenn wir seine ferneren Angriffe mißachten und in unserer Bahn freudig fortstreben. […] Doktor Gutzkow ist bereits, gestern Abend, nach Karlsruhe und demnächst Mannheim abgereiset.

63. Konfidentenbericht, Frankfurt, 2. Dezember 1835 Was vorauszusehen war, ist in der Tat eingetroffen! Die offiziellen Schritte, welche in der Sache des jungen Deutschland notwendigerweise getan werden mußten, haben die Aufmerksamkeit der gebildeteren Klassen unserer Bewohner in hohem Grade erregt. Man debattiert über die Tendenz des jungen Deutschland und, um richtig zu gehen, sucht man sich die Bücher desselben zu verschaffen. Es ist in dieser Beziehung recht gut, daß sie so teuer sind, denn durch diesen Umstand werden viele abgehalten, sich solche zu kaufen. – In betreff des Gutzkowschen Romans „Wally“ wird darin doch eine Ausnahme gemacht, denn kaum war dessen Verbot und Konfiskation hier ausgesprochen, als er allerdings aus allen Buchläden und Leihbibliotheken verschwand, aber im stillen außerordentlich stark und noch fortwährend begehrt und gelesen wird. – Leider wird das Gift einer „Wally“ von unserer fast in der Wurzel verbildeten Jugend, was die Obszönität dieses Romans betrifft, auch von der begehrlichen weiblichen begierig eingesogen; denn welche Tendenzen können verdorbenen moralischen Grundsätzen mehr frönen, als diejenigen, welche Atheismus, gepaart mit Laszivität aussprechen? Wenige stehen auf dem Standpunkte der festen Bildung, daß sie die Geistesausgeburten Gutzkows und Konsorten gehörig zu würdigen wüßte. […] – Wie man […] hört, so ist Gutzkow vorerst nach Karlsruhe. Es scheint mithin, daß er Verständigung und Nachsicht sucht und die Mannheimer Jurisdiktion von sich abwenden will. Gutzkow behauptet nämlich, die Mannheimer, in deren Stadt er sich eine Zeitlang aufgehalten und wo er nebst seinem Freunde Dr. Löwenthal die „Creme der Gesellschaft“ aus-

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machte (wie er selbst sich ausdrückt), nährten persönliche Feindschaft gegen ihn. Dem sei nun, wie ihm wolle, so geht aus den Schritten – wenn sie Gutzkow in Karlsruhe wirklich tut – hervor, daß er in Deutschland bleiben möchte, auf sein bisheriges geistiges Streben Verzicht leisten und hier heiraten will. Es ist fast mit Bestimmtheit zu behaupten, daß alle Jünger des „jungen Deutschland“ ihrem Hohenpriester Gutzkow nachfolgen und ihre besonders verpönten Bücher aus dem Buchhandel zu bringen suchen werden. Hoffentlich wird dann die Sache des jungen Deutschlands auch dem Volke bald aus dem Gedächtnis verschwinden. Gleich nach der Abreise Gutzkows verbreitete sich das Gerücht, derselbe habe eine Art Abschied hinterlassen. Dieser Abschied besteht nun in einer 20 Seiten starken Broschüre: „Mein letztes Wort“, worin Gutzkow schließlich sich noch einmal zu verteidigen sucht. – Man war hier sehr gespannt auf das Erscheinen dieser Broschüre und besonders schwatzten gestern und vorgestern die Liberalen viel davon, denn Buchdrucker Schneider, bei dem sie gedruckt wurde und der trotz seines obschwebenden Prozesses einen liberalen Salto mortale gern machen möchte, las die Broschüre am Sonntag abend liberalen Freunden vor, die sich daran sehr erbauten. Als sie die hiesige Zensur passiert hatte, wollte Schneider am Montag morgens mit dem Druck derselben anfangen, allein derselbe wurde, wie es hieß, auf Bundestagsbefehl*) einstweilen sistiert. Das Gerücht davon war bald in der Stadt verbreitet und die Liberalen zogen gewaltig los, daß man Gutzkow nicht einmal eine Verteidigung vor dem Forum der Öffentlichkeit zugestehen wolle.

64. Zeitungskorrespondenz aus Mannheim, 2. Dezember 1835 Der bekannte Schriftsteller, Dr. Gutzkow, wurde hier wegen seiner irreligiösen Schriften in Untersuchung genommen; er ist verhaftet. Sein Untersuchungsrichter soll Amtmann Gockel seyn, dessen Vater hiesiger Stadtpfarrer war.

*) Dieses klärt sich nun als Mißverständnis auf. Man verlangte nur einige reine Abzüge von dem Drucke und Buchdrucker Schneider sah dieses als ein Zeichen an, daß dem Erscheinen der Broschüre Hindernisse in den Weg gelegt werden könnten. Daß an der Broschüre jetzt nicht fortgedruckt wird, kommt daher, weil Gutzkow an Buchhändler Streng schrieb, er wolle sie vorerst noch durchlesen.

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65. Zeitungskorrespondenz aus Mannheim, 3. Dezember 1835 Dr. Gutzkow wurde dahier arretirt als er gerade an der Tafel im Pfälzer Hofe saß. Man ist sehr gespannt auf seinen Prozeß vor dem Hofgerichte und mit Recht, denn es ist wohl seit langer Zeit kein Fall vorgekommen, daß ein Schriftsteller wegen unsittlicher und irreligiöser Schriften in peinliche Untersuchung gezogen wurde.

66. Georg von Cotta an Ludolf Wienbarg, Stuttgart, 4. Dezember 1835 Euer Wohlgeboren haben Recht: das Widerwärtige was Sie und Ihre Freunde erfahren, wird für Sie alle nur wohltätige Folgen haben, es wird Sie vorsichtiger machen und wird genetisch positive Schöpfungen hervorrufen, welche das ungemeine Talent nicht allein zu Ehren bringen, sondern auch die Anklagen zu schanden machen müssen, welche in vieler Beziehung unstatthaft und aus der Luft gegriffen gegen Sie erhoben werden. Wenn ich so spreche, werden Sie gleichwohl nicht glauben, daß ich alles billige, was die herbe Anklage gegen Gutzkow und seine Freunde in seinen Schriften getadelt: ganz im Gegenteil. Sie werden mir dies um so mehr glauben, wenn ich Ihnen weiter sage, daß ich mich als Christ strenge an das Dogma halte, und Reinheit in Sitte und Wort über alles hochschätze: Entgegengesetztes durch die Cotta’sche Buchhandlung nie fördern lasse. Meine Mißbilligung ging aber zugleich auch aus der Zuneigung und Freundschaft für H[errn] G[utzkow] hervor und war ganz in seinem Interesse; weshalb ich die jetzige Sachlage um so mehr bedaure, als G. so viel besser ist als sein Ruf, und geistig so viel höher steht, als seine Schmäher.

67. Konfidentenbericht, Frankfurt, 9. Dezember 1835 Von Dr. Gutzkow hat man hier, was ihn persönlich betrifft, nichts weiter erfahren. Alsbald nach seiner Verhaftung (am 4. d. M.) in Mannheim schrieb er an seinen zukünftigen Schwiegervater, den schwedischen Konsul Freinsheim, „durch die Treulosigkeit eines Ministers sei er in Haft geraten; er sei aber gefaßt“. Gutzkows „Wally“ ist total hier vergriffen, denn es waren die Buchhändler nicht imstande, die im geheimen von Privaten begehrten Exemplare für den zwei- und dreifachen Preis – sie kostet drei Gulden – zu liefern. Leihweise geht dieser Roman von Hand zu Hand und selbst achtzigjährige Greise sind lüstern geworden, ihn zu lesen. Übrigens bestand die ganze Auflage nur aus 800 Exem-

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plaren und von einigen Buchhändlern ist der Wunsch eines Nachdrucks ausgesprochen. Gutzkows nun zu erscheinende Broschüre: „Appellation an den gesunden Menschenverstand. Letztes Wort in einer literarischen Streitfrage“ ist hier im voraus schon zahlreich bestellt. Wie es scheint, nein, wie es zuverlässig ist, so hat die hiesige Zensur die Broschüre passieren lassen, um die darin kompromittierten Professoren, die nicht verdachtlos sind, zu veranlassen, sich über ihr Lehrsystem nun einmal auszusprechen, was sie nun, angeklagt durch die Anklage Gutzkows, auch tun müssen.

68. Theodor Mundt an Ferdinand G. Kühne, Berlin, Anfang Dezember 1835 Der unglückliche Gutzkow ist verhaftet, und ich fürchte, daß man ihn hieher abliefern wird als vor sein Forum. Dies könnte mich in seine Untersuchung verwickeln, obwohl ich, wie Du weißt, niemals Verabredungen noch Zusammenhang in irgend einer Sache mit ihm gehabt habe. Man glaubt aber einmal an eine Conspiration. Für Gutzkow ist die Sache deßhalb so schlimm, weil der König selbst die „Wally“ gelesen und eigenhändig an den Großherzog von Baden geschrieben hat, dagegen einzuschreiten. […] Wenn ich nur das wenigstens erlange, daß man mich auf freien Fuß läßt!

69. Theodor Mundt an Ferdinand G. Kühne, Berlin, Mitte Dezember 1835 Ich kenne Gutzkow’s Persönlichkeit als eine eiserne, und doch wird mir jetzt von guter Hand geschrieben, daß er im Gefängniß äußerst niedergeschlagen und schon vorher in Frankfurt sehr consternirt gewesen sein soll. Dies hätte ich auch nie von ihm gedacht.

70. Konfidentenbericht, Frankfurt, 17. Dezember 1835 Man spricht in den Wirtshäusern von Gutzkow und Wienbarg und bedauert, diese tüchtigen Männer nicht früher persönlich gekannt zu haben. Gutzkows „Wally“ wandert dabei von Hand zu Hand und man kann wohl behaupten, die Mehrzahl der Leser findet Wohlgefallen an der Lektüre dieses Buches, erklärt Gutzkow für einen gescheiten Kopf, der den „Pfaffen einen Zahn ausgerissen“ und diese nun durch die Regierungen gegen denselben einschreiten lassen. Im-

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mer mehr werde ich aber überzeugt, daß unter den Jüngern des „jungen Deutschland“ ein Bund bestanden, welcher gleiche Bestrebungen, wenn auch auf jedes Jüngers individuelle Weise, zur Reform der sozialen Verhältnisse an den Tag legen sollte. […] Von Dr. Gutzkow ist es in der letzteren Zeit stiller geworden. Er schreibt zwar sehr oft an seinen zukünftigen Schwiegervater Freinsheim, dahier und es ist ihm auch schon Geld in seinen Arrest nach Mannheim gesendet worden. Gutzkow scheint es zu bereuen, daß er nicht, statt nach Karlsruhe, nach Frankreich gegangen sei.

71. Zeitungskorrespondenz aus Mannheim vom 23. Dezember 1835 Dr. Gutzkow und Zacharias Löwenthal sollen am 8. Jan. vor versammeltem Hofgerichte, als Preßgericht, erscheinen, und nach mündlicher Verhandlung zwischen dem Staatsanwalte und den Angeklagten und ihren Vertheidigern, ihr Prozeß entschieden werden.

72. Konfidentenbericht, Frankfurt, 24. Dezember 1835 Die Wirkungen der Lektüre der „Wally“ von Gutzkow äußern sich nun auch mehr und mehr in den unteren Ständen und an öffentlichen Orten. In dem Wirtshaus von Zöller (der früher ein eifriger Liberaler war und an allen Versammlungen teilnahm) verglich dieser Tage ein Handwerksbursche, der die Wally gelesen, Gutzkow mit dem Reformator Luther. Der Handwerksbursche bemerkte, Gutzkow und seine Freunde wollten eine neue Religion einführen, was auch ganz vernünftig sei; die Religion des jungen Deutschland sei besser als die übrigen etc. Dabei wurde tüchtig auf Luther geschimpft. Der Wirt, der bei seinen ultraliberalen Gesinnungen dennoch echt lutherisch ist, konnte das nicht länger anhören, gab dem Burschen eine Ohrfeige, wodurch ein tüchtiger Lärm entstand. Es ist fast unglaublich, aber es ist wahr, die Handwerksklassen, die nur einigermaßen die gebildeten Stände berühren, haben sich die Wally zu beschaffen gewußt und sind ganz berauscht von Gutzkowschen Ideen, soweit sie dieselben verstehen. Da bis jetzt von der Wally kein Nachdruck erschienen ist, so wandert die Wally von Hand zu Hand fort. […] Soeben erhalte ich von einem sich nicht hier befindenden Freunde Gutzkows einen Brief, worin es unter anderem heißt: „Von Gutzkow habe ich zwei Briefe aus seinem Gefängnisse. Die Behörde hat auf ein Jahr Zuchthaus angetragen, er (Gutzkow) meint, die glänzendste Hoffnung sei sechs Monate Korrektionshaus, welche der Großherzog vielleicht in sechs Monate Festung verwandeln werde. […]“

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73. Theodor Mundt an Ferdinand G. Kühne, Berlin, etwa Ende Dezember 1835 Gutzkow hat mir aus dem Kerker geschrieben! Er hat nicht ganz Recht daran gethan, aber sein Brief, in dem er mich um Verzeihung bittet, ist merkwürdig, und kann mir eben nicht schaden. Er ist auf e i n Jah r Zu ch t h au sst raf e beantragt, und Appellation wird die Strafe schwerlich mildern, da man gegen die Leute, die man einmal herausgegriffen hat, zu dem Aeußersten entschlossen ist. Uebrigens schreibt er, daß er human behandelt wird, und daß er hofft, bald über die Stimmung erstaunen zu können, in welcher er das Buch geschrieben, das ihn jetzt so weit brachte.

74. Eduard von Bauernfeld, Tagebuch, Wien, Dezember 1835 Die Schritte der Behörden gegen die „Junge Poesie“ tragen bei, daß ich nicht harmlos weiter schreiben kann. Wie kann ich gegen (wenn gleich verdrehte) Literaten kämpfen, wenn sie zugleich von der Polizei verfolgt werden? Der elende Menzel trägt die Schuld. Gutzkow eingesperrt! Das geht über den Spaß.

75. Georg Büchner an die Familie, Straßburg, 1. Januar 1836 Ich muß lachen, wie fromm und moralisch plötzlich unsere Regierungen werden; der König von Bayern läßt unsittliche Bücher verbieten! da darf er seine Biographie nicht erscheinen lassen, denn die wäre das Schmutzigste, was je geschrieben worden! Der Großherzog von Baden, erster Ritter vom doppelten Mopsorden, macht sich zum Ritter vom heiligen Geist und läßt Gu t z k ow arretiren, und der liebe teutsche Michel glaubt, es geschähe Alles aus Religion und Christenthum und klatscht in die Hände. Ich kenne die Bücher nicht, von denen überall die Rede ist; sie sind nicht in den Leihbibliotheken und zu theuer, als daß ich Geld daran wenden sollte. Sollte auch Alles seyn, wie man sagt, so könnte ich darin nur die Verirrungen eines durch philosophische Sophismen falsch geleiteten Geistes sehen. Es ist der gewöhnlichste Kunstgriff, den großen Haufen auf seine Seite zu bekommen, wenn man mit recht vollen Backen: „unmoralisch!“ schreit. Uebrigens gehört sehr viel Muth dazu, einen Schriftsteller anzugreifen, der von einem teutschen Gefängniß aus antworten soll. Gu t z k ow hat bisher einen edlen, kräftigen Charakter gezeigt, er hat Proben von großem Talent abgelegt; woher denn plötzlich das Geschrei? Es kommt mir vor, als stritte man sehr um das Reich von dießer Welt, während

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man sich stellt, als müsse man der heiligen Dreifaltigkeit das Leben retten. Gutzkow hat in seiner Sphäre muthig für die Freiheit gekämpft; man muß doch die Wenigen, welche noch aufrecht stehn und zu sprechen wagen, verstummen machen! Uebrigens gehöre ich f ür m ei ne Perso n keineswegs zu dem sogenannten Jun g e n Te ut s c h l a n d , der literarischen Parthei Gutzkow’s und Heine’s. Nur ein völliges Mißkennen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse konnte die Leute glauben machen, daß durch die Tagesliteratur eine völlige Umgestaltung unserer religiösen und gesellschaftlichen Ideen möglich sey. Auch theile ich k e i n e s we g s i h re Me i n un g ü ber d i e Eh e u nd d as Ch r is te n t h u m, aber ich ärgere mich doch, wenn Leute, die in der Praxis tausendfältig mehr gesündigt, als dieße in der Theorie, gleich moralische Gesichter ziehn und den Stein auf ein jugendliches, tüchtiges Talent werfen.

76. Konfidentenbericht, Frankfurt, 6. Januar 1836 Die Anhänger und Verehrer des jungen Deutschland sind sehr aufgebracht, daß auch Laube sich losgesagt habe. Sie behaupten, dieses seien charakterlose Menschen, welche als Renegaten sich die Verachtung aller Parteien zuziehen. Die Verhaftung Gutzkows ist noch immer der Gegenstand lebhafter Besprechung seiner Freunde. Aber auch Männer, die nicht auf der linken Seite stehen, tadeln sehr den Schritt der badischen Regierung, in betreff des Verfassers der „Wally“. Man ist daher sehr gespannt auf den übermorgen zu erfolgenden Spruch des Hofgerichts in Mannheim. Ein strenges Strafurteil würde von allen Parteien gemißbilligt werden. Man hat die Schriften eines Friedrich von Preußen, Lessing, Voltaire usw. wieder gelesen und die „Wally“ in Vergleich mit ihnen ganz unschuldig gefunden. Man schimpft auf die Inkonsequenz der preußischen Regierung und erinnert daran, welche unsittlichen Bücher früher mit Berliner Zensur gedruckt worden seien. Im allgemeinen wächst die Abgeneigtheit gegen Preußen. Übrigens schreibt Gutzkow fleißig hierher und an seine sonstigen Freunde in anderen Städten, auch will er sich demnächst an einige einflußreiche Personen dahier schriftlich wenden. Er ist um sein ferneres Schicksal, das ihm in Baden bevorsteht, sehr bekümmert. Er wünscht daß man in öffentlichen Blättern versöhnende Worte für ihn sprechen möge, weil er sich sowohl mit den Regierungen als auch mit der öffentlichen Meinung wieder aussöhnen möchte.

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77. Zeitungskorrespondenz aus Mannheim, den 13. Januar 1836 Heute wurde dem Dr. Gutzkow und Dr. Löwenthal das hofgerichtliche Urtheil publizirt. Letzterer wurde als (Buchhändler) freigesprochen; Dr. Gutzkow zu 4 Wochen bürgerlichem Gefängniß und zur Uebernahme von 1/3 der Kosten, deren andere 2/3 dem Staat zur Last fallen, verurtheilt. Die Anklage auf Blasphemie und Darstellung unzüchtiger Gegenstände wurde von dem Hofgerichte zurückgewiesen, dagegen von demselben auf einen in dem Roman „Wally“ gerichteten Angriff auf die christliche Religion erkannt, wofür unser Preßgesetz eine Strafe von drei Monaten Gefängniß ansetzt.

78. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 18. Januar 1836 Laube, und Mundt, desavouirten das junge Deutschland. Ließe Gutzkow die Briefe dieser Leute drucken, man würde sonderbare Widersprüche erblicken. – Ich habe Gutzkow Discretion empfohlen; – er war bitterböse, fast in Wuth über die feige Erbärmlichkeit; – und folgen wird er mir. Wienbarg hat sich schlecht gemacht; überall hinterläßt er keinen guten Geruch. Wo er steckt, mag Gott wißen. Aus Frankfurt ist er verwiesen; man sagte mir, er sey in Mainz. […] Die praktische lebens Lehre ist so einfach, ein Kind begreift sie, warum er nicht? hat er etwa zuviel Genie, das ihm im Wege steht?! – Es gibt Genies, die recht exemplarisch faullenzen, aber auch, wenn es gilt, arbeiten können und dann Beweise vom Genie geben! Daran ist bei ihm totaler Mangel. Und zu Gutzkow hat er sich nicht pari, sondern wie ein Handlanger zum Meister gestellt. Gutzkow ist, was er nicht ist, ein ungewöhnlicher Mensch! den ich liebe, ich werde ihn nicht verlaßen, und sollte ich es schmerzlichst entbehren was ich ihm zuwende. Das bringe ich gerne der Literatur zum opfer. […] […] Gutzkow hat am 13 d sein Urtheil empfangen. Europa ist seinetwegen in Allarm gesetzt und man giebt ihn Einen Monat Arrest und 1/3 der Kosten. Der Verleger der Wally ist frei gesprochen worden. 2/3 fallen von den Kosten der Regierung zur Last. Auf 6 Monate war er gefaßt. Er schreibt mir, „Noch verzweifle ich an Deutschland nicht. Ich kann nicht sagen, l. C, wie mich diese Milde erschüttert. Die Leute haben Alles gethan um mich durchzubringen, die Deutschen haben doch einen ehrenwerthen inneren Fond. Das ganze Urtheil ist so motiviert, daß man ihm ordentlich den Trotz gegen die Regierungen ansieht.[“]

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79. Konfidentenbericht, Frankfurt, 28. Januar 1836 Wie man vernimmt, so hegt Gutzkow den Wunsch, nach seiner Freilassung wieder hierher zurückkehren zu können. Es ist aber zu bezweifeln, ob ihm die Erlaubnis des Senats dazu wird. Allerdings werden die Schriften des „jungen Deutschland“ immer noch stark gelesen, doch nicht mit der Teilnahme, wie vor einigen Monaten. Das Interesse ist schon erkaltet und es darf mit Bestimmtheit behauptet werden, daß, wenn nicht die offiziellen öffentlichen Schritte die Aufmerksamkeit so außerordentlich angeregt und aufs junge Deutschland gerichtet hätten, es in diesem Grade – in dieser Beziehung – nie so wach geworden wäre. Übrigens suchen die mit dem Interdikt belegten Schriftsteller in Briefen an Bekannte und Freunde durchaus die Meinung zu bekämpfen, als habe eine auf soziale, politische und religiöse Doktrinen gestützte Verbindung unter dem „jungen Deutschland“ bestanden. Die jungen Schriftsteller – fahren sie fort – haben sich früher selbst bekämpft untereinander – namentlich waren Gutzkow und Mundt gespannt – und sie dachten nicht daran eine „gefährliche“ Verbindung zu gründen. Daß unter den jungen Schriftstellern Meinungsverschiedenheit bestanden, ist wahr; allein sie suchten sich zu einigen, man wollte einen und denselben Zielpunkt zu erreichen streben und die „Deutsche Revue“ sollte allen Vereinigungspunkt sein.

80. Ferdinand Freiligrath an Hermann von der Heydt, Amsterdam, 5. Februar 1836 Fast wäre ich auch vorigen Herbst mit dem jungen Deutschland in nähere Verbindung gekommen, mein guter Genius hat mich aber noch glücklich an dieser Klippe vorübergeführt. Gutzkow nämlich, der mich durch die ihm früher befreundeten Stuttgarter Dichter kannte, empfahl mich dem Buchhändler Sauerländer in Frankfurt zur Uebersetzung eines Theiles der von diesem projectirten deutschen Ausgabe des Victor Hugo, und ich, der ich damals die fluchwürdige Tendenz dieser, seitdem von Menzel hinlänglich gebrandmarkten Schule noch nicht so kannte, sagte gern zu. Zum Glück überwarf sich Gutzkow bald darauf mit Sauerländer. Der Hugo wird jetzt nicht von ihm, sondern von Dr. Adrian eingeleitet werden, und die flüchtige Berührung, in die ich mit Gutzkow gerieth, ist, Gott sei Dank, ohne weitere Folgen vorübergegangen.

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81. Konfidentenbericht, Frankfurt, 18. Februar 1836 Dr. Gutzkow ist gestern hier angekommen; er hatte im voraus ein Zimmer im Pariserhof bestellt. Er will einige Zeit hier bleiben (wenn es geht); bittet aber einen Bekannten, der mit mehreren Zeitungen in Verbindung steht, seine Ankunft nicht zu melden, da er gern aus den Zeitungsspalten bleiben möchte. Vorläufig wurde gesagt, er wolle nach Paris gehen, was ich aber noch nicht bestimmt wissen kann. Vielleicht wird ihm ein temporärer Aufenthalt hier gestattet. Wenigstens äußerte der jetzige Polizeidirektor Senator Dr. Müller (vertrauterweise), daß nach seiner Ansicht den Leuten (den bekannten modernen Schriftstellern) zu viel geschehe.

82. Konfidentenbericht, Frankfurt, 25. Februar 1836 Dr. Gutzkow befindet sich fortwährend hier. Er ist sehr leidend, was aber nicht sowohl die Folge des in Mannheim ausgestandenen Arrestes als vielmehr die Folge einer Krankheit ist, die in Berlin schlecht geheilt oder verwahrlost wurde und immer wieder anpocht. Er besuchte am zweiten Tag seines Hierseins den Polizeidirektor Senator Dr. Müller, früher Advokat. Von demselben wurde er sehr gut aufgenommen. Derselbe sagte aber Gutzkow alsogleich die Erlaubnis zum längeren Aufenthalte dahier nicht zu, sondern bemerkte nur, daß er sich lebhaft für ihn beim Verwaltungssenat, der darüber zu entscheiden, verwenden wolle. Daraufhin ist Gutzkow die Weisung geworden, daß er sich hier aufhalten könne und man ihm diesseits nichts in den Weg legen werde, solange keine höheren Reklamationen z.B. vom Bundestage einlaufen. Dennoch aber wurde Gutzkow bedeutet, keine Privatwohnung zu nehmen, sondern im Gasthaus wohnen zu bleiben, da er dann auch gegen Reklamationen als Durchreisender, der hier erkrankt, verteidigt werden könnte. Damit scheint Gutzkow vorläufig zufrieden zu sein. Über das über ihn verhängte Interdikt äußert sich Gutzkow ganz ruhig. Er hat zwei Buchhändler, Cotta und Campe, die ihn nicht verlassen, auch wenn er mehrere Jahre nichts schriebe. Zudem bekommt er von der „Allgemeinen Zeitung“ für seine Beiträge ein jährliches festes Gehalt von 1100 Gulden. (Übrigens hat sich Herr v. Cotta gegen mich in betreff Gutzkows ganz frei geäußert, die Tendenz seiner Schriften mißbilligt und unter anderem bemerkt, er würde den Nero Gutzkows nicht verlegt haben, wenn er ihn zuvor gelesen.) Gutzkows neues Werk „Zur Philosophie der Geschichte“ liegt in Berlin zur Zensur. Gutzkows Vater, Diener beim Kriegsministerium, hat seinen Chef Herrn v. Schöler bestimmt, daß er sich für seinen Sohn verwende und auch Herrn v. Schöler in Berlin veranlaßt, im Interesse Gutzkows an seinen Bruder,

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der preußischer Gesandter dahier, zu schreiben. Gutzkow behauptet, daß er die Abweisung der Appellation in Karlsruhe lediglich dem Staatsminister Winter in Karlsruhe zu verdanken habe. Diesen habe er nämlich, als er aufgefordert worden, nach Mannheim vor Gericht zu kommen, zuerst in Karlsruhe besucht. Er habe sich mit Herrn Staatsminister Winter mehrere Stunden über Geschichte, Philosophie unterhalten und als er ihn verlassen, sei dieser sichtlich über sein Schicksal gerührt gewesen. Als Gutzkow in Mannheim verhaftet wurde, wandte er sich an Herrn Winter, dieser aber antwortete, daß er leider in den Gang der Justiz nicht eingreifen könne, aber dennoch alles tun werde. Herr Winter habe Wort gehalten und die Appellation des Staatsanwaltes abgewendet, vor deren Ausgang es Gutzkow nicht wenig bangte. Gutzkow arbeitet in diesem Augenblicke auch an einem politischen Taschenbuche, das die Redakteure der „Allgemeinen Zeitung“ nächstes Jahr erscheinen lassen wollen und wovon Gutzkow die Hälfte übernommen.

83. Konfidentenbericht, Frankfurt, 2. März 1836 Dr. Gutzkow befindet sich noch hier, wohnt im Pariserhof und arbeitet darauf los. Sein zukünftiger Onkel, Pfarrer Meidinger in Niederrad, ein Dutzfreund vom Polizeidirektor Müller, hat sich gleichfalls für sein Hierbleiben angelegentlich verwendet. Gutzkow ist erfreut, daß Geistliche, die doch seine Feinde, sich seiner annehmen. Sein Manuskript „Zur Philosophie der Geschichte“ hat er von Berlin noch nicht zurückerhalten. Da er es abgeschrieben, so wird es demnächst in Mannheim – weswegen sich Gutzkow mit dem dortigen Zensor schon benommen – gedruckt und von Campe in Hamburg verlegt. Der Mannheimer Zensor will den bekannten Beschluß der Bundesversammlung nur „als eine Warnung an die Buchhändler wegen des Verlags belletristischer Schriften“ ansehen und hat gegen den Druck von Gutzkows Buch nichts einzuwenden. Gutzkow glaubt, daß ihm keine Zeile gestrichen werde. Seine Aufsätze über Goethe, von welchen Bruchstücke in der „Allgemeinen Zeitung“ schon erschienen, sollen in Berlin gedruckt werden, denn Gutzkow hofft, daß die dortige Zensur nichts dagegen einzuwenden habe. Politische Verbindungen scheint Gutzkow jetzt nicht zu unterhalten und auch das Verhältnis zu Wienbarg ist nicht mehr recht innig.

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84. Karl Ferdinand Friedrich von Nagler an Johann Andreas Kelchner, Berlin, 3. März 1836 Hr. Gutzkow wird sich durchfressen – Ihr Hr. Chef wird jede Verwendung für ihn vermeiden – aber auch nicht feindlich gegen ihn handeln.

85. Konfidentenbericht, Frankfurt, 16. März 1836 Dr. Gutzkow befindet sich fortwährend noch hier im Pariserhof; der Gedanke ans Abreisen scheint bei ihm beiseite geschoben zu sein und wenn er sich auch in zufriedener Stimmung befindet, so ist er körperlich doch immer noch leidend. Er ist außerordentlich tätig, und zwar so, daß er ununterbrochen einen Schreiber beschäftigt. Der erste Band seiner „Beiträge zur neueren Literatur“ ist im Manuskript vollendet und nach dem Blick zu urteilen, den ich hineinwarf, genial gehalten. Um das gegen ihn ausgesprochene Interdikt scheint sich Gutzkow, in pekuniärer oder materieller Beziehung, wenig zu bekümmern, und um so weniger, da viele Buchhändler ihm die annehmbarsten Anträge machen. So erhält er von einer Stuttgarter Buchhandlung – ich glaube nicht von der Cottaschen, indessen ist mir der Name nicht zu Gesicht gekommen – 1200 Gulden bloß für die Anordnung einer literarischen Unternehmung, das Anfertigen des Titels und Prospekts, eine Arbeit, die, wie er mir selbst sagte, ihn nur auf einige Tage beschäftige. Er hatte dieser Buchhandlung nur den Titel der literarischen Unternehmung – wahrscheinlich einer Kompilation – angegeben und diese bot alsogleich obige Summe, was ich nicht glauben würde, hätte ich nicht die betreffende Stelle des Stuttgarter Briefes gelesen. – Gutzkows Werk „Zur Geschichte der Philosophie“ ist im Drucke bis zum siebenten Bogen vollendet. Von Berlin hat er noch keine Nachricht, ob ihm der Druck seiner „Aufsätze über Goethe“ dortselbst gestattet wird. „Indessen“ – äußerte er gegen mich – „stehe ich jetzt mit Tzschoppe, was noch mehr heißt als mit Rochow, in direktem Briefwechsel und ich sehe nur einem günstigen Resultat entgegen.“ – In politicis treibt Gutzkow jetzt gar nichts und mit Paris scheint er durchaus keine Verbindung zu unterhalten. Es ist ihm vor allem sehr viel daran gelegen, hier bleiben und sein Heiratsprojekt mit einer hiesigen Bürgerstochter ausführen zu können. Er sieht recht wohl ein, daß der Senat dem Bundestag gegenüber und gegen die „jeune Allemagne“ erlassenen Maßregeln zufolge ihm so leichthin das Bürgerrecht nicht zugestehen kann. Gutzkow erwartet deswegen mit Sehnsucht des Bundespräsidialgesandten Herrn Grafen von Münch-Bellinghausen Rückkunft von Wien und beabsichtigt alsbald Sr. Exzellenz sich vorzustellen. Daraus nun möchte zu entnehmen sein, daß

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Dr. Gutzkow sein Vaterland nicht verlassen und sich höheren Anordnungen fügen will. Von dem königlich preußischen Bundestagsgesandten Herrn v. Schöler ist Gutzkow der Ansicht, daß derselbe durch längere Anwesenheit in Petersburg den Gang der deutschen Literatur nicht genügend habe verfolgen können, mithin auch kein besonderes Interesse an dem augenblicklichen literarischen Prozesse nehme. […] Wienbarg sprach Dr. Gutzkow nur am Abend und letzterer scheint froh zu sein, daß er sich nur zwei Tage inkognito hier aufgehalten und gestern die Reise nach seiner Heimat über Kassel angetreten hat. Gutzkow scheint Wienbarg zur Rückkehr nach Holstein bewogen zu haben, denn am Sonnabend hatte er noch keinen diesfallsigen Entschluß gefaßt. – Wienbarg ist weit politischer gebildet als Gutzkow […]. Er ist auch politisch gefährlicher als Gutzkow, indem letzterer rein literarische Zwecke bei seinem Streben vor Augen hat, dahingegen das Ziel, das sich Wienbarg in seiner literarischen Wirksamkeit gesteckt, politischer Natur ist.

86. Konfidentenbericht, Frankfurt, 23. März 1836 „Es freut mich, Dir anzeigen zu können“ – schrieb vor einigen Tagen Laube an Dr. Gutzkow dahier – „daß die preußische Regierung an alle inländischen Buchhandlungen ein Zirkular hat ergehen lassen, nach welchem es denselben gestattet wird, Schriften von Heine, Gutzkow, Wienbarg, Mundt und Laube zu verlegen, sobald diese die preußische Zensur passiert sind; es bedarf also keiner speziellen Erlaubnis des Oberzensurkollegiums in Berlin.“ – Inwiefern dieses in Erfüllung geht, läßt sich noch nicht mit Gewißheit behaupten, denn wenigstens will Gutzkow noch keine Antwort aus Berlin erhalten haben, in betreff eines dortselbst zu druckenden Buches, das er geschrieben. Indessen scheint diese Laubesche Nachricht den sich jetzt ganz ruhig verhaltenden Priester des „jungen Deutschland“ sehr erfreut zu haben. Man könnte aber freilich bei Preußens Verfahren auf den Gedanken kommen, dasselbe sei lediglich im Interesse des preußischen Buchhandels beliebt worden, denn die jungen Autoren werden sich nun in Preußen um Verleger umsehen. Dem sei nun wie ihm wolle! Mich dünkt, Gutzkow habe in der letzteren Zeit Nachrichten aus Paris, und zwar von Börne erhalten, die, wenn auch literarischen, doch auch politischen Inhalts sein mögen, denn Börne kann in seinen Mitteilungen nicht aus sich selbst heraustreten. Ob Gutzkow dergleichen – und welche – Nachrichten erhalten, weiß ich heute noch nicht gewiß, allein er äußerte so manches, was er nur von Börne er-

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fahren haben dürfte. So zum Beispiel, daß eine Kritik über die „Wally“ in Börnes Zeitschrift „la balance“ stehe; daß Börnes neueste Briefe aus Paris (in zwei Bänden) noch nicht gedruckt seien, Börne aber fortwährend sehr tätig sei etc. […] – Gutzkow ist aus seinem Gasthaus, dem „Pariserhof“ in eine Privatwohnung gezogen, ob mit Kenntnis der Polizei, weiß ich nicht. Vielleicht glaubt er es um so eher tun zu können, weil man ihn hier völlig ignoriert.

87. Konfidentenbericht, Frankfurt, 20. April 1836 Das junge literarische Deutschland ist gewissermaßen in Spannung gekommen. Gutzkow wird sich demnächst verheiraten, in Berlin Bürger werden, aber hier wohnen bleiben. Er ist froh, keinen seiner früheren Freunde hier neben sich zu wissen und ist jetzt mit der Herausgabe seiner gesammelten Kritiken, die er den veränderten Verhältnissen gemäß veränderte, beschäftigt; sie erscheinen in Stuttgart und sind in den ersten Bogen im Drucke vollendet. […] Mundt und Laube verhalten sich fern von politischen Bemühungen und nur ersterer steht mit Gutzkow in freundschaftlicheren Verhältnissen. Dennoch aber ist unter dem jungen Deutschland, wie bereits bemerkt, eine Spannung eingetreten und es sucht jeder auf dem eigenen Wege die Annäherung der Regierungen.

88. Konfidentenbericht, Frankfurt, 27. April 1836 Gutzkow ist mit Preußen in Verbindung getreten, auf dessen Interzession sein Aufenthalt hier gesichert ist […]. Gutzkow, der Gott geleugnet, hat seinem zukünftigen Oheim, Pfarrer Meidinger, seine Ansichten in Religionssachen weitläufig geschrieben und sich darin als ein reuiger Sohn der Kirche gezeigt. Meidinger zeigt nun den Brief den anderen Geistlichen, welche sich dieses Triumphes freuen. Gutzkow spielt natürlich nur den Scheinheiligen. Von Lewald, der kürzlich in Paris gewesen, erwartet er wichtige Eröffnungen, die derselbe aber nicht schriftlich mitteilen wird. Lewald wird veranlaßt werden, hierher zu kommen. Gutzkows Aufgabe ist, das junge Deutschland umzuwandeln; aber mehrere Mitglieder desselben glauben ihn durch schriftliche Äußerungen in Händen zu haben. Die liberale Sache gibt nun Gutzkow verloren, obgleich er noch neulich an Wienbarg schrieb: „Die öffentliche Meinung ist uns durch ein Mißverständnis günstig geworden.“ Börne indessen hat Gutzkow in seiner „Balance“ zu Boden geworfen und dieser Schlag mag zu Gutzkows Entscheidung beigetragen haben.

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89. Konfidentenbericht, Mainz, 29. April 1836 Gutzkow ist fest entschlossen, die bisher befolgte Bahn zu verlassen und sich um einer Sache willen nicht weiter aufzuopfern, die er als verloren ansehen müsse. Mundt und Laube sind bereits übergegangen. Kottenkamp und August Schäfer (Verfasser des höchst gefährlichen romantisch-historischen Sittengemäldes) sind auf guten Wegen, die meisten der geheimen Anhänger des jungen literarischen Deutschlands haben sich in das Dunkel zurückgezogen. Gutzkow wünscht und hofft, sich bald einer deutschen Regierung anschließen zu dürfen. Mit Börne hat Gutzkow die früher unterhaltene politisch-literarische Verbindung, seitdem er in der „Balance“ so hart mitgenommen, gänzlich abgebrochen.

90. Konfidentenbericht, Frankfurt, 8. Juni 1836 Von Dr. Gutzkow ist ein neues Buch: „Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte“ in Berlin erschienen und bereits hier verbreitet worden. Gutzkow hat den Ton sehr geändert. Unser Zensor strich in den hiesigen Blättern die Anzeige von dem Erscheinen dieses Buches. Gutzkow verfügte sich gestern zu ihm und stellte ihn zur Rede. Der Zensor berief sich auf die ihm zugegangene spezielle Weisung. Gutzkow berief sich darauf, daß das Buch in Berlin verlegt worden. Der Zensor antwortete, dies sei die Verfügung eines einzelnen Bundesstaates, die die ihm erteilte Anweisung nicht aufhebe.

91. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 11. Juli 1836 Gutzkow hat in seinen Buche „zur Deutschen Literatur 1ter Band“ der eben bei Balz in Stuttgart erschienen ist auf 82 Seiten den Menzel so furchtbar der Ignoranz bezüchtigt und bis zur Evidenz seine Unfähigkeit und seine unglaublichen Böcke zur Schau gestellt, das kein Hund einen Brocken Brot mehr von ihm annimt. Ich druckte von Gutzkow ein Werk „Zur Geschichte und Philosophie“ das er im Kerker schrieb, auch in dem Vorworte, 16 Seiten, hat er ihn gehörig die Leviten gelesen. Laube hat sich entlaubt –! Menzel muß das Bad bezahlen, das ist das Ende von Liede. Ein anderes Buch über Göthe ist von Gutzkow in Berli n erschienen; darrin ist viel Salbaderei; mir sagt es nicht zu. Dem gehen die Bücher wie die Würmer ab; eben bietet er mir einen Roman an, den ich wol nehmen werde, wenn wir handels eins werden. Gutzkow ist ein guter Wirth; in

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seiner Gefangenschaft hatte er bei mir offene Caße; der arme Kerl dauerte mich, und alle verließen ihn, weil sie ihn nicht kannten. Noth hat er also nicht in den schlimmen Tagen gelitten.

92. August Lewald an Heinrich Heine, Stuttgart, 17. Juli 1836 Gutzkow, der sich in diesen Tagen mit einem reichen Mädchen in Frankfurt verheirathet hat, hat 3 Bücher auf einmal erscheinen lassen, die bedeutendes Aufsehen machen: Göthe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte; Zur Philosophie der Geschichte, und Beiträge zur neuesten Literatur. Wir haben ihn für die liter. Uebersichten in der Europa engagirt, die er sehr anziehend liefert und die dem Blatte nun auch eine Stimme in dieser Angelegenheit verschaffen.

93. Karl Ferdinand Friedrich von Nagler an Johann Andreas Kelchner, Berlin, 16. September 1836 Auf Gutzkows etc. Börsenzeitung bin ich neugierig, und werde sie durch Hofrath Scheffler mir bestellen, sobald sie im Gange ist.

94. Eduard Beurmann: Ludwig Börne als Charakter und in der Literatur. [*1837] Paris, November 1836 Wir hatten über die Frankfurter Börsenzeitung gesprochen. Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte Börne: „Hören Sie, diese Nacht ist mir Etwas eingefallen: ich möchte ein literarisches Beiblatt zu der Börsenzeitung schreiben: etwa ein halben Bogen stark; es müßte ein Sonntagsblatt sein. Ich sage ein lite r ar is c h e s Beiblatt, über Politik kann ich unter den Verhältnissen, wie sie sind, nicht schreiben.“ Ich meinte, man würde an dem Namen Börne Anstoß nehmen und ohne diesen Namen würde das Blatt, wenigstens nicht von vorne herein, das Interesse erregen, welches man ihm wünschen möchte. „Allerdings“ – war Börne’s Antwort – „wird ein Frankfurter Senator sich an dem Namen nur zu sehr stoßen, aber andrerseits wird man vielleicht beide Augen zudrücken, indem man erwägt, daß der Name Börne unter Frankfurter Censur ein sehr harmloses Symbol ist.“

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95. Heinrich Laube [*1883]

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[…] einige Jahre später besuchte ich ihn mit meiner Frau in Frankfurt a.M., wo auch er sich verheiratet hatte. Nie hab’ ich ihn so liebenswürdig gesehn, als da neben einer anmuthigen Gattin und einer prächtigen Schwiegermutter, welche an unseren literarischen Kriegszügen den wärmsten Antheil nahm. Da sang er auch des Abends mit einer hübschen Baritonstimme und überraschte uns höchlich durch musikalische Bildung. Ach, seine damals fast heitere Hingebung an die Welt scheint nur eine Episode geblieben zu sein. Im nächsten Jahre schon machte mir seine stachelnde Polemik nach links und rechts einen so peinlichen Eindruck, daß ich auf einen seiner Briefe – wir waren im lebhaftem Briefwechsel geblieben – plötzlich antwortete: „Lassen wir unsern Briefwechsel fallen! Du bist so krakehlich, daß ich fürchten muß, nächstens fängst du auch mit mir an. Gehen wir, so weit es zulässig, freundlich neben einander her, aber vermeiden wir persönlichen Austausch, der wahrscheinlich einmal in persönliche Reibung ausarten kann.“ Seine Antwort drückte höchstes Erstaunen aus, und fragte, ob mir denn etwas passirt wäre. Es wurde aber doch so: wir schrieben einander nur noch selten, und ich fand bestätigt, daß es so besser wäre, wenn ich von seinen unaufhörlichen Streitigkeiten nichts erführe.

96. August Lewald an Heinrich Heine, Stuttgart, 27. November 1836 Auch Guzkow hat geheirathet, ein wohlhabendes Mädchen, die Enkelin des alten Meidinger in Ffurt. Da er mir die lit. Uebersichten zu meiner Europa liefert, so bin ich mit Menzel und allen Uebrigen hier zerfallen. Nun aber bin ich es mit Guzkow auch, mit dem überhaupt nicht zu leben ist, obgleich er laut Contract mit der Verlagshandlung seine Uebersichten bis July 37 noch fortliefert. Als sein Nachfolger ist Gustav Schlesier bestimmt […].

97. Ferdinand Freiligrath an Isaak Molenaar, Soest, 17. Dezember 1836 Auch Gutzkow hat diesen Sommer bei Balz in Stuttgart ein Schandbuch über die neueste Literatur herausgegeben, welches, wenn es auch sonst fast nur eine Verneinung der Menzel’schen Schrift ist, und namentlich in der Vorrede auf eine wahrhaft pöbelhafte Weise gegen den Löwen von Stuttgart zu Felde zieht, meiner nichtsdestoweniger rühmend gedenkt. Ich habe mich darüber geärgert. G. scheint mich überhaupt gewaltig in Affection genommen zu haben. Im

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8. Hefte von Lewalds Europa recensirt er das Rhein. Odeon im Allgemeinen verdientermaßen beißend (denn Hub hat aus persönlichen Rücksichten manches fade Zeug aufgenommen), mich aber lobt er und heißt mich, während er Hub einen Spatz, und Schnezler einen Finken schimpft, eine Nachtigall. Vermaledeites kritisches Unwesen!

98. Eduard Beurmann: Ludwig Börne als Charakter und in der Literatur. [*1837] Paris, Ende 1836, Anfang 1837 Gutzkow’s neueste Schriften hatte Börne nicht gelesen. Die „Briefe eines Narren an eine Närrin“ jenes Schriftstellers hatten ihn gleich Anfangs günstig für Gutzkow gestimmt, wie er sie denn auch in seinen Briefen gewürdigt hat. Ueber die polemischen Schriften des Verfassers der „Wally“ erinnerte Börne, daß die stolze Sprache Gutzkow’s gegen seine Gegner so wohl thue. „Die Deutschen, sind sie geistreich“ – bemerkte er – „treten meistentheils doch nur schüchtern auf, oder indifferent, oder endlich grob, wie ich. Nur die Dummen thun in Deutschland stolz. Gutzkow polemisirt aber, wie ein Franzose, es ist, als habe er unter Buonaparte gedient, wie Armand Carrel. Nur bin ich der Meinung, daß er viel diplomatisches Talent hat.“ – Ich wollte ihm mit einem „Aber“ in die Rede fallen. Er unterbrach mich. „Ja, es ist mit dem diplomatischen Talente ein eigenes Ding, wer das hat, der läßt es nicht unbenutzt. Besser ist es doch, es n i c h t zu haben.“ Ich erwiederte, daß sich freilich die Dinge in Deutschland sehr geändert hätten, die Massen wären zurückgetreten und die Individuen sähen ein, daß der Staat eine Realität wäre, die man nach dem Maßstab der wirklichen Erscheinungen beurtheilen müßte, die Masse hielte sich aber stets an das Negative, weil sie nur unter sich vermittelt würde, indem sie alle Scheidewände niederrisse, sie würde sich nie dem Productiven zuwenden, an die Masse zu appelliren, hielte insonderheit Gutzkow für eine Thorheit, er glaubte, eine solche Appellation wäre nur eine Aufopferung für Unerreichbarkeiten. Börne fügte hinzu: „Allerdings, die Masse in Deutschland will nur ein Schauspiel, ohne Aufopferung darf dieses Schauspiel nie sein, und hat der Schriftsteller, der der Held des Stücks ist, die Wahl zwischen der Guillotine und dem Rade, so muß er das Letztere wählen. Das ist deutscher Edelsinn. Ich will es nicht tadeln, daß die Schriftsteller klüger werden und sich vorsehen; obgleich ich der deutschen Jugend etwas mehr Leichtsinn und Schwärmerei wünschen möchte. Gutzkow hat in der Hauptsache recht, indeß die Thaten scheitern an solchen Reflexionen und ängstlichen Distinctionen.“

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99. Konfidentenbericht, Frankfurt im Januar 1837 Wenn ich unter allen jüngeren deutschen Schriftstellern einen nennen sollte, der in Paris ein Territorium finden könnte, so wäre es Karl Gutzkow. Ich flechte diese Episode in einen Artikel ein, dem sie eigentlich nicht angehört, aber jener junge Mensch ist in Wahrheit durch seine Tätigkeit, seine Rastlosigkeit, seine Entsagung und seinen Feuereifer unter allen literarischen Erscheinungen der neuesten Zeit am bemerkenswertesten. Börne, der für solche Merkmale vielen Takt besitzt, meinte, es wäre von Gutzkow viel zu hoffen, wenn man ihn doch nur aus Deutschland fortjagen oder wenigstens noch einige Zeit gegen die Frankfurter Zensur ankämpfen lassen wolle. Dies sei das beste Mittel, um einen bleibenden Groll in der Brust eines Schriftstellers zu entzünden. Ich glaube auch, daß Gutzkow am besten unter allen deutschen Schriftstellern, die sich französischen Richtungen anschlossen, die Schwierigkeiten der französischen Sprache überwinden würde, er ist ja stets im Studium begriffen und sein Stil im Deutschen trägt bereits jenes lebendige Kolorit, das die neuere französische Literatur auszeichnet. Ich kenne Gutzkow seit mehreren Jahren zu genau, um nicht fest behaupten zu können, er besitzt keine andere Leidenschaft als die des Ruhmes. Die früheren Verhältnisse seines Lebens haben ihn den Genüssen ferngehalten, er würde selbst in Paris von ihnen nichts zu fürchten haben. Aber er würde dort eine freie Atmosphäre, Lust zum Leben finden, einen Wirkungskreis; denn es gibt in der Tat nicht leicht einen so jungen Menschen, der so schnell die verschiedenartigsten Zustände auffaßt und sich ihnen zu akklimatisieren weiß. Für die Doktrinärs würde Gutzkow eine bedeutende Akquisition sein. Von seinem Gedankenreichtum, seiner gewandten Dialektik will ich gar nicht sprechen. Wie seine Ideen zuweilen auch eine über die andere stolpern, es käme nur darauf an, ihm einen Wirkungskreis einzuräumen und diese Unstetigkeit auf ein festes Ziel zu leiten, um ihnen bleibende Resultate abzugewinnen.

100. M. Cohen: Zur Karakteristik Gutzkows. [*1841] Frankfurt, Frühjahr 1837 Es war im Frühling des Jahrs 1837 als ich ihn zuerst sah; er lebte damals in Frankfurt und hatte dort den Versuch gemacht, die Handelswelt mit einer Zeitung zu befreunden, die ihren Lesern etwas Geist mehr mit in den Kauf gab, als dieß das Frankfurter Journal zu thun pflegte, und die die Begebenheiten nicht mit dem Maßstabe messen mußte, wie jenes Blatt, dessen Vignette, der Reiter der nicht vorwärts kommt, ein so altgewordenes Bild des status quo ist. Dieser

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Versuch war mißglückt, und Gutzkow redigirte nur noch den Telegraphen, der für Belletristik und ihr Verwandtes ein glücklicheres Organ werden zu wollen schien, als dieß mit der Politik im Börsenblatte der Fall gewesen war. – Ich mußte lange suchen, ehe ich seine Wohnung fand; lieber Himmel, dachte ich, dieses Mannes Schriften haben großes Aufsehen gemacht in deutschen Landen, Menzel hat Blitze in beträchtlichster Quantität gegen ihn geschleudert, ein Bundesverbot hat ihn getroffen; in Paris würde er schon lange ein „Löwe“ geworden seyn und könnte sich schier für Geld sehen lassen, und in der Straße, wo er wohnt, wissen die nächsten Nachbarn nichts von ihm. Endlich ward ich doch zu ihm gewiesen, ich fand ihn ganz anders, als ich mir ihn gedacht hatte. Einen jungen Mann von imponirendem Wesen, feurigen Blicken, schneller zuversichtlicher Rede hatte ich ihn mir vorgestellt, und ich traf einen schmächtigen, blauäugigen Menschen, der fast so schüchtern war, als ich selbst, und der ohne den dünnen, kümmerlich wachsenden Schnurrbart viel Aehnlichkeit mit einem Kandidaten der Theologie gehabt hätte, dem eine nicht mehr ganz junge Braut, der Honoratiorenklubb, die Tabakspfeife und die Gunst des Herrn Superintendenten so ziemlich die höchsten Güter dieser Erde sind. Doch saß man ihm länger gegenüber, dann konnte man Spuren seiner geistigen Kraft in den blauen Augen, in dem Lächeln um den feingeschnittenen Mund lesen; seine einfachen Worte hatten etwas Klares, Gewinnendes. Er schilderte mir Stuttgart, wohin ich zu gehen gedachte, als eine liebe, freundliche Stadt, und trug mir die herzlichsten Grüße an Lewald auf, dem er mich empfahl.

101. Franz Dingelstedt an Moritz von Bardeleben, Kassel, 10. August 1837 Ich war drei Wochen im Taunus, am Rhein, zu Frankfurt – kurz in der Welt. Freund! mir ist die Seele aufgegangen. Ja! das ist ein Land, wo die Natur für die Menschen dichtet, verfallene morsche Elegieen in den Ruinen des deutschen Mittelalters, und lustige Lyrik im bewegten, rauschenden Treiben der Gegenwart. Ich habe auch in Frankfurt eine herrliche Ruine gesehen, die eine rohe Vandalen-Faust zerschmissen hat. Die Ruine heißt Carl Gutzkow. Welch’ ein Mann! Wir kannten uns durch Briefe, jetzt haben wir einander lieben lernen! Ein Herz, in dem es so wüst und zerrissen aussieht, wie es uns Heine gern von dem seinigen weismachen möchte, das aber darum nicht klagt und greint, sondern mit seinem Leid ringt und durch all’ den Druck und die Asche, die sie darauf geworfen haben, seine Blüthen treibt. Blüthen aus Trümmern.

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102. Karl Immermann, Tagebuch, Frankfurt, 18. September 1837 Mit dem Aufsuchen der literarischen Figuren ist es mir schlecht gegangen. Der Dr. Duller war gar nicht hier, sondern in Darmstadt. Nach dem jungen Deutschland Gutzkow lief ich mehrere Stunden vergebens umher, immer hieß es: dieser Herr wechselt sehr oft das Quartier. Endlich fand ich das Haus, da war er – zwar nicht wieder ausgezogen, aber ausgegangen, und die Magd sagte: Von diesem Herrn weiß man nie, wann er wiederkommt.

103. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 22. Oktober 1837 Gutzkow ist ein ungewöhnlicher Mensch, mit ungeheurem Wißen und einer Thatkraft, die beispiellos ist. – Er ist aber nicht der Coloß, sondern mehr Rechenmeister, der jede Aufgabe, in klaren Formeln aufzulösen im Stande ist. Ich achte und schätze ihn, von vielen Seiten, besonders aber auch von der, daß er ein redlicher Geschäftsmann ist. Oft lieh ich ihm, streckte vor, aber nie währte es 3 Monat, wir waren Saldo. […] […] Gutzkow ist am 10ten d M. nach Weimar, Leipzig und Berlin gegangen, wo er seit 1834 nicht war. steckt man ihn ein? – Er will wißen, woran er ist! Am 16ten schrieb ich ihm nach Berlin; dieser Brief ruft ihn zu mir. Ich will ein Journal – ein Organ – haben. Er soll es schreiben, aber h i e r schreiben. Sein Telegraph – nach meiner Ansicht, das beste ietzt bestehende Journal, das in Frankfurt erscheint, verlegte er selbst, aber er hatte nur 210 Abonenten und verlor viel Geld daran. Er klagte mir das; auch gefällt er sich in Frft nicht. – Ich biete ihm so, das er sich wahrscheinlich übersiedeln wird. Ihm ist ein Journal Bedürfniß, sosehr, wie dem Fisch das Waßer. Der Telegraph wird Sie ebenso, wie mich, intereßieren; laßen Sie ihn für 1 8 3 7 für die Lesegesellschaft anschaffen. Keiner ist so mit allen Cliquen bekannt als er und keiner rüffelt sie schärfer. Natürlich sind die Intereßen der jungen Liter. darin vertreten. […] Gutzkow kömmt hierher; und der Telegraph erscheint v 1838 bei mi r Haben Sie etwas in den Curs zusetzen, dann steht Ihnen das Blatt zu Befehl! –

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104. Konfidentenbericht, Frankfurt, 29. Oktober 1837 Dr. Gutzkow wird sich in Hamburg niederlassen. Er schließt sich wieder mehr an Campe an, dessen Gesinnungen hinlänglich bekannt sind. Der bis jetzt noch hier erscheinende „Telegraph“ wird von Neujahr an im Verlag von Hoffmann und Campe in Hamburg erscheinen. Beurmanns Namen wird der Telegraph alsdann nicht mehr tragen, aber auch nicht den Gutzkows, sondern es wird ein anderer Redakteur genannt werden, Campe aber nicht ohne Einfluß auf das Blatt sein. Gutzkow gefiel sich in seinen hiesigen Verhältnissen nicht mehr und mit Beurmann steht er auch nicht mehr in den intimsten Verhältnissen, mit der Zeit dürften sie ganz zerfallen.

105. Theodor Mundt an Ferdinand G. Kühne, Berlin, Ende Oktober 1837 Ich hatte Dir längst schreiben wollen, meine Freistunden nahm in der letzten Zeit die Anwesenheit Gutzkow’s in Anspruch, gegen den ich natürlich den Berliner Wirth zu machen habe. Ich war anfangs erstaunt, ein so abgemattetes und abgeschwächtes Männchen in ihm wieder zu finden; das Gebückte war ihm zwar schon vor zwei Jahren eigen, als ich ihn in Frankfurt kennen lernte, aber er war damals noch frischer, piquanter und ritterlicher, so zu sagen. Am vorigen Dienstag habe ich ihm zu Ehren im Englischen Hause ein Diner von 20 Gedekken veranstaltet, da ich überhaupt der Meinung bin, daß auch um der Ehre des deutschen Literatenstandes willen, den ich in Berlin immer zu heben gesucht, dergleichen häufiger geschehen sollte. Aber man ist hier allgemein erstaunt, Gutzkow so zu finden, wie er sich giebt, und dieser Eindruck ist um so nachtheiliger, da Gutzkow selbst so viel auf Physiognomik hält und als Kritiker Jeden verurtheilt, dessen Fratze ihm im Leben nicht behagt hat. Ich bin der Einzige, mit dem er hier viel umgeht, und habe nie den Kern seines Wesens verkannt, fürchte aber, daß derselbe sich jetzt schon bedeutend abgeschwächt hat. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre haben ihn gar zu sehr zerknirscht, und die Milde des häuslichen Lebens hat dazu beigetragen, ihm den jetzigen lauwarmen Firniß zu geben. Dazu kommt seine große Kränklichkeit. Seine Besuche bei den Herren von Tzschoppe und von Rochow sind günstig ausgefallen, man hat ihn freundlicher aufgenommen, als er sich denken konnte und ihm gesagt, daß „seine Zukunft davon abhänge, wie er sich in der Gegenwart zeige.“ Sein gemäßigtes und Concessionen machendes Auftreten in der letzten Zeit, hat hierzu ohne Zweifel die besten Einleitungen getroffen.

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106. Zeitungskorrespondenz aus Berlin, 14. November 1837 Nachdem Karl Gutzkow drei Wochen in unserer Mitte gewesen ist, wird er, wie man hört, nach Hamburg reisen. Er bewegte sich hier fortwährend in literarischen Kreisen, verkehrte mit Bettina, Varnhagen, Gans und nahm an einigen Festmahlen Theil, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden. Schon am zweiten Tage nach seiner Ankunft feierte ihn ein engerer Kreis von Literaten und Arthur Müller brachte den Toast: „Dem, der nie gewankt!“ Gutzkow hütete sich wohl, in diesem Sinne zu erwiedern; wie man ihm denn nachsagen muß, daß er mit vieler Besonnenheit seine hiesige Stellung auffaßte, sich vor Stichreden und Uebereilungen hütete und namentlich jeden Schein vermied, als nähme er eine besondere Hingebung und Beistimmung zu seiner eigenthümlichen literarischen Stellung in Anspruch. Als Mundt bei einem Festessen im englischen Hause, an welchem etwa zwanzig Literaten Theil nahmen, Gutzkows Schriften Th at en nannte, ließ Gutzkow soviel Ehre nicht auf sich sitzen und sagte: „Wenigstens sind meine Schriften nicht solche Unthaten, wofür manche sie ausgegeben haben!“ Gutzkows Art, sich zu geben, ist äußerst harmlos. Theilnehmend sich jedem Streben zuwendend, vermeidet er, die Gesellschaft dominiren zu wollen. Seinem reflectiven Wesen entspricht es, daß er fast immer das Haupt neigt und weit mehr ein Schalk scheint, als ein wilder Terrorist. Seine Lieblingswendung ist die Ironie, die er mit großer Feinheit anzuwenden versteht und die recht sprechend an den wunderlich gemischten Charakter erinnert, der in seinen Schriften herrscht. Da er nach Hamburg geht, so hoffen wir ihn öfter bei uns zu sehen. Von dem Telegraphen, für welchen er sich nur als Mitarbeiter bekennen will, erwartet man im nächsten Jahre einen kräftigen Aufschwung. Die Besonnenheit, mit der aber dies Blatt bisher redigirt wurde, läßt erwarten, daß er sich nach wie vor in den Gränzen einer Achtung die einmal den Rücksichten zu zollen ist, bewegen wird. Hier wird er in vielen Exemplaren gelesen.

107. Karl August Varnhagen von Ense, Tagebuch, Berlin, 16. November 1837 Dr. Gutzkow war lange bei mir und erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er hat immer schlechte Verbindungen gehabt, und besonders sind die schlecht, die er für gute hielt oder noch hält. Talent und Gewandtheit hat er genug, aber sein Wesen flößt mir kein Vertrauen ein; er geht zu sehr auf äußere Zwecke und Wirkungen, und könnte zum Besten seiner Person unbedenklich zwanzig andre Persönlichkeiten aufopfern. Ich flöße ihm auch kein Zutrauen ein, und so sind wir miteinander fertig.

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108. Bettina von Arnim [*um 1852]

Berlin, November 1837

Gu tz k ow, der so sehr gegen Schleyermacher geschrieben, ja sogar seine Luc in d is c he n Briefe wieder hervorgeholt hatte, um ihn zu demütigen, kam auf seiner Durchreise zu mir. Ich nahm ihn an – obgleich ich im Schlafrock war –, damit er nicht dächte, ich w o l l t e ihn abweisen. Das sagte ich ihm und er freute sich: „daß ich nicht so beharrlich wie seine übrigen Gegner in meinem Haß gegen ihn sei“. Ich hielt ihm sein Unrecht so vor, daß er ganz erschüttert war, und sagte ihm, daß Schleyermacher allerdings die Briefe geschrieben, daß er aber darauf erst der edle, vortreffliche Mensch geworden sei, als den ich ihn gekannt, und daß er selbst (Gutzkow) wissen müsse, daß das Urteil der Menge und das Sichtbare nicht immer den eigentlichen Wert begründe. Er schied gerührt und erfreut von mir und seine nachherigen Schriften haben mir bewiesen, daß ich nicht erfolglos gesprochen. – Savigny tadelte mich hart, daß ich einen so verworfenen Menschen aufnehmen konnte; ich sagte ihm aber: „Savigny, wir haben Zaubermittel in uns, die wohltätig auf andere wirken können – die Güte, die sich ganz vergißt, um andern wohlzutun, ist eines derselben; ich habe mein Zaubermittel gebraucht, vielleicht hilft es! Nennen Sie das Unrecht?“

109. Konfidentenbericht, Frankfurt, 30. November 1837 Von Gutzkow ist denn endlich der neue Roman „Seraphine“ hier angekommen. Er hat eine philosophische Tendenz und ist mit Berliner Verhältnissen durchwebt. Namentlich ist der jüdische Literat Dr. J. Jakobi, welcher stets den Verfolgungen Gutzkows ausgesetzt ist, als preußischer Agent darin geschildert, und zwar in einer Unterredung mit dem Minister. Gutzkow scheint sich in Hamburg für den Telegraph doch nicht sehr viel zu versprechen. Er fürchtet immer noch ein von seiten Preußens ausgehendes Verbot und Dr. Beurmann ist deshalb auch nicht in der neuen Annonce unter den Mitarbeitern des „Telegraph“ genannt, weil dieser mit seinen „vertrauten Briefen“ so großes Mißfallen in Berlin erregte.

110. Karl August Varnhagen von Ense an Rosa Maria Assing, Berlin, 15. Dezember 1837 Dr. Gutzkow traf mich hier fast immer unwohl und hatte überhaupt keinen Zug zu mir. Mir tat es leid; ich hätte ihm vielleicht in mancher Art nützlich sein können, wobei er sich freilich aber jeder Empfindlichkeit hätte entäußern müs-

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sen. Gedenke du, liebe Schwester, dessen, was wir mündlich in Hamburg besprachen, und erinnere auch die Kinder (Ottilie und Ludmilla), daß die jungen Leute untereinander nicht Freunde sondern Gegner sind, die man einander nicht preisgeben darf. Ich höre nämlich, daß Dr. Gutzkow sich an dich eine Empfehlung hat geben lassen, und auch daher wahrscheinlich besucht.

111. Heinrich Heine an Julius Campe, Paris, 19. Dezember 1837 Was Sie mir in Betreff Gutzkows schreiben, freut mich. Der Telegraph ist jedenfalls eine nützliche Acquisition für Sie; Sie haben jetzt Ihr Journal und den besten Journalisten zur Redakzion. Gutzkow ist das größte Talent, das sich seit der Juliusrevoluzion aufgethan, hat alle Tugende die der Tag verlangt, ist für die Gegenwart ganz wie geschaffen; der wird mir noch viele Freude machen, nicht eben direkte Freuden, sondern indirekte, indem er meinen Feinden alles mögliche Herzleid verursachen wird. Ich möchte den Göttern ein Dankopfer bringen, daß sie den Gutzkow erfunden haben. Wenn er nur nicht so irreligios wäre! Das heißt, wenn ihm der heilige Schauer, den uns die großen Männer, die Repräsentanten des heiligen Geistes, einflößen, nicht ganz fremd wäre! Der hat nicht einmal Ehrfurcht vor mir; – aber so muß er seyn, sonst könnte er sein Tagewerk nicht vollenden.

112. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 31. Dezember 1837 Gutzkow ist seit 6 Wochen hier. Vom Telegraphen sind 8 N° fertig und 6 ausgegeben. Aller Anfang ist schwer, besonders in Deutschland; – doch bin ich mit den festen Bestellungen zufrieden, die bis ietzt eingingen; geht es so von allen Seiten, wie wir es theilweise ietzt schon übersehen können: dann machen wir ein glänzendes Debut. Jedenfalls nimt unser Journal eine Achtung-gebietende Stellung an und Gutzkow ist ganz der Mann dafür, eine solche zu erwerben und zu behaupten.

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3. Telegraph für Deutschland

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I. 113. Levin Schücking [*1886] Das Journal, welches damals am rührigsten und mit der eifrigsten Hingabe, mit der rücksichtslosen Ueberzeugungstreue, die sich nicht darum kümmert, ob sie sich mit jedem Schritte Feinde und Widersacher erweckt, die modernen Ideen vertrat, war Karl Gutzkows Telegraph. Ich sandte ihm Beiträge, welche bereitwillige Aufnahme fanden, und ich wurde für lange Zeit regelmäßiger Mitarbeiter an diesem Journale; und da mein Talent weder stark noch reif genug war, um eigene Schöpfungen von Erheblichkeit hervorzubringen, kritisirte ich mit der neidenswerthen Naivetät meiner grünen Jugend und mit einer so dilettantenhaft gewonnenen Bildung die Schöpfungen Anderer; heute danke ich den Göttern, daß der rasche Schritt der Zeit alte Journale vom Jahre 1838 in das vollständigste Nichts hinuntergestampft hat, und daß die Menschen leben wie die Goldfische in einer Fontaine, daß beständig das alte Literaturgewässer von ihnen abfließt und ihnen neues zuströmt. Doch nahm Gutzkow meine Beiträge gern und entfernte die jugendlichen Auswüchse meines Stils, und da ich vor seiner geistigen Ueberlegenheit und seinem heiligen Feuereifer für die Interessen der Literatur, vor dem sittlichen Ernst, womit er für seine Ueberzeugungen kämpfte, einen großen Respect hatte, traten wir in die besten und lebhaftesten Beziehungen zu einander. Und diese Beziehungen waren mir nur wohlthuend. Gutzkow orientirte mich in der mir fremden Schriftstellerwelt, und seine Schneidigkeit gab mir Eisen in’s Blut. Das Schauspiel der Kämpfe aber, in welche er mit der verletzten Eitelkeit so mancher von ihm ecrasirten winzigen Tagesgröße gerieth, bestärkten mich in der Scheu vor dieser Welt, in der ein Gutzkow, der denn doch wie ein Gigant in ihrer Mitte stand, auf so viele hämische Angriffe und Feindseligkeiten stieß. So freut’ ich mich zwar, wenn er später mich versicherte, wie er sich „zu dem eigenthümlichen Geist, der aus all meinem Thun und Lassen spreche“, innigst hingezogen fühle, aber wenn er dabei es seinen Lieblingswunsch nannte, den Telegraphen einmal mir, dem er allein den Tact und die Umsicht, die dazu erforderlich seien, zutraue, zu übergeben, sobald er sich von der Lenkung zurückzöge, so dankte ich ihm doch herzlich für eine solche Cession, die in meinen damaligen Verhältnissen sehr viel Verlockendes hatte. Die Lebenskunst ist eben Abwehr alles dessen, was uns aus unseren eigenen Geleisen heben will, und bevor ich diese Kunst besaß, hatte ich ihren Instinct.

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114. Karl Goedeke [*1879] Ich hatte in früheren Jahren hin und wieder Antheil an seinem Telegraphen genommen, wenn es die Gelegenheit mitbrachte, für hannoversche Leser ein Wort zu sagen, das innerhalb des Königreichs nicht gedruckt werden konnte und nur in Hamburger Zeitschriften auf norddeutsche Leser zählen durfte. Der Hamburger Correspondent, die Blätter der Börsenhalle, der Telegraph versammelten damals, zur Zeit des hannoverschen Verfassungskampfes, alle größeren oder geringeren Kräfte, die sich der rechtsbrüchigen Gewaltherrschaft entgegenstellten. Auch die der Nachbarstaaten. So hat selbst Jacob Grimm einmal durch mich den Telegraphen aufgesucht, um eine pikante Bemerkung über hessische Zustände an die Oeffentlichkeit zu bringen. Man trat deshalb noch nicht für die leitenden Gedanken jener Blätter ein; man wollte nur für die eigenen Mittheilungen einstehen, unbekümmert um das, was in unmittelbarster Nähe derselben behauptet oder bestritten, gelobt oder getadelt wurde. Neben Fr. Hebbel erschien Emanuel Geibel mit Beiträgen, für die sonst keine Stätte zu finden war, neben Levin Schücking, Hermann Detmold und Albert Oppermann. Von Partei- oder Cliquenwesen war keine Rede, aber eine freundliche persönliche Annäherung fand statt, die auch wohl in Briefen über die eigentliche redactionelle und mitarbeiterische Correspondenz hinausgriff. Ich besitze noch eine Anzahl Gutzkow’scher Briefe aus jenen Jahren, finde jedoch in keinem derselben auch nur einen Versuch, Einfluß auf mich zu gewinnen, um mich, den Jüngeren, für Parteizwecke in Thätigkeit zu setzen.

II. 115. Konfidentenbericht, Frankfurt, 2. Januar 1838 Gutzkow bekämpft in den neuesten Nummern des nun in Hamburg erscheinenden „Telegraph von Deutschland“ die Bestrebungen des Erzbischofs von Köln und die römische Hierarchie, um bei Preußen einen Stein im Brett zu gewinnen.

116. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 2. März 1838 Gutzkow habe ich vermogt gegen Görres Athanasius zu schreiben. Wie er Görres Buch eben zu lesen begonnen zeigte er mir an, er würde dagegen schreiben; am Mittag hatte er es aber schon aufgegeben. Ich verarbeitete das Thema bei

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mir selbst; ging den Abend zu ihm und bestimmte ihn, loszugehen. Die Gelegenheit zum Volke zu reden ist zu günstig, und besonders günstig in der ietzigen relig. Stellung, auf Tendenzen zu kommen, die sonst schwerlich hätten berührt werden dürfen. Ich sehe es kommen, er, Gutzkow, ladet sich die ganze katholische Meute auf den Nacken. –: sie mag kommen durch die Gegenrede können wir noch mehr an den Mann bringen, wie wir in der ersten Schrift wagen dürfen. Die Preußen werden keine Narren seyn, dem Büchlein Hinderniße zu legen.

117. Johann Hermann Detmold an Heinrich Heine, Hannover, 9. März 1838 Noch einmal von der Litteratur: es sieht jämmerlich drin aus; der von dem ich viel, sehr viel hoffe ist Gutzkow, ein Gott gegen Mundt gerechnet; dazu ist G. ein geborener Feldherr. Die dumme Geschichte vom jungen Deutschland hat, ich kann sagen, u n s Alle, um viele Jahre zurückgebracht, da die Ängstlichen nur noch ängstlicher dadurch geworden sind und sich abgewendet haben, Gutzkow frißt sich aber sehr leuchtend durch: ich hoffe sein Telegraph wird ein großes Publikum gewinnen, und gerade deshalb (d.h. um ihm das Publikum zu gewinnen) sollten Sie ab und an etwas drin geben: denn hat G. erst einmal ein großes Publikum, so ist seine und seiner Partei Stellung gesichert.

118. Konfidentenbericht, Frankfurt, 27. März 1838 Gutzkows Schrift gegen Görres, welche gestern hier ankam, findet viele Leser. Sie ist mit Verstand geschrieben, doch ist Gutzkow am wenigsten der Mann, für das Christentum und Konsequenz zu sprechen. Das Merkwürdigste in der Schrift ist, daß er Preußen auf seine „Bestimmung“ hinweist und an das Versprechen einer Konstitution erinnert! Die Hauptfrage bleibt nun die, wie Gutzkow mit der preußischen Regierung steht. Dann erst läßt sich über die Bedeutsamkeit solcher Äußerungen schließen.

119. Konfidentenbericht, Frankfurt, 28. März 1838 Gutzkows Schrift gegen Görres wurde hier von den Liberalen gut aufgenommen, weil sie durchaus nicht unbedingt im Interesse Preußens abgefaßt ist, sondern demselben bittere und schneidende Wahrheiten mitunter sage.

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120. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 4. April 1838 Gutzkow ist ganz der Mann, den Sie brauchen können; aber er ist kein Kind, der weiß sehr wohl was er thut. Wenn ich bohre, was antwortet er –: Heine kann mir einen Beitrag geben; schon Ihnen zu liebe, Ihr Unternehmen zu fördern, s ollt e er es, freiwillig thun; denn der Telegraph kann ihm nützen und dankbar seyn. Und dann hat er auch Motiv dazu! Ja er meint Sie brauchten kein Journal, kein Risiko das Ihre Zeit Ihnen raubte der Telegraph stände ganz zu Ihrer Disposition, wo Sie um sich hauen könnten wie Sie es wollen. Ich finde das freundlich gegen Sie gesonnen, und wie lange wird es währen, bemeistert er sich der Kritik ganz, denn ietzt ist es anerkannt schon das der Telegraph das frischeste Blatt Deutschlands ist.

121. Konfidentenbericht, Frankfurt, 25. April 1838 Dr. Gutzkow geht in acht Tagen nach Hamburg zurück, um die Redaktion seines „Telegraph“ wieder zu übernehmen. Er ist mit der dortigen Zensur zufrieden, will aber nicht öffentlich gesagt haben, die dortige Zensur sei freier als die hiesige, weil Preußen seinem „Telegraph“ noch zu sehr auf dem Nacken sitze und gleich mit einer Note an die Hamburger Regierung bei der Hand sei. Gutzkow möchte gar gerne preußisch gesinnt sein, aber er sieht, daß es nicht geht und so will er die Zügel schießen lassen und seinem Genius vertrauen.

122. Konfidentenbericht, Frankfurt, 1. Mai 1838 Dr. Gutzkow wird, sobald er nach Hamburg zurückgekehrt ist, ein zweites Buch über das kirchliche Zerwürfnis schreiben, aber, wie er sagt, von einem unabhängigeren Standpunkt aus. Wie er gegen Preußen gesinnt ist, läßt sich daraus abnehmen, daß er Zander, den Redakteur der neuen Würzburger Zeitung, beneidet, daß dieser unter dem Deckmantel kirchlicher Verhältnisse seine Galle gegen Preußen auslassen kann. Gutzkow fand sich aber doch in seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß der königlich preußische Major von Radowitz, Mitglied der Bundes-Zentralkommission, ihn durch einen Dritten um ein Autograph bitten ließ. Gutzkow betrachtet gleichwohl Herrn von Radowitz als einen argen Gegner.

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123. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 9. August 1838 Einliegend werden Sie ein Schreiben Gutzkows empfangen, wenn er es vor Abgang der Post für Sie sendet, sonst folgt es morgen nachträglich. Was er will? – Hören Sie es, urtheilen Sie, und sprechen Sie dann Ihre Entscheidung aus. […] Gutzkow hatte die Nachrede gelesen, bedauerte es, nicht auch das Werk selbst, das mir zur Messe gesandt wurde, gesehen zu haben. Es kam zurück; ich gab es ihm, ließ es mir gestern von ihm abholen und sandte es gestern Abend an eine Druckerei nach Grimma. Es ging dahin ab. Gestern hatte ich, durch einen Reisenden verhindert, den ich herum führen mußte, ihn nicht gesehen. Am Abend ging ich zu ihm. Dr Wiehl war gegenwärtig; – ich fragte ihn, was er sage? Er zögerte mit seiner Antwort, ich sagte nun? und rückte ihm zu Kleide. Er begann folgender Weise. „Campe, macht es Ihnen viel aus, wenn Sie das Buch nicht bringen?“ Was soll diese Frage! – „Ja, sagte er, wenn Sie Heine ruinieren wollen, so drucken Sie das Buch i e t z t !“ – Darauf erwiderte ich, daß ich Ihnen manches Opfer gebracht und gerne jedes andere brächte, wenn Ihre Stellung es verlangte; ebenso hinge meine Seeligkeit nicht an dem Erscheinen dieses 2ten Theiles; er möge, wenn Si e e s wünschten, ungedruckt bleiben! Doch müßte ich um Eins bitten: daß er Ihnen schriebe; wie es seine Pflicht wäre, wenn er Sie schätze und Sie im Begriff sähe, eine gewagte oder mißliche Handlung zu begehen. Er versprachs und bedauerte nur, Sie nicht eine Stunde sehen und sprechen zu können, um Sie mit allem bekannt zu machen, wie die Act i en i et z t stehen. Ja, er meinte, er würde dann auf das wohlthätigste auf Sie anregend wirken können, so daß wir uns ganz Ihrer würdiger Publikationen zu erfreuen haben würden. Lächeln Sie, lieber Heine, nicht darüber, über dieses Vertrauen, das er in sich selbst setzt! Kennten Sie die Wärme, die ü ber zeu g end e, ergreifende Gluth, den heiligen Eifer, mit dem er zu Werke geht: Sie würden darin keine Vermeßenheit erblicken, sondern ihm willig die Kraft zu befruchten, einräumen. Mit der größten denkbarsten Bescheidenheit, fast jungfräulich, rein von aller Anmaßung geht er so zu Werke, daß Sie, ich – keiner auf dem Erdenrunde der ihm gegenüber steht, sich gemeistert sieht. Eher ist es, als wenn das Fatum, das Schicksal, zu uns spricht. Es ist etwas Geisterhaftes das aus ihm redet und Einem es kalt über den Rücken rieseln läßt. Er selbst fühlt dabei nichts, sieht nichts, ist nur mit seiner Sache beschäftigt und wie begeistert; aber mild, freundlich referierend; n i c h t s vo n e i n e m beß er Wi ß end en Sch u lmeister ton! Daß er es grundehrlich überall und speziell hier mi t Ih nen meint, dafür laß ich meinen Kopf zum Pfande. Keiner in Deutschland kennt alle die Umtriebe in der Literatur, wie er, aber keiner benutzt sie zu seinem Vortheil weni-

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ger, als er. Er ist ein Ritter der Wahrheit, der daher die dümmsten Streiche macht; wie selbst bei Ihnen, daß er in solche Dinge sich mischt, die Sie vielleicht gegen ihn stimmen werden. Aber was er Ihnen auch schreiben mag, prüfen Sie’s mit Ernst! […] […] Mit Gutzkow habe ich heute Abend ein Unternehmen ausgeheckt, das für die Intereßen der Literatur von Wichtigkeit seyn wird; nämlich ein Jahrbuch der L ite r atu r, das im October d J ausgegeben werden soll und künftig alle Jahre folgen wird. Wir haben Journale, Monats- und Quar talZeitschriften genug – Was diese sich erlauben, wißen die zur Fahne gehörenden zur Genüge. Das Jahr b u c h soll in letzter Instanz entscheiden, die Acten mustern, zB wie bei Ihnen, die gebührende Stelle, Pfitzern, Ruge etc gegenüber sichern! Ihre Nachrede würde hierin ganz am richtigen Platze sich befinden. Gutzkow trug mir auf, das Ihnen zu sagen. Rosenkranz, Jung, Wiehl, König Riedel Daumer, Schüking, Dingelstaedt etc geben Beiträge. Die Uebersichtlichen Artikel von 1830 an giebt Gutzkow. Der sogenannten jungen Literatur wird Nutzen dadurch werden Wienbarg wird was geben. Mundt und Laube werden nicht eingeladen –, überhaupt nur die, die wir für befähigt halten und von den Cliquenwesen rein sind. Ihren Aufsatz hätte Gutzkow dafür gar gerne – oder wollen Sie einen andern geben?

124. Heinrich Heine an Julius Campe, Granville, 18. August 1838 Gutzkows Brief setzt mich in die außerordentlichste Verlegenheit. Was soll ich thun! Morgen will ich ihm antworten. Die Gedichte darf ich jetzt nicht drukken wenn ich nicht von vorn herein mit Gutzkow in die peinlichsten Mißverständnisse gerathen will. Soll ich Ihnen meinen ganzen Gedanken vertrauen, aber Ihnen, so will ich mich so ehrlich und naiv als möglich aussprechen: An dem ganzen Buch liegt mir nichts, es liegt mir nichts dran daß es erst später in der Gesammtausgabe gedruckt wird und durch diesen Aufschub bringt eigentlich mein Herr Verleger Julius Campe ein Opfer – nicht ich. […] […] Was Sie mir über ein Jahrbuch der Literatur sagen, gefällt mir. Ich will gern dazu einen Beytrag geben und vielleicht wähle ich dazu einen Stoff der dem Buch gleich die außerordentlichste Vogue giebt. – Morgen schreib ich an Gutzkow. Ich liebe ihn sehr, aber auch ihn soll der Teufel holen, nur in gelinderer Manier und mit dem gehörigen Respekt; denn er ist ein sehr vornehmer Sünder. Nergelt die ganze Welt und provozirt überall Feindschaft, selbst da wo mit ruhigem Abwarten und mit 3 Gran Geduld die wichtigste Freundschaft und

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Bundesgenossenschaft zu erwarten stand. Morgen schreib ich ihm; jedenfalls sollen Sie ihm schon heute in meinem Namen danken, für das Interesse das er mir widmet.

125. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 26. August 1838 Gesagt habe ich Ihnen ja wohl, daß das Buch der Lieder in Preußen angekündigt werden darf? Ebenso Gutzkows Seraphine und mancherlei von Mundt; dennoch erhielten wir von Preußen, vor 14 Tagen, ein diplomatisches Rescript; wir sollten für Aufsätze von Gutzkow Beuermann etc uns der preuß. Recensur unterwerfen –, oder man würde uns verbieten. Gutzkow wird also künftig unter seinen Aufsätzen seine Chiffer weg laßen. Wir antworteten, daß wir künftig seinen Namen nicht mehr aufnehmen würden; die Recensur würde uns unmöglich, weil die Erscheinung an gewiße Tage und Stunden gebunden wäre, wenn auch nichts gestrichen, würde die Verzögerung dem Blatte ein Ende machen. – So muß man devot scheinen, gehorsam seyn! Sie sehen, lieber Heine! welches ängstliche Volk diese Preußen sind, wie hartnäckig sie auf eine Marrotte bestehen. Wären doch erst die 5 Jahre zu Ende, welche sie dem jungen Deutschland gestellt haben! – Mein Verkehr leidet am meisten darunter. Die letzten 3 Meßen sind die schlechtesten, die ich jemals gemacht habe. Gutzkow wird mir Börnes Leben schreiben; auch werde ich einen Nachlaß oder sonst etwas von ihm zusamenbringen […]. […] Lebrun sagte mir, Immermann würde im Septbr hierher kommen; ich werde ihn bei dieser Gelegenheit kennen lernen. Proben von einem seiner ungedruckten Produkte sind in einem Oldenburger Blatte abgedruckt, ich sah sie nicht. Gutzkow ist aber sehr damit zufrieden, der überhaupt auf seine Prosa gut zu sprechen ist. Das Werk trägt den Titel Münchhausen.

126. Karl Immermann, Tagebuch

Hamburg, 9./10. Oktober 1838

Das Merkwürdigste unter meinen hiesigen Begegnungen war, daß ich mit dem hier residirenden jungen Deutschland fraternisirt habe, nämlich mit Gutzkow und Wienbarg. ‹ …› Ich schickte Gutzkow meine Karte, ließ anfragen, wann er zu sprechen sei, und muß ihm das Zeugniß geben, daß er sich bei unserer Zusammenkunft sehr vernünftig betragen hat. Er verhehlte seine Empfindlichkeit nicht, die er gehabt, setzte aber hinzu, daß bei ihm die Sache ausgeglichen sei, und daß er nur wünsche, sie auch vor dem Publico in Ordnung zu bringen, da-

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mit nicht meine Stimme von seinen Feinden wider ihn gemißbraucht werden möge. Er war sehr offen über sich und sein Schicksal, und schilderte letzteres als das eines Verfolgten, Beistands- und Anhaltslosen nicht beneidenswerth. Seine Aeußerungen waren glasscharf und schneidend, wenn man will, ohne Liebe und Gemüth, zeugten aber von Wahrhaftigkeit, Verstand und Penetration. Er hat ein schmales Gesicht, schmale, feine Lippen, eine Röthe auf den Wangen, die ich für hektisch halte, helle Augen, und geht gebückt, obgleich er erst sieben und zwanzig Jahre alt ist. Ich durfte mir in dem Gespräch mit ihm nichts vergeben. So that auch er. Unsere ganze Unterredung hatte die vornehme Haltung einer Tractatschließung kriegführender Mächte, bei welcher aber Aufrichtigkeit von beiden Seiten obzuwalten schien. Das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist, daß er in seinem Telegraphen nach den in den oldenburger Blättern mitgetheilten Proben des Münchhausen, vor dessen Erscheinen darauf als auf ein sehr witziges und geistreiches Buch hingewiesen hatte, was ich erst in Hamburg erfuhr. Abends war ich mit ihm bei Lebrun zu Tische und kam mit ihm in eine inhaltreiche Debatte über Grabbe. Er sprach seinen Abscheu vor dieser zerfahrenen Natur aus und sagte, am meisten widere ihn an, daß Grabbe so ohne alle Liebe, ohne alles Bedürfniß nach Anderen gewesen sei. Dies konnte ich nicht ganz zugeben, indem ich aus meiner eigenen Geschichte mit ihm anführte, Grabbe’s Zuneigung sogar im höchsten Grade eine Zeit lang besessen zu haben, daß nur aber Liebe und Neigung wie Alles in ihm des sittlichen Haltes entbehrt habe. – Er versetzte hierauf: Auf das, was man Sittlichkeit nenne, komme es ihm bei einem Menschen zuvörderst nicht an, er halte sie meistens für etwas Angeeignetes, Conventionelles, sondern darnach frage er bei einem Menschen, ob er das Gefühl habe, nicht allein zu sein in der Welt, ob er den Societätstrieb in sich trage, die Empfindung der Reciprocität; denn daraus entspringe alles Gute und Rechte. Wir gingen nach dem Verlassen der Gesellschaft wohl noch dreiviertel Stunden am Alsterbassin auf und nieder. Der Mond schien dazu ganz herrlich. Ich konnte mir einen Zug der Hinneigung zu diesem kalten sonderbaren Menschen nicht verbergen, und auch er schien an mir Geschmack zu finden. Ich hatte den Wunsch geäußert, das Hamburger Volksleben kennen zu lernen; und Gutzkow hatte sich mir zum Führer erboten. Wir fuhren nach dem Hamburger Berge und ich that dort in verschiedenen Lokalen einen Blick in die Tanzfreuden und improvisirten Häuslichkeiten der Seefahrer. Es war aber durchaus Nichts von dem Bacchantischen und Ungeheuerlichen zu schauen, womit die Beschreibungen dieser Dinge angefüllt sind und wovon mich noch Jemand auf dem Dampfschiff unterhalten hatte. Ein verdorbener Schriftsteller, Namens Clemens Gericke, spielte ihnen in dem einen Lokal auf; das war allerdings eine Merkwürdigkeit. – Nach einigen Kreuz- und Querzügen in der

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Stadt, die indessen auch keine sonderliche Ausbeute gaben, setzten wir uns in einem Austernkeller zur Ruhe, und verbrachten einen Theil der Nacht in Gesprächen über Probleme der sittlichen und socialen Welt. Das Verhältniß der Geschlechter zu einander kam zur Sprache. Durch die Kriege, durch die nachgebliebene politische Gährung, durch die materiellen Interessen und Fieberkrisen, welche die Gesellschaft der Noth und des Bedürfnisses wegen aussteht, ist es etwas entblättert worden, und in einen Zustand der Trockniß gerathen; welcher nicht wohl thut, und dem Leben eine seiner farbigsten Blüthen abstreift. Man bezieht jetzt Alles, was zwischen Mann und Frau vorgehen darf, auf die Ehe, auf das, was zu derselben direct führt, und aus ihr entspringt. Die tausend Nüancen und Schattirungen, welche neben diesem Grundverhältniß möglich sind, erlaubt und für das Leben des Geistes und Gemüthes höchst förderlich sein können, sind, wenigstens gegen Sonst, sehr reducirt und stehen gegenwärtig immer in der Gefahr, für lächerlich oder verfänglich zu gelten. Nun aber wird der Mann, der nicht mit verschiedenartigen Frauen lebt, nothwendig ein barbarischer Philister, wie derjenige, der bloß mit Frauen lebt, zum egoistischen Schwächling werden muß. In diesen Ueberzeugungen waren wir einverstanden; wie aber der Sache abzuhelfen sei, darüber gingen unsere Meinungen auseinander. Sonderbarerweise verhielt ich mich bei der Discussion als Freigeist und er als Rigorist. Ich meinte nämlich, daß wenn man in sich die Nothwendigkeit fühle, anders und freier sich zu Frauen zu stellen, als wie es die prüde Convenienz der Gegenwart gestatte, man eben seinem Gefühle unbefangen folgen solle; wogegen er einwandte, daß solche isolirte Grundsätze immer sehr gefährlich seien und leicht in Verwickelungen mit den echten Gesetzen der Welt führen können. Ich bemerkte darauf, Gewissen, Takte und Zartgefühl würden schon einen Jeden vor dem Ueberschreiten der zu respektirenden Grenzen behüten, im Nothfall würden die Verhältnisse nicht ermangeln, sich zum Correktiv verletzter Schranken zu machen. Er seinerseits hielt dafür, daß eine Umbildung oder vielmehr Belebung der zartesten Nerven des socialen Organismus von großen Dichterwerken ausgehen müsse. Die Phantasie, das Gefühl des Menschen müsse durch zeitgemäße Bilder und Töne erst aus dem Schlummer erweckt werden, dann werde von selbst eine Erweichung der in Stockung gerathenen Organe folgen. In dieser Beziehung stellte er Bettinen sehr hoch und tadelte mich, daß ich über sie im Münchhausen gespottet. – Meine Gegenbemerkung, indem ich Bettinen und den Tadel auf sich beruhen ließ: Die Literatur und Poesie erzeugt die Zustände nicht, sondern sie geht aus denselben hervor. Nicht Werther rief die Sentimentalität hervor, er gab ihr nur Gestalt. – […]

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Was wie ein Fluch auf diesen jungen Männern haftet, ist ihre Ueberraschheit. Sie verzetteln sich in kurzen Bewegungen und Alles, was Leben, Studien, Schicksal erst im Menschen zur Reife kommen lassen soll, wird herb und grün von ihnen aus den Zweigen geschüttelt. Ich finde in den Sachen der besten unter ihnen viel Gutes, selbst Großes angedeutet, aber nichts wird mit Ruhe ausgeführt, und werden sie nun jemals späterhin wieder zu den Dingen zurückkehren mögen, an welchen sie sich selbst vorschnell den frischesten, jungfräulichsten Reiz zerstört haben. Ich fürchte, daß bei allem Talent, was sie unläugbar besitzen, doch nur eine ephemere Wirkung von ihnen ausgehen wird.

127. Johann Hermann Detmold an Heinrich Heine, Hannover, 22. Oktober 1838 Jung-Deutschland hat ein jämmerlich Ende genommen: die Trümmer befehden sich untereinander, wozu Menzel nur lachen kann. Gutzkow, dieses seltsame Talent, unübertreffbar als Kritiker, steht sehr allein jetzt: anfangs scharmützelte er mit Theodor Mundt. Dieser ist jetzt in Leipzig und frere et cochon mit Kühne, einem zerrissenen Leipziger, aber talentvoll, was Mundt nicht ist. Kühne hat jetzt Gutzkow angefallen: ich glaube Mundt steckt dahinter. So Zerwürfnisse und Unerfreulichkeiten überall.

128. Heinrich Laube an Karl August Varnhagen von Ense, Muskau, 19. November 1838 Dieser „Racker“, wie ich ihn stets nenne, wird nur durch Ignorirtwerden schmächtig. Ich habe ihm vor beinahe einem Jahre zwei Briefe voll der unbarmherzigsten Offenherzigkeit geschrieben, u. ihm sein literarisches Charaktergebrechen auf den „Gamin de la literature“ summirt, welcher er sei, u. seit der Zeit kein Wort mehr. Drei Vierteljahre hat er daran gewürgt, u. nur hie u. da bei meinem Namen leise geknurrt, jetzt scheint die Wirkung der Dosis aufgebraucht, ich höre, daß er gegen mich losgefahren. Es ist ein eigen Unglück mit uns, u. der Gedanke an Frieden u. Gemeinschaftlichkeit, den ich am Längsten gehegt u. gepflegt u. mit Bezahlen der Zeche gepflegt, ist am Ende doch eine Thorheit. Bei solcher Rivalitaet bringt vielleicht der Krieg das Beste. Ich halte mich für mein Buch u. für die Dauer meiner Fesseln noch in möglichst objectiver Ruhe, u. bin dann doch wol genöthigt, einmal eine unumwundne Abrechnung zu halten […].

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129. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 25. Dezember 1838 Wihl ist eine Klatsche. Vor 14 Tagen habe ich ihn gehörig in der Cour gehabt, weil der Mensch, der mit den ganzen schreibenden Unrath hier Frère et Compagnie ist, sich erdreistete, mich in eine Klatschrei zu bringen, wo ich eine Figur spielen sollte, die sich am Gängelbande Gutzkows und Wihls leiten ließe! – Es war ein dicker Knäul von Dummheiten, die ich mit ei nem Hi ebe zerlegte. Wahr ist es, daß ich aus Bequemlichkeit, belletristische Mspte Gutzkow, dem Kritiker von Profeßion, zur Durchsicht gab und seinem Rathe folgte, weil er mir unverdächtig und ve r s t ä n d i g erschien. Nach dieser Sage aber, „daß i c h vom Telegraphen a b h ä n g i g ; – daß ich d esweg en thun müße, was Gutzkow wollte“ –: sprach ich mich gegen Gutzkow so ohngefähr aus: daß ich vor 4 Monaten ihn bei Gelegenheit einer Klatscherei zwischen Wienbarg gebeten, den Wihl als Handlanger, in seine Arbeiten, aber nicht in u n s e re Verhältniße, Vorhaben und dergl. blicken zu laßen: er könne das Maul ni ch t h alt en und würde uns compromittieren; und Pläne, die mühevoll entworfen worden, dadurch zu Schanden machen. Gutzkow habe nicht gefolgt; „nun ginge Wihl umher, sage: am Telegraphen habe e r sich (Gutzkow) eine Sinecure geschaffen; ich müße usw. –“ Er habe Mspte gelesen und mir referiert. wenn ich diese Dienste so theuer, nämlich mit einem bischen guten Ruf und zwar so bezahlen sollte, als sey ich sein Hampelmann, dann wäre das viel zu theuer bezahlt; – von nun an würde ich es so damit halten, wie ich es stets gehalten; ich werde diese Arbeit selbst machen. Er wiße, daß ich ihn erst seit 1834 kenne; bis dahin hätte ich oh n e ih n e x i s t i e r t , und zwar beßer wie i et z t ! ich wollte daher meine alte Weise befolgen! – Am Telegraphen habe ich im ersten Jahre nicht verdient; es wird sich die Wage halten, was ich Ausgab und einnehme; es könnte meine Existenz nicht touchiren, weil ich vom Ge winn mir noch keine Biersuppe spendieren könnte. –

130. C. G.: Klatschpost aus Hamburg. [*1838]

Hamburg, Ende 1838

Mit dem Telegraphen hat Hoffmann und Campe einen glücklichen Wurf gemacht, denn die rüstig vorwärts schreitende junge Zeitschrift, von Gutzkow zeit-frisch, nur vom Standpunkte des höheren Publicisten aus geleitet, hat nicht nur in ganz Deutschland den lebhaftesten Anklang gefunden, sondern sich auch den Weg in die Comtoirs des hamburger Philisterthums gebahnt. Der hamburger Telegraph zählt gegen zweihundert Abnehmer in loco – eine bedeutende Anzahl, wenn man bedenkt, daß der Telegraph kein Cu rs-Zet t el ist und dem Hamburger sein C o r re s p o n d e nt , Nach ri ch t , Frei sch ü t z ,

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Beobachter und Er zähler höher steht als das geistvollste, scharfsinnigste Journal. Gutzkow steht ganz isolirt in Hamburg da, aber nur zu seinem Heile! Ein vertraulicheres Anschmiegen an die Philister-Welt hemmt jedesmal den geistigen Aufschwung, selbst des begabtesten Schriftstellers, und mit dem andern schreibenden Trosse in Hamburg kann sich Gutzkow nicht vermengen! Wer sich den kleinen unscheinbaren Blondin, Gutzkow so oberflächlich besieht, würde nie auf die Vermuthung kommen, daß dieses Köpfchen die zermalmenden Gedanken gegen Görres geschleudert.

131. Maria della Rocca [*1882]

Hamburg, um 1838/39

Jeden Sonntag war Gutzkow der Gast meiner Eltern beim Mittagsmahl, wo nur Künstler und Schriftsteller eingeladen waren. Nach Tische las Gutzkow eines Tages seinen „Sa u l “ vor, eine Tragödie in fünf Acten, die, so viel ich weiß, nie aufgeführt wurde. Meine Mutter, von einer Schlittenpartie und dem getrunkenen Champagner ermüdet, nickte beim dritten Acte ein und bewegte den Kopf hin und her. Frau Assing, die Schwester Varnhagens, sprang entsetzt auf und rief: „Himmel! Madame Embden wird ohnmächtig!“ Sie glaubte als große Verehrerin Gutzkow’s, daß der tragische Effect des Stückes so mächtig auf sie eingewirkt habe; denn daß man bei einem Stücke Gutzkow’s schläfrig werden könnte, davon hatte sie keine Ahnung. Meine Mutter fuhr erschreckt in die Höhe, entschuldigte sich bei ihren Gästen und bat um die Erlaubniß, sich zurückziehen zu dürfen, da sie sich unwohl fühle. Zwei lange Acte waren noch anzuhören, da fürchtete sie, zum zweitenmale einzunicken. Sie schrieb ihr Mißgeschick ihrem Bruder in launiger Weise, erzählte von einer neuen Krankheit, die sie so plötzlich befallen, die man Schläfrigkeit nennt, und Heine erwiderte: „Sorge dafür, liebes Lottchen, daß mir Campe den „Saul“ sofort nach Erscheinen nach Paris sendet; ich leide viel an Schlaflosigkeit und da kann mir dies vortreffliche Stück von großem Nutzen sein.“

132. Heinrich Heine an Heinrich Laube, Paris, 7. Januar 1839 Ich lebe viel, schreibe wenig und gebe gar nichts heraus. Letzteres hat ganz andre Gründe, als Sie wohl vermuthen dürften. Campe nemlich ist es welcher mir alle Lust dazu, wonicht gar die Freude am Schreiben selbst, verleidet. Daß er früherhin, wo er in Angst vor Verantwortlichkeit schwebte, meine Bücher mit

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Heinrich Heine

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gräßlichen Verstümmelungen drucken ließ, das verzieh ich ihm, obgleich er mich dadurch den peinlichsten Mißverständnissen preiß gab. Aber jetzt, denken Sie was mir geschieht! denken Sie: Vor länger als 12 Monathen schicke ich ihm eine Nachrede zum 2ten Bande meiner Gedichte, wovon er mir versicherte daß sie im Begriffe ständen die Presse zu verlassen. Kein Wort Politik darinn, kein Wort das mir der stockigste Zensor nicht hingehen lassen konnte – ich ließ das Manuskript einem Oestreicher lesen, der mir versicherte es könne in Wien das Imprimatur erlangen – Nur Durchhechelung der Schwaben und Zurechtweisung des kläglichen Pfitzers enthielt mein Manuskript – Ich bekümmerte mich schon nicht mehr darum, – als ich im Herbst Brief von Campe erhielt, worinn er versicherte, daß meine Gedichte nicht die Censur passirt hätten, daß also meine Nachrede ebenfalls nicht gedruckt worden, und daß er mir vorschlüge diese Nachrede in einer Zeitschrift, welche er unter dem Namen Literarische Jahrbücher unter der Presse habe, gleich abdrucken zu lassen – Nur abdrucken, Nur schnelles Abdrucken, antwortete ich ihm auf der Stelle, nur Abdrucken, gleichviel wo, aber schnell – Und nun vor 14 Tagen erhalte ich die Aushängebogen und finde daß der Aufsatz ganz verstümmelt ist, und zwar boßhaft verstümmelt, in den wichtigsten Uebergängen, wie es keine Censur thut, sondern nur eine freche Privathand es thun konnte. Ich habe Campen sogleich meinen ganzen Unwillen, meine ganze Entrüstung, meinen ganzen Eckel geschrieben und ihm angezeigt daß ich meine Nachrede in ihrer Originalgestalt drucken lasse. Er hat mir kläglich geantwortet und mir fast eingestanden, daß es nicht der Censor war, der mich verstümmelte. Sie sehen ich bin verrathen und verkauft von Campe, der freylich sehr bald dafür büßen muß, daß er mit Gutzkows Helfershelfern, dem miserablen Wihl, dem elenden Beuerman, und ähnlichem Gesindel fraternisirt – da mir der Karakter Gutzkows ganz klar ist, so bin ich überzeugt, daß Campe eben von Gutzkow am Ende abgestraft wird, und daß er wie Menzel am Ende den Bodensatz der Gutzkowschen Freundschaft kosten wird. Ja, Gutzkows ganzes Wesen ist mir klar – und ich bedauere ihn sehr. Er ist besessen von einem Dämon, der mir wohl bekannt ist. Ich erinnere mich daß ich vor diesem Dämon immer Angst hatte. Es ist vielleicht ein Galgenmännlein – Zuerst hatte ihn Kotzebue, der überlieferte ihn dem Müllner, dieser dem Menzel, dieser wieder dem Gutzkow – der hat ihn vielleicht am wohlfeilsten erstanden und kann ihn nicht los werden, und wir sehen ihn bald als wahnsinnigen Halbheller im Lande herumlaufen, wenn nicht gar ihm der Teufel den Hals umdreht. Ich scherze nicht ganz, das Böse was in ihm sitzt, erscheint mir wie Ueberlieferung. Er wirft mit Koth wider seinen Willen. Mich z.B. will er loben, und weiß doch nichts Besseres zu thun, als daß er die Triumphforte die er mir baut, mit dem

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alten Menzelschen Koth beklekst, von meinem Judenthume spricht, ganz à la Menzel, der mit dieser Losung zuerst den Pöbel gegen mich zur Bundgenossenschaft aufrief und sein eignes Originaldeutschthum dokumentiren wollte – Oder sollte wirklich Gutzkow so wenig Bildung, so wenig Takt besitzen, daß er von Dingen redet, woran man weder mich noch den Pöbel erinnern sollte, Dinge, die jeder der meine Achtung genießen will, nicht einmal denken sollte, so kläglich, so miserabel sind sie – […] Das Jahrbuch selbst worin Gutzkow mich gelobt und Laube und Mundt getadelt, ist mir erst vor einigen Tagen zu Gesicht gekommen – und was ich oben erwähnt, werden Sie zu deuten wissen. Die Angriffe gegen Sie und Mundt erregen bey mir nur Ekel – Wie wird das enden! An Geist und Talent fehlt es dem Manne nicht, aber beidem fehlt jener Halt, ohne welchen Alles verpufft und verknistert. Kleinere Sterne werden länger glänzen als dieser stralende Komet, der mit seinem Flammenschweife am Himmel der Literatur, ohne Schonung und Gesetz, dahinläuft. Was bedeutet dieser Comet? Oder ist dieser Comet zugleich selber das Unglück welches er bedeutet? Ich glaube es fast, denn dieses literarische Unglück, welches Gutzkow heißt, ist groß genug und hinlänglich betrübsam.

133. Friedrich Hebbel an Elise Lensing, München, 12. Januar 1839 Gutzkows Blasedow habe ich gelesen. Ich gestehe, ein solches Werk hätte ich ihm nicht zugetraut. In den ersten zwei Bänden ist Vieles gut, Manches vorzüglich, doch erregen sie ganz andere Erwartungen von dem dritten Theil, als dieser erfüllt. Ende gut, Alles gut, sagt das Sprichwort; ob man wohl auch sagen darf: Ende schlecht, Alles schlecht? Doch, wir wollen es so ganz genau nicht nehmen, immer ist es erfreulich, daß dieser Schriftsteller, der nun einmal große Gewalt in der Literatur ausübt, Einiges vermag, er wird um so eher geneigt seyn, auch an Anderen das Lobenswerthe, was sie bringen, anzuerkennen. Seiner eigenen Parthei ist er schon der Pfahl im Fleisch; er sagt den Herren Laube und Mundt die Wahrheit derb genug.

134. Konfidentenbericht, Frankfurt, 20. Januar 1839 Was […] die moderne Literatur, die mit Recht eine modernde genannt werden kann, ganz in Mißkredit gebracht, sind die Verfolgungen, die nun in pöbelhafter Art die Schildhalter der modernen Literatur gegeneinander ausüben. Man kann aber in der Tat sagen, seitdem Börne tot ist, ist fast alles Interesse an dem

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jungen literarischen Deutschland bei den Liberalen verschwunden. Diese sind aber auch zur Einsicht gekommen, daß außer Börne es keines der Mitglieder des jungen literarischen Deutschland mit dem Liberalismus ehrlich gemeint. So sind die Liberalen selbst auf ein angekündigtes neues Buch von Heinrich Heine nicht mehr gespannt, da Heine nur noch für literarische Tendenzen rührig ist. Gutzkows Bücher finden auch bei den Liberalen keine oder doch nur wenige Leser, sowie denn überhaupt diejenigen, welche sich für Gutzkows Schriften noch interessieren, nur ihn als Kritiker auftreten sehen wollen. Auch Gutzkows „Telegraph“ findet die wenigsten Leser unter den Liberalen und daß er mit seinen journalistischen und literarischen Erfolgen unzufrieden ist, davon zeigen die Klagen, die er stets in seinen Briefen darüber laut werden läßt, daß seine Freunde in ihrem journalistischen Wirken seiner nicht mehr gedenken, das heißt nicht mehr lobend erwähnen.

135. [Anon.:] Zeitschriften-Interdicte. [*1839] Unter den in Oestreich streng verbotenen Journalen steht Gutzkows Telegraph oben an. Der Name Gut zk ow, wenn er ja einmal einem in Oestreich vegetirenden Journalisten in die Feder kommen sollte, muß immer umsc h r ie b e n werden, wenn ihn nicht der Rothstift des Censors aus den JournalSpalten exiliren soll!

136. Ferdinand Freiligrath an Ignaz Hub, Barmen, 22. März 1839 Deiner freundschaftlichen Beziehungen zu den dortigen Literaten freu’ ich mich herzlich. Grüß’ doch vor Allem Gutzkow von mir und versicher’ ihn meiner ganzen Hochachtung. Seit ich mich mehr und mehr aus allen Coterien herausgerettet habe und auf eigenen Füßen stehe, wird mir Gutzkow von Tage zu Tage lieber, und ich verehre sein Streben und seinen enormen Geist von ganzem Herzen. Ich gäbe nur was drum, wenn sich die Kerls – Gutzkow, Mundt, Kühne, Laube etc. untereinander nicht so katzbalgten, – das Publikum hat den Spaß davon, wir armen Poeten aber, um nicht für Parteigänger zu gelten, müssen uns entweder hautement in uns selbst zurückziehen und manchem tüchtigen Kerl, den wir sonst gern mögen, ferne bleiben, oder aber wir müssen uns mit Allen gut zu stellen suchen, was doch auch ein wenig charakterlos aussieht.

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137. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 3. April 1839 Heute mit Jahnens in die Conditorei. Dort saßen Gutzkow und Wihl, Jahnens führte mich zu ihnen. Gespräch über meine Studien, München und Hamburg, Laube und Mundt, Kunst und Literatur. Gutzkow forderte mich auf, Beiträge zu den Jahrbüchern zu liefern und ihn zu besuchen. Er sagte mir, daß er mit meinen Ansichten über die Lyrik übereinstimme, daß Freiligrath und Grün in seinen Augen gespreizte Talente seyen. Jahnens meinte, er hätte G. nie so gesehen und ich habe große Ursache, mit der Art, wie sich das Verhältniß zu ihm angeknüpft, zufrieden zu seyn.

138. Ludmilla Assing an Karl August Varnhagen von Ense, Hamburg, 6. April 1839 Nach Deinen Aeusserungen scheint es mir fast als wenn Du unsre Freundschaft zu Gutzkow etwas höher anschlügest als sie in der That sein möchte; Theilnahme und Interesse werde ich freilich immer für ihn behalten, das sein liebenswürdiges Wesen im Umgang, sein Geist, sein grosses Talent stets auf ’s Neue in Anspruch nehmen, dennoch aber seit er sich an unsren Freunden, und in sofern an der Literatur, auf die empörendste Weise versündigt hat, hat auch unser Verhältniss zu ihm eine andre Gestalt angenommen. Diese Angriffe auf meine Freunde, in denen sich seine schlechten Seiten herausgekehrt haben, werde ich ihm niemals verzeihen können, seitdem ist er mir viel fremder geworden, jene freundschaftliche Zuneigung die ich zu ihm gefasst hatte als er den ersten Winter als ein Freund von Mundt zu uns in’s Haus kam, ist sehr geschwächt worden und ein näheres Vertrauen kann dann nicht mehr aufkommen. Im Februar ist die Doctorin Gutzkow mit ihren Eltern nach Frankfurt gereist und wird bis zum nächsten Winter dort verweilen; wir vermissen sie nicht gern in unsrem Kreis, nachdem wir viele angenehme Stunden mit ihr gemeinschaftlich verlebt haben; ohne sehr geistreich oder bedeutend zu sein hat sie ein leichtes, süddeutsches, angenehmes Wesen … Auch ihrer Mutter, Madame Freinsheim, sind wir sehr gewogen geworden, einer jener liebenswürdigen, ruhigen, gleichmässigen Naturen, die nirgends verletzen können und durch ihre Güte und aus dem Herzen kommende Freundlichkeit überall den günstigsten Eindruck hervorrufen müssen. Gutzkow wird im nächsten Monat auch abreisen und wohl gleichfalls den Sommer über wegbleiben. Gutzkow’s herrliches Drama Saul aber, das nächstens erscheinen wird, möchte doch wohl ein Kraut sein das Deine Aufmerksamkeit verdient, oder vielmehr eine frische, duftige

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Blume von so seltner Art und überraschender Farbenpracht dass sie schon ganz von selbst Dir in die Augen fallen muss. […] […] Gutzkow hat uns neulich wieder ein Trauerspiel, Savage, vorgelesen das in andrer Art als Saul aber eben so wohl eigenthümlich und bedeutend ist.... Diese vortrefflichen Dramen sind sehr dazu geeignet, mich Gutzkow wieder mehr zuzuwenden, denn wir, die wir doch nicht zu jenen sonderbaren Leuten gehören, die den Schriftsteller vom Menschen trennen wollen, müssen wir nicht auch schöne und herrliche Elemente in demjenigen voraussetzen, der so ausserordentliche Dichtungen voll Gluth, Leben und Wärme zu schaffen vermag? Sollte man es glauben dass ein und derselbe Mensch ein bedeutender Dichter sein könne und zugleich ein boshafter Onze, gross, von dem ausgezeichnetsten Geist und Talent, voll poetische Gedanken, Tiefe und Gefühl und wieder so kleinlich, neidisch, rachsüchtig und gehässig! sollte man nicht glauben, es gäbe zwei Gutzkows, den einen, der mich empört, dem ich nie verzeihen kann, und einen Andren, den ich anerkennen, ja sogar bewundern und lieb haben muss. Was werden unsre Freunde Mundt und Kühne zu diesen neuen Productionen Gutzkows sagen … Sie haben beide eine so edle, vortreffliche Gesinnung … dass i c h mich gar nicht so sehr wundern würde, wenn sie über alle persönlichen Rücksichten erhaben, im Interesse der Literatur ihrem Feind gerechte Anerkennung zu Theil werden liessen. Jedenfalls ist es sehr erfreulich dass er endlich für sein Talent die rechte Bahn gefunden zu haben scheint....

139. Heinrich Heine an Ferdinand Gustav Kühne, Paris, 7. April 1839 Heute komme ich wieder mit einer Bitte, nemlich sobald als möglich den einliegenden Aufsatz, betitelt Schriftstellernöthen, in der Eleganten abzudrucken. Es ist eine Antwort auf Campes Erwiederung im Telegraphen, die zwar äußerlich harmlos, desto tiefer im Innern die Absicht verbarg mei ne Glau bwü rdi g k e it ü b e r ha up t zu verdächtigen. Campe ist wirklich unschuldig und folgt nur dem Rathe Gutzkows und dessen literarischen Bagagen, auf deren Antrieb er die Erklärung im Telegrafen geschrieben. Ich glaube den Rattenkönig hinlänglich beleuchtet zu haben, und ich glaube dieses gelang mir ohne daß ich dadurch in ein Gezänk mit Gutzkow verfalle, was dieser Raufbold im Int ere s s e seiner Zeitschrift gewiß wünscht. […] Es ist mir verdrießlich, daß ich Namen wie Wihl aus ihrem schäbbigen Dunkel hervorziehen mußte; aber dieser eben ist es welcher mit Studtgardt in be-

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ständiger Klatschkorrespondenz und Gutzkow mit den Schwaben (wo nicht gar am Ende mit Menzel) versöhnt hat – auf meine Kosten.

140. Friedrich Engels an Friedrich Graeber, Bremen, 8. April 1839 In der neuesten Zeit ist zwar Streit ausgebrochen zwischen Gutzkow und Mundt nebst Kühne und Laube; sie haben beide Anhänger, Gutzkow die Jüngeren, Wihl, Schücking etc., Mundt von den Jüngeren nur ein paar; Beurmann hält sich ziemlich neutral, so der junge, sehr talentvolle Dingelstedt, neigen aber sehr zu Gutzkow hin. Mundt hat durch den Streit allen seinen Credit verloren; der des Kühne ist bedeutend gesunken, weil er so gemein ist, alles was Gutzkow schreibt, herunterzumachen; Gutzkow dagegen nimmt sich sehr nobel, und hält sich meist nur über die große Liebe zwischen Mundt und Kühne, die sich gegenseitig loben, auf. Daß G. ein ganz ausgezeichnet ehrenwerther Kerl ist, beweist sein letzter Aufsatz im Jahrbuch der Literatur.

