Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300): Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen 9783110255164, 9783110255157

The image of eating and drinking in the middle ages is mainly determined by vernacular poetry. However, it not only impa

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Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300): Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen
 9783110255164, 9783110255157

Table of contents :
Vorwort
Redaktionelle Hinweise
Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen
1 Causa operandi
1.1 Defizite vorliegender Darstellungen
1.2 Modus operandi
1.2.1 Zeitlicher und räumlicher Rahmen
1.2.2 Quellen und Vorüberlegungen zu ihrer Untersuchung
2 Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur
2.1 Mittelalterliche Erzählstoffe und ihre Tradition – wie weit wirkten die Vorlagen?
2.1.1 Chrétien von Troyes: ‚Erec et Enide‘/Hartmann von Aue: ‚Erec‘
2.1.1.1 Zur Quellenfrage
2.1.1.2 Vergleich der Texte Chrétiens und Hartmanns
2.1.2 Bilanz
2.2 Das Fest bei Hofe: herrscherliche Repräsentation und ihre Inszenierung
2.2.1 Heinrich von Veldeke und das Mainzer Hoffest von 1184
2.2.2 Zur Inszenierung eines Festmahls
2.2.3 Speisen und Getränke
2.2.4 Tischzuchten
Exkurs
2.2.5 Bruch der Regeln – verdorbene Stimmung und Katastrophen
2.2.6 Philologisches
2.3 Bilanz und Perspektive
3 Die Tafel im Bild
3.1 Komposition und ‚Programme‘ mittelalterlicher Tafelszenen
3.2 „der chunich ze tische giench“ – Tafeldarstellungen in illuminierten Epenhandschriften
3.3 Weitere zeitgenössische Darstellungen von Speiseszenen
3.4 Die Bildkunst des Hochmittelalters als Informationsträger
4 Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung
5 Das Leben in städtischen Siedlungen – ein Stiefkind literarischen Interesses
6 Essen und Trinken in kirchlichen Kreisen
6.1 Der ‚Weltklerus‘ und sein Speisen nach literarischen Quellen
6.2 Klösterliche Speisekultur
6.2.1 Was und wie aß und trank man im Kloster?
6.2.2 Ad fontes: die Regula Benedicti
6.2.3 Die Klosterküche des Hochmittelalters im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel
6.2.4 Signa loquendi: stumme Kommunikation in Refektorium und Küche
6.3 Diätetik
6.3.1 Ausgewählte Passagen aus Hildegards ‚Secretum‘-Übersetzung
7 Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel
7.1 Funde von Burgen und Herrensitzen
7.2 Reste von Tierknochen und Pflanzen aus städtischen Siedlungen
7.3 Funde von Tierknochen- und Pflanzenresten aus ländlichen Siedlungen
7.4 Tierknochen- und Pflanzenrestfunde aus klerikalen Siedlungskontexten
7.4.1 Das Herforder Damenstift und das Kanonissenstift Wetter als Beispiele für ‚weltgeistliche‘ Lebensbereiche
7.4.2 Tier- und Pflanzenrestfunde aus Kloster-Grabungen: Schaffhausen, Hirsau und Corvey
7.5 Ein vorläufiges Fazit
8 „daz muosen tiure näphe sîn“ – Tischgerät und Küchenutensilien
8.1 Keramik
8.2 Küchen- und Tafelgerät aus Holz
8.3 Glasgefäße
8.4 Metallenes Gerät
8.5 Sachkultur zwischen Mythos und Alltag
9 Zusammenfassung und Ausblick
10 Literaturverzeichnis
Anhang
I Ekkeharts von Sankt Gallen ‚Benedictiones ad mensas‘: ein Beispiel für moderne Irrtümer
I.1 Benedictiones ad mensas – lateinischer Text und Übersetzung
II Um Herd und Ofen: Die Küche als Ort
III Konservierung von Lebensmitteln
IV Nahrungsmittelproduktion
IV.1 Gartenfrüchte
IV.2 Honig
IV.3 Salz
V Hunger und Mangelernährung
VI Lebensmittelverfälschung
VII Hygiene
VIII Ernährungsbedingte Erkrankungen
VIII.1 Ergotismus
VIII.2 Folgen der Kontamination von Getreide
VIII.3 Parasitenbefall
VIII.4 Rachitis und Skorbut
VIII.5 Abrasion
Tabellen
Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen
Register
Personenregister
Register der literarischen und künstlerischen Werke
Sachregister

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Anne Schulz Essen und Trinken im Mittelalter (1000–1300)

Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Herausgegeben von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer

Band 74

De Gruyter

Anne Schulz

Essen und Trinken im Mittelalter (1000–1300) Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen

De Gruyter

IV

ISSN 1866-7678 ISBN 978-3-11-025515-7 e-ISBN 978-3-11-025516-4 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data Schulz, Anne. Essen und trinken im mittelalter (1000-1300) : literarische, kunsthistorische und archäologische quellen / Anne Schulz. p. cm. -- (Reallexikon der Germanischen altertumskunde - Ergänzungsbände ; v.74) Includes bibliographical references and index. ISBN 978-3-11-025515-7 (hardcover : alk. paper) 1. Food habits--Europe--History--To 1500. 2. Drinking customs--Europe--History--To 1500. 3. Food in literature. 4. Drinking in literature. 5. Civilization, Medieval. 6. Europe--Antiquities. I. Title. GT2853.E8S38 2011 394.1’2--dc22 2011013929

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar © 2011 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 10785 Berlin/Boston Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ÜGedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

Prof. Dr. Klaus Düwel zu seinem 75. und Prof. Dr. Hans-Georg Stephan zum 60. Geburtstag zugeeignet

Trinkszene aus den ,Carmina burana‘, um 1230

Vorwort

VII

Vorwort Bei diesem Band handelt es sich um eine geringfügig ergänzte und in Teilen neu gegliederte Fassung meiner von der Georg-August-Universität Göttingen angenommenen Dissertationsschrift. Thema und Ansatz der Arbeit harrten seit mehr als 25 Jahren der weiteren Verfolgung. Beides habe ich im Studium erstmals auf Möglichkeiten hin untersucht, Bisheriges zu hinterfragen und ggf. Neues zu entdecken. Denn bereits damals fiel auf, wie sehr sich kulturhistorische Darstellungen über ‚das Leben im Mittelalter‘ – auch über das Essen und Trinken – dann, wenn andere schriftliche Quellen fehlen, vor allem auf die frühe volkssprachliche Dichtung stützen. Dies gilt im mittelhoch- bzw. mittelniederdeutschen Sprachraum besonders für die Zeit vor 1300, so in den bis heute viel zitierten Arbeiten von Moriz Heyne (1901), Alwin Schultz (1889 und 1903) oder Willi Pieth (1909). Auch jüngere Arbeiten wie etwa die von Renate Roos (1975) beleuchten insbesondere die höfische Dichtung des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts, ohne vertiefend der Frage nachzugehen, ob und in wiefern sie frühere Verhältnisse widerzuspiegeln vermögen. Überlieferungsbedingt prägt damit vor allem die höfische Sphäre auch neuere kulturhistorische – und vor allem verbreitete populärwissenschaftliche – Betrachtungen. Sie ist jedoch zum einen durch ein Interesse nach Selbstdarstellung und Inszenierung gekennzeichnet, zum andern eröffnet sie, wenn überhaupt, Einblicke in außerhöfische Welten lediglich aus der Perspektive des hohen Adels und des literaten hohen Klerus, damit einer sehr kleinen Gruppe der hochmittelalterlichen Gesellschaft. Es reizte daher der Versuch, auch andere Lebenssphären des Hochmittelalters in den Blick zu nehmen. Für eine solche Untersuchung war ein erweiterter Ansatz zu verfolgen, der über die bis dahin im Schwerpunkt betrachteten poetischen und chronikalischen Zeugnisse – und damit auch über fachlich definierte Grenzen – hinausweist. Beigezogen wurden zum einen Erkenntnisse der Archäologie des Mittelalters. Denn archäologisch erschlossene Funde vermögen oft bisherige Bilder dort zu ergänzen, teils auch zu korrigieren, zuweilen ein Bild erst entstehen zu lassen, wo schriftliche Quellen ungenau bleiben oder sogar ganz schweigen. Für den hier interessierenden Zeitraum liegen überdies Grabungsergebnisse von Burgen und Herrensitzen, aus städtischen und eini-

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Vorwort

gen dörflichen Siedlungen sowie aus Klosteranlagen in mittlerweile beachtlichem Umfang vor, besonders in Form von Tierknochen- und Pflanzenresten, daneben auch mit Tafel- und Küchengerät. Da zudem die meisten kulturhistorischen Abhandlungen Bildmaterial bieten, das aus dem Spätmittelalter stammt, sollte der hochmittelalterlichen schriftlichen Quellen entweder direkt entstammende, verbundene oder etwa zeitgleiche Bestand an Illuminationen gesichtet und in die vergleichende Betrachtung integriert werden. Nur so war eine synchrone Zusammenschau der Verhältnisse in einem definierten ‚Zeitfenster‘ möglich, die noch in jüngeren kulturhistorischen Arbeiten oft vernachlässigt wird. Bereits im Rahmen der früheren Untersuchung zeigte sich, dass der gewählte Ansatz dazu führte, manche gängige Vorstellung – etwa die von ‚mittelalterlichen Rittermählern‘ – infrage zu stellen. Ein transdisziplinärer Ansatz zum Thema wurde während des seitdem vergangenen Vierteljahrhunderts von verschiedenen Disziplinen aus zwar öfter angeregt, insbesondere in Deutschland jedoch nur selten tiefer reichend verfolgt. Daher schien es reizvoll, Thema und Ansatz – auf einer erweiterten Quellenbasis und auf der Grundlage aktueller Erkenntnisse – erneut aufzugreifen. Eine Bestandsaufnahme zum Thema (allein) aus archäologischer Perspektive hätte sich durchaus in das erste nachchristliche Jahrtausend – und noch weiter zurück – ausweiten lassen. Dies hätte insbesondere die Zeitspanne, die das ‚Reallexikon der Germanischen Altertumskunde‘ repräsentiert, eingehender erfasst. Für eine zeitliche Begrenzung des Untersuchungszeitraums etwa von der Jahrtausendwende bis 1300 sprachen jedoch verschiedene Gründe. Zum einen, dass im Rahmen der fächerübergreifenden Betrachtung kunstgeschichtliche Quellen beigezogen werden sollten. Hier setzen etwa mitteleuropäische Handschriftenilluminationen, insbesondere mit Tafelszenen, erst ab dem 11. Jahrhundert ein. Auch (früh-)mittelhochdeutsche Sprachzeugnisse, die unser Thema berühren, werden erst mit aus dem 11. Jahrhundert stammenden Texten greifbar. Sollten also insbesondere volkssprachliche literarische sowie künstlerische Altertümer und archäologische Quellen, die manchmal lediglich auf ein- bis zwei Jahrhunderte genauer datierbar sind, neben- und übereinander gelegt und beleuchtet werden, bot sich die Jahrtausendwende als zeitlich untere Grenzmarke an. Die in einem historischen Prozess ebenfalls kaum belastbar fixierbare Jahreszahl ‚1300‘ wurde als obere Begrenzung gewählt, weil sich die schriftliche wie bildliche Quellenlage zu unserem Thema besonders im deutschen Sprachraum ab dem 14. Jahrhundert erheblich verbesserte, damit teils auch deutlich veränderte. Viele kulturhistorische Darstellungen beziehen sich, wenn sie über ‚das Mittelalter‘ handeln, besonders auf diese spätmittelalterlichen Belege, deren Aussagen oft – und zumeist ebenso ungeprüft wie un-

Vorwort

IX

kommentiert – analog auf weit frühere Zeiten rückprojiziert werden. Dies galt es zu vermeiden. Nur so kann sich nämlich herausstellen, ob und ggf. wie sich das ‚Essen und Trinken‘ im Hoch- und im Spätmittelalter unterschieden. Für den geographischen Raum, der in etwa durch die Grenzen des damaligen Deutschen Reiches gefasst wird, lässt sich demnach eine Bestandsaufnahme zum Thema ‚Essen und Trinken‘, die auf dem gewählten Vergleich von Quellen aus unterschiedlichen Disziplinen aufbaut, vor der ersten Jahrtausendwende nicht leisten. Die Herausgeber des ‚Reallexikons der Germanischen Altertumskunde‘ und ihrer Ergänzungsbände waren daher im vorliegenden Fall dankenswerterweise bereit, das Thema und insbesondere seine transdisziplinäre Untersuchung höher zu gewichten als den im Rahmen der wissenschaftlichen Reihe eher späten Zeitraum seiner Betrachtung. Dass dieser Band zustande kommen konnte, ist weiteren glücklichen Umständen zu verdanken. Hervorheben möchte ich die sehr aufmerksame und zugewandte Betreuung, die mein Anliegen und der Fortgang meiner Arbeit durch Prof. Dr. Klaus Düwel (Göttingen) und Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (Halle) erfuhren. Über Jahre haben sie motiviert, auch diskutiert, Anregungen gegeben und Kontakte hergestellt, weit über das erwartbare Maß hinaus. Beide haben mir stets die Zuversicht vermittelt, dass die Bearbeitung des breit angelegten Arbeitsfeldes lohnend und auch realisierbar sei. Dafür und auch für das in mich gesetzte Vertrauen möchte ich beiden herzlich danken. Eine wichtige Rolle spielten daneben Dr. Rüdiger Huth und insbesondere Stefan Schäfer, im Zeitraum der Entstehung dieser Arbeit meine dienstlichen Vorgesetzten. Sie nahmen am Fortgang der Dinge, die inhaltlich von unseren beruflichen Belangen so weit entfernt liegen, großen Anteil, zeigten Interesse und Geduld, wenn es um Bibliotheksbesuche, die Teilnahme an Doktorandenkolloquien oder darum ging, im Gespräch Planungen und Reflexives zu dieser Arbeit zu erörtern. Dafür, dass sie mir stets Mut machten und oft auch erst ermöglichten, das Promotionsvorhaben weiter zu verfolgen und schließlich zu einem Ende zu bringen, schulde ich aufrichtigen Dank. Auf Anregungen, Hinweise und Unterstützung ist man während eines solchen Vorhabens vielfach angewiesen. Ein Anspruch darauf besteht jedoch nicht. Daher habe ich mich sehr über die Hinweise gefreut, die Dr. Monika Doll zu jüngeren Tierknochenfunden aus dem Mittelalter beisteuerte. Für die Gewährung mancher Sonderleistungen bin ich der Staatsbibliothek Berlin-Preußischer Kulturbesitz, der Bibliothek der HelmutSchmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg sowie der

X

Vorwort

Bibliothek der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation sehr verbunden. Auch, dass Wolfgang Hampe im Dekanat der Philosophischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen stets ansprechbar war und hilfreich wirkte, verdient, hier erwähnt zu werden. Dem Verlag de Gruyter ist für die engagierte Betreuung unter Leitung von Frau Dr. Gertrud Grünkorn Dank zu sagen, ebenso für das Interesse und die Entscheidung der Herausgeber, diese Arbeit in ihr Publikationsprogramm aufzunehmen. Große Anerkennung gebührt dem Verlag auch für den Aufwand, dessen es bedurfte, um ein umfängliches Manuskriptpaket in eine handliche Buchform zu überführen. So wenig selbstverständlich wie diese Hilfen waren das Verständnis und die Geduld, die mir im privaten Umfeld entgegengebracht wurden. Belastbare Grundlagen des Zutrauens und Willens, die erforderlich sind, um ein solches Unterfangen zu beginnen und es auch abzuschließen, wurden durch PD Dr. Manuel Schulz gefördert. Dr. Klaus Schulze begleitete den Fortgang der Arbeit mit gleichbleibend hoher Aufmerksamkeit und hilfreichen Anregungen, Dr. Thomas Richter unterzog sich der Mühe, das erste Manuskript kritisch durchzusehen. Die persönliche Anteilnahme, die Dr. Hansjoachim Mauch, Antje Riddering und Sabine Kohls dem Promotionsvorhaben über Jahre hinweg entgegenbrachten, war und ist für mich von großem Wert. Ohne die stete Aufmerksamkeit und Unterstützung, die mir meine Familie zukommen ließen, hätte das Projekt kaum zu einem guten Abschluss finden können. Herzlich dankbar bin ich Paul-Gerd Jürging, nicht nur für seine Übersetzungshilfen aus dem Lateinischen, meiner Mutter insbesondere für ihre Nachsicht mit so vielen, am Schreibtisch verbrachten Wochenenden und Urlaubszeiten sowie – last but not least – meiner Schwester Birgit Dechow. Sie stand mir über alle Höhen und Tiefen der Jahre jederzeit mit unerschütterlicher Solidarität bei. Berlin, im Januar 2011

Anne Schulz

XI

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII Redaktionelle Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . XVII 1 Causa operandi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 1.2 1.2.1 1.2.2

Defizite vorliegender Darstellungen . . . . . . . . . Modus operandi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitlicher und räumlicher Rahmen . . . . . . . . . . Quellen und Vorüberlegungen zu ihrer Untersuchung

. . . .

1

. . . .

5 15 15 21

2 Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur . .

27

2.1

Mittelalterliche Erzählstoffe und ihre Tradition – wie weit wirkten die Vorlagen? . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1 Chrétien von Troyes: ‚Erec et Enide‘/ Hartmann von Aue: ‚Erec‘ . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1.1 Zur Quellenfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1.2 Vergleich der Texte Chrétiens und Hartmanns . . . . . . 2.1.2 Bilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2 Das Fest bei Hofe: herrscherliche Repräsentation und ihre Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1 Heinrich von Veldeke und das Mainzer Hoffest von 1184 2.2.2 Zur Inszenierung eines Festmahls . . . . . . . . . . . . . 2.2.3 Speisen und Getränke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.4 Tischzuchten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.5 Bruch der Regeln – verdorbene Stimmung und Katastrophen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.6 Philologisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Bilanz und Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . .

27 28 28 29 42 45 46 64 82 112 125 132 145 155

3 Die Tafel im Bild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 3.1

Komposition und ‚Programme‘ mittelalterlicher Tafelszenen . . . . . . . . . . . . . . . 167

XII 3.2 3.3 3.4

Inhaltsverzeichnis

„der chunich ze tische giench“ – Tafeldarstellungen in illuminierten Epenhandschriften Weitere zeitgenössische Darstellungen von Speiseszenen Die Bildkunst des Hochmittelalters als Informationsträger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

186 216 242

4 Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung . . . . . . .

247

5 Das Leben in städtischen Siedlungen – ein Stiefkind literarischen Interesses . . . . . . . . . . . . . . .

271

6 Essen und Trinken in kirchlichen Kreisen . . . . . . . . . . . .

293

6.1 6.2 6.2.1 6.2.2 6.2.3 6.2.4 6.3 6.3.1

Der ‚Weltklerus‘ und sein Speisen nach literarischen Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klösterliche Speisekultur . . . . . . . . . . . . . . . . . Was und wie aß und trank man im Kloster? . . . . . . . Ad fontes: die Regula Benedicti . . . . . . . . . . . . . . Die Klosterküche des Hochmittelalters im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel . . . . . . . . . . Signa loquendi: stumme Kommunikation in Refektorium und Küche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diätetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgewählte Passagen aus Hildegards ‚Secretum‘-Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7 Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel . . . . . . . . . . . 7.1 7.2 7.3 7.4 7.4.1 7.4.2 7.5

Funde von Burgen und Herrensitzen . . . . . . . . . . Reste von Tierknochen und Pflanzen aus städtischen Siedlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Funde von Tierknochen- und Pflanzenresten aus ländlichen Siedlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tierknochen- und Pflanzenrestfunde aus klerikalen Siedlungskontexten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Herforder Damenstift und das Kanonissenstift Wetter als Beispiele für ‚weltgeistliche‘ Lebensbereiche Tier- und Pflanzenrestfunde aus Kloster-Grabungen: Schaffhausen, Hirsau und Corvey . . . . . . . . . . . Ein vorläufiges Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . .

293 298 298 302 311 340 346 350 357

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360

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400

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421

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436

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436

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446 458

XIII

Inhaltsverzeichnis

8 „daz muosen tiure näphe sîn“ – Tischgerät und Küchenutensilien . . . . . . . . . . . . . . . . . 469 8.1 8.2 8.3 8.4 8.5

Keramik . . . . . . . . . . . . . . . . . Küchen- und Tafelgerät aus Holz . . . . Glasgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . Metallenes Gerät . . . . . . . . . . . . Sachkultur zwischen Mythos und Alltag

. . . . .

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469 485 497 507 520

9 Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . 527 10 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 549 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585 I

II III IV

V VI VII VIII

Ekkeharts von Sankt Gallen ‚Benedictiones ad mensas‘: ein Beispiel für moderne Irrtümer . . . . . . . . . . . I.1 Benedictiones ad mensas – lateinischer Text und Übersetzung . . . . . . Um Herd und Ofen: Die Küche als Ort . . . . . . . . Konservierung von Lebensmitteln . . . . . . . . . . . Nahrungsmittelproduktion . . . . . . . . . . . . . . . IV.1 Gartenfrüchte . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.2 Honig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3 Salz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hunger und Mangelernährung . . . . . . . . . . . . . Lebensmittelverfälschung . . . . . . . . . . . . . . . . Hygiene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernährungsbedingte Erkrankungen . . . . . . . . . . . VIII.1 Ergotismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . VIII.2 Folgen der Kontamination von Getreide . . . VIII.3 Parasitenbefall . . . . . . . . . . . . . . . . . VIII.4 Rachitis und Skorbut . . . . . . . . . . . . . VIII.5 Abrasion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. 586 . . . . . . . . . . . . . . . .

594 618 634 645 654 660 666 675 706 719 736 736 741 745 748 752

Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 757 Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen . . . . . . . . . . . . . 783 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 797 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 797 Register der literarischen und künstlerischen Werke . . . . . . . 799 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 801

XIV

Inhaltsverzeichnis

Redaktionelle Hinweise Grundsätzlich wird bei der Wiedergabe literarischer Texte den zitierten Ausgaben gefolgt; satztechnische Veränderungen werden, soweit es die verwendete Software erlaubt, vermieden. Zitate aus dem Mittelhochdeutschen, Altfranzösischen und Lateinischen werden hier in Kursive(n) wiedergegeben. Daher erscheinen die in den verwendeten Ausgaben kursiv gesetzten Ergänzungen/Rekonstruktionen im folgenden Text recte. Sonderzeichen, die im verwendeten Zeichensatz nicht vorhanden sind, werden in ihrer Grundform wiedergegeben, die betreffenden Wörter mit einer entsprechenden Anmerkung versehen. Bei Zitation literarischer Texte wird die Vers- oder Zeilenzählung angegeben, bei Strophen und Versen lediglich die jeweilige Nummerierung. Insbesondere innerhalb von Zitaten wurden Anmerkungen der Verfasserin in eckige Klammern und kursiv gesetzt.

Inhaltsverzeichnis

XVII

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen Abb. Anm. ATB Bd. BMZ bzw. Cf. Cod. dass. ders. dies. DTM dtv ebd. et al. f./ff. Fig. ggf. Hg./hg. HRG Hs. HZ i. d. R. i.e. Jg./Jgg. Jh./Jhs. Kap. lat. Lex. LexdMA lt. MA mal. MGH

Abbildung(en) Anmerkung(en) Altdeutsche Textbibliothek Band Mittelhochdeutsches Wörterbuch beziehungsweise confer/vergleiche Codex dasselbe derselbe dieselbe Deutsche Texte des Mittelalters Deutscher Taschenbuch-Verlag ebendort, an derselben Stelle et alii – und andere folgende Figur(en) gegebenenfalls Herausgeber/herausgegeben Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte Handschrift Historische Zeitschrift in der Regel id est – das ist Jahrgang/Jahrgänge Jahrhundert(s) Kapitel lateinisch Lexer, Matthias von: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch Lexikon der Mittelalters laut Mittelalter mittelalterlich Monumenta Germaniae Historica

XVIII mhd. mlat. mnd. N.F. N.N. o.S. PBB RDK RGA s. S. Sp. Str. s.v. Tab. u. a. u. ö. usw. UTB V. Verf. VL ZAM ZfDA ZfdPh z. B.

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

mittelhochdeutsch mittellateinisch mittelniederdeutsch Neue Folge nomen nescio (Name unbekannt; ohne Verfasserangabe) ohne Seite(nangabe) Paul-Braunes Beiträge = Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte Reallexikon der Germanischen Altertumskunde siehe Seite(n) Spalte(n) Strophe(n) sub voce/unter dem Stichwort Tabelle unter anderem/und andere und öfter und so weiter Uni-Taschenbücher Vers(e) Verfasser(in) Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur Zeitschrift für deutsche Philologie zum Beispiel

Causa operandi

1

1. Causa operandi „Rauhbeinige Rittersleute, die ihre Zähne mit gewaltigem Appetit in blutiges Wildbret schlagen, während die Bauern am Fuße ihrer Burgen hungernd dahinschmachten; dicke, schmerbäuchige Mönche, die über üppigen und reichlich mit Wein begossenen Mahlzeiten alle Pflichten ihres Amtes vergessen; Gäste, die verdorbenes Fleisch mit enormen Mengen von Gewürz überziehen, so daß jedes Gericht gleich schmeckt; unwissende Köche, die mit primitiven Gerätschaften hantieren – so sieht häufig das Bild aus, das man sich von der Ernährung im Mittelalter macht. Diese Klischees, weit verbreitet durch unzulängliche Bücher und schlecht recherchierende Filmemacher, beruhen im Grunde auf der Vorstellung, daß einer barbarischen Zeit auch nur eine barbarische Küche entsprechen kann.“1 Es steckt manches in diesen Sätzen, die einem der Bände vorangestellt sind, die während der letzten Jahre erschienen, um unser Bild von ‚dem‘ Mittelalter, hier besonders dessen typischer Nahrungsgewohnheiten und Trinksitten, zu erhellen. Rekurriert wird hier vor allem auf zwei Phänomene: zunächst eine – im Gegensatz zur eigenen, implizit offenbar als ‚kultiviert‘ verstandenen Lebenswelt – als ‚barbarisch‘ gekennzeichnete Vorstellung der Lebensformen im Mittelalter. Kritik wird auch daran geübt, dass diese Vorstellung durch stark kontrastierende und infolgedessen undifferenzierte Zeichnungen der zeitgenössischen Stände bedient wird: rücksichtsloser Adel gegen hungernde Bauern, daneben ein genusssüchtiger Klerus. Bemerkenswert ist, dass der Verfasser der eingangs zitierten Passage, Bruno Laurioux, in seiner anschließenden Zeichnung ‚mittelalterlicher‘ Tafelfreuden in bester aufklärerischer Absicht selbst recht großzügig mit dem Begriff ‚Mittelalter‘ umgeht, seine Darstellung ‚des‘ Mittelalters z. B. durch verschiedene, bis in das 16. Jahrhundert reichende Nachweise unterlegt und damit den Anschein erweckt, die Verhältnisse im Hochmittelalter seien dem vergleichbar gewesen.2 Mit dieser Vorgehensweise steht er auch im Vergleich zu anderen – 1

2

Bruno Laurioux: Tafelfreuden im Mittelalter. Die Eßkultur der Ritter, Bürger und Bauersleut. Augsburg 1999, S. 7 Vgl. Laurioux (1999), passim; Analogieschlüsse werden besonders auch durch das von Laurioux herangezogene Bildmaterial herausgefordert; weniger an einer popu-

2

Causa operandi

selbst wissenschaftlichen – Publikationen nicht allein, die unter Hinweis auf die historische Quellenlage ‚das Essen und Trinken im Mittelalter‘ mit Belegen vornehmlich aus der Zeit nach etwa 1300 zu erschließen suchen.3 Ob dies gerechtfertigt ist oder ob – und inwiefern – sich die Verhältnisse des Hochmittelalters von denen folgender Jahrhunderte unterschieden, kann nur ermittelt werden, wenn die Zeit vor 1300 gesondert betrachtet wird. Sie soll daher in dieser Arbeit untersucht werden. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund des Phänomens, dass das Mittelalter wieder in ein breiteres öffentliches Interesse gerückt ist. Es mag in Zusammenhang stehen mit einer gewissen Konjunktur, der sich sog. ‚Fantasy‘-Romane und -Filme erfreuen. Deren Stoffe verorten ihre historische Kulisse im Mittelalter und adaptieren teilweise auch den Kreis der Artus-Romane. Der kommerzielle Erfolg der Bücher zog verschiedene Verfilmungen nach sich.4 Eine andere Folge des gestiegenen Interesses an ‚dem‘ Mittelalter dürften auch die Ausstellungen sein, die während der vergangenen Jahrzehnte durch verschiedene Museen angeboten wurden und differenziertere Zugänge zur Epoche und ihren Besonderheiten ermöglichten.5

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lären Darstellung orientiert und daher erheblich differenzierter, jedoch durchweg auf das spätere Mittelalter bezogen arbeitet Bruno Laurioux in dem Band: Une Histoire Culinaire du Moyen Âge. (Sciences, Techniques et Civilisations du Moyen Âge à l’Aube des Lumières. Vol. 8). Paris 2005. Dort widmet er sich besonders der französischen, flämischen, italienischen und englischen, nur in wenigen Passagen auch der deutschen Küche des Spätmittelalters Vgl. als Beispiele weniger fachwissenschaftlich als populär orientierter Veröffentlichungen Gert von Paczensky/Anna Dünnebier: Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. München 19992; ähnlich Gunther Hirschfelder: Europäische Esskultur. Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute. Frankfurt/New York 2001 oder Günter Schiedlausky: Essen und Trinken. Tafelsitten bis zum Ausgang des Mittelalters. (Bibliothek des Germanischen National-Museums Nürnberg zur deutschen Kunst- und Kulturgeschichte. Bd. 4). München 1956; bei Phyllis Pray Bober: Art, Culture and Cuisine. Ancient and Medieval Gastronomy. London 1999, schließt sich an das Kapitel ‚Early Middle Ages‘ (S. 195 ff.) bezeichnenderweise direkt eines über ‚Late Gothic International‘ (S. 220 ff.) an, das Hochmittelalter wird damit ausgelassen; als fachwissenschaftliche Monographie in Zielrichtung wie Argumentation differenzierter, in der historischen Eingrenzung des Themas jedoch ebenfalls mit sehr großzügigen Zeiträumen arbeitend vgl. die Monographie von Ernst Schubert: Essen und Trinken im Mittelalter. Darmstadt 2006 Genannt seien hier z. B. Titel wie Lanzelot, Der erste Ritter (Artus), Merlin, Die Nebel von Avalon, Excalibur, Camelot, aber auch Robin Hood, Robin und Marian oder Der Herr der Ringe. Im weiteren Sinne kann wohl auch die Harry-Potter-Serie dieser Gruppe zugeordnet werden Vgl. z. B. die jüngst in Magdeburg ausgetragene Ausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806. Von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters“ oder die Ausstellung über den ‚Welfenkaiser‘ Otto IV. in Braun-

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Eine weiterer Indikator für das wieder erwachte, vor allem populäre Interesse am Mittelalter sind verschiedene Festivals und Veranstaltungen, die mit Kostümen, Ritterspielen, ‚original‘ mittelalterlichem Marktgeschehen und auch ‚Rittertafeln‘ viele Besucher anziehen.6 Wie es dabei im Regelfall um die Erlebbarkeit vergangener Zeiten und Lebensumstände bestellt ist, welche Eindrücke und Erfahrungen die Besucher solcher ‚Events‘ mit sich nehmen, bleibt aus historischer Perspektive zweifelhaft. Betrachtet man unseren Themenkreis, gibt es im Angebot derartiger Veranstaltungen nämlich Entdeckungen wie „gegrilltes Wildschwein mit Barbecue-Saucen, Klostersuppe mit Kartoffeln, etc. Blickt man sich bei ‚mittelalterlichen‘ Gastmählern um, so stößt der Besucher bisweilen auf Pommes Frites als Beilage, die eben dann in ‚Ritterart‘ mit den Fingern verspeist werden. Zu trinken erhält man auf Wunsch Coca Cola in dazupassenden Industriegläsern serviert. ‚Ritterwochen bei McDonald’s‘ würden wohl einen ebenso hohen Grad an Mittelalter-Authentizität erreichen.“7 Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, warum ‚das Mittelalter‘ wieder mehr in den Gesichtskreis breiterer Bevölkerungskreise gerückt wird. Da sie den Kern des diese Arbeit leitenden Frageinteresses lediglich streift, sei es bei der These belassen, dass es vornehmlich zwei Motive sein mögen, die diese ‚Konjunktur‘ speisen, die zweifellos auch kommerzielle Züge trägt: In einer Welt und in einer Gesellschaft, die hochdifferenziert und für den Einzelnen in ihrer Komplexität zunehmend schwerer fassbar sind, gekennzeichnet überdies durch eine ebenfalls zunehmende Entwicklungsdynamik, bieten ‚Gegenwelten‘ offenbar eine reizvolle Folie. Diese ‚Gegenwelten‘, die in die weite Vergangenheit oder Zukunft projiziert werden, stehen unter der Herrschaft fest gefügter Ordnungen und Regeln. In

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schweig, ebenfalls im Spätsommer und Herbst des Jahres 2009. Bereits länger zurück liegen Ausstellungen wie „Die Zeit der Staufer: Geschichte, Kunst, Kultur“ in Stuttgart (1977), „Stadt und Handel im Mittelalter“ in Stade (1980), „Das Reich der Salier 1024–1125“ in Speyer (1992), „Heinrich der Löwe und seine Zeit: Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235“ in Braunschweig (1995) oder „Wege des Mittelalters“ in Münster (2004/2005) Beispiele nennt z. B. die Ausgabe April-Mai 2008 des im Zeitschriftenhandel erhältlichen Periodikums „Karfunkel. Zeitschrift für erlebbare Geschichte“ (selbst ein Beleg für das wieder erwachte und gleichzeitig auch angefachte Interesse am Mittelalter) auf den Seiten 85 ff. Dort werden für den Zeitraum Mitte April bis Ende Dezember 2008 mehrere hundert, im gesamten Bundesgebiet stattfindende Veranstaltungen, mehrheitlich mit Mittelalterbezug, angekündigt Christian Rohr: Mittelalter-Festivals. Erlebte Geschichte oder greller Kommerz? – In: Lothar Kolmer/Christian Rohr (Hg.): Mahl und Repräsentation. Der Kult ums Essen. Beiträge des internationalen Symposions in Salzburg 29. April bis 1. Mai 1999. Paderborn/München/Wien/Zürich 2000, S. 263–274, hier: S. 263

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ihnen scheint die erfahrene Welt überschaubar, und Gut wie Böse gelten als leicht zu identifizieren und zu unterscheiden. Die individuelle Orientierung scheint in diesen fiktiven Sphären leicht zu sein. Die vorstehend skizzierten, holzschnittartigen Kulissen, die oft genutzt werden, um mit ‚dem‘ Mittelalter oder ‚mittelalterlichen Verhältnissen‘ einer solchen Gegenwelt einen schwarz-weiß gezeichneten und damit leicht eingängigen Rahmen zu verleihen, scheinen diesem Bedürfnis zu entsprechen: „Die kritische Auseinandersetzung mit der Erfahrbarkeit von Geschichte liegt … nicht im Interesse der Rezipienten: Vielen … geht es um die Bestätigung von Klischees. Daher muss das Mittelalter actionreich und grausam sein, romantisch, urtümlich, schmutzig – und natürlich dunkel.“8 Ein weiteres, mit dem ersten verbundenes und durchaus reflexiv auf dieses verweisendes Motiv, das ebenfalls auf ein gewisses ‚Unbehagen in der aktuellen Kultur‘ zurückgeführt werden mag, ist das des – auch historischen – Kontrasts, der Andersartigkeit, der Alterität der Verhältnisse. Die Perzeption vordergründig unwägbarer, fremder, krasser, ja ‚barbarischer‘ Lebensverhältnisse, ihrer Andersartigkeit und Gefahren hinterlässt beim Leser oder Betrachter wohl eine größere Zufriedenheit mit – und vielleicht das Gefühl einer leichteren Einrichtung in – unseren zwar komplexen, aber in Vielem eben auch ungleich sichereren heutigen Lebensumständen.9 Dass selbst verschiedene Wissenschaftszweige von diesem Phänomen beeinflusst scheinen, wird erst in den letzten Jahren vermehrt kritisch in den Blick genommen: „Das Interesse für die Ernährungslage erwacht … wieder für das Mittelalter, hauptsächlich … bei Wirtschaftshistorikern, durch überlieferte Schriftquellen mit selektiven Berichten über Klosteranlagen, bäuerliche Abgaben, Mißernten und Hungersnöte. Zusammen mit Beschreibungen der aus unserer heutigen, überflußgeprägten Sicht monoton und langweilig wirkenden Kost sowie Ausmalungen von Nahrungsverfälschungen und Notnahrung entsteht das Bild des finsteren Mittelalters und eines bis ins 19. Jahrhundert hungergeschüttelten Mitteleuropa, das erst

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Rohr (2000), S. 274 In diesen Kontext könnte z. B. die Titelgeschichte des SPIEGEL eingebettet werden, die im Herbst 2005 erschien und wegen ihrer historisch oft fragwürdigen und undifferenzierten Darstellung erheblicher Kritik unterzogen wurde. Tatsächlich werden in dem Beitrag einige der hier einleitend aufgeworfenen Motive gestreift, freilich ohne ihnen vertiefend nachzugehen; vgl. Matthias Schulz: Mythos Mittelalter, in: DER SPIEGEL Nr. 44 (31. 10. 2005), S. 168–182

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durch die Industrielle Revolution aus der Dauerkrise und Unterversorgung errettet wurde.“10 Dass die damit lediglich skizzierten, jüngst so populär gezeichneten Bilder ‚des‘ Mittelalters oft wenig differenziert und lückenhaft, ja zuweilen sogar schlicht falsch sind, kann leicht bemängelt werden. Dies wirft jedoch zugleich die Frage auf, wie es denn ‚wirklich‘ war – die Frage, was wir heute wissen oder wissen können über Leben und Lebensverhältnisse der Menschen in einer Epoche, die als ‚das‘ Mittelalter – genauer besehen – generalisierend und damit häufig schon wieder unzutreffend bezeichnet wird. Im Folgenden soll deshalb der Versuch gewagt werden, verschiedene Disziplinen auf ihre möglichen Beiträge zu Aspekten des Essens und Trinkens im Mittelalter – hier in der Zeit von 1000 bis 1300 – zu befragen und deren Erkenntnisse zusammenzuführen. Ein wesentliches Ziel ist es, Vorstellungen wie die von ‚raubeinigen Rittern‘, ‚schmerbäuchigen Mönchen‘, ‚hungernden Bauern‘ oder einer ‚barbarischen Küche‘11 zu hinterfragen und, wenn möglich, durch das zu revidieren, was auf der Grundlage der literarischen und der kunsthistorisch bedeutsamen Quellen sowie der archäologisch erschlossenen Hinterlassenschaften des Zeitalters nach heutigem Kenntnisstand ermittelt werden kann. Dabei sollte zunächst die kritische Beleuchtung verschiedener bisheriger Ansätze und Arbeiten zu unserem Thema verdeutlichen, welche Prämissen und Fragen im Laufe der Arbeit im Blick zu behalten sein werden.

1.1 Defizite vorhandener Darstellungen Die oben bereits skizzierten, in manchen Beiträgen bestehenden Schwierigkeiten, ‚das Mittelalter‘ in seinen Grundzügen und Besonderheiten als Epoche zu erfassen, resultieren nicht selten aus einer mangelnden Definition dessen, was der Begriff ‚Mittelalter‘ bezeichnen soll. Dies zeigt sich besonders auch in dem Themenkreis und Ausschnitt ‚Essen und Trinken‘, bei der Ernährung und ihren Grundlagen. Massimo Montanari, der sich diesem Komplex mit ähnlicher Fragestellung näherte, stellte fest: „Beim Aufspüren ihrer Grundzüge wurde ich in der – mittlerweile von vielen Gelehrten geteilten – Überzeugung bestärkt, daß das Mittelalter in seiner traditionellen chronologischen Bedeutung ein falsch verstandenes Phänomen von recht 10

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Miriam N. Haidle: Mangel – Krisen – Hungersnöte? Ernährungszustände in Süddeutschland und in der Nordschweiz vom Neolithikum bis ins 19. Jahrhundert. (Urgeschichtliche Materialhefte. Bd. 11). Tübingen 1997, S. 6 Vgl. oben S. 1

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geringer interpretatorischer Brauchbarkeit ist. Zu unterschiedlich und manchmal zu gegensätzlich sind die Ereignisse und Dinge, die man unter dem Begriff ‚Mittelalter‘ zu vereinen sucht, um ihnen historisch gleichartige Züge und Bedeutungen zusprechen zu können.“12 Ein erster, skizzenhafter Blick in populäre, aber auch in manche wissenschaftliche Publikationen der vergangenen Dekaden über unser Themenfeld legt Gründe für diese Kritik offen. Zum einen wird hier ‚das Mittelalter‘ oft gefasst mit einer Zeitspanne, die vom 6. bis 15., zuweilen bis ins 16. Jahrhundert reicht – eine Zeitspanne also von etwa 1000 Jahren. So zumindest legen es manche Autoren durch die Präsentation ihrer Quellen und Belege nahe.13 Wie bereits oben angesprochen, verheißen andere in den Titeln ihrer Beiträge, über das Mittelalter zu handeln, beziehen sich dann der besseren schriftlichen Quellenlage wegen jedoch auf die Zeit ab dem 14. Jahrhundert. Verhältnisse des Hochmittelalters werden hier vornehmlich anhand von Analogievermutungen erschlossen – eine aus wissenschaftlicher Perspektive wohl durchaus fragwürdige Vorgehensweise.14 Es wäre aus der Sicht historischer Disziplinen eigens zu beleuchten, ob etwa für das 12. Jahrhundert vorausgesetzt werden darf, was man im 14. Jahrhundert offenbar kannte, oder ob sich entsprechende Aussagen als ein die Jahrhunderte und 12

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Massimo Montanari: Der Hunger und der Überfluß. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa. (Europa bauen). München 1993, S. 10 Vgl. z. B. Gert von Paczensky/Anna Dünnebier: Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. München 19992; ähnlich Gunther Hirschfelder: Europäische Esskultur. Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute. Frankfurt/New York 2001; Schiedlausky (1956) und Roland Pauler: Leben im Mittelalter. Ein Lexikon. Darmstadt 2007, bes. S. 6; wenig trennscharf diesbezüglich auch Schubert (2006) So verspricht Bruno Laurioux zwar, über „Tafelfreuden im Mittelalter“ zu handeln, zieht dabei jedoch ganz überwiegend Quellen aus dem 14. bis 16. Jahrhundert heran, vgl. Laurioux (1999), passim; ähnlich auch Norman Foster: Schlemmen hinter Klostermauern. Die unbekannten Quellen europäischer Kochkunst. Hamburg 1980 sowie Dietrich W. H. Schwarz: Sachgüter und Lebensformen. Einführung in die materielle Kulturgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. (Grundlagen der Germanistik. Bd. 11). Berlin 1970, S. 129 ff.; auch die folgende wissenschaftliche Anthologie führt im Titel zwar ‚das‘ Mittelalter, handelt in ihren Beiträgen jedoch fast ausschließlich von Spätmittelalter und (früher) Neuzeit: Irmgard Bitsch/Trude Ehlert/Xenja von Ertzdorff (Hg.): Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 10.–13. Juni 1987 an der JuliusLiebig-Universität Gießen. Sigmaringen 1987; unter Hinweis auf die problematische (schriftliche) Quellenlage wird ‚das Mittelalter‘ besonders in das 14./15. Jh. auch von Stephen Menell verlegt: Die Kultivierung des Appetits. Die Geschichte des Essens vom Mittelalter bis heute. Aus dem Englischen von Rainer von Savigny. Frankfurt 1988, S. 66 ff.

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sich darin vollziehende Entwicklungen verwischender ‚Etikettenschwindel‘ herausstellen. Ein weiterer Schwachpunkt vieler, nicht nur populärwissenschaftlicher Abhandlungen zu unserem Themenspektrum muss ebenfalls weitgehend auf die vielfach lückenhafte historische Quellenlage zurückgeführt werden. Eine Epoche, für die z. B. Handels- und Geschäftsdokumente, Zins- und Abgaberegister, Wirtschaftsbücher oder Inventarlisten selten in Schriftform abgefasst wurden und überdies nur in wenigen Ausnahmen überliefert sind, gerät angesichts derartiger dokumentarischer Lücken leicht in die Gefahr, auf der Grundlage oftmals nicht nur temporär, sondern auch geographisch sehr weit gestreuter Belege erfasst und betrachtet zu werden. So finden sich denn in manchen Publikationen Darstellungen zu Lebensformen und Ernährungsgewohnheiten ‚des Mittelalters‘, in denen überlieferte Verhältnisse aus dem kontinentaleuropäischen Raum direkt neben diejenigen des schottischen Hochlandes treten, auch diejenigen z. B. für oberitalienische Stadtrepubliken, französische oder deutsche Klöster nachgewiesenen werden gleichermaßen zur Erklärung verschiedener Lebensverhältnisse und -umstände der Menschen in ganz anderen, zumeist sehr großflächig interpretierten Regionen herangezogen.15 Hier legt allein der flüchtige Blick auf heutige Verhältnisse und Differenzen Skepsis nahe sowie an dieser Stelle zunächst den Verdacht, dass Produktion, Handel, Versorgungsstand und Ernährungsgewohnheiten z. B. des oberitalienischen Raumes nicht ohne Weiteres auf die norddeutsche Tiefebene, Küstenregionen, Mittelgebirge oder den Alpenraum übertragbar sein dürften. Sind verschiedene Darstellungen infolge dieser methodisch begründeten Unschärfen zu hinterfragen, lässt sich in anderen durchaus ein Problem wissenschaftlicher Tradierung nachvollziehen. So kann z. B. der am Beginn des vergangenen Jahrhunderts auf der Grundlage besonders auch literarischer und etymologischer Belege akribisch zusammengestellten Arbeit des Göttinger Altgermanisten Moriz Heyne über „Das deutsche Nahrungswesen“16 eine ausgesprochen nachhaltige Wirkung bescheinigt werden, da sie auch in jüngeren Publikationen noch als grundlegend zitiert und wiederholt herangezogen wird.17 Dabei werden verschiedene Probleme, vor die uns die 15

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Vgl. z. B. Reay Tannahill: Food in History. New, fully revised and updated Edition. London 1988, Menell (1988), Montanari (1993) oder Paczensky/Dünnebier (1999) Moriz Heyne: Das deutsche Nahrungswesen von den ältesten geschichtlichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert in: ders.: Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer von den ältesten geschichtlichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert. Bd. 2. Leipzig 1901 Vgl. z. B. Gerd Zimmermann: Ordensleben und Lebensstandard. Die Cura Corporis in den Ordensvorschriften des abendländischen Hochmittelalters. (Beiträge zur Ge-

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zweifellos verdienstvolle Arbeit Heynes heute stellt, außer Acht gelassen. Ihm galt ein schriftlicher Beleg mehrheitlich nicht nur als Nachweis, sondern als Beweis in historischem Sinne und von oft allgemeiner Gültigkeit, und auch wenn er in verschiedener Hinsicht die Aussagekraft mancher seiner literarischen – insbesondere der poetischen – Quellen durchaus infrage stellte, lag ihm eine im heutigen Verständnis quellenkritische Darstellung eher fern.18 So neigte er in manchen seiner Schlüsse zu Generalisierungen und Aussagen, die sich durch wiederholte Zitation über nun mehr als ein Jahrhundert hinweg fortpflanzten und somit gleichsam als gesicherte Aussage erscheinen lassen, was möglicherweise bereits durch die Quellen und

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schichte des Alten Mönchtums und des Benediktinerordens. Heft 32). Münster 1973; Irmgard Bitsch: Gesundheitsschädigung und Täuschung im mittelalterlichen Lebensmittelverkehr, in: Bitsch/Ehlert/Ertzdorff (1987), S. 191–200; Schubert beleuchtet die Arbeiten Heynes aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive zwar nicht ohne eine gewisse Distanz (Schubert [2006], S. 23), zieht sie folgend jedoch wiederholt bei seiner Belegführung heran, vgl. Schubert (2006), S. 310 ff.; eine kritische Würdigung der Arbeiten Heynes bietet Klaus Düwel: Moriz Heynes Werke zur deutschen Sprache und Altertumskunde, in: Göttinger Jahrbuch 54 (2006), S. 67–74. Düwel fasst ein wesentliches Forschungsinteresse Heynes folgendermaßen: „in die Sprache unserer Zeit übersetzt …: Dinge der Sachkultur, deren Herstellungs- und Verwendungsweise zu untersuchen und der sprachlichen Herkunft ihrer Benennungen nachzugehen und deren Bedeutungen aufzudecken. Das Phänomen der Benennungen oder Bezeichnungen ist Gegenstand der Onomasiologie, das der Bedeutungen hingegen und ihrer Veränderungen im Verlauf der Sprachgeschichte ist das Untersuchungsgebiet der Semiasologie. Dabei spielt die Etymologie, die Frage nach der Herkunft, nach den Wortwurzeln – häufig mit der sog. ursprünglichen Bedeutung nicht ganz in eins gesetzt – eine zentrale Rolle“, Düwel (2006), S. 71. Das vielschichtige Forschungsinteresse, das Heyne an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert umtrieb, war damals singulär. Es wurde in Ansatz und Bedeutung weder seinerzeit durch Fachkollegen noch durch die jüngere Wörter- und Sachenforschung angemessen gewürdigt, vgl. Düwel (2006), S. 72 Ein Historiker fasste seine Einschätzung Heynes gegen Ende des 20. Jhs. in folgende Worte: „Dennoch wird man sich Heyne heute nicht ohne weiteres anvertrauen dürfen. Das Verhältnis von Wörtern zu Sachen ist inzwischen problematisch geworden. Heyne glaubte augenscheinlich, der Geschichte der Sprache und der Wörter ohne weiteres auch die Kenntnis der mit Wörtern bezeichneten Sachen entnehmen zu können. Für ihn lagen wortgeschichtliche Befunde, literarische Zeugnisse, gegenständliche Relikte und abbildende Quellen sozusagen auf einer Ebene. Er setzte voraus, daß diese so unterschiedlichen Überlieferungen die einstige Realität in gleicher oder doch ähnlicher Weise repräsentierten, und er fügte ohne die nötige Quellenkritik, ohne die Frage nach der einstigen Funktion und nach der Aussagekraft der so verschiedenen Dokumente, eine Art von Mosaik zusammen – ohne beispielsweise zwischen normativen, politischen und pragmatischen Texten zu unterscheiden“, Hartmut Boockmann: Das Leben in städtischen Häusern um 1500, in: Herrmann (1987), S. 194–206, hier: S. 194

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die darauf bezogene Vorgehensweise des Autors aus heutiger Sicht so sicher wohl durchaus nicht sein dürfte.19 Die überlieferten Zeugnisse altdeutscher Literatur sichteten bezüglich unserer Themenstellung auch Alwin Schultz20 und Willy Pieth21, deren ebenfalls um die vorletzte Jahrhundertwende entstandene, breit angelegte Arbeiten bis in unsere Zeit für kulturgeschichtliche Publikationen herangezogen werden.22 Der positivistische Ansatz, dem beide aus heutiger Perspektive weitestgehend unkritisch folgen, wurde schon vor drei Jahrzehnten als problematisch erkannt: „Denn die meist enzyklopädisch ausgerichteten Werke ziehen literarisches, historisches und kunsthistorisches Quellenmaterial in recht unbekümmerter Weise heran und können, was die Auswertung der Fakten anbelangt, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, kaum noch befriedigen.“23 Dies Urteil gründet u. a. auf Schultz’ und Pieths überwiegend vertretener Ansicht, dass die in den literarischen Texten beschriebenen Szenen die Realität ihrer Zeit exakt abbildeten. Ferner erlagen sie oft der Versuchung, gelegentlich Erwähntes und Einzelbelege als generell für alle Schichten der Gesellschaft und für das gesamte Mittelalter geltend zu werten.24 Joachim Bumke äußert sich noch anerkennend 19

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Vgl. hierzu Boockmann (1987), S. 194: „Solche Unterschiede machte Heyne nicht, und die ihm nachfolgende kulturgeschichtliche Literatur hat das ebenfalls nicht getan.“ – Als Beispiel mag an dieser Stelle die unter Hinweis auf eine spätmittelalterliche literarische Quelle (Des Teufels Netz) getroffene Aussage Heynes dienen, dass im Mittelalter „Schlachttag … zumal der Samstag (ist), um für den Tag des Herrn Fleisch zu haben“ (Heyne [1901], S. 286). Dies kann angesichts der besonders in Städten bestehenden Nachfrage nach Frischfleisch, der seinerzeit begrenzten Konservierungsmöglichkeiten und darauf bereits im Hochmittelalter abgestimmten Ordnungen für Schlachtung und Verkauf sicher nicht verallgemeinert werden, vgl. z. B. H.-P. Baum s.v. Fleisch, Fleischer in: LexdMA Bd. IV (1989), Sp. 541 f. Alwin Schultz: Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger. Bd. I. Leipzig 18892 Willy Pieth: Essen und Trinken im mittelhochdeutschen Epos des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Leipzig 1909 So z. B. bei Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. (dtv 30170). München 200511, S. 824; Karl-Bernhard Knappe: Das Leben auf Burgen im Spiegel mittelalterlicher Literatur, Teil I und II, in: Burgen und Schlösser 15 (1974), S. 1–8 und S. 123–131; Hubert Speckner: Dichtung und Wahrheit im Mittelalter. Das Leben der höfischen Gesellschaft im Spiegel der höfischen Literatur. Wien 1995, passim Renate Roos: Begrüßung, Abschied, Mahlzeit. Studien zur Darstellung höfischer Lebensweise in den Werken der Zeit von 1150–1320. Bonn 1975, S. 14 Vgl. Roos (1975), S. 16 f. und S. 336 f.; wie zählebig sich das Verständnis von mittelalterlicher Dichtung als authentischer Quelle gesellschaftlicher und kultureller Strukturen bis in die jüngste Zeit hält, ist bei Speckner (1995) nachzuvollziehen. Obwohl er die Problematik von idealer und realer Darstellung in der höfischen Epik durchaus diskutiert, lassen Anlage und Ergebnisse seiner Arbeit erkennen, dass er

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über die durch Schultz zusammengetragene, umfangreiche Dokumentation literarischer Fundstellen, schließt dem jedoch an: „Was den Wert der Darstellung beeinträchtigt und was schließlich die Kulturgeschichte alten Stils in Mißkredit gebracht hat, ist die unkritische Interpretation des Belegmaterials. Zwei Verfahrensweisen sind besonders typisch für die methodischen Mängel der Quellenauswertung. Einmal wurde das, was von den Dichtern als merkwürdiger Ausnahmefall erzählt wurde, als etwas damals Übliches dargestellt und zum gesellschaftlichen Normalfall verallgemeinert. Zum anderen blieb der poetische Charakter der meisten Belege unberücksichtigt, so daß in naiver Weise als Wirklichkeit angesehen wurde, was in der Dichtung Teil eines idealisierten Gesellschaftsbildes war.“25 Dass das skizzierte, langlebige ‚Zitationsproblem‘ auch Arbeiten jüngerer Provenienz betreffen kann, lässt sich am Beispiel einer der Arbeiten des Göttinger Agrarhistorikers Wilhelm Abel verfolgen. Er versuchte vor etwa 40 Jahren, den durchschnittlichen Fleischverbrauch im Spätmittelalter zu berechnen. Dabei zog er u. a. bekannte Schätzungen für den Fleischverbrauch in Berlin gegen Ende des 14. Jahrhunderts heran sowie eine Berliner Verordnung vom Beginn des 16. Jahrhunderts, der zufolge Bäckergesellen, die zur Mühle geschickt wurden, vier Pfund Fleisch pro Tag mit auf den Weg gegeben werden sollten.26 Verschiedene Autoren beriefen sich nachfolgend auf Abels diesbezügliche Thesen und verbreiteten so die Ansicht weiter, dass der durchschnittliche Fleischverbrauch der Bevölkerung im ausgehenden Mittelalter sehr hoch gewesen sei.27 Zunehmende Skepsis regte sich diesen Aussagen gegenüber erst etwa zwei Jahrzehnte später,28 freilich ohne die Verbreitung der These nachhaltig eindämmen zu können: „Durch ein im Laufe der Zeit zunehmendes Zitieren von Sekundärquellen wie W. ABELS Arbeiten ohne Berücksichtigung der mageren Primärquellen und ihrer forschen Interpretation werden die hohen Verbrauchszahlen

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den aufgenommenen Beispielen der höfischen Epik (die Werke Heinrichs von Veldeke, Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach) einen uneingeschränkten Zeugniswert zukommen lässt Bumke (2005), S. 15 Vgl. Wilhelm Abel: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Hamburg/Berlin 19662, S. 73 So z. B. auch Montanari (1993), S. 91 und 126; auf S. 91 geht Montanari von einem täglichen Konsum von 400–500 Gramm aus an Tagen, an denen Fastengebote nicht galten; in Anlehnung an Abel auch Hirschfelder (2001), S. 118: „Diese Größenordnung könnte einigermaßen zutreffend sein … Zudem haftet all diesen Schätzungen für das Mittelalter noch ein sehr spekulativer Zug an“ (wie vor) Vgl. z. B. Ulf Dirlmeier: Die Ernährung als mögliche Determinante der Bevölkerungsentwicklung, in: Bernd Herrmann/Rolf Sprandel (Hg.): Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter. (Acta Humaniora). Weinheim 1987, S. 143–154, hier: S. 152 f.

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immer mehr als Realitätsbeschreibungen gewertet, denn als grobe und nicht unbedingt zutreffende Schätzungen, die sie in Wirklichkeit sind. Oftmals werden in einer Arbeit nebeneinander sowohl das im 16. Jahrhundert zunehmend ärmliche Auskommen der Bevölkerung wie auch gewaltige Alltagsmahlzeiten selbst der Tagelöhner, Fronleute und des Gesindes mit riesigen Fleischportionen geschildert, ohne die zwischen diesen beiden Aussagen bestehende Diskrepanz wahrzunehmen.“29 Überraschend ist ferner, dass bisher kaum allgemeinere, in zeitlicher und räumlicher Hinsicht differenziertere Darstellungen vorliegen, die über zumeist besondere und damit partielle Interessen jeweiliger Fachdisziplinen hinausreichten. Hinsichtlich der interdisziplinären Zusammenarbeit bei der Erforschung des Mittelalters lassen sich zwischen der Bundesrepublik und z. B. Österreich oder der Schweiz bis in das letzte Jahrzehnt hinein durchaus unterschiedliche wissenschaftliche Gepflogenheiten ausmachen: „Wir teilen nicht die Auffassung deutscher Kolleginnen und Kollegen, die verschiedenen Disziplinen hätten je eigene, gesonderte Bereiche des Alltags und vergangener Lebenswelten zum Gegenstand. Denn Material ‚im Baukastensystem‘ einzelwissenschaftlich zu erarbeiten, führt nicht weiter und additives Separatvorgehen erschwert eine Synthese.“30 Zuweilen werden dabei die Interessen und Forschungsstände einzelner Disziplinen als durchaus begrenzt erkannt: „Die bisherige Auseinanderset29

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Haidle (1997), S. 10; vgl. Schubert (2006), S. 104 f., der diese Kritik ebenfalls ausführt und bestätigt: „Schon 1871 stellte Gustav Schmoller die These auf, daß die Menschen im Mittelalter 100kg [Fleisch] pro Kopf verzehrt hätten. Aber das galt ihm als ‚Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit‘, nicht als gesichertes Wissen. Erst durch die Autorität Wilhelm Abels, der nicht verschwieg, daß er kein neues, gesichertes Datenmaterial hatte beibringen können, gewann diese Wahrscheinlichkeit das Ansehen einer gesicherten Lehrmeinung.“ Marlu Kühn/Dorothee Rippmann: Pflanzen in der Ernährung interdisziplinär: Kontraste der Umwelten und sozialen Milieus, Kontraste der Methoden, in: Gerhard Jaritz (Hg.): Kontraste im Alltag des Mittelalters. (Forschungen des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Diskussionen und Materialien. Nr. 5). Wien 2000, S. 103–141, hier: S. 105 f.; in den vergangenen etwa zwei Jahrzehnten hat es in der deutschen Forschung durchaus verschiedene (kultur-)historische Projekte und Publikationen gegeben, in denen ein Thema aus der Perspektive verschiedener Fachdisziplinen beleuchtet wurde. Sie stellen jedoch nach wie vor eher Ausnahmen dar und können daher die oben zitierte Aussage generell kaum entkräften; vgl. zu interdisziplinären Arbeiten in der Bundesrepublik z. B. Bernd Herrmann (Hg.): Mensch und Umwelt im Mittelalter. Stuttgart 19873 oder Hans-Georg Stephan: Beiträge zur archäologischen Erforschung der materiellen Kultur des hohen und späten Mittelalters im Weserbergland. Funde aus zwei Kloaken in der Altstadt von Höxter, in: Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 17 (1986), S. 219–308

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zung der Germanistik mit dem Thema Ernährung ist unbefriedigend. Entweder wurden nur einzelne Texte besprochen, oder es wurde zwar der Hintergrund von Kochbuchtexten durchleuchtet, was sich jedoch nur auf bestimmte Teilaspekte beschränkte … Ein anderes, bei Germanisten, Historikern und Kunstgeschichtlern gleichermaßen beliebtes Thema sind die Tischsitten. Andere Arbeiten wiederum beschränken sich auf eine rein deskriptive Behandlung der mittelalterlichen Ernährungsweise.“31 Auch verschiedene, in den vergangenen Jahrzehnten durch die Forschung unternommene Paradigmenwechsel erweisen sich oft nur bedingt als hilfreich, wenn es um die Erschließung des Lebens der Menschen im Mittelalter, seiner Facetten und seiner Vielfalt geht. Dadurch, dass die germanistische Mediävistik ab etwa Ende der 1960er Jahre vermehrt Fragen nach politischen, gesellschaftlichen und sozialen Kontexten der Literatur des Mittelalters in den Blick nahm, verstehen wir heute mehr über deren historisches Umfeld, Intentionen und manche ihrer Besonderheiten. So kann zur „Frage der Einbettung von Literatur ins geschichtliche Leben und auch zu der Frage, was denn eigentlich Literatur vom geschichtlichen Leben nachträglich erkennen läßt, … die Mediävistik heute womöglich am ehesten verlässliche, d. h. methodisch gesicherte Auskunft geben“.32 Letztlich sind jedoch auch folgend unternommene Versuche, die traditionelle ‚Kulturgeschichte‘ aus der Perspektive z. B. von ‚Lebensformen‘,33 ‚Mentalitätsgeschichte‘34 oder ‚Alltagsgeschichte‘35 neu zu beleben, mit Bezug auf die überlieferten literarischen Quellen des Mittelalters auch aktuell durch

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Doris Aichholzer: „Wildu machen ayn guet essen …“. Drei mittelhochdeutsche Kochbücher: Erstedition, Übersetzung, Kommentar. (Wiener Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Philologie. Bd. 35). Bern/Berlin/Frankfurt a.M./New York/Paris/Wien 1999, S. 31 f. Eberhard Lämmert: Einführung, in: Heinz Rupp (Hg.): Philologie und Geschichtswissenschaft. Demonstrationen literarischer Texte des Mittelalters. (medium literatur 5). Heidelberg 1977 Vgl. z. B. Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Mit zahlreichen Abbildungen und drei Karten. (Ullstein-Sachbuch Nr. 34004). Frankfurt/M./Berlin 1979 Vgl. z. B. Sabine Tanz: Mentalität und Gesellschaft im Mittelalter: Gedenkschrift für Ernst Werner. Frankfurt/M. 1993 und Peter Dinzelbacher: Europa im Hochmittelalter 1050–1250: eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt 2003 Vgl. z. B. Robert Delort: Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorie – Methoden – Bilanz der Forschung, in: Mensch und Objekt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Leben – Alltag – Kultur. Internationaler Kongress Krems an der Donau 27. bis 30. September 1988. (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte. 568. Band). Wien 1990, S. 53–66 sowie Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. Darmstadt 2002

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eben deren Grenzen gekennzeichnet.36 Für eine große Zahl von Überblickspublikationen, die vor diesem Hintergrund entstanden, wird festgestellt: „Solche Überblickswerke, die offensichtlich auf Interesse bei Schreibern und Lesern stoßen, erfüllen einen wichtigen Zweck, indem sie das Spektrum alltagsgeschichtlicher Themen und möglicher Aussagen vor Augen führen, sind gleichwohl aber zumindest in der Gefahr, die … theoretischen und methodischen Postulate zu vernachlässigen (vielleicht auch bewußt sich einem solchen Anspruch zu entziehen), da sie sich einer wissenschaftlichen Kritik nur bedingt stellen (und den geforderten Ansprüchen teilweise auch gar nicht genügen wollen).“37 Dass sich überdies manche dieser Überblickspublikationen dort, wo die Quellenlage dürftig oder gar nicht vorhanden ist, bevorzugt des Analogieschlusses bedienen, wurde oben bereits als fragwürdig bezeichnet.38 Diese Bilanz ist mit Blick auf unser Thema insofern überraschend, als mit dem elementaren Bedürfnis der Nahrungsmittelaufnahme erste und die Menschheitsgeschichte stetig durchziehende Motive gezielten Denkens, Planens und Handelns verknüpft sind – vom Sammeln über die Jagd bis hin zum Anbau oder die Erschließung und Sicherung von Nahrungsquellen durch Handel oder gar durch Eroberung. Es tut sich für manche Epochen unserer Geschichte eine merkwürdige Kluft auf zwischen dem, was wir heute über die politischen und, damit oft verbunden, wirtschaftlichen Grundlagen und Entwicklungen verschiedenster Gesellschaften und Regionen weltweit wissen und dem, was Lebensvorstellungen und -wirklichkeiten der in ihnen lebenden Menschen direkt und elementar betraf. In einem Gegensatz scheinen dabei auch die – vordergründige – Banalität des Alltags, repräsentiert auch durch das Essen und Trinken, und die Bedeutung zu stehen, die manche Stimmen gerade diesem menschlichen Handlungs- und Erfahrungsbereich zusprechen: „Der Zwang, sich zu ernähren, also der Hunger, hat die Menschen erfinderischer gemacht, als alle anderen Geschöpfe auf der Erde waren. Der Wunsch, besser zu essen, also der Appetit, wurde zur entscheidenden Triebkraft, die ‚Zivilisation‘ schuf … Um gut essen und trinken zu können, hat sich die Menschheit vieles einfallen lassen. Diese gewaltige Geschichte ist eng mit der Weltgeschichte verknüpft. Es lohnt, sie zu kennen, auch ihre Schattenseiten. Gerade wegen dieser wäre es nützlich, wenn sich mehr Menschen bewußt wären, welche 36 37

38

Vgl. dazu unten Abschnitt 2.3 Hans-Werner Goetz: Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorien – Methoden – Bilanz der Forschung, in: Mensch und Objekt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (1990), S. 67–101, hier: S. 92 f. Vgl. oben S. 1 f. mit Anm. 2 und 3

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Vorgeschichte das Essen auf ihrem Teller oder das Getränk in der Tasse oder im Glas hat.“39 Andernorts findet sich das Themenfeld ‚Nahrung‘ in seiner Bedeutung auch für die wissenschaftliche Betrachtung kurz, aber nicht weniger prägnant gefasst als „soziales Totalphänomen“.40 Vor eben diesem Hintergrund hat Ernst Schubert seine zuletzt erschienene Monographie über „Essen und Trinken im Mittelalter“ aus der Fragestellung heraus entwickelt, ob und inwiefern die Ernährungsgeschichte Zugänge zu einer ‚Gesellschaftsgeschichte‘ erst ermöglicht.41 Ihm sind durch seine grundsätzlich interdisziplinär angelegte Studie manche neue Einsichten zu verdanken. Ein besonderes Frageinteresse seiner Untersuchung liegt dabei in einer differenzierteren Darstellung der Ernährung auch des ‚gemeinen Mannes‘, der großen Mehrheit der mittelalterlichen Bevölkerung, die quellenbedingt bisher kaum in den Blick geriet. Diese Bedingtheit der Quellen ist es jedoch, die den Historiker Schubert mit Blick auf das Hochmittelalter oft ausweichen lässt auf Belege aus früheren und späteren Zeiten, so dass auch in seiner vielseitigen Arbeit ‚das Mittelalter‘ etwa vom 6./7. bis in das 16. Jahrhundert hinein reicht. Auch gibt es in seiner schwungvoll formulierten Argumentation einige Widersprüche und Fehlschlüsse, die auf den folgenden Seiten gelegentlich zu beleuchten sein werden. Auf dieser Grundlage rücken nicht nur Fragen nach dem Nahrungsmittel- und Getränkeangebot sowie ihrem Konsum während des Hochmittelalters in das Licht des Interesses. Über rein materielle Grundlagen der Ernährung hinaus gehören hierzu auch Themen wie laizistische Regeln und klerikale Normen, die Produktion, Verarbeitung, Zubereitung, und Konservierung von Lebensmitteln, Überfluss und Mangel, sowie, damit verbunden, mögliche Aussagen zu einer sozialen Differenzierung von Ernährung und Essgewohnheiten. Auch ‚der gedeckte Tisch‘ des Hochmittelalters und gesundheitliche Aspekte der Ernährung (u. a. diätetisches Schrifttum) sind dabei in den Blick zu nehmen. Auf welche Weise dieses vielschichtige ‚Totalphänomen‘ erschlossen werden soll, wird gleich anschließend vorzustellen sein.

39 40 41

Paczensky/Dünnebier (1999), S. 9 Hirschfelder (2001), S. 17 Schubert (2006), S. 17 ff.

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1.2 Modus operandi Wenn es vorstehend als Defizit angesehen wurde, dass verschiedene Arbeiten zeitlich und räumlich (zu) weit voneinander entfernte Belege heranziehen, um Aspekte des Lebens in ‚dem‘ Mittelalter in ihren Grundzügen und Besonderheiten zu erfassen, bedarf es zunächst einer Definition, welcher Zeit- und welcher geographische Raum den Rahmen der folgenden Untersuchungen bilden. 1.2.1 Zeitlicher und räumlicher Rahmen Obwohl Setzungen in der Art eines ‚von … bis …‘ angesichts der Dynamik historischer Prozesse eine gewisse Willkür anhaftet, sofern die gewählte temporäre Limitierung eines Untersuchungszeitraumes nicht durch den Gegenstand selbst angezeigt ist (z. B. bei Viten, Regentschaften und Herrschaftssystemen, Kriegen, Rechtsformen oder Verträgen), lassen sich für die Betrachtung des Zeitraums von ca. 1000 bis etwa 1300 verschiedene Begründungen anführen. Hinsichtlich der grundlegenden Frage des Nahrungsmittelangebotes sind besonders zwei Faktoren von Bedeutung, die diesen Zeitraum prägen, so dass bei im Einzelnen durchaus möglichen Schwankungen über etwa drei Jahrhunderte hinweg von insgesamt einheitlichen Bedingungen ausgegangen werden darf. Der erste Faktor betrifft das Klima, das für den Zeitraum von etwa 1000 bis 1300 als vergleichsweise günstig, warm und stabil gewertet wird.42 Von den ersten beiden Dekaden des 14. Jahrhunderts an ist eine Verschlechterung der klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa nachgewiesen, es wurde im Jahresmittel insgesamt feuchter und kälter, was dazu führte, dass 42

Nachweise dafür wurden u. a. durch die Auswertung aus dem Hochmittelalter stammender Pflanzenreste erbracht, deren Vorkommen und Vergesellschaftung zum einen von Bodenbedingungen, zum andern besonders auch von klimatischen Verhältnissen abhängt, vgl. hierzu Ulrich Willerding: Paläo-enthnobotanische Befunde an mittelalterlichen Pflanzenresten aus Süd-Niedersachsen, Nord-Hessen und dem östlichen Westfalen, in: Karl-Ernst Behre/Harald Lorenzen/Ulrich Willerding: Beiträge zur Paläo-Ethnobotanik von Europa. (Berichte der Deutschen Botanischen Gesellschaft. Bd. 91). Stuttgart/New York 1978, S. 129–160, hier: S. 146; vgl. auch Hirschfelder (2001), S. 115 sowie H. Jäger, der für die Zeit von 950/1000 bis 1300 von einem klimatischen Optimum ausgeht, das den Mitte des 20. Jhs. gegenüber geltenden Temperaturen eine durchschnittlich um 1°C höhere Temperatur aufwies, in: LexdMA Bd. V (1991), Sp. 1214 f. s.v. Klima, hier: Sp. 1215

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sich die landwirtschaftliche Produktion schwieriger gestaltete und dass sich z. B. der zuvor bis weit in den Norden Mitteleuropas nachgewiesene Weinanbau deutlich auf südlicher gelegene Regionen konzentrierte.43 Überdurchschnittliche klimatische Schwankungen oder eine allgemeine Verschlechterung der klimatischen Verhältnisse hatten auf die agrarisch geprägten Gesellschaften der vorindustriellen Zeit erheblichen Einfluss, denn beides wirkte sich u. a. direkt auf deren Versorgungslage aus. Dass diese in der Zeit des Hochmittelalters vergleichsweise stabil war, belegt auch die Zahl zeitgenössischer Berichte über Versorgungskrisen: „Grob gesagt, liegen Krisenverdichtungen in der Zeit vor 1000 und nach 1300, während die dazwischen liegenden Jahrhunderte keine größeren Hungerkrisen gekannt zu haben scheinen.“44 Der zweite, die Zeit zwischen etwa 1000 und 1300 n. Chr. prägende Faktor ist die durch die Menschen in diesem Zeitraum vorgenommene, weit reichende Umgestaltung ihres natürlichen Umfeldes. Bereits vor der Jahrtausendwende begannen umfangreiche Rodungstätigkeiten in den bis dahin weite Teile Mitteleuropas bedeckenden Wäldern. Zum einen wurde Holz in großen Mengen als Baustoff und zur Wärmegewinnung benötigt,45 zum andern musste zur Versorgung einer wachsenden Bevölkerung mehr Ackerland gewonnen und bebaut werden.46 Gleichzeitig kam es zu Innovationen in der landwirtschaftlichen Produktionsweise, z. B. durch die Weiterentwicklung des Pfluges und zur Ausformung der bis weit in die Neuzeit beibehaltenen Dreifelderwirtschaft, durch die im Wechsel der Anbaufolge von Sommer- und Wintersaaten und Brache ein angesichts begrenzter Bodenverbesserungsmöglichkeiten größtmöglicher Ernteertrag erzielt werden konnte.47 Die Expansion der Anbauflächen blieb bis nach Mitte des 13. Jahrhunderts konstant: „Ungefähr ab 1270 kommt das europäische Wirtschaftswachstum zu einem besorgniserregenden Stillstand. Die landwirtschaft43

44 45

46 47

Vgl. Jäger (1991), Sp. 1215 s.v. Klima; siehe auch Regina Wunderer: Weinbau und Weinbereitung im Mittelalter. Unter besonderer Berücksichtigung der mittelhochdeutschen Pelz- und Weinbücher. (Wiener Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Philologie. Bd. 37). Bern/Berlin/Brüssel/Frankfurt a.M./New York/ Oxford/Wien 2001, S. 19 ff.; zu Folgen der klimatischen Verschlechterung vgl. auch Montanari (1993), S. 85 ff. Dirlmeier (1987b), S. 145 f. Beispiele z. B. für das Abholzen des Harzes und andere ökologische ‚Sünden‘ schon im Hochmittelalter bietet Herrmann (1987) Vgl. Montanari (1993), S. 51 Vgl. Werner Rösener, in: LexdMA Bd. III (1986), Sp. 1377–1381 s.v. Dreifelderwirtschaft

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liche Expansion verlangsamt sich, die Zahl der bebauten Böden nimmt ab“.48 Diese seit der Wende vom ersten zum zweiten Millenium unserer Zeitrechnung vermehrt aktive Gestaltung des Lebensraumes ist ursächlich auch auf politische Prozesse gegründet, die sich auf die Gestaltung von Herrschaft, Raum und Lebensformen auswirkten. Die vorher auf Expansion angelegte kaiserliche Politik wich zunehmend Vorstellungen, die auf eine Stabilisierung des Reiches ausgerichtet waren. Möglich wurde dies dadurch, dass der Norden und der Osten in das christliche Europa integriert wurden und dass der islamische Einfluss in Spanien und Süditalien zunehmend schwand. Da auch die Bedrohung Kontinentaleuropas durch die Normannen seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts kaum mehr bestand, richteten sich die kaiserlichen Aktivitäten nun mehr auf die Stärkung der inneren Strukturen des Reiches und die Sicherung sowie den Ausbau der Landesherrschaft aus.49 Damit ergab sich für den „Adel … die Perspektive, seine eigene Identität aus dem Bewusstsein einer ererbten Stellung in einem als langfristig stabil gedachten Reich zu entwickeln.“50 Dies wiederum bildete nicht nur die Voraussetzung für den Ausbau der adligen Landesherrschaft – und vermehrt auch der Adelssitze selbst –, sondern förderte auch die Entwicklung kultureller Aktivitäten, nicht zuletzt einer volkssprachigen Literatur und Überlieferung, deren Zeugnisse nachfolgend mit herangezogen werden sollen.51 48

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Montanari (1993), S. 85; zu den Folgen, die das labile Verhältnis von Bevölkerungswachstum und Anbaufläche besonders vom 14. Jahrhundert an zeigte, vgl. Wilhelm Abel: Stufen der Ernährung: eine historische Skizze. (Kleine Vandenhoeck-Reihe 1467). Göttingen 1981, S. 7 ff. Vgl. Klaus van Eickels: Zeitenwende oder Mitte des Mittelalters? Lebensordnungen und Ordnungsvorstellungen im Umbruch des 11. Jahrhunderts, in: Achim Hubel/ Bernd Schneidmüller (Hg.): Aufbruch in das zweite Jahrtausend. Innovation und Kontinuität in der Mitte des Mittelalters. (Mittelalter-Forschungen. Bd. 16). Ostfildern 2004, S. 15–30, hier: S. 19 und 28 f. Eickels (2004), S. 29; die Reichsgeschichte der Zeit der Ottonen, Salier und Staufer bleibt bei den folgenden Betrachtungen weitgehend unberücksichtigt. Deren Entwicklung dürfte sich nämlich, wenn überhaupt, kaum direkt auf die hier interessierende Thematik ausgewirkt haben „Sofern sich die mediävistische Literaturwissenschaft ihrer Nachbardisziplin, der historischen Wissenschaft, geöffnet hat, konnte sie sich ein Verständnis erarbeiten, das den Aufschwung der deutschen (volkssprachigen) Literatur im 12. Jahrhundert im Zusammenhang mit jenem Prozeß begreift, den die Historiker als die Entwicklung zur Landesherrschaft und Territorialstaatlichkeit beschreiben“, Barbara Haupt: Das Fest in der Dichtung. Untersuchungen zur historischen Semantik eines literarischen Motivs in der mittelhochdeutschen Epik. (Studia humaniora. Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance. Bd. 14). Düsseldorf 1989, S. 12

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Eine weitere, bis in die heutige Zeit wirkende Entwicklung, die auch die folgenden Betrachtungen berührt, nahm nach der ersten Jahrtausendwende eine besondere Dynamik an: die der Gründung von Städten bzw. der zunehmenden Urbanisierung bestehender, zentraler Orte.52 Dabei wurden seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts besonders Bischofsund auch weltliche Herrschaftssitze ausgebaut, oft verbunden mit umfangreicher Bautätigkeit an Kathedralen, Klöstern, Stiften und Hospitälern, in manchen Fällen auch bei der Ummauerung der Dombezirke, ab dem 12. Jahrhundert dann auch der städtischen Siedlungen.53 Innerhalb dieser neuen Siedlungsbereiche entstanden (überwiegend klein-) städtische Gemeinschaften, mit ihnen neue Käuferschichten, deren Bedarf zunehmend auch durch national und teils bereits auch international operierende Handelshäuser gedeckt wurde, und damit auch neue Versorgungsanforderungen. Ernst Schubert nennt neben der Entstehung der Städte und der Ostkolonisation die schon vor der ersten Jahrtausendwende fortgeschrittene Auflösung der Fronhofsverbände (Villikationsverfassung) und die damit einhergehende ‚Verdorfung‘ Mitteleuropas als ein die Geschichte der Ernährung im Mittelalter epochal prägendes Moment.54 Die für diese historischen Prozesse ursächlich entscheidenden Faktoren verortet er besonders in der wachsenden Bevölkerung, deren Ernährungsbedarf ökonomisch, technisch, rechtlich, politisch und auch gesellschaftlich innovative Entwicklungen erzwang. Für Schubert sind es entsprechend nicht vornehmlich die oben skizzierten, weltlichen wie kirchlichen, überstaatlichen oder reichspolitischen Entwicklungen und Entscheidungen, die die Voraussetzungen der die Gesellschaft des Mittelalters prägenden Prozesse bildeten. In eine Kurzformel gebracht, sind für ihn die Fragen nach der Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln bei einer wachsenden Bevölkerung gleichsam Motor und Ziel der am Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrtau52

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Vgl. Frank G. Hirschmann: Der Ausbau der Kathedralstädte im frühen 11. Jahrhundert, in: Achim Hubel/Bernd Schneidmüller (2004), S. 73–116 Nachgewiesen ist eine Ummauerung u. a. für Straßburg, Würzburg, Speyer, wahrscheinlich auch Bremen, der Beginn neuer Kathedralbauten u. a. für Bremen, Hamburg, Verden, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg, Basel, Salzburg, Würzburg, Magdeburg, Bamberg, Merseburg und Naumburg und der (Neu-)Bau von Klöstern, Stiften und Hospitälern u. a. für Hildesheim, Halberstadt, Minden, Köln, Trier, Würzburg, Eichstätt, Münster, Augsburg und Konstanz, vgl. Hirschmann (2004), S. 36 ff. Schon diese kurze Aufstellung weist darauf hin, dass diese Entwicklungen seinerzeit nicht flächendeckend synchron auftraten. Vielmehr lässt sich schon anhand dieser wenigen Beispiele ein gewisses Süd-Nord- und West-Ost-Gefälle ausmachen Vgl. Schubert (2006), S. 16 ff.

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sends in Mitteleuropa zu verzeichnenden Veränderungen.55 Vom 14. Jahrhundert an sind auch für Schubert verschiedene Zäsuren erkennbar. Zum einen ist es die dann vermehrt einsetzende schriftliche (nicht-poetische) Dokumentation verschiedener Vorgänge, die sich mit unserem Thema befassen und es dem quellenabhängigen Historiker differenzierter erschließbar machen. Zum andern konstatiert Schubert, dass nach 1300 nicht nur der Fernhandel z. B. mit Vieh und Fisch etabliert war,56 sondern auch ein Wandel im Repräsentationsbedürfnis der seinerzeit bereits „trendsetzenden“ höfischen Haushalte festzustellen sei, das sich zunehmend auf Prachtentfaltung konzentrierte.57 Dies brachte auch bisher führende Kreise in wirtschaftliche Schwierigkeiten, so dass ab 1300 nachweisbar wird, dass hoch gestellte Persönlichkeiten infolge ihrer Hofhaltung, Prunkentfaltung und damit auch bestehender Verpflichtungen oft und tiefgreifend überschuldet waren.58 Die Folgen dieser Entwicklung erreichten alle soziologisch fassbaren Kreise: „Die Sackgasse am Ende des 13. Jahrhunderts, gekennzeichnet durch ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Ressourcen und das Ende traditioneller extensiver Wachstumsmöglichkeiten führt zu sozialen Verteilungskonflikten auf allen Ebenen.“59 Von den zeitlichen zu räumlichen Abgrenzungen des Untersuchungsgegenstandes. Hier gäbe es Gründe für verschiedene Definitionen und Ansätze, etwa eine Begrenzung auf den südwestlichen Raum mit dem damaligen Herzogtum Schwaben, in dem es literarische Produktion sowie eine Reihe von Burgen, städtischen Siedlungen und Klöstern gab und für das auch verschiedene Ausgrabungsergebnisse vorliegen. Ein solcher Ausschnitt schränkt jedoch eine grundsätzlich für den genannten Zeitraum intendierte Bestandsaufnahme deutlich ein. Der Blick sollte demnach eher auf größer gefasste Räume gerichtet werden. Sie an politischen Grenzen, etwa dem Herrschaftsgebiet des damaligen deutschen Kaisertums festzumachen, wirft – nicht zuletzt wegen der transalpinen Besitzungen – ebenfalls Probleme auf. 55 56 57 58

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Vgl. Schubert (2006), S. 18 ff. Vgl. Schubert (2006), S. 109 ff., S. 131 ff. und passim Vgl. Schubert (2006), S. 276 ff. Vgl. Roger Sablonier: Zur wirtschaftlichen Situation des Adels im Spätmittelalter, in: Adlige Sachkultur des Spätmittelalters. Internationaler Kongress Krems an der Donau 22. bis 25. September 1980. (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte. 400. Band). Wien 1982, S. 9–34, hier: S. 9 f.; vgl. auch Peter Uwe Hohendahl/Paul Michael Lützeler (Hg.): Legitimationskrisen des deutschen Adels 1200–1900. (Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften 11). Stuttgart 1979 Sablonier (1982), S. 21

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Die hier vorgenommene räumliche Abgrenzung orientiert sich daher etwa an den Grenzen des (mittelhoch- bzw. mittelnieder-)deutschen Sprachgebietes im Hochmittelalter.60 Geographisch begrenzen lässt sich das Gebiet etwa mit den Grenzen des damaligen Herzogtums Sachsen und der späteren Mark Brandenburg im Norden. Im Osten umfasst es Thüringen, Franken, die Ostmark und die Thüringer Mark und die Markgrafschaft Nordgau. Im Süden bzw. Südosten gehören dazu das Herzogtum Bayern, die Mark Österreich und der nördliche Bereich des Herzogtums Kärnten, im Südwesten das Herzogtum Schwaben sowie die östlichen Teile der Herzogtümer Ober- und Niederlothringen. Böhmen und Mähren sowie die transalpinen Gebiete des deutschen Reiches bleiben dabei unberücksichtigt.61 Nach heutigen geographischen Orientierungspunkten wird damit in der Nord-Süd-Ausdehnung etwa das Gebiet zwischen Nordsee und Alpen (diese eingeschlossen) und in der West-Ost-Ausdehnung etwa der Raum vom unteren Rheinland (Niederlande), Lothringen, Luxemburg, dem Elsass, der deutschsprachigen Schweiz und Liechtenstein bis zur Oder erfasst. Damit wird der Untersuchungsbereich im Vergleich zu manchen vorliegenden Darstellungen zwar eingegrenzt, ist geographisch jedoch immer noch sehr ausgedehnt und beherbergte zudem eine Bevölkerung, die nicht nur dem germanischen, sondern – besonders im Nordosten und Osten – auch dem slawischen Kulturkreis angehörte. Es ist nicht zu verkennen, dass die Betrachtung dieses immer noch sehr ausgedehnten Raumes die Gefahr einiger Unschärfen bietet, zumal z. B. die im südwestdeutschen Raum herrschenden Verhältnisse kaum mit den zeitgleich im Oder-Spree-Raum vorfindlichen identisch gewesen sein dürften. Gleichwohl wird dieser Aspekt im Interesse der vorgesehenen Bestandsaufnahme folgend als nachrangig behandelt werden müssen.62

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Vgl. dazu die kartographische Darstellung bei Hermann Paul/Hugo Moser/Ingeborg Schröbler: Mittelhochdeutsche Grammatik. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A. Hauptreihe Nr. 2). Tübingen 197521, Abb. 1 Vgl. hierzu die Karte ‚Mitteleuropa im 10. und 11. Jahrhundert‘ in: Walter Leisering (Hg.): Putzger. Historischer Weltatlas. Berlin/Bielefeld 1984100, S. 42 f. sowie die in demselben Band auf den S. 46 f. abgebildete Karte ‚Mittel- und Westeuropa vom 11. bis 13. Jahrhundert‘ Zu den vielschichtigen, sich auch nicht kontinuierlich vollziehenden Prozessen der Landnahme, des Landesausbaus und kultureller Entwicklungen zwischen Elbe und Oder vgl. ausführlicher z. B. Christian Lübke (Hg.): Struktur und Wandel im Frühund Hochmittelalter. Eine Bestandsaufnahme aktueller Forschungen zur Germania Slavica. (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa. Bd. 5). Stuttgart 1998

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1.2.2 Quellen und Vorüberlegungen zu ihrer Untersuchung Wie zuvor schon skizziert, diente die im Hochmittelalter aufblühende volkssprachliche Dichtung bereits vielen kulturhistorischen Arbeiten als Basis ihrer Darstellungen.63 Wenn auch oft geradezu als ‚Steinbruch‘ genutzt, bieten literarische – hier insbesondere epische – Quellen doch nicht nur Schilderungen dessen, wer im Rahmen einer Handlung was (und ggf. auch warum oder in welchem Kontext) speiste und trank, sondern geben durch Kommentare oder andere Wertungen auch Hinweise darauf, was als alltäglich oder besonders, standesgemäß, schicklich oder unziemlich, auch als geboten oder verboten angesehen wurde. Auch wenn sich nur wenige literarische Quellen ausführlicher mit den Nahrungsmitteln oder -grundlagen, dafür einige sich mehr mit dem Aufwand ihrer Bereitung und Präsentation sowie mit Fragen der Etikette bei Tisch befassen, sind sie schon ihrer Schilderung wegen und aufgrund der in ihnen genannten Speisen und Getränke von Interesse. Wer diese Werke las oder vorgetragen bekam, musste zudem eine Vorstellung von dem haben, was dort jeweils sprachlich wie poetisch gefasst wurde. Es ist daher anzunehmen, dass die realen Entsprechungen der sprachlichen Fassung einem Auditorium oder einer Leserschaft wohl weitgehend bekannt gewesen sein dürften. Vor diesem Hintergrund bilden literarische Quellen nach wie vor eine vielseitige Basis, die auch dieser Arbeit zugrunde gelegt werden soll. Dabei sollen verschiedene Werke der mittelhochdeutschen Dichtung bis 1300 beigezogen werden, die wiederum verschiedenen Gattungen zuzuordnen sind. So finden sich Speiseszenen und/oder Aussagen zum Essen in Trinken in den höfischen Romanen (u. a. in den Werken Hartmanns und besonders Wolframs), in der Heldenepik (z. B. dem Nibelungenlied), in der Maerendichtung (wie beim Stricker), in Kleindichtungen und Liedern (so z. B. des Marners und Neidharts) sowie in religiösen und in didaktischen Werken wie der sog. Tischzuchtenliteratur. Diese – in engerem Sinne poetischen – Quellen sollen, wo sich Bezüge ergeben, durch andere zeitgenössische Quellen ergänzt werden, z. B. durch Schriften der ‚Fachliteratur‘ – z. B. über Gartenbau oder medizinische Trak63

Auch die Dichtung ließe sich zur Begründung des Untersuchungszeitraums heranziehen, setzen (früh-)mittelhochdeutsch verfasste – und überlieferte – Werke doch etwa ab 1050 ein. Bis zu diesem Zeitpunkt war ‚die‘ Sprache der Litterati – und damit auch dichterischer Produktion – das Lateinische, das als Schriftsprache noch lange überwog und das ganze Mittelalter hindurch in gebildeten Kreisen parallel verwendet wurde, vgl. Heinz Rupp: Deutsche religiöse Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Untersuchungen und Interpretationen. (Bibliotheca Germanica. Bd. 13). Bern/München 19712, S. 278 ff.

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tate –, durch städtische oder kirchliche Verordnungen, Predigten und andere historische Dokumente aus dem kirchlichen sowie aus dem weltlichen Bereich.64 Da das Lateinische in der Schriftsprache der Zeit generell eine wesentliche Rolle spielte, werden auch einschlägige, lateinisch gefasste Quellen berücksichtigt. Dabei wird auch zu beleuchten sein, ob und in wiefern diese Quellen die zeitgenössischen Verhältnisse tatsächlich wiederzugeben vermögen. Da im Hochmittelalter sowohl die Dichtung als auch die Historiographie und sogar Sachtexte darstellerischen Absichten folgen, die sich oftmals mehr an Idealen und einem entsprechenden ‚Soll‘ und weniger an einem vorhandenen ‚Ist-Zustand‘ orientieren, ist in der schriftlichen Darstellung mit verschiedenen Brechungen zu rechnen.65 Diese sollen, wo es belastbare An64

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Auch diese Quellen gehören zu den ‚literarischen‘. Eine belastbare Klassifizierung von mittelalterlichen Schriftzeugnissen gestaltet sich schwierig, denn bis in das 18. Jahrhundert hinein umfasste das Verständnis von Literatur „alle zusammenhängenden schriftlichen Äußerungen, die dem weiten Umkreis von ‚schönen und nützlichen Wissenschaften‘ zuzuordnen waren“, so Bernhard Dietrich Haage im Rahmen definitorischer Überlegungen in: Bernhard Dietrich Haage/Wolfgang Wegener: Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit. (Grundlagen der Germanistik. Bd. 43). Berlin 2007, S. 11. Wie dort weiter ausgeführt wird, ist eine eindeutige Zuordnung bzw. Trennung literarischer Gattungen ein bis heute nicht befriedigend gelöstes Desiderat. Ein Beispiel dafür bietet die frühmhd. ‚Kaiserchronik‘, wohl entstanden bis etwa 1147 in Regensburg und „das erste nach Umfang und Anspruch große deutsche Geschichtswerk. Die Volkssprache unternimmt damit den Versuch, sich einen Bereich zu erobern, der bis dahin allein dem gelehrten Latein vorbehalten war“, so Gisela Vollmann-Profe im Kommentar zu ausgewählten Textpassagen aus diesem Werk in: Frühmittelhochdeutsche Literatur. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Auswahl, Übersetzung und Kommentar von Gisela Vollmann-Profe. (Reclam. Universal-Bibliothek. Nr. 9438). Stuttgart 1996, S. 258. Die ‚Kaiserchronik‘ enthält Geschichte und Geschichten aus der römischen Antike, daneben führt sie aktuelle Ereignisse der Reichspolitik auf und weist dabei dem bestehenden, historisch-politischen Heiligen Römischen Reich eine besondere heilsgeschichtliche Bedeutung zu. Dieses Werk lässt sich daher als historiographisch bzw. chronikalisch, religiös sowie auch philologisch relevant aus den je verschiedenen Perspektiven der modernen Disziplinen betrachten. Vergleichbar trifft dies auf das auch um 1150 enstandene mhd. ‚Alexanderlied‘ des Pfaffen Lambrecht zu, das ein anderer Bearbeiter aus dem geistlichen Stand um 1170 fortführte und ergänzte. In diesem sog. ‚Straßburger Alexander‘ werden aus antiken Texten überlieferte historische Angaben zum Leben Alexanders des Großen mit religiösen, besonders auch mit heilsgeschichtlichen Deutungen verwoben und zusätzlich auch bereits in den Rahmen höfischer Formen eingebettet, vgl. hierzu Werner Schröder s.v. Der Pfaffe Lambrecht in: VL Bd. 5 (1985), Sp. 494–510, bes. Sp. 497 ff. Vgl. z. B. Rosemarie Marquardt: Das höfische Fest im Spiegel der mittelalterlichen Dichtung (1140–1240). (Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 449). Göppingen 1985, S. 8 f.

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haltspunkte gibt, identifiziert und aufgezeigt werden. Hierzu bedarf es, da Texte und literarische Tradition zunächst auf sich verweisen, möglicher Vergleichsgrundlagen oder auch Korrektive. Diese bieten sich zunächst in der zeitgenössischen darstellenden Kunst an, die z. B. in illuminierten Handschriften Szenen aus dem Textkorpus in bildliche Darstellungen übersetzte. Wie direkt diese Illuminationen den Texten entsprechen, wie sie ggf. (nur) im Bild mögliche Ergänzungen oder Zusammenfassungen liefern, wird dabei ebenso zu betrachten sein wie Formen der Darstellung, die sich z. B. in typischen Mustern äußern können.66 Darüber hinaus sollen Bilddarstellungen berücksichtigt werden, die nicht in direktem Kontext mit der Illustration zeitgenössischer literarischer Werke standen, jedoch Hinweise u. a. auf die Sachkultur von Tisch und Küche geben können. Auch die plastische Kunst des Hochmittelalters soll hierzu auf Beispiele befragt und daher beigezogen werden. Die artifiziellen und damit immer bewusst gestalteten Darstellungen aus Literatur und bildender Kunst sollen in Beziehung zu den Funden gesetzt werden, die die besonders in den letzten Jahrzehnten aufblühende Archäologie des Mittelalters bei Grabungen in mittelalterlichen Siedlungen hervorbrachte. Das archäologische Fundgut besitzt den Vorteil, nicht bewusst oder etwa mit der Absicht, etwas über Lebensformen und -umstände der Urheber der historischen Hinterlassenschaften preiszugeben, in den Boden gelangt zu sein. Es besitzt damit den Charakter einer hohen Authentizität. Insofern lassen sich aus verschiedenen Befunden archäologischer Grabungen Aussagen dazu erwarten, womit Küchen, Keller und Tische im Hochmittelalter bestückt waren. Über die Nahrungsgrundlagen können dabei Tierknochen- und Pflanzenrestfunde Auskunft geben, über Küchen- und Tischgerät u. a. baukundliche Untersuchungen (die Aussagen z. B. über Herde und Öfen oder Fragen der Wasserversorgung versprechen) sowie besonders auch Sachfunde von Geschirr und Küchenutensilien. Funde von Skeletten, die in das Hochmittelalter datiert werden, können zudem auf pathologische Besonderheiten hin befragt werden, die Hinweise auf die allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung und auch auf ernährungsbedingte Mangelerscheinungen geben. Dabei wird auch der Frage der Bewertung dieser Funde nachzugehen sein. Denn auch die genannten archäologischen Fundmaterialien können historische Verhältnisse vielfach nicht in einer ‚faktischen Relation‘ abbilden. So wird zu fragen sein, wo sich dichterische Schilderungen und ar66

Vgl. Sabine Felgenhauer-Schmiedt: Die Sachkultur des Mittelalters im Lichte der archäologischen Funde. (Europäische Hochschulschriften. Reihe XXXXVIII. Archäologie. Bd. 42). Frankfurt/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1993, S. 99ff.

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chäologische Funde entsprechen, wo sie sich ggf. ergänzen und auch, wo sie möglicherweise keine Deckungen aufweisen. Der ständisch gegliederten Gesellschaft des Hochmittelalters entsprechend, sollen dabei die Lebensbereiche des Adels, der ländlichen und städtischen Gesellschaften sowie des Klerus gesondert betrachtet werden. Denn nur so können mögliche Unterschiede in der Ernährung, aber auch in der Tischkultur ermittelt und aufgezeigt werden. Die (stets auch vergleichende) Gesamtschau der drei im Schwerpunkt herangezogenen historischen Quellenbereiche verfolgt das Ziel, ein vielfältigeres und damit möglichst differenzierteres Bild dessen zu entwerfen, was das Essen und Trinken der Bevölkerung des deutschen Sprachgebietes in der Zeit von 1000 bis 1300 ausmachte und kennzeichnete. Dass ein solches Bild kulturgeschichtlich nicht allein auf zeitgenössische poetische, auch nicht auf andere schriftliche Quellen abgestützt werden kann, wurde zuvor bereits skizziert. Daher soll im Folgenden versucht werden, eine Synthese der Ergebnisse verschiedener historischer Disziplinen zu entwickeln, die geleitet wird von einem interdisziplinären Ansatz, wie er etwa in folgender Passage gefasst wird: „Dazu stellt Moreland fest, daß Geschichte, Archäologie, Kunstgeschichte usw. künstliche Schubladen produzieren und ihrerseits Produkte der Geschichte und des modernen akademischen Betriebs sind. ‚They are not naturalisms and bear no relationship to the categories through which people constructed themselves in the past.‘ Nur ein wechselseitiger, ständiger Austausch in allen Phasen der Untersuchung, sozusagen eine verschränkte Arbeitsweise, verspricht einen Erkenntnisgewinn. Nur so werden wir etwa auf ‚Widersprüche in der Überlieferung zwischen Archäologie und Historie‘ aufmerksam, nur so gelingt es wenigstens ansatzweise, Dinge … in ihren Kontext zu stellen und ihre – je nach Situation – verschiedene Bedeutung zu erkennen.“67 Wenn sich die hier geäußerte Kritik dagegen wendet, dass im historischen Kontext Zusammengehöriges durch die verschieden gelagerten Frage- und Untersuchungsinteressen unterschiedlicher akademischer Disziplinen im Nachhinein ‚künstlich‘ zergliedert wurde (und teils auch immer noch wird), soll in dieser Arbeit versucht werden, deren Erkenntnisse so wieder zusammenzuführen, dass zum Thema ein möglichst vielseitiges, besonders jedoch auch ein für den gewählten räumlichen und zeitlichen Horizont zutreffenderes Gesamtbild entworfen werden kann als es viele bisherige Darstellungen zeichnen. Die hier dabei verfolgte Vorgehensweise ist in der kulturgeschichtlichen Forschung grundsätzlich nicht neu. Sie wurde beson-

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Kühn/Rippmann (2000), S. 106

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ders durch die während der letzten etwa drei Jahrzehnte in Österreich forcierte Sachkulturforschung favorisiert: „Nicht zuletzt ist es die Aufgabe der archäologischen Forschung, die Lebensumstände und die verschiedenen sozial bedingten Lebensmöglichkeiten einer bestimmten Zeit aufzudecken. Dies spricht vielleicht den Historiker, der den bewegten Ablauf der Geschichte vor Augen hat, weniger an, ist aber als Quelle zur allgemeinen Kulturgeschichte sicher von Bedeutung, besonders wenn mehrere solcher Zustandsbilder nebeneinander und übereinander gesetzt werden können.“68 Zum Themenkomplex ‚Essen und Trinken‘ liegen kulturgeschichtliche Arbeiten, die die hier gewählten Quellentypen auf einer breiteren Basis für die Zeit des Hochmittelalters gleichsam als Folien nebeneinander und übereinander legen, bisher jedoch nicht vor.69 Durch diese Arbeit soll daher ein Beitrag geleistet werden, diese Lücke zu schließen.

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Felgenhauer-Schmiedt (1993), S. 19 Diesen Anspruch erfüllt, obwohl ihr Titel es vermuten lässt, auch die umfänglich angelegte Publikation von Schubert (2006) nicht. Dort werden poetische Quellen des Hochmittelalters kaum beleuchtet, bildliche Quellen besonders des Spätmittelalters beigezogen, und manche seiner Blicke auf archäologische Quellen sind wie einige seiner Urteile über deren mögliche Aussagen eher flüchtig. In den folgenden Kapiteln wird auf entsprechende Beispiele näher einzugehen sein

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Causa operandi

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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2. Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur 2.1 Mittelalterliche Erzählstoffe und ihre Tradition – wie weit wirkten die Vorlagen? Gern gestalteten mittelalterliche Autoren ihre Texte nach dem Muster von (schon bestehenden) Vorlagen. Antike Erzählstoffe, biblische Motive, Heldensagen oder höfische Epik des romanischen Sprachraums: ganze Stoffe oder einzelne ihrer Motive wurden wieder oder neu aufgenommen und ins Mittelhochdeutsche übertragen. Wenn diese literarischen Stoffe auf ihre Darstellung von Szenen befragt werden sollen, die unser Thema betreffen, stellt sich angesichts dieser Erzähltradition die Frage, in welchem Grad der Abhängigkeit von Quellenvorgaben mittelalterliche Autoren ihre Werke gestalteten, in welcher Weise die Tradition der Vorlagen einer (kritischen?) Veränderung unterlag. Waren die Dichter bemüht, die Erzählung und ihren gestalterischen Rahmen unabhängig von ihren Vorlagen so zu entwickeln, dass sich in ihnen Aspekte der für ihre Zeitgenossen erfahrbaren Lebenswelt spiegelten? Oder übertrugen sie lediglich durch ihre Quellen determinierte Sachverhalte in die ihnen geläufige Sprache, so dass sich in ihren Werken letztlich der Ausdruck anderer Kulturen abgebildet findet, die aufgrund ihrer historischen und/oder geographischen Ferne kaum auf die den Zeitgenossen bekannten Umstände und Vorstellungen schließen lassen?1 1

Dies könnte vielleicht auf die Geschichte der ehren- und tugendhaften Lucretia zutreffen, die auf die Spätantike zurückgeht und wohl als Beispiel für eine vorbildliche Haltung in die frühmittelhochdeutsche ‚Kaiserchronik‘ aufgenommen wurde, vgl. Frühmittelhochdeutsche Literatur (1996), S. 104 ff. – Lucretia wird von ihrem Gatten, der seinem König beweisen will, dass sie über eine ausgesprochen noble Haltung verfügt, auf die Probe gestellt: der Gatte kommt – mit seinem inkognito reisenden König als Gast – heim, Lucretia bewirtet die beiden. Als ihr Gatte sie auf die Probe stellt und durch grobes Benehmen provoziert – er schüttet ihr absichtlich Wein ins Gesicht über über ihre Kleider – nimmt Lucretia dies ohne Regung hin, wechselt ihre Kleider und bedient ihren Gatten und seinen mitgebrachten Gefährten aufmerksam weiter. Als der Gast dieser Szene – der König – später selbst heim kommt und seine Königin bittet, ihm zu essen und zu trinken zu besorgen, wird er von ihr schroff abgewiesen, vgl. S. 114 ff., V. 4477 ff.

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Für den Bereich der mittelalterlichen Sach- und Fachliteratur lässt sich feststellen, dass sich dort Sachverhalte beschrieben finden, die ganz offensichtlich nicht einem realen Erfahrungsbereich entsprachen und deren Darstellung deshalb recht eindeutig auf den Einfluss der Quellen und auch besonderer Intentionen zurückzuführen ist, die auf die Autoren wirkten.2 Ob und in welchem Umfang dies auch für die Übersetzungen und Bearbeitungen erzählender Dichtung gilt, soll nachfolgend an einem ausgewählten Beispiel geprüft werden: an Hartmanns ‚Erec‘. 2.1.1 Chrétien von Troyes: ‚Erec et Enide‘ / Hartmann von Aue: ‚Erec‘ 2.1.1.1 Zur Quellenfrage Die Frage nach der Vorlage bzw. den Vorlagen des ‚Erec‘ Hartmanns von Aue wurde in der Fachwelt oft diskutiert.3 Demnach zeigt Hartmanns Fassung neben Übereinstimmungen mit dem chrétienschen Text auch deutliche Ähnlichkeiten mit dem in einer Fassung aus dem 14. Jahrhundert

2

3

Stellvertretend für viele andere Beispiele finden sich z. B. in den Schriften Hildegards von Bingen aus dem 11. Jh. oder des Kölner Klerikers Albertus Magnus aus dem 13. Jh. Belege dafür, dass diese sonst geradezu wissenschaftlich vorgehenden Autoren gelegentlich ins Fiktionale abgleiten. So, wenn sowohl Hildegard als auch Albertus vom Löwen und vom Kamel sprechen. Beide dürften sie aus eigener Anschauung kaum gekannt haben; vgl. Car. Daremberg/F. A. Reuss (Hg.): S. Hildegardis Abbatissae Subtilitatum Diversarum Naturarum Creaturum Libri Novem, in: S. Hildegardis. Opera Omnia, Ad Optimorum Librorum Fidem Edita. (Migne Patrologiae Cursus Completus. Series Latina. Bd. 197). Paris 1855, S. 1117–1353, hier: De Camelo (S. 1313) und De Leone (S. 1314 ff.); ferner Peter Amelung (Hg.): Albertus Magnus / Daraus man alle Heimligkeit deß Weiblichen geschlechts erkennnen kann / Deßgleichen von ihrer Geburt / sampt mancherley artzney der Kreuter / auch von der tugendt der edlen Gestein und Thier / … Faksimileausgabe des Frankfurter Druckes von 1581 ‚Durch Johannem Schmidt in Verlegung Sigmund Feyerabends‘. Stuttgart 19772, Bl. 32v Kamel Thier und Bl. 33vf. Von dem Loewen Hier nur eine Auswahl von Arbeiten zu diesem Thema: Pentti Tilvis: Über die unmittelbaren Vorlagen von Hartmanns ‚Erec‘ und ‚Iwein‘, Ulrichs ‚Lanzelet‘ und Wolframs ‚Parzival‘, in: Neuphilologische Mitteilungen 60 (1959), S. 29–65 und S. 129–144; Siegfried Gutenbrunner: Über die Quellen der Erexsaga, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen 190 (1954), S. 1–20; Herbert Drube: Zur Quellenfrage des Erec, in: ders.: Hartmann und Chrétien. (Forschungen zur deutschen Sprache und Dichtung 2). Münster 1931, S. 103–114; Gustav Ehrismann: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. (Handbuch des deutschen Unterrichts an höheren Schulen. Bd. 6, Teil 2,2. 1. Hälfte). München 19542, S. 163–167 mit weiterer Literatur

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überlieferten kymrischen Mabinogi ‚Gereint‘ und der nordischen ‚Erexsaga‘.4 Den Ausführungen Herbert Drubes zufolge beziehen sich derartige Parallelen jedoch nicht auf die im Folgenden beleuchteten Szenen.5 Die Problematik einer möglicherweise rheinischen Überlieferung, die Hartmann bei der Abfassung seines Werkes zur Verfügung gestanden haben könnte, bleibt hier unberücksichtigt.6 Die Wolfenbütteler Fragmente aus dem 13. Jahrhundert, die einen möglicherweise vom hartmannschen Vorbild unabhängigen Text bilden, enthalten keine für die hier aufgeworfene Fragestellung relevanten Szenen.7 Demnach ist bei der Beleuchtung der Texte Chrétiens und Hartmanns Kurt Ruh in seiner Ansicht zu folgen, „daß wir Hartmanns höfische Epik nur an und mit Chrétien messen dürfen. Dessen ‚Erec‘ und ‚Yvain‘ sind nicht nur Stoffquellen gewesen, sondern auch Vorbilder.“8 Wie ging nun Hartmann mit seiner aus Frankreich stammenden Vorlage um, wenn er sie einem deutschen Publikum nahe bringen wollte? 2.1.1.2 Vergleich der Texte Chrétiens und Hartmanns Mit Blick auf die vorliegende Fragestellung werden folgend nur diejenigen Szenen betrachtet, die zum thematischen Bereich ‚Essen und Trinken‘ gerechnet werden können. Andere Schilderungen, die auf inhaltlich übereinstimmende oder differierende Bearbeitungen verweisen können, so z. B. die von Kleidung, Armierung oder Raumausstattung, werden hier nicht berücksichtigt. In der höfischen Epik, zu der der ‚Erec‘ rechnet, sind es besonders Festund Bewirtungsszenen, bei denen Speisen, Getränke, die Tafel und das Verhalten bei Tisch in den Blick von Autor und Zuhörer- oder Leserschaft 4

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Vgl. dazu Christoph Cormeau s.v. Hartmann von Aue. IV ‚Erec‘ in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 506–509, hier: Sp. 508 Vgl. Drube (1931), S. 103 ff. Vertreten wurde diese Möglichkeit vor allem von Gutenbrunner (1954), der eine um 1170 entstandene rheinische Fassung ansetzte, vgl. Kurt Ruh: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Teil 1: Von den Anfängen bis zu Hartmann von Aue. (Grundlagen der Germanistik 7). Berlin 19772, bes. S. 110; s. auch Cormeau (1981), Sp. 508 Die dort überlieferten Teilstücke der Galoein- und der Guivreiz-Episode schildern keine Speiseszenen, vgl. dazu den Textabdruck bei Kurt Gärtner: Der Text der Wolfenbütteler Erec-Fragmente und seine Bedeutung für die Erec-Forschung, in: PBB (W) 104 (1982), S. 207–230, bes. S. 212–225 und Fortsetzung in PBB (W) 104 (1982), S. 359–430, bes. S. 369 ff.; vgl. auch Eberhard Nellmann: Ein zweiter Erec-Roman? Zu den neugefundenen Wolfenbütteler Fragmenten, in: ZfdPh 101 (1982), S. 28–78 Ruh (1977), S. 111

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rücken.9 Die Ausgestaltung dieser Szenen bei Chrétien und durch Hartmann wird nun gegenübergestellt. Kurze Erläuterungen sollen dabei die Szenen mit dem Handlungsablauf verknüpfen. Am Beginn der Handlung steht ein Eklat am Artushof. Der Zwerg des Ritters Iders hat eine Hofdame der Königin Ginover geschlagen. Um für diese Beleidigung Genugtuung zu fordern, folgt Erec dem Ritter und seinem Zwerg. Er gelangt auf dieser Fahrt zum Haus des verarmten Edlen Koralus. Dort wird er ausgesprochen freundlich und mit allem, was das Haus zu bieten hat, empfangen. Bei Chrétien heißt es dazu:10 Li vavasors sergent n’avoit for un tot seul qui le servoit, ne chanberiere ne meschine; cil atornoit an la cuisine por le soper char et oisiax. De l’atorner fu molt isniax, bien sot aparellier et tost char cuire et an eve et an rost. Quant ot le mangier atorné tel con l’an li ot comandé, l’eve lor done an deus bacins; tables, et napes, et bacins, fu tost aparellié et mis, et cil sont au mangier asis; trestot quanque mestiers lor fu, ont a lor volanté eü.

(V. 485 ff.)

In der Übersetzung wird diese Passage wie folgt wiedergegeben: „Der Edelmann [i.e. Koralus, d.Verf.] verfügte nur über einen einzigen Diener für sich selbst [486] und über kein Kammermädchen und keine Zofe; der eine Diener bereitete in der Küche Fleisch und Geflügel für das Abendessen zu. Er war darin sehr gewandt [490] und verstand es wohl, Speisen anzurichten und schnell Fleisch in Wasser zu kochen oder zu braten. Als das Essen fertig war, wie man es ihm befohlen hatte, brachte er ihnen Wasser in zwei 9

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Vgl. Heinz Bodensohn: Die Festschilderungen in der mittelhochdeutschen Dichtung. (Forschungen zur deutschen Sprache und Dichtung 9). Münster 1936, bes. S. 1–4 und S. 15 ff.; vgl. grundlegend auch Roos (1975) Zitiert wird nach der Ausgabe mit der Übersetzung von Albert Gier: Chrétien de Troyes. Erec et Enide. Erec und Enide. Altfranzösisch/deutsch. (Reclam. UniversalBibliothek. Nr. 8360 [6]). Stuttgart 1987

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Becken; [495] Tische, Tischtücher und Platten waren rasch zur Hand und bereitgestellt, und die drei setzten sich zum Essen; sehr schnell erhielten sie wunschgemäß alles, was sie brauchten [500]“.11 In der Version Hartmanns liest sich diese Passage nach gleicher Vorgeschichte folgendermaßen:12 ouch was dâ ritters spîse: swes ein man vil wîse möhte in sînem muote erdenken ze guote, des heten si die überkraft und volleclîche wirtschaft, doch mans ûf den tisch niht truoc. in gap der reine wille genuoc den man dâ ze hûse vant.

(V. 386 ff.)

Dort (im Hause von Koralus) gab es auch ein eines Ritters würdiges Essen: all das, was sich ein sehr kluger Mensch in seiner Phantasie ausmalen könnte, das hatten sie in übergroßer Fülle13 und in völlig ausreichender Bewirtung.14 Jedoch trug man das alles nicht auf den Tisch. Der gute Wille, den man dort im Hause vorfand, gab ihnen vielmehr genug her.15 Zwar wird auch bei Chrétien der Hausstand des Koralus als ärmlich beschrieben,16 doch verfügt dieser verarmte Edelmann immerhin noch über einen Bedienten, der in der Küche schnell ein Abendessen bereitet,

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Gier (1987), S. 31 Zitiert wird nach der Ausgabe Erec von Hartmann von Aue. Herausgegeben von Albert Leitzmann, fortgeführt von Ludwig Wolff. Sechste Auflage besorgt von Christoph Cormeau und Kurt Gärtner. (ATB 39). Tübingen 1985 Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1634 s.v. überkraft: „überlegene kraft, übermacht, oberhand, übergrosse fülle“ Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 934 f. s.v. wirtschaft: „tätigkeit des hausherrn …, des wirtes, schenkwirtes, … bewirtung u. was zur bewirtung gehört, gastmahl, gasterei, schmaus, überh. fest, festl. freude“ Es wird hier nicht der ‚Erec‘-Übersetzung Cramers gefolgt, dessen hochdeutsche Wiedergabe an verschiedenen Stellen recht ungenau ist, vgl. Thomas Cramer: Hartmann von Aue. Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. (Fischer Taschenbuch. Bücher des Wissens 6017). Frankfurt/M. 1980 Bei ihm heißt es: un vavasor auques de jorz; mes molt estoit povre sa corz;

(V. 375 f.)

Erec sieht „einen schon bejahrten Edelmann auf der Treppe vor seinem Haus …; [375] sein Haushalt wirkte freilich sehr ärmlich“, Gier (1987), S. 25

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und zwar (Koch-/Kessel-)Fleisch und auf dem Rost gebratenes Geflügel. Auch an einem Tisch, Tischtüchern und an einer angemessenen Bedienung beim Mahl (Reichen von Wasserbecken zum Reinigen der Hände) fehlt es nicht. Chrétien vergisst nicht zu bemerken, dass von allem Nötigen so viel vorhanden gewesen sei wie die Tafelnden wollten. Auch wenn Koralus als ärmlich bezeichnet wird, finden sich in dieser Szene fast komplett diejenigen Merkmale, die für höfisches Speisen und Verhalten kennzeichnend sind. Auf diese Merkmale wird unten noch näher einzugehen sein.17 Ganz anders fasst Hartmann die Szene: ein Diener fehlt dort, und all das, was man sich an schönen Speisen ausdenken kann, kommt in seiner Version gerade nicht auf den Tisch. Hausherr und Gast müssen sich mit dem redlichen Willen des Gastgebers begnügen, seinen Besucher angemessen zu beköstigen. Ob überhaupt etwas hätte angeboten werden können, geht aus dieser Stelle nicht hervor, und eine gewisse Behaglichkeit, mit der Chrétien die Atmosphäre beschreibt, steht Hartmanns Ausführungen vollkommen fern. Für ihn ist es die besondere Haltung des Gastgebers, die den Gast für die fehlende Beköstigung offenbar vollkommen entschädigt. Nicht nur seiner Vorstellung des verarmten, aber edlen Koralus mag diese ‚Anstatt‘-Darstellung besser entsprochen haben.18 Die nächste Speiseszene findet sich im Zusammenhang der Hochzeitsfeierlichkeiten für Erec und Enite, Tochter des Koralus. Erec hat inzwischen den Ritter Iders besiegt und den im Turnier ausgesetzten Sperberpreis für Enite, seine Dame, gewonnen. Mit dem schönen Mädchen kehrt er darauf hin an König Artus’ Hof zurück, wo beide freundlich empfangen werden. Bald darauf wird ihr Hochzeitsfest prachtvoll ausgerichtet. Von allen Vergnügungen finden sich dort die ausgewähltesten. Bei Chrétien heißt es:

17 18

Vgl. unten Abschnitt 2.2.2 Es können sich hinter dieser Abweichung von Chrétiens Darstellung auch andere Motive verbergen, so etwa das dichterische Bestreben, der Situation von Koralus eine humorvolle Sicht zu verleihen oder sonst übliche Vorstellungen einer ritterlichen Bewirtung ironisch zu hinterfragen (und somit auch zu kritisieren?). Auch wäre es interessant zu beleuchten, ob es sich mit Bezug auf ritterliche Tugenden wie z. B. Bescheidenheit hier um ein bewusst zur Schau gestelltes ‚Understatement‘ handeln könnte. Da es an dieser Stelle jedoch besonders um den Vergleich der altfranzösischen Vorlage zu ihrer mittelhochdeutschen Übertragung geht, wird dem hier nicht weiter nachgegangen

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Li roi Artus ne fu pas chiches: bien comanda as penetiers et as queuz et aus botelliers qu’il livrassent a grant planté, chascun selonc sa volanté, et pain et vin et veneison; nus ne demanda livreison de rien nule que que ce fust qu’a sa volanté ne l’eüst.

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(V. 2006 ff.)

„König Artus war nicht geizig; er befahl denen, die das Brot brachten, den Köchen und den Kellermeistern, alles im Überfluß zu reichen, jedem soviel er wollte, [2010] Brot, Wein und Wildbret; niemand verlangte dort etwas, dem sein Wunsch nicht erfüllt worden wäre, was immer es auch sein mochte.“19 In Hartmanns ‚Erec‘ heißt es nach gleichem Handlungsvorlauf in den Versen 2129 ff.: dâ was sô manec ritter guot daz ich iu ze einer mâze wil sagen von ir vrâze: wan si ahten mêre ûf ander êre danne daz si vræzen vil. dâ von ich iu kurze wil gesagen von der wirtschaft. dâ was alles des diu überkraft des liute und ros solden leben: des wart in âne mâze gegeben, wan daz man des næme als es menneclîch zæme. bûhurt, tanzen huop sich hie, sô der imbîz ergie, unde werte unz an die naht. Es gab dort so viele vortreffliche Ritter, dass der Erzähler lediglich in beschränktem Umfang20 von ihrer Schlemmerei21 berichten will: denn sie ach19 20 21

Gier (1987), S. 115 und 117 Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 1036 f. s.v. ze, zuo Diese Übersetzung scheint die treffendste (vgl. dagegen Cramer [1980], Übersetzung zur Stelle), da die anderen Begriffe negativ konnotiert oder weder festlich noch ‚höfisch‘ scheinen; vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 492 s.v. vrâz: „das essen, fressen, gefrässigkeit, schlemmerei“

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teten mehr auf andere angemessene Verhaltensweisen als dass sie viel verzehrt22 hätten. Deshalb will ich euch (nur) kurz von der Bewirtung23 erzählen. Es gab dort von Gut und Vorräten aller Art24 alles, wovon Menschen und Pferde leben; davon gab man ihnen ohne Maß. Gewiss nahm man davon jedoch nur so viel,25 wie es sich für die ritterliche Verhaltensweise26 ziemte. Das Turnieren und das Tanzen begannen dann, als das Essen27 vorbei war, und dauerten bis zur Nacht an. Auch diese Szene wird von Hartmann anders beschrieben als in seiner Vorlage. Chrétien erwähnt, dass Brot, Wein und Wild in großen Mengen ausgeteilt wurden und geht auf die ‚höfischen‘ Verhaltensweisen auch insofern ein, als jede Bitte dem Wunsch gemäß aufmerksam und treulich erfüllt wurde. Hartmann hingegen lässt Beschreibungen dessen, was bei diesem Hochzeitsfest auf den Tisch kam, ganz fehlen. Er erwähnt lediglich, dass von allen guten Dingen viel vorhanden war und freigebig verteilt wurde (dass auch die Pferde dabei nicht vergessen werden, ist ein bemerkenswerter Zusatz). Hartmann kommt es mehr als auf Tafelfreuden wohl darauf an, dass Verhaltensweisen, die eine gesittete Gesellschaft charakterisieren, korrekt eingehalten werden. Gleich zweimal wird das in seiner Szene angesprochen. Den Gästen war mehr daran gelegen, gutes Betragen – hier Zurückhaltung oder Beherrschung (mâze) – zu zeigen, als dass sie sich ausgiebig an einer Schlemmerei beteiligt hätten (V. 2132 ff. und 2140 f.). Die nächste Textpassage, in der Speisen Erwähnung finden, steht im Zusammenhang der Galoein-Episode. Nachdem Erec durch die Selbstvorwürfe seiner Frau darauf aufmerksam wird, dass sein aktueller Lebenswandel – ein Zustand dauernder Flitterwochen – demjenigen eines Ritters nicht gemäß ist, brechen er selbst und Enite von seinem Königshof aus auf, um âventiure zu suchen. Während Erec und Enite bei Chrétien von Erecs Vater, König Lac, und der Hofgesellschaft verabschiedet werden (vgl. die V. 2742 ff.) und deutlich wird, dass die beiden wohl länger ausbleiben werden, hat ihr Ausritt bei Hartmann eher den Charakter eines Tagesausflugs. 22

23 24

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Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 107 s.v. verezzen, vrezzen: „aufessen, verzehren, fressen (von menschen und tieren)“ Vgl. oben S. 31 Anm. 14 Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1701 f. s.v. kraft: „menge, fülle, … als auch von gut und vorräten aller art …, oft nur einen gen. umschreibend od. verstärkend“ Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 667 s.v. wan: „adv. u. conj. … negat. beschränkung eines posit. satzes oder satzgliedes: ausgenommen, ausser, nur nicht“ Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 2033 s.v. man-, menlich: „männlich, … dem manne geziemend, mutig, tapfer“ Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1429 s.v. inbîz: „essen, imbiss, mahlzeit“

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Es gibt keine bei längerem Fortbleiben übliche Verabschiedung, und Erec lässt noch eine Botschaft in die Küche senden und den Köchen bestellen, sie möchten sich darauf einrichten, das Essen bereit zu halten, sobald er und seine Frau zurückkehrten: gein küchen sande er zestunt daz man den köchen tæte kunt daz si des war næmen, swie schiere daz si kæmen, daz in daz ezzen wære bereit.

(V. 3088 ff.)

Dieser Zug fehlt bei Chrétien. Nachdem Erec auf dem Ritt schon mehrere Gefechte siegreich bestritten hat (zunächst gegen drei, dann gegen fünf Räuber), treffen Enite und er auf einen Knappen, der sich auf dem Weg zu den Feldern des Ritters Galoein befindet. Chrétien lässt diesen Knappen in Begleitung zweier Diener erscheinen: o lui venoient dui vaslet qui portoient et pain et vin et cinc fromages de gaïn

(V. 3120 ff.),

„ihn begleiteten zwei Diener, [3120] die Brot, Wein und fünf Fettkäse trugen“.28 Der Knappe erkennt schnell, dass die beiden Reisenden, die ihm aus dem Wald entgegen kommen, hungrig und durstig sein dürften und bietet ihnen von den mitgeführten Vorräten an: De cest blanc gastel vos revest, s’il vos plest un po a mangier. Nel di pas por vos losangier; li gastiax est de boen fromant, ne rien nule ne vos demant; boen vin ai et fromage gras, blanche toaille et biax henas; s’il vos plest a desgeüner, ne vos covient aillors torner.

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(V. 3140 ff.)

Gier (1987), S. 177; Hartmann dagegen sagt, dass er nicht wisse, für wen die Sendung des Knappen bestimmt sei: … wem diz wart gesant, des enist mir niht geseit.

(V. 3497 f.)

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„Diesen weißen Kuchen will ich Euch verehren, [3140] wenn Ihr gern etwas essen wollt. Ich sage das nicht, um Euch zu schmeicheln – der Kuchen ist aus gutem Weizen, und ich verlange nichts dafür. Ich habe guten Wein und fetten Käse, [3145] ein weißes Tischtuch und schöne Trinkschalen; wenn Ihr einen kleinen Imbiß nehmen wollt, braucht Ihr nicht weiter zu suchen.“29 Die Reisenden nehmen dankbar an und werden von dem Knappen aufmerksam bedient.30 Auch bei Hartmann erscheint der Knappe, jedoch allein. Die Vorräte, die er mit sich trägt, sind andere als bei Chrétien: gesoten schultern unde brôt, gewunden, als man im gebôt, und bewart ze vlîze in eine tweheln wîze: ein kandel vuorte er an der hant mit wîne …

(V. 3492 ff.)

Bei sich hat er einen gekochten Vorderschinken und Brot, wie man es ihm geboten hatte, eingewickelt und sorgfältig verwahrt in einem weißen Tuch. In der Hand trug er eine Kanne mit Wein. Auch bei Hartmann bietet der Knappe den Reisenden die mitgeführten Speisen an, die sie ebenfalls annehmen. Der Knappe bedient sie aufmerksam, und im Vergleich zu der Darstellung bei Chrétien vergisst er nicht, sich nach Wasser zum Reinigen der Hände umzusehen: sînen huot nam er in die hant und gienc dâ er wazzer vant. in beiden er sô vil truoc daz man die hende getwuoc. die tweheln leite er ûf daz gras, dar ûf die spîse diu dâ was, vleisch brôt unde wîn: es enmohte nie mêre sîn.

(V. 3548 ff.)

Danach breitet er das Tuch auf dem Gras aus und legt darauf das Fleisch, Brot, und auch der Wein wird dort platziert. Bemerkenswert ist Hartmanns Kommentar in der letzten Zeile: auf gar keinen Fall hätte es mehr geben können, eine bei höfischen Festtafeln gängige Floskel, die zu dieser Szene am Wegesrand nicht so ganz passen will, 29 30

Gier (1987), S. 179 Vgl. V. 3155 ff. sowie die Übersetzung Giers (1987), S. 179 und 181

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wenn er sich in seiner Version der Episode sonst deutlich von Chrétiens Darstellung absetzt. In der französischen Vorlage ist der Knappe, der unterwegs ist, gleichsam mit einer kompletten Picknick-Ausstattung versehen, die auch höheren Ansprüchen genügt. Dazu gehören Tischtücher und schöne Becher (jeweils in Mehrzahl!), und auch (feines) Gebäck31 aus Weizen (‚Herrenspeise‘), (fetter und damit gehaltvoller) Käse und Wein sind im Gepäck. Vielleicht lässt Chrétien den Knappen in Begleitung erscheinen, weil der Knappe allein diese Fracht wohl kaum hätte tragen können? Hartmanns Darstellung weist in Richtung einer durchaus angemessenen, jedoch eher zünftigen ‚Brotzeit‘ am Wegesrand. Entsprechend gestaltet er Personal, Kulisse und ‚Requisiten‘. Angesichts dieser deutlichen Änderung seiner Vorlage ins Schlichtere, gar Rustikale wirkt die abschließende, ganz in das höfische Umfeld weisende Formel merkwürdig. Nach einem unerfreulichen Zusammentreffen mit dem Ritter Galoein und einem erfreulicheren mit seinem Standesgenossen Guivret treffen Erec und Enite in einem Wald auf das Lager von König Artus, der sich auf der Jagd befindet. Erecs Wunden aus den vergangenen Kämpfen werden dort notdürftig versorgt. Anschließend lädt Artus zum Essen. In der altfranzösischen Version gestaltet sich dies folgendermaßen: ne remanroie en nule guise. Or lessiez la parole ester, et si comandez aprester le souper et les tables metre»; Li vaslet s’an vont antremetre; ce fu un samedi a nuit qu’il mangierent poissons et fruit, luz et perches, saumons et truites, et puis poires crües et cuites.

(V. 4232 ff.)

Erec lehnt die Einladung des Königs, länger zu bleiben, ab und sagt: „ … um keinen Preis würde ich bleiben. Hört jetzt auf, davon zu reden, und befehlt, das Abendessen zu bereiten und die Tische aufzustellen! [4235] Die Knappen gehen schon, sich darum zu kümmern; es war ein Samstagabend, als sie Fische und Früchte aßen, Hechte und Barsche, Lachse und Forellen, dann rohe und gekochte Birnen.“32 31

32

Dass unser heutiges Verständnis von ‚Kuchen‘ als Feingebäck für das Mittelalter nicht zutrifft, hat Annemarie Wurmbach deutlich gemacht, vgl. dies.: Kuchen – Fladen – Torte. Eine sachkundliche Untersuchung, in: Zeitschrift für Volkskunde 56 (1960), S. 20–40 Gier (1987), S. 239

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Hartmann dagegen lässt es hier an allen kulinarischen Ausführungen fehlen: doch handelten si die naht volleclîche nâch ir maht die werden geste und sô si kunden beste.

(V. 5256 ff.)

Doch bewirteten33 sie die vornehmen Gäste den ganzen Abend über nach ihrem besten Vermögen und wie sie es am besten konnten. Dafür lässt Hartmann den König, durch Erecs frühen Aufbruch am anderen Morgen bedingt, anders als Chrétien ein Frühstück einnehmen: nû enbeiz der künec durch in vruo.

(V. 5274, vgl. Chrétien V. 4253 ff.)

Erec und Enite brechen auf und bestehen ein weiteres Abenteuer, als ein übler Graf den ohnmächtigen Erec und die widerstrebende Enite auf seine Burg Limors bringt. Enite soll zur Heirat mit ihm gezwungen werden. Rechtzeitig jedoch erwacht Erec und kann seine Frau befreien. Sie verlassen das ungastliche Limors und treffen auf ihrem Weg ihren Bekannten Guivret (mhd. Guivreiz), der die beiden zur Erholung von den erlittenen Strapazen zunächst in sein Zeltlager, dann auf seine Burg einlädt. Dort werden Erecs Wunden versorgt, und Guivret kümmert sich um seine Speisung: Et puis li ont un cofre overt, s’an fist hors traire trois pastez: «Amis, fet il, or an tastez un petit de ces pastez froiz. Vin a eve meslé bevroiz; j’en ai de boen set barrilz plains, mes li purs ne vos est pas sains, car bleciez estes et plaiez.

(V. 5104 ff.)

„Dann öffneten sie für ihn einen Koffer, aus dem ließ Givret drei Pasteten nehmen: [5105] ‚Freund,‘ bat er, ‚kostet jetzt ein wenig von diesen kalten Pasteten! Trinkt auch Wein mit Wasser gemischt! Ich habe guten dabei, sieben Fässer voll; aber unvermischt ist er nicht gesund für Euch, [5110] Ihr seid ja verletzt und mit Wunden bedeckt.‘“34 Während Erecs Genesung lässt man ihm Krankenkost zukommen:

33

34

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1166 f. s.v. handeln: „tun, vollbringen, verrichten, betreiben, … behandeln, … bewirten“ Gier (1987), S. 289

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Chascun jor quatre foiz ou plus Le feisoient mangier et boivre, sel gardoient d’ail et de poivre.

39

(V. 5164 ff.)

„Jeden Tag ließen sie ihn viermal und öfter essen und trinken [5165] und bewahrten ihn vor Knoblauch und Pfeffer“.35 Derart detaillierte Beschreibungen fehlen in Hartmanns Version. In seinen Ausführungen zu den Annehmlichkeiten der Rast in Guivreiz’ Zeltlager ist von Mahlzeiten und Stärkung der Gesundheit nicht die Rede (vgl. V. 7040–7114). Auch die von Chrétien sorgfältig aufgezählte Krankenkost (verdünnter Wein, keine scharfen Gewürze, Verteilung der Mahlzeiten auf mehrere kleine statt auf wenige große)36 lässt Hartmann unerwähnt. Er schildert dagegen ausführlich die Annehmlichkeiten, die die Burg Penefrec zu bieten vermag. Sie ist an einem See gelegen, der die allerbesten Fische reichlich liefert, die jemals ein Mann auf den Tisch eines Königs brachte: der gap im genuoc und dannoch mê der aller besten vische die ie ze küneges tische dehein man gebrâhte, swelher hande man gedâhte.

(V. 7125 ff.)

Ferner gab es dort ein Wildgehege (einen eingezäunten Wald) mit allen Arten von jagdbarem Wild: Rotwild (V. 7142), Schwarzwild (V. 7143) und Kleinwild wie Füchse und Hasen (V. 7148). Der Erzähler lässt seine Ausführungen in einer an ein Schlaraffenland erinnernden Zusammenfassung gipfeln: Penefrec was diz hûs genant. dâ man dehein gebresten vant unde volleclîchen rât, vische unde wiltbrât, beide semeln unde wîn. swaz dâ mêre solde sîn, vil lützel des dâ gebrast.

35 36

(V. 7188 ff.)

Gier (1987), S. 291 Diese Maßnahmen entsprechen durchaus dem durch die Diätetik geprägten medizinischen Verständnis der Zeit, vgl. unten Abschnitt 6.3

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Die Burg, in der man keinen Mangel litt und reichlich Nahrungsmittel37 vorfand, hieß Penefrec. Fische und Wildbret38, kleine Weißbrote (semeln) und Wein und was es sonst mehr gibt, daran fehlte es dort nicht. Nach seiner Genesung macht sich Erec mit Enite auf, um auf der Burg Brandigan ein letztes Abenteuer zu bestehen. Auch dort werden sie den Regeln der Gastfreundschaft gemäß freundlich empfangen. Der auf Brandigan herrschende König Evrain gibt den Gästen zu Ehren ein Essen: quanque cuers et boche covoite orent plenieremant la nuit, oisiax et venison et fruit et vin de diverse meniere.

(V. 5536 ff.)

„Alles, was Herz und Mund begehren, hatten sie in dieser Nacht im Überfluß, Vögel, Wildbret und Früchte und verschiedene Weine.“39 Hartmann verallgemeinert wiederum und formuliert: der wirt vuorte si ezzen. nû enwart dâ niht vergezzen si enheten alles des die kraft daz man dâ heizet wirtschaft.

(V. 8360 ff.)

Der Gastgeber geleitete sie zu Tisch. Es wurde dort nichts ausgelassen, sie hatten von allem, was man Gasterei nennt, in Überfülle. Als Erec auch das joie de la court-Abenteuer auf Brandigan gemeistert hat, kehren er und Enite auf seinen Sitz Karnant zurück, wo sie mit so großem Aufwand empfangen und gefeiert werden, dass selbst Chrétien nur wenige Worte über das Essen verlieren kann. Ihm zufolge wurden dort in fünf aneinander gereihten Sälen fünfhundert Tische aufgestellt und Mil chevalier de pein servoient, et mil de vin, et mil de mes

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(V. 6873 f.),

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 346 f. s.v. rât, hier: Sp. 347: „zurüstung, vorrat, nahrungsmittel“ Hier kann sowohl das (frische) Fleisch von Wild als auch das bereits zubereitete gemeint sein, vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 894 s.v. wiltbrât, -braete: „zum braten bestimmtes od. gebratenes (auch gesottenes) wild, wildbret“ Gier (1987), S. 313

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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„Tausend Ritter … servierten Brot, tausend Wein und tausend die verschiedenen Gerichte.“40 Bei Hartmann wird die ausgedehnte Festschilderung auf folgende Zeilen gekürzt: als in got heim gesande, ze vreuden sînem lande gebôt er ein hôchzît, daz vordes noch sît in dem selben lande nie dehein sô wünneclîche ergie und von herren alsô grôz.

(V. 10054 ff.)

