Die Reise nach Russland: Wahrnehmungen und Erfahrungsberichte aus fünf Jahrhunderten [1 ed.]
 9783428540266, 9783428140268

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CHEMNITZER EUROPASTUDIEN

Band 17

Die Reise nach Russland Wahrnehmungen und Erfahrungsberichte aus fünf Jahrhunderten

Herausgegeben von Frank-Lothar Kroll und Martin Munke

Duncker & Humblot · Berlin

Die Reise nach Russland

Chemnitzer Europastudien Herausgegeben von Frank-Lothar Kroll und Matthias Niedobitek

Band 17

Die Reise nach Russland Wahrnehmungen und Erfahrungsberichte aus fünf Jahrhunderten

Herausgegeben von Frank-Lothar Kroll und Martin Munke

Duncker & Humblot · Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 2014 Duncker & Humblot GmbH, Berlin Fremddatenübernahme: L101 Mediengestaltung, Berlin Druck: Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin Printed in Germany

ISSN 1860-9813 ISBN 978-3-428-14026-8 (Print) ISBN 978-3-428-54026-6 (E-Book) ISBN 978-3-428-84026-7 (Print & E-Book) Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706

Internet: http://www.duncker-humblot.de

Zur Erinnerung an Diana Walther (1981–2012), unsere viel zu früh gegangene Kollegin

Inhalt I. Einführende Bemerkungen Die Reise nach Russland  Von Frank-Lothar Kroll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 II. Im Moskauer Russland und Petersburger Imperium „… a true and strange face of a tyrannical state“. Das Russlandbild des englischen Gesandten Giles Fletcher Von Stefan Lehmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Musterbeispiel oder Irrweg? Französische Russlandbilder im Zeitalter der Aufklärung unter besonderer Berücksichtigung der Aufzeichnungen des François Auguste Thesby de Belcour Von Martin Munke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Ein Sachse im Russischen Reich. Das Russlandbild Johann Gottfried Seumes Von Natalie Rinberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 „… die schönste Belohnung“. Peter Simon Pallas’ Reise nach Sibirien Von Caroline Mai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Zwischen Glorifizierung und Diskreditierung. Das Russlandbild Christoph ­Hermann von Mansteins Von Marianne Leubner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 III. Das „lange“ 19. Jahrhundert Russland im 19. Jahrhundert – Vorbild oder Gefahr für Europa? Eine Analyse des Reiseberichts von August von Haxthausen Von Steffi Retzar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 „… mit einem fast göttlichen Nimbus und ungeheurer Macht ausgestattet … trägt es einen Januskopf“. Das Russlandbild Kaiser Wilhelms II. Von Oliver Schmidt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177

8 Inhalt IV. Wahrnehmungen des Bolschewismus Ein deutscher Künstler im Sowjetreich. Heinrich Vogelers „Reise durch Rußland“ Von Nadine Dathe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Fluch oder Segen? Die deutschen Intellektuellen und die Sowjetunion – Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“ Von Vivien Schramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 „Früher oder später werdet ihr die Augen öffnen“. Die Russlandreise des ­André Gide Von Florian Reichold . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Romain Rolland in Russland – kritischer Humanist oder bedingungsloser Kommunist? Von Jan Freitag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 V. Im Zeitalter der Weltkriege und des „Kalten Krieges“ „Das einmütige Ziel aller Europäer … sollte die Verhinderung einer russischen Invasion sein“. Richard Coudenhove-Kalergi und die „russische Gefahr“ für Europa Von Jan Christoph Elfert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 Auf der Suche nach dem „deutschen Weg“. Klaus Mehnerts Russlandbild im Dritten Reich Von Stefan Hantzschmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 Vom Bisenzio an die Wolga. Curzio Malaparte und der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 Von Hendrik Thoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 „Herr Polevoi und sein Gast“. Das Russlandbild Wolfgang Koeppens Von Stefanie Zabel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 „Wie viele Wunden sind uns gemeinsam?“ Rudolf Hagelstange und das westdeutsche Russlandbild im Kalten Krieg Von Vivien Schramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 Autoren und Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445

I. Einführende Bemerkungen

Die Reise nach Russland Von Frank-Lothar Kroll (Chemnitz) I. Berichte europäischer Reisender über ihre Erlebnisse im Reich der Moskauer Großfürsten, ihre Erfahrungen im Imperium der Petersburger Zaren und ihre Begegnungen im Staat der Mächtigen der Sowjetunion gehörten vom 16. Jahrhundert bis in das Zeitalter des „Kalten Krieges“ zu den wichtigsten Informationsquellen, aus denen der „Westen“ sein Wissen und seine Kenntnisse über Russland und die Russen schöpfte. Dieses Wissen und diese Kenntnisse waren seit dem Mittelalter alles andere als üppig und präzise, denn die Ostslaven waren vom 13. Jahrhundert bis zum Ende des 15. Jahrhunderts infolge der Mongolenherrschaft vom Abendland isoliert – zuvor, seit der Christianisierung des Kiever Reiches 988, hatte es vielfältige Kontakte zum Westen gegeben, vor allem durch Warenaustausch und Handelsverkehr, aber auch auf der Ebene der Dynastien und der Höfe. Erst nach dem Ende der Mongolenzeit setzte ein zunächst noch spärlicher, dann jedoch immer kontinuierlicher fließender Strom von Reiseberichten ein, die das gelehrte Publikum Europas mit den zumeist als fremd und exotisch empfundenen Verhältnissen im fernen Moskoviter Reich bekannt machten und das frühe Russlandbild des Westens maßgeblich bestimmten. Dass solche auf Reisen und Auslandsaufenthalten gewonnene Bilder und Vorstellungen – wie verzerrt und falsch sie auch immer sein mochten – als Grundlagen für die wechselseitige Wahrnehmung von „West“ und „Ost“ dienten und eine wesentliche Voraussetzung für die von so vielen Missverständnissen, Vorurteilen und Wunschträumen geprägten politischen Beziehungen zwischen Russland und Europa bildeten,1 verleiht der Beschäftigung mit ihnen eine mehr als nur antiquarische Relevanz. Letztlich ist das mit der Lektüre von Reiseberichten grundsätzlich verknüpfte Anliegen, ferne Länder, Völker und Kulturen besser zu verstehen und dabei Fremdes und 1  Einen Einblick in die spannungsreiche Entwicklung dieser Beziehungen vermittelt Frank-Lothar Kroll: Rußland und Europa. Historisch-politische Probleme und kulturelle Perspektiven. In: Peter Jurczek / Matthias Niedobitek (Hrsg.): Europäische Forschungsperspektiven. Elemente einer Europawissenschaft. Berlin 2008, S. 13–58, mit weiterführender Literatur.

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Eigenes – zumindest im Kopf des Lesers – miteinander vertraut zu machen, heute noch genauso aktuell wie in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor. Nur haben mittlerweile technisch-digitale Medien das Geschäft der Annäherung, Verständigung und Vermittlung übernommen – mit allerdings nicht immer glücklicherer Handhabung und oftmals zweifelhaftem Erfolg.2 II. Nach dem Ende der von zahlreichen Lasten und Bedrückungen geprägten Herrschaft der mongolischen Eroberer über weite Teile des heutigen russischen Territoriums3 waren es vor allem europäische Gesandte und Handelsreisende, die im 16., im 17. und im frühen 18. Jahrhundert das Moskoviter Reich besuchten und ihre dabei gesammelten Eindrücke in teilweise sehr umfänglichen und bis heute lesenswerten Reisebeschreibungen festhielten. Im 16. Jahrhundert berichtete der habsburgische Diplomat und Staatsmann Siegmund von Herberstein (1486–1566) in seinen 1549 erschienenen Rerum Moscoviticarum commentarii einem abendländischen Leserkreis erstmals 2  Zum Grundsätzlichen vgl. das umfassende und gelehrte Werk von Peter J. Brenner: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. Tübingen 1990; ferner Michael Maurer: Reisen interdisziplinär – Ein Forschungsbericht in kulturgeschichtlicher Perspektive. In: Ders. (Hrsg.): Neue Impulse der Reiseforschung. Berlin 1999, S. 287–410, mit aller bis dahin erschienenen maßgeblichen Literatur; zu Russlandreisen speziell Lloyd E. Berry / Robert O. Crummey (Hrsg.): Rude and Barbarous Kingdom. Russia in the Accounts of Sixteenth-century English Voyagers. Madison, WI 1968; Reuel K. Wilson: The Literary Travelogue. A Comparative Study with Special Relevance to Russian Literature from Fonvizin to Pushkin. The Hague 1973; Friedhelm Berthold Kaiser / Bernhard Stasiewski (Hrsg.): Reiseberichte von Deutschen über Rußland und von Russen über Deutschland. Köln / Wien 1980; Walter Leitsch: Berichte über den Moskauer Staat in italienischer Sprache aus dem 16. Jahrhundert. Eine quellenkritische Studie mit besonderer Berücksichtigung der italienischen Übersetzung der Moscovia Herbersteins. Wien / Köln / Weimar 1993; Gabriele Scheidegger: Perverses Abendland – barbarisches Rußland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse. Zürich 1993; Wolfgang Geier: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen. Wiesbaden 2004. 3  Zu den Langzeitfolgen und Konsequenzen der Mongolenherrschaft für die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Russland und Europa vgl. noch immer vorzüglich und perspektivenreich Irene Neander: Die Bedeutung der Mongolenherrschaft in Rußland (1954). Wiederabgedruckt in: Peter Nitsche (Hrsg.): Die Anfänge des Moskauer Staates. Darmstadt 1977, S. 340–360; ferner Peter Nitsche: Mongolensturm und Mongolenherrschaft in Rußland. In: Stephan Conermann / Jan Kusber (Hrsg.): Die Mongolen in Asien und Europa. Frankfurt am Main u. a. 1997, S. 65–79, sowie Jan Kusber: Ende und Auswirkung der Mongolenherrschaft in Rußland. In: Ebd., S. 207–230.



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umfassend über Russland und die Russen. Getrieben vom Wissensdurst des Renaissancezeitalters und durchdrungen vom Geist humanistischer Bildung und Gelehrsamkeit, zeichnete sich Herberstein in seinem Reisewerk durch ein erstaunlich hohes Maß an Ausgewogenheit im Urteil und an Vorurteilslosigkeit in der Bewertung des Gesehenen und Erlebten aus.4 Ein Jahrhundert später war es der herzoglich holstein-gottorfische Gesandtschaftssekretär, Bibliothekar und Hofgelehrte Adam Olearius (1599– 1671), der 1647 / 56 als Autor einer Vermehrte[n] neve[n] Beschreibung der Muscovitischen und Persischen Reyse einem interessierten Publikum plastische Eindrücke aus dem Moskauer Russland präsentierte. Olearius, in seiner norddeutschen Heimat hoch angesehen und vielfach geehrt, vermochte seine Leser durch einen ausgesprochen gewandten literarischen Schreib- und Sprachstil für sich einzunehmen und bereicherte seinen Text mit zahlreichen Bildbeigaben.5 Und wieder ein Jahrhundert später, nun bereits im Zeitalter der westeuropäischen Aufklärung und unter dem weithin bestimmenden Eindruck des von Zar Pëtr I. Velíkij seit Jahrhundertanfang eingeleiteten und mit um­ stürzender Geschwindigkeit vorangetriebenen Reformwerks, dokumentierte der kurfürstlich-hannoversche Gesandtschaftssekretär Friedrich Christian Weber (um 1680–um 1739) seine diplomatische Tätigkeit am Zarenhof 4  Zu Herberstein liegt mittlerweile eine reichhaltige Literatur vor. Vgl. bes. Günther Stökl: Siegmund Freiherr von Herberstein. Diplomat und Humanist (1960). Wiederabgedruckt in: Ders.: Der russische Staat in Mittelalter und früher Neuzeit. Ausgewählte Aufsätze. Aus Anlaß seines 65. Geburtstages hrsg. von Manfred Alexander u. a. Wiesbaden 1981, S. 318–329; als Forschungsbericht ferner ders.: Herbersteiniana. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 15 (1967), S. 423–432; Walter Leitsch: Das erste Rußlandbuch im Westen – Sigismund Freiherr von Herberstein. In: Mechthild Keller / Ursula Dettbarn / Karl-Heinz Korn (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 9.–17. Jahrhundert. München 1985, S. 118–149, mit ausgewählter Textedition; ferner die Tagungsbände von Gerhard Pferschy (Hrsg.): Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Rußlandkunde und die europäische Diplomatie. Graz 1989, und Frank Kämpfer / Reinhard Frötschner (Hrsg.): 450 Jahre Sigismund von Herbersteins „Rerum Moscoviticarum commentarii“. 1549–1999. Jubiläumsvorträge. Wiesbaden 2002; zur Wirkungsgeschichte Frank Kämpfer: Das Rußlandbuch Sigismunds von Herberstein „Rerum Moscoviticarum commentarii“. 1549–1999. Beiträge zu Ehren der internationalen Tagung im Oktober 1999 an der Universität Münster. Hamburg 1999, mit umfangreicher Bibliographie (S. 131–140). 5  Zur Reise des Olearius vgl. Karl Rauch: Seidenstraße über Moskau. Die große Reise des Adam Olearius nach Moskau und Ispahan zwischen 1633 und 1639. München 1960; Uwe Liszkowski: Adam Olearius’ Beschreibungen des Moskauer Reiches. In: Keller / Dettbarn / Korn (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht (wie Anm. 4), S. 223–263 (mit Textauszügen); als ansprechende Edition Adam Olearius: Moskowitische und Persische Reise. Die Holsteinische Gesandtschaft beim Schah 1633–1639. Hrsg. von Detlef Haberland. Stuttgart / Wien 1986.

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zwischen 1714 und 1719 in einem dreiteiligen, 1721 und 1739 / 40 publizierten Werk Das veränderte Rußland. Es beschrieb in Form tagebuchartiger Aufzeichnungen die politisch-ökonomischen, kirchlich-künstlerischen und militärisch-administrativen Wandlungen der russischen Gesellschaft und bestach dabei nicht nur, wie bereits zuvor Olearius, durch ein beeindruckendes Bild- und Kartenmaterial, sondern darüber hinaus durch die Wiedergabe scheinbar nebensächlicher Begebenheiten, die in ihrer Summe ein kultur-, alltags- und mentalitätsgeschichtlich überaus farbiges Panorama russischer Lebenswirklichkeit vermittelten.6 In diesem Umfeld früher russisch-europäischer Kontaktnahmen7 bewegen sich die ersten fünf Beiträge des Bandes. Stefan Lehmann untersucht das Russlandbild englischer Handelsreisender am Bespiel des erstmals 1591 erschienenen Berichts Of the Russe Common Wealth von Giles Fletcher (um 1565–1623), der in seinem Werk Erinnerungen an einen mehrmonatigen Aufenthalt in Moskau 1588 / 89 festhielt. Die dortigen Verhältnisse wurden von Fletcher als eine Art Gegenbild zur Situation im zeitgenössischen England wahrgenommen und wiedergegeben. Er betonte immer erneut die Vorteile, die das politisch-gesellschaftliche System seines eigenen Landes gegenüber den vermeintlich rückständigen und despotisch anmutenden Zuständen im östlichen Gastland auszeichneten. Ein derart düster eingefärbtes Bild von Russland, zudem getrübt durch die nicht unbedingt zuvorkommende Behandlung des Berichtenden seitens seiner russischen Partner, sollte die vielfach negativ konnotierte britische Wahrnehmung des östlichen Imperiums über Jahrhunderte hinweg maßgeblich bestimmen.8 Noch die ressentimentgelade6  Zu Webers Russlandbuch vgl. explizit Eckhard Matthes: Das veränderte Rußland. Studien zum deutschen Rußlandverständnis im 18. Jahrhundert zwischen 1725 und 1762. Frankfurt am Main / Bern / Cirencester 1981; ders.: Das veränderte Rußland und die unveränderten Züge des Russenbilds. In: Mechthild Keller (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 18. Jahrhundert: Aufklärung. München 1987, S. 109–135; zuletzt Martin Klonowski: Im Dienst des Hauses Hannover. Friedrich Christian Weber als Gesandter im Russischen Reich und in Schweden 1714–1739. Husum 2005. 7  Unverzichtbar für eine intensivere Beschäftigung mit europäischen Reisebeschreibungen über den Moskauer Staat ist weiterhin die Bibliographie von Friedrich von Adelung: Kritisch-literärische Übersicht der Reisenden in Rußland bis 1700, deren Berichte bekannt sind. 2 Bde. Sankt Petersburg / Leipzig 1846 (Neudruck Amsterdam 1960). 8  Neben der frühen, sehr instruktiven Studie von Helmut Anton: Englische Rußlandreisende im 18. Jahrhundert. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 1 (1936), S. 169–200 vgl. die mittlerweile „klassischen“ Darstellungen von Anthony G. Cross: By the banks of the Thames. Russians in eighteenth century Britain. Newtonville, MA 1980; ders.: The Russian theme in English literature from the sixteenth century to 1980. An introductory survey and a bibliography. Oxford 1985; ders.: AngloRussica. Aspects of cultural relations between Great Britain and Russia in the eight­



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ne russophobe Publizistik eines David Urquhart (1805–1877) im Vorfeld der militärischen Auseinandersetzungen zwischen England und Russland während des Krimkriegs (1853–1856), die bis zur unverhohlen vorgetragenen Forderung nach einer Zerstörung der russischen Großmachtstellung reichten,9 waren von dieser stereotypen Negativ-Wahrnehmung geprägt.10 Im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert erfuhr das mittlerweile durch die petrinischen Reformen erheblich veränderte Zarenreich von den meisten Vertretern der europäischen Aufklärung indes freundlichere Aufnahme. Hier wurden Pëtrs I. Bemühungen zumeist als ein Versuch gewertet, „westliche“ Gesittungsformen einem halbasiatisch anmutenden Volk näher zu bringen.11 Autoren wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) oder später Voltaire (1694–1778) erblickten im Zarenreich, das sie allerdings niemals persönlich zu Gesicht bekamen, eine Art großräumiges Experimentierfeld zur Verbreitung der zivilisatorischen Errungenschaften des Westens. Doch auch das aufklärerisch geprägte Reiseschrifttum über Russland war nicht frei von skeptischen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Dies belegen die Beiträge von Martin Munke über François Auguste Thesby de Belcour (um 1735– nach 1790), von Caroline Mai über Peter Simon Pallas (1741–1811) und von Marianne Leubner über Christoph Hermann von Manstein (1711–1757). Ihrer aller Russlandbilder verharrten in einer zwischen Reformhoffnungen und Stagnationsängsten vielfältig schwankenden Einstellung. Sie spiegelten damit die eher verhaltene Sichtweise wider, mit der die jüngere Generation eenth and early nineteenth centuries. Selected essays. Oxford 1993; ders.: By the banks of the Neva. Chapters from the lives and careers of the British in eighteenth century Russia. Cambridge 1997; ders.: St. Petersburg and the British. The city through the eyes of British visitors and residents. London 2008; ferner Geraldine M. Phipps: Sir John Merrick. English merchant-diplomat in seventeenth-century Russia. Newtonville, MA 1983. 9  Dazu umfassend Hermann Wentker: Zerstörung der Großmacht Rußland? Die britischen Kriegsziele im Krimkrieg. Göttingen / Zürich 1993. 10  Vgl. z. B. David Urquhart: Progress of Russia in the West, North, and South. London 1853; zu Urquhart, der durch zahlreiche Russland-Reisen mit den Zuständen im Zarenreich gut bekannt und dabei die kaukasischen Stämme und Völker zum Aufstand gegen die russische Herrschaft aufzuwiegeln bestrebt war, vgl. in diesem Zusammenhang George Henry Bolsover: David Urquhart and the Eastern Question, 1833–37. A Study in Publicity and Diplomacy. In: Journal of Modern History 8 (1936), S. 444–467. 11  Dazu noch immer grundlegend Dieter Groh: Rußland und das Selbstverständnis Europas. Ein Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte. Neuwied 1961, bes. S. 17–40; ferner Astrid Blome: Das deutsche Rußlandbild im frühen 18. Jahrhundert. Untersuchungen zur zeitgenössischen Presseberichterstattung über Rußland unter Peter I. Wiesbaden 2000, sowie zuletzt Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Die Kenntnis Rußlands im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert. Wissenschaft und Publizistik über das Russische Reich. Göttingen 2006.

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der Aufklärer – etwa Johann Heinrich Merck (1741–1791) oder Friedrich Karl von Moser (1723–1798), die beide mehrfach im Zarenreich unterwegs waren12 – die Folgewirkungen der petrinischen Reformmaßnahmen beurteilten. Der auch von ihnen erhobene Vorwurf, das großangelegte kaiserliche Umschichtungswerk habe die Russen von ihrer „natürlichen“ Entwicklungsrichtung abgelenkt und ihnen Normen und Wertvorstellungen des „Westens“ aufgezwungen, die nicht zu ihrem Land passten und ihnen nicht bekamen, wurde übrigens erstmals dezidiert von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) vorgetragen.13 Zwischen verhaltener Skepsis und zaghaftem Fortschrittsoptimismus oszillierten auch die Russlanderfahrungen Johann Gottfried Seumes (1763– 1810), der sich zweimal für längere Zeit im Zarenreich aufhielt.14 Zunächst, 1794, diente er als aktiver Leutnant in der Armee Ekaterínas II. Dann, 1805, bereiste er die baltischen Provinzen Russlands, geleitet von einem besonderen Interesse für die 1802 von Zar Aleksándr I. Pávlovič wiederbegründete livländische Landesuniversität Dorpat und die von ihr ausgehenden spätaufklärerischen Bildungsimpulse. Seumes Reisebericht Mein Sommer 1805, der die dabei gewonnenen Eindrücke bilanzierte und sie nicht ohne Kritik hinnahm, wird von Natalie Rinberg ausführlich und umfassend vorgestellt. III. Die Russlandreisen europäischer Berichterstatter im 19. Jahrhundert gewannen insofern eine neuartige Qualität im Vergleich zu allen vorangegangenen Einschätzungen und Wertungen, als das Reich der Zaren von Sankt Petersburg nun zunehmend durch zwei unterschiedliche Interpretationshaltungen charakterisiert wurde, die einander in scharfem Kontrast gegenübertraten. Auf der einen Seite standen die europäischen Russlandfreunde, wie sie in den Kreisen katholischer französischer Traditionalisten um Louis de Bonald (1754–1840) und Joseph de Maistre (1753–1824) einerseits, deut12  Zu den Russlandaufenthalten deutscher Spätaufklärer vgl. ausführlich und vorzüglich Claus Scharf: Katharina II., Deutschland und die Deutschen. Mainz 1995, S. 277–294, mit weiterführender Literatur; allgemeiner Jürgen Kämmerer: Theorie und Empirie. Rußland im Urteil aufgeklärter Philosophen und Reiseschriftsteller. In: Boris J. Krasnobaev / Gert Robel / Herbert Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung. Berlin [West] 1980, S. 331–351. 13  Dazu jetzt speziell Frank-Lothar Kroll: Rousseau in Preußen und Russland. Zur Geschichte seiner Wirkung im 18. Jahrhundert. Berlin 2012, S. 34–36. 14  Vgl. Norbert Oellers: Quod bonum publicum promovet. Johann Gottfried Seumes Rußland-Erfahrungen und ihre Darstellung. In: Krasnobaev  /  Robel  /  Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen (wie Anm. 12), S. 225–238.



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scher spätromantischer Publizisten um Franz von Baader (1765–1841), Joseph Edmund Jörg (1819–1901), Jakob Philipp Fallmerayer (1750–1861) und Ernst von Lasaulx (1805–1861) andererseits ihre beredten Anwälte fanden. Was französische Restaurationsdenker und Vertreter des vormärz­ lichen Konservativismus in Deutschland damals für Russland einnahm,15 speiste sich in erster Linie aus ideologisch-religiösen Motiven: Hier galt das Zarenreich als letztes Bollwerk gegen die immer weiter um sich greifende Gefahr revolutionärer Umwälzungen, hier wurde die Glaubensstärke der russisch-orthodoxen Kirche als Mittel und Weg gepriesen, um auch den Westen Europas, das in materialistischer und atheistischer Gesinnung verkommende „Abendland“, vor der in vollem Gang befindlichen Zerrüttung und Zersetzung zu bewahren. Der damit verbundene Anspruch zielte auf nichts Geringeres als auf die Rettung der gesamten Menschheit und die heilende Wiedergenesung der Welt.16 Dieser äußerst wohlwollenden, ja geradezu überschwänglichen Perzeption Russlands im 19. Jahrhundert kontrastierte, nahezu zeitgleich, eine zunehmend russlandfeindliche Einstellung großer Teile der europäischen Öffentlichkeit, deren Beginn man ziemlich genau auf das Jahr 1830 und den damals gescheiterten nationalpolnischen Aufstand gegen die ungeliebte Herrschaft des Zaren im russisch besetzten Teil Polens datieren kann. Russland hatte auf diese Erhebung überaus heftig reagiert, was wiederum bei vielen westlichen Beobachtern nachhaltige Entrüstung und Empörung über die vermeintlich freiheitsfeindliche und despotische Politik in Sankt Petersburg hervorrief. Das Land Nikolájs I. Pávlovič erschien nun und in den folgenden Jahrzehnten immer mehr als Hort der Reaktion und als Sinnbild für Rückständigkeit und Barbarei. In Frankreich hatte vor allem der Reisebericht Astolphe de Custines (1790–1857) dieses Negativbild einem breiten Publikum vermittelt.17 Der aus Lothringen stammende Aristokrat hatte das Zarenreich 1839 besucht und die dort herrschenden Zustände in den schwärzesten Farben gezeichnet.18 In Deutschland wiederum waren es in erster 15  Dazu allgemein Peter Jahn: Russophilie und Konservatismus. Die russophile Literatur in der deutschen Öffentlichkeit 1831 bis 1852. Stuttgart 1980, bes. S. 98–100, 108–111. 16  Vgl. speziell Ernst Benz: Die abendländische Sendung der östlich-orthodoxen Kirche. Die russische Kirche und das abendländische Christentum im Zeitalter der Heiligen Allianz. Mainz 1950. 17  Vgl. ausführlich Michel Cadot: La Russie dans la vie intellectuelle française (1833–1856). Paris 1967. 18  Astolphe de Custine: La Russie en 1839. 4 Bde. Paris 1843. Vgl. George F. Kennan: The Marquis de Custine and His Russia in 1839. London 1972; detailliert Christian Sigrist: Das Rußlandbild des Marquis de Custine. Von der Zivilisationskritik zur Rußlandfeindlichkeit. Frankfurt am Main u. a. 1990.

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Linie radikal-demokratisch gesinnte Schriftsteller19 und Repräsentanten des preußisch-deutschen Liberalismus,20 die ihre doktrinäre, in der Regel durch keinerlei eigene Reiseerfahrungen empirisch gestützte Abneigung gegenüber dem Zarenreich auf oftmals sehr lautstarke Weise artikulierten. Nach Ausbruch des Krimkriegs 1853 steigerten sich diese Stimmungen zu einer regelrechten Russophobie21 und kulminierten in der bündnispolitischen Forderung nach einem Zusammenstehen aller westeuropäischen Mächte gegen das militärische Vorgehen der russischen Führung. Der bereits genannten Position eines David Urquhart pflichteten nun auch zahlreiche Politiker und Publizisten in Preußen bei – so beispielsweise der altliberale Historiker und Parlamentarier Max Duncker (1811–1886)22 –, während die offizielle Politik der preußischen Staatsleitung, allen voran König Friedrich Wilhelm IV.,23 strikte Neutralität wahrte.24 Beide Einstellungen, die russlandfreundliche und die russlandskeptische, spiegelten sich in fast allen Reiseberichten über das Zarenreich im 19. Jahrhundert und kommen auch in diesem Band zur Sprache. Der Beitrag von Steffi Retzar über den preußisch-westfälischen Russlandreisenden August Freiherr von Haxthausen (1792–1866) widmet sich einem herausragenden Protagonisten der russlandfreundlichen Publizistik. Haxthausen war 1843 / 44 nach Russland gekommen, um – einem ausdrücklichen Wunsch des Zaren Nikoláj I. folgend – das kurz zuvor von Astolphe de Custine der westeuropäischen Öffentlichkeit präsentierte Negativbild des Zarenreiches zu korri-

19  Vgl. Wilhelm Pape: Eispalast der Despotie. Russen- und Rußlandbilder in der politischen Lyrik des Vormärz. In: Mechthild Keller / Claudia Pawlik (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800–1871). München 1992, S. 453–472. 20  Vgl. Stefan Wolle: „Das Reich der Sklaverey und die teutsche Libertät …“. Die Ursprünge der Rußlandfeindschaft des deutschen Liberalismus. In: Ebd., S. 417–434. 21  Dazu sehr instruktiv Johannes Gertler: Die deutsche Rußlandpublizistik der Jahre 1853–1879. In: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 7 (1959), S. 72– 195; ferner Mechthild Keller: Es teilen sich die Geister. Pressestimmen von den Karlsbader Beschlüssen bis zur Reichsgründung. In: Dies. / Pawlik (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert (wie Anm. 19), S. 739–765; zuletzt zusammenfassend Peter Jahn: Befreier und halbasiatische Horden. Deutsche Rußlandbilder zwischen Napoleonischen Kriegen und Erstem Weltkrieg. In: Unsere Russen – Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2007, S. 14–29. 22  Max Duncker: Preußen und Rußland. Berlin 1854. 23  Zum Russlandbild des Monarchen vgl. detailliert Frank-Lothar Kroll: Friedrich Wilhelm IV. und das Staatsdenken der deutschen Romantik. Berlin 1990, S. 153– 159. 24  Dazu noch immer vorzüglich Kurt Borries: Preußen im Krimkrieg (1853– 1856). Stuttgart 1930, sowie Christian Friese: Rußland und Preußen vom Krimkrieg bis zum Polnischen Aufstand. Berlin / Königsberg 1931, bes. S. 1–8.



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gieren und es nach Möglichkeit zu revidieren.25 Tatsächlich charakterisierte Haxthausen in seinem 1852 erschienenen Reisebericht die patriarchalischagrarische Sozialordnung Russlands mit ihrer vermeintlich gemeinschaftsorientierten und gemeinwohlbezogenen bäuerlichen Ausrichtung als eine den „atomistisch-democratischen“ Gesellschaftsgliederungen Westeuropas26 weithin überlegene Wirtschaftsform. Demgegenüber zeichnet Oliver Schmidt ein eindrucksvolles Bild der durch Reiseeindrücke verstärkten, überaus ambivalenten Einschätzung Russlands seitens eines der maßgeblichen Repräsentanten preußisch-deutscher Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert – des letzten preußischen Königs und deutschen Kaisers Wilhelm II. (1859–1941). Dessen von dynastischen Beziehungen mitgeprägtes Bild vom Zarenreich27 war insofern typisch für weite Teile der wilhelminischen Führungsschichten, als hier jene Doppelgesichtigkeit paradigmatisch zum Ausdruck gelangte, die einer von Bedrohungsängsten und Überlegenheitsgefühlen gleichermaßen geprägten Bewertung des östlichen Nachbarn das Wort redete. Man schwankte unsicher zwischen einer Unterschätzung der russischen Stärke einerseits und einer Überbewertung der russischen Gefahr andererseits hin und her.28 Dieses Schwanken und diese Unsicherheit bestimmten das Urteil der deutschen Machteliten über Russland und die Russen bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs hinein.29 25  Vgl. Stephen Frederick Starr: August von Haxthausen and Russia. In: The Slavonic and East European Review 46 (1968), S. 462–478; Friedhelm Berthold Kaiser: August Freiherr von Haxthausen in Rußland. In: Ders. / Stasiewski (Hrsg.): Reiseberichte von Deutschen über Rußland und von Russen über Deutschland (wie Anm. 2), S. 95–120; detailliert zuletzt Christoph Schmidt: Ein deutscher Slawophile? August von Haxthausen und die Wiederentdeckung der russischen Bauerngemeinde 1843  /  44. In: Keller  /  Pawlik (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert (wie Anm. 19), S. 196–216, mit weiterführender Literatur (S. 898 f.). 26  So August Freiherr von Haxthausen: Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Rußlands. Hannover / Berlin 1852, Bd. III, S. 150. 27  Darüber zuletzt in größeren monarchiegeschichtlichen Zusammenhängen Frank-Lothar Kroll: Staatsräson oder Familieninteresse? Möglichkeiten und Grenzen dynastischer Netzwerkbildung zwischen Preußen und Russland im 19. Jahrhundert. In: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, N.F. 20 (2010), S. 1–41, bes. S. 36–38. 28  Dazu Fritz T. Epstein: Der Komplex „russische Gefahr“ und sein Einfluß auf die deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert. In: Imanuel Geiss / Bernd Jürgen Wendt  /  Peter-Christian Witt (Hrsg.): Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Fritz Fischer zum 65. Geburtstag. Düsseldorf 1973, S. 143–159. 29  Zu diesem Aspekt die aufschlussreiche Spezialstudie von Andreas Hillgruber: Das Rußland-Bild der führenden deutschen Militärs vor Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion (1988). Wiederabgedruckt in: Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Das Rußlandbild im Dritten Reich. 2., unveränderte Aufl. Köln / Weimar / Wien 1994, S. 125– 140.

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IV. Mit dem Ende der Zarenherrschaft, dem bolschewistischen Umsturz vom Oktober 1917 und den sich daran anschließenden fundamentalen Verschlechterungen der russischen, seit 1922 sowjetischen Lebenswirklichkeit gewann auch die Qualität entsprechender Reportagen eine neuartige Dimension.30 Der in seiner Vermessenheit präzedenzlose Anspruch der Bol‘ševiki, gleichsam aus dem Nichts heraus eine neue, klassenlose und daher „perfekte“ Gesellschaftsordnung zu schaffen und damit die zutiefst unmenschliche Utopie des Sozialismus zu realisieren, zog in wachsendem Ausmaß reisende Beobachter aus zahlreichen Ländern der westlichen Welt in ihren rätselhaften Bann.31 Dabei waren es vor allem Vertreter der politischen Linken aus Deutschland und Frankreich – intellektuelle Sympathisanten oder aktive Mitglieder der jeweiligen kommunistischen Parteien –, die in der Zwischenkriegszeit das „neue Russland“ besuchten und sich in ihren Reiseberichten zumeist demonstrativ zur bolschewistischen Ordnung bekannten.32 Die frühen, in den Jahren vor Gründung der Sowjetunion unternommenen Reisen – Schriftsteller wie Alfons Paquet (1881–1944), Arthur Holitscher (1869–1941) oder der kriminelle Gewalttäter und Totschläger Franz Jung (1888–1963) weilten damals bei den Bol‘ševiki – standen ganz unter dem 30  Grundlegend hierzu Wolfgang Metzger: Bibliographie deutschsprachiger Sowjetunion-Reiseberichte, -Reportagen und -Bildbände 1917–1990. Wiesbaden 1991. 31  Dazu allgemein Wolfgang Geier: Wahrnehmungen des Terrors. Berichte aus Sowjetrussland und der Sowjetunion 1918–1938. Wiesbaden 2009; für Deutschland Viktoria Hertling: Quer durch: Von Dwinger bis Kisch. Berichte und Reportagen über die Sowjetunion aus der Epoche der Weimarer Republik. Königstein im Taunus 1982; Bernhard Furler: Augen-Schein. Deutschsprachige Reportagen über Sowjetrußland 1917–1939. Frankfurt am Main 1987; Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Rußland 1921–1941. Mit einem bio-bibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren. Münster / Hamburg / London 2003; für die Schweiz Christiane Uhlig: Utopie oder Alptraum? Schweizer Reiseberichte über die Sowjetunion (1917–1941). Zürich 1992; für Frankreich Rachel Mazury: Croire plutôt que voir? Voyages en Russie soviétique (1919–1939). Paris 2002; Inka Zahn: Reise als Begegnung mit dem Anderen? Französische Reiseberichte über Moskau in der Zwischenkriegszeit. Bielefeld 2008; für Großbritannien Donal O’Sullivan: Furcht und Faszination. Deutsche und britische Rußlandbilder 1921– 1933. Köln / Weimar / Wien 1996. 32  Dazu jetzt grundlegend Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München 2011, bes. S. 1–10, 71–128. Vgl. daneben weiterhin überzeugend Gerd Koenen: „Indien im Nebel“. Die ersten Reisenden ins „neue Rußland“. Neun Modelle projektiver Wahrnehmung. In: Ders. / Lew Kopelew (Hrsg.): Deutschland und die russische Revolution 1917–1924. München 1998, S. 557–615; allgemeiner Michail Ryklin: Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution. Frankfurt am Main 2008.



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Eindruck des noch ungewissen Ausgangs der Bürgerkriegswirren und des fragilen Zustands der mühsam stabilisierten Sowjetmacht. Auch wenn sich bereits hier, unter der unmittelbaren Verantwortung Lenins und Tróckijs, der prinzipiell menschenverachtende Charakter des neuen Regimes offenbarte – von Dezember 1917 bis zum Februar 1922 fielen etwa 300.000 „Klassenfeinde“ dem Roten Terror zum Opfer –, so kann von diesen ersten, noch ganz von Neugier und Faszination geprägten Reisejournalen eine differenzierte Auseinandersetzung mit der neuen Ordnung redlicherweise weder erwartet noch angemahnt werden. Die totalitären Weiterungen, die Stalin später der Lehre Lenins entnahm, waren damals nicht unbedingt vorhersehbar. Hingegen wurden die meisten Reisenden, die in den 1920er und frühen 1930er Jahren, oftmals auf Einladung der Moskauer Staatsführung, und wiederum zumeist mehrfach die Sowjetunion besuchten – so z.  B. die Schriftsteller Egon Erwin Kisch (1885–1948) und Ernst Toller (1893–1939), Franz Carl Weiskopf (1900–1955) und Armin T. Wegner (1886–1978), Ludwig Renn (1889–1979) und Friedrich Wolf (1888–1953) – unmittelbare Augenzeugen der sich zusehends ins Monströse steigernden Sowjetmacht. Keiner der genannten Autoren besaß indes Unbefangenheit und Kritikfähigkeit genug, um die damit verbundenen Indizien beim Namen zu nennen.33 Weder die Vernichtung von etwa sechs Millionen Mittel- und Großbauern noch die beginnende Hungersnot, die von den Bol‘ševiki gezielt zur Dezimierung unliebsamer Bevölkerungsgruppen genutzt wurde und bis 1935 ebenfalls etwa sechs Millionen Opfer fordern sollte, war den bolschewismus-affinen Touristen aus dem Westen auch nur eines Wortes wert. Vollends unverständlich, ja geradezu schamlos, erscheint ein derart kollektives Beschweigen des mörderischen sowjetischen Staatsterrorismus, zumindest aus heutiger Sicht, dann allerdings bei jenen reisenden Autoren, die sich nach 1933 in Russland aufhielten und dort nicht nur die katastrophalen Folgen der erzwungenen Kollektivierung des Agrarsektors miterlebten, sondern auch die ab Ende 1934 einsetzende (und mit wechselnder Intensität bis 1953 fortlaufende) Welle gewalttätiger Repressionen mit willkürlichen Verhaftungen, Folterungen, Erpressungen und Ermordungen beobachten konnten, welche in den (übrigens schon seit 1928 inszenierten) Moskauer Schau33  Eine Ausnahme bildete der österreichische royalistische Schriftsteller und Journalist Joseph Roth (1894–1939), der von August bis Dezember 1926 als Korrespondent der liberalen Frankfurter Zeitung weite Teile der Sowjetunion bereiste und nicht nur Moskau und Leningrad, sondern auch Astrachan’, Bakú (Bakı) und Odéssa, Kíev (Kyïv), Char’kov (Charkiv) und Minsk kennenlernte und sich dabei in allen seinen Erwartungen an die russischen Kommunisten getäuscht sah. Zur Verarbeitung seiner Reiseeindrücke J­oseph Roth: Reise nach Rußland. Feuilletons, Reportagen, Tagebuchnotizen 1919–1930. Hrsg. und mit einem Nachwort von Klaus Westermann. Köln 1995, S. 117–234, 245–267.

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prozessen gegen vermeintliche und tatsächliche Regimegegner im August 1936 und im Januar 1937 ihren Gipfel erreichte.34 Den Wahrnehmungshorizonten und Erlebniswelten der damals, nach 1933 in die Sowjetunion gekommenen deutschen und französischen Russlandreisenden gelten die in einem dritten Themenkomplex versammelten Beiträge von Vivien Schramm über Lion Feuchtwanger (1884–1958), Jan Freitag über Romain Rolland (1866–1944), Florian Reichold über André Gide (1869– 1951) sowie Nadine Dathe über den Maler Heinrich Vogeler (1872–1942). Während Vogeler in naiv-gutmütiger Bewunderung des Sowjetsystems verharrte, garnierte Feuchtwanger seinen Reisebericht Russland 1937 – wider besseres Wissen – mit abgeschmacktesten Lobeshymnen auf Stalin und reklamierte dessen politisches Verbrechertum als Dienst an einem „besseren“ Russland, das zu realisieren aller nur denkbarer Opfer wert sei. Hingegen erwiesen sich Romain Rolland und insbesondere André Gide, trotz zunächst deutlich vorhandener Sympathien für das bolschewistische Experiment, als lernfähige und letztlich unbestechliche Moralisten. Im Gegensatz zu seinem realitätsblinden und autoritätsgläubigen deutschen Schriftstellerkollegen Feuchtwanger ließ Gide sich nicht durch aufwändig inszenierte Empfangs­ rituale und theatralisch werbende Gesten von den Moskauer Machthabern korrumpieren.35 Er vermochte Recht und Unrecht sehr wohl zu unterscheiden und ging in seinem – zeitgleich mit Feuchtwangers Lobrede veröffentlichten – Russlandbuch Au retour de l’URSS heftig mit den menschenverachtenden Praktiken der Bol’ševǐki ins Gericht. Dafür musste er sich – ausgerechnet aus Feuchtwangers schmutziger Feder – wütende Kritik gefallen lassen und mannigfache Anfeindungen seitens der vom russischen „Modell“ weiterhin faszinierten und infizierten „fellow travellers“ in Kauf nehmen. V. Deutlich beeinflusst von den sich rapide verhärtenden Frontstellungen im „Weltbürgerkrieg der Ideologien“ zeigten sich die im letzten Teil dieses Bandes vorgestellten Positionen europäischer Russlandfahrer der 1940er bis 1960er Jahre. Mit Klaus Mehnert (1906–1984) porträtiert Stefan Hantzsch34  Dazu speziell Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937. München 2008, S. 119–135; umfassender Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Frankfurt am Main 2007, S. 135–208; zuletzt sehr beeindruckend ders.: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. München 2012. 35  Zu diesem Aspekt Anne Hartmann: Literarische Staatsbesuche. Prominente Autoren des Westens zu Gast in Stalins Sowjetunion (1931–1937). In: Siegfried Ulbrecht  /  Helena Ulbrechtová (Hrsg.): Die Ost-West-Problematik in den europäischen Kulturen und Literaturen. Ausgewählte Aspekte. Prag / Dresden 2009, S. 229– 276.



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mann einen der führenden deutschsprachigen Russlandkenner des 20. Jahrhunderts. In paradigmatischer, auf den Nachweis generationenspezifischer Akzentverlagerungen zielender Absicht wird hier der Wandel von einem bis 1935 eher positiv konnotierten Russlandbild zu danach deutlich auf Distanz bedachten Vorstellungen des Autors beschrieben, wie sich diese in Mehnerts 1958 erschienenem Beststeller Der Sowjetmensch manifestieren sollten. Einen von alledem klar geschiedenen Wahrnehmungshorizont markierte die von Jan-Christoph Elfert rekonstruierte „paneuropäische Perspektive“ auf Russland, wie sie im publizistischen Werk von Richard CoudenhoveKalergi (1894–1972), des einflussreichen und langjährigen Vorsitzenden der 1923 gegründeten Paneuropa-Union, ihren repräsentativen Ausdruck finden sollte. Als einer der profiliertesten und zugleich umstrittensten Vertreter des intellektuellen Europa-Diskurses im 20. Jahrhundert verband CoudenhoveKalergi seine entschiedene Ablehnung des Bolschewismus und seine ebenso deutlich artikulierten Ängste vor möglichen Hegemonialunternehmungen und Expansionsbestrebungen des Ostens mit allerdings wenig realitätsnahen Vorschlägen zu dessen Einbeziehung in partnerschaftlichen Dialog, wirtschaftlichen Ausgleich und militärische Abrüstung. Weit entfernt von solchen auf Vermittlung und Ausgleich bedachten Positionen bewegte sich demgegenüber die Berichterstattung des deutsch-italienischen Schriftstellers und Journalisten Curzio Malaparte (1898–1957). In seinem 1943 publizierten Buch Die Wolga entspringt in Europa widmete er sich den Geschehnissen an der Ukraine-Front und der Belagerung Leningrads durch Truppen der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Malapartes eindrucksvoller Bericht zählte zu jenen im Dunstkreis nationalsozialistischen und faschistischen Hegemonial- und Expansionsstrebens entstandenen Russland-Reportagen,36 die, nicht unähnlich den Schilderungen zahlreicher linksintellektueller Reisender in den Jahren zuvor, dem totalitären Experiment der Bolschewiki mit einer eigentümlichen, durch den Augenschein kaum zu bändigenden Faszination begegneten. Eine solche Haltung antizipierte – aus der Sicht seines Interpreten Hendrik Thoß – bereits die spätere Wendung des Autors vom überzeugten Faschisten zum gläubigen Sympathisanten des Sowjetsystems. Die den Band beschließenden Beiträge von Stefanie Zabel und (erneut) Vivien Schramm gelten literarisch dokumentierten Russlandreisen prominen­ ter Autoren aus der frühen Bundesrepublik. Wolfgang Koeppen (1906–1996) besuchte 1957 auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes die Sowjetunion. Er erlebte das Land damit in jener vielberufenen „Tauwetter“36  Dazu speziell Burckhard Dücker: Reisen in die UdSSR 1933–1945. In: Peter J. Brenner (Hrsg.): Reisekultur in Deutschland. Von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“. Tübingen 1997, S. 253–283.

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Periode, die nach Stalins Tod 1953 eine Entspannung der weltpolitischen Lage anzudeuten schien. Sein daraus hervorgehender Essay Herr Polevoi und sein Gast nahm besonders die Lebenswirklichkeit der Sowjetbürger in den Blick. Das Ergebnis entsprechender Beobachtungen war ambivalent: Einerseits verharrte Koeppen in einer naiven Hochachtung vor russischen Verhältnissen, welche ihm vor allem durch die sozial und finanziell herausgehobene Position der Künstler im Sowjetstaat nahegelegt wurde. Andererseits bediente sein Essay weithin negative Stereotypen über russische Gebräuche und über Gewohnheiten des russischen Volkscharakters. Ein solches Urteil war mitgeprägt von einem ganzen Bündel irrationaler Bedrohungsängste, wie sie in der Floskel vom „schlafenden Riesen im Osten“ schon im 19. Jahrhundert einen immer wieder bemühten Ausdruck gefunden hatten. Origineller als Koeppens schematische Entgegensetzungen erscheint – aus der Perspektive des Jahres 2014 – der Tenor von Rudolf Hagelstanges (1912–1984) 1963 veröffentlichter Reportage Die Puppen in der Puppe. Eine Rußlandreise. Der einst vielgelesene, heute vergessene Schriftsteller hatte das Reich Nikíta Sergéevič Chruščëvs gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Heinrich Böll (1917–1985) besucht37 und sich in seinem daraufhin vorgelegten Reisebericht um eine bemerkenswert ausgewogene Darstellung und Deutung des dort Gesehenen und Erlebten bemüht. Eine solche Sichtweise lohnt heute noch – oder heute erneut – die Wiederlektüre des Buches. Auch Hagelstanges Blick galt, wie jener Wolfgang Koeppens, den russischen Menschen und ihrem Lebensalltag, den Modalitäten der Freizeitgestaltung, des Konsumverhaltens, der Mediennutzung – und nicht zuletzt der breit diskutierten Frömmigkeit im offiziell doch als atheistisch firmierenden Sowjetstaat. Doch nirgendwo verstieg sich das von Hagelstange plastisch gezeichnete Fremdbild zu einem ausgesprochenen Feindbild. Während die allgemeine Wahrnehmung und Einstellung des „Westens“ gegenüber dem „Osten“ in den 1960er Jahren zumeist von Angst und Abwehr geprägt waren, glückte Hagelstange ein relativ tendenzloses Porträt seines Gastlandes – nicht frei zwar von zeittypischen Klischees, doch herausragend als wohl singuläres Zeugnis eines um echtes Verständnis und nachbarschaftliches Miteinander bemühten Völkerpsychogramms. Solchen Zielen dienen auch die in diesem Band versammelten Beiträge über westeuropäische Russlandfahrer aus fünf Jahrhunderten. Sie beruhen in der Hauptsache auf Untersuchungen und Studien, die im Rahmen eines Forschungsprojekts der Professur für Europäische Geschichte des 19. und 37  Dazu jetzt sehr aufschlussreich Elsbeth Zylla (Hrsg.): Heinrich Böll – Lew Kopelew. Briefwechsel. Mit einem Essay von Karl Schlögel. Göttingen 2011, S. 54– 58. Vgl. auch Manfred Sapper / Volker Weichsel (Hrsg.): Aufrechter Gang. Lev Kopelev und Heinrich Böll. Berlin 2012.



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20. Jahrhunderts an der Technischen Universität Chemnitz entstanden sind. Herausgeber und Autoren sind sich bewusst, aus der Fülle des Möglichen und Sinnvollen nur eine verschwindend geringe Auswahl vorlegen zu können. Gleichwohl hegen sie die Hoffnung, damit einige sprechende Fallbeispiele zu präsentieren, deren Lektüre dazu beitragen möchte, das noch immer von mancherlei Wahrnehmungsschwächen eingetrübte Verhältnis vieler Europäer zu ihrem wichtigsten und maßgeblichen Partner im Osten zu verbessern.

*** Die Darstellung russischer Personen- und Ortsnamen – mit Ausnahme von Moskau (Moskvá) und Sankt Petersburg (Sankt-Peterbúrg) – erfolgt nach den Regeln der wissenschaftlichen Transliteration. Im Register wird jeweils auch die deutsche Umschrift mit aufgeführt. In Zitaten und Literaturangaben wird die dort verwendete Schreibweise beibehalten. Bei geographischen Bezeichnungen von Orten etc., die sich heute nicht mehr auf russischem Territorium befinden, wird bei der jeweils ersten Nennung im Text die aktu­ elle landessprachliche Bezeichnung in Transliteration mit aufgeführt – etwa bei Kíev (Kyïv) oder Odéssa (Odésa). Betonte Silben russischsprachiger Aus­drücke werden mit dem diakritischen Zeichen ´ angezeigt, worauf bei den Namen Lenin (Lénin) und Stalin (Stálin) im Text verzichtet wird (entsprechend auch bei Leningrad/Leningrád und Stalingrad/Stalingrád). Aufgrund des Titels der dem Beitrag zugrundeliegenden Quelle wird im Aufsatz von Hendrik Thoß die deutsche Variante „Wolga“ verwendet, sonst „Vólga“. Die Herausgeber danken den Autoren für das gegenseitige Lektorat der Bei­ träge. Ein besonderer Dank gilt Herrn Marian Bertz M.A., der als Studen­ tische Hilfskraft an der Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz mit großer Sorgfalt das Register erstellt hat.

II. Im Moskauer Russland und Petersburger Imperium

„… a true and strange face of a tyrannical state“. Das Russlandbild des englischen Gesandten Giles Fletcher Von Stefan Lehmann (Leipzig) I. Einführung II. Die englisch-russischen Beziehungen im 16. Jahrhundert III. Giles Fletchers Reise nach Russland und die Entstehung seines Werkes Of the Russe Common Wealth IV. Giles Fletchers Russlandbild in seinem Werk Of the Russe Common Wealth V. Fazit

I. Einführung Der Herrschaftsantritt Königin Elisabeths I. (1533–1603) im Jahr 1558 bedeutete für England einen wichtigen politischen Einschnitt. Auf die Rekatholisierungsversuche unter Maria Tudor folgte bereits in den ersten Jahren von Elisabeths Regentschaft die erneute Trennung der englischen Staats- von der römisch-katholischen Kirche. Die Bildung von Mythen, die die Herrschaft der Tudor-Dynastie zu legitimieren versuchten, erreichte ihren Höhepunkt und spiegelte sich bis in die Kunst wider. Darüber hinaus intensivierte England auch seine überseeischen Aktivitäten, segelten Kaufleute bis nach Guinea und in die Karibik, handelten mit Gold und Elfenbein.1 In jene Zeit fällt auch die Aufnahme von Beziehungen zu den Moskauer Großfürsten. In erster Linie aus wirtschaftlichen Interessen reisten Engländer ab Mitte des 16. Jahrhunderts nach „Muscovy“, wie der frühneuzeitliche russische Staat im elisabethanischen England meist genannt wurde.2 Ein 1  Vgl. Michael Maurer: Kleine Geschichte Englands. Bonn 2007, S. 123 f., 130, 141–148. Zur Rolle der Kunst für die Identitätsbildung im elisabethanischen England vgl. Peter Womack: Imagining Communities. Theatres and the English Nation in the Sixteenth Century. In: David Aers (Hrsg.): Culture and History 1350–1600. Essays on English Communities, Identities and Writing. New York, NY u. a. 1992, S. 91–145. 2  Ein weiteres Wort für das Russland der Frühen Neuzeit war „Russia“. Während Giles Fletcher beide Begriffe inhaltlich voneinander abgrenzte, bemerkt der Historiker Ruffmann, sie seien im elisabethanischen England in der Regel synonym ver-

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relativ kleiner Teil von ihnen hinterließ Berichte über diese Region, die für den Großteil der Westeuropäer noch eine „terra incognita“3 bildete. Von dieser ohnehin geringen Anzahl von Quellen gingen nur wenige über bloß geschäftsmäßige Notizen hinaus; ein Blick auf das Russlandbild der Autoren bleibt somit in den meisten Fällen verwehrt.4 Das Werk des englischen Gesandten Giles Fletcher (um 1548–1611), die 1591 erschienene Abhandlung Of the Russe Common Wealth5 sticht aus dem Fundus englischsprachiger Reiseberichte vor allem deshalb heraus, weil es einen weitreichenden Überblick über die russische Lebenswelt bietet, wobei allerdings die Politik stark im Vordergrund steht. Der vorliegende Beitrag wird sich in erster Linie mit dem Herrschaftsbild befassen, das Fletcher in seinem Bericht zeichnet, und das gleichzeitig Rückschlüsse auf die Haltung des Autors zur Politik Elisabeths I. erlaubt. Zunächst soll allerdings ein Überblick über den Beginn der russisch-englischen Beziehungen sowie über Fletchers Werdegang gegeben werden, um sein Werk kontextualisieren zu können. II. Die englisch-russischen Beziehungen im 16. Jahrhundert Noch in der Mitte des 16. Jahrhunderts war das heutige Russland sogar seinen westlichen Nachbarn weitestgehend fremd. Der Grund dafür lag vor allem in der langen Isolation der Region vom Westen, die nach der Eroberung des Kiever Rus durch die Goldene Horde um 1237 einsetzte und über 200 Jahre anhielt.6 Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts, unter dem Moskauer Großfürsten Iván III. Vasíl’evič (1440–1505), intensivierten sich die wendet worden. Vgl. Karl-Heinz Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares. Göttingen 1952, S. 57. 3  Stéphane Mund: Orbis Russiarum. Genèse et développement de la répresentation du monde „russe“ en Occident à la Renaissance. Genf 2003, S. 41. 4  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 49. 5  Die Grundlage für den vorliegenden Beitrag bildete dabei die von Edward A. Bond 1856 herausgebrachte und 1967 neu aufgelegte Fassung. Vgl. Giles Fletcher: Of the Russe Common Wealth. Or, Maner of Governement by the Russe Emperour (commonly called the Emperour of Moskovia) with the manners and fashions of the people of that Countrey. Herausgegeben von Edward Augustus Bond. Nachdruck der Auflage 1856. New York, NY 1967. 1906 erschien in Sankt Petersburg eine Übersetzung ins Russische. 6  Vgl. Günther Stökl: Das Bild des Abendlandes in den altrussischen Chroniken. In: Ders.: Der russische Staat im Mittelalter und früher Neuzeit. Ausgewählte Aufsätze aus Anlaß seines 65. Geburtstages. Hrsg. von Manfred Alexander, Hans Hecker und Maria Lammich. Wiesbaden 1981, S. 218–254, hier: 236.



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Kontakte zwischen Russland und Westeuropa. Erste russische Gesandte reisten nach Dänemark oder Italien.7 Umgekehrt gelangten auch immer mehr Westeuropäer nach Russland. Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl Siegmund von Herberstein (1486–1566), der in Moskau im Namen Habsburgs um Unterstützung gegen die Türken bitten sollte. Über die diplomatischen Beziehungen hinaus sind auch die polnischen und deutschen Händler erwähnenswert, die in Nóvgorod russische Pelze kauften, ebenso wie Fachkräfte aus dem deutschsprachigen Raum und dem heutigen Ita­ lien, darunter Kanonenbauer, Ärzte, Architekten und Münzer.8 Diese ersten Kontakte waren in der Regel jedoch flüchtig, und die Vorstellungen der meisten Westeuropäer über Russland blieben meist auf märchenhafte Erzählungen beschränkt.9 Das Aufleben der englisch-russischen Kontakte erfolgte schließlich mehr durch Zufall denn als direkte Folge gegenseitigen Interesses. Anfang der 1550er Jahre sah sich der englische Textilmarkt, der bis dahin 80 Prozent der Exporterlöse ausgemacht hatte, einer Absatzkrise gegenüber.10 Den krisengeschüttelten Händlern blieb nichts anderes übrig, als nach neuen Absatzmärkten zu suchen. Angespornt von den Handelserfolgen portugiesischer und spanischer Seefahrer rüsteten sie 1553 eine Expedition aus, die einen nördlichen Seeweg nach China auskundschaften sollte. Das Unternehmen verfehlte sein eigentliches Ziel: Zwei der entsandten Schiffe gingen mitsamt ihrer Besatzungen verloren, den Seeweg nach Fernost entdeckten auch die übrigen nicht. Stattdessen erreichte eines der Schiffe die Mündung der Nördlichen Dvina ins Weiße Meer.11 Ein Treffen mit dem russischen Herrscher entschädigte für die eigentlich gescheiterte Expedi­ tion: Iván IV. Vasíl’evič (1530–1584) gab dem Kapitän, Richard Chancellor († 1556), einen Brief mit auf den Weg, der die Engländer zur Aufnahme weiterer Beziehungen einlud und darüber hinaus den englischen Kaufleuten weitreichende Handelsprivilegien im gesamten russischen Herrschaftsbereich versprach.12 7  Vgl.

ebd., S. 247 f. Kit Mayers: North-east passage to Muscovy. Steven Borough and the first Tudor explorations. Stroud 2005, S. 113 f.; Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 28. 9  Vgl. ebd., S. 41. Zum Einfluss Herbersteins auf das englische Russlandbild im 16. Jahrhundert vgl. Samuel H. Baron: Herberstein and the Englisch „Discovery” of Muscovy. In: Terrae Incognitae 18 (1986), S. 43–54. 10  Vgl. Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 1 ff.; Thomas Stuart Willan: The Muscovy Merchants of 1555. Manchester 1953, S. 23. 11  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 11. 12  Vgl. Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 75 f. 8  Vgl.

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Bereits 1555, ein Jahr nach Rückkehr der Expeditionen, setzte das erste Handelsschiff die Segel.13 Die englischen Kaufleute hatten zuvor eine Handelsgesellschaft, die Muscovy Company, gegründet. Im Rahmen dieser zweiten Fahrt konnten die Engländer ihre bevorzugte Handelsposition weiter ausbauen: Der Zar gewährte der Muscovy Company bereits im selben Jahr „neben dem Recht auf eigene Jurisdiktion ungehinderten Handel in allen Teilen Russlands bei völliger Zoll- und Abgabefreiheit“.14 Der Handel mit Russland gestaltete sich für die Company dank dieser Privilegien durchaus lukrativ. Der englische Russlandhandel erlebte „zwischen 1560 und 1580 seine erste Blütezeit […]“.15 Zunächst war die Muscovy Company in erster Linie an Pelzen, Öl, Talg, Flachs und Kaviar inter­ essiert; mit dem Aufbau der englischen Flotte wurden aber später auch Materialien für den Schiffbau zunehmend wichtig.16 Im Gegenzug lieferten die englischen Schiffe Tuche, Waffen, verschiedene Metalle und Umschlagwaren aus Südeuropa.17 Neben dem Handel mit Moskau versuchten die Kaufleute der Muscovy Company weiterhin, ihre Waren nach Asien zu exportieren. Russland sollte dabei als Transitweg dienen. Einigen englischen Expeditionen gelang tatsächlich die Reise bis nach Persien. Der Handel mit dem Orient blieb aber nicht von Dauer,18 so dass Russland weiterhin in erster Linie als Handelspartner von Bedeutung blieb. Die Erfolge der Muscovy Company in den ersten Jahren nach ihrer Gründung konnten freilich nicht über einige Probleme hinwegtäuschen. So sahen die Händler im Moskauer Staat die Engländer als lästige Konkurrenten und begegneten ihnen entsprechend misstrauisch bis feindselig.19 Weitaus bedeutendere Probleme ergaben sich allerdings aus den unterschiedlichen Interessen von russischem Zar und englischen Kaufleuten. Letztere waren Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 77. Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 11. 15  Ebd., S. 12. 16  Vgl. Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 116; Harms Mentzel: „So wie einst die Königin von Saba kam nach Jerusalem.“ Über die Annäherung zwischen englischen Geistlichen und ihrem Gast Zar Peter I. In: Otfried Dankelmann (Hrsg.): Entdeckung und Selbstentdeckung. Die Begegnung europäischer Reisender mit dem England und Irland der Neuzeit. Frankfurt am Main 1999, S. 71–110, hier: 79. 17  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 13. 18  Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einerseits war die weite Reise keineswegs ungefährlich, neben Räuberbanden und Bürgerkriegen setzte auch das Klima den Engländern zu. Als Persien schließlich 1580 von den Türken erobert wurde, kam der Handel der Company mit dem Orient gänzlich zum Erliegen. Vgl. ebd., S. 14. 19  Vgl. Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 30. 13  Vgl.

14  Ruffmann:



Das Russlandbild des englischen Gesandten Giles Fletcher

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lediglich an profitablen Geschäften interessiert. Iván IV. dagegen sah in einer Annäherung an England vor allem politische Chancen. Zu diesem Zweck entsandte der Zar bereits 1556 einen Botschafter nach London. Sein Auftrag war es, Elisabeth I. zu einem Defensiv- und Offensivbündnis zu überreden. Diese Allianz hätte die russischen Expansionsversuche nach Westen mit Sicherheit bedeutend vereinfacht.20 Allerdings war die Königin lediglich daran interessiert, die privilegierte Stellung der englischen Händler zu erhalten. Sie hatte kein Interesse daran, sich in die außenpolitischen Angelegenheiten des Zaren verwickeln zu lassen. Um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden, aber dennoch die Handelsbeziehungen mit dem Moskauer Staat zu erhalten, spielte Elisabeth auf Zeit und verschleppte die Verhandlungen immer wieder, so dass ein Bündnis mit dem Zaren nie zustande kam. In anderen Punkten dagegen zeigte sie sich nachgiebiger. So entsandte sie einige gut ausgebildete Schiffsbauer und Mediziner an den russischen Hof. Außerdem versprach sie Iván IV. in einem geheimen Brief, sie würde ihm in England Asyl gewähren, sollte er zur Flucht aus Moskau gezwungen sein.21 Die zurückhaltende Politik der Königin enttäuschte offensichtlich die Erwartungen Iváns IV. So beschwerte er sich 1572 über einen der englischen Gesandten: „[…] all his talke with us was about merchant affaires, and nothing touching ours […]“22. Die Handelsagenten der Muscovy Company bekamen die Unzufriedenheit des Zaren ein ums andere Mal zu spüren. So entzog er den Händlern der Company 1570 sämtliche zuvor gewährten Rechte mit der Begründung, seine eigenen Interessen fänden keine ausreichende Berücksichtigung.23 Auch die Nachfolger Iváns IV. zeigten sich keineswegs immer zufrieden mit den Beziehungen zur englischen Krone: Im Jahr 1588 steckte beispielsweise Borís Fëdorovič Godunóv (1552–1605), der seit 1587 faktisch die Geschicke des Staates lenkte, in Verhandlungen mit dem König von Spanien, Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 123 f. ebd. 22  Zit. n. Edward A. Bond: Russia at the close of the sixteenth century. Compris­ ing the treatise ,Of the Russe Common Wealth‘ by Giles Fletcher and ,The Travels‘ of Sir Jerome Horsey, now for the first time printed entire from his own manuscript. Nachdruck der Ausgabe von 1856. New York, NY 1967, S. XXXI. 23  Kit Mayers gibt als einen möglichen Grund für diese harsche Reaktion an, die Königin habe zuvor ein Heiratsangebot des Zaren abgelehnt. Ob es ein solches Angebot aber tatsächlich gegeben hat, lässt sich nicht eindeutig beweisen. Als gesichert gilt hingegen, dass sich Iván IV. später um die Hand einer Nichte Elisabeth I. bemühte. Allerdings schlug auch dieses Heiratsprojekt fehl. Vgl. Mayers: North-east passage (wie Anm. 8), S. 124 f.; Ruslan G. Skrynnikow: Iwan der Schreckliche und seine Zeit. München 1991, S. 279. 20  Vgl. 21  Vgl.

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Philipp II. (1527–1598). Ziel der Spanier war eine Allianz mit Moskau. Angesichts der Thronstreitigkeiten Englands mit Spanien wäre ein Zustandekommen dieser Allianz ein herber Schlag für Elisabeth I. gewesen. Erst als die spanische Armada von der englischen Marine geschlagen worden war, ließ Moskau wieder von der Idee eines spanisch-russischen Bündnisses ab, erschien England nach diesem Sieg doch als weit wertvollerer Partner.24 Wenngleich sich die Beziehungen zwischen England und Russland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu intensivieren begannen – England wurde sogar zu einem der wichtigsten okzidentalen Partner Moskaus –25, so blieb das Russlandbild der meisten Engländer doch unscharf. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Einerseits war die Zahl der Russlandreisenden weiterhin relativ klein. Zum Zweiten interessierten sich die Händler in der Regel nur für bestimmte Aspekte der russischen Wirtschaft und konnten sich außerdem keineswegs völlig frei im Moskauer Staat bewegen. Gleichzeitig blieb auch das Interesse der englischen Politik an Russland eher gering. Mehr als einige allgemeine Landesbeschreibungen waren trotz der gestiegenen Bedeutung Russlands für die englische Wirtschaft schlichtweg nicht nötig.26 Umgekehrt blieb aber auch der Einfluss der englischen Kaufleute auf das russische Wirtschaftsleben eher gering. So ist bemerkt worden, dass die Engländer, obgleich sie die größte Ausländergruppe im Russland des 16. Jahrhunderts stellten, einen geringeren Einfluss hatten als beispielsweise die Holländer im darauffolgenden Jahrhundert.27 Die privilegierte Stellung der Muscovy Company in Russland nahm schließlich noch vor der Jahrhundertwende ein Ende, zum einen weil sich der Schwerpunkt englischer Handelsinteressen zunehmend in die Neue Welt verlagerte, zum anderen, weil auch dem Zarenreich inzwischen daran gelegen war, das Handelsmonopol der Engländer aufzulösen.28

24  Vgl.

VIII.

Bond: Russia at the close of the sixteenth century (wie Anm. 22), S. LXX-

Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 27. Mentzel: Über die Annäherung (wie Anm. 16), S. 79. 27  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 47. 28  Nach dem Verlust der Hafenstadt Narva im Jahr 1581 blieb Russland nur noch ein einziger Handelsweg zur See, nämlich über die eigene Nordküste. Es lag daher nicht im Interesse Moskaus, der Muscovy Company weiterhin das Handelsmonopol auf dieser Route zu gewähren. Darüber hinaus waren andere Händler im Moskauer Staat beliebter, weil sie – ganz im Gegensatz zu den Engländern – Zölle an den Zaren zahlten. Vgl. ebd., S. 21. 25  Vgl. 26  Vgl.



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III. Giles Fletchers Reise nach Russland und die Entstehung seines Werkes Of the Russe Common Wealth Giles Fletcher wurde vermutlich um 1548 als Sohn eines Pfarrers in Hertfordshire geboren und war darüber hinaus Mitglied einer nicht unbekannten englischen Literatenfamilie. Er besuchte von 1561 bis 1565 das Eton College, im Anschluss studierte er in Cambridge, wo er 1581 einen Doktortitel in Jura erwarb.29 Ab 1582 war er als Beamter in der kirchlichen Verwaltung tätig und hatte für zwei Jahre, 1584 und 1585, einen Sitz im englischen Parlament inne. Hier traf er erstmals auf Thomas Randolph (1523–1590) und Francis Walsingham (1532–1590), die sowohl der Muscovy Company als auch der Königin nahe standen. Diese Bekanntschaft brachte Fletcher schließlich einen Posten in der Londoner Stadtverwaltung ein, ebenso wie eine Reihe diplomatischer Missionen, unter anderem in den Niederlanden und Schottland.30 Fletchers Entsendung nach Russland erfolgte 1588. Sein Auftrag als königlich-englischer Sondergesandter war es, der Muscovy Company weitere Privilegien zu beschaffen und den Russlandhandel, der nach dem Tod Iváns IV. kurzfristig zum Erliegen gekommen war, wieder zu beleben. Zuvor hatte der Gesandte Jerome Horsey (um 1550–1626) bereits einige Vorarbeit geleistet; Fletcher sollte nun die Verhandlungen endgültig abschließen.31 Insgesamt blieb er acht Monate lang in Russland – davon fünfeinhalb in Moskau –32 und erzielte am Ende ein Abkommen, das den englischen Interessen genügte: Der Company wurden einige alte Sonderrechte von neuem gewährt, darüber hinaus garantierte Borís Godunóv den englischen Händlern ein erhöhtes Maß an Rechtssicherheit.33 Trotz dieses Erfolges blieb Fletcher der Aufenthalt in Russland alles andere als in guter Erinnerung. In einem kurzen Bericht klagte er später darüber, dass er sich vor allem zu Beginn seiner Gesandtschaft mehr als Gefangener denn als Botschafter sah: „I was placed in an howse verie unhandsoom, unholsoom, of purpose (as it seemed) to doe me disgrace, and to hurt Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 179–185. ebd., S. 187 f.; Bond: Russia at the close of the sixteenth century (wie Anm. 22), S. CXX f. 31  Vgl. ebd., S. LXXV. 32  Vgl. Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 192. 33  Den Gedanken an eine Sonderstellung wie noch kurz nach der Entdeckung des neuen Seewegs nach Russland hatten inzwischen auch die Engländer aufgegeben. Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S.  21 f. 29  Vgl.

30  Vgl.

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my health, whear I was kept as prisoner, not as an ambassadour.“34 Fletcher durfte weder Briefe nach England abschicken, noch war ihm eine Audienz mit dem Zaren oder Godunóv vergönnt.35 Eine ganze Reihe von Gründen dürfte für die kühle Haltung gegenüber dem englischen Gesandten infrage kommen. Zum Ersten steckte Moskau 1588 noch mitten in den Verhandlungen über ein mögliches Bündnis mit der spanischen Krone. Darüber hinaus besaß Fletcher zunächst nicht dasselbe Vertrauen am russischen Hof wie sein Vorgänger Horsey, der zu Borís Godunóv ein außergewöhnlich enges Verhältnis aufbauen konnte. Gegenüber der Company wurden wiederholt Vorwürfe laut, die Kaufleute würden die ihnen zugestandenen Privilegien ausnutzen und mißbrauchen. Fletcher selbst verschlimmerte die ohnehin komplizierte Lage noch dadurch, dass er sich bei der ersten Audienz im Dezember 1588 weigerte, den vollen Titel des Zaren auszusprechen – ein Affront, der nicht unbeantwortet blieb.36 Der unerwartet schwierige Verlauf der Verhandlungen könnte für Fletcher schließlich auch den Anstoß gegeben haben, seine Beobachtungen zu notieren – der Gesandte versuchte sich sozusagen die Zeit damit zu vertreiben, das Land besser kennenzulernen. Freilich war Fletcher während seines Aufenthalts in Moskau weitestgehend isoliert vom russischen Alltagsleben, sodass er nur in beschränktem Maße Zugang zu Informationen aus erster Hand besaß. Als besonders günstig erwies sich jedoch ein längerer Aufenthalt in Vólogda, das weit genug von Moskau entfernt war, um sich als Ausländer unbeobachtet und frei bewegen zu können. Außerdem lernte Fletcher auf der Rückreise Horsey und Anthony Marsh († um 1625) kennen, die beide für die Muscovy Company tätig waren und entsprechend gute Kenntnisse des Moskauer Staates für sich in Anspruch nehmen konnten. Die Gespräche mit Horsey und Marsh dürften damit eine weitere wichtige Quelle für Fletcher dargestellt haben. Marsh hatte zuvor für veritable Spannungen in den Handelsbeziehungen gesorgt, als er sich u. a. von Godunóv hohe Geldsummen geliehen hatte, ohne einer Aufforderung zur Begleichung seiner Schulden nachzukommen. Die Auswirkungen dieser „Affäre Marsh“ waren ein weiterer wichtiger Grund für die Entsendung Fletchers nach Moskau.37 34  Giles Fletcher: Account by Dr. Giles Fletcher of his embassy to the court of Russia, 1588, 1589. In: Bond: Russia at the close of the sixteenth century (wie Anm. 22), S. 342–351, hier: S. 343 f. 35  Vgl. ebd. 36  Vgl. Bond: Russia at the close of the sixteenth century (wie Anm.  22), S. LXXVL; Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 193. 37  Vgl. ebd., S. 213 f. Siehe dazu auch Samuel H. Baron: Fletcher’s mission to Moscow and the Anthony Marsh affair. In: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 46 (1992), S. 107–130.



Das Russlandbild des englischen Gesandten Giles Fletcher

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Dessen Aufzeichnungen über seine Erlebnisse erschienen schließlich 1591 unter dem vollen Titel Of the Russe Common Wealth or manner of governement by the Russe Emperour, (commonly called the Emperour of Moscovia) with the manners, and fashions of the people of that countrey. Der Titel könnte bewusst in Anspielung auf ein 1584 in England erschienenes Buch mit dem Titel The Commonwealth of England, and manner of government thereof gewählt worden sein – einem Werk, das die Regierung Elisabeths I. in höchsten Tönen lobt.38 Fletchers Schrift geht inhaltlich freilich über eine bloße Beschreibung der russischen Regierung hinaus, bietet vielmehr einen weitreichenden Überblick. In insgesamt 28 Kapiteln beschreibt der Gesandte das Land geografisch und wagt vor allem politische und gesellschaftliche Betrachtungen. Fletchers Beschreibungen sind dabei keineswegs objektiv, im Gegenteil: Die negativen Erfahrungen, die der Gesandte mit den Bojaren in Moskau gemacht hatte, haben auch seine persönliche Meinung über das Zarenreich und dessen Bewohner nicht unberührt gelassen. Fletchers Intention geht aus der Widmung des Werkes an Königin Elisabeth hervor. Er stellt bereits in den ersten Zeilen die russische der englischen Regierungsweise gegenüber und erläutert anschließend: „[…] it may give just cause to my selfe, and other your majesties faithfull subjects, to acknowledge our happines on this behalfe, and to give God thankes for your majesties most prince-like and gracious government; as also to your Highnesse more joy and contentment in your royall estate […]“39. Fletcher hatte also nicht nur das Ziel, seine Beobachtungen festzuhalten, er wollte mit seiner Darstellung letztlich auch die gerechte Regierung der englischen Königin unterstreichen. Wohl aus diesem Grund widmet er sich in Of the Russe Common Wealth sehr ausführlich politischen Themen – allem voran der Herrschaft des Zaren, die er sehr deutlich als Gegenbild zur Regentschaft Elisabeths I. hervorhebt. IV. Fletchers Russlandbild in seinem Werk Of the Russe Common Wealth Der russischen Rechtspflege widmet der gelernte Jurist Fletcher ein längeres Kapitel. Er hebt dabei insbesondere hervor, dass es dem Moskauer Staat an einem Gesetzbuch fehle und Kläger wie Angeklagte damit der Willkür der örtlichen Behörden ausgeliefert seien: „They have no written law, save onely a smal booke, that conteineth the time and manner of their 38  Vgl.

Mund: Orbis Russiarum (wie Anm. 3), S. 179, 215 f. Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), o. S.

39  Fletcher:

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sitting, order in proceeding, and such other juridicial forms and circumstances; but nothing to direct them to give sentence upon right or wrong. Their onely law is their speaking law, that is, the pleasure of the prince, and of his magistrates and officers.“40 Besonders schockiert zeigt sich Fletcher über die Brutalität des russischen Strafrechts. Die Vernehmung von Angeklagten erfolge einzig und allein durch Folter.41 Die so gewonnenen Aussagen würden anschließend nach Moskau geschickt, wo der zuständige Fürst sein Urteil fälle, ohne den Angeklagten je persönlich gesehen oder gesprochen zu haben. Überdies genieße der Adel Sonderrechte gegenüber dem Volk: Während ein einfacher Mann mit dem Tode bestraft würde, kämen die Bojaren sogar bei Mord in aller Regel mit einer Gefängnisstrafe davon. Der Mord an Leibeigenen werde überhaupt nicht bestraft.42 Was die Ausführung der Todesstrafe selbst anbelangt, so stellt Fletcher fest: „Their capitall punishmentes are hanging, hedding, knocking on the head, drowning, putting under the yse, setting on a stake, and such like. But, for the most part, the prisoners […] are kept for the winter, to be knockt in the head and put under yse.“43 Insgesamt betrachtet Fletcher das russische Rechtswesen – von der Beweisaufnahme über die Urteilsfindung bis hin zur Durchsetzung des Urteils – durchweg negativ. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang allerdings, dass er damit nicht nur unter seinen Zeitgenossen der einzige Vertreter dieser Meinung ist, sondern seine Beobachtungen schlichtweg nicht den damaligen Tatsachen entsprechen. So war beispielsweise das russische Recht bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter Iván III. kodifiziert worden.44 Davon hatten auch andere Russlandreisende Kenntnis, unter ihnen beispielsweise Jerome Horsey, der über Iván schreibt: „This Emperour reduced the ambiguities and uncertainties of their laws and pleadings into a most perspicuous and plain forme of a written lawe […].“45 Einige englische Russlandreisende des 16. Jahrhunderts kommen in ihren Darstellungen, ganz anders als Fletcher, zu einer positiven Bewertung des russischen Rechtssystems. So lobte Richard Chancellor beispielsweise, das Rechtswesen im Moskauer Staat sei bedeutend schneller und einfacher als 40  Fletcher:

Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5). ebd., S. 70. 42  Vgl. ebd., S. 68 f. 43  Ebd., S. 69. 44  Vgl. Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), S.  199 f. 45  Zit. n. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 91. 41  Vgl.



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das englische, dessen Kompliziertheit „eine erfolgreiche Prozessführung ohne Anwaltshilfe unendlich erschwere und oft sogar unmöglich mache“.46 Auch die Strafen für Kriminelle bezeichnet er im Vergleich zu England als eher milde. Nach diesen Kriterien sei also vielmehr das englische Rechtssystem ungerecht oder ineffizient, nicht das russische. Freilich ist Fletchers Kritik nicht gänzlich unberechtigt. So missbilligten seine Zeitgenossen ebenfalls die Tradition des Kreuzküssens an Stelle eines Eides, ebenso wie die des Loseziehens zur Urteilsfindung bei zivilrechtlichen Prozessen.47 Bereits bei der Darstellung des Rechtssystems betont Fletcher die hervorgehobene Rolle des Zaren, der in juristischen Fragen immer das letzte Wort habe.48 Tatsächlich war es das zentrale Anliegen Fletchers, den Despotismus der russischen Herrscher darzustellen. Bereits in seiner Widmung an die Königin stellt er fest: „In their maner of government, your Highnesse may see both a true and strange face of a tyrannical state […].“49 Diese Ansicht manifestiert sich bei Fletcher in der Beschreibung einiger Mitglieder des Zarengeschlechts. So sagt er dem früheren Zaren Iván IV. einen Hang zur Gewalt nach und belegt dies sogleich damit, dass Iván seinen ältesten Sohn erschlagen habe. Fletcher sieht in der – vom Zaren freilich nicht beabsichtigten – Tötung des Thronfolgers gleichzeitig eine Strafe Gottes, die am Ende auch den Tod Iváns zur Folge hat: „Wherein may be marked the justice of God, that punished his delight in shedding of bloud with this murder of his sonne by his owne hand, and so ended his dayes and tyrannie together, with the murdering of himselfe by extreame griefe, for this his unhappie and unnaturall fact.“50 Auch beim sechsjährigen Dmítrij Ivánovič (1582–1591), dem jüngeren Bruder des Zaren Fëdor I. Ivánovič (1557–1598), sei diese rohe und gewalttätige Ader bereits zu beobachten, schreibt Fletcher: „[…] the fathers qualitie […] beginneth to appeare already in his tender yeares. He is de­light­­ed (they say) to see sheepe and other cattel killed […] and to beate geese and hennes with a staffe till he see them lie dead.“51 Fletcher teilt außerdem mit, Iván IV. hätte während seiner Herrschaft des Öfteren seine Macht über Leben und Tod demonstriert, indem er offenbar willkürlich Menschen zum 46  Ebd.,

S. 92. ebd. 48  Vgl. Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 28 f. 49  Vgl. ebd., o. S.  50  Ebd., S. 21. Vgl. im Zusammenhang auch Samuel H. Baron: Ivan the Terrible, Giles Fletcher and the Muscovite Merchantry. A Reconsideration. In: The Slavonic and East European Review 56 (1978), S. 563–585. 51  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 22. 47  Vgl.

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Tode verurteilte: „[…] in his walkes or progresses, if hee had misliked the face or person of any man whom hee met by the way, or that looked upon him, [he] would command his head to be strook off.“52 Ob der offizielle Thronfolger Fëdor I. selbst ebenfalls diese brutale Ader in sich trug, teilt Fletcher dem Leser nicht direkt mit. Seine relativ kurz gehaltene Beschreibung des Zaren zeichnet allerdings vielmehr das Bild eines regierungsunfähigen Thronfolgers – wahrscheinlich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Schattenherrschaft Godunóvs. Fëdor sei von kleiner Statur, habe einen fahlen Teint und einen unsteten Gang. Sein Gemüt sei allerdings recht heiter, er lächle sehr viel und sei auch durchaus höflich. Was aber seine Führungsqualitäten anbelange, so bezeichnet ihn Fletcher als einen Begriffsstutzigen, der kein großes Interesse für die Politik erkennen lasse.53 Zum Staatswesen selbst bemerkt Fletcher: „The manner of their government is much after the Turkish fashion […].“54 Bereits der Vergleich mit dem unchristlichen türkischen Staat weckt negative Assoziationen. Freilich formuliert Fletcher seine Kritik noch weitaus deutlicher und betont vor allem, dass die gesamte Regierung letztlich vollkommen auf den Zaren oder seinen Rat zugeschnitten sei: „Concerning the principall pointes and matters of state, […] they doo so wholy and absolutely pertaine to the emperour, and his counsell under him, as that hee may be saide to be both the soveraine commaunder, and the executioner of all these.“55 Die Regierungsgewalt liege also in den Händen weniger Personen in Moskau. Dieser Zentralismus gehe sogar so weit, fährt Fletcher fort, dass der Zar die regionalen Machthaber persönlich in ihre Ämter einsetze.56 Den Eindruck einer absoluten Herrschaft des Zaren verstärkt Fletcher noch weiter, indem er die russische Zemskij Sobor beschreibt, eine Art Reichs- oder Landesversammlung. Fletcher begeht an dieser Stelle den Fehler, diese Institution mit der des englischen Parlaments vergleichen zu wollen.57 Entsprechend harsch fällt auch hier seine Kritik aus. Zum einen bemängelt er die Zusammensetzung der Zemskij Sobor. Zu den Versammlungen seien der Zar, die Adligen aus 52  Fletcher:

Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 28. ebd., S. 144. 54  Ebd., S. 26. 55  Ebd. 56  Fletcher merkt an dieser Stelle richtigerweise an, dass diese Aufgabe zum Zeitpunkt seiner Russlandreise von Borís Godunóv erledigt werde. Vgl. ebd., S. 28, 42. 57  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S.  87 f. 53  Vgl.



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seinem Rat und einige Vertreter des russischen Klerus zugelassen. Diese seien ohnehin dem Zaren treu ergeben. Es fehlten hingegen „burghers or other to represent the communitie“58, also echte Vertreter aus der Mitte des Volkes. Entsprechend zweifelt Fletcher auch an der Handlungsfähigkeit dieser Versammlung und stellt fest: „For to propound bils what every man thinketh good for the publike benefite (as the manner is in England), the Russe parliament knoweth no such custome nor libertie to subjects.“59 Ein Diskurs finde nicht statt, vielmehr vertrauten die Versammlungsmitglieder auf die Weisheit und Erfahrung des Zaren und seines Rates. Statt dem Zaren mit klugem Rat zur Seite zu stehen, unterstützten sie ihn im stillen Gebet, spottet Fletcher und meint damit wohl vor allem die in der Zemskij Sobor vertretenen Geistlichen.60 Ähnlich harsch fällt auch seine Kritik zur Bojarenduma aus, die er mit dem englischen Oberhaus verglich:61 „The emperours of Russia give the name of counsellour to divers of their chiefe nobilitie, rather for honors sake then for any use they make of them about their matters of state. […] If they come, they are rather to heare then to give counsel […]“62. Auch die Duma verfüge also über keinerlei echtes Mitspracherecht in politischen Fragen. Dabei muss man wissen, dass die Duma noch unter Iván IV. relativ häufig einberufen worden war. Ihre Schwäche während der Regierungszeit Fëdors I. kann man wohl darauf zurückführen, dass Borís Godunóv seine politische Konkurrenz innerhalb dieser Institution bereits ausgemerzt hatte und Politik in einem kleinen und vertraulichen Kreis betrieb.63 Fletcher konnte die harsche Kritik an Duma und Sobor vor allem deshalb üben, weil der Parlamentarismus in England seinerzeit bereits eine über Jahrhunderte gepflegte Tradition darstellte.64 Das Parlament galt als „the most high and absolute power of the realm“65 und hatte neben dem Recht, die Steuern festzulegen auch eine wichtige Rolle innerhalb der Gesetzgebung inne. Zwar konnte nur der Monarch das Parlament überhaupt einberufen, und auch die von den Parlamentariern eingebrachten Gesetzesentwürfe traten erst mit königlichem Einverständnis in Kraft. An der Wertschätzung, 58  Fletcher:

Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 29. S. 30. 60  Vgl. ebd., S. 30 f. 61  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 89. 62  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 46 f. 63  So Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm.  2), S.  89 f. 64  Vgl. ebd. S. 87. 65  Zit. n. Penry Williams: The later Tudors. England 1547–1603. 2. Aufl. Oxford 2002, S. 135. 59  Ebd.,

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die das Parlament unter den Engländern erfuhr, änderte das aber nichts. Besonders modern gibt sich Fletcher bei der Äußerung des Gedankens, das Parlament solle das gesamte Volk repräsentieren. Diese Idee war erst im Laufe des 16. Jahrhunderts aufgekommen.66 Vor dem Hintergrund, dass sich in England bereits ein funktionsfähiger Parlamentarismus entwickelt hatte, erstaunt es wenig, dass Giles Fletcher in der Zemskij Sobor nichts als eine Farce zu sehen vermochte, in der nur beschlossen wird, „was der Car will, was er schon vorher festgelegt hat und was er nun lediglich der Form halber dem Sobor zur Bestätigung vorlegt.“67 Freilich hält Fletcher bei der Beschreibung der politischen Institutionen im Moskauer Staat noch nicht inne, sondern setzt seine Darstellung vielmehr mit deren Wirken in der Praxis fort. Hier wird vor allem die Allmacht des russischen Adels gegenüber dem einfachen Volk hervorgehoben. Diese große Macht sei eine Folge der relativ geringen Anzahl hoher Adliger und gebe ihnen „a kinde of injust and unmeasured libertie to commaund and exact upon the commons and baser sort of people in all partes of the realme where so ever they come, specially in the place where their landes lye, or where they are appoynted by the emperour to gouerne under him […]“68. Der Zar übertreffe die anderen Fürsten aber bei Weitem, denn „both nobilitie and commons are but storers for the prince, all running in the ende into the emperours coffers: as may appeare by the pratise of enriching his treasurie, and the manner of exactions set downe in the title of his customes and revenues.“69 Auch in seiner Betrachtung des Kirchenwesens und der Religion wird Fletcher nicht müde, die Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes zu betonen. So nutzten die Klöster den Aberglauben der Menschen aus, indem sie die Russen dazu überredeten, ihr Vermögen zu stiften, was letztlich nur dem Reichtum der Klöster nütze. Diese seien wiederum eine Geldquelle für den Zarenhof.70 Überhaupt findet sich in Of the Russe Common Wealth eine Reihe von Passagen, die den Eindruck erwecken, die hohen Geistlichen würden vom Moskauer Großfürst begünstigt. Umgekehrt legt Fletcher aber auch nahe, die Geistlichkeit sei eine wichtige Machtstütze des Zaren. Er mache sich den Aberglauben der Russen zunutze, um so sein Handeln zu legitimieren.71 Williams: The later Tudors (wie Anm. 65), S. 135 f. Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 89. 68  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 27. 69  Ebd. 70  Vgl. ebd., S. 55 f. 71  In der Tat hebt auch Ruffmann die immense Bedeutung der russischen Orthodoxie für die Machtfülle des Zaren im Staat hervor. Vgl. Ruffmann: Das Russland66  Vgl.

67  Ruffmann:



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Das selbstsüchtige Regieren der Zaren, das Wirtschaften in die eigene Tasche, statt im Sinne des Staates zu handeln, ist nur ein Aspekt der despotischen Herrschaft im russischen Staat, die Fletcher darzustellen bemüht ist. Er führt aber darüber hinaus auch auf, wie skrupellos die russischen Herrscher ihre Macht sicherstellten. Abermals greift er dabei auf das Beispiel Iváns IV. zurück. Die mächtigsten Fürstengeschlechter, von Fletcher mit „nobility“ bezeichnet,72 hätten einst große Autonomie besessen und beispielsweise eine eigene Rechtsprechung innerhalb ihres Herrschaftsgebietes durchsetzen können. Mit der Zeit seien diese Fürsten jedoch immer mehr in Abhängigkeit des Zaren geraten, „till in the end he made them not onelie his vassals, but his […] very villains or bondslaves. […] So that now they holde their authorities, landes, lives and all at the emperours pleasure […].“73 Auch hinter der Angst Iváns IV. vor Verrat erblickte Fletcher offensichtlich in erster Linie den willkommenen Anlass, diese Fürsten zu schwächen. So sei eine Reihe von Adelsgeschlechtern aufgrund des Vorwurfs der Verschwörung gegen den Zaren in Verruf geraten und habe ihre politische und gesellschaftliche Stellung eingebüßt.74 In diesem Zusammenhang kritisiert Fletcher auch die Opričnina, jene aus Angehörigen des Dienstadels zusammengestellte Polizeimacht, die 1565 mit dem Ziel geschaffen worden war, „der Bevormundung durch die Bojarenduma ein Ende zu setzen“75. Die Teilung des Adels in Opričniki und einen gemeinen Adel – zu dem überdies auch die zuvor entmachteten Adelsgeschlechter zählten – nütze letztlich nur dem Zaren. Die Opričniki als loyale Anhänger des Zaren genössen Sonderrechte gegenüber dem übrigen Adel, könnten dessen Mitglieder gar ohne Weiteres töten und würden dennoch straffrei bleiben, denn sie stünden unter dem Schutz des Moskauer Großfürsten.76 Letztlich sieht Fletcher in dieser Bevorteilung einer kleinen Gruppe von Adligen gegenüber anderen Bojaren ein Mittel „to take out of the way such of the nobilitie as himselfe [= der Zar] misliked“77. Freilich übersah Fletcher keineswegs die schwierige politische Lage des Moskauer Staates um 1564 und merkt in seinem Werk bild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 84 f., 130 f. Siehe zu dieser Frage überblickshaft mit weiterführender Literatur Christoph Schmidt: Russische Geschichte 1547–1917. 2. Aufl. München 2009, S. 124–135. 72  Es handelt sich dabei vermutlich um die Geschlechter, die vor dem Aufstieg Moskaus die Herrschaft über die einzelnen Teilfürstentümer innehatten. Vgl. Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 32. 73  Ebd., S.  32 f. 74  Vgl. ebd., S. 33. 75  Skrynnikow: Iwan der Schreckliche und seine Zeit (wie Anm. 23), S. 105. 76  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 33. 77  Ebd., S 34.

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immerhin an, diese gewaltige Angst vor Verrat habe ihren Ursprung in jener Zeit, als sich Moskau durch die Polen und Krimtataren bedroht sah.78 Am Ende seiner Darstellung der russischen Regierungsweise zieht Fletcher nochmals eine vernichtende Bilanz, in der er auch sein Unverständnis darüber äußert, dass seitens der russischen Untertanen keinerlei Gegenwehr zu spüren sei. Gleichzeitig kritisiert er den Zaren, der nicht wie ein christlicher Herrscher handle: „[…] the oppression and slaverie is so open and so great, that a man would marvell how the nobilitie and people shoulde suffer themselves to bee brought under it, while they had any means to avoid and repulse it: or […] how the emperours themselves can be content to practise the same, with so open injustice and oppression of their subjects, being themselves of a Christian profession.“79 Fletchers Urteil über die nahe Zukunft des Landes fällt entsprechend pessimistisch aus. Es sei ein schwieriges Vorhaben, den innenpolitischen Zustand Russlands zu verändern, denn es fehle dem Staat an einer starken und breiten adligen Führungsschicht. Diejenigen Eliten, die vom Zaren in die lokale Verwaltung eingesetzt wurden, besäßen keine wirkliche Autorität und seien wegen ihrer selbstsüchtigen Regierungsweise beim Volk verhasst.80 Fletcher geht sogar so weit, dem Land einen Bürgerkrieg zu prognostizieren, sollte sich die Tyrannei durch Adel und Zar gegen das Volk fortsetzen: „And this […] tyrannous practise […] hath so troubled that countrey, and filled it so full of grudge and mortall hatred ever since, that it wil not be quenched […] till it burne againe into a civill flame.“81 In den Augen Fletchers hat die despotische Herrschaftsweise der Zaren auch direkte Konsequenzen für den Charakter des russischen Volkes: Die Mehrheit der Russen lebe in ständiger materieller Unsicherheit, „very much discouraged by many heavy and intollerable exactions, […] no man account­ ing that which he hath to be sure his own.“82 Sie trügen die finanziellen Belastungen des gesamten Staates allein und hätten dennoch keinerlei Mitbestimmungsrecht, seien im Gegenteil nicht viel mehr als Diener oder Leibeigene der Eliten des Landes. Sinnbild dieses Verhältnisses seien die unterwürfigen Gesten gegenüber dem Adel: „So that when a poore mousick meeteth with any of them upon the high way, he must turne himselfe about, 78  Für eine ausführlichere Darstellung der Opričnina und ihrer politischen Hintergründe vgl. Skrynnikow: Iwan der Schreckliche und seine Zeit (wie Anm. 23), S. 105–119 sowie weiterführend Schmidt: Russische Geschichte (wie Anm. 71), S. 136–141. 79  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 44. 80  Vgl. ebd., S. 42–44. 81  Ebd., S. 34. 82  Ebd., S.  12 f.



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as not daring to looke him on the face, and fall down with knocking of his head to the very ground.“83 Die Angst vor den Bojaren sei allgegenwärtig, niemand traue sich, seinen Besitz offen zu zeigen. Fletcher berichtet von ganzen Dörfern, die leer stünden, weil die Bewohner wegen der horrenden und ungerechten Abgaben geflohen seien. Entsprechend unmotiviert seien die Russen auch, dem Handel nachzugehen, würde ein größerer Gewinn doch nur bedeuten, dass die Gefahr für ihren Besitz – und im schlimmsten Falle auch ihr Leben – wachse. Fletcher schließt daraus, die russische Wirtschaft könne ihre eigentliche Produktivität nicht erreichen, weil es für die einfachen Leute nahezu unmöglich sei, Gewinne zu erwirtschaften.84 Entsprechend unbeliebt, ja geradezu verhasst seien die Bojaren und der Zar bei ihren Untertanen. Er geht gar so weit zu behaupten, die Mehrheit der Russen sehne sich einen Einmarsch feindlicher Truppen – und damit die Befreiung von diesem Joch – geradezu herbei.85 Die despotische Herrschaft führe weiterhin dazu, dass auch die Angehörigen der ärmeren Bevölkerung einander unterdrückten und quälten: „For as themselves are verie hardlie and cruellie dealte withall by their chiefe magistrates and other superiours, so are they as cruell one against an other, specially over their inferiours and such as are under them.“86 Die Folge dieses russischen Wesenszuges sei eine große Zahl von Vergewaltigungen, Morden und Überfällen. Ein Menschenleben sei in Russland nicht sonderlich viel wert, und auch Ausländern gegenüber zeigten die Russen von Zeit zu Zeit ihre hässliche Seite, deutet Fletcher an87 – ein Punkt, in dem er dem Grundton einiger anderer englischer Zeitgenossen eher widerspricht, die in ihren Berichten die Gastfreundschaft der Russen positiv hervorheben.88 Darüber hinaus hielten sie es mit der Wahrheit alles andere als genau: „As for the truth of his word, the Russe for the most part maketh small regard of it, so he may gaine by a lie and breache of his promise. […] the Russe neither beleeveth any thing that an other man speaketh, nor speaketh any thing himselfe worthie to be beleeved.“89 Der vorgeprägte Blick Fletchers wird durch diese Einschätzung einmal mehr bestätigt.

83  Ebd.,

S. 60. ebd., S. 61 f. 85  Vgl. ebd., S. 45, 57. 86  Ebd., S. 151. 87  Vgl. ebd. 88  Vgl. Ruffmann: Das Russlandbild im England Shakespeares (wie Anm. 2), S. 136. 89  Fletcher: Of the Russe Common Wealth (wie Anm. 5), S. 152. 84  Vgl.

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V. Fazit Mit seinem Werk hat Fletcher ein düsteres Bild der Herrschenden im Moskauer Staat gezeichnet. Die russische Despotie sei geprägt durch das Fehlen eines wirklichen Rechtssystems, die Allmacht eines zentralistisch regierenden Zaren und die Selbstbereicherung der regierenden Eliten auf Kosten der einfachen Russen. Der Glaube sei zu einem bloßen Instrument der Politik verkommen, bereicherten sich Klerus und Zar doch, indem sie den Aberglauben des Volkes ausnutzten, statt ihn zu bekämpfen. Als direkte Folgen dieses Gesamtzustandes erkannte Fletcher den wirtschaftlichen und vor allem sittlich-moralischen Verfall des Landes – eine These, die sich durchaus auch als Warnung an die eigenen Landsleute verstehen lässt: Ein despotischer Staat kann nicht prosperieren. Nicht zuletzt deshalb fielen Fletchers Prognosen für die Zukunft Russlands negativ aus, auch wenn er insgeheim darauf hoffte, das Volk würde sich gegen die Unterdrückung durch die Bojaren wehren. Weil aber eine verantwortungsvolle politische Elite vollkommen fehle, könne seine Rettung nur von Außen kommen – beispielsweise durch die Invasion einer fremden Macht. Letztlich ist klar erkennbar, dass das Of the Russe Common Wealth bereits mit der Intention geschrieben worden ist, dem englischen Leser ein Gegenbild zum eigenen Land zu vermitteln. Mit seiner Beschreibung einer barbarisch anmutenden politischen Kultur gelingt Fletcher eben dies: das Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Staat zu erhöhen, indem er in seinem Werk das Bild der Tyrannei und ihrer Folgen darstellt. Dass aufgrund dieser Intention die Wahrheit teilweise auf der Strecke bleiben musste, versteht sich. Des Weiteren dürften auch Fletchers persönliche, nicht sonderlich positiven Erfahrungen in Moskau zu einer verzerrten Wahrnehmung der Tatsachen im Land geführt haben. Der ohnehin von seiner Königin überzeugte Leser in England konnte sich so hinsichtlich seiner eigenen Vorbehalte gegenüber dem Zarenreich bestätigt fühlen.

Musterbeispiel oder Irrweg? Französische Russlandbilder im Zeitalter der Aufklärung unter besonderer Berücksichtigung der Aufzeichnungen des François Auguste Thesby de Belcour Von Martin Munke (Chemnitz) I. Einführung II. Französisch-russische Beziehungen im 18. Jahrhundert 1. Politische und diplomatische Kontakte 2. Wirtschaftliche Kontakte 3. Intellektuelle und kulturelle Kontakte III. Die Russlandbilder der Aufklärungsphilosophen 1. Voltaires Russlandbild 2. Montesquieus Russlandbild 3. Rousseaus Russlandbild 4. Diderots Russlandbild IV. Das Russlandbild des François Auguste Thesby de Belcour 1. Biografische und quellenkritische Notizen 2. Chronologischer Abriss des Russlandaufenthalts 3. Russlandbilder in den Aufzeichnungen des Thesby de Belcour V. Fazit

I. Einführung Das Verhältnis Europas zu Russland war und ist stets ein ambivalentes gewesen. Einander widersprechende Auffassungen von und über Russland erwiesen sich seit jener Zeit als für das europäische Verhältnis zum Zarenreich bestimmend, in der die erste intensivere Annäherung zwischen den beiden Antagonisten stattfand:1 dem 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der 1  Vgl. Frank-Lothar Kroll: Russland und Europa. Historisch-politische Probleme und kulturelle Perspektiven. In: Peter Jurczek / Matthias Niedobitek (Hrsg.): Europäi­ sche Forschungsperspektiven. Elemente einer Europawissenschaft. Berlin 2008, S. 13–58, hier: 14 f. sowie überblickshaft Wolfgang Geier: Russland und Europa. Skizzen zu einem schwierigen Verhältnis. Wiesbaden 1996, S. 77–93. Als Einleitung

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Aufklärung.2 Für Russland steht diese Öffnung nach Westen in engem Zusammenhang mit den beiden prägenden Herrschergestalten dieser Zeit: Pëtr I. (1672–1721, Zar ab 1682) zu Beginn des Jahrhunderts,3 und Ekate­ rína II. (1729–1796, Kaiserin ab 1762) zu seinem Ende hin.4 Die Reformen und die „Europäisierungspolitik“ des ersteren stellten die Beziehungen zum „Westen“ auf eine grundlegend neue Stufe, die für beide Seiten mit besonderen Herausforderungen verbunden war.5 Der Zarin Ekaterína diente die Berufung auf aufklärerische Ideen hauptsächlich der Herrschaftslegitimierung. Gleichwohl ließ sie der persönliche Kontakt mit mehreren führenden, vornehmlich französischen Vertretern der Aufklärung als Prototyp einer „aufgeklärten Herrscherin“ erscheinen.6 Der vorliegende Beitrag will versuchen, die in Frankreich als Ausgangsland der Aufklärung von Russland vorherrschenden Bilder und Vorstellungen zur Frage des Verhältnisses von Russland und Europa vgl. die instruktive Diskus­sion von Larry Wolff und Alexander Yanov: Gehört Russland zu Europa? Ein Briefwechsel. In: Eurozine vom 8. Oktober 2003. Online unter: http: /  / www.eurozine.com /  articles / article_2003-10-08-yanovwolff-de.html (letzter Zugriff: 23.04.2012). – Die Untersuchung beruht in der Hauptsache auf deutsch-, englisch- und französischsprachiger Literatur. Beiträge in anderen Sprachen wie Russisch werden nur ergänzend genannt, wenn in den genannten keine adäquate Literatur verfügbar ist. 2  Zur zeitlichen Eingrenzung des Begriffs „Aufklärung“ siehe beispielsweise Angela Borgstedt: Das Zeitalter der Aufklärung. Darmstadt 2004, S. 1–10 oder Rainer Baasner: Einführung in die Literatur der Aufklärung. Darmstadt 2006, S. 7–11. Die weitgehende Gleichsetzung von „Aufklärung“ und „18. Jahrhundert“ erfolgt beispielsweise mit Werner Schneiders: „[U]nd da sie [= die Aufklärung] wesentlich ins 18. Jahrhundert fällt, heißt dieses (mit einer gewissen zeitlichen Unschärfe) das ,Zeitalter der Aufklärung‘ “; Werner Schneiders: Das Zeitalter der Aufklärung. 2., verb. Aufl. München 2001, S. 7. 3  Eine entsprechende Einschätzung liefert z. B. Charles de Larivière: „Pierre le Grand est le premier tsar qui ait voulu faire de la Russie un Etat européen“; Charles de Larivière: La France et la Russie au XVIIIe siècle. Études d’histoire et de littérature franco russe (1909). Neudruck Genf 1970, S. V. Die Angabe von Jahreszahlen der russischen Geschichte erfolgt nach dem gregorianischen Kalender. 4  So schreibt der italienische Historiker Edoardo Tortarolo: „Unter der Kaiserin Katharina II. ist Russland in vielerlei Hinsichten Westeuropa näher gekommen“; Edoardo Tortarolo: Katharina II. und die europäische Aufklärung. Öffentliche Meinung und arcana imperii. In: Sonja Asal / Johannes Rohbeck (Hrsg.): Aufklärung und Aufklärungskritik in Frankreich. Selbstdeutungen des 18. Jahrhunderts im Spiegel der Zeitgenossen. Berlin 2003, S. 109–128, hier: 109. Der Aufklärungsforscher Micha­el Schippan konstatiert in seiner jüngsten Gesamtdarstellung zur Aufklärung in Russland – ihrer Wirkung und Rezeption, ihren Zentren und Debatten –, dass sich unter beiden Herrschern „endgültig die Orientierung auf die west- und mitteleuro­ päische Option durch[setzte]“; Michael Schippan: Die Aufklärung in Russland im 18. Jahrhundert. Wiesbaden 2012, S. 401. 5  Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 1), S. 19 f. 6  Ebd., S.  25 f.