141. Heinrich Heine an Julius Campe, Paris, 12. April 1839 Nein, wenn ich Ihnen nicht derbe antwortete, so geschah es lediglich aus dem Grunde, weil ich, der Vernünftige, wohl einsah, daß ein öffentlich derbes Wort es Ihnen unmöglich machte, künftig was von mir zu verlegen und eine Verbindung, die so lange gedauert und woran ich mich mit Freud und Leid gewöhnt, ein trübes Ende nehmen mußte. Dazu kommt, daß ich genau einsehe, wie und durch wen Sie zu jenem an mir verübten Frevel angestachelt worden – Möge der liebe Gott es Gutzkow verzeihen, daß er wenigstens ein bischen dazu beygetragen mir Kummer zu machen, Er, der vielmehr verpflichtet gewesen wäre, Sie davon abzuhalten, jene Erklärung im Tellegraphen zu drucken – […] […] Ich will gern noch mit Herausgabe der Zeitmemoiren warten; nur ein einziges kostbares Büchlein, betitelt Ludwig Börne, möchte ich diesen Herbst erscheinen lassen; aber ich laß mir nichts mehr verstümmeln. Künftig, das brauch ich vielleicht gar nicht dem Freunde zu sagen, wird in keinem Buch, nicht im Telegraphen, überhaupt in keiner Schrift, worunter die Firma Hoffman et Campe als Verleger steht, kein einziger persönlicher Angriff gegen mich gedruckt. […] Wenn Gutzkow im Telegrafen nichts Gutes über meine Persönlichkeit zu sagen hat, so ersuchen Sie ihn lieber ganz zu schweigen. Ueber den ästhetischen Werth meiner Schriften kann er sagen, was er will – Treibt ihn aber sein böser Dämon meine Pe r s o n schmähen oder unglimpflich antasten zu wollen, so mag er es in einem Buche oder in einem Blatte thun, worunter

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nicht der Name Campe als Verleger steht. Sie können überzeugt seyn, daß ich nicht so schwachmüthig seyn würde, Ihnen künftig nur eine Zeile im Verlag zu geben, wenn mir der Verdruß widerführe … Doch ich schreibe heute unter bösen Voraussetzungen, ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihnen oder Gutzkow damit Unrecht thue – aber ich habe jetzt das Bedürfniß keinen meiner Gedanken zu verhehlen. Das ist vielleicht heilsam. Da Sie mir vor einiger Zeit gemeldet Gutzkow schreibe eine Biographie Börnes, so halte ich es für nöthig, Ihnen zu bemerken, daß das oben erwähnte Büchlein über Börne keine Biographie ist sondern nur die Schilderung persönlicher Berührungen in Sturm und Noth, und eigentlich ein Bild dieser Sturmund Nothzeit seyn soll. Ich habe 2/3 schon abgeschrieben. Sagen Sie mir, wann erscheint der gutzkowsche Börne? Könnte ich ihn etwa in sechs Wochen haben? Mit Freude würde ich glänzend davon in meiner Schrift Notiz nehmen. Kollidiren (vergessen Sie nicht Gutzkow darauf aufmerksam zu machen) werden wir in keinem Fall. Mir steht ein ganz anderes Material, durch Persönlichen Umgang und pariser Selbsterlebnisse, zu Geboth; will aber das Buch noch mals mit Sorgfalt durchgehen, damit es so geistreich als möglich. – Grüßen Sie Gutzkow freundlich; böser Unmuth ist, glaub ich, bey mir ganz verraucht. Den Wihl soll er kouchen heißen. Auch mir nicht den Beuerman aufhetzen.

142. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 18. April 1839 Wer hat die Absicht Ihnen we h e zu thun? Ich habe sie nicht, Gutzkow auch nicht! Die Gegenerklärung ist so Thatsächlich, wie möglich, ohne irgend einen Seitenblick. Ich begreife also garnicht, was Sie stachelt? Das Princip des Journalwesens sollten Sie kennen. Sie sollten zB wißen, was Sie Selbst gegen Göthe auf Cottaschem Papier drucken ließen; – was Menzel ebenfalls in Cottas Verlage, im Morgenblatte, losschleuderte gegen den alt en He r re n . Sind die Zeiten so verändert – Oder ist Gutzkow weniger, als Menzel jener Zeit war? Glauben Sie ja nicht, daß Gutzkow sich seiner nicht bewußt wäre –! Wenn er Ihnen gegenüber f reundlich und bescheiden war, aus Neigung und Achtung zu Ihnen –: m u ß er es etwa seyn? Sie trauen ihm zu wenig und zuviel zu. Zuwenig, in seiner Stellung, zuviel, in seinem Gehorsam gegen meine Wünsche. Gutzkow hat entschieden über seine Gegner gesiegt. Laube conspieriert. Hüten Sie Sich, in die Falle zu gehen, die er Ihnen etwa stellt. Gutzkow hat eben 2 Trauerspiele vollendet. Das eine „Saul“ ist in der Preße; das andere, geht nächstens auf die Bühnen; das neueste „Richard Savage“ wird von Bühne zu Bühne wandern und einen Enthusiasmus erzeugen, wie er lange nicht dagewe-

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sen. Diese Stücke schreibt ihm keiner nach. Von seinen Leistungen will ich nicht reden, sie liegen vor und Jeder kann die Summe des Werthes ziehen. Er ist ietzt 28 Jahr alt! – Freilich glaubt jeder der ihn sieht, er zähle 36 bis 40. Ich bemerke das, um Ihnen zu zeigen: daß er k e i n Söldner ist, folglich nur sein e n Ansichten folgt und sein Blatt, als s e i n Blatt, ohne meinen Einfluß, handhabt. Ich muß daher prottestieren, gegen alle Folgerungen; sondern weise auf Menzels Morgenblatt – C o t t a – und G ö t h e hin. Daß Sie von Gutzkow nichts zu befürchten haben, weil er in Ihnen den Mann von Geist respectiert, versichere ich Sie; aber seyn Sie freundlicher und vertraulicher gegen ihn, als Sie es bisher waren. Ruhe kann er nicht gut halten; er ist zu rei z bar. Wie eine Windsbraut, reißt es ihn hin und sein colloßaler Verstand, zeigt ihm die Punkte, wo er eindringen kann. Durch seine dramatische Richtung, ist Börne in den Hintergrund geschoben. Bis ietzt habe ich noch keine Zeile von ihm gehabt und werde vor Herbst auch schwerlich etwas erhalten. Im Mai, noch, ehe ich von der Meße heimkehre, geht er nach Frankfurt, wo seine Frau schon ist, um ihre Niederkunft zu halten. – Unter diesen Umständen kann ich Ihnen nichts davon senden. Uebrigens ist seine Auffaßung ganz anderer Art, als die Sie geben. Er schildert Börne’s Jugend – Frankfurt – die Judengaße etc Madame Wohl wird Ihre Briefschaften geben und so alle seine Freunde. Es wird eine gründliche Arbeit, woran sich vielleicht sein Nachlaß reihen dürfte, wenn eine Ausbeute sich ergiebt.

143. Ottilie Assing an Karl August Varnhagen von Ense, Hamburg, 18. April 1839 […] Gutzkow hat endlich das Feld gefunden auf welchem er wirklich gross und nicht leicht zu übertreffen ist, dies ist das Dramatische; er hat diesen Winter, schnell hintereinander zwei Trauerspiele geschrieben, Saul und Savage, die sich dem Schönsten anreihen das er nur giebt. Es ist ein solcher Reichtum an Poesie darin, so viel Kraft, die Charaktere treten so klar und lebendig heraus, sie enthalten so viele einzelne Schönheiten dass wir Alle voll Freude und Bewunderung sind. Das Einzige was mir diese Freude etwas stört ist die Besorgniss dass er vielleicht nicht die verdiente Anerkennung finden wird; in Stuttgart ist es freilich schon ausgemacht dass der Savage dort aufgeführt wird, die Schauspieler haben erklärt, sie könnten sich keine bessern Rollen wünschen, aber ich fürchte doch die Opposition seiner Feinde und zwar mehr die stille, deren Waffe ein gänzliches Ignoriren ist, als die laute, die ihm hierin doch nichts anhaben kann. Wäre ich doch ein berühmter Kritiker, wie wollte ich ihn zu heben suchen und die Welt aufmerksam machen! Sein Talent überwiegt doch so seine

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Fehler, dass man sie ihm wohl darum vergessen sollte. … Ich konnte nie aufhören ihm zugethan zu sein, und jetzt habe ich ihn so lieb als jemals und verzeihe ihm Alles was er uns in unsern Freunden zugefügt hat. In einigen Wochen wird er auf mehrere Monate verreisen … er ist immer geistreich, immer angenehm gegen uns, immer (unberufen!) freundlich und besonders dem Vater zugethan. Schöne Stunden haben wir mit ihm verlebt, bald bei uns, bald auf Spazierfahrten und bei ihm zu Hause, wo er als Wirth besonders liebenswürdig ist; ich hatte wirklich eine Vorliebe für seine Wohnung, der angenehmen Augenblicke wegen die wir dort hatten.

144. Friedrich Engels an Friedrich Graeber, Bremen, 24. April 1839 Ha, ha, ha! Weißt Du wer den Aufsatz im Telegraphen gemacht hat? Schreiber dieses ist der Verfasser, aber ich rathe Dir, Nichts davon zu sagen, ich käm in höllische Schwulitäten. […] Die Bemerkungen über Fr[ei]ligrath müssen wohl gut sein, sonst hätte sie Gutzkow gestrichen. Der Styl ist übrigens hundeschlecht. – Der Aufsatz scheint übrigens Sensation gemacht zu haben – ich verpflichte Euch fünf auf Euer Ehrenwort, Niemandem zu sagen, daß ich der Verfasser bin. Capirt?

145. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 6. Mai 1839 Ich war heute morgen bei Gutzkow, um von ihm, da er Mittwoch reis’t, Abschied zu nehmen. Er nahm mich sehr freundlich auf und sagte mir gleich, daß er mich zwei Zeitungen, den Hallischen Jahrbüchern und dem erst entrirten Hannöverschen Museum als Mitarbeiter empfohlen habe. Ich dankte ihm dafür und bemerkte, wie sehr es mir darauf ankomme, mit öffentlichen Organen Verhältnisse anzuknüpfen. Darauf fragte er mich, ob Wihl mir gestern ein Frühlingsgedicht vorgelesen und ob ich über dasselbe gesagt hätte: ich kenne nur ein Frühlingslied, das von Uhland: Die linden Lüfte sind erwacht pp und dies sey das zweite. Ich mußte dies in Abrede stellen. […] Ich erzählte Gutzkow den Zusammenhang mit möglichster Schonung Wihls; er lächelte. Darauf sprachen wir über Campe; er rieth mir, mit diesem „Etwas zu machen“, es möge jetzt, nach dem Vorfall mit Heine gerade die rechte Zeit seyn. Ich sagte ihm, daß die Herausgabe meiner Gedichte mir am Herzen läge, daß ich über ihren objectiven Werth nicht urtheilen wolle, daß ich mich aber überzeugt halten müsse, über den jetzt erreichten Punct in der Lyrik nicht mehr hinaus zu kommen und daß deshalb etwas durchaus Abgeschlossenes in meiner Sammlung vorliege.

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Gutzkow deutete auf den historischen Roman aus der Dithmarsischen Geschichte, von dem er mir schon früher einmal sprach; ich bemerkte, daß ich im Roman etwas Be s s e re s , aber nicht etwas so Gutes, wie Spindler, hervor zu bringen hoffe und theilte ihm die Idee zum Deutschen Philister mit, die seinen Beifall fand. Wir kamen auf die Gedichte zurück, und Gutzkow meinte, Campe habe ja schon einmal 5 Fdor an diese wenden wollen. Diese Wendung schien mir eigen und bewog mich, um in meiner Bescheidenheit von ihm nicht mißverstanden zu werden, zu der Bemerkung: ich glaube, meine Gedichte können sich mit Allem, was jetzt erscheint, messen. Er erwiederte: gewiß! Darauf gab er mir vier neue Schriften […] mit der Bitte, sie für den Telegraphen zu recensiren […]. Ein neuer Abschnitt in meinem Leben: zum ersten Mal Recensent ex officio. Der Aufsatz für das Jahrbuch der Literatur (über Laube oder irgend einen anderen mir gefälligen und mit den Interessen der modernen Lit. in Beziehung stehenden Gegenstand) versprach ich zu July. An der Treppe erinnerte ich ihn (absichtlich, um nicht eine Geringschätzung an den Tag zu legen) an sein Versprechen, mir vor seiner Abreise sein Drama zu geben; er bat mich um Zurückgabe seines Worts. Ich brachte noch einmal meine dramatischen Aufsätze in Anregung und er sagte mir, er habe sie schon für Wihl mit auf die Liste gesetzt; so wie ich herunter ging, rief er mir noch nach: nehmen Sie sich des Telegraphen an!

146. Berthold Auerbach an Alexander Weill, Frankfurt, 12. Mai 1839 Gutzkow kömmt diese Woche hierher, wir werden vielleicht in Collision kommen, da wir beide das Leben Börne’s ausarbeiten wollen.

147. Heinrich Heine an Ferdinand Gustav Kühne, Paris, 19. Mai 1839 Ich danke Ihnen für die Besorgung meiner Interessen und den Eifer der sich in Ihrem letzten Briefe aussprach. Die Sachen gehen ganz vortrefflich. Die hamburger Klique ist gewiß bald gesprengt, die Kerls sind hinter einander gehetzt und ich warte ab, was Campe thun wird. Daß Gutzkow und sein Schildknap ihn beleidigen ist schon Gewinn. Daß ersterer gegen mich die ganze Maske fallen ließ, ist ebenfalls Gewinn, und ich denke auch für Andre werde ich diesen Zögling Menzels unschädlich machen. Daß Gutzkow seinen Wihl avouiren mußte (letzterer hat ihn in Händen) ist ebenfalls ein Gewinn; […] Gutzkows Treiben muß dem Publikum deutlich gemacht werden, und in dieser Absicht werde ich auf seine Angriffe, obgleich sie mich nicht im gringsten verletzen,

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ganz bestimmt antworten. Hab nur leider viel zu thun, und kann Ihnen die Abfertigung Gutzkows, welche die 2te Nummer der Sch ri f t st ellernö t h en bilden soll, erst in 14 Tagen schicken.

148. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 22. Mai 1839 Gutzkow ist am 10 Mai nach Frankfurt gegangen, am 13ten kehrte ich schon zurück, habe ihn also nicht mehr gesprochen. Von Frankfurt geht er nach Frankreich –; Sie werden ihn in Paris sehen und Sich mit ihm verständigen können, wenn Sie das wollen. Jedenfalls beklage ich die Reibungen, die Sie so höchst überflüßiger und unbegründeter Weise hervorriefen; und bitte ich Sie, keinen Krieg zu veranlaßen, wenigstens ihn so zu führen: daß ein Friede bald geschloßen werden kann, woraus die Partheien ehrenvoll heraustreten können. Mag mit Mundt, Laube und wen sonst, auf Leben und Todt gestritten werden, es geht mich nichts an; ich betrachte das als Spiel. Mit Ihnen, wenn Sie auch ein arger Sünder sind, würde es mich schmerzen! Und glauben Sie mir, Ihnen würde ein solcher Feldzug eine Niederlage werden. Sie sind allen Verhältnißen entfremdet –, im Vaterhause sind Sie nicht mehr zu Hause!

149. Konfidentenbericht, Frankfurt, 26. Juni 1839 Gutzkow verweilt noch hier. Er arbeitet fleißig an seinem „Leben Börnes“, das noch im Laufe des Herbstes erscheinen soll. Gutzkow ist fleißig bei Madame Strauß, der Freundin Börnes. Er will Börne vom literar-politischen Standpunkte aus beurteilen und die nachgelassenen Papiere sind ihm übergeben worden. Noch aber, meint Gutzkow, sei es nicht an der Zeit, diese Papiere alle zu veröffentlichen und sie müßten also vorerst noch unbenützt bleiben. Gutzkow möchte nicht gerne seine bürgerliche Ruhe aufs Spiel setzen, es aber auch nicht mit der liberalen Partei verderben. Daher seine Vorsicht.

150. Heinrich Laube [*1883]

Paris, Sommer 1839

So kam das Jahr 1839. Ich war in Paris und verkehrte täglich mit Heine, welcher damals noch in voller Lebenskraft athmete, lachte, spottete, dichtete. Sogar der heftige Kopfschmerz, der ihn zeitlebens plagte, ließ ihn unbehelligt. Er hatte eine stete Neigung, über Schriftsteller, namentlich über die uns verwandten, zu sprechen. Da hatte er dann immer Gutzkow bei den Haaren und gab

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seiner Antipathie gegen ihn giftige Worte. „Er gehört nicht zu uns,“ rief er, „er versteht die Schönheit der Welt nicht; er ist ein Nazarener wie der Börne, welcher Goethe verachtet.“ Und nun kam der Streit um Börne zu wildem Ausbruche. „Hie Welf, hie Waiblingen!“ hieß es einst, „Hie Börne, hie Heine!“ hieß es jetzt in allen Zeitungen. „Hie Börne!“ war zahlreicher. „Du wirst es erleben,“ sagte Heine ingrimmig, „daß dieser Gutzkow zu Börne hält.“ Ich war für Beide und gerieth, so dicht neben Heine, in große Noth. Er schrieb sein Buch gegen Börne. Was hab’ ich mir für Mühe gegeben, das Manuscript dieses Buches nicht in die Druckerei zu lassen. Ich hatte es einige Tage in der Hand und stellte ihm vor, wie es zu mildern wäre. „Nein!“ – „Nun, dann erhöhe es wenigstens.“ – „Wie das?“ […] Er wendete sich zu mir, und ich entwickelte ihm nun meine Ansicht. Sie ging dahin, daß er in einer Schrift, welche mit allem Ungeziefer über eine trostlose Fläche dahinkrieche, doch wenigstens wie ein Poet auftreten müßte. Ein Berg müßte doch wenigstens darin errichtet werden. […] […] Obiger Berg, welchen Heine wirklich einschaltete, waren die poetischen Ergüsse von Helgoland. Sie hielten Gutzkow nicht ab, sich vollständig für Börne zu erklären in einer langen Streitschrift. „Da siehst du“ – sprach dann Heine – „wie Recht ich gehabt über diesen prosaischen Nazarener! Er hat keine Ahnung davon, daß die Poesie die Politik des Tages überlebt und daß man von mir noch sprechen wird, wenn Börne vergessen ist.“ In den ersten Vierziger-Jahren fand Gutzkow ein Gegenwort für solche Aeußerung. Er wendete sich zum Theater, und schon sein zweites Stück: „Zopf und Schwert“, war ein Product kräftiger dramatischer Erfindung.

151. Konfidentenbericht, Frankfurt, 20. Juli 1839 In letzter Woche wurde auf hiesiger Bühne das neue Trauerspiel von Gutzkow „Richard Savage“ gegeben. Dieses Stück ist ganz mit den großen geistigen Mitteln ausgerüstet, welche Gutzkow besitzt. Es ist aber auch von politischer Bedeutsamkeit, denn abgesehen davon, daß darin die höheren Stände „gegeißelt“ werden, repräsentiert der in dem Stücke vorkommende Journalist das liberale Prinzip, ja das des jungen Deutschland oder – um sich zeitgemäßer auszudrükken – das des „Telegraphen“. Gutzkow bildet sich aber etwas darauf ein, daß sein Stück auch in Wien gegeben wird, wenn auch nur unter dem Namen Leonhard Falk. Das Publikum hat diese neue Erscheinung, das heißt diese neue Erscheinung in Deutschland, denn in Frankreich ist sie etwas Altes, die Politik

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(wenn auch im literarischen Gewande) auf die Bühne zu bringen, lebhaft begrüßt. Man sollte sich aber wohl hüten, dem Publikum solche Speise anzubieten oder vielmehr anbieten zu lassen. Im Theater ist ihm die Freiheit gestattet, seinen Beifall darüber auszusprechen und auch die sonst Besonneneren lassen sich das Ding gefallen. Der Wiener Literat, der hier einige Tage verweilte, und zwar bei Gutzkow etc., ist Dr. Kuranda.

152. Ignaz Vinzenz Franz Castelli [*1843] Frankfurt, Juli/August 1839 Ich sah dort zum Erstenmale Gut zk ow, den geistreichen Fahnenträger der jetzigen deutschen Literatur. Ich habe mir den Mann immer so spröde gedacht, als sich sein Name ausspricht, allein ich irrte mich, er ist es nicht. Gleich beim ersten Anblike kam er mir mehr leidend, körperlich und geistig leidend, als schroff und unzugänglich vor. Es ist über diesen Geist eine Rinde gezogen, welche aber im vertraulichen Gespräche sich löst und in ein empfängliches Gemüth blicken läßt. Gu t z k ow ist auf jeden Fall kein Heuchler, er meint es ehrlich mit seiner Sache, er hält die Bahn, welche er wandelt, für die wahre und sucht – freilich nicht immer liebreich – auch Andere auf diese Bahn zu leiten. Seine entschiedene Neigung zur Polemik gibt sich zwar überall kund, allein es ist auch ganz natürlich, daß ein geübter Fechter viel schneller den Degen zieht als ein Anderer, und wäre es auch nicht immer eine ganz gerechte Sache, für die er ficht. Seine Bemerkungen sind stets treffend, und – wenn man anders den obersten Grundsatz gelten läßt, aus dem sie fließen, – stets konsequent. Gu t z k ow besitzt viel Tiefe des Gemüths, aber es mischt sich, wenn Etwas dieses Gemüth anregen will, immer etwas Aigrirtes bei, was dessen Aeußerungen nicht recht zum Ausbruch kommen läßt. Ich habe Gutzkow bei Hofrath Berly eine Szene aus Go e t h e’s „Clavigo“ vorlesen gehört, worin er, ohne allen deklamatorischen Prunk, ein Etwas legte, was jede kleine Nuance des vorgetragenen Meisterstükes klar zur geistigen Anschauung des Hörers brachte, und von dem Vorleser selbst tief empfunden, auch das Gefühl der Zuhörer ganz in Anspruch nahm. Gu t z k ow kann auch recht fröhlich sein mit den Fröhlichen, und ich habe ihn besonders in Gesellschaft schöner Frauen sehr warm gefunden, jede Verschiedenheit der Meinungen löst sich hier leicht auf. Gu t z kow’s Aeußeres ist ansprechend und durch die Blässe seines Angesichtes, welches, durch einen dichten schwarzen Schnurrbart beschattet, noch blässer erscheint und auf Kränklichkeit deutet, theilnahmerregend. Sein Auge ist groß und sein Blik durchdringend. Ich habe mich darüber gefreut, als ich erfuhr, daß er die dramatische Laufbahn mit Glük betreten habe; denn ich habe mich von diesem

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Manne so angezogen gefühlt, daß der Wunsch in mir rege wurde, Gu t z kow’s Geist, der alle Richtungen zu verfolgen im Stande ist, möchte – – eine andere Richtung einschlagen.

153. Rudolf von Gottschall [*1902]

Mainz, August 1839

Karl Gutzkows eigenartiges Naturell war nicht geeignet, bei denen, die ihm zum erstenmal näher traten, lebhafte Sympathien zu erwecken; er hatte nichts von jovialer Frische, von biedermännischer Offenherzigkeit, auch nichts Schwärmerisches, wie es Mädchen und Frauen bei Dichtern erwarten und lieben. Freilich tat man ihm unrecht, wenn man ihn für einen Verstandesmenschen hielt; er besaß ein sehr reizbares Gemüt, wie ja auch die Verdüsterungen beweisen, die seinen späteren Lebensgang zum Teil so unheimlich machten; er war im Grunde ein skeptischer Geist und mit dieser Skepsis hing es zusammen, daß er im Leben mißtrauisch war, ein Mißtrauen, das in seiner geistigen Störung den höchsten Grad erreichte. Daher lag in seinem Wesen etwas vorsichtig Zurückhaltendes, das aber nie hervortrat, wenn es galt, eine Überzeugung zu vertreten. […] […] Er war die erste Berühmtheit, die ich von Angesicht sah und das hinterließ bei mir einen dauernden Eindruck. Ich war noch Gymnasiast in der Bundesfestung Mainz, wo mein Vater damals als preußischer Artilleriehauptmann in Garnison stand; ich hatte schon mehrere Dramen gesündigt, selbst einige Kritiken in den Mainzer Unterhaltungsblättern und kannte alles, was Heine und Börne, Gutzkow, Mundt und Laube geschrieben; ich war der jüngste Anhänger des jungen Deutschlands. Welch ein Ereignis war es für mich, Karl Gutzkow persönlich kennen zu lernen! Ich traf ihn bei dem damaligen Redakteur der „Mainzer Zeitung“, Karl Andrée, späteren Konsul in Dresden, dem Vater des hervorragenden Geographen Richard Andrée. Gutzkow hatte damals seine Sturm- und Drangperiode hinter sich, hatte in Mannheim seine Strafe für die ketzerische „Wally“ abgesessen und jetzt mit seinem Drama „Richard Savage“ seine ersten Erfolge auf den deutschen Bühnen errungen. Darum drehte sich das Gespräch. Soviel ich mich besinne, war Gutzkow damals weit entfernt von Laubes modischer Eleganz; das Haar stand ihm struppig zu Berge, er hatte etwas Unruhiges, Umhersuchendes in seinem Wesen; keineswegs aber trat das Selbstgefühl eines jungen Autors, der noch nicht das dreißigste Lebensjahr erreicht und sich schon in ganz Deutschland einen Namen gemacht hatte, störend hervor. Ich wurde ihm als ein junger Verehrer vorgestellt, das schmeichelte ihn. Weihrauch duftet immer gut, wenn auch ein Chorknabe das Weihrauchfaß schwingt; er quittierte freundlich für meine Verehrung, ohne zu fra-

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gen, in welcher Gymnasialklasse ich mich damals befand. Ich aber hatte die Überzeugung gewonnen, daß ein berühmter Mann aussehe wie andere Menschen, doch erlitt durch diese persönliche Begegnung meine Bewunderung für Gutzkow keine Einbuße. Ich schrieb bald darauf eine längere Kritik über seinen Roman „Blasedow und seine Söhne,“ die in dem preußischen Offizierskasino Anerkennung fand. Ein berühmter Schriftsteller zu werden wie Gutzkow erschien mir damals als das Ideal, dem ich zustreben mußte. Darüber geriet ich in Debatten mit meinem Vater, der als ein solches Ideal die Stellung eines Universitätsprofessors ansah und vor den Schriftstellern, die nur von ihrer Feder lebten, keinen sonderlichen Respekt hatte.

154. August Lewald: Ausflug. [*1839] Baden und Frankfurt, August 1839 Gutzkow sah ich hier nach vier Jahren wieder. Welche Welt lag in dieser Zeit für ihn! Damals, als wir so harmlos den Rhein hinunter schifften, war noch keine Wally geschrieben, und er fast ein unbekannter, junger Mensch, dessen frühzeitige Reife nur hie und da den Blick der Wohlwollenden auf sich gezogen hatte. Jetzt war er ein Mann geworden, über den das strengste Gericht ergangen war, und der sich durch eine seltene, moralische und geistige Kraft, aus allen Wirren hervorgearbeitet, und nach und nach wohl mehr als bloße Aufmerksamkeit sich errungen hatte. Will man in unsern Tagen etwa noch mehr? Die Zeit der Bewunderung ist vorüber, der Enthusiasmus erloschen, und wer von den Jüngern etwas davon in sich verspürt, schämt sich des Gefühls, und sucht es zu verbergen. Armselige Zeit! Ich fand Gutzkow weder gedrückt noch kränkelnd, wie viele es von ihm zu verbreiten gesucht haben, sondern sinnend und tief in neue Plane verstrickt, die er für das deutsche Theater zu bearbeiten gesonnen ist. Noch ist kein Jahr verflossen, und sein Saul liegt gedruckt da, sein Sa va g e macht den Weg über alle Bühnen, und ein neues Drama, „die Schule der Liebe“ ist fast im Kopfe fertig. Wenn die Schmäher seines Talents doch versuchen wollten, es ihm gleich zu thun! Gutzkow sagte mir, daß er das ganze Stück im Kopfe fertig haben müsse, ehe er eine Zeile davon zu Papier brächte. Wenn er so recht lebhaft über seinen Stoff grüble, so gestalte sich Alles dramatisch in ihm, und er führe die Gespräche seiner erdichteten Personen mit lauter Stimme vor sich hin. Wer ihm dann so auf einsamen Spaziergängen begegne, möchte ihn leicht für einen Verrückten halten. Gutzkow geht allein durch’s Leben; er ist kein Mann der Illusion, und selbst die angenehmste zerstört er absichtlich, und wenn es ihn noch so tief verletzte.

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Karl Gutzkow um 1840, Lithographie von Johann Nepomuk Heinemann

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3. Telegraph für Deutschland

Dieß nagt wohl an ihm, und läßt ihn nicht das ruhige Glück ahnen, das er so leicht um sich verbreiten könnte. Fast mit Allen, die er noch vor wenig Jahren sich befreundet glaubte, ist er zerfallen, oder im offenen Streite. Seine Persönlichkeit ist, wie bei außergewöhnlichen Menschen, stets bei oberflächlicher Berührung, nicht eben einnehmend, und dieß erschwert die Annäherung mit Leuten, die, bei aller innern Gediegenheit, oft noch zu sehr an der Form haften. Das Gemachte, Geschraubte, die kalte, äußerlich angenommene Vornehmheit, auf die man so oft in Norddeutschland stößt, sind ihm auf ’s höchste zuwider. Er schilderte mir solche Begegnungen oft mit Feuer und unverhohlenem Ingrimm. Wenn er sich einer, ihm aus der Ferne interessant erschienenen Persönlichkeit nahete, und durch ein solches Benehmen abgekühlt wurde, so brach er den Besuch ungestüm ab, und wiederholte ihn nicht mehr. Aber ein Unwille wurzelte dann fest in seinem Herzen, der die erste Gelegenheit abwartete, um auf die heftigste Weise loszubrechen. Trüge Gutzkow seine Haare à la jeune France, wäre sein ganzes Aussehen und Betragen imponirender, im modernen Sinne, so würde seine Erscheinung in verschiedenen literarischen Coterien auch gewiß mit größerem Erfolg gekrönt worden seyn; allein dem bleichen, sehr jugendlich aussehenden, nachläßig schlichten Gutzkow, der nicht die leiseste Prätension im Aeußern verrieth, und doch sein geistiges Uebergewicht stets zu fühlen gab, begegneten jene Leute nicht so wie er es erwartete. Und doch hatte ich das Vergnügen, daß sein bloßer Name im Fremdenblatt, und die Nachricht, daß er sich an der Tafel befinde, ein allgemeines Aufsehen erregte. In den fernsten Enden des Saals erhoben sich Herren und Damen, und alle Augengläser richteten sich nach ihm. Ja, nach beendigtem Diner, gingen einige junge Damen noch im Vorsaal auf und ab, und blieben, wie im Gespräche, an der Thüre stehen, um nach ihm zu schauen. In Weimar scheint ihm die Aufnahme am wohlthuendsten gewesen zu seyn; er sprach mit großer Wärme von seinen dortigen Freunden, und schien nicht abgeneigt, seinen Wohnsitz dort zu nehmen. Wir schlenderten während unseres Aufenthaltes in Baden, vom Morgen bis zum Abend plaudernd umher, und Gutzkow, dem die Eindrücke neu waren, gefiel sich außerordentlich darin. Einige Freunde hatten sich zu uns gesellt, und es fehlte nicht an Genüssen mancherlei Art. […] In Frankfurt sah ich Gutzkow’s Familie; eine artige, junge Frau, die mit zwei prächtigen, überaus wohlgenährten Knaben, in einem Garten vor der Stadt wohnt. Es machte mir Vergnügen, das Haupt des glücklich entschlafenen, jungen Deutschlands, trotz aller finstern Prophezeiungen, so vor mir zu sehen, wie es den ältesten Sohn auf dem Knie schaukelte, und ihn zu meinem Erstaunen,

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Amalie und Hermann Gutzkow um 1838

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bis zwanzig zählen ließ. Der Junge ist nur etwas über zwei Jahre alt, und hat schon mehr Verstand als ein alter Lappländer. Auch Fabeln wußte er auswendig herzusagen; doch war die Mundart noch etwas unverständlich.

155. Konfidentenbericht, Frankfurt, 3. September 1839 Gutzkow ist gestern nach Hamburg zurückgekehrt. Er gibt indessen seinen Aufenthalt in Hamburg auf und will seinen Wohnsitz wiederum in unserer Stadt nehmen. Der „Telegraph von Deutschland“ soll auch nicht mehr in Hamburg, sondern an einem anderen Orte, wahrscheinlich in Stuttgart, wo liberale Zensurverhältnisse vorherrschen, gedruckt werden. Gutzkow war aber sehr ängstlich bemüht, das in öffentlichen Blättern ausgesprochene Urteil: sein Trauerspiel „Richard Savage“ sei politischer Natur, durch Antikritiken zu entkräften. Unter den Liberalen hat Gutzkow allerdings noch einiges Ansehen, er hat noch seine Clique, allein unsere Liberalen geben gar nichts mehr auf ihn, wie sie sich denn überhaupt von dem Einfluß der sogenannten jungen Literatur ganz emanzipiert haben. Auch im Volke sind die Erzeugnisse der jungen Literatur wenig oder gar nicht bekannt.

156. Eduard Genast [*1865]

Weimar, September 1839

Noch eine interessante Persönlichkeit sollte ich in diesem Jahre kennen lernen. Karl Gutzkow hatte sich den Schauspielern wohl zunächst durch seinen „Richard Savage“ bekannt gemacht. Mit großem Interesse hatte ich bereits seinen Roman „Wally“ gelesen und war begierig auf die persönliche Bekanntschaft. Er war gekommen, dem Schauspielerpersonal den „Richard Savage“, der in kurzem auf unserer Bühne zur Darstellung kommen sollte, vorzulesen. Die äußere Erscheinung des jungen, damals in den Zwanzigern stehenden Mannes war anziehend und entsprach wohl dem Bilde, das ich mir von ihm gemacht hatte: lichtblaue Augen und blondes Haar, eine feine, etwas gebeugte Gestalt, die Züge des Gesichts edel geformt. Die Art und Weise, mit welcher er sein Stück vortrug, war markig und geistreich; besonders gut gelang ihm die feine Nüancirung des sarkastisch-humoristischen Charakters des Steele. Das Stück wurde am 18. Sept. 1839 zum ersten Mal auf Weimars Bühne mit großem Beifall aufgeführt und erlebte in kurzer Zeit vier Wiederholungen. Im Frühjahr darauf gab man auch Gutzkow’s „Werner, oder Herz und Welt“, welche Dichtung ebenfalls Beifall fand.

Hamburg 1839

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157. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 15. September 1839 Als ich heute Mittag zu Wihl ging, traf ich Gutzkow bei ihm, der gestern von Frankfurt zurück gekommen war. Er kam mir mit großer Herzlichkeit entgegen, und sagte mir, daß er eben daran gedacht habe, mir seinen Besuch zu machen. Ich glaube denn doch, daß Redlichkeit der Grundzug seiner Natur ist und daß Manches, was dem zu widersprechen scheint, aus der schiefen Stellung, in die er von vorn herein gerieth, erklärt werden muß. Wer weiß, ob wir nicht noch Hand in Hand gehen können. […] Gutzkow verdient mein Vertrauen und Wihl meine Freundschaft, und ich werde mit meinem Gefühl nicht länger gegen sie kargen.

158. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 17. September 1839 Heute im Tivoli. Mir zu Liebe kamen auch Gutzkow und Wihl. Mit Gutzkow ein Gespräch über den Dramatiker Uhland, den er durchaus verwarf. Behauptungen, aber keine Beweise. Man kann mit ihm nicht disputiren; er sucht zu imponiren. Wihl sagte, wie ich von ihm ging: „G. gönnt Niemanden etwas, als sich selbst.[“] Richtig, aber schlimm.

159. [Anon.:] Literatur-Signale. [*1839] Gutzkow wird seinen Telegraphen von Hamburg nach Pforzheim verlegen. Wir können dieses den Freunden Gutzkow’s mit Gewißheit mittheilen. War der Redacteur des Telegraphen schon früher im Felde der Kritik Einer von den „Fü n f h u n d e r ten vo n P f o r zh e i m “, so wird er es jetzt noch mehr durch die Localität selber. Pforzheim wird sich überrascht fragen: „Woher der Glanz in meiner niedern Hütte?“

160. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 18. November 1839 Alle Ihre Reden haben den Telegraphen zum Refrain. Ich wiederhole Ihnen nocheinmal, daß ich nur der Verleger, nicht der Redacteur bin. Gutzkow darf unter seinem Namen kein Journal erscheinen laßen, weil der Bundes-Beschluß es ihm wehrt, daher das Auskunftsmittel: „unter der Verantwortlichkeit der Verlagshandlung“ […] Würden Si e Si c h die Bedingung gefallen laßen, deshalb dem Verleger eine Ober-Censur zu gestatten? – darauf ist nur eine Antwort denckbar –: Nein! In denselben Fall ist Gutzkow.

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An der Idee, ich soll dergleichen nicht dulden, gradezu wegstreichen, scheinen Sie Sich ganz verbißen zu haben. Ja Sie gehen noch weiter: Sie verlang en, daß ich in allen meinen Publicationen nichts gegen Sie drucken – abdrucken, laßen soll und im Fall ich gegen diese Gebote handle: ist unsere Freundschaft geschieden! – – – Ich bitte Sie, wie mögen Sie eine solche Bedingung auszusprechen wagen? Wie verhält sich so etwas zur Würde der Literatur […] Sie glauben, ich kenne Gutzkow nicht? – Sie werden mir nichts Neues von ihm berichten, nicht warnen können –; ich glaube zimlich au faît zu seyn. […] […] So peinlich es mir war: habe ich Gutzkow um Gnade für Sie gebeten. Seitdem hat er seine Coujonaden eingestellt. Fangen Sie wieder an, das sagt er mir, könnte kein Gott ihn hemmen, er würde lieber mit seinem Blatte emigrieren –; und daß hat er in der That gewollt! Die Anlage bezeugt es Ihnen außerdem. Daher Waffenstillestand oder Friede! Gutzkow ist ein närrisches Kraut; sehr schwer zu behandeln. Uebrigens schadet er mir mehr, als er Nutzen bringt. Sein Publikum ist klein, nur die höchst Gebildeten die Feinschmecker hängen ihn an, nicht die Menge. Durch seinen Streit schadete er der jungen Literatur entsetzlich, die wie Blei verachtet da liegt. Sein Börne ist fertig. Seit 3 Wochen besitze ich das Mspt, ich habe es aber noch nicht angesehen: soviel Artikel habe ich für das nächste Jahr schon übernommen, daß ich an diese Lectüre nicht kommen konnte und werde es ungelesen wahrscheinlich der Preße übergeben müssen.

161. August Lewald an Heinrich Heine, Stuttgart, 25. November 1839 Sie mögen Ihre Ursachen haben mit Gutzkow zu zürnen leid thut es mir daß sie beide das Publicum zum Zeugen und Schiedsrichter dabei aufriefen. Sie sind berufen Freunde zu seyn; sowohl Ihrem Talent als Ihrer Gesinnung nach. Klätschereien und Hinterbringungen haben ein zu großes Gewicht über Sie, daß sah’ ich aus Ihrem Briefe und leider ist dies auch bei Ihrem Gegner der Fall. Mich lassen dergleichen Dinge kalt. […] Wer so nahe an 50 Jährchen wie ich mit den verschiedenartigsten Menschen verkehrte, wird – wenn er gescheit ist – duldsamer und lächelt, wo ein Anderer aus der Haut fahren möchte. Oder glauben Sie wirklich Kühne meinte es besser mit Ihnen als Gutzkow? Der Letztere ist doch wenigstens ein großes Talent.

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162. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 7. Dezember 1839 Letzter Besuch bei Gutzkow. Doppelfriedrichsd’or Honorar. „Ihm sey es nicht gegeben, sich im Gespräch so auszuströmen, in seinem Gemüth liege das nicht, die Theilnahme habe er doch u. s. w. Ich sagte ihm, daß ich ihn bei mir zu sehen erwartet habe. „Er treffe seine Freunde nur Nachmittags um 3, um 5 ziehe er sich schon wieder in sich selbst zurück, ich werde es ja nicht so conventionell nehmen u. s. w. Bot mir wieder Bücher zum Recensiren an, die ich nahm, weil es die ersten von Bedeutung waren, die mir in der Kritik vorkamen: Chamissos Leben u. s. w. Ich blieb nur einen Augenblick, weil er sehr beschäftigt war, und nahm die feste Ueberzeugung mit mir fort, daß er weiß, wie ich über seine Dramen denke, und daß er jetzt gegen mich eingenommen ist. Es ist mir lieb, daß wir uns jetzt kennen, es ist mir aber leid, daß er es von Wihl erfahren hat, und dies muß er, denn nur Wihl und Assings kennen meine Urtheile über ihn, und bei Assing war er, wie er mir heute selbst sagte, vor 8 Wochen zum letzten Mal. Sprach von meinem Rubin, der Anfang sey sehr frisch, das Ende habe er, der undeutlichen Handschrift wegen, nicht lesen können, wollt’ ihn aber doch behalten.

163. Friedrich Engels an Friedrich Graeber, Bremen, 9. Dezember 1839 Ich beschäftige mich sehr viel mit schriftstellerischen Arbeiten; nachdem ich von Gutzkow die Zusicherung erhalten daß ihm meine Beiträge willkommen sind, habe ich ihm einen Aufsatz über K. Beck eingeschickt, sodann mache ich viele Verse, die aber sehr der Politur bedürfen und schreibe diverse Prosastücke, um meinen Styl zu üben.

164. Heinrich Laube an Gustav Schlesier, Paris, 24. Dezember 1839 Heine bringt ein Buch über Börne, was die jakobinische Börnewelt Gutzkows niederhalten soll. Es ist in ein paar Wochen fertig.

165. Heinrich Heine an Julius Campe, Paris, 18. Februar 1840 Es ist eben so schändlich wie thörigt von Gutzkow daß er mich zwingen will einen anderen Verleger zu nehmen. Es mag ihn gewiß wurmen daß Sie mir viel Geld und ihm wenig geben. Aber er bedenkt nicht, daß wenn ich Ihnen nichts

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in Verlag gebe, Sie noch weit weniger im Stande sind Ihre Großmuth an ihm auszuüben. Sie selber sagten mir in Ihrem letzten Briefe, daß Gutzkows Bücher keinen Absatz finden, daß er nicht von der Menge gelesen wird – lieber Gott! Das hätten Sie gar nicht nöthig gehabt, mir zu sagen, das weiß ich. Keiner will was von ihm verlegen, so versichern mir Buchhändler, die alle seine Machinazionen nur für Angriffe auf ihre Tasche ansehen. – Lieber Campe, wenn man kein Herz in der Brust hat, kann man nicht für die große Menge schreiben.

166. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 25. Februar 1840 Gutzkow kam seit 6 Wochen nicht zu mir –, ich nicht zu ihm. Seit Septbr bin ich einmal auf seinem Zimmer gewesen; früher fast täglich, ehe ich Hamburg im Apr il verließ. Beurtheilen Sie hier nach gefälligst das intime Verhältniß das sich zwischen uns ausgebildet hat. Wie es sich weiter gestallten wird, steht dahin. Ich thue nichts dafür es zu ändern, sondern thue, wie die Schöppenstädter wenn es regnet – sie laßen es regnen! – Gekränkt habe ich ihn wißentlich nicht; und Launen habe ich nicht Lust zu verspeißen. […] Sein Börne liegt seit November fertig auf meinem Tische, Gründe veranlaßten mich, ihn ungedruckt zu lassen. Ietzt, wo Sie ihn auf die Fersen rücken, habe ich ihn in die Presse gegeben. Dieses liegenlassen seines Werkes wird ihn verletzt haben. Doch weshalb sprach er seine Wünsche nicht aus? – Meine Gründe würden ihn anschaulich gemacht haben, daß ich gegründete Ursache hatte. Madame Wohl nämlich, verhandelte über die Börneschen Schriften mit einer Buchhandlung. Mein Zeitraum ist um. Oh ne mi r ei n Wo r t zusagen hat sie sie an Brodhag verkauft; gleichwohl habe ich noch eine bedeutende Zahl liegen und so wird eine Concurenz entstehen, die groß ist. – Ob Gutzkow darin eine Rolle spielte? das war mir Unklar. Das Weib hatte ihm von dem Nachlaß Börne’s gesprochen und derg. mehr, der aber schon in Auerbachs Händen damals war und der nun ebenfalls: – also Si e, Au erbach und Gu t z k ow bringen e i n L e b e n Bö r n e s !!! – Eine Jury versammelt sich im Jahre 1840, die ihn richten. – – – – Was sagen Sie dazu? Hat der Verleger Ursache sich zu freuen, wenn das Publikum nicht weiß, wohin es hören soll?

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Hamburg 1840

167. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 4. März 1840 Ich sah Gutzkows Werner. Trivialeres, Unsittlicheres, giebt es nicht; es ist mir unbegreiflich, wie man, selbst dann, wenn man kein Dichter ist, so etwas schaffen kann. Eine Armseligkeit sonder Gleichen; Motive, die ich wahnsinnig nennen mögte, wenn der Wahnsinn nicht noch immer einige Poesie mit sich führte, die hier fehlt. Dennoch ward mir hie und da wehmüthig zu Muthe, denn Jahnens Bemerkung, daß Gutzkow sich selbst im Werner gezeichnet habe, schien sich mir zu bestätigen, und ein Entsetzen packte mich, als ich mir dachte, eine solche Abirrung von allem Menschlichen könne die Wahrheit eines Individuums seyn. Aber, die Indignation über den aufgeflirrten Bettel, der unter der Hülle scheinbarer Versöhnung das niederträchtigste Gift in die Lebensader der Menschheit träufelt, drängte Gedanken der Art zurück, ich war außer mir. Am Schluß des zweiten Acts sah Wihl mich. „Sehen Sie’s zum ersten Mal?“ „So etwas sollt’ ich zwei Mal sehen? – war meine Antwort – Wihl! Gott!“ Ich konnte nicht anders, so sehr es Wihl, den ich für gut halte, kränken mogte; auch im Gebiet der Kunst giebt es eine Gränze, wo die Toleranz Sünde wird. Wenn ich jemals von jenem versteckten Egoismus, den der Beste ohne Heuchelei nicht ganz aus sich weg läugnen darf, entfernt war, so war es an diesem Abend, denn den Egoismus hätte eine Kümmerlichkeit, die sich kaum auf den Beinen halten konnte, kitzeln müssen, aber ich war dem Weinen nah. Ich sah auch Gutzkow, er grüßte mich, ich konnte nicht mit ihm sprechen, ich hätte ihm die ärgsten Beleidigungen gesagt!, und ich war ihm Mitleid schuldig.

168. Feodor Wehl [*1889]

Berlin, April/Mai 1840

Ich lernte ihn kennen, als ich noch sehr jung war und eben angefangen hatte, literarisch thätig zu sein. Zur Einstudirung seines Trauerspiels „Richard Savage“ nach Berlin gekommen – es wird Anfang der vierziger Jahre gewesen sein – stellte mich ihm ein Oheim von mir, ein Kavallerie-Offizier und Stallmeister des Prinzen Karl von Preußen, ein großer Theaterliebhaber, eines Abends in den Gängen des Berliner Schauspielhauses vor. Gutzkow, der in jeder Stadt, in der er lebte, oder die er auf seinen Ausflügen und Reisen besuchte, die Zeitungen und schönwissenschaftlichen Blätter emsig einzusehen pflegte, hatte in den letzteren einige kleine Gedichte und Aufsätze von mir zu Gesicht bekommen. Gelesen wird er sie wohl kaum haben, und sie waren sicher dessen auch nicht werth, aber mein Name mußte ihm doch im Gedächtniß geblieben sein.

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„Feodor Wehl!“ sagte er. „Ah, ich erinnere mich. Der junge Romantiker in Gubitz „Gesellschafter“ und im „Berliner Figaro“. Es ist erfreulich, das Handwerk in so ansprechender Erscheinung begrüßen zu können.“ Ich gehörte damals ein wenig zu den jungen Stutzern in Berlin und machte mich durch zierliche Lackstiefeln und feine Glacéhandschuhe bemerklich. Die Anrede Gutzkows, welche auf diesen Umstand leise ironisch anspielte – eine Anspielung, die ganz in seinem Charakter lag, der leicht etwas Beißendes und Nörgelndes zeigen konnte – verletzte mich und mußte mich verletzen, weil sie eine Stelle meines Wesens berührte, die in der That eine Schwäche war. Ich spielte damals den Schriftsteller nach Pariser Muster. Jules Janin und Alphonse Karr waren zu jener Zeit meine Vorbilder. Ich wollte in der guten und vornehmen Gesellschaft gelten, im Salon eine Rolle spielen. Daher legte ich nicht nur auf angenehmen und gefälligen Stil, sondern auch auf weltmännisches und möglichst geschmackvolles Aeußere besonderen Werth. Ich galt deswegen denn auch als Aristokrat und mußte mir gefallen lassen, mich von Solchen, die mich nicht näher kannten, als literarischen Gecken behandelt zu sehen. Ernst Dronke, der sich in seinen „Armensünderstimmen“ bemühte, Kommunismus und Sozialismus in der deutschen Literatur jener Periode zu Worte zu bringen, hat in einem seiner Bücher, dieser Anschauung Ausdruck gebend, mich bald darnach als den Vertreter der Literatur des Müßiggangs hingestellt, eine Hinstellung, die nicht ganz ohne Begründung war und mich deswegen mit Beschämung und Schmerz erfüllte. Ich hatte schon damals ein durchaus ernstes Streben und die beste Absicht, allein ich meinte der Sache der Literatur in den höheren Kreisen vorzugsweise nützen zu müssen, um sie zu Ansehn und Einfluß zu bringen. Dabei war ich jung und natürlich nicht frei von Eitelkeit. Edelmännisches Wesen und feiner Umgangston erscheinen mir als wichtig anzuschlagende Eigenschaften, und daß diese Gutzkow sogleich in seinen ersten Worten Anlaß zu einer, wie mich bedünken wollte, spitzigen Bemerkung gaben, berührte mich unangenehm. Doch nahm ich sie demüthig und bescheiden hin, denn uns jungen Schriftstellern jener Tage kam ein Literator von dem Rufe und der Bedeutung Gutzkows wie ein ehrfurchtgebietendes Oberhaupt vor, dem man sich unbedingt unterwerfen mußte. Um diese Unterwerfung zu verstehen, hat man vor allen Dingen nöthig, sich die Zustände Deutschlands vor 1848 zu vergegenwärtigen. Die Politik war für uns Deutsche damals ein noch ziemlich unentdeckter Gegenstand. Varnhagen und Gentz erschienen als zwei ziemlich unverstandene Großmeister dieses Ordens, und Heine und Börne als deren Jünger, die man zwar anstaunte, aber nur wenig begriff. Ludolf Wienbarg hatte in seinen „Aesthetischen Feldzügen“ allerdings ihre Richtung eingeschlagen und neuerdings die Freiheit zum Ideal der Dichtung gemacht, eine Anschauung, der das ganze junge Deutschland

Berlin 1840

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sich anschloß. Dieser Anschluß war indeß in der großen Masse der Lesewelt noch keineswegs zum Durchbruch gekommen. Das rein literarische Interesse wog noch vor und zwar in so Alles bezwingender Weise, daß in Berlin die literarischen Blätter die vorwiegend gelesenen waren. In den Kaffeehäusern von Stehely, Spargnapani, Kranzler und Anderen fanden der „Telegraph“ von Gutzkow, „Die Zeitung für die elegante Welt“ von Laube, die „Europa“ von Lewald, einen so emsigen Leserkreis, daß sie, in mehreren Exemplaren aufliegend, doch Vormerkungen nöthig machten, um erlangt werden zu können. Stundenlang warteten die Geheimräthe, die Ministerialbeamten, die Kunstfreunde, die Journalisten, die Studenten, bis die Reihe sie traf und das gewünschte Blatt ihnen zu Händen kam. Eine Buchbesprechung von Gutzkow, eine Reiseskizze von Laube, eine Schauspielbeurtheilung von Lewald, wurden gierig verschlungen und nachher eifrig besprochen. Die Literatur war damals in Deutschland die Beschäftigung aller Welt, und Deutschland dadurch in der That ein hauptsächlich literarisch gebildetes Land, Berlin der Sitz der Intelligenz. Wenn ein Mann wie Gutzkow, Laube oder Kühne darin erschien, so konnte es nicht ausbleiben, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte und der Löwe des Tages wurde. Man feierte ihn und huldigte ihm von allen Seiten. Selbstverständlich ließ sich ein angehender Schriftsteller auch viel von ihm gefallen. Gutzkows Aeußerung verwundete mich also, aber sie hielt mich keineswegs ab, ihm am andern Tage meine Aufwartung zu machen. Ich traf bei ihm einen Schauspieler Wolmany, der, dem Rigaer Theater angehörig, auf der Berliner Hofbühne ein Gastspiel zum Zweck einer Anstellung gegeben hatte. Er war „ein guter Mann, aber schlechter Musikant“ und darum in seinen Bemühungen ohne allen Erfolg geblieben. Mir durch seinen Besuch bekannt und wegen artigen Benehmens immerhin sympathisch, war ich doch kunsteinsichtig genug, ihn als Schauspieler nicht hoch zu stellen. Wie verwundert war ich nun, zu sehen, daß Gutzkow ihn mit großer Auszeichnung behandelte und mich ganz unbeachtet ließ. Ich machte durchaus keinen Anspruch auf liebenswürdiges Entgegenkommen, aber diese rücksichtslose Aufnahme war doch so empfindlich und entmuthigend für mich, daß ich, nachdem ich eine Weile zugehört, wie Wolmany begeistert über Gutzkows Drama „Richard Savage“ gesprochen und Gutzkow ihm dieses warm ans Herz gelegt, mich kurz erhob und Abschied nahm.

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169. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 3. April 1840 Im Theater fand ich Gutzkow, der auf die Nachricht, daß wir „Savage“ studieren, hergekommen ist. Er ist nicht groß, sieht unfein aus, aber kräftig, es ist in seinem Benehmen und Reden nichts von der gewandten Schärfe und apodiktischen Bestimmtheit seiner Schriftsprache, er hat sogar etwas deutsch Unbeholfenes, leicht Nachgebendes. Oder sollte das letztere nur eine Konzession sein, die er uns macht, weil er uns jetzt braucht? Aber Emil, von dem er mir auch sprach, sagt ja Ähnliches von ihm.

170. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 11. April 1840 An „Savage“ gelernt. Um 10 Uhr las uns Dr. Gutzkow das Stück vor. Alle Charaktere und Zustände sehr übertrieben, das Pathos gleich den ärgsten Komödianten, dabei sah man aber interessante Motive und Intentionen. Natürlich kann ich nicht spielen, wie er gelesen hat, das geht gegen mein Gewissen, und ich werde ihm das offen sagen, aber sein Lesen belebt mir meine Rolle doch und in meinem Sinne.

171. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 14. April 1840 Um 1 Uhr kam Gutzkow, mit dem ich den „Savage“ durchnahm, berichtigte und ihm sagte, daß ich die Rolle nicht ganz auf seine Weise spielen könne; er gab mir ziemlich zu, daß im allgemeinen auf den Theatern sehr outriert werde und daß die übergroßen Bühnen auch das ihrige dazu beitrügen.

172. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 29. April 1840 Theaterprobe „Savage“. Therese und Lenore begleiteten mich dahin, waren mit Ton und Anlage der Rolle zufrieden, auch Gutzkow war sehr erfreut darüber; nun gilt es festzuhalten und auszuputzen. Spielte abends in „Elisabeth Farnese“ Philipp V. und „Der Empfindliche“. Während der Vorstellung war Gutzkow auf der Bühne und beschwerte sich, daß „Savage“ nicht angekündigt sei. Später wies es sich aus, daß der Minister auf Grund des Verbotes der Gutzkowschen Schriften sich der Aufführung des „Savage“ widersetzt habe. Redern hatte das ausgeglichen, und die Vorstellung wurde auf dem Zettel für morgen angekündigt.

Berlin 1840

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173. Karl August Varnhagen von Ense, Tagebuch, Berlin, 1. Mai 1840 Morgen wird Gutzkow’s „Savage“ hier auf der königlichen Bühne aufgeführt. Vor kurzem wurde das Manuskript beim Kronprinzen durch den Präsidenten von Kleist vorgelesen. Das junge Deutschland, beim Kronprinzen, durch Herrn von Kleist! Nun wahrhaftig, meine dem Fürsten von Metternich vor vier Jahren geschriebene Prophezeiung erfüllt sich schon!

174. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 2. Mai 1840 „Richard Savage“ – Savage. Die Rolle gelang mir, ich fühlte mich frei und natürlich. Das für Gutzkow gestimmte zahlreiche Publikum nahm meine erste Szene sogleich mit großem Beifall auf und hielt im Anteile aus. Seydelmann war mir unerklärlich; wenn er sonst zu starke Farben gebraucht, so hatte er heut dagegen gar keine. Am Schlusse wurde Gutzkow gerufen, und als wir erschienen, wies man uns durch Rufen des Autornamens wieder fort. Seydelmann brachte dann den Dank Gutzkows vors Publikum.

175. Karl August Varnhagen von Ense, Tagebuch, Berlin, 4. Mai 1840 Im Schauspielhause wurde „Richard Savage“ gegeben, Trauerspiel von Gutzkow, bei vollem Hause, vor dem Könige, dem Kronprinzen, unter lebhaftem Beifall, mit Herausrufung des Autors, der aber nicht erschien. Der Minister von Rochow und Herr von Tzschoppe haben alles aufgeboten, um die Aufführung zu hintertreiben, oder wenigstens den Namen des Verfassers, als eines Mitgliedes des jungen Deutschlands, streichen zu lassen; aber beim Theater walten andere Mächte, und in dieser Region gilt Madame Crelinger oder Fräulein Stich oft mehr, als die Polizeigewalt jener Leute. So erlebt denn das junge Deutschland in Gutzkow hier jetzt einen Glanz und Sieg, den sich vor vier Jahren niemand träumen ließ.

176. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 6. Mai 1840 Abends „Savage“. Das Haus war besucht, aber der Anteil so matt, daß ich nie einen solchen Unterschied zwischen zwei Vorstellungen erlebt habe. Auch den Darstellern wurde wenig Aufmunterung zuteil. Der Hervorruf kam sehr jämmerlich zustande. Natürlich war ich mißgestimmt, auch scheint mir das Stück doch mehr Rücksicht zu verdienen.

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177. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 12. Mai 1840 Um 11 Uhr las uns Gutzkow sein Schauspiel „Werner“ vor. Die Charaktere sind scharf gezeichnet, es ist starke Leidenschaft, lebhafte Bewegung darin, die Situationen sind gut geformt, die drei ersten Akte machen daher große Wirkung. Dagegen fallen nun die beiden letzten empfindlich ab, um so mehr, als der Autor die poetische Rechtfertigung und Erhebung Walters, der den Adoptivadel abwirft und auf sich selbst stehen will, wieder zurückgenommen hat und den genialen Schwärmer sich zuletzt wieder bequemen und unterducken läßt. Daß doch diese anfangs so überkecken Leute, die alle Schranken niederstürmen wollten, nach und nach zu allen Konzessionen bereitwillig werden. Der Vorteil und nichts als der Vorteil führt sie. Da er nicht in Revolutionen zu finden ist, suchen sie ihn nun wieder bei den Gewalthabern.

178. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 13. Mai 1840 Nach dem Nachmittagsschlaf kam Gutzkow, seinen Abschiedsbesuch zu machen. Wir sprachen von der Notwendigkeit der Theaterschulen, er ist sehr dafür interessiert, ermunterte mich ernstlich, zur Bildung derselben zu wirken. Dann kamen wir auf die hiesigen Theaterverhältnisse, zuletzt auf seinen „Werner“. Ich drang nochmals in ihn, die Idee seines Stückes nicht den Hoftheaterrücksichten zu opfern.

179. Franz Dingelstedt an Levin Schücking, Fulda, 15. Mai 1840 Mit Gutzkow und den Übrigen stehen Sie, soviel ich meiner einsamen Literaturwarte absehen kann, in soweit ganz gut. Unter uns, lieber Freund! Ich fürchte, wir jüngerer Anwuchs haben uns zu hingebend an ihn, an ihn, an Mundt, an Kühne, u. A. gelehnt. Wir haben Konzessionen gemacht, machen deren täglich, die für uns nicht lohnen, auch nicht einmal haltbar sind. Glauben Sie mir, der ich mit Auswärtigen und Parteilosen, mit Ruge, Sternberg, Giehne, mit Alten wie Tieck und Schwab, mit guten und hochstehenden Lesern endlich in vielfache Berührung komme: das „junge Deutschland“ ist passée; es wird langweilig, das Schlimmste, was ihm widerfahren kann. Gutzkow hat sich am ehesten und besten gerettet durch Produktionen; Laube hält sich durch persönliche Liebenswürdigkeit; Mundt und seine Leibziger, Heine obenan, fallen. Sauve qui peut! Und sehen wir zu, wo wir bleiben! Nur beisammen!

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180. Friedrich Engels: Moderne Polemik. [*1840] Gu t z k ow’s literarisches Thun und Trachten trägt den Charakter einer scharf ausgeprägten Individualität. Die wenigsten seiner zahlreichen Schriften hinterlassen einen ganz befriedigenden Eindruck, und doch läßt sich nicht leugnen, daß sie zu dem Ausgezeichnetsten gehören, was die deutsche Literatur seit 1830 hervorgebracht hat. Woher kommt dies? Ich glaube in ihm einen Dualismus zu sehen, der viel Verwandtes hat mit dem Zwiespalt in Immermann’s Gemüth, den Gutzkow selbst zuerst aufriß. Gutzkow besitzt, anerkannt von allen deutschen Autoren – schönwissenschaftlichen natürlich – die größte Verstandeskraft; sein Urtheil wird nie verlegen, sein Blick orientirt sich in den verwikkeltsten Erscheinungen mit der wunderbarsten Leichtigkeit. Neben diesem Verstande steht aber eine eben so mächtige Hitze der Leidenschaft, die sich bei seinen Produktionen als Begeisterung äußert und seine Phantasie in jenen Zustand, ich möchte fast sagen der Erektion versetzt, in dem ihr allein eine geistige Zeugung möglich ist. Seine Werke, wenn auch oft lang ausgetragene Compositionen, sind im Nu entstanden, und sieht man ihnen auf der einen Seite auch die Begeisterung an, in der sie geschrieben sind, so verhindert andrerseits diese Hast doch oft die ruhige Verarbeitung des Einzelnen, und sie bleiben, wie die Wally, bloße Skizzen. Mehr Ruhe herrscht in den späteren Romanen, am meisten im Blasedow, der überhaupt mit einer an Gutzkow bisher ungewohnten Plastik ausgemeißelt ist. Seine früheren Figuren waren mehr Charakterbilder, als Charaktere, , zwischen Himmel und Erde schwebend, wie Karl Grün sagt. Dennoch kann Gutzkow nicht verhindern, daß die Begeisterung auf Momente dem Verstande Platz macht; in dieser Stimmung sind jene Stellen seiner Werke geschrieben, die den erwähnten unangenehmen Eindruck hervorrufen; es ist die Stimmung, die Kühne in seiner beleidigenden Sprache „greisenhaftes Frösteln“ nannte. – Jene Leidenschaftlichkeit aber ist es auch, die Gutzkow so leicht in Zorn gerathen läßt, oft über die unbedeutendsten Dinge, und die einen sprudelnden Haß, eine stürmende Heftigkeit in seine Polemik legt, die Gutzkow hintennach gewiß bereut; denn er muß einsehen, wie unklug er in den Augenblicken der Wut gehandelt hat. Daß er dies einsieht, beweis’t der bekannte Artikel im Jahrbuch der Literatur, auf dessen Unparteilichkeit er sich etwas zu Gute thut – er weiß also, daß seine Polemik nicht frei von augenblicklichen Einflüssen ist. – Zu diesen beiden Seiten seines Geistes, deren Einheit Gutzkow bis jetzt noch nicht gefunden zu haben scheint, tritt noch ein unbändiges Unabhängigkeitsgefühl; er kann nicht die leichtesten Fesseln tragen, und ob sie von Eisen oder von Spinnweben wären, er ruhte nicht eher, als bis er sie zerrissen. Als er wider Willen mit Heine, Wienbarg, Laube und Mundt zum jungen Deutschland gerechnet wurde, und dieses junge Deutschland anfing, in

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eine Clique auszuarten, überkam ihn ein unbehagliches Gefühl, das ihn erst seit dem offnen Bruche mit Laube und Mundt wieder verlassen hat. So sehr ihn aber diese Unabhängigkeitslust vor fremdem Einfluß bewahrt hat, so leicht steigert sie sich zu einem Zurückstoßen alles Andern, zu einem Sich in sich selbst Zusammenziehen, zu einem Uebermaße des Selbstgefühls, und streift dann an Selbstsucht. Ich bin weit entfernt, Gutzkow vorzuwerfen, er strebe mit Bewußtsein nach unumschränkter Herrschaft in der Literatur, aber zuweilen gebraucht er Ausdrücke, die seinen Gegnern den Vorwurf des Egoismus erleichtern. Die Leidenschaftlichkeit treibt ihn schon, sich zu geben ganz wie er ist, und so kann man bei ihm am ersten den ganzen Menschen in seinen Schriften erkennen. – Zu diesen geistigen Eigenthümlichkeiten noch ein seit vier Jahren stets von der Censurscheere verwundetes Leben, Hemmungen der freien literarischen Entwicklung von Polizeiwegen, genommen, so darf ich hoffen, Gutzkow’s literarische Persönlichkeit in ihren Hauptzügen skizzirt zu haben.

181. Friedrich Engels an Levin Schücking, Bremen, 18. Juni 1840 Was sagen Sie zu Gutzkows Herausforderung der Hallischen Jahrbücher im Telegraphen? G. scheint Menzels und Müllners kritischen Terrorismus erneuern zu wollen; er mag sich hüten daß die Jüngeren ihm nicht über den Kopf wachsen!

182. Friedrich Engels an Levin Schücking, Bremen, 2. Juli 1840 Die hämische Verunglimpfung der Hallischen Jahrbücher steht in No 97 oder 98 des Telegraphen, der hier mit der Post ankommt und somit weit früher, als es bei Ihnen möglich ist. Ich habe an G[utzkow] wieder Einiges geschickt, und bin begierig, wie er es nach dem Artikel in der „Mitt.Zeitung“ (Moderne Polemik) aufnehmen wird.

183. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 14. August 1840 Am Sonnabend habe ich Ihr Buch ausgegeben. […] – Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen? – […] Börne, hat eine unbeschreibliche Popularität in Deutschland gewonnen; alle sehen in ihn einen seltenen Charakter, – man liebt und verehr t ihn – allgemein! –

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Nun kommen Sie, greifen den Haus-Götzen an. Schänden ihn, setzen ihn herunter! – Er, ist todt; kann sich nicht wehren. – Es ist ein allgemeiner Schrei gege n Sie und noch sprach ich, außer Ihrer Mutter, keinen Menschen der sich dieser Gedanken erwehren konnte. Die allgemeine Indignation haben Sie geweckt. Die Sentimentalität geht weit. – […] […] Gutzkow hat viele und entschiedene Feinde. Alle beklagen es, daß Sie ihm so leichtes Spiel bereitet haben – hier Sieger zu seyn und Popularität, die ihm fehlt, zu gewinnen. –

184. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 21. August 1840 Mein Brief […] meldete Ihnen, wie die Stimmung in Deutschland über Ihr Buch sich gebildet hat. – Seitdem steigt sie bis zum Krämer herab und jeder giebt Ihnen seinen Tribut; – etwas ähnliches habe ich nie gesehen, wie jeder sich beeilt und bereit ist: Ihnen einen Hufschlag zu geben! Die Journalistick ist entschieden in allen Dingen gegen Gutzkows Wesen eingenommen –; sie wünscht ihn zu vermöbeln, und glaubte, eben bei d i eser Gelegenheit ordentlich vom Leder ziehen zu können. – Sie ist total getäuscht in ihren Erwartungen; sie steht daher ganz verdutzt und kann noch nicht zu sich selbst kommen. Aber, so mächtig ist der a l l g e m e i n e Un wi lle, daß Si e j ed es Blat t zer z au s e n w ird . Der Artikel in den Nachrichten ist von Clemens (Gericke) – ein Feind Gutzkow’s –: er kann Sie nicht halten, er muß mit dem Strome gehen.

185. Heinrich Heine an Heinrich Laube, Granville, 26. August 1840 […] es wird mir sehr unheimlich, da ich aus einem Briefe von Campe, den ich soeben erhielt, bemerke, daß er mit unserem edlen Collegen Gutzkow wieder ganz harmonirt – sicher hat er selber auch den Campe angetrieben, in einem frühern Briefe, der sehr merkwürdig, mich Angst und bange zu machen daß ich ihn durch mein Buch, ihn und die ganze deutsche Presse ins Unglück bringe, durch meinen unzeitigen Revoluzionseifer.

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186. Heinrich Heine an August Lewald, Granville, 31. August 1840 Jetzt erfahre ich, daß Gutzkow bei dem Erscheinen meines Buches über Börne das ganze Arsenal seiner Hinterlist aufgeboten hat, um mir in der öffentlichen Meinung zu schaden, und das Buch, was er selber über denselben Gegenstand herausgeben will, durch Rückwirkung zu heben. Es würde zu weit führen und würde auch meine gute Laune trüben, wenn ich Ihnen ausführlich erzählen wollte, wie er sich Campe’s zu bemeistern und ihn zu meinem Nachtheil auszubeuten wußte. –

187. Heinrich Heine an Heinrich Laube, Saint-Lo, 9. September 1840 Jetzt handelt es sich […] um das Gutzkowsche Treiben vor dem Publiko zu enthüllen und bin ich des Beystands der Freunde, deren Interessen hier eben so gut wie die meinigen im Spiel sind, einigermaßen sicher, so tret ich als ein ehrlicher und gemäßigter Mann auf und sage die ehrliche Wahrheit, die am Ende dennoch siegt; – möge man nachher immerhin alle meine Lebensverhältnisse, durch listige Entstellungen, verläumden. Suchen Sie besonders Kühnes Beystand zu gewinnen. Wenn er die Elegante einst nicht mehr besitzt, wird er eben so gut wie ich und Sie dem Preßmißbrauch Gutzkows et Consorten ausgesetzt seyn. Er ist ein tiefsinniger Kopf und wird leicht begreifen wie es wichtig jetzt ist, daß ich unterstützt werde. Ich bitte gehn Sie auch andre Freunde an, in meinem Namen. – Campe, welcher das Gutzkowsche Buch über Börne nicht drucken wollte, hat die zu Grunde liegende Gelddifferenzen geordnet, und druckt es jetzt. – […] […] […] Ich habe mir ins Gedächtniß zurückgerufen was ich Ihnen von Granville aus geschrieben und von diesem Brief will ich folgenderweise Gebrauch machen. Diesen Brief müssen Sie jemanden anvertrauen der ihn drucken läßt; da er älter ist als was ich später vorzubringen habe und gewiß auch ganz den Charakter der Unabsichtlichkeit tragen mag und die Intriguen die gegen mich gesponnen worden schon gleich erkennen läßt: so kann dieser Brief die nützlichsten Resultate hervorbringen: erstens werde ich dadurch ge zwungen weitere Erklärungen und Erörterungen zu geben, Bri ef e vo n Campe mi t z u theilen, ich reitze vielleicht gar Gutzkow schon gleich zu Angriffen gegen Campe, und alles was ich vorbringe, erscheint absichtloser in den Augen des Publikums. Da ich in der Ferne lebe, so ist die Mittheilung des Briefes keine Indiskrezion, sondern nur ein Freundschaftsdienst, wodurch die dem Abwesenden gespielte Posse und Perfidie in seinen Wirkungen vereitelt wird. Nur

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muß der Brief (dieses Aktenstück!) mit klugen Worten eingeleitet und encadrirt werden. Gegen Schufte muß man mit List agiren, sonst ist man perdu. Ich glaube, ich habe hier ausgepünktelt wie der Feldzug am vortheilhaftesten für mich eröffnet werden kann. Findet sich kein Mensch von bekanntem Namen, der den erwähnten Brief aus Granville mit Ihrer Erlaubniß publiziren kann, so müssen Sie ihn durch einen anonymus drucken lassen. Jedenfalls hoffe ich, daß Sie diesem Plan gemäß handeln werden.

188. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 19. September 1840 Was nun die Hauptsache betrifft – Ihre Stellung in der Literatur – so muß ich Sie e r n s t l i c h bitten, daß Sie das, was ich Ihnen schrieb, wohl zu beherzigen und als eine Sache zu betrachten, die da ist, wirklich so da ist, wie ich es berichtete. Verschanzen Sie Sich nicht hinter einen Glauben, als wären das die Fo lg en von den Bestrebungen der Frankfurter Clique und Gutzkows Schreiben. Wären diese Leute vermögend, so etwas zu erzielen, dann räumten Sie ihnen eine Größe ein, die sie n i c h t haben. Nein, es ist ein Schrei, der durch alle Gemüther zittert, von Mund zu Mund geht, und der ist durch Ihr Buch s e l b s t erzeugt! […] […] […] Sie sagen, ich seye von Gutzkow und Consorten bearbeitet, durch deren Einfluß die Färbung in meinen Briefen! Ni c h t s vo n d em! Ich schrieb, was ich mit eigenen Augen sah und hörte, o h n e f remd en Ei nf lu ß . So sichtbar und klar entwickelte sich alles, daß darüber nur e i n e Ansicht statt hat und zuläßig ist. Gutzkow sah ich s e i t Ja n ua r n i c h t . Er sucht mich nicht, ich ihn nicht, wir sind völlig geschieden. Der Telegraph erscheint auf meine Kosten, aber nicht eine Zeile sehe ich vo r d e m Dr uc k . Gutzkow darf nach dem Bundes Beschluß unter seinem Namen kein Journal redigieren; deshalb der Ausweg unter Verantwortlichkeit d. Verlags: d.h. dem Ce nso r und dem St aat e gegen über. Wo sollte i c h die Zeit hernehmen zu solcher Last? Gutzkows Buch ist h e ut e ausgegeben worden. Die Vorrede im Telegraphen enthält einen Paßus „Die Verhandlungen mit Börnes Erben über die Fortdauer des Verlags Rechtes hätten sich zerschlagen“ – damit wo llt e Gutzkow mir etwas in meine Akten bringen, das s p ä t e r von höchster Bedeutung werden konnte, weil die Wohl ohne mir e i n Wo r t zu sag en, ohne zu fragen: ob ich das Verlags Recht mir erhalten oder aufs neue erwerben wollte – selbst unter

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unverschämten Conditionen – verkaufte es an den Commis des Verlags der Claßiker, der Gutzkow den Blasedow und die Zeitgenoßen für den Verlag der Claßiker abgekauft hatte. Gutzkow sollte für mich mit der Wohl unterhandeln. Die Wihlsche Schweinerey fiel in jene Zeit, statt für mich, verhandelte er – so erscheint es mir – für je n e n C o m m i s . – – – Ein solcher Mann, der s o handeln konnte – der sollte über mich noch etwas vermögen? Wie irren Sie und täuschen Sich selbst.

189. Heinrich Laube an Heinrich Heine, Leipzig, 30. September 1840 Ihre Polemik gegen Gutzkow ist eingeleitet, wie Sie’s gewollt. Die Elegante war aus zwei Gründen dafür untauglich 1) ist Kühne verreis’t, und die Stellvertretung, zum Ueberfluß auch wüthig auf Ihr Buch, kann auf eigne Kappe hin keine solche Polemik aufnehmen. 2) Kühne will keine Polemik gegen Gutzkow, seine Ankunft abwarten hieße also sechs Wochen verlieren und dann auch nichts haben. Ich hab deshalb „die Rosen“, ein unparteiisch, noch in keiner Weise compromittirtes Blatt gewählt […].

190. Heinrich Heine an Heinrich Laube, Paris, 6. Oktober 1840 Der vorgeschlagene Feldzugplan gegen den Lump Gutzkow war gut im Momente, wo ich Ihnen schrieb – jetzt, wo denken Sie hin! jetzt ist alle Welt, sogar die e le g an te , gegen mich gewonnen, Sie haben keinen Begriff davon wie gut gegen mich manövrirt ward, wie Juden und Patrioten gegen mich vereinigt, wie die großen Freyheitshelden über mein armes Buch loseifern […] […] Als ich sah, daß ich nicht einmal die Elegante benutzen konnte, vertagte ich die Fußtritte die ich dem Lump Gutzkow mehr im Interesse der ganzen Schriftstellerwelt, als in meinem eignen Interesse geben wollte – Ich will die ungünstige Witterung ein bischen vorüber gehn lassen, es ist der Rath der Klügsten Köpfe, und ich wundre mich, daß Sie als Sie nicht gleich mir zu helfen wußten, nicht dasselbe denken und jetzt glauben die Polemik könne vortrefflich losgehen – in den Rosen! […] Da ich noch nie gegen Gutzkow geschrieben habe, so giebt mir das gänzliche Schweigen noch immer einen großen Vortheil und ich kann mich sehr gut in eine göthesche Vornehmheit hüllen. Ich weiß sogar, daß er über letzteres am giftigsten, daß er mich eben zum Sprechen zwingen wollte – Campe nergelte ihn immer mit der Versicherung, daß ich nur ihm, dem Verleger, öffentlich geantwortet, sonst aber nie einem Schriftsteller. Sie haben keinen Begriff davon wie ihn mein Schweigen pikirt und dies ist

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wohl mit ein Grund seiner vielen frechen Lügen und Verfälschungen der Thatsachen, die ich berichtigen soll. Er mag sich trösten, ich werde ihm einst antworten, aber zur rechten Zeit. Hilft nichts diese Verzögerung, irre ich mich in meiner Erwartung, daß diesem Heuchler die revoluzionäre Maske bald abgerissen wird, so antworte ich ihm mit wenigen Zeilen, die ihm jedoch nicht munden werden, denn in Folge derselben muß er sich mit einer Waffe schlagen, wobey kein Lügen und Intriguiren hilft – ich treibs nemlich zum Duel, wie ich Ihnen schon in Paris gesagt habe. Ich muß es aber geschickt anfangen, daß ihm dann keine Alternative bleibt als zwischen der Pistole und der Ehrlosigkeit, und daß man nicht glaube die Triebfedern meiner Handlung seien gereitzte Eitelkeit. Seyn Sie nur ruhig, der hat kein Pardon sondern nur Frist. –

191. Hans Christian Andersen, Tagebuch, Hamburg, 6. November 1840 War bei Töpfer, der Gutzkow als kalt und steif bezeichnete; ich suchte Gutzkow auf, er war warm und freundlich, sagte, ich hätte in Deutschland einen bedeutenden Namen. Ein Schauspieler war bei ihm; sie hatten beide Lust, wie sie sagten, „Das Maurenmädchen“ im hiesigen Theater aufzuführen; ich brachte es ihm später.

192. Levin Schücking an Annette von Droste-Hülshoff, Münster, 21. November 1840 Ich schicke Ihnen einen Brief von Gutzkow mit, der von dem sonst so menschenfeindlich verschlossenen Menschen merkwürdig ist. Seinen Telegraph hab’ ich aber gar keine Lust zu nehmen. Ich bin zu aristocratisch dazu, mich in die sansculotte Demagogie des Journalismus zu begeben: Sie glauben nicht, wie ignobel das Handwerk heut zu Tage geworden ist. Zudem ist der Telegraph ein Organ von allerhand ul t r a liberalen Ansichten, die ich nicht als Redakteur gutheißen und in die Welt senden mag; verbanne ich die daraus, so bekomme ich ein Wespennest lit[erarischer] Feinde auf den Hals, alle frühern Mitarbeiter. Und kurz, ich bin zu gut zum Journalisten, und als solcher könnt’ ich mir gar nicht mehr denken, wie Sie mein Mütterchen sein könnten. Ich habe Gutzkow geschrieben, ich ginge im Frühjahr vielleicht nach Weimar, wenn Freil[igrath] dort bliebe als solider Mensch: er macht eine hübsche Schilderung davon! Und dann das schlimme kaufmännische Hamburg!

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193. Arnold Ruge an Adolf Stahr, Halle, 9. Dezember 1840 Der Börne ist bereits in Leipzig und kommt sehr gelegen, um den Gu t z kow gegen Laube, der zu toll und trivial ist, hervorzuholen; nicht daß ich Gutzkow für einen Idealisten und reinen Anhänger der Freiheit hielte, o nein, deren giebt es aus dieser unseligen Periode, der er angehört, unsäglich wenige, und er selbst ist leider schauerlich selbstisch. Dennoch ist er der gebildetste und talentvollste von allen und hat, wie Du richtig bemerkst, wenigstens ein richtiges Bekenntniß bei Gelegenheit von Börne abgelegt. Das muß ihm denn doch zu Gute kommen. Und ich muß gestehen, ich halte ihn für fähig, ehrlich die Stellung zu behaupten, wenn er auch nie aufhört, seinen Ruhm und gelegentlich seinen Bühnendichter zur Hauptsache zu machen und bei jeder Gelegenheit sich und wieder sich hervorzukehren. Hätte man ihn hier, so ließe sich vielleicht was mit ihm aufstellen … Doch ist der Teufel des Hochmuths der ärgste.

194. Carl Stahr an Adolf Stahr, Stettin, 14. Dezember 1840 Auf den Richard war ich aufs höchste gespannt, sowohl wegen der Stellung, die der Dichter in der Gegenwart der Literatur einnimmt, als wegen des Zwiespalts, in welchem sich die wissenschaftliche Kritik mit der Aufnahme, die das Stück beim Publikum (selbst in Wien) erfahren, befindet. Die Kritik der Jahrbücher kennst Du. Ich konnte mir nicht denken, daß in dem, was dieser zugespitzte, tendenziöse Mensch gemacht hätte, Poesie sein könnte, allein meine Erwartungen sind doch sehr übertroffen worden. Zwar bin ich mit dem Richard noch nicht ganz im Reinen, allein das steht fest bei mir; in diesem Punkt verlasse ich mich auf mich selbst und trenne mich von der Kritik der Jahrbücher: das Stück ist in der Literatur von 1830 das erste wahrhaft epochemachende Drama, mit fertigen, festen Charakteren, einem fest ineinander gefügten und in große, wohl berechnete Effekte ausspringenden dramatischen Verlaufe, mit einem würdevollen, edlen Dialoge, und überhaupt mit einer schönen Sprache geziert. Von Anfang bis zu Ende der Vorstellung trat mir Lessing vor die Seele, und der Richard trägt durchaus den Charakter Lessingscher Dramen, nur scheint mir die Anlage und die Ausführung aus einem tieferen Verständnis der Gesellschaft heraus durchgeführt zu sein. Das Publikum empfing das Stück mit stürmischem Beifall, ich selbst unterlag an jenem Abend nach der Vorstellung einer wirklich starken Einwirkung der Empfindung, und häufige Tränen der Wehmut entströmten meinen Augen. Es ist wirklich toll, daß das jungdeutsche Stück mir es angetan hat! Ach Gott! Man muß zwei Wochen das Theater besuchen und sich von der dramatischen Misere überzeugt

Hamburg 1840

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haben, in der wir stecken, – eine Misere, wo das nach Poesie sehnsüchtige Herz begierig nach jedem erträglich guten Fetzen aus dem Lumpendrama der Jetztzeit mit Hast greift und im Begriff ist, sich auch mit der Dürftigkeit selbst zu befriedigen – wenn da so ein Stück wie dieser Richard S. vorüberzieht, da ist der Abstand zu groß, zu gewaltig, als daß man ihn nicht mit Freuden empfangen sollte. Doch wie gesagt, ich bin keineswegs über ihn im Reinen und will ihn deshalb lesen […]. Auf den „Werner“ bin ich gespannt, der soll schon matter sein, sagte mir der Professor Giesebrecht und einige andere, die es ihm mit einem Lächeln nachreden, als ob sie sich darüber freuten – allein wir wollen sehen.

195. Feodor Wehl [*1889]

Hamburg, Ende 1840

Ich glaubte für immer mit Gutzkow abgeschlossen zu haben. Aber es kam anders. Einige Monate nach dem erzählten Vorgange erhielt der bereits erwähnte Oheim vom Prinzen Karl Befehl, einen Wagen aus England in Hamburg in Empfang zu nehmen und nach Berlin zu bringen. Es gab damals noch keine Eisenbahn zwischen diesen beiden Städten. Die Fahrt mußte mit sogenannter Extrapost gemacht werden, und da es meinem Onkel langweilig vorkommen mochte, allein zu reisen, lud er mich ein, ihn zu begleiten. In vierunddreißig Stunden waren wir dort, für damals eine geschwinde Unternehmung. In Streits Hotel abgestiegen, erfolgte die Ablieferung des Wagens ohne Schwierigkeit, und mein Oheim, sich und mir überlassen, sann auf Unterhaltung. Er wußte, daß Gutzkow in Hamburg lebte, und da ihm meine weitere Begegnung mit diesem in Berlin unbekannt geblieben war, hatte er kein Arg, mich zu einem Besuche bei ihm aufzufordern. Ich ging nicht gern, aber da ich meine Niederlage nicht bekennen wollte, widersprach ich nicht und folgte. Gutzkow wohnte auf der Esplanade, von der Dammthorstraße aus betreten, links in einem der stattlichen Häuser, die damals nach dem sogenannten Stadtgraben sahen, und jetzt die Gartenanlagen am Eisenbahngebäude vor sich haben, in einem oberen Stockwerke, sehr bescheiden, aber durchaus anständig und anheimelnd eingerichtet. Er begrüßte uns freundlich, fragte nach unseren Absichten in Hamburg, nach meinen Arbeiten und manchem Andern. Eine halbe Stunde war bald verplaudert, und nachdem wir uns verabredet, am Abend im Stadttheater zusammen zu treffen, schieden wir. Nach dem Theater lud mein Oheim Gutzkow ein, uns ins Hotel zu begleiten, und hier wurden bei Austern und Champagner ein paar angeregte Stunden

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verbracht, die mich in nähere Beziehung zu dem berühmten Autor setzten, welche bis an sein Ende gedauert hat. Ehrlich und offen, wie ich es immer gewesen bin, gestand ich ihm ohne Umstände die mißlichen Eindrücke, die seine erste Bekanntschaft bei mir hinterlassen. Er lachte und entschuldigte sich. „Wenn meine erste Begrüßung Sie beleidigt hat,“ sagte er, „so bedauere ich das und bekenne zugleich, daß, wenn sie ein wenig satirisch klang, dies daher kam, weil ich, der ich in meinem allezeit arbeitsamen Leben wenig Gelegenheit fand, mich gesellschaftlich auszubilden, eine Art von Neid über Ihr gefälliges Auftreten empfand. So ein junger Herr, dachte ich, hat von Natur, was du vielleicht durch alle Uebung nicht erreichst. Das mag meinem Tone etwas Bitteres gegeben haben; beabsichtigt oder schlimm gemeint war es jedenfalls nicht. Was aber mein Verhalten gegen Wolmany betrifft, so müssen Sie das auf Rechnung des beginnenden Dramatikers schreiben. Der Dramatiker wünscht seine Stücke aufgeführt zu sehen und erblickt in jedem Schauspieler den Vermittler dazu. Jener Liebhaber von Riga versprach, „Richard Savage“ auf seinem Theater herauszubringen und wo möglich auch in Prag, wo er auf Anstellung zu spielen ebenfalls eingeladen war und mehr Würdigung seiner Begabung erhoffen zu dürfen meinte. Was Wunder, daß diese Aussichten den Neuling im dramatischen Felde in Aufregung versetzten und die Rücksicht vergessen ließen, die er einem angehenden Fachgenossen zu erzeigen gehalten gewesen wäre.“ Diese unumwundene Erklärung versöhnte mich und machte mich zum aufrichtigen Freunde Gutzkows auf Lebenszeit. Ich blieb von da an in brieflichem Verkehre mit ihm, der zeitweise ein sehr lebhafter und inniger wurde, besonders als ich in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, nachdem er selbst als Dramaturg nach Dresden übergesiedelt war, in dauernder Weise nach Hamburg kam.

196. Wilhelm Ritter von Hamm: Hamburger Abende. [*1873] Hamburg 1841 Damals, in der stillen, nur unterirdisch bewegten Epoche vor den Idus des Märzen, war die gute alte Zeit der literarischen Thees und der bürgerlichen Privatlorbeern, der Albums und der Lesekränzchen. Letztere waren besonders en vogue, und das Lesen mit vertheilten Rollen gehörte entschieden zu den Merkmalen eines guten Hauses. Ein solches in der besten Bedeutung des Wortes, ein geselliger Cirkel, welcher auch hochgestellten geistigen Ansprüchen entsprach, befand sich damals auf der Esplanade, einer vornehm schönen Nebenstraße des Jungfernstiegs in Hamburg, und zwar im „alten Hamburg“, wie man jetzt sagt,

Hamburg 1841

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wenn man der socialen Zustände der guten Stadt vor dem großen Brande gedenkt. In ihm hatte ich Zutritt gefunden. Ich war ein blutjunger Student, welcher seine Studien unterbrochen hatte, um eine abenteuerliche Fußtour durch Belgien, Frankreich und England zu machen, deren Fortsetzung im Norden des Continents erfolgen sollte. Allein die Strapazen und Entbehrungen, welche der letzte Theil dieser Reise mir auferlegt hatte, warfen mich nach stürmischer Rückfahrt von London auf dem alten Dampfer „John Bull“ in Hamburg auf das Krankenlager, das mich monatelang festhielt. Ich wäre in der mir fremden Stadt gänzlich verlassen gewesen, wenn ich nicht eine Empfehlung besessen hätte, welche mir freundliche Aufnahme in eben jenem Hause verschafft hatte. So war ich denn, nachdem meine kräftige Jugend dem dräuenden Griffe des Sensenmannes glücklich entwichen, gar wohl geborgen, und die lange Zeit der Reconvalescenz ward mir zu einer der inhaltsreichsten und interessantesten meines Lebens. In welcher Gesellschaft ich mich befand und bewegte, das wird aber der Theaterzettel sagen, den ich als Reliquie aufbewahrt habe. Er lautet: Den 7. Februar 1841: „Clavigo.“ – Clavigo, Herr Kirchner. Carlos, Herr Doctor Gutzkow. Beaumarchais, Herr Rießer. Guilbert, Herr Doctor Steinheim. Buenco, Herr Wihl. Saint-Georges, Herr Monsanto. Bedienter, Herr Hagen. Marie Beumarchais, Frau Amalie Gutzkow. Sophie Guilbert, Frau Steinheim. – Hierauf: „Die Heirat durch ein Wochenblatt.“ Außer den schon erwähnten Persönlichkeiten figuriren noch in dem Lustspiel: Storr, Herr Wienbarg. Charlotte, Fräulein Ottilie Assing. Madame Fallberg, Fräulein Ludmilla Assing, und noch Mehrere, deren Namen nichts zur Sache thun. Zugleich ist aber auch schon die Rollenvertheilung für Sonntag den 21. Februar verkündigt; an diesem Tage wird gelesen: „Die unglückliche Ehe aus Delicatesse“, mit Gutzkow als Graf Klingsberg u. s. w. Geschrieben ist der Zettel von Ottilie Assing, und der Kreis des Lesekränzchens reihte sich um den schönen Mittelpunkt des Gutzkow’schen Hauses, in welchem ich so wohl aufgenommen worden war. Es waren Abende und Menschen, werth, daß man ihrer gedenkt. Karl Gutzkow in der ganzen herben Kraft des frischesten Mannesalters, dessen Schwelle er eben betreten hatte, neben ihm seine sanft-heitere reizende Gattin, welche immer aussah wie ein knospendes Mädchen, und deren Eltern, der frankfurtisch-schwedische Consul Freinsheim mit seiner vornehmen, verstandesscharfen Frau, bildeten eine Familie, die schon an und für sich der anziehenden Elemente genug bot, um zu fesseln. Ihre Wohnung im fashionabelsten Quartiere der Stadt war geräumig und würdig ausgestattet; es herrschte bei den Agapen eine sehr schätzbare Opulenz, und auch dem Gourmand war genug gethan, aber am wohlthuendsten sprach der feine, geistige Hauch an, der sich in Allem ausprägte, in der Unterhaltung aber oft wahrhaft berauschte. Das Lesekränz-

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chen alternirte, es wurde einmal in der Gutzkow’schen Wohnung, das anderemal in derjenigen des Doctors Steinheim abgehalten. Diese lag in Altona, ein einstöckiges, weitläufiges Renaissance-Gebäude, von dessen Fronten die eine nach der Elbe, die andere in den Garten blickte. Steinheim, früher Arzt, jetzt in behaglicher Ruhe eines reichen Besitzes sich erfreuend, war ein hochgebildeter Mann, in der Literatur daheim wie Wenige, sprachgewandt, vor Allem aber ein tiefer Kenner und leidenschaftlicher Freund der Musik. […] Damals stand die Emancipation der Juden auf der Tagesordnung der Welt in Hamburg; Steinheim war einer ihrer glänzendsten Verfechter, ward aber weit überholt von einem anderen Mitgliede des Gutzkow’schen Lesekränzchens, seinem Freunde Gabriel Rießer. […] Eine andere Gestalt tritt uns entgegen in der zierlichen Ludwig Wihl’s, des allezeit reimfertigen Poeten, eines liebenswürdigen Menschen und trefflichen Gesellschafters. Er war ein hübscher junger Mann, der sich besonders viel auf die niedlichsten, wohlgepflegten Hände zugute that, auch wol hie und da ahnen ließ, daß die Frauen ihm gewogener seien als die Männer. […] Ganz seltsam nahm sich neben ihm aus Ludolf Wienbarg, der Taufpathe des jungen Deutschland, eine jener langen Friesengestalten, die „rösche, frische Degen ihre Hövd in de Wolken trägen“. Kurz zuvor war sein Buch „Zur neuesten Literatur“, welches eben das „junge Deutschland“ proclamirte, erschienen und hatte Erwartungen rege gemacht, die leider später nicht erfüllt worden sind. Gutzkow hielt ungemein viel von ihm und seiner architektonisch edlen Stylistik; aber, offen gesagt, dem Manne sah man es nicht an, was hinter ihm steckte. Es war viele Formlosigkeit in ihm, er war der guten Gesellschaft eigentlich fremd, räkelte sich und zeigte auch sonst auffallendes Benehmen; am wohlsten befand er sich im Hamburger Keller hinter einem „Grog von Cognac“ oder einer „Buddell Rothspohn“, wobei er den Philistern rings umher kurze Geschichten zum Besten gab, die ihn als „ungehenkten Hochverräther“ brandmarkten. Später habe ich den originellen Menschen wieder gefunden hoch oben im Norden, als Historiographen im Gefolge des Majors v. Gersdorff, des Obercommandanten der Freischaaren in Schleswig-Holstein. Er hielt aber auch dort nicht, was er versprochen hatte, war dagegen unverwüstlich hinter Krug und Glas. Im Lesekränzchen war er nur ein seltener Gast. Ich traf ihn zuweilen außerhalb desselben und, ich muß es zum Nachtheil von uns Beiden sagen, nicht immer an den schicklichsten Oertern; es ist wahr, auch der feine Wihl war daselbst nicht selten zu treffen. […] Obgleich alle diese bedeutenden Namen und Gestalten, in deren Kreis einzutreten ein günstiges Geschick mir gestattet hatte, mein vollstes Interesse in Anspruch nahmen, so war ich doch noch zu jung, um mit ihnen auf gleicher Linie verkehren zu dürfen, ich begnügte mich gern, geduldet zu sein und hinzuhorchen. Anders gestaltete sich das Verhältniß mit zwei Mitgliedern des Le-

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sekränzchens, bei welchen der Unterschied des Alters zu meinen Gunsten ausfiel, so daß sich, als die zu meiner Pflege eingetroffene Schwester zum Bindegliede ward, ein traulich angenehmer Umgang gestaltete, an den ich jetzt noch, nach vielen, vielen Jahren, nicht ohne Sehnsucht und Befriedigung zurückdenke. Es waren dies die Schwestern Assing, Ludmilla und Ottilie. Letztere, ein schönes Mädchen, von voller Gestalt, neben Gutzkow, dessen Talent ein dominirendes war, die beste Leserin des Kränzchens, ist, glaube ich, auch später als Schauspielerin aufgetreten. Meine bevorzugte Freundin war aber Ludmilla, die gar trefflich zu erzählen und ebenso gut zu schreiben wußte. […] […] Es konnte […] nicht fehlen, daß in der begrenzten Gesellschaft des Lesekränzchens manche Ecken aneinanderstießen und kleine Conflicte unvermeidlich wurden. Gutzkow gab damals den „Telegraph“ heraus, ein Blatt, mit dessen Inhalt und Richtung die Assings selten einverstanden schienen; sie eiferten insbesondere gegen die stete Einführung sogenannter „junger Talente“ in die literarische Welt. Den Kritiker Gutzkow stellten sie zwar hoch, allein nur, um stets ihren Onkel noch höher zu stellen. Varnhagen war ihnen überhaupt der Prototyp schriftstellerischen Könnens, und sie wurden furchtbar indignirt, wenn Gutzkow, wie er oft boshaft geflissentlich that, den glatten Hofmann, den Freund von Metternich und Gentz, wie seinen noblen Vier-Pferde-Styl herzhaft angriff. Die Mädchen waren sonst in ihrem Denken und Fühlen sehr modern, sie hatten dies von der Mutter, welcher Ottilie äußerlich nachschlug, während Ludmilla mehr auf den Vater herauskam. Sie schwärmten für das dunkle Capitel der Frauen-Emancipation, verehrten die Georges Sand als eine Hohepriesterin und hegelten so rücksichtslos ins Aschgraue hinein, daß der gute Wihl, wie er behauptete, sich manchmal wie ein Mägdlein vorkam und sehr roth wurde. Daneben waren sie fanatisch jungdeutsch und interessirten sich aufs höchste für Alles, was diesem neuen Begriff im entferntesten anhing. Alles das machte aber gerade den Umgang mit diesen hochgebildeten Mädchen so interessant, und da ihrem Kreise die Innerlichkeit und Gemüthlichkeit nicht abging, so mußte man sich in demselben wohl fühlen.

197. Julius Campe an Franz Dingelstedt, Hamburg, 9. März 1841 Mit Gutzkow stehe ich noch auf dem Ihnen bekannten Fuß. Sonderbar genug ist es, daß ich ihn in 15 Monaten auch nicht einmal auf der Straße gesehen habe. Ein komisches Verhältniß ist und bleibt es. Sie sehen aber daran, was 2 harte eigensinnige Köpfe bedeuten, wenn sie sich gegen einander stemmen. Gutzkow beurtheilte und taxierte mich falsch. Er glaubte, sein Umgang sey mir Nothsache und unentbehrlich; er calculierte: ich müsse ihm kommen –

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Und das geschah nicht und wird in diesem Leben nicht geschehen und sollten wir auch noch so ein Dutzend Jahre fortarbeiten und den Telegraphen spielen lassen. – Es war übrigens drauf und dran, daß der Telegraph in andre Hände ging. Wie gesagt, ich bin nicht gelaunt, mich tourbieren zu lassen; wer das versucht, erzielt nur Schaden für sich selbst. Gewiß ist keiner mehr, als ich, bereit Gutzkow zu achten und seine großen Verdienste und Eigenschaften anzuerkennen „ja wenn er nur nicht so garstig wär’!“

198. Arnold Ruge an Moritz Carrière, Halle, 10. März 1841 Mit Gutzkow hat es die Bewandtniß, daß er zu empfindlich ist und sich mit seinem lieben Ich nicht genug vorsieht. Ich hab’ ihm das ehrlich gesagt und freue mich, daß er vernünftig und solid darauf antwortet. Es fällt mir nicht ein, ihn zu verkennen, aber es ist schlechterdings unmöglich, dem Princip der freien Kritik untreu zu werden und den Tadel von übrigens strebenden und freisinnigen Männern aus Rücksicht auf Cooperation abzuhalten. Ich verkenne es nicht, daß die Jahrbücher eine practische Wichtigkeit gewonnen haben und daß enfin die ganze Zeit unaufhaltsam der allerernstlichsten Praxis in die Arme stürzt, dennoch ist es nicht nur möglich und räthlich, sondern sogar nothwendig, unerbittlich nur der Wahrheit zu dienen. „Extrema müßt ihr ergreifen,“ sagte der große Gustav zu den Deutschen, und das ist wahr; sicher ist man nur im ehrlichen, strengen Dienst der Principien, dann mag die Welt zu Grunde gehen. Uebrigens hat Gutzkow selbst durch das Ergreifen des Princips im Börne u. s. w. das Richtige getroffen, und es ist mit Freuden anerkannt worden, sobald es geschah.

199. Georg Weerth an Wilhelm Weerth, Köln, 28. April 1841 Das Theater ist jetzt mein eigentlichster Zufluchtsort geworden; in voriger Woche sah ich das allerliebste „Glas Wasser“ und Gutzkows „Rich. Savage“, der übrigens gefährlich abgesunken ist. Ich hatte dem Verfasser wahrlich mehr zugetraut; denn wenn das Stück auch einige gute Stellen hat, so ist das Ganze doch aus einem sehr philiströsen Gehirn hervorgegangen.

Berlin 1841

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200. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 31. Mai 1841 Besuch von Dr. Gutzkow. Er drängt die Aufführung des „Patkul“, obschon ich ihm vorstellte, wie ungünstig der Monat Juni dafür. Für einen möglichen Aufschub stellte ich ihm die Rolle wieder zur Disposition, da er sie früher für Grua bestimmt hatte; er tat, als wisse er gar nichts von Gruas Abwesenheit, und die Übergabe der Rolle an mich sei Folge einer reinen Sinnesänderung. Er ist falsch, der gute Mann, und setzt bei allen Menschen stets die kleinste Gesinnung voraus; sollte das nicht auf seine eigne schließen lassen?

201. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 1. Juni 1841 Nach Tisch las ich „Patkul“ von Gutzkow. Das Stück ist ganz gut und teils sehr geschickt theatralisch; es wird sich spielen lassen. Die Gefängnisszene, die Verhandlung mit dem Gouverneur ist etwas gespannt und wird undeutlich und unwirksam werden, fürchte ich.

202. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 3. Juni 1841 10 Uhr Leseprobe „Patkul“. Meine Vorschläge zu kleinen Änderungen lehnte Gutzkow ab.

203. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 9. Juni 1841 „Patkul“ memoriert. Gutzkow kam und deklamierte mir fast die ganze Rolle in seiner outrierten, fratzenhaften Weise vor, den letzten Akt voll matschiger Todesfurcht, daß einem übel werden könnte. Ich sagte ihm, daß ich mich gedrungen sähe, die Rolle etwas würdiger, höher zu nehmen.

204. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 17. Juni 1841 „Patkul“ repetiert, um 10 Uhr probiert; die Rolle formt sich, ich glaube, sie wird gut. Gutzkow war zufrieden und gab mir in einigen Wünschen nach, da er sah, wie es gedacht.

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205. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 19. Juni 1841 Gutzkow kam, noch einige Bemerkungen über den Ausdruck einiger Stellen zu machen. Er will alles chargiert, voll der maniriertesten Effekte haben; ich sagte ihm, daß ich möglichst nach seinen Intentionen, aber auf meine Weise spielen werde. Er bewirbt sich um die Stelle des technischen Direktors in Darmstadt, hat Audienz bei dem hier anwesenden Erbprinzen gemacht und war nun voll Angst, daß die liberale Gesinnung in seinem heutigen Stück Seiner Hoheit mißfallen könnte. Er hatte Lust, auch deshalb die Schlußworte des Stückes: „In Brutus’ Armen sehen wir uns wieder“ zu ändern. Ich fuhr zeitig ins Theater und spielte Patkul. Ein zahlreiches, wohlgestimmtes Publikum voll reger Teilnahme. Die blasse Situation, wo Patkul den König mit Anna in Moritzburg überrascht, wurde lebhaft applaudiert. Im letzten Akte, bei meiner Rede „und jedem Freiheitsseufzen antwortet einst donnernd der Jubel der Jahrhunderte“, brach lebhafter Beifall los, und da einige servile Leute zischten, wiederholte er sich dreimal. Am Schluß lärmendes Rufen; Gutzkow, Rott und ich gingen hinaus. Seydelmann hatte in der kleinen Rolle des spitzbübischen Rates etwas Wunderliches gewagt, nämlich sie in sächsischem Dialekt zu sprechen; er balancierte es auch glücklich, wenngleich er mehr jüdisch als sächsisch sprach. Im ganzen störte es dennoch natürlich den harmonischen Ton eines solchen Stückes und brachte die Lächerlichkeit einer Besonderheit hinein, die mehr in Lustspiel und Posse gehört.

206. Eduard Devrient, Tagebuch, Berlin, 21. Juni 1841 „Patkul“. Das Haus war schwach besetzt, der Anteil lebhaft. Ich spielte mehr zu meiner Befriedigung, sicherer, besonnener und nachdrücklicher; wurde gerufen. Gutzkow auch, den ich entschuldigte.

207. Friedrich Hebbel, Tagebuch, Hamburg, 4. Juli 1841 Gestern begegnete mir Gutzkow, von Berlin, wo er Triumphe eingesammelt, zurückgekehrt, in elegantem Wagen fahrend, während ich und Jahnens in der brennenden Hitze, zu Fuß den Sand durchmaßen. Dergleichen wirkt so wenig angenehm, als unangenehm auf mich, es ist mir völlig gleichgültig.

Hamburg 1841

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208. Konfidentenbericht, Frankfurt, 4. Oktober 1841 Dr. Gutzkow gibt in einem Brief, den er vor einiger Zeit an den hiesigen Schauspieler Baison geschrieben, zu erkennen, daß er in Kürze Hamburg verlassen wolle und nach einigem Umherschweifen nach Frankfurt zum längeren Aufenthalt kommen werde. Gutzkow ist mit seinem Aufenthalt in Hamburg sehr unzufrieden, seine journalistische Tätigkeit behagt ihm auch nicht mehr und im Innern zerrissen sehnt er sich sehr nach einer ruhigen Stellung.

209. Ludmilla Assing an Amalie Gutzkow, Hamburg, etwa 10. November 1841 (Konzept) Unser Leseabend gewährt uns noch immer ganz besonderes Vergnügen … Ihr Wachtmeisterchen ist wieder ein regelmässiges Mitglied unsrer Gesellschaft und seitdem wird auch wieder bei Madame de Castro gelesen. Seit Sie uns verlassen haben, lasen wir Egmont, den Ring, das Lustspiel von Schröder, und Macbeth und zum nächstenmale ist ein Stück von Calderon, der Arzt seiner Ehre, angesetzt. Wir wollten erst, Ihrem Rat gemäss, Ihren Mann veranlassen selbst den Egmont zu lesen, aber er wollte es nicht und wählte sich den Herzog Alba, Vansen und Brakenburg, welche er aber so ausgezeichnet schön vortrug, als Sie sich nur irgend vorstellen können, oder eigentlich noch schöner! Es war wahrhaft merkwürdig, wie er jede dieser drei Rollen so geistreich und lebendig auffasste und in seiner eigenthümlichen Weise hervortreten liess. Er malt die Charaktere mit so schönen brennenden Farben, er weiss sie so wiederzugeben bis in die kleinsten Schattierungen und Nüancen dass man sich auf der Bühne keinen grössern Effect denken kann. Auch Macbeth war eine seiner Glanzrollen und den Klingsberg las er mit jener liebenswürdigen Laune, welche auch diesem Stück ein Interesse verlieh, welches es sonst schwerlich erreicht hätte. Es würde Ihnen gewiss Vergnügen machen zu sehn, dass auch Ihr Mann so lebhaftes Interesse daran nimmt und manchmal werden wir ganz stolz auf unsre Fortschritte, wenn unser Director selbst uns allen seine allerhöchste Zufriedenheit bezeigt. Die Montage Mittage sind wir noch regelmässig bei unsern lieben Steinheims und haben das Vergnügen auch immer Ihren Mann dort zu treffen. Die Freitag-Abende bringt er bei uns zu, an welchen sich auch der Vater meistens sehr lebhaft und eifrig mit ihm unterhält. Gutzkow ist jetzt recht wohl und immer in besonders heiterer Stimmung, wenn Ihre Briefe anlangen, die ihm grosse Freude gewähren und die er immer mit Ungeduld erwartet. Wie können Sie uns noch fragen, liebe Amalie, was wir zu der Art und Weise gesagt haben, mit welcher die Schule der Reichen hier aufgenommen wurde!

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Wie anders als mit Empörung hätte man wohl einer so schlechten Intrigue zusehen können und wer sollte nicht entrüstet sein über alle diese bösen Leute, welche weit entfernt eine Production als Kunstwerk ruhig beurtheilen zu wollen und zu können, sich schon im voraus vorgenommen hatten, das Stück zu stürzen. Dass sich die Reichen so verletzt fühlten beweist wohl nur wie gut sie getroffen sind. Uns hat das Drama sehr interessirt, die Grundidee des Ganzen gefällt mir ganz besonders und wenn wir hie und da manches anders gewünscht hätten, so ist dies doch nichts mit dem Ganzen organisch oder wesentlich Zusammenhängendes. Um so mehr freuten wir uns der günstigen Aufnahme in Wien. An den Abend der Aufführung hin mag ich gar nicht mehr denken und ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr wir Gutzkow bedauert haben; es that uns ganz besonders leid, ihn so allein in seinem öden Zimmer zu wissen, ohne etwas thun zu können, um ihn aufzuheitern. […] Nun aber sind diese Eindrücke auch bei ihm verschwunden und Sie würden sich freuen, wie wohl er aussieht.

210. Konfidentenbericht, Frankfurt, 8. Januar 1842 Durch das von Preußen gegen den Hoffmann-Campeschen Verlag ergangene Verbot wird aber auch der von Gutzkow redigierte „Telegraph“ eingehen müssen. Gutzkow hat vorerst darauf verzichtet, nach Frankfurt zu kommen; er will im Frühjahr nach Frankreich gehen, um sich von den literarischen Mühseligkeiten zu erholen. Mit dem übel-berüchtigten Redakteur des „Frankfurter Konversationsblattes“ ist er in einen Streit geraten, der eine Ausforderung zur Folge hatte, der aber gewiß kein Duell folgen wird.

211. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 6. März 1842 Am 1ten März ist Gutzkow nach Frankfurt abgegangen, in 14 Tagen werden Sie ihn dort haben. Wir sahen uns auch ietzt nicht. Dingelstedt hat mir bis ietzt noch nicht geantwortet, was mich wundert. Ueber Gutzkow schrieb ich ihm; ich traue ihn so viel Discretion zu, darüber zu schweigen. Schroff stehe ich mit ihm genug, es bedarf keines neuen Stoßes –; übrigens vermuthe ich, daß Gutzkow mit dem Schluße dieses Jahres von mir Abschied nimt. Ich war auf neue Plackereien am Jahresschluß, des Telegraphen wegen, gefaßt und schrieb Dingelstedt darüber meine Befürchtungen und meinen Entschluß, dem Dinge ein Ende zu machen –, falls das einträfe: ob er dann die Redaction übernehmen wolle? […] […]

Paris 1842

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Der Telegraph erschien seit 1842 unter der Firma Ju li u s Campe – er ward verboten, da man meine Person erkannte –. Auf meine Veranlaßung schrieb Gutzkow an den König, dieses abzuwenden. Thut er es, ist es gut; thut er es nicht, dann giebt er ihm dort was auf den Nacken, geben Sie Achtung. –

212. Theodor Hagen an Ludmilla Assing, Paris, 18. April 1842 Nun von Gutzkow. Er bewegt sich hier in den höchsten Sphären, Thiers, Guizot, Gräfin d’Agoult … nehmen ihn abwechselnd in Anspruch. Es bleibt in der That zu bewundern, wie Gutzkow sich durch das Labyrinth von Eindrücken aus der haute volée wie auch dessen, was Paris überhaupt bietet, auf eine Art windet, die ihm Mut und Ausdauer genug lässt, das am Morgen niederzuschreiben, was er am Abend erlebt hat. De r e rst e Band sei nes Werkes ü b e r Par is is t f e r t i g . Ich bin überzeugt, er würde gewiss ausführlich geschrieben haben, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Wie er mir sagt, lässt die Bacheracht die Abschriften seines Manuskripts besorgen, daher die Briefe an sie. Wie ich höre, bietet Heine Alles auf, sich Gutzkow zu nähern. Dass ein freundschaftlicheres Verhältniss zwischen beiden zu Stande kommen wird bezweifle ich. Uebrigens mag Gutzkow über Heine Manches gehört haben, das ihm eine wohlwollendere Meinung von diesem, auch als Schriftsteller giebt. Die Abreise Gutzkow’s ist auf nächsten Montag festgesetzt. Er sehnt sich wie er mir sagt, nach seinen „Jungen“ in Frankfurt.

213. Konfidentenbericht, Frankfurt, 30. April 1842 Gutzkow will bis zum Juli in Paris verbleiben, dann hierher kommen, wo er sich bereits wieder häuslich eingerichtet. Gutzkow arbeitet wieder an einem neuen Trauerspiel, das politisches und kirchliches Interesse berührt, denn sein Held ist der Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar aus dem 30jährigen Kriege. Es ist nicht zu übersehen, daß das junge literarische Deutschland nur von der Bühne herab aufs Volk zu wirken sucht, was ihm durch seine Schriften nicht gelang.

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214. Adolf Friedrich Graf von Schack [*1888] Paris, April 1842 Von den Erinnerungen meines damaligen Aufenthalts in Paris scheint mir hier noch eine der Aufzeichnung würdig zu sein. Der Gesandte der Hansestädte, Herr Rumpf, dem ich häufig in den Abendgesellschaften begegnete, zog mich einst beiseite, um mir folgendes zu vertrauen: Bei ihm hatte sich der Schriftsteller Karl Gutzkow mit einem Empfehlungsbriefe eingefunden und ihn gebeten, ihn beim Minister Guizot einzuführen, war auch gleich mit der Thür ins Haus gefallen, indem er den Gesandten bat, ihm behilflich zu sein, den Orden der Ehrenlegion zu erhalten. Herr Rumpf hatte darauf erwidert, letzteres Verlangen sei ihm befremdend; denn Orden würden, wie allbekannt, zwar oft auf geringfügige Veranlassung verliehen, ein solcher Anlaß müsse indes doch immer vorhanden sein; der bloße Wunsch, eine Dekoration zu erhalten, genüge noch nicht. Gutzkow war hierüber schon empfindlich und berief sich auf einen Journalartikel, den er über Guizot geschrieben. Herr Rumpf zog sich dadurch aus der Affaire, daß er sagte, er wolle sehen, was sich thun lasse. Er fragte mich nun, ob ich von Frankfurt her, wo Gutzkow damals wohnte, ihm etwas über denselben mittheilen könne und ob ich es für thunlich erachte, daß er, der Gesandte, ihn bei Guizot einführe. Ich wußte damals sehr wenig von dem deutschen Schriftsteller und wollte ihm jedenfalls nicht hinderlich sein, daher bejahte ich die letztere Frage. Einige Zeit später begegnete ich dem Hanseaten von Neuem, und er machte mir, wenn auch in freundlicher Weise, Vorwürfe darüber, daß ich, wenigstens zum Teil, Veranlassung zu einer unangenehmen Erfahrung gegeben, die er soeben gemacht habe. Gutzkow sei durch ihn Guizot vorgestellt und von diesem, der ihm doch eine Artigkeit erzeigen wollte, zum Frühstück eingeladen worden. Wenige Tage darauf habe dann in der Zeitschrift: „Der Frankfurter Telegraph“, ein von Gutzkow verfaßter Aufsatz: „Ein Frühstück bei Guizot“, gestanden, und von Dienstbeflissenen sei derselbe gleich nach dem Eintreffen in Paris dem Minister, der sehr gut Deutsch verstand, überbracht worden. Als dann zufällig kurz darauf Herr Rumpf wegen einer diplomatischen Angelegenheit zu Guizot kam, sprach dieser ihm mit der höchsten Entrüstung von der Indiskretion und Taktlosigkeit des deutschen Schriftstellers, indem er Worte über ihn gebrauchte, welche in den Mund zu nehmen der gesellige Ton sonst den Franzosen verbietet. Auch der Gesandte selbst mußte sich einiges Unliebsame von dem Minister darüber sagen lassen, daß er ihm einen solchen Gast zugeführt. Von dem ambitionirten Kreuz der Ehrenlegion konnte natürlich nun nicht weiter die Rede sein.

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215. Konfidentenbericht, Paris, 28. Mai 1842 Während der Anwesenheit Gutzkows hat sich hier ein deutscher, literarischer Klub gebildet, an welchem Savoye, Gutzkow, Venedey, Depping, Auerbach etc. teilnehmen. Dieselben versammeln sich in einem abgesonderten Lokal im Café de la banque.

216. Konfidentenbericht, Frankfurt, 8. Juni 1842 Dr. Karl Gutzkow ist seit Samstag Abend hier anwesend und beabsichtigt in unserer Stadt zu verbleiben und von hier aus den „Telegraph“ zu redigieren. Zugleich sucht er aber einen anderen Verleger für den „Telegraph“ und scheint dazu Brockhaus in Leipzig ausersehen zu haben. Dabei wird er aber mit Hoffmann und Campe in Hamburg in Konflikt kommen, denn dieser nimmt das Eigentumsrecht des „Telegraph“ für sich in Anspruch. Gutzkow war von Hamburg über Belgien nach Paris gegangen, um die französischen Zustände an der Quelle zu studieren, namentlich aber, um sich Materialien zu einem Buche zu sammeln, das er bei Brockhaus in Leipzig (über Frankreich) erscheinen läßt. Öffentliche Blätter berichten bereits (nach den Aussagen Gutzkows), daß er häufig mit Thiers und Guizot umgegangen und über beide Staatsmänner viel zu sagen wissen werde. Gutzkow war allerdings bei Thiers und Guizot eingeladen und bei beiden zugleich mit Dr. Weil, Redakteur des „Deutschen Kurier“ in Stuttgart, welcher zu derselben Zeit in Frankreich (und etwas früher in Belgien) war, um seine Dienste, die er Belgien und Frankreich in seinem Blatte leistet, belohnt zu sehen. Weil behauptete aber selbst, es sei Gutzkow keine große Auszeichnung bei den französischen Staatsmännern zuteil geworden. Gegründete Tatsache ist, daß Gutzkow von dem Ministerresidenten der freien Städte, Herrn Rumpf in Paris, an den er von Hamburg aus empfohlen worden, Thiers als berühmter deutscher Schriftsteller vorgestellt wurde. Die Unterredung war aber für Thiers und Gutzkow peinlich, ersterer hatte noch nichts von Gutzkow gelesen, letzterer spricht nicht viel französisch. Als Thiers später Herrn Rumpf wieder sprach, frug er ihn, was denn eigentlich dieser berühmte Mann geschrieben habe.

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3. Telegraph für Deutschland

217. Jakob Burckhardt an Gottfried Kinkel, Berlin, 13. Juni 1842 Es ist ein Unglück für das moderne Drama, daß Gutzkow’s Feinde ihm seine Erfolge so ohne Noth verbittert haben und ihn mit Gewalt in eine falsche Stellung hetzen. Er hat einen immensen Fortschritt gemacht und seine Stücke sind alle wunderbar ergreifend, weil sie alle aus seinem Herzen gekommen sind. Dazu will ich stehen, weil ich sie gesehen habe. Der scheußliche gebildete Janhagel von Berlin hat mit frommer Miene darüber abgesprochen, bloß weil Gutzkow, wie einst Mirabeau, aus seiner Jugend ein Stück schlimmen Rufes am Fuße nachschleppt, und weil es vornehm und courmäßig war, sich über Gutzkow zu indignieren. Es ist rein unmöglich, sich von der Erbärmlichkeit der hiesigen öffentlichen Meinung und ihrer Lenker einen Begriff zu machen. Der Fortschritt Gutzkow’s ist der: die ernste Behandlung socialer Fragen der Poesie vindiziert zu haben. Es giebt einen Punkt, wo er mit Immermann’s Romanen zusammentrifft. – Warum hat man hier seinen Werner nicht besuchen mögen? Bloß weil das Geheimerathspublicum nach jahrelanger Schamlosigkeit wieder einmal hätte roth werden müssen. Ich hörte eine Dame von Stande sagen: „Das Stück sei durch und durch i n d i s k ret .“ Ja wohl, Gott sei Lob und Dank!