Nachdem ihn Gott zur Freude (und zum Wohl) seines Landes nach Hause geführt hatte, befahl er, ein Fest auszurichten, wie es vorher und seitdem in diesem Lande nie so herrlich und von so ausgezeichneten Herren veranstaltet worden war. Zwar gibt es auch bei Hartmann in den folgenden Versen viele Gäste, die an dem sechs Wochen dauernden Fest teilnehmen (V. 10079). Sein darstellerischer Schwerpunkt liegt jedoch am Schluss des Epos auf den ritterlichen Tugenden, denen des Herrschers sowie bei Überlegungen zur Wohlfahrt von Mensch und Land. Einzelheiten zur Festgestaltung oder gar zu Festmählern treten dabei nicht auf. Dies korrespondiert mit der Bewertung, zu der Renate Roos bei der Untersuchung von Hartmanns Gestaltung von Fest- und Speiseszenen gelangt: „Hartmanns eher reserviert zu nennende Haltung gegenüber dem Essen drückt sich nicht nur mittelbar in den knappen Schilderungen aus, die er ihm widmet, sondern auch in direkter Polemik. Bezeichnend für seine Einstellung ist der einleitende Kommentar zu dem summarisch abgehandelten Hochzeitsmahl am Artushof … Für Hartmann ist … die übermäßige Hingabe an leibliche Genüsse nicht so recht vereinbar mit dem Streben nach der wahren ‚êre‘.“41 40

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Gier (1987), S. 387. Die genannten, überaus hohen Zahlen der bedienenden (nicht: bedienten) Ritter sind ebenso wie die Zahlen der Säle und Tische beim Fest eine rhetorische Spielerei, wie sie sich in mittelalterlichen Schilderungen häufig findet. Wir werden entsprechenden Übertreibungen, die grundsätzlich zur Vorsicht bei Zahlenund Mengenangaben mahnen, folgend noch in weiteren Beispielen begegnen Roos (1975), S. 354; ähnlich, in den Tendenz jedoch schärfer in der Trennung von höfischem und unhöfischem Verhalten, verfährt Hartmann auch im ‚Iwein‘, vgl. Roos (1975), S. 358 ff. Über die Intentionen und Motive, die Festschilderungen in der mittelhochdeutschen Literatur kennzeichnen, wird unten ausführlicher zu handeln sein, vgl. unten die Abschnitte 2.2 und 2.3

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

2.1.2 Bilanz Die vorstehend aufgeführten Beispiele, die sich auf Fest- und Speiseszenen beschränken, belegen, dass Hartmann seiner französischen Vorlage gegenüber einige Änderungen vornahm. Seine ‚Erec‘-Version ist nicht nur um einiges umfangreicher, sie weicht auch in anderen Aspekten vom Text Chrétiens ab.42 Was insgesamt für die ‚Erec‘-Bearbeitung Hartmans festzuhalten ist, gilt auch für die Passagen, in denen Feste, Gastmähler und Speisen beschrieben werden: Hartmann überträgt den Stoff recht frei und zeigt gewisse „Änderungstendenzen, … von denen m. E. eine sozialgeschichtliche Untersuchung des deutschen Erec auszugehen hat. Eine von Chrestien unabhängige kontingente Deutung des Stoffes, die eine eigenständige Intention Hartmanns erkennen ließe, ist zwar nicht festzustellen, Ansätze einer Problematisierung bzw. Umakzentuierung, die auf ein spezifisches Interesse des deutschen Autors hinweisen, sind jedoch nicht zu übersehen.“43 Es entsteht der Eindruck, dass Hartmann verschiedene Szenen konsequenter gestaltet und damit möglicherweise speziell auf ‚deutsche‘ Verhältnisse abzielt. Deutlich wird dies in der Koralus-Episode: beide Autoren beschreiben Enites Vater als verarmt. Jedoch versteht Chrétien unter povreté bei einem Edelmann offensichtlich etwas Anderes als der deutsche Bearbeiter unter armuot. In Frankreich gestaltete sich die soziale Differenzierung innerhalb der Ritterschaft weit homogener als in Deutschland.44 Vor diesem Hintergrund kann selbst ein ‚verarmter‘ Vertreter dieses Standes bei Chrétien seinem Gast ein angemessenes Mahl zukommen lassen (vgl. oben S. 30 ff.). Bei Hartmann jedoch ist Koralus derart mittellos, dass „die nicht ganz armselige Mahlzeit bei Chrétien … ironisch vorgespiegelt – und festgestellt (wird), daß sie nicht auf den Tisch kam …“.45

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Zu Änderungstendenzen, die das gesamte Epos betreffen, vgl. u. a. Drube (1931), bes. S. 58 ff.; Ursula Peters: Artusroman und Fürstenhof. Darstellung und Kritik neuerer sozialgeschichtlicher Untersuchungen zu Hartmanns ‚Erec‘, in: Euphorion 69 (1975), S. 175–196. und S. 103 ff.; Ruh (1977), S. 110 ff.; Wilhelm Kellermann: Die Bearbeitung des ‚Erec und Enide‘-Romans Chrestiens von Troyes durch Hartmann von Aue, in: Hugo Kuhn/Christoph Cormeau (Hg.): Hartmann von Aue. (Wege der Forschung 354). Darmstadt 1973, S. 511–531 Peters (1975), S. 190 Vgl. Peters (1975), S. 191; vgl. für die deutschen Verhältnisse auch Joachim Bumke: Ministerialität und Ritterdichtung. Umrisse der Forschung. München 1976, bes. S. 7 ff. und S. 14 ff. Ruh (1977), S. 115

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Die Ausgestaltung der Speiseszene in der Galoein-Episode weist in die selbe Richtung. Zwar übernimmt Hartmann den äußeren Aufbau der Handlung recht getreu, doch in Einzelheiten ändert er gegenüber seiner Vorlage: er ersetzt ‚Kuchen‘ (hier wohl eher: Feingebäck), Wein und Käse durch einen gekochten Vorderschinken und Brot.46 Berücksichtigt man darüber hinaus die Szenen, in denen Hartmann Chrétien gegenüber eindeutig kürzt bzw. eine generalisierende Darstellung ohne die Schilderung von Details bevorzugt, resultiert daraus die Feststellung, dass Hartmann an diesen Stellen durchaus zu einer selbstständigen Darstellung seines ‚Erec‘ gelangte.47 Möglicherweise sind derartige Änderungstendenzen nicht nur auf die Autoren zurückzuführen, unter deren Namen Werke der mittelalterlichen Literatur überliefert wurden. Besonders Joachim Bumke hat darauf hingewiesen, dass auch Gönner und Förderer der Autoren bzw. der damaligen literarischen Produktion durchaus Einfluss nicht nur auf die Thematik, sondern auch auf die Ausgestaltung der von ihnen in Auftrag gegebenen Werke nahmen.48 Dabei ging es nicht nur um die äußere Form der Ausführung, auch Stoff und Sinngebung wurden zuweilen von Mäzenen entscheidend beeinflusst.49 Freilich dürfte es kaum mehr möglich sein, anhand der hier und folgend besprochenen Szenen Anhaltspunkte dafür zu finden, in wieweit Mäzene „mit ihren Anregungen, vielleicht auch mit ihrem Geschmack den Dichter beeinflußten, wieweit durch dessen Werke ihre ästhetischen und künstlerischen Absichten verwirklicht“ wurden.50 46

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Michel Huby geht dennoch von einer starken Abhängigkeit Hartmanns von seiner Vorlage aus und äußert zu eben dieser Szene: „La scène se déroule de la même façon. Les additions ou les supressions décidées par Hartmann sont tout sécondaires: il a remplacé les gâteaux par le pain, les fromages par le jambon et gardé le vin. Les ‚tweheln‘ sont dus au mot ‚toaille‘ qui apparâit au vers 3154 du texte de Chrétien. Seuls les valets sont supprimés …“, ders.: L’Erec de Hartman et la tradition manuscrite du Roman de Chrétien, in: Michel Huby: L’adaption des Romans courtois en Allemagne au XIIe et au XIIIe siècle. (Publications de la faculté des lettres et sciences humaines de Paris-Nanterre). Paris 1968, S. 66–94, hier: S. 73 Dies betrifft jedoch nicht die höfischen Ideale und Verhaltensweisen, die bei Hartmann dem französischen Vorbild entsprechend dargestellt werden, vgl. Peters (1975), S. 195 f. Vgl. Bumke (2005), S. 654ff., bes. S. 659 f. und ders.: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland 1150–1300. München 1979, S. 66 und passim Hierzu vgl. das von Bumke (1979), S. 67, gegebene Beispiel aus dem Vorwort des chrétienschen ‚Lancelot‘, bei dem seine Gräfin (und Gönnerin) matière et san des Werkes bestimmte Martin Lintzel: Die Mäzene der deutschen Literatur im 12. und 13. Jahrhundert, in: Joachim Bumke (Hg.): Literarisches Mäzenatentum. Ausgewählte Forschungen zur

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Festzuhalten bleibt, dass trotz einer gewissen Dominanz französischer Vorbilder – betreffend besonders die ethischen Werte der ritterlichen Kultur – die deutschsprachige Dichtung des Mittelalters durchaus zu einer eigenständigen Gestaltung gelangen konnte.51 Über mögliche Ursachen und Motive für vorgenommene Änderungen oder Abweichungen in Text und Darstellung lassen sich, da in dem gewählten Beispiel Hartmann seine Änderungen nicht kommentiert, letztlich nur Vermutungen anstellen. Für unseren Zusammenhang ist von besonderem Interesse, dass fremdsprachige Vorlagen nicht nur wortgetreu übertragen, sondern sprachlich und in der Darstellung von Szenen so ergänzt oder variierend ausgestaltet wurden, dass z. B. eine altfranzösische Ausgangsfassung durch ihren mittelhochdeutschen Bearbeiter deutliche Veränderungen erfahren konnte. Ob sie seinem eigenen Empfinden besser entsprachen, auf besondere Wünsche seines Auftraggebers zurückgehen, ob sich in ihnen (seinerzeit auch ausgesprochene?) Publikumserwartungen spiegeln oder ob Hartmann seinem Publikum im Vorgriff auf einen Vortrag durch eine dessen Gewohnheiten näher liegende Darstellung entgegenkommen wollte, bleibt offen. Durch die Übertragung fremdsprachiger Vorlagen in die mittelhochdeutsche Sprache wurde jedoch, wie das Beispiel Chrétiens und Hartmanns zeigt, deren Darstellung nicht unkritisch übernommen. Ob es sich damit um eine den deutschen Gewohnheiten und dem deutschen Publikum besonders entsprechende Bearbeitung handelt, lässt sich kaum ermitteln, auch wenn vereinzelte Hinweise in diese Richtung deuten. Ein direkter Transfer der (hier: französischen) Vorlage zeichnet sich damit ebenso wenig ab wie ein unvermittelter ‚kultureller Kolonialismus‘, um den es zunächst ja ging. Für den Themenbereich ‚Essen und Trinken‘ wird dieses Ergebnis Prämisse für die folgenden Betrachtungen bleiben.

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Rolle des Gönners und Auftraggebers in der mittelalterlichen Literatur. (Wege der Forschung 598). Darmstadt 1982, S. 33–67, hier: S. 34 Diese Tendenz lässt sich auch an einzelnen Motiven und ihrer poetischen Ausgestaltung nachvollziehen, so z.B bei den Festdarstellungen in der mhd. Literatur: „Auffällig ist der Befund, daß die umfängliche formale Ausprägung des Festmotivs erst sekundär ein Ergebnis literarischer Rezeption aus Frankreich ist: Die ersten Festdarstellungen finden sich in Texten, für die entweder eine unmittelbare französische Quelle nicht aufzuweisen ist … oder für die belegt werden kann, wie im Falle des Rolandsliedes des Pfaffen Konrad oder der Eneit Heinrichs von Veldeke, daß sie die Vorgabe durch das französische Werk beträchtlich erweitern“, Haupt (1989), S. 22 f.

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2.2 Das Fest bei Hofe: Herrscherliche Repräsentation und ihre Inszenierung Die mit Abstand meisten Erwähnungen, die sich in der mittelhochdeutschen Literatur zu Speise- und Trinkszenen finden, bewegen sich im Rahmen von Hoffesten oder aufwändigen Gastmählern, die für hochrangige Gäste mit festlichem Prunk ausgerichtet werden.52 Die bereits beleuchteten Episoden aus Hartmanns ‚Erec‘ bilden hierfür durchaus repräsentative Beispiele. Der zentrale Begriff, der das höfische Fest bezeichnet, lautet hôchgezît oder hôchzît.53 Durch ihn wird schon sprachlich der Charakter des Festzeitraums hervorgehoben, der das Besondere, das Außergerwöhnliche und Erhabene betont. Nur dieses besitzt für die Romanautoren des Mittelalters erzählerische Bedeutung,54 dies darf wohl auch für ihr Publikum angenommen werden. Denn der ihnen geläufige Alltag dürfte sich deutlich von dem unterschieden haben, was uns in den Festschilderungen der mittelalterlichen Literatur begegnet. Hierzu wird nachfolgend noch zu handeln sein. Zunächst gilt es jedoch, die literarische Darstellung von Hoffesten und Gastmählern näher zu betrachten, um von der allgemeinen Szenerie her auch die Gestaltung von Speise- und Trinkszenen besser kennen lernen und beurteilen zu können. Dabei ist interessant, dass in den poetischen Darstellungen Festschilderungen zwar in fiktive erzählerische Handlungen eingebaut wurden, deren Anlässe, in Teilen auch deren protokollarischer Rahmen jedoch mit historisch überlieferten Zeugnissen übereinstimmen: „Die Anlässe zur Veranstaltung großer Hoffeste waren in der Dichtung dieselben wie in der Wirklichkeit: Hochzeiten, Krönungsfeierlichkeiten, Schwertleiten, Friedensschlüsse und die Feier der Kirchenfeste.“55

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Dies belegt die Vielzahl von Quellen, die sich zum Thema zusammentragen lassen, dokumentiert z. B. durch Bodensohn (1936) und Roos (1975); einen vielseitigen historischen Überblick über Anlässe und Gestaltung von Festen im Mittelalter vermitteln Detlef Altenburg/Jörg Jarnut/Hans-Hugo Steinhoff (Hg.): Feste und Feiern im Mittelalter. Paderborner Symposion des Mediävistenverbandes. Sigmaringen 1991; literaturwissenschaftlich grundlegend hierzu Haupt (1989) Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1319 s.v. hôchzît, -gezît: „hohes kirchl. oder weltl. fest, allgem. … bildl. höchste herrlichkeit, höchste freude“; das heute gebräuchliche, demgegenüber eingeschränkte Verständnis von ‚Hochzeit‘ entwickelte sich erst in späterer Zeit, vgl. Bumke (2005), S. 282 Vgl. Hans-Werner Goetz: Der kirchliche Festtag im frühmittelalterlichen Alltag, in: Altenburg/Jarnut/Steinhoff (1991), S. 53–63, hier: S. 53 und Marquardt (1985), passim Bumke (2005), S. 282

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Dass sich dabei die im heutigen Verständnis fiktive Erzählung und reale Erfahrung durchaus ergänzen und miteinander verschränken konnten, lässt sich am Beispiel des Mainzer Hoftages von 1184 verfolgen, dem hochmittelalterlichen Beispiel für die Verknüpfung von Politik, ritterlichem Selbstverständnis und Repräsentation: „Das Mainzer Pfingstfest von 1184 bezeichnet einen Höhepunkt nicht nur im Leben Kaiser Friedrich des Rothbarts, sondern in der Geschichte der deutschen Kaiserzeit, ja des Mittelalters überhaupt. Hier war eine Macht und Glanzfülle entfaltet, wie man sie noch nie auf einem deutschen Reichstag geschaut hatte und auch in Zukunft nicht mehr zu erblicken glaubte.“56 Das Mainzer Hoffest fand auch in der zeitgenössischen Dichtung seinen Niederschlag: im ‚Eneasroman‘ des wohl aus der (heute belgischen) Provinz Limburg stammenden Heinrich von Veldeke.57 2.2.1 Heinrich von Veldeke und das Mainzer Hoffest von 1184 Den äußeren Anlass des Mainzer Hoftages, zum dem der Stauferkaiser Friedrich I. (‚Barbarossa‘) 1184 die weltlichen und geistlichen Fürsten seines Reiches nach Mainz geladen hatte, bildete die Schwertleite seiner beiden Söhne. Der achtzehnjährige Heinrich VI. und der sechzehnjährige 56

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Wilhelm von Giesebrecht: Geschichte der deutschen Kaiserzeit. Bd. 6: Die letzten Zeiten Kaiser Friedrich des Rothbarts. Hg. und fortgesetzt von Bernhard von Simson. Leipzig 1895, S. 71; vgl. Josef Fleckenstein: Friedrich Barbarossa und das Rittertum. Zur Bedeutung der großen Mainzer Hoftage von 1184 und 1188, in: Festschrift für Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag am 19. September 1971. Zweiter Band. Hg. von den Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts für Geschichte. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. 36/II). Göttingen 1972, S. 1023–1041, hier bes. S. 1025 Vgl. Ludwig Wolff/W. Schröder, Heinrich von Veldeke, in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 899–918, hier: Sp. 899; vgl. Heinrich von Veldeke. Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Herausgegeben von Hans Fromm. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea und Peter Diemer. (Bibliothek des Mittelalters. Texte und Übersetzungen. Bd. 4). Frankfurt/M. 1992, S. 755; Dieter Kartschoke, Nachwort, in: Heinrich von Veldeke. Eneasroman. Mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. (Reclam. Universal-Bibliothek Nr. 8303 [10]). Stuttgart 1986, S. 841 f.; Werner Schröder: Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke deutsch. (Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Bd. 32, Nr. 1). Stuttgart 1994, S. 5; beigezogen wird später auch: Heinrich von Veldeke. Eneas-Roman. Vollfaksimile des Ms. germ. fol. 282 der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Wiesbaden 1992

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Friedrich, Herzog von Schwaben, sollten zu Pfingsten durch diesen Akt feierlich in den Kreis der Ritter aufgenommen werden.58 Im Zusammenhang der mittelalterlichen Herrschaftspraxis besaß ein Hoftag, unabhängig vom konkreten Anlass, eine wichtige Funktion: „Der König suchte in allen wichtigen Fragen den ‚Rat und Beistand‘ (consilium et auxilium) der Großen im Land, ohne deren Mitwirkung keine effektive Regierung möglich war. Ohne feste Residenz, versammelte der König die Fürsten und Herren an verschiedenen Orten um sich, hauptsächlich an hohen kirchlichen Feiertagen, die gemeinsam festlich begangen wurden.“59 Der Mainzer Hoftag von 1184 ist im Vergleich zu anderen Hoffesten des Hochmittelalters durch zeitgenössische Quellen recht breit dokumentiert.60 Die Organisation dieses Festes und dessen Vorbereitungen müssen selbst aus heutiger Perspektive als eine logistische Höchstleistung gewertet werden: „Außerhalb der Stadt waren zahlreiche Zelte aufgeschlagen und eine ganze Pfalz aus Holz erbaut worden, bestehend aus den Quartieren für den kaiserlichen Hof, einem großen ‚Festsaal‘ (aula), einer geräumigen Kirche und den ‚Häusern der Fürsten‘ (domus principum), die ‚aufs vornehmste in einem Kreis errichtet waren‘. Dazu gehörten auch die Wirtschaftsgebäude, unter anderem zwei große Hühnerhäuser, die von den Besuchern bestaunt wurden“.61 Der Aufwand war unvermeidlich, denn es galt, die Gäste und ihr zahlreiches Gefolge mehrere Tage lang zu beherbergen und zu versorgen. Die zeitgenössischen Angaben über die Zahl der Teilnehmer variieren: die Sächsische Weltchronik schätzt sie auf 40 000 Ritter („ohne das andere Volk“),62 Gislebert von Mons, der selbst in Mainz anwesend war, gibt 70 000 Ritter an, bei denen er Vertreter der Geistlichkeit und anderer Stände nicht mitzählte.63 „Die zusammenströmende Menge war so überwältigend, 58 59 60

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Vgl. Bumke (2005), S. 278; Fleckenstein (1972), S. 1029 ff. Bumke (2005), S. 276 Berichte liegen vor in der Hennegauer Chronik des Gislebert von Mons (1196), von Otto von St. Blasien (1209/1210), Arnold von Lübeck (1210), in den Kölner Annalen (1200) und der Sächsischen Weltchronik, vgl. Bumke (2005), S. 276 ff. Bumke (2005), S. 277 Dat was de groteste hochtit en, de ie an Dudischeme lande ward. Dar worden geachtet de riddere uppe viertich dusent ân ander volk, zit. nach Bumke (2005), S. 277, Anm. 3 Vgl. die Übersetzung seines Berichtes bei Borst (1979), S. 85–87, hier: S. 86: „Nun versammelten sich zum Hoftag aus dem ganzen Reich diesseits der Alpen Fürsten, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Herzöge, Markgrafen, Pfalzgrafen, andere Grafen, Edelherren und Ministerialen; nach wahrheitsgetreuer Schätzung waren bei diesem Hoftag die Ritter 70 000 an der Zahl, ohne Geistliche und Menschen anderer Stände.“ Auch Fleckenstein scheinen die angegebenen Teilnehmerzahlen zu hoch zu greifen, vgl. Fleckenstein (1972), S. 1025

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daß sogar der nüchterne Gislebert sie überschätzte.“64 Auch wenn die Teilnehmerzahl sich nicht exakt rekonstruieren lässt, dürfte sie in die tausende gegangen sein. Angesichts der Einwohnerzahlen hochmittelalterlicher Städte, von denen nur wenige mehr als 10 000 erreichten, wird deutlich, welche Herausforderungen die Beherbergung und Verpflegung einer so großen Versammlung mit sich brachten.65 Der Hoftag wurde mit einem klar gegliederten, mehrtägigen Programm angesetzt. Gislebert berichtet, dass am Pfingstsonntag zu Beginn des Hoftages wichtige protokollarische Fragen anstanden. Im Rahmen einer Festkrönung war zu bestimmen, wer von den anwesenden Reichsfürsten das Reichsschwert tragen dürfe.66 Mit einem solchen Akt ist auch die Klärung der Rangordnung unter den Großen des Reiches verbunden. Bei einem anschließenden Festmahl übernahmen Herzöge und Markgrafen die Hofämter des Truchsessen, Kämmerers, Schenken und Marschalls und damit die protokollarische Verantwortung für die Bewirtung und Verpflegung der Gäste.67 Am Pfingstmontag wurden die Söhne des Kaisers durch die Schwertleite zu Rittern geschlagen. Anschließend verteilten sie, die Fürsten und andere Gäste großzügig Geschenke „an Ritter, Gefangene, Kreuzfahrer, Gaukler und Gauklerinnen, nämlich Pferde, kostbare Gewänder, Gold und Silber. Denn die Fürsten und anderen Adligen gaben nicht nur zur Ehre ihres Herren, nämlich des Kaisers und seiner Söhne, sehr freigebig das Ihre aus, sondern auch zur Verbreitung ihres eigenen Ansehens und Ruhmes“.68 Am Pfingstmontag und am folgenden Tag fanden Schauturniere statt, an denen auch der Kaiser selbst teilnahm. Am Rande des Festes wurden (politische) Gespräche und Verhandlungen geführt, Verträge geschlossen und Urkunden ausgestellt.69 Besonders den Chronisten Arnold von Lübeck muss die Lebensmittelversorgung auf dem Mainzer Hoftag beeindruckt haben, denn er berichtet, 64 65

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Borst (1979), S. 88 Zur Unterbringung und Beköstigung von Festgästen weitere Beispiele bei Bumke (2005), S. 287; dass die Einquartierung von Gästen bei fürstlichen Großveranstaltungen in Städten oft zwangsweise erfolgte und wegen des damit verbundenen, immensen Aufwandes nicht überall willkommen war, wird mit Beipielen ausgeführt von Hans Conrad Peyer: Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus. Studien zur Gastlichkeit im Mittelalter. (MGH. Schriften. Bd. 31). Hannover 1987, S. 146 ff. (Abschnitt 2.7: „Die herrschaftliche Gewaltgastung, insbesondere der Könige“) Gislebert von Mons, in: Borst (1979), S. 86 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1024 und Bumke (2005), S. 278 Gislebert von Mons, in: Borst (1979), S. 87 Vgl. Gislebert von Mons, in: Borst (1979), S. 87, vgl. Bumke (2005), S. 278 sowie Heinz Wolter: Der Mainzer Hoftag von 1184 als politisches Fest, in: Altenburg/Jarnut/Steinhoff (1991), S. 193–199

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„daß dort ein Überfluß an edlen Speisen und Getränken ‚aus allen Ländern‘ angehäuft worden sei. Außer den Hühnern erwähnte er noch besonders die Weinvorräte, die ‚rheinaufwärts und rheinabwärts herbeigeschafft wurden‘.“70 Die Freigebigkeit des Kaisers bei der Bewirtung, jedoch auch bei der Vergabe von Geschenken wurde besonders betont. Verschiedene Fürsten wollten dem nicht nachstehen, übernahmen einen Teil der Kosten und verteilten ebenfalls Geschenke.71 Unterhaltung und Kurzweil wurden auf dem Hoffest durch zahlreiche Dichter, Spielleute und Gaukler geboten. Ihre Anwesenheit und Darbietungen gehörten zum Angebot eines solchen, mit Prunk und Aufwand ausgestatteten Ereignisses.72 In besonderem Kontrast zu der dokumentierten Hochstimmung des Festes steht ein Zwischenfall, der den Mainzer Hoftag möglicherweise vorzeitig beendete. Ein plötzlich aufgekommener, heftiger Sturm brachte die hölzerne Kirche, andere Gebäude des Pfalzbereiches und viele Zelte zum Einsturz. Mehrere Menschen kamen dabei ums Leben.73 Das Mainzer Hoffest beeindruckte nicht nur die Zeitgenossen. Seinen bilanzierenden Kommentar zu Gisleberts Darstellung versieht noch Arno Borst mit pathetischen Anklängen: „Man hätte die drei Tage nicht besser planen können. Sie vereinen so gut wie alles, was sich als Kontrast zum gewöhnlichen Leben im Mittelalter ausdenken läßt. Anstelle der Vereinzelung von Sippen, Siedlungen und Ständen die Menschenmenge, die niemand zählen kann. Anstelle des kärglichen Lebensunterhalts Überfülle von Speis und Trank, kostbare Geschenke obendrein. Anstelle des grauen Alltags ein kirchliches Fest ohnegleichen, gesteigert durch den magischen Glanz der Kaiserkrone, durch die blühende Jugend der Kaisersöhne, eine heilige Verheißung. Anstelle eintöniger Arbeit Feier und Spiel, nicht immer heiter, doch stets stimulierend. In einem solchen Festtag ist die entgleitende Zeit festgemacht, der gebrechliche Mensch in einen Rausch von Kraft und Freiheit versetzt.“74 Die Bedeutung des Mainzer Hoffestes liegt jedoch nicht nur in der überwältigenden Stimmung, die es hinterließ. Bedeutend war auch, dass der 70 71 72 73

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Bumke (2005), S. 277 Vgl. Bumke (2005), S. 277 f. und Fleckenstein (1972), S. 1024 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1024 Die Zeugnisse der Chronisten lassen es nicht zu, den Tag dieses Ereignisses genau zu bestimmen. Manches könnte für den Dienstag sprechen, zumal ein anschließend von den Fürsten geplantes Turnier in Ingelheim nicht mehr stattfand, vgl. Bumke (2005), S. 279; ebenso Fleckenstein (1972), S. 1025, der annimmt, dass an Stelle der nach dem Unglück abgesagten Waffenspiele politische Geschäfte verhandelt wurden Borst (1979), S. 90

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Kaiser sich durch die feierliche Schwertleite seiner Söhne, denen er zuvor eine nach dem Verständnis seiner Zeit ‚ritterliche‘ Erziehung angedeihen ließ, selbst an die Spitze der Ritterschaft setzte.75 Er machte den ordo militaris ‚zu seiner Sache‘, was für seinen Herrschaftsbereich bedeutete, dass sich mit diesem Schritt die Spitzen seines Reiches von einer bisher adligen Gesellschaft zu einer ritterlichen Gesellschaft wandelten.76 Dies machte im zeitgenössischen Selbstverständnis zwischen Adel im Allgemeinen und Ritter (miles) im Speziellen einen großen Unterschied aus: „Erprobte Würdigkeit bildet die Voraussetzung seines Rittertums und zeichnet ihn zugleich aus.“77 Auch der von Geburt vornehmste Adlige war nicht per se Ritter, sondern musste dies erst durch Erziehung und Bewährung werden. Der Sohn Barbarossas, Heinrich VI., bietet ein Beispiel: er ist bereits König, als er auf dem Mainzer Hoffest zum Ritter geschlagen, quasi nochmals ‚erhoben‘ wird.78 Aus Frankreich waren zwar die Ideale des Rittertums durchaus bekannt. Sie wurden z. B. auf dem auch im deutschen Reich beachteten Hoftag in Besançon 1157 ähnlich mit Leben erfüllt wie etwa drei Jahrzehnte später in Mainz. Auch kannte man, nicht zuletzt durch zahlreiche Eheverbindungen zwischen deutschen und französischen Adelshäusern (auch Kaiser Friedrichs Gemahlin, Kaiserin Beatrix, stammte aus Burgund), die dortigen poetischen Stoffe und Formen einer höfisch geprägten Gesellschaft. Indem der Kaiser selbst nun seine Söhne durch Erziehung und die äußere Form der Schwertleite in den Ritterstand erhob, setzte er sich öffentlich an die Spitze einer nicht nur kulturellen Bewegung, die bei weiten Teilen des Reichsadels längst angekommen war.79 Bezeichnend ist, dass Chronisten bei früheren Hoftagen stets nur den führenden Adel, die principes, hervorhoben. Mit dem Mainzer Hoffest treten 1184 nun auch die milites, die Ritter, an deren Seite.80 Die Betonung des Rittertums durch den Kaiser ist ein auch politisch ausgesprochen bedeutender Zug, vermag doch die ritterliche Lebensform, damit 75 76

77 78

79 80

Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1041 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1030; zu Entstehung und Geschichte des Begriffs ‚Ritter‘ vgl. Bumke (2005), S. 64 ff. Fleckenstein (1972), S. 1032 Dass ein Ritter, der sich trotz vorhandener Möglichkeiten nicht bewährt, das ideelle Verständnis seiner Existenz verfehlt, belegt die Episode im ‚Erec‘, in der sich der Protagonist nach seiner Hochzeit mit Enite auf seinen Stammsitz zurückzieht und für längere Zeit allein den Freuden des Ehestandes und seines Hofes hingibt (V. 2928 ff.). Ruhm und Ehre erlangt er erst wieder, als er sich mit Enite aufmacht und weitere Abenteuer und Kämpfe besteht Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1040 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1035

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ein ideologisches Moment, als verbindendes Element der seinerzeit erheblichen rechtlichen Unterschiede zwischen hohem und niederen Adel, Ministerialen, Freien und Unfreien zu fungieren.81 Bemerkenswert ist, dass die Bedeutung und der Ruhm des Mainzer Hoffestes von 1184 auch Eingang in die zeitgenössische Dichtung fanden. Seiner Bearbeitung des anglo-normannischen ‚Roman d’Eneas‘, einer mittelalterlichen Adaption der antiken ‚Aeneis‘ Vergils,82 fügte Heinrich von Veldeke über seine Vorlage hinaus der Schilderung der Hochzeits- und Krönungsfeierlichkeiten von Eneas und Lavinia die folgende Passage an: ichn enuernam uon hohzeiten in allen weilen mære, div als groz wære, alsam do het Eneas, wan div ze Meginze da was, die wir selbe sahen, des manige ueriahen, daz si wære vnmæzleich, da der chaiser Fridereich gab zwein seinen s˚unen swert, da manich tausint marche wert verzert wart vnd uergeben.

(347, 14/V. 13222 ff.)83

„Von keinem Fest habe ich je berichten hören, das so groß gewesen wäre wie das, das Eneas ausgerichtet hatte, außer dem, das in Mainz veranstaltet wurde, das wir mit eigenen Augen sahen und von dem viele zugestanden, es habe alles Maß überschritten, damals als Kaiser Friedrich zweien seiner Söhne das Schwert verlieh, wo viele tausend Mark verzehrt und verschenkt wurden.“84 Auf das Mainzer Hoffest bezogen, begegnet hier ein Element, das die Schilderung von Festen und Gastmählern in der mittelhochdeutschen Epik fast durchweg und topisch begleitet: die Einzigartigkeit, die Unvergleichlichkeit des Ereignisses werden hervorgehoben, begleitet von der Formel, 81 82 83

84

Vgl Fleckenstein (1972), S. 1036; s. auch Bumke (2005), S. 65 Vgl. Edition Fromm (1992), S. 755 und 765 ff. Zitiert wird hier und folgend nach der von Hans Fromm besorgten Ausgabe (1992); vgl. auch die in der Textwiedergabe und -aufbereitung differierende Ausgabe von Ludwig Ettmüller mit der neuhochdeutschen Übersetzung durch Dieter Kartschoke (1986); die dort recte gesetzten (rekonstruierten) Passagen werden hier unverändert wiedergegeben Edition Fromm (1992), S. 723; vgl. den in zwei Zeilen abweichenden Text bei Ettmüller/Kartschoke (1986), S. 739, V. 13222 ff.

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dass es nie (zuvor und danach) Ähnliches gegeben habe oder dass davon etwa vernommen worden wäre. Das hier gebrauchte rhetorische Element, die Hyperbel,85 wird uns im Zusammenhang von Festen und Gastmählern noch bei anderen literarischen Belegen wiederholt begegnen. Stellvertretend für Einzelheiten oder Beispiele, die eine besondere Prachtentfaltung erzählerisch hätten füllen können, wird lediglich verallgemeinernd betont, dass das Fest ‚ganz unermesslich groß‘ gewesen sei. Bedeutung besitzt dabei, dass der Gastgeber – hier Kaiser Friedrich I. – jede erdenkliche Großzügigkeit walten lässt: zum Idealbild der ritterlichen Gesellschaft gehört es nämlich, Gäste bestmöglich zu bewirten und Festteilnehmer auch reichlich mit Geschenken zu versehen.86 Heinrich merkt an, dass sich Kaiser Friedrich dies habe viele tausend Mark kosten lassen, eine für die damalige Zeit riesige Summe. Ob der Autor wirklich selbst am Mainzer Hoffest teilnahm, wie die Textpassage (347, 19 bzw. V. 13227 die wir selbe sahen) nahe legt, ist übrigens nicht gesichert.87 Interessant ist seine Erwähnung des Mainzer Hoftages vielmehr, weil sie die Datierung seines ‚Eneasromans‘ erlaubt, dessen wohl unvollendetes Manuskript bis zu seiner Fertigstellung 1184 oder kurz danach eine durchaus abenteuerliche Geschichte durchlief.88 Die Passage über das Mainzer Hoffest fährt fort: 85

86

87

88

Vgl. Heinrich Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. Zweite, durch einen Nachtrag vermehrte Auflage. München 1973, S. 299 (§ 579) s.v. hyperbole: „Die Hyperbel ist eine extreme, im wörtlichen Sinne unglaubwürdige onomasiologische Überbietung des verbum proprium. Sie ist eine vertikal-graduelle Metapher und hat so … evozierend-poetische Wirkung, die in der Rhetorik im parteiischen Interesse …, in der Poesie als affektische Vorstellungshilfe benutzt wird. Wie die Metapher … ist die Hyperbel in der Form des Vergleichs auflösbar …“ Vgl. Bumke (2005), S. 278, 285 und passim; vgl. Günter Schopf: Fest und Geschenk in mittelhochdeutscher Epik. (Philologica Germanica. Bd. 18). Wien 1996 Für Bodensohn (1936), S. 11, steht dies fest, ebenso für Bumke (2005), S. 280; Fleckenstein (1972), S. 1033, bleibt diesbezüglich indifferent und bemerkt lediglich, dass Dichter wie Veldeke die Aufwertung des ritterlichen Ideals aufnahmen und ihr poetische Entsprechungen folgen ließen Die französische Romanvorlage, auf die Heinrich seine Bearbeitung gründete, soll um 1160 entstanden sein, vgl. Fromm (1992), S. 761 und Kartschoke (1986), S. 847. Heinrich könnte mit seiner Bearbeitung in der ersten Hälfte der 1170er Jahre begonnen haben. Das noch unvollendete, wohl etwa zu zwei Dritteln des Gesamttextes bearbeitete Manuskript wurde bei der Hochzeit des Landgrafen von Thüringen mit Margarete von Cleve durch den Bruder des Bräutigams entwendet und nach Thüringen mitgenommen. Heinrich erhielt es erst neun Jahre später wieder und konnte es erst dann in Thüringen auch beenden, vgl. Schröder (1994), S. 5 und Haupt (1989), S. 106

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

ich wæne, alle, die nu leben daz si dehein grozer haben gesehen. ich enwaiz, waz noch sule geschehen, des chan ich ivch nicht bereiten. ich enuernam von swertleiten nie warleiche mære, da sa manich furste wære vnd aller slahte laute. ir lebent genuch noch hivte die es wizzen wærleiche. dem chaiser Fridereiche geschach so manich ere, daz man immer mere wunder da uon sagen mach vncz an den iungisten tach an lugene fur war. es wirt noch uber hundert iar von im gesaget vnd geschriben, daz noch allez ist beliben.

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(347, 26/V. 13234 ff.)

„Ich glaube, alle, die jetzt leben, haben kein größeres Fest gesehen. Freilich weiß ich nicht, was noch kommen wird, darüber kann ich euch nichts berichten. Indes habe ich von einer Schwertleite niemals berichten hören, wo so viele Fürsten und die verschiedensten Leute beisammen waren. Von ihnen sind heute noch genügend am Leben, die wissen, daß das wahr ist. Kaiser Friedrich wurde so viel Ehre erwiesen, daß man in alle Zukunft bis zum Jüngsten Tag ungelogen Staunenswertes davon erzählen kann. Noch in hundert Jahren wird man davon erzählen und schreiben, so wie man alles noch im Gedächtnis behalten hat.“89 Wieder wird die Besonderheit des Ereignisses sprachlich dadurch hervorgehoben, dass etwas Vergleichbares den Zeitgenossen nicht bekannt sei. Eine weitere hyperbolische Wendung ist die, dass ewig, immer, hier: bis 89

Edition Fromm (1992), S. 723 ff.; vgl. Übersetzung durch Kartschoke (1986), S. 739 und 741: „Ich glaube, daß alle Lebenden / kein größeres (Fest) gesehen haben. / Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, / das kann ich euch nicht sagen. / Ich habe jedoch von einer Schwertleite / niemals glaubwürdig erzählen gehört, / bei der ebenso viele Fürsten // und Leute aller Stände zugegen gewesen wären. / Noch heute leben viele, / die es genau wissen. / Kaiser Friedrich wurde / so hoch geehrt, / daß man für alle Zeiten / Wundergeschichten davon erzählen kann / bis zum Jüngsten Tag, / das ist gewißlich wahr. / Es wird auch in hundert Jahren noch / von ihm erzählt und geschrieben werden, / was alles bisher noch nicht gesagt ist.“

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zum Jüngsten Tag von dem hervorragenden Ereignis berichtet werden wird. Für eine mittelalterliche Festschilderung kennzeichnend ist, dass sehr viele, auch sehr viele bedeutende Gäste anwesend waren. Ein Fest in ‚kleinem Rahmen‘, eine in heutigem Verständnis eher ‚private‘ Feier, war für die Autoren des Mittelalters kein Thema. Denn im Verständnis der Zeit ging es nicht nur um die prunkvolle Gestaltung, die Repräsentation in der großzügigen Ausstattung eines Festes, die Beherbergung, Bewirtung und Beschenkung von (möglichst vielen) Gästen, die dem Gastgeber (hier Kaiser Friedrich I.) zur Ehre gereichten und sein freigebiges Verhalten als vorbildlich wirken lassen. „Schon die Auswahl der Gäste ließ häufig den politischen Charakter des Festes hervortreten. Es gab zwar auch ganz märchenhafte Feste, zu denen in der ganzen Welt eingeladen wurde. Aber öfter richtete sich die Einladung in spezieller Weise an die Fürsten des Landes … oder, wenn der Einladende selber ein Fürst war, an den Adel, an ‚Barone und Landherren‘ oder an ‚Grafen, Freiherren und Ministerialen‘ … Die Veranstaltung von Hoffesten war ein Mittel, den Adel des Landes fester an den Herrscher zu binden. Als Fürst Wilhelm von Wenden den Entschluß gefasst hatte, heimlich als Pilger sein Land zu verlassen, rief er, auf Anraten seiner Frau, noch einmal den gesamten Adel seines Landes zu einem großen Fest zusammen mit dem erklärten Ziel, durch den Glanz seines Hofs und durch seine Freundlichkeit und Freigebigkeit die Bindung an das Herrscherhaus auch über die Zeit seiner Abwesenheit hinweg zu sichern. ‚Wir wollen keine Kosten scheuen. Wir wollen unseren Reichtum zeigen und sie mit Geschenken erfreuen und sie zu einer solchen Haltung anregen, daß sie sich an uns gebunden fühlen‘.“90 Hoffeste und die damit verbundenen Gastmähler haben im Mittelalter nicht nur einen geselligen, sozial bedeutsamen Charakter, sondern wirken auch politisch gemeinschaftsstiftend. Die politische Bedeutung, auch Macht und Einfluss eines Herrschers wurden daran gemessen, wie viele (und auch welche) Gäste seiner Einladung zu einem Fest folgten, sich damit auch als dem Hause freundlich gesonnen zeigten.91 Vor diesem Hintergrund werden die sicherlich übertriebenen Angaben verständlicher, die die zeitgenössischen Chronisten zur Teilnehmerzahl am Mainzer Hoftag machten, und auch Heinrichs Kommentar über die Anwesenden wird nachvollziehbar, galt es damit doch auch, die kaiserliche Machtposition zu charakterisieren. 90

91

Bumke (2005), S. 283 f.; zur gemeinschaftsstiftenden Funktion des Festes sowie zu seiner (politischen) Funktionalität im Rahmen des Auf- und Ausbaus von Herrschaft vgl. auch Haupt (1989), S. 26 f. und passim Über die Brüche, die diesbezüglich z. B. im Nibelungenlied zu verzeichnen sind, wird unten noch zu handeln sein, vgl. Abschnitt 2.2.5

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Interessant ist nun, dass sich die vom Mainzer Hoffest bekannten Elemente, um einzelne Ausschmückungen ergänzt, in Heinrichs poetischer Darstellung der Hochzeits- und Krönungsfeierlichkeiten von Eneas und Lavinia komplett wiederfinden. Deren Schilderung ist der eben behandelten Passage über den Mainzer Hoftag direkt vorangestellt. dar chomen in allen siten die fursten uil weiten mit scheffen vnd an der strazen vnd rittere a˚uzir mazen. Die spilman vnd die gernde diet die uers˚umden sich niet, die werltleichen laute. daz tæte sei noch hivte, da solich hochgezit wære. geurieschen si daz mære, si zugen allenthalben z˚u. also taten si ouch do, die es heten vernomen. si mochten gerne dar chomen vnde uil froleiche, wan si da wurden reiche, als daz billeich was.

(344, 15/V. 13103 ff.)

„Aus allen Richtungen strömten weither die Fürsten herbei, zu Schiff und auf der Straße, und Ritter, eine riesige Menge. Die Spielleute und das fahrende Volk, der weltfrohe Schwarm, verspätete sich nicht. Das täte er auch heute nicht bei einer solchen Hochzeit. Sowie sie Wind davon bekämen, würden sie von allen Seiten herbeiziehen. So machten es auch damals diejenigen, die davon gehört hatten. Sie konnten wohlgelitten und fröhlich herbeikommen, denn da wurden sie reich, wie es auch recht und billig war“.92 Betont werden wiederum der Rang (Fürsten) und die Zahl der vielen Gäste, die sich zu dem Fest einfinden. Zur Unterhaltung kommen Musikanten und Sänger hinzu, angezogen auch durch die Aussicht auf guten Lohn und reichliche Geschenke, deren Ausgabe für Gastgeber und auch vermögende Gäste obligatorisch war. Ihr Ausbleiben hätte der erwarteten Großzügigkeit widersprochen, wäre als kleinlich, wichtiger noch: als unehrenhaft aufgefasst worden: „Je wertvoller die Geschenke waren, umso deutlicher offenbarten sie Macht und Reichtum des Gastgebers und umso schöner bewies sich seine höfische Tugend der Freigebigkeit. Manchmal war 92

Edition Fromm (1992), S. 717; vgl. Kartschoke (1986), S. 733

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schon die Einladung zum Fest mit der Ankündigung verbunden, daß reiche Geschenke zu erwarten seien.“93 So beschreibt es auch Heinrich, wenn er Eneas dem Fest eine Einladung vorausschicken lässt: z˚u seinen hohgeziten ladet er die fursten vnd bat z˚u Laurente z˚u der stat. Êneas der mære enbot offenbære, daz her brauten solde, swer g˚ut vmb ere wolde, daz der froleiche chæme vnd er so uil næme, daz es immer moht gefrumen vnd allen sinen nachchomen.

(335, 38/V. 12764 ff.)

„Zu seiner Hochzeit lud er die Fürsten und bat sie in die Stadt Laurente. Der berühmte Eneas machte öffentlich bekannt, daß er zu heiraten gedenke. Wer Gut und Ehre94 wolle, der möge sich frohen Sinnes einfinden; 93 94

Bumke (2005), S. 314 Hier gibt die gebotene Übersetzung den mhd. Text nicht korrekt wieder, die lauten müsste: „Wer Gut (Besitz) um der Ehre willen wollte, …“. Auch die Übersetzung Kartschokes ist bei den V. 336, 4 ff. nicht genau: „alle Lohnsänger // sollten fröhlich kommen / und so viel empfangen, / daß es fürs ganze Leben / und für alle Nachkommen reichen könne“, vgl. Kartschoke (1986), S. 713 und 715. – Aufgenommen wird hier eine Formel, die sich besonders in der mhd. Spruchdichtung öfter findet, z. B. bei Walther von der Vogelweide, der die rechte Beziehung von ‚Gut und Ehre‘ im sog. Unmutston scharfzüngig abwog: diu meiste menige enruochet wie sie erwirbet guot, sol ichz alsô gewinnen, sô gâ slâfen hôher muot! guot was ie genæme, iedoch sô gie diu êre vor dem guote. nû ist daz guot sô hêre, daz ez gewalteclîche zuo dem künige sitzen gât mit den fürsten zuo dem künige an ir rât. sô wê dir guot! wie rœmisch rîche stât. du bist niht guot. dû habest dich an die schande ein teil ze sêre.

(31, 15 ff.)

“die Mehrheit achtet nicht darauf, wie sie Besitz erwirbt, / müßte ich ihn auf gleiche Weise gewinnen, dann geh’ / schlafen, Hochgefühl! / Besitz war immer genehm, jedoch kam die Ehre / vor dem Besitz. Nun ist der Besitz so hochrangig, / daß er gebieterisch sich zu dem König setzt / mit den Fürsten im königlichen Rat. / Ach, weh Dir, Gut! Wie steht das römische Reich da! / Du bist nicht gut. Du hälst Dich ein wenig zu sehr an / die Schande.“ Zitiert nach Walther von der Vogelweide. Werke. Gesamtausgabe. Band 1: Spruchlyrik. Mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Günther Schweikle. (Reclam. Universal-

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so viel würde er bekommen, daß es ihm fürs Leben langen würde wie auch allen seinen Nachkommen.“95 Das Fest beginnt mit einem Festmahl. Michel was div hohgezeit vnd daz gestule uil weit, herleich man es anuiench. der chunich ze tische giench vnd die fursten edile, ir iesleich an sein gesidile, arme vnde reiche harte herleiche.

(345, 5/V. 13133 ff.)

„Überwältigend war das Hochzeitsfest, und weithin waren die Stühle96 aufgestellt. Prachtvoll wurde alles hergerichtet. Der König schritt zu Tische mitsamt den edlen Fürsten, jeder zu seinem Platz, arm und reich, äußerst prächtig.“97 Hier sind es die vielen Tische und Bänke, die für das Festmahl aufgebaut worden waren, die einen Hinweis auf den besonderen Umfang der Festgemeinde geben. Folgend wird ein protokollarischer Ablauf beschrieben: der König (Eneas) geht (zuerst?) zu Tisch mit den Fürsten. Die Platzierung bei Tisch ist nicht zufällig gewählt. Je nach Stand und Ansehen haben die Teilnehmer am Festmahl einen ihnen zustehenden, ihren besonderen Platz. Das Festmahl wird aufgetragen. mit fleize da gedient wart. da wart div speise nit gespart. der sich dez fleizen wolde, daz er sagen solde, wie da gedienet wære, es wurde ein langes mære, wan als ich iv hie sagen wil:

95

96

97

Bibliothek. Nr. 819). Stuttgart 1994, S. 160 f.; im zugehörigen Kommentar S. 399 heißt es: „Thematisch eng mit den beiden Themenzentren verzahnt ist die aus eigener Erfahrung gespeiste allgemeine Zeitklage, die das Grundthema des Tones (Gut, Gewinn, Macht geht vor Ehre) anschlägt …“. Das Motiv nimmt Walther mehrfach auf, so auch im ‚Wiener Hofton‘, wo er die ‚Gefahr des Besitzes‘ beschreibt, vgl. Edition Schweikle (1994), S. 244 f. Edition Fromm (1992), S. 699; Kartschoke (1986), S. 713/715, übersetzt hôchzît mit dem allgemeineren „Fest“, was der erst später eingeschränkten Wortbedeutung (auch in unserem heutigen Verständnis) wohl eher gerecht wird Hier ist die Übersetzung ungenau, es sind Sitzgelegenheiten allgemein angesprochen, zu denen z. B. auch Bänke gehören Edition Fromm (1992), S. 719; vgl. Kartschoke (1986), S. 735

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

man gab in allen ze uil ezzen vnde trinchen, daz nieman chund erdenchen vnd dez ir hercze gerte, wol man si dez gewerte.

(345, 13/V. 13141 ff.)

„Mit Eifer wurden sie bedient, an Essen wurde nicht gespart. Wer sich Mühe gäbe aufzuzählen, wie da vorgelegt wurde, es gäbe eine lange Geschichte, aber ich will es kurz machen: man bot ihnen allen überreichlich zu essen und zu trinken. Was jeder sich erträumen konnte und sein Herz begehrte, das gab man ihnen reichlich.“98 Auch in dieser Passage begegnet ein für die Darstellung von Festmählern in der mittelhochdeutschen Epik typisches Element: es wird nicht näher ausgeführt, welche Speisen und Getränke aufgetragen wurden. Statt dessen wird eine Wendung gebraucht, die sich topisch auch in vielen anderen Speiseszenen der mittelhochdeutschen Dichtung wiederfindet: es wurde mehr als genug aufgetragen, von allem gab es mehr als zur Sättigung benötigt wurde, ja sogar im Überfluss. Renate Roos, die u. a. die Speiseszenen in der mittelhochdeutschen Epik untersuchte, benannte diese immer wiederkehrende Wendung unter Aufnahme des mittelhochdeutschen Bezugswortes genuoc als „das Genüge“.99 Hinsichtlich der durch Dieter Kartschoke in der neuhochdeutschen Übersetzung für gedienet (V. 13341 und V. 13345) gewählten Verben ‚auftragen‘ und ‚auftischen‘ ergibt sich ein verzerrtes Bild.100 Sie weisen eher in Richtung dessen, was (auch an Mengen) auf den Tisch kam. Wichtig für die protokollarisch angemessene Bewirtung war jedoch die Art und Weise, auch die Aufmerksamkeit, mit der die Bedienung bei Tisch vollzogen wurde. Insofern dürfen diese Stellen durchaus so verstanden werden, dass die Bedienung in jeder Hinsicht angemessen und aufmerksam erfolgte.101 98 99 100

101

Edition Fromm (1992), S. 719; vgl. Kartschoke (1986), S. 735 Roos (1975), S. 348 ff. mit zahlreichen einschlägigen Textbelegen Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 426 s.v. dienen: „dienen, aufwarten mit bezug gottes-, herren- und frauendienst oder aufs aufwarten bei tische“ Roos (1975), S. 341 ff., weist nach, dass die aufmerksame Bedienung bei Tisch nicht nur in der (auch früh-)höfischen Epik, sondern auch in der sog. ‚Spielmannsepik‘ eine Rolle spielt, wenn es um die Darstellung der Leistungen eines hervorragenden Gastgebers geht; angesichts der Bedeutung, die der Bedienung bei Festmählern zukam, ist das Fehlen von deutschsprachigen Regeln oder Ratgebern bemerkenswert, die nähere Einblicke in das geben könnten, was seinerzeit als besonders angemessen oder aufmerksam hätte gelten können. Joachim Bumke nimmt sich zwar des Themas an, muss jedoch einräumen, dass die beiden einzigen aus dem Hochmittelalter erhaltenen einschlägigen Texte, das Verzeichnis der ‚Ämter des Hofs von Hennegau‘ und die Anweisungen zur Haushaltsführung des englischen Bischofs Robert Grosseteste

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Do si do gesazen vnd froleiche gazen vil wol nach ir willen, da was chlaine stillen, der schal waz als groz, daz es die bosen verdroz. da waz spil vnd sanch, buhurt vnd gedranch, phiffen vnd springen, fidelen vnd singen, orgelen vnd sæitspil, maniger slahte fraude uil.

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(345, 25/V. 13153 ff.)

„Nachdem sie gegessen und fröhlich gespeist hatten, ganz wie es ihnen gefiel, war es keineswegs still. Das fröhliche Treiben war so laut, daß es die Mißmutigen102 ärgerte. Es gab Spiel und Gesang, Turnierkämpfe und Trubel, Pfeifenspiel und Tanz, Fiedeln und Singen, Orgeln103 und Saitenspiel

102

103

von Lincoln, nicht ohne Weiteres auf den deutschen Sprachraum übertragen werden können, vgl. Bumke (2005), S. 262 ff.; zur Bedienung, wie sie uns in den Dichtungen des Hochmittelalters entgegentritt, vgl. Bumke (2005), S. 254 ff. Im Stellenkommentar Dieter Kartschokes findet sich die Erklärung für diese Übersetzung: „Das Veldeke-Wörterbuch, Sp. 60, glossiert die bôsen an dieser Stelle: ‚die keinen Sinn für höf. Geselligkeit haben, nichts empfinden und denken‘. Curschmann/ Glier übersetzen: ‚die Gemeinen und Böswilligen‘. Ich glaube, es ist hier weniger ein moralisches als ein ständisches Declassement im Spiel. Wer nicht der Adelsklasse angehört, muß ihre Ökonomie der Verschwendung für unsinnig halten. Denkbar auch, daß die geistlichen Kritiker solchen Aufwandes gemeint sind, wie sie im Umfeld des Mainzer Hoffestes anzutreffen waren. Freilich wäre ihre Kennzeichnung als die bôsen höchst ungewöhnlich“, vgl. Kartschoke (1986), S. 822; an Kartschokes Edition und Übersetzung wurde verschiedentlich Kritik geübt, vgl. dazu Schröder (1994), passim Ob hier – wie die gebotene Übersetzung ausweist – wirklich ein Orgelinstrument (mit Manual, Registern, Pedalen und Pfeifen) gemeint ist, ist fraglich; zwar waren Orgeln einfacher Bauart bereits vor der Jahrtausendwende bekannt, doch wurde „über die Orgel und ihr Spiel gerade in der Zeit vom 8. bis 12. Jahrhundert negativ geurteilt“, deshalb wurde dieses Instrument „selten in mittelalterlichen Texten erwähnt“, so Kerstin Bartels: Musik in deutschen Texten des Mittelalters. (Europäische Hochschulschriften. Reihe I. Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 1601). Frankfurt/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1997, S. 151. Möglicherweise ist hier das im Hochmittelalter geläufige Instrument organiston, eine Drehleier, gemeint, vgl. Bartels (1997), S. 269, Anm. 298 und Bumke (2005), S. 307. Bartels (1997), S. 176 weist darauf in, dass in Übersetzungen des Mittelalters das griechische kynra sowohl als ‚Orgel‘ als auch als Saiteninstrument wiedergegeben wurde und meistens wohl die Leier bezeichnet haben dürfte. Vgl. zu weiteren Textbelegen Lex. Bd. II (1992), Sp. 166 s.v. orgel, orgele und orgelen, orgeln

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

und alle Arten Lustbarkeit und vielerlei sonstige Unterhaltung.“104 Auch mit dem hier geschilderten Unterhaltungsprogramm, das neben dem Festmahl (und teils wohl auch zeitgleich dazu) Turnierspiele, Musik und Tanz konkret benennt, erweist sich Heinrichs Darstellung des Hoffestes von Eneas und Lavinia als durchaus typisch für die im Hochmittelalter zu einem großen Fest gehörenden Elemente.105 Obwohl die meisten bekannten Beispiele zu höfischer Geselligkeit aus zeitgenössischen Dichtungen stammen,106 haben auch Chronisten von den Darbietungen berichtet, die bei großen Festen gegeben wurden. Es traten dort neben Musikern und Sängern auch Zauberkünstler, Artisten und Jongleure auf, es gab neben Waffenspielen auch (rein) sportliche Wettkämpfe, und es wurde getanzt.107 Auf ihr Ansehen bedachte Gastgeber gefielen sich darin, für ihre Gäste einzigartige und sogar exotische Darbietungen zu arrangieren. So ist von Kaiser Friedrich II. überliefert, dass er auf einem (allerdings auf Sizilien ausgerichteten) Fest 1241 einen Elefanten „mit einem burgartigen Aufbau, der mit Fahnen geschmückt und mit Trompetenbläsern besetzt war“, auftreten ließ.108 Diese besondere ‚Showeinlage‘ muss die Zeitgenossen sehr beeindruckt haben, denn sie wurde recht zeitnah (noch im 13. Jahrhundert) in einer Handschrift eigens abgebildet.109 104 105

Edition Fromm (1992), S. 719; vgl. Kartschoke (1986), S. 735 Vgl. Bumke (2005), S 303 ff.; ganz in diesem Duktus bewegt sich auch die Schilderung, die Hartmann im ‚Iwein‘ von dem Fest gibt, das Artus zu Pfingsten ausrichtet: Artûs und diu künegin, ir ietwederz under in sich ûf ir aller willen vleiz. dô man des pfingestages enbeiz, männeclîch im die vreude nam der in dô aller beste gezam. dise sprâchen wider diu wîp, dise banecten den lîp, dise tanzten, dise sungen, dise liefen, dise sprungen, dise hôrten seitspil, dise schuzzen zuo dem zil, dise redten von seneer arbeit, dise von grôzer manheit.

106 107 108 109

(V. 59 ff.)

Zitiert nach: Hartmann von Aue. Iwein. Text der siebenten Ausgabe von G.F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff. Übersetzung und Anmerkungen von Thomas Cramer. Zweite, durchgesehene und ergänzte Auflage. Berlin/New York 1974 Vgl. Bumke (2005), S. 303 Vgl. Bumke (2005), S. 301 ff. Bumke (2005), S. 303 Vgl. Abb. bei Bumke (2005), S. 302

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Die neuhochdeutsche Übersetzung Hans Fromms und Dieter Kartschokes ist am Schluss der zuletzt zitierten Passage etwas unglücklich, wenn sie auf die verschiedenen sonstigen Unterhaltungsangebote abheben, die bei dem großen Hoffest geboten wurden. Denn das mhd. vroude meint mehr als Lustbarkeit oder Unterhaltung.110 Es umfasst in seiner Bedeutung auch die gelöste und heitere Stimmung, Frohsinn und auch Fröhlichkeit, ohne die ein gelungenes höfisches Fest nicht denkbar ist.111 Gerade in diesem Moment wurde im Vergleich zu poetischen Vorläufern eine wesentliche eigene Leistung Heinrichs erkannt: „In der Entwicklung der Festdarstellung ist er ein bedeutsamer Markstein, weil bei ihm zum erstenmal der Inbegriff und tragende Grund höfischer Festlichkeit die Freude ist, die eine Festgesellschaft gemeinsam erlebt.“112 Den Abschluss von Heinrichs Festdarstellung bildet die reichliche und im Vergleich zu der Speiseszene überaus detailliert beschriebene Beschenkung der Spielleute und der Gäste durch Eneas selbst und durch die teilnehmenden Fürsten (345, 37/V. 13165 ff.). In der mehr als vierzig Verse umfassenden Szene werden kostbare Geschenke wie Pferde, Saumtiere, Kleider, Pelze, edle Stoffe, Gold- und Silbergefäße sowie wertvolle Schmuckstücke geradezu in einer Wettbewerbsform überaus großzügig verteilt (daz man da gab ze strite, 346, 40/V. 13208). Wohl in scherzhafter Absicht lässt Heinrich Eneas sogar beklagen, dass es (infolge des allgemeinen Schenkens) gar wenige gebe, die auf seine Geschenke besonderen Wert legten (346, 35/ V. 13203 ff.). Folglich preisen die reichlich beschenkten Spielleute die Großzügigkeit des Gastgebers und der sonstigen Schenkenden, die sich durch ihre reichlichen Gaben rühmlich und ehrenhaft verhalten haben (346, 26/ V. 13195 ff.).113 Der Zeitraum, während dessen sich das alles abspielte und den das Hochzeits- und Krönungsfest einnahm, wird von Heinrich auch benannt, einen manot do werten die selben hohzite

(346, 38/V. 13206 f.),

die Festlichkeiten sollen sich also über einen ganzen Monat hingezogen haben. Derartige Angaben, die sich ähnlich auch in anderen Dichtungen fin-

110

111 112 113

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 537 s.v. vroude, vröide, vreude: „frohsinn, freude, erfreuendes, unterhaltendes (gerne im pl.)“ Vgl. Haupt (1989), S. 109 ff. (Abschnitt „Glanz, Freude, Aufbruch“) Bodensohn (1936), S. 9 Auf die Bedeutung von Geschenken als Möglichkeit, ein endliches Fest auch lange nach dessen Schluss (materiell) immer wieder ‚greifbar‘ und damit in seiner Wirkung dauerhaft werden zu lassen, verweist Schopf (1996), bes. S. 47 ff.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

den,114 sind sicher einem dramaturgischen Effekt geschuldet, denn die Ausrichtung eines prachtvollen Festes von einer solchen Dauer hätte einen immensen Aufwand erfordert und wiederum wohl zurück auf das besondere Vermögen gewirkt, die Gastfreundschaft und die Freigebigkeit des Einladenden oder Ausrichters auch wirtschaftlich tragen zu können.115 Dass sich große (Hof-)Feste im Hochmittelalter jedoch über mehrere Tage, mitunter auch länger, hinziehen konnten, belegt der Mainzer Hoftag, der (mindestens) drei Tage lang gehalten wurde und in dessen Anschluss die Fürsten des Reiches noch eine große Turnierveranstaltung im benachbarten Ingelheim planten.116 Da die Teilnehmer hierzu – wie auch zur Hochzeits- und Krönungsfeier von Eneas und Lavinia bei Heinrich – zumeist über weite Strecken und mehrere Tage lang und wohl oft auch sehr beschwerlich anreisten, hätte sich ihre Teilnahme an einer kürzeren Festveranstaltung, so wie wir sie heute kennen, kaum angeboten. Das Protokoll damaliger Veranstaltungen und die mit ihnen verbundenen Möglichkeiten zum geselligen Austausch und zur politischen Kommunikation erforderten einen anderen zeitlichen Ansatz als es in unseren, von schneller räumlicher

114

Dass höfische Feste sich über mehrere Tage hinzogen, wird auch z. B. im ‚Nibelungenlied‘ erwähnt. Dort dauerte das Fest zur Schwertleite Siegfrieds eine Woche: Diu hôhgezît werte

115

unz an den sibenden tac.

(40, 1)

Zitiert wird hier und folgend nach der Ausgabe von Karl Bartsch: Das Nibelungenlied. Herausgegeben von Helmut de Boor. Einundzwanzigste revidierte und von Roswitha Wisniewski ergänzte Auflage. (Deutsche Klassiker des Mittelalters). Wiesbaden 1979 Die wirtschaftlichen Folgen einer großzügigen Gastgeberschaft werden andernorts auch in der Dichtung aufgenommen. Dass eine große Gästeschar und deren freigebige Bewirtung an einem Adelshof so überhand nahmen, dass es nicht nur viel Lärm und Gedränge gab, sondern dass der gastgebende Landgraf Gefahr lief, sein Vermögen zu verprassen, prangerte Walther von der Vogelweide in der ‚Thüringer Hofschelte‘ an. Dort heißt es: der lantgrâve ist sô gemuot, daz er mit stolzen helden sîne habe vertuot, der iegeslîcher wol ein kenpfe wære. mir ist sîn hohiu fuore wol kunt: und gulte ein fuoder guotes wînes tûsent pfunt, dâ stüende doch niemer ritters becher lære.

116

„Der Landgraf ist so gesinnt, daß er mit stolzen Helden seine Habe vertut, / von denen er wohl ein Berufsfechter sein könnte. / Mir ist seine großzügige Lebensführung wohl / bekannt: / und kostete ein Fuder guten Weines tausend Pfund, / stünde da doch nimmer eines Ritters Becher leer“, Edition Schweikle (1994), S. 88 f. Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1028

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Mobilität und Telekommunikation geprägten Tagen auch unter funktionalen Gesichtspunkten üblich ist. Deutlich treten beim Mainzer Hoffest von 1184 und in der literarischen Wiedergabe des höfischen Festes durch Heinrich folgende Kennzeichen einer besonderen Festveranstaltung im Hochmittelalter hervor: – durch den Gastgeber ergeht eine Einladung; – es kommen viele Gäste, auch von weit her; dabei ist von Bedeutung, welchen sozialen Rang oder welche herrschaftliche bzw. ständische Funktion die Teilnehmer besitzen; – die Aufnahme und Beherbergung der Gäste erfolgt großzügig, Gastfreundschaft zeichnet den Ausrichter eines Festes aus; – Gastfreundschaft und Großzügigkeit des Hausherrn finden auch bei der Bewirtung und Bedienung der Gäste ihren Ausdruck; es werden aufwändige Festmähler gegeben, deren Inszenierung, Reichhaltigkeit und sogar Überfluss den guten Gastgeber auszeichnen; – zu einem Fest gehört ein vielseitiges Unterhaltungsprogramm, das die Festmähler begleitet und den Gästen tagsüber anregenden Zeitvertreib und verschiedene Vergnügungen bietet, hierzu zählen auch Schauturniere, Waffenspiele und sportliche Wettkämpfe; – zu einem gelungenen Fest gehören eine gelöste Stimmung, Geselligkeit und Fröhlichkeit; – Gäste und das Unterhaltungsprogramm bestreitende Künstler erhalten im Verlauf und zum Abschluss eines Festes viele und kostbare Geschenke; wie bei Unterbringung und Bewirtung zeichnet auch hier seine Freigebigkeit den Hausherrn aus; – Feste sind auf die Dauer mehrerer Tage, in besonderen Fällen sogar Wochen angelegt. In der Bewertung der Historiker stellt der Mainzer Hoftag, die „curia celebris von 1184 eine Verbindung von Hoftag und Hoffest, von Politik und Repräsentation, von Macht und höfischem Glanz“ dar und ist „in alledem: ein Ausdruck der Verbindung von Kaisertum und Rittertum“.117 Der Dichter Heinrich von Veldeke nahm auf dieses besondere Ereignis auch deshalb Bezug, weil es für ihn die Erfüllung des Ritterideals verkörperte.118 Auf dem

117 118

Fleckenstein (1972), S. 1025 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1025; auf die Möglichkeit, dass auch herrschaftsstiftende bzw. -sichernde Interessen der Thüringer Landesherrn in eben diesen Passagen ihren Ausdruck finden, an deren Hof das Epos fertiggestellt wurde, verweist Haupt (1989), S. 122 ff.; ferner arbeitet sie die Unterschiede zwischen dem Mainzer Hoffest

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Mainzer Hoftag zog das Deutsche Reich erstmals mit der Entwicklung des Rittertums in Frankreich gleich.119 Heinrich von Veldeke und nach ihm andere Dichter nahmen diese Entwicklung in Verbindung mit antiken und zeitgenössischen Erzählstoffen auf und erschlossen damit eine „neue, ideale Bildungswelt“, die wiederum als Vorbild für das Rittertum und dessen Ausprägung wirkte:120 „Welchen Eindruck die Mainzer Tage gemacht haben, ist auch daran abzulesen, daß dieses Fest seinerseits zum Maßstab für poetische Festbeschreibungen wurde.“121 Deutlich wird, worum es den mittelalterlichen Autoren – und wohl auch ihrem Publikum – ging, wenn ein Erzählverlauf die Beschreibung von Festen und aufwändigen Gastmählern einbezog. Wichtig und deshalb erwähnenswert sind ihnen Pracht und Fülle, auch ein angemessenes Protokoll und eine gehobene Stimmung. In diesem Zusammenhang werden auch Einzelheiten beschrieben. Sie betreffen jedoch wie in Heinrichs ‚Eneasroman‘ mehrheitlich kostbare Geschenke, zuweilen auch die prachtvolle Ausstattung von Festteilnehmern und -räumlichkeiten. Bei Tisch ist wichtig, dass die Bedienung aufmerksam ist und dass Überfluss herrscht, dass mehr als genug aufgetragen wird. Von geringerer Bedeutung ist in der Regel, welche Speisen und Getränke aufgetragen wurden. Dies ist insofern überraschend, als besondere, auch im zeitgenössischen Verständnis erlesene Speisen und Getränke ebenso wie kostbare Geschenke als Ausdruck von Haltung (des Gastgebers), Vermögen, Exklusivität und damit der prachtvollen Repräsentation einer Hofhaltung gelten könnten. Die Ausnahmen, die diese generelle darstellerische Tendenz durchbrechen, sollen unten näher beleuchtet werden. 2.2.2 Zur Inszenierung des Festmahls Wie der große Rahmen eines Festes, seiner Organisation und Durchführung wird in der mittelhochdeutschen Epik auch die Ausrichtung von Festmählern näher beschrieben. Obwohl sich verschiedene Autoren mit Aspekten des Mahles und besonders der dabei geltenden Etikette befassten,122 haben sich andere Autoren dieses Themas kaum ähnlich detailliert ange-

119 120 121 122

und dem ‚Eneasroman‘ heraus, die sie besonders im Hochzeitsmotiv und in der Minnethematik verortet, vgl. Haupt (1989), S. 105 ff. Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1027 Vgl. Fleckenstein (1972), S. 1033 Bumke (2005), S. 280 Vgl. verschiedene Beispiele bei Roos (1975), passim

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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nommen wie Wolfram von Eschenbach im ‚Parzival‘123, ähnlich im ‚Willehalm‘124, die beide zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden.125 Wie Hartmanns Werke beruhen auch diese beiden Epen auf französischen Quellen.126 Zwei Merkmale, die Wolframs Schaffen eigen sind, lassen sie für eine kulturhistorische Betrachtung auch der ‚deutschen‘ Verhältnisse interessant erscheinen: – zum einen der von Ehrismann angeführte „Grundsatz …, daß Wolfram noch weniger als Hartmann bloßer Übersetzer war“127 und – zum andern, dass er in seinen Werken mehr als jeder andere zeitgenössische Erzähler auch Einzelheiten rund um die Themen Mahl und Speisen beschreibt. Er begnügt „sich selten mit dem Konventionellen … Genreszenen, Nebenhandlungen und Reflexionen geben fast jeder Mahlzeit einen eigenen Charakter.“128 Man könnte aus heutiger Perspektive geneigt sein, in Wolfram einen ‚Gourmet‘ zu vermuten. Er muss sich in der gehobenen Speisekultur seiner Zeit gut ausgekannt haben, jedenfalls soweit, dass bei „Wolfram eine Schwäche für Speisenkataloge“ erkannt wurde.129

123

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125

126

127 128 129

Zitiert wird folgend nach Wolfram von Eschenbach. Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok. Berlin/New York 1998 Zitiert wird nach Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Nach der Handschrift 857 der Stiftsbibliothek St. Gallen herausgegeben von Joachim Heinzle. (ATB. Nr. 108). Tübingen 1994 Joachim Bumke datiert den ‚Parzival‘ zwischen 1200 und 1210, den ‚Willehalm‘ zwischen 1210 und 1220, vgl. seinen Beitrag ‚Wolfram von Eschenbach‘ im VL Bd. 10 (1999), Sp. 1376–1418, hier: Sp. 1378; vgl. Ehrismann (1954), S. 212 ff., S. 232 und S. 270 f. Der ‚Parzival‘ folgt ‚Le conte du Graal‘ von Chrétien von Troyes, der ‚Willehalm‘ der Chanson de geste ‚Aliscans‘ aus dem Epenzyklus um Guillaume d’Orange, vgl. Bumke (1999), Sp. 1393 f. und 1405 ff.; vgl. Ehrismann (1954), S. 233 ff. und S. 275 ff. Ehrismann (1954), S. 236 f. Roos (1975), S. 365 Roos (1975), S. 365; die Detailfreude Wolframs beschränkt sich jedoch nicht auf Speiseszenen. Kleidung, Rüstung, Waffen und andere Ausstattungen beschreibt er genauso bunt und abwechslungsreich. Ebenso umfänglich sind genealogische und geographische Kataloge, die angesichts des dem Kreuzzugsthema (im ‚Willehalm‘) verpflichteten Stoffes nicht verwundern. Setzt man Wolframs umfangreiche Textkonvolute jedoch ins Verhältnis zu den dort vorhandenen Speiseszenen (allein der ‚Willehalm‘ umfasst etwa 14 000 Verse), kann für ihn ein im Verhältnis zu anderen mittelhochdeutschen Autoren überproportionales Interesse an Speiseszenen kaum angenommen werden

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Ein Blick, wenn nicht gar eine Vorliebe für Details wird auch in Wolframs Schilderungen von Festvorbereitungen offenbar, in die auch die Gestaltung des Rahmens von Festmählern eingebaut ist. Im ‚Parzival‘ beschreibt er die Hochzeitsfeierlichkeiten für Gawan und Orgeluse. Hier finden sich verschiedene Elemente eines festlichen Rahmens aufgeführt, die teilweise oder umfänglicher auch in anderen Epen begegnen und deshalb gleichsam als musterhaft gelten können. Die nach einer Festeinladung bestehende Erwartung vieler Gäste rückt räumlich neben deren Unterkunftsmöglichkeiten130 im Zusammenhang von Festmählern besonders den Küchenkomplex131 sowie den Festraum in den Blick, der in Burgen und an Höfen mehrheitlich durch den palas gestellt wurde, den großen Hauptsaal, der allein eine größere Anzahl von Gästen aufnehmen konnte.132 Zu besonderen Anlässen, so auch für Feste, wird nicht nur bei Wolfram der palas mit einigem Aufwand hergerichtet und geschmückt. An die (steinernen oder gemauerten) Wände werden Wandbehänge gespannt, die den Gästen das Sitzen an den oder in der Nähe der kalten Mauern angenehmer machen sollen: manec rückelachen133 in dem palas wart gehangen.

(‚Parzival‘, 627, 22 f.)

Der im Regelfall ebenfalls nackte Boden wird mit Teppichen bedeckt: aldâ wart niht gegangen wan ûf tepchen wol geworht.

(‚Parzival‘, 627, 24 f.)

Die an den Wänden entlang aufgestellten Bänke und Sitzgelegenheiten werden zur größeren Bequemlichkeit der Festteilnehmer mit weichen Federkissen belegt, über die kostbare Steppdecken drapiert werden:

130 131 132

133

Vgl. hierzu Bumke (2005), S. 286 ff. Vgl. dazu unten im Anhang den Abschnitt II Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 197 s.v. palas: „grösseres gebäude mit einem hauptgemache, das zum empfange der gäste, zur versammlung u. bes. als speisesaal dient“ Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 523 s.v. rückelachen: „tuch zwischen rücken u. wand, wandbehang“; vgl. auch ‚Nibelungenlied‘, Str. 565: Der palas unt die wende daz was über al gezieret gegen den gesten. der Guntheres sal der wart vil wol bezimbert durch manegen vremden man. dísiu vil starke hôchzît diu huop sich vil vrœlîchen an.

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

alumbe an allen sîten mit senften plûmîten134 manec gesiz dâ wart geleit, dar ûf man tiure kultern treit.135

67

(‚Parzival‘, 627, 27 ff.)136

An einer anderen Stelle wird der Boden des Raumes zusätzlich mit duftenden Blumen oder aromatischen Würzstoffen bestreut: vor im ûfem teppech lac pigment und zerbenzînen smac, müzzel und arômatâ. durch süezen luft lag ouch dâ drîakl und amber tiure: der smac der was gehiure. Swâ man ûfen teppech trat, cardemôm, jeroffel, muscât lac gebrochen undr ir füezen.

134

135 136

(‚Parzival‘, 789, 25 ff.)137

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 257 s.v. phlûmît: „mit flaumfedern gefülltes sitzkissen“; Polsterkissen werden ebenfalls erwähnt, vgl. ‚Parzival‘ 760,13 ff. Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1766 s.v. kulter: „gefütterte steppdecke“ Ganz ähnlich im ‚Willehalm‘, 244, 10 ff.: nû heiz des balde gâhen daz der palas an allen sîten mit semften pflûmîten sî beleit und teppiche vil dar vür, ûf diu pflûmît kultern von der kür, daz man in tiure müeze jehen, swer sie hie ûf rouche sehen, von pfellen, die geben liehten schîn!

137

Vgl. auch 132, 16 ff. In der Übersetzung zur Stelle so wiedergegeben: „Vor ihm auf dem Teppich lagen Spezereien und Zerberinthenbalsam, Späne von Duftholz und aromatische Essenzen. Die Luft zu bessern hatte man auch Theriak hingelegt und teures Ambra, die rochen angenehm“. Sobald jemand auf den Teppich trat, hatte er Kardamom, Gewürznelken und Muskatnuss zerkleinert unter seinen Füßen. – Eine ähnliche Beschreibung findet sich in der wohl um 1290 entstandenen ‚Tristan‘-Bearbeitung Heinrichs von Freiberg: … hiez schône und küniclîchen wol ummehengen sînen sal mit sperlachen über al, die glesten glanz von golde fîn. mit tiuwern tepichen sîdîn wart der estrich beleit und rôsen vil dar ûf gespeit (V. 2520 ff.), zit. nach Bumke (2005), S. 248, Anm. 37; taufrische Rosen werden auch im ‚Willehalm‘ auf einen Teppich ausgebracht, vgl. V. 144, 1 ff.; im ‚Willehalm‘ dienen die oben genannten aromatischen Stoffe in fast identischer Aufzählung der Wundpflege bzw. der Einbalsamierung:

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Hier findet sich ein ganzes Kaleidoskop der ‚Wohlgerüche des Orients‘ versammelt: Pigment, Sammelbegriff für Gewürze und Spezereien,138 daneben zerbenzerî,139 wohlriechende Substanzen140 und Aromen. Dazu gehören Theriak, ein seit der Antike auf der Basis von Anis, Fenchelsamen und Kümmel hergestelltes Heilmittel, das im Mittelalter um weitere, vornehmlich stark aromatische Zutaten ergänzt wurde,141 und Ambra,142 eine wachsartige Substanz, die besonders aus dem arabischen Raum bezogen wurde und deren Duftnote als holzig, balsamisch und etwas tabakartig beschrieben wird.143 Ferner entfalten Kardamom, Gewürznelken144 und Muskatnuss145 ihre Duftkraft unter den Füßen derer, die den Teppich betreten.146

swâ man sach ir wunden, die wurden an den stunden mit balsem gestiuwert. (müzzel und zerbenzerî, arômâte und amber was derbî), swâ der pflaster deheines lac, dâ was immer süezer smac. 138 139

140 141

142 143 144

145

146

(451, 17 ff.)

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 269 s.v. pigmente Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 1061 s.v. zerbenzerî: „eine specerei, zerebinthe“; möglicherweise ist damit das Harz oder die Frucht der schon in der Bibel (Gen. 35,4) genannten Terebinthe (Pistacia atlantica, Pistacia palaestina) gemeint, vgl. http:// de.wikipedia.org/wiki/Pflanzen_in_der_Bibel Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 2262 s.v. müzzel Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 461 s.v. drîakel und den ausführlichen Artikel zur Geschichte des Theriaks bei http://de.wikipedia.org/wiki/Theriak Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 48 s.v. amber Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Ambra Das von Wolfram gebrauchte Wort ist dem französischen girofle entlehnt, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1480 s.v. jeroffel Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 2256 s.v. muscât; nicht zu verwechseln mit dem Sp. 2258 angeführten mûskât, das hier schwerlich gemeint sein dürfte Wohlgeruch dient hier als eines der besonderen Kennzeichen feiner Lebensart und höfischer bzw. herrschaftlicher Sphäre, das bewusst auch als solches eingesetzt wird: „Duft ist ein Attribut von Herrschaft, ein Statusindikator, und die Fülle der Spezereien, die Wolfram von Eschenbach aufzählt, signalisiert recht eindrücklich das weite Spektrum der höfischen Möglichkeiten, die Sphäre des Herrschers durch den Geruch der Herrschaft zu signalisieren“, so Horst Wenzel: Hören und Sehen. Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. München 1995, S. 176. Eine der zitierten ‚Parzival‘-Passage vergleichbare Szene bietet auch Rudolf von Ems: Alexander. Ein höfischer Versroman des 13. Jahrhunderts. Zum ersten Male herausgegeben von Viktor Junk. (Leipzig 1928/29). (Neudruck) Darmstadt 1970, V. 13273 ff. – Deutlich wird die Bedeutung eines angenehmen Odors im höfischen Bereich auch, wenn Wohlgestalt und Wohlgeruch Schaden nehmen oder verloren gehen, so z. B. in

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Wie auch Sitzgelegenheiten gehörten Tische nicht zur ständigen (sehr kargen) Möblierung eines Festsaales. Sie wurden, aus Tischböcken und -platten zusammengesetzt, erst unmittelbar vor den Mahlzeiten aufgebaut.147 Fortlaufend begegnen deshalb Wendungen wie und waz man tafeln für si truoc.

(‚Parzival‘, 809, 17)148

Die Anordnung der Tische erfolgt in direkter Reihung als lange Tafel149 oder in Einzelgruppen, was Joachim Bumke zufolge als besonders höfisch, modern und damit durchaus als ‚chic‘ galt.150 Eine solche Szene nimmt Wolfram im ‚Parzival‘ in den Blick, wenn die Platzierung von jeweils vier Rittern an einem Tisch den vorherigen Transport von sehr vielen Tischen – hier geschätzte hundert – bedingt: Der taveln muosen hundert sîn, die man dâ truoc zer tür dar în. man sazte ieslîche schiere für werder ritter viere.

(237, 1 ff.)

Die mittelhochdeutsche Epik kennt daneben, besonders in den arthurischen Romanen, die Anordnung der Tische im Kreis. Um keinen Gast durch die Zuweisung eines möglicherweise als unangemessen empfundenen Sitzplatzes am Ende der Tafel zu brüskieren, lässt nach Wolframs Erklärung König Artus die Tische zu der berühmten ‚Tafelrunde‘ arrangieren. Sie wird im Vergleich mit einem aus dem Morgenland stammenden, runden Tischtuch beschrieben:

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149

150

Konrads von Würzburg ‚Engelhard‘, als der Freund des Helden, Dietrich, nach einem Betrugsmanöver so schwer von Aussatz (miselsuht) befallen wird, dass er sich nicht nur aus jeder Gesellschaft zurückziehen muss, sondern ihn schließlich sogar seine Frau meidet, vgl. Konrad von Würzburg. Engelhard. Herausgegeben von Ingo Reiffenstein. 3., neubearbeitete Auflage der Ausgabe von Paul Gereke. (ATB. Nr. 17). Tübingen 1982, V. 5147 ff. Vgl. T. Capelle zu „Mobiliar“ in RGA Bd. 20 (2002), S. 116–118, hier: S. 117 und Bumke (2005), S. 263 Vgl. ‚Parzival‘ 166, 5; 170, 7 oder 639, 3, wo die Tische nach dem Essen wieder entfernt werden, ebenso ‚Willehalm‘, 182, 1: man nam die tische gar hin dan Vgl. ‚Parzival‘ 176, 13: der tisch was nider unde lanc. Vgl. Bumke (2005), S. 251; Pieth (1909), S. 31, führt weitere Belege auf, die jedoch nicht durchgehend überzeugen Vgl. Bumke (2005), S. 254

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

niht breit, sinewel gesniten, al nâch tavelrunder siten; wande in ir zuht des verjach: nâch gegenstuol dâ niemen sprach, diu gesiz wârn al gelîche hêr.

(‚Parzival‘, 309, 21 ff.)151

Dass eine solche ‚diplomatische Lösung‘ der protokollarisch nach Rang und Stand geregelten Sitzordnung einen großen Reiz gehabt haben muss, belegen mehrere, in zeitgenössischen Chroniken dokumentierte Streitfälle, in denen es um die ‚richtige‘ Sitzordnung bei Tisch und ihre zuweilen drastisch eingeforderte Korrektur geht.152 Joachim Bumke verweist diese Form der Tafel jedoch grundsätzlich in den Bereich der literarischen Fiktion.153 Vielleicht begrenzten räumliche Möglichkeiten die Nachahmung der Tafelrunden-Anordnung. Denn eine große Runde kann – je nach ihrem Durchmesser – mehr Raum für wenige Teilnehmer in Anspruch nehmen als lange Tafeln oder Einzeltische für viele Gäste. Auf die noch blanken Tische werden Tischdecken gelegt, deren Reinheit durch das Attribut wîz oft betont wird: nu was ouch zît daz man dar truoc tischlachen manegez wîz genuoc untz prôt ûf den palas 151

152

153

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(‚Parzival‘, 636, 15 ff.).154

Zum gegenstuol oder geginsidele, dem „Ehrensitz gegenüber dem Platz des Hofherrn“, vgl. Bumke (2005), S. 250; in der ‚Tristan‘-Bearbeitung Heinrichs von Freiberg wird das aus Wolframs ‚Parzival‘ zitierte Motiv noch ausführlicher behandelt: die tavel houbt noch ende hât nicht weder hie noch dort, nindert ecke noch kein ort: die helde, die mit ritters tât ir manheit sô gewirdet hât und ritterlîch erworben hân, daz sie gesitzen dar an, die sitzen alle hêrlîch, in einer hêrschaft alle glîch (V. 1340 ff.), zit. nach Bumke (2005), S. 251, Anm. 47 Bumke (2005), S. 250 f. führt ein Beispiel aus dem Jahre 1298 auf, als anlässlich der in Nürnberg stattfindenden Huldigung an den neuen König Albrecht I. die Erzbischöfe von Mainz und Köln darüber in Streit gerieten, wer von ihnen beim Essen rechts neben dem König sitzen dürfe – die Frage sollte nach Meinung des Kölners durch einen Zweikampf entschieden werden; dass die Sitzordnung allgemein ein heikles Thema sein konnte, belegt auch ein Vorkommnis auf dem Mainzer Hoftag von 1184, auf dem der Abt des Klosters Fulda und der Erzbischof von Köln über die Frage heftig aneinander gerieten, wer zur Linken des Kaisers Friedrich Barbarossa sitzen dürfe, vgl. Wolter (1991), S. 196 Vgl. Bumke (2005), S. 251; neben poetischen Belegen, die auf lange Tafeln und Einzeltische verweisen, bezieht er sich in seinem Urteil besonders auch auf zeitgenössische bildliche Darstellungen; hier ist jedoch mit Blick auf deren Zeugniswert Skepsis geboten, vgl. unten Kap. 3 Vgl. ‚Parzival‘, 237, 5 f.; vgl. Pieth (1909), S. 17 mit weiteren Belegen. Dass, wie Pieth dort behauptet, diese Tischtücher aus weißem (gebleichtem) Leinen gewirkt waren, ist wahrscheinlich, geht jedoch aus den vom ihm (aus der zeitgenössischen Dich-

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Ein weiteres Charakteristikum (wohl nicht nur) der höfischen Tafel findet sich in diesem Zitat angedeutet: das Brot, das in den Palas getragen wurde, legte man direkt auf die Tischtücher; die flachen Scheiben oder fladenartig geformten Brote dienten als Tellerersatz, als Unterlage für die dazu in eigenen Schüsseln (heiß) aufgetragenen Fleisch-, Fisch- oder Eierspeisen.155 Zuweilen steht die Wendung, dass das Brot auf- (den Tisch) gelegt wird, stellvertretend dafür, dass eine Mahlzeit stattfindet oder dass eine Tafel bereitet wird: dô was ouch ûf geleit daz prôt.

155

(‚Parzival‘, 165, 15)

tung) angeführten Belegen nicht hervor, vgl. auch Lex. Bd. II (1992), Sp. 1443 s.v. tischlachen. – Dass die Tischtücher so oft als von ‚strahlendem Weiß‘ beschrieben werden, scheint kein Zufall zu sein. Die im Mittelalter nach heutigen Vorstellungen beschränkten Reinigungsmöglichkeiten lassen vermuten, dass die Tischtücher tatsächlich oft anders ausgesehen haben dürften und auch im gewaschenen Zustand Spuren früherer Nutzung zeigten. Ganz weiße, unbefleckte Tischtücher könnten damit auch einen Hinweis auf besondere Exklusivität bedeuten Eine in diesem Zusammenhang hübsche Episode ist im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke überliefert. Der weise Trojaner Anchises ermahnt in den Elysischen Gefilden seinen Sohn Äneas, sich an derjenigen Küste eine neue Heimat zu suchen, an der die Trojaner aus Hunger ihr ‚Tischgerät‘ verspeisen würden: „sun, gedenche vil wol des, !d "az ich dich wise: iv sol auer div spise !e"in teil tivre werden, er choment z˚u der erden ienihalp uber mer, so daz du vnd din her, !d "ie helde wol vermezzen, durch not sult ir ezzen !i"wer schuzeln u˚ f iwerm tische alse vleis unde vische vnd alse ander lipnar. vnd swenne du chumest dar, sun, da du diz t˚ust, so bistu, da dv wohnen m˚ust vnd ze dinem ende beliben.

(109, 34/V. 3704 ff.)

Im Text der Ausgabe in V. 110, 1 bei u˚ f und in V. 110, 8 bei m˚ust ein v statt des hier gesetzten u. – Tatsächlich müssen die Heimatlosen später auf ihre ‚Schüsseln‘, die sie aus Brot formen, zurückgreifen (111, 9/V. 3759 ff.). Auf diese Weise wird die schon bei Vergil überlieferte Notlage der Trojaner ironisiert, da sich die ‚Tische‘ Vergils bei Heinrich von Veldeke als die gebräuchlichen Brotunterlagen entpuppen. Zudem ist die geschilderte Notlage nicht ganz glaubhaft, da es neben Brot bei der besagten Mahlzeit auch noch Fleisch gab (111, 28/V. 3778). Vgl. zu dieser Szene auch unten S. 193 f. mit Abb.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Teller werden weder als Anrichteplatte noch als Eßgeschirr erwähnt. Sie wurden in der heute gebräuchlichen Form erst im Spätmittelalter üblich, obwohl es bereits im 12. und 13. Jahrhundert Holzbrettchen und gedrechselte Holzteller gab.156 Sie erscheinen jedoch weder in den Schilderungen höfischer Tafeln noch in anderen Kontexten. Neben den ‚Brottellern‘ wurde weiteres Tafelgerät aufgedeckt, in der Regel wohl Salzfässer157 und Trinkgefäße, von denen im ‚Parzival‘ kostbare hochfüßige nepfe158 aufgeführt werden: daz muosen tiure näphe sîn von edelem gesteine, wît, niht ze kleine. si wâren alle sunder golt.

(84, 24 f.)

Daneben werden becherförmige köpfe,159 zuweilen allgemeiner auch vezzer erwähnt: vil manic goltvaz rîche, dar inne brâht’ man wîn (‚Nibelungenlied‘, 1328, 3).160 156

157

158 159

160

Vgl. den Artikel ‚Teller‘ von A. Falk in: LexdMA Bd. VIII (1997), Sp. 530 f.; wenn Schultz (1903), S. 300 ein Gedeck des 12./13. Jahrhunderts allgemein mit „Teller, Brot, Serviette, Messer, vielleicht auch Löffel“ beschreibt, irrt er bezüglich des Tellers wohl. Aus archäologischen Funden kennen wir zwar flache, aus Holz gedrechselte Teller/Scheiben (vgl. unten Kap. 8), ob sie jedoch allgemein gebräuchlich und auch weit verbreitet waren (was die Formulierung von Schultz vermittelt), kann auch heute wohl kaum abschließend beurteilt werden, zumal auch mittelalterliche Bilddarstellungen in diesem Punkt nicht weiterhelfen. Servietten sind ebenfalls weder literarisch noch auf zeitgenössischen Bilddarstellungen belegt. Wenn sie üblich gewesen wären, machten die in den Tischzuchten (vgl. unten Abschnitt 2.2.4) niedergelegten Anweisungen, sich nicht an Tischdecken oder an der eigenen Kleidung die Hände/ Finger abzuwischen, kaum Sinn. Der Reinigung der Hände diente das Händewaschen mit eigens vor und/oder nach dem Mahl gereichten Wasserbecken und Handtüchern. Über Messer/Besteck vgl. auch unten Kap. 8 Vgl. Pieth (1909), S. 16 und Schultz (1889), S. 370, ebenso Schwarz (1970), S. 138; Belege führt jedoch keiner der genannten Autoren auf Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 33 s.v. napf, naph: „hochfüssiges trinkgefäss, trinknapf“ Vgl. Pieth (1909), S. 19f. mit literarischen Belegen. Ihm zufolge ist der kopf gleich „Becher …, der, auf einem hohen Fuße stehend, sich oben halbkugelförmig erweitert und mit einem Deckel verschließbar ist“. In jüngeren Arbeiten finden sich kopf und napf fast gleich beschrieben als „Trinkgefäße in Form einer tiefen Schale im Gegensatz zur flachen Schale, die auch Schale benannt wurde“, Max Hasse: Neues Hausgerät, neue Häuser, neue Kleider. – Eine Betrachtung der städtischen Kultur im 13. und 14. Jahrhundert sowie ein Katalog der metallenen Hausgeräte, in: ZAM 7 (1979), S. 7–83, hier: S. 73; vgl. auch die Abb. derartiger Gefäße S. 16f. sowie unten in Kap. 8 dieses Bandes Vgl. auch Lex. Bd. III (1992), Sp. 34 s.v. vaz: „fass, gefäss, schrein u. dgl.“

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

73

Eine Stelle im ‚Parzival‘ belegt, dass auch Glasbecher zumindest bekannt gewesen sein müssen. Dort wird ein mit Wein gefüllter Glaspokal genannt: mit wîn ein glesîn barel

(622, 9).161

Die schon genannten vezzer können als universal einsetzbares Tischgerät bezeichnet werden. In ihnen werden neben Getränken auch Beigerichte, Saucen und Tunken gereicht: in kleiniu goltvaz man nam, als ieslîcher spîse zam salssen, pfeffer, agraz.

(‚Parzival‘, 238, 25 f.)162

An kaum einer Stelle fehlt die Bemerkung, dass all diese Geräte teuer und kostbar gestaltet seien, indem sie entweder aus Edelmetallen gearbeitet und/oder als mit Edelsteinen besetzt beschrieben werden.163 Im ‚Parzival‘ sind goldene Trinkgefäße mit Edelsteinen verziert oder sollen ganz aus Edelsteinen wie Smaragd, Karneol und Rubin bestehen:

161

162

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 128 s.v. barel: „becher, pokal“. Schultz (1889), S. 377 ff. stützt sich bei seinen Ausführungen über Glas- und Kristallbecher vornehmlich auf altfranzösische Quellen, so dass seine Schlussfolgerungen für den deutschsprachigen Bereich nicht repräsentativ sein müssen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang die Übersetzung Pieths, der guttrel von glase im ‚Willehalm‘, 326, 17, als „Glasbecher“ übersetzt, vgl. Pieth (1909), S. 20. Diese Übersetzung weist in eine falsche Richtung, da es sich bei einem gutrel oder kuterolf um ein „langes, enges glas“ eher schon in Flaschenform handelt, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1128 s.v. gutrel und Sp. 1804 s.v. kuterolf. Entsprechend geht es auch aus der angesprochenen ‚Willehalm‘-Textstelle hervor: in dem guttrel wird nämlich Wein gekühlt, indem man das Gefäß in kaltes Wasser stellte. Der Kuttrolf oder Angster ist ein sog. ‚Scherzglas‘, dessen „Besonderheit darin liegt, dass es einen zwiebelförmigen Bauch und einen aus drei bis fünf Röhren bestehenden Hals besitzt … Das Trinken aus einem solchen Glas ist absichtlich etwas schwierig“, denn „die Halsröhren sind vertikal um 90° tordiert. Wenn man aus einem Angster trinkt, hört man ein lautes Gurgeln oder Glucksen“. Für Köln ist die Herstellungstechnik seit dem 3./4. Jahrhundert nachgewiesen, und mehrröhrige Flaschen sind durchgehend bis ins Mittelalter belegt, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Angster_(Glas), dort auch Zitat. Mehrere Abbildungen von aus dem Spätmittelalter stammenden Angstern und Kuttrolfen bietet Franz Rademacher: Die deutschen Gläser des Mittelalters. Berlin 1933, Tafel D Cf. ‚Parzival‘, 810, 3 ff.: der heiden vragte mære, wâ von diu goltvaz lære vor der tafeln wurden vol.

163

Vgl. Pieth (1909), S. 19 mit ausführlichen Belegen

74

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

dô bôt man in daz trinken dar in manegem steine wol gevar, smârâde unde sardîn: etslîcher was ein rubîn.

(85, 1 ff.)

Besteck wird als Tafelauflage selten genannt. Gabeln, deren Gebrauch sich in Nordwesteuropa erst in der frühen Neuzeit allgemein verbreitete,164 waren lediglich als Vorlege- oder Tranchiergerät bekannt.165 Messer als eigens aufgedecktes Besteck werden ebenfalls kaum erwähnt, im ‚Parzival‘ beispielsweise nur dann, wenn die außergewöhnliche Qualität dieses Geräts, hier seine besondere Schärfe, hervorgehoben werden soll: zwei mezzer snîdende als ein grât brâhten si durch wunder ûf zwein twehelen al besunder. daz was silber herte wîz: dar an lag ein spæher vlîz: im was solch scherpfen niht vermiten, ez hete stahel wol versniten.

(234, 18 ff.)

Wenn nicht durch die Bedienung bei Tisch tranchiert wurde, werden von den Tafelnden zum Schneiden und Zerkleinern der Speisen diejenigen Messer benutzt worden sein, die die Tafelnden ohnehin bei sich trugen.166 164

165 166

Über dieses Phänomen hat sich Elias (1981), S. 170ff. einleuchtende Gedanken gemacht. Vgl. auch den Artikel ‚Eßbesteck‘ von Torsten Capelle, in: RGA Bd. 7 (1989), S. 573–577 sowie den Artikel ‚Gabel‘ von Klaus Düwel, in: RGA Bd. 10 (1998), S. 307: „Insgesamt gesehen beibt … die individuelle Eß-G. bis zum 16. Jh. weithin unbekannt. Bild-, Sach- und Textzeugnisse belegen die aus edlen Metallen hergestellte und meist einzeln vorkommende Speise-G. als Statussymbol der Oberschicht.“ Düwel merkt dort ferner an, dass Hinweise auf eine „kirchl. Ächtung des Gerätes als typisches Werkzeug des Teufels“ vorliegen und führt dafür u.a. Schriften Hildegards von Bingen an Vgl. Pieth (1909), S. 19 und Schultz (1889), S. 375 Vgl. Capelle zu ‚Eßbesteck‘ (1989), S. 575: „Am häufigsten ist wahrscheinlich das Messer als Eßbesteck verwendet worden. Das kleine, ständig bei sich getragene Messer war ein auch zum Speisen nutzbares Vielzweckgerät … Manchmal waren sie [die Messer, d. Verf.] in einem gesonderten Futteral untergebracht, das am Gürtel getragen wurde. Sie entsprechen damit dem in Mitteleuropa noch bis in die frühe Neuzeit geübten Brauch, als Gast sein Besteck selbst mitzubringen.“ Eine entsprechende Ausstattung eines Zeitgenossen wird im ‚Kleinen Lucidarius‘ (‚Seifried Helbling‘) beschrieben. Neben anderen Kleidungsmerkmalen wird dort ein Gürtel genannt, an dem ein in einer doppelten Messerscheide steckendes Messer angebracht ist: sîn gürtel ist beslagen smal, dar an ein mezzer mit zwei schaln

(I, 232 f.).

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

75

Löffel werden zwar in der höfischen Literatur als Tischgerät nicht aufgeführt, könnten jedoch zuweilen ihren Platz auf der vornehmen Tafel gehabt haben.167 Arrangiert wurden die Gedecke so, dass sich je zwei Speisende Schüsseln, Becher und Geräte teilten.168 Neben diese zum Speisen selbst benötigten Gerätschaften werden Kerzenleuchter gestellt, die – zusätzlich zur Decken- oder Wandbeleuchtung169 – die Tafeln ins rechte Licht setzen sollen: ûf al die tische sunder truoc man kerzen dar ein wunder.

(‚Parzival‘, 638, 13 f.)

Satirisch aufs Korn genommen wird in diesem Zusammenhang die übertriebene und nach Auffassung des Autors nicht zu einem Österreicher passende Ausstaffierung eines zuvor beobachteten ‚Gecken‘. Als übertrieben gilt nicht das Messer im Gürtel selbst, sondern wohl die doppelt gearbeitete Messerscheide. Ein Messer als ‚Grundausstattung‘ wird auch an einer anderen Stelle genannt: dâ hinc ein guot mezzer an, als ichz gesehen hân; diu klinge moht wol guot sîn, daz heft was klein flederîn. wol stuont im al sîn kleit.

167

Zitiert wird nach der Ausgabe von Joseph Seemüller: Seifried Helbling. Halle/S. 1886. Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 638 s.v. schal, schale; ferner Elias (1981), S. 164 ff. Der richtige Gebrauch des Löffels wird in der sog. ‚Hofzucht des Tannhäusers‘ beschrieben (vgl. dazu auch unten Abschnitt 2.2.4): kein edeler man selbander sol mit einem leffel sûfen niht

168

169

(I, 491 ff.)

(V. 33 f.);

zitiert wird die Hofzucht hier und folgend nach der Ausgabe von Moriz Haupt in: ZfdA 6 (1848), S. 488–498, hier S. 489 Dies geschah nicht etwa, weil für die vielen Gäste nicht genug Geschirr vorhanden gewesen wäre, wie Pieth annimmt, vgl. Pieth (1909), S. 18; zum höfischen Rahmen hätte ein solcher ‚Mangel‘ weder gepasst noch hätte er sich angemessen darstellen lassen. Das Teilen des Tischgerätes ist vielmehr ein Ausdruck zeitgenössischer Gebräuche, vgl. dazu auch unten Abschnitt 2.2.4 Im ‚Parzival‘ wird mehrfach die Ausstattung eines Saales mit Kronleuchtern erwähnt: si giengen ûf ein palas. hundert krône dâ gehangen was, vil kerzen drûf gestôzen, ob den hûsgenôzen, kleine kerzen umbe an der want

(229, 23 ff.).

Vgl. ferner ‚Parzival‘, 638, 9 ff. sowie Bumke (2005), S. 248

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen treffen die Gäste ein, werden begrüßt und (vom Hausherrn oder von seinem Truchsessen) gebeten, an der Tafel Platz zu nehmen.170 Die angemessene Platzierung der Gäste an der Tafel gehört zum Aufgabenbereich des Truchsessen, eines Hofamtes, das seit dem Ende des 12. Jahrhunderts an vielen deutschen Hofhaltungen etabliert ist.171 Dem Amt des Truchsessen obliegt es, für den reibungslosen Verlauf des Festes und der Festmahlzeiten zu sorgen und dabei besonders auch über die Einhaltung eines angemessenen Protokolls zu wachen.172 Zusammen mit dem Truchsessen werden meistens auch zwei weitere Hofämter genannt, die für die angemessene Bewirtung und Bedienung der Gäste Sorge zu tragen hatten, die Kämmerer und die Schenke: aldâ die werden âzen. kamerær, truhsæzen, schenken, muosen daz bedenken, wie manz mit zuht dâ für getruoc.

(‚Parzival‘, 777, 26 ff.)173

Die Aufgabe der Kämmerer bestand während des Festmahles darin, für eine aufmerksame und reibungslose Bedienung der Gäste zu sorgen.174 Darüber hinaus wachten sie über die Bestände an Nahrungsmitteln, die Küchendienste und waren – oft gemeinsam mit dem Hofmarschall – auch für Unterbringungsfragen innerhalb der Hofhaltung zuständig.175 Ihr umfangreicher Aufgabenbereich ist demnach mit dem speziellen Amt, „bei Tisch den Gästen die Schüsseln und Tücher für das Händewaschen … zu reichen“, nicht hinreichend erfasst.176 Kämmerer treten selbst vornehmlich im Rahmen besonderer Ehrerbietungen in Aktion,177 in der Regel führen sie im Rahmen ihrer Aufgaben auch die Aufsicht über die Dienerschaft aus. 170 171

172

173 174 175 176

177

Vgl. ‚Parzival‘, 636, 15 ff. und öfter Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1542 f. s.v. truht-, truhsæze: „der die speisen … aufsetzt, truchsess“; ausführlicher Bumke (2005), S. 77 Vgl. Bumke (2005), S. 249 ff. Als Zeichen seines Hofamtes trägt der Truchsess einen langen Stab. In einigen hochmittelalterlichen Handschriftenilluminationen wird ein Truchsess mit diesem Stab auch gezeigt, vgl. dazu Abb. unten in Kap. 3 Vgl. ‚Parzival‘, 666, 25 ff. Vgl. Bumke (2005), S. 255 f. Vgl. Bumke (2005), S. 287 und 297 Pieth (1909), S. 34; auch Lex. Bd. I (1992), Sp. 1501 greift unter dem Stichwort kameraere mit der Funktionsbeschreibung „diener u. aufseher im frauen- u. schlafgemach“ zu kurz So, wenn im ‚Nibelungenlied‘ bei dem prächtigen Siegesfest zu Worms die Kämmerer Kriemhild auf ihrem Weg zum Festsaal vorausgehen und Platz schaffen: Die rîchen kamerære sah man vor ir gân.(284, 1)

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

77

Die Schenke hatten die Aufgabe, jeden Gast mit Getränken ausreichend zu versorgen.178 Dazu gehörte die Aufsicht über die angemessene Bevorratung von Getränken. Erst wenn alle Teilnehmer an einer Tafel Platz genommen haben, werden die verschiedenen Gerichte in Schüsseln und Schalen frisch aufgetragen. Oft wird an der Stelle einer ausführlicheren Schilderung der Tafelei lediglich erwähnt, dass es nun zum Essen ging, dass eingedeckt wurde oder dass die Tischtücher aufgelegt wurden: dar nâch fuor er enbîzen sân

(‚Parzival‘, 20, 27),

der tisch gedecket muose sîn

(‚Parzival‘, 175, 20),

dô truoc man tischlachen în

(‚Willehalm‘, 259, 22).

Zur Versorgung einer größeren Gästeschar mit Speisen, Getränken und Wasserschüsseln zum Reinigen der Hände vor und nach der Mahlzeit179 bedurfte es einer zahlreichen Dienerschaft. Neben Knappen werden auch junge Mädchen als Bedienung genannt, während die anderen Ämter durchweg von Herren bekleidet werden: swaz man dâ kniender schenken sach, ir deheim diu hosennestel brach: Ez wâren meide, als von der zît, den man diu besten jâr noch gît. 178

179

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 701 s.v. schenke: „einschenkender diener, mundschenk (hofamt)“ Da mit den Fingern gegessen wurde, gehörte das Händewaschen zum ‚comment‘ bei Tisch. Bemerkenswert ist, dass Wolfram es vor dem Essen fast nie auslässt (vgl. z. B. 237, 7; 550, 11 f.), nach dem Essen jedoch nicht erwähnt. Lediglich, als Parzival unterwegs ohnehin nichts zu essen hat und sich mit Wildpflanzen begnügen muss (so er diese überhaupt findet), gibt es den Kommentar, dass es nichts ausmache, wenn nach dieser ‚Mahlzeit‘ die Hände ungereinigt blieben, denn die Hände seien ohnehin nicht ‚fischig‘ (was andernfalls nicht angenehm wäre, sofern man sich die Augen riebe): Swâz dâ was spîse für getragen, beliben si dâ nach ungetwagen, daz enschadet in an den ougen niht, als man fischegen handen giht.

180

(‚Parzival‘, 423, 29 ff.)180

(487, 1 ff.)

Vgl. auch Roos (1975), S. 362 Da es junge Mädchen sind, die hier den Tischdienst versehen, ‚reißen‘ ihnen keine Hosenträger (wie möglicherweise Jünglingen, wenn sie sich zum Bedienen niederknien), vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1345 s.v. hosennestel: „hosenträger“

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Gleichzeitig wird an dieser Stelle eine besondere Haltung der Diener beim Servieren genannt: es wird knieend bedient,181 was dem Tafelnden oder Gast gegenüber wohl eine besondere Ehrerbietung oder Devotion ausdrückt. Nach Beendigung des Mahles wird die Tafel im wörtlichen Sinn ‚aufgehoben‘:182 genuoc man dâ gegeben hât: dies pflâgen, die griffenz an, si truognz gerüste wider dan.

(‚Parzival‘, 240, 10 ff.)183

Die auf Böcken gelagerten Tischplatten werden samt Untersatz abgebaut, und der Platz steht frei für den ‚geselligen Teil‘ des Festes, für Musik und Tanz.184 Möglicherweise wurde der Platz anschließend auch genutzt, um bei 181

182

183

184

Vgl. ‚Parzival‘, 237, 17 ff., wo jeweils vier Diener einem Tisch zugeordnet sind: zwêne knieten unde sniten: die andern zwêne niht vermiten, sine trüegen trinkn und ezzen dar, und nâmen ir mit dienste war. Die auf S. 241 gebotene Übersetzung der Passage lautet: „Zwei sollten niederknien und die Speisen vorschneiden, die anderen zwei Essen und Trinken hertragen und unverdrossen servieren.“ Auch an einer anderen Stelle findet sich die knieende Bedienung: Gahmuret wird bei Tisch durch Königin Belacane persönlich umsorgt, die ihm – in die Knie gegangen – vorschneidet, was ihm sehr peinlich ist, vgl. ‚Parzival‘ 33, 8 ff. Noch heute führt das Auf- und Abtragen der Tischplatten im Hochmittelalter ein Nachleben in der Redewendung ‚eine Tafel aufheben‘, vgl. Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 2. Freiburg/Basel/Wien 1973, S. 1055 s.v. Tafel Vgl. ‚Willehalm‘, 182, 1: man nam die tische gar hin dan oder Konrads ‚Engelhard‘, V. 1313: biz daz der tisch erhaben wart Gawan hört sich nach seinem Hochzeitsmahl nach ‚Fiedlern‘ um, die sich unter den Knappen auch bald finden und Tänze aufspielen, die, wie Wolfram ausdrücklich vermerkt, nicht nach der modischen Thüringer Weise geartet waren: dô vrâgte mîn hêr Gâwân umb guote videlære. op der dâ keiner wære. dâ was werder knappen vil, wol gelêrt ûf seitspil. irnkeines kunst was doch sô ganz, sine müesten strîchen alten tanz: niwer tanze was dâ wênc vernomn, der uns von Dürngen vil ist komn.

(‚Parzival‘, 639, 4 ff.)

In der synoptischen Übersetzung (Ausgabe S. 643) wird diese Passage wie folgt wiedergegeben: „Da fragte mein Herr Gâwân nach Musik, ob vielleicht gute Geiger hier zu haben wären. Es waren viele adelige Knappen da, die das Saitenspiel wohl konnten. Allerdings war keiner vollkommen in der Kunst, ich meine: wenn sie alte Tänze

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Mangel an anderweitigen Unterbringungsmöglichkeiten Ruhebetten für die Gäste einzurichten.185 Wenn das reichliche Festmahl der vornehmen Gesellschaft beendet ist, stellt es eine Ausnahme dar, dass auch an die Dienerschaft der Gäste gedacht wird. Im ‚Willehalm‘ bittet die Königin die Gäste nach einer großen Tafelei, sie mögen vor ihrem Rückzug in ihre Gemächer ihrem Gefolge mitteilen, dass sie von den an der Tafel übrig gebliebenen Speisen und Getränken all das nehmen sollten, was sie möchten: „heizet iuwer gesinde hie ûf nemen al, daz sie künne gezemen von trinken und von spîse!“

(277, 15 ff.)

Festveranstaltungen im beschriebenen Rahmen konnten auch außerhalb geschlossener Räume abgehalten werden, etwa im Burghof, in einem Garten oder auf Rasenflächen.186 Im Spielmannsepos ‚Salman und Morolf‘ beispielsweise ist im Burghof unter einer Linde eine ausdrücklich den Edelleuten vorbehaltene Sitzrunde aufgestellt worden: Uff dem hoffe stunt eine linde, die was breit, als uns die aventuer seit. dar under ein gestuole wonesan, da geturste nieman uff gesitzen, er were dann von art ein edelman. (Str. 188)187 Neigt sich ein Hoffest seinem Ende zu, bitten die Teilnehmer den oder die Gastgeber um urloup, um die Erlaubnis, sich verabschieden zu dürfen:188 urloup nam der junge man von dem getriuwen fürsten sân unt zal der massenîe.

185 186

187

188

189

(‚Parzival‘, 179, 7 ff.)189

fiedelten, dann schon, aber von den vielen neuen Tänzen, die aus Thüringen zu uns gekommen sind, war da wenig zu hören.“ Vgl. Georg Grupp: Kulturgeschichte des Mittelalters. Bd. 3. Paderborn 19122, S. 428 Vgl. Dieter Hennebo: Die Gärten des Mittelalters. (Geschichte der deutschen Gartenkunst I). Hamburg 1962, S. 69 f. mit literarischen Belegen aus dem Spätmittelalter. Erwähnenswert sind die Ausführungen des Verfassers zu Bedeutung und Empfinden der Gärten in der mittelalterlichen Gesellschaft, vgl. S. 63 ff. Zitiert wird nach: Salman und Morolf. Herausgegeben von Alfred Karnein. (ATB. Nr. 85). Tübingen 1979 Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 2009 f. s.v. urloup: „erlaubnis, bes. die erlaubnis zu gehen, verabschiedung, abschied“ Die den Text der Ausgabe synoptisch begleitende Übersetzung lautet: „Abschied nahm der junge Mann jetzt von dem treuen Fürsten und von all den Leuten des Hauses“ (S. 182); vgl. auch ‚Erec‘ V. 1477 f. und V. 2860 ff.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Bei der endgültigen Abreise der Gäste wird, wie bereits am Beispiel des ‚Eneasromans‘ erwähnt, die Pflicht des Gastgebers nicht vergessen, diese mit großzügigen und kostbaren Geschenken auf die Reise zu entlassen.190 Es gilt nochmals zu betonen, dass der literarisch gefasste Rahmen mittelalterlicher Speiseszenen für außerordentliche Feste und besondere Anlässe gilt. Auch in herrschaftlichen Kreisen dürften sich die Aufwendungen für das tägliche Mahl in weit bescheidenerem Umfang bewegt haben: eine Ausschmückung der Räume entfiel, denn für das Mahl in kleinerem Kreise wird ein Palas oder ein größerer Saal nicht genutzt und daher auch nicht eigens hergerichtet worden sein. Polster, Teppiche und Wandbehänge sowie Tischtücher dürften – sofern überhaupt verwendet – weit einfacher und vielleicht auch unbequemer gewesen sein.191 Es ist wahrscheinlich, dass kostbare Geräte auch in wohlhabenden Haushalten nur zu besonderen Anlässen in Gebrauch genommen wurden. Ob und inwiefern sich beim Hausgerät verschiedener gesellschaftlicher Gruppen des Hochmittelalters Unterschiede nachweisen lassen, wird unten auf der Grundlage archäologischer Funde noch zu beleuchten sein (vgl. unten Kap. 8). Auch die Dienerschaft wurde beim alltäglichen Mahl sicher deutlich geringer in Anspruch genommen als bei festlichen Anlässen. Für Küche und Bedienung wurden allein schon wegen der alltags geringeren Zahl der zu Beköstigenden weit weniger Hilfskräfte benötigt – auch dann, wenn alle Angehörigen des Haushaltes, einschließlich der Bediensteten und Handwerker, zum Essen zusammentrafen. In den poetischen Schilderungen gibt es hierfür jedoch keine Belege. Schon in der Beschreibung eines prachtvollen Ambientes und des Aufwandes, der mit seiner Herstellung verbunden ist, zeigen sich die Tendenzen idealisierter Darstellung in der mittelalterlichen Literatur: mehr als das tatsächliche ‚Ist‘ werden Richtwerte und ‚Sollvorstellungen‘ in die literarische Gestaltung aufgenommen, der tägliche Lebens- und Erfahrungs190

191

Vgl. z. B. auch das ‚Nibelungenlied‘: Siglint diu rîche nâch alten siten pflac durch ihres sunes liebe teilen rôtez golt.

(40, 2 f.)

Schubert (2006), S. 276, nimmt an, bequemes Sitzen an einer Tafel auf Kissen und Polstern sei für die adlige Gesellschaft ein besonderes und sinnvolles Bedürfnis gewesen, weil die „Hintern der Adeligen … vom Reiten einiges gewöhnt (sind), … ein langes Sitzen auf Holzbänken … auf Dauer doch zu hart (wird)“. So praktisch und sinnvoll dies scheint, kann daraus doch auch für den Alltag der adligen Gesellschaft im Hochmittelalter nicht direkt auf heutige Vorstellungen von Komfort und Bequemlichkeit geschlossen werden. Die höfische Erziehung hätte zudem wohl gefordert, auch in unbequemen Lagen, wenn sie denn gegeben waren, Haltung zu bewahren

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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bereich adligen und ritterlichen Lebens dürfte sich in den angeführten, wohl durchaus repräsentativen Quellen kaum spiegeln. Man darf „von vornherein nicht vergessen, daß gerade die höchste staufisch-ritterliche Kulturidee in dem Augenblick ihre vollkommenste Ausprägung findet, da das europäische Wirtschaftsgefüge – beginnend mit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts – bereits dem Träger dieser Kultur, dem Rittertum im wörtlichen Sinne den Boden zu entziehen beginnt. Auch unter diesem Gesichtspunkt weist eine besonders repräsentative Ausstattung von Realien in der literarischen Wiedergabe auf einen ganz besonderen Standesanspruch wie auch auf die Intention der Autoren, diesen Anspruch zu erheben.“192 Gerade angesichts eines so viel trivialer, oft auch beschwerlicher erfahrenen Alltags auf Burgen und Adelssitzen erklärt sich der besondere Reiz, den die auf Pracht, Freude und Leichtigkeit angelegten Schilderungen in der mittelalterlichen Epik für ihr damaliges Publikum gehabt haben müssen.193 Dass dabei zwischen Idealität und Realität durchaus unterschieden werden konnte und dass, sofern eine Wahl zwischen beidem hätte stattfinden können, der Idealität der Vorzug gegeben worden wäre, wird aus einem Kommentar ersichtlich, den Wolfram von Eschenbach zu einem besonders prachtvollen Kaminfeuer formuliert, das man so auf (Burg) Wildenberg194 nie gesehen oder kennen gelernt habe: 192

193

194

Karl-Bernhard Knappe: Das Leben auf Burgen im Spiegel mittelalterlicher Literatur. Tendenzen der literarischen Darstellung mittelalterlicher Realien, in: Burgen und Schlösser 15 (1974), S. 1–8, hier S. 4 Dies wird auch in der längsten Schilderung einer gedeckten Tafel und ihres Gebrauchs sichtbar, die sich im Rahmen der für diese Arbeit angestellten Recherchen fand. Sie stammt aus Konrads von Würzburg ‚Partonopier und Meliur‘. Darin wird der junge Adlige Partonopier nach einer abenteuerlichen Seefahrt in eine Stadt verschlagen, in deren leeren Häusern edle Tafeln gedeckt sind (V. 898 ff.), noch übertroffen von einer prachtvollen Tafel, die er auf der angrenzenden, ebenfalls menschenleeren Burg vorfindet. Eine goldene Kanne und ein Auffangbecken zum Händewaschen kommen dort wie von Geisterhand heran, Speisen und Getränke schweben von selbst zur Tafel, auch Kerzenleuchter werden auf magische Weise für ihn bewegt, um ihm den Weg zum Schlafgemach zu weisen (V. 980 ff.). Zu sehen ist niemand, später stellt sich heraus, dass die Kaisertochter Meliur für diesen Zauber sorgte. Bemerkenswert ist, dass diese längste Tafelschilderung in einem mhd. epischen Text eine für das Publikum erkennbar phantastische Szenerie detailliert ausmalt, die alle wichtigen Attribute einer höfischen Festtafel vereint. Es scheint, als sei es gerade das Märchenhafte dieser Passage, das Konrad zur ausführlichen Darstellung und Ausschmückung reizte, vergleichbar etwa der Schilderung eines ‚Schlaraffenlandes‘. Gefolgt wird Konrads von Würzburg Partonopier und Meliur. Aus dem Nachlasse von Franz Pfeiffer herausgegeben von Karl Bartsch. Mit einem Nachwort von Rainer Gruenter. (Deutsche Neudrucke. Reihe: Texte des Mittelalters). Berlin 1970 Vgl. hierzu unten S. 98 f., Anm. 262

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mit marmel was gemûret drî vierekke fiwerrame: dar ûffe was des fiwers name, holz hiez lign alôê. sô grôziu fiwer sît noch ê sach niemen hie ze Wildenberc: jenz wâren kostenlîchiu werc.

(‚Parzival‘, 230, 8 ff.)

„Aus Marmor gemauert waren drei viereckige Feuerstellen; darauf lag des Feuers Name, Holz, das lignum alôê hieß. So große Feuer hat noch keiner hier in Wildenberg gesehen, seither oder ehedem.“195 2.2.3 Speisen und Getränke Die Beschreibungen und auch konkreten Benennungen der Speisen und Getränke höfischer Kreise, die uns in literarischen Quellen begegnen, sind ganz überwiegend geprägt von der Vorstellung dessen, was den Zeitgenossen im Lebensumfeld der damaligen ‚oberen Zehntausend‘ angemessen schien. Besonders tritt in diesem Zusammenhang die fortlaufend gebrauchte, formelhafte Wendung wilt und zam hervor,196 die durch die sprachliche Konstruktion (‚sowohl – als auch‘) Vielfalt oder Fülle (verschiedener Fleischgerichte) und damit auch einen gewissen Überfluss signalisiert. Ausdrücklich soll auch betont werden, dass auf vornehmen Tafeln neben Schlachtfleisch auch das jagdbarer Tiere stand.197 Die Jagd als herrschaftliches Privileg198 findet sich in den mittelhochdeutschen Epen oft beschrieben. Verwiesen sei auf die Beizjagd, die im 195

196 197 198

Übersetzung zur Stelle von Peter Knecht in der verwendeten Ausgabe nach Lachmann von 1998 Vgl. z. B. Wolframs ‚Willehalm‘ 177, 3 und 448, 4 Vgl. hierzu auch unten Abschnitt 2.2.6 Zur Entstehung der ‚Hohen Jagd‘ als reservierte Tätigkeit (zunächst nur des Königs) und zur ‚Einforstung‘ von Waldgebieten seit dem frühen Mittelalter vgl. J. Jarnut in RGA Bd. 16 (2000), S. 12 s.v. Jagdrecht; vgl. auch den Artikel ‚Weidwerk‘ von S. Schwenk in: LexdMA Bd. VIII (1997), S. 2101–2104, hier bes. Sp. 2104; Chr. Hafke verweist in seinem Artikel ‚Jagd- und Fischereirecht‘ im HRG Bd. II (1978), Sp. 281–288 darauf, dass die Begründung der Jagd „als ius regale“ heute nicht mehr haltbar sei, die Stufen und der jeweilige Grad ihrer Einschränkung besonders im Mittelalter jedoch schwer bestimmbar seien. So habe es in verschiedenen Regionen z. B. auf dem Terrain der dörflichen Allmende wohl durchaus Jagdrechte für die ländliche Bevölkerung gegeben (vgl. bes. Sp. 281–283). „Daneben gelingt es den Städten regelmäßig, ihr J.[Jagdrecht, d.Verf.] zu behaupten“ (Sp. 283)

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Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten Erecs und Enites veranstaltet wird,199 die Szene, in der der junge Tristan einen erlegten Hirsch zerwirkt200 oder den Rahmen, den ein ausgedehnter Jagdausflug den Mordplänen Hagens im ‚Nibelungenlied‘ verleiht.201 Intendiert ist an solchen Stellen jedoch vornehmlich die Beschreibung höfischen Zeitvertreibs, sportlicher Ertüchtigung oder Geschicklichkeit oder, wie in Gottfrieds ‚Tristan‘, besonderer Kunstfertigkeit (im Weidwerk). Kaum einmal wird in Passagen mit Jagdbeschreibungen deren Funktion als Möglichkeit zur Beschaffung von Nahrungsmitteln erwähnt. Diese Funktion hervorzuheben, würde freilich zu der idealisierten Darstellung höfischer Lebensbedingungen kaum passen, bedenkt man, dass während ‚normaler Zeiten‘ betont wird, es gebe ohnehin der spîse genuoc.202 Aus den fortwährenden Erwähnungen von Wildspeisen in hochmittelalterlichen Epen darf jedoch wohl durchaus geschlossen werden, dass ein Großteil der erjagten Beute in die Kochtöpfe oder auf die Bratspieße der Hofküchen wanderte.203 Neben derartig formelhaften Wendungen findet sich jedoch eine Reihe näher spezifizierter Gerichte beschrieben. Im Vordergrund der Speisebeschreibungen stehen dabei eindeutig Fleischgerichte. Neben den schon erwähnten Haus- und Wildtierprodukten, die regelmäßig nicht detaillierter 199 200

201 202 203

Vgl. ‚Erec‘, V. 2029 ff. Vgl. Gottfried von Straßburg. Tristan. Nach der Ausgabe von Reinhold Bechstein herausgegeben von Peter Ganz. (Deutsche Klassiker des Mittelalters. N.F. Bd. 4). Wiesbaden 1978, hier: Teil I, V. 2841 ff. Vgl. ‚Nibelungenlied‘, 16. Aventiure, Str. 916 ff. Vgl. z. B. ‚Parzival‘, 240, 10: genuoc man dâ gegeben hât Auch anhand dieses Beispiels ließe sich die von Norbert Elias vertretene These nachverfolgen, dass mit dem Fortschreiten von Zivilisationsprozessen verschiedene, als unangenehm oder nicht angemessen empfundene Verhaltens- und Aktionsstandards aus der Mitte des gesellschaftlichen Lebens gleichsam ‚hinter die Kulissen‘ verlegt werden, vgl. Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. (Suhrkamp-Taschenbuch. Wissenschaft 158). Frankfurt/M. 19818, S. 157 ff., 222 ff. und passim. – Schubert (2006), S. 103, vertritt die Ansicht, dass Jagdwild gleich an Ort und Stelle zubereitet und verspeist wurde. Nur so ließe sich erklären, dass auf mittelalterlichen Burgen ausgesprochen wenig Wildtierknochenfunde zu verzeichnen seien (vgl. hierzu unten Abschnitt 7.1). Für einen mehrtägigen Jagdausflug, wie er in der 16. Aventiure des ‚Nibelungenliedes‘ beschrieben wird, mag dies zutreffen, zumal aus der genannten Stelle hervorgeht, dass auf den Jagdausflug auch Küchenpersonal und -utensilien mitgenommen wurden. Mit seiner Vermutung, dass die Bedeutung der Jagd für die Tafeln des Adels durch die Wildtierknochen in archäologischem Fundgut allgemein nicht zutreffend wiedergegeben werde, steht Schubert jedoch weitgehend isoliert

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ausgeführt werden,204 sind es besonders verschiedene Geflügelarten, die der vornehmen Gesellschaft nach Ausweis der literarischen Quellen serviert wurden. Bei Wolfram sind es dabei auch Wildgeflügelarten, die in die Speisebeschreibungen Eingang finden. Der Ritter Willehalm, der ein Gelübde abgelegt hat, nur noch Brot und Wasser zu sich zu nehmen, wird im Hause eines Kaufmannes in Versuchung geführt, als ihm alle möglichen Arten gekochter und gebratener Speisen205 und speziell die folgenden vorgesetzt werden: der pfâwe vor im gebrâten stuont, mit salsen, diu dem wirte kunt was, daz er bezzer nie gewan. den kapûn, den vasân, in galreiden die lamprîden, pardrîsen begund er mîden.

(139, 9 ff.)

Da stand ein gebratener Pfau vor ihm, mit einer zugehörigen Sauce,206 weiterhin ein Kapaun, ein Fasan und mehrere Rebhühner.207 Darüber hinaus gab es noch Lampreten, eine Neunaugenspezies, die in eine Gallert- oder Aspikmasse eingelegt waren.208 Trotz dieses um seinetwillen betriebenen Aufwandes widersteht Willehalm diesen Genüssen tapfer. 204

205

Dass es sich bei den Haustieren vornehmlich um Rind, Kalb, Schwein/Ferkel, auch Schaf/Lamm und Ziege/Zicklein, bei den Wildtieren wohl besonders um Hirsch, Reh und Wildschwein handelte, war dem Publikum bekannt und bedurfte deshalb keiner Ausführung. Die Vielfalt des Tafelangebotes wurde denn auch nur dadurch betont, dass erwähnt wurde, dass es verschiedene Fleischsorten und Gerichte gab, nicht etwa, welcher Herkunft und Beschaffenheit diese jeweils waren Vgl. ‚Willehalm‘ 133, 24 ff.: der wirt vor in mit zühten truoc nâch koufmannes prîse maneger slahte spîse gesoten unde gebrâten.

206

207 208

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 585 f. s.v. salse: „gesalzene brühe, brühe … aus mlat. it. salsa, fz. sauce“ Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 206 s.v. pardrîs: „rebhuhn“ Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 730 s.v. galreide: „gallerte aus thierischen oder pflanzenstoffen“; Heyne (1901), S. 300, sieht in dieser Masse eine Gallerte aus „Salmen, Aalen, Alsen, Sardinen und Heringen“, deren Rezept sich aus der Antike erhalten habe (in Anlehnung an die berühmte römische Fischsauce garum); wie Lexer interpetiert auch Eva Hepp: Die Fachsprache der mittelalterlichen Küche. Ein Lexikon, in: Hans Wiswe: Kulturgeschichte der Kochkunst. München 1970, S. 185–224, hier: S. 205 s.v. Galradt, Galraide

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Dem Ritter Gawan werden im ‚Parzival‘ auf einer Beizjagd209 erlegte Haubenlerchen210 serviert, die ebenfalls mit einer Sauce gereicht werden: nu hete daz sprinzelîn erflogn des âbents drî galander: die hiez er mit ein ander Gâwân tragen alle drî und eine salsen derbî.

(550, 28 ff.)211

Häufiger als der uns heute fremd anmutende Verzehr von Singvögeln212 wird der des einfachen Haushuhns gewesen sein. Genannt wird es von Hartmann im ‚Erec‘. Der Ritter vermag das Hühnchen jedoch nicht zu genießen, denn ihm steht ein fordernder Zweikampf bevor. Deshalb beißt er von dem Huhn auch nur dreimal ab: dô was der imbîz bereit, grôz wirtschaft die er alle meit. deheines vrâzes er sich vleiz: abe einem huone er gebeiz drîstunt, des dûhte in genuoc. 209

210 211

212

213

(V. 8646 ff.)213

Auf die Beizjagd verweist die Wendung, dass dem Ritter diese Jagdbeute durch seinen Jagdvogel, ein Sperberweibchen, geschlagen worden sei, vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1118 s.v. sprinzelîn: „kleines sperberweibchen“ Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 726 s.v. galander Die synoptisch präsentierte Übersetzung ins Neuhochdeutsche (S. 554 und 556) lautet: „Nun hatte diesen Abend das Sperberweibchen drei Lerchen erbeutet. Die ließ er – alle drei auf einmal! – dem Gâwân vorsetzen und dazu eine edle Sauce.“ Darauf, dass Singvögel verzehrt wurden, verweist auch ein Dichter, der jedoch erst gegen Mitte des 14. Jhs. unter dem Namen ‚König vom Odenwald‘ auftrat, in seinem Gedicht ‚Lob der Gänse‘. Um die Vorzüge der Gans als hervorragendes Bratentier hervorzuheben, werden Pfauen, Hühner und Enten als im Vergleich doch recht untauglich beschrieben. Und an Singvögeln wie Ringlerchen, Lerchen und Amseln sei einfach ‚nichts dran‘: Galander, lerchen, amselan, Die haben alle niht dran, Pfowen, huner, ente, Daz ist allez ein getente (V. 7 ff., im Originalzitat bei huner ein e über dem u), zitiert nach der Ausgabe König vom Odenwald. Gedichte. Mittelhochdeutsch – neuhochdeutsch. Mit einer Einleitung zur Klärung der Verfasserfrage. Herausgegeben und übertragen von Reinhard Olt. (Germanische Bibliothek. N.F. 4. Reihe: Texte). Heidelberg 1988, S. 65, Nr. III Auf die Existenz von Hühnerställen in oder nahe bei der Burg verweist eine Passage im ‚Parzival‘, bei der angemerkt wird, dass in einer belagerten Stadt, in der die Burg liegt, morgens keine Hähne krähten. Ihre Schlafstangen seien leer, weil nämlich der herrschende Hunger den Belagerten alle Hühner ‚abgeschossen‘ habe:

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An Wildvögeln sollen, folgt man den literarischen Quellen, neben den schon erwähnten Fasanen und Rebhühnern auch Reiher auf vornehme Tafeln gelangt sein: diu küneginne rîche kom stolzlîch für sînen tisch. hier stuont der reiger, dort der visch.

(‚Parzival‘, 33, 2 ff.)214

In der Kleindichtung ‚Der Reiher‘215 hat ein reicher Mann auf ungewöhnliche Weise einen Reiher gefangen. Anschließend weist er den Koch an, das Tier kunstfertig und mit guten Gewürzen zuzubereiten: der wirt hiez werbe umb einen koch. er ¢prach: ‚man sol den reiger noch von mei¢terlichen ¢achen mit guoten wurzen machen!‘

(V. 73 ff.)

Dem Koch muss das gelungen sein. Als nämlich später eingeladene Gäste eingetroffen sind, bittet eine Dame, mehr von dem gekosteten Reiher bekommen zu dürfen, obwohl auch Fleisch- und Fischgerichte auf den Tisch kamen (V. 151 ff.). Sie begründet ihren Wunsch damit, dass die Aspikmasse so köstlich scharf gewürzt sei: do ¢prach diu ge¢tinne:216 ‚ich kann mich niht ver¢ inne ob ich bezzers ie enbeiz. diu galreide i¢t von wurzen heiz. gevater, ich bit iuch unde vle: gebet mir des wiltbrætes me!‘

… ninder huon dâ kræte. hanboume stuonden blôz: der zadel hüener abe in schôz. 214

215

216 217

(V. 173 ff.)217

(194, 6 ff.)

In der neuhochdeutschen Übersetzung, die den Text synoptisch begleitet, auf S. 35 so wiedergegeben: „Die hohe Königin selber trat mit Pracht vor seinen Tisch; hier stand der Reiher, da der Fisch.“ Zitiert wird nach: Neues Gesamtabenteuer. Das ist Fr. H. von der Hagens Gesamtabenteuer in neuer Auswahl. Die Sammlung der mittelhochdeutschen Mären und Schwänke des 13. und 14. Jahrhunderts. Erster Band herausgegeben von Heinrich Niewöhner. Zweite Auflage herausgegeben von Werner Simon mit den Lesarten besorgt von Max Boeters und Kurt Schacks. Dublin/Zürich 1967, hier: Nr. 15, S. 100 ff. Vgl. zu gestinne, gestîn Lex. Bd. I (1992), Sp. 931: „fremde, weiblicher gast“ Schultz (1889), S. 388 f. gibt an, dass auch Kraniche, Schwäne, Trappen, Rohrdommeln, Regenpeifer und Haubentaucher gegessen wurden. Er folgt dabei jedoch

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Bemerkenswert ist, dass zahme oder wilde Enten und Gänse sowie Tauben, obwohl sie für die herrschaftliche Küche erreichbar waren, in den Beschreibungen großer Hofhaltungen als ‚Herrenessen‘ nicht genannt werden.218 Wiederum ist es die Kleindichtung, in der aufgeführt wird, was die Küche eines Ritterhaushaltes im Bedarfsfall zu bieten hat: neben anderem eine Ente. Ein Ritter, der auf der Jagd zwei Hasen erbeutete, will diese gemeinsam mit Gästen verspeisen. Seine Frau weist er an, dazu noch weitere Gerichte vorbereiten zu lassen: daz lamp, ¢chaf, gans,kitz, daz huon heiz bereiten und den antvogel!