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zu systematisieren.7 Nach ersten einleitenden Bemerkungen (I.) sollen als Voraussetzung dazu die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen beider Staaten im 18. Jahrhundert skizziert werden (II.). Vor allem den kulturellen und intellektuellen Kontakten wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, da diese entscheidend waren für die Entstehung der unterschiedlichen französischen Vorstellungen von Russland.8 Anschließend erfolgt eine Übersicht über die wichtigen Grundlinien der französischen Russlandbilder mit Schwerpunkt auf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Untersuchung gliedert sich dabei in zwei Abschnitte. Zunächst (III.) werden anhand des Wirkens der vier Aufklärungsphilosophen Voltaire (1694–1778), Montesquieu (1689–1755), Jean Jacques Rousseau (1712–1778) und Denis Diderot (1713–1784) auf der Grundlage der reichhaltigen Forschungsliteratur die nach Ansicht des Autors bedeutendsten Linien dargestellt. Abschließend (IV.) wird ein exemplarischer Blick auf Russlandbilder jenseits der intellektuellen Diskussionen geworfen. Dies soll anhand einer bisher von der Forschung kaum beachteten Quelle9 geschehen: 7  Die Vorbildwirkung Frankreichs ließ das Europa des 18. Jahrhunderts auch für Nichtfranzosen stellenweise als ein „französisches Europa“ erschienen; vgl. Louis Réau: L’Europe française au siècle des Lumières (1938). Neudruck Paris 1971, S. 9–13 sowie im Zusammenhang auch Volker Steinkamp: L’Europe eclairée. Das Europa-Bild der französischen Aufklärung. Frankfurt am Main 2003, S. 163–179. Zur historischen Untersuchung von (nationalen) Fremdbildern siehe aus der reichhaltigen Literatur, die diesem Thema in den vergangenen Jahren gewidmet wurde, beispielsweise Birgit Aschmann / Michael Saleski (Hrsg.): Das Bild „des Anderen“. Politische Wahrnehmung im 19. und 20.  Jahrhundert. Stuttgart 2000; Moritz Csáky / Klaus Zeyringer (Hrsg.): Inszenierungen des kollektiven Gedächtnisses. Eigenbilder, Fremdbilder. Innsbruck u. a. 2002; Juliette Wedl / Stefan Dyroff / Silke ­ Flegel (Hrsg.): Selbstbilder – Fremdbilder – Nationenbilder. Berlin 2007. 8  Als konzise Einführung zum Thema vgl. Dieter Groh: Russland im Blick Europas. 300 Jahre historische Perspektiven. Erstauflage unter dem Titel Russland und das Sebstverständnis Europas. Ein Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte (Neuwied / Berlin 1961). Frankfurt am Main 1988, S. 60–68. 9  Es finden sich nach den Recherchen des Autors in der Hauptsache wenige kurze Bezüge auf das Werk wie etwa bei Anne Mézin: Une vue générale de l’immigration française en Russie au XVIIIe siècle. In: Dies. / Jean-Pierre Poussou / Yves Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française en Russie au XVIIIe siècle. Paris 2004, S. 659–674, hier: 669 oder A[leksandr] S. Myl’nikov: Die slawischen Kulturen in den Beschreibungen ausländischer Beobachter im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Boris I. Krasnobaev / Gerd Robel / Herbert Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung. Berlin [West] 1980, S. 143–164, hier: 153 – die Erwähnungen dort gehen jedoch nicht über einen Halbsatz hinaus –, sowie etwas ausführlicher in der materialreichen Studie von Inge Hanslik: Das Bild Russlands und Polens im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1985, S. 142 ff. Auch die maßgebliche französische Anthologie von Claude de Grève: Le Voyage en Russie. Anthologie des voyageurs français aux XVIIIe et XIXe siècles. 3. Aufl. Paris 2002 führt Thesby de Belcour nicht auf, ohne

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den Aufzeichnungen des François Auguste Thesby de Belcour10, der Offizier in Diensten der polnischen Konföderation von Bar gefangen nommen und verschleppt wurde. Somit bietet sich die Möglichkeit, Beispiel französischer Russlandbilder aus einer anderen Perspektive, der „unfreiwilligen Kontaktes“, betrachten zu können.

als geein des

II. Französisch-russische Beziehungen im 18. Jahrhundert Das Zeitalter der Aufklärung brachte sowohl für Frankreich als auch für Russland gravierende Veränderungen ihrer Stellung im europäischen Staatensystem. Nachdem Frankreich sich unter Ludwig XIV. (1638–1713, König ab 1643) auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Einflusses befunden hatte, kam es unter dessen Nachfolgen vermehrt zu inneren Konflikten. Die außenpolitische Führungsstellung ging an England verloren, die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend. Diese Entwicklung kulminierte schließlich in der Revolution des Jahres 1789.11 dass seine besondere Art der „Reise“ – eben als Gefangener – in den einleitenden Erläuterungen (ebd., S. II–V) aus definitorischen Gründen von der Betrachtung ausgeschlossen worden wäre, wie der Verfasser es beispielsweise für Emigranten und Exilanten tut. Nur der umkehrte Zwang, also derjenige sein Heimatland zu verlassen, wird hier thematisiert. Einige Bezüge finden sich zuletzt bei Gérard Laudin: Histoires de bannissements et critique de la politique des tsars dans quelques autobiographies et oeuvres de fiction. Benyowsky, Thesby de Belcour, Lavater, Kotzebue, Vulpius… In: Françoise Knopper / Jean Mondot (Hrsg.): „Voyages … voyages … “. Hommage à Alain Ruiz. Bordeaux 2010, S. 119–136, hier: 128 f. – allerdings weit weniger ausführlich, als die prominente Nennung im Titel des Beitrags es vermuten lassen würde. Eine knappe Zusammenfassung liefert der jüngst erschienene, handbuchartige Gesamtüberblick von Anne Mézin / Vladislav ­Rjéoutski (Hrsg.): Les Français en Russie au siècle des Lumières. Dictionnaire des Français, Suisses, Wallons et autres francophones en Russie de Pierre le Grand à Paul Ier. 2 Bde. Paris 2011, hier: Bd. 2: Notices, S. 782 (dort auch wenige weitere Literaturhinweise). 10  Auch: Thisbé de Belcourt. Vgl. Anonym [François Auguste Thesby de Belcour]: Relation ou journal d’un officier françois au service de la confédération de Pologne, pris par les Russes & relégué en Sibérie, Amsterdam 1776. Die entsprechenden Abschnitte dieser Arbeit beruhen weitgehend auf der im selben Jahr unter dem Titel Tagebuch eines französischen Officiers in Diensten der Pohlnischen Konföderation, welcher von den Russen gefangen und nach Sibirien verwiesen worden erschienenen deutschen Übersetzung, bei der Verwendung wörtlicher Zitate wurde auch das französische Original zum Vergleich herangezogen. 11  Vgl. Ernst Hinrichs: Absolute Monarchie und Ancien Régime (1661–1789). In: Ders. (Hrsg.): Kleine Geschichte Frankreichs. Aktualisierte und bibliogr. erg. Ausg. Bonn 2005, S. 187–253, hier: 187 ff. Für eine knappe Zusammenfassung der Entwicklung Frankreichs im 18. Jahrhundert siehe die entsprechenden Kapitel in Heinz-



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Russland hingegen stieg im Jahrhundert der Aufklärung zu einer europäi­ schen Großmacht auf.12 Ausgehend vom Sieg Pëtrs I. im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) bis hin zum Erwerb großer Teile ehemals polnischen Territoriums in den Teilungen Polens von 1772, 1792 und 1795 unter Ekaterína II. konnte das Territorium des Staates nach Westen bedeutend erweitert werden.13 Das russische Kaiserhaus ging zunehmend dynastische Verbindungen mit westlichen Herrscherhäusern ein.14 In der politischen Führung des Reiches wirkten zahlreiche Ausländer, und auch auf dem Feld der Hofkultur und der Wissenschaften wurde Russland „europäischer“.15 Otto Sieburg: Grundzüge der französischen Geschichte. 4. Aufl. Darmstadt 1997, S. 84–94 sowie Peter C. Hartmann: Geschichte Frankreichs. 4., durchges. und aktua­ lisierte Aufl. München 2007, S. 25–37. 12  Hamish M. Scott: Russia as a European Great Power. In: Roger Bartlett / Janet M. Hartley (Hrsg.): Russia in the Age of Enlightenment. Essays in Honour of Isabel de Madariaga. Basinstoke 1990, S. 7–39. 13  Als biografische Überblicke vgl. zu Peter Erich Donnert: Peter (I.) der Große. In: Hans-Joachim Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren 1547–1917. 4. Aufl. München 2012, S. 155–178, weiter ders.: Peter der Große. Leipzig 1988 sowie die klassische deutschsprachige Einführung von Reinhard Wittram: Peter I., Czar und Kaiser. Zur Geschichte Peters I. in seiner Zeit, 2 Bde., Göttingen 1964. Zu Ekaterína siehe Marc Raeff: Katharina II. In: Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren 1547–1917, S. 233–262 sowie Erich Donnert: Katharina II., die Große (1729–1796). Kaiserin des Russischen Reiches. Regensburg 1998 und ders.: Katharina die Große und ihre Zeit. Russland im Zeitalter der Aufklärung. 3. Aufl. Leipzig 2004. Für weiterführende Literaturhinweise auch zur internationalen Forschung vgl. den bibliografischen Anhang bei Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren, S. 382 f. (Pëtr), 386–389 (Ekaterína). Die ältere biografische Literatur zu Pëtr wird ausführlich besprochen von Lindsey Hughes: Biographies of Peter. In: Anthony G. Cross (Hrsg.): Russia in the Reign of Peter the Great. Old and New Perspectives. Proceedings of an International Workshop, held at the Villa Feltrinelli, Gargnano, Italy, 17–20 September 1997. Bd. 1. Cambridge 1998, S. 13–24. Die maßgeblichen Einführungen der anglo-amerikanischen Forschung, die jeweils mehrfache Neuauflagen erlebten, sind in deutschsprachiger Übersetzung Robert K. Massie: Peter der Große. Sein Leben und seine Zeit. Aus d. Amerikan. von Johanna u. Günter Woltmann-Zeitler. Königstein im Taunus 1982 und Isabel de Madariaga: Katharina die Große. Ein Zeitgemälde. Aus dem Engl. von Karl A. Klewer. Berlin 1993. 14  Für die Verbindungen mit dem Haus Hohenzollern siehe in größerem zeitlichen Rahmen jetzt Frank-Lothar Kroll: Staatsräson oder Familieninteresse? Möglichkeiten und Grenzen dynastischer Netzwerkbildung zwischen Preußen und Russland im 19. Jahrhundert. In: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte N. F. 20 (2010), S. 1–41. 15  Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 1), S. 23–31. Mit Geier: Russland und Europa (wie Anm. 1) lassen sich die entsprechenden Prozesse in vielen Bereichen jedoch eher als „europäisierte Fassade“ (S. 84) und „äußerer Schein“ (S. 85) bezeichnen, so dass „europäisiert“ hier wirklich in Anführungszeichen stehen muss. Eine profunde Zusammenfassung der politischen Geschichte bieten Manfred Ale­xan­ der / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

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Der Aufstieg Russlands als europäische Macht bestimmte angesichts des gleichzeitigen Niedergangs des Ancien Régime in Frankreich die politischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten, da Frankreich neben England nun noch ein weiterer Rivale um die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent entgegen trat. Entsprechend dieser Konkurrenzrolle blieben auch die wirtschaftlichen Kontakte beschränkt. Auf intellektuellem Gebiet hingegen fand ein reger Austausch statt. Gerade Ekaterína II. suchte von selbst die Korrespondenz mit den französischen Philosophen, die solche Angebote nur zu gern wahrnahmen. Darüber hinaus stieg die Anzahl von in russischen Diensten stehenden Franzosen.16 Die drei Kontaktebenen sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden. 1. Politische und diplomatische Kontakte Der Siebenjährige Krieg bedeutete für Frankreich eine Unterminierung sowohl seiner kontinentalen als auch seiner überseeischen Position. Um den wachsenden russischen Einfluss einzudämmen, kooperierte man in Paris mit den traditionellen russischen Feinden Polen, Schweden und dem Osmanischen Reich. Vor allem die Türken wurden beständig zu Angriffen gedrängt bzw. gegen schnelle Friedensschlüsse eingenommen. Auch in Schweden intervenierte Frankreich mit dem Versuch, die Autorität der Krone zu stärken, gegen die russischen Bestrebungen, das dortige labile System in seinem Zustand zu bewahren. Offensichtliche Auswirkung der anti-russischen Kampagne war die diplomatische und militärische Unterstützung der polnischen Konföderationsbewegung, unter anderem mit französischen Offizieren.17 Die Auswirkungen dieser Versuche blieben jedoch begrenzt.18 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), S. 285–386 sowie jetzt die umfassende Gesamtdarstellung von Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. München 2013, S. 405–548. 16  Vgl. Tortarolo: Katharina II. (wie Anm. 4), S. 109–112 sowie Ursula SchüttlerRudolph: Französische Russlandpublizistik zur Zeit der Aufklärung (1754–1789). In: Das Achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des Achtzehnten Jahrhunderts 19 (1995), S. 118–128, hier: 118 f. Einen Gesamtüberblick bietet jetzt Anne Mézin / Vladislav Rjéoutski: Introduction. Les Français en Russie au XVIIIe siècle, un aperçu historique. In: Dies. (Hrsg.): Les Français en Russie (wie Anm. 9). Bd. 1: Introduction, annexes, sources, index, S. 3–150. 17  Thesby de Belcour gehörte zu jener Gruppe. 18  Vgl. Hamish M. Scott: Katharinas Russland und das europäische Staatensystem. In: Claus Scharf (Hrsg.): Katharina II., Russland und Europa. Beiträge zur internationalen Forschung. Mainz 2001, S. 3–58, hier: 35–38 sowie Hugh Ragsdale: Russian foreign policy. 1725–1815. In: Dominic Lieven (Hrsg.): The Cambridge History of Russia. Vol. II: Imperial Russia, 1689–1917. Cambridge u.  a. 2006, S. 504–529, hier: 511–514.



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Trotz der politischen Gegensätze wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten nicht abgebrochen. Beispielhaft dafür steht die lückenlose Abfolge der sieben französischen Botschafter in Sankt Petersburg zwischen 1757 und 1789, die zum größten Teil ehemalige Militärs waren.19 Ein besonderer Aspekt sind dabei die Kontakte über die französische Freimaurerloge Grand Orient de France mit hochrangigen russischen Adelsfamilien, z.  B. durch den französischen Diplomaten Marie Daniel Bourrée de Corberon (1748–1810).20 2. Wirtschaftliche Kontakte Für Russland besaß der direkte Handel mit Frankreich im 18. Jahrhundert nur eine untergeordnete Rolle, die wichtigsten Partner waren mit weitem Abstand England, dahinter deutsche Kaufleute und die Niederlande.21 Während beispielsweise niederländische Händler im Jahr 1744 in Riga Waren im Wert von fast 120.000 Rubel umsetzten, kamen französische nur auf geradezu lächerliche 582.22 Der Anteil des Russlandhandels am französischen Außenhandel betrug in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Durch19  Vgl. Claire Béchu: Les ambassadeurs français en Russie au XVIIIe siècle. In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 65–71, bes. 65 sowie die umfassende Dokumentation von Anne Mézin: Les consuls de France au siècle des Lumières (1715–1792). Paris 1998. Immer noch anregend zudem Dimitri S. Mohrenschildt: Russia in the Intellectual Life of Eighteenth-Century France. New York 1936, bes. S. 3–28. 20  Siehe dazu Pierre-Yves Beaurepaire: Les relations maçonniques franco-russes au XVIIIe siècle d’apres le Journal du diplomate Bourrée de Corberon. In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 47–64. Auch Thesby de Belcour bewegte sich in solchen Kreisen, er war zu Beginn der 1780er Jahre in den Logen Bon Berger (Vilnius) und Grand Orient de Pologne (Wielki Wschód Polski) aktiv. Vgl. Mézin / Rjéoutski (Hrsg.): Les Français en Russie. Bd. 2 (wie Anm. 9), S. 782. Zur Bedeutung der Freimaurerei für die Aufklärung in Russland vgl. Gabriela Lehmann-Carli: Aufklärungsrezeption, „prosveščenie“ und ­„Europäisierung“. Die Spezifik der Aufklärung in Russland (II). In: Zeitschrift für Slawistik 39 (1994), S. 358–382, hier: 372–375. 21  Siehe dazu ausführlich Anne Kraatz: Le commerce franco-russe. Concurrence et contrefaçons, de Colbert à 1900. Paris 2007, bes. S. 109–124. Zu den englisch-russischen Beziehungen und gegenseitigen Wahrnehmungen im 18. Jahrhundert vgl. einführend Anthony G. Cross (Hrsg.): Great Britain and Russia in the Eighteenth Century. Contacts and Comparisons. Proceedings of an international conference held at the University of East Anglia, Norwich, England, 11–15 July 1977. Newtonville, MA 1979 sowie ders.: Anglo-Russica. Aspects of Cultural Relations between Great Britain and Russia in the Eighteenth and Early Nineteenth Centuries. Selected Essays. Oxford 1993. 22  Jean-Pierre Poussou: Les échanges commerciaux entre la France et la Russie au XVIIIe siècle. In: Ders. / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 83–92, hier: 84.

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schnitt lediglich ein bis zwei Prozent,23 die wichtigsten Waren stellten dabei Genussmittel wie Zucker, Kaffee und Alkohol dar. Für die umgekehrte Richtung sind immerhin neun Prozent zu verzeichnen,24 geliefert wurden vor allem Hanf, Talg und Getreide. Ein Grund für die geringen Zahlen war auch die große Bedeutung von vor allem niederländischen Zwischenhändlern, so dass die direkten Kontakte zwischen französischen und russischen Kaufleuten sehr beschränkt blieben.25 Ein Träger der dennoch vorhandenen Beziehungen war die bereits 1669 gegründete französische Compagnie du Nord.26 Zahlreiche zwischen 1728 und 1787 abgefasste Berichte über die Reisen der Compagnie verdeutlichen die potentiellen Möglichkeiten, aber vor allem die Schwierigkeiten der französisch-russischen Handelsbeziehungen. Beispielhaft dafür steht die Zahl der ausländischen Schiffe, die 1766 in den Sankt Petersburger Hafen einliefen: 165 englische, 68 niederländische – und ein französisches.27 3. Intellektuelle und kulturelle Kontakte Von weitaus größerer Bedeutung waren die intellektuellen und kulturellen Kontakte zwischen Russland und Frankreich im 18. Jahrhundert.28 Einen Höhepunkt erlebten diese durch die Bemühungen Ekaterínas II., deren Programm einer Aufklärung „von oben“ vor allem auf die Veränderung und Modernisierung der bestehenden Gesellschaftsstruktur zur Legitimierung und Sicherung ihrer Herrschaft abzielte.29 Wirksam wurde dieses vor allem 23  Poussou:

Les échanges commerciaux (wie Anm. 22), S. 86. Hellie: Le commerce franco-russe dans la seconde partie du XVIIIe siècle (1740–1810). In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 73–82, hier: 75. 25  Vgl. ebd., S. 76–79 sowie Poussou: Les échanges commerciaux (wie Anm. 22), S. 84–88. 26  Grundlegend dazu Anne Kraatz: La Compagnie française de Russie. Histoire du commerce franco-russe aux XVIIe et XVIIIe siècles. Paris 1993, bes. S. 155–212. 27  Vgl. dies.: La Compagnie française de Russie. In: Poussou  /  Mézin  /  PerretGenti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 93–109, bes. 93 f., 102–104. 28  Zur Einleitung vgl. Johan Callewaert: Relations intellectuelles de la Russie et de la France au XVIIIe siècle. In: Canadian Slavonic Papers 12 (1970), S. 431–440, bes. 440. Die kulturelle Entwicklung Russlands unter den wachsenden westlichen Einflüssen zeichnet Lindsey Hughes: Russian culture in the eighteenth century. In: Lieven (Hrsg.): Imperial Russia (wie Anm. 18), S. 67–91, bes. 88–91 nach. Ein Beispiel für die Rezeption gerade französischer Einflüsse ist der Einzug zahlreicher französischer Lehnwörter in die russische Sprache; vgl. Réau: L’Europe française (wie Anm. 7), S. 69 f. 29  So u. a. Donnert: Katharina die Große und ihre Zeit (wie Anm. 13), S. 33–36 und Claus Scharf: Aufklärung „von oben“. Das Russische Reich. In: Wolfgang 24  Richard



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in den Oberschichten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts hin wuchs eine schma­le, aufklärerisch gebildete Bevölkerungsgruppe an, die für Kontakte mit der französischen Aufklärung zur Verfügung stand.30 Gleichwohl blieb diese Gruppe fest in die autokratische Herrschaft Ekaterínas eingebunden – die russische Aufklärung war in der Hauptsache eine literarische, keine politisch wirksame.31 Einer der wichtigsten Träger der Kontakte war die Kaiserin selbst, indem sie in einen persönlichen Briefwechsel mit einigen der wichtigsten Aufklärungsphilosophen trat.32 An erster Stelle ist hierbei Voltaire zu nennen, mit dem sie zwischen 1763 und 1778 korrespondierte,33 und den sie als ihren Hardtwig (Hrsg.): Die Aufklärung und ihre Weltwirkung. Göttingen 2010, S. 169– 202, hier: 196–199, 202. Zum Selbstverständnis von Ekaterínas Herrschaft siehe ausführlich ders.: Tradition – Usurpation – Legitimation. Das herrscherliche Selbstverständnis Katharinas II. In: Eckhard Hübner / Jan Kusber / Peter Nitsche (Hrsg.): Russland zur Zeit Katharinas II. Absolutismus – Aufklärung – Pragmatismus. Köln / Weimar / Wien 1998, S.  41–101. 30  Zu den Zentren und Trägerschichten der Aufklärung in Russland vgl. Schippan: Die Aufklärung in Russland (wie Anm. 4), S. 173–263. 31  Vgl. Donnert: Katharina II. (wie Anm. 13), S. 92–94 sowie Sergej Karp: Die aufgeklärte Monarchie in Russland. Historiographische Kollisionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Heinz Duchardt / Claus Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Internationalität. Wege und Formen der Rezeption der französischen und der britischen Aufklärung in Deutschland und Russland im 18. Jahrhundert. Mainz 2004, S. 43–49, bes. 46–48 und Manfred Hildermeier: Traditionen der Aufklärung in der russischen Geschichte. In: Ebd., S. 1–16, bes. 3–9. Die spätere russische Rezeption von „Aufklärung“ (für deren Übersetzung der vieldeutige Begriff „prosveščenie“ verwendet wurde) sah diese nach Schippan: Die Aufklärung in Russland (wie Anm. 4), S 406 denn auch als ein Bemühen um „ ‚Volksbildung‘, als Ver­ breitung von Wissen, Kultur und Zivilisation im breiten Umfange“. Vgl. ausführlich ders.: Sozialgeschichte, Religion und Volksaufklärung. Die Spezifik der Aufklärung in Russland (I). In: Zeitschrift für Slawistik 39 (1994), S. 345–357. Zur Begriffs­ geschichte siehe Gottfried Sturm / Sabien Fahl / Jutta Harney: Prosveščenie vor der Aufklärung. In: Ebd., S. 337–344; Lehmann-Carli: Aufklärungsrezeption, „pros­vešče­ nie“ und „Europäisierung“ (wie Anm. 20), S. 358–361. 32  Vgl. dazu ausführlich und unter Benutzung zahlreicher russischsprachiger Quellen Inna Gorbatov: Catherine the Great and the French philosophers of the Enlightenment. Montesquieu, Voltaire, Rouseau, Diderot and Grimm. Bethesda, MD 2006. 33  Eine deutsche Übersetzung bietet z.  B. Ekaterina / Voltaire: Monsieur – Madame. Der Briefwechsel zwischen der Zarin und dem Philosophen. Übers., hrsg. u. mit einer Einf. von Hans Schumann. Zürich 1991. Der Initiator der Korrespondenz scheint umstritten. Donnert: Katharina II. (wie Anm. 13), S. 96 sieht die Initiative bei der Kaisern, Tortarolo: Katharina II (wie Anm. 4), S. 112 geht von Voltaire aus. Zu Leben und Werk Voltaires (eigentlich François Marie Arouet) siehe Klaus-Gunther Wesseling: Voltaire. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XIII (1998), Sp. 1–55 und Nicholas Cronk (Hrsg.): The Cambridge Companion to Vol-

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„Lehrer“34 bezeichnete. Umgekehrt nutzte sie den Kontakt zur philosophischen und moralischen Rechtfertigung ihrer Herrschaft, da gerade die Art ihrer Machtübernahme großes Aufsehen in Europa hervorgerufen hatte. Durch sein Eintreten für ihre Politik geriet auch Voltaire selbst nicht selten in die Kritik – nach dem Ausbruch der Revolution wurde die weitere Verbreitung seiner Werke in Russland verboten.35 Neben Voltaire stand Ekaterína vor allem mit Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert (1717–1783) in Korrespondenz. Beide hatte sie für die Arbeit an deren Enzyklopädie36 an ihren Hof eingeladen und ihnen eine großzügige finanzielle Ausstattung zugesichert. Sowohl Diderot als auch d’Alembert zählten jedoch zu den Denkern, die der Politik der Kaiserin prinzipiell eher kritisch gegenüber standen. Der Ankauf von Diderots Bibliothek durch die Kaiserin 1765 in Verbindung mit einer lebenslänglichen Rente steigerte jedoch dessen Interesse an Russland, so dass er schließlich dem Drängen Ekaterínas nachgab, 1773 nach Sankt Petersburg reiste und sich als einer der wenigen Aufklärungsphilosophen vor Ort ein Bild von den russischen Zuständen machen konnte.37 taire. Cambridge u. a. 2009 sowie als Einführung aus der Feder eines Journalisten jetzt Ian Davidson: Voltaire. A life. Überarb. Aufl. London 2012. 34  Donnert: Katharina II. (wie Anm. 13), S. 95. Vgl. dazu auch Albert Lortholary: Les „philosophes“ du XVIIIe siècle et la Russie. Le mirage russe en France au XVIIIe siècle. Paris 1951, S. 79–87. 35  Vgl. ebd., S. 94–97 sowie Tortarolo: Katharina II. (wie Anm. 4), S. 110–112. Zu den Veränderungen im Umgang mit Voltaire nach der Französischen Revolution siehe auch P[etr] Zaborov: Voltaire en Russe avant et apès la Revolution française. In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 217– 221 und Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 243–267. 36  Denis Diderot  / Jean Baptiste le Rond d’Alembert: Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Paris 1751–1772. Eine auszugsweise deutsche Übersetzung bietet Denis Diderot: Diderots Enzyklopädie. Eine Auswahl, Ausw. und Einf. von Manfred Naumann. Übers. aus dem Franz. von Theodor Lücke. Leipzig 2001. Vgl. zum Projekt und den Beziehungen der Beteiligten untereinander Philipp Blom: Das vernünftige Ungeheuer. Diderot, d’Alembert, de Jaucourt und die Große Enzyklopädie. Aus dem Engl. von Michael Bischoff. Frankfurt am Main 2005. Zu d’Alembert siehe einführend noch immer Thomas L. Hankins: Jean d’Alembert. Science and the Enlightenment. Oxford 1970. 37  Siehe als Zusammenstellung der entsprechenden Schriften Denis Diderot: Mémoires pour Catherine II. Mit einer Einl., Bibliogr. u. Anm. von Paul Vernière. Paris 1966. Vgl. Tortarolo: Katharina II (wie Anm. 4), S. 120–127 sowie für das Verhältnis von Ekaterína und Diderot ausführlich Laurent Versini: Diderot et la Russie, in: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 223–235 und Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 205–242, für das von Ekaterína und d’Alembert Larivière: La France et la Russie (wie Anm. 2), S. 1–70. Eine Einführung zu Leben und Werk Diderots bietet Werner Raupp: Diderot, Denis. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XXV (2005), Sp. 221–288.



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Auch auf wissenschaftlichem Gebiet wuchsen die Kontakte zwischen Frankreich und Russland. An der bereits 1725 unter Pëtr I. gegründeten Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg waren international renommierte Forscher tätig. Dort und an der 1755 eröffneten Moskauer Universität wurden die Texte der Aufklärungsphilosophen übersetzt und der Rezeption in Russland zugänglich gemacht.38 Gerade die Werke Voltaires waren in den Bibliotheken des Landes weit verbreitet, seine Tragödien und Komödien wurden sowohl im Original als auch in russischer Übersetzung immer wieder aufgeführt.39 Die Ideen Jean-Jacques Rousseaus wiesen ebenfalls einen hohen Bekanntheitsgrad auf. Zwar beurteilte dieser das Reformwerk Pëtrs I. kritisch, und auch Ekaterína widersprach seinen Theorien, doch gerade nach Ausbruch der Revolution in Frankreich erschien Rousseau als eine Gegenfigur zu Voltaire, dessen Philosophie für die Revolution als ursächlich angesehen wurde.40 38  Vgl. Vladimir A. Somov: Le livre français en Russie dans le seconde moitié du XVIIIe siècle. In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 201–205. Zur Rolle von Akademie und Universität unter der Regentschaft von Ekaterína vgl. Donnert: Katharina die Große und ihre Zeit (wie Anm. 13), S. 67–97. 39  Dazu und zur Rezeption Voltaires siehe Petr Zaborov: Voltaire im Russland des 18. Jahrhunderts, in: Duchardt / Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Interna­ tionalität (wie Anm. 31), S. 81–90. Von besonderem Interesse war dabei natürlich Voltaire: Histoire de l’empire de russie sous Pierre le Grand, 2 Bde., Genf 1761 / 1763. Ders.: Histoire de l’Empire Russe sous Pierre le Grand, mit grammatischen Erläuterung und einer Erklärung der Wörter und Redensarten zur Erleichterung der Übersetzung ins Deutsche für den Schul- und Privatgebrauch von Johann Friedrich Sanguin, Leipzig 1825 stammt als aktuellste deutsche Übersetzung noch aus dem 19. Jahrhundert. Zum Komplex der Theaterstücke siehe Petr Zaborov: Le théâtre de Voltaire en Russie au XVIIIe siècle. In: Cahiers du Monde russe et soviétique 9 (1968), S. 145–176. 40  Vgl. Alla Zlatopol‘skaja: Die religiös-moralischen und sozialphilosophischen Ideen Rousseaus im Kontext des russischen Denkens in der zweiten Hälfte des 18. und im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. In: Duchardt / Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Internationalität (wie Anm. 31), S. 165–186, bes. 176–180. Zur RousseauRezeption in Russland siehe außerdem ausführlich Thomas Barran: Russia reads Rousseau, 1762–1825. Evanston, IL 2002 sowie zuletzt Frank-Lothar-Kroll: Rousseau in Preußen und Russland. Zur Geschichte seiner Wirkung im 18. Jahrhundert. Berlin 2012. Zum Beziehungsfeld Ekaterína – Voltaire – Rousseau siehe Isabel de Madariaga: Catherine and the Philosophes. In: Anthony G. Cross (Hrsg.): Russia and the West in the Eighteenth Century. Proceedings of the IInd International Conference organized by the Study Group on Eighteenth-Century Russia, held at the University of East Anglia, Norwich, England, 17–22 July, 1981. Newtonville, MA 1983, S. 30– 52, hier: 31–38. Zur Einführung siehe Wolfdietrich von Kloeden: Rousseau, JeanJacques. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon VIII (1994), Sp. 845– 857 sowie Günther Mensching: Rousseau zur Einführung. 3. Aufl. Hamburg 2010.

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Eine spätere Verbreitung als im Rest Europas erfuhren die Schriften Montesquieus – seine Hauptwerke41 erschienen in Russland erst ab 1775 in kleiner Auflage. Dies mag auch mit seiner kritischen Betrachtung der „russischen Despotie“ zusammenhängen, entsprechende Passagen wurden in den Übersetzungen zensiert. Dennoch hegte gerade Ekaterína gewisse Sympa­ thien für den Philosophen, ihre „Große Instruktion“ beruhte zu großen Teilen auf seinen Überlegungen.42 Einen wichtigen Beitrag zur „Europäisierung“ Russlands leistete die hohe Anzahl von Franzosen, die jenseits des Hofes in den unterschiedlichsten Bereichen tätig waren. Künstler, Architekten und Maler prägten das Erscheinungsbild des Landes mit. Ein Beispiel hierfür ist die von Etienne-Maurice Falconet (1716–1791) geschaffene Statue Pëtrs I., die – von Ekaterína in Auftrag gegeben – in Sankt Petersburg errichtet wurde.43 Auch durch die wachsende Anzahl von französischen Hauslehrern und Kindermädchen wurden russischen Adelsfamilien mit aufklärerischem Bildungs- und Gedankengut bekannt gemacht. Der Staat förderte diese Entwicklung und betrachtete die Erziehung als seine Aufgabe, wie an dem Versuch der Bildungsreformen Ekaterínas deutlich wird.44 Diese Entwicklung wurde auch in der russischen Literatur thematisiert und verarbeitet.45

41  Hervorzuheben vor allem Charles-Louis de Secondat de Montesquieu: De l’esprit des lois. Genf 1748. Als aktuelle deutsche Ausgabe siehe ders.: Vom Geist der Gesetze. Ausw., Übers. und Einl. von Kurt Weigan., Stuttgart 1994. Eine Einführung bieten Georgios Fatouros: Montesquieu, Charles-Louis de Secondat. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XV (1998), Sp. 1017–1033 sowie zuletzt Effi Böhlke / Etienne François (Hrsg.): Montesquieu. Franzose – Europäer – Weltbürger. Berlin 2005. 42  Vgl. Nadežda Plavinskaja: Montesquieu in Russland in der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Duchardt / Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Internationalität (wie Anm. 31), S. 143–152, bes. 143–147 sowie Madariaga: Catherine and the Philosophes (wie Anm. 40), S. 38–48 und Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 100–106. 43  Vgl. zusammenfassend Irène Sokologorsky: La France et le français dans la culture russe. In: Cahiers de l‘Association internationale des études francaises 52 (2000), S. 13–21, hier: 13–15 sowie mit besonderem Bezug auf die Petersstatue und auch allgemein zum Einfluss der französischen Kunst Madeleine Pinault-Sørensen: L’expansion de l’art français en Russie au XVIIIe siècle. Étienne Maurice Falconet et la statue de Pierre le Grand. In: Poussou / Mézin / Perret-Genti (Hrsg.): L’influence française (wie Anm. 9), S. 111–130. Das Denkmal ist bis heute eines der Wahrzeichen der Stadt und verlieh mit Martin Malia: Russia under Western Eyes. From the Bronze Horseman to the Lenin Mausoleum. 2. Aufl. Cambridge, MA u. a. 2000 zuletzt auch einem leider weitgehend in den Denkschemata des Kalten Krieges verharrenden Beitrag über westliche Russlandbilder seinen Titel. Vgl. Esther Kingston-Mann: Rezen­ sion zu Martin Malia: Russia under Western Eyes. From the Bronze Horseman to the Lenin Mausoleum. In: The American Historical Review 105 (2000), S. 643 f.



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III. Die Russlandbilder der Aufklärungsphilosophen Aus den geschilderten Kontakten resultierten unterschiedliche, miteinander konkurrierende Vorstellungen von und über Russland. In der wachsenden politischen Öffentlichkeit Frankreichs im Zeitalter der Aufklärung wurden diese Bilder über ihre Urheber hinaus bekannt. Ein wichtiges Medium dafür waren die literarischen Journale, die auch außerhalb Frankreichs gelesen wurden und in denen zahlreiche Russland betreffende Artikel und Notizen erschienen. Dabei wurden mit Reiseberichten, historischen Darstellungen und Untersuchungen von Sitten, Religion und Regierungsform die unterschiedlichsten Themen bearbeitet. Die Journale boten über Rezensionen und Leserbriefe auch die Möglichkeit zur Replik.46 Diskutiert wurden die Erkenntnisse auch in den Pariser Salons wie dem der Marie Thérèse Geoffrin (1699–1777) als internationalen Begegnungsstätten. Dort wurden zudem die Korrespondenzen der Philosophen mit den europäischen Monarchen publik gemacht sowie Ideen und Erfahrungen ausgetauscht.47 4445

Die in diesen umfangreichen Debatten erkennbaren Russlandbilder lassen sich zwei grundsätzlichen Tendenzen zuordnen. Einerseits wurde Russland als ein Land gesehen, das durch hervorragende Herrscher aus seiner „barbarischen Lethargie“ gerissen und auf den Weg hin zum Musterbeispiel eines aufgeklärten Staates gebracht wurde. Pëtr I. und Ekaterína II. – bzw. 44  Vgl. Michel Kowalewicz: Eine „gute Auferziehung“ als Aufgabe der Aufklärung oder als Staatsangelegenheit? Zur Rezeption einiger französischer und britischer Ansätze der Pädagogik in Deutschland und Russland im 18. Jahrhundert, in: Duchardt  /  Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Internationalität. (wie Anm. 31), S. 245–256, bes. 250–255. Siehe zum Thema Bildung auch einleitend Erich Donnert: Volksbildung und Elitenbildung. Kulturpolitische Maßnahmen Katharinas II. In: Hübner / Kusber / Nitsche (Hrsg.): Russland zur Zeit Katharinas II. (wie Anm. 29), S. 215–234 sowie umfassend Jan Kusber: Eliten- und Volksbildung im Zarenreich während des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Studien zu Diskurs, Gesetzgebung und Umsetzung. Stuttgart 2004. 45  Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 1), S. 30 f. sowie als knappe Skizze Roderick Page Thaler: The Frech Tutor in Radishev and Pushkin. In: The Russian Review 13 (1954), S. 210–212. 46  Eine Übersicht über diese Publizistik bieten querschnittartig Schüttler-Rudolph: Französische Russlandpublizistik (wie Anm. 16), S. 121–128 sowie ausführlicher Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 23–84. 47  Vgl. Jürgen Kämmerer: Theorie und Empirie. Russland im Urteil aufgeklärter Philosophen und Reiseschriftsteller, in: Krasnobaev / Robel / Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert (wie Anm. 9), S. 331–351, hier: 336 sowie Donnert: Katharina II. (wie Anm. 13), S. 97–99. Zu „Madame Geoffrin“ siehe jetzt umfassend Maurice Hamon: Madame Geoffrin. Femme d’influence, femme d’affaires au temps des Lumières. Paris 2010.

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hier „die Große“48 – erschienen dabei geradezu als mythisch überhöht.49 Andererseits wurden die aufklärerischen Reformen als ein „Irrweg“ bewertet, der Russlands „natürliche Weiterentwicklung“ verhindert habe. Vielmehr wären dem Land Normen und Werte oktroyiert worden, die keinesfalls zu ihm gepasst hätten.50 Anhand einer knappen Präsentation der Russlandbilder von vier Aufklärungsphilosophen, deren Rezeption in Russland bereits angedeutet wurde, sollen diese Positionen näher erläutert werden. 1. Voltaires Russlandbild Nachdem er sich in seiner Biographie des schwedischen Königs Karls XII.51 nur am Rand mit Pëtr I. beschäftigt hatte, widmete Voltaire dem Zarenreich später zwei komplette Werke. Die kurzen, anonym veröf48  Der Beiname „die Große“ war Ekaterína von einer Kommission verliehen worden, welche die staatstheoretischen Ausführungen ihrer „Großen Instruktion“ umsetzen sollte, die sich vor allem auf eine Neuordnung der Gesetzgebung bezogen; Ekaterina: Instruction pour la Commission chargée de dresser le projet d’un nouveau code des loix. Sankt Petersburg 1768, deutsche Ausgabe Ekaterina: Instruction für die zu Verfertigung des Entwurfs zu einem neuen Gesetzbuche verordnete Commission. Nachdr. [d. Ausg.] Riga 1768. Frankfurt am Main 1970. Zur Kommission vgl. einführend Oleg A. Omel’cenko: Die „Kommission zur Verteidigung des Entwurfs zu einem neuen Gesetzbuch“. Einige neue Beobachtungen im Zusammenhang mit dem gesetzgeberischen Werk der Fachausschüsse. In: Hübner  /  Kusber  /  Nitsche (Hrsg.): Russland zur Zeit Katharinas II. (wie Anm. 29), S. 169–180. In der historischen Forschung bleibt der Titel bis heute umstritten, in der einschlägigen Literatur ist – im Gegensatz etwa zu „Peter dem Großen“ („Pëtr Velíkij“) – häufiger „nur“ von Ekaterína „II.“ als von „der Großen“ die Rede. Vgl. Donnert: Katharina II. (wie Anm. 13), S. 9–11 sowie zuletzt Schippan: Die Aufklärung in Russland (wie Anm. 4), S. 100–116. 49  Albert Lortholary verdeutlicht dies in seiner Untersuchung mit den Abschnittsüberschriften „Le Mythe de Pierre le Grand“ und „La Légende de Catherine“. Vgl. Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 7 f. 50  Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 1), S. 20 f. sowie Schüttler-Ru­ dolph: Französische Russlandpublizistik (wie Anm. 16), S. 118 f. Siehe einführend auch Gianluigi Goggi: The Philosophes and the Debate over Russian Civilization. In: Lindsey Hughes / Maria di Salvo (Hrsg.): A Window on Russia. Papers from the Vth International Conference of the Study Group on Eighteenth-Century Russia. Rom 1996, S. 299–306. 51  Voltaire: Histoire de Charles XII, Roi de Suède. Rouen / Basel 1731 [unvollst.], in deutscher Übersetzung ders.: Geschichte Karls XII., König von Schweden. Aus d. Franz. übers. von Peter Paul Althaus. Bearb. von Anton Ritthaler. Vorw.: Peter Stadler. Frankfurt am Main / Wien / Zürich 1965. Eine kritische Edition des französisches Originals bietet Gunnar von Proschwitz (Hrsg.): Les Œuvres complètes de Voltaire. Bd. 4. Oxford 1996. Zu Voltaire als Historiker vgl. ausführlich Pierre Force: Voltaire and the necessity of modern history. In: Modern Intellectual History 6 (2009), S. 457–484.



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fentlichten Anekdoten wurden zur zweibändigen Geschichte des russischen Reiches unter Peter dem Großen52 ausgebaut. Doch bereits in der Betrachtung des schwedischen Königs erscheint Pëtr als „großartig“ und „einzigartig“, als „Schöpfer“ gegenüber dem „Zerstörer“ Karl.53 Das russische Volk wird als „unwissend“ und „elend“ geschildert, seine Religion bestünde nur aus abergläubigen Bräuchen und sowohl Männer als auch Frauen würden sich bei jeder Gelegenheit betrinken. Gründe dafür seien einerseits das Verbot von Auslandsreisen sowie die Rückständigkeit der orthodoxen Kirche. Demgegenüber steht der rastlose persönliche Einsatz des „Genies“ Pëtr I. Dieser hätte die Bräuche und Gesetze seines Landes zum Positiven verändert. Die Städte hätten sich westlichen Vorbildern angepasst, und erstmals wäre ein funktionierendes Bildungssystem etabliert worden. Zwar werden auch negative Seiten des „neuen Russlands“ geschildert, wie das hohe Ausmaß der Plünderungen durch russische Soldaten im Großen Nordischen Krieg54 oder die ungeheuren Menschenopfer, die z. B. die Gründung Sankt Petersburgs55 forderte. Die daran erkennbare Menschenverachtung und

52  Anonymus [Voltaire]: Anecdotes sur le Czar Pierre-le-Grand. Dresden 1748; ders.: Histoire de l’empire de Russie sous Pierre le Grand. Genf 1759 / 1763. Beide Werke liegen vor als kritische Edition von Michel Mervaud u. a. (Hrsg.): Les ­Œuvres complètes de Voltaire. Bd. 46 / 47. Oxford 1999. 53  Knappe Zusammenfassungen von Voltaires Russlandbild bieten Effi Böhlke: Russlandbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Entworfen in der deutschen und französischen politisch-philosophischen Literatur. In: Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens 52 (2002), S. 576–597, hier: 581 f. und Kämmerer: Theorie und Empirie (wie Anm. 47), S. 334–336. Seine Sicht auf Pëtr schildert ausführlich Jennifer Jane Lingwood: Voltaire’s Portrayal of Peter the Great in Histoire de Charles XII, Anecdotes sur le czar Pierre le Grand and Histoire de l’Empire de Russie sous Pierre le Grand. MA Thesis, McMaster University Hamilton, ON 1973, als knappe Einführung vgl. Jean Breuillard: La culture russe du XVIIIe siècle. Quelques publications. In: Revue des études slaves 74 (2002), 877–908, hier: 878–883. Die bei Nikolaj Kopanev: Franz Lefort, Voltaire und Avraam Pavlovič Veselovskij. In: Duchardt / Scharf (Hrsg.): Interdisziplinarität und Interna­tionalität (wie Anm. 31), S. 91–103, hier: 94 f. betonte überwiegend negative Beurteilung Pëtrs durch Voltaire in den beiden früheren Werken findet in deren Gesamtkontext eher keine Bestätigung. 54  Zum Ringen um die Vorherrschaft im Ostseeraum vgl. einführend Robert I. Frost: The Northern Wars. War, State and Society in Northeastern Europe, 1558– 1721. Nachdruck der Ausgabe London 2000. Harlow u. a. 2008. Zu den besonders mit dem Großen Nordischen Krieg einhergehenden Änderungen in der (west-)europäischen Perzeption Russlands vgl. Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 8), S. 54–59. 55  Als Einführungen zur Stadtgeschichte vgl. Jan Kusber: Kleine Geschichte St. Petersburgs. Regensburg 2009 und Karl Schlögel / Frithjof Benjamin Schenk / Markus Ackeret (Hrsg.): Sankt Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte. Frankfurt am Main / New York, NY 2007.

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Grausamkeit Pëtrs seien aber durch das Gute, das er dem russischen Volk insgesamt damit getan habe, zu entschuldigen.56 In den Anekdoten und der Geschichte des russischen Reiches wird dieses positive Bild erweitert und bekräftigt. Voltaire betont die ursprüngliche Nähe des russischen zu den asiatischen Völkern in Sitten und Gebräuchen. Die harte Niederschlagung von Aufständen wie dem der Strelitzen 169857 mit Folterungen und Hinrichtungen beschreibt er als notwendig. Besonders ausführlich werden die zahlreichen Reformbemühungen des Kaisers wie die Änderungen in der Kleidung und der Anreden geschildert. Fast jeden Monat hätte es Neuerungen gegeben, die vom Großteil der Bevölkerung begeistert aufgenommen worden seien. Auch die Kirchenreform58 nimmt einen großen Raum in Voltaires Werk ein. Die Kirchenleitung hätte sich gegen Pëtr gewandt, dieser konnte jedoch gar nicht anders als auch den Klerus in den Staat einzuordnen. Der Kaiser erscheint bei all diesen Veränderungen als Initiator. Dessen persönlicher Lebensstil, der Saufgelage ebenso umfasste wie gewalttätige Angriffe auf Personen in seiner Nähe, wird kaum thematisiert. Der Umgang mit seinem Sohn Alekséj Petróvič (1690–1718), der als Verschwörer verurteilt im Gefängnis starb, wird als notwendig gerechtfertigt. Das Werk Pëtrs sei nützlich für sein Land und die ganze Menschheit – Russland wäre erst mit ihm überhaupt in die Weltgeschichte eingetreten.59 Voltaire liefert damit für Frankreich den Prototyp jenes Russlandbildes, welches das russische Volk als ein barbarisches und dessen Herrscher als 56  Vgl. Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 162–167 sowie Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 25–28. 57  Siehe Alexander Moutchnik: Der „Strelitzen-Aufstand“ von 1698. In: HeinzDietrich Löwe (Hrsg.): Volksaufstände in Russland. Von der Zeit der Wirren bis zur „Grünen Revolution“ gegen die Sowjetherrschaft. Wiesbaden 2006, S.197–222. 58  Vgl. knapp Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 15), S. 327–330 sowie umfassender die älteren Darstellungen von Reinhard Wittram: Peters des Großen Verhältnis zur Religion und den Kirchen. Glaube, Vernunft, Leidenschaft. In: Historische Zeitschrift 173 (1952), S. 261–296 und Robert Stupperich: Ursprung, Motive und Beurteilung der Kirchenreform Peters d. Gr. (1974). Wiederabgedruckt in ders.: Peter der Große und die Russische Kirche. Ausgewählte Aufsätze II. Möhnesee 2004, S. 93–104. Den aktuellen Forschungsstand bildet in größerem zeitlichen Rahmen Wolfram vom Scheliha: Russland und die orthodoxe Universalkirche in der Patriarchatsperiode 1589–1721. Wiesbaden 2004 ab. 59  Vgl. Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 167–174 sowie ausführlich Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 39–76. Voltaire nähert sich damit dem Leibniz’schen Konzept von Russland als „tabula rasa“. Siehe dazu Mechthild Keller: Wegbereiter der Aufklärung. Gottfried Wilhelm Leibniz’ Wirken für Peter den Großen und sein Reich. In: Lew Kopelew (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 1: 9.-17. Jahrhundert. Unter Mitarb. von Ursula Dettbarn und Karl-Heinz Korn. 2., unveränd. Aufl. München 1988, S. 391–413 sowie Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 8), S. 41–53.



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Heroen darstellt – ohne das Land jemals selbst besucht zu haben. Seine Bewertung Ekaterínas trägt maßgeblich zu deren Ruf bei, eine „aufgeklärte Herrscherin“ zu sein.60 Diese Tendenzen lassen sich auch mit den von Voltaire verwendeten Quellen erklären. Neben populären französischen Werken61 benutzte er gerade für die Geschichte des russischen Reiches vor allem offizielles Material, das ihm direkt vom russischen Hof zur Verfügung gestellt wurde. Jene Schriften wiesen bereits eine bestimmte Blickrichtung auf, Voltaires Beitrag erscheint gleichsam als ein Auftragswerk.62 Auch der Austausch mit persönlichen Bekannten wie dem Mitbegründer der Moskauer Universität und der Sankt  Petersburger Kunstakademie, Iván Ivánovič Šuválov (1727–1797),63 oder dem italienischen Philosophen Francesco ­Algarotti (1712–1765) lenkte Voltaires Ansichten in diese Richtung.64

60  So schrieb er ihr die Bezeichnung „Licht des Nordens“ zu. Vgl. Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Russlands. Erstausgabe unter dem Titel Russland, UdSSR. Geschichte, Politik, Wirtschaft (Hannover 1991). Aktualisierte und bibliogr. erg. Ausg. Bonn 2005, S. 120. Eine Einführung zu den rezeptionsgeschichtlichen Auswirkungen bietet Madariaga: Catherine and the Philosophes (wie Anm. 40). 61  Etwa [A. Baillet de] La Neuville [en Hez]: Relation curieuse et nouvelle de Moscovie. Contenant l’état present de cet Empire, les Expeditions des Moscovites en Crimée […]. Paris 1698 oder Jean Rousset de Missy: Mémoires du règne de Pierre-le-Grand, Empereur de Russie, Père de la Patrie. 4 Bde. La Haye 1725 / 1726. 62  Zur Entstehungsgeschichte des Werkes vgl. ausführlich E[vgenij Francevič] Šmurlo: Voltaire et son oeuvre „Histoire de l’empire de Russie sous Pierre le Grand“. Prag 1929, außerdem Kopanev: Franz Lefort (wie Anm. 51), S. 95–102 sowie, für einen Teilaspekt, Peter Brüne: Johann Gotthilf Vockerodts Einfluss auf das Russlandbild Voltaires und Friedrichs II. In: Zeitschrift für Slawistik 39 (1994), S. 393– 404. Gleichwohl lag die Art der Darstellung auch in Voltaires Geschichtsphilosophie begründet, die „Peters politisches Handeln […] als Mittel zu einem Kulturzweck darstell[te]“ (Ebd., S. 404). 63  Zu Šuvalov vgl. zuletzt umfassend die achte Ausgabe des Almanachs Filosofskij vek (Das philosophische Jahrhundert): T. V. Artem’eva / M. I. Mikešin (Red.): Ivan Ivanovič Šuvalov (1727–1797). Prosveŝënnaâ ličnost‘ v rossijskoj istorii. K 275-letiju Akademii nauk (Der aufgeklärte Mensch in der russischen Geschichte. Zum 275. Geburtstag der Akademie der Wissenschaften). Sankt Petersburg 1998. 64  Vgl. Mohrenschildt: Russia in the Intellectual Life (wie Anm. 19), S. 220–224. Zu Algarottis Russlandbild siehe Robert Bufalini: The czarina’s Russia through mediterranean eyes. Francesco Algarotti’s journey to Saint Petersburg. In: Modern Language Notes 121 (2006), S. 154–167, zu seinem Einfluss auf die Reiseliteratur der Aufklärung William Spaggiari: Algarottis Viaggi di Russia und die aufklärerische Reiseliteratur. In: Hans Schumacher / Brunhilde Wehinger (Hrsg.): Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung. [Laatzen] 2009, S. 99–118.

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2. Montesquieus Russlandbild Eine gegensätzliche Position nimmt Montesquieu zu Russland ein.65 Für ihn erscheint Pëtrs Politik nicht als notwendig, sondern im Gegenteil als ein tyrannischer Akt – der Kaiser sei der „barbarischste aller Menschen“66. In Vom Geist der Gesetze legt Montesquieu dar, dass die vom Herrscher eines Landes erlassenen Gesetze den Sitten und der Lebensweise seines Volkes zu entsprechen hätten. Diese Gewohnheiten würden nämlich den „esprit des lois“ bilden, und das höchste Ziel des Regierens müsse es sein, die politische Gestalt eines Landes nach diesem Geist zu formen. In jedem Land herrsche demnach eine eigene spezifische Situation, und die Übertragung fremder Gesetze sei unmöglich. Indem Pëtr eine solche Übertragung westeuropäischer Werte auf Russland trotzdem versucht und diese Veränderungen mit Gewalt hätte durchsetzen wollen, würde er tyrannisch an seinem Volk handeln. Dieses sei bereits vor Pëtr ein europäisches Volk gewesen, welches nur durch die Zeit der Tartarenherrschaft67 vom „rechten Weg“ abgekommen sei. Im Gegensatz zu Voltaire, der das russische Volk als barbarisch beschreibt, ist es für Montesquieu vielmehr Pëtr, auf den eine solche Aussage zutrifft. Die russische Nation sei auch schon vor dessen Regierungszeit und ohne seine Reformen ein integraler Bestandteil Europas gewesen.68 Eine gewisse Anerkennung kann Montesquieu den Bemühungen Pëtrs bzw. seiner Nachfolger, das despotische Regierungssystem Russlands zu überwinden, gleichwohl nicht versagen. Doch die Methoden dieses Versuchs seien nicht die richtigen, da die Auswirkungen der Fremdherrschaft nach viereinhalb Jahrhunderten Dauer noch allgegenwärtig wären. So würde die Bevölkerung des Landes nur aus Sklaven bestehen, auch ein Adel im westeuropäischen Sinne würde nicht existieren. Der Versuch von Reformen gerade im wirtschaftlichen Bereich sei daher sinnlos, weil es in dieser „Sklavengesellschaft“ keine freien Händler und Handwerker geben könne. Auch hätte die Vermischung mit anderen Völkern Sitten hervorgebracht, die dem 65  Eine Zusammenfassung bietet Orlando Minuti: L’image de la Russie dans l’oeuvre de Montesquieu. In: Cromohs 10 (2005). Online unter: http:  /   /  www.cro mohs.unifi.it / 10_2005 / minuti_montruss.html. Letzter Zugriff: 24.04.2012. 66  „Pierre Ier. Le plus barbare de tout les hommes, c’était la Czar.“ [CharlesLouis de Secondat de] Montesquieu: Oeuvres complètes de Montesquieu. Bd. 13: Spicilège. Ed. von R. Minuti und mit Anm. v. S. Rotta. Oxford / Neapel 2002, S. 551. 67  Zum „Mongolenjoch“ vgl. Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 15), S. 121– 218 sowie knapper Nolte: Kleine Geschichte Russlands (wie Anm. 60), S. 39–60. 68  Vgl. Böhlke: Russlandbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert (wie Anm. 53), S. 582 f. sowie ausführlich, besonders für den Vergleich mit Voltaire, Klaus Städtke: Voltaire und Rousseau über Peter I. und Russland. Anmerkungen zur Konzeptualisierung der neueren russischen Geschichte. In: Zeitschrift für Slawistik 39 (1994), S. 383–392.



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Klima des Landes, dem Montesquieu gesellschaftsprägende Kraft zuschreibt, nicht entsprechen würden.69 Auch Montesquieu ist selbst niemals in Russland gewesen. Eine Besuchseinladung des spanischen Gesandten in Sankt Petersburg von 1726 bis 1730, James Francis Fitz-James Stuart (1696–1738),70 nahm er nicht an, und so konnte er wie Voltaire nur Informationen aus zweiter Hand verarbeiten. Neben Gesprächen mit unterschiedlichen Diplomaten wie dem russischen Gesandten am französischen Hof, Antióch Dmítrievič Kantemír (1708–1744)71, war vor allem die bereits 1716 erschienene Russland­ beschreibung des Engländers John Perry unter dem Titel State of Russia under the present Tsar eine wichtige Quelle, obwohl in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine Vielzahl von anderen Werken zur Verfügung gestanden hätte.72 So benutzt Montesquieu fast durchgehend den älteren Begriff „Moskovien“ statt des eigentlich zeitgenössischen Ausdrucks „Russland“ oder „Russisches Reich“ („Rossíjskaja impérija“).73 Er steht stellvertretend für dasjenige Russlandbild, welches die aufklärerischen Reformen als falschen Weg und nicht zum Lande passend beurteilt.74 3. Rousseaus Russlandbild Während sowohl Voltaire als auch Montesquieu zwischen Herrscher und Volk unterscheiden, findet sich bei Jean Jacques Rousseau eine solche Tren69  Vgl. Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 246 f. sowie Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 33–38. 70  Zu den Titeln des Gesandten aus einer Nebenlinie des Hauses Stuart, der Spanien später auch in Wien repräsentierte, gehörten die Herzogswürden von Berwickupon-Tweed sowie von Liria und Xerica. Der Bericht über seinen Aufenthalt in Russland wurde kürzlich neu ediert. Vgl. Duque de Liria y Jérica: Diario del viaje a Moscovia. Hrsg. von Ángel Luis Encinas Moral, Isabel Arranz del Riego und Mario Rodríguez Polo. Madrid 2008. 71  Zu Kantemir siehe einführend Helmut Graßhoff: Antioch Dmitrievič Kantemir und Westeuropa. Ein russischer Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und seine Beziehung zur westeuropäischen Literatur und Kunst. Berlin [Ost] 1966. 72  Vgl. Kämmerer: Theorie und Empirie (wie Anm. 47), S. 333 f. sowie ausführlicher ders.: Zur Rezeption von Russica und Polonica in einer Gelehrtenzeitschrift des 18. Jahrhunderts. In: Herbert G. Göpfert / Gerard Kozielek / Reinhard Wittmann (Hrsg.): Buch- und Verlagswesen im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte der Kommunikation in Mittel- und Osteuropa. Berlin [West] 1987, S. 347–366. 73  Zur Begriffsgeschichte vgl. Carsten Goehrke: Russland. Eine Strukturgeschichte. Paderborn u. a. 2012, S. 11–14. Das Beispiel des Tagebuchs des Herzogs von Liria und Xerica (wie Anm. 70) zeigt aber, dass sich die in Westeuropa entstandene Bezeichnung dort noch einige Zeit hielt. 74  Vgl. Kämmerer: Theorie und Empirie (wie Anm. 47), S. 333 f.

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nung nicht. In seinem Hauptwerk Vom Gesellschaftsvertrag75 schildert er eine düstere Zukunft Europas. Dessen Staaten seien dem Verfall preisgegeben, da sie keine auf einem Gesellschaftsvertrag und der Volkssouveränität basierenden Gemeinschaften mehr seien. Um den Niedergang zu bremsen, müssten alle noch vorhandenen Elemente eines solchen Gemeinwesens bewahrt werden, die Entstehung einer Despotie könne damit verhindert werden. Der einzelne Mensch müsse zu diesem Zweck die Gesetze des Zusammenlebens respektieren. Da er jedoch eine widersprüchliche Natur besitze, erschienen seine eigene Freiheit und der ideale Staat als eine kaum zu realisierende Utopie.76 In dieses pessimistische Bild der zukünftigen Entwicklung Europas bezieht Rousseau Russland mit ein und beschreibt es als durch und durch negativ. Ähnlich wie Montesquieu verurteilt er den Versuch Pëtrs I., sein Land durch die Implementierung fremder Sitten zivilisieren zu wollen. Rousseau modifiziert diese Kritik jedoch dahingehend, dass die Bemühungen zum falschen Zeitpunkt erfolgt seien und nun für immer aussichtslos blieben. Das russische Volk werde immer ein barbarisches bleiben und Russland als ein Reich der Unfreiheit und des Despotismus eine elementare Bedrohung der europäischen Zivilisation darstellen.77 In den postum erschienenen Betrachtungen über die Regierung Polens78 entwickelt Rousseau diesen Gedanken weiter und entwirft das Bild von 75  Jean Jacques Rousseau: Du contrat social ou principes du droit politique. Amsterdam 1762. Eine aktuelle deutsche Ausgabe ist ders.: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. In Zusammenarbeit mit Eva Pietzcker neu übers. und hrsg. von Hans Brockard. Bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart 2003. Zur Einführung vgl. Reinhard Brandt / Karlfriedrich Herb (Hrsg.): Jean-Jacques Rousseau. Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Berlin 2000 sowie jetzt Alfons Söllner: Rousseau und sein „Contrat Social“. Abschiedsvorlesung an der Technischen Universität Chemnitz und eine späte Liebeserklärung. In: Politisches Denken. Jahrbuch 2012, S. 59–75; knapper ders.: Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social ou Principes du Droit Politique, Amsterdam 1762. In: Steffen Kailitz (Hrsg.): Schlüsselwerke der Politikwissenschaft. Wiesbaden 2007, S. 405–410. Zur Rezeptionsgeschichte siehe jetzt ausführlich Oliver Hidalgo (Hrsg.): Der lange Schatten des Contrat social. Demokratie und Volkssouveränität bei Jean-Jacques Rousseau. Wiesbaden 2013. 76  Vgl. Zlatopol’skaja: Die religiös-moralischen und sozialphilosophischen Ideen (wie Anm. 40), S. 166 f. 77  Vgl. Böhlke: Russlandbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert (wie Anm. 53), S.  584 f. 78  Jean Jacques Rousseau: Considérations sur le gouvernement de Pologne et sur sa réformation projetée. Genf 1782. Als aktuelle deutsche Übersetzung vgl. ders.: Betrachtungen über die Regierung Polens und über deren vorgeschlagene Reform. In: Ders.: Sozialphilosophische und politische Schriften. In Erstübertr. von Eckhart Koch sowie bearb. u. erg. Übers. aus d. 18. u. 19. Jh. Mit e. Zeittaf. von Dietrich



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Polen als einer „Barriere“ zwischen Russland und Europa. Polen müsse von den europäischen Mächten in seinem Freiheitskampf unterstützt werden, solange bis der letzte russische Soldat von dessen Boden vertrieben sei.79 Dazu müssten die Republik als Gegenentwurf zur russischen Despotie fest in Polen verankert und die Sitten des Landes erhalten werden. Im Gegensatz zur Annahme fremder Bräuche – wie in Russland geschehen – könne die Bewahrung der eigenen Traditionen ein Land vor seiner Zerstörung retten.80 Die Ansichten Rousseaus kann man demnach als eine Synthese von Teilen der Überzeugungen Voltaires und Montesquieus deuten. Wie bei Voltaire erscheint das russische Volk als ein barbarisches, wie bei Montesquieu werden die Reformen Pëtrs I. verworfen. Darüber hinaus jedoch wird Russland jegliche Zugehörigkeit zu Europa abgesprochen und dieses vielmehr als eine existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Entsprechend solch feindseliger Einstellung unterhielt Rousseau im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen keinerlei Verbindungen zum russischen Hof, seine Bilder von Russland entwickelten sich in der Betrachtung aus der Ferne.81 4. Diderots Russlandbild Denis Diderot hingegen konnte zumindest auf einige Monate eines Russlandaufenthalts verweisen. Sein Russlandbild wird mitbestimmt durch die finanzielle Abhängigkeit von Ekaterína II., wegen der er deren wiederholte Einladung an den Sankt Petersburger Hof schließlich nicht mehr ausschlagen konnte und wollte. Aus der Korrespondenz lässt sich anfänglich eine Leube. Anm. von Eckhart Koch. Nachw. von Iring Fetscher, München 1981, S. 563– 655. Die Schrift entstand im Auftrag der Konföderation vor Bar, für die auch Thesby de Belcour kämpfte. Vgl. Birgit Nübel: Zum Verhältnis von „Kultur“ und „Na­ tion“ bei Rousseau und Herder. In: Regine Otto (Hrsg.): Nationen und Kulturen. Zum 250. Geburtstag Johann Gottfried Herders. Würzburg 1996, S. 97–111. 79  Rousseau nimmt dabei eine konträre Position zu Voltaire ein, der sich, mit Lortholary, geradezu auf einem „Kreuzzug“ gegen Polen (und das Osmanische Reich) befand. Vgl. Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 109–135. Zu den die polnisch-russischen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestimmenden Teilungen Polens vgl. einführend Michael G. Müller: Die Teilungen Polens. 1772, 1793, 1795. München 1984 sowie in den gesamten Betrachtungszeitraum umspannender, eher polonozentrischer Perspektive Klaus Zernack: Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte. Berlin 1994, S. 232–295. Zur Reaktion der Aufklärungsphilosophen siehe jetzt mit Konzentration auf die erste Teilung Polens 1772 Marc Belissa: Les Lumières, le premier partage de la Pologne et le „système politique“ de l’Europe. In: Annales historiques de la révolution française (2009), H. 356, S. 57–92. 80  Vgl. Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 254 f. 81  Vgl. Mohrenschildt: Russia in the Intellectual Life (wie Anm. 19), S. 240 f.

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tiefe Bewunderung für die Person der Kaiserin erschließen. Diderots Haltung zur Politik Ekaterínas war dennoch durchaus ambivalent, und seine Urteilsfreiheit scheint trotz der wirtschaftlichen Bindungen kaum begrenzt. Sein Interesse an Russland war indes durch die Beziehung zur Herrscherin naturgemäß größer, als es ohne sie gewesen wäre.82 Während seiner Zeit in Sankt Petersburg gehörte Diderot zu den engsten Beratern Ekaterínas und führte nahezu täglich Gespräche mit ihr. Hauptthema dabei war die geplante Neuordnung des Bildungswesens in Russland.83 Nach seinen Vorstellungen sollte die russische Gesellschaft damit endgültig in eine aufgeklärte und zivilisierte umgewandelt werden. Die von Pëtr I. geschaffenen Grundlagen betrachtete er als nicht ausreichend, ebenso wenig Ekaterínas Sozialpolitik. Die Kaiserin wiederum bewertete Diderots Ideen als zu idealistisch und in Russland nicht umsetzbar. Seine Enttäuschung darüber fasste er in einer eigentlich nicht für die Veröffentlichung bestimmten Schrift Observations sur le Nakaz zusammen.84 Ekaterinas „Große Instruktion“ erscheint darin als unzureichend und mangelhaft. Die Kaiserin zeigte sich empört über diese Kritik, das Verhältnis zwischen Monarchin und Berater kühlte sich merklich ab.85 Diderot übte in seinen Observations eine Fundamentalkritik an der Politik Ekaterínas auf der Grundlage von Rousseaus Begriff der Volkssouveränität. Die Regierungsform der Kaiserin wäre eine despotische, die es im Sinne des Glücks und der Freiheit der Gesellschaft abzuschaffen gelte. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse Ekaterína ihre Macht selbst beschränken. Diese Forderungen beruhten auf dem Bemühen Diderots, seine Kenntnisse von und über Russland beständig zu erweitern – was ihn deutlich vom Großteil der Aufklärungsphilosophen unterscheidet. Während seiner infolge des harten Winters körperlich sehr anstrengenden Zeit in Sankt Petersburg hatte er die Kaiserin explizit um alle Art von wirtschaftlichen, statistischen und juristischen Angaben über Russland gebeten. Seine Wissbegierde umfasste sämtliche Bereiche des Wirtschaftslebens wie Einwohnerzahlen, BesitzverDonnert: Katharina II. (wie Anm. 28), S. 94–97. dazu Kusber: Eliten- und Volksbildung im Zarenreich (wie Anm. 44), S. 175–182. 84  Denis Diderot: Observations sur le Nakaz [ou Observations sur l’instruction de l’imperatrice de Russie aux députés pour la confection des lois]. Paris 1921 [entst. 1774]. Eine edierte Fassung liegt mit ders.: Observations on the Nakaz. In: Ders.: Political Writings. Hrsg. v. John Hope Mason u. Robert Wokler. Cambridge 1992, S. 77–164 vor. Vgl. Kämmerer: Theorie und Empirie (wie Anm. 47), S. 337 f. sowie André Monnier: Diderot et la leçon de Saint-Pétersbourg. In: Revue des études slaves 56 (1984), S. 573–589. 85  Vgl. Donnert: Katharina II. (wie Anm. 28), S. 281–283. Zur Instruktion siehe oben, Anm. 48. 82  Vgl. 83  Vgl.



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hältnisse, Produktpreise sowie das Bank- und Steuerwesen bis hin zur Staatsverschuldung Russlands. Die Interessen des französischen Gelehrten galten darüber hinaus auch Themen wie der Frage der künstlerischen Erfindungen oder des Schamanismus in Russland.86 Das Russlandbild Diderots lässt sich in seinen Veränderungen daher ebenfalls als eine Synthese von Voltaire’schen und Montesquieu’schen Ideen sehen. Zunächst erscheint die Person der Herrscherin als diejenige, welche die russischen Verhältnisse entscheidend verändert und das Land in ein aufgeklärtes Gemeinwesen überführt. Diese Einschätzung weicht der Erkenntnis, dass die Politik Ekaterínas den hohen Idealen der Aufklärung nicht entspricht und somit die positive Beurteilung der Kaiserin nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Gerade die autokratische Regierungsform konnte der demokratischen Ideen zuneigende Diderot nicht akzeptieren. In seiner Bereitschaft, zwischen Idealvorstellung und tatsächlicher Politik zu unterscheiden, gelingt es ihm, sich von der undifferenzierten Begeisterung eines Voltaire zu lösen.87 IV. Das Russlandbild des François Auguste Thesby de Belcour Während also der überwiegende Teil der französischen Aufklärungsphilosophen lediglich auf einer abstrakten Ebene über Russland nachdachte, konnte Diderot seine Gedanken bereits anhand von eigenen Erfahrungen überprüfen. Eine noch konkretere Form der Berichte über Russland bieten die Aufzeichnungen der französischen Russlandreisenden des 18. Jahrhunderts. Deren Veröffentlichungen konnten zu einer „Selbstaufklärung“ ihres Publikums beitragen und dieses zu einem Urteil über die Verhältnisse im eigenen Land befähigen.88 Unter den zahlreichen französischen Reiseberichten über das Russland des 18. Jahrhunderts89 nimmt derjenige des François Auguste Thesby de Belcour eine besondere Rolle ein. In ihm wird der Kontakt mit Russland Tortarolo: Katharina II (wie Anm. 4), S. 120–127. Kämmerer: Theorie und Empirie (wie Anm. 47), S. 337 f. 88  Vgl. ebd., S. 331–333. 89  Einen Überblick bieten Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 130–149 sowie in begrenzter zeitlicher Perspektive und anderer Zielsetzung, aber naturgemäß vielen bibliografischen Verweisen Julie Ollivier-Chakhnovskaïa: Les conditions matérielles du voyage en Russie vues par les voyageurs français sous Catherine II et Paul Ier (1762–1801). In: Poussou / Mézin / Perret-Genti: L’influence française (wie Anm. 17), S. 359–382. Siehe auch – zeitlich weiter gespannt – Grève: Le Voyage en Russie (wie Anm. 9), S. 1229–1271. 86  Vgl. 87  Vgl.

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nicht als ein gewollter, sondern als ein erzwungener geschildert.90 Dieser Umstand ermöglicht zumindest teilweise einen ungefärbten Blick auf den Zustand der russischen Gesellschaft. Die daraus resultierenden Russlandbilder Thesby de Belcours werden im Folgenden dargelegt. 1. Biografische und quellenkritische Notizen Abseits des Tagebuchs Thesby de Belcours finden sich nur wenige Informationen über den Verfasser.91 Die ersten Seiten seiner Aufzeichnungen sind der Schilderung seiner militärischen Karriere in verschiedenen Freiwilligenregimentern gewidmet, deren Darstellung durch einige verstreute Nennungen noch erweitert werden kann.92 Demnach dient Thesby de Belcour, Sohn einer Irländerin, seit 1744 als Soldat. Im Siebenjährigen Krieg (1576–1763) kämpft er in Kanada unter Louis-Philippe de Vaudreuil (1724– 1802)93 u. a. im September 1759 in der Schlacht auf der Abraham-Ebene vor 90  Zu den theoretischen Grundlagen einer kulturhistorischen Untersuchung solcher „erzwungener Reisen“ – mit Bezug auf „politisch Verfolgte“ in den deutschen Teilstaaten – vgl. Christoph Siegrist: Unfreiwillige Reisen. Verfolgungs- und Deportationsberichte 1777–1807. In: Wolfgang Griep / Hans-Wolf Jäger (Hrsg.): Reisen im 18. Jahrhundert. Neue Untersuchungen. Heidelberg 1986, S. 236–273, bes. 236–238, 273. Als Einführungen zur Reiseforschung mit Bezug auf den hier untersuchten Zeitraum siehe auch Wolfgang Griep / Hans-Wolf Jäger (Hrsg.): Reise und soziale Realität am Ende des 18. Jahrhunderts. Heidelberg 1983; Wolfgang Griep (Hrsg.): Sehen und Beschreiben. Europäische Reisen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Erstes Eutiner Symposium vom 14. bis 17. Februar 1990 in der Eutiner Landesbibliothek. Heide 1991; Hans-Wolf Jäger (Hrsg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung. Heidelberg 1992; Uwe Hentschel: Studien zur Reiseliteratur am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Autoren – Formen – Ziele. Frankfurt am Main u. a. 1999. Die Verwendung von Reiseberichten als Quellen kulturgeschichtlicher Forschung wird weiterhin thematisiert in Antoni Mączak / Hans Jürgen Teuteberg (Hrsg.): Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung. Wolfenbüttel 1982 und Michael Maurer (Hrsg.): Neue Impulse der Reiseforschung. Berlin 1999 (vgl. dort besonders den ausführlichen, sehr instruktiven Forschungsbericht von dems.: Reisen interdisziplinär – Ein Forschungsbericht in kulturgeschichtlicher Perspektive, S. 287–411). Als kürzere Übersicht und Sammelrezension wichtiger Arbeiten vgl. Uwe Hentschel: Reiseliteratur. Ein kritischer Überblick über einige neuere Forschungsbeiträge. In: Wirkendes Wort 51 (2001), S. 119–127. 91  Neben diesem Werk ist mit François Auguste Thesby de Belcour: Konfederacja barska [Die Konföderation von Bar, Krakau 1895] noch ein weiteres erhalten. 92  Vgl. etwa ein Dossier über seine militärischen Tätigkeiten bis 1766 in den französischen Archives nationales d’Outre-Mer. Online unter: http: /  / anom.archives nationales.culture.gouv.fr / ark: / 61561 / up424g0067p.num=20.q=Belcourt  %2C+Thisb %C3 %A9+de (letzter Zugriff: 29.07.2013). 93  Vaudreuil kämpfte später im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775– 1783) als zweithöchster Kommandeur der französischen Marine. Vgl. zum Ganzen



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Quebec, wird dort von den Engländern gefangen genommen und nach Kriegsende wieder freigelassen. Unter Louis Antoine de Bougainville (1729–1811)94 segelt er 1763 über die Falklandinseln zurück nach Europa und verfasst über diese Reise einen Rapport für das Marineministerium. Im Gefolge von Charles-François Dumouriez (1739–1823)95 und Antoine Charles du Houx de Vioménil (1728–1792)96 begibt er sich nach Polen und formiert dort eine Brigade von 400 Mann im Rahmen der „Krakowischen Konföderation“97. Von Dezember 1769 bis April 1774 befindet er sich in russischer Gefangenschaft. Nach seiner Freilassung – die im Kontext einer einführend Edwin B. Hooper: The War at Sea. France and the American Revolution. A Bibliography. Washington DC 1976; Jonathan R. Dull: The French Navy and American Independence. A Study of Arms and Diplomacy, 1774–1787. Princeton, NJ 1975. 94  Bougainville umrundete von 1766 bis 1769 als erster Franzose die Welt. Im Siebenjährigen Krieg hatte er als Adjutant des französischen Kommandeurs LouisJoseph de Montcalm (1712–1759) in Amerika gekämpft, im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg befehligte er Teile der französischen Flotte. Vgl. als biographische Einführung John Dunmore: Storms and Dreams. Louis De Bougainville. Soldier, Explorer, Statesman. Stroud / Auckland 2005. Der Bericht über die Weltumsegelung erschien erstmals 1771 unter dem Titel Voyage autour du monde par la frégate du roi La Boudeuse et la flûte L‘Étoile. Vgl. als aktuelle deutschsprachige Ausgabe Louis-Antoine de Bougainville: Reise um die Welt. Über Südamerika und durch den Pazifik zurück nach Frankreich 1766–1769. Hrsg. und übers. von Lars M. Hoffmann. Wiesbaden 2010. 95  Dumouriez hatte im Siebenjährigen Krieg in Deutschland gekämpft, diente später im Geheimnetzwerk Secret du roi und schloss sich während der Französischen Revolution den Girondisten an. Vgl. als (populärwissenschaftliche) biographische Einführung zuletzt Isabelle Henry: Dumouriez, général de la Révolution (1739–1823). Biographie. Paris 2002. 96  Vioménil kämpfte im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748), im Siebenjährigen Krieg und in führender Position im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Später war er Gouverneur von La Rochelle und Martinique. Episoden seiner Zeit in Polen schildert er in Antoine-Charles du Houx Vioménil: Lettres particulières du baron de Vioménil sur les affaires de Pologne en 1771 et 1772. Paris / Strasbourg 1808 (postum veröffentlicht), wobei er ausführlich (S. 67–86) aus Thesby de Belcours Tagebuch zitiert. Als knappe Einführung vgl. Antoine de Badereau: Les Archives du Baron de Vioménil. In: Bulletin de l’Academie François Bourdon N° 5, Januar 2004, S. 6–9. 97  Dabei handelt es sich um die Konföderation von Bar. Eine monographische Untersuchung in deutscher Sprache fehlt, vgl. stattdessen die entsprechenden Abschnitte in Übersichtswerken zur polnischen Geschichte wie Manfred Alexander: Kleine Geschichte Polens. Aktualisierte und erw. Ausg. Stuttgart 2008, S. 154–161; Jürgen Heyde: Geschichte Polens. 3., durchges. und aktualisierte Aufl. München 2011, S. 49–51; Jörg K. Hoensch: Geschichte Polens. 3., neubearb. und erw. Aufl. Stuttgart 1998, S. 162–168; für einen Spezialaspekt Stefan Hartmann: Friedrich der Große und die polnische Konföderation von Bar (1768–1772). In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 44 (1995), S. 159–190.

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brieflichen Intervention d’Alemberts bei Ekaterína II. erfolgte98 – nimmt er seine Tätigkeit im polnischen Unabhängigkeitskampf wieder auf, für 1776 und 1781 sind Aufenthalte in Litauen belegt. 1790 erhält er mit dem Ordre royal et militaire de Saint-Louis eine hohe militärische Auszeichnung, die ihm von einem Angehörigen der Familie Lubomirski verliehen werden soll, was für einen fortgesetzten Aufenthalt in Polen spricht.99 Im Vorwort seines Tagebuchs wird der Schreibstil Thesby de Belocurs vom anonymen Herausgeber als „freimütig“ und „ungekünstelt“ beschrieben.100 Die Aufzeichnungen würden demnach veröffentlicht, um „der gloreichen Monarchin von Rußland […] zu erkennen zu geben, wie wenige Achtung man gegen die Befehle beobachtet, die das menschenliebende und wohlthätige Herz dieser Prinzeßin […] hat ergehen lassen“101 sowie „ferner die Fehler in ihrer Art zu regieren, und die Mittel, diesen Mängeln […] abzuhelfen, an den Tag zu legen“102. Des Weiteren wird das Problem der Russlandbetrachtungen vieler Aufklärungsphilosophen erkannt, die ihre Überlegungen nur auf Berichte anderer gegründet haben. Das Tagebuch solle nämlich weiterhin „zur Berichtigung der falschen Vorstellungen dienen, welche verschiedene Geschichtsschreiber, besonders der Herr von Voltaire, der […] in Rußland nur die Rubels in ihrer wahren Gestalt gekannt hat […], von diesen Gegenden gemacht haben“103. Thesby de Belcour erscheint also als zwar einfacher, aber dennoch gebildeter Mann, der die zeitgenössische Literatur zu Russland zumindest teilweise wahrgenommen hat. In für diese Literaturgattung typischer Art und Weise erscheinen wiederholt Formeln, in denen der Autor beteuert, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu sagen. So betont er mehrfach, nur Ereignisse und Umstände zu notieren, bei denen er selbst Zeuge war bzw. Berichte von Leuten erhielt, die dies glaubhaft machen konnten.104 Darüber hinaus vermerkt Thes98  Vgl. Mézin / Rjéoutski (Hrsg.): Les Français en Russie. Bd. 2 (wie Anm. 9), S. 782. 99  Vgl. das Ernennungsschreiben im Archivbestand der Universität Tartu. Online unter: http: /  / dspace.utlib.ee / dspace / bitstream / handle / 10062 / 11234 / louisxvi.pdf (letzter Zugriff: 29.07.2013). 100  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. [VI]. 101  Ebd., S. [II / III]. Die Orthografie der Zitate wurde nicht angepasst. 102  Ebd., S. [IV]. 103  Ebd., S. [V]. 104  Vgl. ebd., S. 129 f. Zum Objektivitätsanspruch der Reisebeschreibungen des Aufklärungszeitalters siehe auch Gert Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen über das Russland der Epoche Katharinas II. In: Jäger (Hrsg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung (wie Anm. 90), S. 223–241, hier: 224–226 sowie Hentschel: Studien zur Reiseliteratur am Ausgang des 18. Jahrhun-



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by de Belcour, wenn er Erzählungen anderer als nicht glaubwürdig empfindet. Die Ergebnisse seiner Gespräche mit russischen Adligen, die ebenfalls nach Sibirien verbannt worden waren, nahm er z. B. nur teilweise auf, da „man […] sich leicht vorstellen [kann], daß von ihren Berichten manches zu glauben und manches zu verwerfen war“105 – gleiches müsste dann freilich für ihn selber gelten. Eine entsprechende Kritik übt Thesby de Belcour an Voltaire, der seiner Meinung nach „recht darauf legt, den Berichten solcher Leute zu widersprechen, die von dem, was sie anführen, Augenzeugen gewesen sind, da er hingegen nichts als Hirngespinste seiner Phantasie gesehen hat; denn ich habe es selbst gefunden, daß fast alles, was er sagt, mit dem Stempel der Unwahrheit bezeichnet ist“106. Dieser Vorwurf lässt sich als eine Generalkritik an denjenigen Aufklärungsphilosophen verstehen, die ihre Russlandvorstellungen nur auf fremden Berichten gründeten. Thesby de Belcour hingegen formuliert den Anspruch, in seinem Reisebericht nur Wahres und seiner Meinung nach Glaubwürdiges niederzuschreiben. 2. Chronologischer Abriss des Russlandaufenthalts Auf seiner Reise nach Krakau (Kraków) im Mai 1769 wurde Thesby de Belcour von mehreren anderen französischen Offizieren begleitet. Schon vor der Ankunft in der Stadt gerät die Gruppe in Schwierigkeiten. In einem Lager von Angehörigen der „Krakowischen Konföderation“ sieht sie sich einem Disput der Anführer ausgesetzt, die unterschiedliche Strategien gegen den russischen Gegner befürworten.107 Ab September schließlich ist Thesby de Belcour mit dem Aufbau eines Freiwilligenregiments betraut.108 Die internen Auseinandersetzungen der Führungsgruppe der Konföderation führen dazu, dass Krakau bei einem Vormarsch der russischen Armee geräumt werden muss.109 Das Regiment Thesby de Belcours ist noch nicht kampfbereit, so dass es mehrere Tage in der Umgebung der Stadt „herumirrt“, schließlich von einer russischen Einheit gestellt und gefangen genommen wird.110 Die Offiziere werden von den normalen Soldaten getrennt und unter einer ihrem Stand nicht angemessenen Behandlung in Richtung Warschau (War­ derts (wie Anm. 90), S. 15–43 zum Übergang vom „gelehrten Bericht zur literarischen Beschreibung“ (ebd., S. 15). 105  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 130. 106  Ebd., S. 164. 107  Vgl. ebd., S. 7–9, 15. 108  Vgl. ebd., S. 13 f. 109  Vgl. ebd., S. 17–19. 110  Vgl. ebd., S. 20–28.

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szawa) geschickt, wo sie Ende Dezember 1769 ankommen.111 Über Kíev (Kyїv) wird Thesby de Belcour mit insgesamt über 200 gefangenen Offizieren nach Kazán’ verlegt. Aus finanziellen Engpässen heraus kommt es dort zu Streitigkeiten unter den Häftlingen.112 Über Ekaterinbúrg erfolgt der Weitertransport in den Verbannungsort Toból’sk, wo die Kriegsgefangenen nach mehrmonatiger Reise im Oktober 1770 eintreffen.113 Die Zeit dort ist geprägt von der Auseinandersetzung mit dem hiesigen Gouverneur. Dieser ignoriert seine Befehle, die Häftlinge entsprechend der üblichen Konventionen zu behandeln. Nach eigener Aussage „machte [er] es mit den Ordren des Hofes wie es ihm gut dünkte und er pflegte sein Betragen als Gouverneur nach seiner Phantasie und Willkühr einzurichten, welcher sich alle, die sich daselbst aufhielten, unterwerfen müssten“114. Häufig gibt es Streitigkeiten über die Höhe der den Gefangenen zuzuweisenden Besoldung. Auch die Kompetenzverteilung der örtlichen militärischen Behörde bleibt unklar.115 Abhängig ist das Verhältnis u. a. vom Schicksal der russischen Armee im Krieg mit dem Osmanischen Reich.116 Die Nachrichten darüber wirken sich auf Laune und Verhalten des Gouverneurs aus: „Wenn die Zeitungen etwa einen über die Türken erhaltenen Vortheil verkündigten, so erhöhte der Statthalter unseren Sold; wenn sie [= die russische Armee] aber nur den geringsten Verlust gelitten hatte, so verminderte er ihn“117. Darüber hinaus sieht sich gerade Thesby de Belcour zahlreichen Schikanen ausgesetzt, da er immer wieder in Briefen auf die Situation der Gefangenen aufmerksam macht. So wird er z. B. ohne Angabe von Gründen ins Gefängnis geworfen: „Als ich […] an meiner Thüre stand, wurde ich von vier Mann ohne UniThesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 29–33. ebd., S. 35–48. 113  Vgl. ebd., S. 55–60. In Toból’sk hatten bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts einige im Großen Nordischen Krieg gefangen genommene schwedische Offiziere wie Curt Friedrich von Weech ihre Inhaftierung verbüßen müssen. Vgl. dazu Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 104), S. 223–225. Auch der deutsche Schriftsteller und russische Generalkonsul August von Kotzebue (1761–1819) war im Jahr 1800 kurzzeitig dort interniert, worüber er in der autobiographischen Schrift Das merkwürdigste Jahr meines Lebens (1801) berichtet. Vgl. dazu Laudin: Histoires de bannissements et critique de la politique des tsars (wie Anm. 9), S. 123–125. 114  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 64. 115  Vgl. ebd., S. 61–70. 116  Zu den russisch-osmanischen Kriegen im 18. Jahrhundert vgl. knapp Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 15), S. 369–373. 117  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 89. 111  Vgl.

112  Vgl.



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form, aber bewaffnet, überfallen und angehalten. […] Sie führten mich in das Gefängnis der Policey. […] Man ließ mich an diesem verdammten Orte, ohne Essen und Trinken, bis an den folgenden Tag […]“118. Da die Gefangenen nicht für Arbeiten eingesetzt werden, hat Thesby de Belcour während der knapp dreijährigen Gefangenschaft viel Zeit für Gespräche mit Einheimischen. Aus diesen entwickelt er seine Beschreibung der Umgebung von Toból’sk sowie Sibiriens119 allgemein. So werden die wirtschaftlichen Verhältnisse geschildert, Städte wie Irkútsk oder die Halbinsel Kamčatka beschrieben oder der Erfolg der Kolonisierung Sibiriens bewertet. Auch auf die Bräuche der nichtrussischen Völker in diesem Gebiet geht Thesby de Belcour ein, besonders deren Sprachen interessieren ihn.120 Eine ausführliche Schilderung erfahren die Zustände des Militärwesens im Bezirk Toból’sk. Die Armee hätte unter ihren schlechten Offizieren zu leiden, die meist nur durch Vetternwirtschaft auf ihre Posten kämen, ohne die dafür nötige Qualifikation zu besitzen. Dadurch würden auch die gemeinen Soldaten „verdorben“. Die Oberbefehlshaber seien ebenfalls meist ungeeignet. Lediglich den ausländischen Offizieren in russischen Diensten hätte die Armee ihre Erfolge zu verdanken. In Toból’sk dagegen bestünden die Truppen aus den „schlechtesten Leuten im ganzen Reiche“121. Als Beleg für diese Ausführungen führt Thesby de Belcour u. a. ein Gespräch mit einem verdienten russischen Offizier an, der diese Missstände bestätigt.122 Im September des Jahres 1773 wird durch kaiserlichen Erlass die Rückführung und Freilassung der Gefangenen angeordnet. Thesby de Belcour reist dabei allein von Toból’sk ab und kommt im November in Ekaterin­ búrg an. Unterwegs hat er zahlreiche Begegnungen mit kirgisischen und tartarischen Stämmen, die er ausführlich schildert.123 Über Kungúr gelangt er bis Ende des Jahres wieder nach Kazán’. Auch auf diesem Reiseabschnitt 118  Ebd.,

S.  92 f. der Ländereien jenseits des Ural-Gebirges. Zur geografischen Gliederung siehe Dittmar Dahlmann: Sibirien. Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn u. a. 2009, S. 13–28. 120  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 100–138. Der Verfasser spricht nach eigener Angabe – neben seiner Muttersprache Französisch – zumindest noch Englisch und Deutsch (vgl. ebd., S. 62). Zumindest seine Kenntnisse der englischen Sprache sind aufgrund der irischen Mutter und seines langen Amerikaaufenthaltes sehr wahrscheinlich. 121  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 144; vgl. ebd., S. 138–153. 122  Ebd., S.  150 f. 123  Vgl. ebd., S. 158–179. In Thesby de Belcours Bemerkung, er würde „die Gebirge [überqueren], die nach den Erdbeschreibern, Europa von Asien scheiden“ (ebd., S. 179), zeigt sich die klassische Auffassung vom „europäischen Teil“ Russlands. 119  Also

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erfolgen Kontakte mit nichtrussischen Völkern wie den Baschkiren oder Udmurten.124 Während seines zweimonatigen Aufenthaltes in Kazán’ wird Thesby de Belcour mit den Auswirkungen des Pugačëv-Aufstands konfrontiert. Er bemüht sich, ausführliche Informationen über die Geschehnisse zu erlangen und schildert Emel’ján Ivánovič Pugačëv (1742–1775) als einen charismatischen Anführer. Auch den hauptsächlich gegen den Adel gerichteten Charakter der Aufstandsbewegung erfasst der Autor.125 Im Februar 1774 schließlich126 bricht Thesby de Belcour in Richtung Moskau auf. Es folgen kurze Beschreibungen über an der Vólga ansässige Völker wie die Mari und die Tschuwaschen.127 Moskau schildert der Autor als in schlechtem Zustand befindlich. Aufgrund des Pugačëv-Aufstands ist die Stadt in Aufruhr, ein offener Konflikt bricht allerdings nicht aus. Thesby de Belcour findet schnell Kontakt zu in Moskau lebenden Franzosen. Auf der Weiterreise trifft er in Smolénsk auch auf ehemalige Mitgefangene, die ihre Verbannung dort hatten verleben müssen.128 Über Minsk gelangt Thesby de Belcour schließlich nach fünfjähriger Odyssee wieder in Warschau an.129 Dort verfasste er eine Bittschrift an den polnischen König bezüglich der noch in Sibirien verbliebenen polnischen 124  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 180–190. Letztere bezeichnet Thesby de Belcour noch mit dem älteren Begriff „Wotiaken“. Zu den „kleinen Ethnien“ vgl. grundlegend Andreas Kappeler: Russlands erste Nationalitäten. Das Zarenreich und die Völker der Mittleren Wolga vom 16. bis 19. Jahrhundert. Köln 1981 sowie ders.: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall. 2., um ein Nachw. erg. Aufl. München 2008 (erstmals 1992), hier: S. 25–56. 125  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 194–208. Für andere zeitgenössische Beobachtungen des Aufstands aus „westlicher“ Sicht siehe John T. Alexander: Western Views of the Pugachev Rebellion. In: The Slavonic and East European Review 48 (1970), S. 520–536, zur Perspektive der sowjetischen Historio­ graphie siehe Alan Bodger: Nationalities in History. Soviet Historiography and the Pugačëvščina. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 39 (1991), S. 561–581. Als allgemeine Einführung vgl. Alice Plate: Der Pugačev-Aufstand. Kosakenherrlichkeit oder sozialer Protest? In: Löwe (Hrsg.): Volksaufstände in Russland (wie Anm. 57), S. 353–396. 126  Thesby de Belcour verwendet abwechselnd die Begriffe „Februar“ sowie den im julianischen Kalender üblichen „Hornung“. Stellenweise erfolgen Datumsangaben nach dem julianischen und dem gregorianischen Kalender, es überwiegt aber die Angabe nach dem gregorianischen. 127  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 209–212. Erstere werden von Thesby de Belcour mit dem historischen Begriff „Tscheremissen“ bezeichnet. 128  Vgl. ebd., S. 212–225. 129  Vgl. ebd., S. 226–246.



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Gefangenen.130 Eine knappe Schilderung der Warschauer Verhältnisse sowie der polnischen allgemein bildet den Abschluss der Aufzeichnungen.131 3. Russlandbilder in den Aufzeichnungen des Thesby de Belcour Das Tagebuch des französischen Offiziers lässt in seiner Einschätzung Russlands einige grundlegende Linien erkennen. Besonders deutlich ist die Wertschätzung der Person Ekaterínas II., die er mit Aufklärungsphilosophen wie Voltaire teilt – obwohl er dessen Russlandvorstellungen in vielen anderen Punkten widerspricht. Bereits im Vorwort ist von der „menschenliebende[n] und wohlthätige[n] […] Prinzeßin“ die Rede.132 Sie wird als äußerst großzügig dargestellt: den Einwohnern von Kazán’, die unter einem Stadtbrand gelitten haben, werden entstandene Schäden ersetzt und Vorschüsse für den Bau neuer Häuser ausgezahlt.133 Ekaterínas Einsatz für die Wissenschaften wird hervorgehoben, als ein Naturwissenschaftler der Akademie von Sankt Petersburg auf einer im kaiserlichen Auftrag unternommenen Expeditionsreise durch Sibirien in Toból’sk Station macht.134 Das Engagement der Kaiserin bzw. deren Willensbekundungen allein reichen jedoch nicht aus, die Verhältnisse in Russland zu ändern – zu dieser Erkenntnis gelangte Thesby de Belcour ebenso wie Diderot. In seiner Beschreibung von Toból’sk erwähnt der Autor die kaiserlichen Bemühungen, dem mangelhaften Bauzustand der Stadt abzuhelfen und den entsprechenden Befehl, nach einem festgelegten Plan zu bauen. Die Appelle an Künstler und Handwerker würden jedoch nicht fruchten, und die Lokalverwaltung würde die Befehle ignorieren. Überhaupt würde kaum etwas für den Erhalt öffent­ licher Bauten getan.135 Auch die Versuche der Regierung, den schlechten Zu130  Ebd.,

S. 246–251. ebd., S. 251–262. Angehängt ist noch ein Auszug aus einer weiteren Reisebeschreibung Sibiriens, deren Autor nicht genannt wird (ebd., S. 262–284). 132  Ebd., S. [III]. 133  Vgl. ebd., S. 50. 134  Vgl. ebd., S. 69 f. Auch die hohen finanziellen Aufwendungen für das Bildungswesen werden erwähnt (ebd., S. 218). Zu den Akademie-Expeditionen vgl. Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 119). S. 105–142 sowie einführend auch Rudolf Mumenthaler: Dem Reich und den Wissenschaften zu Nutzen. Forschungsreisen im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften. In: Hübner / Kusber / Nitsche (Hrsg.): Russland zur Zeit Katharinas II. (wie Anm. 29), S. 253–280 und Judif’ Ch. Kopelevič: Die Petersburger Akademie der Wissenschaften und ihre Expeditionen im 18. Jahrhundert. In: Erich Donnert (Hrsg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 6: Mittel-, Nord- und Osteuropa. Köln / Weimar / Wien 2002, S. 893–899. Siehe dazu auch den Beitrag von Caroline Mai in diesem Band. 135  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 78 f. 131  Vgl.

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stand der Infrastruktur zu verbessern, blieben letztlich erfolglos. Zwar würde die Kaiserin „all Ihre Sorgfalt darauf“136 verwenden, doch die weite Entfernung vieler Provinzen zum Hof und die Untätigkeit der lokalen Verwaltungen machten diesen Einsatz zunichte. Die Schwierigkeiten bei längeren Reisen, die sich daraus ergeben, sieht Thesby de Belcour als ein Hauptproblem Russlands.137 Die Festlegungen der Kaiserin bezüglich der weiteren Kolonisierung Sibiriens bezeichnet der Autor als „sehr weise“ und „allerdienstlich […]“138, allerdings würden auch diese nicht genügend beachtet.139 Am Hof in Sankt Petersburg würden verschiedene Gruppen mit Intrigen gegen Ekaterína arbeiten.140 Der Versuch der Gesetzesreformen erscheint als nicht vollständig erfolgreich, da es immer noch zu Willkürakten käme.141 Das abschätzige Bild der Angehörigen der lokalen Verwaltungsebene zumindest in der Provinz führt Thesby de Belcour an zahlreichen Beispielen aus. Besonders die Verhaltensweisen des Gouverneurs von Toból’sk werden ausführlich dargestellt. Er erscheint als bestechlich142, rachsüchtig143, launisch144 und hinterhältig145. Sicher sind diese Einschätzungen Thesby de Belcours durch die Gefangenschaft gefärbt, doch auch gegenüber seinen eigenen Offizieren zeigt sich der Gouverneur als fragwürdiger Charakter.146 Exemplarisch wird eine Begebenheit geschildert, in der er seine eigene Frau bestehlen und anschließend mehrere Unschuldige zur Zwangs­ arbeit verurteilen lässt.147 Es finden sich jedoch auch positive Gegenbeispiele, u. a. der Gouverneur von Kazán’ oder der Bischof von Mohilov (Magilëў, Mogilëv).148 Besonders negativ äußert sich Thesby de Belcour über den Großteil der Angehörigen der russischen Armee. Bereits jene Einheit, von der er bei Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 123. ebd., S. 123 f. 138  Ebd., S. 124. 139  Vgl. ebd., S. 124–127. Zum Kolonisationsprozess siehe Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 119). S. 76–104 sowie knapp Kappeler: Russland als Vielvölkerreich (wie Anm. 124), S. 36–42. 140  Vgl. Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 131 f. 141  Vgl. ebd., S. 131–137. 142  Vgl. ebd., S. 60 f. 143  Vgl. ebd., S. 83 f. 144  Vgl. ebd., S. 86 f. 145  Vgl. ebd., S. 94 f. 146  Vgl. ebd., S. 96. 147  Vgl. ebd., S. 99 f. 148  Vgl. ebd., S. 45 f., 227 f. Zu den religiösen Verhältnissen äußert sich der Autor allgemein kaum. 136  Vgl. 137  Vgl.



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Krakau gefangen genommen wurde, erscheint als „barbarisch“ und „unmenschlich“149. Bestätigt wird dieses Bild von den Erfahrungen in Toból’sk. Die meisten Offiziere dort beschreibt er als ehemalige Verbrecher.150 Zudem würden sie die Zivilbevölkerung um Geld und Lebensmittel erpressen151 und öffentliche Gelder in die eigene Tasche stecken.152 Die unter Pëtr I. begonnenen Reformen seien zwar insgesamt erfolgreich gewesen, nach dessen Herrschaft allerdings hätte sich der Zustand des Militärwesens beständig verschlechtert.153 Thesby de Belcour ist jedoch durchaus in der Lage zu differenzieren, z. B. wenn er sagt, „mehr Menschlichkeit bey den gemeinen Rußischen Soldaten als bey ihren Offizieren angetroffen“154 zu haben. Auch seine kurze Zeit in Moskau zeigt ihm, dass es in der russischen Armee durchaus ehrenwerte Offiziere gibt.155 Die Zivilbevölkerung wird im Einklang mit den aufklärerischen Bildern eines „barbarischen Russlands“ ebenfalls eher negativ eingeschätzt. Thesby de Belcour zitiert dazu ein zeitgenössisches Sprichwort: „Er ist so dumm und grob, als ein Russe“156. Der allgemein hohe Konsum alkoholischer Getränke und die Neigung zur Völlerei werden mehrfach erwähnt.157 Dadurch wäre das russische Volk nicht in der Lage, sein großes Potential zu nutzen.158 Auch sei der Russe von Natur aus feige.159 Der Autor gesteht jedoch auch hier zu, dass er zahlreiche Personen kennen gelernt habe, auf die diese Beschreibungen nicht zutreffen würden.160 Die Russlandbilder Thesby de Belcours reflektieren so in ihren groben Zügen die hauptsächlichen Linien der Ansichten der Aufklärungsphilosophen. Die Wertschätzung Ekaterínas II. und Pëtrs I. ist ebenso erkennbar wie Tendenzen, dem russischen Volk barbarische Eigenschaften zuzuschrei149  Vgl.

ebd., S. 27. ebd., S. 95 f. 151  Vgl. ebd., S. 97 f. 152  Vgl. ebd., S. 127 f. 153  Vgl. ebd., S. 138 f. Zu den Militärreformen Pëtrs vgl. knapp Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 15), S. 317–319 sowie Dietrich Beyrau: Militär und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland, Köln / Wien 1984, S. 33–51. Siehe zum Ganzen auch ebd., passim sowie für den Betrachtungszeitraum den Beitrag von Marianne Leubner in diesem Band, S. 140–147. 154  Thesby de Belcour: Tagebuch (wie Anm. 10), S. 28. 155  Vgl. ebd., S. 214 f. 156  Ebd., S. 218. 157  Vgl. ebd., S. 86, 109 u. a. 158  Vgl. ebd., S. 137 f. 159  Vgl. ebd., S. 146–148. 160  Vgl. ebd., S. 146. 150  Vgl.

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ben. Teile der theoretischen Betrachtungen der französischen Intellektuellen spiegeln sich auch in der Begegnung vor Ort wider, wobei hier die Vorprägung solcher Wahrnehmungen zu berücksichtigen ist.161 Die Aufzeichnungen Thesby de Belcours erscheinen jedoch dahingehend differenzierter, dass er zwischen den einzelnen Regionen Russlands unterscheiden kann und bereit ist, bereits festgelegte Meinungen anhand neuer Erfahrungen zu überdenken. V. Fazit Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, fand eine erste intensive Annäherung zwischen Russland und Europa statt. Besonders wichtig war bei diesem Prozess der Einfluss von Frankreich als „Mutterland der Aufklärung“. Gleichwohl erlebten beide Staaten im Verlauf dieses Jahrhunderts eine gegensätzliche Entwicklung. Während Frankreich um 1700 noch die dominierende Macht auf dem europäischen Kontinent war, ging diese Rolle mehr und mehr verloren. Ab 1789 führte die Französische Revolu­ tion zum Ende des bisherigen Herrschaftssystems. Russland hingegen stieg im 18. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht auf. Ausgehend von den Reformen Pëtrs I. wandelte sich das Land im Inneren beträchtlich, wobei dies vor allem den gehobenen Schichten zu Gute kam, und konnte durch mehrere erfolgreiche Kriege seinen Einfluss nach Außen stark vergrößern.162 Trotz dieses politischen Gegensatzes bestand eine Vielzahl von Kontakten zwischen Frankreich und Russland. Vor allem die intellektuellen und kulturellen Beziehungen waren stark ausgeprägt. Die französischen Aufklärungsphilosophen pflegten einen regen Kontakt mit den aufgeklärten russischen Herrschern, dienten diesen als Berater und Vermittler. Ihre Werke wurden in der neu entstehenden literarischen Öffentlichkeit Russlands rezipiert, ihre Ideale von den Regierenden als Vorbild und Antrieb für Reformen genutzt. Französische Künstler prägten das Erscheinungsbild Russlands mit, die Erziehung der Eliten war von aufklärerischen Ideen geprägt.163 In der französischen Heimat verbreiteten die Aufklärungsphilosophen ihre Vorstellungen von Russland in Journalen und Salons. Alle diese Bilder 161  Siehe dazu Peter J. Brenner: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. Tübingen 1990, S. 25–30. 162  Vgl. Hinrichs: Absolute Monarchie (wie Anm. 11), S. 187–189 und Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 1), S. 23–25. 163  Vgl. Schüttler-Rudolph: Französische Russlandpublizistik (wie Anm.  16), S.  118 f.



Musterbeispiel oder Irrweg?

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weisen dabei gemeinsame Elemente auf. Typisch ist die Gegenüberstellung von „Zivilisation“ und „Barbarei“, die Einteilung der russischen Geschichte in eine Zeit vor und nach Pëtr I. sowie die Beurteilung dieses Herrschers als einer außergewöhnlichen Gestalt. Bewertet werden diese Elemente jedoch gegensätzlich, die mit Pëtr einsetzende Entwicklung wird kontrovers diskutiert.164 Voltaire interpretiert Pëtr I. und Ekaterína II. als Prototypen aufgeklärter Herrscher, als Musterbeispiele auch für die westeuropäischen Staaten. Pëtr hätte mit seinen Reformen das barbarische russische Volk aus seiner Lethargie gerissen und zivilisiert. Montesquieu hingegen verurteilt dieses Werk als einen barbarischen Irrweg, es hätte Russland von seinem eigentlichen Weg abgebracht. Rousseau sieht Russland als asiatische Despotie, die eine Bedrohung für Europa darstelle. Das russische Volk werde für immer ein barbarisches bleiben. Alle diese Einschätzungen erfolgten, ohne dass ihre Schöpfer persönlich in Russland gewesen waren. Diderot hingegen konnte immerhin einen Russlandaufenthalt aufweisen, der sein Bild dieses Landes denn auch stark veränderte. Während er zuvor ein Bewunderer Ekaterínas war, zeigten ihm seine persönlichen Erfahrungen, dass die Erwartungen der Aufklärer an die Kaiserin keinesfalls den tatsächlichen Gegebenheiten entsprachen.165 Eine zusätzliche Perspektive auf französische Russlandbilder lässt sich aus der Untersuchung von zeitgenössischen Reiseberichten gewinnen. Eine Sonderrolle nehmen dabei die Aufzeichnungen des François Auguste Thesby de Belcour ein. Diese schildern die Erlebnisse eines in russische Kriegsgefangenschaft geratenen französischen Offiziers, seine Verbannung ins sibirische Toból’sk und seine Rückkehr nach mehrjähriger Haft. Die grundlegenden Tendenzen der Vorstellungen der Aufklärungsphilosophen finden sich auch hier. Ekaterína II. erscheint als diejenige, welche die Reformen Pëtrs I. zu vollenden und Russland in eine aufgeklärte Gesellschaft zu verwandeln vermag. In ihren Untergebenen vor allem in den abgelegenen Reichsteilen jedoch zeigt sich der vorgebliche barbarische Urzustand des russischen Volkes, der nur unter größten Mühen verändert werden könne.166 Elemente dieser historischen Russlandbilder lassen sich bis heute im Umgang mit dem östlichen Nachbarn und der Diskussion, ob dieser zu Europa gehöre, nachweisen. Gerade das Vorurteil von Russland als zur Autokratie neigender Bedrohung der westlichen Werte hält sich durch die 164  Vgl. Böhlke: Russlandbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert (wie Anm. 53), S.  586 f. 165  Vgl. Lortholary: Les „philosophes“ (wie Anm. 34), S. 269–274. 166  Vgl. Hanslik: Das Bild Russlands und Polens (wie Anm. 9), S. 142–144.

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Jahrhunderte hartnäckig und wird immer wieder gepflegt. Doch bereits im 18. Jahrhundert fanden sich auch andere Stimmen, die Russland bei aller kritischen Distanz mit seinen spezifischen Eigenheiten als Teil Europas begriffen und akzeptierten, und die zwischen den beiden genannten Polen „Musterbeispiel“ und „Irrweg“ zu differenzieren vermochten.167 Diese Gesinnung kann ein Vorbild sein in einer Zeit, da das Verhältnis zwischen Russland und Europa immer noch auf dem Prüfstand steht.