218. Amalie Gutzkow an Julie von Carlsen, Frankfurt, 21. Juni 1842 Mein Mann ist also da, sieht ganz vortrefflich aus, ist stärker und blühender als je, ja auch etwas übermüthig, eitel und dergl. geworden. Der kleine Emil gefällt ihm sehr gut. Frau von Bacheracht aus Hamburg, von der ich Dir erzählte, dass sie „Theresens Briefe aus dem Süden“ geschrieben hat, ist auch hier, seit beinah 14 Tagen und nach Allem was ich höre, nur meines Mannes halber, ja er sagte mir selbst, dass sie in ihn verliebt sei. Sie war schon öfters bei mir, eine sehr reizende brünette Schönheit, gescheudt, liebenswürdig u.s.w. Sie ist eine sehr fleissige Mitarbeiterin des Telegraphen diesen Winter gewesen. Wenn sie nur erst wieder fort wäre. Oft gehen wir abends mit ihr spazieren. Sie ist nur Aug’ und Ohr für meinen Mann und verhehlt es auch garnicht. […] Den ganzen Morgen kritzelt sie. Mit ihrem Mann lebt sie natürlich nicht glücklich, Kinder hat sie nicht, also glaubt sie sich alles erlauben zu dürfen.

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219. Eduard Beurmann, Konfidentenbericht, Frankfurt, 3. Juli 1842 E. E. werden von dem neuen Gutzkowschen Buche über seine Reise durch Frankreich und die Schweiz unterrichtet sein. Es erscheint bei Brockhaus in Leipzig in 2 Bänden. Dem Anscheine nach wird sich Gutzkow der gemäßigten Richtung anschließen und eine Vermittelung seiner Persönlichkeit behufs einer endlichen Rehabilitierung versuchen. Guizot hat sich in Paris sehr vertraulich gegen ihn benommen. Gutzkow hat eine zweistündige Privatunterredung mit ihm gehabt. Wie er behauptet, sind ihm Offerten von französischer Seite gemacht worden, sich in der deutschen Presse für Frankreich zu interessieren. Man habe ihm zu diesem Ende 6000 Franks angeboten. Er habe einen Refus erteilt. Wie ich Gutzkow kenne, glaube ich diesem allen Glauben schenken zu dürfen. Welche Fingerzeige er Guizot über Deutschland gegeben, weiß ich nicht, indeß muß ich nach sehr unzweideutigen Äußerungen von ihm vermuten, daß er auf eine Bewegung Deutschlands in französischem Sinn nicht das geringste mehr gibt und daß er wahrscheinlich Guizot keine Hoffnung gelassen haben wird, daß Frankreich im Wege der Propaganda auf deutsche Verhältnisse influieren könne. Dagegen habe ich den Unterredungen mit ihm so viel entnommen, daß man französischerseits die deutschen Staaten zweiten und dritten Ranges nach wie vor für die französischen Zustände interessieren möchte. Er sagte mir, daß kein französischer Politiker von Bedeutung, wenn er von Deutschland spreche, an Österreich und Preußen denke. Guizot hat Gutzkow bei ihrer ersten Zusammenkunft aufgefordert, sich deutsch gegen ihn auszudrücken; er verstehe diese Sprache; somit ist es gewiß, daß sich Gutzkow ausführlicher hat aussprechen können. Die Offerten die man ihm gemacht, seien übrigens nicht an ein Ministerium geknüpft, vielmehr hafte Louis Philippe für ihre Erfüllung. An Guizot war Gutzkow durch Herrn von Struve, russischen Minister in Hamburg, empfohlen. Mit Thiers ist er gleichfalls verschiedentlich zusammengekommen. Er kann sich nicht genug über die Indiskretion dieses Mannes wundern, während Guizot ihm imponiert hat und er bedeutende Sympathien für dessen Persönlichkeit an den Tag legt. Über das Fest, welches die deutschen Flüchtlinge ihm zu Ehren veranstaltet haben, spricht er sich zur Hälfte ironisch aus. Es ist in echt teutscher Weise mit Prügeln beendet worden, von denen Dingelstedt am anderen Tage blutige Spuren aufzuweisen gehabt hat. Komisch genug habe sich Thalberg zwischen den Revolutionären ausgenommen. Er habe sich nach einem persönlichen Toaste, daß er die dort Versammelten bald in seinem Vaterlande (auf dem Wege zur Amnestie) begrüßen möge, entfernt.

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220. Konfidentenbericht, Frankfurt, 15. August 1842 Gutzkows Buch über Paris und die französischen Zustände ist im Drucke bald vollendet. Er gestand mir gestern, daß er über die Wahl des Präsidenten der Deputiertenkammer in großer Angst gewesen sei. Er hat nämlich in seinem Buche den Bestand des jetzigen konservativen Ministeriums auf ein Jahr noch garantiert und fürchtete, mit dem Ministerium eine Niederlage zu erleiden, noch bevor sein Buch erschienen. Gutzkow ist noch unentschieden, was er mit seinem „Telegraphen“ machen soll. Er will nach Hamburg, um mit Campe sich zu arrangieren, hier aber seinen Wohnsitz beibehalten. Sehr angenehm ward Gutzkow durch den Besuch Deinhardsteins neulich überrascht. Deinhardstein brachte Gutzkow die Aushängbogen einer über ihn (von Deinhardstein) geschriebenen Kritik und lud ihn ein, an den „Wiener Jahrbüchern“ mitzuarbeiten, was Gutzkow auch mit Vergnügen annahm. Er hat sich auch entschlossen, in der jetzt viel besprochenen Erklärungsangelegenheit des jungen Deutschland sich neutral zu halten; er behauptet, daß ihm von der preußischen Regierung keine Bedingungen für seine künftige schriftstellerische Wirksamkeit gestellt worden seien, gestand aber, daß es ihm anekle, wenn er den Namen „junges Deutschland“ höre.

221. Konfidentenbericht, Frankfurt, 26. September 1842 Hier hat Herwegh näheren Umgang nur mit einem kleinen Kreise von Literaten; namentlich steht er mit Gutzkow im engen Verkehr. Gutzkow ist es zwar kein Ernst mehr mit dem Liberalismus, allein er möchte doch den Nimbus, der ihn seit Jahren als erstes Mitglied des jungen Deutschland umgeben, nicht auf einmal verschwinden sehen. Er will noch sehr liberal erscheinen und hat deshalb Herwegh hier unter seine Fittiche genommen. In vertrauter Stunde hat mir aber Gutzkow gestanden, daß er des jungen Deutschland und alles, was drum und dran hängt, herzlich müde sei. Er wolle aus dem ewigen Kampfe heraus und gehe deshalb nach Hamburg, um sich mit Campe wegen des ferneren Erscheinens des „Telegraphen“ zu benehmen. Er will wohl seinen Namen noch dazu hergeben, allein nicht mehr der eigentliche Redakteur sein. Gutzkow hofft, wenn er die Kritik hat fahren lassen, von der Kritik als Bühnendichter besser beurteilt zu werden. Der Bühne will er vorzugsweise seine Tätigkeit zuwenden und denkt in diesem Augenblick an die Herausgabe einer Schrift über eine Pflanzschule für deutsche Schauspieler, zu welchem Ende er sich an Seine Majestät den König von Preußen mit der Bitte wenden will, das Protektorat derselben anzunehmen.

Hamburg 1842

Georg Herwegh

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3. Telegraph für Deutschland

Morgen reist Gutzkow nach Hamburg ab. Er geht mit Herwegh zusammen bis Köln per Dampfboot.

222. Konfidentenbericht, Mainz, 29. September 1842 Nachdem Georg Herwegh sich gegen acht Tage in Mainz aufgehalten, dann nach Frankfurt begeben hatte, ist er gestern in Begleitung Karl Gutzkows wieder hier gewesen und beide sind heute Früh (29. September) rheinabwärts nach Köln gegangen und wollen überhaupt zusammen eine Tour von drei bis vier Wochen machen. […] Was beide Schriftsteller auf ihrer Reise für Zwecke verfolgen, liegt uns nicht klar vor. Von Gutzkow ließe sich vermuten, daß er mit Theaterdirektionen für seine dramatischen Werke Anknüpfungen zu machen sucht; Herwegh jedoch geht anderen Tendenzen nach und sucht ohne Zweifel Mitarbeiter für den „Deutschen Boten aus der Schweiz“, dessen Leitung er nach seiner Rückkehr in die Schweiz übernehmen wird. Ob Gutzkow durch Herwegh in Verbindung mit der „Rheinischen Zeitung“ treten will, können wir nur vermuten. Brieflich hat derselbe, wie wir aus guter Quelle wissen, mit jenem Organe eine Verbindung versucht, aber die Leiter desselben (Ruthenberg, Heß, David Oppenheim usw.) haben ihm kurz geantwortet, sie könnten mit ihm nicht in Verbindung treten. Vielleicht soll Herwegh eine Annäherung vermitteln, denn Gutzkow, der, wie seine Lobredner sagen, der dramatischen Poesie in Deutschland eine neue Bahn gebrochen hat, bedarf gewichtiger Organe, um dieser Ansicht von seinem Dichterberufe Glauben zu verschaffen. Herwegh, sehr zur Schwärmerei geneigt, hofft von der nächsten Zukunft eine Radikalreform des politischen und sozialen Lebens und will in der deutschen Bühne ein Mittel gefunden haben, durchgreifend auf die Stimmung des Volkes zu wirken. Das Mittel ist allerdings nicht zu verachten, und es fragt sich nur, wer der Schöpfer solcher Stücke werden soll, in denen man dem Volke seine jetzige Richtung vorhalten und auf die Früchte hinweisen will, die aus dem Verfolgen dieser Richtung sich notwendig ergeben müssen. Uns scheint es, als habe Gutzkow die Absicht, indirekt durch Herwegh dahin wirken zu lassen, daß man von seinem (Gutzkows) dramatischen Talente solche sogenannte politische Stücke zu erwarten habe.

Hamburg 1842

223. Konfidentenbericht [*1842]

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Köln, Ende September 1842

[…] wie Bacherer ist auch Gutzkow gegen das Kommunistenwesen. Letzterer hat sich dadurch die Ungnade der „Rheinischen Zeitung“ zugezogen. Als er […] in der Begleitung Herweghs in Köln war, suchte er die Redakteure der Rheinischen nicht auf, während er früher sehr gut mit ihnen stand. Die Rheinischen wollten aber doch nicht seine Anwesenheit unbenützt lassen, seine Bekehrung zu versuchen. Dr. Heß stürmte auf Gutzkows Zimmer und suchte in einer langen Rede das Gute des Kommunismus geltend zu machen und zu beweisen, daß Deutschlands Heil von dem Siege des Kommunismus abhänge. Gutzkow zog aber unbekehrt von dannen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Gutzkow mit den „Rheinischen“ noch in offenen Kampf kommt.

224. Georg Schirges an Ludmilla und Ottilie Assing, Hamburg, 10. Oktober 1842 Donnerstag Mittags kam G. […] wir sehen uns täglich und haben nach wie vor die Absicht uns in der Angelegenheit des Tel. auf die Ihnen bekannte Weise zu vereinigen. Ob aber unser Plan wirklich zu Stande kommt, steht dahin, weil mit Campe noch keine Rücksprache genommen ist. G. ist nicht ganz zufrieden mit der Leitung des Blattes, er will die friedliche Färbung, die ich durch Vermeidung allzu heftiger Polemik hineingebracht habe, lebhaft wieder aufgefrischt wissen. Seine Gründe sind triftig und wenn ich auch nicht gerade derselben Meinung bin, leuchtet mir doch die Nothwendigkeit journalistischer Schärfe und Entschiedenheit ein. Ich werde darin manches lernen und nachholen müssen. […] G. widmet seine Zeit grösstentheils dem Telegr. seiner Freundin und mir; er hat ein wohleres Ansehen und ist überhaupt besser gestimmt als zur Zeit seiner Abreise.

225. Georg Schirges an Ludmilla und Ottilie Assing, Hamburg, 24. Oktober 1842 Gutzkow spricht schon von seiner Abreise, obgleich noch kaum ein Schritt gethan ist die Angelegenheit des Tel. zu ordnen, er fürchtet sich vor C[ampe] diesem niedern Charakter, diesem Geizhals, der Mäuse fängt und in seiner Katzennatur zum Priester des Tempels der Bosheit geschaffen ist.

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3. Telegraph für Deutschland

226. Konfidentenbericht, Frankfurt, 2. November 1842 Gutzkow wird erst in der Mitte dieses Monats von Hamburg zurückkehren. Er sucht durch eigene Arbeiten dem „Telegraph“ einen neuen Impuls zu verleihen, ist aber in allem gesetzter und besonnener an Geist geworden. Die Hauptursache liegt aber darin, daß er als Bühnendichter die Unterstützung der Hoftheater nötig hat und diese von den Regenten abhängen. Gutzkow ist überhaupt, wenn ihn auch mitunter noch ein besonderes Gelüste anwandelt, in einer Übergangsperiode begriffen.

227. Georg Schirges an Ludmilla und Ottilie Assing, Hamburg, 4. November 1842 Die Telegraphen Angelegenheiten haben sich geschlichtet. Ein Tag verging nach dem andern, G. wollte schon fort ohne Bescheid; ich schrieb ohne sein Wissen an Campe, und that es um G. der Sorge für mich zu überheben, falls ich der Stein des Anstosses war; Campe antwortete an dem selben Tage und ist zwar nicht zufrieden, aber willigt ein. Vom neuen Jahre an erscheint das Blatt unter G’s und meiner Redaction. Das ist nun allerdings ein wichtiger Schritt für meine literarische Laufbahn, ob ein heilsamer? mag ich mir selbst nicht bejahen. Um Gutzkow zu vertreten, ganz seinem Organ sich anzuschmiegen, dazu gehört ausser der fortschreitenden individuellen Grösse eine abgeschlossene Bildung, ein vielseitig fertiges Studium, wie nur er sie besitzt. Ich wäre ein Thor mir einbilden zu wollen ich könne ihn ersetzen; das muss aber mehr oder minder geschehen, und jedenfalls mehr wie bislang. Ich sehe im Geiste schon all die Neider kommen und höre ihre Schmähungen. Ich wills ruhig hinnehmen und das Meine thun.

228. [Anon.:] Deutsche Zeitungen und Literaten. [*1842] Seit dem Brande in Hamburg hat die Zeitschrift „Der Telegraph“ zu erscheinen aufgehört. Gut zk ow, der Begründer und Redakteur derselben, hat in den letzten Monaten sich mit der Redaktion nicht mehr beschäftigt. Ein junger talentvoller Schriftsteller, Georg Schirges, hat dieselbe geleitet. Durch das Verbot welches den Hoffmann und Campeschen Verlag in Preußen getroffen, hat der Telegraph einen großen Theil seiner Abonnenten verloren, und Gutzkow hat sich entschlossen, ihn anderswohin zu verlegen. Darüber soll jedoch zwischen Verleger und Redakteur ein Streit sich erhoben haben, da jeder

Hamburg 1842

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behauptete, Eigenthümer des Blattes zu sein. Gutzkow soll in seiner bekannten trockenen Manier zu Campe geäußert haben: „Geben Sie Ihren Telegraph immerfort in Hamburg weiter heraus, ich werde meinen Telegraph anderswo herausgeben – wir wollen sehen, zu wem das Publikum kommen wird.“ Gutzkow hat für die Redaktion jährlich nicht mehr als tausend Thaler bekommen, und davon mußte er die Mitarbeiter bezahlen – wenn wir anders gut unterrichtet sind.

229. Arnold Ruge an Adolf Stahr, Dresden, 15. November 1842 Das Bewußtsein der Zeit verzehrt die Größen der Zeit, und es ist ganz vergeblich, einen Poeten auf den Schild zu heben und einen Standpunkt anzuerkennen, den das Bewußtsein überholt hat. Du verkennst namentlich Mosen und Gu t z k ow. Aus beiden wird nie etwas Gescheidtes werden. Es fehlt ihnen der radicale Grund. […] Du bist von einer seltenen Gutmüthigkeit. Du willst die Schnecke und das Pferd vor einen Wagen spannen und denkst nicht daran, daß eins nur immer dem andern im Wege sein würde. Du glaubst, man könne Poeten aus Kohlstrünken und Republicaner aus Perrückenstöcken machen. Nur wer sich selbst reformirt und formirt, wird etwas, und wer kein Poet ist, d.h. die « des Zeitgeistes durchsetzt, den kann niemand dazu machen. […] Von Gu t z kow zu reden wirst Du mir nicht zumuthen; denn wenn Ihr in Oldenburg es noch thut, so beweis’t das nichts, da Ihr ja sogar der Ansicht seid, daß sich Millionen für den Dom interessiren, während es nicht einmal die Cölner und die Katholiken thun. […] Du mußt Deine Sympathieen für schwache Subjecte, wie Mosen und Gutzkow, deren Zeit vorüber ist, von Dir werfen. Du kannst sie persönlich lieben, so viel Du willst, aber sie auf den Schild setzen und allem Volk als Männer der Freiheit und der « zeigen, das ist ein vergebliches Unternehmen. Glaube mir, das Herz im Leibe brennt mir, wenn ich daran denke, was diese Leute versäumen, und wer wäre froher als ich, wenn sie ganz Deutschland mit ihren Thaten in Flammen setzten; aber Du kannst sicher vor ihnen schlafen, sie sind ruhige Bürger einer begrabenen Zeit.

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3. Telegraph für Deutschland

Frankfurt am Main 1843–1846

4. Kleine Welt- und Schaubühne Frankfurt am Main 1843–1846

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

Frankfurt am Main 1843–1846

230. Marie Belli-Gontard [*1872]

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Frankfurt, um 1842/43

Karl Gutzkow hatte sich mit einer Frankfurterin verheirathet, nachdem er mehrere Jahre in Hamburg lebte, zog er, wegen der Eltern seiner Frau, hieher. Daß mir der Umgang mit diesem geistreichen Manne angenehm gewesen, kann man denken, auch sie war eine kluge, liebe Frau und gute Mutter, ich liebte sie sehr. Gutzkow organisirte bei mir ein Lesekränzchen, welches Ende Oktober begann, und den Winter hindurch, alle vierzehn Tage, bis Ende Februar, stattfand. Der Dichter bestimmte die Stücke, welche gelesen wurden. Er vertheilte die Rollen, unser Contingent war ziemlich zahlreich, wie die Wahl der Stücke, die ich hier nenne, beweist: „Die deutschen Kleinstädter, der Bürgercapitain, König René’s Tochter (von Henrik Herz), Emilia Gallotti, Nathan der Weise, die Braut von Messina, Tasso, Clavigo, König Heinrich IV. und Macbeth“ wurden gelesen. Gutzkow selbst las vortrefflich, einen Beweis dafür lieferte meine Haushälterin, sie war nicht ohne Bildung, mit meiner Erlaubniß horchte sie zuweilen vor der Thüre. Gutzkow las die Rolle „Falstaffs“; nachdem sich die Gäste entfernt hatten, fragte sie mich, wer der alte, dicke Herr gewesen, der heute mitgelesen? sie habe die ganze Gesellschaft fort gehen sehen, aber ihn nicht bemerkt. – Einige Zuhörer wurden stets geladen, Leißring las nicht mit, fehlte aber nie, die ganze Sache machte ihm Freude.

231. Theodor Hagen an Ludmilla Assing, Paris, 5. Januar 1843 Den ersten Band von Gutzkows Briefen habe ich nun endlich gelesen. Ich habe wenig Gutes erwartet, und sehr viel gefunden. G. beweist hier wieder sein kritisches Talent, sein Buch ist reich an Wahrheiten. Wie G. aber dazu kommt, die Grisi so hart mitzunehmen, ist mir ein Räthsel. Das war übereilt oder vielleicht Folge eines schlechten Humors. Uebrigens meinte auch Heine, das Buch sei gar nicht so schlecht, als man es mache. G. müsste hier nur für Vieles büssen, was er früher begangen habe. G. ist bis jetzt noch nicht aus dem Skandal herausgekommen. Die Zukunft mag darüber entscheiden, wem die Schuld beizumessen ist.

232. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 9. Januar 1843 Abends zum erstenmal ein Stück von Gutzkow gesehen: „Ein weißes Blatt“. Ich war sehr gespannt auf Gutzkow als dramatischen Dichter, denn er scheint, nach seiner Produktivität in dieser Dichtungsart zu schließen, sich einen be-

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

sonderen Beruf zuzutrauen. Das Stück hat mich auch in mancher Beziehung ebenso überrascht als befriedigt, und obwohl ich sehr viel auszusetzen finde, muß ich es doch im ganzen als etwas Gutes bezeichnen.

233. Lichtweiss, Konfidentenbericht, Frankfurt, 21. Januar 1843 Jüngst feierte die hiesige Lesegesellschaft durch ein Festessen im „Englischen Hof“ das 50jährige Jubiläum ihres Bestehens. Von den Toasts und Reden hatte nur der des Dr. Gutzkow eine politische Bedeutung. Gutzkow brachte der Preßfreiheit einen Toast aus und gebrauchte das Bild, daß wir wohl einen Knaben, der verkehrt lese, zurechtweisen würden, mithin müßten wir auch die Zensur, die uns nötige, verkehrt und zwischen den Zeilen zu lesen, zurechtweisen und für Preßfreiheit wirken. Der Toast Gutzkows wurde teils mit stürmischem Applaus, teils mit Zischen aufgenommen. Abgesehen davon, daß die Elemente der Lesegesellschaft geteilt sind, die Liberale zwar, und namentlich in der Direktion, dominiert, ist Gutzkow mit dem Handelsstand in einen persönlichen Konflikt gekommen. Gutzkow ist indessen doch ängstlich, sein Toast möchte ihm Unannehmlichkeiten zuziehen, während er andererseits durch die neuliche Bemerkung in der Biedermannschen Monatsschrift, er habe keine Gesinnung, bitter verlacht wurde und deshalb den Toast ausbrachte. Im engeren Kreis brachte später auch Gutzkow den „Jakobynern“ (den Anhängern des „Vier Fragen“-Manns) einen Toast aus.

234. Konfidentenbericht, Frankfurt, 8. Februar 1843 Gutzkow hat in den letzteren Tagen mehrere Artikel für den „Telegraphen“ geschrieben, welche Aufsehen erregen, wenn sie, was noch zweifelhaft ist, die Hamburger Zensur passieren läßt. Der eine dieser Artikel ist „Die Würde des Staates“ betitelt und gegen die Berichtigungen, welche das preußische Ministerium den Korrespondenzartikeln aus Berlin und Preußens in Büchners „Literaturzeitung“ angedeihen läßt, gerichtet. Gutzkow ist schlecht auf die preußische Regierung zu sprechen und hat große Lust, eine Charakteristik Friedrich Wilhelms IV. zu schreiben. In die „Mannheimer Abendzeitung“ liefert er Tendenzartikel, doch sucht er dies geheim zu halten; er nimmt überhaupt jetzt einen regen Anteil an dem politischen Streit des Tages. Gutzkow wäre indessen leicht unschädlich zu machen, wenn ihm eine Anstellung als Dramaturg an irgendeiner Hofbühne würde. Er erkennt in dem Bühnendichter seinen eigentlichen Beruf und ist deshalb mit auf Preußen so schlecht zu sprechen, weil er früher

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hoffte, man werde ihn als Dramaturg an der königl. Bühne anstellen. Später richtete er seine Blicke auf Darmstadt, aber auch diese Hoffnung wurde vereitelt, und nun sieht er nach Wien, wohin er im Frühjahr will. Er steht mit Herrn von Holbein in einem lebhaften Briefwechsel, hat aber in letzterer Zeit keine weiteren Nachrichten von Dingelstedt erhalten, mit dem er im Verkehr steht. Erhält Gutzkow eine dauernde Anstellung bei einer Bühne, ist sein Wirkungskreis beschränkt, und wird er gar bei einer Hofbühne angestellt, würde er für immer dem politischen Felde entrückt. Auf eine andere Weise ist er nicht leicht unschädlich zu machen.

235. Konfidentenbericht, Frankfurt, 5. Mai 1843 Vor einiger Zeit brachte der „Telegraph“ einen Artikel von Gutzkow, worin sich dieser beschwert, daß seine Theaterstücke in Preußen und auf der königlichen Bühne selbst, zwar gegeben, aber seine Schriften in preußischen Blättern nicht angezeigt werden dürfen. Er wies darin auf die Inkonsequenz eines solchen Verfahrens hin. Zugleich wandte sich derselbe an das preußische Ministerium und bat um Aufhebung dieser beschränkenden Maßregel. Jüngst machte mir Gutzkow eine vertrauliche Mitteilung, die mir interessant genug scheint, um dieselbe zur Kenntnis zu bringen. Er bemerkte nämlich, es sei ihm am 2. ein Billet des kgl. preuß. Residenten Herrn von Sydow zugekommen, in welchem er zu einer Entrevue dringend eingeladen wird. Gutzkow besuchte hierauf Herrn von Sydow und hatte mit ihm eine längere Unterredung, deren Gegenstand eben berichtetes Verbot war. Zuerst wurde ihm bemerkt, daß das Hindernis bezüglich der Anzeige seiner Bücher in Preußen – das wegzuräumen er das Ministerium gebeten habe – leicht gehoben werden könne. Gutzkow fragte betroffen: auf welche Weise? Herr von Sydow zeigte ihm einen Revers vor, den er unterschreiben solle. In diesem Revers sollte er sich anheischig machen, nie etwas mehr gegen den Staat und die Kirche zu schreiben. Der Herr Resident bemerkte – was auch bekannt ist – daß Laube und Mundt seine ehemaligen Gefährten des „jungen Deutschlands“ denselben Revers unterzeichnet haben. Gutzkow entgegnete im bestimmten Tone, daß er jetzt und nie einen solchen Revers unterzeichnen werde, allegierte aber zugleich die Motive seines Entschlusses. Er führte Herrn von Sydow vor – und sein Mund ist beredt, wie die Dialektik der erste Vorzug seines Stils – wie er sich seit 10 Jahren bis zu der Stufe, auf der er jetzt stehe, heran- und durchgebildet. Er gestand, auf politischen Irrwegen gewesen zu sein, er habe jetzt seine Gesinnungen bedeutend gemäßigt, aber nicht in dem Grade, daß er den Gang der preußischen Regierung nur gutheißen könne. Er gestehe ein, er habe von dem

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

Karl Gutzkow um 1842, gezeichnet von Cäcilie Brandt, Lithographie von August Kneisel

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preußischen Staat viel gehofft, er habe in Augenblicken König Friedrich Wilhelm IV. bewundert. Allein dieser Nimbus sei zerstört. Der König habe nicht den Mut gehabt, das begonnene Werk durchzuführen. Er sei zurückgeschreckt, doch Schwächen hätten auch die größten Geister. Von dem Staat habe er vorerst nichts zu hoffen. Der Staat sei ein gefühlloser Körper geworden, ein dunkler Vorhang, der ihm nichts biete. Er habe sich deshalb aufs Volk gestützt und wolle diese Stütze mit der zweifelhaften des Staates nicht vertauschen. Wenn er aber die Unterzeichnung des Reverses verweigere, geschehe dies nicht aus liberalem Trotz oder aus Eitelkeit, sondern aus Achtung vor seinem eigenen Werte. Er werde zwar keine Schriften gegen den Staat und die Kirche schreiben, wenigstens nicht in dem Sinne, wie er verstanden werden wolle, allein in diesen Zeiten des Mißtrauens und der Verdächtigungen könne er unmöglich diesen Revers unterzeichnen, ohne daß der allgemeine Ruf erschalle: „Steinigt ihn, steinigt ihn!“ Er habe im „Telegraph“ nur einen Artikel gegen den Mißbrauch der Preßfreiheit geschrieben und allsogleich sei der ganze Literatentroß über ihn hergefallen und habe geschrien: Gutzkow schreibe gegen die Preßfreiheit. Laube habe hierbei in der vordersten Reihe gestanden, und es habe Mühe gekostet den ungünstigen Eindruck durch eine Erklärung zu paralysieren. Das preußische Ministerium, wiewohl seine Behörde, könne ihm gewiß nicht zumuten, die Früchte langjährigen Strebens selbst in den Staub zu treten. Herr von Sydow entgegnete, daß er (Gutzkow) den preußischen Staat verkenne, ungerecht beurteile. Das, was geschehe, habe geschehen müssen, nachdem man auf die falsche Fährte, die man gewandelt, aufmerksam geworden. Der König sei ein „Ph än om e n “, es tue ihm leid, daß ihn Gutzkow als solchen nicht erkenne. Herr von Sydow suchte nun durch liebreiche Worte – auf „pietistische Weise“, wie sich Gutzkow ausdrückte – diesen dafür zu stimmen, daß er den Revers unterzeichnen möge. Gutzkow weigerte es standhaft und bat Herrn von Sydow nur, er möge dem Ministerium seine Gründe gewissenhaft vorlegen. Herr von Sydow versprach hierauf Dr. Gutzkow beim Ministerium zu vertreten. Letzterer bat auch dringend und kam wiederholt darauf zurück, das tiefste Schweigen über dieses Ereignis zu bewahren. Vielleicht komme die Zeit, daß es ihm als künftige Waffe gegen seine Gegner dienen könne. Gutzkow ging am 3. Mai nach der Schweiz ab. Er besucht auch Italien, das heißt, das Lombardisch-venetianische Königreich und war überrascht, daß ihm hier der Paß von der kaiserlich österreichischen Bundespräsidialgesandtschaftskanzlei ohne weiteres dahin visiert wurde. In Würzburg wird er mehrere Tage verweilen. Der Hauptzweck Gutzkows bei dieser Reise ist zuverlässig die Herausgabe eines Buches über die schweizerischen Zustände und den österreichischen Teil Italiens. Er beobachtet darüber ein tiefes Schweigen, weil er befürchtet, der Zweck könne durch voreilige An-

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deutungen in den Journalen vereitelt werden. Der Vorwurf der Indiskretion, den man ihm bezüglich der Pariser Briefe machte, ist ihm noch zu sehr im Gedächtnis. Gutzkow geht nach Zürich, wo er mit Schulz und Fröbel zusammen sein wird.

236. Konfidentenbericht, Mailand, 16. Juni 1843 Der Schriftsteller Dr. Karl Gutzkow befindet sich seit 23. v. M. in dieser Hauptstadt und wohnt im Gasthofe Reichmann. Sein längerer Aufenthalt in Mailand ist, seinen Äußerungen nach, nur zufällig, da es seine ursprüngliche Absicht war, den Sommer in der Schweiz, ausschließlich mit seinen Studien beschäftigt, zuzubringen und ihn bis nun das regnerische schlechte Wetter abgehalten hat, sich dahin zu begeben. Er pflegt des Morgens das Haus nicht zu verlassen, sondern bis zur Stunde des Mittagmahles (vier Uhr), welches er im erwähnten Gasthofe an der table d’hôte einnimmt, unausgesetzt seinen literarischen Arbeiten zu obliegen, welche gegenwärtig die Verfassung eines Dramas zum Gegenstande haben, wobei er sich zum Ziele gesetzt hat, das seit Schiller und Goethe so ziemlich in Verfall geratene deutsche Schauspiel wieder aufzurichten. […] Von dem Professor Menini war Gutzkow eingeladen, aus der Wohnung des Kommandanten der Militärpolizeiwache, Oberstleutnants von Weikersreutter, mit dem er in freundschaftlicher Beziehung steht, die feierliche Fronleichnamsprozession vorbeiziehen zu sehen; da diese aber des schlechten Wetters halber in der Domkirche abgehalten wurde, begaben sie sich in letztere. Die Feierlichkeit gab ihm keinen Anlaß zu Bemerkungen. Bei dem Besuche in der Werkstätte des berühmten Bildhauers Marchesi, nahm die schmerzhafte Mutter Gottes Gutzkows besondere Aufmerksamkeit in Anspruch. Er lobte im allgemeinen die Gruppierung dieses Werkes, tadelte aber den männlichen Ausdruck in dem Gesichte der allegorischen Figur „Die Religion“ und den Strahlenkranz, mit dem der Meißel des Künstlers deren Haupt umgeben hat. Das Element der Bildhauerkunst, bemerkte er, ist das rein Plastische und ihr Wirkungskreis nur die Wirklichkeit, während dem Pinsel des Malers auch noch das Reich der Ahnung geöffnet ist; ersterer gebühre daher nur die ideale Verschönerung des Wirklichen und Marchesi sei mit jenem Strahlenkranz, welcher dem Maler ohne gerechten Vorwurf der Beleidigung des Geschmackes gestattet ist, ins Barocke verfallen und habe sich von dem Vorbild der griechischen Einfachheit verirrt. Er nahm sofort einen Taler aus der Tasche, mit dem Gepräge weiland ihrer k. k. Majestät Maria Theresiens und zeigte dieses seinem Begleiter Menini mit der Bemerkung, das Antlitz dieser großen Monarchin, frei von allem weibischem Anhauche, hätte dem Künstler das würdigste Modell

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für jene bildhauerische Schöpfung gegeben. […] der Dichter […] [hat] sich gestern nach Como begeben […] und [will] dort noch einsamer leben […]. Übrigens ist Gutzkow selbst bei Tische wortkarg, lebt isoliert, äußert sich wenig und scheint kein besonderes Interesse zu haben, Mailand kennen zu lernen, wiewohl er ein paarmal das Theater besucht hat.

237. Konfidentenbericht, Mailand, 16. Juli 1843 Nach einem etwa dreiwöchentlichen Aufenthalte in Como, wo Gutzkow beinahe ausschließlich seinen Studien lebte und dieselbe Zurückgezogenheit, welche an ihm schon während seines Verweilens in dieser Hauptstadt bemerkbar geworden ist, beobachtete, kehrte derselbe wieder hieher zurück. Er verweilte sohin nur einige Tage mehr in Mailand, während welcher Zeit er mit dem Professor Menini verkehrte und reiste am 14. d. M. nach Genua ab, von wo aus er sich nach Frankfurt a. M. und sonach in seine Vaterstadt Hamburg zurückzubegeben gedenkt. Er hat sich vorgenommen, fleißig italienisch zu studieren, sonach im nächsten Jahre wieder hieher zu kommen und dann über die wissenschaftlich-moralisch-politischen Zustände unseres Landes zu schreiben. Dem Professor Menini verehrte er sein Werk „Götter, Helden Don-Quixote“ nebst der Nr. 82 des ihm eigentümlichen unter seiner Redaktion in Hamburg erscheinenden Blattes „Telegraph für Deutschland“, worin der Aufsatz „Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente“ ein spezielles Interesse gewähren dürfte, da Gutzkow dem Professor Menini über Tieck mündlich bemerkte, daß dieser der Urheber sei, daß die dramatischen Werke der Alten auf dem Berliner Hoftheater dem Publikum vorgeführt werden, dabei aber nur dem Könige Friedrich Wilhelm als Werkzeug diene, um das Fortschreiten der politischen Ideen und Meinungen der Gegenwart zu hemmen. Er äußerte zugleich den Wunsch, mit Menini eine Korrespondenzverbindung zu unterhalten mit dem Beisatze, daß er bereits für sein obiges Blatt über die größere Verbreitung deutscher Kultur besonders in Mailand einen demnächst in demselben erscheinenden Artikel geschrieben und darin den Bemühungen des gedachten Professors die verdiente Stelle angewiesen habe. Der Bildhauer Marchesi soll die über sein Werk „Die schmerzhafte Mutter Gottes“ geäußerten Ansichten Gutzkows als ganz richtig erkannt haben und dafür dieser es dem Künstler als besonderes Verdienst und als den seltenen, höchst schätzenswerten Vorzug öffentlich nachzurühmen beabsichtigen, daß er von dem gewöhnlichen Eigendünkel und einer gewissen Zunftsucht seiner Kunstgenossen frei, auch dem Urteil des Laien im Heiligtume der Kunst sein Ohr nicht verschlossen halte. Im allgemeinen fanden die hiesigen Zustände bei Gutzkow eine freundliche, auch volle

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Zufriedenheit mit seinem hierländigen Aufenthalte zu erkennen gebende Beurteilung, und er selbst bewährte in seinen Äußerungen den bescheidenen Mann, aber auch den Literaten von ausgezeichneten, gründlichen und umfassenden Kenntnissen in Kunst und Wissenschaft, für welchen er in der gelehrten Welt Deutschlands gilt. Mitteilenswert dürfte noch sein, daß Gutzkow über seinen Freund, den deutschen Dichter Dingelstedt, der vor nicht langer Zeit in Wien verweilte, dort die bekannten Wiener Briefe für die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ schrieb und welcher von dem Könige von Württemberg ein jährliches Honorar von 2000 fl. ohne eine eigentliche Anstellung bloß dafür bezieht, daß Se. Majestät in freien Stunden sich mit ihm literarisch unterhalten, bemerkte, ihm geschrieben zu haben, sich doch jetzt klug und so zu betragen, um dieser königlichen Gnade würdig zu erscheinen.

238. Konfidentenbericht, Frankfurt, 5. August 1843 Gutzkow betreffend, so bin ich überzeugt, daß man nichts ihn Gravierendes unter den Weitlingschen Papieren finden wird. Ich habe herzlich lachen müssen, als ich die einigermaßen bezüglichen Stellen seiner Briefe an Weitling in den öffentlichen Blättern gedruckt sah. Seine Eitelkeit konnte es nicht übers Herz bringen, den Weitlingschen Brief unbeantwortet zu lassen; Phrasen sind ihm stets zur Hand somit verweist er dann den Kommunismus nach dem Himmel und sagt dem Schneider Weitling, er wolle ihm gelegentlich seine Meinung sagen, vor allem aber solle sich Weitling nicht „Handwerker“ nennen. So sind unsere Reformer. Kommt er zurück, was beiläufig in einigen Wochen geschehen wird, so werde ich ihn fragen, weshalb er Weitling nicht den Rat gegeben habe, sich Geheimer Rat zu nennen. Man kann versichert sein, daß Gutzkow nicht der Mann des Kommunismus ist, so wenig wie der der Gesellschaft. Er ist ohne Konduite, Takt und Charakter, aber das raffinierteste Genie in allem, was Genuß heißt. Wenn er von Tugend spricht, so ist das nur ein Mittel zum Zweck, ja er kann sich nicht einmal überwinden, das Spiel mit der Bacheracht im geheimen zu treiben. Unter Genuß verstehe ich auch den geistigen Epikuräismus. Alles, was er schreibt, fußt in demselben und hat die Tendenz, ihn populär zu machen. Die Popularität ist sein größter Genuß. Deshalb muß er auch gegen Weitling den Kommunismus preisen, während er von der Bacheracht die Huldigung entgegennimmt: er müsse eigentlich in einem Palaste wohnen. Somit fällt er täglich allen Leuten gegenüber aus der Rolle, ist und bleibt aber einer der gefährlichsten Menschen, der höchstens durch die Furcht in seinem Streben einzuhalten ist, wenn er auch täglich Liebe und Freundschaft zitiert.

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239. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 23. August 1843 Obgleich Gutzkow über sein zartes Verhältnis nichts verlauten läßt, ist doch gewiß, daß er in den Fesseln der Frau von Bacheracht, Tochter des kaiserl. russischen Gesandten in Hamburg, des Herrn von Struve, die zwar nicht mehr jung, aber üppig und sehr geistreich ist, schmachtet. Immerhin mag er manchen Schatz aus Italien mitbringen, den ich hier zu heben trachten werde.

240. Friedrich Hebbel an Elise Lensing, Paris, 16. September 1843 Gegen Gutzkow zog er [Heine] mit allen Waffen seines Witzes zu Felde. Ein Dichter, der keine Gedichte macht, sey wie ein Baum ohne Blüten; aber Gutzkow, meinte er, werde nicht zu kurz kommen, denn wenn er stürbe, so würde Wihl sich hinsetzen und die zur Completirung nöthigen Gedichte aus Freundschaft für ihn abfassen und seinem Nachlaß einverleiben.

241. Konfidentenbericht, Frankfurt, 30. September 1843 Regierungen und Besitzende müssen in sich gehen und einen neuen Staat bilden helfen, in welchem sie zunächst nur eine menschliche Stellung einnehmen. Diese allgemeine Redensart hörte ich gestern von Herrn Gutzkow als ich mit ihm über das Buch Bettinas sprach. Ist das etwas anderes als Kommunismus?

242. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 11. Oktober 1843 Gutzkow ist nun wirklich von dem König von Preußen in Gnaden mit seinen Schriften wieder angenommen, und er geht mit dem Gedanken um, daß er nach Berlin berufen und mit unverfänglichem Titel eine Anstellung an der Hofbühne erhalten werde. In diesem Augenblicke ist Gutzkow krank und sehr heruntergekommen.

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243. Konfidentenbericht, Frankfurt, 21. Oktober 1843 Gutzkow hat seine über das Buch Bettinas „Dies Buch gehört dem König“ im „Telegraph“ veröffentlichte Kritik, worin er der Verfasserin so stark Weihrauch streut, Bettinen mit einem schmeichelhaften Schreiben übersendet. Er begrüßt sie darin als eine Oberpriesterin des Kommunismus. Gutzkow ist immer noch leidend und ans Zimmer gefesselt.

244. Konfidentenbericht, Frankfurt, 28. Oktober 1843 Gutzkow klagt über seine drückende Lage. Er braucht jährlich 3000 Gulden für seine Haushaltung, die er nicht verdienen kann. Als Gutzkow vernommen, daß Dingelstedt königlich-württembergischer Hofrat geworden und ein Gehalt von 1500 Gulden jährlich beziehe, rief er aus: „Hätte ich doch auch eine solche Anstellung, die pekuniären Sorgen lähmen meine geistige Tätigkeit. Ich muß mich erschießen!“ Von seinem neuen Bühnenstücke „Zopf und Schwert“ erwartet er wenig pekuniären Gewinn, da es weder auf dem kaiserlichen Burgtheater in Wien, noch auf der Hofbühne in Berlin wird gegeben werden können, und von beiden Bühnen zieht er das größte Honorar. Gutzkow, von seiner Krankheit wieder genesen, beabsichtigt in nächster Zeit Hamburg zu besuchen, weil sich dort die Stimmung für ihn günstiger gestaltet hat. Er ist nachgerade des ewigen Kampfes müde.

245. Levin Schücking an Annette von Droste-Hülshoff, Augsburg, 2. November 1843 Gutzkow bat ich zu uns zu Tisch. Er kam und machte einen gräulich unangenehmen Eindruck auf mich: ein Kerl, der zugleich Genie (aber nur kritisches) und Gassenbube ist. Herzlos, eitel, neidisch, kurz gräulich. Ich bin freundlich mit ihm auseinander gekommen, habe ihm aber hinreichend gezeigt, daß er mir höchst unangenehm sei, und werde nie ihm wieder begegnen auf diesem Erdball.

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246. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 19. November 1843 Gutzkows drückende Lage wird immer bemerkbarer. Er ist gezwungen, an eine Vermehrung seiner Einnahmen zu denken und steht zu diesem Behufe im Augenblick im Begriffe, mit der „Kölnischen Zeitung“ einen mehrjährigen Kontrakt abzuschließen als Mitarbeiter und besonders an deren Feuilleton. Dumont, der Verleger, hat Gutzkow für jeden Aufsatz zwei Louisdor angeboten. Er will deren aber drei haben. Sie werden indessen einig werden. Dagegen beabsichtigt Gutzkow die Redaktion des „Telegraph“, der ihm nur rein 700 Gulden einträgt, niederzulegen. Er sieht ein, daß er durch den „Telegraph“, der nicht 500 Abonnenten hat, nie populär werden kann. Er fühlt ferner, daß seine Entfernung von Hamburg sich nicht länger mit der Redaktion eines dort erscheinenden Blattes verträgt, und daß er auf die Dauer die vielen Dummheiten, die Schirges, der stellvertretende Redakteur, macht, nicht vertreten kann. Es fällt Gutzkow allerdings schwer, den „Telegraph“ fahren zu lassen, allein es stachelt ihn außerordentlich, daß er in der „Kölnischen Zeitung“ zu fast 10000 Abonnenten spricht. Durch dieses Organ hofft er zu gewinnen. Dann trägt es ihm jährlich 1200 bis 1400 Gulden ein, da er wöchentlich einen Aufsatz liefern muß. Dumont macht ungeheure Anstrengungen, sein Blatt zu heben, und hat für das Feuilleton die ersten Schriftsteller der Bewegung, unter anderen Herrn König, engagiert. Brockhaus in Leipzig hat in den letzten Tagen Gutzkow dringend ersucht, er möge doch ein Buch über Italien schreiben, er wolle es verlegen. Letzterer verwies ihn aufs nächste Jahr, in welchem er Rom und Neapel besuchen wollte.

247. Ferdinand Freiligrath an Karl Buchner, St. Goar, 4. Dezember 1843 Ende Octobers war ich einige Tage in Cöln, wo Andree, nunmehriger Redacteur en chef der Josephina, eben eintraf. Du Mont ist ungeheuer drüber aus, die Zeitung auf den Strumpf zu bringen, und ich denke, daß es ihm gelingen wird, seine 9000 Abonnenten noch zu vermehren. Gutzkow’s Feuilletons-Artikel kosten ihn viel Geld, gefallen aber allgemein und nützen dem Blatte sehr.

248. Karl Simrock an Ferdinand Freiligrath, Bonn, 15. Dezember 1843 Der Gutzgauch hat ja den Geibel übel beschrieen, und was das Schlimmste ist, die Leute finden, er habe auch diesmal die Wahrheit gesagt. Ich habe kein Urteil darüber, weil ich gar wenig von Geibel kenne (aus obigem Grunde, wirst

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Du sagen); das wenige aber, was ich gelegentlich von ihm gesehen habe, schien mir allerdings etwas leicht zu wiegen und nicht allzu tief zu greifen. Indessen mag wohl von Gutzkows Kritiken zuweilen ein gleiches gelten. Wunderlich war es, wie er neulich Humboldt und Auersperg (An. Grün) zusammenbrachte, wo es doch, wie es mir schien, kein anderes tertium comparationis gab, als daß sie beide Freiherren sind. Uebrigens sind die Fälle gänzlich verschieden, Humboldt konnte ein vollgültiges Zeugnis über einen dritten ablegen, Grün aber nicht, weil in eigener Sache. Indeß höre ich den Gutzgauch doch manchmal gerne schreien, wenn er auch keinen Frühling anschreit und auch seine Prophezeiungen sich nicht immer erfüllen.

249. Ferdinand Freiligrath an Emanuel Geibel, St. Goar, 25. Dezember 1843 Gutzkow’s Art, Dich herunterzureißen, ist gereizt und boshaft, das fühlt auch der Unbefangenste heraus und deutet es zu Deinen Gunsten; daß er aber im Einzelnen, namentlich in Betreff der Reminiscenzen, nicht ganz unrecht hat, haben Dir auch schon Deine Freunde, wenn auch wohlwollend und in bester Absicht, nicht verhehlt, und sie können es nur bedauern, daß Du Dir durch Hintansetzung einer unbedeutenden gesellschaftlichen Artigkeit, durch deren Erfüllung Du weder ein Opfer gebracht noch Dir etwas vergeben hättest, einen so gefährlichen Gegner geweckt hast. Wie konntest Du nur Gutzkow nicht besuchen? Hatte er Dich doch vor der Zeit immer freundlich und mit Achtung genannt, und ist er doch ein Kerl, der bei Allem, was man gegen ihn sagen mag, immer eine der merkwürdigsten und hervorragendsten Persönlichkeiten der Epoche ist und bleiben wird.

250. Heinrich Laube an Alexander Weill, Leipzig, 26. Dezember 1843 Gutzkow schadet sich sehr mit Aufgabe des Telegraphen und Hingabe an die Kölner. Diese ist trotz ihrer 13,000 Abonnenten in drei Viertheilen Deutschlands unbekannt und wirkungslos, während die Belletristik, wenn auch in wenig Expl., überallhin kommt.

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251. Korrespondentenbericht aus Hamburg, 29. Dezember 1843 Es hat sich doch bestätigt, daß Gu t z k ow mit Neujahr von der Redaction des „Telegraphen“ zurücktreten würde; auf den so eben erschienenen Januarblättern hat sich Ge o r g S c h i r g e s als Redacteur unterzeichnet. Wenn nun gleich in den letzten Jahren wegen der Entfernung seines Wohnortes vom Druckorte Gutzkow nur nomineller Redacteur war, so gab er doch immer den Ton an und übte wesentlichen Einfluß auf die Leitung des Blattes, erfreute die Leser auch, namentlich seit seiner Reise nach Italien mit vielen und herrlichen Mittheilungen. Es mag allerdings auch Manches vorgekommen seyn, was Gutzkow gewiß nicht gebilligt hätte. Ich muß daher gestehen, mich freut es, daß Gutzkow die Verantwortlichkeit des Telegraphen, w i e e r j et z t i st , nicht mehr übernehmen will. Welch’ ein Unterschied zwischen den ersten Jahrgängen und den jetzigen Nummern!

252. Marie Belli-Gontard [*1872]

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Vor mehreren Jahren bat mich Dr. Gutzkow, ihm und seiner Frau die Erlaubnis zu verschaffen, die Villa v. Rothschild ansehen zu dürfen. Man brauchte dazu Karten. Ich ging mit diesem Anliegen zu Frau v. R., sie sagte es mir zu. Im Weggehen frug sie mich, wer die Besucher wären. Wie sie Gutzkows Namen hörte, rief sie in ihrem jüdischen Jargon aus: „E Literat, nein, den bringen Sie mir nicht! Der druckt mich, sind Sie gern gedruckt? Ich bin nicht gern gedruckt.“ Damit entließ sie mich. Würde diese Antwort der Geheimerat v. Goethe erfahren haben?

253. Annette von Droste-Hülshoff an Elise Rüdiger, Meersburg, 2. Januar 1844 Zu Gu tz k ow s Vertheidigung spricht keine besondere Stimme in mir, – seinen „Werner“ kenne ich nicht, sondern habe nur ein Paar hübsche aber etwas blasirte Sachen von ihm gelesen, – dann mich geärgert, daß er auf eine so scheinbar offne und doch heimlich schlaue Weise Sch[ücking] den halbbanquerouten Telegraphen aufhocken, und so seine eigne Pfote aus der Schlinge ziehen wollte, – und dann mich vor seinem höchst fatalem Portrait im Modejournal gegraut. – das Alles kann gewiß noch kein Ur t h e i l veranlassen, aber doch ein Vo r u r t h e i l , und so hat mich Sch[ückings] Beschreibung nicht überrascht.

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254. Konfidentenbericht, vermutlich von Hermann Ebner, Frankfurt, 29. Januar 1844 Gutzkow fetiert Freiligrath sehr und will, daß er dem König von Preußen die Pension wieder zurückgibt, dafür soll eine Nationalsubskription auf drei Jahre eröffnet werden. Freiligrath ist auch so halb und halb dazu entschlossen und findet sich überhaupt in seinem Pensionsverhältnis sehr unbehaglich. Mit Dingelstedt ist dies derselbe Fall. Er selbst hat nicht allein schon Gutzkow aufgefordert, sich seiner anzunehmen, sondern der Oberregisseur Moritz in Stuttgart, ein Freund Dingelstedts, schreibt, Dingelstedt machen die vielfachen Angriffe der Tagespresse ganz unglücklich und er denke daran, den König um seine Entlassung zu bitten. […] Gutzkow tat Geibel durch seine vernichtende Kritik in der „Kölnischen Zeitung“ sehr wehe, aber noch weher tat Schirges, der pseudonyme Redakteur des „Telegraph“, Gutzkow, weil dieser ein Gedicht voll Lob an Geibel im „Telegraph“ richtete. Gutzkow will Ende Februar nach Dresden und Berlin gehen, nach Dresden namentlich, um das Gerücht, er sei als Dramaturg an das königlich sächsische Hoftheater berufen, womöglich wahr zu machen.

255. Ferdinand Freiligrath an Levin Schücking, St. Goar, 3. Februar 1844 Als Dein Brief ankam, war ich eben zu Frankfurt, wohin ich zu meiner Erholung nach langer angespannter Arbeit einen mehrtägigen Ausflug unternommen hatte. Ich habe bei dieser Gelegenheit nicht nur „Zopf und Schwert“, ein prächtiges Stück voll ächter, wirksamster Komik, über die Bretter gehen sehen, sondern auch Gutzkows persönliche Bekanntschaft gemacht. Wir haben uns gut verstanden, ich bin ohne Vorurtheil an Gutzkow herangetreten und gestehe gern, daß der Eindruck, den er mir zurückgelassen hat, ein reiner und erfreulicher ist. Er kam mir auf ’s Liebenswürdigste entgegen, und veranstaltete mir noch zu guter Letzt einen heiteren Abend in seinem Hause. Den letzten Akt von „Zopf und Schwert“ war ich bei ihm in seiner Theaterloge. Es war in der That eine Lust, diesen Applaus zu erleben. Ich bin, Gottlob, in solchen Fällen so durchaus Kind, so durch und durch unblasirt, wie vor 15 oder 20 Jahren, und war auch bei dieser Gelegenheit so mitelektrisirt, daß ich noch diesen Augenblick mit Freude daran denke. ’S war übrigens ein Stück Literaturgeschichte, wie Heinrich Laube sagen würde. Vorne der herausgerufene Gutzkow, dankend und vor dem donnernden Publikum sich verneigend – hinten im Schatten der Lyriker Freiligrath, über den Erfolg des Dramatikers neidlos sich freuend und innerlich jubelnd, daß er wieder einmal aus voller Seele etwas Gu-

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tes anerkennen konnte. Unten im Parterre dann Braunfels und anderes nergelndes Gesindel! […] Gutzkows Aufsatz über Geibel hat mich nun wohl nicht „amüsirt“, wie Du meinst, denn dazu hab’ ich den frischen, harmlosen Jungen zu lieb, aber ich meine doch, daß dergleichen Ungunst des Moments zur Förderung der Selbsterkenntniß und zum Zusammenraffen einmal nicht schaden kann. Der unterlassene Besuch Geibels bei Gutzkow hat den Artikel allerdings wohl nicht veranlaßt. Doch glaub’ ich nichts desto weniger, daß Gutzkow, wenn er den Emanuel durch einen Besuch in seiner Art und Weise näher kennen gelernt hätte, sein Urtheil schonender und milder würde abgegeben haben.

256. Konfidentenbericht, vermutlich von Jacob Eduard Singer, Leipzig, 1. März 1844 Großes Aufsehen und Besprechung macht gegenwärtig hier Gutzkows „Zopf und Schwert“, welches vor mehreren Tagen hier zum erstenmal gegeben wurde. Wie Held mit der „Lokomotive“, so hat Gutzkow mit diesem Stücke den richtigen und denselben Ton angeschlagen, der die Massen gewinnen muß. Ein preußischer König mit seiner derben Sprache, seinem Geize, mit seinen ungenierten Reden an den Erbprinzen von Baireuth über kleine deutsche Fürsten, muß bei dieser Zeitrichtung den Beifall der Massen erwecken. Gutzkow nennt sein Stück ein „historisches Lustspiel“, hat aber, um dem großen Haufen zu schmeicheln, arge Verzeichnungen der Charaktere sich zuschulden kommen lassen; so hat er zum Beispiel den Gesandten, Grafen von Seckendorf, zu einem Pinsel gemacht, den der hiesige Schauspieler Baudius, ein großer liberaler, politischer Raisonneur, vollends zur jämmerlichsten Karikatur verzerrte, so daß, wenn er zum Beispiel sagte: „Österreich wird seine Kraft entwickeln, in Österreich ist viele Bewegung“, ein großer Teil in großes Gelächter und Bravos ausbrach. Dieser Skandal wird sich nun oft genug wiederholen. Dennoch verdiente dieses Stück in diesem Berichte kaum einer Erwähnung, wenn nicht alle Bahnen, die Gutzkow einschlägt, viele Nachahmung fänden. Es ist daher leicht vorauszusagen, daß sich nun viele unserer jüngeren dramatischen Autoren nach historischen Stoffen aus neuerer Zeit umsehen werden.

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257. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 4. März 1844 Gutzkow ist seit einigen Tagen hier. Alles, was er spricht, ist klug und verständig, er zeigt sich stets als einen ungewöhnlichen Menschen, Geist spricht aus seinem Blick, aber einen recht wohlthuenden Eindruck macht er bei dem allen nicht. Man merkt etwas zu sehr die Berechnung, und ein rechtes Zutrauen könnte ich wenigstens nicht zu ihm fassen. Aber als schriftstellerisches Talent stelle ich ihn hoch; unstreitig scheint er mir einer der begabtesten Schriftsteller der Gegenwart, von dem noch manches Bedeutende erwartet werden kann. Wir sind im besten Vernehmen miteinander.

258. Konfidentenbericht, Berlin, 12. April 1844 Gutzkow ist noch hier. „Zopf und Schwert“ wird keinesfalls aufgeführt, wodurch ihm die gehofften Tantiemen in Berlin und Wien entgehen. Daß man in Wien solche Rücksichten gegen Preußen nehme, soll höheren Orts sehr erkannt worden sein.

259. Heinrich Heine an Julius Campe, Paris, 3. Mai 1844 Es war mir als liefe mir eine Spinne über den Rücken, als ich vernahm Mr Gutzkow sey in Hamburg. Ich hoffe, daß er nicht mehr dort seyn wird; ich war, ehrlich gestanden, froh, das Manuskript meines Gedichtes in solchem Augenblick im Pult zu haben. Vor diesen langen Fingern ist kein Mensch sicher.

260. Julius Campe an Heinrich Heine, Hamburg, 20. Mai 1844 Gutzkow war in Hamburg, besuchte die Handlung, wo ich krankheitshalber nicht gegenwärtig war; dann kam er einmal in meine Wohnung. Ich begann auszugehen –; er hat es sehr übelgenommen, daß ich ihn keinen Gegenbesuch gemacht habe. – Sie sehen, was Sie von diesem Verkehr zu erwarten haben! Er ging von Hamburg nach Oldenburg, wo Zopf und Schwert in Scene gesetzt ward; wohin er weiter ging oder geht, darüber fehlt mir jede Kunde.

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261. Konfidentenbericht, vermutlich von Hermann Ebner, Frankfurt, 18. Mai 1844 Gutzkow erhält für jeden Artikel in der „Kölnischen Zeitung“ zehn Taler, allein so produktiv er ist, gesteht er doch ein, daß ihm die Auffindung des Stoffes für einen Wochenartikel und die pikante Bearbeitung seine geistigen Kräfte sehr absorbiere. Er hat deshalb gern die Gelegenheit ergriffen, mit Dumont möglichenfalls zu brechen. Gutzkow schrieb nämlich über die Hegelianer und Ruge einen Artikel, worin er letzterem stark zu Leibe geht, daß er die deutsche Nation nicht so nehmen wolle, wie sie gegebenermaßen ist und zugleich Ruges isolierte Stellung in Paris als ein warnendes Beispiel für alle aufstellt. Diesen Artikel schickte der Redakteur des Feuilletons der „Kölnischen Zeitung“ an Gutzkow zurück und bemerkte in Dumonts Namen, daß sie sich vorgenommen, die jungen „Hegelianer“ und die weiland „Rheinische Zeitung“ in Ruhe zu lassen, und obgleich sie Gutzkows Urteil vollkommen teilten, möchte er doch den Artikel zurücknehmen. Gutzkow tat es aber nicht. Er sendete den Artikel auf der Stelle nach Köln zurück, sagte, daß es Feigheit sei, wenn er über Ruge nicht seine Meinung aussprechen wolle, und da es unter seinem Namen geschehe und er wohl auch eine literarische Autorität sei, sei er auch allein verantwortlich für den Inhalt des Artikels. Nehme ihn Dumont aber nicht auf, so betrachte er die zwischen ihnen bestandene Verbindung als aufgelöst. Dumont wird wohl nachgeben. Ich habe schon früher bemerkt, daß Ruge, Herwegh und Konsorten an Gutzkow eine Einladung ergehen ließen, nach Paris zu kommen und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen; er will aber Deutschland nicht den Rücken kehren und kann es schon deshalb nicht, weil er seine ganze Zukunft auf die deutsche Bühne baut. Auch hat er noch nicht die Hoffnung aufgegeben, als Dramaturg an eine Hofbühne berufen zu werden.

262. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 2. Juni 1844 Gutzkow hat in der Tat mit der „Kölnischen Zeitung“ gebrochen und wird sich schwerlich mit DuMont wieder aussöhnen, obgleich von anderer Seite darauf hingearbeitet wird. Gutzkow will nun das Feld der Kritik ganz verlassen und nur größere Sachen arbeiten. Ob er aber seinem angeborenen kritischen Trieb und Talente lange die Nahrung entziehen kann, ist freilich eine andere Frage. Während er sich wegen Ruge und Konsorten mit der „Kölnischen Zeitung“ überworfen, will sein Oheim, der Buchhändler Meidinger, in der nächsten Zeit nach Paris, um sich mit Ruge zu besprechen, wie den „Jahrbüchern“ der Weg nach Deutschland zu bahnen ist.

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263. Friedrich Hebbel an Elise Lensing, Paris, 19. Juni 1844 Heine habe ich in der letzten Zeit wieder öfter gesehen. Neulich war er bei mir und ergoß sich in guten Einfällen über Gutzkow, den er über alle Maaßen, und mehr als der Wicht seiner Potenz nach verdient, zu hassen scheint. Glauben Sie mir, sagte er, der Mensch wird nicht wieder geboren; nur in Napoleons Zeitalter war er möglich, denn wie die Natur in Napoleon alles Große, so faßte sie in Gutzkow alles Kleine zusammen, er ist der Abtritt der Natur! Und eigentlich, setzte er hinzu, hat ihn gar nicht die Natur gemacht, sondern Schiller hat ihn auf dem Gewissen; er ist der Schufterle aus den Räubern.

264. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben [*1868] Bad Soden, Juli 1844 Obschon Soden eigentlich nur ein Frankfurter Bad und Vergnügungsort ist, und von eben so viel Frankfurter Juden wie Christen besucht wird, so finden sich doch auch andere Leute ein, die angelockt durch die schöne Gegend und die Leichtigkeit, schnell her- und wegzukommen, eine Zeitlang hier verweilen. Es war mitunter recht lebhaft: einige Männer besuchten ihre Frauen, andere ihre Verwandten und Freunde, noch andere kamen um diesen oder jenen Badegast kennen zu lernen. Und so machte ich denn manche Bekanntschaft. Von den Curgästen gehörten zu meinem näheren Umgange der Schauspieler Baison, der Litterat Ebner, der Americaner Willis, der Criminalrichter Genth, der alte Dresel, Frau Antolka Hiller, Frau Gutzkow, Frau Mendelssohn, Frau Althaus und ihre Tochter Elisabeth. Baison verließ uns schon in den nächsten Tagen und Genth starb am Schlagfluß den 16. Juli. Gutzkow war zum Besuche seiner Frau herübergekommen. Ich traf ihn auf einem Spaziergange in Begleitung von Baison, Ebner und Wihl. Ich war eben nicht angenehm überrascht: er hatte für mich etwas Kaltes, Unheimliches in seinem Gesichte. Wir gingen lange neben einander, bis er sich zu einem Gespräche mit mir herabließ. Als einmal die Unterhaltung angebahnt war, da konnte ich es denn doch nicht unterlassen, ihn wegen seiner Schandartikel gegen mich zur Rede zu stellen. „Sagen Sie, wie kamen Sie eigentlich dazu gege n mich zu schreiben?“ – Zögernd kam er dann mit der Entschuldigung heraus: „Campe wünschte es, ich möchte gegen Sie schreiben.“ – Also darum! jede andere Erklärung wäre mir lieber gewesen als dies Geständniß eigener Erbärmlichkeit. – Nachher saßen wir bei Baison in der Laube; Gutzkow war gesprächiger, als er merkte, daß ich nicht wieder auf seine Telegraphendienste für Campe zurückkommen mochte. Seine Frau war zugegen und wie immer so

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August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

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jetzt vor ihrer bevorstehenden Abreise recht freundlich: „Sie sind so oft in Frankfurt gewesen und uns immer vorbeigegangen, jetzt dürfen wir doch wol hoffen, daß Sie uns besuchen!“ – Obschon damals Gutzkow einen Theil der Tagespresse beherrschte und für seine Zwecke auszubeuten verstand, so gab es doch noch immer selbstständige Männer, die für sich und ihre Gesinnungsgenossen auftraten, wenn es galt, die Ehrenhaftigkeit ihres politischen Lebens und Strebens gegen Verdächtigungen und Verunglimpfungen zu vertheidigen.

265. Korrespondentenbericht aus München, August 1844 Dieses Herumreisen unserer Dichter auf Vorlesung ihrer Stücke scheint Mode zu werden; auch Gutzkow hat hier in einer Gesellschaft einige Acte aus seinem „Pugatscheff“ vorgelesen. Natürlich findet man schon der Höflichkeit wegen Anerkennung vollauf, zieht einflußreiche Personen in sein Interesse und bahnt sich somit den Weg zur Bühne. Auch die Speculationsreisen auf Hervorruf nehmen immer mehr überhand, und schwerlich sind Göthe und Schiller zusammen so oft hervorgerufen worden, als in unseren Tagen der eine Gutzkow. […] Aus den Zeitungen wird Ihnen bekannt sein, daß wir hier ein für München sehr bedeutungsvolles Fest zu Ehren Herder’s begangen haben. […] Ein interessanter Zufall wollte, daß die hier gerade anwesenden modernen Schriftsteller Gutzkow und Dingelstedt an dem Feste Theil nahmen. Gutzkow sprach einige sehr treffliche Worte und hob es, auf einen vorher von dem chinesischen Literaturkenner Heumann ausgebrachten Toast anspielend mit Nachdruck hervor, daß er, ohne „Hofrath“ zu sein – wobei er einen merkwürdigen Seitenblick auf Dingelstedt warf – zu denen gehöre, die rein von ihrer Feder leben. Gutzkow, an dem ich sonst mancherlei auszusetzen hätte, meint es, so viel ich glaube, in dieser Hinsicht ehrlich. Die Feder ist sein Stolz, die unbetitelte Schriftstellerei seine Ehre; alle prunkhaften Einflüsse des modernen Lebens haben, wie es scheint, in ihm die demokratische Natur bis jetzt nicht gänzlich tilgen können. Dies muß ihm auch, wenigstens in dieser Hinsicht, die Achtung seiner Gegner sichern. Daß er, gleich als er sich erhob und ehe er noch ein Wort gesprochen, wie ein Schauspieler von Mehreren beklatscht wurde, gefiel dem ruhigen Beobachter keineswegs.

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266. Georg Köberle [*1888]

München, August 1844

Bald nach meiner ersten Begegnung mit der Schröder, noch während ich die Münchener Universität frequentirte, lernte ich auch den populärsten Schöngeist der vierziger Jahre, nämlich K a r l Gut zk ow, persönlich kennen und vernahm aus seinem Munde ein paar inhaltsschwere Worte, an die bei meinen späteren Kämpfen gegen die Verirrungen des modernen Theaters zu denken ich oft Anlaß fand. Gutzkow war damals erst dreiunddreißig Jahre alt, aber schon hoch gefeiert, weit höher, als in seinen späteren Tagen, in denen er das Glück wiederholt als wankelmüthige Dirne kennen lernte. Sein „Ri ch ard Savag e“, mit welchem er gewissermaßen die deutsche Bühne für das moderne Drama eroberte, machte damals eben die Runde durch ganz Deutschland. Seine persönliche Ankunft in München, wo er jedoch nur wenige Tage verweilte, galt in den dortigen Theaterkreisen als ein Ereigniß. Vollends wir Studenten blickten mit jugendlicher Begeisterung zu ihm empor, wie zu einem aus höheren Regionen herabgestiegenen Wesen. Seine scharf gegen damalige öffentliche Mißstände gerichteten Zeitromane und satirisch polemischen Schriften hatten uns in schwärmerischen Enthusiasmus versetzt und mein Blut wallte stürmisch auf, als der gemüthliche Münchener Dichter Fr a n z Trau t mann mich im Café Tambosi ihm vorstellte und er an mich die Worte richtete: „In Ihnen steckt auch so eine Art von Doppelteufel. Sie haben Anlagen zum Kritiker und zum Dramatiker, aber ich rathe Ihnen, kultiviren Sie nur einen von diesen zwei Dämonen. Beide vertragen sich heutzutage nicht miteinander. Als Kritiker fänden Sie kein Personal für die künftige Darstellung Ihrer Stücke, es sei denn, daß Sie den Lobhudler machen und Alles ausgezeichnet finden würden, – ein Zugeständniß, zu welchem Ihr bisheriger Oppositionsgeist wenig Neigung verräth. Die Schauspieler sind empfindlich. Man mag sie hundert Mal in den Himmel erhoben, mag ihnen einen Namen gemacht haben, sie vergessen das leicht oder halten es nur für einen schuldigen Tribut. Tadelt man sie aber ein einziges Mal, das vergessen sie nie und tragen es ihrem besten Freunde zeitlebens nach. Ich finde das auch begreiflich; es ist nicht blos entschuldbar, sondern theilweise sogar gerechtfertigt. Die Schöpfung des Mimen vergeht mit dem flüchtigen Augenblick, er kann nicht wie der Bildhauer oder Maler oder Dichter der nachfolgenden Kritik sein Werk gegenüber stellen und die Rektifikation unzutreffender Urtheile von der Zukunft erwarten. Er muß also wohl eifersüchtiger als jeder Künstler seinen Ruf bewachen und in dem Tadler seiner Leistungen einen thatsächlichen Schmälerer seiner persönlichen Interessen erkennen. Aber eben deshalb geht es nicht wohl an, zugleich für und zugleich üb e r das Theater schreiben zu wollen. Schon unser Lessing empfand das.

Augsburg 1844

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Wie bald ließ er in seiner „Ha m b ur g i s c h e n Dramat u rg i e“ die Leistungen des Personals abseits liegen, außer wenn es etwas als besonders gelungen zu rühmen gab! Der Dramatiker, welcher für seine Stücke auf guten Willen, den er braucht, zählen will, darf im Theater nur das Gute sehen; denn Sie können nicht erwarten, daß Diejenigen, welche Sie heute schlechte Schauspieler nennen, morgen Ihre eigenen Geistesprodukte mit gutem Willen aus der Brettertaufe heben sollen.“ […] Man hat Gutzkow wiederholt des Egoismus beschuldigt. Sehr mit Unrecht! Er stellte seine eigene Person nie über die Sache und ergriff häufig das Wort zu Gunsten Anderer, selbst in Fällen, in welchen ein Egoist zuverlässig den stummen Zuschauer gemacht hätte. Man brauchte mit ihm nicht Kameradschaft geschlossen zu haben, um in Kämpfen für Recht und Wahrheit seines Beistandes gewiß zu sein. Er kam in solchen Fällen auch den ihm fern Stehenden entgegen ohne Aufforderung, ohne Anspruch auf Gegendienste, aus Liebe zur guten Sache.

267. Levin Schücking [*1886]

Augsburg, August 1844

Gutzkow hatte ich im verflossenen Herbst in Frankfurt persönlich kennen gelernt; er kam jetzt nach Augsburg und begleitete uns auch zu dem Kaffeehause, in welchem sich gewöhnlich an den Nachmittagen unser Kreis zusammenzufinden pflegte; dabei war ich höchlich über seinen psychologischen Scharfblick verwundert, womit, als wir allein mit ihm heimgingen, er, der völlig Fremde, sich über die einzelnen Charaktere der ganzen Gesellschaft und ihre Beziehungen zu einander orientirt zeigte, als habe er Wochen lang mit ihnen gelebt. Gutzkows Wesen war eben ruhig, zurückhaltend, prüfend, beobachtend, wo es ihm der Mühe werth schien, zu beobachten. Er hatte nichts von der unausstehlichen Schwäche vieler berühmter oder sich für berühmt haltender Leute, unaufhörlich ganz allein reden zu wollen und dabei nur von sich selber zu reden, just als ob sie anderen Menschen gerade so wie sich selber der Mittelpunkt der Welt schienen – mit möglichst deutlichem Verrathen ihrer grenzenlosen Gleichgiltigkeit gegen Alles, was die übrigen Anwesenden betrifft, was ihre Freude oder ihr Leid bildet.

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

268. Konfidentenbericht, Frankfurt, 9. September 1844 Dr. Karl Gutzkow ist gestern von seiner Reise durch einen Teil der Schweiz und Bayern hierher zurückgekehrt. Diese Reise hatte keinen politischen oder literarischen Zweck, sondern einen sozialen, denn er reiste mit Frau von Bacharach. Noch schwelgt Gutzkow in der Erinnerung der glänzenden Aufnahme, die er zu München, nicht bloß in den literarischen, sondern auch in den höheren Kreisen gefunden. Hormayr und Thiersch und andere Notabilitäten waren Gutzkows Ciceronen. In der zwanglosen Gesellschaft las er auch sein neuestes Trauerspiel „Pugatscheff“ (dem russischen Bauernkrieg entnommen) vor und machte Furore, wie er sagt. In Mannheim traf er zufällig mit Dingelstedt zusammen und lebte acht Tage mit ihm. Seit der Hofratsperiode hatte Gutzkow jenen nicht gesehen. Dingelstedt war sehr gekränkt, daß man ihn in München, als er von Kreuth kam, ganz desavouierte.

269. Konfidentenbericht, Frankfurt, 23. Oktober 1844 Die Inaugurationsfeier des Goethe-Monuments begann vorgestern abends mit der Darstellung des „Götz von Berlichingen“ im Theater. […] An der Haltung des Publikums im Theater konnte man schon gewahren, daß die Masse an dem Feste keinen besonderen Anteil nehme. Und so war es auch. Es zeigte sich aber gestern morgens in der Stadt eine ungewöhnliche Bewegung, allein die Stadt hatte kein festliches Gewand angelegt, es blieb alles im Werkeltagskreise. […] Der Jubel in dem Moment der Enthüllung war sehr schwach, wiewohl das majestätische Monument auf alle einen tiefen Eindruck machen mußte. Nach Beendigung des Inaugurationsaktes strömte das Volk nach dem Monumente, doch zeigte sich kein Ausbruch der Begeisterung. Ungefähr 250 der Festteilnehmer vereinigten sich in dem Börsensaale um 5 Uhr zum Festessen, bei diesem waren die Geldaristokratie und die Intelligenzen vertreten; fast ganz ausgeschieden aber die Liberalen und die Juden. Auch wurde die Bemerkung gemacht, daß fast niemand vom Bundestag anwesend war. […] Nach dem Gesang „In allen guten Stunden etc.“, betrat Gu t z k ow die Rednerbühne – die unter dem von dem Maler von Schwind gemalten und sinnreich komponierten Transparent angebracht war – und brachte seinen Toast auf Weimar aus. Seine Rede dauerte fast 20 Minuten, die Gäste hatten sich dicht um die Rednerbühne geschart, und da Gutzkow mit großem Feuer und wirklich hinreißend sprach, erwirkte er einen ungeheueren Beifallssturm. Er gedachte der Entfesselung der Poesie durch die großartige Gesinnung des Herzogs von Weimar Karl August und der kleinlichen Gesinnung der jetzigen hohen Beschützer der

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Dichter (ein Hieb auf den König von Preußen). Er hob hervor, daß der Funke nicht in Wien, wo Joseph der Zweite nicht die geistigen Fesseln abstreifen konnte, noch in Berlin, wo ein großer König herrschte, sondern in dem stillen Weimar zündete und bezeichnete den Fortschritt, den die Dichtkunst bis jetzt gemacht, da er die Gegenwart mit der Vergangenheit verglich. Obgleich Gutzkow sich in den Schranken der Rücksichten hielt, verlieh er doch seiner Rede eine Tagestendenz im liberalen Sinne.

270. Konfidentenbericht, vermutlich von Hermann Ebner, Frankfurt, 2. November 1844 Nach Nachrichten aus Hamburg wird bereits eine neue Auflage der Heineschen „Neuesten Gedichte“ gedruckt. Heine soll ein Vorwort dazu geschrieben und Gutzkow stark angegriffen haben. Letzterem, der viele Freunde in Hamburg hat, ist dies bereits bekannt und er behauptet, Campe habe Heine dazu aufgestachelt. Campe könne es Gutzkow nicht vergessen, daß er den „Telegraph“ habe fallen lassen, sich überhaupt von Campe abgewendet habe. Heine aber bemerkte schon im vorigen Jahre gegen Dr. Löwenthal: „Ich werde das Männchen (Gutzkow) noch einige Jahre leben lassen, dann auf immer abtun.“ Aus dieser Bemerkung geht die große Eitelkeit hervor. Gutzkow wird aber Heine scharf antworten. Er ist entzückt, daß sein „Pugatscheff“ in Hamburg Glück gemacht hat. Die veröffentlichte, so ausführliche Erfolgsbeschreibung ist von Baison. Auch das gab Gutzkow Genugtuung, daß sein „Zopf und Schwert“, das in Preußen verboten worden, auf dem kaiserlichen Theater in Petersburg gegeben werden durfte. Seine Freundin, die Frau von Bachrach, hat aber dort die Vermittlung übernommen und sie sendete ihm auch den Theaterzettel der Petersburger Bühne. Der Großfürst-Thronfolger hatte übrigens in Dresden Gutzkows „Zopf und Schwert“ gesehen und sich daran erlustigt. Gutzkow hofft, der König von Preußen werde seinen „Pugatscheff“ in Preußen zulassen, obgleich es ihm nicht unbekannt ist, daß ihm der König persönlich nicht wohl will.

271. Konfidentenbericht, Frankfurt, 4. Dezember 1844 Öffentliche Blätter, namentlich der „Korrespondent von und für Deutschland“ erwähnte neulich eines Streites, den Heine mit Gutzkow führe. In der Vorrede zu „Deutschland ein Wintermärchen“, von Heine, das besonders gedruckt wurde, ist aber folgende Stelle auf Gutzkow gemünzt: „ich werde in einem nächsten Buche auf dieses Thema (der Sendung und Universalherrschaft

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

Deutschlands) zurückkommen, mit strenger Rücksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalität. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer Überzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen sucht, und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion oder Moral benützt. Der anarchistische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungswelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern mußte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den böhmischen Wäldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres würdigen Hauptmanns gehorchen. O Schufterle – Gutzkow! –“ Eine merkwürdige Bemerkung! Gutzkow knirschte, als er die Epistel las. […] Gutzkow ist alles Ernstes damit beschäftigt, seine gesammelten Werke herauszugeben und es müßte dabei auch die „Wally“ sein, die er, obgleich er es nicht gesteht, gerne noch einmal aufgelegt sähe. Gutzkow verlangt aber ein Honorar von 12000 Gulden für seine Werke. Mehrere Buchhandlungen haben ihm Offerten gemacht. […] Er hat, um wieder ein Organ zu gewinnen, nachdem er die Redaktion des „Telegraphen“ nicht mehr übernehmen will und sich mit der „Kölnischen Zeitung“ nicht mehr einigen konnte – die Redaktion des Feuilletons der „Novellenzeitung“ übernommen und darin vorerst mit einer Theaterschau begonnen. „Sogleich“, äußerte er, „kamen die H. H. von Küstner und Holbein in Briefen schwanzwedelnd und baten mich um Einsendung aller meiner Stücke. Ohne Organ kann ich nicht sein.“

272. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 9. Dezember 1844 Wie es scheint, läßt Gutzkow seine gesammelten Werke bei Löwenthal dahier erscheinen. Er will aber die Sache geheim halten, teils um die Verleger seiner einzelnen Werke, teils aber auch um seinen jetzigen Hauptfeind, Buchhändler Campe in Hamburg, nicht zu veranlassen, den noch in Händen habenden Verlag von Gutzkow’schen Büchern zu verschleudern. Gutzkow will so auf einmal mit seinen Gesamtwerken hervortreten. Namentlich fürchtet er sich vor

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Campe. Gutzkow liegt daran, daß sein neuestes Lustspiel „Das Urbild des Tartüffe“, zuerst an der Hofbühne eines katholischen Hofes, an der Dresdener und zwar am 1. Jänner gegeben werde. Die Tendenz des Stückes ist eine moderne und gegen das Verbot der Bücher gerichtet. Der Intendant des Dresdner Hoftheaters, Herr von Lüttichau schrieb jüngst an Gutzkow und ist sehr entzückt über das neue Lustspiel, von dem er sich verspricht, daß es ein Kassenstück werde. Einzelne Stellen, welche speziell gegen die katholische Kirche, den Beichtstuhl usw. gerichtet sind, werden bei der Dresdener Aufführung weggelassen. Gutzkow hat sich damit einverstanden erklärt.

273. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 5. Januar 1845 Gutzkow’s neues Stück „Das Urbild des Tartüffe“, ist das Ereigniß des Tags und wird überall, wo es gegeben werden darf, sehr viel Glück machen. Wirklich verdient ist der Beifall, der demselben gerade in Leipzig zutheil wird, denn das Stück ist im ganzen sehr geschickt angelegt und ausgeführt. Unter allen Umständen ist Gutzkow ein Autor, der eine bedeutende Zukunft hat.

274. Theodor Döring an Adolf Stahr, Hannover, 30. Januar 1845 Gutzkows „Urbild des Tartuffe“ hat mich wahrhaft entzückt, und wird denn nun endlich, nach vielem Hin- und Herreden, gegeben werden. Deine Kritik übrigens hat großen Antheil daran, daß sich die Bühnen beeilen, es so schnell als möglich aufführen zu lassen, und Gutzkow freut sich gewiß herzlich über das energische Wort, welches Du bei der Auseinandersetzung des „Urbilds“ gesprochen hast. Wie viele Stücke werden geschrieben, und unter zwanzig finde ich selten eines heraus, das werth wäre, aufgeführt zu werden.

275. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 17. Februar 1845 Bei der immer größeren Aufregung, welche der kirchliche Streit auch hier erzeugt, mußte auch die Aufführung des neuen Tendenz-Lustspiels von Karl Gutzkow: „Das Urbild des Tartuffe“ elektrisch wirken. Es wurde jüngst vor überfülltem Hause zum ersten Male hier gegeben und mit dem entschiedensten Beifall aufgenommen. Obgleich Gutzkow in der Person des Präsidenten Lamoignon einen heuchlerischen Erzschurken und Scheinheiligen zeichnet, welcher Moliere das Porträt zum Tartuffe lieh, so geißelt sein sprudelnder Witz, bei

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einem äußerst geistreichen Dialog, doch augenscheinlich die Scheinheiligkeit unserer Zeit. Das Publikum nahm denn auch jede, und namentlich die sich auf den kirchlichen Streit beziehende Zeitanspielung mit tosendem Beifalle auf, und besonders erzeugte der Angstschrei des Präsidenten (als alle seine Hoffnungen gescheitert waren, die Aufführung des Tartuffe zu hintertreiben): „Ich habe mich nach Rom gewendet, um ein Interdikt gegen den Tartuffe zu erhalten, aber es will nicht eintreffen“ – einen lang anhaltenden Beifallssturm. Gutzkow wurde zweimal stürmisch gerufen, und mit Ungeduld sieht man einer Wiederholung des Lustspiels entgegen. Der Zensor Thomas hatte Gutzkow nichts gestrichen, worüber er sehr erfreut war. Die politische Bedeutung des Lustspieles ist nicht zu leugnen, und nachdem Gutzkow einmal die Bahn als populärer Bühnendichter betreten hat, wird er sie verfolgen, da ihm die Aussicht benommen ist, als Dramaturg bei einer Hofbühne angestellt zu werden. Eine zur rechten Zeit erfolgte Anstellung würde ihn unschädlich gemacht haben, jetzt ist es fast zu spät. Gutzkow ist ergrimmt, daß ihn keine Hofbühne berücksichtigte und aus Rache und allerdings auch aus Notwendigkeit – denn er lebt jetzt nur von dem Ertrage seiner Bühnenstücke – trachtet er immer populärer zu werden. Gutzkow ist so besorgt, daß seine wachsende Popularität von seinen Gegnern wieder gehemmt werden könne, daß er jüngst zu dem Redakteur des „Frankfurter Journals“ lief und diesen bat, die Fortsetzung eines Berichtes aus Stuttgart, worin, wie er erfuhr, seiner nicht sehr günstig gedacht wurde, erst den nachfolgenden Tag nach der Aufführung seines neuen Stückes erscheinen zu lassen. Zwischen der Redaktion der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ und Gutzkow hat nun durch Vermittlung des bei der Redaktion dieser Zeitung angestellten L. Schücking eine Aussöhnung stattgefunden. Kolb schrieb zuerst an Gutzkow, und dieser hat nun seine Mitwirkung an den monatlichen „Ergänzungsblättern“ der „Allgemeinen Zeitung“ zugesagt. Letzterer konnte es nicht verschmerzen, daß ihm die „Allgemeine Zeitung“ feindlich gesinnt war, und er hat jetzt so ziemlich wieder die deutsche Tagespresse für sich. Auch auf die Redaktion des „Frankfurter Conversations-Blattes“ äußert er seinen Einfluß, da sich Otto Müller nun oft Rat bei ihm holt.

276. Konfidentenbericht, Frankfurt, 31. März 1845 Die Herausgabe der beiden ersten Bände von Gutzkows „gesammelten Werken“ wurde verzögert, da wegen Mangels an Papier im Druck nicht fortgefahren werden konnte. Der Druck wird indessen noch in dieser Woche vollendet werden und die Versendung in den nächsten 14 Tagen geschehen können. Loewenthal hat, wie bereits gemeldet, 20000 Subskriptionseinladungen drucken

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lassen, ist aber mit allen Xenien, die Gutzkow in dem ersten Bande seiner Werke bringt, unzufrieden; Gutzkow hat namentlich eine Zahl Xenien gegen Heine und französische Zustände gerichtet, worüber Loewenthal ganz außer sich ist; er ist erstens ein intimer Freund Heines und dann ein großer Verehrer des Franzosentums. Er bat Gutzkow, er möge Heine schonen, allein dieser haßt Heine so sehr, daß er sich nicht dazu entschließen konnte. Dagegen ließ Gutzkow sich bewegen, eine Xenie gegen Ruge ganz zu streichen. Loewenthal warf sich vor ihm fast auf die Knie. Ein Teil der Gutzkowschen Werke ist überarbeitet und namentlich wird sein Buch über Börne viel Neues bringen. Dann hat es Madame Wohl, die Freundin Börnes, übernommen, viel Neues einzuschalten. Gutzkow erhält von Loewenthal ein Honorar von 6000 fl. und es müssen 1500 Exemplare abgesetzt werden, um die Kosten zu decken. Das Zeitungsgerücht, daß Gutzkow ein historisches Schauspiel: „Einst“ bearbeite, ist falsch. Er hat ein neues dreiaktiges Schauspiel, ein dramatisches Seelengemälde vollendet.

277. Konfidentenbericht, Frankfurt, 18. April 1845 Schon vor einigen Monaten meldete ich, daß Gutzkow in diesem Frühjahre eine Reise nach Wien unternehmen wolle. Er sprach seither wenig mehr über dieses Reiseprojekt und hielt es vielmehr sehr geheim. Wie er mir heute nachmittags mitteilte, wird er nächstens die Reise nach Wien antreten und sich ohne besonderen Aufenthalt direkt dorthin begeben. Das Visa seines Passes unterlag keiner Schwierigkeit. Gutzkow will in Wien einen sechswöchentlichen Aufenthalt nehmen und dort zunächst die Theaterzustände durch eigene Anschauung kennen lernen. Er bringt Herrn v. Holbein ein neues dreiaktiges Schauspiel mit und hofft, damit dem Hofburgtheater willkommen zu sein. Nebenbei hofft Gutzkow von der Enghaus und der Brüning gut empfangen zu werden. Auch mit Sax, dahier, wünscht er eine Annäherung und erwartet überhaupt den besten Empfang von den Literaten in Wien. Gutzkow wählte diesen Zeitpunkt zu seiner Reise, weil er bei der nächsten Samstag erfolgenden Ausgabe der beiden ersten Bände seiner Werke nicht hier anwesend sein wollte. Er erwartet, daß der erste Band, der Xenien, Epigramme usw. enthält, großes Aufsehen erregen wird, ja möglichenfalls ein Verbot erfahren dürfte. Der Ballen nach Leipzig ist deshalb per Eilfuhr schon abgegangen und es werden die beiden Bände von dort rasch expediert werden. Bei dem Theater in Hamburg verschaffte Baison Gutzkow dreißig Subskribenten. Für Wien hat sich Gutzkow bei Eskeles & Co. akkreditieren lassen, hofft aber seinen Freund Döbler dort noch anzutreffen. Er begehrte von Dingelstedt Rekommandationsbriefe, hat aber noch keine erhalten. Mit Zedlitz ist Gutzkow persönlich befreundet.

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278. Konfidentenbericht, Frankfurt, 27. April 1845 Die beiden ersten Bände von Gutzkows gesammelten Werken sind am verflossenen Montage von der literarischen Anstalt ausgegeben worden und von allen Seiten außerordentlich viele Bestellungen darauf eingelaufen, was von dem Fortschritte der Popularität Gutzkows, die er namentlich seiner dramatischen Wirksamkeit zu danken hat, zeugt. […] Der Xenien-Teil hat durch und durch politische Bedeutung und wird in Berlin und Leipzig Furore machen. Vor seiner Abreise nach Wien gestand mir Gutzkow, daß er namentlich deshalb seine Werke revidiert habe erscheinen lassen, weil er sich der Sinnlichkeit, die ihn früher noch mehr als jetzt beherrschte und von welcher seine Werke vielfach der Ausdruck gewesen, geschämt habe; die neue Ausgabe seiner Werke dürfe er ansehen, ohne zu erröten.

279. Zeitungskorrespondenz aus Wien, April 1845 Gutzkow befindet sich seit etlichen Tagen in unserer Mitte. Sein ausgezeichnetes Talent findet auch hier in der Ostmark des deutschen Literatenlebens zahlreiche Verehrer, und namentlich ward ihm in der „Concordia“, einer unterhaltenden Künstlergesellschaft, herzlich freudiger Empfang zu Theil. An den Fürsten v. Metternich brachte er kein Empfehlungsschreiben mit; doch glaubt man, daß Hr. v. Zedlitz diese interessante Audienz vermitteln werde.

280. Eduard von Bauernfeld, Tagebuch, 21. Juli 1845 Am 14. über Nassau, Schwalbach, Wiesbaden nach Frankfurt. […] – Splendides Gastmahl mir zu Ehren bei Gut zk ow mit Sch wi nd (ohne Frau), Löwe n thal (meinem Verleger) sammt Frau, Theaterdirector Marek, ein paar Literaten und Schauspielern. Mit Gutzkows liebenswürdiger Frau kam ich bald in das angenehmste Verhältnis. Ueber Oesterreich haben die deutschen Kleinstädter die wunderlichsten Vorstellungen. So auch Gutzkow, der es doch aus Autopsie kennen gelernt. Sie stolziren mit ihrem et was meh r von Preßfreiheit, zählen aber nichts im Großen und Ganzen. Ein Franzose oder Engländer würde unserem Wien gewiß mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die jetzige Gährung in Oesterreich ist nicht wegzuleugnen, und sie wird und muß zu etwas führen. – […] Einen Abend in der „Ganges-Gesellschaft“ zugebracht. Schwind ist „Brahma“. Die Mitglieder haben auch Früchtenamen, so der „Cactus“ Gutz-

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kow. – In Homburg mit Va r n h a g e n zusammengetroffen, welchem Gutzkow den Rücken zukehrte.

281. Levin Schücking [*1881]

Frankfurt, Juli 1845

In Frankfurt angekommen, ging ich Karl Gutzkow aufzusuchen, der auf dem Hirschgraben schräg dem Goethehaus gegenüber wohnte, und fand ihn in seiner Familie, neben seiner anmuthigen und liebenswürdigen Frau. Er kam mir mit großer Wärme entgegen – die kühle Zurückhaltung, die bei unseren ersten Begegnungen geherrscht hatte, war geschwunden, und ich sah, daß sich auch eine Gemüthswärme bei ihm äußern könne, die ich ihm früher gar nicht zugetraut hatte. Ich hatte in den „Ergänzungsblättern zur Allgemeinen Zeitung“ bei Gelegenheit der ersten zwölfbändigen Sammlung seiner Schriften eine ausführliche Charakteristik seines Wesens und Schaffens zu geben versucht, die ihn erfreut hatte und für die er mir in den lebhaftesten Ausdrücken dankte. Um so mehr hatte sie ihm wohlgethan, als schon damals eine ziemlich starke „Hetze“ wider Alles, was Karl Gutzkow schrieb, in Schwung zu kommen begann – jene Hetze, die nach und nach seinen Verfolgungswahn ausbildete, dessen Keim schon viel früher in ihm lag, Jahre lang, bevor er zu einer unseligen Katastrophe führte.

282. Hermann Ebner, Konfidentenbericht, Frankfurt, 24. September 1845 Gutzkow war über die Art und Weise, wie über seine „Wiener Eindrücke“ von hier aus in der „Allgemeinen Zeitung“ geschrieben wurde, aufgebracht, ist aber durch den starken Absatz seiner „Gesammelten Werke“ besänftigt. Es sind nämlich die „Wiener Eindrücke“ mit großem Kostenaufwand von der Verlagsbuchhandlung in allen Blättern besonders angekündigt worden, und da der einzelne Band nicht abgegeben wird, so müssen die ganzen Werke gekauft werden. Die Oberzensurbehörde in Wien hat durch eine dortige Buchhandlung selbst zwölf Exemplare bestellen lassen, um, wie sich Gutzkow ausdrückte, an „diejenigen verteilt zu werden, die ihn heruntermachen sollen“. So sind die „Wiener Eindrücke“ das Lockmittel für die „Gesammelten Werke“ Gutzkows geworden, und das Manöver ist gelungen. Manche sprechen aber laut aus, daß Gutzkow in den „Wiener Eindrücken“ nicht die Sprache der Überzeugung rede. Er pflege stets zu schauspielern.

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283. Ferdinand I. Kaiser von Österreich, Allerhöchstes Handschreiben an den Oberstkämmerer Grafen Dietrichstein, Wien, 14. November 1845 In einer neuerlich erschienenen Sammlung der Werke Gutzkows befinden sich dermassen verabscheuungswürdige Angriffe gegen Meinen in Gott ruhenden Herrn Vater, dann hämische Ausfälle und Andeutungen gegen Höchstdessen glorreiche Regierung, dass der Name Gutzkow auf dem Repertorium des Hofburg Theaters nicht zu dulden. – Sie haben sonach, jedoch mit Vermeidung jeder Publizität, dafür Sorge zu tragen, dass unter einfacher Zurückweisung von Seite der Hoftheater-Direktion kein Stück des benannten Verfassers auf diesem Theater zur Aufführung gelange.

284. Ferdinand I. Kaiser von Österreich, Allerhöchstes Handschreiben an den Haus- Hof- u. Staatskanzler Fürsten von Metternich, Wien, 14. November 1845 Indem Ich die […] getroffene Anordnung, dass Gutzkows Werke in Meine Staaten nicht zugelassen werden, billige, haben Sie ihrer Seits Meinen Gesandtschaften die geheime Weisung zu ertheilen, dass dem genannten Schriftsteller jede Visirung von Pässen, welche eine Reise desselben in Meine Staaten bezielen, unbedingt verweigert werde.

285. Levin Schücking [*1881]

Paris, April 1846

Nach jenem Besuch in Frankfurt traf ich Gutzkow zuerst wieder, als ich im Frühjahr 1846 von Köln aus Paris zu sehen ging. Ich fand ihn im Hotel Bergère in der Cité Bergère, wo er in einem ruhigen Quartier, wie es so nahe den Boulevards nur zu haben war, an seinem „Uriel Acosta“ schrieb. Ich verhehlte ihm mein Bedenken gegen eine fünfactige Tragödie in Jamben nicht, die höhere Tragödie, die Jamben schienen mir durchaus nicht das zu sein, worauf seine Natur angelegt, sein Talent gerichtet; es giebt eine „Mache“, fürchtete ich, nicht ahnend, wie sehr später diese Sorge beschämt werden würde. Er war aber erfüllt von seinem Stoff und ganz absorbirt von der Arbeit. Davon redend, machte er meinen Wegweiser zum Concordienplatz, den ich zuerst sehen müsse, und brachte mich dann zu Therese v. Bacheracht – gemeinsame Verabredung hatte sie Beide um dieselbe Zeit nach Paris geführt. Ich sah ihn und Therese nun fast täglich, wenn nicht am Tage so Abends in ihrem Salon; […]

Paris 1846

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ich erwähne hier nur, daß, weil Gutzkow die Arbeit absorbirte, Therese v. Bacheracht sich oft mit meiner Begleitung zu den Pariser Sehenswürdigkeiten begnügen mußte, was mir Gelegenheit gab, diese unvergleichlich liebenswürdige Frau näher kennen und verehren zu lernen.

286. Alexander Weill [*1889]

Paris, April 1846

Gutzkow kam zwei Mal nach Paris. Das erste Mal allein, wo ich ihn allen literarischen Celebritäten vorstellte. Wir verließen uns nicht eine Stunde während vierzehn Tagen. Das zweite Mal kam er mit Frau Bacharach, Gemahlin eines hamburgischen Consuls, eine sehr liebenswürdige, geistreiche Frau, von der ich einige Briefe besitze. Während seines Aufenthalts in Paris schrieb Gutzkow sein Drama Ur ie l Ac o s t a , zu dem ich ihm einige hebräische Documente übersetzte. Er las mir das Stück vor und ich schrieb darüber meinem Freunde Theodor Creizenach in Frankfurt ein kurzes Urtheil mit diesen wenigen Worten: „L au t e r Ju de n un d k e i n e Ha n d l un g !“ Ich verbot Creizenach, auf Tod und Leben, ja nicht dieses Urtheil in meinem Namen zu veröffentlichen. Er hielt Wort, und Gutzkow hat nie in seinem Leben erfahren, daß ich der Verfasser dieses Bonmots war. Er hätte es mir nie verziehen, obschon ich ihm andere, weit härtere Wahrheiten schrieb und sagte.

287. Konfidentenbericht, Frankfurt, 24. Mai 1846 Gutzkow ist von Paris zurück und ist mit seiner dort gemachten Ausbeute zufrieden. Er schwärmt für die französische Bühne. Sein neues Trauerspiel wird er demnächst seinen Freunden vorlesen. Von Heine glaubt Gutzkow bestätigen zu können, daß dieser 6000 Frank jährlich von Guizot bezieht, um für Frankreich und das jetzige Ministerium zu schreiben. Aufsehen habe es gemacht, daß Heine 20000 Frank an den Prager Gasbereitungsaktien gewonnen. Frau Strauß (die Freundin Börnes) meint, das beweise, daß Heine von der österreichischen Regierung auch subventioniert werde. Man habe schon längst so etwas dort angenommen.

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288. Hermann Rollett [*1903]

Frankfurt, Mai 1846

[…] es fügte sich zufällig, daß ich gerade im Kreise seiner Familie war, als Gutzkow nach mehrwöchentlicher Abwesenheit eines Abends zurückkehrte und uns mit einem Lächeln begrüßte, welches von innerer Befriedigung zeugte. Welche Ueberraschung aber sollten wir da erleben! Kaum hatte er sich zu uns gesetzt, so öffnete er, geheimnisvoll blickend und vergnügliche Worte flüsternd, welche unsere Spannung steigern sollten, die mitgebrachte Handtasche und zog ein Manuskript mit den Worten heraus: „Da hab’ ich Euch etwas mitgebracht!“ Und, sich an unserer Neugierde weidend, setzte er lebhaft hinzu: „Wenn Ihr Lust habt, will ich es Euch noch lesen.“ Und was las er uns da – als die Kinder rasch zur Ruhe gebracht waren – zu unserem Erstaunen und zu unserer Freude?! Den „Uriel Akosta“, sein so berühmt gewordenes Trauerspiel in fünf Aufzügen, welches er während der kurzen Abwesenheit in – Paris geschrieben! Er war eigens dahin gereist – wie er sagte – um allein in einer fremden Stadt die nötige Sammlung und Ruhe, sowie zugleich die lebendige Anregung zu haben, die er zur Ausführung der geheim gehaltenen Absicht, seine in viel früherer Zeit geschriebene Erzählung: „Der Sadducäer von Amsterdam“ dramatisch zu gestalten, für nötig hielt. Das tiefbedeutende, den Kampf des freien Denkens mit dem starren Dogma wirkungsvoll zur Darstellung bringende Stück machte den entschiedensten Eindruck auf uns. Er hatte es aber auch mit seiner, im ganzen zwar etwas scharfen, aber mildester Modulation fähigen Stimme meisterhaft gelesen. Man vermißte in dieser Art der vermittelnden Mitteilung durchaus nicht die Wärme, die später von kritischen Stimmen – bei aller Anerkennung der mächtig wirkenden Dichtung – als nicht genugsam vorhanden bezeichnet wurde. Ich hörte seine Stimme nie so volltönend, ich sah sein interessant geschnittenes, von schön entwickeltem Scheitel mit schlicht gekämmtem Haar ebenmäßig überwölbtes Antlitz mit dem charakteristischen blonden Knebelbart, niemals so leuchtend und durchgeistigt, wie damals beim Lesen seines neuen Stückes. Es war das für mich in jeder Beziehung ein wirklich denkwürdiger Abend, an welchem ich durch ein günstiges Geschick, nebst Gutzkows Gattin, der erste gewesen bin, der dies Werk vernahm. Seine Gattin war – wie schon angedeutet – eine sehr lebhafte, in der Form leichtmütig erscheinende, im Wesen aber streng grundsätzliche, kleine, liebe Frau. Dabei war sie „edel, hilfreich und gut“, was ich auch persönlich bei einem kurzen Unwohlsein, durch die größte mir erwiesene Freundlichkeit und Güte dankbar erfuhr. Interessant ist, was sie – deren Vater der schwedische Konsul zu Frankfurt, Fre un d s h e i m , und deren Mutter eine Tochter des bekannten

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Grammatik-Verfassers Meidinger war – mir über ihr Bekanntwerden mit Gutzkow und über ihre Verbindung mit demselben mitteilte. Als „Backfisch“, eben erst aus dem Institute gekommen, verliebte sie sich in den im selben Hause wohnenden, geistvollen jungen Schriftsteller, und es kam auch bald zur Verlobung. Kurz darauf wurde derselbe jedoch, als „ketzerischer“ Verfasser der „Wally“, nach Mannheim ins Gefängnis abgeführt. Unbeschreiblich war ihr Kummer darüber, aber eben so groß dann ihr Schreck, als nach einigen Monaten ihr Bräutigam als hagerer, vergrämter Mann vor ihr stand, bei dessen Anblick sie tatsächlich – davonlief. Doch folgte später eine ganz glückliche Ehe, welcher drei Knaben entsproßten. Die zwei älteren waren damals etwas vierschrötige, doch gutherzige Jungen; der jüngste aber, ein zartes, etwa fünfjähriges Bübchen, war allerliebst und sah ganz seinem Vater ähnlich. Er zeigte sich sehr frühreif. Einmal klagte er mir z.B. – als er schon hinlänglich Brod bekommen hatte und noch immer mehr haben wollte, was man ihm verweigerte – ganz ernsthaft über „das schlechte Leben“ und mit possierlichem Trotz setzte er hinzu: „Ich werde auswandern – nach Amerika!“ Sowie Gu tz k ow s verewigte Gattin habe ich auch ihn selbst im allerschönsten und besten Andenken. Er war, wenn er sich aufschloß, ebenso teilnehmend und so liebenswürdig wie hochbegabt, und, trotz seiner oft gefürchteten Schärfe, im Herzen edel und gut. Aus den in regem geistigen Verkehr mit ihm verbrachten Stunden blieb mir besonders eine Aeußerung von ihm lebhaft in Erinnerung. Als ich ihn nämlich einmal fragte, wie er sich eigentlich seinen tiefen Blick ins Innerste aller Verhältnisse des Lebens, der Kunst und der Natur, seine Darstellungsgewandtheit u. s. w. errungen – ob er dies hauptsächlich durch Lesen und Studieren, durch Beobachtung, durch Intuition, durch Walten der Einbildungskraft und des Verstandes, oder – wie wahrscheinlich – durch das alles zusammen erworben, da antwortete er kurz, mit festem Blick mir tief ins Auge schauend: „Ich habe viel geklopft an allen geheimen Pforten und – vor allem an der Pforte des Menschenherzens! Dort liegt alles für den glücklichen Finder bereit!“

289. Lichtweiss, Konfidentenbericht, Frankfurt, 12. Juli 1846 Gutzkow wird Ende September Frankfurt verlassen und nach Berlin, vorerst für die Dauer des Winters, gehen. Ob er die am 3. Oktober in Weimar beginnende Schriftstellerversammlung besuchen werde, darüber ist er noch zu keinem Entschlusse gelangt.

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4. Kleine Welt- und Schaubühne

290. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 26. Oktober 1846 Gutzkow war auf der Durchreise bei uns und theilte mir die interessante Nachricht mit, daß er eine feste Anstellung in Dresden beim Theater in der Art wie früher Tieck angenommen habe. Es ist immer anzuerkennen, daß man es versucht, in dieser Weise etwas für die Hebung des Theaters zu thun. Gutzkow fehlt es jedenfalls nicht an Liebe zum Theater und an mannichfacher Kenntniß; ob er aber die rechte Art und Weise des Verkehrs mit den Menschen und insbesondere Schauspielern hat, steht dahin.

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I. 291. Karl Frenzel [*1891] Von allen Städten, in denen Gutzkow in dem Wechsel seines Lebens, doch auch ein vielverschlagener, von dem Schicksal und der eigenen Unruhe umhergetriebener Odysseus geweilt, hat ihn Dresden am längsten festgehalten. Seine Reisen führten ihn wohl hier und dort hin, bald in kürzeren, bald in längeren Ausflügen, aber seßhaft war er doch in den Jahren 1847 bis 1861 in Elbflorenz. Es war das Verhängnis seines Daseins, daß er diese Stadt und ihre freie Geselligkeit mit dem engen Weimar, seine unabhängige litterarische Stellung mit der bedingten und verantwortlichen eines Generalsekretärs der Schillerstiftung vertauschte. Er war gern in Dresden, wenn nicht von vielen geliebt, doch von allen geehrt. Wenn er über die Brühlsche Terrasse auf und nieder ging, war des Grüßens kein Ende. Der eine blieb stehen, um ihm nachzusehen, der andere, um ihn einem Fremden zu zeigen. Trat er in ein Kaffeehaus, steckten die Gäste an den Tischen einen Augenblick die Köpfe flüsternd zusammen. Er hatte sich an das sächsische Wesen gewöhnt, so weit es auch von seiner eigenen ironischen Weise und seiner grüblerischen Natur ablag. In allen Ständen hatte er Bekannte, hingebende Freunde und Freundinnen, obgleich jede Freundschaft, die litterarische wie die menschliche, bei seinem Argwohn und seiner Empfindlichkeit, immer wie auf der Spitze einer Nadel schwankte. Er hat in jenen Jahren zuerst in der stillen Lindenstraße, nebenan lag das Haus und der Garten des Malers Eduard Bendemann, dann in der stattlicheren, immer mehr von dem Lärm des Tages durchwogten Prager Straße, in der Nähe des Böhmischen Bahnhofs, gewohnt, in behaglicher Häuslichkeit und Einrichtung. 1858 hatte er, um ungestörter an seinem „Zauberer von Rom“ arbeiten zu können, Frau und Kinder nach Frankfurt am Main geschickt, und zog aus einer Chambre garnie in die andere. Ich glaube, daß sich das Leiden der Schlaflosigkeit, an dem er litt, da zu jener Höhe ausbildete, die zuletzt eine Weile die traurige Umnachtung seines Geistes erzeugte. Er war zum zweitenmal verheiratet: Bertha Meidinger war um viele Jahre jünger als er, eine schöne, muntere Frau mit braunem Haar und der frischesten Gesichtsfarbe, die eine leise Sehnsucht nach ihrer Vaterstadt Frankfurt am Main niemals unterdrücken konnte, stets in der heiteren Beweglichkeit der Süddeutschen. Die beiden ältesten Söhne aus der ersten Ehe, Hermann und Fritz, besuchten in Berlin ein Gymnasium, drei kleine, allerliebste Mädchen spielten und lärmten im Hause und hatten an mir, dem „spaßigen Onkel“, einen bereiten Genossen und Gefährten auf Spaziergängen und in allerlei Mutwillen. Den Vater beschäftigten neben seinen „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ schon beinahe ausschließlich seine Studien zu dem großar-

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tigsten Kulturgemälde, das die Weltlitteratur dieses Jahrhunderts auf dem Gebiete der Dichtung besitzt, dem „Zauberer von Rom“. Die Schauspiele, die er dazwischen schrieb: „Ella Rose“, „Lenz und Söhne“, „Lorbeer und Myrthe“, erfüllten weder seine noch des Publikums Erwartungen. Die Erfolge und der stürmische Beifall, die „Werner“ und „Uriel Acosta“, „Zopf und Schwert“ und „Das Urbild des Tartüffe“ gefunden, die, wenn auch in schwächerem Maße, noch dem „Königslieutenant“ zu teil geworden, wollten sich nicht mehr erringen lassen. Doch mehr aus einem innerlichen Grunde, als aus widrigen Zufällen und der Abneigung der Kritik, wie Gutzkow meinte. „Die Ritter vom Geiste“ hatten seine Phantasie, ihm unbewußt, dem Drama entfremdet und in die Weite und Breite des Epos gelenkt. Seine Pläne und Fabeln schichteten sich neben- und übereinander zu Massen auf, so sehr war er an ein vielverschlungenes Gewebe, an ein Verknüpfen entlegener Geschichten gewöhnt, daß er aus diesen Labyrinthen nicht mehr den Weg zu der einfachen Handlung und Struktur des Dramas fand. Seine Schauspiele verloren ihre Klarheit, die Bestimmtheit des Grundgedankens und irrten von dem Ziel in Nebensachen und Spitzfindigkeiten ab. Widerwillig erkannte er es endlich und nahm Abschied von der Bühne, die ihm ihre Erneuerung, der er das schönste Blatt in seinem Lorbeerkranze verdankte. […] Aber wie so weit ab von meinem Vorsatz hat mich der Strom der Rede geführt. Nur daß es mir ein Herzensbedürfnis ist, wenn ich von meinen litterarischen Anfängen und Lehrjahren plaudere, am liebsten bei dem Manne zu verweilen, der mir Freund und Führer, Gönner und Förderer in allem Guten war. Ich habe gemütvollere und tiefsinnigere Männer kennen gelernt: einen bedeutenderen Mann als Gutzkow nicht. Wohin sich das Gespräch auch lenken mochte, immer entlockte es ihm einen Blitz oder einen Klang. Wie schön lohnte zuweilen der unerwartete Ausbruch des wärmsten Gefühls die Mühe, die es machte, bis zu seinem Herzen vorzudringen. So sorgenvoll wie in seinen späteren Jahren, so verdrießlich und jedes Strebens überdrüssig schaute er damals, auf dem Gipfel seines Ruhmes, nicht in die Zukunft. Er hatte seine Hamletsstimmungen, wie er sie immer gehabt, die Lebenssorge, bei seiner zahlreichen Familie und der Freigebigkeit seiner Hand, saß in schlaflosen Nächten neben ihm auf dem Lager, nicht erst in Friedberg tauchte die Frage: „Sein oder Nichtsein?“ in ihm auf, aber die Schaffenslust, das Vollgefühl der Kraft, der Trotz, den Kampf um das Dasein mit jedem Tage neu aufzunehmen, waren mächtiger als die Schatten und die Kümmernisse. Wie überstrahlte er alle anderen Schriftsteller, die Maler, Gelehrten, Virtuosen, Sänger und Schauspieler, die damals Dresden erfüllten. Keiner kam ihm an allgemeiner Bildung, an Fülle der Gedanken gleich, nur wenige konnten mit seinem sarkastischen Witz

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den Zweikampf wagen; wie ein reicher Herr die Goldmünzen, streute er Anregungen und Einfälle aus. Manchmal freilich boshafte, die der andere für echtes Gold hielt, obwohl es nur Katzengold war. So hatte Dawison einmal geklagt, daß er mit der Rolle des Mercutio nichts anzufangen wisse, der geistreiche Witzbold, der fein geschniegelte Stutzer, der immer um Romeo hin und her scharwenzelt, sei doch gar zu fadenscheinig und nichtig. „Ja,“ unterbrach ihn Gutzkow, „wenn Sie sich nicht von der alten Schablone freimachen können! Aber was ist denn Mercutio? Ein Raufbold, ein Händelsucher, das Muster eines italienischen Fechtmeisters“ – und nun setzte er ihm auseinander, wie die italienische Fechtkunst im Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts als etwas Neues und Bewunderungswürdiges nach England gekommen sei und Shakespeare deshalb den Fechtscenen einen so breiten Raum in seinen Stücken gegeben habe, Mercutio müsse breitspurig, grell herausstaffiert, bald mit rauher, bald mit lispelnder Stimme, wie ein Bramarbas gespielt werden. Dawison fing Feuer und Flamme; am nächsten Tage schlug Gutzkow das Gewissen und er schickte mich zu Dawison, den tollen Einfall auf das Korn Wahrheit darin herabzumildern. Natürlich war es vergebens; Dawison war überglücklich, sich in seiner ganzen „Originalität“ zeigen und das Publikum verblüffen zu können. Überragte Gutzkow in meinen Augen alle Mitstrebenden, so empfing er doch erst durch die Nähe und Gegenwart so vieler kluger und geistreicher Menschen die rechte Beleuchtung. Das war ein beständiges Kommen und Gehen von einem zum anderen. Auerbach und Hermann Hettner, damals noch in fast zärtlicher Unzertrennlichkeit verbunden, Julius Hübner und Bendemann, Hammer, der Dichter von „Schau um dich und schau in dich“, Wolfsohn, der geschickte Übersetzer russischer Erzählungen, dem in dem Schauspiel „Nur eine Seele“ durch Dawisons vortreffliche Darstellung des Fürsten wenn kein poetischer, doch ein theatralischer Wurf geglückt war, Eduard Duboc, der mit seiner anmutigen Frau während des Sommers in seinem Hause oberhalb Wachwitz am rechten Elbufer wie auf einer Alm saß, bildeten einen Kreis heiterer Genossenschaft. Dresden bot die glückliche Mischung einer Musenstadt und eines großen Badeortes. Das Gewühl, das in den Nachmittagsstunden, bei dem Niedergang der Sonne, unter den sanft verhallenden Tönen der Musik, die aus dem Garten des Eckpavillons herüberklang, auf den glatten Steinfliesen der Brühlschen Terrasse auf und nieder flutete, war das bunteste und bewegteste. Stärker als unter den Linden in Berlin kam das fremdländische Element zur Geltung. Viel Russen und Polen, junge Engländerinnen und Amerikanerinnen. Das abenteuerlich schillernde Element war in Männern wie in Frauen nicht zahlreich, doch auffällig genug vertreten. Wie ein Schwarm Bienen auf einen blühenden Lindenbaum hatten sich die Schriftstellerinnen in Dresden niedergelassen. In einer satirischen Laune habe ich einmal ihrer sechsunddrei-

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ßig gezählt, und Gutzkow rief in komischer Verzweiflung: „Und die wollen sich alle an unserem häuslichen Herd niedersetzen?“

292. Amely Bölte: Karl Gutzkow in Dresden. [*1888] Es war im Herbste des Jahres 1851, als ich nach Dresden kam, um mich dort dauernd niederzulassen. Das schöne Elbflorenz war von jeher ein Tusculum der Dichter und Mäcene gewesen, und meine Tante, Fanny Tarnow, die zu den Ersteren gehörte, wünschte mich dort zu sehen, wo sie mit Tieck und Tiedge an der Liedertafel gesessen. – Sie wohnte bei ihrem Freunde, dem Major Serre, der später die Schillerstiftung begründete, in dessen Hause jedoch Männer wie Gutzkow, Auerbach, Hammer etc., die in irgend einer Beziehung zu dem Jahre 48 gestanden, damals noch nicht verkehrten. Gutzkow stand, als ich ihn kennen lernte, in seinem 40. Jahre, dem Höhepunkte des männlichen Lebens, voll freudigen Hoffens auf eine ruhmvolle Zukunft. Er war von Hamburg nach Dresden als Dramaturg an der ersten Bühne Deutschlands berufen worden. Uriel Acosta, Der Königslieutenant, Zopf und Schwert wurden auf allen deutschen Bühnen gegeben, sein großer Roman „Die Ritter vom Geist“ wurde in der Allgemeinen Zeitung abgedruckt, und seine großen Erfolge auf allen Gebieten konnten sein Herz mit Recht in stolzer Freude schwellen. Es war für ihn eine Zeit ruhigen Glückes, er sonnte sich in seinen Erfolgen, sein späterhin wenig glückliches Leben läßt uns gern bei dieser Zeit stillstehen. Nur zu schnell sollte eine Wendung eintreten. Die ihn lähmenden Verhältnisse in Dresden lagen allerdings nicht günstig für ihn. Die Koryphäen der dortigen Bühne, Emil Devrient, Frau Bayer-Bürk etc. waren in ihrer Berühmtheit viel zu selbstbewußt, um den mindesten Tadel zu ertragen; sollte Gutzkow aber nicht tadeln, wozu dann war er Dramaturg? Was besagte seine Stellung, wenn er stummer Zuschauer blieb? Gutzkow war, wie bekannt ist, ein geborener Berliner und als solcher ziemlich kurz angebunden. Ueberhaupt ging ihm jene höfliche Glätte ab, die im Verkehre mit Menschen so manchem Pfeile die Spitze abbricht. Das scharfe Wort glitt ihm leicht über die Lippe, er schonte nicht. Wo er verletzt hatte, glaubte er gerecht gewesen zu sein und wollte es nicht begreifen, daß ein wahres Wort ihm Feinde schaffen könne. Mit seinem Amte als Dramaturg war es daher schnell vorbei, allein es bewog ihn nicht, Dresden zu verlassen, wo er sich bereits angenehm eingelebt hatte. Seine Erscheinung war eigenthümlich. Eine gedrungene Gestalt von mittlerer Größe, sehr hohe Schultern, zwischen denen ein ziemlich großer Kopf saß,

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den glatt hängendes, blondes Haar dick umwallte, ein klassisches Profil, ein feiner Mund, ein Knebelbart, den die kleine weiße Hand häufig strich, so trat er mir entgegen. Er war ungemein kurzsichtig und dabei mit einer Art innerem Gesicht begabt, das ihn die Gedanken errathen ließ; ohne also die Leute äußerlich zu kennen, kannte er sie innerlich. Was er da alles wußte und errieth, war zum Erstaunen; indem er aber seine Beurtheilung ihm oft völlig fremder Personen laut von sich gab, machte er sich gefürchtet und schuf sich Feinde. Zu jener Zeit seines höchsten Ruhmes mochte er darüber hinwegsehen; allein in Deutschland steht ein solcher Ruhm auf wankenden Füßen, denn wir kennen leider jene schöne Pietät nicht, mit der ein Franzose, ein Engländer seine Dichter durch das Leben begleitet; unsere Vaterlandsliebe ist nicht stark genug, um durch diese Helden der Feder, weil sie demselben Boden mit uns entsprossen, unser Selbstgefühl erhöht zu finden, wir sind ihnen kaum dankbar dafür, daß sie den deutschen Namen groß machen. Victor Hugo mochte schreiben, was er wollte, er blieb für die Franzosen stets der Verfasser von „Notre Dame de Paris“. Dort erhebt man nicht heute einen Autor bis in den siebenten Himmel, um ihn morgen, wenn ihm ein zweites Buch weniger gelungen ist, fallen zu lassen. Die mangelnde Treue in der Anhänglichkeit ist ein Zug des deutschen Charakters, den Gutzkow oft rügte, bevor er noch an sich selbst die bittere Erfahrung davon gemacht. Der deutsche Dichter müsse bei jeder neuen Schöpfung sein Prophetenthum als Denker und Dichter neu bethätigen, sagte er oft, an Carlyles Aussprüche anknüpfend; denn ei ne abfällige Kritik reicht hin, um seinem erworbenen Ruhme zur Grabstätte zu werden. […] Es hatte sich im Anfange der fünfziger Jahre ein Verein von Schriftstellern in Dresden zusammengefunden, der ausgezeichnet war und im Verkehre reiche geistige Ausbeute bot. Wöchentlich einmal kam eine Anzahl dieser Herren um die Kaffeestunde zusammen, um ästhetische Fragen zu erörtern. Sie fanden sich abwechselnd bald in diesem, bald in jenem Hause. Damen wurden nicht zugelassen, selbst die Frau vom Hause war ausgeschlossen. Diese Zusammenkünfte wirkten sehr anregend und wurden von den Betheiligten hoch gepriesen. Später kam noch ein Theeabend hinzu, wo die Damen erschienen, aber mit dem Vorbehalt, daß keine Nebengespräche stattfinden dürften, Jede ihr Ohr dem Thema leihen müßte, das die Herren anschlugen. Es wurde damit eine große Anforderung an Gutzkows wie an Auerbachs Frau gestellt, die Beide kaum das zwanzigste Jahr erreicht hatten, hübsch und lebensfroh waren und kein eigentliches Bedürfniß fühlten, auf geistigem Gebiete die Gefährtinnen ihrer Männer zu sein. Gar mancher Dichter würde anders dichten, wenn der Kampf um das Dasein nicht auf ihm lastete, wenn er frei nach innerer Eingebung schaffen dürfte,

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ohne Rücksicht auf die Geldfrage, auf die Zahlung der Buchhändler, auf den Geschmack des Publikums. Statt seine Leser zu sich hinaufzuziehen, muß er nur zu häufig zu ihnen hinuntersteigen, um auf dem großen Markte populär zu werden. Denn wer in Deutschland nur die wirklich Gebildeten für sich gewinnt, der ist auf eine sehr kleine Zahl von Lesern angewiesen. Das war der Fall mit Gutzkow. Betrachtet man, wie viele Auflagen „Soll und Haben“ erreichte, und welche Erfolge Ebers mit seinen Romanen erzielte, so wird man es natürlich finden, wenn Gutzkow demgegenüber muthlos ward. Ihm lag es vor allen Dingen an der Bildung des Volkes. Irgend eine Stellung, wo er diesem Drange hätte nachgehen können, würde ihn befriedigt haben. Das ästhetische Gebiet bot ihm dafür kein Feld. Er hat Uriel Acosta und Das Urbild des Tartüffe geschrieben; aber wie Vieles, ganz Anderes würde er noch geschrieben haben, wenn sich ihm nicht sofort die Thüren verschlossen hätten, sowie er das freie Wo r t gewagt. Er nahm im Anfang der fünfziger Jahre viel Geld ein, aber er legte davon nichts zurück. Man konnte auch nicht sagen, daß er verschwendete. Sein Hausstand war anständig, aber einfach. Eine Köchin, ein Kindermädchen genügten als Bedienung. Er sah dann und wann einen Gast, fuhr Sonntags mit der Familie spazieren, weiter vergönnte er sich nichts. Theater, Konzerte kosteten ihn nichts. Aber wo blieb dann das viele Geld? fragt man. Oder war es schließlich doch nicht so viel? Wie groß war das Honorar? Aus seiner ersten Ehe stammten drei Söhne, die schon hoch aufgeschossen waren und das Gymnasium besuchten. – Die zweite Frau, eine Meidinger aus Frankfurt a.M. war die Cousine derselben, und nicht gerade geeignet, eine Stiefmutter für diese zu sein; auch hatte Gutzkow bei der Wahl wohl weniger an seine Knaben, als an sich selbst gedacht. Obgleich er „Blasedow und seine Söhne“ geschrieben, so besaß er doch nichts vom Erzieher, vor Allem nicht jene Selbstbeherrschung, die nöthig ist, wo man respektirt sein will. Er haßte ein Familienleben im Schlafrock, liebte die Formen, das Schöne; aber seine Stimmungen zu beherrschen, war ihm nicht möglich, seinen Worten legte er keinen Zügel an. Er war ein unbeschreiblich nachsichtiger Familienvater, konnte seinen Kindern keine Bitte abschlagen, sie aber auch nie mit Ernst und Strenge zu irgend einer Pflicht anhalten. Wenn ein Familienvater aber kein Nein für die Seinigen hat, so wird er auch schließlich nicht um sein Ja befragt. Der Aelteste war merkwürdig verschlossen und ging nie aus sich heraus, man wußte nicht, was ihn freute, nicht, was ihn betrübte. Sein Wesen machte dem Vater viel Sorge, er fürchtete, daß seine junge Ehe die Söhne ihm mehr und mehr entfremde und ihnen das Vaterhaus unlieb mache. Ich bat ihn, den ältesten Sohn zu mir zu senden, vielleicht daß es mir gelänge, ihn mittheilsamer zu

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machen. So brachte er denn alle seine freie Zeit bei mir zu, ich lehrte ihn Englisch, spielte mit ihm Schach, suchte ihn gesellig zu stimmen. Das setzte sich so fort, bis nach einigen Jahren beide Söhne nach Berlin zu Gutzkows Schwester gingen. Ich war der Familie aber durch diesen Freundschaftsdienst um Vieles näher getreten und hatte Gutzkow überzeugt, daß er auf mich bauen könne. Im Allgemeinen mißtraute er ja den Menschen und hielt sie keines uneigennützigen Wohlwollens fähig, und doch war er so empfänglich für Freundschaft und Wohlwollen, hatte es so gern, wenn man ihm herzlich entgegenkam. „Die Ritter vom Geiste“ waren indessen in Buchform erschienen, das Journal „Unterhaltungen am häuslichen Heerd“ begründet, aber der Erfolg von Beiden entsprach nicht seiner Erwartung. Er versuchte neue Bühnenstücke, aber auch damit ging es nicht. Die Kritik, die leidige, verletzte ihn wiederum durch kleinliche Rügen; statt von dem Schönen in einer neuen Schöpfung zu sprechen, hob sie Kleinigkeiten hervor, spottete über die Phrase von einem „mondscheinbeleuchteten Grabhügel“, eine Stilblüthe, die jedem Dichter mit durchlaufen kann, und verstimmte ihn dermaßen, daß er sich ganz in sich selbst zurückzog, und die „falschen Freunde“, wie er sie nannte, vermied. Er wollte nun durchaus etwas Großes, Packendes schaffen, wollte einen großartigen Erfolg und verfiel auf den „Zauberer von Rom“. Er hätte sich sagen können, daß ein solches Thema nie populär sein würde, daß er wiederum für eine kleine Zahl von Gebildeten schreibe, er mußte ja ganz gut wissen, daß dem so sein würde, allein er verschloß sein Auge dieser Einsicht, sein Ehrgeiz machte ihn blind, und er unternahm das große Werk. Dazu gehörte aber Sammlung, Gemüthsruhe. Er mußte allein sein, um diesen großen Vorwurf in sich ausklingen zu lassen. Er sandte daher seine junge Frau mit ihren drei kleinen Mädchen zu ihrer Schwester nach Offenbach und miethete ein Zimmer, worin er wie ein Student hauste. Niemand sah ihn von da an. Als der erste Band des „Zauberer von Rom“ gedruckt war, brachte er ihn mir. Fast erschreckt wog ich den starken Band in der Hand; denn es sollten ihm noch acht ähnliche folgen, welche Riesenarbeit war das, und worin bestand der Lohn? Ein Jahr war vergangen, und er glaubte nun die Fortsetzung seiner Arbeit, unbeschadet der Familie, fortsetzen zu können, und so baute er also sein Haus neu auf. Allein das Glück zog nicht neu darin ein, denn die Schatten der Sorge verdunkelten sein Heim. Die Söhne kosteten viel, denn sie hatten nicht gelernt, sparsame Wirthe zu sein, und ihr Vater war nicht der Mann, sie diese Kunst zu lehren. Der große Erfolg, der jedes Defizit in der Kasse decken sollte, blieb aus. Die einzelnen Bände des „Zauberer“ erfuhren keine lange Besprechung, es hieß, daß man das ganze Werk erst kennen wolle; bis dahin aber war

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es noch weit, und Gutzkow konnte nicht freudig schaffen, wenn ihn kein beifälliges Lächeln ermunterte. Er wurde verstimmt, weil er eine feindliche Absicht darin sah, was doch nicht der Fall war. […] Bevor er Dresden verließ, gelang es mir noch, durch glückliche Umstände, seine beiden ältesten Söhne in eine Lage zu bringen, die ihn wenigstens der Sorge für diese überhob und ihn mit einer Freude erfüllte, die mich sehr glücklich machte; weil es mir die Ueberzeugung gewährte, daß ich dem Vaterherzen den Balsam gereicht, für den es so empfänglich war. Als sein zweiter Sohn nach Kalifornien reiste, schrieb er mir: „Auf seinen Knien muß er Ihnen dafür danken.“ – Voll und ganz ging er in dem Erfolge dieses Segens auf. Es war vielleicht seine letzte Lebensfreude.