218

219

(V. 20 ff.)219

überwiegend französischen Quellen. Wenn darauf hin Heyne (1909), S. 299 f. bemerkt, man habe wohl „wahllos ziemlich alles [gegessen], was da gefangen oder geschossen wird“, so ist dies angesichts der genannten Reihung zwar folgerichtig. Übersehen wird jedoch, dass es bei derartigen Schilderungen immer auch um die Darstellung des Exklusiven, Exotischen, auch Seltenen und Teuren geht, die Beispiele deshalb sicher oft nicht wörtlich genommen werden können. – Bezüglich des Schwans gibt vielleicht ein Stück aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Sammlung ‚Carmina burana‘ einen Hinweis, dass er gelegentlich aufgetischt wurde: das Lied des in einer Backröhre bratenden Schwans, vgl. Carmina burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Zweisprachige Ausgabe. (dtv weltliteratur. Dünndruck-Ausgabe 2063), München 1979, Nr. 130. Versuche, die (spät-)mittelalterliche Küche zur Zeit Heinrichs VIII. möglichst korrekt zu rekonstruieren, fanden jüngst in Großbritannien statt. Dabei wurde auch mit Schwänen experimentiert. Es stellte sich dabei folgendes heraus: „Wie ein Schwan schmeckt, den man direkt vom Fluss holt und nicht erst im Hof auf Getreidediät setzt: nämlich nach grünem Uferschlick“, Stefanie Bisping: Im Lustschloss des Königs, in: Welt am Sonntag, 19. 04. 2009, S. 77. Dass die Jagd auf Schwäne seit dem Mittelalter wohl vornehmlich der Demonstration von Herrschaft(sansprüchen) diente, führt Brage bei der Wieden aus: Schwanenjagden als Manifestation von Herrschaft, in: Wilhelm Heizmann/ Astrid van Nahl (Hg.): Runica – Germanica – Mediaevalia. (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 37). Berlin/New York 2003, S. 84–99. Dort wird zur Schwanenjagd festgestellt: „Das Interesse richtete sich auf das Fleisch, in der Neuzeit aber vornehmlich auf die Federn. Den Braten des adulten Vogels hat selbst im Mittelalter, als scharfe Gewürze, namentlich Pfeffer, den Geschmack überdeckten, niemand gerühmt. Als delikater gelten die Jungvögel.“ (S. 86) Es ist nicht legitim, aus diesem Umstand zu schließen, dass Enten oder Gänse einer ‚Herrentafel‘ nicht angemessen waren, wie Pieth (1909), S. 22 f. es annimmt. Eher ist zu vermuten, dass dieses Geflügel nicht erwähnt wird, gerade weil es als gewöhnlichere, als alltäglichere Speise angesehen wird, die besonders hervorzuheben es nicht lohnt. Dass sich im archäologischen Fundgut aus Burgen und Herrensitzen durchaus Knochenreste von Gänsen, Enten und auch von Tauben fanden, wird unten in Abschnitt 7.1 aufgezeigt Der Hasenbraten von dem Vriolsheimer, in: Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 16, S. 108 ff.

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Neben Haustier- und Wildfleisch und Geflügel wird auch oft Fisch erwähnt, der auf vornehmen Tafeln den Quellen zufolge nicht nur in Fastenzeiten eine Rolle spielte. Die meisten Belege weisen lediglich in allgemein gehaltener Form darauf hin, dass Fisch(e) auf dem Tisch stand(en). Im ‚Parzival‘ werden fasân, pardrîse, guote vische …

(423, 20 f.)

aufgetragen, und im ‚Willehalm‘ werden verschiedene gekochte und gebratene Speisen serviert, dabei neben Fleischspeisen auch Fische: nû het der wirt daz geboten, daz was gebrâten und gesoten vil niuwer spîse reine, vische und vleisch gemeine, beidiu daz wilde und ouch daz zam

(133, 11 ff.).

Neben den schon genannten Lampreten werden auch Lachse erwähnt, allerdings als Fanggut, das gerade nicht verfügbar sei: salmen, lamprîden, hât er doch lützel veile

(‚Parzival‘, 491, 16 f.).

In seinem um 1300 entstandenen Werk ‚Apollonius von Tyrland‘ zählt der Autor Heinrich von Neustadt220 eine ganze Reihe genießbarer Fischsorten auf, die reich vorhanden sind, da sie jederzeit gefangen werden können: Guter visch sint da vil, Hechten, salmen ane zil, Laxvörhen, sturen, rut visch. Di lamparden also frisch Vahend sy zu aller stund

(V. 8886 ff.).221

An guten Fischen gibt es in dem Land, in dem sein Protagonist Abenteuer zu bestehen hat, viele Arten, namentlich Hechte und Lachse in Hülle und Fülle,

220

221

Heinrich von Neustadt, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Wien als Arzt nachgewiesen ist, verfasste den wohl nach einer byzantinischen Romanquelle gestalteten ‚Apollonius‘ um 1300 oder kurz danach, vgl. Peter Ochsenbein s.v. Heinrich von Neustadt, in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 838–845 Zitiert wird nach der Ausgabe: Heinrichs von Neustadt ‚Apollonius von Tyrland‘ nach der Gothaer Handschrift, ‚Gottes Zukunft‘ und ‚Visio Philiberti‘ nach der Heidelberger Handschrift herausgegeben von S. Singer. (Deutsche Texte des Mittelalters. Band VII). Berlin 1906

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Lachsforellen,222 Störe,223 Apfelforellen224 und Neunaugen. Die Handlung, in die diese Passage eingebettet ist, spielt allerdings im Mittleren Osten, denn der Fluss, in dem Heinrich alle diese Fische leben lässt, ist der Tigris. Dorthin verlegt er diejenige Vielfalt und Fauna, die er selbst wohl als schmackhaft und vielleicht auch exklusiv kennt, denn es geht ihm, wie er einige Zeilen später ausführt, darum, eine paradiesgleiche Landschaft zu schildern. Diese Liste ergänzt Heinrich später, als er die Gegend um eine prachtvolle Burg (wiederum im Orient) schildert, um weitere Fischarten. Ein nahe der Burg gelegener, überaus fischreicher See könnte, so meint er, zwanzigtausend Männer gut ernähren (V. 18031 ff.). Um den Fischreichtum dieses Sees zu unterstreichen, führt er aus: Der see trug güt vische: Sy mocht auff seinem tische Wol der kayser ge ezzen haben, Wann er sein hertze wolte laben: Salmen und lamperden, Hechten und pabeden, Persich und cinden, Elen vaisset und linden, Vorhen, goras und äschen, Roten visch und lachsen, Sturen und kagres visch (Von Pehaynen her Domisch Hat so güter weyer nicht, Als mir sein kuchen maister gicht), Der klainen grundel vil, Kopen, pfrillen ane zil. 222 223 224

225

(V. 18039 ff.)225

Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 468 f. s.v. vorchen, forhen: „forelle“ Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1275 s.v. stur, sture, stüre Das Lemma rutvisch findet sich weder bei Lex. noch bei BMZ Bd. II (1883). Unter dem Stichwort ‚Rotfisch‘ findet sich jedoch die Erläuterung „name der apfelforelle, salmo alpines (hat rotes fleisch)“ bei Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 14. (Neudruck). München 1984, Sp. 1308 In der (allerdings der Handschrift A folgenden, von der hier zitierten Gothaer Handschrift teils abweichenden) Übertragung des Textes ins Neuhochdeutsche lautet diese Passage so: „Die Fische waren so vorzüglich, daß sie dem Kaiser vorgesetzt hätten werden können, wenn er nach etwas besonders Feinem verlangt hätte: Salme, Neunaugen, Hechte, Paleden, Brachsen, Zinden, feiste und weiche Aale, Forellen, Karauschen, Äschen, Saiblinge, Lachse, Störe und Kaberfische, ferner noch Kapelane, Flußgrundeln, Groppen und zahllose Pfrinden (selbst Herr Dobisch von Böhmen hat nach Auskunft seines Küchenmeisters keinen so guten Fischteich!)“, Leben

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In der eben zitierten Passage werden daneben noch (Fluss-)Barsche,226 Gründling,227 Kope,228 Elritze229 und Äschen genannt.230 Mit dem Krebs nennt Walther von der Vogelweide ein weiteres Wasserlebewesen, das er jedoch ungekocht für ganz ungenießbar gehalten haben muss. Denn er bemerkt, er wolle lieber einen rohen Krebs essen als den Winter preisen:

226

227

228

229

230

und Abenteuer des großen Königs Apollonius von Tyrus zu Land und zu See. Ein Abenteuerroman von Heinrich von Neustadt verfaßt zu Wien um 1300 nach Gottes Geburt. Übertragen mit allen Miniaturen der Handschrift C, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Helmut Birkhan. Bern u. a. 2001, S. 289. In einer Anmerkung zum Text (S. 364, Anm. 373) kommentiert Birkhan „die uns heute ungeläufigen Namen: die palede verglich Singer mit dem angeblichen afrz. Fischnamen palouade, doch scheint dieser nicht zu existieren (liegt ein Druckfehler für palourde ‚Teichmuschel‘ vor?). Denkbar wäre entstellte Form von Bleie ‚Weißfisch‘ (Cyprinus latus), aber das ist nur geraten! Die prehsen in A werden wohl Brachsen (Abramis brama) sein, ein Fisch aus der Karpfenfamilie, der besonders in Österreich hochgeschätzt wurde (und wird?). Zind ist der Name des Flußbarsches (Perca fluviatilis) in der oberen Donau … Auch die Karausche (Carassius carassius) gehört zur Karpfenfamilie, doch ist in rezenter Zeit ihr Fleisch weniger begehrt. Die Äsche (Thymallus vulgaris) aus der Gruppe der Lachsfische ist ein ausgesprochener Flußfisch, der Forelle ähnlich, und wie diese hochgeschätzt. Aufs Raten angewiesen ist man beim chaber visch (in A; sonst kagres visch), den man mit den Kablen im Rhein zusammenstellen könnte … Die Flußgrundel (Gobius fluviatilis) aus der Familie der Schleimfische erreicht höchstens 8 cm Länge und kommt besonders in den Seen und Flüssen Italiens vor. Sie gilt als sehr wohlschmeckend. Das kopen der Hs. wird Kobe meinen, worunter die Groppe (Cottus gobio) … zu verstehen ist … Die wichtigste Art unter den kleinen Karpfen, den Pfrillen, sind die Elritzen (Leuciscus phoxinus [sic!]), die Heinrich wohl hier meint. Sie sind trotz ihres bitterlichen Fleisches begehrte Speisefische.“ Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 13. (Neudruck). München 1984, Sp. 1561 s.v. Persch „mit den nebenformen persich, perske, persing … perca fluviatilis“; siehe auch Lex. Bd. I (1992), Sp. 131 s.v. bars: „barsch, perca, auch berse“; zur Familie der Flussbarsche gehört auch die in der Quelle genannte Zindel, vgl. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 15. (Neudruck). München 1984, Sp. 1387 s.v. Zindel Vgl. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 9. (Neudruck). München 1984, Sp. 771 ff. s.v. Grundel „kleiner, auf dem grunde des wassers lebender fisch, vgl. grundlein, grundling“ Vgl. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 11. (Neudruck). München 1984, Sp. 1782 s.v. Kopp, Koppe, Kope „ein fischname, collus gobio“ Vgl. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 13. (Neudruck). München 1984, Sp. 1795 unter dem Stichwort Pfrille: „ein kleiner süsswasserfisch, besonders die elrize“ Die Lemmata pabede, goras, kagres visch und elen werden in den einschlägigen Wörterbüchern nicht aufgeführt, sodass ihre Zuordnung im Dunkeln bleibt (vgl. dazu auch oben S. 89 f., Anm. 225)

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E danne ich lange lebt alsô den krebz wolt ich ezzen rô.

91

(76, 8 f.)231

Darauf, dass man sich als ritterliche Speise nicht nur frischen, sondern auch gedörrten Fisch vorstellen konnte, weist eine – im Übrigen den üblichen Formeln folgende – Beschreibung hin, die der Stricker in seinem Versepos ‚Daniel von dem Blühenden Tal‘ gibt. Nach einem Kampf der Artusritter mit einem Riesen wird für die Recken ein komfortables Zeltlager aufgeschlagen. Vorausschauend hatten sie sich mit Proviant für ihr aushäusiges Abenteuer ausgestattet. So können denn auch Wein und Brot, Weingetränke sowie Fleisch und gedörrte wie frische Fische aufgetragen werden: sie sluogen ûf daz velt manic hêrlîch gezelt. sie hâten spîse wunder brâht, sie hâten des alles vor gedâht daz in lîhte würde nôt. sie hâten wîn unde brôt, fleisch unde vische, dürre unde frische, môraz unde lûtertranc.

(V. 3897 ff.)232

Einen offenbar unentbehrlichen Bestandteil herrschaftlicher Tafelfreuden nehmen die Dichter in ihren Werken immer wieder auf: Saucen und Tunken. Sie wurden den Texten zufolge zu allen Fleisch- und Fischsorten gereicht. Der Sammelbegriff233 für Saucen schlechthin ist die salse, die, wie oben bereits angeführt, im ‚Willehalm‘ zu einem gebratenen Pfauen und im ‚Parzival‘ zu den dort servierten Haubenlerchen auf den Tisch kam. Einmal mehr ist es Wolfram, der im ‚Parzival‘ nicht nur den allgemeinen Begriff, sondern verschiedene Saucenarten nennt: 231

232

233

Zitiert nach: Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Siebente Ausgabe von Karl Lachmann besorgt von Carl von Kraus. Berlin 1907. Dort findet sich auch die Lesart E wolde ich essen krebese ro (C). Diese Stelle wird z. B. bei Schultz (1889), S. 390 mit Anm. 8, verkürzt und damit entstellend wiedergegeben Zitiert wird nach der Ausgabe: Der Stricker. Daniel von dem Blühenden Tal. Zweite, neubearbeitete Auflage. Herausgegeben von Michael Resler. (ATB. Nr. 92). Tübingen 1995 Vgl. Pieth (1909), S. 24 mit weiteren mhd. Textbelegen. Pieth beschreibt die salse dort als eine grundsätzlich kalt gereichte Beilage. Darauf weisen auch weitere, aus dem späteren Mittelalter stammende Belege hin. Demnach kann eine salse aus sehr verschiedenen Grundstoffen bestehen (z. B. in Wein oder Essig gelösten Würzmischungen, die auch mit Semmelbröseln versetzt sein können), süß, sauer oder scharf sein. Bei ihrer Zubereitung kann sie auch erhitzt werden. Um bei Tisch gereicht zu werden, soll sie jedoch erkalten, vgl. Hepp (1970), S. 216 f.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

in kleiniu goltvaz man nam, als ieslîcher spîse zam, salssen, pfeffer, agraz.

(238, 25 ff.)

Die von der ‚allgemeinen‘ Sauce durch ihre Bezeichnung unterschiedene zweite Art einer Tunke ist der agraz, „eine art saurer brühe“.234 Er konnte späteren Rezepturen zufolge aus unreifen Weintrauben, zermahlenen Äpfeln und mit Wein versetzt hergestellt werden, auch (wilde) Stachelbeeren werden als eine wichtige Zutat genannt.235 Mit dem pfeffer ist eine weitere Sauce erwähnt, die – ob durch Pfeffer oder andere, geschmacklich intensive Gewürze wie Senf, Meerrettich, Zwiebeln, Knoblauch oder teuren Safran – auf jeden Fall besonders scharf gewesen sein dürfte.236 Nicht nur bei festlichen Tafeleien werden Saucen genannt, sie können auch Bestandteil vergleichsweise bescheidener Stärkungen gewesen sein. Im ‚Rennewart‘, einer in das 13. Jahrhundert datierenden Fortsetzung von Wolframs ‚Willehalm‘, lässt Ulrich von Türheim237 die nach einem Zweikampf erschöpften und hungrigen Recken Malefer und Rennewart die edle Gyburg um eine recht schlichte Stärkung bitten: Rennewart sprach: ‚heiz uns ein brot mit einer supperie netzen (daz kan den hunger wol letzen), und bringe uns etteswaz da mit, in der minne ich des bit. Kyburg, liebiu swester min, leshe unsers hungers pin!‘ 234 235

236

237

238

(V. 19050 ff.)238

Lex. Bd. I (1992), Sp. 28 zum Stichwort Vgl. Heyne (1901), S. 330, Anm. 53 und Pieth (1909), S. 25; bei Hepp (1970), S. 189, werden unter dem Stichwort Agraz verschiedene spätmittelalterliche Rezepturen aufgeführt, die darauf hinweisen, dass auch der agraz kalt gerührt und gereicht wurde Dass der pfeffer im Unterschied zu den beiden zuvor genannten Saucen erhitzt genossen wurde, behauptet Pieth (1909), S. 25. Den Beleg aus dem ‚Tristan‘ Heinrichs von Freiberg, den er hierzu beibringt, scheint er jedoch nicht zutreffend zu interpretieren. Es heißt dort mit einem pfeffer, der was allwallende heiz (V. 5290). Wie noch heute im Englischen mit Bezug auf Gewürze (hot) bedeutet das mhd. heiz hier nicht nur ‚heiß, erhitzt‘, sondern ist als ‚scharf‘ zu verstehen. Vgl. in eben diesem Sinne auch oben S. 86, siehe auch Lex. Bd. I (1992), Sp. 1225, wo das mhd. heiz auch in der Bedeutung „heftig, stark“ erscheint Vgl. zu Autor und Werk Peter Strohschneider: Ulrich von Türheim, in: VL Bd. 10 (1999), Sp. 28–39; zu dem in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datierten ‚Rennewart‘ s. Sp. 34–39 Zitiert wird nach der Ausgabe von Alfred Hübner: Ulrich von Türheim. Rennewart. Aus der Berliner und Heidelberger Handschrift. (DTM. Bd. XXXIX). Berlin 1938

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

93

Rennewart, der groß und kräftig gebaute Hüne, bittet, um seinen heftigen Hunger zu stillen,239 nur um Brot, das in Sauce240 getunkt oder mit ihr übergossen werden soll. Gyburg scheint dies nicht für ganz passend befunden zu haben, denn sie hält sich nicht an diesen Wunsch: sie lässt ‚genug guter Speise‘ und auch guten Wein auftragen, der in einem goldenen Becher mit weiter Mündung serviert und bis auf den letzten Tropfen geleert wird: sie gab in g˚uter spise gn˚uc. g˚uten win man mit ir tr˚uc in einem witen kopfe: des bleib nit ein tropfe in dem grozen goltvazze.

(V. 19065 ff.)

Für die Qualität der Saucen und Tunken war offenbar besonders die reichliche Verwendung von Gewürzen ausschlaggebend. Neben heimischen Gewürzpflanzen241 wurden dazu verschiedene exotische Gewürze verwendet, die besonders durch die Berührung mit dem Orient bekannt waren und, folgt man den literarischen Quellen, in oft erheblichen Mengen eingesetzt wurden.242 Am wichtigsten waren Salz und Pfeffer, auch als eine Art ‚Minimalwürze‘ verstanden, um Speisen für den zeitgenössischen Geschmack überhaupt genießbar zu machen. In Hartmanns ‚Iwein‘ wird die unglückliche Lage des Ritters betont, der während seines Lebens im Walde weder kezzel noch smalz, weder pfeffer noch salz

(V. 3277 f.)

besaß, um das von ihm erlegte Wild zuzubereiten. Der Pfeffer spielte beim Würzen offenbar eine besonders wichtige Rolle. Als Gewürz wird er am häufigsten erwähnt, scheint daher für ein als angemessen betrachtetes Mahl unverzichtbar, denn fast alle Speisen und auch Getränke werden so betont mit ihm versetzt, dass bereits der Kulturhistoriker Georg Grupp in den Ausruf verfiel: „Immer nur Pfeffer und 239 240

241

242

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1891 f. s.v. letzen: „hemmen, aufhalten, lindern“ Lex. Bd. II (1992), Sp. 1324, verweist unter dem Lemma supperie auf supparje, das nicht etwa als ‚Suppe‘ zu verstehen ist, sondern eine Form „von salsen“ darstellt Hierzu zählten im Hochmittelalter z. B. Zwiebel, Schnittlauch, Knoblauch, Bärlauch, Dill, Petersilie, Salbei, Senf, Kümmel, Minze, Kerbel und Majoran, aber auch Fenchel, Koriander, Anis und Wachholderbeere, vgl. Schubert (2006), S. 162; s. auch unten im Anhang den Abschnitt VI.1 Vgl. z. B. die Aufzählung von Gewürzen im ‚Apollonius‘ Heinrichs von Neustadt, wo u. a. Muskatnuss, Ingwer, Zimt, Kardamom und Nelken aufgeführt werden (V. 8523 ff.; 17981 ff.)

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Pfeffer!“243 In dieser Gewichtung dürfte sich der hohe Prestigewert, den Pfeffer als teure Importware besaß, ausgedrückt haben. Wer (viel) Pfeffer verwendete oder verwenden ließ, ‚konnte es sich leisten‘.244 Ein Gastgeber wurde als umso freigebiger geschätzt, je mehr er seine Gäste an seinem – auch mittels teurer Würzen ausgedrückten – Wohlstand teilhaben ließ. Eine lateinisch verfasste Quelle benennt ferner die Bedeutung von Gewürzen in der seinerzeit als fein verstandenen Küche: „Hier sind Pfeffer und Safran, Ingwer und Galgantwurzel, die machen künstlich die Speisen geschmackvoll. Durch diese Gewürze werden die Gerichte köstlich an Geruch, Ge243

244

Grupp (1912), S. 456. Vgl. auch Schultz (1889), S. 392 mit Anm. 6, Heyne (1901), S. 331 mit Anm. 55 sowie Schubert (2006), S. 163 f. Pfeffer war wegen seines langen Transportweges im Hochmittelalter zwar eine vergleichsweise teure Ware, jedoch durchaus nicht selten. So soll bereits im 10. Jh. ein arabischer Reisender, der nach Mainz kam, erstaunt berichtet haben, dass dort neben Pfeffer auch Gewürznelken und Ingwer erhältlich waren, vgl. Schubert (2006), S. 163. In der Stadt Goslar sollen sich bei ihrer Eroberung durch die Truppen Ottos IV. im Jahr 1206 „so viel Pfeffer und Spezereien“ befunden haben, „daß man diese kostbaren Waren in Scheffel und sehr große Haufen teilte“, Bumke (2005), S. 85. – Im ‚Straßburger Alexander‘ wird beschrieben, wie sich Alexander der Große und der Perserkönig Darius auf ihre bevorstehende Auseinandersetzung vorbereiten. Darius übermittelt Alexander einen Brief und eine Sendung Mohnkörner. In der Absicht, Alexander einzuschüchtern, schreibt Darius, sein Heer sei so unzählbar wie diese Mohnsamen. In einem symbolträchtigen Akt verschlingt Alexander den Mohn und sendet seinerseits an Darius einen Brief und dazu Pfefferkörner. Er merkt an, dass die Pfefferkörner zwar nicht unzählig, aber durchaus in der Lage seien zu beißen. Der an Darius gesandte Bote … gab ime den peffer in di hant. den enfienc er mit zorne und warf di peffercorner n¯ıtl¯ıchen in s¯ınen munt unde beiz si an der stunt. d¯o begunder sih cremfen und di nase remfen, wand in der pheffer s¯ere beiz. s¯ın l¯ıb di wart ime allir heiz.

(V. 2116 ff.)

„Wütend warf Darius die Pfefferkörner in den Mund und zerbiß sie. Sogleich begann er sich zu winden und die Nase zu verziehen, und sein Körper wurde heiß, denn der Pfeffer biß ihn sehr.“ Beigezogen wurde die Ausgabe von Irene Ruttmann (Hg.): Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. (Strassburger Alexander). Text. Nacherzählung. Worterklärungen. Darmstadt 1974, die Übersetzung findet sich auf S. 233. Es wird hier nicht nur auf Alexanders – in verschiedener Hinsicht – immenses Vermögen angespielt, indem er den kostbaren Pfeffer, zur ‚Botschaft‘ verfremdet, gleichsam ‚auf den Markt wirft‘. Beschrieben wird auch die körperliche Pein, die der zerbissene Pfeffer bei Darius hervorruft – im übertragenen Sinn eine Vorausschau auf die Niederlage, die Alexander ihm und seinen Truppen später bereiten wird

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schmack und Farbe, dank der Geschäftigkeit des Kochs.“245 Betont wird hier, dass von einem guten Koch geradezu erwartet wurde, dass er die natürlichen Ausgangsstoffe der Speisen – auch durch den Einsatz von Gewürzen – möglichst wirkungsvoll veränderte. Oft wurde auch vermutet, dass man gerade Pfeffer in Mengen einsetzte, um den vor der Zubereitung nicht mehr einwandfreien Zustand von Fleisch oder Fisch sowie von (zu) saurem Wein geschmacklich zu überdecken: „Sogar an den königlichen und fürstlichen Tafeln waren die Speisen oft so ungenießbar, daß ein Theologe schreibt, man wundere sich, daß nicht viele daran stürben“.246 Der Grund für die attestierte ‚Ungenießbarkeit‘ wird dabei jedoch nicht angegeben. Daher muss offen bleiben, ob er sich auf die mangelnde Qualität der verwendeten Grundstoffe bezieht. Ebenso ist es nämlich möglich, dass hier auf ein erhebliches Überwürzen angespielt wurde. Dass angefaulte Fleischwaren oder Fische in vermögenden Haushalten öfter in die Küche und auf die Tafeln wanderten, scheint angesichts der im Hochmittelalter vorhandenen und auch verbreiteten Praxis einer grundsätzlichen Lebensmittelhygiene eher unwahrscheinlich.247 Wenn auf eine Verbesserung des Geruchs und des Geschmacks durch eine kräftige Würzung der Speisen abgehoben wird, könnte dies eher auf die Zubereitung von Fleisch- oder Fischwaren zielen, die z.B. durch starkes Einsalzen und/oder Trocknen konserviert wurden und bei ihrer Verarbeitung u.a. der Zugabe von Würzstoffen bedurften, um ihren strengen Salz- oder Eigengeschmack zu überdecken.248 245

Bumke (2005), S. 244, dort original in Anm. 17: „Hic piper atque crocus, hic gingiber atque galange Assunt et faciunt arte placere cibos. His condimentis odor et sapor et color addunt Delicias epulis sedulitate coci“. Ein Hinweis auf weitere bekannte Importgewürze findet sich in Konrads ‚Partonopier und Meliur‘. Partonopier, der sich die fremde Stadt ansieht, in die es ihn verschlagen hat, gelangt an deren Hafen, wo er verschiedene angelandete Gewürze und Duftstoffe aus dem Orient vorfindet: pheffer, muscât, nägelîn, bisem, balsam, wîrouch

246 247

248

(V. 2300 f.),

Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, wolhriechende Salbe, Balsam und Weihrauch, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 284 s.v. bisem: „wohlgeruch, salbe“ und Sp. 116 s.v. balsam: „balsam“ Grupp (1912), S. 450, vgl. Schubert (2006), S. 163 Die These, dass das heftige Würzen von Speisen den Geruch und Geschmack nicht mehr frischen oder bereits angefaulten Fleisches oder Fischs überdecken sollte, vertritt – wohl in Anlehnung an Schubert (2006) – jüngst noch Elisabeth Vavra: Ernährung, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 292–298, hier: S. 295. Viele aus städtischen Siedlungen des Hochmittelalters bekannte Vorschriften zur Herstellung, zum Verkauf und zur Beschau von Lebensmitteln sprechen jedoch dagegen, dass das Verspeisen überlagerter Fleisch- oder Fischwaren die Regel gewesen wäre, vgl. dazu unten im Anhang die Abschnitte VI und VII Vgl. Schubert (2006), S. 163, s. auch Anhang unten, Abschnitt III

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Die wiederkehrenden Erwähnungen geradezu verschwenderischen Würzens dürfen jedoch nicht darüber hinweg sehen lassen, dass gerade importierte Gewürze im Hochmittelalter recht teuer waren und daher im Alltag auch begüterter Haushalte sicher nicht in großen Mengen zum Einsatz kamen. Außerhalb großer Feste und repräsentativer Anlässe dürfte man sich auch dort vermehrt heimischer Würzpflanzen und -mittel bedient haben.249 Wenn es sich jedoch irgend einrichten ließ, galt, was der Dichter Steinmar250 in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in einer an einen Wirt gerichteten Rede folgendermaßen in Verse fasste: Swas dv vns gist, das wurze vns wol, bas danne man ze mase sol, das in vns werde ein hitze, das gegen dem trvnke gange ein dvnst als ein r˘och von einer brvnst, vnd das der man erswitze, das er wêne, das er vaste leke. schaffe, das der mvnt vns als ein apoteke smeke! (V. 32 ff.)251 In Verbindung mit Saucen rückt auch das auf jeder Tafel bereit gelegte Brot in den Blick, das ebenso wie Fleisch- oder Fischstücke in die aufgetragenen Saucen getunkt wurde.252 Neben den schon beim Bereiten der Tafel platzierten ‚Brottellern‘ wurde ein ‚Zubrot‘ gereicht,253 das aus verschiedenen Getreidesorten und auch in unterschiedlichen Formen hergestellt sein konnte. Als besonders fein – und damit für höfische Tafeln standesgemäß – galt das Weißbrot aus Weizenmehl. In seiner ‚angemessenen‘ Herstellung war es recht aufwändig, 249

250 251

252 253

Vgl. Schultz (1889), S. 392 f. und Heyne (1901), S. 392 f., der besonders Senf und Pfefferkraut als Pfefferersatz benennt. Auch Essig wird eine bedeutende Rolle gespielt haben. In Hartmanns ‚Iwein‘ wird er in einer Reihe neben Salz und Pfeffer erwähnt (V. 3338 f.) Vgl. zu Dichter und Werk Ingeborg Glier, Steinmar, in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 281–284 Zitiert nach: Gedichte von den Anfängen bis 1300. Herausgegeben von Werner Höver und Eva Kiepe. (Epochen der deutschen Lyrik. Bd. I. dtv Wissenschaftliche Reihe. Bd. 4015). München 1978, S. 440 f. Dort wird folgende Übersetzung geboten: „Was du uns vorsetzt, das würze kräftig, mehr als man in der Regel tun soll, damit sich in uns ein Feuer entzünde, so daß dem Trank ein Dampf entgegenschlage wie der Rauch von einer Feuersbrunst, und damit der Mann so in Schweiß gerate, daß er glaubt, er sei heftig mit dem Badwedel beschäftigt. Mach, daß unser Mund wie eine Apotheke riecht!“ – Vgl. auch Heyne (1901), S. 292 mit Anm. 55 Vgl. dazu auch unten Abschnitt 2.2.4 So lt. Pieth (1909), S. 27

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da alle Spelzen- und Kornrückstände im Mehl vor dem Backen durch das sog. ‚Beuteln‘ entfernt werden mussten.254 Das Eintauchen des Brotes in Saucen oder Tunken versprach nicht nur zusätzliche Würze, es war auch erforderlich, da das Brot allgemein ‚schärfer ausgebacken‘ wurde, um ein rasches Schimmeln zu vermeiden. Es dürfte daher von recht harter und trockener Konsistenz gewesen sein.255 Das Schwarzbrot dagegen wird in Wolframs ‚Willehalm‘ als besonders kärglich beschrieben. In der Zeit seiner freiwilligen Askese will der Ritter nichts Anderes als in Wasser aufgeschwemmtes Schwarzbrot zu sich nehmen: der marcrâve niht mêre necheiner spîse gerte, niuwan swarzes brôt er merte in ein wazzer, swenne er tranc.

(176, 10 ff.)

Unterschieden wurde nicht nur nach Qualität oder Art des Brotgetreides, sondern es fanden auch verschiedene Brotformen Eingang in poetische Schilderungen. Im ‚Parzival‘ nennt Wolfram blankiu wastel (423, 21), ein möglicherweise brötchenähnliches Gebäck.256 Auch ‚Semmeln‘ werden mehrfach erwähnt, sie finden sich z. B. in Hartmanns ‚Erec‘ im Rahmen dessen, was auf eine angemessen bestückte Tafel gehört: vische unde wiltbrât, beide semeln unde wîn, swaz dâ mêre solde sîn, vil lützel des dâ gebrast.

(V. 7191 ff.)

Mit dem heutigen Verständnis von ‚Semmeln‘ – sprachlich besonders im Süddeutschen auch für ‚Brötchen‘ gesetzt – hatte dieses Gebäck wohl we254

255

256

Vgl. Schultz (1889), S. 395. Zu weiteren historischen Zubereitungsverfahren sowie zu verschiedenen Backtechniken und Brotsorten vgl. Heyne (1901), S. 257 ff. im Kapitel „Mahlen und Backen“ sowie Schubert (2006), S. 83 ff. Vgl. Schubert (2006), S. 84, der dort alle im Mittelalter bereiteten Brotsorten als „eine Herausforderung für die Zähne“ bewertet In Lex. Bd. III (1992), Sp. 703 findet sich zwar das Lemma aufgeführt, jedoch bleibt es ohne Übersetzung oder Erklärung. Das von Wolfram mehrfach genannte Gebäck (vgl. ‚Parzival‘ 622, 10 und ‚Willehalm‘ 136, 6) wird von Heyne (1901), S. 276, folgendermaßen interpretiert: „schlichtes Weizengebäck …, das für sich reizlos ist, und erst mit Flüssigkeit bestrichen, einen besseren Geschmack gewinnt.“ Seiner Annahme, dass es sich bei dieser Gebäckform um das in literarischen Quellen mehrfach erwähnte halp brôt handele, ist mit einleuchtenden Gründen mehrfach widersprochen worden, z. B. durch Peter F. Ganz in der von ihm herausgegebenen Edition des ‚Grafen Rudolf‘ (1964), Anm. zu H 30

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nig gemein, dieses aus Weizenmehl hergestellte Brot war einfach nur kleiner als ein ‚normales‘ Weißbrot.257 Die schon um die Jahrtausendwende bekannte Vielfalt an Brotsorten und deren Zubereitungsarten werden in einem Lexikonartikel folgendermaßen zusammengetragen: „Brotkuchen, mondförmiges B. …, gesottenes B., geröstetes und mit Salz bestreutes B., Eierb., mit Hefe getriebenes B., mit Sauerteig getriebenes B., … ungesäuertes B., Spelt-, Weizen-, Roggen-, Gersten-, Haferb., neugebackenes B., kaltes und warmes, unter glühender Asche gebackenes B.“.258 Das Erhitzen von Brotscheiben259 in einem Kessel findet sich wiederum bei Wolfram von Eschenbach. Er zitiert im ‚Parzival‘ das ‚Nibelungenlied‘, wenn es heißt: ich tæte ê als Rûmolt, der künec Gunthere riet, do er von Wormz gein Hiunen schiet: er bat in lange sniten bæn und inme kezzel umbe dræn.

(420, 26 ff.)260

Neben unterschiedlichen Brotsorten und -formen waren auch verschiedene Arten von ‚Feingebäcken‘ bekannt.261 Wolfram nennt die in einer Pfanne ausgebackenen ‚Truhendinger Krapfen‘,262 bei denen es sich um 257

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Vgl. Schubert (2006), S. 84 mit einem Verweis auf die schon in der Antike bekannte (lat.) simila M. Währen s.v. Brot, in: RGA Bd. 3 (1978), S. 545–552, hier: S. 550 f. Diese Aufzählung entspricht derjenigen, die der St. Gallener Mönch Ekkehart in seinen ‚Benedictiones ad mensas‘ (11. Jh.) bietet, vgl. dazu den Text im Anhang dieses Bandes, Abschnitt I.1 Möglicherweise ist hier ein Rösten, z. B. in Schmalz oder anderem Fett gemeint, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 113 s.v. baehen: „durch überschläge erwärmen“. Hepp (1970), S. 205 f., weist darauf hin, dass baehen etwa in der Bedeutung ‚rösten‘ nur bei Wolfram belegt sei, verschiedene mundartliche Quellen hingegen darauf verweisen, dass es auch im Sinne von ‚aufgehen, dick werden, ansetzen‘ gebraucht wurde Eine solche Passage findet sich in der Handschrift C des ‚Nibelungenliedes‘ (1497, 3), in der der Küchenmeister Rumolt versucht, die Burgunden mit der Aussicht auf „in Öl gebackene Teigschnitten“ von ihrem Zug an Etzels Hof abzuhalten, vgl. Bumke (2005), S. 272. Die Ausgabe von Helmut des Boor (1979) führt diese Passage nicht auf, weil sie der Handschrift B folgt, vgl. Vorwort S. XLVIIIff. Schultz (1889), S. 395, nennt Honigkuchen, Waffeln und eine Gewürztorte. Vgl. auch Heyne (1901), S. 273 ff. mit einer ausführlichen Liste von Belegen Nicht nur hier bezieht sich Wolfram auf den Kreis seiner Gönner: „Weitere biographische Bezüge Wolframs, wie sie zum Wertheimer Umfeld und zuletzt gerade zu den Herren von Zimmern hergestellt wurde, bleiben spekulativ. Auffällig sind allerdings die persönlichen Vernetzungen im Gönnerkreis des Dichters und die konkreten An-

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einen besonderen Leckerbissen gehandelt haben dürfte, denn ihr Nichtvorhandensein wird betont, um die Ärmlichkeit der beschriebenen Situation zu unterstreichen: ein Trühendingær phanne mit kraphen selten dâ erschrei.

(‚Parzival‘, 184, 24 f.)263

Schlichte Speisen aus Mehl oder geschrotetem Korn, Muse und Breie werden dagegen in höfischen Tafelbeschreibungen nicht erwähnt. Sie hätten auch kaum in das zu beschreibende festliche Ambiente gepasst, was zunächst nichts darüber aussagt, ob und in welchem Umfang sie dort sowie im Küchenalltag auch des Adels eine Rolle spielten. Auch Gemüsearten werden bei den Schilderungen festlicher Tafeleien nicht genannt. Mit Gemüse und Salaten begnügten sich Ritter den Dichtun-

263

spielungen in dessen Werken, gerade im Parzival, auf örtliche Gegebenheiten in dieser Umgebung. Zu Wolframs Förderern zählten zunächst auch die mittelfränkischen Herren von Truhendingen, deren persönlicher Kontakt etwa mit den Herren von Zimmern bekannt ist, ebenso die Herren von Abenberg wie die Wertheimer Grafen. … Die Nennung der Burg Wildenberg bietet den Hinweis auf die gleichnamige Burg der Herren von Dürn im Odenwald, will man in ‚Wildenberg‘ nicht nur eine Verdeutschung des Namens der Gralsburg (Mont sauvage) erkennen“, so Peter Rückert: Adelige Herrschaft und Repräsentation im hohen Mittelalter. Literatur und Architektur im Umfeld der Grafen von Wertheim und der Herren von Gamburg, in: Hans-Peter Baum/Rainer Leng/Joachim Schneider (Hg.): Wirtschaft – Gesellschaft – Mentalitäten im Mittelalter. Festschrift zum 75. Geburtstag von Rolf Sprandel. (Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Nr. 107). Stuttgart 2006, S. 289–306, hier: S. 300 In der verwendeten Ausgabe (nach Lachmann, 1998) wiedergegeben als: „selten schrie ein Trüdinger Hafen Schmalznudeln aus“ (Übersetzung von Peter Knecht). Das mhd. erschreien „erschrien machen, zum rufen bringen“ (Lex. Bd. I [1992], Sp. 669) und erschrien „sich ausschreien, durch schreien aufwecken“ (Lex. Bd. I [1992], Sp. 669 f.) bieten für diese Stelle keine unmittelbar einleuchtende Erklärung. Vielleicht ging es Wolfram hier darum, den Vorgang des Ausbackens von Krapfen auch akustisch wirkend wiederzugeben, etwa wie heute Teekessel ‚summen‘, eine Pfanne mit Speck ‚brutzelt‘ oder kochendes Wasser ‚blubbert‘. Ein Begriff für ein besonders starkes Geräusch könnte ihm gelegen gekommen sein, weil es einen großen Kontrast bietet, denn im Textzusammenhang geht es um Mangel und Not. Auf eine Wortspielerei, in der der fühlbare Hunger hier in die Sphäre des Hörbaren übertragen wird, verweist auch die folgende Reimzeile: in was der selbe don enzwei (184, 26) – „diese Melodie war ihnen zersprungen“. Eine vergleichbare ‚akustische‘ Figur verwendet Walther von der Vogelweide in der Einleitung seines zum sog. Unmutston gerechneten ‚Drei-Fürsten-Preises‘: Die wîle ich drîe hove weiz sô lobelîcher manne, sô ist mîn wîn gelesen und sûset wol mîn pfanne.

(34, 34 f.)

„Solange ich drei Höfe weiß so lobenswerter Männer, / so lange ist mein Wein gelesen und brutzelt angenehm meine Pfanne“, vgl. Edition Schweikle (1994), S. 186 f.

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gen zufolge nur notgedrungen, wenn es nichts Anderes gab. Eine solche Szene findet sich im ‚Parzival‘ beschrieben: dô brâht ein des wirtes sun purzeln unde lâtûn gebrochen in den vinæger.

(551, 19 ff.)264

Portulak265 und Lattich,266 in Essig267 zu einem Salat angemacht, vermögen zwar den beißenden Hunger zu stillen, eine Kraft spendende Kost stelle dies, wie Wolfram anschließend vermerkt, freilich nicht dar (vgl. 511, 22 ff.). Auch für den Verzehr von Obstarten im höfischen Ambiente gibt es kaum Hinweise.268 Als Engelhard, der Protagonist der gleichnamigen Erzählung 264

Die Übersetzung in der verwendeten Ausgabe lautet: „Dann brachte der eine von den Söhnen des Hauses Portulak herein und Lattich, eingebrockt in eine Vinaigrette“ (S. 555); vgl. auch ‚Parzival‘ 501, 12 ff.: der wirt sîn phlac als ich iu sage. krût unde würzelîn daz muose ir bestiu spîse sîn.

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’Der Gastgeber kümmerte sich um ihn wie ich es euch berichte. Kräuter und kleine Wurzeln mußten für sie die beste Speise abgeben“ Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 399 unter dem Stichwort burzel, purzel: „eine pflanze … – aus mlat. portulaca“; vgl. auch Heyne (1901), S. 329 Cf. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1840 s.v. lâtûn und Heyne (1901), S. 329 Wahrscheinlich handelt es sich um ein Lehnwort aus dem Französischen (vgl. vinaigre). Weder Lex. (1992) noch Heyne (1901) führen vinæger auf Schultz (1889), S. 397 ff., führt zwei Stellen aus dem ‚Parzival‘ an (80, 1 und 508, 11), in denen es jedoch nicht um Obst als Speise oder Nahrungsmittel geht; weitere, dort aufgeführte Belege verweisen sämtlich auf Werke der französischen Literatur; auch bei Heyne (1901), S. 333 f., finden sich literarische Belege nur aus der außerhöfischen Sphäre. Vavra (2008), S. 292, gibt an: „Obst machte bis zu zehn Prozent der Ernährung des Adels aus.“ Auf die mittelhochdeutschen poetischen Schilderungen der höfischen Sphäre kann sie sich bei ihrer Aussage nicht gestützt haben. – In Konrads ‚Partonopier und Meliur‘ findet sich eine Passage, in der verschiedene ‚Baumfrüchte‘ genannt werden, auf die der eine fremde Stadt erkundende Partonopier in einem Garten stößt. Erwähnt werden Wein, Kastanien, Mandeln, Feigen, Lorbeer und Granatapfel (aphel schœne von Punîc), als Baumfrucht bemerkenswerterweise auch der Zucker, vgl. Edition Bartsch (1970), V. 2316 ff. Der Gang der wohl bis 1277 aus dem Französischen übertragenen Erzählung (vgl. hierzu Horst Brunner: Konrad von Würzburg, in: VL Bd. 5 [1985], Sp. 272–304, hier: Sp. 275) und nicht zuletzt die Zusammenstellung der erwähnten Pflanzen weisen darauf hin, dass es sich hier um eine mediterrane Szenerie handelt, die nicht auf den Raum nördlich der Alpen übertragen werden kann. Vergleichbar verfährt Konrad im ‚Engelhard‘, als der aussätzig und dadurch einsam gewordene Dietrich einen angenehmen Ort findet, an dem er sich ein Häuschen errichten lässt. An der einem irdischen Paradies gleichen Stelle gibt es Feigen-, Mandel, Nuss- und Kastanienbäume, und sogar ein tragender Olivenbaum soll

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Konrads von Würzburg, den väterlichen Hof verlässt, gibt der Vater ihm drei Äpfel mit auf die Reise und rät, der Sohn möge sich nur denjenigen zum Gefährten erwählen, der bereit sei, den angebotenen Apfel mit ihm zu teilen (V. 336 ff.). Zwei Treffen, bei denen Engelhard die Probe stellt, verlaufen enttäuschend. Erst der dritte Versuch ist erfolgreich: der edle Dietrich, der den angebotenen Apfel sorgsam schält und in zwei gleiche Hälften zerteilt, von denen er eine dem Spender reicht, wird fortan der engste Freund Engelhards sein (vgl. V. 550 ff.). Aus einem lautmalerischen Vergleich, in dem Wolfram das Aufeinanderprallen der Ritter bei einem Turnier mit dem Platzen von in die Glut geworfenen Kastanienschalen beschreibt, darf wohl geschlossen werden, dass im Herbst und Winter das Rösten von Edelkastanien praktiziert wurde: da erhal manc rîchiu tjoste guot, als der würfe in grôze gluot ganze castâne.

(‚Parzival‘, 378, 15 ff.)269

Milch spielt in den mittelhochdeutschen höfischen Epen ebenfalls keine Rolle, lediglich Käse als Milchprodukt wird verschiedentlich erwähnt.270 Für die höfischen Tafeln scheint er poetischen Quellen zufolge wohl zu gewöhnlich gewesen zu sein, denn die Situationen, in denen Käse als Speiseangebot erscheint, handeln sämtlich außerhalb höfischer Feste oder Tafelszenen. Hartmann lässt im ‚Erec‘ Käse mehrmals als Reiseproviant oder Picknick-Gut erscheinen,271 und in Wolframs ‚Parzival‘ ist Käse besonders während einer Belagerung willkommen, also in einer Situation, in der andere Speisen nicht zur Verfügung stehen: frouwe, ich sende iu zwelf prôt, schultern unde hammen drî: dâ ligent ähte kæse bî.

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270 271 272

(190, 10 ff.)272

dort stehen, vgl. Edition Reiffenstein (1982), V. 5230 ff. Da Dietrichs Wohnsitz in Flandern liegt, ist die Ortsschilderung kaum realistisch, sondern orientiert sich ganz an den toposartigen Attributen eines literarisch geschilderten ‚angenehmen Ortes‘ (locus amoenus) In dem (in der verwendeten Ausgabe) von Peter Knecht übersetzten Text wiedergegeben als: „Gewaltig knallten da viele rechte Tjosten wie ganze Kastanien, die einer in die Glut geworfen hat.“ Die Wucht und der Lärm der Kampfszenerie, in die die zitierte Stelle eingebunden ist, wird durch Wolfram mit einem akustischen Vergleich wiedergegeben Vgl. Schultz (1889), S. 397 und Heyne (1901), S. 314 f. mit Anm. Vgl. oben Abschnitt 2.1.1.2 Die in der Ausgabe gebotene Übersetzung lautet: „Meine Dame, ich lasse Euch zwölf Brote bringen, drei Schäufele und Schinken, man wird auch acht Laib Käse da-

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Im ‚Rennewart‘ lässt Ulrich von Türheim die edle Dame Gyburg gestehen, dass sie selbst und das Personal ihres Vaters keine guten Köche seien. Sie bittet deshalb Rennewart dringend um Küchendienste und führt dabei an, dass sie in der Pfanne gebackenen Käse besser essen als zubereiten könne: ich sol noch bewisen mit mines vater mannen daz ich kæse in der pfannen kan baz ezzen danne machen.

(V. 2020 ff.)

Bemerkenswert ist, dass Butter, die wegen ihrer recht aufwändigen Herstellung teuer war und Ernst Schubert zufolge „im ganzen Mittelalter zum Herrenessen“ gehörte,273 in den Schilderungen höfischer Tafeln überhaupt nicht erscheint. Werden spezielle Gerichte und deren Besonderheiten kaum ausführlicher beschrieben oder mit Namen genannt, erschließt sich, was die Getränke betrifft, ein anderes Bild. In fast allen Tafelbeschreibungen werden neben den Speisen gleichzeitig Getränke erwähnt. Dies leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass „die scharf gewürtzten Speisen … natürlich gewaltig den Durst [erregten], und das sollten sie auch thun.“274 Auf das Wasser zurückzugreifen, „das hielten schon unsere Vorfahren für despectirlich, und entschlossen sich nur im äussersten Nothfalle dazu; gewöhnlich hatten sie etwas Besseres zu trinken“.275 Auf eine kurze Fomel gebracht, findet sich diese Bewertung im ‚Seifried Helbling‘ wieder, in dem ein ländlicher Gastgeber seine Gattin auffordert: frou, tragt in diu liute wîn! lât wazzer trinken diu swîn!

(I, 345 f.)276

zutun“; zu aht, achte, ächte, ehte (acht) s. Lex. Bd. I (1992), Sp. 29. Merkwürdig ist angesichts der bedrängten Situation der Belagerten, dass die versprochene Lieferung gleichsam ‚vorgezählt‘ wird. Vgl. auch ‚Parzival‘ 184, 7 f.: der zadel fuogte in hungers nôt. sine heten kæse, vleisch noch prôt 273 274 275

276

Schubert (2006), S. 113 Schultz (1889), S. 402 mit Anm. 2 Schultz (1889), S. 402. Dass das Wassertrinken im Hochmittelalter u. a. deshalb vermieden wurde, weil die Wasserqualität oft sehr zu wünschen übrig ließ, geht aus dieser Bewertung nicht hinreichend hervor. Vgl. hierzu näher unten Anhang, Abschnitt VII Übersetzt lautet diese Passage etwa: ‚Frau, tragt den Leuten Wein hinein! Lasst die Schweine (das) Wasser trinken!‘

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Die mit Abstand häufigsten Nennungen beziehen sich denn auch auf den Wein.277 Während meistens nur allgemein der wîn belegt ist, finden sich daneben zuweilen Angaben besonderer Lagen, so beispielsweise des Bozener Weins im ‚Willehalm‘: … dâ von ir süezer schal ist werder dann ob se al den wîn trinke der mac ze Bôtzen sîn.

(136, 8 ff.)278

Als Siegfried im ‚Nibelungenlied‘ seine Reise nach Island antritt, befindet sich unter seinem Proviant auch Rheinwein: Si fuorten rîche spîse, dar zuo vil guoten wîn, den besten, den man kunde vinden umben Rîn. (380, 1 f.) In seinem ‚Renner‘ behauptet Hugo von Trimberg (in einem aus heutiger Sicht sehr bissigen Vergleich mit insgesamt abschätziger Note), dass bayerischer Wein ‚in seiner Jugend‘, also wohl kurz nach dem Keltern, am besten sei: Mir sagte ein priester daz beirisch wîn, Juden und junge wölfelîn Aller beste sîn in der jugent.

(V. 22617 ff.)279

Neben heimischen Lagen werden auch ausländische Weine erwähnt, besonders solche, die aus dem Mittelmeerraum stammen. Wieder einmal ist es Wolfram, der Spezielles aufführt, in seinem ‚Willehalm‘ werden Zypernwein (kipper)280 und ein Wein aus dem griechischen Philippopel, der vinepopel, gleich nebeneinander genannt (vgl. 448, 8).281 Über die Angewohnheit, Weine mit Gewürzen (hier mit Salbei) zu aromatisieren, berichtet Wolfram: 277

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280

281

Eine Auswahl unter vielen bieten ‚Willehalm‘ 91, 1 ff., ‚Parzival‘ 239, 1, ‚Nibelungenlied‘ 1812, 3, ‚Iwein‘ V. 819 und ‚Erec‘ V. 3554 An dieser Stelle spielt auch Wolfram mit dem Nicht-Vorhandenen. Der in der Szene gastgebende Kaufmann fügt sich dem Wunsch Willehalms, der ein Gelübde abgelegt hat und deshalb nur Wasser trinken möchte. Wolfram kommentiert dies mit der Wendung, dass der Gastgeber ihm gibt, wovon die Nachtigall lebt und damit süßer singe als wenn sie Bozener Wein getrunken hätte Zitiert wird nach der Ausgabe von Gustav Ehrismann: Der Renner von Hugo von Trimberg. Mit einem Nachwort und Ergänzungen von Günther Schweikle. Bd. I–IV. (Deutsche Neudrucke. Reihe: Texte des Mittelalters). Berlin 1970, hier: Bd. III Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1579 s.v. Kipper: „die insel Cypern“ bzw. kipper: „wein von Kipper“, vgl. auch Schultz (1889), S. 408, Pieth (1909), S. 28 f. mit weiteren (und nicht durchgehend sicher interpretierten) Belegen sowie Bumke (2005), S. 244 Vgl. Schultz (1889), S. 412; mit einer anderen geographischen Zuordnung Pieth (1909), S. 28

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

wir sulen ouch parrieren den wîn mit guoter salveien

(‚Willehalm‘, 326, 20 f.).

In einer Reihe mit Wein werden auch weitere, auf solche Weise bereitete Weingetränke genannt, so z. B. im ‚Parzival‘: môrâz, wîn, lûtertranc, brâhten juncfrouwen dâ mitten kranc

(423, 17 f.).282

Mit môraz wurde eine Art Bowle aus (angesetzten) Maulbeeren bezeichnet,283 die mit Wein versetzt wurde.284 Der erwähnte lûtertranc tritt auch unter der Bezeichnung clâret auf.285 Er „war mitnichten ein lauteres, ein reines Getränk, sondern ein über Kräuter und Gewürze abgeklärter Wein, wie er schon in der Antike beliebt war. Mit den Zutaten ließ man die Mischung ziehen und preßte sie durch ein Tuch. Niemand hatte etwas gegen Gewürze im Wein, wozu neben den Heilpflanzen Wermut und Salbei der oft mit Absinth versetzte Honig und Beeren zählten. Beliebt sind Honig-, Safran-, Salbei-, Rosen-, Nelkenwein“.286 Dass dieses Getränk kostspielig, geklärt und eher dünnflüssig, durch Würze von merklichem Geschmack, süß und so stark ist, dass es heftig zu Kopfe steigt (es beschwert den Kopf wie Blei), führt Heinrich von dem Türlin in seiner ‚Crône‘ aus.287 An der Tafel von König Artus, an der neben den Rittern auch Damen teilnehmen, geht ein 282

283 284

285

286 287

Hier wird nicht nur die Erlesenheit der Getränke (und folgend noch der Gerichte), sondern auch die Ansehnlichkeit der bedienenden Mädchen hervorgehoben: „Môraz, Wein und Würzwein brachten junge Damen – lauter schmale Taillen –“, Übersetzung zum Text auf S. 427 der verwendeten Ausgabe Vgl. Schultz (1889), S. 412 und Schubert (2006), S. 204 Die von Heyne (1901), S. 353, geäußerte Vermutung, dass es sich bei dem môraz um ein spezifisches Getränk höfischer Kreise gehandelt habe, geht wohl fehl. Er führt für diese Vermutung an, dass dieses Getränk stets in Verbindung mit Wein genannt werde. Dieser war jedoch im Mittelalter – wenn auch in verschiedener Qualität – so verbreitet, dass hieraus kein Schluss auf Exklusivität gezogen werden kann. Zur Bereitung von môraz finden sich auch nähere Angaben (leider ohne Quellenbelege): „Dieses ausgesprochen süße Getränk bestand aus mit Honig vergorenem Maulbeersaft, der zusätzlich noch mit Zimt, Nelken, Kostwurz und Lavendel gewürzt werden konnte“, so Bettina Pferschy: Weinfälschung im Mittelalter, in: Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica. München, 16.–19. September 1986. Teil V. Fingierte Briefe – Frömmigkeit und Fälschung – Realienfälschungen. (MGH. Schriften. Bd. 33.V). Hannover 1988, S. 669–702, hier S. 676 Vgl. Schubert (2006), S. 204; siehe dazu auch ‚Willehalm‘ 177, 4 gepigmentet clâret, und ‚Willehalm‘ 274, 24; vgl. ferner Pferschy (1988), S. 674 f. Schubert (2006), S. 204, vgl. Heyne (1901), S. 369 und Bumke (2005), S. 244 Zu Autor und Werk, auch zu der wohl um 1230 entstandenen ‚Crône‘, vgl. Christoph Cormeau in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 894–899 s.v. Heinrich von dem Türlin

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wundersamer Pokal um, der immer wieder mit clâret gefüllt wird. An Keie gewandt, kommentiert ein Anwesender diesen Trunk: Jch getranch disem chlaret Nie niht geleiches, So tivres vnd so reiches. Trincht ovch ir, ez ist guot. Jch weiz wol, daz ir daz tuot Gar svnder widerstreit. So seht ir wol, ob ich leit Ze rehte kosten chünne. Ez ist louter vnd dünne, Gesmach vnd ræze, Vnd sint sein wæze Süez vnde starch. Es muoz chosten manig march Ditz vil edel pigment. … Dehein houbet ist so veste, Ez muoz bresten da von, Ezn wær sein vol wol gewon. Da von trinchet chleine Wider erst ze mazen seine. Daz rat ich iv, mein her Key, Wan ez swaret sam ein bley Vnd leget sich dem hjrn bey.

(V. 2504 ff.)288

Gelegentlich wird auch der sinôpel erwähnt, so z. B. im ‚Willehalm‘: siropel mit pigmente, klâret und dar zuo môraz, die starken wîne im gevielen baz danne in der küchen daz wazzer.

288

289

(276, 6 ff.)289

Heinrich von dem Türlin. Die Krone (Verse 1–12.281). Nach der Handschrift 2779 der Österreichischen Nationalbibliothek nach Vorarbeiten von Alfred Ebenbauer, Klaus Zatloukal und Horst P. Pütz. Herausgegeben von Fritz Peter Knapp und Manuela Niesner. (ATB. Nr. 112). Tübingen 2000 Vgl. dazu auch ‚Parzival‘ 809, 29. Im ‚Rennewart‘ nennt Ulrich von Türheim auf einer fürstlichen Tafel neben win, met, lutertranc und claret ausdrücklich auch den roten syroppel, möglicherweise eine Anleihe bei Wolframs ‚Willehalm‘, vgl. ‚Rennewart‘ V. 4735ff.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Hergestellt wurde er offenbar auf die gleiche Weise wie der lûtertranc oder clâret, nur wurde bei seiner Bereitung wohl ausschließlich Rotwein verwendet.290 Derartige Veränderungen des Weinaromas dürften nicht nur – auf heute fremd wirkende – geschmackliche Besonderheiten mittelalterlicher Verbraucher zurückzuführen sein, sondern waren infolge qualitativer Mängel wohl oftmals vonnöten, um sie überhaupt erst genießbar oder zumindest wohlschmeckend zu zu machen.291 Dass Wein als ein klares Getränk mit bestimmten, auch stabil leistbaren Qualitätsansprüchen ebenso wie die ‚Weinromantik‘ neuzeitlichem Verständnis entsprechen und damit eine geschichtlich recht junge Errungenschaft sind, hat Ernst Schubert ausführlich dargestellt.292 So dürfte zutreffen, was ein Mönch im Mittelalter über den Wein seiner Zeit zu berichten wusste: „Ich habe zuweilen gesehen, dass so trüber Wein den Grossen vorgesetzt wurde, dass er nur mit geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen, mit Schauder und Widerstreben, eher geseiht als getrunken werden musste.“293 Der Met,294 ein aus einem Honig-Wasser-Gemisch vergorenes, daher schwach alkoholisches Getränk, wird neben Weinen im ‚Nibelungenlied‘ gesondert aufgeführt: man schancte den gesunden

met und guoten wîn. (252, 3)295

In der höfischen Literatur wird der Met nicht oft genannt. Dieser Umstand wurde damit erklärt, dass er „volksmässig“296 und dementsprechend für die 290

291 292

293

294

295 296

Heyne (1901), S. 370, führt diese Bezeichnung auf eine Verzerrung des mlat. cinnabaris ‚zinnoberrot‘ zurück. Auch Bumke spricht von Rotwein als Basis, hält den sinôpel jedoch für französischen Ursprungs, vgl. Bumke (2005), S. 244 f. Vgl. ausführlicher Pferschy (1988), S. 669 ff. Vgl. Schubert (2006), S. 169 ff., knapp, in der Tendenz jedoch ähnlich, bereits Schultz (1889), S. 412 Schultz (1889), S. 414 f., vgl. auch Bumke (2005), S. 244, der die heimischen Weine als in dieser Zeit „meistens sehr sauer“ bezeichnet Vgl. ausführlicher Heyne (1901), S. 334 ff. mit Angaben zu Herstellung und Gehalt dieses Getränkes; eine frühe Abhandlung bietet Wilhelm Wackernagel: METE BIER WÎN LÎT LU˚TERTRANC, in: ZfdA 6 (1848), S. 261–280, bes. S. 262 ff., vgl. auch den Beitrag von I. Schneider zu Met unter dem Stichwort „Getränke“ in: RGA Bd. 12 (1998), S. 1–4, hier: S. 1 f. sowie Adam Maurizio: Geschichte der gegorenen Getränke. Neudruck der Ausgabe von 1933. Vaduz 1993, bes. S. 42 ff. mit Erklärungen zu Ingredienzien, deren Mischungsverhältnis, den Gärungsprozess und den Alkoholgehalt des Metes Weitere Belege aus dem ‚Nibelungenlied‘ sind 968, 2 und 1187, 3 So Wackernagel (1848), S. 263

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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ritterliche Tafel ungeeignet gewesen sei.297 Gegen eine solche Bewertung sprechen literarische Belege, in denen Met neben Wein und anderen ‚feinen‘ Getränken auf königlichen Tafeln erwähnt wird, so z. B. in dem im frühen 13. Jahrhundert entstandenen ‚Lanzelet‘ Ulrichs von Zatzikhoven:298 der künic Artûs liez in geben lûtertranc, met unde wîn, wan er kunde wol wirt sîn

(V. 8602 ff.)299

oder im ‚Rennewart‘ des Ulrich von Türheim: man sach da nieman trinken pier, man trank da win und claret, syropel g˚ut und suzen met.

(V. 32230 ff.)300

Demnach war es eher das Bier, das nach dem zeitgenössischen Verständnis nicht auf eine höfische Tafel passte. Was seinerzeit als ‚Bier‘ bezeichnet wurde, besaß nämlich überwiegend eine ausgesprochen mäßige Qualität.301 In Hartmanns ‚Iwein‘ findet sich eine Redepassage, in der sich Keie mit spitzer Zunge über den Alkoholgehalt des Bieres – wenn vielleicht auch etwas übertrieben – auslässt, den er als ausgesprochen ‚unergiebig‘ darstellt:

297 298

299

300 301

In diesem Sinne auch Heyne (1901), S. 337 Zu Autor und Werk vgl. unter dem Stichwort Ulrich von Zatzikhoven Isolde Neugart in: VL Bd. 10 (1999), Sp. 61–68 Zitiert wird nach der Ausgabe Ulrich von Zatzikhoven. Lanzelet. Herausgegeben von Florian Kragl. Bd. 1. Text und Übersetzung. Berlin/New York 2006 In V. 32232 befindet sich im Text bei suzen ein e über dem u Die Kunst des Bierbrauens im heutigen Verständnis ist im Wesentlichen eine Errungenschaft aus dem 14. Jh. Alle vorherigen ‚Biere‘ waren mehr oder weniger alkoholhaltige, trübe und schnell vergorene Getreideaufgüsse, die sich auch nur für kurze Zeit hielten, vgl. Maurizio (1993), S. 105ff., S. 112 ff. und 131 ff. – Bekannt war im Hochmittelalter lediglich die sog. obergärige Brauweise, bei der die Rückstände der (zur Gärung nicht eigens zugesetzten) Hefe beim Gärvorgang nach oben aufstiegen. Bier wurde nicht nur aus Gerste, sondern auch aus Weizen, Spelt und Hafer hergestellt, statt Hopfen setzte man ihm im westdeutschen Raum die sog. ‚Grut‘ als Geschmacksgeber zu, eine Würzmischung, die Kümmel, Anis, Harz, Lorbeer, Ingwer und Seselkraut (weißer Enzian) enthalten konnte. Im niederländisch-norddeutschen Raum war Porsch oder Porst als Würzmischung üblich, hergestellt auf Basis von wildem Rosmarin und dem Gagelstrauch, vgl. ausführlich Wolfgang Herborn: Römerbier, Grutbier, Hopfenbier, in: Fritz Langensiepen (Hg.): Bierkultur an Rhein und Maas. Bonn 1998, S. 195–218

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

wînes ein becher vol der gît, daz sî iu geseit, mêre rede und manheit dan vierzec unde viere mit wazzer oder biere.

(V. 818 ff.)302

Damit würde verständlich, dass Bier eher gemieden wird, sobald andere Getränke gereicht werden. Dies wird auch im ‚Parzival‘ so dargestellt, wo es heißt: wan dâ trinket niemen bier, si hânt wîns und spîse vil.

(201, 6 f.)

Bei den dichterischen Beschreibungen dessen, was auf die ritterlichen Tafeln getragen wurde, wird insgesamt merkwürdig ungleichgewichtig verfahren. Wenn es um das Fleisch von größeren Haus- und von Wildtieren geht, werden formelhafte Sammelbezeichnungen verwendet (wilt unde zam), die in kaum einer Tafelszene fehlen. Nirgendwo wird erwähnt, dass es das zartere Fleisch von Kalb, Lamm oder eines Spanferkels gegeben habe. Wichtiger als derartige Details scheint gewesen zu sein, dass sowohl Hausals auch Wildtierfleisch angeboten wurden, damit Fleisch verschiedener Herkunft und mit deutlichem Hinweis auf die standesgemäße Hochwildjagd. Bemerkenswert ist, dass dieses Muster bei anderen Tieren, aus denen Speisen bereitet wurden, des öfteren durchbrochen wird. Zwar werden neben dem Fleisch von Haus- und Wildtieren auch Vögel und Fische oft nur generell erwähnt,303 doch werden bei den Vögeln und den Fischen auch genauere Unterscheidungen gemacht. An Haustieren begegnet nur das Huhn (auch als Kapaun), Gans, Ente und Taube fehlen. Der gelegentlich genannte Pfau ist schwer einzuordnen, er sollte – wenn überhaupt – zum Hausgeflügel gerechnet werden, da er endemisch, in freier Wildbahn nicht vorkam und sicher ein besonders repräsentatives Zuchtobjekt darstellte. 302

303

Übersetzt etwa: ‚Ein Becher voll Wein, der bewirkt – das lasst euch sagen –, dass die Zunge lockerer wird und man selbst ,männlicher’ als wenn man vierundvierzig Becher mit Wasser oder Bier getrunken hätte‘ So in der ‚Krone‘ Heinrichs von dem Türlin: Er hiesz ir mit eren pflegen Zu bett vnd zú tisch. Húnre vnd visch, Zam vnd wiltpret: Mit michelem rat Hielt er sie mit dem ezzen.

(V. 20326 ff.)

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Die Palette von erwähnten Wildvögeln hingegen ist bunter: Fasan, Reiher, Rebhuhn, ferner auch Schwan sowie Singvögel. Besonders Wolfram belässt es zuweilen nicht bei der Bemerkung, dass guote vische (verschiedener Sorten?) aufgetragen wurden, sondern nennt speziell Neunaugen und Salme (Lachse). Bei vielen Tafelszenen fällt auf, dass, wenn nicht nur allgemein von guoter spîse (genuoc) die Rede ist, sich ergänzende, paarweise Nennungen gewählt werden, um die Vielfalt und Fülle der Tafel hervorzuheben: Fleisch von Haus- und von Wildtieren, Fleisch und Fisch, Vögel und Fische (im ‚Rennewart‘ auch Hühner und Fische, vgl. V. 4716), sogar ‚Tiere und Vögel‘ (vgl. ‚Rennewart‘, V. 32225). Gelegentlich wird auch zwischen getrockneten und frischen Grundstoffen unterschieden, so in der bereits erwähnten Passage aus Strickers ‚Daniel von dem Blühenden Tal‘(vgl. oben S. 91). Bei Getränken wird, wie die zuvor angeführten Stellen ausweisen, entsprechend verfahren, oft werden auch Speisen und Getränke als ‚aufgetragenes Doppel‘ genannt (vgl. z. B. ‚Wolfdietrich‘, 163, 4 und ‚Daniel von dem Blühenden Tal‘, V. 2421 f.). Dem gleichen Ziel dienen die Erwähnungen verschiedener Zubereitungsarten von Speisen wie auch des Zustands, in dem sie bei Tisch gereicht werden. Auch hier überwiegen paarweise Nennungen, etwa gebratene und gekochte Speisen bzw. Fleisch- oder Fischsorten, und auch heiße und kalte Speisen, frisch zubereitete und ‚alte‘, ggf. aufgewärmte und neu angemachte Gerichte werden erwähnt, so bei einer Gralsmahlzeit der Artusrunde im ‚Parzival‘: daz er al bereite vant spîse warm, spîse kalt, spîse niwe unt dar zuo alt, daz zam unt daz wilde.

(238, 14 ff.)304

Ausdrückliche Hinweise auf besondere Rezepte oder Bezeichnungen spezieller Gerichte (wie etwa ‚Coq au vin‘/‚Huhn in Wein‘ oder ‚Zwiebelrostbraten‘) sucht man bei Tafel- oder Küchenszenen – mit seltenen Ausnahmen bei Wolfram305 – vergebens.

304

305

In der an dieser Stelle teils recht freien neuhochdeutschen Übersetzung – mit vorhergehenden Zeilen – so wiedergegeben: „daß also, sage ich, dort alles zu finden war, wonach einer nur die Hand ausstrecken mochte, schon war es da: warme Speisen, kalte Speisen, neue Speisen und dazu noch alte Speisen, von den Feldern, aus den Wäldern“ (Übersetzung auf S. 242 der zitierten Ausgabe) Erwähnt wurden bereits die ‚Truhendinger Krapfen‘, vgl. oben S. 98 f. mit Anm. 263

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Oft wird erwähnt, dass verschiedene Gerichte oder Gänge auf eine Tafel kommen oder sich auf ihr angerichtet finden (gerihte, auch trahte).306 Elisabeth Vavra ist überzeugt, dass die verschiedenen Speisen bei einem Festmahl nacheinander aufgetragen wurden: „Bedient wurde nach ‚französischer Art‘. Es gab mehrere Gänge, je nach Bedeutung des Mahles, der geladenen Gäste und des Gastgebers; die Gänge bestanden wiederum aus unterschiedlichen Speisen: Nebeneinander wurden Fleisch- und Fischgerichte, vegetarische Speisen oder Zuspeisen gereicht.“307 Die fast durchweg kurzen Passagen, die höfische oder erlesene Tafelszenen schildern, lassen keinen Schluss darauf zu, ob diese Aussage zutrifft. Zwar werden Truchsessen und Bedienung bei Tisch immer wieder erwähnt, auch, dass sie Speisen auftragen (lassen), nicht aber, dass Gerichte bei einer aufwändigen Tafelei zwischendurch abgetragen und durch andere ersetzt worden wären. Für ein zeitliches Nacheinander des Auf- und Abtragens verschiedener Gänge und damit für eine bewusste Trennung etwa von kleineren Vorspeisen, Zwischengängen und Hauptgerichten gibt es in den hier beigezogenen poetischen Quellen keine Belege. Wenn eine derartige ‚kulinarische Dramaturgie‘, wie sie in der gehobenen Küche heute üblich ist, zu den höfischen Gepflogenheiten des Hochmittelalters gehört hätte, müsste sie besonders in den höfischen Epen, die regelmäßig auf eine angemessene Etikette abheben, eigentlich auch benannt worden sein. Eben dies ist jedoch nicht der Fall. Eine mehrfach geräumte, jeweils nur auf spezielle Gänge konzentrierte Tafel hätte wohl auch kaum der zeitgnössischen Vorstellung von einem 306

307

In den meisten Fällen wird dies durch die gleichzeitige Aufzählung verschiedener Fleischlieferanten (Haus- und Wildtiere), dazu noch Vögel und/oder Fisch wiedergegeben, die es auf einer Tafel gab, so. z. B. im ‚Parzival‘ 238, 14 ff., 423, 16 ff. und ‚Willehalm‘ 133, 11 ff. Es finden sich jedoch auch zusammenfassende Bezeichnungen wie manigerhand kost (vielerlei Kost, ‚Die Krone‘, V. 13096), vil spîse (reichhaltiges Speiseangebot/viel Essen) aus verschiedenen, bezeichneten Herkunftsländern und auch Getränke maneger slahte (vielerlei Art, ‚Willehalm‘, 447, 11 ff.), die êrsten traht (die ersten aufgetragenen Speisen/Gerichte) und spîse maneger hande (verschiedene Arten von Speisen, ‚Helmbrecht‘, V. 863 und V. 888) oder Unsagbarkeitsformeln, in denen die Gerichte sowie die gereichten Getränke als unzählbar oder unbeschreiblich angegeben werden (‚Eneasroman‘, 32, 1 f.). Indirekte Wendungen, aus denen auf verschiedene Gerichte geschlossen werden kann, finden sich z. B. in Strickers ‚Daniel von dem Blühenden Tal‘ V. 2420 ff. und V. 6535 ff. Zu den hier aufgeführten mhd. Begriffen vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1170 ff. s.v. hant, bes. Sp. 1772 mit der Übersetzung „art, sorte“ für Wendungen wie manager hande, welher hande, aller hande, Lex. Bd. II (1992), Sp. 961 s.v. slahte, slaht: „gattung, art, -lei“ (im Sinne von vielerlei, mancherlei) sowie in demselben Band Sp. 1493 f. s.v. trahte, traht: „aufgetragene speise, gericht“ Vavra (2008), S. 297

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Festmahl entsprochen. So sehr, wie in den Schilderungen höfischer Tafeleien Wert darauf gelegt wird, dass sie durch Fülle, Üppigkeit, Vielzahl und Verschiedenheit der aufgetragenen Speisen und Getränke gekennzeichnet sind, spricht einiges dafür, dass die höfischen Festtafeln zwar in einem zeitlichen Nacheinander immer wieder zusätzlich bestückt und ergänzt, nicht jedoch gleichzeitig auch wieder reduziert oder auch mehrfach neu arrangiert wurden. Repräsentiert wurde durch Reichtum und Fülle, nicht durch die heute als edel empfundene Beschränkung oder Konzentration. Insofern dürfte die Idee einer gelungenen Tafelei im höfischen Ambiente des Hochmittelalters eher durch ‚sich biegende Tische‘ getroffen werden als durch zwar jeweils edle und kunstvolle, jedoch schon rein visuell aufgeräumtere oder reduziertere Arrangements einzelner Gangfolgen. Abschließend ist bemerkenswert, dass Geschmack allgemein und insbesondere geschmackliche Feinheiten in literarischen Schilderungen von Festmählern keine Rolle spielen. Wie bereits oben am Beispiel von Gewürzen skizziert, geht es durchweg um möglichst große Mengen des Verbrauchs, nicht aber um Raffinesse oder Charakteristik ihres Einsatzes bei bestimmten Speisen oder auch Getränken. Wenn von Geschmacksrichtungen die Rede ist, dann geschieht dies oft in Verbindung mit bestimmten Nahrungsmitteln, die – auch ohne zusätzliche Charakterisierung – stellvertretend für eine Geschmacksrichtung stehen können: Wein, Met oder Honig (süß), Bier (sauer), Essig (bitter) oder Senf (scharf, beißend). Derartige Beispiele finden sich nicht nur, aber besonders auch in Sprachspielereien oder sprichwörtlichen Wendungen, so z. B. bei Konrad von Würzburg im ‚Engelhard‘. Der heftig verliebte Engelhard hatte ein Stelldichein mit seiner Angebeteten, Engeltrut. Er wird deshalb vom missgünstigen Ritschier, der die Szene beobachtete, bei Engeltruts Vater angezeigt. Zur Rede gestellt, leugnet Engelhard, sich Engeltrut genähert zu haben. Ritschier entgegnet mit folgenden Worten, dass dies eine böse Täuschung sei: ‚waz touc diu rede?‘ sprach Ritschier. ‚gegen dem mete sûrez bier hât ir geschenket mîme neven und umb den süezen wîn von Cleven apfeltranc vil bitter.‘

308

(V. 3891 ff.)308

Edition Reiffenstein (1982); übersetzt etwa: ‚Was ist diese Aussage wert?‘, fragte Ritschier, ‚wenn mein Neffe ihr statt Met saures Bier ausgeschenkt hat und statt des süßen Weins von Kleve sehr bitteren Apfelsaft‘. Ritschier will dadurch hervorheben, dass Engeltrut für eine Schäferstunde einen hohen Preis zahlt, denn sie sei dadurch entehrt

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Merkwürdig bleibt, dass geschmackliche Fragen ausgeklammert bleiben, wenn es um die viel(seitig)en Gerichte geht, die angeblich auf die höfischen Tafeln getragen wurden. Eine mögliche Erklärung lautet: „Der Wahrnehmungsraum des Schmeckens tritt für die Semiotik der Herrschaft im Feld der sensorischen Statusdemonstration wahrscheinlich so weitgehend zurück, weil er tatsächlich begrenzt bleibt.“309 2.2.4 Tischzuchten In den aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammenden poetischen Texten wird vielfach höveschez oder besonders vorbildliches Verhalten einzelner Personen, auch ganzer Gruppen hervorgehoben. Auf vornehme, ausgewählte Sitte und feinen Anstand zielende Handlungen werden auch bei ihrem Verhalten bei Tisch beschrieben.310 309

Wenzel (1995), S. 179. Hingewiesen wird dort auch auf das ‚Herzmaere‘ Konrads von Würzburg, in dem der köstliche Geschmack einer Speise ausdrücklich erwähnt wird. Im Rahmen der hier verfolgten Fragen spielt dieses Beispiel jedoch keine Rolle, denn es ist in hohem Maße von Symbolik durchdrungen und stellt daher kaum ein ‚echtes‘ Beispiel für eine geschmacklich herausragende Speise dar: Ein Ritter macht einer verheirateten Dame den Hof. Sie erwidert seine Zuneigung. Ihr Gatte entdeckt dies und droht beiden. Der Ritter verlässt das Land, in der Ferne stirbt er an gebrochenem Herzen, nicht ohne vorher seinem Knappen aufgetragen zu haben, sein Herz nach seinem Tod einbalsamieren zu lassen und seiner Angebeteten zu überbringen. Der Knappe macht sich auf und wird kurz vor seinem Ziel von dem bösen Gatten angehalten, der sich des Herzens bemächtigt und daheim die Küche anweist, es für seine Frau besonders fein zuzubereiten und ihr vorzusetzen. daz jamerlîche trehtelîn sô süeze dûhte ir werden munt daz si dâ vor ze keiner stunt nie deheiner spîse gaz der smac ir ie geviele baz.

310

(V. 434 ff.)

„Die beklagenswerte kleine Mahlzeit schmeckte der Edlen so köstlich, daß sie nie zuvor eine Speise gegessen hatte, die ihr besser gemundet hätte“, zit. nach Edition Schröder mit der Übersetzung von Heinz Rölleke (1968). „Das Schmecken des Herzens ist hier zugleich eine Vereinigung, eine Form der Vollendung, die konsequent dazu führt, daß die frouwe mit dem Wissen um diese Vereinigung keine Nahrung mehr zu sich nimmt und ihrem Geliebten in den Tod nachfolgt“, Wenzel (1995), S. 179 So bedankt sich der Ritter Iwein gesittet bei einem Mädchen, das ihm Speisen aufträgt (‚Iwein‘, V. 1218), und auch die Erwähnungen über das Händewaschen gehören hierher. Bemerkenswert ist jedoch, dass Kommentare über das freigebige und aufmerksame Verhalten des Gastgebers sehr häufig anzutreffen sind, während direkte Äußerungen über ein sittsames Verhalten der Tafelnden nur selten vorkommen (vgl.

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Freilich finden sich dabei konkrete Kriterien dessen, was als angemessenes oder ‚höfisches‘ Verhalten galt, selten genannt. Eine diesbezüglich aufschlussreiche Quellengattung stellt die mittelalterliche sog. ‚Tischzuchtenliteratur‘ dar. In ihr finden sich konkrete Handlungsanweisungen in Form von Ge- oder Verboten aufgeführt, die den Aufgabenbereich des aufmerksamen und ‚korrekten‘ Gastgebers und besonders das gewünschte Verhalten eines vornehmen Teilnehmerkreises an höfischen Mählern festlegten.311 Angeregt durch das Interesse an den im Mittelalter als vorbildlich (weil als weiter entwickelt) geltenden romanischen Kulturinhalten312 und auch durch die u. a. während der Kreuzzüge zustande gekommene Berührung mit arabischer Kultur313 wurde seit dem 12. und besonders im 13. Jahrhundert eine Reihe von lehrhaften Schriften zur Regelung verschiedenster sozialer Verhaltensweisen verfasst, die das ganze späte Mittelalter hindurch eine rege Verbreitung fanden.314 An lateinisch verfassten Benimm-Büchlein

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hierzu die bereits erwähnte Koralus-Episode aus Hartmanns ‚Erec‘, oben S. 30 ff.). Ein typisches Beispiel bietet die Szene, in der in Gottfrieds ‚Tristan‘ der edle Rual an König Markes Hof kommt, eingekleidet und an die Tafel gebeten wird. Markes Vorzüge als Gastgeber werden betont, während Rual sich zwar gern einladen und beköstigen lässt, seine Aufmerksamkeit während des Essens jedoch ganz und gar Tristan (und nicht etwa den Speisen oder einem besonders würdigen Benehmen) zuwendet, vgl. V. 4095 ff. Ausführlichere Angaben zum Thema finden sich bei Dieter Harmening in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 941–947 s.v. Tischzuchten; Paul Merker: Die Tischzuchtenliteratur des 12. bis 16. Jahrhunderts. (Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Vaterländischer Sprache und Altertümer in Leipzig. Bd. 11,1). Leipzig 1913, bes. S. 1–13; Thomas Perry Thornton (Hg.): Höfische Tischzuchten. (Texte des späten Mittelalters 4). Berlin 1957, bes. S. 7–12; Karl Bartsch: Die Formen geselligen Lebens im Mittelalter, in: ders.: Gesammelte Vorträge und Aufsätze. Freiburg/Tübingen 1883, S. 221–249, bes. S. 228 ff. Vgl. Bartsch (1883), S. 223 und passim So gesehen von Thornton (1957), S. 8 f.; vgl. auch Klaus Düwel: Über Nahrungsgewohnheiten und Tischzuchten des Mittelalters, in: Bernd Herrmann (Hg.): Umwelt in der Geschichte. Beiträge zur Umweltgeschichte. (Kleine Vandenhoeck-Reihe; 1544). Göttingen 1989, S. 129–149, hier: S. 134; vgl. auch Anita Homolka: Zück die Finger und iß: ein Streifzug durch die Geschichte unserer Tischsitten von den alten Ägyptern bis heute. Frankfurt/M. 1989, S. 54 ff. Vgl. Edition Thornton (1957), S. 9 ff. Dies belegen immer wieder erfolgte Textkopien, die auf ein gesteigertes Interesse an diesem Schrifttum schließen lassen. Dabei zitierten/kopierten sich Verfasser bevorzugt auch wechselseitig. Problematisch ist es jedoch, die Rezeptionsintensität grundlegend anhand der Zahl überlieferter Handschriften mit ‚didaktischen‘ Texten festmachen zu wollen, wie es Gustav Ehrismann im Schlussband seiner das Mittelalter beleuchtenden Literaturgeschichte vornimmt, vgl. ders.: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. Zweiter Teil: Die mittelhochdeutsche Literatur. (Handbuch des deut-

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sind vor allem die schon seit der Spätantike verbreiteten ‚Disticha Catonis‘315 zu nennen, ebenso wie die immer wieder kopierte ‚Disciplina Clericalis‘ des Petrus Alfonsi vom Beginn des 12. Jahrhunderts,316 gefolgt von dem schon vor 1200 im Umlauf befindlichen sog. ‚Facetus‘.317 Einige der durch diese Werke vorgegebenen Verhaltensregeln wurden in ‚Freidanks Bescheidenheit‘318 ins Mittelhochdeutsche übertragen, eine Gesamtübersetzung dieser Schriften liegt erst aus dem Spätmittelalter und besonders aus Inkunabeldrucken vor.319 Eine möglicherweise zu Unrecht unter dem Namen des Dichters Tannhäuser überlieferte ‚Hofzucht‘ aus der Mitte des 13. Jahrhunderts enthält ausführliche Verhaltensregeln bei Tisch,320 ebenso wie die wohl etwa um

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schen Unterrichts an höheren Schulen, Bd. 6. Teil 2,2). München 1935, S. 311. Für eine solche Annahme sprechen die heute noch vorhandenen oder nachweisbaren Denkmäler, gegen sie die Ungewissheit, in welchem Maße die heute bekannten Handschriften tatsächlich die Rezeptionsgewohnheiten früherer Zeiten repräsentieren, da viele Handschriften im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Da sie ihre Überlieferung oft dem Zufall verdanken, dürfte ihr statistischer Aussagewert zur Frage einer Rekonstruktion mittelalterlicher ‚Bestseller-Listen‘ wohl begrenzt sein Vgl. dazu P. Kesting, ‚Cato‘, in: VL Bd. 1 (1978), Sp. 1192 ff. Teilweise abgedruckt bei Thornton (1957), S. 13; vgl. dort auch S. 73. Der mittellateinische Originaltext ist in folgender Ausgabe erreichbar: Die Disciplina Clericalis des Petrus Alfonsi (das älteste Novellenbuch des Mittelalters) nach allen bekannten Handschriften herausgegeben von Alfons Hilka und Werner Söderhjelm. Kleine Ausgabe. (Sammlung mittellateinischer Texte. Bd. 1). Heidelberg 1911 Vgl. dazu den Artikel unter diesem Stichwort von Rüdiger Schnell im VL Bd. 2 (1980), Sp. 700–704; vgl. auch K. Düwel, in: RGA Bd. 7 (1989), S. 579–586, hier: S. 582 f. s.v. Eßsitten sowie Bumke (2005), S. 267 f. Vgl. Freidanks Bescheidenheit. Mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch. Herausgegeben von Wolfgang Spiewok. (Wodan. Vol. 61. Serie 1. Texte des Mittelalters. Bd. 15). Greifswald 1996 Vgl. dazu die Einleitung von Carl Schröder (Hg.): Der deutsche Facetus. (Palaestra 86). Berlin 1911 und die bei Thornton (1957), S. 14–19 abgedruckten Textproben aus dem ‚Facetus‘ Abgedruckt u. a. in der Erstausgabe von Moriz Haupt, Tannhäusers Hofzucht, in: ZfDA (1848), S. 488–496 (nach dieser Ausgabe wird zitiert) und bei Thornton (1957), S. 38–45. Zweifel an der Autorschaft Tannhäusers äußerte erstmals Moritz Geyer in seiner Sammlung ‚Altdeutsche Tischzuchten‘ (Altenburg 1882). Die folgende Diskussion hat hinsichtlich der Verfasserschaft eine eindeutige Entscheidung nicht erbringen können, vgl. dazu Johannes Siebert: Der Dichter Tannhäuser. Leben – Gedichte – Sage. Halle/S. 1934, S. 203 f., Thornton (1957), S. 74; Joachim Bumke sprach sich in dubio pro autore aus, vgl. Tannhäusers ‚Hofzucht‘, in: Ulrich Ernst/Bernhard Sowinski (Hg.): Architectura poetica. Festschrift für Johannes Rathofer zum 65. Geburtstag. (Kölner germanistische Studien. Bd. 30). Köln/Wien 1990, S. 189–205, hier: S. 203 f., in derselben Richtung B. Wachinger unter dem Stichwort ‚Tannhäuser‘ in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 600–610, hier bes. Sp. 606

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1280 entstandene ‚pädagogische‘ Schrift Konrads von Haslau, der ‚Jüngling‘.321 Während einige dieser Werke möglicherweise allgemein auf alle gesellschaftlichen Gruppen wirken sollten,322 befasst sich Thomasin von Zirclaere, wohl Domherr in Aquileja,323 am Beginn seines zwischen Sittenlehre und Erziehungskompendium angelegten ‚Welschen Gastes‘ über längere Passagen hin mit höfischem Verhalten, auch demjenigen bei Tisch. Einige seiner Ausführungen mögen Eindrücke dessen vermitteln, was an den Tafeln vornehmer Haushalte als schicklich und was als unziemlich galt. Für alle Teilnehmer an einer Tafel werden Wohlerzogenheit und gute Manieren bei Tisch gefordert: Man sol sich zem tische vast bewarn, der nâch rechte will gebârn, dâ hoeret grôziu zuht zuo.

(V. 471 ff.)

Für den Gastgeber wird die Empfehlung gegeben, aufmerksam Acht darauf zu geben, dass alle Gäste gut (= reichlich und angemessen) versorgt sind: ein iegelîch biderb wirt der tuo war ob si alle habent genuoc.

321

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323

324

(V. 474 f.)324

Zitiert wird nach Konrad von Haslau. Der Jüngling. Nach der Heidelberger Hs. Cpg. 341 mit den Lesarten der Leipziger Hs. 946 und der Kalocsaer Hs. (Cod. Bodmer 72). Herausgegeben von Walter Tauber. (ATB. Nr. 97). Tübingen 1984, zur Datierung vgl. S. IX; fragmentarisch abgedruckt ist der Text auch bei Thornton (1957), S. 62–64, vgl. auch Ehrismann (1935), S. 330 Vgl. Gustav Ehrismann: Die frühmittelhochdeutsche didaktische Literatur als Gesellschaftsethik, in: Hans Teske (Hg.): Deutschkundliches. Friedrich Panzer zum 60. Geburtstage überreicht von seinen Heidelberger Fachgenossen. (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. N.F. 16). Heidelberg 1930, S. 37–43, hier: 38 f.; dagegen: Thornton (1957), S. 11: „Es darf jedoch nicht behauptet werden, daß die Höflichkeit … einen tiefergehenden Einfluß auf die niedrigen Schichten oder gar einen großen Teil der deutschen Gesellschaft hatte.“ Eva Willms führt an, dass dies durchaus nicht gesichert sei, vgl. Thomasin von Zerklaere. Der Welsche Gast. Ausgewählt, eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eva Willms. Berlin/New York 2004, S. 3 mit Anm. 12; nach dieser Ausgabe wird zitiert; vgl. zu Autor und Werk Christoph Cormeau s.v. Thomasin von Zerklaere in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 896–902 Ein eher zurückhaltendes oder gar unzureichendes Angebot an Speisen und Getränken ziemt sich für den vornehmen Gastgeber nicht, weil festliche Stimmung und Kurzweil darunter leiden würden, so in der Tannhäuserschen ‚Hofzucht‘, V. 209 ff.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Weiter sollte er im Verlauf eines Gastmahls in die Runde schauen und prüfen, ob ein Gast irgendeine der angebotenen Speisen ablehnt oder unangetastet lässt. Diese Speise soll auch der Gastgeber nicht zu sich nehmen: der wirt sol ouch der spîse enpern der sîn geste niht engern, diu in ist ungemeine.

(V. 511 ff.)

Er hat auch dafür zu sorgen, dass nach dem Abschluss eines Mahles (oder sogar eines Ganges?) Wasser zum Reinigen der Hände bereit steht: der wirt nâch dem ezzen sol daz wazzer geben, daz stât wol.

(V. 519 f.)

Eine offene Aufnahme des Gastes und eine in jeder Hinsicht zuvorkommende Gastfreundschaft sind ohnehin obligatorisch. Zu den Pflichten des Gastgebers gehört auch eine ausgewogene Platzierung der Gäste. Sie wird in mehreren Werken der erzählenden Dichtung geschildert.325 Eine besondere Wertschätzung des Gastes bedeutet es, wenn er seinen Platz direkt neben dem Gastgeber zugewiesen bekommt.326 Wie protokollarisch bei großen Empfängen noch heute üblich, war es wichtig, die Sitzordnung der Gäste auf ihre gesellschaftliche Stellung hin auszurichten. Dies wird z. B. in Wolframs ‚Willehalm‘ aufgenommen, in dem der gastgebende König seine Bediensteten anweist: seht wie ir mîne werde man wol setzet, unde nemet des war daz ir dise und die (hôhen) gar 325

Vgl. z.B. die ‚Kindheit Jesu‘ Konrads von Fußesbrunnen, in der die Anordnung der Tafel, das Verhalten von Gästen und Bediensteten geschildert und auch daran gedacht wird, dass die Gäste untereinander maezlîche[n] wîte saßen, so dass die sich beim Essen nicht wechselseitig behinderten. Auch der Tisch und die darauf angerichteten Speisen sind so platziert, dass ein maßvoller Abstand gehalten wird bzw. werden kann: ich sage iu, wie si sâzen, die mit ein ander âzen: sine sâzen niht besîte, eine mæzlîche wîte liezen si, als ich bewîset bin, daz die schuzzel zwischen in hêten stat genuoge.

326

(V. 2411 ff.)

Zitiert wird nach der Ausgabe von Hans Fromm/Klaus Grubmüller (Hg.): Konrad von Fußesbrunnen. Die Kindheit Jesu. Berlin/New York 1973 Vgl. z. B. Graf Rudolf. Herausgegeben von Peter F. Ganz. (Philologische Studien und Quellen. Heft 19). Berlin 1964, D15; vgl. auch Wolframs ‚Willehalm‘, 312, 6 ff.

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

setzet nâch mînen êren: ir sult iuch selbe lêren.

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(173, 20 ff.)

Wenig bis nichts erfahren wir hinsichtlich der Frage, ob Damen und Herren an vornehmen Tafeln üblicherweise gemeinsam oder getrennt speisten. Die Tischzuchten geben hierzu keine eindeutigen Hinweise.327 In der Epik gibt es neben reinen ‚Herrenrunden‘ (vgl. ‚Nibelungenlied‘, Str. 1610 ff.) Tafelszenen, bei denen Damen und Ritter in bunter Reihung am Tisch sitzen (‚Willehalm‘, 263, 7 ff.). Andernorts werden die Damen erst während des Mahles herbeigerufen (so im ‚Rother‘, V. 1815 ff. und in ‚Diu Crone‘, V. 1194 ff.).328 Deutlich sind hingegen die Hinweise der Tischzucht darauf, dass die Gäste an einer vornehmen Tafel jeweils Zweiergruppen bildeten. Dies dürfte darin begründet liegen, dass man sich Speisen und Tafelgerät wohl jeweils vor zwei Gästen in der Form angerichtet vorstellte, dass sich diese gemeinsam aus ihnen bedienen konnten. So jedenfalls legen es die Formulierungen im ‚Welschen Gast‘ nahe, denen zufolge Rücksicht und Aufmerksamkeit stets nur auf einen Tischgenossen (geselle, vgl. V. 491 u. ö.) bezogen sind. Die Vorstellung, dass die Gäste an einer runden oder langen Tafel sich offenbar jeweils um ihre(n) anderen Tischnachbarn nicht kümmerten, mutet aus heutiger Sicht seltsam (und nicht eben ‚höflich‘) an.329 Für den Gastgeber wie für den Gast sieht der ‚Welsche Gast‘ folgende Regeln vor: 327

328

329

In ihrer Diktion sind sie bezüglich ihrer Adressaten eher allgemein gehalten und wenden sich dort, wo die Gast- oder Teilnehmerrolle an einem Festmahl konkretisiert wird, an die Herren, vgl. ‚Welscher Gast‘ geselle (Verse 491, 497), juncherre (V. 523) und ‚Hofzucht‘ zühtic man (V. 1), edele man (V. 10). Diese Bezeichnungen sind jedoch mehrheitlich reimbedingt. Da sich das zweite Kapitel des ‚Welschen Gastes‘, in das die ‚Tischzucht‘ eingebettet ist, ausdrücklich auch an junge Damen wendet, ist anzunehmen, dass diese sich, obwohl nicht direkt genannt, ebenso angesprochen fühlen durften, vgl. Willms (2004), S. 29 ff. (V. 297 ff.); dagegen Düwel (1989), S. 137, dem zufolge wohl eine männliche Tischgesellschaft angesprochen werden sollte Worauf Bartsch (1883), S. 243, seine Aussage stützt, in deutschen Landen habe sich erst später durchgesetzt, dass Teilnehmer beiderlei Geschlechts an einer Tafel gemeinsam speisten, bleibt offen. Die Illuminationen hochmittelalterlicher Handschriften zeigen jedenfalls regelmäßig Tafelnde beiderlei Geschlechts, vgl. unten Kap. 3 In der ‚Hofzucht‘ dagegen fehlen direkt auf den Tischnachbarn bezogene Orientierungsgebote. Nur an einer Stelle wird ersichtlich, dass man sich gemeinsam aus einer Schüssel bedient (was nicht gleichzeitig geschehen soll, V. 133 ff.). Im ‚Jüngling‘ weist eine Passage, in der ein (Tisch-)geselle genannt wird, dem man nicht grob zutrinken soll, ebenfalls auf eine Zweiergemeinschaft bei Tisch hin (V. 574 ff.)

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Wer angemessener Tischsitten eingedenk handelt, möge mit der Hand (dem gebräuchlichen ‚Essbesteck‘) nichts Anderes als sein Essen berühren, sobald er zu speisen begonnen habe: swelich man sich rehte versinnet, swenner ezzen beginnet, so enrüer niht wan sîn ezzen an mit der hant, deist wol getân.

(V. 479 ff.)

Das stets beigelegte Brot soll nicht angerührt werden, bevor der erste Gang oder das erste Gericht aufgetragen wird (V. 483 f.). Verpönt ist es, mit beiden Händen gleichzeitig, heißt: gierig, zuzugreifen: ein man sol sich behüeten wol daz er niht legen sol bêdenthalben in den munt.

(V. 485 ff.)330

Stattdessen soll die Hand zum Essen genutzt werden, die dem jeweiligen Tischnachbarn entfernt liegt: man sol ezzen zaller vrist mit der hant, diu engegen ist. sitzet dîn gesell ze der rehten hant, mit der andern iz zehant.

(V. 501 ff.)

Solange jemand eine Speise im Mund hat, gilt es als ungehobelt, zu sprechen oder zu trinken: er sol sich hüeten zuo der stunt daz er trinke und spreche niht dî wil er hab im munde iht.

(V. 488 ff.)331

Mit angesetztem Becher trinkend über den Gefäßrand zu schauen, ist für einen vornehmen Menschen unpassend (V. 495 f.), ferner ist es unangemessen, sich seinem Nachbarn zuzuwenden, bevor ein Trinkgefäß vom Munde abgesetzt worden ist (V. 491 ff.). Beim Aufnehmen der Gerichte ist darauf zu achten, dass man nicht zu schnell zugreift und dem Tischnachbarn dabei ein möglicherweise von ihm gewünschtes Stück (von dessen Seite der Schüsseln) fortnimmt. Rücksicht330 331

Vgl. zum Zugreifen mit beiden Händen V. 505 f. Dies mag nicht nur ‚gesundheitlich‘ angezeigt sein (um sich nicht zu verschlucken), sondern ist für wohlerzogene Menschen ungehörig, weil es nicht angenehm anzusehen und damit unhöfisch ist (vgl. daz ist hüfsch und guot zen ougen, ‚Der Welsche Gast‘, V. 526)

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nahme, eigenes Maßhalten und zuvorkommende Behandlung des Tischnachbarn sind höchstes Gebot (V. 497 ff.). Eine weniger auf das Ideal höfischer Erziehung, sondern auf praktische Erfahrung an einer dem Friedensgebot unterliegenden Tafel abhebende Interpretation ‚übersetzt‘ diese Passage folgendermaßen: „Sodann wird immer wieder empfohlen, man solle dem Nachbarn kein Stück wegnehmen, weil es einem selbst gut gefällt. Jedermann las im 13. Jahrhundert diese Stelle so: Diese Anweisung gilt nicht für die Angesehensten bei einem Festmahl, denn diese sitzen dem Hausherrn ganz nahe und ihnen werden von den Pagen die besten Stücke vorgelegt, denn der Braten kommt zerlegt auf den Tisch, das Geflügel wird vor den Augen der Gäste zerschnitten. Die Vorschrift ist also eine allgemeine Mahnung. Wenn man dem Tischnachbarn etwas wegnimmt, gibt es Ärger.“332 Es überrascht, dass Thomasin in seiner Anleitung eine für das Mittelalter (und sicher auch im romanischen Kulturkreis) elementare Regel ausließ: das Beten vor der Mahlzeit. In Tannhäusers ‚Hofzucht‘ wird es gleich nach den einleitenden Versen und damit an prominenter Stelle genannt: ze dem ezzen solt ir sprechen sus, als ir dar zuo gesezzen sît, ‚gesegene uns her Jesu Christus‘.

(V. 21 ff.)333

In dieser Regel sind noch weitere Punkte vermerkt, die die ‚Elementarlehre‘ Thomasins auslässt, so z. B., dass geräuschvolles Schlürfen aus Schüsseln (V. 37 ff.), ‚Saufen‘ aus Löffeln (V. 34 f.), Schmatzen (V. 44) und ‚Sich auf den Tisch Legen‘ (V. 105) ebenso wenig zum ‚guten‘ Benehmen gehören wie das Schneuzen in das Tischtuch (V. 59 f.) oder das Schnauben über Schüsseln (bzw. in sie hinein, V. 41 ff.). Ferner gehöre es sich nicht, mit den zur Aufnahme der Speisen benutzten Fingern in Senf- und Saucentöpfchen

332 333

Schubert (2006), S. 282 Es ist auch erstaunlich, dass das Beten in der zeitgenössischen Epik kaum erwähnt wird. Nur in Wolframs ‚Willehalm‘ wird die Speise vor dem Essen gesegnet: er wunschte daz der gotes segen ir spîse in lieze wol gezemen.

(263, 28 f.)

Norbert Elias’ auf der Grundlage (hoch-)mittelalterlicher poetischer Beispiele getroffene Aussage, das Beten bei Tisch sei ein in den Tischzuchten immer wieder kehrendes Motiv, lässt sich – zumindest für den mhd. Sprachbereich – nicht nachvollziehen, vgl. Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. (Suhrkamp Taschenbuch. Wissenschaft 158). Frankfurt/M. 19818, S. 82 f.

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zu greifen (V. 53 ff.).334 In Konrads von Haslau ‚Jüngling‘ findet sich neben ähnlichen Passagen der deutliche, weil vergleichsweise lang ausgearbeitete Hinweis, dass es unhöfisch sei und auch den Gastgeber aufbringe, (‚Männchen‘) in den Tisch zu schnitzen oder auf ihm herumzumalen: so geuzet einer vor sich win und malet sicheln und barten er snitzet, er krinnet, er macht scharten in den tisch: daz ist unhubescheit; ez ist den guten wirten leit, wer die unzuht niht vermidet daz er in sinen tisch snidet. wan daz han ich gesehen dicke, er bicket, er ritzet, er machet stricke oder malet einen taterman:335 da wirt der tisch niht schoner van.

(V. 536 ff.)

Prinzipiell gilt für den Genuss von Speisen und Getränken das Gebot des Maßhaltens, das auch in dem Werk ‚Freidanks Bescheidenheit‘ gefordert wird,336 auf das wiederum auch in der Tannhäuserschen ‚Hofzucht‘ Bezug genommen wird (V. 201 f.). Neben dem Aspekt der Sittlichkeit bzw. der Frage der Angemessenheit in höfischen Kreisen und neben medizinischen Gesichtspunkten wird hier eine theologisch begründete Problematik aufgeworfen: Völlerei, Trunksucht, vrâz und trunkenheit, nach Ansicht des Autors in seiner Zeit zu weit 334

335

336

In der Übersetzung zu dieser Stelle ist Merker (1913), S. 17 ein viel kopierter Fehler unterlaufen: „das Nehmen von Senf und Salz mit den Fingern (53–56 u. 76–80)“. Wenn er im Kern der Sache sicher richtig gedacht hat – auch das Hineingreifen in bereit gestellte Salzgefäße mit beschmutzten oder fettigen Fingern dürfte Anstoß erregt haben – so steht in der „höchst verwirrten“ (Thornton [1957], S. 74), einzig erhaltenen Handschrift Cod. Vindobon. 2885 vom Ende des 14. Jhs. salzn, eindeutiger aufgelöst in der Ausgabe von Moriz Haupt (1848), wo salsen steht (V. 53), eine „gesalzene brühe, brühe überhaupt“ (vgl. Anm. zur Stelle). Schon die Form des Wortes hätte Merker auf seinen Fehler aufmerksam werden lassen müssen, vgl. dazu Paul/Moser/Schröbler (1975), § 132 und die Übersicht § 133a Gemeint ist hier wohl ein ‚Männchen‘, eine merkwürdige oder lustige Figur; die bei Lex. Bd. II (1992), Sp. 1409 s.v. taterman gebotene Übersetzung lautet „Tatar: kobold“ So z. B. in einer Passage ‚Über die Trunkenheit‘: Unmaezlich ezzen, trank darzuo tuont wirs, dan maezlich hunger tuo

(95, 12 f.),

übersetzt in der Ausgabe von Wolfgang Spiewok mit: „Bald stöhnt, wer maßlos trinkt und isst, / bekömmlich leichtes Fasten ist.“

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verbreitete Übel, werden als gula und ebrietas in die Nähe der Sieben Todsünden gerückt.337 Vehement wird gegen diese Verhaltensweisen zu Felde gezogen (vgl. 95, 12 f.; 117, 17 f.; 94, 7 f.). Dabei wird niemandem verwehrt, seinem physischen Bedürfnis nach Speise und Trank nachzukommen: nieman hin zer helle vert durch spîse, die er rehte zert

(105, 9 f.),

doch sei jede Übertreibung (perversio) sündhaft.338 An welchem Punkt jedoch die Grenze zur Unmäßigkeit überschritten ist, wird nur ungenau mit dem Ermessen des Einzelnen definiert.339 Die Frage, ob – und ggf. in wiefern – die landessprachlich überlieferte Tischzuchtenliteratur Aufschluss darüber zu geben vermag, welche Sitten und Gebräuche an hochmittelalterlichen Tafeln üblich waren, lässt sich trotz der vergleichsweise breiten Texttradition kaum beantworten. Angesichts ihres Adressaten- und auch ihres Auftraggeberkreises scheint es angebracht, der eher allgemein gehaltenen Charakterisierung Norbert Elias’ zu folgen, der die Tischzuchten als (normative) „Standards“ und als beson-

337

Vgl. dazu Günter Eifler: Die ethischen Anschauungen in ‚Freidanks Bescheidenheit‘. (Hermaea. Germanistische Forschungen. N.F. 25). Tübingen 1969, S. 330 ff.; siehe auch Marie Gothein: Die Todsünden, in: Archiv für Religionswissenschaft 10 (1907), S. 416–484, bes. S. 416 und 422; vgl. auch Düwel (1989), S. 144. Auch Walther von der Vogelweide stellt in einem Gedicht ‚Gegen die Trunksucht‘ eine Verbindung zwischen Trunkenheit und Todsünde her: Er hât niht wol getrunken, der sich übertrinket. wie zimet daz einem biderben man, daz ime diu zunge hinket von wîne! ich wæne er houbetsünde und schande zuo ime winket. … sus trinke ein iegeslîcher man, saz er den durst gebüeze, daz tuot er âne houbetsünde und âne spot. swelche man getrinket, daz er sich noch got erkennet, sô hât er gebrochen ime sîn hôh gebot. (29, 35 ff.)

338

339

„Der hat nicht wohl getrunken, der sich betrinkt. / Wie ziemt es einem rechtschaffenen Mann, daß ihm die / Zunge hinkt / vom Wein! Ich fürchte, er winkt Todsünde und Schande / zu sich her. / … Jedermann trinke so, daß er den Durst lösche, / das tut er dann ohne Todsünde und ohne Gespött. / Welcher Mann so trinkt, daß er weder sich noch Gott / erkennt, der hat ihm gegenüber sein hohes Gebot gebrochen“, zitiert nach Edition Schweikle (1994), S. 152 f. Vgl. dazu Eifler (1969), S. 330 f.; Tannhäusers ‚Hofzucht‘ kennt das gleiche Motiv: übermäßiges Essen und Trinken wirkten sich für das Seelenheil abträglich aus (V. 241 ff.) Vgl. Eifler (1969), S. 331 mit Parallelstellen aus den Schriften des Hugo von St. Viktor

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deren Ausdruck eines Selbstbewusstseins der weltlichen Oberschicht verstand.340 Eine allgemeine Gültigkeit und auch Achtung der niedergelegten Ge- und Verbote ist damit nicht gleich wahrscheinlich. Unter Bezug auf die bekannte Passage im ‚Helmbrecht‘, in welcher der besorgte, bescheidene alte Meier seinen übertrieben aufstiegsorientierten Sohn unterrichtet, dass angemessenes Benehmen überall das gleiche sei,341 stellt Günter Schiedlausky fest: „Wir müssen daraus folgern, dass die Grundregeln des Anstandes allen Ständen gemeinsam waren.“342 Verkannt wird dabei, dass die überlieferten Anstandsregeln für den Adel eine Möglichkeit darstellten, gegenüber einer aufstrebenden Ministerialität und einem wachsenden Bürgertum in den Städten seinen „Anspruch auf Überlegenheit“ zu manifestieren und sich dadurch mit der Intention eines „Kastenerhalts“ bewusst von anderen Ständen abzugrenzen.343 Damit sind programmatische, stark intentional geprägte Aussagen verbunden, die damals wie heute nicht den realen Gegebenheiten gleich gesetzt werden können. Deshalb stellt es sich schließlich auch in diesem Zusammenhang als problematisch heraus, poetische Quellen wie den ‚Helmbrecht‘ oder didaktische Literatur wie Tischzuchten ohne Weiteres als ‚Realien‘ zu behandeln und auszuwerten. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich nachweisen, dass es spezifische Gattungsmerkmale didaktischer Literatur sind, die gleichsam wie Folien über tatsächliche Umstände gelegt werden. Verbreitete Muster wie „– Darstellung des Negativen und laudatio temporis acti – Verallgemeinerung und Typisierung – Übertreibung und Kontrast – Komik und Groteske“344 340 341

342 343

344

Vgl. Elias (1981), S. 79; ihm folgend, auch Bumke (2005), S. 271 Vgl. ‚Helmbrecht‘, V. 487 ff.; der alte Helmbrecht führt seinem überheblichen Sohn gegenüber dort aus, dass nicht ein (Geburts-)Stand oder eine prasserische Lebensweise wirklich adle, sondern allein die Haltung, der Anstand und die Sittlichkeit, die jemand an den Tag legt Schiedlausky (1956), S. 10 John H. Kautsky: Funktionen und Werte des Adels, in: Peter Uwe Hohendahl/Paul Michael Lützeler (Hg.): Legitimationskrisen des deutschen Adels 1200–1900. (Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften 11). Stuttgart 1979, S. 1–16, hier: S. 11f., in diesem Verständnis auch Düwel (1989); vgl. mit Bezug auf die Tischzuchtenliteratur bes. Rüdiger Schnell: Mittelalterliche Tischzuchten als Zeugnisse für Elias’ Zivilisationstheorie? In: Rüdiger Schnell (Hg.): Zivilisationsprozesse. Zu Erziehungsschriften in der Vormoderne. Köln/Weimar/Wien 2004, S. 85–152, hier bes. S. 109ff. Helga Schüppert: Spätmittelalterliche Didaktik als Quelle für adeliges Alltagsleben? In: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters. Internationaler Kongress Krems an der

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lassen zwar die Intention didaktischer Literatur deutlich werden und zielen in ihrer Wirkung auch auf einen Unterhaltungswert, verzerren jedoch durch ihre gestalterischen Merkmale den Blick auf die Um- oder Zustände, auf die sie sich beziehen. Tischzuchten können deshalb nicht gleichsam als „Sittenbilder“ ihrer Zeit verstanden werden.345 Ob sich deshalb die These Helga Schüpperts halten lässt, dass literarische Texte und auch Tischzuchten mit einem vergleichsweise geringen Poetisierungsgrad die im historischen Sinne wohl ‚realistischeren‘ Zeitzeugen sind,346 stehe dahin. Denn letztlich lässt sich für den heutigen Betrachter auch mit Hilfe dieser Überlegung nicht erschließen, welche der angesprochenen Themen und Verhaltensweisen realistisch erfasst und welche übertrieben oder verzerrt dargestellt wurden. Dem zeitgenössischen Publikum dürften viele der in den Tischzuchten plakativ ausgearbeiteten Beispiele für Fehlverhalten aus eigenem Erleben bekannt gewesen sein. Aus diesem Umstand lässt sich jedoch nicht im Gegenzug schließen, dass die adlige Tischkultur des Hochmittelalters generell ‚primitive‘ Züge aufwies oder etwa ‚unzivilisiert‘ gewesen sei.347 Klaus Düwel kommt in Überlegungen zum ‚Welschen Gast‘ mit einem allgemeinen Blick auf normative Textformen zu der Einschätzung: „Es handelt sich um Gebote und Verbote, diese überwiegen deutlich. Vorschnell wäre es, aus diesem Befund zu schließen, die Zustände, in die hinein der Text spricht, wären heillos. Normative Texte – z. B. Rechtstexte – weisen eben diese Bau- und Aussageform auf. Sie setzen die ideale Norm, ohne daß Verbot oder Bestrafung eines Tatbestandes diesen als Regel voraussetzen müßten.“348 Vor diesem Hintergrund kann eine Rekonstruktion von Tischsitten sozial hoch gestellter Kreise des Hochmittelalters nur schwer auf die Tischzuchtenliteratur allein gegründet werden. Die Tischzuchten vermitteln durch ihre inhaltliche und formale Gestaltung, vor allem durch ihre plastisch und damit eingängig gestalteten Beispiele, eine gewisse Lebendigkeit. Sie scheinen dem heutigen Betrachter einen direkten Blick auf konkrete Lebenssituationen zu ermöglichen. Obwohl die Tischzuchten auf ideale Ver-

345

346 347 348

Donau 22. bis 25. September 1980. (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte. 400. Band). Wien 1982, S. 215– 257, hier: S. 232 Schüppert (1982), S. 237; zu berücksichtigen ist dabei auch, dass erzählerisch orientierte, mit erzieherischer Intention verfasste sowie normativ angelegte Texte differenzierter zu betrachten wären Vgl. Schüppert (1982), S. 221 ff. In eben diesem Sinne auch Elias (1981), S. 78 Düwel (1989), S. 137

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haltensweisen abzielen, bedienen sie sich negativer Beispiele.349 Sie nutzen die Darstellung menschlichen Verhaltens, das als negativ gewertet und deshalb als Fehlverhalten definiert wird. Im Vergleich zu einer intendierten idealen, kontrollierten Wohlerzogenheit und zu einer stark regulierten Selbstdisziplin scheint hier für Leser oder Zuhörer das Menschlich-Unvollkommene auf und damit ein Wesenszug, den alle Rezipienten bis in die heutige Zeit hinein in mehr oder weniger bedeutendem Umfang kennen – auch von und bei sich selbst. In der gestalterischen Typisierung oder der Übertreibung von Beispielen liegt dann die Möglichkeit, sich der Peinlichkeit eines bewusst werdenden oder gemachten Regelverstoßes durch Distanz, vielleicht auch durch ein Lachen zu entziehen. Die in den Tischzuchten aufgeführten Beispiele für Fehlverhalten bei Tisch und in Gesellschaft scheinen oft gerade deshalb so ‚lebensnah‘, weil sie zu idealen Darstellungen, wie sie uns z. B. in der überlieferten höfischen Epik begegnen, in so deutlichem Kontrast stehen. Die ‚Lebendigkeit‘ der Beispiele und Bilder erweist sich jedoch als vordergründig.350 Sie stellt letztlich das Resultat einer gestalterischen Absicht dar und kann deshalb kaum als quasi dokumentarischer Beleg für Sitten und Gebräuche bei Tisch gewertet werden. Deshalb ist es nach wie vor fragwürdig, die lebensnah scheinenden Darstellungen von 349

350

Diese Tendenz wird in den im Spätmittelalter verfassten ‚grobianischen Tischzuchten‘ noch verstärkt, vgl. Grobianische Tischzuchten. Nach den Vorarbeiten Arno Schirokauers herausgegeben von Thomas Perry Thornton. (Texte des späten Mittelalters. Bd. 5). Berlin 1957. Drastisch sind später auch Verhaltensbeschreibungen wie diejenigen in Heinrich Wittenwilers ‚Ring‘, vergleichend dazu Walter Haug: Von der Idealität des arthurischen Festes zur apokalyptischen Orgie in Wittenwilers Ring, in: Walter Haug/Rainer Warning (Hg.): Das Fest. (Poetik und Hermeneutik. Arbeitsberichte der Forschungsgruppe XIV). München 1989, S. 157–179 Eine ‚lebendige‘ Darstellung gehörte schließlich seit der Antike zu den Grundregeln einer angemessenen Rhetorik, die auch auf die literarische Darstellung übertragen wurde. Sie war damit eine Art ‚Qualitätsmerkmal‘ und kann daher nicht – ‚modern gedacht‘ – als Ausweis etwa einer dokumentarischen Absicht interpretiert werden. Eine Rede oder Erzählung sollte erfreuen und bewegen (delectare, movere), dies hilfsweise zu dem grundsätzlichen Lehranspruch von Rede und Erzählung (docere): „Die allgemeine virtus der Rede ist mit dem Verb bene dicere … umrissen, das allgemeinste Ziel der Rede ist persuadere … Auch die narratio hat natürlich diese virtus zu enthalten und diesem Ziel zu dienen. Als Ziel der narratio … ist innerhalb des allgemeinen persuadere besonders das docere anzusehen … Neben dem docere kommen aber auch die anderen Teile des persuadere, das delectare … und das movere …, zur Auswirkung“, so Lausberg (1973), S. 167 f. (Narrationis virtutes et vitia, §§ 293–337). Ob und wie vor dem Hintergrund seit der Antike überlieferter literarischer Traditionen die Intention, Konstruktion und inhaltliche wie sprachliche Gestaltung z. B. der mittelalterlichen Tischzuchtenliteratur als Beispiele einer besonders ‚artifiziellen‘ Literaturgattung, einer speziellen Kunstform stehen könnten, wäre eigens zu beleuchten

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Verhaltensweisen in den Tischzuchten mit Bewertungen zu deren Aussagekraft als ‚Realien‘ zu koppeln. Diese bleibt nach wie vor über weite Strecken unaufgeklärt.351 Exkurs Norbert Elias’ Aussage, dass die weltlichen Oberschichten des Hochmittelalters in den Tischzuchten ihre jeweiligen gesellschaftlichen „Standards“ definierten, wird durch die vorherigen Überlegungen nicht infrage gestellt.352 Für sein vor fast sieben Jahrzehnten entstandenes Werk „Über den Prozeß der Zivilisation“ zog er auch Tischzuchten und später datierende Regelwerke zu angemessenem Verhalten bei Tisch vergleichend heran.353 „Elias beschreibt den ‚Prozeß der Zivilisation‘ als einen Prozeß zunehmender Affektbändigung und ständigen ‚Vorrücken[s] der Peinlichkeitsschwelle‘, ein Prozeß, der an der Verfeinerung der Etikette, des öffentlichen Anstandes im Umgang der Geschlechter, an den Tischsitten, den Schlafgewohnheiten und anderen alltäglichen Verrichtungen ablesbar ist. Der Standard der Eßtechnik entspricht einem ganz bestimmten Standard der menschlichen Beziehungen und der Affektgestaltung, die Verhaltensformen beim Essen bilden einen Ausschnitt aus dem Ganzen der gesellschaftlich gezüchteten Verhaltensformen. Menschen, die wie im Mittelalter aus gemeinsamer Schüssel essen und aus einem gemeinsamen Gefäß trinken, haben unmittelbarere, emotionalere und affektbetontere Beziehungen miteinander als wir. In dieser courtoisen Welt fehlt jene unsichtbare Mauer, die den Körper des anderen als Tabuzone betrachten läßt … An Beispielen ‚über das Essen von Fleisch‘, ‚über den Gebrauch des Messers‘ … u. a. zeigt Elias, daß die Begründung von gutem und schlechtem Benehmen in Form rationaler Argumente sekundär erfolgt; primär ist das ‚Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle‘, das eine Wandlung der Affektlage signalisiert: Die Tabus sind die zum Ritual gewordenen Unlust-, Peinlichkeits-, Ekel-, Angst- und Schamgefühle.“354

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Auch Joachim Bumke lässt diese Frage offen, vgl. Bumke (2005), S. 24: „Aus den witzigen Bemerkungen im ‚Parzival‘ kann man erschließen, daß in Deutschland bereits um 1200 Vorschriften für das Benehmen bei Tisch bekannt waren, die sonst durch keine andere Quelle bezeugt sind. Ob solche Vorschriften auch eingehalten wurden, ist eine ganz andere Frage.“ Vgl. Elias (1981), S. 78 und passim Vgl. Elias (1981), S. 75 ff. und S. 157 ff. Düwel (1989), S. 138 f.

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Der Ethnologe Hans Peter Duerr stellte Elias’ Theorie über zivilisatorische Prozessabläufe im Abendland seit dem Ende der 1980er Jahre vehement in Frage.355 Er initiierte einen auch durch die Medien in die Öffentlichkeit getragenen Gelehrtenstreit, der die Intention verfolgte, Elias’ Theorie zu falsifizieren und dadurch als ‚Mythos‘ zu entlarven.356 Duerr kritisierte Elias’ Einsichten zu einer im Laufe von Jahrhunderten stetig ‚nach oben‘ sich verschiebenden Scham- und Peinlichkeitsschwelle als nicht verifizierbar und zog zum Beleg Beispiele gegenläufiger Entwicklungen heran, die seiner Ansicht nach eher für eine ‚Entzivilisierung‘ der abendländischen Gesellschaft sprechen. Dass er sich dabei in seiner Hauptargumentation einem singulären Aspekt widmete, nämlich dem Schamgefühl gegenüber dem nackten Körper,357 kennzeichnet einen Schwachpunkt seiner gegen Elias gerichteten Kritik. Denn dieser hatte seine Untersuchungsmethode auf verschiedene Themenbereiche menschlichen Lebens abgestimmt, geleitet durch das Interesse, eine möglichst umfassende Theorie entwickeln zu können.358 Duerr kritisiert Elias auch wegen seiner einseitigen Materialauswahl, eines naiven Umgangs mit Daten und ihrer Fehlinterpretation.359 Vom Mittelalter zeichne Elias ein zu düsteres Bild, das wesentlich geleitet sei von der Nähe des Autors zu den Arbeiten des Historikers Johan Huizinga.360 Wie im Laufe der Debatte vollzogene Untersuchungen hervorbrachten, scheint Elias in „der Tat … mit historischen Quellen nach fachhistorischen Maßstäben gegen Ende des 20. Jahrhunderts teilweise unbedarft und unkritisch umgegangen zu sein. Elias mangelt es an ‚Quellenkritik‘ … Nicht immer unterscheidet er zwischen tatsächlichem Verhalten und literarischen Konventionen im Mittelalter.“361 Duerr wirft Elias weiter vor, nicht zwischen literarischen Quellengattungen und verschiedenen Funktionen von Texten und Bildmaterial zu differenzieren.362 Eine solche Kritik formuliert sich vor dem Hintergrund der zeitlichen Differenz von fast sechs Jahrzehnten Wissenschafts- und Theorieentwick355

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Vgl. Hans Peter Duerr: Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Band 1. Frankfurt/M. 1988 Vgl. Michel Hinz: Der Zivilisationsprozess: Mythos oder Realität? Wissenschaftssoziologische Untersuchungen zur Elias-Duerr-Kontroverse. (Figurationen. Schriften zur Zivilisations- und Prozeßtheorie. Band 4). Opladen 2002, S. 15 f. und passim Vgl. Hinz (2002), S. 58, S. 75 und passim Vgl. Hinz (2002), S. 26 ff. Vgl. Hans Peter Duerr: Intimität. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Band 2. Frankfurt/M. 1990, S. 270 ff. Vgl. Hinz (2002), S. 77 Hinz (2002), S. 79 Vgl. Hinz (2002), S. 79

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lung leicht. Eine in diesem Sinne ‚anachronistische Orientierung‘ seiner Elias-Kritik wurde Duerr denn auch verschiedentlich vorgeworfen. Seine Kritik entwertet Duerr letztlich selbst durch methodische und interpretatorische Schwächen: „Duerr … geht als Nachgeborener mit Elias hart ins Gericht. Wenn Duerrs eigener Umgang mit empirischen Daten genauer unter die Lupe genommen wird, fällt auf, dass dieser den Umgang mit Daten mit zweierlei Maß misst: Mit Elias’ Zeugnissen verfährt er ungleich kritischer als mit seinen eigenen … Mancher Kritiker legt ihm sogar ‚methodologische Doppelmoral im Hinblick auf genaues Lesen‘ zur Last … Insbesondere wird gerügt, dass Duerr seine Daten zu eklektisch, ausschnitthaft, wahllos und ohne Verbindung zur sozialen und historischen Situation präsentiert.“363 Damit wird zwar Duerrs Vorgehensweise zweifelhaft, es bleibt jedoch die Frage, ob seine Kritik mit Blick auf seine Quelle, Elias’ ‚Prozeß der Zivilisation‘, standhält. Hier lässt sich nachvollziehen, dass Elias mit seinen Ausführungen zu Tischzuchten und zu späteren Kodifizierungen angemessenen Verhaltens bei Tisch die Basis für mögliche Missverständnisse durchaus selbst anlegte. Er bleibt in seinen Ausführungen zu den durch ihn herangezogenen Quellen nämlich sehr offen, damit insgesamt jedoch auch indifferent und zuweilen mehrdeutig.364 Am Beginn seines den mittelalterlichen Tischzuchten gewidmeten Kapitels findet sich folgende Passage: „Was da schriftlich auf uns gekommen ist, sind Fragmente einer großen, mündlichen Tradition, Spiegelbilder dessen, was tatsächlich in dieser Gesellschaft Brauch war, und gerade deswegen bedeutsam, weil es nicht das Große, Außergewöhnliche, sondern das Typische einer Gesellschaft weiterträgt.“365 Hier scheint durch, dass Elias sich offenbar der Unterscheidung zwischen ‚tatsächlichen Bräuchen‘ und Schilderungen in normativem, didaktischem Schrifttum durchaus bewusst war. Wie hier geht er in seinen weiteren Ausführungen jedoch auf die mögliche oder wahrscheinliche Diskrepanz von normsetzendem Schrifttum und ‚realer‘ Lebenswelt nicht ein.366 Da ihn die Entwicklung von „Standards“ interessiert und er deshalb überlieferte Normen aus verschiedenen Epochen vergleichend untersucht, ist für ihn die Frage nach deren histori-

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Hinz (2002), S. 81 Vgl. Elias (1981), S. 75 ff. Elias (1981), S. 77 Vgl. Elias (1981), S. 77 ff.; Schnell (2004a), S. 26 geht hingegen davon aus, dass Elias literarische Formen zu unbedarft als realen Gegebenheiten entsprechend setzte und seine auf poetische Texte gebauten Schlussfolgerungen zu psychosozialen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen daher mit großer Skepsis zu betrachten seien

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schem Realitätsgehalt von nachgeordneter Bedeutung. Missverständlich wirkt in diesem Zusammenhang, dass Elias zwischen den Begriffen „Brauch(tum)“, „Sitte(n)“ (als vorhandenen und damit nachweisbaren sozialen Phänomenen) und „Standard“ (als tendenziell fiktiver Norm) nicht konsequent differenziert, sie zuweilen auch synonym verwendet.367 Elias’ Präsentation der durch ihn herangezogenen Quellen, u. a. der Tannhäuserschen ‚Hofzucht‘ und des ‚Welschen Gastes‘, ist über weite Strecken deskriptiv, zuweilen erläuternd, jedoch kaum wertend. Entsprechend finden sich denn bei Elias auch keine positiven oder negativen Urteile, die u. a. von Duerr vorgetragene Vorwürfe, er argumentiere „kolonialistisch“, „eurozentristisch“ oder gar „hodiezentristisch“, bestätigten.368 Auch zeichnet Elias in seinen Ausführungen zu mittelalterlichen Tischzuchten kein durchweg ‚dunkles‘ Bild des Zeitalters. Da er selbst beschreibt und nicht bewertet, weisen entsprechende Urteile eher auf individuelle Dispositionen derer zurück, die ‚fortschreitend zivilisiert‘ mit einer positiven, ‚auf einer früheren Stufe zivilisiert‘ mit einer negativen Konnotation verbinden – ein Schluss, den Elias selbst so nicht zog.369 Mit Blick auf die Tischzuchtenliteratur und auf die historische Entwicklung von normativem Schrifttum über das ‚gute Benehmen bei Tisch‘ in Westeuropa bilden Elias’ Erkenntnisse deshalb nach wie vor einen wichtigen Meilenstein. Seine Theorie einer fortschreitenden Anhebung von Scham-, Ekel- und Peinlichkeitsschwellen wurde, auch und gerade im Verlauf der Elias-Duerr-Kontroverse, zwar um manche Aspekte ergänzt und weiter entwickelt, dabei jedoch oft im Detail auch bestätigt.

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Vgl. Elias (1981), S. 78, S. 85 und passim; zu weiteren problematischen, weil nicht hinreichend oder konsequent differenzierten Begriffsverwendungen durch Elias siehe Rüdiger Schnell: Kritische Überlegungen zur Zivilisationstheorie von Norbert Elias, in: Schnell (2004), S. 21–83, hier bes. S. 36 ff. Vgl. Hinz (2002), S. 25, S. 77, S. 109 ff. und S. 117 ff. Deutlich macht Elias dies auch im Zusammenhang seiner Überlegungen zur Entwicklung höfischer/courtoiser Lebensform und Standards: „Daß solche qualitativen Veränderungen zuweilen bei allem Hin und Her der Bewegung über lange Strecken hin Veränderungen in ein und derselben Richtung sind, kontinuierlich gerichtete Prozesse, nicht nur ein regelloser Wechsel, legt es nahe und macht es möglich, beim Vergleich verschiedener Phasen von Komparativen zu sprechen, [sic!] Es ist damit nicht gesagt, daß die Richtung, in der diese Prozesse sich bewegen, eine Richtung zum Bessern, ein ‚Fortschritt‘, oder eine Richtung zum Schlechteren, ein ‚Rückschritt‘ sei“, Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 159). Frankfurt/M. 19828, S. 117 f.

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Im Fazit zu seiner Untersuchung des Gelehrtenstreits stellt Michael Hinz die gesamte, weit über das Thema ‚Tafel-Standards‘ hinaus reichende Streitthematik betreffend daher noch fest: „Elias’ mehrperspektivisches, prozessuales, empirisch-theoretisches und reflexives Vorgehen in ‚Über den Prozeß der Zivilisation‘ hat sich vielfach bewährt und originelle Einsichten zu Tage gefördert. Elias’ Methode, soziale und psychische Wandlungsprozesse mit Hilfe einer soziologisch-psychologischen Machttheorie langfristiger sozialer Prozesse zu erklären, wird daher jenseits empirischer Detailfragen auch in Zukunft Bestand haben.“370 Auch dieses Urteil wurde mittlerweile angefochten. Zwar konnte Hans Peter Duerrs Kritik besonders aufgrund methodologischer Schwächen in wesentlichen Positionen zurückgewiesen werden. Neuerlich wurden Elias’ Aussagen zum Zivilisationsprozess von Rüdiger Schnell hinterfragt, der neben generelle Überlegungen371 eine ausführliche Untersuchung der mittelalterlichen Tischzuchtenliteratur stellt.372 Aus der Perspektive verschiedener Forschungsdisziplinen und im Vorgehen streng systematisch, arbeitet er eine Reihe von Schwachstellen, Widersprüchen und Fehlschlüssen bei Elias heraus: „1.Die Vorstellung von Literatur als bloßer Spiegelung psychosozialer Realität: Der Literatur wird außer der Didaxe keine weitere Funktion zuerkannt. 2. Ein viel zu schmales Textkorpus: zentrale Tischzuchten des 12. Jahrhunderts werden übersehen; Texte mit gegenteiligen Tendenzen werden nicht berücksichtigt. 3. Die unzulässige konzeptionelle Basis: die Annahme eines Gegensatzes von Gefühl und Verstand (dagegen die heutige Emotionsforschung bzw. Kognitionspsychologie). 4. Die uneindeutige Terminologie: Verunklarung und zugleich Nivellierung des Untersuchungsgegenstandes (Affekte, Triebe, Gefühle, Peinlichkeit bzw. Ekel; Körper- bzw. Affektkontrolle). 5. Das homogenisierende Geschichtsbild: Vorstellung von einem gesamthaften Prozeß, der keine Widersprüche oder Freiräume kennt. 6. Das überholte Mittelalterbild: die Konstruktion des Mittelalters als einer Zeit, in der sich die Menschen unreflektiert, spontan, ohne planende Vorausschau ihren Affekten überließen.

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Hinz (2002), S. 397 Vgl. Schnell (2004a) Vgl. Schnell (2004b)

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7. Das einseitige Menschenbild: ausschließliches Denken in Gruppen bzw. Gruppenzwängen; Elias hat das sog. ‚Über-Ich‘ überbetont und dabei das Ich bzw. das Subjekt vergessen … Elias unterschlägt auch die Möglichkeit des Eigenantriebs, des Selbst-Wollens der Menschen. 8. Die einseitige soziologische Reduktion des Forschungsgegenstandes: die Fixierung auf den Hof bzw. höfische Gesellschaften blendet andere (schichtenübergreifende) Orte der Erziehung bzw. Disziplinierung aus …“.373 Schnells Untersuchungen zeigen auf, dass Elias’ Versuch, besonders aus poetischen Quellen psychosoziale Entwicklungen zu rekonstruieren und diese nicht nur in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, sondern auch zur Konstruktion einer Machttheorie heranzuziehen, bei Betrachtung zeitgleicher und oft genug gegenläufiger Belege brüchig wird: „Im Lichte all dieser Kritikpunkte erweist sich Elias’ Gedankengebäude als – wenn auch faszinierende – Ruine.“374 Ein wesentliches, in der Diskussion weithin vernachlässigtes Problem sieht er darin, dass die Entwicklung der Textkritik Mängel bei Elias’ Vorgehen und Interpretation offen gelegt habe, ohne dass dessen auf dieser Grundlage entwickelte Schlüsse darauf hin grundlegend in Frage gestellt worden wären.375 Die besondere Wirkung, die Elias’ Zentralwerk im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zuteil wurde, führt Schnell auf die Faszination zurück, die eine ‚Zentraltheorie‘ in einer Zeit besitzt, die durch einen hohen, stetig und immer schneller sich differenzierenden Grad von Komplexität, auch hinsichtlich der Erfassung ihrer geschichtlichen Wurzeln, gekennzeichnet ist.376 Dass, wie Elias formulierte, durch die mittelalterlichen Tischzuchten ‚Standards‘ definiert werden, weist auch Schnell nicht grundsätzlich zurück. Hinsichtlich ihrer Bedeutung als (erforderliche) Erziehungstraktate und ihrer Funktion für das Publikum kommt er auf der Grundlage von Textuntersuchungen und Textvergleichen unter Beiziehung anderer Disziplinen wie z. B. der Psychologie jedoch zu anderen, weiter greifenden Interpreta-

373 374 375 376

Schnell (2004a), S. 81 f. Schnell (2004a), S. 23 Vgl. Schnell (2004a), S. 60 Vgl. Schnell (2004a), S. 76: „Damit aber offenbart sich der weitgehend spekulative Charakter von Elias’ Zivilisationstheorie. Doch dieser ‚Mut‘ zur Spekulation hatte einen so großen gesamthaft wirkenden Geschichtsentwurf erst ermöglicht. Und weil Elias’ Buch einen solchen ‚großen Entwurf‘, eine solche ‚Meistererzählung‘ bot, fand es ab den 70er Jahren einen so großen Widerhall. Die Sehnsucht der Menschen nach einer umfassenden Erklärung der zahllosen historischen Vorgänge der letzten tausend Jahre wurde von Elias befriedigt.“

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tionsansätzen. Im Ergebnis stellt er fest, dass die volkssprachigen Tischzuchten nicht verfasst wurden, um in einer Sphäre ‚rauer Sitten‘ ein kultivierteres, ‚positives‘ Verhalten erst zu implementieren. Vielmehr seien sie so zu verstehen, dass sie auf eine bereits bestehende und durchaus hoch entwickelte Kultur gleichsam ‚aufsatteln‘: „Deshalb gehe ich davon aus, daß die allermeisten Tischzuchten bzw. Manierenschriften des 12./13. Jahrhunderts, für die ja ganz selten eine Begründung gegeben wird (außer ‚das ziemt sich‘ oder ‚das ist höfisch‘), kein neues Verhalten anerziehen wollen, sondern Ausdruck einer bestehenden Praxis sind.“377 Damit stellt sich die Frage nach der Funktion dieser Texte, die durch Schnell in verschiedene Richtungen weisend beantwortet wird. Einen grundsätzlichen erzieherischen Nachholbedarf bei Erwachsenen vermag er u. a. deshalb nicht zu erkennen, weil Etikette in sozial höher gestellten Schichten des Mittelalters bereits im Kindesalter, z. B. anhand lateinischer ‚Benimm-Texte‘ und – in verschiedenen Tischzuchten auch konkret benannt – durch Anschauung bei ‚gut erzogenen‘ Erwachsenen gelernt wurde: „Dieser Umstand setzt Lehrer voraus, die bereits über den Verhaltensstandard verfügen, der den Schülern anerzogen werden sollte. Daraus folgt wiederum eine Differenz zwischen Erwachsenen und Kindern hinsichtlich des erreichten Verhaltensniveaus.“378 Anhand verschiedener Beispiele aus den volkssprachigen Tischzuchten und der mittelhochdeutschen Epik führt er aus, dass z. B. das Moment der Rücksichtnahme auf den oder die Anderen sehr entwickelt und in sich differenziert gewesen sein muss.379 Wenn die volkssprachigen Tischzuchten demnach nicht vornehmlich die Funktion der grundlegenden Unterweisung besaßen, wirft dies ein neues Licht nicht nur auf die in höher gestellten Kreisen praktizierten Standards, sondern auch auf die Funktion der Texte: „Möglicherweise ist der Akt der ‚Vorführung‘ des Textes wichtiger als dessen (für Erwachsene bekannter) Inhalt. In der ‚Aufführung‘ der Lehrdichtung lag die entscheidende Funktion.“380 Neben einem durch Sprachspiele und Bildhaftigkeit, auch durch manche Steigerung ins Groteske begründeten unterhalterischen Wert381 sieht Schnell in den volkssprachigen Tischzuchten für die Adressatenkreise besondere Möglichkeiten der Selbstbestätigung und der Selbstrepräsentation. Die Tischzuchten boten Gelegenheit sowohl zur Reflexion angemessenen Verhaltens als auch zur Diskussion in einer Gruppe. 377 378 379 380 381

Schnell (2004b), S. 88 Schnell (2004b), S. 97 Vgl. Schnell (2004b), S. 128 ff. Schnell (2004b), S. 106 Vgl. Schnell (2004b), S. 107 ff.