167  Vgl. Böhlke: Russlandbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert (wie Anm. 53), S.  596 f.

Ein Sachse im Russischen Reich. Das Russlandbild Johann Gottfried Seumes Von Natalie Rinberg (Chemnitz) I. Einführung II. Seumes Russlandschriften als Beteiligter der russischen Politik (1791–1798) 1. Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794 2. Ueber das Leben und den Karakter der Kayserin von Russland Katharina II. 3. Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Russland seit der Thron­ besteigung Pauls des Ersten III. Seumes Abschied von Russland: Mein Sommer 1805 im Spiegel der zeitgenössischen Publizistik IV. Fazit

I. Einführung Über die Jahrhunderte hinweg hat sich Russland im Bewusstsein des Westens stark gewandelt. Während im Mittelalter kaum schriftliche Zeugnisse über dieses Land existierten und den Moskowitern Misstrauen und Angst entgegengebracht worden sind, mischten sich zunehmend Interesse, gar Faszinationen in die Beurteilung des östlichen Nachbarn.1 Die erste Umkehr von festsitzenden negativen Stereotypen geschah unter dem Eindruck des Europa bereisenden, charismatischen Zaren Pëtr I. (1672–1725), der Russland dem Westen öffnete, indem er zum Beispiel ausländische Fachleute zum Arbeiten und Leben in sein Reich einlud. Nicht selten fanden diese dort ein neues Zuhause – entsprechend positiv war ihr Urteil gegenüber Freunden und Verwandten in der alten Heimat. Russland wurde zu einem beliebten Reise- und Niederlassungsziel. Mit den Berichten über die russische Kultur, Religion, Politik und Geografie bereicherten die Russlandreisenden die entsprechende deutsche Fachliteratur, die seit dem 18. Jahrhundert große Nachfrage fand.2 1  Vgl. etwa Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), S. XV: „Russland, das den Menschen des mittelalterlichen Abendlandes nur vom Hörensagen bekannt war, ist heute Tag für Tag in aller Munde.“ 2  Vgl. beispielsweise den knappen Tagungsbericht von Susanne Luber: Fünfhundert Jahre Reisen nach Russland. Arbeitsgespräch in der Eutiner Landesbibliothek

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Als einer der bedeutenden Russlandreisenden in diesem Zusammenhang gilt der im sächsischen Poserna geborene Johann Gottfried Seume (1763– 1810). Sein Interesse an Russland wurde 1793 geweckt, als er nach Abschluss des Studiums in Leipzig mangels Alternativen im Heimatland in den Dienst des russischen Generals Otto Heinrich Freiherr von Igelström (1737–1823) trat, den er vier Jahre lang versah. Zwar reiste er erst im Jahr 1805 ausgiebig in das Land. Gleichwohl verfasste er bis dahin nicht wenige Schriften, die Interesse an und Verbundenheit mit Russland offenbarten, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.3 Die Beschäftigung und Verbindung mit dem Russischen Reich hatte in Sachsen fast schon Tradition. Die Regierungszeit Friedrich Augusts II. (1694–1733) bildete den Höhepunkt politischer Kontakte zwischen Sachsen und Russland. Diese umfassten häufige Besuche Pëtrs I. in Dresden, die Beihilfe Russlands bei der Wahl Augusts des Starken (1670–1733) zum polnischen König, das Einheiraten des russischen Thronfolgers in die Familie des sächsischen Kurfürsten und die gemeinsame Teilnahme Russlands und Sachsens im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden (1700–1721). Dieser Krieg brachte die Wende im Verhältnis beider Staaten, denn Russland ging daraus mit territorialem Gewinn hervor und stieg zur Großmacht auf, während Sachsen zunehmend in russische Abhängigkeit geriet. Zwar verhalfen Russland, Preußen und Österreich nach dem Tod Augusts II. dessen Sohn auf den polnischen Thron, um die politische Unabhängigkeit Polens zu verhindern, doch je mehr Sachsen durch die Verheerungen der folgenden Schlesischen Kriege (1740–1742 und 1744 / 1745) und des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) an politischem Einfluss einbüßte, desto unattraktiver wurde für Russland ein Bündnis mit diesem Staat. Ekaterína II. (1729–1796) wählte die erstarkende preußische Großmacht als neuen Verbündeten.4 Die politische Distanz tat den intensiven kulturellen Kontakten hingegen keinen Abbruch. Dabei etablierte sich Leipzig als Literatur- und Bildungszentrum. Hier tätige Wissenschaftler wirkten bei der Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts in Russland entscheidend mit: Gottfried Wilhelm am 26. und 27. September 2008. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 56 (2008), H. 4, S. 629–631. 3  Eine ausführliche Beschäftigung mit dieser Thematik bietet auch Norbert Oellers: Quod bonum publicum promovet. Johann Gottfried Seumes Russland-Erfahrungen und ihre Darstellung. In: Boris I. Krasnobaev  /  Gert Robel  /  Herbert Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung. Berlin [West] 1980, S. 225–238. 4  Vgl. zum Ganzen Ada Raev: Sachsens Glanz und Russlands Machtentfaltung. In: Volkmar Billig u. a. (Hrsg.): Bilder-Wechsel. Sächsisch-russischer Kulturtransfer im Zeitalter der Aufklärung. Köln / Weimar / Wien 2009, S. 17–32.



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Leibniz (1646–1716) etwa, der den Plan von der Schaffung einer wissenschaftlichen Akademie in Sankt Petersburg initiierte,5 und Johann Christoph Gottsched (1700–1766), dessen Zeitschrift Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit den Leser durch regelmäßige Beiträge über das Kulturleben in Russland informierte.6 Leibniz, Gottsched und andere Leipziger Professoren vermittelten über Jahre hinweg Universitätsabsolventen in russische Bildungseinrichtungen sowie als Hauslehrer in private Haushalte. Auf diesem Weg entstanden auch Seumes erste Kontakte mit Russland, als ihn Christian Felix Weiße (1726–1804) mit der livländischen Grafenfamilie Igelström bekanntmachte, die ihn als Hofmeister anstellte.7 Leipzig als Standort der Buchmesse und zahlreicher Druckereien und Verlage bot zudem einen idealen Ausgangspunkt für die Verbreitung von Informationen und Nachrichten aus Russland, wobei die Universität durch die Verbindung zu Sankt Petersburg und Moskau die Vermittlerrolle übernahm.8 Nicht zufällig wurde das Universallexikon Johann Heinrich Zedlers (1706–1751) gerade in Leipzig publiziert, wo die Universitätsprofessoren mit eingehenden Artikeln über Russland zur Genauigkeit und Aktualität der Einträge beitrugen. Seume bewegte sich regelmäßig im Kreis von Leipziger Verlegern und Autoren – darunter Georg Joachim Göschen (1752–1828) und Johann Friedrich Hartknoch jun. (1768 / 69–1819) – die Kontakte nach Russland unterhielten oder an diesem Land interessiert waren. In ihrem Umfeld etablierte sich der Schriftsteller zu einem anerkannten Russlandexperten, dessen Meinung gern auch für namhafte Nachrichtenblätter wie den Teutschen Merkur eingeholt wurde.9 5  Georg von Rauch: Politische Voraussetzungen für westöstliche Kulturbeziehungen im 18. Jahrhundert. In: Mechthild Keller (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 2: 18. Jahrhundert. Aufklärung. Unter Mitarb. von Karl-Heinz Korn. München 1987, S. 35–56, hier: 36. 6  Lew Kopelew: Die ersten Vermittler. Gottsched und sein Kreis. In: Ebd., 339– 356, hier: 350. 7  Vgl. Erhard Hexelschneider: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland 1790–1849. Köln / Weimar / Wien 2000, S. 33. Zu Seumes auf dieser Bekanntschaft beruhender späterer Tätigkeit in Russland vgl. ders.: Seume in russischen Diensten unter zwei Zaren. In: Jörg Dreus (Hrsg.): Seume: „Der Mann selbst“ und seine „Hyperkritiker“. Vorträge der Colloquien zu Johann Gottfried Seume in Leipzig und Catania 2002. Bielefeld 2004, S. 181–209. 8  Vgl. zum Ganzen Siegfried Hillert: Studenten und Bücher – Bücher und Studenten. Leipzig und Russland im Zeitalter der Aufklärung. In: Erhard Hexelschneider / Alita Liebrecht (Hrsg.): Leipzig und Russland. Streiflichter aus Vergangenheit und Gegenwart. Leipzig 2007, S. 113–118. 9  Zur Darstellung von „Russland“ im Merkur vgl. ausführlich Mechthild Keller: Wielands „Teutscher Merkur“ über Russland – Ausschnitte, Silhouetten, Reflexe. In: Dies. (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. 18. Jahrhundert (wie Anm. 5), S. 457–480.

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II. Seumes Russlandschriften als Beteiligter der russischen Politik (1791–1798) 1. „Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794“ Johann Gottfried Seume arbeitete von 1790 bis 1792 als Erzieher des Grafen Gustav Andreas Otto von Igelström (1776–1794), Sohn des livländischen Gutsbesitzers Johann Jakob Graf von Igelström (1735–1804)10 und Student der Leipziger Universität. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Gräfin in Erziehungsfragen wurde er entlassen.11 Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Seume bereits habilitiert. Obwohl eine Tätigkeit an der Universität ihm viele Vorteile gebracht hätte, verzichtete er darauf, da Bürokratie und festgefahrene Lehrsysteme wohl seiner geradlinigen Natur widerstrebten. Andere Arbeitsmöglichkeiten eröffneten sich ihm wie vielen seiner Kommilitonen nicht, denn die Hauslehrerstellen waren begrenzt. Gute Karrierechancen bot indes das Ausland, und Seume ergriff diese Chance mit der Annahme der Einladung einer Russlandreise an der Seite des Vaters seines Schülers Igelström.12 In Pleskow (Pskov) trat er in den Dienst des Bruders von Graf Igelström, Otto Heinrich Freiherr von Igelström. Dieser fungierte als Befehlshaber der russischen Truppen in Polen und wurde in den seit 1772 von Russland besetzten polnischen Gebieten zum Generalgouverneur und nach der zweiten Teilung Polens 1793 zum Minister der Zarin ernannt. Infolgedessen verlegte er sein Hauptquartier nach Warschau (Warszawa), wohin ihm Seume als sein Adjutant und Legationssekretär folgte.13 Im russischen Dienst fing Seumes schriftstellerische Tätigkeit an. In Warschau geriet Seume in den Aufstand der Polen gegen die russische Besatzung unter Tadeusz Kościuszko (1746–1817), in dessen Verlauf sein ehemaliger Schüler, der junge Graf Igelström, getötet wurde. Die russische Armee unter General Igelström sah sich zum Rückzug gezwungen, Seume wurde inhaftiert.14 Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch Alek­ sándr Vasíl’evič Suvórovs (1730–1800) Truppen und Seumes Befreiung aus der polnischen Kriegsgefangenschaft entsandte ihn General Igelström als Begleiter eines verwundeten Majors Mouromzow (Muromcev) zur medizi10  Vgl. Heide Hollmer / Albert Meier: Seumes Vita. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur 126 (1995), S. 92–95. 11  Vgl. Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume. Eine Biographie. Leipzig 2005, S. 113. 12  Vgl. ebd., S. 116 f. 13  Vgl. ebd., S. 124 f. 14  Vgl. ebd., S. 139.



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nischen Behandlung nach Italien.15 In Erinnerung an die Ereignisse in Polen verfasste Seume 1796 die Schrift Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794, die er seinem Gönner, dem Grafen Friedrich Wilhelm von Hohenthal zu Städteln (1742–1819), der seine Schul- und Universitätsbildung finanziert hatte, widmete.16 In dieser Schrift, die an einen Freund gerichtet ist, beschreibt Seume eingehend die Kampfhandlungen in Warschau, bringt immer wieder eigene Stellungnahmen zu Russland und kommt auch auf Suvórov zu sprechen. Der Autor zeigt darin seine Loyalität gegenüber Russland, indem er bemerkt, dass „die Absichten der Kaiserin mit Polen bloß zu ihrer eigenen Sicherheit und keineswegs für die Republik letal“17 gewesen seien. Die eigentliche Notlage haben indes die polnischen Anführer herbeigeführt, indem sie „die grässlichsten Dinge von den Russen ausgestreut, und alles mögliche getan [hätten], um selbst Absurditäten glaublich zu machen“.18 Seume hebt die Vorzüge der russischen Armee zwar hervor, ihre stets in „Ordnung und Nachdruck“ durchgeführten Angriffe,19 ihren vortrefflichen Umgang mit dem Bajonett,20 die energiegeladene militärische Vorgehensweise,21 empfindet jedoch das grausame Vorgehen der Russen bei der Rückeroberung Warschaus als einen „Flecken, den der redliche Offizier gern aus dem Dienst wischen möchte“, weil dabei viele Zivilisten, Frauen und Kinder getötet wurden. Dennoch findet dies beim Soldaten Seume Rechtfertigung, denn Wut und Rachedurst seien Teil des Krieges.22 Er unterlässt es nicht, stereotype Bemerkungen über Russen anzubringen, die nicht überbewertet wer15  Vgl. Johannes Hunger: Johann Gottfried Seume. Leben und Wirken eines aufrechten Demokraten und großen Patrioten. Berlin [Ost] 1953, S. 94. 16  Vgl. Johann Gottfried Seume: Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794. In: Ders.: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 2: Apokryphen. Kleine Schriften. Gedichte. Hrsg. von Jörg Drews unter Mitarb. von Sabine Kyora. Frankfurt am Main 1993, S. 172–227, hier: 172. Siehe dazu auch Gerhard Kosellek: Johann Gottfried Seumes Stellung zum polnischen Aufstand von 1794. In: Impulse. Aufsätze, Quellen, Berichte zur deutschen Klassik und Romantik 2 (1979), S. 234– 258. Wiederabgedruckt in: Ders.: Reformen, Revolutionen und Reisen. Deutsche Polenliteratur. Wiesbaden 2000, S. 193–210; Dirk Sangmeister / Aija Taimina: Als russischer Offizier im Kreis des Rigaer Prophetenclubs. Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen und im Baltikum (1792–1796). In: Dirk Sangmeister: Seume und einige seiner Zeitgenossen. Beiträge zu Leben und Werk eines eigensinnigen Spätaufklärers. Erfurt 2010, S. 15–81. 17  Seume: Einige Nachrichten (wie Anm. 16), S. 185. 18  Ebd., S. 186. 19  Ebd., S. 181. 20  Ebd., S. 194. 21  Ebd., S. 213. 22  Ebd., S. 215.

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den: „Eine allgemeine Krankheit des gemeinen Soldaten der russischen und vielleicht der meisten Armeen ist, dass er […] auf das Plündern geht, und besonders nach spirituösen Getränken gierig ist.23 […] Mein Herr, wenn der Russe Geld hat, so machiniert er; und wir haben leider unter unsern Landsleuten keine kleine Anzahl, die Schurken genug sind, für eine Flasche Champagner ihr Vaterland zu verkaufen.“24 Im Bericht erwähnt Seume zum ersten Mal den russischen Heerführer Suvórov. Er lernte diesen im russischen Hauptquartier persönlich kennen.25 Das Treffen muss Seume stark beeindruckt haben, denn er verfasste später mehrere Schriften über Suvórov, in denen er dem General – entgegen der über diesen verbreiteten öffentlichen Meinung, ein „Henker“ und „Schlächter“26 im Kampf zu sein – ein Denkmal setzte. Der Bericht Vorfälle in Polen beschäftigt sich zwar nicht in erster Linie mit Russland, bietet aber einen ersten Eindruck über die Gedanken Seumes zu diesem Land. Seume gibt sich durchaus loyal gegenüber dem Staat, in dessen Diensten er steht. In Polen hat er die Möglichkeit, die russische Armee im Kampf zu erleben – und das, was er sieht, findet seinen Beifall. Wie in seinen späteren Schriften, etwa den Zwei Briefen über die neuesten Veränderungen in Russland seit der Thronbesteigung Pauls des Ersten aus dem Jahr 1797, hebt er das russische Militär als beispielhaft hervor. Den politischen Entscheidungen Russlands kann er dennoch nicht immer zustimmen. Demgemäß sahen die Rezensenten in der Hauptabsicht der Schrift die Rechtfertigung der Handlungen und Entscheidungen des Generals Igelström.27 Der Großteil des Aufsatzes befasst sich in der Tat mit dem Vorgehen des Generals während des Aufstandes. Igelström wurde 1794 von Ekaterína II. infolge der polnischen Erhebung entlassen. Seume betont in seinen Vorfällen dagegen, dass sein Vorgesetzter die Lage richtig eingeschätzt und um Truppenverstärkung gebeten, jedoch keine erhalten habe und schließlich von den Polen überrascht wurde, weil diese russische Boten abfingen, töteten und damit die Geheimhaltung ihrer Aktionen zu wahren vermochten. Seume schildert Igelström als einen gerechten und verständigen Mann, der seine Maßnahmen bis zuletzt mit der Zarin absprach und auf Eigenmächtigkeiten verzichtete. Sein Posten hätte ihn jedoch unbeliebt gemacht und zu ungerechter Beurteilung geführt. Mit dieser Rechtfertigung 23  Seume:

Einige Nachrichten (wie Anm. 16), S. 201 f. S. 208. 25  Vgl. ebd., S. 221. 26  Vgl. Zänker: Johann Gottfried Seume (wie Anm. 11), S. 145. 27  Vgl. etwa die Rezensionen in: Neue allgemeine deutsche Bibliothek 31 (1797), S. 124–125; Allgemeine Literatur-Zeitung. Bd. 4, Nr. 389 (22. Dezember 1798), Sp. 753–756. 24  Ebd.,



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übt Seume indirekt Kritik an der Entscheidung der Zarin bezüglich der Entlassung Igelströms. 2. „Ueber das Leben und den Karakter der Kayserin von Russland Katharina II.“ In einem Brief an Karl von Münchhausen (1759–1836), seinen Freund seit den hessischen Dienstjahren, berichtet Seume im Dezember 1798, was nach den Vorfällen in Polen geschah.28 Statt nach Italien zu gehen, wo politische Unruhen herrschten, begab er sich mit dem ihm anvertrauten Mouromzow nach Leipzig, wofür er einjährigen Urlaub vom Dienst erhielt. Während seines Aufenthaltes in Deutschland starb Ekaterína II., ihr Sohn Pável I. Petróvič (1754–1801) folgte ihr auf den Thron. Der Zar beorderte sämtliche abwesenden Offiziere zurück auf ihre Posten. Da sein Schützling noch nicht wieder gesundheitlich stabil war, konnte Seume dem Befehl keine Folge leisten und wurde daraufhin unehrenhaft aus der Armee entlassen. Im Oktober 1797 begann er eine Korrekturtätigkeit in der Druckerei von Georg Joachim Göschen.29 Zu Ostern desselben Jahres druckte Göschen Seumes Schrift Ueber das Leben und den Karakter der Kayserin von Russland Katharina II., die er bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Den Anlass bildete der Tod der Zarin im November 1796.30 Seume hatte nur acht Tage Arbeitszeit zur Verfügung. Folglich ist das Ergebnis eine Zusammensetzung bereits vorhandenen und bekannten Materials, aus dem Seume das Idealbild einer aufgeklärten Monarchin und der einzigen erwähnenswerten Frau auf der politischen Bühne der damaligen Zeit zeichnete. Seine Wertung ist ganz von Sympathien und Einfühlungsvermögen durchdrungen. Seume beginnt mit der Darstellung der Kindheit Ekaterínas. Bereits damals habe sie sich durch „Lebhaftigkeit, Artigkeit und Leutseligkeit“31 ausgezeichnet. Im Folgenden machten ihr „Witz und die Anmut“ sie zum 28  Abgedruckt in: Johann Gottfried Seume: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 3: Briefe. Hrsg. von Jörg Drews und Dirk Sangmeister unter Mitarb. von Inge Stephan. Frankfurt am Main 2002, S. 206. 29  Vgl. Hollmer / Meier: Seumes Vita (wie Anm. 9), 93; Dirk Sangmeister: „Leute die zu viel wißen wollen auch manchmal zu viel beßer wissen.“ Als Korrektor im Dienst von Georg Joachim Göschen (1797–1801). In: Ders.: Seume und einige seiner Zeitgenossen (wie Anm. 16), S. 82–112. 30  Vgl. Zänker: Johann Gottfried Seume (wie Anm. 11), S. 175. 31  Johann Gottfried Seume: Über das Leben und den Karakter der Kaiserin von Russland Katharina II. In: Ders.: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 2 (wie Anm. 16), S. 229–327, hier: 237.

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„Liebling der Nation“.32 Ihre Talente und Fähigkeiten ermöglichten es ihr, eine würdige Fortsetzerin der Reformen Pëtrs I. zu werden. Dagegen habe sich Ekaterínas Ehemann und Vorgänger Pëtr III. Fëdorovič (1728–1762) nicht durch Weisheit und politische Weitsicht ausgezeichnet. Seumes Einfühlungsvermögen in die Lage der jungen Zarin ist außerordentlich groß: „Man stelle sich vor eine junge, liebenswürdige, geistreiche Frau mit allen Reizen ihres Geschlechts, und allen Ansprüchen auf Glückseligkeit, die sie nicht findet, allen Hoffnungen auf Lebensgenuss, die sie getäuscht sieht; und man wird ihre damalige Lage nicht beneiden.“33 Der Verfasser präsentiert dem Leser keine ambitionierte Politikerin, die selbst den eigenen Ehemann ihren Zielen opfern würde, sondern eine junge, schöne und leidenschaftliche Frau, die voller Hoffnung in ein fremdes Land gereist sei und statt wohlverdienter Zuneigung zunächst nur kalte Distanz empfangen habe. Angesichts der offensichtlichen Lieblosigkeit des Zaren und der drohenden Scheidung, womöglich eines Mordversuchs, rechtfertigt Seume Ekaterínas Staatsstreich, denn es „blieb ihr keine Wahl übrig, als ihr Verderben oder die Herrschaft“.34 Der Zar habe eine andere Behandlung durch seine Gattin nicht verdient, Seume beschreibt ihn als einen moralisch und physisch schwachen Mann. Dennoch sei seine Inhaftierung der Zarin nicht leicht gefallen; auch habe sie seinen Tod nicht verschuldet. Vielmehr habe sie bittere Tränen um den Menschen Pëtr vergossen, was ein Beweis ihrer Humanität sei. Im Hinblick auf die russische Außenpolitik erachtet Seume die RussischTürkischen Kriege (1768–1774 und 1781–1791) einer doppelten Erwähnung für würdig. Aus seinen Aussagen geht hervor, dass Russland in diesen Kämpfen von Seiten der europäischen Mächte als Übeltäter betrachtet wurde. Er selbst ist dagegen der Ansicht, dass der Friedensvertrag von 1774 durch die Russen „gemäßigt und billig“ eingehalten worden sei.35 In Bezug auf die Reformen im Inneren kann man sich laut Seume „kaum enthalten, mit in den Enthusiasmus und die Verehrung aller Völker, die unter [kaiserlichem] Zepter lebten, einzustimmen.“ Überall im Reich sehe man „die Spuren ihrer weisen, mütterlichen Sorgfalt“. Sie sei ihrem Volk eine „Erzieherin“ geworden, die ihm „Humanität“ gegeben habe.36 Seume betrachtet die Bildungsreform Ekaterínas als den wichtigsten Schritt unter den Neuerungen, obwohl ihm die Verwaltungsreform, die Erschließung der 32  Seume:

Katharina II. (wie Anm. 31), S. 238. S.  242 f. 34  Ebd., S. 246. 35  Seume: Katharina II. (wie Anm. 29), S. 262. Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 1), S. 369–373. 36  Ebd., S. 285. 33  Ebd.,



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russischen Peripherie durch Koloniegründungen, der Ausbau der Hauptstadt und die versuchte Aufhebung der Leibeigenschaft ebenfalls wichtig erscheinen. Der Autor sieht sich allerdings genötigt, Ekaterínas Scheitern im Bereich der Errichtung von Gouvernements und der Gewährung persönlicher Freiheit einzugestehen. Die Rechtsprechung und Verwaltung seien zwar besser geworden, aber die Willkür des Adels bestehe fort. Die Befreiung der Bauern habe der durch Emel’ján Ivánovič Pugačëv (um 1742–1775) provozierte Bauernaufstand (1773–1775) verhindert.37 Voll des Lobes, beschreibt Seume dagegen die Einrichtung von „Normalschulen in jeder Gouvernementstadt, wo Ärmere ganz frei, und Begüterte für eine sehr mäßige Bezahlung ihren Kindern einen ziemlich guten Unterricht verschaffen können“.38 Zuletzt stellt Seume den Charakter der Zarin vor, den er unumwunden als „liebenswürdig“39 beschreibt: „Alle Einheimischen und Ausländer ohne Unterschied fanden in ihrem Benehmen die unwiderstehliche Magie der männlichen Würde und weiblichen Grazie vereint.“40 Lobenswert erscheinen ihm darüber hinaus der geregelte Tagesablauf und die strenge Disziplin der Zarin, die auch bei schwacher Gesundheit konsequent die politischen Geschäfte verrichtete. Er schlussfolgert aus dem Berichteten, dass die Monarchin „in allen ihren politischen und häuslichen Verhältnissen […] ­ Ursache [hatte,] höchst zufrieden zu sein“.41 3. „Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Russland seit der Thronbesteigung Pauls des Ersten“ Auch seine nächste auf Russland bezogene Schrift verfasst Seume 1797, auf seine förmliche Entlassung aus dem russischen Dienst wartend. Diese erfolgte im Jahre 1798, wozu der Autor pointiert bemerkte: „Voilà la fin de ma carriere!“42 Der zweiteilige Aufsatz in Briefform – daher der Titel Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Russland seit der Thronbesteigung Pauls des Ersten – mit einer Anrede an einen Freund war vermutlich eine Auftragsarbeit für Göschen und wurde diesmal unter dem Namen des Verfassers publiziert.43

Pugačëv vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 1), S. 355 f. Katharina II. (wie Anm. 31), S. 303. 39  Ebd., S. 314. 40  Ebd., S. 315. 41  Ebd., S. 320. Für die zeitgenössische französische Einschätzung der Herrschaft Ekaterínas II. vgl. den Beitrag von Martin Munke in diesem Band, S. 59–69. 42  Seume an Münchhausen (wie Anm. 26), S. 208. 43  Vgl. Zänker: Johann Gottfried Seume (wie Anm. 11), S. 178. 37  Zu

38  Seume:

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Das Hauptthema darin sind die aus der Sicht Seumes erwähnenswertesten Veränderungen in Russland seit der Thronbesteigung Pávels I. Es handelt sich hierbei erneut um allgemein bekannte Tatsachen, deren Auswahl ausschlaggebend ist, um Seumes Einstellung zu den Vorgängen zu verdeutlichen. Eine erste Bilanz zur Herrschaft Pávels I. findet sich gleich zu Beginn: „Wenn der Kaiser Paul bei seiner Regierung die Absicht hat, unbegreiflich, wie die Gottheit zu seyn, so hat er bis jetzt in vielen Dingen diese Absicht erreicht.“44 Damit gibt Seume zu verstehen, dass die nachfolgenden Aussagen kritischer ausfallen werden, als dies in den davor verfassten Werken zu Russland der Fall gewesen war. Als erste ungünstige Änderung durch den Zaren nennt der Autor die Aufhebung der Justizverfassung, die dem Adel in den russischen Provinzen einen erneuten Machtzuwachs bescherte. Gewiss habe der Kaiser trotz guter Absichten nicht erwogen, „dass der Wolf nie ein guter Hüter werden wird“.45 Für Seume am folgenreichsten sind derweil die Umgestaltungen in der Armee. Seume, der eine sehr hohe Meinung vom russischen Heer hat, ist darüber höchst entrüstet. Die Änderungen seien nicht nur ohne Sinn, sie würden auf Dauer die Armee schwächen. Hier wird zunächst die Wiedereinführung der alten Kleiderordnung genannt. Paul ließ die durch Feldmarschall Grigórij Aleksándrovič Potëmkin (1739–1791) eingeführten Militärreformen zum Teil aufheben, als er den Soldaten beispielsweise das Tragen von Gamaschen statt bequemen und wetterbeständigen Stiefeln sowie von altmodischen Locken und Zöpfen anstelle der kurzen Haartracht befahl. Hohe Militärbeamte baten den Zaren, ihnen die gewohnte und bessere Kleidung zu belassen und waren sogar bereit, dafür auf ihren durch Ekaterína II. erhöhten Lohn zu verzichten – indes ohne Erfolg. Pável I. ließ die Änderungen nötigenfalls mit dem Stock durchsetzen.46 Seume wendet sich in seiner Veröffentlichung entschieden gegen das „Kopieren“ westlicher Standards im Militärbereich, da durch das Übernehmen militärischer Praktiken und Requisiten aus dem Ausland die Individualität, das Selbstbewusstsein und die Stärke der russischen Truppen verloren gehen könnten: „Nun sind aus guten Originalen, wofür sich die Russen nicht ganz ohne Grund hielten, mittelmäßige Kopien geworden; Kopien von Truppen, denen man schon längst den Vorrang abgewonnen zu haben 44  Johann Gottfried Seume: Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Russland seit der Thronbesteigung Pauls des Ersten. In: Ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. von Adolph Wagner. Leipzig 1835, S. 410–438, hier: 413. 45  Ebd., S. 414. 46  Dieser Umgang mit den wichtigen Adeligen in Armee und Bürokratie führte letztlich zum Staatsstreich gegen Pável I. im März 1801. Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 1), S. 356–358.



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glaubte.“47 Der erste Brief stellt den Zaren als einen nicht besonders weitblickenden, obschon wohlmeinenden Monarchen dar, der ohne nähere Untersuchungen der russischen Gegebenheiten Neuerungen einführt, und der bereits am Beginn seiner Regierung kaum oppositionelle Meinungen zulässt. Der zweite Brief beschäftigt sich zunächst mit einem recht amüsanten Thema, den runden Hüten. Pável I. verbannte sie in die „Staatsinquisition“48, da sie bei den Jakobinern Mode waren. Seume kann das Überbewerten von Kleidungsgewohnheiten nicht nachvollziehen, denn die Tatsache, dass „die verdammten Jakobiner eben runde Hüte trugen, war sehr begreiflich, weil man sie überall trug“. Jetzt müsse befürchtet werden, „dass […] unter den dreieckigen Hüten mehr Jakobinismus sitzt, als vorher unter den runden“.49 Die Leibeigenschaft in Russland findet die stärkste Kritik des Verfassers. Obwohl Seume bemerkt, dass die „Knechtschaft […] sehr mild sei“, habe sie doch schon zu lange von einer „so energische[n] Nation“ ertragen werden müssen.50 Das Russische Reich erscheint Seume aus zwei Gründen als ein nicht erstrebenswerter Heimatort. Zum einen aufgrund des mutmaß­ lichen Zwanges einer zeitlich unbestimmten Niederlassung in Russland, und zum anderen ist er nicht gewillt, in einem Land zu leben, wo nur der Adel größere Ländereien besitzen darf. Dieses Vorrecht hemme die Entfaltung von Kultur und Industrie im ländlichen Raum. Der Autor ist davon überzeugt, dass ein verhältnismäßig freies Leben in Russland nur in Städten möglich sei und meint, wäre er selbst ein deutscher Bauer mit zahlreichen Söhnen, so würde er diese eher erschießen, denn als Kolonisten nach Russland schicken. Seume ist sich bewusst, dass der Großteil des russischen Volkes lediglich „vegetirt […] in dumpfem Brüten“ – das Erwachen könne fürchterlich werden, warnt der Autor, und er hofft, „dass nie daselbst etwas gewaltsam geschehe: denn es würde der Orkan wie Aetna und Hekla zusammen brennen.“51 Des Weiteren wendet sich der Autor dem Charakter Pávels I. zu, den er insgesamt als gut bezeichnet, allerdings sei der Zar „sehr heftig“,52 was 47  Seume:

Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen (wie Anm. 44), S. 419. S. 423. 49  Ebd., S. 424. 50  Ebd., S. 434. Zur wissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens der Leib­ eigenschaft in Russland vgl. einführend Christoph Schmidt: Russische Geschichte 1547–1917. 2. Aufl. München 2009, S. 141–145; Jan Kusber: Leibeigenschaft im Russland der Frühen Neuzeit. Aspekte der rechtlichen Lage und der sozialen Praxis. In: Jan Klußmann (Hrsg.): Leibeigenschaft. Bäuerliche Unfreiheit in der frühen Neuzeit. Köln / Weimar / Wien 2003, S.  135–154. 51  Seume: Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen (wie Anm. 44), S. 434. 52  Ebd., S. 436. 48  Ebd.,

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eines Monarchen unwürdig sei. Seine Gerechtigkeit habe der Kaiser bewiesen, als er General Kościuszko und dessen Anhängern die Freiheit gab. Wie im Fall Ekaterínas II. ist Seume auch bei deren Nachfolger davon überzeugt, dass dieser seine Handlungen auf dem Wunsch basiere, möglichst Verbesserungen herbeizuführen, seine Absichten folglich immer gut seien. III. Seumes Abschied von Russland: Mein Sommer 1805 im Spiegel der zeitgenössischen Publizistik Im August 1802 legte Seume seine Stellung bei Göschen nieder und nutzte die freie Zeit zur Niederschrift der Erlebnisse seiner Fußreise von Deutschland nach Italien. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 erschien 1803, wurde ein Erfolg und brachte dem Autor den Beinamen „der berühmte Wanderer“53 ein. Seinen Lebensunterhalt bestritt Seume durch Privatunterricht in Englisch und Griechisch.54 Aufgrund der unglücklichen Liebe zu seiner Schülerin Johanna Christiana Loth, spätere Devrient (1784–1857) entschloss er sich, eine erneute ausgedehnte Reise zu unternehmen.55 Die Gelegenheit dazu bot sich bereits im März 1805. Seume wurde durch den russischen Konsul in Leipzig die Reisebegleitung Johann Alexander von Rautenfelds (1789–1832) bis Dorpat (Tartu) angetragen. Dessen Vater, ein russischer General im Ruhestand, war während eines Leipzig-Besuchs verstorben. Der junge Mann sollte nun nach Hause zurückkehren.56 Bar eines bestimmten Ziels, außer jenem, der unglücklichen Liebe zu entfliehen und Bekannte in Russland zu besuchen, nahm Seume den Antrag an. Der Weg wurde diesmal mehr fahrend als gehend zurückgelegt. Über Warschau, Grodno (Hrodna) und Riga gelangten Seume und Rautenfeld nach Dorpat, wo ersterer seinen Schützling bei dessen Familie ließ.57 Er wanderte weiter über Reval (Tallinn) und Narva nach Sankt Petersburg, besuchte anschließend Moskau und Nóvgorod und reiste über Finnland, Schweden und Däne­ mark zurück nach Deutschland.58 Die nordische Reise bot Seume eine gute Zänker: Johann Gottfried Seume (wie Anm. 11), S. 280 f. ebd., S. 278. 55  Ebd., S.  294 f. 56  Vgl. ebd., S. 299. 57  Siehe dazu auch Karl Wolfgang Biehusen: Seume und Tartu. In: Jörg Drews (Hrsg.): In Polen, Palermo, und St. Petersburg. Vorträge der Colloquien zu Johann Gottfried Seume in Grimma, Riga und Tartu 2003 und 2005. Bielefeld 2008, S. 267– 272. 58  Vgl. im Zusammenhang auch Dirk Sangmeister / Wolfgang Griep: Ausflucht in den Norden. Über Johann Gottfried Seumes Reise im Sommer 1805. Eutin 2004 sowie Norbert Oellers: Ein rastloser Wanderer – Johann Gottfried Seume. In: Mechthild Keller (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 3: 19. Jahr53  Vgl. 54  Vgl.



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Gelegenheit, Russland nun endlich persönlich zu erkunden, denn als Offizier im russischen Dienst hatte er dazu wenig Zeit und Möglichkeit gehabt. Zugleich blieb es auch seine einzige Russlandfahrt, denn 1810 verstarb der Schriftsteller. Mein Sommer rundet Seumes Russlandansichten in gewisser Weise ab. Seine Aussagen über Ekaterína II., Pável I. und Suvórov stützte er vordem auf Zeitungsberichte, russlandkritische und -lobende Schriften, teilweise auf eigene Eindrücke und gewiss auf Beschreibungen seiner Freunde und Bekannten in Russland. Während seines Aufenthaltes konnte er selbst beobachten, inwiefern diese Berichte gerechtfertigt waren. Möglich, dass Seumes Kontaktpersonen, an russischen Bildungseinrichtungen tätig, eine positivere Sicht auf Russlands Fortschritt im Bereich der Bildung und Aufklärung hatten und Ekaterínas Rolle diesbezüglich höher schätzten, als es Seume 1805 unter der einfachen Bevölkerung beobachten konnte. Es gilt demnach, zu prüfen, ob der Autor seine vor 1805 gebildete Meinung zu Russland bestärkt fand oder sie teilweise geändert hat. Unstreitig ist die letzte Russlandschrift Seumes zugleich seine kritischste. Obwohl es sich um einen Reisebericht handelt, enthält sie nur wenige Landschaftsbeschreibungen oder Darstellungen einheimischer Lebensgewohnheiten. Vielmehr konzentriert sich Seume auf soziale Zustände und vermittelt so einen Eindruck vom russischen Volk, wie er es erlebt hat. Er benennt und widerlegt manche Stereotype wie Korruption und Trunkenheit. Ein kurzer Einblick in die russische Sprache wird ebenfalls geboten, beispielsweise die Definition von „Tarakanen“: „Die Tarakanen sind nehmlich die nordischen Taranteln, eine Art von Insekt, vor dem man sich gewaltig fürchtet; nehmlich die feine Welt, der gemeine Mann achtet sie nicht sehr. Eine größere Spezies davon nennt man Prussaky, Preußen; und ist der festen Meinung, diese seien erst im siebenjährigen Kriege mit der Armee von dort gekommen.“59 Auf einen Liebhaber der unberührten Natur und Einfachheit wie Seume wirkte Russland mit seiner ausgedehnten Landschaft und einer Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit noch nicht von gekünstelten europäischen Manieren bestimmt wurde, anziehend. Von den Menschen, die er unterwegs traf, erhundert. Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800–1871). Unter Mitarb. von Claudia Pawlik. München 1992, S. 83–99. 59  Johann Gottfried Seume: Mein Sommer 1805. Hrsg. von Jörg Drews unter Mitarb. von Sabine Kyora. Mit einem Nachw. von Jörg Drews. Frankfurt am Main / Leipzig 2002, S. 115. Diese Anekdote findet sich ebenfalls bei dem Orientalisten und Sinologen Heinrich Julius Klaproth (1783–1835), der zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf einer Forschungsreise in Russland weilte. Vgl. Julius von Klap­ roth: Reise in den Kaukasus und nach Georgien: Unternommen in den Jahren 1807 und 1808. Halle / Berlin 1812, S. 106. Der Begriff wird dort mit „Schaben“ übersetzt.

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fuhr er trotz Verständigungsproblemen Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit. Dies überraschte ihn angenehm, da er in Deutschland solch einer „Dienstfertigkeit“ noch nicht begegnet sei60 und über die russische Ehrlichkeit nichts Positives gehört hatte. In Podborre, einer anscheinend wohlhabenderen Gegend, erlebt Seume die feierliche Begehung des Pfingstfestes durch bäuerliche Bevölkerung und berichtet von Frohsinn, Heiterkeit, Jubel und russischer Lebendigkeit, jedoch ohne Unsittlichkeit und Ungezogenheit. Das freundliche Miteinander der Menschen voller natürlicher Freude entlockt dem Autor den Ausruf: „Es ist eine Wohltat, wieder unter Menschen zu sein, die den Mut haben sich als Menschen zu fühlen.“61 Beim Feiern sei zwar auch die „Nationalsünde des Trinkens“ zu beobachten gewesen, doch „ohne die bösen Wirkungen, die man sonst fürchtet“.62 Weniger angetan ist Seume von den russischen Straßen – der Weg nach Moskau sei eine Höllenfahrt gewesen – sowie von der Korruption und vom übermäßigen Alkoholkonsum der Russen während der Arbeitszeit. So konnte beispielsweise nur schwer ein nüchterner Fuhrmann für seine Weiterfahrt gefunden werden. Die beiden großen russischen Städte bewundert er rückhaltlos und erholt sich dort von anstrengenden Kutschfahrten. Sankt Petersburg beeindruckt den Autor stark. Als großartig bezeichnet er den Umstand, dass Pëtr I. es vermocht habe, aus ehemals ödem Land „Glanz und Üppigkeit“63 zu schaffen. Seume erhält eine Einladung ins kaiserliche Theater, zur Aufführung ist die gesamte kaiserliche Familie anwesend. Dementsprechend positiv sind die Bemerkungen des Autors: „Man glaubt wohl mit Recht, dass in keinem Fürstenhause mehr Innigkeit und freundliche Humanität, mehr Güte und wahre Aufklärung herrscht, als in der hiesigen kaiserlichen Familie.“64 Die Vermutung, der Autor habe sich in seinen Schilderungen durch solche Erfahrungen beeindrucken lassen, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. In Moskau besichtigt Seume den Kreml, die Kathedrale sowie das Waisenhaus und die Universität. Beispielhaft erscheint ihm das Findelhaus, groß im Ausmaß, werde es dennoch ordentlich geführt und verfüge über genug finanzielle Mittel. Als eine luxuriöse Einrichtung betrachtet der Verfasser das Krankenhaus der Golicyns.65 Es sei wohl für Vornehme bestimmt, denn 60  Seume:

Mein Sommer 1805 (wie Anm. 59), S. 42. S. 79. 62  Ebd., S. 78. 63  Ebd., S. 67. 64  Ebd., S. 97. 65  Gegründet durch den ehemaligen russischen Botschafter in Wien, Dmítrij Michájlovič Golicyn (1721–1793). Die Familie (auch: Gallitzin, Galitzin, Golizyn, Golitsyn oder Galizyn) war eines der wichtigsten russischen Adelsgeschlechter. 61  Ebd.,



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„Leute geringeren Standes würden hier wirklich verzärtelt, und könnten auf den Einfall kommen, ihr ganzes Leben nicht wieder gesund werden zu wollen“.66 An der Universität trifft Seume deutsche Professoren, die beteuern, sowohl von Russen als auch von alteingesessenen Deutschen freundlich aufgenommen worden zu sein. Auch seien die Preise in Moskau erschwinglich genug, sodass sie von ihrem Gehalt ein angenehmes Leben führen könnten. Nach einem erlebnisreichen Aufenthalt in Russland macht sich Seume auf den Heimweg. An der Grenze zu Schweden blickt er nach Russland zurück und fasst seine Eindrücke zusammen. Er nimmt dankbar vom Russischen Reich Abschied, tritt aber gleichzeitig „mit frohem Geiste nach Schweden“.67 Der Schriftsteller hat bei der Reflexion ambivalente Empfindungen: „Es entsteht immer ein sehr sonderbares, eigen gemischtes Gefühl in meiner Seele, wenn ich an Russland denke. Gewiss sind im Einzelnen nirgends bessere Menschen, als in allen Teilen dieses ungeheuern Reiches; nirgends tut die Regierung verhältnismäßig mehr für das Gedeihen der Provinzen; und nirgends wird doch weniger für Humanität, Gerechtigkeit und Aufklärung gewirkt. […] In Russland gibt es keine allgemeine Bildung, sondern nur einzelne Verfeinerung; keine allgemeine Gesetzlichkeit, sondern nur einzelne Güte. Der Sprung geht von dem krassesten dicksten Aberglauben zu der unbändigsten Zügellosigkeit, die nicht selten an Atheisterei grenzt und alle Moralität nur für den Kappzaum der Narren hält. Es gibt dort keine Wohlhabenheit, sondern nur Reichtum und Armut, Pracht und Elend […].“68 Die Ursache der Fehlentwicklung sieht Seume in der Leibeigenschaft, er nennt sie Sklaverei. Er versteht es als Vergeudung der Talente, wenn jungen Menschen zwar unter Umständen von ihren Herren Ausbildung gewährt wird, die entsprechende berufliche Laufbahn jedoch unzugänglich bleibt. So richtet Seume die Hoffnung auf Verbesserung schließlich auf den Zaren Aleksándr I. Pávlovič (1777–1825): „Möge durch die schweren Regierungssorgen Alexanders Gefühl nicht hart werden und seine Kraft nicht ermüden, dass er rettend sich eine Ehre erwerbe, die nach Jahrtausenden der Nachwelt noch heilig sei; nicht schrecklich wie es der Ruhm des Philippiden war.“69 Seume war nicht der einzige Zeitgenosse, der solche Hoffnungen in den neuen Zaren setzte. Laut den Russischen Miszellen Johann Gottfried Richters (1763–1829) hoffte das gesamte „aufgeklärte Europa […] mit Zuver66  Seume:

Mein Sommer 1805 (wie Anm. 59), S. 85. S. 126. 68  Ebd., S.  126 f. 69  Ebd., S. 132. 67  Ebd.,

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sicht, dass der Enkel der großen Katharina, welcher im Geiste dieser unsterblichen Monarchin zu regieren gelobt hatte, die Fortsetzung des von ihr angefangenen ruhmwürdigen Werkes, der geistigen und sittlichen Bildung der Nation, zu einem Hauptgegenstande seiner Regentensorgen machen würde“.70 Richter hatte nach dem Theologiestudium in Leipzig sechzehn Jahre in Russland verbracht, wo er die Bekanntschaft des Schriftstellers und seit 1803 kaiserlichen Historiografen Nikoláj Michájlovič Karamzín (1766–1826) machte. Im Folgenden tat sich Richter als anerkannter Karamzín-Übersetzer hervor. In den Miszellen, die er von 1803 bis 1804 edierte, behandeln die Autoren bis dahin unbekannte Themen aus der Geschichte, Literatur, Volks- und Landeskunde Russlands, wobei eine deut­ liche Sympathie gegenüber dem Land erkennbar ist. Die Zeitschrift bemühte sich vor allem darum, den „Vorwurf der russischen Kulturlosigkeit“ zu entkräften.71 Eine Bekanntschaft zwischen Richter und Seume kann nur vermutet werden, Richters Beiträge weisen allerdings in ihrer Betrachtungsweise Parallelen zu den Ansichten Seumes auf. Die Miszellen, von kundiger Seite als „das wohl informationsträchtigste deutsche Journal über russische Literatur“72 bewertet, erfreuten sich bis ins 19.  Jahrhundert deutschlandweit großer Beliebtheit.73 Der Aufsatz Ausbreitung der Wissenschaften und allgemeine Volksaufklärung in Russland aus dem ersten Band gibt ein positives Bild von der Entwicklung in Russland.74 Es wird darin ein Artikel von Karamzín aus dem Westnik Jewropy (Vestnik Evropy, = Europäischer Bote) mit dem Titel Von den neuen Einrichtungen, die Volksaufklärung in Russland betreffend eingefügt. Den Anlass zum Aufsatz bildete der Ukas zur Errichtung neuer Lehranstalten und zur Ausbreitung der Wissenschaften in Russland vom 21. Januar 1803.75 Es handelte sich dabei um die Bestätigung des Planes zur Reform des russischen Bildungswesens, der vom Ministerium 70  Ausbreitung der Wissenschaften und allgemeine Volksaufklärung in Russland. In: Russische Miszellen 1 (1803), H. 2, S. 47–67, hier 47. 71  Vgl. Erhard Hexelschneider: Richter, Johann Gottfried. In: Institut für Säch­ sische Geschichte und Volkskunde e. V. (Hrsg.): Sächsische Biografie. Bearb. von Martina Schattkowsky. Online unter: http: /  / saebi.isgv.de / biografie / Johann_Gott fried_Richter_(1763–1829). Letzter Zugriff: 20.07.2011. 72  Gerhard Ziegengeist, zit. n. Hexelschneider: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland (wie Anm. 7), S. 42. 73  Vgl. ebd., S. 43. 74  Siehe dazu auch Heike Joost: Das Moskaubild Johann Gottfried Richters. In: Mechthild Keller (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert (wie Anm. 58), S. 100–118. 75  Hexelschneider: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland (wie Anm. 7), S. 50.



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für Volksaufklärung, ehemals von Ekaterína II. gegründet, erarbeitet wurde.76 Karamzín ging auf die im Zusammenhang der Erlasses geplante Gründung von Landschulen ein, deren „Errichtung und das sichere Gedeihen […] zum Teil von dem patriotischen Eifer der Edelleute“77 abhänge. Der Autor war sich durchaus darüber im Klaren, dass es Hindernisse gebe und geben werde, auch von Seiten der Landbevölkerung, „aber Zeit, Erfahrung, und die großen Vortheile eines unterrichteten Menschen in allen Verhältnissen des Landlebens werden die Landleute endlich von der un­ umgänglichen Nothwendigkeit des Lernens überzeugen, und die Maßregeln eines sanften Zwanges werden die Wirkung aufrichtiger Lust Platz machen“.78 Zwei Jahre später weilt Seume in Russland und vertritt eine von Karamzín abweichende Meinung. Es fehle bei der Entwicklung von Bildungseinrichtungen sowohl am Patriotismus des Adels als auch an der Lernbereitschaft der Bauern: „Die Parochialschulen wird selbst der Monarch jetzt noch nicht durchsetzten können […]. Er selbst ist nicht im Stande, den ganzen Fond zu bestreiten; der Adel gibt nichts; der Bauer kann nichts geben und fühlt noch lange nicht das allgemeine Bedürfnis einer besseren Bildung. Alles was der Kaiser bis jetzt zu dessen Vorteil hat tun wollen, blieb kraftlos oder wirkt wenig.“79 Des Weiteren wird in den Miszellen in einem kurzen Aufsatz über die Schöpfung eines neuen Standes freyer Bauern in Russland80 auf die Verordnung über die Bauern von 1803 eingegangen, die im Wortlaut abgedruckt wird. Die Ursache des Erlasses bildete die vom Grafen Sergéj Petróvič Rumâncev (1755–1838) initiierte Befreiung eines Teils der ihm unterstehenden Bauern. Der Zar legte per Dekret fest, dass die Freilassung von Leibeigenen künftig „auf der Basis einvernehmlich ausgehandelter Verträge“81 möglich sei. Diese würden dann dem neugeschaffenen Stand freier Bauern angehören und könnten das von ihrem ehemaligen Herrn erhaltene Land „verkaufen, versetzen und vererben“, auch hätten sie das Recht, in andere Gouvernements zu ziehen. Seume erwähnt das Gesetz in Mein Sommer mit 76  Vgl. Michael Silnizki: Geschichte des gelehrten Rechts in Russland. Jurisprudencija an den Universitäten des Russischen Reiches 1700–1835. Frankfurt am Main 1997, S.  193 f. 77  Karamzín zit. n. Ausbreitung der Wissenschaften (wie Anm. 70), S. 57. 78  Ebd., S.  61 f. 79  Ebd., S. 52. 80  Schöpfung eines neuen Standes freyer Bauern in Russland. In: Russische Miszellen 1 (1803), H. 2, S. 74–82. 81  Vgl. Horst Günther Linke: Geschichte Russlands. Von den Anfängen bis heute. Darmstadt 2006, S. 101.

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keinem Wort – ein Indiz dafür, dass es kaum in der Praxis angewandt wurde. Denn gerade die den freigelassenen Bauern eingeräumte Möglichkeit freier Wohnortwahl hätte Seume wohl sicher vermerkt, da er die Freizügigkeit als ein elementares Menschenrecht verstand.82 Übereinstimmungen zwischen Seumes Sommer und Richters Miszellen finden sich dagegen in der Beschreibung des russischen Volkes. Zwischen 1803 und 1804 veröffentlichte Richter acht Briefe über Russland, von einem in Moskwa lebenden Deutschen an einen seiner Freunde in Leipzig. Der Verfasser war ein „J. G. Lehmann“, vermutlich Richter selbst.83 Die Briefe befassen sich sehr detailliert mit den Lebensgewohnheiten, dem Kleidungsstil, dem Charakter, der Kindererziehung sowie der Bildung der Landbevölkerung und ziehen gelegentlich Vergleiche zu deutschen Bauern, wobei der Verfasser stets die Vorzüge der Russen hervorhebt. Dem russischen Charakter spricht er Eigenschaften zu wie Höflichkeit, Dienstfertigkeit, Gastfreundschaft, Wohltätigkeit, Mut, Entschlossenheit, Tapferkeit und die Fähigkeit, starke Gefühle zu empfinden und diese freimütig auszudrücken. Russische Kinder wüchsen in „Freyheit, muntre[r] Gesellschaft, fröhliche[r] Thätigkeit in der freyen Natur [auf], und das Resultat von diesem allen, herrschender Frohsinn, wecken unstreitig die schlummernden Geistesfähigkeiten der Kinder leichter und glücklicher, als alle methodischen Bemühungen und Anstalten, welche die Pädagogik bisher angerathen hat“.84 Die Vorliebe für alkoholische Getränke bleibt zwar nicht unerwähnt, doch sei „nicht viel von den übeln Folgen der Trunkenheit“85 wahrzunehmen – „ein Beweis von der Stärke und Dauerhaftigkeit der Nation. Denn nur sehr dauerhafte Körper vertragen ein öfteres Übermaaß im Essen und Trinken und in der Liebe.“86 Weitere negative Eigenschaften der Russen seien „List und Schlauigkeit“.87 Im Allgemeinen erblickt der Verfasser, genau wie Seume, den Ursprung aller Laster der russischen niederen Bevölkerung in der Leibeigenschaft. Die Bemerkungen „Lehmanns“ zu den guten und schlechten Eigenheiten der Russen ähneln denen Seumes. „Das russische Landvolk […] kommt im Allgemeinen unserm deutschen Landvolke an Verstande und an Fähigkeit denselben zu gebrauchen nicht nur gleich, sondern übertrifft dasselbe noch 82  Vgl. Seume: Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen (wie Anm. 44), S. 434. 83  Vgl. Hexelschneider: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland (wie Anm. 7), S. 46 f. 84  J. G. Lehmann: 8. Brief. In: Russische Miszellen 1 (1803), H. 3, S. 85–119, hier: 96. 85  Ders.: 5. Brief. In: Russische Miszellen 1 (1803), H. 3, S. 37–80, hier: 69. 86  Ebd., S.  69 f. 87  Ebd., S. 73.



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in mancher Hinsicht.“88 Hoffnungen richtet er vor allem auf eine konsequente Schulbildung: „Was wird aus ihr [= der russischen Nation] werden können, wenn sie in Zukunft der Hülfsmittel der geistigen und sittlichen Bildung genießen wird, welche wir andern durch Studium und Versuche mehrere Jahrhunderte ihr vorbereitet haben?“89 Insgesamt vertritt „Lehmann“ die Ansicht, dass das einfache russische Volk von Natur aus gut sei, denn es entwickle sich auf natürliche Weise ohne Zwänge der europäischen Zivilisation. Demgegenüber führe die feine Lebensart von Paris oder London zu „Schwachheit, Kränklichkeit und Verschlimmerung der Menschenrace“.90 Es ist demzufolge die Einfachheit des Lebens, die viele Ausländer an Russland faszinierte: „aufrichtige Gefühls­ regungen“ statt „hohler Konversation“ der europäischen Gesellschaft. Der Umstand, dass gerade nicht wenige Deutsche positive Berichte über ihr Leben in Russland nach Deutschland schicken, liegt daher auch daran, dass sie dort „Gastfreundschaft, Ehre und Vermögen“91 gefunden haben – so wie der Autor selbst, der neun Jahre im Russischen Reich verbringen sollte. IV. Fazit Mein Sommer brachte Seume keinen vergleichbaren Erfolg wie Der Spaziergang nach Syrakus. Aufgrund der Kritik deutscher Verhältnisse in der Vorrede lehnten Seumes Verleger die Publikation ab. Das Buch wurde schließlich von Johann Erdmann Ferdinand Steinacker (1764–1842), einem ehemaligen Gehilfen Göschens und Bekannten von Seume, ohne Verlagsund Ortsangabe gedruckt. Die kritische Stellungnahme zur Leibeigenschaft und zur Politik Napoléon Bonapartes (1769–1821) im Prolog führte zum Verbot der Schrift in Russland, Österreich und den mit Frankreich verbündeten süddeutschen Ländern Baden, Württemberg und Bayern.92 In den letzten Jahren seines Lebens geriet der Schriftsteller trotz lukrativer Hauslehrerstellen zunehmend in finanzielle Notlage. Auch litt er schwer unter den Folgen der reisebedingt erworbenen Erkrankungen. Als Seume im Juni 1810 verstarb, hinterließ er Schulden, aber auch schriftstellerische Arbeiten – obgleich nicht weltweit bedeutsam, so doch voller unnachahmlicher Ironie und Menschenliebe. Bezüglich Russlands bildeten sie Zeugnisse eines Russlandliebhabers und geachteten Kenners. 88  Ders.:

8. Brief (wie Anm. 84), S. 93. S. 112. 90  Ders.: 2. Brief. In: Russische Miszellen 1 (1803), H. 2, S. 57–76, hier: 68. 91  Ders.: 5. Brief (wie Anm. 85), S. 39. 92  Vgl. Zänker: Johann Gottfried Seume (wie Anm. 11), S. 320 f. 89  Ebd.,

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Seumes Russlandbild war nicht aus einem Guss. Er bewertete Russlands politischen Fortschritt nach dem Grad der Umsetzung des Naturrechts, welches für ihn den Ermöglichungsgrund von Freiheit und Gerechtigkeit für alle Bewohner eines Staates, ungeachtet der jeweiligen Staatsform, bedeutete.93 In diesem Bereich erkannte er Russlands Rückständigkeit. Da er indes kein Gegner der Monarchie war und die Reformen „von oben“ als die wirksamsten betrachtete, orientierte er sich stark an den russischen Regenten und übte nur zögernd an ihnen Kritik, vor allem während seines Dienstes für Russland. Er empfand es als ein Zeichen der Stärke russischer Herrscher, dass das Russische Reich in knapp hundert Jahren zu einer bedeutenden Nation aufgestiegen war, politisch einflussreicher als Sachsen, mit einer attraktiveren Hauptstadt und einem vielversprechenden Potenzial. Bei der Beurteilung russischer Machthaber hatte er neben ihrem politischen Wirken stets deren innere Natur im Blick. Folglich konnte er die Vorgehensweise eines Amtsinhabers kritisieren, ihm aber gleichzeitig gute menschliche Eigenschaften zuschreiben, wie in Bezug auf Pëtr III. oder Pável I. Eine klare Meinung hat Seume vom russischen Volk: „Die Russen sind ein braves, gutmüthiges, mit vorzüglichen Anlagen begabtes, jeder Kultur fähiges Volk.“94 Sein Interesse an der russischen Nation und deren Sprache bleibt über Jahre hinweg konstant. An den Russen schätzt Seume deren Lebendigkeit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Er weist immer wieder darauf hin, dass freie Russen das Land noch bedeutender machen würden. Als ein Fürsprecher der Aufklärung, blickt Seume auf ein anderes Russland als jenes, welches die Autoren des 16. oder 17. Jahrhunderts wahrgenommen haben.95 Das Russland des 18. Jahrhunderts ist für ihn ein mächtiges, fortgeschrittenes, europäisches Land. Die Gepflogenheiten des Hofes und des Adels sind mit den westeuropäischen vergleichbar, die Bauernschicht besitzt der deutschen überlegene Eigenschaften. Alte Stereotypen sind nicht vergessen, aber größtenteils bedeutungslos geworden. Und die wohl wichtigste Tatsache: es wird nicht mehr von „Moskowitern“ oder „Russen“ berichtet, sondern von der russischen „Nation“. Mit alledem leistete Seume durch die positive Beschreibung des Russischen Reiches in seinen Schriften und Artikeln im Merkur einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen und zur Verbreitung eines auf der Anerkennung völkerspezifischer Besonderheiten gegründeten Russlandverständnisses. Seume: Mein Sommer (wie Anm. 59), S. 19. [Johann Gottfried Seume]: Etwas über die Kultur der Russischen Nation. Fragment eines Briefes vom Jahre 1800. In: Der Neue Teutsche Merkur 3 (1805), S. 122. 95  Siehe dazu exemplarisch den Beitrag von Stefan Lehmann in diesem Band. 93  Vgl.

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„… die schönste Belohnung“. Peter Simon Pallas’ Reise nach Sibirien Von Caroline Mai (Leipzig) I. Einführung II. Ein unbekanntes Land – Reiseberichte über Russland im 18. Jahrhundert III. Peter Simon Pallas – Wissenschaftler im Sinne Ekaterínas II. IV. Die Akademie-Expedition – Unterwegs im Auftrag der Zarin V. Objektivität und Wissenschaftlichkeit – Der Reisebericht des Peter Simon Pallas VI. Die Nähe und Ferne Petersburgs – Peter Simon Pallas über Sibirien 1. Wirtschaft und Infrastruktur 2. Bevölkerung VII. Fazit

I. Einführung Die Aufklärung war nicht nur eine geistesgeschichtliche Epoche, sondern gleichsam das Zeitalter der Wissenschaft und des humanitären Wissensdranges. Eine ganze Reihe deutscher Gelehrter beteiligte sich an der Entdeckung und Erforschung fremder Länder und Kulturen. Der europäische Kontinent endete offiziell am längsten Gebirge Russlands, dem Ural.1 Über das Land östlich davon gab es nur vage Vorstellungen. Bis ins 18. Jahrhundert wurde es als unbekannte „Große Tatarei“ bezeichnet. Ergriffen von der allgemeinen Großmachtdynamik der europäischen Staaten, begannen die Herrscher Russlands im 16. Jahrhundert, diese Gebiete zu erobern und zu kolonisieren. Die Kosaken Ermák Timoféevíčs (um 1540–1585) unterwarfen 1582 das tatarische Khanat Sibir, womit die Vorherrschaft der Mongolen in Sibirien endete. Die schrittweise Kolonisation der annektierten Gebiete erfolgte von 1  Dass sich der Ural als Grenze zwischen Europa und Asien in der westlichen Literatur durchsetzte, ist auch Peter Simon Pallas zu verdanken. Vgl. Herbert Scurla: Vorwort. In: Jenseits des steinernen Tores. Entdeckungsreisen deutscher Forscher durch Sibirien im 18. und 19. Jahrhundert. Ausgewählt und eingeleitet von Herbert Scurla. 2. Aufl. Berlin [Ost] 1965, S. 5–11, hier: 7. Zur Geschichte Sibiriens s­iehe umfassend Dittmar Dahlmann: Sibirien. Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn u. a. 2009.

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Seiten Einzelner – vor allem Kaufleuten – sowie von staatlichen und kirchlichen Gruppen.2 Die Kosaken erhielten den Auftrag, das Land zu erschließen, es vor Angriffen feindlicher Gruppierungen von Ureinwohnern zu schützen und die ansässige Bevölkerung zu unterwerfen. Um die Region dauerhaft zu sichern, errichteten sie kleine Festungen entlang der großen Flüsse. In der Folgezeit siedelten sich größtenteils soziale Außenseiter in dieser Region an, erst später folgten Beamte und Geistliche. Für das entfernte Petersburg war Sibirien lediglich eine fiskalische Quelle zur Rohstoffausbeutung und Brücke für den Chinahandel. Die Regierung initiierte im 18. Jahrhundert eine Reihe von wissenschaftlichen Expeditionen zur näheren Erforschung der Region, an denen auch viele deutsche Wissenschaftler teilnahmen. Einige dieser Forscher, die in russischen Diensten standen, lieferten bedeutende Erkenntnisse über Geographie, Geologie und Ethnologie Sibiriens.3 Ihre aus Wissensdrang und Entdeckerfreude entstandenen Expeditionsschilderungen, die auf eigenen Beobachtungen sowie Berichten und Überlieferungen der Bewohner des Landes basierten, gelangten nach Westeuropa und schlugen geistige Brücken. Einer dieser Forscher war Peter Simon Pallas (1741–1811), der von 1768 bis 1774 im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften eine Forschungsreise durch Südrussland über das Uralgebirge bis zu den östlichsten Gebieten an der Grenze zu China unternahm. Seine Reisebeschreibung Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, die in mehreren Bänden veröffentlicht wurde,4 zählt zu den wichtigsten Werken 2  Dazu allgemein Eva-Maria Stolberg: Sibirien. In: Thomas M. Bohn / Dietmar Neutatz (Hrsg.): Studienhandbuch Östliches Europa. Bd. 2: Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion. 2., überarb. und aktualisierte Aufl. Köln / Weimar / Wien 2009, S. 321–328, hier: 321–323. Zum Phänomen der Kolonisation in der russischen Geschichte siehe einführend Guido Hausmann: Kolonisation. In: Ebd., S. 235–242. 3  Vgl. Scurla: Vorwort (wie Anm. 1), S. 8; informativ und mit zahlreichen Bezügen auf Pallas auch die einzelnen Beiträge in Heinz Duchhardt (Hrsg.): Russland, der Ferne Osten und die „Deutschen“. Göttingen 2009. 4  Die Komplettausgabe in drei Bänden erschien in den 1770er Jahren in Petersburg als Peter Simon Pallas: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs. Erster Theil. 1771; Zweyter Theil. 1773; Dritter Theil. 1776. Eine russische Über­setzung folgte bis 1788. Bei deutschen Verlagen wurden verschiedene zeitgenössische Teilausgaben veröffentlicht. Siehe dazu den Katalog der Sammlung Reiseliteratur in der Eutiner Landesbibliothek, online unter: http: /  / www.lb-eutin.de / index. php?fuseaction=cntrl.rlsuche&rltab=re&lay=2 (letzter Zugriff: 23.12.2011). Die letz­ te Teilausgabe bildet ders.: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs. Hrsg. u. bearb. von Marion Lauch. Leipzig 1987, den letzten vollständigen Nachdruck ders.: Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs. Um ein Vorwort vermehrter Nachdruck der in Sankt Petersburg 1771–1776 in der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften erschienenen Ausgabe. Vorwort: Dietmar



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über Sibirien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und kann daher als ertragreiche Quelle für die Untersuchung der gelehrten Russlandbilder des Aufklärungszeitalters herangezogen werden. Nach Anmerkungen zur Russlandpublizistik der Aufklärungszeit und zur Forschungstätigkeit Pallas’ sowie zur Expedition allgemein richtet sich der Fokus im Folgenden auf die Frage, wie Russland im Werk von Pallas geschildert wird, welches Bild sich aus seinen Beschreibungen ergibt und was das Besondere dieser Darstellung ist. II. Ein unbekanntes Land – Reiseberichte über Russland im 18. Jahrhundert Viele Publikationen, die bis hinein ins 18. Jahrhundert in Europa über Russland erschienen, zeichneten ein sehr verallgemeinerndes Bild von „den Russen“. Zuschreibungen wie „grausam“, „barbarisch“, „schmutzig“, „verschlagen“, „untertänig“ und „religiös“ gehörten seit dem 16. Jahrhundert zum Standardvokabular. Häufig griffen sie alte Stereotype aus der Zeit Iváns IV. Grózny („des Schrecklichen“, 1530–1584) auf. Einige dieser negativen Vorurteile waren ursprünglich dem Zaren selbst zugeschrieben und gingen seit Pëtr I. (1672–1725) auf das Volk im Allgemeinen über. So wurden der Zar und seine Nachfolger als aufgeklärte Herrscher verherrlicht, während „das Volk“ als negativer Kontrast dazu stand.5 Das öffentliche Interesse in Deutschland richtete sich vorwiegend auf den Zarenhof, der sich der west­ lichen Welt durch geschickte Informationspolitik neu präsentierte. Sowohl der Regierungsantritt von Ekaterína II. (1729–1796), die von einer kleinen deutschen Prinzessin aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst zur russischen Zarin aufstieg, als auch der zweite Krieg gegen das Osmanische Reich zwischen 1788 und 1792 weckten das öffentliche Interesse in ganz Westeuropa. Dies führte zu einem deutlichen Anstieg von Publikationen über die neue Großmacht im Osten,6 wobei das Informations- und Kommunikationsnetz der geistigen Eliten Europas bei der Ausbreitung von Veröffentlichungen eine Henze. 3 Bde. u. Tafelband. Graz 1967. Zur Rezeption vgl. Folkwart Wendland: Peter Simon Pallas’ Russlandschriften und ihre Rezeption in Deutschland. In: Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Die Kenntnis Russlands im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert. Wissenschaft und Publizistik über das Russische Reich. Göttingen 2006, S. 139–177. 5  Vgl. Eckhard Matthes: Das veränderte Russland. Studien zum deutschen Russlandverständnis im 18. Jahrhundert zwischen 1725 und 1762. Frankfurt am Main / Bern / Cirencester 1981, S.  417 f. 6  Vgl. Gert Robel: Die Sibirienexpeditionen und das deutsche Russlandbild im 18. Jahrhundert. In: Erik Amburger / Michal Ciesla / László Sziklay (Hrsg.): Wissenschaftspolitik in Mittel- und Osteuropa. Wissenschaftliche Gesellschaften, Akade­

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tragende Rolle spielte. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gab es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts jedoch nur wenig Reiseliteratur über Russland.7 Das Großreich war kein Reiseziel für private Reisen mit Bildungs- und Vergnügungshintergrund, sondern vielmehr ein berufsbezogenes Reiseland, das sich noch nicht im europäischen Kanon der Bildungsreisen befand.8 Vornehmlich Forscher, Kaufleute und Abenteurer zog es gelegentlich an den östlichen Rand Europas, außerdem Gesandte wie Johann Georg Korb (1672–1741) und Friedrich Christian Weber († um 1739), die das Land berufsbedingt bereisten und ihre Erlebnisse schriftlich festhielten.9 Gerade die sibirischen Regionen waren als Reiseziel fast völlig ausgenommen. So finden sich unter den wenigen Publizisten Kriegsteilnehmer und Gefangene wie die schwedischen Offiziere Philip Johan von Strahlenberg (1676–1747), Johann Gustaf Renat (1682–1744), Curt Friedrich von Wreech (1650–1724) und andere, die mit ihren geographischen und anthropologischen Studien erste Kenntnisse über Sibirien lieferten. Der „wilde Osten“10 stieß auch von russischer Seite auf wenig Reiseinteresse, weshalb hauptsächlich materielle und staatspolitische Vorgaben zur Erkundung der außereuropäischen Landeshälfte des Russischen Reiches führten.11 Die Erkenntnisse solcher Expeditionen waren denn auch nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die von der Petersburger Akademie beauftragten Forscher lieferten die für das 18. Jahrhundert in Westeuropa bedeutendsten Reiseberichte über Russland und Sibirien.12 Ihre meist ausländischen Wissenschaftler waren es mien und Hochschulen im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Berlin [West] 1976, S. 271–294, hier: 272. 7  Vgl. Matthes: Das veränderte Russland (wie Anm. 5), S. 415. 8  Dazu ausführlich Gert Robel: Reisen und Kulturbeziehungen im Zeitalter der Aufklärung. In: Ders. / Boris I. Krasnobaev / Herbert Zeman (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung. Berlin [West] 1980, S. 9–37. 9  Zu Weber vgl. aus diplomatiegeschichtlicher Perspektive ausführlich Martin Klonowski: Im Dienst des Hauses Hannover. Friedrich Christian Weber als Gesandter im Russischen Reich und in Schweden 1714-1739. Husum 2005, zu seiner 1721 veröffentlichten Reisebeschreibung Das veränderte Russland siehe Wolfgang Geier: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen. Wiesbaden 2004, S. 87–132. 10  So Eva-Maria Stolberg: Sibirien: Russlands „Wilder Osten“. Mythos und so­ ziale Realität im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart 2009. 11  Darüber allgemein Gerhard Giesemann: Ein russischer Reisebericht über Sibirien. Bemerkungen zur Gattung. In: Xenia von Ertzdorff / Dieter Neukirch (Hrsg.): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Amsterdam 1992, S. 459–474, hier: 459. 12  Vgl. Ludmila Thomas: Geschichte Sibriens. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin [Ost] 1982, S. 42–50; Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 105–142.



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auch, die ein positives Bild eines fortschreitenden und aufblühenden Landes vermittelten und nach Europa transportierten.13 Mit den von der Akademie initiierten ausgedehnten und kostspieligen Forschungsreisen begann die planmäßige wissenschaftliche Erforschung der eroberten Gebiete im Osten des Russischen Reiches. Die Petersburger Akademie der Wissenschaften und die Moskauer Universität förderten die Kommunikation und den Informa­tionsfluss aus und nach Westeuropa erheblich.14 Während die Ergebnisse von Forschern wie Daniel Gottlieb Messerschmidt (1685–1735) und Gerhard Friedrich Müller (1705–1783) erst im Nachgang publizistisch bekannt gemacht wurden, erschien der Reisebericht von Peter Simon Pallas schon wegen des propagandistischen Effektes noch während seiner Arbeit in Sibirien.15 Die Betonung von wissenschaftlicher Beobachtung gegenüber der Schilderung persönlicher Eindrücke bildete eine Zäsur in der Berichterstattung über Russland.16 Ganz im Sinne des modernen aufklärerischen Wissensbegriffes folgten die Arbeiten der Expeditionsteilnehmer stets dem Objektivitätsprinzip. Gegenstände und Lebewesen wurden sachlich beschrieben und jegliche Formen der Literarisierung vermieden. Der Autor als Person sollte nicht mehr in Erscheinung treten.17 Daten wurden enzyklopädisch aus allen Lebensbereichen gesammelt und kausale Zusammenhänge erstellt, selbst wenn sie dem Forscher noch nicht erklärbar waren. Die Werke der Expeditionsteilnehmer zeichneten sich durch exzessive Nüchternheit aus und ähnelten sich untereinander im Stil sehr. Lediglich die besonderen persönlichen Forschungsinteressen ließen gelegentlich Rückschlüsse auf die Autoren zu. So kann man die 1787 von Pallas veröffentlichten Aufzeichnungen Johann Anton Güldenstädts (1745–1781) – Reisen durch Russland und im Caucasischen Gebürge – als wesentlich farbiger und interessanter 13  Vgl. Mechthild Keller: Geschichte in Reimen. Russland in Zeitgedichten und Kriegsliedern. In: Dies. (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 2: 18. Jahrhundert: Aufklärung. München 1987, S. 298–336, hier: 309. 14  Vgl. Robel: Die Sibirienexpeditionen (wie Anm. 6), S. 272–274. Vgl. im Zusammenhang auch Rudolf Mumenthaler: Dem Reich und den Wissenschaften zu Nutzen. Forschungsreisen im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften. In: Eckhard Hübner / Jan Kusber / Peter Nitsche (Hrsg.): Russland zur Zeit Katharinas II. Absolutismus – Aufklärung – Pragmatismus. Köln / Weimar / Wien 1998, S. 253–280. 15  Vgl. Robel: Die Sibirienexpeditionen (wie Anm. 6), S. 275 f. Zu Müller siehe ausführlich Gudrun Bucher: „Von Beschreibung der Sitten und Gebräuche der Völcker“. Die Instruktionen Gerhard Friedrich Müllers und ihre Bedeutung für die Geschichte der Ethnologie und der Geschichtswissenschaft. Stuttgart 2002. 16  Vgl. Gert Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen über das Russland der Epoche Katharinas II. In: Hans-Wolf Jäger (Hrsg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung. Heidelberg 1992, S. 223–241, hier: 225 f. 17  Vgl. ebd. S. 224.

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bezeichnen, da sie sich intensiver mit der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung auseinandersetzten. Mit den Veröffentlichungen des Schweizers Johann Baptist Cattaneo (1745–1831) – Eine Reise durch Deutschland und Russland seinen Freunden beschrieben (1787) – oder des deutschen Wandergesellen Christian Gottlob Züge (1746 – nach 1802) – Der russische Colonist (1802 / 03) – erschien gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Kategorie von Reiseberichten, in denen die persönlichen Erfahrungen des Autors eine Rolle spielten sowie dessen Gefühle und Empfindungen wiedergegeben wurden. Aus diesem Grund sind sie dem Bereich der Literatur zuzuordnen.18 Mit ihrer wissenschaftlichen Intention unterschieden sich die Reiseberichte der Petersburger Akademie sowohl von früheren Schriften als auch von denen der Spätaufklärung. Sie enthielten weder philosophische Reflexionen noch abenteuerliche Erzählungen, sondern sahen das Fremde als ihr Forschungsobjekt an. III. Peter Simon Pallas – Wissenschaftler im Sinne Ekaterínas II. Der Universalgelehrte Peter Simon Pallas wurde 1741 in Berlin geboren.19 Als Sohn eines Arztes legte er bereits mit 17 Jahren seine Prüfung in Anatomie ab. Von Berlin aus ging er nach Halle, Göttingen und Leiden, um sein Medizinstudium zu absolvieren. Während seiner Auslandsaufenthalte in Großbritannien und den Niederlanden lernte er nicht nur viele bekannte Gelehrte kennen, sondern bekam auch die bedeutendsten Naturaliensammlungen zu Gesicht. Eine besondere Auszeichnung für ihn war es, von der Royal Society in London zum Mitglied berufen zu werden, ebenso wie die Wahl zum Mitglied der Römisch-Kaiserlichen Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturwissenschaften. Bereits in jungen Jahren machte er sich mit naturwissenschaftlichen Publikationen einen Namen, wenn sie ihm auch nicht die gewünschte berufliche Anstellung brachten. Seine Veröffentlichungen, ausgedehnte Korrespondenzen und Auslandsreisen integrierten ihn in das Netz intereuropäischer Kommunikation der geistigen Eliten der Aufklärungszeit.20 Am 22. Dezember 1766 erhielt Pallas von Ekaterína II. eine Anstellung an der Petersburger Akademie der Wissenschaften und wurde zu einem der leitenden Wissenschaftler der geplanten Expedition bestimmt. Bevor er seine Reise antrat, studierte der junge Wissenschaftler eindringlich 18  Vgl. Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 16), S. 232–241. 19  Zu den biographischen Angaben vgl. Folkwart Wendland: Peter Simon Pallas (1741–1811). Materialien einer Biographie. Teil 1. Berlin / New York, N. Y. 1991, passim. 20  Vgl. ebd., S. 53–61.



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sämtliche vorhandene Materialien.21 Am 21. Juni 1768 brach Pallas zusammen mit seiner Frau zu der fünf Jahre andauernden Expedition auf. Während seiner Reise schrieb er akribisch an den Berichten für die Akademie und so erschien der erste Band seiner Reise, die im Oktober 1769 endete, fast unverändert bereits 1771. Dem folgte 1773 der zweite Band, den der Forscher im Winterquartier 1771  /  72 verfasste. Das Manuskript zum dritten Band brachte Pallas fast druckfertig von seiner Reise mit. Am 30. Juni 1774 endete seine Sibirienexpedition, die ihn gesundheitlich geschwächt hatte und frühzeitig ergrauen ließ. Im selben Jahr wurde er von der Berliner Gesellschaft Naturforschender Freunde zum Ehrenmitglied gewählt.22 Die Erlebnisse der Expedition bildeten einen Höhepunkt im Leben und in der wissenschaftlichen Laufbahn des jungen Forschers. Dankend schrieb er darüber: „[D]as Vergnügen die Natur in einen ansehnlichen Theil des Weltkraises, wo sie der Mensch noch wenig verderbt hat, genauer, als sie es war, erforscht und kennen gelernt zu haben, halte ich, gegen meine dabey verwandte Jugend und Gesundheit, für die schönste Belohnung“23. Seine zweite große Reise trat er 1793 „in die südlichen Statthalterschaften des Russischen Reiches“ an. Der unter diesem Titel veröffentlichte zugehörige Bericht brachte der Gelehrtenwelt ebenfalls viele wesentliche und neue Erkenntnisse. Im Anschluss an seine Expeditionstätigkeit verfasste Pallas in den darauf folgenden 20 Jahren eine Vielzahl von Werken über Botanik, Geologie, Paläontologie, Völkerkunde, Archäologie und Technologie. Das Verhältnis zur Zarin war von Anerkennung und Hochachtung geprägt.24 In seinen Werken sprach Pallas von ihr als „der erleuchtetsten und größten Monarchin unseres Jahrhunderts“ und „wohltätigste[n] und menschenfreundlichste[n] unter allen“. Er selbst habe nach bestem Vermögen dazu beigetragen, „das Andenken der Weisen und Großen Katharina“25 bei der Nachwelt zu verewigen. Aus Dankbarkeit für seine Arbeit schenkte ihm Ekaterína ein Grundstück auf der Krim, wo der Forscher bis 1810 lebte. Aus gesundheitlichen Gründen verbrachte er die Zeit bis zu seinem Tod im September 1811 in Berlin, wo er sich in den Kreisen bekannter Naturforscher aufhielt.26 21  Vgl.

ebd., S. 88. Erwin Stresemann: Leben und Werk von Peter Simon Pallas. In: Eduard Winter (Hrsg.): Lomonosov – Schlözer – Pallas. Deutsch-russische Wissenschaftsbeziehungen im 18. Jahrhundert. Berlin [Ost] 1962, S. 247–257, hier: 248–251. 23  Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. 24  Vgl. Keller: Geschichte in Reimen (wie Anm. 13), S. 309. 25  Vgl. Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. 26  Vgl. Stresemann: Leben und Werk von Pallas (wie Anm. 22), S. 253. 22  Vgl.

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IV. Die Akademie-Expedition – Unterwegs im Auftrag der Zarin Anlass für die Expedition, an der auch Pallas teilnahm, war das seltene Naturphänomen eines Venusdurchgangs, das für das Jahr 1769 vorausgesagt wurde. Aus diesem Grund beauftragte Ekaterína II. den Direktor der Akademie Vladímir Grigórévič Orlóv (1743–1831) damit, eine ausgedehnte Expedition vorzubereiten. Sie sollte neue Erkenntnisse über Venus, Sonne und Erde, über Abstand, Größe, Bahn und Gestalt dieser Himmelskörper liefern, was bei genauester Beobachtung und Berechnung während eines Venusdurchgangs möglich war.27 Die zunächst lediglich astronomische Expedition wurde schnell zu einer physikalischen ausgedehnt. Die Idee einer zweiten physikalischen Expedi­ tion, die neben Astronomen vor allem Naturwissenschaftler einbeziehen sollte, entstand bereits im Sommer 1767. Zwar besaß die russische Führung eine Vielzahl von Berichten und Informationen über die seit dem 16. Jahrhundert kontinuierlich kolonisierten Gebiete jenseits des Ural, diese waren jedoch keiner Systematik unterworfen, widersprachen sich teilweise und galten als veraltet.28 Eine wissenschaftliche Erforschung der Regionen, ihrer Ressourcen und der dort lebenden Bevölkerung sollte Abhilfe schaffen. Die Expedition wurde unter das Banner, „dem Wohl des Staates zu dienen und die Wissenschaft zu fördern“ gestellt. Dahinter standen also vor allem ökonomische Interessen:29 Welche Ressourcen waren vorhanden, wo wurden Potenziale nicht genutzt oder sogar verschwendet, was war nötig, um die Entwicklung weiter voran zu treiben? Ganz im Sinne des Kameralismus sollte das russische Volk den Reichtum des Landes durch Nutzung der Bodenschätze, von deren Umfang und Existenz noch wenig bekannt war, mehren. Daneben war es die materielle und geistige Kultur der Urbevölkerung Sibiriens, die es zu erforschen galt.30 Die entsprechenden Instruktionen, die im Wesentlichen von Pallas ausgearbeitet wurden, stützten sich auf die zweite Kamčatka-Expedition, die zwischen 1733 und 1743 unter der Leitung des dänischen Marineoffiziers Vitus Bering (1681–1741) stattgefunden hatte. Die ausgedehnten FestlegunWendland: Peter Simon Pallas (wie Anm. 19), S. 80–82. Robel: Die Sibirienexpeditionen (wie Anm. 6), S. 273; Gudrun Bucher: Die Spur des Abendsterns. Die abenteuerliche Erforschung des Venustransits. Darmstadt 2011, S. 129–134. 29  Vgl. Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 16), S. 227. 30  Vgl. Andreas Kappeler: Russlands erste Nationalitäten. Das Zarenreich und die Völker der Mittleren Wolga vom 16. bis 19. Jahrhundert. Köln / Wien 1981, S. 245. 27  Vgl. 28  Vgl.



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gen sowie die kurze Zeit, in der die abzufassenden Berichte nach Petersburg überstellt werden sollten, steckten den Forschern einen sehr engen Rahmen für ihre Untersuchungen.31 Denn nachdem die letzten Messungen des französischen Astronomen Jean-Baptiste Chappe d’Auteroche (1722–1769) 1761 in Toból’sk von der Pariser und Petersburger Akademie als ungenau eingestuft worden waren, sollten die neu gewonnenen Erkenntnisse nicht nur das hohe Niveau der russischen Astronomie präsentieren, sondern auch das Ansehen Ekaterínas als Unterstützerin der Wissenschaft steigern. Und sie verstand es bestens, durch ihr staatsmännisches Wirken internationale Aufmerksamkeit zu erwecken.32 Die Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen von Seiten der geistigen Führungsschicht Europas war für die absolutistischen Staaten von großer Bedeutung, denn sie hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. So kam der Wissenschaft auch die politische Funktion zu, das Ansehen eines Staates und seines Oberhauptes zu erhöhen.33 Das war für die nach Legitimation ihrer Herrschaft strebende Ekaterína von besonderer Bedeutung. Daneben bot die Veröffentlichung der Berichte die Möglichkeit, in den westlichen Ländern verbreitete Vorurteile zu widerlegen und abträgliche Berichte wie die 1768 publizierte Voyage en Sibérie fait par ordre du Roi en 1761 von Chappe d’Auteroche zu diskreditieren.34 Aus diesem Grund wurden die Reiseberichte der physikalischen Expedition besonders zeitnah veröffentlicht. Durch die Kommerzialisierung des Buchhandels und der Buchproduktion sowie des Zeitungs- und Zeitschriftenhandels als Waren eines gut florierenden Marktes spielten diese Medien eine immer stärkere Rolle bei der Erkenntnisvermittlung und Meinungsbildung.35 Ekaterína verstand es sehr schnell, jene Medien für sich zu nutzen und durch gezielte und gesteuerte Informationspolitik die öffentliche Meinung zu beeinflussen.36 Pallas hingegen reiste nach eigenem Bekunden aus rein wissenschaftlichem Interesse und der Anerkennung wegen, die eine derartige For31  Zur zweiten Kamčatka-Expedition siehe Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 118–125; ausführlich Peter Ulf Møller / Nathasha Okhotina-Lind (Hrsg.): Under Vitus Bering’s command. New perspectives on the Russian Kamchatka expeditions. Aarhus 2003. 32  Vgl. Wendland: Peter Simon Pallas (wie Anm.  19), S.  81. Zu Chappe d’Auteroche vgl. auch Bucher: Die Spur des Abendsterns (wie Anm. 28), S. 85–95, 134 f. 33  So das zutreffende Urteil von Robel: Die Sibirienexpeditionen (wie Anm. 6), S. 272. 34  Vgl. ders.: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 16), S. 231. 35  Vgl. Matthes: Das veränderte Russland (wie Anm. 5), S. 17. 36  Vgl. Robel: Die Sibirienexpeditionen (wie Anm. 6), S. 272. Dazu sowie zur Expedition allgemein auch knapp Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 136 f.

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schungsarbeit mit sich brachte: „Ich habe die Ehre unter der Zahl derjenigen zu erscheinen, welche so glücklich gewesen sind, zur Ausführung dieser hohen Befehle gewählt zu werden“37, heißt es in seiner Vorrede. Die an der ab 1768 stattfindenden Expedition teilnehmenden Wissenschaftler wurden in mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Forschungsregio­ nen aufgeteilt. Die Leitung übernahm Pallas, der über den Ural und Westsibirien bis zur chinesischen Grenze reiste. Die Gruppe des schwedischen Botanikers Johan Peter Falck (1732–1774) bereiste Orenbúrg und Westsibirien. Jedoch fühlte sich Falck schon zu Beginn der Reise krank und bekam zunehmend depressive Verstimmungen, weshalb er sich 1774 das Leben nahm. Der mit ihm und später mit Pallas reisende Apotheker Johann Gottlieb Georgi (1729–1802) veröffentlichte in den 1780er Jahren Falcks Aufzeichnungen unter dem Titel Beyträge zur topographischen Kenntnis des russischen Reichs. Ein weiterer Expeditionsteilnehmer war der Petersburger Zoologe Iván Ivánovič Lepëchin (1740–1802). Er erforschte den europäischen Teil Russlands zwischen Weißem Meer und der Kánin-Halbinsel. Der aus Riga stammende Johann Anton Güldenstädt bereiste die südlichen Grenzen des Landes und den Kaukasus. Die Expedition des zu Beginn erst 23jährigen Samuel Gottlieb Gmelin (1744–1774) aus Tübingen führte diesen vom Kaspischen Meer über den Kaukasus bis nach Persien. Dort wurde er vom Khan der Chaitaken in Dagestan gefangen genommen und erlag einer ruhrartigen Erkrankung.38 Die Teilnehmerzahl war insgesamt geringer als die der Expedition von Bering. Dafür wurde das Unternehmen besser vorbereitet und ausgestattet. Die Reiseroute wurde von der Akademie sehr genau festgelegt, umso mehr freuten sich die Forscher, wenn Änderungen des vorgesehenen Plans von der Akademie genehmigt wurden.39 Um der Gefahr zu entgehen, dass die Forschungsberichte durch plötzlichen Tod verloren gehen könnten, wurde von den Wissenschaftlern verlangt, Tagesregister zu führen und die im Winterquartier auszuarbeitenden Manuskripte gleich nach Beendigung der Aka37  Pallas:

Erster Theil (wie Anm. 4), Vorrede. knapp Judif’ Ch. Kopelevič: Die Petersburger Akademie der Wissenschaften und ihre Expeditionen im 18. Jahrhundert. In: Erich Donnert (Hrsg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 6: Mittel-, Nord- und Osteuropa. Köln / Weimar / Wien 2002, S. 893–899, bes. 896 f. Zu Gmelin – einem Neffen Johann Georg Gmelins (1709–1755), der an der Expedition Berings teilgenommen hatte – siehe ausführlich Dirk Fischer: Samuel Gottlieb Gmelin (1744– 1774). Das Schicksal eines deutschen Arztes in Russland im Jahrhundert der Aufklärung. Aachen 2008, zu seinem Onkel Dittmar Dahlmann: Johann Georg Gmelin and the Second Kamchatka Expedition. In: Møller / Okhotina-Lind (Hrsg.): Under Vitus Bering’s Command (wie Anm. 31), S. 113–128. 39  Vgl. Pallas: Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 373 f. 38  Vgl.



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demie zu übersenden. Dass eine derartige Reise nicht ungefährlich war, zeigt nicht nur der Tod Gmelins, sondern auch die Ermordung des Astronomen Georg Moritz Lowitz (1722–1774) durch Anhänger der Aufstandsbewegung des Emel’ján Ivánovič Pugačëv (1742–1775). Die Akademieleitung hatte zwar alle Teilnehmer nach Petersburg zurückberufen, doch Lowitz ignorierte diese Anweisung, um seine Arbeiten zu beenden. Er flüchtete sich noch in eine deutsche Kolonie, wurde dort jedoch von einigen Kolonisten verraten und ermordet.40 Daneben waren es die natürlichen Begebenheiten wie Frost, Überschwemmungen und Stürme, die das Reisen abenteuerlich machten, besonders häufig wurden die Reisenden von Krankheiten aufgrund der schlechten Lebensbedingungen übermannt.41 V. Objektivität und Wissenschaftlichkeit – Der Reisebericht des Peter Simon Pallas Die in Deutschland herausgebrachten Ausgaben von Pallas’ Bericht Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs wurden gekürzt und zusammengefasst publiziert. Alle Exemplare enthalten sowohl Bilder von Pflanzen, Tieren, Tierfallen und Trachten als auch Landkarten der bereisten Regionen. Die Erzählstruktur ist in allen Bänden gleichbleibend. Jeder Teil beginnt mit einem Paratext, in dem Pallas auf den Wahrheitsanspruch seines Berichtes verweist. Dieser Anspruch machte seine Informationen intersubjektiv überprüfbar. Dem Wissenschaftsverständnis eines Aufklärers entsprechend, vermerkte Pallas alles, was er nicht persönlich gesehen, sondern lediglich durch die Erzählungen Dritter erfahren hatte. Es war ihm überaus wichtig, möglichst objektiv zu schreiben, da er es „als ein strafbares Vergehen gegen die gelehrte Welt“ ansah, „irgend etwas anders 40  Vgl. Regine und Gerd Pfrepper: Georg Moritz Lowitz (1722–1774) und Johann Tobias Lowitz (1757–1804). Zwei Wissenschaftler zwischen Göttingen und St. Petersburg. In: Elmar Mittler / Silke Glitsch (Hrsg.): Russland und die „Göttingische Seele“. 300 Jahre St. Petersburg. Ausstellung in der Paulinerkirche Göttingen. 2., durchges. Aufl. Göttingen 2003, S. 163–178, hier: 172. Zum Pugačëv-Aufstand siehe einführend aus verschiedenen Perspektiven John T. Alexander: Autocratic Politics in a National Crisis. The Imperial Russian Government and Pugachev’s Revolt 1773-1775. Bloomington, IN 1969; Erich Donnert: Revoltierung und Massenaufruhr in Russland. Katharina II. und der „Marquis de Pougatschef“. In: Ders. (Hrsg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 7: Unbekannte Quellen. Aufsätze zu Entwicklung, Vorstufen, Grenzen und Fortwirken der Frühneuzeit in und um Europa. Köln / Weimar / Wien 2008, S. 873–894; Alice Plate: Der Pugačev-Aufstand. Kosakenherrlichkeit oder sozialer Protest? In: Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.): Volksaufstände in Russland. Von der Zeit der Wirren bis zur „Grünen Revolution“ gegen die Sowjetunion. Wiesbaden 2006, S. 353–396. 41  Vgl. Wendland: Peter Simon Pallas (wie Anm. 19), S. 11, 407.

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vorzutragen, als man es gefunden und nach seinen besten Fähigkeiten begriffen, irgend etwas zuzusetzen oder zu verschweigen“42. Dementsprechend ist auch sein Schreibstil frei von Verzierungen. „Ohne Kunst“ schreibe er und bittet um Verständnis, dass er „bey mehrerer Musse und mit mehr gelehrten Hülfsmitteln [seine] Arbeit […] vollkommener und untadelhafter hätte machen können“.43 „Mich dünkt die Haupteigenschaft einer Reisebeschreibung ist, die Zuverläßigkeit; dieser aber habe ich mich sowohl in meinen eignen Bemerkungen als den aufgesammelten Nachrichten so viel möglich zu nähern und der Warheit getreu zu seyn gesucht“44, heißt es in der Vorrede des ersten Bands. Diesem Prinzip bleibt Pallas in allen seinen Werken treu. Der Aufklärungstradition gemäß war er bestrebt, Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, wobei er allerdings nicht über kleine kritische Anmerkungen hinausging.45 Werturteile werden von ihm funktionalistisch relativiert; so beschreibt er die „Liebe zum Müßiggang“ bei den Tataren zwar als tadelnswert, auf Grund der „uneingeschränkten, sorglosen, nomadischen Lebensart“46 erschien ihm dieses Verhaltensmuster aber durchaus plausibel. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren seiner Zeit legte Pallas bei seinen Beschreibungen der Lebenswelten der Naturvölker keinen europäischen Wertmaßstab an oder verurteilte deren Kultur.47 Das Werk folgt der Reise chronologisch im Verlauf. Neben Pallas’ eigenen Aufzeichnungen fließen auch Berichte der Studenten Vasílij Fëdorovič Zúev (1754–1794) und Nikíta Petróvič Sokolóv (1748–1795) ein, die ihn auf seiner Reise begleiteten. Gelegentlich verweist er in seinen Ausführungen auch auf ihm bekannte weiterführende Literatur, unter anderen auf die 1762 erschienene Orenburgische Topographie seines Kollegen Pëtr Ivánovič Ryčkóv (1712–1777), oder den Sibirienbericht Gmelins, den Pallas zum Vergleich empfiehlt, denn „Sibirien hat zum Teil durch Ausdehnung seiner Grenzen, neue Bevölkerung und Anlage wichtiger Berg- und Hüttenwerke eine ganz andere Gestalt gewonnen“.48 Im Zeitalter des Messens spielten geographische Lage und Entfernungsangaben eine wichtige Rolle. Sie liefern einen Überblick über die Verteilung der Städte, Industriegebiete, Rohstoffe und der Bevölkerungsgruppen. Durch die genauen Entfernungsanga42  Pallas:

Dritter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. Zweyter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. 44  Ders.: Erster Theil (wie Anm. 4), Vorrede. 45  Zu Methodik und Wissenschaftsverständnis von Pallas vgl. Wendland: Peter Simon Pallas (wie Anm. 19), S. 357–361. 46  Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 309. 47  Vgl. Stresemann: Leben und Werk von Pallas (wie Anm. 22), S. 257. 48  Pallas: Zweyter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. 43  Ders.:



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ben gelang es Pallas, seine Reise bis ins Detail rekonstruierbar zu machen. Er war stets bemüht, Verbesserungsvorschläge zu äußern und verbreitete Vorurteile zu widerlegen. Als Wissenschaftler war ihm die zukünftige Bedeutung seiner Forschung bewusst, besonders da er selbst für einige Entdeckungen noch keine Erklärung wusste. In der Vorrede zum dritten Teil seines Werks schreibt er: „Und wenn eine physikalische Reise an Entdeckungen noch so ergiebig ist, so wird doch der größte Teil derselben nicht gleich einen schimmernden Vorteil versprechen; viele aber, die jetzt gering scheinen, können oft zukünftigen Weltaltern wichtig werden […].“49 Als Naturwissenschaftler interessierte ihn vor allem die Tier- und Pflanzenwelt des Landes, weshalb seine Berichte stellenweise wie eine Aneinanderreihung zoologischer und botanischer Beschreibungen wirken. Unablässig klassifizierte er Tier- und Pflanzenarten, erläuterte deren Aussehen, Lebensweise und Instinkte, aber auch Fortpflanzung und Beuteerwerb. Dabei traf Pallas auf eine Reihe noch unbekannter Tier-, Pflanzen- und Gesteinsarten, die von ihm neu beschrieben wurden. In seinen Ausführungen über die organischen und anorganischen Naturprodukte beschreibt er sowohl deren medizinische, als auch kosmetische Nutzung.50 Besonders wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der Jagd und des Fischfangs finden diese besondere Aufmerksamkeit im Werk. Es werden dabei verschiedene Fangmethoden erläutert, die Ausrüstung und der Ablauf skizziert. Seine Erkenntnisse über die Tier- und Pflanzenwelt sowie über geologische Formationen versuchte er stets in ökologische Funktionszusammenhänge zu stellen, einige Erkenntnisse gewann der Forscher durch gezielte Experimente.51 Insgesamt erliegt er dabei zwar einigen Fehlschlüssen, steht der Wahrheit der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch wesentlich näher als viele seiner Zeitgenossen.52 Abgesehen von der Tier- und Pflanzenwelt verzeichnet er in seinem Werk akribisch volkswirtschaftliche Daten, wie die Anzahl der Arbeiter der Bergund Hüttenwerke, deren Lebensbedingungen und die jährlichen Produk­ tionsgewinne. Mit diesen Angaben leistet sein Werk einen bedeutenden Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Sibiriens.53 Kritische Beurteilungen über politische und gesellschaftliche Verhältnisse finden sich jedoch kaum, was daran lag, dass Pallas als „Kaiserlicher Kommissar“ der Akademie reiste und es ihm somit nicht zustand, die bestehenden Machtverhält49  Pallas:

Dritter Theil (wie Anm. 4), Vorrede. Stresemann: Leben und Werk von Pallas (wie Anm. 22), S. 251. 51  Vgl. ebd., S. 255. 52  Vgl. ebd., S. 254. 53  Vgl. Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 16), S.  229 f. 50  Vgl.

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nisse in Frage zu stellen. In einigen Passagen lassen sich allerdings indirekt negative Einschätzungen kaiserlicher und europäischer Überlegenheitsgefühle herauslesen, etwa wenn sich Pallas in einer Beschreibung von Gesetzestexten der Kalmücken gegen die Praxis der Folter ausspricht: „Es ist gewiss merkwürdig, dass die kalmückischen Fürsten schon vorlängst auf Gesetze gedacht und solche Anordnungen gemacht haben, welche diejenigen von denen Europäischen Nationen, die sich vor die gesittetsten halten, und die freyen asiatischen Völkern mit einem affectirten Eckel Barbaren nennen, zu beschämen im Stande sind. […] Man spielt darinnen nicht mit dem Leben des Menschen, man verordnet nicht die ordentliche und außerordentliche Tortur, um unschuldige zu dem Geständnis eines Verbrechens, an welches sie doch nie gedacht haben, zu zwingen.“54 Unter Ekaterína II. fanden sich erste Ansätze zur Abschaffung dieser Praxis, endgültig durchgesetzt wurde sie 1801 von ihrem Enkel Aleksándr I. Pávlovič (1777– 1825).55 Die Reiseberichte der Teilnehmer der Akademie-Expedition geben mit zum ersten Mal einen gewissen Einblick in die materielle und geistige Kultur der indigenen Völker Sibiriens.56 Äußerst ausführlich werden von Pallas die bei den unterschiedlichen Völkern verbreiteten Rituale beschrieben. Seine registerartigen Ausführungen sind besonders für Ethnologen interessant. Die Analyse der indigenen Völker entspricht der Rassenlehre der Aufklärungszeit, dabei spielten neben physischen Faktoren wie Hautfarbe und geographische Verbreitung auch ästhetische und moralische Bewertungen eine Rolle. Vielfach verglich Pallas verschiedene Völker untereinander. „Die Gesichtszüge der Tschuwaschen verrathen eine starke Beymischung von tatarischem Geblüt. Man sieht auch bey ihnen keine lichtbraune oder rötliche, sondern durchgängig, wie bey denen Tataren, schwärzliche Haare.“57 Historische Ausführungen zur Eroberung des Landes oder über den sozialen und rechtlichen Status der Indigenen finden sich hingegen nicht. Ein besonderes Augenmerk legte Pallas auch auf die deutschen Kolonien, von denen er einige auf seiner Rückreise besuchte. Dabei fällt auf, dass sich diese je nach Lage und Zusammensetzung der Siedler ganz unter54  Pallas:

Erster Theil (wie Anm. 4), S. 329 f. Mathias Schmoeckel: Humanität und Staatsraison. Die Abschaffung der Folter in Europa und die Entwicklung des gemeinen Strafprozess- und Beweisrechts seit dem hohen Mittelalter. Köln / Weimar / Wien 2000, S. 66 f. 56  Vgl. Kappeler: Russlands erste Nationalitäten (Anm. 30), S. 245. Zu Pallas’ Forschungstätigkeit in diesem Kontext vgl. Dittmar Schorkowitz: Peter Simon Pallas (1741–1811) und die Ethnographie Russisch-Asiens im 18. Jahrhundert. In: Ders. (Hrsg): Ethnohistorische Wege und Lehrjahre eines Philosophen. Festschrift für Lawrence Krader zum 75. Geburtstag. Frankfurt am Main u. a. 1995, S. 331–349. 57  Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 87. 55  Vgl.



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schiedlich entwickelt hatten. Seine Ausführungen gehörten zu den wenigen Berichten aus jener Zeit, die es über die Kolonien gab.58 VI. Die Nähe und Ferne Petersburgs – Peter Simon Pallas über Sibirien Pallas reiste von Petersburg über Múrom, Simbírsk (heute Ul’jánovsk) und Samára zur Festung Ufá, wo der Reisende seinen ersten Winter verbrachte. Im folgenden Jahr erforschte er das Jaikgebiet und das Uralgebirge. Darauf führte ihn sein Weg über Omsk, Tomsk, Toból’sk nach Irkútsk ins Gebiet des Baikalsees bis hin zur Grenzstadt Kjachta. Seine Rückreise verlief über das Kaspischen Meer und die dortigen deutschen Kolonien nach Petersburg, das er 1774 wieder erreichte. 1. Wirtschaft und Infrastruktur Einen Schwerpunkt von Pallas’ Beobachtungen bilden die wirtschaftlichen Verhältnisse in Sibirien. Sein Werk enthält eine Vielzahl von Beschreibungen der dortigen Erz- und Kohlegruben, Schmelzhütten und Salzwerke. Dabei äußert er sich über deren technische Ausstattung, Produktionsabläufe, Produktmenge, Gewinn, Zahl der Arbeiter, Anbindung an die Infrastruktur, Preis und Qualität des Rohstoffes und mögliche Entwicklungspotentiale. Pallas besuchte die größten Unternehmen im Uralgebiet und Sibirien.59 Für Russland als neue europäische Großmacht war Eisenerz ein Rohstoff von enormer Bedeutung.60 Das Land gehörte zu dieser Zeit bereits zu den führenden Roheisenproduzenten der Welt. Besonders im Uralgebiet stieß Pallas auf reiche Eisenerzvorkommen. Wie er berichtet, war die westliche Hochofentechnik zur Verarbeitung des Erzes bereits in Sibirien verbreitet. Während des 18. Jahrhunderts entstanden eine ganze Reihe neuer Hütten und Werke, während ältere ausgebaut wurden.61 Nur wenige Bergwerke entsprachen bereits deutschen Bergbaustandards. Einige der von Pallas besuchten Bergwerke waren nur teilweise genutzt und andere sogar aufgegeben. Diese Angaben vermitteln Aufschlüsse über die Wirtschaftsmentalität, welche die 58  Vgl. Gert Robel: Berichte über Russlandreisen. In: Keller (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 2 (wie Anm. 13), S. 216–247, hier: 235. 59  Vgl. Vladimir Alekseevič Golobuckij: Die „Reise“ von Pallas als Quelle für das Studium der sozialökonomischen Verhältnisse in Russland. In: Winter (Hrsg.): ­Lomonosov – Schlözer – Pallas (wie Anm. 22), S. 258–262, hier: 259 f. 60  Vgl. W. Bruce Lincoln: Die Eroberung Sibiriens. Aus dem Amerikan. von ­Xenia Osthelder und Bernd Rullkötter. München / Zürich 1996, S. 119 f. 61  Vgl. Pallas: Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 89 f.

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Rohstoffausbeutung als eine Art „Ernte“ ansah. Wenn der Abbau zu kostenintensiv, oder die Ausbeute nicht mehr rentabel genug waren, wurde die Arbeit eingestellt und andernorts fortgeführt.62 Die Hüttenwerke benötigten eine enorme Anzahl von Arbeitern. Um dieses Problem zu lösen, wurden Staatsbauern zur Zwangsarbeit den Werken zugeteilt. Sie mussten dort ihren Kopfsteueranteil abarbeiten, wodurch viele ihre Landwirtschaft vernachlässigten und so ihre Existenz gefährdeten. In Werken mit Wintereinsatz fehlten die Arbeiter im Sommer, was wiederum ökonomische Auswirkungen nach sich zog. Da manche Gebiete nur sehr dünn besiedelt waren, mussten die zugewiesenen Bauern sehr weite Entfernungen zurücklegen.63 Durch den Mangel an Proviant und schlechter Nahrung erkrankten viele Arbeiter und kamen geschwächt nach Hause, wo sie ihrer eigent­ lichen Arbeit nur noch schwerlich nachgehen konnten.64 Neben den Bauern wurden auch Mietarbeiter angestellt, die häufig unerfahren waren und die sich gelegentlich mit dem Handgeld aus dem Staub machten. Wie überall in Europa war in Russland die Kinderarbeit verbreitet und sozial akzeptiert. Fast begeistert klingt Pallas Bemerkung über die Nev’ánskij-Werke: „Man siehet hier mit Vergnügen Knaben von zehn und zwölf Jahren schon mit­ arbeiten, und ein gutes Schmiedelohn verdienen.“65 Die Industriesiedlungen, die bei den Werken entstanden, spielten eine bedeutende Rolle bei der Stadtentwicklung in Sibirien, denn häufig bildeten sie den Ausgangspunkt für eine Stadtgründung. Einige wie das Nev’anskijWerk besaßen bereits städtischen Charakter.66 Allerdings war seit der Zeit des bedeutenden Industriellen Akínfij Nikítič Demídov (1678–1745) viel verfallen. Pallas sah den Auslöser dafür in der Ausbreitung der Leibeigenschaft. Er erkannte, dass unfreiwillige Arbeit unweigerlich zu geringer Innovationsfreude und reduziertem Arbeitseinsatz führte.67 Wichtig für die Städte waren darüber hinaus Fabriken und Manufakturen, denn Gewerbe und Handel machten den Ort „nahrhafter, volkreicher und wohlhabender“68. Pallas traf auf seiner Reise auf Pottaschebrennereien, Salzsiedereien, Gerbereien, Leinwebereien, Schnapsbrennereien, Schmieden und Mühlen. Im Hinblick auf die Ausweitung des Transithandels mit Indien und China bemängelte er wiederholt das Fehlen von fähigen Handelsleuten. Oftmals lag 62  Vgl. Roger Portal: Pallas im Ural (Mai bis August 1770). In: Winter (Hrsg.): Lomonosov – Schlözer – Pallas (wie Anm. 22), S. 276–286, hier: 279. 63  Vgl. Pallas: Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 171. 64  Vgl. ebd., S. 235. 65  Ebd., S. 178. 66  Vgl. Portal: Pallas im Ural (wie Anm. 62), S. 279 f. 67  Vgl. Golobuckij: Die „Reise“ von Pallas (wie Anm. 59), S. 258–260. 68  Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 46.