293. Clara Osius, geb. Gutzkow [*1938] Sie bewohnten in Dresden Ecke der Lindengasse und Lüttichaustraße eine schöne, große Wohnung, in der ihnen im Laufe der Jahre drei Töchter geboren wurden. Ein Garten umgab das Haus, das jetzt noch steht, der sich an den Park des Malers Hübner anschloß. Als ich, die Älteste, am 28. 8. 1850 das Licht der Welt erblickte, befand sich mein Vater zufällig auf einer kleinen Reise. Seine Freude beim Heimkommen über das Mädelchen, nach den drei Buben, soll groß gewesen sein. Er soll mich oft, leise singend, im Zimmer herumgetragen haben, und als nach Jahresfrist sein großes Werk, die Ritter vom Geist, vollendet war, wurde mir der erste Band in die kleinen Arme gelegt, den ich mit folgender Widmung meiner Mutter an ihrem Geburtstag bringen mußte: Du warst die Muse dieses Buchs, Auf jedem Blatt steht es geschrieben, Daß es durch Dich nur wuchs und wuchs, In unsrer Liebe ersten Blüten! Und heut im festlichen Gewand Am Tage der Dich uns gegeben Reicht es mit Clärchen Dir die Hand Und beide danken für ihr junges Leben. […] Als wir Kinder heranwuchsen, war besonders die Bölte auch unsere Freundin und Gönnerin geworden. Ich fürchte aber, sie erntete, besonders von mir, nicht allzuviel Dank, denn ihre scharfe, tadelnde Gouvernantenmanier – sie

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war in jungen Jahren Erzieherin in England – flößte mir immer mehr Furcht als Liebe ein. Die Besuche, die ich ihr auf ihren Wunsch öfter machen mußte, waren meist mit widerstrebenden Tränen erreicht, trotz des Kaninchens, das sie mir einmal zum Geburtstag schenkte […]. Ein sehr geliebter Freund aber von uns Kindern war Karl Frenzel, den wir seiner lustigen Neckereien mit uns „Onkel Spaß“ zu nennen pflegten. Ganz in unserer Nähe in der Lüttichaustraße wohnte Berthold Auerbach, dessen Tochter Ottilie, gleichaltrig mit mir, bald meine Gespielin wurde. Auch die liebe sanfte Elisabeth Hettner, die Tochter des Kunstkritikers Hermann Hettner, wurde mir als kleine Nachbarin ebenfalls befreundet. Dazu kamen noch die Kinder eines Deutsch-Amerikaners, Koosen, die an der nahen Bürgerwiese wohnten. Wir tummelten uns in unserem Garten in Lauben und auf der Schaukel, und wenn das Spiel gar zu wild wurde, mahnte wohl Frau Professor Hübner über die Gartenmauer zur Mäßigung. Für erregende Freuden wie Theater, Zirkus, waren meine Eltern in der Regel nicht. Aber doch wenn Renz seine Zelte aufgeschlagen hatte, durften wir hie und da mal solche equilibristischen Künste ansehen. Unvergeßlich ist mir die Szene, in der Tom Pouce, ein geradezu unglaublich kleiner Zwerg, einer Riesen-Pastete entstieg, die von zwei Clowns hereingetragen, feierlich vor einen seines Nachtmahls harrenden, steifen Engländer, der entsetzt aufsprang, hingestellt wurde. Das Lachen nahm kein Ende! Es steigerte sich zu wahrem Jubel, als dieser stark outrierte Albionssohn fluchtartig die Manege verlassen wollte und am Tor des improvisierten Wirtsgartens aus dem Schilderhäuschen, das dort aufgerichtet war, statt der Wache ein in Uniform gesteckter Riesen Bär gravitätisch heraustrat und den Flüchtling beim Kragen packte, der verzweifelte Schreie ausstieß. Mit solchen kleinen Szenen würzte Renz die equilibristischen Künste. Im Sommertheater im sog. Link’schen Bad in Dresdens schöner Umgebung durfte ich einmal Emil Devrient in dem Lustspiel „Der Verschwender“ bewundern. Da war der große Künstler noch jung und schön! Zehn Jahre später, als er einst, meinen Vater zu besuchen, nach Kesselstadt kam, sprang er wohl noch mit seiner gewohnten Elastizität die Treppe zur Veranda im Garten hinauf, aber die edlen Gesichtszüge waren von Blatternarben entstellt! […] Die Eltern hatten viel Geselligkeit in Dresden. Unser Vater war auf der Höhe seines Ruhms, man suchte ihn auf, und die heitere Liebenswürdigkeit unserer Mutter verstand die Menschen zu fesseln. Auch die Musik wurde künstlerisch betrieben. Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“, war mit unserer Mutter befreundet und gab ihr auch Unterricht. […]

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In der Weise der berühmten schwedischen Nachtigall trug meine Mutter die Taubertschen Kinderlieder vor, voll Schelmerei und heiterem Übermuth, die lieben blauen Augen blitzten dabei. Wir Kinder konnten sie nicht oft genug hören! Doch auch große Arien sang sie und Schubert, Schumann, Brahms und andere Lieder, die in der damaligen Zeit beliebt waren, harmlose, mit denen sie aber durch ihre temperamentvolle Auffassung und den liebenswürdigen Humor zu Hause und in kleinem Gesellschaftskreise Stürme des Beifalles erntete. […] Abends, wenn wir alle bei der Lampe im Wohnzimmer saßen, der Vater im Sofaeckchen in die Zeitung vertieft, meist aber nur behaglich rauchend sinnend, die Gemütlichkeit genießend, ich in irgend ein Buch vertieft, die Schwestern noch mit Schularbeiten still beschäftigt, setzte sich die Mutter auf des Vaters Ermunterung: „Nun liebe Bertha, willst du nicht ein bißchen Musik machen?“ ans Klavier und sang ein schönes Lied nach dem andern. Und der Vater schmunzelte, lobte, lachte auch mitunter laut über das oder jenes und mischte lustige oder kleine sarkastische Bemerkungen über den Komponisten dazwischen. Manchmal trat er sogar ans Klavier und sang selber! Aber das war immer ein bißchen komisch, denn er ging stark ins Zeug. Mama lächelte und anerkannte etwas zurückhaltend. Wir Kinder waren aber voll Bewunderung.

294. Hieronymus Lorm [*1876] Ein sinniges Vergnügen war es mir, zuweilen in seinem Arbeitszimmer zu stehen. Aus den Fenstern desselben sah man weder auf städtisches Treiben, noch auf eine Landschaft von einem bestimmten localen Charakter; man sah auf die einfachen unabsehbar sich dahinziehenden Ackerfelder. Felder aber sind eine stille friedliche Repräsentanz der Bedürfnisse der Gesammtwelt und wol geeignet, daß der ungestörte Ausblick auf sie einem Schriftsteller, der nicht für eine einzelne Stadt, der für die Welt schreibt, die kosmopolitische Stimmung und Anregung verschaffe und bewahre.

II. 295. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 14. Oktober 1846 Gutzkow soll angekommen sein; Therese erfuhr es.

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296. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 19. Oktober 1846 Bei Auerbach. Gutzkows „Acosta“ gelesen. Ein ernsthaft gemeintes Stück, schön in Idee und Gesinnung. Ob die Wirkungen hinlänglich abgewogen sind, muß die Aufführung zeigen.

297. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 21. Oktober 1846 Gutzkow besuchte ich. – Vergeblich wich ich dem Gespräch über Emil aus, die hauptsächlichsten Aufklärungen mußte ich ihm doch geben; er sah übrigens die Dinge ganz klar und kennt Emil sehr wohl. Zudem hat dieser durch die Art, wie er seinen „Acosta“ für die Aufführung zurechtgestrichen, ihn sehr verletzt und seine Prinzipien völlig enthüllt; denn Gutzkow sagt, es sei in einer Weise zugerichtet, daß alles, was Wirksames in den anderen Rollen sich befände, vertilgt sei, damit das Licht ausschließlich auf seine, Emils, Rolle fallen müsse. Unglaublich! Soweit läßt er sich selbst seinem intimen Freunde gegenüber hinreißen von der Komödiantenselbstsucht. Und meint er, daß Gutzkow und alle Welt das nicht merken werden?

298. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 27. Oktober 1846 Wir erfuhren, daß Gutzkow nun bestimmt als Dramaturg angestellt ist und in vier Wochen eintritt. Daß ein Mensch von Geist und Talent auf das Institut Einfluß gewinnt, kann mir nur erwünscht sein. Ob es mit diesem Versuche glücken, ob die Freundschaft zwischen Emil und Gutzkow halten wird, glaube ich kaum.

299. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 28. November 1846 Lüttichau machte mir einen sehr freundlichen Besuch. […] Er erzählte mir dann den Hergang von Gutzkows Anstellung. Wie er anfangs an Laube gedacht habe, Gutzkows Gefügigkeit entschieden habe. Er bedauert meinen Rücktritt, daß aber Emil doch auch unentbehrlich sei. Ich lobte ihn geradezu, daß er sich unter den Intendanten dadurch auszeichne, daß er die Notwendigkeit einer dramaturgischen Leitung immer wieder tatsächlich anerkenne und nicht bloß auf Büroverwaltung die Bühnenleitung beschränke. Gutzkows Wahl sei durch seinen Ruf hinlänglich gerechtfertigt.

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300. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 2. Dezember 1846 Nach Tisch besuchte mich Gutzkow, war ausnehmend entgegenkommend, man fühlte die Bemühung, sich angenehm und freundlich zu zeigen. Er wolle Marie beschäftigen, sagte er, mir habe er verschiedene Rollen bestimmt; er entschuldigte sich seltsamerweise gegen mich, daß er mein Nachfolger geworden sei. Er hofft, auf Emil wirken zu können, er werde manches aus Beschämung vor ihm unterlassen – über den guten Glauben! Er wünscht abends zu uns zu kommen, kurz, sich gut mit mir zu stellen. Desto besser. In jedem Fall wird mein Dienstverhältnis besser, glaube ich. Die Herrschaft der Dummköpfe hört doch auf.

301. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 3. Dezember 1846 Zusammenkunft um „Uriel Acosta“. Gutzkow trat sehr vorsichtig und schüchtern dem Personal gegenüber, wollte alle die Dinge zur Beratung bringen, die von der leitenden Hand entschieden werden müssen, bat endlich um Erlaubnis, das Stück teilweise vorlesen zu können. Er las. Seine Manier ist immer ärger geworden, so war es die tollste Karikatur. Soll das nun die neue Dresdner Schule werden? Der Spott wurde von allen Seiten zurückgehalten, aber ein vorteilhaftes Debüt war es nicht für den neuen Dramaturgen.

302. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 13. Dezember 1846 Abends Aufführung von „Uriel Acosta“ – de Silvio. Der 2. Akt von großer Wirkung. Im 3. Akt verdarb’s Emil durch seine Übertreibung. Anstatt von der Liebe zur Mutter und Geliebten überwunden, geschmolzen zu werden, raste er wie im Wahnsinn. Auch den 4. Akt, die Bußszene, machte er zu groß, das Publikum stutzte förmlich. Der 5. Akt ist an sich zu schwach, der Anteil ließ daher nach. Aber die großen Schönheiten des Gedichtes hatten sich doch geltend gemacht. Meine Rolle sprach sehr an. Porth war als alter Rabbi unlebendig, komödiantisch, brachte gar nicht die Wirkung hervor, die von dieser trefflichen Zeichnung zu erwarten war. Im ganzen war das Unternehmen gelungen, das Publikum für einen ungewöhnlichen Gegenstand, für einen Kampf der Gedanken zu interessieren. König und Königin waren anwesend, steif und starr; es wäre eine Schmach, wenn das Stück unterdrückt würde.

Dresden 1846

Eduard Devrient

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5. Ritter vom Geist

303. Alfred Meissner [*1884]

Dresden, 13.–16. Dezember 1846

Seit einiger Zeit sah man Gutzkow noch nachdenklicher als sonst und noch gesenkteren Kopfes im blauen, kragenbesetzten Mantel vom Dippoldiswaldaer Platz, wo er sein Quartier genommen, den Weg zum Schauspielhause wandeln. Uriel Acosta war beendigt, wurde einstudirt und sollte demnächst mit Emil Devrient in der Hauptrolle in Scene gehen. Man wußte im Voraus, daß man es mit einem Werke zu thun habe, das für die Ideen der Toleranz und reinen Aufklärung mit Entschiedenheit eintrete und sah der ersten Aufführung, die am 13. December stattfinden sollte, mit großer Spannung entgegen, mit um so größerer, als man wußte, daß der Verfasser des „Werner“ und des „Urbild des Tartüffe“ hier den ersten Schritt in die hohe Tragödie gethan habe und man in Folge seiner Stellung zur Dresdener Hofbühne besondere Anforderungen an dies Debüt machen zu dürfen glaubte. Der langerwartete Abend kam. Man war angenehm erstaunt, wohlklingende Verse von einem Autor zu vernehmen, der bisher nur in Prosa zum Publicum gesprochen; nun sah man, daß ein wesentlich politischer Stoff in poetischen Formen vorgeführt werde. Das Confessionelle war nach seinen verschiedenen Richtungen, der blinden Orthodoxie, dem versöhnlichen Justemilieu der fortschreitenden Aufklärung außerordentlich treffend hingestellt und Jedem lag es nahe, sich diese Typen jüdischen Lebens in’s Christliche zu übersetzen. Emil Devrient, der den Uriel, einen schrecklich koketten Uriel, in wunderbaren Gewändern spielte, war leider dem leidenschaftlichen Theile der Rolle, zumal im dritten Acte gar nicht gewachsen und brachte diese mit seinen allzu drastisch angewandten bengalischen Feuerkünsten in bedeutende Gefahr. Da aber kam Ben Akiba, dessen „Alles schon dagewesen!“ das erste Mal hier gesprochen wurde, und lenkte wieder alles zum Guten. Er wurde trefflich gespielt; der Greis mit weißem Haar und Bart, in dessen Worten sich Tiefsinn mit Blödsinn so seltsam mischt, hatte den stärksten Applaus des Abends hervorgerufen. Der fünfte Act ließ gar sehr starke Kürzungen wünschen, schmälerte aber im Ganzen und Großen den Erfolg nicht wesentlich. Das Stück hatte einen großen Succeß erlebt, der Autor wurde nach dem Schlusse enthusiastisch gerufen. In der That hatte Gutzkow sein bisher bestes Werk geschrieben, weil er einfacher, weniger raffinirt, weniger auf der Suche psychologischer Seltsamkeiten, weniger spitzfindig an’s Werk gegangen und einen immer bedeutsamen Stoff: den Conflikt des Glaubens mit den Banden der Familie, herzlich und ergreifend behandelt hatte. Natürlich gab es ihm zu Ehren in Hiller’s Hause einen Uriel-Acosta-Abend, es war am dritten Tage nach der Aufführung. Emil Devrient war da, die schöne Marie Bayer, welche die Judith gespielt hatte, saß vielumworben in prachtvoller Toilette auf dem niederen Divan, den ihr Kleid

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ganz bedeckte, und blickte fortwährend in der Richtung der Thüre, um dem Helden des Tages entgegen zu fliegen, sobald er eintrete. Endlich kam er, langsamen Schrittes sich vorwärts bewegend, verstimmt und malcontent, mit gesenktem Haupte wie Hamlet. Kein Autor, dessen Stück einen Durchfall erlebt, hätte müder und trüber blicken und dem Lobe ängstlicher ausweichen können. So blieb er auch bei Tische. Kaum lichtete sich seine Stimmung, als der feurige Uffo Horn, mit Gutzkow von Hamburg her befreundet, eine begeisterte Improvisation losließ. Und Gutzkow’s Verstimmung war nicht ohne Grund. Es verlautete schon, daß wenig Hoffnung vorhanden sei, in Dresden den Acosta wieder zu erleben. Er sollte, flüsterte man, hohen Ortes bedeutendes Mißfallen erregt haben. Man erzählte sich besorgt, daß eine hohe Frau während der Vorstellung zu mehreren Malen unwillig den Fauteuil gerückt. Man wußte nicht, ob das genüge, in einem constitutionellen Staate das Stück verbieten zu lassen?

304. Friedrich Pecht [*1894]

Dresden, Winter 1846/47

Im nächsten Winter nun brachte die Menge Künstler und Schriftsteller aller Art, sowie der Wunsch, sich öfter zu sehen, den Gedanken an die Bildung einer Gesellschaft hervor, wo man Gelegenheit zu regelmäßigem Zusammentreffen finden wollte. Sie ward die Montagsgesellschaft getauft, weil sie an diesem Tage zusammenkam, und zählte bald alles zu ihren Mitgliedern, was Dresden damals von irgend hervorragenden Künstlern und Schriftstellern besaß […] Auch Gutzkow habe ich hier zum erstenmal persönlich kennen gelernt, wenn stark abgestoßen werden, kennen lernen heißt. Das Lauernde, Hinterhaltige dieser vom glühenden Ehrgeiz verzehrten Natur war in hohem Grade antipathisch, obwohl er sehr unterhaltend sein konnte, wenn er gerade für sich einnehmen wollte. Er hatte ein Spitzmausprofil, das Ramberg köstlich zu karikieren verstand, und seine zugekniffenen Augen harmonierten nur zu sehr mit seinem keinerlei Hingebung kennenden schnüffelnden Wesen.

305. Gustav Freytag [*1887]

Dresden, Februar 1847

Als ich „die Valentine“ an die Theater versandt hatte, erhielt ich zu Leipzig einen Brief Gutzkows, der damals Dramaturg des Dresdener Hoftheaters war, er sei geneigt, das Stück zu geben, doch sei vorher persönliche Besprechung nöthig. Ich fuhr nach Dresden und ging zu ihm. Er empfing mich, die Finger der rechten Hand hinter der Rockklappe, genau so, wie auf der Bühne der Minister einen armen Teufel von Bittsteller annimmt, und leitete stehend die Verhand-

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5. Ritter vom Geist

Gustav Freytag

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lung mit den Worten ein: „Ihr Stück ist so, wie Sie es versandt haben, für unsere Bühne nicht zu gebrauchen, ich bin aber bereit selbst die nöthigen Aenderungen vorzunehmen und dasselbe für das deutsche Theater einzurichten und frage, ob Sie mir dies überlassen wollen.“ Ich mußte antworten: „Nein; ich habe im zweiten Act eine kleine Scenenänderung gemacht, die ich den Theatern nachträglich zusenden werde, im Uebrigen habe ich bei der Leipziger Aufführung gesehen, daß das Stück bühnengerecht ist.“ Darauf er, noch strenger: „Leipzig ist nicht maßgebend, wenn wir das Stück hier zur Aufführung bringen sollen, müssen Sie sich die Aenderungen gefallen lassen, die ich für nöthig finde.“ Und ich: „Nach dieser Erklärung muß ich Ihnen antworten, entweder geben Sie das Schauspiel so, wie ich es übersandt habe mit der erwähnten Aenderung, oder ich, der Verfasser, versage Ihnen die Aufführung und fordere meine Sendung zurück. Leben Sie wohl.“ Eine Weile darauf kam Emil Devrient – durch seine Gastspiele in Breslau ein alter Bekannter – eilfertig in das Hotel: „Was haben Sie mit Gutzkow gehabt, er war außer sich bei mir.“ Ich schilderte ihm den lächerlichen Verlauf. Emil entfaltete die Fittige eines versöhnenden Engels und lud zu einem Friedensmahl. Bei Tisch saß ich Gutzkow gegenüber, ich unterhielt mich mit meinen Nachbarinnen, während er schweigsam beobachtete. Nach dem Essen trat er an mich, sprach artig sein Bedauern über das Mißverständniß aus und ersuchte um Zusendung meiner Aenderung. Das Stück wurde jedoch erst gegeben, als er nicht mehr Dramaturg war, und als Grund angeführt, daß die Intendanz Bedenken gehabt hatte, was sehr wahrscheinlich war.

306. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 6. Februar 1847 Gutzkow’s neuestes Stück „Uriel Acosta“ hat seit seiner kurzen Existenz auf der Bühne schon mehr Federn in Bewegung gesetzt und mehr Lob geerntet, möchte man fast sagen, als im vorigen Jahrhundert irgendeinem Meisterwerke unserer Literatur überhaupt gewidmet worden ist. Interessirt hat mich das Stück in hohem Grade, in einzelnen Partien auch sehr befriedigt; ich muß es als eine bedeutende Arbeit anerkennen: aber es sind mir denn auch gleich viele Punkte aufgefallen, die ich nur als Mängel zu bezeichnen vermag. Vielleicht sehe ich nach wiederholten Aufführungen klarer, vielleicht verständige ich mich über dieses und jenes mit dem Verfasser; indeß möchte ich wol schwerlich darin irren, daß doch der Held nicht die glücklichste Figur ist, daß seinem Tode das rechte Motiv fehlt, daß er sich selbst und seiner Liebe untreu wird, und daß überhaupt in der hinreichenden Motivirung des Thuns und Lassens das Stück unendlich viel zu wünschen übrigläßt. Emil Devrient winselte und

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5. Ritter vom Geist

pinselte, Fräulein Bayer war trefflich, und die Aufführung als solche wirkte im ganzen sehr erfreulich. Also noch einmal sehen, um ganz klar über die Bedeutung des Stücks zu werden.

307. Friederike Serre an Hans Christian Andersen, Dresden, 10. März 1847 Auch Gutzkow habe ich öfters gesehen. Er hat Mühe gehabt, seinen „Uriel Acosta“ auf der Bühne zu erhalten, da die Königin und der Hof gegen die Tendenz des Stückes, als gute Glaubensgenossen. Es enthält viel Geistreiches, Erhabenes und interessiert das Publikum unendlich.

308. Gottfried Kinkel [*1849/50]

Dresden, April/Mai 1847

An Gutzkow war ich durch Roderich Benedix von Köln aus empfohlen: Gutzkow wußte, daß ich seine Bühnenarbeiten aufrichtig schätzte, kam mir mit Offenheit entgegen und versprach mir eine Novelle für das Jahrbuch. Ich lernte zugleich im Kreise der Familie seine freundliche Frau, eine liebenswürdige und naive Frankfurterin, kennen, deren Tod ein Jahr später mich tief ergriffen hat, so tief damals auch die Stürme der Revolution um mich brausten. Gutzkow hatte seine Freude an der Freiheit von allem blasirten und reflektirten Wesen, womit ich Kunst, Welt und Natur ergriff, mit seinen muntern Knaben an der Elbe Wasserjungfern schleuderte und im Theater jeden Eindruck mit Rührung oder Lachen aufnahm: Er sprach mir offen und ohne Ironie aus, was später an dem berüchtigten Socialdemokraten noch manchem aufgefallen ist, daß eine so kindliche und lustige Unbefangenheit ihm kaum in unserm ausdörrenden Zeitalter vorgekommen sei. Ich selbst fühlte mich aber auch in Dresden über alle Begriffe glücklich, wo morgens der innigste und berauschendste Kunstgenuß, nach Tische der Umgang mit den erregtesten Männern und Frauen in schönster Landschaft erquickte.

309. Alfred Meissner [*1884]

Dresden, 1847

Auch Gutzkow war eine ganz meditative, in sich gekehrte Natur, aber wie verschieden geartet, wie ganz anders als Schumann! Sein Schweigen barg ein ununterbrochenes Verarbeiten der Eindrücke, die ihm von außen zukamen. Und alle Fragen der Zeit gingen ihm nahe. Wie er mit gewohnheitsmäßig halbgeschlossenen Augen alles aufnahm, alles bemerkte, so beschäftigten ihn alle Pro-

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Karl Gutzkow um 1847, Stahlstich des Bibliographischen Instituts, Hildburghausen

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5. Ritter vom Geist

bleme, wofern sie sein Jahrhundert in Anspruch nahmen. Alles wurde zum Stoffe, aus dem er seine Fäden spann: während seines ganzen literarischen Wirkens waren ihm seine Stoffe durch Ereignisse dictirt worden. Sein Verfallen in Selbstversenkung alternirte mit plötzlichem Erwachen, in welchem er das Wort scharf wie eine Stahlklinge führte und die Dinge wie mit einem fremdartigen elektrischen Lichte zu beleuchten verstand. Eine große Weichheit des Gemüths war in ihm mit durchdringender Schärfe des Verstandes beisammen. […] Gutzkow war seit 1845 als Dramaturg der Dresdener Bühne angestellt, er war mit Leib und Seele dabei und glaubte an eine Wiederbelebung der deutschen Dramatik. Es ließ sich aber nicht ersehen, daß seine Oberleitung viel geändert habe. Das war begreiflich, denn Emil Devrient war der heimliche oberste Leiter der Bühne. An allen bedeutenden Männern die es besaß, hatte Dresden zu mäkeln, einzig Emils Größe stand unbestritten da. Er war der Abgott der Frauen, der „göttliche Emil“. Er galt für den ersten deutschen Schauspieler. Ein Heldenspieler war er gewiß schon damals nicht mehr, schon darum, weil meist schon im dritten Acte Kraft und Stimme zu Ende waren. Dann forcirte er nur noch und stieß die Worte zwischen den halbgeschlossenen Zähnen hervor. Seine Affectation und Effecthascherei waren ohne Grenzen. Hatte er sich wieder einmal den Dresdenern in einer neuen Rolle gezeigt, so ging er auf Gastrollen aus, kein Theater war ihm zu gering. Trotz allem laut proclamirten Cultus des Ideals spielte er am liebsten in Stücken der Frau Birch-Pfeiffer, Holtei’s und Raupachs, die ihm vergönnten, in Paraderollen beliebig aus dem dramatischen Rahmen herauszutreten. Unendlich viel hat Gutzkow von der Eitelkeit dieses Mimen zu leiden gehabt, die unersättlich war und nach immer neuem Lob in den Zeitungen verlangte. Schon in den ersten Wochen meines Dresdener Aufenthalts hatte ich Richard Wagner kennen gelernt, ich hatte mit ihm und zahlreicher Gesellschaft, zu der auch Gutzkow gehörte, einen Spaziergang nach dem Waldschlößchen gemacht. Fast unter Mittelgröße, eher klein, mit stechenden Augen, zusammengekniffenen Lippen und scharf gebogener Nase, auffallend breiter, stark ausgearbeiteter Stirn und vorstehendem Kinn, hatte er viel von einem Professor an sich, wie er denn auch in einer Zeit der Bärte sich ganz rasirt zeigte. Aber frühe Kämpfe hatten ihm schon eine ungewöhnliche Reizbarkeit gegeben, er hatte bereits etwas ewig Aufgeregtes, Gereiztes, Giftkochendes in sich. „Tannhäuser“ hatte unlängst das Licht der Bretter gesehen. Man hatte das Textbuch gelobt – die Ausstattung war eine ungewöhnlich brillante gewesen – den musikalischen Theil fand man „ungenügend“. Man vermißte eigentliche Charakteristik und geniale Naturkraft, man meinte, das Ganze sei mehr künstlich zurechtgelegt und leide an Langweiligkeit.

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Auf diesem ersten Spaziergange hatten wir viel mit einander gesprochen, doch ausschließlich über Politik. Richard Wagner hielt die politischen Zustände für reif zur gründlichsten Aenderung und sah einer in nächster Zeit stattzuhabenden Umwälzung als etwas Unausbleiblichem entgegen. Die Umwandlung werde leicht und mit wenig Schlägen vor sich gehen, denn die staatlichen und gesellschaftlichen Formen hielten nur noch ganz äußerlich fest. Ich erinnere mich noch genau der Worte: eine Revolution sei bereits in allen Köpfen vollzogen, das neue Deutschland sei fertig wie ein Erzguß, es bedürfe nur eines Hammerschlags auf die thönerne Hülle, daß es hervortrete. Inzwischen hatte sich Gutzkow uns genähert, er opponirte, betonte die Kraft der Trägheit, die Macht des Alten und Furcht vor Neuem, die Gewohnheit der Massen, zu dienen und zu folgen, den Mangel an Charakter in der unendlichen Mehrzahl. Er äußerte in seiner vorsichtigen Weise hunderterlei Bedenken. Wagner verlor die Selbstbeherrschung und brach die Debatte mit starken, unmuthig gesprochenen Worten ab. Wem hat die Zukunft recht gegeben? Bald genug kam das Jahr Achtundvierzig! Wohl fielen schon in nächster Zeit die geweissagten Schläge, aber sie änderten kaum etwas an der Gestalt der Welt. Am allerwenigsten trat ein neues Deutschland in Erzguß zu Tage. Der kreisende Berg gebar eine – rothe – Maus und bald war wieder alles wie vorher.

310. Richard Wagner [*1911]

Dresden, 1847

Seine [Sempers] paradoxesten Behauptungen, die offenbar nur auf Streiterregung abgesehen waren, liessen mich […] mit Bestimmtheit erkennen, dass er mit mir unter allen Anwesenden der Einzige war, der es mit dem, was er sagte, bis zur Leidenschaftlichkeit ernst nahm, während allen Andern es gern recht war, zur gelegenen Zeit die Sache auf sich beruhen zu lassen. Zu dieser letzten Tendenz stimmte auch der öfter zu uns sich gesellende Gu t z k ow. Dieser war von der Generaldirektion unseres Hoftheaters in der Eigenschaft eines Dramaturgen nach Dresden berufen worden. Mehrere seiner Theaterstücke hatten in letzter Zeit grosses Glück gemacht; „Zopf und Schwert“, „das Vorbild des Tartuffe“, und „Uriel Acosta“ verbreiteten über das neuere Repertoire des Schauspiels einen unerwarteten Glanz, und durch die Berufung Gu tz k ow’s schien dem Dresdener Theater, von welchem andrerseits meine Opern ausgingen, eine bedeutungsvolle Aera eröffnet werden zu sollen. Der gute Wille der Intendanz war hierbei gewiss nicht zu verkennen. Es that mir nur leid bei dieser Gelegenheit die Hoffnung, meinen alten Freund Laube für die gleiche Stellung nach Dresden gezogen zu sehen, getäuscht zu

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5. Ritter vom Geist

erkennen. Auch L a u b e hatte sich mit Energie auf die theatralische Litteratur geworfen; schon in Paris bemerkte ich, wie eifrig er namentlich Scribe studirte, um dessen theatralisches Geschick sich anzueignen, ohne welches, wie er fand, alle deutsche dramatische Dichtkunst vergeblich sei. […] Schliesslich entschied man sich jedoch für den mit ihm rivalisirenden Gu t z kow, trotz seiner leicht zu erkennenden Unfähigkeit zu der praktischen Ausübung der Funktion eines Dramaturgen. Hieran zeigte es sich, dass er auch zu seinen glücklichen Theaterstücken nur als geschickter Litterat gekommen war, denn unmittelbar neben jenen effektvollen Stücken kamen wiederum die grössten theatralischen Langweiligkeiten zum Vorschein, so dass wir verwunderungsvoll finden mussten, er habe selbst von seinem bewiesenen Geschick kein Bewusstsein. Gerade diese abstrakteren Eigenschaften des blossen Litteraten gaben ihm aber in Mancher Augen den Nimbus einer bedeutenderen schriftstellerischen Grösse, und indem Herr vo n Lüttichau bestimmt wurde, Gutzkow den Vorzug vor Laube zu geben, glaubte er, mehr für die Aeusserlichkeit des Rufes als für den praktischen Nutzen seines Theaters besorgt, den höheren Culturinteressen einen besondern Vorschub zu leisten. Mir war namentlich aus dem Grunde der bald gewonnenen Ueberzeugung von seiner Unfähigkeit zu der Führung der dramaturgischen Leitung des Theaters, Gu t z kow’s Berufung aufrichtig unangenehm, und ich theilte mich hierüber Herrn von Lü t t i ch au so unumwunden mit, dass daraus sehr wahrscheinlich der erste Anstoss zu unserem späteren Zerwürfniss entstand. Ich hatte mich hier nämlich über die Urtheilslosigkeit und den Leichtsinn Derjenigen, welche in absoluter Weise über die Leitung und Verwendung so kostbarer Kunstanstalten, wie die deutschen Hoftheater es sind, verfügen, bitter zu beklagen. Um der voraussichtlichen Verwirrung, die aus dieser verfehlten Anstellung erfolgen musste, vorzubeugen, verbat ich mir wenigstens sehr bestimmt Gut zkow’s Einmischung in die Führung der Oper, worin mir gern nachgegeben und Gu t z k ow selbst jedenfalls reiche Beschämung erspart wurde. Immerhin resultirte hieraus ein misstrauensvolles Verhältniss zwischen ihm und mir; dieses nach Möglichkeit zu beseitigen war ich wiederum gern bereit, als durch die persönliche Berührung mit Gutzkow an den Abenden der geschilderten Künstler-Zusammenkünfte hiezu sich Gelegenheit zu bieten schien. Gern hätte ich den sonderbaren Mann, dessen Kopf so ängstlich tief auf seinem Brustbein sass, in der Unterhaltung etwas locker und ergiebig zu machen gesucht; doch wollte diess bei seiner stets gleich scheuen Vorsichtigkeit nicht gelingen: er blieb immer in sich stekken. Eine Veranlassung zu einer Discussion mit ihm bot mir sein durchgesetztes Verlangen, in einer gewissen Scene seines „Uriel Acosta“, wo dieser sein Held die Abschwörungsformel seiner vorgeblichen Ketzereien auszusprechen hatte, das Orchester in melodramatischer Weise sich betheiligen zu lassen. Die-

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ses musste nämlich eine Zeit lang auf gewissen geeignet dünkenden Akkorden das bewusste leise Tremolando ausführen, was mir bei der Anhörung der Aufführung absurd, und für die Musik wie für das Drama gleich entwürdigend erschien. Hierüber, so wie überhaupt über die Verwendung der Musik zur melodramatischen Beihülfe im Schauspiel, suchte ich mich an einem jener Abende mit Gu t z k ow in das Vernehmen zu setzen, und erörterte meine Ansicht in diesem Betreff nach den höheren mir begreiflichen Grundsätzen. Allen meinen principiellen Erörterungen setzte er nichts, als ein verlegenes, misstrauisches Schweigen entgegen, erklärte endlich aber, dass ich doch wohl in meinen Forderungen für die Bedeutsamkeit der Musik zu weit ginge, und er nicht begriffe, wie die Musik entwürdigt werden sollte, wenn sie in geringer Dosis beim Schauspiel verwendet würde, während die Poesie doch mit viel grösserer Vernachlässigung ihrer Interessen zur Beihülfe der Musik in der Oper herbeigezogen würde. Praktisch gefasst, sei es für den Theaterdichter doch von grossem Nutzen, hierin nicht zu wählerisch zu sein: man könne doch dem Schauspieler nicht immer brillante Abgänge geben; nichts sei andrerseits aber wiederum peinlicher, als wenn ein Haupt-Darsteller ohne Applaus sich von der Scene entferne: in solchen Fällen träte dann ein zerstreuendes Geräusch im Orchester als eine sehr glückliche Diversion ein. Diess hörte ich wirklich von Gu t z kow aussprechen, und sah, dass er das ganz ernst meinte. Ich hatte nun nichts mehr mit ihm zu thun. Bald hatte ich mit all den Malern, Musikern und sonstigen Kunstbeflissenen unseres Vereins ebensowenig mehr zu thun.

311. Richard Wagner an August Freiherrn von Lüttichau, Dresden, 9. Juli 1847 Meine Stellung zur Oper des Königl. Hoftheater’s hat mich zu verschiedenen Malen mit erneuetem Kummer erfüllen müssen und die wiederholt von mir erkannte Unmöglichkeit unter den bestandenen Verhältnissen und bei der Conkurrenz gleichberechtigter Mitsprecher das mir zweckmäßig Erscheinende zur Ausführung gebracht zu sehen, hat mich oft entmuthigt und meinen angeborenen Eifer geschwächt […]. Wie wenig entscheidend jedoch meine Stimme ist, weiß unter anderen gewiß aber auch Hr. Dr. Gutzkow sehr genau: – desto unverschämter ist das Benehmen, welches dieser jetzt eingeschlagen hat. Ew. Excellenz mache ich daher zunächst auf die seit kurzem in der Deutschen Allgemeinen Zeitung erschienenen theatralischen Berichte aus Dresden aufmerksam. – Wenn an und für sich der Gedanke demüthigend war, daß ein Mann, der vor nicht sehr lange eben

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Richard Wagner

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nur Journalist gewesen, sich seitdem flüchtig mit dem Theater (– wenn auch sehr mit dessen eigentlicher Chronique Scandaleuse –) bekannt gemacht, noch nirgends aber bethätigt hat, daß er von der Sache in Wahrheit etwas verstehe, – plötzlich die höchste technische und fast selbst administrative Gewalt über eine Anstalt erhielt, die vorher bereits schöne Blüthen getrieben hatte, so blieb ich doch ohne Grund mich im Interesse der Oper persönlich zu beklagen, solange ich annehmen durfte, seine Instructionen erstreckten sich zunächst nur auf das Schauspiel. Nahm ich nun aber wahr, wie dieser Mann es in der kürzesten Zeit dahin brachte, daß er seiner abgeschmackten und die höchste Unkenntniß verrathenden Anordnungen und Prätensionen wegen von dem sämtlichen Schauspieler-Personal bereits verlacht und verachtet wird, so konnte es mir nicht gleichgültig bleiben zugleich zu erfahren, daß derselbe auch der Opernverwaltung vorstehen solle. […] Diese Betheiligungen des Dramaturgen an den Opernangelegenheiten erreichen endlich aber den höchsten Grad – ich kann nicht anders sagen – unverschämter Lästigkeit seit dessen Berichten in der genannten Zeitung, denn daß diese Berichte von ihm direkt herrühren wird ihm hoffentlich nicht einfallen zu läugnen, widrigenfalls es ihm bewiesen werden könnte. Ew. Excellenz erkennen daraus den Mann wie er ist, und wie er Leuten, die ihn früher kannten, bereits zur Genüge erschienen war: ein Zeitungsschreiber, ein Cliquenmacher, dem es im vorliegenden Falle nachzuconstruiren ist, daß es ihm keinesweges an dem Gedeihen unserer Oper, sondern nur an der Begründung seiner Macht über Alles liegt, indem er auch die Oper mit Personen zu besetzen wünscht, die zu seiner Clique gehören. […] Dieser böse Geist, der durch Cliquenwesen und Verdächtigungsumtriebe alles nöthige gegenseitige Vertrauen vernichtet und unser Institut einer sicheren moralischen Auflösung zuführt, kann niemand mehr bekümmern als mich, der ich offen, warm und begeistert einem höchsten Ziele zustrebe, und der ich ohnedem so oft schon zu bedauern habe, misverstanden und mit üblem Vertrauen belohnt zu werden. Mein Schmerz, unter solchen Umständen zu immer größerer Unlust und daraus erfolgender Unthätigkeit mich verwiesen zu sehen und somit alle gerechten Erwartungen, die auf mich und meine Fähigkeiten gesetzt wurden, immer unerfüllter zu lassen, ist so groß und aufrichtig, daß ich bei glücklicheren äußeren Verhältnissen ohne Zweifel schon Se. Majestät um meine gänzliche Entlassung ersucht haben würde. Gegenwärtig, wo von allen Seiten auf mich und meine sehr unrichtig gedeutete oder angeschlagene Einwirkung hergezogen wird, und nun auch noch in mitten der Administration Leute sitzen, wie dieser traurige Dramaturg, dessen ganze Gesinnung und Verfechtungsweise mir als der vollkommene Gegensatz zu der Richtung erscheint, in welcher einzig die Gewogenheit des Königs und die höhere Aufmerksamkeit des Publikums dem Institut neu zu gewinnen oder zu erhalten ist, – gegenwär-

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tig, sage ich, ersähe ich gar kein anderes Mittel innerer und äußerer Genugthuung als in meiner Entlassung, wenn meine verwickelten äußeren Verhältnisse dieser eben nicht ein Hindernis in den Weg legten. Dem ohngeachtet kann ich aber kein Sklave dieser Verhältnisse bleiben, und wollten Ew. Excellenz nicht den Weg ersehen, auf welchem ich zunächst wenigstens Hrn. Dr. Gutzkow gegenüber zu einer entschiedenen Genugthuung gelange, – würden es Ew. Excellenz nicht für gut und zweckmäßig halten, Hr. Gutzkow offiziell von aller Einmischung in die Angelegenheiten der Oper und zumal auch von unsern Opern-Conferenzen zu entfernen, und könnten sich endlich Ew. Excellenz nicht entschließen, mir die Leitung der Oper, zu der ich mich unter diesen Bedingungen vollkommen befähigt fühle, rückhaltsloser zu übertragen als dies bisher der Fall war […] – so bin ich fest entschlossen der Weisheit Sr. Majestät des Königs das Ermessen zu übergeben […]

312. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 14. August 1847 Ich sprach mit Kapellmeister Wagner; er liegt im Krieg mit Lüttichau, hat sich Gutzkows Einspruch in die Oper verbeten. Das ist etwas zuviel herausgenommen. Er hat immer noch die Idee, einmal dem Könige die Augen zu öffnen über den Zustand des Theaters. Der Thor! Als ob die Könige darüber klar sehen wollten.

313. Richard Wagner an Karl Gaillard, [Dresden?], 31. August 1847 Im Anfange dieses Jahres stand ich mit Gutzkow so verträglich, daß ich gegen ihn mit Wärme wegen Ihres Stückes sprechen konnte; er kannte es damals aber noch nicht … Kurz darauf bin ich mit Gutzkow in ein streng feindseliges Verhältnis getreten, welches ich mit vollster Absicht herbeiführen mußte, um meine Ehre zu wahren. Bei dieser Gelegenheit geriet ich auch in ein endlich unvermeidliches Zusammentreffen mit unserem Intendanten, welches seit länger zwischen uns beiden zu einem Bruch geführt hat, der, wie ich sehnlich wünsche, mit meinem Austritt … enden soll.

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314. Feodor Wehl [*1889]

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Gutzkow hatte von hier aus Frau v. Bacheracht, die unter dem Namen Therese schrieb, mir nach Berlin hin angelegentlich empfohlen. Frau v. Bacheracht war eine der liebenswürdigsten, schönsten und reizendsten Frauen, die ich jemals kennen gelernt habe. Sie war eine Tochter des russischen Minister-Residenten in Hamburg, des Geheimrathes v. Struve, eines Mannes von Bildung, Geist und feinster Lebensart, der in seinem Hause die beste Gesellschaft und die bedeutendsten Menschen sah, die bleibend oder vorübergehend in Hamburg sich aufhielten. Eine ausgezeichnete Erziehung und der Umgang in diesem auserlesenen Kreise hatten sie zu einer überall sieghaften Erscheinung gemacht. Man darf sagen, sie war die Anmuth selbst. Sie hatte den russischen Konsul, späteren Gesandten in Brüssel, Herrn von Bacheracht geheirathet und nach dem Verlust ihres einzigen Kindes zum Troste begonnen, sich literarisch zu beschäftigen. Dabei sich Rath und Auskunft erbittend, war sie mit Gutzkow bekannt geworden. Als sie auf einem Ausfluge nach Wien und dem Süden von Europa Berlin berührte, überbrachte sie mir jene vorerwähnten Zeilen von Gutzkow, worin er mich aufforderte, ihr Kavalierdienste zu leisten. Ich habe es in hingebendster Art gethan. Ich führte sie bei der Gräfin Ahlefeldt, bei Varnhagen von Ense, bei Tieck, A. von Sternberg, bei Mundt, Charlotte Birch-Pfeiffer und vielen anderen hervorragenden Persönlichkeiten ein, begleitete sie in die Museen, in die Theater und kurz: ich that, was ihr erwünscht war und Veranlassung gab, Berlin nach allen Richtungen hin kennen zu lernen. Es war denn freilich auch eine Lust, ihr gefällig zu sein. Sie erschien immer angeregt, guter Laune und für alles Gute und Schöne empfänglich, dabei wohlwollend, gütig, von wahrhaft bezauberndem Wesen. Sie war mittlerer Größe, schlank und dabei doch von einer anmuthigen Fülle. Alles an ihr erwies sich wohlgeformt und von durchaus regelmäßiger Gestaltung. Nichts an ihr ließ etwas Eckiges oder Unebenes wahrnehmen. Ihr edles, ovales Gesicht hatte eine weiche theerosige Farbe, helle, strahlende Augen, lichtbraunes, üppig gewelltes Haar, einen fein geschnittenen Mund, eine liebliche Stirn; Hals, Büste, Hände, Füße konnte man für den Meißel bestimmt erklären. Dazu kam ein sympathischer Ton der Stimme und eine Kunst der Rede, die wahrhaft hinreißend zu nennen war. Wer sie sah und kennen lernte, war von ihr entzückt. Auch mit ihr blieb ich von da ab in Beziehung, die eine geradezu freundschaftliche wurde, als ich später in Hamburg meinen dauernden Aufenthalt nahm.

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Therese von Bacheracht um 1847, Stahlstich von M. Lämmel

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Ehe das geschah, hatte ich geraume Zeit in Dresden und im nächsten Umgange mit Gutzkow zugebracht. Ich hatte dort auch seine erste Gattin Amalia kennen gelernt, eine Frau, vor der ich bald die höchste Achtung empfand. Gutzkows Gattin war eine hübsche stattliche Frau von sehr ruhigem und ernstem Wesen, die Gutzkow vortrefflich zu behandeln und zu nehmen wußte. Leicht von Allem, was ihm in den Weg trat, erregt und heftig in seinen Empfindungen, durch beständige geistige Arbeit seelisch überreizt, sprang er rasch von einer Stimmung in die andere über. Eben noch lebhaft und unbefangen, im munteren Gespräche tiefsinnige Gedanken um sich streuend, genügte der Umstand, daß die im Nebenzimmer spielenden Kinder die für den Theaterbesuch geholten Sitzplatzkarten verkramt und man dieselben beim Weggehenwollen nicht finden konnte, ihn in eine äußerst verdrießliche Gemüthsverfassung zu versetzen. Er vermochte darüber außer sich und in Hitze zu gerathen. Sie aber lächelte ihn gelassen an und sagte, seinen Arm nehmend: „Komm nur, Karl. Man kennt uns ja im Theater und weiß an der Kasse, welche Plätze wir erhalten. Die Knaben werden die Billette inzwischen entdecken und uns dahin nachbringen.“ Damit war die Sache glücklich beigelegt und Gutzkow auf dem Wege, an ihrer Seite bald wieder in wechselvollem Gespräche. Solcher kleinen Auftritte habe ich manche erlebt und immer den weiblichen Takt und die entschlossene Art bewundert, mit der die Frau sie zu beschränken oder ganz aus der Welt zu schaffen verstand. Sie hat ohne Zweifel nicht immer gute Stunden neben Gutzkow gehabt. Gutzkow hat in seinem vertraulichen Schreiben an seine nächsten Freunde nach ihrem Tode dies selber deutlich genug zu verstehen gegeben. Daher kam wohl auch, daß über ihrem Naturell ein Hauch wie von Trauer lag. Mich rührte ihre Erscheinung, die etwas Schlichtes, Einfaches, Schmuckloses hatte, aber zugleich den Eindruck von Gediegenheit und echt fraulicher Würde machte. Sie und Therese von Bacheracht bildeten geradezu Gegensätze. Amalia Gutzkow war die echt deutsche, verläßliche bürgerliche Hausfrau, Therese von Bacheracht die glänzende Weltdame. Gutzkow befand sich, von seinen Gefühlen her- und hingeworfen, zwischen ihnen. Er hat in seinen Schauspielen und Romanen solche Männer zu oft geschildert, um durch diese öftere Schilderung nicht zu verrathen, daß er selber ihnen zugehörig war. Seine Gattin und jene Weltdame mochten über eine solche Zugehörigkeit in keinem Zweifel sein. Ich glaubte wenigstens dergleichen aus dem Benehmen und Verhalten von Frau Amalia herauszulesen; das der Frau von Bacheracht ließ mich darüber nicht im Ungewissen. Sie wußte, als ich sie in Hamburg aufsuchte, daß ich von Dresden kam und viel in Gutzkows Häuslichkeit verkehrt hatte.

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5. Ritter vom Geist

„Es ist ein leeres Gewäsch!“ sagte ich ihr, „wenn man Gutzkow für gemüthlos erklärt. Ich habe ihn in seiner Familie gesehen, im Umgange mit seiner Frau und seinen Kindern, am traulichen Mittagstische. Ich hörte das Gebet seiner Kinder vor dem Essen, seine belehrenden Gespräche mit diesen, erfreute mich an seiner Theilnahme für Freunde und Genossen, an seinem biederen, hausväterlichen Humore. Mir ist immer wohl bei ihm zu Muthe gewesen.“ Sie vernahm das Alles mit leuchtenden Augen. „Und seine Frau? Macht sie ihn glücklich?“ forschte sie. „So weit Gutzkow in der Ehe glücklich gemacht sein kann, gewiß!“ lautete meine Antwort. „Sie ist liebevoll, gescheidt, von wahrhaft einnehmendem Wesen: ein vortreffliches Weib, ein Schatz für jeden Mann von Herz.“ Sie sah mich einen Augenblick scharf und prüfend an, gab mir dann ihre schöne Hand und sprach: „Ich erkenne, daß Sie Gutzkows Freund sind; seien Sie auch der meine, lieber Wehl!“ Ich habe diese Worte nie vergessen und sie stets in Ehren gehalten. Ich bin ihr ein aufrichtiger, treuer Freund bis an ihren frühen und unerwarteten Tod geblieben, immer bereit, ihren Freuden und Leiden ein theilnehmendes Ohr zu schenken und ihr offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen. Gelegenheit dazu ergab sich genug. […] So oft sie einen Brief von Gutzkow erhielt, ward ich zu ihr beschieden, um zu erfahren, was er thue, treibe, wünsche; so oft mir einer von ihm zukam, mußte ich daraus vorlesen oder mittheilen. Alles, was ihn betraf, erweckte ihre höchste Theilnahme. Ich mußte ihr erzählen, was in den Blättern über ihn, über seine Bücher, seine Stücke geschrieben wurde. Alles was er neu verfaßte, sendete er ihr ein, und sie las es mir vor oder ließ es sich von mir vorlesen. Tag und Nacht saß sie oft seine Werke mit ihrer schönen, deutlichen und schwungvollen Handschrift für den Druck aus seiner häufig unleserlichen zu kopiren. Sie konnte daran arbeiten, bis sie, einer Einladung oder sonstigen gesellschaftlichen Rücksicht folgend, sich in Toilette werfen mußte, und spät nach Hause kommend, abgespannt und ermüdet, ihrer entledigt, sogleich wieder darin fortfahren. Viele Theaterbücher hat sie nach seinen späteren Veränderungen eingerichtet.

315. Gustav Freytag [*1887]

Dresden, Anfang 1848

Gutzkow aber habe ich unter vier Augen nur noch einmal gesehen und da erschien er mir in anderem Licht. Er hatte fast zu derselben Zeit, wo das Schauspiel „Graf Waldemar“ auf die Bretter kam, das Trauerspiel „Wullenweber“ ge-

Berlin 1848

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schrieben und damit kein Glück gehabt. Damals machte er mir ganz unerwartet in Dresden einen Besuch, fing von Waldemar an und sprach Beistimmung und Bedenken dagegen so gescheidt und unbefangen aus, daß ich ganz erstaunt war; dann ging er auf sein Stück über, bedauerte den unglücklichen Wurf und äußerte sich schonungslos über sein eigenes Schaffen. Er hatte leider in Allem Recht, was er von sich sagte und ich schied mit wahrhafter Theilnahme von ihm.

316. Rudolf von Gottschall [*1902]

Berlin, März 1848

In dem Sturmjahre 1848 verfehlte ich Karl Gutzkow bei meiner Durchreise durch Berlin. Er hatte gerade unter den Zelten eine Rede gehalten und war von der Tribüne herabgestiegen, als ich ihn unter der Volksmenge vergeblich aufsuchte. Gutzkow als Volksredner – ich hatte nichts versäumt! Dazu fehlte ihm gänzlich die volkstümliche Ader; ins Volle zu greifen, war überhaupt nicht seine Sache; mit feinem Spürsinn fand er dagegen Beziehungen, Schattierungen, Nuancen des geistigen Lebens auf; doch das Volk verlangt einen vollen rhetorischen Guß, kein dialektisches Getröpfel.

317. Zeitungsbericht aus Berlin [*1848]

Berlin, 19. März 1848

Ueber die Momente, welche der Entscheidung des Königs über die Bürgerbewaffnung vorhergingen, kann noch Folgendes berichtet werden: Als das Volk zwischen 12 und 1 Uhr im Schloß unter Rachegeschrei, das mit geistlichen Gesängen abwechselte, die Leichname umhertrug und noch immer keine Entscheidung über die Bürgerbewaffnung erfolgte, circulirte im Hauptportal des Schlosses eine schriftliche Eingabe des Dr. Karl Gutzkow, eines zufällig jetzt hier anwesenden geborenen Berliners. Der Polizei-Präsident versprach die sofortige Uebergabe an den König. Minister Arnim erschien darauf und nahm von der immer mehr im Innern des Schlosses anwachsenden Volksmenge die leidenschaftlich und feurig vorgetragene Versicherung entgegen, daß nur Volksbewaffnung Beruhigung der Gemüther bringen könnte. Der Minister kehrte in den Rath zurück und Fürst Lichnowski, Dr. Gutzkow und der Kaufmann Münsterberg unternahmen es, auf eigenes Vertrauen die Volksmassen zu versichern, daß jene Bewaffnung zu Stande kommen würde. Dr. Gutzkow, wie alle Redner dieser Tage auf den Schultern emporgehoben, suchte die zerstreuten Empfindungen der Masse, die sich von dem Schmerz um die gefallenen Opfer nicht trennen konnten, in dem einzigen sichern Begehren der Volksbe-

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5. Ritter vom Geist

waffnung zu vereinigen. Eine halbe Stunde darauf erfolgte die Königliche Bewilligung. In jener Eingabe, die in Abschriften circulirt, findet sich folgende Stelle: „Die militairischen Evolutionen (vom Montag) haben den Zustand, wie er jetzt ist, hervorgerufen. Die soldateske Verachtung des Bürgers gestattete zwar weiße Binden und weiße Stäbe, aber keine Bewaffnung. Der militairische Esprit de corps belächelte die edeln und uneigennützigen Anerbietungen der Bürger und offen kommt dabei eine klaffende Wunde des ganzen Preußischen Staatswesens zum Vorschein, der für eine Zeit der Bürgerfreiheit, der Industrie, des Handels, der Künste und aller nützlichen Gewerbe zu hochgespannte militairische Kastengeist. Ew. Majestät stehen in einem Zwiespalt mit sich selbst. Ihr eigenes Herz führt sie den Künsten des Friedens und dem Bürger zu. Ihre Umgebungen, größtentheils militairischer Natur, halten Ihnen dagegen die Nothwendigkeit des Militairstaates in Zügen vor die Augen, die einer nunmehr vergangenen Zeit angehören. Preußen muß jetzt, wo es sich um eine Organisation des ganzen deutschen Volkes handelt, aufhören, ein Militairstaat zu sein. Es muß, zum Flor seines innern Gedeihens, zur Verminderung der Abgaben, zur Einschränkung des Staatshaushaltes, vor allen Dingen zur Anbahnung einer neuen, auf das Volkswohl begründeten Politik den Schwerpunkt seiner Kraft im gesammten Deutschen Vaterlande suchen.“

318. Robert Springer: Berlin’s Strassen, Kneipen und Clubs im Jahre 1848. [*1850] Berlin, 21. März 1848 Unterdessen hatte sich im Hotel de Russie eine andere Gesellschaft zusammengefunden. Da sah es ganz anders aus, – Aufregung, Gereiztheit, Rathlosigkeit und wirres Durcheinanderlaufen, ein verworrenes Getöse hallte in dem engen Raum. Es roch nach Cigarren und Aufregung. Endlich wurde Julius zum Präsidenten erwählt. Die Debatte drehte sich um das Begräbniß der gefallenen Barrikadenkämpfer, welches am nächsten Tage stattfinden sollte. Die Kommission, der man von radikaler Seite sehr mißtraute, wollte die Militairleichen mit den Opfern des Volkes zusammen beerdigen. Das war Reaction, aber was war dagegen zu thun? […] Gu t z k ow sprach sehr gemessen aber nachdrücklich gegen die Thorheit der Beerdigungs-Kommission. Mißfallen mochte aber erregen, daß er die Bewegung des 18. März nicht eine Revolution nennen wollte.

Berlin 1848

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319. Heinrich Pröhle: Berlin und Wien. Ein Skizzenbuch. [*1850] Berlin, 21. März 1848 Eine eigenthümliche Erscheinung war in dieser Versammlung Karl Gu t z kow. Dieses Mitglied des ehemaligen jungen Deutschland trat etwa um die Zeit, wo das Theater aus zu sein pflegt, in Frack und Glaceehandschuhen in die bereits vollzählige Versammlung, deren Redner fast noch sämmtlich heiser waren, weil sie in dem Tumulte der nächtlichen Barrikadenkämpfe commandirt hatten. Dem eleganten Autor, der sein Auftreten damit erklärte, daß er in dem Gasthofe, wo man sich befand, wohne und nach Hause kommend sie hier vorfinde (es war im Speisesaale) machten die Barrikadenkämpfer ehrerbietig Platz, indem sie sich mit Verwunderung seinen Namen zuflüsterten. Er lehnte es ab von dem Tische aus, an dem der Präsident stand zu reden, sprach vielmehr in maßvoller Rede, den Hut in der Hand, gerade aus der Mitte des Saales und nannte die Revolution „nicht eigentlich eine Revolution, aber doch eine mora lis c he Revolution,“ was bei den Barrikadenkämpfern, die sich nicht für die bloße Moral geplagt haben wollten, ein Murren erregte. Mein Nachbar flüsterte mir zu, Gutzkow, der in diesen Tagen wiederholt in aufgeregte Volksmassen getreten war und ihren unförmlichen Bestrebungen Form und ein gewisses ästhetisches Maß zu geben gesucht hatte, wolle ein deutscher Lamartine werden.

320. Feodor Wehl [*1889] Sie [Therese von Bacheracht] hatte sich in die Umstände gefunden; sie war es zufrieden, Gutzkow als Gatten einer Anderen zu denken und seine Freundin zu sein. Da auf einmal raffte ein jäher und unerwarteter Tod Amalia Gutzkow in den furchtbaren Märztagen von 1848 in Berlin dahin. Gutzkow war aufs Tiefste erschüttert. Von angestrengter Arbeit erschöpft, von dem Sturm der Zeit überwältigt, sank er in sich zusammen und mußte Trost und Erholung in dem Badeorte Warmbrunn und auf Reisen suchen.

321. Therese von Bacheracht an Charlotte Birch-Pfeiffer, Berlin, 22. April 1848 (Poststempel) Theure Frau, Heute Nacht um halb zwei Uhr hat G. seine Amalie verloren. Sie ist sehr sanft, ohne alles Bewusstsein, an hinzugetretenen kaltem Brand verschieden. Sie können sich die Consternation des Augenblicks denken.

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5. Ritter vom Geist

Die Schwiegermutter kam vor acht Tagen, die Kinder vorgestern, der Stiefvater gestern! Möge Gott den armen Gutzkow über die ersten Tage hinweghelfen.

322. Therese von Bacheracht an Thekla Weber, Berlin, 2. Mai 1848 Gute Thekla, Sie haben mir einen lieben theuren Brief geschrieben, den ich recht in mein Herz genommen und Ihnen längst dafür innerlich gedankt habe. Ja, es ist eine wunderbare Lösung, die dieser schnelle Tod mit sich brachte, ein plötzliches Aufhören aller jener Folterqualen, die mir die Seele verrenkt hatten. Ich stehe noch immer staunend, aber dankbar davor, die ersten heftigen Eindrücke sind überwunden. Gutzkow hat schon jetzt das stärkende Bewußtsein erlangt, daß das, was eintrat, kein Unglück, sondern eine Wohlthat war; er wird dieses Bewußtsein mit jedem Tage mehr haben. Seine Äußerungen, die wehmüthige Fassung, die ihn nicht verließ, die Überzeugung, jetzt wieder sich der vollen, unter mannichfachem Schutt vergrabenen Wahrheit zuwenden zu können, erzeugen in ihm ein liebenswürdiges Gemisch von Andacht und zögernder Begeisterung, die mich sehr glücklich machen. Geschäfte halber mußte Gutzkow nach Dresden; er ist dorthin mit Amaliens Eltern und den Kindern gereist und wird sich von da wohl, bis zum Ende seines Urlaubs, nach Wien wenden, wo seine Stücke aufgeführt werden sollen. Ich selbst gedenke nächstens nach Hamburg zu gehen und dann im Laufe des Sommers nach Dresden zu reisen, wo ich das tröstende Gefühl haben werde, Gutzkow viel sein zu können. Die Kinder bleiben einstweilen beim Vater. Der kleine Emil soll der Großmutter anvertraut werden. Sonderbar ist es, wie diese den Verlust weniger empfindet, als man glauben sollte. Sie sah weder die Tochter im Sterben, noch im Tode sondern vermied sorgfältig jeden sie aufregenden Eindruck. So ist denn auch sie diejenige, die am gefaßtesten war. Vielleicht ist diese anscheinende Philosophie Folge des Alters, vielleicht auch der ausgesprochene Trieb zur Selbsterhaltung, vielleicht aber auch Kälte …

323. Max Kurnik [*1882]

Breslau, Mai 1848

Gutzkows Lustspiel „Zo p f u n d S c h we r t “ war das erste Stück, das die Erlösung der Bühne von den Fesseln der Censur an dem Breslauer Theater bezeichnete. Es entsprach nur der öffentlichen Stimmung, wenn die Theaterkritik bei einer solchen Gelegenheit den Moment der Erlösung von dem schweren Censurdruck mit der größten Freudigkeit begrüßte. […]

Breslau 1848

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Gutzkow selbst, zufällig auf einer Durchreise anwesend, wohnte der Aufführung seines Lustspiels am hiesigen Theater bei. Er hatte vor Kurzem seine erste Frau verloren und suchte gebrochenen Gemüthes einen stillen Aufenthalt im schlesischen Gebirge auf. Ich hatte ihn ein Jahr vorher in Dresden, wo er das unerfreuliche Amt eines Dramaturgen am Hoftheater bekleidete, kennen gelernt, und der Leser wolle es mir zu Gute halten, wenn ich im Gefühl der Dankbarkeit für die mir von dem großen Schriftsteller stets bewiesene Freundschaft und Theilnahme an dieser Stelle ein paar Worte über seinen so vielfach verlästerten Charakter einschiebe. Man hat Gutzkow Mangel an Gemüth und krassen Egoismus zum Vorwurf gemacht. Ich habe das Glück gehabt, über dreißig Jahre mit ihm in Verkehr zu sein und ihn stets als einen treuen und anhänglichen Freund befunden, als einen Menschen von Herz und Gemüth. Er behandelte mich, der ich nicht würdig war, seine Schuhriemen zu lösen, mit einer familiären Collegialität, die etwas Beschämendes hatte. Ich durfte ihm allerlei schriftstellerische Versuche zur Prüfung zuschicken und erhielt stets und ohne jeden Verzug die eingehendsten und freundschaftlichsten Rathschläge von ihm. Gutzkow war, als ich ihn in Dresden zum ersten Male sah, allerdings kaum erst vierzig Jahre alt, und die harten Schläge des Lebens hatten ihn noch nicht so tief verbittert, wie dies später der Fall war. Ein tiefer stiller Ernst lag aber schon damals auf seiner hohen Stirn, und man gewann schnell die Ueberzeugung, einen tiefgereiften Mann vor sich zu haben. Ein flüchtiger Beurtheiler konnte ihn für unfreundlich und schroff halten. Aber er war es ganz und gar nicht, nur war er ebenso wenig höfisch. Er hat Etwas auf seine Persönlichkeit gehalten. Sollte denn aber der Verfasser von „Urbild des Tartüffe“ und „Uriel Acosta“ nicht einmal das Bewußtsein seiner Bedeutung haben? – Die Befriedigung fetter Tantièmen ward ihm ja noch nicht zu Theil. Die genannten Stücke, die der Theaterkasse einen Goldregen brachten, waren z.B. von dem hiesigen Theater ein für alle Mal für den Preis von fünf Friedrichsd’or erworben. Für je einen Act ein Friedrichsd’or – das war damals prix fixe bei den großen Stadttheatern. Die kleineren Bühnen zahlten thalerweise.

324. Therese von Bacheracht an Thekla Weber, Warmbrunn, 6. Juni 1848 Heute vor acht Tagen kam ich denn endlich hier in Warmbrunn an, wo Gutzkow mich mit einer Freude willkommen hieß, die mich schadlos gehalten hat für das große Leid von Sonst. Der liebe Freund ist völlig aufgerichtet, wohl, thätig und innerlich frei. Wir leben nur für uns, arbeiten des Morgens, essen zusammen auf meinem Zimmer und gehen Abends spazieren.

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5. Ritter vom Geist

[…] Sie können sich, geliebtes Kind, nicht denken, mit welchen seltsamen Gefühlen der Rührung, der Freude und des wonnigen Empfindens der Bere c h t ig u n g ich an Gutzkows Seite stehe. Daß dieses Glück durch Amaliens Tod erkauft wurde, ist freilich nicht ohne Schmerz, allein ich sage mir so klar als möglich, daß ich wirklich schuldlos an der Art war, wie sie sich feindselig mir gegenüber stellte. Sie wissen, daß ich noch in den letzten Monaten Schritte zu einer Annäherung that, die wenigstens die Schicklichkeit erfordert hätte, allein die Antwort darauf war so beispiellos hämisch, so durchaus ohne Herz, im triumphirenden Gefühl ihres Rechts geschrieben, daß ich auf immer verstummte. Gutzkow hat nun im ersten Drang des Schmerzes ein Circulair an die Freunde ergehen lassen, dessen Inhalt ich nicht billigen kann und das wohl auch unterblieben wäre, hätte ich zu rechter Zeit Kunde davon erhalten. Der liebe Freund hatte nehmlich den Wunsch, der Welt zu sagen, daß Amalie durch uns nicht unglücklich gewesen sei. Er hätte diese Wahrheit sagen können und doch nicht Amaliens Charakter als so selbstlos, als er that, schildern sollen. Die, welche diese Ehe kannten, konnten sie nicht für das ansehen, was Gutzkow jetzt aus ihr machen möchte; sie mußten nothgedrungen, auch selbst ohne persönliches Interesse für mich, diesen Todesfall als ein sehr negatives Unglück beurtheilen. Amalie war eben nicht geschaffen, die Tiefe des Lebens und ihre Pflicht im vollsten Umfange in’s Auge zu fassen. Sie wollte erndten ohne gesäet, glücklich sein, ohne beglückt zu haben; dadurch ist sie wirklich kein Verlust für den häuslichen Kreis, den sie einnahm. Die Kinder haben ihrem Sarge erstaunt nachgeblickt, ohne später nur irgend eine Sehnsucht oder einen Schmerz zu äußern. Auch die Mutter ist wunderbar getröstet, vielleicht deswegen, weil sie sich mit Gutzkow ausgesöhnt hat und dieser ihr lieber als die Tochter ist. Und was Gutzkow betrifft, so hat er nur noch Mitleid mit einer Frau, die so plötzlich mitten im Glück starb; augenblicklich ist ihm vielleicht auch noch der Gedanke an die veränderte Häuslichkeit unbequem, jedenfalls ist er weit davon entfernt, eine wahrhafte Gemütslücke zu spüren. Ich spreche mich darüber so weitläufig aus, weil ich vermuthe, daß Sie auch ein Circulair bekommen haben und weil ich nicht will, daß Sie denken, ich stimmte diesem bei. Wäre auch alles wahr darin, so hätte Gutzkow schon der Kritik wegen, die ein solcher Schritt erleidet, ihn unterlassen sollen. Es ist mir leid, daß er sich wieder dem Augenblick, wie so oft schon, trotz seiner männlichen Klarheit, unterordnete.*) Die Meisten, denen er den Brief schickte, ha*) Der Satz ist eine Korrektur der ursprünglich hingeschriebenen, noch lesbar gebliebenen Worte: „Er ließ sich wieder vom Augenblick, wie so oft schon, hinreißen.“ [Anmerkung des Herausgebers Karl Emil Franzos.]

Warmbrunn 1848

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ben ihm nicht geantwortet, die, welche es thaten, schrieben ihm lau. Jetzt kommt nun obendrein unser Zusammensein in Warmbrunn dazu und beweist, daß eben der erste Schmerz verklärender wirkt, als der Verstand und das gesunde Gefühl es zulassen. Einige Wochen weiter und Gutzkow wird selbst kaum begreifen, wie er zu einem Briefe kam, den Niemand von ihm forderte. Vorläufig haben wir nur den Plan, viel beisammen zu sein, doch gehe ich vor’s Erste noch nach Hamburg zurück und erst im Herbst nach Dresden, wo ich mich dann auch den Kindern anschließen werde. Freinsheims sind noch da und lassen es sich im hübschen Quartier recht wohl sein. Können Sie sich denken, daß die Mutter ihre Tochter weder sterben noch tot sah? Ich war es, die vierzehn Tage nach dem Begräbnis das Grab mit Rasen und Blumen belegen ließ; die Mutter war fortgereist, ohne nur die letzte Ruhestätte des einzigen Kindes zu sehen, lauter Dinge, die mir förmlich unfaßlich sind.

325. Therese von Bacheracht an Feodor Wehl, Hamburg, ca. Juli 1848 Ich habe indeß wieder erfreuliche Nachrichten von Gutzkow. Seine Schwiegereltern, die noch bei ihm sind, haben ihm eine Wirthschafterin, ein Fräulein Wachter, gemiethet. Dies mag eine Maßregel für die Behaglichkeit der Kinder, aber nicht für die seine sein. Solche Verhältnisse, die meist philiströs werden, passen nicht für Gutzkow. Ich tröste mich über die Dornen der Gegenwart, indem ich hoffe, daß die Zukunft sich besser gestalten wird. Das Beste ist, daß Gutzkow frisch und froh ist. Sie kennen seine wechselnden Stimmungen, seine Abhängigkeit vom Augenblicke. Aus dieser ist der gedruckte Brief entstanden, den er vierzehn Tage darauf lieber nicht geschrieben haben mochte, da er in mancher Hinsicht der innern Wahrheit entbehrt. Gutzkow und seine Frau waren zu schroff, jedes für sich, als daß Einigung hätte entstehen können; die Gewohnheit band sie, nicht die Liebe. Das hatte aber der liebe Freund im ersten Augenblicke des Todes vergessen. Die Rührung über die Verstorbene verklärte ihm ihr Bild, dazu wollte er beweisen, daß sie wenigstens ihr Leben an seiner Seite genossen habe und durch mein Dazwischentreten in nichts gestört war. Warum er das auszudrücken strebte? Weil Gutzkow mehr als man denken sollte an dem Urtheil der Welt hängt, obschon dieses doch höchst oberflächlich und wenig bedeutsam ist. Ich habe mich immer an mein Bewußtsein gehalten und dies Bewußtsein läßt mich vorwurfslos das Gute genießen, was mir die Wendung von Gutzkow’s Schicksal brachte. Auch er empfindet die Ruhe und Sicherheit der Gegenwart, ohne deswegen unempfindlich gegen gewisse Unbequemlichkeiten zu sein, die die Änderung in langjährigen Gewohnheiten nach sich zieht.

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5. Ritter vom Geist

326. Feodor Wehl [*1889]

Dresden, Ende Oktober 1848

Therese hatte mit ihm gelitten, aber zugleich wohl auch sich allerlei Hoffnungen hingegeben. Sie wollte zu ihm, ihn erheitern, zerstreuen, pflegen. In ihrem Umgang meinte sie ihm Genesung verheißen zu können. Sie sprach mir von ihren Plänen. Ich rieth ihr von der Ausführung ab. Ein paar Zeilen, die ich von Gutzkow erhalten, erschienen mir in Hinsicht auf sie nur kühl. Sie achtete meines Rathes aber nicht und ging mit ihrer Freundin Fanny Lewald bald darnach nach Dresden. Hier entschied sich binnen Kurzem Alles. Gutzkow, durch ihren Besuch in Verlegenheit gebracht, bei tausend Gelegenheiten erkennend, daß die gehätschelte, vom Glück verwöhnte, vornehme und für eine neue Lebensart nicht mehr geeignete Frau nicht an die Seite eines, sein tägliches Brod schwer verdienenden deutschen Schriftstellers gehöre, zog sich erst bestürzt und ängstlich, endlich aber, gedrängt, sich zu erklären, verstimmt und mißmuthig ganz von ihr zurück. So kam es zum Bruch. Ich war ungefähr zur selben Zeit, wo sie nach Dresden ging, nach Berlin zurückgekehrt. Weder von Gutzkow noch von Therese erhielt ich Nachricht. Aber auch ohne Benachrichtigung wußte ich Alles und war daher keineswegs überrascht, als ich durch Freunde erfuhr, Therese sei von Dresden zurückgekehrt, von Herrn von Bacheracht geschieden und im Begriffe, einen weitläufigen Verwandten, Baron von Lützow, Oberst in königlich niederländischen Diensten in Batavia, zu heirathen.

327. Friedrich W. Ebeling [*1889]

Dresden, 26. November 1848

Am 24. November traf meine Wenigkeit in der sächsischen Hauptstadt ein; Tags darauf miethete sie eine möblirte Wohnung, und am 26. kurz nach 11 Uhr Vormittags stand sie, wie zu hoher Cour gekleidet, im zweiten Stockwerk eines stattlichen Hauses, dessen Front sich auf die Johannes-Allee richtete, – vor der Thür Gutzkows. Ich läutete. Eine noch ziemlich junge, pikant bleiche, schwarzäugige Dame öffnete den Vorsaal, nahm meine beiden Karten nebst dem Wunsche, mich dem Herrn Doktor vorstellen zu dürfen, entgegen und – plauzte mir die Thüre vor der Nase zu, als ob sie einen armen reisenden Handwerksburschen vor sich gehabt und zu dem unnützesten aller Vereine, nämlich dem gegen Hausbettelei, gehört hätte, der aber damals noch erfunden werden sollte. Verblüfft und entrüstet über dies mir ganz unmanierliche Benehmen schritt ich einige Minuten auf dem Vorflur hin und her. Und eben war ich entschlossen, nicht weiter abzuwarten, was dem so abschreckenden Versuche folgen

Dresden 1848

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möchte, als sich die Corridorthür wiederum öffnete und ein anderes weibliches Wesen, auf den ersten Blick als niedrig dienendes erkennbar, mich mit den Worten anredete: „Ich bitte Sie gütigst einzutreten!“ Ein wenig erheitert über diese naive Aufforderung, folgte ich dem Mädchen, das mir am Ende eines halbdunkeln Ganges ein Zimmer aufthat, Gutzkows Arbeitsgemach. Es war eine geräumige, zweifenstrige Stube von jenem geschmacklosen, regelmäßigen Geviert, das wir so oft in Häusern erblicken, welche vornehmlich zu Zinszwecken erbaut sind. Geringwerthige, auf bräunlichem Grunde kleingemusterte Tapete bekleidete die Wände, deren Hauptschmuck in nahe zur Decke reichenden Repositorien fast desselben Anstrichs bestand, die eine ansehnliche Bibliothek in den mannigfaltigsten Einbänden vorwiesen: auf dem obersten Brett jedes Gestelles eine Gypsbüste, Aeschylos, Sophokles, Shakespeare und Goethe darstellend. Außerdem sah ich zwei Bilder, einen leidlich guten Stahlstich über dem mit schwarzem imitirten Leder bezogenen Sopha an der Fensterwand links vom Eintritt in das Zimmer, und an der entgegengesetzten ein altes kleines Portrait in Oel, das Conterfei einer jugendlichen Schönen des vorigen Jahrhunderts, schier an der Decke aufgehängt. Beinahe den ganzen Raum zwischen den Fenstern und einem reichlichen Theile des Gemachs nahm ein hellgelber, an allen Seiten freistehender, mit Manuskripten, gebundenen Büchern und Broschüren bedeckter Schreibtisch für zwei Personen ein, in der Mitte gleichsam getheilt durch ein mäßig hohes Regal, welches das tägliche Hilfswerkzeug seines Besitzers, vornehmlich Lexika, enthielt, und auf letzterem gewissermaßen als Krönung eine Schillerbüste in gelblicher Masse. Daran noch ein kleiner niedriger Tisch, zum Ablegen von Journalen und Correkturbogen bestimmt. Dann zwei schlichte, dunkelpolirte Rohrstühle, – und man hatte die gesammte Einrichtung der „Studirstube“ Gutzkows, welche in der Wirkung blaufarbiger Fenstervorhänge, das will sagen in gedämpftem Lichte ruhte. Nirgend ein Spiegel, nirgend ein Teppich. Nachmals gewahrte ich, daß auf dem Schreibtische ein Handspiegel lag, in welchem sich unser Dichter während seiner Arbeit des öftern zu beschauen pflegte. In frischester Vergegenwärtigung schwebte noch vor meinem Auge die behaglich luxuriöse und wahrhaft vornehme Einrichtung bei Ig naz Ku rand a und anderen Wiener Schriftstellern und Gelehrten mit eigenem Heerd, und ich war daher um so mehr überrascht von der kleinbürgerlichen Einfachheit und Nüchternheit d i e s e s Ensembles, dessen Gesammteindruck durch den Einblick in einen halboffenen Alkoven mit allergewöhnlichster Bettstatt, sehr primitivem Waschtisch und eben solchen Kommode, anderer Geräthe nicht zu gedenken, noch mehr verlor, und wozu ein abscheulich dunkler, halbabgelaufener Anstrich der Dielen ein Ueberflüssiges fügte. Selbst die zahlreichen Bü-

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cher brachten mich durch die ungemeine Verschiedenheit der Einbände vorerst auf die Muthmaßung, daß sie wohl lediglich aus Antiquariaten und Auktionen in ihres damaligen Besitzers Hände gewandert sein möchten: sie ermangelten durchgängig des vornehmen Schimmers. Ich hatte mir das Arbeitszimmer eines genialen, berühmten und für deutsche Verhältnisse damals sehr gut situirten Schriftstellers, wenigstens mit einiger gewählten Eleganz, einigem höhern Comfort vorgestellt, vorgestellt ein sinniges harmonisches Detail der Anordnung, wie sie reiche Bildung und Phantasie auch ohne klingenden Reichthum schaffen können. Hier dagegen gemahnte es mich theils an die Geschmacklosigkeit der Beamtenschreibstube, theils an die vier Pfähle eines für seine Einkünfte zu frühverheiratheten Gymnasiallehrers vormärzlicher Zeit. Allerdings stachen davon Möbel, Ziergegenstände und solche Utensilien des Salons und des Wohnzimmers ab – die übrigen Räumlichkeiten sind mir nicht zu Gesicht gelangt – beide aber unterschieden sich gleichwohl keineswegs von mäßig bürgerlicher Wohlhabenheit, trotzdem Gutzkows Jahreseinnahme, seitdem er in Dresden lebte, laut eigener Schätzung dem Gehalte eines sächsischen Staatsministers gleichkam, und er, wie er mir versicherte, seit letzterer Zeit nicht in die Lage versetzt worden, solche Schulden zu machen, deren Tilgung nennenswerth an den Erträgnissen kommender Jahre gezehrt hätte. Und vor Allem fehlte seiner Behausung das Anheimelnde, das Stimmungsvolle, worüber, als ich diesen Mangel einmal rügte, er sich ganz verwundert zeigte. Er stand, als ich bei ihm eintrat, vor seinem Arbeitstisch – sitzend arbeitete er keinerzeit – die Augen, wie es Kurzsichtigen eigen, halb zugekniffen und blinzelnd auf mich gerichtet, und ohne nach meiner ehrerbietigen Verbeugung und Anrede sich aus der geraden Linie zu bringen oder auch nur einen Schritt mir entgegen zu kommen. Und wie stand er da! In braun-blau- und rothkarrirtem Schlafrock, im Uebrigen in fertiger Straßentoilette. Und was für ein Schnitt in diesem Schlafrock! im Halse hoch wie ein Kummt, in der Brust bammelnd und selbst für das mäßige Embonpoint seines Besitzers viel zu eng: eine wahre Persiflage auf die Schneiderkunst, eine halbwollene Satyre auf die aristokratische Figur mit dem edelgebauten Kopfe, auf dessen breiter Stirn das Gepräge des Genius leuchtete! In spätern Tagen überfiel mich der Verdacht, daß das entsetzliche Kleidungsstück ein Geschenk aus der Hand eines für ihn begeisterten Dorfschulmeisters sei, denn solcher gab es nicht wenige. Doch als ich diesen Verdacht gegen Gutzkow in Gegenwart seiner Wirthschafterin, jener erwähnten bleichen Dame, einmal äußerte, sah er diese lächelnd an, welche dann nichts Eiligeres zu thun hatte, als zu erröthen und davon zu gehen, womit denn jede Ungewißheit über den Erbauer des feuerroth gefütterten Kunstwerks in mir beseitigt war. […]

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Alsbald nach der Anrede ward ich in frostiger Weise einer Ausfragung unterworfen. Sie sind mir, begann er, von Herrn M. empfohlen. Wo und wie haben Sie den kennen gelernt? Ich ertheilte Auskunft, und als er dabei vernahm, daß ich von Wien gekommen, die Oktober-Revolution daselbst wie die schlimmste Periode des Belagerungszustandes durchlebt, versetzte er erstaunlich prosaisch: Wer das durchgemacht und lebendig hier eintrifft, wird als ein halbes Wunderthier betrachtet. Doch sprang er sofort in einen fast elegischen Ton über, indem er mehr zu sich selber als zu mir sprach: Dies Trauerspiel wäre also auch zu Ende gebracht! Aber, forschte er nach ein paar Augenblicken weiter, mich erst jetzt nöthigend, neben ihm auf dem Sopha Platz zu nehmen, aber was führte Sie denn gerade nach Wien? Ich begnügte mich, ihm einfach zu antworten: Der Zufall. Ich hatte mich eben – entlockte er mir dann – dem Journalismus zugewandt, indeß rasch erkannt, daß die Zeitschriftstellerei von Provinzialstädten aus, wie Halle, meiner Vaterstadt, wo ich lebte, unmöglich mit Einträglichkeit betrieben werden könne. Kamen dann noch andere Falten hinzu, die mich dort drückten, daß ich eben Willens war, auf ’s Gerathewohl nach Berlin zu gehen, als ich einen Brief vom Professor Dr. Oswald Marbach in Leipzig erhielt, der meiner Absicht sofort eine andere Richtung gab. Ohne zu dem Genannten vorher in irgend eine Berührung gekommen zu sein, eröffnete mir derselbe, daß die sächsische Regierung über die Verhandlungen des bevorstehenden österreichischen Reichstags in Wien wie über sonstige politische Vorkommnisse daselbst einen Berichterstatter wünsche, dessen Correspondenzen in der amtlichen „Leipziger Zeitung“ veröffentlicht werden könnten. Bei der Wahl eines solchen habe er an mich gedacht, und biete er mir diese Stellung unter der Bedingung an, daß ich binnen 24 Stunden über Leipzig, wo ich mich noch mit ihm zu besprechen hätte, nach Wien abreise. Allerdings scheine er nach dem, was man darüber zu erfahren vermocht, daß meine politische Richtung mich auf andere Organe hinweise, als auf das unter seiner Oberleitung stehende. Allein es handele sich blos um streng objektive, völlig parteilose Nachrichten, und man glaube, solcher sich von mir versehen zu können. Ueberdies wäre es mir unbenommen, nebenher für andere Blätter thätig zu sein. Etwas räthselhaft – meinte Gutzkow – wo er in Leipzig selber sicher die Auswahl unter Correspondeten hatte, welche für die „Kindermuhme“ in jeder Hinsicht geeignet waren. Ach, versetzte ich, darüber habe ich keinen Augenblick nachgedacht. Ich sehnte mich hinaus in die Welt, der Name „Wien“ war allein schon für mich entscheidend, ich nahm die mir gebotene pekuniär sogar sehr günstige Stellung an, und bereute dies keinen Augenblick. Der alte Spitzname „Kindermuhme“

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paßte übrigens unbedingt nicht mehr für das Blatt, seitdem es unter Marbachs Oberredaction gekommen. Nun ja, es ist unter Marbach mehr Leben und Colorit in die Zeitung gerathen, als jemals an ihr zu bemerken gewesen; das heißt aber nur, daß der reactionäre Geist derselben stärker denn vormals hervortrat. Das war freilich von einem Censor nicht anders zu erwarten. Sie thun ihm Unrecht, lautete meine Erwiderung. Nicht weiter zu erwägen, daß er einer der edelsten Menschen, begeistert für alles Schöne und Wahre, hatte er das Censoramt nur darum übernommen, damit es nicht in die schlimmsten Hände gerieth; und zu allem, was an ihm mit Recht getadelt worden, war er von der Regierung förmlich gezwungen worden. Auch ist er keineswegs nach oben hin eine persona grata. Die Zeitung trug trotz dem Banne, welchem sie unterlag, unstreitbar dem März-Umschwunge Rechnung, sie war und ist, um ein Oxymoron zu gebrauchen, liberal-konservativ. Kein Mensch durfte doch verlangen, daß sie mit der sogenannten Demokratie liebäugele. Und erlauben Sie mir zu sagen, daß ich gerade unter den demokratischen Stimmführern, welche seit den Februartagen bis heute auf die Bildfläche gelangt sind, die eigentlichsten Reaktionäre erkannt habe; weitaus sind sie nichts als Phrasendrechsler, die sich zu Vormündern des Volks aufwerfen und zu Unbesonnenheiten verleiten, welche es dem Polizei-Regiment in die Hände zu treiben und es dadurch zu verstärken geeignet sind. Unser Jahr beweist, daß die unter dem Fluche der Kapitalmacht sittlich verkommenen Massen noch lange nicht zu derjenigen Freiheit und Selbstständigkeit fähig sind, welche ihnen seit Monaten vorgepredigt wird. Gutzkow zuckte mit den Achseln. […] Es entstand eine Pause, die er mit Fragen nach meiner Heimath, meinem Alter, meinem Bildungsgange wie nach der Richtung, in welcher ich ferner literarisch thätig zu sein beabsichtige, endete. Ich bemerkte, daß ich seit dem begonnenen Versuche einer historischen Darstellung des ersten österreichischen Reichstages mächtige Neigung zur Geschichtsschreibung in mir verspürt hätte. Uebrigens wäre ich nicht willens, lediglich als Schriftsteller zu leben, im Gegentheil gedächte ich die Schriftstellerei bloß als eine Etappe auf dem Wege zu einer angemessenen Stellung im Staate zu poussiren und dann nebenher zu betreiben. Das ist ein sehr praktischer Vorsatz, sagte er, machen Sie sich aber keine Illusionen. Es gehört zu den größten Seltenheiten, plötzlich mitten in die Stufenleiter des öffentlichen Beamtenthums springen und eine respektable Sprosse darin einnehmen zu können. Wir haben es zwar erlebt, daß Kaufleute und Advokaten gleichsam im Handumdrehen von ihren Schemeln aus in Ministerfauteuils gesunken sind. Allein das sind Ausnahmen in einer Ausnahmezeit, die

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rasch genug verschwinden und über ihre Geburten zur Tagesordnung übergehen wird. In Kürze werden wir den Staatsorganismus überall in sein altes Gefüge zurückkehren sehen. Uebrigens, nachdem Sie die Schulcarrière aufgegeben haben, was wollen Sie werden? Bibliothekar? Gott, diese Stellen sind durchgängig so miserabel dotirt, daß es sich nicht der Mühe lohnt, seine Kraft daran zu setzen. Auch muß ein höher talentirter Mensch darin einem geistigen Marasmus verfallen. Oder wollen Sie Universitätslehrer werden? Das Ersatzwesen unserer Hochschulen verträgt am allerseltensten die Mißachtung seines Schlendrianismus. Sie müssen also von der Pike auf dienen, sich als Privatdocent habilitiren und eine Reihe von Jahren am Hungertuche nagen, falls Sie nicht das Glück haben, daß sich die mannbare Tochter eines einflußreichen ordentlichen Professors in Sie verliebt und letzterer dann für Ihre Beförderung sorgt. Glauben Sie nicht etwa, daß Beweise von außerordentlicher wissenschaftlicher Befähigung und Lehrtüchtigkeit Sie bald über den trüben und trägen Strom des Privatdocententhums gelangen lassen müssen: im Gegentheil würden Sie damit weit eher den hemmenden Neid und die entschlossenste Eifersucht der Fakultäts-Imame gegen sich aufstacheln. In jeder Hierarchie sind die mittelmäßigen Köpfe die beliebtesten, wie die gefügigsten Charaktere die bevorzugtesten. Ich dachte darüber nach, ob hierin eine Warnung und ein Kompliment zugleich enthalten sein sollte. Gutzkow fuhr fort: Geschichtsschreibung! Das ist eine edle Wahl, aber schwierig und von einem Schriftsteller ohne Vermögen, ohne feste Stellung und ohne pekuniäre Unterstützung kaum durchführbar. Wollen Sie Ihr Leben wenigstens materiell leidlich gestalten, so müssen Sie sich außer dem rein geschäftlichen Zweige der Literatur – der Journalistik – der Romanschriftstellerei zuwenden. Auch ist dies Feld in Deutschland für einen Autor, der mit gediegener positiver Bildung das Talent vielseitiger Zurechtfindung, Phantasie, Beobachtungsgabe und Lebenserfahrung verknüpft, noch ein sehr kultivirbares. Die große Mehrzahl unserer Erzähler leistet nur Untergeordnetes, weil sie jene Vorbedingungen bloß in geringem Maße oder gar nicht besitzt. Ja, im Interesse unserer schöngeistigen Literatur wäre es erwünscht, daß einmal eine Seuche unter ihren Vertretern ausbräche. Freilich, fügte er nach einer Weile hinzu, Lebenserfahrungen können Sie auch noch nicht gesammelt haben. Darum rathe ich Ihnen, sich vorerst im kleinen Stile zu ergehen, große Probleme und Entwürfe einer spätern Zeit anheimzustellen. Liefern Sie Genrestücke, dehnen Sie sich nicht über den Rahmen der Novelle aus. Haben Sie sich schon auf dem Gebiete der Belletristik versucht? O ja, versetzte ich, indem mich unwillkürlich eine sarkastische Laune anwandelte, – o ja, ich habe im Alter von achtzehn Jahren, einiger lyrischer Versuche nicht zu gedenken, ein Trauerspiel verfaßt, das in dem Kreise, in welchem ich es

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vorlas, die stärkste Heiterkeit erweckte; und darnach einen humoristischen Roman, der seine Anhörer – allerdings meist Damen – zu Thränen rührte. Diese unerwarteten Erfolge aber jagten mir einen solchen Schreck in die Glieder, daß ich fortan gelobte, mich niemals von den Musen anwerben zu lassen. Er lächelte. Ach, rief er dann, wie sich besinnend, wer hätte in seinem ersten Schaffungsdrange keine Dummheiten begangen, wie viele müssen sich wiederholt stellen, um Soldaten zu werden! Haben Sie die Manuskripte noch? Nein, bekannte ich wahrheitsgemäß, ich verbrannte sie ohne Säumen. Das nimmt mich für Sie ein, entgegnete er rasch, Sie haben damit eine Stärke des Geistes an den Tag gelegt, der man ein günstiges Prognostikon stellen darf. Nun, folgen Sie meinem Rath. Dabei nickte er leicht mit dem Kopfe; ich wußte, die Audienz war vorbei; ich verabschiedete mich also, und er sah mir in so steifer Körperhaltung nach, wie er mich empfangen. Unter dem Eindrucke einer völligen Enttäuschung war ich aber noch vor Beendigung dieser ersten Vorstellung mit mir darüber einig, daß ihr eine zweite nicht folgen würde. Als ich jedoch am Spätabend des 31. November nach Hause kam, fand ich auf meinem Sophatische Gutzkows Visitenkarte vor, und auf der Rückseite derselben die mit Bleistift geschriebenen Worte: „Es scheint, Sie meiden mich! Warum? Wenn Sie anderwärts es morgen nicht besser zu finden hoffen, so seien Sie mein Mittagsgast.“ Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich noch bei Lesung dieser Worte alles dachte. Wohl aber weiß ich noch, daß ich nach einigem Kampfe mit mir selbst zu einer Gutzkow geneigten Stimmung gelangte, und also der Einladung folgte. Und seitdem vergingen in fünf auf einander folgenden Monaten nur sehr wenige Tage, an welchen wir nicht beisammen gewesen wären, ich bei ihm oder er bei mir, innerhalb unserer vier Pfähle oder in Gesellschaften oder auf Spaziergängen und Spazierfahrten.

328. Alfred Meissner [*1865]

Frankfurt, Mai/Juni 1849

Zwei Jahre später tagte das Parlament in Frankfurt. Wie so viele Andere erschien auch Gutzkow in der Stadt, wo dem Anschein nach die Schicksale Deutschlands entschieden werden sollten. Er liebte den Rheingau, hatte Freunde und Bewunderer dort, wie allenthalben, und nun vollends – er athmete gern die Luft der Brandung, die eben dort wehte. Es war im Herbst. Bei aller Wucht der Zeitereignisse machten doch die Lebenslust und der Augenblick ihr Recht geltend. Nachdem der Vormittag in der Paulskirche verbracht

Frankfurt am Main 1849

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worden war, sammelte sich Nachmittags eine Gesellschaft zu Ausflügen, heute nach Ober-, morgen nach Niederrath, ein drittesmal nach der Ruine Königsstein. Gutzkow’s Verleger, der Buchhändler Löwenthal, Hoffmann, der Arzt und Humorist, dem die deutsche Kinderwelt die unvergängliche Gestalt des Struwwelpeter verdankt, der Maler Becker von Worms, der treffliche Rütten, das war ein Kreis, in welchem sich Gutzkow gerne befand. Er, der sonst so still, wie verloren in hinträumender Gedankenarbeit war, wie freundlich, heiter, ohne Dünkel und ohne Emphase bewegte er sich in diesem Kreise.

329. Elisabeth Freinsheim an Julie von Carlsen, Frankfurt, ca. 13. Juli 1849 Du ahndest vielleicht schon was ich dir, meine geliebte theuere Julie, mitzutheilen habe, und was ich schon seit mehreren Tagen mit mir herumtrage, theils keine Zeit theils keine Stimmung hinzufand. G. ist mit Bertha versprochen, im September wird er sie schon als seine Frau abholen. Wohl sehe ich es als eine Fügung des Himmels an, dass es so gekommen, denn ohne Frau wäre G. nicht geblieben; dies war ich überzeugt, durch eine uns Fremde hätten wir dann Alles verloren. Ach, und dennoch, meine geliebte Julie, bin ich so schmerzlich bewegt. Bertha ist gut, und mir mit Liebe ergeben; aber was ich verlor kann sie mir nie ersetzen. Das treue Herz von unserer Amalie kann mir nie ersetzt werden, so wenig wie dir, die du doch noch andere Ansprüche an’s Leben machst. Bertha ist glückselig und äusserst zärtlich; ihre Eltern sind unaussprechlich glücklich, und Karl? er liebt sie, sonst würde er sie nicht gewählt haben. Ich erinnere mich nicht, ihn mit Amalie so zärtlich gesehen zu haben; er ist wie ein junger Mann von zwanzig Jahren. Wie dies möglich, nach solchem Verlust, begreife ich oft nicht. Die Stelle als Dramaturg wird G. aufgeben, wohl auch aufgeben müssen. Es ist ihm weiter nichts daran gelegen, da er zu sehr von so ernstlichem Schaffen abgehalten war. Er gedenkt, wenn sonst nichts dazwischen kommt, noch einige Jahre in Dresden zu bleiben. Auch eine Haushälterin will er beibehalten, da es für Bertha in einer fremden Stadt zu beschwerlich wäre u. s. w. Heute Abend reist er ab und gedenkt Sonntag in D. einzutreffen. Das neue Stück ist vollendet. Seit einigen Tagen gab er sich den trüben Gedanken hin, es könnte nicht gefallen; doch seit er es gestern den bedeutendsten Theatermitgliedern vorgelesen, diese so überaus entzückt davon waren, ist er vergnügt, diese frohe Aussicht auf guten Erfolg noch mitzunehmen. Die Manuskripte schicke ich dir, gelegentlich auch von dem neuen Stück, was ich wohl noch bekommen werde.

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330. Karl August Varnhagen von Ense, Tagebuch, Berlin, 18. Juli 1849 Gutzkow in Dresden verliert seine dortige Theateranstellung, auf preußisches Verlangen! –

331. Anna Löhn-Siegel [*1885]

Dresden, Sommer 1849

Dr. Gutzkow wollte, wie sich nicht anders erwarten läßt, in seiner Stellung als

Dramaturg dem Kunstinstitut den Stempel seiner Wirksamkeit nachdrücklich und sichtbarlich aufprägen. Er fand bei Herrn von Lüttichau ein für das Verhältniß zum Hofe und für die Traditionen der Hofbühne im Allgemeinen höchst anerkennenswerthes, die Dinge objectiv erfassendes Entgegenkommen. Allein auf dem Wege zur Intendanz lagerten noch so viel andere Elemente, mit denen nicht kurzer Prozeß zu machen war, und deren guten Willen man brauchte, welche es aber oft darauf anlegten, die Pläne und löblichen Absichten des Dramaturgen zu kreuzen. So konnte Gutzkow nicht nach Wunsch durchdringen. Daß er ‚die unvermeidlichen Repertoirsünden‘ auf das Theater am Linke’schen Bade verbannt wissen wollte, war ihm übel genommen worden, sowohl vom einflußreichen Uebersetzer am grünen Tische, Theodor Hell, als auch von jenen Mitgliedern, die, wie z.B. der erste Komiker, Herr Räder, auf dem Bade ihre größten Triumphe feierten und danach strebten, nach Schluß der Sommervorstellungen Posse, Vaudeville und das ganze leichte Genre dem Winterrepertoir des Hoftheaters einzuverleiben. Andere Stimmen klagten, Gutzkow protegire nicht genug die edleren Früchte der modernen deutschen Dramatik, weil er eifersüchtig sei und seine eigenen Werke in den Vordergrund gestellt wissen wolle. Einen entgegengesetzten Ton schlug eine renommirte Zeitung an, indem sie frug, ob es wahr sei, daß das mit 80,000 Thalern von den Ständen dotirte Hoftheater die Stelle d es Dramat u rg en ganz eingehen lassen wolle? „Wenn dies unglaubliche Gerücht wahr sein sollte“, hieß es weiter, „so bietet das ein schlimmes Beispiel für alle Bühnen, wo man bisher noch geglaubt hat, an der Spitze der artistischen Leitung müsse ein Mann von Intelligenz und literarischer Bildung stehen. Wir können nicht glauben, daß eine Capacität wie Gutzkow sie durch seine Inscenirungen von Romeo und Julie, Kaufmann von Venedig, Coriolan, König Johann, Wallenstein etc. etc. bewährt hat, von unserer Bühnenverwaltung sollte preisgegeben werden. Eine Erläuterung für ein solches unkünstlerisches Verfahren“, lautete eine andere Stelle, „könne nur in dem Umstande liegen, daß eine geistige Potenz wie die Gutzkow’s, der zugleich alle Servilität fremd sei, die kleinen Geister drücke. Was aber seine vielbeklagte Reizbarkeit und Empfindlichkeit

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betreffe, so sei sie die schmerzliche Mitgift der unausgesetzt producirenden Dichterseele.“ Gewiß ist, daß bei der Beurtheilung Gutzkow’s dieser Factor nicht genug in die Wagschale geworfen worden ist. Man betrachte diese aufreibende geistige Thätigkeit, dieses Phantasieaufgebot hier, diese Denkerschärfe dort, ferner die vorbereitenden wissenschaftlichen Studien, die unausgesetzt thätige Theilnahme an den aufregenden Zeitereignissen, und endlich den Tagelöhnerdienst der Redactionsgeschäfte und Mitarbeiterschaften, die dennoch wichtig waren im Kampfe um’s Dasein und im Ringen nach Erwerb alles Dessen, was die stets sich steigernden Bedürfnisse des modernen Lebens forderten! […] Einer meiner Dresdner Onkels, ein angesehener Staatsbeamter, lud mich zu einer Spazierfahrt nach dem Linke’schen Bade ein, um die Theatervorstellung zu besuchen. Dieses alte unansehnliche Kunsttempelchen, das neun Jahre später abgebrochen werden mußte, weil der darin wuchernde Schwamm den Musen über den Hals wuchs und den Aufenthalt für sie und die Menschen gefährlich machte, erfreute sich zahlreichen Zuspruchs von Seiten der Bewohner der Dresdner Neustadt, woselbst es am äußersten östlichen Ende gelegen war. Es ist hier nicht der Ort, auf seine zweifellos reiche Geschichte näher einzugehn und die wechselvolle Vergangenheit desselben zu beleuchten. An jenem unvergeßlichen Abend, wo ich mit Onkel K. diese patriarchalischen Kunsthallen zum ersten Male betrat, wurde das Lustspiel ‚der Steckbrief‘ von Benedix und ‚der Alexandriner, oder Corporal Püffke in Dresden‘, einactiges Genrebild mit Gesang, aufgeführt. […] „Dort sitzt Gutzkow, dort in der Prosceniumsloge“, flüsterte mir Onkel K. zu. Aber als ich mich rasch wandte und, die Oeffentlichkeit fast vergessend: „Wo? Wo?“ rief, da erhob sich zu meiner Betrübniß der mir bezeichnete Herr und verließ in Begleitung eines jüngeren Mannes, der neben ihm gesessen hatte, das Theater. Corporal Püffke schien ihn nicht anzumuthen. „Wir sehen ihn noch heute Abend“, tröstete Onkel K., als ich mich über dies Mißgeschick beklagte, „die Vorstellung, die um 6 Uhr begonnen hat, endet schon um ½9 Uhr, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß Gutzkow eine beliebte Gartenrestauration aufgesucht hat, in welcher sich literarische und künstlerische Capacitäten zu versammeln pflegen. Dort habe ich, ohne selbst Literat zu sein, und ohne alle ceremonielle Vorstellung seine nähere Bekanntschaft gemacht.“ Ich hatte nun keine Aufmerksamkeit für die Liebesgeständnisse und die politische Bekehrung der Dresdner Wäscherin mehr, ich war im Geiste bei den Rollen Gutzkow’scher Dramen, die ich bereits dargestellt hatte: Eveline in ‚ein

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weißes Blatt‘, Fräulein von Sonnsfeld in ‚Zopf und Schwerdt‘ und Judith in ‚Uriel Akosta‘. Unwillkürlich mußte ich der Beifallsstürme gedenken, die namentlich ‚Uriel Akosta‘, dies Musterstück für die ganze moderne Richtung auf dramatischem Gebiet, in Leipzig hervorgerufen hatte. Wie stolz war ich gewesen, als Judith die Worte sprechen zu dürfen: „Wer muthig will, der hat die Welt gewonnen“, und dann: „Nie kann ich rückwärts finden, Nie mehr mit dem Gemeinen mich verbinden,“ wie stolz, daß der Dichter diese kühnen und geistig vornehmen Worte einer Fr a u in den Mund gelegt hatte. – Wir traten bald darauf in den Gartensaal ein, worin sich mehrere Herren in lebhaftem Gespräch befanden. Einer derselben nahm von Dr. Gutzkow mit den Worten Abschied: „Auf Wiedersehn denn in Leipzig!“ Es war der Buchhändler Brockhaus. Meine Besorgniß, der Dichter, der aufgestanden war, werde sich gleichfalls entfernen, zerstreute Onkel K. mit der profanen Bemerkung: „Er hat ja sein Bier noch nicht ausgetrunken.“ „Die Männer beurtheilen sich fürchterlich materiell,“ dachte ich, „selbst in einem Dichter sehen sie den Biertrinker.“ Aber Onkel K. las auch die Sehnsucht in meinen Zügen, Gutzkow vorgestellt zu werden, ging auf ihn zu und bewog ihn, uns näher zu treten, indem er sagte: „Erlauben Sie mir, Herr Doctor, Ihnen meine Nichte, eine junge Priesterin Thaliens vorzustellen, eine begeisterte Verehrerin Ihrer Dichtungen“ – Gutzkow ließ ihn nicht ausreden. Er reichte mir die Hand, bat um die Vergünstigung, sich bei uns niederlassen zu dürfen und begann ein kleines, geschickt in die Unterhaltung eingeflochtenes Verhör über meine theatralische Laufbahn. Ein Rollenexamen folgte nicht, obgleich ich es heraufzubeschwören suchte, um von meiner Schwärmerei für die Judith zu sprechen. Dagegen beobachtete mich der Dichter scharf mit blinzelnden Augen und rückte mir sehr nahe. Ich meinte, er wolle in meinem Innersten lesen, ob meine Verehrung auch wahr und ungekünstelt sei. Eine gewisse Bangigkeit überkam mich – Zeus mir so nahe – wenn er die Augen ganz öffnete, würde mich ihr Strahl versengen! Doch das war nur ein vorübergehender Anfall mädchenhafter Schüchternheit. Ich faßte mich wieder und es gelang mir, die erduldete Inspection durch eine Gegeninspection zu vergelten, weil Onkel K. Gutzkow’s Aufmerksamkeit von mir ab und auf den Corporal Püffke lenkte. „Eines jener Stücke“, sagte der Dichter, „die immer mehr überhand nehmen und überhand nehmen we rd e n , und die den Geschmack des Publikums, das

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sich in seiner Mehrheit dem Seichten zuwendet, weil ihm dadurch jede Denkmühe erspart wird, immer mehr verflachen. Einige Schlucke Musik, einige Brocken Poesie, was man so Poesie nennt, wenn es auch nur gereimter Blödsinn oder Schwulst ist, einige Einlagen hübscher springender Beine, und so ein Dings von Stück ‚mit Gesang und Tanz‘ ist fertig und amüsirt die geistig Minorennen. Aber diese Schmarotzerpflanzen der Bühne haben sogar höhere Protectoren, denn es können ein Dutzend minder beschäftigter Unterkünstler sich darin von vortheilhafter Seite zeigen. Es ist angenehm für die Regie, solchen kleinen Größen mit einigen netten Röllchen den Mund zu stopfen. Am beneidenswerthesten sind die Possenfabrikanten selbst, denn sie haben das Vorrecht, mit den ernsthaftesten Dingen ungestraft ihre Lazzi zu treiben. Worüber ein anständiger Mann grübelt, ob er es in verfeinerter Form aussprechen kann ohne üble Folgen zu spüren, das darf der Possenschreiber dem Lachkrampf der Menge dreist überliefern.“ Gutzkow war eine Persönlichkeit, auf die den landläufigen Ausdruck ‚interessant‘ anzuwenden (obgleich ich ihn von allen Seiten als ‚interessanten Mann‘ hatte schildern hören), mir zu gering erschien. Mit dem ‚interessanten Mann‘ war aber damals noch nicht ein durch Unnatur und Ausbündigkeit blendendes Masculinum gemeint, wie es in den Romanen und Bühnenstücken unserer Tage auftritt, Verwüstungen unter Frauenherzen anrichtet, und wie es das 19. Jahrhundert in seiner Siebziger- und Achtziger-Altersschwäche so trefflich erzeugt. In Gutzkow’s Gestalt prägte sich eine selbstbewußte edle Männlichkeit aus, in seiner Haltung lag etwas Gemessenes. Die starken Schultern, die breite Brust waren wie geschaffen, um die Wucht der Geistesrüstung zu tragen, die ihren Ritter auszeichnete. Das flachanliegende, mehr blonde als dunkle Haar, das ein Antlitz mit scharfgeistigen Zügen umrahmte, contrastirte mit den letztern insofern, als dieses Haar auf ein von friedlichen Ideen erfülltes Haupt zu gehören schien. Es sah so glatt, sanft und jünglingshaft aus. Ich hätte es einem Lyriker, einem Vertreter der Goldschnittliteratur, geben mögen. Kinn und Oberlippe waren mit Bärten bedeckt, den Kinnbart strich der Dichter oft während er sprach. Die bedeutende Stirn und Nase und die tiefgegrabene Falte an der Nasenwurzel, das Wundenmal hitziger Geisteskämpfe, kennzeichneten den gewappneten Denker und kritischen Beobachter, immer bereit, die Sonde in das Menschenherz einzuführen und gewöhnt, den Pulsschlägen des gesammten Culturlebens zu lauschen. Der Strahl seines Auges traf den ihm Gegenüberstehenden nur selten voll. Vermuthlich in Folge von Kurzsichtigkeit hatte sich Gutzkow gewöhnt zu blinzeln, wodurch sich die Sehkraft concentrirt. Dies Blinzeln giebt dem Blick et-

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was Forschendes, zuweilen Geringschätziges. Die Sprache war die eines hochbegabten und wohlgeschulten Redners, dem der freie Vortrag Bedürfniß ist, nicht Mühe verursacht. Das Organ, sonor und kraftvoll, schien eine künstlerische Ausbildung erfahren zu haben, bis auf einen gewissen gequetschten Anklang, einen Nasalton, der sich jedoch im schwunghaften Vortrag verlor. Ich hatte später Gelegenheit zu bemerken, daß ihn der Dichter vornehmlich, vielleicht ohne es zu wollen, anwendete, wenn er langsam und bedächtig die Lanze der strafenden Satyre zu einem kräftigen Widerspruchsstoß einsetzte. Von berühmten Bühnenkünstlern hörte ich die Behauptung aussprechen, Gutzkow habe seine Vortragsweise an derjenigen Emil Devrient’s gebildet, dem idealen und formschönen Nachschöpfer seiner Dramengestalten. Emil Devrient auch mußte von manchen, durch seine Erfolge verstimmten Beurtheilern den Vorwurf hören, er wolle der monotonen Schönheit seines Organs eine Nüance m e h r durch jenen dumpfen Nasalton geben, den er in Scenen unterdrückter Leidenschaft, im geistigen Versteckensspiel und überhaupt als Merkmal erzwungener Zurückhaltung anschlug. Ich fand, daß er ihn weit öfter im Leben zu hören gab, vielleicht in Folge eines Zwanges, den er sich auch ohne Rolle auferlegte, um stets straff und zusammengerafft zu erscheinen. Bei Gutzkow klang dieser Ton natürlich, gleichwie durch augenblicklich stärkeres Zweckbewußtsein hervorgebracht. […] Gutzkow reichte mir die Hand zum Abschied. „Eine innere Stimme sagt mir, wir werden uns auf den Bahnen der Kunst noch öfter begegnen,“ sprach er freundlich. Von meinem Onkel schied er mit den ironisch betonten Worten: „Was uns Männer betrifft, wie wir auch denken, hoffen, fürchten, anklagen, freisprechen mögen, es läuft zuletzt auf Ei n s hinaus: daß ein Mann in des Wortes vollster Bedeutung, ein Mann, der nicht kriecht, der kein glatter Gelegenheitsmensch, sondern ein Character ist, Feinde hat, Verfolger, und daß er gegen eine Welt von Widersachern gerüstet stehen muß. So seien auch wir gerüstet.“ „Viel Feinde, viel Ehre,“ warf Onkel K. ein, der eben nicht zu den allzeit Gewappneten gehörte, eher zu den glatten Gelegenheitsmenschen. „Nein, viel Feinde, viel K a m p f !“ unterbrach ihn Gutzkow. „Das alte Trostwort von der Ehre laß’ ich nicht gelten, Ehre ist nur im Niederwerfen der Feinde,“ und die Falte an der Nasenwurzel grub sich tiefer ein. „Es sollte heißen: viel Feinde, viel unnütze Kraftvergeudung im Kampfe mit ihnen. Adieu!“

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332. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 24. Juli 1849 Gutzkows „Königsleutnant“ gelesen. Das albernste und impertinenteste Machwerk, das man dem deutschen Publikum zu Goethes 100. Geburtstag anbieten kann. Gutzkows gemeine Gesinnung tritt mit immer naiverer Schamlosigkeit hervor.

333. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 2. August 1849 Rolle aus „Königsleutnant“ durchgenommen. Wenn sie nicht zuletzt allzu lang und langweilig würde, könnte sie selbst fade, wie sie ist, Spaß machen.

334. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 5. August 1849 Mit dem „Königsleutnant“ beschäftigt. Gutzkow kam, in Sorge, ich werde die Rolle zu langsam nehmen. Er scheint die Schwäche derselben zu fühlen und möchte sie nun lieber im Galopp durchgetrieben sehen, deklamierte mir Stellen vor – die Frauen hatten es zimmerweit gehört und waren sehr belustigt davon. Ich beruhigte ihn endlich durch meine Ansicht von der Darstellungsweise. Er sagte mir, daß er das königliche Dekret erhalten über Enthebung von seinen Funktionen und Auszahlung des Gehaltes. Die Sache geht ihm doch schwer ein; sein Ton hatte etwas Seufzendes.

335. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 28. August 1849 Im Theater, das überfüllt war. Goethes Statue lorbeerbekränzt und blumengeschmückt, daneben die drei anderen dramatischen Dichter, auf mein Betreiben auch bekränzt, nahmen sich gut aus und gaben Festesstimmung. Prolog von Winkler, gesprochen von Fräulein Bayer, nicht so schlecht, wie man von Winkler erwarten sollte. […] Vom Raub der Helena sah ich den 1. Akt. Ausstattung im Kostüm sehr gut, neue Figuren darin. Szenierung, namentlich der Helenazitierung schlecht, zerstreute die Handlung, anstatt sie zu sammeln. Liedtcke als Faust war sehr trocken. Carus im ersten Toast berechnete die Meilenzahl der Sonnenbahn seit Goethes Geburt. Diese deutschen Gelehrten sind und bleiben Zöpfe! Mein Toast kam in noch sehr kalte Luft, aber er hatte die Stimmung bereitet, daß Gutzkow, der in langer und schmuckreicher Rede Goethes Deutschheit dartat, fast theatralisch vorgetragen, sehr großen Beifall erntete.

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336. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 30. August 1849 Abends den „Königsleutnant“ gespielt. Das Haus war voll, die Stimmung die günstigste, und, wie ich gefürchtet, das Mosaik von Späßchen unterhielt die Leute vortrefflich. Die Albernheiten, der Unsinn und die Elendigkeit der Gesinnung des Stückes wurden darüber vergessen. Zudem gefiel mein Spiel ganz ausnehmend; man überschüttete mich mit Beifall. Ein wunderliches Ding, die Schauspielkunst. Aus dichterischen Vorwürfen, die man mit Ekel zur Hand nimmt, bildet man doch zur Ehre der Darstellung und seiner selbst etwas heraus, das den Leuten gefällt. Man verhilft den elendesten Machwerken zu verderblicher Geltung, und doch kann und darf man nicht anders.

337. Feodor Wehl [*1889]

Hamburg, August 1849

Als ich mich nach etwa einem Jahre wieder in Hamburg befand, sah ich eines schönen Tages zum Dammthor herein eine dichtverschleierte Dame mir entgegenfahren. Als sie meiner ansichtig wurde, bemerkte ich eine lebhafte Bewegung und endlich ein anmuthiges Grüßen mit der Hand. Ich erkannte sogleich, daß es Therese war, denn nur sie besaß diese reizende Art, sich im Sitzen zu verbeugen, den Kopf zu neigen und den Arm auszustrecken. Ich blieb wie gefesselt stehen und blickte dem dahin rollenden Wagen nach. Niemand hatte mir gesagt, daß Therese in Hamburg sei. Nun war sie an mir vorüber geflogen, unkenntlich gemacht, räthselhaft verhüllt. Ich zerbrach mir den Kopf, was das bedeute. Einige Stunden darnach erhielt ich folgende Zeilen: „Ich wußte nicht, lieber Wehl, daß Sie wieder in Hamburg wären. Kommen Sie nach dem Hotel, dessen Name auf diesem Blatte steht, und nach dem Zimmer von Fanny (Lewald). Es verlangt mich sehr, Sie zu sprechen. Herzlichst T.“ Ich ging natürlich sogleich und fand Therese bei ihrer Freundin und mit dieser zusammen. Es war ein gedrücktes, peinliches Wiedersehen. Therese begrüßte mich freundlich und liebenswürdig wie sonst, theilte mir mit, daß sie Hamburg auf immer verlassen habe und nur auf kurze Zeit wieder zurückgekehrt sei, um noch einige Angelegenheiten zu ordnen. Diese Mittheilungen kamen hastig und überstürzt; dann schwieg sie beklommen, während Fanny Lewald das Wort ergriff. Ich betrachtete während dessen ihre Freundin und bemerkte, daß sie verweint aussah. Gutzkows Name wurde mit keiner Silbe genannt. Das alles bekümmerte und erschreckte mich.

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Ich fühlte instinktmäßig, daß etwas Besonderes vorging, und weil mir die Ungewißheit unerträglich und für unsere treue Freundschaft einigermaßen beleidigend vorkam, platzte ich endlich unvermittelt mit der Frage heraus: „Was haben Sie vor, gnädige Frau? Was bewegt sie?“ Therese sprang auf; ein Thränenstrom entrollte ihren Augen, und mit einem Blick auf Fanny Lewald, die sich gleichfalls erhoben und sie an sich gedrückt hatte, stöhnte sie schmerzlich: „Das kann ich Ihnen nicht sagen; das müssen Sie errathen.“ Dieser Ausspruch verletzte mich. Ich verbeugte mich stumm und schritt der Thüre zu. Mir nacheilend, erreichte sie mich an der Schwelle, ergriff meine Hand und sagte: „Bleiben Sie sein Freund und, wenn Sie können, auch meiner. Sie, der Sie mich, der Sie Gutzkow kennen, werden Alles, wie es gekommen ist, begreifen und verstehen. Leben Sie wohl!“ Ich ging mit einem Wehgefühl, das ich nicht beschreiben kann, rasch von dannen. Wenige Stunden darnach empfing ich nachstehenden Brief: „Guter Wehl, Sie liefen so schnell fort, daß ich nicht einmal fragen konnte, weswegen Sie so und nicht herzlicher gingen. Nun sind Sie fort, und ich werde es so bald sein, daß ich Sie nicht selbst um Vergebung bitten kann, wenn ich Ihnen mit der Antwort: „das kann ich nicht sagen, das müssen Sie errathen“ wehe that. Denn meine Abreise ist näher, als die aufhorchenden Freunde denken, und eben deswegen gab ich die wunderliche Antwort. Aber nicht wahr? Sie sind der nun bald Unerreichbaren nicht böse, weil man den Sterbenden nicht zürnt und ich wirklich für lange Zeit sterbe. Möge der Himmel Ihnen Freude geben, guter Wehl, und mir die – Sie einmal wieder zu sehen. T. In Fannys Zimmer, am 21. August 1849.“ Von ihrer Hand adressirt, ging mir vier Tage später von Schwerin her die goldgeränderte Druckschrift zu: „Ihre heute auf Großen-Brütz bei Schwerin vollzogene eheliche Verbindung beehren sich, bei ihrer Abreise nach Batavia, ihren Freunden anzuzeigen Heinrich Baron von Lützow, Oberst in Königl. niederländischen Diensten, Therese Baronin von Lützow, geb. von Struve. Großen-Brütz, 24. August 1849.“

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Dresden 1849

338. Ludmilla Assing an Karl August Varnhagen von Ense, Hamburg, 14. August 1849 Sie [Fanny Lewald] beneidete Therese förmlich um ihre weite Reise; sie will einem überhaupt einbilden Therese sei jetzt sehr glücklich, sie heirathe einen braven vortrefflichen Mann, die Vergangenheit habe sie rein vergessen und aus Gutzkow mache sie sich so wenig, als wenn sie ihn nie gekannt hätte. Sie meint, das sei alles sehr hübsch; glaubte ich aber daran, so würde ich mich für Therese nur noch sehr wenig interessiren können; ich glaube aber von allem gerade das Gegentheil und bedaure sie von Herzen. Wie ich hörte, dass Therese hier sei, besuchte ich sie sogleich, was sie ausserordentlich freundlich aufnahm; wahrscheinlich um so mehr, da viel der Hamburger Damen aus verrückt gewordener Moral sich seit ihrer Scheidung von ihr zurückgezogen haben. Mich hat sie gerührt und ich bin gar nicht dazu gekommen ihr Glück zu wünschen, denn wie konnte ich dieser armen Frau, die mir sagte, ihre Abreise käme ihr wie eine Art Absterben, wie ein Tod vor, und die gleich nach den ersten Begrüssungen mit Thränen in den Augen klagte: „Und nun muss ich sogar noch die Nachricht mitnehmen, dass sich Gutzkow verlobt hat!“, wie konnte ich dieser von Glück mit Herrn von Lützow reden? Sie scheint jetzt noch so wenig von diesem zu reden, wie sonst von Herrn von Bacheracht; von Gutzkow aber desto mehr, und ich finde meine frühere Voraussetzung, dass sie sich aus verzweifelter Liebe zu Gutzkow zu ihrer Heirath entschlossen, mehr als je bestätigt. Wie unnütz und verkehrt aber dann! Wenn man unglücklich und verkehrt sein will, braucht man nicht erst so weit zu reisen! […] Wehl meint, auch daran sei die gute Fanny schuld, und vielleicht hat er nicht so Unrecht. Ihm kommt vor, sie habe die nicht sehr energische, und vom Unglück ermüdete Therese zu diesem Schritte kommandirt und sich bei ihr für Herrn von Lützow, den sie auch „Du“ nennt und „Heinrich“ nennt, verwendet.

339. Feodor Wehl [*1889]

Frankfurt, September 1849

Gutzkow war so glücklich, eine zweite Frau, eine Verwandte seiner ersten, zu finden. Sie war jung, voll Anmuth und Reiz, eine frische, lebensmuthige Erscheinung, die mit einem unbefangenen, fast kindlichen Sinne ein freundlich umsichtiges und entschlossenes Wesen besaß. Sie hat sich bald in ihre schwierige Aufgabe gefunden und Gutzkows Lebensabend so glücklich wie möglich gestaltet. Aber um ihr zu dieser Möglichkeit Gelegenheit und Mittel zu schaffen, mußte er angestrengt und sauer arbeiten.

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5. Ritter vom Geist

340. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Landsitz Loschwitz, 22. November 1849 (Auf dem Berge.) Ich war heute lange bei Gutzkow. Wir haben von Lorck Gutzkow’s dramatische Werke übernommen und sind hierdurch in ein noch näheres Verhältniß zu ihm getreten. Den ungeheuersten Erfolg verspricht er sich von einem neuen Roman, mit dem er jetzt beschäftigt ist: „Die Ritter vom Geiste“, und wir besprachen vorläufig, daß derselbe bei günstiger Entwickelung der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vielleicht zuerst im Feuilleton derselben und nebenbei in einer besonderen Ausgabe erscheinen könnte. Es hat immer etwas Sonderbares, einen Autor so im voraus von dem größten Erfolg eines noch nicht fertigen Werks überzeugt zu sehen; aber allerdings bei einem Schriftsteller wie Gutzkow, wo der Verstand in seinen literarischen Arbeiten alles, wo selbst das poetisch Scheinende nur geschickte Combination ist, mag es möglich sein, daß jemand sich nicht gar zu sehr in dieser Hinsicht täuscht.

341. Zeitschriftenkorrespondenz vom 18. Februar 1850 Karl Gutzkow arbeitet an einem Romane, der den Titel führt: „Die Ritter vom Geist“, sich in der neuesten Zeit und zwar hauptsächlich in Berlin bewegt und – neun Bände ausmachen wird. Vor dem Herbste dieses Jahres wird er, wie wir hören, damit nicht fertig werden. Daß er daneben an keine andere Arbeit denken kann, ist wol begreiflich.

342. Gottfried Keller an Hermann Hettner, Berlin, 16. September 1850 Gutzkows neuer Roman oder der erste Teil desselben hat mir sehr gefallen, obgleich er etwas liederlich geschrieben ist. Es sind sehr treffende und feine Zeitund Charakterschilderungen, und er zeigt seine Meisterschaft im Beobachten. Ich glaube, es wird ein bedeutendes Werk sein, wenn die mannigfaltigen Anlagen gleichmäßig fortgeführt werden, und wird eine Lücke in unserer Literatur ausfüllen.

Dresden 1850

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343. David Friedrich Strauss an Friedrich Theodor Vischer, München, 4. Dezember 1850 Vorige Woche las ich den ersten Band von Gutzkows neuem Roman: Die Ritter vom Geiste, den ich mit Vorurteil gegen den Autor und den Titel zur Hand genommen, mit Interesse und Spannung gelesen, und mit Achtung weggelegt habe. Ein Tendenzroman, der in Anlage und Einzelheiten auffallend an Immermanns Epigonen erinnert, dabei aber in der Tat so viel wirklich poetische Verkörperung enthält, daß mir bei einer Szene Mörikes Gramsener Bote, unvergleichlichen Angedenkens, einfiel, usf.

344. Friedrich Theodor Vischer an David Friedrich Strauss, Tübingen, 7. Dezember 1850 Daß Du Gutzkow gut gefunden, bestimmt mich, ihn auch zu lesen. Der Unsinn, er wolle einen Roman schreiben, wo das dramatische Nebeneinander herrsche, hätte mich sonst abgeschreckt.

345. David Friedrich Strauss an Friedrich Theodor Vischer, München, 22. Dezember 1850 Was Du über den Gutzkow’schen Roman (von dem ja jetzt schon der 2. Band da ist, den ich aber noch nicht gelesen habe) urtheilen wirst, bin ich begierig. Ich kann mir nämlich nicht verbergen, daß ich in Absicht auf Romane der stoffartigste, lebenslänglich 17jährige Leser von der Welt bin.

346. David Friedrich Strauss an Ernst Rapp, München, 23. Januar 1851 Statt Balzac rathe ich Dir jetzt Gutzkow’s Ritter vom Geist zu lesen (1–4 erschienen). Es ist ein ebenso anziehender, als lehrreicher, ebenso lebensvoller, als sittlicher, kurz ein höchst respektabler Roman, vor dessen Verfasser ich den Hut abziehe. Was er darin einmal sagt, es gebe Männer, deren Schicksal es zu sein scheine, immer in diejenigen Weiber sich zu verlieben, die am wenigstens für sie passen – das hat sich an mir, wie bisher, so jetzt wieder, in ipso actu bestätigt, indem ich mich in seine Heldin ordentlich verliebt habe, von der Du Dir hieraus schon wirst vorstellen können, was sie für eine gefährliche Person ist.

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5. Ritter vom Geist

347. Fanny Lewald an Großherzog Carl Alexander von Sachsen-WeimarEisenach, Berlin, 27. Februar 1851 Ueber Gutzkow’s Roman theile ich Ihre Ansicht gar nicht; ja! er ist mir so wenig sympathisch gewesen, daß ich ihn nicht zu Ende zu lesen vermöchte. Es ist die Wahrheit darin, die das Auge eines lieb- und glaubenslosen Menschen in der Welt und in den Menschen sieht – und es gehört für mich zu den Verbrechen dieses Buches, fast alle Stände in einer Weise zu schildern, die sie einander abschreckend, als feile Selbstsüchtige, als gewissenslose Egoisten darstellen. Glauben Sie mir, gnädiger Herr! es sieht jeder die Welt nur mit seinem Auge, und es spricht ein hartes Verdammungsurtheil gegen Gutzkow aus, daß er in den Menschen nur Elende sieht – denn auch seine Wildungens und der abentheuernde Prinz Egon, dessen Würde sich durch ein Schnupftuch mit No. 100 (dieser fabelhafte Reichthum von 100 Taschentüchern à 1 Thl. das Stück) verräth – auch diese drei Männer, sammt dem Amerikaner, sind hohle, glaubenslose Schemen. Sie sprechen von Freiheit, wie ihr Autor – aber sie sind Jeder stolz und eitel, das ist der Freie niemals. Die Welt ist viel besser als G. sie sieht. Das nenne ich den wahrhaft „bösen Blick“, und kommt Ihnen einst die prinzliche Grille in blauer Blouse, als Tischler, auf Beobachtungen auszugehen, so – stecken Sie vor allen Dingen kein Schnupftuch Nr. 100 ein – im Uebrigen aber sagen Sie es mir. Ich will Ihnen Menschen zeigen, die Sie lieben und achten sollen, ich will sie in bürgerliche Kreise, zu Advokaten, Kaufleuten, Gelehrten führen – und wo meine Macht zu Ende ist, sollten meine Freunde Sie in die Werkstätten der Handwerker führen, in die Stuben der Armuth, und Sie sollten doch eine andere, bessere Meinung von den Menschen bekommen, als Gutzkow sie hat. – Freilich auf Fortunabällen bei Krolls und im Treubund – in den Quartieren darf man den Idealismus und die rechte Wahrheit nicht suchen. Es ist als wollte man Gesundheit an den Beulen eines Pestkranken studieren – oder den Menschen in seiner Schwachheit nach einem krüppelhaft verwachsenen Unglücklichen beurtheilen. – Lassen Sie das Gutzkowsche Buch in Gottes Namen ungelesen, wenn Sie darin Nichts suchen als Wahrheit, als ein Bild der bürgerlichen Lebenskreise – und glauben Sie mir, daß die darin enthaltene Wahrheit in einem verstellenden, in sich getrübten und vollkommen schiefen Spiegel gesehen ist. Sie sehen ich ereifre mich – verzeihen Sie es mir, aber ich halte das Buch schon darum für ein Vergehen, weil es Ih n e n diese Zerrbilder u nseres Lebens als Wahrheit aufdrängen will. Glauben Sie nicht daran, es ist Lüge.

Dresden 1851

Fanny Lewald

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5. Ritter vom Geist

348. Ludmilla Assing, Tagebuch, Berlin, 6. April 1851 Nachmittags langer Besuch von Gutzkow. […] Nach der Dresdener Revolution habe er gedacht, es bleibe nichts übrig als die Familie. Wenn Therese da nicht so eine Entscheidung beeilt hätte, würde er sie vielleicht doch danach noch geheirathet haben. Ihre Scheidung sei eine schreckliche Operation gewesen. Sie schreibe noch immer an seine Schwester und einen Freund von dieser, aber die wollten ihm die Briefe nicht zeigen, weil sie fürchteten, sie könnten seine neue Ehe stören. Von seiner Frau sagte er, es sei zuweilen etwas anstrengend, bisher habe er sich eigentlich mehr nur lieben lassen, seine Frau wolle auch Liebe bezeigt haben. Ich sagte, es sei ganz klug von ihr, dass sie die Kosten der Neigung nicht allein trage.

349. Friedrich Hebbel an Franz Dingelstedt, Berlin, 19. April 1851 Gutzkow ist hier gewesen und ungefähr zu derselben Zeit abgereis’t, wo ich angekommen bin, wie ich von Freund Mundt höre. Es hat mir leid gethan, daß ich ihn nicht mehr getroffen habe, denn gern wäre ich ihm im Leben einmal wieder begegnet. Wir hatten das Unglück, zu früh zusammen zu treffen; seine Natur ist mir seitdem durchsichtiger geworden und ich habe schon vor Jahren meine Anschauungen über ihn in einer Kritik seines „Urbildes“ niedergelegt.

350. Max Ring [*1898]

Berlin, April 1851

Einen besonderen Reiz erhielt das Mundtsche Haus durch die zahlreichen bedeutenden Fremden, die dasselbe von Zeit zu Zeit besuchten. So lernte ich eines Abends den von Dresden nach Berlin gekommenen, mit Mundt befreundeten Gutzkow kennen, der sich für meinen erst vor kurzem erschienenen Roman „Berlin und Breslau“ lebhaft interessierte, da er gerade zu jener Zeit mit den ersten Bänden seines großen Zeitromans „Die Ritter vom Geiste“ beschäftigt war. Diesem Umstande verdankte ich wohl zunächst seine Teilnahme und eine Einladung zum Frühstück in dem Weinkeller von Jansen an der Herkulesbrücke, wo wir mit dem Schriftsteller Giesecke in dem behaglichen kleinen Kabinet einige angenehme Stunden in gemütlicher Unterhaltung verlebten. Bei einer Flasche guten Rotweins entfaltete Gutzkow seine ganze hinreißende Laune, die ihm im reichsten Maße, wenn er wollte und gut aufgelegt war, zu Gebote stand. Damals erschien mir der berühmte Schriftsteller mit dem fein-

Berlin 1851

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geschnittenen, geistvollen Gesicht, den durchdringenden, stets forschenden Blicken und dem ironischen Lächeln der sarkastischen Lippen als ein Bild frischer Manneskraft und Schaffenslust, reich an überraschenden Gedanken, an glänzenden Einfällen und originellen Ideen, sprudelnd von Witz und Humor, welcher durch einen Zusatz von feiner Malice nur noch pikanter wurde. Unter anderem gab ihm die eigentümliche Lokalität des düsteren, durch eine Gasflamme am Tage erleuchteten Kellers, unter dessen niedrigen Fenstern ein Arm der Spree vorüberfloß, die Veranlassung, uns zur Improvisation einer romantischen Kellergeschichte aufzufordern, wobei wir uns gegenseitig in der Erfindung der tollsten Abenteuer und blutigsten Mordscenen unter lustigem Gelächter zu überbieten suchten. Bei dieser Gelegenheit sprach auch Gutzkow mit mir ernst und eingehend über seinen neuen Roman, von dem soeben die ersten beiden Bände erschienen waren. Da er mich zugleich dringend ersuchte, über das Buch eine Kritik für eine Berliner Zeitung zu schreiben, so wünschte ich, daß er mir zuvor über den Inhalt und Grundgedanken des ganzen, auf neun Bände berechneten Werkes einige mir notwendig scheinende Aufklärungen geben sollte. Bald darauf erhielt ich am 31. Mai 1851 aus Dresden von ihm einen Brief, worin er sich folgendermaßen aussprach: „Die Novelle hat ein Sujet nötig, sie ist nur das Sujet, der dreibändige Roman auch noch; aber der neunbändige braucht nur einen Mühlbach, damit die Räder gehen, weiter nichts. Eugen Sue hat auch kein eigentliches Erzählungssujet, das man in einem Feuilleton referieren kann. Ja, ein edleres Muster zu nehmen, kann man den Stoff des Don Quixote, den Stoff des Wilhelm Meister erzählen? – Die Charaktere, die Situationen, die Ideen sind hier das Sujet, das Leben in einer bestimmten prismatischen Beleuchtung der Stoff und nun anfangen: „Es war einmal ein verschrobener Junker auf dem Lande, der vom Rittertum träumte, u. s. w.“ Erzählen läßt sich von meinem Buche gar nicht; man muß es lesen und – kaufen. Der äußere Hebel, der das Ganze in Bewegung setzt, die Räder, auf denen der Leser die Reise macht, ist eine dumme Geschichte von zwei Pastorssöhnen, die u. s. w. Den Grundgedanken des Buches finden Sie in den Scenen des ersten und zweiten Bandes schon angedeutet, wo Schlurk vom „Reubunde“ selbst die Veranlassung nimmt, auf die Templerei zu kommen und wo Dankmar beim Abschiednehmen von Akkermann im Walde bedauert, daß es kein Kennzeichen Gleichgesinnter gäbe, kurz, keine Religion, Symbolik, Priesterherrschaft des Geistes, woraus dann in den folgenden Bänden der Bund der Ritter vom Geiste erwächst, eine chimärische romanhafte Idee, die aber auf einem Bedürfnis beruht.“ Infolge meiner bald darauf erschienenen Kritik entspann sich zwischen Gutzkow und mir ein lebhafter Briefwechsel, der mit der Zeit sich zu einem innigen freundschaftlichen Verhältnis gestaltete. Er selbst äußerte sich darüber in

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5. Ritter vom Geist

folgender charakteristischen Weise: „Unsere Zeit ist so trennend, unsere Herzen schlagen so einsam, und doch ist das Bedürfnis engerer Bande da; aber wer wagt sie zu knüpfen! Was man so aus der Jugend an innigerem Verkehr mit Anderen mitbringt, das geht in die Winde. Dann kommt die Frauenliebe, die unser Herz allein erfüllt, dann die Sorge um die materielle Existenz, die unseren Egoismus steigert, und die Gefahr, daß unsere Herzen einschrumpfen, stellt sich zeitig genug ein. Wer rückt sich menschlich nahe? Wer gesteht ein, daß er des Anderen bedarf und daß sein Leben ohne Liebe ist? Wir trotzen und protzen und leiden darunter. Also, wenn auch nicht mit Carlos- und Posa-Überschwänglichkeit, doch mit warmem Mannesgefühl nennen wir uns Freunde!“ Trotz seiner vorwiegenden kalten Verstandesnatur empfand Gutzkow ein tiefes Bedürfnis des Herzens nach Freundschaft und Liebe. Er war selbst zuweilen nicht frei von sentimentalen Anwandlungen, aber sein krankhaftes Mißtrauen, seine zersetzende Kritik und seine große Reizbarkeit erschwerte ihm und Andern das Leben, löste und zerstörte ihm so manches teure Band, wobei er sich selbst das größte Leid zufügte. So kam es, daß er fortwährend nach Freunden und litterarischen Kampfgenossen suchte, daß er stets bemüht war, sich eine Partei zu bilden und verlangend seine Hände nach allen Seiten ausstreckte. […] Um so liebenswürdiger erschien Gutzkow in den Augenblicken, wo er sich von den finsteren Dämonen freimachte und seiner alten heiteren Laune überließ. So sah ich ihn eines Abends, als er wieder nach Berlin kam, in Gesellschaft einiger Freunde. Auf dem Wege nach seinem Hotel, zu dem wir ihn begleiteten, gingen wir mit ihm des Nachts durch die Dorotheenstraße an der Kunstakademie vorüber, in der er geboren war und seine Kinderjahre verlebt hatte. Bei dem Anblick des alten Gebäudes ging ihm das Herz auf; er erzählte uns die reizendsten Erinnerungen aus seiner Jugendzeit und schilderte uns die poetischen Eindrücke seines Elternhauses, dessen Umgebung eine kleine Welt, die Akademie, die königlichen Marställe, die Kaserne für die Gardekürassiere, den alten Lufttelegraphen und das Leichenhaus für Selbstmörder und Verunglückte einst umschloß. Während wir im Mondenscheine mit ihm wanderten, lauschten wir gespannt den interessanten Mitteilungen, welche Gutzkow später, von uns dringend aufgefordert, in dem liebenswürdigen Buche „Aus der Knabenzeit“ veröffentlichte.

Dresden 1851

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351. David Friedrich Strauss an Emilie Sigel, Dresden, 4. Mai 1851 Mittags halb Zwei. – Soeben komme ich vom Besuch bei Gutzkow zurück, der mich nach Tisch, (hier speist man um 2 Uhr) mit seiner Familie zu einer Landparthie in den Plauen’schen Grund abholen wird. Der treffliche Mann dachte schon an eine Gesellschaft aller möglichen, hier lebenden Schriftsteller und Künstler, die er meinetwegen zusammenrufen wolle, bis ich ihm bedeutete, daß mir der engste Kreis der liebste, und es mir nur um wenige, aber solche Bekanntschaften zu thun sei, die geeignet sind, im Herzen fortzuleben.

352. David Friedrich Strauss an Emilie Sigel, Dresden, 5. Mai 1851 Gestern Nachmittag machte ich also die Landpartie mit Gutzkow, Auerbach, und deren Frauen; die Gegend ist wirklich recht hübsch; kaum ½ Stunde von der Stadt hat man die romantischsten Berg- und Felsparthien. Und Alles auf Weg und Steg voll Menschen, d.h. spazierengehenden Dresdenern. Was anderer Leute Frauen betrifft, so habe ich mir zwar seit meinen eigenen Unfällen zum 11. Gebot gemacht: „Du sollst nicht richten über Deines Nächsten Weib, noch sein Kind, – Knecht, – Magd, – Ochsen, – Esel etc.“, doch weil Loben nicht zum Richten gehört, so darf ich von Gutzkow’s junger Frau (er ist seit 1 Jahr zum zweitenmal verheirathet) sagen, daß sie eines der lieblichsten Geschöpfe ist, die mir jemals vorgekommen. Sie ist eine Frankfurterin, durchaus frisch und naiv, und doch von den gewandtesten Formen.

353. David Friedrich Strauss an Friedrich Theodor Vischer, München, 30. Juni 1851 Dein Urtheil über Gutzkow’s Roman freut mich doppelt, einmal für den Mann, und dann für mich, weil es mir meine eigene Empfindung bestätigt. Was Du von der Mischung des Gediegenen und Litteratenhaften in dem Buch sagst, zeichnet ebenso den Verfasser selbst. Doch wiegt auch in ihm das Erstere vor und ich habe ein wirkliches Interesse auch für seine Persönlichkeit gefaßt. Daß Dir der Schlurck gefällt, freut mich als Verehrer aller Epicuräer natürlich ganz besonders; unter den Proletariern ist mir der französische Kunsttischler Armand noch mehr als Hackert zuwider. Die Dehnung durch 9 Bände ist freilich nicht zu entschuldigen – im 5. und 6. Band fängt sie erst recht lähmend zu wirken an – doch erinnere ich mich, daß Gutzkow selbst sein Loos beseufzte, so viel Ballast mitgeben zu müssen (aus ökonomischen Gründen). Im 4. Band

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5. Ritter vom Geist

macht der Schluß Vieles gut; mich hat nicht leicht eine Romanscene so ergriffen wie diese (ich meine wie Melanie die Papiere zurück gibt und der Alte ihr um den Hals fällt). Für diese Heldin habe ich bei dem Dichter die Schubartin gemacht, d.h. Fürbitte eingelegt*), weil es mir schien, er wolle es ihr noch recht schlecht gehen lassen; ich erhielt aber die tröstliche Versicherung, daß sie noch Fürstin von Hohenberg werde.

354. Feodor Wehl [*1889]

Dresden, Sommer 1851

Er schrieb damals an den „Rittern vom Geiste“, im Sommer von früh sechs Uhr bis Abends zum Dunkelwerden. Eine Stunde vor Tisch zum Baden in der Elbe, wozu ich ihn abholen kam und eine kurze Mittagsrast bildeten die einzige Pause des ganzen Tages. Nach neun Uhr erschien ich wieder, um ihn zu einem Spaziergange in den großen Garten zu begleiten, wo wir dann seine Gattin und Auerbach aufsuchten, die vor der Konditorei darin zu sitzen pflegten. Ich fand ihn oft wie gebrochen und geistig so abgestumpft, daß er kaum zu gehen und nur mühsam an der Unterhaltung Theil zu nehmen vermochte. Wenn man ihm Vorwürfe wegen seines Fleißes machte und ihm Schonung anrieth, führte er gern Goethe’s Verse aus dessen „Tasso“ an: „Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt,“ wobei aber jedesmal bei den folgenden Worten: „Das köstliche Geweb’ entwickelt er“ ein bitteres Lächeln um seine dünnen Lippen spielte und er einschaltend bemerkte: „das köstliche Geweb’ werden meine Feinde freilich als Selbstüberschätzung tadeln, denn ich gelte ihnen für keinen Seiden- sondern mehr als ein Holz- oder Todtenwurm.“

355. Adolf Glassbrenner an Feodor Wehl, Hamburg, 4. Juli 1851 Ueber Gutzkows 5. Band hatte ich manches Schlimme gehört, solch Urtheil aber durch nichts gerechtfertigt gefunden. Die „Gründlinge“ der Lesewelt mögen freilich mit diesem psychologisch entwickelnden, Personen und Zeit be*) Ein Brief, worin sich Frau Schubart bei Miller für einige seiner Romanfiguren verwendet, findet sich in Strauß’ Schubart, Ges. Schr. VIII, 294. [Anm. des Herausgebers Eduard Zeller.]

Dresden 1851

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trachtenden Bande nicht zufrieden sein, mich hat er sehr gefesselt. Zur Bewunderung aber hat mich die literarische Kunst Gutzkow’s hingerissen, mit welcher er den Leser durch die große und weite Verwickelung seines Romans führt und ihm den ganzen Kreis der Handelnden und die Gegenwart plastisch anschaulich macht. Darin hat er alle unsere Romandichter übertroffen und Walter Scott erreicht. Nur eines hat mich nicht befriedigt, obschon ich es in allen seinen poetischen Verknüpfungen erfaßt habe, ihm mit allem Raffinement darin gefolgt bin. Es ist die Löung der „Ritter vom Geiste.“ So einem 9bändigen Romane gegenüber ist sie zu unbedeutend und wäre viel feiner und bedeutender gewesen, wenn sie weggeblieben wäre, wenn das Buch, ein Spiegel der Gegenwart, den früheren Rittern gegenüber die Ritter vom Geiste vorgeführt hätte, ohne sie speziell als solche zu bezeichnen und sie in eine freimaurerische Verbindung zu bringen. Doch, ich schwatze sicher unnütz. Das von Dankmar Wildungen ist wohl mit Absicht leicht hingeworfen und scheint noch ausgeführt werden zu sollen.

356. Friedrich Theodor Vischer an David Friedrich Strauß, Tübingen, 9./12. Juli 1851 Geh doch an Gutzkows Ritter! Ich habe auch bei früheren Kritiken den wesentlichen Vorteil des Durchsprechens fast nie gehabt. Über den Roman im Allgemeinen ist mir bei dieser Lektüre klar geworden, daß der Hauptgrund, wodurch er neben seinen Altvater, das Epos, als Halbgattung hinunterfällt, in der notwendigen Appellation an die Ne ug i e rd e liegt, die an die Stelle des Interesses tritt, an die Stelle der wahren Spannung. Bei der Ausstreckung in neun Bände muß der Leser mit diesem scharfen Pechfaden freilich doppelt stark angeschnürt werden, sonst hält er nicht aus. So muß man mit dem Schicksal des Aktenschranks ganz unnatürlich hingehalten werden etc. Im Epos ist man auch begierig zu wissen, wie es dem Hektor geht und dergl., allein die Neugierde wird durch die hohe Behandlung zu jener Spannung, welche dem Allgemeinen des Menschenloses gilt; im Roman ist man darauf los zu wissen, ob Hans reich wird oder nicht, die Grete kriegt oder nicht. So wie Goethe gewöhnlichen Stoff in Klang gesetzt hat, daß man den Strom des Menschenlebens rauschen hört, im Wilhelm Meister, gibt es keinen Roman mehr, und auch hier hinkt der Schluß.

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5. Ritter vom Geist

357. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 2. August 1851 Gutzkow brachte heute den Schlußband seiner „Ritter vom Geiste“ und er wird auch froh sein, die schwierige Arbeit beendigt zu haben. Für uns scheint denn doch wenigstens ein gutes Geschäft aus der Sache zu resultiren, vielleicht selbst noch ein glänzendes, obwol es anfänglich gar nicht den Anschein dazu hatte. Gutzkow war heute sehr liebenswürdig und mittheilend, während es bisweilen in der letzten Zeit schien, als würden wir wegen dieses Romans noch ganz auseinanderkommen, denn nichts vermochten wir ihm zu Danke zu machen.

358. Karl August Varnhagen von Ense an Amely Bölte, Berlin, 5. November 1851 Von Ihren Verhältnissen und Absichten in Dresden hab’ ich keine deutliche Vorstellung. Da Sie mit den Herren Auerbach und Gutzkow bekannt geworden sind, so kann es Ihnen wenigstens an litterarischen Annehmlichkeiten nicht fehlen. Des Letztern „Ritter vom Geiste“ fangen endlich an im Publikum durchzudringen; in England oder Frankreich würde ein solches Werk dem Verfasser nicht nur die Fülle litterarischen Ruhmes eintragen, sondern auch das weltliche Gedeihen weithinaus sicherstellen. Ein deutscher Autor hat alle Gebrechen seiner Nation zu tragen.

359. Emma Niendorf: Aus Dresden. [*1852] Dresden, Dezember 1851 Gutzkow, welcher diesen Sommer mehre Wochen abwesend blieb, in Frankfurt, Bremen, Hamburg u. s. w. verweilend, hat so eben seine „Ritter vom Geist“ beendet, den neunten Band. Man trifft das Buch von Berlin bis Wien auf allen Tischen, im Boudoir wie in der Gelehrtenstube, in großen wie in kleinen Händen. Mit einer Art von Raserei wird es z.B. in Leipzig gelesen, im Salon wie im Comptoir, durch alle Stände.

Dresden 1852

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360. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Dresden, 27. Dezember 1851 Mit Gutzkow kann ich es zu keiner rechten Sympathie bringen, und wenn auch alle Widersprüche unserer beiderseitigen Naturen sich friedlich aufnehmen ließen, ich weiß gewiß, er würde über Alles hinaus nie den Juden in mir vergessen. Transeat.

361. Max Waldau an Wolfgang Müller von Königswinter, 16. Januar 1852 Und Gutzkow! Fanny Lewald hat wahrhaftig recht: Man muss ein grosser Lump sein, um sich in so vielen Lumpen porträtiren zu können! Aber nein, Egon soll ja ein Stück Max Waldau sein. Diese Ritter v[om] G[eiste] sind das grossartigste Commissionsgeschäft, was die Welt noch gesehen. Aller vulgäre Kram, aller Gedankenschmutz den die Zeit geboren, ist von Gutzkow in Commission genommen. Das ist sein altes Verfahren. Er ist durch und durch Kritiker und als solcher bedeutend, will er aber produziren, so muss er „vorgefundnen Urweltsdreck“ zu verarbeiten haben. Er hat nie eine Mode gemacht, aber jede mitgemacht. Erinnern Sie sich jenes Gedichtes von Heine in der Harzreise, das mit den Worten schliesst „Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem heil’gen Geist?“ Von dem Heine, den G[utzkow] so oft angegriffen, ist die ganze Titel-Idee gestohlen, nur wusste G[utzkow] alles das „Heilige“ glücklich um die Ecke zu bringen.

362. Heinrich von Treitschke an Eduard von Treitschke, Bonn, 6. Februar 1852 Von den Dichtern unserer neuesten Schulen halte ich Gutzkow für den größten, ich bewundere ihn zwar, aber ich kann ihn nicht lieben.

363. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 2. März 1852 Auf dem Zeitungsmuseum die Fehde zwischen den „Grenzboten“ und Gutzkow verfolgt. Ein interessanter Kampf, Gutzkow mit seiner blitzenden Stichwaffe immer um den Gegner herumspringend, hie und da eine schwache Seite erlistend und ihm die Haut ritzend, jener, fest stehend, eine Keule in der Hand, wovon jeder Schlag eines seiner Glieder bricht. Auch Freytags Kritik über Auerbachs Buch ist treffend, wenn auch nicht erschöpfend, und mäßig dabei.

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364. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 7. März 1852 Nach Tisch Besuch von Auerbach. Es ist seltsam zu sehen, wie er jetzt eine Ekstase für Gutzkow veranstaltet, seinen Roman ein Riesenwerk nennt und behauptet, es gehe eine große Wandlung mit ihm vor, daneben aber doch auf die Wiederherausgabe der „Wally“ stach. Wieviel Lüge vor dem eingebildeten Vorteil, den er von Gutzkows Kameraderie zu haben hofft, von ihm, den er bisher so sehr verachtet.

365. Eduard Devrient, Tagebuch, Dresden, 10. März 1852 Auf dem Zeitungsmuseum die neuen Streitschriften zwischen Gutzkow und Freytag gelesen: Gutzkow immer heftiger, gröber und kleinlicher, Freytag immer mehr sich heraushebend und übergewichtiger.

366 Heinrich Pröhle: Julian Schmidt in Leipzig. [*1886] (Grenzbotenstreit, März 1852) Julian Schmidt war damals der „verhätschelte Liebling der Damen“, welcher sich als Junggesell in Familienkreisen hoch beglückt fühlte. Man könnte als signatura temporis von Leipzig um 1850 den Kritiker mit der Brille bezeichnen, der bei den Spielen der jungen Damen im Freien, bei den Familienfesten im Walde immer als einer der eifrigsten voran war. „Ich bin niemals Kritiker“ pflegte Julian Schmidt kurz zu antworten, wenn Jemand seine Verwunderung darüber aussprach, den gefürchteten Bücherrezensenten so zu finden. Es war keineswegs die Gestalt eine Adonis, wohl aber der tiefe Sinn für einfache natürliche Verhältnisse und für Familienglück, das treue Gemüth und das freundliche Auge, was Schmidt in solchen Gesellschaften zum Hahn im Korbe machte. So kämpfte er auch in der Literatur, wo er als Kritiker auftrat, nur für einen heitern Realismus und hat dadurch die nationale Entwickelung gefördert. Aus dem frischen Geist, der über unsere Bourgeoisie kam, hat er gleichsam theoretisch den neuen realistischen Roman herzuleiten gesucht. Sobald Schmidt sich dieser positiven Aufgaben der deutschen Kritik in Leipzig bewußt wurde, erhielt die Form seiner Darstellung einen Schwung, von dem in seiner Geschichte der Romantik sich selten eine Spur zeigt. Es war, wenn auch einseitig, so doch zeitgemäß, daß er der eigentlichen Lyrik das erzählende Gedicht vorzog. Die heiter beim Wein fabulirende lyrische

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Julian Schmidt

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Muse der Gegenwart ist vielleicht von dem, was ihm damals vorschwebte, nicht weit entfernt. Durchaus segensreich wirkte er auf den Roman ein. […] Der Uebergang von der volksthümlichen Erzählung zu der Unterhaltungsschrift auf rein realistischer Grundlage wurde 1850 durch die leichten Holtei’schen Romane „Vagabonden“ und „Christian Lammfell“ gemacht. „Meinen Sie im Ernste“, fragte ich Julian Schmidt, „daß Holtei’s Romane empfehlenswerther sind als Gutzkow’s Ritter vom Geiste?“ Er antwortete: „Nun, schon weil sie anspruchsloser sind.“ Bereits war der Anfang der Ritter vom Geiste erschienen. Dem auserwählten Kritiker jener Tage stellte sich ein babylonischer Thurmbau in den Weg, schon hervorgegangen aus der Einsicht in das erweiterte Lesebedürfniß jener Zeit, aber noch voll von den alten, hier höchstens neu verwandelten Tendenzen. Julian Schmidt’s Kampf gegen das junge Deutschland gewann auf einmal eine praktische Bedeutung. Nur indem er diesem neunbändigen Riesenroman gegenüber zur Schleuder griff, konnte er auf den Höhepunkt seines Ansehens als Rezensent gelangen. Jetzt bildete Karl Gutzkow den Gegenstand unseres täglichen Gespräches. Es war jedenfalls vor 1848, als ich von Gutzkow als alter Mitarbeiter seines Hamburger Telegraphen im Hotel de Rome zu Tische geladen wurde. Er war wegen einer Gehörkur nach Berlin gekommen, die er damals bei Cramer machte und später bei Lucae wiederholte. Ich glaubte ihm vor allen Dingen einen Besuch auf seinem Zimmer machen zu müssen, erfuhr aber, daß er sich bereits allein im Speisesaale befinde. Hier hatte er drei Sessel zurecht rücken lassen, von denen er den mittelsten einnahm. Er nöthigte mich zu seiner Linken Platz zu nehmen und suchte sich deswegen zu entschuldigen. Er höre, sagte er, auf dem rechten Ohre sehr schwer. Nun habe er nicht umhin gekonnt, Julius Lasker (den Onkel von Eduard Lasker) einmal einzuladen. Er sprach sich über diesen Schriftsteller wegwerfend aus und fügte hinzu, daß er zu seiner Rechten sitzen solle, weil er nichts mit ihm zu sprechen habe. Der Eifer, mit dem er dies auseinandersetzte, ließ erst etwas nach, als ich sagte, daß ich auch mit Lasker bekannt sei. Wie ich als unbedeutender Student sogleich vermuthet hatte, so gerieth die Unterhaltung zwischen ihm und mir sehr bald ins Stocken. Desto lebhafter wurde das Gespräch mit Lasker, dem früheren Redakteur des Danziger „Dampfbootes“ und gewissermaßen dem Dramaturgen des Königsstädtischen Theaters, welcher damals ein kleines, aber drei- oder mehrmals in der Woche erscheinendes Blatt herausgab, das mehrere Wochen lang nach diesem Tage von Gutzkow’s Lobe überfloß. An diese ihm früher von mir erzählte Geschichte erinnerte mich Auerbach, als wir nach der Gedächtnißfeier für Gutzkow in

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Berlin eine Weinstube in einem Seitengäßchen der Linden besuchten. Auch Julian Schmidt bekam die Geschichte zu hören, während er die Ritter vom Geiste rezensirte. Kaum war die Kritik in den „Grenzboten“ erschienen, so erfolgte eine geharnischte Erklärung von Gutzkow gegen Julian Schmidt in der „Deutsch. Allg. Ztg.“ Wir lasen dieselbe bei unserem gewöhnlichen Mittagstische in der „Stadt Hamburg“. Aber schon als wir am Nachmittage um 4 wieder zusammen kamen, sagte mir Schmidt, es sei von einem Tischgaste beobachtet worden, daß ich diese Erklärung „mit der Schadenfreude eines Literaten“ gelesen habe. Nun hielt ich von meinem gewissermaßen volksthümlichen Standpunkte aus die Bekämpfung der Ritter vom Geiste für ebenso nöthig als Schmidt von seinem rein realistischen Prinzip aus. In Allem, was dieser gegen Gutzkow gesagt hatte, stand ich auf seiner Seite. Schmidt’s bedeutende Erfolge als Kritiker beruhten auch in diesem Falle darauf, daß er mit „wunderbarer Klarheit“ fast stets das Richtige erkannte und aussprach. Doch hatte seine Stellung innerhalb der damaligen Tagesliteratur noch etwas Unvermitteltes, weil ihm alle Kenntniß derselben abging. Dies und Aehnliches hatte Gutzkow aus der Ferne beobachtet wie ich in der Nähe. Er hielt es Schmidt vor. Wie Schmidt in den Hauptsachen, so hatte Gutzkow Recht in den Nebensachen. Dies hatte mich fast zum Lachen gebracht, als ich die Erklärung las, und das war die „Schadenfreude eines Literaten.“ Ich schrieb diese Geschichte Auerbach. Er war ungleich mehr als Schmidt eingeweiht in die Verhältnisse der Tagesliteratur. Ich wußte, daß er in dieser Sache so dachte wie ich. Gutzkow und Auerbach galten auch zu jener Zeit keineswegs als Freunde. Beide lebten aber in Dresden. Wenige Tage, nachdem ich jenen Brief an Auerbach geschrieben hatte, trat Gutzkow in mein Zimmer. Indem er sich auf einen Stuhl niederfallen ließ, eröffnete er das Gespräch mit den Worten „Sie sind der Brockengeist in unserer Literatur.“ Ich antwortete: „Damit sagen Sie mir nichts Angenehmes. Sie haben schon in Ihrem Telegraphen einst einen Aufsatz drucken lassen, in welchem Sie alle Schriftsteller in Alpen- und Brockengeister theilten. Sie erhoben die Alpengeister bis in den Himmel, von den Brockengeistern sagten Sie nicht viel Gutes.“ Hierauf sagte er: „Daran dachte ich jetzt nicht mehr. Auerbach schickt mich zu Ihnen. Sie sollen vermitteln. Ich will Julian Schmidt fordern, wenn er nicht Alles, was er gegen meine Ritter vom Geiste auf eine verletzende Art gesagt hat, noch einmal auf eine nicht mehr beleidigende Art wiederholt.“ Ich übernahm die Vermittelung. Schon an einem der nächsten Tage schrieb ich an Gutzkow, als ich mich in seiner Angelegenheit in Julian Schmidt’s Wohnung begeben habe, sei mir derselbe bereits mit einem neuen Artikel über die Ritter vom Geiste entgegen gekommen. Derselbe sei sehr ruhig geschrieben,

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nehme aber natürlich nichts von dem früher Gesagten zurück. Er werde denselben in der nächsten Nummer der „Grenzboten“ lesen und damit sei die Sache meiner Ansicht nach erledigt. Julian Schmidt eine Bestellung von ihm zu machen, hätte ich gar keine Veranlassung mehr gehabt. Dabei blieb es trotz einem sehr unzufriedenen Brief Gutzkows an mich, der sich unter meinen Papieren befindet. Ich hatte die Sache todt gemacht. Ein Lob muß ich Gutzkow hierbei zugestehen, selbst Julian Schmidt würde es ihm jetzt nicht versagen. Was Gutzkow damals in einer kurzen „Erklärung“ Julian Schmidt vorgeworfen hatte, war viel geistreicher, als was Lassalle zu einer Zeit, da es schon lange nicht mehr wahr genannt werden konnte, in einer vielbewunderten Broschüre voll Seitenquarten und Terzen gegen ihn wiederholt hat.

367. Feodor Wehl [*1889] (Grenzbotenstreit, März 1852) Julian Schmidt war ein anderer Wolfgang Menzel, ein Kritiker, der mit großer Entschiedenheit in seiner Literaturgeschichte seine Meinung aussprach und nachdem er die Romantik niedergemetzelt und dem Idealismus ein etwas kärgliches Dasein zu fristen erlaubt hatte, sich zum Schutz- und Schirmherrn des Realismus machte. Gustav Freytag erklärte er für das mustergültige Haupt dieser Richtung und Gutzkow so ziemlich für einen Stümper in allen Fächern. Es wird sich nicht leugnen lassen, daß er in einigen Punkten das Richtige traf; aber im Allgemeinen, das darf man heut wohl ungescheut aussprechen, that er Gutzkow ein schreiendes Unrecht. Und er that es warum? Mir scheint: nur weil er eines Sündenbocks für seinen kritischen Uebermuth und für Freytag’s hellen Ruhm einer dunklen Folie bedurfte. Damit Freytag glänzen konnte, mußte Gutzkow verschwärzt werden. Und diese Verschwärzung wurde gradezu systematisch betrieben. Daß sie eine schwierige Sache gewesen, wird sich dabei nicht eben behaupten lassen. Freytag und Gutzkow sind so ziemlich Gegensätze im Leben wie in der Literatur. Der Erstere hat sich behaglich und glücklich entwickeln und eine humoristische Ader drollig und lebensfrisch in seinen Werken entfalten können. Er ist immer ein Mann von geschlossener Haltung gewesen, der auch politisch einen schnurgeraden, nie durch Abenteuerlichkeit oder Extravaganzen gestörten Weg einzuschlagen und zu verfolgen verstand. Gutzkow hat, wie von mir gezeigt worden, in seiner Existenz nur Anstrengung, Mühe und Sorge und in seinem literarischen Wirken lediglich die quälerischen und verhängnißvollen Elemente seiner Zeit getroffen. Hier ist Alles düster, verzweiflungsvoll und tragisch, dort sonnenklar, munter und lachend. Freytag errang sich Ruf und Beifall durch Lustspiele und komische Romane; Gutzkow

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durch Tragödien und erschütternde Zeitgemälde. Letzterer durch viele, Ersterer durch wenig Werke. „Die Journalisten“ und „Soll und Haben“ reichten hin Freytag berühmt zu machen. Gutzkow wurde es durch eine lange Reihe von Arbeiten. Dieser erschöpfte sich, Jener sammelte sich. Und in diesen Zustand der Beiden fiel für Freytag Julian Schmidt’s Lob und für Gutzkow dessen Tadel. Es wird leicht sein: sich von der Wirkung eine Vorstellung zu machen. Der Glückliche ward gehoben, der Unglückliche niedergedrückt. Ich habe Gutzkow nicht weinen sehen, nicht fluchen hören über die Angriffe, mit denen Schmidt sein Literaturwerk in den „Grenzboten“ vorbereitete, wohl aber hatte ich Gelegenheit inne zu werden, wie sie ihn marterten, verstimmten und ihm wehthaten mitten im angestrengtesten Schaffen. Ich vergesse nie, wie ich ihn eines Tages über dem Lesen eines so feindlichen Aufsatzes traf. Er saß zusammengesunken, das Blatt dicht vor die schwachen Augen gedrückt, mit farblosem Gesicht, den blonden Schnurrbart mit den Zähnen kauend und dann und wann den dünnen Kinnbart durch die Finger der linken Hand hindurch gleiten lassend. Er sah aus wie das Bild des Jammers. „Was haben Sie?“ frug ich erschreckt. Er antwortete nicht und las weiter. Endlich erhob er sich und reichte mir das Heft entgegen, indem er sagte: „Sokrates starb an Schierling. Meine Gegner wollen beweisen, daß auch Wermuth tödten kann!“ Damit ging er, ohne Klage, ohne Widerspruch, ohne Zornesausbruch an – – – die Arbeit. […] Unausgesetzt bekrittelt und verlästert, gewöhnte er sich daran, in allem seinem Treiben und Thun nur an Abgunst und Widerstand zu denken, was am Ende natürlich zum Verfolgungswahnsinn ausarten mußte. Emil Kuh und Adolf Stern, die aus Julian Schmidt’s Schule hervorgingen, halfen leider wesentlich dazu mit, weil sie in ihrer Begeisterung für Friedrich Hebbel und Otto Ludwig glaubten Gutzkow nicht tief genug stellen zu sollen. Viele Andere und Geringere schlossen sich ihnen an und so entstand zuletzt eine wahre Phalanx von feindseligen Kritikern, durch die er von Anfang bis zu Ende literarische Spießruthen laufen mußte. Kein Wunder also, daß er im Geiste wund und verbittert wurde. Sein Geist empfand sehr lebhaft jeden gegnerischen Streich und es wurde ihm keiner erspart. Ich habe bereits früher berichtet, daß es seine Gewohnheit war, kein Blättchen, das ihm vor Augen kam, unbeachtet zu lassen. Er durchflog alle Zeitungen, von der größten bis zur kleinsten. Nichts Gedrucktes entging ihm; Alles spürte er auf; so natürlich auch, was gegen ihn gerichtet war. Was er aber selber nicht entdeckte, das entdeckten seine Vertrauten, die es ihm zutrugen und das Uebel durch ihren theilnehmenden Eifer vermehrten. Wie oft habe ich ihn außer sich gesehen über

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dergleichen Zuträgereien. Zuweilen hatte ich selber Äußerungen vernommen, die von Seiten Auerbach’s, Julius Pabst’s oder Anderer gefallen und die, ohne Arg und völlig harmlos, ihm als gehässigste Angriffe hinterbracht worden waren. Freytag’s Gegnerschaft ist ihm entschieden wohl stärker und rühriger vorgestellt worden, als sie bestand und selbst die von Julian Schmidt feindseliger als sie war. Meinte doch Gutzkow einmal sogar zum Zweikampfe fordern zu müssen. Nur mit Mühe gelang es den besonneren seiner Freunde diesen Schritt zu verhindern. Verstärkt ward übrigens Gutzkow’s Verstimmung, wenigstens in früherer Zeit, durch den Umstand, daß er vermied, im häuslichen Kreise sich darüber auszusprechen. „Warum die Seele der Meinigen beunruhigen durch das Gift, welches die Vipernzungen gegen mich ausgespritzt?“ sagte er einst zu mir. „Es ist genug, daß ich davon leide. Warum auch sie noch betrüben?“

368. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Landsitz Loschwitz, 19. März 1852 Auf dem Berge. Der heutige Tag ist zu Besuchen bestimmt und dadurch ausgefüllt gewesen. Besuche sind aber für mich Geschäfte in Dresden, da ich auf Höflichkeitsbesuche nur ganz ausnahmsweise mich einmal einlasse. Gutzkow fand ich noch immer sehr affiziert wegen der Grenz bo t en, die Gutzkow und mich zum zweiten Male angegriffen haben und gegen die wir zum zweiten Male zu Feld ziehen mußten. Ich nehme diese Sache im ganzen, wenn sie mich auch augenblicklich aufregt und ärgert, doch im ganzen so leicht, daß ich es nicht einmal der Mühe wert halte, über Angriff und Abwehr viel im Tagebuch niederzulegen. Gutzkow aber ist von jeder Kleinigkeit in dieser Beziehung erregt, und ich sagte ihm ganz offen, daß ich nicht begreife, wie jemand, der sich sagen muß, etwas Tüchtiges geliefert und dafür die allgemeinste Anerkennung gefunden zu haben, wie mit Gutzkow durch die Ri t t er vo m Gei st e der Fall ist, so großen Wert auf jedes journalistische Urteil legen könne, zumal Gutzkow selbst zu sehr Journalist ist, um zu wissen, was im allgemeinen auf so etwas zu geben ist. Aber die Erklärung liegt eigentlich in einer Äußerung, die Gutzkow entfuhr. Er fühlt nämlich, daß Schmidt und Freytag, in dem, was sie gegen ihn sagen, viel Wahres und Begründetes vorbringen und im Grunde nur alles übertreiben; wäre alles unbegründet, dürfte Gutzkow sich das sagen, so würde er alles sehr ruhig hinnehmen. Es ist eine merkwürdige Persönlichkeit, dieser Gutzkow; aber wieviel Schwächen sich auch bei ihm gleich herausstellen, er ist doch eine ausgezeichnet begabte Natur. Jetzt hat er wieder seine Not über den Erfolg der R it t e r, denn er weiß nicht, was er hierauf dem Publikum bieten soll. Seine äußeren Verhältnisse weisen ihn ganz entschieden auf den Erwerb

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mit der Feder hin, und er war nicht sehr erfreut darüber, daß ich vorläufig auf seine Idee wegen der Veranstaltung einer wohlfeilen Ausgabe seiner Dramen nicht eingehen konnte. Wir haben die Sache teuer gekauft, wenn aber auch die Ankaufsumme nicht ganz auf die Sache getragen würde, so ruht doch immer noch ein großes Kapital darauf, und das kann man nicht so aufopfern, um dafür ein neues Unternehmen zu machen, dessen Erfolg zweifelhaft ist und das keinesfalls ein ausreichender Ersatz für das sein wird, was man bestimmt aufopfert. Es geht auch mit den Dr a m e n nicht schlecht, freilich aber nicht so schnell, wie Gutzkow möchte. Ich wies übrigens Gutzkow darauf hin, daß, wenn er geneigt sei, Dresden zu verlassen und sich nach Leipzig überzusiedeln, dann vielleicht in Beziehung auf die Redaktion der Blät t er f ü r li t erari sc h e Un te r halt un g und des Feuilletons der Zeitung mit ihm ein Abkommen zu treffen sein möchte. Dann teilte ich ihm noch einen Plan mit, der mich seit einiger Zeit lebhaft beschäftigt, und gewissermaßen trafen wir hierbei zusammen, da auch er mir etwas Ähnliches mitzuteilen beabsichtigt hatte. Es scheint mir nämlich entschieden an einem guten Unterhaltungsblatt für die Familie zu fehlen. Es müßte nicht in der Weise der gewöhnlichen belletristischen Blätter gegeben werden, von dem gewöhnlichen Illustrationswesen müßte man auch absehen. Man müßte die besten Kräfte dafür gewinnen, namentlich aber müßte der Herausgeber das meiste liefern. Von allem, was bloß auf den Moment sich bezieht, müßte man absehen. Ein Band solch eines Blattes müßte noch nach Jahren eine willkommene Lektüre sein. Der Preis wäre so billig zu stellen, daß man für 52 Bogen Großoktav-Format höchstens 2 Taler das Jahr, einen halben vierteljährlich verlangte, um dadurch zur eigenen Anschaffung anzuspornen, denn das Unternehmen müßte gleich als ein verfehltes angesehen werden, wenn es einem nur gelänge, das Blatt in die gewöhnlichen Journalzirkel zu bringen. Man müßte sich gewissermaßen vornehmen, nicht unter 10000 Exemplaren abzusetzen, und darauf die Kalkulation und den ganzen Zuschnitt machen. Wir werden weiter miteinander über den Plan verhandeln, und ich zweifle eigentlich schon jetzt nicht an einer Einigung und an einem Erfolge.

369. Levin Schücking an Franz Dingelstedt, Köln, 20. März 1852 Was sagen Sie zu Gutzkows Streit mit den Grenzboten? Dies Blatt hat sich einen famosen Stil angeschnallt, eine Arroganz und Überhebung, die großartig sind. Aber leider imponieren sie damit, und Gutzkow hätte eine andere Gelegenheit, sie zu befehden und zu analysieren, wahrnehmen sollen, als jetzt wo es sich um „Wally“ und die „Ritter“ handelt – pro domo!

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370. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 7. Mai 1852 Gestern waren wir im Kontor zusammen, dann in einem Gasthause, und Gutzkow zeigte sich in den verschiedenen Gesprächen, die wir mit ihm hatten, ganz so, wie ich ihn schon lange kenne. Von der Eitelkeit will er nicht gern etwas wissen, da sie ihm so oft vorgeworfen wird, aber sie ist in der Tat der Grundzug seines Wesens und aus ihr entspringt alles, was in dem Alter für Gutzkow nicht grade angenehm ist. Dabei hat er aber doch so viele liebenswürdige Seiten, von seinem Geiste und Talente ganz zu geschweigen, daß ich ihm nicht gram werden kann, und wenn er im Geschäft oft kleinlich sich zeigt, so kamen wir doch in der Hauptsache sehr bald mit ihm zustande. Das war auch der Fall mit den Un te r haltu n g s s t un d e n a m h ä us l i c h e n Herd , wie einstweilen das neue Blatt getauft ist, nachdem ich freilich in der Hauptsache, den jährlich ihm zu zahlenden 1800 Talern, nachgegeben hatte.

371. Emilie Fontane an Theodor Fontane, Liegnitz, 18. Mai 1852 Auch geistigen Genuß habe ich, außer Deine Briefe, die oft meine Sehnsucht verscheuchen müssen, lese ich die „Ritter vom Geiste“, meinem schwachen Urtheil nach hat sich Hr. Gutskow, die Franzosen Sue u. Dumas zum Muster bei diesem Roman genommen, namentlich den letzteren, nur schreibt er zu seinem Vortheil, reiner, aber zu seinem Nachtheil, weniger spannend u. breiter.

372. Theodor Storm an Hartmuth Brinkmann, Husum, 11. September 1852 Was ich Dir nun vor Allen sagen wollte – ich habe die Ritter vom Geiste jetzt zu Ende gelesen, und bin jetzt von bewundernder Hochachtung und Sympathie für den Verfasser ganz erfüllt. Jeder ernste, wahrhaftige und gebildete Mensch muß diesem Buche in seinem Hauptinhalte beistimmen. Es ist wirklich eine That, dieß Buch, wie sie diese Zeit verlangte. Ein Bund der Geister gegen den Mißbrauch der Gewalt von oben und unten, ein festes Einverständniß, sich unter keiner Bedingung gegen Ueberzeugung gebrauchen zu lassen oder überhaupt um der lieben bürgerlichen Existenz willen so zu handeln. Ob der V[er]f[asser] an pracktische Folgen gedacht, ob das Buch schon solche gehabt, ich weiß es nicht; aber schon allein diese ganze unerbittliche Entwicklung der faulen Verhältnisse mit der siegenden Kraft der Wahrheit und des sittlichen Ernstes, muß viele Unklare klar, viele Schwankende fest machen. Welche mo-

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ralische Stütze übrigens darin liegt, wenn man bei überzeugungstreuem Handeln, wodurch man sein bürgerliches Fortkommen etc. aufs Spiel setzt, sich als Glied einer großen unsichtbaren Kirche fühlen kann, das fühl ich so tief und lebendig daß ich es ausschreien möchte. Lies das Buch, sobald als möglich; es liest sich nicht schwer; denn man bleibt ja im heutigen Tag.

373. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Landsitz Loschwitz, 12. September 1852 (Auf dem Berge.) Eduard, der den letzten Extrazug benutzt hatte, stellte sich zeitig auf dem Berge ein. Der eigentliche Zweck unserer Fahrt hierher war, mit Gutzkow die letzten Verabredungen wegen der „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ zu treffen, und ich hatte dazu ihn und seine Frau mittags zu uns auf den Berg geladen. Es war ein recht angenehmer Mittag, denn es spricht sich gut mit Gutzkow, und seine Frau hat etwas freundlich Angenehmes in ihrem Wesen, ist dabei unendlich natürlicher als Gutzkow selbst, der eigentlich nie aus einem berechneten, raffinirten Wesen herauskommt. Wir haben dann nach Tische alles geordnet, und ich beginne das neue Unternehmen mit größerm Vertrauen, als ich sonst in der Regel jetzt bei neuen Sachen zu haben pflege. Der Inhalt der ersten Nummer ist allerliebst, und Gutzkow hat hier aufs neue sein außerordentliches Geschick bewiesen. Man sollte meinen, ein solches Blatt, wofür man vierteljährlich nur 16 Gr. verlangt, müsse ansprechen.

374. Friedrich Hebbel an Franz Dingelstedt, Wien, 6. Oktober 1852 Ich gehe an den 5ten Bd der Ritter vom Geist, die mir großes Interesse einflößen. Zu dem Buch gratulire ich Gutzkow; das ist sein Boden, hier ist ihm gelungen, was er im Blasedow begann.

375. Richard Wagner an Theodor Uhlig, [Zürich?], 14. Oktober 1852 Die „Ritter vom Geiste“ werde ich trotz Schlurck – nie kennen lernen: darin halte ich eine ungeheuer strenge diät! Selbst Hei ne’s Romancero habe ich nicht gelesen. Ich ahne meinen völligen Ruin, wenn ich auch noch mit so ’was mich abgäbe.

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376. Levin Schücking an Franz Dingelstedt, Sassenberg, 15. Oktober 1852 Was sagen Sie zu Freund Gutzkows neuer Unternehmung? Diese Zahmheit des ehemaligen Chefs des jungen Deutschlands hat etwas Bedrückendes und Beängstigendes für mich. Ich wollte, Gutzkow hätte ein großes Vermögen oder reichliches Gehalt und würfe sich nicht auf die „Sinnigkeit“. Es ist traurig, wenn ein darbender hungriger Schauspieler den Bouffon macht, aber auch traurig, wenn ein geistreicher Mann, der heiter und piquant sein könnte, den Trübseligen macht, um, nun warum, das sieht man diesen Unterhaltungen an der Nasenspitze an!

377. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Dresden, 21. November 1852 Ich habe dir Freudiges mitzutheilen. Mein Buch (das du von Bassermann erhalten haben wirst) macht einen ungewöhnlichen Eindruck. Gutzkow nannte den Diethelm ein „Meisterstück, musterhaft in Anlage und Ausführung“, und wir stehen so miteinander, daß wir uns die Wahrheit sagen.

378. Arthur Schopenhauer an Julius Frauenstädt, Frankfurt, 22. November 1852 Inzwischen habe ich meinerseits auch einen Aufsatz entdeckt, über die Parerga, und zwar wo ich ihn am wenigsten suchte, in Gutzkow’s „Unterhaltungen am häuslichen Heerd“, überschrieben „ein Selbstdenker“. Ist voller Lob, aber assäsonnirt mit einigem Tadel, der im Grunde mit dem Lobe gar nicht bestehn könnte, und auch sonst abgeschmackt ist; auch mit einer persönlichen Anzüglichkeit, zu welcher keinen Anlaß gegeben zu haben mir über die Maaßen Leid seyn sollte. Im Ganzen ist es recht hübsch, daß der nun auch noch hinterdrein fistulirt, als Piccolo, im Orchester, während Sie der Grundbaß sind. Lesen Sie es ja!

379. Karl Frenzel [*1879] (Unterhaltungen am häuslichen Herd) Eine nähere Verbindung knüpften seine „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, das erste Blatt in Deutschland, welches in der Form einer Wochenschrift für weiter gegriffene Kreise der gebildeten Gesellschaft Unterhaltung, Belehrung und Anregung auf allen Gebieten des Lebens und der Wissenschaft

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mit einander verband. Auf der einen Seite überragte es die Pfennigblätter und Magazine der Literatur, die Theater- und Modezeitungen, auf der anderen war es volksthümlicher, freisinniger, umfassender gestaltet als das vornehm ausschließliche Cotta’sche Morgenblatt. Im Großen und Ganzen glich es dem Feuilleton einer heutigen großen Zeitung. Für die fünfziger Jahre, jene trübe, scheinbar aussichtslose Reactionszeit, waren die „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ von Werth und Bedeutung. Gutzkow konnte, um den Ausdruck zu gebrauchen, nicht „ohne Blatt“ leben. Er war der literarischen Händel gewohnt; über gewisse Tagesfragen sich auszusprechen, gehörte zu seinen geistigen Bedürfnissen. […] Jetzt, von theatralischen Geschäften frei, in dem dunklen Gefühl, daß die dramatische Ader in ihm langsam versiege, hatte er die „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ gegründet. Vom October 1852 bis zum Ausgang des Jahres 1862 hat er sie geleitet. Einige Aufsätze, die ich ihm im Jahre 1853 dafür geschrieben, führten einen Briefwechsel, eine Begegnung herbei. Gegenseitiges Gefallen an einander adelte und vertiefte sich allmälig zur Freundschaft. Gebrochen ist sie von keiner Seite worden, aber im Verlauf der Jahre, im Ansturm der Dinge verlor sie Farbe und Glanz. Seit dem Sommer des Jahres 1868 schlief der Briefwechsel ein, wir sind uns dann nur noch flüchtig, obgleich wir Jahre lang in derselben Stadt Berlin lebten, auf der Straße, an dritten Orten gegenübergetreten.

380. Max Ring [*1898] (Unterhaltungen am häuslichen Herd) Auch mich forderte er mehrfach auf, mich als Mitarbeiter an den von ihm seit 1852 bei Brockhaus in Leipzig herausgegebenen „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ zu beteiligen. „Ich brauche,“ schrieb er mir, „nicht nur Unterhaltendes, sondern auch Moralisches, Unanstößiges, Kurzes, und zu dem Allem verlang’ ich noch Bescheidenheit, anonyme Beiträge sind mir lieber, als unterzeichnete. Denn ich rechne so: Oft geben unberühmte Leute sehr gute Sachen und berühmte sehr schlechte. Mein Blatt soll keine alte Trödelbude abgelegter Staatskleider von Majestäten sein, wie anfangs Prutzens ‚Museum‘ war, das brachte, was gerade die Herren Varnhagen, Rosenkranz oder Böckh etc. an alten Kleidern liegen hatten. Kurz, Namen sind mir Dunst!“ Schon nach einigen Monaten klagte mir Gutzkow über die Teilnahmlosigkeit des Publikums und die Böswilligkeit der Kritik, wobei er es nicht an geistvollen und treffenden Ausfällen und Bemerkungen fehlen ließ. „Es ist traurig genug,“ äußerte er unter anderem gegen mich, „daß unsere Litteratur seit 1830 fast mehr für die Schreibenden, als für die Lesenden existiert.“ Als ich ihn in jener Zeit auf einer Reise nach Teplitz in Dresden besuchte, fand ich ihn ver-

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Karl Gutzkow, Karikatur von Herbert König 1853

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stimmt, verbittert, von häuslichen Sorgen bedrückt. Mit Auerbach, der damals ebenfalls in Dresden wohnte, konnte er trotz dessen freundlichem Entgegenkommen auf die Dauer kein rechtes Einvernehmen haben, da ihre beiderseitigen Naturen wie Nord und Süd verschieden waren. Meine Bemühungen, ein Verständnis herbeizuführen, scheiterten an den eigentümlichen Verhältnissen und blieben ohne Erfolg. Trotzdem verlebte ich mit Gutzkow mir unvergeßliche Stunden im ernsten Gespräch auf der Brühlschen Terrasse, bis spät nach Mitternacht auf- und niedergehend, wobei ich Gelegenheit hatte, einen tieferen Blick in die Seele des interessanten Dichters zu thun, von dessen inneren Kämpfen und bitteren Leiden damals nur Wenige eine Ahnung hatten. Es war nicht allein verletzte Eitelkeit, sondern das Gefühl erlittenen Unrechts, der natürliche Zorn des bedeutenden Schriftstellers über die unverdienten und oft maßlosen Angriffe einer litterarischen Clique, die an seinem Herzen nagten und aus seinen Worten sprachen. Im vollen Bewußtsein seiner eminenten Begabung und seiner bewunderungswürdigen Leistungen sah sich Gutzkow von Leuten, die tief unter ihm standen und nicht wert waren, ihm die Schuhriemen zu lösen, schändlich angegriffen, von einer boshaften Kritik herabgezogen, von der undankbaren Menge ignoriert und zurückgesetzt gegen neu auftauchende Berühmtheiten des Tages, die er an Geist und Vielseitigkeit des Talentes bei weitem überragte, wenn sie auch dem gewöhnlichen Geschmack des großen Publikums sympathischer waren.

381. Friedrich Spielhagen [*1890] (Unterhaltungen am häuslichen Herd) Es muß um diese Zeit des Anfangs meiner Lehrthätigkeit oder wenig später gewesen sein, als ich mein bescheidenes schriftstellerisches Debüt machte. Meinem Gedächtnis war schon so gut wie entfallen, daß mein gütiger Freund Overbeck noch während meines ersten Leipziger Aufenthaltes, verzweifelnd, für „Clara Vere“ einen Verleger zu finden, eine kleine Arbeit, die ich ihm ebenfalls vorgelegt, an Gutzkow für die „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ gesandt hatte: jenen Aufsatz über Homer, den ich seinerzeit für meine Schwester geschrieben. Gutzkow hatte nicht abgelehnt, aber auch keine bestimmte Zeit für die Veröffentlichung in Aussicht gestellt. Darüber war ich nach Magdeburg in die schauspielerische Campagne gegangen und dachte, wie gesagt, kaum noch an jene Angelegenheit. Um so angenehmer überraschte es mich, als ich eines Tages ein Heft der „Unterhaltungen“ zugesandt erhielt, in welchem der Aufsatz unverkürzt und auch sonst unverändert stand. Es folgten ein paar Zeilen von Gutzkow, in welchen er mir über die Arbeit einiges recht Freundliche sagte und mich zu weiterer Mitarbeiterschaft aufforderte. Hier war denn nun

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eine Anknüpfung gegeben, wie ich sie mir günstiger nicht wohl denken konnte. Anstatt mit beiden Händen zuzugreifen; die verschiedenen kleineren und größeren Essays, die viertel, halb und beinahe ganz fertig im Pulte lagen, zu revidieren, zu vollenden; sie dem von mir hochverehrten, mir auf halbem Wege entgegenkommenden Manne anzubieten; ihm von der ins Stocken geratenen Novelle Mitteilung zu machen; ihm wenigstens mein weitgereistes Schmerzenskind vorzustellen, that ich nichts von alledem, sondern sandte – eigentlich nur seine Höflichkeit nicht unerwidert zu lassen – eine noch dazu ziemlich willkürlich getroffene Auswahl jener dem Leser bekannten Aphorismen, in welchen ich nun schon seit Jahren das Resultat meiner moralischen und ästhetischen Spekulation in knappster Form zu fixieren suchte. Auch diese wurden gütig aufgenommen und gelegentlich als Lückenbüßer zum Abdruck gebracht, womit es dann vor der Hand sein Bewenden hatte.

382. Otto Roquette [*1894]

Dresden, 1853–1857

Eben so wenig, wie wohl aus andern Ursachen, konnte ich ein Verhältniß finden zu demjenigen, der sich als das eigentliche Haupt der Litteratur, und nicht nur des Dresdener Kreises, durchzusetzen strebte, nämlich zu Gu t z kow. Er stand in diesen Jahren auf der Höhe seines Ruhmes und auch seines Schaffens. Denn alle seine bedeutenderen Dramen waren erschienen, wurden auf allen Theatern gegeben, und sein umfangreicher Roman „Die Ritter vom Geiste“, hatte Epoche gemacht. Die hervorragendsten seiner zahlreichen Schriften kannte ich, und wenn ich ihn nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern rechnete, seinen Styl sogar abscheulich fand, so stand mir seine litterarische Bedeutung doch unzweifelhaft fest. Ließen dies auch Andre gelten, so machte ihnen doch sein persönliches Betragen manche Not, und den geselligen Verkehr recht schwierig. Denn er verlangte nicht nur Bewunderung, sondern unbedingte Unterwerfung. Jeder Widerspruch reizte und stachelte ihn auf, wurde niemals von ihm vergessen und erhielt ihn in gehässiger Stimmung. Er ärgerte sich leicht, und traute Vielen zu, daß sie ihn ärgern wollten. So sah er zuletzt überall Feinde, und machte sich Feinde. Jeder Schriftsteller war eigentlich sein geborener Feind. Denn litterarische Eifersucht, Neid, Mißgunst, Verkleinerungssucht, haben selten einen so schroffen Ausdruck gefunden als bei Gutzkow. Man wußte das, man spottete, man war unwillig darüber, aber man schonte ihn doch, denn man fürchtete ihn. Er redigierte ja immer irgend eine gefährliche Zeit-, Monats- oder Wochenschrift, jetzt die „Blätter am häuslichen Herd“, er übte damit eine Macht, er konnte über ihm mißliebige Leute so viel Böses als möglich sagen, und that dies sehr gern. So mußte die Stimmung der litterarischen Kreise in Dresden im Gan-

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zen gegen ihn sein. Aber Gutzkow hatte auch Freunde. Diese erklärten, er sei besser und gemütvoller, als er sich gebe; sie bemitleideten ihn wegen seiner Zustände. Denn er sei nicht glücklich, und überreize seine Nerven durch Arbeit. In der That hatte er für eine große Familie und einen nicht kleinen häuslichen Aufwand, ganz allein seine Feder zu rühren. Eine solche Arbeitsfähigkeit ist immer anerkennenswert. Es mochte denn wahr sein, daß er auch liebenswürdig sein konnte, für gewöhnlich war er unausstehlich. Als ich durch Auerbach den litterarischen Kreisen zugeführt wurde, verstand es sich von selbst, daß ich mich auch bei Gutzkow zu einem ganz feierlichen Besuch meldete. Er empfing mich herablassend, aber nicht unhöflich. Das Gespräch schlug gleich den Grundton an, den er durchklingen ließ, so oft ich in der Folge in Berührung mit ihm kam. Die Augen eingekniffen, die als „impertinent“ bekannte Nase in die Höhe gerichtet, begann er mich auszufragen. Als hätte er noch nie von mir gehört – während ich wußte, daß er sich nach meinen Plänen bereits erkundigt hatte – begann er mit der Frage, was ich in Dresden zu „ambieren“ dächte? Daß ich Lehrer sei, wie er wohl wußte, ließ er vorerst bei Seite. Dann verlangte er von mir zu erfahren, ob ich etwa schon etwas geschrieben hätte? – während mir bekannt war, daß er sich über meine ersten Dichtungen bereits wegwerfend geäußert hatte. Nachdem ich ihm eine knappe Auskunft gegeben, meinte er: Lyrik sei zwar etwas recht Schönes, aber mit einem lyrischen Heftchen werde man noch nicht eigentlich zum Dichter. Vor Allem glaube man nicht, daß man dadurch schon befähigt sei, etwa – eine Wochenschrift herauszugeben. Eine Wochenschrift! Das war es, worauf er hinaus steuerte! Er fürchtete die Konkurrenz, und sah in jedem jungen Schriftsteller einen Nebenbuhler, der sein litterarischer Gegner werden mußte! Sehr väterlich riet er mir, auch von den poetischen Bestrebungen nicht zu viel zu erwarten, die Zeit sei diesen Dingen nicht günstig. Ich möchte mich auf die Schule beschränken, das sei ja auch eine schöne Lebensaufgabe. – Ich gewann von ihm bei diesem ersten Besuche den Eindruck eines nicht sehr gewiegten Comödianten, den man zugleich etwas ganz Andres „bei Seite“ sagen hört, als das was er ausspricht. Die Befürchtung, ich könnte ihm durch ein Journal zum Brodabschneider werden, wurde er nicht los, und von verschiedenen Seiten mußte ich immer wieder von seinen geheimen Erkundigungen hören. Die Sache fing an, mir Spaß zu machen, und wenn in der Gesellschaft etwas recht Tolles zur Sprache kam, sagte ich wohl: Das ist etwas für meine Wochenschrift! Bald schenkten mir Andre auch etwas „für meine Wochenschrift“, und endlich wurde im engeren Kreise die Bezeichnung „Wochenschrift“ zu einer Rubrik, unter welcher Alles lief, was man gegen Gutzkow auf dem Herzen hatte. Ich war nicht der Einzige, gegen den er den Verdacht einer Konkurrenz hegte. Wer jemals etwas mit der Feder zu thun gehabt, bis zum bescheidensten Zeitungsgehülfen,

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Karl Gutzkow in Dresden

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wurde von ihm notiert und überwacht. Und er kannte sie Alle, Alle! Ein feinerer Geruch für Tinte, eine schärfere Witterung für geheimes, sogar verschämtes Artikelchenschreiben, wird nicht leicht wieder zu finden sein. […] Die Eigenheiten in Gutzkows Charakter hinderten mich aber nicht, das Gute und Geistreiche, was er bot, mit Anteil zu empfangen. Ein neues Stück von ihm im Theater war mir stets ein Ereigniß. „Lenz und Söhne“, so wie „Ella Rose“ wurden damals zuerst aufgeführt, getragen von Darstellern wie Emil Devrient und Bogumil Davison. Da ich mich eher gestimmt fühlte, zu empfangen und mich anregen zu lassen, als zu kritisieren, so hatte ich manchen Genuß, den Andre nicht finden konnten. Im Theater aber war es, wo mir Gutzkow einen Skorpionstich zugedacht hatte, der ihm zur besonderen Genugthuung gereichte. Auch demjenigen, welchen er tief unter sich sah, verschmähte er nicht, etwas Unangenehmes zu erweisen. Als er eines Tages auf der Straße bei mir stehen blieb, und in seiner näselnden Manier sagte: „Ich habe kürzlich Ihren Namen in sein historisches Recht wieder eingesetzt“ – da verstand ich ihn nicht, und sah dem Dahinschreitenden befremdet nach. Als ich aber einige Tage darauf sein „Urbild des Tartüffe“ im Theater sah, wurde mir seine Absicht deutlich. Bisher nämlich war dieses Urbild ein Präsident Lamoignon gewesen, von jenem Abend an wurde ein Abbé Roquette daraus, und ist es auf der Bühne geblieben. Die Umwandlung des Namens gründete sich auf eine Notiz, die Gutzkow in einem französischen Journal gefunden hatte. Sie erregte im Dresdener Kreise viel Widerspruch, da jeder, der seinen Charakter kannte, sich über den Zweck einer solchen historischen Berichtigung nicht täuschte. Auch sonst war man hie und da in der Presse damit nicht einverstanden. Es hat selten ein Schriftsteller ein so geringes Maß von Wohlwollen im Busen getragen, wie Gutzkow.

383. Friedrich Hebbel an Christine Hebbel, Leipzig, 3. Juli 1853 In Gutzkow habe ich mich nicht getäuscht, er ist ein ganz anderer Mensch geworden und wir haben uns vortrefflich mit einander verständigt. Wir waren beide Tage viel beisammen, gestern aß ich bei ihm und fuhr dann augenblicklich auf den Eisenbahn-Hof, denn ich hatte schon vorher gepackt. Es machte mir einen eigenen Eindruck, zwei lang aufgeschossene Söhne, von denen der eine dem Vater schon über den Kopf sieht, mir gegenüber sitzen zu sehen und ich erinnerte mich gar wohl, daß ich in Hamburg gerade mit Gutzkow aß, als er die Nachricht von der Geburt des jüngsten durch einen Brief aus Frankfurt erhielt. Er wollte es nicht glauben, als ich es ihm in’s Gedächtniß zurück rief

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Friedrich Hebbel

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und seine Frau, ein sehr einfaches, naives Weibchen, das Dir gefallen wird, wenn Du es kennen lernst, wollte durchaus von mir wissen, wie er sich denn bei Empfang des Briefes benommen habe. Natürlich stellte ich ihm das beste Zeugniß aus. Auch ein allerliebstes kleines Mädchen haben sie, mit dem Titele sich sehr gut unterhalten würde. Es that mir leid, daß Du nicht mit da warst, er und sie trugen mir die herzlichsten Grüße für Dich auf, sie wünschen, daß wir auf der Rückreise zusammen bei ihnen einsprechen mögen, und ich denke es zu thun. […] Gutzkows letztes Wort zu mir war: „in unsers Vaters Hause sind viele Wohnungen!“ und da in uns Beiden die Erkenntniß gereift ist, daß wir auf verschiedenen Wegen dasselbe suchen, so wüßte ich nicht, warum wir nicht von jetzt an sollten zusammen gehen können. Für sein Blatt habe ich ihm den Dithmarsischen Bauer gegeben, der schon vor mir in Leipzig eingetroffen seyn wird. Mit seinem neuen Stück A n t o n i o Pe re z hielt er zurück, weil er sich, wie er sagte, vor mir fürchte; ich nahm es ihm aber mit Gewalt weg, denn ich bin wirklich begierig, ihn nach dem Roman wieder im Drama zu erblicken.

384. Theodor Storm an Friedrich Eggers, Husum, 3. Juli 1853 Seit der Periode des e r s t e n Buc h s der Gedichte habe ich fest darauf gehalten, nichts zu schreiben, was ich nicht mit meiner Persönlichkeit vertreten könnte, was nicht im Verhältniß zu mir aus einer gewissen Notwendigkeit entsprungen wäre. Gutzkow hat völlig Recht, wenn er in seinen Unterhaltungen N. 38 in Betreff „Buch Deutscher Lyrik v. Böttiger“ mit namentlichem Hinweis auf Redwitz u. Roque t t e s Beiträge einen Satz beginnt: „Wer so im Stillen eingedenk ernsterer Zeiten und schwererer Mühen den Muth dieser grünen, jungen Poëterei beobachtet“ etc. Es ist in der That dies Versemachen, bloß um etwas zu Markt zu bringen, etwas eines Mannes so unwürdiges, daß es nicht zu oft und nicht zu hart zurückgewiesen werden kann. Um Roquettes hübsches, aber nicht eben bedeutendes Talent thut es mir jedesmal leid, wenn ich ihn so sich entweder im Stoff vergreifen (St. Jacobstag) oder in einer Masse von unbedeutenden Liedern sich zersplittern sehe.

385. Theodor Fontane an Friedrich Eggers, Kränzlin, 22. Juli 1853 „Waldmeister“ zu begrüßen freu ich mich aufrichtig; grüß ihn herzlich. Die von Storm aus Gutzkow’s Weisheit citirte Stelle über Roquette ist in meinen Augen lächerlich. O ja, man sagt wohl mal so was ähnliches, aber man muß nur nachher nicht thun als sei das was Großes, Unumstößliches. So ist aber dieser

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Gutzkow und ich ärgre mich, daß der sonst so fein und wohl erwägende Storm solche doch eigentlich banale Phrase halb und halb zu der seinigen macht. Herr v. Salvandy, der den Vater dieses Gutzkowschen Weisheit-Satzes schon vor 24 Jahren zeugte und als den populär gewordenen Ausspruch: „Sie tanzen auf einem Vulkan“ in die Welt schickte, war viel geistreicher und war unter allen Umständen – der erste. Was verlangt denn dieser vor Eitelkeit berstende G., das man schreiben soll? Vermuthlich Lobhudeleien über seine Größe und Herrlichkeit. Oder glaubt er, daß seine Stücke (alle Achtung vor einzelnen derselben!) zu dem Donnergewölk der Revolution in irgend nährer Beziehung stehn als das Bimmel Bummel Bammellied oder irgend eine andre Roquette’sche Liebenswürdigkeit?! Was ist der Grund solcher absprechenden Kritik? der Neid, der Aerger zwickt ihn, der Aerger darüber, daß man doch noch auf andre Weise als durch 9 bändige Romane berühmt werden kann und daß der Verf: von: „das beste Bier im ganzen Nest“ ebenso bekannt ist, als der Dichter oder NichtDichter des Uriel Acosta.

386. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Berlin, Dezember 1853 Frau von Raumer theilte mir noch mit, daß Tieck mit dem lebhaftesten Interesse Gutzkow’s „Ritter vom Geiste“ gelesen habe, und die Fortsetzung nicht habe erwarten können. Er habe an Gutzkow zwar vieles streng und scharf getadelt, aber denn doch auch gemeint, im ganzen sei in der neuern deutschen Literatur nichts Besseres als dieser Roman vorhanden.

387. A. S.: Ein Besuch bei Karl Gutzkow in Dresden. [*1854] Wenn man in Dresden die aristokratische Straße „an der Bürgerwiese“ ganz hinuntergeht und dann rechts einbiegt, so ist man in der kleinen, ruhigen, von Gärten und Feldern eingeschlossenen „Lindengasse;“ es ist so still und lauschig hier, das Geräusch der großen Stadt liegt fern und doch ist man ihr auch verbunden durch glänzende Häuser, Villa’s und geschmackvolle Anlagen. Nach einer Seite hat das Auge weiten Fernblick und das Ohr das Schnaufen und Pfeifen der böhmischen Eisenbahn; nach anderer Seite ist der Blick durch ummauerte Gärten begrenzt und das Ohr hat nur des baumreichen Gartens Rauschen und Säuseln. Hier wohnt K a r l Gut zk ow, und passender, charakteristischer gerade für ihn, könnte dieser Mann wohl gar nicht wohnen. Als ich zum ersten Male sein Haus betrat, war es mir eigenthümlich zu Muthe: ich sollte nun dem bedeutendsten deutschen Schriftsteller der schönen Literatur

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der Gegenwart entgegentreten; und je mehr ich ihn als solchen erkannt hatte, je höher also die Verehrung war, die ich ihm zollte: desto größer mußte die Spannung, die Freude, aber auch das Bangen, ich möchte sagen, die Pietät sein, die ich, im Gefühle eigener Unbedeutendheit ihm gegenüber, empfand. Und wie mannigfache Urtheile hatte ich über seine Person und sein Wesen gehört; – von Freunden, die ihn gar nicht oder mißverstanden, von Feinden, die ihn verläumdet hatten, von jungen, süßlichen Naturen, die seine Realität erschreckt hatte. Das Alles ging mir durch Gefühl und Gedanke und nur durch einen ziemlich derben Riß an der Klingel befreite ich mich einigermaßen von dem so mannigfach bedrückenden Gefühl und trat unbefangen in ein weites, helles Zimmer; elegant und geschmackvoll, durchaus nicht auffallend und doch dichterisch, künstlerisch decorirt; eine Epheulaube um einen lauschigen Diwanwinkel; Blumen an den Fenstern, zwischen den Fenstern kleine Statüen auf entsprechenden Consols; – rings an den Wänden werthvolle Kupferstiche; Mappen, große Bücher, zierliche Lowelybände nachlässig geordnet auf Tischen mit schönen Decken; bequeme Lehnsessel mit dunkelrothem Sammet überzogen und darüber die weißen „Schützer“ von der sorglichen Hand der Hausfrau ausgebreitet: das Alles machte einen hellen, heiteren, wohlthuenden Eindruck. Ich hatte ihn kaum empfangen, als ich freundlich von einer jungen, blühend schönen Frau begrüßt wurde, die aus den blitzend braunen Augen mich gescheidt und resolut anschaute und mir sofort das Bild einer durchaus gesunden, praktisch-sicheren, doch innerlich fein theilnehmenden Natur einprägte. Es war Gutzkow’s Frau zweiter Ehe; – sie begrüßte mich freundlich, bemerkend, daß ich schon früher erwartet sei; Gutzkow sei ausgegangen, werde aber jeden Augenblick zurück erwartet; die Stimme eines Wiegenkindleins aus fernem Zimmer rief sie ab; bald erschien sie wieder, mit dem ersten Kinde ihrer Ehe auf dem Arme, dem reizendsten, herzigsten Kinde, was ich seit Jahren gesehen. Im anstoßenden Zimmer hörte ich feste, strenge Tritte, „Karl!“ rief die Frau, „komm doch herein, es ist Jemand da.“ Im nächsten Augenblicke trat Gutzkow ein: eine kleine, aber stämmige, breitschultrige, muskulös gebaute Gestalt; der starke und namentlich im Profil durchaus edele Kopf fast dicht auf die breiten Schultern gesetzt; die Stirn ziemlich hoch, wenig gewölbt, aber fest wie aus Stahl gehämmert, doch giebt ihr das blonde, weiche, kurzgeschnittene Haar wieder einen milderen Ausdruck, als sie sonst wohl haben würde. Die Augen, aus hellem Blau und Grau zu einem eigenthümlichen Glanze gemischt, groß und schön geschnitten, doch fast zusammengedrängt durch die, in der außerordentlichen Kurzsichtigkeit des Blikkes bedingte, Gewohnheit: die Augen halb zuzudrücken und gleichsam zu „blinzeln“. Die Nase stark, trotzig, energisch, doch durchaus nicht derb, unschön. Zwischen dem kleinen blonden Schnurrbart und dem Napoleon’s-Kinn

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Karl Gutzkow, anonymer Holzschnitt 1854

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mit dem kecken „Henri-Quatre“, der scharfgeschlossene Mund mit feinen, ironischen Zügen, mit kaustischen Linien umspielt. Der Ton des Gesichtes mehr erdbleich als frisch; doch nicht ungesund und nach dem was Gutzkow erfahren und gewirkt, nach dem, wie man sich ihn denken möchte: sieht er weit eher jünger als älter aus; der 43jährige Mann könnte noch recht gut für einen „Vierziger“ gelten. Seinem vielbewegten Leben und Wirken gegenüber, ist diese wohlerhaltene Kraft bestaunenswerth. Die Totalerscheinung des Mannes ist sofort bedeutend, vielleicht zu bedeutend, um auch sofort angenehm, wohlthuend zu sein; man muß sich erst darin zurecht finden; in den äußerlich scharfen Linien und Kanten erst nach und nach ihre weichen, schönen Wellenschwingungen herausfinden und fühlen; die Derbheit der Züge sich erst auflösen in der tief unter ihnen gleichsam versteckt liegenden Güte und Weichheit seiner tiefinnersten Natur; den spürend-prüfenden Blick aushalten, bis er zu etwas hingedrungen ist, was dem scharfen Prüfer Vertrauen und dann auch seinem Blicke einen ganz andern Ausdruck giebt; man muß auch ihn erst in Erregung sprechen oder ihn dramatisch vorlesen hören, um in seinem sonst herben, spröden, fast klanglosen Sprachton ein Schönes, Tiefes und elastisch Klangvolles zu finden. Kurz, man muß dieser merkwürdigen, freilich schwer beizukommenden Erscheinung die mannigfachste, allseitigste Aufmerksamkeit des Verstandes und Gefühles widmen, um sie nach ihrer wahren Bedeutung auffassen zu können. Die Einen traten nur mit dem Verstande, die Andern nur mit dem Gefühl zu ihr heran; Viele konnten sich aus ihrer Subjektivität nicht losmachen und wollten den Mann haben, wie er nach ihren Anforderungen sein sollte oder legten ihr Eigenes ihm zu; daher die so unendlich verschiedenen und die vielen so unendlich falschen Auffassungen, wonach er geschildert wurde. „Nun rathe, wer das ist, lieber Karl,“ sagte die hübsche, liebenswürdige Frau zu dem Eingetretenen. Dieser trat dicht zu mir heran und beschaute mich mit freundlichem Blicke, dann sah er seine Frau heiter fragend an. Sie nannte meinen Namen. „Also d a s sind Sie? Nun, herzlich willkommen,“ er reichte mir die Hand, „und nun lassen Sie sich einmal betrachten, wie Sie aussehen,“ und er trat so dicht zu mir heran, daß unsere Füße sich berührten; sein Blick ruhte mit durchdringender Schärfe auf meinen Zügen und es war mir, als hinge von diesem Blicke ein Theil meines Geschickes ab. Ich weiß nur zwei Blicke ähnlicher Art mich zu erinnern: von Immermann und Kaulbach, und in jenem Augenblicke fiel mir wirklich eine Aehnlichkeit Gutzkow’s mit jenen beiden Männern auf. Gutzkow nannte mir sofort mit glücklichem Treffen zwei Männer, der eine in London, der andere in Zürich lebend, mit denen ich Aehnlichkeit hätte, und die Nennung dieser Namen führte uns bald in ein ernstes Gespräch über Literatur, Kunst und Staat; ich brachte das Gespräch auf sein Schaffen, er

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beschämte mich mit der Güte, von meinem eigenen Schaffen zu sprechen, so wurde es Mittag und ich war gleich ein liebevoll eingeladener, ein glücklicher Gast am Tische des berühmten Mannes. Zwei kräftige, stämmige Knaben von zwölf und vierzehn Jahren (aus Gutzkow’s erster Ehe) vergrößerten die Tafel und waren mir interessant, um aus ihrem Wesen und ihren Zügen viele Elemente des Vaters zu entziffern. Bei längerem Aufenthalt in Dresden hatte ich das Glück nach und nach ein herzlich aufgenommener Freund im Gutzkow’schen Hause zu werden und ich muß offen gestehen, daß jede Stunde in diesem Kreise mir von nachhaltiger Freude, von nachwirkendem Nutzen war. Der verständige, gescheite und herzlich liebevolle Ton des ganzen Hauswesens, der ganzen Familie, war wohlthuend; Gutzkow als Gatten und Vater zu beobachten, war liebenswürdig, interessant; die kleinen Kreise der Gesellschaft waren gesucht und wurden einfach-natürlich belebt; es handelte sich da nie um Allotria’s und Geklatsche und doch war meist Alles auf das Naheliegende, auf das Fruchtbare und Nützliche gerichtet; man lebte nicht in Himmeln und Idealen, sondern auf der gesunden Erde, ebenso fern dem sogenannten „Genialen,“ als dem „Spießbürgerlichen;“ nicht berlinisch frivol die schwere, ernste Zeit mit Witzen behandelnd, aber auch nicht geseufzt und geklagt, sondern mit Ernst und Kraft das Unabänderliche erfassend und das Mögliche erwägend. Gutzkow’s außerordentliche Klarheit und Schärfe, sein reeller Patriotismus, sein sittliches Pathos traten mir dabei ebenso persönlich entgegen, wie das Alles mir stets aus seinen Schriften entgegen trat. Dann und wann wurde auch Musik gemacht; Gutzkow hört sie gern; an die Thüre gelehnt und den Blick von der Gesellschaft abgewendet, so stand er dann und war ganz Ohr, ganz Gefühl. Er selbst spielt recht gut. Oft auch wurde gelesen und merkwürdig, wie ich es sonst bei Keinem fand: Gutzkow liest ein Drama, ein Gedicht, zum erstenmale, ihm ganz fremd, und doch sofort mit einer so sicheren Charakteristik der betreffenden Person oder der betreffenden Stimmung, als wenn er das Ganze schon genau kenne. Ein wunderbarer Instinkt läßt ihn da nie fehlgehen. Vielleicht hängt dies mit einer Eigenschaft zusammen, die der berühmte englische Phrenologe Nöel an Gutzkow’s Schädel herausfand: großes Darstellungstalent. Vielleicht wäre Gutzkow ein großer Schauspieler geworden, wenn er nicht eben ein großer Darsteller im Roman und Drama geworden wäre. In besonders heitern Stimmungen läßt er übrigens jenes Talent auch noch anders hervortreten; er copirt mit großem Glücke irgend wie bekannte Persönlichkeiten; so giebt er z.B. eine Scene aus dem Leben des weiland berühmten Theaterdirektors Schmidt in Hamburg mit unnachahmlicher Treue und Komik. Ueberhaupt kann Gutzkow sehr heiter und ein liebenswürdiger „Kneiper“ sein, wenn er auch im Ganzen mehr ernst und zurückhaltend ist und es stets war. Das moderne „Genialsein“ im Wirthshaus etc. hat er stets verschmäht; er hat

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seine Zeit und Kraft wacker zusammengehalten und er kann wohl sagen, daß er ein redlich angewendetes Dasein, von sittlichem Ernst getragen, als fruchtbares Kapital zurückgelegt hat.

388. Friedrich Hebbel, Tagebuch

Dresden, etwa 10. August 1854

Jetzt eilte ich zu Dawison, der nicht zu Hause war, dann nach einigem Umherstreifen im naßkalten Regenwetter zu Gutzkow, den ich auch nicht traf, der aber bald kam. Interessantes Gespräch, aber wie verschieden von den Unterhaltungen mit Uechtritz; hier Alles aus dem Ewigen und Vollen heraus und auf das Zufällige und Wechselnde bezogen; dort umgekehrt! Eine gute Bemerkung von ihm über einen kritischen Attila, der in Leipzig sein Wesen treibt, war die, daß er sein eignes Bild nicht leiden könne und eben darum keinen gebildeten Menschen passiren lasse, sondern nur Schäfer und Bauern. Ein sehr zarter Punct kam auch zwischen uns zur Sprache, er fragte mich, ob ich für meine Dramen ausführliche Pläne mache, und als ich es verneinte, gestand er mir, daß es ihm eben so gehe, daß er das Gegentheil aber doch für besser halte. Ich bestritt dieß, ich setzte ihm das Gefährliche einer zu großen Vertiefung in’s Detail aus einander, das den Reiz vor der Zeit abstreift und im Gehirn abthut, was nur vor der Staffelei abgethan werden darf, ich behauptete, eine gründliche Skizze vor dem Kunstwerk sey nicht viel besser, wie eine Biographie vor dem Leben, dem Menschen gleich mit in die Wiege gelegt, ich glaube aber doch, daß er Recht hat und daß für ihn das Eine besser ist, wie für mich das Zweite.

389. Karl August Varnhagen von Ense, Tagebuch, Berlin, 11. September 1854 Dr. Gutzkow in Dresden ist Ritter des weimarischen Falkenordens geworden. Im Jahr 1835, in meiner Antwort an den Fürsten von Metternich, der mich gefragt hatte, was es mit dem jungen Deutschland sei, hab’ ich so was vorausgesagt. –

390. [Anon.:] Dr. Gut zk ow, Ri t t e r vo m Wei ß en-Falken-Ord en. [*1854] Als im Jahre 1835 der Lärm wegen des sogenannten Jungen Deutschlands aufkam, schrieb der Fürst von Metternich über die neue Erscheinung an Varnhagen von Ense, und ersuchte ihn um einige Auskunft, er selbst wisse nicht recht,

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was er aus der Sache machen solle. Varnhagen entsprach diesem Vertrauen mit freimüthiger Wahrhaftigkeit, und versicherte dem Fürsten, vor allem sey an nichts Politisches dabei zu denken, an keine auch nur entfernte Aehnlichkeit mit dem jungen Italien, die Sache sey rein literarisch, und auch auf diesem Gebiete ohne eigentlichen Zusammenhang. Was aber das Moralische betreffe, so habe man freilich über manche Schilderung den Kopf zu schütteln; indeß erinnere er sich seiner Jugendjahre, wo die berüchtigte Lucinde von Friedrich Schlegel erschienen sey, die auch großen Lärm gemacht, doch keine Verfolgung erlitten habe, gegen diese Lucinde sey die jetzt getadelte Wally von Gutzkow aber nur ein unschuldiges Kind, und wenn er bedenke, daß er den Verfasser der Lucinde später als k. k. österreichischen Legationsrath in Frankfurt beim Bundestage und mit dem päpstlichen Christus-Orden geschmückt gesehen habe, so dürfte er mit gutem Fug hoffen, daß die Mitglieder des Jungen Deutschlands, bei ihren entschiedenen Talenten, auch ihrerseits in der Folge zu ehrenvoller Anerkennung und Auszeichnung gelangen würden. Der Fürst war damals mit dieser Auskunft sehr zufrieden, und hielt alles zurück, was zur Verfolgung der Bedrängten schon von anderer Seite war eingeleitet worden. Jetzt, nach neunzehn Jahren, ist die damalige Vorhersagung in Erfüllung gegangen, Dr. Gutzkow ist Ritter des Weißen-Falken-Ordens, und kann ihn aus der Hand des Enkels des Großherzogs Karl August in größten Ehren tragen.

391. Hieronymus Lorm [*1879]

Dresden, 1855

Die Thätigkeit, der sich Gutzkow im Jahre 1855 für die deutsche Schiller-Stiftung unterzogen hatte, bestand nicht nur in der Herausgabe eines Buches, welches er zum größten Theile und auf die uneigennützigste Weise selbst schrieb, sondern auch im Zusammenwirken mit dem Major v. Serre, dem Unternehmer der unvergeßlich bleibenden Schiller-Lotterie. Ueberhaupt zeigte sich Gutzkow in seinem Verhalten zu dieser edlen Richtung und in seinem Kampfe gegen die Schwierigkeiten, die mit ihrer Gründung verbunden waren, von einer ganz anderen Seite als in der rauhen Tagesarbeit seiner literarischen Interessen. Auf diesem Feld stets im Kriegszustand, […] nahm in der opferwilligen Hingebung an die Geschäfte der Stiftung sein ganzes Wesen Züge von Güte und Milde an; ja, in die geselligen Vereinigungen, die sich an jene Geschäfte knüpften, brachte er eine harmlose, kindliche Fröhlichkeit mit, welche selbst seine vertrautesten Freunde sonst nicht an ihm wahrgenommen hatten. Unverwischbar blieb in dieser Beziehung ein Tag auf dem Gute Marno meiner Erinnerung eingeprägt. Das genannte Gut war Eigenthum des Majors von Serre. Es liegt zwei Fahrstunden von Dresden entfernt, so daß der Major,

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als er zahlreiche Gesellschaft aus der Hauptstadt für einen Sommertag des Jahres 1855 in seine Besitzung lud, auch schon für mannichfache Fahrgelegenheit gesorgt hatte, für Wagen verschieden construirter Art, in welche sich die Gesellschaft theilen und vertheilen konnte. In dem Omnibus von ländlicher, aber angenehm luftiger Beschaffenheit, der mich aufnahm, saßen Gutzkow, Professor Hettner, Adolph Fraenkel, ein Oesterreicher, von dem ich nicht weiß, warum er seitdem seine schöne dichterische Begabung durch Unthätigkeit in Vergessenheit gerathen ließ; ferner zwei Damen, Tante und Nichte, die letztere, ein Mädchen von achtzehn Jahren, war eine vollendete Frauenschönheit und deshalb in dem an solchen Erscheinungen überaus armen Dresden berühmt. Sie ist bald die Frau eines Künstlers von erstem Range geworden und der Ruf ihrer Schönheit erhält sich noch heute. Gutzkow nahm lebhaften Antheil daran, daß ich viel mit der idealistisch reizenden Lisbeth mich unterhielt und zeigte sich während des Festes auf dem Gute selbst vergnügt wie ein Jüngling auf seinem ersten Ball. Als wir uns in später Nacht zur Heimkehr rüsteten, fragte mich Gutzkow, ob mir die glänzenden Freuden des Tages nicht einen Einblick in das Treiben der großen Welt gewährt und mir einen tiefen Eindruck für das ganze Leben bereitet hätten. Ich fand im Stillen diese Frage sehr charakteristisch für Gutzkow’s eigenen Erdenwandel. Denn obgleich der gute und lebensfrohe Major von Serre Alles aufgeboten hatte, was in seinen Kräften stand, um an seiner Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft nicht zweifeln zu lassen, war doch das Gebotene seiner äußern Beschaffenheit nach mesquin, wie es im Ganzen die Dresdener Gesellschaft selbst ist und stand an Glanz und Eleganz jedenfalls unter demjenigen, was Einer, der in einer der großen Hauptstädte geboren und aufgewachsen ist, bei solchen Gelegenheiten zu sehen bekömmt. Gutzkow aber, der von Kindheit an die Dürftigkeit an der Schwelle seines Hauses sitzen gesehen und ununterbrochen mit kleinlichen Verhältnissen zu ringen gehabt hatte, mußte von dieser Gesellschaft, von diesen Genüssen geblendet sein, als ob er wirklich einen Ausschnitt aus der „großen Welt“ zu Gesichte bekommen hätte.

392. Hermann Hettner an Gottfried Keller, Dresden, 11. Juni 1855 Was in den Zeitungen über Gutzkows Berufung nach Weimar geschwätzt wird, ist eitel voreiliges Wesen. Der Großherzog hat es im Willen, ist aber geizig und will möglichst billigen Kauf haben; Gutzkow aber verlangt 2000 Taler und nicht die Stellung eines Dramaturgen, sondern die eines Intendanten. So kann man die Unterhandlungen von vornherein als gescheitert betrachten. Zugleich wirbt Frankfurt um Gutzkow und will ihm das Stadttheater übertragen, der

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Marinerat Jordan ist aber ein Gegenkandidat; der Mindestfordernde, d.h. Jordan erhält wahrscheinlich den Zuschlag. Persönlich ist Gutzkow sehr umgänglich und bescheiden; nur selten guckt der Wolf aus dem Schafspelz. Auerbach, der mit Gutzkow in ewigen Plänkeleien lebt, ist in seinen Eheverhältnissen sehr unglücklich. Er ist das Nordstetter Bauernkind und seine Frau eine Wiener Salondame. Daran scheitert auch seine Produktionskraft. […] Um Gutzkow und Auerbach schart sich nun ein Hof von Lokalliteraten. Innerlich sind beide Höfe Capuletti und Montecchi, äußerlich sind sie sehr freundlich und haben ein Kränzchen, in dem sie alldienstaglich Kaffee miteinander trinken und eine Friedenszigarre rauchen. Diese Dinge wären lächerlich, wenn sie nicht zugleich so entsetzlich traurig wären; jedenfalls liegt hier ein guter Lustspielstoff.

393. Theodor Storm an Theodor Fontane, Potsdam, 14. Juni 1855 Zu lesen empfehle ich auch Ihnen […], wie Gutzkow sich bei Gelegenheit des Romans „Soll und Haben“ v. Freytag für alle erlittene Schmach an den Grenzboten schadlos hält – (die beiden letzten Nummern der Unterhaltgn) und im Ganzen muß man den Artikel unterschreiben; nur kann man noch hinzufügen, daß namentlich in der Ausführung der Scenen, wenn sie im Uebrigen auch gut angelegt sind, sich mit wenigen Ausnahmen eine völlige poetische Impotenz offenbart; dem in mancher Beziehung geistreichen Verfasser fehlt die unmittelbare Anschauung der Dinge und Personen, es ist meist willkührlich und gemacht; lesen Sie nur einmal die Scene, wo die Lenore den Anton Wolfahrt in ihrem Park herumführt – die geradezu kindisch wird, weil jede Naivität fehlt, ohne die eine solche Scene absolut nicht geschrieben werden kann. – Ich habe hier vollkommen den Schlüssel, weßhalb die Grenzboten mich nicht von Putlitz unterscheiden können.

394. Theodor Storm an Theodor Fontane, Potsdam, 16. Juni 1855 Anbei die Gutzkowsche Recension. Sie lassen sie mir wohl wieder zugehen, da ich die Blätter binden lasse. In zwei Dingen bin ich instinktiv mit G[utzkow] zusammengetroffen; ehe ich seine Artikel gelesen, hatte ich mich schon gefragt: wo wird denn hier das deutsche Volk in seiner Arbeit geschildert? (was wirklich an Arbeit in diesem Buch geschildert wird, ist langweilig und poetisch ganz unberechtigt und irrelevant) – und einige Judenepisoden, sowie die polnische Specktakelgeschichte überschlagen.

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395. Friedrich Eggers an Theodor Fontane, Berlin, 20. Juni 1855 Es ist Dir, der ich Dich schon tief in dem Artikel über „Soll u. Haben“ wähne, vielleicht nicht uninteressant, das L. Cbl. darüber zu vernehmen. […] Gutzkow soll diesen schönen Roman in seinen Uterhaltgn sehr hergerichtet hbn. Denk Dir! Frage, ob dahin nicht ein Hiebchen zu führen sei. –

396. Hermann Hettner an Gottfried Keller, Dresden, 27. Juni 1855 Übrigens liest Auerbach jetzt Ihren „Grünen Heinrich“ und ist sehr erbaut davon. Er ist sehr empfänglich für solche stille Sinnigkeit und rühmt mit großer Freude; was z.B. Gutzkow nimmermehr tun würde. Ich habe bei Gutzkow mehrfach angeklopft; er behauptet aber, Ihren Roman nicht gelesen zu haben. Sobald ich mein Exemplar von Auerbach zurückerhalte, will ich ihn [ihm] ins Haus schicken.

397. Theodor Fontane an Theodor Storm, Berlin, 22. Juli 1855 Anbei nun also die Doppelration Gutzkowscher Gereiztheit und daß ich’s sagen muß! bis zur Dummheit sich steigernder Kleinheit mit bestem Dank zurück. Es ist möglich, daß Sie über den Werth oder Nichtwerth des Freytag’schen Buches ähnlich fühlen, aber jedenfalls hätten Sie Ihre werthen Gefühle besser ausgedrückt. Selbst Kugler, der das Buch mit ungemeiner Befriedigung gelesen hatte, meinte: Gutzkow habe im Wesentlichen (d.h. darin, daß dem Roman der Hinweis auf die höchsten Dinge fehle) recht; aber die Art, wie er dies sein Recht ausspricht, bringe ihn um das letzte Jota desselben.

398. Theodor Storm an Theodor Fontane, Potsdam, 24. Juli 1855 Ad vocem „Soll u Haben“. – Wenn Gutzk. gereizt schreibt, so ist das einigermaaßen menschlich, da die Grenzboten bei Gelegenheit der Besprechung seiner Sachen nicht allein diese, sondern auch seine[n] Charackter, seine Ehrenhaftigkeit angegriffen; daß wir es etwas anders in gleichem Fall gemacht, kommt mir allerdings fast so vor. Die Sache bleibt doch dieselbe. Was mich bei dem Buche vorzüglich stört, ist – ich wiederhole es noch einmal – daß dem Verfasser die Fähigkeit der Ausführung sosehr abgeht; er hat nicht die Kraft, was er mit seinem Geiste projectirt, nun auch in seiner Phan-

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tasie warm und lebendig zu machen, – wenn etwas, so ist grade dieß auch Pau ls schwache Seite – die einzelnen Scenen fallen daher in der großen Mehrzahl matt, trocken, abstract verstandesmäßig, sogar kindisch, wo Naivität noth wäre, aus. Mit einem Wort, er mag ein geistvoller Mann sein; aber was, für mich wenigstens, den Poeten macht, die leibhaftige Anschauung, damit ist’s schwach bestellt. Freilich sind dafür viele Poeten wiederum keine geistreichen Leute, und das ist denn eben ein Unglück.