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Damit geht es nicht mehr primär um deren textliche Inhalte, sondern vielmehr auch um die Auseinandersetzung auf einer Metaebene. Diese setzt wiederum ein bereits ausgeprägtes Bewusstsein für und selbstverständliches Agieren mit Fragen der Etikette voraus und wirkt auch auf das „Gemeinschaftsgefühl einer bereits zivilisierten Elite“ stabilisierend zurück.382 Dem folgend, werfen die Tischzuchten hinsichtlich ihrer literarischen Gattungszuweisung neue Fragen auf: handelt es sich doch mit Schnell in ihrer Intention, Präsentation und Rezeption wohl eher um Parabeln mit komödiantischen Anklängen,383 die sich lediglich der Form der Didaxe bedienen. Auch wenn er neue Zugangswege zu einem erweiterten Verständnis der mittelalterlichen Tischzuchtenliteratur eröffnet, bleiben auch Schnells Folgerungen schließlich auf eine Reihe von Indizien gestützt. Zeitgenössische poetische und andere Belege, die seine Interpretation untermauern könnten, fehlen. Die weit früher geäußerte Einschätzung Klaus Düwels, dass die normativ ausgerichteten Texte nicht als ein Hinweis auf ‚heillose Zustände‘ herangezogen werden können, bleibt daher gültig.384 Die Etikette, die an den vornehmen Tafeln tatsächlich einst geübt wurde, lässt sich aus den am Ideal orientierten Tischzuchten nicht belastbar erschließen. Auch hier bleibt die ‚Realitätsebene‘ in den literarischen Zeugnissen in einer letztlich unauflösbaren Schwebe. 2.2.5 Bruch der Regeln – verdorbene Stimmung und Katastrophen Das Hoffest und, als einer seiner zentralen Programmpunkte, die höfische Tafel besitzen in der erzählerischen wie auch in der chronistischen Darstellung im Mittelalter nicht nur die Funktion, durch Prachtentfaltung und Überfluss das (nicht nur monetäre) Vermögen des Gastgebers (als Herrscher) zu kennzeichnen. Angesichts der vielen hochgestellten Gäste, die an einem solchen Ereignis teilnehmen, hat ein Hoffest auch bedeutenden politischen Charakter. Es werden bei einem solchen Ereignis politische Bündnisse und Freundschaften erneuert, Verträge geschlossen und Urkunden ausgestellt.385 Auch die Eheschließung als äußerer Anlass eines großen Fes382 383

384 385

Schnell (2004b), S. 106; differenzierte Ausführungen hierzu finden sich auf den S. 107ff. Schnell nimmt damit schon für frühe Texte eine Tendenz an, die sich „in der Form satirisch-grobianischer Travestie“ in der Tischzuchtenliteratur vermehrt seit dem 15. Jahrhundert, in eigenständigen grobianischen Tischzuchten erst im 16. Jahrhundert zeigt, so Dieter Harmening s.v. Tischzuchten in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 941–947, hier: Sp. 942 Vgl. dazu oben S. 123 mit Anm. 348 Vgl. Bumke (2005), S. 278 und generell Wolter (1991)

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tes stellt regelmäßig ein politisches Ereignis dar, in den poetischen Quellen z. B. durch die Verbindung von Eneas und Lavinia im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke oder die von Gunther und Brünhild sowie Siegfried und Kriemhild im ‚Nibelungenlied‘, durch die jeweils Herrschaftsgebiete miteinander verbunden werden bzw. sich Herrscherdynastien aneinander binden. „Mit Mählern und Festen begründete und festigte man Gemeinschaft, schuf und erprobte eine Atmosphäre des friedlichen Umgangs miteinander, die auch in der Zukunft die Grundlage des Verhältnisses von Speisenden und Feiernden bilden sollte.“386 Gerade weil man gemeinsam gespeist und getrunken hat, lehnt es – neben anderen – Rüedeger im ‚Nibelungenlied‘ ab, gegen die Burgunden zu kämpfen: trinken unde spîse

ich in güetlîchen bôt

(2159, 3).

Neben repräsentative Aspekte wie Prachtentfaltung, angemessenes Protokoll und eine gelöste Stimmung tritt damit die symbolische Bedeutung des Mahls als „Ritual der Friedensstiftung und Friedenssicherung“, gemeinsam machen diese Charakteristika einer gelungenen Veranstaltung das Fest und das Mahl „besonders anfällig für Störungen“.387 Fortwährend und mit einer im Textverlauf steigenden Tendenz ist dies im ‚Nibelungenlied‘ der Fall. Formal finden sich bei den vielen Festschilderungen des ‚Nibelungenliedes‘ alle Elemente, die eine ideale höfische Veranstaltung kennzeichnen. Der Festsaal ist samt Mobiliar gerichtet, die vornehme Gesellschaft trifft ein und nimmt Platz, die Speisen werden bereits aufgetragen, die Kämmerer tragen gerade Wasser zum Händewaschen in Goldbecken herum: Gerihtet wart gesidele: ze tische mit den gesten. die schœnen Prünhilde. in des küneges lande.

der künec wolde gân dô sach man bî im stân krône si dô truoc jâ was si rîché genuoc.

Vil manic hergesidele mit guoten tavelen breit vol spîse wart gesetzet, als uns daz ist geseit. des si dâ haben solden, wie wênec des gebrast! dô sach man bî dem künege vil manigen hêrlîchen gast.

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Gerd Althoff: Fest und Bündnis, in: Altenburg/Jarnut/Steinhoff (1991), S. 29–38, hier: S. 29 Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, S. 424

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Des wirtes kamerære daz wazzer fúr trúogen. ob iu daz iemen sagte, ze fürsten hôchgezîte;

in bécken von gólde rôt des wære lützel nôt, daz man diente baz ich wolde niht gelouben daz.

Ê daz der vogt von Rîne wazzer dô genam, dô tet der herre Sîfrit, als im dô gezam. er mant’ in sîner triuwe, wes er im verjach, ê daz er Prünhilde dâ heime in Îslande sach. (Str. 604 ff.) An dieser Stelle hätte das Mahl beginnen müssen. Doch noch bevor er sich die Hände wäscht, erinnert Siegfried Gunther an sein noch vor der Gewinnung Brünhilds gegebenes Versprechen, ihm Kriemhild zur Frau zu geben. Gunther will sein Wort halten: er lässt Kriemhild herbeirufen, als sie eintrifft, alle Anwesenden sich erheben und still sein (stille stân, 611, 3), und er gibt öffentlich die Verlobung bekannt (Str. 609 ff.). Erst danach wird das Mahl fortgesetzt. Dieser Unterbrechung des Ablaufs (die die bereits aufgetragenen Speisen sicher erkalten ließ) folgt gleich in der Fortsetzung der Szene eine protokollarische Problematik: die neben Gunther sitzende Brünhild bemerkt, dass Siegfried, über dessen wahre Herkunft sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts weiß, neben der Königsschwester Kriemhild sitzt. Dies wertet sie als einen Regelverstoß, und Gunthers Erklärung vermag ihr erhebliches Missbehagen an diesem ‚Fauxpas‘ nicht zu vertreiben (Str. 617 ff.). In dieser Szene bereitet sich der später offene Streit der Königinnen388 bereits vor. Die heitere Stimmung, die das Mahl hätte verbreiten sollen, ist durch seinen Verlauf (besonders für Brünhild empfindlich) gestört. Bei der Ermordung Siegfrieds ist es die von Hagen in böser Absicht geplante Jagd und während ihres Verlaufes wiederum eine Küchen- bzw. Speiseszene, bei der Regelbrüche festzustellen sind. Die gemeinsame Jagd, die als sportliche oder spielerische Betätigung gilt, ist darauf angelegt, Gewalt lediglich gegen die Jagdbeute anzuwenden.389 Hagens Vorhaben, Siegfried auf der Jagd zu töten, bricht mit diesem comment. Ein ordnungsgemäßer Verlauf des im Freien geplanten gemeinsamen Mahles wird auf der Jagd zunächst von Siegfried selbst unterbunden. Er hat einen Bären aufgestöbert, den er fängt, zum Jagdlager bringt und dort laufen lässt (Str. 946 ff.). Das verstörte Tier will, zusätzlich aufgehetzt durch das Gebell der Hunde, zu-

388

389

Vgl. ‚Nibelungenlied‘, 14. Âventiure, Str. 814 ff.; zur Senna, dem Streit der Königinnen, vgl. ausführlich Haupt (1989), S. 197 ff. Vgl. Müller (1998), S. 425

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rück in den Wald und gerät dabei in die Feldküche, die es verwüstet. Das Küchenpersonal weicht erschrocken zurück, die Kessel über den Feuern kippen um, und das Kochgut liegt in der Asche: Der ber von dem schalle hey waz er kuchenknehte vil kezzel wart gerüeret, hey waz man guoter spîse

durch die kúchén geriet. von dem fiwer schiet! zefüeret manic brant. in der aschen ligen vant! (Str. 959)

Der Bär wird von der anwesenden Jagdgesellschaft, die von ihren Sitzen aufspringt, sofort verfolgt, doch es ist schließlich der wiederum hervorragende Siegfried, der ihn zur Strecke bringt (Str. 960 ff.). Anschließend begibt man sich auf einer Wiese zum Essen. Aufgetischt wird, obwohl es zuvor zu dem Zwischenfall in der Feldküche gekommen ist, reichlich (Str. 963). An dieser Stelle kommt es zum nächsten Regelbruch. Die Schenke, die Wein hätten auftragen sollen, sind nicht da. Siegfried wundert sich darüber, da man doch durch die mitgeführte Feldküche ansonsten gut versorgt werde. Hagen redet sich heraus, er habe fälschlicherweise den für die Jagd vorgesehenen Weinvorrat auf die andere Rheinseite in den Spessart bringen lassen. Siegfried ist ungehalten und meint, dass er allein auf der Jagd sieben Maultierladungen Met und Wein trinken könnte und, an Hagen gerichtet, dass es ungeschickt gewesen sei, das Jagdlager nicht in der Nähe des Rheins aufzuschlagen (Str. 965 ff.). Dabei gehörte es zu Hagens Plan, Siegfried fort von der Jagdgesellschaft und an eine klare Quelle zu locken. Eben dies sollten die ‚fehlgeleiteten Weinvorräte‘ ermöglichen. Dass die besagte Mahlzeit nicht ordnungsgemäß verlaufen würde, kündigt zuvor schon die Bemerkung an, dass sie in betrügerischer Absicht und damit unredlicher Gesinnung stattfindet (das Jagdessen ist gekennzeichnet durch valschen muot, 964, 3). Der durstige Siegfried läuft dann im Wettstreit mit Gunther zu der besagten Quelle. Er gewinnt den Wettlauf, wartet jedoch auf Gunther, ganz der höfischen Form auch auf der Jagd verpflichtet, um ihm als Ranghöherem bei der Erfrischung den Vortritt zu lassen. Als Siegfried sich selbst zur Quelle beugt, nutzt Hagen die Gelegenheit, Siegfried zu ermorden (Str. 973 ff.). Nicht nur der Ablauf der Speiseszene ist hier durch den fehlenden Wein nicht ordnungsgemäß. Siegfrieds überzogene Wein- und Metforderung und der dadurch mit Hagen noch an der Tafel entstehende Disput sind weitere Vorboten des Frevels, den Hagen an der Quelle durch den Mord an Siegfried begeht. Das Friedensgebot wird massiv gebrochen. Formal in die Szenerie höfischen Tafelns eingebunden, bezeichnet der

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Ausbruch von Gewalt hier umso mehr die „Perversion höfischer Ordnung“.390 Diese erreicht ihren Höhepunkt beim Festmahl an Etzels Hof, an den die Burgunden zogen, nachdem Etzel sie auf Anregung der rachsüchtigen Kriemhild eingeladen hatte. Schon diese Einladung verweist, da sie von Kriemhild aus nicht in guter Absicht erfolgte, auf die später stattfindende Katastrophe.391 Vor dem zweiten großen Festmahl an Etzels Hof gelingt es Kriemhild, Etzels Bruder Bloedel für ihre Rachepläne zu gewinnen (Str. 1903 ff.). Anschließend begleitet sie Etzel zu Tisch (1911, 2ff), an den sie auch ihren gemeinsamen Sohn bringen lässt (Str. 1912). Während dieses Essens überfällt Bloedel mit tausend Mann das burgundische Gefolge, das unter der Aufsicht Dankwarts in einem anderen Saal isst (Str. 1921 ff.) – auch dies ein massiver Bruch der Gastfreundschaft allgemein und speziell des Friedensgebotes beim Mahl. Es gelingt Dankwart, Bloedel zu überwinden. Er macht sich auf in den Festsaal, um die Burgunden über den Kampf zu unterrichten. Er trifft Truchsessen und Schenke, die den Kampflärm gehört haben, dadurch beim Auftragen von Speisen und Getränken gestört wurden, von denen manches auch zu Boden ging, und erinnert sie an ihre Pflichten – eine angesichts der bereits ganz aus den Fugen geratenen Szenerie merkwürdige Bemerkung (Str. 1948 f.). Den Festsaal, in dem Etzel, Kriemhild, die Burgunden und die mit ihnen angereisten Gäste gerade speisen, betritt Dankwart blutüberströmt und mit der Waffe in der Hand (Str. 1951): das Festmahl wird abrupt unterbrochen, und es ist das Bild von Gewalt, das dies verursacht. Es ist jedoch lediglich der Auslöser für die folgenden Ereignisse. Nach Dankwarts Bericht zieht Hagen sein Schwert und enthauptet Etzels und Kriemhilds Sohn (Str. 390

391

Müller (1998), S. 418; bestätigt wird dies durch den Kommentar des Erzählers, dass Siegfried für sein höfisches Verhalten an der Quelle (bitter) bezahlen musste, vgl. ‚Nibelungenlied‘, 980, 1 Ähnlich ist es im ‚Wolfdietrich‘, in dem König Huge Dietrich auf den Rat des intriganten Saben hin zu einem Schwertleitfest einlädt, zu dem ausdrücklich auch der getreue Berchtung von Meran gebeten wird. Die Ladung ist eine Falle, denn Saben überredet Huge Dietrich, Berchtung auf seine Burg zu locken, um ihn beim Festessen festnehmen zu lassen. Saben redet ihm ein, Berchtung sei für den Mord an seinem Sohn Wolfdietrich verantwortlich, der – wie sich später bei einem Gerichtsprozess gegen Berchtung herausstellt – noch am Leben ist. Berchtung wird tatsächlich beim Festmahl überwältigt, was einen eklatanten Bruch der Gastfreundschaft darstellt. Wie im ‚Nibelungenlied‘ verweist auch hier die in böser Absicht ausgesprochene Einladung auf die spätere Störung des Festmahls, vgl. Wolfdietrich. 1. Heft. Der echte Teil des Wolfdietrich der Ambraser Handschrift (Wolfdietrich A). Herausgegeben von Hermann Schneider. Unveränderter Nachdruck der 1. Auflage. (Altdeutsche Textbibliothek. Nr. 28). Halle/Saale 1968, IV. Aventiure, Str. 134 ff.

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1961). Werbel, der gerade mit seiner Fidel für musikalische Unterhaltung sorgte, schlägt er eine Hand ab (Str. 1963). Die anwesenden Gäste springen von den Tischen auf, Volkêr der vil snelle

von dem tische spranc

Ouch sprungen von den tischen

die drîe künege hêr

(1966, 1), (1967, 1),

hier wie an anderen Stellen steht der „Tisch … metonymisch für die Ordnung, die zu Bruch geht“.392 Es beginnt ein allgemeines Kampfgetümmel, es geht wörtlich über Tische und Bänke (1981, 3; 1989, 1), es gibt riesigen Lärm (1972, 4), und am Ende werden die getöteten Hunnen aus dem verschlossenen Festsaal nach draußen geworfen (34. Âventiure). Der Amelungenkönig kommentiert das Chaos: „hie schenket Hagene

daz aller wirsiste tranc.“

(1981, 4)

Er spielt damit auf einen Trinkspruch Hagens an, ein Zutrinken auf den Sohn Etzels und Kriemhilds, eine Geste, die formal ebenfalls Friedfertigkeit und Zugewandtheit ausdrückt, durch Hagen hier jedoch als eine Drohung zelebriert wird (Str. 1960).393 392 393

Müller (1998), S. 426 Zum sog. Minnetrinken vgl. Ch. Zimmermann in: RGA Bd. 20 (2002), S. 49–56 (s.v. Minne und Minnetrinken); zu der nicht nur im ‚Nibelungenlied‘ mehrfach vorkommenden Gegenüberstellung und auch Entsprechung von Blut und Wein vgl. Müller (1998), S. 430 ff. – Die Umkehrung des Minnetrinkens in einen Akt der Feindseligkeit tritt in der mittelalterlichen Dichtung mehrfach auf, so in dem flandrischen, lateinisch abgefassten Tierepos ‚Ysengrimus‘. In der anthropomorphen Szenerie tritt der nimmersatte Wolf als Sinnbild gieriger Mönche – gemeint hier: die Zisterzienser – auf. Die sich durch das Werk hindurchziehende „Fressmetaphorik konzentriert sich besonders auf jene Szenen, wo der Wolf sich einer Gemeinschaft als hungriger Gast aufdrängt und wo die Gastgeber dem ungeladenen Besucher gegenüber gezwungen sind, die Hospitaliät in Hostilität zu verwandeln, um das eigene Leben vor den lüsternen Wolfszähnen zu retten, und deshalb statt des versprochenen Mahles Püffe, Stöße und Bisse spendieren, statt des Freundschaftstrankes einen bitteren Schoppen kredenzen“, so Ute Schwab: Gastmetaphorik und Hornarithmetik im Ysengrimus, in: Astrid van Nahl/Inga Middel (Hg.): Ute Schwab. Weniger wäre … Ausgewählte kleine Schriften. (Studia Medievalia Septentrionalia. Bd. 8). Wien 2003, S. 115–152, hier S. 121. Zu einer Passage, in der die gastgebenden Tiere, die sich durch den Wolf bedroht fühlen, diesen zur Tür drängen, ihn einklemmen und ihm einen ‚bitteren Minnetrank‘ aufzwingen, schreibt Schwab: „Die Ursituation der heldischen Trinkmetaphorik, ins Tierische verzerrt: ein Gegenüber von Gast und Gastgebern im Augenblick, wo der Fremde seine feindliche Absicht offenbart und die Gastfreundschaft sich notwenig in Selbstverteidigung verwandelt, wobei der Minnetrunk zu einem scharfen Gebräu blutiger Abwehr gärt und die kredenzten Speisen dem Friedensbrecher selbst zu Leibe rücken.“ (S. 125 f.)

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Eine Deeskalation der Feindseligkeiten ist nach diesen Vorkommnissen nicht mehr denkbar. Nach weiteren Kämpfen unter immensen Verlusten aller Seiten wird schließlich Kriemhild von Hildebrand erschlagen (Str. 2376) und mit leide was verendet

des küneges hôhgezît

(2378, 3).

Möglicherweise ist es angesichts der sich im ‚Nibelungenlied‘ gerade in vielen Speiseszenen anbahnenden Konflikte kein Zufall, dass es der Küchenmeister Rumolt war, der die Burgunden vor der Reise an Etzels Hof warnte. Er weist die Burgunden auf die Annehmlichkeiten und die gute Versorgung hin, die sie am heimischen Hofe genießen könnten, statt sich auf eine so ungewisse Reise zu begeben (Str. 1465 ff.). In der höfischen Umgebung, im Werben um die Gunst der Damen, mit schöner Kleidung ausgestattet, wäre es ihnen möglich, den besten Wein zu genießen und die besten Speisen dazu, die je irgendein König in der Welt hatte: trinket wîn den besten unt minnent wætlîchiu wîp. Dar zuo gît man iu spîse, die bésten die íe gewan in der wérlt künec deheiner.

(1467, 4 ff.)

Doch bekanntlich wird seinem Rat schließlich nicht gefolgt. So kommt es zu der Reise und zu ihrem schlimmen Ende. Dabei geht die „höfische Ordnung … nicht einfach zu Bruch, ihr Untergang wird als blutiges Gegenfest gefeiert“.394 Auch bei Wolfram von Eschenbach kommt es bei einem gemeinsamen Mahl zu einem Zwischenfall. Im ‚Willehalm‘ ist es Rennewart, zunächst ein Küchenjunge, der sich dann als arabischer Adliger mit einer gewissen Haltung entpuppt, an die höfischen Tafeln geladen wird und dort für Aufregung sorgt. Ganz kann Rennewarts Assimilationsprozess bezüglich seines Betragens nicht gelungen sein, denn als er an der Tafel einen Ehrenplatz neben Gyburg und Heimrich einnehmen darf, lässt er alle Zurückhaltung fahren, isst und trinkt zu viel von den angebotenen Weinen, und diese wohl auch durcheinander, da sie ihm weitaus besser zusagen als das bisher im Küchendienst gewohnte Wasser: Rennewarte was zer spîse gâch. dâne dorfte niemen nîgen nâch, daz er von der tavelen sente. siropel mit pigmente, klâret und dar zuo môraz, 394

Müller (1998), S. 434

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

die starken wîne im gevielen baz danne in der küchen daz wazzer. die spîse ungesmaehet az er.

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(276, 3 ff.)

Obwohl Rennewart die vorhandenen Speisen zusagen und er sich damit eine gewisse ‚Grundlage‘ verschafft, trinkt er zu viel. Die Szene artet aus in eine Rauferei, und der Saal wird verwüstet. Wolfram kommentiert dies damit, dass die Tischtücher nicht wie gewohnt fortgetragen, sondern geradezu zusammengeschlagen wurden: tischlachen wurden geslagen zesamene und niht hin dan getragen

(277, 5 f.).

Obwohl es auch in dieser Szene zu einem Gewaltausbruch beim Essen kommt, wird mit ihr im Vergleich zu den vorstehenden Szenen des ‚Nibelungenliedes‘ eine ganz andere erzählerische Intention verfolgt. Vor dem beschriebenen Mahl gab es eine lange und gefährliche Belagerung von Munleun, die nur unter Aufbietung sämtlicher Kräfte abgewehrt werden konnte. Sogar Gyburg und andere Frauen halfen dabei aktiv mit. Auf diese Situation von Chaos, Unordnung, Zorn, Gewalt und Maßlosigkeit folgt das Fest in Orange, das die geregelten höfischen Formen wieder aufnimmt. In der Rennewart-Episode „kommen jene aggressiven Kräfte wieder zum Durchbruch, die stets die Faktizität von Krieg, Unrecht und Gewalt bestimmen und die in Munleun beinahe zur Katastrophe geführt hätten. Wolfram aber behandelt Rennewart, dessen zorn – anders als bei Willehalm – aus seiner tumpheit erwächst, mit ähnlicher Nachsicht, wie sie auch der Held seinem hitzköpfigen Knappen angedeihen läßt. Es gelingt dem Erzähler, die Situation in Komik aufzulösen, Lachen zu evozieren gein sîme unsüezem zarte (277, 10). Somit wird das Fest zwar gewaltsam gestört, nicht aber wird grundsätzlich die Ordnung des Festes in Frage gestellt.“395 Zwar ist das Festmahl durch den Zwischenfall verdorben und wird beendet, doch gelingt es Heimrich und Gyburg, den anstehenden Rückzug der Gäste in ihre Gemächer und die Versorgung von deren Gefolge organisatorisch in die Hand zu nehmen und so auch in der Etikette wieder geregelte Zustände herzustellen. Im Gegensatz zu der im ‚Nibelungenlied‘ fortlaufend gestörten und am Ende zerstörten höfischen Szenerie und Lebensform geht es Wolfram um deren Bewahrung, in der vorliegenden Szene konkret um deren Bestätigung in einer Situation, in der die höfische Form herausgefordert wird: „Dieser Abschluß ist alles andere als nur eine Rettung in die äußere Form, die form395

Haupt (1989), S. 247

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volle Konturierung des Festes ist vielmehr gestalteter Ausdruck von Wolframs ‚Einsicht, daß es an jedem einzelnen Punkt der Geschichte möglich ist, den Kreislauf des zorns in der Verzeihung und Versöhnung zu durchbrechen‘ und sinnvolle Ordnung zu bewahren auch innerhalb einer von Krieg und Gewalt bedrohten Geschichte. … In solcher – für die Feudalzeit typischen – Situation läßt Wolfram die Möglichkeit eines Humanismus396 erkennen, der nicht in Erbitterung oder Verzweiflung umschlagen muß, wenn Menschen nur bereit sind, die existentiellen Spannungen auszuhalten, und fähig, ungünstigem Geschick ihre eigenen Werte entgegenzuhalten.“397 In einer ähnlichen Funktion findet sich das gestörte Festmahl auch in einer kleineren poetischen Form, dem ‚Heinrich von Kempten‘ Konrads von Würzburg.398 Erzählt wird, dass am Ostertag für Kaiser Otto399 und sein Gefolge eine festliche Tafel hergerichtet wird. Aufgeführt wird dort die Menge kostbarer Trinkbecher (manic schœne trincvaz), das bereit gelegte Brot und, dass Vorkehrungen für das Händewaschen vor dem Essen getroffen wurden (V. 38 ff.). Das Mahl soll nach dem Gottesdienst beginnen. Doch zuvor kommt es zu einem Zwischenfall. Ein junger adliger Knappe, der Sohn des mächtigen Herzogs von Schwaben, nascht von dem auf den Tischen schon bereit liegenden Weißbrot (V. 60 ff.). Der Junge wird dabei vom Truchsessen erwischt, der über das Vorkommnis in große Wut gerät und das Kind mit seinem Truchsessenstab zusammenschlägt (V. 84 ff.). Dies beobachtet der Ritter Heinrich von Kempten. Er stellt den Truchsessen zur Rede, es kommt zu einem heftigen Disput, an dessen Schluss Heinrich seinen Widersacher erschlägt.400 Kurz darauf erscheint Kaiser Otto. Er bemerkt das Blut auf dem mittlerweile geräumten Boden und erkundigt sich, was geschehen sei. Es wird ihm berichtet, und der erzürnte Kaiser fordert das Leben des Ritters Heinrich. Dieser sieht nur eine Möglichkeit, sich zu retten: er greift den langen Bart des Kaisers, zieht den Herrscher daran 396 397 398

399 400

Mit Blick auf die Geschichte der Philosophie wirkt diese Bezeichnung irritierend Haupt (1989), S. 247 f. Zitiert wird nach Konrad von Würzburg: Heinrich von Kempten. Der Welt Lohn. Das Herzmaere. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Edward Schröder. Übersetzt, mit Anmerkungen und mit einem Nachwort versehen von Heinz Rölleke. (Reclam. Universal-Bibliothek Nr. 2855 [2]). Stuttgart 1968. Zu Leben und Werk des im Jahre 1287 gestorbenen Dichters, der ein außerordentlich vielseitiges und umfangreiches Werk hinterließ, vgl. Horst Brunner: Konrad von Würzburg, in: VL Bd. 5 (1985), Sp. 272–304 Welcher Kaiser dieses Namens gemeint ist, wird im Text offen gelassen Bemerkenswert – und für die damalige Wahrnehmung kennzeichnend – ist, dass Heinrich nicht tadelt, dass ein Kind (zusammen)geschlagen wurde, sondern dass sich der Truchsess an einem jungen Fürsten und damit an einem Angehörigen des Hochadels vergriff, vgl. V. 130 ff.

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über den Tisch, so, dass alle Fleisch- und Fischspeisen, die darauf angerichtet sind, in den Dreck fallen.401 Die kaiserliche Krone geht ebenfalls zu Boden, und Heinrich setzt dem nun in seiner Hand befindlichen Kaiser nicht nur sein scharfes Messer an die Kehle, sondern würgt ihn auch: hie mit der ûzerwelte man geswinde für den keiser spranc, er greif in bî dem barte lanc, und zuhte in über sînen tisch: ez wære fleisch oder visch daz man dâ für in hæte brâht, daz wart gevellet in ein bâht, als er in bî dem barte dans, … er zuhte von der sîten ein mezzer wol gewetzet, daz hæte er im gesetzet vil schiere an sîne kelen hin. mit der hant begunde er in vast umb den kragen würgen.

(V. 262 ff.)

Heinrich macht deutlich, dass er nicht nur Kaiser Otto, sondern auch jeden seiner Gäste angreifen werde, der sich ihm entgegenstellt. Er fordert freien Abzug, den der Kaiser ihm wegen seiner gefährlichen Lage schließlich gewährt (V. 309 ff.). Der Kaiser spricht einen Bann aus, Heinrich solle ihm ob seiner üblen Taten nie wieder vor die Augen treten (V. 355 ff.). Die geschilderte Szene ist erzählerisch in hohem Tempo auf die rasche und heftige Eskalation eines Konfliktes aus einem geringfügigen Anlass abgestimmt. Aufgeführt werden verschiedene Elemente, die einen besonderen Frevel kennzeichnen: das Geschehen spielt sich am Ostertag ab, dem höchsten kirchlichen Feiertag und damit einem Tag des besonderen Friedens. Gestört wird das österliche Festmahl bereits durch die Gewalttaten vor seinem Beginn. Dass der Ritter Heinrich nicht nur den Kaiser tätlich angreift und ihn als Geisel nimmt, sondern auch sein Messer im Speisesaal als Waffe einsetzt, stellt eine extreme Verletzung des Friedensgebotes dar – und den Kaiser überdies öffentlich bloß.

401

Dass die Speisen in dem über den Tisch geführten Handgemenge zu Boden gingen, sollte wohl drastisch dargestellt werden, denn mhd. baht wird bei Lex. Bd. I (1992), Sp. 113 mit „unrat, kehricht, kot“ wiedergegeben. Dass man sich dies unter einer kaiserlichen Tafel kaum vorstellen kann, scheint hier nebensächlich

142

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Im Gesamtkontext der Erzählung bildet die gestörte Festtafel keine Vorausschau auf weitere schlimme Ereignisse. Sie dient auch nicht der Zeichnung des Ritters Heinrich als einer grundlegend verwerflichen Person. Vielmehr kommt es Jahre später zu der Situation, dass der Ritter Heinrich dem Kaiser Otto, als dieser bei der Belagerung einer Stadt in Oberitalien in eine gefährliche Lage kommt, das Leben rettet. Als Heinrich beobachtet, dass das Leben des Kaisers auf dem Spiel steht, kommt er ihm sofort zu Hilfe. Seine Treuepflicht stellt er über die Drohung des Kaisers, er werde getötet, sobald er dem Herrscher je wieder begegne. In dessen Anerkennung wird Heinrich vom Kaiser begnadigt. Auf Heinrichs Entschluss, das Leben des Kaisers zu retten, obwohl es wahrscheinlich sein eigenes kosten wird, läuft die Erzählung hin.402 Die Gefahr, in die sich der Ritter dabei begibt, und der Mut, den ihn sein Entschluss kostet, bedürfen zum Spannungsaufbau einer glaubhaften Erklärung. Sie liegt in der früheren, gewaltsamen Störung des kaiserlichen Ostermahls begründet. Diese Szene musste möglichst drastisch ausfallen, um die kaiserliche Wut und das Verstoßenwerden des Ritters Heinrich hoch bedrohlich wirken zu lassen. Heinrichs (Überwindung zur) Rettungstat wirkt umso heldenhafter, je schlimmer die Schuld dessen wiegt, was er dem Kaiser angetan hat. Ist es im ‚Willehalm‘ die höfische Form, die empfindliche Regelverstöße zu überwinden vermag, sind es im ‚Heinrich von Kempten‘ die ritterliche Tugend und Treue, die sich erfolgreich dagegen durchsetzen. Bei beiden Beispielen ist es die höfische Tafel, deren Störung die Exposition der – am Ende positiv – zu lösenden Konfliktlage bildet.403 402

403

Im Epilog (V. 744 ff.) wird nochmals betont, dass ein Ritter seine Kräfte furchtlos einsetzen soll, weil Tapferkeit und Ritterschaft Ansehen verschaffen In diesen Kontext fügt sich auch eine Szene ein, die sich im ‚Straßburger Alexander‘ findet: König Philipp von Mazedonien schickt sich an, sich neu zu verheiraten. Der junge Alexander, der seine von Philipp verstoßene Mutter Olympias sehr verehrt und ob der Pläne seines Vaters immens aufgebracht ist, erscheint an der Festtafel. Er schlägt dort dem Höfling Lysias, der aus Alexanders Sicht lästerliche Reden führt, mit einem schweren, kostbar verzierten Goldpokal die Zähne ein, um ihm ‚das Maul zu stopfen‘ (V. 492 ff.). König Philipp springt daraufhin erregt auf die Tafel, stürzt jedoch herunter und bricht sich ein Bein. Die Stimmung ist verdorben, der anonyme Bearbeiter bemerkt, dass sich kein Spielmann getraut hätte, angesichts dieser Entwicklung einen Lohn zu verlangen (V. 498 ff.). Der Treuebruch Philipps und die beständige Treue Alexanders zu seiner Mutter Olympias werden ganz im Rahmen höfischer Tugend bewertet, die Alexander in seinen frühen Jahren noch auszeichnet, vgl. Edition Ruttmann (1974). Diese Szene findet sich auch im frühmittelhochdeutschen ‚Vorauer Alexander‘, auszugsweise im Originaltext und in neuhochdeutscher Übersetzung wiedergegeben in der Edition Vollmann-Profe (Frühmittelhochdeutsche Literatur, 1996), S. 198 ff., hier bes. S. 220 ff.

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Eine ganz andere Variante eines irregulären Festessens findet sich bei Wernher dem Gartenære im ‚Helmbrecht‘. Hier ist es die im Kontext unangemessene Form des Festmahls, die es als verderblich kennzeichnet. Auf Vermittlung des aus wohlhabenden bäuerlichen Verhältnissen stammenden, aufstiegsbesessenen jungen Helmbrecht heiratet dessen Schwester Gotelint seinen Raubgesellen Lemberslint. Formal folgt die Darstellung des Hochzeitsmahls ganz den aus der höfischen Welt bekannten Regeln. Die Hofämter Marschall, Kämmerer, Schenke, Truchsess sind vertreten und werden wahrgenommen, und auch einen Küchenmeister gibt es: Nû ist bereit daz ezzen. wir sulen niht vergezzen, wir schaffen ambetliute dem briutegomen und der briute. Slintezgeu was marschalc, der fulte den rossen wol den balc; sô was der schenke Slickenwider. Hellesac der sazte nider die fremden und die kunden: ze truhsæzen ward er funden. der nie wart gewære, Rütelschrîn was kamerære. kuchenmeister was Küefrâz, der gap swaz man von kuchen âz, swie manz briet oder sôt. Müschenkelch der gap daz brôt. diu hôhzît was niht arm.

(V. 1535 ff.)404

Es handelt sich um keine ‚arme‘ Hochzeit, es gibt verschiedene Gerichte (briet oder sôt), die Inhaber der Hofämter versehen ihren Dienst. Sogar Musikanten treten nach dem Essen auf (V. 1603). Doch die Szenerie ‚stimmt‘ nicht. Es sind die üblen Kumpane des Bräutigams, rohe Gesellen und Räuber, die die Hofämter wahrnehmen. Ihre Namen wie ‚Höllensack‘, der den Truchsess gibt, oder ‚Kühefresser‘, der den Küchendienst organisiert, weisen auf eine der höfischen Szene-

404

Zitiert wird: Wernher der Gartenære. Helmbrecht. Herausgegeben von Friedrich Panzer. 8., neu bearbeitete Auflage besorgt von Kurt Ruh. (ATB. Nr. 11). Tübingen 1968

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rie unangemessene Derbheit405 hin. Die Nachahmung der höfischen Form beim Hochzeitsmahl im Räuberkreise gerät damit zu einer Perversion des höfischen Festes. Sie wird noch dadurch verstärkt, dass ziemlich stark ‚gefressen und gebechert‘ wird (V. 1552 ff.), Maßhalten also nicht gefragt ist. Der Kontrast zwischen formaler Gestaltung der Szene und dem dort handelnden Personal sowie dessen Verhalten ist bewusst gesetzt, denn in ihr gipfelt erzählerisch das ‚verderbliche‘ Streben des jungen Helmbrecht nach ritterlicher Lebensweise. Da er bereits zuvor jeden Rat zur Mäßigung ausschlägt, ist abzusehen, dass sein Verhalten am Ende bestraft werden wird. Denn der ‚Helmbrecht‘ hat eine zentrale erzählerische Botschaft: bescheide dich mit einem deinem Stande gemäßen Leben und strebe nicht nach Höherem.406 Früher als der junge Helmbrecht ahnt seine Schwester Gotelint, dass die Hochzeit ein Fehler war und dass sie besser am väterlichen Tisch Kohl (krût) gegessen hätte als auf die Fische zu setzen, die sie sich von ihrem Gatten Lemberslint (auch hier ein ‚sprechender‘ Name) erhoffte: Dar nâch vil schiere saz diu brût, daz si dâ heime ir vater krût hêt gâz ob sînem tische für Lemberslindes vische.

(V. 1603 ff.)

Doch diese Einsicht kommt zu spät. Als nach dem Essen die Musikanten aufspielen, treten die Schergen des Richters auf und nehmen die Räubergesellschaft gefangen. Gotelint findet man daraufhin – Konzession an ihren späten Zweifel? – nackt an einem Zaun wieder, ihrem Bruder ergeht es schlimmer: er wird geblendet, auch werden ihm zur Strafe eine Hand und ein Fuß abgeschlagen (V. 1688 ff.). Als er sich daraufhin wieder auf dem Hof des Vaters blicken lässt, wirft ihn dieser hinaus (V. 1710 ff.). Nur die Mutter steckt dem Sohn noch schnell ein Brot zu (V. 1812). Schließlich wird der junge Helmbrecht von fünf Bauern, die er zuvor überfallen und gequält hatte, gelyncht (V. 1823 ff.). Die Störung des Festmahls erfolgt in dieser Szene auf zweierlei Art: zum einen intentional durch das ‚Absinken‘ der höfischen Form in eine Umgebung, in die sie nicht gehört, und zum andern im Erzählverlauf durch das Erscheinen der Schergen, die dem Fest ein abruptes Ende set405

406

Gezielt wird durch die Namengebungen auch auf die ungelenke dörperheit der üblen Freunde Vgl. unten Kap. 4; rekurriert wird dabei wohl auch auf biblische Motive, vgl. z. B. das alttestamentliche Buch der Sprichwörter (Sprüche Salomos), 16,18

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zen. Beide Motive lassen sich jedoch aus der das Werk durchziehenden Lehre erklären: Hochmut – besser vielleicht: Überheblichkeit – kommt vor den Fall.407 2.2.6 Philologisches Die in den vorhergehenden Abschnitten berücksichtigten poetischen Quellen stellen lediglich einen Bruchteil der in der mittelalterlichen Literatur erwähnten Speiseszenen dar. Ausgewählt wurden sie nach dem Kriterium der Darbietung von Einzelinformationen zu dem hier interessierenden Thema. Wenige dieser Stellen bieten Originelles. Die meisten Szenen weisen eine stereotype Darstellung auf. Sie können durchaus als formelhaft bezeichnet werden, da sie oft gleich zwei Kennzeichen des – bislang nicht wirklich trennscharf definierten – Begriffs ‚Formel‘ aufweisen: „(2) Wiederkehrendes Textelement mit referentieller Funktion, das als fixierte, gültige Wendung die Ebene der sprachlichen Realisation und als in sich sinnvolle Motivverkettung oder Prägung eines Gedankens oder Begriffs die Sinnebene trifft. (3) Im Rahmen der Oral formulaic theory … eine ‚Gruppe von Wörtern, die bei Vorliegen der gleichen metrischen Bedingungen regelmäßig verwendet wird, um einen gegebenen Vorstellungskern auszudrücken‘ (Parry); sie dient als Kompositionsmittel für den improvisierenden Sänger und als Rezeptionshilfe für den kundigen Hörer.“408 Eine Formelhaftigkeit ist den Tafelszenen in der mittelhochdeutschen Dichtung auf verschiedenen Ebenen eigen:

407

408

Dieses Motiv kommt besonders auch in den spätmittelalterlichen ‚grobianischen Tischzuchten‘ zum Tragen, es findet sich auch in dem um 1400 enstandenen ‚Ring‘ Heinrich Wittenwilers ausgeführt, vgl. dazu oben S. 124, Anm. 350 sowie allgemein die Ausgabe: Grobianische Tischzuchten (1957). Darin finden sich neben Auszügen aus Wittenwilers ‚Ring‘ u. a. Passagen aus dem ‚Narrenschiff‘ des Sebastian Brant, aus Thomas Murners ‚Schelmenzunft‘ und aus verschiedenen Werken des Hans Sachs Christian Schmid-Cadalbert unter dem Stichwort ‚Formel‘ in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. I–III. Berlin/New York 1997– 2003, Zitat: Bd. I (1997), S. 619–620, hier: S. 619. Ergänzend wird dort ausgeführt: „Formelhaftigkeit prägt die Sprache traditions- und gemeinschaftsgebundener, oft mündlicher Dichtkunst weit mehr als die individuelle schriftkünstlerische Äußerung. Große Formeldichte kennzeichnet weltweit die Sprache der Epik, vor allem der Heldenepik, von der Antike bis in die jüngste Zeit …“

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

a) auf der Ebene des Handlungsablaufes, der strukturellen Gestaltung der Speiseszenen (Vorbereitungen, Auftragen, Essen, Aufheben der Tafel), b) auf der Ebene der dargestellten Inhalte, und auch dies in zweifacher Hinsicht. Zum einen gleichen sich die aufgezählten Speisen im Allgemeinen sehr, zum andern werden immer wieder dieselben oder sehr ähnliche, sich oft ergänzenden Begriffspaare wie wilt und zam,409 vleisch und visch,410 gesoten und gebrâten411 sowie auch ezzen (bzw. spîse) und trinken412 geboten.413 Ein weiteres, häufig anzutreffendes Begriffspaar ist brôt und(e) wîn, das oft für Nahrung bzw. Speisen schlechthin gebraucht wird.414 Während das Angebot von Brot und Wein auch bei besonderen Anlässen nicht als unangemessen kommentiert wird, steht die Kombination von Brot und Wasser allgemein für ein kärgliches Mahl (vgl. z. B. ‚Rother‘, V. 350 ff. und V. 2551 f. sowie ‚Lanzelet‘, V. 1694 f.). Auch an den (statistisch überwiegenden) Stellen, an denen lediglich knapp erwähnt wird, dass sich eine Gesellschaft zum Speisen begibt, Details jedoch nicht genannt werden, finden sich ähnliche Wendungen:

409 410 411 412

413

414

Vgl. z. B. ‚Graf Rudolf‘, A/V. 19, ‚Parzival‘ 238, 17 Cf. ‚Parzival‘ 452, 22 oder ‚Eneasroman‘ 110, 4/V. 3714 Vgl. z. B. ‚Parzival‘ 486, 11 So im ‚Parzival‘ 580, 22; 581, 24, im ‚Willehalm‘ 234, 25 oder im ‚Eneasroman‘ 172, 21 und 24/V. 6207 bzw. 6210 Bei vielen derartiger Wendungen stehen die einzelnen Teile stellvertretend für übergeordnete Begriffe, so wilt und zam für ein ‚(unterschiedliches) Fleischangebot‘, gebrâten und gesoten für ‚(verschiedene/vielfältige) Zubereitungsarten‘. Eine ‚dividierende‘ Kombinantion, die Aneinanderreihung von semantisch ähnlichen oder gleichen Begriffen erinnert an eine rhetorische Figur, durch die eine Steigerung der Aussage bewirkt wird, vgl. Lausberg (1973), S. 224, § 406 s.v. congeries: „Die congeries ist eine Häufung synonymer Wörter und Sätze …, die in allen Arten der Amplifizierung gemeinte graduale Steigerung wird durch Ausdehnung der Aussage erreicht.“ Möglicherweise ist diese Formel zu biblischen Anklängen in der mittelhochdeutschen Literatur zu rechnen. Schon in den Speisedarstellungen der Bibel (vgl. z. B. Gen. 14, 18–20) und vor allem in den Abendmahlsszenen spielen Brot und Wein eine besondere Rolle (Mt. 26, 26–29; Lk. 22, 19 f.; Mk. 14, 22–24). Besonders in der Eucharistie kommt dem Brot und dem Wein daher eine zentrale Bedeutung zu, vgl. den Beitrag zum Stichwort ‚Eucharistie‘ von V.H. Elbern in: Lexikon für Theologie und Kirche. Begründet von Dr. Michael Buchberger. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Bd 3 (1959), Sp. 1142–1159, bes. Sp. 1147 ff. und in demselben Band den Artikel ‚Eucharistiefeier‘ von H. Schürmann (Sp. 1159–1162, bes. Sp. 1160) sowie den Artikel ‚Abendmahl (Mittelalter)‘ von Erwin Iserloh in: Gerhard Krause/Gerhard Müller et al. (Hg.): Theologische Realenzyklopädie Bd. I. Berlin/New York 1977, S. 89–106

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Parzival solde ezzen

(‚Parzival‘, 679, 13),

der wirt gienc ezzen

(‚Erec‘, V. 6358) oder

er hiez im zezzine geben

(‚Eneasroman‘, 172, 16/6202)

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u.a.m. Diesem Muster entsprechen die meisten Erwähnungen von Tafeleien. Oft führen die Autoren an, das, was aufgetragen wurde, nicht genauer beschreiben zu wollen oder zu können. Wolfram bemerkt im ‚Parzival‘, dass seine Kunst und seine Küchenkenntnisse nicht ausreichten, um all das in Worte fassen zu können, was dort formvollendet auf den Tisch kam: Mîn kunst mir des niht halbes giht, ine bin solch küchenmeister niht, daz ich die spîse künne sagn, diu dâ mit zuht wart für getragn.

(637, 1 ff.)415

Diese Stilfiguren haben ebenso wie die gelegentlich auftretenden Unsagbarkeitsformeln (vgl. z. B. ‚Rennewart‘, V. 2362, V. 3357 und V. 4725 ff.) die Funktion, die Tafeln in der Phantasie der Zuhörer- oder Leserschaft noch reicher, noch prächtiger werden zu lassen. Rhetorisch zu fassen sind sie mit 415

Ahnlich formuliert es Konrad von Fußesbrunnen – um 1200 und damit vor Wolfram – in der ‚Kindheit Jesu‘. Er gibt an, dass er die vielfältigen und auch fremdartigen Speisen, die – hier im Hause des Schächers – aufgetragen wurden, mangels Kenntnis nicht wirklich beschreiben kann und dass er außerdem nicht anwesend war und ihm deshalb nähere Angaben nicht zustehen würden: ich enbin niht sô wîse, daz ich iu die manige spîse unt die frömden trahte mit deheiner ganzer ahte bescheidenlîch genennen muge, unt dench ouch, daz ez mir niht tuge, durch daz ich was dâ niht zehant.

(V. 2443 ff.)

Es findet sich bei dieser Szene eine weitere, auch andernorts und in später datierenden Dichtungen in Verbindung mit Speisen und Getränken häufig verwendete Formel, in der eine nähere Beschreibung durch die Wendung ‚alles, was man sich (hier: in Wald oder Feld, in der Luft oder im Wasser) vorstellen kann‘ umgangen bzw. ersetzt wird: swaz in walde od in gevilde, in luft oder in unde ieman erdenchen chunde, des was alles dâ diu chraft.

(V. 2452 ff.)

Zu Konrad von Fußesbrunnen, seinem Werk und dessen Datierung vgl. das erste Kapitel der Einleitung in der Edition Fromm/Grubmüller (1973)

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

der Figur der Praeterition oder Paralipse:416 eben dadurch, dass etwas nicht näher beschrieben wird, bekommt es eine ganz bestimmte (und beabsichtigte) Form und Gestalt. Erwähnenswert sind die Attribute, mit denen fast alle literarischen Speisenennungen versehen sind. Wolfgang Näser hat u. a. Tafelbeschreibungen in den Spielmannsepen auf Begriffskombinationen untersucht und summarisch angeführt, dass spîse und genauere Benennungen ihrer Inhalte fortlaufend mit den Attributen guot, manger hande, aller beste und genuoc auftreten.417 Diesen stereotyp erscheinenden Ausschmückungen entspricht, dass Tischtücher – tweheln oder lachen –, sofern näher beschrieben, fast ausschließlich wîz sind, die Bedienung mit zuht oder zühten erfolgt. Soweit zu übersehen, begleiten diese Attribute gattungsunabhängig fast alle Speiseszenen der mittelalterlichen, speziell jedoch der epischen Dichtung. Verschiedene der Tafelszenerie zugehörige Wörter oder Begriffe mögen aufgrund ihrer leichten Reimbarkeit die Entstehung mancher formelhafter Wendungen begünstigt haben: so reimen sich z. B. ezzen: (ge)sezzen, âzen: (ge)sâzen, mîn/sîn/Rhîn: wîn, tisch(e): visch(e), nôt/bôt/rôt: brôt u.a.m., diese Kombinationen finden sich bei Speiseszenen im Endreim vieler Verse. Auch der Stabreim (Alliteration) kommt vor, z. B. in der oft verwendeten Kombination vleisch und(e) visch, auch in gesoten und gebrâten. Zuweilen wurden dem Bereich ‚Essen und Trinken‘ entstammende Begriffe auch auf andere Ebenen übertragen und als Metaphern418 gebraucht, so etwa, wenn Reinmar von Zweter in einer Kritik der zeitgenössischen po416

417

418

Vgl. Deutsches Wörterbuch. Herausgegeben und bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat und den Mitarbeitern der Dudenredaktion unter der Leitung von Günther Drosdowski. Bd. 2 (= Brockhaus-Enzyklopädie Bd. 27; 1995), S. 2484 s.v. Paralipse: „[griech. parálepsis = das Unterlassen] (Rhet.): rhetorische Figur, die darin besteht, daß man etw. durch die Erklärung, es übergehen zu wollen, nachdrücklich hervorhebt“ sowie im selben Band zu Praeterition: „[spätlat. praeteritio = das Vorübergehen] (Rhet.): scheinbare Übergehung“ Vgl. Wolfgang Näser: Die Sachbeschreibung in den mittelhochdeutschen ‚Spielmannsepen‘. Untersuchungen zu ihrer Technik. (Marburger Beiträge zur Germanistik. Nr. 42). Marburg 1972, S. 393 und passim; weitere Attribute, die sich häufig finden, sind z. B. rîch(e) und des diu kraft (oft in Reimverbindung mit wirtschaft, vgl. z. B. ‚Kindheit Jesu‘, V. 2455 f.) Zu der häufig gebrauchten, jedoch nur schwer definierbaren Stilfigur vgl. den Artikel zu ‚Metapher‘ von Hendrik Birus in Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II. Berlin/New York 2000, S. 571–576. Eine allgemeine Definition versucht der Autor am Beginn seines Artikels (S. 571) zu geben: „Ein im übertragenen Sinne gebrauchter sprachlicher Ausdruck, der mit dem Gemeinten durch eine Ähnlichkeitsbeziehung zu verbinden ist.“ – An der antiken Rhetorik ausgerichtete Erläuterungen zu verschiedenen Formen der Metapher bietet Lausberg (1973), S. 285 ff. (§§ 558–564)

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litischen Zustände von den verschiedenen Möglichkeiten spricht, eine Lüge zu gestalten: Gesoten lúge, gebraten luge, lúge uz der galrei …, gebalsamt lúge, gebisemt (parfümierte) luge, luge mit safran uberzogen, Luge, swi mans erdenken wil (Abschnittsbeginn aus Q17, 1ff.).419 Einen ähnlichen Rückgriff auf den Lebensmittelbereich, der auf Sprichwörtliches weist, nutzt auch der Marner, der seine Strophen wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfasste.420 In einer harschen Kritik wendet er sich gegen seinen Dichterkollegen Reinmar von Zweter, der mit seinen Liedern in des Marners Meinung die Welt verfälscht. Er stellt Reinmars Dichtung mit folgender Wendung als unsubstanziell und schmeichlerisch dar: du brúwest ane malz ein bier: supf us! dir ist ein leker lieb, der den herren vil gelúget.

(Sangspruch 3,3, 17 ff.)421

In übertragener Bedeutung finden sich ferner der ‚süße‘ Zucker und der ‚beißende‘ Senf beim Marner in folgender Passage: Roter munt sol gruessen stæten frúnt, daz sin truren gar zerge. zuker kan wol suessen, kumt ein senf, er t˚ut in den o˘gen we.

419

420

421

422

(Lied 8,1, 1 ff.)422

Reinmar von Zweter, in: Gedichte von den Anfängen bis 1300. Herausgegeben von Werner Höver und Eva Kiepe. (Epochen der deutschen Lyrik. Band 1). München 1978, S. 240; zu bisem siehe Lex. Bd. I (1992), Sp. 284: „aus mlat. bisamum u. dieses vom hebr. besam wohlgeruch, salbe“; unter balsame, balseme in demselben Band Sp. 116 die Übersetzung „balsam“ Zitiert wird nach der neuen Ausgabe: Der Marner. Lieder und Sangsprüche aus dem 13. Jahrhundert und ihr Weiterleben im Meistersang. Herausgegeben, eingeleitet, erläutert und übersetzt von Eva Willms. Berlin/New York 2008. Vgl. zu Datierung und Überlieferung dort S. 1 ff. In der Übersetzung der Edition Willms (2008), S. 150: „Du braust ein Bier ohne Malz: Schluck das! Du machst gern den Speichellecker, der den Herren viel vorlügt“ In der Ausgabe bei gruessen und suessen ein e über dem u, vgl. Edition Willms (2008), S. 117. In der Übersetzung von Willms (2008), S. 119 wiedergegeben mit: „Ein roter Mund soll den treuen Freund so empfangen, daß sein Kummer gänzlich verschwindet. Zucker macht süß, kommt aber ein Senf dazu, das schmerzt die Augen.“ – Eine auf die geschmackliche Note ‚süß – bitter‘ abhebende, in übertragenem Sinne ge-

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

In der von Konrad von Würzburg verfassten geistlichen Erzählung ‚Pantaleon‘, in der das Leben des römischen Märtyrers dargestellt wird, werden Speisen und Getränke nicht erwähnt, mehrfach jedoch wird die christliche Lehre als ‚süß wie Met‘ bezeichnet, so z. B. in V. 264: Si dvncket mich ¢uz¢e al¢ ein mette.423 Vereinzelt finden sich aus sachfremden Sprachbereichen übertragene Begriffe, die – gleichsam ‚im Gegenzug‘ – auf Speisen und Getränke angewendet werden. So lässt Wolfram von Eschenbach Wein auf der höfischen Tafel erscheinen, der parirt wurde (vgl. ‚Parzival‘, 295,7 und 326,7), eine Bezeichnung für einen ‚zähmenden Eingriff‘, der heute noch z. B. in der Reiterei gebräuchlich ist. Gemeint sein kann damit entweder, verschiedenfarbige Weine so anzurichten, dass sie, im Becher oder Glas voneinander abgesetzt, verschiedene Farbschichten bilden, ähnlich wie es heute bei manchen Cocktails angewandt wird oder – was angesichts der Schwierigkeit, Flüssigkeiten gleicher Konsistenz so aufeinander zu schichten, dass sie sich nicht vermengen – das Mischen verschiedenartiger Weine.424 Eine konkrete Form der intendierten Verfeinerung, die Beimischung von Salbei, nennt Wolfram im ‚Willehalm‘: wir sulen ouch parrieren den wîn mit guoter salveien.

(326, 20 f.)

Es begegnen auch aus dem Französischen bzw. dem romanischen Sprachbereich entlehnte Begriffe. Im ‚Tristan‘ erwähnt Gottfried von Straßburg in einer Minneszene, dass es keiner Speisen bedurfte, da man praktisch ‚von Luft und Liebe‘ lebte, und gebraucht dabei das Wort mangerie (‚Tristan und Isolde‘, V. 16822).425 Der Marner schilt den Verfall der Sitten, mit einem –

423

424

425

meinte und sprichwörtlich gefasste Wendung findet sich in dem Abschnitt ‚Über die Welt‘ (30, 21–33, 3) in ‚Freidanks Bescheidenheit‘ (Edition Spiewok, 1996): Die werlt gît uns allen nâch honege bitter gallen (30, 25 f., vgl. auch 55, 15 f. ‚Über den Honig‘) In der Ausgabe bei ¢uz¢e ein Punkt über dem u. In der Übersetzung wiedergegeben mit: „Sie scheint mir süß wie Met zu sein“, zitiert nach Konrad von Würzburg. Pantaleon. Bereinigter diplomatischer Abdruck und Übersetzung. Herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Thomas Neukirchen. (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Heft 45). Berlin 2008; vgl. zu Konrads Auftraggeber Johan von Arguel und zu den lateinischen Vorlagen dieser einzigen mhd. Adaption des Stoffes S. 84 f. der Ausgabe Vgl. Lex Bd. II (1992), Sp. 208 s.v. parrieren: „mit abstechender farbe unterscheiden, schmücken, verschiedenfarbig durcheinander mischen“ Vgl. Lex Bd. I (1992), Sp. 2030 f. s.v. manger: „das essen, die speise … aus fz. manger, it. mangiare“ sowie Sp. 2031 s.v. mangerie: „das essen, die speisen“

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151

nicht nur – durch die sprachliche Wendung deutlichen Hinweis auf französische Moden: es mag wol curteis povel sin: ‚pittit mangier‘ ist in gesunt.

(Sangspruch 3,2, 6 ff.)426

Ein solches ‚kleines Essen‘, einen Imbiss – petit mangiere –, der dennoch eine wirksame Stärkung gewährt, wird dem Ritter Gawein in Heinrichs von dem Türlin ‚Crone‘ gereicht: Yvalin die weil schuof Hern Gawein vil schiere Ein petit mangiere, Da von gewan er groz chraft.

(V. 6465 ff.)427

Ein reichhaltiges Essen oder eine Hauptmahlzeit428 – gramangier – lässt die Dame Sgaypegaz dem hungrigen Ritter Gawein reichen, dem sie nach einem zuvor geführten Kampf zunächst den Helm abgenommen hat:429

426

Der Sangspruch lautet von Beginn an in der Übersetzung von Willms (2008), S. 147: „Was der Rhein für höfisches Volk hat, habe ich nicht ohne Schaden erfahren. Ihre Hauben, ihre Frisuren, ihre Kapuzenmäntelchen sind Kreationen der neuesten Mode. Möge Christus ihnen beistehen, wenn sie niesen! Sie müssen courtoises Gesindel sein: ‚pittit mangier‘ halten sie für bekömmlich!“ 427 Als Morgenimbiss – vom Hausherrn ausdrücklich als erste Mahlzeit in der Frühe des kommenden Tages bestellt – erscheint die Bezeichnung auch in der ‚Kindheit Jesu‘ Konrads von Fußesbrunnen: zu der hûsfrouwen der wirt sprach: „wis gewarnet darzuo, daz du bereitest vil fruo den guoten liuten unde mir ein petitmangir. …“ (V. 1870 ff.) Dass dieser ‚Imbiss‘ dann – u. a. mit Braten und Obst – durchaus reichhaltig ausfällt, geht aus der anschließenden Darstellung hervor: nu truoc diu hûsfrouwe dar, als ez ir was gerâten, obez unde brâten und was si guotes mohte daz ze gâchspîse tohte. (V. 1890 ff.) 428 Vgl. Bumke (2005), S. 247 429 Bemerkenswert ist, dass Heyne, der eine wahre Fülle von u. a. etymologischen und literarischen Bezügen zu verschiedensten historischen Speise- und Küchenbegriffen aufführt, diese Entlehnungen aus dem Französischen nicht berücksichtigt, vgl. Heyne (1901), S. 383 ff.

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Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

Nv wart niht lenger gespart, Wan bereit dar ein gramangiyer Wol nah des mannes gir.

(V. 7648 ff.)

Eine auch in den mittelhochdeutschen Sprachbereich übernommene, weil dominierende Rolle der „gesellschaftlichen Praktiken des französischen Adels“430 lässt sich aus derartigen Textbelegen wohl kaum ableiten. Obwohl sich besonders in der mittelhochdeutschen Epik weitere Entlehnungen aus dem Französischen finden, die eine feine Tafel betreffen, sind ihre Zahl und die Häufigkeit ihres Gebrauchs doch sehr begrenzt.431 So mag es zwar für Dichter und Publikum einen gewissen ‚Chic‘ besessen haben, eine Mahlschilderung durch Entlehnungen aus dem Französischen exquisit und besonders erscheinen zu lassen, eine prägende Rolle der französischen Küche und Etikette bei Tisch kann durch die insgesamt spärlichen Textbeispiele jedoch nicht belegt werden. Besonders bei Wolfram von Eschenbach finden sich auch verschiedene Einsprengsel aus dem Arabischen, die sich jedoch überwiegend auf geographische und astronomische Bezeichnungen konzentrieren.432 Auch wenn viele seiner in die Schilderungen eingearbeiteten Begriffe sehr fremd klingen, ist wahrscheinlich, dass sie über das Mittellateinische bzw. Altfranzösische Eingang in sein Werk fanden, demnach nicht direkt dem Arabischen entstammen.433 Er erwähnt im ‚Willehalm‘ jedoch auch den seinerzeit aus dem arabischen Raum kommenden und bekannten zucker (vgl. 62, 13 und 88, 2), eine Bezeichnung, die als ein aus dem orientalisch-arabischen Sprachraum übernommenes Fremdwort gilt.434 Dass literarische Tafelszenen und Speisebeschreibungen mit Blick auf sachkundliche Fragestellungen überwiegend Typisierungen bzw. Topoi,435 430 431

432

433 434

435

Bumke (2005), S. 246 Aufgeführt werden z. B. barel ‚Pokal‘, mursel ‚Leckerbissen‘, gastel ‚Kuchenbrot‘/Feingebäck, blamenschir ‚Mandelspeise‘, clâret und sinôpel ‚weißer und roter Gewürzwein‘ sowie salse ‚Gewürzsauce‘ und vînaeger ‚Weinessig‘, vgl. Bumke (2005), S. 247 Vgl. Paul Kunitzsch: Die Arabica im ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach, in: Wolfram-Studien II. (1974), S. 9–35, bes. S. 12 ff. sowie Paul Kunitzsch: Erneut: Der Orient in Wolframs ‚Parzival‘, in: ZfDA 113 (1984), S. 79–111 Vgl. Kunitzsch (1974), S. 23 Vgl. Kunitzsch (1974), S. 22 f. sowie Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 32. (Neudruck). München 1984, Sp. 294 Zum dem in der Rhetorik mehrdeutigen Stichwort ‚Topos‘ findet sich in dem von Peter Hess verfassten Artikel im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (Bd. III, 2003, S. 649–652), S. 649 folgende Erläuterung: „Suchformel für das Finden von Argumenten oder sprachliche Formulierung mit allgemein anerkannter kulturspezifischer Bedeutung … Topoi sind sowohl ‚die allgemeinen Formprinzipien

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damit einen insgesamt recht überschaubaren Erkenntnisgewinn aufweisen, überrascht kaum. Wenn nämlich die erzählerischen Absichten und besonderen Motive beleuchtet werden, in deren Zusammenhang Tafel- oder Speiseszenen zu finden sind, geht es um Anderes als um das Essen und Trinken, die Nahrungsaufnahme und die Nahrungsmittel an sich oder um deren Zubereitung. Allenfalls die Menge oder Vielfalt dessen, was aufgetischt wird, finden Erwähnung. Dies erklärt sich aus der jeweiligen Funktion, die einer Mahlzeit im Verlauf der Erzählung zukommt.436 In einer querschnittlich angelegten Untersuchung der erzählenden Dichtung zwischen 1150 und 1320 hat Renate Roos denn auch festgestellt, dass den Mahlzeiten von den verschiedenen Autoren im Vergleich zu Begrüßungs- und Abschiedsszenen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.437 Sie nennt verschiedene funktionale Aspekte, auf die dies zurückzuführen ist: „Mahlzeiten haben nämlich ihren Zweck nicht immer in sich selbst. Die Gründe, die zu ihrer Aufnahme führen, haben indes kaum etwas zu tun mit dem Opportunitätsdenken im Bereich der Begrüßung. Obwohl man erwarten könnte, daß gerade Mahlzeiten dieser Denkweise entgegenkommen, werden sie äußerst selten … mit der Absicht veranstaltet, sich eine Person gewogen zu machen. Die Gründe sind vielmehr erzähltechnischer Art. Man erwähnt das Essen, um der Haupthandlung eine zeitliche Perspektive zu geben. Derartige Hinweise, die lediglich Informationscharakter haben, finden sich häufig bei der Ankunft von Personen. Doch auch für andere Vorgänge kann die Mahlzeit den Hintergrund bilden.“438 Roos verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Speiseszenen auch aufgenommen werden, „um im Verhalten zum Essen den Gefühlszustand einer bestimmten Person widerzuspiegeln.“439 Das Verweigern der Nahrung, auch und gerade in geselligem Kreise, tritt z. B. in Verbindung mit

436

437 438 439

möglicher Argumente‘ (‚formale Topik‘) wie auch ‚die zu Motiven, Denkformen, Themen, Argumenten, Klischees, loci communes [‚Gemeinplätzen‘], Stereotypen usw. stabilisierten materialen Gehalte‘ …“ Ein merkwürdiges Auseinanderklaffen der Bedeutung eines (Fest-)Mahles in der höfischen Sphäre und der literarischen Schilderung derartiger Szenen stellt auch Bumke (2005), S. 245 fest: „Die Aufzählung verschiedener Speisen und Getränke in den Festschilderungen der höfischen Epik könnte den Eindruck erwecken, daß die Dichter bei der Darstellung der Tafelsitten dieselbe Kennerschaft an den Tag gelegt hätten wie bei der Beschreibung der höfischen Kleidung und der ritterlichen Waffen. Das ist jedoch nicht der Fall. Über die Speisenfolge bei den großen Festmählern wurde nur ganz summarisch berichtet, meistens in der Form einer Auflistung von typischen Herrenspeisen.“ Vgl. Roos (1975), S. 458 f. Roos (1975), S. 459 Roos (1975), S. 459

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einer Minnehandlung auf, so im ‚Eneasroman‘, in dem der Held vor Aufregung nichts essen kann, als er einen Brief von Lavinia erhält (vgl. 291, 26 ff.). „Um den Verzicht möglichst plastisch hervorzuheben, zählen Dichter gerade bei diesen, für sich gesehen nebensächlichen Mahlzeiten gerne die vielfältigsten Speisen auf, oder sie weisen darauf hin, daß man den … Tischgenossen – vergebens – zum Essen auffordert.“440 Diese gestalterische Funktion ist jedoch, anders als Roos feststellt, nicht durchweg beschränkt auf „Personen, die in Kummer, speziell Liebeskummer, befangen sind.“441 Sie trifft nämlich auch auf Wolframs Willehalm zu, der die erlesensten Gerichte nicht aus Liebeskummer zurückweist, sondern weil er ein Gelübde abgelegt hat.442 Die Hauptfunktion, die prachtvollen Tafel- und Speiseszenen in der erzählenden Dichtung zukommt, ist die Demonstration einer möglichst formvollendeten höfischen Lebensweise.443 Dabei bildet das Festmahl zumeist nur eine Kulisse, einen zwar in der geltenden Etikette formal unverzichtbaren, jedoch in der Darstellung überwiegend stereotyp und oft eher nebensächlich behandelten Hintergrund. Höfische Pracht und Prunkentfaltung werden z. B. in den dichterischen Beschreibungen von Gewändern, Geschenken, auch Raumausstattungen und sogar des Schmucks von Turnierpferden weit detaillierter erkennbar. Wie oben dargelegt, werden Festmahlzeiten und Tafeleien im Erzählverlauf gelegentlich auch aufgenommen, um die Störung der stimmungsmäßig sensiblen, weil auf Frohsinn und Unterhaltung ausgerichteten Szenerie zu inszenieren. Im ‚Willehalm‘ bewährt sich dabei die höfische Etikette, im ‚Nibelungenlied‘ geht sie schließlich unter. Diese in der gesamten literarischen Hinterlassenschaft des Hochmittelalters eher isolierten, weil vereinzelten Beispiele verweisen wiederum auf die Hauptmerkmale des Festmahls und der gemeinsamen Tafel – Gastfreundschaft, Reichtum, Freigebigkeit, Friede, Frohsinn, Gemeinsamkeit, Unterhaltung –, deren Bedeutung und Wirkung dem Publikum umso stärker scheinen, je massiver sie durch Interventionen, durch den Kontrast in Frage gestellt werden.

440 441 442 443

Roos (1975), S. 459 Roos (1975), S. 459 Vgl. dazu die unten in Kap. 5 behandelte Szene Vgl. Roos (1975), S. 458 und Bumke (2005), S. 242 f.

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155

2.3 Bilanz und Perspektive Die zuvor aufgeführten zeitgenössischen poetischen Schilderungen höfischer Fest- und Tafelszenen weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die sie hinsichtlich der Frage nach ihrem historischen ‚Realitätsgehalt‘ durchaus fragwürdig scheinen lassen. Höfische Feste444 hatten prachtvoll zu sein und Prunk zu vermitteln, das Vermögen und die Gastfreundschaft eines Gastgebers drückten sich durch aufwändige Tafeleien mit mehreren Gängen und kostbarem Tafelgerät, durch eine aufmerksame Platzierung und Bedienung der zahlreichen Gäste sowie durch ein vielseitiges und unterhaltsames Begleitprogramm aus. Für ein angemessenes Festmahl war ein geräumiger Saal sorgfältig vorzubereiten, um den reibungslosen Verlauf der Tafelei kümmerten sich Kämmerer, Truchsess, Küchenmeister und Schenke. Die Tafelnden betrieben typischen Schilderungen zufolge beim Speisen Konversation und benahmen sich der Etikette gemäß diszipliniert und zurückhaltend – ‚höflich‘. Mit wenigen Ausnahmen445 erscheinen die Tafel- und Speiseszenen sprachlich formelhaft und in der Vorstellung, die sie vermitteln, recht stereotyp gestaltet. Dabei darf nicht übersehen werden, dass den Autoren des Hochmittelalters weniger daran gelegen war, die ihre Zeit bestimmenden Gegeben- und Gepflogenheiten so wiederzugeben, dass sie in einem modernen Verständnis als historische Dokumentation gelesen werden könnten. In eben diesem Umstand liegt ein gewichtiger Irrtum vieler vorliegender kulturhistorischer Darstellungen des Mittelalters, sofern sie sich besonders auf zeitgenössische literarische Quellen stützen. Die vornehmliche Funktion gerade der in Festdarstellungen eingebundenen Speiseszenen bestand darin, den handelnden Figuren und einer Handlung einen ‚passenden‘ Rahmen zu geben, z. B. durch die Beschreibung von Haus/Burg, Räumen und Sälen, von Festmählern und deren Gestaltung hervorzuheben, dass Gastgeber und Gäste großzügig, freigebig, gütig, gesellig, zugewandt, fromm, wohlgesinnt und in der Etikette erfahren waren – sprich: wichtige, die ‚Edelen‘ auszeichnende normative Eigenschaften besaßen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Speise- und Tafelszenen kaum als eigenständige Handlungsträger oder -einheiten, sondern eher als Attribute, als charakterisierende und charakteristische Kulissen, ähnlich wie heute in einem Theaterstück oder in einem Film. Diese Attribute erläutern, erklären, verstärken eine Handlungssituation und deren Entwicklung, ohne den 444 445

Vgl. zu ihrer Darstellung in der Dichtung des Mittelalters bes. Haupt (1989) Vgl. die oben erwähnten Beispiele in Wolframs ‚Parzival‘ und ‚Willehalm‘ sowie in Konrads ‚Partonopier und Meliur‘

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eigentlichen Handlungsverlauf entscheidend zu beeinflussen. Dennoch sind diesen Szenen einige Informationen darüber zu entnehmen, wie man sich im Hochmittelalter ein idealtypisches Festmahl und insbesondere das Ambiente, das es auszeichnete, vorstellte. Die Speisen und Getränke an sich, die Besonderheit ihrer Zubereitung und Darbietung geraten darüber in literarischen Schilderungen des höfischen Ambientes kaum in den Blick. Auch wenn sich gerade durch ihre detailliertere Ausführung hätte darstellen lassen, wie einfalls- und variationsreich, kunstvoll, aufwändig und damit überaus exklusiv eine Festtafel bestückt wurde – auch im Sinne eines ‚was man isst, zeigt, wer man ist‘ –, resultiert die Suche nach entsprechenden Ausführungen angesichts der vorhandenen Textvolumina schließlich in recht spärlichen Resultaten. Verschiedene Autoren geben an, sich über die dargebotenen Speisen und Getränke nicht näher auslassen zu können oder zu wollen, und wenn sie es doch tun, verwenden sie bekannte und vielfach erprobte ‚Musterelemente‘, frühe Vorläufer heutiger ‚Textbausteine‘, die über die Küche und Speisenfolgen kaum etwas, über bevorzugte Geschmacksrichtungen und -kombinationen (scharf, süß, salzig, allgemein ‚gewürzt‘) wenig und über hochmittelalterliche Rezepte letztlich nichts verraten. Wichtiger als qualitative Aussagen sind vielmehr Bemerkungen über das quantitative Angebot auf einer Tafel, ein ‚Viel‘ und die ‚Fülle‘, auch die Verschiedenartigkeit der Speiseangebote und Getränke sowie die Darreichung mehrerer Gänge sind von Bedeutung. Schon vor mehr als 25 Jahren wurde daher das Verhältnis von Darstellungen in mittelhochdeutschen literarischen Texten zu der ‚realen Welt‘ ihrer Entstehungszeit kritisch in den Blick genommen. Sie wurde schon damals als durch erhebliche funktionale Reduzierungen gekennzeichnet beschrieben: „Die Bilderwelt der arthurischen Romane ist wie die der Lyrik … im Unterschied zur psychischen Fundierung nur eine partielle Widerspiegelung des ritterlich-höfischen Seins. Es sind jeweils nur die zu den skizzierten Demonstrationszwecken notwendigen Requisiten sichtbar … Zur Präsentation … bedient sich diese Epik nicht einer realistisch-ausmalenden, sondern eher einer funktional-symbolischen Darstellungsweise, gleichsam eines ad-hoc-Stils … Gestalten und Realien weisen in der Regel nicht mehr Eigenschaften auf als für ihre Funktion im Handlungs- und Gedankenablauf nötig sind. Oft folgen sie dabei überkommenen, bereits toposartig vorgeformten, wiederum fiktionalen Mustern.“446 446

Günther Schweikle: Mittelalterliche Realität in deutscher höfischer Lyrik und Epik um 1200. Wolfgang Mohr zum Fünfundsiebzigsten (19. Juli 82), in: Germanisch-romanische Monatsschrift. N.F. 32 (1982), Heft 3, S. 265–285, hier: S. 279 f. Vergleichbar formuliert Henning Brinkmann: Zu Wesen und Form mittelalterlicher Dichtung.

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Spezielle Gerichte werden daher nur selten genannt, auch Rezepturen fehlen. Haus- und Wildtiere, Geflügel, Fisch, Gekochtes und Gebratenes, Brot (auch in verschiedenen Sorten), Saucen und Tunken, mit (teuren) Gewürzen Angemachtes, auch Wein, Weingetränke, Met und gelegentlich Bier bilden, fast immer ohne weitere Details, ab, was eine Tafel der Vornehmen enthalten sollte. Als aussagekräftige Beispiele für eine Rekonstruktion ‚der‘ mittelalterlichen Küche und speziell ausgewählter Gourmetinteressen elitärer Kreise lassen sich die Speiseszenen in diesen literarischen Quellen deswegen kaum heranziehen. Dies hätte ihrer Funktion, der Intention eines damaligen Autors und den Erwartungen seines Auftraggebers wie seines Publikums auch kaum entsprochen. Gerade die Darstellungen der höfischen Epik folgen nicht der Absicht, die zeitgenössische Realität im neuzeitlichen Verständnis historiographisch zu dokumentieren.447 Ein bereits eingangs skizziertes, grundlegendes Missverständnis bei der Interpretation der volkssprachigen literarischen Produktion des (Hoch-)Mittelalters, das noch bis in Teile der heutigen Kulturgeschichtsschreibung fortwirkt, ist daher stets im Blick zu behalten: „Mittelalterliche Dichtung war … immer schon besonders dringlichen Befragungen nach ihren Realitätsgehalten ausgesetzt. Der Mangel an authentischen Lebenszeugnissen aus jener Epoche machte sie zum scheinbaren Realienfundus gerade auch für den Historiker, der aus der mittelhochdeutschen Dichtung über jene mittelalterlichen Lebensbereiche etwas zu erfahren suchte, über welche Zweckliteratur wie Urkunden, Annalen, Chroniken … nur unzureichend Auskunft gibt. Befragt wurde mhd. Dichtung vor allem für Bereiche mittelalterlichen Seins abseits der Reichs- und Kirchenpolitik, d. h. für mittelalterliche Gesellschafts- und Lebensformen, für kultur- und geistesgeschichtliche Standortbestimmungen, für zwischenmenschliche Beziehungen. Bei derartigen Untersuchungen lauern gleich mehrere sachliche Klippen und Untiefen. Eine erste Untiefe liegt in der Fiktionalität der Dichtung. Diese ist zwar theoretisch durchaus erkannt, dennoch wird Dichtung in einer an historischen Hintergründen interessierten Literaturwissenschaft nicht selten so ausgewertet, als ob sie für die Be-

447

Darmstadt 19792, S. 83: „Ein einzelner Vorgang wird häufig mit der idealtypischen Art seines Ablaufs verglichen; so Erec 178 dâ wart er emphangen wol,/ sô man ze friundes hûse sol,/ und als dem wirte wol gezam. Der Sinn solcher Vergleiche, die sich über den ganzen Bereich mittelalterlicher Dichtung ausbreiten, ist, den geschilderten Vorgang als idealtypisch zu kennzeichnen. Damit erübrigt sich eingehendere Darstellung. Der als bekannt vorausgesetzte Typus ersetzt völlig den Einzelverlauf.“ Diese Erwartung würde, wenn es um ein kulturhistorisch orientiertes Frageinteresse geht, auch an die erzählende Literatur der Gegenwart wohl kaum direkt herangetragen

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antwortung gewisser kulturgeschichtlicher oder historischer Fragen fast Protokollcharakter hätte.“448 Besonders die höfischen Epen des Hochmittelalters, aber auch die Hofschilderungen z. B. des ‚Nibelungenliedes‘ besitzen jedoch gerade einen solchen ‚Protokollcharakter‘ kaum, sie zeigen vielmehr ein durchaus ‚retuschiertes‘, damit bewusst gestaltetes – und folglich auch verzerrtes – Spiegelbild der zur Zeit ihrer Entstehung realen Verhältnisse. Denn sie sind als ein Medium zu verstehen, durch das sich die höfische Gesellschaft des Hochmittelalters – im Wortsinn – erst definierte. In diesem Prozess kommt der herrschaftlichen Repräsentation, zu der auch die Ausrichtung von Festmählern und die großzügige Bewirtung von Gästen mit erlesenen Speisen und Getränken gehören, eine zentrale Rolle zu: „In einer Gesellschaft, in der es noch keinen Ausweis gibt, muß der Mensch sich durch das ausweisen, was er ist oder zu sein beansprucht. Repräsentatives Herrschaftshandeln verlangt die sinnlich erfahrbare, sichtbare, hörbare, fühlbare und greifbare Darstellung von sozialem Rang, von tatsächlichen oder auch angemaßten Statuspositionen, die unter den vorbürokratischen Bedingungen des mittelalterlichen Personenverbandsstaates nicht ausreichend gesichert sind und sich deshalb in der öffentlichen Demonstration als ‚wahr‘ erweisen müssen.“449 In zeitgenössischen Schilderungen repräsentativen Handelns geht es daher nicht vornehmlich um die sachgerechte Dokumentation historischer Ereignisse oder eine getreue Schilderung damaliger Lebensverhältnisse, sondern vielmehr um die Konstruktion von gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen.450 Durch sie beschreibt sich das adlig-höfische Milieu zunächst selbst, will sich dadurch auch bewusst von anderen Teilen der 448 449

450

Schweikle (1982), S. 265 Horst Wenzel: Höfische Repräsentation. Symbolische Kommunikation und Literatur im Mittelalter. Darmstadt 2005, S. 11 Die mittelalterliche, religiös geprägte Perspektive dieses sozialen Konstruktionsprozesses wird dabei auch in Beziehung zu der stark schematisierten Darstellung seiner charakteristischen Ausprägungen gesetzt. In seinen Überlegungen zu der vom Gottesbezug beeinflussten mittelalterlichen Wirklichkeitswahrnehmung hält Brinkmann (1979), S. 82, fest: „Sein wahres Wesen begreifen wir nur im Gefüge jener Ordnung, jener Wirklichkeit, die in Gott begründet ist. Und diese Wirklichkeit ist nicht das Sinnenhafte, Besondere, Einzelne unserer Anschauungs- und Erfahrungswelt, sondern das Ideelle, Typische, Allgemeine; nicht der Vordergrund, der als Fassade unserem Auge sich bietet, sondern der Hintergrund, die Hinterwelt, die in Gott zurückreicht. Eine höhere Wirklichkeit, unberührt von individuellem Erlebnis und einzelnem Sinneseindruck. Es ist selbstverständlich, daß solche Realität nicht durch ‚Wirklichkeitstreue‘ im üblichen Sinn zu Darstellung gelangen kann; so würde ja gerade das Nebensächliche gestaltet. Das Allgemeine soll zur Geltung kommen, und dieses fordert notwendig t y p i s c h e D a r s t e l l u n g s f o r m e n .“

Fest und Mahl: Essen und Trinken in der höfischen Literatur

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Gesellschaft abheben und seinen Führungsanspruch untermauern.451 Das ‚ideelle Grundgerüst‘ der höfischen Gesellschaft und Lebensform, in das die verschiedenen Erzählhandlungen mittelhochdeutscher epischer Texte eingebettet werden, entwirft daher mehr ein richtungweisendes Programm als eine Abbildung realer Verhältnisse. Dies gilt auch für die epischen Schilderungen von Speisen und Getränken, aufwändiger Bewirtung und Küche der höfischen Kreise, die das zentrale Orientierungsmuster der damaligen hochadligen Gesellschaft darstellten. Herrschaftliche Lebenswirklichkeit ist durch die zuvor aufgeführten Textbeispiele kaum angemessen zu fassen, umso mehr, als sie sich im Regelfall auf außergewöhnliche Festmähler beziehen und den ‚Alltag‘452 bei Hofe, auf einer Burg oder einem stattlichen Herrensitz gänzlich ausblenden. Das Interesse, die höfische Sphäre in ihrer vollen Pracht erscheinen zu lassen, spiegelt sich auch in den episch überlieferten Szenen festlicher Mähler wider. Dabei lassen sich verschiedene, diese Sphäre kennzeichnende Bereiche erkennen. Der „Hof als Sozialraum“453 scheint durch die adlige Gemeinschaft auf, die allein Zugang zu einer festlichen Tafel besitzt und – je nach Rang und Bedeutung – an ihr platziert wird. Deutlich wird dabei eine Abgrenzung von Herrschaft und Dienerschaft vorgenommen, standesgemäßes Verhalten und standesgemäße Verrichtungen werden durch 451

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453

Vgl. Wenzel (2005), S. 12; hierzu auch Gert Kaiser: Textauslegung und gesellschaftliche Selbstdeutung. Die Artusromane Hartmanns von Aue. 2. neubearbeitete Auflage. (Schwerpunkte Germanistik). Wiesbaden 1978, S. 44: „Für den mittelalterlichen Menschen ist die vorherrschende, wenn nicht alleinige Möglichkeit zur Identitätssicherung die permanente Repräsentation (und auch Reflexion) des gesellschaftlichen Status, der stete und in Kleidung, Gerät, Gestus und Habitus stets ostensible Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Einheit.“ Auch dieser Begriff erweist sich, genauer besehen, als schwierig. Er kann generell als der Zustand und der Zeitraum betrachtet werden, in dem kein außerordentliches Ereignis oder Fest stattfindet. Wie wenig greifbar eine derartige Kategorisierung schließlich ist, wird deutlich, wenn z. B. eine Festsituation und ‚der Alltag‘ aus der Perspektive verschiedener Akteure betrachtet werden: so haben Gastgeber und Gäste verschiedene Rollen und Wahrnehmungen, der Hausherr und seine Gattin, ebenso allgemein die anwesenden Herren und Damen der adligen Gesellschaft, und aus der Sicht der höfischen Funktionsträger, der Dienerschaft, des beteiligten Küchenpersonals oder der angereisten Künstler werden sich die jeweiligen Tagesabläufe und deren Anforderungen sehr unterschiedlich dargestellt haben, vgl. hierzu Christof Krauskopf: Das Alltagsleben im Spiegel schriftlicher und archäologischer Zeugnisse – eine kritische Analyse, in: Joachim Zeune (Hg.): Alltag auf Burgen im Mittelalter. Wissenschaftliches Kolloquium des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Burgenvereinigung Passau 2005. (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V. Reihe B: Schriften. Bd. 10). Braubach 2006, S. 35–40 Werner Paravinci: Hof als Sozialraum, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 288

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immer wiederkehrende Erwähnung nicht nur gekennzeichnet, sondern gleichsam normsetzend hervorgehoben. „Das höfische Gastmahl hat demnach eine sozial integrierende Funktion – es geht um die friedliche Gestaltung sozialer Wirklichkeit und zugleich um die Demonstration hochadeliger Lebensformen gegenüber der Masse der Bevölkerung.“454 Der „Hof als politischer Raum“455 äußert sich auch in der Mahlgemeinschaft der Herrschenden und Edlen, die als über Land und Menschen Gebietende aus verschiedenen Anlässen eingeladen werden und zusammenfinden, ihre wechselseitigen Interessen austauschen, Ansprüche erheben und deren Einlösung aushandeln. Bei Festen, besonders aber beim gemeinschaftlichen Mahl gilt das Friedensgebot – zwischen Teilnehmern ggf. bestehende Konflikte dürfen dort nicht ausgetragen, Waffen nicht eingesetzt werden, erwartet wird die Disziplin ‚zivilisierter‘ Zurückhaltung, die für die höfische Sphäre grundlegend ist: „Es ist zugleich ein gesteigerter Friede, der beim gemeinsamen Mahl hergestellt wird und alle Teilnehmer verbindet.“456 Dennoch werden die Bedeutung und der Einfluss der bei einem Festmahl Anwesenden nicht egalisiert, im Rahmen des höfischen Zeremoniells werden sie vielmehr auf eine besondere Weise kanalisiert: „Gunst, die jedes noch so hohe Amt aussticht, ist auch hier oberstes Gesetz. Wer zu Einfluß und Einkünften kommen will, muß das Ohr des Fürsten haben. Wer es hat, kann diese Macht in den Markt der Machtmakelei einbringen und daraus großen Nutzen ziehen. Die anwesenden Edelleute repräsentieren auf eine ganz undemokratische Weise ihre Herkunftsregionen und wirken, oft über Teilzeitämter (drei Monate Schenk bei Hofe, neun Monate Amtmann in Flandern) am Hof für die Provinz, in der Provinz für den 454

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Werner Rösener: Leben am Hof. Königs- und Fürstenhöfe im Mittelalter. Ostfildern 2008, S. 148. Mit Blick auf die Festdarstellung in der höfischen Epik führt Haupt (1989), S. 27, differenzierter aus: „Das epische Fest kann potentiell gemeinschaftsbildende und stabilisierende Funktion übernehmen, indem es kollektive Erinnerung stiftet. Von einer inhaltlichen Ebene her gilt dies zunächst für die Gründungsfeste im König Rother … und in der Eneit; ‚Erinnerung stiften‘ meint aber darüber hinaus den künstlerischen Akt, der im Text eine neue Form von gesellschaftlichem ordo entwirft. Die Besonderheit des Festmotivs, die im mimetischen Verhältnis zu Kult und Ritual begründet ist, führt zu Überlegungen, die dem Motiv einen Stellenwert in historischen Lernprozessen zuweisen müssen, in Lernprozesse, die sich auf politische, soziale und kulturelle Konzepte von Herrschaft und Gemeinschaft richten. Das mimetische Verhältnis ist dabei keineswegs als Dokumentation historisch-faktischer Wirklichkeit zu verstehen, vielmehr ist das epische Fest eine spezifische Art ‚objektivierte[r] Sinnbildungen, in denen sich soziale Einstellungen manifestieren, die ihrerseits soziales Verhalten mitbestimmen‘, womöglich auch verändern können.“ Werner Paravinci: Hof als politischer Raum, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 288 Rösener (2008a), S. 148

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Hof.“457 Auch unter diesem Aspekt betrachtet, besitzt die Platzierung an der Tafel eines Herrschers für die an einem Mahl teilnehmenden Gäste eine hohe Bedeutung. Ihre Einflussmöglichkeiten drücken sich direkt in der für alle sichtbaren Nähe oder Ferne zum Platz des Gastgebers aus. Dass Festmähler z. B. bei fürstlichen Hochzeiten ein unverzichtbares Element bedeutender politischer Akte darstellen, indem durch die Verbindung eines Paares politische und territoriale Koalitionen geschlossen werden, wird u. a. im poetischen Beispiel der Eheschließung zwischen Eneas und Lavinia im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke aufgenommen (vgl. oben Abschnitt 2.2.1).458 Der „Hof als kultureller Raum“459 wird auch in den Speiseszenen der mittelhochdeutschen Epik sichtbar. Bemerkenswert ist, dass dabei die gereichten Speisen und Getränke, die als Ausdruck einer hochentwickelten, kultivierten Küche hätten genutzt werden können, in den epischen Texten eine marginale Rolle spielen. Denn auf Detailschilderungen, die die präsentierten Gerichte und Getränke als raffiniert, exquisit, besonders aufwändig oder exotisch kennzeichnen könnten, wird in den beleuchteten Texten fast durchweg verzichtet. Die meisten der einschlägigen Passagen weisen lediglich aus, dass Vielfalt und Menge der aufgetragenen Speisen und Getränke angemessen oder großzügig bemessen waren. Ein allgemein gehaltenes Beispiel für eine in der Küche und auf der Tafel gepflegte, spezifisch höfische Kultur bietet der wiederholte Hinweis, dass sich unter den angebotenen Speisen auch Wild befand: „Horsing, fishing, hunting sind stets die standesgemäßen Tätigkeiten des ‚gentleman‘ und eben auch des Fürsten gewesen.“460 Die gelegentliche Erwähnung besonderer, auch importierter Weine und Gewürze lässt erkennen, dass es seinerzeit mehr Vorstellungen von gehobener Tischkultur gegeben haben wird als sie uns aus den zuvor beleuchteten Quellen entgegen treten. Deutlicher als bei Speisen, Getränken und kostbarem Tafelgerät äußert sich die höfische Kultur in Fragen von Protokoll und Etikette. Die Sitzordnung, die Hofämter des Truchsessen, Schenken, Küchenmeisters, eine gut organisierte und aufmerksame Bedienung sowie vornehme Manieren bei Tisch gehören in den epischen Texten zu unverzichtbaren Kennzeichen der höfischen Kultur, in den Tischzuch457 458

459 460

Paravinci (Hof als politischer Raum, 2008), S. 288 Zu historischen Beispielen repräsentativer Königs- und Fürstenhochzeiten, u. a. der 1114 in Mainz glanzvoll gefeierten Hochzeit von Kaiser Heinrich V. mit der englischen Königstochter Mathilde, vgl. Rösener (2008a), S. 190 ff. sowie in diesem Band unten S. 235 ff. Werner Paravinci: Hof als kultureller Raum, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 290 f. Werner Paravinci: Der höfische Raum – eine Weltsicht, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 291 f.

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ten werden zeitgenössische Vorstellungen zu ‚gutem Benehmen bei Tisch‘ in höfischen Kreisen greifbar. Im direkten Umfeld einer festlichen Tafelei wird die kulturelle Bedeutung des Hofes besonders auch dadurch ersichtlich, dass Musikanten oder Sänger (das Mahl direkt begleitend), ferner auch Artisten, Erzähler oder Vorleser auftreten, um eine versammelte Festgemeinde kurzweilig zu unterhalten. Einen für das Thema ‚Essen und Trinken‘ bedeutenden Aspekt bildet der „Hof als ökonomischer Raum“.461 Das Bedürfnis nach Repräsentation, aber auch die aufgegebene Verpflichtung, einen repräsentativen Großhaushalt zu führen, können nur bei entsprechend vorhandenen Mitteln erfüllt werden. Die bei einer angemessenen, d. h. großzügigen Bewirtung erwartete und gebotene Vielfalt an Speisen und Getränken musste durch einen Gastgeber vorgehalten werden, bei besonders aufwändigen Festen für eine große Zahl von Gästen und für deren Gefolge. Die Organisation von Küche und Tafel erfordert bei solchen Anlässen eine erhebliche logistische Leistung: Einkauf, Lagerung, Vorbereitung in der Küche, Bedienung bei Tisch und auch die nie näher ausgeführten (weil zu alltäglichen) Aufräumarbeiten nach Beendigung eines Festmahls setzen neben erheblicher Finanzkraft auch verfügbare Personalressourcen voraus. Über den Arbeitsaufwand, der mit der Ausrichtung von (meistens mehrtägigen) Festen und dabei gegebenen Festmählern verbunden war, schweigen sich die beigezogenen Dichtungen aus.462 Die Kunst einer angemessenen Hofhaltung er461

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Werner Paravinci: Hof als ökonomischer Raum, in: Melville/Staub Bd. 2 (2008), S. 289 Obwohl den in mittelalterlichen chronikalischen Quellen aufgeführten Zahlenangaben gegenüber Zurückhaltung geboten ist, weil sie interessengeleitet oft übertreiben, lassen sich der Prunk und der mit ihm verbundene Aufwand aus den wenigen überlieferten Belegen doch zumindest mittelbar erschließen. Ein Beispiel für Tafelaufwand, das aus Tirol in der Zeit um 1300 stammt, führt Rösener (2008a), S. 154 auf: „Bei der Vermählung des jungen Fürsten Heinrich mit Adelheid von Braunschweig in Innsbruck beeindruckt uns deren enorme Menge und Vielfalt: 69 Rinder, 252 Schafe, 58 Schweine, 357 Schweineschultern, 242 Lämmer und Kitze, 12 Gänse, 185 Hühner, 8960 Eier, 2995 Käse, 35 Schüsseln Fett, große Mengen an Getreide und Mehl, ferner 56 560 Brote und mehr als 19 Fuder Wein.“ Diese Zahlen nennen die am verwaltungsseitig gut organisierten Hof der Tiroler Grafen geführten Rechnungsbücher. Grob geschätzt, müssen bei einer mehrtägigen Festdauer weit mehr als 200 Personen mit der Beschaffung, Einlagerung, Vor- und Zubereitung (nicht nur in der Küche oder den Küchen), dem Auf- und Abtragen sowie den Aufräumarbeiten beschäftigt gewesen sein. Angaben über die Gästezahl fehlen leider. Die in diesem Beispiel genannten Daten beziehen sich auf ein außerordentliches Ereignis an einem auch nach damaligen Verhältnissen ungewöhnlich reichen Fürstenhof. Sie lassen sich daher sicher nicht ungebrochen auf die vielen kleineren Territorialherrschaften übertragen, die es nördlich der Alpen gab. Dennoch vermitteln sie Ein-

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scheint darin, dass der Gastgeber reich und freigebig ist, dass die Gäste eine reibungslose und großzügige Aufnahme, Beköstigung und Unterhaltung finden. Die höfische Epik beleuchtet dabei nur das Geschehen auf der herrschaftlichen Bühne. Die aufwändige und mühsame Arbeit ‚hinter den Kulissen‘ eines Speisesaals besitzt daher keine Relevanz, sie wird – nach Möglichkeit perfekt funktionierend – vorausgesetzt. Die alternative Möglichkeit einer bei vorhandenen Mitteln bewusst bescheidenen Hofhaltung kam im Mittelalter nicht in den Blick, sie lief den zeitgenössischen Vorstellungen komplett entgegen und war daher nicht denkbar. Herrschaftliche Macht, eng verknüpft mit herrschaftlicher Repräsentation, die sich besonders auch in der Führung eines komplexen und aufwändigen Hofes ausdrückte, war in der Vorstellung der Zeit mit Reichtum, Pracht und Großzügigkeit untrennbar verbunden: „Denn der Fürst musste freigebig sein, wollte er als solcher gelten.“463 Mit Blick auf kulturhistorisch belastbare Aussagen zu Essen und Trinken in höfischen Kreisen vermittelt sich vor diesem Hintergrund ein merkwürdig unklares Bild. Zwar lassen sich aus epischen Texten (und auch aus der Chronistik) der Zeit wichtige und auch konsistente Aussagen dazu gewinnen, wie man sich vom ausgehenden 12. Jahrhundert an eine repräsentative Hofhaltung und, dem folgend, die Ausrichtung höfischer Feste und Tafeleien vorstellte. Über die tatsächlich zu der Zeit herrschenden Verhältnisse und damalige Gepflogenheiten verrät eine am Ideal orientierte dar-

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blicke in Erwartungshaltungen, die an großartige Festveranstaltungen gestellt wurden, und lassen auch den erheblichen wirtschaftlichen und organisatorischen Druck erkennen, dem sich ein Gastgeber ausgesetzt sah, wollte er sich als großzügig und aufmerksam erweisen Paravinci (Hof als ökonomischer Raum, 2008), S. 289. Seltene Einblicke in die wirtschaftlichen Verhältnisse eines auf der politischen Bühne nicht in der ‚ersten Reihe‘ agierenden, jedoch ausgesprochen wohlhabenden Fürstenhauses bieten auch hier die Rechnungs- und ‚Rait‘-Bücher sowie teilweise erhaltene Inventarlisten der Grafen von Tirol gegen Ende des 13. Jahrhunderts, die Rösener (2008a), S. 153 erwähnt: „Der Reichtum der Fürsten von Tirol und ihres Hofes beruhte auf einem Territorium mit effizienter Verwaltung. Aufgrund dieser finanziellen Potenz entfaltete sich am Tiroler Fürstenhof eine glänzende Hofkultur, die durch Prunk, luxuriösen Konsum und exquisite Sachgüter gekennzeichnet war. Die … Schätze und Gegenstände der Tiroler Burgen zeigen einen hohen Standard der materiellen Kultur und Ausstattung. Sie vermitteln einen Eindruck von außergewöhnlich umfangreichem Besitz der Tiroler Grafen an Schmuck, prunkvollen Rüstungsgegenständen und reich verzierten Gerätschaften aus edlem Metall, aber auch an anderen hochwertigen Werkstoffen wie Bergkristall, Straußenei, exotischen Hölzern und Horn.“ Aus diesem Beispiel ist auch ersichtlich, dass sich Territorialherrschaften mit einer weniger gut organisierten Verwaltung (z. B. bei der Erhebung von Einnahmen und Abgaben) wohl kaum auf eine derart ausgeprägte wirtschaftliche Grundlage stützen konnten

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stellerische Programmatik, die epische Texte des Mittelalters ebenso aufweisen wie chronikalische Quellen, jedoch nicht eben viel.464 Das daraus für kulturgeschichtliche Fragestellungen entstehende Dilemma wurde daher folgendermaßen beschrieben: „Dem Mittelalter ist naiver Realismus fremd, der das sinnenhaft Gegebene so, wie es sich darbietet, als das eigentlich Wirkliche nimmt. Das wird jedem modernen Leser klar, der in mittelhochdeutscher Dichtung bunte Wiedergabe des ‚Lebens‘ sucht und sich dann über die Unanschaulichkeit, die Alltagsferne der Darstellung ärgert.“465 Es würde jedoch zu kurz greifen, die in epischen Texten entworfenen Bilder höfischen Lebens ausschließlich in die Sphäre idealer Vorstellungen oder rein fiktiver Konstruktionen zu rücken. Mag letzteres für phantastische Erzählhandlungen, die Kämpfe mit Drachen oder Riesen, andere Fabelwesen und auch einen Löwen als des Ritters Iwein treuen Begleiter aufweisen, gerechtfertigt sein, so ist doch eine grundsätzliche Realitätsferne dieser Werke wenig wahrscheinlich. Um für das Publikum interessant zu sein und auch Bedeutung zu erlangen, haben ein Erzählstoff und seine dichterische Verarbeitung verschiedene Kriterien zu erfüllen: „Die vier wichtigsten Erfordernisse auf seiten des Textes sind: Erregung von Neugier, Glaubwürdigkeit, Exemplarität und Assimilierbarkeit … Gilt ein Text als glaubwürdig, hat er Chancen, für das Leben seiner Rezipienten wichtig zu werden.“466 Dass viele der mittelhochdeutschen Epen in diesem Sinne ‚wichtig‘ waren und Bedeutung besaßen, belegen nicht zuletzt ihre über Jahrhunderte hinweg immer wieder vorgenommenen Abschriften sowie ihre dadurch nachvollziehbare Beliebtheit und Verbreitung. Besonders die beiden Aspekte Glaubwürdigkeit und Assimilierbarkeit, aber auch die Exemplarität eines Textes können beim Publikum kaum zur Wirkung gelangen, wenn zwischen dem Stoff und der Welt der Erzählung sowie der Welt ihrer Rezipienten und deren Erfahrung nicht einige, besonders auch bedeutsame Überschneidungen, Ähnlichkeiten oder Anknüpfungspunkte erkennbar werden.467 Die Problematik, die die literarisch gezeichneten Bil464

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Dass auch die aus dem Hochmittelalter überlieferten chronikalischen Quellen nur wenig zum höfischen Leben zu dieser Zeit beitragen, stellt u. a. Rösener (2008a), S. 59 fest: „In den genuin historischen Quellen wird über den alltäglichen Hofbetrieb der Stauferherrscher nur selten und äußerst lückenhaft berichtet.“ Brinkmann (1979), S. 81 Kaiser (1978), S. 20 f. Das Verhältnis von Fiktion und Realität in mittelalterlichen Schriftquellen wurde vergleichbar auch von Historikern beleuchtet, vgl. hierzu Klaus Schreiner: Texte, Bilder, Rituale. Fragen und Erträge einer Sektion auf dem Deutschen Historikertag (8. bis 11. September 1988), in: Klaus Schreiner/Gabriela Signori (Hg.): Bilder,

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der für eine ‚höfische Gesellschaft‘ des Hochmittelalters mit Blick auf kulturgeschichtliche Aussagen aufwerfen, besteht darin, dass wir heute zwar diese Entwürfe recht genau beschreiben können, über deren praktische Ausgestaltung im Leben der von Pfalzen, Burgen und (großen) Herrensitzen aus Herrschenden jedoch kaum Schriftliches und darin noch weniger im heutigen Verständnis Verlässliches besitzen. Wie schwierig es ist, hier zwischen literarischem Ideal und historischer Realität, auch zwischen einem exemplarischen Entwurf und seiner Ausführung eine belastbare Trennlinie ziehen zu wollen, zeigt u. a. das Beispiel des von Kaiser Friedrich I. (‚Barbarossa‘) im Jahre 1184 inszenierten Mainzer Hoffestes. Die von zeitgenössischen Chronisten geschilderten Elemente und Abläufe entsprechen dem aus literarischen Texten bekannten idealen Fest in so hohem Maße (vgl. oben Abschnitt 2.2.1), dass Heinrich von Veldeke das Hoffest zum Anlass nahm, seine literarische Schilderung des Hochzeitsfestes von Eneas und Lavinia damit zu vergleichen. Erkennbar wird hier, dass seinerzeit nicht nur aus der (noch vornehmlich französischsprachigen) Welt der Dichtung bekannte ideale Programme auf die Gestaltung von höfischer Realität wirkten, sondern auch reale Ereignisse auf die Gestaltung poetischer Texte Einfluss nehmen konnten. Wo wie hier durch die wechselseitige Durchdringung von kulturellem, in literarische Form gefasstem Entwurf und kultureller Praxis des kaiserlichen Festes Grenzen fließen, ist eine Abgrenzung zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Vorbild und Nachahmung im Nachhinein nicht möglich. Sie wird auch dadurch erschwert, dass die zeitgenössischen Chronisten sich viel Mühe gaben, die Ereignisse von Mainz ganz im Lichte einer idealen Ritterlichkeit und vollkommener höfischer Prachtentfaltung erscheinen zu lassen. Die funktional wohlkalkulierte Repräsentation auf dem Fest erfüllte ihren Zweck, nämlich kaiserlichen Herrschaftsanspruch und auch Macht zu demonstrieren, den überlieferten Schilderungen zufolge offenbar sehr gut. Repräsentative Großveranstaltungen wie das Mainzer Hoffest sind demnach auch in ihrer Bedeutung für eine bewusst eingesetzte und gesteuerte herrschaftliche ‚Propaganda‘ zu betrachten. Texte. Rituale. Wirklichkeitsbezug und Wirklichkeitskonstruktion politisch-rechtlicher Kommunikationsmedien in Stadt- und Adelsgesellschaften des späten Mittelalters. (Zeitschrift für historische Forschung. Beiheft 24). Berlin 2000, S. 1–16; dort heißt es auf S. 3: „Sprachlich erfaßte und gedeutete Wirklichkeit enthält Realitätsbezüge, die verhindern, daß historische Auslegung in bloße Beliebigkeit abdriftet. Es gibt zulässige und unzulässige Interpretationsspielräume. Es gibt überdies die Fiktionalisierung historischer Daten sowie die gesellschaftliche, wirklichkeitsstiftende Funktion des Fiktiven. Als Ausdrucks- und Darstellungsform geschichtlicher Erfahrung bleibt Fiktion zurückgebunden an historische Realität.“

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So bleiben in der Erfassung dessen, was 1184 in Mainz und allgemein im höfischen Ambiente des Hochmittelalters ‚in Wirklichkeit‘ geschah, ‚Grauzonen‘ und Lücken. Weder die epische noch die chronikalische Überlieferung der Zeit lassen es jedoch zu, diese Felder genauer zu lokalisieren. Vor diesem Hintergrund kann das oben beschriebene ‚Dilemma‘ einer kulturgeschichtlichen Rekonstruktion durch die Beleuchtung dichterischer und auch chronikalischer Quellen schließlich nicht aufgelöst werden. Nach wie vor scheinen deshalb nur Aussagen wie die folgende tragen zu können: „Die repräsentative Darstellung von dynastischer Herrschaft erreicht nicht die volle Wirklichkeit des höfischen Adels, zeigt jedoch in den Choreographien des höfischen Lebens, in Bildern und Texten, was höfischer Adel ist, was er sein will und sein könnte.“468 Da die Betrachtung schriftlicher Quellen – hier besonders auch epischer Texte – des Hochmittelalters damit immer wieder auf die Fassade, auf die bewusst nach außen gerichtete ‚Schauseite‘ (hoch-)adligen Lebens zurückgeworfen wird, wird in den folgenden Kapiteln besonders die Frage im Blick zu behalten sein, ob und in wiefern den bisher beleuchteten literarischen Texten beigegebene Illuminationen und auch Funde, die bei der archäologischen Erschließung hochmittelalterlicher Burgen und Herrensitze zutage kamen, diese ‚Schauseite‘ ergänzen und vielleicht sogar verändern können.

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Wenzel (2005), S. 12

Die Tafel im Bild

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3. Die Tafel im Bild 3.1 Komposition und ‚Programme‘ mittelalterlicher Tafelszenen Die bisherigen Ausführungen beleuchteten besonders die Textüberlieferungen und damit die literarisch-sprachlichen Darstellungen entsprechender Passagen. Es soll daher nun der Frage nachgegangen werden, wie sich Text und die Wiedergabe von Speise- und Tafelszenen im Bild zueinander verhalten. Dabei wird auch zu beleuchten sein, welchen Stellenwert zeitgenössische Illuminationen mit Blick auf ‚Realien‘ einnehmen und welche Bedeutung sie bei dem Versuch besitzen, ‚die Tafel der Edelen‘ des Hochmittelalters zu rekonstruieren. Nur um diese soll es hier gehen, denn Speiseszenen, die sich jenseits des religiösen oder des höfischen Milieus bewegen, sind aus der hier betrachteten Zeitspanne nicht überliefert. In das Hochmittelalter datierende künstlerische Darstellungen von Tafel- und Speiseszenen liegen in verschiedenen Kontexten und daher auch nicht nur vereinzelt vor. Sie begegnen in Illuminationen von Handschriften mit geistlichen und/oder mit weltlichen Texten, in der Ausmalung von Kirchen und in Fresken1 sowie in Relief und Skulptur.2 Vor diesem Hintergrund verwundert, dass dieser Fundus auch in jüngeren kulturgeschichtlichen Arbeiten über ‚das Mittelalter‘ kaum berücksichtigt wird.3

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Ein Beispiel hierfür bietet das Fresko mit einer Abendmahlsszene in der Kirche im westfälischen Neuenbeken, vgl. Abb. 6 unten S. 183 Beispiele hierfür bieten die Anfang des 11. Jahrhunderts entstandene Christussäule im Hildesheimer Dom, vgl. Heinz J. Adamski: Die Christussäule im Dom zu Hildesheim. Hildesheim 1990, S. 31 ff. (Die Hochzeit zu Kana), S. 42 ff. (Geburtstagsfest des Königs Herodes) und S. 60 ff. (Das Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus) sowie eine ebenfalls halbskulptural ausgearbeitete Abendmahlsszene im Westlettner des Naumburger Domes (datiert 2. Hälfte 13. Jahrhundert), vgl. dazu Abb. 61/62 unten in Abschnitt 8.2 So bei Christian Rohr: Festkultur des Mittelalters. Graz 2002. Rohr rekurriert zwar mehrfach auch auf die Dichtung des Hochmittelalters, dabei auch auf die Tischzuchten, stellt ihnen in seinem reich bebilderten Band jedoch fast ausschließlich Bilddarstellungen des 14. sowie besonders des 15. und 16. Jahrhunderts gegenüber

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Die Tafel im Bild

Möglicherweise ist dies darauf zurückzuführen, dass viele Autoren es bevorzugen, ihrem Publikum modernen Seh- und Rezeptionsgewohnheiten entsprechende Bilddarstellungen zu präsentieren. In der gestalterischen Anlage, der Farbigkeit und im Detailreichtum der Darstellung finden sich hierzu in spätmittelalterlichen Illuminationen eher Beispiele, die dem heutigen Betrachter die Vorstellung einer ‚Fotoqualität‘ vermitteln, die zeitgenössische Darstellungen jedoch nicht besitzen konnten.4 Dies ist u.a. darauf zurückzuführen, dass im kirchlichen Bereich bereits im Frühmittelalter eine Art ‚Theorie des Bildes‘ entwickelt wurde, in der einer bildlichen Darstellung (imago) vier Funktionen zugewiesen wurden: „Es soll erstens die Ereignisse der Schöpfung und der Heilsgeschichte bewahren. Zweitens soll es sichtbar machen, was unsichtbar ist, um den Geist auf Höheres zu lenken. Außerdem muss es drittens den Betrachter bewegen, deshalb achtet man auf eine sorgfältige künstlerische Ausführung. Schließlich hat es – ebenso wie Schrift und Wort – die Aufgabe, grundsätzliche Wahrheiten zu vermitteln.“5 Eine an die Bildrezeption gestellte Erwartungshaltung, die davon ausginge, dass hochmittelalterliche Bildwerke Geschehnisse, Menschen und Umwelt ungebrochen wiedergeben, trifft daher auf diese Darstellungen kaum zu. Der Historiker Reinhart Koselleck fasst dies folgendermaßen: „Heutige Schriftzeugnisse, vor allem gelesene Druckwerke, werden schnell in die sprachlich gehörte Botschaft umgesetzt und so wahrgenommen. Ältere Quellen zehren weit mehr von ihrer bildhaft vermittelten Sprache bis hin zur Symbolträchtigkeit ihrer Schriftzeichen – von Alpha bis Omega. Für die Praxis des Historikers folgt daraus, neben seinen philologisch-kritischen Methoden auch die ikonischen, die ikonographischen und ikonologischen Fragen und Zugriffe zu pflegen, ohne die keine der vergangenen Erfahrungswelten aufzuschlüsseln sind.“6 Es ist daher nicht nur mit einer besonderen mittelalterlichen ‚Bildersprache‘ zu rechnen, sondern auch zu berücksichtigen, in welchem Verhältnis Bild und Text jeweils stehen, ob und wie sie wechselseitig aufeinander Bezug nehmen. Dass sich daraus ausgesprochen unterschiedliche Interpretationen ergeben können, gilt mittlerweile als Konsens: „Bilder sind offen4

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Ein in dieser Hinsicht geradezu ‚strapaziertes‘ Beispiel bietet das Stundenbuch (Très riches heures) des Herzogs von Berry aus dem späten 14. Jahrhundert mit seiner überaus reichen und farbenprächtigen Bebilderung. Vgl. allgemeiner und mit weiteren Beispielen auch Felgenhauer-Schmiedt (1993), S. 99 ff. Didier Méhu: Wege des Mittelalters. Freiburg/Br. 2004, S. 192 Reinhart Koselleck: Zum Geleit, in: Andrea Löther/Ulrich Meier/Norbert Schnitzler/Gerd Schwerhoff/Gabriela Signori (Hg.): Mundus in imagine. Bildersprache und Lebenswelten im Mittelalter. Festgabe für Klaus Schreiner. Mit einem Geleitwort von Reinhart Koselleck. München 1996, S. 9 f.

Die Tafel im Bild

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kundig nicht einfach Bilder, sondern Objekte der Erbauung, Objekte der Belehrung, Objekte der Selbstinszenierung … bald referentiell, bald selbstreferentiell, bald beides in einem, nämlich Bilder. Sie beschreiben, erzählen, propagieren, kommentieren, illustrieren, ergänzen, kritisieren, heilen, schützen und vieles mehr … Insofern sind sie aber auch immer sehr eng mit ganz konkreten gesellschaftlichen Vorstellungen und Praktiken verwoben, in konkreten gesellschaftlichen Kontexten verwurzelt.“7 Angesichts derart komplexer Lesemöglichkeiten hochmittelalterlicher Bildwerke mag der Zugang zu ihnen erleichtert werden, indem zunächst ihre gestalterischen Grundlagen betrachtet werden, die quasi ihr ‚architektonisches Gerüst‘ darstellen. Dabei ist grundsätzlich erkennbar, dass eine außerordentliche Übereinstimmung in der Wiedergabe von ‚weltlichen‘ Speiseszenen und Abendmahlsdarstellungen des Mittelalters besteht, auf die bereits 1927 die Kunsthistorikerin Laura Hibbard Loomis hinwies.8 Ganz offensichtlich dienten aus dem religiösen Bereich stammende Darstellungen den Illustratoren profaner Texte bei der Gestaltung von Tafel-/Speiseszenen als Vorbild.9 Die Illuminationen der erst im Hochmittelalter vermehrt produzierten und konsumierten Handschriften mit volkssprachlichen Texten bauten auf der aus dem kirchlichen Bereich bekannten Tradition auf, zumal diese den Illustratoren, die im Regelfall in klösterlichen Werkstätten tätig waren, aus ihrer Arbeit an Handschriften mit religiösen Inhalten bestens bekannt gewesen sein dürfte.10 7

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Gabriela Signori: Wörter, Sachen, Bilder. Oder: die Mehrdeutigkeit des scheinbar Eindeutigen, in: Löther et al. (1996), S. 11–33, hier: S. 26; in dem Lexikonartikel über ‚Epenillustration‘ stellt auch Wolfgang Stammler fest: „Solche Epenillustrationen darf man nicht im modernen Sinn als Darstellungen der realen Welt auffassen, sondern sie wollten die Dichtung begleiten, verdeutlichen, herausheben“, in: RDK Bd. V (1967), Sp. 810–857, hier: Sp. 812 Vgl. Laura Hibbard Loomis: The Table of the Last Supper in Religious and Secular Iconography, in: Art Studies. Medieval. Renaissance 5 (1927), S. 71–88 Vgl. Hibbard Loomis (1927), S. 71 ff. einschließlich der beigefügten Tafeln Vgl. den Beitrag ‚Buchmalerei‘ im LexdMA Bd. II (1983), Sp. 837–893, hier bes. Sp. 852 f. (Deutsche Buchmalerei von 1200–1500); Wolfgang Stammler vermutet gar einen gewissen Wettbewerb zwischen Werken mit religiösem und mit weltlichem Inhalt: „reicher wurde gerade bei Dichtungen, welche geistliche Stoffe behandelten, die Illustration verwendet. Im 11. und 12. Jh. geschah das wohl auch zu dem Zweck, die Laien zum Eindringen in die poetisch geformten Heilswahrheiten anzureizen. Ebenso sollte die Illustration ein Mittel sein, die bereits vorhandenen weltlichen Epen beiseite zu drängen und dem christlichen Stoff immer weitere Verbreitung zu schaffen. Wie intensiv man solche Mittel zu nutzen verstand, offenbart der von der elsässischen Äbtissin Herrad von Landsberg angeregte und geleitete ‚Hortus deliciarum‘, ein umfangreiches Bilderwerk, das, ohne Text, nur die Bilder sprechen ließ, um

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Die Tafel im Bild

Die gestalterische Anlage der Bildszenen lässt sich dabei auf zwei Grundformen reduzieren, die zwar im Detail oft variiert wurden, der Bildtradition des Mittelalters entsprechend jedoch als immer wieder kopiertes Muster erscheinen.11 Dabei ist zunächst die Gruppierung der (Abend-)Mahlsteilnehmer um einen runden Tisch zu nennen. Dieser Bildtypus ist schon seit der Antike belegt und wurde vor allem im byzantinischen Kulturbereich bis zum Mittelalter tradiert.12 Bis etwa zur ersten Jahrtausendwende ist dieser Darstellungstyp einer Tafelszene dominant.13 Ein Beispiel für diese Darstellungsform in einer religiösen Schrift bietet die im späten 12. Jahrhundert entstandene ‚Millstätter Genesis‘:14 Erfasst wird hier die alttestamentliche Szene, in der Gott Abraham bei den Eichen von Mamre erscheint.15

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damit christlichen Erlösungsideen zum Siege zu verhelfen“, in: RDK Bd. V (1967), Sp. 811 s.v. Epenillustration Die Arbeit mittelalterlicher Illustratoren wurde stilistisch durch Musterbücher und Vorlagen stark geprägt. Individuelle Ausführung und Abweichung von der Norm waren eher unüblich und erscheinen daher recht selten, vgl. Elisabeth Vavra: Kunstwerke als Quellenmaterial in der Sachkulturforschung. (Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs 4 = Österreichische Akademie der Wissenschaften. Phil.-Hist. Klasse. Sitzungsberichte 374). Wien 1980, S. 195–232, hier bes. S. 216 Vgl. Hibbard Loomis (1927), bes. S. 79 ff.; Beispiele dafür u. a. bei Ute Schwab: Proskinesis und Philoxenie in der altsächsischen Genesisdichtung. Mit einem Anhang über die Tituli des Halberstädter Abrahamsteppichs von Walter Berschin, in: Christel Meier/Uwe Ruberg (Hg.): Text und Bild. Aspekte des Zusammenwirkens zweier Künste in Mittelalter und früher Neuzeit. Wiesbaden 1980, S. 209–277, bes. Abb. 8 ff. Vgl. Karl Möller: ‚Abendmahl‘, in: RDK Bd. I (1937), Sp. 28–44, hier. Sp. 31; siehe auch E. Lucchesi Palli s.v. Abendmahl in: Engelbert Kirschbaum et al. (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. Bd. I. Rom/Freiburg/Basel/Wien 1968, Sp. 10–18, bes. Sp. 13 ff. Ausführlich untersucht und beschrieben durch Hella Voss: Studien zur illustrierten Millstätter Genesis. (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters. Bd. 4). München 1962. Die hier aufgeführte Illumination behandelt sie im Rahmen von Darstellungsformen der Trinität, vgl. Stellennachweise im Register S. 221 (unter dem Stichwort ‚Besuch der drei Engel‘) Vgl. 1. Mose 18: „Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! Man wird etwas Wasser holen; dann könnt ihr euch die Füße waschen und euch unter dem Baum ausruhen. Ich will einen Bissen Brot holen und ihr könnt dann nach einer kleinen Stärkung weitergehen; denn deshalb seid ihr doch bei eurem Knecht vorbeigekommen.“

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Abb. 1: Begrüßung und Bewirtung Gottes durch Abraham, Millstätter Genesis, Ende 12. Jahrhundert16

Im linken Bildteil deutet der über einen Stab gehängte Vorhang das Zelt an, aus dem eine Person gerade heraustritt. Abraham wird auf die Knie fallend dargestellt. Seine Unterwerfung drückt sich auch durch seine devote, flehende Haltung aus, ferner ist er körperlich kleiner dargestellt als die anderen Figuren. Abraham ist einem runden, gedeckten Tisch zugewandt, an dem drei Personen (Gott und seine Begleiter) sitzen, die körperlich größer 16 dargestellt und mit einem Heiligenschein versehen sind. Diese Darstellung stellt Ute Schwab in den Kontext der altsächsischen Genesisdichtung mit durchaus ‚weltlichen‘ Bezügen: „Abraham lebt auf und von … dem Lehen des Herrn – und von hier aus fällt ein klärendes Licht auf seine Äußerung, es möge der reisende Herrscher über all sein Gut frei verfügen. Es handelt sich also um das Angebot eines umfassenden servitium, dessen Umfang der Lehensherr bestimmen soll – nicht um die übertriebene, orientalische Gastlichkeit eines Abraham, wo die Reichhaltigkeit der Kost von der Großzügigkeit des Gastgebers abhängt.“17

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Diese Darstellung der Philoxenie gehört einem durchaus verbreiteten Bildtyp an, vgl. hierzu E. Lucchesi Palli unter dem Stichwort ‚Abraham‘ in: Kirschbaum (1968), Sp. 20–35, hier: S. 21–23 Schwab (1980), S. 224

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Auf dem runden Tisch, der von einem in reichen Falten bis auf den Boden hängenden Tischtuch bedeckt ist,18 sind denn auch nur wenige Gegenstände abgebildet: dem biblischen Text folgend, ein Gebäck in Brezelform rechts, in der Mitte eine Schale mit Fuß, links daneben ein Sockelgefäß, ein kleiner Pokal für Getränke (das angebotene Wasser). Beide Gefäße sind in einer etwas unbeholfen wirkenden Andeutung von Perspektive dargestellt, nichts weist darauf hin, was sie enthalten mögen, darin wurde offenbar ganz auf die Aussage oder Kenntnis der Bibelstelle gesetzt. Die am Tisch sitzenden Erschienenen wenden sich dem Herankommenden zu, dem der mittig platzierte Herr eine segnende Geste entgegenbringt. Sie sind demnach weder mit dem Tisch noch mit dem Speisen befasst. In dieser Szene wird eine merkwürdige Beziehungslosigkeit zwischen den dargestellten Personen und der runden Tafel erkennbar. Der gedeckte Tisch – dargestellt mit Utensilien, die ähnlich folgend immer wieder begegnen werden – dient offenbar besonders zur Kennzeichnung der Bewirtungs- oder Gastmahlsituation, die es erlaubt, die spezielle Haltung und die Gesten der dargestellten Personen in einen konkreteren Zusammenhang mit dem begleitenden Text zu stellen. Der gedeckte Tisch besitzt demnach nicht etwa die Funktion, eine Speiseszene besonders realistisch darzustellen. Vielmehr erscheint er dem Betrachter als eine symbolhafte Kulisse, die mit Bezug auf die (biblische) Erzählung einen orientierenden Charakter zur leichteren Einordnung der Szene zu erfüllen scheint. Deutlich wird in dieser Szene ein weiteres Charakteristikum mittelalterlicher Bilddarstellungen: unabhängig davon, ob es sich um biblische, historische, chronikalische Stoffe oder solche der Dichtung handelt, die durch Illuminationen begleitet werden, war es für die Illustratoren selbstverständlich, dass sie den dargestellten Personen und Dingen das Aussehen ihrer eigenen Zeit und Umgebung gaben. Kleidung, Frisuren, Haltung, Gestik und Tischgerät erscheinen also – wenn auch häufig deutlich stilisiert – insgesamt in genau der Form, wie sie durch die Illustratoren erfahren wurden und auch durch den oder die zeitgenössischen (und auch noch die heutigen) Betrachter in ihrer Bedeutung leicht erfasst werden konnten.19 Historisierende Bilddarstellungen z. B. biblischer oder antiker Stoffe waren den Menschen des Hochmittelalters offenbar 18

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Ob es sich dabei um eine realistische Wiedergabe zeitgenössischer Tischkultur handelt, muss offen bleiben. Immerhin ersparte es diese Art der Darstellung dem Illustrator, den hinter dem Tisch angeordneten Personen ‚passende‘ Beine und Füße geben zu müssen Vgl. Dorothea und Peter Diemer: Die Bilder der Berliner Veldeke-Handschrift, in: Heinrich von Veldeke. Eneasroman (1992), S. 911–970, bes. S. 915 ff.

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fremd.20 Mit Blick auf die gedeckte Tafel und das abgebildete Tischgerät bieten die Illuminationen daher einen recht genauen Überblick über zeitgenössisches Gerät und seine Formen (vgl. auch unten Kap. 8). Das Motiv des ‚runden Tisches‘21 wurde im Hochmittelalter zunehmend verdrängt. Erst im späten Mittelalter wurde es wieder aufgenommen, ein Beispiel dafür bietet die im 14. Jahrhundert entstandene Fresken-Darstellung der Artusrunde auf der Burg Runkelstein in Südtirol.22 Der zweite, im Hochmittelalter dominierende Darstellungstyp einer Speiseszene ist durch eine (von links nach rechts) lang durch den Bildraum geführte, gerade Tafel gekennzeichnet. Sowohl in religiösen Abendmahlsals auch in weltlichen Speiseszenen überwiegt diese Form etwa seit der Jahrtausendwende.23 Hibbard Loomis führt diese Veränderung der Darstellungsform besonders auf zwei Gründe zurück: zunächst stelle der lange, rechteckige Tisch das im Alltag gebräuchliche Möbelstück dar,24 ferner sei es den mittelalterlichen Künstlern schwer gefallen, die zwölf Apostel oder größere Gesellschaften um einen runden Tisch platziert darzustellen.25 Da bis zum Spätmittelalter die perspektivische Wiedergabe, also eine räumlich in die Tiefe

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Vgl. dazu unten in Abschnitt 3.2 die Bilddarstellungen der Berliner Handschrift des ‚Eneasromans‘ von Heinrich von Veldeke Eine weitere Reihe von Beispielen mit Darstellungen des runden Tisches findet sich bei Hibbard Loomis (1927), vgl. z. B. Abb. 15 (Das Gastmahl des Herodes im Evangeliar Otto III./München). Auf dem – außerhalb unseres Untersuchungsgebietes im 11. Jahrhundert entstandenen – Teppich von Bayeux wird die Tafel des Bischofs Odo hufeisenförmig dargestellt, eine Darstellungsform, die vergleichsweise selten begegnet: eine Abb. findet sich bei Hibbard Loomis an der oben genannten Stelle In einer farbigen Reproduktion verfügbar bei Werner Meyer/Erich Lessing: Deutsche Ritter, deutsche Burgen. München 1976 Vgl. Hibbard Loomis (1927), S. 82 ff., Möller (1937), Sp. 31 sowie Lucchesi Palli (1968), Sp. 13 Vgl. Hibbard Loomis (1927), S. 87: „For one thing the familiar table of ordinary usage throughout the Middle Ages was the straight board table, and the influence of custom upon representation is of course ultimately inescapable. This, it is probable, was the primary reason for the change.“ Vgl. Hibbard Loomis (1927), S. 87: „Another reason was the very great difficulty of representing in plastic art twelve men about a round table.“ Die Verfasserin beschreibt in diesem Zusammenhang Lösungsversuche für dieses darstellungstechnische Problem. So verfielen z. B. Künstler des 9. und 10. Jahrhunderts darauf, eine Personengruppe in mehreren Reihen hinter- oder übereinander darzustellen, so zu sehen auch in der Abendmahlszene auf der zu Beginn des 11. Jahrhunderts entstandenen ‚Bernwardsäule‘ im Hildesheimer Dom

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Abb. 2: Halberstädter Abrahamsteppich, 12. Jahrhundert

gehende Darstellung, nicht bekannt war,26 muss es für die Künstler eine Herausforderung dargestellt haben, viele Personen in einer Runde – also räumlich gestaffelt – anzuordnen. Wie sich die zuvor in der Version mit einem runden Tisch dargestellte alttestamentliche Szene durch die Einbindung eines langen Tisches gestalten lässt, zeigt zum Vergleich das oben aufgeführte Beispiel.