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der Warenaustausch wegen Kapitalarmut in den Händen ausländischer Händler. Es wird deutlich, wie sehr es den russischen Städten an einer „Mittelschicht“ fehlte. Entsetzt schreibt Pallas über die Festungsstadt Ufá am gleichnamigen Fluss etwa 100 Kilometer westlich des Ural: „Denn wenn man die zur Provinzial-Kanzley und zu dem hier bestellten Orenburgischen Berg- und Hütten-Amt gehörigen Hauptpersonen wegnimmt, so bleiben der Stadt wenig gesittete und wohlbemittelte Einwohner übrig, weil sich der Ort weder eines ordentlichen Handels, noch auch guter Manufakturen zu rühmen hat.“69 Die ausführlichen Beschreibungen über den regen Handel in der Grenzstadt Kjachta im Selengagebirge lassen die wichtige Rolle des Chinahandels erkennen.70 Im Vergleich zu den Russen handelten die Chinesen kompanieweise und standen unter der strengen Aufsicht eines „Surgutaschei“, der den gesamten Handel kontrollierte.71 Dieser durch obrigkeitliche Gewalt regulierte Handel machte die Chinesen zu Meistern der Preise, während die Russen durch „Gewinnsucht und Plauderhaftigkeit“ die Preise verdarben.72 Zu einem wichtigen Exportgut – nicht nur nach China – zählten die wertvollen sibirischen Zobelpelze. Infolge übermäßiger Jagd wurden die Tiere jedoch immer seltener. Ein weiterer bedeutender Wirtschaftsfaktor und Hauptnahrungslieferant war die Fischerei. Der Fischfang wurde von der Regierung gelenkt und durch jeweilige regionale Gewohnheitsgesetze organisiert und reglementiert. Die Kosaken taten sich in diesem Bereich besonders hervor.73 Eng damit verbunden war das Salzgewerbe, welches ebenfalls von den Kosaken beherrscht wurde.74 Allerdings beschränkte das Handelsmonopol des Staates auf Salz die Gewinnspanne. 69  Pallas:

Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 5. wurde hier ein Vertrag abgeschlossen, der strittige Grenzverläufe zwischen dem Russischen und dem Chinesischen Reich regeln sollte. Die Stadt wurde darin als der Ort festgelegt, über den der gesamte Handel zwischen beiden Ländern abgewickelt werden sollte. Die von russischer Seite angestrebte Monopolisierung des Handels gelang allerdings nicht. Vgl. dazu und zu den russisch-chinesischen Beziehungen im 18. Jahrhundert allgemein jetzt einführend Dittmar Dahlmann: Das Moskauer Reich und China. Die russischen Beziehungen zum „Reich unter dem Himmel“ vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In: Duchhardt (Hrsg.): Russland, der Ferne Osten und die „Deutschen“ (wie Anm. 3), S. 31–47, bes. 40–47. 71  Vgl. Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 125. 72  Vgl. ebd., S. 132. 73  Vgl. ebd., S. 288. Zu diesen soldatischen Bauernverbänden siehe jetzt mit weiterführender Literatur Andreas Kappeler: Die Kosaken. Geschichte und Legenden. München 2013. 74  Vgl. Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 266–268. 70  1727

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Die Landwirtschaft war hauptsächlich eine Subsistenzwirtschaft, wenn es auch vereinzelt bereits marktorientierte Gutswirtschaft gab. Grund dafür war die extensive Wirtschaftsmentalität der Bevölkerung, von der auch Pallas berichtet.75 Besondere Erwähnung findet die Fruchtbarkeit der Schwarzerdeböden.76 Der Naturforscher verweist darauf, dass sich hier ideale Siedlungsgebiete befinden, die „stärker bevölkert zu werden verdienen“77. Ein bedeutender Zweig der Landwirtschaft war die Viehzucht, die jedoch in einigen Gegenden durch Mangel an Grasland sehr erschwert wurde. Im Bereich der gewerblichen Viehzucht taten sich wieder die Kosaken hervor.78 Sie hielten ihr Vieh in entfernten Orten in der Steppe, einige besaßen einen Viehstand von zwei- bis dreihundert Pferden. Dass landwirtschaftliche Produkte Warencharakter erhielten, spiegelt die Entwicklung der Wirtschaft im 18. Jahrhundert wider, wo Güter langsam für einen Markt produziert wurden. Darauf weisen auch die von Pallas beschriebenen Kramläden hin, die direkt in die Wohnhäuser integriert waren.79 Ein großes Hemmnis für die Wirtschaft in Sibirien, besonders bei der enormen Ausdehnung des Landes bis zum Pazifischen Ozean, war die fehlende Infrastruktur.80 Es gab kaum befestigte Straßen und Brücken, nach heftigen Regenfällen und der Schneeschmelze im Frühling konnten viele Wege nicht befahren werden.81 Aus diesem Grund kam den Wasserstraßen eine besondere Funktion zu.82 „Sobald die Wolga vom Eise befreyt ist, sieht man ziemlich häufig Schiffe, die sowohl aus denen obern Gegenden nach Astrachan, als den Fluß herauf nach dem innern des rußischen Reichs gehen, hier vorbey fahren, und öfters bey der Stadt anlegen.“83 Da die Flüsse und Seen einen Großteil des Jahres gefroren waren, reisten die Händler mit Schlitten über das Eis, doch die „Gefahr, bey solchen Stürmen zu erfrieren oder in die Spalten, welche das Eiß hie und dort bekömmt, geführt zu werden“84, war groß. Die strengen klimatischen Verhältnisse verursachten dem Rohstofftransport zusätzlich hohe Kosten.85

Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 147. Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 58. 77  Ders.: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 7. 78  Vgl. ders.: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 282. 79  Vgl. ebd., S. 275. 80  Vgl. Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 143. 81  Vgl. Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 103. 82  Vgl. Portal: Pallas im Ural (wie Anm. 62), S. 281. 83  Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 151. 84  Ders.: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 101. 85  Vgl. Dahlmann: Sibirien (wie Anm. 1), S. 80, 147. 75  Vgl. 76  Vgl.



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2. Bevölkerung Über die Alltagswelt der Bevölkerung, vor allem der russischen Siedler, schreibt Pallas äußerst wenig. Auch dem Leben der sozialen Unterschichten schenkt er keine Beachtung. Lediglich die indigenen Völker werden von ihm näher analysiert, wobei die materielle und geistige Kultur im Mittelpunkt der Ausführungen steht. Im Unterschied zu vielen Berichten über Russland vermeidet Pallas als Wissenschaftler jegliche Stereotypisierung. Pallas war Vertreter der herrschenden Schicht, trotzdem äußert er sich über die verderbliche und irrationale Arbeit der Leibeigenen. Denn in Sibirien zwang ein Erlass von 1721 die Leibeigenen unter die Botmäßigkeit von Fabrikbesitzern. Das Leibeigenschaftssystem unterschied sich auch von den feudal geprägten Zuständen im europäischen Teil Russlands, denn die Bauern unterstanden hier direkt dem Zaren.86 In keiner Weise prangert Pallas in seinen Werken das gesellschaftliche System als Ganzes an. Für ihn spielten ökonomische Aspekte eine Rolle; er musste erkennen, dass die freie Arbeit der Kosaken viel produktiver und innovativer war als die der leibeigenen Bauern.87 In ähnlicher Weise sieht Pallas die soziale Unzufriedenheit und die schlechte Lage eines Großteils der Bevölkerung nicht als Ergebnis sozialer, sondern natürlicher Umstände.88 An verschiedenen Stellen stellt er die Lebenswelt der Leibeigenen sogar als gut dar.89 Wenn Pallas notiert, wie viele Leibeigene ein Betrieb besaß, welche Steuern eine Region einnahm und wie repressiv die Bauern an ihre Gemeinde bzw. ihren Gutsherren gebunden waren, so ergibt sich daraus jedoch ein reales Bild der von oben kontrollierten und eingeschränkten Masse von Untertanen, in deren Leben der Staat sowohl fordernd als auch regulierend eingriff. Ein besonders hartes Leben führten die Bauern, denn neben der schweren Landarbeit, der Zwangsarbeit in Berg- und Hüttenwerken, dienten sie in der zaristischen Expansionspolitik als potentielle Rekruten und mussten die Eroberungskriege zusätzlich durch erhöhte Steuern und Lasten finanzieren. Zudem besaßen sie kaum Spielraum, denn sie waren durch das 86  Vgl. Herbert Scurla: Einführung. In: Jenseits des steinernen Tores (wie Anm. 1), S. 15–41, hier: 25. Zum Phänomen der Leibeigenschaft in Russland siehe mit weiterführender Literatur Christoph Schmidt: Russische Geschichte 1547–1917. 2. Aufl. München 2009, S. 141–145. 87  Vgl. Ionas Germanovič Rozner: Die „Reise“ von Pallas und die „Beschreibung“ von Georgi als Quellen für das Studium der Geschichte des Kosakentums am Jaik (Ural) am Vorabend des Bauernkrieges unter der Führung von E. Pugačev. In: Winter (Hrsg.): Lomonosov – Schlözer – Pallas (wie Anm. 22), S. 263–275, hier: 264 f. 88  Vgl. Portal: Pallas im Ural (wie Anm. 62), S. 284. 89  Vgl. Pallas: Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 27, 91, 198.

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Statut der Leibeigenschaft von 1649 an die Scholle gebunden.90 So ist es nicht verwunderlich, dass viele Bauern in entlegene Gegenden flohen. Die sogenannten „Ausreißer“ siedelten sich in den waldigen Gebirgen an und nährten sich von der Jagd. Da dies rechtswidrig war, wurden „zuweilen Commanden ins Gebürge […] geschickt“91 um die Flüchtigen einzufangen. Das Gebiet um den Fluss Jaik (heute Ural) bereiste Pallas kurz vor dem Ausbruch des Pugačëv-Aufstands im Jahr 1773. Sein Werk liefert zwar keine Aussagen über den Aufstand und seine Folgen, gibt jedoch ein Bild der dortigen sozioökonomischen Verhältnisse vor der Erhebung.92 Eine wichtige Rolle bei der Widerstandsbewegung spielten die Jaik-Kosaken, die sowohl Teilnehmer als auch Initiatoren waren. Zu den Trägergruppen zählte – neben Bergarbeitern, Bauern und Leibeigenen – die Volksgruppe der Baschkiren. Trotz unterschiedlichster Ziele gelang es Emel’ján Pugačëv, fast die gesamte nichtrussische Bevölkerung zu mobilisieren. Viele Adlige, Beamte und Geistliche wurden von den Aufständischen ausgeplündert und hingerichtet. Pallas verurteilte wie viele Wissenschaftler diese Rebellion. In seinen Aufzeichnungen schreibt er vom „Ungeheuer[s] Pugatschef und seiner verruchten Rotte“93. Eine wichtige Bevölkerungsgruppe, von der Pallas ausführlich berichtet, sind die bereits genannten Kosaken. Diese lebten in Personenverbänden, die sich temporär zusammentaten, ohne dass sie gesellschaftlich in Zusammenhang standen, so dass neben ausländischen Söldnern, Kriegsgefangenen und verbannten Bauern auch Eingeborene rekrutiert wurden. Pallas berichtet beispielsweise von den Tungusen, die als besonders treue Kosaken an der chinesischen Grenze wachten.94 Die jaikischen und sibirischen Kosaken waren im Vergleich zu anderen Söldnergruppierungen und Kosaken aus anderen Gegenden des Russischen Reiches besser versorgt.95 Sie bekamen einen „gewissen Sold, welchen sie, über den gewöhnlichen von der hohen Landes-Regierung jeden Jaikischen Kasaken ausgemachten Kriegssold und Proviant“96 erhielten, weshalb viele beständig in der Gegend blieben und Ackerbau und Viehzucht betrieben. Scurla: Einführung (wie Anm. 86), S. 25. Zweyter Theil (wie Anm. 4), S. 571. 92  Vgl. Rozner: Die „Reise“ von Pallas (wie Anm. 87), S. 264. 93  Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 560. 94  Vgl. ebd., S. 241. 95  Vgl. Christoph Witzenrath: Die sibirischen Kosaken im institutionellen Wandel der Handels-Frontier. In: Andreas Kappeler (Hrsg.): Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen. Wiesbaden 2004, S. 395–415, hier: 397. 96  Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 281. 90  Vgl.

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Durch die weite Entfernung zum administrativen Zentrum bildeten sie eine autonome Grenzgemeinschaft, die eigene Regeln besaß. Ihre Rituale standen nicht selten im Gegensatz zum gesetzten Recht, was die Autorität der Regierung untergrub, vor allem wenn sie Vertretern der Zarin den Gehorsam verweigerten. Das gesellschaftliche System der Kosaken war durch demokratische Züge gekennzeichnet: sie verwalteten sich selbst, ihre Amtspersonen waren gewählt, es gab eine Versammlung des Volkes und formale Rechte, die für alle Kosaken galten.97 „Wie in der Regierungsform, also sind die Jaikischen Kasaken auch in der Lebensart frey und ungezwungen“98 – ganz im Gegensatz zu einem großen Teil der sonstigen russischen Bevölkerung. Zu dieser Freiheit gehörte ebenso, dass sie keine Steuern und Abgaben zahlen mussten. Viele Leibeigene bewunderten diese Freiheit; ein Umstand der dafür sorgte, dass sie sich trotz unterschiedlicher Ziele kurzerhand den Anhängern Pugatschows anschlossen. Doch Pallas bemerkte bereits die soziale Differenzierung innerhalb der Kosakengemeinschaft. So lag die politische Macht bereits in den Händen einer Oberschicht, in der Willkür und Eigenmächtigkeit herrschten.99 Soziale Ungleichheiten fand Pallas auch im wirtschaftlichen Bereich von Fischfang, Salzgewinnung und Viehzucht, denn nur die reichen Kosaken konnten sich Materialien, Geräte und andere benötigte Güter leisten.100 Die Gebiete, die Pallas in Sibirien bereiste, waren natürlich auch von indigenen Völkern besiedelt. Er traf unter anderem auf Tungusen (Ewenken), Ostjaken (Chanten), Bucharen, Burjaten, Jakuten, Tataren, Kalmüken, Samojeden und Wogulen (Mansen) – Völker verschiedenster Herkunft, Sprache und Religion, die dem Russischen Reich seine multikulturelle Prägung verliehen. So gab es etwa Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche sowie des Islams, Judentums, Buddhismus’ und verschiedener Naturreligionen.101 Kritisch betrachtete Pallas aus seiner aufgeklärt-wissenschaftlichen Perspektive den Animismus und Schamanismus der indigenen Völker; so bewertet er die Religion der Ostjaken als „blindesten und gröbsten Götzendienst“102, denn die „Zauberer“ fesselten „das arme Volk alsdann durch ihre Betrügereien am meisten in seinem blinden Gehorsam“103. Rozner: Die „Reise“ von Pallas (wie Anm. 87), S. 277. Erster Theil (wie Anm. 4), S. 279. 99  Eine Entwicklung, die einherging mit dem Verlust der Sonderstellung der Kosaken und dem zunehmendem Eingriff der Regierung in die rechtlichen und sozialen Strukturen der Kosakengemeinschaft. Vgl. dazu Alice Plate: Der Pugačev-Aufstand (wie Anm. 40), passim. 100  Vgl. Pallas: Erster Theil (wie Anm. 4), S. 268–278. 101  Zum Ganzen ausführlich Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall. 2., erg. Aufl. München 2008 (erstmals 1992). 102  Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 59. 103  Ebd., S.  59 f. 97  Vgl.

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Der Expansionsprozess in Sibirien war nicht unblutig verlaufen, denn die Kosaken und Händler, die die Eroberung vorantrieben, waren hauptsächlich an schnellem Profit interessiert. Dabei trafen sie sowohl auf Völker, die sich freiwillig unterwarfen, als auch auf solche, die sich bewaffnet gegen die Besatzung wehrten. Mit der zunehmenden Kolonisation wurden die indigenen Völker immer mehr unterdrückt und ausgeplündert. Wie die meisten Naturwissenschaftler seiner Zeit traf Pallas darüber kaum Aussagen, ebenso nicht über die soziale und rechtliche Lage der indigenen Bevölkerung.104 Einige dieser Völkerschaften lebten wie ihre Vorfahren als Hirtennomaden und ernährten sich von Jagd, Fischfang und dem, was sie in der Natur vorfanden. Als Gemeinschaft lebten sie in Gruppen mobiler Filzzelte. An den russischen Staat mussten sie einen Jasak abtreten, der häufig noch mit Pelzen beglichen wurde. Daneben gab es bereits sesshafte und russifizierte Bevölkerungsgruppen. Die Siedler verdrängten die indigenen Völker immer wieder und häufig führte dies zu kleineren kriegerischen Auseinandersetzungen.105 Einige Stämme wie die Burjaten vermischten sich mit den Russen, wodurch sie stärker russifiziert wurden, als beispielsweise die Tungusen, die den modernen Sitten weit weniger offen gegenüber standen.106 Zwischen den Völkern fand Pallas sowohl Sprachverwandtschaften als auch phänotypische Ähnlichkeiten, die auf Akkumulationsprozesse zurückzuführen sind. In den Ausführungen über den hygienischen Zustand in Städten und Dörfern wird deutlich, dass es hier noch sehr große Unterschiede zu den Maßstäben in Europa gab. „Alle diese unreinliche Profeßionen werden in der Stadt selbst ausgeübt, woraus man eines Theils auf die Menge der Feuersbrünste, andern Theils aber auf den Zustand der Luft in denen ohnehin engen und kothigen Strassen schliessen kann. Allen Abgang und Unrath der Gerberey und Seifensiederey wirft man ohne Bedenken in die vorbeyfliessende Tjoscha [Tëša]“.107 Eine weitere dunkle Seite, die Pallas beleuchtet, sind Krankheiten, die die Eroberer ins Land einschleppten, und die besonders die Eingeborenen hart trafen, denn diese kannten keinerlei Medizin; so wurden viele Völker stark dezimiert.108 104  Vgl. Robel: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen (wie Anm. 16), S. 230. 105  Dazu speziell Dittmar Schorkowitz: Staat und Nationalitäten in Russland. Der Integrationsprozess der Burjaten und Kalmücken. 1822–1925. Stuttgart 2001, S. 43– 69. 106  Eine differenzierte Sicht bietet Lincoln: Die Eroberung Sibiriens (wie Anm. 60), S. 68–77. 107  Pallas: Dritter Theil (wie Anm. 4), S. 48. 108  Vgl. ebd., S. 38 f.



Peter Simon Pallas’ Reise nach Sibirien

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VII. Fazit Das Russlandbild, das Peter Simon Pallas mit seinem Werk entwirft, ist das eines Forschers der Aufklärungszeit. Die distanziert objektive Art der Beschreibung und seine gewissenhaften Recherchen zeichnen seine Werke aus. Ausschlaggebend war, dass es sich um ein Auftragswerk der Petersburger Akademie der Wissenschaften und der Zarin persönlich handelte. Somit unterstand Pallas den Instruktionen und Regeln der Akademie sowie der kaiserlichen Zensur. Sein Reisebericht ist frei von ideologischen Darstellungen und betrachtet Russland und vor allem Sibirien nicht in der Korrelation zwischen Fremd- und Selbstzuschreibungen, beziehungsweise nicht unter dem Aspekt des „Anderen“ im Vergleich zum „Eigenen“. In ähnlicher Weise findet sich diese Betrachtungsweise in den Rezensionen wieder, die sich auf die mitgeteilte Wirklichkeit des Fremden mit seinen spannenden und lehrreichen Elementen konzentrierten.109 Metaphern, Allegorien und Wertungen verwendet Pallas in seinen Ausführungen nicht. Als Wissenschaftler forschte, beobachtete, experimentierte, analysierte und beschrieb er die Dinge. Dabei wurden die kleinsten Einzelheiten von ihm präzise untersucht und in Gedankengebäude eingefügt. Sein Bericht lässt dabei fast keinen Bereich aus. Pallas bietet einen Überblick über die Verteilung von Tieren, Pflanzen, Rohstoffen, Industrie, Städten und Bevölkerungsgruppen. Seine Arbeiten liefern Tatsachenmaterial und vermittelten den Zeitgenossen ein klares Bild der bereisten Gebiete.110 Das Werk leistet einen bedeutenden Beitrag für die Wissenschaft, nicht zuletzt auch deshalb, weil Pallas die wissenschaftlichen Instruktionen genauestens beachtete. Durch den verlässlichen und informativen Stil dient es bis heute als Quelle für Arbeiten über Sibirien. Wie der Autor persönlich zu dem Land und den darin lebenden Menschen stand, darüber erhält der Leser kaum eine Antwort. Ganz im Sinn der aufgeklärten Zarin präsentieren sich die Regionen Südrusslands und Sibi­riens im Werk als ausgesprochen vielfältig in jeder Hinsicht. So zeichnet Pallas das Bild einer artenreichen und reichhaltigen Flora und Fauna und einer multikulturellen, -ethnischen und -religiösen Bevölkerung. Vor allem aber glänzte die neue europäische Großmacht Russland durch riesige Mengen an kriegswichtigen Rohstoffen. Sie lassen erahnen, welche enorme Bedeutung 109  Zu diesem Aspekt Mechthild Keller: Wielands „Teutscher Merkur“ über Rußland – Ausschnitte, Silhouetten, Reflexe. In: Dies. (Hrsg): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 2 (wie Anm. 13), S. 457–480, hier: 464–467. 110  Vor allem der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching (1724–1793) bezieht sich in seiner 1785 erschienen Großen Erdbeschreibung im vierten Band immer wieder auf die Forschungen von Pallas.

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die Region für den Aufstieg Russlands gehabt haben muss. Die wirtschaftliche Entwicklung seit der Eroberung des Landes war groß. Auf Grund der Rückständigkeit in vielen Bereichen wurden viele Ressourcen jedoch nicht effektiv genutzt. Wie im Werk deutlich wird, fehlte es dem dünn besiedelten Sibirien sowohl an Fachkräften und Arbeitern als auch an Technologien. Doch das Land schritt voran. Wirtschaftlich produzierte die Bevölkerung für einen zunehmenden Markt, damit stieg die Produktion und die Geldwirtschaft breitete sich weiter aus. Pallas beanstandete mancherlei Mißstände, besonders im Hinblick auf das Thema der Leibeigenschaft, die er als Bremse der wirtschaftlichen Entwicklung wahrnahm. Das innenpolitische Bild, das sein Werk entwirft, weist auf verschiedene Krisenherde hin, die sich bereits in Aufständen äußerten. Dazu zählen die schlechte Lage der Bauern und Leibeigenen, der Verlust der Sonderstellung der Kosaken sowie die Unterdrückung und Verdrängung der einheimischen Bevölkerung. Die Beschreibung der Lebensverhältnisse dieser Bevölkerungsgruppen erleichtert das heutige Verständnis für die Interessen der verschiedenen Schichten während des Aufstandes am Jaik. Pallas’ Darstellung der indigenen Völker liegt ganz im Geist seiner Zeit, die sich für alles Ungewöhnliche und Exotische interessierte. Insgesamt erweist sich das aufgeklärte Russlandbild als konträr zu den in Europa verbreiteten „Horrornachrichten“ von den „Barbaren im Osten“. Nachdem die Rezeption der Forschungsergebnisse der Expedition abgeschlossen war, verschwanden viele Stereotype im Russlandbild der Gelehrtenwelt. Da Pallas’ Werke aber hauptsächlich von einem kleinen gebildeten und interessierten Kreis gelesen wurden, erlangten seine Erkenntnisse keine allgemeine Breitenwirkung für das Russlandbild der deutschen Bevölkerung in ihrer Gesamtheit.111 Auch tauchen im Werk einige der verbreiteten Vorurteile als Feststellungen auf, wie das Laster der Trunksucht, des Müßiggangs, des Aberglaubens, der Rückständigkeit, der schlechten Hygiene und die verachtende Behandlung der Frauen. Trotz aller aufklärerischen Tendenzen bestärkten diese Elemente letztlich die Auffassung, dass Russland geistig und kulturell noch weit entfernt war von einer Modernisierung und Euro­ päisierung.

111  Vgl.

Wendland: Peter Simon Pallas (wie Anm. 19), S. 145.

Zwischen Glorifizierung und Diskreditierung. Das Russlandbild Christoph Hermann von Mansteins Von Marianne Leubner (Osnabrück) I. Einführung II. Kurzbiographie III. Mansteins Beitrag zur Russlandkunde im 18. Jahrhundert IV. Aspekte russischer Herrschaftspraxis im Werk Mansteins V. Mansteins Urteil über Russland und die russische Nation VI. Fazit

I. Einführung In philosophischer Hinsicht geprägt durch die Aufklärung, markierte das 18. Jahrhundert den Beginn der Moderne in Europa. Unter der Herrschaft der Romanovs stieg Russland im Laufe des 18. Jahrhunderts durch das Ausnutzen interessenpolitischer Zwistigkeiten, aber auch durch Bündnissysteme im Zusammenspiel mit Preußen, Österreich, Frankreich und Großbritannien zulasten der Dominanz Schwedens im Norden und des Osmanischen Reiches im Süden sowie auf Kosten der polnischen Staatlichkeit zu einer europäischen Großmacht auf.1 Der preußische General Christoph Hermann von Manstein (1711–1757) gibt in seinen Historischen, politischen und militärischen Nachrichten von Russland einen umfassenden Einblick in das Russland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine Memoiren basieren größtenteils auf seinen Erlebnissen während seiner Dienstzeit in der russischen Armee von 1736 bis 1744 sowie den dort gewonnenen Erfahrungswerten. Manstein selbst begrenzt den Rahmen seiner Berichterstattung auf den Zeitraum von 1727 bis 1744. Daher liegt das Hauptaugenmerk seines Russlandbildes auf den Regierungszeiten der entsprechenden Herrscher, wobei rückblickend immer wieder auf die Reformen Pëtrs I. und ihre Durchsetzung Bezug genommen wird. Neben den Begebenheiten am Hof unter den 1  Vgl. als Einführung Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), hier: S. 285–386.

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wechselnden Autokraten und den Persönlichkeiten der jeweils regierenden Herrscherclique beschreibt Manstein detailliert die einzelnen Feldzüge Russlands in den Kriegen gegen das Osmanische Reich (1735–1739) sowie gegen Schweden (1741–1743). Daraus lässt sich ein tiefer Einblick in die Entwicklung der russischen Außen- und Bündnispolitik sowie in die fortschreitende Reformierung und Modernisierung des russischen Militär- und Marinewesens gewinnen. Die knapp zwei Jahrzehnte, die Manstein beschreibt, umfassen die Zeit der so genannten „Herrschaft der Deutschen“ in der Ausübung einflussreicher Positionen in Armee, Regierung und Verwaltung. Das „deutsche Element“ war dabei wie niemals zuvor und niemals danach in der Geschichte Russlands dominierend in der Lenkung der inneren und äußeren Staatsgeschäfte.2 Außerdem fügt der Autor seinen Ausführungen instruktives Kartenmaterial bei. Zum historischen Erkenntnisgewinn aus Memoiren gehört als Voraussetzung eine besonders quellenkritische Herangehensweise, denn die Augenzeugenschaft birgt immer Subjektivität und eine gewisse Parteilichkeit. Unter dieser Prämisse sollen auch die Aussagen Mansteins betrachtet werden. Manstein versichert zu Beginn seines Erfahrungsberichtes zwar, alle geschilderten Situationen selbst miterlebt zu haben, einige seiner Ausführungen widersprechen dieser Aussage allerdings eklatant. So berichtet er beispielsweise von parallel stattfindenden Feldzügen von Burkhard Christoph von Münnich (1683–1767) und Pëtr Graf von Lacy (1678–1751), der Belagerung von Danzig oder persönlichen Gesprächen zwischen Kaiserin Elizavéta I. Petróvna (1709–1761 / 62) und Ernst Johann von Biron (1690– 1772). Diese mangelnde Augenzeugenschaft in einigen Fällen mindert die generelle Bedeutung der Ausführungen Mansteins indes nur wenig. II. Kurzbiographie Christoph Hermann von Manstein wurde am 1. September 1711 in Sankt Petersburg als Sohn Ernst Sebastian von Mansteins (1678–1747) und Dorothee von Dittmars († 1758) geboren. Dem deutschen Uradel angehörend, wurde das Geschlecht der Mansteins erstmals 1398 in den Urkunden des Deutschen Ritterordens erwähnt.3 Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 1), S. 389–393. Ingrid Bulcke: Christoph Hermann von Manstein (1711–1756). Sein Beitrag zur Russlandkunde im 18. Jahrhundert. Diss., München 1965, S. 10. Biografische Überblicke finden sich ebd., S. 9–43 sowie bei Bernhard von Poten: Manstein, Christof Hermann von. In: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 248–250 und Joachim Niemeyer: Manstein, Christoph Hermann von. In: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 82 f. 2  Vgl. 3  Vgl.



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Bis zu seinem 13. Lebensjahr besuchte Manstein – neben der sorgsamen Erziehung durch seinen Vater, der ihn auf seine Reisen mitnahm – eine Schule in Narva. Durch die väterlichen Beziehungen innerhalb der preußischen Armee lernte er den preußischen Generalmajor Christian Ludwig von Kalsow (1694–1766) kennen. Dieser wurde auf zahlreiche Fähigkeiten des jungen Manstein aufmerksam und brachte ihn nach Berlin, wo er 1726 in das preußische Kadettenkorps eintrat. Dadurch erhielt Manstein eine strenge militärische Erziehung nach den Prinzipien der harten Arbeit, absoluten Subordination und straffen Disziplin. Durch den hoch­angesehenen Rang der preußischen Armee innerhalb des Militärwesens der europäischen Staaten legte Manstein schon hier den Grundstein für seine militärische Karriere und für die Form der Kriegswissenschaft, die er zeitlebens verfolgte. 1730 begab er sich als Leutnant zum Infanterie-Regiment „Markgraf Karl“.4 Dort übte er sich im Umgang mit Waffen und reiste zu Zwecken der Musterung und Werbung durch die deutschen Lande.5 Sein Vater riet ihm aufgrund der günstigen militärischen Aufstiegsmöglichkeiten, die sich durch Aufbau und Modernisierung des russischen Heeres nach westlichem Vorbild deutschen und anderen ausländischen Offizieren boten, den preußischen mit dem russischen Dienst zu tauschen. Doch erst eine persönliche Einladung Zarin Ánna Ivánovnas (1693–1740) konnte Manstein 1736 dazu bewegen, in die russische Armee einzutreten.6 Er bekam eine Grenadier-Kompanie beim Petersburgischen Regiment zugeteilt und konnte in dieser Position im Krieg gegen das Osmanische Reich seinen Mut und seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Bei seinen ersten selbstgeführten Angriffen zeigte er nicht nur großes taktisches Talent, sondern auch außerordentlichen Eifer für den Staat.7 1737 nahm Manstein am Feldzug bei Očakov (Očakìv) teil, wurde beim Sturm auf die Stadt verwundet und für seine Tapferkeit von der Kaiserin zum Ersten Major erhoben. 4  Vgl. Christoph Hermann von Manstein: Historische, politische und militärische Nachrichten von Russland, von dem Jahre 1727 bis 1744, in welchem Zeitraume, außer vielen wichtigen Staatsbegebenheiten, auch die Kriege mit den Türken und Schweden vorkommen, welche hier ausführlich beschrieben worden sind. Leipzig 1771, hier: Leben des Verfassers im Auszuge, S. 2. 5  Vgl. Anton Balthasar König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militärpersonen, welche sich in Preußischen Diensten berühmt gemacht haben. Bd. 3. Berlin 1790, S. 7. 6  Zu Ánna vgl. einführend Aristide Fenster: Anna. In: Hans-Joachim Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren 1547–1917. 4. Aufl. München 2012, S. 191–202. 7  Vgl. Christoph Hermann von Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands vom Jahr 1727 bis 1744 nebst einem Anhange über die damalige Beschaffenheit des Kriegs, des Seewesens, des Handels, der Akademie u. a. Bremen / Hamburg 1771, S. X ff. Zu den russisch-osmanischen Kriegen vgl. einführend Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 1), S. 369–373.

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Auch beim Feldzug des Jahres 1738 diente er unter Generalfeldmarschall Burkhard Christoph von Münnich. Dieser ernannte Manstein 1739 aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistungen zum Oberstleutnant und machte ihn zu seinem Generaladjutanten.8 1741 nahm Manstein am ersten großen Feldzug im Krieg gegen Schweden teil und war am Sieg von Wilmannstrand (Lappeenranta) beteiligt. Ende 1741 erfolgte die Machtergreifung Elizavétas I., die zahlreichen hochrangigen Regierungsmitgliedern, so auch Manstein, die Karriere kostete. Seine treuen Dienste unter den vorherigen Regierungen wurden ihm nun zum Vorwurf gemacht. Die wider ihn geführten Untersuchungen ergaben allerdings, dass er die Pflichten eines Militärs tadellos erfüllt und den ihm erteilten Befehlen mit höchster Genauigkeit Folge geleistet hatte.9 Trotzdem wurden ihm alle Güter und sein Regiment entzogen, und er musste Petersburg innerhalb einer Vierundzwanzigstundenfrist verlassen. 1743 wurde Manstein nach zahllosen Bittschriften das Moskauische Regiment zugeteilt, mit dem er sich sogleich am erneut ausbrechenden Krieg gegen die Schweden beteiligte.10 Mansteins Verhältnis zu Russland verschlechterte sich zunehmend, und er kehrte in die Dienste Preußens zurück. Dazu nutze er 1744 seinen halbjährlichen Urlaub, den die Kaiserin allen Offizieren genehmigt hatte, um nach Berlin zu reisen. Dem Feldzug von 1745 im Rahmen des Zweiten Schlesischen Krieges wohnte er als Volontär bei. Da Friedrich II., der Große (1712–1786) Gefallen an Manstein fand, machte er ihn im Feldzug bei Sachsen zu seinem Generaladjutanten und kurz darauf zum Befehlshaber von Zittau. Nach dem Friedensschluss von Dresden folgte Manstein dem preußischen König nach Potsdam.11 Neben dem Kriegsdienst widmete sich Manstein zahlreichen Studien und begann seine Erlebnisse aus russischer Dienstzeit niederzuschreiben. 8  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), Leben des Verfassers im Auszuge, S. 2 f. Zu Münnich siehe ausführlich Brigitta Berg: Burchard Christoph von Münnich. Die Beurteilung, Darstellung und Erforschung seines Wirkens in Russland in der deutschen und russischen Historiographie. Der Versuch einer Perspektivenuntersuchung an Hand von Beispielen. Oldenburg o. J. [2001] sowie zuletzt dies.: Burchard Christoph Reichsgraf von Münnich (1683–1767). Ein Oldenburger in Zarendiensten. Oldenburg 2011. 9  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), XVI. Zu Elizavéta siehe einführend Aristide Fenster: Elisabeth. In: Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren (wie Anm. 5), S. 207–218. 10  Zu den russisch-schwedischen Kriegen im europäischen Kontext vgl. einführend Klaus Zernack: Das Zeitalter der Nordischen Kriege von 1558 bis 1809 als frühneuzeitliche Geschichtsepoche. In: Zeitschrift für historische Forschung 1 (1974), S. 55–79 sowie ausführlich Robert I. Frost: The Northern Wars. War, State and Society in Northeastern Europe, 1558–1721. Harlow / New York, N.Y. 2000. 11  Zum Zweiten Schlesischen Krieg als Teil des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740–1748) siehe einführend Reed Browning: The War of Austrian Succession. New York, N.Y. 1995.



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Außerdem pflegte er gesellschaftliche Kontakte zu diversen Persönlichkeiten des Jahrhunderts, die am preußischen Hof residierten, so zu Voltaire (1694– 1778), Francesco Algarotti (1712–1764), zum Marquis d’Argens Jean-Baptiste de Boyer (1703–1771) oder zu Pierre Louis Moreau de Maupertuis (1698– 1759), die Sanssouci zu einem „Tempel der Minerva“ machten.12 Auch in preußischen Diensten erbrachte Manstein beachtenswerte Leistungen und wurde 1754 zum Generalmajor der Infanterie ernannt.13 Er gewann rasch das Vertrauen Friedrichs, der ihn zu wichtigen diplomatischen Missionen verwendete.14 1756 zog Manstein im aufflammenden Siebenjährigen Krieg in seinen letzten Feldzug, dieses Mal gegen Böhmen. Beim Treffen bei Kolin (Kolín) im Juni 1757 erneut verwundet, reiste er erst auf ausdrücklichen Befehl des Königs mit weiteren verletzten Offizieren unter geringer Bedeckung zur Behandlung nach Dresden.15 Bei einem Überfall auf die Reisegesellschaft, verübt von Kroaten und österreichischen Husaren, starb Manstein durch einen Schuss in die Brust16 als „[…] ein Mann, der dem Kriegsstande Ehre gemacht hat, und allen Pflichten der Gesellschaft getreulich nachgekommen ist“.17 III. Mansteins Beitrag zur Russlandkunde im 18. Jahrhundert Manstein überreichte 1751 das Manuskript seiner Historischen, politischen und militärischen Nachrichten von Russland dem preußischen König – „[…] es zählt noch heute zu den informativsten Schriften über die 12  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), Leben des Verfassers im Auszuge, S. 3–5 Zu Voltaire siehe einführend Jürgen von Stackelberg: Voltaire. München 2006; zu Algarotti Hans Schumacher / Brunhilde Wehinger (Hrsg.): Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung. [Laatzen] 2009; zu Boyer Hans-Ulrich Seifert / Jean-Loup Seban (Hrsg.): Der Marquis d’Argens. Akten eines Arbeitsgesprächs in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Wiesbaden 2004; zu Maupertuis Hartmut Hecht (Hrsg.): Pierre Louis Moreau de Maupertuis. Eine Bilanz nach 300 Jahren. Berlin / Baden-Baden 1999. 13  Vgl. ders.: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. XXIII. 14  Vgl. König: Biographisches Lexikon aller Helden und Militärpersonen (wie Anm. 5), S. 10. 15  Vgl. Carl Friedrich Pauli: Leben großer Helden des gegenwärtigen Krieges. Bd. III. Halle 1759, S. 71–112, hier: 102. Zum Siebenjährigen Krieg siehe einführend Marian Füssel: Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert. München 2010 sowie zuletzt Sven Externbrink (Hrsg.): Der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2011. 16  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. XXVII. 17  Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), Leben des Verfassers im Auszuge, S. 5.

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russischen Verhältnisse jener Jahre“.18 Der Bericht, dessen deutsches Originalmanuskript nicht erhalten ist, erhielt 1753 nach einer Korrektur durch Voltaire die königliche Druckerlaubnis und bildete die Basis des Russlandbildes Friedrichs II.19 Die Veröffentlichung von Mansteins Memoiren erfolgte allerdings unter Zensurauflagen erst 1770 in englischer Sprache in London, um die Beziehungen zu Russland nicht zu belasten. Die politische Vorsicht Friedrichs – hervorgerufen durch den Konflikt um Schlesien und den Siebenjährigen Krieg (1756–1763) – erwies sich darin, dass Mansteins Ausführungen über Russland nicht in Preußen publiziert wurden und der Name des Autors in den ersten Ausgaben geheim gehalten wurde.20 Es folgten vier französische Ausgaben, die letzte 1860 in Paris, zwei deutsche Übersetzungen 1771, sowie drei bekannte russische Übersetzungen Anfang des 19. Jahrhunderts.21 Außerhalb von Reisebeschreibungen und Berichten der jeweiligen Gesandten am russischen Hof in Petersburg existierte vor Mansteins Werk keine ausführliche, kontinuierliche Darstellung der Geschichte Russlands in Europa. Da Pëtr I. durch seine westlich orientierte Reformpolitik das „Fenster nach Europa“22 für Russland öffnete, wurde auch das europäische Interesse für die mit zahlreichen negativen Stereotypen belastete aufstrebende Großmacht im Osten zunehmend geweckt. Dadurch kam Manstein um 1750 mit der Präsentation seines Russlandbildes dem zeitgenössischen Informa­ tionsbedürfnis entgegen und konnte mit regem Interesse nicht nur der preußischen Öffentlichkeit rechnen. Die zumeist unkritische Darstellung Russlands in den Reiseberichten, Zeitschriften, kaiserlichen Ukazen und Biographien sowie offiziellen Journalen berührte nur unzureichend die Ära der Nachfolger Pëtrs – also genaue jene Zeitspanne, auf die sich Manstein ausführlich bezog.23 18  Niemeyer:

Manstein (wie Anm. 3), S. 82. ebd., S. 82 f. 20  Friedrich II. verhinderte die Veröffentlichung der Memoiren Mansteins – dieser sollte sein Manuskript „[…] einige Jahre und so lange zurücklegen, bis ein und andere von denen Hauptpersonen, so darin getroffen worden, verstorben sein würden und deren Ressentiments deshalb nicht weiter zu besorgen sei“. Die politische Correspondenz Friedrichs des Großen. Hrsg. von Max Duncker, Johann Gustav Droysen u. a. 46 Bde. und ein Ergänzungsband, hier: Bd. IX. Berlin 1882, S. 390. Von der Geheimhaltung der Autorenschaft Mansteins berichtet Anton Friedrich Büsching: Magazin für die neue Historie und Geographie. 22 Bde. Hamburg 1767–1771, Halle 1771–1788, hier: Bd. VI, Einleitung. 21  Für eine ausführliche Editionsgeschichte vgl. Bulcke: Christoph Hermann von Manstein (wie Anm. 3), Bd. XI, S. 46 – 57. 22  Andreas Kappeler: Russische Geschichte. 5., aktualisierte Aufl. München 2008, S. 25. 23  Vgl. Bulcke: Christoph Hermann von Manstein (wie Anm. 3), S. 45, 58–60. 19  Vgl.



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Schon von Zeitgenossen wie dem Polyhistor Anton Friedrich Büsching (1724–1793), der das Geschichtsbild seiner Zeit maßgeblich prägte, wurden Mansteins Memoiren angeführt und zitiert, beispielsweise in Büschings Magazin für die neuere Historie und Geographie.24 Ebenso verwendete Algarotti, ein enger Vertrauter Friedrichs II. in militärischen Belangen,25 Mansteins Ausführungen als Quelle, etwa für seine Abhandlungen über den Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich.26 Auch der deutsche Historiker Carl Friedrich Pauli (1773–1778) nahm in seinem Leben großer Helden des gegenwärtigen Krieges Bezug auf Manstein.27 Nicht nur in seinem Heimatland Preußen trugen Mansteins Memoiren maßgeblich zur Formung des Bildes von der osteuropäischen Großmacht Russland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei. Im Vergleich mit der zeitgenössischen Literatur über den von Manstein beschriebenen Zeitraum zeigt sich deutlich die hohe Qualität der Memoiren als Quelle, vorwiegend auch durch den Informationswert in zahlreichen Bereichen wie Kriegsverläufe, Hofleben, Militärentwicklung, Günstlingswesen, kulturelle, politische und ökonomische Entwicklung und vielen anderen, die in dieser Gesamtheit sonst kaum auffindbar sind.28 Außerdem wird die Bedeutung von Mansteins Historischen, politischen und militärischen Nachrichten allein anhand der Übersetzungen in verschiedenen Sprachen, der zeitgenössischen Rezensionen in Zeitschriften sowie der meist positiven Beurteilungen seines Werkes deutlich. Der deutschbalti24  Vgl. Büsching: Magazin (wie Anm. 20), Bd. III, S. 383–536 und Bd. VI, Einleitung. Zu Büsching vgl. zuletzt Wolfgang Neugebauer: Anton Friedrich Büsching 1724–1793. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte 58 (2007), S. 84– 101 sowie ausführlich Peter Hoffmann: Anton Friedrich Büsching (1724–1793). Ein Leben im Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2000. Für die Rolle Russlands in Leben und Werk Büschings siehe speziell Peter Hoffmann: Anton Friedrich Büsching und Russland. In: Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Die Kenntnis Russlands im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert. Wissenschaft und Publizistik über das Russische Reich. Göttingen 2006, S. 69–83; Alexander S. Myl’nikow: A. F. Büsching im Kontext der russisch-deutschen Verhältnisse zur Epoche der Aufklärung. In: Conrad Grau (Hrsg.): Deutsch-russische Beziehungen im 18. Jahrhundert. Kultur, Wissenschaft und Diplomatie = Germano-russkie otnošenija 18 veka. Kul’tura, nauka, diplomatija. Wiesbaden 1997, S. 213–223; Michael Pantenius: Anton Friedrich Büsching (1724–1793) und Russland. Ein Beitrag zur deutschen Russlandkunde im 18. Jahrhundert. Halle-Wittenberg, Univ., Diss. 1984. 25  Vgl. Œuvres de Frédéric le Grand. Hrsg. von Johann David Erdmann Preuß. 30 Bde., hier: Bd. XVIII. Berlin 1851, S. 1–149. 26  Vgl. Francesco Conte di Algarotti: Viaggi di Russia. London 1769. Vgl. im Zusammenhang William Spaggiari: Algarottis Viaggi di Russia und die aufklärerische Reiseliteratur. In: Schumacher  /  Wehinger (Hrsg.): Francesco Algarotti (wie Anm. 12), S. 99–117. 27  Vgl. Pauli: Leben großer Helden des gegenwärtigen Krieges (wie Anm. 15), S. 71–112. 28  Vgl. Bulcke: Christoph Hermann von Manstein (wie Anm. 3), S. 61–63.

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sche Historiker Alexander Brückner (1834–1896) würdigte die Memoiren als „[…] eine wesentliche Bereicherung der historischen Literatur in Betreff Russlands im 18. Jahrhundert“29, sein Fachkollege Ernst Hermann (1812– 1884) bewertete Manstein als einen „[…] durch seine Stellung und seine Bildung vorzüglich befähigten Augenzeugen und Beobachter der Ereignisse, welche unter der Regierung der Kaiserin Anna sich zutrugen“.30 Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Mansteins Memoiren als „[…] eine der grundlegenden Quellen zur Geschichte Russlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts“31 beurteilt. Aufgrund der anderweitig unzureichenden zeitgenössischen Literaturbasis kann festgehalten werden, dass sich nach 1770 nahezu alle Historiker, die über die russische Geschichte in den von Manstein bezeugten knapp zwei Jahrzehnten zwischen 1727 und 1744 arbeiteten, direkt oder indirekt mit dessen Memoiren als Quelle auseinandergesetzt haben.32 Die Liste der Autoren reicht bis in das 20. Jahrhundert hinein. Der Osteuropa-Historiker Karl Stählin (1865–1939) zitierte in seiner ab 1923 veröffentlichten, mehrbändigen Geschichte Russlands von den Anfängen bis zur Gegenwart das von Manstein entworfene kulturgeschichtliche Sittenbild des sich europäisierenden russischen Hoflebens.33 Biographien über Münnich von Melchior Vischer (1895–1975)34 oder über Heinrich Johann Friedrich Ostermann (1687–1747) aus der Feder des Slavisten Konrad Bittner (1890–1967)35 sowie aktuelle biographische Porträts der Zarin Ánna Ivánovna und der Regentin Ánna Leopól’dovna (1718–1746) beruhen bezüglich ihrer Charakterbilder zumeist auf Manstein.36 Betrachtet man die biographischen Darstellungen der entscheidenden Persönlichkeiten im Russland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Informationsquellen, wie Journalen oder kaiserlichen Ukazen, so werden 29  Alexander Brückner: Zur Geschichte Peters des Großen. In: Carl Röttgen (Hrsg.): Russische Revue. Bd. VI. Petersburg 1875, S. 113–162, hier: 114. 30  Ernst Herrmann: Geschichte des russischen Staates. 6 Bde. und ein Ergänzungsband, hier: Bd. IV. Hamburg 1849, S. 648. 31  Dmytro Doroschenko: Die Ukraine und das Reich. Neun Jahrhunderte deutschukrainischer Beziehungen im Spiegel der deutschen Wissenschaft und Literatur. Leipzig 1941, S. 46. 32  Vgl. Bulcke: Christoph, Hermann von Manstein (wie Anm. 3), S. 68–70. 33  Karl Stählin: Geschichte Russlands von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. II. Berlin 1930, S. 298. 34  Melchior Vischer: Münnich. Ingenieur – Feldherr – Hochverräter. Frankfurt am Main 1938. 35  Vgl. Konrad Bittner: Beiträge zur Geschichte des Lebens und Wirkens Heinrich Johann Friedrich (Andrej Ivanovič) Ostermanns. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas N. F. 5 (1957), H. 1 / 2, S. 106–126. 36  Vgl. Fenster: Anna (wie Anm. 6).



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Mansteins durchaus kritische Sicht- und Darstellungsweise sowie ihr damit einhergehender hoher Erkenntnis- und Quellenwert deutlich. Dies gilt besonders für die quellenmäßig nur schlecht überlieferte Regentschaft von Ánna Leopól’dovna.37 Während seiner Teilnahme an den Feldzügen der russischen Armee führte Manstein ein Kriegstagebuch im Sinne der preußischen Schule. Deutlich wird dies beispielsweise in seiner auftragsgemäß detaillierten Beschreibung der Residenz des Krim-Khanats Bahčisaraj (Bağçasaray), oder durch seinen erheblichen Anteil an den Kriegstagebüchern Münnichs, die für die Kaiserin abgefasst wurden.38 Vor allem anhand der eingehenden Beschreibung der Kriege, die Russland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts führte, können die Entwicklungs- und Modernisierungslinien des russischen Militärund Seewesens eingehend dargestellt werden. Gerade militärhistorisch sind Mansteins Abhandlungen daher von enormer Bedeutung. Nahezu einzigartig berichtet Manstein über die ukrainischen Grenzbe­ festigungen. Russland entwickelte damals eine Art „Frühwarnsystem“ zur Verhinderung tatarischer Einfälle in die Ukraine.39 Um im Falle eines Grenzdurchbruchs der Tataren eine schnelle Benachrichtigung zu ermög­ lichen, hatte man längs der Grenze jede halbe Meile Pyramiden errichtet, auf denen sich Teertonnen mit trockenen Hölzern und Stroh befanden. Bei einem drohenden Einfall zündete man die jeweils erste Leuchtpyramide an, um die Bevölkerung zu warnen und den Posten Vorsicht zu suggerieren. Näherten sich die Tataren den Posten, wurde die zweite Pyramide angezündet, und waren die Tataren durchgebrochen, so wurde auch die dritte angesteckt. Daraufhin machten sich alle russischen Grenztruppen zügig zu der Seite auf den Weg, von der das Feuer kam, um den Tataren den Rückweg abzuschneiden.40 Zusätzlich befanden sich einige Abteilungen der Saporoger Kosaken (Zaporožskie kazaki) auf ständigen Streifzügen durch die Krim, um die Bewegungen der Tataren zu beobachten und über geplante Einfälle Nachricht zu geben.41 Die Kosaken spionierten die Feinde Bulcke: Christoph Hermann von Manstein (wie Anm. 3), S. 114. Christoph Hermann von Manstein (wie Anm. 3), S. 46, 122. 39  Als Einführung zu den Krimtataren vgl. zuletzt Brian Glyn Williams: The Crimean Tatars. The diaspora experience and the forging of a nation. Leiden [u. a.] 2001, bes. S. 39–110. 40  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 191. 41  Vgl. ders.: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 227. Diese Kosaken haben es in der Malerei durch ein Gemälde von Il’já Efímovič Répin (1844– 1930) zu einiger Berühmtheit gebracht, wenn auch mit einer Szene aus den russischosmanischen Kriegen. Vgl. dazu jetzt Ingrid Mössinger / Beate Ritter (Hrsg.): Die Peredwischniki. Maler des russischen Realismus. Kunstsammlungen Chemnitz, 26.02.–28.05.2012. Chemnitz 2012, S. 208 f. 37  Vgl.

38  Bulcke:

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nicht nur aus, sondern beunruhigten sie auch durch Plünderungen und Brandschatzungen und versorgten Teile der Armee in Zeiten des Mangels mit erbeuteten Lebensmitteln.42 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Manstein mit seinen Historischen, politischen und militärischen Nachrichten von Russland einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die Russlandkunde im 18. Jahrhundert geleistet hat und seine Memoiren noch heute das Bild über Russland in der ersten Hälfte des Zeitalters der Aufklärung in vielen Bereichen entscheidend mitprägen. IV. Aspekte russischer Herrschaftspraxis im Werk Mansteins Auch wenn Manstein kritischer als zahlreiche zeitgenössische Autoren von den herrschenden Persönlichkeiten der Dynastie der Romanovs berichtet, entspricht das Bild, welches er dabei von Kaiserin Ánna Ivánovna und den „herrschenden Deutschen“ entwirft, auch aus Gründen der Zensur dem zeitgemäß huldigenden Ton. Da mit dem frühen Ableben Pëtrs II. Alekséevič (1715–1730) die Dynastie der Romanovs im Mannesstamm erloschen war, wurde die Tochter Iváns V. Alekséevič (1666–1696) durch den Senat und den Obersten Geheimen Staatsrat zum rechtmäßigen Oberhaupt Russlands gewählt. Die damit verbundenen Konditionen für die Inthronisation Ánna Ivánovnas legten fest, dass die zukünftige Kaiserin nur mittels ständiger Beratschlagung mit dem Staatsrat regieren sollte. Folglich sollte der Staatsrat fortan die höchste Gewalt in Russland besitzen.43 Die Kaiserin war nicht mehr befähigt, selbständig Krieg zu erklären oder Frieden zu schließen oder eigenmächtig Posten im Staatsdienst zu vergeben und Verordnungen zu erlassen. Der russische Adel konnte hinfort nur nach ordnungsgemäßen Prozessen mit dem Tode bestraft werden, der Vermögensentzug wurde gänzlich abgeschafft. Des Weiteren besaß die Monarchin kein uneingeschränktes Recht mehr über die Verwaltung und Veräußerung der Kronländereien. Auch Heiratsabsichten und Nachfolgerwahl waren nun mit dem Staatsrat abzustimmen.44 Grundsätzlich hätten diese Bestimmungen zur Magna Carta Libertatum des russischen Adels werden und somit die autokratische in eine bestimmten Beschränkungen unterworfene Monarchie umformen können. Doch die Autokratie sollte die Oberhand behalten.45 Zur Verhinderung neuer Machtverschiebungen an der russischen Staatsspitze durch Politik und MachenschafManstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 221. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 41 f. 44  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 37 f. 45  Vgl. Horst Günther Linke: Geschichte Russlands. Von den Anfängen bis heute. Darmstadt 2006, S. 78. 42  Vgl. 43  Vgl.



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ten der kaiserlichen Günstlinge, wie solche zu Beginn des 18. Jahrhunderts durchaus üblich waren, verordnete der Staatsrat, dass Ernst Johann von Biron, Günstling der gewählten Kaiserin, in Kurland bleiben müsse.46 Außerdem sollte das russische Heerwesen nicht mehr allein dem kaiserlichen Befehl gehorchen, sondern bedurfte der Zustimmung des Senats, um zu agieren. Doch Ánna Ivánovna gelang es bald, die Garde, den Senat, einen Teil des Klerus sowie den russischen Adel auf ihre Seite zu bringen und 1730 die volle Souveränität wieder in eigenen Händen zu halten. Der Herrschaftsentwurf Ánna Ivánovnas basierte auf einem Konzept Ostermanns, der es verstand, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine beispiellose Staatskarriere unter den verschiedenen russischen Herrschern zu durchlaufen. Er stellte damit ein Muster an Anpassungsfähigkeit seitens der dynastischen Günstlinge dar. Im Unterschied zu ihren Vorgängern, die die Regierungsaufgaben mit Freuden abgaben, verlangte Ánna Ivánovna, über sämtliche Staatsangelegenheiten genauestens informiert zu werden. Sie schaffte den Staatsrat ab und formierte einen völlig neuartigen Regierungsrat, der für die Besorgung aller auswärtigen Angelegenheiten Zuständigkeit besaß. Alle wichtigen Entscheidungen bedurften der Zustimmung dieses Kabinetts, welches ein Beratungsgremium mit administrativen und gesetzgeberischen Kompetenzen darstellte.47 Erst seit dem 20. Jahrhundert wird der Zeitraum zwischen den Herrschaftsjahren der beiden „Giganten“ des 18. Jahrhunderts, Pëtrs I. und Ekaterínas II. (1729–1796), kritischer aufgearbeitet. Vor allem die Regentschaft Ánna Ivánovnas wurde fälschlicherweise oftmals als reine Herrschaftszeit der „Deutschen“ herabgestuft. Manstein hingegen verweist auch auf den Herrschaftswillen und auf charakterliche Eigenheiten der Kaiserin. Durch ihre Liebe zu Musik und Schauspiel bereicherte Ánna Ivánovna die kulturelle Landschaft Russlands enorm. Ihrem Ruf seien zahlreiche ausländische Künstler nach Petersburg gefolgt, italienische Zwischenspiele und deutsche Komödien erfreuten sich größter Beliebtheit. Alkoholkonsum, unter Pëtr I. bis Pëtr II. exzessiv betrieben, sei während der Regierungszeit Ánna Ivánovnas nahezu vollkommen untersagt gewesen. Einzig der Tag der Thronbesteigung der Kaiserin blieb „dem Bacchus gewidmet“: jeder Edelmann musste vor seiner Monarchin niederknien und ein Glas ungarischen Weines leeren.48 Abermals verdeutlichen Mansteins Schilderungen den Wunsch des Herrscherhauses, die 46  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 42–44. Als Einführung zu Biron siehe knapp Heinrich Laakmann: Biron, Ernst Johann Reichsgraf von, Herzog von Kurland und Semgallen. In: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 260. 47  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 40–56. 48  Vgl. ebd., S. 337 f.

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russische Nation gesitteter zu machen und ihren schlechten Ruf sowie die Vorurteile im europäischen Ausland zu beseitigen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts spielten die „Deutschen“ dabei gleichwohl eine außerordentliche Rolle. Persönlichkeiten deutscher Herkunft wie Ostermann, Münnich oder Biron lenkten zeitweise die Geschicke der russischen Regierung. Manstein stellt diese drei Persönlichkeiten eingehend vor. Auch in diesem Punkt ist den Memoiren ein hoher Quellenwert beizumessen. Ergänzt wurde das Bild einer deutschen Dominanz unter Ánna Ivánovna durch die führenden livländischen Staatsmänner wie die Gebrüder Karl Gustav (um 1686–1735), Gustav Reinhold (1693–1758) und Friedrich Kasimir (1692–1769) von Löwenwolde und durch zahllose deutsch-baltische Offiziere.49 Die führenden russischen Adligen sahen sich vom deutschen Element an der Spitze des russischen Herrschaftsgefüges durchaus bedroht, da die Kaiserin weder den alten russischen Aristokratengeschlechtern, noch dem Dienstadel vertraute. Biron wurde zum Symbol für alle Verbrechen im Namen der Kaiserin, für ungehemmte Bereicherung, Denunziation, Korruption, Folter und Willkür. Diese Konstellation hat später zu der Bezeichnung „Bironowschtschina“ („Bironovŝina“)50 oder „Deutschen-Herrschaft“51 geführt. Lange Zeit hindurch war „Deutschland“ ein Land der Anziehung, Nachahmung, teilweise sogar Ehrerbietung für Russland. Der Historiker Georg von Rauch sprach von einer Art Strom, aus einer Kombination von Überlegenheitsbewusstsein und Respekt, aber auch von Furcht und Verachtung, der von West nach Ost floss. Außerdem stellte er die durchgehende Prägung Russlands durch abwechselndes und gleichzeitiges Wirken von Germanophilie und Germanophobie fest, während „Deutschland“ eher durch massive Russophobie geprägt war.52 Manstein berichtet von den Stereotypen, die das Bild von Russland im übrigen Europa prägten – wie mangelnde Sittsamkeit und Unkultiviertheit – was wiederum zur Zunahme der russischen Fremdenfeindlichkeit führte.53 Durch die „Diktatur“ Birons und die folgende Regentschaft der Braunschweiger über Iván VI. Antónovič (1740–1764) verwandelten sich die alten 49  Zur russischen Herrschaft im Baltikum siehe einführend Michael Garleff: Die baltischen Länder. Estland, Lettland, Litauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Regensburg 2001, S. 53–61. 50  Matthias Stadelmann: Die Romanovs. Stuttgart 2008, S. 98. 51  Hans-Joachim Torke: Einführung in die Geschichte Russlands. München 1997, S. 124. 52  Vgl. Georg von Rauch: Eindrücke russischer Reisender von Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert. In: Friedhelm B. Kaiser / Bernhard Stasiewski (Hrsg.): Reiseberichte von Deutschen über Russland und von Russen über Deutschland. Köln / Wien 1980, S. 58–74, hier: 58, 66. 53  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 584.



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Sympathien für Deutschland allmählich in Hass gegenüber der Herrschaft der deutschen Hofpartei.54 Die These von der negativen Auswirkung der „Herrschaft der Deutschen“ entstand erst durch die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die durch den Nationalstaatsbildungsprozess und die in diesem Zusammenhang vollzogenen Abgrenzungen gegenüber allem Fremden geprägt war. Allerdings klingt schon bei Manstein mehrfach die wachsende russische „Ausländerfeindlichkeit“ an. Manstein sollte der nationalen Säuberungswelle Elizavétas I. selbst zum Opfer fallen.55 Die Thronusurpation Elizavéta Petróvnas ereignete sich mit französischer und schwedischer Unterstützung mittels der Garde in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1741. Manstein berichtet im Detail von diesem Ereignis, weil er es für die wichtigste Begebenheit seiner russischen Dienstzeit hält, denn der Aufstieg der Kaiserin zur Macht besiegelte seinen Untergang. Elizavéta I. verbannte Ostermann, Münnich und zahlreiche andere Staatsbeamte wegen ihrer treuen Dienste unter den Regierungen ihrer Vorgängerinnen nach Sibirien. Sie hatte beim Regierungsantritt den Schwur geleistet, die russische Nation von der „Herrschaft der Ausländer“ zu befreien. Auch aus diesem Grund mussten die genannten Herren deutscher Herkunft Petersburg verlassen. Die Leibwache ersann darüber hinaus die Entfernung aller Ausländer aus russischen Diensten und sandte eine entsprechende Bittschrift an Kaiserin Elizavéta I. Diese konnte dem Wunsch jedoch nicht nachkommen, da sie ihrer Armee sonst die besten Offiziere und damit die nötige Kampfkraft gegen Schweden genommen hätte. Infolgedessen kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen fanatischer Gardisten gegen Fremde in Petersburg.56 Betrachtet man die „Herrschaft der Deutschen“ näher und frei von nationalen Emotionen, werden die Schwächen des Konstruktes deutlich sichtbar. Bereits die Klassifizierung als „die Deutschen“ und „Deutschland“ birgt angesichts der Tatsache, dass diese Kategorien im pränationalen Kontext des frühen 18. Jahrhunderts keinem homogenen Nationalstaat zugeordnet werden können, erhebliche Probleme.57 Das wird bereits durch die Herkunft der vorgestellten Personen unterstrichen, die nicht viel mehr als ihre gemeinsame Muttersprache verband. Biron, Münnich und Ostermann intrigierten und kämpften mit- und gegeneinander. Es gab demzufolge keine wirkliche Hofpartei der „Deutschen“, denn ausschlaggebend waren gemeinsame Interes54  Vgl. Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches. Der Weg eines tausendjährigen Staates. Stuttgart 1992, S. 211. Zu Iván siehe knapp einführend Aristide Fenster: Iwan VI. In: Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren (wie Anm. 5), S. 203–206. 55  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 536. 56  Vgl. ebd., S. 429–431, 455–457. 57  Vgl. Stadelmann: Die Romanovs (wie Anm. 50), S. 98.

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sen, nicht ethnische Faktoren.58 Außerdem war es generell in der Frühen Neuzeit keine Seltenheit, dass „Zugereiste“ in ihrer Wahlheimat Karriere machten, wofür Mansteins militärische Laufbahn ein Beispiel darstellt. Gegen die dominierende „Herrschaft der Deutschen“ spricht auch, dass in den höchsten Regierungsinstitutionen wesentlich mehr Russen als „Deutsche“ beschäftigt waren. Die deutschen Staatsmänner übten während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unstrittig enorme Macht in Russland aus, verfolgten aber keine „deutschen Interessen“.59 So berichtet auch Manstein vom gegenseitigen Ränkespiel der großen „Deutschen“ und nicht von einer einheitlichen Parteilichkeit des deutschen Elements. Dem Bericht über die Herrschaftszeit Ánna Ivánovnas wird bei Mansteins Betrachtung über das russische Herrschaftsgefüge der meiste Raum gewidmet, da sich Manstein während ihrer gesamten Regierungszeit in russischem Armeedienst befand und er höchstpersönlich in das Günstlingswesen der „deutschen“ Entourage der Kaiserin einbezogen war. Zusammenfassend lässt sich folgern, dass Manstein nie direkt von der Überlegenheit der „Deutschen“ schreibt, sich selbst dieser Gruppe auch nicht zurechnet. Damit dient seine eher nüchterne Berichterstattung als Beleg für die kritische Sichtweise des heutigen Forschungsstandes, die Ánna Ivánovna weder glorifiziert noch diskreditiert, wie es die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts getan hat. V. Mansteins Urteil über Russland und die russische Nation Russland zwischen Glanz und Makel, zwischen Verherrlichung und Verachtung – dieses Bild entwirft Manstein in seinen Memoiren. Einerseits ist Manstein der Meinung, „[…] dass die Russen im Stande sind, alles zu unternehmen und auszurichten, wenn sie nur gut geführt werden“60. Neben diesem glorifizierenden Urteil kommt Manstein andererseits jedoch gleichzeitig zu der diskreditierenden Ansicht: „Die russische Nation überhaupt ist überaus träge; man kann sie nicht anders als mit Gewalt in Thätigkeit setzen, und sie verhält sich nur so lange wohl, als sie befürchtet gestraft zu werden. […] Wenn man also dieses Volk nicht immer in der stärksten und härtesten Zucht hält, lässt es sogleich nach und thut nichts Taugliches.“61 Pëtr I. hatte sein Reich bis an den Pazifischen Ozean ausgedehnt. Damit musste Russland seinen Platz zwischen Asien und Europa neu definieren. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 83 f. Stadelmann: Die Romanovs (wie Anm. 50), S. 98 f. 60  Ebd., S. 253. Hervorhebung im Original. 61  Ebd., S. 277. 58  Vgl. 59  Vgl.



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Die Entscheidung fiel klar für eine westlich-europäische Orientierung. Pëtr wollte Russland nicht nur von westlichen Vorurteilen befreien, sondern die russische Nation gesitteter machen und an Europa heranführen. Damit legte er den Grundstein für den Bedeutungszuwachs des Russischen Reiches auf der politischen Bühne Europas.62 Seit Beginn des 18. Jahrhunderts erfolgte daher die Anpassung des Zarenreiches an europäische Standards, sei es im Sinne der Kalenderreform oder der Umstrukturierung von Heer, Verwaltung, Hof und Palast.63 Auch Russlands Aufbruch in das Zeitalter der Aufklärung wird bei Manstein durch die Beschreibung der Säkularisierungstendenzen, des Bildungsaufbruchs zunächst durch das Militär oder des Strebens nach einer gewissen Moralität im Sinne der im Entstehen begriffenen preußischen Tugenden bei Manstein deutlich. Rechtliche Fixierung fanden die Militärreformen im Militärstatut von 1716 sowie im Marinestatut von 1720.64 Nach der Umsetzung der Militärreform unter Pëtr I. und seinen Nachfolgern musste sich das russische Heer vor einem Vergleich mit den stehenden Heeren Westeuropas nicht mehr scheuen.65 Anhand der eigens dafür errichteten Kadettenschule zur Schaffung einer soliden militärischen Grundausbildung und strengen Disziplinierung lässt sich Mansteins konträre Beurteilung Russlands anschaulich erläutern. 1731 wurde eine Kadettenschule für den russischen und livländischen Adel gegründet, die einen ständigen Rückgriff auf gut ausgebildete Offiziere zur Rekrutierung für die russische Armee ermöglichen sollte. Friedrich II. sandte zur ersten Einrichtung dieses Korps Unteroffiziere und Offiziere, die die Kadetten in preußischen Kriegsübungen unterrichteten. Diese unter Münnichs Führung entstandene militärische Ausbildungsstätte wurde zur besten Anstalt des Russischen Kaiserreiches und brachte ausgezeichnete Offiziere hervor. Durch das Kadettenkorps wurde die Struktur des adeligen Pflichtdienstes gelockert. Nun erhielt jeder Adelssohn eine standesgemäße Offiziersausbildung. Damit war dem Leistungsprinzip Pëtrs I. ein Ende gesetzt, denn der Adel war nicht mehr verpflichtet, den Dienst beim Grad eines Gefreiten zu beginnen. Darauf erfolgte 1736 die Befristung der allgemeinen militärischen Dienstpflicht des Adels auf 25 Jahre. Diese Maßnahmen waren zu einer dringenden Notwendigkeit geworden, denn durch die lebenslange Dienstverpflichtung des russischen Adels wurde eine zunehmende ökonomische Krisenlage hervorgerufen. 62  Vgl. ebd., S. 16. Als Einführung zum petrinischen Reformwerk siehe etwa Evgenii V. Anisimov: The reforms of Peter the Great. Progress through coercion in Russia. Armonk, NY u. a. 1993. 63  Vgl. Linke: Geschichte Russlands (wie Anm. 45), S. 60 f. 64  Vgl. Torke: Einführung in die Geschichte Russlands (wie Anm. 51), S. 115. 65  Vgl. Linke: Geschichte Russlands (wie Anm. 45), S. 62.

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Die Petersburger Institution war den Ritterakademien des 17. Jahrhunderts und vor allem dem preußischen Kadettenkorps Friedrich Wilhelms I. (1688– 1740) nachempfunden.66 Das Kadettenkorps bot nicht nur eine hochwertige militärische Ausbildung, sondern vermittelte auch eine umfassende exklusive Erziehung der jungen Edelleute des Russischen Kaiserreiches.67 Neben diversen Fremdsprachen erlernten die Kadetten Zeichnen, Musizieren, Tanzen, Fechten, Reiten und Etikette. Damit wurde als Ausweichmöglichkeit zu einer Karriere im Militärdienst auch der Zugang zu beruflichen Laufbahnen im zivilen Sektor geöffnet.68 Ekaterína II. verlagerte den Schwerpunkt des Kadettenkorps endgültig vom Charakter einer militärischen Ausbildungsanstalt auf die Funktion als Erziehungseinrichtung für die zukünftigen Eliten Russlands. Durch Förderung von Literatur und Kreativität, vor allem aber durch den Verzicht auf körperliche Züchtigung und strenge Disziplin, wurde der elitäre Unterricht reformiert.69 Eine stärkere Vereinheitlichung erfuhr das Militärschulwesen erst unter Aleksándr I. Pávlovič (1777–1825) und seinem Nachfolger Nikoláj I. Pávlovič (1796–1855), wobei ein zunehmender Ausbau der staatlichen und privaten Schulen bereits Ende des 18. Jahrhunderts begann.70 Die Errichtung einer preußischen Kadettenschule bei Petersburg veranschaulicht sinnbildlich die ambivalente Beurteilung Russlands als aufstrebender Großmacht innerhalb des europäischen Mächtegefüges in der von Manstein geschilderten ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Manstein beschreibt hier nicht nur diplomatische Verflechtungen zwischen Preußen und Russland auf ihrem Weg zu europäischen Großmächten, sondern verweist auch auf die Notwendigkeit einer harten Durchsetzung von Zucht und Ordnung. Wegen Disziplinmangels befehligte Münnich in seiner Position als Präsident des Kriegskollegiums und Oberbefehlshabers die Armee mit äußerster Strenge, selbst das kleinste Vergehen und die geringste Missachtung von Befehlen wurde mit enormer Härte geahndet.71 Manstein meint: „Eine solche Schärfe aber ist in Rußland unumgänglich nöthig, wo Beyspiele von Gelindigkeit keinen so starken Einfluß haben, als die von Strenge; denn niemand pflegt dort etwas zu thun, wo er nicht dazu gezwungen 66  Zur preußischen Armee vgl. im Betrachtungszeitraum zahlreiche Beiträge in Peter Baumgart / Bernhard R. Kroener / Heinz Stübig (Hrsg.): Die Preußische Armee. Zwischen Ancien Régime und Reichsgründung. Paderborn u. a. 2008. 67  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 84 f. 68  Vgl. Fenster: Anna (wie Anm. 6), S. 198 f. 69  Vgl. Marc Raeff: Katharina II. In: Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren (wie Anm. 6), S. 233–262, hier: 255. 70  Vgl. Dietrich Beyrau: Militär und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland, Köln / Wien 1984, S.  131 f. 71  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 152.



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wird […]“.72 Die meisten Soldaten besaßen kein Vermögen und wollten deshalb lieber ihren Acker bestellen, als weiterhin Militärdienst zu leisten.73 Die russische Armee stellte mit der harten Züchtigung für Vergehen wie Faulheit, Unreinlichkeit, Trunkenheit und Widerspenstigkeit keine Ausnahme dar, denn auch der preußische Drill wurde mit äußerster Strenge und Härte durchgesetzt und galt europaweit als vorbildlich. Die Züchtigung nahm erst mit der wachsenden Wertschätzung der Humanität, auch innerhalb des Kriegswesens, ab.74 Gerade aufgrund dieser harten Disziplinierung nach preußischem Vorbild erarbeitete sich das russische Heer im Laufe des 18. Jahrhunderts rasch einen besseren Ruf in Europa. Zahlreiche ausländische Experten lobten die Kriegstüchtigkeit der russischen Soldaten, wodurch Mansteins positives Urteil über das Potential der Russen, alles erreichen zu können, dessen sie gewillt waren, unterstrichen wurde. Gleichzeitig wird hier die Schnittstelle der konträren Beurteilung Russlands sichtbar. Denn das Potential der russischen Nation konnte nur mithilfe eines Systems strengster Bestrafung ausgeschöpft werden, was allerdings kein russisches Spezifikum darstellte.75 So berichtet Manstein über die Furcht und Flucht der Tataren und Türken vor dem russischen Heer, welches eine äußerst effektive und verbreitete Kampfformation in Vierecksform besaß.76 Auch in anderen zeitgenössischen Abhandlungen über die Kriegskunst wird eine derartige Wirkung der russischen Armee geschildert. Die Streitkräfte des Osmanischen Reiches traten im Gegensatz zum russischen Heer oft wegen mangelnder Disziplin und fehlenden Pflichtbewusstseins den ungeordneten Rückzug an. Meist geschah die Flucht ohne Wissen und Befehl des Vesirs.77 Trotz des guten Rufes, den das russische Heer in Europa genoss, war laut Manstein an einen Verzicht auf härteste Züchtigung nicht zu denken, damit Russland seine angestrebten Ziele erreiche. Manstein zufolge übertrug sich das System der strengen Bestrafung auch auf die politische Ebene. Mangel an ehrfürchtigem Betragen gegenüber dem Autokraten und seiner Entourage oder gar Anzeichen geringsten Ungehorsams wurden rigoros geahndet, ungeachtet des Standes oder der Nationalität des Betroffenen. Diese Sichtweise lässt sich auch anhand der Ausführungen über den Stand der medizinischen Versorgung in der russischen Armee aufzeigen, 72  Ebd. 73  Vgl.

ebd., S. 345 f. Georg Heinrich von Berenhorst: Betrachtungen über die Kriegskunst, über ihre Fortschritte, ihre Widersprüche und ihre Zuverlässigkeit. 3. Aufl. Leipzig 1827, S. 57 f., 413. 75  Vgl. Linke: Geschichte Russlands (wie Anm. 45), S. 68. 76  Vgl. Manstein: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 162 f. 77  Vgl. Berenhorst: Betrachtungen über die Kriegskunst (wie Anm. 73), S. 401 f. 74  Vgl.

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worin sich Russland nicht bedeutend vom rudimentären Sanitätswesen der anderen europäischen Streitkräfte unterschied. Die Kriege des 18. Jahrhunderts bestanden zum Großteil aus harten Märschen unter mangelnden Hy­ gienebedingungen, an eine solide medizinische Basisversorgung war noch nicht zu denken.78 Obwohl der russischen Natur eine gewisse Robustheit nachgesagt wird, litten die Truppen während der Feldzüge häufig unter der Vitaminmangelkrankheit Skorbut, dem Hitzefieber, der Diphtherie oder der Ruhr. Durchschnittlich starb etwa ein Drittel der Kranken. Das medizinische Personal war meist fachlich inkompetent, da es schlecht bis gar nicht ausgebildet war. Jedes Regiment besaß einen Wundarzt mit einem Gehilfen. Bei der Zusammenstellung neuer Regimenter bekamen die Feldscheerer ihre jeweilige Position nach der ersten Musterung der neuen Rekruten durch den Kommandanten zugeteilt – ohne den Nachweis medizinischer Kenntnisse oder Ausbildung. Weigerten sich die zum medizinischen Dienst eingewiesenen Soldaten, half man mit Stockschlägen nach.79 Die gängigen Stereotypen über Russland verifiziert Manstein anhand der negativen Verhaltensmuster der Elitetruppen der russischen Armee zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Petersburger Leibgarde, repräsentativ für den Großteil der Armee, übte sich in Ausschweifungen ungeahnten Ausmaßes. Die Soldaten trieben sich laut Manstein in verrufenen Schenken herum, ihr Alkoholkonsum würde keine Grenzen kennen. Mit solchen Ausführungen wird der vorgebliche „Bedarf an Züchtigung“ weiter begründet. Kaiserin Ánna Ivánovna beseitigte daher die berittene Leibgarde und ersetzte sie durch ein neues Regiment zu Pferde. Um die Garde zu Fuß zu verstärken, rekrutierte die Kaiserin Soldaten zur Gründung eines neuen Infanterieregiments namens Ismailov, bestehend aus drei Bataillonen. Außerdem nahm sie zahlreiche Rangerhöhungen vor und erwählte aus dem livländischen Adel und den Ausländern eine Vielzahl von Offizieren. Diese neu geschaffene Leibgarde diente dem Schutz vor Intrigen des alten Hofadels und des Kabinetts sowie vor Ausschreitungen seitens der russischen Bevölkerung. Durch die ständige Stationierung der Garde auf engstem Raum in Petersburg wurde die politische Willensbildung des Adels gefördert, der hier einen festen organisatorischen Zusammenhalt erfuhr. In gewisser Weise wurde die Garde zum „bewaffneten Arm“ des russischen Adels. Aus diesem Grund wurden die Garderegimenter von den Herrschern umworben, bestochen und privilegiert. 78  Eine materialreiche Einführung am Beispiel der kursächsischen Armee bietet Stefan Kroll: Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728–1796. Paderborn u. a. 2006, bes. S. 331–502. 79  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 226 f.



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Wie Manstein feststellt, benötigten die russischen Soldaten eine gute Führung, die in Russland zu Beginn des 18. Jahrhunderts nur mithilfe von ausländischen Offizieren realisierbar war. Die Fremdprägung des russischen Heerwesens ging teilweise soweit, dass die russischen Soldaten ihren Landsleuten kaum Vertrauen schenkten und größere Disziplin und Leistungsfähigkeit unter ausländischen Offizieren zeigten.80 Auch die preußische Armee bestand zum Großteil aus angeworbenen ausländischen Rekruten, da die einheimische Bevölkerung kaum einen Bruchteil der erforderlichen Mannschaften stellen konnte, aber die Heeresführung setzte sich im Gegensatz zu Russland fast ausschließlich aus preußischen Offizieren und Generalen zusammen.81 Lobend hebt Manstein die russischen Kompetenzen im Bereich der Artillerie hervor. Die russische Artillerie entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts hervorragend, denn diesen Teil der Kriegskunst betrieb die russische Nation mit dem größten Eifer, hier konnten die Russen auch die meisten geschickten Befehlshaber aus ihren eigenen Reihen vorweisen. Manstein behauptet sogar, dass die russische Handhabung der schweren Waffengattung am Ende des 18. Jahrhunderts zu der besten Europas gehöre und kaum übertroffen werden könne.82 Auch diverse andere Historiker berichten von der intensiven Modernisierung der russischen Artillerie, durch die ein europaweit vergleichsweise unübertroffener Stand erreicht wurde.83 Dies war möglich, weil die Artillerie durch sechs verschiedene innerrussische Produktionsstätten mit schweren Kanonen und Regimentsstücken versorgt wurde.84 Als ein weiteres Beispiel der russischen Kriegskunst dient Manstein die Eroberung der türkischen Festung Očakov sowie ihre erfolgreiche Verteidigung gegen den Rückeroberungsversuch der Türken im Verlauf des zweiten Feldzuges des russischen Heeres gegen die Truppen des Osmanischen Reiches während des Russisch-Türkischen Krieges von 1736 bis 1739. Manstein überhöht diese Leistung der russischen Armee insofern, als er bezweifelt, dass „[…] es Kriegsvölker in der Welt giebt, die solche Beschwerlichkeiten würden aushalten können, oder vielmehr wollen, als die Russen bei der Belagerung von Otschakow erlitten“.85 Die russische Kunst der Kriegführung wurde von zahlreichen ausländischen Gesandten bestätigt und be80  Vgl.

ebd., S. 60 f., 190, 254, 441. Eugen von Frauenholz: Deutsche Kriegs- und Heeresgeschichte. München / Berlin 1927, S. 16, 103. 82  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 563. 83  Vgl. Fenster: Elisabeth (wie Anm. 9), S. 213. 84  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 564. 85  Ebd., S. 253. 81  Vgl.

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lobigt, beispielsweise vom österreichischen Gesandten bei der russischen Armee, Oberst Johann Leopold Freiherr von Bärenklau zu Schönreith (1700–1746), der dem Feldzug als Beobachter beiwohnte und die Eroberung Očakovs sowie das Geschick der Russen in einem Schreiben an Wien würdigte.86 Der Kampf um die türkische Festung wurde darüber hinaus zu einem Symbol der russischen Kriegskunst stilisiert und in vielen Malereien aufgegriffen.87 Očakov verweist damit auf die positiven Facetten von Mansteins Russlandbild. Allerdings übt Manstein Kritik an Münnichs Führungsqualitäten und schreibt einen Teil des Erfolges einer Art schicksalhafter Fügung durch eine Feuersbrunst zu. Insgesamt beurteilt er den Krieg gegen das Osmanische Reich hart, aber keineswegs ungerecht. Neben drakonischer Kritik an Fehlleistungen der Heeresleitung sah er ebenso deren Erfolge. Die Affinität Pëtrs I. zum Seewesen manifestierte sich in seinem Traum, Russland durch den Bau einer Flotte nicht nur ökonomisch konkurrenzfähig mit Westeuropa zu machen, sondern auch mit der außenpolitischen Prioritätenverschiebung von der russischen Dominanz am Schwarzen Meer auf den Zugang zur Ostsee das „Fenster nach Europa“88 aufzustoßen.89 Deshalb begann der Zar unter gewaltiger Kraftanstrengung mit dem Aufbau einer russischen Flotte, bestehend aus Galeeren, Fregatten und Linienschiffen.90 Er maß der russischen Flotte eine enorme Bedeutung bei und holte zu deren zügigem Bau Experten aus allen seefahrenden Nationen Europas, insbesondere aus England und Holland, nach Russland. Auch schickte er zahlreiche Adelssöhne ins europäische Ausland, damit sie dort die Kunst der Seefahrt und des Schiffsbaus erlernen konnten.91 Ebenso wie das russische Heer gelangte auch die Flotte rasch zu europaweiter Anerkennung. Unter den Nachfolgern Pëtrs I. verfiel sie aber zusehends und wurde erst unter der Herrschaft Ekate­ rínas II. wieder zu voller Kampftauglichkeit zurückgeführt.92 Mansteins detaillierte Beschreibungen der Kriege Russlands überwiegend gegen Schweden und das Osmanische Reich geben Einblick in die von Pëtr I. angestoßene Europäisierung. Eingehend beschreibt er die zu Beginn des Russisch-Schwedischen Krieges gelungene Einnahme der schwedischen 86  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 194–228, 240–256; ders.: Beytrag zur Geschichte Russlands (wie Anm. 7), S. 232–272, 286–303. Rudimentäre biografische Daten bietet Wilhelm Edler von Janko: Bärenklau zu Schönreith, Johann Leopold Freiherr von. In: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 59. 87  Vgl. Erich Donnert: Katharina die Große und ihre Zeit. Russland im Zeitalter der Aufklärung. 3. Aufl. Leipzig 2004 (erstmals 1983), S. 10 f. 88  Kappeler: Russische Geschichte (wie Anm. 22), S. 25. 89  Vgl. Gerd Ruge: Russland. München 2008, S. 51. 90  Vgl. Linke: Geschichte Russlands (wie Anm. 45), S. 65. 91  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 567 f. 92  Vgl. Linke: Geschichte Russlands (wie Anm. 45), S. 69.



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Stadt Willmanstrand unter Führung von Generalfeldmarschall Pëtr Graf von Lacy.93 Die dabei gemachten Kriegsgefangenen wurden über die russische Stadt Vyborg nach Petersburg gebracht. Dort wurde ihnen eine höfliche Behandlung zuteil. Jeder russische Aristokrat war dazu angehalten, einem schwedischen Offizier in seinem Hause Aufenthalt und bestmögliche Versorgung zu gewähren. Der von Manstein beschriebene Umgang mit den Kriegsgefangenen offenbart Tendenzen einer humanistischen und sittlichen Entwicklung Russlands.94 Anhand von Mansteins Aussagen über die großen Persönlichkeiten Russlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kann sein Russlandbild noch einmal schärfer konturiert werden. Burchard Christoph Graf von Münnich hielt er für „[…] ein großes Genie“, er sei „einer der besten Kriegsbaukünstler seiner Zeit, ein vortrefflicher Feldherr; iedoch oft in seinen Unternehmungen verwägen“.95 Dieses Urteil überrascht nicht, denn Münnich lehrte Manstein viele Feinheiten der Kriegskunst und wurde rasch sein Gönner. Münnich konnte sich durch seine Erfahrungen in verschiedenen Heerwesen Europas einen hervorragenden Ruf erwerben. In russischen Diensten wurde er Generalfeldmarschall sowie Präsident des Kriegskollegiums und verwirklichte die Reorganisation des Heerwesens. Als Ranghöchster der russischen Armee sorgte er für die Einführung eines allgemeinen Kriegsetats sowie einer gerechten Besoldung. Allerdings war ihm seine Position im Militärdienst nicht genug. Er versuchte immer wieder, sich einen angemessenen Platz im Kabinett oder Ministerium zu sichern, um seinen ehrgeizigen Ambitionen zu genügen.96 Außerdem wurde unter Münnichs Leitung der Bau des Ladogakanals beendet, ein Wunderwerk der damaligen Technik.97 Elizavéta I. verbannte ihn nach Sibirien, denn er war zu einem Symbol der „Herrschaft der Deutschen“ geworden. Damit stellt er ein hervorragendes Beispiel für die von Manstein angesprochenen ausländischen Offiziere dar, die Russland benötigte und die eine ansehnliche Karriere im russischen Dienst machen konnten.98 93  Siehe einführend Patrick J. O’Meara: Field Marshal Peter Lacy. An Irishman in Eighteenth-Century Russia. In: Tatiana V. Artemieva / Peter H. Jones / Michael I. Mikeshin (Hrsg.): Scotland and Russia in the Enlightenment. Proceedings of the international Conference, 1–3 September 2000, Edinburgh. Sankt Petersburg 2001, S. 80–92. 94  Vgl. zum Umgang mit Gefangenen auch den Beitrag von Martin Munke in diesem Band, S. 73–76. 95  Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 432. 96  Vgl. ebd., S. 73, 84. 97  Dazu Robert E. Jones: Getting the Goods to St. Petersburg. Water Transport from the Interior 1703–1811. In: Slavic Review 43 (1984), S. 413–433. 98  Vgl. Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches (wie Anm. 54), S. 212.

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„Graf Ostermann war unstreitig einer der größten Minister seiner Zeit. Er besaß eine gründliche Kenntnis der Vortheile aller europäischen Höfe.“99 So beschrieb Manstein den russischen Diplomaten deutscher Herkunft. Heinrich Johann Friedrich Ostermann trat 1704 in russische Dienste. Während einer Inspektion der russischen Flotte lernte er Kaiser Pëtr I. auf dem Admiralsschiff kennen. Der Zar schätzte den Verstand Ostermanns, übernahm ihn als Geheimschreiber in seine eigenen Dienste und erhob ihn rasch zu den höchsten Ämtern des Russischen Reiches. 1723 hatte er bereits das Amt des Reichsvizekanzlers inne. Dank seiner Geschicklichkeit gelang es Ostermann unter sechs verschiedenen russischen Regierungen, zu höchsten Regierungsämtern aufzusteigen. Doch die personelle Kontinuität warf immer wieder Schatten auf die russische Autokratie.100 Im Zuge des Petrinischen Reformwerks sollten auch die russische Wissenschaft und Forschung auf einen mit den anderen Ländern Europas vergleichbaren Stand gebracht werden. Zu diesem Zweck stiftete der Zar 1724 nach französischem Vorbild die Russische Akademie der Wissenschaften zu Petersburg, wobei vergleichbare europäische Institutionen wesentlich mehr Autonomie gegenüber dem Staat besaßen. Manstein hielt die unter Kaiserin Ekaterína I. Alekséevna (1684–1727)101 eröffnete Akademie trotz der wohl bekannten Verdienste auf den Feldern der Mathematik, Natur- und Geowissenschaft an sich für unnütz, denn die Prioritäten lagen fälschlicherweise auf Wissenschaftsfeldern, die Russland wenig praktischen Nutzen versprachen, sondern nur Prestige im Ausland. Trotz kostenloser Lehre schickten vergleichsweise wenige Eltern ihre Kinder zur Ausbildung auf die Akademie.102 Obwohl Manstein nur wenige allgemeine Aussagen über Russland und das russische Volk traf, beurteilte er sie in seinen beiden erläuterten Äußerungen ambivalent – als Nation, die im Stande war, alles zu erreichen, dazu aber der Züchtigung und Disziplinierung bedürfe. Ende der 1730er Jahre verschlechterte sich Mansteins Verhältnis zu Russland zunehmend. Eine Intrige brachte ihn vor das Kriegsgericht, die haltlosen Anschuldigungen mussten aber rasch fallengelassen werden. Dieser Vorfall trieb Manstein dazu, endgültig um seinen Abschied aus russischem Dienst zu ersuchen. Man war allerdings nicht gewillt, ihn aus dem Armeedienst zu entlassen, wollte ihn sogar nach Russland zurückholen, wohl damit er keinem anderen Staat ein so erfolgreicher Diener sein könne.103 Selbst sein Vater wurde 99  Manstein:

Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 436. ebd., S. 437 f. 101  Siehe einführend Erich Donnert: Katharina I. In: Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren (wie Anm. 5), S. 179–184. 102  Vgl. Manstein: Nachrichten von Russland (wie Anm. 4), S. 547–549. 103  Vgl. ebd., S. 4. 100  Vgl.



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inhaftiert, um ihn zur Rückkehr nach Russland zu bewegen. Seinen Bruch mit Russland vollzog Manstein dennoch, indem er – ohne offiziell aus russischen Diensten entlassen worden zu sein – in preußische Dienste eintrat. Trotz des nunmehr angespannten Verhältnisses zu Russland wirkt Mansteins Abhandlung kritisch und relativ wertfrei. Er beleuchtet in seinem Russlandbild nicht nur die Rückständigkeit des Landes, sondern zeigt auch dessen Entwicklungspotenziale auf. Manstein verfasste seine Ausführungen über Russland in einer Zeit der aufstrebenden Memoirenliteratur auf expliziten Wunsch Friedrichs des Großen, der zu Bildungszwecken seines höheren Offizierkorps schriftliche Darstellungen der Kriege anderer Staaten anfertigen ließ. Damit sollte als Motiv für Mansteins ambivalentes Urteil über die russische Nation durchaus der Wunsch nach Karriereförderung seitens des preußischen Königs in Rechnung gestellt werden, denn militärische Führung und strenger Drill der russischen Streitmacht basierten auf dem Vorbild der preußischen Armee. VI. Fazit Manstein entwirft sein Russlandbild mithilfe seiner Erfahrungen am russischen Hof und im russischen Kriegswesen sowie anhand von Leben und Wirken unterschiedlicher, politisch bedeutender Charaktere im russischen Machtgefüge. Dadurch sind die Entwicklungslinien der Dynastie der Romanovs ebenso ersichtlich wie die des russischen Militär- und Seewesens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mansteins Historische, politische und militärische Nachrichten aus Russland beschreiben die Entstehung der staatlichen und militärischen Basis für den Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht. Die militärischen Konflikte mit Schweden, Polen und dem Osmanischen Reich, eingebunden in die wechselvollen diplomatischen Beziehungen zu Preußen, Österreich und Frankreich führten zur fortschreitenden Konsolidierung Russlands im Gefüge der Weltpolitik. Unter den Nachfolgern Pëtrs I. wurden die Modernisierung und Europäisierung Russlands erfolgreich durchgesetzt, jedoch ohne einen völligen Bruch mit der eigenen Kulturtradition. Manstein skizziert die Zeit der Palastrevolutionen, bei der die Legitimierung der Herrschaft meist durch das ausgeprägte Günstlingswesens und den Rückgriff auf die Garde erfolgte. Die ökonomische Konjunktur ging infolge der fest verankerten Leibeigenschaft und einer weit reichenden Privilegierung des Adels mit einer Entwicklung einher, welche die Rückständigkeit Russlands für lange Zeit festschrieb. Sowohl die Reformen als auch die Rüstung belasteten den Staatshaushalt und damit die Bauern als Steuerzahler enorm. In ständiger Konkurrenz mit den europäischen Mächten um neue Kompetenzen wurde die Militarisierung zur Priorität. Dieser Schwerpunkt der Modernisierung Russlands, der vor allem

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vielen Ausländern höchste Machtpositionen einbrachte, tritt bei Manstein deutlich hervor. Die Zwangsrekrutierung erfolgte zu Lasten der Bauern, was deren prekäre Soziallage noch verstärkte und immer wieder zu Unruhen führte. Christoph Hermann von Manstein wurde zu Beginn seiner militärischen Laufbahn durch den strengen preußischen Drill und die preußische Kriegsschule geprägt. Der „preußische Geist“ taucht im Hintergrund der detaillierten Kriegsschilderungen und in den Berichten über das militärische Fortschrittsstreben immer wieder auf. Vielleicht fällt sein Urteil über Russland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts daher auch derart scharf und ambivalent aus?

III. Das „lange“ 19. Jahrhundert

Russland im 19. Jahrhundert – Vorbild oder Gefahr für Europa? Eine Analyse des Reiseberichts von August von Haxthausen Von Steffi Retzar (Oldenburg) I. Einführung II. Biographische und literaturwissenschaftliche Einordnung 1. Haxthausens Weg nach Russland 2. Genre des Reiseberichts III. Haxthausens Russlandbild 1. Das nikolaitische System 2. Soziale Verhältnisse 3. Rolle der Religion 4. Russischer Volkscharakter IV. Fazit

I. Einführung Kaum ein anderer Staat hat das Interesse der Deutschen so sehr geweckt wie Russland. Das rätselhafte Land im Osten ist seit jeher Projektionsfläche für Ängste und Hoffnungen gewesen. Lange Zeit war es den meisten Menschen gleichwohl nahezu unbekannt, nicht mehr als ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es gab zwar Kontakte unter Händlern oder in den Königsfamilien, aber die große Masse konnte mit Russland nichts verbinden. Eine der prägendsten Erfahrungen für das kollektive Gedächtnis bildete der Russlandfeldzug Napoléons I. 1812 / 13. Als die zurückgekehrten Soldaten die grausigsten Geschichten von kargen Landschaften und unbeschreiblicher Brutalität der Russen erzählten, begann Russland in den Köpfen zu leben – in keiner schmeichelhaften Weise. Einer der blutigsten und grausamsten Kämpfe der Geschichte brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein und wurde Teil der deutschen Volkstradition.1 Russland sei ein Staat mit 1  Vgl. Peter Jahn: Befreier und halbasiatische Horden. Deutsche Russenbilder zwischen Napoleonischen Kriegen und Erstem Weltkrieg. In: Deutsch-Russisches

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despotischer Herrschaft über ein barbarisches Volk – so war daraufhin die grundsätzliche Meinung über Russland in der breiten Öffentlichkeit im Westeuropa des 19. Jahrhunderts. Nach dem Wiener Kongress hatte sich das Zarenreich schrittweise als reaktionäre Macht in Europa etabliert. Vor allem die Unterdrückung Polens und die blutige Niederschlagung des Novemberaufstandes 1830 / 31 bescherten Russland reichlich Antipathien seitens der liberalen europäischen Bewegung. In der Quintessenz wurde Russland fast ausschließlich als „asiatisches“ Land charakterisiert, wobei asiatisch metaphorisch für despotisch, rückständig, zum Fortschritt unfähig und unkultiviert stand.2 Obwohl die russophoben Strömungen in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg dominierten, gab es auch eine andere Perspektive. Vor allem Wissenschaftler begannen, sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stärker für Russland zu interessieren. Die Forschungsreise Alexander von Humboldts (1769–1859) im Jahr 1829 ist dabei wohl das bekannteste Beispiel.3 Der Naturforscher war einer von vielen Wissenschaftlern, die das Land besuchten und mit ihren gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen das Russlandbild in Europa nachhaltig beeinflussten. Zu ihnen gehörte auch der Agrarwissenschaftler August Freiherr von Haxthausen (1792–1866), ein ständisch-konservativer Adliger und Befürworter der alten Feudalordnung, der Russland in den Jahren 1843 und 1844 bereiste.4 Er fasste seine Erfahrungen in drei Bänden zusammen und veröffentlichte sie zwischen 1847 und 1852 unter dem Titel Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Russlands. In diesem Reisebericht wehrt er sich gegen das Bild Russlands als eines für Europa gefährlichen Gegenspielers und beschreibt seine eigenen Erfahrungen mit diesem Land. Heutzutage ist Haxthausen in Deutschland nahezu unbekannt. Ein Begriff ist er meist nur noch den Germanisten, aber nicht aufgrund seines Reiseberichts über Russland, sondern als Zuträger für die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.5 Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.): Unsere Russen, unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2007, S. 14–29, hier: 16. 2  Vgl. ebd., S. 17 f. 3  Vgl. ebd., S. 19. 4  Vgl. ebd., S. 21. 5  Vgl. Christoph Schmidt: Ein deutscher Slawophile? August von Haxthausen und die Wiederentdeckung der russischen Bauerngemeinde 1843 / 44. In: Mechthild Keller (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. Bd. 3: 19. Jahrhundert. Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung. Unter Mitarb. von Claudia Pawlik. München 1992, S. 196–216, hier: 197.



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Wie Haxthausen zu der damals vorherrschenden europäischen Meinung von Russland als einem despotischen Staat stand, soll Gegenstand der folgenden Ausführungen sein. Das in seinem Reisebericht festgehaltene Russlandbild wird anhand der von ihm wahrgenommenen sozialen, ökonomischen und religiösen Verhältnisse analysiert. Da Haxthausen auf Einladung Zar Nikolájs I. Pávlovič (1796–1855) nach Russland reiste und während seines Aufenthalts ein staatliches Gehalt bezog, können Zweifel an seiner Objektivität bestehen. Seine Äußerungen sind daher in den historischen Kontext einzuordnen und zu kommentieren, um zu überprüfen, ob sein Russlandbild tatsächlich ein verzerrtes war. II. Biographische und literaturwissenschaftliche Einordnung 1. Haxthausens Weg nach Russland Der am Ende des 18. Jahrhunderts im französisch besetzten Westfalen geborene Landadlige August von Haxthausen6 begann 1811 ein Studium der Rechtswissenschaften in Clausthal und kam während dieser Zeit erstmals mit Kosaken in Berührung, die an den Befreiungskriegen teilnahmen. Kurzerhand beschloss er, sich den Truppen anzuschließen und kämpfte Seite an Seite mit ihnen gegen Napoleon. Für Haxthausens konservative Familie war die Besatzung ihres Landes durch die Franzosen eine Schmach und die Teilnahme an den Befreiungskriegen für ihn daher eine Ehre.7 Hier wird erstmals seine tiefe Abneigung gegenüber Frankreich deutlich, die in Haxthausens Reisebeschreibungen über Russland noch häufig zutage treten sollte. Nach den Befreiungskriegen setzte er von 1815 bis 1818 in Göttingen seine Studien fort. Diese Jahre waren im Rückblick von entscheidender Bedeutung für Haxthausen, denn hier lernte er den späteren russischen Botschafter in Preußen, Peter von Meyendorff (1796–1863), kennen. Meyendorff selbst wandte sich 1842 an den Domänenminister in Petersburg und 6  Zu Leben und Werk August von Haxthausens weiterhin ausführlich und grundlegend Wolfgang Geier: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen. Wiesbaden 2004, bes. S. 133–160; Friedhelm B. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen in Russland. In: Ders. / Bernhard Stasiewski (Hrsg.): Reiseberichte von Deutschen über Russland und von Russen über Deutschland. Wien 1980, S. 95–120; Martina Stoyanoff-Odoy: Die Großfürstin Helene von Russland und August Freiherr von Haxthausen. Zwei konservative Reformer im Zeitalter der russischen Bauernbefreiung. Wiesbaden 1991. 7  Vgl. Stoyanoff-Odoy: Die Großfürstin Helene von Russland (wie Anm. 6), S. 23.

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empfahl Haxthausen für eine finanzielle Beihilfe zur Unterstützung seiner Russlandreise, ohne die jene nie hätte stattfinden können.8 Kurz vor dem Abschluss seines Studiums holte Haxthausens Vater ihn wegen der kritischen Vermögenslage der Familiengüter in die Heimat zurück. Dort verwaltete er das Landgut im mittlerweile preußisch gewordenen Westfalen, bevor es 1825 sein älterer Bruder Werner von Haxthausen (1780–1842) übernahm.9 In jener Zeit entwickelte der junge Haxthausen seine Leidenschaft für Agrarverfassungen, die ihm später den Weg nach Russland erleichtern sollte. Dort wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die Vorbereitungen für die Bauernbefreiung in Gang gesetzt, die Haxthausen begleiten sollte. Aber zunächst erarbeitete er im Auftrag des damaligen preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) unter anderem eine Studie über die ländlichen Verhältnisse der preußischen Provinzen.10 Damit sich aus dieser Arbeit allerdings eine Verbindung zu den russischen Gegebenheiten entwickelte, bedurfte es schon eines gehörigen Zufalls. Dieser trat 1842 ein. Zwar bestand zu jener Zeit in Russland immer noch die Leibeigenschaft, aber in diesem Jahr erließ Zar Nikoláj I. ein Gesetz, nach dem leibeigene Bauern von ihren Gutsbesitzern in die persönliche Freiheit entlassen werden konnten. Diesen Erlass begrüßte Haxthausen in einem Kommentar in der Preußischen Staatszeitung und sorgte damit für erstaunlich viel Aufsehen. Dies lag allerdings nicht an seiner Analyse und erst recht nicht an seinem Schreibstil, sondern an seiner Unterschrift: Anstelle seines vollen Namens August von Haxthausen benutzte er lediglich seine Initialen „AvH“, weswegen man annahm, der Artikel sei von dem weitaus bekannteren Alexander von Humboldt verfasst worden.11 In dieser fälsch­ lichen Annahme lag Haxthausens Glück. Sein Artikel wurde weit verbreitet und gelangte sogar nach Petersburg, wo man seinen positiven Kommentar wohlwollend las. Als sich schließlich der Namensirrtum aufklärte, konnte Haxthausen leicht Kontakte mit der russischen Regierung knüpfen, die ihm seine Russlandreise ein Jahr später ermöglichte.12 Ob diese Verwechslung von Haxthausen vielleicht sogar beabsichtigt war, lässt sich nicht mehr einwandfrei klären. Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 201. ebd., S. 198. 10  Vgl. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 6), S. 95. 11  So druckte beispielsweise die Augsburger Allgemeine Zeitung den Artikel mit der Signatur „A. v. H. (Humboldt?)“. Vgl. Stoyanoff-Odoy: Die Großfürstin Helene von Russland (wie Anm. 6), S. 41. Zu Humboldts Russlandreise 1829 vgl. Jörg Stadelbauer: Alexander von Humboldt und Russland. In: Dittmar Dahlmann / Wilfried Potthoff (Hrsg.): Deutschland und Russland. Aspekte kultureller und wissenschaftlicher Beziehungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wiesbaden 2004, S. 29–58. 12  Vgl. Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 196 f. 8  Vgl. 9  Vgl.



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Vier Jahre vor dem deutschen Wissenschaftler hatte bereits ein Franzose Russland besucht, ohne dessen Bericht Haxthausens Reise wahrscheinlich nie stattgefunden hätte – der Marquis Astolphe de Custine (1790–1857). Er schrieb ein stark negativ gefärbtes Buch, das ein Bild von Despotie, Menschenverachtung und Bürokratismus zeichnete. Wer Russland kenne, so sein Fazit, dem würde es überall sonst gefallen.13 Durch Äußerungen wie diese empfand Zar Nikoláj I. die Notwendigkeit, das Bild seines Landes im Westen zu verbessern.14 Ohne diese Motivation hätte er wahrscheinlich keine 11.000 Rubel15 für Haxthausens Reise zur Verfügung gestellt. Der Verdacht der politischen Motivation bestätigt sich, wenn man einen Blick auf die Instruktionen wirft, welche die Haxthausen begleitenden kaiserlichen Beamten erhalten hatten: Sie sollten „unmerklich alles das fernhalten, was ihm, dem Ausländer, Anlass zu falschen und unangebrachten Schlußfolgerungen geben könnte“.16 Der Vorwurf ist auch aus einem anderen Grund nicht abwegig. Auch der deutsche Physiker Georg Adolf Erman (1806–1877) hatte Russland während seiner Weltreise, die er von 1828 bis 1830 unternahm, besucht und dankend das Angebot angenommen, eine ganze Zeitschrift über seine Entdeckungen staatlich finanzieren zu lassen.17 Haxthausens Bände wurden gleichfalls auf russische Kosten herausgebracht unter der Voraussetzung, dass er sein Manuskript vorher in Petersburg vorlegte. Offensichtlich stieß dieses dann auf Zustimmung, denn zusätzlich zur Finanzierung ließ Nikoláj I. ihm eine vergoldete Tabakdose zukommen. Sogar die späteren Übersetzungen des Reiseberichts ins Englische und Französische bezahlte die russische Regierung.18 Allerdings muss man Haxthausen zugute halten, dass er versuchte, sich von diesen offensichtlichen Manipulationen so weit wie möglich zu distanzieren. 13  Vgl. Astolphe de Custine: Russland im Jahre 1839. Übers. von Adolph Diezmann. Leipzig 1843. Das Rußlandbild Custines hat mehrfach wissenschaftliche Analysen erfahren, siehe dazu George F. Kennan: The Marquis de Custine and His Russia in 1839. London 1972; Christian Sigrist: Das Russlandbild des Marquis de Custine. Von der Zivilisationskritik zur Russlandfeindlichkeit. Frankfurt am Main 1990. 14  Vgl. zu solchen bewussten Gegenstrategien auch Vera Miltchina / Alexandre Ospovat: Le cabinet de Saint-Pétersbourg face au marquis de Custine. Une réfutation inédite de La Russie en 1839. In: Romantisme. Revue du dix-neuvième siècle 26 (1996), Nr. 92, S. 9–23. 15  Vgl. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 6), S. 97. 16  Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 203; Nikolaj M. Družinin: A. v. Haxthausen und die russischen revolutionären Demokraten. In: Wolfgang Steinitz u. a. (Hrsg.): Ost und West in der Geschichte des Denkens und der kulturellen Beziehungen. Festschrift für Eduard Winter zum 70. Geburtstag. Mit einem Geleitwort von A. P. Juškevič. Berlin [Ost] 1966, S. 642–658, hier: 643. 17  Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 202. 18  Vgl. ebd., S.  207 f.