399. Rudolph Genée [*1879]

Dresden, 1856/57

Der Anfang meiner persönlichen Bekanntschaft mit ihm fällt in das Jahr 1856. Er lebte in Dresden, wo er in der damals neu angelegten äußeren Prager Straße wohnte. Ich besuchte Gutzkow auf Grund der Empfehlung eines gemeinschaftlichen Freundes. Der erste Eindruck, den er bei diesem Besuch auf mich machte, war, wie ich mich noch sehr wohl erinnere, ein etwas kühler. Aber das wurde schnell anders. Er machte mir schon andern Tages einen Gegenbesuch; er wurde gesprächig, mittheilsam, ja bald warm und herzlich. Ich mußte durchaus den Eindruck erhalten, daß ich ihm gefiel und daß er über verschiedene Dinge sich gern mit mir unterhielt, wobei ich freilich meist der lernbegierige Zuhörer war. Ein Jahr darauf hatte Gutzkow durch einen wahrhaft liebenswürdigen Zug seines Herzens mich fester an sich geschlossen. Es war im Herbst 1857 in Berlin ein fünfaktiges Lustspiel von mir „Ein neuer Timon“ zur Aufführung gekommen, welches von Berlin aus auch über andere deutsche Bühnen ging. Noch ehe ich von anderer Seite Nachricht darüber hatte, daß der „neue Timon“ auch am Dresdener Hoftheater zur Aufführung gekommen war, erhielt ich von Gutzkow unverhofft einen Brief, welcher so begann: „Ich weiß aus Erfahrung, wie dankenswerth es uns ist, von dem Schicksal unserer Kinder in der Fremde zu erfahren. Gestern hatten wir also Timon von Berlin. Ein wahrheitsgetreues Referat“ – und nun schilderte er mir kurz und bündig den Eindruck des Stückes auf das Publikum, und zwar Akt für Akt, sein eigenes Urtheil hinzufügend, das Gute anerkennend, aber auch seine Bedenken gegen dies und jenes nicht verschweigend. Gutzkow’s Urtheil war mir damals und blieb mir stets von größtem Werthe, aber die wahrhaft freundschaftliche Gesinnung, die er mir durch jene ganz unaufgefordert gemachte Mittheilung über den im Ganzen günstigen Erfolg bewies, habe ich ihm nie vergessen können.

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Dresden 1856

400. Gottfried Keller an Lina Duncker, Zürich, 13. Januar 1856 In Dresden bin ich acht Tage gewesen, und es ist mir allda gut ergangen. Ich sah dort alle schrecklichen Leute, Auerbach war sehr zutulich gegen mich, und ich sah ihn alle Tage; Gutzkow aber verhielt sich gemessen und diplomatisch, weil er mit Auerbach gespannt ist und ich zufällig zuerst zu diesem gegangen war; Gutzkows Frau, neben welche ich bei einem Essen zu sitzen kam, ist eine ganz nette und kecke Frankforterin, die den Teufel nicht fürchtet; Auerbachs die seinige hingegen sehr hübsch, aber mehr gemacht.

401. Hermann Hettner an Gottfried Keller, Dresden, 1. Februar 1856 Auerbach ist wieder mit einem nichtsnutzigen Drama […] niedergekommen und holt sich soeben wieder bei den verschiedenen Direktionen und Intendanzen etzliche Körbe. Wem nicht zu raten ist, ist nicht zu helfen. Gutzkow bringt in den nächsten vierzehn Tagen sein neues Stück „Ella Rose“ zur Aufführung; Dawison meint, daß es einige dankbare Effekte habe. Auch hat Dawison durch sein meisterhaftes Spiel sehr den „Königsleutnant“ zu Ehren gebracht; was Auerbach um viele Nächte Schlafes beraubte.

402. Max Kurnik [*1882]

Breslau, 4. März 1856

Der nächste bedeutsame Vorgang der Wintersaison wickelte sich auf dem Gebiete des Schauspiels ab. Man erwartete mit großer Spannung die Aufführung von „Ella Ros e“, dem neuesten Stücke Gutzkow’s, das vor Kurzem mit einem fabelhaften Succeß über die Dresdener Hofbühne gegangen war. Ein neues Werk von Gutzkow galt aber in Breslau mehr als irgendwo stets als ein Ereigniß, und selbst die schwächeren dramatischen Productionen dieses Autors sind gewissermaßen epochemachend an der Breslauer Bühne gewesen. […] „Ella Rose“ fand vor dem überfüllten Hause bei der ersten Aufführung die glänzendste Aufnahme. Das fünfactige Schauspiel behandelte die Lösung eines Conflictes in einer Ehe, in welcher der Mann die Frau so zu sagen aus seinem Leben h e r au s fal l e n ließ, und zwar nicht aus Mangel an Liebesgefühl, sondern weil er kein Ve r s t ä n d n i ß für die Natur seines Weibes hatte. Die Lösung fiel wenig befriedigend aus, denn sie fand den Abschluß in der resignirten Stimmung aller Betheiligten. Der Gesammteindruck war aber trotzdem ein gewaltiger. Die dramatische Lebendigkeit der Situationen, der Gedankenreichthum des Dialogs, die musterhafte Technik, wie überhaupt die Kühnheit und Größe

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5. Ritter vom Geist

der Conception fesselten das Auditorium in hohem Grade, und der anwesende Autor wurde durch die schmeichelhaftesten und ehrenvollsten Ovationen ausgezeichnet. Gu tz k ow in Bre s l a u – die Anwesenheit des gefeierten Schriftstellers erregte die allseitigste Theilnahme und das lebhafteste Interesse der gebildeten Kreise, in denen sich das Verlangen nach seiner persönlichen Bekanntschaft vielfach geltend machte. Behufs dessen hatte sich eines Nachmittags eine so überreiche Zahl meiner Bekannten in meiner bescheidenen Junggesellenwohnung eingefunden, daß der „drückenden“ Verlegenheit nur durch die Güte der nachbarlichen Familie abgeholfen werden konnte, die mir die sämmtlichen Zimmer ihrer Wohnung öffnen ließ. Gutzkow, in höchst angeregter und über den Erfolg seines Stückes auch sehr froher Stimmung, übte eine fascinirende Wirkung auf die Versammelten aus, die sich von ihm gar nicht trennen zu können schienen. Die Stunden verrannen, der Abend war hereingebrochen, mir standen die Angsttropfen auf der Stirn. Diese illustre Gesellschaft – mußte ich mir sagen –, die sich in den schönen Räumen einer verjagten Familie so behaglich einnistet, wird auch Hunger und Durst verspüren, und die Vorräthe meines Haushalts bestanden in nichts als Cigarren. Zum Glück war die rettende Fee in der Nähe. In demselben Hause wohnte nämlich eine Dame meiner Bekanntschaft, eine junge Frau, die vermöge ihres bedeutenden Gesangstalents in den freundlichsten Beziehungen zu den künstlerischen und schriftstellerischen Kreisen stand, deren Interessen sie in der liebenswürdigsten Weise stets zu fördern bereit war. Indeß mit Gesangsvorträgen, so reizend sie immer von Frau Ot t i li e ausgeführt wurden, wäre an diesem Abend nicht viel auszurichten gewesen. Die Gesellschaft, 30–40 Personen stark, verlangte sichtlich nach derberer Nahrung, und die Sängerin erwies sich auch in dieser Beziehung als so wohlthätige Spenderin, daß Gutzkow bei dem Genuß so reicher und wohlschmeckender Gaben den fröhlichen Ausspruch that: „Diese Frau muß in die Literaturgeschichte kommen!“

403. Zeitungskorrespondenz aus Wien, 5. April 1856 Dr. Karl Gutzkow befindet sich seit zwei Tagen in Wien. Seine „Ella Rose“, deren Proben der Dichter hier beiwohnt, kommt schon im Laufe der nächsten acht Tage mit Fräul. Seebach in der Titelrolle am Hofburgtheater zur Aufführung. Gutzkow war seit zwölf Jahren nicht in Wien und findet es, wie begreiflich, sehr verändert; namentlich spricht er sich über die Entwicklung der Journalistik anerkennend aus. Ein Herr, welcher Gutzkow im „Hotel Wandl“ besuchte, erhielt auf die Frage, ob Doktor Gutzkow hier wohne? die Antwort: Ob er Doktor ist, weiß ich nicht, er ist halt ein Di ch t er.

Wien 1856

404. Heinrich Laube [*1883]

309 Wien, April 1856

Sich endlich nochmals dem Theater zuwendend, trat er mir, der ich TheaterDirector war, wieder näher, ja plötzlich trat er ganz unerwartet in Wien ins Zimmer zu mir. Des Morgens um Acht. Den Diener, welcher ihn so früh nicht melden wollte, hatte er beiseite geschoben und war ungestüm eingetreten. Kurz grüßend, stand er vor mir und schalt, daß ich seinen „Lenz und Söhne“ so wie andere Manuscripte zurückgewiesen. Die Situation war recht malerisch. Ich war eben aufgestanden, hatte das Hemd abgelegt und wusch den ganzen Körper mit einem großen Schwamme. Zuerst naß, dann allmälig mich ankleidend, erwiderte ich ihm sachgemäß und als ich fertig war mit meinem Anzuge, war die Vergangenheit erledigt, allerdings nicht ohne Knurren von seiner Seite, und wir kamen an die Aufgabe des Tages, welche ihn nach Wien geführt. Es war sein Schauspiel „Ella Rose“, welches ich für’s Burgtheater angenommen und dessen erste Probe an diesem Vormittage stattfinden sollte. Daran wollte er theilnehmen. Ich fand ihn nicht auffallend gealtert und im Allgemeinen ruhiger als früher. Fast still sah er Abends einer Aufführung meines „Essex“ zu und sagte am Schlusse: „Sehr Schiller.“ Fast still saß er da während der ersten Aufführung seiner „Ella Rose“. Nur wenig Bemerkungen machte er während des Spiels, und in den Zwischenacten fehlte die Zeit dafür. Ich brauchte diese Zeit, um ihn von frühzeitigem Hinausgehen auf die Bühne abzuhalten. Das Publicum, welches ihn nie gesehen, klatschte und rief den Autor – in Wien sagt man den „Dichter“ – ich wußte aber, daß „Ella“ im Fortgange schwach wurde und daß der Beifall erlahmen würde, wenn die persönliche Bekanntschaft zwischen Dichter und Publicum vorüber wäre. Er schien das mir abzumerken und ließ sich zurückhalten bis zum letzten Acte. Das war von größtem Vortheile für das Stück, welches eigentlich nicht gefiel. Es hatte aber nun den Stempel des Applauses am Schlusse, und ich konnte es einigemale wiederholen.

405. Hieronymus Lorm [*1879]

Wien, April 1856

Ich kehrte bald darauf nach meinem heimathlichen Wien zurück und im folgenden Jahre, im März 1856, fand sich Gutzkow dort ein, um der ersten Aufführung seines Dramas „Ella Rose“ auf dem Burgtheater, das damals unter Laube’s Direktion stand, beizuwohnen. Mich hatte um diese Zeit einer der schwersten Unglücksfälle meines Lebens, der Verlust meines Vaters, getroffen; ich konnte weder an der Aufführung des Stückes, noch an den Ovationen theilnehmen, die dem großen und gefeierten Schriftsteller überall in Wien bereitet

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wurden. Nachdem ich im ersten Schmerz seinen Besuch abgelehnt hatte, ging ich einige Tage später zu ihm in das Hôtel Wandl. Er war natürlich von Vielen in Anspruch genommen und zeigte mir die verschiedenen Einladungen, denen er noch an dem Abend desselben Tages gerecht werden sollte. Da war es nun ein schöner Zug seines Herzens, daß er, alle diese fröhlichen Aufforderungen bei Seite schiebend, den Thee bei mir nehmen wollte, in dem Trauerhause, wo ich und die Geschwister die trostlose Mutter umgaben und wahrlich kein noch so blasser Abglanz heiterer Geselligkeit ihn erwartete. Beim Thee verhehlte er unter anderen Mittheilungen auch nicht seine Verstimmung über die Art, wie ihm der volle Theatererfolg durch Laube geschmälert worden sei.

406. Lina Fuhr [*1904]

Berlin, Mai 1856

Das Jahr 1856 war überhaupt sehr reich an interessanten Premièren. Auf die „Lady von Worsley-Hall“ folgte am 7. Mai Gutzkows „Ella Rose“. Der Dichter des „Uriel Acosta“ hatte damals kein Glück mehr auf der Bühne, gleichwohl erwartete man immer noch mit Spannung, was er bringen werde. Zur Leseprobe kam er selbst von Dresden herüber, er las aber so schlecht, mit einem so falschen Pathos, daß er uns von vornherein das Stück gründlich verleidete und die Zuhörer das Lachen nur mit Mühe unterdrücken konnten. Gutzkow war unermüdlich, wenn es galt, die Schauspieler für seine Werke zu interessieren und ihnen das Verständnis der einzelnen Rollen nahe zu legen. Auch mir schickte er eine ausführliche Erörterung seines neuen Stücks, trat für den etwas exzentrischen Charakter seiner Heldin eifrigst ein, teilte mit, wie Fräulein Seebach über die Rolle denke, wie das Stück anderswo gefallen habe usw. in geistreicher, stets fesselnder Art. Aber das Rad des Schicksals war dadurch nicht aufzuhalten. Mehr wie sechsmal war „Ella Rose“ nicht zu halten und nun trat für den Dichter drängend der Schriftsteller ein, der von dem Ertrag seiner Arbeiten leben mußte, was denn für die damaligen Tantièmenverhältnisse oft beschämend genug war. Mit Herrn von Hülsen stand er schlecht und die Differenz verstärkte sich noch, als im Dezember desselben Jahres Gutzkows „Lorbeer und Myrte“ noch weniger Vorstellungen erlebte, „Ella Rose“ aber nicht von neuem aufgenommen wurde, wie man ihm in Aussicht gestellt hatte. Da fielen denn manche satirische Blitze auf „die an der Charlotten-Straßen-Ecke“. So polemisch er aber oft war, so liebenswürdig konnte er sein, auch wenn es weiter nicht seinem Vorteil galt. […] Der Originalität halber sei noch erwähnt, daß ich, bevor ich Gutzkow kannte, einmal eine Wette über ihn gewann. In einer Gesellschaft war mit un-

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bedingter Gewißheit behauptet worden, daß er ein Jude sei, nicht zuletzt seines haarsträubenden Fleißes wegen, der ihn als Schriftsteller durch alle Gebiete der Literatur führte. Nach genauen Erkundigungen erwies sich, daß ich mit der Behauptung seines Christentums durchaus recht hatte.

407. Hans Christian Andersen, Tagebuch, Schloß Maxen bei Dresden, 16. Juni 1856 Mit Gutzkow spazierengegangen, der mir erzählte, wie er den zweiten Teil des „Faust“ für die Bühne eingerichtet habe.

408. Hans Christian Andersen, Tagebuch, Schloß Maxen bei Dresden, 17. Juni 1856 Warmer Sonnenschein! Zum Mittagessen kam die Witwe Frau Zöllner. Ich fühle mich in Gutzkows Gesellschaft nicht recht frei und munter. […] – G. ist kalt, vorsichtig, bestimmend, nicht ganz liebenswürdig. „Sie, die Sie mit Deutschland halb verwachsen sind, kennen die Literatur dieses Landes so wenig!“ sagte er, als ich ehrlich zugab, daß ich von den über 40 Schriftstellerinnen in Dresden nur 3–4 kannte. Er war so taktlos zu fragen, ob ich denn nie geliebt hätte, das sei in meinen Büchern nicht zu finden, da komme die Liebe so von oben herab wie eine Fee, ich sei selber eine Art Halbmann!

409. Hans Christian Andersen, Tagebuch, Schloß Maxen bei Dresden, 18. Juni 1856 Heute nacht Gewitter; schlecht geschlafen! Mein Kopfkissen zu weich; ärgerlich über G.; heute morgen war der Hund wieder unten und stürzte gleich aus dem Korb hinter mir her; fühle mich hier nicht wohl, Lust, wegzufahren! – […] Am Abendbrottisch fiel G. wieder über mich her, es ging gegen „Unter dem Weidenbaum“, das sei Sentimentalität, unnatürlich, Christian sei „blöde“, ich verstünde mich nicht auf Kinder! Ich verteidigte mich, sagte, er habe die Dichtung nicht verstanden und tief genug gelesen. Serre, Frau Serre und Frau Zöllner ergriffen heftig gegen ihn meine Partei; ich versuchte ruhig zu wirken und steckte es dem Anschein nach gut weg, konnte aber nicht gleich einschlafen; es goß in Strömen […].

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410. Hans Christian Andersen, Tagebuch, Schloß Maxen bei Dresden, 19. Juni 1856 Frau Serre weinte, sagte, sie könne G. verprügeln, weil er nun ihre liebsten Freunde vertreibe; Serre kam und redete mir versöhnend zu, bat mich, ihnen auf keinen Fall böse zu sein; G. stattete mir eine Visite ab, alles war hübsch und gut. Die Pfarrersfrau war hier mit Tochter und der jungen Schwester des Faktors, ich las vor. Alles lag im Sonnenschein.

411. Gottfried Keller an Hermann Hettner, Zürich, 18. Oktober 1856 Gegen mich waren beide außerordentlich angenehm und beschworen mich, ihnen zu schreiben, woraus ich entnahm, daß sie an mein Aufkommen glauben. Das gleiche erlaubte ich mir aus Gutzkows gehässigem und knabenhaft verdrehtem Anfall zu abstrahieren, den er mir in seinem Blatte zukommen ließ. Fast hätte ich mich zu einer dummen Retourchaise verleiten lassen. Ich habe mich nämlich bis jetzt noch mit jener Romanzen-Parodie auf Heine herumgetragen und das Ding fast fertig gemacht. Darin kommen auch ein Dutzend sehr malitiöser Strophen auf Gutzkow vor, worin er geschildert wird, ohne genannt zu werden. Erst heute früh habe ich mich endlich entschlossen, die ganze Geschichte wegzuwerfen und mich von dergleichen Dingen fernzuhalten, lieber meine positiven Produkte fördernd. Hauptsächlich dachte ich, wenn Gutzkow ein Esel ist, so wolle ich nicht auch einer sein und ihn seinem eigenen dialektischen Prozesse überlassen. Er ist aber doch ein schofler Gesell; nicht lange nach jenem willkürlichen Einsanhängen brachte er eine wehmütige weltschmerzliche Erklärung in seinem Küchenblatt, wie man aus übergroßem Schmerz öfter ungerecht urteilen könne, mit halbem Bewußtsein des Unrechtes etc., und suchte solche Lumperei süßholzraspelnd zu beschönigen. Es war offenbar eine oratio pro domo.

412. Arthur Schopenhauer an Julius Frauenstädt, Frankfurt, 31. Oktober 1856 In Gutzkows „Narrenwelt“ steht sein alter Artikel aus dem Küchenheerd, über die Parerga. Seine ganzen drei Bände scheinen eben daher genommen zu seyn; so daß das Publikum sein fades, gemeinplätziges Geschwätz jetzt nochmals aufgewärmt zu genießen kriegt: und der hat 5000 Abonnenten! und Julian

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Schmidt eine 3. Auflage nach 9 Monaten, und Humboldts Briefe an seine Freundin 6 Auflagen: – da steht, was das deutschen Publikum ist!

413. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Leipzig, 18. Januar 1857 Ich darf es den Leuten gar nicht sagen, daß ich erst sehr spät dazu gekommen bin, mich mit Gutzkow’s berühmten, vielgepriesenen, auch vielgetadelten „Rittern vom Geiste“ bekannt zu machen. Man stellt sich immer vor, als habe Unsereins nichts Eiligeres zu thun, als die von ihm gedruckten Sachen zu lesen, und wie wenig kenne ich gerade näher von dem, was wir gedruckt und verlegt haben. Im allgemeinen bin ich ja mit meinen eigensten Interessen und Studien mehr in der vergangenen Zeit als in der Gegenwart, und was speciell unsere Verlagsartikel betrifft, so knüpft sich nur zu oft an das Verhandeln darüber, den Druck, die Herausgabe, die Resultate so manches, was die Unbefangenheit bei der Lektüre stört. So bin ich auch an Gutzkow’s Roman lange vorübergegangen, nachdem ich die ersten beiden Bände seinerzeit in den Feuilletons der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ gelesen hatte, und habe, ohne das Buch genauer zu kennen, viel davon verkauft, gut daran verdient. Seit einiger Zeit hat es mich indeß außerordentlich interessirt, wiewol ich mich mit der Lektüre nur während der Reisen beschäftigt habe, und während der hierdurch entstehenden Pausen habe ich dann viel über das Buch nachgedacht. Nur die Hälfte des neunten Bandes und die Kritiken habe ich in Leipzig gelesen. Einige Worte darüber muß ich doch dem Tagebuch einverleiben, obwohl es schwer ist, auf einer halben Seite sich über einen Roman von neun Bänden auszusprechen. Es ist und bleibt, was man auch tadeln mag, wie vieles man auch anders und besser wünschte, ein höchst bedeutendes Werk, ein wahres Zeitgemälde, die jüngstverflossene Zeit nach allen ihren geistigen und materiellen Richtungen in einer Weise darstellend wie kein anderes Werk, und nach dieser Richtung hin wird es, von dem Werthe als fesselnder Roman ganz abgesehen, fast zu einer Quelle für später werden. Bewundernswürdig ist der Reichthum der Erfindung und wie Gutzkow es verstanden hat, die vielen ausgedehnten Fäden zu einem Ganzen zu gestalten; bewundernswürdig der Reichthum an originellen lebensvollen Charakteren, die Gutzkow uns vorführt; bewundernswürdig endlich in vielen Fällen die Darstellung. Aber freilich, die echte künstlerische Harmonie der einzelnen Theile zu einem schönen Ganzen fehlt, und wenn sich auch durch die Entstehung des Buchs erklärt, daß diese Harmonie sich nicht gleich bei der ersten Anlage hat finden wollen, so begreife ich doch nicht, wie Gutzkow es eigentlich über sich vermocht hat, auf eine tiefeingreifende Umarbeitung zu verzichten und durch Hinwegschneidung, Umgestaltung, Hinzufügung ein

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Heinrich Brockhaus

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wirklich classisches Buch zu schaffen. Mir ist in der Anlage der eigentlichen Verwickelung manches unsympatisch, und ich könnte mir das alles so leicht geändert und gebessert denken, ohne das Ganze zu stören. Aber auch so, wie der Roman ist mit allen seinen Fehlern, ist er ein höchst anziehendes, anregendes und im ganzen doch entschieden befriedigendes Werk, wie Gutzkow kein anderes geschrieben hat und wie überhaupt unsere Literatur nichts Aehnliches aufweisen kann.

414. Bayard Taylor [*1857]

Dresden, Februar 1857

In Gesellschaft mit Ziegler machte ich Gu t z k ow einen Besuch, der als Dramatiker jetzt in Deutschland an der Spitze steht. Sein „Zopf und Schwert“ hat seit vielen Jahren seinen Platz in dem Repertoire aller Theater zwischen den Alpen und dem baltischen Meere eingenommen. Gutzkow ist ein Mann von 40 Jahren, hat blondes Haar und Schnurrbart, graue Augen, starke Nase; im Ausdruck seines Gesichts ist Schärfe und Deutlichkeit des Verstandes vorherrschend. Nach seinem Gesicht zu urtheilen, würde ich sagen, daß er bei seinen Arbeiten geduldig, beharrlich und gewissenhaft und in der Würdigung dessen was er bedarf und benutzen kann, scharf und schnell ist, daß er aber weit mehr durch seine Kenntniß der Menschen und des Lebens als durch die Macht und Wärme der Leidenschaft in sich selbst wirkt. Sein Benehmen war höflich und gütig; er machte aber auf mich nach dem Gefühl der sommerlichen Wärme in Auerbachs Wesen mehr den Eindruck eines klaren Wintermorgens.

415. Eduard Devrient an Therese Devrient, Dresden, 19. Februar 1857 Gutzkow traf ich auf dem Amphitheater, der mich mit großer Hingebung von den äußerst zerklüfteten Literatenverhältnissen in Dresden unterhielt. Wie bloße Vorteilsspekulation die Leute zusammengebracht, so hat sie sie denn auch richtig verfeindet. Gutzkow und Auerbach grüßen sich nicht mehr, Wolf s oh n macht des letzteren Trabanten, He t t ner in seiner unentschiedenen Weise hat die Verhältnisse, scheint es, nur mehr verwirrt, so ist gekommen, was kommen mußte.

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416. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Dresden, 1. April 1857 Die Angriffe, die mein letztes Buch durch Gutzkow und die von ihm Inspirirten erfahren, haben mich im ersten Momente allerdings gekränkt; weitere Betrachtnahme aber führt mich darüber weg, und Muth und Ausdauer besteht eben darin, vom Feinde auf Mängel aufmerksam gemacht, diese gerecht im Auge zu behalten, dann aber fest und unbeirrt seines Weges gehen, und nur so lange ich nicht arbeite, fühle ich mich turbirt, sei es von diesem oder jenem, inmitten der Arbeit bin ich stets frei und lebensfreudig.

417. Rudolf von Gottschall [*1902] Dresden, etwa Frühjahr 1857 Gutzkow war in Dresden Dramaturg geworden, verweilte aber noch mehrere Jahre, nachdem er diese Stellung wieder aufgegeben, in Elbflorenz. Dort besuchte ich ihn mehrfach, einmal auch mit meiner Frau; er hatte dort eine angenehme Häuslichkeit und in seinem Salon fanden sich zahlreiche Besucher und Besucherinnen ein. In derselben Straße, einige Häuser von ihm entfernt, wohnte Berthold Auerbach – und das waren zwei feindliche Lager; die Dorfgeschichten und die Ritter vom Geiste vertrugen sich schlecht miteinander; der gemütliche Schwabe Auerbach und der ungemütliche Berliner Gutzkow waren zu verschiedenartige Charaktere. Nur bei einem Ausflug ins Paradies fanden wir uns alle zusammen in einer größeren Gesellschaft. Gutzkow war ein heftiger Gegner der Shakespearomanie, die damals in einzelnen Kreisen das ganze literarische Leben überwucherte. Was aber Auerbach betrifft, so wünschte Gutzkow, daß von irgend einem jüngeren Autor eine Parodie auf das damals sehr beliebte „Barfüßele“ geschrieben würde und hatte auch einen Titel für dieselbe „Blaumeisele“ in Bereitschaft.

418. Wilhelm Joseph von Wasielewski [*1897] Dresden, um 1857 Als ich ihn [Berthold Auerbach] einmal besuchte, war er damit beschäftigt, eine Menge Zeitungen mit Streifband zu versehen, in denen eine Notiz über ihn stand. Zur weiteren Benutzung versandte er dieselben an verschiedene Redaktionen. Zuerst war mir sein Beginnen nicht klar, deshalb befragte ich ihn darüber, worauf er erwiderte: „Lieber Kerl, wenn Sie nicht dafür sorgen, daß an jedem Tage in irgend einem Blatte über Sie etwas steht, so wird nichts aus Ihnen.“ Und das kam ganz unbefangen heraus. Auerbach konnte wirklich völlig

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naiv sein, es stand seiner behäbigen Persönlichkeit sogar gut. Gutzkow hatte ihm auf dieselbe hin in ironischem Sinne den Namen „Salontiroler“ gegeben, eine übrigens für Auerbach wenig passende Bezeichnung, denn er war weder ein Salonmensch, noch hatte er etwas von dem dreisten, täppischen Wesen des Tirolers. Gutzkows Ausdruck war eben in einer gewissen Animosität gegen seinen Berufsgenossen begründet. Von Hause aus disparate Naturen, herrschte zwischen ihnen etwas vom Antagonismus, den sich der gutmütig treuherzige Auerbach indessen nicht so anmerken ließ wie der stets sehr selbstbewußt und etwas brüsk auftretende Gutzkow. Dieser besaß einen scharfen Verstand, welcher auch in vielen seiner Schriften entschieden hervortritt, in denen mehr Reflexion als spontane Erfindung und poetische Inspiration herrscht. Indessen war Gutzkow trotz alledem eine bedeutende Erscheinung in seiner Art.

419. Gottfried Keller an Ferdinand Freiligrath, Zürich, 30. April 1857 Gutzkow ist eine Ratte. Ich hab’ ihn auch gesehen. Er mißgönnte mir sogleich mein bißchen Schmiererei und das winzige Erfölgelchen und suchte es durch förmliche wissentliche Entstellung zu paralysieren.

420. Heinrich Brockhaus, Tagebuch, Friedrichroda, 24. Juli 1857 Ganz incognito kann ich hier eben doch nicht leben: Gutzkow hat mich aufgefunden und besucht. Er ist in Leipzig gewesen, wo von ihm die ersten zwei Theile seines neuen Romans niedergelegt worden sind, dessen Erscheinen im Januar 1858 beginnen soll. Jetzt will er nach Westfalen und an den Rhein gehen, um noch recht viele katholische Anschauungen zu erhalten; später soll dann zu ähnlichem Zweck ein Aufenthalt in Italien genommen werden. Der Roman ist übrigens vorläufig getauft als „Der Zauberer von Rom“, aber das soll strenges Geheimniß bleiben und wir haben ihm unser feierliches Wort darauf geben müssen. Das ist so Gutzkow’sche Weise.

421. Levin Schücking [*1881]

Münster, Ende August 1857

Als dann später Münster mein Aufenthalt geworden, im Sommer 1858, überraschte er mich dort durch seinen Besuch – er hatte drei Wochen im Inselbad bei Paderborn zugebracht, hatte dort „Witoborn“ studirt und sah sehr wohl aus; er war stärker geworden und auch innerlich ruhiger, wie es schien – wohl

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Levin Schücking

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weniger durch den Einfluß der beruhigenden Luft Westfalens als durch die Beschäftigung mit dem objectiven Stoff, den er für seinen „Zauberer von Rom“ sammelte und verarbeitete. Es freute mich, in Beziehung auf westfälische Verhältnisse, auch auf die juristische Seite heimischer Lebensformen und Institute ihm mancherlei Fragen beantworten zu können. Mir selbst war es frappant, wie scharfäugig er an der Burg des Katholicismus eine ihrer schwächsten Stellen herausgefunden, jene zu den bedenklichsten Consequenzen führende Lehre von der Intention, auf der das Hauptmotiv seines „Zauberers“ beruht und von der er viel sprach. – Ein Ausflug nach einem einer befreundeten Dame in der Stadt gehörenden großen Bauernhof sollte ihn dann mit unseren ländlichen Lebensformen bekannt machen; doch mehr nahmen seine satirisch angeregte Beobachtung die Persönlichkeiten in Anspruch, welche sich dem Ausflug angeschlossen hatten – es waren darunter jene drei alten Herren, deren Gestalten mir bei der Zeichnung des Barons, des Obersten und des Geheimraths in meinem Roman „Das Recht des Lebenden“ vorgeschwebt haben, und namentlich der „Baron“, von dem er sagte, er werde sogleich anfangen, zu beweisen, der westfälische Adel stamme von den Asen ab, gewann sein heiterstes Interesse.

422. Alfred Meissner [*1865]

Dresden, Spätherbst 1857

Lange Jahre war ich stets an Dresden vorübergefahren, ohne dort Halt zu machen; erst im Spätherbst 1857 trat ich wieder einmal bei Gutzkow vor. Er hatte inzwischen die „Ritter vom Geiste“ beendet und einen riesigen Erfolg erlebt, aber auch die hartnäckigsten Angriffe erfahren. So reich auf der einen Seite sein Ruhm heranwuchs, wie ein Jungwald mit ragenden Kronen, so gierig war anderseits eine Raupenbrut bemüht, Alles kahl zu nagen, was sie von ihm in den Bereich ihrer Netze ziehen konnte: mit der Erkältung der Atmosphäre, die in Folge der politischen Rückschläge eingetreten, war dieses Gezücht entstanden. Gutzkow wohnte, um von Besuchern weniger belästigt zu sein, weit weg am letzten Ende einer Vorstadtstraße und stand in seinem mit Büchern und Papierstößen angefüllten Studirzimmer, im grauen Schlafrock, der einer Kutte glich, das Kinn in der Hand, während die Augen immer etwas zu suchen schienen. Nun hatte er schon zum steten Begleiter das Mißbehagen, die Mißstimmung, die Hamlet-Unzufriedenheit, die den Bodensatz aller Dinge aufwühlt. Er verhehlte nicht, wie die systematische Polemik Julian Schmidt’s an ihm zehre, und brachte sogleich das Gespräch auf den Gegenstand. Ich äußerte meine Verwunderung, daß er, der sich auf ein ungeheures Publicum stützen könne, sich so tief afficiren lasse. Ja, erwiderte er, stände er allein! Aber um diesen Exponenten nihilistischer Kritik hat sich ein ganzes Heer geschaart. Es ist

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nicht die Stumpfheit gedankenloser Schwätzer, die aus diesen Leuten herausredet, es ist der Neid, der Aerger, daß irgend etwas da sei, der Grimm über ihre eigene Impotenz. Der Mann hat dieses Volk unter eine eigene Fahne zusammengebracht. Sehen Sie nach Wien – ich sehe seit einiger Zeit dort eine ganze Clique, die in seinem Sinne schreibt. Seine Stichworte: „einfach blödsinnig“, „sittlich faul“ u.s.w. sind leicht zu behalten, und damit opponirt man trefflich. Die Kritik Julian Schmidt’s ist epidemisch geworden. Unter dem Einfluß dieser Schule, fuhr er nach einer Weile fort, ist die Jugend zu einem merkwürdigen Dünkel gelangt. Sie kennen den jungen Mann (er nannte den Namen eines talentvollen jungen Dichters), den ich selbst in die Oeffentlichkeit einführte, indem ich dessen erste Novelle – mit welcher Mühe – umgestaltete und so druckbar machte. Ich finde ihn in Wien, wo meine „Ella Rose“ gegeben wird. Früh liege ich noch zu Bette, in der Abspannung, die einer ersten Aufführung folgt. Da dringt Jemand bei mir ein, ich schlage die Augen auf, es ist mein junger Mann, und er ist zu mir gekommen, um mir zu beweisen, daß mein Stück nichts tauge. Ja, er fühlt sich moralisch gedrängt, mir anzukündigen, daß er darüber strenge zu Gerichte sitzen werde. Seine Principien befehlen es ihm. So gebärdet sich die Jugend von heute! So empfindlich war Gutzkow, daß ihm die Selbstüberhebung – oder wie soll ich’s nennen – des jungen Menschen, den er protegirt, noch jetzt, noch nach Jahren schmerzte! Es bleibe nicht unerwähnt, daß der junge Dichter, von dem er sprach, ein Talent, das sich früh erschöpfte, ebenfalls gewaltsam Hand an sich legte und auf grauenhafte Weise aus der Welt ging..... Als ich damals Gutzkow sah, im Besitz eines so großen Namens und einer, wie es schien, so glücklichen Häuslichkeit, konnte ich die Fülle von Verstimmung, die in ihm lag, kaum begreifen. Welches reizende Geschöpf erschien mir seine Frau, eine Blondine, nur eben über das Mädchenalter hinaus, mit ihrem harmlos natürlichen, lebendigen Plaudern. Auch des lieblich klugen Töchterchens erinnere ich mich noch, das ich auf der Treppe spielend traf. „Ist Doctor Gutzkow zu Hause?“ fragte ich, und hatte, wie wir Süddeutschen es gewohnt sind, das w am Ende des Namens betont. „Mein Papa heißt Gutzko, nicht Gutzkoff,“ erwiderte die Kleine; „er ist zu Hause.“ Wol mußte Gutzkow damals, um einen Haushalt zu bestreiten, der über dem Niveau der bloßen Wohlhabenheit zu stehen schien, seine Kräfte überanstrengen. Welche Plage mag zu Zeiten für ihn mit der Herausgabe der „Unterhaltungen am häuslichen Herde“ verbunden gewesen sein! Es ist aber das fast unausweichliche Los des deutschen Schriftstellers, der von Haus aus kein Vermögen hat und kein Staatsamt bekleidet, seine Feder einer undankbaren und doch einträglicheren Nebenbeschäftigung weihen zu müssen. Die deutschen Buchhändler dafür verantwortlich machen wollen, wie ein durch seine excen-

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trischen Ein- und Ausfälle bekannter Schriftsteller dies gethan, ist thöricht; die Gesetze des Absatzes regieren den Markt. Nur massenhafte Auflagen, wie sie die englische und französische Presse kennt, heben den Autor in die Wohlhabenheit, ja in den Reichthum hinan; in Deutschland genügt selbst bei Autoren allerersten Ranges eine Auflage von drei- bis viertausend Exemplaren, um das hohe Bedürfniß von vierzig Millionen zu decken. Das Volk der Denker ist auch das Volk der Leihbibliothek.

423. Hermann Hettner an Gottfried Keller, Dresden, 19. November 1857 Gutzkow arbeitet an einem neuen neunbändigen Roman. Ich komme mit ihm sonst gar nicht mehr zusammen, denn ich habe für ihn nur noch das Gefühl des Mitleids. Er ist verbissen und verbittert, schreibt und schreibt und hat sich doch um allen gesunden Menschenverstand geschrieben.

424. Ferdinand Gregorovius, Tagebuch, Rom, 10. Juni 1858 Im Mai traf Gutzkow hier ein. Ich hatte mir von diesem virtuosen Sophisten unserer Literatur ein Bild gemacht wie von einem dünnen, geistreich aussehenden Menschen, mit scharf zugespitzter Nase, und ich fand einen gedrungenen, sehr kräftigen Mann mittlerer Größe. Seine Gesichtszüge sind derb und verzwickt, seine Augen voll Mißtrauen, und seine Stimme hat einen herben, schneidenden Klang. Er stieß mich ab, ich fand nichts in ihm, was vom Wesen eines Dichters Zeugnis gab. Nur einmal machte ich mit ihm einen kleinen Gang, und dann, auf Haxthausens Aufforderung, eine Fahrt nach den Katakomben von S. Calisto, wobei uns das geistreiche und lebhafte Fräulein S. begleitete. Gutzkow kam her, um für einen Roman, ‹Der Zauberer von Rom›, Szenen zu suchen. Da ich mit so vollem Ernst die Geschichte Roms schreibe, widerte mich das frivole Hereinstöbern auf diesem tragischen Theater der Stadt heftig an. Gutzkow schimpfte beständig auf Rom; er blieb nur in der niedrigen Luftschichte der Stadt, aus welcher er sich in die höhere nicht erheben konnte. Ich bemerkte ihm einmal, daß man in Rom nur dasjenige finde, was man für dies Weltwesen schon mit sich bringe. Seine ganze Art zu denken und zu sein wirkte auf mich wie eine Dissonanz. Er reiste ab nach Neapel, sehr unzufrieden, wie ich glaube, mit Rom, wo man keine Notiz von ihm genommen hatte. Denn was bedeuten wir hier? Wir sind nur wie Spreu und Stroh, das durch die Straßen wirbelt.

Dresden 1858

425. Karl Frenzel [*1908]

323 Dresden, Sommer 1858

Als einmal im Sommer 1858 in Dresden der bekannte Phrenologe Scheve Gutzkows Schädel untersuchte – er nahm die Sache mehr als einen Scherz hin, um den gutgläubigen Mann nicht zu kränken – entdeckte er mit einem Erstaunen, von dem er gar nicht zurückkommen konnte, eine außerordentliche Entwicklung des Bausinnes bei Gutzkow. „Warum sind Sie nicht Baumeister geworden?“ rief er wiederholt aus. Gutzkow lebte damals ganz in den Plänen zu seinem Zauberer von Rom; er lächelte ironisch und strich sich, wie es seine Gewohnheit war, den dünnen blonden Bart. „Warten Sie es nur ab, lieber Scheve, man kann auch mit Worten Peterskirchen aufführen.“

426. Karl Frenzel [*1891] Seit 1855 bildete der „Zauberer“ – ursprünglich sollte der Roman „Der römische Zauber“ heißen – das A und O unserer Unterhaltungen. Wie es seine Weise war, fing Gutzkow an, Bücher, Menschen und Dinge einzig auf diesen Zweck hin zu betrachten, zu durchblättern, auszufragen. Sogar die Adreßbücher der Stadt Köln aus dem Ausgang der dreißiger Jahre hielt er seines Studiums nicht für unwert. Schon in dem Aufriß seines Planes spielte die Landschaft Westfalens, seine Adelsfamilien, Schlösser und Kirchen eine Rolle, hat doch die römische Magie auf keinen anderen Teil des Vaterlandes wundersamer gewirkt als auf Westfalen. Welch ein Fest war es da für ihn, in einer der vielen adeligen Schriftstellerinnen, angejahrten unverheirateten Damen, einen Schatz westfälischer Erinnerungen und genealogischer Kenntnisse zu entdecken. Wie oft haben wir zu dritt im Café Français gesessen und den Jugendgeschichten des Fräuleins gelauscht. Ich bewunderte zugleich Gutzkows Geduld und Spürsinn. Die Dame, der das Glück weder in der Liebe noch in der Poesie günstig gewesen, hatte nie einen aufmerksameren Zuhörer für ihre „olle Kamellen“ gehabt, und während ich es für das ödeste und leerste Gerede nahm, fand er mehr als ein hundertfältiges Samenkorn darin. Selten hat sich mir Spielhagens Wort von dem Dichter, der immer und überall Finder und Erfinder ist, lebendiger verkörpert. Die empfangene Anregung war für Gutzkow so mächtig, daß er eine Reise nach Westfalen machte und sich in die katholischen Altertümer und Stimmungen, in Ahnung und Gegenwart Paderborns und Münsters versenkte. Jener Erzählerin hat er das unvergleichlichste Denkmal, wenigstens für die Wissenden, gesetzt: sie ist, in erhöhter und idealischer Gestalt, in einer Ausdeutung ihres schon an sich abenteuerlichen Lebenslaufes nach oben wie nach unten die Lucinde des Romans. Auch Rom und Neapel hat Gutzkow in jener

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5. Ritter vom Geist

Karl Frenzel

Dresden 1858

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Zeit, doch hauptsächlich des Zauberers wegen, besucht: er kannte bis dahin von Italien nur die oberitalienischen Seen und einige Städte der Lombardei. Für die Komposition des Werkes war sein Aufenthalt in Italien nicht günstig. Unwillkürlich drängte es ihn, seine Beobachtungen, seine Erfahrungen über Land und Leute, Kirche und Kirchenstaat darin niederzulegen, und so verschob sich ihm unmerklich die Idee, von der er ausgegangen: die Spiegelung des römischen Zaubers im deutschen Volksgemüt, die Wirkung in die Ferne, die von dem Vatikan und der Peterskirche, von dem Stellvertreter Christi und seinem Gefolge auf das protestantische wie das katholische Deutschland in allen Formen und Erscheinungen des Lebens ausstrahlt. Wie in der damaligen Zeitgeschichte, trat auch in dem Roman, zu einseitig für mein Gefühl, die italienisch-römische Frage in den Vordergrund; nicht Gutzkows neugewählter Papst, der zugleich der letzte ist, dem die unabsehbare Volksmenge „Freiheit! Freiheit! die unvertilgbar ewige Losung und das gottgegebene Erbe der Menschheit“ zujauchzt, sondern der Papst, der sich unfehlbar erklärt, wäre das richtige Ende des „Zauberers von Rom“ gewesen: der Zauberer, dem der Boden unter den Füßen von der Revolution entrissen wird, schwingt sich in die Wolken des Himmels empor …

427. Berthold Auerbach an Georg von Cotta, Dresden, 28. Oktober 1858 Haben Sie schon Gutzkows Zauberer von Rom gelesen? Ich ersuche Sie dringend, überwinden Sie sich – denn es wird Überwindung kosten – und lesen Sie das Buch. Ich erinnere mich, daß Sie mir wegen der Ritter vom Geiste sagten, wie es Ihnen widersprechend war, daß die Allg. Ztg. das Buch so fortwährend auf den Schild hob. Nun denn, dieses Buch verhält sich zu den Rittern vom Geist wie Göthe zu Alexander Dumas, ja noch tiefer hinab. Mein verehrter Freund! Ich habe nie in meinem Leben jemandem einen Stein in den Weg gelegt. Ich lasse gern jeden seines Weges ziehen, wie ich den meinigen gehe. Es ist aber unmöglich, einer keck etablierten Reklameclique gegenüber, nicht das Seinige zu tun, um nicht nach Kräften diese entsetzliche Korruption von Geschmack und Sitte zu hindern. […] Sobald meine Pflichtarbeiten absolviert sind, werde ich mit dem ganzen Einsatze meiner Kraft diesem falschmünzerischen Vertriebe eines durch und durch innerlich verfaulten Machwerkes entgegentreten, und Sie mögen vorerst dafür sorgen und zwar ba ld ig s t , daß Ihre Blätter nicht auch zu dieser Korruption mißbraucht werden. […] Ich kann persönlich Schmerz und Mitleid nicht zurückhalten, daß eine so

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5. Ritter vom Geist

Berthold Auerbach

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bedeutsame Kraft so entsetzlich verkommen ist, aber das Mitleid mit dem Einzelnen darf nicht abhalten, den grausenhaften Verderb von der Gesamtheit abzuwehren.

428. Gottfried Keller an Ludmilla Assing, Zürich, 28. April 1859 Ich habe auch zuweilen im neuen Gutzkowschen Roman gelesen und bin über die Niaiserie und Verzwicktheit dieses Mannes, die nun über alles Maß geht, ganz verblüfft. Und was will er nur mit seiner frechen Sprach- und Stilverderberei? Es ist fast unmöglich, daß er die Abgeschmacktheit ganzer Seiten und Bogen, die wahre Küchenmagdmanier nicht einsehe? Und dennoch sind sehr gute Sachen darin; es ist nur die Unruhe, die Schlingelei, die ewige Verdorbenheit, welche diesen Geist so seine gute Bahn verfehlen ließ und ihn noch sehr tief wird fallen lassen.

429. Wilhelm Raabe an Auguste Raabe, Dresden, 5. Mai 1859 Gutzkow habe ich einen Besuch gemacht u er ist auch bereits wieder bei mir gewesen. R. Giseke kenne ich auch u wir sind ganz gute Freunde geworden. Redacteure u Schriftsteller in Masse sind mir begegnet. Im Cafe de l’Europe, wo ich zuweilen hingehe, bin ich und der große Mime Emil Devrient mit einander bekannt gemacht worden. Auch Gutzkow ist alle Abende hier zu finden u hat mir gesagt, jedes mal wenn er sich poetisch stimmen wolle, lese er meine Bücher.

430. Friedrich Hebbel an Franz Dingelstedt, Wien, 5. Oktober 1859 Freund Gutzkow suchte ich, wie Du mir auf die Seele bandest, redlich auf, es bekam mir aber schlecht. Er wußte mir bei’m Glase Bier nichts Angenehmeres anzuthun, als daß er Emil Kuh, von dem er sehr wohl weiß, daß er seit zehn Jahren in meinem Hause aus- und eingeht, ein Mal über das andere einen „höheren Commis“ nannte. Als ich das nicht so hingehen ließ und ihn zurecht wies, klagte er über Mangel an griechischen Sitten; wahrscheinlich kennt er einen verloren gegangenen Gesang der Ilias, worin Diomed sich schadenfroh die Hände reibt, weil er Glaukos für einen Kutscher erklären hört. Mir ist das tiefste Erbarmen als letzter Eindruck geblieben; man muß weit gekommen seyn, wenn man einen jungen Autor erst brieflich um ein Urtheil ersucht und

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5. Ritter vom Geist

nachher auf ihn schimpft, weil es nicht nach Wunsch ausfällt. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich, wenn sich irgend ein Weg zeigte, für Gutzkow etwas Nachhaltiges zu thun, aus allen Kräften und mit Freuden dafür wirken würde; aber meine längst gehegte Ueberzeugung, daß sich absolut mit ihm nicht leben läßt, steht jetzt fester, wie je. So weit muß auch das Elend Einen nicht bringen.

431. Karl Stelter [*1882]

Dresden, 1860

Im Jahre 1860, bei einer Anwesenheit in Dresden, hatte ich zuerst Ro ber t Gi s e k e aufgesucht, mit dem ich von Leipzig aus bekannt war. Er stellte sich ganz zu meiner Verfügung und äußerte, wie selbstverständlich: Gutzkow besuchen Sie ja natürlich; die Größe werden Sie kennen lernen wollen, wenn Sie aber nicht vorkommen sollten oder da fertig sind, dann kommen Sie nur wieder auf mich zurück; zu Gutzkow begleiten kann ich Sie nicht. […] An der Thür des von Gutzkow in der Pragerstraße bewohnten Hauses befand sich eine Tafel mit seinem Namen und darunter: „Sprechstunde nur von 3 bis 4 Uhr.“ Gutzkow wurde zu jener Zeit viel überlaufen und so mochte diese Beschränkung der Besuchszeit wohl geboten sein. Daß er sie auf den Nachmittagskaffee eingerichtet hatte, verhieß von vornherein unceremoniöse Gemüthlichkeit. Sofort nach Abgabe meiner Karte wurde ich in einen eleganten kleinen Salon geführt, in dem mehrere Herren und Frau Gutzkow bereits um den Kaffeetisch saßen. Gutzkow stellte vor und so lernte ich bei der Gelegenheit Robert Waldmüller (Eduard Duboc) kennen. Bekannt war ich Gutzkow schon durch Beiträge für seine „Unterhaltungen am häuslichen Heerd“, und während seine Gattin mich in den Kaffeekreis installirte, machte er mich der Gesellschaft bekannt: „als einen der Jungen, die etwas von mir gelesen und behalten haben“. Erstaunt darüber, was er darunter wohl verstehen könne, erfuhren wir denn, daß er einige Sentenzen meinte, die in der kurz vorher erschienenen ersten Auflage meines Sammelwerks: „Kompaß auf dem Meer des Lebens“ enthalten sind, was ihm vielleicht durch ein Rezensionsexemplar bekannt geworden sein mochte. […] Die Unterhaltung war eine sehr lebendige, Gutzkow im Ganzen guter Laune, und dennoch durchflocht er das Gespräch häufig mit sarkastischen Bemerkungen, die nur zu sehr seine pessimistische Stimmung verriethen. Mir verschwand die Audienzstunde im Fluge, und pünktlich mit dem Schlage vier Uhr erhob sich Robert Waldmüller, womit das Zeichen zur kurzen freundlichen Verabschiedung gegeben war. Waldmüller, der mich bis an mein Hotel begleitete, erwähnte noch, wie zwanglos diese Kaffeestunde bei Gutzkow in der Regel verlaufe, wie genau er aber auch darauf halte, daß sie nicht überschritten werde.

Dresden 1860

432. Rudolph Genée [*1879]

329 Dresden, 1860/61

Gutzkow hatte in seinen „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ das Testament Schopenhauer’s in so scharfer Weise kritisirt, daß er dafür mit einer Klage bedroht wurde. Zu seinen Ausführungen über den egoistischen Charakter Schopenhauer’s gehört u. A. die Erwähnung eines Prozesses, den derselbe mit seiner eigenen Mutter um das väterliche Erbtheil geführt haben sollte. Da Schopenhauer aus Danzig stammte, da ferner ein Danziger Kaufmann nach Gutzkow’s Angaben zum bedeutenden Nachtheil des gesammten Schopenhauerschen Besitzes fallirte, so vermuthete er, daß wohl bei dieser Gelegenheit daselbst Streitigkeiten in der Familie ausgebrochen waren. Und da ich seit zwei Jahren in Danzig lebte, so bat er mich dringend, ihm behülflich zu sein, etwas darüber zu ermitteln, damit er in Erwartung des ihm drohenden Prozesses Beweise für seine Behauptung aufbringen könne. Er hoffte, ich würde in Danzig vielleicht eine Persönlichkeit finden, welche die Angelegenheit für ihn zu erforschen im Stande sei. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, was ich dabei herausbrachte; aber es war jedenfalls ungenügend. Am 22. November 1860 schrieb mir Gutzkow: „Leider ist das Ergebniß Ihrer Forschungen meiner Behauptung nicht günstig; ich sehe, ich habe mich durch mein Gedächtniß und durch falsch unterrichtete Gewährsmänner täuschen lassen. Bei jenem Fallissement wäre nicht unmöglich gewesen, daß der Sohn gewisse Prioritätsrechte geltend gemacht hätte u. s. w.“ Ich habe auch später nicht erfahren, weil die Sache überhaupt meinem Gedächtniß entschwand, ob Gutzkow noch Beweise für seine Anschuldigung erlangen konnte. In seinen „Rückblicken“ (1875) kommt er gelegentlich auf die Persönlichkeit Schopenhauer’s zu sprechen; er berichtet auch da nur von Schopenhauer’s Wunderlichkeiten und über seine Herzlosigkeit, daß er mit seiner eigenen Mutter im Prozesse lebte. Es ist mir danach zweifelhaft, ob ihm wirklich ein Prozeß daraus entstanden ist. Gleichviel, solche Verdrießlichkeiten passirten Gutzkow nicht selten, indem es ihm bei einem geschehenen wirklichen oder vermeintlichen Unrecht sofort überwallte, was ihm dann häufig durch ein vorzeitiges scharfes Wort Unannehmlichkeiten zuzog. In seiner unzufriedenen Natur steckte gleichzeitig ein gutes Stück vom Heißsporn, auch hinsichtlich seiner Furchtlosigkeit und Streitbarkeit. Am reizbarsten war er freilich da, wo sein persönlicher Ehrgeiz ins Spiel kam und durch irgendwelche, oft ganz unabsichtliche Berührung aufschäumte. Wahrhaft humoristisch war es zuweilen, wenn er aus solcher Stimmung gerade die allerbesten Absichten seiner Freunde mißdeutete und ins Gegentheil verkehrte. Kam er dann zeitig genug zu einer bessern Einsicht, so flüchtete sich sein Mißmuth wohl hinter eine gewisse Selbstironie.

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5. Ritter vom Geist

Oft trat bei ihm, trotz seiner krankhaften Reizbarkeit und seines fortwährend an ihm nagenden Grames, nicht genug anerkannt zu sein, wieder eine wahrhaft rührende Bescheidenheit an den Tag, indem die geringsten, wirklich warm und herzlich gemeinten Ausdrücke von Sympathie ihn vorübergehend im höchsten Grade befriedigten. So erinnere ich mich noch aus der Zeit, da ich ihn in Dresden besuchte, eines solchen Momentes. Es war damals schon eine Reihe Bände von seinem „Zauberer von Rom“ erschienen. Er hatte mich abgeholt, um mit mir Abends in eine damals von ihm zuweilen besuchte Bier-Restauration zu gehen. Kaum waren wir eingetreten, als ein Herr, der Gutzkow oberflächlich kannte, ihm mit Zeichen großer Freude entgegenging, um ihm über einige Eindrücke aus dem zuletzt erschienenen Bande des „Zauberers“ sein Herz auszuschütten und auf einzelne Stellen mit besonderer Begeisterung hinzuweisen. Gutzkow war innigst erwärmt durch diese Begrüßung. Mit einem milden, behaglichen Lächeln, das in solchen Fällen seinen Gesichtszügen einen besonders liebenswürdigen Ausdruck gab, dankte er dem Sprecher, indem er ihm herzlich die Hand drückte. Dann ging er mit mir an einen benachbarten Tisch, indem er mit weichem, innerlichst bewegtem Ton zu mir sagte: „Sehen Sie, das thut doch wohl.“ Gutzkow hätte nach jener ostensiblen Begrüßung sich ohne Weiteres zum glänzenden und gefeierten Mittelpunkt der Gesellschaft machen können, und gewiß, nicht Viele würden dieser Versuchung widerstanden haben. Er war aber weit entfernt, in derartigen Kitzelungen der Eitelkeit Befriedigung zu finden. Der warme herzliche Ton des Mannes, der zu ihm gesprochen hatte, und der ihm bewies, daß seine Werke doch so mächtig auf die Gemüther wirken könnten, war ihm Genugthuung genug, und mit dem Gefühle innersten Behagens plauderte er mit mir allein an diesem Abend weiter. Bei solchen Offenbarungen eines tiefen Gemüths und echter Mannhaftigkeit ist es mir unmöglich, Gutzkow zu der Gattung jener vielen, hervorragenden Schriftsteller zu zählen, über deren Autoren-Eitelkeit genug spaßhafte Geschichten berichtet werden. Wie wollte man es einem Manne von seiner Bedeutung verübeln, daß er seines Werthes sich bewußt war und daß er für Werke, an die er sein ganzes geistiges Können und seine Gesundheit setzte, wenigstens gerechte Anerkennung beanspruchte. Grade in jener Zeit, während die neun Bände seines „Zauberers“ im Erscheinen begriffen waren, traf ich ihn auch einmal unter dem Eindruck ihm angethaner schwerer Kränkung – es war eine gehässige Besprechung seines Werkes in den „Grenzboten“ – so furchtbar erschüttert und in so unbeschreiblicher Aufregung, daß ich erschrak. In solchen Fällen war er aufrichtiger, als mancher Andere, denn er hielt es nicht unter seiner Würde, den tiefen, ihn durchwühlenden Schmerz über solche Angriffe zu zeigen, anstatt ihn in einer vornehmen Geringschätzung der Gegner zu verbergen. So wie er damals, als ihm die freudigste Anerkennung ungekünstelt

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entgegen trat, mir sein für solche Wohlthat dankbares Gemüth nicht verbarg, so zeigte er mir auch in dem anderen Falle die ganze Erregung seines gekränkten Innersten ohne Rückhalt. Gutzkow war eben nicht stolz genug, um in dem einen Falle sich den Genuß für die Anerkennung zu versagen, in dem andern den Schmerz zu bekämpfen oder zu verdecken. Was hat der arme Mann bei seiner so erstaunlichen Produktion unter diesem fortwährenden Wechsel der heftigsten Empfindungen zu leiden gehabt! War es ein Wunder, daß es bei einer derartigen Natur einmal zum gefährlichsten Bruche kam?

433. Rudolf von Gottschall [*1902]

Dresden, etwa 1860/61

Einige Zeit später, als Gutzkow noch in Dresden weilte, erhielt ich von dort einen Eilbrief, der zu nächtlicher Zeit meinen Schlummer störte; ich wurde darin aufgefordert, bei einem Ehrenhandel gegen ihn mich zu beteiligen und in einem voraussichtlichen Zweikampf dem Gegner zu sekundieren. Der Brief rührte von einem Schriftsteller her, der in vieler Hinsicht als ein Jünger Gutzkows betrachtet werden konnte, von Robert Giseke, dem Verfasser der „Modernen Titanen,“ der ein schönes Talent bekundet, zuletzt aber in seinen geistreichen Gedankengespinsten den Faden verloren hatte. Ein Unglücksfall in seiner Familie hatte wohl bei ihm den ersten Grund zu geistiger Störung gelegt: seine Schwester hatte sich beim Anzünden einer Spirituslampe so verbrannt, daß sie an den Brandwunden starb, und das gleiche Geschick hatte den Vater, einen preußischen Regierungsrat, infolge seiner Rettungsversuche getroffen. In dem Eilbrief, den ich um Mitternacht erhalten, war auch der Grund des Ehrenhandels angeführt: Giseke hatte sich durch eine Stelle im „Zauberer von Rom“ beleidigt gefühlt; er gab den Band und die Seite genau an, wo diese vermeintliche Injurie zu lesen war; ich suchte beim Licht der Nachtlampe das Buch auf und las gewissenhaft die betreffende Seite nach; doch es war mir unmöglich, auch nur die entfernteste und verhüllteste Beziehung auf den jungen Schriftsteller darin zu entdecken; ich lehnte daher jede Beteiligung an dieser Sache ab. Ein junger, befreundeter Regierungsassessor ließ sich aber durch Gisekes Wunsch doch bestimmen, nach Dresden zu fahren, hatte indes große Mühe, die Sache beizulegen; es entstand nämlich dadurch eine eigentümliche Schwierigkeit, daß Gutzkow selbst durch das Vorgehen Gisekes in hohem Grade gereizt war und nun seinerseits mit der Waffe in der Hand ihn dafür zur Verantwortung ziehen wollte. Ein unbefangener Sinn hätte doch einfach anerkennen müssen, daß dies durch nichts begründete Vorgehen nur von einer geistigen Störung herrühren könne; doch Gutzkow trug schon selbst den Keim einer solchen Störung in sich.

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5. Ritter vom Geist

Rudolf Gottschall

Dresden 1861

434. Alfred Meissner [*1865]

333 Dresden, Mai 1861

Im Mai 1861 habe ich Gutzkow das letztemal besucht. Er stand wieder im kleinen Zimmer vor dem bücher- und manuscriptbeladenen Tische, im Schlafrock, den Kopf gesenkt, das Kinn in der Hand. Sein Haar, einst von so schönem Hellblond und glatt wie Seide, war noch immer reich, aber buschig und von manchen grauen Fäden durchmischt! Wie zermürbt das Gesicht aussah! Vor ihm lag der eben erschienene letzte Band des „Zauberer“. Immer greller tönten die Mißklänge über die Trivialität, Langsamkeit, Ungerechtigkeit des Zeitalters, über den Zustand der Kritik und des deutschen Theaters. Drei Stücke seiner letzten Zeit: „Perez,“ „Myrthe und Lorbeer,“ „die Schule der Reichen,“ lagen bei den Todten. Ihm war, als komme ihm das Publicum nicht mehr wie sonst entgegen. Er sprach auch von „einem alten Sorgenvulcan,“ wie er es nannte, der von Zeit zu Zeit zu rauchen beginnt und mit seiner Lava das Hauswesen bedroht. Er meinte materielle Unsicherheit.

435. Adelheid von Schorn [*1912]

Dresden, Mai/Juni 1861

Dingelstedt erkannte bald, daß es für den Vorort der Schillerstiftung unmöglich sei, ohne einen literarischen Beirat auszukommen. Er beantragte 1861, einen Generalsekretär mit 500 Taler Gehalt anzustellen, der kein Stimmrecht im Verwaltungsrat haben solle. Er schlug Karl Gutzkow vor, dessen Verdienste um die Stiftung allgemein bekannt waren […].

436. Franz Dingelstedt [*1861] (Vorschlag an den Verwaltungsrat der Deutschen Schillerstiftung zur Kandidatur Gutzkows als Generalsekretär) Ich weiß, was gegen seine Wahl gesagt werden kann, weiß, daß er leidenschaftliche Gegner in wie außer der Stiftung besitzt, weiß endlich, daß er im Geschäftsverkehr nicht immer bequem und auskömmlich ist. Alles dies macht mich aber im Glauben an seine Tüchtigkeit, allgemeine, wie besondere für die Stelle keinen Augenblick irr. Der ihm so oft vorgerückte Cliquengeist zerfließt, bei Licht besehen, in blauen Dunst: Gutzkow steht in der heutigen Tagesliteratur, deren Allianzen sich ebenso wie diejenigen der politischen Welt aufgelöst haben, sehr isoliert; das Gespenst des „jungen Deutschlands“ schreckt nicht einmal die Polizei mehr. Er besitzt dagegen, wie kaum ein zweiter in Deutschland, genaueste Kenntnis aller Personalien in der zeitgenössischen Literatur, dabei ein warmes Herz, so für die Ehre, wie für die Leiden des Schriftstellerstan-

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des, in formaler Beziehung endlich eine Stilgewandtheit, ja Stilgewalt, die über jedem Zweifel, fast über jedem Lobe steht. Seine Verdienste für die Stiftung sind bekannt, sind anerkannt, in ihrer Werdezeit, 1855/59, war er ihre Seele. Sein Wirken in der Dresdner Zweigstiftung, wie im Verwaltungsrat hat bewiesen, daß es ihm Ernst um die Sache ist, daß er Personen und Zuständen „Rechnung zu tragen“ weiß. Er hat für Unterstützung eigener Gegner gestimmt (Prutz) und Lyrikern wie Novellisten, welche ihm alle seiner Richtung vollkommen fern stehen (Beck, Böttger, Rank, Kurz, Kürnberger), seine drängendste Verwendung angedeihen lassen. Selbst sein Hang zum Widerspruch, seine Krittelei, sein Doktrinarismus ist mir, als ein anregendes und reinigendes Element, immer förderlich für das Ganze erschienen, wie auch der oder das Einzelne dadurch unangenehm berührt worden sein mag. Zu übersehen ist hier nicht, daß gerade das polemische Talent in der Debatte vortrefflich zu verwerten sein wird, wenn es in steter und unmittelbarer Verbindung mit dem Vorort, im Zentrum der Stiftung wirkt […]. Den ängstlichen Gemütern aber, die das Übergewicht seines Namens und Einflusses im Verwaltungsrat als gefährlich für die Stiftung wie für die öffentliche Stellung der Stiftung ansehen möchten, kann man zu bedenken geben, daß Gutzkow als Sekretär des Verwaltungsrats in diesem aufgeht, nicht umgekehrt; er verliert in Prinzipienfragen, auch in Unterstützungssachen, seine Stimme und steht sogar in der Geschäftspraxis fortwährend unter dem Präsidium […].

437. Ludwig Braunfels [*1861] (Zur Kandidatur Gutzkows als Generalsekretär der Schillerstiftung) Gutzkow hat als Mensch seine Fehler. Sein Gemüt ist empfindlich, wie die Stimmung eines Klaviers; er deutelt, düftelt, spürt gern, sich selbst zur Beschwernis; er mißtraut leicht, findet sich leicht verletzt. […] Die Wahrheit ist in all’ unsern Verhandlungen stets das Ziel seines Suchens gewesen, und damit hat er uns viel, sehr viel genützt. Ich erinnere an unsere vorjährige Verwaltungsratssitzung in Weimar. Dort bewährte er, wie stets, eine Tätigkeit, ein Interesse, einen Eifer für die Stiftung, eine Aufmerksamkeit, eine Parteilosigkeit, der aufrichtigsten Anerkennung würdig. Wie manches, das jetzt als Resultat eines richtigen Verständnisses des Grundgesetzes allgemein belobt wird, verdankt man dem kräftigen Zusammenwirken Gutzkows mit unserm trefflichen Kollegen Förster! Die damals an der Verhandlung teilnehmen konnten, werden dies gewiß bestätigen. Höchst verdienstlich ist überhaupt von Anfang an Gutzkows Wirken in der Stiftung und zumal im Verwaltungsrat, und wir alle wissen, daß er dabei weder auf Partei, noch auf Clique, noch auf persönliche Vorliebe oder

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Abneigung Rücksicht nahm, sondern mit größter Milde stets nur dem Geiste der Stiftung gemäß zu wirken sich bemühte. Ich kann nicht anders als dafür halten, daß die Wahl Gutzkows die richtige sein werde. Seine Tätigkeit in der fraglichen Stellung wird bald jeden überzeugen, daß wir nicht einen literarischen Parteimann gewählt haben, sondern d e n Mann d er Sch i llerst i f tung.

438. Zeitungskorrespondenz aus Dresden vom 27. September 1861 *Dre s d e n , 27. September. Um Dr. Karl Gut zkow, der übermorgen von hier nach Weimar übersiedelt, einen Scheidegruß zu bringen, hatten gestern Abend seine Freunde und Verehrer ein Festmahl veranstaltet, das höchst zahlreich besucht war und wobei dem Scheidenden eine geschmackvoll ausgeführte Votivtafel überreicht wurde. Unter den Anwesenden befanden sich auch der Oberbürgermeister und der Vorstand der Stadtverordneten. Aus der Reihe trefflicher Trinksprüche seien hier nur hervorgehoben die Rede des Oberbürgermeister Pfotenhauer, welcher Dr. Gutzkow als Dichter und Charakter in warmen Worten würdigte, und die des Adv. Judeich, der namens der Schillerstiftung Gutzkow’s Wirken ausführlich schilderte. Mit rührender Bescheidenheit suchte der Gefeierte die ihm bereiteten Ehren als unverdient abzulehnen, that Rückblicke auf seine literarische Laufbahn, bezeichnete seine Stellung in der Literatur etc. und schloß mit den besten Wünschen für Dresden, wo er 15 Jahre gewohnt hat. Die ganze Festlichkeit war ein glänzendes Zeugniß von der hohen Achtung und Liebe, welche sich der berühmte Schriftsteller hier erworben.

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung Weimar 1861–1864

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

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I. 439. Karl Frenzel [*1879] Gutzkow’s Leben nahm eine Wendung zum Niedergang, als er im Herbst des Jahres 1861 Dresden verließ und als Generalsecretair der Schiller-Stiftung nach Weimar ging. Aus der Mitte der Dresdener Schriftstellerwelt, auf die Anregung Gutzkow’s und Julius Hammer’s hin, hat sich die Stiftung, deren löblicher Zweck auf die Unterstützung verdienter, in Noth gerathener Schriftsteller und ihrer Hinterbliebenen sich richtet, entwickelt. Reiche Mittel brachte ihr die National-Lotterie, die der unermüdlich thätige Major Serre zum Schiller-Feste am 10. November 1859 ins Werk gesetzt hatte, ein. Damals constituirte sich die Stiftung, zum Vorort für die ersten fünf Jahre ward Weimar gewählt. Franz von Dingelstedt, der Intendant des dortigen Theaters, und der Buchhändler Voigt traten dadurch an die Spitze der Stiftung. Bald aber zeigte es sich bei der Ueberfülle der an die Stiftung gestellten Bitten und Forderungen, daß zu ihrer sachgemäßen Erledigung ein mit der ganzen zeitgenössischen Literatur vertrauter Beirath nothwendig sei. Der Vorort beschloß, bei den Zweig-Stiftungen die Wahl eines lebenslänglichen Generalsecretairs zu beantragen. Schon waren Dingelstedt und Gutzkow über Amt und Person unter einander einig geworden. Ich erschrak, als mir Gutzkow bei meiner Anwesenheit in Dresden, im Juli 1861, seinen Entschluß mittheilte. Es gehörte keine Prophetengabe dazu, um einen Zusammenstoß zwischen Gutzkow und dem Verwaltungsrathe vorauszusehen. Gutzkow betrachtete die Stiftung halbwegs als sein Werk und Miteigenthum und mochte glauben, daß der ständige Generalsecretair sehr bald dem statutenmäßig alle fünf Jahre wechselnden Verwaltungsrath und Vorort gegenüber die unbedingte Herrschaft gewinnen würde. Zunächst sah er in der „festen Anstellung“ mit jährlich fünfhundert Thalern Gehalt einen Halt der Zukunft. Keine Einwände, keine Warnungen halfen; nicht einmal die Verhandlungen in den Zweig-Stiftungen über den Weimarischen Vorschlag, von denen ihm doch genug des Unliebsamen zu Ohren kam, machten ihn irre.

440. Heinrich Grans [*1889] Mit einer gewissen Feierlichkeit wurde die Ankunft Karl Gu t z kows in Weimar […] inszeniert. Empfang am Bahnhof, Bekränzung der Wohnung und Festessen in der „Erholung“, das waren die Ehren des Tages. In unser aller Erinnerung glänzte, wie ein heller Stern, der geniale Verfasser von „Uriel Acosta“, „Zopf und Schwert“, „Urbild des Tartüffe“ etc., und so war

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denn die Begeisterung, welche vorzugsweise das Theater dem Ankommenden entgegenbrachte, eine große. Leider aber entsprach die Wirklichkeit nicht dem Bilde unsrer Phantasie. Ein verbittertes Gemüt, eine fortwährend gereizte Stimmung, ein schroffes, mißtrauisches, oft unfreundliches Wesen, das war es, was gleich die erste Begegnung mit Gutzkow zu Tage förderte. Dabei war seine Persönlichkeit mit den kleinen, infolge seiner Kurzsichtigkeit meist zusammengekniffenen, Augen, und dem Zwickelbart, den er im Gespräch fortwährend durch die Hand zog, wenig geeignet, für ihn einzunehmen. Ich selbst empfing in Gutzkows Nähe stets den Eindruck, als sei er t i ef u nglücklich, und als ob seine herrlichen Verse zur Schillerfeier, worin darauf hingewiesen wurde, daß sich die Schillerstiftung derer annehmen würde, „die am Wege sterben – denn weit ist es von Bagdad nach Damaskus!“ – zunächst auf ihn selbst Anwendung finden dürften. Gutzkow benutzte nicht die goldenen Morgenstunden zu seinen litterarischen Arbeiten, sondern machte zu dieser Zeit meist flüchtige Besuche in der Stadt, und der Trietsch-Tratsch, den er bei diesen Gelegenheiten einsammelte, gab ihm, wie er sagte, die notwendige Anregung zu seinen Schriftstellereien. Wer in später Nacht noch über die „Bürgerschulstraße“ ging, konnte im zweiten Stock des Streichhahnschen Hauses, am geöffneten Fenster, beim Schein einer Schirmlampe, den Dichter, der so die Nacht zum Tage machte, emsig arbeiten sehen. Während seines Domizils in Weimar besuchte Gutzkow fast täglich unser Haus, da er sich gern mit meiner Frau unterhielt, der die seltene Gabe des Zuhörens in hohem Grade eigen ist. In unserm kleinen Salon lief er fortwährend hin und her, wie die Eisbären in den Sommermonaten, und wenn er sein Herz – noch öfter aber seine Galle – ausgeschüttet oder erkundet hatte, was Neues in der „Residenz“ vorgefallen, dann ging er eilig wieder davon, um bei andern Bekannten dieselbe Szene aufzuführen. Wehe aber, wenn ihm bei dieser Gelegenheit das Monatsrepertoire des Hoftheaters in die Hände fiel, und er daraus ersah, daß Dingelstedt nur eins, zuweilen auch wohl gar keines seiner Stücke darin aufgenommen hatte! In diesem Falle erging er sich gegen den – „Herrn Generalintendanten“, der ihn zu unterdrücken suche, der nei d i sch auf seine Erfolge sei, der die Honorare ersparen wollte – in Schmähungen, die, zumal von solcher Seite, nicht sehr schön waren. Diese fortwährende Unzufriedenheit lag in Gutzkows Charakter und würde sich auch dann nicht gelegt haben, wenn Dingelstedt alle Tage ein Stück von ihm aufgeführt hätte, so meinten jedenfalls seine intimsten Bekannten. – Ich bin der Meinung, daß in dem zeitweiligen Aus f a l l d e r n i c h t un b e d e ut end en Ho no rare, die er in Weimar von seinen Stücken bezog und die ihm bei seinen zerrütteten finanziellen Verhältnissen immerhin eine fortlaufende Einnahmequelle sicherten, der Hauptgrund seiner Unzufriedenheit zu suchen war.

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441. Karl Neumann-Strela: Karl Gutzkow in Weimar. [*1911] Seine erste Wohnung war in der Bürgerschulstraße, im Baurat Streichhahnschen Hause, zwei Treppen hoch und dem Landesindustriekontor gegenüber. Es verstimmte ihn, daß er aus den Fenstern seiner Arbeitsstube meist nur auf Dächer sah. Dann zog er in die Marienstraße, Ecke des Wielandplatzes, und freute sich, daß ihm das mittelmäßige Wielanddenkmal den Rücken kehrte. Trotz der Stille in beiden Straßen erwachte er oft früh am Morgen. Allerlei Grübeln ließ ihn nicht lange schlafen. Er klagte über Sausen im Kopfe und nannte es „Anpochen des Teufels“. Bevor er sich an den Schreibtisch begab, nahm er mit seiner Frau, einer Tochter des Buchhändlers Meidinger in Frankfurt, und seinen drei schulpflichtigen Töchtern das Frühstück ein. Dabei herrschte das größte Schweigen, um ihn nicht zu zerstreuen. Bis Mittag war er dann emsig tätig; jeder Besucher ward abgewiesen. Seiner amtlichen Wirksamkeit sollten einige Abendstunden gehören, doch bald sah er ein, daß ihn die Stiftung weit öfter in Anspruch nahm. Berichte und Gutachten mußten oft schon des Morgens erledigt werden, und selbst seine Gegner, an denen es ihm bekanntlich nie fehlte, hoben seine Sorgfalt und größte Unparteilichkeit dabei ausdrücklich hervor. Die Romanschriftsteller Otto Müller und Edmund Höfer in Stuttgart erwähnten, daß Gutzkow verschiedenen Persönlichkeiten zu „goldenen Eiern der Gluckhenne Schillerstiftung“ verholfen, mit denen er vorher „in Hader und Streit gelegen“ hatte. In Weimar redigierte er noch die Zeitschrift „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, bis Karl Frenzel die Leitung übernahm. Inzwischen mußte die zweite Auflage des „Zauberer von Rom“ erscheinen; ich freute mich, daß Gutzkow mir einen Teil der Korrekturen übertrug. Hier mag bemerkt werden, wie gründlich Alfred Meißner sich in seiner später abgegebenen Erklärung irrte: Gutzkow hätte für die „Ritter vom Geiste“ 2000 und für den „Zauberer von Rom“ 3000 Taler, also für beide Romane ein Gesamthonorar von 5000 Talern erhalten. In Wirklichkeit betrug das Honorar aber 10000 Taler; für die damalige Zeit gewiß eine große Summe. Dann gab Gutzkow seine dramatischen Werke in zwanzig Bänden heraus. Wer je in seine Korrekturen und vielen Änderungen noch während des Drukkes – die armen Setzer beklagte er selbst – Einblick gewann, kennt die Mühe, die ihm die meist vollständige Umarbeitung dieser Dramen machte. Wiederholt wurden die Stücke von Leipzig zurückbegehrt, um einzelne Verse und oft noch ganze Szenen zu ändern. „Mein Verleger Brockhaus“, sagte er, „hat eine himmlische Geduld.“ Das Nachwort in jedem Bande, das die Entstehungszeit des Stückes, die Quellen, die verschiedenen Aufführungen und die Darsteller der Hauptrollen erwähnt, machte ihm oft am meisten zu schaffen. Dieser und

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jener Künstler erhielt aber darin ein Kompliment. „Daß ich Deiner nicht uneingedenk bin“, schrieb Gutzkow an Emil Devrient, „wirst Du in Bändchen eins und drei meiner neuen Dramenausgabe gefunden haben.“ War das Manuskript aber abgeschickt, fing Gutzkow an zu fürchten, daß das dem einen gezollte Lob den anderen verdrießen könnte. „Was ich da über Haase sagte … Devrient, Dawison, La Roche … Sie müßten die Empfindlichkeit dieser Leute kennen. Da will ich doch lieber –!“ Dann wünschte er das Nachwort zurück, um einen Ausdruck zu ändern, schrieb das Ganze aber gewöhnlich noch einmal um. Als die zwanzig Bände erschienen waren, hätte er die ganze Arbeit am liebsten neu gemacht. In diese Zeit fielen einige Reisen, über deren Veranlassung er zuerst noch schwieg. Später sprach er von Augsburg und München, wo er gewesen sei, und als ich eine Menge alter Bücher auf seinem Schreibtisch und Sofa, auf Stühlen und Seitentischen erblickte, vertraute er mir seine Absicht, die Burg Hohenschwangau am Fuße der Alpen zum Mittelpunkt eines kulturgeschichtlichen Romans aus der Reformationszeit zu machen. Er trieb die umfassendsten Studien, durchforschte Archive und bemühte sich die Tiefe der Zeitströmungen in ihren kleinsten Fasern zu erfassen. Die Reformationsepoche galt ihm für die größte unserer Geschichte. Ein umfassendes Kulturgemälde dieser Zeit wollte er gleichsam um die Burg gruppieren. Die damaligen Zustände, die herrschenden Fürsten und die in Staat und Kirche, in Kunst und Wissenschaft den Ton angebenden Persönlichkeiten sollten historisch treu geschildert werden, und Gutzkow trug zunächst eine riesige Fülle von Einzelheiten zusammen. Wann er begann, dem Ganzen die dichterische Form zu geben und den ersten Band zu schreiben, kann ich nicht sagen; auf unseren Spaziergängen, die am Nachmittag vom Lesemuseum durch den Park oder zum Bahnhof unternommen wurden, sprach er sich nicht näher darüber aus. Die Unterhaltung drehte sich dann gewöhnlich nur um Literatur, und Gutzkow ließ die Dichter der Neuzeit immer wieder Revue passieren. Selbst im Erfurter Dom, durch den er mir ein unvergeßlicher Führer war, beschäftigte ihn ein Leipziger Dichter, über dessen oft schwulstige Verse er bemerkte: „Wissen Sie, wie er schreibt? Sehen Sie her – und er blies die Backen auf –: bum de rum bum!“ Zuweilen sagte er mir, ich möchte ihn über den Friedhof begleiten. Dort führte er Dingelstedts Worte an: mit den stillen Männern jenseits der hohen Mauer könnte man sich zuweilen besser unterhalten als mit den lauten Männlein und Fräulein diesseits. Was Dingelstedt über seine Vorliebe für Friedhöfe noch weiter bemerkte, konnte Gutzkow fast wörtlich wiederholen: Wenn auf der Straße geschrien wird, auf dem Markte gefeilscht, in der Kirche geheuchelt, in der Kammer geschwatzt, im Salon geklatscht, im Theater gezischt, so ist’s

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dafür auf dem Friedhof immer still, ganz still; er bietet eine Freistatt allen und gegen alle. Da stört und drückt keiner den Nachbarn, niemand redet dem Nächsten übel nach; vielmehr wissen die Leichensteine, die Zeitungen des Kirchhofs, nur Gutes von allen zu vermelden, was zuletzt ebenso wahr ist wie das Böse der Zeitungen von Druckpapier … Einst führte Gutzkow mich nach einem Spaziergang in den roten Ecksalon, nach den roten Plüschmöbeln so genannt. Ueber dem Sofa hing das in Oel gemalte Jugendbild des Dichters, der sich unter das Porträt setzte, nach seiner Gewohnheit die Augen zukniff, den sogenannten Zwickelbart strich, mich dann länger ansah und ein Papier aus der Tasche nahm. Er begann zu lesen, in seiner gedehnten, zuweilen fast singenden Sprechweise: ein größeres Gedicht „An König Wilhelm von Preußen“, während der Konfliktszeit am 3. Mai 1863 verfaßt. Der Anfang war schwer verständlich; er zeigte die Mühe des Dichters, eine gefällige Form und Leichtigkeit des Ausdrucks zu finden. Erst als sich Gutzkow direkt an den König wandte, ward er klarer in der Sprache und leichter in der Form: Du grollst um eine Zahl mit deinem Volke! Ob zwei, ob drei der Jahre dir genug Zum Waffenspiele! Darum eine Wolke, Die schon des Leids so viel im Schoße trug! Auf Jahre nicht kapituliert die Liebe, Ein ungeteiltes Leben setzt sie ein: Weck’ mit dem rechten Worte Heldentriebe, Und Jahre werden zahllos sich dir weih’n. Das zuerst in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ erschienene Gedicht ward häufig nachgedruckt, und die Wirkung desselben war so groß, daß noch nach Monaten, als die Maler zur Künstlerversammlung und die Turner zum Turnfest nach Weimar kamen, viel darüber gesprochen wurde. Die glänzende Turnerrede Albert Traegers machte großen Eindruck auf Gutzkow, dem der Besuch des jugendlichen Dichters sehr willkommen war. Wieviel Besucher fanden sich überhaupt zur Kaffeezeit in dem roten Ecksalon ein! Dort sah ich Karl und Bertha Frenzel, Julius Rodenberg aus Berlin, Josef Rank, Max Friedländer, den Redakteur der „Neuen Freien Presse“, die Hofschauspieler Lewinsky und Baumeister aus Wien, Baron v. Gleichen-Rußwurm nebst Gattin, Emilie, Schillers jüngste Tochter, Amely Bölte, die fruchtbare Schriftstellerin (Frikassee à la Mühlbach, sagte Gutzkow von ihren Romanen) und Emma v. Niendorf, die eigentlich nur von ihrem Freunde Nikolaus Lenau sprach. Zuweilen kamen Eduard Genast und Bonaventura Genelli, die meisterhaft erzählen konnten.

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Zu einem längeren Gastspiel traf Lila v. Buliovszky, eine große Schönheit und mittelmäßige Schauspielerin, in Weimar ein. Sie ließ sich von Gutzkow über die Judith im „Uriel Acosta“ belehren und amüsierte ihn durch die kühnsten Variationen im Erzählen. Jedenfalls hatte sie ein sehr kurzes Gedächtnis, denn von dem jüngst Erzählten kam beim nächsten Mal das Gegenteil zu Platz. Erst war ihr Mann begraben, sie eine trauernde Witwe; plötzlich war er irgendwo in Ungarn frisch und munter, und ihre zärtlichsten Grüße flogen ihm täglich zu. Eine kinderlose Ehe, wie die ihre, hielt sie für ein großes Unglück, doch mit einemmal hatte sie einen blondlockigen, blauäugigen Knaben, den ihre Schwester oder Tante erzog. „Man darf sich über gar nichts mehr wundern,“ sagte Gutzkow zu mir. „Wundern Sie sich also nicht, wenn Lila uns erzählt, daß der Papst sie durchaus heiraten will.“ Auf der „Acosta“-Probe machte er ihr „das Leben furchtbar sauer“. Nach wenigen Versen, die sie gesprochen hatte, unterbrach er: „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?“ Die arme Lila bekam fast einen Weinkrampf, und Dingelstedt ergriff die Flucht. Der Darstellerin des Spinoza erging es kaum besser. „Glauben Sie etwa, Spinoza hat wie ein Verliebter geflötet oder Süßholzstengel im Munde gehabt? Er war ein spekulierender Judenjunge, nichts weiter, also richten Sie sich danach.“ Etwas später traf Roderich Benedix in Weimar ein. Sein Lustspiel „Die Krinolinenverschwörung“ wurde einstimmig abgelehnt; deshalb schalt er auf die Kälte der Weimaraner und auf Dingelstedts herzloses Benehmen. Das war Wasser auf Gutzkows Mühle, der Benedix zu Ehren eine kleine Gesellschaft gab. Bevor die Gäste kamen, sagte er mir: „Geben Sie acht, Benedix bringt ein Hoch auf die Damen aus und fängt so an: Kürzlich passierte es mir, daß ich meinen Hausschlüssel vergaß. In dieser geistvollen Weise beginnt er seinen gewohnten Trinkspruch auf Frauen und Jungfrauen in jeder Stadt; ich weiß es seit vielen Jahren von Köln, Frankfurt, Leipzig und Dresden her.“ – Und richtig, als der Braten geschnitten war, schlug Benedix ans Glas, sah sinnend zur Decke, dann auf die Damen, verneigte sich und sprach: „Kürzlich passierte es mir, daß ich meinen Hausschlüssel vergaß.“ Eine mitleidige weibliche Seele, hieß es dann ungefähr weiter, habe ihm den Schlüssel durchs Fenster gereicht und ihn durch ihre Güte vor Frost und Erkältung bewahrt. „Die guten, mitfühlenden Damen, sie leben hoch!“ Gutzkow sah mich unverwandt an; ich preßte Lippen und Zähne zusammen, um nicht laut aufzulachen.

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442. Julius Grosse [*1896] Ich darf hier wiederholen, daß ich meine früheren Sympathien für Gutzkow erst wieder gewann, seit ich in den Akten der Schillerstiftung speciell in seinen litterarischen Gutachten die Beweise fand, welcher hochsinnige, unparteiische, warmherzige Mensch dieser unglückliche Dichter gewesen, über dessen problematischen Charakter so widersprechende Gerüchte umliefen. Auch an humoristischen Traditionen aus seiner weimarischen Zeit fehlte es nicht. So erzählte mir der Wagner-Müller […] die köstliche Historie von Gutzkows Betten. Der Dichter des Uriel Acosta war es alltäglich gewohnt, sich nach dem Theater in später Stunde kopiose und schwerverdauliche kulinarische Genüsse zu gönnen. Natürlich schlief er dann meist sehr schlecht. Um so erfreulichere Erfahrungen machte er dann auf ländlichen Ausflügen, wo er in Ermangelung der städtischen Speisekarte sich mit einfacherer Kost begnügen mußte und dann vortrefflich schlief. Am anderen Morgen hieß es dann: „Was kostet dies Bett, Herr Wirt? Endlich einmal ein vernünftiges Bett, ein unbezahlbares Bett, so gut habe ich noch nie geschlafen. Von heute an ist es mein. Packen Sie es ein und schicken Sie es nach Weimar!“ Das Bett kam an und that eine Weile seinen Dienst, bis die alten Gewohnheiten wieder auch die alten Folgen hatten. „Ei was, dies verwünschte Bauernbett taugt auch nichts. Fort damit, hinauf auf den Boden!“ Wieder machte dann Gutzkow einen Ausflug, und abermals fand er ein unvergleichliches Bett, das abermals angekauft und nach Weimar geschafft wurde, natürlich mit demselben schließlichen Erfolg. Auf diese Weise war im Lauf der Zeit ein ganzes Magazin von zahllosen Bauernbetten zusammengekommen, die endlich alle Räume des Speichers füllten. Es war ihm versagt, das rechte Ruhebett vor seinem Ende zu finden, dessen geheimnisvolle Vorgänge wohl nie an das Tageslicht kommen werden. Jene Betthistorie aber ist keine leere Anekdote, denn Regierungsrat Müller war Besitzer des Hauses (Marienstraße Nr. 2), wo Gutzkow die Bel-Etage bewohnte. So konnte er wohl darum wissen.

II. 443. Karl Neumann-Strela [*1884]

Weimar, 1861

Klein, etwas beleibt, düsterer Blick, Kinn- und Lippenbart, die Stirn von Denken und Sorgen gefurcht: so sah Gutzkow aus. Als Generalsekretär der deutschen Schiller-Stiftung traf er im Herbst 1861 von Dresden in Weimar ein. Dingelstedt hatte ihn vorher in Dresden besucht und ihm allerlei Versprechun-

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Karl Gutzkow in Weimar

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gen gemacht, die entweder gar nicht oder nur zum kleinsten Theile gehalten wurden. Gutzkow war nicht politisch genug. Er war doch öfter in Weimar gewesen, kannte die Stadt und wußte, was er dort finden würde. Kaum angekommen, fingen seine Klagen an. Er sähe aus seinem Fenster auf Dächer, wäre beim Promeniren „gleich herum“ und schliefe bei der Stille noch gänzlich ein. Aus dieser Stimmung machte er kein Hehl, und es war natürlich, daß ihm die Weimaraner dieses Urtheil über ihre Stadt verargten.

444. Adelheid von Schorn [*1913]

Weimar, 1861

Ihm war weder Schönheit der Gestalt noch allgemeine Liebenswürdigkeit gegeben, die Natur hatte ihm nur Gaben geistiger Art verliehen. War er gegen die meisten Menschen scharf und kritisch, so erschien er desto anziehender, wenn er seine beste Seite herauskehrte, und ob der Seltenheit machte es dann einen ganz besonderen Eindruck. Ich gehörte bald zu den wenigen, die Gnade vor seinen Augen gefunden, er war immer freundlich, später herzlich gegen mich. Dadurch gewann ich ihn lieb, und der nachbarliche Verkehr mit ihm, seiner gescheiten Frau und drei hübschen kleinen Mädchen wurde sehr angenehm für mich.

445. Henriette von Schorn an Carolyne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein, Weimar, 21. Januar 1862 Die Wohnung meines armen Freundes Preller*), mir gegenüber, ist jetzt von Gutzkow bewohnt, aus dem Fama einen reißenden Wolf gemacht hatte. Ich habe mich nicht erschrecken lassen – obwohl ich wußte, daß die Zähne ihm nicht fehlen – denn ich liebe die gesunden Gebisse und habe ihn und seine Frau, als sie mich besuchten, empfangen, wie es die Gastfreundschaft verlangt. Sie sind dann zu einer kleinen Gesellschaft gekommen und waren beide sehr liebenswürdig – sie sogar allerliebst. Er zieht natürlich den Umgang mit Männern vor; auch mit solchen Menschen, die etwas Einfluß haben. Sie ist eine gescheite, natürliche Frau und ist – glaube ich – sehr gut.

*) Bibliothekar Preller war gestorben. [Anmerkung der Hrsg. Adelheid von Schorn.]

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446. Karl Neumann-Strela [*1882]

Weimar, 1862

In Weimar – vor zwanzig Jahren! Am Markte wohnte der Kaufmann Meyer, bei dem eine beliebte Weinstube war. Durch den Laden betrat man einen kleinen dunkeln Raum, in dem fast Tag und Nacht das Gaslicht brannte. Ein runder Tisch stand ziemlich in der Mitte, ein Sopha, mit Leder überzogen, war an den Tisch gerückt. Berühmte Leute, erzählte Meyer mit stolzen Augen, hatten oft an diesem Tische gesessen: Freiligrath, Geibel, Hoffmann von Fallersleben, Hackländer, Saphir, Liszt, Bülow und Raff. Vor zwanzig Jahren, um die Mittagszeit, wenn die Musik der Wachtparade bis in die Weinstube drang, pflegte zuweilen ein gleichfalls berühmter Mann an diesen Tisch zu kommen: K a r l Gut zk ow, der Dresden verlassen und seinen Wohnsitz in Weimar genommen hatte. Der Wirth machte ihm sein tiefstes Kompliment, die jüngeren Leute sprangen natürlich auf, um ihm den besten Platz zu bieten. Er trank gewöhnlich nur ein Gläschen Portwein, lehnte sich in den Sitz zurück, kniff nach seiner Gewohnheit ein wenig die Augen zu und strich sich über den Kinnbart. Meist hörte er den Andern zu und sprach nur selten; um seine Lippen legte sich dann jener halb sarkastische, halb gemüthvolle Zug, der sich schwer beschreiben läßt. Wer beschreibt aber das Entzücken des guten Meyer, als plötzlich auch Dingelstedt an diesem Tische erschien! Franz Dingelstedt, Generalintendant des Hoftheaters und der Hofkapelle, Ritter erster Klasse des Großherzoglichen Hausordens der Wachsamkeit oder vom weißen Falken, Ritter des Herzoglich Sachsen-Ernestinischen Hausordens dritter Klasse, Ritter des Baierschen Maximilianordens, Ritter des Baierschen Civil-Verdienstordens dritter Klasse u.s.w. u.s.w. u.s.w.! Nur im „Erbprinz“ pflegte er zu verkehren, dort nur spielte er L’Hombre und trank Erlanger Bier. Und jetzt trat er in diese Stube, setzte sich an diesen oft klebrigen Tisch, auf dieses alte, wurmstichige Sofa … Aus seinem Comptoir neben dem Laden gab mir Meyer einen Wink. Er rieb sich die Hände, kredenzte mir „ganz heimlich“ und „recht rasch, damit es die Andern nicht merken“, ein Gläschen Sekt und raunte mir freudestrahlend zu: „Auch Dingelstedt! Es ist eine Lust!“ Nicht wie Gutzkow, der lieber schwieg und sich über die „kleine Narrenwelt“ im Stillen lustig machte, saß Dingelstedt da. Alles an ihm war Leben und Bewegung; seine markige Stimme übertönte jedes Geräusch. Wer ihn zum ersten Mal sah, den „langen Franz“, die Wangen geröthet, den „Cotelettenbart“ und das Halstuch im Winde flatternd, verglich ihn ganz trefflich mit einem Jongleur. An jenem Mittag am runden Tische ließ er sich über die Existenz der Schriftsteller aus. Romanzeitung, Feuilletons, großer Bedarf, also die Noth sei

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vorbei. Palleske hätte das Rechte getroffen: reisen, vorlesen, das brächte Geld. „Wann bekomme ich Ihr neues Stück?“ fragte er Alex and er Ro st . Ohne auf dessen Antwort zu warten, rief er den Wirth herbei. Ich höre noch deutlich, wie er zu Gutzkow sagte: „Lieber Karl!“ Ich höre auch Gutzkow noch deutlich sagen: „Lieber Franz!“ Ja damals! Da war die Sonne ihrer Freundschaft noch nicht im Niedergang. Da hatte Gutzkow noch nicht „das bewußte Hühnchen mit ihm zu pflücken“, da gab er eine große Gesellschaft, wo Dingelstedt nicht fehlen durfte. Gutzkows hübsche Wohnung in der Bahnhofstraße war dicht gefüllt. Hans v. Bülow spielte auf dem Flügel, Jo h a n n a Po h l auf der Harfe, und Amely Bölte zu Ehren, die nach Weimar gekommen war, las Gutzkow, ohne seine sarkastische Miene ganz zu verbergen, einige Seiten aus ihrem neuesten Buche vor. Darüber verging die Zeit, Dingelstedt sah öfter nach der Uhr und horchte auf ein gewisses Geräusch im Nebenzimmer: Schüsseln und Teller wurden geordnet, Gläser auf den Tisch gestellt. Dann ging die Thür auf, ein reiches Büffet zeigte sich den frohen Blicken, und vielleicht der Erste, der nach Teller, Messer und Gabel griff, war unser Dingelstedt. Mit einem mächtigen Stück Hasenbraten suchte er ein lauschiges Plätzchen auf, der Diener folgte ihm mit der Flasche, und Gutzkow, der als aufmerksamer Wirth von Einem zum Andern ging, sagte mir ins Ohr: „Sehen Sie nur Dingelstedt! Der Himmel erhalte ihm seinen Appetit!“ Wie gut und lieb das klang. Ein freundlicher Wunsch für Dingelstedt, wie ich ihn nie wieder von Gutzkow gehört. Denn ihre Freundschaft bekam bald einen Riß; über ein Kleines war Freundschaftssonnenfinsterniß. Gutzkow’s Klage über die zu seltene Aufführung seiner Stücke in Weimar war entschieden ohne Grund: 1862, in einem Jahre, fanden acht Vorstellungen seiner Stücke statt. In „Zopf und Schwert“ gab ein unvergleichlicher Künstler, Eduard Genast, den König, in „Uriel Acosta“ Frau von Bulyovsky, ihrer Zeit eine pikante Schauspielerin, die Judith. Gutzkow wühlte sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, in einen wahren Ingrimm gegen Dingelstedt hinein. Er gerieth in den höchsten Zorn, als er auf dem Theaterzettel sah: Hebbel’s Nibelungen – Hebbel’s Judith. „Was sagen Sie nur?“ rief er mir in seiner Arbeitsstube zu. „Schiller’s Kabale und Liebe, Goethe’s Clavigo, wie es auf dem Zettel steht – gut, Klassiker! Aber Hebbel auf diese Weise annonciren, seinen Namen voranstellen, ihn gleich Schiller und Goethe zum Klassiker stempeln, während Dingelstedt drucken läßt: Der Königslieutenant von Karl Gutzkow – Zopf und Schwert von Karl Gutzkow! Dieser Dingelstedt will mich ärgern, er schadet mir entsetzlich!“ Bald kam ein Bote von „diesem“ Dingelstedt. Während er draußen auf Antwort harrte, trat das Mädchen ins Zimmer: Empfehlung vom Herrn General-

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Intendanten – eine Einladung zu Tisch. Es währte sehr lange, bis sich Gutzkow entschied. Endlich sagte er dem Mädchen: „Ich werde kommen, aber Du sagst dem Diener nicht, daß ich die Ehre haben werde. Du sagst ihm, ich werde das Vergnügen haben; merke es Dir.“ „Zwischen Ehre und Vergnügen ist ein großer Unterschied,“ meinte er zu mir. „Sie werden es begreifen, wenn Sie erst älter geworden sind. Jetzt kommen Sie, wir wollen spazieren gehen, ich brauche Luft.“

447. Heinrich Grans [*1889]

Weimar, 1862

Es ist bekannt, daß Gutzkow als Regisseur sowohl wie als Vorleser von ziemlich geringer Bedeutung war, dennoch fehlte er bei den Proben seiner Stücke nie an Dingelstedts Seite und ordnete und arrangierte mit wahrer Leidenschaft. Dingelstedt ließ ihn ruhig gewähren; wenn ihm aber etwas zu sehr mißfiel, so flüsterte er wohl auch dem betreffenden Darsteller zu, es nicht so zu machen. […] Als Vorleser habe ich Gutzkow nur einmal gehört, und zwar, als er dem gesamten Personale sein Drama „ Wul l e n we b e r“ vortrug. Ich weiß noch, daß mir darin eine kleine, aber sehr dankbare Aufgabe zugeteilt war, und ich mich deshalb freute, das Stück durch den Autor selbst kennen zu lernen. Bekanntlich ist es sehr undankbar für einen dramatischen Dichter, sein Stück den immer kritisch gestimmten Schauspielern vorzulesen – aber wie wurde ich, wie wurden wir alle durch den Vortrag enttäuscht. Das Stück, eine der schwächsten Arbeiten Gutzkows, litt an einer ermüdenden Länge, die durch eine unendlich gedehnte, halb singende Sprechweise noch gesteigert wurde. – Die Unaufmerksamkeit und Unruhe der Zuhörer, jenes fortwährende Hervorziehen der Uhr, jenes leichte Scharren mit den Füßen, hier und da wohl ein unterdrücktes Gähnen, alle diese Symptome, die den Mißerfolg des Vortrags nur zu deutlich ausdrückten und sich von Szene zu Szene steigerten, veranlaßten den Dichter, plötzlich zu schließen, und als Dingelstedt von „bed eu t end en Kü r z u ng e n “ sprach, aufzustehen und den Saal zu verlassen. – Am nächsten Tage zog er das Stück zurück, und, wie ich glaube, hatte er gut daran gethan, denn ein Erfolg war wohl, zumal bei dem geringen Interesse der Darsteller, für dasselbe kaum zu erwarten. Um ihn wieder zu versöhnen, beschloß Dingelstedt, nachdem er bisher damit gezögert – denn er liebte das Stück nicht – endlich den „Königsleutnant“ neu zur Aufführung zu bringen, worauf Gutzkow schon lange hingearbeitet hatte. Plötzlich aber erhob sich hier eine nicht vermutete Schwierigkeit. Die Nachkommen Goethes, namentlich die beiden Enkel, protestierten gegen eine Aufführung des Stückes auf der weimarischen Hofbühne, die sie als eine Pro-

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fa n ation ihres berühmten Großvaters bezeichneten. Der Kammerherr Walter von Goethe wußte dem Großherzog die Angelegenheit so vorzustellen, als ob der junge Wolfgang Goethe in dem beregten Stück als ein Gamin der schlimmsten Sorte, der sogar einen Liebeshandel mit einer entlaufenen Französin unterhalte, gezeichnet worden sei. Natürlich hatte die Familie einen großen, gleichgesinnten Anhang hinter sich, und so glaubte der Großherzog die Generalintendanz ersuchen zu müssen, von einer Aufführung des „Königsleutnants“ abzusehen. Wäre dies der Fall gewesen und die Gegner hätten triumphiert, ihre Absicht erreicht, so war Dingelstedts Ansehen geschädigt und er Gutzkow gegenüber kompromittier t, um so mehr, als dieser entschlossen war, großen Lärm zu schlagen. Infolgedessen richteten beide in Übereinstimmung ein Schreiben an Se. Königliche Hoheit, in welchen sie ihre Stellungen, respektive ihr Verbleiben in Weimar von der Aufführung des „Königsleutnants“ abhängig machten. – Nachdem gleich darauf die Familie Goethe eine Reise ins Ausland angetreten, erteilte denn auch der Großherzog seine Genehmigung. Gutzkow hatte indes wenig Ursache, sich seines Sieges zu freuen. Im Vergleich zu der günstigen Aufnahme, welche das Lustspiel auf fast allen Bühnen gefunden, war die auf der weimarischen eine ziemlich kühle. Vielleicht infolge des vorangegangenen Protestes. Die Altweimaraner, von denen noch einige lebten, die mit der Exzellenz von Goethe in persönlichem Verkehr gestanden, konnten sich durchaus nicht damit befreunden. Sie waren der Meinung, daß man die Vorstellung schon aus Gründen der Pi et ät hätte unterlassen müssen.

448. Karl Neumann-Strela [*1884]

Weimar, 1862

Dieser wandte sich dann vom Theater ab und dem Verkehr mit den Malern zu. Ramberg und Pauwels, Dingelstedt’s Whistspielgenossen, blieben im „Erbprinz“ am Kartentisch, aber im „Elephanten“, im „Adler“, im Stadthause oder in der Weinstube „bei Meyern“ waren Genelli, Kalkreuth, Schwerdgeburt, Martersteig, Otto Günther, die Brüder Begas, der Bildhauer und Maler, Händel, Hummel, Moritz von Schwind, der öfter nach Weimar kam, und Andere zu finden. Einen Winter hindurch fühlte sich Gutzkow in diesen Kreisen leidlich wohl, bis er die Ateliers besuchte, die dort aufgestellten Bilder besah und seine Ansicht darüber nebst Belehrungen und einigen Bosheiten, die er nie unterdrücken konnte, in den „Unterhaltungen“ und der „Augsburger Allgemeinen“ erscheinen ließ. Diese Aufsätze schlugen wie der Funke ins Pulverfaß. Den einen Maler verdroß, daß sein Kollege eine bessere Zensur erhalten hatte; Dieser war über

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Gutzkow auf der Weimarer Kunstausstellung 1862, anonyme Karikatur

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den einen Ausdruck, jener über den andern verstimmt. Die Empfindlichkeit machte sich in Erklärungen Luft, und Gutzkow, der Empfindlichste von Allen – er nannte sich selbst eine Sinnpflanze, die bei jeder Berührung mit der Außenwelt leide – zog sich auch aus diesen Kreisen fast ganz zurück. Nur zuweilen suchte er noch Genelli auf, der seinen Erzählungen einen eigenen Reiz verlieh. Im meisterhaften Erzählen war ihm nur Einer „über“: Eduard Genast, doch auch Genelli wußte zum Beispiel den römischen Aufenthalt des Malers Koch, des Tyrolers Joseph Anton Koch, der zehn Jahre nach Schiller von der Karlsschule floh, in so fesselnder und ergreifender Weise zu schildern, daß die Zuhörer im Innersten erbebten. Mehrfach wünschte Gutzkow, daß Genelli seine Erlebnisse aufschreiben möchte. Er sagte ihm seine Hilfe zu, bis plötzlich, durch Gutzkow’s Schuld, auch dieser Verkehr einen Riß erhielt. Genelli hatte ein großes Gemälde vollendet; wenn ich nicht irre, war es „Jupiter und Amor, die auf den Flügeln der Nacht zu Liebesabenteuern eilen“. Im Atelier des Künstlers ausgestellt trat Gutzkow unter die Schaar der Bewunderer, sah das Bild lange an und sagte laut, daß es Alle hörten: „Eine gut gemalte Tapete.“

449. Karl Neumann-Strela [*1884]

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In seiner gereizten Stimmung vereinsamte er immer mehr. Nur einige junge Leute, die ihm unbedingt ergeben waren und denen er unbedingt vertrauen konnte, durften noch zwanglos bei ihm verkehren und ihn auf Spaziergängen begleiten. Zerstreuung boten ihm auch die Kollegen und Schauspieler, die auf der Reise durch Weimar kamen oder auf der dortigen Bühne gastirten. Jeder von ihnen beeilte sich, den berühmten Dichter zu begrüßen […]. […] Zwei Monate später wurde in Gutzkow’s Stube recht herzlich gelacht. Auf dem rothen Sopha, unter dem Jugendbilde des Dichters, saß Theodor Döring aus Berlin, der in seinen besten komischen Rollen in Weimar gastirte. Bei Gutzkow, dem alten Freunde von Mannheim her, erschien er pünktlich zum Kaffee, blinzelte mit den hellen Augen, als wenn er wie Falstaff Rekruten anschaute, zeigte auch hier die Kunst der Täuschung durch Veränderung des Gesichts und warf in seine drolligen Geschichten Bemerkungen wie diese hinein: „Dingelstedt ist mir als Mensch nicht sehr angenehm – es bleibt unter uns … Er stellt sich, als wollte er mich vor Liebe essen; wird seinen Haken haben. Ob er schließlich noch mit dem Honorar knickern will? – Hört uns doch Niemand? Die Thür ist doch zu? Man muß vorsichtig sein … Die hiesigen Kollegen sind liebe Leute. Jeder sagt mir: Meister Döring, von Ihnen lernt man noch

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was. Aber Jeder sagt mir’s allein, um sich vor dem Andern nicht zu verrathen. Es geht doch Nichts über die Ehrlichkeit …“ Um dieselbe Zeit kam Emil Palleske, der Shakespeare- und spätere Reutervorleser, von einer größeren Reise zurück. Gutzkow hatte ihn gern, sprach aber die Hoffnung aus, daß Reuter, dessen wahrscheinliche Ankunft in Weimar Palleske erwähnte, ihn nicht besuchen werde. „Das Plattdeutsche“, sagte er, „bleibt mir trivial; es erinnert mich nur an Hausknechte und Gurkensalat.“ Große Freude machte ihm die Meldung eines Boten aus dem „Erbprinz“, daß Wilibald Alexis aus Arnstadt gekommen sei und ihn zu sprechen wünsche. Sichtbar ergriffen kam er aus dem Hotel zurück; etwas später sah ich den geistig und körperlich gelähmten, fast blinden Dichter, ein Bild des Jammers, von seiner Gattin begleitet, im Rollstuhl nach dem Bahnhof fahren. […] Eine erfreulichere Erscheinung war Wolfgang Müller von Königswinter, der rheinische Poet und, nach dem Urtheil der Frauen, der schönste Mann seiner Zeit. In Gutzkow’s Gesellschaft, der mich zu diesen Ausflügen aufgefordert hatte, ging’s nach Darmstadt, Süßenborn und Ettersburg. Müller’s lebhafte Schilderung der Vorgänge am Rhein ließ Gutzkow die erregte Stimmung vergessen, in der er sich eben damals in noch höherem Grade befand; kaum aber war ein Name wie Pfarrius oder Düntzer gefallen und das Gebiet der Literatur gestreift, so erwachte in Gutzkow auch schon wieder die alte Neigung, die man treffend das „Wühlen in der Literatur“ genannt. Er ließ gleichsam sämmtliche Dichter der Neuzeit Revue passiren, hing Jedem eine mehr oder minder moquante Bezeichnung an, um dann schließlich seine eigene Person mit einer Fülle von Selbstironie zu überschütten, die stets eine Meisterleistung war. Wahrhaft glänzend waren auch seine Bemerkungen über Liszt, der ihn nach der Rückkehr von Rom in Abbétracht besuchte. Die Art, wie er Liszt’s Fingerhaltung und seine theils deutsche, theils französische Redeweise nachahmte, war unübertrefflich, und er ließ es sich gefallen, als ich etwas vorlaut meinte: „Theodor Döring der Zweite! Sie hätten Schauspieler werden sollen!“ Schneidenden Hohn goß er über Robert Heller, den bekannten Hamburger Novellisten, aus, der ihm schwerlich nur einen Höflichkeitsbesuch gemacht. „Eine Dingelstedt’sche Kreatur“, that es ihm der feiste Heller mit seinem schwammigen Gesichte und fetten Backen wie Holsteiner Austern an Dünkel und Eßlust gleich. Er ließ sich in Weimar sogar zu Pferde sehen und Gutzkow kam eigens in meine Wohnung am Karlsplatz, um den „Pferdeliteraten“ zu erblicken, „diesen Menschen“, der ihm in der Generalversammlung der Schiller-Stiftung auf seine erregte Bemerkung: „Das ist ja zum Haareausraufen!“ die Worte zurief: „Raufen Sie nur, die Haare werden Ihnen schon wieder wachsen!“

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Weimar 1863

450. Friedrich Hebbel an James Marshall, Wien, 9. Januar 1863 Gutzkow hat die Redaction seiner Unterhaltungen am häuslichen Heerd niedergelegt. Denkt er mit seinen 500 Thalern vom Schiller-Verein (ich hätte ihm von Herzen das Doppelte gegönnt) auszukommen, oder hat er einen Roman in 100 Bänden unternommen?

451. Karl-Neumann-Strela [*1884]

Weimar, März 1863

Im Jahre vorher kam Hektor Berlioz nach Weimar, um seine Oper „Beatrice und Benedikt“ zu leiten. Wie ein Pariser Elegant, im grauen Rock, grauseidenem Hute, weißer Weste und weißer Binde, besuchte er Gutzkow, nachdem ihn ein Lohndiener gemeldet hatte. Er meinte, daß „Uriel Acosta“ ein brauchbares Stück für ihn zum Komponiren wäre, und Gutzkow sagte nachher: „Das fehlte mir noch, daß Judith den Schrei: „Das lügst du, Rabbi“, oder Ben Akiba die Worte „War Alles schon einmal da“, im Drei- oder Viervierteltakt sängen!“

452. Heinrich von Treitschke an Eduard von Treitschke, Leipzig, 6. Mai 1863 In Gesellschaft war ich bisher nur einmal, gestern in einer Soiree beim Buchhändler Brockhaus, wo ein paar hundert Herren, Nabobs und literarische Notabilitäten, versammelt waren. Ich lernte eine Reihe bekannter Namen kennen, und seit ich das Glück habe Herrn Gutzkows Person zu kennen finde ich seine Werke vergleichsweise liebenswürdig.

453. Rudolf von Gottschall [*1902]

Weimar, um 1863

Als Gutzkow nach Weimar übergesiedelt war als Generalsekretär der deutschen Schiller-Stiftung, suchte ich ihn auch dort wieder auf; er war damals in sehr gedrückter Stimmung. Mit größter Gewissenhaftigkeit kam er allen Verpflichtungen seiner Stellung nach, prüfte die Werke der Bittsteller, erkannte wohlwollend alle Verdienste derselben an, war bereit, den Bedürftigen die Hilfe der Stiftung zu sichern, doch lastete auf ihm schwer der Druck, den eine andere literarische Berühmtheit auf ihn ausübte. Franz Dingelstedt war nicht nur Generalintendant des Hoftheaters, sondern auch der Vorsitzende der SchillerStiftung; ein genialer Dichter, hatte er doch bei weitem nicht die schriftstelle-

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

rischen Erfolge Gutzkows aufzuweisen, dessen geistige Bedeutung für die Literatur überall höher veranschlagt wurde. Dingelstedts etwas autokratische Natur machte sich nun darin geltend, daß er den hervorragenden Schriftsteller bisweilen als einen ihm untergeordneten Beamten behandelte; bisweilen, wenn er gerade einmal in der Laune war; denn sonst hatte er allen Respekt vor Gutzkow und seinen Werken. Doch dieser mißtrauisch, hypochondrisch, zu fixen Ideen geneigt, faßte seine ganze Stellung bald tragisch auf. Er glaubte von allen Seiten zurückgesetzt und angefeindet zu werden; man glaube, seine schöpferische Kraft sei erlahmt. Zum Beweis des Gegenteils zeigte er mir das Manuskript seines historischen Romans „Hohenschwangau,“ an dem er gerade arbeitete. An vorgefaßten Meinungen, so töricht sie waren, hielt er krampfhaft fest. Bei einem Essen an der Hoftafel in Weimar machte er mir den Vorwurf, ich hätte ihn in dem betreffenden Artikel des Meyerschen Konversationslexikons schlecht behandelt; vergebens stellte ich ihm vor, daß ich niemals für dies Lexikon einen Artikel geschrieben; im übrigen konnte er sich ja bei der Firma erkundigen, mit welcher er in verwandtschaftlichen Beziehungen stand – man mochte Vernunft predigen stundenlang, er kam immer wieder auf „sein letztes Wort“ zurück.

454. Karl Neumann-Strela [*1882]

Weimar, um 1863

Wie oft bin ich an seiner Seite durch den Park geschritten! Die Güte und Freundschaft, die der Meister dem Anfänger schenkte, wird mir unvergeßlich sein. Eine Fülle von Belehrung danke ich ihm, doch muß ich bekennen, daß seine Mittheilungen im Anfang unserer Bekanntschaft erfreulicher waren. In der Folge trat seine Gereiztheit mehr hervor; er wurde schroffer in seinen Ansichten, schärfer in seinem Urtheil, und sein drittes Wort, wenn ich so sagen darf, war gewöhnlich Dingelstedt. Ein so lebenskluger und viel gewandter Mann dieser war, ließ ihn doch einer Autorität wie Gutzkow gegenüber seine gewohnte Vorsicht ganz im Stich. Am L’Hombretisch im „Erbprinz“ sprach er unfreundlich über den „Zauberer von Rom,“ obgleich er den Roman in Form einer Reisenovelle günstig beurtheilt hatte. Gutzkow’s „Wullenweber“ und „Lenz und Söhne“ übergoß er mit Hohn, nicht etwa unter vier Augen, sondern bei jeder Gelegenheit. Seine laute Stimme erreichte dann Jedermanns Ohr, und natürlich wurden Gutzkow diese Dinge hinterbracht. Die Kluft zwischen ihnen wurde immer weiter. Die Aufführung von Shakespeare’s Königsdramen während einer ganzen Woche behagte Gutzkow nicht: der Trommelwirbel acht Abende lang machte ihn nervös. Das ging auch Anderen so. Aber die Darstellung des ganzen Wallenstein an einem Tage

Weimar 1863

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wollte er auch nicht gelten lassen; ein Urtheil, dem Keiner beistimmte, der im Theater war. Diese Darstellung ist ein Edelstein in der Geschichte deutscher Dramaturgie. Genug, die alten Freunde waren Gegner geworden. Mißverständnisse, Empfindlichkeit und jenes bewußte Hin und Her, bei dem das „schöne Geschlecht“ eine Rolle spielte, hatte sie getrennt. Ihren Streit in der Schillerstiftung kann ich füglich übergehen. Dem runden Tische in der Weinstube blieben sie fern, zum tiefen Kummer des guten Meyer; seine Absicht, zwei edle Sorten Château Gutzkow und Château Dingelstedt zu nennen, führte er nicht mehr aus.

455. Feodor Wehl [*1889]

Weimar, um 1863

Dingelstedt, ein geistreicher und witziger Kopf, der, je nachdem es ihm passen konnte, den Demagogen oder den Hofmann spielte, hatte sich auch im Schillerstiftungsvorstande eine einflußreiche und gebietende Stellung zu verschaffen gewußt, derart, daß er die Mehrzahl von dessen Mitgliedern sozusagen nach seiner Pfeife tanzen ließ. Auch Gutzkow sollte das thun. Es kitzelte Dingelstedt, der sich gern als Machthaber fühlte und aufführte, den berühmteren Kollegen in Abhängigkeit gebracht zu sehen. Wenn Gutzkow in den Vorstandssitzungen dann und wann ihm widersprach und Einwendungen gegen seine Vorschläge erhob, wußte der zungengewandte und jederzeit schlagfertige Dingelstedt dem widerhaarigen, empfindlichen und leicht gereizten, im Solde der Stiftung stehenden Generalsekretär seine untergeordnete Stellung mit vornehmer Gönnermiene merkbar zu machen. Gutzkow empörte eine solche Demüthigung. Unwillkürlich verglich er sich mit Dingelstedt. Dieser ehemalige Kasseler Schullehrer hatte als Demagoge und Umsturzpoet begonnen, dann eine reiche Sängerin geheirathet und endlich durch vornehme Schützer das Amt eines Hoftheaters-Intendanten erlangt. Er ließ sich gern Baron nennen, spielte den Kavalier und war mit Orden und Würden bedeckt. Und wofür? Für einen Band bei Cotta erschienener Gedichte, einige artige Novellen, Reiseskizzen und ein Trauerspiel.