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Über die Malerei der Romanik und Frühgotik wird allgemein festgestellt: „Gleichgültigkeit hinsichtlich der Tiefenraumwiedergabe, Subjektivität und eine Art Symbolik dominieren diese Kunst“, Hanna Losowska: Romanik und Frühgotik, in: Yves Christie/Hanna Losowska/Roland Recht/Tania Velmans: Formen und Stile. Christentum. Köln 1994, S. 241–376, hier: S. 257. Andernorts wird zur Perspektive detaillierter ausgeführt: „Die Malerei der Antike hat vermittels einzelner perspektivischer Elemente wie Verkürzung, Größenverminderung entsprechend der Tiefendistanz, Konvergenz paralleler Linien zwar eine gewisse Vorstellung von Raumtiefe zu erzeugen vermocht …, die gesetzmäßige Konstruktion der P. war ihr jedoch unbekannt. Die mittelalterliche Malerei hat diese Elemente fast völlig abgestoßen, da ihr am Tiefraum nichts, an der spannungerfüllten Fläche alles lag. Ja sie kehrt zuweilen die perspektivische Ordnung um, indem sie Linien, die eigentlich konvergieren müssten, divergieren läßt und menschliche Gestalten des ‚Vordergrundes‘ kleiner als die des ‚Mittelgrundes‘ gibt. Dann nämlich, wenn jene diesen an Bedeutung überlegen sind: u m g e k e h r t e Pe r s p e k t i v e . Am stärksten hat Giotto die moderne Perspektive vorbereitet, indem er den Bildraum zu einem geschlossenen, gleichmäßig tiefen Raumvolumen zusammenzog. Diese Vorstellung des malerischen Tiefraums festigt sich im 14. Jh. immer mehr und führt schließlich im 2. Jahrzehnt des 15. Jh. … in Florenz zur Entdeckung der mathematischen Konstruktion der P., aller Wahrscheinlichkeit nach durch Brunelleschi“, Johannes Jahn: Wörterbuch der Kunst. Fortgeführt von Wolfgang Haubenreisser. (Kröners Taschenausgabe. Band 165). Stuttgart 198310, S. 606–608 s.v. Perspektive, hier: S. 607

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Die von links nach rechts laufende Komposition ist fast identisch, auch die Zahl der dargestellten Figuren stimmt überein. Allerdings ist das provisorisch wirkende Zelt ersetzt durch eine überdachte Konstruktion mit gedrechselten Stützen, von der aus Abrahams Frau Sara ein Gefäß und ein Säckchen ( ? ) anreicht.27 Die ihr zugewandte Person – Abraham, hier ebenso groß dargestellt wie die anderen Personen – ist durch einen Heiligenschein in Linienform gekennzeichnet, während die anderen Figuren einen vollflächig ausgearbeiteten Nimbus tragen.28 Anders als in der Darstellung der ‚Millstätter Genesis‘ besitzen die drei Erschienenen, die am Tisch sitzen, Flügel und werden damit als himmlische Wesen, als Engel gekennzeichnet. Die Gott darstellende Figur, die Abraham gegenüber eine segnende Geste ausdrückt, sitzt hier ihm zunächst am Rand des Tisches und nicht in der Mitte. Am rechten Bildrand ist ein stilisierter Baum zu erkennen, der wohl für den Ort der Geschehens, die Eichen vom Mamre, stehen soll. Die in der biblischen Überlieferung aufgeführten Einzelheiten der Szene werden hier bildlich recht detailgetreu wiedergegeben. Auch diese lange Tafel wird durch ein Tischtuch bedeckt, das bis auf den Boden reicht. Der Tisch ist in dieser Darstellung reicher gefüllt: es sind auf ihm drei unterschiedlich gearbeitete Sockelschalen zu sehen, von denen die linke und rechte mit Speisen gefüllt sind, die jedoch nicht näher identifizierbar sind. Auf dem Tisch liegen Messer und runde Brote sowie kleinere ‚Stücke‘ – möglicherweise zerteilte Brote? Es scheint sich nicht um ein karges Mahl zu handeln, denn auf dem Tisch sind drei Schüsseln dargestellt, damit je eine pro Person, und nichts weist darauf hin, dass sich etwa zwei Gäste – mittelalterlichen Gepflogenheiten entsprechend – die Speisen aus einer Schüssel hätten teilen müssen. Anders als in der Darstellung der ‚Millstätter Genesis‘ werden die himmlischen Besucher und der Tisch nicht gleichsam ‚beziehungslos‘ dargestellt. Der in der Mitte platzierte Engel greift zu einem auf dem Tisch liegenden Messer, der rechts davon sitzende führt gerade eine Speise zum Mund. Dass biblische Szenen auch ohne Kennzeichnungen der dargestellten Figuren dargestellt wurden, die eine Illumination eindeutig in einen religiösen Kontext verweisen, zeigt das folgende Beispiel vom Beginn des 11. Jahrhunderts, das für die Bildkomposition auch vieler späterer ‚weltlicher‘ Darstellungen gleichsam als Konstruktionsmuster gedient haben könnte. Dargestellt wird das Lazarus-Gleichnis aus dem Neuen Testament (Lukas 16, 19 ff.): der nackte und von Geschwüren geplagte Lazarus, halb knieend und 27 28

Vgl. 1. Mose 18, 9: „Sie fragten ihn: Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er.“ Zur Kennzeichnung der drei Figuren z. B. durch einen Nimbus vgl. Lucchesi Palli (1968), Sp. 23

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Abb. 3: Der arme Lazarus vor der Tür des reichen Mannes, Echternacher Evangeliar (Codex aureus Epternacensis), ca. 1030–1040

mit bittender Geste, wird vor dem Haus des Reichen abgewiesen, von dessen Hunden sogar bedroht. Im Haus ist währenddessen die Tafel reich gedeckt. Auf das Tischtuch, das reiche Falten wirft und hier ebenfalls bis zum Boden herabhängt, sind runde Brote gelegt. Je zwei verzierte Schalen mit Fuß und Deckelgefäße stehen auf dem Tisch, eine dritte Sockelschale mit vielleicht heißem Inhalt wird durch einen Diener eben angereicht. Die Gestik des in rot gekleideten Hausherrn und der grün gewandeten Dame neben ihm weist auf den ankommenden Diener mit der Speiseschüssel, gerade so als ob man das Auftragen des Gerichts schon ungeduldig erwartete. Die rechte Hand hat der Hausherr auf dem Tisch abgelegt, die am linken Bildrand sitzende Figur ihre linke. Diese Figur scheint sich gerade in Bewegung zu befinden und sich dem an die Tafel herantretenden Diener zuzuwenden. Die Konzentration der Szene auf die frisch und heiß ( ? ) hereingetragene Speise, das Interesse der im Hause Befindlichen am eigenen Wohlergehen tritt deutlich hervor. Auch hier ist die Bildkomposition ähnlich wie in den vorherigen Beispielen angelegt, jedoch gespiegelt ausgeführt.29 Die fünf dargestellten Figuren 29

Sie weist große Ähnlichkeit mit einer Darstellung der Lazarus-Szene im ‚Hortus deliciarum‘ der elsässischen Äbtissin Herrad von Landsberg auf, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand. Eine direkte Gegenüberstellung beider Szenen findet sich bei Ruth Schmidt-Wiegand: Text und Bild in den Codices picturati des ‚Sachsenspiegels‘. Überlegungen zur Funktion der Illustration, in: Ruth SchmidtWiegand (Hg.): Text – Bild – Interpretation. Untersuchungen zu den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels. Band I (Textband). (Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 55/I). München 1986, S. 11–31, hier: Tafel XV, Abb. 22 und 23

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Abb. 4: Festtafel an König Markes Hof. Gottfried von Straßburg, ‚Tristan und Isolde‘, 1. Hälfte 13. Jh.

werden geteilt in die Gruppe der drei an der Tafel Platzierten und zwei einzeln davon abgesetzte Personen, hier den Diener im Haus und den bittenden Lazarus vor der Tür. Die Darstellung des langen Tisches, der nur etwa bis zur Hälfte des Bildraums reicht, lässt es zu, die andere Hälfte der Bildfläche für weitere Motive und auf gleicher Höhe zu nutzen. In diesem Beispiel ist es u. a. der Diener, der ein neues Gericht heranträgt. Die Ausrichtung der Szene auf die hereingetragene Speise wird dadurch unterstrichen, dass deren Darstellung leicht oberhalb der Bildmitte und damit fast zentral positioniert wurde. Dieses Gestaltungsmuster findet sich auch in Illuminationen zur erzählenden Dichtung des Hochmittelalters wieder, so z. B. in der wohl im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts30 entstandenen, bebilderten Handschrift von Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan und Isolde‘ mit der Fortführung Ulrichs von Türheim (Cgm 51).31

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Vgl. Helga Unger: Text und Bild im Mittelalter. Illuminierte Handschriften aus fünf Jahrhunderten und Faksimileausgaben. Ausstellung der Universitätsbibliothek Bamberg 1986. (Schriften der Universitätsbibliothek Bamberg. Band 2). Graz 1986, S. 26 Erreichbar mit: Gottfried von Straßburg. Tristan und Isolde. Mit der Fortsetzung Ulrichs von Türheim. Faksimile-Ausgabe des Cgm 51 der Bayerischen Staatsbibliothek München. Textband mit Beiträgen von Ulrich Montag und Paul Gichtel. Stuttgart 1979

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Diese Tafelszene bildet den mittleren von drei das gesamte Blatt ausfüllenden Bildstreifen. Der obere, mit leuchtend rotem Grund hinterlegte Bildstreifen zeigt Tristan und seinen höfischen Lehrer, den Marschall Rual, vor König Marke, der der abgebildeten Szene folgende, auf tiefblauen Grund gesetzte Bildabschnitt befasst sich mit Tristans Schwertleite und Ausritt.32 Wie in der Lazarus-Darstellung befinden sich auch hier die herangetragenen Speisen recht genau oberhalb der Bildmitte positioniert (der nicht kolorierte, jedoch durch einen Begrenzungsstrich markierte rechte Bildrand deutet offenbar eine Steinwand mit Zinnen an). An der langen Tafel, deren Tischtuch wiederum bis auf den Boden reicht, sitzen vier Personen, jeweils zu zweit einander zugewandt. König Marke ist zwar durch seine mit Zacken versehene Krone als Herrscher erkennbar, doch hat der Illustrator diesem eindeutigen Zeichen der Königswürde zusätzlich noch Markes Namen in den nicht kolorierten Trennstreifen zwischen der oberen Bildpartie und der hier gezeigten gesetzt. Links neben ihm sitzt eine Figur, die zwar als Rual gekennzeichnet ist, jedoch nicht Rual sein kann: dem Text folgend, muss er die ‚behütete‘ Person sein, die rechts am Tisch sitzend dargestellt ist. Er berichtet gerade über Tristans Herkunft und zeigt als Beweis den Ring von dessen Mutter Blanscheflur.33 Auch Tristan ist eigens kenntlich gemacht: knieend bedient er bei Tisch, reicht gerade ein kugelförmiges Deckelgefäß an. Sein Blick weist in Richtung Markes, der seine linke Hand gerade zu einer mit einem Hühnchen gefüllten Schüssel führt und mit seiner Rechten zu einem vor seinem Nebenmann auf dem Tisch stehenden Deckelgefäß greift. Von rechts nähern sich Diener. Sie bringen drei weitere Schüsseln mit Hühnchen an den Tisch (folgt man der bildlichen Darstellung, dann gab es für jede am Tisch sitzende Person eine Schüssel mit einem ganzen Huhn), die Figur am rechten Bildrand trägt ferner einen weiteren Deckelpokal heran. Auf dem Tisch sind drei halbmondförmige Brote und ein Messer zu sehen, ferner eine Schüssel, zu der die blau gewandete Figur gerade greift. Der auf dem Blatt dargestellte Bilderzyklus folgt dem Gang der Erzählung Gottfrieds korrekt, ohne jedoch direkt mit ihm in Verbindung zu 32

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Vgl. Deutsche Literatur des Mittelalters. Handschriften aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek München mit Heinrich Wittenwilers ‚Ring‘ als kostbarer Neuerwerbung. München 2003, Abb. 13b mit Unterschrift Vgl. Gottfried von Straßburg. Tristan und Isolde. Originaltext (nach F. Ranke) mit einer Versübersetzung und einer Einleitung von W. Spiewok. (Wodan. Recherches en littérature médiévale. Vol. 9. Serie 1. Texte des Mittelalters. Band 2). (ohne Ort) 1991, V. 4095 ff. und Paul Gichtel: Die Bilder der Münchner Tristan-Handschrift, Begleitband zur Faksimile-Ausgabe des Cgm 51 (1979), S. 73–144, hier: S. 107

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treten: die in die Handschrift eingebundenen illuminierten Seiten „stehen … nicht im Lagenverband des Codex; sie sind … in einer breiteren Streuung auf separat eingesetzten, beidseitig bemalten Einzelblättern über die ganze Handschrift verteilt.“34 So geht der Text, auf den die Szene zurückgeht, dem gesondert eingebundenen Bildblatt teils um mehrere Blätter voraus.35 Insgesamt halten sich die Bilddarstellungen jedoch „fast durchweg so eng an die Dichtung, daß – wobei die ebenfalls im allgemeinen zutreffend beigesetzten Namen und Texte hochschätzende Dienste leisten – die Identifizierung der meisten Bildszenen zwar nicht mühelos, aber bei einläßlicher Betrachtung wohl zutreffend gelingen konnte.“36 Tatsächlich finden sich in Gottfrieds Text der gemeinsame Gang zur Tafel (V. 4095 f.), Markes Bitte an Tristan, seinen Gast Rual, den er für dessen Vater hält, aufmerksam zu bedienen (V. 4101 ff.) und die Erzählung Ruals mit dem Ringbeweis (V. 4171 ff., bes. V. 4286 ff.). Über die Tafel selbst, das, was aufgetischt oder an Getränken gereicht wurde sowie über die Dienerschaft schweigt sich Gottfried dagegen gänzlich aus. Hier hat demnach der Illustrator seine Phantasie walten lassen. Auch in anderer Hinsicht stimmt die Bilddarstellung mit dem Text nicht überein: Rual beginnt seinen Bericht erst, nachdem man sich vom Tisch erhoben hatte (V. 4113 ff.). Die Illumination zeigt jedoch eine Tafelei an ihrem Beginn, da gerade noch weitere Speisen (und Getränke?) hereingetragen werden. Verschiedene Abschnitte des Erzählverlaufs wurden hier folglich so dargestellt, als ob sie zeitgleich geschehen wären – ähnlich wie verschiedene Folien mit aufeinander folgenden Szenen, die, übereinandergelegt, ein neues Gesamtbild ergeben: die Gleichzeitigkeit des im Handlungsverlauf Ungleichzeitigen, eine für mittelalterliche Bilddarstellungen typische Gestaltungsweise. Der Illustrator hat sich durch die Konzentration der Szene auf die höfische Tafel geschickt dem Dilemma entzogen, die Enthüllung von Tristans und Ruals Identität lediglich durch kommunizierende Figuren darstellen zu müssen – ergänzt durch den Ringbeweis. Die Qualität seiner bildlichen Gestaltung, die sich im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Bilddarstellungen durch eine besondere Dynamik in der Haltung und in Bewegungsprozessen der Personen, des Faltenwurfes ihrer Kleidung und 34 35

36

Vgl. Deutsche Literatur des Mittelalters (2003), S. 47 Vgl. die dazu erstellte Konkordanz von Ulrich Montag im Begleitband zur Faksimileausgabe des Cgm 51 (1979), S. 64 ff. Das Blatt 29v, das dem Bilderblatt vorausgeht, enthält die V. 4301–4398 und damit lediglich das letzte Ende des Gespräches zwischen König Marke und Rual Gichtel (1979), S. 88

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sogar des Tischtuches auszeichnet, wurde öfter hervorgehoben: „Die Illustrationen der Münchner Bilderhandschrift sind die erste und wohl auch einzige reine Äußerung der deutschen Frühgotik in der Malerei.“37 Gleichwohl widmete dieser Illustrator nicht allen Details seiner gestalterischen Arbeit eine gleichmäßige Aufmerksamkeit. Es fehlt nämlich „dem oder den Illustratoren ein genügendes Interesse an einer ‚eindeutigen Formulierung des Individuums‘. So seien selbst nicht einmal die Helden der Erzählung charakteristisch erfasst, weder in ihrem Aussehen, in der Kleidung, noch in der Größe, im Alter und in der Haarfarbe.“38 Die zuvor gezeigte Tafelszene aus der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift verweist auf einen speziellen Typus der Speiseszenen, die an einer langen Tafel dargestellt werden. Die Bedienung der Speisenden erfolgt dabei nicht (nur) durch Personen, die sich dem Tisch von der Seite aus nähern, sondern wird, wie hier: auch, andernorts ausschließlich durch Figuren vorgenommen, die vor der Tafel positioniert sind – im eben gezeigten Beispiel Tristan, der auf Markes Geheiß die Bedienung Ruals vornimmt. Ein Beispiel für diese Darstellungsform findet sich auch in der wohl zwischen 1240 und 1250 entstandenen Handschrift, die Wolframs ‚Parzival‘, den ‚Titurel‘ und Tagelieder enthält.39 Wie die Münchner ‚Tristan‘Handschrift weist der Cgm 19 mehrere, ganzseitig (und farbig) bebilderte Blätter mit je drei aufeinander folgenden Bildfriesen aus. Ohnehin stehen diese beiden Manuskripte in einem engen Zusammenhang, da die Hand des ‚Tristan‘-Hauptschreibers sich auch als eine derjenigen erwies, die sich im Cgm 19 finden.40 Auch die im Cgm 19 erhaltenen Illuminationen zeigen zum ‚Parzival‘-Text keine enge Beziehung: „Die einzelnen Szenen stehen nicht als direkte Textillustrationen in unmittelbarer Nähe der entsprechenden Verse, sondern sind in einer größeren Bildsequenz zusammengefasst.“41 Sie befinden sich auf einer Doppelseite, die in das letzte Drittel der fortlaufend geschriebenen Textseiten eingefügt wurde und nehmen lediglich das Gralsepos ab Buch 14 bis etwa zum Schluss auf, wobei die ins Bild gefasste Szenenreihe dem Gang von Wolframs Erzählung folgt.42

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40 41 42

Gichtel (1979), S. 80 im Zitat des Kunsthistorikers Stange (1934) Gichtel (1979), S. 90 Vgl. Anne Stephan-Chlustin: Artuswelt und Gralswelt im Bild. Studien zum Bildprogramm der illustrierten Parzival-Handschriften. (Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung. Band 18). Wiesbaden 2004, S. 13 ff., Unger (1986), S. 25 und Deutsche Literatur des Mittelalters (2003), S. 42 (Einführung) Vgl. Deutsche Literatur des Mittelalters (2003), S. 42 Deutsche Literatur des Mittelalters (2003), S. 42 Vgl. Unger (1986), S. 99 und Deutsche Literatur des Mittelalters (2003), S. 42

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Der auf der nächsten Seite abgebildeten Darstellung geht eine Szene mit Parzival und Feirefiz bei Artus voraus, ihr folgt der letzte Fries auf dieser Seite mit Parzival, Feirefiz und Cundrie vor der Gralsburg.43 Die Artusrunde ist hier an einer langen ( ! ), über die gesamte Bildbreite gezogenen Tafel dargestellt, hinter der sich 15 Personen versammelt haben.44 Die Darstellung bezieht sich wesentlich auf das Fest von Joflanze, das Artus für seine Neffen Parzival und Feirefiz ausrichtet (vgl. ‚Parzival‘ 774, 13 ff.). Vor der Tafel kniet in gebeugter Haltung eine Figur, die der im Trennstreifen unterhalb der Szene angebrachten Erläuterungszeile zufolge Feirefiz darstellen müsste, jedoch über ihren Rücken laufend, erkennbar zwei lange Zöpfe oder Lockenschnüre trägt.45 Es ist Cundrie, die Parzival um Aussöhnung bittet (vgl. ‚Parzival‘ 780, 1 ff.). Zu erkennen ist sie auch an dem in ihr Profil gezeichneten, hauerartigen Zahn.46 Die Tafel – wiederum durch ein bis zum Boden reichendes, breit in Falten fallendes Tischtuch bedeckt – ist gut bestückt. Zu sehen sind Schalen mit niedrigem Sockel und ein ovales sowie ein rundes Deckelgefäß, die Schalen sind mit Speisen gefüllt, von denen lediglich Hühnchen bzw. Vögel eindeutig 43 44

45

46

Vgl. Schirok (1985), S. 11 Dabei sind die beiden ganz rechts positionierten Figuren etwas kleiner dargestellt. Möglicherweise handelt es sich deshalb um Diener, obwohl die Figuren nichts anreichen oder etwas in Händen tragen. Auch die Haltung der folgenden Figur, die diesen beiden gegenüber deutlich abgewandt erscheint, könnte darauf hinweisen. Ferner erhielte die Tafelrunde, sofern sie an den beiden in der Bildmitte einander zugewandten Figuren ausgerichtet würde, ohne die beiden Figuren am rechten Bildrand eine etwa symmetrische Struktur. Eine solche würde gut zur gesamten Gestaltungsanlage der ‚Parzival‘-Illuminationen passen: „L.E. Saurma-Jentsch hat das Kompositionsprinzip der Bilder des Cgm 19 auf den Primat der bildlichen Geschlossenheit zurückgeführt, in welcher die Gesetze der Symmetrie und Achsialität herrschen und die Handlung beinahe eingefroren werde in gleichwertig miteinander korrespondierenden Formen“, so Stephan-Chlustin (2004), S. 22 Diese Zeile tritt wegen der wenig kontrastreichen Wiedergabe auch im Faksimile (Ed. Schirok) leider nur sehr schemenhaft hervor. Deutlich erkennbar ist sie in der älteren Wiedergabe bei Karl Josef Benziger: Parzival in der deutschen Handschriften-Illustration des Mittelalters: eine vergleichende Darstellung des gesamten vorhandenen Bildmaterials unter besonderer Berücksichtigung der Berner Handschrift Cod. AA 91. Straßburg 1914, hier: Nr. 4 Vgl. Julia Walworth: The Illustrations of the Munich Parzival (Cgm 19), in: Wolfram von Eschenbach. Parzival. Translated by Cyril Edwards. With Titurel and Love Lyrics. (Arthurian Studies LVI). Cambridge 2004, S. 307–315, hier: S. 313: „Cundrie is instantly recognisable, not only by her actions, but also by her tusk-like teeth.“ Vgl. auch Stephan-Chlustin (2004), S. 30; um die Versöhnungsgeste Cundries deutlich zu machen, sind der Parzival darstellenden Figur in dieser Szene entgegen der üblichen Darstellungform einmal Füße beigegeben, die unter dem Tischtuch hervorlugen und zu denen sich Cundrie niederwirft, vgl. Stephan-Chlustin (2004), S. 31

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Abb. 5: Cundrie vor der Artusrunde. Wolfram von Eschenbach, ‚Parzival‘, um 1250

erkennbar sind. Auf dem Tisch sind Brote in spitzovaler Form verteilt, und am rechten Bildrand ist eine Brezel abgelegt. Messer fehlen hingegen auf der Tafel, lediglich Artus hält als Gastgeber ein Vorlegemesser in der Hand.47 Die Tafelnden sind im Gespräch und essend abgebildet, die fünfte Figur von rechts führt gerade eine Trinkschale an den Mund. Es laufen weiße Bänder über den Tisch, die hier unbefüllt blieben, während sie in der Speiseszene auf der Bildseite zuvor mit den Namen der Dargestellten versehen wurden.48 Anders als die Münchner ‚Tristan‘-Handschrift ist der Cgm 19 teils aufwändig mit Gold- und Silbereinlagen auch in den Bilddarstellungen verziert. Die Linienführung, die bei den Personen und deren Kleidung recht breit und auch statisch wirkt, und die insgesamt – auch farblich – flächige Ausführung der Darstellung weisen den Illustrator jedoch als weniger geschickt aus als den der ‚Tristan‘-Szene: „Die Bilder stehen an Qualität hinter den Tristan-Illustrationen zurück. Stilistisch ist … der Parzival-Miniator ‚dem Romanischen‘ verbunden“.49 47

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Er wird dadurch – in seiner Funktion als Gastgeber – auch als Person erst identifizierbar, denn Kronen tragen mehrere der dargestellten Figuren, vgl. Stephan-Chlustin (2004), S. 31; mit Bezug auf ‚Parzival‘ 775, 26 ff. wird die Gastgeberfigur mit dem Vorlegemesser auch als Gawan bezeichnet, vgl. Wolfram von Eschenbach. Parzival – Titurel – Tagelieder. Cgm 19 der Bayerischen Staatsbibliothek München. Transkription der Texte von Gerhard Augst, Otfried Ehrismann und Heinz Engels. Mit einem Beitrag zur Geschichte der Handschrift von Fridolin Dreßler. Stuttgart 1970, Kommentarband S. 29 Vgl. Schirok (1985), S. 10 (Cgm 19, fol. 49v) und unten S. 199 Unger (1986), S. 99

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Abb. 6: Das letzte Abendmahl. Kirche zu Neuenbeken, erste Hälfte 13. Jahrhundert

Die hier für eine ‚weltliche‘ Dichtung gewählte Form der bildlichen Gestaltung wird auch bei dieser Tafelszene (wie bei den beiden weiteren des Cgm 19) mit Vorbildern aus dem geistlichen Bereich in Beziehung gesetzt: „Ikonographisch folgt der Maler etwa in den Tafelszenen der sakralen Bilderwelt der Abendmahlsszene.“50 Es finden sich dort kompositorisch sehr ähnlich angelegte Szenen in größerer Zahl,51 hier in einer Abendmahlsdarstellung, die etwa zeitgleich mit den ‚Parzival‘-Illustrationen entstanden sein dürfte:52 Wie die vorhergehenden Darstellungen zeigt dieses Gemälde eine Frontalansicht der gedeckten Tafel und der an ihr speisenden Personen. Dadurch, dass die Vorderseite fast frei bleibt, wird der Betrachter gleichsam mit in die Szenerie einbezogen, fast wie ihr auf der anderen Seite einer Tafel 50 51

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Unger (1986), S. 99 Möller (1937) bietet hierfür eine Reihe von Beispielen, u. a. aus dem um die Jahrtausendwende entstandenen Hildesheimer Bernward-Evangeliar (Sp. 31, Abb. 5) und vom mittleren Westportal des Straßburger Münsters (um 1280, Sp. 35 f., Abb. 9) Vgl. Paul Herre: Deutsche Kultur des Mittelalters in Bild und Wort. (Wissenschaft und Bildung 100/101). Leipzig 1912, S. 58 Nr. 128. Die Darstellung des letzten Abendmahls, die Herre dort lediglich als ‚romanisch‘ kennzeichnet, wird angesichts ihrer vergleichsweise detailreichen und vor allem tendenziell dynamischen Ausarbeitung in das 13. Jahrhundert gehören. Entsprechend findet sich die Datierung „um 1230“ bei Stephan (1986), Anhang Tafel 17

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gegenüber sitzend – ein bemerkenswertes psychologisches Moment dieser Darstellungstechnik. Auch die direkt auf den Betrachtenden quasi aus dem Bild heraus gerichteten Blicke, besonders der in der Mitte positionierten und daher zentralen Personen – hier Christus, in der vorhergehenden Abbildung Artus – lösen diese Wirkung aus. Die Gestaltung der Szene folgt – wie die meisten AbendmahlsDarstellungen des Hochmittelalters – dem im Johannes-Evangelium (13, 22 ff.) beschriebenen Ablauf nach der Prophezeiung des Verrats Jesu durch einen der Jünger:53 „Die Jünger sahen einander an, ratlos darüber, von wem er rede. Einer von seinen Jüngern lag an Jesu Brust, der den Jesus liebte. Diesem winkt nun Simon Petrus und sagt zu ihm: Sage, wer es ist, von dem er redet! … Herr, wer ist es? Da antwortet Jesus. Der ist es, dem ich den Bissen eintauchen und geben werde. Darauf taucht er den Bissen ein, nimmt ihn und gibt ihn Judas, dem Sohn des Simon Ischariot.“ Es ist eben dieser Moment, in dem Jesus dem Judas einen Bissen reicht, der hier eingefangen wird. Judas streckt ihm eine Hand entgegen.54 Das Stück Nahrung, das Christus dem Verräter reicht, steht exakt im geometrischen Mittelpunkt der Darstellung. Die Jünger sitzen, mehrheitlich zu zweit einander zugewandt, an der Tafel. Wie eine Serviette haben sie sich das Tischtuch über die Knie gelegt. Christus hält eine – weil kleiner dargestellt: jugendliche? – Figur auf dem Schoß bzw. im Arm. Dies entspricht zwar genau dem Bibeltext, verursacht jedoch einen ‚Fehler im Bild‘, denn damit werden um Christus insgesamt 13 Jünger dargestellt, da Judas ja zu ihnen zählt.55 Er ist durch seine besondere Positionierung vor der Tafel jedoch räumlich von ihnen getrennt dargestellt, was seine Isolierung vom Kreis des engen Gefolges Christi durch seinen Verrat treffend im Bild fasst. Die Tafel ist reich gedeckt. Auf ihr sind unterschiedlich geformte Schalen mit Fuß, ein Deckelpokal, weitere Pokale mit Fuß, eine Daubenschale, sieben Messer sowie kleine, runde Brote (oder vielleicht Brettchen?) zu sehen. Obwohl die Darstellung der Behältnisse keinen Aufschluss über de-

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Nach Möller (1937), Sp. 37, dominiert „seit dem 12. Jh. … dieses Motiv in Deutschland fast ausschließlich.“ Dass auch diese Geste die hochmittelalterlichen Bilddarstellungen des deutschen Sprachraums besonders prägt, betont Möller (1937), Sp. 37 In der Abendmahlsszene vom mittleren Westportal des Straßburger Münsters finden sich folglich nur 11 Jünger um Christus auf seiner Seite des Tisches versammelt, auf der anderen kauert Judas, vgl. Möller (1937), Sp. 35 f., Abb. 9

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ren möglichen Inhalt bietet,56 vermittelt sich der Eindruck eines prächtigen, keinesfalls eines schlichten Mahles.57 Die kompositorische Ähnlichkeit zwischen dieser Abendmahlsszene und der Tafelszene aus der Münchner ‚Parzival‘-Handschrift fällt ins Auge. Es fragt sich jedoch, ob sich die Bildsequenzen zu literarischen Texten den kundigen zeitgenössischen Betrachtern stets auch als Ausdruck biblischer Weisheit erschlossen, ob die Illuminationen ‚weltlicher‘ Texte für sie damit grundsätzlich (auch) einen transzendentalen, in die Sphäre des Religiösen weisenden Charakter besaßen. Unter Bezug auf den ‚Parzival‘-Stoff, der einige Anleihen an religiöse Motive bietet, wurde dies verschiedentlich bejaht: „L. E. Saurma-Jeltsch hat darauf hingewiesen, dass der Illustrationstyp des Cgm 19 auf die traditionelle Ausstattung kostbarer Bibelhandschriften zurückgreift. Sie stützt ihre Auffassung einer heilsgeschichtlichen Interpretation des Romans auf den Rückgriff auf dieses Konzept und auf die ikonographische Detailgestaltung. Gewiss wird, wie die Autorin ausführt, in den Festmahlsdarstellungen eine Assoziation der Abendmahlsdarstellung fühlbar“.58 Auch wurden Versuche unternommen, die oben gezeigte Szene mit dem Fußfall Cundries mit einer Darstellung aus dem elsässischen Bonmont-Psalter in eine enge Beziehung zu setzen, in der Jesus Salbung durch Maria Magdalena abgebildet wird.59 Gegen eine so deutlich theologisch orientierte Interpretation der ‚Parzival‘-Illuminationen werden jedoch auch skeptische Stimmen erhoben: „Beweisen lässt sich das nicht. … Einwenden kann man gegen eine so stringente heilsgeschichtliche Deutung der Funktion der Bilder des Cgm 19 im Grundsatz: wie viel bewusste Absicht und wie viel unbewusste Prägung durch ‚Vor‘-Bilder hier vorliegt, ist nicht messbar.“60 Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der im Laufe der vergangenen etwa 80 Jahre gewandelten Sicht auf die zahlreichen Bilddarstellungen der zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandenen Handschrift mit dem ‚Eneasroman‘ von Heinrich von Veldeke.61 Dabei „hat die in den frühen zwanziger Jahren methodisch durchaus fortschrittliche, nach 1945 jedoch in ihrer 56

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Viele Abendmahlsszenen zeigen z. B. Fisch(e) und/oder Krüge, die auf das Vorhandensein von Wein hinweisen, vgl. Möller (1937), Sp. 35 Näher an der biblischen Botschaft liegt hier die bereits erwähnte Abendmahlsszene vom Westportal des Straßburger Münsters, bei der auf dem Tisch lediglich runde Brote und Pokale (für den Wein) zu sehen sind; vgl. auch die Abb. des Abendmahls vom Westlettner des Naumburger Doms unten auf S. 494 Stephan-Chlustin (2004), S. 36 Vgl. Stephan-Chlustin (2004), S. 36 Stephan-Chlustin (2004), S. 37 Vgl. dazu unten Abschnitt 3.2

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Prononciertheit hastig und unausgewogen wirkende Anbindung des Zyklus an sakrale Kunst das Verständnis eher behindert als gefördert. Indem man fortwährend Handlungsmotive und Szenen als Ableitungen von kirchlichen Themen sah, trat das eigene Recht der profanen Darstellung allzu leicht in den Hintergrund, und man vergaß dann, daß es sich bei solchen Adaptionen doch wohl mehr um technische Vorgänge der Gestaltung gehandelt hatte, nicht um inhaltliche Bezugnahme, jedenfalls nicht mit tieferem Sinn.“62 Wie die Hersteller mittelalterlicher ‚weltlicher‘ Buchmalerei werden auch viele ihrer damaligen Betrachter Darstellungen biblischer Geschichten, auch mit Tischszenen, gut gekannt haben.63 Ob und in wiefern sie jedoch zwischen Darstellungen aus eindeutig religiösem Kontext und den Buchmalereien in zeitgenössischen Handschriften mit nicht-religiösen Inhalten unterschieden, ob sie – auch wenn die Darstellungen z. B. durch besondere Attribute eindeutig der einen oder anderen Sphäre zuzuordnen waren (hier Heiligenschein, dort Krone) – ggf. gleich oder doch ganz unterschiedlich wahrgenommen bzw. ‚gelesen‘ wurden, muss offen bleiben. In der neuzeitlichen Diskussion scheint schließlich oft nicht klar trennbar, ob sich Aussagen zu hochmittelalterlichen Rezeptionsgewohnheiten wirklich aus dem Fundus der Bilddarstellungen, aus den möglichen Verbindungen zwischen Malerschulen, Handschriften, Illustratoren und inhaltlichen Stoffen ableiten lassen oder ob sich nicht eher die Kenntnis und Gelehrsamkeit moderner, auch vergleichender Wissenschaft auswirken, die zuweilen gleichsam auf Rezeptionsaspekte früherer Zeitalter rückprojiziert zu werden scheinen.

3.2 „der chunich ze tische giench“ – Tafeldarstellungen in illuminierten Epenhandschriften Besonders seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert gibt es zwar eine ganze Reihe komplett erhaltener Codices und auch Handschriften-Fragmente, die volkssprachliche literarische Texte enthalten, nur wenige davon wurden jedoch durch Bilddarstellungen ergänzt. So fehlen z. B. Illuminationen zu Hartmanns ‚Erec‘ und ‚Iwein‘ oder zum ‚Nibelungenlied‘ in Handschriften 62 63

Diemer (1992), S. 913 Vgl. zu Entwicklung und Inhalten der deutschen Buchmalerei von 1200–1500, die bis in das spätere Mittelalter durch klösterliche Malerwerkstätten besonders von religiösen Motiven geprägt war, auch O. Mazal in: LexdMA Bd. II (1983), Sp. 852 ff. s.v. Buchmalerei

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dieser Zeit völlig.64 Andere Codices mit zeitgenössischen Dichtungen enthalten zwar Illuminationen, nehmen dabei jedoch keine Tafelszenen auf. Ein Beispiel dafür bietet der Cgm 63 der Bayerischen Staatsbibliothek München mit Rudolfs von Ems ‚Wilhelm von Orlens‘.65 Ein frühes Beispiel für eine volkssprachliche Handschrift, deren literarischer Text durch Bildseiten ergänzt wurde, bildet der mit der Signatur Ms. germ. fol. 282 (B) versehene, wohl zwischen 1210 und 1220 in Nordbayern oder Thüringen entstandene Pergamentcodex der Berliner Staatsbibliothek mit dem ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke.66 Diese Handschrift „erhält ihren außerordentlichen Rang durch ihre Bebilderung … sowie die Tatsache, daß es sich bei ihr um die älteste erhaltene annähernd vollständige Hs eines der großen mhd. Epen handelt.“67 Der Codex enthält 71 Bildseiten, die fast durchgehend mit zwei Darstellungen versehen sind, „sechs Bildseiten fehlen, und mit dem Schluß dürften weitere 16 Bildseiten verloren gegangen sein.“68 Auch wenn der dreispaltig fortlaufende Text und die ihm jeweils gegenüber gestellten Illuminationen getrennt voneinander entstanden sein dürften, stehen sie in einem engen Zusammenhang. So nehmen die Illuminationen häufig auf erzählerische Details Bezug, der Illustrator muss daher über eine sehr genaue Kenntnis

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Vgl. Peter Jörg Becker: Handschriften und Frühdrucke mittelhochdeutscher Epen. Eneide, Tristrant, Tristan, Erec, Iwein, Parzival, Willehalm, Jüngerer Titurel, Nibelungenlied und ihre Reproduktion und Rezeption im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Wiesbaden 1977, S. 19 ff. Zu Hartmanns ‚Erec‘ sind Illuminationen schwerlich zu erwarten, datieren doch nur Fragmente dieses Werkes in das Hochmittelalter. Der erste, annähernd vollständige Text findet sich erst Anfang des 16. Jahrhunderts im sog. ‚Ambraser Heldenbuch‘, vgl. Christoph Cormeau s.v. Hartmann von Aue in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 500–520, hier: Sp. 506. Illuminationen zum ‚Nibelungenlied‘ sind erst durch die um 1440 datierende sog. ‚Hundeshagensche Handschrift‘ überliefert (Handschrift b, Berlin, mfg 855), ferner bietet die Handschrift k vom Ende des 15. Jahrhunderts (sog. ‚Piaristen-Handschrift‘, Wien, Cod. 15478) einen illuminierten Nibelungen-Text, vgl. Michael Curschmann unter dem Stichwort ‚Nibelungenlied und Klage‘ in: VL Bd. 6 (1987), Sp. 926–969, hier: Sp. 928 sowie Staatliche Bibliothek Passau: Das Nibelungenlied in den Augen der Künstler vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Passau 1986, S. 8 und S. 44 Vgl. Erika Weigele-Ismael: Rudolf von Ems: Wilhelm von Orlens. Studien zur Ausstattung und zur Ikonographie einer illustrierten deutschen Epenhandschrift des 13. Jahrhunderts am Beispiel des Cgm 63 der Bayerischen Staatsbibliothek München. (Europäische Hochschulschriften. Reihe XXVIII. Bd. 285). Frankfurt/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1995 Vgl. Becker (1977), S. 23 f. Becker (1977), S. 24, vgl. Unger (1986), S. 95 Diemer (1992), S. 911

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des gesamten Textes verfügt haben.69 Die Reihenfolge der Bilder folgt dabei nicht nur recht genau dem Gang der Erzählung, sie ist angesichts der Gegenüberstellung von Text- und darauf bezogener Bildseite überdies bemüht, sich auch am Erzähltempo zu orientieren.70 Dies forderte dem Schöpfer der Bildfolge einigen Einfallsreichtum ab, besonders dort, wo sich in der Textvorlage lange Passagen mit Mono- oder Dialogen finden, die sich als eigenes Motiv nur schwer wiedergeben lassen: „Die Szenenauswahl der Berliner Veldeke-Illustrationen versteht sich, da sie dem Text in gleichem Tempo zu folgen hat, keineswegs von selbst. Der Dichter lässt Passagen von gedrängter Handlung abwechseln mit langen Gesprächen oder Monologen, die kaum Stoff zum Illustrieren enthalten. Er kann sich auch Rückgriffe und Wiederholungen gestatten, die in der Bildsequenz erheblich stören würden. Wie souverän der für das Illustrationskonzept Verantwortliche mit seiner Anpassungsarbeit fertig wird, verdient Würdigung. … Die als Folge dieser Ausgleichsarbeit unvermeidlichen Diskrepanzen im Nebeneinander von Text und Bild halten sich im Rahmen des Unauffälligen.“71 Dabei orientierte sich der Illustrator bei manchen seiner Motive zwar an einschlägigen Kopiervorlagen,72 die Anordnung und Logik seiner den Text begleitenden Bilderzählung folgen jedoch keiner älteren Tradition von Äneis-Illuminationen, sondern bilden „eine zugleich originelle und kohärente Leistung.“73 Die erste Darstellung einer Speiseszene findet sich oben auf Blatt 9v. Es handelt sich um die Szene, die im Text in den Versen 39, 18 ff. beschrieben wird: Eneas hat sich nach Didos Einladung mit seinen Gefährten an den Hof der Königin begeben. Für ihren Gast richtet Dido ein Festmahl aus. An der langen, mit einem bodentief reichenden Tischtuch74 bedeckten Tafel sitzen die (nur vier) Speisenden. Die Figuren sind einander in Zwei69

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Vgl. Albert Boeckler: Heinrich von Veldeke. Die Bilder der Berliner Handschrift. Leipzig 1939, S. 16 und Diemer (1992), S. 920 mit ausgewählten Beispielen Vgl. Diemer (1992), S. 917 Diemer (1992), S. 919 So z. B. bei seiner Darstellung von Schiffen und nautischen Details, vgl. Diemer (1992), S. 920 Diemer (1992), S. 920 Ein interessantes Detail zeigen hier der Saumabschluss und Faltenfall des Tischtuchs. An zwei Stellen ist zu sehen, wie das Tischtuch zum Boden hin in Falten ausläuft, die zeichnerisch in ‚T‘-Form wiedergegeben werden. Dort, wo sich ein solches ‚T‘ fand – und das ist bei vielen mittelalterlichen Tafeldarstellungen der Fall –, könnte es durch viele mittelalterliche Betrachter als ein Symbol der Trinität wahrgenommen worden sein, vgl. Klementine Lippfert: Symbol-Fibel. Eine Hilfe zum Betrachten und Deuten mittelalterlicher Bildwerke. Kassel 1955, S. 96 ff. s.v. Falte, hier bes. S. 100. Wie oben bereits am Beispiel der ‚Parzival‘-Illuminationen angespro-

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ergruppen zugewandt. Die Reduktion ihrer Zahl erlaubt es dem Darsteller, die abgebildeten Personen vergleichsweise groß darzustellen75 und sich in ihrer Zeichnung auch Details zu widmen, z. B. dem Faltenwurf ihrer Gewänder. Eneas (ganz links) und neben ihm Dido sind durch eine in den Bildrahmen eingefügte, gesonderte Schriftleiste gekennzeichnet. Dido ist um eine zuvorkommende Bewirtung ihres Gastes bemüht.76 Ihr Truchsess, der als Zeichen seines Amtes einen Stab in seiner angewinkelten Linken hält, reicht Eneas gerade von der Seite der Tafel einen verzierten Deckelpokal an, den dieser ergreift. Von der betrachterorientierten Seite der Tafel präsentieren zwei Diener knieend Schalen mit Speisen, die leider aufgrund des verblichenen Bildstriches nicht genauer erkennbar sind. Auf der Tafel sind Messer zu sehen, je eines für jedes Figurenpaar. Zu Didos linker Hand steht ein Daubenbecher, der als hölzernes Tafelgerät dem Illustrator für ein exklusives, königliches Festmahl offenbar nicht unpassend erschien – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass hölzernes Geschirr auch in begüterten Haushalten nicht ungewöhnlich und sogar weit verbreitet war?77 Auf dem Tischtuch sind ferner verschiedene Sorten von Brot bzw. Gebäck verteilt, links ein halbmondförmiges Brot, in der Bildmitte drei ineinander gestaffelt aufgelegte runde Brote ( ? ) sowie drei an ihren Enden schneckenförmig eingerollte Gebäckstücke.78 Der Reichtum von Didos Tafel wird so allein schon durch die Variation weniger ausgewählter, für den Betrachter leicht identifizierbarer Speisen – hier: der verschiedenen gereichten Gebäckformen – dargestellt. In ihren einzelnen Elementen gibt diese Illumination die in den zeitgenössischen Dichtungen aufgeführten Merkmale einer angemessenen höfischen Tafel recht genau wieder. Zwar ist die Zahl der Speisenden hier nur gering, doch ist die Tafel mit Tischtuch und Gerät sorgfältig gedeckt. Sie enthält bereits verschiedene Speiseangebote (Brote), zusätzlich werden weitere Gerichte serviert. Es gibt mehrere Diener – hier im Bild je einen für

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chen, haftet solchen aus der Neuzeit retrospektiv vorgenommenen Deutungen jedoch ein erheblich spekulativer Zug an Vgl. Diemer (1992), S. 915 Vgl. Diemer (1992), S. 915 Wegen des verblassten Bildstrichs und daher nur schwachen Bildkontrasts nicht klar erkennbar ist das Gefäß, das die am rechten Bildrand sitzende Person ihrem Nachbarn anbietet. Da das hohe (Trink-)Gefäß jedoch zwei umlaufende Reifen aufweist, könnte es sich auch bei ihm um einen Daubenbecher handeln In seinem kunsthistorischen Kommentar zur Faksimileausgabe der Berliner Handschrift des ‚Eneasromans‘ (1992) sieht Andreas Fingernagel in dieser Illumination des Gastmahls der Königin Dido lediglich „hörnchenförmige Brote“ (S. 62)

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Abb. 7: Didos Festmahl für Eneas.79 Henrich von Veldeke, ‚Eneasroman‘, 1. Drittel 13. Jh. 79

zwei Teilnehmer am Festmahl –, und mit der Erscheinung des Truchsessen erweist sich Didos Hofhaltung als ‚auf der Höhe ihrer Zeit‘, hier des Hochmittelalters, stehend.80 Dieses Motiv wird wenige Blätter später wieder aufgenommen, wenn auch in etwas modifizierter Form. Eneas und Dido sind sich inzwischen näher gekommen, sie heiraten, und aus diesem Anlass wird ein Festmahl arrangiert (vgl. ‚Eneasroman‘, 64, 38 ff.). Wie bei der ersten Tafelszene sitzen lediglich vier Personen am Tisch, die stellvertretend für die große Hochzeitsgesellschaft stehen. Eneas und Dido sind wiederum durch über der Szene angebrachte Schriftbänder eigens gekennzeichnet, obwohl Dido wie zuvor schon durch ihre Krone als Königin erkennbar ist. Anders als in der Szene zuvor sind bei Eneas und 79

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Von links nach rechts sind der Truchsess, Eneas und Dido – beide in der oberen Bildbegrenzung namentlich gekennzeichnet – und zwei nicht näher bezeichnete Gäste zu sehen Vgl. Boeckler (1939), S. 22

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Abb. 8: Dido und Eneas feiern ihre Hochzeit mit einem Festmahl.81 Heinrich von Veldeke, ‚Eneasroman‘, 1. Drittel 13. Jh. 81

Dido „die Rollen vertauscht, Eneas demonstriert seine Fürsorge für das Wohl der frisch angetrauten Gattin.“82 Die gesamte Szene ist etwas nach rechts verschoben, sodass die am rechten Bildrand sitzende Figur, die eine Hand gerade zum Munde führt und mit den anderen in eine auf der Tafel angerichtete Speiseschüssel greift, beinahe aus dem Bild ‚herausfällt‘. Die Tafelgesellschaft ist auch hier in zwei Zweiergruppen aufgeteilt, deren Figuren jeweils aufeinander bezogen sind. Die räumliche Verschiebung der langen Tafel nach rechts ermöglichte es dem Illustrator, in dieser Szene zwei Diener unterzubringen, die von der linken Bildseite aus verzierte Deckelgefäße, darunter einen runden, sog.

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Links von der Tafel zwei Pokale anreichende Diener, in der Bildmitte Eneas und die bekrönte Dido, rechts daneben ein Gastpaar, dessen an den Bildrand gesetzte Hälfte an der Tafel sichtbar ‚fleißig‘ zugreift Diemer (1992), S. 915

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‚Kopf‘,83 für die Speisenden anreichen. Ihre Haltung ist aufrecht, in der jeweils erhobenen rechten Hand halten sie die anzureichenden Gefäße, ihr linker Arm ist fast rechwinklig an den Körper geführt, eine Geste beherrschter, disziplinierter Haltung, die in der zuvor gezeigten Bildszene (fol. 9v) auch der Truchsess zeigt. Vor dem Tisch knieend, hier einander zugewandt dargestellt, reichen zwei weitere Diener Schalen mit Speisen an, von denen die rechte ein (stark stilisiertes) Hühnchen (bzw. einen Vogel) zeigen könnte. Auf dem Tisch sind keine Trinkgefäße zu sehen, dafür aber wieder zwei Messer und wie in der vorherigen Szene drei verschiedene Formen von Brot/Gebäck,84 hier jedoch in teilweise anderer Zahl. Dass es sich um Festmähler bei Hofe handelt, deuten außer der festlichen Tafel und der Bedienung sowie ggf. Didos Krone keine weiteren Attribute, z. B. Andeutungen eines Raumes, Fensters, Burgturms oder auch Möbel an. Die Zuordnung dieser Szenen ist damit eng auf den parallelen Erzählverlauf verwiesen. Ebenso verhält es sich mit der nächsten Speiseszene, die der Illustrator ins Bild setzte, ohne sich in ihr darstellerischer Attribute zu bedienen, die den besonderen Charakter dieses Mahles kennzeichnen. Es handelt sich nämlich um ein Picknick, das im Freien stattfindet. Nach Didos Tod haben Eneas und seine Gefährten Karthago verlassen. Auf ihrer Fahrt über das Meer stoßen sie auf die Tibermündung und landen an. Unter freiem Himmel nehmen sie dort eine Mahlzeit ein, die im Text als improvisiert und recht dürftig dargestellt wird (vgl. ‚Eneasroman‘, 111, 9 ff.). Dies wird durch die Illumination kaum treffend wiedergegeben: „Von den bedeutungsschweren Behelfsgeschirren ist nicht viel zu sehen, zwei Becher zeigen sogar Vergoldung.“85 Wie bei den bei Hofe spielenden Tafelszenen gibt es hier ein üppiges Tischtuch, ein Diener reicht mit der Andeutung eines Kniefalls von rechts Brot an, auf dem Tisch sind neben einem Deckelpokal und einem trichterförmigen Daubengefäß ein Messer und die bereits bekannten, verschiedenen Brot-/Gebäckformen zu sehen. Die Zweierfigurengruppe links im Bild teilt sich einen Fisch, der auf ein rundes Brot86 gelegt wurde. Auf ein improvisiertes Picknick weist auf

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Vgl. dazu Beispiele unten in den Abschnitten 8.2 und 8.3 (Köpfe/Scheuer aus Holz/ Glas) Auch in dieser Szene erkennt Andreas Fingernagel in seinem kunsthistorischen Kommentar zur Faksimile-Ausgabe der Berliner Handschrift (1992) lediglich „Messer, hörnchenförmige und halbrunde Brote“ (S. 63) Diemer (1992), S. 953 Oder etwa doch ein rundes Brettchen?

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Abb. 9: Die Prophezeiung des Anchises erfüllt sich.87 Heinrich von Veldeke, ‚Eneasroman‘, 1. Drittel 13. Jh. 87

den ersten Blick lediglich die merkwürdige Bewegung des Tischtuches hin: Eneas und seine Gefährten haben es sich über die Knie gelegt, weil bei dem behelfsmäßigen Imbiss keine Tischplatte verfügbar ist. Wie bei den anderen Szenen fällt das Tischtuch, das zeichentechnisch offenbar gebraucht wird, um die eine Tafelszene kennzeichnenden Gegenstände darauf platzieren zu können, prachtvoll in Falten – es scheint, dass sich hier der darstellerische Kanon über die Logik hinweg setzt, die die Erzählung und deren bildliche Umsetzung eigentlich verlangt hätten.88 87

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Die zweite Figur von links ist durch eine namentliche Kennzeichnung in der oberen Bildbegrenzung als Eneas Sohn Ascanius zu identifizieren, rechts neben ihm Eneas selbst Auch mehr als ein Jahrhundert später fiel es Illustratoren offenbar schwer, eine Tafel unter freiem Himmel darzustellen. Die Tafel zeichentechnisch unter Bäume oder auf einen Rasen/grünen Grund zu setzen, hätte eine einfache Lösung bedeutet. Offenbar war jedoch die Tafel als zentrales Bildthema so wichtig, dass sie noch in Darstellungen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen breiten, wenn nicht gar die Szene komplett beherrschenden Raum einnahm. Ein Beispiel dafür bietet eine Mahlzeit im Freien, die in der Bilderchronik Kaiser Heinrichs VII. und Balduins von Luxemburg enthalten ist (entstanden um 1340; Koblenz, Staatsarchiv Abt 1 C Nr. 1,

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Dennoch gelingt es dem Illustrator, in dieser Szene Details der Texthandlung genau wiederzugeben. Es ist der Moment, in dem Eneas und seine Begleiter feststellen, dass sie, die aus der trojanischen Heimat Vertriebenen, den Ort gefunden haben, an dem sie sich niederlassen werden. Eneas’ Vater Anchises hatte ihm bei Eneas’ Besuch im Elysium prophezeit, dass die Flüchtlinge an der Stelle bleiben sollten, an der sie aus Not gezwungen sein würden, ihr Tischgeschirr zu verspeisen.89 Der Inhalt dieser Prophezeiung muss für die Rezipienten des Hochmittelalters durchaus seinen eigenen Witz gehabt haben, da es gebräuchlich war, Speisen wie Fleisch und Fisch auf einem Brot abzulegen, das als Teller fungierte. Genau diese Szene hat der Illustrator eingefangen. Dass man sich dennoch der exakten Zuordnung der Szene wohl nicht ganz sicher war, beweist das von einer gesonderten Schreiberhand gefüllte Spruchband, das sich in breit angelegtem Schwung durch die Szene zieht. Es enthält als Erläuterung den Hinweis auf die Prophezeiung durch Anchises: Wir schvln des niht vergezzen. daz wir vnser schvzzel hie ezzen.90 Eneas erinnert sich gerade an die Weissagung seines Vaters. Er hält ein Manuskript oder Buch in der Hand „und er beginnt, mit den Fingern die einzelnen Punkte seiner Darlegung abzählend, den Sachverhalt zu erklären.“91 Da am Schluss des Codex Blätter verloren gingen, sind leider keine Illuminationen erhalten, die Eneas’ aufwändige Hochzeit mit Lavinia begleiten.92 Die letzte, in der Berliner Handschrift enthaltene Illumination einer Speise-

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fol. 3r, Abb. bei Rohr [2002], S. 87). An der reich gedeckten, die gesamte Bildbreite einnehmenden Tafel sitzen zehn Personen. Dass es sich um ein im Freien stattfindendes Mahl handelt, ist an dem unebenen, leicht hügeligen Boden vor der Tafel zu erkennen und daran, dass den Speisenden neue Gerichte und Kannen durch Truchsess und Diener zu Pferde angereicht werden. Der Illustrator der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift fand für die Darstellung eines Mahles im Freien eine andere Lösung, vgl. dazu unten S. 203 Vgl. Diemer (1992), S. 953; im kunstgeschichtlichen Kommentar Fingernagels zur Faksimile-Ausgabe der Berliner Handschrift (1992) fehlt in der Beschreibung dieser Szene der Bezug zur Prophezeiung des Anchises (S. 69) In enger Anlehnung an den Text, in dem mehrfach auf die Situation des ‚Geschirraufessens‘ angespielt wird, z. B. 111, 35/3785 ff.: des enwil ich niht vergezzen; daz wir unser schuzeln ezzen

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„Das werde ich nicht vergessen, daß wir unsere Schüsseln verzehrt haben“ Diemer (1992), S. 953 Vgl. dazu die Darstellung der Hochzeit mit Dido im ‚Eneasroman‘ oben S. 191

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szene steht daher im Kontext der zwischen beiden sich entwickelnden Liebesgeschichte. Was der Text zu Eneas’ Befinden beim Abendessen deutlich erwähnt, fängt diese Szene jedoch nicht ein: Lavinia hatte Eneas einen Brief geschrieben, den sie mit Hilfe eines Schützen durch einen Pfeil in dessen Nähe transportieren lässt. Von Lavinia und dem Schützen beobachtet, findet Eneas Pfeil und Brief. Er liest das Schreiben und wird dadurch so aufgewühlt, dass er beim Abendessen vollkommen appetitlos ist (vgl. ‚Eneasroman‘, 291, 26ff.). Die hier über die gesamte Bildbreite laufende Tafel nimmt innerhalb der Darstellung den größten Raum ein. Wiederum gibt es ein üppiges Tischtuch, auf dem ein Messer, halbmondförmige Brote, ein rundes Brot, ein reich verziertes Deckelgefäß mit aufwändig gestaltetem Fuß und eine (mit einem Huhn gefüllte?) Schale arrangiert sind. Ein gerade im Kniefall, in der Bewegung befindlicher Diener reicht von links eine weitere, wohl mit einem Tierkopf 93 gefüllte Schale an. Keine der in dieser Darstellung ins Bild gesetzten Figuren zeigt eine dem Tisch und den darauf angerichteten Speisen gegenüber interesselose oder ablehnende Haltung. Vielmehr scheinen alle Anwesenden gerade mehr oder weniger intensiv mit dem Essen und Trinken befasst. Die links im Bild befindliche Figur hält einen verzierten Pokal in Händen und setzt zum Trinken an. Sie scheint ihrem Nachbarn geradezu ‚zuzuprosten‘. Der Tischnachbar in dieser Zweiergruppe (Eneas) streckt seine linke Hand in diesem Moment der durch den Diener angereichten Schale entgegen.94 Die linke 93

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So die Deutung Fingernagels im kunsthistorischen Kommentar zur Faksimile-Ausgabe der Berliner Handschrift (1992), S. 88. Da der Zeichenstrich nur schwach ausgeprägt ist und der Inhalt der Schüssel dem ähnelt, der in der bereits auf der Tafel angerichteten Schüssel zu sehen ist, könnte es sich auch hier um ein Hühnchen oder anderes Geflügel handeln In seinem Kommentar zur Faksimile-Ausgabe der Berliner Handschrift (1992) sieht Fingernagel diese Szene anders: „Während das rechte Paar sich an den aufgetragenen Speisen und Getränken erfreut, sitzt der liebeskranke Eneas … versonnen am Tisch. Sein Tischpartner bietet ihm einen pokalförmigen Becher an, den Eneas aber zu ignorieren scheint“ (S. 88). Die einzigen Hinweise auf eine gedrückte Verfassung, die sich bei der Eneas-Figur finden, sind die unter seine Augen gesetzten, halbmondförmigen Schatten (‚Augenringe‘), die so ausgeprägt nur diese Figur trägt. Außerdem ist die Iris seiner Augen so gesetzt, dass er an seinem Tischnachbarn vorbeizusehen scheint. Hätte der Illustrator darüber hinaus darstellen wollen, dass Eneas die Nahrung verweigert, hätte er z. B. dessen linken Arm hinter dem Tisch verschwinden lassen oder versuchen können, ihn in nachdenklicher Pose mit gebeugtem/angewinkeltem Kopf darzustellen, der auf die Hand gestützt ist. Stattdessen lässt er Eneas Hand über den Tisch in Richtung der Schale ‚greifen‘, was als Geste eines In-Sich-Gekehrtseins, der Melancholie oder auch eines Desinteresses an der gedeckten Tafel nicht gut passt

196

Die Tafel im Bild

Abb. 10: Eneas (2. von links) beim Abendessen nach dem Erhalt von Lavinias Brief. Heinrich von Veldeke, ‚Eneasroman‘, 1. Drittel 13. Jh.

Figur in der rechts im Bild dargestellten Zweiergruppe scheint sich mit ihrem Nachbarn zu unterhalten. Mit ihrer Rechten und mit einer Segnung ausdrückenden Geste95 hält sie ein Gefäß, das auf dem Tisch steht. Der Nachbar rechts im Bild will gerade ein Getränk zu sich nehmen, den in der Hand befindlichen (‚dreibündigen‘) Daubenbecher zu freundlichem Zutrinken erhoben. Die Haltung der dargestellten Personen, die jeweils nur die Hand zur Tafel führen, die ihrem Tischnachbarn abgewandt ist, ist sehr gesittet: sie entspricht im Detail der zeitgenössischen Etikette.96 In seiner Bewertung der in der Berliner Handschrift des ‚Eneasromans‘ abgebildeten Speiseszenen kommt Andreas Fingernagel zu dem Schluss: 95

96

Das Abknicken der letzten beiden Finger bei gleichzeitigem Ausstrecken der anderen Finger einer Hand kennzeichnet die lateinische Segnungsgeste, vgl. Gerd HeinzMohr: Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Düsseldorf/Köln 1971, S. 124 ff. s.v. Hand, hier: S. 125 Vgl. dazu oben Abschnitt 2.2.4 (Tischzuchten)

Die Tafel im Bild

197

„Die Festtafel ist für heutige Begriffe relativ unscheinbar gedeckt; Gefäße und ‚Besteck‘ sind ohne auffälligen Prunk und ohne erkennbare Ordnung auf den Tischen verteilt.“97 Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig, wenn nicht gar falsch. Als Vergleichsmaßstab bei der Darstellung einer Festtafel sollten zunächst nicht ‚heutige Begriffe‘, sondern andere zeitgenössische Bildzeugen herangezogen werden. Der Blick auf diese hätte eröffnen können, dass auch andere Illuminationen mit dem Motiv eines (höfischen) Festmahles keine hohe Zahl an Tischgeräten aufweisen, so z. B. die bereits gezeigte Szene aus der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift (vgl. oben S. 177, Abb. 4). Dass der Illustrator des ‚Eneasromans‘ Gefäße und Besteck sehr schlicht darstellte, geht aus den Bilddarstellungen ebenfalls nicht hervor. Lediglich die auf den Tischen stehenden sowie die im Moment des Anreichens skizzierten Schalen können als schmucklos bezeichnet werden. Die dargestellten Trinkgefäße aus Holzdauben sind so detailliert wiedergegeben, dass sie eindeutig identifizierbar sind. Sämtliche Pokale und Deckelgefäße weisen Schmuckelemente oder Verzierungen auf, entgegen der literarischen Darstellung eines sehr behelfsmäßigen ‚Picknicks‘ unter freiem Himmel, das Eneas und seine Gefährten bei der Landung an der Tibermündung veranstalten, sogar das runde Deckelgefäß, das in der Illumination dieser Szene in der linken Bildhälfte zu sehen ist. Ferner wurden – wie Fingernagel an anderer Stelle selbst vermerkt – verschiedene Gefäßabbildungen mit Gold- oder Silberausmalung versehen.98 An Besteck bieten die Speiseszenen nur Messer, deren Klingen und Griffe der Illustrator jedoch in Variationen darstellt: gerade Klingen bei Didos Festmahl, mit einer Kehlung versehene in den anderen Illuminationen. Die Messergriffe weisen teilweise ringförmige Verzierungen auf, andere sind mit gekreuzten Bändern (zur Befestigung des Griffs an der Klinge) versehen. Bei den beiden Festmählern an Didos Hof sind die Messer auf der Tafel für jeweils ein Figurenpaar, demnach planvoll und nicht ‚ohne erkennbare Ordnung‘ arrangiert. Mit Ausnahme der ‚Picknick‘-Szene können auch die auf den Tischen stehenden sowie die im Moment des Anreichens befindlichen Speisen jeweils einem an der Tafel platzierten Figurenpaar zugeordnet werden. Bezogen auf die Zahl der an der Tafel platzierten Personen, ist das in den Illuminationen des ‚Eneasromans‘ dargestellte Tischgerät keineswegs ‚dürftig‘. Dies zeigt sich u. a. im Vergleich zu weiteren Tischszenen, die der Münchner Codex Cgm 19 mit Wolframs ‚Parzival‘ enthält.

97 98

Fingernagel (1992), S. 119 Vgl. Fingernagel (1992), S. 120

198

Die Tafel im Bild

An der Tafel, die die gesamte Bildbreite einnimmt, sind 14 Personen versammelt. Für sie sind 11 Schüsseln und Schalen mit Fuß aufgetragen, versehen „mit Geflügel, Fisch, Eiern oder Früchten und anderen Speisen.“99 An der vorderen Tischkante sind „vier goldene, rechts und links außen jeweils noch ein silberner Doppelbecher“ bereit gestellt.100 König Artus, den ein Schriftband eigens kennzeichnet, hält ein breites Vorlegemesser in seiner linken Hand, das ihn als Gastgeber ausweist.101 Auf der Tafel liegen ferner drei spitzovale und zwei runde Brote. Die hohe Zahl der am Tisch sitzenden Figuren bringt es mit sich, dass das Tischgerät und die aufgetragenen Speisen in dichter Folge nebeneinander aufgereiht dargestellt werden mussten. So wirkt diese Tafel reicher bestückt als diejenigen, die in den Illuminationen des ‚Eneasromans‘ begegnen. Im Verhältnis zu der Zahl der jeweils am Tisch sitzend abgebildeten Personen – im ‚Eneasroman‘ sind es bei den Tafelszenen jeweils nur vier – sind das auf der Tafel abgebildete Gerät und die Quantität der Speiseangebote in den Darstellungen durchaus vergleichbar. Wie üblich, wird die Tafelgemeinschaft in mehrere Zweiergruppen aufgeteilt dargestellt. Die Tafelgemeinschaft scheint sich beim Essen angeregt zu unterhalten. Einander zugeneigte Köpfe, dreimal auch die Darstellung einer Figur im Profil, variationsreiche Gestik und Haltung der Figuren sowie das im Bildvordergrund schwungvoll fallende Tischtuch vermitteln der Szene eine gewisse Dynamik. Die in Mahlszenen sonst oft dargestellte Bedienung fehlt hier. Aufgrund der in der Münchner ‚Parzival‘-Handschrift blockweise eingebundenen Bildseiten wird die Zuordnung dieser Szene wegen des nicht parallel laufenden Textes schwierig. Fridolin Dreßler weist diese erste von drei im Cgm 19 vorhandenen Speiseszenen den Strophen 729–731 zu, in denen es für ihn (nur) um die Hochzeit von Gramoflanz und Itonie geht.102 Mit Bezug auf andere Illuminationen der Handschrift, die verschiedene, im Text geschilderte Motive gleichsam in Form einer Zeitraffer-Darstellung bündeln, sowie mit Blick auf den Text wird diese Zuordnung jedoch fraglich: „Im Bericht der Dichtung findet das Fest keine genauere Darstellung. Es wird nur festgestellt: ‚nu darf nieman sprechen wâ / schœner hôchgezît ergienc‘ (730, 30; 731, 1). … Die Abendmahlzeit wird explizit an den Rand gerückt: ‚des nahtes umbe ir ezzen / muge ir mære wol vergezzen‘ (731, 9.10).

99

100 101 102

Fridolin Dreßler zu dieser Szene im Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe des Cgm 19 (1970), S. 27 Dreßler (1970), S. 27 Dreßler (1970), S. 27 Dreßler (1970), S. 27; er neigt ferner der Ansicht zu, dass die Mahlszenen in der ‚Parzival‘-Handschrift „als Zitate der christlichen Ikonographie, d. h. der Abendmahlszene aufgefasst werden“ sollten, so Stephan-Chlustin (2004), S. 27

Die Tafel im Bild

199

Abb. 11: Hochzeitsmahl am Artushof.103 Wolfram von Eschenbach, ‚Parzival‘, um 1250 103

Das Fest hat dem Bericht nach eine Doppelfunktion: es ist Sühneversammlung, ‚suone teidinc‘ (729, 5) und Hochzeitsfeier mehrerer Paare – Gramoflanz – Itonje, Lischoys – Cundrie …, Florand – Sangive (729, 27–730, 10).“104 Wahrscheinlicher ist es daher, dass der Illustrator in dieser Szene verschiedene Motive der Erzählung zusammenfasste.105 Entsprechend verhält es sich auch mit der letzten, in den Münchner Cgm 19 eingebundenen Speiseszene. Auf dem wiederum in drei – über die gesamte Seitenbreite laufenden – Bildstreifen eingeteilten Blatt steht es an oberer Stelle. Ihm folgt eine Szene, die „aller Wahrscheinlichkeit nach vom Maler falsch in den Ablauf der Erzählung eingereiht worden ist“.106 In dieser folgenden Szene reitet Parzival, ohne Waffen und von mehreren, ebenfalls unbewaffneten Personen begleitet, seiner Gattin Condwiramurs entgegen. Die Bildseite schließt mit einer Bildspalte ab, auf der u. a. die Taufe von Feirefiz dargestellt ist.107 103

104 105

106 107

Durch Spruchbänder gekennzeichnet sind Artus (mit Krone und gelbem Umhang), Gramoflanz (dessen Figur durch die grün gewandete Figur links neben ihm teilweise überdeckt wird) sowie Parzival mit blondem Haar und blau gekleidet, der nach links übernächst sitzenden Figur, wohl einer Dame, zugewandt, denn er fasst sie bei der Hand Stephan-Chlustin (2004), S. 27 Vgl. Stephan-Chlustin (2004), S. 27: „Der Illustrator hat hier aus eigener Vorstellung ein nicht näher berichtetes Festmahl dargestellt.“ Dreßler im Kommentar zur Faksimile-Ausgabe des Cgm 19 (1970), S. 30 Vgl. Dreßler (1970), S. 30

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Die Tafel im Bild

Abb. 12: Festmahl auf der Gralsburg. Wolfram von Eschenbach, ‚Parzival‘, um 1250

Die Zahl der Speisenden hat der Illustrator im Vergleich zu den zwei anderen Bilddarstellungen mit Mahlszenen hier reduziert: an der wiederum die gesamte Bildbreite einnehmenden Festtafel sitzen nur neun Personen. Es scheinen nur Herren zu sein, worauf die den Figuren eigenen Frisuren hinweisen.108 Auf der langen Tafel sind bereits neun Fußschalen mit Speisen angerichtet: drei enthalten ein Huhn (bzw. einen Vogel), zwei sind mit Fisch gefüllt und zwei mit rund geformten, nicht näher definierbaren Speisen. Am rechten Bildrand109 sind zwei kolorierte Brote dargestellt, eines mit runder und eines in spitzovaler Form. Die Bildmitte und der rechte Bildteil der Tafel zeigen zwei weitere, lanzettförmige Brote, die nicht koloriert wurden. Parzival, der hier Gastgeber ist und eine silberne Krone trägt, hält in seiner rechten Hand ein großes Vorlegemesser, in seiner linken ein Spruchband, das ungefüllt blieb. Sein im Bild nach rechts folgender, „linker Nachbar, wohl Feirefiz (810, 3 ff.), hält ebenfalls ein unbeschriebenes Band und reicht mit der rechten Hand einen Pokal, der sich nach dem Text auf der Gralsburg stets von selber füllt (810, 4), weiter an seinen linken Nachbarn.“110 108 109

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Vgl. Walworth (2004), S. 314 und Dreßler (1970), S. 29 In diesem Bildteil sieht Dreßler (1970), S. 29 den Versuch einer perspektivischen Zeichnung, der jedoch kaum überzeugend hervortritt Dreßler (1970), S. 30 im Kommentar zur Faksimile-Ausgabe des Cgm 19

Die Tafel im Bild

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Vor den Tisch sind fünf Mädchen getreten. Drei von ihnen reichen silberne Deckelpokale an, das vierte ganz rechts im Bild, das nur von hinten zu sehen ist und daher seine ‚kostbare Fracht‘ verdeckt, wahrscheinlich auch.111 Die zweite Figur von links – möglicherweise die Schwester von Amfortas, Repanse de Schoye112 – ist etwas größer als die anderen Mädchen dargestellt, trägt ein gemustertes Gewand und unterscheidet sich von den anderen, vor den Tisch getretenen Figuren auch dadurch, dass sie eine silberne Krone trägt. Ihre Hände sind mit einem gelben Tuch verhüllt, sie reicht Parzival den silbern gezeichneten Gral entgegen,113 der – im Rahmen der Erzählung immerhin von zentraler Bedeutung – in Form und Aussehen jedoch merkwürdig unbestimmt bleibt.114 Die ungerade Zahl der am Tisch sitzenden Personen machte es für den Illustrator schwer, die übliche Darstellung der Speisenden in Zweiergruppen zu übernehmen. Er hält sie zwar insgesamt ein, jedoch nur, indem er Parzival, der von der Überreichung des Grals geradezu ‚gefangen‘ zu sein scheint, in der Tafelrunde für sich und damit isoliert abbildete. Ungewöhnlich ist auch ein weiteres Detail. Die Tafel wird – an ihrer dem Betrachter abgewandten Seite – nicht durchgehend mit geradem Rand dargestellt. Parzival und seine zum linken Bildrand hin dargestellten Tischnachbarn scheinen sich das Tischtuch über die Knie gelegt oder anders arrangiert zu haben: es erscheint mit einer besonderen Falte gerafft, die sein direkter Nachbar zudem wohl gerade festhält. Wie oben lediglich angedeutet, lässt sich auch diese Szene nicht eindeutig auf eine im Text geschilderte Passage beziehen. Zwar ist Dreßler sich mit Bezug auf die Textblöcke 808 ff. sicher, dass es sich um eine Szene auf der Gralsburg handelt.115 Dabei fällt auch ihm jedoch eine besondere Unstimmigkeit auf: „Die bei diesem Mahl nach dem Epentext anwesende Kondwiramur, Parzivals Gemahlin, ist nicht dargestellt (811, 1; 816, 1).“116 Daher wird auch für diese Szene wahrscheinlich gemacht, dass der Illustrator in ihr Bezüge zu gleich mehreren Textpassagen zu vereinen suchte: „Eine Kompilation dieser Festdarstellung mit den beiden früher berichteten Tischszenen (794, 21 ff.; 796, 22 ff.) ist mit B. Schirok zu vermuten, zumal der Illus111 112

113 114

115 116

Dies nimmt Dreßler (1970), S. 30 als gegeben an, obwohl es im Bild nicht zu sehen ist Diese Zuordnung vermutet Dreßler (1970), S. 30 mit Bezug auf den Textkorpus (809, 9 ff.) Vgl. Stephan-Chlustin (2004), S. 32 sowie Dreßler (1970), S. 30 Auch der Versuch, die Abbildung, digital erfasst, um ein Mehrfaches zu vergrößern, hilft nicht weiter: der in dem gelben Tuch liegende Gegenstand bleibt ein undefinierbares, lediglich silbern gefärbtes ‚Etwas‘ Vgl. Dreßler (1970), S. 29 Dreßler (1970), S. 29 im Kommentar zur Faksimile-Ausgabe der Cgm 19

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Die Tafel im Bild

trator mehrfach Handlungssequenzen simultan, d. h. in einem aufs Bild übertragenen Zeitrafferverfahren darstellt.“117 Im Gegensatz dazu ist die folgende Szene aus der Münchner ‚Tristan‘Handschrift auf eine im Text konkret fassbare Passage bezogen. Mehr noch als andere Illuminationen dieses Codex steht die Bildseite, die im oberen Teil die Gesellschaft der Herren beim Maifest an König Markes Hof, in ihrem unteren Teil die folgend abgebildete Szene zeigt, dem zugehörigen Text (vgl. ‚Tristan und Isolde‘, V. 525ff.) nicht direkt gegenüber.118 Möglicherweise erschienen Text und Bild in dieser Handschrift ursprünglich in einer anderen Zusammenstellung, denn die Handschrift war offensichtlich sehr beliebt und zeigt daher auch erhebliche Gebrauchsspuren, was im Laufe ihres Lebens ein Neubeschneiden vieler Blätter und auch die Neubindung der Pergamente erforderte. Dabei wurden verschiedene Bildseiten wohl nicht ihrer ursprünglichen Lage entsprechend angeordnet.119 Das Maifest an Markes Hof findet im Freien statt. Verschiedene, in Gottfrieds Text hierzu gegebene Hinweise nimmt der Zeichner bereits in der oben auf Bl. 7r dargestellten Gesellschaft der Herren auf.120 Die Gesellschaft der Damen ist unter einem Baldachin oder Zeltdach versammelt. Unter diesem Schutz ist eine Tafel aufgestellt, die fast über die gesamte Bildbreite reicht und an der sechs Damen positioniert sind. Möglicherweise stehen sie, denn ihre Taillen sind ungewöhnlich hoch über die Tischkante gesetzt.121 Die Figur ganz links im Bild erscheint nur zur Hälfte und auch recht schemenhaft, sie fiel in Teilen dem Beschneiden und Neubinden des Blattes zum Opfer. Auch in dieser Szene sind die Teilnehmerinnen an der Tafel – hier durch die geneigte Körper- und Kopfhaltung sogar sehr deutlich – jeweils in Zweiergruppen angeordnet und aufeinander bezogen. Die 117

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Stephan-Chlustin (2004), S. 32f. In diese Richtung argumentiert auch Walworth (2004), S. 315: „This is one of the illustrations that becomes problematic if one tries to link it directly with a particular scene in the poem. In the poem, the major feast at Munsalvæsche with the ceremony of the Grail procession occurs after Condwiramurs has arrived – yet her arrival is the subject of the next register. Has the artist mixed up the correct order of the scenes, or has the Grail ceremony been merged with the confirmation of Parzival as Grail King after he asks the long-awaited question and heals Anfortas? In the context of an artistic tradition in which the illustrations maintain a certain narrative independence from the text, the latter possibility seems most likely.“ Vgl. Gichtel (1979), S. 82 im Textband zur Faksimile-Ausgabe der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift Vgl. Bettina Falkenberg: Die Bilder der Münchner Tristan-Handschrift. (Europäische Hochschulschriften. Reihe XXVIII. Kunstgeschichte. Band 67). Frankfurt/ Bern/New York 1986, S. 11 Vgl. Falkenberg (1986), S. 159 Vgl. Falkenberg (1986), S. 27 mit Anm. 35

Die Tafel im Bild

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Abb. 13: Maifest an König Markes Hof: Gesellschaft der Damen. Gottfried von Straßburg, ‚Tristan und Isolde‘, 1. Hälfte 13. Jh.

Dame in der Mitte trägt eine Krone, sie sitzt (für den Betrachter) rechts von der durch ein Schriftkästchen, schwach erkennbar, mit ihrem Namen gekennzeichneten Blanscheflur (zweite Figur von links). Die Königin schaut im Kreise ihrer Damen den Edelleuten zu, die einen Buhurt austragen (vgl. ‚Tristan und Isolde‘, V. 683 ff.). An dieser Stelle hat der Illustrator seiner Phantasie offenbar freien Lauf gelassen, denn dem Text ist lediglich zu entnehmen, dass sich Blanscheflur und andere schöne Damen den Buhurt ansahen (vgl. ‚Tristan und Isolde‘, V. 683 ff.). Eine Königin an Markes Hof verwundert zu diesem Zeitpunkt der Handlung, zu dem König Marke noch nicht verheiratet ist.122 122

Vgl. Gichtel (1979), S. 98, Anm. 71. Vielleicht war hier die Darstellung von ‚Frau Minne‘ als herrschender Königin intendiert, was mit Bezug auf den Text, besonders aber auch auf die Korrespondenz der beiden Bildszenen dieser Seite möglich wäre, in deren oberem Teil die Herren, im unteren die Damen zu sehen sind, verbunden mit Spruchbändern, deren Text nicht der Dichtung entstammt. Der Blanscheflur zugeordnete Ausspruch lautet: „Gedenche min riwalin“, der Riwalin zugehörige: „ich tun frowe min“, vgl. Falkenberg (1986), S. 161. Eine Tafel(runde) unter ‚dem Vorsitz‘ von Frau Minne wäre eine darstellerisch durchaus originelle Variation der üblichen Mahlszenen, die zudem gut zum Inhalt des Textes passen würde. Dieser Interpretationsmöglichkeit kann im vorliegenden Rahmen jedoch nicht näher nachgegangen werden

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Die Tafel im Bild

Zwei knieende Diener sind vor dem bodenlangen Tischtuch zu sehen, der linke reicht etwas in Richtung Blanscheflurs, das ein Pokal sein könnte (leider ist die Strich- und Farbqualität der Darstellung an dieser Stelle sehr schwach).123 Auch der rechte Diener reicht der rechten Figurengruppe etwas an, möglicherweise ein (gebogenes) Messer? Die Figur am rechten Bildrand hält einen Pokal mit langem Fuß in der linken Hand. Auf dem Tisch sind lediglich zwei Schalen mit Speisen zu sehen, die vor Blanscheflur stehende wohl mit einem Huhn/Vogel gefüllt, die andere undefinierbaren Inhalts.124 Zwei halbmondförmige Brote sind auf der Tafel schwach erkennbar, zusätzlich einige kleine ‚Kreise‘, die zeichnerisch eher achtlos hingeworfen scheinen und daher nicht definierbar sind. Das linke Drittel der Tischdarstellung hat so gelitten, dass dort keine Gegenstände mehr zu erkennen sind. Im Vergleich zu der im Erzählverlauf späteren Mahlszene an König Markes Hof (vgl. oben S. 177, Abb. 4) ist diese Darstellung anders ausgeführt. Zwar enthält auch sie wesentliche Elemente, die ein höfisches Mahl kennzeichnen – gedeckte Tafel, Dienerschaft, mehrere, an der Tafel in Zweiergruppen versammelte Figuren, Unterhaltung bei Tisch, sich in Gestik und Bewegung ausdrückendes ‚höfliches‘ Benehmen125 –, doch bleiben die Gewänder der Figuren farblich sehr blass. Umso mehr tritt die schwungvolle Strichführung hervor, die den Damen eine insgesamt recht manirierte Gestik verleiht,126 den reichen Faltenwurf des Tischtuches aufnimmt und vor allem den (sich im Wind bewegenden?) Baldachin aus gerafftem Stoff betont. Möglicherweise sind diese Unterschiede darauf zurückzuführen, dass an der Illumination der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift mindestens zwei Illustratoren beteiligt waren, zumal auch zwischen weiteren ihrer Darstellungen erhebliche Qualitätsunterschiede feststellbar sind.127 Offenbar war dem Illustrator weniger an der Darstellung der Tischszene selbst gelegen, sondern mehr daran, mit Bezug auf den Text die innere Be123

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Vgl. Gichtel (1979), S. 98. Falkenberg (1986), S. 28 ist der Meinung, dass beide von den Dienern angereichten Gegenstände Pokale seien. Bei dem rechten Diener ist diese Zuordnung selbst bei starker Vergrößerung des Bildes nicht nachvollziehbar Falkenberg (1986), S. 28 sieht in der rechten Schüssel einen „Deckelpokal“, was angesichts des bei dem abgebildeten Gefäß deutlich fehlenden Standfußes sowie der rechts oben auf der Füllung angebrachten ‚Kringel‘ kaum angebracht scheint Man beachte die der höfischen Etikette entsprechende Handhaltung der Damen, die ihrem Gegenüber mit ihren jeweils benachbarten Armen keine körpersprachliche ‚Barriere‘ bauen Vgl. Falkenberg (1986), S. 27 f. Vgl. Gichtel (1979), S. 73

Die Tafel im Bild

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wegung ins Bild zu setzen, die Blanscheflur erfasst hat, nachdem sie erstmals auf Riwalin getroffen war: „Blanscheflurs Herz ist, so erfährt der Leser (725–732), bereits vor dem ersten Gespräch von Riwalins Erscheinung stark bewegt. Folgerichtig erscheint es daher, daß sie nicht in passiver Haltung gezeigt ist, sondern ihre lebendige Bewegungshaltung das lebendige Innere spiegelt. Die in der Dichtung anschließende direkte Rede setzt der Illustrator in Form zweier Spruchbänder ins Bild, die die Rahmen beider Szenen überschneiden. Diese Verbindung formal voneinander getrennter Bildbereiche ist Sinnbild für die zufällige Begegnung der beiden Liebenden.“128 Die bisher vorgestellten Illuminationen befinden sich auf je eigenen Bildseiten in unmittelbarer Beziehung zum begleitenden Text (‚Eneasroman‘) oder in Kompilationen zusammengefasst – räumlich mehr oder weniger von den Textpassagen entfernt, auf die sie Bezug nehmen (‚Tristan und Isolde‘, ‚Parzival‘). Ein ganz anderer Illuminationstypus findet sich in den Bruchstücken, die von der sog. ‚Großen Bilderhandschrift‘ mit Wolframs von Eschenbach ‚Willehalm‘ erhalten sind.129 „Die wenigen, ganz oder teilweise erhaltenen Blätter stehen für einen Codex, der unter die 15 ältesten illustrierten Handschriften literarischen Inhalts zu zählen ist. Um 1270 entstanden, sind sie die Überreste des frühesten bebilderten ‚Willehalm‘-Codex.“130 In dieser Handschrift, die in Anlage und Gestaltung deutliche Verbindungen zu überlieferten Versionen von Eikes von Repgow ‚Sachsenspiegel‘ zeigt,131 laufen die Bilddarstellungen auf jeder Seite neben dem Text her. Dabei nehmen die zum Seitenrand hin fortlaufend eingebrachten Illuminationen etwa zwei Drittel, der zum Bindefalz hin zeigende Text nimmt jeweils etwa ein Drittel der Seitenbreite ein.132 Nur etwa fünf Prozent des ursprünglich wohl vorhandenen Bildbestandes sind mit den Münchner und Nürnberger Fragmenten erhalten.133 128 129

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Falkenberg (1986), S. 161 Vgl. Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Die Bruchstücke der „Großen Bilderhandschrift“. Bayerische Staatsbibliothek München Cgm 193, III. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Graphische Sammlung Hz 1104–1105 Kapitel 1607. Im Faksimile herausgegeben von Ulrich Montag. Stuttgart 1985 Montag (1985), S. 5 im einleitenden Kommentar; vgl. Henrike Manuwald: Medialer Dialog. Die ‚Große Bilderhandschrift‘ des Willehalm Wolframs von Eschenbach und ihre Kontexte. (Bibliotheca Germanica. Bd. 52). Tübingen/Basel 2008, bes. S. 3 Vgl. Schmidt-Wiegand (1986), S. 25 f. und passim sowie Montag (1985), S. 24 f. und Manuwald (2008), S. 412 ff. Vgl. Ronald Michael Schmidt: Die Handschriftenillustrationen des „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach. Dokumentation einer illustrierten Handschriftengruppe. (Textband). Wiesbaden 1985, S. 87 Montag (1985), S. 12

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Die Tafel im Bild

Hierzu gehören auch drei Tafelszenen, die sich auf den Nürnberger Fragmenten befinden. Die beiden erhaltenen Bildleisten stehen für sich, sie wurden wohl schon früh vom Text getrennt: die Pergamente wurden, in den Deckel einer Heidelberger Handschrift eingebunden, aufgefunden.134 Dennoch ist es möglich, sie in Bezug zum Textverlauf in Wolframs ‚Willehalm‘ zu setzen. Die komplett erhaltenen Münchner Blätter und die Anlage der verwandten, illuminierten ‚Sachsenspiegel‘-Codices weisen aus, dass sich die Bilddarstellungen konkret auf den sie begleitenden Text beziehen, und zwar nicht in zusammenfassenden Szenen, sondern auf ganz bestimmte Motive und Passagen bezogen: „Wegen der Werkstattzusammenhänge werden [bei einem Arbeitsgespräch über die Ikonographie der ‚Sachsenspiegel‘-Handschriften 1984 in Wolfenbüttel, d. Verf.] auch die ‚Willehalm‘-Fragmente behandelt. Für sie als einen epischen Text ist die Illustrationsweise des punktuellen Beziehens auf szenische Details ungewöhnlich.“135 Diese den Text direkt begleitende, bildliche Wiedergabe von ausgewählten, im Text geschilderten Inhalten und Details erklärt Ruth Schmidt-Wiegand bei den ‚Sachsenspiegel‘-Illuminationen mit einer Nähe zu ‚Lesezeichen‘Funktionen: „Es wird so nicht allein durch Buchstaben … laufend vom Bild auf den Text verwiesen, sondern gerade auch durch die Stereotypen, die symbolischen Zeichen, die Typisierungen von Personen, die alle notwendig Verkürzungen enthalten, zu deren Auflösung und Verständnis man auf den Text seit eh und je angewiesen ist. Das Bild führt damit, einem Index vergleichbar, auf den Text hin. Hier liegt möglicherweise die funktionale Bedeutung der Illustrationen.“136 Nicht nur in der Anordnung und besonderen inhaltlichen Bezogenheit von Text und Bild, sondern auch mit Blick auf den Vorgang der Vermittlung eines epischen Stoffes nimmt die ‚Große Bilderhandschrift‘ eine außergewöhnliche Stellung ein. An einigen Stellen erscheint im Bild eine Figur, die aus dem begleitenden Text nicht erklärbar ist und der daher eine besondere Funktion beigemessen wird: „Zu den Merkwürdigkeiten des 134 135

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Vgl. Montag (1985), S. 16 f. Montag (1985), S. 25. Wegen der engen inhaltlichen Verwiesenheit von Text- und Bildpassagen in der ‚Großen Bilderhandschrift‘, die für die hochmittelalterliche Überlieferung epischer Texte einzigartig ist, wird jüngst dafür plädiert, die Bilddarstellungen nicht als den literarischen Text – und auf diesen lediglich mittelbar bezogene – ‚begleitende‘ Illuminationen, sondern als direkt auf den Text und seine Handlung rekurrierende und ihm daher eng folgende Illustrationen zu bezeichnen, vgl. Manuwald (2008), S. 15 und passim. Manuwald weist in diesem Zusammenhang jedoch auch darauf hin, dass beide Begriffe in der Fachdiskussion bisher nur unzureichend trennscharf definiert werden Schmidt-Wiegand (1986), S. 31

Die Tafel im Bild

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‚Wörtlichnehmens‘ gehört, dass der epische Erzähler des ‚Willehalm‘ überall dort, wo er im Text reflektierend oder kommentierend hervortritt, als zwischen den Akteuren ‚vermittelnde‘ Figur auftaucht … Die ‚Große Bilderhandschrift‘ illustriert den ‚Willehalm‘ in diesem Sinne nicht als Handlung, sondern als bereits vermittelten bzw. vorgetragenen Text, wobei Handlungs- und Erzählebene im Bild ineinanderfließen.“137 Die von anderen illuminierten Handschriften mit epischen Stoffen des 13. Jahrhunderts deutlich abweichende Anlage und Ausgestaltung des Codex führte in der wissenschaftlichen Diskussion zu sehr kontroversen Bewertungen. Auf der einen Seite stehen dabei Stimmen, die in der Bebilderung der Handschrift eine mangelnde Ausführung erkennen wollen: „Heute mag man die ‚Große Bilderhandschrift‘ deshalb mit Michael Curschmann für den in Deutschland ‚spektakulärsten Missgriff‘ bei der Illustration volkssprachiger Texte halten“.138 Dem wird entgegengehalten, dass die reiche und daher aufwändige Anlage der Handschrift wohl kaum als eine ‚verunglückte Kopie‘ tradierter Muster, sondern vielmehr als Ausführung eines eigenständigen und daher neuen sowie darüber hinaus wohlkalkulierten Konzepts verstanden werden sollte.139 Dafür werden neben ikonologischen Argumenten folgende Gründe angeführt: „Der verschwenderische Umgang mit Pergament und die große Anzahl der Bilder drücken auf jeden Fall ein hohes Anspruchsniveau der Handschrift aus. Dafür sprechen auch der gewählte Schrifttyp, die Verwendung nur weniger Abkürzungen und die Tatsache, dass der Text sehr sorgfältig niedergeschrieben und korrigiert wurde. Angesichts dieses Anspruchsniveaus wird man die Ausstattung mit rahmenlosen Federzeichnungen und die sparsame Verwendung von Gold wohl als bewusste Entscheidung des Auftraggebers verstehen dürfen.“140 Vor diesem Hintergrund sind nun die wenigen Mahlszenen, die die erhaltenen Fragmente aufweisen, in den Blick zu nehmen. Die folgend dargestellte Szene – eine von dreien, die sich auf den Bildstreifen fortlaufend untereinander aufgereiht finden141 – bezieht sich auf den Beginn des ‚zweiten‘ Mahles142 auf der Burg von Orange, das in Wolframs ‚Willehalm‘ in den Abschnitten 311 f. geschildert wird. 137 138 139 140 141 142

Manuwald (2008), S. 10 Manuwald (2008), S. 10 Vgl. Manuwald (2008), S. 74 Manuwald (2008), S. 74 f. Vgl. Schmidt (1985), S. 87 Dass es ein dem vorhergehendes, erstes gab, geht aus einem Texthinweis hervor (‚Willehalm‘ 311, 12), in dem Heimrich die eintreffenden Fürsten auf das am Vortag gehabte Mahl anspricht

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Die Tafel im Bild

Abb. 14: Beginn des (zweiten) Mahles auf der Burg von Orange. Wolfram von Eschenbach, ‚Willehalm‘, um 1270

An der Spitze der geladenen Gäste steht Rennewart. Er ist hier nur an seinem roten Gewand erkennbar, das er auch auf den folgenden Illuminationen trägt. In der anschließenden Bildszene erscheint er jedoch, wiederum rot gewandet, mit der schweren Stange, die nur er zu tragen vermag, und in der letzten Illumination dieser Seite ist er mit Stange und zudem in voller Rüstung zu sehen, was eine Zuordnung der Szene zu Wolframs Text ermöglicht. Denn bei diesem Festmahl zu Orange erscheint Rennewart gewapent und legt seine Rüstung auch beim Essen nicht ab (vgl. ‚Willehalm‘, 312, 6 ff.).143

143

Auf dieses Detail weist auch Manuwald (2008), S. 570 hin

Die Tafel im Bild

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Die Tafel ist bereits vorbereitet, noch aber sitzen keine Gäste an ihr. Sie werden gerade durch Heimrich in Empfang genommen: „Heimrich ist mit dem Stab in seiner Linken als Truchseß gekennzeichnet (vgl. 263, 13) und bittet die Fürsten mit Ziergebärde zu Tisch.“144 Die Szene fängt den Moment ein, der im ‚Willehalm‘ 311, 7 ff. geschildert wird: die Fürsten gehen auf den Palas, wo schon viele Tafeln reich gedeckt waren. Der wohlerzogene Heimrich empfängt dort die Fürsten und spricht sie an.145 In seiner Darstellung folgt der Illustrator genau dem Text – hätte er sich gängiger Vorlagen bedient, hätte er wohl Personen an den bereits gedeckten Tisch gesetzt (für zwei sitzende Figuren hätte der zur Verfügung stehende Platz durchaus gereicht). Auf der auch hier mit einem bodenlangen Tischtuch bedeckten Tafel ist eine Schale mit Fuß zu sehen, in der sich drei – nicht näher definierbare – ‚Stücke‘ befinden (in Analogie zu den drei gerade erscheinenden Gästen?). Schale und Inhalt sind koloriert, wie auch die zwei runden Brote, die auf dem Tisch liegen. Zwischen der Schale und dem rechts abgebildeten Brot liegen zwei ebenfalls kolorierte Messer, zwei weitere, nur durch eine leichte Strichzeichnung dargestellte Messer sind in direkter Nähe des zweiten Brotes links unten auf der Tafel abgelegt.146 Links unten neben der Schale mit den Speisen befindet sich ein weiteres, kleines Behältnis, möglicherweise ein Trinkgefäß? Die Darstellung des gedeckten Tisches ist mit diesen Elementen zwar fast komplett, jedoch insgesamt eher schlicht gehalten. Verzierte Gefäße oder Deckelpokale, kostbare Elemente wie Vergoldungen oder silberfarbener Schmuck (vgl. z. B. oben die Illuminationen von ‚Eneasroman‘ und ‚Parzival‘) fehlen hier. Offenbar kam es dem Illustrator mehr darauf an zu zeigen, dass die Tafel schon vorbereitet für die Gäste bereitstand. Weniger schien ihm daran gelegen, dieser Tafel Symbole einer besonderen Pracht zu verleihen.147 Auf der folgenden Seite sind es die beiden ersten, direkt untereinander angeordneten Bildszenen, die den Fortgang dieses Mahles auf der Burg von Orange zum Gegenstand haben.

144 145 146

147

Montag (1985), S. 42 Vgl. Montag (1985), S. 42 Möglicherweise ist die Zahl der Messer, die nicht zu der Zahl der gerade erscheinenden Gäste passt, als Hinweis auf den größeren Kreis zu verstehen, der noch erwartet wird Hierzu hätte er Gold oder Silber nicht benötigt, er hätte die vorhandenen Gefäße verzieren oder weitere verzierte Gefäße auf dem Tisch erscheinen lassen können

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Die Tafel im Bild

Abb. 15: Fortgang des (zweiten) Mahles auf der Burg von Orange. Wolfram von Eschenbach, ‚Willehalm‘, um 1270

Die Tafelgemeinschaft hat inzwischen Platz genommen. Zu sehen sind am Tisch vier Personen, wiederum zwei ‚Pärchen‘. An seinem blauen Gewand, dem roten Hut und seinem Bart ist Heimrich zu erkennen, der (wie die anderen Personen) eine durch die besonders hervorgehobenen Hände ausgeprägte Gestik zeigt. In seiner Funktion als Truchsess hätte er sich eigentlich um das Wohl der Gäste kümmern müssen, jedenfalls nicht am Tisch sitzen dürfen. Die hier ins Bild übersetzte Szene verlangte es jedoch, dass Heimrich mit abgebildet wurde, denn in Wolframs Text bittet Heimrich Rennewart, sich dort, wo die Tafel steht, auf einem Teppich zu der Königin zu setzen (vgl. ‚Willehalm‘, 312, 6 ff.). Neben Heimrich sitzt folglich die bekrönte Gyburg, die mit der Linken gerade in Richtung einer mit Speisen gefüllten Schale weist. Rechts neben ihr und von der Tafel etwas abgesetzt ist, wie es der Text verlangt, Rennewart zu sehen. „Nur wenig hat das Messer des Buchbinders von der Gestalt Rennewarts übriggelassen. Er

Die Tafel im Bild

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scheint aber eine Sitzgelegenheit unter sich zu haben, und man sieht ihn unhöfisch die gerüstete Hand zum Munde führen. … Vielleicht deshalb blicken alle am Tisch Sitzenden auf ihn.“148 Auf der Tafel ist verschiedenes Gerät angeordnet. Vor der Figur ganz links im Bild steht ein geböttchertes Gefäß, ein mit zwei hölzernen Reifen zusammengehaltener (‚zweibündiger‘) Daubenbecher, wohl ein Trinkgefäß. Rechts daneben folgt auf dem Tisch eine Schale mit kantigem Fuß und einem unterhalb ihrer weit offenen Kuppa angebrachten, runden Schmuckring. Diese Schale ist mit drei Speisen-‚Stücken‘ gefüllt, die Ruth SchmidtWiegand für „Klöße“ hält.149 Neben dieser Schale liegt ein Vorlegemesser mit breiter Klinge. Diese Kombination (Schale – Vorlegemesser) wiederholt sich am rechten Tischende vor dem zweiten Figurenpaar. Zwischen diesen beiden Ensembles liegt ein rundes Brot mit einer Einkerbung in der Mitte (einem heutigen Brötchen vergleichbar), rechts davon wohl zwei – lediglich als Strichzeichnung ausgeführte – schmale Messer. Ein längliches, koloriertes Kleinteil, das vor Heimrich und Gyburg nahe der Tischkante liegt, ist in seiner Funktion nicht definierbar. Den Falten des bodenlangen Tischtuchs hat der Illustrator durch blaue Schattierungen räumliche Tiefe zu geben versucht.150 Die direkt folgende, mittlere Darstellung dieses Bildstreifens setzt das Tafelmotiv fort, jedoch wohl, dem Fortgang des Textes folgend, ohne sich hier noch auf das Mahl auf der Burg von Orange zu beziehen. Wahrscheinlich nimmt diese Szene die allgemein gehaltene Textpassage auf, in der Wolfram feststellt, dass in einem so verwüsteten Land niemals bessere Bewirtung/Speise gesehen und auch großherzig gegeben wurde als Gastgeber und Gastgeberin sie (hier) anboten (vgl. ‚Willehalm‘, 312, 17 ff.).151 148 149 150

151

Montag (1985), S. 43 Vgl. Schmidt-Wiegand (1986), S. 26 Vgl. hierzu Manuwald (2008), S. 171 f. Bemerkenswert ist in dieser Szene ferner die zweite Figur von links. Die ganz in rot gekleidete Figur (ein Herr) trägt eine Kopfbedeckung, auf die ein sog. ‚Schapel‘ mit lilienförmigen Fortsätzen gelegt ist. Diese Art der Kopfbedeckung findet sich auch in der Heidelberger ‚Sachsenspiegel‘-Handschrift wieder und verweist (wie die sehr ähnlich angelegte Gestaltung von Text und Bild auf den Seiten) auf gemeinsame Wurzeln der Handschriften, vgl. Schmidt-Wiegand (1986), S. 26 Vgl. Montag (1985), S. 43 und Manuwald (2008), S. 570. Da die Bildkolumnen dem Textverlauf eng folgen, muss die Textpassage, auf die sich die Illumination bezieht, zwischen dem Festmahl von Orange und der Szene nach Aufhebung der Tafel am späten Vormittag angesiedelt sein. Heimrich geht mit seinem Truchsessenstab in der folgenden Bildszene einer Gruppe von Herren voran, die Tafel muss folglich bereits aufgehoben worden sein (vgl. ‚Willehalm‘, 312, 27 ff.)

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Die Tafel im Bild

Abb. 16: Dritte Mahlszene in den Nürnberger Fragmenten. Wolfram von Eschenbach, ‚Willehalm‘, um 1270

Die abgebildete Tafel bleibt unbegrenzt, sie läuft in den linken Bildrand hinein (vielleicht, um zeichentechnisch ein ‚Undsoweiter‘ wiederzugeben?). An ihr sitzen – noch sichtbar – fünf Personen, Damen und Herren152 im Wechsel. „Auch den Herrn rechts wird man sich mit einer Partnerin zum Paar ergänzt vorstellen dürfen.“153 Wie bei der zuvor gezeigten Illumination, auf der Rennewart am rechten Bildrand nur teilweise zu sehen ist, machen sich hier die Folgen des Verschnittes der Bögen bemerkbar. Dass das dritte Figurenpaar ebenfalls vollständig gewesen sein wird, legt auch die in der Mitte durchgeschnittene, für dieses dritte Paar auf der Tafel positionierte Speiseschale nahe. Die hier niedrig gezeichnete und daher etwas gedrungen wirkende Tafel zeigt für jedes an ihr sitzende Paar eine mit Speisen gefüllte Schale. Anders 152 153

Diese tragen auch hier die bereits erwähnte, markante Kopfbedeckung Montag (1985), S. 43

Die Tafel im Bild

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als im vorherigen Bild sind die Schalen hier sehr schlicht, sie verfügen über keinen Fuß und sind auch ohne jegliche Verzierungen dargestellt. Wieder sind Daubenbecher zu sehen, der rechte ist zwei, der linke einbündig gehalten. Vor dem linken Paar und zwischen den beiden anderen Paaren liegen Vorlegemesser auf dem Tisch. Über dem linken Vorlegemesser, neben dem einbündigen Daubengefäß sowie rechts von der mittleren Schale sind durch Striche weitere Geräte angedeutet, die vielleicht schmale Messer wiedergeben könnten. Undefinierbar ist der neben dem im linken Bildteil abgebildeten, runden Brot (wie zuvor mit Einkerbung) liegende ‚Stift‘. Am rechten Bildrand ist ein zweites rundes (und ebenso gekerbtes) Brot zu sehen, möglicherweise gab es, der pärchenweisen Zuordnung folgend, auf dem abgeschnittenen rechten Bildrand noch ein drittes. Die am Tisch sitzende Gesellschaft scheint sich, ihrer abwechslungsreichen Gestik nach, angeregt zu unterhalten. Der grün gewandete Herr mit roter Kopfbedeckung führt gerade eine Speise zum Mund. In dieser Szene ist dies die einzige direkte Verbindung, die zwischen dem gedeckten Tisch und den daran sitzenden Personen besteht, welche an ihm Platz genommen haben. Auch in der zuvor gezeigten Illumination ist es lediglich Gyburg, deren Hand auf den Tisch weist und räumlich auch auf ihm zu sehen ist. Ansonsten wirken die Speisenden kaum mit der vor ihnen aufgebauten Tafel beschäftigt. Die in den Nürnberger ‚Willehalm‘-Fragmenten enthaltenen Speiseszenen heben sich in verschiedener Hinsicht von den zuvor betrachteten Darstellungen höfischer (Fest-)Tafeln ab. Dies gilt zum einen für den hier durch den Illustratoren154 vorgenommenen Versuch, die dem Textverlauf folgenden, auf besondere Szenen hin ausgerichteten Illuminationen möglichst exakt den Vorgaben des Textes anzupassen: „Das Programm dieser Bilderhandschrift war die ‚Wortinterpretation, bis zur äußersten Möglichkeit getrieben‘.“155 Dies ist dem Illustrator der gezeigten Szenen auch gut gelungen: nichts fügt er hinzu, er konzentriert sich ganz auf die im Text vorhandenen, wesentlichen Aussagen einer Passage. Dabei vermögen die Illuminationen den Textverlauf nicht aus sich heraus zu erklären, sie erfordern die Kenntnis des Textes und sind daher nicht als ein das Textkorpus gleichsam ersetzendes ‚Bilderbuch‘ zu verstehen.156

154

155 156

Die reichen Bildleisten der ‚Großen Bilderhandschrift‘ stammen aus der Hand von (mindestens) zwei Illustratoren. Die erhaltenen Fragmente mit Tafelszenen wurden jedoch von derselben Hand gefertigt, vgl. Manuwald (2008), passim Schmidt (1985), S. 88 Vgl. Schmidt (1985), S. 89 sowie Schmidt-Wiegand (1986), S. 31

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Die Tafel im Bild

Die zeichnerische Umsetzung der literarisch vorgegebenen Szenen vollführt der Illustrator in einem nahezu dokumentarischen Stil: „In der Gestaltung der Figuren überwiegen Umrisszeichnungen. Details der Figuren sind nur spärlich ausgeführt … Die Figuren zeigen kein Mienenspiel, ihre Haltung ist steif und stereotyp. Gemütsbewegungen, die im Text angedeutet sind, werden durch ein System von Handgebärden ausgedrückt.“157 Die Tafeln, die in den drei erhaltenen Szenen für die Speisenden bereitet wurden, sind zwar gedeckt und damit ‚inhaltlich korrekt‘ wiedergegeben. Sie weisen auch Schüsseln mit Speisen, verschieden geformte Messer und Trinkgefäße auf. Sie sind dabei jedoch durch eine gewisse Schmucklosigkeit gekennzeichnet. So ist auf ihnen nur eine Sorte Brot zu sehen, die rund geformt und eingekerbt ist. Auf dem ersten Bild ist eine wenig ausgearbeitete Schale mit Fuß abgebildet, die zweite Szene enthält Schalen mit aufwändiger gestaltetem Sockel, jedoch ohne jegliche Verzierung. Alle anderen Gefäße sind schlicht, schmucklos und gewöhnlich, bis hin zu den Daubengefäßen, bei denen dem Illustrator offenbar daran gelegen war, sie als solche auch zu kennzeichnen. So sind verschiedene, zu ‚der gedeckten Tafel‘ gehörende Attribute zwar vorhanden, jedoch ohne dass sie den Versuch erkennen ließen, ihnen ein besonders prachtvolles Aussehen oder deutliche Hinweise auf ein gehobenes Ambiente zu verleihen. Auch die in vielen, in höfischen Kontext gehörenden Speisedarstellungen abgebildete Bedienung fehlt hier. Ferner fehlt mehreren dargestellten Figurenpärchen eine dem höfischen Protokoll entsprechende Arm- oder Handhaltung: angedeutet wird sie beim Fortgang des Mahls in Orange lediglich bei Heimrich und Gyburg, in der letzten Szene deutlicher bei den drei rechts im Bild befindlichen Figuren. Verzichtet wurde in dieser Bilderhandschrift auch auf eine Rahmung der Szenen, sodass die Illuminationen zwar in dichter Folge untereinander angeordnet sind, dafür jedoch quasi ‚frei im Raum‘ stehen.158 Ruth Schmidt-Wiegand, die – ausgehend von Tischszenen in ‚Sachsenspiegel‘-Handschriften – diese Szenen mit früheren Beispielen (möglicherweise tradierten Vorlagen) und den Darstellungen in den Nürnberger ‚Willehalm‘-Fragmenten in Beziehung setzt, stellt folglich fest: „Vergleicht man diese Darstellungen mit der Lazarusszene im 157 158

Schmidt (1985), S. 88 Vgl. Schmidt (1985), S. 88, der den Entdecker der Fragmente, Karl von Amira, zitiert: „Neben den Bildfiguren bieten die ihnen zugeordneten Attribute eine vorzüglich genaue und unmittelbare Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Text, sie sind im Bilde aber gerade nur in den Gestenbezug, hingegen in keinerlei räumliches oder sonst nur bildszenisches Bezugssystem eingeordnet, so daß der Betrachter buchstäblich Stück für Stück des Bildes ‚lesen‘ muß, als ob er aus vereinzelten Wörtern einen Satz zusammenzusuchen hätte.“

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Codex aureus Heinrichs III., dem Echternacher Codex …, wo kostbares Geschirr aus Metall und vermutlich Glas den Tisch zieren, geböttcherte Gefäße aber völlig fehlen, so ist ein gewisses kulturelles Gefälle nicht zu übersehen, bei dem die Illustrationen des ‚Sachsenspiegels‘ an unterster Stelle stehen. … Dies mag in gewisser Weise der Realität entsprochen haben, – so daß hier das vorgegebene Muster der gedeckten Tafel der Wirklichkeit entsprechend abgewandelt sein wird.“159 Die Ausgestaltung der Szenen aus der ‚Großen Bilderhandschrift‘ muss dabei jedoch auch in Beziehung zu der immens großen Zahl an Illuminationen gesetzt werden, die diese Handschrift im Vergleich zu anderen Bilderhandschriften mit epischem Inhalt besaß. Ausgehend von ihren erhaltenen Fragmenten, wurde ihr einstiger Bildbestand auf etwa 1380 Illustrationen geschätzt.160 Die weitgehend erhaltenen Teile des reich bebilderten ‚Eneasromans‘ weisen nur etwas mehr als ein Zehntel dieser Summe an Einzelbildern auf. Die – der variierenden Darstellung verschiedener Hauptfiguren zufolge mindestens zwei – Illustratoren der ‚Großen Bilderhandschrift‘ haben sich angesichts der herausfordernden Aufgabe, vor der sie bei der durchgehenden Illumination jeder einzelnen, mit je drei Szenen versehenen Seite standen, wohl einfach nicht mit zusätzlichen Schmuckelementen, Bilddetails oder Verzierungen aufhalten können. Vielmehr waren sie gehalten, ihre inhaltlich zweifellos sehr texttreuen Illuminationen auf wesentliche Bildelemente zu reduzieren, um ihrer umfangreichen Aufgabe überhaupt gerecht werden und sie vor allem auch abschließen zu können. Bemerkenswert ist, dass die in den ‚Willehalm‘-Fragmenten erhaltenen Tafelszenen – auch als Folge der notwendigen Reduzierungen? – keine ins Auge fallenden Bezüge zur Darstellung von Speiseszenen im religiösen Bereich aufweisen. Dies hätte durchaus nahegelegen, zumal Wolfram die Willehalm-Figur in seinem Prolog als einen ritterlichen Heiligen vorstellt.161 Einige der erhaltenen Fragmente der ‚Großen Bilderhandschrift‘ lassen erkennen, dass der im Mittelalter offenbar sehr beliebte ‚Willehalm‘-Text in dem Codex mit den Fortführungen Ulrichs von Türheim zusammengefügt wurde. Dies „macht deutlich, daß für weite Teile des mittelalterlichen Publikums Willehalm ein Heiliger war, dessen erbauliche Legende man in diesem Zyklus suchte und fand.“162 Auch in den auf wesentliche Aussagen redu159 160

161 162

Schmidt-Wiegand (1986), S. 26, vgl. oben S. 176, Abb. 3 Vgl. Schmidt (1985), S. 88. Andernorts wird ihre wahrscheinliche Zahl mit etwa 1300 angegeben, vgl. Manuwald (2008), S. 3 Vgl. Montag (1985), S. 8 Montag (1985), S. 8

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zierten Illuminationen wäre es wohl möglich gewesen, im Bild heilsgeschichtliche Bezüge herzustellen: da die Gestik der Figuren ohnehin ausgeprägt ist, z. B. durch besondere Betonung und Haltung der Hände,163 oder dadurch, dass in die Schalen nicht undefinierbare ‚runde Stücke‘, sondern zeichnerisch leicht darstellbarer Fisch gesetzt worden wäre.164

3.3 Weitere zeitgenössische Darstellungen von Speiseszenen Außerhalb des für das Hochmittelalter limitierten Kreises illuminierter Epenhandschriften gibt es eine Reihe weiterer Mahlszenen, aus der nun ausgewählte Beispiele vorgestellt werden sollen.165 Das erste Beispiel steht in direkter Beziehung zur Literatur des Mittelalters. Es handelt sich um Wandmalereien mit Szenen aus Hartmanns 163

164 165

Vgl. dazu Manuwald (2008), S. 259 ff. und vergleichend oben S. 196, Abb. 10, die Darstellung einer Segnungsgeste in der Illumination aus dem ‚Eneasroman‘, die Eneas nach dem Erhalt von Lavinias Brief beim Abendessen appetitlos zeigen sollte Vgl. dazu Möller (1937 = RDK Bd. I), Sp. 35 Der Schwerpunkt wird dabei auf ausgewählte Handschriftenilluminationen gelegt. Die Auswahl wurde dabei nicht nach enger definierten Kriterien vorgenommen, sondern orientierte sich wesentlich an Darstellungen, die neben Typischem Neues zeigen oder ungewöhnlich scheinen. Damit werden andere mittelalterliche Formen der Darstellung – wie etwa als Wandmalerei gestaltete, in Stein gemeißelte, als Metallguss gearbeitete oder in Form von Einlegearbeit gezeigte biblische Szenen aus Kirchen oder Klöstern – hier nicht ihrer Zahl und Bedeutung entsprechend betrachtet. Sie würden, angemessen gewürdigt, wohl einen eigenen Band erfordern. Als Beispiele seien hier nur die Bernwardsäule im Hildesheimer Dom (mit mehreren Tafelszenen) sowie ein um die Jahrtausendwende entstandener Tragaltar/Reliquienbehälter mit einer Darstellung des letzten Abendmahles (mit allen 12 Jüngern an einer langen Tafel) genannt, vgl. hierzu Abb. und Erläuterungen in Michael Brandt/ Axel Eggebrecht (Hg.): Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1992. Bd. 2. Hildesheim/Mainz 1992, S. 540 ff. und S. 478 f. Auch die durchaus nicht seltenen Illuminationen mit Tafelszenen in hochmittelalterlichen Bibelhandschriften, Evangeliaren, Psalterien sowie Perikopenoder Gebetbüchern werden weitgehend ausgelassen, da sich die Formen der Darstellung von Tafelszenen insgesamt sehr gleichen. So finden sich Tafeldarstellungen z. B. in der sog. ‚Bernward-Bibel‘ (Anf. 11. Jh.), dem Anfang des 11. Jahrhunderts entstandenen und Ende des 12. Jahrhunderts ergänzten ‚Kostbaren Evangeliar‘ (Hildesheimer Domschatz), dem aus England stammenden und heute ebenfalls in Hildesheim aufbewahrten Albani-Psalter (12. Jh.), in dem um 1170/80 entstandenen Evangeliar Heinrichs des Löwen (Tafelszenen zeigen auch weitere, ebenfalls im nordhessischen Kloster Helmarshausen entstandene religiöse Handschriften), im sog. Gebetbuch der Hl. Hildegard (Ende 12. Jh., vgl. unten Anhang, Abschnitt IV.3, Abb. 96) sowie im ‚Brandenburger Evangelistar‘, das wahrscheinlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Magdeburg entstand

Die Tafel im Bild

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‚Iwein‘, die Ende des 19. Jahrhunderts im (heutigen) Untergeschoss des sog. ‚Hessenhofes‘ im thüringischen Schmalkalden entdeckt wurden.166 Das wohl noch im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts errichtete und durch den thüringischen Landvogt genutzte Gebäude enthält einen Raum, der etwa bis zu zehn um einen Tisch versammelte Personen fassen konnte.167 Dieser Raum ist mit auf den trockenen Putz aufgebrachten Wandmalereien versehen, die Wände und Gewölbe zieren. Zunächst wurde vermutet, dass die Malereien Szenen aus dem Leben der Heiligen Elisabeth, der Gattin des Landgrafen von Thüringen, darstellen. Da sich jedoch in den Borten, die sich unterhalb der an den Wänden laufenden Bildstreifen befinden, mehrfach der Name ‚IWAN‘ eingetragen fand und weil sich überdies die Bildszenen mit Schlüsselpassagen des höfischen Epos gut in Übereinstimmung bringen ließen (u. a. Unterhaltung der Ritter vor der königlichen Kammer zu Beginn, Iwein am Zauberbrunnen, Iweins Speerkampf mit Askalon, Verfolgung Askalons und Iweins ‚Gefangenschaft‘ zwischen den Fallgattern im Burgtor),168 wurde der Bezug der Malereien zu Hartmanns Dichtung bald identifiziert. An der Stirnseite des gewölbten Raumes befindet sich – an bevorzugter, weil gut sichtbarer Stelle positioniert – die zentrale Darstellung, das Hochzeitsmahl von Iwein und Laudine.169 Wie die anderen Malereien ist diese Darstellung mit rotbraunen Umrisslinien ausgeführt, die farbig gefüllten Flächen sind ebenfalls in rotbraun sowie in goldgelb gehalten, „während die feinere Zeichnung der Gesichter und Hände in schwarz erfolgte.“170 Die Malerei ist stark verblasst und weist besonders in ihrem unteren Teil Zerstörungen auf.171 Die Wandmalereien werden in die Zeit der Errichtung des Gebäudes datiert und dürften damit um 1225 entstanden sein.172 Daraus erschließt sich ihre besondere Bedeutung für die Kunstgeschichte, denn es handelt sich aufgrund dieser frühen 166

167 168

169 170 171

172

Vgl. Hans Lohse: Iwein. Der Ritter mit dem Löwen. Mit fünf farbigen Bildtafeln. Schmalkalden 1952, S. 5 und S. 13. Unter dem Straßenniveau liegt der Raum mit den Iwein-Malereien erst seit der Neuzeit. Ehemals lag er im Erdgeschoss, das infolge von Aufschüttungen, die das Niveau von Straße und Gelände im Laufe der Jahrhunderte hoben, mittlerweile ein Souterrain-Geschoss bildet Vgl. Lohse (1952), S. 46 Vgl. Lohse (1952), S. 40 ff. und Paul Weber: Die Iweinbilder im Hessenhofe zu Schmalkalden, in: Hessen-Kunst. Kalender für alte und neue Kunst (1908), S. 18 f., hier: S. 18 Vgl. Lohse (1952), S. 37, Abb. (Zeichnung) und Weber (1908), S. 19 Lohse (1952), S. 39 Dies wird u. a. darauf zurückgeführt, dass der Raum, der in der frühen Neuzeit auch als Gefängnis diente, später über längere Zeit als Kohlenkeller genutzt wurde, vgl. Lohse (1952), S. 14 und Weber (1908), S. 18 Vgl. Lohse (1952), S. 5

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Abb. 17: ‚Hessenhof‘ in Schmalkalden: Hochzeitsmahl von Iwein und Laudine, um 1225

Datierung wohl um die ältesten in Deutschland bekannten profanen Wandmalereien.173 Die Hochzeitsmahl-Szene, die durch eine dem Gewölbebogen folgende Zierborte umrahmt wird, lässt trotz ihres beeinträchtigten Erhaltungszustandes die bereits bekannten Charakteristika einer höfischen Tafel deutlich erkennen. Die lange, mit einem bodenlang in Falten fallenden Tischtuch versehene und gedeckte Tafel nimmt einen großen Teil der Bildbreite ein. An (hinter) der Tafel sitzen drei Figurenpaare, die einander jeweils zugewandt sind. In der Mitte sind der bekrönte Iwein und Laudine positioniert. Laudine hebt mit ihrer linken Hand einen Pokal und trinkt ihrem frisch angetrauten Ehegatten zu.174 Auch das links daneben abgebildete Figurenpaar – der Haartracht zufolge zwei Herren – ist in diesem Moment des Zutrinkens dargestellt. Rechts vom Hochzeitspaar sitzen eine Dame und ein Herr. Ob es sich 173

174

Vgl. Weber (1908), S. 18. Die in den 1970er Jahren wiederentdeckten, ebenfalls an das Ende des ersten Viertels des 13. Jahrhunderts datierten Wandmalereien auf der Burg Rodenegg in Tirol, die auch einen Iwein-Zyklus zeigen, visualisieren zentrale Szenen des ersten erzählerischen Kursus, ohne jedoch eine Fest- oder Mahldarstellung zu enthalten, vgl. hierzu Volker Schupp/Hans Szklenar: Ywain auf Schloß Rodenegg. Eine Bildergeschichte nach dem ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue. (Kulturgeschichtliche Miniaturen). Sigmaringen 1996 und Michael Curschmann: Vom Wandel im bildlichen Umgang mit literarischen Gegenständen. Rodenegg, Wildenstein und das Flaarsche Haus in Stein am Rhein. (Wolfgang Stammler Gastprofessur für Germanische Philologie. Vorträge. Heft 6). Freiburg (CH) 1997, bes. S. 12 ff. Vgl. Lohse (1952), S. 43

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bei dieser Dame tatsächlich um Lunete handelt,175 ist fraglich: als Laudines Dienerin hätte sie trotz ihrer vielen, mutig und treu verrichteten Dienste wohl kaum neben ihrer Herrin an der höfischen Tafel Platz nehmen dürfen. Von rechts und von links treten gerade je zwei Personen an die Tafel heran. Die Figuren am linken Bildrand, als Diener etwas kleiner dargestellt, reichen dabei mit erhobener rechter Hand einen Deckelpokal an, den linken Arm in angewinkelter Haltung vor den Körper geführt.176 Die beiden Personen, die von rechts an die Tafel herantreten, bringen mit Speisen gefüllte Schalen (deutlich erkennbar davon nur noch eine) heran. Ihre Darstellung in der kolorierten Abbildung ist verwirrend: folgt man den gleichfarbig gefüllten Flächen des Gewandes der linken dieser beiden Figuren, so hebt sie beide Arme zur Bedienung der Speisenden. So gesehen, würde die in ein breit gestreiftes Gewand gekleidete Person rechts neben ihr zwei Stäbe in ihren abgesenkten Händen halten, von denen bereits einer sie als Truchsess gekennzeichnet hätte. Merkwürdig ist dabei nicht nur die Darstellung mit gleich zwei Stäben als Zeichen der Funktion eines Truchsessen, sondern auch, dass es sich der Haartracht zufolge um eine weibliche Figur handeln könnte. Die in ihren Einzelheiten hier offenbar stark beeinträchtigte und daher auch in ihrer Übertragung ungenaue Darstellung ließe auch eine andere Sichtweise zu, nämlich dass beide von rechts an die Tafel Herantretenden die selbe Haltung zeigen: den rechten, eine Speiseschale anbietenden Arm erhoben, den linken abgesenkt und den Truchsessenstab haltend. Dazu passte dann allerdings die auffällige Gewandmusterung der rechten Figur nicht, die deren rechter, erhobener Arm ebenfalls zeigen müsste. Ebenso ungewöhnlich wie die Darstellung einer Person mit zwei Insignien des Truchsessenamtes wäre in diesem Fall die Darstellung gleich zweier Personen in der Truchsessenfunktion. Ob es sich hier ursächlich um fehlende Detailschärfe im stark verblassten Original oder möglicherweise (infolgedessen) um einen Übertragungsfehler bei der Zeichnung handelt, lässt sich aufgrund der Bildqualität der wenigen, auch als Photographie noch vorhandenen Wiedergaben der Szene kaum mehr klären.177 175

176

177

Diese Zuordnung trifft Lohse (1952), S. 43; Hartmanns Text gibt hierzu keinerlei Anlass, vgl. ‚Iwein‘, V. 2434 ff. Diese Haltung findet sich bei Truchsess und Dienerschaft auch in den Illuminationen des ‚Enearomans‘, hier bei den Darstellungen von Didos Festmahl, vgl. Abb. oben S. 190 Nachvollziehbar wäre ein Übertragungsfehler beim Abzeichnen, zumal die Attribute dieser beiden Figuren nicht erkannt bzw. falsch wiedergegeben wurden: „Bediente in gestreiften Gewändern und mit Stäben in der Hand tragen von beiden Seiten neue Getränke hinzu“, Lohse (1952), S. 43. Photographien des Schmalkaldener IweinZyklus’ publizierte Otto Gerland in der Zeitschrift für bildende Kunst 12 (1901), die beim Verfassen dieser Arbeit jedoch nicht erreichbar war

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Am rechten Bildrand erscheint ein kleiner, in ein mit Zackenmuster versehenes Gewand gekleideter Trommler. Vor der Tafel, unterhalb von Iwein abgebildet, sind Reste einer weiteren Figur erkennbar, ebenfalls am linken Rand der Tafel, wo die Reste eines Kopfes zu sehen sind, aus dem nach links oben ein ‚Balken‘ läuft: „Vor der Festtafel werden, wenn auch nur noch in Andeutungen, die Spielleute sichtbar; ein Fiedler und ein Flötenbläser“.178 Erstmals in der Reihe der bisher vorgestellten Mahlszenen erscheinen hier auch die Musikanten im Bild, die an der höfischen Tafel für zusätzliche Unterhaltung sorgen. Das auf die Tafel gebrachte Gerät ist nur noch in Teilen zu erkennen. Es gibt dort eine (gefüllte?) Schale mit Fuß, links daneben eine flache Schüssel mit ebenem Boden. Zwei ovale Gefäße sind zu sehen, die Pokale mit Dekkel sein könnten. Weitere, auf dem Tisch verteilte Gegenstände sind nur schemenhaft erkennbar oder so schlecht erhalten, dass sie nicht mehr identifizierbar sind. Der Blick in Hartmanns Epos hilft bei der Entschlüsselung der Szene nicht weiter. Die Hochzeit Iweins und Laudines wird dort lediglich als prachtvolles Fest erwähnt, das von Turnieren und Vergnügungen begleitet wurde. Eine Tafelschilderung, die Details hätte erklären können, kommt in Hartmanns Darstellung der Hochzeit nicht vor, nicht einmal ein Festessen wird erwähnt. Offenbar setzte der Dichter darauf, dass sich die Zuhörer ein großes Fest ohnehin nur mit einer prächtigen Festtafel vorstellen konnten (vgl. ‚Iwein‘, V. 2434 ff.). Mit Bezug auf den Text lässt sich demnach feststellen, dass der Maler der Iwein-Szenen seiner Phantasie bei der Darstellung des Hochzeitsmahls freien Lauf ließ. Dass eben diese Szene im Raum nicht nur den größten, sondern mit der Stirnseite auch einen besonders auffallenden Platz einnimmt, wird mit der früheren Funktion des Raumes erklärt: „Am Eingang von der ehemaligen Vorhalle her ist – ohne Zusammenhang mit den Iweinbildern –, ein Jüngling gemalt, der mit erhobenem Becher den Eintretenden willkommen heißt. Und als beherrschende Szene für die große Nordwand wurde das Hochzeitsmahl Iweins mit Laudinen gewählt, bei welchem alle Dargestellten einander wacker zutrinken. Wir befinden uns hier also wohl im ehemaligen Trinkstübchen des alten Hessenhofes.“179 Folgt die Schmalkaldener Darstellung in den meisten ihrer Details einer ‚klassisch‘ höfischen Tafelszene, so ist das dortige Erscheinen von Musi178 179

Lohse (1952), S. 43 Weber (1908), S. 19. Prof. Dr. Klaus Düwel verdanke ich den Hinweis, dass auf der Wilhelmsburg in Schmalkalden mittlerweile eine Raumkonstruktion mit Nachbildungen der Iwein-Malereien aus dem Hessenhof eingerichtet wurde

Die Tafel im Bild

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kanten an der Tafel in der deutschen profanen Malerei des 13. Jahrhunderts wohl einzigartig. Ob es sich dabei um eine eigenständige Leistung des Künstlers handelt, ist jedoch fraglich. Es ist nämlich möglich, dass er Bildvorlagen oder Kopiermuster kannte, die diese Details enthielten und die zeitgenössische Malwerkstätten zur Ausschmückung biblischer Texte benutzten. Ein Beispiel für eine solche Tafelszene mit biblischem Kontext, das mehrfach bemerkenswert ist, bietet das um 1240 in Norddeutschland entstandene Goslarer Evangeliar, das für den Frauenkonvent der Kommune, das Kloster Neuwerk, angefertigt wurde.180 Auf dem rechten Blatt einer vollflächig und mit üppigem Goldhintergrund prachtvoll illuminierten Doppelbildseite findet sich die unten auf Seite 223 gezeigte Szene. Wie schon die im Codex vorhergehende Bildseite veranschaulicht sie ausgewählte Passagen aus dem Lukasevangelium, hier das Gleichnis vom verlorenen Sohn und dessen Heimkehr (vgl. Luk. 15, 11–32).181 Die Illumination folgt dem biblischen Text recht detailgetreu. Eines Vaters jüngerer Sohn, der sich sein Erbe hatte auszahlen lassen und es in der Fremde verprasste, kehrt vollkommen verarmt, jedoch geläutert und reumütig heim. Demütig will er sich seinem Vater zu Füßen werfen und ihn um eine Anstellung als Knecht bitten. Der Vater sieht seinen tot geglaubten jüngeren Sohn bereits von weitem kommen, empfängt ihn herzlich und kleidet ihn neu und gut ein. Voller Freude weist er seine Dienerschaft an, ein Festessen auszurichten, für das ein gemästetes Kalb geschlachtet wird (Luk. 15, 23). Es gibt Singen und Tanzen im Hause, das auch der im Haushalt verbliebene ältere Sohn hört. Er kommt hinzu und wirft seinem Vater vor, den fehlgeleiteten jüngeren Bruder zu bevorzugen, dies sei ungerecht (vgl. Luk. 15, 25 ff.). Diese Stelle des Gleichnisses wird in der Illumination ins Bild gesetzt. In der Mitte der mit einem gemusterten Tischtuch bedeckten Festtafel sitzt der Vater. Links von ihm, auf dem Ehrenplatz rechts vom Vater, ist der soeben (in der vorhergehenden Bildszene mit einem roten Mantel) neu einge-

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Vgl. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Goslarer Evangeliars aus dem Stadtarchiv Goslar. Eine Gemeinschaftsausgabe der Stadt Goslar und der Akademischen Druck- und Verlagsanstalt, Graz. (Vol. XCII der Reihe Codices Selecti). Goslar/Graz 1990, fol. 71r. Zur Datierung vgl. Renate Kroos in: Das Goslarer Evangeliar. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat der Handschrift B 4387 aus dem Besitz des Stadtarchivs Goslar. Kommentarband. Mit Beiträgen von Renate Kroos, Wolfgang Milde, Frauke Steenbock und Dag-Ernst Petersen. Goslar/ Graz 1991, S. 16 und S. 34 Vgl. Kroos im Kommentarband zur Faksimileausgabe (1991), S. 53 ff.

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Die Tafel im Bild

kleidete, heimgekehrte Sohn zu sehen.182 Von rechts tritt der ältere Sohn an die Tafel, seine deutlich verzogenen Augenbrauen weisen auf seinen Unmut hin.183 Der Vater gibt weder durch Haltung noch durch seine Blickrichtung eine Hinwendung zum einen oder zum andern Sohn zu erkennen. Derart ‚unparteiisch‘, doch als Figur größer und gesondert vor einem ‚Rahmen‘ dargestellt, strahlt er besonnene Autorität aus.184 Singen und Tanzen, im biblischen Text Auslöser für die Rückkehr des älteren Sohnes zum Haus, werden im Bild durch Musikanten wiedergegeben. Links vor der Tafel steht eine kleine Figur mit einem merkwürdigen Hut, die in ein geschwungenes Horn bläst. Am rechten Bildrand ist ein Trommler zu sehen, der in ein sog. ‚mi-parti‘-Gewand gekleidet ist, das im 13. Jahrhundert als hochmodisch galt.185 Wie die Musikanten erscheinen auch die Bediensteten des Hauses, ihrer Stellung entsprechend, im Vordergrund der Tafel klein dargestellt. Drei Männer sind gerade damit beschäftigt, das geschlachtete Kalb zu zerteilen. „Ein Mann löst eine Keule aus, hält derweil das Messer zwischen den Zähnen; einer wetzt seins an Stahl oder Wetzstein, der dritte schneidet ein Vorderbein ab, in seinem Gürtel steckt die Fleischeraxt. Ein Hund öffnet begierig das Maul.“186 Anders als es der neuzeitliche Bildkommentar ausweist, kann dieses Detail kaum als „äußerst drastisch“ und auch nicht als „rohe und blutrünstige Szene“ bezeichnet werden.187 Vielmehr gelang es hier dem Illustrator, das Zerlegen des Kalbes durch seine detailreiche und lebendig wirkende Darstellung mit einer gewissen Leichtigkeit und Eleganz stimmig in das Gesamtbild einzufügen. Der Charakter des Festmahls wird daher durch das vor der Tafel stattfindende Geschehen nicht etwa gestört, sondern unterstrichen.

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Vgl. Kroos im Kommentarband zur Faksimileausgabe (1991), S. 64 Vgl. Kroos (1991), S. 64. Die Bibelstelle lässt den Dialog zwischen Vater und älterem Sohn außerhalb des Hauses und nicht an der Tafel stattfinden. Der Künstler verlegte alle handelnden Personen in den überdachten Raum, um den Konflikt zwischen dem in Demut zurückgekehrten jüngeren und dem zwar sonst redlichen, hier jedoch enttäuscht aufbrausenden älteren Sohn effektvoll in Szene zu setzen Die Handgeste, die der Vater mit seiner Rechten zeigt, scheint beschwichtigend Vgl. Kroos (1991), S. 26 und 65. Bemerkenswert ist, dass auch die Schmalkaldener Wandmalerei die Figuren am rechten Bildrand in ‚mi-parti‘-Mode zeigt – deutlich eine der ‚Truchsessen‘-Figuren, zweifarbige Kleidung mit Zackenmuster trägt dort ebenfalls der Trommler, vgl. Abb. oben S. 218 Kroos (1991), S. 65 f. So das Urteil von Kroos (1991), S. 65

Die Tafel im Bild

Abb. 18: Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Goslarer Evangeliar, um 1240

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Die Tafel im Bild

Auf dem Tisch stehen drei Schalen mit Geflügel, vor dem Vater in der Mitte eine goldene, zu deren Seiten vor den Söhnen je eine aus Silber.188 Nur vor dem Vater und dem verlorenen Sohn sind zwei Vorlegemesser mit breiter Klinge aufgelegt – ein Hinweis darauf, dass für den älteren Sohn zunächst nicht mit gedeckt wurde? Auf dem Tisch liegen ferner fünf Brote in zwei verschiedenen Formen. In der rechten Bildhälfte ist ein reich verzierter Deckelpokal mit ausladendem Fuß zu sehen. Keine der an der Tafel versammelten Personen scheint von den reich darauf angerichteten Speisen Notiz zu nehmen. Während es durch die Gerichte auf der Tafel und das Treiben vor dem Tisch im unteren Bildteil ganz um die Botschaft ‚Bereitung und Durchführung des Festmahles‘ geht, sind die an der Tafel sitzenden Personen mit dem Konflikt beschäftigt, den die Vorwürfe des älteren Sohnes auslösen. Anders als in den höfischen Tafelszenen sind die Figuren hier nicht in Zweiergruppen einander zugewandt, sie befinden sich weder im Gespräch noch beim Essen oder Zutrinken. Die symmetrische Aufteilung der oberen Bildhälfte mit den zwei ‚Parteien‘ um den jüngeren und um den älteren Sohn und dem zwischen beiden positionierten, in Darstellung und im Wortsinn ‚vermittelnden‘ Vater ist ganz darauf ausgerichtet, den Kern des Gleichnisses wiederzugeben. Eine entspannt speisende und sich dabei angeregt unterhaltende Tischgemeinschaft hätte ihn wohl kaum getroffen. Obwohl sich mit der langen, die gesamte Bildbreite einnehmenden Tafel, dem langen, in Falten bis zum Boden fallenden Tischtuch und mit den auf dem Tisch abgebildeten Geräten und Speisen typische Elemente einer hochmittelalterlichen Tafeldarstellung finden, weist diese Darstellung nicht nur dadurch, dass sie ein biblisches Gleichnis illuminiert, religiöse Bezüge auf. Ihr transzendentaler Charakter mag sich ihren hochmittelalterlichen Betrachtern z.B. in der Schlachtung des Kalbes vermittelt haben. Das Kalb als Opfertier wurde (wie das Lamm) als ein Symbol für Christus verstanden, der für die Menschen den Opfertod starb.189 Und den in der Bildmitte sitzenden, seine Söhne an Größe überragenden Vater könnten sie als eine Symbolisierung Gottes aufgenommen haben, nicht zuletzt auch durch die im Bibeltext tragenden Worte, die er schließlich an seinen älteren Sohn richtet: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden“ (Luk. 15, 31f.). 188

189

Vgl. Kroos (1991), S. 65. Die ursprüngliche Silberfarbe der Schalen lief seit ihrer Entstehung – wie auch echtes Silber – an. Daher erscheinen die beiden Schalen nunmehr schwarz Vgl. Kroos (1991), S. 66

Die Tafel im Bild

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Zwar tragen die Figuren keinen Nimbus, der die Darstellung auch ohne Kontext ganz offensichtlich als religiöses Motiv gekennzeichnet hätte. Der Illustrator deutete den Raum jedoch dadurch an, dass er ihn nach oben durch mehrere gewölbte Dächer abschließen lässt. Vater und Söhne sitzen unter unterschiedlich gestalteten Wölbungen, nur die direkt über dem Vater befindliche ist dabei zentriert ausgerichtet. Sie wirkt dadurch beinahe so, als ob sie einen fehlenden Nimbus ersetzen sollte. Die Malweise, mit der das Goslarer Evangeliar illuminiert wurde, hebt sich von den bisher gezeigten Beispielen ab. Die Bildseiten werden durch eine sorgfältig ausgeführte, detaillierte und farbintensive Ornamentik eingerahmt, bei der Hell-Dunkel-Effekte eine Dreidimensionalität andeuten.190 Durch alle Bildseiten der Handschrift hindurch fällt die Variabilität auf, mit der die Figuren auf den Ganzseiten- und den Initialbildern dargestellt werden.191 Der Illustrator arbeitete mit einem hohen Interesse am Detail: die Gesichter und Frisuren der Figuren sind fein ausgearbeitet, ebenso der Faltenwurf der Gewänder und die Verzierung der Schmuckkragen. Das Tischtuch zeigt ein aufwändiges Muster, und noch die Rippen und der eingefallene Bauchraum des geschlachteten Kalbes sind erkennbar. Maltechnik und Ausführung der Illuminationen verweisen das Goslarer Evangeliar damit in einen Kreis von nord- bzw. nordostdeutschen Handschriften, die deutliche Anlehnungen an den byzantinischen Malstil zeigen.192 Eine ganze Reihe von Tafeldarstellungen findet sich auch in dem reich bebilderten ‚Hortus deliciarum‘, den die Äbtissin Herrad von Landsberg (auch: Herrad von Hohenburg, † um 1196)193 für die Nonnen ihres elsässischen Klosters gegen Ende des 12. Jahrhunderts anfertigen ließ.194 Der Codex bot „nach einem klaren Plan in Wort, Bild und Musik eine umfassende Lehre von den Dingen des Glaubens, der Kirche und der Natur“.195 Beim Bombardement Straßburgs im deutsch-französischen Krieg verbrannte das Werk 1870, sodass es heute nur noch über verschiedene Nach190

191 192 193

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Zur Ornamentik vgl. Kroos im Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe (1991), S. 18 Vgl. Kroos (1991), S. 25 Vgl. Kroos (1991), S. 18 und mit weiteren zeitgenössischen Beispielen S. 29 ff. Vgl. M. Grams-Thieme im LexdMA Bd. IV (1989), Sp. 2179 f. s.v. Herrad von Landsberg Für den Entstehungszeitraum zwischen 1176 und 1196 und das Kloster Hohenburg als wahrscheinlichen Entstehungsort spricht sich Michael Evans aus, vgl. ders.: Description of the Manuscript and the Reconstruction, in: Kommentarband zur Faksimileausgabe (1979), S. 1–8, hier: S. 1 Grams-Thieme (1989), Sp. 2179

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Die Tafel im Bild

zeichnungen erschließbar ist, vor allem diejenigen, die Alexandre Straub und Gustave Keller im 19. Jahrhundert anfertigten.196 Diese Nachzeichnungen vermitteln zwar einen Eindruck von der ursprünglichen Anlage und Farbigkeit des Codex, bezüglich ihrer getreuen Wiedergabe des Originals herrschen jedoch Zweifel.197 Zum einen wurden viele Illuminationen nicht kopiert und sind damit gänzlich verloren, zum andern haben beide Kopisten einige Illuminationen nicht übereinstimmend wiedergegeben, sodass einzelne ihrer Kopien das Bildprogramm der Handschrift kaum originalgetreu repräsentieren. Ein Beispiel dafür bietet die Szene, die die Geschichte der Königin Esther illuminiert. Der ursprünglich aus Persien stammende historische Stoff, der als Buch Esther in die als Geschichtsbücher gewerteten Schriften des Alten Testaments Eingang fand, handelt von der Königin Esther (pers./babylon. Ischtar). Die Jüdin wurde die Lieblingsfrau des persischen Königs Ahasverus (Xerxes I.). Die hier ins Bild gesetzte Szene lässt sich innerhalb der biblischen Erzählung gut lokalisieren. Haman, ein hoher Würdenträger am Hof des Ahasverus, versucht, diesen dazu zu bringen, alle Juden in seinem Reich und damit auch Mordechai zu töten, der Ahasverus zuvor durch das Aufdecken einer Verschwörung das Leben rettete und daher dessen Gunst genießt. Haman behauptet, von dem Juden nicht hinreichend ehrenvoll behandelt worden zu sein. Mordechai erkennt die Gefahr und bewegt Esther dazu, bei Ahasverus Fürbitte für ihr Volk einzulegen. Dieser entspricht ihrer Bitte, in umgekehrter Anwendung seiner Klage muss nun Haman Mordechai seine Ehrenbezeugung erweisen. Anschließend wird er gehenkt, und seine Nachfolge als Hofbeamter tritt der treue Mordechai an (vgl. Esther 3,1–7,10). Die Gegenüberstellung der beiden bekannten Nachzeichnungen dieser Szene aus dem ‚Hortus deliciarum‘ zeigt, dass beide im 19. Jahrhundert nicht vollständig übertragen wurden. Zwar ist die folgend abgebildete, kolorierte Reproduktion bereits aufgrund der dort übertragenen Namen (am Tisch sitzend v.l.n.r.: „Mardochens“, „Hester“, „Rex“ und „Aman“) inhaltlich zuzuordnen, im Bild auch unterstrichen durch typische Attribute (Mordechais ‚Judenhut‘, Ahasverus’ Krone). Vollständig wird die Szene 196

197

Vgl. Vorwort in: Herrad of Hohenbourg: Hortus deliciarum. (Ed. by) Rosalie Green, Michael Evans, Christine Bischoff and Michael Curschmann. With contributions by T. Julian Brown and Kenneth Levy. 1. Commentary, 2. Reconstruction. (Studies of the Warburg Institute. Vol. 36). London/Leiden 1979, Kommentarband S. VII Vgl. Vorwort im Kommentarband zur Rekonstruktionsausgabe (1979), S. VII

Die Tafel im Bild

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Abb. 19/20: Esther leistet bei König Ahasverus Fürbitte für ihr Volk. ‚Hortus deliciarum‘, letztes Viertel 12. Jh.

jedoch nur durch die rechts anschließende Darstellung des Haman am Galgen, deren Abzeichnung wiederum die Tafel im linken Teil und die Namenszüge der Akteure vermissen lässt. Die beiden Nachzeichnungen gemeinsame zentrale Szene, die Tafel bei Ahasverus, wird von beiden neuzeitlichen Kopisten weitgehend identisch wiedergegeben.198 Wie andere Illuminationen des ‚Hortus deliciarum‘ weist 198

In Details weisen sie Unterschiede auf, etwa in der Wiedergabe von Ornamenten des Tischtuches oder der Kleidungsstücke. Auf der kolorierten Nachzeichnung findet sich auf der Stirn der abgebildeten Männer eine erkennbare Falte (in Form eines ‚V‘), die die untere Kopie nicht zeigt. Die Umrandung der unteren Szene durch einen ein-

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Die Tafel im Bild

sie Anklänge an die byzantinische Malschule auf,199 hier z. B. durch das gemusterte Tischtuch und die fein ausgearbeiteten Borten, die die Gewänder der gezeigten Personen schmücken. In der Bildmitte sind an der langen Tafel die vier Hauptpersonen dargestellt, um die sich die Geschichte rankt. Die Darstellung bildet sie nicht in den typischen Zweierpärchen ab, sondern versucht, den Erzählgang mit ins Bild zu setzen. So blickt Mordechai nach links zu dem Truchsessen, der (erkenntlich an seinem Stab als Zeichen seines Hofamtes) links von der Tafel steht,200 weist jedoch mit seiner Linken nach rechts auf Esther, die ja auf seine Veranlassung hin mit Ahasverus spricht. Esther zeigt Ahasverus gegenüber eine bittende Geste, dieser wiederum weist, seiner verehrten Frau zugewandt, nach rechts auf Haman. Nun selbst einer Anklage ausgesetzt, greift sich dieser mit seiner Hand ans Herz. Bei näherer Betrachtung der zentralen Tafel erschließt sich, warum die Illuminationen des ‚Hortus deliciarum‘ „zu den wichtigsten Q.[uellen, d. Verf.] für Kleidung, Lebensgewohnheiten, Gebräuche, Stand der Technik usw. des hohen MA“ gerechnet werden.201 Der Maltradition des Hochmittelalters folgend, nehmen die Illuminationen der biblischen Szenen auch in Herrads ‚Wonnengarten‘ eine Vielzahl von zeitgenössischen Realien auf. Zu sehen ist die bekannte lange Tafel, deren in Falten geworfenes, mit einem Rautenmuster versehenes Tischtuch hier jedoch nicht ganz bis zum Boden reicht. Unter ihm sind nämlich die Füße der an der Tafel sitzenden Personen zu erkennen.202 Auf der Tafel sind drei verzierte, mit Fisch gefüllte Schalen angerichtet. Deren farbliche Gestaltung könnte – getreue Wiedergabe vorausgesetzt – darauf hinweisen, dass es sich bei der linken um eine goldene Schale, bei den beiden anderen um silbernes Tischgerät handelt. Immerhin befindet

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201 202

fachen Strich lässt vermuten, dass es sich bei der Kopie um das gesamte Bild handelt. Dies ist, wie die farbige Kopie ausweist, nicht der Fall Vgl. Grams-Thieme (1989), Sp. 2180 und Rosalie Green: Catalogue of Miniatures, in: Kommentarband zur Rekonstruktionsausgabe (1979), S. 89–228, hier: S. 157 Die Aufnahme des Truchsessen an dieser Stelle ist bemerkenswert. Zwar finden sich gelegentlich – jedoch deutlich seltener als in Illuminationen zu ‚weltlichen‘ Kontexten – Dienerschaft und vereinzelt sogar Musikanten oder Gaukler auch in Illuminationen geistlicher Erzählmotive (vgl. z. B. oben S. 223, Abb. 18), doch scheint die Darstellung eines Hofamtes – so nachvollziehbar sie an der Tafel des mächtigen Herrschers Ahasverus sein mag – im Kontext einer biblischen Erzählung einzigartig Grams-Thieme (1989), Sp. 2180 Diese Form der Darstellung fehlt in den Tafelszenen des 13. Jahrhunderts fast durchgehend und erscheint erst im 14. Jahrhundert wieder, so z. B. in der prächtig illuminierten Wiener ‚Willehalm‘-Handschrift (Codex Vindobonensis 2670)

Die Tafel im Bild

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Abb. 21: Esthers Fürbitte an der Tafel des Königs Ahasverus. ‚Hortus deliciarum‘, letztes Viertel 12. Jh.

man sich am Hofe eines Königs, dessen Tafelgeschirr entsprechend prachtvoll sein sollte. Dies weist auch das runde, ebenfalls mit Mustern verzierte Deckelgefäß mit Fuß aus, das zwischen den beiden ‚silbernen‘ Schalen positioniert wurde. In einem gewissen Kontrast zur höfischen Pracht steht der zwischen Mordechai und Esther abgestellte, zweibündige (hölzerne) Daubenbecher, der auch in höfischen Haushaltungen zum gewohnten Tafelinventar gehört haben dürfte, wie u. a. die oben gezeigten Illuminationen von Heinrichs ‚Eneasroman‘ und aus der Münchner ‚Parzival‘-Handschrift belegen. Auch die zwei unterschiedlich gearbeiteten Messer, die auf Ahasverus’ Tafel bereit gelegt sind, weisen Ähnlichkeiten zu dem Tafelgerät aus, das in der wenige Jahrzehnte später entstandenen Berliner Handschrift des ‚Enearomans‘ zu sehen ist: ihre Klingen weisen an ihrem oberen Auslauf eine runde Ausbuchtung auf. Neben den angerichteten Fischen wurden an Speisen verschiedene Brote bzw. Gebäckformen ins Bild gesetzt. Zu erkennen sind eine Brezel und fünf halbmondförmige Brote, ferner zwei kleine ‚Stücke‘, die zwar gleich koloriert, jedoch nicht näher identifizierbar sind.