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So lehnte er es beispielsweise ab, sein Honorar im Voraus zu erhalten und bestand darauf, dass er die Reiseroute selbst bestimmen durfte.19 Trotz der Bemühungen von russischer Seite kam der Erfolg Haxthausens nicht annähernd an den von Custine heran. Noch im Jahr der Erstveröffent­ lichung von Custines Russland im Jahre 1839 wurde das Werk aus dem Französischen ins Deutsche und Englische übersetzt. Zudem folgten allein bis 1856 fünf weitere Auflagen sowie eine Neuauflage im Jahr 1946.20 Während Custine stilistisch brillant Anekdoten und Pointen aneinanderreihte, wartete Haxthausen mit seitenlangen Tabellen auf. Der Schritt der russischen Regierung, dem deutschen Forscher seinen größtenteils geradezu langweiligen Reisebericht über ihr Land zu finanzieren, erschien so als misslungen. Dabei wäre schon abzusehen gewesen, dass Haxthausens Schriften nicht den gleichen Popularitätsgrad wie die Custines erreichen würden. Zwar wurde er unter der offiziellen Prämisse der Vorbereitung der Bauernbefreiung nach Russland geholt, aber es darf sehr wohl bezweifelt werden, inwiefern wirklich kompetente Denkanstöße von ihm erwartet wurden: Haxthausen sprach weder Russisch, noch galt der konservative Landadlige auf seinem Forschungsgebiet der Agrarverfassungen als eine Koryphäe.21 2. Genre des Reiseberichts Auch die Berücksichtigung der Gattung seines Buches ist wichtig, um August von Haxthausens Russlandbild richtig einordnen zu können. Frühere Arbeiten hatte er immer nach Themenschwerpunkten untergliedert. Dieses Mal entschied er sich bewusst für das Genre des Reiseberichts, was wohl an der Popularität dieser Gattung im 19. Jahrhundert lag. Die Reisebeschreibungen von Custine und dem Braunschweiger Zoologen Johann Heinrich Blasius (1809–1870) waren äußerst erfolgreich und motivierten ihn wahrscheinlich zu diesem Schritt, da er annahm, seine Forschungsergebnisse so der breiten Öffentlichkeit leichter zugänglich machen zu können.22 Den Charakter eines Reiseberichts kann man allerdings nur den ersten beiden Bände seiner Studien eindeutig zubilligen. Der dritte ist eher eine Zusammenfassung, die stärker nach Themen als nach Reiseetappen unterteilt ist. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 6), S. 97. Dieter Groh: Russland im Blick Europas. 300 Jahre historische Perspektiven. Frankfurt am Main 1988 (Erw. Neuausg. von: Ders.: Russland und das Selbstverständnis Europas. Ein Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte. Neuwied a. Rh. / Berlin [West] 1961), S. 221. 21  Vgl. Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 202. 22  Vgl. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 6), S. 99. 19  Vgl. 20  Vgl.



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Durch das gewählte Genre bewegte sich Haxthausen auf einem traditionell schmalen Grat zwischen Wirklichkeitsanspruch und literarischer Ausgestaltung seines Werkes. Diese Spannung zwischen facta und ficta beschäftigte die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts mit der Frage, welcher dieser beiden Aspekte überwiegen sollte.23 Haxthausens Reisebericht erfüllt augenscheinlich die Vorstellungen Georg Heinrich von Langsdorffs (1774–1852) an diese Gattung, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts eindeutig auf der Seite der reinen Aufzählung von Fakten posi­ tioniert hatte.24 Für ihn war „strenge Wahrheitsliebe kein Vorzug, sondern Schuldigkeit eines jeden Reisebeschreibers“25. Dieser Vorgabe schien sich Haxthausen ebenfalls verpflichtet zu fühlen, denn fast nur so ist sein stilistisch äußerst trockener und wenig unterhaltsam geschriebener Reisebericht zu erklären. III. Haxthausens Russlandbild Insgesamt war August von Haxthausen an der generellen Struktur und der Politik des russischen Staates recht wenig interessiert; begeistern konnte er sich hingegen für das Leben der einfachen Bauern. Dabei standen für ihn vor allem landeskundliche Eigenheiten im Vordergrund, wie die Häuser und die Bekleidung der Bauern. In den ersten beiden Bänden seiner Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Russlands, die bereits 1847, also drei Jahre nach seiner Russlandreise, erschienen, schilderte Haxthausen den Reiseablauf in all seinen Facetten. Mehr Reflexionsfähigkeit bewies er dann mit dem dritten Teil, erschienen 1852, in dem er auch Eindrücke über den russischen Adel, die Kirche und Russlands Außenpolitik verarbeitete. Zumeist sind die einzelnen Beschreibungen in den jeweiligen Kapiteln nochmals in zwei Teile untergliedert: Der erste Teil beinhaltet Haxthausens eigene Erfahrungen und Gedanken, die er während seiner Reise gesammelt hat und die für die Analyse seines Russlandbildes die Hauptgrundlage bilden. Der zweite Abschnitt ist eher ein Sammelsurium von Fakten und Notizen, die ihm beispielsweise Gouverneure zukommen ließen, und daher eher als historische Quelle zu 23  Vgl. Stefan Fisch: Forschungsreisen im 19. Jahrhundert. In: Peter J. Brenner (Hrsg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main 1989, S. 383–405, hier: 383. 24  Langsdorff, Arzt und Naturforscher, war unter anderem Mitglied der ersten russischen Weltumsegelung unter Adam Johann von Krusenstern (1770–1846) und verfasste auf seinen Reisen eigene Berichte, allerdings vor allem naturwissenschaftlicher Art. 25  Georg Heinrich von Langsdorff: Bemerkungen auf einer Reise um die Welt in den Jahren 1803–1807. Frankfurt am Main 1812, S. 2.

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betrachten – für sich genommen eine eigene Enzyklopädie der Wald- und Steppenbewohner Russlands. 1. Das nikolaitische System Die Reise August von Haxthausens fiel in die Zeit des nikolaitischen Systems, das von 1825 bis 1855 in Russland andauerte. Die Herrschaft Nikolájs I. ist als durchmilitarisiertes und uniformiertes „Polizeiregime“ in die Geschichte eingegangen.26 Haxthausen konnte in diesem System allerdings keinen großen Missstand für die Bevölkerung entdecken: „Es ist eine völlige Verkennung des Characters der russischen Geschichte und des russischen Volks, wenn Jemand glauben könnte, das wahrhaft republicanische Rußland könne ohne Autocratie existiren.“27 So entwickelte er die Metapher, das russische Volk gleiche „am meisten einem Bienenstock, dem ist das Könightum eine Naturnothwendigkeit, er kann gar nicht existiren ohne Bienenkönigin! So auch dem russischen Volke der Zaar“.28 Er ging sogar noch weiter und konstatierte: „Der Russe […] will vielmehr beherrscht werden, […], er liebt die menschliche Willkühr, einen persön­ lichen Zaar will er, durch nichts eingeschränkt, weder durch geschriebene Gesetze, noch durch Stände.“29 Mit der individuellen Freiheit konnte Haxthausen nichts anfangen: Er sah sie eher als Ursprung allen Übels an, sie entzweie geradezu die Gesellschaft. So schlussfolgerte Haxthausen, „daß die letzte und einzige Basis, auf der ein haltbares, politisches Staatsgebäude fortbestehen kann, der Gehorsam ist“.30 Einen Hinweis darauf, dass Haxthausen nicht um jeden Preis alle Zustände in Russland schönreden wollte, bieten seine Ausführungen über die russischen Beamten. Über einen Polizeimeister auf der Krim bemerkte er: „Sie sind es gewohnt, und haben darin eine große Gewandtheit, ihren inspizierenden Vorgesetzten alle Dinge und Verhältnisse nur von der glänzendsten Seite zu zeigen, und alles Schlimme zu vertuschen.“31 Haxthausen stellte sich hier in eine Reihe mit fast allen Literaten, Reformern und Ausländern seiner Zeit, die dem Beamtenwesen in Russland ein denkbar Geier: Russische Kulturgeschichte (wie Anm. 6), S. 133 f. Freiherr von Haxthausen: Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Russlands. Bd. 3. Berlin 1852, S. 17. 28  Ebd., S.  150 f. 29  Ebd., S.  148 f. 30  Ebd., S. 192. Hervorhebung im Original. 31  Ders.: Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Russlands. Bd. 2. Hannover 1847, S. 389. 26  Vgl.

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schlechtes Zeugnis ausstellten. Nach einhelliger Meinung sei der durchschnittliche Beamte in Russland im 19. Jahrhundert ein Versager gewesen; ehrlos, inkompetent, korrupt und faul. Der Zar selbst wusste um diese Probleme und bemerkte sarkastisch, er sei „der einzige im Land, der kein Geld annehme“.32 Haxthausen versuchte mit seinen Bemerkungen über das nikolaitische System aber auch gegen allgemeine Vorverurteilungen des Zaren anzuschreiben. Mit seinen Auffassungen und seiner Beurteilung des russischen Staates war er dabei nicht allein: Auch die Philosophen und Staatstheoretiker Juan Donoso Cortés (1809–1853), Franz von Baader (1765–1841), Moses Hess (1812–1875), Louis de Bonald (1754–1840) und Emile Montégut (1825–1895) vertraten ähnliche Thesen über das Regime Nikolájs I. und stützten somit die Ausführungen des deutschen Wissenschaftlers.33 Gerade die grundsätzliche Verschiedenheit zur Politik Westeuropas war ein Grund, der für Haxthausen die Faszination Russlands ausmachte. „Alle westeuropäischen Staaten kränkeln und sind schwach“,34 schrieb er. Für Europa fand er fast nur negativ konnotierte Eigenschaften wie „liederlich, alternd, zerfahren und kindisch“.35 Nicht so für Russland, das er nicht als absteigende, sondern als aufstrebende Nation wahrnahm. Er sah Russland als einzig verbliebenen treu konservativen und monarchischen Staat, der sich nicht vor revolutionären Umbrüchen fürchten müsse und erhoffte sich daher sogar vom Zarenreich, diesen Prozess in Westeuropa aufhalten zu können. Einen wichtigen Bezugspunkt Haxthausens stellte weiterhin die außen­ politische Orientierung Russlands dar. Die Frage nach der Zugehörigkeit Russlands zu Europa beschäftigt beide Seiten seit Jahrhunderten. Gerade im 19. Jahrhundert orientierte man sich in Russland an abendländischen Standards, vor allem im kulturellen Bereich. Allerdings handelte es sich dabei nicht nur um eine kulturelle Frage, sondern auch um eine machtpolitische Angelegenheit.36 Wer sich im 19. Jahrhundert mit Russland beschäftigte, 32  Susanne Schattenberg: Die korrupte Provinz? Russische Beamte im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main / New York, NY 2008, S. 12. 33  Vgl. im Zusammenhang Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 20), S. 121–125 (Bonald), 139–147 (Baader), 238–241 (Montégut), 298–310 (Hess), 328–333 (Cortés). Zuletzt auch Alberto Apektorowski: Maistre, Donoso Cortés, and the Legacy of Catholic Authoritarianism. In: Journal of the History of Ideas 63 (2002), S. 283–303. 34  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 151. 35  Ebd., S. 194. 36  Vgl. Frank-Lothar Kroll: Russland und Europa. Historisch-politische Probleme und kulturelle Perspektiven. In: Peter Jurczek / Matthias Niedobitek (Hrsg.): Europä-

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kam gar nicht umhin, auch das Thema der Zugehörigkeit zu Europa zumindest anzureißen. So auch Haxthausen, für den außer Frage stand, dass die Russen Europäer sind: „Russland gehörte von jeher zu Europa, die Russen sind ein europäisches Volk, und zwar das mächtigste des Slavenstammes, des starken Drittels der europäischen Völkerfamilie.“37 Er wies zahllose Male darauf hin, dass er Russland als Teil Europas sehe. Diese Einstellung wird nachvollziehbar, sobald man sich das negative Bild Russlands zu Zeiten Haxthausens in Erinnerung ruft. Genau auf dieses Vorurteil eines despotischen asiatischen Reichs beziehen sich Haxthausens Beteuerungen, Russland sei sehr wohl europäisch. Jedoch ging er von einer grundsätzlichen Verschiedenheit der slavischen im Gegensatz zu germanischen und romanischen Völker aus und gab zu: „Die Lebens- und Rechtsverhältnisse dieser von der neueuropäischen Cultur unberührten slavischen Volksstämme sind von denen dieser übrigen Völker so völlig und im ersten Princip, wie in dessen Ausbildung verschieden, daß wir in unsern Sprachen oft nicht die völlig und klar bezeichnenden Worte haben, um die Verhältnisse richtig zu benennen.“38 Trotzdem sei die Grundeinstellung und der Geist der Slaven europäisch: „Rußlands geistige Seite, seine geistigen Interessen sind Europa zugekehrt. Das Volk ist ein europäisches.“39 Allerdings sei Russland nicht nur in seiner Beziehung zu Europa zu sehen, sondern auch als Teil Asiens, zu dem es zumindest geographisch zweifelsfrei gehöre. Haxthausen sah den asiatischen Ursprung aber nicht als Problem, sondern als einen Vorteil und attestierte, „daß Rußland dazu berufen sei, als Vermittler zwischen Europa und Asien die Cultur des einen Welttheils dem anderen zuzuführen“.40 Haxthausen räumte in seinem Reisebericht zudem mit gängigen Weltherrschaftsphantasien über Russland auf: „Es ist eine in Europa sehr verbreitete Meinung und Ansicht, Rußland sei ein ehrgeiziger, eroberungssüchtiger Koloß, der offen zu einer Weltmacht hinstrebe.“41 Der Reisende hingegen war fest davon überzeugt, dass Russland „keine erobernde Macht sein kann und darf“: „Es hat erobert und mußte erobern, so lange es sich um den Gewinn einer innern Einheit und Unabhängigkeit und einer äußeren soliden Stellung handelte. […] Aber jede fernere Eroberung ist ihm schon gegenische Forschungsperspektiven. Elemente einer Europawissenschaft. Berlin 2008, S. 13–58, hier: 24. 37  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 8. 38  August Freiherr von Haxthausen: Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Russlands. Bd. 1. Hannover 1847, S. VII. 39  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 228. 40  Ebd., S. 173. 41  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 2 (wie Anm. 31), S. 332.



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wärtig mehr eine Last, als ein Vortheil und Zuwachs der Macht geworden.“42 Da die These von der Friedfertigkeit Russlands immer wieder auftaucht, war dieser Punkt ein weiteres Hauptanliegen von Haxthausens Reisebericht. Als Begründung für diese These nannte er die vielen Aufgaben, mit denen das Land beschäftigt sei: „Rußland hat mit der Eroberung seines Innern noch länger als ein Jahrhundert zu thun!“43 Zudem würde er „Russland in seinen inneren Beziehungen vielleicht besser als sonst jemand in Europa“ kennen „und wohl besser als die Mehrzahl der Russen selbst“.44 Bisherige Eroberungen Russlands nahm der Wissenschaftler wiederholt in Schutz: „Was wäre die Menschheit ohne Kriege und Eroberungen?“45 „Das Resultat, die Eroberung, ist fast immer für das Ganze, für das Menschengeschlecht eine göttliche, wohlthätige Fügung, und fördert den Fortschritt des Geschlechts.“46 Er gab durchaus zu, dass es Phantasien einzelner intellektueller Strömungen von einem größeren Reiche gäbe, aber behauptete, dass „allein in das Volk diese Träume nirgends eingedrungen“ seien.47 Alle eventuellen Eroberungspläne Russlands schmetterte Haxthausen mit der Begründung ab, dass kein Raum mehr für weitere Eroberungen vorhanden sei. Auch die Möglichkeit einer Expansion in Richtung des Osmanischen Reiches bestritt er. Zwar läge die Eroberung der europäischen Türkei näher als die Europas, allein schon durch die Mehrheit an Slaven mit orthodoxer Zugehörigkeit in dem Gebiet. Dennoch dementierte er diese Idee: „Aber die Eroberung von Konstantinopel? […] Gegenwärtig denkt Rußland nicht daran!“48 Als Begründung führte er hier das europäische Staatensystem an und wies darauf hin, dass Russland in diesem Falle gegen ganz Europa in den Krieg ziehen würde.49 Haxthausen war bemüht, den politischen Druck aus der Debatte zu nehmen und völkerverständigend zu wirken; sein politisches Gespür war allerdings augenscheinlich schlecht ausgeprägt: So sah Russland nur zehn Jahre nach Haxthausens Reise den Moment gekommen, den sogenannten „kranken Mann am Bosporus“ in einen Krieg zu verwickeln. Doch der Krimkrieg endete nicht nur mit einer desaströsen Niederlage Russlands. Gleichzeitig stellte er eine große Zäsur im außenpolitischen Verhältnis des Landes zu Europa dar, denn dies war der erste Krieg Russlands gegen Europa selbst. 42  Ders.:

Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. XV. S. XVI. 44  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 2 (wie Anm. 31), S. 332. 45  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 174. 46  Ebd., S. 175. 47  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 2 (wie Anm. 31), S. 334. 48  Ebd., S. 333. 49  Vgl. ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 220. 43  Ebd.,

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Bis auf das neutral gebliebene Preußen sah sich das Zarenreich dabei einer geschlossenen Front europäischer Mächte gegenüber gestellt.50 Zudem zerstörte der Konflikt die seit dem 18. Jahrhundert mühsam errichtete und im Zuge des Wiener Kongresses wiederhergestellte balance of power.51 Beim Thema der Eroberungen widersprach sich Haxthausen zudem zum Teil selbst. Neben den Aussagen, mit denen er alle Eroberungsabsichten Russlands abwiegelte, finden sich auch Zitate wie dieses: „Rußland erobere nur diejenigen Volksstämme, welche desselben Bluts, desselben Sprachstamms und vor allem derselben Religion sind“.52 Damit wollte Haxthausen zwar die Westeuropäer von der Idee eines Überfalls auf Europa beruhigen, trotzdem impliziert seine Aussage die Möglichkeit weiterer Eroberungen. Vor allem in Hinblick auf die Beziehungen zu Asien lassen sich solche Bemerkungen finden. Haxthausen schätzte Russlands militärische Macht sehr hoch ein und prophezeite einer möglichen Expansion keine großen Hindernisse. So war er der Meinung, „die Völker selbst würden sich nirgends ernsthaft widersetzen“53 – die Slaven seien den asiatischen Stämmen „nicht bloß geistig und durch eine höhere Cultur überlegen“, sondern auch die „vorherrschende Gemüthsauffassung des Christentums“ würde „bei den in sich versunkenen contemplativen und zugleich sinnlichen Asiaten“ leichter Eingang in die Kultur finden.54 Auf der anderen Seite hielt er es für sehr unwahrscheinlich, dass Russland diesen Schritt wagen würde. „Rußland wird sich hüten, in Asien Eroberungen zu machen! Es hat jetzt sichere Länder und Grenzen, vom eignen Volke bewohnt; soll es Länderstrecken mit Gewalt erobern, die einen unsichern, gefährdeten, nur durch Kosten und Militairmacht zu erhaltenden Besitz gewähren? Sein Interesse ist, daß in Asien Friede herrscht.“55 Hier zeigen sich Widersprüche – mal hat Russland gar kein Interesse an weiteren Eroberungen, aber wenn es vielleicht doch welche hätte, dann wäre es auch erfolgreich! So prophezeite Haxthausen: Wenn es zu einem Krieg gegen den Rest Europas kommen sollte, würde Russland siegen. Russland hätte Europa gegenüber eine „ungemein günstige geographische Lage. Es hat, nach Europa gewendet, die breiteste Operationsbasis, um unversehens nach allen Seiten ausbrechen zu können und so einen unermeßlichen Hintergrund, daß jedes eindringende feindliche Heer verschlungen werden muß. […] Rußland besitzt für den Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 36), S. 35. zuletzt Orlando Figes: Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug. Aus dem Engl. von Bernd Rullköter. Berlin 2011. 52  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 219. 53  Ebd., S. 217. 54  Ebd., S. 224. 55  Ebd., S. 238. 50  Vgl. 51  Vgl.



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Krieg unvergleichliche Hülfsmittel, das hinreichendste Material, Eisen, und alle übrigen Metalle, Wolle, Leder, Hanf, Flachs, Holz etc.“56 Es ist festzuhalten, dass Haxthausen mit diesem Thema vor allem Europäer zu überzeugen versuchte, die Russland nur als „eroberndes Monstrum“ wahrnahmen. Der deutsche Wissenschaftler versuchte mit seinen Äußerungen das Bild des für Europa gefährlichen Staates zu revidieren. Da dieses Bild indes nicht der Wahrheit entsprach, verstrickte sein Schöpfer sich zum Teil in Widersprüche. So liegt die Vermutung nahe, dass die in Haxthausens Reise geflossenen Gelder doch ihren Eingang in seine Sichtweisen gefunden haben. 2. Soziale Verhältnisse Besondere Aufmerksamkeit widmete Haxthausen den Lebensgewohnheiten und sozialen Verhältnissen der Menschen, mit denen er Bekanntschaft schloss. Er legte viel Wert auf eine differenzierte Darstellung der Bewohner Russlands und verallgemeinerte wenig. So schrieb er nur in den seltensten Fällen von „den Russen“, sondern analysierte ausführlich die Großrussen, aber auch die Kleinrussen, Weißrussen und zahlenmäßig kleinere Stämme wie die Krimtataren, Čuvašen, oder Syrjänen. Wenn er doch einmal pauschalisierte, war meist die Rede von den Großrussen, welche die größte homogene Schicht im Russland des 19. Jahrhunderts darstellten. Die vielen anderen Gruppen lägen lediglich „an den äußern Rändern des ungeheuren Landstrichs“.57 Für den Adel in Russland interessierte sich Haxthausen kaum. Wenn er diesen Stand in seinem Reisebericht einmal erwähnte, bedachte er ihn größtenteils mit abschätzigen Worten. Die meisten Adligen wüssten gar nicht mehr, wie das Leben auf dem Land funktioniere. Sie ließen ihre Kinder Französisch lernen und umgäben sich nur mit Ausländern; das habe zwangsläufig zu einer Entfremdung vom eigenen Volk geführt.58 Für diesen Sittenverfall machte Haxthausen Ekaterína II. (1729–1796) verantwortlich: „Von da an drang auch französische Sitte und französische Bildung unaufhaltsam in den russischen gebildeten Stand ein. – Es war dieß das eigentliche Verderben und Unglück Rußlands!“59 Haxthausen äußerte seine Abneigung gegenüber Frankreich nicht nur in diesem Zitat. Für ihn schien eigentlich alles Schlechte, das es in Russland und überhaupt auf der 56  Haxthausen:

Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 217. S. 195. 58  Vgl. ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 117. 59  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 17. 57  Ebd.,

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Welt gab, aus Frankreich zu kommen. So versuchte der Autor, mit seinem Reisebericht einen positiven Einfluss auf das Russlandbild seiner Zeit auszuüben und Vorurteile abzubauen. Doch stellte er sein eigenes Bild von Frankreich dabei nie in Frage. Ob es nun an den französischen Sitten lag oder nicht – tatsächlich war ein großer Teil des Adels im nikolaitischen Regime sehr an seine Privilegien gewöhnt und pflegte eine äußerst kostspielige Lebensweise, während er seinen ökonomischen Aufgaben nicht gewachsen war und in den Tag hineinlebte.60 Haxthausen hatte keinerlei Hoffnung, dass sich das noch einmal ändern werde, denn für ihn war die moderne Kultur „ein Baum der Erkenntniß, wer mal von ihm gepflückt, kann nicht wieder zu der Unschuld älterer Volkssitten und patriarchaler Lebensart zurückkehren!“61 Der alte Erbadel wurde zu Lebzeiten Haxthausens schon fast völlig durch den von Pëtr I. (1672–1725) geschaffenen Verdienstadel verdrängt. Diese Laufbahn stand prinzipiell jedem offen. Haxthausens Meinung dazu war eindeutig: „Dies zeigt sich aber in der Erfahrung keineswegs als etwas Vortreffliches, und das Bedürfnis eines tüchtigen Landadels ist in Russland unverkennbar.“62 Damit spielte er auf die sozialen Probleme an, die mit diesem Stand verknüpft waren. Viele Angehörige dieses Adels waren Fabrikunternehmer geworden, die in den Augen des Reisenden nun indirekt die Bauernbefreiung verhinderten. Durch steigende Löhne, die so hoch wie in keinem anderen europäischen Land seien, könne sich die Bauernarbeit unter freien Bedingungen nicht rentieren. Rückblickend ordnet auch die Geschichtsforschung das Leibeigenensystem als lähmenden Faktor des wirtschaftlichen Fortschritts ein.63 Auch mit seiner Kritik an der Landflucht des Adels lag Haxthausen gar nicht so falsch. Wenn es die finanziellen Kräfte erlaubten, zog es den Adel schnellstmöglich in die Städte, zumeist nach Moskau. Obwohl sich seine Landgüter immer noch in den Provinzen befanden, identifizierte der Adel sich nicht mit der Heimat, sondern nutzte lediglich die Ländereien als Geldquelle für das luxuriöse Leben in der Stadt.64 Viele Adlige hätten sich zudem mit ihrer Sucht nach westeuropäischem Luxus stark verschuldet, sodass sie ihre Güter an wohlhabende Emporkömmlinge verkaufen mussten. „Da wurden denn die alten Bande der gegenseitigen von Geschlecht auf Geschlecht vererbten Liebe und Treue, die allein das Leibeigenschaftsverhältnis erträglich machen konnte, zerrissen. 60  Vgl. Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. und akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), S.  432 f. 61  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 5. 62  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. XIII. 63  Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 60), S. 432. 64  Vgl. Schattenberg: Die korrupte Provinz? (wie Anm. 32), S. 63.



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Die neuen Herren sahen die Leibeigenen lediglich als Mittel, als Maschinen an, die ihnen Geld erwerben sollten!“, konstatierte Haxthausen.65 Die Arroganz, die er am Adel kritisierte, konnte er hingegen bei den Bauern nicht erkennen, was einen Teil seiner Sympathie für diesen Stand ausmachte. Es war vor allem das angeblich einheitliche Leben der russischen Bauern, das August von Haxthausen faszinierte und begeisterte. Anschaulich machte er dies mit einem Beispiel aus der deutschen Heimat. Er argumentierte, dass ein Schwabe und ein Mecklenburger sich bei einem Zusammentreffen kaum verstünden, da ihre Dialekte zu unterschiedlich seien. Auch ihre Geschichte sei durch die zersplitterten Fürstentümer in Deutschland viel zu uneinheitlich, als dass sie sich noch als einheitliches Volk empfinden würden. Haxthausen brachte es auf den Punkt: „Der Baier haßt den Oestreicher, der Hannoveraner den Preußen etc.“66 Und als wäre das nicht schon uneinheitlich genug, kämen noch die konfessionellen Unterschiede in den deutschen Fürstentümern hinzu. In Russland verhielt sich für den Reisenden alles viel einfacher. Hier fand er eine „höchst compacte Nationalität“ vor, die eine „Einheit der Sprache und des Dialects wie es sich bei keinem andern Volke findet“ vorweisen kann.67 Dazu kam eine schon fast „merkwürdige Einheit und Gleichheit der Gewohnheiten, Sitten und Trachten“, die sogar Haxthausen manchmal als „monotonste Einförmigkeit“ empfand.68 Haxthausens Sicht auf die russischen Bauern trägt zuweilen stark idealisierende Züge. Die Leibeigenschaft als herausstechendes Merkmal des Bauernlebens war für ihn „kein unnatürliches, verderbliches und unangemessenes Verhältnis, sondern vielleicht sogar für die staatliche Entwicklung Russlands ein notwendiges“.69 Dass der Autor die Leibeigenschaft positiv beurteilte, hängt stark mit seinen persönlichen Erfahrungen zusammen. In seiner Heimat, dem von Frankreich geschaffenen Königreich Westfalen, wurde bereits 1808 die Leibeigenschaft aufgehoben, was durchaus Probleme nach sich zog. Denn die Bauern wurden nicht in die vollkommene Freiheit entlassen, sondern lediglich von einigen Verpflichtungen wie dem Gesindedienst im Gutshaus oder den Hand- und Spanndiensten freigesprochen. Dadurch entstand eine große Rechtsunsicherheit zwischen Bauern und Gutsherren darüber, wie das Verhältnis ausgestaltet werden sollte.70 Haxthausen 65  Haxthausen:

Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 117. Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 196. 67  Ebd., S. 197. 68  Ebd., S. 197. 69  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 118. 70  Vgl. zum Ganzen jetzt einführend Karl H. Schneider: Geschichte der Bauernbefreiung. Stuttgart 2010; für den älteren Forschungsstand siehe Christof Dipper: Die Bauernbefreiung in Deutschland. 1790–1850. Stuttgart u. a. 1980, bes. S. 53–55. 66  Ders.:

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hatte sich unmittelbar mit dieser Situation auseinandersetzen müssen, da seine Familie stark verschuldet war und für alle Dienste, die sie von ihren Bauern erwartete, die Rechtmäßigkeit beweisen musste. Zwar trauerte er der Leibeigenschaft nicht unbedingt nach, doch sah er in der Sicherheit einer ständisch gegliederten Gesellschaft mit einem patrimonialen Verhältnis zwischen Gutsherren und Bauern einen deutlichen Vorteil.71 Trotz der idealisierenden Beschreibungen des Reisenden sah auch er ein, dass die Leibeigenschaft nicht mehr zeitgemäß und durch den Wandel der russischen Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen worden war. So stellte er fest: „Gegenwärtig ist sie [= die Leibeigenschaft] ein unnatürliches Verhältnis geworden, und es wird immer klarer, dass es nach und nach unmöglich wird, sie im gegenwärtigen Stadium zu fixieren, ja überhaupt sie ferner zu halten.“72 Er hielt die Auflösung des Feudalsystems für unabkömmlich, nur konnte er sich nicht vorstellen, wie sie ohne größere soziale Unruhen vonstatten gehen sollte. Nikoláj I. war zwar prinzipiell Haxthausens Meinung, doch wagte er sich nicht an einen Umbau des Systems. Vor allem die Angst vor zu viel Unruhe im Staat schreckte ihn ab, und so ging er mit einer „Politik der kleinen Schritte“73 in die russische Geschichte ein. Nikolájs abwartende Haltung hatte aus heutiger Perspektive betrachtet freilich auch Vorteile. Die späte Bauernbefreiung, die erst 1861 von Aleksándr II. Nikoláevič (1818–1881) durchgeführt wurde, konnte so von Erfahrungen anderer Länder profitieren, die diesen Weg schon früher gegangen waren. Als abschreckendes Beispiel galt für Russland die Abschaffung der Leibeigenschaft in den Ostseeprovinzen, bei der die Bauern kein eigenes Land bei der Befreiung bekamen, und infolgedessen ein von Hungersnöten bedrohtes Landproletariat entstand.74 Als zentrales Element von Haxthausens Bericht war die Darstellung einer vermeintlich stabilen Ordnung der Gesellschaft in der dörflichen Umverteilungsgemeinde des Mir.75 Dieser russischen Dorfgemeinschaft gehörten alle Bauern eines Dorfes an; der von ihnen bestellte Boden wurde periodisch unter ihnen umverteilt. Im Wesentlichen ging es dabei um die Verwaltung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Jeder Bauer sollte so Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 199. Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 118. 73  Edgar Hösch: Geschichte Russlands. Vom Kiever Reich bis zum Zerfall des Sowjetimperiums. Stuttgart 1996, S. 255. 74  Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 60), S. 476 f. 75  Grundlegendes zum Mir und seiner Entwicklung vor allem bei Carsten Goehrke: Die Theorien über Entstehung und Entwicklung des „Mir“. Wiesbaden 1964; weiteres bei Peter Jahn: Russophilie und Konservatismus. Die russophile Literatur in der deutschen Öffentlichkeit 1831–1852. Stuttgart 1980; Steven A. Grant: Obshchina and Mir. In: Slavic Review 35 (1976), H. 4, S. 636–651. 71  Vgl.

72  Haxthausen:



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viel Land zur Nutzung bekommen, dass er sich selbst versorgen und seinen Verpflichtungen gegenüber dem Grundherren nachkommen konnte. Seine Bekanntheit unter Historikern hat Haxthausen zu großen Teilen seiner Beschreibung des Mir zu verdanken. Zwar war der Mir bis dahin nicht unbekannt, aber der deutsche Wissenschaftler war der erste, der explizit dessen Vorzüge pries und so diese Sozialformation in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte. Haxthausen sah den Mir als patriarchal-demokratisch organisierte Gemeinde, die für ihn die natürliche Ergänzung zur absolutistischen Herrschaft des russischen Zaren bildete.76 Seiner Begeisterung über diese Einrichtung verlieh er bereits im Vorwort seines ersten Bandes Ausdruck: „Da jeder Russe einer Gemeinde angehört und als Gemeindemitglied zu einem gleichmäßigen Anteil am Grund und Boden berechtigt ist, so gibt es in Rußland keine geborenen Proletarier. In allen übrigen Ländern Europas wühlen die Vorboten einer sozialen Revolution gegen Reichtum und Eigentum. […] In Rußland ist eine solche Revolution unmöglich, da jene Utopie der europäischen Revolutionäre dort, im Volksleben völlig begründet, vorhanden ist!“77 Die Wirklichkeit entsprach aber nicht dem Bild, das Haxthausen vom Mir zeichnete. Der Mir war keineswegs sozialistischen Ursprungs, sondern eher eine finanzpolitische Einrichtung der Landesherren.78 Denn die Gesamthaftung der Bauerngemeinde bot den Vorteil einer schnellen Steuereintreibung. Außerdem hielt der Mir alle Bauern am Existenzminimum fest und wirkte damit als Bremse jeglicher Kapitalisierung.79 Haxthausens Beschreibung des Mir kann in ihrer Gesamtheit als nicht sonderlich detailliert oder systematisch eingeschätzt werden. Dabei ist zu erwähnen, dass die Ausführungen in seinen ersten beiden Bänden objektiver ausfallen. Erst im letzten Band, der 1852, also nach der Revolution von 1848 veröffentlicht wurde, erschienen ihm die Nachteile durch die politischen Vorteile aufgewogen.80 Und obwohl er sich über die fiskalischen Hintergründe dieser Einrichtung im Klaren war, wertete er die angebliche sozialmoralische Bedeutung höher. Hier kann eindeutig von einer Fehleinschätzung Haxthausens gesprochen werden, die einige Auswirkungen auf zukünftige Diskussionen haben sollte. Zu Lebzeiten Haxthausens spaltete eine Grundsatzdiskussion die aufkommende Intelligencija Russlands. Gestritten wurde um die Richtung, in die Jahn: Befreier und halbasiatische Horden (wie Anm.1), S. 21. Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. XII. 78  Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 36), S. 34. 79  Vgl. Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 214. 80  Vgl. Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 20), S. 253 f. 76  Vgl.

77  Haxthausen:

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sich das Land entwickeln sollte. Auf der einen Seite standen die sogenannten Westler, die sich das in ihren Augen fortschrittliche Europa zum Vorbild nahmen, während auf der anderen Seite die sogenannten Slavophilen die ureigenen russischen Kräfte beschworen, den westlichen Individualismus ablehnten und die Gemeinsamkeit der Slaven in den Mittelpunkt rückten.81 August von Haxthausen und der schon erwähnte Astolphe de Custine lassen sich hierbei grob den beiden Denkströmungen zuordnen. Custine kritisierte die Rückständigkeit Russlands im Gegensatz zum restlichen Europa, wohingegen Haxthausen genauso begeistert von der russischen „Seele“ war, wie die Slavophilen. Er hatte sogar einen gewissen Einfluss auf die Strömung, der er mit seinen positiven Reiseberichten weiter Auftrieb gab. Haxthausen begegnete im Mai 1843 dem Schriftsteller Aleksándr Ivánovič Gércen (1812–1870), der auf ihn und seine Ideen vom russischen Gemeindeprinzip aufmerksam wurde und Haxthausen zu breiterer Beachtung verhalf.82 Es schmeichelte den Slavophilen durchaus, wenn ein Deutscher so begeistert über ihr Land berichtete und bestärkte sie in ihren Auffassungen. Von besonderer Bedeutung waren dabei die Ausführungen Haxthausens über die Bauerngemeinden des Mir. Die Slavophilen sahen darin einen Vorteil Russlands gegenüber dem Westen und waren nur zu gern bereit, den Beschreibungen des Deutschen über die vorbildlich im Kollektiv bewirtschafteten Ackerflächen Glauben zu schenken83 – seine Missdeutung und voreilige Idealisierung wurde ihnen freilich nicht bewusst.84 3. Rolle der Religion Haxthausen versuchte in seinen Aufzeichnungen, vor allem wissenschaftlich fundiert vorzugehen. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sehr empfänglich für religiöse Fragen auf seiner Reise war. Das ist wahrscheinlich damit zu erklären, dass Haxthausen selbst gläubiger Katholik war.85 Er berichtete über den Besuch bedeutender Klöster während seiner Reise, aber auch über Unterhaltungen mit Dorfgeistlichen und setzte sich allgemein mit Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 60), S. 440. Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 20), S. 249 f. Die Einschätzung der Werke von Haxthausen durch Herzen war nicht durchweg positiv, gerade vom dritten Band erfolgte eine gewisse Abgrenzung. Vgl. Družinin: A. v. Haxthausen und die russischen revolutionären Demokraten (wie Anm. 16), S. 647–651. Siehe im Zusammenhang jetzt auch Clemens Tonsern: Alexander Herzen als sozialistischer Denker im europäischen Kontext. Philosophische Grundlagen und Entwürfe jenseits des russischen Bauernsozialismus. Hamburg 2011, S. 307–320. 83  Vgl. Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 20), S. 247 f. 84  Vgl. Hösch: Geschichte Russlands (wie Anm. 73), S. 261. 85  Vgl. Kaiser: August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 6), S. 105. 81  Vgl. 82  Vgl.



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der russischen Frömmigkeit auseinander. Haxthausen hob die besondere Rolle der Kirche in der russischen Geschichte hervor: „Nun ward die Kirche selbst die Trägerin der Cultur, die Lehrerin der Wissenschaften“, begeisterte er sich.86 Vor allem unter der Mongolenherrschaft im 12. und 13. Jahrhundert sowie in der Anfangsphase des Moskauer Großfürstentums im 14. Jahrhundert waren Klöster tatsächlich die Sammelstellen geistigen Lebens und hatten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung im Prozess der Einigung Russlands. Hier zogen Schreibkundige sowie kunstfertige Mönche, Chronisten, Maler und Steinmetze von Kloster zu Kloster.87 Das sah auch Haxthausen und lobte daher das Christentum als „mächtiges Element der Nationalität“.88 Auch der Germanist Lev Zinóv’evič Kópelev ist davon überzeugt, dass vor allem die Kirchen dazu beigetragen hätten, den Mythos eines gemeinsamen Staates zu erschaffen und damit von entscheidender Bedeutung für die Entstehung einer nationalen Kultur gewesen seien.89 „Die Religion und ihre Trägerin, die Kirche, ist die wahre Macht, die geistige mysteriöse Gewalt, der geheimnißvolle Gedanke, welche dieß Land und Volk zu einer unzerstörbaren Einheit zusammengeschmolzen haben“, schrieb Haxthausen.90 Hier gibt es einige Parallelen zu der bekannten Losung Sergéj Semënovič Uvárovs (1786–1855), des Kultusministers Nikolájs I., der Russland als Einheit, verbunden durch Orthodoxie, Autokratie und Volkstum, betrachtete.91 Auch Haxthausen sah diese drei Elemente als Verbindungsstücke an, bewertete die Religion hingegen am höchsten. Genau diese Einheit sah er im Russland des 19. Jahrhunderts aber gefährdet und ließ der Orthodoxie in Bezug auf die erneute Einigung des Volkes eine besondere Rolle zukommen. Er kritisierte die in den letzten Jahrzehnten stattgefundene Aufspaltung der russischen Gesellschaft zwischen Bauern und dem Adel, die sich inzwischen sowohl in ihren Sitten als auch in Bildung, Kleidung und Lebensanschauungen stark voneinander unterschieden. „Das Volk der Gebildeten ist in Rußland von dem eigentlichen Volke durch eine viel größere Kluft geschieden als im übrigen Europa“,92 konstatierte der Reisende. Er sah darin 86  Haxthausen:

Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 41. Lew Kopelew: Zur Vorgeschichte russischer Deutschenbilder. In: Dagmar Herrmann (Hrsg.): Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. Bd. 1: 11.– 17. Jahrhundert. Unter Mitarb. von Johanne Peters, Karl-Heinz Korn und Volker Pallin. München 1988, S. 13–48, hier: 27 f. 88  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 44. 89  Vgl. Kopelew: Zur Vorgeschiche russischer Deutschenbilder (wie Anm. 87), S. 31. 90  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 85. 91  Vgl. Wolfgang Geier: Russland und Europa. Skizzen zu einem schwierigen Verhältnis. Wiesbaden 1996, S. 116. 92  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 5. 87  Vgl.

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eine Aufspaltung in zwei Völker, deren Kluft nur durch die einzig verbliebene Verbindung, die orthodoxe Kirche, geschlossen werden könne.93 Aber nicht nur für die Einheit des russischen Volkes zog Haxthausen die Religion in die Verantwortung. Die tiefe Verwurzelung des Christentums im russischen Volk war für ihn ein zentrales Merkmal, das Russland als genuin „europäischen Staat“ auszeichnete: „Die sämmtlichen christlichen Staaten der modernen Zeit bilden eben durch das Christenthum und seine Cultur, dem sie ihre Bildung verdanken, ein großes Ganzes, es sind Bruderstaaten mit tausendfachen gegenseitigen Verbindungen und Beziehungen mit und zu einander […].“94 Haxthausen ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte den Zusammenschluss der christlichen Völker. Denn wie viele konservative Zeitgenossen war er der Auffassung, dass „der Augenblick nicht mehr ganz weit sein kann, wo der nakte Kampf zwischen Christenthum und Nichtchristenthum oder vielmehr Antichristenthum offen beginnen muß“.95 Nach seiner Russlandreise sprach er sich zeit seines Lebens für eine weitere Annäherung zwischen orthodoxem und katholischem Christentum aus.96 4. Russischer Volkscharakter Die schon angesprochenen Antipathien der Westeuropäer Russland gegenüber beschränkten sich nicht nur auf die Regierung des Zarenreichs, sondern gipfelten in einem äußerst negativen Bild über die russische Bevölkerung. Russen galten gemeinhin als faul, verstellt, heimtückisch, leichtsinnig, trinksüchtig, schmutzig und verschwenderisch – waren also ganz das Gegenteil eines vorgeblich „tugendhaften, disziplinierten“ Deutschen.97 Auch in diesem Punkt versuchte August von Haxthausen, das bestehende Bild zu revidieren: „Die Russen sind keine Barbaren, sondern ein frischer, naturkräftiger, geistvoller Volksstamm von edler Rasse, religiös und von guten Sitten“.98 Damit wollte er zeigen, dass Russen sich nicht erheblich von der abendländischen Bevölkerung unterschieden. Diese angeblich europäische Geisteshaltung drückte er mit folgendem Beispiel aus: „Nationalgefühl und Vaterlandsliebe haben die Russen in einem Maße, dass sie keinem anderen Volke Europas, selbst den Franzosen, Engländern, Spaniern nicht, die des93  Vgl. Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 1 (wie Anm. 38), S. 117. 94  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 164. 95  Ebd., S. 190. 96  Vgl. Stoyanoff-Odoy: Die Großfürstin Helene von Russland und August Freiherr von Haxthausen (wie Anm. 7), S. 87–89. 97  Vgl. Jahn: Befreier und halbasiatische Horden (wie Anm. 1), S. 19. 98  Haxthausen: Studien über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 201.



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sen sonst am meisten haben, weichen. Diese mächtigen Gefühle bedingen auch vorzugsweise, dass die Russen zur großen europäischen Völkerfamilie gehören und scheiden sie von den orientalischen Völkern, die nur durch eine geistige Macht, Einheit der Religion, zusammengehalten werden.“99 Für ihn bildeten einzig die drei großen europäischen Volksstämme, der romanische, der germanische und der slavische, die zivilisierte Welt.100 Aber Haxthausen konnte noch mit weiteren Lobreden auch die „russische Seele“ aufwarten. „Es liegt eine eigne Leichtigkeit, Beweglichkeit, Flüssigkeit im russischen Nationalcharakter.“101 Das „eigentliche russische Volk“ hätte „noch alle Kennzeichen einer frischen, kräftigen, unverdorbenen Natur und einer blühenden Jugendlichkeit […], nämlich tiefen Familiensinn, ein mächtiges Gemeindeleben, Gastfreiheit, Freigebigkeit, barmherziges Gemüth, große Aufopferungsfähigkeit und Geduld, neben einer durch rauhes Klima und Entbehrungen aller Art erhöhten physischen Tüchtigkeit, welche alle Mühen und Strapazen mit Kraft und Leichtigkeit erträgt, endlich ein unzerstörbarer, religiöser und doch fast kindlicher Glaube an Kirche und Staat in ihrer Einigung und Verschmelzung, einer glühenden Vaterlandsliebe und ein unerschütterliches Bewußtsein eigener Größe und Kraft.“102 Bestätigte Haxthausen damit einige Vorurteile, die in Westeuropa über Russen kursierten, so blieb sein Fazit eindeutig und positiv: Die Mischung der einzelnen Charaktereigenschaften ist es, die es „zu einem großen Weltvolk befähiget“.103 IV. Fazit August von Haxthausens Studien über die innern Zustände, das Volks­ leben und die ländlichen Einrichtungen Russlands gelten noch heute als ein „Klassiker“ der wissenschaftlichen und politischen Russlandkunde. Publizisten, Politikwissenschaftler und Historiker wie Aleksándr Gércen, Alexis de Tocqueville (1805–1859), Jakob Philipp Fallmerayer (1790–1861) und Bruno Bauer (1809–1882) setzten sich in ihren Werken mit Haxthausen und seinen Russlanderfahrungen auseinander.104 Allerdings erreichte sein Werk 99  Haxthausen: Studie über die innern Zustände. Bd. 3 (wie Anm. 27), S. 201. Hervorhebung im Original. 100  Vgl. ebd., S. 165. 101  Ebd., S. 147. 102  Ebd., S. 213. 103  Ders.: Studien über die innern Zustände. Bd. 2 (wie Anm. 31), S. 203. 104  Vgl. Geier: Russische Kulturgeschichte (wie Anm. 6), S. 24. Siehe im Zusammenhang auch Groh: Russland im Blick Europas (wie Anm. 20), S. 200–212 (Tocqueville), 254–265 (Fallmerayer), 310–322 (Bauer). Aktuellere Einzelbeiträge bilden

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nie die breite Öffentlichkeit. Während Haxthausen in Russland der Bewegung der Slavophilen und später sogar den Kommunisten Argumente lieferte, blieb er in Deutschland lediglich dem kleinen Kreis der Russlandenthusiasten ein Begriff.105 Nicht zuletzt auf Grund dieser Tatsache kann sein Wirkungsgrad in Russland deutlich höher eingeschätzt werden. Ein Beispiel, das diesen Umstand verdeutlicht, ist der Umfang des Beitrags über den Russlandreisenden in Meyers Lexikon. In der deutschen Ausgabe fand sich im Jahr 1898 lediglich eine halbe Spalte über Haxthausen, während die russische Parallelenzyklopädie ihm ganze drei Seiten widmete. Dies ist sicherlich zu einem großen Teil Haxthausens Beschreibungen des Mir zu verdanken, die eines seiner Verdienste darstellen. Sein Bericht muss als Zeugnis seiner Zeit verstanden werden. Ohne das äußerst negative Bild Russlands im 19. Jahrhundert wären Haxthausens Veröffentlichungen in dieser Form nie entstanden. Eine Strömung ruft immer auch eine Gegenströmung hervor. Sein Reisebericht ist allerdings nicht nur als reine Gegendarstellung zu werten, sondern als ehrliche empfundene Aufklärung und Relativierung vorherrschender Stereotype. Sein Russlandbild selbst war ein positives. Er war begeistert von der Natürlichkeit und dem sozialen Zusammenhalt der Russen. Die tief verwurzelte Religiosität beeindruckte ihn stark, und die patriarchalische Gesellschaftsordnung stellte für ihn einen stabilen Pfeiler des Staates dar. Für Haxthausen stand außer Frage, dass Russland ein Teil Europas war, und dass die Russen selbst eine glühende Vaterlandsliebe beseelte. Er war bemüht um eine größere Neutralität, schwächte Aussagen ab und verurteilte andere gänzlich. Nirgendwo tendiert das von ihm gezeichnete Fremdbild Russlands zu einem Feindbild. Gegen die sonst so polemisch verfassten Russlandhasstiraden setzte er wissenschaftliche Landeskunde mit genauer Beobachtung. Unvoreingenommen näherte er sich dem russischen Leben und zeichnete sein eigenes Bild von diesem Staat. Allerdings ist anzumerken, dass Haxthausen eigentlich mit Klischees aufräumen wollte und dies zum Teil auch tat, sein Reisebericht selbst aber genauso vor Stereotypen, zum Beispiel über „die“ Franzosen geradezu strotzt. Auch wenn Haxthausens Arbeit von russischer Seite finanziert wurde und der Eindruck entstehen könnte, er wäre vom Zaren „gekauft“ worden, war der Wissenschaftler stets um Objektivität bemüht. Nach seiner Russlandreise in den Jahren 1843 / 44 beschäftigte er sich weiter mit den Reinhard Lauer: Jakob Philipp Fallmerayer und die Slawen. In: Eugen Thurnher (Hrsg.): Jakob Philipp Fallmerayer. Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller. Innsbruck 1993, S. 125–157; Nikolaus Lobkowicz: Plattfuß und Sphinx. Bruno Bauer über Juden und Russland. In: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 8 (2004), H. 2, S. 175–203. 105  Vgl. Schmidt: Ein deutscher Slawophile? (wie Anm. 5), S. 209.



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Themen Bauernbefreiung, Religion und Innenpolitik im Russischen Reich – und das unentgeltlich.106 Daran kann man erkennen, dass er ein tiefes Interesse an diesem Land hatte und nicht nur auf Profit aus war. Bei alledem war Haxthausen kein einzelner konservativer Idealist, sondern seine Äußerungen müssen vielmehr in den politischen Konservatismus des Vormärz in Deutschland eingeordnet werden. Auch andere Vertreter dieser Strömung107 teilten Haxthausens Ansicht, dass Russland als Bollwerk gegen revolutionäre Strömungen zur Führungsmacht aufsteigen würde. Wenn diese russlandfreundlichen Darstellungen immer in einer verteidigenden Minderheitenposition blieben, so lag dies nicht an der Qualität ihrer Argumente, sondern an ihrer unlösbaren Verbindung mit dem Konservatismus. Das Publikum dieser Veröffentlichungen waren der Adel, die höfischen Kreise sowie die obrigkeitstreuen Beamten und Bürger. Sie gerieten spätestens seit den 1840er Jahren in der politischen Diskussion immer stärker in eine Abwehrposition. In der Öffentlichkeit dominierte die liberale Sicht, die ebenso untrennbar mit dem russophoben Blick auf Russland verbunden war wie die konservative Position mit der Sympathie für Russland.108 Haxthausen hat dazu beigetragen, das Russlandbild folgender Generationen zu prägen. Auch wenn die wenigsten seinen Reisebericht selbst gelesen haben, hat das von ihm gezeichnete Bild überdauert. Die beiden sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts abzeichnenden Sichtweisen – Russland als Gefahr oder als Vorbild für Europa – veränderten sich in den letzten 150 Jahren kaum. So konkurrierten beispielsweise sowohl wohlwollende als auch ablehnende Urteile über Fortschritt bzw. Brutalität infolge der Russischen Revolution 1917, über die Ära Stalins als wirtschaftlich und außenpolitisch erfolgreiche bzw. innenpolitisch menschenverachtende Epoche und, nicht zuletzt, über die Bewertung der Sowjetunion als sozialpolitisches Vorbild bzw. planwirtschaftlich abschreckendes Exempel. Haxthausen hingegen hat das düstere Russlandbild in der Form variiert, dass er uns auch über die Lebensweise der Russen aufzuklären suchte und damit einen neuen und positiven Blickwinkel auf das geheimnisvolle Land im Osten eröffnete.

106  Vgl. Stoyanoff-Odoy: Die Großfürstin Helene von Russland (wie Anm. 6), S. 143. 107  Hier sind etwa Fallmerayer und Bauer zu nennen, die ebenso Russland bereisten und mit diesem Land stark sympathisierten. Aber auch der Politiker und Publizist Joseph Edmund Jörg (1819–1901) und der Geschichtsphilosoph und Politiker Ernst von Lasaulx (1805–1861) sind in diesem Umfeld einzuordnen. Vgl. Kroll: Russland und Europa (wie Anm. 36), S. 34 f. 108  Vgl. Jahn: Befreier und halbasiatische Horden (wie Anm. 1), S. 22.

„… mit einem fast göttlichen Nimbus und ungeheurer Macht ausgestattet … trägt es einen Januskopf“. Das Russlandbild Kaiser Wilhelms II. Von Oliver Schmidt (Potsdam) I. Einführung 1. Reise als Herrschaftsmittel 2. Die Notwendigkeit der Reise 3. Struktur der Reisen II. Das Russlandbild Wilhelms II. 1. Tradition als Grundlage von Freundschaft 2. Problematik des Russlandbildes 3. Die Herausbildung des kaiserlichen Russlandbildes durch die Militärbevollmächtigten 4. Europa oder Asien? III. Als Prinz nach Russland 1. Die erste Reise 2. Die zweite Reise IV. Die kaiserliche Russlandreise 1. Kommunikation mit dem Reich 2. Geschenke für alle 3. Kaiserlicher Empfang in Russland 4. Die Reise 1890 5. Die Reise 1897 V. Fazit

I. Einführung 1. Reise als Herrschaftsmittel Wilhelm II. hat in der Zeit seiner Regentschaft als König von Preußen und deutscher Kaiser seine Untertanen und letztlich ganz Europa fasziniert. Dass die Menschen dieses letzte Fabeltier der Zeit so empfinden konnten,

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war auch durch seine stete Reisetätigkeit garantiert.1 Die Nähe des Monarchen zu seinem Volk und zu anderen Völkern sowie auswärtigen politischen Strukturen erinnert an das sakrale Königtum des mittelalterlichen Herrschers, der ja ebenso fortwährend in Bewegung war. Diesen sakralen Anspruch hat der Kultursoziologe Nicolaus Sombart auch für Wilhelm II. erhoben. Gerade dem Gedanken, dass sich Wilhelm II. als „Herr der Mitte“ empfand, kann nur schwer widersprochen werden. Nicht nur im Sinne einer deutschen, nationalen Anschauung – die Einheit des Reiches erhaltend und festigend –, vielmehr im Sinne eines europäischen Bewusstseins sollte Wilhelm dieser Anspruch zuerkannt werden. Denn ein Antrieb für die Aktivitäten des schier rastlos wirkenden Kaisers war letztlich auch der, dem sakralen Königtum würdig zu sein und als Mittler den Frieden zu wahren – und das eben war nur möglich durch seine Präsenz im Herrschaftsraum und weit darüber hinaus.2 2. Die Notwendigkeit der Reise Damit wird die Reise zur Herrschaftsbasis, die in verschiedene Katego­ rien gegliedert werden kann. Die politische Reise, die der Herrschaft, dem Königtum, dem Reich als vermittelndes und auch symbolhaftes Element dienlich ist, soll die erste Kategorie sein. Mit dieser Art der Reise kommt es zur Repräsentation und Symbolpolitik3, die in Europa zumindest 25 Jahre lang den Frieden schützen und stützen konnte.4 Dabei darf die symbolische Kraft des Königs bzw. der Institution und ihrer Ausführenden nicht unterschätzt werden.5 Es gab Momente, in denen die Symbolkraft der Herrscher ein Miteinander in Europa möglich machte und Beziehungen zwischen Völkern rehabilitierte. Zu nennen sind hier die Besuche des deutschen Kaisers in England; der Aufenthalt im Land seiner Großmutter machte Wilhelm zeitweise zum beliebtesten Mann in Großbritannien – die Reise war damit ein Faktor, der dem friedlichen Nebeneinander der europäischen Staaten diente.6 Nun könnte der Betrachter die Regatten in Cowes auch als 1  Vgl. Christian Graf von Krockow: Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit. Biographie einer Epoche. Berlin 1999, S. 147. 2  Vgl. Nicolaus Sombart: Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte. 2. Aufl. Berlin 1997, S. 94 f. 3  Vgl. Margarete Jarchow: Hofgeschenke. Wilhelm II. zwischen Diplomatie und Dynastie 1888–1914. Hamburg 1998, S. 89 f. 4  Vgl. Johannes Paulmann: Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg. Paderborn 2000. 5  Vgl. Sombart: Wilhelm II. (wie Anm. 2), S. 96. 6  Vgl. dazu Lothar Reinermann: Der Kaiser in England. Wilhelm II. und sein Bild in der britischen Öffentlichkeit. Paderborn 2001. Siehe im Zusammenhang



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maritime Erholung ansehen, doch der Kaiser wirkte mit seiner Präsenz in einem europäischen Nationalstaat natürlich nie unpolitisch.7 Eine weitere Kategorie der kaiserlichen Reise war die der Erholung und Forschung – vor allem bezogen auf Korfu. Die Nordlandfahrten8 – von 1889 bis 1914 regelmäßig wiederkehrend veranstaltet – sind schwerer einzuordnen, boten sie doch einerseits Entspannung und Abgeschiedenheit, andererseits war die Nähe zur Politik stets vorhanden. Der Kaiser, umgeben von Freunden und Günstlingen, die um ihn buhlten9, hatte so gesehen keine schlichte Erholungsreise.10 Zudem wurden auch Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst zu den Reisen eingeladen, was eine Auszeichnung für den Gast bedeutete und zugleich die Nähe des Kaisers zum gehobenen und schaffenden Bürgertum demonstrierte und als Ausdruck einer Kommunikation der Herrschaft gesehen werden kann.11 Wenn neben dem Kaiser eine weitere royale Persönlichkeit, wie beispielsweise Wilhelms Bruder Prinz Heinrich von Preußen (1862–1929) mitreiste, so war in die Reisevorbereitungen noch ein zweites Oberhofmarschall-Amt involviert.12 Ein Mitglied der kaiser­ lichen Gesellschaft auf hoher See oder im Ausland zu bilden, galt als eine der höchsten inoffiziellen Auszeichnungen.13 Die dritte Kategorie ist die religiöse Mission – hier scheint die Orientreise hineinzufallen, auch wenn demnächst auch Erik Lommatzsch: Zu Gast in Osborne House. Die Englandreisen der Hohenzollernkaiser. In: Frank-Lothar Kroll  /  Martin Munke (Hrsg.): Deutsche Englandreisende / German Travellers in England (1550–1900). Berlin 2014. 7  Vgl. Paulmann: Pomp und Politik (wie Anm. 4), S. 11–22, 401–417. 8  Vgl. Birgit Marschall: Reisen und Regieren. Die Nordlandfahrten Kaiser Wilhelms II. Hamburg 1991, S. 146; siehe dazu auch Kurt Düwell: Kaiser Wilhelm II. In: Wilhelm Treue (Hrsg.): Drei deutsche Kaiser. Wilhelm I. – Friedrich III. – Wilhelm II. Ihr Leben und ihre Zeit 1858–1918. Freiburg / Würzburg 1987, S. 133–173, hier: 142 f. 9  Vgl. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz  / Brandenburg-Preußisches Hausarchiv (GStA PK / BPH), Repositur 113 / 664, Bl. 149–167. Auch die Presse versuchte mit an Bord der Hohenzollern zu gelangen, denn immerhin war der Kaiser das Medienereignis seiner Zeit und seines Reiches; siehe dazu ausführlich Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Berlin 2005. 10  Vgl. Maria Herrnbrodt-Fechhelm: Kaiser Wilhelm II. auf Menorca. Menorca / Oldenburg 2005, S. 32–45. Ob der Kaiser in Russland oder auf Menorca weilte, die Vorbereitungen waren stets enorm und beschäftigten eine Reihe von Dienststellen. Besonders die Fahrpläne, der Depeschen- und Schriftverkehr sowie das Reiseprogramm waren in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, da letztlich auch immer die Sicherheit des Kaisers gewährleistet sein musste. 11  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 66 / 148. Vgl. im Zusammenhang auch Adalbert von Haustein: Kaiser Wilhelm II. Nord- und Südlandfahrten. Berlin 1890, S. 45. 12  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 668, Bl. 99. 13  Vgl. Krockow: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 1), S. 151 f.

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wirtschaftliche Belange mitspielten. Doch wurde diese Reise beispielsweise in Russland nicht positiv aufgenommen, man glaubte nicht an die christ­ lichen Motive des Kaisers, sondern sah vor allem politische. Hier zeigt sich die Problematik, dass das Reisenetzwerk des Kaisers bei anderen Nationen Befürchtungen und Ängste wachsen ließ.14 Auch wenn ihn seine Untertanen wegen seiner Reisetätigkeiten oft kritisch beäugten oder bewunderten15, befand sich Wilhelm damit vollkommen im Trend der Zeit.16 Seine Reisen waren vielseitig, und wie Sombart es darstellte, entsprachen sie einer imperialen Topographie, die in alle Himmelsrichtungen wirkte.17 Die Fahrt im Mittelmeer auf der Hohenzollern mit dem Ziel der Insel Korfu, auf der er das Schloss der ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837–1898) erwarb und seinem Hobby, der Archäologie,18 folgte, stand selbstverständlich in einem vollkommen anderen Sinnzusammenhang als die Reisen nach Großbritannien und Russland. Denn schließlich waren die Besuche in London und Sankt Petersburg notwendig oder vielmehr grundsätzlicher Bestandteil der Tätigkeit eines deutschen Kaisers, da er nur in diesem Rahmen nach alter monarchischer Wahrnehmung das Schicksal seines Reichs positiv zu beeinflussen vermochte. So galt es, zwischen konstitutioneller Monarchie und der im Denkbild Wilhelms konstruierten absolutistischen Macht zu lavieren – die Reisen zwischen West und Ost ließen den Monarchen zum Bindeglied eines europäischen Friedens werden.19 Damit war auch die Reise nach Russland20 nie eine Erholungsfahrt21, sondern stets eine mit politischer Bedeutung22, die letztlich fast immer im Dienst der Diplomatie stand bzw. als diplomatisch begriffen werden konnte.23 Dabei scheute der Kaiser sich nicht, Privatper14  Vgl. Klaus Jaschinski / Julius Waldschmidt (Hrsg.): Des Kaisers Reise in den Orient 1898. Berlin 2002, S. 25. 15  Vgl. Sombart: Wilhelm II. (wie Anm. 2), S. 122. 16  Vgl. Krockow: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 1), S. 147 f. 17  Vgl. Sombart: Wilhelm II. (wie Anm. 2), S. 126. 18  Vgl. Krockow: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 1), S. 149. 19  Vgl. Sombart: Wilhelm II. (wie Anm. 2), S. 127. Die Reisen des Kaisers folgten in ihrer Gliederung einer gleichsam historisch angelegten Struktur – England im Westen und Russland im Osten machten den Kaiser zum „Herrn der Mitte“, der den Ausgleich zwischen den so groß erscheinenden Unterschieden suchte. Doch die Bindung an Russland war auch verwandtschaftlicher Art, der Kaiser, ein Vetter des Zaren Nikoláj II., pflegte zu ihm ein brüderliches Verhältnis. 20  Besuche in Russland: 1884, 1886, 1888, 1890, 1892, 1897, 1912. Vgl. Franz Herre: Kaiser Wilhelm II. Monarch zwischen den Zeiten. Köln 1993, S. 85 ff. 21  Vgl. GStA PK  / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 183. In Russland lauschte Wilhelm stets den Vorträgen seiner Militärs, untergegebenen Beamten und Minister. 22  Vgl. ebd., nicht paginiert. 23  Vgl. Krockow: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 1), S. 149.



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sonen zur Unterstützung seiner weltumspannenden Tätigkeit in Dienst zu nehmen; Thomas Cook (1808–1892) beispielsweise verwirklichte die Reise Wilhelms II. nach Jerusalem und Damaskus.24 Die Reisen waren nicht unbedingt Ausdruck eines neuen modernen Regierens, vielmehr waren sie Bestandteil einer über Jahrhunderte geprägten Form der Herrschaftslegitimierung. Der sich sorgende und friedfertige Monarch war letztlich Mittelpunkt einer Konstruktion von Obrigkeit, die bei Verringerung der eigenen Legitimation die Reise zum Mittel der Herrschaftsausübung nutzte und so zugleich die Begrenztheit von Herrschaft darbot.25 3. Struktur der Reisen Wilhelm II. war der erste deutsche Kaiser nach dem 13. Jahrhundert, der mit seiner Reisetätigkeit die europäische Dimension verließ. Zudem waren diese Unternehmungen in die europäische Ferne wohl auch deswegen so faszinierend, weil derartige Reisen für die Mehrheit der Nation unerreichbar schienen.26 Nach der Hofsaison begann für eine Dauer von bis zu acht Monaten die Reisetätigkeit des Kaisers, in der er den Mittelpunkt des Reiches verließ und die Peripherie besichtigte. Die Visite in den Provinzen und Städten des Reichs waren nach planmäßigem Ablauf organisiert. Dass sich Wilhelm als Wahrer des europäischen Friedens sah, kommt auch in seinem Reiseprogramm zum Ausdruck; er verstärkte die Position des Deutschen Reiches als „Reich der Mitte“. Italien und das Mittelmeer bereiste der Kaiser von März bis April, später kam Korfu hinzu. Im Folgemonat ging es nach ElsaßLothringen; wesentlicher war jedoch die Kieler Woche, wo der Kaiser einem internationalen Publikum sowie europäischen Fürsten ein charmanter Gastgeber war und Europa bzw. die Welt nach Deutschland einlud. Im Juli begann der Kaiser seine einen Monat dauernde Nordlandfahrt; und danach setzte er seine Fahrten durch das Reich fort.27 Die Motivation der Reisen war grundverschieden,28 gleichwohl entsprach seine Reisetätigkeit in hohem Maße Wilhelms eigenen Vorstellungen.29

24  Vgl. 25  Vgl. 26  Vgl. 27  Vgl. 28  Vgl. 29  Vgl.

ebd., S. 150. Marschall: Reisen und Regieren. (wie Anm. 8), S. 22 f. Krockow: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 1), S. 156 f. Sombart: Wilhelm II. (wie Anm. 2), S. 122–125. Marschall: Reisen und Regieren. (wie Anm. 8), S. 14. ebd., S. 13.

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II. Das Russlandbild Wilhelms II. 1. Tradition als Grundlage von Freundschaft Wilhelm war sich stets der Bedeutung der Beziehungen zum russischen Zarenreich bewusst – besonders die verwandtschaftliche Bindung hielt bis zum Jahr 1914 und war letztlich die Grundlage des freundschaftlichen Miteinanders.30 Die Tradition des preußisch-russischen Verhältnisses schien für Wilhelm die wichtigste Basis einer engen Bindung an Russland, dabei waren zunächst Eindrücke aus seiner Kindheit Schlüsselerlebnisse, die den damaligen russischen Zaren für Wilhelm zu einer mythischen Gestalt erhoben haben.31 Die Neigung zu Russland war für Wilhelm II. immer mit einer tiefen traditionellen und emotionalen Bindung zur russischen Armee verbunden32 – ein Symbol dieser Verbundenheit war die russische Regimentsuniform, die der Kaiser im Prinzenalter als Geschenk von Aleksándr II. Nikoláevič (1818–1881) erhalten hatte. Besonders der „Reformzar“ wusste Preußen zu schätzen – dies machte er auch stets bei Besuchen deutlich. Auf dieser Tradition baute letztlich das Russlandbild des letzten deutschen Kaisers auf.33 Die steten Ordensverleihungen an russische Offiziere und sein gleichzeitiges Schwärmen für deren Haltung zeigen Wilhelms Nähe zum russi30  Vgl. Herre: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 20), S. 51 f. In Russland war man soldatisch, der dortige Hof ließ Wilhelm sich sehr heimisch fühlen. Das Besondere an seinem ersten Aufenthalt in Russland war, dass Wilhelm 1884 letztlich „in Personalunion kam“, denn er war einerseits ein Mitglied der Familie und andererseits strategischer Allianzpartner für Russland. – Zu einem Teilaspekt der familiären Verbindungen siehe jetzt Frank-Lothar Kroll: Staatsräson oder Familieninteresse? Möglichkeiten und Grenzen dynastischer Netzwerkbildung zwischen Preußen und Russland im 19. Jahrhundert. In: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte N.F. 20 (2010), S. 1–41. 31  Vgl. Johannes Penzler: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. II: 1896–1900. Leipzig o. J., S. 75. Stets betonte Wilhelm die Verbundenheit und Freundschaft zu Russland und seinem Zarenhaus, die er nicht nur als Tradition, sondern als Erbe seiner Vorfahren übernommen hatte. Vgl. ders.: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. III: 1901–1905. Leipzig o. J., S. 47 f. Die Bedeutung der Freundschaft zu Russland und zum Zaren für die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa, betonte Wilhelm nicht nur in Gegenwart des russischen Herrschers, sondern auch bei Besuchen in deutschen Städten. 32  Vgl. Penzler: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. II (wie Anm. 31), S. 122 f. Die Waffenbrüderschaft mit Russland hob der deutsche Kaiser besonders in Gegenwart seiner russischen Regimenter hervor, 1884 wurde er Chef des Wiborgschen Infanterieregiments Nr. 85. Vgl. Herre: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 20), S. 53. 33  Vgl. Penzler: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. III (wie Anm. 31), S. 18 f.; Hans Wilderotter / Klaus-D. Pohl (Hrsg.): Der letzte Kaiser. Wilhelm II. im Exil. Gütersloh / München 1991, S. 334. 1897 wurde Wilhelm II. bei seinem Besuch in Russland zum Admiral gekürt.



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schen Reich und zur russischen Nation in einer bizarren Welt der Mystifizierung in Zeiten von Entzauberung und Säkularisierung. Hierbei wirkt die wilhelminische Konstruktion Russlands als ein Versuch, Halt zu finden in einer sich für die Monarchie allzu schnell wandelnden Welt.34 2. Problematik des Russlandbildes Der Kaiser selbst war in Russland kein Ruhepol, sondern bewegte sich ständig zwischen höfisch-prunkvollen Empfängen und den militärischen Paraden und Manövervorführungen, jeweils begleitet vom jubelnden Volk.35 Wenn man das Programm der einzelnen Reisen betrachtet, so schien ein Familienidyll36 vorhanden zu sein, in dem die Herrscher auch ein entspanntes Dasein haben konnten – Spaziergänge, Ausritte und Besichtigungen von Städten bzw. Sehenswürdigkeiten.37 Doch täuscht dies letztlich, denn diese Reisen waren – besonders im Bewusstsein der Herrscher – die symbolischen Säulen des europäischen Friedens und damit grundlegend für den Fortbestand der Monarchie an sich. Sie stellten einen der letzten Versuche dar, das Konstrukt der Nationalstaatlichkeit mit dem der Monarchie zu verbinden. Mit der ersten Reise nach Russland 1884 lernte der preußische Prinz recht präzise die gesamte Beziehungsgeschichte und -gegenwart von Russland und Preußen sowie die russische Mentalität und Wesensart kennen. Seine Lehrmeister waren Kaiser Wilhelm I. und Bismarck – beide gute Kenner Russlands und zudem alte Weggefährten im vereinten Kampf. Interessanterweise unterschieden sich die Ratschläge der beiden Vorbilder; der eine mahnte, mehr zu loben als zu tadeln, der andere warnte vor der verräterischen und mit Misstrauen zu beäugenden Aristokratie in Russland.38 34  Vgl. GStA PK, III. HA, MdA I. Nr. 9969; siehe auch Gustav Graf von Lambsdorff: Die Militärbevollmächtigten Kaiser Wilhelms II. am Zarenhofe 1904–1914. Berlin 1937, S. 398–401; Hans Rall: Wilhelm II. Eine Biographie. Köln 1995, S. 305; J. Daniel Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit. Zürich / Leipzig / Wien 1937, S. 197; Hans Fenske (Hrsg.): Unter Wilhelm II. 1890–1918. Darmstadt 1982, S. 347 f. 35  Vgl. Herre: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 20), S. 52 f. 36  Vgl. Thomas Benner: Die Strahlen der Krone. Die religiöse Dimension des Kaisertums unter Wilhelm II. vor dem Hintergrund der Orientreise 1898. Marburg 2001, S. 96; Ingeborg Meyer-Klasen: Die Tafelfreuden des Kaiser Wilhelm II. Rezepte aus der Sommerküche Kaiser Wilhelms II. von 1897 bis 1917 im Schloss zu Homburg vor der Höhe. Rödermark 2009, S. 12. Der erste Eindruck vom russischen Hof, der durch die enge Verbindung von Krone und Orthodoxie geprägt war, musste Wilhelm, der dem Königtum selbst religiöse Dimensionen zusprach, faszinieren. 37  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 191–195. 38  Vgl. Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten 1878–1918. Leipzig 1922, S. 11 f.; Alfred Niemann: Wanderungen mit Kaiser Wilhelm II. Leipzig 1924. S. 30 f. Ereignisse und Gestalten ist letztlich ein persönliches Dokument Wilhelms II., das in

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Wilhelm II. beobachtete in der russischen Armee später einen Hochmut, dessen Auswüchse er in Sankt Petersburg noch nicht bemerkt hatte – dies kann begründet sein durch den erweiterten Erfahrungshorizont und den Glanz der Stadt, der seine Eindrücke geblendet hatte, oder durch sich wirklich verschlechternde Beziehungen zwischen den beiden Staaten. In Russland schien sich eine neue Generation herauszubilden, die sich nicht mehr an gemeinsame ruhmreiche Tage zu erinnern vermochte. Nur ältere Generale erwiesen sich als immer noch höflich und dem deutschen Kaiser zugeneigt. Besonders die ehemalige höfische Umgebung des Zaren Alek­sándr II. war beispielhaft dafür. Ein Besuch in Russland gestaltete sich damit für den letzten deutschen Kaiser nie als angenehme Reise in östliche Gefilde, sondern als dauerndes Politikum und als ewiger Versuch, Russland wieder an Deutschland zu binden – eine Reise mit politischem Zwang und als Leitmotiv seiner Herrschaft.39 Die Russlandreise war für Wilhelm darüber hinaus stets ein gefährlicher Balanceakt. Dies zeigte sich schon 1888, als er einen Antrittsbesuch in Russland absolvieren sollte, um die staatspolitisch relevanten Beziehungen zu pflegen. Kaiserin Auguste Viktoria (1858–1921) hatte diese Reiseabsichten jedoch eindeutig beanstandet – zwei Dinge sprachen ihrer Meinung nach gegen eine Reise nach Russland: Erstens hatte der Tod Friedrichs III. mit einem Trauerjahr ehrenvoll behandelt zu werden, und zweitens sollte Wilhelm II. zuerst das Land seiner Großmutter bzw. das Vaterland seiner Mutter besuchen – England. Neben den diplomatischen Schwierigkeiten und Besonderheiten, die der junge Kaiser zu beachten hatte, standen nun auch solche familiärer Art, die stets von politischer bzw. symbolischer Bedeutung waren und denen ebenfalls immer Rechnung getragen werden musste.40 Hier sieht man, wie diffizil schon zu Beginn sein Russlandbild verflochten war – er musste die Widersprüchlichkeiten für sich selber ausgleichen. Die Eltern waren liberal, anglophil und Russland gegenüber abgeneigt; Bismarck und der erste Kaiser – die außenpolitischen Lehrmeister – sahen im Gegensatz dazu die große Bedeutung Russlands und die existentielle Abhängigkeit des Deutschen Reiches vom östlichen Nachbarn.41 seiner Art auch stets von Anekdoten umrahmt ist. Siehe zum Ganzen Isabel V. Hull: The Entourage of Kaiser Wilhelm II. 1888–1918. Cambridge 1982, S. 211. Später stand besonders Generalfeldmarschall Alfred von Waldersee (1832–1904) gegen die deutsch-russische Verbindung und versuchte in diesem Sinne, auf Wilhelm Einfluss zu nehmen. 39  Vgl. Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten (wie Anm. 38), S. 14 f. 40  Vgl. ebd., S. 23. 41  Vgl. Lamar Cecil: Wilhelm II. Prince and Emperor, 1859–1900. Chapel Hill, NC 1989, S. 80 f.; Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten (wie Anm. 38), S. 54; Friedrich Kracke: Prinz und Kaiser. Wilhelm II. im Urteil seiner Zeit. München



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Problematisch ist die Frage nach der Einschätzung der Beziehungen zu Russland insofern, als dass persönliche Ansichten nicht klar trennbar von den diplomatisch-staatlichen Verhältnissen sind. Wilhelms Briefe an den Zaren wurden vom Auswärtigen Amt durchgesehen und notfalls geändert. Hier zeigt sich, dass der Kaiser eben kein Privatmann war, sondern eine öffentliche Institution, die in ihrer Meinung und Darbietung letztlich den nationalstaatlichen Interessen unterworfen war.42 3. Die Herausbildung des kaiserlichen Russlandbildes durch die Militärbevollmächtigten Die Berichte der Militärbevollmächtigten in Sankt Petersburg zeigten Wilhelm nicht nur die politischen Strukturen der russischen Gesellschaft, sondern sie bildeten auch eine Grundlage für die Formung seiner Sicht auf Russland, da diese Berichte gesellschaftliche Momentaufnahmen und regierungsoffizielle Meinungen nach Deutschland transferierten.43 Wilhelm II. versuchte nach der Inthronisierung von Nikoláj II. Aleksándrovič (1868– 1918), die alte symbolpolitische Verbindung der preußischen und russischen Herrscher wieder zu beleben.44 Die Militärbevollmächtigten hatten einen besseren Zugang zum Hof, und Wilhelm erhielt Berichte aus erster Hand.45 Dabei konnte der Marineattaché und Militärbevollmächtigte Paul von Hintze (1864–1941) selbst die beste Quelle sein, da seine Aussagen nicht nur auf Klatsch, sondern auf sicherer Beobachtungsgabe, Landeskunde und besten Beziehungen beruhten. Wilhelm wurde so auf eine nicht untenden­ ziöse Weise vorbereitet. Sein Bild war vorgeprägt durch die Auffassungen anderer, durch Abhandlungen, die Menschen und Land charakterisierten und das Miteinander der Herrscher erleichtern sollten.46 1960, S. 193. Wenn Wilhelm II. einem Wutausbruch erlag und im Affekt starke Worte fielen, hatte dies nicht unbedingt etwas mit seinen wirklichen Ansichten zu tun. Die Russen bezeichnete er einmal als „verlogen und faul“ – seinem Russlandbild entsprach diese Einschätzung letztlich nicht. 42  Vgl. Christopher Clark: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers. Aus dem Engl. von Norbert Juraschitz. München 2008, S. 203. 43  Berichte der Militärattachés waren unmittelbar an den Kaiser überstellt worden, die dieser dann weiterleitete. Abgelegt wurden die Berichte in den „Akten des königlichen Militärkabinetts betreffend Berichte Militärbevollmächtigten am kaiserlichen russischen Hofe XXXXI.“ 44  Vgl. Lambsdorff: Die Militärbevollmächtigten (wie Anm. 34), S. 22–24. Dass die Institution des Militärbevollmächtigten eine „Auszeit“ erhielt, ist sinnbildlich für die doch eher kühlen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland unter der Herrschaft des Zaren Aleksándr III. Aleksándrovič (1845–1894). 45  Vgl. ebd., S. 20 f., 158 f. 46  Vgl. ebd., S. 168 f.

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4. Europa oder Asien? Wilhelm II. warnte gerne vor der „gelben Gefahr“, die Europa bedrohte, eine Furcht, die einerseits übertrieben erscheint, andererseits die Entwicklung in den asiatischen Ländern widerspiegelt. Wenn man von rassischen Hintergründen absieht, hat Wilhelm diese Entwicklung richtig gedeutet und gerade asiatische Mächte wie Japan nicht unterschätzt. Einen Beweis für seine Sichtweise bot das Jahr 1905, als Japan über Russland im japanischrussischen Krieg siegte47 und scheinbar Russland als „Verteidiger Europas“ in dieser Bewährungsprobe versagte.48 So kam es auch zwischen Kaiser und Zar zur Diskussion über die Asien-Problematik. Dabei wusste Nikoláj II. um die Bedrohung seines eigenen Reiches bzw. seiner imperialen Pläne. Als der Kaiser dazu Stellung nehmen sollte, kam eine verblüffende Antwort. Wilhelm sah für Russland nur zwei Möglichkeiten – entweder den Kampf für Europa gegen Asien oder eben das umgekehrte Szenario. Dass der deutsche Kaiser den Russen eher eine asiatische Grundeinstellung attestierte, indem Russland mit den Asiaten gegen Europa ziehen könne, schockierte den Zaren. Wilhelm II. verwies sofort auf die Infrastruktur und den militärischen Aufmarsch der russischen Armee an der preußisch-russischen Grenze. Nikoláj II. hingegen betonte das Europäertum Russlands – sein Volk und sein Herrscherhaus würden immer zu Europa halten. Pointiert gab der deutsche Kaiser darauf die Antwort, dass der Zar demgemäß dann auch seine militärischen Maßnahmen treffen sollte. Es ist erstaunlich, wie offen es zum Konflikt zwischen beiden Herrscherpersönlichkeiten kam. Angeschlagen erscheint allerdings das Russlandbild Wilhelms II., der in Russland nunmehr keinen verlässlichen Partner mehr sah – weder für sein Reich noch für Europa.49 Es entwickelte sich mit der Zeit ohnehin eine stärkere russland-kritische Haltung bei Wilhelm II. – Russland war für ihn zunehmend kein europäisches Gebilde mehr, sondern ein Reich, das sich seiner asiatischen Wurzeln bewusst und über Europa herfallen werde. Russland geriet zu einem Teil der „gelben Gefahr“.50 Nun muss man allerdings beachten, dass diese Gedanken nach dem Ende seiner Regentschaft, nach dem Ersten Weltkrieg und somit nach der großen Enttäuschung niedergeschrieben wurden. Es besteht die 47  Vgl. Penzler: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. 3 (wie Anm. 31), S. 239–252. Das russische Offizierkorps hätte sich demnach im Gegensatz zu seinen Soldaten, die tapfer gekämpft hätten, als weitaus weniger pflichtbewusst erwiesen. Ein „Schutzwall“ gegen die „Gelbe Gefahr“ Japans war das Zarenreich jedenfalls nicht gewesen. 48  Vgl. ebd., S. 253. 49  Vgl. Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten (wie Anm. 38), S. 66–68. 50  Vgl. ebd., S.  166 f.



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Möglichkeit, dass bei Wilhelm dieses Russlandbild erst nach seiner Abdankung ausgeformt wurde. Wesentlich ist allerdings, dass Wilhelm II. Russland nicht mehr als Teil seines Friedenskonzepts bzw. Teil Europas sah, sondern als äußere Bedrohung wahrnahm.51 Dass das Wort des russischen Herrschers und seiner Untertanen nicht sehr viel Wert sei, war ebenfalls Bestandteil des sich mit dem Laufe der Zeit deutlich ins Negative verändernden Russlandbildes.52 III. Als Prinz nach Russland 1. Die erste Reise Im Jahre 1884 begab sich Wilhelm auf Geheiß seines Großvaters nach Russland, um der Volljährigkeitsfeier des Carevič Nikoláj beizuwohnen.53 Dabei übernahm er die Aufgabe einer Ordensüberreichung – ein Akt, der die Freundschaft der beiden Herrscherhäuser untermauern sollte.54 Auf dieser Reise wurde der spätere deutsche Kaiser von einem zahlenmäßig geringen Hofstaat begleitet – so unterstützten ihn Graf Waldersee, Hofmarschall Eduard von Liebenau (1840–1900) und Bernhard von Bülow (1849–1929).55 Auch wenn Wilhelm ein talentierter junger Mann war und am heimischen Hof instruiert wurde, erklärte man ihm auf der Fahrt nach Sankt Petersburg nochmals die Gegebenheiten des Zarenhofes und der anstehenden Feierlichkeiten. Der Empfang erfolgte nach dem üblichen Standard – am Bahnhof warteten russische Großfürsten, der Zar empfing Wilhelm erst im Winterpalais. Das schlechte Wetter in der russischen Hauptstadt störte den Deutschen nicht, wichtiger war für Wilhelm seine Tätigkeit in Russland. Schließlich wurde er Symbol und Bindeglied zwischen den beiden Kaisern, indem er ein Schreiben seines Großvaters an den Zaren übergab. Dass Wilhelm ein positives Verhältnis zur Petersburger Unterkunft entwickelte, schien auch mit seiner Bettung zusammenzuhängen – er wurde unterhalb des üblichen Lambsdorff: Die Militärbevollmächtigten (wie Anm. 34), S. 337 f. ebd., S. 338 f.; Michael Balfour: Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit. Frankfurt am Main 1979, S. 246. Wenn der Kaiser in englischen Kreisen über Russland und den Zaren sprach, war das Bild des Zarenreiches, das er entwarf, ein abwertendes. So wies er einmal darauf hin, dass Russland nicht zu Europa, sondern zu Asien gehöre, und dass der Zar eher zum Landwirt für den Rübenbau geboren sei als zum Herrscher. 53  Vgl. Kracke: Prinz und Kaiser (wie Anm. 41), S. 72 f. und Cecil: Wilhelm II. (wie Anm. 41), S. 81. 54  Vgl. Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten (wie Anm. 38), S. 5–10. 55  Vgl. ders.: Aus meinem Leben 1859–1888. Leipzig 1928, S. 292. 51  Vgl. 52  Vgl.

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Gästeraums seines Großvaters einquartiert. Hier erscheint auch die frühe, in Wilhelm erstarkende Berufung, dem damaligen deutschen Kaiser zu folgen und Traditionen zu pflegen. Die Eindrücke, die der deutsche Prinz im Winterpalais sammeln konnte, waren derart nachhaltig, dass er diese auch in seinen späteren Werken detailliert wiedergeben konnte. Es war eine angenehme Wohnatmosphäre, jedoch störten besonders in den kalten Monaten die heiße trockene Heizungsluft in den Räumen, deren Fenster – der Isolation wegen – verkittet waren. Das russische Essen – insbesondere Fisch und Suppen –, aber auch die Getränke wie der Tee waren stets von angenehmem Geschmack für den Prinzen.56 Wilhelm vermochte schnell, mit seiner Art Anschluss an die Gepflogenheiten am russischen Zarenhof zu finden.57 Ihm imponierten die großen russischen Männer, und besonders die Statur des Zaren ließ ihn Achtung vor dem Herrscherhaus der Romanovs empfinden. Neben die Tradition traten nun noch die Momente der Ehrfurcht und Bewunderung, die Wilhelm einen nachhaltigen Eindruck von Russland gaben. Er bewunderte die – aus seiner Sicht – germanisch-schönen Züge einzelner Fürsten, aber auch die Liebenswürdigkeit, die ihm entgegen gebracht wurde. Die Damen beschrieb Wilhelm mit ähnlich ehrenvollem Wortschatz und zeichnete damit ein zartes und zugleich anmutiges, ein kraftvolles und zugleich zierliches, ein gütiges und zugleich stattliches Bild der russischen Hofgesellschaft.58 In seinen Beschreibungen werden die Angehörigen der Zarenfamilie zu Wesen unsagbarer Schönheit in allen Facetten – ob matronenhaft oder schlank, schön waren sie in den Augen Wilhelms alle. Dies mag weniger an allgemeinen Schönheitsidealen gelegen haben, als vielmehr an der Aura, die das russische Zarenhaus umgab. Aber auch die sonstige Gesellschaft wusste den Prinzen stets zu beschäftigen und in das Zeremoniell ordnungsgemäß mit einzubinden. So sollte nicht nur Ehrfurcht den Besuch charakterisieren, sondern auch eine Heiterkeit und Fröhlichkeit jugendlichen Ursprungs vorhanden sein. All dies faszinierte Wilhelm, es passte zu seinen Vorstellungen vom Königtum. Der Zar war ein monarchisches Vorbild für Wilhelm – 56  Vgl. Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 292–305. Auch das russische Essen war für Wilhelm ein Genuss – Speisen, Küche und Gastgeber, deren Ruf bis ins ferne Westeuropa bekannt war, sprachen für sich. 57  Vgl. Tyler Whittle: Kaiser Wilhelm II. Ein Monarch, der geliebt werden wollte. München 1979, S. 121 f. Wilhelm hatte schon bei seinen ersten Besuchen bemerkt, dass in Russland ein anarchischer Geist vorhanden sei, der die Monarchie gefährdete. 58  Vgl. Kurt Zentner: Kaiserliche Zeiten. Wilhelm II. und seine Ära in Bildern und Dokumenten. München 1964, S. 88 f., sowie Maurice Paléologue: Wilhelm II. und Nikolaus. Bern 1947, S. 43 f. 1912 hingegen hatte sich dieses Bild für Wilhelm in sein Gegenteil gekehrt; nun schien ihm die Hofwelt im Zarenreich dem Untergang geweiht.



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a­utokratisch und kaiserlich.59 Der Besuch am Sarkophag des Zaren Alek­ sándr II. in der Peter-und-Paul-Festung (Petropavlovskaja krepost’) bedeutete Wilhelm viel, es war jedoch kein Moment persönlicher Ruhe, sondern Ausdruck der monarchischen Zuneigung zu einem (aus Wilhelms Sicht dem größten) russischen Zaren.60 Wieder in der Hauptstadt zurück nach den Besuchen historischer Stätten, konnte sich Wilhelm im Kreise der gesamten Zarenfamilie bewegen und überreichte seinem Vetter den Schwarzen Adlerorden. Die Feierlichkeiten zur Volljährigkeit des Carevič waren geprägt von der Darbietung höfischer, militärischer und monarchischer Würdenträger.61 So intensiv er auch die hohe russische Gesellschaft kennenlernte, vergaß er nie die Bedeutung seiner Reise – die Berichterstattung aller Ereignisse an seinen Großvater.62 Da Wilhelm während dieser Reise auch Chef eines russischen Regiments wurde, trat der Jüngling stolz in russischer Uniform auf – die Bindung war hergestellt, die traditionelle Russlandnähe der Hohenzollern auf Wilhelm übergegangen. Der Ausflug nach Moskau tat sein Übriges – hier wurde besonders die Waffenbrüderschaft der beiden Reiche in Gedanken wiederbelebt.63 Im Moskauer Kreml bezog Wilhelm Räumlichkeiten, die der Zar für ihn hatte herrichten lassen. Er war beeindruckt von dieser Stadt in der Stadt. In Wilhelms Buch Aus meinem Leben erfolgt ein literarischer Rundgang durch den Kreml, der in seiner detaillierten Beschreibung den Eindruck äußerster Anteilnahme weckte. Pracht und Schönheit, Facetten des Orients, der byzantinische Baustil – all dies hinterließ beim Prinzen ein spezielles Bild des russischen Zarenreiches. Die Ordenssäle taten ihr Übriges – Säle, die in ihrer Tongebung immer einem bestimmten Orden glichen. Und stets wurde Wilhelm auch von der preußischen Tradition eingeholt – denn es waren selbstverständlich auch mit russischen Orden ausgezeichnete preußische Generale bzw. Feldherren zu finden. Die Schönheit der kleinsten architek59  Vgl. Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 293 f.; Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit (wie Anm. 34), S. 33 f. Als Prinz Wilhelm 1884 zum ersten Mal in Russland verweilte, war sein Gastgeber Zar Aleksándr III. über den jungen Mann sehr erfreut, denn damals beeindruckte noch die offenherzige Ehrlichkeit Wilhelms. Vgl. Eckehard Korthals: Wilhelm II. Auf den Spuren des letzten deutschen Kaisers mit touristischen Hinweisen. Greiz 2005, S. 63. 60  Vgl. Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 299 f. 61  Vgl. ebd., S. 295 f. 62  Vgl. ebd., S. 300; Eberhard Straub: Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geiste der Moderne. Berlin 2008, S. 275. Das Vermächtnis Wilhelms I. war ein entscheidender Bestandteil von Wilhelms Russlandbild: der Zar als der ewig treue Freund Preußen-Deutschlands und der Hohenzollern-Dynastie. 63  Vgl. Rall: Wilhelm II. (wie Anm. 34), S. 35 f.

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tonischen Details blieb Wilhelm im Gedächtnis, besonders wirkte allerdings der Rundblick vom Kreml über Moskau – Russland, ein Märchenland.64 Schließlich konnte er auch die Rekrutenverteilung durch den Zaren beobachten. Die Rekruten, die sich nach seiner Ansicht durch besondere Schönheit hervortaten, waren hoch gewachsen – mit Ausnahme der Rekruten des Garderegiments Paul, das mit ausschließlich stupsnäsigen Soldaten aufmarschiert sei. Doch selbst diese letztlich formellen Handlungen am russischen Hof waren für Wilhelm kein tristes Schauspiel, sie konnten sich vielmehr zu einem amüsanten Wettspiel zwischen den Regimentern entwickeln, da alle die schönsten Rekruten für sich beanspruchten. So kam es vor, dass ein Rekrut schon den Uniformrock eines Regimentes trug und ein anderes ihn gleichzeitig für sich einholen wollte. Dieses Schauspiel führte dann zu Auseinandersetzungen zwischen den höchsten militärischen Würdenträgern – der Zar hatte die schwere Rolle des Schiedsrichters.65 Nach mehreren Zusammenkünften mit dem Zaren und dem russischen Hofstaat besichtigte Wilhelm noch den Hafen von Kronštádt, nahm an einem Regimentsfest und einer Parade teil und inspizierte die Technik der Gardeartillerie. Nachdem er auch noch die Botschafter aus Frankreich und der Habsburgermonarchie sowie eine dänische Gesandtschaft empfing, war sein offizielles Programm abgearbeitet.66 Die zwölftägige Reise nach Russland im Jahr 1884 war in mehrfacher Sicht von Bedeutung – es war das erste Zeremoniell am russischen Hof,67 das der junge Prinz miterlebte und bei dem er brillieren konnte. Die Dienstreise im Auftrag seines Großvaters hatte bei Wilhelm das Herrscherbewusstsein geweckt, denn er schrieb von diesem Augenblick an direkte Berichte an den Kaiser und mit Erlaubnis Bismarcks führte Wilhelm auch Korrespondenz mit Aleksándr III. So war schon früh eine feste Bindung an Russland garantiert – gewollt, unterstützt und arrangiert durch Wilhelm I. und Bismarck. Es muss großen Eindruck auf den jungen Prinzen gemacht haben, allein in diplomatischer Mission nach Russland zu reisen, um letztlich Frieden und Einigkeit zwischen den Herrscherhäusern zu zelebrieren – hier bildeten sich anscheinend auch sein (Sendungs-)Bewusstsein und der Wille heraus, eine dynastische Diplomatie zu etablieren.68 64  Vgl. Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 301–304. Wilhelms Programm in Moskau ähnelte dem in Petersburg, die Aneinanderreihung großer russischer Herrscher in der Krönungskirche hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck. 65  Vgl. ebd., S. 296–298. 66  Vgl. ebd., S. 289 f. 67  Vgl. Benner: Die Strahlen der Krone (wie Anm. 36), S. 96. 68  Vgl. Clark: Wilhelm II. (wie Anm. 42), S. 25 f.; Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 300 f. Wilhelm sollte auf ausdrücklichen Wunsch des Zaren



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2. Die zweite Reise Im Jahre 1886 reiste Wilhelm gleich zweimal in russische Gefilde – im Februar zur Bärenjagd und im August in politischer Mission nach BrestLitowsk (Bjeraszje).69 Auf Einladung des Fürsten Anton Radziwill (Antoni Radziwiłł, 1833–1904) kam Wilhelm zur Bärenjagd auf dessen Ländereien – im Gouvernement Minsk – per Reiseschlitten. Die Landschaft empfand der Prinz als „öde und trostlos“70, da durchgehend mit Schnee bedeckt und kaum erkennbar, einzig die Birken dienten dem Gast zur Orientierung. Später reiste Wilhelm mit dem Fürsten durch das Land, sie machten Halt in Kilez. Bei sehr gutem Wetter – strahlende Sonne und Kälte71 – näherten sich die Dorfbewohner den Reisenden. Detailliert verzeichnete Wilhelm die äußerlichen Charakteristika der Bewohner – ihre Physiognomie ähnelte den Apostelköpfen Albrecht Dürers. Erschreckend wirkte allerdings die leichte Bekleidung der Frauen, die weder Schuhe noch Strümpfe ihr Eigen nannten – einige Kinder hatten kaum warme Kleider, sondern wurden nur durch ein Hemd vor der Kälte geschützt. Fürst Ferdinand von Radziwill (Ferdynand Radziwiłł, 1834–1926) meinte zu dem erstaunten Prinzen, dass nur die Abgehärtetsten in diesem Klima überleben würden.72 Schlichtheit war dem jungen deutschen Prinzen nicht unangenehm, so bewohnte die Jagdgesellschaft ein einfaches Holzhaus, das durch behagliche Zimmer­ einrichtung hervorstach. Damit hatte Wilhelm einen direkten Einblick in die russische Weite, das Dorfleben und die Einfachheit abseits von Sankt Petersburg.73 In der Hauptsache war der zweite Besuch im September 1886 in Russland politisch motiviert,74 um die Festigkeit des Dreikaiserbündnisses zu demonstrieren. Diese Reise war dahingehend problematisch, dass Kronprinz Friedrich (1831–1888) von Wilhelm I. in der Wahl zum Besuch in Russland übergangen wurde. Das allerdings war rein diplomatisches Kalkül, denn Friedrich galt als antirussisch und pro-britisch gesinnt – sein Besuch hätte die ohnehin angespannte Atmosphäre noch verschärft. Wilhelm I. und Bismarck ließen sich nicht abbringen von ihrer Wahl, Prinz Wilhelm zeigte sich auch Moskau besuchen. Vgl. Uwe Greve: Kaiserjacht „Hohenzollern“. Kaiser Wilhelm II. zur See. Berlin 1994, S. 31. 69  Vgl. Rall: Wilhelm II. (wie Anm. 34), S. 35  f.; Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten (wie Anm. 38), S. 12 f. 70  Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 306. 71  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl.  145 / 182. 72  Vgl. Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 305–309. 73  Vgl. ebd., S. 309. 74  Vgl. Willibald Gutsche: Wilhelm II. Der letzte Kaiser des Deutschen Reiches. Eine Biographie. Berlin 1991, S. 31.

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innerlich hin und her gerissen, da er die Ehre seines Vaters nicht verletzt sehen wollte.75 Nach zweitägiger Fahrt kam Wilhelm am 10. September am Brest-Litowsker Bahnhof an, wo er vom Zaren, dem Thronfolger und einigen Großfürsten – darunter Vladímir Aleksándrovič (1847–1909) und Michaíl Nikoláevič (1832–1909) – begrüßt wurde.76 Nun war das Programm weniger kulturell als vielmehr militärisch ausgelegt. Wilhelm betonte diesmal das eher angeschlagene Verhältnis zum großen Nachbarn im Osten, die Beziehung zu Russland schien nicht mehr die alte; er beobachtete eine panslavische Hetze in Russland, die sich auch gegen Deutschland richtete und immer stärker eine Bindung zu den Franzosen favorisierte.77 Die Bewunderung für Russland schien durch eine kritischere Sichtweise ersetzt worden zu sein,78 obwohl der Zar damals dem Prinzen das „Du“ anbot – als Zeichen des Respekts und der Zuneigung.79 IV. Die kaiserliche Russlandreise 1. Kommunikation mit dem Reich Eine Problematik eigener Art war der stete Fluss von Informationen aus der Heimat an den Kaiser sowie die Beantwortung von Nachrichten. Die Staatsgeschäfte ruhten schließlich nie, und damit war es eine der wichtigsten logistischen Aufgaben während der kaiserlichen Reisen, den pünktlichen Erhalt von Nachrichten und Depeschen an Wilhelm II. auch in der Ferne zu gewährleisten. Schließlich musste der ordentliche Gang der Staatsgeschäfte im Reich gewährleistet sein, wenn der Imperator einen Auslandsbesuch unternahm. Auch wollte der Kaiser nicht von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen sein bzw. übergangen werden. Hierbei zeigt sich die Bedeutung der steten Kommunikation – als Kampf um die Herrschaft im eigenen Reich. Denn die Legitimation des Kaisers musste fortwährend reproduziert werden. Zur damaligen Zeit wurden zur Lösung dieser logistischen Aufgabe Wilhelm II.: Aus meinem Leben (wie Anm. 55), S. 320–322. ebd., S. 323. 77  Vgl. ebd., S. 324–326; Erich Thoma: Der Einfluss der Randbemerkungen Bismarcks und Kaiser Wilhelms II. auf die deutsche auswärtige Politik. Tübingen 1930, S. 6–8. 78  Vgl. Cecil: Wilhelm II. (wie Anm. 41), S. 115–131; Roderick R. McLean: Royalty and Diplomacy in Europe 1890–1914. Cambridge 2001, S. 17 f. Bei der ­ Zusammenkunft im Jahr 1886 herrschte zwischen beiden eine abgekühlte Stimmung – dies mochte auch mit dem zunehmenden Einfluss des Grafen Waldersee auf Wilhelm zusammenhängen. Vgl. Kracke: Prinz und Kaiser (wie Anm. 41), S. 195 f. 79  Vgl. Straub: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 62), S. 110 f. 75  Vgl. 76  Vgl.



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Kuriere eingestellt, die dann in bestimmtem Rhythmus die Briefe und sonstige Informationen zu überbringen hatten.80 2. Geschenke für alle Der Gast kam nie ohne Geschenke, so war es selbstverständlich, dass Wilhelm für den russischen Kaiser, die russischen Fürsten und die Hofgesellschaft kleinere bzw. größere Gaben mitbrachte.81 Der Zar erhielt beispielsweise einmal ein Rauchservice überreicht, dem Großfürst Vladímir wurde eine Portraitvase vermacht, Zigarettendosen gelangten an den Ehrendienst und Orden an die russischen Hofbeamten; zudem wurden Brillantdosen und eine goldene Remantoir-Uhr aus dem sächsischen Ort Glashütte verschenkt.82 Die Auswahl der Geschenke für Nikoláj II. erfolgte durch die Militärbevollmächtigten in Sankt Petersburg, da diese den Zaren am besten kannten – Wilhelm II. verließ sich auf ihr Russlandbild, um entsprechende Ehrerweisungen mittels Hofgeschenken darzubieten; in einem Fall beschreibt Hintze den Zaren als einfach und schlicht – dementsprechend sollte auch das Geschenk ausfallen. So erhielten Nikoláj II. und Alix von HessenDarmstadt (1872–1918, als Kaiserin: Aleksándra Fëdorovna) zu ihrer Hochzeit 1884 ein Tafelservice im Rokoko-Stil.83 3. Kaiserlicher Empfang in Russland Die Eindrücke, die Wilhelm II. in Russland sammelte, waren von märchenhafter Qualität, gepaart mit militärischer Prachtentfaltung84 – der Empfang in Kronštádt85, einer Insel, die dem Besucher die Schönheit und das Geheimnisvolle des russischen Reiches gleich zu Beginn darbot, war stets beeindruckend. Militärisches Aufgebot – an die 51 Kriegsschiffe der russischen Marine – und große Menschenmassen begrüßten den deutschen Herrscher. Die Kulisse ähnelte einem Gemälde, zudem steigerte sich die Begrüßungszeremonie, als die Zarenfamilie mit über 16 Wagen eintraf.86 Zar Aleksándr III. kam mit seinem neben ihm zierlich wirkenden Sohn Nikoláj, 80  Vgl.

GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 133. Jarchow: Hofgeschenke (wie Anm. 3), S. 68–70. 82  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 690, Bl. 104–119. 83  Vgl. Jarchow: Hofgeschenke (wie Anm. 3), S. 25, 48 f. 84  Vgl. Greve: Kaiserjacht Hohenzollern (wie Anm. 68), S. 7–12. 85  Vgl. Susann Baller u. a. (Hrsg.): Die Ankunft des Anderen. Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen in Empfangszeremonien. Frankfurt am Main / New York, NY 2008, S. 11–34, hier: 15–18. 86  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 70. 81  Vgl.

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dessen Gestalt allerdings größte Sympathien bei anderen Höfen weckte.87 Aleksándr trat in preußischer Uniform und mit entsprechend verliehenen Orden auf, zu Ehren des Gastes. Auch Wilhelm II. hatte entsprechend der höfischen Gepflogenheiten eine russische Uniform an.88 Der russische Zar fuhr mit seiner Yacht dem deutschen Kaiser entgegen, begleitet von steten Hochrufen seiner Untertanen. Überall war eine Flut von Uniformen und Trachten zu sehen, ein solcher Empfang war ganz nach Wilhelms Geschmack. Die russischen Frauen aus der Zarenfamilie trugen keinen Prunk zur Schau, da man auf den Tod Kaiser Friedrichs III. Rücksicht nahm.89 Der junge deutsche Monarch verließ seine Yacht, um an Bord des russischen Begrüßungsschiffes zu gehen. Danach fuhr das Schiff zur Zarenyacht. Im Moment der Begrüßung der beiden Herrscher wurden die Massen von der eigenen Begeisterung mitgerissen und steigerten sich zu jubelnder Höchstform. Mit Küssen auf die Wangen unter Kanonendonner aller Schiffe zogen sich beide Monarchen zurück. Alles zeigte sich im Einklang, die Bindung zweier Völker wurde durch ihre Herrscher zelebriert – die Fahnen der Reiche wehten miteinander im Wind.90 Nach einer gewissen Zeit kam Wilhelm an Land, damit er die Kaiserin und das Gefolge begrüßen konnte. Er musste nun die Ehrenwache der Garde-Marine-Infanterie unter den Klängen des russischen Präsentiermarsches abnehmen. Die Ehrenwache rief dem deutschen Kaiser eine russische Begrüßung entgegen, die der Kaiser ebenfalls auf Russisch beantwortete – es wurde gegenseitige Gesundheit gewünscht.91 Der prachtvolle Empfang setzte sich im Schloss fort. Zudem war die Unterbringung des Kaisers mit den Gemächern des Zaren verbunden,92 so dass auch räumlich die Nähe nicht abnahm. Selbst die maritime Seite Wilhelms II. wurde befriedigt, da er von seinen Zimmern nicht nur das Rauschen friedlicher Wasserfälle im Park hörte, sondern eben auch das Meer im Blickfeld hatte.93 Die Begrüßung seitens der kaiserlichen Verwandten erfolgte herzlich – Umarmungen und Wangenküsse waren an der Tagesordnung.94

87  Haustein:

Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 11), S. 31 f. Catrine Clay: König, Kaiser, Zar. Drei königliche Cousins, die die Welt in den Krieg trieben. Aus dem Engl. übertr. von Michael Müller. München 2006, S. 65. 89  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 184. 90  Vgl. Haustein: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 11), S. 35. 91  Vgl. ebd., S. 36 f. 92  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 668, Bl. 104. 93  Vgl. Haustein: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 11), S. 38. 94  Vgl. GStA PK / BPH, Rep. 113 / 664, Bl. 183. 88  Vgl.



Das Russlandbild Wilhelms II.