456. Karl Neumann-Strela [*1884]

Weimar, um 1863

Der Bruch zwischen ihnen entstand auch nicht durch Streitigkeiten in der Schiller-Stiftung, sondern durch Dingelstedt’s Herrschsucht und Anmaßung. Er wollte, daß Gutzkow in jeder Nummer der „Unterhaltungen am häuslichen Herde“ das dortige, „sein“ Theater verherrlichen sollte, und dazu, erklärte die-

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

Franz Dingelstedt

Weimar 1863

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ser, gäbe er sein Blatt nicht her. So spitzte sich das Verhältniß allmählich zur Feindschaft zu, die in den Kämpfen innerhalb der Schiller-Stiftung den Gipfelpunkt erreichten. So oft es ging, und seine Stellung bot ihm Gelegenheit genug, ließ Dingelstedt den Gegner seine Härte fühlen, und Gutzkow’s selbstquälerische Natur grübelte sich immer tiefer in die übertriebene Meinung hinein, daß Dingelstedt ihn vernichten wollte. Dessen „Kinder“, wie er die Schauspieler nannte, folgten auch hierbei dem Winke ihres Herrn und Meisters. Auf hohen, nämlich auf Dingelstedt’s Befehl, wurden einige von ihnen – wie sie später selbst gestanden – aus Gutzkow’s Verehrern überlaute Tadler und Verkleinerer seiner Werke. Männer freilich, wie der würdige Genast und Lehfeld, der Aufrichtige und Unerschrockene, blieben sich in ihrer treuen Gesinnung für Gutzkow immer gleich.

457. Adelheid von Schorn [*1912]

Weimar, um 1863

Die Stellung Gutzkows als Generalsekretär war von Anfang an nicht fest genug geregelt; er verlangte noch mehr Einfluß auf die Entschlüsse des Verwaltungsrates, und die Mehrzahl der Mitglieder hätte ihn gern zum einfachen Sekretär, der nur die schriftlichen Arbeiten zu besorgen hat, herabgedrückt. Das war der erste Punkt der Streitigkeiten. Der zweite, daß Voigt, der Kassenführer, das eingekommene Geld in seinem Geschäft verwandte und Gutzkow sich dagegen aussprach, Dingelstedt aber die bedenklichen Worte sagte: „Verwendet Voigt in dem Geschäft das Geld, arbeitet er mit demselben, so brauchen wir das nicht zu wissen. Sein Geschäft gilt uns doch als ausreichende Kaution.“ […] Bei den Kämpfen um Gutzkows Stellung, die in der Verwaltungsratskonferenz vom 27. Juni bis 1. Juli 1863 ausgefochten wurden, stand nur JudeichDresden vollständig und fest auf der Seite des Unterdrückten. Er schrieb in einem Bericht an den Vorsitzenden in Dresden: Die ganze Geschichte rührt nur daher, daß er sich „unbequem“ machte durch einen Antrag auf Kassenverbesserung. Nun soll er keine „Anträge“ mehr stellen. Ich versichere Ihnen, wären Sie in jener Verwaltungsratskonferenz anwesend gewesen, Sie hätten noch weit energischer wie ich den damals wahrhaft greulich gemißhandelten Gutzkow vertreten.

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

458. Adelheid von Schorn [*1912]

Weimar, November 1863

Am 10. November bezog Gutzkow das Expeditionszimmer im Schillerhaus. Seine Lage wurde nicht besser, ihm fehlte die alte Spannkraft, sonst hätte er seine Zelte abgebrochen und sich auf seine eigene literarische Produktion verlassen. Aber er hatte eine Frau und sechs Kinder, und so war ihm der feste Gehalt eine Beruhigung. Seine Dresdener Freunde kannten seine Lage, daß er alle Zeit und Kraft der Stiftung widmete, und er seine Stellung wohl nicht lange behalten würde, sie beantragten – auf Vorschlag des Ministers v. Wietersheim – eine Ehrengabe von 1000 Talern für ihn. Da es zweifelhaft war, ob der Verwaltungsrat sie gewähren würde, so zahlte die Dresdener Zweigstiftung sie aus eigenen Mitteln. Gutzkow sagt in seinem Dankschreiben, daß diese Hilfe ihm die Möglichkeit geben solle, ein geplantes Werk aus der Zeit der Reformation auszuführen.

459. Karl-Neumann-Strela [*1884]

Weimar, 1864

Er sei in „Hohenschwangau“, wie er meinte, „wie vergraben“; auch hatte ihn Dingelstedt’s Benehmen bei der Feier seines fünfundzwanzigjährigen Jubiläums als dramatischer Dichter – 1839 war sein erstes Stück auf der Bühne erschienen –, in den größten Mißmuth versetzt. Viele Kollegen, Schauspieler und Verehrer sandten ihm Grüße und brachten ihm Gaben der Erinnerung dar, aber Dingelstedt wünschte kein Glück, blieb gänzlich stumm und wußte auch Andere zum Schweigen zu bewegen. Mit Recht konnte Gutzkow sagen, daß auch die Weimarer Bühne ihm viel zu danken hatte, und von dieser Zeit an, im Sommer 1864, trat seine Erbitterung auf Dingelstedt noch weit schärfer hervor. Seine Briefe, meinte er damals, waren nicht so harmlos wie die Briefe der Julie Bondeli, die gewöhnlich nur mit einer Nadel geschlossen wurden. Seine Korrespondenz, die er allein besorgte, war schon immer sehr umfangreich, nahm aber plötzlich vor der Generalversammlung der Schiller-Stiftung im Herbst desselben Jahres eine solche Ausdehnung an, daß sie ihn nebst seiner Thätigkeit für die Stiftung ausschließlich beschäftigen mußte. In diesen Briefen, wie ich erst später erfuhr, war Dingelstedt die Hauptperson, und Gutzkow erklärte mir, kaum noch neben ihm athmen zu können. Jeden Einwand wies er kurz zurück und hatte auf alle Bitten, sich doch ganz seinem Romane zu widmen, nur die Antwort: Die Generalversammlung müßte erst vorüber sein. Die Kämpfe in derselben sind hier zu übergehen. Gutzkow schwankte in jenen Tagen von einem Aeußersten zum andern. Sein Amt als Generalsekretär

Weimar 1864

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der Stiftung wollte er niederlegen; auf seinen Wunsch theilte ich vielen auswärtigen Zeitungen diese Absicht mit. Dann ging er auf den Gegenvorschlag ein: zu bleiben und seinen Wohnsitz nach Belieben zu wählen; ich schrieb neue Briefe, in denen ich jene Absicht widerrief. Plötzlich wies er den Vorschlag wieder zurück und reichte nun doch seine Entlassung ein; zum dritten Male mußte ich die Zeitungen mit dieser Nachricht versehen. Dann trat er eine Reise nach Holland an und schrieb nach der Heimkehr: „Ich will mir Ruhe und Frieden verschaffen.“ Doch fortwährende Aufregung und angestrengte Arbeit hatten ihm die Nerven zerrüttet. Bis zum Weihnachtsabend, wo er beim Anblick des Christbaumes in Thränen ausbrach, schloß er sich fast gänzlich ab. Schon damals war er der festen Meinung, daß sich eine Verschwörung über ganz Deutschland gebildet hätte, ihn zu ermorden, und Dingelstedt führe die Mörder an. Ihm das Unglaubliche und ganz Unmögliche dieser Behauptung nachzuweisen, schlug gänzlich fehl. Seine Seelenqualen waren erschütternd, ein fieberhafter Zustand machte ihn ruhelos.

460. Adelheid von Schorn [*1912] Weimar, Oktober/November 1864 Am 17. wurde die erste ordentliche Generalversammlung eröffnet, bei der drei wichtige Punkte verhandelt wurden: 1. der Wunsch des Großherzogs, als Protektors der Zweigstiftung Weimar, daß seine Residenzstadt wiederum als Vorort gewählt werden möge; 2. die Frage, ob – wie bisher – Geheimhaltung der Ehrengaben und Pensionen geboten sei oder Veröffentlichung; 3. die Stellung des Generalsekretärs. Nach endlosen Debatten wurde Wien als Vorort, vom Juli 1865 bis Dezember 1869, bestimmt. Die Geheimhaltung der Unterstützung ließ man fallen und beschloß die Bekanntmachung. Infolge der Vorkommnisse bei der dritten Frage reichte Gutzkow am 15. November seinen Abschied ein. Als sein Nachfolger wurde Otto Roquette gewählt, der aber wieder zurücktrat, weil er nicht nach Wien ziehen wollte. Gutzkow ging auf Reisen, aber anstatt Studien für sein Buch „Hohenschwangau“ machen zu können, trieben seine zerrütteten Nerven ihn ruhelos, angstvoll, sich verfolgt glaubend von einem Ort zum andern […].

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

Zu Gutzkows 25jährigem Jubiläum als dramatischer Dichter, Zeichnung von Herbert König 1864

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Weimar 1864

461. Zeitungsmeldung aus Weimar, 22. November 1864 Gutzkow ist vor einigen Tagen von hier abgereist, und mit der Nachricht hiervon kam zugleich ein Entlassungsgesuch von seiner Stelle als Generalsecretär der Schillerstiftung an den Verwaltungsrath derselben. Der Grund der plötzlichen Reise ist ein Familienereigniß. Sein Entlassungsgesuch aber hat Gutzkow damit begründet daß er einer längeren Anwesenheit in Süddeutschland bedürfe, um ein Werk aus der Geschichte desselben zu vollenden, und daß er überhaupt auf die Länge für sein Schaffen des Reisens und des Aufenthalts an auswärtigen Orten nicht werde entbehren können. Ohne Zweifel wird der Verwaltungsrath dem Gesuch entsprechen.

462. Karl Frenzel [*1879]

Berlin, Dezember 1864

Sein Leben in den Monaten November und December des Jahres 1864 war das qualvollste. Durch fortwährende Schlaflosigkeit stieg seine Nervenüberreizung auf den höchsten Grad. Eine wilde Unruhe trieb ihn umher, Schreckgespenster verfolgten ihn. Plötzlich, in einer späten Nachmittagsstunde am 19. December 1864 trat er bei mir ein. Ich hatte keine Ahnung, daß er sich in Berlin befände. Etwas Unheimliches lag in seinem Gesicht, Gang und Haltung waren verwandelt. Als Grund seines Kommens gab er eine Verhandlung mit einem Theateragenten an, die er hätte persönlich führen müssen. Und dieser Eindruck des Wüsten und Irren, der mir ins Herz schnitt, steigerte sich im Verlauf unseres Gesprächs, als ich ihn nach seinem Hotel de l’Europe in der Taubenstraße und weiter nach dem Bahnhof begleitete: er wollte noch mit dem Abendzuge nach Weimar zurück. Eine fixe Idee hatte sich seiner bemächtigt: der Großherzog von Weimar würde ihm den Falkenorden abfordern lassen, man bedrohe seine Ehre, sein Leben. Kein Zureden half. Hartnäckig kam er von jeder Wendung der Unterhaltung immer wieder auf diesen Punkt zurück. In seinem kleinen Reisekoffer lag, unter der Wäsche versteckt, ein Dolch. „Weißt du,“ sagte er, „Charlotte Stieglitz! Römischer Tod – nicht anders!“ Ich verstand ihn nur zu gut. Der Selbstmord der Charlotte Stieglitz hatte auf den Jüngling den erschütterndsten Eindruck gemacht, ein Eindruck, der mit tragischem Schmerz in der „Wally“ widerklang. Ich hoffte, der Paroxysmus würde vorübergehen, und war von jeder Ahnung der schrecklichen Zukunft noch weit entfernt.

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6. Anwalt der Poeten, Sekretär der Schillerstiftung

St. Gilgenberg 1865

7. Zusammenbruch St. Gilgenberg 1865

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7. Zusammenbruch

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Friedberg 1865

463. Karl-Neumann-Strela [*1884]

Anfang Januar 1865

So kam der Januar 1865. Aus dem nichtigsten Grunde fuhr er nach Berlin. Dann wieder in Weimar, hieß es plötzlich, er sei nach München gefahren. Keine Nachricht traf von ihm ein, die Angst der Familie und Freunde erreichte den höchsten Grad. Aus Berlin schrieb man mir: „Nach dem Aussehen und Wesen Gutzkow’s bei seiner Anwesenheit und unseren Ahnungen zufolge sind wir auf das Schlimmste gefaßt. Wo mag er denn sein? Die Sache ist im Augenblick leider so verhängnißvoll und Gutzkow’s Charakter so unberechenbar, daß man nicht offen auftreten und nach dem „verschollenen“ Gutzkow forschen kann.“

464. Zeitungskorrespondenz aus Friedberg, 14. Januar 1865 Unsere Stadt ist heute in Aufregung versetzt worden durch ein tragisches Ereigniß, von dem ich Ihnen Nachricht zu geben mich beeile. Es traf nämlich gestern Abends in einem hiesigen Hotel ein Fremder ein, der alsbald auf sein Zimmer sich zurückzuziehen wünschte. Heute Morgens gegen 5 Uhr vernahm man aus dem Zimmer dieses Herrn ängstliches Hilferufen, und als man dorthin eilte, fand man den Fremden in seinem Blute liegend. Er hatte sich mehrere Schnitte am Halse und an beiden Armen und verschiedene Stiche in den Unterleib beigebracht. Nachdem ärztliche Hilfe alsbald zur Stelle war, brachte man den tödtlich Verletzten sofort in das städtische Hospital, um ihm die nöthige Pflege zu Theil werden zu lassen. Aus den in dem Besitze des Verwundeten befindlichen Papieren ergab sich leider mit Gewißheit, daß man in dem Unglücklichen einen unserer hervorragendsten Schriftsteller, nämlich Dr. Karl Gutzkow, vor sich habe. Was denselben bewogen, Hand an sein Leben zu legen, konnte bis jetzt wegen allzu großer Schwäche des Leidenden zwar nicht mit Zuverlässigkeit ermittelt werden, allein vorgefundene Briefe etc. und einzelne unzusammenhängende Aeußerungen Gutzkow’s deuten darauf hin, daß vermeintlich oder wirklich zugezogene Ungnade eines hohen Gönners ihn in eine so trübe Gemüthsstimmung versetzte, die sich bis zur Unzurechnungsfähigkeit steigerte, daß das Geschehene möglich werden konnte. Gutzkow schwebt, nach der Aussage der Aerzte, in der größten Lebensgefahr, doch hoffen wir, daß seine Rettung möglich wird. Eine allgemeine und innige Theilnahme hat dieser traurige Vorfall dahier hervorgerufen, und wird man nicht säumen, dieselbe durch Werke brüderlicher Liebe gegen den Unglücklichen zu bethätigen.

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7. Zusammenbruch

465. Eduard Devrient, Tagebuch, Karlsruhe, 16. Januar 1865 Abends Freytag bei uns. Der Zeitungsbericht von Gutzkows Selbstmordversuch erschütterte besonders Freytag sehr. Hätte der Jammermann nur nicht um Hilfe gerufen, nachdem er sich die Adern zerschnitten, nun verliert er auch den Effekt des verzweifelten Entschlusses, um den es ihm doch wohl zu tun war.

466. EVH.: Korrespondenz aus Frankfurt

Januar 1865

Wir haben hier in unmittelbarer Nähe, auch nahe an unserm Herzen, eine literarische Tragödie erlebt, wohlgeeignet dazu, die Lust am Schreiben und Produciren zu vertagen. Ein Schriftsteller von großem Talent, von großer Combinationsgabe und ehernem Fleiße stürzte unter der Macht seines Verhängnisses zu Friedberg in der Wetterau zusammen, eventuell auf Nimmerwiedererhebung, wenngleich die moderne Zähigkeit und das Irrsal im Selbstvernichtungskampf das Leben ungefährdet ließen und Aussicht auf selbstbewußte Existenz versprechen. Karl Gutzkow war im Spätherbst 1864 bei uns in Frankfurt gewesen, ohne eine wesentliche Veränderung seines Wesens zu verrathen; auffallend war seine größere Traulichkeit, seine Hingebung im tête-à-tête. Einsilbig in Gesellschaft, mistrauisch in der Physiognomie, reservirt im Urtheil, so kannten wir ihn nur; nur wer ihm näher gestanden, wußte etwas von der zarten Empfindungsfähigkeit dieser Sinnpflanze. Die Schillerstiftung machte ihm damals tiefe Sorgen, er wäre gern einmal wieder nach Frankfurt gezogen, wo sein Stern aufgegangen, wo er zweimal gefreit, wo schmerzlich-süße Erinnerungen ihn umschweben, wo der schöne Main von Offenbach kommt – und in Offenbach nannte er treue Herzen sein. Daneben war dieser Wunsch nach Wanderung so legal, so berechtigt, statutenmäßig soll die Stiftung den Ort wechseln; Frankfurt hat poetischen Klang, die Schillerstiftung von 1859 gehörte zu den großartigsten in Deutschland, vielleicht verwischte die Schillerstiftung den Eindruck des Spukes, den das „Hochstift“ mit Goethe’s Vaterhaus getrieben hat und noch treibt … Es sollte nicht sein. Gutzkow stieß sich an mächtigere Interessen, an Cabalen, welche die Literatur aus dem Gesichtspunkte der Diplomatie betrachten; er gab seine Dimission, er fing an unstet zu werden, irrte auf den Eisenbahnen umher, irrte in Haupt und Herzen. Sie wissen vielleicht den Zickzack seiner Kreuz- und Querzüge besser als wir, kennen die unergründliche Reiseroute, deren geographisches Durcheinander das Spiegelbild der physischen Verworrenheit abgab. Die liebliche Wetterau tauchte schon zur Weihnachtszeit bedeutsam in seinem Geschick auf: Professor Carriere von München sah ihn in

Friedberg 1865

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Weimar, Gutzkow reiste in demselben Augenblick nach Berlin, als Carriere gen Frankfurt fuhr; in Butzbach wird Carriere ein Brief in den Eisenbahnwagen geworfen, ein Brief mit dem Poststempel „Berlin“, ein Brief von Karl Gutzkow. Von Butzbach nach Gießen braucht der Dampfwagen eine halbe Stunde! … Gutzkow flieht und irrt weiter, er flieht vor seinen Feinden, auf allen Stationen stehen verdächtige Menschen, „Gestalten“, die ihn kennen, ihn und seine Absichten, „Gestalten“, die er durchschaut, deren Absichten ihm sonnenklar sind, vor denen er reißaus nimmt, weiter irrt und flieht. Ein paar Intriguanten haben die Menschheit für ihn gefärbt, in die Farbe der Bosheit getaucht, für ihn, der sich über die Welt kaum zu beklagen hatte, dem die öffentliche Anerkennung einen hohen Rang unter den Epigonen angewiesen hatte, dessen Name wahrlich guten und weithin schallenden Klang gewonnen. Endlich zieht sich die Wetterwolke scheitelrecht über den Irrenden zusammen, über Friedberg entladet sich das feindliche Kriegsgewölke. Sein Schwager Walter, Arzt zu Offenbach, erhält von Kassel telegraphische Einladung nach Friedberg; das Telegramm ist gezeichnet „Karl“, aus brüderlicher Zuneigung, aus Mistrauen wider die Beamten des Drahtes. Dr. Walter erräth die Bedeutung des Telegramms nicht, sendet es sogar fragend an andere Walter’s im Orte; vermuthet gar nicht, welcher Karl dahintersteckt. Karl Gutzkow kommt in Friedberg an, kein Walter! Da fühlt er sich von allen verlassen, einsam in der Menschheit, zwecklos im Leben, er begibt sich in Trapp’s Hotel, verlangt ein Zimmer und legt wie ein Rasender Hand an sich selbst. Jeder Schnitt und Stich für sich allein bedrohte ein Menschenleben; alle zusammen kosten blos massenhaftes Blut, an beiden Armen, an beiden Seiten des Halses, im Bauche, am untern Ende der Lunge. Diese letzte Verwundung durchfuhr den Unglücklichen mit dem gräßlichsten Schmerze; er springt vom Lager auf, wirft sich auf den Boden, schreit, wehklagt, winselt; er ist nicht mehr Herr über sich, nicht mehr Herr seines Willens sich zu tödten; Philoktet wird Meister über Ajax, die physische Pein ruft lauter als der Seelenjammer. … So erwacht die Wirthin, so wird das dienende Personal aus dem Schlafe geschellt, so findet man Karl Gutzkow am Boden liegend, sein erstes Wort: Feinde, Verfolger, kein Freund auf dieser Welt! … Unsere Taunusbäder Wiesbaden, Homburg, Manheim haben eine undurchbrechliche Quarantäne des schmuzigsten Verdachtes ringsumher hervorgerufen; auf Meilen weit ist jeder, der Hand an sich selbst legt, ein „Spieler“, ein Verzweifelter, der die Rechnung für eigenes oder fremdes Geld mit der Pistole oder dem Strick ablegt. In den Augen der rechtschaffenen Wirthin ist Karl Gutzkow ein gerupfter Spieler, den man sich trotz aller Hülfsbedürftigkeit vom Halse schafft. Ins Spital mit ihm, wie dürftig und unzureichend auch die dortige Einrichtung für Leute von Gutzkow’s socialen Gewohnheiten sei! Der Te-

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7. Zusammenbruch

legraph meldet die furchtbare Kunde nach Offenbach, nach Weimar, über ganz Deutschland. Die Verwandten eilen auf Flügeln des Dampfes herbei, wir alle sind tief erschüttert.

467. Korrespondenz aus Frankfurt, 17. Januar 1865 Der Zustand K a r l Gut zk ow’s stellt sich, den zuverlässigsten Nachrichten zufolge, als immer unbedenklicher heraus. Das Wundfieber, wegen dessen gestern die Aerzte jeden Besuch bei dem Patienten untersagt hatten, ist nicht aus seinem natürlichen Verlaufe herausgetreten; die Heilung der Wunden und Stiche geht normaliter vor sich und bis nächste Woche hofft man Gutzkow von Friedberg nach Offenbach transportiren zu können, wo ihm in der Behausung seines Schwagers, des Dr. med. Walther, ein eben so ruhiger als zweckentsprechender Aufenthalt bereit steht. […] Gutzkow’s Gattin weilt in seiner Nähe; einen besonders beruhigenden Eindruck brachte die Ankunft seines ältesten Sohnes, der zu Köln etablirt ist, auf G. hervor. Ein Adjutant des Großherzogs von Weimar erschien gestern in Friedberg in Allerhöchstem Auftrage; auch der Bundestagsgesandte der Ernestinischen Fürsten, persönlich mit G. befreundet, begab sich zu der Leidensstätte. Als seine Freunde sich nach den pecuniären Mitteln erkundigten, die G. bei sich gehabt habe, um im Nothfalle sofort zu interveniren, erfuhren sie zu ihrem Erstaunen, daß sich im Gasthause die Summe von 700 G. bei seinen Effekten vorgefunden habe! Alles deutet mehr und mehr auf augenblicklichen Irrsinn, auf krankhafte Spannung der Hirnthätigkeit hin; um so wohlthuender wirkt die Nachricht von bevorstehender Besserung. Es steht zu hoffen, daß diese gewaltige Erschütterung den Geist G.’s wieder zu sich selbst bringen und ihn einer frischen Thätigkeit zurückgeben werde.

468. Feodor Wehl [*1889]

Januar 1865

Ich habe in jenen Tagen Entsetzliches erduldet. Der Literarische Verein in Dresden hatte sein Mitglied, den Rechtsanwalt Edmund Judeich, einen vertrauten Freund aus Gutzkows Umgang in Dresden, nach Friedberg abgeschickt. Judeich, der auch mir nahe getreten, berichtete mir umständlich über des Kranken Zustand. Die Schilderung war nahezu herzbrechend. Gutzkow selbst fürchtete, in geistige Umnachtung zu versinken. „Ich fange ja schon an, so stark zu essen wie Lenau!“ rief er einmal, durch seine Eßlust erschreckt. In jedem Winkel sah er Spione, Verfolger und Angreifer. In seinem Bett fand man sorgfältig eine Gabel versteckt und aus Handtüchern gedrehte

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Stricke. „Es ist nur für den Nothfall, wenn man mir gar keine Ruhe giebt,“ sagte er mit listigem Lächeln, als man diese Dinge entfernte.

469. [Anon.:] Karl Gutzkow. [*1865] Seit lange hat uns kaum eine Nachricht tiefer erschüttert, als die Kunde von dem, was sich vor wenigen Tagen mit Karl Gutzkow zugetragen hat. Noch sind die bis zur Stunde vorliegenden Meldungen nicht genügend, um uns das Geschehene in seinem ursächlichen Zusammenhange völlig begreiflich zu machen, aber leider ist das Schlimmste schon klar genug. […] Jetzt wird aus allen Theilen Deutschlands ein Schmerzensruf ertönen, jetzt werden auch alle kleinen deutschen Dichter ihr Wort des Mitgefühls vernehmen lassen, jetzt wird Gutzkow Freunde finden. Wahnsinnig mußte er werden, der Welt durch einen Selbstmordversuch beweisen, wie ekel ihm dies Treiben geworden – dann erst vermochte er zu seinem Rechte zu gelangen. Dieses Recht ist Achtung vor der Eigenartigkeit seines Geistes, Schonung seiner Temperamentsschwächen. Ein deutscher Schneidergeselle hat kein Recht, empfindlich zu sein, und ist er es, so thut er es auf seine eigene Rechnung. Aber wenn man Karl Gutzkow heißt, und wenn man seinem Vaterlande auch nichts weiter geleistet hätte als die Ehrenrettung Börne’s, so hat man ein Recht, auch von der Welt zu verlangen, daß sie seiner schone, daß sie nicht mit roher Hand in seine Seele greife, in welcher neben einem reizbaren Temperament doch auch ein hoher schöpferischer Geist wohnt. Und dieses Verbrechens, an Gutzkow schonungslos herumgezerrt zu haben, hat man sich in Deutschland tausendfältig schuldig gemacht. Nicht das deutsche Volk hat es gethan, denn das deutsche Volk allerorten hat Gutzkow’s dramatische Schöpfungen wie die Gaben seines ersten Dramatikers unter den Epigonen der Epoche Schiller’s und Goethe’s aufgenommen, und das deutsche Volk hat auch Gutzkow’s Romane zu würdigen verstanden. Aber eine Clique von Poetlein, Dichterlingen, Recensenten, Leute, die im Schweiße ihres Angesichts ein paar Reime zusammenleimen, die haben jenes Verbrechen begangen. Seit Jahren unablässig zerren sie an diesem Gutzkow herum. Seit Julian Schmidt, dieser impotente, aber immerhin noch scharfsinnige Literarhistoriker, es zu seinem Lebensberuf gemacht, der Welt zu beweisen, daß Gutzkow ein Stümper, während dieser Schmidt dann einmal von Bucher und Lassalle in seiner jammervollen Ignoranz hingestellt wurde; seit Julian Schmidt die Verreißung Gutzkow’s unternommen, seitdem glaubten alle unfähigen, an ihren Federkielen kauenden Dichterlinge und Kritiker in Deutschland ein göttliches Recht zu besitzen, an Gutzkow ihren Witz zu üben. Um nicht anerkennen zu müssen, wozu sie gezwungen gewesen wären, besäßen

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sie einen reinen kritischen Sinn, daß Gutzkow unter der Generation der lebenden Dichter und Dramatiker der Erste ist, paukten sie darauf los, als gälte es eine literarische Hinrichtung. […] Das schmerzliche Gefühl, das in uns die Kunde von dem Geschehenen erzeugt hat, mag uns heftiger gemacht haben, aber wie sollte es nicht? Gutzkow ist noch nicht 54 Jahre alt (geb. 17. März 1811), und wer ihn persönlich gekannt, weiß, daß sich unsere Literatur, welcher er seit einem Vierteljahrhundert vorangeleuchtet, von ihm noch manches werthvolle Werk zu versprechen hatte. Er war bekanntlich von stetem Schaffensdrang erfüllt und besaß einen Fleiß wie wenige Schriftsteller. Scheinen die letzten Nachrichten auch noch Hoffnung zu geben, daß die Kunst der Aerzte ihn körperlich herstellen wird, so wird doch leider gewiß, auch wenn selbst die eigentliche Geisteskrankheit besiegt werden sollte, seine geistige Productionskraft für immer gelähmt sein; ein Dichter pflegt von solch einem Schlage sich nicht zu erholen. Wir fürchten, daß schon jetzt der Tag da ist, wo die Literatur den Nekrolog für Gutzkow schreiben muß. Die Bande Schmidt’s mag jetzt ein Freudenfest feiern. Die deutsche Nation trauert um den Verlust ihres begabtesten Schriftstellers.

470. Ludwig August Frankl an Anastasius Grün, Wien, 22. Januar 1865 Ich kann mich seit der Nachricht von Gutzkow nicht beruhigen! Unstreitig Einer der ersten deutschen Schriftsteller, ist kaum ein Gebiet des Geistes, das er nicht mit oft glänzendstem Erfolg betreten. Und was ihn vor Vielen besonders auszeichnet, es war keine Bewegung der Zeit, in die er nicht seine geistige Rede gemischt, für die er nicht mit der scharfen Waffe des Geistes gekämpft hätte, und das stets in freiester Richtung, mit edelstem Muthe für das Vaterland, dessen Größe und Glanz! Es ist jetzt nicht die Zeit, dessen zu gedenken, was menschlicher Irrthum und Leidenschaft gegen Gleichstrebende in ihm war, aber gewiß ist es, daß er sie Alle an Ausdauer, an unermüdlichem Fleiße weit übertroffen hat. Nahe an 100 Bände liegen von ihm vor, und doch hat er das 54. Jahr seines Lebens kaum erst vollendet. Und trotz alledem konnte er nicht so viel erwerben, um Weib und Kinder zu ernähren, ich will nicht davon sprechen, mit Beruhigung in die Zeit sehen zu können, wo die Produkzionskraft im Sinken oder völlig erloschen ist. Jeder Handwerker, wenn er sich redlich müht und nicht völlig dumm ist, kann es zu einem mäßigen Wohlstande wenigstens bringen; nur ein deutscher Schriftsteller nicht.

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Wer ist schuld daran? Kein anderer als das deutsche Volk! Es kauft keine Bücher. Während sich kaum jemand besinnt, zu einem flüchtigen Konzert- oder Theatergenusse 4, 8, 10 fl. für Sitze zu bezahlen, so nimmt er Anstand, 2–3 fl. für ein Buch auszugeben. Die feinsten Damen sind nicht heikelig, einen beliebten Roman aus der Leihbibliothek, den Kranke, vielleicht Aussätzige, häufig nicht eben die Reinlichkeit liebendste Personen in Händen hatten, auf ihrem eleganten Tische liegen zu haben. Wozu das Almosen einer Schiller-Stiftung, wenn die Deutschen die Bücher ihrer Schriftsteller kauften, wie dies die Engländer und Franzosen thun. Ich weiß, es verhungern auch dort Poeten und Schriftsteller, keiner aber von der Bedeutung Gutzkows! Und in letzter Auflösung ist es die Noth, wenn sich auch einiges Geld vorfindet, die ihn das Entsetzliche thun ließ. […] Ich glaube, daß unser unvergeßlicher Freund nicht dem Wahnsinn verfallen wäre, wenn irgend eine praktische Thätigkeit seinem fantasievollen Ringen das Gleichgewicht gehalten hätte. Die Poeten müssen es lernen, die gute Übung der früheren Potentaten nachzuahmen: sie lernten alle irgendein Handwerk, um, wenn sie die Krone verlieren sollten, sich ernähren zu können. Ich rege heute ein Schreiben der Wiener Schriftsteller an die Frau Gutzkow’s an, um ihm zu sagen, der überall nur Feinde sieht, daß wir ihn in Oesterreich ehren und wärmste Theilnahme für ihn hegen.

471. Anastasius Grün an Ludwig August Frankl, Januar 1865 Gutzkow’s verhängnißvolle That hat auch mich tief erschüttert und im Wesentlichen stimme ich Ihren Anschauungen darüber bei. Die geistige Begabung und Thatkraft dieses Schriftstellers schätze ich ungemein hoch, obschon ich nicht verhehle, daß mindere Größen und Talente mir als literarische Individualitäten persönlich sympathischer sein konnten. In Einem aber stimme ich mit Ihnen nicht überein, nämlich in der Ansicht, daß der Anlaß zu dem tragischen Ereignis in der Geldfrage zu suchen sei. Alles in mir sträubt sich dagegen, dem leidigen schnöden Mammon diesen Triumph über eine geistige Größe zu gönnen. Es scheinen mir vielmehr Konflicte sittlicher Natur, deprimirende Familienverhältnisse u. drgl. dem furchtbaren Entschlusse zu Grunde zu liegen; manche Symptome deuten darauf hin. Dagegen bin ich vollkommen mit dem einverstanden, was Sie von dem wohlthätigen Gleichgewichte sagen, welches in einem zu vorwiegendem Phantasieleben hinneigenden Talente durch den nützlichen Gegendruck einer praktischen Berufsprobe hergestellt wird, davon ganz

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abgesehen, daß diese zugleich die physische Ernährerin und Erhalterin des nicht blos mit Licht und Luft zufrieden zu stellenden Genius sein muß. Dies ist mehr als anderswo in Deutschland der Fall, namentlich durch die bekannten Verhältnisse in unserm Publicum, die wir beklagen, aber leider nicht ändern können, und in denen wir uns, so gut es geht, zurechtfinden sollen. Altmeister Göthe hat auch in dieser Richtung sein weises Wort von dem Begleiten, aber nicht Leiten des Lebens durch die Muse gesprochen. Hätte unser unvergessener unglücklicher Freund dieses Wort beherzigt und praktisch verwirklicht, gewiß, er hätte nichts von seinen geistigen Schätzen eingebüßt, aber er wäre nicht jenem finsteren Loose verfallen.

472. Albert Emil Brachvogel an Unbekannt, Berlin, 22. Januar 1865 Zugleich kann ich, so schmerzlich es Ihnen sein mag, nicht umhin, Ihnen zu sagen, wie sehr mich und alle literar. Kreise hier Gutzkows Schicksal alteriert hat. Dies also ist das Ende der großen Weimarer Schillerstiftungstragoedie. Der Schurke siegt und –, doch alles findet einmal im Leben seinen Lohn. Obwohl ich Gutzkows Charakter nie eigentlich lieben konnte, ja mir seine Handlungsweise in den letzten Zeiten vollständig räthselhaft ist, so bedaure ich doch aus tiefstem Grunde das Geschick eines Mannes, dem die moderne Literatur so viel schuldig ist. Hier hegt man die allgemeine Ansicht, daß der in letztrer Zeit ohnedies krankhaft erregte G. von – gewisser Seite so lange geängstigt, mit Mitteln, die auf ein eitles unfreies Herz wirken, gefoltert hat, daß er jene geistesverworrene That beging. Es wäre undelikat, von Ihnen nähere Aufklärung zu wünschen und Dingelstedt hat seinen Herrn mit tief in den Schmutz dieser Sache gezogen, aber das kann man sich wohl fragen: ob die Nemesis nicht endlich mit D[ingelstedt] Abrechnung halten wird.

473. Zeitungskorrespondenz vom 23. Januar 1865 Ein intimer Freund Gutzkow’s schreibt uns, daß der Kranke am Freitag in vorsichtigster Weise mittels Postwagens von Friedberg nach Offenbach am Main zu Verwandten gebracht wurde. Der Zustand Gutzkow’s ist nach dem vorliegenden Briefe „bejammernswerth“. Die körperlichen Verletzungen werden geheilt werden, obwohl die Wunden „kolossal“ genannt werden; aber der Geist ist umflort. Das Hauptleiden ist die Monomanie der Angst vor Verfolgung. Er sieht überall Polizeispione und glaubt Gattin und Sohn in manchen Momenten mit im Complot.

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474. Zeitungskorrespondenz aus Weimar vom 26. Januar 1865 Die gewaltige Erregung Gutzkows dauert fort, und äußert sich bald in der Furcht vor Nachstellungen seiner Feinde, bald in der Furcht wahnsinnig zu werden. Während des Transports nach Offenbach kam es zu stürmischen Auftritten, bei denen es nur der Schweigsamkeit und Ruhe und dem gleichmüthigen Wesen der ihn begleitenden Familienmitglieder und des Arztes gelang das innere Toben zu beschwichtigen. Am Abend des Tags nach seiner Uebersiedelung erhielt Gutzkow ein Opiat, das unbegreiflicher Weise nicht wirkte, ihn aber in seinem neuen Wahn bestärkte, er werde blödsinnig und verrückt, da sein Gehirn leide und Opium den nothwendigen Schlaf nicht bringe. Schon in Friedberg, in Gegenwart des Augenzeugen der uns diese Mittheilungen macht, soll er gewaltsam den Kopf an die Wand geschlagen haben um ihn zu zerschellen; auch habe er einen Irrenarzt verlangt. In dem einen Augenblick fühlt er seinen Zustand, klagt sich an Hand an sich gelegt zu haben, im nächsten Augenblick muß er gehalten werden daß er nicht aus dem Fenster springt. Am Tage vor seiner Abreise von Friedberg mußten die Anwesenden ihm versprechen ihn folgenden Tags seciren zu lassen; er habe Strychnin im Körper, die Charpie, das Essen sey vergiftet. Stets glaubte er sich von gedungenen Mördern umgeben, und bat unsern Berichterstatter sich eine kurze Zeit ruhig hinzusetzen um die Bösewichter fern zu halten, damit er nur einen Augenblick ruhen könne, er habe seit Monaten nicht geschlafen, dürfe auch nicht schlafen, weil er sonst nicht wieder erwache. Zuweilen legt sich seine Unruhe, dann ist er ganz erschöpft, willenlos und weint mitunter wie ein Kind; die Aerzte haben ihn zu verschiedenenmalen chloroformirt, worauf sein Zustand sich zu mildern schien. Nach einem andern uns vorliegenden Brief wünscht Gutzkow sich ein abgelegenes ruhigeres Plätzchen, wo er abgeschieden von der Welt leben könnte. Zwar ist ein Beschluß noch nicht gefaßt, doch wird man wahrscheinlich diesem Verlangen willfahren.

475. Zeitungskorrespondenz vom 30. Januar 1865 Ein Offenbacher Brief der Hamb. Nachr. sagt, daß Gutzkow’s Zustand ein so erregter ist, daß sein Schwager, Dr. Walter, unter dessen sorgsamer ärztlicher Pflege sich der Kranke bekanntlich befindet, die schwere Verantwortung der alleinigen Behandlung nicht länger über sich nehmen mochte und deshalb vor einigen Tagen Herrn Dr. Hoffmann aus Frankfurt (den bekannten Jugendschriftsteller), unter dessen Leitung die dortige großartige Anstalt für Seelenkranke steht, zu sich bescheiden ließ. Beide Männer erkannten ohneweiters,

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daß dem Unglücklichen vor allem Anderen Ruhe und Schlaf noththue. Aber hier eben scheitern alle Versuche; Morphium und Chloroform blieben ohne jede Wirkung. Die körperlichen Wunden – es sind deren sieben in dem Hals, den Armen und der Herzgegend – sind dagegen der Heilung nahe und zum Theil schon geschlossen. Ein Stich, scheint es, hat die Lunge verletzt, da der Kranke Athmungsbeschwerden hat. Ein Glück für Gutzkow war es, daß er in Friedberg sofort in die Behandlung eines sehr tüchtigen Arztes, des Dr. Müller, kam. Gutzkow’s Geist war schon seit längerer Zeit getrübt und sein übergroßer Fleiß nicht geeignet, denselben wieder zu lichten. Aeußere Momente […] traten hinzu, und als nun einer seiner Söhne, den er unter großen Opfern als Kaufmann untergebracht, seine Stellung plötzlich verließ und, wie Gutzkow wenigstens versichert, ganz ohne Talent in Amsterdam zum Theater ging, da brach mit dem überreizten Geiste auch das väterliche Herz. Auf seinen planlosen Reisen in Baiern übernachtete er auch in Nürnberg, gerade in der Nacht, als der Blitzstrahl Abends vorher die herrliche Lorenzerkirche getroffen. Das Zusammenströmen der Menschenmenge vor seinem Gasthof (gegenüber der Lorenzerkirche) beunruhigte ihn. Vergeblich bot ihm der Gasthalter ein schönes Zimmer hinten hinaus an, wo er ganz ungestört hätte ruhen können. Gutzkow bestand darauf, noch in derselben Nacht einen anderen Gasthof zu beziehen, und that es auch.

476. Franz Dingelstedt an Adolph Vogel, Weimar, 31. Januar 1865 Gutzkow thut mir leid, obwohl er nur hat, was er verdient. An seinem Fall sieht man einmal wieder recht die Erbärmlichkeit deutschen Literatenthums, das von blassem Neid zu noch blässerem Mitleid, ohne jede Einsicht und Haltung, übergeht. Als ich gerade heute vor 8 Jahren in München Knall und Fall weggejagt wurde, nach sechsjährigen, musterhaften Diensten und tüchtigster Pflichterfüllung, hatte ich die ganze Presse vom Kladderadatsch und Brennglas an bis auf die ultramontanen Blätter Bayerns auf den Fersen und mußte durch Injurien-Klagen auf meine Kosten meine Ehre decken, ich – allein gegen Alle. Wer eben einfach, mannhaft, fest seine Schuldigkeit thut, seines Weges geht: der ist und bleibt allein, indeß, wenn Einer Zeitlebens agitirt, manoeuvrirt, intriguirt, allarmirt, lamentirt u. s. w., der süße Pöbel ihm nachläuft. Mag er. Ich scheide gern von dem ganzen Pack, das m i c h braucht (und misbraucht), nicht aber umgekehrt.

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477. Ferdinand Gregorovius, Tagebuch, Rom, 1. Februar 1865 Das tragische Schicksal Gutzkows erschütterte mich. Wie viel Krankheitsstoff in der Literatur, im Fühlen und Denken dieser geistreichigen Zeit! Gutzkow, dessen ich mich hier in Rom nicht erfreuen konnte, hat keine Humanität in sich; er ist über sein eigenes Ich gefallen.

478. Zeitungskorrespondenz vom 3. Februar 1865 Die n e u e s t e n Na c h r i c h t e n üb e r Gut zk ow’s Zu st and , die uns aus Dresden mitgetheilt werden, lauten so wenig günstig, daß man kaum noch hoffen darf, diese ungewöhnliche geistige Kraft werde den über sie hereingebrochenen Sturm überdauern. Auf Anrathen des Frankfurter Irrenarztes, Dr. Hoffmann, steht eine Uebersiedlung des Kranken in die Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke bevor, welche Dr. Falkow in der Nähe von Baireuth leitet. Als Gutzkow von Dr. Hoffmann’s Wunsch, ihn zu sehen, Kenntniß erhielt, äußerte er: „da kommt mein Scharfrichter.“ Die Besorgniß, er werde wahnsinnig werden, hat er öfter ausgesprochen. Als man ihm unlängst zu erkennen gab, er habe heute wieder einmal mit besserem Appetit gegessen, meinte er: so stelle sich wol schon die Gefräßigkeit ein, mit welcher sich die Gehirnerweichung bei Lenau angekündigt habe. Von Drohungen: die That von Friedberg zu wiederholen, verlautet nichts, ein übrigens selbst nach dieser Richtung hin, wie Irrenärzte behaupten, keineswegs günstiges Zeichen, wie denn auch vor einigen Tagen eine bei seinem Nachtessen verschwundene Gabel in seinem Bette sorgfältig versteckt gefunden wurde. Gutzkow hatte, da er vermögenslos ist, sein Leben in Gotha versichert. Mit der scharfen Dialektik eines Irren weist er nun in Momenten finanzieller Grübeleien die Umstände nach, unter welchen auch in Selbstentleibungsfällen die Summe ausgezahlt werden müsse. Der Gothaer Agent verfolgt ihn dabei überall. Ergreifend sind zwischen diesen augenfälligen Geistesumnachtungen die lichten Eindrücke, die ihm hin und wieder das ganze über ihn hereingebrochene Verhängniß klar zu entrollen scheinen. So ist er namentlich auf seinem Transport von Friedberg nach Offenbach beim Anblick Frankfurts in heftiges Schluchzen ausgebrochen, und die Tiefe des Wehs beim Wiedersehen dieser Vaterstadt seiner ersten und auch seiner zweiten Frau, mag in solcher Lage wol eine erschütternd überwältigende gewesen sein. Was seine Wiederherstellung am zweifelhaftesten macht, ist die Schlaflosigkeit. Er nickt kaum auf fünf Minuten Dauer ein. Wie sollen sich da die Nerven beruhigen? Es hat sich nun viefach der Wunsch zu erkennen gegeben, der Theilnahme für ein so entsetzliches Unglück einen werkthätigen Ausdruck ge-

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ben zu können. Mag man über Gutzkow’s Kunstformen, mag man über seine literarischen Fehden denken, wie man will, – Keiner wird ihm das Zeugniß versagen können, daß er ein unermüdlicher Arbeiter war wie Wenige, und daß die liberalen Ideen, welche die Signatur der Gegenwart sind, zu jeder Zeit in ihm einen energischen Vorkämpfer fanden. Es fehlt also nicht an Gesichtspunkten, unter welchen auch seine bisherigen Gegner ihm Hochachtung zollen können. Unter solchen Umständen diese aber durch die That zu bewähren, ist ohne Frage ein Bedürfniß jedes fühlenden Menschen, und an wen daher in diesen nächsten Tagen eine Gelegenheit zu solcher Liebesthat herantritt – es mag aus begreiflichen Rücksichten diese Andeutung hier genügen – der zeige sich nicht säumig.

479. Heinrich Hoffmann, Erklärung zum Zustand Gutzkows, Frankfurt, 8. Februar 1865 In einer Correspondenz welche von Dresden aus ihren Weg nach Wien, Köln, Augsburg und nach andern Orten gefunden hat, sind mancherlei Umstände über die Krankheit und den Seelenzustand des Schriftstellers Dr. Karl Gutzkow mitgetheilt die ich für unrichtig halte. Zuerst wird der Zustand des Kranken als ein unheilbarer und rettungsloser dargestellt; ich aber hoffe daß ich Recht behalte, wenn ich dem Kranken und den Angehörigen den Trost gab es werde Genesung erfolgen; den Kranken selbst überflog es wie ein lichter Sonnenstrahl als er diese Kunde von mir erhielt. Ich besuchte denselben zweimal, nicht weil ich es wünschte, sondern weil die Familie und Gutzkow selbst es verlangte, und letzterer wollte sogar: man solle mir telegraphiren damit ich schneller einträfe; eine Angst oder Scheu vor meinem Besuch zeigte derselbe nicht, um so weniger als wir uns schon seit Jahren kannten. Bei meinem zweiten Besuch fand ich den Kranken schon entschieden besser, er hatte nach dem Gebrauch der verordneten Arzneimittel mehrere Stunden geschlafen, und blieb nach der ärztlichen Consultation noch etwa eine Stunde in traulichem Gespräch mit uns zusammensitzen. Der Kranke selbst gieng ohne Widerstreben auf meinen Rath ein in Gilgenberg einige Monate in Ruhe, Stille und ärztlicher Pflege leben zu wollen. Uebrigens finde ich es im höchsten Grad indiscret, wenn ein solches Unglück bedeutender Männer zur Artikelfabrication und zum Correspondenzengeträtsch benutzt wird; es gibt ja schon genug öffentlichen Jammers, wie Eisenbahnunfälle, Brandschäden, Criminalgeschichten u.dgl., an denen sich die kitzelbedürftigen Gaumen der Zeitungsleser behagen lassen können, ohne daß man die Wunden eines solchen unglücklichen Mannes wie unsers Gutzkow au s z u me s s e n und zu beschreiben braucht. Ich meine: selbst der abgehärteste

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Federarbeiter sollte doch vor der tiefernsten Gestalt eines solchen Unheils, das wie ein Fatum an den einzelnen Menschen herantritt, und das als ein rein persönliches in das innerste und stillste Gemach des Hauses gehört, so viel Pietät und Scheu haben um es nicht in der Brodwerkstätte zu Tagesneuigkeiten verarbeiten zu wollen, und dieß um so mehr, wenn er etwa gar als Freund den Kranken besuchte. Ich selbst würde gewiß nicht das Wort ergriffen haben, wäre nicht mein Name genannt worden, und hätte ich nicht geglaubt daß ich zur Beruhigung zahlreicher Freunde des Kranken dazu verpflichtet sey. Dr. med. H . Hoff man n , dirig. Arzt der Irrenanstalt.

480. Zeitungskorrespondenz aus Weimar vom 27. Februar 1865 Wir freuen uns Ihnen melden zu können, daß der Verwaltungsrath den vorörtlichen Antrag zu Gunsten Gutzkows einstimmig zum Beschluß erhoben hat. Demgemäß ist demselben aus der Centralcasse eine lebenslängliche Pension von jährlich 500 Thlrn., und daneben, zunächst für laufendes Jahr, ein Zuschuß von 500 Thlrn. aus der Dresdner Zweigstiftungscasse, sowie ein Darlehen von 200 Thlrn. aus derjenigen von Wien zugesichert. Die Freunde des Dichters dürfen nunmehr im Hinblick auf diese Gewährung und auf die Benefizvorstellungen in Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg u. a. O., wie auf die Sammlung in Dresden, über die äußere Zukunft Gutzkows und der Seinigen vollkommen beruhigt seyn, wie sich denn ihre Hoffnungen auf seine geistige Genesung mit jeder Nachricht befestigen und erheben, so daß man hierorts in nicht allzuferner Zeit bereits seiner Rückkehr entgegensieht. Was von einem beabsichtigten Domicilwechsel in mehreren Zeitungen, auch in der Ihrigen, berichtet worden, bestätigt sich keineswegs; die Gattin und die Familie Gutzkows verweilen, nach ganz kurzer Abwesenheit, dauernd hier, und er selbst wird, sobald ihn die Aerzte entlassen, wieder nach Weimar kommen.

481. Rudolph Genée [*1879]

St. Gilgenberg, April 1865

Es war im April des Jahres 1865. Der Schnee war bereits völlig geschmolzen und mildere Lüfte durchhauchten die zwar noch graue, aber freundliche Landschaft. Nachdem ich bei dem Arzte mich hatte melden lassen, empfing mich derselbe mit besonderer Freude, denn, wie er mir sogleich mittheilte, hatte Gutzkow wiederholt, erst wieder an dem nämlichen Tage, nach mir gefragt mit dem ausdrücklichen Bemerken: ich sei einer seiner besten Freunde. Daß der unglückliche Kranke bei seinem hochgradigen Verfolgungs-Wahnsinn doch

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Rudolph Genée

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eines Menschen in so freundlichem Sinne sich erinnerte, und sogar dringend nach ihm verlangte, während er im Uebrigen jede persönliche Annäherung fürchtete, erweckte begreiflicherweise in dem Arzte die Hoffnung, daß ich im Stande sein würde, auf Gutzkow’s Gemüth einen wohlthuenden Einfluß zu üben. Wie schwierig aber das war, ja wie aussichtslos, das sollte ich bald erfahren. Nachdem der Arzt in einem längeren Gespräch mich auf den Zustand des Kranken, auf den Umfang und die verschiedenen Symptome seines Wahnes vorbereitet und mich zugleich ersucht hatte, im Gespräche dies und jenes zu berühren, anderes zu vermeiden, führte er mich die Treppe hinauf. Er klopfte an Gutzkow’s Thür, öffnete dieselbe und meldete mich ihm an. Nicht ohne Befangenheit trat ich ein und nachdem sich der Arzt sogleich entfernt hatte, um mich mit seinem Patienten allein zu lassen, steigerte sich das Schwierige meiner Lage besonders dadurch, daß Gutzkow, anstatt mir, wie ich es hätte erwarten müssen, entgegen zu kommen, sich im Gegentheil bis an das äußerste Ende seines geräumigen Zimmers zurückgezogen hatte. Die Arme auf dem Rücken ließ er mich so bis dicht an sich herankommen, indem er den düstern Blick unbeweglich auf mich richtete, als ob er erst erwarten wollte, was ich etwa Böses gegen ihn im Sinne habe. Man wird begreifen: für Jemand, welcher nach den vorausgegangenen Mittheilungen erwarten mußte, freudig begrüßt zu werden, war dieser Empfang wohl geeignet, mich etwas aus der Fassung zu bringen. Selbst wenn ich mich auf die Zusammenkunft genauer und bestimmter würde vorbereitet haben, als es der Fall war, würde ich vermuthlich alles Vorbereitete vergessen haben. Da ich aber durchaus mit keiner eingelernten Rolle zu ihm gekommen war, sondern Alles dem Augenblick überlassen wollte, so hatte ich die größte Mühe, in dieser schwierigen Situation ihm die nöthige Unbefangenheit zu zeigen. Als ich dicht vor ihm stand, streckte ich ihm meine Hand entgegen, die er aber nur zögernd, immer den forschenden Blick auf mich gerichtet, nahm. Offenbar war ihm in dem Augenblicke meines Eintretens der Gedanke gekommen: ob ich unterdessen nicht vielleicht auch von dem gegen sein Leben gerichteten „Comité“ gewonnen worden war? Denn das Bestehen eines solchen Comités war, wie ich bald aus dem sich entwickelnden Gespräch entnahm, der Kernpunkt seines Irrwahns, die eigentliche fixe Idee, die ihn beherrschte. Nachdem ich einige möglichst unbefangene Worte zu seiner Begrüßung gesagt hatte, erwiderte er ruhig: „Ich sehe, Sie sind von dem Menschen hier“ – mit dieser Bezeichnung sprach er wiederholt von dem Arzte – „schon über meine Person instruirt worden.“ Indem ich mit einiger Mühe meine Verlegenheit zu bekämpfen suchte, antwortete ich ihm: Ich wüßte nicht, was er damit meine; ich sei, wie ihm ja wohl bekannt, zufällig nach Baireuth gekommen und hätte mich sehr gefreut, daß er meiner in so freundlicher Weise gedacht und

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mich zu sehen gewünscht habe, deshalb sei nach meiner Ankunft in Baireuth mein erster Gang zu ihm gewesen. Nun schien ihm doch durch meinen Ton und meine ganze Miene die bessere Empfindung gegen mich wiederzukommen. Er sagte, indem er auf das Sopha deutete, nachdem er nochmals einen forschenden, aber milderen Blick auf mich gerichtet: Nun bitte, setzen Sie sich; ich werde Ihnen die ganzen Ereignisse, wie sie sich mit mir zugetragen haben, im Zusammenhang erzählen. Als ich mich gesetzt hatte, begann er seinen Bericht mit solcher Klarheit, in so vollkommen richtigem logischen Zusammenhang der mir ja schon bekannten Vorgänge, so fest und sicher, daß man hierbei den Gedanken an eine geistige Störung dieses Mannes hätte verlieren können. Seine Kämpfe und Streitigkeiten in der Schillerstiftung, deren besoldeter Generalsekretär er bekanntlich vom Herbst 1861 bis zum Herbst 1864 gewesen, die Aergernisse, welche ihm durch widerstrebende Meinungen und angebliche gegen ihn gesponnene Intriguen bereitet wurden, bildeten den Ausgangspunkt seines Berichtes. Schon hierbei hatte er wiederholt und mit gesteigerter Erregtheit Dingelstedt’s gedacht. Dann fuhr er ungefähr so fort: „Zu den fortwährenden Aufregungen, in welche mich diese Angelegenheiten versetzten, kam noch hinzu, daß durch angestrengtes Arbeiten an einem neuen Roman – (hier schaltete er wörtlich ein „er spielt in Hohenschwangau“) – meine Nerven sehr zerrüttet waren. Zu alledem erfuhr ich endlich, daß sich ein Comité gebildet hatte, dessen Bestreben es war, mich geistig und physisch zu ermorden.“ Bei dieser Wendung steigerte sich des Sprechenden Aufregung in hohem Maße; er stand auf und ging mit großer Unruhe auf und nieder. Dann wieder stehen bleibend, fuhr er in seinem Berichte fort: wie dies Comité über ganz Deutschland verbreitet sei, und daß Dingelstedt an der Spitze desselben stehe. Endlich kam er dann auch auf seinen Selbstmordversuch zu sprechen, den er nur kurz und mit einer gewissen Scheu erwähnte und einer vorübergehenden geistigen Störung zuschrieb, welche er durch die mannigfachen Erschütterungen seines Gemüths erlitten hatte. Diese geistige Störung hielt er, wie gesagt, für eine vorübergegangene, während er dabei seine fixe Idee von dem gegen sein Leben gerichteten „Comité“ vollkommen festhielt. Als er nochmals auf Dingelstedt, als den Dirigenten jener Verbindung, zu sprechen kam, versuchte ich, durch ein halbes Eingehen auf seine Behauptung ihn von diesem Wahne loszubringen. Ich fingirte selbst eine üble Meinung von Dingelstedt’s Gesinnung gegen ihn zu haben, fuhr aber dann lächelnd fort: ich hätte trotzdem die feste Ueberzeugung, daß derselbe einen solchen Entschluß, ihn zu ermorden, niemals ausführen würde. Da flammte es unheimlich und wild in Gutzkow’s Blicken auf und er rief mit bebender Heftigkeit: „Dingelstedt!? Hier auf dieser Stelle würde er mir das Messer in die Brust stoßen!“

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Hiergegen war nichts zu machen. Um aber den Aufgeregten etwas zu beruhigen und auf andere Gedanken zu bringen, trat ich ans Fenster und äußerte meine Freude über die angenehme Lage seiner jetzigen Wohnung. „Ja“, sagte er bitter, „sehen Sie nur die Eisenstäbe“ – wies dabei auf die in der That zu seiner Sicherheit vergitterten Fenster. Dann blickte er mit mir hinaus und deutete auf eine Gruppe von Leuten, welche draußen in den Gartenanlagen mit Erdarbeiten beschäftigt waren, und sagte: „Sehen Sie diese Leute dort; die gehören Alle zu dem Comité und stehen Alle im Solde des schrecklichen Menschen, der mich hier eingesperrt hält.“ Da er mit solchem Ausdruck des Widerwillens wiederholt des Arztes, einer durchaus freundlichen und einnehmenden Persönlichkeit, gedachte, so fühlte ich, wie schwer es mir unter solchen Umständen werden würde, den Wunsch desselben, gelegentlich dem Kranken eine gute Meinung über ihn beizubringen, zu erfüllen. Ich that denn auch bei Gutzkow’s letzter Aeußerung, als ob ich gar nicht verstünde, wen er mit jenem schrecklichen Menschen meine, und brachte bald darauf selbst das Gespräch auf den Arzt. Ich bemerkte dem Kranken, wie sehr erfreulich mir es gewesen wäre, mit welcher innigen Theilnahme und Verehrung sich sein Wirth und Arzt über ihn zu mir ausgesprochen habe. Wir standen beide jetzt in der Mitte des Zimmers. In Gutzkow’s Brust wogte es heftig, und er antwortete mir: „Nun, dafür werde ich in der nächsten Nacht auf so schauderhafte Art gemordet werden, wie es noch nie dagewesen ist.“ Ich konnte mich in diesem Augenblick völlig beherrschen, und sagte heiter und ihm herzlich die Hand drückend: Lieber Gutzkow, ich hoffe mit Bestimmtheit, bei einem nächsten Besuche Sie noch so wie heute am Leben zu finden; ich will jetzt gehen, komme aber nächster Tage wieder zu Ihnen heraus. „Dann“, erwiederte er, indem er nach den Winkeln des Zimmers wies, „werden Sie nur hier und da einige Reste von mir finden.“ Ich versuchte, freilich mit schwerer Mühe, auch auf diese Aeußerung ihm etwas Heiteres und Beruhigendes zu sagen, und empfahl mich, indem ich ihm aufs Neue einen zweiten Besuch in Aussicht stellte. Unten berichtete ich dem theilnahmvollen und gespannten Arzte Alles, was ich von dem Kranken erfahren hatte. Dr. F. sagte kopfschüttelnd: Immer dieselben Geschichten! Nach kaum zehn Minuten wurde der Arzt durch heftige Schritte über uns, wo gerade Gutzkow’s Zimmer lag, aufmerksam. Er entfernte sich, um zu sehen, wie der Patient sich verhalte. Er kam wieder, um mir zu melden: Gutzkow wolle mich durchaus nochmals sprechen; er habe mir noch Einiges zu sagen. Mit etwas schwererem Herzen als das erstemal ging ich wieder hinauf. Gutzkow ging noch sehr erregt auf und nieder. Was er mir noch zu sagen hatte, schien ihm jetzt nicht ganz klar zu sein, aber es war ersichtlich, daß ihm Vieles

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im Kopfe durcheinander ging. Ich hatte jetzt mit ihm noch ein Gespräch von etwa einer halben Stunde, in welcher er hauptsächlich nur über sich selbst sprach, über seine Eigenschaften, über seine Fehler und seine guten Seiten. Doch kann ich von seinen jetzigen Aeußerungen kaum etwas Bestimmtes mittheilen; erstens, weil er in ganz seltsamer Weise auf Dinge zu sprechen kam, über welche man nicht so leicht zu Andern zu sprechen pflegt, und zweitens, weil Alles, was er jetzt vorbrachte, in sehr unruhiger und zerrissener Weise herauskam. Er hatte offenbar daran gedacht, daß ich vielleicht jetzt schon Einiges – wohl gar einen Nekrolog! – über ihn schreiben werde, denn er deutete mir an, was in der Beurtheilung seines Charakters anzuerkennen, was von seinen Fehlern und Schwächen zu entschuldigen wäre. Dabei wurde er so tief bewegt, daß ich Thränen in seinen Augen sah. Seine große Aufgeregtheit nöthigte mich, wenigstens so lange noch bei ihm zu bleiben, bis er wieder ruhiger geworden war. Dann verabschiedete ich mich von ihm zum zweiten Male. Schon auf meiner Rückfahrt nach Baireuth war ich entschlossen, meinen Besuch bei Gutzkow nicht zu wiederholen, denn es wäre vergeblich gewesen. Ich fuhr in trauriger Stimmung zurück, da ich von seinem ganzen Wesen den bestimmten Eindruck erhalten hatte, daß der Arme nie wieder hergestellt werden könne.

482. Zeitungsmeldung vom 10. Juli 1865 Gutzkow’s Familie ist nun von Weimar nach Frankfurt übersiedelt; in Gutzkow’s Befinden zeigt sich nur schwache Aussicht auf Genesung.

483. Zeitungskorrespondenz aus Oberfranken vom 22. Juli 1865 Ueber den Zustand Dr. Karl Gutzkows […] erfahren wir daß derselbe sich in jüngster Zeit wieder wesentlich gebessert hat; namentlich die körperliche Kräftigung und der gesammte Ernährungszustand, welcher in den ersten Monaten seines Aufenthalts in St. Gilgenberg besorgnißerregend war, schreitet in erfreulicher Weise voran. Die gemüthliche Erkrankung dagegen war bisher größeren Schwankungen unterworfen. Nachdem im Monat Mai eine förderliche Ruhe und Klarheit über den eigenen Zustand eingetreten war, kehrte im Beginn des verflossenen Monats die schwermüthige Verstimmung und das Mißtrauen, welches einen charakteristischen Zug in der geistigen Störung des unglücklichen, sich selbst quälenden Kranken bildet, in erhöhtem Maß wieder. Die Wahnidee, von aller Welt verfolgt und bedroht zu seyn – früher mehr leibliche

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Qualen und martervollen Tod vorspiegelnd – richtet sich nunmehr auf das Gebiet der eigenen schöpferischen Thätigkeit des Dichters; nicht mehr für den Urheber seiner dramatischen Werke, der Lieblinge seiner Seele, zu gelten, aus seinen Romanen das Beste und Tiefste von fremder Hand sich angeeignet zu sehen, vor aller Welt als Plagiator gebrandmarkt zu seyn – das waren vorherrschend die Trugbilder welche mit dämonischer Macht des Dichters Geist umstrickten und das erkrankte Gemüth verfinsterten. Allem Anschein nach haben diese quälenden Vorstellungen ihren Gipfelpunkt erreicht, und es sind dieselben bereits im Abnehmen begriffen: die Wahnideen und die Hallucinationen treten nicht mehr mit der unmittelbaren Macht der Ueberzeugung auf, und der Kranke wird andern Interessen, andern Gedanken mehr und mehr zugänglich. Ob nun diese Besserung dauernden Bestand hat, ob eine neue Störung eintritt, läßt sich mit Sicherheit noch nicht voraussehen, um so weniger als die Krankheitsdauer viel länger ist als man ursprünglich annahm, da nach Gutzkows oft wiederholter Aussage bereits lange vor der Friedberger Katastrophe eine tief melancholische Verstimmung in ihm Platz gegriffen hatte, und er sich selbst schon während des ganzen vorigen Jahrs verändert fühlte – ein Umstand der für die Prognose sehr beachtenswerth erscheint, und einer erfolgreichen Behandlung vielleicht noch manchen Widerstand bieten dürfte. Hoffen wir nichtsdestoweniger, daß es den ausdauernden und aufopfernden Bemühungen seines Arzts im Verein mit den wohlthätigen Eindrücken der den Kranken umgebenden lieblichen Natur schließlich gelingen wird Gutzkow der Welt und seinen vielen Freunden wieder zu schenken.

484. Zeitungskorrespondenz aus Weimar, 9. Oktober 1865 Ueber den Zustand des Dichters K. Gutzkow in St. Gilgenberg haben die theilnehmenden Freunde und Verehrer desselben längere Zeit wenig erfahren. Was in jüngster Zeit öffentlich verlautete, bedarf einiger Berichtigung, die ich aus ganz zuverlässiger Quelle geben kann. Vor Kurzem nahm eine der Familie des Dichters seit langer Zeit befreundete Dame einen Landaufenthalt in der „Phantasie“ bei Bayreuth, begleitet von der zweiten Tochter Gutzkow’s, Selma. Sie trafen Gutzkow sehr nervös aufgeregt und immer noch von unglücklichen Wahn-Ideen gequält. Die öfteren Rückfälle, von fast fortwährender Schlaflosigkeit erzeugt, verzögern die Besserung. Die Nähe und zeitweise Gegenwart der Tochter wirkte in hohem Grade wohlthätig auf ihn, so daß der Arzt ein längeres Verbleiben des Kindes für die Heilung des Kranken als wichtig erklärte, weßhalb dasselbe auch unbestimmte Zeit in St. Gilgenberg sich aufhalten wird. Nachdem Gutzkow bis dahin völlig unbeschäftigt, nur im Hinbrüten über sein

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7. Zusammenbruch

Unglück versunken oder, von Tag zu Tag seinen Tod erwartend, völlig theilnahmslos war, fing er in der letzten Zeit an, zugänglicher zu werden, und schien auf Augenblicke sein Schicksal zu vergessen. Solche Momente wurden benützt, seine geistige Thätigkeit zu wecken, und es wurden poetische Gedanken, die er vor sich hinsprach, niedergeschrieben. Auf diese Weise kam ein höchst ansprechender Prolog zu Stande, den er für die Eröffnung des Gilgenberger Haustheaters dichtete (kein Lustspiel, wie anderwärts berichtet wird) und welcher von Selma Gutzkow sehr schön vorgetragen wurde. Man schöpfte hieraus die Hoffnung, daß mit der Herstellung der körperlichen Gesundheit Gutzkow’s auch sein Geist wieder zur frühern Klarheit und Energie kommen werde. Freilich fehlt es nicht an Kundgebungen, die jene Hoffnung auf ein Minimum zu reduciren geeignet sind. Auf die Frage, ob man Jemanden von seinen Bekannten grüßen oder irgend etwas sonst bestellen solle, erwiderte er: „Ich bin ja todt; man hat mich hier lebendig begraben.“ Er hält sich für unheilbar. Sobald er einen Brief anfängt, stellen sich sogleich die leidigen Wahngebilde ein, so daß man ihm entschieden abgerathen hat, etwas niederzuschreiben. Er bekommt öfter Opium, welches künstlich den entbehrten Schlaf bringen soll.

485. Zeitungskorrespondenz aus Bayreuth vom 23. Oktober 1865 Aus Bayreuth, 23 Oct., berichtet das dortige Tagblatt: „Gegenüber einzelnen hie und da in der Presse noch auftauchenden düster gefärbten Berichten über Dr. Karl Gutzkows gegenwärtigen Zustand kann Einsender dieser Zeilen nicht umhin seine bei Gelegenheit der gestrigen Theateraufführung in der Anstalt St. Gilgenberg persönlich gemachten Wahrnehmungen auch dem größern Publicum mitzutheilen, wiewohl die Gilgenberger Abendunterhaltungen selbstverständlich nur den Charakter von Privat-Soiréen tragen. Man gab zwischen Musikvorträgen zwei Stücke, von welchem das zweite, „die kleine Sängerin,“ ein reizender Scherz in 1 Act mit eingelegten Couplets von Gutzkow, für diesen Abend und für die Mitwirkung seines Töchterchens berechnet und verfaßt worden war. Gutzkow nahm nicht nur während der Aufführung den regsten Antheil, sondern verkehrte auch im Saal bis spät in die Nacht hinein mit den geladenen Gästen in liebenswürdigster Weise. Auch sämmtliche Proben und Arrangements der Bühne hatte der Dichter mit dem lebhaftesten Interesse bisher geleitet. Mit dem freudigen Gefühl daß es der hingebendsten ärztlichen Pflege gelungen den schwer erkrankten Dichter so weit der Genesung entgegen zu führen, und daß der Augenblick wohl nicht mehr fern ist wo Gutzkow der Welt und seinen vielen Verehrern wieder gegeben werden kann, verließen die Geladenen das Institut.“ Gutzkow arbeitet – wie uns berichtet wird – schon

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wieder an einem neuen Stück für seine Tochter. Die Theatervorstellungen machen ihm ein besonderes Vergnügen. Am liebsten wär’ es ihm wenn jeden Abend Theater wäre.

486. Zeitungskorrespondenz aus Oberfranken, November 1865 In der jüngsten Zeit hat die Besserung so rasche Fortschritte gemacht, daß Gutzkow nunmehr mit völliger Klarheit über seine überstandene Krankheit spricht, und sich bereits mehr mit der Zukunft als mit der Vergangenheit beschäftigt. So bemüht er sich z.B. weiteres Material für den vor seiner Erkrankung begonnenen größern Roman „Hohenschwangau“ zu sammeln, aus welchem er früher schon in Weimar ein Bruchstück, „Argula von Grumbach“, einem gelehrten Kreis vorgelesen. Wir geben diese Mittheilungen von competenter Seite, mit dem Bemerken daß nur sie und einzelne Berichte des Bayreuther Localblattes, gegenüber anderslautenden Nachrichten in der deutschen Presse, als authentische zu betrachten sind.

487. Zeitungsmeldung aus Bayreuth, 23. Dezember 1865 Karl Gutzkow verläßt am ersten Weihnachtsfeiertag St. Gilgenberg geistig und leiblich gesund! Diese Kunde veranlaßte den hiesigen Liederkranz dem Dichter ein Abschiedsständchen zu bringen. Tief bewegt dankte Gutzkow in ergreifenden Worten für diese Aufmerksamkeit, wobei er besonderes Gewicht darauf legte: wie hohen Werth es für ihn habe daß der Genius des deutschen Liedes es sey der ihn zuerst begrüße bei seinem Wiedereintritt in’s Leben.

488. Zeitungskorrespondenz aus München, 27. Dezember 1865 Dr. Gutzkow ist mit seiner Familie vorgestern aus Bayreuth hier eingetroffen,

und hat gestern die Reise nach der Schweiz etc. fortgesetzt. Diejenigen Personen welche Gelegenheit hatten den Dichter hier zu sehen, waren erfreut über dessen gutes und gesundes Aussehen.

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7. Zusammenbruch

1866–1878

8. Letzte Lebensstationen 1866–1878

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8. Letzte Lebensstationen

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1866–1878

Vevey, Kesselstadt (1866–69) 489. Feodor Wehl [*1889] Es hat lange gedauert, bis er genas. Erst 1866 kehrte er zu seiner Familie zurück, ein Adler mit gebrochenen Schwingen. Er hat noch gedichtet, noch Dramen, Romane und andere Werke verfaßt, aber sie trugen nicht mehr den vollen, unverwischten Stempel seines Geistes. Alles, was er bot, war angekränkelt, unklar in den Zügen, mehr oder weniger aus den Fugen gebracht.

490. Rudolph Genée [*1879] Ich selbst habe an seine völlige Wiederherstellung nicht recht glauben wollen, und sein Zustand in den letzten Jahren seines Lebens, wie auch so manche Aeußerung, die er seitdem gegen mich gethan, haben mich in dieser Meinung bestärkt.

491. [Anon.:] Literarische Plaudereien. [*1866]

Vevey, März 1866

Von Karl Gutzkow, der sich gegenwärtig in Vevay am Genfersee befindet, laufen günstige Nachrichten ein. Am 17. März, seinem Geburtstage, brachten ihm die dortigen Deutschen in der Nacht ein Männergesangständchen, das mit dem Liede begann: „Wie könnt’ ich dein vergessen.“ Gutzkow sprach, noch ehe sich die Sänger entfernt hatten, aus offenem Fenster Worte des Dankes. Der Autor, dem so herzliche Anhänglichkeit der Volksgenossen eine hochzuschätzende Ermuthigung ist, hat seit kurzer Zeit auch wieder die geschäftliche Correspondenz mit seiner Verlagsbuchhandlung eröffnet und spricht sich über alle Angelegenheiten mit vollkommener Klarheit und Ruhe aus. Am erfreulichsten ist die Nachricht, daß er während seines Aufenthalts am Genfersee bereits einen neuen Band seines historischen, im Reformationszeitalter spielenden Romans vollendet hat, ein Werk, auf welches wir mit um so größerm Rechte gespannt sind, als es der erste historische Roman aus Gutzkow’s Feder ist. Bekanntlich hat der Verfasser zu dieser Arbeit die umfassendsten Detailstudien gemacht, sodaß das culturgeschichtliche Colorit gewiß von großer Lebendigkeit und Treue sein wird.

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8. Letzte Lebensstationen

492. Else Hertel [*1928]

Kesselstadt 1866–69

Aeltere Generationen der Stadt werden sich hervorragender Persönlichkeiten im alten Kurhessen und in der Hanauer Gesellschaft erinnern, unter denen in den 60er Jahren auch Karl Gutzkow weilte. Nach langer Krankheit suchte er Ruhe und Stille zu weiterem geistigen Schaffen, und wählte das in nächster Nähe unserer Stadt gelegene, idyllisch verborgene Heim an der Philippsruher Allee, wo er mehrere Jahre im Kreise der Seinen verbrachte. An Berührungen mit den Weltereignissen fehlte es zwar auch da nicht, brachte doch das Kriegsjahr 1866 Truppendurchmärsche und zahlreiche Einquartierungen, die in dem kleinen Häuschen unterzubringen oft reichlich Schwierigkeiten bereitete. Gutzkow, der von Jugend an mit der Politik verwachsen war, lebte ganz in den aufregenden Kriegsnachrichten. Seine größte Teilnahme wandte er der ihm zugewiesenen Einquartierung zu. Er wetteiferte mit seiner Familie, es den Leuten möglichst bequem zu machen, opferte sein eigenes Zimmer und war unermüdlich in Pflege und Sorglichkeit für die ermatteten Krieger. Durchziehende Preußen, seine Landsleute, wurden mit Jubel begrüßt. Als die Aufregungen durch die Kriegsunruhen vorüber, fanden die Nerven Erholung in der anmutigen Gegend des Maingebiets und der ländlichen Stille des Gärtchens vor dem kleinen Haus mit seinen Blumen und lauschigen Sitzplätzen. Der Vormittag gehörte der Arbeit. Gutzkow vollendete den vor seiner Krankheit begonnenen großen historischen Roman „Hohenschwangau“. Die Nachmittagsstunden gehörten größtenteils der Familie. Prüfend verfolgte er die Entwicklung seiner heranwachsenden Töchter und freute sich an deren fröhlichem Umgang mit Freunden und Freundinnen. Bewundernde Aufmerksamkeit schenkte er dem üppigen Rosenflor des Gartens und prüfte schmunzelnd das Schwellen der Trauben, die am Spalier des Hauses reifen sollten, was aber niemals bis zur erwünschten Süße der Fall war. In späterer Stunde trat er den Weg zur Post an. Daß er seine Skripturen, seine ausgedehnte Korrespondenz einer anderen Hand anvertraute, geschah nur in den seltensten Fällen. In dem Lesezimmer am Markt, der damaligen „Assemblee“, in dem Eckhaus, in welchem sich jetzt die Kreissparkasse befindet, sah er die dort aufliegenden zahlreichen Tageszeitungen aufmerksam durch und kehrte erfrischt und angeregt nach Hause zurück. In aufrechter Haltung, den Mund fest geschlossen, ging er raschen, energischen Schrittes die schattige Lindenallee ent-

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lang. Seine Kurzsichtigkeit hinderte ihn, die Vorübergehenden zu erkennen, doch freundlich dankte er, wenn man ihn zuerst grüßte. Die Wintermonate belebte ein freundschaftlicher Verkehr mit einigen Familien der Stadt sowie mit dem Besitzer der nachbarlichen großen Villa, dem Deutsch-Amerikaner Georg Christ und dessen liebenswürdiger, schönen jungen Tochter, Frau Berna, die ihren Mann vor kurzem verloren hatte. Es wurde ein Leseabend gegründet, der in den Häusern der Beteiligten abwechselnd jede zweite Woche stattfand. Auch in dem vornehmen Patrizierhaus an der Kinzigbrücke, in dem jetzt die Quarzlampe ihr Licht in die Welt hinaussendet, öffnete der Besitzer, Herr von Deines, seine meist etwas abgeschlossenen Räume. Die Klassiker wurden mit verteilten Rollen vorgenommen. Auch die feinen liebenswürdigen Konversationsstücke, wie „Donna Diana“, „Die Journalisten“, „Zopf und Schwert“, wobei Alt und Jung lebhaft beteiligt war. Gutzkow selbst begeisterte die Hörer durch den künstlerischen Vortrag einiger Charakterrollen wie Shylock, Nathan der Weise, Richard der Dritte u.a. […] Es lag noch ein Hauch veralteter gemütlicher Sitten über den Ausklängen der kurhessischen guten Gesellschaft, deren Ahnen, oft in beschränkten Verhältnissen, wahre Vornehmheit besessen hatten, die der aufblühenden Handelsstadt Hanau ein besonderes Gepräge verlieh.

493. Heinrich Brockhaus, Tagebuch [*1866] Bamberg, Ende September 1866 Gutzkow hatte ich in Hanau, in dessen Nähe er jetzt lebt, verfehlt und ihn deshalb gebeten, von Nürnberg aus, wo er Studien zu seinem neuen Roman machen wollte, in Bamberg mit mir zusammenzutreffen. Ich habe rechte Freude über das Zusammensein mit ihm gehabt. Er scheint geistig und körperlich vollständig wiederhergestellt zu sein, sieht sehr wohl aus, ist lebendig wie sonst in der Unterhaltung, aber viel einfacher und natürlicher, nicht so gesucht und retirirt, wie sonst seine Weise war. Wir haben auf dem Michelsberg, von wo man eine schöne Aussicht hat, und in einer andern Bierwirthschaft mit einem bamberger Buchhändler zusammen gesessen.

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8. Letzte Lebensstationen

494. Rudolph Genée [*1879]

Berlin, März 1868

Ich traf ihn wieder im Frühjahr 1868 in Berlin. Nach unserm zufälligen Zusammentreffen, es war Abends in einem öffentlichen Lokal, begleitete ich ihn nach mehrstündigem Plaudern nach Hause, er wohnte damals in der Kronenstraße. Er zeigte im Gespräche die vollste Klarheit seines Geistes und schien in zufriedener Stimmung zu sein. Auf dem Wege nach seiner Wohnung kam er selbst ganz ohne Veranlassung auf seinen Baireuther Aufenthalt zu sprechen, indem er äußerte: „Ja, das sind nun drei Jahre her, daß Sie mich damals an dem schrecklichen Ort besucht hatten.“ Schon hierbei äußerte er sich so, als sei sein dortiger Aufenthalt keineswegs ein nothwendiger, durch eine geistige Störung veranlaßter gewesen, sondern ihm aus Gott weiß was für andern Motiven bestimmt worden. Ich mochte über diesen Punkt mit ihm nicht sprechen, und da ich nichts erwiderte, so gab er mir denn auch keine weitere Aufklärung.

495. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 19. März 1868 Gestern Mittag kam Frau Gutzkow mit ihrer Tochter zu uns und sagte, daß sie mit ihrem Manne hier sei. Ich erbot mich sofort ihn zuerst zu besuchen. Da Schreiber aus Breslau angekommen war, konnte ich erst um halb 6 Uhr zu Gutzkow, und um 6 Uhr ging er ins Theater. Er umarmte mich und küßte mich zweimal, und ich brachte es schnell zu harmlosem Gespräch und er merkte auch, daß ich mit aufrichtiger Theilnahme seine Wiedergenesung begrüßte.

496. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 31. März 1868 Ich wurde heute Mittag im Schreiben durch eine große Freude unterbrochen. Mein alter getreuer Freund Emanuel Geibel kam zu mir, und wir hatten eine Stunde innigsten Erfassens und Neuerweckens schöner freier Jugendtage. […] Nachmittags kam Gutzkow. Welch ein Contrast! Und doch hat auch Gutzkow ein freiheitliches und ideales Pathos, das freilich mit so viel Absonderlichem versetzt ist, daß man nach einem Gespräche mit ihm immer nicht weiß, was man mit sich anfangen soll. Ich werde suchen, in gutem Vernehmen ohne beiderseitige Einwirkung etc. mit ihm zu stehen.

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Bregenz (1869) 497. Georg Köberle [*1888]

Lindau, Sommer 1869

Als ich an einem schönen Sommernachmittage 1869 auf dem Hafendamm zu Lindau am Bodensee spazieren ging und mich am Anblick der jenseits des Gewässers majestätisch thronenden Alpenkette Vorarlbergs und der Schweiz erfreute, fiel mir plötzlich ein älterer Herr auf, der mühsam dem am Ufer zur Abfahrt nach Bregenz bereit stehenden Dampfer zuwankte. Die Gestalt kam mir auf den ersten Blick vor wie eine Ruine, die ich noch in den Tagen ihres Glanzes irgendwo schon gesehen haben mußte. Meine Schritte verdoppelnd, eilte ich ihr entgegen, doch war sie der Schiffbrücke schon zu nahe und verschwand über dieselbe in den inneren Schiffsraum, ehe ich sie erreichen und ansprechen konnte. „Wenn der Mann nicht gar so gebrochen ausgesehen hätte“, sagte ich zu meinem Begleiter, „so würde ich ihn für Karl Gutzkow halten.“ „Er war es auch“, fiel ein zufällig in der Nähe stehender Bürger von Lindau, der mich kannte, mir ins Wort. „Seit ein paar Monaten hält er sich in Bregenz auf und kommt von dort manchmal mit dem Dampfer auf Besuch für einige Nachmittagsstündchen zu uns herüber.“ Das äußere Aussehen Gutzkow’s, welcher damals erst in seinem achtundfünfzigsten Lebensjahre stand, ließ ihn, wenigstens in seinen Bewegungen, weit älter erscheinen, als er wirklich war. Sein unsicherer Schritt, das Wanken des Oberkörpers, die vorgebeugte Haltung und das gesenkte Haupt deuteten eher auf einen Achtziger hin, als auf einen Mann, welcher das Eintrittsjahr ins Greisenalter noch nicht überschritten hat. Gutzkow hatte damals eben die bekannte Katastrophe, welche ihn vor der Zeit zum gebrochenen Greis umwandelte, schon hinter sich. Sein Körper scheint sich von den erlittenen Blutverlusten ebensowenig wieder vollständig erholt zu haben, als sein Geist sich zur früheren Klarheit und Frische aufzuschwingen vermochte. Jene tragische Katastrophe bildet eine scharfe Scheidewand zwischen seinen früheren und späteren Werken, obwohl er bis zu seinem Tode produktiv blieb und noch manche anerkennenswerthe Leistung lieferte.

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8. Letzte Lebensstationen

498. Alfred Meissner: Gutzkow redivivus. [*1870] Bregenz, Sommer 1869 Sie ist bei Keinem, der sich um Literatur interessirt, unvergessen, die Zeit, in der wir Gutzkow verloren zu haben glaubten. […] Aber wie Odysseus wohlbehalten aus dem Todtenreich zurückkam, so auch Gutzkow. Er hatte im Gegensatze zu jenem Manne im Feenschauspiel, der, seinem eigenen Leichenzuge folgend, alles Schlimme hörte, das die Leute über ihn gedacht, sich von der aufrichtigen Trauer überzeugen können, mit der das deutsche Vaterland seinen voraussichtlichen Verlust empfand, und dies war das mächtigste Heilmittel für seine verdüsterte Seele. Es ist wirklich wunderbar, wie rasch er wieder den abgerissenen Faden seiner Production aufnahm und das Gespinnst weiterwob, als habe nichts stattgefunden. So lange seine Werke in der Literaturgeschichte besprochen werden, wird man auch des Schicksals dieses neuen Epimenides als eines der romantischesten und seltsamsten Phänomene gedenken. Im Sommer des vorigen Jahres sollte ich Gutzkow in Bregenz wiederfinden. Er bewohnte mit seiner Familie ein unfern dem Seeufer gelegenes Landhaus, den „Steinbüchel“. Ich nahte mich ihm – wie sollte ich es verschweigen? – nicht ohne eine gewisse Scheu, nicht ohne die Besorgniß, das Gewitter, das ihn einst zu vernichten gedroht, noch im Hintergrunde seiner Seele lauern zu sehen. Vergebliche Sorge! Er war wirklich Gutzkow redivivus, kein Zug in ihm erinnerte mehr an vergangene Stürme; es war die vollständigste Wiederkehr in den alten Menschen, und zwar in den aus der alten, der besten Zeit. Selbst sein Aeußeres war erstaunenswerth jung geblieben oder wieder jung geworden, sein Haar zeigte noch keine Spur des herannahenden Alters, kaum daß sich einzelne Silberfäden in seinem Knebelbarte eingestellt hatten. Das geistvolle Antlitz hatte noch den kühnen, kecken Zug von ehedem. Aufrecht, man möchte sagen elastisch, war noch sein Gang, wie er so hinschritt in seinem Pflanzeranzug von weißem Sommerzeug, den Panamahut leicht auf der Seite. Seine älteste Tochter war glückliche Braut, und es war erstaunlich, wie er den dreifachen Anforderungen als angehender Schwiegervater, mit seiner Arbeit beschäftigter Schriftsteller und zuvorkommender Hausherr inmitten seiner liebenswürdigen Familie gerecht wurde. Sein Geist, der keine Ermattung kennt, ruhte auch nicht. Der ganze Vormittag war der Arbeit geweiht, Nachmittags wurden der Zeitungs-Lecture ein paar Stunden geopfert, dann erst trat er hinaus in die große, herrliche Natur dieser Bodensee-Ufer. Ein Wunder war geschehen, drei Schriftsteller (Robert Byr war der Dritte) hatten sich gefunden und geriethen einander nicht in die Haare, ja im Gegentheil, es hatte sich das freundlichste Zusammenleben gestaltet. Wie genußreich diese Spaziergänge,

Berlin 1869–1873

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diese von gemeinsamen Erinnerungen an vergangene Tage erfüllten Conversationen, diese Debatten unter grünem Laubdach waren mit einem Geiste, der Alles auf so eigenthümliche Art in sich verarbeitet, und von Einzelnem immer auf die letzten Gründe zurückzugehen gewohnt ist – das ist gar nicht zu sagen. Zur größten Ueberraschung sah man die naive Freude am Leben und allen ihren Erscheinungen mit allem sinnenden Ernst gepaart, sah Welterfahrung und Offenheit beisammen; rückhaltlose Mittheilungslust und guter Humor wirkten wie eine Reihe sonniger Tage. Als eine Frucht nun dieses Bregenzer Halbjahrs liegt Gutzkow’s neuer Roman: „Die Söhne Pestalozzi’s“ in drei stattlichen Bänden vor uns. Wie schnell er entstand! Drei, vier Wochen genügten, je einen Band im ersten Guß zu vollenden. Dann fühlte der Autor das Bedürfniß der Erholung, es wurde eine kurze Reise nach Basel, Hohenembs oder den Rigi unternommen, nach vier oder fünf Tagen war man wieder da, und wieder gings an die Arbeit, denn jeder Partie wurde nun eine neue, sorgfältige Ueberarbeitung zu Theil, wie sie bei einem solchen Werke nur selbstverständlich. […] Etwaigen Bedenken, die bei dieser oder jener Partie des Werkes in mir aufsteigen, Worte zu geben, ist hier nicht der Ort. Alles in Allem genommen, glaube ich nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß Gutzkow mit diesem Buche glänzender, als mit allen übrigen Arbeiten seiner letzten Periode vor das Publicum getreten ist. Der dem Leben Wiedergegebene steht wirklich noch auf der Höhe seines Schaffens.

Berlin (1869–1873) 499. Max Ring [*1898]

Berlin, 1869–1873

Im nächsten Jahre kam Gutzkow nach Berlin in der Absicht, sich dauernd daselbst niederzulassen, wie dies Auerbach und Spielhagen schon früher gethan hatten. Ich war hocherfreut über seinen Entschluß, da ich seine Gegenwart für einen großen Gewinn nicht nur für mich, sondern für ihn selbst und unsere hiesige Schriftstellerwelt hielt. Er kam mir mit der ganzen früheren Herzlichkeit entgegen und auch unsere Familien befreundeten sich bald und verkehrten viel miteinander. Trotzdem ich ihn äußerlich gealtert fand, erschien er mir geistig so frisch, wie in seinen besten Tagen, angeregt und anregend im hohen Grade. Wir verlebten mitsammen in kleineren und größeren Kreisen schöne, glückliche Stunden, in denen er bald als Wirt, bald als Gast alle Beteiligten durch seinen Geist und seine Liebenswürdigkeit erfreute und nur selten in sein

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8. Letzte Lebensstationen

Max Ring

Berlin 1869–1873

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altes mißtrauisches Wesen verfiel. Auch seine Produktionslust und Dichterkraft waren von Neuem erwacht und eine Reihe von Arbeiten und Plänen, welche er mir gewöhnlich mitteilte, gingen unter so günstigen Umständen ihrer Vollendung entgegen. Manche kleine Dienste und Gefälligkeiten, die ich dem mit den Verhältnissen Unbekannten gern leistete, knüpften unsere freundschaftliche Verbindung nur noch fester und brachten uns einander auch gemütlich näher. Leider hielt jedoch diese glückliche Stimmung nicht allzulange vor, da Gutzkow sich in seinen vielleicht zu hoch gespannten Erwartungen getäuscht fühlte und in Berlin nicht den für ihn geeigneten Boden zu finden glaubte, obgleich es ihm keineswegs an der verdienten Anerkennung fehlte und ihm manche vorteilhafte Aussicht für die Zukunft geboten wurde. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten des sonst so lebensklugen und scharfblickenden Mannes, daß er nicht die nötige Ruhe und Geduld besaß, den Erfolg abzuwarten, daß er sich nicht Zeit ließ, irgendwo feste Wurzeln zu schlagen und die kaum angeknüpften Verbindungen eben so leicht wieder abriß und auflöste. Schon nach kurzer Zeit verfiel Gutzkow in seinen alten Fehler und mißtraute seinen besten Freunden. Auch mit mir überwarf er sich wegen einer Kritik, die ich auf seinen Wunsch über seinen Roman „Die Söhne Pestalozzi’s“ geschrieben hatte. Trotz aller Anerkennung seiner geistreichen, aber in der Hauptsache verfehlten Arbeit fühlte er sich durch den von mir begründeten und so schonend als möglich vorgebrachten Tadel, daß er sich ein selbst für das größte Talent unlösbares Problem gestellt habe, verletzt. Obgleich er meine Behauptung nicht widerlegen konnte, vermißte er an meiner Anzeige die freundschaftliche Wärme und Teilnahme für sein Buch. „Auch die Kritik,“ schrieb er mir bei dieser Gelegenheit, „muß der Ausdruck der Teilnahme sein, einer Teilnahme, die, ich weiß es aus eigener Erfahrung, eine selten hohe Tugend der Überwindung für Den ist, der selbst produziert. Aber wir schaden uns nur selbst, wenn wir einander nicht m e h r ehren und unsere Arbeiten würdiger aufnehmen. Sehen Sie jetzt die „Meistersänger“ in der Oper! Alles, was Musiker heißt, ist in Bewegung. Die Karossen fliegen. Hof-Gesellschaft, Alles ist aufgeregt. Die Blätter scheuen fünf, sechs Spalten, drei bis vier Artikel nicht über einen – geschmacklosen Karrikaturen-Gegenstand, der vor einem durchdachten Roman in drei Bänden, der Arbeit eines Jahres, nur die Anwendung brillanter Mittel voraus hat.“ Alle meine Bemühungen, ihn von der Ungerechtigkeit seiner Anschuldigungen und Klagen zu überzeugen, scheiterten an seinem unüberwindlichen Mißtrauen. Jetzt fiel es ihm mit einem Male ein, daß ich ihn bei seiner Ankunft in Berlin nicht so freundschaftlich empfangen, wie er mir entgegengekommen sei, daß ich mich mit seinen Gegnern verbunden habe, um ihm in Berlin zu schaden, ihn in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, und ähnliche thörichte

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8. Letzte Lebensstationen

Vorwürfe, welche er selbst bei ruhiger Überlegung für grundlos und ungerechtfertigt halten mußte. Obgleich ich alle diese Verdächtigungen seiner nervösen Reizbarkeit zuschrieb und ihn eines Besseren zu belehren suchte, so litt doch unser freundschaftliches Verhältnis unter diesen fortwährenden Reibungen und Zwistigkeiten. Wir sahen uns nur noch selten und sprachen uns nur flüchtig, wenn wir uns zufällig am dritten Orte begegneten. Kurze Zeit darauf verließ Gutzkow Berlin, wo er sich nicht mehr heimisch fühlte. Ich sah ihn mit aufrichtigem Bedauern scheiden und bewahrte in meinem Herzen dem ebenso bewunderungswürdigen, als beklagenswerten Freund und Schriftsteller, der zu den ersten und besten Geistern seiner Zeit gezählt werden muß, ein treues, liebevolles Angedenken.

500. Karl Braun-Wiesbaden [*1878]

Berlin, 1869–1873

Gutzkow hatte in der Zeit von 1869–1873 in Berlin einen Kreis aufrichtiger Verehrer und Freunde um sich versammelt. Er hatte zwar auch hier seine hypochondrischen Anwandlungen, aber auch ungetrübt heitere Tage. Ich wohnte in seiner Nähe und wir waren recht gute Nachbarn, was sich auch auf die beiderseitigen Familien erstreckte. Ich schwärmte für die märkische Landschaft. Sie ist nicht schön im hergebrachten Sinne des Wortes, aber höchst eigenthümlich. Die dunklen Wälder, die lichten Seen, der schwermüthige Himmel, die merkwürdige Stille, bei der man eine Kiefernadel zur Erde fallen hört, – Alles das imponirt Jemandem, der an die lebhaften, lauten, lachenden Landschaften des Südens gewöhnt ist. Ich veranstaltete Landpartieen. Mehrere Familien, darunter auch das Haus Gutzkow, bestiegen einen Kremser größten Kalibers, befrachteten ihn mit ein wenig kalter Küche und viel Wein und fuhren schon Morgens frühe in die weite Welt, – in die Wälder von Königs-Wusterhausen, wo wir Abends nach einem warmen Regen ein förmliches Alpenglühen erlebten, – nach einem Berge am Wannsee, den wir das „Semnonenlager“ tauften, – nach dem höchsten der Müggelberge, wo wir sogar auf das wackelige trigonometrische Signal kletterten, um die Aussicht zu genießen. Gutzkow war dabei so heiter, wie nur Einer von der vergnüglichen Tafelrunde. Am mittheilsamsten war er, wenn wir Zwei allein saßen. Er kam nämlich öfters in der Dämmerstunde zur „hora medica“ zu mir herüber, die wir dann mit einem Glas Rüdesheimer begingen. „In diesem Haus“, sagte er, „bekommt der Gast zuerst ein Glas Wein und dann einen Stuhl angeboten.“ Ueber literarische Angelegenheiten war er eben so gesprächig, wie über persönliche schweigsam. Nur einmal schüttete er mir sein Herz aus. Es betraf seine

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Beziehungen zu Therese v. B., die später einen Herrn v. Lützow heirathete und auf der Insel Java gestorben ist. Seine Urtheile über Literatur und öffentliche Angelegenheiten waren oft scharf und schroff, aber immer originell und selbstständig. Sie waren die Frucht eigenen gewissenhaften Nachdenkens und Grübelns, und einer ehrlichen inneren Ueberzeugung, zu der er sich in starker Arbeit durchgerungen. Er nahm überhaupt das Leben mehr von seiner schweren, als von seiner leichten und heiteren Seite und biß sich oft fest, wie ein Boxer. Ich bitte wegen dieses unpassenden Ausdruckes um Verzeihung, allein ich weiß keinen besseren. Unter diesen Umständen ist es, hinzugerechnet seine nervöse Verstimmung, nur allzu begreiflich, wenn er Widerspruch nur schwer ertrug. Es steckte in ihm noch etwas von dem alten streitbaren Theologen, welcher Alles gern gleichsam zu einem Dogma gestaltet, für das er bereit ist, sein Leben zu lassen. Daraus erklärt es sich auch, daß seine Dramen und Romane meist etwas Tendenziöses haben. In der Unterhaltung imponirte er durch seine rücksichtslose Offenheit, durch seinen glänzenden Geist und durch den außerordentlichen Umfang seines Wissens, das er sich durch einen eisernen Fleiß erworben. Aber er machte auf uns, die wir nicht viel jünger waren, als er, doch den Eindruck eines Mannes aus anderen Zeiten. So sehr er in politischen und religiösen Dingen nach Vorwärts strebte, so war er doch in wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten reaktionär, ja zuweilen pedantisch. Er ärgerte sich über die Neuerung der Korrespondenzkarte. Mit der sogenannten „Theaterfreiheit“ versöhnte er sich erst, als die kleinen Theater auch anfingen, seine Stücke zu geben und Tantième zu zahlen. Anfangs rief er voll Entrüstung: „So gut, wie die Theater, könnten sie auch die Apotheken freigeben!“ und als ihm mein Freund Julius v. Hennig kaltblütig erwiderte: „Ja wohl, und das wollen wir auch“, rang er verzweifelt die Hände mit den Worten: „Dann ist kein Mensch seines Lebens mehr sicher!“ In Kleinigkeiten war er zuweilen seltsam empfindlich. Als ein Kind in seiner Harmlosigkeit die Namen „Gutzkow“ und „Kutschke“ (des Letzteren Napoliums-Lied war damals in Aller Munde) mit einander verwechselte, nahm er das übel; und förmlich wüthend wurde er, als ein jüngerer Gelehrter, der sich dem Studium der slavischen Sprachen gewidmet, ihm deduzirte, „Gu t z k ow “ bedeute auf Deutsch: „Gänse-Anger“, nämlich Chusk = Gans und Ow o = Au oder Anger. Ich selbst habe nie die geringste Differenz mit ihm gehabt, weil ich diese kleinen Schwächen kannte und schonte, und weil er wußte, wie gut ich es mit ihm meinte. Er konnte als Gesellschafter hinreißend liebenswürdig sein und er war dies namentlich in seinem Hause, in den gewählten Gesellschaften, die er gab, und in welchen er uns seinen „Gefangenen von Metz“ und einen Theil seines „Fritz Ellrodt“ vorlas.

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Karl Braun-Wiesbaden

Berlin 1869–1873

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Einst hatten wir bei mir eine kleine Weinprobe, bei welcher ein Weinkundiger die Miene des tiefsten Verständnisses annahm. Ich machte Gutzkow darauf aufmerksam und erinnerte ihn an eine seiner köstlichsten Romanfiguren, nämlich an den Stadtrath Schnuphaase (im „Zauberer von Rom“), welcher in dem fürstlich Metternich’schen Keller drei Weine probirt – und zitirte die Worte: „Schnuph ö s e stand mit seinem Glöse in Extöse!“ Er lachte darüber von Herzen. Ein andermal brachte er einen Toast aus auf einen Herrn in der Gesellschaft, von dem er erzählte, er habe ihn aus einem prachtvollen Park durch ein Hinterthürchen, das er wieder sorgfältig hinter sich verschloß, kommen sehen, gewiß von einem Stelldichein mit einer schönen Julia usw. Da er über unser unauslöschliches Göttergelächter erstaunt zu sein schien, sagte ich ihm, dieser Herr, ein Reichsbeamter, sei aus dem Hausgarten des Reichskanzleramtes gekommen und die „schöne Julia“ werde im gemeinen Leben Rudolf Delbrück geheißen. Er lachte mit, und ich habe nachträglich die Ueberzeugung gewonnen, daß der alte Schalk das Alles sehr wohl wußte und sich nur unwissend stellte, um den Effekt seines vortrefflichen Scherzes zu sichern. Man sieht daraus, man thut unrecht, ihn einer gewissen Morosität zu beschuldigen. Er war einfach das, was der Franzose „un homme sérieux“ nennt, bewundernswürdig durch seinen unermüdlichen Drang des Schaffens und die Kraft seines ernsthaften Willens. Aber auch in Berlin war nicht seines Bleibens. Der sogenannte „wirthschaftliche Aufschwung,“ welcher sich für ihn hauptsächlich in Form einer maßlosen Steigerung der Hausmiethe kundgab, hat ihn vertrieben. Vergeblich redeten ihm seine Freunde zu, er möge doch bleiben in seiner Vaterstadt, die nun die Reichshauptstadt geworden, in der seine Stücke öfter gegeben wurden, als irgend sonstwo, wo er so große Anerkennung finde, so viele aufrichtige Verehrer und Verehrerinnen besitze. Es half nichts, er ging. Der Stein kam wieder ins Rollen, und ein rollender Stein setzt kein Moos an.

501. Julius Stettenheim [*1896]

Berlin, 1869–1873

Bald nach meinem Eintreffen in Berlin hatte ich das Glück, Karl Gu t z kow und Ber thold Auerbach kennen zu lernen und dann durch ihre Freundschaft ausgezeichnet zu werden, und so sehr ich sie als Schriftsteller verehre, so bin ich dem Geschick dankbar dafür, daß es mich in die Nähe dieser hervorragenden Männer geführt hat. Sie standen noch in voller Kraft an der Spitze der

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deutschen Litteratur, – heute haben wir eine andere Litteratur, und also hat diese auch eine andere Spitze, – Beide durch große Erfolge belohnt, nach Verdienst anerkannt, aus derselben Zeit heraus und für dieselbe schaffend und doch in ihrem Wesen von einander geschieden: Gu t z k ow in sich gekehrt, düster, unzufrieden, pessimistisch niedergedrückt trotz der glücklichen Lage, in der er sich befand, trotz der Verehrung, die ihn umgab, Au erbach heiter, lebenslustig, optimistisch in die Welt lächelnd, ganz befriedigt von seiner Popularität, trotzdem ihn der Mangel an Verständniß für seine Dichternatur, der ihm aus seiner Umgebung entgegenstarrte, kränken mußte. Gu t z k ow war verbittert, satirisch, schwer zugänglich, Aue rbach zu Scherzen aufgelegt, wohlwollend, gesellig. In kleinen Zügen offenbart sich das Wesen eines Menschen oft überraschend klarer, als dem Studium des Beobachters es zu ergründen gelingt. So Gutzkows in der folgenden Anekdote. Ich befand mich eines Tages mit meiner Frau in einer Gesellschaft, in welcher sich auch Gu t z kow mit seiner Gattin befand. Gutzkow führte meine Frau zu Tisch, ich saß ihm gegenüber neben der seinen, einer geistvollen Dame von großer Liebenswürdigkeit und Anmuth, die nicht minder als ihr berühmter Gatte durch ihr Gespräch zu fesseln wußte. Der Diener servirte den Braten, der in ziemlich gleiche Theile zerlegt war, und näherte sich mit seiner appetitlichen Last Gu t z kow, der meiner Frau, als diese sich bediente, zuraunte: „Ich hatte ein besonders gutes Stück im Auge, und das hat natürlich Ihr Nachbar zur Linken genommen. So geht es mir aber immer im Leben.“ Obschon er der litterarischen deutschen Welt mit Recht als Führer galt, so hielt er sich doch für zurückgesetzt und um die ihm gebührende Anerkennung empfindlich gekürzt. Viel von dieser Stimmung verschuldete auch wohl manche Unfreundlichkeit, an der es die Kritik nicht fehlen ließ, die aber dem Glanz seines Namens keinen Schaden zufügen konnte. […] Aber so tief verstimmt Gutzkow oft gewesen, so bezaubernd wirkte sein Humor, wenn sich diesem sein mächtiger Geist, wie um vom Denken und Grübeln über große schriftstellerische Pläne auszuruhen, zuwandte. So erinnere ich mich des Abschiedsabends, den der Verein Berliner Presse dem scheidenden Freunde Gui d o We i ß, der nach Frankfurt a. M. übersiedelte, veranstaltet hat. Gutzkow hielt, während er dann und wann einen Blick in die vor ihm liegende Rede des Polonius warf, an den Scheidenden eine Ansprache, die eine Parodie der Worte, die Polonius seinem Sohne mit auf die Reise giebt, bildete: weise Lehren für den Schriftsteller im Verkehr mit dem Verleger. Der bitterste Ernst, aus eigenen Erfahrungen gesammelt, wurde dabei in den pointirtesten humoristischen Tönen laut, und die wuchtigste Polemik sprach aus scheinbar harmlosem Witz. Ich habe Gu t z k ow nie wirksamer als bei dieser Gelegenheit reden hören.

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Auerbach war sich seines Werthes bewußt und freute sich seiner großen Popularität. Er sagte mir einmal: Gutzkow betrachte allen literarischen Ruhm als ein für ihn allein aufgelegtes Fäßchen, aus dem sich kein Anderer das Glas füllen dürfe. Das gefiel ihm nicht, jeder sollte seinen Durst löschen. Und das that er denn auch mit der ganzen Naivetät seiner dichterischen Natur. Ich sah ihn einmal in einem Kreise junger Damen, denen er eine ganz besonders große Auszeichnung zugedacht hatte: er holte mehrere Zehnpfennigstücke hervor, kratzte auf dieselben seinen Namen, so gut es ging, und verteilte sie. Man kann sich nichts Naiveres denken.

502. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 8. November 1869 Gutzkow, der nun hieher übergesiedelt ist und ganz nahe bei mir wohnt, war gestern mit Frau und Tochter bei uns. Er klagt über schwere Eingewöhnung, über Straßenlärm u.dgl. und scheint überhaupt sehr schwergemuth. Es ist ein Jammer, den einst so schlagfertigen Geist nun so hin und her tastend zu sehen. Ach, lieber Jakob, was ist das, daß das Leben sich so abspielt? Wir arbeiten heutigen Tages alle zu viel, es ist eine Rastlosigkeit, die kein vollständiges Ausruhen zuläßt und zuletzt zur fieberischen Aufreibung bringt. Ich sehe es im Kleinen jetzt ja auch an mir. Und dazu haben die von Buchhändlern herausgegebenen Zeitungen eine literarische Großindustrie erzeugt.

503. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 25. Januar 1870 Abends war ich mit meiner Frau und August in einer großen Gesellschaft bei Gutzkow. So viel Widersprechendes auch in unserm beiderseitigen Wesen ist, so habe ich doch stets das Bestreben guten Vernehmens, denn G. hat nicht nur stets fest zur Fahne der Freiheit gehalten, er bedarf auch der Stützung nach solchen Erlebnissen, die ihn ins Extrem stürzten. Es wurde gestern musizirt, und bei Tisch brachte G. einen Toast auf die Gesellschaft, freundliches Einleben für sich und die Seinen erbittend. Ich hatte mir vorgenommen nicht zu sprechen, aber jetzt kamen Lazarus, Rodenberg und Alle, sie sagten, es müßte erwidert werden, und Niemand wollte es thun, denn nur ich müßte das. Ich that’s und sagte kurz, daß Gutzkow, wie er hier in heimatlichen Boden zurückkehre, auch alten heimatlichen Boden in den Herzen finde. Gutzkow war sehr gerührt, und sein Auge füllte sich mit Thränen, als er mir die Hand reichte.

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Er war auch in der Versammlung gewesen, in der Johann Jakoby so hart behandelt wurde. Er war ganz empört.

504. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 19. März 1870 Um 4 Uhr aß Gustav Kühne mit seiner Tochter bei uns. Kühne ist bei seinen 64 Jahren ungemein lebhaft. Dann kam Gutzkow, er ist in ungelöstem Conflict mit Kühne, und ich mußte in einem andern Zimmer mit ihm bleiben, während Kühne und Tochter mit meiner Frau und den Meinen Kaffee trank. Gutzkow hat etwas gedrückt Mildes, und ich muß sagen, das öftere Aufflammen seines Zorns und seiner Begeisterung hat etwas tief Rührendes, es ist ein alter Kämpfer, der die entsetzlichsten Narben trägt. Wenn ich etwas von Gutzkow lese, bin ich verstimmt, und dazu durch die ungeheuerliche und incorrecte Form gereizt; wenn ich ihn sehe und sprechen höre, bewegt mich’s im Herzen, und dazu ist er originell und bestimmt.

505. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 8. April 1870 Ich habe jetzt auch Gutzkows neuesten Roman „Die Söhne Pestalozzis“ bis zu 200 Seiten gelesen. Ich werde nicht weiter kommen. Traurig in Erfindung und Empfindung. Das was du mit Recht Naturlaut nennst, fehlt durchaus. Er will immer scharf accentuiren, Aufsehenmachendes bringen, und Alles ist gewaltsam. Kann eine Mutter je sagen: Ich könnte meine Kinder entbehren, so glücklich bin ich mit meinem Manne? Das ist durch und durch unmöglich. Und dazu noch dieser grausame Stil, immer nichts als ein Lumpensack mit zerknüllten und geballten Flicken.

506. Gottfried Keller an Ludmilla Assing, Zürich, 8. Juni 1870 Gutzkow ist wieder fieberhaft tätig, der arme Kerl, und macht alle zwei Monat ein Buch, spricht dabei von allen alten Berliner und andern Geschichten und ärgert sich über Altes und Neues und vergißt keinen, mit dem er sich irgend einmal gezankt hat. Andere treiben anderes.

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507. Julian Schmidt: Berliner Plaudereien, 8. Juni 1870 Berlin zeigt sich auch darin als Großstadt, daß einer nach dem andern von den berufenen Schriftstellern dahin übersiedelt: der neuste Zuwachs ist Gutzkow. Ich habe früher gegen ihn stark polemisirt, weil ich seine Wirksamkeit für schädlich hielt, für um so schädlicher, da sie von einem stark prononcirten Talent getragen wurde. Ich denke hier die Polemik nicht fortzusetzen. Gu t z kow schreibt zwar noch ziemlich viel und ist außerdem als berühmter Schriftsteller der Vergangenheit anerkannt, aber die lebendigen Interessen des Tages werden durch seine Thätigkeit nicht mehr berührt, nicht mehr gefährdet. Es kommt mir mehr darauf an, ihn zu erklären, als über ihn zu urtheilen. Gu t z k ow ist 59 Jahre alt, ein Jahr jünger als Fri t z Reu t er, ein Jahr älter als Be r thold Auerbach; er ist seit einem halben Jahr nach seiner Vaterstadt Berlin übergesiedelt, die er früher in seinem unruhigen Wanderleben nur selten berührte. Sie kennen das traurige Schicksal, das ihn vor mehreren Jahren traf. Man kann jetzt unbefangen darüber reden, da er schon seit Jahren von der damaligen Krankheit geheilt ist. Das deutsche Volk hat ihm damals große und thätige Theilnahme gezeigt und, indem es den Schriftsteller ehrte, sich selbst geehrt. Die Sache hat aber in Bezug auf seinen schriftstellerischen Charakter und in seiner allgemeinen Beziehung zum Leben der Zeit noch eine Seite, die hervorgehoben werden muß. Woher kommt in unsern Tagen die erschreckende Zunahme des sogenannten Größen- oder Verfolgungs-Wahnsinns, der theils vorübergehend ins Leben eintritt und dann wieder verschwindet, theils aber auch das ganze Leben umfaßt und verdüstert? – Im individuellen Fall werden wohl immer auch medicinische Gründe ins Spiel kommen, aber es hängt doch überwiegend mit der geistigen Richtung unsrer Schriftsteller aufs Subjective zusammen, mit dem Wahn, daß sie, in den Mittelpunkt der Welt gestellt, Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, der Bewunderung oder der Anfeindung seien. Daraus geht nicht blos eine krankhafte Reizbarkeit auch den unbedeutendsten Angriffen gegenüber hervor, sondern hauptsächlich eine Abwendung von dem echten sachlichen Inhalt des Lebens, welche den Menschen stets unglücklich macht. […] Er hat gegenwärtig und grade in Berlin einen schweren Stand. Die neue Lage der Dinge nimmt die ernsthafteste und angestrengteste Thätigkeit jedes Einzelnen in Anspruch, und so kräftig seine Individualität sein mag: wenn er wirken will, muß er lernen, sich unterzuordnen und den großen Parteien zu dienen, innerhalb deren die Geschichte sich vollzieht. Ich glaube nicht, daß Gu t z kow zu dieser Resignation im Stande sein wird. Als bloßer Dichter hätte er das auch nicht nöthig, der Dichter hat mit dem Parteitreiben nichts zu thun; aber der

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Dichter, der durch seine Werke unmittelbar in das Leben eingreifen und es reformiren will, wird heute mehr als je, und in Berlin mehr als irgendwo, zu dem beklemmenden Gefühl kommen, daß er den Stein des Sisyphus wälzt.

508. Theodor Fontane [*zw. 1890 u. 1898] Berlin, 10. Januar 1871 1870 starb der alte Gubitz; die Vossische Zeitung sah sich nach einem Ersatzmann für ihn um, und ich rückte an seine Stelle. Mit Beginn der Spielzeit (15. August) sollte ich eintreten. […] Es kam nichts von Interesse vor, bis Ende Januar etwas Hochinteressantes erschien: „Der Ge f a n g e n e vo n Me t z“, Schauspiel in fünf Akten von Karl Gutzkow. Mit Friedmann war es mir gut gegangen, mit Gutzkow ging es mir schlecht. Ich darf aber sagen: er war schuld. Es war ein furchtbares Stück. Jeder verständige Mensch, der mal Kritiker gewesen ist oder noch ist, wird wissen, daß es zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Metiers gehört, oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, fatale Sachen sagen zu müssen. Aber da sind nun wieder Abstufungen. Liegt es bloß so, daß einem die Sache nicht gefällt oder auch andern mißfällt, so kann man sich drum herumdrükken, das kann man auch noch, wenn sie einem beinah mißfällt; man hebt dann die guten Dinge (Haupthülfsmittel, unter denen Hervorhebung der „schönen Sprache“ eine Hauptrolle spielt) mäßig hervor und gibt dem Tadel einen sehr ruhigen, überall abwägenden Charakter. Schlimmer, viel schlimmer wird es schon, wenn man sich über ein Stück ärgert. Aber auch hier ist noch Maßhalten möglich; ganz schlimm aber wird es, wenn man sich empört, wenn man in Indignation und Wut gerät und einem das Gefühl kommt: ja, wenn du hier nicht das Tollste sagst, so ist das eine Feigheit; du mußt deiner Indignation Ausdruck geben. So lag es für mich, als ich diesen „ Ge f a n g e nen vo n Met z “ sah. Das Antifranzösische mochte noch gehen, aber es traf sich auch so, daß es auch ein antikatholisches Stück war, ja, das erst recht. Und ein von Borniertheit eingegebener Antikatholizismus ist mir immer etwas ganz besonders Schreckliches gewesen. Und nun in einer Zeit, wo eine zur Hälfte aus Katholiken bestehende deutsche Armee in Feindesland stand, in solcher Zeit ein antikatholisches Stück oder wenigstens eine Hauptfigur in ihm, die den Katholizismus widerlich darstellte! Herr … gab einen Abt oder Bischof, ich glaube Abt von Loc-

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Theodor Fontane

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8. Letzte Lebensstationen

cum, und sein grob-charaktervolles Spiel schlug dem Faß den Boden aus. Er hatte zum Unglück auch noch eine riesige Nase, und diese wirkte wie Sinnbild oder Organ all der Häßlichkeit, die zu begehen nach dem Willen des Dichters ihm oblag. Wie hatte man das Stück wählen können?! Ich wußte nicht, wer mir schwerer auf die Nerven fiel: der Intendant oder der Dichter oder der Darsteller mit seinem Obszönitätsrüssel. Ich saß auf meinem Platz und wand mich vor seelischem und physischem Unbehagen. Es mußte dies wohl sehr stark in die Erscheinung getreten sein, denn als der Vorhang nach dem zweiten oder dritten Akt fiel, ergriff von seinem Parketteckplatz her ein Herr meine Hand und sagte: „Lieber F., wenn Sie morgen darüber schreiben, vergessen Sie nicht, daß Gutzkow ein kranker Mann ist. Oder wenigstens war, sehr krank.“ Der Sprecher war Dr. Max Ring. Es machte einen großen Eindruck auf mich. Ich kriegte doch einen kleinen Schreck und dankte ihm aufrichtig, daß er mir das gesagt. Es half aber nichts, wenigstens nicht viel, und ich kann mir keinen Vorwurf darüber machen. Dann hört alles auf. Sollen immer erst ärztliche Zeugnisse eingefordert werden, so ist es mit aller Kritik vorbei, gleichviel ob der Kritiker ein Gerichtspräsident oder bloß der Insasse von Nummer 23 ist. Schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andre mit den Erklärungen und Milderungen kommen. – Gutzkow war natürlich außer sich. Er beschwerte sich bei der Zeitung, die sich sehr korrekt benahm und ihm eine Entgegnung auf meine Kritik zusagte, die zu widerlegen dann freilich auch dem Kritiker zustehen müsse. Ich habe dies alles erst später erfahren. Er stand davon ab. Ich glaube zu seinem Frommen, denn wiewohl er ein sehr kluger Herr und ein Mann großer kritischer Schärfe war (seine Begabung lag recht eigentlich nach dieser Seite hin), so war ich doch so von dem Berechtigten eines heiligen Eifers durchdrungen, daß ich, glaub’ ich, als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen wäre. Natürlich nur in den Augen einiger Kenner. Die Publikumsmasse geht nach dem Namen und hätte in mir den Dorfspitz gesehen, der den Mond anbellt. Nach dieser Seite hin waren mir noch allerhand Erfahrungen und Demütigungen vorbehalten. Man muß sich drin finden. Es ist ganz andern Leuten ebenso oder noch schlimmer ergangen.