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Die Tafel im Bild

Sehr ungewöhnlich ist die Bildkombination der zentralen, langen Tafel, mit einer zweiten, die links vom Truchsessen aufgestellt ist. Sie wird nicht näher bezeichnet oder erklärt, wirkt jedoch wie ein Anrichtetisch, auf dem verschiedene Speisen bereit gestellt sind, um der Tafelgemeinschaft serviert zu werden. Diese runde, niedrige Tafel ist mit einem Tischtuch bedeckt, das mit aufwändigen Bordüren verziert ist. Die auf diesem ‚Anrichtetisch‘ bereit stehenden Speisen und Geräte weisen auf die Pracht und Vielfalt hin, die das Mahl am Hofe des Ahasverus kennzeichnen sollten: ein in einer verzierten Goldschale liegender Schweinekopf203 steht für einen ‚Fleischgang‘, eine rechts daneben platzierte Sockelschale enthält gleich dem Fleisch gefärbte ‚runde Stücke‘, eine links vom Schweinekopf stehende Sockelschale ein ebenfalls angedeutetes, jedoch heller koloriertes, rund geformtes Speiseangebot. Neben diesen Schalen sind vier kleine Gefäße mit Fuß, vielleicht Saucentöpfchen, aufgestellt. Links davon steht ein reich verzierter, wohl goldener Deckelpokal.204 Am oberen Tischrand sind ein Messer, ein Vorlegemesser (mit breiter Klinge) sowie zwei zweizinkige Vorlegegabeln (für das Fleisch) abgelegt. Ferner liegen ein rundes und ein halbmondförmiges Brot sowie eine Brezel bereit, um an die Haupttafel getragen zu werden. Die obere Begrenzung des Anrichtetisches zeigt wiederum mehrere kolorierte, nicht identifizierbare ‚Stücke‘, u. a. in Halbmondform. Die über dem Anrichtetisch gezeigte Handwaschszene verweist ebenfalls in das Umfeld der höfischen Tafel, auf die Verrichtungen, die im zeitgenössischen Verständnis bei einem Festmahl nicht fehlen durften. Aus einer mit Mustern verzierten, goldenen Kanne gießt ein Diener – nur durch seine die Kanne senkende Hand vertreten – Wasser über die Hände eines Gastes (auch dieser ist nur durch seine Hände sichtbar) in eine goldene Fußschale, in der das Wasser aufgefangen wird. Diese Darstellung ist einzigartig, sie begegnet weder in den zahlreichen weiteren Tafelszenen des ‚Hortus deliciarum‘ noch ist sie aus anderen, zeichnerisch ins Bild gesetzten Mahlszenen des Hochmittelalters bekannt, die aus dem deutschen Sprachraum stammen. Die darüber befindliche Zeichnung

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Der Kopf des Tieres weist deutlich ausgeprägte Hauer auf. Ob es sich um ein Wildoder ein Hausschwein handelt, lässt sich aufgrund des im Hochmittelalter noch nicht hoch entwickelten Züchtungsstandes von Schweinen nicht entscheiden So wie hier einzeln auf einer Tafel stehende, prachtvoll verzierte Deckelpokale werden andernorts als Salzgefäß interpretiert, vgl. die Abb. eines der für diese These beigezogenen Beispiele unten im Anhang, Abschnitt IV.3 (Illumination aus dem sog. ‚Hildegard-Gebetbuch‘)

Die Tafel im Bild

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Abb. 22: Speisen und Gerät für die Tafel des Königs Ahasverus. ‚Hortus deliciarum‘, letztes Viertel 12. Jh.

erklärt sich nicht aus sich heraus. In der Bildbeschreibung wird auf sie nicht eingegangen.205 Möglicherweise handelt es sich um zwei Stimmgabeln. Die beigefügte Inschrift emunt tona (sie bauen den Ton/Wohlklang auf ?)206 könnte darauf hinweisen, vielleicht auch als eine Erinnerung, dass Musik zu einer festlichen Tafel gehört. 205 206

Vgl. Green im Kommentarband zur Handschriftenrekonstruktion (1979), S. 125 Vgl. Der kleine Stowasser (1971), S. 188 s.v. emunio „aufmauern, vermauern, befestigen“ sowie S. 459 s.v. sonus „Laut, Ton, Klang, Geräusch“. Die zum lateinischen Neutrum gehörende Pluralform auf -a passt grammatikalisch nicht zum maskulinen sonus, andere Lesarten bieten sich jedoch nicht an. Auch ein Bezug zum lat. tonare ,donnern‘ scheint wenig passend. Möglicherweise findet sich hier ein Beispiel dafür, dass man es im Hochmittelalter mit dam klassischen Latein und dessen Regeln oft nicht mehr so genau nahm?

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Die Tafel im Bild

Dass der Illustrator (?) des Codex nicht nur originelle Darstellungen fand, sondern sich (wohl wegen der großen Zahl der auszuführenden Illuminationen)207 an Vorlagen aus verschiedenen Musterbüchern orientierte208 und sogar sich selbst kopierte, zeigt die folgende Darstellung, die dem neutestamentlichen Gleichnis von der Hochzeit eines Königssohnes beigegeben wurde. Im Matthäus-Evangelium wird beschrieben, dass ein König zur Hochzeit seines Sohnes viele Gäste einlud, die jedoch seiner Einladung nicht folgten, ja sogar seine Diener überfielen, sie misshandelten und schließlich töteten. Der König wurde deshalb zornig und sandte seine Schergen aus, ließ die Mörder umbringen und deren Stadt zerstören. Er lud daraufhin zu der Hochzeit alles Volk ein, das sich auf der Straße fand. Das Volk erschien in großer Zahl. Ein Mann jedoch erschien in unangemessener Kleidung. Dadurch erwies er weder dem König noch seinem Sohn die angemessene Ehre und wurde aus dem Haus geworfen (Matth. 22, 2–14). Das spontan eingeladene Volk sitzt bereits an der Festtafel (Frauen fehlen dabei), die langen Gewänder und die bortenverzierten Tuniken der Tafelnden weisen darauf hin, dass sie sich dem Anlass entsprechend ‚fein gemacht‘ haben. Am linken Bildrand ist ein Mann zu sehen, der in kurzer Tunika und mit geschnürten Sandalen, in einer Arbeitskleidung, gekommen ist. Er wird von einem Engel mit einem langen Stab berührt und durch diese Geste besonders gekennzeichnet. Die Darstellung des runden Tisches, des bodenlangen Tischtuches, dessen Schmuck und die ungewöhnliche Gestaltung der Randzone des Tisches entsprechen bis in deren ‚Belegung‘ hinein genau derjenigen, die zuvor in der Esther-Szene zur Ausführung kam. Auch hier sind auf dem Tisch drei Fußschalen angerichtet, die in der Nachzeichnung jedoch keine Verzierungen aufweisen. In zwei der Schalen sind ‚runde Teile‘ erkennbar, um diese Schüssel herum befinden sich kleinere Gefäße mit hohem Fuß in derselben Verteilung wie zuvor auf dem ‚Anrichtetisch‘. Identisch sind auch die Anordnung und Form der auf dem Tisch liegenden Messer und Vorlegegabeln. Brot fehlt, es sei denn, die direkt vor den Gästen angerichteten, mehrheitlich eckigen ‚Stücke‘ könnten als solches angesprochen werden. Mehrfach finden sich ähnliche motivische ‚Zitate‘ bei den Tafelszenen des ‚Hortus deliciarum‘. Bei den mehrheitlich an langen Tischen stattfin207

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Die Originalhandschrift soll 336 Miniaturen enthalten haben, in Kopien sind davon etwa 240 überliefert, vgl. Grams-Thieme (1989), Sp. 2179 Vgl. Grams-Thieme (1989), Sp. 2180, wo westeuropäische und byzantinische Vorlagen erwähnt werden

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Abb. 23: Die Hochzeit von des Königs Sohn. ‚Hortus deliciarum‘, letztes Viertel 12. Jh.

denden Mählern wechseln zwar Personenzahl und seitlich der Tafel positionierte, auf den jeweiligen Text bezogene Attribute, die Form ihrer Darstellung und die auf den Tischen abgebildeten Geräte und Speisen bilden jedoch lediglich Wiederholungen der bereits bekannten Muster.209 Neben der wie im Beispiel der Esther-Szene ungewöhnlichen Komposition von Tafeldarstellungen ist bemerkenswert, dass im ‚Hortus deliciarum‘ mehrfach zweizinkige Vorlegegabeln (für Fleischspeisen) auf dem Tisch abgebildet werden. In Bilddarstellungen des Hochmittelalters aus dem deutschsprachigen Raum erscheinen Gabeln selten. Bereits oben wurde angeführt, dass hier die Gabel als Essbesteck erst in der frühen Neuzeit gebräuchlich wurde.210 Südlich der Alpen hingegen (und damit außerhalb des für diese Arbeit gewählten Untersuchungsraumes) war der Gebrauch von Messer und Gabel als Essbesteck bereits im beginnenden Hochmittelalter bekannt, möglicherweise aufgrund der Einflüsse, die dort209

210

Beispiele hierfür bieten der Miniaturenzyklus zum letzten Abendmahl (Luk. 14, 16 ff., fol. 119r), die Illumination der Lazarus-Geschichte (Luk. 16, 19 ff., fol. 123r) sowie das Fest des Königs Salomo (fol. 204v) Vgl. oben S. 74 mit Anm. 164

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Abb. 24: Zwei Herren speisen mit Messer und Gabel. Hrabanus Maurus, ‚De rerum naturis‘, ca. 1022–1035

hin vom byzantinischen Hof in Konstantinopel aus wirkten.211 Einen Beleg dafür bietet die oben gezeigte Szene. Die Speisenden sitzen dort an einer runden Tafel, sind jedoch an ihrem linken und rechten Rand, also sich gegenüber (nicht etwa hinter der Tafel) sitzend abgebildet. Der linke, der sich in die Lehne eines gedrechselten und bunt bemalten Stuhles fügt, fixiert mit der Gabel212 in seiner Linken die Speise auf dem Teller ( ? ), die er mit dem Messer in seiner Rechten gerade schneidet. Das Messer seines Tischgenossen, der auf einem Klapphocker sitzt, liegt vor diesem auf der Tafel, er führt sich mit der Gabel in der Rechten gerade eine Speise zum Mund. Ob und wie weit der Gebrauch von Messer und Gabel tatsächlich verbreitet war und wie er im Verständnis der Zeit angemessen gestaltet wurde, lässt sich aufgrund dieser aus dem klösterlichen Bereich stammenden Illumination nicht erschließen. Sie bietet jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass verschiedene kulturelle Entwicklungen, auch Tischsitten und -gebräuche 211

212

Vgl. die Artikel ‚Gabel‘ von Klaus Düwel, in: RGA Bd. 10 (1998), S. 307 sowie ‚Eßbesteck‘ von Torsten Capelle, in: RGA Bd. 7 (1989), S. 573–577 und Foster (1980), S. 156 ff. Die Gabeln der beiden Speisenden werden zweizinkig dargestellt und damit in derselben Form, die nördlich der Alpen in anderer Funktion, als Vorlegegabel, genutzt wurde

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im Hochmittelalter nicht europaweit wirkten und daher in regional begrenzteren Räumen betrachtet werden sollten. Da die geistliche, insbesondere die klösterliche Welt in dem hier beleuchteten Zeitraum zentraler Träger der Schriftkultur war, finden sich vornehmlich in Handschriften religiöser Provenienz,213 seltener daneben in Handschriften, die zeitgenössische Dichtung enthalten, Illuminationen, die Tafelszenen ins Bild setzen. Chroniken aus dem Hochmittelalter mit einer historisch-politischen Ausrichtung führen derartige Bildszenen offenbar nur selten aus. Der einzige bei den Recherchen zu dieser Arbeit entdeckte Beleg entstammt einer im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts – möglicherweise in Würzburg – entstandenen Handschrift, einer Kaiserchronik für Heinrich V., deren Verfasser anonym blieb.214 „Die Handschrift enthält laut Prolog eine auf Wunsch Kaiser Heinrichs V. aus anderen Chroniken zusammengestellte Geschichte von der Herkunft der Franken bis auf die eigene Zeit, das heißt 1114.“215 Das Jahr 1114 lässt sich zur Datierung des Werkes heranziehen, weil in diesem Jahr in Mainz die Hochzeit Kaiser Heinrichs V. mit Mathilde von England, einer Enkelin Wilhelm des Eroberers, gefeiert wurde.216 Auf eben dieses Ereignis bezieht sich die folgende, nicht kolorierte Illumination, die einer inhaltlich dem Hochzeitsfest gewidmeten, lateinisch verfassten Textkolumne vorangestellt ist. Kaiser Heinrich V. und Mathilde von England, beide einander zugewandt, bekrönt und in verzierte, prächtige Gewänder gekleidet, sind in der Mitte der Szene platziert. Rechts und links vom Hochzeitspaar sitzen Geistliche, die an ihrem Haarschnitt (mit Tonsur) sowie durch die aufgeschlagenen Revers an ihren – ebenfalls reich verzierten – Gewändern erkennbar sind.217 Die Anordnung der gezeigten Personen lässt die enge Verbindung

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Einige – in das 11. und 12. Jahrhundert datierte – religiöse Handschriften (besonders Evangeliare, Evangelistare, Perikopenbücher, Psalterien und Gebetbücher) enthalten Speiseszenen, die biblische Geschichten illuminieren. Bereits oben wurde eine Szene aus dem sog. Echternacher Evangeliar (um 1030/1040) gezeigt (vgl. S. 176, Abb. 3), zu weiteren Beispielen vgl. oben S. 216, Anm. 165 Vgl. Ursula Nilgen: Anonyme Kaiserchronik für Heinrich V., in: Jochen Luckhardt/ Franz Niehoff (Hg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995. Bd. 1. München 1995, S. 299 f. Nilgen (1995), S. 299 Da sich die Handschrift nachweislich schon im 13. Jahrhundert in England befand, ist es wahrscheinlich, dass sie nach dem Tod Heinrichs V. (1125) von der in ihre Heimat zurückgekehrten Mathilde dorthin mitgenommen wurde. Die Handschrift muss daher nach 1114 und vor 1125 entstanden sein. Vgl. dazu Nilgen (1995), S. 200 Vgl. Nilgen (1995), S. 200

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Abb. 25: Hochzeitsmahl Kaiser Heinrichs V. und Mathildes von England. Anonyme Kaiserchronik für Heinrich V., um 1120

von Kaisertum und Kirche direkt ins Auge fallen und dürfte daher kaum zufällig gewählt worden sein. Die vor der Gesellschaft aufgebaute, rechteckige Tafel ist gut bestückt, jedenfalls so dargestellt, dass sie ‚voll‘ erscheint. Das auf die Tafel gelegte Tischtuch fällt bodenlang reich in Falten und ist am Saum mit einer breiten Schmuckbordüre besetzt. Auf der Tafel sind ein gekerbtes, rundes Brot, eine Brezel sowie mehrere, nicht näher definierte ‚Stücke‘ (bereits gebrochenes Brot?) verteilt. Über der Brezel ist eine kleinere Deckelschale zu sehen, am linken Rand der Tafel erscheint ein (hölzerner!) Daubenbecher. Etwa in der Mitte des Tisches, vom Hochzeitspaar aus an der hinteren Tafelseite befinden sich zwei kleinere, trichterförmige, unten spitz zulaufende Gegenstände, die vielleicht als Trinkhörner angesprochen werden können.218 Auf dem Tisch sind drei Messer erkennbar, die an der Spitze 218

Nilgen (1995), S. 200, nennt die beiden fraglichen Gegenstände ohne weitere Erläuterung „Spitzbecher“

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ihrer Schneide gekerbt sind und bezüglich ihrer Verteilung eine ungewöhnliche Anordnung aufweisen. Zwei der Messer liegen zwischen dem Hochzeitspaar und sollen offenbar seinem Gebrauch vorbehalten sein. Das dritte Messer liegt vor dem Kleriker am rechten Bildrand. Der links vom Hochzeitspaar sitzende Geistliche bleibt im Bild messerlos, obwohl dem Zeichner auf der Tafel ausreichend Platz zur Verfügung gestanden hätte, auch ihm ein Messer zuzuordnen: es hätte sich gut anstelle des über den Daubenbecher gesetzten (Brot-?)‚Stücks‘ setzen lassen. Von rechts reicht ein Diener, mit gebeugtem rechten Bein halb in einem Ausfallschritt, eine weitere Deckelschale an. Der Truchsess, erkennbar an seinem in der Linken geführten Stab, reicht von links eine flache, offene Schale mit mehreren nicht definierbaren, ‚runden Stücken‘ an. Seine Körperhaltung ist durch einen tiefen Ausfallschritt mit stark angewinkeltem linken und weit nach hinten gestrecktem rechten Bein gekennzeichnet.219 Die beiden bedienenden Figuren sind deutlich kleiner dargestellt als die speisende Hochzeitsgesellschaft, deren hoher gesellschaftlicher Rang und deren damit verbundene Bedeutung auch durch diesen Größenunterschied erkennbar werden.220 Mit Blick auf die Frage, welche Speisen bei einer kaiserlichen Hochzeit aufgetragen wurden, gibt auch diese Illumination nur wenige Hinweise. Verschiedene Arten von Brot, verschiedenartige Speisen, auf die durch mehrere Schüsseln und Schalen hingewiesen wird, bieten nur wenig Konkretes. Interessant ist jedoch, wie sehr die Komposition dieser Darstellung denjenigen gleicht, die sich in zeitgleichen Handschriften religiösen Inhalts sowie später datierenden Handschriften mit epischen Dichtungen finden. Der Darstellungstyp ist multifunktional, er kann – je nachdem, auf welchen Kontext er sich bezieht – ggf. durch bestimmte Attribute (z. B. Amphoren oder Kannen bei einer Darstellung der biblischen Hochzeit von Kana, be-

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Im gezeigten Bildausschnitt nicht sichtbar: das jeweils mehr oder weniger weit nach hinten ausgestreckte rechte Bein vom Truchsess und das linke des Dieners bilden für die beiden ersten Zeilen des gleich unterhalb der Szene einsetzenden Textes quasi eine Einrahmung Dieser Darstellungstyp von hochgestellter Tafelgemeinschaft und ‚niederer‘ Dienerschaft findet sich nicht durchgängig. So werden Diener, die an Didos Hof Speisen herantragen, im ‚Eneasroman‘ in ‚natürlicher‘ Größe dargestellt, in der Münchner ‚Tristan‘-Handschrift teils gleich groß wie die Tafelnden, teils kleiner – so in der Darstellung mit Blanscheflur beim Turnier, was damit zusammenhängen könnte, dass hier zwei verschiedene Illustratoren am Werk waren. In der Münchner ‚Parzival‘Handschrift wiederum sind die bedienenden Figuren durchgehend erheblich kleiner dargestellt als die tafelnden Personen. Vgl. dazu oben die Abbildungen in den Abschnitten 3.1 f.

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krönte Häupter und verzierte Kleidung bei der bildlichen Wiedergabe ‚realer‘ oder dichterisch geschilderter höfischer Mähler) variiert werden, es wechselt in der Hauptsache der jeweils tafelnde Personenkreis. Bemerkenswert ist auch – wie das Beispiel aus der Kaiserchronik Heinrichs V. belegt –, dass der vorliegende Darstellungstypus bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts nicht mehr nur in Illuminationen religiöser Literatur erscheint. Da er auch in der erst etwa ein Jahrhundert später (mit der Berliner Handschrift von Heinrichs ‚Eneasroman‘) einsetzenden Tradition illuminierter Epenhandschriften bis weit über das 13. Jahrhundert hinaus nachweisbar ist,221 besaß dieser Bildtypus nicht nur einen hohen Verbreitungsgrad, sondern ist auch durch eine lange Verwendungsdauer gekennzeichnet.222 Neben diesem für Tafelszenen dominanten Bildmuster finden sich auch Beispiele für Illuminationen, die den Themenkreis von ‚Essen und Trinken‘ berühren, dabei aber offenbar anderen gestalterischen Ideen folgen. Eine solche ‚Darstellung mit Tafel‘, die jedoch keine Festszene zeigt, findet sich in der Heidelberger Handschrift des ‚Welschen Gastes‘ von Thomasin von 221

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So sind auch verschiedene Tafeldarstellungen in der Anfang des 14. Jahrhunderts datierenden, illuminierten Handschrift mit Wolframs ‚Willehalm‘ nach diesem Muster gestaltet, vgl. Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Der Codex Vindobonensis 2670 der Österreichischen Nationalbibliothek. Kommentar von Fritz Peter Knapp. Teil 1. (Glanzlichter der Buchkunst 14). Graz 2005, fol. 109r, fol. 88rb oder fol. 326v. Zu dem zuerst genannten Blatt bemerkt F. P. Knapp im Kommentar auf S. 18: „Wie aus diesen exemplarischen Beschreibungen hervorgeht, tendieren die Bilder durchaus, auch in Abweichung vom Text, zur Erfüllung allgemeiner Bildtypen, gehen aber selten in ihnen ganz auf.“ Er findet sich in wesentlichen Merkmalen schon um die Jahrtausendwende z. B. auf der vom Hildesheimer Bischof Bernward (993–1022) in Auftrag gegebenen und noch heute im Hildesheimer Dom befindlichen Bronzesäule, die eine Reihe biblischer Geschichten in einer ausgeklügelten Reihenfolge halbplastisch ausgearbeitet darstellt. So finden sich auf der Säule Tafeldarstellungen bei der Hochzeit von Kana, der Geschichte vom armen Lazarus, bei der Darbringung des abgeschlagenen Hauptes Johannes des Täufers sowie bei Gastmahl und Salbung in Bethanien. Die rechteckig-langen Tafeln sind jeweils mit Tischtüchern versehen, die reich in Falten fallen, jedoch nicht – wie auf späteren Darstellungen – bis zum Boden reichen. Sie lassen daher die Tischbeine erkennen, die in einzelnen Darstellungen kunstvoll gedrechselt und verziert erscheinen. Hinter den Tafeln sind die Protagonisten der biblischen Erzählungen zu sehen, teils Einzelpersonen, teils größere Figurengruppen. Auf den Tafeln erscheinen Brot(e), Messer (in der auch später noch gebräuchlichen, an der Spitze der Klinge eingekerbten Form), Pokale mit Standfuß (teils mit ornamentalen Verzierungen), undefinierbar gefüllte oder leere Schalen mit Standfuß sowie Becher, die deutlich Daubenform aufweisen. Vgl. hierzu Bernhard Bruns: Die Bernwardsäule – Lebensbaum und Siegessäule. Hildesheim 1995, Abb. auf den S. 168 (Hochzeit in Kana), 175 (Darbringung des Hauptes), 183 (Der reiche Mann und der arme Lazarus) und 191 (Das Gastmahl und die Salbung in Bethanien)

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Abb. 26: Den Fresser plagt das Verlangen. Thomasin von Zerclaere, ‚Der Welsche Gast‘, wohl 3. Viertel 13. Jh.

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Zerclaere, die in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert wird.223 Das wohl durch Thomasin selbst (mit) angelegte Bildprogramm dieser Handschrift224 ist in seiner Anlage sehr ungewöhnlich: die in dem insgesamt aufwändig gestalteten Codex unregelmäßig verteilten Illuminationen sind dem einspaltig laufenden Text oft in einer 90°-Drehung an die Seite gestellt.225 Sie beziehen sich direkt auf konkrete Textstellen, deren Kernaussagen sie ins Bild zu setzen suchen, und weisen mit der bewusst gesetzten „Abbildung der verbalen Oberfläche“ des Textes eine Verwandtschaft mit dem ‚Willehalm‘ der ‚Großen Bilderhandschrift‘ sowie mit der Illuminationsform auf, die aus verschiedenen Versionen des ‚Sachsenspiegels‘ bekannt ist.226 Dass dieser Tafeldarstellung keine Tafelgemeinschaft beigefügt wurde, hier: nicht beigefügt werden konnte, erklärt sich aus dem Bezug zum nebenstehenden Text: hier geht es nicht um eine Festgemeinschaft oder -tafel, sondern um den (gut) gedeckten Tisch, der für den Gierigen gerade nicht erreichbar ist, wie auch der begleitende Text ausweist: swenne der vrâz hat zezzen niht, hai wi we im dann geschiht, ob er dann gedenchen wil daz guter speise ist hart vil

(V. 4117 ff.).227

Der Fresser weist mit erhobenem rechten Arm und ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung des über ihm abgebildeten, gedeckten Tisches. Auf diesen Tisch, der hier einmal mit – unterschiedlich langen – Beinen dargestellt 223

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Vgl. Willms in der Einleitung zur Textausgabe (2004), S. 15. In den Ausführungen zur Faksimile-Ausgabe der Heidelberger Handschrift spricht sich Ewald Vetter konkret für eine Datierung in das Jahr 1256 aus, vgl. Ewald Vetter: Die Handschrift und ihre Bilder, in: Der Welsche Gast des Thomasîn von Zerclaere. Codex palatinus germanicus 389 der Universitätsbibliothek Heidelberg. Kommentarband. (Facsimilia Heidelbergensia. Band 4). Wiesbaden 1974, S. 79 Vgl. Norbert H. Ott: Mise en page. Zur ikonischen Struktur der Illustrationen von Thomasins ‚Welschem Gast‘, in: Horst Wenzel/Christina Lechtermann (Hg.): Beweglichkeit der Bilder. Text und Imagination in den illustrierten Handschriften des „Welschen Gastes“ von Thomasin von Zerclaere. (Pictura et poesis. Interdisziplinäre Studien zum Verhältnis von Literatur und Kunst. Band 15). Köln/Weimar/ Wien 2002, S. 33–64, hier: S. 33 Vgl. Vetter im Kommentarband zur Faksimileausgabe (1974), S. 79; die Drehung der Miniaturen erfolgte, wenn die zur Illuminierung zur Verfügung stehende Fläche in ihrer Breite für die vorgesehene Bilddarstellung nicht ausreichte Ott (2002a), S. 40 Diese Passage wurde in die Ausgabe von Willms (2004) nicht aufgenommen. Zitiert wird daher der bei Vetter im Kommentarband zur Faksimileausgabe (1974), S. 133 abgedruckte Text, der eigentlich mehr Sonder- bzw. Längenzeichen aufweisen müsste

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Abb. 27: Abwendung von Mäßigkeit zugunsten der Schlemmerei. Thomasin von Zerclaere, ‚Der Welsche Gast‘, wohl 3. Viertel 13. Jh.

wird, ist ein üppig weit nach unten fallendes Tischtuch gelegt, auf seiner Fläche sind ein (gekerbtes) Brot und ein Messer sowie in der Mitte eine Sockelschale mit Fisch angerichtet. Dass dieser Tisch dafür steht, NichtErreichbares zu zeigen und das Verlangen des Fressers zu darzustellen, verdeutlicht der Text des Spruchbandes, das er in seiner Linken hält: owe hiet (hätte) ich der spise.228 Die hier nur imaginäre Tafel ist zwar (wohl wegen des begrenzten Raumes am Blattrand) vergleichsweise kurz, jedoch mit eben den Attributen ausgestattet, die in Darstellungen eines Festmahls auch für einen ‚gut‘ gedeckten Tisch stehen. Interessant wäre es zu erfahren, wie sich Thomasin die Illumination der ‚Tischzuchten‘-Passagen im ‚Welschen Gast‘ vorgestellt hätte, die ja einen direkten Bezug zum guten bzw. verpönten Verhalten bei Tisch aufgewiesen und daher wohl auch Tafelszenen enthalten hätten. Zu den betreffenden Textpassagen (V. 471 ff.) fehlen Illuminationen jedoch. Einen Bezug zu Essen und Trinken weist in der Heidelberger Handschrift lediglich eine weitere Illumination auf. 228

Vgl. die Erläuterung zu dieser Illumination bei Vetter (1974), S. 113

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In dem Text, dessen Inhalt sie ins Bild zu setzen sucht, geht es um die prahlerische Überheblichkeit mancher junger Leute, die keine Bescheidenheit kennen und so übermütig wie ungehobelt über ihre Verhältnisse leben (V. 303 ff.). „Der als lecher (Schlemmer) bezeichnete junge Mann wendet sich von erge (der Knauserigkeit) ab, die ihn, den offenen Geldseckel im Arm auf einer Truhe sitzend, vergeblich mit der Aufforderung: wis hie sich waz phenige zu halten sucht. Mit der Erklärung: ich will niht arch sin wirft er sich der lecherheit (Schlemmerei) in die Arme. Diese gibt den zwischen ihnen am Boden hockenden chot (choch = Koch), der in einer Schüssel rührt, den Befehl: mach im ein salze (Soße).“229 Wie auch die Illumination zum Verlangen des Fressers weist hier die Erläuterung, die die Spruchbänder zur Szene geben, aus, dass es bei dem Bildprogramm des ‚Welschen Gastes‘ nicht um Szenen geht, die aus sich selbst heraus erschließbar sind. Vielmehr setzt die Kombination von Bild und Text – hier besonders auch durch das Spruchband – für das Verständnis des jeweiligen Sinnzusammenhanges Literalität des Betrachters voraus.230

3.4 Die Bildkunst des Hochmittelalters als Informationsträger Wie aus den ausgewählten, weil themenbezogen zuvor zusammengestellten Beispielen hervorgeht, folgen die aus dem Hochmittelalter überlieferten Bildzeugnisse mit Tafelszenen mehrheitlich besonderen Traditionen, Kompositionsprinzipien und Darstellungsmustern. Illuminationen von Handschriften mit erzählender Dichtung wurden i. d. R. nach denjenigen Mustern angelegt, die aus dem religiösen Bereich bekannt waren. So variieren Bildaufbau und Darstellungsformen insgesamt nur selten, oft wird zwischen Illuminationen religiöser Texte und denen zu ‚weltlicher‘ Dichtung lediglich ein Wechsel von Attributen (Nimbus der Heiligen, geflügelte Engel, ‚Judenhut‘ auf der einen, Krone, Hut, Rüstung auf der anderen Seite) sichtbar. Spezielle Attribute spielen besonders dann eine Rolle, wenn es dem oder den Illustratoren darum ging, eine bestimmte Szene mit Bezug auf den Text zu gestalten: ein Zelt in der biblischen Abraham-Episode, Mordechais Kopfbedeckung und der Galgen in der EstherSzene, der Ring und Ruals Hut im Münchner ‚Tristan‘-Codex, Rennewarts Rüstung und sein schwerer Stab in der ‚Großen Bilderhandschrift‘. Abge229

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Vetter im Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe (1974), S. 86. salze gibt den Text im linken Spruchband nicht korrekt wieder, der eindeutig lesbar salse aufweist Vgl. Vetter (1974), S. 63

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sehen von diesen, auf die jeweiligen Texte bezogenen Variationen erscheinen viele der Darstellungen von Speiseszenen aus dem religiösen und aus dem ‚weltlichen‘ Bereich weitgehend austauschbar. Allgemein heißt es dazu: „Zur Anwendung kamen … abrufbare, bereits typenmäßig vorgebildete oder vorgeprägte Ausdrucksformen, deren Geltungsbereich sich keineswegs auf Profanes beschränkt. Wie die Werke der Literatur haben auch die mittelalterlichen Kunsterzeugnisse mit dem modernen Begriff der Originalität wenig gemeinsam.“231 Das Verhältnis von religiöser Textvorlage, besonders aber auch von epischer Dichtung und deren Illumination kann sich dabei recht unterschiedlich gestalten. Dabei ist jedoch im Blick zu behalten, dass nur wenige dem Hochmittelalter zugehörige Handschriften mit volkssprachiger Dichtung überliefert sind, die auch Illuminationen enthalten. Die bekanntesten Beispiele wurden, sofern sie Tafelszenen enthalten, zuvor vorgestellt. Zu den meisten epischen Werken des Hochmittelalters, z. B. zu Hartmanns ‚Iwein‘ und ‚Erec‘ oder zum ‚Nibelungenlied‘, sind keine zeitgenössischen Handschriftenilluminationen überliefert.232 Verschiedentlich ist Illuminationen zu Codices, die zeitgenössische Dichtung(en) enthalten, nur ein mittelbarer Textbezug eigen. Norbert H. Ott stellte dazu fest, dass von Text-Bild-Bezügen daher oft kaum mehr gesprochen werden könne. Im Rahmen eines Vergleichs von mittelalterlichen Bildteppichen und Bildzeugnissen aus Handschriften kommt er zu dem Schluss: „Beide folgen …, indem sie eine als Text tradierte Geschichte in Bildern neu erzählen, Strukturgesetzen, die allein dem Medium Bildkunst eigen sind. Hinter den gleichermaßen organisierten Bildteppichen und Handschriftenillustrationen steht ein ikonisch gesteuertes ‚Denkmuster‘, das vor allem darauf zielt, Texte nicht bloß mit Bildern zu begleiten, sondern – und das vor allem bei textabgelösten Bildzeugnissen – die allgemeinverbindlichen, sozialen, gesellschaftlich relevanten Momente der Literatur als gruppenspezifische Identifikationsmomente höfischer Kultur zu fassen und zu transportieren.“233 Es kann daher vorkommen, dass manche, im Erzählverlauf bedeutende Szenen überhaupt nicht ins Bild gesetzt wurden – z.B. wenn sie sich wie Mono- oder Dialoge der zentralen Figuren nur schwer 231

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Joanna Mühlemann: Erec auf dem Krakauer Kronenkreuz – Iwein auf Rodenegg. Zur Rezeption des Artusromans in Goldschmiedekunst und Wandmalerei, in: Ekkart Conrad Lutz/Johanna Thali/René Wetzel (Hg.): Literatur und Wandmalerei I. Erscheinungsformen von höfischer Kultur und ihre Träger im Mittelalter. Freiburger Colloquium 1998. Tübingen 2002, S. 199–254, hier: S. 244 Vgl. Curschmann (1997), S. 180 f.; vgl. auch oben S. 186 f., Anm. 64 Norbert H. Ott: Literatur in Bildern. Eine Vorbemerkung und sieben Stichworte, in: Lutz et al. (2002), S. 153–197, hier: S. 190

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ins Bild setzen ließen – oder dass bildlich gefasst wurde, was sich im Text so nicht findet, wie die Beispiele der unter einem Zeltdach aufgebauten Tafel für die Damen, die im ‚Tristan‘ eine Turnierveranstaltung beobachten, und der Festmahlszene des Schmalkaldener Iwein-Zyklus zeigen. Eine vergleichsweise unmittelbare Korrespondenz zwischen Text und Illumination, wie sie z. B. im ‚Eneasroman‘, besonders aber in den ‚Willehalm‘-Fragmenten der ‚Großen Bilderhandschrift‘ und auch in Thomasins ‚Welschem Gast‘ erkennbar ist, gehört daher zu den wenigen Ausnahmen. In der Frage einer inhaltsgetreuen und detaillierten Umsetzung der literarischen Vorlage haben wir daher bei den meisten Illuminationen kaum mit ‚exakten Übersetzungen‘ zu rechnen. Die Information, die sie vermitteln, scheint deshalb oft weniger auf einen konkreten Erzählinhalt bezogen als auf spezielle, für das höfische Lebensumfeld als kennzeichnend verstandene Situationen und Szenen. Dies trifft besonders auch auf die Darstellung von Tafelszenen zu. Ein – wenn auch durchaus in Variationen – immer wieder verwendetes Muster, das ‚gruppenspezifische Identifikationsmomente höfischer Kultur‘ zu transportieren versprach, war die gedeckte Tafel, an der sich der freigebige Gastgeber und gut gelaunte Gäste versammelten, um gemeinsam zu speisen und gepflegt zu kommunizieren. Aufwändiges Tischgerät, in manchen Illuminationen verziert dargestellt und sogar mit echtem Gold belegt oder in Silber ausgeführt, mit Speisen gefüllte Schüsseln und Schalen sowie (möglichst) verschiedene Formen von Brot sind dabei unverzichtbar, zeugen sie doch von Großzügigkeit und Reichtum des Gastgebers. Diese findet auch durch eine aufmerksame Bedienung ihren Ausdruck, die weitere Speisen und Getränke an die Tafel heranträgt, sowie im Iwein-Zyklus in Schmalkalden zusätzlich durch eine musikalische Begleitung des Festmahls. Ins Bild gesetzt wird daher im profanen Bereich vor allem die Tafel als ein Sinnbild höfischer Repräsentation, als geeignetes Medium, herrschaftliche Prachtentfaltung und standesgemäße Lebensform zum Ausdruck zu bringen. In den Illuminationen der höfischen Literatur begegnet uns daher eine Vorstellung von höfischer Lebensform, ein Entwurf, dessen illustratorische Ausführung mit den inhaltlichen Aussagen verschiedener Dichtungen, die diesen Entwurf ebenfalls zu vermitteln trachten, durchaus gut korrespondiert. Wenn damit die Illuminationen in ihrer Darstellungsform insgesamt bereits gesetzten, besonders aus dem außerliterarischen Bereich stammenden Mustern folgen und sich im Detail ihrer jeweiligen Ausgestaltung an zeitgenössischen Idealvorstellungen der ‚höfischen Sphäre‘ orientieren, muss ihre Aussagekraft mit Blick auf tatsächliche Lebensverhältnisse im höfischen oder ritterlichen Milieu weitgehend fraglich bleiben. Wie in den literarischen Texten ist es nicht der Alltag, sondern das Fest (also eine Ausnahme-

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situation), das zur Darstellung gelangt, und dies zusätzlich auf eine ebenso idealisierte wie auch deutlich formalisierte Art und Weise. Die aus dem Hochmittelalter überlieferten Tafelszenen sind geprägt durch die oben aufgeführten, fortwährend wiederholten und daher durchaus stereotypen Teilmotive. Auch wenn literarische Texte und zeitgleiche Bildwerke sich darin weitgehend entsprechen, so lässt sich doch kaum daraus ableiten, dass sich ‚die‘ höfische oder ritterliche Tafel tatsächlich so oder ähnlich präsentierte, steht doch beides für eine Programmatik, für eine intentional gleichgerichtete, auf das Ideal zielende Schilderung. Der zeitgenössischen Eigenart folgend, biblische, historische oder poetische Stoffe in Text und Bild in ein jeweils aktuelles Umfeld zu setzen, bleiben dagegen – auf die Bildkunst bezogen – vor allem Kleidung und Frisuren, wohl auch Mimik und Gestik, besonders aber auch Typen und Formen der auf den Tafeln sichtbaren Geräte und Nahrungsmittel vergleichsweise verlässliche Zeugen der hochmittelalterlichen Verhältnisse. Wie sehr sich dabei z. B. das auf Tafelszenen dargestellte Inventar und aus dem Hochmittelalter Erhaltenes bzw. Wiederentdecktes entsprechen können, wird unten zu behandeln sein (vgl. Kap. 8). Durch ihre Darstellung verschiedener Realien besitzen die hochmittelalterlichen Bildzeugnisse damit einen besonderen Wert für die Sachkulturforschung.234 Mit Bezug auf ‚das‘ Essen und Trinken im Mittelalter bleibt festzuhalten, dass sie über die Darstellung von Brot, Fleisch- und Fischspeisen, vereinzelt wohl auch Saucentöpfchen sowie Hinweise auf Getränke (durch Prunkpokale und auch Holzbecher) hinaus nichts über deren besondere Eigenart, Zubereitung, Zustand oder Geschmack, ebenfalls nichts über Rezepte, Küchenkniffe oder besondere ‚Culinaria‘ verraten. Aufgrund der begrenzten Darstellungsmöglichkeiten von ‚Speise(n)‘ ist schließlich auch fraglich, ob ein in einer Schale angerichteter, deutlich ausgearbeiteter Schweinekopf235 tatsächlich für eine feine Delikatesse stand oder ob durch seine leicht identifizierbare Form lediglich gezeigt werden sollte, dass es (Schweine-)Fleisch gab, das sich, portionsweise in mehrere Stücken zerteilt und in einer Schale angerichtet, nicht entsprechend leicht erkennbar hätte ins Bild setzen lassen.236 234

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In einer konkreten, archäologische Funde vergleichenden Darstellung z. B. bei Stephan (1986), bes. S. 247 ff., vgl. allgemein auch Felgenhauer-Schmiedt (1993), S. 99 ff. Vielleicht auch ein Wildschweinkopf ? Vgl. z. B. die Szene auf dem ‚Anrichtetisch‘ neben der Tafel des Ahasverus, oben S. 231, Abb. 22, mit S. 230, Anm. 203 Ein logischer Bruch stellt sich in dieser Szene ohnehin dar, da der treue Mordechai als Jude das – nach jüdischen Speisegesetzen nicht koschere – Schwein nicht hätte essen dürfen, für Esther ist dies ebenfalls anzunehmen. Derartige sachliche ‚Details‘ scheinen für die mittelalterlichen Illuminatoren jedoch nicht relevant gewesen zu sein

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Geflügel, Fisch oder (kleine) Vierfüßer finden sich immerhin in Schalen abgebildet, Brot tritt in verschiedenen, charakteristischen Formen auf (rund, lanzettförmig, in Brezelform und auch eingekerbt). Zur Kennzeichnung von Aufläufen, Pasteten, Klößen, Teigtaschen, Kuchen, besonderen Saucen, Brei, Gemüse, verschiedenen Obstarten oder Käse besaßen die Illustratoren keine darstellerischen Mittel. So blieb es, sofern Schüsseln gefüllt dargestellt werden, vielfach bei ‚runden‘, auch ‚kleinteiligen‘ Inhalten oder auch ‚nur (durch die Farbgebung angezeigten) Füllungen‘, die sämtlich undefinierbar bleiben. Selbst Nahrungsmittel mit typischen Farben und/ oder Formen, so z. B. Eier oder Birnen, finden sich auf den bildlichen Tafeldarstellungen mit profanen wie biblischen Bezügen nicht. Wie bei den mehr oder weniger direkt korrespondierenden Texten blieb – und bleibt – es so dem Betrachter der Illuminationen vielfach selbst überlassen, eigene Vorstellungen zu dem zu entwickeln, was sich hinter spîse maneger hande, genuoc oder rîche im Einzelnen verborgen haben mag. Mit den Speise- und Nahrungsgewohnheiten des überwiegenden Großteils der Menschen im Hochmittelalter haben die bildlich überlieferten, intentional gefärbten und exklusiven Ausschnitte überdies wohl nur wenig gemein.

Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung

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4. Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung Die ländliche Bevölkerung tritt besonders vom 13. Jahrhundert an in den Gesichtskreis literarischer Betrachtung.1 Hier ist es vornehmlich ‚der Bauer‘ bzw. ‚das Bäurische‘, das, häufig im bewussten Kontrast zum ‚Höfischen‘, in den Blick von Autoren und Publikum gerät. Es sind besonders drei Werke bzw. Textsammlungen, die sich in unterschiedlicher Ausführlichkeit, jedoch mit vergleichbarer Intention mit Bauern befassen, Darstellungen bäuerlicher Lebensweise bieten und die untereinander auch in deutlicher Beziehung stehen:2 die Lieder Neidharts von Reuental, die in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datieren,3 der ‚Helm1

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Erklärt wird dieses Phänomen mit Wandlungen rechtlicher sowie wirtschaftlicher Verhältnisse besonders seit der Wende vom 12. zum 13. Jh., die in weiten Teilen des Reiches eine Verbesserung der Lage der Bauern und z.T. Umschichtungen des sozialen Gefüges nach sich zogen, vgl. Fritz Martini: Das Bauerntum im deutschen Schrifttum von den Änfängen bis zum 16. Jahrhundert. (Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Buchreihe. Band 27). Halle/S. 1944, S. 93; s. auch Hilde Hügli: Der deutsche Bauer im Mittelalter dargestellt nach den deutschen literarischen Quellen vom 11.–15. Jahrhundert. (Sprache und Dichtung. Forschungen zur Sprach- und Literaturwissenschaft. Heft 42.) Bern 1929, S. 63; ferner Fritz Martini: Der „Meier Helmbrecht“ des Wernher der Gartenaere und das mittelalterliche Bauerntum, in: Zeitschrift für Deutschkunde 51 (1937), S. 414–426, bes. S. 414ff. Nicht allein, aber besonders zu den Schriften Martinis ist zu bemerken, dass sie in hohem Maße ideologische Tendenzen des Nationalsozialismus widerspiegeln und deshalb poetische und chronikalische Quellen zuweilen fehlinterpretieren. Einen zuverlässigeren Stand jüngerer Forschung bieten Werner Rösener: Bauern im Mittelalter. München 1985, S. 31ff., in Teilen auch Schubert (2006), passim sowie Ludolf Kuchenbuch: Bauern, in: Melville/Staub Bd. I (2008), S. 139–149, s. dort bes. S. 139f. Vgl. Fritz Peter Knapp: Standesverräter und Heimatverächter in der bayerisch-österreichischen Literatur des Spätmittelalters, in: Theodor Nolte/Tobias Schneider (Hg.): Wernher der Gärtner. ‚Helmbrecht‘. Die Beiträge des Helmbrecht-Symposions in Burghausen 2001. Stuttgart 2001, S. 9–24, bes. S. 11 ff. sowie den im selben Band (S. 45–69) erschienenen Beitrag von Ulrich Seelbach: Hildemar und Helmbrecht: Intertextuelle und zeitaktuelle Bezüge des ‚Helmbrecht‘ zu den Liedern Neidharts, S. 45–69, hier bes. S. 55 Vgl. Siegfried Beyschlags Beitrag ‚Neidhart und die Neidhartianer‘ in: VL Bd. 6 (1987), Sp. 871–891, hier bes. Sp. 873 ff.

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brecht‘ von Wernher dem Gartenære (wahrscheinlich entstanden zwischen 1272 und 1283)4 sowie die anonym überlieferte, wohl in den letzten beiden Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts entstandene Sammlung von 15 Einzelstücken, die meistens unter der irrigen Bezeichnung ‚Seifried Helbling‘ (auch: ‚Kleiner Lucidarius‘) behandelt wird.5 Neidhart, der sowohl zunächst in Bayern als auch später in Österreich wirkte,6 beklagte sich in seinen sog. ‚Sommer- und Winterliedern‘ nicht nur mehrfach über seine missliche finanzielle Lage, die die Möglichkeiten seiner Haushaltsführung sehr begrenzte. Er gibt an, dass er sich um die angenehmen Dinge des Lebens nicht (mehr) kümmern könne, seit ihn die (dauernde) Sorge um einen Haushalt umtreibt, für den er das ganze Jahr über Salz und Getreide einkaufen muss: des vergaz ich, sît man mich ein hûs besorgen hiez: salz und koren muoz ich koufen durch daz jâr (Winterlied 3, VII, 3 f.).7 Dem Dichter, der, da er sich seinen Liedern zufolge öfter in der Gesellschaft der Dörfler bewegt, offenbar auf dem Lande lebt, hat eine Vorliebe für ‚bodenständige‘ Vergleiche, so z. B., wenn ihn der trübe Winter drückt und er meint, dass die nächste Frau, die auf seinem Weg (Schlag)8 tanzte, in seinem Garten die Rüben ausgraben werde: aber sâ sint die tage trübe. diu næhste in mînem garten rüeben grüebe, diu tanze ûf mîner slâ!

(Winterlied 6, I, 7 ff.)

Im Winterlied Nr. 34 nimmt er das schändliche Benehmen der Dörfler Gumpe, Eppe, Goze und Engelmar auf, die sich schlimmer noch als Wild-

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Vgl. Fritz Peter Knapp s.v. Wernher der Gärtner in: VL Bd. 10 (1999), Sp. 927–935, hier: Sp. 929 Vgl. Ingeborg Glier: Helbling, Seifried, in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 943–947; zur Datierung zwischen 1282/83 und 1299 vgl. Glier (1981), Sp. 943 und Knapp (2001), S. 13; zwischen 1275 und 1310 setzt Ursula Liebertz-Grün die Entstehung des ‚Seifried Helbling‘ an, vgl. dies.: Seifried Helbling. Satiren kontra Habsburg. München 1981, S. 7 Vgl. Beyschlag (1987), Sp. 873 ff. Zitiert wird nach folgender Ausgabe: Die Lieder Neidharts. Herausgegeben von Edmund Wießner. Fortgeführt von Hanns Fischer. Vierte Auflage revidiert von Paul Sappler. Mit einem Melodienanhang von Helmut Lomnitzer. (ATB. Nr. 44). Tübingen 1984; zwischen den sog. ‚echten‘ und ‚unechten‘ Strophen wird folgend nicht unterschieden Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 956 f. s.v. slage, slâge, slâ: „spur, fährte, weg“

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schweine aufführten und lieber einen Kessel voll Bohnen forderten, als sich (den üblichen) gekochten Rüben zu widmen: die dünkent sich noch scherpfer dan diu wilden eberswîn. sî bestüenden wol einen kezzel bônen vol. sî sint freche helde, dâ man rüeben sieden sol. (IXc, 6 ff.) Gumpe und Goze geraten in dem selben Lied nochmals ins Visier des Dichters, als sie, unterwegs zu einer Tanzveranstaltung, mit ihren Kumpanen durch Neidharts Gemüsegarten gezogen sind: dô sî mit ir gesellen zuo dem tanze wolten gân, dô liefen sî mir beide durch mîn gartenkrût. (IXd, 3 f.) Dass Neidharts Sorgen um die Aufrechterhaltung seines Haushaltes und die Versorgung seiner Familie wohl nicht unberechtigt sind, wird an verschiedenen Stellen deutlich. Einmal hat ihm ein Feuer seine Haushaltung verwüstet (er selbst vermutet Brandstiftung), auch alle Lebensmittelvorräte verbrannten dabei. Dringend ist ihm daran gelegen, durch seine Lieder etwas zu verdienen bzw. eigen brôt zu gewinnen (Winterlied Nr. 11, VII, 1 ff.). Ein andermal schimpft er gegen den Dörfler Volrat, der ihm ein Huhn getötet hat, das Neidhart und seine Frau den Winter über mühsam durchfütterten, das dann ziemlich fett war und auch große Eier legte. Er droht, dies dem Grundherrn anzuzeigen, wenn Volrat den Schaden nicht ersetzt: mir sluoc Volrât mîn huon, daz ich und mîn liebez wîp den winter kûme ernert. daz was ein henne guot, und gienc stæt unbehuot, dâ von sie verlôs den lîp. swaz er dâ für geswert, daz gloube ich niht, mir seit man danne, daz ez alsô wære. jâ legt sie grôzer eier vil und was von veizte swære. wirt sie mir niht vergolten, sô klag ichz dem Rinzingære. (Winterlied Nr. 17, Vc, 2 ff.) Auch einen Käse hat ihm ein Dorfbursche gestohlen und mit seinen Kumpanen geteilt, die der Dichter namentlich der frevelhaften Tat bezichtigt (Winterlied Nr. 17, Vb). Auch Neidharts eigener Haushalt ist nicht immer friedlich. Es gibt Zwist mit seiner Frau, die daraufhin sechs Birnen im Feuer brät und ihm (nur) zwei davon abgibt, sich selbst jedoch vier gönnt, um ihre Stimmung zu heben:

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sehse biren briet si in dem viuwer: der gap mir diu vrouwe zwô; viere az si selbe: dâ labt sî daz herze mite.

(Winterlied Nr. 8, IV, 4 ff.)

In der Beschreibung der allgemeinen Zustände in seiner (ländlichen) Umgebung ist Neidhart nur bedingt konsequent. Einerseits vermerkt er, dass man ihn wegen seiner kaisertreuen Lieder angeht, während die Bevölkerung darbt und sogar hungert: Her Nîthart, iuwer keiser ist ze lange: den bringet ir uns alliu jâr mit iuwerm niuwen sange. des wære ouch den bûren nôt: die sint vil nâhen hungers tôt und dünnent in diu wange. (Sommerlied Nr. 27, VIIIg) Andererseits ist es immer wieder die übertriebene, oft auch tölpelhafte Prunksucht der Dörfler, die Neidhart in den Blick nimmt. Sie betrifft die ungelenke Nachahmung höherer Kreise, die besonders auch in der Kleidung ihren Ausdruck findet. Er beschreibt im Detail die merkwürdige Ausstaffierung eines Dörflers, der sich ohne Sinn für Anstand und Geschmack mit allem kleidet, was teuer und aufwändig ist. Zusätzlich schmückt er sich mit Schnüren, die mit verschiedenen Gewürzen behängt sind, so Pfeffer, Muskatnuss, Nelken und Pfauenkraut:9 Sîner snüere strangen tengelnt an den orten: dâ hanget wunders pfeffers an, muscât, negele, pfâwenspiegel: dêst der dörper glanz. (Winterlied Nr. 27; VIIa, 1 ff.) Auch im Winterlied Nr. 24 ist es neben der übertrieben bunten Aufmachung der Dörfler eine purpurfarbene Gürteltasche,10 die den Neid des Dichters auf sich zieht und die Ingwer enthält:11 9

10

11

Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 231 s.v. pfâwenspiegel, wo diese Übersetzung geboten wird. In jüngerer Zeit wird diese Pflanze, die als Unkraut oft auf Getreideäckern zu finden ist und rosa- bis lilafarbene, aus vielen kleinen Blütenbällchen zusammengesetzte Blütenrispen trägt, als Floh-Knöterich bezeichnet Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 261 s.v. phose: „gürteltasche, beutel“ und Sp. 236 phellelîn, phellerîn, phellîn: „purpurfarbig“; diese Farbe war damals i. d. R. hochgestellten geistlichen und weltlichen Würdenträgern vorbehalten: „P.[urpur] trat im Westen im Früh- und HochMA in der Form von mit P. gefärbten Seiden, als P.handschriften und P.urkunden auf. P. diente nach byz. Vorbild während des ganzen MA den Herrschern des Westens und den Päpsten als Ausdruck ihrer Majestät und Hoheit“, so Chr. Reinicke s.v. Purpur in: LexdMA Bd. VII (1995), Sp. 330–332, hier: Sp. 332 Die letzte Zeile sagt, dass Hildebolt der Guten (Frau) die Gürteltasche bei einem

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… ich nîde ir phellerîne phosen, die si tragent: dâ lît inne ein wurze, heizet ingewer. der gap Hildebolt der guoten eine bî dem tanze; die gezuhte ir Willegêr.

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(V. 4 f.)

Später ist es diese begehrte Ingwerwurzel, die Willeger gesehen hat und die ihn dazu veranlasst, einen Mord zu begehen, um das teure ‚Accessoire‘ für sich zu gewinnen (Winterlied 31, VI, 11 ff.). In einer anderen Szene geht es um einen gewaltsam ausgetragenen Streit, an dem u. a. die schon bekannten Dörfler Eppe, Geppe und Gumpe beteiligt sind. Anlass für die Auseinandersetzung war, dass Ruprecht ein großes Hühnerei fand, das er Eppe an den kahlen Kopf warf, daz ez ran ze tal (Winterlied Nr. 3, V, 10). Weder die wohl absichtlich übertriebene Ausstaffierung der Dörfler, die sich mit teuren Gewürzen behängen, noch der Schabernack, der mit dem Ei getrieben wird, sprechen dafür, dass es ‚der ländlichen Bevölkerung‘ materiell durchweg schlecht ging. Derartige Attituden und auch Scherze, wenn sie denn so oder ähnlich vorgekommen sein sollten, dürften sich wohl in einer Gesellschaft verbieten, deren „Nahrungsdecke über Zeiten hinweg einfach zu kurz“ war.12 Ausführlicher als bei Neidhart werden im ‚Helmbrecht‘ wiederholt Speisen genannt, die der Meier, nicht nur durch seine Funktion, sondern auch in der literarischen Darstellung ein durchaus wohlhabender Bauer, auftischt.13 Als sein Sohn, der junge Helmbrecht, der den väterlichen Hof verließ, um sich künftig der ritterlichen Lebensweise zu widmen, zu Besuch zu seiner Familie zurückkehrt, wird ihm Folgendes geboten:

12

13

Tanzvergnügen gab und Willeger sie ihr später stahl, vgl. Lex. Bd.III (1992), Sp. 1165f. s.v. zücken, zucken: „schnell und gewaltsam ziehen …, schnell ergreifen, an sich reissen, fortreissen, wegnehmen, entreissen, rauben, stehlen“ Schubert (2006), S. 46 und passim; über diese Grundthese Schuberts wird später noch zu handeln sein, vgl. unten im Anhang den Abschnitt V; Skepsis gegenüber Neidharts Schilderungen äußert Ursula Schulze, die ihre Zweifel jedoch vorwiegend anhand der geographischen und chronologischen Interpretationen, nicht an sachkundlichen Fragen festmacht, vgl. dies.: Zur Frage des Realitätsbezuges bei Neidhart, in: Alfred Ebenbauer/Fritz Peter Knapp/Ingrid Strasser (Hg.): Österreichische Literatur zur Zeit der Babenberger. Vorträge der Lilienfelder Tagung 1976. (Wiener Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Philologie. Band 10). Wien 1977, S. 197–217 Bemerkt sei bereits an dieser Stelle, dass der Meier als ‚reicher‘ Vertreter seines Standes bestimmt Einiges zu bieten hat, was sich auf den Tischen der einfachen Landbevölkerung wohl kaum gefunden haben dürfte

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ein krût vil kleine gesniten; veizt und mager, in bêden siten, ein guot fleisch lac dâ bî. hœret waz daz ander sî: ein veizter kæse, der was mar; diu rihte wart getragen dar. nû hœret wie ich daz wizze: nie veizter gans an spizze bî fiure wart gebrâten … si was michel unde grôz, gelîch einem trappen; die sazt man für den knappen. ein huon gebrâten, einz versoten, als der wirt hêt geboten, diu wurden ouch getragen dar.

(V. 867 ff.)

Zur Mahlzeit werden kleingeschnittener Kohl und dazu ein gutes Stück Fleisch angerichtet, das sowohl eine fette als auch eine magere Seite hat (mit Fett- oder Speckseite versehen ist?). Dazu gibt es einen mürben, fetten Käse und, als weitere Gerichte aufgetragen werden, eine fette Gans, groß wie ein Trappvogel, wie nie eine fettere an einem Spieß über dem Feuer gebraten wurde. Dazu lässt der Vater für Helmbrecht jun. noch ein gebratenes und ein gekochtes Huhn auftragen. Bemerkenswert ist die fortlaufende Betonung des Fettseins der Speisen, vielleicht als Ausdruck dessen, dass darauf viel Wert gelegt wurde. Ist der Tisch damit schon reichlich gefüllt, so lässt der wohlhabende14 Meier noch Gerichte herbeikommen, die Bauern sonst selten zu Gesicht bekommen (V. 887 ff.). Nur an Wein fehlt es: der alte Helmbrecht stellt fest, dass er zu diesem besonderen Anlass hätte getrunken werden müssen, wenn er denn vorhanden gewesen wäre (V. 891 f.). Handelt es sich bei dieser Szene um die Beschreibung eines überdurchschnittlich reichen Festmahls, so werden dem im Text auch ‚Alltagsspeisen‘ gegenüber gestellt. Bevor der junge Helmbrecht den Hof verlässt, ermahnt 14

Vgl. Wernhers Schilderungen der (stattlichen) Kleidung des alten Helmbrecht, in die offenbar Sprichwörtliches eingeflossen ist: weder hie noch anderswâ truoc nie dehein Meier einen roc der zweier eier wære bezzer denne der sîn: daz habt ûf die triuwe mîn.

(V. 170 ff.)

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ihn sein Vater eindringlich, seine gewohnte Kost auch in anderer Umgebung beizubehalten. Geprägt sind diese Ausführungen von moralischen Bedenken dem Ansinnen des Sohnes gegenüber, die sich etwa folgendermaßen zusammenfassen lassen: lieber ehrlich Erworbenes in Schlichtheit genießen als Geraubtes in Maßlosigkeit verprassen. dû solt leben des ich lebe und des dir dîn muoter gebe. trinc wazzer, lieber sun mîn, ê dû mit roube koufest wîn. daz Ôsterrîche clamirre, ist ez jener, ist ez dirre, der tumbe und der wîse hânt ez dâ für herren spîse. die soltû ezzen, liebez kint, ê dû ein geroubtez rint gebest umb eine henne dem wirte eteswenne. dîn muoter durch die wochen kann guoten brîen15 kochen: den soltû ezzen in den grans, ê dû gebest umb eine gans ein geroubtes phärit. sun, und hêtest dû den sit, sô lebtest dû mit êren, swar dû woldest kêren. sun, den rocken mische mit habern, ê dû vische ezzest nâch unêren

(V. 441 ff.).

Der Sohn soll sich an die väterliche Lebensweise und an das halten, was ihm die Mutter vermittelte. Trinken soll er Wasser statt gestohlenen Wein. Bevor er sich unrechtmäßig an Fischen vergreift, soll er lieber (feineres) Roggenmehl mit Hafermehl (für das Brot und den Brei)16 mischen und versuchen, es auf diese Weise zu strecken. Zu Hause könne die Mutter (weiterhin) die ganze Woche über guten Brei bereiten, an dem der Sohn gerne teilhaben 15 16

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 351 f. s.v. brî, brîe: „brei“ (ohne weitere Erläuterungen) Diese Passage ausschließlich auf Brei zu beziehen, greift m. E. zu kurz; so ohne Begründung Sieghilde Benatzky: Österreichische Kultur- und Gesellschaftsbilder des 13. Jahrhunderts auf Grund zeitgebundener Dichtungen. (Seifried Helbling und Meier Helmbrecht). Wien 1963, S. 118

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könne. Höchstens ein Gericht namens clamirre,17 das manche Leute für ein ‚Herrenessen‘ hielten, solle er genießen. Der junge Helmbrecht soll sich nicht in die Lage versetzen, eine gestohlene Kuh gegen eine Henne oder ein geraubtes Pferd gegen eine Gans eintauschen zu müssen. Der Sohn, von seinem Ehrgeiz für das, was er für einen Aufstieg hält, getrieben, weist alle diese Ratschläge zurück. Er will sich lieber an gutem Wein, an gekochtem Huhn und besonders feinem, weißen Weizenbrot18 gütlich tun. Der Vater möge derweil weiter sein Wasser trinken und Haferbrot und gîselitze19 essen: 17

18 19

Im Kommentar zu V. 445 (Ausgabe, S. 83) wird clamirre als „Semmelschnitten mit Obst- oder Fleischeinlage“ bezeichnet. Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1604, der zu dieser Stelle den ersten Herausgeber des ‚Helmbrecht‘, Keinz, zitiert: „mit dem namen klammer, klemmer, selten klemmschnitt, benennen alte leute hier noch ein gebäck, das aus zwei übereinandergelegten semmelschnitten besteht, zwischen welche kalbshirn oder zerkochte zwetschken gelegt werden, worauf das ganze in schmalz gebraten wird.“ Dagegen steht die Erläuterung Andreas Schmellers, der in seinem ‚Bayerischen Wörterbuch‘ (Bd. I. Tübingen/Stuttgart 1827), Sp. 1327f. dieses Gericht als eine Sulz aus Ochsenklauen bezeichnet. Heyne (1901), S. 333, hält sich grundlegend an die Keinz’sche Version, die er ergänzt: „Steinobst, namentlich Pflaumen und Kirschen, sowie Beeren kocht man gern in Honig oder später auch Zucker und allerhand Gewürz zu einer süssen Speise oder einer Fülle, ein Verfahren, welches besonders im späteren Mittelalter besonders beliebt ist, aber schon auch früher geübt wird.“ Vgl. Kommentar zu V. 478 (Ausgabe, S. 83): „semeln (lat. simila) feines Weizenmehl“ Die bei Lex. Bd. I (1992), Sp. 1023 zum Stichwort gîselitze, gîslitz gegebenen Erläuterungen sind nur teilweise erhellend. So wird dort zum einen Keinz mit einer spätmittelalterlichen Kochanweisung zitiert, aus der zwar hervorgeht, dass für diese (Fasten-?)Speise ein Grundstoff aufgesetzt wird und sich setzen soll, bevor die Masse in Öl gebraten wird. Wie bei Lex. folgend ebenfalls aufgeführt, wird gîselitze im Stellenkommentar der Ausgabe zu V. 473 mit glicerium und polenta glossiert. Ferner wird angegeben, dass der Begriff aus Kärnten und Tirol stamme, „eine speise aus hafermehl“ bezeichnet und wohl slawischen Ursprungs sei (Lex. Bd. I [1992], Sp. 1023). Die Zubereitung des Gerichts wird andernorts wie folgt beschrieben: Hafer wird gekocht, darauf im Backofen oder unter Hitze gedörrt und in einer Mühle zu Schrot verarbeitet. Dieser Vorgang lässt das süßliche, sog. ‚Talkenmehl‘, entstehen, das in einem Gefäß mit Wasser oder mit warmer bzw. heißer Milch angesetzt wird. Das Endprodukt dieses Vorganges ist die gîselitze, vgl. Karl Rhamm: Talken und Geislitz (russisch toloknó und kisélj), in: Carinthia I.99 (1909), S. 209–222. Einige, das Gericht variierende gîselitze-Rezepte nennt Anton Birlinger: Nochmal Gîselitze im Meier Helmbrect [sic!], in: Germania 25 (1880), S. 432. Schultz (1889), S. 383, beschreibt diese Speise wiederum als „ein Mus aus Hafer oder Mannagrütze, eine Art Polenta“. – Die Frage, wie dieses Gericht slawischen Ursprungs in das bayerischösterreichische Alpengebiet gelangte, hat zu manchen spekulativen Äußerungen geführt. Benatzky (1963), S. 120, vermutet, dass aufgrund der Kenntnis dieses Gerichtes oder wenigstens seines Namens Wernhers Herkunft „aus einer Gegend mit slovenischen Substraten“ nachzuweisen sei. Derartige Bemühungen scheinen die

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Er sprach: dû solt trinken, vater mîn, wazzer, sô will ich trinken wîn. und iz dû gîselitze, sô wil ich ezzen ditze daz man heizet huon versoten; daz wirt mir nimmer verboten. ich will ouch unz an mînen tôt von wîzen semeln ezzen brôt: haber der ist dir geslaht.

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(V. 471 ff.)

Neben die gîselitze stellt sich ein weiteres Gericht, das im ‚Seifried Helbling‘ (‚Kleiner Lucidarius‘) erwähnt wird, die varveln.20 Dort lässt eine Bäuerin ihrem Gatten durch Matz, ihre Magd, abends zu dem Gericht Gerstenbrot auftischen, das der so Bediente in die Farfel-Suppe einstippt,21 die extra zum Eintunken gedacht ist (vgl. die Ankündigung des Gerichts als touch, I, 1027): einen girstînen leip zehant sie im für leit, ein schüzzel tief und breit vol varveln truoc sie dar. sie nam des vil tougen war: dicke sniten stiez er drîn.

(I, 1029 ff.)

Neben dem einfachen und wohl recht groben Hafer- und Gerstenbrot kommt mehrfach auch Brot aus ‚weißem‘, feinen Weizenmehl auf die bäu-

20

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Texte und deren Inhalte ebenso zu überdehnen wie diejenigen des Erstherausgebers Keinz, der in seiner ‚Helmbrecht‘-Ausgabe von 1887 versuchte, den Text anhand einer Grenzziehung von ‚Krautessern‘ und ‚Nicht-Krautessern‘ zu lokalisieren, vgl. Friedrich Panzer: Zum Meier Helmbrecht, in: PBB 27 (1902), S. 88–112, hier: S. 89, Anm. 2 Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 26 s.v. varvelen: „suppe mit geriebenem teig, mit gequirlten eiern“. Bei Heyne (1901), S. 324, findet sich folgende Erklärung: „Die Kunst, aus Mehl und Eiern eine Art Teig anzurühren, und denselben zerkleinert in eine Suppe zu geben, spiegelt das mhd. varvel, Plur. varvelen wider. Farfeln sind ein rechtes Bauernessen, das sich bis heute in Tirol erhalten hat.“ Diese Verhaltensweise zeugt, zumindest den in den zeitgenössischen Tischzuchten niedergelegten Regeln zufolge, von ‚typisch bäuerischen‘ Sitten, vgl. ‚Tannhäusers Hofzucht‘, V. 45 ff.: sümlîche bîzent ab der sniten und stôzents in die schüzzel wider nach gebûrischen siten: sülh unzuht legent die hübschen nider.

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erliche Tafel (z. B. im ‚Seifried Helbling‘, I, 980). Auch Krapfen sind dort bekannt, von denen der junge Helmbrecht seinem Vater berichtet: noch weiz ich einen rîchen man der hât mir leide ouch getân: der âz zu den kraphen brôt.

(V. 1141 ff.)22

Auffallend ist, dass die Mehrzahl der als ‚Bauernspeise‘ in der Dichtung konkreter benannten Gerichte vorwiegend auf vegetarischer Grundlage beruht. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass Geflügel im Hochmittelalter vielfach nicht zur ‚Fleischspeise‘ gerechnet wurde.23 Aber auch Fleisch (von Schwein, Rind, Lamm oder Schaf) wird im Topf oder auf dem Tisch der ländlichen Bevölkerung genannt. Die gleiche Bäuerin verfährt mit ihrem auf häusliche Sparsamkeit bedachten Gatten Rüeger recht rigide. Dieser bittet seine Frau, zum täglichen Kohl nur wenig ‚Fleischeinlage‘ zu reichen, damit die geräucherte Speckseite24 lange vorhalte (I, 942 ff.). Die Bäuerin reagiert prompt: am nächsten Morgen kocht sie nur ein Stück Schinken oder Speckseite im Kohl mit, das an einem Faden aufgehängt ist. Bevor sie es ihrem Mann vorsetzt, zieht sie die Einlage an dem Faden aus dem Kohl mit der Begründung, wand ez ist sô smalzhaft, vier krûten gît ez kraft

(I, 456 f.).

Rüeger ist von der Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens sehr angetan. Er hält seine Frau für sehr genügsam und murrt nicht, als sie ihm eine Brotrinde mit auf dem Weg zum Feld gibt (I, 971 f.). Sie überlegt auch, ob sie ihm nicht Käsewasser als Essen vorsetzen soll (I, 991 f.). Denn es geht ihr dabei nur darum, die durch die Genügsamkeit ihres Mannes vorhandenen Vorräte selbst zu genießen, und zwar in großem Stil. Während Rüeger auf dem Feld ist, leistet sie sich ein gebratenes Hühnchen, dazu nimmt sie sich aus dem Vorratsschrank noch guten Wein und Weißbrot:

22 23

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Vgl. ‚Seifried Helbling‘ II, V. 10: sam ob ich wære kraphen vol Vgl. dazu unten Abschnitt 6.2.2. – Eine Szene, die auf die Hühnerhaltung im ländlichen Bereich verweist, findet sich am Beginn des ‚Reinhart Fuchs‘: der Bauer Lanzelin wird dort von seiner Frau Runtzela gebeten, zum Schutz der Hühner einen Zaun zu errichten, denn der Fuchs hatte zuvor bereits zehn ihrer Hühner geschlagen, vgl. Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich. Unter Mitarbeit von Katharina von Goetz, Frank Henrichvark und Sigrid Krause herausgegeben von Klaus Düwel. (ATB. Nr. 96). Tübingen 1984, V. 21 ff. Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 109 s.v. bache: „schinken, geräucherte speckseite“

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er fuor ûz, dô bleib si dinne. daz moht si mit êren tuon: sie hêt ein gebrâten huon daz niht bezzer möhte sîn, dâ zuo sie nam ûz ir schrîn guoten wîn und weizbrôt

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(I, 975 ff.).

Der Magd gegenüber überlegt sie, ob sie ihrem Mann vielleicht Bier bringen lassen soll, verwirft dies aber, denn sie will sein Gut lieber selbst nutzen und ihn stattdessen Wasser trinken lassen (I, V. 981 ff.). Die Magd weist darauf hin, dass der Bauer so bald nicht von seinem Feld zurückkehren werde. Die Bäuerin werde deshalb sicher noch vier Eier essen und eine Suppe aus Innereien,25 für die möglicherweise auch ein in der Küche offenbar vorhandenes Ferkel gedacht sei: ir ezzet wol vier eier ê und trinket dan ein beischerl. zwiu sol in der wan daz verl?26 des ezzet ir noch wol ein teil.

(I, 1013 ff.)

Das Motiv der Bauersfrau, die ihren Mann des eigenen Vorteils wegen nur notdürftig versorgt, findet sich mehrfach. In der Verserzählung ‚Der kluge Knecht‘27 von dem Stricker28 hat ihr Betrug jedoch eine andere Ursache: die Bäuerin pflegt ein Verhältnis mit einem Pfaffen, den sie immer dann bekocht und gut versorgt, wenn der Bauer sich auf dem Feld oder zum Viehhüten im Wald befindet. Sobald ihr Mann den Hof verlassen hat, kauft sie Wein und Met ein, kocht und brät dem heimlich sich einschleichenden Pfaffen all das, was es an guten Speisen gibt:

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Vgl. dazu Benatzky (1963), S. 121 mit ausführlichen Erläuterungen und Lex. Bd. I (1992), Sp. 160 f. s.v. beischerl: „das obere eingeweide eines geschlachteten thieres“ Übersetzt etwa: „Was soll in diese Suppe außer dem Ferkel (auch) hinein?“, vgl. dazu Lex. Bd. III (1992), Sp. 667f s.v. wan: „ausser, als, als nur … ausgenommen“, Sp. 151 und 127 s.v. verl, verhelîn: „porcellus“ und Sp. 1223 s.v. zwiu unter Verweis auf wër, waz (Sp. 766 f.): „wer, was“ Zitiert wird nach: Der Stricker. Verserzählungen I. Herausgegeben von Hanns Fischer. 3., revidierte Auflage besorgt von Johannes Janota. (ATB. Nr. 53). Tübingen 1973, hier: Nr. VIII, S. 92–109 Die Werke des Strickers, eines wahrscheinlich fahrenden Berufsdichters, werden in die Zeit zwischen 1220 und 1250 datiert, vgl. Karl-Ernst Geith/Elke Ukena-Best/ Hans-Joachim Ziegeler: Der Stricker, in: VL Bd. 9 (1995), Sp. 417–449, hier bes. Sp. 418 f.

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Der wirt vuor ze acker und ze holz. daz wîp hövisch unde stolz, sô si in den hof sach rûmen, sône wolde siz niht sûmen, si koufte met unde wîn. swâz guoter spîse mohte sîn, der briet si vil unde sôt. sô si dem pfaffen danne enbôt, daz der wirt was entwichen, sô quam er dar geslichen, als ein minnediep von rehte sol.

(V. 13 ff.).

Der Knecht des Hofes kommt der Bäuerin auf die Schliche. Als er unvermittelt auftaucht und ihr mitteilt, dass auch er hungrig sei, versucht die Bäuerin, ihn durch die Gabe von Brot und Käse los zu werden (V. 44 ff.). Die Bäuerin lässt von ihrem Treiben nicht ab. Beim nächsten heimlichen Treffen brät sie dem Pfaffen ein gefülltes Ferkel. Dazu gibt es eine Kanne guten Mets, und auch einen Kuchen (vochenzen)29 aus schneeweißem Mehl hat sie gebacken (V. 90 ff.). Neben (gekochtem und eingelegtem) Kohl standen die schon aus Neidharts Gemüsegarten bekannten ‚Rüben‘ auf dem ländlichen Speisezettel. Im ‚Renner‘ Hugos von Trimberg30 wird kontrastiv auf die Dürftigkeit dieser Nahrung verwiesen: Manic gebûr wirt schimelgrâ Der selten hât gezzen mensier blâ, Vîgen, hûsen, mandelkern: Rüeben kumpost âz er gern Und was im eteswenne alsô sanfte Mit einem herberînen ranfte Als einem herren mit wilde und zam

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(V. 9813 ff.).31

Vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 424 s.v. vochenze, vochenz: „eine art kuchen od. weissbrot“ Vgl. zu Autor und Werk Günther Schweikle: Hugo von Trimberg, in: VL Bd. 4 (1983), Sp. 268–282; ‚Der Renner‘, ein umfangreiches, moralisierendes Lehrgedicht, wurde etwa um 1300 vollendet, jedoch durch Hugo selbst wohl noch bis zu seinem Tod im Jahre 1313 ergänzt bzw. bearbeitet, vgl. Schweikle (1983), Sp. 275 Vgl. Edition Ehrismann (1970)

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Demnach wird mancher Bauer steinalt, ohne jemals ein ‚blanc mangier‘,32 Feigen, einen stattlichen Stör oder Mandelkerne – alles ausgesuchte ‚Herrenspeisen‘ – gegessen zu haben. Er aß stattdessen gern aufgesetzte und eingelegte Rüben,33 die ihm zusammen mit einer Haferbrotrinde so angenehm waren wie einem vornehmen Menschen verschiedene Fleischspeisen. Derartige Rübengerichte werden, selbst noch unter Beigabe eines Ziegenschinkens, als ‚Armeleutespeisen‘ bezeichnet: sô lâ die armen machen rüebkrût ze geizbachen

(‚Seifried Helbling‘, III, 231 f.).

Wie Rüben und Kohl wurden viele pflanzliche Nahrungsmittel wohl vorwiegend in stark zerkleinerter oder in Breiform bereitet.34 Im ‚Seifried Helbling‘ ist es neben Fleisch und Kraut (Kohl, Rüben) auch Gerstenbrei, den die Bauern vornehmlich zu sich nehmen sollen. An Fastentagen werden ihnen auch Hanf(samen?), Linsen und Bohnen zugestanden. Wildpret, Öl und Fisch sollten sie besser den Herren überlassen. Es wird ferner behauptet, dass, da sich die Bauern nicht daran hielten, das Land darunter sehr leide:

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Für diese ‚weiße Speise‘ (frz. blanc manger) werden ab dem 14. Jahrhundert verschiedene Zubereitungsarten genannt; gemeinsam ist ihnen die Beschreibung als eine Art Ragout aus hellen Fleisch- oder Fischsorten, Mandelmilch, ggf. Reis und verschiedenen, aromatisierenden Zutaten, vgl. dazu Hans Hajek: Das b˚uch von g˚uter spise. (Texte des späten Mittelalters 8). Berlin 1958, Nrn. 3, 76 und 77 Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1170 s.v. kúmpost, kumpóst, kompost: „eingemachtes überh., bes. sauerkraut“. Heyne (1901), S. 325 gibt hierzu nach ‚querschnittlicher‘ Auswertung verschiedener, vornehmlich poetischer Quellen folgende Zubereitungsart an: „Mehrfache Zubereitung wird angegeben, gewöhnlich siedet man sie (die Rüben, d. Verf.), giesst das erste Wasser hinweg, weil sonst die Rübe bläht, und macht sie mit Salz und Speck an; auch hackt man sie zusammt ihrem Kraut klein und dämpft sie so, das gibt dann rüebekrût oder den rüebenkumpost.“ S. hierzu auch Lex. Bd. II (1992), Sp. 525 s.v. rüebekrût: „weisse rüben, wie sauerkraut bereitet“ Dies legen nicht nur die literarischen Belege nahe, die Breispeisen wiederholt nennen. Auch die Zubereitungsmöglichkeiten, besonders beim Erhitzen von Kochgut, werden sich hier ausgewirkt haben. Klein geschnittene Zutaten werden zum einen beim Kochen schneller gar, ein Vorteil für diejenigen, für die aufwändige Zubereitung und lange Vorbereitungszeiten im Rahmen ihrer alltäglichen Verrichtungen nur begrenzt möglich waren. Die zumeist irdenen Kochtöpfe, die direkt an die Feuerglut gestellt wurden, ließen zum andern eine Zubereitung ‚al dente‘ wohl kaum zu, viele Gerichte dürften wegen der so nur schwer zu regulierenden Hitzezufuhr zwar heiß, aber auch verkocht gewesen sein

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man schuof in zeiner lîpnar fleisch und krût, gerstbrîn, ân wiltpræt solden si sîn, zem vasttag hanf, lins und bôn; visch und öl sie liezen schôn die herren ezzen, daz was sit. nû ezzent sie den herren mit, swaz man guotes vinden mac. daz ist dem land ein schûrslac.

(VIII, 880 ff.)

Als Grundlage für Brei- oder Musspeisen kommen auch andere Getreidearten in Betracht, so z. B. Hirse35, Erbsen und (Pferde-)Bohnen. Letztere werden einem liederlichen Kumpanen gebracht, der nach ausgiebigen Trinkgelagen überlegt, ob er sich nicht läutern sollte. Er zieht sich deshalb als Einsiedler in den Wald zurück, hat sich zuvor jedoch der Hilfe seiner Freunde versichert, die ihn dort mit Fleisch, Bohnen, Erbsen und Brot (nicht eben entbehrungsreich) versorgen.36 Das vorstehende ‚Helbling‘-Zitat ist eines der wenigen, die dem Bauernstand ausdrücklich den Genuss von Fleisch(speisen) zugestehen. Dies ist umso bemerkenswerter, als es an dieser Stelle um (hier möglicherweise fiktive) von ‚oben‘ diktierte Reglementierungen oder Speisevorschriften für die ‚niederen Stände‘ geht, gegen die sich der Autor stellt. Neben eingepökelten Waren, Räucher-, Brat- und Kochfleisch, die in ländlichen Haushalten wohl nur begrenzt verbraucht wurden, hatten auch haltbare Dauerwaren wie Würste ihren Platz auf dem bäuerlichen Speisezettel.37 35

In dem wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandenen Werk ‚Reinhart Fuchs‘ ist es der wohlhabende Bauer Lanzelin, der neben Grund und Geld auch genug Korn und Hirse besitzt: do hat er erbe vnde gelt, Korn vnde hirsez genvc, vil harte eben gienc sin pflvc. Der was geheizen Lanzelin

36 37

(V. 16 ff.),

vgl. Edition Düwel (1984), zur Datierung s. Einleitung, S. XXII Der Stricker: ‚Der durstige Einsiedel‘, Edition Fischer (1973), V. 103 ff. Im ‚Seifried Helbling‘ werden sie neben Gehacktem oder Wurstfülle auch genannt als Produkte, die ein Bauer (hier durchaus spitz: ‚Feldfürst‘) aus einem Mastschwein (bekklotz) machen kann: ‚ich weiz diu rehten mære: ein bekklotz, ein mestswîn er ze des Pibers türlîn kündiclîchen hin ûz brâht;

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261

Eier werden selten genannt, haben jedoch in der ländlichen Küche sicher keine kleine Rolle gespielt.38 Im ‚Seifried Helbling‘ begegnen sie als ‚Freitags‘-, gleich Fastengericht neben dem Käse. Sofern man auch diese nicht erlauben wollte, so der Autor, werde man sich wie die Bayern freudig der Völlerei hingeben: sô man uns niht erloubet frîtages kæs und eier, fridic sam die Beier sî wir mit gefræze.

(XIV, 38 ff.)

Milchprodukte wie Käse erscheinen öfter. Der Stricker lässt in der ‚Martinsnacht‘ einen reichen Bauern auftreten, der sich gern und äußerst umfänglich dem Weingenuss hingibt. Vor dem Trinkgelage lässt er seine Frau einen alten Käse heranbringen, den er als eine gute ‚Grundlage‘ preist: er sprach wider sîn wîp: „nu ginc, sô dir dîn lîp, und trac einen alten kæse her. des sul wir ezzen“, sprach er, „dâ ist daz trinken guot nâch.“

(V. 131 ff.)

Neben dem schon als ‚dünne‘ Nahrung markierten Käsewasser wird auch Quark (Topfen)39 genannt, der sich bei der Käseherstellung absetzt. Im ‚Seifried Helbling‘ schilt die Bäuerin, die ihren Mann kulinarisch kurz hält, es sich selbst jedoch gut gehen lässt, ihre Magd. Sie wirft ihr vor, mit dem Topfen den Knecht zu verwöhnen:

ze sîner herberg er gâht: dâ sitzet der veltfürste, meizlinc unde würste kann er machen wol dâ van.

(XV, 302 ff.)

Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 2091 s.v. meizlinc: „gehacktes fleisch, würstfülle“; gebratene Würste gibt es bei einem Hochzeitsmahl, das in der Kleindichtung ‚Minnedurst‘ ausgerichtet wird: man gap in ie zwein ¢underbar gebraten wür¢t ze le¢te 38

39

(V. 128 f.),

abgedruckt in: Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 21, S. 136 ff. Der alte Helmbrecht versieht seinen Sohn, als dieser den väterlichen Hof verlässt, mit Käse und Eiern, vgl. ‚Helmbrecht‘, V. 913 ff. Vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1463 zum Stichwort sowie Heyne (1901), S. 313

262

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wie ist der kæs ûz geworht! ich sih daz kæsewazzer wol, daz ist guoter topfen vol, mich triegen die sinne mîn. der kneht mac dir heimlîch sîn, dem dû pepelst dâ mit dû vil bœse dehselrit!

(I, 1190 ff.)40

Auch Milchrahm wird aufgeführt, er wird mit dem Attribut guot versehen und damit als ‚angenehm‘ bzw. ‚wertvoll‘ gekennzeichnet.41 Merkwürdig ist angesichts derart belegter Details, dass das Trinken von Milch dort, wo es um bäuerliche oder ländliche Szenen geht, keine Erwähnung findet. An Getränken wird neben Wasser, an das sich ja der alte Helmbrecht halten will, verschiedentlich auch Bier genannt. Des alten Helmbrecht Tochter, die auf die fragwürdige Vermittlung des jungen Helmbrecht hin dessen Räuberkumpanen Lemberslint heiraten soll, ist von dieser Aussicht durchaus angetan, weil sie meint, dass sie dadurch keine Not leiden müsse. Ihre Vorratskammer werde dann gefüllt sein, es werde Wein geben, das Bier werde ihr gebraut, (das Korn) gut gemahlen sein (V. 1396 ff.). Von der Bier(schaum)krone spricht der junge Helmbrecht, als er seinem Vater eine patzige Antwort gibt: liez ich daz ungerochen stân, so wær ich niht ein frecher. der blies in einen becher den schûm von dem biere.

(V. 1164 ff.)

Bei Neidhart wird Apfelmost erwähnt,42 und Birnenmost wird als bayerisches Charakteristikum im ‚Seifried Helbling‘ aufgeführt (III, V. 233), ferner der bereits oben erwähnte Met. Den Wein, der dem alten Helmbrecht als Getränk so gar nicht passend erscheint (V. 892 u. ö.), haben andere Bauern durchaus nicht verschmäht, wenn man hierfür die in der Dichtung durchaus zahlreich vorhandenen Belege heranzieht. Oft, jedoch nicht mehrheitlich, geht es dabei um ausgedehnte Zechgelage, wie z. B. in der ‚Martinsnacht‘ des Strickers, in der der 40

41

42

Übersetzt etwa: Wie ist der Käse schon in fortgeschrittener Reife! Ich sehe das Käsewasser wohl, das voll mit gutem Topfen ist, mich trügen meine Sinne. Der Knecht mag dir heimlich zugewandt sein, den verwöhnst du damit, du schlimme Hexe, vgl. Lex Bd. I (1992), Sp. 416 s.v. dehselrite: „hexe“ ‚Seifried Helbling‘ I, 1055; vgl. die noch heute gebräuchliche Wendung von der ‚guten Butter‘ Im Winterlied Nr. 5, I, V. 8

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Bauer, nachdem er dem Wein zu sehr zugesprochen hat, von Viehdieben, die um seinen Zustand wissen, um seine Herde ‚erleichtert‘ wird.43 Neben Nahrungsmitteln allgemein und speziellen Gerichten finden sich gelegentlich auch Aufzählungen dessen, was zum Inventar von Hof, Haus und Küche eines wohlhabenden Bauern gehört. Neben Vieh- und Geflügelbestand sowie Gerätschaften zur Wollgewinnung und -verarbeitung sind es ‚normale‘ Becher, bauchige Trinkbecher (Köpfe) und Flaschen,44 Salzfass, Dreifuß (Ständer für Kochgerät im Feuer) und Pfanne: rinder, schâf, swîn und lamp wolle, werc und âkamp, bürsten, streler, nizkamp und schær, becher, köpf und angstær, salzvaz, drîfuoz, phanne, die henne mit dem hanne moht in niht enphliehen.

(‚Seifried Helbling‘, I, 658 ff.)

Auch wenn bei Neidhart, im ‚Helmbrecht‘ und im ‚Seifried Helbling‘ manche Gerichte der ländlichen Bevölkerung, speziell gar ‚der Bauern‘ auch ausführlicher geschildert werden, ist es wenig wahrscheinlich, „daß wir die Wahrheit des Gesagten wohl kaum anzweifeln dürfen“.45 Allen diesen Werken ist schließlich gemeinsam, dass sie dem ordo-Gedanken verpflichtet sind, der mittelalterlichen Vorstellung von der göttlichen Einrichtung der unterschiedlichen Stände.46 Aus diesem Gedanken leiten sich die zeitgenös43

44 45

46

Vgl. Nr. XI in der Ausgabe Fischers (1973); angeblich hat der Bauer an dem besagten Abend 20 Becher geleert, vgl. V. 188; auch die Gedanken des ‚durstigen Einsiedels‘ kreisen fortwährend um Wein, und zwar in erheblichen Mengen, vgl. Nr. XII; ‚Der unbelehrbare Zecher‘ (Nr. XIII), ein ‚Weinschlund‘ (V. 1), lässt von seiner Trunksucht auch nicht ab, als ihn wohlmeinende Freunde vor den Folgen seines Treibens warnen. Regelmäßig ist es auch im ‚Seifried Helbling‘ Wein, der im Zusammenhang von Speise- oder Trinkszenen genannt wird. Regelmäßiger Konsum des Bieres wird besonders den Mähren und Tschechen zugeordnet (III, 235 ff.), und die Bayern und Sachsen saufen es angeblich geradezu (I, V. 540 ff.). Die Akteure trinken oder kaufen jedoch mehrheitlich Wein, vgl. z. B. I, V. 48; III, V. 246; XV, 127 ff. u. ö. Selbst einem Knecht wird noch ein Fass Wein jährlich zugestanden, vgl. IV, V. 71 ff. Vgl. oben S. 73 mit Anm. 161 (Kopf, Angster/Kuttrolf) sowie unten Kapitel 8 Benatzky (1963), S. 116; die Frage nach „Leistung und Grenzen der Realitätserfassung“ im ‚Seifried Helbling‘ beantwortet dagegen Ursula Liebertz-Grün indifferent unter Hinweis auf die allein sichere und bis in die frühe Neuzeit hinein unübertroffene satirische Absicht des Werkes, vgl. Liebertz-Grün (1981), S. 80 ff. Vgl. Otto Gerhard Oexle: Ordo (Ordines), in: LexdMA Bd. VI (1993), Sp. 1436 f.; siehe auch Nolte/Schneider (2001), S. 9 und George Fenwick Jones: The Function of Food in Medieval German Literature, in: Speculum XXXV (1960), S. 78–86, hier: S. 78

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Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung

sischen Vorstellungen dessen ab, was den einzelnen Ständen in ihrer Lebensführung jeweils angemessen sei. Dazu gehört schließlich auch der Bereich der Ernährung, bei der ja wiederholt zwischen ‚Herrenspeise‘ und ‚Bauernessen‘ unterschieden wird. Dies sollte aus Reglements abgeleitet werden wie etwa der Landfriedensordnung Herzog Leopolds V. (er regierte von 1177 bis 1194), auf die im ‚Seifried Helbling‘ angespielt wird (VIII, V. 880 ff.).47 Den Bauern stehen demnach als Nahrung Fleisch, Kohl und Gerstenbrei zu und an den Fastentagen Lein, Linsen und Bohnen. Das Fleisch jagdbarer Tiere sowie Fische und Öl48 bleiben dieser Darstellung zufolge den ‚Herren‘ vorbehalten. Bemerkenswert ist an derartigen Schilderungen, dass, obwohl hier konkret auf ein hochmittelalterliches Rechtsdokument verwiesen wird, durchaus nicht als gesichert gilt, dass es zu dieser Zeit tatsächlich kodifizierte (profane) Speiseverbote gab.49 Eine gewisse Übereinstimmung mit mittelalterlichen Rechtsverordnungen, besonders des Jagd- und Fischereirechts, ist in Passagen wie der aus dem ‚Seifried Helbling‘ jedoch nicht zu übersehen.50 Allgemein wurden den Bauern des Mittelalters – bei regional durchaus unterschiedlicher Handhabung – in Bezug auf Jagd- und Fischereirechte zunehmend starke Beschränkungen auferlegt.51 Jedoch lässt sich bis heute nicht eindeutig klären, „ob sich der mal. Jagdbann auf alles jagdbare Getier bezieht oder ob sich hier bereits Anfänge der Unterscheidung zwischen hoher und niederer Jagd, also gemeinfreie Jagd und auf dem Banninhaber allein zustehendes Wild, finden“.52 Belegbar ist, dass der Bauernschaft ein eingeschränktes Jagdrecht auf dem Gebiet der dörflichen Allmende auch im 13. Jahrhundert oft noch zustand.53 47 48

49

50 51

52 53

Vgl. auch oben S. 260 Zu dieser Übersetzung vgl. Jones (1960), S. 81, der unter Berufung auf das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm annimmt, dass mit dem mhd. öl nicht etwa (Oliven-?)Öl, sondern Aale gemeint seien Vgl. Bumke (2005), S. 242 mit Bezug auf die zitierte Stelle: „Solche Speiseverbote hat es, soweit wir wissen, im 13. Jahrhundert nicht gegeben.“ Diese Ansicht vertritt auch Rösener (2008), S. 143 Vgl. Hügli (1929), S. 87 ff. Vgl. Rösener (1985), S. 111 und 114 und Chr. Hafke: „Jagd- und Fischereirecht“, in: HRG Bd. II (1978), Sp. 281–288 Hafke (1978), Sp. 282 Vgl. Hafke (1978), Sp. 283; Hügli (1929), S. 88, stellt fest: „Total verschwunden sind auch im späteren Mittelalter die bäuerlichen Rechte auf Jagd und Fischerei nicht“; vgl. Rösener (1985), S. 111 und passim; dagegen jüngst Schubert (2006), S. 103, der diese Möglichkeit als „selten“ einstuft und bilanziert: „Der Tierreichtum sollte durch das Forstrecht (an dessen Anfang bezeichnenderweise der Wildbann stand) dem ein-

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Das mittelalterliche Fischereirecht unterlag dem Forstrecht vergleichbaren Bestimmungen. Das Meer, größere Flüsse und Seen galten grundsätzlich als weitestgehend ‚fischereifrei‘, durften damit frei befischt werden. Lediglich Teiche, besonders auch die der adligen Grundherren und Klöster, und kleinere Seen durften ausschließlich vom Grundeigner befischt werden. Für größere Flüsse wurden seit dem Hochmittelalter zunehmend von Grundherren als deren Anrainer auch Abgaben für Fischereirechte erhoben.54 Wenn also der junge Helmbrecht davor gewarnt wird, (verbotene) Fische in Unehren zu genießen (V. 462 f.), dann ist diese Passage kaum dahingehend zu interpretieren, dass Fische nur sehr selten auf die Tische ländlicher Haushalte kamen.55 Die obrigkeitlich orientierten Vorstellungen einer ‚Speiseordnung‘ können nur solche Fische einbeziehen, die besonders teuer waren oder in herrschaftseigenen Gewässern gefangen wurden. Nur vor dem Zugriff auf eben diese soll sich der junge Helmbrecht hüten. Es fällt jedoch auf, dass Fisch bzw. Fische bei Beschreibungen bäuerlicher Lebensweise in den beigezogenen literarischen Quellen kaum erscheinen. Im ‚Seifried Helbling‘ gibt es eine Stelle, an der der Hering genannt wird, dies jedoch in einer metaphorischen Wendung. Als für einen Gläubiger Geld eingetrieben werden soll, droht der gesandte Bote dem Schuldner: her wirt, ich muoz iuch rœsten als einen hêrinc ûf der gluot

(I, 705 f.).

Bemerkenswert scheint diese Wendung, weil der hier beigezogene Vergleich ausweist, dass der Hering, der ab Mitte des 13. Jahrhunderts vornehmlich in der Ostsee gefangen wurde, auch im Alpenraum (gut) bekannt gewesen sein muss.56 Vor diesem Hintergrund macht es sich Sieghilde Benatzky jedoch zu leicht, wenn sie auf die nahtlose Übereinstimmung (letztlich nicht gesicher-

54 55

56

fachen Mann verschlossen bleiben.“ Ebenso restriktiv fällt Schuberts Urteil zur Einforderung und Durchsetzung von obrigkeitlichen Fischereirechten aus, vgl. Schubert (2006), S. 126. Wie bei verschiedenen seiner Thesen bleibt Schubert bei beiden genannten Beispielen differenziertere Belege für seine Einschätzung schuldig Vgl. Hafke (1978), Sp. 286 Jedenfalls widerspricht diese Passage kaum, wie Benatzky (1963) feststellen will, „ganz eindeutig Bühlers Behauptung, daß Fische von den Bauern verhältnismäßig häufig gegessen wurden“ (S. 125 unter Bezug auf Johannes Bühler: Die Kultur des Mittelalters. Stuttgart 1954, S. 311) Zur Bedeutung des Stockfischs und des Herings sowie des bereits seit dem Hochmittelalter umfangreichen Fischhandels vgl. Schubert (2006), S. 131 ff., zur Verbreitung des Herings im Alpenraum bes. S. 133 ff.

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ter) zeitgenössischer Speiseordnungen mit dem Verhalten des alten Helmbrecht hinweist und daraus schließt, dass diese Schilderungen die tatsächlichen Nahrungsgewohnheiten der damaligen bäuerlichen Bevölkerung widerspiegeln. Sicher werden bei Neidhart, im ‚Helmbrecht‘ und im ‚Seifried Helbling‘ viele in der damaligen Ernährung wohl verbreitete Speisen genannt. Doch von einer Einhaltung möglicher, den ordo-Vorstellungen verpflichteter Speisereglements und folgsamer Beschränkung der Bauern auf die ihnen zugestandenen Nahrungsmittel kann in so allgemeiner Form – zumindest in dem in unseren Beispielen literarisch erfassten Raum – keine Rede (mehr) sein. Zu kurz greift Benatzkys Bilanz schließlich, weil sie die Intention des ‚Helmbrecht‘, die identisch oder ähnlich auch bei Neidhart und im ‚Seifried Helbling‘ nachweisbar ist, nicht angemessen berücksichtigt. Aus der Darstellung der Dörfler und Bauern in den Texten geht nämlich hervor, dass das althergebrachte ständische Gefüge im 13. Jahrhundert in Unordnung geraten ist.57 Bei Neidhart eifern die dörper in plumper und derbe übertriebener Art ritterlichen oder adligen Angewohnheiten nach, was durch den Dichter bevorzugt am Beispiel ihrer Kleidung und ihres Putzes verspottet wird. Im ‚Helmbrecht‘ ist es der Sohn des reichen Bauern, der, überzeugt von seinen Aufstiegsmöglichkeiten, im Gefolge eines Ritters Karriere machen will und dabei sich und seine Schwester in die Katastrophe führt. Im ‚Seifried Helbling‘ sind es nicht nur die Bauern, deren Gewohnheiten sich ‚merkwürdig‘ gewandelt haben. Vielfach sind es die ‚guten, alten Sitten‘, auch Anstand, Bescheidenheit und Schollenverbundenheit, die grundlegend ins Wanken geraten sind.58 Diese Entwicklung wird im ‚Helbling‘ offen der Regierung der Habsburger angelastet.59 Besonders dem ‚Helmbrecht‘ und dem ‚Seifried Helbling‘ ist dabei eine Tendenz gemeinsam: die laudatio temporis acti.60 Die Wandlungen, die sich während des 13. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Gefüge vollzogen, fanden ihren Niederschlag auch in der zeitgenössischen poetischen Produktion. Dieser äußert sich darin, dass sich diejenigen, die um ihre traditionelle Stellung fürchteten, den aufstrebenden Gruppen gegenüber (‚nach unten‘)

57

58 59

60

Vgl. Nolte/Schneider (2001), bes. S. 12 ff. und Liebertz-Grün (1981), S. 31: „Neidhart, Wernher und der Helbling-Autor informierten über erfolgreiche bäuerliche Aufstiegsbemühungen.“ Vgl. Nolte/Schneider (2001), bes. S. 11 ff. Vgl. dazu Liebertz-Grün (1981) mit vielen Einzelbelegen; vgl. zum ‚Helmbrecht‘ in diesem Zusammenhang auch: Horst Wenzel: ‚Helmbrecht‘ wider Habsburg, in: Euphorion 71 (1977), S. 230–249, bes. S. 247 Für den ‚Seifried Helbling‘ vgl. dazu Liebertz-Grün (1981), S. 44 ff.

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abzuschotten versuchten.61 Die Landesherren als Auftraggeber poetischer Werke und deren Rezipienten an den größeren Adelssitzen haben ein gemeinsames Interesse, die althergebrachte Ordnung in der Dichtung, als Ausdruck ihres Standesbewusstseins, zu bewahren bzw. wieder auferstehen zu lassen: „Der Helmbrecht suggeriert dem adligen Publikum, die feudale Gesellschaft sei eine Welt ohne Konflikte und ohne Strukturprobleme, soziale Harmonie und tiefster Friede seien gesichert, ab und an seien nur ein paar bäuerliche Unruhestifter aufzuhängen.“62 Daher können die von Benatzky konstatierten Übereinstimmungen zwischen den ‚von oben‘ vorgestellten Reglements zur ordo-gemäßen Lebensführung und den Darstellungen bäuerlicher/ländlicher Lebensformen in der ebenfalls ‚von oben‘ in Auftrag gegebenen und beeinflussten literarischen Produktion63 weder überraschen noch als Gradmesser für den Realitätsgehalt der Darstellungen gewertet werden. Genau das Gegenteil trifft zu: die Literatur, insbesondere die Dichtung dieser Zeit, wird in konservativer Absicht instrumentalisiert, gerade weil die beobachtbaren Verhältnisse nicht mehr so sind, wie sie nach der Vorstellung der Landesherren sein sollten und folgendermaßen beschrieben werden: man sihet selten semeln wîz ûf sînem tisch und klâren wîn, er mac wol âne wiltpræt sîn; daz sîne spart er swaz er mac.

(‚Seifried Helbling‘, I, 48 ff.)64

Vor diesem Hintergrund müssen die Aufstiegsbestrebungen des jungen Helmbrecht, die in der pervertierten Nachahmung des höfischen Zeremoniells anlässlich der Hochzeit von Gotelint und Lemberslint gipfeln (V. 1535 ff.), zwangsläufig in der Katastrophe enden. Der alte Helmbrecht und seine bescheidene, an der ‚guten‘, alten Ordnung orientierte Haltung 61

62 63

64

Dazu Knapp (2001), S. 12: „In den Ländern des deutschsprachigen Südostens verschmolzen im Laufe des 13. Jahrhunderts die Ministerialen mit den Resten des alten Adels zur Schicht der Landesherren. Darunter bildete sich die Ritterschaft als eigener rechtlicher Stand aus, der sich ebenso, wie die Landesherren es taten, nach unten abzuschließen suchte, was wohl im allgemeinen, nicht aber im Einzelfall gelingen konnte.“ Liebertz-Grün (1981), S. 31 f. Liebertz-Grün (1981), S. 8, bilanziert, dass „die mittelalterlichen Autoren in der Regel so produzierten, wie ihr Publikum bzw. ihre Auftraggeber zu rezipieren wünschten“; vgl. zu Auftraggebern und Publikum ausführlicher Bumke (2005), S. 638 ff. Dass man auf dem Tisch der in dieser Passage angesprochenen Bauern selten Weißbrot und klaren Wein sieht und sie auch ohne Wildbret bleiben, wirkt ebenso toposartig wie die abschließende Wendung, man müsse sich (mühsam) mit dem einrichten, was eben da sei

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Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung

bieten das positiv besetzte Gegenbild und lassen die Zielrichtung des Werkes erkennen: „Daß nicht Geblüt, Herkunft, ererbte Herrschaft und Habe den Wert einer Person ausmachen konnten, sondern allein individuelle Vorzüge und Verdienste, wiederholten die Gelehrten zwar ohne Unterlaß. Die übliche Schlußfolgerung war jedoch die schlichte Maxime: ‚Schuster, bleib bei deinem Leisten!‘.“65 Es fragt sich daher, wie die beigezogenen Dichtungen hinsichtlich ihrer Darstellung ländlicher oder bäuerlicher Verhältnisse zu bewerten sind. Da sie eine deutlich tendenzielle Erzählhaltung aufweisen, bieten sie schließlich kaum Anhaltspunkte, die über allgemeine Nahrungsgewohnheiten der ländlichen Bevölkerung und vor allem deren mögliche oder tatsächliche Unterschiede zum Nahrungswesen höherer Stände verlässlich Auskunft geben könnten.66 Wahrscheinlich ist, dass die bäuerliche Küche der herrschaftlichen gegenüber durch eine elementare Einfachheit gekennzeichnet war. Wenn die zeitgenössischen Autoren darüber klagen, dass Bauern im 13. Jahrhundert ‚die gleiche‘ Nahrung zu sich nahmen wie höher gestellte Stände, ist dies möglicherweise vornehmlich auf verschieden verarbeitete Grundstoffe zu beziehen. Die Prosperität einzelner ‚reicher‘ Bauern und Dörfler ließ es wohl auch zu, dass teure Zutaten und Gewürze zunehmend außerhalb großer adliger, geistlicher und patrizischer Haushalte zum Einsatz kamen. Andernfalls machten die satirischen Bemerkungen Neidharts und auch im ‚Seifried Helbling‘ wenig Sinn. Grundsätzlich sind in ländlichen Haushalten, die durch wirtschaftliche, teilweise auch rechtliche und soziale Bedingungen und besonders wohl durch Zweckmäßigkeit bestimmt geführt werden mussten, zeitraubende und vor allem teure Alltagsspeisen nur schwer vorstellbar. Es fällt jedoch auf, dass verschiedene Gerichte, die durch die Dichter konkret genannt werden, in ihrer Bereitung verschiedene Zutaten sowie mehrere Arbeitsgänge erfordern und damit durchaus aufwändig sind: von der Quark-, Käse- oder Wurstproduktion über verschiedene Eintöpfe, gîselitze, clamirre und varveln bis hin zu gebratenem oder gekochtem Huhn, gebratener Gans oder einem (Span-)Ferkel. Beanstandet wird durch die Art der poetischen Darstellung auch nicht, wenn in einem reichen bäuerlichen Haushalt zu besonderen Anlässen verschiedene Gerichte und mehrere Gänge auf den 65 66

Knapp (2001), S. 9 Ein Beispiel für die Ansicht, dass die in der Dichtung des Mittelalters genannten Speisen ein reales Abbild der damaligen Verhältnisse zeichnen und als Ausdruck eines allgemein internalisierten ordo-Verständnisses gesehen werden sollten, bietet demgegenüber Jones (1960)

Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung

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Tisch gebracht werden, so, wenn der alte Helmbrecht zum Besuch seines Sohnes ‚ordentlich auftischen‘ lässt. Bemerkenswert sind – gemessen am ‚Vorbild‘ des alten Helmbrecht, sich doch an Wasser als Getränk zu halten – die vielfachen Erwähnungen des Weins, der – zumindest im südostdeutschen Sprachraum – auch in ländlichen Gebieten verbreitet gewesen und genossen worden sein muss.67 Ob und in wiefern dies regionale Besonderheiten widerspiegelt, wird unten im Rahmen der Beleuchtung archäologischen Quellenmaterials zu berücksichtigen sein. Folgt man den Darstellungen der Dichter, lässt sich zusammenfassend feststellen, dass sich die bäuerliche Kost des Hochmittelalters besonders, jedoch nicht nur auf vegetarischer Grundlage bewegte: Getreide, Gemüse (besonders Hülsenfrüchte) und auch Obst werden vorwiegend als zu Breioder Musspeisen sowie Aufläufen verarbeitet geschildert (aus Obst wird auch Saft oder Most gewonnen), Brot, zuweilen auch feinere Gebäcke, Milchprodukte und auch Eier haben daneben wohl eine wichtige Rolle gespielt. Wurst und verschiedene Sorten von Fleisch (Ferkel/Schwein, Huhn, Gans) kommen auf den poetisch bereiteten Tisch, jedoch nur bei besonderen Anlässen. Bestimmt haben, auch wenn es die literarischen Quellen nicht ausweisen, daneben auch Fische die Tische ländlicher Haushalte bereichert. Außerhalb der literarisch erfassten, durchweg wohlhabenden bäuerlichen Haushalte (Knecht und/oder Magd sind dort stets vorhanden) dürfte es jedoch auch oft vorgekommen sein, dass dieser Tisch ganz leer blieb oder dass auf ihm nur eine dünne Wassersuppe stand, in der aufgelöst wurde, was an Vorrat gerade vorhanden war: Getreide(schrot, -grütze, -mehl), Gemüse oder Obst. Auf derartige ‚Gerichte‘ müssen sich wirklich arme, im ‚Helmbrecht‘ durch den jungen Räuber ausgeplünderte Landbewohner – und besonders deren Kinder – beschränken: die gebûren ich vil selten freu die mir sint gesezzen. ir kint müezen ezzen ûz dem wazzer daz koch.

(V. 1238 ff.)

Beschrieben werden damit Zustände, die auch durch zeitgenössische Chronisten bezeugt sind: dass bei der dörflichen Bevölkerung wirtschaftliche Not und schmale Kost vorkamen, geht aus Schriften des Paderborner Bi67

Textbelege hierzu s. oben S. 262 f. mit Anm. 43. Dabei ist zu beachten, dass auch ein ‚ländlicher Raum‘ nicht nur von einer schlichten, meistens mittellosen Bauernschaft bevölkert wurde, sondern auch über größere Bauernhöfe mit vergleichsweise wohlhabenden Haushaltungen verfügen konnte, wie das Beispiel des Meiers Helmbrecht zeigt; vgl. auch unten Abschnitt 7.3 das Beispiel der ländlichen Siedlung Holzheim

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Ländliches Nahrungswesen im Spiegel der Dichtung

schofs Meinwerk hervor. Er beklagte im 11. Jahrhundert, dass viele Kleinbauern sich deshalb in die Abhängigkeit der Kirche begaben: „Wer ein paar Scheffel Land sein eigen nannte, übergab es dem Bischof, um sich eine Leibrente zu erwerben, die ihn über Wasser hielt. Er durfte dann hoffen, täglich ein Stück Schwarzbrot, einen Krug Bier, samstags einen halben Käse und sonntags ein Stück Fleisch zu bekommen.“68 Ferner berichtete Meinwerk von Armen in den Dörfern, die komplett auf die Gabe von Almosen angewiesen waren. Sie mussten auf die Freigebigkeit der Bevölkerung vertrauen oder sich um milde Gaben der Kirche oder aus der Armenküche von Klöstern bemühen. Ihre Lage fasste Meinwerk folgendermaßen zusammen: „Sie wussten am Morgen nie, ob sie am Abend satt sein würden.“69 Wie oft derartige Verhältnisse vorkamen und wie verbreitet sie tatsächlich waren, bleibt offen. Ferner ist auch bei chronikalischen Quellen des Mittelalters davon auszugehen, dass es ihre Autoren im Interesse der möglichst plastischen Darstellung mit einer realistischen Wiedergabe von Ereignissen oder Zahlen nicht gar so genau nahmen. Ob und wiefern sich derartige Beschreibungen ggf. belegen lassen, wird auf der Grundlage weiterer Quellen folgend noch zu beleuchten sein.70

68

69 70

Ernst Werner/Martin Erbstößer: Kleriker, Mönche, Ketzer. Das religiöse Leben im Hochmittelalter. Berlin 1992, S. 137 f. Werner/Erbstößer (1992), S. 137 Vgl. unten im Anhang den Abschnitt V

Das Leben in städtischen Siedlungen – ein Stiefkind literarischen Interesses

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5. Das Leben in städtischen Siedlungen – ein Stiefkind literarischen Interesses Obwohl es im Hochmittelalter neben wenigen größeren Städten wie Köln, Mainz, Nürnberg, Regensburg, Lübeck oder Magdeburg auch bereits viele kleine städtische Siedlungen gab, deren Zahl dazu beständig wuchs,1 finden Städte als Lebensraum und auch die in ihnen lebende Bevölkerung in der zeitgenössischen Dichtung kaum Beachtung. Dies ist bemerkenswert, entwickelten sich doch mit den seit dem 12. Jahrhundert rapide zunehmenden städtischen Siedlungen ‚alternative‘ Lebensräume und auch Lebensformen, die neu waren und auch bald eigene Ausprägungen zeigten.2 Aus der Perspektive des Publikums, der für dieses Publikum interessanten und daher von ihm bevorzugten literarischen Stoffe und Motive und damit auch der von zahlenden Auftraggebern abhängigen Autoren war ‚die Stadt‘ als Lebensraum, wenn überhaupt erwähnt, jedoch nebensächlich. Dies umso mehr, als es in vielen hochmittelalterlichen Dichtungen um das Ideal höfischer Lebensweise und damit um den Bezug zu der Sphäre ging, der sich das Publikum selbst zugehörig fühlte und die es auch als eine wichtige Orientierung für die Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse verstand. Die Attraktivität der erzählerischen Entwürfe für das adlige Publikum erklärt sich nicht zuletzt auch daraus, dass die damaligen realen Verhältnisse mit den edlen Motiven und Handlungen der Protagonisten höfischer Romane oftmals nur wenig gemein hatten.3 1

2

3

Vgl. Heiko Steuer: Lebenszuschnitt und Lebensstandard städtischer Bevölkerung um 1200. Ziel des Kolloquiums, in: Heiko Steuer (Hg.): Zur Lebensweise in der Stadt um 1200. Ergebnisse der Mittelalter-Archäologie. Bericht über ein Kolloquium in Köln vom 31. Januar bis 2. Februar 1984. (ZAM. Beiheft 4/1986). Köln 1986, S. 9–16, hier: S. 12, Bumke (2005), S. 51 ff. und Méhu (2004), S. 59 ff. Zusammengefasst durch Steuer (1986), S. 11: „Die mittelalterliche Stadt – im Gegensatz auch zur antiken Stadt – ist ein nach außen streng begrenzter Bereich, innerhalb dessen die Menschen durch dichtes Beieinanderleben, durch ihre größere Anzahl, durch Konzentration nichtagrarischer Tätigkeiten einen neuen Lebensstil geschaffen haben.“ Vgl. Bumke (2005), S. 11: „Die Jahrzehnte, in denen die höfische Dichtung ihre höchste Blüte erlebte, waren in Deutschland eine besonders schlimme Zeit innerer Kriege und öffentlicher Wirren.“

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Vor diesem Hintergrund kennzeichnen die Burg, die Festung oder auf Reisen und zu besonderen Anlässen das ausgedehnte (und durchaus komfortabel ausgestattete) Lager das räumliche Zentrum der epischen Stoffe, die Stadt kam als Ort höfischer Lebensweise kaum in den Blick, obwohl es in einigen damaligen städtischen Siedlungen auch Burganlagen oder bedeutende Adels- oder Bischofssitze gab.4 Das Aufstreben des städtischen Patriziats und des Bürgertums, insgesamt von Menschen, die sich wirtschaftlich zunehmend einen gehobenen Lebensstandard leisten konnten, wurde vom Adel überwiegend mit Abgrenzung beantwortet, die sich in literarischen Stoffen durch die Kritik an jenen äußert, die adlige Lebensformen anstreben und ‚nachleben‘ wollen, ohne dem Adel anzugehören. Das Zerrbild, das vom jungen Bauern ‚Helmbrecht‘ gezeichnet wird, bietet dafür ein markantes Beispiel.5 Die städtische Bevölkerung wird, sofern sie für den Gang einer Erzählung nicht doch eine Bedeutung besitzt, nicht erwähnt, noch schärfer gefasst: insgesamt ignoriert. In den wenigen Werken, die sich im späten 13. Jahrhundert möglicherweise auch oder besonders an ein städtisches Publikum richteten, wurden wiederum die Stoffe und Darstellungen der höfischen Epik aufgegriffen, sodass auch sie ‚die Stadt‘ als Lebensraum nicht aufführen oder näher beschreiben.6 Dies gilt auch für die Werke Konrads von Würzburg, der sich zunächst im Spessart und möglicherweise auch am Niederrhein aufhielt, dann für längere Zeit in Straßburg weilte und sich in den 1260er Jahren in Basel niederließ.7 Mehrere Werke seiner ebenso vielseitigen wie umfangreichen literarischen Produktion8 verfasste er nachweislich im Auftrag eines exklusiven 4

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Verschiedene städtische Siedlungen sind durch vermehrte Ansiedlungen um eine bestehende Burg oder einen Herrensitz herum erst entstanden, vgl. Méhu (2004), S. 59 f.; Burganlagen in (Verbindung mit) städtischen Siedlungen gab es z. B. in München, Leonberg, Nürnberg, Hamm, Lemgo, Hamburg, Braunschweig, Schwerin, Wismar, Quedlinburg, Marburg sowie im hessischen Staufenberg; bedeutende Bischofssitze befanden sich in Köln, Trier, Mainz sowie in Basel, Augsburg, Regensburg, Paderborn, Bremen, Magdeburg oder Brandenburg/Havel Vgl. oben Kap. 4, S. 247 ff. Es wird für möglich gehalten, dass Ulrich von Türheim (‚Rennewart‘, Fortsetzung des ‚Tristan‘-Stoffs) und Heinrich von Freiberg (Fortsetzung von Gottfrieds ‚Tristan‘) ihre Werke für ein vornehmlich städtisches Publikum verfassten, so jedenfalls Peter Nusser: Deutsche Literatur im Mittelalter. Lebensformen, Wertvorstellungen und literarische Entwicklungen. (Kröners Taschenbuch-Ausgabe. Bd. 480). Stuttgart 1992, S. 239 Vgl. Horst Brunner unter dem Stichwort ‚Konrad von Würzburg‘ in: VL Bd. 5 (1985), Sp. 272–304, bes. Sp. 273 Überliefert sind u. a. religiöse Legendendichtungen (‚Pantaleon‘, ‚Alexius‘, ‚Silvester‘), ein Marienpreisgedicht (‚Die goldene Schmiede‘), kleinere Dichtungen wie ‚Der

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städtischen Publikums, so z. B. ‚Heinrich von Kempten‘ zwischen 1261 und 1277 im Auftrag des Domprobstes von Straßburg oder ‚Partonopier und Meliur‘, dessen Entstehung (bis 1277) insbesondere auf die Veranlassung durch den Baseler Peter Schaler zurückgeht: „K.s Basler Gönner gehörten allesamt zur politischen und ökonomischen Führungsschicht der Stadt“, Konrads ‚Partonopier und Meliur‘ „verdankt seine Entstehung hauptsächlich dem miles Peter Schaler, einer der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten Basels in jener Zeit, Sproß einer wohlhabenden und mächtigen Ritterfamilie, Führer der Adelspartei der Psitticher …, daneben den Bürgern Heinrich Merchant … und Arnold Fuchs.“9 Vor diesem Hintergrund könnte angenommen werden, dass die Stadt als Lebensraum, der er ja auch für Konrad und insbesondere für seine Auftraggeber war, in seinem Werk einen merklichen Niederschlag gefunden hätte. Dies ist jedoch nicht der Fall.10 Dabei kommen Städte als Orte der Handlung bei Konrad durchaus vor. In der Legendendichtung ‚Pantaleon‘ ist es das spätantike Rom, in dem das segensreiche Wirken des Christen und Arztes Pantaleon von den Mächtigen als gefährliche Zauberei verkannt wird. Rom ist so nicht nur Schauplatz, sondern steht auch stellvertretend für einen ‚schlechten‘ Ort heidnischer Irrlehren und der Ignoranz bzw. Verfolgung des christlichen Glaubens. In ‚Partonopier und Meliur‘ spielt eine – im Wortsinn – zauberhafte Stadt eine Rolle, in die der junge Edle Partonopier gerät, nachdem er sich auf einer Jagdpartie verirrt und dann ein am Strand aufgefundenes Boot bestiegen hatte, das ihn von selbst über das Meer an fremde Gestade brachte. Partonopier verlässt das Schiff, um eine nahe gelegene Stadt zu erkunden, die er bereits von See aus wahrgenommen hatte (vgl. V. 776 ff.). Die Stadt erweist sich als überaus prächtig. Sie hat eine Umfassung aus hohen Mauern, die mit vielen Toren versehen ist. In dieser Stadt gibt es viele

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Welt Lohn‘ und das ‚Herzmaere‘, religiöse Leichs, daneben Minnelieder und Sangsprüche, kürzere Erzählungen, die den höfischen Bereich berühren, aber auch Beispielcharakter besitzen, wie ‚Heinrich von Kempten‘, längere Erzählungen derselben Ausrichtung wie ‚Engelhard‘ und das ‚Turnier von Nantes‘, sowie die ohne Schluss endende Großerzählung ‚Partonopier und Meliur‘ (mit fast 20 000 Versen), für die er auf eine französische Vorlage zurückgriff, vgl. Brunner (1985), bes. Sp. 273–295 Brunner (1985), Sp. 174 f. Da Konrad seine Auftraggeber, Unterstützer oder Helfer (z. B. bei der Übersetzung aus dem Französischen, das er wohl erst spät erlernte) in seinen Werken oft benannte, sind Namen überliefert und lassen sich Konrads Wirkungskreis und seine Beziehungen vergleichsweise gut rekonstruieren Auf entsprechende Passagen wurden folgende Dichtungen Konrads geprüft: ‚Engelhard‘ (Edition Reiffenstein, 1982), ‚Heinrich von Kempten‘, ‚Herzmaere‘, ‚Der Welt Lohn‘ (Edition Schröder, 1968), ‚Pantaleon‘ (Edition Neukirchen, 2008) sowie ‚Partonopier und Meliur‘ (Edition Bartsch, 1970)

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Türme, wie viele der innerstädtischen Mauern werden sie als goldglitzernd und mit rotem, weißem und andersfarbigem Marmor versehen geschildert. Silbern glänzende Dächer werden angeführt, daneben gepflegte, steingepflasterte Straßen (vgl. V. 802 ff.). Partonopier betritt die – nicht verschlossenen – Häuser, in denen er mit Speisen so reich gedeckte Tische vorfindet, wie sie wohl dem Kaiser oder der Königin (so) nie aufgetragen wurden. Auf den Tafeln stehen Würzwein, purer Wein und Met in blank schimmernden Trinkgefäßen,11 in den Häusern brennen dazu (angenehm) rauchlose Feuer: er gieng in ein iegelîches hûs: dâ sach er tische wol bereit von maneger hande rîcheit und dar ûfe spîse gnuoc, daz man als edel nie getruoc für keiser und für künegîn. môraz, mete und klâren wîn in liehten köpfen er dâ vant. in iegelîchem hûse erbrant was ein viur ân allen rouch.

(V. 898 ff.)

Diese schöne Stadt ist vollkommen menschenleer. Die zauberkundige Königstochter Meliur, Gebieterin über die Stadt und deren Bewohner, hat, wie sich später herausstellt, alles wie beschrieben eingerichtet, um Partonopier staunen zu lassen und für sich einzunehmen. Die geschilderte Szenerie erweist sich daher als gezielt inszenierte, auch ins Traumhafte überhöhte ‚Schlaraffenland-Kulisse‘12 und hat daher mit real existierenden Kommunen oder mit dem Leben in ihnen nichts gemein.

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Vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1906 f. s.v. lieht: „hell, strahlend, blank allgemein“ Fortgesetzt wird sie in der Schilderung dessen, was Partonopier vorfindet, als er sich aus der Stadt in die benachbarte Burg begibt. Auch dort ist niemand zu sehen. Im prächtigen Palas findet er jedoch eine Tafel. Aus einem bereit stehenden Gefäß lässt er sich Wasser über die Hände gießen, das in einem Becken aufgefangen wird. ‚Wie von Zauberhand‘ schwebt ihm dann ein Handtuch zum Trocknen der Hände entgegen, er lässt sich an der Tafel nieder und wird mit Wild- und anderen Fleischgerichten sowie mit Getränken reich bedient, die ihm in kostbaren Gefäßen aus Gold und Edelsteinen serviert werden (vgl. V. 972 ff.). Alles geschieht dort wie von selbst, Diener oder andere Personen sind durch Partonopier nicht zu entdecken. Einschließlich eines kurzen inneren Monologs, in dem sich der junge Edle wundert, was das alles zu bedeuten habe, und sich fragt, ob er vielleicht träume, ist diese Passage mehr als 100 Verse lang. Sie ist ganz auf die eindrückliche Schilderung der phantastischen Szenerie hin ausgelegt und bewirkt durch ihre außergewöhnliche Länge eine erhebliche Steigerung des Wundersamen

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Dies ist jedoch auch nicht intendiert, denn die gesamte Erzählung lebt von verschiedenen märchenhaften Motiven, ihre Protagonisten handeln der höfischen Etikette und Kultur verpflichtet. Meliur, die zunächst nur bei Nacht erscheint und für Partonopier im Dunkel unerkennbar bleibt, nimmt ihm das Versprechen ab, dass er nicht versuchen werde, sie zu sehen, bevor sie es ihm gestatte. Er bricht sein Versprechen und kann die von ihm innig verehrte Meliur nur nach einer Reihe von harten Prüfungen und Turnieren wiedergewinnen. Höfische Motive und Minnethematik prägen das Werk daher deutlich,13 die ideale Welt der Höfe und des Adels wird adaptiert und wirkt so in die kulturelle Sphäre der einflussreichen, städtischen Auftraggeber hinein. Deren eigene Stadt und ihre wahrscheinlich vielschichtige, auch gelebte Kultur bleiben darüber in der Dichtung ohne ein erkennbares eigenes Profil. In der mittelhochdeutschen Epik werden darüber hinaus imaginäre und auch tatsächlich existierende Städte zwar benannt, doch dienen sie dort der regionalen Einordnung und der Kennzeichnung eines Orts oder als wichtige Ergänzung einer für die Handlung bedeutsamen Kulisse. So findet sich Xanten in der 2. Aventiure des ‚Nibelungenliedes‘ als Siegfrieds Geburtsort, Sitz des väterlichen Adelshofes und Standort einer großen Münsterkirche, von der 3. Aventiure an kommen Worms und der dortige Burgundenhof in den Blick, und der folgenreiche Streit der Königinnen um den Vortritt beim Kirchgang findet in der 14. Aventiure vor dem dortigen Dom statt. Zu den Orten selbst und zu deren Bevölkerung werden dabei jedoch keine näheren Betrachtungen angestellt. Die Passage über den Hoftag, den Kaiser Friedrich I. 1184 in Mainz veranstaltete, im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke wird dort zwar lokalisiert – Mainz wird genannt (Meginze, V. 13226) –, der Ort des Ereignisses wird jedoch nicht näher beschrieben, vielleicht sogar als bekannt vorausgesetzt. Das große, eigens für den Hoftag aufgeschlagene Festlager, mehr noch die logistischen Leistungen, die zur Ausrichtung des Festes zu erbringen waren, und auch die Überfüllung der Stadt durch viele noble Gäste und ihr oft umfangreiches Gefolge führt Heinrich nicht aus. Die Stadt selbst ‚findet nicht statt‘, obwohl sie für das Festmotiv durchaus passende Bilder geboten hätte.14 Als Kulisse der Handlung besitzt die Stadt auch bei Wolfram von Eschenbach, der bei vielen seiner Schilderungen gern zeitgenössische Details aufnahm, kaum Bedeutung. 13

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Vergleichbar ist darin der ‚Engelhard‘, in dem eine Stadt als Ort der Handlung jedoch keine Rolle spielt Anders verhält es sich mit den chronikalischen Quellen über dieses Ereignis, vgl. oben Abschnitt 2.2.1

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Dass es im ‚Parzival‘ rund um die Burg Pelrapeire auch eine größere Siedlung gab, wird nur daraus ersichtlich, dass bei der Belagerung der Burg auch die Bewohner dieser Siedlung – die burgære – darben. Sie werden, als die Burgherrin Côndwîrâmûrs eine von außen dringend erbetene Lebensmittellieferung erhält, auf Parzivals Vorschlag hin mit versorgt und dadurch vor dem Hungertod bewahrt. ir bote wider quam gedrabt: des wart diu kranke diet gelabt. dô was der burgære nar gedigen an der spîse gar: ir was vor hunger maneger tôt ê daz in dar kœme’z brôt. teiln ez hiez diu künegîn, dar zuo diu kæse, dez vleisch, den wîn, dirre kreftelôsen diet: Parzivâl ir gast daz riet.

(190, 25 ff.)

Die Stadt und ihre Bevölkerung besitzen damit lediglich die Funktion, die auch in einer Notsituation edle – und hier besonders: freigebige – Haltung der Protagonisten hervorzuheben. Dieses Motiv wird folgend noch verstärkt, als man Schiffe ausmacht, die den Hafen ansteuern. Die Stadt und die Burg Pelrapeire müssen also in der Nähe eines Flusses liegen. Burgherrn und Städter sausen zu den Schiffen, die nur Lebensmittel geladen haben: zwêne segele brûne die kôs man von der wer hin abe: die sluoc grôz wint vast in die habe. die kiele wârn geladen sô dês die burgær wurden vrô: sine truogen niht wan spîse. daz fuogte got der wîse. hin von den zinnen vielen und gâhten zuo den kielen daz hungerc her …

(200, 10 ff.)

Die Hafenanlagen sind damit trotz der andauernden Belagerung offenbar für sie erreichbar. Doch mit dem Eintreffen der dringend benötigten Lebensmittel gibt es Probleme: die hungernde Menge schickt sich an, die Schiffe zu plündern. Der Marschall der Burgherrin greift ein. Er stellt Schiffe und Kaufleute unter seinen Schutz und verbietet bei Todesstrafe jeden Übergriff. Die Kaufleute werden von ihm in die Stadt geleitet (vgl. 200,

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19 ff.). Dort entscheidet Parzival, dass der Preis der Lebensmittel verdoppelt werden soll. Die Kaufleute finden das übertrieben, doch die Waren werden auch unter dieser Bedingung tatsächlich verkauft (vgl. 200, 29 ff.). Die beschriebene Gier der Hungernden und die Veräußerung der Lebensmittel zu einem (zu) hohen Preis bieten ein durchaus realistisches Bild einer Stadt in Notzeiten,15 bilden jedoch auch hier wieder ‚nur‘ den Hintergrund dafür, das Verhalten der Edlen ins rechte Licht zu rücken. Nur ihr Eingreifen verhindert die Plünderung der Schiffe, sorgt für die Herstellung einer grundlegenden Ordnung und für eine Regelung der Lebensmittelverteilung. Die ausgehungerte Stadtbevölkerung tritt nämlich ungezügelt auf und zeigt sich nicht in der Lage, die Situation zu entspannen oder selbst angemessen zu organisieren. Dass dieser Stadtbevölkerung wenig Sympathien entgegen gebracht werden, wird auch aus der anschließenden Bemerkung ersichtlich, die zur betont vernünftigen, maßvollen und gesitteten Verteilung der Speisen, die Parzival unter den Edlen vornimmt (vgl. 201, 8ff.), in deutlichem Kontrast steht: den burgærn in die kolen trouf.16 ich wær dâ nu wol soldier: wan dâ trinket niemen bier, sî hânt wîns und spîse vil.

(201, 4 ff.)

Die städtische Bevölkerung gewöhnt sich nach Eintreffen der Lebensmittel nicht etwa vorsichtig wieder an die Nahrungsaufnahme. Vielmehr troff es (das Bratenfett) in die Glut ihrer Herdstellen, eine Wendung, die ebenso Unmäßigkeit ausdrückt wie die Aussage, dass in der gerade der Hungersnot entronnenen Stadt niemand etwa Bier trank, sondern sich an Wein und üppiger Speise labte. Spitz setzt der Autor hinzu, dass er angesichts dieser Verhältnisse gern (als Söldner) im Dienste der Stadt stände. In dieser Belagerungs-Episode werden, da das Bild der Stadt und ihrer Bewohner gezielt als Kontrast zur höfischen Haltung und Lebensweise entworfen wird, die in normalen Zeiten üblichen Lebensverhältnisse der burgære ausgeblendet. Bemerkenswert ist, dass Wolfram die Hofgesellschaft im ‚Willehalm‘ einmal von der Burg aus zum Essen in ‚die Stadt‘ (Orange) verlegen lässt: den vürsten was daz kunt getân und andern ir werden man, si solten enbîzen in der stat. 15

16

(244, 1 ff.)

Vgl. zur Teuerung von Lebensmitteln als Anzeichen für Mangel und Hunger unten im Anhang Abschnitt V Das Subjekt, das im Text fehlt, muss sich der Hörer oder Leser offenbar hinzudenken

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Wohin sich die Gesellschaft dort begibt und wie sich das enbîzen in der Stadt vollzieht – ggf. auch im Kontrast zur höfischen Gewohnheit –, wird folgend nicht erwähnt. Diese kurze Passage setzt jedoch voraus, dass es möglich war, in einer Stadt zum Essen einzukehren. Dass Wolfram diesem, zur üblichen höfischen Gastfreundschaft nicht ganz passenden Verfahren keinen Kommentar folgen lässt, könnte darauf hinweisen, dass das Publikum es weder für sonderlich ungewöhnlich noch für ungebührlich gehalten haben mag. Weit zuvor wird Willehalm vom Kaufmann Wîmâr aufgesucht und in dessen Haus eingeladen. Da der koufman von der stat kam (130, 17), findet die Einladung, die Willehalm annimmt, denn auch dort in seinem Hause statt, obwohl dies nicht eigens erwähnt wird. Wîmâr erweist sich als vorzüglicher Gastgeber, der Willehalm nicht nur einen bequemen Sitzplatz, sondern auch eine Reihe köstlicher Speisen und Getränke anbietet: nû het der wirt daz geboten, daz was gebrâten und gesoten vil niuwer spîse reine, vische und vleisch gemeine, beidiu daz wilde und ouch daz zam. der wirt die kost an sich sô nam, solt’z im loesen sînen lîp, sône möht er selbe und ouch sîn wîp des nimmer baz genemen war, dô bereite man mit zühten dar und rihte eine tavelen kleine dem marcrâven eine. dô der sîne hende getwuoc, der wirt vür in mit zühten truoc nâch koufmannes prîse maneger slahte spîse, gesoten und gebrâten. swelh arman sô berâten waere, vür guot er’z naeme. sölh trinken, daz gezaeme dem keiser ze bieten

(133, 11 ff.).

Der Kaufmann lässt für Willehalm nicht nur verschiedene, sondern auch sehr erlesene Gerichte auftragen, genannt werden ein Pfau in einer ‚nach Hausrezept‘ des Gastgebers besonderen Sauce, ein Kapaun, ein Fasan und verschiedene Fischsorten (vgl. 134, 9 ff.).

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Diese Szene wird durch Wolfram jedoch nicht so ausführlich entworfen, um etwa die Lebensumstände des Kaufmanns zu beschreiben. Ein wohlhabender Kaufmann als Gastgeber bot erzählerisch vielmehr die Möglichkeit, halbwegs glaubwürdig ein auch nach höfischer Auffassung reiches und angemessenes Festmahl auszurichten. Wîmâr wird überdies in seinem Verhalten so beschrieben, dass er sich edel und angemessen zu benehmen und auch zu sprechen weiß, was sich dadurch erklärt, dass er einer Adelsfamilie entstammt (vgl. 131, 1). Der reiche Kaufmann und die prachtvolle Bewirtung bilden jedoch lediglich ein erzählerisches Element, um den Kern der Episode kontrastierend hervorzuheben: der schwermütige Willehalm, der ein Gelübde abgelegt hat, schlägt die erlesenen Speisen nämlich aus, er bittet Wîmâr vielmehr um Brot und Wasser: der wirt wol hôrte unde sach, daz er von trûren ungemach dennoch pflac und het erliten. ern wolt in dô niht vürbaz biten, deheiner bezzeren spîse leben. er begunde im hertiu wastel geben und trinken, des diu nahtegal lebt, dâ von ir süezer schal ist werder, dann ob sî al den wîn trünke, der mac ze Bôtzen sîn.

(136, 1 ff.)