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4. Die Reise 1890 Die Reisen wurden detailliert durchgeplant. Von Kiel aus, wo die Reise begann, dauerte die Überfahrt nach Reval (Tallinn) zwei Tage. Die Planung war derart genau, dass die Gruppe, die per Zug reiste, fast gleichzeitig in Reval eintraf und an die Kolonne des Kaisers Anschluss nahm.95 Von Reval aus verlagerte sich die kaiserliche Unternehmung nach Narva96, wobei hier einem Regimentsfest und in dessen Nähe in Janburg später einem Manöver beigewohnt wurde. Am achten Tag nach der Abfahrt aus Kiel wurde ein allgemeiner Ruhetag gewährt, um den durchaus erschöpften Reisenden eine Erholung zu gönnen.97 Nach dem Ende eines weiteren Manövers in Gomontovo kamen die höchsten und allerhöchsten Herrschaften nach Sankt Petersburg zum Dinner. Am selben Tag sollte jedoch in Kronštádt schon wieder die Rückreise auf der S.M.Y. Hohenzollern angetreten werden. Die gesamte Reise dauerte vom 14. bis zum 26. August 1890.98 Innerhalb von Russland bewegte sich das kaiserliche Hauptquartier mittels Eisenbahnen99, Wagen und Pferden fort. Das Miteinander suggerierte, dass es letztlich eine dynastische Großfamilie war – entsprechend den Vorstellungen von Wilhelm II.: Die Zarin im Galawagen, gefolgt vom deutschen Kaiser, Zar Aleksándr III. und Prinz Heinrich, die wie eine Familie in russische Uniform gehüllt durch die russischen Wälder ritten.100 Eine Parade folgte der nächsten, entweder wurden sie vom jeweils kommandierenden General geleitet oder direkt vom Zaren – die russischen Truppen zeigten sich in ihrer vornehmsten Form. Der Zar führte eine Truppe mit Gruß am Kaiser vorbei, dann folgte auf diese Geste der Anerkennung eine entsprechende Geste von Seiten Wilhelms, indem er sein WiborgschesKaiser-Wilhelm-Regiment mit dem Säbel grüßend am Zaren vorbeiführte und ihm nach dieser Ehrdarbietung die Hand reichte – Momente symbolischer Völkerverständigung, zumindest zeremonieller Natur.101

95  Vgl.

ebd., Rep. 113 / 690, Bl. 87. ebd., Bl. 16. Die Fahrt von Reval nach Narva erfolgt in einem kaiserlichrussischen Sonderzug. 97  Vgl. ebd., Bl. 18. 98  Vgl. ebd., Bl. 2–7. 99  Dass die russische Eisenbahn nicht schnell war – sie fuhr mit höchstens 44 Kilometern pro Stunde durch das Land –, störte niemanden, da „kaiserliches Wetter“ herrschte. 100  Vgl. Haustein: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 11), S. 47. 101  Vgl. ebd., S. 48 f. 96  Vgl.

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5. Die Reise 1897 Im August 1897 weilte der Kaiser mit seiner Gattin erneut in Russland. Nach dem Empfang durch das Zarenpaar wurden sie in einen Pavillon eskortiert, der schon für Zarin Ekaterína II. (1729–1796) zur Verfügung gestanden hatte. In dieser Umgebung standen die gesamte Zarenfamilie sowie die Hofgesellschaft zum Empfang bereit. In Peterhof fand das kulturelle Programm statt – ein Ballettstück wurde im Freien vorgeführt –, unterstützt von dem prachtvoll angelegten Park und der eleganten Schönheit des Schlosses.102 Wilhelm sah sich wieder in größter Einigkeit und engster Bindung mit dem Zaren: „Nicky und ich sind als innig, sich zärtlich liebende und absolut aufeinander bauende Freunde wieder geschieden; und sind augenblicklich unsere Beziehung so, wie sie […] vielleicht in der allerbesten Zeit zwischen Nikolaus I. und Großpapa gewesen sind.“103 V. Fazit Das deutsche Kaiserreich und Russland waren nach des deutschen Kaisers Meinung jene beiden Reiche, die Europa und dessen kulturelle Güter zu schützen hatten.104 Wilhelm II. sah in der Bindung zu Russland zugleich die Stärkung einer europäischen Interessengemeinschaft.105 Er wusste sehr wohl, dass der Frieden in Europa die einzige Chance für die Monarchie war, längerfristig zu überleben und sich der Entzauberung der Welt, die einer Rationalisierung von Herrschaft gleichkam, zu erwehren. Das sakrale Reise-Königtum, wie es Wilhelm II. begriff, war obsolet geworden. Die Chance für den Kaiser bot sich in einer Mystifizierung von Herrschaft und Herrschaftsbeziehungen.106 Die Herrscher lebten in einer Parallelwelt, die womöglich symbolische Einflüsse auf die Realpolitik hatte, aber in ihrer Art überholt war. Es ist möglich, die Reisen als Versuch zu werten, aus trister Schreibtisch­ arbeit auszubrechen und sich der internationalen Repräsentation hinzu­ geben. Allerdings waren auch diese Reisen letztlich Bestandteile der dynastischen Diplomatie107, die symbolisch auf die Berufsdiplomatie wirkRall: Wilhelm II. (wie Anm. 34), S. 131. an Graf Eulenburg. Zit. nach: Paléologue: Wilhelm II. und Nikolaus (wie Anm. 58), S. 18. 104  Vgl. Penzler: Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. 2 (wie Anm. 31), S. 31 f. 105  Vgl. ebd., S. 33; McLean: Royalty and Diplomacy in Europe (wie Anm. 78), S. 15. 106  Vgl. Max Weber: Die drei reinen Grundtypen der legitimen Herrschaft. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1985, S. 475–488. 107  Vgl. James Retallack: Germany in the age of Kaiser Wilhelm II. London 1996, S. 79. 102  Vgl.

103  Wilhelm II.



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te.108 Wilhelm hatte kein einheitliches Bild von Russland. In den 1890er Jahren meinte der Kaiser noch, gute Beziehungen zu Russland zu haben.109 Besonders dem russischen Volk fühlte er sich verbunden, gerade in reli­ giöser Hinsicht. So schrieb er an Nikoláj II. während seiner Orientreise: „Was für Tausende sogar deiner niedrigsten Bauern richtig ist, ist auch für mich richtig.“110 Dementsprechend war lange Zeit das persönliche Verhältnis zu Zar Nikoláj II. entscheidend: „[…] Nur wer den Zaren Nikolaus menschlich so kannte, wie ich ihn kannte, vermag zu beurteilen, weshalb ich so geschrieben habe. Ein Zar von Russland, mit einem fast göttlichen Nimbus und ungeheurer Macht ausgestattet, dabei ein unfreier Mann im eigenen Haus und eigenen Land, halb asiatischer Despot, halb ein naives, weiches Kind, trägt einen Januskopf.“111 Wilhelm meinte den Zaren Nikoláj II. gut zu kennen112 und ordnete ihn zwischen den beiden Polen „gottähnlich“ und „asiatischer Despot“ ein.113 Das Denken Wilhelms über Russland wurde im beginnenden 20. Jahrhundert indes immer negativer. Er war zusehends enttäuscht vom Zaren und dessen Politik und schien in seiner Euphorie, mit Russland zusammen gehen zu können, deutlich ausgebremst.114 Wilhelm II. glaubte an den Kampf zwischen der „weißen“ und der „gelben Rasse“115 und projizierte die Rolle des Verteidigers von Europa auf Russland.116 Später verschlechterte sich sein Russlandbild zu einer Reinermann: Der Kaiser in England (wie Anm. 6), S. 109. Otto Fürst von Bismarck: Kaiser Wilhelm II. (1890 / 1921). In: Martin Kohlrausch (Hrsg.): Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen. Mit Fotogr. aus dem Archiv des Hauses Hohenzollern. Berlin 2006, S. 57–82, hier: 73–75. 110  Zit. nach: Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit (wie Anm. 34), S. 142. 111  Zit. nach: Alfred Niemann: Wanderungen mit Kaiser Wilhelm II. Leipzig 1924, S. 61. 112  Vgl. Dirk von Pezold: Cäsaromanie und Byzantinismus bei Wilhelm II. Köln 1971, S.  146 f. 113  Vgl. Kracke: Prinz und Kaiser (wie Anm. 41), S. 196 f.; Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit (wie Anm. 34), S. 198; Beat Hemmi: Kaiser Wilhelm II. und die Reichsregierung im Urteil schweizerischer diplomatischer Berichte 1888–1894. Zürich 1964, S. 100–102. 114  Vgl. Jarchow: Hofgeschenke (wie Anm. 3), S. 66 ff. 115  Vgl. Wilderotter / Pohl (Hrsg.): Der letzte Kaiser (wie Anm. 33), S. 320  f.; Whittle: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 57), S. 273. Ein wichtiges Indiz für das Russlandbild Wilhelms war auch das auf seinen Entwurf hin geschaffene Gemälde Völker Europas wahret Eure heiligsten Güter. Hierbei zeigt sich die erwünschte Frontstellung des Zarenreiches gegen die aufflammende „gelbe Gefahr“. Ein weiteres Gemälde unter dem Titel Admiral des Atlantiks – Admiral des Pazifiks, dass Wilhelm II. zeichnete, um die Verbundenheit zwischen Zarenreich und Kaiserreich zu demons­ trieren, zeigte ihn selbst ein Kreuz haltend, aufblickend von Nikoláj II. beobachtet. 116  Vgl. Hilde Prowaseck: Der Gedanke einer Kontinentalliga gegen England unter Wilhelm II. Leipzig 1928, S. 55. 108  Vgl. 109  Vgl.

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Extremposition, die sich darin äußerte, dass er den Panslavismus als den Hauptverursacher des Ersten Weltkrieges sah.117 Wilhelm II. war sicher kein einfacher Partner für seine monarchischen Kollegen in Europa.118 Unbestritten galt für ihn jedoch vor 1914 der Grundsatz monarchischer Solidarität. Es war sein Wunsch, den 1917 gestürzten Zaren bei sich aufzunehmen119, obwohl Nikoláj ihn enttäuscht hatte und zum gegnerischen Kriegslager gehörte.120 Die positiven Erinnerungen an die Begegnungen mit Nikoláj II. bewahrte Wilhelm II. trotz des militärischen Auseinandergehens der Vettern bis zum Schluss. Sein letzter Besuch in Russland erfolgte auf Einladung des russischen Zaren im Juni 1912. In Baltisch Port (Paldiski / Baltijskij Port) sollten die zwei kaiserlichen Yachten ein letztes Mal nebeneinander in Eintracht ankern. Es war ein Treffen von demonstrativer Freundlichkeit – und völliger politischer Bedeutungslosigkeit.

Niemann: Wanderungen mit Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 38), S. 58–60. Wilderotter / Pohl (Hrsg.): Der letzte Kaiser (wie Anm. 33), S. 47; Hartmut Pogge von Strandmann: Georg V. (1910–1936). In: Peter Wende (Hrsg.): Englische Könige und Königinnen der Neuzeit. Von Heinrich VII. bis Elisabeth II. München 2008, S. 309–326, hier: 320. Georg V. (1865–1936) hatte mit seiner Herrschaft der Monarchie in England einen Wandel beschert. Diese nationalisierte sich stark, was zum Bruch der traditionell-verwandtschaftlichen Bindungen zu PreußenDeutschland beitrug. 119  Vgl. Whittle: Kaiser Wilhelm II. (wie Anm. 57), S. 386 f. 120  Vgl. Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit (wie Anm. 34), S. 348; McLean: Royalty and Diplomacy in Europe (wie Anm. 78), S. 25. 117  Vgl. 118  Vgl.

IV. Wahrnehmungen des Bolschewismus

Ein deutscher Künstler im Sowjetreich. Heinrich Vogelers „Reise durch Rußland“ Von Nadine Dathe (Leipzig) „Sowjetrußland ist ein so komplizierter Organismus – zugleich ist seine Entwicklung und seine Zukunft von so ungeheurer Bedeutung für die Zukunft der gesamten Menschheit, daß jeder Bericht über Rußland schwerer wiegt als Berichte über irgendein anderes Land der Welt.“1 I. Einführung II. Aufbrüche ins Unbekannte: Zur Entwicklung des deutschen Reiseverkehrs in die Sowjetunion 1917 / 18–1924 III. Vom Weltflüchtigen zum Maler-Revolutionär: Das Leben Heinrich Vogelers IV. Russlandbild und Russlandwahrnehmung in Heinrich Vogelers Reisemono­ graphie Reise durch Rußland 1. Ausgangssituation und Erwartungshorizont 2. Wahrnehmung und Beurteilung der Sowjetunion während der Reise 3. Perzeption und quellenkritische Notizen V. Fazit

I. Einführung An keinem anderen Staatswesen schieden sich nach 1917 / 18 in Deutschland derart scharf die Meinungen wie an Sowjetrussland: Während die einen voller Hoffnung und Bewunderung im neuen Russland die Wiege des Menschheitsfortschritts und die Vision einer sich dem Sozialismus verpflichtenden Zukunft sahen, geriet es den anderen zu einem Schreckbild von Anarchie und Revolution, Gewalt und Barbarei, in dem sich zugleich alte Feindbilder und Furchtkomplexe zu neuen umfassenden Bedrohungsängsten vereinten. Diese Polarisierung der deutschen öffentlichen Meinung 1  Hans Siemens: Rußland. Ja und Nein. Berlin 1931. Zit. n.: Richard MüllerSchmitt: Kommunismus als Reiseziel. Von der Russischen Revolution bis heute. In: Norbert Ropers (Hrsg.): Osteuropa. Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn. Ein Reisebuch in den Alltag. Reinbek bei Hamburg 1985, S. 29–35, hier: 29 f.

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ist vielfach auch von den Zeitgenossen so empfunden worden, wie die Aufzeichnungen des deutschen Mathematikers und Publizisten Emil Julius Gumbel (1891–1966) bezeugen: „[Es] gibt […] zwei absolut bestimmte und festgelegte Meinungen, die Rußland vollkommen erschöpfen. […] Für die einen ist Dantes Hölle ein Kindergarten gegen das heutige Rußland. Das Land stinke nach Leichen, die Machthaber, erfüllt von den gleichen Instinkten wie die großen Tyrannen Kaligula und Nero, baden in Blut. […] Dem steht die Auffassung gegenüber, daß die dortige proletarische Revolution alle geistigen und produktiven Kräfte befreit habe, die unter dem Kapitalismus nicht hätten wirken können. Daher sei Rußland das fortgeschrittenste Land der Welt, seine Technik schlage alles, was Europa je hervorgebracht, es übertreffe an Hygiene und sozialen Einrichtungen die ganze alte kapitalistische Kultur.“2 Die öffentliche Diskussion, die sich ebenso kontrovers wie leidenschaftlich über die Sowjetunion3 und ihre gesellschaftspolitischen Maximen in Deutschland entfachte, fand ihren Nährstoff vor allem in den zahlreich veröffentlichten Reise- und Erlebnisberichten deutscher Russlandreisender, die seit den frühen 1920er Jahren den deutschen Buch- und Zeitschriftenmarkt geradezu massenhaft überschwemmten.4 In Anbetracht der insgesamt äußerst unsicheren Nachrichtenlage waren Reiseberichte und Reportagen, die dank ihres Wahrnehmungsvorsprungs des „selber Sehens, selber Hörens“ als authentische Quellen von hoher Glaubwürdigkeit galten, für die deutsche Öffentlichkeit weithin die beste Möglichkeit, um sich ein Bild über die Sowjetunion zu verschaffen. Neben der Tagespresse nahmen sie daher am Vorabend der neuen Massenmedien Radio, Kino und Fernsehen eine bedeutende Rolle sowohl bei der Wissensvermittlung über die neue Situation in Sowjetrussland als auch im Prozess der politischen Meinungsbildung ein.5 Aus der Fülle der während der Jahre der Weimarer Republik über die Sowjetunion entstandenen Reise- und Erlebnisberichte hat sich der vorliegende Beitrag im Besonderen dem Reisetext des deutschen Jugendstilkünst2  Emil Julius Gumbel: Vom Rußland der Gegenwart. [Nachdr. d. Ausg.] Berlin 1927. Mit e. Vorw. zur Neuaufl. von Ossip K. Flechtheim. Heidelberg 1982, S. 9 f. 3  Der Begriff „Sowjetunion“ findet eine im allgemeinen Sinne verstandene Verwendung, soweit von größeren, die 1920er und 1930er umfassenden Zeiträumen die Sprache ist – auch dann, wenn diese die Phase vor der Gründung der Sowjetunion im Dezember 1922 betreffen. 4  Allein im Zeitraum zwischen 1921 und 1941 sind mehr als 900 Berichte über Reisen und Aufenthalte in der Sowjetunion dokumentiert. Vgl. Wolfgang Metzger: Bibliographie deutschsprachiger Sowjetunion-Reiseberichte, -Reportagen und -Bildbände 1917–1990. Wiesbaden 1991, S. 26–96. 5  Vgl. Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Rußland 1921–1941. Mit einem bio-bibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren. Münster u. a. 2003, S. 1.



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lers und späteren Sozialrevolutionärs Heinrich Vogeler (1872–1942) angenommen, der 1925 unter dem Titel Reise durch Rußland. Die Geburt des neuen Menschen6 erschienen ist. Nachdem die geschichtswissenschaftliche Forschung dem Thema der deutschen Russlandrezeption und -wahrnehmung in den Jahren der Weimarer Republik lange Zeit nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat,7 ist im Zuge der wissenschaftlichen Aufarbeitung der deutschen Russlandrezeption und -wahrnehmung in den vergangenen Jahren auch eine stärkere Hinwendung zum Thema der „Reisen ins neue Russland“ während der 1920er und frühen 1930er Jahre sowie eine breite Wiederentdeckung der aus diesen Reisen hervorgegangenen Literatur zu verzeichnen.8 In Abgrenzung von der älteren Forschung, die von einem deutschen „Russland-Komplex“9 als einer langen Tradition deutscher Russlandfeindschaft 6  Heinrich Vogeler: Reise durch Rußland. Die Geburt des neuen Menschen. Mit 32 Zeichnungen des Verfassers, einem Nachwort von Jan Vogeler sowie einem Essay des Hrsg. Dietger Pforte. Faksimile der 1925 im Reissner-Verlag, Dresden erschienenen Originalausgabe. Fernwald / Wißmar 1974. 7  Einer der frühsten Versuche einer rezeptionsgeschichtlichen Aufarbeitungen war der Aufsatz von Heinrich Stammler: Wandlungen des deutschen Bildes vom russischen Menschen. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 5 (1957), S. 271–305. Von den Gedanken, „die sich Russen und Deutsche in diesem Jahrhundert übereinander gemacht haben“, handelte auch die Arbeit von Walter Laqueur: Deutschland und Russland. Frankfurt am Main / Berlin 1965 (Zitat: S. 7). 8  Sowohl im deutschen als auch im angloamerikanischen Sprachraum richtete sich das Forschungsinteresse zunächst auf das Phänomen des „Revolutionstourismus“, wobei jedoch die Frage nach der bewussten Täuschung und Korrumpierung der Reisenden durch die sowjetischen Gastgeber sehr stark im Mittelpunkt stand: Sylvia R. Margulies: The Pilgrimage to Russia. The Soviet Union and the treatment of foreigners, 1924–1937. Madison, WI u. a. 1968; David Caute: The Fellow Travellers. A Postscript of the Enlightenment. New York, NY 1973; Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Radikale Touristen. Pilger aus dem Westen – Verbannte aus dem Osten. München 1975; Paul Hollander: Political Pilgrims. Travels of Western Intellectuals to the Soviet Union, China, and Cuba 1928–1978. New York, NY / Oxford 1981. Zu neueren Forschungsentwicklungen siehe: Christian Noack: Tourismus in Russland und der UdSSR als Gegenstand historischer Forschungen. Ein Werkstattbericht. In: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), 477–498. 9  Dieser Begriff definierte die Grundemotion der deutschen Haltung gegenüber dem Osten als eine spezifische Mischung aus Gefühlen kultureller Superiorität und politischer Inferiorität, die sich wiederholt zu einem Komplex aggressiver Ängste und zwanghafter Vorstellungen, aber auch zu weiterreichenden Expansionsträumen und Kolonisationsphantasien verdichtet hätten. Vgl. den Aufsatz von Fritz T. Epstein: Der Komplex „Die russische Gefahr“ und sein Einfluss auf die deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert. In: Immanuel Geiss / Bernd Jürgen Wendt (Hrsg.): Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Düsseldorf 1973, S. 143–159. Den Gedanken des Aufsatzes von Epstein schloss sich auch der Vortrag von Dietrich Geyer: Ostpolitik und Geschichtsbewusstsein in Deutschland. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 34 (1986), H. 2, S. 147–159 an, der ebenfalls die „Konsens stiftende Kraft der Russlandfeindschaft“ (S. 155) nachdrücklich betonte.

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und Russophobie ausging, haben jüngere Untersuchungen das deutsch-russische Verhältnis in ein wesentlich helleres und differenzierteres Licht zu rücken versucht und die deutsche Sicht auf Russland eher als „ein weitläufiges Changieren zwischen Angst und Bewunderung, phobischer Abwehr und emphatischer Zuwendung“10 beschrieben. In diesem Kontext lässt sich auch die präsentierte Untersuchung verorten. Einem historischen Abriss über die Entwicklung des deutschen Reiseverkehrs in die frühe Sowjetunion folgt ein Überblick über die biographischen Stationen Heinrich Vogelers, soweit sie für sein Russlandbild von Belang sind. Darauf aufbauend wird eine umfassende Betrachtung des von ihm verfassten Reiseberichts anhand ausgewählter Punkte entfaltet. II. Aufbrüche ins Unbekannte: Zur Entwicklung des deutschen Reiseverkehrs in die Sowjetunion 1917 / 18–1924 Kaum ein anderes Phänomen übte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg auf die westliche Gesellschaft eine derartige Wirkung aus wie der in Sowjetrussland proklamierte Kommunismus. Auch in Deutschland blickte man – wenngleich aus widersprüchlichen Gefühlen der Angst und Bewunderung – neugierig und mit größtem Interesse in das neue Land der Sowjets. In seinen Erinnerung schreibt Stefan Zweig (1881–1942): „Russland war durch das bolschewistische Experiment für alle geistigen Menschen das faszinierendste Land des Nachkriegs geworden, ohne genaue Kenntnis gleich enthusiastisch bewundert wie fanatisch befeindet. Niemand wusste zuverlässig – dank der Propaganda und gleich rabiaten Gegenpropaganda –, was dort geschah. Aber man wusste, daß dort etwas ganz Neues versucht wurde, etwas, das im Guten oder Bösen bestimmend sein könnte für die zukünftige Form unserer Welt.“11 In der Tat war die Anziehungskraft Sowjetrusslands groß. Das Revolutionsgeschehen und der nachfolgende Aufbau des sozialistischen Systems lösten zu Beginn der 1920er Jahre eine imposante Reisebewegung aus, die in einer ebenso beeindruckenden Zahl von Reise- und Erlebnisberichten einen reichen literarischen Niederschlag fand. Wer in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution eine Reise nach Sowjetrussland unternahm, kam in erster Linie in ein vom Krieg verwüstetes Vgl. auch Gerd Koenen: „Rom oder Moskau“. Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924. Diss. Univ. Tübingen 2003, S. 13. 10  Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten. 1900– 1945. München 2005, S. 9. 11  Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt am Main 1973, S. 299.



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Land, dessen politische Führung sich im offenen Kampf gegen innere und äußere Feinde befand und dessen Wirtschaft schwer unter den katastrophalen Zerstörungen des Welt- und Bürgerkrieges sowie den Folgen der Blockade durch die westalliierten Staaten und die weißen Bürgerkriegstruppen litt.12 Eine Reise während dieser frühen Phase war in der Regel nicht nur äußerst unbequem, sondern konnte für den auswärtigen Besucher auch überaus gefährlich sein. Die erste Schwierigkeit vieler Reisender bestand zumeist schon darin, einen sicheren und möglichen Reiseweg nach Sowjetrussland zu finden, da das Land nahezu hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt gewesen war.13 Der vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch rege, ausländische Reiseund Geschäftsverkehr war infolge des Revolutions- und Bürgerkriegsgeschehens nahezu vollständig kollabiert, die Post- und Verkehrsverbindungen funktionierten allenfalls noch sporadisch und auch an eine stabile Errichtung fahrplanmäßiger Verbindungen für den Zivilverkehr war angesichts des Bürgerkrieges und der Intervention ausländischer Truppen nicht zu denken. Darüber hinaus wurden die teils noch intakten und zur Verfügung stehenden Verkehrskontingente hauptsächlich für die Evakuierung und Rückführung russischer Kriegs- und Zivilgefangener aus und nach Russland genutzt. Neben diesen Hindernissen sah sich ein Großteil der Reisenden zudem mit dem Problem konfrontiert, nicht nur eine Einreisegenehmigung der russischen Seite, sondern auch eine von den deutschen Behörden erteilte Ausreisegenehmigung sowie eine Durchreiseerlaubnis der angrenzenden Staaten zu bekommen, die nur Kuriere und Vertreter des Auswärtigen Amtes ohne Schwierigkeiten erhielten. Nicht wenige Reisende sahen sich aus diesem Grunde gezwungen, ihre Anreise illegal und auf höchst abenteuerlichen Wegen zu bestreiten. Des Weiteren war es während der Reise kaum möglich gewesen, ohne Bestechung, Tauschhandel oder durch Geschäfte auf dem Schwarzen Markt an Nahrungsmittel und an die notwendigen Fahrberechtigungsscheine zu gelangen.14 Zu den ersten auswärtigen Besuchern, die es trotz aller Widrigkeiten und des nicht zu unterschätzenden Reiserisikos in den ersten beiden Jahren nach der Oktoberrevolution in das Land der Sowjets drängte, zählten neben kommunistischen und sozialistischen Aktivisten sowie frühen radikalen Touris12  Vgl. Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München 2011, S. 71. 13  Die Einreise nach Russland war sowohl auf dem Land- als auch auf dem Seewege erheblich erschwert: Bis ins Frühjahr 1920 kreuzten vor den russischen Küstengewässern englische und französische Flottenverbände, welche die von Russland verminten Hafeneinfahrten zusätzlich blockierten. Auf dem Landweg wurde der zivile Transitverkehr vor allem durch die neu entstandenen baltischen Staaten, den wiedererrichteten polnischen Staat sowie nicht zuletzt durch den Ausbruch des polnisch-russischen Krieges 1920 maßgeblich behindert. Vgl. Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 14. 14  Vgl. ebd., S. 13 f.

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ten15 insbesondere investigative Journalisten, ausgewählte Vertreter politischer Parteien sowie Geschäftsleute aus Westeuropa und den USA.16 Als Hauptreisemotiv galt während dieser frühen Phase vor allem das durch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und den Abzug der ausländischen Korrespondenten westlicherseits hervorgerufene, überaus große Informa­ tionsdefizit über die Entwicklungen in dem vom Ausland nahezu vollständig isolierten Räte-Russland.17 Darüber hinaus war ein nicht unerheblicher Teil der Reisenden aus der Motivation heraus nach Russland gekommen, um sich entgegen der einseitig negativen Presseberichterstattung sowie den oftmals traumatischen Erlebnis- und Erfahrungsberichten der emigrierten Gegner des bolschewistischen Regimes ein eigenes Bild von der neuen Welt des „realgewordenen Sozialismus“ zu verschaffen.18 Gleichwohl blieb die Zahl der deutschen Russland-Reisenden in den ersten beiden Jahren nach der Oktoberrevolution insgesamt sehr gering. Erst der Sieg der Bol’ševiki im Bürgerkrieg, der durch die 1920 geschlossenen Friedensverträge mit den baltischen Staaten und Finnland auch nach außen abgesichert worden war, die Aufhebung der alliierten Wirtschaftsblockade sowie die Beilegung des polnisch-russischen Grenzkonfliktes erlaubten die schrittweise Wiederherstellung einer halbwegs sicheren Verkehrsanbindung an das europäische Ausland. Daneben leiteten insbesondere die Wiederaufnahme der deutsch-russischen Handelsbeziehungen sowie der im April 1922 geschlossene Vertrag von Rapallo eine deutliche Verbesserung der bilatera15  Dieser Begriff, der von Lev Tróckij (1879–1940) 1923 als paputchiki (poputčiki) geprägt worden war, diente vorrangig der Bezeichnung jener Russlandreisender, die zwar grundsätzlich mit den Zielen des Kommunismus und dem Programm der Bol’ševiki sympathisierten, jedoch weder erklärte Kommunisten noch in ihren Heimatländern Mitglieder der Kommunistischen Partei gewesen waren. Entsprechende Übersetzungen lassen sich u. a. auch in englischer (fellow-traveller) und französischer (compagnon de route) Sprache finden. Vgl. hierzu David Caute: The FellowTravellers (wie Anm. 8), bes. S. 1–14. 16  Zu den ersten deutschen Russlandreisenden, darunter Alfons Goldschmidt (1879–1940), Franz Jung (1888–1963), Max Barthel (1893–1975), Arthur Holitscher (1869–1941), August Heinrich Kober (1887–1954) u. a. vgl. Gerd Koenen: „Indien im Nebel“. Die ersten Reisenden ins „neue Rußland“. Neun Modelle projektiver Wahrnehmung. In: Lew Kopelew / Gerd Koenen (Hrsg.): Deutschland und die russische Revolution 1917–1924. München 1998, S. 557–615. 17  Nachdem bis zum Ende des Jahres 1918 nahezu alle ausländischen Korrespondenten und Beobachter aus Russland abgezogen worden waren, standen lange Zeit allein die Berichte ehemaliger Kriegsgefangener, deutscher Rückwanderer sowie russischer Emigranten und Flüchtlinge als halbwegs gesicherte Informationsquellen zur Verfügung; vgl. hierzu Gerd Koenen: Vom Geist der russischen Revolution. Die ersten Augenzeugen und Interpreten der Umwälzungen im Zarenreich. In: Ebd., S. 49–98; Heeke: Reise zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 13. 18  Vgl. Koenen: „Indien im Nebel“ (wie Anm. 16), S. 557.



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len Beziehungen ein und begünstigten die Entwicklung eines recht vielfältigen zivilen Reiseverkehrs. Darüber hinaus gaben vor allem die deutschen humanitären und sozialistischen Hilfsorganisationen, die sich für die Hungerregionen an der Vólga und in den südrussischen Gebieten einsetzten, weitere wichtige Impulse und halfen, das neue Russland wieder stärker an Westeuropa anzubinden.19 Mit der graduellen Stabilisierung des sowjetischen Regimes sowie der durch den Kurswechsel vom Kriegskommunismus zur Neuen Ökonomischen Politik eingeleiteten partiellen Erholung des russischen Wirtschaftslebens erweiterte sich in der ersten Hälfte der 1920er Jahre neben den Besucherzahlen auch das Spektrum der Reisenden erheblich. Neben Korrespondenten, Journalisten und Reiseschriftstellern kamen nun auch vermehrt Ingenieure, Techniker und Facharbeiter, Handels- und Geschäftsreisende, Beamte, Politiker und Militärs sowie Wissenschaftler und Künstler nach Sowjetrussland.20 Da auch die Sowjetregierung ihrerseits verstärkter darum bemüht war, die Sympathien des Auslandes zu gewinnen und der Welt zu demonstrieren, dass sich ihre Macht entgegen aller Voraussagen gefestigt hatte, nahm besonders der Anteil der Einladungs- und Delegationsreisen bedeutend zu.21 Eine führende Stellung bei der Betreuung der ausländischen Delega­ tionen und Gruppenreisenden nahm dabei die 1925 ins Leben gerufene All­unionsgesellschaft für kulturelle Verbindung mit dem Ausland (WOKS) ein, die den Reisenden unter anderem Dolmetscher und kostenlose Eintrittskarten für Theaterveranstaltungen zur Verfügung stellte, aber auch Stadtführungen und Besichtigungen von Fabriken und sozialen Einrichtungen organisierte.22 Ein Hauptaugenmerk galt der Organisation und Betreuung der Reisenden deutscher Arbeiterdelegationen, die seit der Mitte der 1920er Jahre vermehrt auf Einladung des Sowjetischen Zentralrates der Gewerkschaften (VCSPS) und unter der Federführung der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) das Land besuchten.23 Das Informations- und Besichtigungspro19  Vgl. Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 14 f. Siehe auch Edgar Lersch: Hungerhilfe und Osteuropakunde. Die „Freunde des neuen Rußland“ in Deutschland. In: Kopelew / Koenen (Hrsg.): Deutschland und die russische Revolu­ tion (wie Anm. 16), S. 617–645. 20  Vgl. hierzu ausführlich Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 51–97. 21  Die sogenannten Delegazija-Reisen waren eine Sonderform des Reisens, die in dieser Form zuerst ihre Ausprägung in der Sowjetunion fand. Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Revolutions-Tourismus. In: Kursbuch 30 (1972), 155–181, hier: 161. 22  Vgl. Matthias Heeke: „Rußland aus der Nähe“. Touristische Sowjetunion-Reisen zwischen Alltag und Propaganda. In: Karl Eimermacher / Astrid Volpert (Hrsg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoffnungen. Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit. München 2006, S. 329–368, hier: 330–332. 23  Neben den großen Arbeiterdelegationen wurden durch die IAH regelmäßig auch Reisen kleinerer Delegationen verschiedener sozialer Gruppen (u. a. Bauern,

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gramm dieser staatlich organisierten und gelenkten Reisen war zumeist dicht gedrängt und bot den emsig umsorgten Delegierten im Gegensatz zu den Individualreisenden kaum Möglichkeiten, sich ein eigenes Bild von der Lage in der Sowjetunion zu verschaffen. Angesichts der permanenten Betreuung der Delegierten während der Reise, der konsequenten Abschirmung der Reisegruppen sowie den später verfassten Broschüren der Delegationsreisenden, die kaum etwas Negatives über die Sowjetunion zu berichten wussten, verfestigte sich bald in der deutschen Presse die Meinung, dass den Delegationsteilnehmern nichts als „Potemkinsche Dörfer“ vorgeführt worden wäre.24 Wenngleich sich die Reisenden im Allgemeinen durchaus darüber bewusst gewesen waren, dass das, was man ihnen präsentierte, allenfalls Vorzeigecharakter hatte, so lässt sich nicht bestreiten, dass die sowjetische Regierung mit diesen organisierten Einladungs- und Delegationsreisen ein Bündel von Motiven verband. Neben der Absicht, das stark erlahmende Interesse der deutschen und europäischen Arbeiterschaft an der Sowjetunion wieder zu entfachen, war es vor allem das Ziel der Sowjetregierung, politische Multiplikatoren zu schaffen, deren Berichte in der Heimat das deutlich negativ gezeichnete Bild von der Sowjetunion – gerade auch in der Arbeiterschaft – verbessern sollten.25 Ungeachtet der steigenden und nennenswerten Zahl der Einladungs- und Delegationsreisen blieb der touristische Anteil am Reiseverkehr in die Sow­ jetunion trotz der intensiv vorangetriebenen Bemühungen um eine Verbesserung der Reisebedingungen bis in die zweite Hälfte der 1920er Jahre insgesamt sehr gering. Obwohl sich mit Beginn des Jahres 1924 die Reiselust der Deutschen wieder stärker regte und sich mit dem Anstieg der touristischen Konsumquote auch eine gesteigerte Nachfrage nach Privatreisen in die Sowjetunion verband, wurde die Entwicklung eines intensiveren touristischen Reiseverkehrs gleich in mehrfacher Hinsicht gehemmt: Neben den bestehenden bürokratischen Hürden, wie der langwierigen, kostenintensiven und selektiven Visavergabe, gewährte das sowjetische Außenkommissariat bis 1927 / 28 ausschließlich zweckgebundene Sowjetunionreisen, wodurch rein touristische Reisemotive als Einreisegrund bis auf wenige AusJugendarbeiter, Genossenschafter, Rot-Front-Kämpfer, Frauen und Kinder) in die Sowjetunion vermittelt. Vgl. Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 87 f. 24  Vgl. hierzu ausführlich Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 201–227. Im Zusammenhang auch Matthias Heeke: Reisen nach Moskau. Organisierte Trampelpfade der Fremdwahrnehmung? In: Walter Fähnders / Nils Plath / Hendrik Weber / Inka Zahn (Hrsg.): Berlin, Paris, Moskau. Reiseliteratur und die Metropolen. Bielefeld 2005, S. 169–190. 25  Vgl. Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 85 f.



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nahmen ausgeschlossen blieben.26 Darüber hinaus war eine Sowjetunionreise für die meisten Deutschen finanziell unerschwinglich, machten die hohen Tageskosten sowie der verpflichtende Zwangsumtausch von fünf Dollar pro Tag, durch den der Schwarztausch von Devisen unterbunden werden sollte, die Sowjetunion weltweit zum teuersten Reiseland.27 Die wenigen Reisenden, die trotz dieser Schwierigkeiten im engeren Sinne als Touristen nach Russland reisten, besuchten neben Moskau und Leningrad vor allem die Ukraine, den Kaukasus sowie die Krim. Abgesehen von den südlichen Regionen, die vor allem landschaftlich und klimatisch von besonderer Attraktivität waren, erfreuten sich vor allem Vólgaschifffahrten großer Beliebtheit. Deutlich seltener waren hingegen Reisen in den Norden des Landes, in den Ural oder die asiatischen Gebiete der Sowjetunion.28 Und obwohl sich die sowjetische Führung seit 1928 stärker um die Förderung des Ausländertourismus bemühte und mit der Gründung der staatlichen Aktiengesellschaft Intourist ein massentouristisch ausgerichtetes Reiseunternehmen entstanden war, blieb die Sowjetunion unter den touristischen Zielen der Deutschen weithin ein exotisches Reiseland.29 III. Vom Weltflüchtigen zum Maler-Revolutionär: Das Leben Heinrich Vogelers Der um die Jahrhundertwende berühmt gewordene Jugendstilmaler und spätere Sozialrevolutionär Heinrich Vogeler zählte nach Beendigung des Ersten Weltkrieges zu jenen vielgereisten politisch engagierten Künstlern, die im linksintellektuellen und linksradikalen Kultur- und Geistesleben der jungen Weimarer Republik eine herausragende Rolle spielten. Seine Lebensgeschichte war bestimmt von der Suche nach einer schönen, friedvollen und menschlichen Welt, an deren Möglichkeit er zeit seines Lebens mit geradezu missionarisch-pathetischem Eifer glaubte. Als Sinnbild dieser Suche galt ihm ein Erlebnis, das ihm aus frühesten Kindheitstagen in Erinnerung geblieben war: „Der Vater hatte uns auf den Boden gerufen. Wir sollten die große Überschwemmung sehen, die durch den Deichbruch der Wümme angerichtet war. […] Ein überraschendes Bild lag unter uns. Wo gestern noch Felder und Wiesen waren und der Bürgerpark, da stand jetzt das Wasser, eine blanke Fläche bis an den Horizont. – Erfüllt von dem gewaltigen, großzügigen neuen Landschaftsbild, rief ich vor Freude aus: ‚Das Meer ist gekommen!‘ […] – In diesem Augenblick brach die Märzsonne durch und vergoldete in weiter Fer26  Vgl.

ebd., S. 15 f. ders.: „Rußland aus der Nähe“ (wie Anm. 22), S. 343. 28  Vgl. Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 94. 29  Vgl. Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 25–50. 27  Vgl.

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ne einen schmalen Fetzen Land. Der lag da wie ein goldener Fisch auf einer silbern blinkenden Schüssel. Ich kletterte im eisernen Rahmen der Dachluke hoch und zeigte den beiden Brüdern die leuchtende Insel. ‚Wir müssen ein Schiff bauen […] und die Insel entdecken‘, rief ich.“30 Die Suche nach der golden leuchtenden Insel, der Aufbruch zu neuen Ufern, der Traum von einem schönen und besseren Leben – dies waren die Triebkräfte der konkreten Utopie, die Heinrich Vogeler auf seinem langen, teilweise widersprüchlichen Lebensweg zu einem reichhaltigen Schaffen als Künstler, Lebensreformer, Pädagogen, politischen Schriftsteller und Sozialisten bewegten.31 Am 12. Dezember 1872 als zweites von sieben Kindern des Bremer Eisenwarengroßhändlers Carl Eduard Vogeler und seiner Frau Marie Louise, geborene Förster, in der Freien Hansestadt Bremen zur Welt gekommen, entschied er sich entgegen der elterlichen Erwartung, er würde als ältestes der Kinder einmal den florierenden Eisenwarenhandel übernehmen, für ein von der Kunst bestimmtes Leben.32 Im Rahmen eines Studiums an der Kunstakademie in Düsseldorf schloss sich Vogeler 1892 der studentischen Malerverbindung Tartarus an, in deren Gemeinschaft er die schicksalhafte Begegnung mit dem ebenfalls aus Bremen stammenden Landschaftsmaler Fritz Overbeck (1869–1909) machte. Dieser berichtete ihm von einer kleinen Künstlergemeinschaft, die sich in der Nähe des niedersächsischen Dörfchens Worpswede im Entstehen begriffen befand.33 Die Vorstellung, an jenen Ort am Weyerberg zurückzukehren, dessen Bild von der golden leuchtenden Insel er seit Kindheitstagen in sich trug, wirkte schier elektrisierend auf ihn: Im Frühjahr des Jahres 1895 ließ sich Vogeler nach Abschluss des Studiums in Worpswede nieder.34 Es war für ihn der Beginn einer künstlerisch äußerst anregenden Zeit. Besonders seine einfallsreichen und stilistisch vielfältigen Illustrationen, die 30  Heinrich Vogeler: Werden. Erinnerungen mit Lebenszeugnissen aus den Jahren 1923–1942. Hrsg. von Joachim Priewe und Paul-Gerhard Wenzlaff. Berlin 1989, S. 9. Die Insel, die er damals sah, war der Weyerberg in Worpswede gewesen. 31  Vgl. Siegfried Bresler: Heinrich Vogeler. Reinbek bei Hamburg 1996, S. 7. 32  Vgl. Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 9–18; siehe auch Siegfried Bresler: Auf den Spuren von Heinrich Vogeler. Bremen 2009, S. 6–9. 33  Vgl. Ilse Kleberger: Der eine und der andere Traum. Die Lebensgeschichte des Heinrich Vogeler. Weinheim und Basel 1991, S. 14–16. Inspiriert von der zum Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Wandervogelbewegung war die im niedersächsischen Worpswede gelegene Künstlerkolonie 1889 als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Landschaftsmaler Fritz Mackensen (1866–1953), Otto Modersohn (1865– 1943) und Hans am Ende (1864–1918) entstanden. Sie bot zahlreichen namhaften Vertretern des deutschen Impressionismus und Expressionismus eine künstlerische und private Heimat. Weiterführend hierzu Hans-Christian Kirsch: Worpswede. Die Geschichte einer deutschen Künstlerkolonie. München 1988. 34  Vgl. Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S. 14.



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er für die Bücher und Zeitschriften des 1901 in Leipzig gegründeten InselVerlages entwarf, waren äußerst gefragt und machten ihn um die Zeit der Jahrhundertwende weit über die Grenzen Worpswedes hinaus als begabten Künstler des Jugendstils bekannt.35 Darüber hinaus wurden auch seine dekorativen, kunstgewerblichen Arbeiten wie die Neugestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses hoch geschätzt.36 Zum Mittelpunkt und Inbegriff eines privaten Lebenstraums wurde in Worpswede der Barkenhoff – eine alte, strohgedeckte Bauernkate –, dessen Ausgestaltung sich Vogeler gemeinsam mit seiner Frau Martha, die er 1901 heiratete, über viele Jahre hinweg detailverliebt widmete.37 Er wurde innerhalb weniger Jahre zu einem berühmten gesellschaftlichen Treffpunkt von großer Anziehungskraft. Hier verkehrten immer wieder namhafte Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens: Die Brüder Carl (1851– 1921) und Gerhart Hauptmann (1862–1946), Richard Dehmel (1863–1920), René Schickele (1883–1940) sowie Thomas Mann (1875–1955) besuchten wiederholt das Haus. Daneben hatte sich um Heinrich und Martha Vogeler und die drei gemeinsamen Töchter der enge Kreis der Barkenhoff-Familie etabliert, zu welcher Otto Modersohn, die Bildhauerin Clara Westhoff (1878–1954), die junge Bremer Malerin Paula Becker (1876–1907) sowie der Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) zählten.38 Der Traum von einem ästhetisch schönen und harmonischen Leben erfüllte sich jedoch nur zeitweise. Unter der Bürde seines unbedingten Anspruches, alle Bereiche seines Lebens im Sinne eines vollendeten Gesamtkunstwerkes zu stilisieren, war Vogelers Beziehung zu seiner Frau langsam zerbrochen. Schmerzvoll musste er erleben, wie er mit ihr die stabilisierende Mitte sowohl seines privaten als auch seines künstlerischen Lebens verlor.39 Auf der Suche nach neuen Wegen in seinem Leben begab er sich auf zahlreiche ausgedehnte Reisen, deren zum Teil erschütternde Erfahrungen ihn seit 1906 verstärkt dazu brachten, über die Mauern und Hecken seines Märchenhofes zu blicken und die soziale Realität der Klassengesellschaft des wilhelminischen Kaiserreiches wahrzunehmen. Sein daraus resultierendes soziales Engagement fand jedoch kaum nennenswerte Resonanz. Man 35  Vgl.

ebd., S. 17–28. Heinrich Wiegand Petzet: Von Worpswede nach Moskau. Heinrich Vogeler. Ein Künstler zwischen den Zeiten. Köln 1972, S. 57–59; siehe auch Jürgen Schultze / Peter Elze: Die Güldenkammer des Bremer Rathauses nach einem Entwurf von Heinrich Vogeler. Lilienthal 1985. 37  Vgl. Bresler: Auf den Spuren (wie Anm. 32), S. 30–32. 38  Vgl. Kleberger: Der eine und der andere Traum (wie Anm. 33), S. 32. 39  Vgl. Bernd Küster: Heinrich Vogeler im Ersten Weltkrieg. Bremen 2004, S. 7–9. 36  Vgl.

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belächelte ihn als weltentrückten Träumer und legte ihm nahe, doch lieber wieder schöne Bilder zu malen.40 Vor dem Hintergrund dieser Suche nach einem neuen Sinn seiner Existenz lässt sich Heinrich Vogelers folgenreiche Entscheidung verstehen, im Alter von 42 Jahren am 1. September 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Wie viele andere Künstler und Intellektuelle glaubte auch er seinerzeit an die Erfüllung jener Hoffnung, dass sich mit dem Krieg ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel verbinden werde.41 Unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens schwand diese Hoffnung jedoch zunehmend. Allein in den Nachrichten, die ihn seit Februar 1917 über die Vorgänge in Russland erreichten, sah Vogeler sie bestätigt – fanden doch hier jene politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen statt, die er sich auch für Deutschland gewünscht hatte.42 Unter dem Eindruck des bolschewistischen Revolutionsgeschehens sollte sich im Kriegsjahr 1917 die Wandlung Heinrich Vogelers zum bekennenden Pazifisten und gläubigen Sozialisten vollziehen. Von einer tiefen Sehnsucht nach Frieden, neuen Werten und einer reinen Menschlichkeit ergriffen, waren seine stillen Bedenken nun offen der Empörung gegen den Krieg gewichen: „Der Krieg hat aus mir einen Kommunisten gemacht, es war für mich nach meinen Kriegserlebnissen nicht mehr tragbar, einer Klasse von Menschen anzugehören, die Millionen von Menschen in den Tod treiben aus Gründen, die lediglich in der Profitsucht einzelner ihre Wurzel haben. […] Als ich durch die bolschewistische Propaganda an der Front den Kommunismus kennenlernte, glaubte ich, menschliche Vernunft müsse jeden überzeugen, daß diese neue Ordnung der Beziehungen der Menschen zueinander die Rettung der großen Masse aus Elend, Not und Krieg sein würde […].“43 Auch nach dem Scheitern der revolutionären Umsturzbestrebungen und der Zerschlagung der deutschen Rätebewegung, an deren Aktivitäten er sich in Osterholz bei Bremen beteiligt hatte, verfolgte er seine Vision eines von Gewalt, Ausbeutung und Repressionen freien gesellschaftlichen Zusammenlebens weiter. Anhand eines auf Selbstverwaltung, Gleichberechtigung und autarker Versorgung beruhenden Siedlungskonzeptes wollte er die Möglichkeit einer solchen Existenz auf dem Grund und Boden seines Barkenhoffs, auf den er im Frühjahr 1918 zurückgekehrt war, beweisen. Gemäß dieses Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 134. Küster: Heinrich Vogeler im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 39), S. 13; Kleberger: Der eine und der andere Traum (wie Anm. 33), S. 49 f. 42  Vgl. Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S. 60. 43  Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 223 f. Vgl. David Erlay: Vogeler. Ein Maler und seine Zeit. Fischerhude 1981, S. 96–98; Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S.  61 f. 40  Vgl. 41  Vgl.



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Gedankens und auf der Grundlage eines der christlichen Ethik verpflichteten Sozialismus44 sollte sich im Sommer 1919 aus einem kleinen Kreis revolutionärer Intellektueller, anarchosyndikalistischer Handwerker und anthroposophisch orientierter Landwirte und Frauen die Kommune Barkenhoff konstituieren, die – in Verbindung mit der Umsetzung eines der Reform­ pädagogik entlehnten und konsequent weiterentwickelten Arbeitsschulkonzepts45 – Vogelers Wunschbild einer klassenlosen und menschlicheren Gesellschaft einen reellen Ort zu geben versprach.46 Angesichts wachsender ideologischer Differenzen sowie zunehmender finanzieller Bedrängnis sollte sich sein Modellversuch, eine „kommunistische Insel im kapitalistischen Staat“47 zu installieren, jedoch als nicht tragbar und überlebensfähig erweisen. Im Dezember 1924 übergab Vogeler den Besitz des Barkenhoffs und die ihm angegliederte Arbeitsschule in die Trägerschaft der Roten Hilfe Deutschland (RHD). Er selbst trat im Juni des Jahres 1923 gemeinsam mit seiner späteren zweiten Frau, der polnischen Schriftstellerin Sonja Marchlewska48 – Martha hatte zusammen mit den gemeinsamen Kindern den Barkenhoff 1920 verlassen –, seine erste Reise nach Russland an, auf dessen revolutionäre und gesellschaftspolitische Entwicklung sich im Angesicht des eigenen persönlichen Scheiterns nun all sein Hoffen richtete49 – dazu später mehr. Der Rückkehr im September 1924 folgten Jahre eines rastlosen, unermüdlich politisch tätigen Lebens, dessen Erfahrungen ihn nun aus der linkssektiererischen Ecke des deutschen Sozialismus hin zum Kommunismus brach44  Eine Übersicht zu Vogelers Verständnis eines sich den Werten des Urchristentums verpflichtenden Sozialismus sowie eine gute Zusammenfassung zu den philosophisch-politischen Quellen seiner Interpretation des Kommunismus bietet Dietger Pforte: Soziale Phantasie und konkrete Utopie. Eine Entwicklungsstufe des Sozialismus. In: Heinrich Vogeler: Das Neue Leben. Ausgewählte Schriften zur proletarischen Revolution und Kunst. Hrsg. und eingel. von Dietger Pforte. Darmstadt / Neuwied 1973, S. 9–44. 45  Vgl. Heinrich Vogeler: Siedlungswesen und Arbeitsschule. In: Ders.: Das Neue Leben (wie Anm. 44), S. 117–140, hier: 134 f. Siehe auch Werner Hohmann: Pädagogische Gedanken auf dem Barkenhoff. Aus Heinrich Vogelers Selbstzeugnissen. In: Ernstheinrich Meyer-Stiens (Hrsg.): Träume. Wege. Irrwege. Nachdenken über Heinrich Vogeler. Worpswede 1999, S. 125–143. 46  Vgl. Ute Steinbicker / Hans-Jürgen Schmitt: Expressionismus der Liebe. Heinrich Vogeler und die Kommune Barkenhoff in Worpswede. In: Joachim Meißner /  Dorothee Meyer-Kahrweg  /  Hans Sarkowicz (Hrsg.): Gelebte Utopien. Alternative Lebensentwürfe. Frankfurt am Main / Leipzig 2001, S. 181–200, hier: 184–187. 47  Vogeler: Siedlungswesen und Arbeitsschule. In: Ders.: Das neue Leben (wie Anm. 44), S. 126. 48  Auch: Zofia Marchlewska. 49  Vgl. Bresler: Auf den Spuren (wie Anm. 32), S. 81–83.

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ten. Neben unzähligen Reden und politischen Vorträgen, die er im Auftrag der RHD über die Erfahrungen seiner insgesamt vier Sowjetunionreisen in ganz Deutschland hielt, arbeitete Vogeler in deren Zentralvorstand, engagierte sich für die Gesellschaft der Freunde des neuen Russland, beteiligte sich am Zusammenschluss kommunistischer Künstler zur Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands und war zudem im Spätsommer des Jahres 1925 der KPD beigetreten.50 Ganz im Zeichen seines politischen Engagements stand zu jener Zeit auch sein künstlerisches Schaffen, das nun einen neuen, monumentalen Stil mit deutlichem agitatorisch-propagandistischem Ausdruck zu pflegen beliebte.51 Neben wiederkehrenden gesundheitlichen Problemen, ständiger finanzieller Not und anhaltenden ehelichen Querelen war es dann die Erfahrung, infolge eines innerparteilichen Richtungsstreits 1929 aus der KPD sowie dem Zentralvorstand der RHD ausgeschlossen und somit seiner politischen Heimat beraubt zu werden, die Vogeler erneut in eine existenzielle Sinnkrise stürzen ließ. Gleichwohl wollte und konnte er nicht aufhören daran zu glauben, dass im Kommunismus der Schlüssel für ein besseres und menschlicheres Leben lag. Dieser Glaube sowie die Erkenntnis, dass nirgendwo anders als in Russland – wo alles seinen Anfang genommen hatte – eine Umsetzung dieses ­Ideals denkbar wäre, bewegten ihn erneut, in die Sowjetunion zu reisen.52 Als Heinrich Vogeler im Frühjahr 1931 abermals von Berlin aus in Richtung Moskau aufbrach, ahnte er nicht, dass sein Abschied von Deutschland ein Abschied für immer war. Wie für viele andere linksgerichtete Künstler und Intellektuelle sollte die nationalsozialistische Machtübernahme am 30. Januar 1933 auch für ihn eine Rückkehr nach Deutschland undenkbar machen. Wenngleich ihn der unheilvolle Verlauf der Ereignisse schmerzte, so fand er im „antifaschistischen Kampf“ gegen das Hitler-Regime zu einer beeindruckenden Arbeitsintensität zurück, die das letzte Jahrzehnt seines Lebens zum produktivsten seiner gesamten Künstlerkarriere machte. Darüber hinaus gab er sich einer Vielzahl weiterer Aufgaben hin, die ihn in Russland nicht nur als Maler, Grafiker, Designer und Architekt, sondern auch als Bühnenbildner, Schriftsteller und Verfasser kunsthistorischer Schriften bekannt machten.53 Allein in Fragen der Politik hatte Vogeler in Russland zu einer 50  Vgl. Pforte: Soziale Phantasie und konkrete Utopie (wie Anm. 44), S. 14; ­ avid Erlay: Verwunschene Gärten. Roter Stern. Heinrich Vogeler und seine Zeit. D Fischerhude 1977, S. 70. 51  Vgl. Kleberger: Der eine und der andere Traum (wie Anm. 33), S. 82 f. Siehe auch Christine Hoffmeister: Heinrich Vogeler. Die Komplexbilder. Lilienthal 1992. 52  Vgl. Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S. 120 f. 53  Einen ebenso umfassenden wie detaillierten Einblick in das Jahrzehnt, welches Heinrich Vogeler in der Sowjetunion verlebte, bietet die Arbeit von Werner Hohmann: Heinrich Vogeler in der Sowjetunion, 1931–1942. Daten – Fakten – Doku-



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deutlich zurückhaltenderen Position gefunden. Aus eigener Anschauung wusste er, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Brutalität man in Zeiten der stalinistischen Terrorherrschaft gegen vermeintliche Volksverräter und ausgewiesene Parteiabweichler vorzugehen verstand. Gleichwohl glaubte er, „der große Tolstoianer unter den kalten Bürokraten“54, kein Recht mehr zur Kritik zu haben, und so versuchte er allein in den Nischen, die sich ihm als Künstler boten, in Moskau zu überleben. Besonders willkommen waren ihm daher immer wieder die Offerten, im Auftrag unterschiedlichster staatlicher Stellen in die verschiedenen Sowjetrepubliken zu reisen – gaben sie allein ihm doch die Möglichkeit, der von Diffamierung und Verfolgung vergifteten Atmosphäre Moskaus zu entfliehen.55 Auch der letzte Weg seines Lebens sollte Heinrich Vogeler in eine dieser entlegenen Sowjetrepubliken führen. Als am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der Wehrmacht der deutsche Vormarsch in Russland und schon bald auch auf Moskau begann, wurde er wie viele andere im Exil lebende Deutsche und deutschstämmige Sowjetbürger aus Moskau evakuiert und in die Kolchose 1. Mai nach Kasachstan gebracht. Wie die letzten Monate seines Lebens von hier an verliefen, ist nur lückenhaft bekannt. Gesichert scheint, dass er hier inmitten primitivster hygienischer und sozialer Verhältnisse einsam und fast gänzlich mittellos lebte. Zudem setzten die karge Kost sowie die rauen klimatischen Bedingungen seinem gesundheitlichen Zustand immer stärker zu. Die Entbehrungen der letzten Monate, aber auch die bitteren persönlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre hatten seine physische und mentale Widerstandskraft gebrochen. Seinem Schicksal ergeben verstarb Heinrich Vogeler am 14. Juni 1942 im Krankenhaus der Nachbarkolchose Budjonny (Budënnyj) an den Folgen seines allgemeinen körper­ lichen Erschöpfungszustandes.56 IV. Russlandbild und Russlandwahrnehmung in Heinrich Vogelers Reisemonographie Reise durch Rußland Ein frühes Bekenntnis eines Mannes, der auf seiner Suche nach einem friedvolleren und menschlicheren Leben das sichere Umfeld seiner Existenz mente. Fischerhude 1987. Siehe zu Vogelers Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Fragen auch Siegfried Bresler (Hrsg.): Heinrich Vogeler. Zwischen Gotik und Expressionismus-Debatte. Schriften zur Kunst und ihrer Geschichte. Bremen 2006. 54  Gustav Regler: Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte. Köln  /  Berlin 1958, S. 255. Zit. n.: Petzet: Von Worpswede nach Moskau (wie Anm. 36), S. 166. 55  Vgl. Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S. 129 f. 56  Vgl. Kleberger: Der eine und der andere Traum (wie Anm. 33), S. 114–119.

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mit der Bereitschaft verließ, sein Leben und die Kunst in den Dienst der sozialistischen Bewegung zu stellen, um seinem Traum von einer besseren Welt und einem neuen Menschwerden einen reellen Ort zu geben, bildet der 1925 in Dresden erschienene, 64 Seiten umfassende und 32 Zeichnungen enthaltende Reisebericht Reise durch Rußland, den Vogeler im Untertitel programmatisch Die Geburt des neuen Menschen57 nannte. In ihm verarbeitet er die Eindrücke und Erfahrungen über das Leben, die Menschen und das politische Experiment des Bolschewismus in der frühen Sowjetunion, die er auf seiner ersten Reise in das Land gewann. Sie führte ihn ab Juni des Jahres 1923 von Reval (Tallin), der Hauptstadt der unabhängigen Republik Estland, über Leningrad nach Moskau. Unter Berücksichtigung perzeptionstechnischer Überlegungen soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, wie Heinrich Vogeler die Sowjetunion während seiner Reise erlebte, wie er sie wahrnahm und welche Urteile er hierauf gründete. Des Weiteren ist zu fragen, wie realitätsnah seine Beschreibungen waren und wie sein Reisebericht in Hinblick auf seine Form und Wirkungsabsicht zu beurteilen ist. Ferner ist zu klären, welche Erwartungen er im Vorfeld seiner Reise an das Land gerichtet hatte und worin seine Motive und Interessen bestanden, sich überhaupt mit der Sowjetunion zu befassen. 1. Ausgangssituation und Erwartungshorizont Das Interesse Heinrich Vogelers an der Sowjetunion und seine Erwartungen, die er vor Antritt seiner ersten Russlandreise an das Land selbst sowie an seine Entwicklung richtete, waren in hohem Maße von verschiedenen, sich teils aufeinander beziehenden und einander überschneidenden Momenten bestimmt, deren Ursprünge sich in den generellen historischen Kontexten der Weimarer Republik, seiner persönlichen Lebenssituation, aber auch in seinem sozialreformerischen und utopischen Denken verorten lassen. Von besonderer Relevanz scheint für Vogelers Sicht auf Russland zunächst das Bewusstsein einer in Hinblick auf die eigene Kultur und die westliche Welt als elementar erfahrenen Krise am Ende des Ersten Weltkrieges gewesen zu sein. Dieses Krisengefühl, das sich insbesondere im linksintellektuellen Milieu der Weimarer Republik symptomatisch zeigte, gründete sich im Wesentlichen auf das Empfinden, dass die unaussprechlichen Grausamkeiten des Krieges und das Ausbleiben eines radikalen Neuanfanges in der Zeit danach ein unwiderlegbares Zeichen für den definitiven Bankrott der euro57  Zur Bedeutung der verschiedenen Konzepte vom „neuen Menschen“ innerhalb der kommunistischen Parteien und Strömungen vgl. jetzt zahlreiche Beiträge in ­Ulrich Mählert u. a. (Hrsg.): Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2012. Berlin 2012.



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päischen Kultur und Zivilisation seien.58 Demgegenüber erschien Sowjetrussland „wie ein leuchtender Stern im Chaos des Völkermordens“, da es als einziges Land nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges verstanden habe, den „europäischen Bankerott bei sich selber anzutreten, alle alten Schulden des vergangenen Systems zu streichen und ein Aufklärungs- und ein Wirtschaftssystem als Weg zum Sozialismus aufzubauen“.59 Neben der Bewunderung, die Vogeler dem „unerhörten Mut“60 des russischen Volkes und der bolschewistischen Regierung im Hinblick auf das eingegangene Wagnis eines vollständigen und radikalen Neuanfanges entgegenbrachte, war seine Erwartungshaltung grundsätzlich auch von der Ablehnung des parlamentarischen Systems in Deutschland geprägt. Vogeler vertrat die Ansicht, dass die machthabenden liberal-demokratischen Regierungen der Weimarer Republik prinzipiell nicht im Stande und fähig seien, die drängenden Probleme des Landes adäquat zu bewältigen. Angesichts des Fehlens überzeugender Lösungsvorschläge erkannte er voller Besorgnis in Deutschland nur noch „Korruption“, „sittlichen Verfall“, „Verwesung“ und „geistlose Impotenz“, welche er insgesamt als „Krisenerscheinungen des Untergangs“61 und unwiderlegbare Beweise für die Unfähigkeit der Weimarer Republik verstand. Eine ebenso starke Aversion brachte er aber auch der deutschen Sozialdemokratie entgegen, die er angesichts ihres Brechens mit den Grundsätzen des eigenen Parteiprogramms als „Verräterin der deutschen Arbeiterklasse“ brandmarkte und mitverantwortlich für das Scheitern der revolutionären Aufstands- und Rätebewegung sowie für die sozialen Missstände in Deutschland machte.62 Die in seinem Reisebericht auffallend häufig zu Tage tretenden Polemiken gegen die politischen Zustände in Deutschland lassen erkennen, dass die vermeintliche Unfähigkeit der eigenen Regierung und die zunehmend krisenhaften Verhältnisse in Deutschland 58  Vgl. Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 129–131; Riccardo Bavaj: Lebensideologischer Kommunismus als Alternative. Heinrich Vogelers Utopie vom „neuen Leben“ im Krisendiskurs der Weimarer Republik. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 55 (2007), S. 509–528, bes. 511 f. 59  Alle Zitate bei Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 21. 60  Ebd. 61  Alle Zitate ebd., S. 5. 62  Vgl. Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 8, 20 f. Entsprechend auch die Äußerungen Vogelers in seinem Brief an den SPD-Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung Nikolaus Osterroth vom Februar 1919: „Treu mich an dem grünen Parteibuch haltend, habe ich für das Erfurter Programm gekämpft […], war von Anfang der Revolution Arbeiterrat. Doch habe ich in der Partei nur Gegner des Erfurter Programms gefunden […] Die Arbeiterschaft […] ist verzweifelt, daß sie von Euch bekämpft und zusammengeschossen wird in dem Augenblick, wo sie gewillt ist, sich ganz für das sozialistische Programm einzusetzen.“ Zit. n.: Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 31), S. 67–69.

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die primäre Folie gewesen waren, vor der er die Entwicklungen in Sowjetrussland in Augenschein nahm, wobei aus seiner Sicht der Sowjetunion die Bedeutung zukam, der letzte große Hoffnungsträger in einer vom Untergang bedrohten Welt zu sein.63 Neben diesen gesellschaftlich-politischen Kontexten lassen sich anhand der Biographie Heinrich Vogelers auch persönliche Faktoren für sein Interesse an der Sowjetunion anführen. Wie die Aufzeichnungen seiner Autobiographie belegen, fiel dieses vor allem mit den Krisenjahren der von ihm initiierten Siedlungs- und Produktionskommune auf dem Barkenhoff zusammen. Nach einer kurzen Aufbau- und Stabilisierungsphase sah sich die Kommune des Barkenhoff seit Beginn des Jahres 1921 mit immer drängenderen Problemen konfrontiert, angesichts derer sich Vogeler eingestehen musste, dass sie nur eine Utopie geblieben und daher für die Entwicklung einer weltweiten neuen Ordnung recht bedeutungslos war. Aus diesem Grund begannen sich seine Hoffnungen und Erwartungen nun allein auf die revolutionäre Entwicklung in Russland zu richten, wo er angesichts des eigenen Scheiterns glaubte, dass sich seine politischen Ideal und sozialen Phantasien verwirklichen würden.64 Dazu trat die Begegnung mit seiner zweiten Frau Sonja Marchlewska im Jahr 1922, deren Vater der in Moskau lebende polnische Kommunist und Lenin-Vertraute Julian Baltazar Marchlewski (1866–1925) war – ein Gründungsmitglied und späterer Vorsitzender der Internationalen Roten Hilfe (MOPR) sowie seit 1922 Rektor der Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens (KUNMS) in Moskau. Es ist davon auszugehen, dass die Bekanntschaft mit Sonja, deren revolutionäre Begeisterung und Leidenschaft den Fünfzigjährigen von Anfang an mitgerissen hatte, den Ausschlag für Vogelers entschiedenen Bruch mit seinen linksradikalen Überzeugungen und für seinen Anschluss an die revolutionäre Bewegung der Arbeiterschaft gab, mit der sich sowohl eine gesteigerte Affinität zur Sowjetunion als auch sein späterer Eintritt in die KPD verband. Bezeichnenderweise sollte er seine erste Reise nach Russland dann auch auf Einladung Julian Marchlewskis und in Begleitung Sonjas antreten.65 63  Vgl. hierzu auch Dietger Pforte: Der Reisebericht als Umkehrbild heimischer Zustände. In: Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 131–135, bes. 133; Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 136–140. 64  Vgl. Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 6), S. 81–83; Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 270. 65  Vgl. Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 268 f. Siehe auch: David Erlay: Von Gold zu Rot. Heinrich Vogelers Weg in eine andere Welt. Bremen 2004, S. 355–357; Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 140; Kleberger: Der eine und der andere Traum (wie Anm. 33), S. 73 f.



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Gleichwohl lassen Vogelers Lebenserinnerungen erkennen, dass auch schon zu früheren Zeitpunkten seiner Biographie eine gewisse Neigung und Sympathie für Russland bestand. In diesem Zusammenhang muss vor allem der Name des deutschen Dichters Rainer Maria Rilke Erwähnung finden, der zwischen 1900 und 1902 über längere Monate in Worpswede weilte und gemeinsam mit seiner späteren Frau Clara Rilke-Westhoff (1878–1954) zum vertrauten Kreis der Barkenhoff-Familie zählte.66 Als Rilke im Spätsommer des Jahres 1900 Quartier bei Vogeler auf dem Barkenhoff nahm, stand dieser noch gänzlich unter dem Eindruck seiner zweiten Reise nach Russland, welches ihm aus einem Gefühl der mystischen Verehrung zugleich „Himmel und Heimat“67 geworden war. Angesichts der starken Affinität, welche die Beziehung Rilkes zu Russland prägte, blieb es nicht aus, dass sich während der Monate seines Barkenhoff-Aufenthalts die Gespräche vor allem um seine Russlandeindrücke drehten.68 Voller Leidenschaft und innerlich noch tief bewegt, berichtete er von der unvorstellbaren Weite und Größe der russischen Landschaft, seiner Begegnung mit dem einfachen bäuerlichen Leben, von der überwältigenden Erfahrung des Zusammentreffens mit Lev Nikoláevič Tolstój (1828–1910) sowie von den Romanen Fëdor Michájlovič Dostoévskijs (1821–1881) und den Schriften Pëtr Alekséevič Kropótkins (1842– 1921).69 Grundsätzlich ließen Rilkes Erzählungen eine Vorstellung von Russland als einem frommen, demütigen und heiligen Land, als einem auf die Zukunft bezogenen Ort entstehen, dessen Menschen ihm als Duldende, Erwartende und künftig Werdende erschienen.70 Es waren im Wesent­lichen die 66  Vgl. Stefan Schank: Rainer Maria Rilke. München 1998, S. 57–59. Zu Rilkes Jahren in Worpswede vgl. auch Helmut Naumann: Rilke und Worpswede. Rheinfelden / Berlin 1997. 67  Brief Rilkes an Paula Becker vom 18. Oktober 1900. Zit. n.: Konstantin Asadowski: Rilke und Russland. Briefe, Erinnerungen, Gedichte. Berlin [Ost] / Weimar 1986, S. 52. 68  Die Beziehung Rilkes zu Russland ist äußerst intensiv und umfassend erforscht. Zu den Russland-Bezügen in Rilkes Biographie und Werk vgl. u. a. Georg K. Epp: Rilke und Russland. Frankfurt am Main / Bern / New York, NY 1984; Daria A. Reshetlo-Rothe: Rilke and Russia. A Re-Evaluation. New York. NY u. a. 1990; Helmut Naumann: Russland in Rilkes Werk. Rheinfelden / Berlin 1993. Mit den Spezifika von Rilkes Russlandbild befassen sich u. a. Felix Philipp Ingold: Rilkes Russland und die „russischen Dinge“. In: Ders. (Hrsg.): Zwischen den Kulturen. Festschrift für Georg Thürer. Bern / Stuttgart 1978, S. 63–85; Lew Kopelew: Rilkes MärchenRussland. In: Dagmar Herrmann / Mechthild Keller (Hrsg.): Zauber und Abwehr. Zur Kulturgeschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen. München 2003, S. 109–141. 69  Vgl. Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 71 f. 70  Vgl. Jürgen Lehmann: Russland. In: Manfred Engel (Hrsg.): Rilke-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2004, S. 98–112, bes. 100–102. Siehe auch: Constanze Gabriele Schäfer: Projizierte Sehnsucht und schöpferische Begegnung. Die Bedeutung Russlands und Deutschlands für das Leben und Werk R. M. Rilkes

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Schilderungen Rilkes, die Vogeler erstmals in enge Berührung mit Russland treten ließen und seine Vorstellungen und Erwartungen an das Land im Osten maßgebend mitprägten.71 Darüber hinaus hatten sie den ersten Grund für Vogelers dauerhaft gewecktes Interesse an Russland gelegt, das in den kommenden Jahren seinen Ausdruck in einem intensiven Studium der russischen Literatur – allen voran der Werke Maksím Gór’kijs (1868–1936) – fand.72 Als letzter, nicht minder gewichtiger Punkt sei der Einfluss von Heinrich Vogelers sozialrevolutionären Gedanken und lebensreformerischen Idealen auf seine Erwartungshaltung genannt, wobei in diesem Zusammenhang vor allem seine reformpädagogischen Vorstellungen von besonderer Relevanz erscheinen. Generell waren die Anstrengungen der frühen Sowjetunion zur Schaffung einer neuen Gesellschaft sowie ihre Bemühungen um neue Wege im Bereich von Bildung und Erziehung besonders geeignet, das Interesse westlicher Reformpädagogen und Anhänger verschiedener Lebensreformbewegungen auf sich zu ziehen. Auch Vogeler konnte in den gesellschaftlichen und pädagogischen Experimenten der Bol’ševiki, denen der sowjetische Staat bis zur Mitte der 1920er Jahre ausreichend Raum zur Entfaltung bot, eine Reihe von Anknüpfungspunkten und Parallelen zu seinen eigenen reformpädagogischen Vorstellungen finden. Ähnlich wie die junge Sowjetregierung war auch er der grundsätzlichen Überzeugung gewesen, dass auf dem Wege zur Erschaffung einer neuen Gesellschaft vor allem der Frage der Erziehung ein hoher ideologischer Stellenwert zukomme.73 „Jeder wahre Sozialist muß Erzieher sein“74 – unter diesem Gedanken sollte mit der Arbeitsschule auf dem Barkenhoff eine Einrichtung zur Umsetzung seiner eigenen Erziehungspläne entstehen. Ähnlich dem sowjetischen Modell der Einheits-Arbeitsschule wollte Vogeler dabei eine Verbindung von polytechnischem Unterricht und praktischer Arbeit erreichen. Auch lag dem Erziehungskonzept der Barkenhoff-Schule das Leitbild der freien Erziehung zugrunde. Wie die sowjetischen Schulreformer hatte auch Vogeler gefordert, dass an die Stelle des autoritären Unterrichts des „alten“ bürgerlichen und M. Cvetaevas sowie ihr Briefwechsel. Frankfurt am Main 1996, bes. S. 27–35; Kopelew: Rilkes Märchen-Russland (wie Anm. 68), S. 123 f. 71  Vgl. Petzet: Von Worpswede nach Moskau (wie Anm. 36), S. 80–82. 72  Vgl. Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 120 f. 73  Die wesentlichen Gedanken seiner reformpädagogischen Vorstellungen fasste Vogeler in der Broschüre „Die Arbeitsschule als Aufbauzelle der klassenlosen menschlichen Gesellschaft“ (1921) zusammen. Vgl. auch Pforte: Soziale Phantasie und konkrete Utopie (wie Anm. 44), S. 29–31. 74  Heinrich Vogeler: Die Freiheit der Liebe in der kommunistischen Gesellschaft. Hamburg 1920, S. 25. Zit. n.: Ernstheinrich Meyer-Stiens: Auf der Suche nach dem neuen Menschen. Eine zeitgemäß-unzeitgemäße Anfrage. In: Ders. (Hrsg.): Träume. Wege. Irrwege (wie Anm. 45), S. 16–27, hier: 19.



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Schulsystems eine produktive Arbeitsgemeinschaft von Kindern und Erwachsenen gesetzt werden müsse, um den Kindern durch die aktive Teilnahme an den Arbeits- und Produktionsprozessen ein geschärftes Bewusstsein für die moderne Arbeitswelt zu vermitteln.75 Grundlegend war dem sowjetischen Bildungs- und Erziehungsmodell wie auch den reformpädagogischen Plänen Vogelers jedoch der Gedanke gemeinsam, dass der erfolgreiche Aufbau einer neuen Gesellschaft unbedingt nach der Erziehung eines „neuen Menschen“ verlangte. Dieses Leitbild, welches seit der Russischen Revolution zum zentralen Inhalt des kommunistischen Dogmas gehörte, war im Wesentlichen von der Idee bestimmt gewesen, dass aus den geistigen und materiellen Trümmern einer alten, hinfällig gewordenen Weltordnung ein neuer, ein sich selbst erlösender Mensch entstehen müsse, der als Träger einer neuen Gesellschaft ein besseres Leben schaffe.76 Auf dieses Bild vom „neuen Menschen“ gründete sich maßgebend Vogelers soziale Utopie von einer neuen, klassenlosen Gesellschaft. Zentral für sein Verständnis waren dabei auch die Gedanken und Ideen der Lebensreformbewegung, die mit alternativen Lebensweisen neue Wege zur Entfaltung der natürlichen und schöpferischen Kräfte des Menschen suchte. In Vogelers sozialer Utopie spiegelte sich dies in der Auffassung wieder, dass die sozialistische Revolution und die neue Gesellschaft die grundlegenden Bedingungen schaffen würden, die allein es ermöglichten, dass der Mensch alle in ihm schlummernden, in der bisherigen Gesellschaftsordnung unterdrückten Entwicklungsmöglichkeiten, frei und ungehemmt entwickeln könne.77 Schon im Vorfeld seiner ersten Russlandreise also hatte Vogeler vielfältige Erwartungen und weitreichende Hoffnungen in die Sowjetunion und ihre Entwicklung gesetzt und eine Vorstellung von Russland als einem idealen, auf die Zukunft gewandten Ort entwickelt. Im Spiegel dieser Erwartungen, die sich vor dem Hintergrund seiner persönlichen Lebensumstände, Phantasien und Ideale und angesichts der Situation in Deutschland geschärft hatten, sollte sich dann die konkrete Schau der Dinge während seiner Reise vollziehen.

75  Vgl. Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 162–164; Bresler: Heinrich Vogeler (wie Anm. 6), S. 76 f.; siehe auch Bernhard Schiff: Die Arbeitsschule in der frühsowjetischen Pädagogik 1917–1930. In: Meyer-Stiens (Hrsg.): Träume. Wege. Irrwege (wie Anm. 45), S. 105–115. 76  Vgl. Meyer-Stiens: Auf der Suche nach dem neuen Menschen (wie Anm. 74), S.  19 ff., Gottfried Kuenzlen: Revolution und Neuer Mensch. In: Meyer-Stiens (Hrsg.): Träume. Wege. Irrwege (wie Anm. 45), S. 28–40, bes. 32 f. 77  Vgl. Pforte: Soziale Phantasie und konkrete Utopie (wie Anm. 44), S. 20–26.

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2. Wahrnehmung und Beurteilung der Sowjetunion während der Reise Wenngleich es das selbstformulierte Anliegen von Vogelers Russlandbuch war, vom „Wachstum der kommunistischen Gesellschaft in Rußland auf der Grundlage der Diktatur des Proletariats“78 zu berichten, blieben seine Ausführungen zur Gestaltung des politischen Systems, zur Machtverteilung und zur Frage, nach welchen Mechanismen das Handeln der Partei der Bol’ševiki durch die Arbeiterklasse legitimiert wurde, äußerst vage und unkonkret. Ganz im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie sowie der sowjetischen Propaganda beschränkte er sich allenfalls auf die stereotype Formulierung von der „Diktatur des Proletariats“, die nach seiner eigenen Einschätzung in allen Bereichen des sowjetischen Lebens unmittelbar und selbstbestimmt zum Ausdruck kam. Um dies zu belegen, schilderte er unter anderem eine Begebenheit, deren Augenzeuge er auf einem Bauerngut in der tatarischen Republik geworden war: „Der Bauer hatte sechs Tagelöhnerinnen länger als acht Stunden am Tag beschäftigt und zudem hatte er den von den Gewerkschaften vorgeschriebenen Lohn nicht voll bezahlt. – Der Bauer wurde mit seiner Familie auf die Straße gesetzt und mußte selbst als Tagelöhner wieder anfangen. – In dieser Weise wird Stück für Stück immer wieder sozialisiert, bis es sich organisch in die Wirtschaft einreiht.“79 Exemplarisch offenbarte sich für ihn an Stellen wie dieser, wie sich im sozialistischen Russland allein der Wille des Proletariats als Inhaber der Macht und Träger der politischen Entscheidungsgewalt auswirkte. Aus solcher Perspektive erschien ihm auch die Partei der Bol’ševiki als jene Institution, die sowohl die Vorraussetzung für die Herrschaft der Arbeiterklasse schuf, als auch weiterhin die Impulse der proletarischen Massen aufnahm, um sie an der Spitze des Staates im Sinne der herrschenden Klasse des Proletariates umzusetzen.80 Im Vergleich zu der eher sparsamen und teils nur angedeuteten Beschreibung der politischen Strukturen des sowjetischen Herrschaftssystems schenkte Vogeler den Entwicklungstendenzen des russischen Wirtschaftslebens und dem Aufbau des sozialistischen Wirtschaftssystems deutlich mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt war ihm auf seiner Reise durch Russland ein wirtschaftlich prosperierendes und technologisch erblühendes Land begegnet, dessen fortschrittliche Entwicklung und wirtschaftliche Gesundung sich für ihn vor allem im Lebensstandard der sowjetischen Bevölkerung zeigte. 78  Vogeler:

Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 6. S. 42. 80  Vgl. ebd., S. 24. Besonders deutlich war in jenem Zusammenhang auch die Wertschätzung, die Vogeler der Person Vladímir Il’íč Lenins (1870–1924) entgegenbrachte, der mit „einfacher klarer Nüchternheit“ der Bewegung in Russland erst Ziel und Richtung gab (Ebd., S. 62). 79  Ebd.,



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Grundsätzlich sah das Volk „gesund und lebensfroh“ aus und vor allem die städtischen Zentren waren durch eine „gut gekleidete Arbeiterschaft“81 farbenfroh belebt. Darüber hinaus fielen Vogeler in Moskau vor allem die zahlreichen Geschäfte auf, die neben ihrer peinlichen Sauberkeit und der modernen Organisation ihres Kassenbetriebes vor allem „durch die große Auswahl und Qualität der Ware“82 bestachen. Ebenso beeindruckt zeigte er sich auch vom Luxus und vom Komfort der sowjetischen Eisenbahnen sowie den „musterhaft gepflegten“ Trambahnwagen.83 Jenseits der Metropolen wirkte sich für Vogeler das neue Bild der russischen Wirtschaft insbesondere im Bereich der Landwirtschaft und in Hinblick auf die Modernisierung und fortschreitende Technologisierung des industriellen Sektors aus. Die vermeintlichen Erfolge der neuen Wirtschaftspolitik der Bol’ševiki im Agrarbereich hatten sich für ihn vor allem während eines mehrwöchigen Arbeitsaufenthaltes auf einem Sowjetgut nördlich von Moskau im Gouvernement Tver’ gezeigt. Die Erfahrungen hier ließen ihn erkennen, wie sich innerhalb weniger Jahre unter den Bauern der primitive Ackerbau zu intensiveren Formen der Bewirtschaftung gehoben hatte und die in Kollektiven organisierte Wirtschaft unter der Landbevölkerung starken Zulauf und Zuspruch erfuhr.84 Entsprechend positiv bewertete er auch die industrielle Entwicklung des Landes, die für ihn geradezu „einen Sprung von der Steinzeit zur höchsten Technik der Elektrizität“85 vollzog – ohne auch nur mit einem Wort auf die ihm offensichtlich unbekannt gebliebenen Entwicklungsstandards einzugehen, die bereits im späten Zarenreich solche Perspektiven eröffnet hatten. Trotz der insgesamt positiv zu beurteilenden ökonomischen Entwicklung86 kam Vogeler nicht umhin zu erwähnen, dass sich der konjunkturelle Aufschwung und der strukturelle Wandel des russischen Wirtschaftssystems zum Teil in einem verhältnismäßig langsamen Tempo vollzogen. Gleichwohl ließen seine Beschreibungen keinen Zweifel daran entstehen, dass die Ursachen für die Verzögerungen sowie die im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung und dem Aufbau der sozialistischen Gemeinwirtschaft auftretenden Probleme für ihn keine grundsätzlichen Fehler des Sowjetsystems, sondern dass ihre Ursachen vor allem in der vermeintlichen Rückständigkeit Russlands zu Zeiten der zaristischen Herrschaft zu suchen seien. Auch die katastrophalen Zerstörungen sowie die immense Vernich81  Ebd.,

S. 11. S. 13. 83  Vgl. ebd., S. 18 f. 84  Vgl. ebd., S. 50. 85  Ebd., S. 33. 86  Vgl. ebd., S. 19. 82  Ebd.,

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tung wichtiger wirtschaftlicher Ressourcen infolge von Krieg, Bürgerkrieg und der Blockade alliierter Truppen müssten als mitverantwortlich für das stark verhaltene Tempo der russischen Entwicklung betrachtet werden.87 Offenkundige Worte des Lobes fand Vogeler auch in Bezug auf die gesetzliche Regelung der Arbeitsbedingungen und für die Einrichtungen der sozialen Fürsorge. Neben dem gesetzmäßig festgeschriebenen Achtstundentag sowie den gewerkschaftlich streng geregelten Lohn- und Tarifverhältnissen galt ihm vor allem das Gesundheitswesen, das „ungeheure Zahlen für die Gesundheitspflege des arbeitenden Volkes“88 aufbrachte, als mustergültig und ausnehmend beispielhaft. Entsprechend vorbildlich sah er auch die verschiedenen Entwicklungen im Bereich des Gesellschaftslebens, wobei ihm das Zusammenleben der sowjetischen „Volksgemeinschaft“ in allen Bereichen nach den Vorgaben eines neuen Lebens- und Arbeitsrhythmus reibungslos zu funktionieren schien.89 Auffallend war ihm zudem die scheinbare Synthese von privatem, politischem und gesellschaftlichem Leben.90 Die generell hoch einzuschätzende Intensität des kulturellen Lebens mochte für ihn zugleich auch ein Grund dafür sein, dass er in Russland „nie das widerliche Bild der Säufer“91 zu Gesicht bekam. Daneben war vor allem die Wertschätzung und Anerkennung, die Vogeler den Innovationen und Errungenschaften des sowjetischen Bildungs- und Erziehungswesen entgegenbrachte, deutlich zu vernehmen. Neben der modernen Ausstattung der Schulen, die jeweils auf die verschiedenen Unterrichtsziele und Lehrpläne zugeschnitten war, hob er vor allem die Leitung der Lehranstalten, die sich demokratisch und unter der Mitbestimmung der Schüler vollziehe, lobend hervor.92 Auch die an den Schulen und Universitäten seiner Ansicht nach verwirklichte Verbindung von polytechnischem Unterricht und praktischer Arbeit – übrigens ein in Russland schon im 19. Jahrhundert realisiertes Ideal – galt ihm als beispielhaft.93 Gegen Ende seines Berichts wandte sich Vogeler schließlich auch dem Thema der Kunst sowie dem des religiösen Lebens in Sowjetrussland zu. Obwohl er wisse, dass der Künstler, der nicht in oder für einen Betrieb tätig sei, in Russland „zugrunde“ gehe, gebe es auch hier „gesunde Keime eines ganz neuen Werdens“.94 Vogeler brachte größtes Verständnis dafür Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 13 f. S. 25. 89  Vgl. ebd., S. 17–20. 90  Vgl. ebd., S. 15. 91  Ebd., S. 16. 92  Vgl. ebd., S. 33 f., 37 f. 93  Vgl. ebd., S. 31, 46, 50–52. 94  Ebd., S.  57 f. 87  Vgl.

88  Ebd.,



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auf, dass der Kunstmarkt in Russland keine Bedeutung mehr habe, da es schließlich die Aufgabe eines jeden Künstlers sei, „seine schöpferische Kraft ganz dem gesellschaftlichen Leben dienstbar zu machen“.95 In Bezug auf das religiöse Leben in Russland notierte Vogeler dagegen, dass unter den Russen, die man traditionell als ein sehr religiöses und gottesfürchtiges Volk einschätzte, das „Opium der Religion“96 nun gänzlich überwunden und durch die im Diesseits Erlösung versprechende Religion des Kommunismus ersetzt worden sei.97 3. Perzeption und quellenkritische Notizen Vogelers Reisebericht entwarf ein ausnahmslos positiv besetztes, ideologisiertes Sowjetunionbild, dessen vordergründiges Anliegen es war, ungeteilte Zustimmung zur Sowjetunion und zu dem Experiment des Bolschewismus zum Ausdruck zu bringen. Dementsprechend wollte Vogeler seinen Reisetext ausdrücklich auch von denen all jener Berichterstatter unterschieden wissen, die bloß „nach dem Unrat im Brachwasser der zusammenbrechenden bürgerlichen Kultur“ suchten, doch auch von „jenen geistreichen, journalistischen Überradikalen […], die mit dem kritischen revolutionären Bleistift immer neben der Bewegung“98 ständen. Diesen Darstellungen setzte er schon im Vorwort seines Reiseberichts die vorgebliche Authentizität seiner eigenen Beobachtungen und Erfahrungen sowie die Tatsache entgegen, dass er während seiner Reise nicht einer „jener vorübergehenden Spaziergänger“ gewesen sei, sondern sich selbst „als verantwortlicher Mitarbeiter an der Gestaltung der neuen Gesellschaft“99 in Russland beteiligt habe. Daher fühlte er sich in den Stand gesetzt, ein aus seiner Sicht unverfälschtes und aufrichtiges Bild vom Leben und vom Aufbau in der Sowjetunion zu geben. Ob Vogelers Reisebeschreibungen jenen wahrhaften und authentischen Blick auf die Realität der sowjetischen Entwicklung zu offenbaren vermochten, ist bereits von den zeitgenössischen Rezensenten stark in Zweifel gezogen worden. Die Mehrzahl von ihnen zeigte sich äußerst erschüttert über Vogelers ausgesprochene Verblendung, dessen „Verkrampftheit der Sehweise“100 für sie fast schon an innere Unwahrhaftigkeit grenzte. Darüber 95  Ebd.,

S. 58. S. 62. 97  Vgl. ebd., S. 61 f. 98  Ebd., S. 6. Hervorhebung im Original. 99  Ebd., S. 5. 100  So der Rezensent der Literarischen Wochenschrift (1926). Zit. n.: Heeke: Reisen zu den Sowjets (wie Anm. 5), S. 628. 96  Ebd.,

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hinaus monierte unter anderem der Historiker Richard Salomon (1884–1966), der Vogelers Russlandbuch 1925 in der Zeitschrift Osteuropa rezensiert hatte, die „rührende Naivität“ seiner Beschreibungen sowie sein „aufdringliches Schimpfen über alles Nichtkommunistische“ in Verbindung mit den „maßlos entstellenden Bemerkungen über deutsche Zustände“101, was für ihn die Lektüre insgesamt nur wenig informativ und äußerst unerfreulich machte. Die harsche Kritik der zeitgenössischen Rezensenten an Vogelers Russlandbuch ist verständlich, und auch dem heutigen Leser mag die darstellerische Mischform seines Berichtes, der mit seinen erzählerischen, reflexiven und analytischen Partien immer wieder zwischen Russland als dem konkreten Ort der Umwälzungen und der Beschreibung der rückständigen und desolaten Lage in Deutschland pendelte, befremdlich erscheinen. In naiver, zum Teil schon grotesk anmutender Schwarzweißmalerei bemüht Vogeler immer wieder den direkten Vergleich zwischen den deutschen und russischen Zuständen, um auf diesem Wege der im Verfall befindlichen kapitalistischen Gesellschaft die vermeintliche Schönheit und die Stärke der neuen, sozialistischen Gesellschaft gegenüberzustellen. So heißt es unter anderem über seinen Aufenthalt in Leningrad: „Wieviel schöner und ruhiger sind hier die Menschen, denen man ins Antlitz sieht, im Vergleich zu den Menschen des Westens. Man sieht nicht diesen äußeren Glanz und dies verzweifelte Leid, aber viele, viele Hoffnungen. […] Es fehlt das fette Schiebergesicht mit den Etagenfalten im Genick, dieser Typ, der in Deutschland die herrschende Klasse besonders auszeichnet.“102 Speziell in den ersten Passagen scheinen Vogelers Ausführungen weniger dem Zweck zu dienen, über die konkreten Entwicklungen in der Sowjetunion zu informieren als vielmehr gegen die politischen Zustände in Deutschland zu polemisieren. Durch die direkte Gegenüberstellung seiner Eindrücke aus Sowjetrussland mit der aus seiner Sicht vorgenommenen Einschätzung der deutschen Lage konnte er ohne weiteres das sowjetische Staatssystem als einzig wahre und gangbare Alternative zur kapitalistischen Ordnung präsentieren. Zugleich war es ihm in diesem Zusammenhang möglich, sich des sowjetischen Modells als Projektionsfläche zu bedienen, auf der er seine eigenen politischen Vorstellungen und sozialutopischen Phantasien abbilden konnte.103 Vogelers Reisebericht war also ganz bewusst einseitig positiv, 101  So Richard Salomon in der Zeitschrift Osteuropa (1925). Zit. n.: Pforte: Der Reisebericht als Umkehrbild (wie Anm. 63), S. 132. 102  Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 11. 103  Vgl. auch Dietger Pforte: Russland-Reiseberichte aus den 20er Jahren als Quelle historischer Forschung. In: Eberhard Knödler-Bunte / Gernot Erler (Hrsg.): Kultur und Kulturrevolution in der Sowjetunion. Berlin [West] 1978, S. 25–32, hier: 31 f.



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um sowohl die gesellschaftlichen und politischen Ideale des Verfassers als auch seine an den sowjetischen Zuständen konkretisierte Utopie vom neuen, kommunistischen Menschen zu vermitteln.104 Wie stark sich Vogelers utopisches Menschen- und Gesellschaftsideal und seine eigene politische Haltung auf seine Wahrnehmung auswirkten, zeigt sich vor allem daran, dass er in seinen Beschreibungen all jene Erscheinungen auszuklammern versucht, die nicht in sein Wunschbild von einer egalitären Gesellschaft oder in seine Vorstellung von der „Geburt des neuen Menschen“ zu passen schienen. So sparen seine Beschreibungen unter anderem Probleme wie die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Unterdrückung von Oppositionen oder das Ausmaß und die Praxis der Zensur weiträumig aus. Auch bemerkt er weder das Bettlerelend und die sogenannten Besprisornye (Besprizornye)105 auf den Straßen von Moskau noch den gravierenden Mangel an Bedarfsartikeln, Wohnkomfort und Lebensmitteln. Ebenso unerörtert bleibt die Tatsache, dass sich die vielfach zitierte „Diktatur des Proletariats“ in Russland immer deutlicher zur uneingeschränkten Herrschaft einer Oligarchie – der Partei der Bol’ševiki – über die Arbeiterund Bauernschaft und die gesamte Bevölkerung entwickelte. Wie sehr Vogeler in seiner grenzenlosen Glaubensbereitschaft an allem vorbeischaute, was in der Sowjetunion negativ, bedrückend oder schändlich schien, zeigt sich besonders eindrucksvoll an seinen Bemerkungen, die er über die Tscheka (VČK), die Geheime Russische Staatspolizei, sowie den Geheimdienstchef Feliks Dzierżyński (1877–1926) verliert. Mit Worten, die fast schon ein Gefühl der Anerkennung vermuten lassen, heißt es über ihn: „Es ist wohl das Schicksal dieses ruhigen, hart durchgreifenden Charakters, überall die Säuberungsarbeit zu machen, das kommunistische Leben zu gesunden. […] ohne jede Sentimentalität säuberte er Rußland von dem kapitalistischen Raubgesindel und vernichtete das Parasitentum […].“106 Vogelers apologetische Intentionen werden noch deutlicher, wenn man ­seine Reisebeschreibungen mit den Aussagen seiner privaten Korrespondenz 104  Wie zentral dieses Motiv von der „Geburt des neuen Menschen“ für Vogelers Vorstellung über die Sowjetunion war, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass er nicht nur eines seiner Gemälde mit gleichlautendem Titel seinem Reisebericht voranstellte, sondern diese Bezeichnung zugleich auch als Untertitel für sein Buch wählte. Vgl. Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 4. Siehe auch Oberloskamp: Fremde neue Welten (wie Anm. 12), S. 285 f. 105  Der Begriff bezeichnete die Heerscharen von verwahrlosten Kindern, die durch die Kriegswirren zu Waisen geworden waren und zahlreich auf den Straßen Moskaus und anderer russischer Metropolen lebten. 106  Vogeler: Reise durch Rußland (wie Anm. 6), S. 19. Ähnlich wird auch die Milde der sowjetischen Justiz sowie die Rücksichtnahme und Freundlichkeit der russischen Polizei betont. Vgl. ebd., S. 16 f., 53 f.

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kontrastiert. In den Schilderungen jener Briefe, die während der Monate seines Russlandaufenthaltes entstanden sind, lassen sich durchaus deutliche Unterschiede zwischen dem erkennen, was er tatsächlich über die Lage in Russland wusste, und dem, was er in seinem Reisebericht öffentlich zur Sowjetunion äußerte. Dabei zeigt sich, dass er vor allem den schlechten Lebensstandard der sowjetischen Bevölkerung bewusst verschweigt, obwohl er selbst während seines Aufenthaltes unter schwierigen finanziellen und materiellen Umständen zu leiden hatte. So betont er vor allem in den Briefen, die an seine Mutter Marie Louise gerichtet waren, dass er mit seiner Familie in „sehr primitiver Form“107 äußert beengt in Moskau lebe. Ferner räumt er ihr gegenüber ein, dass es in Russland „wirtschaftlich sehr schlecht“108 gehe: „Ich bekomme so sehr, sehr viele Briefe von Deutschen, Gelehrten und Technikern, die um alles in der Welt aus Deutschland heraus wollen nach Rußland, über die Schwierigkeiten und Entbehrungen hier machen sie sich alle keine rechte Vorstellung.“109 Obwohl sich dem privaten Schriftwechsel Vogelers auch an anderen Stellen kritische Bemerkungen entnehmen lassen, so erscheint es dennoch auffallend, dass sich die positive Grundstimmung seines Reiseberichtes grundsätzlich auch in seinen persönlichen Äußerungen wiederfinden lässt. So betont er selbst in jenen Briefen, in denen er vorsichtig Kritik an der russischen Entwicklung wagt, prinzipiell seine uneingeschränkte Zustimmung zur Sowjetunion. V. Fazit Schon im Vorfeld seiner ersten Russlandreise hatte Heinrich Vogeler vielfältige Erwartungen und weitreichende Hoffnungen gegenüber der Sowjetunion entwickelt, die sich sowohl vor dem Hintergrund seiner Einschätzung der Lage in Deutschland als auch in Bezug auf seine persönlichen Lebensumstände, seine sozialreformerischen Ansichten und seine gesellschaftsutopischen Phantasien nachvollziehen ließen. 107  Aus dem Brief Heinrich Vogelers an Marie Louise Vogeler [Mitte Dezember 1923 aus Moskau]. In: Vogeler: Werden (wie Anm. 30), S. 386 f., hier: 386. Ähnlich äußert er sich auch in einem Brief an seine erste Frau Martha Vogeler [vom 16. De­zember 1923 aus Moskau]: „Unser Leben ist natürlich sehr primitiv, umgeben von unseren Koffern und Körben anstatt Möbeln […].“ (Ebd., S. 388). 108  Aus dem Brief Heinrich Vogelers an Marie Louise Vogeler [vom 22. Mai 1924 aus Moskau]. In: Ebd., S. 400–402, hier: 402. Hervorhebung im Original. Ebenso heißt es hier: „Mit Kunst ist hier sehr wenig zu erreichen, und mein Gehalt ist bedeutend weniger, wie ein Arbeiter erhält.“ 109  Aus dem Brief Heinrich Vogelers an Marie Louise Vogeler [etwa März / April 1924 aus Moskau]. In: Ebd., S. 400.



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Eingebunden in ein ausnahmslos positives und wohlwollendes Gesamturteil, entfaltete Vogeler in seinen Reisebeschreibungen ein Sowjetunionbild, in dem sich ein gesellschaftlich fortschrittliches, wirtschaftlich prosperierendes, bildungs- und sozialpolitisch vorbildliches Land mit neuen, disziplinierten und auf die Zukunft gewandten Menschen präsentierte. Dieses Bild entsprang jedoch weniger der sowjetischen Realität als vielmehr seiner eigenen Utopie, die sich für ihn in Deutschland selbst nicht mehr verwirklichen ließ. Insofern nahm Vogeler jede Wendung und Veränderung in Sowjetrussland allein „durch die Brille der Begeisterung“110 wahr. Wie in seinen parallel zu seiner Reise entstandenen Bildern, die voller Optimismus vom unbeirrten Aufbau einer neuen Gesellschaft in Russland erzählen wollten, sah er auch hier das Sollen im Sein und die Zukunft sich in der Gegenwart entfalten.111 Bis heute kann Heinrich Vogelers Reisebericht vor allem als das Bekenntnis eines Mannes gelesen werden, der aufgrund bitterer persönlicher Erfahrungen und im Angesicht des eigenen wiederholten Scheiterns auf seiner Reise durch Russland vor allem eines nicht mehr wollte – enttäuscht zu werden: „Er fuhr los wie jemand, der ein neues Land sucht, müde des alten […], aber was er wirklich suchte, war sein neues Land, nicht ein unbekanntes, sondern ein bekanntes, […] eines, das er selber gebaut hatte, und zwar in seinem Kopf […].“112

110  So Richard Salomon in der Zeitschrift Osteuropa (1925). Zit. n.: Pforte: Der Reisebericht als Umkehrbild (wie Anm. 63), S. 132. 111  Vgl. Martin Damus: Kunst und Politik – Selbstverwirklichung oder Auftrag. Heinrich Vogeler, die hohe Kunst und die große Politik. In: Meyer-Stiens (Hrsg.): Träume. Wege. Irrwege (wie Anm. 45), S. 41–50, bes. 49. Siehe auch den Beitrag zu Vogeler in: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst e. V. (Hrsg.): Unsere Russen – Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Berlin 2007, S. 124. 112  Bertolt Brecht: Kraft und Schwäche der Utopie. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 8. Hrsg. in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann. Frankfurt am Main 1967, S. 434–437. Zit. n.: Enzensberger: Revolutions-Tourismus (wie Anm. 21), S. 170.

Fluch oder Segen? Die deutschen Intellektuellen und die Sowjetunion – Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“ Von Vivien Schramm (Chemnitz) I. Einführung II. Exil in Frankreich und politisches Engagement 1. Volksfront 2. Feuchtwanger und Gide III. Moskau 1937 1. „Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht was Wahrheit ist“ 2. Reaktionen und Wirkung IV. Fazit

I. Einführung „Soll ich sprechen über das, was ich in der Sowjet-Union gesehen hatte? Das wäre kein Problem gewesen, hätte ich, wie andere, in der SowjetUnion viel Negatives gesehen und wenig Positives. Da hätte man gejubelt. So aber hatte ich mehr Licht als Schatten wahrgenommen, und man liebt die Sowjet-Union nicht und wollte davon nichts hören. Man zeigte es mir sogleich.“1 Mit diesen Worten leitet der Schriftsteller Lion Feuchtwanger sein Werk Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde ein. Er sollte damit Recht behalten. In der Bundesrepublik erfuhr das Buch erst 56 Jahre nach seinem Erscheinen eine Neuauflage. Bis heute gilt es als peinlicher Fauxpas. Seit der Erstveröffentlichung des Berichts haftet Feuchtwanger der Makel der Verherrlichung des Sowjetsystems und insbesondere des Diktators Iósif Vissariónovič Stalin (1878–1953) an. Doch der Text ist weit mehr als ein naiver Fehltritt eines ansonsten rationalen Schriftstellers. Moskau 1937 ist vielmehr ein historisches Dokument der Hoffnungen, die viele Linksintellektuelle dem sowjetischen „Experiment, ein riesiges Reich einzig 1  Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin 1993 (erstmals 1937), S. 10.

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und allein auf Basis der Vernunft aufzubauen“2 in den 1930er Jahren entgegenbrachten. Hier bildet Feuchtwanger keine Ausnahme. Die folgenden Überlegungen zielen nicht auf eine vollständige Analyse des Reiseberichts Lion Feuchtwangers. Moskau 1937 hat in der Geschichtsund Literaturwissenschaft bereits große Beachtung gefunden.3 Vielmehr sollen an prägnanten Beispielen der Grundtenor des Buches herausgestellt sowie Prozesse der Illusionsbildung verdeutlicht werden. In erster Linie stellt diese Untersuchung die Frage nach den Beweggründen Feuchtwangers, die ihn zu einem politischen Bekenntnis drängten sowie die der Mitverantwortung der europäischen Intellektuellen an der Stabilisierung und Rechtfertigung des stalinistischen Systems durch ihre Zurückweisung von Kritik und Protest. Bei allen Vorwürfen, die man Feuchtwanger macht, muss ebenso bedacht werden, wie er es hätte besser machen können. Sollte Feuchtwanger in dieser schwierigen Zeit Neutralität beweisen? Hierbei stellt sich die Frage, ob eine Beurteilung der Sowjetunion für einen vor dem Nationalsozialismus geflohenen jüdischen Schriftsteller überhaupt unpolitisch bleiben konnte. Feuchtwanger schien es selbst zu wissen: „Gute Bekannte von mir, sonst ganz vernünftige Leute, waren von den deutschen Faschisten durch Ehrungen um ihr gesundes Urteil gebracht worden, und ich fragte mich, ob nicht auch ich mir den Aspekt der Dinge und Menschen durch die Brille der Eitelkeit verzerren lassen würde.“4 II. Exil in Frankreich und politisches Engagement Um Feuchtwangers Haltung zur stalinistischen Sowjetunion verstehen zu können, ist eine einführende Darstellung der Entwicklung seines politischen Bewusstseins unverzichtbar. In erster Linie resultiert sein positives Sowjetunionbild aus der strikten Ablehnung des Nationalsozialismus. Bereits vor Adolf Hitlers (1889–1945) Machtübernahme hatte der jüdische Schriftsteller eindringlich vor der faschistischen Gefahr gewarnt. Sein 1930 erschienener Ro2  Feuchtwanger:

Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 7. ausführlichste Analyse zu Feuchtwangers Russlandbild findet sich bei Karl Kröhnke: Lion Feuchtwanger – Der Ästhet in der Sowjetunion. Ein Buch nicht nur für seine Freunde. Stuttgart 1991. Vgl. zum Ganzen jetzt auch Anne Hartmann: Literarische Staatsbesuche. Prominente Autoren des Westens zu Gast in Stalins Sowjetunion (1931–1937). In: Siegfried Ulbrecht  /  Helena Ulbrechtová (Hrsg.): Die Ost-West-Problematik in den europäischen Kulturen und Literaturen. Ausgewählte Aspekte. Prag  /  Dresden 2009, S. 229–276 sowie dies.: Lost in Translation. Lion Feuchtwanger bei Stalin, Moskau 1937. In: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 28 (2008), S. 5–31. 4  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 8 f. 3  Die



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man Erfolg setzte sich erstmals breit mit dieser Thematik auseinander. Dass sich Feuchtwanger mit einer derartigen Stellungnahme in den Augen der Nationalsozialisten „einen zukünftigen Emigrantenplatz reichlich verdient hat“5, wollte er selbst allerdings bis zum Jahre 1933 nicht glauben. Gemeinsam mit seiner Frau kaufte er noch 1932 eine Villa in Berlin, sah er doch Hitlers Stern spätestens nach den Novemberwahlen desselben Jahres wieder sinken. Dementsprechend überraschend erfuhr er von der Übertragung der Kanzlerschaft auf Hitler während einer Vortragsreise in den USA. Aus offensichtlichen Gründen kehrte er nach deren Beendigung nicht in seine Heimat zurück, sondern begab sich über Österreich und die Schweiz nach Frankreich, wo sich das Ehepaar Feuchtwanger 1934 in Sanary-sur-Mer niederließ.6 1. Volksfront Hinsichtlich seiner schriftstellerischen Tätigkeit stellen die sieben Jahre, die Feuchtwanger im südfranzösischen Exil verbrachte, die produktivste Periode seines Lebens dar.7 Doch rückte in dieser Zeit auch seine journalistische und insbesondere politische Arbeit in den Vordergrund. Es war die Zeit der Volksfrontbestrebungen, welche die exilierten Schriftsteller zunächst einigen, später jedoch entzweien sollten. Ein Zusammenschluss der deutschen Emigranten zeichnete sich bereits frühzeitig ab. Schon im Sommer 1933 gründete sich als Reaktion auf die Bücherverbrennung in Deutschland der Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil. Neben Feuchtwanger gehörten ihm insbesondere Schriftsteller des linksliberalen bis kommunistischen Spektrums an.8 Ein Jahr später wurde die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris ins Leben gerufen, wobei das politische Milieu der Initiatoren nun durchaus breiter gefächert war.9 5  Völkischer Beobachter vom 17. Oktober 1931, Nr. 290. Zit. n. Peter Stolle: Das Hitlerbild in den Romanen Lion Feuchtwangers. München 2004, S. 16. 6  Vgl. Stolle: Hitlerbild (wie Anm. 5), S. 14–16. 7  Im französischen Exil entstanden die Romane Die Geschwister Oppermann (1933), Die Söhne (1935), Der falsche Nero (1936), Der Tag wird kommen (1940), Exil (1940), die Essays Die Aufgabe des Judentums (1933) und Moskau 1937 (1937) sowie der Band mit Erzählungen Marianne in Indien (1934). 8  Unter dem Vorsitz Rudolf Leonhards (1889–1953) gehörten dem Vorstand neben Feuchtwanger Anna Seghers (1900–1983), Egon Erwin Kisch (1885–1948), Alfred Kantorowicz (1899–1979), Johannes R. Becher (1891–1958), Ludwig Marcuse (1894–1971) und Heinrich Mann (1871–1950) an. Vgl. dazu: Alfred Kantorowicz: Politik und Literatur im Exil. Deutschschprachige Schriftsteller im Kampf gegen den Na­tionalsozialismus. München 1983, S. 147–149. 9  Dem Initiativkomitee gehörten unter dem Vorsitz Heinrich Manns neben Feuchtwanger und Kisch Bruno Frank (1887–1945), Rudolf Leonhard (1889–1953), Ernst Bloch (1885–1977), Emil Gumbel (1891–1966), Hanns Eisler (1898–1962), Alfred

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Den Höhepunkt der Bemühungen des Schutzverbands, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, die über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufklären sollte, stellte der Erste Internationale Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur im Jahre 1935 dar. Insgesamt nahmen etwa 250 Autoren daran teil, wodurch der Kongress ganz im Kontext der Schaffung einer antifaschistischen Einheit auf politischer Ebene stand.10 Feuchtwanger bekannte sich, wie viele seiner Kollegen und Freunde, eindeutig zu dieser „Volksfront“. Deren Anhänger sahen ausschließlich in einem Bündnis aller antifaschistischen Kräfte, also auch der Sowjetunion, eine Chance im Kampf gegen Hitlerdeutschland. Derartige Bemühungen beschränkten sich in den 1930er Jahren keineswegs auf das kommunistische Milieu. Unter den Anhängern fanden sich auch liberale Schriftsteller wie Ludwig Marcuse oder Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid (1874– 1944) und Hans Hirschfeld (1873–1944). Überdies vertrat nicht nur Feuchtwanger die Ansicht, dass die Sowjetunion sogar die einzige Großmacht sei, die es mit dem Kampf gegen den Faschismus wirklich ernst meine. Die westlichen Demokratien hatten mit ihrer Politik der Nichteinmischung viele Exilanten enttäuscht. Insbesondere während des Spanischen Bürgerkrieges, bei dem die Westmächte den putschenden Faschisten nichts entgegensetzten, blühte die prosowjetische Stimmung im Emigrantenkreis auf.11 Die prominenten Künstler und Politiker, die freiwillig auf der Seite der Republikaner kämpften oder zumindest durch Aufrufe und Artikel das freiheitliche Spanien unterstützten, mussten erfahren, dass sie nur von der stalinistischen Sowjetunion Unterstützung zu erwarten hatten: „Es gibt innerhalb der westlichen Zivilisation keine Klarheit und Entschiedenheit mehr. Man wagt nicht, sich gegen den andrängenden Barbarismus mit der Faust zu wehren oder auch nur mit starken Worten, man tut es mit halbem Herzen, mit vagen Gesten […]. Wen widert nicht die Faulheit und Heuchelei an, mit der diese Verantwortlichen auf den Überfall der spanischen Republik durch die Faschisten reagierten?“12 Allerdings hinterließ die Erfahrung in Spanien nicht bei allen Emigranten ein positives Bild der Sowjetunion. Deren Vorgehen auf dem spanischen Kriegsschauplatz zeigte auch, dass die Kerr (1867–1948), Kurt Rosenfeld (1877–1943) und Joseph Roth (1894–1939) an. Gemeinsam mit Romain Rolland (1866–1944) und André Gide (1869–1951) übernahm Feuchtwanger die Ehrenpräsidentschaft der Organisation. Vgl. dazu Stolle: Hitlerbild (wie Anm. 5), S. 18. Zu Rolland und Gide vgl. die Beiträge von Jan Freitag und Florian Reichhold in diesem Band. 10  Vgl. Kantorowicz: Politik und Literatur (wie Anm. 8), S. 205 ff.; Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Ein deutsches Schriftstellerleben. Berlin  /  Weimar 1994, S. 387–389. 11  Vgl. Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 388–390. 12  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 110 f.