509. Ernst Theinert Mickley [*1888]

Berlin, etwa 1871/72

Karl Gutzkow gehört zu jenen auserwählten Geistern, deren ganze Bedeutung erst die Zukunft zu würdigen wissen wird. Wir Lebenden stehen ihm noch zu nahe; Viele der älteren Schriftsteller haben noch mit ihm dauernden, ja, fast möchte ich sagen, täglichen Umgang gehabt; deshalb sind die Meisten nicht fähig, zu ermessen, wie hoch Gutzkow durch Tiefe der Gedanken und Größe des

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Talentes über ihnen steht. Shakespeare sagt irgendwo: „Die Könige zeigen sich jetzt viel zu oft dem Volk“. Das gilt auch von den Fürsten des Geistes; sie verlieren durch häufigen Verkehr bei gewöhnlichen Sterblichen gar zu schnell den besten und größten Theil der ihnen gebührenden Verehrung. Nur die Allerwenigsten besitzen auch in ihrer persönlichen Erscheinung eine Macht, die ihnen eine gewisse Unnahbarkeit sichert. Gutzkow besaß diese Macht durchaus nicht. Sein Aeußeres verrieth ganz und gar nicht den bedeutenden Menschen. Er war kaum mittelgroß; dabei trug er immer die Schultern ein wenig nach vorn und in die Höhe gezogen. Seine Kurzsichtigkeit ließ ihn den Kopf stets stark vorgebeugt halten, was einen um so eigenthümlicheren Eindruck machte, da er zugleich die Angewohnheit besaß, das Gesicht ein wenig nach oben hin zu richten, gleichsam, als wolle er vom Himmel herab seine dichterischen Eingebungen lesen. Die etwas gelbliche, an einzelnen Stellen leicht geröthete Farbe seines Antlitzes, die etwas spitze Nase und der von einem hellblonden Knebelund Schnurrbart leicht beschattete Mund, um dessen fest geschlossene Lippen beinahe immer entweder ein satirischer, oft sogar ein mürrischer Zug lag, konnten durchaus zunächst keinen angenehmen, geschweige denn einen bedeutenden Eindruck machen. […] Es gehört zu den eigenthümlichen Widersprüchen in Gutzkow’s Wesen, daß er, der zweimal Vermählte, jeden jüngeren, noch nicht verheiratheten Schriftsteller und Künstler auf das Ernstlichste vom heiligen Ehestande abzubringen suchte. „Ich sage Ihnen“ – so wiederholte er mir öfter – „es ist ein reiner Unsinn, wenn ein Schriftsteller oder Künstler heirathet; er legt sich selbst an Ketten, und doch ist Freiheit der Bewegung für einen geistig Schaffenden, der stets Neues aufsuchen soll, um sich frisch zu erhalten, die erste Hauptsache.“ Jedenfalls spricht es für Gutzkow’s häuslichen Sinn und für seine Seelengüte, daß sein Herz in dieser wichtigsten Angelegenheit des privaten Lebens zweimal seinen Verstand zum Schweigen brachte. Ich hatte Gutzkow gleich zuerst als liebevollen Familienvater näher kennen gelernt, und zwar anfangs der siebziger Jahre. Eine Berufsangelegenheit hatte mich zu ihm geführt. Voll Zuvorkommenheit hatte er mich in seine Familie eingeladen. Er lebte damals in zwar nicht großartigen, aber sichtbar wohlhabenden äußerlichen Verhältnissen. Sein Heim, im Südwesten Berlins gelegen, machte durch Räumlichkeiten und Ausstattung einen wahrhaft wohlthuenden Eindruck. In den Nachmittagsstunden fand man beinahe immer Gesellschaft bei ihm, und auch sonst machte er ein Haus. Man musizirte und tanzte in der Familie, was nicht hinderte, daß zwischendurch in der Unterhaltung die bedeutendsten geistigen Angelegenheiten besprochen wurden. Dabei war Gutzkow, der zu dieser Zeit seit vielen Jahren wieder das erste Mal sich dauernd in Berlin aufhielt, von einer wahrhaft staunenswerthen Theilnahme für jedwede Regung des öffentlichen

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8. Letzte Lebensstationen

Karl Gutzkow um 1875

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Lebens. Nicht nur nahm er von Presse und Tagesliteratur, sondern auch von allen irgendwie hervorragenden literarischen Erscheinungen auf das Eingehendste Kenntniß. […] Trotz seiner äußerlich angenehmen Verhältnisse und der reichen wissenschaftlichen und künstlerischen Hilfsmittel, die dem in Berlin Lebenden zu Gebote stehen, behagte es Gutzkow in seiner Vaterstadt durchaus nicht. Ihm mißfiel das Treiben und Gebahren besonders der jüngeren literarischen Kreise im hohen Grade. Gutzkow stand mit dieser Empfindung unter unseren bedeutenden Schriftstellern durchaus nicht allein. Im Gegentheil, gerade Verschiedene unter den ersten Größen der gegenwärtigen Literatur haben mir von einer ähnlichen Stimmung gesprochen. Das rege gesellschaftliche Treiben und die damit an jede hervorragendere Persönlichkeit gestellten körperlichen und geistigen Anforderungen nehmen den Meisten Kraft, innere Sammlung und die nöthige Ruhe zum Schaffen. Nur die Wenigsten verfügen über eine so kräftige Organisation, daß sie den an sie gestellten Ansprüchen allseitig gerecht werden können. Zu diesen Wenigen zählte Berthold Auerbach. Obgleich Auerbach und Gutzkow in früheren Jahren ihres gemeinschaftlichen längeren Aufenthaltes in Dresden sehr viel miteinander verkehrt hatten, traf man doch zu der Zeit, von welcher ich als Augenzeuge berichte, weder Auerbach je bei Gutzkow, noch Gutzkow jemals im Hause Auerbach’s. Worin das eigentlich seinen Grund hatte, habe ich nie erfahren können. Theilweise mochte es in den besonderen Familienverhältnissen, theilweise aber auch in dem eigensten Wesen der beiden bedeutenden Männer begründet sein. Gutzkow war […] selbstbewußt, und zwar mit Recht, denn in sauerster Arbeit hatte er sich jeden Schritt seiner Existenz erkämpfen müssen; Auerbach aber war weniger selbstbewußt, als eitel, und zwar für Jemanden, der nicht näher mit ihm verkehrte, eitel in unangenehmer Weise. Man mußte den Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ und des „Waldfried“ näher und dauernder beobachten, um ihn trotz dieser Eitelkeit lieb zu gewinnen. Gutzkow hatte seiner eigenen Würde und der Würde seines Standes Niemandem, auch nicht Fürsten und Königen gegenüber, je etwas vergeben; Auerbach vergab sich sehr häufig, besonders gegen höher gestellte Personen, so Manches, und zwar trotz seiner persönlichen Eitelkeit, die doch wieder merkwürdigerweise etwas sehr Bescheidenes an sich hatte. Selten sprach Gutzkow ohne eine besondere sachliche Veranlassung von sich selbst; dennoch gab sich nach ganz kurzer Unterhaltung der bedeutende Geist kund; Auerbach dagegen brachte fast zu Eingang einer jeden Unterhaltung in Erinnerung, daß er der bedeutende Schriftsteller sei, welcher der deutschen Literatur eine Reihe hervorragender Werke geschenkt habe.

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8. Letzte Lebensstationen

510. Karl Bleibtreu [*1901]

Berlin, etwa 1871/72

Minder Eingehendes als über Auerbach vermag ich über Gutzkow zu berichten, da ich nur als Knabe mal ein längeres Gespräch mit ihm führte. […] Von sonst unansehnlicher Gestalt, imponirten doch sein scharfgeschnittener, eindrucksvoller Löwenkopf und sein würdevoll vornehmes Wesen, das ihn freilich in Augenblicken pathologischer Gereiztheit verlassen haben soll. Gemessen und wohlwollend höflich im Gebahren, strahlte er doch das Bewußtsein aus: „Vergiß nicht, Sterblicher, du stehst vor einem Unsterblichen!“ Mich, den Schüler, ermahnte er feierlich, vor allem die Antike zu studiren, was im Munde des so modernseinwollenden Gutzkow seltsam anmuthet. Doch erleichtert das Verständniß für solche Weisheiten und ähnliche Auerbach’s die ironische Erkenntniß, daß diese Denker nicht wenig stolz auf ihren Doktortitel waren und Gutzkow lächerlicherweise dem so unermeßlich größeren Hebbel seinen Mangel an akademischer Bildung vorwarf. So erklärt sich auch das Akademisch-Unlebensvolle, das dieser ganzen älteren Generation anhaftete, die sich so gern „Dichter“ nennen wollte, ohne die innere Freiheit und Ungebundenheit zu besitzen, aus welcher allein ein geniales Erfassen des Lebens erwächst. Während Auerbach mit aller Welt verkehrte, lebte Gutzkow sehr einsam und zurückgezogen, und es galt als Auszeichnung, daß er meine Eltern – er und seine hochgebildete, tüchtige Gattin fühlten sich besonders zu meiner Mutter hingezogen – näheren Umgangs theilhaftig werden ließ. Unangenehm fiel dabei meinem Vater, dessen bescheidene Lebensgewohnheiten ich Gott sei Dank geerbt habe, ein gewisses materielles Protzenthum auf, das mit unserer eigenen Haltung wenig harmonirte. Die Gänge eines Gutzkow’schen Diners nahmen kein Ende, denn er suchte etwas darin, auch im Dinergeben zu den Großen der Erde zu gehören, obschon dies mit seinen manchmal glänzenden, später kärglichen Einnahmen in gar keinem Verhältniß stand. „Aber, Gutzkow, sind wir denn Börsianer?“ rief ihm einst mein Vater unmuthig zu; jener gestand jedoch, daß dies ihm sozusagen mit zum Bedürfniß des Schaffens gehöre. Soll er doch behauptet haben, er könne nur auf persischen Teppichen wandelnd „dichten“, und spann sich doch um sein famoses Daunenbett, das er auf Reisen bei allen Gastfreunden herumschleppte, ein förmlicher Sagenkreis! […] Ich habe ein Mißtrauen gegen alle geistigen Arbeiter, die zu luxuriösem, sinnlichem Wohlleben neigen […]. Auch ist dem Psychologen bezeichnend, daß der Lord Byron wie ein Bettler aß und trank, im späteren Leben sich sogar schäbig anzog, hingegen Auerbach, Sohn eines kleinen Hausirers, möglichst viel und möglichst lecker schmauste – einmal erregte er das Entsetzen meiner Mutter, als er von einer vorzüglichen Spargelportion nichts als die äußersten Kopfspitzen genoß – und die theuersten Zigarren rauchte, – Gutzkow, Sohn eines Kutschers, auf

Berlin 1873

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pomphaftes Auftreten Werth legte und Fontane, der Apothekerlehrling, zwar weder zum Gourmet noch irgendwie zum Luxusmenschen Neigung zeigte, worin er seine vornehmere Natur offenbarte, wohl aber gleichfalls übertriebenes Wohlgefallen an allem Salonmäßigen, gentlemanliker Sauberkeit, sozusagen tadellos weißer Wäsche fand. Der wirklich große Herr, der Aristokrat der Natur – ach, nur zu selten der „Geburt“ – kennt das alles nicht. […] […] Auf einem Jour fix bei uns nahm Gutzkow meine Mutter beiseit, mit düster grollender Stimme: „Aber, verehrte Freundin, da muß ich gehen! Mein erbittertster literarischer Verleumder ist ja hier im Saal, Theodor Fontane!“ Tableau! Allerdings hatte dieser ein schwaches seniles Stück des so früh gealterten Gedankenkrösus mit geradezu hämischer Bissigkeit zerpflückt und daran die taktlose Bemerkung geknüpft: „Wie man mir sagt, soll der Mann früher mal was geleistet haben.“ Das war vom damaligen Fontane eine Impertinenz, denn des Märzen Idus waren noch nicht da und wer konnte ahnen, daß der Greis Fontane thatsächlich als ein Reiferer und kü nst leri sch (aber beileibe nicht geistig!) Größerer von hinnen fahren werde, als nicht nur Gutzkow, sondern noch viele andere Zeitberühmtheiten.

511. Karl Braun-Wiesbaden [*1878]

Berlin, 20. März 1873

An meinem Geburtstage – ich glaube es war der verhängnißvolle einundfünfzigste, mit welchem man die andere, und zwar die schlechtere Hälfte seines Säculums antrifft – hatten sich meine persönlichen Freunde zahlreich bei mir eingefunden. Darunter auch Karl Gutzkow und Julius Faucher. Obgleich Beide Berliner von Geburt, kannten sie einander nicht. Ich stellte sie daher gegenseitig vor. Beide waren „e r f re u t “, einander nun „auch persönlich“ kennen zu lernen. Allein es ging nicht ohne eine kleine Reiberei ab, wie sie nun einmal so Sitte ist unter „richtigen Berlinern“. Gutzkow sagte mit einer Freundlichkeit, welche einen gewissen Beigeschmack von sauer-süßer Herablassung hatte, zu Faucher: „Mir selbst ist die Wissenschaft, der Sie sich widmen, eigentlich fremd; aber ich habe einen Schwiegersohn, welcher mit Vergnügen Ihre volkswirthschaftliche Vierteljahrschrift liest und Einzelnes darin sogar vortrefflich findet.“ „Das ist ja höchst interessant,“ antwortete Faucher, „ich habe auch einen Schwiegersohn, der Ihre Romane mit Vergnügen liest und einzelne Ihrer Dramen sogar vortrefflich findet.“ Damit hatte die soeben erst angeknüpfte Bekanntschaft ein frühes Ende erreicht. Die kurze und höchst charakteristische Unterredung hatte in Gegenwart von Zeugen stattgefunden und wurde vielfach besprochen. Man konnte sich kaum einen schärferen Gegensatz denken, als den zwischen diesen beiden

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„Berlinern“, von welchen der Eine aussah wie ein spleenbehafteter Engländer und der Andere wie ein lebhafter Franzose. Gutzkow sprach mit leiser, ein wenig näselnder Stimme; Faucher laut, schrill, etwas heiser, zuweilen beinahe krähend. Gutzkow, etwa zehn Jahre älter, als Faucher, war ebenso kurzsichtig, wie Faucher fernsichtig. Gutzkow stand vornüber gebeugt, die Stirn voll Falten, eine nervöse Müdigkeit um die halbgeschlossenen grauen Augen. Faucher stramm und aufrecht, die stahlblauen grellen Augen voll Glanz, mit strahlender Stirne, – so daß er fast größer aussah als Gutzkow, obgleich er eigentlich ein kleiner und zierlicher Mann war. Gutzkow hatte aschblondes Haar, und man merkte kaum, daß es schon grau war. Faucher’s Haupt war von einer prachtvollen schwarzen Mähne umwallt, in der sich damals noch nicht ein einziges weißes Härchen fand; so wenig wie in seinem Vollbarte. […] Gewiß scheint mir so viel zu sein, daß […] das Verhältniß und das Verhalten ein anderes gewesen wäre, wenn ein Gutzkow und ein Faucher in einer Hauptstadt, wie Paris, zusammengekommen wären. Erstens hätten sie einander längst persönlich gekannt. Zweitens wären sie einander, statt mit spitzen Redensarten, mit rückhaltsloser persönlicher Anerkennung entgegengekommen. Aber bei uns, je nun, „je schmaler die Brocken sind, desto mehr werden sie uns beneidet“, sagte meine Großmutter, eine alte Bäuerin, wenn sie von den Kleinstädtern sprach, von welchen sie keine übermäßig günstige Meinung hegte.

512. Emil Kuh an Gottfried Keller, Meran, 14. November 1873 Wahrhaft grauenhaft ist die Verwilderung der gegenwärtigen literarischen Kritik Deutschlands und ekelerregend das unter den „modernen“ Schriftstellern herrschende Cliquentum. In der „Allgemeinen Zeitung“ erklärte neulich der abgelebte Roué Gutzkow, daß das Geständnis des greisen Goethe, er habe nicht mehr als vier glückliche Wochen in seinem Leben gehabt, aus dem Umstande abzuleiten sei, daß er die Hof- und Gesellschaftskreise Weimars mit einer Macht auf sich habe wirken lassen, die seiner nicht würdig gewesen. Tiefsinnig dumm und gemein zugleich.

513. Gottfried Keller an Emil Kuh, Zürich, 18. November 1873 Der arme Gutzkow leistet an gemeiner Klatscherei gegen das Ende seiner Tage allerdings das Unglaubliche und scheint nach allem harten Schicksal wieder bei seinem knabenhaften Anfang anzulangen. Neulich stach ihn der Hafer, als der saltimbanque Sacher-Masoch in einem eigenen Zahnbrecher-Reklamenbuch

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sein Glück bei vornehmen Weibern anpries, daß er, Gutzkow, einen Artikel dagegen schrieb und prahlte, man solle nicht glauben, daß er nicht auch seine Liebesaffären gehabt habe und was für welche! wenn er seine Briefschatullen öffnen wollte usw. Das ist ja die reine Hochkomödie oder Hochkomik.

514. Zeitungsmeldung vom 28. November 1873 Dr. K a r l Gu t z k ow hat am 25. d. M. Berlin auf längere Zeit verlassen, um zur Stärkung seiner angegriffenen Gesundheit und zur Befreiung von einem Augenleiden auf ärztliches Anrathen den Winter in Italien zuzubringen.

Wieblingen, Heidelberg (1874–1877) 515. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 17. Februar 1874 Ich ging nun noch im Thiergarten spazieren. Da traf ich Frau Gutzkow, die ich lange nicht gesehen. Sie erzählte mir von ihrem Manne, der mit der Tochter in der Nähe von Genua wohnt und sich von seinem nervösen Leiden erholt. Er will aber nicht mehr hierher zurückkehren, er will auf dem Lande allein in einem Hause mit einem Garten wohnen.

516. Richard Schmidt-Cabanis: Ein Besuch bei Karl Gutzkow. [*1874] Wieblingen, September 1874 Wieblingen, das wir mittels eines Heidelberger Fiakers (dieselben verhalten sich bezüglich der Schnelligkeit zu den Berlinerischen etwa wie eine Brieftaube zu einer rheumatischen Botenfrau) gegen vier Uhr Nachmittags erreichten, ist ein großer, freundlicher Flecken, am Ufer des blaugrünen Neckar gelegen und von ca. zweitausend Tabaksbauern und einigen Seelen bevölkert; nach ihm – so sagt man – haben die Hohenstaufen ihren Namen „Waiblinger“ erhalten. Mitten im Ort liegt das sogenannten Schlößchen, eine dem Herrn von La Roche gehörige prachtvolle Besitzung und gegenwärtig die Heimstätte des Dichters des „Uriel“ und der „Ritter vom Geist“. Auf dem von uralten, mächtigen Ulmen beschatteten Pfad, den man durch’s Parkthor schreitend betritt und welcher rechtshin zu dem freundlich stattlichen, von Epheu umrankten Wohnhause führt, kam uns Lilli, die jüngere der beiden noch unverheiratheten Töchter Gutzkow’s – eine frisch erblühende

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Mädchenknospe von vierzehn oder fünfzehn Jahren – mit herzlichem Willkommengruß entgegen. Ihre heitere, rasche Antwort auf mein Befragen nach dem Befinden des Vaters war schon beruhigende Versicherung, daß der Aufenthalt in Italien gute Frucht getragen, daß die idyllische Ruhe, die wohlige Luft des Neckarthals den günstigsten Einfluß auf die verstimmten Nerven des Dichters gehabt. Und in der That, als ich wenige Augenblicke später ihm selbst in seinem Studirzimmer die Hand drückte, fand ich sein Aussehen frischer, lebhafter fast als je während der letzten Zeit in Berlin. Nur über eine beängstigende Abnahme des Augenlichts klagte er. „Das Schreiben fällt mir mitunter herzlich schwer, und ich dictire ungern. Die Arbeit aber ist mir i n m e h r a l s e i n e r Be z i eh u ng Bedürfniß!“ Und dies Wort muß aus dem Munde eines Schriftstellers kommen, welcher der deutschen Nation eine Reihe der glänzendsten Geisteswerke geschenkt, dessen Thaten der Feder noch späteste Geschlechter mit Bewunderung und gerechtem Stolz erfüllen werden! – – – Des Dichters liebenswürdige Gattin und Selma, die ältere der noch dem Vaterhause angehörenden Töchter – Gutzkow’s treue Begleiterin auf der italienischen Reise – waren für einige Tage nach Hanau zu einer dort verheiratheten Tochter gefahren; so übernahm denn die muntere Lilli die Pflichten der Hausfrau und bald saßen wir in dem traulichen Wohnzimmer, das – im Erdgeschoß gelegen – den Anblick auf den Park mit seinen herrlichen Wiesenplätzen und dem in bunter, herbstlicher Färbung prangenden Laubwerk gestattet, um den dampfenden Mocca. Mit regem Interesse hatte Gutzkow nach den Berliner Freunden geforscht; jetzt ward das Thema wieder angesponnen und bald waren wir im Netz einer echten und rechten „literarischen Unterhaltung“ gefangen – meine Wenigkeit, die Fäden der Erzählung liefernd, während mein berühmter Wirth durch seine theils harmlos-humoristischen, theils scharf satirischen – immer aber interessanten und anregenden Einwürfe die Knoten schürzte. Uebrigens war der Dichter durch die Lectüre zahlreicher Journale und Zeitungen mit den hauptsächlichsten Vorgängen auf jenem Gebiet und namentlich innerhalb der Berliner Presse – vollkommen vertraut; ich durfte eben nur ergänzen oder spezialisiren. Seinen bittersten Sarkasmus rief meine Mittheilung hervor, daß – gelegentlich einer durch den Vorsitzenden des Preßvereins Hermann Kletke beantragten Petition an den deutschen Reichstag, welche den endlichen Abschluß einer gegen den Nachdruck belletristischer und die widerrechtliche Aufführung dramatischer Erzeugnisse gerichteten Convention mit Holland zum Zweck hatte – einige Manchesterpolitiker eifrigst bemüht gewesen seien, ihre „baumwollenen Theorien“ auch auf das g e i s t i g e Eigenthum auszudehnen und so den litera-

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rischen Diebstahl als den richtigsten und wünschenswerthesten Modus auf diesem Verkehrsgebiet der Nationen hinzustellen. „Diesen Leuten gegenüber wird auch jede Petition nicht viel helfen“, meinte Gutzkow. „Bekanntlich wird man einzig durch eigenen Schaden klug; und die sind sicher davor, daß ihnen irgend Jemand auch nur eine Zeile nachdruckt!“ Trotz der Gegenwart des schönern und, unglaubwürdigem Vernehmen nach schwächern Geschlechts, kamen wir auch auf die – Frauenfrage. Rückhaltlos sprach sich Gutzkow für eine vernunftgemäße Reform des bisherigen weiblichen Bildungsganges aus, für eine Erweiterung des Wirkungskreises, namentlich der unverheiratheten Frau. Aber eben so energisch trat er den lächerlichen Extravaganzen entgegen, welche gegenwärtig in allen möglichen und unmöglichen Emancipationsvereinen zu Tage gefördert werden, „deren Präsidentinnen und Vorstände zwar en détail ihre Thätigkeit den unschuldigsten Dingen von der Welt – Stickmustervereinfachungen, Gemüseconservirungen, Fleischbaissebestrebungen – zuzuwenden scheinen, im Großen und Ganzen aber Minister und Kanzler werden wollen“. Nach dem Kaffee machten wir trotz eines inzwischen zu kräftigster Entwikkelung gekommenen Landregens mit Schirm und Plaid eine Promenade durch den in der That prachtvollen Park. Keines der lauschigen Lieblingsplätzchen blieb unbesucht, an denen Gutzkow Vormittags arbeitend, Abends im Kreise der Seinen und einiger Heidelberger Freunde zu verweilen pflegt – Universitätslehrer, Juristen, die ihre Spazierwege mit Vorliebe nach Wieblingen und der gastfreundlichen Wohnstätte des Dichters zulenken. Von einem kleinen Hügel – nahe der hohen Grenzmauer gelegen, welche diesen Musensitz gegen die Wieblinger tabakbauende Profanwelt abschließt – öffnet sich ein entzückender Blick auf das Neckarthal und die „Perle der Pfalz“; dies Fleckchen bezeichnete Lilli als das „Allerheiligste“. „Wenn man, wie wir hier, zwischen zwei officielle Kirchen eingeklemmt ist – dort führt sogar eine kleine, vom Epheu halb versteckte Thür direct auf den einen Kirchplatz – so muß „das Weltkind in der Mitten“ sich wenigstens seinen Privattempel in der Natur halten, damit es nicht völlig … gottlos wird!“ fügte Gutzkow ernsthaft hinzu. Uebrigens war der weite Gartenraum nicht ganz dem Cultus des Schönen geweiht; hinten den Grasflächen und Blumenbeeten dehnten sich noch weite Strecken mit Küchengewächsen bepflanzt. Einem Gärtner des Herrn von La Roche ist die Wartung und Pflege dieser Kinder Flora’s und Pomona’s anvertraut; doch erzählte Lilli, daß der Vater sich häufig und gern mit leichteren Gartenarbeiten beschäftige und aus den Reden des Dichters selbst ging das Interesse und die Vorliebe für solche gesunde körperliche Beschäftigung in den Erholungspausen von der geistigen – deutlich hervor.

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Wir waren unterdessen an die linksseitige Grenze des Gutes gelangt, welche nur durch eine lebendige Hecke gebildet wird; dicht an derselben zieht sich ein breiter Rebengang in der ganzen, fast unabsehbaren Länge des Gartens hin und eine Fülle der köstlichsten Beeren drängte sich goldig und purpurn unter dem grünen Blätterdach hervor. „Ich werde nächstens unter die Winzer gehen“, meinte Gutzkow lachend, nachdem er trotz unseres Protestes eine der schönsten Trauben meiner Frau hatte zum Opfer fallen lassen; „für einen billigen Preis habe ich die diesjährige Weinernte – und es ist eine wahrhafte Kometenernte! – gepachtet; wenn das Glück gut ist, werde ich keltern lassen und zum Spätherbst schon meinen eigenen „Heurigen“ haben.“ Auf meine Frage nach dem Zweck ziemlich hoher, meist dunkel getünchter Fachwerkgebäude, die man durch Lücken in der Hecke hier in großer Zahl näher und ferner liegen sah, erklärte Gutzkow, daß dies Tabakspeicher seien. „Jetzt werden die köstlichen Pfälzer Blätter eingeheimst und in den Speichern zum Trocknen ausgebreitet; im Februar oder März kommen dann die Havannesen und decken ihren Bedarf … zur Importation! – Reich sind diese Cigarrenzüchter übrigens fast alle“, fügte er hinzu; „aber auch eben so unverträglich und hartköpfig.“ Wir hatten das Haus wieder erreicht; ich warf noch einen langen Blick zurück auf das eben durchwanderte Idyll. „Schön ist es hier, wunderbar schön! – Aber werden Sie auch den Winter hier auszudauern vermögen, der die Communication mit der Stadt sicher bedeutend erschwert und Sie von dem gewohnten Umgang fast völlig abschneidet?“ Ein Windstoß schüttelte die Wipfel der alten Bäume vor dem Hause und trieb die dürren Blätter in Menge vor unsere Füße. „Der Winter – freilich – freilich! Es wird einsam hier werden – aber man muß eben zusehen. Und wenn’s uns gar zu öde erscheint, siedeln wir vielleicht auf ein paar Monate nach Frankfurt über.“ „Und warum nicht lieber nach Berlin?“ erlaubte ich mir zu interpelliren. „In diesem Jahre noch nicht! es wäre zu früh; i ch mu ß erst wi ed er vergessen lernen!“ – – – Der sinkende Abend drängte zum Aufbruch; die freundliche Einladung für den folgenden Mittag, mit welcher der Dichter uns beehrte, mußte ich dankend ablehnen: „Fort mußt’ ich, meine Frist war abgelaufen!“ und so ging’s zum Abschied. Warm und aufrichtig wie der Empfang war das Lebewohl, das uns zu Theil ward; herzliche Grüße an alle fernen Freunde und Wünsche für unser Wohlergehen geleiteten uns bis über die Schwelle des Hauses – Wünsche, die auch

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ich – wie damals und jetzt – immerdar für den berühmten Dichter und die Seinen treu in der Seele tragen werde! Es giebt einige sonderbare Käutze, welche sich das Privatvergnügen machen, Gutzkow, dem Menschen, das Herz abzusprechen, da ihnen der Beweis, daß es Gutzkow, dem Di c h t e r, fehle, durchaus nicht gelingen will. Man soll Niemand in seinen Liebhabereien stören – NB. so lange dieselben nicht gemeinschädlich werden oder öffentliches Aergerniß geben! – aber ich hätte doch einen oder den andern jener „Entherzer“ zum Zeugen der hier nur in den allerflüchtigsten Umrissen geschilderten Begegnung gewünscht; vielleicht wäre „Einem oder dem Andern“ der innig warme Ton aufgefallen, in welchem Gutzkow von Allen sprach, die jemals aufrichtig und ehrlich zu ihm gestanden; oder „Einem oder dem Andern“ die rührend gemüthliche Weise, in der er des damals nahebevorstehenden Jubeltags (d. 19. September) gedachte, an welchem – vor fünfundzwanzig Jahren – seine in Freud’ und Leid unwandelbar getreue Lebensgefährtin ihm angetraut worden! Auch hätte ich „Einem oder dem Andern“ zur Lectüre gern zwei Briefe jüngsten Datums anvertraut, in deren erstem der Dichter mir in kurzen aber um so ergreifenderen Worten die lebensgefährliche Erkrankung seiner Tochter Selma mittheilt, in deren zweitem ein überströmendes Vaterherz dem Jubel über die glückliche Rettung der langsam Genesenden Ausdruck giebt: „Einem oder dem Andern“ wäre vielleicht – es giebt ja solche Fälle plötzlicher Erweckung! – das Verständniß aufgegangen für Gutzkow’s heißes, tief fühlendes Menschenherz!

517. Rudolf von Gottschall [*1902]

Leipzig, 17. März 1875

Noch einmal trat ich Gutzkow näher während seines Aufenthalts in Leipzig, wo er im Hotel de Prusse wochenlang wohnte; er korrigierte damals die ersten Bände der von Costenoble veranstalteten Gesamtausgabe seiner Werke; es waren die Schriften seiner ersten Epoche, die er sorgfältig von neuem durchgearbeitet hatte; es verstimmte ihn sehr, daß sie im Ganzen so wenig Anklang fanden. So geistvoll sie waren, dem großen Leserkreis erschienen sie doch veraltet. Er selbst aber hatte sich wieder in sie hineingelebt; er begriff nicht, wie man kalt und gleichgültig an ihnen vorübergehen konnte; in der Tat sind die „öffentlichen Charaktere“ und zahlreiche kritische Essays in diesen Bänden so geistsprühend und so fein durchdacht, daß ein Vergleich mit der durchschnittlichen heutigen Journalistik sehr zu ihren Gunsten ausfallen muß. Wir wollten indes dem Dichter, der sich immer mehr vereinsamt fühlte, da auch seine letzten Dramen und Romane keinen Erfolg hatten, eine trostreiche Überraschung bereiten und so veranstalteten wir im Hotel de Prusse an seinem Geburtstag ein

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Gutzkow-Fest, das einen zahlreichen und ausgewählten Kreis versammelte. Auch die höchste Behörde der Stadt, der Kreishauptmann von Burgsdorf fehlte nicht, ein sehr literaturfreundlicher Herr, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, wo er sein Interesse für hervorragende literarische Persönlichkeiten betätigen konnte. So war er auch ein Teilnehmer der Begräbnisfeier von Roderich Benedix. Der Buchhandel war bei dem Gutzkow-Fest durch die Leiter des Bibliographischen Instituts vertreten, das Theater besonders durch anmutige Damen, von denen die eine, Frl. Hausmann, eine Verwandte von Felix Dahn, mit Überreichung eines Kranzes eine Ansprache an den Dichter hielt. Dr. Franz Hirsch, der Verfasser des reizenden Gedichts „Ännchen von Tharau“ hatte zum Fest eine Liedergabe beigesteuert. So sehr sich Gutzkow dieser Huldigungen erfreute, so trat doch der krankhafte Zug seines ganzen Wesens wieder darin hervor, daß er in seiner dankenden Ansprache an allen diesen Huldigungen zu mäkeln und herumzunergeln hatte und namentlich den Versen von Franz Hirsch eine keineswegs günstige Zensur ausstellte, ja zur größten Überraschung der Anwesenden an einzelnen Wendungen eine scharfe Kritik ausübte.

518. Heinrich Grans [*1889]

Leipzig, 17. März 1875

Als ich ihn […] noch einmal in Leipzig traf, wo Rudolf von Gottschall ihm zu Ehren im „Hotel de Prusse“ ein Festessen arrangiert hatte, erkannte ich ihn kaum wieder, als er, bleich und eingefallen, und halb erblindet, wie Belisar, gestützt auf seine Tochter, den Saal betrat. Die frühere Gereiztheit war jetzt in noch krankhafterer Weise entwickelt, denn als Gottschall in einem prächtigen Toast auf den Gefeierten das Wort „Streben“ gebraucht hatte, erhob sich Gutzkow, kampfbereit, sofort zu einer Gegenrede, in welcher er sehr pikiert äußerte: „Der geehrte Vorredner hat soeben mir gegenüber das wenig geeignete Wort: „Streben“ angewendet. Ich dächte, ein Gutzkow hätte wohl nicht mehr nötig, zu streben!“ Man kann sich vorstellen, wie peinlich dieser Vorgang uns alle berührte.

519. Julius Rodenberg [*1879]

Heidelberg, Mai 1877

Als ich Gutzkow zum letztenmale sah, fand ich ihn weicher, milder, sogar heitrer, als ich ihn je zuvor gesehen. Er war sehr vereinsamt. „Aber“, sagte er, lächelnd, wie nur er lächeln konnte, „in der Literatur ist es, wie in einem Feldzuge. Wen der Sieg verläßt, den verläßt auch der Haufen.“ Was an seinem Herzen nagte, war das Gefühl der Kränkung. Die Einsamkeit war ihm eine

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liebe, trostreiche Gefährtin. Es war in Heidelberg, an einem sonnigen Maimorgen; nachdenklich aus dem jungen Grün schaute die Schloßruine herab, und der Wald breitete seinen Schatten über uns aus. Gutzkow liebte Heidelberg. Der Zauber dieser friedlichen Natur wirkte beruhigend auf ihn; und manchmal, in seinen Kämpfen, mag er selbst empfunden haben, was wie leise Sehnsucht durch Uriel Akosta’s Seele zieht: Kennt Ihr Heidelberg? Ich suche irgendwo ein stilles Thal, Wo ich mit Quelle mich, mit Gras und Blume Und wenn die Zunge freier reden will, Mit Waldgefieder streitend unterhalte …

Sachsenhausen (1877–1878) 520. Zeitungsmeldung vom 28. Oktober 1877 Karl Gutzkow hat Heidelberg verlassen und ist nach Sachsenhausen gezogen. In diesem freundlichen Städtchen bei Frankfurt am Main wohnt der Dichter, nach wie vor mit größeren Arbeiten beschäftigt, in der Gartenstr. 14.

521. Erich Schmidt an Theodor Storm, Straßburg, 10. Mai 1878 Kuh hat die Vergötterung auch gar zu weit getrieben, aber Gutzkows Pamphlet „Dionysius Longinus“ macht mir trotz vielem unbestreitbar Richtigen den Eindruck des Bürgerschen Köters aus der Pfennigschenke.

522. Theodor Storm an Erich Schmidt, Husum, 25. Mai 1878 Gutzkow’s Buch kenne ich nur aus Referaten; wahr ist es übrigens, dß man diesen Mann – seine Eitelkeit rief es freilich hervor – gemißhandelt und ihn unredlich um all sein Verdienst hat bringen wollen. Das rechtfertigte freilich nicht ein solches Buch; eigentlich thut der alte G[utzkow] mir aber leid.

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523. Rudolf Haym an Adolf Schöll, Halle, 26. Mai 1878 Ich schiebe all’ die Fron- und freie Arbeit einen Augenblick beiseite, um Ihnen einen kurzen, aber schönsten Dank für Ihre Hebbel-Erinnerungen zukommen zu lassen. […] Kurz vor Ihrem so edlen Aufsatz hatte ich das wüste, freche Zeug von Gutzkow bei Gelegenheit der Kuhschen Biographie gelesen. Was hat doch der Kerl für ein Maul!

524. Feodor Wehl [*1889]

Stuttgart, August 1878

Als ich Gutzkow zum letzten Male in Stuttgart, kurz vor seinem Hinscheiden sah, machte seine Erscheinung einen tief ergreifenden Eindruck auf mich. Von einer Ferienreise zurückgekehrt, hörte ich, Gutzkow sei in unserer Wohnung gewesen und habe nach uns gefragt. Ich schickte sogleich ins Hotel und vernahm, er befinde sich nicht mehr dort. Wir bedauerten es schmerzlich. Am Nachmittage, auf einem Spaziergange nach den Schloßanlagen, sah ich in der Parkstraße in der Ferne Jemanden auf uns zukommen, in dem ich auf den ersten Blick Gutzkow erkannte. Wir warteten, bis er uns nahe trat, und da ich wußte, wie kurzsichtig er war, rief ich ihn mit seinem Namen an. Er stand und spähte nach seinem Rufer aus. „Wehl und seine Mathilde!“ sagte er, als er uns erkannt hatte, mit freundlichem Tone. „Es ist mir lieb, daß ich Sie noch treffe; ich will in diesen Tagen, morgen oder übermorgen, wieder fort.“ Ich erzählte, daß ich nach ihm geforscht. „Ich wohne mit meiner jüngsten Tochter bei meinem Sohne Emil. Im Hotel hielt ich’s nicht aus. Die Wirthshausbetten sind Marterbänke für mich. Ich kann keine Ruhe, keinen Schlaf darin finden. Ach, wo finde ich die überhaupt!“ Ich schaute ihn betroffen an. Sein blondes Haar war dünn und ergraut, sein Auge noch zusammengezogener und stumpfer als sonst, seine Nase, sein Kinn spitzer denn je. Eine aschgraue Farbe ließ sein Gesicht wie Pergament erscheinen. Seine Stimme klang tonlos und müde. Er bemerkte, daß ich seine Erscheinung musterte. „Wie ich da vor Ihnen stehe, lieber Freund,“ fuhr er fort, „bin ich eine menschliche Ruine, in der ein gequälter Geist umgeht, dem Hamlet sein „Schaudervoll! höchst schaudervoll!“ zurufen würde. Ich bin ein aufgeriebener, zermalmter Mann, der, wie ehedem Heine, seine Schmerzen in eine Weltausstellung schicken könnte. Ich lerne täglich neue kennen, und auch sie sind von

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Karl Gutzkow 1878, Radierung von Doris Raab

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einer Künstlichkeit der Mechanik, die jede fühlende Seele in Verwunderung setzen muß. Sie spielen und vibriren in Theilen des Körpers, die man für ganz unempfindlich hielt, und an welche man gar nicht zu denken pflegt.“ Eine nähere Schilderung seiner Leiden war geradezu grausenvoll. Er trug einen breiten ledernen Gurt um den Leib, eine Art Mieder, das durch seinen Druck und Zwang den Eingeweiden des Unterleibes eine wohlthätige Gewalt anthun mußte. Ohne diese, wie er meinte, wären sie nicht im Zaum zu halten, und auch so ließen sie ihn in keiner Lage ausharren und Stetigkeit gewinnen. Immer in Bewegung und Rumor, beraubten sie ihn jeder Gelassenheit und Sammlung. „Und dabei arbeiten müssen!“ stöhnte er. „Es ist noch so viel zu thun, und ich möchte die Meinen möglichst versorgt wissen. Man hat in Deutschland auch für mich gebettelt,“ fügte er bitter hinzu. „Aber Gutzkow ist kein Freiligrath, kein Dichter, dessen Verse man auswendig lernt, sondern nur ein Prosaist, den die neuesten Mundts in ihrer „Kunst der deutschen Prosa“ nicht einmal gelten lassen wollen. Kein Wunder, daß der Ertrag der Bettelei nur kärglich ausfiel.“ Diese Aeußerungen schnitten mir ins Herz. Sie waren ganz Gutzkowsch und aus dem Grunde unserer literarischen Zustände geschöpft, übertrieben und verbittert, aber schrecklich wahr. Ein bedeutender, Ton und Richtung angebender Schriftsteller, ein Schriftsteller, der in seinen zahlreichen Werken die literarischen Stempel seines Jahrhunderts gleichsam in allen Spielarten sehen ließ, hat er dennoch nie eine volle Anerkennung und ebensowenig den verdienten Lohn davongetragen. Sein ausdauernder, eiserner Fleiß schaffte ihm den nothwendigen Lebensunterhalt, nicht mehr; keine fürstlichen Ruhegehalte, keine großmüthigen Gönnergeschenke verscheuchten die Sorgen aus seiner Häuslichkeit. Und was seinen Ruhm betrifft, so hat er eigentlich niemals seine Süßigkeit gekostet, niemals seinen berauschenden Rosenduft geathmet, sondern stets mehr seine Dornen gefühlt. Man hat immer daran gemäkelt, gerissen und gezaust. Gutzkows Muse war sozusagen mit dem bösen Blick behaftet. Sie erkannte rasch und scharf alle Mängel und Fehler anderer Musen. Das zog ihr Feindschaft und Erbitterung zu. Unter der Gegnerschaft von Gustav Freytag und Julian Schmidt hat er unsäglich gelitten. Von Emil Kuh und Adolf Stern Hebbel gefeiert und Otto Ludwig gepriesen und sich selbst verketzert und verleumdet zu finden, hat ihn im Tiefsten entrüstet. Die Bühne namentlich war ihm dadurch und durch das Unberücksichtigtlassen der Mehrzahl seiner Stücke gründlich verleidet worden. Er besuchte kein Theater mehr. „Geht mir mit Eurem Brettergerüst!“ rief er mir zu. „Ihr habt Euren Laube, Euren Freytag, Euren Benedix, habt jetzt Eure Lindau’s, L’Arronge’s und Mo-

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ser’s, was gilt Euch da das Drama Gutzkow’s? Ich habe Bahn gemacht. Ich fand den Weg verriegelt und verrammelt, mit Plunder und Unrath verbarrikadirt, den Weg in einen Augiasstall. Jetzt ist er glatt und eben und die Stätte rein und sauber. Das ist zum größten Theil mein Werk. Es hat Mühe und Schweiß gekostet. Nun, da das gethan, zuckt man die Achsel über den dramatischen Herkules. Nun ist er ein Schwächling, ein Stümper. Die Spatzen pfeifen es auf den Dächern, und die Direktoren und Intendanten, Feodor von Wehl an der Spitze, sind überzeugt davon.“ Dieser Vorwurf schnitt mir ins Herz: er war leider nicht unbegründet, und das „von“ so absichtlich vor meinen Namen gestellt, erinnerte mich an seine Bemerkung bei unserer ersten Begegnung in Berlin. Er klagte meine Vornehmheit an. Eine solche war aber in der That niemals meine Schuld gewesen und am wenigsten Gutzkow gegenüber. Ich habe mich ihm immer demüthig untergeordnet und bewundernd zu ihm emporgesehen, allerdings stets mit dem Vollbewußtsein einer eigenen Gesinnung, mit Liebe, aber ohne Liebedienerei. Ich habe nie, um ihm zu schmeicheln, Andere verkleinert, nie, wenn er, durch erbärmliche Zuflüsterungen aufgestachelt, gegen Mitgenossen wetterte, diesem Wettern ein Echo in den mir zu Gebote stehenden Blättern gegeben; ich habe auch nie seinem schließlichen Grolle gegen Therese das Wort geredet, sondern ehrlich und offen ihm bekannt, daß ich immer der Ansicht geblieben: er habe ihr vielfach Unrecht gethan und sie, gewissermaßen in Nothwehr gegen sich selbst, falsch beurtheilt. Aber trotz Alledem war ich ihm unwandelbar ergeben geblieben, treu aus mannhafter Verehrung und mit unabhängigem Geiste. Aber an der Bühne, die ich leitete, hätte ich allerdings ihm mehr Vorschub leisten sollen. Ich hatte „Uriel Akosta“, den „Königslieutenant“ und „Das Urbild des Tartüffe“ spielen, ich hatte „Zopf und Schwert“ und „Welt und Herz“ wieder hervorsuchen lassen, aber ich hätte mehr thun sollen, ich fühlte es. Ludmilla Assing, von einem Besuche Gutzkow’s aus Kesselstadt zu mir kommend, hatte mir von „Ottfried“ als einem Lieblingsschauspiel von ihm gesprochen. Ich erinnerte mich dessen und fragte: ob ihm ein Gefallen geschehen würde, wenn ich es aufgriffe und einige Aenderungen darin in Vorschlag brächte. Wir waren während Alledem langsam weiter gegangen. Jetzt stand Gutzkow lächelnd still und murmelte: „Ottfried! Auch ein Stück meiner Leiden. Sie wissen, wer Sidonie und wer der Ottfried ist. Sie verstehen diese Leute. Aber das heutige Publikum, die heutige Kritik? Ich fürchte ein Mißlingen, Lieber!“ Ich beschwichtigte seine Besorgnisse. „Es enthält, so weit ich das Schauspiel im Gedächtniß habe,“ entgegnete ich, „einen vorzüglichen, stimmungsvollen ersten Akt, eine anziehende und fesselnde Entwickelung in den folgenden, und nur die eigentliche Katastrophe will mir zu

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breit, zu zerfahren und zu wenig dramatisch wirksam scheinen. Hier wäre, nach meinem Dafürhalten, noch umzuarbeiten, zu kürzen und zu schürzen.“ Wir machten ab, daß ich das Stück noch einmal lesen und Gutzkow meine Gedanken auf frischer That mittheilen sollte. Es geschah. Ich entwickelte dem Verfasser am andern Tage meinen Plan zur Umänderung und er billigte ihn vollkommen. Er bat um eine schriftliche Aufsetzung und Nachsendung desselben. Auch dies ward ausgeführt, allein kurze Zeit danach langte ein Brief von Frankfurt am Main von ihm an, worin er über seinen körperlichen Zustand jämmerlich klagte und mir auftrug, vorgeschlagene Aenderungen selbst vorzunehmen. Ich war kaum fertig damit, als mir die Kunde von seinem Hinscheiden kam.

525. Emil Pirazzi [*1878]

Sachsenhausen, November 1878

Als ich Karl Gutzkow vor Kurzem zum letzten Mal besuchte, fand ich ihn sehr verändert und merklich gealtert; ich hatte ihn, seitdem er von Heidelberg im Herbste vorigen Jahres nach Frankfurt, richtiger Sachsenhausen, übergesiedelt war, zwar schon wiederholt besucht, aber bis dahin nie zu Hause getroffen, da er, wenn es irgend anging, jeden Tag noch seinen Spaziergang machte. Aber durch die Seinen war ich darauf vorbereitet, einen körperlich sehr heruntergekommenen Mann zu finden. Und so war es in der That. In einem Schlafrock von grauem Stoff, den er um die Lenden mit einem Lederriemen gegürtet hatte, die Gesichtsfarbe aschfahl, das spärlicher gewordene, graublonde Haupthaar wirr durcheinander gewühlt, trat er mir als das Bild eines schwer Leidenden und zugleich als das vollendete Prototyp eines Hypochonders entgegen. Mein Besuch schien ihn zu erfreuen – wie er denn immer für die kleinste Aufmerksamkeit außerordentlich dankbar war, doppelt zu erfreuen in seiner völligen Vereinsamung in Frankfurt, eine Vereinsamung, an der in erster Linie sein körperliches Befinden, welches ihm durchaus keinen geselligen Verkehr mehr gestattete, die Schuld trug, in zweiter freilich auch der Umstand, daß manche seiner früheren Beziehungen zu der Frankfurter Schriftsteller- und Journalistenwelt sich in späterer Zeit gelockert, wenn nicht gar gelöst hatten. Ueber die literarischen Verhältnisse und Zustände der Gegenwart äußerte sich Gutzkow ganz mit der alten Orientirtheit und geistigen Frische, wenn schon die Worte noch langsamer und in noch gezogeneren Nasaltönen als in den Tagen seiner Gesundheit sich den Lippen entrangen, und seine Augen sich dabei noch mehr schlossen, als sie es sonst im Gespräch zu thun pflegten: war er doch auf dem rechten infolge des grauen Staars ganz erblindet, und das linke ungemein kurzsichtig.

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Ich fand Gutzkow bei der Arbeit; er legte die letzte Hand an seinen eben in den „Erholungsstunden, Neue deutsche Romanzeitung“ bei Schottländer in Breslau in völliger Umarbeitung unter dem Titel: „Die Paumgärtner von Hohenschwangau“ erscheinenden früheren historischen Roman „Hohenschwangau“: diese Arbeit hatte der rastlos schaffende Mann bis auf wenige Kapitel denn auch vollendet, als der Tod ihn abrief. Auf meine Frage, warum er, der Leidende, sich denn keinen Augenblick Ruhe gönne, erwiderte er: daß er dazu genöthigt sei, unaufhörlich zu arbeiten, und als ich meinte, seine dramatischen Schöpfungen, welche Repertoirestücke aller angesehenen deutschen Bühnen seien, müßten ihm doch allein eine bedeutende Rente abwerfen, entgegnete er, daß ihm überhaupt nur noch sehr wenige deutsche Bühnen Honorare zahlten. Das Burgtheater könnte wohl schon Etwas abringen; aber dort würde er selten oder gar nicht mehr gegeben. Daß man auf der Münchener Hofbühne neuerdings wieder sein „Urbild des Tartüffe“ aufgeführt, schien ihn sehr zu freuen, und zwar keineswegs in Rücksicht auf die Tantieme, sondern als ein Beweis, daß er dort noch nicht vergessen sei. In Gutzkow’s Romanen spielt die Cigarre eine große Rolle; sehr erstaunt war ich deshalb gewesen, als mir vor Jahren die Ehre der ersten Bekanntschaft mit dem gefeierten Dichter wurde, von ihm zu hören, daß er selbst gar nicht rauche. Dieses moderne Laster hatte er sich in den letzten Jahren noch angewöhnt, wie die zahlreich auf seinem Arbeitstisch umherliegenden Cigarrenspitzen bewiesen; doch wurde er keineswegs das mehr, was man einen passionirten Raucher nennt, er rauchte auch nur bei der Unterhaltung oder wenn er meditirend auf dem Sopha saß, dagegen – was ihm schon seine geringe Sehkraft nicht gestattet haben würde – niemals wenn er schrieb oder las. Ich verließ Gutzkow tief bewegt von dem Zustande körperlichen Zerfalles, in dem ich ihn gefunden, doch aber nicht ahnend, es sei das letzte Mal gewesen, daß ich ihn lebend gesehen. Und tief bewegte mich auch der Gedanke, wie sich hier ein berühmter und bedeutender deutscher Schriftsteller im Kampf um das Dasein, trotz Krankheit und Leiden keinen Augenblick Ruhe gönnen durfte. In welchen Verhältnissen würde wohl ein französischer oder englischer Schriftsteller von der Bedeutung und der Produktionsfähigkeit Gutzkows seine letzten Tage verbracht haben und gestorben sein? Außer mehrfachen anderen körperlichen Gebresten, so ein rheumatisches Leiden, für das er im letzten Sommer noch in Wildbad vergeblich Heilung gesucht, litt Gutzkow besonders an einer bei solcher rastlosen und fieberhaften geistigen Thätigkeit nur zu erklärlichen hochgradigen Nervosität, welche in den letzten Jahren eine sich immer steigernde Schlaflosigkeit zur Folge hatte, für welch’ schreckliches Leiden er Hülfe und Erleichterung bei dem gefährlichen Chloralhydrat suchte, dessen Genuß in stets größeren Dosen sein Ner-

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vensystem immer noch mehr zerrüttete. Gegen den Willen seines Arztes und seiner Familie, gegen seine eigene bessere Einsicht nahm er zu dem Chloral seine Zuflucht. Oft mehrere Nächte, wo er schlaflos lag, versagte er sich den Genuß dieses Narkotikums, um gegen das furchtbare Leiden der Schlaflosigkeit zu ihm zuletzt doch immer wieder seine Zuflucht zu nehmen. Ein Berliner Apotheker lieferte dem Leidenden hinter dem Rücken seines Arztes fortwährend die schlafmachenden Krystalle, in den Kleidern des Verstorbenen fand man einen Brief dieses Apothekers vor, worin er Gutzkow mittheilte, es sei dies voraussichtlich die letzte Sendung Chloral, die er ihm machen werde, da der Berliner Arzt, welcher bisher seine Unterschrift dazu hergeliehen habe, dieselbe fernerhin nicht mehr zu geben gewillt sei. Mit großem Raffinement wußte Gutzkow die Bezugsquelle seines Chlorals vor den Seinen, welche sie ihm um jeden Preis abzuschneiden wünschten, geheim zu halten und den Inhalt der Berliner Pulverschachteln hütete er wie einen kostbaren Schatz hinter mehrfachem Verschluß.

526. Emil Pirazzi [*1878]

Sachsenhausen, 15./16. Dezember 1878

Gutzkow schlief die letzte Zeit immer allein; oder vielmehr: er hatte für sich allein ein Schlafzimmer, da er dann bezüglich seines Verhaltens während der Nacht auf diese Weise durch keine Rücksichtnahme auf eine andere Person eingeschränkt war, er litt sogar durchaus nicht, daß seine Frau auch nur im Nebenzimmer schlafe. Er machte öfters des Nachts Licht, vertauschte sein Bett mit dem Sofa, oder umgekehrt, wie er denn überhaupt nur sehr schwer ein ihm zusagendes Lager fand. Auch die Thür seines Schlafzimmers verriegelte er des Abends zwei- und dreifach; eine zweite in dasselbe durch einen Alkoven führende Seitenthür war dadurch unpraktikabel gemacht, daß von außen ein Eisschrank davor gestellt war. In der Frühe Montags den 16. Dezember wurde die Gattin des Dichters, welche ihm in den Tagen des Sonnenscheins die verständnißvollste Freundin und Gefährtin, in denen des Leids die treueste Stütze und eine unermüdliche Helferin gewesen, von dem Dienstmädchen mit der Anzeige geweckt, daß ein brenzlicher Geruch die Wohnung erfülle und aus dem Schlafzimmer des Herrn zu kommen scheine. Sofort das Schlimmste befürchtend, sprang Frau Gutzkow vom Lager auf, und eilte, ohne sich Zeit zu nehmen, nur die Füße zu bekleiden, nach der eben genannten zweiten Thür des Schlafzimmers ihres Mannes, rückte den Eisschrank von der Thür hinweg und riß diese auf. Es kam ihr ein solch’ betäubender Qualm entgegen, daß sie die größte Mühe hatte, sich selbst aufrecht zu halten. Durch das Dunkel des Zimmers tastete sie sich nach dem

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Bett: ihr Mann war nicht darin. Da stieß sie wider einen an der Erde liegenden Körper – es war der entseelte Leichnam ihres Gatten! Auf ihren Schrei kam man endlich mit Licht und die inzwischen von dem Dienstmädchen allarmirten Hausgenossen eilten nun herbei, um zu löschen; die Stube war bald mit Wasser übergossen, indeß die trostlose Frau sich mit Wiederbelebungsversuchen an der Leiche abmühte, der am Fuße erhaltenen schmerzhaften Brandwunden nicht achtend. Es war umsonst; – Gutzkow war todt, erstickt, nahezu verbrannt, das Leben für immer entwichen! Mehrere Papierhüllen von Chloralpulvern lagen am Boden umher. Wahrscheinlich hatte Gutzkow, wieder von Schlaflosigkeit gemartert, mehrere starke Dosen Chloral zu sich genommen, und das noch glimmende Streichholz, womit er sich Licht gemacht, auf das Sopha geschleudert, wo eine Reserve-Federbettdecke lag, die Feuer fing, und langsam weiterglomm, so allgemach das Sopha verzehrend, und den davor stehenden Arbeitstisch Gutzkow’s (woran er die meisten seiner Werke geschrieben), einen Stuhl und den Teppich des Fußbodens anbrannte. Durch den erstickenden Qualm scheint Gutzkow dann aus der Narkose halb erwacht zu sein und den Versuch gemacht zu haben, sich vom Bett zu erheben, ein Fenster zu öffnen, frische Luft einzulassen, nach Hülfe zu rufen. Dieser Versuch aber ist ihm offenbar nicht gelungen; entweder die Betäubung durch das Chloral, oder durch den Rauch, oder durch Beides waren mächtiger als die Kraft und der Wille zum Leben, er glitt am Bett herunter und kam nicht mehr zum Bewußtsein. Doch kann sein Tod kein schmerzlicher gewesen sein, denn seine Züge waren die eines sanft Schlafenden, alle Falten des Angesichts geglättet, alle Dissonanzen ausgeglichen. Die Brandwunden, welche sich am untern Theil des rechten Beines gefunden, sind also sicher wohl erst entstanden, als er seinen letzten Athemzug längst ausgehaucht hatte und das glimmende Feuer gierig an den Todten heranleckte.

527. Emil Pirazzi [*1878]

Frankfurt, 19. Dezember 1878

Der Frankfurter Friedhof ist seit heute um einen großen Bürger reicher geworden; ja, man darf wohl sagen, außer dem Namen Arthur Schopenhauer hat er keinen stolzeren aufzuweisen als den, dessen Träger wir dort eben zur letzten Ruhe bestattet haben: – Karl Gutzkow! […] Es war ein schöner, klarer Wintermorgen, als wir heute Karl Gutzkow begruben, über dessen frischen Grabhügel jetzt wieder der Dezembersturm und das Schneegestöber dahingeht. Um die neunte Morgenstunde bewegte sich ein an-

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sehnlicher Leichenzug von Gutzkow’s Wohnung in der Gartenstraße zu Sachsenhausen über die Untermainbrücke durch die Kaiserstraße, am Schillerplatz vorüber durch die Eschenheimergasse und die nördliche Außenstadt nach dem weitentlegenen Frankfurter Camposanto, einem der schönsten unter den Todtengärten Deutschlands. Zwei Söhne (der dritte weilt als Bergmann in Kalifornien) und zahlreiche Verwandte folgten dem Sarge des deutschen Dichters, welchem thränenden Auges die Gattin und drei Töchter aus den Fenstern der hochgelegenen Wohnung nachschauten. Der schwarze Sarg wurde unter der Fülle der ihn bedeckenden Palmenzweige und Lorberkränze, welche aus allen Theilen Deutschlands mit Schleifen in den verschiedensten Landesfarben eingetroffen waren, kaum sichtbar. Unter den Leidtragenden bemerkte man auch mehrere hervorragende Vertreter der Frankfurter Bühne, sowie des Frankfurter Schriftstellerstandes; aber so mancher fehlte doch auch in dem Zuge, dem es recht wohl angestanden hätte, einem Gutzkow die letzte Ehre zu erweisen, und eine offizielle Vertretung der Stadt selbst und ihrer Behörden entdeckten wir auch nicht in dem Zuge. Die Betheiligung konnte überhaupt zahlreicher sein. Wenn eine Stadt wie Frankfurt einen Mann wie Gutzkow begräbt, so erwartet man unwillkürlich ein großartigeres Trauergeleite. Freilich lebte Gutzkow so zurückgezogen, daß wohl die große Mehrzahl der Frankfurter überhaupt gar nicht wußte, daß er ihre linksmainische Vorstadt bewohne, und kaum Einer, welcher in den beschneiten Straßen den Trauerzug im Vorübergehen grüßte, mochte davon eine Ahnung haben, wer hier zu Grabe gebracht wurde. Die Leidtragenden sammelten sich in der Halle des Friedhofs, wo zunächst der Sarg abgesetzt wurde, um diesen. Ein Trauergesang, ausgeführt von dem männlichen Chorpersonal des Stadttheaters, ertönte, worauf Konsistorialrath Dr. Ehle r s von der deutsch-reformirten Gemeinde die Grabrede hielt, in welcher er es abwies, hier, praesente cadavere, die geistige und schriftstellerische Bedeutung des Mannes zu zeichnen, der nur aus einem liebevollen Versenken in seine Werke richtig zu verstehen und zu beurtheilen sei. Mitten in den Kämpfen dieser Zeit und seines Jahrhunderts stehend, habe es ihm natürlich auch nicht an Gegnern fehlen können, deren Widerspruch aber an sich schon auch eine Anerkennung seines Geistes gewesen, dessen Schöpfungen Tausende und aber Tausende mit Verehrung vor seinem Namen erfüllt hätten. Auch des tiefreligiösen Zuges, der dem Verstorbenen innewohnte, gedachte der Redner; aus ihm heraus habe Gutzkow einst den Ausspruch gethan: Des Menschen Leben ist ein Versuch zur Unsterblichkeit. Und also war auch das seinige. Nach dem Geistlichen ergriff zunächst der Demiurgos-Dichter und NibelungenRhapsode Dr. Wi l h e l m Jo rd a n das Wort, um, an persönliche Erinnerungen anknüpfend, die hervorragende Bedeutung des Geschiedenen für das deutsche Theater zu schildern und Namens der Genossenschaft deutscher dramatischer

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Autoren den „wohlverdienten Lorber“ an seiner Hülle niederzulegen. Dr. Neubürger that ein Gleiches im Namen und Auftrag der deutschen Schillerstiftung, wie ihres Frankfurter und Wiener Zweiges; indem er besonders hervorhob, wie der erste Gedanke der Schillerstiftung aus Kopf und Herzen Gutzkow’s entsprungen sei. Herr Ot t o H ö r t h spendete unter entsprechender Ansprache den Lorbeer Namens des Frankfurter Journalisten- und Schriftsteller-Vereins, sowie des Wiener Vereins „Concordia“; Herr Pau l Zad emack im Namen des Frankfurter Stadt-Theaters; Dr. Hermann Presber für den Leipziger Schriftstellerverein „Symposion“; der Unterzeichnete Namens der Schiller-Zweigstiftung in Offenbach und ein Herr Nolte im Auftrage von Gutzkow’s Verleger Schottländer in Breslau. Und nun wurde die Leiche hinausgetragen, unter erneutem Chorgesang der Erde übergeben und das Grab des deutschen Dichters über seinem irdischen Theil geschlossen.

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528. Karl Frenzel, Nachruf auf Gutzkow [*1878] Gutzkow’s Tod läßt in der Literatur der Gegenwart die vornehmste Stelle frei. In jedem einzelnen Punkte mochten ihm andere überlegen sein, seine Gesammterscheinung überragte Alle. Wenn wir Deutsche Franzosen wären, würde er unter uns dieselbe Verehrung und Bewunderung wie Victor Hugo in Frankreich genossen haben. Er war niemals der erste Dichter unserer Generation, er war immer ihr erster Schriftsteller. Seine Vielseitigkeit war so bewunderungswürdig wie sein Wissen. Auch diejenigen, die ihn im Leben am bittersten bekämpft, werden jetzt willig die Bedeutung seines Lebenswerkes anerkennen. Die Spur dieser unermüdlichen Arbeit, dieser leidenschaftlichen Thätigkeit, dieser heroischen Kämpfe – gleichviel, ob er immer im Recht gewesen, als ob es Lessing stets gewesen! – kann nicht verlöscht werden, leuchtend wird sie sich durch alle kommenden Zeiten ziehen. Neben Lessing’s Nathan wird Gutzkow’s „Uriel Acosta“, neben Minna von Barnhelm „Zopf und Schwert“ und das „Urbild des Tartüffe“ auf der deutschen Bühne lebendig bleiben. „Die Ritter vom Geist“ und „Der Zauberer von Rom“ leiden ohne Zweifel an einer gewissen Unförmlichkeit, die um so stärker hervorgetreten, je schnelllebiger und flüchtiger die Zeit geworden ist, aber sie sind nichts desto weniger für den modernen deutschen Roman von derselben entscheidenden, umbildenden, in ihrer Tiefe nicht zu ermessenden Bedeutung geworden, wie Goethe’s „Wilhelm Meister“ für den des vorigen Jahrhunderts. Viel und oft wird von diesem in seinen Fehlern wie in seinen Vorzügen hervorragenden, ja einzigen Manne fortan geredet werden, aber keine Worte, keine Abhandlungen werden den Strom von Anregungen erschöpfen können, der von ihm in einer achtundvierzigjährigen literarischen Thätigkeit ausgegangen ist. In seinem beweglichen Geiste zitterten die Strömungen der Zeit, wenn ich so sagen darf, schon vor, ehe sie noch auf der Oberfläche den Andern deutlich und kenntlich geworden waren. Eine spürende, grüblerische Natur, ging er allen Dingen und Erscheinungen bis zu ihrer Wurzel, bis in ihr Innerstes nach. Was Deutschland, was die geistige Welt zweier Menschengeschlechter von 1820 bis zum heutigen Tage bewegt hat, wird man in seinen Büchern als Bild, als Klang, als Wellenrauschen wiederfinden. Ein Mensch ist in ihm gestorben, der, weil er zu eifrig und eifersüchtig nach Liebe, Freundschaft und Ruhm dürstete, mit keiner dieser Gaben, so überreich sie ihm auch zu Theil geworden sind, je zufrieden war, sondern immer über seine gegenwärtige Lage hinaus nach einer glücklicheren und höheren strebte, der nur im Trachten, Ringen, Kämpfen Ziel und Befriedigung suchte, ein Mensch, den Niemand, der je mit ihm in Berührung gekommen, vergessen wird, so eigenthümlich, so genialisch war seine Persönlichkeit; ein Bruder Mensch, dem die Thräne derer, die ihm einmal im Leben näher gestanden und

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einen Blick in sein Herz thun durften, wenn sie sein ganzes Lebensschicksal bedenken, lange nachfließen wird. Das Irdische, die körperliche Gestalt ist nun dahin, sein Wesen, sein Genie lebt in seinen Werken fort und keine Dauer ist ihrer Wirkung und ihrem Einfluß gesetzt.

529. Theodor Fontane an Wilhelm Hertz, Berlin, 17. Dezember 1878 Gestern schloß ich mit einer Betrachtung über L. Schneider; nun haben wir einen neuen Todten: Gutzkow; es kann einem ganz graulich werden. Frenzel, aber ohne Namensunterschrift, widmet ihm in dem heutig. Abendblatt der Nat. Ztg. einen kurzen Nachruf, den ich vorzüglich finde, nur, glaub ich, zu anerkennend. Alles an dem Manne war Un r uhe, und die Muse bedarf bekanntlich vor allem der Muße, der Ruhe. Er war ein brillanter Journalist, der sich das Dichten angewöhnt hatte und es ähnlich betrieb wie Correspondenzen und Tages-Artikel schreiben; das hält aber die Dichtung nicht aus. Die bedarf mehr Pflege und Liebe. Auerbach sagte mir mal: „die ganze Gutzkowsche Produktion drehe sich um Gutzkow selbst“ – ich glaube, dies ist richtig, und damit ist ihr Todesurtheil ausgesprochen.

530. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 17. Dezember 1878 Also Gutzkow todt! Wieder einer aus der Reihe der Lebensgenossen; und da steht nun in den Zeitungen ein vorläufiger Nekrolog und daneben gleich Anderes, das Orchester spielt weiter, wenn auch ein tonreiches Instrument zerschmettert ist. Sein Leben war in letzter Zeit ein bitteres Ringen, wie sein ganzes Dasein überhaupt ein bitterer Kampf war, der freilich, solange die Jugendkraft vorhielt, sich schöner darstellte und ihn persönlich weniger niederdrückte. Ich habe viel mit Gutzkow gelebt, aber es war immer etwas, was eine Scheidewand, eine ganz dünne, zwischen uns bildete; ein Hauptgrund war, daß Gutzkow ein intimer Judenfeind war. In dieser Beziehung war er eines jener vielleicht nur in Deutschland möglichen Phänomene, daß man kirchlich und politisch radikal frei sein und wirken kann und einen Widerspruch gegen die Juden behält. Bei Gutzkow kam noch hinzu, daß er in der ganzen Welt immer Cliquenwesen und Kameraderien argwöhnte, und ganz ähnlich wie Richard Wagner, glaubte er von den Juden nicht gefördert, ja sogar gehindert zu sein, und schon 1834 zeigte sich dieser Widerwille, und er blieb immer, wie er ja auch einmal offen in seiner Schrift bekannte, daß er erschrocken sei, als er gehört habe, daß Ludwig Börne ein Jude sei.

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War ich auch Gutzkow nie ganz und voll befreundet, so hatte ich doch immer eine Sympathie für ihn, die er freilich nicht gelten lassen wollte, weil sie nur eine bedingte war; denn ich schätzte in ihm den muthigen und rastlosen Kämpfer, aber er fühlte, daß ich ihn für Eines nicht hielt, was er am liebsten sein wollte, für einen Dichter. Er hat nach meiner Ueberzeugung nie eine reine Empfindung zu einem Naturlaut gebracht, der uns elektrisch durchfährt und uns jenen Schauer mittheilt, der bei einer Offenbarung eines bisher halb oder ganz Verhüllten in unserem Seelenleben uns anfaßt. Ich könnte bogenlang schreiben über das Viele, das wir miteinander erlebt haben, in Heidelberg, in Mannheim, in Frankfurt und zehn Jahre lang in Dresden; vielleicht komme ich noch einmal dazu. Er erkannte vollkommen, was das Höchste in der Dichtkunst zu sein hat, und strebte lebenslang danach, und doch war er kein Dichter; er hatte nie die eigentliche Freude an der Gestaltung, an der Farbengebung, an der Auslösung eines tiefen Seelengehaltes, es war nicht das Dichterische, was ihn zu seinen Produktionen bewegte, sondern das, was man kurzweg Tendenz nennt, was aber einen sehr weiten Umfang hat und dem Dichterischen doch wieder nahe kommt. Er war eigentlich zum politischen Kämpfer, vielleicht zum Staatsmann prädestinirt, und seine Jugend fiel in die lahme und innerlich revolutionirende Zeit Friedrich Wilhelms III., und die dichterische Form war die erlaubte und bequemere, und dazu hatte er Anschauung und Farben genug, um die abstracten Ideen zu illustriren und coloriren. Ach, es ist eigentlich Unrecht, daß ich so und jetzt schon von ihm spreche, aber es ist jetzt wie ehedem. Vielleicht wurde über Niemand mehr gesprochen, als über ihn, denn er griff in Alles ein. Er hatte etwas soldatisch Kämpfendes und war dabei doch empfindlich, wie ein Dichter sein muß; er war eine vollkommen isolirte Natur, er hatte sich ja an Niemand völlig angeschlossen, und dabei empfand er die Einsamkeit bitter. Er ist nun todt, und wenn auch kein voller Dichterruhm, der wird ihm bleiben: er war ein unabhängiger, unbestechlicher Kämpfer für das, was er als recht erkannte. Daß er seine Gegner, namentlich seine literarischen, auch manchmal mit den selbst im Kriege verpönten Waffen angriff, das ist leider nicht abzuleugnen, aber wie gesagt, ein unentwegter Kämpfer blieb er, und seine eigentlich kühle Natur wurde nie von Enthusiasmus für Personen und Ereignisse hingerissen, die sich nachher als mangelhaft oder widerspruchsvoll erwiesen.

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531. Feodor Wehl, Tagebuch, 18. Dezember 1878 Ich meines Theils kann nicht umhin zu erklären, daß in ihm ein großer Geist zu Grabe gegangen. Er war für uns Deutsche eine Art Diderot und Voltaire in einer Person, aber ohne ihre Frivolität. Er besaß etwas von ihrer Verstandesschärfe, ihrem Witze, ihrem Wissensschatze, etwas von ihrer Spürkraft für den Sinn und das Wesen seines Jahrhunderts, etwas von ihrem zermalmenden Stile und ihrem heiligen Eifer für die ewigen Rechte der Menschheit, der leidenden Menschheit vor Allem.

532. Berthold Auerbach an Jakob Auerbach, Berlin, 19. Dezember 1878 Es ist heute lange nicht Tag geworden, jetzt ist ein starkes Schneegestöber draußen, und in dieser Stunde wird Gutzkow begraben. Ich habe die reuige Empfindung, daß ich gestern zu sehr dem Widrigen Ausdruck gegeben habe. Es war bei alledem etwas Mächtiges in ihm. Er war ein durch und durch moderner Mensch, er verstieg sich gern in die Romantik und in das Schrullenhafte. Nicht leicht hat ein Mensch mehr gestritten und gelitten mit sich und mit der Welt als er, und dem Ringenden und Kämpfenden gebührt doch die Ehre. Jetzt nach seinem Tode wird das Unleidliche und Unnatürliche abfallen, und Gutzkow tritt in die Reihe der wirkenden Geister deutscher Nation.

533. Ludmilla Assing an Feodor Wehl, Dezember 1878 Der arme Gutzkow! Auch mir hat sein Tod sehr leid gethan! Ich erkenne seine Begabung, und ich stelle ihn weit über die Modeschriftsteller Auerbach, Heyse, Freytag u. s. w., aber ich finde, daß er verbittert g ebo ren worden ist, und darin unterscheidet er sich von vielen Andern, die erst im Laufe ihres Schriftstellerthums mit den Jahren verbittert w o rd e n sind.

534. Wilhelm Raabe an Marie und Wilhelm Jensen, Braunschweig, 25. Dezember 1878 Den alten Gutzkow habe ich 1859 in Dresden kennen gelernt und drei Wochen lang sehr häufig mit ihm im Caféhaus zusammen gesessen. Kein Poet aber ein großer Schriftsteller! Ein Mann, dem man immer mit Erstaunen zusah, wie er sich im Schweiße seines Angesichts durch den Quark und Mist der Zeit ar-

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beitete. Ich bin überzeugt, im Geheimen kommt sich mancher der Lieblinge unseres Publikums selber recht klein [vor] gegen diesen ruhelosen, keuchenden, mit Allem was ihm in die Hände fiel bauenden Menschen!

535. Karl Braun-Wiesbaden [*1878] Ein so beliebter Dramatiker, ein so viel gelesener Romandichter, wie Gutzkow, würde in Frankreich mit Glücksgütern auf das Reichste überschüttet worden sein. Gutzkow ist ohne solche zu hinterlassen gestorben; und statt in der Gesellschaft zu glänzen, wozu er von Haus begabt war, hat er die Einsamkeit und Zurückgezogenheit gesucht und vielleicht suchen müssen, obgleich sein Verlangen nach Anerkennung und Aufmunterung groß war. Es lohnte wohl der Mühe, zu untersuchen, was daran schuld ist. Gewiß ist die eigenthümliche Organisation unseres Buchhandels, so ehrwürdig und human sie auch sein mag, einem raschen Blutumlaufe nicht günstig. Ein rascher Massenabsatz mit einander jagenden, immer billiger werdenden Auflagen, wie in England, ist da leider kaum möglich. Höchstens die „Quintessenz des Sozialismus“ und „Graf Bismarck und seine Leute“ haben sich solcher Erfolge zu freuen. Man lehrt unser Publikum nicht, Bücher zu kaufen. Auch ist es wohl an und für sich nicht sehr gelehrig. Man sieht die schmutzigsten Leihbibliothek-Exemplare in den reinsten und zartesten Händen; und auf Tausende von prunkenden Haushalts-, Buffet- und Waffen-Schränken kann man in Deutschland wohl kaum ei nen eleganten Bücherschrank rechnen. Das ist anders bei anderen Völkern, namentlich bei solchen, welche nicht selbst überzeugt genug sind, sich die „Nation der Denker“ zu nennen.

536. Hieronymus Lorm [*1879] Gutzkow lebte verhältnißmäßig armselig. Die Literatur war ihm eine Kirche und nicht ein Co m p t o i r, darum konnte er es nicht zu einem Redacteur bringen, der in seinen Einrichtungen mit der haute finance wetteifert, sondern blieb in der Armuth eines Mönchs stecken. Dazu rechne man seine politische Charaktertreue, durch welche dem Nachruf: „Ihn sch mü ckt e – kein Orden“, eine schmeichelhafte doppelsinnige Bedeutung gegeben wird, so hat man alle Ursache, Gutzkow’s Persönlichkeit in den Vordergrund der Apologien zu stellen, welche gesprochen werden, bevor ein Grab sich schließt, gleichsam um im Angesicht des Todes diesem noch ein Weiterleben abzutrotzen.

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537. Julius Rodenberg: Gedächtnißrede auf die verstorbenen Mitglieder der „Berliner Presse“ Georg Hiltl, A. E. Brachvogel und Karl Gutzkow. [*1879] Der Beruf des Dichters, wie Gutzkow ihn auffaßt, besteht nicht darin, daß er den schönen Schein cultivire, noch eine rauhe, manchmal rohe Wirklichkeit mit ihm verkläre; seine Welt ist nicht die Welt „im ewigen Sonntagsstaate“, die Welt der geputzten Schäfer und Schäferinnen, der Burgen und Capellen; seine Welt ist die moderne, zuweilen nüchterne, immer aber rationelle Welt, in der zu leben nun einmal unsere Bestimmung. Gegen die Romantik nicht minder, als gegen den Gedanken eines Epigonenthums wirft er sich auf; er verlangt Anerkennung einer neuen Zeit und eines neuen Geschlechtes auch in der Literatur und diese bedeutet ihm die Verkörperung des Geistes, aus welchem, wie er sagt: „Alles neugeboren werden muß“. […] In den Briefen Heine’s finden wir eine Stelle, wo dieser, auf den geringen Absatz von Gutzkow’s Büchern anspielend, sagt: „Lieber Campe! Wenn man kein Herz in der Brust hat, kann man nicht für die große Menge schreiben.“ Es ist wahr, daß Gutzkow’s Schriften weniger Verbreitung gefunden haben, als die manches Anderen, der an seine Bedeutung nicht heranreicht; aber nicht, weil seinen Schriften das Herz fehlt, sondern weil ihre geistige Fracht zu schwer ist für die Tragkraft seines dichterischen Vermögens. Hier in der That sehe ich den Defect in Gutzkow’s Schaffen; und ich gebe zu, daß aus der langen Reihe seiner Schriften nur einige leben werden um ihretwillen. Aber ich wage zu behaupten, daß sie alle leben werden um seinetwillen. Denn seine Persönlichkeit war so mächtig, sein Einfluß so groß, daß sein Name für die Literatur- und Geschichtsperiode, in der er gelebt hat, zu den repräsentativen gehören wird. Wer sich überzeugen will, ob Gutzkow die „große Menge“ zu bewegen verstand oder nicht: der gehe doch einmal in eine Vorstellung des „Uriel Acosta“, welchen jetzt eben unser Schauspielhaus in vollendeter Weise wieder aufgenommen hat; der sehe, wie die Menge mit angehaltenem Athem an dem Schicksal dieses Verkannten und Verfolgten hängt; wie sie mit ihm trauert und ihn beweint, als er dem kalten Fanatismus zum Opfer fällt. Gutzkow kein Herz! – Auch Immermann, wie wir hörten, hat das Gemüth an ihm vermißt; aber das eben war der tragische Zug in Gutzkow, daß der weiche Gemüthsmensch in ihm vereinigt war mit dem grübelnden Skeptiker, und wenn wir in der Figur des Uriel Acosta Etwas persönlich deuten dürfen, so ist es gerade dieses „Prinzip des Corrigirens und Rectificirens“, welches immer hintennach kommt. Gutzkow war ein Gewissensmensch; und ein solcher ist fast immer auch ein Märtyrer. Sein Loos war, sich verkannt zu glauben – und es vielleicht auch zu sein. Aber nicht unmännlich hat er es ertragen; noch ist er unaufrichtig vor sich ge-

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wesen. Wer seine „Rückblicke“ mit etwas mehr als flüchtiger Aufmerksamkeit liest, wird manch’ eine bittere Selbstanklage, manch’ ein „durch eigene Schuld“ darin finden. Mißtrauisch gegen Andre, war er mißtrauischer gegen sich; heftig, aber nicht ungenerös, eifersüchtig, höchst ehrgeizig, aber um Beifall nicht buhlend, und in seinem brennenden Verlangen nach Anerkennung weder seine Muse noch sich erniedrigend, eine stolze, keine hochmüthige Natur, und wenn mit vielen Schwächen behaftet, doch frei von der der Eitelkeit. […] Die zunehmende Kränklichkeit seines Alters steigerte seine Reizbarkeit; und in seiner Verstimmung ward er ungerecht, zuweilen auch gegen seine Freunde. Doch bis zuletzt blieb sein Auge hell für die Gebrechen, seine Seele warm für die großen Züge dieser neuen Zeit, an deren Herbeiführung er, an seinem Theile und auf seinem Gebiete, mitgearbeitet hat. Bei keinem jener unter einander sehr ungleicher Schriftsteller und Dichter welche die Literaturgeschichte sich gefällt unter dem Namen „das junge Deutschland“ zusammenzufassen, ist diese Tendenz mehr aus einer inneren Nöthigung hervorgegangen, von keinem mit höherem sittlichen Ernst verfolgt und mit größerer Consequenz festgehalten worden. Wie wenig war gerade He i n e berechtigt, an Laube zu schreiben: „wir müssen Das wahrhaft sein, was Herr Gutzkow nur scheinen will.“ Nein! über den Werth seiner einzelnen Werke mag man streiten; über den Werth des Mannes ist kein Streit. Er liebte sein Vaterland und sein Volk; er war ein uneigennütziger Freund der Freiheit, ein unerschrockener Vertheidiger des Rechts, ein scharfer Beobachter der Menschen und ein rücksichtsloser Richter ihres Thuns. Treu den Ueberzeugungen, welche mit dem Bewußtsein selber in ihm erwachten, ist jenes „Weben und Rauschen in den Luftströmungen einer neuen Zeit“, daß er frühe schon gespürt, sein Lebensathem gewesen; und jenes „Läuten einer unsichtbaren Kirche des freien Geistes“, das der Jüngling schon vernommen, erst verhallt über seinem Grabe.

538. Rudolf von Gottschall: Ein Wort am Grabe Karl Gutzkows. [*1879] Wir leben in einer Zeit der literarischen Moden: Gutzkow ist nie Mode gewesen, wie die kleinen artigen Talente, die man jetzt zu Classikern aufzubauschen sucht; immer rüstig voran im Kampfgewühle der Literatur, immer den alten Schlendrian, den Rückfall in die Romantik, die geistlose Lyrik der Miniaturpoeten, die akademischen Studien der Formtalente ohne jede Tiefe und Eigenart der Weltanschauung, den ästhetischen Schwulst der Krafttitanen bekämpfend, hat er mit seinen Kritiken eine Drachensaat ausgestreut, aus der ihm geharnischte Gegner erwuchsen.

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Seit jenen Zeiten, wo Wolfgang Menzel ihn dem Bundestage denuncirte und das moralische Verdammungsurtheil über ihn aussprach, bis zur gehässigen und oft boshaften „Grenzboten“-Kritik und den fortwährenden Angriffen der literarischen Gothaner, bis zu den Injurien, mit denen die Hebbelianer ihn überhäuften: welch eine Reihe der böswilligsten kritischen Angriffe, Herabsetzungen, Beleidigungen! Und dafür entschädigte ihn keine Huldigung, wie sie oft geringen Talenten zu Theil wurde; es giebt immer ein großes Publicum in Deutschland, welches mit Behagen zusieht, wenn ein Pustkuchen an Goethe’s Lorbeer zerrt, und welches gelegentlich den literarischen Gamins und Lotterbuben zujauchzt, wenn sie mit schnöden Geberden ein echtes und bewährtes Talent verhöhnen.

539. Levin Schücking [*1881] In der That ging die Art, wie man ihn behandelte und auch für seine wirklich großen und rühmlichen Schöpfungen oft statt der Anerkennung nur Verdammung hatte, über das so oft von ihm herausgeforderte Wiedervergeltungsrecht weit hinaus; und sein Unglück dem gegenüber war ein doppeltes. Er ist nie ein eigentlich populärer Schriftsteller gewesen, dem es möglich geworden, auf eine Schar, ein Heer zahlreicher Bewunderer und Verehrer gestützt, der Journalkritik trotzen zu können, etwa in der Art, wie es Roderich Benedix konnte, der, wenn seine biederen Dramen schlecht gemacht wurden, ganz vergnügt auf die Rechenschaftsberichte am Ende der Theaterjahre hinwies, wonach Roderich Benedix zweimal öfter als Shakespeare, dreimal öfter als Schiller und siebenmal öfter als Goethe aufgeführt war. Gutzkow wurde nicht von der Menge getragen, und während ihn dies ohne Rückhalt und Reserve ließ, zog er selbst in seine kritischen Fehden hinaus, ohne das aes triplex circa pectus, ohne die Rüstung, die jeder Kämpfer haben muß: die harte Haut eines public character. Er hatte die verletzliche Epidermis eines jungen Mädchens. Jeder Nadelstich schmerzte ihn. Und dann kam noch etwas hinzu, um ihn zu dem innerlich unglücklichsten Menschen von allen zu machen, mit denen ich je näher bekannt geworden bin. Er war glücksunfähig. Es lag nicht in seinem Charakter, zufrieden zu sein. Hätte das Leben ihn auf eine Höhe gestellt wie Papst Leo X., er würde sich geärgert haben über die Anmaßung seiner Cardinäle, über die Grobheit Michel Angelo’s und über den Lebenswandel Rafael’s. – Er ging ganz und völlig auf in den literarischen Interessen, in der Literatur, dahinter trat nach und nach auch seine politische Theilnahme völlig zurück. – Für die Kunst hatte er nie ein rechtes Organ gehabt; ein Freund, der mit ihm zusammen in Rom war, sprach sich gegen mich verwundert darüber aus, wie kalt

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ihn die Welt der alten Denkmale gelassen. So stets mit all’ seinem Dichten und Trachten inmitten des ewig gährenden Processes, des Ringens und Kämpfens der literarischen Entwickelung stehen bleibend, kam er nie zum ruhigen Genuß des Daseins, verstand er es nie, bei einer andersgearteten Thätigkeit, bei einer verschiedenen Bethätigung menschlichen Beschäftigungstriebes – und wenn auch nur als Sammler, als Thier- oder Blumenfreund, oder auch nur als guter Gesellschafter hinter der Flasche – sich zu erholen und alle Misère zu vergessen; und in der Weise, wie er sich mit dieser Misère herumschlug, lag ein Zug von Kleinlichkeit, während sein Hauptjammer doch der war, daß durch unsere Literatur nicht mehr ein großer Zug gehe. Er wäre unser größter, scharfäugigster Kritiker gewesen, wenn er verstanden hätte, auch lebende Zeitgenossen anzuerkennen. Das aber ging wider sein Naturell – aus seinen Gesprächen erinnere ich mich nur, daß er mit großem Wohlwollen und Achtung von Leopold Kompert sprach; auch von Karl Frenzel – ferner von Rehfues, dessen „Scipio Cicala“ ihm aus der Jugendlectüre als ein gutes Buch vorschwebte; hätte er es einmal wieder gelesen, würde es ihm doch wohl ein wenig hölzern vorgekommen sein. Aber ernst und grundehrlich hat er es mit der Literatur gemeint, und Niemand hat jemals mehr als er den Muth seiner Meinung besessen: den Muth der aufrichtigen Meinung, daß so ziemlich Alles, was seine Zeitgenossen hervorbrachten, nicht viel werth sei und unnütz vor dem Herrn. In einem fast komischen Gegensatz dazu stand wieder sein Zorn, daß die zunftgerechte Literaturgeschichte mit Goethe und seiner Zeit abschließe. Was aber seine eigenen Schöpfungen angeht, die Macht und Größe seiner Gestaltungskraft und den sprudelnden Reichthum seines Geistes, so hat man ja längst begonnen, ihnen gerechter zu werden, und die Nachwelt wird es noch mehr werden; seine Urtheile über viele seiner Zeitgenossen werden vielleicht einst eine Ratificirung finden, welche man ihnen heute noch nicht gewährt. Und jetzt, wo er todt ist und auf so erschütternde Weise aus dem Leben geschieden, freue ich mich, in Beziehung auf ihn ebenfalls stets den Muth meiner Meinung gehabt zu haben, die seine größeren Arbeiten hoch stellte und dies, wo sich Gelegenheit dazu bot, aussprach.

540. Heinrich Laube [*1883] Sein Fleiß und seine Kraft der Hervorbringung waren auch ganz erstaunlich. Er hat so viel geschrieben, daß wir, seine Fachgenossen, ihm nicht überallhin haben folgen, nicht Alles haben lesen können. Während ich in der Paulskirche saß, reichte mir ein Abgeordneter eine Broschüre von Gutzkow, die gar nicht

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bekannt geworden ist. Sie wurde vom damaligen Sturme verweht. Sie hieß: „Deutschland am Vorabende seines Falles und seiner Größe“. Sie paßte für keine der herrschenden Parteien und fiel selbst in der Paulskirche zu Boden. Er suchte auch in der Politik immer besondere Seitenpfade. Als aber die Reaction ausgebrochen, da wendete er sich mit gutem Erfolge dem politischen Romane zu. Ein Zeugniß seiner starken Fähigkeit für jede literarische Form und für ein actuelles Bedürfniß seiner Zeit waren seine „Ritter vom Geiste“, welche er damals brachte. Sie sind nicht von so geschlossener, mächtiger Gestalt wie sein „Acosta“, aber sie sind in Romanform dasjenige von ihm, was allgemeine Theilnahme gefunden. Von diesem Buche wol vorzugsweise und von seiner philosophischen Bildung überhaupt datirt sich eine kleine Gemeinde kritischer Schriftsteller, welche ihm eine ausschließliche Verehrung widmet als dem geistvollsten Denker in unserer neuesten schönen Literatur. Seine folgenden Romane, wie „Hohenschwangau“, ermangelten der Klarheit, ermangelten der Knochen, welche eine Roman-Composition braucht. Er schien dies einzusehen und überraschte im „Zauberer von Rom“ mit einem nicht nur reich vorbereiteten, sondern auch mit einem fest angelegten Romangebäude. Leider vergab er inmitten des Baues so viel von den Schlußsteinen, daß die Spannung verloren ging und dadurch der Antheil an der Ausführung erlahmte, ja verschwand. Dazu kam noch, daß sein Styl immer mehr in Verfall gerieth. Er war theoretisch genau unterrichtet über die Bedingungen eines guten Styls und hat darüber öfters eingehende Erörterungen gebracht. Aber die Bedingungen sind ihm selbst nach und nach entschlüpft. Vielleicht weil er zu viel schreiben mußte und weil seine durch Ueberanstrengung ermatteten Lebensgeister den leichten Fluß versagten. Er gerieth in eine schwülstige Ueberhäufung der Sätze, welche die Lectüre arg erschwerten, selbst da, wo frisch satirische Gedanken den Stoff belebten wie im „Longinus“, welcher den irrthümlichen Hebbel-Cultus geißelte. […] Der so reichlich begabte Gutzkow war ein Mann, welchem das Glück versagt blieb. Sein ununterbrochen drängendes Streben ließ keine Ruhe zu, ließ kein Behagen aufkommen. Und Behagen ist Glück. Auch wenn ihm viel gelang, er war nicht im Stande, des Gelingens froh zu werden und es zu genießen. Auch dann war er unruhig weiter gedrängt und weiter. War es zu verwundern, daß er verstimmt wurde, wenn er rings um sich geringe Talente sah, welche sich ihrer kleinen Thaten zuversichtlich freuten? Diese Verstimmung äußerte er herb und wurde dadurch in Streitigkeiten verwickelt, welche neuen Ärger brachten und –

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9. Nachklänge, Rückblicke

ihn vereinsamten. Welch ein gehetztes Leben! Und dabei die Nothdurft immer nahe, immer näher und zum Erwerb peitschend! Und dies Alles neben Gesättigten ohne Verdienst, die gar keine Anstrengung zu machen brauchten. Ach, mußte er endlich sagen, hinaus aus dieser unergiebigen Welt!

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Im Anhang verwendete Abkürzungen Anm. AW

= Anmerkung. = Karl Gutzkows ausgewählte Werke in zwölf Bänden. Hg. von Heinrich Hubert Houben. Leipzig: Hesse, [1908]. G = Gutzkow (Gs = Gutzkows). Pseud. = Pseudonym. Q = Quelle. Rasch = Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow. Bd. 1–2. Bielefeld: Aisthesis Verl., 1998. Genannt wird jeweils die in der Bibliographie für einen Text vergebene Kennziffer. Rückblicke = Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Hg. von Peter Hasubek. Münster: Oktober Verl., 2006. (Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Autobiographische Schriften. Bd. 2.) – Im Internet zugänglich unter: http://www.gutzkow.de. Schriften = Karl Ferdinand Gutzkow: Schriften. Bd. 1–2. Hg. von Adrian Hummel. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 1998. (Haidnische Alterthümer.) Slg. Gutzkow = Sammlung Gutzkow, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a.M. – Es handelt sich bei diesen Dokumenten aus der Signaturengruppe A.2.I (Briefe von, an und über Gutzkow 1818–1879) überwiegend um Abschriften von Heinrich Hubert Houben. TfD = Telegraph für Deutschland. Hamburg. 1838–1843. UahH = Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. 1852–1862. u.d.T. = unter dem Titel.

Quellenverzeichnis und Anmerkungen

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Quellenverzeichnis und Anmerkungen 1. Q: Johannes Proelß: Aus Karl Gutzkow’s Lebensjahren. [Nach Mitteilungen eines Schulfreundes Gutzkows, des Justizrats Adolf Licht in Potsdam.] In: Tägliche Rundschau. Berlin. Nr. 175, 31. 07. 1883, S. 698. Prof. Zimmermann] Christian Gottlieb Zimmermann (1766–1841), Mathematiker, seit 1794 am Friedrichs-Werderschen Gymnasium, 1820–1827 Direktor der Schule. quo usque tandem] Ciceros erste Rede gegen Catilina beginnt mit der rhetorischen Frage: „Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“, (lat.) „Wie lange noch, Catilina, wirst Du unsere Geduld mißbrauchen?“ evasit, erupit] In der zweiten Rede Ciceros gegen Catilina heißt es „abiit excessit, evasit erupit“ (Ciceros ausgewählte Reden. Erklärt von Karl Halm. 3. Bd. 3. Aufl. Berlin: Weidmann, 1856, S. 51.), (lat.) „er ist gegangen, entkam, ist davon gestürmt, ist ausgebrochen“, oft zitiertes Beispiel für den rhetorischen Terminus einer Klimax. 2. Q: G. S[chlemüller]: Jugend-Erinnerungen an Carl Gutzkow. In: Sonntags-Beilage zur Vossischen Zeitung. Berlin. Nr. 17, 27. 04. 1879. Kanzler’s Leitung] Theodor Kanzler (1779–1845), seit 1812 Lehrer am FriedrichsWerderschen Gymnasium. Prof. Dr. Ribbeck] August Ferdinand Ribbeck (1792–1847), Altphilologe und Theologe, von 1828 bis Ende 1837 Direktor des Friedrichs-Werderschen Gymnasiums. G schildert ihn ausführlich in Aus der Knabenzeit (AW, Bd. 10, S. 208–211). 3. Q: Wie Nr. 1, S. 699. poeta carminis ingeniosi] (lat.) Dichter des kunstfertigen Gedichtes. 4. Q: Wie Nr. 1, S. 699. eine erste Novelle] Aus dem Tagebuche und Leben eines Subrektors erschien 1829 in der Berliner Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit (Rasch 3.29.10.13). Hermann Böttcher, der nach anderer] Hermann Böttcher spielte besonders bei der Politisierung Gs eine wichtige Rolle (vgl. AW, Bd. 10, S. 229). Bernhard Ulrici] Bernhard Ulrici, jüngerer Bruder von Hermann Ulrici (1806–1884), der 1834 Philosophieprofessor in Halle wurde (vgl. auch Anm. zu Nr. 50). der junge von Kamptz] Möglicherweise handelt es sich um Ludwig von Kamptz (1810–1884), der später als preußischer Beamter hohe Ämter bekleidete. Sein Vater Karl Albert Freiherr von Kamptz (1769–1849), Direktor im preußischen Polizeiministerium, Mitglied des Staatsrats und der Ministerialkommission gegen demagogische Umtriebe, 1832 preußischer Justizminister, war eine zentrale Figur der Restaurationszeit und federführend bei der Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse. Akribisch organisierte er die Verfolgung von Burschenschaften, Patrioten und Liberalen, und war besonders der studentischen Opposition nach 1815 verhaßt. Kamptz galt als belesen und begeisterte sich für Ausgaben klassischer Autoren des Altertums, eine Vorliebe, die er mit G teilte, von dessen Wissen und Intellekt Kamptz tief beeindruckt war. Er förderte G noch bis zum Ende seiner Studienzeit in vielfältiger Weise. Über seine Beziehung zu

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Kamptz vgl. Gs Erinnerungen Das Kastanienwäldchen in Berlin (Schriften, Bd. 2, S. 1797–1803). 5. Q: Wie Nr. 1, S. 699. „Cur Periclis aetas Graeca aurea nominabatur“] (lat.) „Warum das Zeitalter des Pericles das goldene griechische genannt wurde“. 6. Q: Wie Nr. 2. „qui fiat […] repraesentent?“] (lat.) „wie es geschehe, daß, obwohl sich viele mit der Lektüre der alten Schriftsteller beschäftigen, trotzdem nur überaus wenige die Würde und die Vortrefflichkeit jener in Sprechweise oder Charakter vergegenwärtigen?“ „probatae […] incitamento,“] (lat.) „von den Lehrern als Beispiel trefflicher Sorgfalt und als Anreiz für zukünftiges Lob“. einen Boeckh, der Joachimsthaler] Der Sohn des Altertumsforschers und Altphilologen August Boeckh (1785–1867) starb schon 1840. G erwähnt seinen Tod im TfD, 1840, S. 831: „Er hatte Philosophie studirt, war ein treues, braves Gemüth und wurde von dem süßen Schlendrian des Burschenlebens leider nur allzulange eingewiegt.“ Boeckh war Absolvent des Joachimthalschen Gymnasiums in Berlin. 7. Q: Johannes Proelß: Karl Gutzkow als Berliner Student. Ein Abschnitt seiner Biographie. [Darin: Erinnerungen von G. Schlemüller, nacherzählt von Johannes Proelß.] In: Die Literatur. Berlin. Heft 1, Januar 1880, S. 57–58. Chambeau] Paul Karl (Charles) Chambeau (1809–1889); er bestand 1834 das Oberlehrerexamen und wurde 1840 Lehrer am Französischen Gymnasium, wo er bis zu seiner Pensionierung 1874 unterrichtete. Hegel] Karl Hegel (1813–1901, seit 1891 Ritter von), Professor der Geschichte in Rostock und Erlangen, Sohn von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er war fleißiger Hörer der Vorlesungen seines Vaters. In seinen Lebenserinnerungen erwähnt er nur beiläufig seine Teilnahme an der ›Societas bibatoria‹: „Einigemal brachte mich ein Schulfreund in eine Berliner Weißbierkneipe, wo sich eine kleine Zahl von Studierenden in einer geheimen Verbindung zusammenfanden; es ist mir davon die Erinnerung geblieben, daß ich Gutzkow kennen lernte, wie er auf den Tisch stieg und eine feurige Freiheitsrede hielt; er studierte Philosophie und Theologie, sah blaß und früh gealtert aus und begann bereits zu schriftstellern.“ (Karl Hegel: Leben und Erinnerungen. Leipzig: Hirzel, 1900. S. 17.) das Binzer’sche] August von Binzer (1793–1868), Mitglied der Jenaer Urburschenschaft, schrieb das Lied 1819; es spielt auf die Unterdrückung der Burschenschaften und die beginnende Demagogenverfolgung an. Die Verse „Das Band ist zerschnitten / war Schwarz, Rot und Gold“ durften vor 1848 nicht gedruckt werden, da die Erwähnung der deutschen Farben als Symbol deutscher Einheit verboten war. G schildert die Wirkung des Liedes in den Rückblicken, S. 43–44. der „Landesvater“] Der Landesvater, ein Studentenlied und burschenschaftliches Verbrüderungsritual, bei dem während des Gesangs die Mützen durchbohrt und auf einen Schläger geschoben werden; das Hoch auf den Landesvater brachten die Studenten nicht auf den verhaßten König Friedrich Wilhelm III. aus, sondern auf das deutsche Vaterland. Vgl. Rückblicke, S. 43. „Lebe, liebe, trinke, scherze!“] Es lautet richtig: „Lebe, liebe, trinke, schwärme / und bekränze Dich mit mir. / Härme Dich, wenn ich mich härme / und sei wieder froh bei mir.“ ([Moritz] Schauenburgs Allgemeines Deutsches Kommersbuch. Ursprüngl. hg. unter musikal. Red. von Friedrich Silcher u. Friedrich Erk. 71.–74. Aufl. Lahr: Schauenburg, [1905]. S. 534.)

Quellenverzeichnis und Anmerkungen

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8. Q: Wie Nr. 2. „verso Schedulam […] Berolinensis“] (lat.) „ich wende den Zettel und es findet sich

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der Name Karl Ferdinand Gutzkow, Berlin“. Die Vorlage hat „vatudo“ statt „verso“, offenbar ein Druckfehler. Q: Aus den Tagebüchern von Heinrich Brockhaus. In fünf Theilen. Als Handschrift gedruckt. 1. Theil. Leipzig: Brockhaus, 1884. S. 172. ein Aufsatz] In Nr. 2 des Forums der Journal-Literatur vom 11. Juli 1831 (Rasch 3.31.07.11.2). Q: Heinrich Heine. Säkularausgabe. Bd. 24. Briefe an Heine. 1823–1836. Bearbeiter Renate Francke. Berlin: Akademie Verl.; Paris: Editions du CNRS, 1974. S. 129. Q: Ludwig Börne: Briefe aus Paris. 1832–1833. 5. Theil. Paris: Brunet, 1834. S. 12–13. ein besserer Kopfgänger als Sie] Die Erstausgabe und frühen Drucke haben alle „Kopfhänger“; hier berichtigt nach: Börnes Werke. Histor.-krit. Ausg. in zwölf Bänden, hg. von Ludwig Geiger. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart: Bong, [1913]. Bd. 7, S. 135. Q: Berliner Don Quixote. Berlin. Nr. 89, 11. 06. 1833. Q: Heinrich Laube: Erinnerungen. XVI. In: Neue Freie Presse. Wien. Nr. 1929, 12. 01. 1870, S. 1–2. Q: Karl Glossy: Literarische Geheimberichte aus dem Vormärz. 1. Teil: 1833 bis inkl. 1842. In: Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft. Hg. von Karl Glossy. 22. Jg. Wien: Konegen, 1912. S. 1–2. Q: H[einrich] H[ubert] Houben: Jungdeutscher Sturm und Drang. Ergebnisse u. Studien. Leipzig: Brockhaus, 1911. S. 358–359. Gustav Schlesier] Gustav Schlesier (geb. 1810, gest. nach 1854), Journalist, Kritiker, Mitarbeiter und stellvertretender Redakteur der Zeitung für die elegante Welt, Freund Laubes. Er wurde der jungdeutschen Bewegung zugerechnet, wechselte aber später ins konservative Lager und stand – offenbar auch als Agent – zeitweilig in preußischen Diensten. Axfeldt] Lion Alexander Axenfeld, jüdischer Kaufmann aus Leipzig, Freund Laubes. Er begleitete Gutzkow und Laube und streckte zum Teil das Reisegeld vor. die Novelle] Gemeint ist Laubes Das junge Europa (Leipzig: Wigand, 1833), später erschienen u.d.T. Die Poeten. Q: Wie Nr. 13, S. 2. wie Zumpt] Karl Gottlob Zumpt (1792–1849), Altphilologe, Verfasser einer weit verbreiteten lateinischen Grammatik, war von 1812 bis 1821 Lehrer am Friedrichs-Werderschen Gymnasium. Magister Röller’s] Gottfried-Günther Röller (1783–1869), Laubes Lateinlehrer am Glogauer Gymnasium. Er war auch als Schriftsteller tätig. Q: Heinrich Laube: Erinnerungen. XVIII. In: Neue Freie Presse. Wien. Nr. 1940, 23. 01. 1870, S. 1. Q: Wie Nr. 10, S. 234. umsonst bearbeitet] Laube hatte versucht, Gs Trennung von Menzel und dessen Literatur-Blatt zu betreiben. Q: Heinrich Laube: Erinnerungen. VIII. In: Neue Freie Presse. Wien. Nr. 6680, 03. 04. 1883, S. 2. Winter 1833] Von Januar bis Anfang März 1834. nie einen schriftlichen Beitrag] Laube irrt, denn im Jg. 1834 der Zeitung für die elegante Welt erschien von G die umfangreiche Skizze Julius Max Schottky, Professor (Rasch 3.34.02.07).

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20. Q: Heinrich Laube: Das Burgtheater. Ein Beitrag zur Deutschen Theater-Geschichte. Leipzig: Weber, 1868. S. 337. 21. Q: Wie Nr. 10, S. 270. Simon] Dr. Friedrich Alexander Simon, Facharzt für venerische Krankheiten in Hamburg. G litt an einer verschleppten Geschlechtskrankheit (vgl. auch Nr. 28). Menzel bei den Ständen] Menzel war Abgeordneter im Württembergischen Landtag; G nahm ihm zu dieser Zeit einen Teil der Arbeiten für das Literatur-Blatt, Beilage des Morgenblatts für gebildete Stände, ab. 22. Q: Wienbarg über sich selbst. In: F[erdinand] Gustav Kühne: Portraits und Silhouetten. Theil 2. Hannover: Kius, 1843. S. 187. Verfasser der ästhetischen Feldzüge] Ludolf Wienbargs Aesthetische Feldzüge waren Ostern 1834 bei Hoffmann & Campe in Hamburg erschienen. Sie sind „dem jungen Deutschland gewidmet“. 23. Q: Berliner Figaro. Berlin. Nr. 284, 05. 12. 1834, S. 4. 24. Q: Wolfgang Menzel: Denkwürdigkeiten. Hg. von Konrad Menzel. Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing, 1877. S. 304. Das erste, was er drucken ließ] Menzel denkt hier an Gs Forum der Journal-Literatur (1831), dessen erstes Heft eine Apologie Menzels u.d.T. Wolfgang Menzel und die über ihn ergangenen Urtheile (Rasch 3.31.01.2) enthält. nach Stuttgart gekommen] Im Herbst 1834. 25. Q: Wie Nr. 19, S. 1–2. Mundt, ein glücklicher Ehemann] Mundt heiratete erst 1839. war er Professor] Mundt war kein Professor, hatte allerdings Anfang 1835 schon die Zulassung zur Habilitation als Privatdozent an der Berliner Universität erreicht. Kurz davor legte jedoch der damalige Rektor Heinrich Steffens sein Veto ein und ließ die Probevorlesung verschieben. Als Grund wurde Mundts im April 1835 erschienener Roman Madonna angeführt. Der Roman wurde im Mai verboten, Mundts angestrebte Universitätslaufbahn jäh beendet. Herr v. Tschoppe] Gustav Adolf von Tzschoppe (1794–1842), Geheimer Oberregierungsrat, Mitglied des Oberzensurkollegiums in Berlin, einer der einflußeichsten und umtriebigsten Verfolger der politischen Opposition in Preußen, rechte Hand des reaktionären preußischen Staats- und Polizeiministers Fürst Wittgenstein. 26. Q: Wie Nr. 22, S. 187–189. 27. Q: Wie Nr. 10, S. 289–290. Dort sagte er] Der Passus lautet: „Wolfgang Menzel schreibt keine Zeile, ohne zu denken, was wohl Paulus in Heidelberg dazu sagen werde“. (Karl Gutzkow: Novellen. Bd. 1. Hamburg: Hoffmann & Campe, 1834. S. IX–X.) Der Heidelberger Theologe und Rationalist Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761–1851) war ein Intimfeind Menzels. Metternich und Ancillon einsandte] Beide Arbeiten wurden in der Allgemeinen Zeitung nicht veröffentlicht. 28. Q: Wie Nr. 10, S. 298–299. Novellen 2 Bände […] Nero] Campe meint die zweibändige Ausgabe von Gs Soireen; die Tragödie Nero erschien bei Cotta, nicht bei Sauerländer. 29. Q: [Anon.:] Korrespondenz. Mannheim, im April. In: Frankfurter Konversationsblatt. Frankfurt a.M. Nr. 116, 27. 04. 1835, [S. 4]. 30. Q: Wie Nr. 9, S. 287. 31. Q: [Theodor Mügge:] Aus Berlin, im Mai 1835. In: Phönix. Frühlingszeitung für Deutschland. Frankfurt a.M. Nr. 118, 19. 05. 1835, S. 472.

Quellenverzeichnis und Anmerkungen

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32. Q: Georg Büchner: Briefwechsel. Kritische Studienausg. von Jan-Christoph Hauschild. Basel, Frankfurt a.M.: Stroemfeld (Roter Stern), 1994. S. 66–67. in seinem Namen] Gemeint ist Büchners Freund Wilhelm Baum. im Augenblick in Berlin] G war nicht nach Berlin gereist, weil er wegen des Erscheinens von Schleiermachers Vertrauten Briefen über die Lucinde fürchten mußte, hier verhaftet zu werden. aus meinem Drama im Phönix] Der Vorabdruck von Büchners Danton’s Tod erschien im Phönix vom 26. März bis zum 7. April 1835. 33. Q: Berthold Auerbach. Briefe an seinen Freund Jakob Auerbach. Ein biogr. Denkmal. Mit Vorbemerkungen von Friedrich Spielhagen u. dem Hg. [Jakob Auerbach]. Bd. 1. Frankfurt a.M.: Literar. Anst., 1884. S. 23. eine Recension] In seinem Beitrag Werke der Industrie (Rasch 3.35.06.13.1) hebt G Auerbachs Erstlingswerk Friedrich der Große, König von Preußen lobend hervor. Artikel über jüdische Theologie] Gs Beitrag Jüdische Theologie erschien im LiteraturBlatt zum Phönix am 5. Juni 1835 (Rasch 3.35.06.05.1). 34. Q: Wie Nr. 10, S. 320. Althings nachgel. Schriften] Unter dem Pseudonym Althing schrieb Christian August Fischer (1771–1829) einige als ‚schlüpfrig‘ geltende Werke. Exemplare seiner Hinterlassenen Schriften (2 Bde., Schleiz, 1827) wurden 1827 auf Antrag des protestantischen Verlegers Friedrich Perthes vom Börsenverein des deutschen Buchhandels in Leipzig öffentlich zerrissen. (Vgl. Clemens Theodor Perthes: Friedrich Perthes’ Leben nach dessen schriftlichen und mündlichen Mittheilungen. 6. Aufl. Gotha: Perthes, 1872. Bd. 3, S. 484.) 35. Q: August Lewald: Rheinreise. In: Ders.: Aquarelle aus dem Leben. Theil 1. Mannheim: Hoff, 1836. S. 234–239. seine Berliner Schulkameraden] Es ist unklar, wen Lewald damit meint. der bei Cotta erscheint] Der Roman erschien erst 1837 bei Hoffmann & Campe. 36. Q: Wie Nr. 32, S. 70. Mit meiner Uebersetzung] Büchner übersetzte im Rahmen von Victor Hugos Sämmtlichen Werken (Frankfurt a.M.: Sauerländer, 1835–42. 19 Bde.) zwei Dramen; sie erschienen noch 1835 im 6. Band der Ausgabe. Den Auftrag hatte G vermittelt, der sich im Interesse Sauerländers um Mitarbeiter und Übersetzer für die Ausgabe bemühte. Nach Gs Trennung vom Phönix und von Sauerländer übernahm der Gießener Schriftsteller Johann Valentin Adrian (1793–1864) die Ausgabe (vgl. auch Nr. 80). meinem Drama] Büchners Drama Danton’s Tod erschien erst um den 10. Juli 1835. 37. Q: [Anon.:] Stuttgart, 24. August. In: Frankfurter Konversationsblatt. Nr. 242, 01. 09. 1835. (Zitiert nach: H. H. Houben (Hg.): Zeitschriften des Jungen Deutschlands. Erster Teil. Berlin: Behr, 1906. Sp. 401.) eine neue Zeitschrift] Die Deutsche Revue; G war nach Stuttgart gekommen, um Cotta für den Verlag der Zeitschrift zu gewinnen. 38. Q: [Anon.:] Frankfurt, 2. Sept. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Nr. 249, 06. 09. 1835. (Zitiert nach H. H. Houben (Hg.): Zeitschriften des Jungen Deutschlands. Erster Teil. Berlin: Behr, 1906. Sp. 401.) 39. Q: Edgar Pierson (Hg.): Gustav Kühne, sein Lebensbild und Briefwechsel mit Zeitgenossen. Mit e. Vorw. von Wolfgang Kirchbach. Dresden u. Leipzig: Pierson, [1889]. S. 35. – Diesen Brief las mit großer Wahrscheinlichkeit auch die preußische Geheimpolizei mit, die sich dadurch in ihrem Wahn bestätigt fühlen konnte, es handele sich beim Jungen Deutschland um eine organisierte Gruppe.

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40. Q: Wolfgang Menzel: Wally, die Zweiflerin. Roman von Karl Gutzkow. In: LiteraturBlatt. Stuttgart u. Tübingen, Nr. 93, 11. 09. 1835, S. 369–372; Nr. 94, 14. 09. 1835, S. 373–375. „in tiefer innerer Seele verhaßt“] Zitat aus Goethes Faust (Erster Teil), wo Margarete sagt: „Der Mensch, den du da bei dir hast, / Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt“ (Vers 5431f.). Damit bemüht der fanatische Goethe-Gegner Menzel in seiner Polemik bemerkenswerter Weise den Weimarer Dichter höchstselbst. 41. Q: [Anon.:] Frankfurt a.M., 22. Sept. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Beilage. Nr. 269, 26. 09. 1835, S. 2149. 42. Q: Wie Nr. 9, S. 299. 43. Q: Heinrich Hubert Houben: Gutzkow-Funde. Beiträge zur Litteratur- und Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin: Wolff, 1901. S. 60–61. öffentlich zu erklären] Mundt meint wohl damit seine distanzierte, ja ablehnende Besprechung von Gs Wally, die Ende Oktober 1835 im Literarischen Zodiacus erschien. in seiner Broschüre gegen Menzel] In der Vertheidigung gegen Menzel und Berichtigung einiger Urtheile im Publikum (Mannheim: Löwenthal, 1835) erwähnt G Mundt nur an einer Stelle: „Verdient Heine, verdien’ ich, verdienen Wienbarg, Kühne, Laube und Mundt, der in seiner Madonna eine aus Casanova und Hegel’scher Philosophie gemischte Religion lehren soll, wie die Verläumder sagen, verdienen sie, daß die Gesellschaft mit Fingern auf sie zeige?“ (S. 38). Diese Bemerkung war Mundt höchst fatal; auch in einem Brief an Wolfgang Menzel vom 15. November 1835 zeigt er sich darüber entrüstet (vgl.: Briefe an Wolfgang Menzel. Wie Nr. 49, S. 213–214). 44. Q: Frankfurter Journal. Frankfurt a.M. Nr. 290, 21. 10. 1835. 45. Q: [Anon.:] Frankfurt, den 21 Oktbr. In: Schwäbischer Merkur. Stuttgart. Nr. 289, 23. 10. 1835, S. 1721. (Zitiert nach Wulf Wülfing: Junges Deutschland. Texte – Kontexte, Abbildungen, Kommentar. München, Wien: Hanser, 1978. S. 69.) Bürgersmädchen] Amalie Klönne, die G 1836 heiratete. 46. Q: Wie Nr. 10, S. 351–352. eine Entgegnung] Die Erklärung gegen Dr. Menzel in Stuttgart erschien in der Außerordentlichen Beilage zur Allgemeinen Zeitung am 19. September 1835. 47. Q: Wie Nr. 10, S. 354–355. meine schreckliche Stellung] Laube war im Juli 1834 in Berlin verhaftet worden, wo er zuerst wegen Preßvergehens, dann wegen früherer Teilnahme an einer Burschenschaft in Halle angeklagt wurde. Nach neun Monaten Untersuchungshaft durfte er am 20. März 1835 gegen Kaution das Gefängnis verlassen. Er zog nach Naumburg, wo sich ihm Ende 1835 die Möglichkeit bot, incognito die Redaktion der Mitternachtzeitung zu übernehmen. Seine Lebensperspektive blieb jedoch unberechenbar, eine erneute Inhaftierung war nicht auszuschließen. Erst am 5. Dezember 1836 wurde das Urteil gegen Laube gefällt, am 25. Januar 1837 dem Verurteilten mitgeteilt: Sieben Jahre Festungshaft, sechs für die Burschenschaft, eins für seine ‚verwerflichen‘ Schriften. Ein Gnadenerlaß erwirkte eine Verkürzung der Strafe auf anderthalb Jahre. 48. Q: Ludwig Börne: Sämtliche Schriften. Neu bearb. u. hg. von Inge u. Peter Rippmann. Bd. 5. Briefe II. Nachträge. Dreieich: Melzer, 1977. S. 766. In der Allg. Z.] In der Außerordentlichen Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 26. Oktober 1835 hatten Gutzkow und Wienbarg nach Menzels fortgesetzten Angriffen auf die geplante Deutsche Revue eine Erklärung erlassen, in der sie die Namen jener Persönlichkeiten veröffentlichten, von denen angeblich eine Zusage zur Mitarbeit an der Zeitschrift vorlag: „Börne, Heine, Laube, Mundt, Veit, Varnhagen von Ense, Grabbe,

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Spazier, König, Kottenkamp, Lewald, Kolloff, Zimmermann, Beurmann, G. Büchner und W. Schulz“, außerdem die Professoren „Gans, Hotho, Schwenck, Ulrici, Rosenkranz, Fortlage, Bobrik, Trendelenburg“. Die meisten der Genannten beeilten sich nach der einsetzenden Hexenjagd auf G, ihr Interesse an der Deutschen Revue oder Sympathien für das Junge Deutschland öffentlich zu leugnen. Q: Briefe an Wolfg