Wîmâr kommt der Bitte seines Gastes nach und bewirtet ihn mit hartem Kleingebäck und Wasser, das Wolfram wiederum nicht unkommentiert lässt: das reine Wasser lässt immerhin die Nachtigall süßer singen als wenn sie allen Wein tränke, der sich in Bozen findet. Die Episode zieht ihren Reiz aus der ‚ideell verkehrten Welt‘, die hier entworfen wird, indem der städtische Kaufmann ein Festmahl ganz in höfischer Manier ausrichtet und der edle Willehalm sich nicht etwa reichlich bedient oder bedienen lässt, sondern in Verzicht übt. Sein Verhalten ist nur deshalb nicht unhöflich, weil er sich auf sein Gelübde beruft. Vor diesem Hintergrund bietet die Szene vielleicht einen Anhalt dafür, dass man sich reiche Kaufleute mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten vorstellen konnte, ein umfangreiches Gastmahl in passender Atmosphäre auszurichten, ihrer Intention und Anlage nach ist sie jedoch wohl nur bedingt geeignet, als Hinweis auf die ‚übliche Lebensform‘ auch ‚betuchter‘ Städter interpretiert zu werden. Einen für die mittelhochdeutsche Dichtung ungewöhnlichen, weil bürgerlichen Protagonisten lernen wir mit dem ‚guoten Gêrhart‘ Rudolfs von Ems kennen. Der Kölner Kaufmann genießt nicht nur einen ausgesprochen guten, sondern auch weit im Land bekannten Ruf. Daher reist selbst

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der Kaiser Otto17 nach Köln, um Gerhart kennen zu lernen. Bei einem arrangierten Treffen bittet der Kaiser Gerhart zu erläutern, was seinen besonders guten Ruf begründe und warum er ‚der Gute‘ genannt werde. Gerhart antwortet bescheiden und gibt zunächst nur an, dass er eben dort helfe und auch einspringe, wo es nötig sei (vgl. 919 ff.). Kurz darauf führt er doch etwas aus: Wolt ich tuon iht guotes, diu krankheit mînes muotes nam mir den guoten willen abe sô gar daz ich mit kranker habe den armen vreut in sîner nôt. sûrez bier und roggîn brôt was mîn almuosen für mîn tôr, swenn ich den armen sach davôr mit kumberlîchen nœten sîn.

(V. 941 ff.)18

Gerhart spielt seine persönlichen Motive und sein finanzielles Vermögen herunter, als er berichtet, dass er arme Menschen, die vor seine Tür kom-

17

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Um welchen Kaiser dieses Namens es sich handelt, wird durch Rudolf von Ems nicht kenntlich gemacht. Seine reichspolitischen Aktivitäten und insbesondere die im Text diesem Kaiser zugeschriebene Gründung des Bistums Magdeburg weisen deutlich auf Kaiser Otto I. (912–973), vgl. Wolfgang Walliczek s.v. Rudolf von Ems in: VL Bd. 8 (1992), Sp. 322–345, hier: Sp. 327. Dabei läge der ‚Welfenkaiser‘ Otto IV., der 1218 starb, der Entstehungszeit von Rudolfs Dichtung (etwa 1220/1225) näher. Er hätte – wenn für (einen Teil von) Rudolfs Publikum ‚logische‘ Bezüge denn überhaupt eine Rolle spielten – den Kölner Kaufmann Unmaze (zu dem die Dichtung, wie noch zu zeigen sein wird, einige Bezüge aufweist) zu Lebzeiten durchaus treffen können, außerdem verfügte Otto IV. über hervorragende Verbindungen nach England, das, wie Rudolfs Text ausweist, auch für den ‚guoten Gêrhart‘ eine wichtige Rolle spielt. Diesen Bezug will auch Walliczek (1992), Sp. 329 nicht ausschließen: „Wenn R.s ‚GG‘ … vor allem in seinem Anspruch als Fürstenunterweisung bestätigt wird, so hat BLECK (1985) die These aufgestellt, er sei als ‚Propagandadichtung im staufisch-welfischen Thronstreit‘ verfaßt worden. Ob R. allerdings mit Kaiser Otto nun Otto IV. angesprochen wissen wollte, der nach G.s Vorbild zum demütigen Verzicht seiner Ansprüche gegenüber Friedrich II. habe bewogen werden sollen – diese Frage wird die Forschung … weiterbeschäftigen“ In der Übersetzung etwa: ‚Wollte ich jemals etwas Gutes tun, war es meine schwache Gesinnung, die mir den guten Willen abnahm (ihn nicht erforderlich machte), sodass ich mit meinem geringen Besitz dem Armen in seiner Bedürftigkeit helfen konnte. Sauerbier und Roggenbrot waren vor der Tür mein Almosen, wenn ich einen Armen mit seinen kummervollen Nöten davor (erscheinen) sah‘, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1707 f. s.v. kranc: „kraftlos, leibesschwach, schwach im allgemeinen sinne“ sowie Sp. 1708 s.v. krancheit: „schwäche, schwachheit, … geringheit, … dürftigkeit“

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men, mit saurem Bier und Roggenbrot versorgt, er hält die Gabe von Almosen an die Armen für selbstverständlich. Der Kaiser ist mit dieser Erklärung noch nicht zufrieden. Er fasst nach, und Gerhart berichtet ihm von seinen mit dem Schiff unternommenen, weiten Kaufmannsreisen, u. a. in den Orient, wo er ebenfalls sehr großzügige und ehrenhafte Wohltaten vollbrachte. Ausführlich wird auch die Hochzeit behandelt, die Gerhart für seinen Sohn ausrichtet. Es ist ein geradezu fürstliches Fest, zu dem auch der Bischof und reiche Herren geladen sind (vgl. V. 3435 ff.). Es gibt Musik und Turnierspiele, am Tag nach dem Turnier ein großes Festmahl, bei dem die Sitzordnung der Gäste breit ausgeführt wird (vgl. V. 3665 ff.) und es auch nicht an truhsæzen unde schenken fehlt (V. 3687). Als Gastgeber kümmert sich Gerhart aufmerksam auch selbst um das Wohl seiner Gäste (vgl. V. 3704 ff.). Zu der noblen Gesellschaft stößt ein weinender, ärmlich erscheinender junger Mann, der zunächst für einen Pilger gehalten wird. Freundlich wird er aufgenommen, und es stellt sich heraus, dass es sich um den edlen Wilhelm von England handelt, der schiffbrüchig wurde und sich nun auf der Suche nach seiner Gefolgschaft befindet. Gerhart nimmt Wilhelm auf und kleidet ihn neu ein (vgl. V. 3795 ff.), an der Festtafel lässt er seinen neuen Gast aufmerksam bedienen: ich hiez die truhsæzen daz sî des niht vergæzen sî dienten müezeclîchen dar.

(V. 4525 ff.)

Die für Wilhelm glückliche Wendung ist komplett, als er in Gerharts Haus seine Verlobte wiedertrifft, die, weil sie Wilhelm verloren hatte, nun schon eine Weile bei Gerhart lebte und die Gattin seines Sohnes werden soll. Nobel treten Gerhart und sein Sohn von ihren ‚Ansprüchen‘ zurück, es heiraten die schon früher Verlobten, einem Freudenfest folgt die Abreise, für die Gerhart ein am Rhein bereit liegendes Schiff großzügig mit allem ausstattet, was die Annehmlichkeit der Reise fördert. Er berichtet davon: dô hiez ich tragen an den Rîn kleider unde spîse vil. … spîse und geræte, kulter, teppich, bette genuoc man an daz schif vil rîche truoc.

(V. 5194 ff.)

Wilhelm kehrt glücklich nach England zurück, später fährt Gerhart nach London und wird dort von Wilhelm dankbar aufgenommen. Der Kaiser

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versteht schließlich, warum Gerhart ‚der Gute‘ genannt wird und befindet, der Kaufmann trage seinen Beinamen zu Recht. Für das damalige Leben in einer Stadt, nicht nur in Köln als der im Hochmittelalter größten Stadt des deutschen Sprachraums, treffend darf vielleicht die Spendengabe gelten, die Gerhart dem armen Volk reichen lässt: saures Bier19 und Roggenbrot. Wie zuvor bereits im ‚Willehalm‘ ist es auch bei Rudolf von Ems der reiche Kaufmann, der seine edlen Gäste nicht nur fürstlich bewirtet, sondern im Falle Gerharts auch sehr großzügig beschenkt. Auch Rudolf von Ems geht es bei seiner Schilderung der Taten des zu großem Wohlstand gelangten Kölner Bürgers jedoch nicht um die Dokumentation von dessen wirtschaftlichen Möglichkeiten oder dessen tatsächliche Lebensverhältnisse: „Nach Peters ist die Beispielgeschichte vom Kaufmann Gerhard ‚funktional in eine spezifische Adels- bzw. Fürstenlehre eingebunden‘, woraus sie schließt, daß sich der Dichter ‚ganz offensichtlich nicht für die Stadt und ihre Bewohner interessiert‘.“20 Es sind vielmehr Gerharts Gastfreundschaft, seine Freigebigkeit, innere Haltung, Demut und Bescheidenheit, die hervorgehoben werden sollen. Der Besuch des Kaisers Otto, der den erzählerischen Rahmen bildet, vollzieht sich nämlich nicht grundlos: Otto selbst hatte nach Stiftung des Erzbistums Magdeburg wissen wollen, wel19

20

Für ‚Sauerbier‘ ließ sich in verschiedenen beigezogenen Wörterbüchern keine Erklärung finden. Auch die geläufige Redewendung ‚etwas anbieten wie Sauerbier‘ wird in Nachschlagewerken nicht dahingehend aufgelöst, dass sich das ‚saure Bier‘ schlüssig erklären ließe. Die Kombination einer Erläuterung zu dem Sprichwort im InternetInformationsdienst ‚Wikipedia‘ (unter dem Stichwort ‚Sauerbier‘) und einer Website für Hobbybrauer scheint mehr Klarheit zu bringen. Demnach geht das Sprichwort auf das im Mittelalter übliche öffentliche Ausrufen eines gerade fertig gebrauten Bieres zurück. Die auch heute noch negative Konnotation von ‚Sauerbier‘ wäre damit jedoch weiter offen. Die Hobbybrauer tauschen sich im Internet darüber aus, dass Bier unter mangelnden hygienischen Bedingungen und besonders, wenn man es über längere Zeit (Wochen) offen stehen lässt, von Lactobazillen befallen wird, die es sauer machen (und bei empfindlichen Menschen auch allergische Reaktionen auslösen können). Das ‚saure Bier‘ wäre damit eine Bezeichnung für altes, länger abgestandenes und damit qualitativ (stark) beeinträchtigtes Bier. Dass dies, sobald frisch gebrautes, qualitativ besseres Bier angeboten wurde, wohl nur schwer absetzbar war, leuchtet unmittelbar ein. Zu dem von Gerhart an die Armen ausgegebenen, ‚gewöhnlichen‘ Roggenbrot passt dieses Sauerbier, eine angesichts seines Reichtums besonders großzügige Gabe stellt diese Kombination allerdings nicht dar. Sie dürfte immerhin nahrhaft und sättigend gewesen sein Sonja Zöller: Kaiser, Kaufmann und die Macht des Geldes. Gerhard Unmaze von Köln als Finanzier der Reichspolitik und der „Gute Gerhard“ des Rudolf von Ems. (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur. Bd. 16). München 1993, S. 171

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chen Lohn er im Jenseits für diese gute Tat erwarten dürfe. Ein daraufhin vom Himmel gesandter Engel warnt ihn wegen dieser Vermessenheit und rät ihm, den in Demut vorbildlich lebenden Gerhart aufzusuchen. Es ist der Bürger Gerhart, der sich ein in sämtlichen Belangen ‚fürstliches‘ Leben leisten kann und der sich auch in der höfischen Lebensweise formvollendet bewegt, der sich schließlich in Haltung und Taten als wahrer Edelmann erweist, nicht etwa der Kaiser, dessen hoher Adel eine entsprechend noble Haltung hätte erwarten lassen. Insofern ist es auch bei diesem Beispiel erst die ‚verkehrte Welt‘, die die Didaxe der Erzählung hervorhebt. Nur aus dieser Perspektive ist auch nachvollziehbar, dass die ‚höfische Lebensweise‘ eines Kölner Bürgers in der Erzählung nicht etwa Anlass zur Kritik bietet, sondern vielmehr als beispielhaft vermittelt wird.21 Bemerkenswert ist dies auch, weil der Kölner Kaufmann Gerhart nicht etwa eine Phantasiefigur ist, sondern in der historischen Person des Kaufmanns Gerhard Unmaze konkret greifbar ist. Gerhard Unmaze ist der im 12. Jahrhundert durch eine Reihe von Urkunden und andere Belege am besten dokumentierte und daher bekannteste Bürger Kölns.22 Er hatte nicht nur bereits ein Vermögen geerbt, er konnte dieses Vermögen durch Fernhandelsgeschäfte, Geldverleih und die Erweiterung seines Haus- und Grundbesitzes23 auch so immens vermehren, dass sich sogar die englische Krone Geld von ihm lieh und in seiner Schuld stand.24 Der erhebliche politische Einfluss, den Gerhard Unmaze daher besaß und zur Stärkung der Bedeutung Kölns nachweislich auch nutzte, wurde durch eine Reihe öffentlicher Ämter und die ihm 1174 übertragene Zollverpfändung noch verstärkt.25 Die an verschiedenen Zollstellen – besonders am Rhein entlang – durch Handeltreibende zu entrichtenden Zölle wurden seinerzeit durch Naturalienabgaben, besonders durch Wein und Pfeffer, aber auch durch Honig geleistet,26 womit Gerhard Unmaze, der diese umfangreichen Einnahmen sicher auch weiter veräußerte, auch als Fern- und Großhändler von Lebensmitteln fassbar wird. Die von Gerhard Unmaze bekannten Lebensumstände rücken den Kaufmann denn durchaus ganz in die Nähe der ‚ritterlichen Sphäre‘, sei es 21

22 23

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Zu den verschiedenen Interpretationen der erzählerischen Intention Rudolfs – von religiös motivierter Legende über Adelskritik bis hin zur Kritik am Aufstieg des städtischen Bürgertums vgl. Zöller (1993), S. 167ff. („Der ‚höfische‘ Kaufmann Gerhard“) Vgl. Zöller (1993), S. 23 ff. Vgl. Zöller (1993), S. 56 ff. Gerhard Unmaze besaß nicht nur mehrere Häuser in Köln, sondern auch Ländereien und Weinberge, deren Erträge – Getreide und Wein – er wahrscheinlich auch in den Handel brachte Vgl. Zöller (1993), S. 109 ff. und S. 312 ff. Vgl. Zöller (1993), S. 29 ff. und S. 45 ff. Vgl. Zöller (1993), S. 39

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durch seine Wohltätigkeit, sei es dadurch, dass er seinen Reichtum und seinen Einfluss nutzte, um mit dem Hochadel, den Mächtigen seiner Zeit zu verkehren, politische Verbindungen aufzubauen und auch Verbindlichkeiten zu schaffen, selbst Fehden – z. B. zur Sicherung von Handelsinteressen – auszutragen: „Gerade bei den reichen Kaufleuten, die in der Stadt arriviert waren und das Stadtregiment unter sich aufteilten, zeigt sich ein Repräsentationsverhalten nach innen (unter sich und gegenüber der Gemeinde) wie nach außen (in der Darstellung der Stadt gegenüber den Mächtigen, mit denen Verträge abzuschließen waren), das sich nicht von der ritterlich-adligen Selbstdarstellung unterschied.“27 Sein Beiname ‚Unmaze‘, den bereits sein Vater trug, passt jedoch nicht in dieses Bild, denn unmâze kann nicht nur als ‚außerordentlich, unvergleichlich‘, sondern eben auch als ‚maßlos‘ übersetzt werden, „wobei die moralisch abwertende Bedeutung wohl immer mitgedacht worden sein dürfte.“28 Fragen zum Realitätsbezug der in der Dichtung vorkommenden Schilderungen bleiben jedoch auch vor diesem Hintergrund weitgehend offen. „Im Bild des ‚höfischen Kaufmanns‘, wie es in der Figur des Kölner Kaufmanns im ‚Guten Gerhard‘ oder des Kaufmanns Wîmar in Wolframs ‚Willehalm‘ erscheint, kommt … weder der angebliche soziale Aufstieg des handeltreibenden Bürgers zum Ausdruck, noch stellt es eine bloße literarische Fiktion dar.“29 Bei Rudolf von Ems ist es schließlich das auch religiös motivierte, lehrreiche Beispiel, das in den Vordergrund rückt, sein ‚Guter Gerhart‘ ist „‚von einer moralischen und sozialen Perspektive bestimmt …, die der Stadt bzw. dem Patriziat als sozialgeschichtlichen Faktoren keinen Raum läßt‘.“30 Ausschnitthafte Einblicke in die Welt außerhalb der höfischen Sphäre gewähren besonders Mären,31 mittelhochdeutsche Kleindichtungen, in de27 28 29 30 31

Zöller (1993), S. 88 Zöller (1993), S. 24 Zöller (1993), S. 100 Zöller (1993), S. 170 Einer schon älteren Definition zufolge ist ein Märe „eine in paarweise gereimten Viertaktern versifizierte, selbständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (d.h. durch die Verszahlen 150 und 2000 ungefähr umgrenzten) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichem Personal vorgestellte Vorgänge sind“, so Hanns Fischer: Studien zur deutschen Märendichtung. Tübingen 1968, S. 62f. Mären können Fischer zufolge verschiedene Grundtypen aufweisen und schwankhaft, höfisch-galant oder moralisch-exemplarisch ausgerichtet sein. In jüngeren Arbeiten wird diese Definition teils angezweifelt, teils ergänzt. Der einschlägige, von Klaus Grubmüller herausgegebene, übersetzte und kommentierte Band: Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. (Bibliothek des Mittelalters. Bd. 23). Frankfurt/M. 1996, war während der Erstellung der Druckfassung leider nicht erreichbar

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nen regelmäßig auch Protagonisten auftreten, die nicht der adligen Gesellschaft angehören. Ihre Handlung wird zwar meistens nicht genauer lokalisiert, sondern an Typen wie ‚Bauer‘, ‚Pfaffe‘, ‚Frau‘ oder auch ‚Ritter‘ und beispielhaften Szenen festgemacht (die besonders um Eigenschaften wie gut, böse, geizig, freigebig, dumm oder klug/findig, ehrlich oder lügnerisch kreisen), doch weisen manche dieser Texte – z. B. durch die gelegentliche Erwähnung von Tavernen oder Schenken und auch eines Marktes – eher auf städtische als auf ländliche Siedlungen als Ort des Geschehens hin. In dem ‚Drei listige Frauen I‘32 betitelten Märe berichtet eine der Frauen, dass man am Freitag wirklich guten Fisch gehabt habe. Ihr Mann jedoch zeigt sich missmutig, sie versucht, ihn aufzumuntern: ich begund in trœ¢ten: ‚¢ol ich dir die vi¢sche rœ¢ten‘, ¢prach ich, ‚min vil lieber knabe?‘ al¢us gienc ich ¢a hinabe nider zuo der glüete.

(V. 113 ff.)

Die Frau brät den Fisch – dass sie sich dazu zur Glut des Küchenfeuers hinabbeugen muss, unterstreicht ihre Mühe – und serviert ihn ihrem Mann, der jedoch nicht essen mag. Enttäuscht nimmt sie den Fisch wieder fort, stellt ihn oben auf den Türrahmen und verlässt das Haus: do fazt ich den gebraten vi¢ch hin uf daz übertür und gienc ich selbe da vür uzen an die ¢welle.

(V. 126 ff.)

Um ihren mürrischen Mann zu bestrafen, lässt sich die Frau von ihrem Geliebten abholen, bleibt eine Woche lang fort, um ihrem Mann am nächsten Freitag den Fisch von der Vorwoche gewärmt wieder vorzusetzen (vgl. V. 138 ff.). In einem anderen Maere bildet das Essen nicht den Grund einer Verstimmung, sondern wird aufgetragen, um eine versöhnliche Stimmung zu befördern. In ‚Die Gevatterinnen‘33 haben sich zwei sonst unzertrennliche Freundinnen zerstritten. Der Mann der einen befragt seine Frau zu dem 32

33

Zitiert wird nach Neues Gesamtabenteuer. Das ist Fr. H. von der Hagens Gesamtabenteuer in neuer Auswahl. Die Sammlung der mittelhochdeutschen Mären und Schwänke des 13. und 14. Jahrhunderts. Erster Band herausgegeben von Heinrich Niewöhner. Zweite Auflage herausgegeben von Werner Simon mit den Lesarten besorgt von Max Boeters und Kurt Schacks. Dublin/Zürich 1967, hier: Nr. 17 Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 3

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Vorkommnis und weist den Knecht an, ihr Brot, Wein, Met und was die Küche sonst hergeben mag aufzutragen, damit sich ihre Laune bessere: der wirt nider ¢az und vragte ¢i der mære wie ir ge¢chehen wære. ¢waz er ¢i gevraget ie, ein wort en¢prach ¢i nie und zurnte gar ¢er. er hiez tragen win und brot her. ‚und ¢waz wir in der küchen han daz ¢ol hie vor uns ¢tan‘, ¢prach er zuo dem knehte ¢in. ‚¢chenk in met unde win! liebiu frouwe, gehab dich wol! al din leit ich rechen ¢ol. iz und trinc des be¢ten! laz allen unmuot re¢ten!‘

(V. 100 ff.)

‚Die böse Adelheit‘34 ist eine Bauersfrau vom Lande, die ihren hungrigen Mann zur Essenszeit partout nicht beköstigen will. Seine Bitte um Essen schlägt sie mit spitzen Bemerkungen aus (vgl. V. 11 ff.). Ihr Mann besitzt noch ein paar Münzen, mit denen er im Dorf Brot kaufen will, um seinen Hunger zu stillen. Seine Frau will jedoch lieber nach – dem hier namentlich einmal erwähnten – Augsburg, um auf dem dortigen Markt von seinem Geld einen blauen Rock zu kaufen. Tatsächlich machen sich beide auf in die Stadt. Der Mann, immer noch vom Hunger geplagt, möchte lieber nach Hause zurück und bittet sie, doch wenigstens ein Roggenbrot zu kaufen. Die Küche daheim gebe ja auch nichts her, und er benötige nicht viel, zum Trinken genüge ihm Wasser vollkommen: er ¢prach: ‚liebe Adelheit, wollen wir iht ¢chiere heim?‘ ¢i ¢prach aber: ‚neina nein!‘ ‚¢o kouf uns ein rockebrot! im hu¢e i¢t uns maneges not. des ¢chœnen han ich keine pfliht. ich will ouch hinz dem wine niht. win ich niht trinken ¢ol, wazzer tuot mir al¢o wol.‘ 34

Vgl. Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 4

(V. 108 ff.)

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Adelheit hat jedoch vor, die Annehmlichkeiten der Stadt in vollen Zügen zu genießen. Sie will es sich gut gehen lassen und antwortet ihrem Mann deshalb: ¢i ¢prach: ‚wær ez din grimmer tot, du muo¢t ezzen weizbrot

und trinken den besten win ¢o er iendert hie mac sin.‘

(V. 117 ff.)

Er lässt sich überreden, und tatsächlich kehren die beiden ein, lassen sich Essen und Wein kommen. Die Geschichte nimmt ein böses Ende, weil Adelheit zu viel trinkt und die Strafe für ihr Verhalten dadurch findet, dass sie in den Lech fällt und ertrinkt (vgl. V. 144 ff.). Auch in ‚Der Wirt‘35 ist es wohl eine städtische Siedlung, in der man sich sein Gasthaus vorstellen darf. Wie aus verschiedenen Passagen hervorgeht, ist hier der Wirt nicht generell als (privater) Gastgeber gemeint, sondern als jemand, der gewerblich eine Wirtschaft betreibt, in der er (u. a.) Wein verkauft: der wirt we¢t niht als umm ein har warumm ¢i waren komen dar, an ob ¢i wolten trinken da den win den er verkoufte ¢o.

(V. 275 ff.)

Wie aus einer Unterhaltung der Gäste hervorgeht, gibt es auch eine auf der Diele eingerichtete Schankstube: ‚… ¢waz man halt ¢ag von vrouwen lon, wir kern uns an daz tanzen niht ¢wenn uns der wirt niur gerne ¢iht trinken an dem tennen ¢in. Wirt, werder man, nu trac her win!‘

(V. 290 ff.)

Der Wirt geht daraufhin in den Keller (vgl. V. 296), um etwas von seinen dort gelagerten Weinvorräten zu holen. Gasthäuser, in denen man übernachten – und später auch essen und trinken – konnte, entwickelten sich im Hochmittelalter erst allmählich. Reisende waren deshalb lange auf die Beherbergung in Klöstern, Hospizen und auch in größeren Adelshäusern, durch Kaufleute, Bauern, Fischer und auch Fährleute angewiesen.36 Die uneingeschränkte (und unentgeltliche) 35 36

Vgl. Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 19 Besondere Einblicke in die Gastlichkeit und in verschiedene ihrer Ausdrucksformen (gemeinsames Mahl, Minnetrinken, Begrüßung, Einladung, Abschied und auch Ver-

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Beherbergung reisender Gäste war nicht nur aus religiösen Gründen angezeigt,37 sie bildete auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Mobilität stattfinden konnte in einer Zeit, die Hotels und andere gewerbliche Herbergen erst in Ansätzen kannte.38 Häuser, in denen man gegen Bezahlung nicht nur übernachten konnte, sondern auch Verpflegung erhielt, treten erst seit dem 12. Jahrhundert im Zuge „einer wachsenden Kommerzialisierung der Gastlichkeit immer deutlicher in Erscheinung“.39 Lange jedoch bleibt es üblich, dass sich die zahlenden Übernachtungsgäste selbst auf dem städtischen Markt oder bei Bauern mit Verpflegung versorgen.40 Tavernen, die ausschließlich als Schankwirtschaften betrieben wurden, in denen aber auch Nahrungsmittel verkauft werden konnten, gab es entlang der bedeutenden Handelsrouten, besonders aber auch an Flussübergängen und Häfen und damit oft in den städtischen Siedlungen. Sie genossen offenbar keinen guten Ruf, denn reisenden Klerikern wurde seit der Zeit vor der Jahrtausendwende wiederholt eingeschärft, sich keinesfalls dorthin zu begeben.41 „Doch scheint der Tavernenbesuch nicht nur bei der Geistlichkeit, sondern auch im Adel und bei Kaufleuten bis ins Spätmittelalter verpönt gewesen zu sein. Sowohl in der französischen als auch in der deutschen Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts findet sich nur einfaches Volk in der Taverne oder im lithus ein, und es gilt als unritterlich, sich dorthin zu begeben.“42 Mit Blick auf die zuvor beleuchteten Texte ließe sich vermuten, dass der im 13. Jahrhundert auch in verschiedenen Städten aufkeimende Literatur-

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39 40 41 42

stöße gegen diese wichtigen Rituale) bietet bereits die vom Ende des 11. Jahrhunderts stammende, lateinisch verfasste Ruodlieb-Dichtung, vgl. Peyer (1987), S. 28 ff. Kaufleute, Fischer und Fährleute werden auch in der mittelhochdeutschen Epik öfter als Gastgeber genannt, so im ‚Nibelungenlied‘ oder in Wolframs ‚Willehalm‘ Das Gewähren der Gastfreundschaft wird in der Bibel verschiedentlich erwähnt, z. B. heißt es im Hebräerbrief 13,2: „Gastfrei zu sein vergeßt nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt“, vgl. Peyer (1987), S. 3 Beschwerlich war das Reisen dennoch, zumal es bei großen Veranstaltungen, Märkten oder Messen, auch auf Pilgerfahrt oder Geschäftsreisen vorkam, dass es für viele Menschen keine ausreichenden Unterkunftsmöglichkeiten gab. Sie mussten dann in behelfsmäßig in Kirchen, aber auch im Wald und im Freien übernachten. Zeitgenössische Berichte darüber bietet Peyer (1987), S. 52 ff. Peyer (1987), S. 52 Vgl. Peyer (1987), S. 54 ff. Vgl. Peyer (1987), S. 79 f. Peyer (1987), S. 80, zu lithûs vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1940: „schenke, wirtshaus“. Die Textstelle aus dem ‚Renner‘, die Peyer in diesem Zusammenhang anführt, bezieht sich jedoch auf eine Szene unter Bauern. Sie enthält keine Hinweise darauf, dass der Besuch einer Taverne für einen Ritter unangemessen war

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betrieb in spezifisch ‚urbanen‘ Stoffen und Formen seinen Niederschlag gefunden hätte. Bemerkenswerterweise wirkte sich die allmähliche Ausdehnung der zeitgenössischen Literaturproduktion und deren Rezeption in den ‚außerhöfischen Bereich‘ jedoch nicht dahingehend aus, dass dieser Lebensbereich auch in den Blick der einschlägigen Dichtungen geriet. Zwar wurde verschiedentlich vermutet, dass gerade Mären, insbesondere in ihrer schwankhaften Form, auf ein bürgerliches Publikum weisen, doch ließen sich derartige Überlegungen nicht wirklich erhärten.43 Insgesamt orientierte sich der städtische Literaturbetrieb dort, wo er konkreter für uns greifbar wird, an den Formen, Stoffen und Motiven der höfischen Literatur bzw. kopierte das literarische Leben des Adels.44 Wie bereits oben skizziert, fehlt damit ein Bild, gar die Reflexion der eigenen oder umgebenden und damit beobachteten Lebensverhältnisse in der städtischen Literaturproduktion des Hochmittelalters.45 Die mittelhochdeutschen Predigten aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, die von dem Franziskanermönch Berthold von Regensburg überliefert sind,46 gehören zwar nicht zum Kreis zeitgenössischer Dichtung, doch wurden sie von dem rege Reisenden sicher oft vor größeren Menschenmengen und damit auf städtischen Märkten oder bei Veranstaltungen im Umfeld kirchlicher Festtage, z.B. auf Jahrmärkten oder kaufmännischen Messen, gehalten.47 Da er in seinen Predigten oft beispielhaft auf aktuelle Zustände in Stadt und Land eingeht (die er im Interesse seiner ‚Botschaft‘ sicher oft auch übertreibt), sind dadurch auch verschiedene, hier auf die Spitze getriebene Einblicke in die Lebensverhältnisse seiner Zuhörerschaft zu erwarten. Tatsächlich begegnen in den Predigten verschiedene Berufsstände, die in damaligen Städten verbreitet und auch mit der Produktion bzw. dem Vertrieb von Lebensmitteln befasst waren: die Kleinhändler (Prangerer, pfragener und pfra43

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Dies erörtert z. B. Hermann Henne ausführlicher am Beispiel des Strickerschen ‚Pfaffen Amis‘, vgl. Der Pfaffe Amis (1991), S. 115 ff. Vgl. mit Beispielen Bumke (2005), S. 675 ff., ebenso Rolf Sprandel: Gesellschaft und Literatur im Mittelalter. (UTB 1218). Paderborn/München/Wien/Zürich 1982, S. 179 ff. Dies wurde damit in Verbindung gebracht, dass das städtische Bürgertum nördlich der Alpen seine Rolle und sein Selbstverständnis erst im Spätmittelalter vermehrt auch in literarischer Form darstellen ließ, vgl. Sprandel (1982), S. 209 ff. Vgl. Berthold von Regensburg. Vollständige Ausgabe seiner Predigten mit Anmerkungen von Franz Pfeiffer. Mit einem Vorwort von Kurt Ruh. (Texte des Mittelalters). Berlin 1965 So verzeichnet das Itinerar Bertholds ab 1250 u.a. Aufenthalte in Nordbayern, in Speyer, im Elsass (Colmar), in der heutigen Schweiz, in Konstanz, in Österreich, Böhmen, Mähren und Thüringen, vgl. Kurt Ruh im Vorwort zur Textausgabe (1965), S. IXff.

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generinne, und Krämer),48 Müller,49 Getränke-/Weinhändler und Schankwirte (zapfenzieher, zapfenære),50 die Brotbäcker,51 Kaufleute52, Schlachter (fleischslahter)53 sowie, durch Beschreibung ihres Handelns erkenntlich, die Fleischund die Fischhändler.54 Berthold befasst sich recht konkret auch mit verschiedenen ihrer Tätigkeiten, so werden auch Nahrungsmittel wie Getreide, Brot, verschiedene Fleischsorten und -qualitäten, Fisch, Öl, Fett, Käse, Obst, Wein, Bier und Wasser genannt.55 Da es in seinen Predigten um eine fromme und gottgefällige Lebensweise geht, greift Berthold Bezüge zu aktuellen Zuständen jedoch fast nur mit Beispielen gravierenden Fehlverhaltens auf, mit denen er – nicht überraschend – hart ins Gericht geht. So sind es besonders die Betrüger, die Fälscher, Wucherer, die Gierigen oder Geizigen, auch die ‚Fresser‘ und ‚Säufer‘, deren Taten den Rechtschaffenen – und insbesondere den in Versuchung Geratenden – als abschreckendes Beispiel präsentiert werden.56 Dies lässt zwar kaum Schlüsse auf das alltägliche Leben und den ‚Regelfall‘ zu. Da sich Berthold jedoch ausgerechnet haben wird, bei seiner Zuhörerschaft mit diesen Beispielen besonderes Gehör zu finden, sind sie seinem Publikum wohl auch nicht fremd gewesen. Aus einigen Predigtpassagen wird ersichtlich, dass sich Berthold besonders auch an die ‚kleinen Leute‘ wandte, an die abhängigen Bediensteten größerer Haushalte. An sie ist der Rat gerichtet, Zurückhaltung zu üben, wenn sie etwa durch den Hausherrn aufgefordert werden, bei Tisch ‚ordentlich zuzugreifen‘. Berthold erklärt, dass der Hausherr diese Aufforderung kaum ehrlich meint, denn er erwartet, dass das Gesinde schnell isst und dann sofort aufsteht, um seiner Arbeit nachzugehen und ihm dadurch noch genug auf dem Tisch zurücklässt.57 48 49 50 51 52 53 54

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Vgl. Von den fünf pfunden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 16, 39 und S. 17, 24 Vgl. Von den fünf pfunden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 17, 4 Vgl. Von den fünf pfunden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 17, 14 und 24 Vgl. Von den zehen geboten unsers herren, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 285, 13 Vgl. Von den fremeden sünden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 216 Vgl. Von den zehen geboten unsers herren, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 285, 15 Von ruofenden sünden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 86, 16 ff. und Von zehen kœren der engele unde der kristenheit, S. 150, 33 ff. Dies zumeist mit unredlichen Handlungen, vgl. dazu unten im Anhang den Abschnitt VI mit Textauszügen Vergleichbar wird im geistlichen Spiel des Hochmittelalters agiert, das auch als eine „Fortsetzung der Klosterpredigt mit anderen Mitteln“ bezeichnet wurde, vgl. zum geistlichen Spiel Joachim Heinzle: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. Bd. II: Vom hohen zum späten Mittelalter. Teil 2: Wandlungen und Neuansätze im 13. Jahrhundert (1220/30–1280/90). Königstein 1984, S. 194 ff., Zitat: S. 204 Vgl. Von ruofenden sünden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 91, 12 ff.

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Im Gegenzug werden aber auch die Hausherren ermahnt, ihre Dienerschaft anständig und ausreichend zu verpflegen. Nur so sei sie in der Lage, gleichbleibend gute Arbeit zu verrichten. Man solle ihnen deshalb keine ‚Mini-Portionen‘ oder einen schlichten Knochen, sondern große und gut gefüllte Schüsseln vorsetzen. Wer da (am falschen Ort) spare, solle die schmalen Portionen lieber selbst probieren oder seiner Familie bzw. seiner Katze vorsetzen: Unde sult in gar genuoc z’ezzen geben. Swenne sô ir wercliute habet unde diener unde dienerin unde die dir durch daz jâr dienent, den soltû grôze schüzzeln für setzen unde dar ûf gar genuoc legen, unde niht ein bein drûffe legen; wan dû sihst vil gerne daz si dir vaste wirken: sô soltû in gar genuoc geben. Sô setzest dû in eine schüzzeln für als einer katzen vaz. Gip dir selber ûf dîn katzenvaz oder dînen kinden oder dîner katzen! 58 Wie bereits erwähnt, geben die Beschreibungen, die Berthold zu Verhalten und Verhältnissen der Bevölkerung abgibt, ihre übliche Lebens- und Erfahrungssituation in der häuslichen Küche und bei Tisch sicher nicht wieder. Immerhin lässt sich aus seinen Beispielen ablesen, dass es eine ‚reguläre‘ und arbeitsteilig organisierte Lebensmittelbranche gab, die für die Versorgung der Bevölkerung einige Bedeutung besaß. Dafür, dass diese nicht durchweg knapp bemessen war, sprechen die abschreckenden Beispiele von Völlerei sowie die präsentierten Typen des ‚Fressers‘ und des ‚Trinkers‘,59 auch derer, die die Fastenzeiten nicht achten und sich stattdessen laufend ‚rundum satt‘ essen.60 Derartige Beispiele konnten wohl nur unter der Voraussetzung wirken, dass sie nicht vollkommen aus der Luft gegriffen waren.

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Von ruofenden sünden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 90 f., 38 ff. In der Wahrnehmung der Menschen im Mittelalter waren Ausschweifungen wie das ‚Fressen und Saufen‘ stets mit der religiösen Sündenproblematik verbunden, so z. B. mit der Todsünde der luxuria, der Genusssucht bzw. einer allgemein zügellosen Lebensweise. Todsünden galten als besonders schlimm, weil sie als bewusste Abkehr von Gott bzw. einer gottgefälligen Lebensweise interpretiert wurden, die Höllenstrafen nach sich zog, vgl. hierzu F. Scholz s.v. Sünde in: Lexikon für Theologie und Kirche Bd. IX (1964), Sp. 1181 f. sowie allgemein L. Hödl unter dem Stichwort ‚Todsünde‘ in: LexdMA Bd. VIII (1997), Sp. 839 f. Vgl. Von fünf schedelîchen sünden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 430, 21 ff. und in demselben Band Von vier dingen, S. 560, 34 ff.

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6. Essen und Trinken in kirchlichen Kreisen 6.1 Der ‚Weltklerus‘ und sein Speisen nach literarischen Quellen In der Dichtung des Mittelalters begegnen Hinweise auf die Lebensgewohnheiten von Geistlichen besonders im Zusammenhang von Situationen, die sich außerhalb der Norm bewegen. Sie finden sich vor allem in der Kleindichtung. So nahm sich der Stricker öfter der Figur von Geistlichen an, die sich nicht regelkonform verhalten. Bereits oben wurde die Episode erwähnt, in der eine reiche Bäuerin die Abwesenheit ihres Gatten ausnutzt, um ihren Geliebten, einen Pfaffen, herbeizurufen und ihn nach einem Schäferstündchen auch reichhaltig zu bewirten.1 Der Geistliche macht sich dabei gleich zweier schlimmer Sünden schuldig: ganz offensichtlich des Ehebruchs und, in zweiter Linie, der Gier, die er nicht nur durch die Annahme, sondern auch durch den Genuss des opulenten Mahls im Bauernhause beweist.2 Der Pfaffe Amis,3 der – je nachdem, welcher Aufenthaltsort nach seinen Streichen der für ihn günstigere ist – des öfteren zwischen Klostergemeinschaft und ‚Welt‘ wechselt, erweist sich im Laufe seiner Abenteuer als weltlichen Gaumenfreuden sehr zugeneigt. Den König von Frankreich narrt Amis, indem er vortäuscht, ihm einen Saal seiner Residenz malerisch prachtvoll auszugestalten. Amis lässt sich in dem Raum, in dem dann nichts passiert, einschließen, dabei jedoch aufwändig bewirten:

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Vgl. oben S. 257 f.; das Motiv des mit einem Pfaffen betrogenen Bauern findet sich mehrfach, z. B. auch in der (anonymen) Kleinerzählung ‚Des Weingärtners Frau und der Pfaffe‘, vgl. Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 12 Auch hier wird auf eine Todsünde angespielt, die gula, die für Völlerei, Gefräßigkeit, Unmäßigkeit und Maßlosigkeit stand. Als besonders verwerflich musste es wirken, wenn sich ausgerechnet ein Geistlicher dieser Todsünde schuldig machte Zitiert wird hier und folgend: Der Pfaffe Amis von dem Stricker. Ein Schwankroman aus dem 13. Jahrhundert in zwölf Episoden. Herausgegeben und übersetzt von Hermann Henne. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 530). Göppingen 1991

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vleisch, vische, met und wîn und swar zuo in sîn wille truoc, des gap man im dar genuoc.

(V. 596 ff.)4

Eines seiner phantastischen Abenteuer führt Amis nach Konstantinopel. Dort fädelt er bei einem Händler einen betrügerischen Juwelenkauf ein, der mit Handschlag und Wein besiegelt wird: sus sluog er im in die hant. nâch guotem wîne wart gesant, den trunken sî.

(V. 2135 ff.)

In einer anderen Episode treibt Amis mit der Gutgläubigkeit und Frömmigkeit einer Bäuerin, die ihn als heiligen Mann verehrt, seinen Schabernack.5 Als er in ihr Haus kommt, verlangt er ihren Hahn zur Speise. Er verspricht, dass Gott der Frau dieses Opfer reichlich vergelten werde. Die Bäuerin lässt darauf den Hahn sofort schlachten, und Amis isst ihn ganz allein auf: der han wart vil schiere tôt. si beit kûme, unz er gesôt. den az er alterseine und behielt daz gebeine.

(V. 969 ff.)6

Einen zuvor gekauften Hahn, der dem der Bäuerin ähnlich sieht, lässt Amis noch in der Nacht auf dem Hof frei. Als der Hahn morgens kräht, glaubt die genarrte Bäuerin, dass ihr alter Hahn wieder auferstanden sei und ist von diesem ‚Wunder‘ beeindruckt. Ein ähnliches ‚Wunder‘ lässt Amis bei einem reichen, aber dummen Bauern geschehen, dem er an einem Freitag vor dem Besuch des Bauernhofes heimlich große, lebendige Fische in dessen Brunnen einsetzen lässt. Große, lebendige Fische begehrt Amis dann von dem Bauern als Gastmahl zubereitet zu bekommen. Als Lohn verspricht er ihm die ewige Seligkeit. Der Bauer wehrt ab: große, lebendige Fische habe man nicht, auch kein Geld, solche zu kaufen. Amis schickt ihn zum nächsten Wasser, dem Brun4

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Übersetzt etwa: Fleisch, Fische, Met und Wein und alles, was ihm sein Wille eingab, das wurde ihm dort ausreichend gegeben/serviert Der Pfaffe Amis (1991), Nr. V ‚Der auferstandene Hahn‘ Übersetzt etwa: Der Hahn war ziemlich schnell geschlachtet. Sie konnte beinahe nicht abwarten, bis er gar (durchgekocht) war. Er aß ihn ganz allein auf und behielt die Knochen, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 161 s.v. beiten: „zögern, warten, harren“, Sp. 1768 s.v. kûme, kûm: „mit mühe, schwerlich, beinahe nicht, kaum“ sowie Sp. 44 s.v. alterseine: „ganz allein, auf der welt … allein“

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nen, in dem der verdutzte Bauer die Fische dann vorfindet und fängt. So erschleicht sich Amis das Vertrauen des Bauern, den er anschließend betrügt.7 In einer anderen Kleindichtung8 erbeutet ein Ritter zwei Hasen. Dies ist seiner Ansicht nach eine gute Gelegenheit, sich bei einem Geistlichen für dessen zuvor genossene Einladung angemessen zu bedanken. Für das Gastmahl weist er seine Frau an: daz lamp, ¢chaf, gans, kitz, daz huon heiz bereiten und den antvogel!

(V. 20 f.)

Der Geistliche wird jedoch, als er vor der Tür steht, von der Hausfrau unter einem Vorwand wieder fortgeschickt. Sie hatte nämlich von vornherein vor, sich die Tafel mit ihren Gevatterinnen zu teilen. Als sich der Ritter wundert, wo denn der Geistliche bliebe, teilt sie ihm mit, dass er zwar vorgesprochen habe, dann jedoch mit den beiden erbeuteten Hasen allein wieder abgezogen sei. Der Ritter glaubt ihr diese Lügengeschichte, was darauf hinweist, dass sie ihm nicht allzu ungewöhnlich vorgekommen sein dürfte. Auf die seiner Ansicht nach zu materiell orientierte Kirche, deren Würdenträger es sich gut gehen lassen, während es die Bevölkerung schlecht habe, hat es Walther von der Vogelweide abgesehen. Er klagt das Kirchenoberhaupt in Rom an, wenn er schreibt: ir pfaffen, ezzent hüenr und trinkent win, und lant die tiutschen leien magern unde vasten. (11, 9 f.)9 Auf die Lebensverhältnisse und Speisegewohnheiten ‚einfacher‘ Priester in der Stadt und auf dem Lande lässt sich angesichts dieser poetischen Belege jedoch kaum schließen, geht es doch in der Dichtung darum, im Interesse der erzählerischen Absicht bestimmte Typen und Szenarien zu beschreiben. Der Alltag und das Gewöhnliche bleiben hier – wie schon in der höfischen Literatur – ausgeblendet. Aus anderen Quellen ist jedoch bekannt, dass die Tafel höherer kirchlicher Würdenträger durchaus opulent bestückt sein konnte. Die erhaltenen Wirtschaftsordnungen des Bamberger Domkapitels weisen aus, was die (durchweg hochadligen) Bamberger Domherren um 1200 täglich auf ihrer

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Der Pfaffe Amis (1991), Nr. VII ‚Der Fischfang‘ ‚Der Hasenbraten von dem Vriolsheimer‘, in: Neues Gesamtabenteuer (1967), Nr. 16 Walther von der Vogelweide: Sämtliche Lieder. Mittelhochdeutsch und in neuhochdeutscher Prosa. Mit einer Einführung in die Liedkunst Walthers herausgegeben und übertragen von Friedrich Maurer. (UTB 167). München 1995, S. 222; vgl. zur Kritik am Verhalten des Klerus, aber auch an dem des Adels in Zeiten des Mangels auch unten im Anhang den Abschnitt V

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gemeinsamen Tafel vorfinden sollten: „1. Gang: ‚tischgerichte‘. Trockenfleisch vom Schaf oder Schwein, oft kunstlos, ‚incomposite‘ zubereitet. 2. Gang: ein Zwischengericht, ‚intercalare‘. 3. Gang: ein Eintopf, ‚havenescen‘.10 4. und 5. Gang: die beliebten Innereien (‚darme et blezzen‘),11 im Sommer Kuttelfleck, im Winter hochgeschätzte gefüllte Mägen. 6. Gang: als Leckerbissen ‚smeltrehe‘,12 eine Pastete aus vier Teilen Hühnerfleisch, vier Teilen Wurst und Schafsmagen. An Festtagen wird dieser Speiseplan erweitert. Der Höhepunkt, die Pastete, ‚smeltrehe‘, ‚offenbar das einzige Gericht, das einige Kochkunst erforderte‘, wird durch Leber, Speckwurst und Leberwurst angereichert, wobei reichlich ‚copiose‘ Pfeffer zu verwenden ist.“13 Auffallend ist an dieser Speisenfolge lediglich deren Quantität, nicht etwa deren besondere Qualität: es „findet sich nur selten frisches Fleisch. Innereien kommen auch auf den reich gedeckten Tisch der Adeligen.“14 Sofern die genannte Speisenfolge tatsächlich jeden Tag gereicht wurde (auch die zitierte Wirtschaftsordnung besteht aus Regeln, auf deren Einhaltung nicht automatisch geschlossen werden kann), ist vorstellbar, dass sich die Bamberger Domherren dem städtischen Publikum durchaus ‚wohlbeleibt‘ präsentierten. Dass auch ein Bischof nicht nur dem guten Speisen und Trinken zugeneigt sein, sondern auch auf besondere Mengen Wert legen konnte, führt bereits im 11. Jahrhundert Ekkehard IV. von Sankt Gallen in einer gleichnishaft angelegten Geschichte über einen renommierversessenen Bischof an. Er sagte seinen Gästen „nämlich in seinem unbedachten Schabernack, er habe bei dem heiligen Gallus einen Ofen, der für sie beide in einem Mal Brote auf ein Jahr backen würde … Nachdem er ihnen etwas Ähnliches über den großen ehernen Kessel und die Darre für hundert Malter Hafer 10

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Durch die Bezeichnung dieses Ganges wird deutlich, dass es sich um ein ‚Topfgericht‘ handelt, vgl. Lex. Bd. I (1992), Sp. 1195 s.v. haven: „topf“. In derselben Spalte führt das Wörterbuch ein weiteres Lemma auf, havenbrâte, das für „gedämpftes fleisch“ steht Die bei Lex. Bd. I (1992), Sp. 304 f. aufgeführten Wörter bletzen und blez werden dort mit „flicken, lappen, fetzen“ bezeichnet, was zur angebotenen Übersetzung nicht passt. Weiterführend ist hingegen BMZ Bd. I (1990), S. 204, wo unter den Stichworten blez, bletze schließlich angegeben wird: „bletze sind hier wohl dasselbe was noch in der schwäb. mundart kuttelfleck heisst, in kleine stücke geschnittene kaldaunen“ Aus dem Kompositum lässt sich die gebotene Erklärung sprachlich nicht ableiten, denn smelzen bedeutet lediglich „das kochen mit schmalz“, vgl. Lex. Bd. II (1992), Sp. 1007; der zweite Wortteil bleibt im Dunkeln, denn rehe als Plural von rech, reh „Reh“ passt nicht zu den im Zitat angegebenen Arten von Fleisch Schubert (2006), S. 252 Schubert (2006), S. 252

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zugemutet hatte, fügte er noch hinzu, er habe Viehhirten, vor denen sie den Hut abziehen und das Haupt neigen würden, wenn sie die Männer sähen.“15 Die Gäste des Bischofs weisen ihn anschließend durch einen Streich auf dessen Kosten in seine Schranken. Bischöfliche Residenzen und Domkapitel gehörten in vielen Städten zu den großen und auch begüterten Haushalten. Die hohen kirchlichen Funktionen wurden durch Angehörige des Adels wahrgenommen, die ihr weltliches Vermögen – und ihre gewohnte Lebensweise – oft nicht aufgaben. Abgaben aus kirchlichen Besitzungen, durch ihre Familien ausgelobte Renten sowie Donationen der Bevölkerung trugen dazu bei, dass hohe kirchliche Würdenträger sich oft sicher auch einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten.16 Obwohl er sich nicht ausdrücklich auf kirchliche Würdenträger bezieht, dürfte der Franziskanermönch Berthold von Regensburg – als Angehöriger eines der Armut verpflichteten, sog. ‚Bettelordens‘ – auch sie gemeint haben, wenn er in verschiedenen seiner populären Predigten die ungerechte Verteilung von ‚arm und reich‘ anprangert und dabei auch die Maßlosigkeit beim Essen und Trinken kritisiert, die beim Jüngsten Gericht geahndet werden würde: Unser herre hât uns ûf ertrîche die zît die wir leben sullen ze zwein dingen gegeben. Daz ein ist, daz wir die zît die wir leben müezen niemer anders suln vertrîben wan ze rehter nôtdurft, daz wir erarbeiten sullen des der lîp darf ze ezzen unde ze trinken. Unde sô wir daz erarbeiten, sô müezen wir die zît haben daz wir ez ze rehter zît niezen und ze rehter wîse, unde ze trinken ze rehter wîse. Aber die trenker unde die frezzer, die dicke und oft und etelîche tac unde naht zem wîne ligent, die werdent leitlîchen ze der rechenunge stên umbe die zît, die sie als unnützelîchen unde süntlîchen an geleit habent, unde sie müezent daz ezzen unde daz trinken widerreiten, daz sie sô gar in undurften vertuont.17

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Ekkehard IV. Die Geschichte des Klosters Sankt Gallen. Übersetzt und erläutert von Hanno Helbling. (Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Nach den Texten der Monumenta Germaniae Historica in deutscher Bearbeitung herausgegeben von Karl Langosch. Dritte Gesamtausgabe. Bd. 102). Weimar 1958, S. 40, Nr. 13 Einblicke in die Variationsbreite der Abgaben und Dienste, die kirchliche wie weltliche Grundherren beanspruchten, bietet die Zusammenstellung verschiedener Urkunden bei Siegfried Epperlein: Bäuerliches Leben im Mittelalter. Schriftquellen und Bildzeugnisse. Köln/Weimar/Wien 2003, S. 68 ff. Von den fünf pfunden, in: Berthold von Regensburg (1965), S. 19, 28 ff. Eine ähnliche Kritik formulierte Hugo von Trimberg in seinem ‚Renner‘, V. 9432 ff. (Von dem frâze)

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6.2 Klösterliche Speisekultur 6.2.1 Was und wie aß und trank man im Kloster? Dass die klösterliche Speisekultur des Mittelalters Gegenstand oder Teil einer ganzen Reihe von Arbeiten zum Themenkomplex „Essen und Trinken“ ist,18 basiert auf der vergleichsweise breiten schriftlichen Überlieferung, die über klösterliche Ordnungen und die dem Klosterleben angemessenen Formen auch heute noch greifbar ist. Die Kunst des Schreibens und Lesens (sowie der Illumination von Handschriften) wurde seit dem Frühmittelalter gerade in den Klöstern gepflegt und durch sie tradiert.19 Dass es aus den hochmittelalterlichen Zentren der Schriftkultur zahlreiche Hinterlassenschaften gibt, die auch über zeitgenössische monastische Lebensformen Auskunft geben, ist daher wenig überraschend. Zu den literarischen Quellen – in Sinne von dichterischer Produktion – ist die überwiegende Zahl dieser Zeugnisse jedoch nicht zu zählen.20 18 19 20

Vgl. z. B. Foster (1980) und Merk (1996) Vgl. M. Parisse in: LexdMA Bd. V (1991), Sp. 1218–1223 s.v. Kloster, hier bes. Sp. 1219 Die Vermutung, es ließen sich in religiöser Dichtung, die vornehmlich in Klöstern verfasst wurde, Spuren einer diesseitig orientierten Lebenswelt ihrer (überwiegend) geistlichen Verfasser (und Verfasserinnen) finden, wird weitgehend enttäuscht. Ihre Hauptthemen sind die Nacherzählung biblischer Texte, Lebensschilderungen biblischer Gestalten oder Heiliger, Gebete, Parabeln, Anweisungen zur Führung eines gottgefälligen Lebens sowie geistige Erbauung und Andacht. Sie weisen oft in eine transzendente, übernatürliche Welt, die einen glücklichen Ausgang der Mühsal und Trübnis des Erdenlebens verheißt. Dass dabei Alltägliches, speziell Essen und Trinken, in den Blick gerät, ist selten. Bekanntere Beispiele für im 11. und 12. Jahrhundert frühmittelhochdeutsch verfasste, religiöse Texte sind die ‚Wiener Genesis‘, die Dichtungen der Frau Ava, das ‚Vorauer Marienlob‘, das ‚Annolied‘, die ‚Millstätter Sündenklage‘, verschiedene Bearbeitungen der Geschichte Johannes des Täufers sowie die Werke des sog. Heinrich von Melk, vgl. Die religiösen Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Nach ihren Formen besprochen und herausgegeben von Friedrich Maurer. Bd. I–III. Tübingen 1964/1965/1970. Dass ‚Essen und Trinken‘, wenn beides überhaupt in den Blick gerät, in ihrer Beschreibung den biblischen Geschichten und ihren religiösen Botschaften folgen, mag ein Beispiel aus dem zu Beginn des 12. Jh.s entstandenen ‚Jüngsten Gericht‘ der Frau Ava zeigen, in dem es um die (Höllen-)Strafen geht: man scenchet uns den win, des wir gerne ubere mohten sin, ezzich unde gallen sam si viures wallen. ezzen haizen si uns geben, daz ist pech unde swebel. (V. 279 ff.) (Zitiert nach Die religiösen Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Bd. II [1965], S. 509, 28,8 ff.). „Man schenkt uns Wein ein, / auf den wir gern verzichten würden. / Essig und Galle, / zischend wie Feuer. / Sie befehlen, uns Speise zu geben, / die aus Pech und Schwefel besteht“, Übersetzung in der (Teil-)Edition von Vollmann-Profe

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In den epischen Dichtungen wiederum erscheint ein Kloster als Handlungsort nur selten.21

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(1996), S. 50 f. Zu der ersten, mit Namen bekannten deutschen Dichterin und ihren überlieferten Schriften vgl. Edgar Rapp s.v. Ava in: VL Bd. 1 (1978), Sp. 560–565. – Auch weitere, zwischen 1060 und 1170 datierende religiöse Dichtungen in deutscher Sprache wie Notkers ‚Memento mori‘, Ezzos ‚Cantilena de miraculis Christi‘, die sogenannte ‚Summa theologiae‘, des Armen Hartmann ‚Rede vom Glauben‘ oder das sogenannte ‚Anegenge‘ weisen eine ganz auf (individuelle) religiöse Haltung zielende Bearbeitung aus: „Diese deutschsprachige Dichtung ist christlich, streng christlich, aber von radikaler Weltverneinung ist in ihr nichts zu finden. Nicht Aufruf zur radikalen Weltverneinung ist der Aufruf der Dichter – radikale Weltverneiner dichten nicht –, ihr Ziel ist Aufruf zur richtigen Lebensführung, zur rechten Weltgestaltung; sie wollen mit ihren Dichtungen die richtige Ordnung der Welt lehren“, so Rupp (1971), S. 261. Alltägliches gerät angesichts der spirituellen Orientierung der meisten dieser Dichtungen nicht in den Blick. – Dass sich dagegen in der um 1200 datierenden ‚Kindheit Jesu‘ Konrads von Fußesbrunnen einzelne zeitgenössische Gepflogenheiten zu spiegeln scheinen, wurde bereits erwähnt (vgl. Edition Fromm/Grubmüller 1973). Im ‚Gregorius‘ (datiert Ende 12. Jh.) lässt Hartmann von Aue seinen vorbildlich gesinnten Protagonisten auf einer abgelegenen Insel 17 Jahre lang (nur!) von Wasser leben, das sich unter einem Stein in einer Mulde sammelt. Zuvor trifft Gregorius auf ein Fischerehepaar, von dem er mit Haferbrot und Wasser beköstigt wird, vgl. Hartmann von Aue. Gregorius. Der „gute Sünder“. Herausgegeben und erläutert von Friedrich Neumann. Dritte durchgesehene Auflage. (Deutsche Klassiker des Mittelalters. N.F. Bd. 2). Wiesbaden 1968, V. 2881 ff. und V. 3122 ff. – Auch in Konrads von Würzburg Heiligenlegende ‚Pantaleon‘ finden sich keine Hinweise, die auf den (profanen) Alltag im Hochmittelalter bezogen werden könnten (vgl. Edition Neukirchen 2008). In Rudolfs von Ems ‚Barlaam und Josaphat‘, einem mit mehr als 16 000 Versen recht umfänglichen Werk, stehen ebenfalls Heilserfahrung, Bekehrung und Mission im Mittelpunkt der Erzählung, vgl. Rudolf von Ems. Barlaam und Josaphat. Herausgegeben von Franz Pfeiffer. Mit einem Anhang aus Franz Söhns, Das Handschriftenverhältnis in Rudolfs von Ems ‚Barlaam‘, einem Nachwort und einem Register von Heinz Rupp. Berlin 1965. Der Stricker, in dessen Märendichtung sich verschiedene Fährnisse des erfahrenen Lebens durchaus bunt spiegeln, geizt in seinen predigtartigen Texten zur religiösen Besinnung geradezu mit Bezügen zu oder Details von Alltäglichem, vgl. Ute Schwab: Die bisher unveröffentlichten geistlichen Bîspelreden des Strickers. Überlieferung – Arrogate – Exegetischer und literarischer Kommentar. (Istituto Universitario Orientale di Napoli). Göttingen 1959. Ein weiteres Beispiel für religiöse Literatur, die keine Bezüge zum zeitgenössischen Alltag aufweist, bietet die im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts entstandene Sammlung ‚Geistlicher Herzen Bavngart‘, eine in Prosa gefasste Zusammenstellung von zumeist kurzen Texten zu religiösen Themen und Lebensfragen, dabei auch Gebete und einzelne Predigten Bertholds von Regensburg, vgl. Helga Unger: Geistlicher Herzen Bavngart. Ein mittelhochdeutsches Buch religiöser Unterweisung aus dem Augsburger Franziskanerkreis des 13. Jahrhunderts. Untersuchungen und Text. (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters. Bd. 24). München 1969 So z. B. im ‚Rennewart‘ Ulrichs von Türheim, V. 10676 ff.

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Angesichts dieses relativ reichen Quellenbestandes wäre zu erwarten, dass die klösterliche Speisekultur des Hochmittelalters in neuzeitlichen Betrachtungen dort, wo sie Erwähnung findet, differenzierter gewürdigt würde. Dies ist oft jedoch nicht der Fall. Vielfach wird vereinfacht, verkürzt, und dies offenbar besonders im Interesse simpler, somit ‚eingängiger‘ Bilder und Vorstellungen. So, wenn in einem ansonsten sorgfältigen Beitrag (zum Kloster Schaffhausen) festgestellt wird: „Entsprechend gilt es auch wiederholte Formulierungen wie ‚Fische waren eine wichtige Fastenspeise‘ zu überdenken. ‚Fasten‘ bedeutete nämlich keineswegs, dass man Fisch essen musste, sondern die Auflage, weder Fleisch noch Milchprodukte zu verzehren.“22 Ohne nähere Erläuterung zum zeitgenössischen Verständnis von ‚Fasten‘ und ‚Fleisch‘ in klösterlichen Ordnungen entsteht leicht ein ‚schiefes Bild‘. Und dass Milchprodukte während des Fastens nicht genossen werden sollten, ist zwar eine verbreitete Vorstellung, trifft jedoch als generelle Regel nicht zu.23 An anderer Stelle heißt es: „Nur in der knappen Zeit von Ostern bis Pfingsten, einer fortlaufenden Fest- und Freudenzeit, hatten die Mönche zwei Mahlzeiten, eine mittags, die andere abends. Sonst ist, jahraus, jahrein, nur eine Mahlzeit eingenommen worden, und zwar zur Non, in der Zeit also von zwölf bis drei Uhr nachmittags. Zu Beginn der vierzigtägigen Fastenzeit, der Quadragesima, nahm man die einzige Mahlzeit erst nach der Vesper [also etwa ab 18 Uhr] ein.“24 Zitiert wird hier nach der Ordensregel Benedikts von Nursia, die im sechsten nachchristlichen Jahrhundert in der Abtei von Monte Cassino entstand.25 Aufgenommen wird hier jedoch nur ein Auszug, möglicherweise, um die just zuvor genannten zentralen Kennzeichen klösterlicher Lebensweise zu unterstreichen: Demut, Enthaltsamkeit, Askese. In deutlichem Gegensatz dazu stehen die anschließenden Aufzählungen dessen, was nach Ausweis erhaltener Rechnungsbücher die klösterliche Ta-

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Heide Hüster-Plogmann: Fische und Fasten, in: Rippmann/Neumeister-Taroni (2000), S. 239–255, hier: S. 247 Eine einheitliche Regelung zu Ge- und Verboten während des individuellen Fastens (oder für Fastenzeiten) lässt sich nicht nachweisen. Vielmehr hat es in den Ordensregeln verschiedener Kongregationen recht unterschiedliche Auffassungen gegeben, die auch innerhalb einer Gemeinschaft und zu verschiedenen Zeiten noch variieren konnten, vgl. dazu im Einzelnen Zimmermann (1973), S. 51 f. u. ö. Otto Borst: Alltagsleben im Mittelalter. Mit zeitgenössischen Abbildungen. (Insel Taschenbuch 513). Frankfurt/M. 1983, S. 156. Differenzierte Quellennachweise führt Borst leider nicht auf Vgl. Die Benediktusregel. Regula Benedicti. Lateinisch/deutsch. Herausgegeben im Auftrag der Salzburger Bischofskonferenz. Beuron [1992], S. 9. Nach dieser Ausgabe wird folgend zitiert

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fel für Mönche und Nonnen geboten haben soll: „Man hat sich einen erstaunlich reichhaltigen Speisezettel gegönnt, Rind-, Kalb-, Lamm- und Schweinefleisch wandern in die Klosterküche die Menge. Auch Eingeweide, Euter und andere Kleinteile verschmäht man nicht, Gänse, Enten, Hühner, Tauben sind dabei, Wildgeflügel wie Haselhühner, Wachteln, Fasanen, Krammetsvögel, aber auch Reiher und Tauchenten und andere ‚waltvögel‘. Wie man sich die Fastenzeit erträglich machen kann, demonstrieren die vierundzwanzig Sorten Fisch, die in den Rechnungsbüchern der Klosterneuburger Chorherren verzeichnet sind. Bei ihren Schwestern, den Klosterneuburger Chorfrauen, gibt es die Woche hindurch laut Rechnungsbuch: sonntags Fleisch, Braten, Kastraun,26 montags Fleisch, Braten, Kastraun, dienstags ebenso, dazu Milch, mittwochs Eier, Milch, Rüben, am Donnerstag Fleisch, Braten, Kastraun, am Freitag Fisch für die Kranken, Milch, Weißkraut und Gurken, am Samstag Eier, drei Achtel Milchrahm, Milch, Semmeln, Grieß und Semmelmehl“.27 Ohne Übergang oder Hinweis wird hier auszugweise die frühmittelalterliche Ordensregel Benedikts konfrontiert mit spätmittelalterlichen Rechnungsbüchern, die durchaus Aussagen darüber zulassen, was ein Klosterverwalter (cancellarius) einkaufen ließ oder (an Abgabenleistungen) erhielt, was jedoch nicht bedeutet, dass die in den Vorratsräumen vorhandenen Lebensmittel sämtlich auch an die Konventualen ausgegeben wurden. Eben dies wird im zitierten Text nahe gelegt. Er vermittelt überdies den Eindruck, dass die Beschränkung auf nur eine oder zwei Mahlzeit(en) täglich angesichts des geschilderten Speiseplans wohl mühelos zu ‚ertragen‘ war. In eine ähnliche Richtung weist auch folgende Passage: „Ein Kloster mittlerer Größe im zwölften Jahrhundert (Sankt Gallen etwa) hatte – auch ohne Königsbesuch – eine Familie von etwa 80 bis 100 Mönchen, eine Leibdienerschaft von 200 Leuten und ca. 1000 Handwerker, das sogenannte Klostergesinde, zu ernähren. Dienerschaft und Gesinde aßen im allgemeinen zwei bis drei Gänge weniger pro Mahlzeit als die Mönche; und das zweimal am Tag mit einem gesunden mittelalterlichen Appetit. Sie spülten das Essen mit durchschnittlich fünf Liter Bier pro Tag herunter.“28 Angaben darüber, woher diese Zahlen stammen oder wie sie ermittelt wurden, fehlen. Sofern Dienerschaft und Gesinde zwei bis drei Gänge weniger aßen als die Mönche, bedeutete dies, dass diesen mindestens vier Gänge pro 26

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Dieser Begriff leitet sich ab von lat. castro ‚Hammel‘ und bezeichnet solche Tiere, die als Abgabe dienten oder eingenommen wurden, vgl. Deutsches Rechtswörterbuch (http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw/) unter dem Stichwort „Kastraun“ Borst (1983), S. 156 Foster (1980), S. 39

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Mahlzeit aufgetragen worden wären. Wie passt dies mit den klösterlichen Idealen der Demut, Askese und Enthaltsamkeit zusammen? Hinsichtlich derartiger Aussagen und Wertungen scheint Vorsicht angezeigt. Und der Blick wird auf zeitgenössische Quellen gelenkt – hier schriftliche und archäologische –, die möglicherweise belastbarere Auskunft zu geben vermögen, ob die Klostergemeinschaften des Hochmittelalters tatsächlich „Klösterliche Hotels“ der Luxusklasse waren29 und was dort (ggf. auch wie) gegessen und getrunken wurde. 6.2.2 Ad fontes: die Regula Benedicti Die verschiedenen Ordensregeln, die das klösterliche Leben im Hochmittelalter bestimmten, gehen sämtlich zurück auf die Regel, die Benedikt von Nursia Jahrhunderte zuvor aufstellte.30 Mit Blick auf die späteren Auslegungen der Regel lohnt es sich, den grundlegenden Text näher zu betrachten. Die Benediktusregel legt als „Lebens- und Hausordnung fest …, wie gebetet, gearbeitet, gehorcht und miteinander gelebt werden soll.“31 Benedikt verfasste sie ausdrücklich für klösterliche Gemeinschaften (Koinobiten) unter Leitung eines Abtes. Wandermönche (Gyrovagen), weltlich orientierte „Mönche“, die außerhalb von Klöstern lebten und wirkten (Sarabiten) sowie Einsiedler (Anachoreten) schätzte er geringer und schloss sie daher aus seiner Ordnung aus.32 Benedikts Regel umfasst neben Ordnungen für den Gottesdienst während der verschiedenen Jahreszeiten und Stationen des Kirchenjahres auch organisatorische Fragen, Festlegungen des Tagesablaufes, Weisungsbefugnisse und die Aufgaben verschiedener Funktionsträger in der klösterlichen Gemeinschaft, verbunden mit Empfehlungen, wie diese wahrzunehmen sind. Behandelt werden auch die klösterliche(n) Küche(n) und Mahlzeiten. Zuständig für die Wirtschaftsführung und alles Gerät des Klosters, damit auch für die Küche und den Speisesaal der Mönche (Refektorium) ist der Cellerar. Für dieses Amt soll ein nüchterner, maßvoller und gottesfürch29 30 31 32

Foster (1980), S. 31 Vgl. Zimmermann (1973), S. 38 Die Benediktusregel (1992), S. 24 Vgl. Benediktusregel (1992), S. 74 f., I, 12 ff.: De quorum omnium horum miserissima conversatione melius est silere quam loqui. His ergo omissis ad coenobitarum fortissumum genus disponendum adiuvante dominum veniamus. „Besser ist es, über den erbärmlichen Lebenswandel all dieser zu schweigen als zu reden. Lassen wir sie also beiseite und gehen mit Gottes Hilfe daran, der stärksten Art, den Koinobiten, eine Ordnung zu geben.“

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tiger Bruder ausgewählt werden. „Alles, was der Abt zuweist, übernehme er in seine Verantwortung; was er ihm aber verwehrt, maße er sich nicht an. Den Brüdern gebe er das festgesetzte Maß an Speise und Trank ohne jede Überheblichkeit und Verzögerung, damit sie nicht Anstoß nehmen … In größeren Gemeinschaften gebe man ihm Helfer. Mit ihrer Unterstützung kann er das ihm anvertraute Amt mit innerer Ruhe verwalten.“33 Der Cellerar überwacht u. a. die Küchendienste, die in wöchentlichem Wechsel von Angehörigen seines Konventes ausgeübt werden. In kleineren Gemeinschaften ist auch der Cellerar vom Küchendienst nicht befreit. Beim wöchentlichen ‚Schichtwechsel‘ hat er zu überwachen, ob alle durch ihn ausgegebenen Geräte ordnungsgemäß zurückgegeben werden. Denn sämtliche Gerätschaften, sogar die an die Mönche ausgegebenen Kleidungsstücke und Schuhe, sind bei den Benediktinern Allgemeinbesitz, persönlicher Besitz ist nicht gestattet.34 Zu den Aufgaben des Küchendienstes gehört das Auf- und Abtragen der Speisen, das Ausschenken von Getränken, die Bedienung bei Tisch, das Füßewaschen der Mitbrüder, das Abwaschen und – samstags – das Waschen von Handtüchern.35 Während der Mahlzeit soll Stille herrschen, was bedeutet, dass die Mönche schweigend essen sollten. Nur so ist es dem ebenfalls im wöchentlichen Wechsel eingeteilten Tischleser möglich, seinen Vortrag würdig zu gestalten. Unterbrechungen oder Zwischenfragen sind nicht zulässig. Damit sein Dienst bei Tisch – während alle anderen Mitbrüder ihre Mahlzeit einnehmen – keine unangemessene Härte darstellt, erhalten der Tischleser und auch die eingeteilten Küchendienste die Mahlzeit vor bzw. nach dem Essen der Anderen.36 Auch die Essenszeiten werden durch Benedikt, je nach Jahreszeit und Besonderheit während des Kirchenjahres, festgelegt. Ein ‚Frühstück‘ nach heutiger Gewohnheit (morgens) gab es nicht. Die Mönche schliefen nur kurz und standen mitten in der Nacht auf, um den ersten Gottesdienst des Tages zu halten. Zwischen Ostern und Pfingsten gilt, dass erst zur Sext

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Die Benediktusregel (1992), S. 154 f., XXXI, 15 ff.: Omnia, quae ei iniunxerit abbas, ipsa habeat sub cura sua; a quibus eum prohibuerit, non praesumat. Fratribus constitutam annonam sine aliquo tyfo vel mora offerat, ut non scandalizentur, memor divini eloquii, quid mereatur, qui scandalizaverit unum de pusillis Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 156 ff., XXXIII Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 158 ff., XXXV De septimariis coquinae (Der wöchentliche Ablauf in der Küche, in der Übersetzung fälschlicherweise wiedergegeben mit: „Der wöchentliche Dienst in der Kirche“) Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 164 ff.; XXXVIII De ebdomadario lectore

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(mittags) die „Hauptmahlzeit“ eingenommen werden soll, abends soll es dann noch eine zusätzliche „Stärkung“ geben.37 „Doch von Pfingsten an sollen die Mönche während des ganzen Sommers am Mittwoch und Freitag bis zur neunten Stunde fasten, wenn sie keine Feldarbeit haben und die Sommerhitze nicht zu sehr drückt. An den übrigen Tagen nehmen sie die Hauptmahlzeit zur sechsten Stunde ein. Die sechste Stunde für die Hauptmahlzeit wird auch beibehalten, wenn die Brüder auf dem Felde arbeiten oder die Sommerhitze unerträglich ist; der Abt sorge dafür. Überhaupt regle und ordne er alles so, daß es den Brüdern zum Heil dient und sie ohne einen berechtigten Grund zum Murren ihre Arbeit tun können.“38 Wie an dieser Stelle scheint auch in der anschließenden Passage die Übertragung des benediktinischen Textes ins Neuhochdeutsche mehr von kanonischer Interpretation geprägt als durch den Textzeugen selbst: „Vom 13. September bis zum Beginn der Fastenzeit essen sie nur zur neunten Stunde. Vom Beginn der Fastenzeit bis Ostern halten sie Mahlzeit erst am Abend.“39 Benedikt legte für den ersten Teil jedoch fest, dass immer (semper)

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Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 172 f. XLI, 1 f.: A sancto pascha usque pentecosten ad sextam reficiant fratres et sera cenent. – Vom heiligen Oster- bis zum Pfingstfest speisen die Brüder zur Sext und nehmen abends ein Essen ein Die Benediktusregel (1992), S. 172 f., XLI, 2 ff.: A pentecosten autem tota aestate, si labores agrorum non habent monachi, aut nimietas aestatis non perturbat, quarta et sexta feria ieiunent usque ad nonam. Reliquis diebus ad sextam prandeant; quam prandii sextam, si operis in agris habuerint aut aestatis fervor nimius fuerit, continuanda erit et in abbatis sit providentia. Et sic omnia temperet atque disponat, qualiter et animae salventur et, quod faciunt fratres, absque iustam murmurationem faciant. – Die wiedergegebene neuhochdeutsche Übersetzung, die durch die Salzburger Bischofskonferenz und damit immerhin durch eine veritable Stelle herausgegeben wurde, scheint in diesen Passagen auch eigene Auslegungen und Verständnisse widerzuspiegeln. Denn der lateinische Text Benedikts ließe sich auch anders lesen. Benedikt verwendet die Begriffe reficium (Stärkung, Erfrischung, vgl. Der kleine Stowasser [1971], S. 421 s.v. reficio: „kräftigen, erfrischen, erquicken, sich erholen“), in der vorliegenden Übersetzung wird dies mit „Hauptmahlzeit“ übertragen, und cena, das in römischer Zeit die zwischen drei und vier Uhr nachmittags eingenommene Hauptmahlzeit des Tages bezeichnete, vgl. Der kleine Stowasser (1971), S. 102 s.v. cena. Diese klassischen Wortbedeutungen werden in der vorliegenden Übersetzung einfach wechselseitig ausgetauscht. Als „Hauptmahlzeit“ wird in der Übersetzung auch das prandium ausgegeben, eigentlich die erste Mahlzeit des Tages, das am Mittag eingenommene ‚Frühstück‘, vgl. Der kleine Stowasser (1971), S. 391 s.v. prandium: „Frühessen …, Frühstück (um Mittag genommen, aus kalten Speisen bestehend)“ Die Benediktusregel (1992), S. 172 f., XLI, 6 ff., im Original: Ab idus autem septembres usque caput quadragesimae ad nonam semper reficiant. In quadragesima vero usque in pascha ad vesperam reficiant

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zur neunten Stunde, also nachmittags, gespeist werden solle, nicht etwa, wie die Übersetzung ausweist, „nur“. Die durch die Übersetzung dargelegte Ausschließlichkeit lässt sich aus der Benediktusregel selbst demnach nicht ableiten. Aus der textlichen Grundlage lässt sich daher wohl lediglich erschließen, welche Zeiten Benedikt im klösterlichen Tagesablauf für Mahlzeiten vorsah. Die durch ihn selbst gewählte Diktion ist hinsichtlich der möglichen Zahl und Gewichtung der Mahlzeiten weniger eindeutig als es die neuhochdeutsche Übersetzung nahe legt. Es wäre eine eigene Untersuchung wert zu prüfen, wann und durch wen die Bedeutung der verschiedenen, von Benedikt gewählten Begriffe für ‚Mahlzeit‘ verändert wurde – und auch, ob sich aus diesen Veränderungen besondere (zeitbedingte?) Interessen oder Textverständnisse ableiten ließen. Auch das Maß der Speisen und Getränke nahm Benedikt in seine Überlegungen auf. Über die feste Nahrung schrieb er: „Nach unserer Meinung dürften für die tägliche Hauptmahlzeit, ob zur sechsten oder zur neunten Stunde, für jeden Tisch mit Rücksicht auf die Schwäche einzelner zwei gekochte Speisen genügen. Wer etwa von der einen Speise nicht essen kann, dem bleibt zur Stärkung die andere. Zwei gekochte Speisen sollen also für alle Brüder genug sein. Gibt es Obst oder frisches Gemüse, reiche man es zusätzlich. Ein reichlich bemessenes Pfund Brot genüge für den Tag, ob man nur eine Mahlzeit hält oder Mittag- und Abendessen einnimmt. Essen die Brüder auch am Abend, hebe der Cellerar ein Drittel dieses Pfundes auf, um es ihnen beim Abendtisch zu geben.“40 Neben zwei gekochten Speisen kann es demnach noch Obst oder Gemüse geben. Auch das Brot, das zusätzlich ausgegeben wird, wird nicht auf die Grundgerichte (im Sinne etwa von ‚wesentlichen Speisen‘) angerechnet. Seine Bemessung ist rückwirkend schwer zu erschließen, denn Gewichte und Maße veränderten sich im Laufe der Zeit erheblich und waren im Mittelalter alles andere als einheitlich.41 Sollte sich Benedikt noch an rö-

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Die Benediktusregel (1992), S. 168 f., XXXIX, 1 ff., im Original: Sufficere credimus ad refectionem cotidianam tam sextae quam nonae omnibus mensis cocta duo pulmentaria propter diversorum infirmitatibus, ut forte, qui ex illo non potuerit edere, ex alio reficiatur. Ergo duo pulmentaria cocta fratribus omnibus sufficiant; et, si fuerit unde poma aut nascentia leguminum, addatur ad tertium. Panis libra una propensa sufficiat in die, sive una sit refectio sive prandii et cenae. Quod si cenaturi sunt, de eadem libra tertia pars a cellerario servetur reddenda cenandis Mit Beispielen für die Verschiedenheit hochmittelalterlicher Hohl- und Längenmaße sowie von Gewichten hierzu allgemein H. Witthöft s.v. Maß in: LexdMA Bd. VI (1993), Sp. 366f., bes. Sp. 366 („Westlicher Bereich“)

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mischen Maßen orientiert haben, hätte eine Tagesration etwa 350 Gramm betragen.42 Bezüglich seiner Maßvorstellungen ist Benedikt weit weniger apodiktisch als spätere Regelungen, die sich auch auf seine Regel beriefen, festlegen wollten. Benedikt ließ nämlich zu, dass die Rationen erhöht wurden, sollte es die von den Mönchen geleistete Arbeit erfordern: „War die Arbeit einmal härter, liegt es im Ermessen und in der Zuständigkeit des Abtes, etwas mehr zu geben, wenn es guttut. Doch muß vor allem Unmäßigkeit vermieden werden; und nie darf sich bei einem Mönch Übersättigung einschleichen.“43 Betont wird andernorts, dass individueller physischer Bedarf beim Maß an Speisen und Getränken zu berücksichtigen sei. Ein Anhalt ist für Benedikt hier das ‚Notwendige‘: „Man halte sich an das Wort der Schrift: ‚Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.‘ Damit sagen wir nicht, daß jemand wegen seines Ansehens bevorzugt werden soll, was ferne sei. Wohl aber nehme man Rücksicht auf Schwächen. Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit.“44 Benedikt hatte dabei auch die besonderen Bedürfnisse Heranwachsender und Kranker im Blick: „Knaben erhalten nicht die gleiche Menge wie Erwachsene, sondern weniger. In allem achte man auf Genügsamkeit. Auf das Fleisch vierfüßiger Tiere sollen alle verzichten, außer die ganz schwachen Kranken.“45 Bemerkenswert ist, dass sich der Verzicht auf Fleisch(speisen) allein auf Produkte vierfüßiger Tiere bezieht. Alle Arten von Geflügel zählten für Benedikt demnach nicht zu den tierischen Fleischlieferanten, die Mönche meiden sollten. 42

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Vgl. Georg A. Narciß (Hg.): Klosterleben im Mittelalter. Nach zeitgenössischen Quellen von Johannes Bühler. Mit zahlreichen Abbildungen. (Insel Taschenbuch 1135). Frankfurt/M. 1989, S. 564, Anm. 13: „Die römische libra hatte 327 g.“ Die Benediktusregel (1992), S. 168 f., XXXIX, 6 ff., im Original: Quod si labor forte factus fuerit maior, in arbitrio et potestate abbatis erit, si expediat, aliquid augere remota prae omnibus crapula, et ut numquam subripiat monacho indigeries … Dem entsprechen „Die Werkzeuge der geistlichen Kunst“, in denen Benedikt beschreibt, wie ein rechter Mönch sich verhalten solle: „Nicht stolz sein, nicht trunksüchtig, nicht gefräßig, nicht schlafsüchtig, nicht faul sein. Nicht murren, nicht verleumden“, Die Benediktusregel (1992), S. 86 ff., IV, 34 ff. Auch hier finden sich deutliche Bezüge zu den Todsünden (superbia – Stolz, gula – Völlerei, Maßlosigkeit sowie invidia – Missgunst und acedia – Faulheit) Die Benediktusregel (1992), S. 158 f., XXXIV, 1 ff. Die Benediktusregel (1992), S. 168 f., XXXIX, 10 ff.: Pueris vero minore aetate non eadem servetur quantitas, sed minor quam maioribus servata in omnibus parcitate. Carnium vero quadripedum omnimodo ab aomnibus abstineatur comestio praeter omnino debiles aegrotos

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Abb. 28: Benedikt wirft einem Mönch vornehmer Herkunft seinen Hochmut vor.46 Miniatur aus Gregors d. Gr. ‚Dialogi‘, Lüttich, 12. Jahrhundert 46

In seinen Ausführungen über das Maß des Getränkes gibt Benedikt nochmals deutlich zu erkennen, dass ihm an einer allgemeinen Bestimmung zulässiger oder empfehlenswerter Mengen wenig gelegen ist: „Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Deshalb bestimmen wir nur mit einigen Bedenken das Maß der Nahrung für andere.“47 Benedikt erläutert, dass regionale Besonderheiten, klimatische Bedingungen und die Einbindung der Brüder in körperliche Arbeit sehr unterschiedliche Bedarfslagen und Einschätzungen des ‚Notwendigen‘ begründen können. Er stellt es dem Ermessen des Abtes anheim, in derartigen Fällen für angemessene Regelungen zu sorgen.48 Hinsichtlich der Gabe von Wein stellt er fest, dass eine generelle Enthaltsamkeit zwar besonders gottgefällig und deshalb erstrebenswert sei, doch scheint es ihm „mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen“ in seinem Hause vertretbar, wenn „für jeden täglich eine Hemina Wein“

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Auf der mit einem bodenlangen Tischtuch versehenen Tafel stehen Schalen mit Fuß, von denen die eine mit Fisch, die andere mit auf einen Spieß gesteckten (Fleisch-) Stücken (ähnlich einem heutigen Schaschlik-Spieß) gefüllt ist, und ein kugelförmiges Deckelgefäß, zu sehen sind zwei Messer sowie links ein rundes Brot und rechts eines in Halbmondform Die Benediktusregel (1992), S. 170 f., XL, 1 f.: Unusquisque proprium habet donum ex deo, alius sic, alius vero sic. Et ideo cum aliqua scripulositate a nobis mensura victus aliorum constituitur Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 170 f., XL, 5 ff.

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(etwa ein Viertelliter) ausgegeben wird.49 Welche andere Regelung auch immer getroffen werden möge, es solle darauf geachtet werden, „daß sich nicht Übersättigung oder Trunkenheit einschleichen. Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche, weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall.“50 Alternative Getränke und deren mögliche Bemessung findet man in der betreffenden Passage nicht, sodass auch sie dem Ermessen des Abtes überlassen gewesen sein dürften. Benedikts Vorstellungen zum Verhalten in der Fastenzeit sind nicht etwa auf komplette Entsagung, sondern lediglich auf ausgewählte Reduzierung und bewussten Verzicht ausgerichtet: „Der Mönch soll zwar immer ein Leben führen wie in der Fastenzeit. Dazu aber haben nur wenige die Kraft … Gehen wir also in diesen Tagen über die gewohnte Pflicht unseres Dienstes hinaus durch besonderes Gebet und durch Verzicht beim Essen und Trinken. So möge jeder über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Willen in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen; er entziehe seinem Leib etwas an Speise, Trank und Schlaf und verzichte auf Geschwätz und Albernheiten.“51 Welcher persönliche Verzicht jeweils geleistet werden soll, ist dem Abt gegenüber anzeigepflichtig. Der Verzicht darf auch nur mit dessen Zustimmung erfolgen.52 49

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Die Benediktusregel (1992), S. 170 f., XL, 3 f.: Tamen infirmorum contuentes inbecillitatem credimus eminam vini per singulos sufficere per diem. Zum Mengenmaß vgl. Narciß (1989), S. 564, Anm. 15: „Die römische hemina faßte 0,27 Liter.“ Die Benediktusregel (1992), S. 170 f., XL, 6 ff.: Licet legamus vinum omnino monachorum non esse, sed quia nostris temporibus id monachis persuaderi non potest, saltim vel hoc consentiamus, ut non usque ad satietam bibamus, sed parcius, quia vinum apostatare facit etiam sapientes Die Benediktusregel (1992), S. 188 f., XLIX, 1 ff.: Licet omni tempore vita monachi quadragesimae debet observationem habere, tamen quia paucorum est ista virtus … Ergo his diebus augeamus nobis aliquid solito pensu servitutis nostrae, orationes peculiares, ciborum et potus abstinentiam, ut unusquisque super mensuram sibi indictam aliquid propria voluntate cum gaudio sancti spiritus offerat deo, id est subtrahat corpori suo de cibo, de potu, de somno, de loquacitate, de scurrilitate Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 190 f., XLIX, 8 ff. – In den frühmittelhochdeutschen ‚Idsteiner Sprüchen der Väter‘ finden sich mehrere religiös motivierte Sinnspüche, die den Verzicht auf (zu viel) Speise und Trank – hier vor allem Wein – zum Gegenstand haben und der Benediktinerregel darin entsprechen. Einige der Sprüche werden dort Papst Gregor I. (ca. 540–604) zugeschrieben, so etwa der folgende: ezzin dicke unde gnuc, swer daz alle zit dut, ane geste unde ane sichedagin, der muz got zu einem fiende habin. ‚Wer zu jeder Zeit reichlich und sich vollkommen satt isst, ohne dass er Gäste hat oder krank ist, der muss Gott zum Feind haben‘, Text zit. nach Die religiösen Dich-

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Für den Abt des Klosters sieht Benedikt generell vor, dass er vom Konvent getrennt speist, und zwar mit Gästen des Klosters und mit Pilgern, die dort Station machen. Sofern nur wenige Gäste oder Pilger anwesend sind, kann der Abt Brüder aus seinem Kloster an seinen Tisch bitten, soll jedoch dafür Sorge tragen, dass sich ältere Brüder gleichzeitig um die Ordnung im klösterlichen Refektorium kümmern.53 Mit Ausnahme allgemein vorgeschriebener Fasttage ist es dem Abt gestattet, aufgenommenen Gästen zuliebe das Fastengebot zu brechen. Gastfreundschaft ist in jeder Hinsicht großzügig und freundlich zu gewähren, und von Gästen des Klosters – wie wohl auch von Pilgern – wird nicht erwartet, dass sie sich der klösterlichen Speiseordnung unterwerfen. Für die gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Abt, deren angemessene Zahl nicht erwähnt und damit auch nicht limitiert wird, soll für Abt und Gäste eine eigene Küche betrieben werden, „so stören Gäste, die unvorhergesehen kommen und dem Kloster nie fehlen, die Brüder nicht.“54 Die Abts- und Gästeküche soll von zwei Brüdern betrieben werden, die ihren Dienst dort jeweils ein Jahr lang verrichten. Sollten sie Hilfe benötigen, sind weitere Mönche hinzuzuziehen, sind wenige Gäste da, sollen die Verseher der Abtsküche auch zu anderen Arbeiten herangezogen werden können. Strikt ist dabei die (wiederholte) Vorgabe, die Gäste und Pilger sowie die ihnen zugänglichen Bereiche von der Gemeinschaft der Mönche zu trennen.55 Verschiedene Verfehlungen, z. B. Bummelei oder Unpünktlichkeit im Erscheinen zum Gottesdienst und bei Tisch, sollen mit einem temporären Ausschluss von der Tafelgemeinschaft des Klosters geahndet werden. Bei Wiederholung kann auch die tägliche Weinration gestrichen werden. Wer außerhalb der Essenszeiten beim Essen ‚erwischt‘ wird oder wer die durch den Abt angebotenen Speisen zurückweist, dem soll auch die Nahrung komplett entzogen werden, bis er sich eines Besseren besinnt oder entschuldigt.56 Bei Dienstgängen von kurzer Dauer, die die Mönche außerhalb des Klosters zu erledigen hatten, durften ohne ausdrückliche Erlaubnis des Abtes keine angebotenen Speisen angenommen werden. Bei Zuwiderhandlung drohte der Ausschluss aus Konvent und Kongregation.57

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tungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Bd. I (1964), S. 89, Nr. 75. Vgl. ähnlich auch die dort folgend aufgeführten Sprüche; zu siechtac, -tage s. Lex. Bd. II (1992), Sp. 910: „krankheit, siechtum“ Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 202 f.; LVI De mensa abbatis Die Benediktusregel (1992), S. 194 f., LIII, 16 Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 196 f., LIII, 17 ff. Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 178 f., XLIII, 13 ff. Vgl. Die Benediktusregel (1992), S. 190 f., LI

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Aus den Regelungen, die Benedikt von Nursia für ‚sein‘ Kloster Monte Cassino formulierte, geht hervor, welchen Stellenwert für ihn Ordnung und Disziplin innerhalb der klösterlichen Gemeinschaft besaßen. Unterwerfung unter diese Ordnung ist ein Teil der geforderten Demut, die Einhaltung der Ordnung wird streng gefordert. Benedikts Erwartungen an die Zucht der Mönchsgemeinschaft sind entsprechend hoch. Andererseits ist er sich der menschlichen Schwächen bewusst, die das leibliche Wohl der Mönche betreffen und denen er in den vergleichsweise zahlreichen Kapiteln über dieses Thema einen bemerkenswerten Raum lässt.58 Er muss gewusst haben, dass die von der Außenwelt abgeschirmte klösterliche Lebensgemeinschaft mit ihrem streng geregelten Tagesablauf leichter ohne (das verpönte) Murren angenommen werden konnte, wenn es auch Räume für gewisse Lockerungen und Freizügigkeiten gab. Diese ließ er gerade im Bereich des Essens und Trinkens zu. Zwar ist auch die klösterliche Tafelgemeinschaft vollkommen ‚durchorganisiert‘, doch gibt es hinsichtlich dessen, was vorgesetzt werden soll oder darf, nur wenige Einschränkungen. „Vor allem bleibt das Quantum der Speisen außer Brot und Wein gänzlich offen. Nur Unmäßigkeit verbietet Benedikt. Er verlangt keine übertriebenen Entbehrungen; was er an Nahrung gewährt, ist gemessen an den Lebensbedingungen in Süditalien und an den sozialen Verhältnissen seiner Zeit nicht unbillig. Die Discretio Benedikts strebt eine Abkehr vom Übermaß des Essens an, aber auch eine ausreichende Ernährung, die in der Fastenzeit … eingeschränkt werden soll.“59 Psychologisch geschickt, behält Benedikt sowohl das durchaus labile Verhältnis von Verzicht und Gewährung im Blick als auch, dass andere Konvente unter den auf sie wirkenden Bedingungen zu variierenden Regelungen gelangen können. Die Entscheidung, was im Einzelfall jeweils angemessen und zuträglich ist, legt Benedikt in die Zuständigkeit des jeweiligen Abtes oder ‚Oberen‘, was dessen Autorität und Achtung innerhalb der Gemeinschaft erheblich beeinflusst haben dürfte.60

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Auch der Ermessensspielraum, den Benedikt einem Abt bei der Gewährung von Ausnahmen zugesteht, ist beachtlich Zimmermann (1973), S. 38. Die Vorstellung eines Abbruchs oder eines vollständigen Aussetzens der Nahrungsaufnahme, die Zimmermann zuvor (an gleicher Stelle) für die Fastenzeit darstellt, lässt sich aus den Schriften Benedikts nicht herleiten Die maßvollen und im Bedarfsfall durchaus ‚elastischen‘ Regeln, die Benedikt für das klösterliche Leben verfasste, wurden auch im Hochmittelalter noch hoch geschätzt. In einer Kritik an den zu seiner Zeit, der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, noch ‚neuen‘ Orden (gemeint sind die Franziskaner und Dominikaner) preist sie der Marner in einem lateinisch verfassten Lied:

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6.2.3 Die Klosterküche des Hochmittelalters im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel Die Benediktusregel wurde bald europaweit bekannt und galt als ‚die‘ Grundlage klösterlichen Lebens. Sie wurde jedoch im Laufe der folgenden Jahrhunderte oft nur noch eingeschränkt oder auch kaum mehr befolgt. Nördlich der Alpen wurde diese Entwicklung dadurch verstärkt, dass die Stellung von Klöstern im Rahmen der königlichen, später kaiserlichen Herrschaftsorganisation oft bedeutend war.61 Hinsichtlich ihrer Macht und ihres Einflusses traten sie oft in direkte Konkurrenz zu den Bischöfen des Reiches.62 Viele Klöster verfügten über ausgedehnten Grundbesitz, der ihre

Benedicti regula fuit primitiva, placuit pre ceteris, quia fuit diva; primo constantissima – sed nunc est procliva – eminebat ceteris et compositiva.

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(Lied 11, Str. 5)

„Benedikts Regel war die erste ihrer Art, sie gefiel mehr als alle anderen, denn sie war göttlichen Ursprungs; als die erste, die beständigste – jetzt freilich ist sie ins Trudeln geraten – überragte sie die anderen, zum Gemeinschaftsleben ist sie die geeignete“, zitiert nach der Ausgabe von Willms (2008), S. 125 f., Übersetzung S. 129 Die Einbindung auch der Klöster in die Herrschaftsorganisation bildet einen Teil der grundlegenden Verflechtungen zwischen mittelalterlicher weltlicher Herrschaft und Kirche. Bereits die Merowingerkönige holten kirchliche Würdenträger an ihren Hof, die sie als Ratgeber und – mithilfe des damals bereits bestehenden, wachsenden Netzes von Klöstern – in der Verwaltung ihres Reiches einsetzten. Eine wichtige Rolle spielte dabei, dass die Geistlichen lese- und schreibkundig waren, sie stellten Urkunden aus, versahen (u. a. schriftliche) Verwaltungstätigkeiten und waren in diplomatischen Angelegenheiten tätig. Unter Karl dem Großen wurde die ‚Hofkapelle‘ geradezu institutionalisiert. „Trotz einzelner Schwankungen erwies sich die H.[ofkapelle] in ihrer Organisation als ein so wirkungsvolles Herrschaftsinstrument des Kgtm.s, daß sie den Zerfall des Karolingerreiches überlebte“, so J. Fleckenstein unter dem Stichwort ‚Hofkapelle‘ im LexdMA Bd. V (1991), Sp. 70–72, hier Sp. 71. Im Hochmittelalter „ist charakterist. für die Nachfolgestaaten des großfrk. Reiches, daß ihre Verselbständigung sich in der Bildung eigener H.n mit einem eigenen Erzkapellan an der Spitze widerspiegelt, der im W und S den Titel schon bald mit dem des Erzkanzlers vertauscht. … Den entschiedensten Gebrauch machten seit Otto d. Gr. die dt. Kg.e und Ks. davon: sie bauten die H. bewusst in die Reichskirche ein, indem sie die Kapelläne möglichst aus den Domkapiteln … holten, denen sie als Kanoniker weiterhin angehörten, wodurch die Domkapitel zugleich für den Unterhalt der H. nutzbar wurden. Nicht weniger wichtig war, daß die Kg.e dann möglichst viele der adligen Kapelläne auf Bf.sstühle zu erheben suchten, um diese enger an den Hof zu binden“, Fleckenstein (1991), Sp. 71 f. Vgl. Narciß (1989), S. 23 f. und Werner/Erbstößer (1992), S. 96 ff.

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wirtschaftlichen Möglichkeiten und damit auch ihren Einfluss erheblich steigerte.63 Die im Laufe der Zeit gewachsene Verquickung mit weltlicher Herrschaft und Macht, aber auch die damit zunehmende Veränderung und Diversifizierung der Aufgaben, die in klösterlichen Gemeinschaften und durch sie verrichtet wurden, wirkte auch auf die innere Verfassung und die Lebensgemeinschaft der Konvente: „Die Arbeiten der Mönche als Missionare, Lehrer, Künstler und Schriftsteller, die Heranziehung bedeutender Äbte und Mönche zu Hof- und Staatsdiensten schienen vielen Zeitgenossen mit den asketisch-monastischen Idealen unvereinbar.“64 Dieser Entwicklung bewusst entgegen steuernd, setzten während des 10. und 11. Jahrhunderts Reformbestrebungen ein, die, besonders von den lothringischen Klöstern Cluny und Gorze ausgehend, auf die Klosterwelt in ganz Mitteleuropa wirkten. Mit den reformierten Regeln, den consuetudines, entstand unter dem Dach des Reformbenediktinertums eine ganze Reihe

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So verfügte z. B. die nahe Essen an der Ruhr gelegene „Reichsabtei Werden um 1150 in ihren rheinischen, friesischen und westfälischen Besitzzonen über etwa 60 Haupthöfe und ungefähr 1600 Bauernhufen; sie gehörte damit zu den größten geistlichen Grundherrschaften im nordwestdeutschen Raum“, Werner Rösener: Das Kloster und die Bauern. Die Grundherrschaften von Werden und Helmstedt im Mittelalter, in: Jan Gerchow (Hg.): Das Jahrtausend der Mönche. Kloster Welt Werden 799–1803. Essen 1999, S. 113–118, hier S. 115. Ausgeführt wird an gleicher Stelle, dass eine Bauernhufe im westlichen Sachsen die Fläche von etwa 10ha umfasste, ein Haupthof etwa 4 bis 5 Hufen besaß, sodass der (abgabepflichtige) Grundbesitz des Klosters Werden über 18 000ha betrug. Vgl. im gleichen Band auch die Karten zur regionalen Verteilung der Besitztümer des Klosters Werden, S. 448 f.; das Zisterzienserkloster Doberan verfügte sechs Jahre nach seiner Gründung (1171) bereits über 13 Dörfer, Leubus in Schlesien wurde bei seiner Gründung im Jahr 1175 mit 12 Dörfern, drei Kirchen, einer Schenke, Obstgärten, Wiesen, Äckern und Einkünften aus Breslau ausgestattet, vgl. Werner/Erbstößer (1992), S. 206 f.; die Größe verschiedener Wirtschaftshöfe (Grangien) des Klosters Salem betrug zwischen 235 und 500ha, eine nahe der Abtei gelegene Grangie des Zisterzienserklosters Bebenhausen bei Tübingen immerhin 193ha, vgl. Werner/Erbstößer (1992), S. 214. Der Grundbesitz des Reichsklosters Corvey wird zu Beginn des 12. Jahrhunderts auf 3000 bis 5000 Hufen (30 000 bis 50 000ha) geschätzt, vgl. Hans-Georg Stephan: Studien zur Siedlungsentwicklung und -struktur von Stadt und Reichskloster Corvey (800–1670). Eine Gesamtdarstellung auf der Grundlage archäologischer und historischer Quellen. Mit Beiträgen von Jörg Bellstedt, Hans-Rudolf Bork, Otto Braasch, Siegmund Koritnig, Michael Schultz, Gustl Strunk-Lichtenberg und Ulrich Willerding. Bd. 2. (Göttinger Schriften zur Ur- und Frühgeschichte. Bd. 26, 2). Neumünster 2000, S. 333 f. Damit sind diese Klöster auch nach heutigen Maßstäben als Großgrundbesitzer anzusehen Narciß (1989), S. 24

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neuer Orden.65 Die von Cluny und Gorze ausgehenden Reformen verlangten „über Benedikts Vorschriften noch hinausgehend von den Mönchen strengste Askese“.66 Diese Forderung war durchaus konflikthaltig, denn sie zielte nicht nur auf die Aufgabe verschiedener Gewohnheiten und Annehmlichkeiten, sondern kollidierte auch mit den im Norden vergleichsweise härteren Lebensbedingungen: „Für die Bewohner der nördlichen Länder … stellte es eine schwer zu ertragende Härte dar, daß gerade während der kalten Jahreszeit, in der der Körper mehr Nahrung braucht, weniger gegessen werden sollte. Daraus erwuchs das Bemühen um Milderungen.“67 In den hochmittelalterlichen consuetudines finden sich daher recht unterschiedliche Regelungen, die sich insgesamt lediglich in strengere und liberalere Formen fassen lassen.68 Die damit vorhandene Diversifizierung der Vorstellungen von der ‚rechten Lebensweise‘ im Kloster zog eine rege, teils auch erbitterte Diskussion nach sich, wie eine gottgefällige Lebensführung zu gestalten sei.69 Zwar bezogen sich alle reformierten Ordnungen grundsätzlich auf die Regula Benedicti, doch „sind in den Benediktinerklöstern Durchbrechungen der Regel bereits so zahlreich, daß man von der Betrachtung dieser Veränderungen her die Tage feststellen muß, an denen die Regula unvermindert galt.“70 Hierzu hat auch beigetragen, dass sich seit Benedikts Zeiten die Zahl der Fest- und Feiertage, an denen das Fastengebot in vielen Orden nicht galt, erheblich erhöhte. Gleichzeitig gab es verschiedene Bestrebungen, zusätzliche Fastentage einzuführen (bei Benedikt waren dies neben der Fastenzeit besonders der Mittwoch und der Freitag).71 „So verwundert es nicht, wenn 65 66 67 68

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Vgl. Zimmermann (1973), S. 38 ff. Narciß (1989), S. 25 Zimmermann (1973), S. 40 Eine differenzierte Zusammenstellung der in den verschiedenen hochmittelalterlichen consuetudines enthaltenen Regelungen bietet Zimmermann (1973), S. 37 ff. Vgl. hierzu Zimmermann (1973), S. 37 ff. mit zahlreichen Belegen Zimmermann (1973), S. 39 Vgl. Zimmermann (1973), S. 40 f. Die Zahl der während des Kirchenjahres vorgesehenen Fastentage wird für das Hochmittelalter mit etwa 140 bis 150 angesetzt, sodass allgemein etwa 220 Tage verblieben, „an denen keine Einschränkungen der Ernährung durch das F.gebot vorgegeben waren“, so H. Hundsbichler in: LexdMA Bd. IV (1989), Sp. 304–310 unter dem Stichwort „Fasten, -zeiten, -dispense“, hier Sp. 305. – In frühmittelhochdeutschen geistlichen Texten finden sich Beispiele dafür, dass an das Maßhalten und Fasten offenbar immer wieder erinnert werden musste. In den ‚Idsteiner Sprüchen der Väter‘ (Sententiae Patrum) finden sich u. a. die folgenden Passagen, die dort dem Kirchenvater Hieronymus (347–420 n. Chr.) zugeschrieben werden:

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man im 12. Jahrhundert den Mönchen von Cluny überhaupt vorwarf, sie fasteten, wann sie wollten, und wenn die Zisterzienser ihren Ordensangehörigen die Einhaltung des Mittwochs- und Freitagsfastens besonders einschärften.“72 Verändert wurde oft auch die Zahl der Mahlzeiten und Umtrünke. Unter Bezug auf die Benediktusregel, die Anpassungen an spezielle Bedarfslagen oder Verhältnisse ja zulässt, wurde den mit besonderen Arbeiten betrauten Mönchen, Kindern/Jugendlichen, Kranken und Alten sowie an besonderen Tagen ein zusätzlicher Imbiss ausgegeben, das mixtum. Bei den Zisterziensern sollte es vom 12. Jahrhundert an aus einer zusätzlichen Ration an Brot (genau einem Viertelpfund) und einer Drittel Hemina Wein bestehen. In der Fastenzeit wurde das mixtum dort jedoch ausgesetzt.73 Exakt festgelegt wurde auch, wann das Mixtum auszugeben sei: an Tagen mit einem Mittagessen (im Sommer) vor dem Mittagessen, das zur Sext (zwischen 10.50 und 11.00 Uhr) stattfand, an Fasttagen nach der Sext. Jugendliche Mönche sollen das mixtum vor der Terz einnehmen, d. h. im Sommer bis etwa acht Uhr, im Winter bis etwa neun Uhr.74

(46) Drinkin und ezzin ober not daz ist der selen ewich dot. (49) Swer sinin buch allezit will fol han, ist der kusce f!ient, lert" mich min wan. (52) We den die fila ezzint und drinkint, si hant ihren buch zu einime gode irkorin.

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‚(46) Mehr trinken und essen als es erforderlich ist, bedeutet den ewigen Tod der (unsterblichen) Seele.‘ – ‚(49) Wer seinen Bauch jederzeit gefüllt haben will, ist, wie ich vermute, der Feind der Sittsamkeit.‘ – ‚(52) Wehe denen, die viel essen und trinken, sie haben ihren Bauch zu einem Gott erkoren‘; Text zitiert nach Die religiösen Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Bd. I (1964), S. 85. Vgl. zu mhd. kiusche, kûsche Lex. Bd. I (1992), Sp. 1592 f.: „jungfräul. reinheit, keuschheit, sittsamkeit, sanftmut“, zu wân s. Lex. Bd. III (1992), Sp. 668: „ungewisse, nicht völlig begründete ansicht oder meinung, das blosse vermuten, glauben, erwarten, hoffen“ Zimmermann (1973), S. 41 Vgl. Ecclesiastica Officia. Gebräuchebuch der Zisterzienser aus dem 12. Jahrhundert. Lateinischer Text nach den Handschriften Dijon 114, Trient 1711, Ljubljana 31, Paris 4346 und Wolfenbüttel Codex Guelferbytanus 1068. Deutsche Übersetzung, liturgischer Anhang, Fußnoten und Index … übersetzt, bearbeitet und herausgegeben von Hermann M. Herzog (Marienstatt) und Johannes Müller (Himmerod). (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur. Bd. VII. Veröffentlichungen der Zisterzienserakademie Mehrerau – Langwaden – Berlin). Langwaden 2003, S. 280 f., Kapitel 73; vgl. auch Zimmermann (1973), S. 43 f. Vgl. Ecclesiastica Officia (2003), S. 280 f., Kapitel 73, 8: Similiter faciant adolescentes qui ante terciam mixtum sumunt. Die Festlegung der Tageszeiten war variabel, da sie dem Sonnenstand folgte. Im Winter begann die Terz zwischen 08.20 (Ende Dezember) und 09.20 Uhr (Ende Februar), im Sommer bereits um 07.45 (Ende Juni) bzw. 08.15 Uhr (Ende August), vgl. Ecclesiastica Officia (2003), S. 34 f.

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Bei den Benediktinern gab es zusätzliche gemeinsame Umtrünke, die caritates (als besonders gewährte zusätzliche Gabe im Gegensatz zu der den Mönchen nach der Regula ohnehin zustehenden Weinration, der iustitia).75 „Getrunken wurde die Caritas unter Beachtung bestimmter Zeremonien, die oft umständlich beschrieben werden, nicht aus einem gewöhnlichen Trinkgefäß, der Justitia, sondern aus dem Scyphus …, einem handlichen zudeckbaren Trinkkrug“.76 Die Zisterzienser kannten einen außerhalb der Mahlzeiten einzunehmenden, gemeinsamen abendlichen Umtrunk nach der Vesper.77 In anderen Orden waren derartige Lockerungen nicht zugelassen, vielmehr wurde dort die Zahl der Mahlzeiten unter das von Benedikt gewährte Maß reduziert. Die wiedererstarkten Eremiten sollten demnach nur sonntags, feiertags und an höchstens zwei Wochentagen zwei Mahlzeiten erhalten.78 „Auch bei den Kartäusern galten verschärfte Fastengebote; an gewöhnlichen Tagen wird im Winter stets nur einmal gegessen, im Sommer an drei Tagen der Woche. Von den Wanderpredigermönchen des frühen 12. Jahrhunderts ist bekannt, daß sie fast immer nur einmal täglich aßen“.79 Nicht nur die Zahl der Mahlzeiten, auch diejenige der gereichten Gerichte konnte erheblich variieren. Hatte Benedikt für die Hauptmahlzeit des Tages zwei (gekochte) Gerichte empfohlen, denen ggf. (rohes) Obst und Gemüse beigegeben werden konnte, ist in den hochmittelalterlichen consuetudines „die Zahl der Gerichte starken Änderungen unterworfen, wobei die Zugaben häufiger sind als die Verringerungen.“80 Unterschieden wurde zunehmend zwischen dem generale, denjenigen Speisen, die jedem einzelnen Mönch der benediktinischen Regula zufolge zustehen, und zusätzlichen sog. Pitanzen (pitantiae), die oft für zwei Mönche gemeinsam gereicht wurden.81 Diese Pitanzen konnten aus einer zusätzlichen Gabe von Eiern und Käse, später auch von Fisch und Wein bestehen.82 75 76

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Vgl. Zimmermann (1973), S. 42 f. Zimmermann (1973), S. 42; zur caritas sowie zu klösterlichen Gebräuchen und Funktionsträgern vgl. auch Jörg Sonntag: Klösterlicher Raum, in: Melville/Staub (2008), Bd. II, S. 279–285, bes. S. 284 Vgl. Ecclesiastica Officia (2003), S. 308 f., Kap. 80. Zimmermann (1973), S. 43 hebt hervor, dass derartige zusätzliche Trinkrunden im Unterschied zu der benediktinischen caritas nicht mit einer zusätzlichen Weinration verbunden, sondern aus der iustitia zu bestreiten waren Vgl. Zimmermann (1973), S. 44 f. unter Bezug auf die Schriften des Petrus Damiani Zimmermann (1973), S. 45 Zimmermann (1973), S. 46 Vgl. Zimmermann (1973), S. 47 f. Vgl. F. Neiske unter dem Stichwort Pitanz in: LexdMA Bd. VI (1993), Sp. 2188. Anders als Zimmermann interpretiert Neiske hier die Pitanz nicht als zusätzliches Gericht (bei einer Mahlzeit), sondern als zusätzlich mögliche, eigenständige Mahlzeit

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Die angemessene Zahl der Gerichte war wiederholt Gegenstand der hochmittelalterlichen Streitliteratur zwischen hochrangigen Vertretern verschiedener Ordensgemeinschaften. So wandte sich Bernhard von Clairvaux dagegen, dass in den benediktinischen Klöstern „die Gerichte vermehrt … und daß drei, vier oder gar fünf Gänge bei einer Mahlzeit gegessen werden“.83 So kritisierte Orden konterten, Benedikt selbst habe geschrieben, dass manchen Mönchen ein Gericht nicht zusage und dass entsprechend ein zweites zu reichen sei. Da es vorkommen könne, dass auch diese Alternative manchem nicht zusage, sei die Gabe von weiteren Gerichten durchaus im Sinne der Regula.84 Zuweilen griff man auch auf definitorische Kniffe zurück, um zusätzliche oder reichhaltige Speiseangebote zu legitimieren: „Noch einfacher versucht der Cluniazenser [gemeint ist Petrus Venerabilis, d.Verf.] im ‚Dialogus‘ die Angriffe abzuwehren, wenn er erklärt, was zwischen den beiden Gerichten ‚ex caritate‘ serviert werde, dürfe man nicht als Gericht ansprechen. Er entspricht damit ganz den Consuetudines, die nur Bohnen und Gemüse als Pulmenta [gekochte Speisen, d.Verf.] bezeichnen, die Zwischengerichte aber als Pitanz und Generale … Auch Hildegard von Bingen bedient sich ähnlicher Argumente“.85 In welchem Verhältnis die zeitgenössische theologische Diskussion über die angemessene Zahl und Menge an Speisen und Getränken und die in den klösterlichen Küchen und Refektorien tatsächlich geübten Praktiken standen, lässt sich aus heutiger Perspektive wohl kaum mehr ermitteln. Dass darüber kontrovers debattiert wurde und auch wie, lässt jedoch darauf schließen, dass die klösterliche Zucht in vielen Punkten schwerlich den Vorstellungen Benedikts entsprach. Askese, Zurückhaltung und Mäßigung traten wohl oft in den Hintergrund, und besondere Annehmlichkeiten der Klostergemeinschaft wurden nicht von vornherein verworfen. So trat etwa im bedeutenden (und wohlhabenden) Kloster Sankt Gallen der Dekan Ekkehard nicht vornehmlich durch seine fromme Haltung hervor, sondern dadurch, dass er den Brüdern besonders reiche Kost und Getränke gewährte. Ekkehard IV., der im 11. Jahrhundert die Leistungen seines etwa ein Jahrhundert zuvor tätigen Namensvetters würdigte, erkennt darin nicht etwa ein Übermaß und damit ein unangemessenes Verhalten, sondern betont, dass Ekkehard aus Liebe und besonderer Zugewandtheit handelte. Dem Befinden und der Stimmung innerhalb des Konventes war dies dem Chronisten zufolge offenbar sehr zuträglich: „In Ekkehard nämlich, den von Natur aus und durch seine Bemühung milde Liebe erfüllte, war der 83 84 85

Zimmermann (1973), S. 49 Zimmermann (1973), S. 50, bezieht sich dabei auf die Cluniazenser Zimmermann (1973), S. 50

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Geist aller zur Ruhe gekommen. Er nun bestimmte, daß von Jonswil,86 das er, wie wir gesagt haben, selber einzog und festhielt, eine Woche lang sieben tägliche Mahlzeiten mit reichlichem Brot und fünf Maßen von Bier hereinkämen, und das fünfte dieser Maße, das nämlich zur Nonzeit getrunken wurde, wolle er durch Wein ausgleichen lassen.“87 Dass der Geschichtsschreiber diese Begebenheit offenbar für außerordentlich und deshalb für berichtenswert hielt, weist jedoch darauf hin, dass auch im reichen Sankt Gallen die klösterliche Tafel in der Regel bescheidener bestückt gewesen sein wird. Den verschiedenen aus dem Hochmittelalter überlieferten Regeln zufolge ist die „Grundlage auch der monastischen Ernährung im Mittelalter … das Brot.“88 Es wird häufig erwähnt und dürfte als regelmäßig gewährte Kost eine entsprechend große Rolle gespielt haben. Sehr unterschiedlich konnten sich jedoch die Mengen gestalten, die ausgegeben wurden. Das von Benedikt gesetzte Maß (wohl ein römisches ‚Pfund‘) wurde dabei nördlich der Alpen wahrscheinlich meistens überschritten. Unter Berufung auf Benedikt gestatteten die Zisterzienser ihren Laienbrüdern (den sog. Konversen) während der Erntezeit, wenn sie körperlich härter arbeiteten, täglich eineinhalb Pfund Brot,89 während „die Reformbenediktiner das Brotquantum auch für die gesamte Kommunität (vergrößerten), ohne daß besondere Gründe vorzuliegen brauchten. Schon wenn das vom Mittag aufgehobene Brot am Abend nicht ausreichte, wurde zusätzlich Brot verteilt.“90 Abwechslung konnten unterschiedliche Brotsorten bieten, die in 86 87

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Gemeint ist der heute noch existierende Ort Jonswil im Schweizer Kanton St. Gallen Ekkehard IV. (1958), S. 146, Nr. 80. Auch später wird eine – hier qualitativ – großzügige Versorgung im Kloster gepriesen, so in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein einem lateinisch verfassten Lied des Marners, das er auf den ‚edlen Prälaten von Maria Saal‘ dichtete: „Ihm ins Gesicht kann ich wie jener Küchenmeister sagen: ‚Du hast das Ende dem edlen Wein und (ebensolchen) Speisen vorbehalten.‘ Richtiger aber sage ich dieses Richtige: Nach dem ersten wird kein schlechterer gereicht. Gutes wird ausgeschenkt und danach Besseres“, zitiert in der Übersetzung von Willms (2008), S. 124 (Lied 10, Str.2, 1 ff., der Originaltext ist auf den S. 121 ff. abgedruckt) Zimmermann (1973), S. 53 Nach dem zisterziensischen Grundsatzprogramm Usus conversorum, das die Regeln und Bedingungen für die Konversen beschreibt und kurz vor 1140 datiert wird, werden auch noch größere Mengen zugelassen: et habebunt singuli libram panis, et insuper de grosso pane quantum necesse fuerit. „Alle sollen ein Pfund Brot und darüber hinaus grobes Brot erhalten, soviel sie brauchen“, Hildegard Brem/Alberich A. Altermatt (Hg.): Neuerung und Erneuerung. Wichtige Texte aus der Geschichte des Zisterzienserordens vom 12. bis 17. Jahrhundert. (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur. Bd. VI. Veröffentlichungen der Zisterzienserakademie Mehrerau – Langwaden – Berlin). Langwaden 2003, Usus conversorum, Nr. 15 De uictu Zimmermann (1973), S. 53

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den consuetudines genannt werden. Neben dem gewöhnlichen panis solitus, einem dunklen, mit Kleie vermischten Brot, wird ein ‚besseres Brot‘ erwähnt (panis melior, panis delicior), „das an Festtagen und an manchen Fasttagen auf den Tisch kommt“ und wahrscheinlich als ein feineres Brot aus Weizenmehl anzusprechen ist.91 Variationsmöglichkeiten bestanden ferner durch die Formen, die dem täglichen Brot in der Klosterbäckerei gegeben werden konnten – von größeren Laiben oder Fladen über leichtere, kompaktere Brote bis hin zu kleinen Gebäcken etwa in Größe heutiger Brötchen. In den verschiedenen consuetudines wird folglich eine Reihe unterschiedlicher Brot- und Gebäckformen aufgeführt. Ob mit den damaligen Bezeichnungen jedoch „Semmeln, Oblaten, Torten und dergleichen“ in heutigem Verständnis gemeint sind, bezweifelt Gerd Zimmermann wohl zu Recht.92 Ihm fiel „bei der Erfassung der Brotsorten und Gebäcke auf, daß weitaus die Mehrzahl der Quellen aus dem benediktinischen Bereich stammt. Kartäuser, Zisterzienser und andere kannten nur ganz wenige Qualitätsunterschiede und halten die Getreidesorten auseinander, wobei die besseren Qualitäten meist nur in der Ablehnung oder der Beschränkung auf wenige Gelegenheiten erwähnt werden“.93 Die zwei regelmäßig gereichten gekochten Gerichte (pulmenta) bestanden in vielen Klöstern wohl aus einem Gemüse- (olera) und einem Bohnenoder Erbsengericht (fabae).94 Dass als pulmentum auch Getreidebrei, z. B. mit Hafer, Gerste oder Hirse gereicht werden konnte, ist wohl nicht auszuschließen.95 Diese gekochten Speisen konnten mit Salz und Garten- oder Wildkräutern gewürzt werden, und nur die Zisterzienser lehnten es kategorisch ab, den Geschmack wie auch den Nährwert dieser Gerichte durch Zugabe von Fett zu verbessern.96 Das in Südeuropa verbreitete Olivenöl war im Norden selten und in der Regel teuer. Es wurde deshalb durch tierische 91

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Zimmermann (1973), S. 54; das ‚gewöhnliche Brot‘ soll Zimmermann zufolge aus Roggen- oder Hafermehl bereitet worden sein Zimmermann (1973), S. 54 f. unter Verweis auf die diesbezüglichen Ausführungen Heynes (vgl. Anm. 32 und 33) Zimmermann (1973), S. 55 Vgl. Zimmermann (1973), S. 56 f.; genannt werden zwar oft die fabae, doch dürften mit dieser Bezeichnung nicht nur Bohnen, sondern allgemein Hülsenfrüchte gemeint sein, also auch Erbsen, vgl. Zimmermann (1973), S. 57 Diesbezüglich ist Zimmermann (1973), S. 57 f. eher vage. Allerdings leitet er hier pulmentarium von lat. puls ab, das er mit „Brei“ übersetzt, obwohl das pulmentarium im Lateinischen lediglich für „Zukost“ steht, vgl. Der kleine Stowasser (1971), S. 406 s.v. pulmentarium; damit bleibt offen, um welche Speiseform und Zubereitungsweise es sich handelt, zumal sich mögliche Bedeutungswandel unter Beibehaltung des Begriffs nur schwer rekonstruieren lassen Vgl. Zimmermann (1973), S. 57

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Fette ersetzt, entweder durch (die nicht alltägliche) Butter,97 durch Pflanzenöle (Lein-, Bucheckern-, Nussöle) oder durch Schweinefett. So ist von Bischof Meinwerk, der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Paderborn wirkte, überliefert, dass er bei einer Klostervisitation in die Küche kam und dort nur „trockene und armselige Speise“ vorfand, lediglich in Wasser gekochte ‚Gerichte‘. Für die Mönche ordnete er darauf hin das Kochen mit Fett geradezu an: von der Kirche aus „sei in einer allgemeinen Versammlung von Mönchen, die kein Öl hätten, zwar nicht der Genuß des Fleisches vierfüßiger Tiere, aber der Gebrauch des damit verwandten Fettes erlaubt worden. Hierauf ließ der Bischof einige seiner Bauern kommen und befahl ihnen, dem Kloster Schweine zu geben. Mit deren Speck und Fett sollten von jetzt an die Speisen der Brüder bereitet werden“.98 Über das Fleisch, das die geschlachteten Schweine abgaben, schweigt sich die Quelle aus. Zu den gekochten Gerichten sind auch Speisen zu zählen, für die die hochmittelalterlichen consuetudines eine Reihe von Bezeichnungen kennen, die heute nicht mehr eindeutig interpretiert werden können. Gerd Zimmermann nimmt an, dass es sich dabei mehrheitlich um ‚Pfannengerichte‘ handelte, um „Mehlspeisen aller Art, Pfannkuchen, Rohrnudeln, Aufläufe, Pasteten, Fettgebäck (Krapfen usw.) und dergleichen, zubereitet mit Mehl, Eiern, Milch, Fett, Gewürzen.“99 Obst und Gemüse, damit auch Salate und Kräuter, konnten auch den hochmittelalterlichen Regeln zufolge zusätzlich zu den zwei gekochten Gerichten gereicht werden – allerdings nur in rohem Zustand.100 Angesichts der seinerzeit sehr begrenzten Konservierungsmöglichkeiten wird dies wohl besonders im Sommer und Herbst der Fall gewesen sein, im Winter ließ sich ja an Gemüse oder Obst lediglich auf den Tisch bringen, was dörrbar oder z. B. durch Einlegen (‚Essiggurken‘, Sauerkraut) oder Einsalzen dauerhafter wurde.101 97

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Zimmermann (1973), S. 60, führt an, dass Butter in den hochmittelalterlichen consuetudines nur selten genannt werde. Da die Hirsauer consuetudines (vgl. dazu auch den unten folgenden Abschnitt) kein Redezeichen für Butter kennen, schließt er, dass sie in den Benediktinerklöstern nicht verwendet wurde. Dass dies sicher nicht allgemein galt, belegen Diskussionen, die es in der Augustinerabtei Klosterrath bei Aachen Mitte des 12. Jahrhunderts zwischen jüngeren und älteren Mönchen über die Zuteilung von Öl und Butter gab, vgl. Narciß (1989), S. 333, sowie ein Bericht über Verbesserungen der Verpflegung in dem bei Utrecht gelegenen Prämonstratenserkloster Mariengaarde, die Abt Sibrand u. a. durch eine Erhöhung der Butterration zu den Mahlzeiten einführte, vgl. Narciß (1989), S. 357 Narciß (1989), S. 150, auch für das vorherige Zitat Zimmermann (1973), S. 58 Vgl. Zimmermann (1973), S. 55 f. Vgl. zu Konservierungstechniken unten im Anhang den Abschnitt III

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Eier und Milchprodukte, besonders Käse, wurden bei den Benediktinern mit Ausnahme der Fastenzeit regelmäßig aufgetischt, bei anderen Orden nur an besonderen und an Fest-Tagen. Beides wurde zumeist zu den Pitanzen und den Generalia gerechnet und konnte auch größere Portionen umfassen.102 Dass viele Klosterküchen sich darauf verstanden, Eier auf mehrere Arten zuzubereiten, erhellt aus der Kritik, die an dieser Vielfalt in der zeitgenössischen Streitliteratur geübt wurde.103 Aus der in der Nähe des Bodensees gelegenen Zisterzienserabtei Salem ist überliefert, dass dort zur Zeit des Abtes Ulrich II. von Sindelfingen gegen Ende des 13. Jahrhunderts folgendes galt: „vom Osterfeste bis zum Feste der Kreuzerhöhung [14. September] wurde an den Tagen, an denen es zwei Mahlzeiten gab, gekochtes Gemüse oder in Milch gekochter Gerstenbrei mit einem Stückchen Käse, zum Abendessen gesottene oder ungesottene Milch vorgesetzt. Später ordnete der Abt an, daß außer der Zeit der Ordensfasten … den Mönchen und Laienbrüdern zur Hauptmahlzeit je drei Eier gegeben wurden. Man bestritt die Auslagen hierfür aus der Schenkung eines Freundes des Abtes, der dem Kloster gewogen war. An den Fasttagen gab es bei der einmaligen Mahlzeit zwei gekochte Speisen und ein Stückchen Käse, der an den Freitagen wegfiel.“104 Bemerkenswert ist, dass die Zugabe von Eiern in Salem demnach nur möglich war, weil ein Stifter für deren ‚Finanzierung‘ sorgte. Denn in vielen Klöstern, besonders in solchen, die über ausgedehnten Grundbesitz verfügten, dürfte es durchaus lebhaft bevölkerte Hühnerhöfe gegeben haben. Die Abgabe von Hühnern an ein Kloster als Grundherrn gehörte im 102

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Vgl. Zimmermann (1973), S. 59; er beruft sich auf eine zeitgenössische Quelle, die die Zahl von fünf Eiern (wohl pro Person) nennt. Zu beachten ist jedoch, dass die Hühner im Hochmittelalter wie alle Nutztiere deutlich kleiner waren als die heutigen Rassen und dass man sich daher die Portion von fünf Eiern sicher nicht annähernd mit den heutigen Güteklassen „M“ oder „L“ vorstellen darf; vgl. dazu auch unten Kap. 7 Vgl. Zimmermann (1973), S. 59f. Zu dem von Bernhard von Clairvaux überlieferten Beispiel vgl. unten im Anhang S. 627, Anm. 122. – Welche Arten der Zubereitung von (Hühner-)Eiern zu seiner Zeit bekannt waren, zählt der sog. ‚König vom Odenwald‘ in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in einem Gedicht über das Huhn und das Ei auf: es sind mehr als zwanzig Varianten, darunter das hart gekochte Ei (auch als Reiseproviant), das weich gekochte Ei, das ‚schlichte‘ Spiegelei, das in Schmalz gebackene und mit Salz bestreute oder das in (zerlassene Schmalz-)Grieben geschlagene (Spiegel-)Ei, in Butter gebackenes Ei, Rührei (das der Autor selbst bevorzugt), ‚verlorene‘ Eier, in Milch geschlagenes Ei, Eier in Petersilie und Essig geschnitten, Eierbrei, Eierkuchen, Eier als Fülle für Fleisch oder Fischgerichte, Eier in Molke und als Bestandteil von Hirnwürsten, gewürzte Eier, Eier als Bestandteil von Kuchen und zum Bepinseln von Braten, Eier als Garnitur für Spanferkel oder als Füllung von Morcheln und Krebsen; vgl. Edition Olt (1988), Nr. II, S. 48ff., bes. S. 49ff., V. 61ff. Narciß (1989), S. 308 mit Anm. 8; aufgeführt sind dort (S. 300 ff.) längere Passagen aus der Chronik von Salem

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Mittelalter nämlich zu dem zu entrichtenden ‚kleinen Zehnten‘, der von den klösterlichen Hintersassen zu festgelegten Terminen zu hinterlegen war.105 Die Gabe von Fisch ließ schon die Regula Benedicti zu, indem sie lediglich den Genuss von Fleisch vierfüßiger Tiere reglementierte. Damit ist ausgedrückt, dass sowohl Fisch als auch Geflügel nicht zu ‚Fleisch‘ rechneten und als ‚gesonderte Kategorien‘ verstanden wurden. In den meisten Orden wurde Fisch oft und besonders in der Fastenzeit genossen, denn er „bildete in diesen Wochen die einzige eiweißhaltige Speise und wird in den Quellen deshalb öfter als sonst erwähnt“.106 Gleichwohl blieb der Genuss von Fischspeisen auch bei den im Vergleich zu anderen Orden liberalen Benediktinern besonders dem Donnerstag, dem Sonntag, dem Freitag sowie den Feiertagen vorbehalten.107 Damit war Fisch auf den Tischen der Refektorien zwar verbreitet und auch gut bekannt, behielt dabei jedoch durchaus den Status des Besonderen. Ein ‚Allerweltsessen‘ stellten Fischspeisen auch in den Klöstern sicher nicht dar. Die aus dem Kloster Salem überlieferte Chronik führt denn auch aus: „Wurden einmal von einem besonderen Almosen Fische aufgetragen, so blieb es bei einem Gerichte dazu. Dieser Fall kam aber sehr selten vor. Denn noch wenige Jahre vor dem Hinscheiden dieses Abtes [Ulrich II. von Sindelfingen, † 1311] erhielt unser Konvent keine Pietanzen [sic!], nur während der vierzigtägigen Fasten wurden dreimal in der Woche fünf getrocknete Fischlein gegeben. Schließlich bedauerte der Abt seinen Konvent, weil er so selten Fische bekam, und so ließ er … durch die Kanoniker von Konstanz die Einkünfte der Kirche von Weildorf seinem Konvente zur Beschaffung von Fischen für immer überweisen.“108 Das in Salem schmale Angebot an Fisch war für Klöster insgesamt jedoch wohl nicht repräsentativ. Andere Klöster erhielten Fisch als Naturalzins in zuweilen erheblichen Mengen. So waren z.B. jährlich im März an das Kloster Deutz 1600 Heringe, 120 Hechte, 10 Salme und 50 Lampreten (Neunaugen) zu liefern.109 Und

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Vgl. Merk (1996), S. 19; ausgeführt wird hier, dass zum sog. ‚großen Zehnten‘ in der Benediktinerabtei Seligenstadt Halmfrüchte, Heu, Wein, Öl und Säugetiere gehörten, zum ‚kleinen Zehnten‘ Geflügel, Obst, Erbsen, Flachs und Unschlitt (Rindertalg für Kerzen) sowie Kraut und Rüben; Tierprodukte wie Eier wurden dort nicht ‚gezehntet‘. Auf die wirtschaftliche Bedeutung der Abgaben von Geflügel an ein Kloster weist auch Zimmermann (1973), S. 61 hin; andernorts scheinen Eier zum Abgabesoll der klösterlichen Hintersassen gehört zu haben, denn „in Deutz mit einer Sollstärke von 40 Mönchen kamen kamen pro Monat 1200 Eier und 12 Malter Käse ein“, Stephan Bd. 2 (2000), S. 335 Zimmermann (1973), S. 60 Vgl. Zimmermann (1973), S. 60 Narciß (1989), S. 308 Vgl. Stephan Bd. 2 (2000), S. 335, Anm. 607

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von „Freren im Emsland gingen um 1200 Karren mit Heringen aus Friesland nach Corvey“, wohin bereits im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts „Lachse, Störe, Neunaugen von der Niederelbe, Salme vom Niederrhein und Aale aus der Gegend von Walsrode“ als Abgabe zu liefern waren, die jedoch auch in Form einer Geldsumme abgelöst werden konnte.110 Über die Zulässigkeit von Geflügel für die Klosterküche wurde zwar schon vor der ersten Jahrtausendwende gestritten, doch ließ sich sein Genuss kaum nachhaltig verbieten, da es deutlich nicht zu den vierfüßigen Tieren zu zählen ist.111 Auch Geflügel dürfte aber wohl nur an besonderen Tagen verzehrt worden sein. In der klösterlichen Küchenwirtschaft wird es jedoch auch deshalb eine Rolle gespielt haben, weil Geflügel (besonders Hühner) zu den Naturalabgaben gehörte(n), die Klöster aus ihrem oft umfänglichen Grundbesitz erhoben.112 Auf einen oft gut bestückten klösterlichen Hühnerbestand lassen außerdem die zuvor genannten Eier(gerichte) schließen. Mit Blick auf die Zulässigkeit des Verzehrs von ‚Fleisch‘ gab es in dem hier betrachteten Zeitraum einige bemerkenswerte Wandlungen. Wurde in den doktrinären Auseinandersetzungen des 11. Jahrhunderts diesbezüglich nach wie vor die Regula Benedicti herangezogen (die das Fleisch vierfüßiger Tiere nur Kranken und Schwachen erlaubte), sind vom 12. Jahrhundert an bei einigen Kongregationen Veränderungen in der grundsätzlichen Haltung und in den darauf bezogenen Diskussionen nachweisbar. Dass die Zisterzienser das Fleischverbot seinerzeit besonders betonten, weist darauf hin, dass es wohl öfter missachtet wurde. Den Cluniazernsern hielten die Zisterzienser heftig vor, sich in eben diesem Punkt überhaupt nicht mehr an die von Benedikt vorgegebenen Regeln zu halten.113 Dass der Fleischverzicht von manchen Mönchen nicht durchgehalten wurde, nimmt auch Caesarius von Heisterbach (ca. 1180–1240) zum Anlass einer didaktischen Parabel, die er folgend einleitet: „Kürzlich geschah es, dass einige Mönche zu Prüm drei Tage vor Aschermittwoch bei einem Weltgeistlichen schmausten, wo sie fast bis Mitternacht Fleisch aßen und

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Stephan Bd. 2 (2000), S. 335. – Die Möglichkeit, Naturalabgaben durch Geldzahlungen zu ersetzen, bedeutete angesichts der i. d. R. schwierigen und damit zeitraubenden Transportwege eine praktische Lösung. Toter Fisch konnte nur eingesalzen, geräuchert oder getrocknet über längere Strecken transportiert werden, der Transport lebenden Fischs scheint wegen der damals damit verbundenen ‚technischen‘ Schwierigkeiten unwahrscheinlich Vgl. Zimmermann (1973), S. 61 ff. Vgl. Zimmermann (1973), S. 61 und Merk (1996), S. 19 Vgl. Zimmermann (1973), S. 63

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den köstlichsten Wein tranken.“114 Der Gesellschaft reichte das opulente Mahl jedoch nicht, und sie verlangte mitten in der Nacht, noch frisches Geflügel zuzubereiten. Als sich im Innern einer darauf hin geschlachteten Henne eine Kröte fand, verließen die ‚Sünder‘, ob dieses ‚Zeichens‘ entsetzt, den Ort des Gelages fluchtartig.115 In einer anderen Geschichte berichtet Caesarius: „Ein Abt aus dem schwarzen Orden116 war selbst gut und regeltreu, hatte aber seltsame und lockere Mönche. Eines Tages richteten sich einige derselben verschiedene Gänge Fleisch und feine Weine her. Aus Furcht vor ihrem Abte getrauten sie sich dies nicht in einem der Klostergebäulichkeiten zu sich zu nehmen und kamen deshalb in einem ganz großen, leeren Weinfaß, das man Tonne nennt, zusammen. Sie brachten Speise und Wein dorthin.“117 Der Abt entdeckt die Verfehlung, versteht es jedoch, die Delinquenten durch eigenes vorbildliches Verhalten wieder auf den ‚rechten Pfad‘ zu bringen.118 Auch wenn der Zisterzienser Caesarius dieses Vorkommnis dem Benediktinerorden zuweist, wird das Thema ‚Fleischverzehr‘ auch bei den Zisterziensern immer wieder aufgekommen (und Fleischkonsum wohl auch praktiziert worden) sein.119 Die in didaktischer Absicht verfassten Bei114

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Caesarius von Heisterbach. Wunderbare und denkwürdige Geschichten. Dialogus magnus visionum utque miraculorum. Übersetzt von Ernst Müller-Holm. (HegnerBücherei). Köln 1968, S. 78 (Viertes Buch, Nr. 14) Caesarius von Heisterbach (1968), S. 78 Gemeint sind hier die schwarze Kutten tragenden Benediktiner Narciß (1989), S. 272; in einem anderen Text berichtet Caesarius, „Wie ein einfältiger Mönch in einem Schloß Fleisch aß“, vgl. Caesarius von Heisterbach (1968), S. 102 ff. (Sechstes Buch, Nr. 1) Vgl. Narciß (1989), S. 272 f. Dass in vielen Zisterzienserklöstern das Fleischessen besonders im 13. Jahrhundert ‚eingerissen‘ sein muss, erhellt daraus, dass Papst Benedikt XII., selbst ein Zisterzienser, zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Bulle Fulgens sicut stella erließ. Die zahlreichen Aspekte, die in diese Bulle aufgenommen wurden und durch sie reguliert werden sollten, lassen einige Rückschlüsse auf die Verfassung vieler Klostergemeinschaften zu. Bemerkenswert ist, dass der Artikel 22 (Fleischgenuss in den Klöstern) in dem ohnehin umfänglichen Text die deutlich längste Passage darstellt. Entschieden nimmt der Papst Stellung zu offenbar verbreiteten Behauptungen, dass es sogar eine päpstliche Erlaubnis gebe, Fleisch zu sich zu nehmen: „Wir widerrufen nämlich ganz und gar die Genehmigungen, die manche Äbte und Mönche des genannten Ordens bezüglich des Fleischgenusses vom Apostolischen Stuhl zu haben behaupten, da solche Genehmigungen zum Ärgernis für andere überhandnehmen“, Brem/Altermatt (2003), S. 243, vgl. zu dieser Bulle auch ebd. einleitend S. 207ff. Nur in der Krankenabteilung darf, so Benedikt XII., Fleisch zubereitet und ausgegeben werden. Interessant ist, dass er zulässt, in der Krankenabteilung nicht ausschließlich Kranke mit Fleisch zu versorgen (gestattet ist es z.B. Gästen, dort Fleisch zu essen) und dass es auch möglich ist, in besonderen Fällen im Raum des Abtes Fleisch zu servieren, vgl. Brem/Altermatt (2003), S. 245. Bei aller Deutlichkeit seines päpstlichen Machtwor-

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spielgeschichten machen nur Sinn, wenn sie auf realen oder zumindest ihrem Publikum vorstellbaren Gegebenheiten beruhen: Fehlverhalten, das nicht vorkommt, bedarf nämlich keiner Korrektur oder Klage. Eine solche Klage führte auch Abt Wibald, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts dem an der Weser gelegenen benediktinischen Reichskloster Corvey vorstand. In einem an Robertus, Dekan des Klosters Stablo, gerichteten Brief kritisiert er, dass die Interessen der Mönche nicht mehr auf die Regula oder das geistliche Leben gerichtet seien, sondern sich ganz und gar weltlichen Themen zugewandt hätten. Dies trifft auch auf den Bereich des Essens zu: „Kein Probst, kein Cellerarius kann sie zufriedenstellen, denn Brot, Bier und Fleisch gibt es ihrer Meinung nach immer zuwenig.“120 Die genannten Quellen weisen aus, dass die Zulässigkeit des offenbar nicht unüblichen Fleischkonsums in klösterlichen Gemeinschaften vom 12. Jahrhundert an wieder deutlich mehr in Frage gestellt oder auch kategorisch abgelehnt wurde. Dies konnte sich noch im 11. Jahrhundert durchaus anders darstellen. So veranlasste Bischof Meinwerk von Paderborn, dass „neun der besten Schinken in das Kloster gebracht würden“, das seine zuvor erlassenen Verbesserungen bei der Ernährung der Mönche immer noch nicht befolgte.121 Diese Handlung wird ohne eine kritische Kommentierung allein als Wohltat geschildert. Auch in der Geschichte des Klosters Sankt Gallen um die Jahrtausendwende treten bei Ekkehard IV. Übertretungen der Regula Benedicti auf, die lediglich andeutungsweise in Frage gestellt werden. Das Kloster erhielt Besuch vom König, der dem Abt augenzwinkernd mitteilte: „‚Denn auch ich will heute als Verbrüderter mit den Brüdern speisen und unsere Bohnen aus dem Meinigen würzen.‘ Rasch wurden dem Könige von den Brüdern Messen an diesem selben Altar gehalten. Früher als sonst ward das Mahl bereitet; das Refektorium füllte sich; kaum einen Satz hat der Vorleser gesprochen … Niemand sagte, dies oder jenes sei nicht der Brauch, obwohl es niemals gesehen oder gehört worden war, niemals ein Mönch es in diesem Hause erfahren hatte. Man atmet den Geruch von Wild und Fleisch ein. Es springen die Gaukler, es spielen die Musikanten. Noch nie ist das Refektorium des Gallus von sich aus zu einem solchen Freudenfest gekommen.“122

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tes scheint Benedikt XII. daran gelegen gewesen zu sein, Ausnahmen zuzulassen – sei es, um einer Vielzahl möglicher Anträge auf Dispens zuvor zu kommen oder, weil er ahnte, dass sich ein konsequentes Verbot ohnehin kaum durchsetzen ließ Stephan Bd. 2 (2000), S. 323 Narciß (1989), S. 151 Ekkehard IV. (1958), S. 45, Nr. 16; der Chronist lässt durch seine Schilderung offen, ob sich auch die Mönche an dem königlichen Festmahl aktiv beteiligten, wenn er lediglich den Geruch von Fleisch erwähnt, der durch den Speisesaal zog. Dies ist in-

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Ein Fest wie das geschilderte mag eine große Besonderheit gewesen sein. Das Thema ‚Fleischkonsum‘ begegnet jedoch bei Ekkehard IV. mehrfach. Als schändlich stellt er das Verhalten des Bruders Sandrat dar, der sich – teils gegen Bezahlung – bei den Wachen des Klosters Fleischmahlzeiten besorgte, entdeckt wurde und sich einer Strafe durch Flucht aus dem Kloster entzog.123 Gänzlich unkommentiert lässt er hingegen die Schilderung eines (früheren) Gesprächs zwischen einem Besucher, dem Abt und einzelnen Mönchen des Klosters, in dessen Verlauf ein Mönch die folgende Stellungnahme abgibt: „Solange ich seinerzeit hier Schüler war, gingen wohl einmal mehrere Tage hin, daß ich mich nicht erinnerte, einen Fisch aus jenem See gesehen zu haben. Aber damals pflegte auch der größere Teil der Brüder kein Fleisch zu essen, und daran wurde meiner Ansicht nach freilich zu sehr gespart. Es gab aber andere, die erlaubtermaßen nur Geflügel aßen, weil es mit den Fischen zusammen erschaffen ist. Wenige aber haben an Orten, die innerhalb der Wände des Hauses vom Abt bewilligt waren, auch das Fleisch von Vierfüßlern gegessen. Einen besseren Mönch aber werde ich, wie mich dünkt, niemals sehen, als einer von ihnen es war, der bisweilen Fleisch aß.“124 Diese Haltung könnte für Ekkehard IV. mit der im Rahmen des Gespräches zuvor eigens zitierten Regel: „was der Entscheid des Abtes befiehlt, das soll der Mönch essen und trinken“125 wohl durchaus als widerspruchsfrei gegolten haben. Nur so erklärt sich, dass er Sandrats Verhalten kritisiert, die nicht regelgerechte Meinung eines früheren Mitbruders zum Fleischgenuss jedoch nicht verurteilt. Das in Klostergemeinschaften am besten dokumentierte Getränk ist der Wein. Schon Benedikt von Nursia ließ ihn ja zu, jedoch lediglich in sehr begrenzten täglichen Mengen. Seine Vorstellung von einem angemessenen Maßhalten durchlief bis zum Hochmittelalter offenbar eine Reihe von Uminterpretationen. So war es bei „den Benediktinern des Hochmittelalters … üblich geworden, die vom Ordensvater nur ausnahmsweise gewährte Vergrößerung der Weinration sehr oft zu gestatten, sei es einfach als zusätzlicher Trank, sei es unter der Bezeichnung ‚caritas‘“.126 Unter Berufung auf Benedikts für die besonderen körperlichen Bedürfnisse in anderen Regionen offene Regel galt es für viele Obere wohl als vertretbar, Durst als einen

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sofern eine interessante Wendung, als er damit vermeidet zu dokumentieren, ob der damalige Konvent von Sankt Gallen angesichts der dargebotenen, ihm jedoch verbotenen Speisen ‚schwach wurde‘ Ekkehard IV. (1958), S. 235 ff., Nr. 143 Ekkehard IV. (1958), S. 185, Nr. 105 Ekkehard IV. (1958), S. 184, Nr. 105 Zimmermann (1973), S. 67

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Mangel zu definieren und ihn durch die Regula Benedicti übertreffende Weinrationen zu lindern. Entsprechende „Anordnungen, die es den Brüdern ersparen sollten, daß sie Durst litten, sind mancherorts ausgenutzt worden. Die Klagen, daß die Benediktiner zu viel tränken, wären sonst nicht verständlich.“127 Zwar erhoben sich auch über die Weingaben in und zwischen den Orden des Hochmittelalters einige heftige Kontroversen, ein kompletter Verzicht wurde dabei jedoch nicht ernsthaft erwogen, keine der überlieferten consuetudines fordert ihn. Verzicht auf den Wein wurde lediglich in Fastenzeiten erwartet.128 Selbst bei den strengen Karthäusern wurde Wein zugelassen, wenngleich er dort stark mit Wasser verdünnt wurde. Auch die Zisterzienser streckten den Wein mit Wasser, die Benediktiner wohl nur während der Sommerzeit.129 Vorhaltungen begegneten sie mit dem Argument, dass auch Christus Wein unverdünnt genossen habe und dass das Trinken von Wasser überdies ungesund sei.130 Vielen Mönchen ‚schmeckte‘ das Verdünnen des Weines nicht. Sie mussten jedoch vermeiden, sich offen zu beklagen, da das Murren schon nach der Regula Benedicti verpönt war und es auch weiterhin blieb. Auf eine Möglichkeit der Kritik, die nicht geahndet wurde, griff man durch humorvolle Bemerkungen zurück. Einen Beleg dafür bildet der folgende mittelalterliche ‚Klosterwitz‘: „Ein Prior ließ Wasser zum Weine gießen. – Einst sagte er zu einem allzu geschwätzigen Mönche: ‚Bruder, wann wird wohl mal deine Mühle stille stehen?‘ ‚Sie kann nicht, solange Ihr soviel Wasser darauf gießt‘.“131 Wie in höfischen Kreisen „beachtete man in den mittelalterlichen Klöstern weniger die Weinqualität in unserem Sinne, also die naturreinen Weine, sondern man verbesserte diesen durch Zusätze“ wie Honig, Kräuter oder Gewürze.132 Die für ‚aufgesetzte‘ Weine besonders aus der epischen Dich127 128 129 130

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Zimmermann (1973), S. 67 f. Vgl. Zimmermann (1973), S. 68 Vgl. Zimmermann (1973), S. 68 f. Vgl. Zimmermann (1973), S. 69: „Am typischsten für diese Argumentationsweise ist aber die Berufung auf Is I, 22, da Gott das Volk Israel verwarf mit den Worten ‚Vinum tuum mixtum est aqua‘, und die Betonung, daß Wasser dem Magen besonders schädlich sei.“ Vgl. zur mittelalterlichen Einschätzung von Wasser aus diätetischer Perspektive auch unten Abschnitt 6.3 sowie zu der oft problematischen Wasserqualität unten im Anhang den Abschnitt VII Narciß (1989), S. 520, wo mehrere Stücke aus der mensa philosophica wiedergegeben werden Zimmermann (1973), S. 69; eine ausführliche Übersicht der würzenden, jedoch auch der klärenden Zusätze, die Wein im Mittelalter zugegeben wurden, bietet Wunderer (2001), S. 139 ff. und S. 177 ff.