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KPdSU rücksichtslos die Vorherrschaft in dem antifaschistischen Bündnis anstrebte. Für die Exilanten wurde immer deutlicher, dass die Volksfront für Stalin lediglich ein Instrument seiner Machtpläne darstellte. Zudem begannen in Moskau die ersten Schauprozesse gegen die alte bolschewistische Garde, die fortan viele überzeugte Anhänger von einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zurückschrecken ließen. Spätestens mit dem Hitler-StalinPakt zerfiel die Einheit der Volksfront gänzlich. Der antifaschistische Konsens im Emigrantenkreis wandelte sich zunehmend zu einem antitotalitären, bei dem die Sowjetunion nun ebenso wie Hitlerdeutschland als Gegner jeder freiheitlichen Entwicklung wahrgenommen wurde.13 2. Feuchtwanger und Gide Großen Einfluss auf den Stimmungsumschwung im Emigrantenkreis hatte André Gides Reisebericht Retour de l’U.R.S.S. Der französische Schriftsteller galt als einflussreicher Sympathisant des Kommunismus. Aus diesem Grund erregten seine kritischen Äußerungen zur sowjetischen Politik besonderes Aufsehen. Obwohl er von der KP-Publizistik als Renegat diffamiert wurde, fand Gide Zuspruch bei einem Großteil der Exilanten. Andere wiederum – und ihnen gehörte Feuchtwanger an – hielten in ihrer Verzweiflung über Hitlers wachsende Erfolge weiter an der antifaschis­ tischen „Schlagkraft“ der Sowjetunion fest und wollten an ihrem Bild keine Kratzer akzeptieren. Feuchtwanger sah sich durch Gides Kritik herausgefordert, wollte sich bekennen und näherte sich daher stärker denn je dem Sowjetkommunismus.14 Belege dafür finden sich auch außerhalb von Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937. So begann er beispielsweise im Jahre 1936 seine Tätigkeit als Mitherausgeber der deutschen Emigrantenzeitschrift Das Wort.15 Im Sinne der Volksfrontidee sollte auch nichtkommunistischen Autoren die Möglichkeit zur Publikation eingeräumt werden. Jedoch erschien die Zeit13  Vgl. Kantorowicz: Politik und Literatur (wie Anm. 8), S. 180–182; Hartmut Mehringer: Der deutsche Widerstand im Ausland. Vom antifaschistischen zum antitotalitären Konsens. In: Daniel Azuélos (Hrsg.): Lion Feuchtwanger und die deutschsprachigen Emigranten in Frankreich von 1933 bis 1941. Bern u. a. 2006, S. 23–32, hier: 26–28. 14  Vgl. Albrecht Betz: Exil und Engagement. Deutsche Schriftsteller im Frankreich der Dreißiger Jahre. München 1986, S. 125–127. 15  Weitere Herausgeber waren Bertolt Brecht (1898–1956) und Willi Bredel (1901–1964). Feuchtwanger selbst veröffentlichte insgesamt elf Beiträge. Weitere Artikel stammten u. a. von Marcuse sowie von Stefan Zweig (1881–1942), Alfred Döblin (1878–1957) und Thomas Mann (1875–1955). Vgl. dazu Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 397 f.

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schrift im Moskauer Jourgaz-Verlag und wurde von offiziellen sowjetischen Stellen unterstützt und weitgehend finanziert. Der Großteil der veröffentlichten Aufsätze stammte daher erwartungsgemäß von kommunistischen Autoren. Die Schriften blieben linientreu. Wie abhängig die Exilzeitschrift von der sowjetischen Führung war, zeigte sich auch im März 1939, als Feuchtwanger der Beschluss zur Einstellung seiner Monatsschrift mitgeteilt wurde, die in ihrem antifaschistischen Grundtenor immer mehr in Widerspruch zur Außenpolitik Stalins geraten war. Einfluss nehmen konnte er auf diese Entscheidung nicht.16 Dennoch war Das Wort eine der wichtigsten deutschen Exilzeitschriften, mit einer Auflage von bis zu 12.000 Exemplaren.17 Das Ansehen der Monatsschrift im Emigrantenkreis machte sich Feuchtwanger auch für seine Polemik gegen Gide dienstbar. Unter dem Titel Der Ästhet in der Sowjetunion veröffentlichte er eine Antwort auf Gides Reisebericht, die zum Teil ins Persönliche abglitt und dabei den Eindruck einer kleinlichen und eigentlich privaten Rivalität zurücklies.18 Ebenso muss Feuchtwangers Moskau 1937 im Zusammenhang mit Gides Reisebericht gesehen werden. Bereits kurz nach der Veröffentlichung seines Buches sah sich Feuchtwanger mit dem Gerücht konfrontiert, dass sein Bericht als eine Art Auftragsarbeit gegen Gide von den sowjetischen Funktionären finanziert worden sei.19 Zwar lässt sich eine derartige Anschuldigung nicht beweisen, doch weisen einige Textstellen seines Berichts durchaus darauf hin, dass Feuchtwangers Moskau 1937 als „Anti-Gide“ konzipiert wurde. Bereits in der Einleitung bezieht sich Feuchtwanger auf das „Büchlein des Schriftstellers André Gide […], das unmittelbar vor meiner Abreise erschienen war“.20 Auch in den weiteren Kapiteln bemüht sich Feuchtwanger, das „verzerrte“ Urteil Gides zu berichtigen. Hierbei benutzt er vielfach folgendes Schema: Feuchtwanger stellt eine Aussage Gides seinen eigenen Erlebnissen gegenüber, um ihn der Lüge zu überführen. Beispielsweise schreibt er: „André Gide erzählt von der Überheblichkeit dieser jungen Generation. Er berichtet, […] wie man arrogant und wegwerfend erklärt habe, es sei überflüssig, sich noch mit fremden Sprachen abzugeben, denn man habe vom Ausland nichts mehr zu lernen. […] Ich war auch angenehm erstaunt, wie viele dieser Studenten Deutsch, Englisch oder Französisch Kröhnke: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 3), S. 19 f. Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 397. 18  Vgl. Karl Kröhnke: Der Ästhet in der Sowjetunion. Lion Feuchtwanger. Zu seinem Buch Moskau 1937. In: Wilhelm von Sternburg (Hrsg.): Lion Feuchtwanger. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt am Main 1989, S. 174–195, hier: 183–185. 19  Vgl. ders.: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 3), S. 21. 20  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 8. 16  Vgl. 17  Vgl.



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oder zwei oder drei dieser Sprachen konnten.“21 Im Kern unterstellt Feuchtwanger, dass sich Gide an Nebensächlichkeiten gehalten und dabei den Blick für das Wesentliche verloren habe. Zweifelsohne ist Feuchtwangers Urteil über die Sowjetunion, das nachfolgend genauer analysiert werden soll, als Reaktion auf Gides Kritik zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit seinem politischen Engagement im französischen Exil ermöglicht dabei die Beurteilung der weltanschaulichen und politischen Prämissen, die sein Bild von der Sowjetunion geprägt ­haben. Als Feuchtwanger im November 1936 nach Moskau reiste, war die positive Einstellung vieler Emigranten gegenüber der Sowjetunion bereits erschüttert. Der jüdische Schriftsteller Feuchtwanger sah sich jedoch durch Hitlers wachsende Erfolge in seiner persönlichen Existenz bedroht. Kritik an der Sowjetunion musste für ihn gleichbedeutend mit dem Verlust seiner einzigen Hoffnung sein, war für ihn die Suche nach Verbündeten doch eine Frage auf Leben und Tod im wörtlichen Sinne. Feuchtwanger sah sich schlichtweg in einer größeren Abhängigkeit zur Sowjetunion als der Franzose Gide und war dadurch gezwungen, diese Alternative zu wählen. III. Moskau 1937 Im November 1936 reiste Lion Feuchtwanger gemeinsam mit Marcuse und dessen Ehefrau sowie der Autorin Lilo Dammert (* 1905) und der Zeichnerin Eva Hermann (1901–1978) für drei Monate nach Moskau. Die Einladung hatten die deutsche Journalistin Maria Osten (1908–1942) und Michaíl Efímovič Kol’cóv (1898–1940 / 42), der Leiter des Moskauer Jourgaz-Verlages, in dem auch die Zeitschrift Das Wort herausgegeben wurde, bei einem Besuch in Sanary-sur-Mer ausgesprochen.22 So diente Feuchtwangers Reise auch zunächst seinen Geschäften als Schriftsteller.23 Im Allgemeinen erfährt der Leser allerdings nichts von den äußeren Umständen des Aufenthalts in der Sowjetunion. Dass Feuchtwanger beispielsweise nur widerwillig gemeinsam mit Marcuse reiste oder im Moskauer Hotel Metropol residierte, mochte für ihn wenig Bedeutung haben, denn obwohl der Autor im Vorwort schreibt, dass er lediglich persönliche Eindrücke aufS. 21. Zu Gide siehe auch den Beitrag von Florian Reichold in diesem Band. die eigentlich Maria Greshörner hieß, wurde ebenso wie ihr Lebensgefährte Kol’cóv Opfer der stalinistischen Säuberungen, wozu Feuchtwanger keine Stellung nahm. Vgl. Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 400. 23  Feuchtwanger hielt Vorträge, Lesungen, schloss Verträge über Verfilmungen und Übersetzungen ab. Ein wichtiger Programmpunkt war zudem die Organisierung seiner Tätigkeit als Mitherausgeber der Zeitschrift Das Wort. Vgl. Kröhnke: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 3), S. 17–19. 21  Ebd.,

22  Osten,

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zeichnen möchte, ist Feuchtwangers Bericht letztlich eine Niederschrift von Urteilen, nicht von Impressionen. Nachfolgend sind demnach auch insbesondere seine Beobachtungen zur „politischen Wirklichkeit“ in der Sowjetunion von Interesse. Feuchtwanger nahm als Zuschauer am „Januarprozess“ gegen Karl Radek (1885–1939), Geórgij Leonídovič Pjatakóv (1890–1937), Grigórij Jákovlevič Sokól’nikov (1888–1939) und andere teil, der in den Monaten seines Besuches seinen Höhepunkt erreichte. Den wichtigsten Programmpunkt der Reise stellte ein persönliches Gespräch mit Stalin dar. Anhand Feuchtwangers Rechtfertigung der Moskauer Schauprozesse, die bereits bei seinen Zeitgenossen größtes Unverständnis hervorriefen, soll die verhängnisvolle Naivität, mit welcher der Schriftsteller die politischen Verhältnisse in der Sowjetunion verklärte, nachfolgend verdeutlicht werden. Wie bereits gezeigt, stand Feuchtwanger dem Sowjetsystem zu Beginn seiner Reise positiv gegenüber. Schon im Vorwort zu Moskau 1937 erklärt er, dass er sich mit seinem Bericht nicht der kritischen Meinung des Emigrantenkreises anschließen werde, und warum er dem Staat Stalins so viel Sympathie entgegenbringt. Von Anfang an begrüßte Feuchtwanger die Russische Revolution. In Moskau 1937 erklärt er sie zu einem Umschlagpunkt der Weltgeschichte: „So tief bin ich überzeugt, dass gesellschaftliche Einrichtungen, wenn sie gedeihen sollen, auf Urteil und Vernunft aufgebaut sein müssen. Wir haben es in Mitteleuropa schaudernd miterlebt, was daraus entsteht, wenn man Gefühl und Vorurteil zum Fundament von Staaten und Gesetzten machen will und nicht Vernunft. Ich habe Weltgeschichte nie anders ansehen können denn als einen großen, fortdauernden Kampf, den eine vernünftige Minorität gegen eine Majorität der Dummen führt. Ich habe mich in diesem Kampf auf die Seite der Vernunft gestellt, und aus diesem Grund sympathisiere ich von vornherein mit dem gigantischen Versuch, den man von Moskau aus unternommen hat.“24 Dieses Verständnis macht die Sowjetunion für Feuchtwanger nicht nur zu einer Alternative gegenüber den faschistischen Staaten, sondern auch gegenüber den westlichen Demokratien. Doch wie sah diese „Herrschaft der Vernunft“ in den Jahren 1936 / 37 tatsächlich aus? Die Sowjetunion war eine Diktatur, an deren Spitze der Massenmörder Stalin stand. Nach dem Tod seines Vorgängers Lenin (1870– 1924) hatte er sich in einem rücksichtslosen internen Machtkampf gegen Lev Tróckij (1879–1940) durchgesetzt. Der einstige Chef der Roten Armee wurde ins Exil verbannt und später im Auftrag Stalins ermordet. Doch bildet dies nur die Spitze des Eisbergs der grausamen Säuberungswelle, der in den 1930er Jahren Millionen Menschen zum Opfer fielen. Auch die von der sowjetischen Führung hochstilisierten Errungenschaften, beispielsweise im 24  Feuchtwanger:

Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 7 f.



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Wirtschaftssektor, halten einer Überprüfung nicht stand. Die Kollektivierung der Landwirtschaft basierte auf einem Vernichtungsfeldzug gegen die „Kulaken“, die Industrialisierung des Staates blieb weit hinter dem zurück, was die amt­lichen Statistiken suggerierten. Stalin setzte auf Prestigeobjekte, für deren Bau Tausende von Häftlingen unter lebensvernichtenden Bedingungen herangezogen wurden. Dies war die Situation in der Sowjetunion als Feuchtwanger zu seiner Reise aufbrach.25 1. „Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht was Wahrheit ist“ Die Rechtfertigung der „Trotzkistenprozesse“ muss als zentrales Anliegen von Feuchtwangers Reisebericht verstanden werden. Wie der Autor selbst anmerkt, hatte der erste große Prozess vom August 1936 im Ausland großes Aufsehen erregt.26 So hatte die Diskussionen um die unwahrscheinlichen Selbstbeschuldigungen der Angeklagten Grigórij Evséevič Zinóv’ev (1883– 1936) und Lev Borísovič Kámenev (1883–1936), die nur mit physischer und psychischer Folter zu erklären waren, auch die Bemühungen um eine deutsche Volksfront im Exil stark gebremst. Selbst Feuchtwanger erzählt rückblickend, dass ihm diese Verhandlung, die er in den Berichten der westlichen Presse verfolgt hatte, wie ein „mit vollendeter, befremdlicher und grausiger Kunst inszeniertes Theaterstück“27 erschien. Am „Januarprozess“, der aufgrund der westlichen Kritik am ersten Verfahren nunmehr perfekt inszeniert wurde, nahm Feuchtwanger schließlich selbst als Beobachter teil und stellte rasch fest, dass seine Bedenken zergingen, „wie sich Salz in Wasser löst“.28 Der Prozess gegen das „Antisowjetische Trotzkistische Zentrum“ fand zwischen dem 23. und 30. Januar 1937 statt. Der eigentliche Hauptbeschuldigte der Verhandlung war Lev Tróckij. Das Hauptmotiv zur Organisation dieser Prozesse war Stalins Bestreben, den Rivalen Tróckij seiner politischen Einflussnahme zu berauben. Die Verurteilung der Hauptangeklagten des zweiten Prozesses, Radek und Pjatakóv, muss daher im wechselseitigen Zusammenhang mit der Diskreditierung Tróckijs gesehen werden. Zum einen konnte Stalins Konstrukt vom „konterrevolutionären Verschwörer“ ­ 25  Vgl. dazu Hermann Weber: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus. In: Ders. / Ulrich Mählert (Hrsg.): Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus 1936–1938. Berlin 2007, S. 11–41, hier 23–25. Siehe zum Ganzen jetzt auch Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937. München 2008, im vorliegenden Zusammenhang bes. S. 119–135. 26  Vgl. zur politischen Resonanz auf den Prozess Wadim S. Rogowin: 1937. Jahr des Terrors. Essen 1998, S. 71–73. 27  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 87. 28  Ebd.

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durch die Hinrichtung der „Anhänger“ des Kontrahenten glaubhaft gemacht werden. Zum anderen konnte dieses Konstrukt anschließend missbraucht werden, um mit allen politischen Gegnern abzurechnen. Hinsichtlich des wachsenden Einflusses Tróckijs im Ausland ist die Verleumdung der politischen Opposition, die letztlich in den Schauprozessen kulminierte, als einzig effektive Methode in Stalins politischem Kampf zu verstehen.29 Der Gegenüberstellung des Paares Stalin-Tróckij widmet Feuchtwanger ein eigenes Kapitel seines Reiseberichts und stellt dabei die Helden- und Schurkenrolle deutlich heraus. Stalin wird von ihm mit großer Bewunderung und Sympathie porträtiert. Neben der Teilnahme an den Moskauer Prozessen bildete ein persönliches Gespräch mit dem Diktator den politischen Höhepunkt der Russlandreise. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieses Treffen inszeniert wurde, aber Feuchtwanger glaubt hier – wie auch an anderen Stellen des Berichts – auf die Wirklichkeit zu treffen: „Es war nicht vereinbart, über welche Gegenstände ich mit Stalin sprechen sollte. […] Leise fürchtete ich, es mochte eines jener mehr oder minder offiziellen, frisierten Gespräche herauskommen, wie sie Stalin zwei- oder dreimal mit westlichen Schriftstellern geführt hatte. […] Stalin sprach zunächst vorsichtig und in allgemeinen Wendungen. Allmählich aber wurde er wärmer, und bald erkannte ich, dass ich mit diesem Mann freimütig reden könnte. Ich redete offen und er stand offen Rede.“30 Stalin gibt sich im Gespräch charmant, menschlich, verständnisvoll und findet einen gutgläubigen Zuhörer. Obwohl Feuchtwanger den Personenkult um Stalin selbst zumindest verhalten kritisiert, stilisiert er den Diktator zum Helden, bezeichnet ihn als „ins Genialische gesteigerten Typ des russischen Bauern und Arbeiters, prädisponiert zum Sieg“ oder „wärmendes, dauerhaftes Feuer“.31 Seine Kritik am Stalinkult betrifft zudem nur einzelne Erscheinungsformen, nicht aber die Strukturen, die ihn überhaupt ermöglichten und förderten. Feuchtwangers Charakterisierung des Diktators entglitt ihm zur Poesie und wirkt zuweilen sogar unfreiwillig komisch, wenn beispielsweise selbst Stalins „schöne Hand“ Erwähnung findet. Bei aller Sympathie für den Sowjetführer verwundert es nicht, dass sich Feuchtwanger im Hinblick auf die Moskauer Prozesse nicht auf die Seite der Angeklagten schlug. Die Anschuldigungen, die Stalin gegen die Trotzkisten erhob, waren für Feuchtwanger durchaus erklärbar. Das Zerwürfnis zwischen Stalin und Tróckij basierte grundsätzlich auf dem Gegensatz zwischen dem Parteiapparat und der Sowjetbürokratie auf der einen Seite und der von Tróckij geforderten Arbeiterdemokratie auf der anderen Seite. Feuchtwanger Rogowin: 1937 (wie Anm. 26), S. 182–184. Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 82. 31  Ebd., S. 84.

29  Vgl.

30  Feuchtwanger:



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reduziert diese Rivalität allerdings auf die viel spezifischere Frage, „ob der Aufbau des Sozialismus in einem Land möglich sei“32 und übersieht dabei die grundlegenden Zusammenhänge, die tatsächlich zu diesem Konflikt führten. Für ihn resultiert dieser tiefe Zwiespalt aus dem „Wesen der beiden Männer“33, wodurch er sich zu zweifelhaften psychologischen Deutungsversuchen hinreißen lässt. Dass Tróckij gemeinsam mit der Gestapo gegen Stalin paktieren soll, erklärt Feuchtwanger durch bloße Machtgier des politisch gescheiterten „Schriftstellers“. Den Leser von Moskau 1937 muss hierbei verwundern, dass Tróckij als Literat verstanden wird. Gewiss hat er Bücher und Texte verfasst, doch ist allgemein bekannt, dass er seit seiner Jugend Berufsrevolutionär war. Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass der Typus des „Schriftstellers“, oder noch allgemeiner des „Intellektuellen“, bei der Gegenüberstellung von Stalin und Tróckij abschätzig gemeint ist: „Was konnte Trotzki tun? Er konnte schweigen. Er konnte sich geschlagen geben und erklären, er habe sich geirrt. Er konnte sich mit Stalin aussöhnen. Er konnte das nicht. Er konnte sich nicht überwinden. […] Und Trotzki erging sich in maßlosen Ausbrüchen des Hasses gegen den Mann, in dessen Namen der Aufbau verwirklicht worden war.“34 Selbst historische Analogien werden von Feuchtwanger dienstbar gemacht, um den Verrat Tróckijs zu erklären: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“35 Letztendlich verstrickt er sich dabei in ähnliche Widersprüche wie die eigentlichen Ankläger. Beispielsweise bleibt die Frage, wie ein „gescheiterter Literat“ die alten Kampfgenossen Lenins zu unglaublichen politischen Verbrechen verführt haben soll, nicht nur unbeantwortet, sondern wird erst gar nicht gestellt. Hier zeigen sich die Zwänge der politischen Polarisierung Feuchtwangers, die ihn nötigten, alles zu verdrängen, was nicht in das ideologische Raster passte. Auch von der tragischen Lage der Betroffenen erkannte Feuchtwanger bei seinen Besuchen im Gerichtszahl nichts: „Die erste, billigste Vermutung ist natürlich die, die Geständnisse seien den Angeklagten durch Folterungen und durch die Drohung mit noch schlimmeren Folterungen abgepreßt worden. Doch dieser Anwurf wurde widerlegt durch die offensichtliche Frische und Vitalität der Angeklagten, durch ihren gesamten physischen und geistigen Aspekt. […] Überhaupt darf man sich nicht vorstellen, dass diese Gerichtsverhandlung etwas Gemachtes, Gekünsteltes oder auch nur etwas Feierliches, Pathetisches an sich gehabt hätte.“36 Dass die Angeklagten tatsächlich bereits 32  Ebd. 33  Ebd.

34  Ebd.,

S.  78 f. S. 89. 36  Ebd., S. 92. 35  Ebd.,

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Wochen vor Prozessbeginn furchtbarer Folter und Demütigung ausgesetzt worden waren, und dass dies alles auf Anordnung Stalins geschah, streitet Feuchtwanger schlichtweg ab.37 Den Charakter eines Schauprozesses schreibt er der Verhandlung nicht zu. Denn ebenso wie die Anschuldigung, dass die Geständnisse der Angeklagten erpresst worden seien, verwirft Feuchtwanger die These, die „Trotzkistenprozesse“ seien auf „Stalins Herrschsucht und Rachgier zurückzuführen“.38 Hier mochte Feuchtwanger Recht haben. Es ging um mehr als die Begleichung einer persönlichen Rechnung. Doch hat er Charakter und Zielrichtung der Prozesse dennoch verkannt. Bei seiner Einschätzung übersah Feuchtwanger, dass die Verhandlungen als Teilstück des stalinistischen Terrors und seiner darauf aufbauenden Erziehungs- und Vernichtungspolitik verstanden werden müssen. Die Prozesse dienten Stalin zweifelsfrei zur Festigung seiner Macht. Jedoch fehlte es dem Schriftsteller an ausreichendem Vorwissen, um zu erkennen, dass dieser „Januarprozess“ nicht isoliert beurteilt werden konnte.39 Hinsichtlich der westlichen Einwände gegen das Prozessverfahren ist zu erwähnen, dass Feuchtwanger an der Geheimhaltung der angeblichen Beweise keinerlei Anstoß nahm: „Es ist richtig, erwidern die Sowjetleute, in dem Hauptverfahren haben wir gewissermaßen nur das Destillat, das präparierte Ergebnis der Voruntersuchung, gezeigt. Das Beweismaterial hatten wir vorher geprüft und den Angeklagten vorgehalten, wir haben uns im Hauptverfahren mit ihren Geständnissen begnügt. Wer daran Anstoß nimmt, möge bedenken, daß der Prozess vor einem Militärgericht geführt wurde und daß er in erster Linie ein politischer Prozess war. Es ging uns um die Reinigung der innenpolitischen Atmosphäre. Uns lag daran, daß jedermann im Volk, von Minsk bis Wladiwostok, begreife, was los war. Deshalb haben wir alles so einfach und durchsichtig wie möglich gemacht.“40 Dass eine nicht definierte Gruppe Beweismaterial in einem außerjustitiellen Verfahren prüft oder Zivilisten vor einem Militärgericht angeklagt wurden, mag dem heutigen Leser von Moskau 1937 als Kritikpunkt ins Auge springen. Feuchtwanger begnügt sich jedoch mit dieser Erklärung und referiert sie ohne Anmerkung. Inwieweit der sprachunkundige Feuchtwanger die ganze Dimension dieser Prozesse überblicken konnte, muss spekulativ bleiben. Letztlich war er jedoch „von der Schuld der Angeklagten überzeugt“41, obwohl er selbst einräumte, dass ihm die letzten Gründe des Verhaltens der Angeklagten vor 37  Vgl. Wladislaw Hedeler: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung. Berlin 2003, S. 131–133. 38  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 86. 39  Vgl. Rogowin: 1937 (wie Anm. 26), S. 181–183. 40  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 91. 41  Ebd., S. 97.



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Gericht nicht ganz klar geworden seien. Der Prozess endete mit vier Gefängnisstrafen und dreizehn Todesurteilen, die Feuchtwanger öffentlich verteidigte.42 2. Reaktionen und Wirkung Angesichts der moralisch äußerst fragwürdigen Darstellung der Moskauer Prozesse verwundert es nicht, dass Feuchtwanger durchaus Probleme hatte, einen Verleger für seinen Reisebericht zu finden. Schließlich erschien Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde im Querido-Verlag in Amsterdam. In der Exilpresse stieß das Werk auf heftige Ablehnung, denn ebenso wie Feuchtwangers Reisebericht selbst wurde auch seine Rezeption von politischen Faktoren bestimmt. Wie bereits dargestellt, war die antifaschistische Haltung im Kreis der deutschen Emigranten längst in eine antitotalitäre umgeschlagen und selbst enge Freunde wie Arnold Zweig (1887– 1968) zeigten sich enttäuscht über Feuchtwangers Beurteilung der Sowjetunion. Am entschiedensten trat dem Reisebericht der Publizist Leopold Schwarzschild (1891–1950) entgegen. Dieser widerlegte zahlreiche Aussagen Feuchtwangers unter Heranziehung von Fakten: „Auf keiner Seite von Moskau 1937 taucht irgendwelche […] Kenntnis auf. Eine sublime Ahnungslosigkeit schöpft einige Pseudo-Informationen aus Quellen, deren Benutzung von vornherein unstatthaft ist.“43 Diese Aussagen fanden im Emigrantenkreis breite Zustimmung, und auch die vereinzelten Rechtfertigungen des Reiseberichts konnten Feuchtwangers Ruf kaum retten, sondern machten vielmehr das endgültige Scheitern der Volksfront und die Spaltung des Emigrantenkreises umso sichtbarer.44 Es schließt sich die Frage an, welchen Einfluss die eben dargestellte Schönfärberei Feuchtwangers in den 1930er Jahren tatsächlich gewinnen konnte. Sicher ist, dass sein Bericht nicht veröffentlicht wurde, um lediglich Feuchtwangers persönliche Eindrücke für seine Freunde aufzuzeichnen.45 Zu beachten ist nämlich, dass nicht nur die deutschen Emigranten, deren durch Gide „verzerrtes“ Sowjetunionbild Feuchtwanger zu „korrigieren“ versuchte, die Adressaten seines Reiseberichts waren. Seine Schrift richtete sich auch an seine große englische und amerikanische Leserschaft. Noch im Jahre 1937 wurden Übersetzungen seines Berichts in London und New York Kröhnke: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 3), S. 28–30. n. Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 426. 44  Beispielsweise lobte Brecht Moskau 1937 als „das Beste (Buch), was von Seiten der europäischen Literatur bisher in dieser Sache erschienen ist“. Zit. n. Frank Dietschreit: Lion Feuchtwanger. Stuttgart 1988, S. 76. 45  Vgl. Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 7. 42  Vgl. 43  Zit.

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publiziert.46 Für die Sowjetunion war es von großem propagandistischen Wert, dass Feuchtwanger als westlicher Berichterstatter die Moskauer Prozesse öffentlich verteidigte. Wenn ein bürgerlicher, nicht-marxistischer Autor derart Zeugnis über die Geschehnisse ablegte, konnte die sowjetische Führung durchaus darauf hoffen, dass dieses Bekenntnis im Ausland ernst genommen wurde. Indem er der Sowjetunion politisch folgte, dies aber nicht mit einem kommunistischen, sondern eher aufklärerischen Weltbild rechtfertigte, machte er sich letztlich derart instrumentalisierbar.47 Für Feuchtwanger selbst nahm die Wirkungsgeschichte seines Berichts allerdings einen negativen Verlauf. Seine Sympathieerklärung für den Kommunismus führte schließlich zur Verweigerung der Staatsbürgerschaft in den USA und zu jahrzehntelangen Vorbehalten in der Bundesrepublik.48 Und in der Sowjetunion? In Moskau war das Buch bereits ein Jahr nach seiner Veröffentlichung wieder aus den Buchläden verschwunden. In der Fachliteratur finden sich dafür die verschiedensten Erklärungen. Als Fazit bleibt zu ziehen, dass sich die zuständigen Stellen der Wirkung von Feuchtwangers zaghaften kritischen Bemerkungen bewusst geworden sind. Zweifelsfrei hatte Feuchtwanger Recht, wenn er an seinen Freund Willi Bredel schrieb: „Ich hoffe man wird mir in der Sowjetunion nicht die paar kritischen Anmerkungen übelnehmen, die ich zu machen hatte und ohne welche das Buch übrigens im Westen sicherlich ohne alle Wirkung bleiben würde.“49 Doch obwohl gerade Feuchtwangers Ruf, ein parteiunabhängiger Schriftsteller zu sein, seinem Reisebericht Glaubwürdigkeit verleihen konnte, waren der sowjetischen Führung wohl einige Passagen doch nicht devot genug. Bei genauerer Betrachtung fällt dem Leser zudem ein weiterer möglicher Grund ins Auge, den Bericht ins Vergessen abzuschieben. Feuchtwangers Methode, seine Kritik zu relativieren, indem er den Leser auf eine herrliche Zukunft verweist, funktioniert eben nur solange, bis diese tatsächlich Realität geworden ist: „So genau die Moskauer wissen: der Zug nach Leningrad geht um soundso viel Uhr, so genau wissen sie: in zwei Jahren werden wir Kleider haben, welche und so viel wir wollen, und in zehn Jahren Wohnungen, welche und soviel wir wollen.“50 46  Die englische Ausgabe erschien bei Victor Gollancz als Lion Feuchtwanger: Moskow 1937. My Visit Described for My Friends. London 1937. Die amerikanische Ausgabe erschien unter dem gleichen Titel bei Viking Press, New York 1937. 47  Feuchtwangers Verständnis der „Weltgeschichte“ wurde bereits dargelegt. Die russische Revolution rechtfertigt er als gesetzmäßigen und durch die Vernunft gestalteten Prozess des historischen Fortschritts, dessen Wurzeln in der europäischen Aufklärung liegen. Vgl. dazu Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 7 f. 48  Vgl. Angelika Vaupel: Zur Rezeption von Exilliteratur und Lion Feuchtwangers Werk in Deutschland. 1945 bis heute. Bern 2007, S. 136. 49  Zit. n. Kröhnke: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 3), S. 230. 50  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 17.



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Nun versteht es sich von selbst, dass es für die Führungsriege komfortabler war, den Moskauern den Bericht zu verwehren, bevor diese sich 1947 fragen würden, wo denn ihre Wohnungen blieben. Die Gründe für die Tabuisierung waren vielschichtig. Letztlich waren Feuchtwangers Äußerungen trotz aller Sympathie nicht emphatisch genug und seine Kritik zu sichtbar. Somit blieb sein Ja, ja, ja zur Sowjetunion am Ende unwillkommen. Auch nach dem 20. Parteitag im Februar 1956 – dem ersten nach Stalins Tod – und ebenso in der DDR wurde Moskau 1937 nicht mehr aufgelegt. Hier ist zu bedenken, dass Feuchtwangers Buch nunmehr problematisch gewordene Themen, wie die hier erwähnten Passagen zu Stalin und Tróckij oder den Moskauer Prozessen, seitenlang abhandelt und damit die „Peinlichkeiten“ des Stalinismus weitschweifend ausschmückt. Somit war die publizistische Arbeit Feuchtwangers, die der Sowjetunion eigentlich Beistand leisten sollte, im Laufe der Zeit immer unerträglicher geworden. IV. Fazit Im Winter 1936 / 37 machte sich Feuchtwanger auf den Weg nach Moskau „als ein ,Sympathisierender‘ “51 und wurde letztlich nicht enttäuscht. Seine Erlebnisse veröffentlichte er in dem Bericht Moskau 1937, den er im Untertitel seinen Freunden widmete, und mit dem er sich letztlich viele Feinde schuf. Das verklärende Urteil, das Feuchtwanger über die Sowjetunion fällte, brachte ihn und sein Werk jahrzehntelang in Misskredit. Die Suche nach seinen Motiven war das Anliegen dieser Ausführungen. Zweifelsfrei kann die Antwort nicht monokausal ausfallen. Dem oft gefälltem Urteil der politischen Naivität Feuchtwangers fehlt es schlicht an historischem Einfühlungsvermögen. Zum einen ist der Kenntnisstand über die Situation in der stalinistischen Sowjetunion des heutigen Lesers von Moskau 1937 nicht vergleichbar mit den Informationen, die Feuchtwanger in den Jahren 1936 / 37 zugänglich waren. Natürlich hatten bereits viele seiner Zeitgenossen die Prozesse in Moskau als Fälschung erkannt, doch drangen in den 1930er Jahren tatsächlich nur sehr spärlich Informationen aus der Sowjetunion ins Ausland. Wie wirkungsvoll Propaganda und Zensur der Stalinzeit tatsächlich waren, zeigte sich, als Mitte der 1950er Jahre die interne Abrechnung Nikíta Sergéevič Chruščëvs (1894–1971) mit dem Stalinismus bekannt wurde oder 1974, als Aleksándr Isáevič Solženícyns (1918–2008) ­Archipel GULAG erschien. Trotz aller Gerüchte schockierte und überraschte das wirkliche Ausmaß des stalinistischen Terrors die Welt. Zudem war der Diktator Stalin keinesfalls in allen Bevölkerungsschichten der Sowjet51  Ebd.,

S. 7.

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union verhasst. Der von offizieller Seite geförderte Führerkult konnte in einem vom freien Informationsfluss abgeschnittenen Volk durchaus erhebliche Wirkung entfalten. Tatsächlich konnte Feuchtwanger in der Sowjetunion Menschen begegnet sein, bei denen „diese überschwengliche Verehrung in den weitaus meisten Fällen echt“52 war. Zum anderen resultierte Feuchtwangers positives Bild von der stalinistischen Sowjetunion zu einem nicht unerheblichen Teil aus seiner tiefen Verachtung des Faschismus. Denn auch Folgendes galt: Die wachsenden Erfolge Hitlers waren für den jüdischen Schriftsteller eine tatsächliche Bedrohung. Der Schriftsteller wurde aus seiner Heimat vertrieben, zwei seiner Brüder waren von den Nationalsozialisten inhaftiert worden, seine Schwester kam in einem Konzentrationslager ums Leben.53 Die westlichen Demokratien hatten den Faschismus nicht aufhalten können, und auch die bürgerlichen Intellektuellen hatten für Feuchtwanger in diesem Kampf versagt. In André Gide sah er sie personifiziert. Demgegenüber stand die junge Sowjetunion, die dem Faschismus als einzige Großmacht sichtbar entgegentrat und damit die Hoffnung vieler Linksintellektueller zu erfüllen schien. Feuchtwanger war überzeugt davon, dass in der Sowjetunion ein Staat nach den Prinzipien der Vernunft aufgebaut und somit soziale Gerechtigkeit verwirklicht werden wird. Jedoch darf auch nicht übersehen werden, dass sich zwischen den schöngefärbten Ausführungen auch kritische Sätze in Feuchtwangers Reisebericht verstecken: „Am drückendsten aber ist die Wohnungsnot. Eng aneinandergepfercht, in winzigen dürftigen Kammern, die im Winter schwer lüftbar sind, wohnt ein großer Teil der Bevölkerung […]. Angesehene Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler von hohem Einkommen wohnen primitiver als im Westen mancher Kleinbürger.“54 Zwar wurden derartig kritische Bemerkungen vom Autor zumeist selbst relativiert, doch schien selbst Feuchtwangers „Sympathie“ Grenzen zu haben. Bekanntermaßen hat er niemals ernsthaft erwogen, sein Exil in der Sowjetunion zu verbringen. Derartige materielle Missstände dürften einer der Gründe gewesen sein. Überdies macht diese, wenn auch zaghafte Kritik deutlich, dass der zum Teil widersprüchliche Text nicht als reines Propagandamachwerk abgetan werden kann. Denn sowohl in der Sowjetunion als auch später in der DDR hat es keine Neuauflage des Reiseberichts gegeben. Diese Hinweise sollen das Handeln Feuchtwangers nicht rechtfertigen, jedoch verständlicher machen. Der Bericht Moskau 1937 ist fraglos subjektiv und selektiv. Feuchtwanger ließ sich zu einem von Illusionen und Ver52  Feuchtwanger:

Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 57. Sternburg: Lion Feuchtwanger (wie Anm. 10), S. 409. 54  Feuchtwanger: Moskau 1937 (wie Anm. 1), S. 15. 53  Vgl.



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drängung durchzogenen Loblied auf die Sowjetunion hinreißen, wie es für diese Zeit von einem bürgerlichen, nicht-marxistischen Autor einmalig ist. Die politischen Umstände der 1930er Jahre nötigten ihn, eine Alternative zu wählen, und sein Weltbild ließ ihn an dieser Wahl nicht zweifeln. Abschließend kann festgehalten werden, dass Feuchtwangers „Reisebericht“ im Grunde keiner ist. Moskau 1937 ist keine Niederschrift von Impressionen, sondern setzt sich vielmehr aus Beschreibungen und Argumentationen zusammen, mit denen eine vorgefasste Meinung lediglich untermauert wird. Feuchtwanger projiziert sein Weltbild und seine Hoffnungen auf ein ihm kaum bekanntes Land und bleibt dabei blind für wirkliche Erkenntnis. Die Frage, inwieweit er sich von der sowjetischen Führung blenden oder gar in Dienst nehmen ließ, verliert somit an Bedeutung. Denn im Grunde hatte man es nicht nötig, Feuchtwanger hinsichtlich seiner Ausführungen zu beeinflussen. So ehrlich wirkt seine Begeisterung für die Sowjet­ union, von der er annahm, dass sie den westlichen Staaten um eine historische Etappe voraus ist: „Es ist also eine neue Methode, nach der sie dort bauen, und es ist vollkommen neues Material, das sie verwenden. […] Noch ist überall Schutt und schmutziges Gerüst, aber schon hebt sich rein und deutlich der Umriß des gewaltigen Baus. Es ist ein wahrer Turm von Babel, doch ein solcher, der nicht die Menschen dem Himmel, sondern den Himmel den Menschen näherbringen will.“55

55  Ebd.,

S. 111.

„Früher oder später werdet ihr die Augen öffnen“. Die Russlandreise des André Gide Von Florian Reichold (Chemnitz) I. Einführung II. Vom Individualisten zum Sympathisanten der kommunistischen Idee III. Intellektueller Unterstützer der Sowjetunion – Gides Russlandbild bis 1936 IV. Gides Russlandreise 1. Zurück aus Sowjetrussland (1936) 2. Retuschen zu meinem Russlandbuch (1937) V. Der Bruch mit der Sowjetunion – Gides Kritikverständnis VI. Fazit

I. Einführung „Ich möchte meine Sympathie für Russland herausschreien […] Ich möchte lange genug leben, um Zeuge des Erfolgs dieser gewaltigen Anstrengung zu sein, ihres Gelingens, das ich von ganzem Herzen wünsche und an dem ich mitarbeiten möchte.“1 Mit diesen Worten aus seinem Tagebuch, welche er in der von ihm mitbegründeten Zeitung Nouvelle Revue Française im Juli 1932 veröffentlichte, äußerte André Gide (1869–1951) seine Begeisterung über die bolschewistische Revolution in Russland und die großen Hoffnungen, die er mit dem neuen System verband. Aus dem überzeugten Individualisten und unpolitischen Schriftsteller aus wohlhabendem Elternhaus war ein Anhänger des Kommunismus geworden, dessen politische Stellungnahmen und Aktivitäten zunahmen.

1  André Gide: Tagebuch, 27. Juli 1931. In: Ders.: Gesammelte Werke VI. Reisen und Politik. 3. Band. Hrsg. v. Peter Schnyder. Stuttgart 1996, S. 402. Zur Biographie vgl. in deutscher Sprache Claude Martin: André Gide. Aus dem Franz. übertr. von Ingeborg Esterer. 9. Aufl. Reinbek bei Hamburg S. 1995 [erstmals 1963 unter dem Titel André Gide in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten] sowie aus der reichhaltigen französischsprachigen Literatur zuletzt ders.: André Gide ou la vocation du bonheur. Bd. 1: 1869–1911. Paris 1998 und Pierre Lepape: André Gide. Le messager. Paris 1997. Den älteren Forschungsstand resümiert Raimund Theis: André Gide. Darmstadt 1974.

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Die anfängliche Anhängerschaft wandelte sich in Folge seines Besuchs in der Sowjetunion im Jahre 1936 – und der damit verbundenen Konfrontation mit den tatsächlichen Umständen und Folgen des Sowjetkommunismus – in eine zunächst zaghafte, schließlich entschiedene Gegnerschaft. Ein prägnantes Zeugnis über die Veränderung seiner Wahrnehmung legt sein Reisebericht Zurück aus Sowjetrussland ab, welchen er unmittelbar nach seinem Aufenthalt veröffentlichte. Das Werk löste einen gewaltigen Proteststurm im linksintellektuellen Milieu Frankreichs – aber auch darüber hinaus – aus. Gide wurde Nestbeschmutzung und Verrat an seinen eigenen Idealen vorgeworfen.2 Einwänden gegen die angebliche Oberflächlichkeit seines Buches3 begegnete er mit dem – ein Jahr später veröffentlichten – wesentlich faktenreicheren und deutlich kritischeren Ergänzungswerk Retuschen zu meinem Russlandbuch. Der vorliegende Text legt das Hauptaugenmerk auf die von Gide erkannten und in beiden Werken verarbeiteten Missstände in der Sowjetunion, die Folgen, die diese für seine ursprünglich positive Wahrnehmung der Sowjet­ union hatten und die Kritik, welcher er sich nach der Veröffentlichung seines Reiseberichtes ausgesetzt sah. In den intellektuellen Debatten seiner Zeit nimmt Gide eine herausragende Rolle ein, weil er sich im Gegensatz zu seinen Kollegen, wie etwa Lion Feuchtwanger (1884–1958),4 nicht länger durch die Propaganda blenden ließ. Er erkannte den Irrtum, dem er aufgesessen war, verabschiedete sich von seinem Traum und besaß die Courage, diesen Sinneswandel öffentlich zu vertreten und zu begründen. Zunächst sollen hier die Hinwendung Gides zur kommunistischen Idee und seine wachsende Sympathie für die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Sowjetunion dargestellt und erläutert werden. Wie sein ausgeprägter Individualismus mit der kommunistischen Lehre zu vereinbaren war, soll ebenso wie sein vermeintlicher Sinneswandel – der maßgeblich durch seine Reisen in die Kolonien Kongo und Tschad befördert wurde – ein2  Vgl. etwa François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert. Aus dem Französischen von Karola Bartsch u. a. München 1996, S. 370. Siehe zum Ganzen jetzt auch Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München 2011. 3  Vgl. Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Übers. von Judith Klein, Elisabeth de Frondeville und Ingrid Galster. 2., unveränd. Aufl. Konstanz 2007, S. 371. 4  Zu Feuchtwanger siehe den Beitrag von Vivienne Schramm in diesem Band. Vgl. im Zusammenhang auch Claus Leggewie: Zurück aus Sowjetrussland? Die Reiseberichte der radikalen Touristen André Gide und Lion Feuchtwanger 1936 / 37. In: Hans T. Siepe / Raimund Theis (Hrsg.): André Gide und Deutschland. André Gide et l’Allemagne. Düsseldorf 1992, S. 265–279.



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leitend erläutert werden. Der Hauptteil der Arbeit konzentriert sich auf Gides Russlandreise im Jahre 1936, seine dort gewonnenen Eindrücke und deren Verarbeitung im Werk Zurück aus Sowjetrussland (1936)5. Die Art und der Inhalt seiner Schilderungen sowie die dort geübte Kritik werden ausführlich dargestellt, ebenso wie die nachträgliche Untermauerung dieser Kritik durch das Ergänzungswerk Retuschen zu meinem Russlandbuch (1937)6. Anschließend sind Gides Vorstellung von der Verantwortung des Schriftstellers gegenüber seiner Leserschaft und damit seine Motivation zur Veröffentlichung des Werkes entgegen aller Bedenken zu erläutern. Die Schlussbetrachtung widmet sich der Einordnung des Reiseberichtes in den Kontext der intellektuellen Russlanddebatten der Zwischenkriegszeit, der Darstellung der Folgen sowie der Analyse des vermeintlichen Sinneswandels André Gides. II. Vom Individualisten zum Sympathisanten der kommunistischen Idee Gide – aus wohlhabendem Elternhaus stammend und materiell sorgenfrei in seiner Jugend – widmete einen großen Teil seiner literarischen Aktivitäten vornehmlich der intellektuellen Sinnsuche im bürgerlichen Milieu, dem Thema des „lebenslangen Ringens um Selbstverständigung und Selbst­ verwirklichung“7 und war somit weit entfernt von kommunistischen Gedankenspielen jedweder Couleur. In seinem Tagebuch äußert er sich desinteressiert zu politischen Fragen, die Probleme der Masse schienen ihm weitgehend bedeutungslos. 1930, also lediglich zwei Jahre vor der Veröffentlichung der oben erwähnten Sympathiebekundung an die UdSSR, schreibt er in seinem Tagebuch: „Der einzige dramatische Konflikt, der mich wirklich interessiert und den ich jederzeit gern neu gestalten würde, ist der Streit des Individuums mit allem, was es hindert, echt und authentisch zu sein, mit allem, was seiner Verwirklichung im Wege steht.“8 Diese – nur schwer mit kommunistischen Ideen in Einklang zu bringenden – Überzeugungen werfen die Frage nach der Motivation für die aufkeimende Sympathie Gides für den Kommunismus und Sowjetrussland auf. In seinen Werken und der ergänzenden Literatur finden sich hierzu mehrere Hinweise. Erstmalige politische Aktivität und gesellschaftliches Engagement zeigte Gide in den Jahren 1915  /  16, in einer Organisation zur Betreuung von 5  André Gide: Zurück aus Sowjetrussland. In: Ders.: Gesammelte Werke VI. Reisen und Politik. 2. Band. Hrsg. v. Peter Schnyder. Stuttgart 1996, S. 41–116. 6  Ders.: Retuschen zu meinem Russlandbuch. In: Ebd., S. 117–210. 7  Jürgen Rühle: Literatur und Revolution. Die Schriftsteller und der Kommunismus. Köln / Berlin [West] 1960, S. 295. 8  Ebd., S. 294.

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Flüchtlingen aus den durch die schweren Kämpfe des Ersten Weltkrieges verwüsteten nordostfranzösischen Gebieten. Gide sah die verheerenden Auswirkungen als Folge nationalistischer Kriegstreiberei und näherte sich nach dem Ende des Krieges erstmalig dem russischen Kommunismus an, der im Aufwind befindlich war. Der wohl folgenreichste Einschnitt in seiner politischen Überzeugung jedoch geht auf seine Reisen in die französischen Kolonien in Afrika, Kongo und Tschad zurück. Sein Entsetzen über die aus seiner Sicht unhaltbaren Zustände und die Ausbeutung der Bevölkerung durch die Konzessionsgesellschaften konnte und wollte er nicht für sich behalten. Er verarbeitete seine Eindrücke in Vorträgen und – in konzentrierter Form – in den Reiseberichten Kongoreise und Rückkehr aus dem Tschad, welche in den Jahren 1927 und 1928 veröffentlicht wurden. Nichts weniger als die Erkenntnis des wahren Wesens des Kapitalismus schien Gide in diesen für ihn in der Folge so prägenden Erlebnissen zu sehen.9 Die Werke zogen – dem hohen Popularitätsgrad ihres Autors entsprechend – große Aufmerksamkeit auf sich. Gides Niederschriften und Gedanken waren insbesondere der Kritik der nationalistisch eingestellten Franzosen ausgesetzt. Die Konfliktlinie für die nächsten Jahre war damit gezogen: die Verteidiger des Kapitalismus und der französischen Kolonialpolitik auf der einen, Gide auf der anderen Seite. Auf dieser war er allerdings keineswegs allein, näherte er sich doch mit Beginn der 1930er Jahre zunehmend an die kommunistische Partei Frankreichs sowie antifaschistische Organisationen an und trat verstärkt bei öffentlichen Veranstaltungen dieser auf. Hand in Hand ging dieser Prozess mit der zunehmenden Verlagerung seiner politischen Philosophie weg vom reinen Individualismus hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Vorstellung und damit in Richtung einer kommunistischen Denkweise. Er befand sich dabei im Einklang mit dem Zeitgeist, denn viele seiner Schriftstellerkollegen taten es ihm gleich und setzten große Hoffnungen in das Gelingen der kommunistischen Revolution in Russland. Die Motive waren vielschichtig: „Wie Gide waren die meisten kaum vom theoretischen Marxismus begeistert. Gefühle kompensierten mangelnde Kenntnisse. Pazifismus war eine wichtige Triebkraft.“10 In der Literatur finden sich Hinweise auf Schuldgefühle Gides gegenüber der „Arbeiterschicht“, als Resultat seiner (weitgehend) sorgenfreien, mate­ riell bestens ausgestatteten Kindheit und Jugend, insbesondere auch unter dem Eindruck seiner Afrikareisen: „Er war in einer parasitären Gesellschaft aufgewachsen, die ihm bald zuwider war, er hatte immer im Wohlstand ge9  Rühle:

Literatur und Revolution (wie Anm. 7), S. 295. Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 289.

10  Winock:



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lebt und sich nie von seiner Hände Arbeit ernähren müssen – da war es bei seiner Sensibilität unausbleiblich, dass er eines Tages den Armen und Schlechtweggekommenen gegenüber Scham empfand.“11 Auch die von Gide selbst angedeutete Motivation aus religiösen, christlichen Grundsätzen erscheint hier bedeutsam: So „stützt sich seine Gesinnung eher auf die Evangelien und auf einen christlich geprägten Glauben; eine instabile Mischung von Auflehnung und Schuldgefühl – der klassische Weg zur revolutionären Utopie.“12 III. Intellektueller Unterstützer der Sowjetunion – Gides Russlandbild bis 1936 Gides politische Stellungnahmen und Aktivitäten für den Kommunismus und gegen den Faschismus häuften sich mit Beginn der 1930er Jahre. Auffallend ist – bei aller von Gide betonten kritischen Sympathie – die verstärkt auftretende Verherrlichung des sowjetischen Projektes in seinen Texten und Vorträgen. Auf dem Ersten Kongress der Sowjetschriftsteller 1935 erläuterte er die seiner Ansicht nach mögliche – im Nachhinein beinahe abenteuerlich anmutende – Verbindung von Individualismus und Kommunismus, ja gar die seiner Ansicht nach erst in einem kommunistischen System bestehende Möglichkeit der vollständigen Selbstverwirklichung des Individuums: „Und ebenso behaupte ich, dass ich zutiefst Individualist bleibe bei voller Übereinstimmung mit dem Kommunismus und sogar mit Hilfe des Kommunismus. Denn meine These war immer: in seiner größten Besonderheit dient jedes Wesen der Gemeinschaft am besten. […] In einer kommunistischen Gesellschaft kann sich jedes Individuum, die Besonderheit jedes Individuums, am vollkommensten entfalten.“13 Auch die politische Führung fand seine Anerkennung. So äußerte er sich positiv zum Diktator Iósif Vissariónovič Stalin (1878–1953) und betonte seinen Glauben an die Reinheit von dessen Gesinnung.14 Er war innerhalb kurzer Zeit „zur herausragendsten Gestalt der Weggefährten des Kommunismus geworden.“15 Dennoch war Gide – wie er in seinen Texten und Reden immer wieder zu unterstreichen versucht – kein blinder Gefolgsmann der sowjetischen Sache. Vielmehr stellte er Bedingungen an das System und formulierte Veränderungs- und Verbesserungsvorschläge, die aus seiner Sicht unabding11  Rühle:

Literatur und Revolution (wie Anm. 7), S. 295. Das Ende der Illusion (wie Anm. 2), S. 366. 13  Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 324. 14  Schnyder: Vorwort (wie Anm. 1), S. 25. 15  Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 289. 12  Furet:

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bar für ein wirkliches Gelingen des neuen Gesellschaftsmodells waren. So nährte sich seine Sympathie für das sowjetische Modell hauptsächlich aus der Hoffnung auf die Befreiung des Menschen von den kapitalistischen Zwängen des „alten“ Gesellschaftsmodells und aus seiner Überzeugung einer möglichen Synergie zwischen Individualismus und Kommunismus. Er formulierte diese Ansichten ebenfalls in seiner Rede auf dem Schriftstellerkongress in Paris: „Um ihrer selbst willen muss sie [= die Sowjetunion] uns beweisen, dass das kommunistische Ideal nicht das Ideal eines Ameisenhaufens ist, wie ihre Feinde mit Vorliebe behaupten. Es ist heute ihre Pflicht und Schuldigkeit, in Kunst und Literatur einem kommunistischen Individualismus den Weg zu bereiten – wenn ich mir erlauben darf, diese beiden Begriffe, die gewöhnlich, sehr zu Unrecht, als Gegensätze behandelt werden, miteinander zu verbinden. Dass es für den Übergang eine Periode geben musste, in der die Betonung bei den Massen lag, versteht sich von selbst. Aber die Sowjetunion ist über dieses Stadium jetzt hinaus, und der Kommunismus kann nur bestehen, wenn er die besonderen Neigungen des einzelnen in Rechnung stellt.“16 Weiter äußerte er sich in der gleichen Rede zur Rolle des Künstlers: „Jeder Künstler ist zwangsläufig ein Individualist, wie stark seine kommunistische Überzeugung und seine Bindung an die Partei auch sein mögen. Nur als Individualist kann er wertvolle Arbeit leisten und der Gesellschaft dienlich sein.“17 Diesen Äußerungen folgend, war er also keineswegs gewillt, eine uniforme Gesellschaft zu akzeptieren, auch wenn man dies bei seiner gerade zu Beginn der 1930er Jahre häufig als Hysterie erscheinenden Begeisterung für die Sowjetunion leicht übersehen kann. Die zu dieser Zeit weit verbreitete Ansicht, dass sich Frankreichs Zukunft zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus entscheiden würde, ließ es aus seiner Sicht für einen Autor seines Einflusses schlicht nicht zu, keine Farbe zu bekennen, ohne sich im Zweifelsfall mitschuldig zu machen. Bereits zuvor hatte er klargestellt: „Nichts kann mich davon abhalten, offen auszusprechen, was ich denke. Mir gilt die Wahrheit mehr als die Partei.“18 Und so hatte er auch schon vor seiner Reise und den dort gesammelten Eindrücken erste Zweifel an der Richtigkeit seiner Einschätzungen die Sowjetunion betreffend, allerdings stellte er diese Zweifel zugunsten seiner Sympathie für die große Sache zurück: „Und doch klammerte ich mich, vorerst auf umfassendere Einsicht wartend, hartnäckig an mein Vertrauen und zweifelte lieber am eigenen Urteil.“19 16  Rühle: 17  Ebd.

18  Ebd.,

19  Gide:

Literatur und Revolution (wie Anm. 7), S. 298.

S. 400. Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 47.



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IV. Gides Russlandreise 1. „Zurück aus Sowjetrussland“ (1936) Auf Einladung der sowjetischen Kulturverantwortlichen reiste Gide im Juni 1936 in die Sowjetunion, wo er am 20. Juni die Gedenkrede auf der Totenfeier des Schriftstellerkollegen Maksím Gór’kij (1868–1936) hielt, und noch nichts auf die bevorstehende Distanzierung hindeutete. Er stellte einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Werk und Zukunft der Kulturschaffenden und dem Weg der Sowjetunion her: „Es sind die großen internationalen, revolutionären Kräfte, denen die Sorge und die Pflicht auferlegt ist, die Kultur zu verteidigen, zu beschützen und zu erneuern. In unserem Geist ist das Los der Kultur mit dem Schicksal der UdSSR fest verbunden. Wir werden sie verteidigen.“20 Die Reise war Gide und seinen Begleitern im Voraus durch Respektsbekundungen der sowjetischen Kulturfunktionäre schmackhaft gemacht worden. So wurden Gides Werke in hohen Stückzahlen in der Sowjetunion verlegt und die Bedeutung seines literarischen Schaffens für die Sowjetbürger unterstrichen. In einer Gruppe mit weiteren westlichen Schriftstellern, und unter ständiger Beobachtung durch den Staatsapparat, sollte die straff durchorganisierte Reise den ausländischen Besuchern die Errungenschaften der Sowjetunion und die Erfolge der proletarischen Revolution demonstrieren. Diese Vorgehensweise war zu jener Zeit durchaus üblich und von den sowjetischen Machthabern schon des Öfteren erfolgreich praktiziert worden: „Bei der Organisation von Reisen, die dazu dienen sollen, auserwählte Gäste für ihre Sache zu gewinnen, erweisen sich die Bolschewiki als wahre Meister.“21 Es ist dem Werk anzumerken, dass Gide zunächst durchaus offen für die Selbstbeweihräucherung und die Zurschaustellung der vermeintlichen Erfolge der Machthaber war – sehr wollwollend gestalteten sich die ersten Erfahrungsberichte in Zurück aus Sowjetrussland. Einleitend erläutert er seine Motive, die Reiseeindrücke in der gewählten Form zu veröffentlichen und unterstreicht sein Verständnis von konstruktiver Kritik, welches ihn von denjenigen Autoren unterscheide, die weiterhin ohne Wenn und Aber zur Sowjetunion standen: „Die Lüge, und wäre es auch nur die des Schweigens, kann opportun erscheinen, opportun auch die Beharrlichkeit in der Lüge, aber sie macht dem Feind das Spiel allzu leicht; die Wahrheit, so schmerzlich sie sein mag, kann nur verletzen um zu 20  André Gide: Rede gehalten auf dem Roten Platz in Moskau zur Totenfeier von Maxim Gorki (20. Juni 1936). In: Ders.: Gesammelte Werke VI. 2. Band (wie Anm. 5), S. 96. 21  Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 2), S. 352.

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heilen.“22 Unverkennbar ist in diesen Worten sein Ziel, mit der Kritik auf eine Verbesserung der Umstände hinzuwirken. Ein Bruch mit der Sowjetunion lässt sich hieraus noch keinesfalls ablesen. Der Autor berichtet von „Stunden einer großen Freude“23, die er erleben durfte, er preist die Disziplin der Menschen in der Sowjetunion und ihren Optimismus im Angesicht eines harten, entbehrungsreichen Alltags.24 Eine ihm vorher unbekannte Herzlichkeit sei ihm an allen Orten, die er besuchte, entgegengebracht worden. Der Staat sorge sich intensiv um Ausbildung und Wohlergehen der Jugend. Gide geht insbesondere näher auf die Pionierlager ein, wo alle Kinder „schön, wohlgenährt […], gepflegt, verwöhnt fast und fröhlich“25 seien. Auch die Kulturparks – die im Land angelegt worden sind – besichtigt er voller Verzückung darüber, dass angeblich jede Stadt in der Sowjetunion über einen solchen verfüge. Die Loblieder, welche der Autor in diesem Teil des Werkes über die Errungenschaften anstimmt, wirken zuweilen beinahe grotesk in ihrer Übertreibung. Offen bleibt, ob sie Gides – zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen – noch ungebrochene Begeisterung für die Sowjetunion darstellen, oder ob der Autor damit den Kontrast zu den folgenden Schilderungen verstärken will. So ist er der Ansicht: „Nirgends sonst stellt sich mit allen und jedem so leicht und schnell ein tiefer und herzlicher Kontakt ein wie in der Sowjetunion.“26 Gide scheint sich in dieser Phase in der Gefahr befunden zu haben, den gleichen Fehler wie etwa Alfons Goldschmidt (1879–1940)27 zu begehen, nämlich die ihm präsentierten Fortschritte und Errungenschaften ohne weiteres Nachdenken zu übernehmen, auch weil ihm für eine genauere Beurteilung schlicht die Sachkenntnis fehlte. Entlarvend und möglicherweise auch erklärend für die teilweise überschwänglichen Berichte anderer Autoren ist etwa folgende Aussage: „Selbstverständlich habe ich auch mehrere Fabriken besucht. Von ihrem guten Funktionieren, dass weiß ich und sage es mir immer wieder, hängt der Wohlstand und die Lebensfreude der Allgemeinheit ab. Aber mir fehlt es an Sachkenntnis, um darüber zu sprechen. Andere haben sich damit befaßt, auf deren lobendes Urteil ich verweise.“28 22  Gide:

Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 50. S. 51. 24  Vgl. ebd., S. 50–52. 25  Ebd., S. 52. 26  Ebd., S. 56. 27  Der Journalist und Wirtschaftswissenschaftler unternahm 1920 eine Reise nach Russland, die er in einem im selben Jahr erschienenen Reisebericht dokumentierte. Vgl. Alfons Goldschmidt: Moskau 1920. Tagebuchblätter. Hrsg. u. eingeleitet von Wolfgang Kiessling. Berlin [Ost] 1987. 28  Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 54. 23  Ebd.,



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Exakt dieses Vorgehen ist es, welches er selbst in der Folge so scharf kritisierte: Ein für das Gelingen des „sowjetischen Projektes“ und für dessen Beurteilung unerlässlicher Aspekt wird ohne weitere Untersuchung und unter Verweis auf die Jubelarien anderer als erfolgreich verbucht. Im Verlauf des Werkes finden sich weitere Belege für diese unkritische Art der Beobachtung, so etwa bei der Schilderung eines Besuchs in einer Moskauer Fabrik, „die wir besichtigen, und in der alles ausgezeichnet funktioniert (ich verstehe nichts davon; bewundere in gutem Glauben die Maschine) […]“29. Freilich gibt Gide zu bedenken, dass er selbst die Fortschritte im Vergleich zu früheren Jahren nicht beurteilen kann, da es sich um seinen ersten Besuch in der Sowjetunion handle – ganz im Gegensatz zu seinem Mitreisenden, dem niederländischen Schriftsteller Jef Last (1898–1972), welcher aufgrund mehrerer vorheriger Besuche im Land begeistert war von den Fortschritten, die seit seinem letzten Aufenthalt erreicht wurden.30 Eine gewisse sprachliche Verlegenheit durchzieht diese ersten Passagen, ganz so als wolle Gide die – deutlich zahlreicheren – unerfreulichen Eindrücke seiner Reise aufschieben, sei es nun aus Sympathie für das sowjetische Volk, aus Angst vor der Kritik aus den „eigenen Reihen“ oder, sehr wahrscheinlich, aus Bestürzung über seine eigene fundamentale Fehleinschätzung der Lage. In der Folge verdüstern sich seine Beobachtungen deutlich. Seine Kritik beginnt er mit Ausführungen zur Hässlichkeit und Stillosigkeit der in den Läden angebotenen Waren, insbesondere der Bekleidung. Ein Kritikpunkt der – und dessen ist sich Gide selbst bewusst – allerdings in Anbetracht der anderweitigen Mängel beinahe grotesk erscheint. Der mangelnde Konkurrenzkampf innerhalb der sowjetischen Planwirtschaft zieht nicht nur einen Mangel an Innovationen nach sich, sondern führt vor allem zu Qualitätsproblemen der hergestellten Produkte: „Qualität? – ‚Wofür denn, wo es doch keinen Wettbewerb gibt?‘ “31 Bei aller Skepsis äußert Gide aber immer wieder Wohlwollen, insbesondere über die vermeintliche Abschaffung der Ausbeutung der Arbeiter durch die Fabrikbesitzer oder Aktionäre: „Dies bleibt eine unbestrittene Errungenschaft: Die Ausbeutung vieler zum Profit von einigen wenigen gibt es in der UdSSR nicht mehr. Das ist etwas Gewaltiges! Hier haben wir keine Aktionäre mehr; die Arbeiter selbst […] teilen unter sich den Gewinn, ohne ir29  Ebd.,

S. 64. ebd., S. 62. Siehe im Zusammenhang auch Jef Last: Mijn vriend André Gide. Amsterdam 1966. Die Korrespondenz zwischen beiden ist veröffentlicht in André Gide / Jef Last: Correspondance 1934–1950. Hrsg. v. Cornelis Jacobus Greshoff. Lyon 1985. 31  Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 63. 30  Vgl.

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gendeine Abgabe an den Staat.“32 Bereits in den folgenden Zeilen bezweifelt er jedoch den Wahrheitsgehalt dieser Angaben selbst. Er will daran glauben, allerdings scheint er zu ahnen, wie wenig diese von der Propaganda und seinen Reiseführern dargestellten Zustandsbeschreibungen mit der Realität zu tun haben. Dennoch drückt er wiederholt sein Verständnis für einige vorübergehende Missstände aus, welche für eine Übergangszeit der Revolution wohl unvermeidlich seien. So schildert Gide die weitgehende Zufriedenheit des Volkes trotz der zahlreichen Mängel und der schlechten wirtschaftlichen Lage und führt diese auf die Abschottung vom Ausland zurück. Nur das fehlende Wissen über die Zustände jenseits der sowjetischen Grenzen und die Überzeugung, dass es den Menschen in anderen Ländern schlechter ginge, sind die Ursachen für diese paradoxe Glückseligkeit. Er kommt zu dem Schluss: „Das Glück des russischen Arbeiters setzt sich zusammen aus Hoffnung, Zuversicht und Unwissenheit.“33 Allerdings zeigt er sich verständnisvoll, denn: „Bis auf weiteres und solange nicht alles bes­ ser läuft, ist es für das Glück der Sowjetbürger unerlässlich, dass es [= das sowjetische Volk] abgeschirmt bleibt.“34 Auch später im Werk beschreibt er erstaunlich verständnisvoll die Abänderung seiner Schriften in der russischen Übersetzung durch die sowjetische Zensur.35 Es ist deutlich zu erkennen, wie viel Sympathie er für das System und insbesondere die Menschen, die darin leben, ursprünglich hatte, und wie schwer er sich infolgedessen mit deutlicher Kritik tut. Deprimierend wirkt auf Gide vor allem der verordnete völlige Verlust des Individualismus. Die vollkommen austauschbaren Einrichtungsgegenstände, die immer gleichen Stalin-Porträts, all dies ist ihm – der sich immer wieder vehement für die Freiheit des Geistes stark gemacht hat – ein Graus.36 In einer Mischung aus Sarkasmus und Erkenntnis der Strategie des sowjetische Machtapparates schreibt er: „Was kann man Besseres wünschen? Das Glück aller verlangt, dass man jeden einzelnen seiner Individualität beraubt. Das Glück aller läst sich nur auf Kosten jedes einzelnen erreichen. Wollt ihr glücklich sein, so passt euch an!“37 Ergänzt wird der sich in gleicher Kleidung und Wohnungseinrichtung ausdrückende Konformismus durch die Verordnung einer „wahren“ Meinung, im Wesentlichen bewerkstelligt durch die Veröffentlichungen in der Parteizeitung Pravda (Prawda, = Wahrheit). 32  Gide: 33  Ebd., 34  Ebd. 35  Vgl.

Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm.  5), S. 65. S. 69.

ebd., S. 81 f. unterstreicht dies selbst auch nochmals in einem Verweis auf seine früheren Veröffentlichungen. Vgl. ebd., S. 85. 37  Ebd., S. 67. 36  Gide



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„Über nichts auf der Welt kann es mehr als eine Meinung geben! […] Jeden Morgen bringt ihnen die Prawda bei, was sie zu wissen, zu denken, zu glauben haben. […] Folglich hat man bei jeder Unterhaltung mit einem Russen den Eindruck, man unterhielte sich mit allen.“38 Die Abschirmung nach außen und die ständige Überhöhung der Errungenschaften der Sowjetunion führten zu einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem Ausland, welches Gide – wie er in einigen Beispielen festhält – äußerst unangenehm ist, resultiert es doch eigentlich aus einem Minderwertigkeitskomplex: „Sie möchten von uns weniger informiert werden als Anerkennung erfahren. […] Außerhalb der UdSSR herrscht für diese Arbeiter dunkle Nacht.“39 In Kombination mit einem allgegenwärtigen System der Überwachung und gegenseitigen Bespitzelung wird das Infragestellen der offiziellen Wahrheit zu einem ernsten Risiko. Gide konstatiert das völlige Fehlen eines Geistes der Kritik, welches für ihn einen fundamentalen Widerspruch zur marxistischen Lehre darstellt. Dies wird ihm durch den Personenkult um Stalin noch deutlicher. In jeder Wohnung, die er betritt, findet der Autor Stalin-Porträts – selbst wenn es am nötigsten fehlt, für die Anbetung des Herrschers ist gesorgt: „Ist es Anbetung, Liebe oder Furcht, ich weiß es nicht: Stalin ist überall und allgegenwärtig.“40 Er berichtet von seinem Versuch, eine Dankesbotschaft für den Aufenthalt an Stalin zu richten, sowie von den zahlreichen Veränderungen, die seinem Text verordnet wurden, da er als nicht ehrfürchtig genug angesehen wurde.41 „Stalin erträgt nur den Beifall; jeder ist sein Feind, der nicht applaudiert.“42 Während der Reise werden Gide und seine Begleiter auch mit zahlreichen Beispielen für die luxuriöse Unterbringung der linientreuen Genossen und insbesondere der Jugend in den Kaderschmieden konfrontiert, ganz im Kontrast zu den teils erbärmlichen Lebensumständen der Landbevölkerung.43 Nicht zuletzt ist es auch die fürstliche Bewirtung, welche die Vertreter der Parteiinstanzen selbst genießen, die Gides Abscheu erregt. Die wieder eingeführte und sich ständig vergrößernde Ungleichheit der Löhne erachtet Gide als notwendig, aber auch als bedrohlich für die gesellschaftliche Entwicklung. Er befürchtet die neuerliche Entstehung einer Klas38  Ebd., S. 68. Vgl. dazu auch knapp Eva Oberloskamp: Geschichtsbild und Identität. Die historische Einordnung der Sowjetunion durch deutsche und französische Linksintellektuelle (1917–1939). In: Markus Krienke / Matthias Belafi (Hrsg.): Identitäten in Europa – Europäische Identität. Wiesbaden 2007, S. 209–230, hier: 215. 39  Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 71. 40  Ebd., S. 81. 41  Vgl. ebd., S. 81 f. 42  Ders.: Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 162. 43  Vgl. ders.: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 74 f.

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sengesellschaft. Die Armut, mit der er sich insbesondere auf dem Land konfrontiert sieht, schockiert ihn nachhaltig.44 Seine größte Hoffnung, die Aufhebung der Aufteilung des Volkes in Arm und Reich im Zuge der Etablierung eines kommunistischen Gesellschaftssystems, scheint vor dem Scheitern zu stehen. Die Regierung tut seiner Meinung nach nicht nur nichts dagegen, vielmehr befördert sie dieses Negativentwicklung noch: „Man sieht schon, wie sich wieder gesellschaftliche Schichten bilden, wenn nicht gar schon Klassen, wie von neuem eine Art Aristokratie entsteht; [eine Aristokratie] des rechten, angepaßten Denkens, des Konformismus, aus welcher in der nächsten Generation eine Aristokratie des Geldes auferstehen wird.“45 Der staatlich eingeforderte Konformismus gehe über politische Belange hinaus und beträfe weitere Bereiche, die Gide auch persönlich bitter aufstoßen. So bemerkt er kritisch die Bestrafung Homosexueller, welche für ihn die Verfolgung der Nonkonformität bis in das Sexualleben darstellt.46 Seine bereits erwähnte Religiosität lässt sich nur schwer mit der Verfolgung und Ausmerzung der Religion durch die Machthaber in Einklang bringen, die Eindrücke hierzu schildert er in einem eigenen Kapitel im Anhang seines Werkes.47 Aus dieser Enttäuschung folgt Gides deutliche Kritik. Die letzten Seiten seines Werkes stellen das Sowjetsystem als solches in Frage. Der Autor sieht eine Umkehrung der ursprünglichen revolutionären Idee, einen Verrat an den Ideen der Revolution. Der kritische Geist, welcher nun im Land unerwünscht sei, ja sogar verfolgt und beseitigt werde, sei ebenjener, welcher den Umsturz erst ermöglicht habe: „Die Gefühle, von denen die ersten Revolutionäre beseelt waren, fallen nun lästig, werden als störend empfunden wie etwas, das zu nichts mehr nütze ist. […] Jetzt sind diejenigen, in denen noch das Revolutionäre gärt und in deren Augen all die fortwährenden Zugeständnisse nichts anderes als faule Kompromisses sind, zu einer peinlichen Last geworden, die man verhöhnt und beseitigt.“48 Diese Erkenntnis veranlasst Gide zu einer kontroversen Aussage: „Und ich bezweifle, dass in irgendeinem anderen Land heute, und wäre es Hitler-Deutschland, der Geist weniger frei ist, mehr gebeugt wird, mehr verängstigt ist, mehr terrorisiert und unterjocht.“49 Eindeutiger konnte sich der überzeugte Antifaschist Gide nicht von der Sowjetunion distanzieren. Konsterniert, ja traurig, beschreibt er die immer etwa Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 75. S. 77. 46  Vgl. ebd., S. 76. Zur Homosexualität Gides vgl. bes. Alan Sheridan: André Gide. A life in the present. Cambridge, MA 1999. 47  Vgl. Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 105–107. 48  Ebd., S.  78 f. 49  Ebd., S. 79. 44  Vgl.

45  Ebd.,



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weiter reichende Abweichung vom ursprünglichen Ziel; er formuliert eine Art Appell an die Herrschenden und insbesondere an seine (ehemaligen) „Gesinnungsgenossen“: „Die Diktatur des Proletariats hat man uns versprochen. Wir sind weit von diesem Ziel entfernt. Ja: eine Diktatur haben wir zweifellos; aber die eines Mannes […] Es kommt darauf an, sich nichts vorzumachen; wir müssen ganz klar erkennen: Das haben wir nicht gewollt. Noch einen Schritt weiter, und wir müssen sogar eingestehen: Es ist genau das, was wir nicht gewollt haben.“50 Gide äußert am Ende des Werkes seine Bedenken, die Veröffentlichung des Buches in dieser Form betreffend. Er befindet sich in einer Zwickmühle, „will sich von seiner Begeisterung für die UdSSR nicht trennen, zugleich will er nicht verbergen, was er gesehen hat“.51 Auch versuchen ihn viele seiner Freunde umzustimmen und ihn dazu zu bewegen, von einer Publikation abzusehen.52 Seinem Kritikverständnis entsprechend stellt er indes fest: „Muss ich über dem erneuerten Bekenntnis meiner Liebe meine Vorbehalte verschweigen und, lügend, allem Beifall zollen? Nein; zu deutlich fühle ich, dass ich auf diese Weise der UdSSR selbst wie auch der Sache, die sie in unseren Augen vertritt, einen schlechten Dienst erweisen würde.“53 Die Veröffentlichung von Zurück aus Sowjetrussland erregtes große Aufsehen, das Werk „schlug wie eine Bombe ein“54. Die Anhänger der Sowjetunion fielen regelrecht über Gide her, trotz der Tatsache, dass das Buch keine wütende Abrechnung geworden war, sondern sehr wohl auch die Sympathie des Autors für die UdSSR und das Verständnis für gewisse Fehlentwicklungen ausdrückte. Eben deshalb war dieser selbst überrascht; er hatte zwar mit einer wenig freundlichen Reaktion aus dem linken Lager gerechnet, aber das Ausmaß der Kritik erschütterte ihn, insbesondere jene von Weggefährten wie Romain Rolland (1866–1944).55 Dieser hatte das Werk als „mittelmäßiges, erstaunlich armseliges, oberflächliches, kindisches und widersprüchliches Buch“56 verrissen. Pravda und die Kommunistische Partei Frankreichs stießen in das gleiche Horn, um den Schaden möglichst gering zu halten, „sie mobilisier[t]en ihre Freunde und f[u]hren mit schwersten Geschützen auf“.57 Auf der anderen Seite erhielt Gide auch Zustimmung: es gab Erleichterung, 50  Ebd.,

S. 84. Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 367. 52  Vgl. ebd., S. 368. 53  Gide: Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 93 f. 54  Rühle: Literatur und Revolution (wie Anm. 7), S. 404. 55  Vgl. Gide: Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 119. Zu Rolland siehe auch den Beitrag von Jan Freitag in diesem Band. 56  Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 370. 57  Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 2), S. 369. 51  Winock:

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dass endlich ein Besucher den Mut gehabt hatte, eine andere Wahrheit aus der Sowjetunion zu berichten. Die Freude war um so größer, da es sich bei Gide um einen Autor dieses Einflusses handelte.58 So fand er Unterstützung bei „zahlreichen Persönlichkeiten der nichtkommunistischen Linken und bei den Trotzkisten“59, Lev Tróckij (1879–1940) persönlich, Victor Serge (1890– 1947), weiteren Schriftstellern sowie Arbeitern und Gewerkschaftern, welche sich während ihrer Aufenthalte in der Sowjetunion selbst ein ähnliches Bild von der Lage dort gemacht hatten.60 Im Gegensatz zu diesen, oft selbst in die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken verwickelten Personen, stand Gide stellvertretend für eine andere Art des literarischen „Dissidenten“: Diese waren „nicht unbedingt Teil des Apparats und in die Schlacht der einzelnen Strömungen verstrickt gewesen […], sondern vielmehr Aktivisten oder Sympathisanten, die mehr und mehr daran zweifel[te]n, dass man unter der Fahne Stalins für die Demokratie kämpfen könne“.61 2. „Retuschen zu meinem Russlandbuch“ (1937) Gide entscheidet sich – auch persönlich getroffen von den Anfeindungen seiner ehemaligen Weggefährten – zur Veröffentlichung eines Ergänzungswerkes Retuschen zu meinem Russlandbuch, in welchem er die Kritik an der vermeintlichen Oberflächlichkeit des Erstlings beherzigt und wesentlich mehr Fakten und Statistiken zur Untermauerung seiner Beobachtungen vorlegt. Der Ton dieses Buches ist deutlich rauer; die Versöhnlichkeit, die Zurück aus Sowjetrussland noch teilweise durchzog, ist verflogen. Der Autor sieht eine weitere Verschlechterung der Lage in der Sowjetunion: „Von Monat zu Monat verschlimmert sich der Zustand der UdSSR. Weiter und weiter entfernt sie sich von dem, was sie in unserer Hoffnung war, was sie für unsere Hoffnung sein müsste.“62 Diese Einschätzung wird – verbunden mit eigenen Erfahrungen im Kontakt mit der Bevölkerung und den offenbar gewordenen Zuständen in Betrieben und Arbeiterbehausungen – auch von der Lektüre der Werke anderer Kritiker genährt, mit denen er sich nach seiner Rückkehr aus dem Land intensiv beschäftigt hatte.63 Wichtiger noch als die erneute Betonung seiner Kritik und die Antwort auf die ihm gegenüber laut geworde58  Vgl.

59  Ebd.

Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 371.

60  Vgl. Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 2), S. 370; Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 371; A. Rudolf [=Richard Lengyel]: Gide, Feuchtwanger. In: Sozialistische Warte 12 (1937), Ausgabe 3, S. 70–72. 61  Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 2), S. 372. 62  Gide: Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 119. 63  Vgl. Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 372.



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nen Vorwürfe ist ihm der erneute Versuch, die anderen Unterstützer der UdSSR zur Einsicht und zum Umdenken zu bewegen: „Früher oder später werdet ihr die Augen öffnen, man wird sie euch mit Gewalt öffnen. Und dann werdet ihr euch in eurer Biederkeit fragen: Wie konnten wir sie so lange geschlossen halten?“64 Die Tatsache, dass seine Kritiker ihm Oberflächlichkeit vorwerfen, während sie selbst nicht willens oder in der Lage seien, die wahre Situation im Land zu erkennen, verärgert ihn besonders. Er erkennt in den Punkten, die sie gegen ihn zu Felde führen, die gleichen Argumente, die ihm zuvor aus dem „rechten Lager“ für seine Berichte aus den französischen Kolonien entgegengehalten worden waren.65 Gide erwehrt sich dieser Vorwürfe, indem er die Kritik umkehrt. So sei nicht er oberflächlich bei der Beurteilung – insbesondere der wirtschaftlichen Entwicklung – vorgegangen, vielmehr hätten andere Autoren die offiziellen Zahlen ungeprüft übernommen. Er führt dies darauf zurück, dass sie – anstatt sich ein genaues Bild der Lage zu machen – „nur vorübergeeilt sind“66 und anschließend „diese ganz und gar erbärmlichen Ergebnisse als bewundernswerte Errungenschaft“67 verkauften, da sie sich offenbar nicht von ihren Vorstellungen der UdSSR als dem „Paradies auf Erden“ trennen konnten. Dagegen präsentiert Gide detaillierte Zahlen zur Produktions- und Lohnentwicklung im Land und belegt an ihnen zum einen die zunehmende Produktion von Ausschuss unter dem Druck gestiegener Quoten68, zum anderen die zunehmende Ungleichheit des Lohnniveaus, wobei ihm insbesondere das letztere nur schwer mit der kommunistischen Lehre vereinbar erscheint.69 Die verwendeten Statistiken und Zahlen entnimmt Gide den offiziellen Veröffentlichungen in der Pravda und der Izvestiâ (Iswestija, = Nachrichten, Mitteilungen), sowie insbesondere den Berichten des englischen Gewerkschafters Walter Citrine (1887–1983)70 und des unter Pseudonym schreibenden französischen Schriftstellers Robert Guiheneuf (1899– 1986)71. Gide unterstreicht seine bereits in Zurück aus Sowjetrussland formulierte Gegnerschaft zur Konformität in Erscheinungsbild und Meinung und geißelt die ständige Überwachung und Verfolgung von Standpunkten, die von der Norm abweichen: „Selbständig denken bedeutet ohne weiteres, 64  Gide:

Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 119 f. ebd., S. 121. 66  Ebd., S. 123. 67  Ebd., S. 134. 68  Vgl. ebd., S. 125–127. 69  Vgl. ebd., S. 141–145. 70  Walter Citrine: I search for truth in Russia. London 1937. 71  M. Yvon [= Robert Guihéneuf]: Ce qu’est devenue la Révolution Russe. Paris 1936. 65  Vgl.

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dass man ein ‚Konterrevolutionär‘ wird: Damit ist man reif für Sibirien. […] Ein jeder überwacht den anderen, überwacht sich selbst, wird überwacht.“72 Die Förderung dieser Geisteshaltung durch den Staats- und Parteiapparat führe zur Errichtung einer Hierarchie, welche genau konträr zur eigentlich erstrebenswerten Gesellschaftsordnung sei: „Von oben bis unten, auf allen Stufen der reformierten Sozialordnung sind am angesehensten gerade die unterwürfigsten, die feigsten, die fügsamsten, die gemeinsten Genossen. […] bald werden von diesem heldenhaften und bewundernswerten Volk, das so sehr unsere Zuneigung verdient hat, nur mehr Henker, Profitjäger und Opfer übrigbleiben.“73 Die bereits bekannten Kritikpunkte ergänzt Gide durch zusätzliche Verweise auf das immense Wachstum der Bürokratie, die zur Lenkung der Wirtschaft sowie zur Überwachung und Steuerung der öffentlichen Meinung erforderlich sei. Auch die fingierten Wahlen, welche die Trennung zwischen Regierenden und Volk endgültig zementieren, wecken seinen Argwohn.74 Die luxuriöse Unterbringung und Bewirtung, die er und seine Reisegefährten genossen, hatte er bereits im ersten Buch – im Angesicht der Lebensumstände der einfachen Bevölkerung – als verstörend beschrieben. Wie einprägsam diese Erfahrung für ihn war und wie negativ dies seine Wahrnehmung der Sowjetunion beeinflusste, wird bei der Lektüre von Retuschen wesentlich deutlicher: Eben jenen Überfluss und die Privilegien einiger weniger, die er in seiner Heimat verabscheute, fand er bei seiner Russlandreise in noch stärkerer Form wieder.75 Damit hatte die Taktik der Machthaber, die bei anderen Reisenden offenbar sehr erfolgreich war, im Falle von Gide versagt. Statt mit der fürstlichen Unterbringung die Sympathie des Gastes zu gewinnen und im Gegenzug eine wohlwollende Berichterstattung über die Erfahrungen während des Aufenthaltes zu erreichen, verprellten sie ihn und brachten ihn dazu, sich abzuwenden. Die daraus resultierende Enttäuschung der Gastgeber kam auch für den Autor selbst nicht überraschend: „Zweifellos rechneten sie mit einem anderen Ergebnis eines so großzügigen Entgegenkommens, und wahrscheinlich rührt ein Teil des Zornes, den die Prawda mich fühlen ließ, daher: Ich habe mich als nicht sehr ‚rentabel‘ erwiesen.“76 Für Gide allerdings hatte die Führung des Landes zu diesem Zeitpunkt ohnehin nichts mehr mit dem revolutionären Geist des Anfangs zu tun, vielmehr hatten sich seiner Ansicht nach genau die falschen Kräfte an die Spitze der Bewegung gesetzt. In Ergänzung eines Zitates aus seinem 72  Gide:

Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 136 f. S.  138 f. 74  Vgl. ebd., S. 151 f. 75  Vgl. ebd., S. 155–157. 76  Ebd., S. 158. 73  Ebd.,



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Erstwerk schreibt er: „ ‚Haben diese Menschen wirklich die Revolution gemacht?‘ fragte ich mich in meinem Retour de l’U.R.S.S. ‚Nein! Diesen Menschen hier ist der Gewinn aus der Revolution zugefallen!‘ Mögen sie auch eingeschriebene Mitglieder der Partei sein: Nichts Kommunistisches tragen sie mehr in ihren Herzen.“77 Der endgültige Bruch André Gides mit der Sowjetunion lässt sich nicht nur an der wesentlich deutlicheren Kritik des Werkes ablesen, sondern auch an konkreten Forderungen, die er an die Unterstützer der UdSSR, insbesondere die Kommunistische Partei Frankreichs richtet. So stellt er fest, dass die französischen Arbeiter von der Sowjetunion und ihren Unterstützern belogen wurden, die Frage sei lediglich ob bewusst oder unbewusst. „Es wird höchste Zeit, dass die Kommunistische Partei Frankreichs sich entschließt, die Augen zu öffnen; höchste Zeit, dass sie aufhört, sich in die Irre führen zu lassen. Oder, wenn dies nicht geschieht, muss das Arbeitervolk endlich begreifen, dass es von den Kommunisten genauso zum Narren gehalten wird, wie sich diese heute von Moskau zum Narren halten lassen.“78 Dies ist nichts anderes als ein Ultimatum an die Partei einerseits und eine Aufforderung an die Arbeiter andererseits, kritisch danach zu fragen, ob ihre vermeintlichen Interessenvertreter redlich handeln oder ob sie selbst nicht vielmehr Anhänger einer längst entzauberten Idealvorstellung geworden sind. Besonders eindrücklich und vehement fasst Gide seine enttäuschten Hoffnungen und sein Entsetzen über die Entzauberung seines Traumes in den letzten Zeilen des Werkes zu einem Appell zusammen: „Es ist wichtig, die Dinge so zu sehen wie sie sind und nicht so, wie man sie sich gewünscht hätte: Die UdSSR ist nicht das, von dem wir erhofft hatten, dass es sei; das, was sie versprochen hatte zu werden; das, was sie immer noch zu scheinen sich bemüht. Alle unsere Hoffnungen hat sie verraten. […] Aber unseren Blick wenden wir nicht von dir, du ruhmreiches und schmerzensreiches Russland! Wenn du uns zuerst als Vorbild gedient hast, zeigst du uns jetzt an deinem Beispiel, in welchem Treibsand eine Revolution versinken kann.“79 Die Reaktionen auf die Veröffentlichung des zweiten Buches waren im Wesentlichen die gleichen wie im Fall des ersten. Die Fronten waren verhärtet: „Für die einen bleibt Gide ein Abtrünniger, ein Verräter, ein Klassenfeind, der zu seinen alten Irrtümern zurückgekehrt ist; für die anderen verkörpert er den intellektuellen Mut und die Weigerung, das Gebot der Wahrheit den Parteiinteressen und dem Parteigeist unterzuordnen.“80

77  Ebd.,

S.  159 f. S. 154. 79  Ebd., S. 165. Hervorhebung im Original. 80  Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 372. 78  Ebd.,

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V. Der Bruch mit der Sowjetunion – Gides Kritikverständnis Die wohl dringendste Frage, die sich bei der Betrachtung von André Gides Bericht aus der Sowjetunion stellt, ist die nach seiner Motivation für die Veröffentlichung einer derart scharfen Kritik und für die damit verbundene Abkehr vom vormals so geliebten Sowjetrussland. Ihn treibt zum einen das unbedingte Verlangen, die erlebten Missstände publik zu machen. Gide fühlt sich geradezu verpflichtet, seine Stimme für die Opfer zu erheben: „Ich sehe die Opfer, ich höre sie, ich fühle sie rings um mich herum. Ihre erstickten Schreie haben mich in der letzten Nacht aus dem Schlaf gerissen, und heute diktiert mir ihr Schweigen diese Zeilen.“81 Zum anderen erweist sich seine ideologische Bindungslosigkeit von großer Bedeutung. Im Gegensatz zu anderen Autoren hatte Gide bereits früh klargestellt, dass er seine Rolle als eine Art kritischer Sympathisant sah – eine Sicht, die er am Ende der Retuschen zu meinem Russlandbuch nochmals unterstrich: „Vom Anfang unserer Beziehungen an hatte ich meinen neuen kommunistischen Freunden zu verstehen gegeben, dass ich niemals ein neu Rekrutierter sein würde, der Ruhe um sich verbreitet, auf dessen Friedfertigkeit man sich ausruhen könnte.“82 Sein Individualismus, den er zunächst zugunsten der kommunistischen Ideale aufzugeben schien, war nie völlig verschwunden. Im Angesicht des drückenden Konformismus und der verordneten öffentlichen Einheitsmeinung sah er, wie wenig die tatsäch­ lichen Entwicklungen mit seiner Vorstellung einer Verbindung von Kommunismus und Individualismus zu tun hatten. Seine ausgeprägte Wahrheitsliebe, die bereits lange vor seinen Sympathiebekundungen für die Oktoberrevolution prägend für sein Schaffen gewesen war, dürfte der entscheidende Grund für seinen Bruch mit der Sowjetunion gewesen sein. „Es gibt keine Partei, die mich so ergreifen könnte, ich will sagen: die mich so festhalten könnte, die mich daran hindern könnte, die Wahrheit höher zu achten als sie selbst, die Partei. Sobald Lüge im Spiel ist, fühle ich mich unwohl; ich sehe meine Rolle darin, die Unwahrhaftigkeit zu denunzieren. Ich habe mich der Wahrheit verpflichtet; sobald die Partei die Wahrheit aufkündigt, verlasse ich die Partei.“83 Erhellend ist in Bezug auf Gides Verständnis von der Rolle des Schriftstellers und für seinen Kritikbegriff ein Brief,84 den er im März 1935 an seinen 81  Gide:

Retuschen zu meinem Russlandbuch (wie Anm. 6), S. 163. S. 164. 83  Ebd., S. 164. 84  Ders.: Brief an Jean Schlumberger, 1. März 1935. In: Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 805–807. 82  Ebd.,



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Freund Jean Schlumberger (1877–1968) als Antwort auf dessen in der Nouvelle Revue Française formulierte Kritik richtete.85 So erklärt er, früher schlicht desinteressiert an sozialen Fragen gewesen zu sein, da seiner Ansicht nach die Aufgabe des Künstlers in der Schaffung zeitloser Werke bestanden habe: „Ich hätte mich als Künstler entehrt gefühlt, wenn ich meine Feder für solch gewöhnliche Sorgen hergegeben hätte. Da gab es Kompetentere als mich. Ich wusste auch noch nicht, wie sehr die schlimmsten Ungerechtigkeiten diejenigen gleichgültig lassen, die durch sie nicht direkt geschädigt werden.“86 Diese Einstellung änderte sich während seiner Reise durch den Kongo. Gide begriff, dass er seine Erfahrungen mitteilen musste, da alle anderen entweder nicht in der Lage oder nicht willens waren, die Wahrheit ans Licht zu bringen: „Da ich der einzige war, der sprechen konnte, musste ich sprechen.“87 Neben diesen Äußerungen, die seinen Sinneswandel in Bezug auf soziale und gesamtgesellschaftliche Missstände verdeutlichen, finden sich in diesem Brief auch Stellungnahmen zu seiner Verführbarkeit durch kommunistische Glücksverheißungen: „Wer zu glauben beginnt, dass die Welt verändert werden kann, und dass es Sache des Menschen ist, sie zu verändern, wünscht schließlich, zu dieser sehr wünschenswerten Veränderung selbst beizutragen; folglich setzt er seine Kraft dafür ein und weist alle Argumente zurück, die diese Kraft mindern könnten.“88 VI. Fazit André Gide, als begeisterter Anhänger der Sowjetunion angereist, kehrte voller enttäuschter Erwartungen aus dem kommunistischen Russland zurück. Statt der erhofften Verwirklichung des Individuums in einem kommunistischen Gesellschaftssystem fand er erzwungenen Konformismus und erdrückende Eintönigkeit. Statt kultureller Blüte und Schaffenskraft der Künstler und der steten Gegenwart eines kritischen Geistes erlebte er das enge Korsett einer einzigen gültigen Wahrheit, gepaart mit der Bekämpfung und Verfolgung Andersdenkender. Die ersehnte Aufhebung der Klassenschranken und die Beseitigung der Armut ließen weiterhin auf sich warten. Hingegen konnte er die Entstehung neuer sozialer Schichten beobachten, nur das nun die Linientreuen die Spitze der Gesellschaft bildeten und den größten Teil 85  Zu Schlumberger und der 1909 gemeinsam mit Gide und anderen begründeten Literaturzeitschrift vgl. Gilbert-Lucien Salmon (Hrsg.): Jean Schlumberger et la Nouvelle Revue française. Actes du colloque de Guebwiller et Mulhouse des 25 et 26 décembre 1999. Avec des inédits de Jean Schlumberger recueillis et prés. par Pascal Mercier. Paris 2005. 86  Gide: Brief an Jean Schlumberger (wie Anm. 84), S. 806. 87  Ebd. Hervorhebung im Original. 88  Ebd., S. 807.

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des Reichtums besaßen. Aus der angestrebten Diktatur des Proletariats war „die eines Mannes“89 geworden. Im Gegensatz zu anderen Russlandreisenden zu jener Zeit, die nicht bereit waren, ihre Begeisterung für die Sowjet­ union in Anbetracht des Gesehenen zu überdenken, wagte Gide die Konfrontation. Er blickte hinter den Vorhang, ließ sich nicht von der Propaganda und den während der organisierten Reise präsentierten Errungenschaften blenden. Mit kritischem Blick und unter Wahrung seiner Überzeugungen stellte er fest, dass dieses Land mit seinen Auffassungen von gesellschaft­ lichem Fortschritt nicht vereinbar war, ja diesen sogar zuwiderlief. Damit bezog er auch Stellung zur Rolle und Verantwortung der Intellektuellen im Allgemeinen. Durften sie zugunsten eines als erstrebenswert erscheinenden Ideals Fehlentwicklungen verschweigen (oder gar glorifizieren) – wie es etwa Lion Feuchtwanger tat –, oder mussten sie ihren Moralvorstellungen folgen und den Lesern die Wahrheit erzählen? Die Fragen, „die Retour de l’URSS indirekt aufwarf, sollten die Intellektuellen nicht mehr loslassen“.90 Gide hatte, wie er selbst sagte, eher durch den Katholizismus und weniger durch Karl Marx (1818–1883) zum Kommunismus gefunden, in dessen Idealen er eine Möglichkeit zur Verwirklichung christlicher Ideale sah. Als er in der Sowjetunion mit der Bekämpfung der Religion und der Ausgrenzung der Gläubigen konfrontiert wurde, schockierte ihn dies ebenso wie die Verfolgung Homosexueller, die er als Angriff auch auf seine eigene Person wertete. Sein Bericht über die Russlandreise stellte in den Debatten der Linksintellektuellen eine Zäsur dar. Zum ersten Mal hatte ein russlandfreundlicher Autor von Weltruhm seine Beobachtungen weitgehend ungefiltert zu Papier gebracht und veröffentlicht. Er hatte den Mut, seinen Irrtum einzugestehen – auch um andere vor dem gleichen Fehler zu bewahren –, und er nahm dafür die öffentliche Schelte durch seine ehemaligen Freunde und deren teils harsche Kritik in Kauf. Infolgedessen war er bis zuletzt mit einem regelrechten Hass seitens der Kommunisten konfrontiert, die ihm seinen vermeintlichen Verrat nie verziehen.91 Beide Bücher waren ein großer Erfolg, was neben dem berühmten Namen des Autors wohl auch der ausgewogenen Erzählweise zu verdanken war. Es handelte sich eben nicht um die giftige Anklage eines Kommunistenhassers, sondern um die aufrichtige und bedauernde Situationsanalyse eines ehemaligen Mitstreiters – eine Analyse, welche Folgen für die intellektuelle Szene haben sollte: „Die Absage Gides […] war einer der schwersten und nachhaltigsten Schläge für die kommunistische Kulturfront.“92 89  Gide:

Zurück aus Sowjetrussland (wie Anm. 5), S. 84. Das Jahrhundert der Intellektuellen (wie Anm. 3), S. 374. 91  Vgl. Rühle: Literatur und Revolution (wie Anm. 7), S. 404. 92  Ebd., S. 298. 90  Winock:

Romain Rolland in Russland – kritischer Humanist oder bedingungsloser Kommunist? Von Jan Freitag (Chemnitz) I. Einführung II. Rolland als europäischer Intellektueller in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg III. Die zunehmende Fixierung auf die Sowjetunion IV. Zwischen Zuwendung und Zweifel V. Rollands Russlandreise VI. Spätes Erwachen – Rollands Russlandbild vor seinem Tod VII. Fazit

I. Einführung Romain Rolland (1866–1944) war zu seiner Zeit einer der wohl bekanntesten moralisch-philosophischen Autoren Europas. Seine Schriften waren systemkritisch und verurteilten den monströs anwachsenden Nationalismus in Europa. Dabei war Rolland sicherlich von Herzen Franzose. Dies hielt ihn allerdings nie davon ab, in seinen politischen Analysen auch kritisch mit seinem Heimatland umzugehen. Während des Ersten Weltkrieges blieb er in der neutralen Schweiz, um sich selbst seine Überparteilichkeit zu garantieren und nicht der zersetzenden Propaganda der kriegführenden Staaten zu erliegen. Für ihn stand immer der atmende Mensch im Mittelpunkt. So dis­ tanzierte er sich von einer Wissenschaft, die der Realität entgegenstand und sah im Krieg den Abgrund der Menschheit. Sein Freund und Schriftstellerkollege Stefan Zweig (1881–1942) schrieb dazu: „Nur wer den europäischen Krieg wissend als den Abgrund gesehen, dem die wilde Jagd der letzten Jahrzehnte, jede Warnung überrasend, zustürmte, nur der konnte seine Seele gewaltsam zurückreißen, im Chor der Bacchanten mitzustürmen und, trunken vom Chor und den betäubenden Paukenschlägen, sich das blutige Tigerfell umzuwerfen. Nur der konnte aufrecht stehen im größten Sturm des Wahns, den die Weltgeschichte kennt.“1 Schon früh hatte Rolland Verbindungen zur russischen Intelligenz. Bereits als Schüler war er von Lev Nikoláevič Tolstójs (1828–1910) Krieg und 1  Stefan

Zweig: Romain Rolland. Der Mann und sein Werk. Frankfurt am Main 1921.

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Frieden begeistert. Während seiner Studienzeit folgten literarische Bekanntschaften wie beispielsweise mit Iván Sergéevič Turgénev (1818–1883), Iván Aleksándrovič Gončaróv (1812–1891) und Fëdor Michájlovič Dostoévskij (1821–1881).2 Seine in der Zwischenkriegszeit veröffentlichten Schriften und Überlegungen, seine Proklamation von Frieden, Pazifismus und Völkerverständigung hatten langen Nachklang in Europa; so gilt er als der „Erfinder“ des Völkerbundes. Seine Anstrengungen und Initiativen zur Völkerverständigung überdauerten die Weltkriege. Lange verfocht Rolland einen Sozialismus nach russischem Vorbild. Dieser Faktor macht seine Würdigung bis heute schwierig. Der zu Beginn des 20. Jahrhunderts analytisch und scharfsinnig abwägende Rolland positionierte sich bis zur russischen Oktoberrevolution möglichst überparteilich. Mit den Vorgängen in Russland wandelte sich diese Einstellung. Immer deutlicher wurde seine sowjetophile Haltung. Rollands Ruf bekam hierdurch erste Kratzer, die sein ganzes Schaffen überschatten sollten. Seine Verbundenheit zum Sowjetkommunismus russischer Prägung ist es denn auch gewesen, die ihn in der westlichen Gesellschaft mehr und mehr in eine Minderheitenrolle drängte. Heute ist Rolland eine weitgehend vergessene Persönlichkeit, was wohl auch seiner lang andauernden Verteidigung der Sowjetunion geschuldet ist. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Rollands Einstellung zu Russland und zur UdSSR vor und nach der Oktoberrevolution. Im Mittelpunkt steht dabei seine Russlandreise von 1935. Doch auch sein später Bruch mit dem System und seine Kritik am stalinistischen Terror werden thematisiert. II. Rolland als europäischer Intellektueller in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Zeit seines Lebens konnte Rolland sich der Aufmerksamkeit der europäi­ schen Intellektuellen sicher sein. Seine Werke wurden vielerorts, besonders in Deutschland und Frankreich, gelesen und geschätzt. Heute erinnert allerdings nur noch wenig an ihn. In der Europadebatte zur Jahrhundertwende wurden die Begriffe „Europa“ und „Okzident“ meist synonym gebraucht. Rolland räumte den westeuropäischen Staaten eine privilegierte Stellung in der Entwicklung Europas ein.3 Besonders Frankreich, Deutschland, Italien und England waren für ihn 2  Vgl. hierzu Tamara Motyljowa: Romain Rolland. Eine Biographie. Erg. u. bearb. Fassung. Berlin [Ost] / Weimar 1981. 3  Vgl. Monika Grucza: Bedrohtes Europa. Studien zum Europagedanken von Alfons Paquet, André Suarès und Romain Rolland in der Periode zwischen 1890 und 1914. Gießen, Univ., Diss. 2009, S. 205.



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die prägenden Kräfte des Kontinents. Seine Vorliebe für die griechische Antike hatte großen Einfluss auf seine Europaidee. Insgesamt waren seine Ideen und Publikationen durch starke moralische Komponenten gekennzeichnet. Das galt auch für sein Verständnis von Kunst und Kultur.4 Dabei sei es besonders die Musik, welche die geistige Verwandtschaft der euro­ päischen Staaten verdeutliche.5 In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg attestierte der Schriftsteller einen rapide fortschreitenden Verfall Europas. Für die um sich greifende Dekadenz sei die geistige Elite verantwortlich. Demgegenüber zielte seine Europaidee auf eine moralische und intellektuelle Wandlung des Kontinents. Der Kunst wies Rolland dabei die Aufgabe zu, einen Austausch auf geistig-kultureller Ebene vorzunehmen, zu besseren Kenntnissen über andere Nationen beizutragen und einen Beitrag zum gemeinsamen Kulturgut aller Menschen zu leisten.6 Besonderen Ausdruck fanden diese Bestrebungen in seinem zwischen 1904 und 1912 veröffentlichten Romanzyklus JeanChristophe7. Rollands Publikationen und seine Europaidee erfreuten sich so großer Resonanz, dass sein Konzept in den intellektuellen Milieus der französischen Republik, im Wilhelminischen Kaiserreich und in der Habsburgermonarchie den zentralen Gegenstand der dortigen Europadebatten bildete.8 Rolland distanzierte sich von allem chauvinistischen Nationalismus. Er propagierte vielmehr eine Verbindung des nationalen Selbstverständnisses mit dem Gedanken der Supranationalität. Trotz seines internationalistischen Standpunkts bekannte er sich zu Frankreich als einem „universalen Reich“. Die vermeintlichen Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – waren dafür die ausschlaggebenden Parameter.9 Gleichzeitig wurde er nicht müde, den moralischen Niedergang Europas herauszustellen. Seine Buchreihe Les Hommes Illustres war ein Ausdruck dieser Kritik.10 4  Vgl.

ebd., S. 206–208. ebd., S. 214. 6  Vgl. ebd., S. 209 f. 7  Die letzte deutschsprachige Fassung ist Romain Rolland: Johann Christof. 3 Bde. Berlin [Ost] 1985; zum Werk vgl. Maria Hülle-Keeding: Romain Rolland. Eine Analyse seines Romans „Jean-Christophe“. Strukturfragen und geistig-künstlerische Probleme. Tübingen, Univ., Diss. 1973. 8  Vgl. Grucza: Bedrohtes Europa (wie Anm. 3), S. 211. Siehe zu Rollands Engagement allgemein David James Fisher: Romain Rolland and the Politics of Intellectual Engagement. With a new Introduction by the author. New Brunswick, NJ 2004 (erstmals 1988). 9  Vgl. Grucza: Bedrohtes Europa (wie Anm. 3), S. 212–214. 10  Vgl. ebd., S. 223. 5  Vgl.