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tung des Hochmittelalters bekannten Bezeichnungen pigment und clâret finden sich auch in den consuetudines, allerdings in ihrer lateinischen Form pigmentum und claretum.133 Diskutiert wurde darüber, ob und ggf. wann diese ‚verbesserten‘ Weine angemessen seien. Ihr Genuss war an besonderen Feiertagen offenbar unstrittig, bemerkenswerterweise vielfach auch an den Fastentagen, an denen sie als eine besondere Stärkung (und damit tendenziell ‚medizinisch‘) aufgefasst wurden.134 Ihren Wein bezogen die Klöster – je nach Region – oft aus eigenen Besitzungen. Viele Klöster kamen durch Schenkungen oder Übertragung von Grundeigentum der Familie eines Novizen bei Eintritt ins Kloster in den Besitz von Weinbergen. So besaß die im Hunsrück gelegene Zisterziensterabtei Himmerod in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entlang der Mosel bis zum Rhein 34 Weinberge und verfügte zusätzlich über sog. ‚Weinrenten‘ aus zwei Weinbergen.135 Da die daraus gewonnenen Erträge weit über den klösterlichen Eigenbedarf hinaus gingen, wurde die Überschussproduktion verkauft.136 Die geographische Streuung von klösterlichem Weinbergbesitz konnte erhebliche Entfernungen aufweisen. Für den Corveyer Benediktinerkonvent stellte es eine logistische Herausforderung dar, einmal jährlich Wein von seinen an Rhein und Mosel gelegenen Besitzungen abzuholen.137 Für verschiedene altbayerische Klöster ist seit dem 11. Jahrhundert ebenfalls ein umfangreicher, weit verstreuter Weinbergbesitz dokumentiert, der über die Alpen bis nach Bozen im heutigen Südtirol reichte.138 Eine im Vergleich zu anderen europäischen Regionen eigene Rolle spielte in den Klöstern des deutschsprachigen Raumes das Bier. Grundsätzlich war es ja bereits durch die Regula Benedicti nicht verboten. So ist es nachvollziehbar, dass im Hochmittelalter der „stärkere Bierverbrauch in Deutschland … auch durch die Ordensvorschriften respektiert“

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Vgl. Zimmermann (1973), S. 69 Zimmermann (1973), S. 70 Vgl. Lukas Clement: Trier – Eine Weinstadt im Mittelalter. (Trierer historische Forschungen. Bd. 22). Trier 1993, S. 88 ff. mit Tafel S. 89 Vgl. Clement (1993), S. 141; Clement führt dort weiter aus, dass für den ebenfalls in der Region Trier ansässigen Deutschorden zwar ein umfänglicher Weinbergbesitz nachgewiesen ist, bei ihm jedoch „der krisenanfällige und folglich auch risikoreiche Weinhandel offenbar keine große Rolle gespielt hat.“ Vgl. Stephan Bd. 2 (2000), S. 337 Andreas Otto Weber: Studien zum Weinbau der altbayerischen Klöster im Mittelalter. Altbayern – Österreichischer Donauraum – Südtirol. (Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte. Nr. 141). Stuttgart 1999, S. 110 ff. sowie Karten 5–8

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wurde.139 Dass er auch tatsächlich stattfand, geht aus dem oben bereits erwähnten Brief Wibalds von Corvey hervor, und auch Ekkehard IV. erwähnt die Ausgabe von Bier in Sankt Gallen durch seinen Namensvetter Ekkehard, wobei die Ration von fünf Maßen ungewöhnlich groß gewesen sein muss.140 Über die regulär auszugebenden oder zulässigen Mengen an Bier schweigen sich die consuetudines, in denen sich so viele Abläufe des Klosterlebens zuweilen minutiös definiert finden, bemerkenswerterweise aus. Da viele Klöster innerhalb ihres ummauerten Areals ein eigenes Brauhaus hatten, wird Bier dort regelmäßig in größeren Mengen selbst hergestellt worden und verfügbar gewesen sein.141 In den Regionen, in denen Wein nicht oder nur eingeschränkt vorhanden war, konnte er auch durch Met ersetzt werden. Erwähnung findet dieses Getränk jedoch vergleichsweise selten, nur die zur lothringisch-deut139

140 141

Zimmermann (1973), S. 71; zur besonderen Rolle des Bieres im deutschsprachigen Raum dort ferner: „In den lothringisch-deutschen Consuetudines findet dann das Bier eine größere Bedeutung als in den west- und südeuropäischen.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch Jutta Maria Berger: Die Geschichte der Gastfreundschaft im hochmittelalterlichen Mönchtum: die Cistercienser. Berlin 1999, S. 352 Vgl. Ekkehard IV. (1958), S. 146, Nr. 80 Vgl. hierzu z. B. die bei Merk (1996), S. 15 abgebildeten Klosterpläne. Dass man sich sogar im Himmel Bier vorstellen konnte, geht aus einer Passage der anonym überlieferten frühmittelhochdeutschen Dichtung ‚Vom Himmelreich‘ hervor. Nach einer Schilderung der wunderschönen Bauten und Atmosphäre, die der Himmel bietet – goldene Mauern, edelsteinbesetzte Zinnen und Regenbogen – wird aufgeführt, dass man dort keine täglichen Mühen wie etwa das (Wasser-)Schöpfen oder Nähen kenne. Auch um das Essen und Trinken brauche man sich nicht zu kümmern: durch ezzen nebedarf man daz brot bachen noch baen, durh zuomuose fleisc und(e) fiske sieden noch sulzen, durh trinchen haberen noch gersten ze bíerè mulzen. sí negerent durh den durst iemer metes noch wines oder ze wollibe morates noch trinchenes deheines. eiere unde chæse netuont sie da gesoten noch gebraten, got, du maht in alle dei elliu sus wole geraten.

(9, 10 ff.)

‚Es ist im Himmel nicht erforderlich, Brot zu backen oder es aufgehen zu lassen. Um Fleisch und Fisch(e) als Beilage zu haben, muss man beides weder kochen noch in Sülze einlegen. Um etwas zu trinken zu haben, muss man weder Hafer noch Gerste malzen, um Bier daraus herzustellen. Um den Durst zu löschen, muss man dort weder Met noch Wein verlangen oder zu einem guten Leben môrâz oder ein anderes Getränk. Es ist (dort) auch nicht nötig, Eier und Käse zu kochen oder zu braten. All das machst Du, Gott, ihnen bereits schön fertig.‘ Text zitiert nach Die religiösen Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts. Bd. I (1964), S. 389, vgl. zur vieldeutigen mhd. Verwendung von durch, durh Lex. Bd. I (1992), Sp. 477 f. neben Anderem: „wegen, um – willen, vermittelst, aus, vor“ und zu gërn, gëren in demselben Band Sp. 855: „absol. begehren, verlangen“

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schen Reformgruppe gehörenden consuetudines des Benediktiners Sandrat142 legen für bestimmte Tage das Trinken von Met fest.143 Angesichts der verschiedenen Regelungen für die und Verfahrensweisen in den Klosterküchen, die Vielfalt durchaus zulassen, fragt sich, wie es in den Kongregationen des Hochmittelalters um das Fasten stand, das bei Benedikt von Nursia einen wesentlichen Ausdruck des von asketischer Haltung geprägten mönchischen Lebens darstellte. Die Vorstellungen, die in den verschiedenen Orden vom (‚rechten‘) Fasten entwickelt wurden, differieren erheblich. Als besonders streng galten die Eremitenorden, zu denen die Karthäuser rechnen. Bei ihnen wurden die Zahl der Gerichte und die Weinrationen an Fasttagen gemindert, einzelne Stimmen hielten es auch für vertretbar, „wenn ein Mönch dreimal in der Woche bei Brot und Wasser fastet“.144 Hinsichtlich der strengen Durchsetzung dieser Einschränkung waren jedoch selbst die Karthäuser zurückhaltend. Unter Hinweis auf die je nach physischer Konstitution unterschiedlichen individuellen Nahrungsbedürfnisse und, weil bekannt war, dass eine überzogene Entsagung die Essensgier nur steigert, wurde letztlich auch an Fasttagen für eine maßvolle Nahrungsaufnahme plädiert.145 Gegen übertriebenes Fasten wandten sich auch die consuetudines der Reformbenediktiner, doch zogen sie daraus tendenziell die ‚Erlaubnis‘ für verschiedene Lockerungen. „Das von Benedikt vorgeschriebene Fasten am Mittwoch und Freitag während des Sommers wurde von den Cluniazensern bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts nicht mehr streng eingehalten. Man berief sich darauf, daß Benedikt gestattete, es ausfallen zu lassen, wenn nötig, und schützte Schwäche vor“.146 Die Milderungen, die sich die Benediktiner so zu verschaffen wussten, waren besonders im 12. Jahrhundert Gegenstand verschiedener Grundsatzdiskussionen über das ‚rechte Maß‘ des Fastens. Dabei gehen die Ansichten, welche Einschränkungen angemessen und auch zumutbar seien, auseinander. Durchgehend ist jedoch die Sorge, den Konventualen nicht einen übermäßigen Verzicht aufzuerlegen. Die komplette Verweigerung der Nahrungsaufnahme wurde jedoch, weil letztlich nicht ‚gesund‘, allgemein abgelehnt, und auch eine selbstgewählte Askese

142

143 144 145 146

Dieser Name muss öfter vorgekommen sein. Der hier genannte Sandrat ist nicht derjenige, der – wie oben angeführt – seiner Verfehlungen wegen sein Kloster verlassen musste Vgl. Zimmermann (1973), S. 71 Zimmermann (1973), S. 78 unter Hinweis auf die Haltung von Petrus Damiani Vgl. Zimmermann (1973), S. 78 f. Zimmermann (1973), S. 77

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wurde kritisch gewertet, wenn sie übertrieben und der Erhaltung von Geist und Körper abträglich war.147 Dies belegt u. a. ein Brief, den die Äbtissin Hildegard von Bingen an die Nonnen von Wechterswinkel richtete. Rhetorisch geschickt, lässt sie Gott über die rechte Anwendung des Fastens und Essens sprechen, das in beiden Fällen Mäßigung fordert und Übertreibung verbietet.148 Dass dauerhaft strenge Askese eine Ausnahme darstellte, wird auch daraus ersichtlich, dass sie in der Lebensgeschichte Norberts von Xanten (wohl 1080/85 bis 1134), zu Beginn des 12. Jahrhunderts Gründer des Prämonstratenserordens und Erzbischof von Magdeburg, als eine seiner besonderen Leistungen hervorgehoben wird: „Sommer wie Winter fastete er das ganze Jahr, und niemand konnte ihn dazu bringen, daß er, abgesehen vom Sonntage, zweimal am Tage etwas aß. Er nahm nur rohe Speisen, die man nicht durch Kochen schmackhaft gemacht hatte, zu sich. Alle wunderten sich über ihn. Seine Enthaltsamkeit und Mäßigkeit ward allenthalben unter dem Lobpreise Gottes verkündet.“149 Auch Norbert aber sollen – ausgerechnet in der vorösterlichen Fastenzeit – einmal Heißhunger und Lust auf Milch und Käse überfallen haben (der Chronik zufolge durch teuflische Versuchung), was seine Mitbrüder jedoch zu verhindern wussten. Nach diesem für ihn außergewöhnlichen ‚Unfall‘ kehrte Norbert über grobes Brot und Wasser zu seinen bisherigen, schon für Zeitgenossen bemerkenswerten Fastengewohnheiten zurück.150 Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ab, dass von den Mönchen und Nonnen zu Fastenzeiten zwar Einschränkung erwartet wurde, die Zahl und die Vielfalt der auch an Fasttagen zur Verfügung stehenden Gerichte oft aber dennoch einen gewissen Umfang erreichen konnte. Bei den Benediktinern war es z. B. üblich, auch an Fasttagen und in der vorösterlichen Fastenzeit nicht auf die als Zusatzkost gegebenen Pitanzen und Generalia zu verzichten. Ebenso ließen sie selbst zu Beginn der Fastenzeit noch besonders stärkende Mahlzeiten zu.151 Dass sich auch die den liberalen Cluniazensern gegenüber kritisch gesinnten Zisterzienser mit ihren strengeren Fasttagsregelungen, die u. a. die Gabe des mixtums (Zusatzration an Brot und Wein) an Fasttagen ausschlossen, wohl nur schwer durchsetzen konnten, wird dadurch wahrscheinlich, dass sie „ihren Ordensangehö147 148

149 150 151

Vgl. Zimmermann (1973), S. 77 ff. Vgl. die im lateinischen Original zitierten Passagen bei Zimmermann (1973), S. 80 Narciß (1989), S. 350 (Aus der Lebensgeschichte Norberts, S. 347–356) Vgl. Narciß (1989), S. 351 Vgl. Zimmermann (1973), S. 49

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rigen die Einhaltung des Mittwochs- und Freitagsfastens besonders einschärften.“152 Aus den hochmittelalterlichen Ordensregeln geht insgesamt nicht nur hervor, dass sie in Bezug auf das Fasten recht unterschiedliche Auffassungen vertraten. Eigen ist einigen Regeln auch die Tendenz, Fastengebote in ihrer Verbindlichkeit für die gesamte Kongregation zu relativieren: „Bemerkenswert ist …, daß oft die Entscheidung über Genuß oder Enthaltung von Speisen und Getränken – seien es nun zusätzliche oder ganz der Regel gemäße Rationen – dem einzelnen Mönch anheim gestellt wird. Besonders in den Consuetudines der Reformbenediktiner lesen wir dieses ‚qui vult‘ des öfteren … Die charakteristischen Stellen sowohl der lothringischen wie auch der cluniazensischen Consuetudines betreffen f r e i w i l l i g e n Ve r z i c h t auf die ganze Mahlzeit oder einzelne Gerichte, häufig auch auf den Umtrunk … Diese Bemerkungen, die der benediktinischen wie der neueren Quellen, zeigen, daß auch das hochmittelalterliche Mönchtum sich darüber im klaren war, daß gerade in der Ernährung nicht alles einheitlich befohlen werden kann, daß irgendwie doch dem individuellen Bedürfnis Rechnung getragen werden muß“.153 Im Vergleich zu dem durchaus vielfältigen und nicht zwangsläufig entsagungsreichen Bild des Fastens, das sich aus den consuetudines und anderen zeitgenössischen Zeugnissen erschließt, geht eine poetische Erwähnung in eine andere Richtung. Der Stricker lässt den Pfaffen Amis, der im Laufe seiner Abenteuer mehrfach zwischen Kloster und ‚Welt‘ wechselt, in ein Kloster kommen. In der Erwartung, sich dadurch Vorteile zu verschaffen, gibt er sich dort als Bauer aus, der sittsam leben möchte. Die Mönche sind erwartungsgemäß beeindruckt, als sie bemerken, dass Amis, der vermeintliche Bauer, jeden Tag bei Wasser und Brot fastet: in möhte diu sêle wol genesen, dô si gesâhen, wes er phlac: sîn vaste diu was allen tac, und az et wazzer und brôt

(V. 1400 ff.).154

In dieser Passage wird fassbar, dass sich der Autor im Interesse seiner erzählerischen Absicht der Typisierung und einer damit einhergehenden, zuspitzenden Übertreibung in der Darstellung bedient. Ein Abbild üblicher Verhältnisse ist diese Stelle daher sicher nicht. Vielmehr bietet sie ein gutes 152

153 154

Zimmermann (1973), S. 41; zum mixtum und dessen Bestimmungen bei den Zisterziensern vgl. Ecclesiastica Officia (2003), S. 80 f., Caput LXXIII, 11 Zimmermann (1973), S 83 f. Der Pfaffe Amis (1991), Nr. X ‚Die wunderbare Messe‘.

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Beispiel dafür, mit welchen ‚Filtern‘ gerechnet werden muss, wenn es darum geht, Dichtung als Quelle zur Rekonstruktion des Lebens im Mittelalter oder als Beleg für ‚Realien‘ heranzuziehen.155 Dass für junge Mönche, die oft bereits im Knabenalter als Novizen aufgenommen wurden, für Alte und besonders für Kranke Ausnahmen von den Speiseregeln und auch von den Fastengeboten gemacht werden sollten, sah schon die Regula Benedicti vor. Diese Dispense gab es auch im Hochmittelalter, und wie bei den allgemein in ihren Speiseordnungen differieren155

Dass ein Kloster auch der Ort eines eher üppigen Speiseangebotes sein kann, zeigen andere Beispiele. So der Mitte des 12. Jahrhunderts entstandene, heute als ‚Priesterleben‘ bezeichnete Text, der dem sog. Heinrich von Melk zugeschrieben wird. Dort wendet sich der Autor scharf gegen die von ihm als verkommen bewerteten Zustände. Die Mönche mästen sich in ihren Zellen, sie sind nur auf ihren Bauch und auf Wein bedacht: ich wæne, die phaffen unt die nunnen ein gemeinez biwort chunnen, daz si sprechent: „post pirum vinum, nach dem wine hœrt daz bibelinum.“ ‚Ich glaube, dass die Pfaffen und die Nonnen ein schlimmes Sprichwort kennen, indem sie sprechen: „Nach der Birne einen Wein, nach dem Wein hört das Bibel(wört)chen“.‘ Zitiert nach Die geistliche Dichtung des 11. und 12. Jahrhunderts. Bd. III (1970), S. 261, 3,17ff, vgl. 3,7 und 3, 12 f. (Zu bîwort s. Lex. Bd. I (1992), Sp. 292: „sprichwort“). Anschließend prangert der Autor an, dass Kranke, Behinderte und andere Bedürftige von den Mönchen abgewiesen werden, während sie, kommen andere Geistliche zu Besuch, reich auftischen, Wein und Met ausschenken lassen und sogar dem Spiel frönen, vgl. S. 263, 4, 5 ff. Zu Autor und Werk vgl. PeterErich Neuser unter dem Stichwort ‚Der sogenannte Heinrich von Melk‘ in: VL Bd. 3 (1981), Sp. 787–797, bes. Sp. 791. – Ein späteres Beispiel bietet eine Passage, in der Ulrich von Türheim seinen Protagonisten ‚Rennewart‘ vollkommen ausgehungert in ein Kloster einbrechen lässt, nachdem ihn der Pförtner nicht einlassen will (V. 10681 ff.). Rennewart begibt sich in das Refektorium, in dem der Abt und die Mönche gerade beim Essen sitzen. Dort greift er sich alles Brot, das den Mönchen zugedacht war, und verschlingt es in seinem Heißhunger. Der Abt protestiert: der eingedrungene Fremde habe alles aufgegessen, was den Mönchen zugedacht war, und habe sich dabei unmäßig ‚bedient‘ (V. 10762 ff.). Es wird hier der Eindruck vermittelt, als hätten die Mönche allein das Brot auf dem Tisch gehabt. Rennewart begehrt anschließend in dem Kloster Aufnahme. Ausnahmen von der kargen Klosterkost billigt der Abt dem gewaltigen und gewalttätigen Rennewart jedoch nur zu, weil dieser offen droht, die Sakristei zu verwüsten. Um dies zu verhindern, wird Rennewarts Forderung nach Brot, daneben nach Fleisch und Käse sowie nach Fischen (Hausen, Hechte und große Lachse) schließlich nachgegeben (V. 10970 ff.). In diesen Passagen geht es dem Autor nicht um die Wiedergabe realer Verhältnisse, sondern darum, den Kontrast zwischen einem angemessenen ritterlichen Verhalten und dem gewaltsamen sowie in jeder Hinsicht unmäßigen Auftritt Rennewarts hervorzuheben

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den Regeln gab es auch bei den Dispensen Unterschiede.156 Die noch im Wachstum begriffenen Jungmönche und die Alten durften außerhalb der regulären Mahlzeiten ‚frühstücken‘, und für Kranke wurden die Zeiten und die Zahl der Mahlzeiten grundsätzlich recht flexibel gehandhabt.157 Schwerkranke konnten auch nachts mit Speisen und Getränken versorgt werden. In verschiedenen Regeln wurde verfügt, dass Kranke nicht nur öfter, sondern grundsätzlich auch besser versorgt werden sollten, was nicht nur die Menge, sondern besonders die Qualität der Speisen betraf. Sie sollten vor allem kräftigend sein, werden meistens jedoch nicht näher beschrieben. Nur in einzelnen Quellen wird erwähnt, dass kranke (und auch zur Ader gelassene) Konventualen ‚besseres‘ Brot (bei den Zisterziensern z.B. Weißbrot) und zu jeder Zeit zusätzliche Pitanzen erhalten konnten, die zumeist wohl aus Eiern, Milch und Milchprodukten bestanden.158 Verschiedentlich wird deshalb vermutet, dass es in vielen Klöstern vermehrt zu Krankmeldungen kam und dass der aus gesundheitlichen Gründen durchgeführte Aderlass, weil er bessere Verpflegung versprach, zuweilen erheblich übertrieben wurde.159 Der signifikanteste Unterschied zur regulären Klosterküche bestand jedoch darin, dass es Kranken gestattet war, das Fleisch von vierfüßigen Tieren zu essen. Zuweilen wurde diese Möglichkeit lediglich auf Schwerkranke beschränkt, ohne dass dies durch die Ordensregel gefordert worden wäre, so z. B. durch den Abt des Klosters Hirsau, Wilhelm.160 Lediglich die strengen Karthäuser lehnten die Fleischgabe auch bei Kranken ab. Statt dessen erlaubten ihre Regeln, für sie bei Bedarf Fische zu kaufen, während für gesunde Mönche nur der Verzehr geschenkter Fische gestattet war.161 156 157 158 159 160

161

Vgl. Zimmermann (1973), S. 164 ff. Vgl. Zimmermann (1973), S. 166 Vgl. Zimmermann (1973), S. 166 f. Vgl. Foster (1980), S. 89 f. sowie Zimmermann (1973), S. 63 Vgl. Zimmermann (1973), S. 168. – Die im Krankheitsfall gewährten Ausnahmen von den strengeren Speiseregeln werden meistens wohl gern angenommen worden sein. Es gab jedoch auch fromme Mönche, die dieses Angebot ausschlugen. So berichtet die Chronik des in der bayerischen Oberpfalz gelegenen Zisterzienserklosters Waldsassen vom Bruder Gerhard, der in fortgeschrittenem Alter erkrankte und von seinem Abt angewiesen wurde, zur Stärkung Fleischspeisen zu sich zu nehmen. Gerhard lehnte dies ab mit dem Hinweis, dass er seit mehr als fünfzig im Kloster verbrachten Jahren nur mehr Fisch zu sich genommen habe und daher wohl gar kein Fleisch mehr vertrage. Fisch allerdings möge er gern. Der Abt bediente sich deshalb einer List: umgehend ordnete er an, „man solle für ihn Rind- und Kalbfleisch zubereiten. Dies wurde ihm unter dem Namen von Hausen und anderen Fischen gegeben. Er nahm das Fleisch in seiner heiligen Herzenseinfalt voll inneren Trostes zu sich und glaubte fest, er verspeise Fische“, zitiert nach Narciß (1989), S. 296 f. Vgl. Zimmermann (1973), S. 169

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Die Gewährung des Sonderstatus’ als ‚Fleischesser‘ ging einher mit einer für die anderen Mitglieder eines Konventes sichtbaren, äußerlichen Kennzeichnung: „Die Kranken, die Fleisch aßen, mußten als Zeichen ihrer Sonderstellung Stöcke tragen und ihre Kapuzen aufsetzen.“162 Diese Besonderheit wird in einem Kalenderbild (für den Monat Januar) dargestellt, das in einer Handschrift vom Ende des 13. Jahrhunderts erhalten ist: zu sehen ist ein Mönch mit aufgesetzter Kapuze, der in der linken Hand einen Stock hält, der in Richtung des Feuers geführt wird, an dem er sich die Füße wärmt. In der linken Bildhälfte erscheint ein gedeckter Tisch, auf dem ein in einer Schale angerichtetes, vierfüßiges Tier zu sehen ist. Der Mönch führt mit der rechten Hand eine andere Schale zum Mund. Die Szene, die auf den ersten Blick auf klösterliches Wohlleben hinweisen könnte, erweist sich durch die deutlich ausgearbeiteten Details als die Darstellung eines Kranken (s. Abb. 29). Da die besonderen Bedingungen, die den Kranken bei ihrer Verpflegung eingeräumt wurden, durch die Mönchsküchen parallel zu deren regulärem Betrieb nicht hergestellt werden konnten, aber wohl auch, um die gesunden Mönche nicht in Versuchung zu führen, gab es in vielen Klöstern eine gesonderte Krankenküche.163 Auch ein Abt konnte schon nach den Vorstellungen Benedikts von Nursia über eine eigene Küche verfügen. Nur so war es ihm möglich, besondere Gäste des Klosters oder Pilger zu einem Gastmahl zu empfangen, ohne die Abgeschiedenheit des Lebens der anderen Mönche innerhalb der Klostermauern zu stören. Der Betrieb mehrerer Küchen – getrennt werden in Ordensregeln Abts-, Mönchs- und Krankenküche – ließ sich wegen des damit verbundenen personellen und wirtschaftlichen Aufwandes sicher nur in größeren Klöstern einrichten und aufrecht erhalten. Dass der Betrieb einer Küche in ‚Doppelfunktion‘ wahrscheinlich ist, legt der (idealtypische) Klosterplan von Sankt Gallen nahe, in dem drei verschiedene Küchenbereiche angelegt sind: Mönchsküche, eine Küche beim Novizenbad und eine zwischen Abtshaus und Spital, die wohl beide letztgenannten Bereiche versorgte. Die Abts- und Krankenküche dürften, um sie gleichmäßig auszulasten, auch für die Versorgung der Gäste und die der Armen zuständig gewesen sein, die sich in der Hoffnung auf milde Gaben an der Klosterpforte einfanden.164 162

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Zimmermann (1973), S. 168; Foster (1980), S. 91 gibt an, dass diese im 11. Jahrhundert europaweit aufgekommene Kennzeichnung in zeitgenössischen Quellen humoristisch auch als „Klosterstockkrankheit“ bezeichnet wurde Vgl. Zimmermann (1973), S. 170, in einem Klosterplan in direkter Anbindung an das Spital abgebildet bei Merk (1996), S. 15 Auf diese Verbindung weisen zumindest Passagen in den zisterziensischen Ordensregeln hin, vgl. Ecclesiastica Officia (2003), S. 462 f., Caput CXVIIII ‚Der Gastbruder‘, S. 424 ff., Caput CVIIII, 7 ‚Die Köche des Abtes‘

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Abb. 29: Kalenderbild des Monats Januar, Psalter aus Lüttich, ca. 1280165 165

Ob und in welchem Maße von den hochmittelalterlichen Äbten (und Äbtissinnen) erwartet wurde, sich an die allgemein in ihrem Orden geltenden Speise- und Fastenregelungen zu halten, geht aus vielen Quellen nicht eindeutig hervor. Benedikt folgend, werden in den Ordensregeln Ausnahmen

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Die Form des auf dem Tisch liegenden Messers (mit einer deutlichen Verjüngung vorn an der Klinge) entspricht derjenigen, die auch andere Illuminationen des 12. und 13. Jahrhunderts zeigen, vgl. die Abbildungen oben in den Abschnitten 3.2 und 3.3. Die links auf dem Tisch sichtbare Kanne – oder ein Humpen? – mit Deckel gehört zu den im Hochmittelalter seltener abgebildeten Gefäßen. Vergleichbare Stükke finden sich z. B. in der in das 14. Jahrhundert datierenden, illuminierten Wiener Handschrift des ‚Willehalm‘

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oft deren Ermessen anheimgestellt. Diese ließen verschiedene Zugaben und Sonderrationen innerhalb der Konvente zu, und so ist es wahrscheinlich, dass manche Äbte und Äbtissinnen, wenn besondere oder hochgestellte Gäste im Kloster weilten, diese auch in außergewöhnlichem Umfang und besonderer Qualität bewirteten und auch selbst an den Speisen teilhatten, die für die Gäste aufgetragen wurden. Auch diesbezüglich ist das Bild jedoch diffus. Die Schilderungen von Gastmählern, die Ekkehard IV. von Sankt Gallen niederschrieb, weisen darauf hin, dass auf eine gediegene Gastfreundschaft Wert gelegt wurde und dass – im Zweifelsfall – die Speisegewohnheiten der Gäste mehr respektiert wurden als die Vorschriften des eigenen Ordens.166 Die aus verschiedenen ihrer Schriften hervortretende Haltung Hildegards von Bingen, die Äbtissin des auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein gelegenen Klosters war, weist aus, dass sie einer grundsätzlichen Position verpflichtet war und in jeder Beziehung das Maßhalten bevorzugte.167 Die zisterziensischen consuetudines wiederum lassen bezüglich der Bewirtung von Gästen keine Sonderregelungen zu: bei ihnen sollen Gäste, gleich welcher Herkunft, die gleichen Speisen zu sich nehmen wie die Mönche. Lediglich eine Ausnahme ist ausdrücklich erlaubt: „Als symbolische Ehrung des Gästestatus ist die traditionsorientierte Offerierung von Weißbrot zu verstehen, dem einzigen Lebensmittel, das den cisterciensischen Gästen über den monastischen Speiseplan hinaus zukommen sollte.“168 Dass die Küche des Abtes für Zisternziensermönche dennoch eine ‚Versuchung‘ dargestellt haben muss, lässt die Bedeutung vermuten, die in den Ecclesiastica Officia der sorgsamen Verwahrung des Küchenschlüssels durch die Abtsköche gewidmet wird.169 Die Intention der zitierten Quellen kann angesichts der Frage nach klösterlichen Speise- und Trinkgewohnheiten nicht außer Acht gelassen werden. Ordensregeln und schriftlich niedergelegte, theologische Grundsatzdiskussionen dürften schließlich als ‚ideologische Wegweiser‘ zu bewerten sein und daher die zeitgenössischen Verhältnisse nur teilweise abbilden. Deutlich wird dies im Vergleich zwischen den Regelwerken und überlieferten Abgaberegistern (‚Hebebücher‘), in denen verzeichnet wurde, welche Abgaben die einem Kloster gehörenden Höfe und andere Besitzungen an 166 167

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Vgl. z. B. Ekkehard IV. (1958), S. 30 f., Nr. 7; S. 40 f., Nr. 13; S. 44 ff., Nr. 16 Vgl. Zimmermann (1973), S. 80; damit pflegt Hildegard eine der Kardinaltugenden, die temperantia (Mäßigkeit), vgl. M. Garwig/W. Knoch unter dem Stichwort ‚Kardinaltugend‘ in: LexdMA Bd. VI (1993), Sp. 371 f. Berger (1999), S. 348 Vgl. Ecclesiastica Officia (2003), 424 ff., Caput CVIIII, 6, 7 und 19

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die Abtei zu entrichten hatten. Aus ihnen erschließt sich, dass sich der Versorgungsstandard von Mönchsgemeinschaften erheblich von dem abheben konnte, was die Ordensregeln als angemessen definierten. So ist dokumentiert, dass die Kurie170 Hastenbeck bei Hameln in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts folgende Abgaben zu entrichten hatte, die ausdrücklich für die Corveyer Mönchstafel (mensa fratrum) bestimmt waren: „‚15 Gefäße Bier, 1 Gefäß Honig, 1 Ferkel, 1 Gans, 2 Hühner, 1 Scheffel Roggen, 1 Scheffel Weizen‘ … Dazu kamen zu den drei Lieferterminen der Konventsservitien und den beiden Abtsservitien noch verschiedene Lebensmittel wie Getreide, Käse, Schweine und Schafe.“171 Dass es sich dabei nicht um eine Ausnahme handelte, belegen weitere, speziell für die Corveyer Abtsküche bestimmte Abgabelisten. Zur Zeit des Abtes Erkenbert (1107–1128) war ein ‚Servitium‘ für die Abtsküche folgendermaßen festgesetzt: „Fünf fette Schweine, ein Spanferkel, zwei Ferkel, zwei Gänse, zehn Hühner, fünfzehn Käse, hundert Eier, Fische oder einen Schilling für den Kauf von Fischen, fünf Scheffel Weizen, drei Scheffel Roggen, wovon einer an das Armenhaus geht, fünfzehn Käse (wohl eine andere Sorte oder Größe), dreißig Eimer oder Scheffel Bier und ein Eimer Honig für den Met, dreißig Becher und hundert Schüsseln.“172 Zur Zeit seines Amtsnachfolgers Widukind (1189–1203) war die Abtsküche noch umfangreicher und auch ausgewählter zu beliefern: „6 fette Schweine und ein Spanferkel, und die muß der Seneschall aussuchen, der in der civitas ist, und dabei, wenn die ganze Dienstleistung angenommen ist, auch nachprüfen, ob sie alle angemessen sind, dem Befehl des Kämmerers des Abtes folgend; das ist es, was nach diesem Treueverhältnis der Kirche zusteht. Und darüber hinaus werden 60 Scheffel Gerste gegeben, 2 Scheffel davon zum ‚Almosenamt‘, 1 Malter für das Geflügel und zehn Malter Hafer, 5 Malter Weizen, 2 Malter Roggen, 2 Krüge Honig, 23 Becher, 100 kleine Schüsseln, 10 Hühner ( ? ), 2 Gänse, 10 Töpfe, 2 Fässer, 2 Becken und 2 Kannen, und

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171 172

Dieser Begriff steht nicht nur für hohe kirchliche Gremien, sondern wird auch für eine „ländliche Hofanlage“ gebraucht, vgl. H. Hinz s.v. curia in: LexdMA Bd. III (1986), Sp. 386 f., hier: S. 386. Es wird dort ausgeführt: „Synonym mit curtis gebraucht, bezeichnet c. einen ländl., meist mit Wällen und Gräben umschlossenen Großhof, üblicherweise Verwaltungszentrum und manchmal auch Zentrum des Wirtschaftsbetriebes einer Gruppe von ländl. Besitzungen, die ebenfalls mit dem Begriff c. belegt werden. … Die Bezeichnung wird erst im 10.–11. Jh. häufig verwendet, wahrscheinl. infolge der administrativen u. jurist. Funktionen, die die curtis, insbes. als Sitz des grundherrschaftl. Gerichts, inzwischen erhalten hatte.“ Stephan Bd. 2 (2000), S. 337 Stephan Bd. 2 (2000), S. 337

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1 hölzerner Mörser,173 … und ein Scheffel Salz, und ein Becher Senf, 12 Pfennige in eben dem Geld, wo er wohnt wird in Gewicht für die Fische gegeben, und zur Hälfte in socci (Flächenmaß) Hafer, wenn er beim Meierhof den Dienst ganz einlösen will, und genauso ein Pfund Pfeffer; aber diese zwei Dinge werden nicht außerhalb des Meierhofes gegeben, und 30 Schafskäse und zwei so große Käse, daß der Daumen, wenn man ihn in der Mitte anlegt, kaum die Ecken erreicht.“174 Da das Kloster über ausgedehnte Besitzungen verfügte, mit den genannten ‚Hebungen‘ jedoch lediglich ausgewählte Beispiele erfasst werden, dürften die Naturaleinnahmen der Reichsabtei Corvey sehr bedeutend gewesen sein. Hans-Georg Stephan schätzt, dass allein die Abgaben an Schweinen jährlich mehrere Tausend Tiere betrugen.175 Zwar schwankte der Umfang des Corveyer Konventes (Mitte des 12. Jahrhunderts lag er wohl bei etwa 50 Mönchen),176 doch ist angesichts der Höhe der an das Kloster entrichteten Abgaben sicher, dass diese den klösterlichen Küchenbedarf erheblich übertrafen.177 Nicht nur gesamte Klostergemeinschaften, sondern auch einzelne ihrer Mitglieder konnten über bedeutende Lieferungen an Naturalien verfügen. So wurde durch den Chronisten der Vita des Bischofs Meinwerk von Paderborn dokumentiert, mit welchen dauerhaften ‚Renten‘ versehen adlige Frauen zu Beginn des 11. Jahrhunderts in Klöster aufgenommen wurden. Die Nonne Fretherun „erhielt … neben Geld und der erwähnten Pelzbekleidung jährlich 12 Schinken, 20 Malter Weizen und 30 Urnen Wein; ein zweiter Vertrag setzte folgende Leibrente aus: sechs Schinken mit, sechs Schinken ohne Innereien, 20 Malter Weizen, 20 Malter anderes Getreide, 5 (Fässer? …) Bier, eine carrada Wein, zehn Schafe mit und fünf ohne Lämmer, fünf Schweine und Geld … Zur Leibrente der Nonne Atta gehörten auch 90 Käse und drei Krüge Honig.“178 Mit solchen ‚Mitgiften‘ trugen diese Nonnen sicher zur Küchenwirtschaft innerhalb ihrer klösterlichen Gemeinschaft bei, möglicherweise auch zur Bewirtung von Gästen und zu Armenspeisungen. Ob und in welchem Umfang es ihnen gestattet war, die 173

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178

Wie aus der Aufstellung hervorgeht, konnten sich die zu leistenden Abgaben nicht nur auf Vieh, Geflügel, Fisch, Getreide oder andere Nahrungsmittel beziehen, sondern auch Küchen- bzw. Tafelgerät enthalten Stephan Bd. 2 (2000), S. 337 f. Vgl. Stephan Bd. 2 (2000), S. 339 Vgl. Stephan Bd. 2 (2000), S. 323 Nachgewiesen oder zumindest wahrscheinlich ist, dass die Einnahmeüberschüsse bes. an Getreide, Schweinen und Bier verkauft wurden, teilweise sogar in den Fernhandel gingen, vgl. Stephan Bd. 2 (2000), S. 339 Edith Ennen: Frauen im Mittelalter. München 1984, S. 84 f.

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durch sie eingebrachten Naturalabgaben selbst zu nutzen, lässt die Quelle offen. Dass dies geschah, ist jedoch sehr wahrscheinlich. Nach Ausweis dieser Belege gab es wohlhabende Klöster, deren Angehörige in normalen Jahren keine Not litten, wahrscheinlich sogar einen im Vergleich zur Bevölkerungsmehrheit ihrer Zeit durchaus gehobenen Lebensstandard genießen konnten. Dennoch wird, wenn es um den Lebensstandard in Klöstern und von Mönchen und Nonnen geht, allgemein nicht davon ausgegangen werden dürfen, dass sie sich in ‚klösterlichen Hotels der Luxusklasse‘ bewegten.179 Neben großen, einflussreichen und wohlhabenden Abteien gab es viele kleinere Niederlassungen und auch winzige Klausen, in denen sich das Leben der Mönche und Nonnen sicher sehr viel bescheidener gestaltete als in verschiedenen zeitgenössischen Chroniken mit Bezug auf das Klosterleben überliefert wird. Es gilt dabei auch zu bedenken, dass es vornehmlich größere Abteien und Klöster waren, die über Skriptorien und Schreibermönche verfügten, die wiederum über historische oder aktuelle Besonder- und Begebenheiten in ihrem Umfeld Bericht erstatteten. Dabei geriet das ‚Normale‘ nur bedingt, das außerhalb des direkten oder regionalen Umfeldes Liegende kaum mehr in den Blick und somit auch nicht auf das Pergament. Daher können auch über chronikalische und andere historische Quellen lediglich Ausschnitte klösterlicher Lebensstandards und Speisekultur des Hochmittelalters erfasst werden, dabei wohl vornehmlich die exklusiveren. So können die just zuvor genannten Beispiele nicht dazu herangezogen werden, eine allgemein gültige Rekonstruktion ‚der Lebensverhältnisse‘ von Mönchen und Nonnen zu wagen. Zu unterschiedlich sind, wie die oben angeführten Regelungen ausweisen, die Verhältnisse und Gebräuche in verschiedenen Orden, recht unterschiedlich werden auch die Lebensumstände in großen, mittleren und kleinen Gemeinschaften und auch in verschiedenen Regionen gewesen sein. Wie sehr sich z. B. das Leben in bedeutenden Benediktinerklöstern von dem franziskanischer Wandermönche unterscheiden konnte, zeigt der Bericht über eine Gruppe von sieben Franziskanermönchen, die im Jahre 1221 im süddeutschen Raum auf Missionsreise war. Misslich wirkte sich auf ihre Lage aus, dass diese Franziskanerbrüder nicht gewohnt waren zu betteln. In Mittenwald mussten sie deshalb „große Not leiden. Mit zwei Bissen [Brot?] und sieben Rüben stillten sie oder reizten sie vielmehr elendiglich den schlimmen Hunger und Durst, doch blieben sie fröhlichen Herzens … Sie beschlossen, vom Wasser des klaren Baches, der vorbeifloß, zu trinken,

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Vgl. oben S. 302

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damit der leere Magen nicht knurre.“180 Auf der nächsten Reiseetappe finden die Mönche Wildfrüchte und -obst. Beides wird eingesammelt, jedoch wagen es die Mönche nicht, die Ernte zu essen, denn es ist Freitag und sie fürchten, das Fastengebot zu brechen. Im nächsten größeren Ort findet sich ein Mann, der den Brüdern für zwei Denare Brot kauft, das jedoch für sieben Reisende nicht ausreicht. Nun verlegen sich die Mönche doch aufs Betteln und erhalten ein paar Rüben. So können sie ihren Weg nach Augsburg fortsetzen.181 In der Nähe von Salzburg findet einer der reisenden Brüder, nachdem seine Bitte um Speise von mehreren Einheimischen zurückgewiesen wurde, schließlich einen Trick, durch den sich die gesamte Gruppe fortan besser versorgen lässt. Der Franziskaner spricht nur wenig deutsch und nähert sich den Bewohnern eines Hauses mit den Worten „Nicht judisch“ (sagen wollte er: „nicht diutsch“).182 Er lacht die Einheimischen an, lässt sich auf einer Bank vor dem Haus nieder und bleibt dort einfach sitzen. Die verdutzten Einheimischen „lachten und gaben ihm wegen seiner Unverschämtheit Brot, Eier und Milch. Als der Bruder sah, daß diese Verstellung für ihn nützlich sei und er so für seine Mitbrüder sorgen könne, ging er auf ähnliche Weise durch zwölf Häuser und bettelte so viel zusammen, daß es für sieben Brüder reichte.“183 6.2.4 Signa loquendi – stumme Kommunikation in Refektorium und Küche Zu den klösterlichen Ordnungen (consuetudines), die das Leben der Mönche bis in Details regelten, gehörte seit den durch Benedikt von Nursia in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verfassten Ordensregeln die Schweige180 181 182 183

Narciß (1989), S. 395 (Chronik des Jordan von Giano) Narciß (1989), S. 395 Narciß (1989), S. 397 mit Anm. 15 Narciß (1989), S. 397. Die hieraus sprechende, positive Einschätzung der Franziskaner (‚Bettelmönche‘, asketisch lebend und bescheiden in ihrer Art) war nicht allgemein vorhanden. So ist vom zeitgleich dichtenden Marner ein lateinisch verfasstes Lied überliefert, in dem er sich scharf gegen die Franziskaner und Dominikaner wendet: „Sie pflegen die Burgen (Städte?) aufzusuchen, die Klöster zu meiden. Sie suchen die Häuser der Reichen auf, sie wissen genau, warum. Mit fetten Speisen wollen sie sich nähren und Wein trinken, verabscheuen es, mit den Mönchen Kohl zu essen“ (Str. 12). In der folgenden Strophe findet sich der Vorwuf: „Für ein Frühstück gewähren sie runde hundert Tage Ablaß“. Der Marner schildert die Mönche der neuen Bettelorden als von der Gier nach Geld, Einfluss und Macht getrieben und wünscht sich, dass sie „auf die Schnelle zu Schanden werden“ (Str. 15), vgl. den Text (Lied 11) in der Edition von Willms (2008), S. 125ff., die zitierte Übersetzung findet sich auf den S. 130f.

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pflicht (taciturnitas).184 Sie erstreckte sich bei Benedikt auf den klösterlichen Speisesaal (Refektorium), die Schlafsäle (Dormitoria) und die Klosterkirche oder -kapelle (Oratorium).185 Die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts einflussreiche, von den burgundischen Klöstern Gorze und Cluny ausgehende Reformbewegung differenzierte einige der benediktinischen Regeln, im Falle des Schweigegebots wurde dessen Geltungsbereich erweitert und auch für den klösterlichen Küchenbereich definiert.186 Es ist leicht vorstellbar, dass das Schweigegebot die Mönche und Nonnen bei vielen Verrichtungen im klösterlichen Alltag behinderte, da es sprachliche (hier: stimmliche und hörbare) Verständigung ausschloss – nicht aber diejenige, die über Zeichen stattfand. Für verschiedene Bereiche des Klosterlebens, für Kleidung, Schreib- und Bibliotheksarbeiten, das Vorlesen oder das Anzeigen eines Gesprächswunsches mit dem Abt oder mit Mitbrüdern wurden deshalb ‚stumme‘ Sprachzeichen entwickelt, die signa loquendi. Eine umfangreiche Liste mit 118 ‚Vokabeln‘, mittels derer man sich ohne Worte, wohl aber mit definierten Gesten der Finger und Hände verständigen konnte, wurde im 11. Jahrhundert in Cluny verfasst.187 In ihr sind auch 35 Zeichen enthalten, die sich auf allgemeine Lebensbedürfnisse, vornehmlich auf Nahrungsmittel beziehen.188 Der Abt des einflussreichen cluniazensischen Reformklosters Hirsau, Wilhelm, pflegte enge Beziehungen zum ‚Mutterkloster‘ in Cluny.189 Er übertrug zwischen 1085 und 1090 dessen consuetudines und damit auch die signa loquendi auf sein Kloster und dessen fast den gesamten deutschen Sprachraum umfassenden Einflussbereich.190 Im Interesse einer möglichst 184

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Vgl. Axel Gampp: Den Weissweinwunsch am Auge formen – Signa loquendi: klösterliche Zeichensprache im 11. Jahrhundert, in: Dorothee Rippmann/Brigitta Neumeister-Taroni (Hg.): Gesellschaft und Ernährung um 1000. Eine Archäologie des Essens. Vevey 2000, S. 210–223, hier: S. 211 Gampp (2000), S. 211 Gampp (2000), S. 211 Vgl. Walter Jarecki (Hg.): Signa loquendi. Die cluniacensischen Signa-Listen. (Saecula spiritalia. Bd. 4). Baden-Baden 1981, S. 121 ff.; Vorläufer dieser Regeln lassen sich in Cluny bis in das frühe 10. Jh. nachweisen, vgl. Gampp (2000), S. 211 Vgl. Gampp (2000), S. 211; Jarecki (1981), S. 121 ff., Nr. 1–35 Persönlicher Kontakt bestand zwischen Wilhelm von Hirsau und Ulrich von Cluny, da beide als Jugendliche im Regensburger Kloster St. Emmeram gemeinsam erzogen wurden; belegt ist ferner, dass Wilhelm von Hirsau als Abt Delegationen von Mönchen nach Cluny entsandte, um das dortige Klosterleben zu studieren, vgl. Jarecki (1981), S. 29 f. Die 1075 in Hirsau eingeführte Klosterreform wirkte sich im Norden aus bis Königslutter (Reform 1135), im Süden bis Pfäfers (heute Schweiz, Reform ca. 1100), im Osten bis Admont (heute Österreich, Reform ca. 1100); ihr schlossen sich bedeu-

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lückenlosen Regelung des Klosteralltags, vielleicht auch der Dokumentation seiner persönlichen Belesenheit,191 modifizierte, ergänzte und erweiterte er die aus Cluny überlieferten signa loquendi auf ein ‚Vokabular‘, das insgesamt 359 Zeichen umfasst.192 Davon beziehen sich 96 auf Speisen oder Getränke, weitere auf Gefäße, in denen diese oder Speisezutaten zu reichen sind, z. B. Becher, Kanne oder ein Salzfass.193 Wer im klösterlichen Refektorium etwa Brot wünschte, bildete mit Zeige-, Mittelfinger und Daumen beider Hände einen großen Kreis.194 Wer sich Weißwein bringen lassen wollte, formte den Daumen und den Zeigefinger einer Hand zu einem Ring und hielt sie sich vor ein Auge.195 Fisch wurde gereicht, wenn mit der Hand die Bewegung des Fischschwanzes im Wasser angezeigt wurde, und eine zur Faust geballte Hand, aus der lediglich der Zeigefinger herausgestreckt würde, führte dazu, dass man Birnen auf den Tisch brachte.196

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tende Abteien an wie z. B. Maria Laach (1175), Zwiefalten (1089), Ottobeuren (1102), Kremsmünster (1160) und Bursfelde (1090); vgl. Leisering (1984), S. 45 Vgl. Gampp (2000), S. 212, der die Ergänzungen Wilhelms von Hirsau auf dessen strikten Regelungswillen zurückführt; Zimmermann (1973), S. 55 vermutet dagegen angesichts einzelner Beispiele (z.B. die Berücksichtigung exotischer Früchte wie Feigen, Zitronen und Kastanien), die in der dokumentierten Form kaum angewandt worden sein dürften, dass Wilhelm wohl auch seine Belesenheit unter Beweis stellen wollte Vgl. Jarecki (1981), S. 163 ff. 102 Pro signo patere, ex qua bibitur tres digitos aliquantulum inflecte et sursum tene 103 Pro signo becharii premisso eodem signo hoc adde, ut digitum digito circumferas 104 Pro signo vasculi, in quo sal habetur, premisso ibidem signo patere adiunge signum salis; zit. nach Jarecki (1981), S. 181 f. (102 Über das Zeichen für eine flache Schale, aus der getrunken wird Biege drei Finger ein bisschen und führe sie nach oben 103 Über das Zeichen für einen Becher Nutze das vorstehende Zeichen und füge dem hinzu, dass ein Finger den anderen kreuzt/umschließt 104 Über das Zeichen des Gefäßes, in dem Salz aufbewahrt wird Nutze das selbe Zeichen wie für eine flache Schale und füge das für Salz hinzu) 1 Pro signo panis fac unum circulum cum utroque pollice et his duobus digitis, qui secuntur, pro eo, quod et panis solet esse rotundus, zit. nach Jarecki (1981), S. 163; vgl. Gampp (2000), S. 210 96 Pro vini clari duos digitos oculo circumponas, zit. nach Jarecki (1981), S. 180 11 Pro signo generali piscium cum manu simula caude piscis in aqua commotionem 46 Pro signo piri premisso generali pomorum signo indicem extende, zit. nach Jarecki (1981), S. 165 und 172; vgl. Gampp (2000), S. 210

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Bei aller Akribie, mit der Wilhelm das burgundische Vorbild auf Hirsau und die zu seinem Kreis gehörenden Klöster übertragen sehen wollte, wich er doch in einigen der bei ihm definierten Zeichen von seiner Vorlage aus Cluny ab. So setzte er das dortige Zeichen für Weizenbrot für das (in Hirsau wohl gebräuchlichere) Roggen- oder Dinkelbrot,197 das in der Liste aus Cluny bekannte Zeichen für Tintenfisch ( ! ) fehlt, dafür gibt es in Wilhelms ‚stummem Vokabular‘ ein Zeichen für Bier, das in der burgundischen Vorlage fehlt.198 Bemerkenswert ist, dass Wilhelms signa loquendi auch ein Zeichen für Fleisch kennen, das in seiner burgundischen Referenz nicht zu finden ist.199 Dass sich dieses Zeichen außerhalb der sonst systematischen Reihung von ‚Hauptspeisen‘ (Brot, Fisch, Hülsenfrüchte/Gemüse) findet, deutet darauf hin, dass das Zeichen nur in Ausnahmefällen und damit selten verwendet wurde, möglicherweise aufgrund der alten benediktinischen Regel, der zufolge nur Kranken erlaubt sein sollte, Fleisch (vierfüßiger Tiere) zu sich zu nehmen.200 In einem weiteren Fall wich Wilhelm von seiner Vorlage ab, möglicherweise bewusst, wenn er denn nicht nur die Erläuterung seines Quellentextes in der Hirsauer Version der signa loquendi zu variieren bzw. genauer zu definieren gedachte. In vielen Klöstern – und wohl auch in Cluny – „hatte sich die Gewohnheit eingeschlichen, die ursprünglich gestattete Menge Tranksame (iustitia) durch zusätzliche Umtrünke (caritates) zu erhöhen. Diese Zugabe wurde, zumeist zur Non oder am Abend, in einem besonderen, verschliessbaren Trinkkrug serviert: … dem scyphus“.201 Während die cluniazensischen signa loquendi ein eigenes Zeichen für diese ‚zusätzliche Weinration‘ kennen,202 setzt Wilhelm dasselbe Zeichen zwar auch für den scyphus, definiert diesen jedoch durch einen Zusatz nur für die im Rahmen der üblichen Regeln gestattete Menge (iustitia).203 Durch diese Definition schränkte Wilhelm – ob wissent- oder versehentlich – das großzügigere burgundische Verständnis für den Einflussbereich des Hirsauer Klosters ein. Die vergleichsweise große Zahl der ‚Zeichenvokabeln‘ für Küche und Refektorium, die Wilhelm in Erweiterung seiner Vorlage festlegte, resultiert 197

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Vgl. Gampp (2000), S. 213. – Das weniger ‚feine‘ Roggen- und das Dinkelbrot scheinen überdies besser zu einer an Bescheidenheit orientierten Klosterkost zu passen Vgl. Jarecki (1981), S. 122–9 Pro signo sepiarum – und in demselben Beitrag, S. 179–88 Pro signo cervise Vgl. Jarecki (1981), S. 171–40 Pro signo carnis – (Wilhelm) und S. 121 ff. (Cluny) Vgl. Gampp (2000), S. 212 Gampp (2000), S. 212 Vgl. Jarecki (1981), S. 127–33 Pro signo cyphi, qui capit cotidianam vini mensuram 100 Pro signo sciphi, quem iusticiam vocamus, vgl. Jarecki (1981), S. 181

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nicht zuletzt aus den für die Hirsauer Kommunikation differenzierter aufgeschlüsselten Gerichten. So gab es nicht nur das bereits genannte Zeichen für (Roggen- oder Dinkel-)Brot, sondern weitere Zeichen, die für bestimmte Brotsorten bzw. Mehlerzeugnisse verwendet wurden, so z. B. für ein in Wasser gekochtes ‚Brot‘ (eine Art Knödel?), das seiner besonderen Qualität wegen nicht als alltäglich gewertet wurde (Weizenbrot? – Pro signo panis, qui coquitur in aqua et melior solet esse quam cottidianus),204 größere Oblaten, ein Gebäck, das besonders hohen Festtagen vorbehalten war (tortulus), sowie zweifach gebackenes Brot, offenbar eine Art Zwieback.205 Die Aufzählung der für Fisch verwendeten Zeichen, die schon in Cluny neben einem allgemeinen Symbol sechs für spezielle Fischsorten kannte,206 umfasst bei Wilhelm neben dem generell für Fisch geltenden Zeichen 14 verschiedene Arten von Wasserlebewesen, darunter Stör, Lachs, Lamprete, Karpfen, Forelle, Aal, Barbe, Brachse, den Krebs sowie eine Fischbrühe oder -suppe (allec).207 Geht man davon aus, dass die signa für die gebräuchlichsten Gerichte oder Nahrungsmittel standen, kamen in Hirsau als Hülsenfrüchte (legumina) die verbreiteten Bohnen, Erbsen und Linsen auf den Tisch des Refektoriums,208 bei Früchten des Gartens (holera) kannte man in Hirsau eigene Zeichen u. a. für Zwiebeln, Kürbis, Raute, Fenchel, Dill, Eppich, Salbei, Lattich, Kohl, Petersilie, Kresse, Ysop, Wermut und Knoblauch.209 Für (offenbar komplette) Gerichte gab es Zeichen, die für Eier-, Milchund Mehlspeisen, Aufläufe (u. a. mit Käse?), Eintopf und Hirsebrei standen.210 Eigene signa gab es auch für Zutaten wie Nussöl, Olivenöl und Honig, ferner für Essig, den Wilhelm bemerkenswerterweise in die Reihe der Zeichen für Getränke einordnete.211 Gewürze wie Ingwer, Pfeffer und – als 204 205 206 207 208 209 210

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Vgl. Jarecki (1981), S. 163 und S. 32 f. Vgl. 1–7, Jarecki (1981), S. 163 f.; s. auch Gampp (2000), S. 213 Vgl. Jarecki (1981), S. 122 ff. Vgl. 11–26, Jarecki (1981), S. 165 ff. Vgl. 8–10, Jarecki (1981), S. 164 f. Vgl. 58–80. Jarecki (1981), S. 174 ff. 28–38, vgl. Jarecki (1981), S. 168 ff.; da Hirse (38 Pro signo milii) hier in einer Reihe verschiedener Gerichte genannt wird, ist davon auszugehen, dass der Begriff für eine Verarbeitungsform steht; da das Zeichen für Käse direkt neben dem für eine Auflaufart steht (cigara), könnte dies auf einen Zusammenhang beider Speisen/Zeichen hinweisen, vgl. Gampp (2000), S. 213 Vgl. 42–44, Jarecki (1981), S. 171 und 94 – Pro signo aceti, in demselben Band S. 180. Möglicherweise geht die Einordnung des Essigs in die Reihe der Getränke darauf zurück, dass Essig auch Christus am Kreuz gereicht wurde und dass durch seinen ‚Genuss‘ eine besondere Frömmigkeit zum Ausdruck gebracht werden konnte?

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Speisezutat heute ungewöhnlich – Weihrauch konnten durch besondere Gesten geordert werden,212 schließlich auch verschiedene Getränke, wobei zwischen ‚normalem‘ und gesegnetem Wasser unterschieden wird, zwischen Rot- und Weißwein, dem mit Würzstoffen versetzten Claret, einem mit Honig, Gewürzen und vielleicht auch Wermut angesetzten Getränk auf Weinbasis,213 dem Bier und zwei weiteren Getränken, deren Konsistenz sich aus der Aufstellung nicht erschließt.214 Früchte und Obst sind in der signa-Aufstellung u. a. mit Apfel, Birne, Walnuss, Pflaume, Kirsche, Pfirsich, Mispel und Erdbeere vertreten, sie dürften die klösterliche Tafel vor allem als Beilage (zulässige ‚dritte‘ Speise) oder Nachtisch bereichert haben.215 Recht umfangreich und vielfältig ist auch die Reihe der Gefäße, die auf ein eigenes Zeichen hin gereicht werden sollten. Sie umfasst Trinkschale (scutella), ‚Hohlgefäße‘ (cavate), gebrannte Tongefäße (coclearis), den bereits genannten Skyphus, Schalen (pater), Becher, Glasgefäße (phiale vitrae), (Brot?)Körbchen (sportula), die, weil in Zeichen unterschieden, möglicherweise in geflochtener Form und aus Holz vorhanden waren, Kannen, Weinpokal und -zuber sowie Essigkännchen.216 Es erschließt sich aus den signa loquendi, sofern sie im klösterlichen Alltag allgemein verwendet wurden und diesen damit durchaus repräsentieren könnten, das Bild einer klösterlichen Küchen- und Speisekultur, die – ganz im Sinne einer Reformbewegung – nicht durch Überfluss, aber auch nicht durch Einseitigkeit, dauernde Askese oder gar durch Mangel gekennzeichnet ist. Die Anzahl der signa für verschiedene Nahrungsgrundstoffe, Gerichte, Getränke, Gewürze und Geschirr, die aus Praktikabilitätsgründen möglicherweise nur die wichtigsten aufzählt (denn Wilhelms auf insgesamt 359 Zeichen angewachsenes ‚Vokabular‘ musste nicht nur unterscheid-, sondern auch lernbar und anzuwenden sein), lässt auf eine insgesamt entwickelte und vor allem vergleichsweise hoch organisierte Küchen- und Speisekultur schließen. Letzteres wird nicht zuletzt durch die Entwicklung und Differenzierung der signa loquendi unterstrichen. Sie stehen für eine Tisch- und Esskultur, die von vielen, eigens definierten Regeln bestimmt wurde, somit sehr ‚zivilisiert‘ war und damit der Vorstellung von ausufernden Gelagen in klösterlichen Lebensgemeinschaften eher

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83–85, Jarecki (1981), S. 178 Vgl. auch oben S. 104 f. Vgl. 86–96, Jarecki (1981), S. 179 f. S. unter 45–54, Jarecki (1981), S. 172 f.; vgl. Gampp (2000), S. 213 Vgl. 97–113, Jarecki (1981), S. 180 ff.

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entgegensteht.217 Es mag sie im Hochmittelalter vereinzelt gegeben haben, in den dem Hirsauer Reformkonvent angeschlossenen Klöstern dürften sie, sofern den consuetudines Folge geleistet wurde, eher unwahrscheinlich gewesen sein. Andere Ordensgemeinschaften lehnten sich bis in das 13. Jahrhundert hinein an die cluniazensischen consuetidines an und übernahmen – zumindest in Teilen – auch deren signa, so die Zisterzienser. Die hinsichtlich des Schweigegebotes bis in die heutige Zeit hinein besonders strengen Karthäuser lehnten auch die signa loquendi kategorisch ab.218 Dass die signa loquendi jedoch in vielen Klöstern des Hochmittelalters bekannt waren und wohl auch verwendet wurden, lässt die vergleichsweise große Zahl von Handschriften vermuten, durch die Wilhelms Constitutiones Hirsaugienses überliefert sind.219

6.3 Diätetik Dass nicht nur in klösterlichen, sondern auch in höfischen Kreisen auf das Maßhalten Wert gelegt wurde, klang zuvor bereits verschiedentlich an. Dabei waren es nicht nur religiöse220 oder ideelle Gründe, die gegen übermäßigen Nahrungs- und Getränkegenuss angeführt wurden. Denn auch im Hochmittelalter war bekannt, dass Ernährungsgewohnheiten direkt auf das gesundheitliche – sowohl physische als auch psychische – Befinden des Menschen wirken. Sie werden auch in Verhaltensempfehlungen in theologischen Quellen genannt, auf die z. B. in Predigten Bezug genommen werden konnte und die deshalb die am weitesten verbreiteten Kenntnisse repräsentieren dürften.221 Daneben gab es auch verschiedene Anweisungen

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Da das Moment der ‚Fallhöhe‘, gerade bei dem Klerus, der ‚Wasser predigt und (selbst, auch im Übermaß) Wein trinkt‘, demnach unbekümmert Todsünden begeht, bei allen gleichzeitig ausgeprochenen Mahnungen zur Umkehr oder Mäßigung ein ausgesprochen dankbares Motiv darstellt, könnte es auch sein, dass verschiedene Schilderungen einer klösterlichen luxuria in didaktischer Absicht verfasst wurden und zeitgenössische Begebenheiten – wenn sie denn so oder ähnlich vorkamen – auch bewusst übertrieben Vgl. Jarecki (1981), S. 17 ff. Für seine Edition zog Jarecki lediglich die in Weingarten, Ottobeuren, Prüfening, Regensburg (St. Emmeram) und Wessobrunn in der Zeit vom 11. bis 13. Jh. entstandenen Manuskripte heran, vgl. Jarecki (1981), S. 95 mit Anm. 289 Auf die für das Leben im christlichen Sinne damals sehr wichtige Kardinaltugend temperantia, das Maßhalten oder die Mäßigung, wurde bereits hingewiesen Ein Beispiel, das wie eine auf ihre Kernpunkte reduzierte Empfehlung zur rechten Lebensführung wirkt, findet sich z. B. in folgendem (apokryphen) Spruch des Jesus

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zur ‚richtigen‘ Lebensführung, sog. diätetische Schriften, die sich im Hochmittelalter eines gewissen Interesses erfreuten und besonders im späteren Mittelalter, jedoch auch bis weit in die Neuzeit hinein eine breitere Rezeption erfuhren.222 Da die meisten dieser Schriften in Klöstern (re-)produziert und von ihnen aus verbreitet wurden, bietet es sich an, sie an dieser Stelle zu beleuchten, auch wenn ihre Reichweite deutlich über die klösterliche Welt hinausging und ihre Intention und Wirkung somit nicht auf die ‚Welt der Geistlichen‘ beschränkt blieben. In der Diätetik unterschieden werden dabei „der Begriff D. im engeren Sinne, der die Ernährung der Gesunden und Kranken beinhaltet, und D. im weiteren Sinne, worunter die Kunst vernünftiger Lebensführung zu verstehen ist.“223 Die schon in der Antike entstandenen diätetischen Lehren224 wurden nach dem Verfall des römischen Reiches vornehmlich von arabischen Gelehrten, unter ihnen besonders von Medizinern aufgegriffen und vervollkommnet.225 Ein Beispiel bildet die im 9. Jahrhundert entstandene, pseudoaristotelische und beinahe enzyklopädische Abhandlung ‚Sirr-al-Asr¯ar‘ des arabischen Gelehrten Yahi¯a ibn al-Bitr¯ıq, die im Rahmen eines für einen Fürsten entworfenen Erziehungsprogramms eine Vielzahl diäteti-

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Sirach: „Mein Sohn, hinsichtlich deiner Lebensweise prüfe deinen Leib / und sieh, was ihm schädlich ist, und das gib ihm nicht. / Denn nicht alles ist für alle zuträglich, / und nicht jedes Individuum fühlt sich bei allem behaglich. / Sei nicht unersättlich bei irgendeinem üppigen Genusse / und laß dich nicht allzu sehr gehen bei Leckerbissen. / Denn bei vielen Speisen stellen sich Beschwerden ein, / und Unmäßigkeit kann bis zum Erbrechen führen. / Wegen Unmäßigkeit sind viele gestorben, / wer sich aber in acht nimmt, wird länger leben“, zitiert nach Emil Friedrich Kautzsch et al. (Hg.): Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments. Bd. I: Die Apokryphen des Alten Testaments. (Neudruck). Darmstadt 1962, S. 416, 27–31 Vgl. H. Schipperges s.v. Diätetik in: LexdMA Bd. III (1986), Sp. 972 f. und Burghart Wachinger: Erzählen für die Gesundheit. Diätetik und Literatur im Mittelalter. (Schriften der Philologisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Bd. 23). Heidelberg 2001, bes. S. 16 ff. Schipperges (1986), Sp. 972. Vgl. Schipperges (1986), Sp. 972. Als ein wesentliches Element der Gesundheitspflege erkannte sie bereits Hippokrates von Kos (ca. 460–370 v. Chr.), seine Erkenntnisse wurden von dem Arzt Galen (129- um 200 n. Chr.) aufgenommen und weitergeführt. Sie bildeten noch im Mittelalter die Grundlage der Medizin. Die Medizin wurde geteilt in die drei Säulen Physiologie, Pathologie und Therapie. Zur Therapie wiederum gehören Diätetik, Pharmazeutik und Chirurgie, vgl. Kay Peter Jankrift: Heilkunde und Gesundheitspflege, in: Melville/Staub, Bd. I (2008), S. 394–396, hier S. 394 Vgl. Wachinger (2001), S. 6 ff.

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scher Weisungen enthält.226 Etwa um 1140 wurde dieses Werk ins Lateinische übersetzt.227 Diese – unter dem Titel ‚Secretum secretorum‘ bekannt gewordene – lateinische Fassung diente wiederum der Zisterziensernonne Hildegard von Hürnheim228 als Vorlage für ihre in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vorgenommene Übersetzung ins Mittelhochdeutsche. Abgesehen davon, dass Hildegards um wortgetreue Übersetzung bemühte Version die vielleicht älteste deutschsprachige Fassung des besonders im Spätmittelalter noch vielrezipierten ‚Secretum‘ darstellt, ist der Text als eine der frühesten überlieferten mittelhochdeutschen Prosa-Abhandlungen bemerkenswert.229 Auf der Basis dieser zur frühen volkssprachlichen Fachliteratur zählenden Quelle sollen Grundlagen der Diätetik und konkrete Hinweise zur diätetischen Lebensführung und Ernährungsweise skizziert werden.230 Die frühe medizinische Diätetik wird humoralpathologisch begründet.231 Die Humoralpathologie232 basiert auf den Vorstellungen der Entsprechung makrokosmischer Phänomene im Mikrokosmos, hier: dem Menschen. Wie die vier Elemente – Luft, Feuer, Wasser und Erde – korrespondieren demnach auch die vier Jahreszeiten und die vier menschlichen Körpersäfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) sowie die ver-

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Vgl. Wolfgang Hirth: Die älteste deutsche ‚Sirr-al-Asr¯ar‘- Überlieferung. Zur hochund spätmittelalterlichen Tradierung arabischer Diätetik, in: Medizinische Monatsschrift 28 (1974), S. 495–501, bes. S. 495 Vgl. Hirth (1974), S. 496 Zu Hildegard (Hiltgart) von Hürnheim vgl. unter diesem Stichwort G. Keil in: VL Bd. 4 (1982), Sp. 1–4, hier: Sp. 1 f. Dort finden sich auch weitere Angaben über Hildegards Auftraggeber sowie die Rezeption ihrer Übersetzung Vgl. Reinhold Möller im Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Textausgabe: Hiltgart von Hürnheim. Mittelhochdeutsche Prosaübersetzung des „Secretum secretorum“. (DTM. Bd. 56). Berlin 1963, S. I; während Möller Hildegards gegen 1282 datierte Übersetzung für die erste in deutscher Sprache hält, stellt Hirth (1974), S. 498 dem das sog. Freiburger Fragment als Beleg für „eine noch frühere deutsche Übersetzertätigkeit“ entgegen In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren neben dem ‚Secretum secretorum‘ auch andere lateinische Gesundheitslehren im Umlauf, so z. B. die aus der medizinischen Fakultät der Universität in Salerno stammende Sammlung ‚Regimen sanitatis Salernitatum‘, vgl. Melitta Weiss Adamson: Medieval Dietetics. Food and Drink in Regimen Sanitatis Literature from 800 to 1400. (German Studies in Canada. Bd. 5). Frankfurt/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1995, S. 93 ff. Vgl. Hirth (1974), S. 495 und Jankrift (2008), S. 394 Die folgenden Ausführungen basieren besonders auf Angaben unter dem Stichwort Humoralpathologie in Meyers Enzyklopädischem Lexikon Bd. 12 (1974), S. 399

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schiedenen Lebensaltersstufen mit den Qualitäten ‚warm und feucht‘, ‚warm und trocken‘, ‚kalt und trocken‘ sowie ‚kalt und feucht‘.233 Für den Menschen bedeutet ein harmonisches Mischungsverhältnis seiner Körpersäfte (Eukrasie) Gesundheit und Wohlbefinden, jedes entstehende Ungleichgewicht (Diskrasie) verursacht Krankheit. Nach der Diagnose eines solchen Ungleichgewichts soll ‚therapeutisch‘ nach dem Grundsatz ‚contraria contrariis curantur‘ verfahren werden, ein jeweils zu dominantes Merkmal soll dabei durch die bewusst herbeigeführte Verstärkung seines Gegenpols abgeschwächt werden: einem phlegmatischen Menschen beispielsweise, bei dem nach der zeitgenössischen Vorstellung kalter und feuchter Schleim (griech. phlegma) überwiegen, soll man vornehmlich als warm und trocken bewertete Speisen zukommen lassen.234 Lebensweise und Speisegewohnheiten sind jedoch allgemein derart einzurichten, dass auch die anderen Körpersäfte nicht in ein Ungleichgewicht geraten. Ferner soll darauf geachtet werden, dass die Nahrung dem jeweiligen Temperament (der sog. Komplexionszugehörigkeit)235 des Individuums angepasst ist. Ferner soll sie auch auf weitere, im Rahmen humoralpathologischer Vorstellungen bedeutende Faktoren – wie Tageszeit, Monat, Jahreszeit und Alter – hin ausgerichtet werden.236 Es handelt sich demnach bei den diätetischen Lehren um recht komplexe Konstrukte. Fast jedes Handeln, vom Aufstehen bis zu sportlicher Betätigung, von der Haarpflege bis zum ästhetischen Genuss, lässt sich mit233

234

235 236

Vgl. Dorothee Rippmann: Schachtafeln der Gesundheit – Präventive Medizin, Körpervorstellungen und Ernährung, in: Rippmann/Neumeister-Taroni (2000), S. 114–129, bes. S. 114 und S. 122 Die tradierten diätetischen Lehren sind dabei oft nicht nur sehr komplex, sie scheinen auch nicht durchweg ‚logisch‘. So werden z. B. Männer allgemein als dem Feuer ähnlich kategorisiert, Frauen hingegen als dem Wasser verwandt – was den diätetischen Lehren nach nicht nur zur Folge hätte, dass Männer und Frauen sich unterschiedlich ernähren müssten. Es gab neben der oben genannten Maxime ferner die Vorstellung, dass, basierend auf der jeweils identifizierten ‚Charakteristik‘ eines Individuums, die Verfahrensweise, ‚Gleiches mit Gleichem zu therapieren‘ (similia similibus curantur), gesundheitsförderlich wirken solle, vgl. Erich Schöner: Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie. (Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Beihefte. Heft 4). Wiesbaden 1964, S. 28 ff. Dort wird auf S. 29 konstatiert: die Diätetik sei „‚eine wahre Enzyklopädie‘ …, aber teilweise auch ‚ein konfuses, recht eigenwilliges Lehrgebäude‘.“ Vgl. Rippmann (2000), S. 114 Vgl. Rippmann (2000), S. 122 f. Entprechende Hinweise enthalten besonders überlieferte altdeutsche Monatsregeln, vgl. dazu Gundolf Keil: Die Grazer frühmittelhochdeutschen Monatsregeln und ihre Quelle, in: Gundolf Keil/Rainer Rudolf (Hg.): Fachliteratur des Mittelalters. Festschrift für Gerhard Eis. Stuttgart 1968, S. 131–146, bes. S. 143 f.

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tels der Forderung nach Ausgewogenheit und Harmonie der Säfte, Elemente und Temperamente regeln und dadurch in angemessene, d. h. gesundheitlich zuträgliche Bahnen lenken. Entsprechende Anweisungen wurden denn auch im ‚Sirr-al-Asr¯ar‘ niedergeschrieben.237 Folgend sollen lediglich diejenigen Verhaltensregeln beleuchtet werden, die sich auf die Ernährung beziehen.238 6.3.1 Ausgewählte Passagen aus Hildegards ‚Secretum‘-Übersetzung Die medizinischen Lehren, die sich in Hildegards Übersetzung auf Speisen und Getränke sowie auf deren Auswahl und Einnahme beziehen, sind ausgesprochen umfangreich, vor allem des Bemühens wegen, möglichst alle anerkannten (d. h. antiken) Quellen angemessen zu berücksichtigen. Die Hauptpassagen der Erörterung lassen sich folgendermaßen fassen: ein Teil der in Artikel aufgeteilten Abhandlung enthält allgemein Maßnahmen, die der Gesunderhaltung dienen, die stets das Ziel aller folgend differenzierter gefassten Verhaltensregeln bildet. In einem anderen Teil finden sich detaillierte Anweisungen zur Bereitung, Aufnahme und Wirkung von Heiltränken und Kräutern. Generell gilt, dass die beste Arznei die Prävention ist, nämlich das Vermeiden von übermäßigem Nahrungsgenuss und – im Extrem – von hemmungsloser Völlerei: Das ist ain offenn urkunde: wer sich enthabt von vil essens und trinckens und fürbet die überflüssigkait, das ist ain öberste ertznei.

237 238

239

(27, 21 f.)239

Vgl. Hirth (1974), S. 495 f. In einigen der im Hochmittelalter bekannten diätetischen Schriften wird dieser Bereich unter der Überschrift potus et cibus eigens gekennzeichnet, vgl. Weiss Adamson (1995), S. 95 f. (Epistola Theodori philosophi ad imperatorem Fridericum) und S. 100 (Regimen sanitatis Salernitatum). Den Vorstellungen des ‚Regimen sanitatis‘ zufolge gehören die Getränke und Speisen zu den sechs menschlichen Verhaltensweisen, die variabel und damit steuer- oder veränderbar sind (sex res non naturales), während anlagebedingte, als statisch empfundene Eigenschaften (sex res naturales) nicht durch individuelles Verhalten oder dessen Veränderung beeinflusst werden können, vgl. dazu Wachinger (2001), S. 7, Rippmann (2000), S. 123 Vgl. auch 31, 5 ff. Zitiert wird nach der Ausgabe von Möller (1963). In einem erweiterten Sinn ist hier wohl fürbet zu verstehen, etwa als „reduzieren, ausschließen, vermeiden“, denn die wörtliche Übersetzung von mhd. vürben, vurben lautet „reinigen, säubern, putzen, fegen“, vgl. Lex. Bd. III (1992), Sp. 590

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Im Kapitel 28 Von dem jungsten schatz der gesunthait folgen dann Anweisungen, auf welche Weise die Ernährung nach dem jeweiligen Temperament des Menschen auszurichten ist. Hier begegnet die Empfehlung, ein Ungleichgewicht dadurch zu vermeiden, dass der ‚eigenen Natur‘ ähnliche Speisen genossen werden, dies allerdings mit Blick auf ein angemessenes Mischungsverhältnis. Sollte ein Körper jedoch erheblich ‚überhitzt‘ sein, so sollte Entgegengesetztes zu sich genommen werden, nämlich kalte Speisen: Wer dann ist ainer kaltenn nature, dem füegent wol kallte speis, die getempert 240 … sind. Das selb sprich ich von dem feüchten und trucken leibe. Ist aber das die hitz gemert und entzundet wirt mit grosser entzündenge von der haissenn speise unnd der auswenndigen hitze, die da gesiggt unnd herrschet, so sind im nütz kalt speis.

(28, 10 ff.)

Es wird empfohlen, vor der Nahrungsaufnahme der täglichen Arbeit nachzugehen, damit sich Hungergefühl und Appetit einstellen.241 Beim Essen selbst ist wiederum auf die Ausgewogenheit der Speisen zu achten, Gerichte von harter und von weicher Konsistenz sollen nacheinander eingenommen werden: Wer isset manigerlai waich speis, die schier mügenn verdäet werdenn, so ist nutz das man vor ettwas herttes esse in den grunt des magens …

(31, 4 f.).

Nach Abschluss einer Mahlzeit soll eine ausgiebige Ruhepause eingelegt werden.242 Mit Nachdruck wird davor gewarnt, die täglichen Essenszeiten zu verlegen oder eine der beiden Hauptmahlzeiten ausfallen zu lassen. Beides sei, da es das Gleichgewicht eines üblichen und geregelten Tagesablaufes durcheinander bringt, sehr schädlich.243 An konkreten Empfehlungen für die Gestaltung von Gerichten werden für die Frühlingszeit Hühner, Rebhühner, bis zu sechs Eier auf einmal, Ziegenmilch und wilder Lattich genannt.244 240

241 242 243 244

Gemeint ein ausgewogenes Mischungsverhältnis, vgl. lat. temperare ‚in das gehörige Maß bringen‘, vgl. Der kleine Stowasser (1971), S. 488 s.v. temper¯o. Dies wird auch im mhd. temperieren bzw. tempern aufgenommen, „im gehörigen verhältnisse mischen (u. dadurch mässigen), überh. mischen, ein-, zurichten“, so unter beiden Stichwörtern Lex. Bd. II (1992), Sp. 1420 Vgl. 31, 1 ff. und Kap. 33 Von der pewegung vor dem essen Vgl. Kap. 32 Von der rue nach dem essenn Entsprechend aufgeführt im Kap. 34 Von der gewohnhait des essens wie man die wandeln sol Vgl. 37, 10 f.; als ‚kalte und trockene‘ und daher dem heißen und feuchten Frühling komplementär zugeordnete Nahrungsmittel führt Rippmann (2000), S. 166 auf: Ackerbohnen, Hirse, Eicheln, Essig, Äpfel, sauren Wein

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Im Sommer seien heiße und trockene Speisen zu meiden, stattdessen sol man essen was nasser unnd kalter complexion ist

(38, 9),

denn es seien Kalbfleisch mit Essig und Kürbis, gemästete Hühner, ‚bitteres‘ Obst, speziell saure Äpfel und aus Gerstenmehl bereitete Breie besonders zuträglich.245 Für den Herbst werden haiß unnd naß speise empfohlen, das sint hüener unnd lember und allter wein und suesse weinpere

(39, 7),246

und im Winter erhalten heiße und trockene Speisen, besonders mit Hühner- und Widderfleisch, Braten, allgemein scharf Gewürztes, Feigen, Nüsse und qualitativ hochwertiger roter Wein die Gesundheit.247 Nicht nur bei der Auswahl, auch bei der Zubereitung der Speisen ist eine genaue Berücksichtigung und Kontrolle der Qualitäten erforderlich. So verliert beispielsweise als ‚heiß und feucht‘ bewertetes Fleisch während des Brat- oder Garvorgangs seinen Saft und wird trocken. Um die Qualität ‚heiß und feucht‘ dennoch zu wahren, werden Saucen, Tunken oder Senf dazu gereicht.248

245

246

247

248

Vgl. 38, 9 f.; dem heißen und trockenen Sommer komplementär entgegengesetzte und damit ‚kalte und feuchte‘ Nahrungsmittel benennt Rippmann (2000), S. 116 mit Pflaume, Birne, Pfirsich, Kirsche, Lattich; aufgeführt werden dort auch warmes Wasser sowie Regen- und Quellwasser Gegen den als ‚kalt und trocken‘ definierten Herbst helfen nach Rippmann (2000), S. 166 Kichererbse, Pastinake, Haselnuss und – wie bei Hildegard – Trauben Vgl. 40, 7 f.; in der von Rippmann (2000), S. 116 präsentierten Aufstellung werden als heiß und trocken Kohl, Knoblauch, Senf, Lauch, Fenchel, Petersilie, Weizenbrei, Dill, Mandeln, Huhn, Minze, Salz und getrocknete Feigen geführt. Vergleichbar konkrete, allerdings nicht auf die verschiedenen Jahreszeiten bezogene Empfehlungen gibt Hildegard von Bingen in ihrer (etwa ein Jahrhundert vor der ‚Secretum‘-Übersetzung durch Hildegard von Hürnheim entstandenen) lateinisch verfassten Schrift ‚Causae et Curae‘ über die Ursachen und Behandlung von Krankheiten. In einem Kapitel ‚Von der Diät‘ heißt es dort: „Nach erfolgter Entleerung soll man Weizenbrot, nicht trocken, sondern in die Morgensuppe eingetaucht, essen und junge Hühner, Schweinefleisch und andere leichte Fleischspeisen genießen, grobes Brot aber, Rindfleisch, Fische und andere schwere wie auch gebratene Speisen, mit Ausnahme von geschmorten Birnen, vermeiden. Auch vom Käse, von grünen Kräutern und rohem Obst soll man sich enthalten, Wein trinken, jedoch mäßig, und das Wasser fortlassen“, Der Äbtissin Hildegard von Bingen Ursachen und Behandlung der Krankheiten (causae et curae). Übersetzt von Hugo Schulz. Mit einem Geleitwort von Ferdinand Sauerbruch. Heidelberg 19823, S. 285 Vgl. 50, 4 ff.

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Den Getränken widmet die Abhandlung vergleichsweise wenig Beachtung. Gewarnt wird vor verdorbenem Wasser. Bemerkenswert ist, dass in einer Aufzählung verschiedener ‚Wasserqualitäten‘ deren überwiegender Teil als schädlich beschrieben wird.249 Der Wein, je nach Anbaulage als trocken oder als nass kategorisiert, verliert erhitzt (und gewürzt) seine schädliche Wirkung.250 Besonders dickflüssiger, roter Wein sei für Erwachsene eine gute Medizin.251 Wein aus erster Lese sei besonders nutz den allten und den nassenn leuten, den jungen und ‚heißen‘ Menschen schade er jedoch.252 Vor Trunkenheit wird ausdrücklich gewarnt.253 Sollte es dennoch jemandem, der leicht betrunken wird, passiert sein, dass er zuviel der ‚geistigen Getränke‘ genossen hat, so hilft ein ‚Patentrezept‘: Wer wein trincket über die masse und gern truncken wirt, dem ist nütz das er sich pade mit warmenn wassern. 249

250 251

252 253

(53, 15)

So im Kap. 51 Von der wekantnüß der wasser. Ganz ähnlich sind die Aussagen, die Hildegard von Bingen bezüglich der verschiedenen Qualitäten des Wassers macht. In den umfangreichen ‚Causae et Curae‘, die sich ebenfalls auf die Humoralpathologie stützen, wird salziges und süßes, aus Meer, Bächen, Seen und Flüssen stammendes Wasser behandelt, das ungekocht fast durchweg als schädlich, nur in besonderen Ausnahmefällen als gesund oder sogar heilend bewertet wird. Ungekochtes Wasser verschiedener Herkunft wird als Ursache von Fieber, Seuchen, Würmern, sogar von Fettleibigkeit identifiziert, entsprechend häufig sind Hildegards Mahnungen, nur gekochtes Wasser zu genießen und beim Kochen das beigefügte Wasser ausreichend zu erhitzen, vgl. Von den verschiedenen Eigenschaften der Gewässer, in: Der Äbtissin Hildegard von Bingen Ursachen und Behandlung der Krankheiten (1982), S. 45 ff. Vgl. 52, 1 f. Vgl. Kap. 52 Von der wekantnüß dez weins. Auch bei diesem Thema finden sich Entsprechungen in den ‚Causae et Curae‘ der Hildegard von Bingen. In ihrem Kapitel ‚Von der Verschiedenheit des Getränkes‘ heißt es: „Edler und starker Wein erregt, getrunken, die Gefäße und das Blut des Menschen in unrichtiger Weise und zieht die Säfte und alle Feuchtigkeit, die im Menschen sind, an sich, wie es die abführenden Tränke tun … Dies tut der Wein vom Hunsrück nicht, weil er nicht so stark ist, daß er die Säfte des Menschen übermäßig erregen könnte. Deshalb sollen die Kräfte eines schweren Weines gemildert werden entweder durch eingetauchtes Brot oder durch Zugießen von Wasser, weil es weder einem gesunden noch einem kranken Menschen zum Trinken nützt, wenn er nicht in dieser Weise gemildert ist. Es ist jedoch nicht nötig, den Hunsrücker Wein so zu verdünnen, weil er keine so starken Kräfte in sich hat. Will ein Mensch ihm gleichwohl Wasser zusetzen oder Brot hineintunken und ihn so trinken, so ist er um so angenehmer zu trinken, aber nicht um so gesunder. Der Wein aber hat von Natur etwas Wässeriges in sich, weil er durch den Tau und den Regen ernährt wird. Daher kommt es, daß ein Mensch, der Wein trinkt, trotzdem er ihn dauernd trinkt und kein Wasser, gleichwohl in seinem Blut wässerige Säfte hat“, Der Äbtissin Hildegard von Bingen Ursachen und Behandlung der Krankheiten (1982), S. 178f. Vgl. 52, 2 Vgl. 52, 11

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Im Streben nach einem qualitativen und quantitativen Gleichgewicht der Nahrungsmittel und Getränke im Sinne der diätetischen Lehren könnten Ursachen für die von heutigen Gepflogenheiten deutlich abweichenden mittelalterlichen Koch- und Speisegewohnheiten vermutet werden. Einige, nicht nur in der Dichtung belegte Besonderheiten ‚der‘ mittelalterlichen Küche, so das starke Würzen von Speisen und Getränken, das Reichen von Saucen oder Tunken zu Fleisch oder Fisch, das Erhitzen von Wein, das Meiden von frischem Gemüse, Obst und Wasser oder die Bevorzugung von Weizenbrot werden in den medizinisch orientierten Verhaltenslehren empfohlen und durch sie in einen gesundheitlich begründeten Erklärungszusammenhang gestellt. Die Annahme, dass sich hier diätetisches Schrifttum und diätetische Kenntnisse spiegeln, würde voraussetzen, dass deren Rezeption und Wirkung bereits im Hochmittelalter erheblich gewesen wären. Dafür spricht wenig. So finden sich etwa in den Texten mittelhochdeutscher Dichter, die sonst gern mit ‚enzyklopädischen‘ Kenntnissen geschmückt werden und in denen es wiederholt zu einer Berufung auf – auch antike – Autoritäten kommt, keine Hinweise darauf, dass diätetische Regeln bekannt gewesen oder (z. B. von sittsamen Edlen) eingehalten worden wären. In die deutschsprachige Dichtung finden diätetische Aspekte erkennbar erst gegen Ende des Mittelalters Eingang.254 Die Anwendung und auch die Einhaltung diätetischer Regeln kann daher wohl nur bei denjenigen angenommen werden, die – den Vorzug der Kenntnis derartiger Schriften besaßen, sei es aus dem Vortrag oder aus dem selbständigen Lesen, – über die nötigen Mittel oder Ressourcen verfügten, um im Verlauf des Jahres und ihrem individuellen Typus entsprechend einen Ernährungsplan zu gestalten bzw. danach kochen zu lassen und – es sich leisten konnten, die geforderten ausgiebigen Ruhestunden und Mußepausen einzuhalten. Dabei ist vielleicht an Teile des Adels, besonders aber an den klösterlichen Klerus zu denken, der sich mit medizinischer Lehre und Praxis befasste und aus dessen Kreisen die überlieferten Schriften ja auch stammen.255 Weiten Teilen der hochmittelalterlichen Bevölkerung waren die speziellen diäteti254 255

Vgl. Wachinger (2001), S. 21 Dazu passt, dass das ‚Secretum‘ in der Form eines Erziehungsratgebers für Könige gestaltet ist. Mehrfach wird als Adressat Alexander der Große direkt angesprochen, und auf seinen Lehrer Aristoteles wird in den Kapiteln 1, 3 und 6 hingewiesen. Von den ersten 21 Kapiteln des ‚Secretum‘ befassen sich, wie auch ihre Überschriften ausweisen, 18 mit guten Eigenschaften eines Königs

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schen Regeln daher wohl unbekannt. Eine auf der Grundlage antiker und arabischer Lehren bewusst diätetisch ausgerichtete Ernährungsweise hat im Hochmittelalter demnach sicher elitäre Züge besessen.256 Freilich kann angenommen werden, dass auch aus Versuch und Beobachtung gewonnene und dann tradierte Erfahrungswerte, die volksmedizinische Überlieferung, oft ähnliche Therapien und Wirkungen hervorbrachten wie die ‚wissenschaftlich‘ fundierte Diätetik. Grundlegende, auch im diätetischen Schrifttum ausgesprochene Empfehlungen wie das stetige Maßhalten und die Vermeidung von Übermaß und Prasserei waren zudem durch die Lehre der Kirche (hier: Kardinaltugenden und Todsünden) überall bekannt.

256

Diesen Aspekt lässt Dorothee Rippmann (2000) aus, ist ihr doch besonders daran gelegen, die Diätetik als frühen Vorläufer eines modernen, ‚ganzheitlichen‘ Lebensverständnisses vorzustellen. Ihre Aussage, diätetische Lehren hätten besonders seit dem 13. Jahrhundert im Abendland an (merklichem) Einfluss gewonnen (vgl. S. 117), wird durch ihre Ausführungen nicht belegt, vielmehr lässt die durch sie skizzierte Rezeption arabischen medizinischen Wissens im Hochmittelalter auf einen sehr eingeschränkten Kreis wirklich Kundiger oder tatsächlich Praktizierender schließen

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7. Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel Die Auswertung von Tierknochen- und Pflanzenrestfunden, die bei archäologischen Grabungen in Siedlungen gemacht wurden, kann eine Reihe von Fragen zur Lebensweise und Ernährung ihrer Bewohner, zu Stand von Landwirtschaft und Tierzucht, auch zu Handelsbeziehungen sowie zum Landschaftsbild in früheren Zeiten beantworten. Wo z. B. Hasen vermehrt auftreten, muss es ausgedehntere offene Ackerfluren gegeben haben, viele Rinder weisen auf das Vorhandensein von größeren Weideflächen ebenso hin wie z. B. der Nachweis von Pflanzen, die sich nur oder bevorzugt auf Wiesen und Weiden ansiedeln.1 Besonders seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche mittelalterliche Siedlungen durch Grabungen erschlossen, bei denen oft auch die Reste von Tieren und Pflanzen geborgen und anschließend untersucht werden konnten. Damit bieten sich die Ergebnisse solcher Untersuchungen an, mit verschiedenen Aussagen verglichen zu werden, die sich in literarischen Werken des Mittelalters zu Essen und Trinken in dieser Zeit finden. Dabei ist zu beachten, dass auch archäologisch erschlossenes Material kaum ein vollständiges Bild früherer Verhältnisse vermitteln kann. Es gibt nämlich eine Reihe von Aspekten, die bei der Bewertung dieses Materials, besonders auch im Vergleich zu den Aussagen zeitgleicher literarischen Quellen, im Auge zu behalten sind. Bei vielen Grabungen konnten nicht komplette Siedlungsflächen, sondern lediglich Teile erfasst und untersucht werden. Ob und in welchem Maße die jeweils vorgefundenen Verhältnisse für eine ganze Siedlung, etwa für ein größeres Dorf oder eine städtische Siedlung, und damit für eine

1

Möglich sind für das Vorhandensein bestimmter Reste ggf. auch andere Erklärungen, bei Tierknochen z. B. die Verschleppung durch Hunde, Katzen oder wilde Raubtiere, bei Pflanzenresten beispielsweise das weiträumige Austragen von Samen durch (Zug-)Vögel. Derartige, nicht zu den sonstigen Befunden ‚passende‘ Reste treten meistens jedoch nur in vergleichsweise kleinem Umfang auf, sodass es möglich ist, zwischen den jeweiligen Charakteristika von Fauna und Flora sowie ggf. signifikanten Abweichungen zu unterscheiden

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dörfliche oder eine städtische Bevölkerung als repräsentativ gelten können, bleibt damit offen.2 Die Charakterisierung der Fundorte spielt für die Bewertung der Funde ebenfalls eine Rolle. So können die auf einem über Jahrhunderte genutzten Marktplatz (auf einer größeren Fläche) gefundenen Knochenreste eine andere Zusammensetzung zeigen als diejenigen aus Abfallgruben oder Kloaken einzelner Haushalte, die zudem aufgrund von Feuchtigkeit und chemisch günstiger Umgebungen für organisches Material oft deutlich bessere Erhaltungsbedingungen bieten. Auch diese, für die Archäozoologen und Paläo-Ethnobotaniker oft ‚wahren Fundgruben‘ können jedoch kaum ein komplettes Spektrum der Küchenabfälle, Nahrungsmittel oder Speisereste abbilden. Verschiedene Abfälle können nämlich auch andernorts abgelegt worden sein. Ferner wurden Kloaken und Abfallgruben während ihrer Nutzungszeit, oft sogar mehrfach, ausgehoben. Die Fundhorizonte, die sich in vielen solcher Gruben feststellen lassen, präsentieren sich daher in diesen Fällen sicher unvollständig. Bei verschiedenen Funden ist überdies ausgeschlossen, dass es sich um Speiseabfälle handelt, so z. B. bei komplett abgelegten Tierkadavern. Überproportional hohe Anteile von – auch bearbeiteten – Rinderknochen, Hornzapfen oder Geweihstangen von Rotwild weisen zunächst nicht auf Nahrungsreste hin, sondern sind eher einem früheren Gewerbebetrieb zuzuordnen.3 Derartige Funde können hier folglich nur berücksichtigt werden, wenn ihr direkter Bezug zu einem Haushalt und ihre Bedeutung für die Hauswirtschaft seiner Angehörigen näher bestimmt werden konnten. Er ist ferner damit zu rechnen, dass das organische Material, das sich in den Verfüllungen von Abfallgruben fand, ebenso wie seine Zusammensetzung nicht nur auf menschliche Ursprünge zurückgeht. Verbissspuren an vielen untersuchten Knochenresten zeigen, dass Speisereste an die zu einem Haushalt gehörenden Hunde oder Katzen verfüttert wurden. Hunde und Katzen dürften daneben auch Knochenmaterial verschleppt haben, das folglich anteilig bei den Resten aus Abfallgruben fehlt. Bei Samenfun2

3

Die Frage der Repräsentatitivät und andere Aspekte, die bei der kulturgeschichtlichen Bewertung z. B. archäologisch erschlossener Tierreste eine Rolle spielen können, beleuchtet ausführlicher Werner Meyer: Jagd und Fischfang aus Sicht der Burgenarchäologie, in: Werner Rösener (Hg.): Jagd und höfische Kultur im Mittelalter. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 135). Göttingen 1997, S. 465–491, bes. S. 468 ff. Ein Beispiel dafür bieten Nadja Pöllath/Angela von den Driesch: Die Tierknochen aus Augsburg, „Beim Märzenbad 9“. Zeugnisse für Ernährungsgewohnheiten und Handwerk im Hochmittelalter, in: Lothar Bakker (Hg.): Augsburger Beiträge zur Archäologie. Band 3. Augsburg 2001, S. 225–238

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den von Pflanzen wiederum können auch Winddrift und Pollenflug dazu beigetragen haben, dass sich verschiedene Pflanzen in Siedlungskontexten nachweisen lassen. Nicht bei allen Siedlungsgrabungen konnten vergleichbare Mengen organischen Materials erfasst und geborgen werden, und es wurde bei verschiedenen archäologischen Erkundungen auch unterschiedlich vorgegangen. Zuweilen wurden lediglich die mit dem Auge sichtbaren Reste, besonders Tierknochen, aufgelesen. In einem solchen Fall ist der Nachweis von Pflanzenresten i. d. R. nicht möglich, da es sich dabei oft um sehr kleine Reste, z. B. Samen, handelt.4 An anderen Orten wurden Grubenverfüllungen in größeren Teilen oder vollständig geborgen, um anschließend sehr detailliert untersucht zu werden. Welche Tier- und Pflanzenreste sich jeweils nachweisen lassen, ist neben den Aufnahmemethoden bei einer Grabung und anschließenden Untersuchungen stets auch von den Erhaltungsbedingungen für organische Materialien abhängig, die durch unterschiedliche Bodenverhältnisse sehr begünstigt oder erschwert werden können. Demnach lässt sich auf der Basis archäologisch nachgewiesener Nahrungsgrundlagen für das Hochmittelalter kaum ein Bild rekonstruieren, das hinsichtlich ‚tatsächlicher Verhältnisse‘ an den verschiedenen Fundorten komplett zu nennen wäre. Gleichwohl scheint es möglich, besonders im Vergleich der Fundorte untereinander, Ähnlichkeiten oder Besonderheiten sowie vielleicht besondere ‚Trends‘ ausmachen zu können. Dies soll anschließend versucht werden. Da auch in den literarischen Quellen die ständische Schichtung der Gesellschaft betont wird, soll die Betrachtung anhand der Funde von Burgen und Herrensitzen, aus städtischen und ländlichen Siedlungen sowie aus klerikalen Siedlungskontexten (hier besonders Klöster) getrennt erfolgen. Schließlich wird der Frage nachzugehen sein, ob sich die Ernährung von Adel, Bauern, Bürgern und Klerus dem zufolge, was Bodenfunde dazu verraten, so unterschiedlich darstellt wie es die zeitgenössische Dichtung und andere schriftliche Quellen nahe legen.

4

Einen detaillierten Überblick über boden- und durch die jeweilige Fundsituation bedingte Schwierigkeiten sowie über Möglichkeiten und Grenzen paläo-ethnobotanischer Untersuchungen bieten Kühn/Rippmann (2000)

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7.1 Funde von Burgen und Herrensitzen Angesichts der Vielzahl von Hinweisen, die literarische Quellen zu Lebensund Tafelgewohnheiten des mittelalterlichen Adels bieten, ist es besonders interessant, diese Hinweise zu den archäologisch erschlossenen Funden in Beziehung zu setzen, die von adligen Wohnplätzen stammen. Diese Bezeichnung berücksichtigt eine Differenzierung, die sich in der mittelalterlichen Literatur so nicht findet. Der Sitz von Kaiser, Königen, Rittern oder Edelleuten und damit der Handlungsort repräsentativer Veranstaltungen ist dort, sofern feste Plätze genannt werden, stets eine Burg. Wenn Burgen geschildert werden, sind sie mächtig und groß, besitzen als Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit und Bedeutung hohe Mauern und Türme und sind von ihrer Ausstattung her in der Lage, neben ihrer zahlreichen Stammbesatzung eine große Zahl von Gästen aufzunehmen. Die Phantasie der Hörer oder Leser wird damit auf die Vorstellung von Festungen oder stark bewehrten Höhenburgen gelenkt, wie sie beispielsweise noch heute das obere und mittlere Rheintal prägen. Derartige Anlagen erfuhren eine größere Ausdehnung oft jedoch erst nach dem Hochmittelalter. Die Burgen des Hochmittelalters waren in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht durch mächtige Steinmauern, eine Vielzahl von Türmen und Zinnen, großzügige Wohn- und Wirtschaftsbauten oder ein annähernd bequemes Platzangebot gekennzeichnet.5 Umso eindrucksvoller müssen 5

Vgl. Joachim Zeune: Burgen. Symbole der Macht. Ein neues Bild der mittelalterlichen Burg. Regensburg 1996, bes. S. 171 ff.; ein gutes Beispiel für beengte Wohnund Wirtschaftsverhältnisse bietet die Grottenburg Riedfluh im Baselerland in der Schweiz, die etwa zwischen 1050 und 1200 besiedelt war: unter einem schützenden Bergüberhang auf einer natürlichen Felsterrasse angelegt, besaß sie zwar hohe, schützende Mauern, eine Art ‚Vorwerk‘ und einen auf einem Felssporn vorgelagerten Ausguck, das rückwärtig an den Fels grenzende Hauptgebäude der Burg besaß jedoch nur vier Räume, vgl. Peter Degen/Heiner Albrecht/Stefanie Jacomet/Bruno Kaufmann/Jürg Tauber: Die Grottenburg Riedfluh. Eptingen BL. Bericht über die Ausgrabungen 1981–1983. (Schweizer Beiträge zur Archäologie des Mittelalters. Band 14/15). Olten/Freiburg/Br. 1988, Abb. 51. – Außer Acht gelassen wird bei der Vorstellung ‚fester Plätze‘, dass sich Könige und Kaiser im Hochmittelalter kaum für längere Zeit an einem Ort aufhielten, sondern, um die Regentschaft in ihrem räumlich sehr ausgedehnten Reich wirksam durchführen zu können, eine i. d. R. rege Reisetätigkeit entwickelten, bei der sie – oft mit einem umfangreichen Hofstaat – verschiedene Burgen oder Pfalzen aufsuchten. Die Reihe der im Mittelalter bedeutenden Pfalzen ist lang, zu ihr gehören u. a. Aachen, Köln, Koblenz, Speyer, Mainz, Ingelheim, Paderborn, Bamberg, Nürnberg, Regensburg, Braunschweig, Goslar, Magdeburg, Quedlinburg, Merseburg sowie Tilleda am Kyffhäuser. Eine Rekonstruktion der Pfalz Tilleda im baulichen Zustand des 11. Jahrhunderts bietet Das Reich der Salier (1992), S. 248

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schon für das hochmittelalterliche Publikum die Bilder mächtiger, ausgedehnter und prachtvoller Burganlagen gewesen sein, die in zeitgenössischen epischen Werken gezeichnet werden. Der heute noch erschließbaren Realität entsprachen sie in den allermeisten Fällen nicht. Selbst heute populäre Vorstellungen von Burgen basieren wesentlich noch auf durchaus verklärten Bildern, die besonders im 19. Jahrhundert entstanden: „Nun erahnen wir, wie sich alles hier ineinander verzahnt, welch kompliziertem, komplexem Zusammenspiel verschiedenster Motive die Burgen unterworfen werden, wie sie vollgepackt werden mit Ideologien, politischen Programmen, romantischen Phantasien, menschlichen Sehnsüchten: die Bauherren und Architekten greifen die Phantasien der Maler, Schriftsteller und Dichter auf; diese wiederum lassen sich von den Architekturen der Neuschöpfungen begeistern und inspirieren. Getragen wird alles von einer tiefen Sehnsucht nach Heroentum, nach Romantik, nach einer besseren Welt und von einem verbitterten Ringen nach Anerkennung durch Statussymbole.“6 Ein bezeichnendes Beispiel für diese Einstellung bilden der Bau des Schlosses Neuschwanstein durch König Ludwig II. von Bayern sowie verschiedene, oft mehr an Idealvorstellungen als an der historischen Anlage von Burgen orientierte Rekonstruktionsversuche während des 19. Jahrhunderts.7 Gerade in einem solchen ‚populären‘ Sinne größere Burganlagen des Hochmittelalters wurden bisher archäologisch nur selten umfassend untersucht, und wenn, dann oftmals mit Blick auf ihre Baugeschichte sowie ihre Nah- und Fernbeziehungen, sodass Tierknochen- und Pflanzenrestfunde, die Aufschluss über die Wirtschaftsweise und Speisegewohnheiten der Burginsassen geben könnten, nicht vorliegen oder – sofern vorhanden – nicht ausgewertet wurden.8 Dem Bild von größeren, mit hohen Steinmauern oder Palisadenwällen umwehrten und auf Bergen oder am Hochhang gelegenen Burganlagen entspricht daher nur ein Teil derjenigen Fundplätze, die 6 7 8

Zeune (1996), S. 21 Vgl. hierzu Zeune (1996), S. 13 ff. Eine der wenigen Ausnahmen bildet z. B. die Nürnberger Burg, von der Tierknochenfunde vorliegen. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass sich z. B. bei Burganlagen, die auf felsigem Grund errichtet wurden, insbesondere Pflanzenreste nur in Ausnahmefällen erhielten. Ferner lagen und liegen Forschungsinteressen, wie oben angesprochen, oft auf anderen Gebieten als bei der Aushebung von Brunnenanlagen, Kloaken oder Abfallgruben sowie der minutiösen Auswertung ihrer Inhalte. Dies gilt auch für Grabungen in anderen Siedlungstypen. Schließlich sind es leider oft die fehlenden Mittel, die eine (eingehende) Erkundung und Auswertung von Tierknochen- und Pflanzenresten verhindern

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Abb. 30: Nidau im Kanton Bern/Schweiz. Rekonstruktionszeichnung. Der Vorgängerturm aus Holzfachwerk wird im frühen 13. Jh. durch einen Massivbau ersetzt

in die am Ende dieses Bandes platzierte Liste der Adelssitze aufgenommen wurden (z. B. Niederrealta, Alt- und Neu-Schellenberg, Nürnberg, Plesse, Hitzacker). Der überwiegende Teil von Siedlungsplätzen des mittelalterlichen Adels, von denen auch archäozoologische oder/und paläo-ethnobotanische Untersuchungen vorliegen, präsentiert sich in den Rekonstruktionsversuchen, die aufgrund der baulichen Befunde unternommen werden konnten, in anderen Erscheinungsformen. Wo Höhenzüge fehlen, wurden befestigte Häuser und Höfe entweder auf natürlichen Inseln angelegt (wie Brandenburg, Berlin-Köpenick und -Spandau) oder wurden durch künstlich angelegte Gräben und Inseln, deren Niveau durch Aufschüttungen erhöht wurde, zusätzlich geschützt. Dieser Bautyp einer Niederungsburg, eine sog. Motte, liegt z. B. in Nidau, Lürken, Haus Meer und Bernshausen vor. Andere, auf Höhen angelegte Plätze wie die Burg auf dem Weinberg in Hitzacker besaßen zwar hohe Wälle und auch Türme, doch bestand diese Bewehrung zumeist aus hohen hölzernen Palisadendoppelreihen mit zusätzlicher Verfüllung der Zwischenräume.

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Abb. 31: Hitzacker, Rekonstruktionsversuch der Burganlage auf dem Weinberg im frühen 12. Jahrhundert

Diese wenigen Beispiele lassen erkennen, dass unter der allgemeinen Bezeichnung ‚Burg‘ ausgesprochen unterschiedliche Bautypen und Anlagen gefasst werden, deren räumliche Ausdehnung und Bedeutung im mittelalterlichen Herrschaftsgefüge zudem erheblich differieren konnten. Im Interesse der Frage, ob sich anhand archäologisch erschlossener Funde möglicherweise unterschiedliche Speisegewohnheiten verschiedener sozialer Schichten nachweisen lassen, ist ferner zu berücksichtigen, dass nicht nur ‚klassische‘ Burganlagen als Wohnorte des Adels anzusprechen sind.9 So wurden z. B. Adlige im Gefolge eines Herrschers oft mit mehr oder weniger bedeutenden Wirtschaftshöfen belehnt, die nicht nur unter ihrer Leitung betrieben wurden, sondern auf denen sie wohl oft auch wohnten. Zu den größeren Anlagen ist hier etwa der Königshof von Helfta zu 9

Eine dazu passende, mit funktionalen Kriterien begründete Definition des Begriffes ‚Burg‘ bietet Stefan Hesse: Die mittelalterliche Siedlung Vriemeensen im Rahmen der südniedersächsischen Wüstungsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Problematik von Kleinadelssitzen. (Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte. Band 28). Neumünster 2003, S. 15: – „Wohnsitz einer Adelsfamilie. – Mittelpunkt eines Herrschaftskomplexes. – Mittelpunkt eines vorwiegend auf Selbstversorgung ausgerichteten Wirtschaftsbetriebes. – Wehrhaftigkeit im Sinne baulicher Verteidigungseinrichtungen.“

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zählen,10 während kleinere befestigte Herrenhöfe und/oder Niederungsburgen wie z. B. in Holzheim, Bernshausen oder Futterkamp wohl vom niederen Adel bewirtschaftet und auch bewohnt wurden.11 Andererseits gab es Burganlagen, deren Nutzung für den hier interessierenden Zeitraum nachgewiesen ist, die jedoch nicht (sicher) als Adelshof oder -wohnsitz identifiziert werden können. Dies trifft für die Burganlage Arkona auf Rügen zu, das Stammes- und religiöse Zentrum der slawischen Ranen, das im 12. Jahrhundert von den Dänen erobert und zerstört wurde. Die dort durchgeführten Ausgrabungen förderten zwar umfangreiches Tierknochenmaterial zutage, das besonders auch in das Hochmittelalter zu datieren ist. Doch dürfte dieses Material besonders auf Stammestreffen, bei denen auch Märkte stattfanden, und auf kultische Mähler zurückzuführen sein.12 Eine dauerhafte Besiedlung der Burg Arkona und ihre Nutzung als fester Adelssitz ließen sich nämlich durch die Grabungen nicht nachwei10

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Vgl. Hanns-Hermann Müller: Die Tierreste aus dem ehemaligen Königshof von Helfta, in: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 78 (1996), S. 159–264, bes. S. 159 und 192 Vgl. Klaus Donat: Die Tierfunde aus der Wüstung Holzheim (mit einem Beitrag von Martina Stehr), in: Norbert Wand: Holzheim bei Fritzlar. Archäologie eines mittelalterlichen Dorfes. (Kasseler Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. Band 6). Rahden 2002, S. 497–508, wo zwischen dörflichem Siedlungsbereich, Herrenhaus und Niederungsburg durchgehend getrennt wird; Klaus Grote: Bernshausen. Archäologie und Geschichte eines mittelalterlichen Zentralortes am Seeburger See. (ZAM. Beiheft 16). Bonn 2003, S. 16; Claudia Candea/Dirk Heinrich: Knochenfunde von Futterkamp, in: Ingolf Ericsson: Futterkamp. Untersuchungen mittelalterlicher befestigter Siedlungen im Kreis Plön, Holstein. (Untersuchungen aus dem SchleswigHolsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig, dem Landesamt für Vor- und Frühgeschichte von Schleswig-Holstein in Schleswig und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Kiel. N.F. 47). Neumünster 1981, S. 180–207, bes. S. 180 und 200; nicht in die Liste aufgenommen wurde die Siedlung Unterregenbach in Baden-Württemberg, da dort wohl ein Herrenhof bestand, die ausgewerteten Tierknochenfunde, bei denen z. T. vergleichsweise hohe Wildtieranteile vorliegen, jedoch zeitlich weder den verschiedenen Siedlungsphasen noch dem dörflichen Siedlungsareal oder dem des Herrenhofes zugeordnet werden können, vgl. Günter P. Fehring: Unterregenbach. Kirchen – Herrensitz – Siedlungsbereiche. (Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in BadenWürttemberg. Band 1 und 3). Stuttgart 1972, bes. Bd. 3, Beilage 84, in der die Auswertung der Tierknochenfunde publiziert wurde Offen gelassen wird dabei, ob die in der Burganlage ebenfalls gefundenen Menschenknochen auch auf kultische Mähler zurückgeführt werden, eine solche Verbindung würde Kannibalismus bedeuten. Dass dieser dort unwahrscheinlich ist, weil die am menschlichen Knochenmaterial von Rahlswiek (Arkona) gefundenen Auffälligkeiten eher als Kampfspuren zu interpretieren seien, hebt K.W. Alt in seinem Artikel ‚Kannibalismus‘ hervor, in: RGA Bd. 16 (2000), S. 228–231, hier S. 230

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Abb. 32: Die Motte Lürken – Rekonstruktion des mittelalterlichen Wohnturms

sen.13 Arkona wurde daher nicht in die Reihe der hier betrachteten Adelssitze aufgenommen. Die Niederungsburg (Motte) bei Haus Meer im nördlichen Rheinland wurde hingegen in der Aufstellung berücksichtigt, obwohl für sie letztlich nicht gesichert scheint, ob sie tatsächlich von (niederem) Adel auch bewohnt wurde.14 Angemerkt sei ferner, dass es im Hochmittelalter weitere feste Siedlungsoder Wohnplätze des Adels gab, z. B. in Städten gelegene (Neben-)Haushalte sowie die Burgen und Sitze des höheren Klerus, der sich im Regelfall aus dem Adel rekrutierte. Hierzu wiederum liegen bisher keine einschlägig 13

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Vgl. Joachim Herrmann: Arkona auf Rügen. Doppelburg und politisches Zentrum der Ranen vom 9. bis 12. Jh. Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen 1969–1971, in: Zeitschrift für Archäologie 8 (1974), S. 177–209 und Hanns-Hermann Müller: Die Tierreste aus der slawischen Burganlage von Arkona auf der Insel Rügen, in: Zeitschrift für Archäologie 8 (1974), S. 255–295 Als niederadligen Herrensitz sehen diese Niederungsburg Walter und Brigitte Janssen: Die frühmittelalterliche Niederungsburg bei Haus Meer, Kreis Neuss. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen. (Rheinische Ausgrabungen. Band 46). Köln 1999, S. 76, dagegen äußert sich in demselben Band skeptisch: KarlHeinz Knörzer (Die Pflanzenfunde), S. 195

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ausgewiesenen Funde vor. Allein die Burganlage von Starigard/Oldenburg in Holstein diente seit ottonischer Zeit auch als Bischofssitz.15 Wendet man sich nun der Aufstellung mit Tierknochenfunden von Burgen und Herrensitzen zu, so fällt zunächst auf, dass die Fundzahlen wie auch die Zahl der nachgewiesenen Tierarten erheblich variieren. Grabungsplätze von geringerem räumlichen Umfang wie z. B. Gliechow, Meetschow oder Dannenberg bargen zuweilen vergleichsweise wenig Material, ein ganz anderes Bild bietet die Grottenburg Riedfluh in der Schweiz, deren räumliche Ausdehnung zwar recht begrenzt war, die jedoch auch im Vergleich mit größeren Anlagen beachtliche Fundzahlen hervorbrachte. Auch wurden die Tierknochenfunde wohl nur bei wenigen Grabungen so gezielt geborgen und umfangreich untersucht wie in Marbach, Hitzacker, Oldenburg oder Bernshausen. Der vielfache Nachweis von Fischresten, die oft nur in Form filigraner Gräten oder auch von Schuppen vorliegen, deutet darauf hin, dass beispielsweise geborgene Grubenverfüllungen – in der Regel durch sehr feine Auswaschungsverfahren, das sog. „Schlämmen“16 – untersucht und ausgewertet wurden. Wo dieses Verfahren nicht durchgeführt wurde oder aufgrund des vorliegenden Materials nicht durchgeführt werden konnte (so, wenn lediglich handaufgelesenes Material vorhanden ist), sind Klein- und Kleinstreste nicht nachweisbar. Dies bedeutet demnach nicht, dass sie am Grabungsort nicht auch vorhanden waren. Auch die Form und Beschaffenheit des Bodens ist bei der Bewertung von Funden und ihrer Zusammensetzung zu berücksichtigen: „Ein entscheidender Einfluß auf die Fundverteilung kommt den Bodenverhältnissen zu. So ist die Höhe des Grundwasserspiegels bzw. die Bodenfeuchte entscheidend dafür, bis zu welchem Niveau in einer Siedlung Knochen (und andere organische Reste) erhalten bleiben.“17 Entsprechend können besonders die unteren, zumeist mit großen Lücken oder auch gar

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Vgl. Ingo Gabriel: Die Burg Starigard/Oldenburg, in: Wietske Prummel: Starigard/ Oldenburg. Hauptburg der Slawen in Wagrien. IV. Die Tierknochenfunde unter besonderer Berücksichtigung der Beizjagd. (Untersuchungen aus dem SchleswigHolsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig, dem Landesamt für Vor- und Frühgeschichte von Schleswig-Holstein in Schleswig und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Kiel. N.F. 74). Neumünster 1993, S. 9–23, hier: S. 10 Dieses Verfahren, das auch zur Auswertung botanischer Reste angewandt wird, beschreibt z. B. Christoph Brombacher: Informationen zur Ernährungsgeschichte – Methoden der Archäobotanik am Beispiel mittelalterlicher Fundstellen, in: Rippmann/Neumeister-Taroni (2000), S. 256–259 Hans Reichstein: Untersuchungen an Tierknochen, in: Janssen/Janssen (1999), S. 225–249, hier: S. 226

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nicht befüllten Zeilen der Auflistung mit Tierknochenfunden nicht dahin gehend verstanden werden, dass in vielen Burgen oder Herrensitzen Fisch oder auch Wildvögel kaum oder gar nicht auf den Tisch kamen. Erhaltungsbedingungen, Grabungsorte und -schwerpunkte, Bergungsmodalitäten und Differenziertheit der Auswertemethoden wirken daher in unterschiedlicher Weise auf die Nachweise organischen Materials. Dies erklärt auch, warum von Burgen und Herrensitzen vergleichsweise viel Tierknochenmaterial untersucht und dokumentiert werden konnte, das sich gerade in trockenen Böden leichter erhält, jedoch deutlich weniger ausgewertete Planzen(rest)funde vorliegen (vgl. Tabelle 2 am Schluss dieses Bandes). Ferner ist vielen einschlägigen Untersuchungen zu entnehmen, dass besondere Interessenschwerpunkte der Archäozoologen bei Fragen der Haustierwirtschaft und ihrem jeweils feststellbaren Entwicklungsstand vorliegen. Die Größe der Tiere, deren Schlachtalter und -gewicht, die Verwertungsintensität von Schlachttieren sowie ggf. besondere Nutzungsformen (u. a. handwerkliche Bearbeitung oder andere Verwendungen von Knochen) werden dort regelmäßig ausführlich diskutiert.18 Auch die untersuchten Wildtiere, besonders die Säugetiere, werden dabei in der Regel ähnlich detailliert betrachtet, Wildgeflügel und Fische fallen demgegenüber, wenn überhaupt berücksichtigt, in vielen Betrachtungen zurück.19 Blickt man nun auf die Übersicht verschiedener Funde von Grabungsorten von der Schweiz im Südwesten bis Brandenburg im Osten und Starigard/Oldenburg sowie Futterkamp im Norden (vgl. Tabelle 1 am Schluss dieses Bandes), bergen die aufgeführten Nachweise verschiedene Überraschungen. Angesichts der in der mittelalterlichen Dichtung wiederholt und geradezu toposartig auftretenden Schilderungen, die auf einer standesgemäß ausgerichteten ritterlichen Tafel das Nebeneinander von Fleischspeisen betonen, die von Haus- und von Wildtieren stammen (spîse wilt unde zam), wäre zu erwarten, dass sich gerade auf Burgen bzw. Wohnsitzen des mittelalterlichen Adels besonders hohe Konzentrationen von Wildtierknochen nachweisen lassen. Diese Vermutung liegt auch mit Blick auf die Schil18

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Vgl. exemplarisch die jüngere Arbeit von Monika Doll: Haustierhaltung und Schlachtsitten des Mittelalters und der Neuzeit. Eine Synthese aus archäozoologischen, bildlichen und schriftlichen Quellen Mitteleuropas. (Internationale Archäologie. Band 78). Rahden 2003; in diesem Band werden, ausgehend von den Funden aus der Burg/dem Schloss Marbach, deren Ergebnissen Funde von Tierknochen(resten) aus anderen Siedlungen gegenüber gestellt So z. B. in den meisten Arbeiten von Hans Reichstein. Zu den Ausnahmen gehört, u. a. weil die Bedeutung der Beizjagd beleuchtet wird, die Arbeit von Prummel (1993)

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Abb. 33: Bernshausen – Fluchtburg, Curtis und Dorfsiedlung. Rekonstruktion des Zustandes um 1000

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derung von Jagdausflügen nahe, wie sie z. B. im ‚Nibelungenlied‘ (Str. 916 ff.) ausführlich dargestellt werden. Da in den literarischen Schilderungen die Jagd zu den besonderen Vergnügungen des höfischen Adels gehört, wäre anzunehmen, dass sich Reste von Jagdbeute oder zumindest ihrer Teile (zerlegtes Wild) auch vermehrt an Adelssitzen finden. Dies läge auch deshalb nahe, weil die Jagd auf Hochwild im Hochmittelalter rechtlich als Privileg vom Adel reklamiert wurde.20 Das in Bezug auf die Jagd geradezu ‚klassische‘ Bild findet sich denn auch in der folgenden Passage: „Die Jagd im Hohen Mittelalter wird gemeinhin als ein Privileg der Stammesfürsten oder zumindest der Angehörigen einer sozialen Oberschicht angesehen. Durch bildliche und schriftliche Zeugnisse manifestiert sich die Vorstellung einer wohlorganisierten, vielköpfigen Jagdgesellschaft, bestehend aus den hochgestellten Persönlichkeiten selbst und einer großen Zahl von Jagdhelfern, Treibern, Hundeführern und Reitern. Die Nutznießung jagdlicher Aktivitäten – sei es das Vergnügen, sich auf diese Weise die Zeit zu vertreiben und einem ‚Sport‘ nachzugehen, sei es die Prestigevergrößerung durch den Jagderfolg selbst, das Vorweisen von Trophäen oder schließlich der Verzehr des Wildbrets – war alleinige Sache der Stammesfürsten und seines [sic!] Gefolges. Ein solches Bild impliziert, daß zu damaliger Zeit der Speiseplan in den Häusern des mittleren und niederen Standes wesentlich bescheidener ausfiel. Wenn dort überhaupt einmal Fleisch in den Töpfen war oder gar ein Braten über dem Feuer schmorte, stammte er vermutlich nicht von edlem Jagdwild, sondern von einem in bäuerlicher Viehwirtschaft gehaltenen Haustier.“21 Wie die Liste der von einschlägigen Grabungsorten stammenden Funde demgegenüber ausweist, war die Bedeutung der Jagd bzw. von Wildtieren für die Fleischversorgung auch adliger Haushalte lediglich marginal. An nur wenigen Fundorten bewegen sich die Fundzahlen von Wildtierknochen zwischen 5 und 10 % des Gesamtfundmaterials (so z. B. in Futterkamp, wo die Knochenrestzahlen von Wildtieren zwar mit knapp 7 % niedrig liegen, 20

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Vgl. den Artikel ‚Weidwerk‘ von S. Schwenk in: LexdMA Bd. VIII (1997), Sp. 2101–2104 und J. Jarnut in: RGA Bd. 16 (2000), S. 12 s.v. Jagdrecht; ausführlicher auch in verschiedenen Beiträgen der von Rösener (1997) herausgegebenen Anthologie sowie bei Katharina Fietze: Im Gefolge Dianas. Frauen und höfische Jagd im Mittelalter (1200–1500). (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte. Heft 59). Köln/Weimar/Wien 2005, bes. S. 3 ff. Cornelia Becker: Zur slawisch-frühmittelalterlichen Großwildjagd im Havel-SpreeGebiet, in: Adriaan von Müller/Klara von Müller-Muˇci/Vladimir Nekuda: Die Keramik vom Burgwall in Berlin-Spandau. (Berliner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. N.F. Band 8/Archäologisch-historische Forschungen in Spandau. Band 4). Berlin 1993, S. 100–112, hier: S. 100

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die berechnete Zahl der Einzeltiere, denen sie zugeordnet werden können, den Wildtieranteil jedoch erhöht).22 Überwiegend jedoch beträgt der Anteil von Wildtierknochen am untersuchten Gesamtknochenmaterial von Burgen und Herrensitzen weniger als 5 %. Dies wurde bereits vor fast 50 Jahren festgestellt – und seitdem durch viele neue Fundauswertungen insgesamt bestätigt: „Der niedrige Anteil der Jagdtierreste ist für das Mittelalter typisch, der Wert von 10 % wird selten überschritten (Berechnung nach KZ [i.e. Knochenzahl, d. Verf.]), der Durchschnitt liegt ungefähr bei 5 %“.23 Dieses Verhältnis bleibt auch dann nahezu unverändert, wenn die Tierknochen einer Mindestindividuenzahl zugeordnet werden. In Bezug auf die Haus-/Wildtierrelation in Burganlagen gibt es im gesamten, hier berücksichtigten geographischen Raum für die Zeit des Hochmittelalters nur wenige, allerdings signifikante Ausnahmen: hierzu gehören die zunächst slawische und seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als ‚frühdeutsch‘ bezeichnete Burganlage von Berlin-Köpenick sowie die slawisch-frühmittelalterliche Burgwallanlage in Berlin-Spandau.24 Sie wurden in die Liste der Fundplätze u. a. deshalb nicht aufgenommen, weil die dortigen Tierknochenfunde leider nur grob in prozentualen Anteilen von Haus- und Wildtierknochen dokumentiert wurden.25 Diese sind am Fundplatz Berlin-Köpenick allerdings bemerkenswert: gemessen an der Zahl der Knochenfunde, beträgt dort das Verhältnis von Haus- zu Wildtierknochen vom 11. Jahrhundert bis etwa zur Mitte des 13. Jahrhunderts rund 40 % zu 60 %. Bezogen auf die Mindestzahl der vorhandenen Tierindividuen, schlägt die Relation von Haus- zu Wildtieren im gleichen Zeitraum mit ca. 55 % zu 45 % zwar leicht zu Gunsten des Haustieranteils um, doch bleibt auch damit der Wildtieranteil in dieser Burgstelle bemerkenswert hoch.26

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Vgl. Candea/Heinrich (1981), S. 200, die von einem ca. 30 %igen Anteil von Wildtieren an den Tierindividuen ausgehen. Da sich dabei jedoch mit ungewöhnlich vielen Wildvögeln und Hasen auch besonders kleine Tiere befanden, spielte die Jagd auch in Futterkamp bei der Fleischversorgung nur eine untergeordnete Rolle Stampfli (1962), S. 163. Dieses Verhältnis wird insgesamt auch durch Untersuchungen von Knochenfunden aus einer Reihe von (hoch-)mittelalterlichen Burgen und Herrensitzen Österreichs bestätigt, vgl. Sigrid Czeika: Tierknochenfunde auf österreichischen Burgen. Möglichkeiten und Grenzen ihrer bisherigen Interpretation, in: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 15 (1999), S. 177–186, bes. S. 178 ff. und S. 184 Vgl. Hanns-Hermann Müller: Die Tierreste der slawischen Burg Berlin-Köpenick, in: Zeitschrift für Tierzüchtung und Züchtungsbiologie 77 (1962), S. 100–114, hier: S. 101 und Becker (1993) Vgl. Müller (1962), S. 102, Tab. 1 Vgl. Müller (1962), S. 102, Tab. 1

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Die Ursachen dafür liegen für Hanns-Hermann Müller, der die Funde von Köpenick auswertete, auf der Hand: „Wie bei der Untersuchung der Tierreste von Alt-Hannover … wahrscheinlich gemacht werden konnte, ist der hohe Anteil an Wildtierknochen in den mittelalterlichen Burgen nicht wirtschaftlich bedingt gewesen, sondern ist darauf zurückzuführen, daß die Jagd in jener Zeit ein Vorrecht des Adels war.“27 Diese vom Autor mehrfach getroffene Aus