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Rollands Interesse galt stets dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Seine zahlreichen Wortmeldungen verdeutlichen sein Engagement. Nahezu jedes wichtige politische Ereignis der Vorkriegszeit – wie die Dreyfus-Affäre11, die Transvaal-Krise12, die beiden Marokko-Krisen13, den türkischitalienischen Krieg14 und die russische Revolution von 190515 – kommentierte er ausführlich. Die innere Entwicklung Europas bildete einen der Interessens- und Arbeitsschwerpunkte des Literaten.16 Wie viele Kinder seiner Zeit war Rolland der kriegerischen Auseinandersetzung als Mittel zur Lösung von zwischenstaatlichen Konflikten nicht gänzlich abgeneigt. So schrieb er 1896, dass der Friedenszustand an sich nicht den höchsten Wert darstelle. Allerdings gelte es, zwischen friedlichen und gewaltsamen Ansätzen zur Lösung internationaler Konflikte gut abzuwägen.17 Im Laufe der Jahre indes wandelte sich seine Einstellung zum Krieg als legitimes politisches Mittel. Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges war seine Zustimmung zur militärischen Gewalt deutlich gesunken. Er verstand den Krieg allerdings noch als logische Folge der politischen Vorgänge. Dann jedoch wandte er sich zunehmend einer klar antibellizistischen Haltung zu. Rollands Kurzbesuch in Paris vom 28. August 1914 – eine kurze Unterbrechung seines Aufenthalts in der Schweiz, wo er, um sich seine weitgehende Neutralität und eine übernationale Perspektive zu bewahren, den gesamten Ersten Weltkrieg verbrachte – verdeutlichte ihm den 11  Vgl. zu den Hintergründen der Dreyfus-Affäre, ihre Bedeutung sowie Folgen in Frankreich und der Rolle der französischen wie europäischen Intellektuellen Bernard-Henri Lévy: Die abenteuerlichen Wege der Freiheit. Frankreichs Intellektuelle von der Dreyfus-Affäre bis zur Gegenwart. München / Leipzig 1992, S. 13–72. 12  Vgl. zu den Geschehnissen bei der Transvaal-Krise Konrad Canis: Von Bismarck zur Weltpolitik. Deutsche Außenpolitik 1890–1902. 2. Aufl. Berlin 1999, S. 165–193; Gordon Alexander Craig: Deutsche Geschichte 1866–1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches. 3. Aufl. München 2007 (englische Erstausgabe 1978), S. 273–275. 13  Vgl. zu den Marokko-Krisen und ihre Bedeutung für die Entwicklung in Europa hin zum Ersten Weltkrieg Gerd Fesser: Der Panthersprung nach Agadir. Mit dem deutschen Marineabenteuer vor Marokkos Küste begann am 1. Juli 1911 der Weg in den Ersten Weltkrieg. In: Die Zeit Nr. 27. 30. Juni 2011; Martin Mayer: Geheime Diplomatie und öffentliche Meinung. Die Parlamente in Frankreich, Deutschland und Großbritannien und die erste Marokkokrise 1904–1906. Düsseldorf 2002, passim. 14  Vgl. zum türkisch-italienischen Krieg Hans Woller: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert. München 2010, S. 50–62. 15  Vgl. zu Ereignissen, Hintergründen und Ursachen der russischen Revolution von 1905 Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution. 1905–1921. 4. Aufl. Frankfurt am Main 1995, bes. S. 29–139. 16  Vgl. hierzu Grucza: Bedrohtes Europa (wie Anm. 3), S. 227 f. 17  Vgl. ebd., S. 239 f.



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Ernst der Lage und ließ ihn endgültig zum klaren Kriegsgegner werden.18 Auch wenn seine Haltung zu Beginn des Weltkrieges nicht unparteiisch war, ist festzuhalten, dass der Schriftsteller dem nationalistischen Geist der Epoche nie verfiel – anders als viele andere Intellektuelle dieser Zeit. Er stand zwar dem preußisch-deutschen Militarismus ablehnend gegenüber, benannte aber auch nach Ausbruch des Krieges die Verdienste Deutschlands für die europäische Kultur.19 Somit versuchte er zu verdeutlichen, dass nicht der deutsche Imperialismus allein für den Niedergang Europas verantwortlich war, sondern die vorherrschende imperialistische Ideologie, die auch in anderen europäischen Staaten heimisch war.20 Rolland entwickelte sich in jenen Jahren zu einem Europäer, der sich selbst als Weltbürger verstand. Er kritisierte die europäischen Regierungen in der Phase des aufstrebenden Nationalismus, etwa 1912 die italienische. Aber auch die Briten bekamen für ihre Politik in Indien – ebenso wie die Deutschen für ihre Elsaß- und Polenpolitik – von Rolland ein negatives Zeugnis ausgestellt. Seinem Mutterland Frankreich unterstellte er in der Marokkopolitik verbrecherische Absichten.21 Rollands Europaidee zielte auf eine „moralische Erneuerung“ des Kontinents. Das Gemeinsame stand für ihn immer im Vordergrund. Die Unterschiede seien im Vergleich dazu zu vernachlässigen und würden nur über die enge Verwandtschaft der euro­ päischen Völker hinwegtäuschen.22 Dabei bescheinigte Rolland der euro­ päischen Kultur eine Amerikanisierung, die er scharf kritisierte.23 III. Die zunehmende Fixierung auf die Sowjetunion Während des Ersten Weltkriegs hatte Rolland einen schweren Stand. Mit seinen Schriften, Ideen, Publikationen und seinen Moralvorstellungen stand er zwischen allen Fronten. Mühevoll versuchte er sich von der Propaganda der Kriegsparteien zu distanzieren. Räumliche Distanz fand er durch sein freiwilliges Kriegsexil in der Schweiz. Dies sorgte allerdings auf französischer Seite immer wieder dafür, dass Rolland vorgehalten wurde, er sei ein „abtrünniger“ germanophiler Literat. Der Umstand, dass er in seinem Zyk18  Vgl. ebd., S. 239–242. Zum Schweizer Exil Rollands vgl. ausführlich Nicole Billeter: „Worte machen gegen die Schändung des Geistes!“. Kriegsansichten von Literaten in der Schweizer Emigration 1914 / 18. Bern u. a. 2005, S. 55–102. 19  Zu Rollands Einschätzungen über und Verbindungen mit Deutschland vgl. ­Helene M. Kastinger Riley: Romain Rolland. Berlin [West] 1979, S. 29–35. 20  Vgl. Grucza: Bedrohtes Europa (wie Anm. 3), S. 242–244. 21  Vgl. ebd., S. 217–219. 22  Vgl. ebd., S. 247–250. 23  Vgl. ebd., S. 229.

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lus Jean-Christophe einen deutschen Musiker zur Hauptperson machte, brachte ihm gerade im nationalistischen Lager harte Kritik ein. Allerdings untermauerte der ihm 1913 verliehene Literaturpreis der Académie française die Bedeutung seines Hauptwerkes.24 Gleichzeitig vermochten seine Appelle in der Kriegszeit – etwa die 1915 als Buch veröffentlichte, ursprünglich im Journal de Genève erschienene Artikelserie Au-dessus de la mêlée (Über dem Schlachtgetümmel) oder der von Stefan Zweig übertragene und 1918 publizierte Band Den hingeschlachteten Völkern! den Franzosen nur wenig positive Assoziationen mit Rolland zu bieten.25 Heute wird die Haltung Rollands während des Ersten Weltkrieges auch von der französischen Geisteselite anders wahrgenommen. Der Historiker JeanBaptiste Duroselle beispielsweise schrieb 1994 über Rolland, dass dieser ein erklärter Pazifist gewesen sei, der sich im Krieg weigerte, die eine oder die andere Seite zu unterstützen.26 Manche sehen ihn noch stärker als militanten Pazifisten.27 Jean-Jacques Becker geht sogar so weit, ernsthaft daran zu zweifeln, ob Rolland für seine Einstellungen überhaupt politische Motive gehabt habe.28 Dies ist sicherlich eine spezifisch französische Sicht, zumal Rolland und seinem Wirken während des Ersten Weltkriegs von der deutschen Geschichtswissenschaft bisher zur wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde.29 Früh liebäugelte Rolland mit dem Sozialismus. Anfangs, als neutraler Betrachter, fühlte er sich der Idee schnell gewogen. 1900 besuchte er als Beobachter den Parteikongress der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO), der Vorgängerorganisation der Parti Socialiste (PS), und überlegte zeitweise, selbst in der sozialistischen Partei aktiv zu werden. Auch Verbindungen zur Parti communiste français (PCF) knüpfte und pflegte er in jenen Jahren. Erste Bezugsperson war Jean Jaurés (1859– 1914), der 1900 zur Einführung von Rollands Revolutionsstück Danton 24  Vgl. Michael Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg. Ein Intellektueller auf verlorenem Posten. Stuttgart / Berlin / Köln 2000, S. 13. Siehe zum Ganzen auch René Cheval: Romain Rolland, l’Allemagne et la guerre. Paris 1963 sowie jetzt instruktiv und perspektivenreich Michael Vollmer: Romain Rollands Clerambault im Spiegel der Zeit. In: Frank Schale / Ellen Thümmler / Michael Vollmer (Hrsg.): Intellektuelle Emigration. Zur Aktualität eines historischen Phänomens. Wiesbaden 2012, S. 1–29. 25  Vgl. hierzu Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 9. 26  Vgl. Jean-Baptiste Duroselle: La Grande Guerre des Français 1914–1918. L’incompréhensible. Paris 1994, S. 291. 27  Vgl. besonders Jean-Jacques Becker: Au-dessus de la mêlée. In: Centre de recherche de I’Historial de Péronne (Hrsg.): 14–18. La Très Grande Guerre. Paris 1994, S. 79–85, hier: 84. 28  Vgl. ders.: Les Français dans la Grande Guerre, Paris 1980, S. 82–85. 29  Vgl. Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 10 f.



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sprach.30 Gerade die Werte „Solidarität“ und „Gleichheit“, die für Rolland ein zentraler Bestandteil der sozialistischen Idee waren, inspirierten ihn nachhaltig und ließen ihn früh zu einem prokommunistischen Intellektuellen werden. Schon während des Ersten Weltkrieges präsentierte Rolland einen ersten Entwurf für einen „Völkerbund“. Diesem sollten alle Nationen angehören. Wichtig war in diesem Zusammenhang auch das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker, um die Neugliederung Europas nach dem Krieg möglichst gerecht zu gestalten. US-Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) verband sein 14-Punkte-Programm genau mit dieser Forderung Rollands. Dieser zeigte sich zutiefst befriedigt, dass der Präsident Ideen und Prinzipen verkündet habe, für die er sich selbst seit Jahren einsetzte.31 Allerdings schloss Rolland, der sich stets gegen den europäischen Bruderkampf aussprach und den Krieg mittlerweile grundsätzlich für falsch hielt, einen „Frieden um jeden Preis“ aus. Solch ein Frieden trage nicht dazu bei, dass Europa aus der Katastrophe lernen würde, das begangene Unrecht würde vielmehr lediglich bestätigt werden. Auch eine Rückkehr zum status quo ante würde lediglich zu Revanchegelüsten der unterlegenen Seite führen.32 Zwei Grundbedingungen waren für Rolland wesentlich, um einen dauerhaften Frieden in Europa zu sichern. Zum einen musste Deutschland grundsätzlich demokratisiert werden. Der deutsche Militarismus war für ihn einer der Auslöser des Krieges. Hier müsse man allerdings zwischen der Kriegsschuld der Militärs und dem grundsätzlich friedliebenden deutschen Volk unterscheiden. Zum anderen sah er einzig in einem gerechten Frieden die Möglichkeit zur dauerhaften Vermeidung neuer Kriege. Dieser Friede müsse auf einer echten Aussöhnung zwischen den Kriegsgegner beruhen.33 Die Streitereien um einzelne Gebiete wie beispielsweise Elsaß-Lothringen sollten von den jeweils Betroffenen selbst gelöst werden. Hier entfernte sich die Position des Franzosen von der des US-Präsidenten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker – die Garantie, dass kein Land ohne die ausdrückliche Einwilligung seiner Bewohner unter Fremdherrschaft 30  Vgl. hierzu im Detail: Romain Rolland: Souvenirs de jeunesse (1866–1900). Pages choisies. Lausanne 1947, S. 241–245; Brief von Louis Gillet vom 22.01.1901. In: Cahiers Romain Rolland. Bd. 2: Correspondance entre Louis Gillet et Romain Rolland. Choix de lettres, Paris 1949, S. 121. 31  Vgl. ebd., S. 240. 32  Vgl. zu diesen Überlegungen Romain Rolland: Das Gewissen Europas. Tagebuch der Kriegsjahre 1914–1919. Aufzeichnungen und Dokumente zur Moralgeschichte Europas in jener Zeit. Bd. 2: Ende November 1915 bis 30. März 1917. 2. Aufl. Berlin [Ost] 1983; Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 240. 33  Vgl. Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 241.

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geraten kann – blieb das oberste Postulat Rollands.34 Es handelte sich dabei um eine Rechtsvorstellung, die in der Vorkriegszeit bereits von der Internationalen eingefordert worden war.35 Andernfalls, so Rolland, würden sich die Feindschaften zwischen den Völkern dauerhaft erhalten. Hier zeigt sich eine enge ideologische Verbundenheit Rollands zur linken, sozialistischkommunistischen Geisteswelt. Unterstützung für seine Forderungen nach einem Frieden ohne Annexionen und auch ohne Reparationen erhielt er etwa von der Gewerkschaft L’Union des Métaux.36 Rollands Überlegungen stießen im nationalistischen rechten Lager, welches einen vollständigen Siegfrieden propagierte, auf scharfe Kritik. Auch die Warnungen vor einem „Ausbluten“ Frankreichs bei zunehmender Kriegsdauer verhallten hier ungehört. Stattdessen fand eine pauschale Kriminalisierung sämtlicher Friedensbestrebungen statt. Auch wenn Rolland und seine Anhänger immer wieder darauf hinwiesen, dass ein Friedensschluss nicht zwingend zugunsten des kaiserlichen Deutschlands ausfallen müsse, sondern im Interesse Frankreichs läge, wurde ein Friede ohne einen Besiegten in Frankreich verächtlich als „paix blanche“ umschrieben und mit einer Niederlage gleichgesetzt.37 Dabei stand für Rolland neben der Zukunft seines Heimatlandes auch die zukünftige Rolle Europas auf dem Spiel. Er sah voraus, dass der „nationalistische Irrsinn“, der in Europa tobte, die Vorherrschaft des Kontinents für sehr lange Zeit beenden werde. Aus dem „Bruderkrieg“ würden außereuropäische Mächte als Sieger hervorgehen und die Führung der Welt anstreben.38 Neben den USA sah er besonders Asien als zukünftigen Überwinder Europas. Die Vereinigten Staaten hielt Rolland dabei allerdings weniger für einen Gegner Europas, was sicherlich mit der Friedenspolitik Wilsons zusammenhing, die mit seinen eigenen Überlegungen große Schnittmengen aufwies.39 Mit dem Ende des Kriegs im November 1918 und den folgenden Friedensverhandlungen wurden Rollands Vorstellungen durch die energischen Bedingungen der Westmächte für den Waffenstillstand auf das Tiefste ent34  Vgl. 35  Vgl.

Rolland: Das Gewissen Europas (wie Anm. 32), passim. hierzu Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24),

S. 242. 36  Vgl. zu den Vorgängen und den beteiligten Akteuren sowie Diskussionen in Frankreich während des Weltkrieges Jacques Droz: Die politischen Kräfte in Frankreich während des Ersten Weltkrieges. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 17 (1966), S. 159–167, hier: 165. 37  Vgl. Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 244 f. 38  Zu Rollands Gedanken und Erwägungen während des Ersten Weltkrieges vgl. Rolland: Das Gewissen Europas (wie Anm. 32), S. 419–430. 39  Vgl. Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 246.



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täuscht.40 Der Sieger missbrauche den Besiegten, so Rolland. Die Freude über das Ende der Kämpfe wich schnell der Sorge um ein gewaltiges neues Blutvergießen.41 Die revolutionären Unruhen, die sich im Herbst 1918 über Europa ausbreiteten, schienen Rollands Vorahnung zu bestätigen. Er wandte sich an Wilson und forderte diesen auf, die Rolle eines unabhängigen Vermittlers zu spielen.42 Dazu solle er selbst den Vorsitz im Völkerbund übernehmen, der zeitnah zusammentreten solle. Gleichzeitig müsse der Völkerbund in der Lage sein, künftige Konflikte unter seinen Mitgliedern präventiv zu lösen. Um einen globalen Frieden zu gewährleisten, dürfe die Organisation nicht nur aus den Siegern des Weltkrieges bestehen, sondern müsse alle Nationen gleichberechtigt umfassen.43 Trotz seiner offenkundigen Sympathie für den amerikanischen Präsidenten und dessen Friedensinitiative entwickelte Rolland mehr und mehr Zustimmung zu den Ideen und Idealen der russischen Revolution. Der Franzose empfand die Oktoberrevolution als „Hoffnungsstrahl“ und als „Botschaft des Friedens und der Freiheit“. Selbst die Machtergreifung der Bol’ševiki mit all ihren Opfern bewertete er positiv. Der wesentliche Unterschied zwischen den Schweizer Exilanten wie Anatólij Vasíl’evič Lunačárskij (1875– 1933) und Vladímir Il’íč Lenin (1870–1924), die nun an der Spitze der bolschewistischen Regierung standen, zur Übergangsregierung der Men’ševiki bestand für Rolland darin, dass die Bol’ševiki mit dem Frieden Ernst machten. Obwohl er betonte, selbst kein Bolschewist zu sein, sah er deren vermeintlichen Friedenseinsatz als unterstützenswert an. Die Furcht der europäischen Staaten vor einem Übergreifen der Revolution erkannte Rolland sehr wohl. Einem „Kreuzzug“ aller demokratischen Länder gegen Moskau, wie er etwa vom französischen Generalstabschef Ferdinand Foch (1851–1929) vorgeschlagen wurde, gab er allerdings wenig Aussicht auf Erfolg. Viel eher würde Russland von der Zerstrittenheit Europas profitieren. Als sich der harte Friedensvertrag von Versailles abzeichnete, wandte sich Rolland zusammen mit anderen Geistesgrößen der damaligen Zeit wie Sigmund Freud (1856–1939) und Albert Einstein (1879–1955) an die Alliierten mit dem Appell, nicht Motive der Rache oder Vergeltung in den Mittelpunkt zu stellen: „Man muss die Schuldigen bestrafen, ohne die Menschen zu erniedrigen“44, war sein Ratschlag für die Verhandlungen 40  Vgl. 41  Vgl.

Rolland: Das Gewissen Europas (wie Anm. 32), S. 440 f. Rudolf Pichler: Romain Rolland. Sein Leben in Bildern. Leipzig 1957,

S. 34–42. 42  Vgl. Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 249. 43  Vgl. ebd., S. 249 f. 44  Aufruf des Komitees der Fédération des Peuples (Völkerbund) im Dezember 1918. Zit. n.: Ebd., S. 251.

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im Januar 1919. Die Siegermächte indes berücksichtigten seine Einwände nicht. Erzürnt über die europäischen Regierungen, die dem unterlegenen Gegner umfangreiche Reparationen abpressten, und über den US-Präsidenten, der nicht versucht hatte, die von ihm selbst aufgestellten Rechtsgrundsätze durchzusetzen, wandte sich Rolland enttäuscht von den Verhandlungen ab. Er warnte davor, dass der Versailler Vertrag nicht Frieden gestiftet, sondern die Voraussetzungen für einen ewigen Krieg geschaffen habe.45 Sein neuer gedanklicher Fixpunkt wurde nun die aufstrebende Sowjetunion, auf die er seine Hoffnungen für ein moralisch besseres Europa setzte. Schon während des Krieges waren seine Sympathien für die sozialistische Bewegung in Europa gewachsen. Zu den französischen Sozialisten hatte er persönliche Kontakte aufgebaut, auch die anderen europäischen Parteiungen waren von ihm wohlwollend beobachtet worden. Die Erklärung der deutschen Sozialisten um Karl Liebknecht (1871–1919) und Rosa Luxemburg (1871–1919) Ende Oktober 1914, die sich gegen den Krieg richtete, fand seine Hochachtung. Dass sich Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite aussprach und dafür Beleidigungen aus ganz Deutschland in Kauf nahm, weckte in Rolland lebhafte Sympathie.46 Er glaubte sich hier wieder finden zu können, da auch er in Frankreich für seine ablehnende Haltung zum Krieg diffamiert wurde. Neben den Sozialisten waren es auch viele andere europäische Intellektuelle, die Rollands Position teilten und ihm Rückendeckung gaben. Nach langen Verzögerungen brachte er den Sammelband Über dem Getümmel heraus. Hier prangerte er bereits kurz nach Kriegsausbruch 1915 den kriegerischen Massenwahn an.47 Zusammen mit dem Maler Gaton Thiesson (1882–1920) wandte er sich mit der Bitte an viele französische Intellektuelle, kurze Artikel und Notizen gegen den Krieg zu verfassen. Diese wurden dann in der Schweizer Presse veröffentlicht.48 So stieg während des Kriegs Rollands Ansehen. Seine moralische Autorität als Kämpfer gegen den Krieg wuchs trotz zahlreicher Anfeindungen. Dies war sicherlich auch einer der Beweggründe des Nobelpreis-Komitees, ihm im November 1916 für seinen hohen Idealismus und seine warmherzige Gesinnung, die er in seinen Romanen zum Ausdruck brachte, den Literaturnobelpreis zu verleihen.49

Klepsch: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg (wie Anm. 24), S. 252. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 164. 47  Vgl. dazu sowie allgemein zu Rollands Reaktion auf den Kriegsausbruch und die Kriegsereignisse Billeter: „Worte machen gegen die Schändung des Geistes!“ (wie Anm. 18), S. 64–102. 48  Vgl. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 24), S. 173. 49  Vgl. ebd., S. 174. 45  Vgl. 46  Vgl.



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IV. Zwischen Zuwendung und Zweifel Rollands Bewunderung für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Russland stieg bereits Anfang 1918 deutlich an. Sein Studium namhafter russischer Autoren und Denker wie Turgénev und Gončaróv hatte seine Wertschätzung der russischen Denk- und Lebenskraft gesteigert. All seine Hoffnung auf geistige, moralische und soziale Erneuerung der Zivilisation in Europa setzte er nun in dieses Land. Es trage eben jene jugendliche Frische in sich, die man in den westlichen Nationen nicht mehr finde.50 So prophezeite Rolland ein neues Zeitalter für Europa, das mehr als jemals zuvor von dessen russischem Osten geprägt sein werde. Dabei fiel seinen Zeitgenossen immer wieder auf, wie Rolland über bekanntes Unrecht in den neuen sozialistischen Republiken hinwegsah. So schrieb er dem Schweizer Literaturwissenschaftler Paul Seippel (1858– 1926)51, der die Bol’ševiki und ihre Schandtaten mehr als skeptisch beobachtete, dass diese Taten mit den Vorgängen der französischen Revolution zu vergleichen seien. Auch diese sei unzweifelhaft positiv zu beurteilen. Rolland hielt es für vollkommen verständlich, dass die Bol’ševiki nach dem Attentat auf Lenin vom 30. August 1918 in dieser Weise wüteten. Auch die Schwierigkeiten, denen sich die junge Sowjetunion ausgesetzt sah, waren Rolland zugetragen worden. Hunger, Epidemien und ein dem großen Ausmaß an Zerstörungen geschuldetes Transportchaos erwiesen sich als Herausforderungen für den Aufbau des neuen Staates, so dass die repressiven Maß­nahmen der Bol’ševiki für den französischen Schriftsteller gerechtfertigt waren.52 Positiv erwähnte Rolland das Engagement der neuen Staatsführung in ihrem Bemühen, die Alphabetisierung des Volkes voranzutreiben. Die Regierung wolle, dass das Volk lese, und sie habe Erfolg damit, verkündete der Franzose.53 Darin sah er den Beweis für Gesundheit und Lebensfähigkeit des jungen Staates. Die Sowjetunion bot für ihn die größte Chance für eine moralisch-gesellschaftliche Wende im „bornierten alten Europa“. Aus diesem Grund verurteilte er die Voreingenommenheit der herrschenden Klassen auf dem Kontinent, allen voran Frankreichs. Die Ablehnung des „neuen“ Russlands durch diese Kreise war für ihn ein Zeichen der Ignoranz 50  Vgl.

ebd., S. 210. Seippel siehe umfassend Hans Marti: Paul Seippel. 1858–1926. Basel / Stuttgart 1973. 52  Vgl. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 24), S. 210 f. Zu Rollands ersten Eindrücken von dem neuen Staat vgl. Pichler: Romain Rolland (wie Anm. 41), S.  40 f. 53  Siehe zu den Äußerungen Rollands in dieser Phase Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 212. 51  Zu

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und Unwissenheit.54 Rolland sammelte Zeugnisse verschiedener Autoren über dieses „neue Russland“, die jedoch nicht frei von Vorurteilen waren.55 Einer sozialistischen Revolution, die Rolland auch in Westeuropa für notwendig hielt, stand er freilich zwiegespalten gegenüber. Er sah sie zwar als unabdingbar an und war sich sicher, dass sie eintreten werde. Zugleich fürchtete er sie jedoch. Die „arbeitende Masse“ war in seinen Augen der wichtigste und konsequenteste Gegner des aggressiven Imperialismus und damit dessen einzig ernstzunehmender Widerpart. Allerdings trug er sich mit dem Gedanken, dass das Proletariat im westlichen Europa zur entscheidenden sozialen Auseinandersetzung noch nicht bereit sei.56 In Terror und Blutvergießen, die damals in der Sowjetunion wüteten, sah er eine Notwendigkeit, die mit einer sozialistischen Revolution einherging, ihn aber zugleich erschreckte. Die Gewalt sei ein Räderwerk, schrieb Rolland im März 1920: „Hat man einmal einen Finger hingesteckt, dann geht der ganze Mensch, seine ganze Partei, sein ganzes Ideal hindurch.“57 Diesen Widerspruch hielt er für unauflösbar. Trotz einer großen Schnittmenge mit den russischen Kommunisten gab es Meinungsverschiedenheiten über grundlegende Vorgehensweisen beim Aufbau der sozialistischen Republiken. Rolland selbst fühlte sich dadurch gekränkt, verletzt und befremdet. Besonders seine Auseinandersetzung mit Lev Tróckij (1879–1940) eskalierte. Er lehnte dessen „kasernenbürokratische“ Vorstellung ebenso strikt ab wie die taktlosen Äußerungen der ultralinken „Claristen“ in Frankreich.58 Die Zeit zwischen 1921 und 1922 war für Rolland problematisch. Besonders seine inneren Widersprüche setzten ihm zu. Er versuchte sich die „Unabhängigkeit des Geistes“ jedoch zu erhalten, wie er später schrieb59 und wollte den Kampf um eine „bessere Welt“ nicht aufgeben. Allerdings plagten ihn erhebliche Zweifel, ob die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zum sozialistischen Einheitsstaat wirklich notwendig sei. Die damit verbundene Härte auf dem Weg zur neuen Lebensordnung ließ ihn schwanken.60 Gleichzeitig wollte er die Ar54  Vgl. hierzu im Detail Romain Rolland: Journal inédit. In: Europe. November– Dezember 1965, S. 201–207, hier: 205. 55  Vgl. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 212. 56  Vgl. zu Rollands innerem Disput ebd. 57  Zit. n.: Ebd., S. 213. 58  Vgl. zu den Auseinandersetzungen und Zwistigkeiten zwischen Rolland und anderen Sozialisten Kastinger Riley: Romain Rolland (wie Anm. 19), S. 44 f.; Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 216 f. 59  Vgl. hierzu im Detail zu Romain Rollands eigener Darstellung der Geschehnisse dieser Zeit, veröffentlicht in dem autobiographischen Abriss Romain Rolland: Quinze ans de combat. Paris 1935, S. 20. 60  Vgl. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 218.



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beiterklasse keinesfalls zu sozialer Passivität verdammt sehen. Die angewandten revolutionären Kampfmethoden lehnte er allerdings ab. Rolland behielt, trotz seiner zum Teil stark kontroversen Haltung, zahlreiche literarische Freunde, die schnell als „Rollandisten“ bekannt wurden. In dieser Phase seines inneren Meinungsstreites wandte er sich einer neuen Denkrichtung zu. Er sympathisierte mit Gandhi, der mit dem indischen Volk ohne Blutvergießen gegen Unterdrückung und Tyrannei kämpfte. Die Überlegung, ob diese Form der friedlichen Befreiung auch auf Europa anwendbar sei, brachte Rolland erneut in eine innere Unsicherheit. Er konnte sich nicht klar zu einer Zustimmung oder Ablehnung durchringen.61 In jedem Fall entschied sich Rolland dafür, auch weiterhin die Auseinandersetzung mit dem „real existierenden Sozialismus“ zu forcieren. Nachdem er sich im Herbst 1922 mit Tróckij vollends überworfen hatte, waren seine Bezugspersonen Maksím Gór’kij (1868–1936) und sein österreichischer Bewunderer Stefan Zweig. Tróckij hatte einen Artikel veröffentlicht, in dem er nicht nur die Position des Franzosen aufs schärfste kritisierte, sondern auch – und das war es, was Rolland tief verletzte – sein Verhalten und seine Publikationen während des Krieges verunglimpfte und ins Lächerliche zog.62 Mit Gór’kij und Zweig jedoch konnte eine gemeinsame Sprache gefunden werden.63 Obwohl Rolland selbst starken inneren Zweifeln ausgesetzt war, versuchte er seine Freunde und Weggefährten stets zu ermutigen und sie in ihren Auffassungen zu bestärken. So schrieb er beispielsweise an Zweig: „Möge nichts eure Kraft und euren Glauben schwächen! Das ist eine heilige Pflicht. Denn auf uns stützen sich Millionen unbekannter Seelen. Wir sind ihr Rückgrat.“64 Äußerungen wie diese veranschaulichen, welche hervorgehobene Rolle Rolland der geistigen Elite seiner Zeit ein61  Zum Verhältnis zwischen Romain Rolland und Mahatma Gandhi sowie Rollands Vorstellung und Sympathien gegenüber der indischen Geisteswelt vgl. Fisher: Romain Rolland (wie Anm. 7), S. 112–145. 62  Vgl. zum Streit zwischen Rolland und Trotzki sowie zwischen anderen sozialistischen Denkern und Protagonisten Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S.  225 f.; Wadim S. Rogowin: Gab es eine Alternative? Bd. 6: Weltrevolution und Krieg. Essen 2002, S. 319 f. 63  Stefan Zweig bewunderte Rolland und widmete ihm einen Großteil seiner Schaffenskraft. So versuchte er Zeit seines Lebens, die Werke des französischen Schriftstellers im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Auch verfasste er die bisher wohl bekannteste und umfangreichste Biographie über Rolland (wie Anm. 1). Diese liefert tiefschürfende Einblicke in das Leben Rollands. Auch die Briefwechsel zwischen ihm und Rolland wurden veröffentlicht und geben einen sehr umfangreichen Einblick in die Gedankenwelt des Literaten. Vgl. Romain Rolland / Stefan Zweig: Briefwechsel 1910–1940. 2 Bde. Hrsg von Waltraud Schwarze. Berlin [Ost] 1987. 64  Zit. und übersetzt aus dem Französischen nach Dragoljub-Dragan Nedeljković: Romain Rolland et Stefan Zweig. Paris 1970, S. 80.

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räumte. So ist auch zu erklären, wie verletzt der Franzose bei Diffamierungen von dieser Seite reagierte. Rollands Hinwendung zum sowjetischen System nahm mehr und mehr zu. Seine Vorstellung, dass es sich um das einzige politische System handle, welches in Europa eine wirkliche Alternative darstelle, wurde besonders durch den sich auf dem Kontinent ausbreitenden Faschismus beflügelt. Er verachtete dieses System und seine Anhänger zutiefst. Als er 1926 Italien besucht hatte, resümierte er, es handle sich bei den italienischen Intellektuellen um „altes Pack“, die zu Lakaien des überaus geschickten Mussolini und zu dessen Mittätern geworden seien. Zugleich erboste er sich über seine Reise nach Italien im Allgemeinen.65 Es habe sich um eine Falle Mussolinis gehandelt – erst vor Ort sei ihm mitgeteilt worden, dass er dessen offizieller Gast war.66 Rolland verschrieb sich in dieser Phase dem Kampf gegen den Faschismus. Neben zahllosen Briefen an italienische Intellektuelle, Schriftsteller und andere führende Persönlichkeiten versuchte er auch Politiker von der Gefahr des italienischen Systems zu überzeugen. Er publizierte einige kurze, aber deutliche Artikel gegen die faschistische Diktatur. Rolland war sich bewusst, dass dies nicht ausreichen würde, um den Faschismus zu besiegen.67 So gründete er zusammen mit Henri Barbusse (1873–1935) das Internationale Komitee zum Kampf gegen Krieg und Faschismus. Das erste große Treffen dieser Gruppe fand im Februar 1927 in Paris statt. Vorsitzender war neben den beiden Franzosen der weithin geschätzte Albert Einstein.68 Trotz Rollands immer deutlicher werdender Nähe zum Sozialismus stellte er im gleichen Jahr gegenüber dem italienischen Publizisten Gaetano Salvemini (1873–1957) klar, dass er kein Kommunist sei und niemals einer sein werde. Seine Religion sei der Individualismus des Gewissens. Allerdings räumte er auch Sympathien für den Kommunismus ein. Dieser könne eine in der Tiefe wurzelnde Kraft des Volkes erwecken, die ein wirksames Mittel gegen den Faschismus sein werde.69

65  Vgl. zu Rollands Äußerungen über die Intellektuellen in Italien am Ende der 1920er Jahre Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 243–245. 66  Vgl. zu Rollands Italienreise Kastinger Riley: Romain Rolland (wie Anm. 19), S.  73 ff.; Zweig: Romain Rolland (wie Anm 1), S. 33 f. 67  Vgl. zu Rollands Aktivitäten und Publikationen gegen den italienischen Faschismus und die Diktatur Mussolinis Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 243–245. 68  Vgl. zum Antifaschistischen Komitee ebd., S. 245. 69  Vgl. ebd., S. 246 f. Zu Salvemini vgl. Charles L. Killinger: Gaetano Salvemini. A Biography. Westport, CT 2002.



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V. Rollands Russlandreise Rolland war kein bedingungsloser Freund der UdSSR. Gleichwohl war er einer der Schriftsteller, die frühzeitig die Oktoberrevolution begrüßten. Seine Publikationen und Stellungnahmen sowie die hier umfangreich dargelegten Unternehmungen machten ihn zu einem der wohl bedeutendsten linken Intellektuellen in Europa. Viele sahen in ihm einen Pazifisten oder gar Internationalisten, der sich einer gerechten Sache verschrieben hatte. Es schien bemerkenswert, dass er den gewaltlosen Ausführungen Gandhis wesentlich mehr Zuneigung entgegenbrachte als dem Sozialismus leninistischer Prägung.70 Die Ziele des Systems der UdSSR begrüßte er, doch die Mittel, diese Ziele zu erreichen stießen ihn damals ab.71 Der Bolschewismus trage zwar einen großen Gedanken in sich, habe ihn aber durch seine törichte Unnachgiebigkeit und seinen Kult der Gewalt zugrunde gerichtet. So habe der Bolschewismus den Faschismus hervorgebracht, der nichts weiter sei als ein pervertierter Bolschewismus.72 Daraus resultierte ein punktueller Bruch mit dem sowjetischen Herrschaftssystem. Rolland distanzierte sich am Ende der 1920er Jahre von Russland und allem voran von Iósif Vissariónovič Stalin (1878–1953). Freiheitsräume waren für ihn mittlerweile wichtiger geworden als in der Anfangsphase. Besonders dem Konzept der Diktatur stand Rolland sehr skeptisch gegenüber. Nie würde er eine solche akzeptieren, auch keine sozialistische, ließ er verlautbaren. So verurteilte er die bolschewistische Gewalt, die „das Recht verschlungen“ habe. Er wandte sich geistig Indien zu und publizierte immer häufiger über Gandhi.73 Dabei setzte er die Bol’ševiki, die er im starken Kontrast zu Gandhis Philosophie sah, mit Nationalisten und Faschisten gleich.74 Dazu trug auch die Tatsache bei, dass er zu dieser Zeit eine Meinungsverschiedenheit mit seinem langjährigen Kollegen und Freund Maksím Gór’kij hatte. Insgesamt beschäftigte sich Rolland zwischen 70  Vgl. bezüglich Rollands Recherchen für sein späteres Werk über Gandhi und seine Bewegründe hierzu Pichler: Romain Rolland (wie Anm. 41), S. 47. 71  Vgl. zu Rollands Stellung in Europa Ende der 1920er Jahre und zu seiner Einschätzung durch andere europäische Intellektuelle und Literaten François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert. Aus dem Franz. von Karola Bartsch u. a. München 1998, S. 352–354. 72  Vgl. zu Rollands Äußerungen über das politische System Sowjetrusslands am Ende der 1920er Jahre Romain Rolland: Voyage à Moscou. Juin–Juillet 1935. Introduction et notes de Bernard Duchatelet. Paris 1992, S. 48. 73  Zu der vorübergehenden Abkehr von Russland und der zeitweiligen Hinwendung nach Indien vgl. Kastinger Riley: Romain Rolland (wie Anm. 19), S. 58–63. 74  Vgl. zu Rollands Darstellung der indischen Geisteswelt und seinen Ansichten zur Person Mahatma Gandhis im Besonderen Romain Rolland: Mahatma Gandhi. Einzige berecht. Übers. aus d. Franz. bes. durch Emil Roniger. Zürich / München 1923.

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Ende 1927 und 1929 kaum mit der Sowjetunion, er strafte sie gleichsam mit Missachtung. Gleichwohl betätigte er sich weiter im Kampf gegen den Faschismus, allerdings ohne sich dabei sozialistischer Dialektik zu bedienen.75 Denn gerade diese war es, die er mit dem Stalinismus und der bolschewistischen Schreckensherrschaft in Verbindung brachte. Nachdem Rolland 1928 seine Zwistigkeiten mit Gór’kij aus der Welt geräumt hatte, änderte sich seine Einstellung zum Sowjetkommunismus. Gór’kij, der auch erst seit kurzem wieder in Russland weilte und sich von Stalin und Nikoláj Ivánovič Buchárin (1888–1938) zur Rückkehr hatte auffordern lassen, gab ihm dahingehend Denkanstöße. Aufgrund der unruhigen Lage in Europa und des von ihm attestierten Chauvinismus der Sieger des Ersten Weltkrieges hielt er die UdSSR für das „letzte Licht“. So begann er seine Abstinenzphase vom Sowjetkommunismus zu beenden. Die neue Gesellschaftsordnung sei zwar über und über mit Blut befleckt, aber dennoch die letzte Hoffnung für Europa. 1929 versuchte Rolland, den französischrumänischen Schriftsteller Panaït Istrati (1884–1935) davon abzuhalten, ein sehr kritisches Buch über die Sowjetunion zu veröffentlichen,76 weil es den reaktionären Kreisen nur Argumente gegen die UdSSR liefere. Das war ein klares Bekenntnis zum Sowjetstaat. Rolland sah ganz offensichtlich zu dieser Zeit bereits über die noch wenige Jahre zuvor von ihm angeprangerten Repressionsmaßnahmen, Verfolgungen und den Terror des stalinistischen Systems hinweg. So wurde er zu einem Sympathisanten des Systems und der herrschenden Partei, die ihn fortan gerne als Gallionsfigur herausstellte.77 Die Bol’ševiki bezeichneten ihn als „ehrlichen Weggenossen“, der mit Hilfe des damaligen „Volkskommissars für das Bildungswesen“ Anatólij Lunačárskij nun in der UdSSR publizieren konnte. Rolland versuchte ab jetzt als literarischer Zeuge des Kommunismus aufzutreten. Zugleich wollte er aber seine Unabhängigkeit herauszustellen, um auf diese Weise seine intellektuelle Position in der Geisteswelt der 1930er Jahre nicht zu verlieren. So bereicherte er den Dialog innerhalb der linken Szene um kritische Fragen. Gerade die Person Stalins, der kaum Schulbildung genossen und Russland nur selten verlassen hatte, war für 75  Vgl. zu Rollands vorübergehender Distanzierung von der Sowjetunion, seinen Zwistigkeiten mit Gór’kij und der Ablehnung des Stalinismus in dieser Zeit Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 71), S. 353. 76  Panaït Istrati: Auf falscher Bahn. 16 Monate in Russland. Bekenntnisse eines Besiegten. Aus dem Franz. von Karl Stransky. Frankfurt am Main 1989 (erstmals 1930). Vgl. dazu Jean-François Bacot: Panaït Istrati ou la conscience écorchée d’un vaincu. In: Moebius. Écritures / Littérature 35 (1988), S. 95–114, hier: 99–108. 77  Zu Rollands Verhalten im Jahre 1929 gegenüber der Sowjetunion und seiner Initiative gegen das Werk von Istrati vgl. Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 71), S. 353.



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Rolland interessant. Sein vermeintliches politisches Genie, obgleich in der schlimmsten Ausprägung, schien ihn auf eine gewisse Art zu faszinieren.78 Auch widmete er sich den Verbindungen der UdSSR zum bürgerlichen Frankreich und suchte nach entsprechenden Kooperationsmöglichkeiten. Aus dem Sympathisanten war ein Aktivist geworden. Rollands Übereifer schwächte sich jedoch in den folgenden Jahren merklich ab. Die immer stärkeren Repressionen und Verfolgungen gegenüber Andersdenkenden oder gemäßigten Kritikern des Systems ließen ihn erneut Abstand zum Sowjetkommunismus suchen. Er ist fassungslos, als seinem Freund Buchárin der Prozess gemacht wird und seine Unterstützung im Gewirr des Parteiapparates ungehört verhallt. Die rohe Gewalt des StalinRegimes öffentlich anzuprangern wagte er allerdings noch immer nicht.79 Stalin war nun sehr daran gelegen, Rolland in die Sowjetunion einzuladen. Mehrere Anfragen des sozialistischen Despoten erreichen den Franzosen. Mehrfach lehnt dieser ab und schwankt in innerer Zerrissenheit. Einerseits würde er den neuen sozialistischen Hoffnungsträger gerne selbst besuchen und sich ein Bild vom Fortschritt der russischen Gesellschaft machen. Andererseits ist er sich darüber im Klaren, dass sein Besuch in der UdSSR einem Ritterschlag für das System gleichkommen würde. Trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustandes war es 1935 dann doch soweit. Nach langen Diskussionen konnte ihn sein alter Freund und Genosse Maksím Gór’kij davon überzeugen, den neuen Staat zu besuchen.80 Sicherlich hatte auch dessen 1934 geschlossene Ehe mit der russischen Übersetzerin seiner Werke, Mariâ Kudaševa, diese Entscheidung positiv beeinflusst. Jedenfalls gab Rolland – der die Situation und Bedeutung seines Besuches durchaus einschätzen konnte – der Sowjetunion damit in gewissem Sinne den Segen des demokratischen Universalismus.81 Rolland war der Letzte einer langen Reihe von bekannten und geachteten Intellektuellen, die dem neuen Moskau einen Besuch abstatteten.82 Der erste kommunisti78  Zu Rollands Rolle innerhalb der linksintellektuellen Szene nach seinem Bekenntnis zur Sowjetunion vgl. ebd., S. 355. 79  Vgl. ebd., S. 356. 80  Zu Rollands Reise, seinen persönlichen Eindrücken und seiner lebhaften Verteidigung des Systems vgl. Kastinger Riley: Romain Rolland (wie Anm. 19), S. 69. 81  Zur Darstellung des Besuches von Rolland in der Sowjetunion in der sozialistischen Literatur siehe exemplarisch Werner Ilberg: Traum und Tat. Romain Rolland in seinem Verhältnis zu Deutschland und zur Sowjet-Union, Halle an der Saale 1950. Vgl. dazu Pichler: Romain Rolland (wie Anm. 41), S. 54. 82  Zur politischen Situation während Rollands Russlandreise vgl. Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 71), S. 360–362. Für einen Vergleich der Ansichten deutscher und französischer Intellektueller dieser Zeit vgl. Eva Oberloskamp: Geschichtsbild und Identität. Die historischen Einordnung der Sowjetunion durch deutsche und franzö-

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sche Staat der Welt präsentierte sich auf der Weltbühne und konnte seinen Ruf der Gewalttätigkeit relativieren.83 In den Kreisen linker Intellektueller galt die Sowjetunion nun weithin als das Land eines aufgeklärten Despoten, der die Ideale der Französischen Revolution wieder aufgriff und fortführte. Hierdurch konnte sich die UdSSR vom Faschismus Italiens und vom Na­ tionalsozialismus des Deutschen Reiches absetzten, da diese Regime die Ideale und Errungenschaften von 1789 gänzlich ablehnten.84 Demgegenüber stand in der Sicht jener Denker das kommunistische System, das die Erklärung der Menschenrechte forcierte – auch wenn es sie selber nicht einzuhalten pflegte – und Demokratie proklamierte. Dies waren auch die Beweggründe, die Rolland zu der Erkenntnis gelangen ließen, die UdSSR sei der Ort, an dem die Zukunft entstünde. Gleichzeitig setzte sich ein Analogieschluss durch, der nach dem Zweiten Weltkrieg die sozialistische Bewegung in ganz Europa erfassen und prägen sollte: „Wer gegen Hitler kämpft, kämpft gleichzeitig auch für Recht und Freiheit im Sinne einer Befreiung der Menschheit.“85 Problematisch war für die antifaschistische Koalition des Krieges, aus der die europäische Linke ihre Existenzberechtigung ableitete, dass sie mit der Sowjetunion einen mittlerweile mächtigen, aber eben totalitären Staat umfasste. Die Akteure hatten sich die „Demokratie“ auf die Fahnen geschrieben und waren so zum Vorbild geworden. Als nun aber jenes „Vorbild“ 1939 mit den Nazis paktierte und der Hitler-Stalin-Pakt bekannt wurde, warf Rolland dem Staat einen politischen Betrug am Volk vor.86 Rolland, der vor seiner Reise nach Moskau durchaus schon die offizielle Parteilinie vertrat,87 war sich nicht sicher, was er in der Sowjetunion erleben würde. Allzu viele negative Eindrücke wurden ihm von seinen Weggefährten übermittelt. Neben den französischen Intellektuellen waren es auch deutsche Schriftsteller, die sich als Exilanten in der Sowjetunion aufhielten und die sische Linksintellektuelle (1917–1939). In: Markus Krienke / Matthias Belafi (Hrsg.): Identitäten in Europa – europäische Identität. Wiesbaden 2007, S. 209–230, bes. 213 f., 226. Siehe zum Ganzen jetzt auch dies.: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München 2011. 83  Zur späteren Instrumentalisierung Rollands durch die sozialistischen Staaten Europas und ihre Vereinnahmung seiner Ideale vgl. exemplarisch Hans Mühlstein: Geist und Politik. Romain Rollands politische Sendung. Zürich 1945; Pichler: Romain Rolland (wie Anm. 41). 84  Zur Wirkung der Russlandreise von Romain Rolland innerhalb des Milieus der linken Intellektuellen in Europa vgl. Furet: Das Ende der Illusion (wie Anm. 71), S. 356. 85  Zit. n.: Ebd., S. 357. 86  Vgl. ebd., S. 360. 87  Vgl. Ilberg: Traum und Tat (wie Anm. 81).



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negativen Entwicklungen von einem Staat, der anfangs die Demokratie verfocht und sich nun zu einer totalitären Diktatur entwickelte, darstellten. Viele von ihnen waren von den politischen Vorzeichen des Systems angelockt worden und ließen nun ihre Enttäuschung verlautbaren.88 Als Rolland jedoch aus Moskau zurückkehrte, war er regelrecht begeistert von dem, was er dort vorgefunden hatte. Was er indes nicht verstanden beziehungsweise einfach nicht für möglich gehalten hatte, war die Tatsache, dass sein Besuch eine einzige große Propagandainszenierung gewesen war. Er hielt es für vollkommen ausgeschlossen, einer Farce aufgesessen zu sein. Für ihn war es die Bekundung eines freien, erwachenden Volkes, das sich nun von seinen Ketten gelöst hatte und sich den Herausforderungen der Welt zu stellen begann. Er meinte, ein von Stolz und Glück erfülltes Volk gesehen zu haben. Gerade die Parade auf dem Roten Platz, die zu seinen Ehren abgehalten wurde, faszinierte ihn. Stalin empfing ihn offiziell als Repräsentanten der französischen Intellektuellen. Die bittere Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse im Sozialismus unter Stalin blieb ihm erspart.89 An seinen „treuen Genossen“ Stalin – wie er den Diktator nun nannte – schrieb er, dass der Weltfortschritt untrennbar mit dem Schicksal der Sowjetunion verbunden sei, da diese der „Herd“ der proletarischen Internationale sei, in die sich die ganze Menschheit verwandeln müsse. Dies alles zeigt, dass die Russlandreise Rolland im Gegensatz zu anderen Schriftstellern, die teilweise sehr skeptisch aus der UdSSR zurückkehrten und dementsprechend publizierten, zu einem fast blinden Verfechter des Systems gemacht hatte.90 Die propagandistischen Maßnahmen Stalins wurden von ihm nicht durchschaut, er verlor sich in den folgenden Monaten in einer unkritischen Bejahung des Systems. VI. Spätes Erwachen – Rollands Russlandbild vor seinem Tod Rollands Begeisterung für die Sowjetdiktatur war groß, aber in ihrer extremen Intensität nur von kurzer Dauer. Bereits mit der nächsten großen Terrorwelle der Jahre 1936 bis 1938 kehrte erneut die Ernüchterung ein. Abermals ging Rolland auf Distanz zu diesen Vorgängen. Die Moskauer Prozesse gegen angebliche Verräter innerhalb der eigenen Partei schockier88  Zur Geschichte deutscher Exilanten im sowjetischen Exil, ihren Enttäuschungen und dem Zusammenbruch ihrer Ideale vgl. David Pike: Deutsche Schriftsteller im sowjetischen Exil 1933–1945. Frankfurt am Main 1992. 89  Vgl. Kastinger Riley: Romain Rolland (wie Anm. 19), S. 69. 90  Vgl. zu den Auffassungen anderer Schriftsteller im sowjetischen Exil Pike: Deutsche Schriftsteller (wie Anm. 88), S. 183 f.

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ten ihn.91 Er hatte es für unmöglich gehalten, dass der Staat der Arbeiter und Bauern in eine solche Tyrannei umschlagen könne. Da ihm das Ausmaß des Terrors aber nicht in Gänze bekannt wurde, war seine innerste Überzeugung noch immer von Sympathien für den kommunistischen Staat geprägt. Erst 1938 begann Rolland, den bolschewistischen Terror und die menschenverachtenden Vorgänge in Russland umfassender zu realisieren. Nachdem er einen engen Freund in Leningrad verlor, der ohne Gründe verhaftet wurde und verschwand, zerbrach seine Illusion vom gerechten Ziel des Sowjetsystems. Bereits 1937 hatte er sich in den etwa 45 Kilometer südlich von Auxerre gelegenen burgundischen Wallfahrtsort Vézelay zurückgezogen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Dabei konnte er Abstand zu weltpolitischen Vorgängen gewinnen und begann damit, sein Urteil über die UdSSR aus einer anderen Perspektive zu fällen.92 Deutlich wurde sein Bruch mit dem System dann in seinem Werk Aus meinem Leben, das er 1940 publizierte.93 Darin schrieb er – gerichtet an die bolschewistische Partei –, dass es nicht die Ziele des Sozialismus seien, die er anfechte. Um diese Ziele zu erreichen, benötige man jedoch alle Kräfte. Dazu zählte er auch die Philosophen und die für sie wichtige geistige Freiheit sowie die Religiosität. Diese Kräfte hätte die Sowjetunion jedoch allzu oft vergessen und durch ihr Verhalten nachhaltig geschwächt. Die Sowjetunion würde nur deshalb fortbestehen, weil das Volk sich Gott und die Religiosität trotz stalinistischer Doktrin bewahrt habe.94 Seine oppositionelle Haltung gegenüber den Verbindungen zwischen Stalin und Hitler 1939 und dem Münchener Abkommen, das er ablehnte, verdeutlichte erneut seinen Bruch mit dem System. Er war der Auffassung, dass die Tschechoslowakei durch das – wie er schreibt – „Diktat von München“ an Deutschland ausgeliefert wurde und distanzierte sich somit weiter von der Politik der Sowjetunion. Dennoch blieben Rolland und seine Anhänger in der Volksfront lange unentschlossen, wie sie das Verhalten deuten sollten. Ein öffentlicher Streit würde nur die Gegenseite stärken. Obgleich 91  Vgl. zu den Moskauer Prozessen, den Aktivitäten, Maßnahmen und Verurteilungen Theo Pirker (Hrsg.): Die Moskauer Schauprozesse. 1936–1938. München 1963; einen stärkeren Blickpunkt auf die Inszenierung und Intentionen der Parteiführung sowie die Funktion des NKWD legt Wladislaw Hedeler: Moskauer Schauprozesse. 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung. Berlin 2003. Siehe zum Ganzen jetzt auch Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937. München 2008. 92  Zu Rollands Abgeschiedenheit in Vézelay und seinem neuen Betrachtungswinkel vgl. Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 355–357. 93  Romain Rolland: Aus meinem Leben. Erinnerungen an Kindheit und Jugend. Aus dem Französischen übertragen von Ré Soupault. Zürich / München 1949. 94  Ebd., S. 315–317.



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sein moralisches Gefühl rebellierte, äußerte er, dass die Sowjetunion wohl gewichtige Gründe für diesen Pakt haben müsse, ohne freilich diese Gründe näher darlegen zu können.95 Zu tief schien er noch immer von den Erfahrungen seiner Moskaureise beeinflusst. Trotz mannigfaltiger Äußerungen seiner Kollegen, dass sein dort gewonnener Eindruck eventuell nicht ganz den Tatsachen in der UdSSR entspräche, blieb Rolland bei aller Kritik im Detail zu lange ein grundsätzlicher Verfechter des Systems – wie er nun sich selbst eingestehen musste. Auch der Nichtangriffspakt mit dem nationalsozialistischen Deutschland, welches er zutiefst verachtete, deutete er als hässliche Narbe an einer sonst bezaubernden Braut, wie er den Sozialismus lange betrachtet hatte. Die Wirren in Europa, die der Zweiten Weltkrieg mit sich brachte, und vor allem die indirekte Vernetzung Rollands in das Geflecht aus Faschismus, Demokratie und Kommunismus, ließen ihn schweigen. Er stand nicht wie einst über den Dingen, sondern war Partei geworden. Auch die Zensur, die spätestens seit dem Krieg zwischen Deutschland und Frankreich Rollands Publikationen zusetzte, stieß ihn ab. So schrieb er an Stefan Zweig: „Ich muss alles schreiben – oder nichts!“96 Gleichzeitig betonte er bei seiner Korrespondenz mit Zweig immer wieder, wie sehr er Hitler ablehnte und darin mit Zweig übereinstimme. Sie beide seien Hitlergegner der ersten Stunde gewesen und würden weiter danach streben, Hitler und den Nationalsozialismus niederzuwerfen. Auch über alles andere gäbe es viel zu sagen. Allerdings verfüge man selbst in der Schweiz nur über eine sehr reduzierte Wahrheit.97 VII. Fazit Romain Rolland war einer der wichtigsten Schriftsteller und Philosophen seiner Zeit. Gerade Ideologien und Gedankenexperimente, die sich den Humanismus, die Gleichheit und die Freiheit der Menschen auf die Fahne schrieben, zogen ihn regelrecht an. Aus einem liberalen Bürger wurde ein Sympathisant des Sozialismus, des Kommunismus und der indischen Geisteswelt. In jungen Jahren stellte er sich stets auf die Seite der Verfolgten und Unterdrückten. Das Wohl der Menschheit als Ganzes wurde zu seinem obersten Ziel. Rolland verschrieb sich – wie er es gerne selber sah – der gerechten Sache. Im Ersten Weltkrieg schuf er sich eine herausragende philosophische Position, indem es ihm gelang, über den Kriegsparteien zu Motyljowa: Romain Rolland (wie Anm. 2), S. 356–358. Briefwechsel 1910–1940 (wie Anm. 63), hier: 2. Bd. (1924– 1940), S. 716. 97  Brief von Rolland an Zweig vom 18.01.1939. In: Ebd., S. 716 f. 95  Vgl.

96  Rolland / Zweig:

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stehen und fortwährend moralisch korrekt zu argumentieren.98 Zwar war er nie ein echter Pazifist, der Kriege grundsätzlich ablehnte; seine hohen Moralnormen ließ ihn den Krieg jedoch als Grundübel menschlichen Zusammenlebens erkennen. Mit Beginn der Oktoberrevolution begann Rollands Überparteilichkeit zu schwinden. Viel zu sehr war er seit Revolutionsbeginn fasziniert vom neuen Russland. Mehr und mehr verließen ihn dabei seine sonst so objektive und moralisch begründete Sachlichkeit und Beobachtungsgabe. Rollands Auffassungen widersprachen sich teilweise erheblich. So kritisierte er immer wieder den Kommunismus und besonders den Bolschewismus, doch eine echte Abkehr von beiden, wie etwa bei André Gide (1869–1951), fand nicht statt. Rolland agierte hier fast wie eine gespaltene Persönlichkeit, die verschiedene, miteinander unvereinbare Vorlieben besitzt. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang seine Hinwendung zu geschlossenen Weltbildern. Wenn eines seiner Weltbilder nicht mehr zutreffend war, stürzte ihn dies häufig in Depressionen. Stets waren für Rolland geistige und politische Freiheit die größten Güter, Frieden und Verständigung stets das oberste Ziel. Er war dem Humanismus verpflichtet, auch wenn seine Bindung an den Kommunismus dieser Verpflichtung entgegenstand. Allzu lange hat er wissentlich den Terror und die Verfolgungen verharmlost und so die Opfer ungewürdigt gelassen. Am Ende steht ein großer Idealist, der, nicht zuletzt aus eigenem Verschulden, heute nahezu vollkommen vergessen ist.

98  Das zeigt auch sein Austausch mit Thomas Mann (1875–1955). Vgl. dazu jetzt Michael Vollmer: Die Macht der Bilder. Thomas Mann und der Erste Weltkrieg. Chemnitz, Techn. Univ., Diss 2014.

V. Im Zeitalter der Weltkriege und des „Kalten Krieges“

„Das einmütige Ziel aller Europäer … sollte die Verhinderung einer russischen Invasion sein“. Richard Coudenhove-Kalergi und die „russische Gefahr“ für Europa Von Jan Christoph Elfert (Berlin) I. Einführung II. Coudenhove-Kalergi, die Paneuropaunion und die paneuropäische Idee III. Coudenhove-Kalergis Definition von Europa 1. Der Begriff Europa 2. Das geographische und das politisch-kulturelle Europa 3. Das historische Europa IV. Coudenhove-Kalergi, die Sowjetunion und der Bolschewismus 1. Die kommunistische Revolution in Russland und die Errichtung einer Neo­ aristokratie 2. Der Antibolschewismus Coudenhove-Kalergis und sein Kampf gegen die Sowjetunion 3. Der späte Antibolschewismus Coudenhove-Kalergis V. Ein Sonderfall: Die „weiße Reaktion“ VI. Fazit

I. Einführung Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte sowohl für Europa als auch für Russland einen fundamentalen Wandel. Europa war entzweit in Besiegte und Sieger, Revisionisten und Antirevisionisten. An die Stellen der beiden Imperien Österreich-Ungarn und Deutsches Reich waren ca. ein halbes Dutzend Mittel- und Kleinstaaten sowie ein entwaffnetes Deutschland getreten, das durch französische Reparationsforderungen spätestens seit dem Vertrag von Rapallo an die Seite der Sowjetunion gerückt wurde. Diese hatte sich erst kurz zuvor durch Vladímir Il’íč Lenins (1870–1924) bolschewistische Oktoberrevolution aus der Asche des zaristischen Russlands erhoben und träumte von der Weltrevolution, der man sowohl mit dem Mittel der Agitation als auch mit dem Mittel des Krieges den Boden bereiten wollte.1 1  Eine gute und übersichtliche Darstellung hierzu liefert Walter L. Bernecker: Europa zwischen den Weltkriegen 1914–1945. Stuttgart 2002.

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Die wirtschaftliche Situation sah in Europa nicht besser aus als die politische. Schutzzölle und Autarkiebestrebungen machten einen Handel zwischen den europäischen Nationen nahezu unmöglich. Die USA gewannen immer weiter die Vorherrschaft auf dem Sektor der Massenproduktion und überschwemmten die europäischen Märkte mit Billigprodukten. In der Sow­ jetunion lag die Wirtschaft in den ersten nachrevolutionären Jahren durch kommunistische Experimente am Boden. Es mussten erst einmal die dem eigenen Herrschaftsanspruch widerstrebenden Kräfte vernichtet werden, ehe man sich um die gravierenden wirtschaftlichen Probleme kümmern konnte.2 Als 1922  /  23 der junge Graf Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894–1972) seine Idee eines geeinten „Paneuropas“ veröffentlichte und um Unterstützung für seine Paneuropa-Organisation warb, kam auch er immer wieder auf die schwierigen Situationen in Europa und der Sowjetunion zu sprechen. Er ging besonders auf die Beziehung zwischen dem entzweiten Europa und dem revolutionärem Russland ein, die sich nach dem Ersten Weltkrieg komplett neu entwickelte. In dieser Situation sah CoudenhoveKalergi die größte Gefahr für ein zersplittertes und zerstrittenes Europa und forderte einen Zusammenschluss des Kontinents, um eine Bedrohung durch die Sowjetunion abzuwehren und gleichzeitig die wirtschaftliche und weltpolitische Position Europas, besonders gegenüber den USA, zu stärken.3 Um Coudenhove-Kalergis Positionen und Konzepte in Bezug auf die Sowjetunion und den Bolschewismus genauer herausarbeiten zu können, sollen im Folgenden zunächst die biographischen Voraussetzungen und die Grundelemente des Paneuropa-Gedankens dargestellt werden. Dabei ist es wichtig, die von Coudenhove-Kalergi vorgenommene Definition Europas aufzuzeigen, um zu verdeutlichen, wovon konkret er Russland bzw. die Sowjetunion in seinen Schriften abgrenzt. Daran anschließend sollen die verschiedenen Phasen von Coudenhove-Kalergis Sicht auf die Sowjetunion offen gelegt werden. Es wird geklärt, ob das Bild von der kommunistischen Diktatur zu Beginn der 1920er Jahre ein anderes war als zu Beginn der 1930er Jahre, und ob sich dieses wiederum von seinem Bild nach dem Zweiten Weltkrieg unterscheidet. Grundlage hierfür bildet die Analyse der reichhaltigen Publikationstätigkeit des Schriftstellers und Politikers. Die „Reise nach Russland“ war für ihn – im Gegensatz zu den restlichen in diesem Band behandelten Autoren – eine rein intellektuelle Unternehmung; 2  Eine umfassende Einführung bieten Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009 (erstmals 1962), S. 553–772, hier: 529–626. 3  Die wichtigsten Punkte seines Programms finden sich zusammengefasst in ­Richard N. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa. Wien 1923.



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sein Vater hatte ihn zwar in der russischen Sprache unterrichtet, das Land der roten Zaren hat er selbst aber nie besucht. II. Coudenhove-Kalergi, die Paneuropaunion und die paneuropäische Idee Graf Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi wurde am 17. November 1894 in Tokio geboren.4 Sein Vater Heinrich Coudenhove-Kalergi (1859–1906) war Diplomat und in dieser Position in Athen, Rio de Janeiro, Konstantinopel und Buenos Aires tätig gewesen. 1892 kam er nach Tokio – die letzte Station in seinem diplomatischen Dienst. Hier lernte er die Mutter Richards, Mitsuko Aoyama (1874–1941), kennen und heiratete sie allen gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz im Jahr 1893 nach der Geburt des ersten gemeinsamen Sohnes. Die Eheschließung wurde sowohl durch den österreichischen Kaiser als auch durch den japanischen Mikado genehmigt.5 Schon zwei Jahre nach der Geburt des zweiten Sohnes Richard Nikolaus siedelte die gesamte Familie auf das Familienanwesen im deutsch-böhmischen Ronsberg (Poběžovice) über, wo Coudenhove-Kalergi seine frühe Jugend verbrachte. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1906 wurde er auf das Theresianum, ein bekanntes Internat in Wien, geschickt6 und absolvierte im Anschluss ein Studium der Geschichte und Philosophie, das er mit einer Dissertation über die „Objektivität als Grundprinzip der Moral“ abschloss.7 Zu dieser Zeit lernte er seine erste Frau und, wie er immer wieder erwähnte, „Liebe seines Lebens“ kennen. Er heiratete Ida Roland (eigentlich Ida Klausner, 1881–1951) trotz zahlreicher Widerstände – ähnlich wie im Fall seines Vaters – wegen des höheren Alters seiner als Schauspielerin arbeitenden Auserwählten.8 Nachdem Coudenhove-Kalergi, als untauglich vom Wehrdienst im Ersten Weltkrieg befreit9, in den Kriegsjahren und der unmittelbaren Nachkriegzeit 4  Einzelheiten zur Biographie Coudenhove-Kalergis finden sich in seinen autobiographischen Werken. Vgl. etwa Richard N. Coudenhove-Kalergi: Ein Leben für Europa. Meine Lebenserinnerungen. 2., veränd. u. erw. Aufl. Köln /  Berlin [West] 1966, hier: S. 29. 5  Vgl. Anita Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren. Wien 2004, S. 36. Einen weiteren aktuellen Beitrag zu Leben und Werk Coudenhouve-Kalergis bietet Vanessa Conze: Richard Coudenhove-Kalergi. Umstrittener Visionär Europas. Gleichen / Zürich 2004. 6  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Ein Leben für Europa (wie Anm. 4), S. 64. 7  Vgl. ebd., S. 72 f. 8  Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 42–44. 9  Vgl. ebd.. S. 45.

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als Journalist für verschiedene Zeitungen schrieb, veröffentlichte er 1922 einen Beitrag, der sein ganzes Leben prägen sollte. Der im Sommer gleichzeitig in der Berliner Vossischen Zeitung und der Wiener Neuen Freien Presse erschienene Artikel über die „europäische Frage“10 schloss mit einem Aufruf an alle Befürworter der „Vereinigten Staaten von Europa“, sich zu der im Entstehen begriffenen Paneuropäischen Union anzumelden.11 Allerdings erhielt Coudenhove-Kalergi, inzwischen von nichts anderem mehr besessen als von „seinem“ Europa, keine befriedigenden Antworten, so dass er sich Anfang 1923 für einige Wochen auf das oberösterreichische Schloss eines Freundes zurückzog und dort sein Buch Paneuropa verfasste, das seine Gedanken zu einem Zusammenschluss Europas weiter und umfangreicher ausführte, als dies der Zeitungsartikel es tun konnte. Schon diese erste Veröffentlichung erschien im eigenen Verlag, dem PaneuropaVerlag, da sich kein anderes Haus zur Publikation bereit erklärt hatte.12 Das Buch sollte zusammen mit dem im April 1924 erscheinenden Paneuropäischen Manifest die Grundlage für die Paneuropaunion werden. Diese Paneuropaunion, die bereits am 1. Oktober 1923 gegründet wurde, sollte laut Coudenhove-Kalergi jene Organisation werden, in deren Händen die Leitung der Paneuropabewegung von Beginn an liegen sollte. Bei der Gründung ging man von dem Grundsatz aus, dass stets die Autonomie der nationalen Sektionen respektiert und durch einen föderativen Aufbau die Organisation beispielgebend für einen künftigen europäischen Staatenbund wirken sollte. Das Hauptbüro der Organisation wurde mit repräsentativer Adresse in der Wiener Hofburg eingerichtet.13 In den von Verlag und Organisation vertriebenen Paneuropaschriften forderte Coudenhove-Kalergi den Zusammenschluss Europas – unter Einschluss der Kolonien – zu „Paneuropa“ und erläuterte, warum dieser für Europa überlebenswichtig sei. Damit es bei der Kolonialfrage keine territorialen Streitpunkte gäbe, schlug er den Austausch von europäischen ostafrikanischen Kolonien mit britischen westafrikanischen vor, da die Kolonien eben10  Den Recherchen Ziegerhofer-Prettenthalers zufolge konnte dieser Artikel in keiner der beiden Zeitungen aufgefunden werden, obwohl Coudenhove-Kalergi dies in seinen zahlreichen Memoiren immer wieder behauptete. 11  Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 80. 12  Coudenhove-Kalergi: Ein Leben für Europa (wie Anm. 4), S. 124. Die Schreibweise des von Coudenhove-Kalergi geprägten Begriffs variiert sowohl in den einzelnen Publikationen als auch im Verlagsnamen zwischen „Paneuropa“ und „Pan-Europa“. Aus Gründen der Einheitlichkeit wird hier durchgehend die erstgenannte Schreibweise verwendet und die zweite nur in Zitaten beibehalten, so sie dort zur Anwendung kam. 13  Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 99.



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falls eine einheitliche Landmasse bilden sollten.14 Ausgehend von einer Idee der fünf Großräume Panamerika, Russland, Ostasien, dem Britischen Empire und Paneuropa, entwarf Coudenhove-Kalergi seinen Paneuropa-Gedanken. Europa sei in einem globalen Rahmen nur lebensfähig, wenn es sich zusammenschließe und so nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika einen geeinten Wirtschaftsraum darstellen könne. Allerdings seien nicht die USA das Vorbild, da sich eine solche Struktur in Europa nicht durchsetzen lasse, sondern die Panamerikanische Union. Diese stelle einen Versuch dar, einen Erdteil mit souveränen Staaten zu einer weltpolitisch wirksamen Gemeinschaft zu organisieren.15 In Europa, das durch den Ersten Weltkrieg wirtschaftlich am Boden liege und gleichzeitig durch einen tiefen Graben in Revisionisten und Antirevisionisten zerfalle, sei die Etablierung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums ganz besonders wichtig, um den Verlust der Stellung in der Welt zu verhindern. Denn sowohl wirtschaftlich als auch militärisch sei Europa bedroht; durch Zollschranken und hohe Schutzzölle könne sich kein großer Binnenmarkt wie jener der USA bilden. Dies habe zur Folge, dass auch eine billige Massenproduktion, zur Steigerung der Lebensverhältnisse, nicht möglich sei.16 Militärisch sieht Coudenhove-Kalergi Europa durch die Sowjetunion bedroht, deren erklärtes Ziel die Weltrevolution sei. Er schlägt ein umfangreiches europäisches Defensivbündnis und einen Garantiepakt vor, da andernfalls Europa keine Chance hätte, sich einer Invasion der Sowjetunion zu widersetzen. Auf sich allein gestellt würde zunächst Osteuropa fallen und dann als automatische Folge auch Westeuropa, da es sich nicht mehr gegen die Sowjet­ union behaupten könne.17 Wenn aber spanische, deutsche und französische Truppen zusammen mit Polen und Rumänen die europäisch-russische Grenze sichern würden, müsse Russland die Aussichtslosigkeit seiner Invasionspläne bewusst werden. Dies könne andererseits auch zu Abrüstungsbemühungen führen, wenn die Sowjetunion davon überzeugt werde, dass von Paneuropa keine Gefahr für sie ausgehe. Für alle europäischen Staaten führe dies aber 14  Coudenhove-Kalergi konnte mit diesen Forderungen zumindest auf ein Einverständnis Englands hoffen, da die ostafrikanischen Kolonien rohstoffreicher waren als die westafrikanischen. Allerdings zog er diese Forderungen bereits 1926 mit der dritten Auflage seines Buches Paneuropa zurück. Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 77. 15  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 67–69. Die Panamerikanische Union bildete eine der aus den verschiedenen panamerikanischen Kongressen und Konferenzen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgegangene Vorgängerorganisation der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Vgl. dazu David Sheinin (Hrsg.): Beyond the Ideal. Pan Americanism in Inter-American Affairs. Westport, CT 2000. 16  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 73. 17  Vgl. ebd., S. 59 f.

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auf jeden Fall zur Abrüstung, da sie nur noch die europäischen Grenzen mitbewachen müssten anstatt ihre eigenen untereinander.18 III. Coudenhove-Kalergis Definition von Europa 1. Der Begriff Europa Da Coudenhove-Kalergis Betrachtungen zu Russland immer aus der paneuropäischen Perspektive bzw. in Abgrenzung von Europa stattfinden, ist es zunächst nötig, dieses „Europa“ genauer zu definieren. Für ihn entstand der Begriff „Europa“ „aus einer Vermischung geographischer, politischer und kultureller Elemente. Die Nord-, Süd- und Westgrenze dieses Erdteils wurde durch die Geographie bestimmt – die Ostgrenze durch die Politik. Deshalb schwankte die Ostgrenze Europas beständig: vom Rhein zum Ural, von der Adria zum Kaspisee.“19 Doch der geographische Begriff deckt sich weder mit dem kulturellen noch mit dem politischen. Australien sei kulturell, Großbritannien geographisch ein Teil Europas, doch beide Länder lägen als Glieder des britischen Weltreichs politisch außerhalb Europas. Weltteile, Weltreiche und Weltkulturen dürften nicht miteinander verwechselt werden. Geographisch zerfällt die bewohnbare Welt für Coudenhove-Kalergi in fünf Kontinente: Eurasien, Afrika, Australien, Nordamerika und Südamerika. Politisch lässt sie sich in das amerikanische, das europäische, das ostasiatische, das russische und das britische Kraftfeld einteilen, und kulturell in vier große Kulturkreise: den europäischen, den chinesischen, den indischen und den arabischen. An diesen Unterscheidungen müsse streng festgehalten werden, um heillosen Verwechslungen bezüglich Europas vorzubeugen.20 2. Das geographische und das politisch-kulturelle Europa Europa ist für Coudenhove-Kalergi geographisch kein eigener Kontinent, sondern nur eine Halbinsel des eurasischen Kontinents, die durch das Schwarze und das Baltische Meer abgeschnürt wird und in deren Norden sich die skandinavische Halbinsel, die britische Inselgruppe und Island befinden. Europa ist demnach mit Indien zu vergleichen: Wenn Europa der westliche Ausläufer des eurasischen Kontinents ist, stellt Indien dessen südöstlichen dar. Laut Coudenhove-Kalergi könne man mit mindestens gleichem Recht Indien einen Kontinent nennen, wie man es im Fall Europas zu tun pflegt.21 Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 62–64. S. 30. 20  Vgl. ebd. 21  Vgl. ebd., S. 29. 18  Vgl.

19  Ebd.,



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Auch wenn er weiterhin meint, es gebe keine geographischen Grenzen für den europäischen Kontinent, so gesteht er ein, dass es Meere gibt, die stets als die Grenzen Europas angesehen wurden und weiterhin werden: „Vom Atlantischen Ozean zum Mittelmeer und Schwarzen Meer einerseits zum Nördlichen Eismeer andererseits. Nur im Osten hat Europa keine natürliche Grenze, sondern geht in Asien über. Kein Gebirge, kein Strom trennt die europäische Halbinsel von Asien ab. Daher sah sich die Geographie gezwungen um die Existenz Europas geographisch zu rechtfertigen, den einzigen nordsüdlichen Gebirgszug, der die eurasische Tiefebene durchschneidet als Grenze Europas anzuerkennen: den Ural – obwohl dieser nicht die europäische Halbinsel begrenzt, sondern mitten im asiatischen Festlande liegt.“22 Der Ural wurde laut Coudenhove-Kalergi aber auch deshalb zur geographischen Bestimmung gewählt, weil er über Jahrhunderte die Grenze des russischen Mutterlandes und so den östlichsten Punkt des östlichsten in europäische Angelegenheiten eingebundenen Staates bildete.23 Vom politischen Begriff „Europa“ hatte er, anders als vom geographischen, eine ganz genaue Vorstellung: „Den politischen Begriff Europa nenne ich zur Unterscheidung von seinem geographischen Doppelgänger PanEuropa.“24 Für Coudenhove-Kalergi umfasst dieser politische Begriff sämtliche demokratischen und halbdemokratischen Staaten Kontinentaleuropas mit Einschluss Islands, das damals mit Dänemark durch Personalunion verbunden war.25 Auch scheint er die skandinavische Halbinsel, die er in seinen geographischen Betrachtungen noch nicht zu Kontinentaleuropa gezählt hatte, nun mit einzubeziehen.26 Die Kolonien zählt er ebenfalls zu Paneuropa und unterteilt sie lediglich in die zusammenhängenden afrikanischen Kolonien (Libyen, Französisch-Afrika, Angola, den Kongostaat) und die „zerstreuten“ Kolonien (Moçambique, Madagaskar, Indonesien, Französisch-Hinterindien, Guyana usw.).27 22  Ebd.,

S. 30. kurze Definition des Begriffs Paneuropa, sowohl geographisch als auch allgemein, liefert Britta Weichers: Mitteleuropa oder Paneuropa? In: Alfons Schröder (Hrsg.): „Völker Europas, findet euch selbst!“ Beiträge zur Ideengeschichte der Europabewegung in Deutschland. Oldenburg 2007, S. 63–114, hier: 93–96. 24  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 37. 25  Was genau „halbdemokratische Staaten“ sind, wird nicht weiter ausgeführt. Allerdings scheint Coudenhove-Kalergi diesen Begriff zu benutzen, um auch wirklich alle Staaten Europas erfassen zu können. Nur so konnten auch autoritäre Regime, wie Ungarn unter Miklós Horthy (1868–1957), mit eingebunden, die Sowjetunion als antidemokratisches System des Bolschewismus aber aus Europa heraus gedrängt werden. 26  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 36. 27  Vgl. ebd., S. 37 f. und Reinhard Frommelt: Paneuropa oder Mitteleuropa. Einigungsbestrebungen im Kalkül deutscher Wirtschaft und Politik 1925–1933. Stuttgart 23  Eine

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Zusammengerechnet kommt Coudenhove-Kalergi für Paneuropa auf ca. 431 Millionen Einwohner und 26 Millionen Quadratkilometer.28 Ein Vergleich mit den anderen großen Weltreichen zeige, dass dieses Paneuropa in Bezug auf Einwohnerzahl und Fläche sowohl mit dem britischen als auch mit dem russischen Reich mithalten könne. Daran werde auch die weltpolitische Notwendigkeit des Zusammenschlusses deutlich. Denn so wäre Paneuropa fähig, jede militärische und wirtschaftliche Bedrohung durch die anderen Weltreiche abzuwehren. Durch einheitliche Organisation der afrikanischen Kolonien, die an Fläche dem asiatischen Russland gleich kämen, könne man alle Rohstoffe und Nahrungsmittel, die Paneuropa benötigt, selbst erzeugen, so auch wirtschaftlich völlig autark agieren und auf lange Sicht hin in der Lage sein, das Kulturzentrum der Erde zu bleiben.29 Die europäische Kultur umfasst für Coudenhove-Kalergi außerhalb der geographischen Grenzen Europas noch den gesamten amerikanischen Kontinent, Australien, Südafrika und Neuseeland.30 Europäische Kulturoasen würden sich zudem in allen Kolonien befinden. Da die europäische Kultur der weißen Rasse auf dem Boden der Antike und des Christentums entstanden sei, könne man bei ihr auch von der christlichen Kultur sprechen, im Gegensatz zur islamischen, buddhistischen, hinduistischen und konfuzianischen Kultur Asiens. Die beiden Pole der europäischen Kultur sind für Coudenhove-Kalergi der hellenische Individualismus und der christliche Sozialismus.31 Allerdings differenziere sich diese Kultur in viele Spielarten. Der Amerikanismus sei solch eine Spielart, denn er bilde den extremsten Kontrast zum Orientalismus, zu aller Beschaulichkeit und Mystik. Er sei allerdings nicht auf Amerika beschränkt, sondern lasse sich auch in den europäischen Industriezentren finden.32 Eine besondere Variante der europäischen Kultur, wenn nicht gar der Ausgangspunkt einer neuen Kultur, sei die russische, da sie asiatische und europäische Elemente zu einer neuen Synthese verbinde. Denn Russland sei der Rasse nach aus europäischen und asiatischen – für Coudenhove-Kalergi tatarischen und finnischen – Elementen zusammengesetzt. Seit der Völker1977, S. 14: „Nur auf Grundlage eines Neo-Kolonialismus glaubte demnach Coudenhove einem zu bildenden Pan-Europa die Macht zu künftiger militärischer und wirtschaftlicher Selbstbehauptung in Aussicht stellen zu können, sofern dieses Kolonialreich einheitlich organisiert und rationell erschlossen würde: Das Ziel eines tendenziell autarken Pan-Europa war für Coudenhove grundsätzlich nur realisierbar, wenn der Kolonialismus aufrechterhalten und intensiviert worden wäre.“ 28  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 38. 29  Vgl. ebd., S. 38. 30  Vgl. Weichers: Mitteleuropa oder Paneuropa? (wie Anm. 23), S. 95. 31  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 34. 32  Ebd., S. 35.



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wanderung gehöre es abwechselnd zu Europa und zu Asien. Seine letzte asiatische Epoche sei die Tatarenherrschaft gewesen, während es erst seit zwei Jahrhunderten zu Europa gehören würde. In dieser Zeit habe Russland äußerlich die europäische Kulturform angenommen, ohne sich aber in seinem Wesen zu europäisieren. Der Bolschewismus habe nun die Träger dieser europäischen Kultur vernichtet, vertrieben und ermordet und mit ihnen die europäische Kultur ausgerottet. Er wende sich vom christlichen und demokratischen Europa ab und versuche mit europäischen Theorien und asiatischen Praktiken die Grundlage einer neuen Kulturform zu schaffen. Es könne zwar sein, dass sich dieser Prozess umkehre und bald das europäische Kulturgebiet bis zum Pazifik reichen werde, aber solange die kulturelle Zukunft Russlands ungewiss sei, bilde die politische Ostgrenze Europas gegen Russland auch die Ostgrenze der europäischen Kulturgemeinschaft.33 3. Das historische Europa Sehr wichtig für das Geschichtsverständnis Coudenhove-Kalergis war die Annahme der Existenz von sechs historischen Epochen Europas, die sich zeitlich aneinander rankten und immer wieder durch „nicht-europäische“ Epochen unterbrochen wurden. Das „erste Europa“ sei „Hellas“ gewesen, das durch das eurasische Reich Alexanders und der Seleukiden abgelöst wurde. Das „zweite Europa“ sieht Coudenhove-Kalergi im antiken Rom, das die Randländer des Mittelmeers umfasste und dessen Nordgrenze sich entlang des Rheins und der Donau zog. Als sich dieses Riesenreich dann teilte, trennte es den Balkan von Europa ab und verlegte den Schwerpunkt nach Westen. Das Oströmische Reich sei „ein Zwischenreich zwischen Europa und Asien: ein eurasisches Reich“34 geworden. Durch den Untergang des Weströmischen Reiches und die Völkerwanderung war für CoudenhoveKalergi das „dritte Europa“ geschaffen worden. Germanische Königreiche erhoben sich aus den Trümmern des alten Reiches. Unter der Regentschaft Karls des Großen (747 / 48–814) habe dieses germanische Europa seinen Höhepunkt erreicht. Es grenzte im Westen an das maurische Spanien und im Osten an die slavischen Gebiete und Byzanz. Damals sei die Elbe die Ostgrenze Europas gewesen.35 Nach dem Zusammenbruch des Karolingerreiches habe das Papsttum die Führung Europas übernommen und so ein „viertes Europa“ geschaffen, dessen Grenzen mit der Ausdehnung des römisch-katholischen Glaubens zusammenfielen. Dieses vierte Reich dehnte Europa nach Osten über Litau33  Vgl.

ebd., S. 35 f. S. 31. 35  Vgl. dazu und zum Folgenden ebd., S. 32. 34  Ebd.,

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en, Polen und Ungarn aus. Es sei politisch geeint den Muslimen in den Kreuzzügen gegenübergetreten und habe seinen Höhepunkt in der politischen Suprematie über die Könige Europas unter Innozenz III. (1160 / 61– 1216) erklommen. Dieses päpstliche Europa zerbrach endgültig an der Reformation und erst die Aufklärung, welche die konfessionellen Kämpfe in den Hintergrund schob, sei in der Lage gewesen, den Grundstein für das „fünfte Europa“ zu legen – das Europa des Absolutismus. Und erst diesem europäischen Staatensystem von Europa sei Russland unter Pëtr I. Velíkij (1672–1725) beigetreten. Durch den russischen Beitritt habe sich die Ostgrenze Europas bis zum Ural verschoben, so dass Europa damit seine größte Ausdehnung inne gehabt hätte. Den Höhepunkt dieses „fünften Europas“ bildete für Coudenhove-Kalergi Napoléon Bonaparte (1769–1821). Dieser hätte als letzter versucht, das europäische Reich Julius Cäsars (100–44 v. Chr.), Karls des Großen und Innozenz III. wiederherzustellen. Hätte Napoléon, so Coudenhove-Kalergi weiter, bei Leipzig gesiegt, so würden die „Vereinigten Staaten von Europa“ bereits bestehen, entweder unter einem bonapartistsichen oder unter einem republikanischen Regime. Erst sein Sturz hätte Europa in das internationale Chaos zurückgeworfen. Nach dem Ersten Weltkrieg sei dieses Chaos nun so groß, das man das „sechste Europa“ aus den demokratischen, freien Nationen schaffen könne: die „Vereinigten Staaten von Europa“, die Paneuropäi­ sche Föderation. Zu diesem innerpolitischen Ausgleich der europäischen Staaten gehörten die Loslösungen Englands und Russland von Europa. England hätte sich für die Umwandlung Britanniens in ein ozeanisches Bundesreich mit außereuropäischen Interessen entschieden und sei damit quasi aus Europa ausgetreten – ein Umstand, der für die paneuropäische Vorstellung einer Kooperation zwischen Paneuropa und Großbritannien von besonderer Bedeutung war.36 Russland hingegen hätte „sich durch die Proklamierung des Sowje36  Vgl. Verena Schöberl: „Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt … es heißt Europa.“ Die Diskussion um die Paneuropaidee in Deutschland, Frankreich und Großbritannien 1922–1933. Berlin 2008, S. 100 f. CoudenhoveKalergis Großbritannienbild ist diesen Vorstellungen angepasst. Das englische Sicherheitsstreben sei nur zu verständlich und man müsse diesem entgegenkommen, indem die paneuropäische Flotte abgerüstet werde, um England so die Angst vor einer Paneuropäischen Invasion zu nehmen und friedliche Beziehungen mit England herzustellen. Coudenhove-Kalergi strebte auf lange Sicht eine Art Dreibund zwischen Panamerika, Großbritannien und Paneuropa an. Dabei wird der Vergleich zwischen einem Ausschluss Englands aus Paneuropa und dem Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Reich gezogen. Ähnlich wie bei einer großdeutschen Lösung würde bei einer großeuropäischen, unter Einschluss Englands, „Großeuropa in zwei heterogene Bestandteile zerfallen: 1. In die englisch sprechenden, über alle Kontinente verstreuten Teile des britischen Weltreiches – und 2. in den geschlosse-



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tismus vom demokratischen System Europas“37 losgesagt. Die europäische Ostgrenze hätte sich dadurch ein weiteres Mal verschoben. An die Stelle des Urals und des Kaukasus’ sei nun die Westgrenze der Sowjetunion getreten und habe so die neue Ostgrenze Europas festgelegt.38 In der gesamten Auseinandersetzung, die Coudenhove-Kalergi mit der paneuropäischen Russlandproblematik führte, erwähnte er auch immer wieder das Schicksal der griechischen Stadtstaaten der Antike, das er mit dem Schicksal des modernen Europa verglich. Die kulturell zwar eine Gemeinschaft darstellenden griechischen Städte wären politisch ebenso zerstritten und ungeeint gewesen wie das Europa der Zwischenkriegszeit. CoudenhoveKalergi weist auf die Ähnlichkeit des historischen Ablaufs im Kampf der drei antiken Großmächte, Sparta, Athen und Theben, mit dem modernen europäischen Kampf um die Hegemonie in Europa hin.39 Den Höhepunkt im antiken Hegemoniestreben macht er im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.), dem Entscheidungskampf zwischen Sparta und Athen, aus.40 An diesem mit unerhörter Erbitterung und Grausamkeit geführten Krieg nahmen alle griechischen Stadtstaaten teil. Coudenhove­ Kalergi sieht in diesem Konflikt „in jeder Hinsicht einen Vorläufer des Weltkrieges“.41 Denn ähnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg die Entente, hätten sich auch die siegreichen Spartaner nicht lange an ihrem teuer erkauften Sieg erfreuen können. Die Athener befreiten sich durch die Aufstände unter Thrasybulos (um 440–388 v. Chr.), während die Hegemonie über die griechische Welt in die Hände Thebens fiel und sich im Norden Griechenlands mit Makedonien eine neue, „barbarische“ Großmacht konstituierte. Dieses antike Makedonien setzt Coudenhove-Kalergi in seinen Betrachtungen mit Russland bzw. der Sowjetunion gleich, da es sich zunächst, ähnlich wie das revolutionäre Russland, im Chaos befunden hätte und sich erst einige Jahre nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges zu einer nen Komplex der nichtenglischen Staaten Europas.“ Aus diesem Grund befürwortet Coudenhove-Kalergi in seinen paneuropäischen Schriften die „kleineuropäische“ Lösung mit einer späteren Bündnisoption. Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 40–42. 37  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 3. 38  Vgl. Weichers: Mitteleuropa oder Paneuropa? (wie Anm. 30), S. 97. 39  Welchem der drei altgriechischen Kontrahenten er welche moderne europäische Macht zuordnet, lässt Coudenhove-Kalergi offen. 40  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 51. Zum Peloponnesischen Krieg siehe einführend Bruno Bleckmann: Der Peloponnesische Krieg. München 2007; Donald Kagan: The Peloponnesian War. New York, NY 2003. 41  Hier und für das Folgende Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 52. Der Autor verwendet dabei stets die Bezeichnung „Mazedonien“ statt „Makedonien“.

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ernsthaften Bedrohung für die griechische Welt entwickelte. Als der makedonische König Philipp (um 382–336 v. Chr.) die griechische Unabhängigkeit durch politische und militärische Vorstöße bedrohte, bildete sich in ganz Griechenland eine panhellenische Bewegung. Unter der Führung des Demosthenes (384–322 v. Chr.) hätten die Griechen ihr einziges Heilmittel in einer Föderation der Staaten erkannt, wären jedoch an „Lokalnationalismus“, Kleinlichkeit und Kurzsichtigkeit gescheitert.42 Als angesichts der unmittelbaren makedonischen Gefahr dann doch noch ein Bündnis zwischen Theben und Athen zustande kam, war es bereits zu spät. „Philipp siegte bei Chaironea und vernichtete für immer die griechische Freiheit.“43 Die Weltgeschichte sei damit über Hellas, das dem Ruf der Zeit nicht folgen wollte, hinweg geschritten. In etwas komplexerer Form setzt Coudenhove-Kalergi sich mit dem antiken Griechenland in seinem 1937 veröffentlichten Buch Totaler Staat – Totaler Mensch und dessen leicht veränderter Wiederveröffentlichung von 1965 unter dem Titel Totaler Mensch – Totaler Staat auseinander. Hier will er den modernen Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus, also zwischen der westlichen Welt und der Sowjetunion, bereits im antiken Griechenland erkannt haben: das „kommunistische“44 bzw. „halbkommunistische Sparta“ und „Athen als kapitalistische Demokratie“.45 CoudenhoveKalergi unterscheidet zwischen demokratischen Richterstaaten und totalitären Kriegerstaaten. In ersteren, also sowohl im kapitalistisch-demokratischen antiken Athen als auch im modernen kapitalistisch-demokratischen Westeuropa, existiere der Staat allein um des Menschen willen. In letzteren, sowohl im kriegerischen Sparta als auch in modernen totalitären und kommunistischen Staaten, lebe der Mensch allein um des Staates willen.46 Durch zwei Jahrhunderte sei Griechenland „das Schlachtfeld des Zweikampfes zwischen Athen und Sparta: zwischen Individualismus und Sozialismus, zwischen Persönlichkeitskult und Staatskult, zwischen Freiheit und Staatstotalität“47 gewesen. Beide Staaten seien militärisch gleich leistungsstark gewesen, doch nur Athen habe durch die dort herrschende Freiheit 42  Vgl. Richard N. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa, 1922–1966. Wien 1966, S. 32. 43  Ders.: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 53. Siehe zum historischen Hintergrund einführend John R. Ellis: Macedon and north-west Greece. In: John Boardman u. a. (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Bd. VI: The Fourth Century B.C. 2. Aufl. Cambridge 1994, S. 723–759; ders.: Macedonian hegemony created. In: Ebd., S. 760–790. 44  Ders.: Totaler Staat – Totaler Mensch. Wien 1937, S. 32. 45  Ders.: Totaler Mensch – Totaler Staat. Wien 1965, S. 31. 46  Vgl. ebd. 47  Ebd., S. 33.



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große Denker, Philosophen und Erfinder hervorbringen können. Athen sei der griechische Staat, an den man sich aufgrund seiner Leistungen bis heute erinnere. An Sparta hingegen erinnere man sich nur, weil es ein Gegenspieler Athens gewesen sei.48 Die Betrachtung von Coudenhove-Kalergis hellenischen Geschichtsbeispielen könnte einiges Licht auf seine starke Ablehnung der Sowjetunion werfen, wie er sie in seiner antibolschewistischen Schrift Stalin & Co. aus dem Jahr 1931 offenbart. Es verwundert, dass er beide Beispiele nicht mit in dieses Werk aufgenommen hat, würden sie doch vom Ton und von der Argumentationsweise dort genau hinein passen, wie im Folgenden zu zeigen sein wird. IV. Coudenhove-Kalergi, die Sowjetunion und der Bolschewismus 1. Die kommunistische Revolution in Russland und die Errichtung einer Neoaristokratie Während der Graf später zu einem überzeugten Antibolschewisten wurde, was aus der Aussage „Personally I was anti Bolshevist“49 und Schriften wie Stalin & Co. hervorgeht, war dies vor seinem Paneuropa-Engagement nicht so. In seinen 1922 im Verlag Der Neue Geist erschienenen philosophischen Veröffentlichungen Adel und Apologie der Technik zeichnet er ein gänzlich anderes Bild der Sowjetunion und des Kommunismus als nur ein Jahr später in seinem Buch Paneuropa. Er unterstellt den Führern der russischen Revolution einen neuen „Geistesadel“, eine Neoaristokratie, die den alten Blutsadel und zugleich die pseudo-geistesadligen, „plutokratischen Demokraten“ entmachtet habe.50 Coudenhove-Kalergi geht sogar noch einige Schritte weiter und fordert eine „soziale Eugenik“, eine Züchtung des neuen Adels. Dies solle „aus ungerechter Ungleichheit über Gleichheit zu gerechter Ungleichheit […], über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratien zu echtem, neuem Adel“51 führen. Besonders hebt er die jüdischen Revolutionäre hervor, denn „sie wollen, mit höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des Kapitalismus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und Knechtschaft erlösen und die entsühnte Welt in ein irdisches Paradies wandeln“.52 48  Ders.:

Totaler Staat – Totaler Mensch (wie Anm. 44), S. 35–37. erste Autobiographie wurde von ihm im New Yorker Exil verfasst. Ders.: Crusade for Pan-Europe. Autobiography of a Man and a Move­ ment. New York, NY 1943, S. 37. 50  Vgl. ders.: Adel. Leipzig 1922, S. 26. 51  Ebd., S. 44. 52  Ebd., S. 20. 49  Coudenhove-Kalergis

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Schwierig bleibt bei alldem die Begrifflichkeit, da Coudenhove-Kalergi nicht nur von „Kommunisten“ bzw. „Bolschewisten“ spricht, sondern wiederholt auch den Begriff „Sozialismus“ benutzt. Es mag sein, dass er entsprechende Handlungen auch den Sozialisten und Sozialdemokraten zutrauen würde. Dass sich solche Revolutionsromantik schon ein Jahr später in das komplette Gegenteil umkehrte, mag daran liegen, dass CoudenhoveKalergis philosophische Werke, die sich mit diesem Thema befassen, früher erschienen sind als die Schriften zu seiner paneuropäischen Idee.53 Vielleicht war es aber auch nur jugendliche Revolutionsbegeisterung, wie man sie damals in ganz Europa finden konnte.54 2. Der Antibolschewismus Coudenhove-Kalergis und sein Kampf gegen die Sowjetunion Dass der Hauptgrund für den Ausschluss Russlands bzw. der Sowjetunion aus den paneuropäischen Vorstellungen Coudenhove-Kalergis in der Herrschaft der Bol’ševiki lag, wurde bereits in seinem paneuropäischen Frühund Hauptwerk Paneuropa von 1923 deutlich. Hier vergleicht er das „rote Russland“ mit den Hunnen unter Attila († 453) und den Mongolen unter Dschingis Khan (um 1160–1227):55 „Solange Russland mit Rücksicht auf seine asiatische Politik und auf die tiefen kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gegensätze zu Europa eine engere Bindung an diesen Erdteil ablehnt, muss die Sicherung des russisch-europäischen Friedens, gegenseitige Nichteinmischung in die innere Politik und deren Ausbau der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen die Grundlage des russischeuropäischen Verhältnisses sein.“56 53  Es ist davon auszugehen, dass Coudenhove-Kalergi, wie er selbst in seinen Memoiren betonte, an seinen philosophischen Werken wesentlich länger schrieb. Die Entstehungszeit dieser Schriften dürfte in die unmittelbare Revolutions- und Bürgerkriegszeit fallen und durch die damals allgemeine Begeisterung für die Revolution beeinflusst worden sein. Paneuropa hingegen will der Autor 1923 innerhalb von drei Wochen geschrieben haben. Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 85. 54  Eine gute Darstellung dieser Begeisterung in Deutschland liefert Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945. München 2005, bes. das Kapitel „Weltkrieg und Revolution“ (S. 111–231). 55  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 57. 56  Richard N. Coudenhove-Kalergi: Kampf um Paneuropa. Wien 1928, S. 8. Hier zeigt sich wieder eines der grundlegenden Probleme in Coudenhove-Kalergis Werk, denn die Sowjetunion bezeichnet er in seinen Schriften einmal als „Sowjetunion“, ein anderes mal als das „rote Russland“, dann wieder als den „russischen Bolschewismus“ oder ganz schlicht nur als „Russland“. Dies kann zu Irritationen führen, da der Leser oft nur aus dem Zusammenhang erkennen kann, ob der Autor nun vom Russland Pëtrs I. spricht oder von Stalins Sowjetunion.



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Die Sowjetunion wird bereits hier zum gesamteuropäischen Gegner, dem sich Europa nur gemeinsam entgegenstellen kann, um einen Einfall mit dem Fernziel der Weltrevolution abwehren zu können. Gerade weil die Kommunisten die gesamte Welt, und nicht nur Europa erobern wollten, gehörten sie für Coudenhove-Kalergi neben den nationalen Chauvinisten, Militaristen und Schutzzollindustriellen zu den Hauptgegnern der paneuropäischen Einigungsidee.57 Das bolschewistische Russland habe bereits einmal, 1919, versucht, seine Hegemonie über Europa auszudehnen, denn hätte „im Jahre 1919 Liebknecht in Deutschland gesiegt, so wäre dieses dem Moskauer Völkerbund beigetreten; Italien und der Balkan wären seinem Beispiel ebenso gefolgt wie Ungarn, und Lenin wäre Herr über Europa gewesen“.58 Auch in seinem im April 1924 veröffentlichten Europäischen Manifest fasst Coudenhove-Kalergi die bolschewistische Gefahr knapp zusammen und fordert erneut ein europäisches Defensivbündnis zur Abwehr Russlands:59 „Das einmütige Ziel aller Europäer ohne Rücksicht auf Partei und Nation sollte die Verhinderung einer russischen Invasion sein.“60 Denn, so erläutert er in dem nachfolgenden Kapitel, in dem er für einen europäischen Garantiepakt als Basis für Paneuropa wirbt, ein „Sieg des roten Russland würde nicht nur den Untergang der europäischen Bourgeoisie bedeuten, sondern – wie der Prozess gegen die sozialrevolutionären Führer gezeigt hat – auch den Untergang der Sozialdemokratie“.61 Coudenhove-Kalergi sah im Bolschewismus die totalitärste Ideologie der Zeit, da er darauf abziele, die abendländische Kultur zu vernichten. Er sei somit noch totalitärer als der Faschismus, denn dieser wolle als Gegenbewegung diese Kultur erhalten. Lediglich der Nationalsozialismus als Pervertierung des Faschismus habe dieses Ziel des Bolschewismus übernommen und wolle ebenfalls die abendländische Kultur vernichten. Für CoudenhoveKalergi stand aber dennoch der „volltotalitäre“ Bolschewismus im Gegensatz zum privatwirtschaftlichen Nationalsozialismus und dem „toleranten“ Faschismus.62 Aus diesen Unterscheidungen innerhalb totalitärer Regime 57  Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 372; Weichers: Mitteleuropa oder Paneuropa? (wie Anm. 30), S. 96. 58  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 56. 59  Vgl. ders.: Europäisches Manifest. Wien 1924, S. 2. Siehe dazu auch knapp Ulrich Wyrwa: Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi (1894–1972) und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger Jahren. In: Historische Zeitschrift 283 (2006), H. 1, S. 103–122, hier: 110–113. 60  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 58. Das Zitat illustriert den Kerngedanken des Russlandbilds von Coudenhove-Kalergi und wurde deshalb als Titel dieses Beitrags ausgewählt. 61  Ebd., S. 59. 62  Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 374.

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lässt sich auch Coudenhove-Kalergis anfängliche Begeisterung für Mussolini und die italienischen Faschisten ableiten.63 Der Antibolschewismus Coudenhove-Kalergis gipfelte schließlich 1931 in der Schrift Stalin & Co. Auf 54 Seiten analysierte der Autor hier die Sowjetunion unter Iósif Vissariónovič Stalin (1878–1953) aus paneuropäischer Sicht und stieß damit auf viel Widerspruch sowohl von linker als auch von rechter Seite, auch von ehemaligen Unterstützern. Viele Sozialdemokraten fielen von ihm und seiner Bewegung ab, weil sie nach der Lektüre von Stalin & Co. den europäischen Zusammenschluss nach Coudenhove-Kalergis Vorstellungen als Kampfmaßnahme gegen die Sowjetunion ansahen. Auch wurden Coudenhove-Kalergis Ausführungen später mit der Propaganda des „Dritten Reiches“ verglichen, vor allem in Anspielung auf den Plan einer europäischen Armee. Der Schriftsteller Ernst Fischer (1899–1972), Angehöriger der Gruppe im Hotel Lux, war gar derart erbost, dass er CoudenhoveKalergi als idealen Innenminister für Hitler-Deutschland denunzierte. Es mache nun, nach der Veröffentlichung von Stalin & Co., keinen Unterschied mehr, ob man „Paneuropa“ oder „Drittes Reich“ sage. Auch Klaus Mann (1906–1949) formulierte ähnliche Gedanken: Paneuropa sei „antisozialistisches Kreuzzugpathos“ und Coudenhove-Kalergi würde an dieselben Komplexe appellieren, deren sich auch Hitler bediene: an sture, unwissende, abergläubische Angst vor dem Kommunismus. Albert Einstein (1879–1955) sagte mit Hinblick auf Stalin & Co., dass er zwar nicht alle Vorgänge in der Sowjetunion begrüße, noch weniger aber die Methoden, mit denen man versuche, den nach seiner Ansicht einzig ernsthaften Versuch der Schaffung einer vernünftigen und gerechten wirtschaftlichen Organisation mit Gewalt zu unterdrücken.64 Für Coudenhove-Kalergi waren diese Anschuldigungen nicht nachvollziehbar. Er behauptete, dass sein Buch, ganz im Gegenteil, einen russischeuropäischen Krieg gerade verhindern wolle. Es ginge bei seinen Plänen lediglich um die Abwehr, und er verwies darauf, dass er den Kampf um die 63  „Bereits 1923 hatte er [= Coudenhove] sich an Mussolini mit der Bitte gewandt, eine paneuropäische Konferenz einzuberufen um den Frieden in Europa zu sichern, Italien sei neben Frankreich und Deutschland die dritte Nation, die aus dem karolingischen Reich hervorgegangen war; als ‚Erbe des Marius und Cäsar‘, aber auch als Heimat des großen Europäers Mazzini schien Italien Coudenhove dafür geschaffen, den Grundstein zulegen“ (Ebd., S. 386). Von Rom als einstiger Hauptstadt der Cäsaren und Päpste sollte ein Impuls für das neue Europa ausgehen, da die durch den Weltkrieg zerstrittenen anderen Impulsträger durch ihre Rivalität dies nicht leisten konnten. Das faschistische Italien wurde also von Coudenhove-Kalergi von Anfang an in seine Paneuropapläne mit aufgenommen. Vgl. dazu auch Wyrwa: Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi (wie Anm. 59), S. 118 f. 64  Vgl. ebd., S. 382.



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europäische Einigung gemeinsam mit der Sozialdemokratie führen wolle.65 Denn die russische Friedensmethode sei eine andere als die der USA oder des britischen Empire, weil die Voraussetzungen des Friedens im Osten andere seien als die im Westen. Aber Coudenhove-Kalergis Aussagen konnten seine Gegner nicht befriedigen, denn schon einleitend benannte er sehr polemisch in einem Atemzug „Bolschewisten, Sozialisten, Pazifisten und Wirrköpfe“ als die Gegner seiner Idee.66 Auch seine Gegnerschaft zum Fünfjahrplan führte zu harscher Kritik. Der sozialdemokratische Kuckuck schrieb: Coudenhove-Kalergi sei ein „doppelköpfiger Friedensapostel“ der als „Freiheitskämpfer“ seinen Intellekt verleugnen würde, um so den Erfolg der Planwirtschaft in der Sowjetunion zu mindern.67 Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Stalin & Co. ließ Stalin bei der endgültigen Durchführung der – zu Anfang übrigens von CoudenhoveKalergi begrüßten – Bodenreform bis zu 11 Millionen „Kulaken“ ermorden68 und sollte so dem Grafen mit seinem Urteil über die Sowjetunion und deren Unmenschlichkeit recht geben.69 Für Coudenhove-Kalergi war die Sowjetunion mit dem Machtantritt Stalins eine „dreidimensionale“ Macht geworden.70 Die gesamte Macht gehorche seinem Willen: „Stalin ist dem Titel nach: Generalsekretär der Partei. Seinem Range nach: Papst der kommunistischen Kirche; Kaiser von Russland; Generaldirektor des Sowjettrusts.“ Doch nicht nur die Macht, sondern die gesamte Sowjetunion wird von Coudenhove-Kalergi so „dreigeteilt“: in die Dritte Internationale, die Coudenhove-Kalergi zufolge die jüngste und aktivste aller Religionsgemeinschaften und eine weltumspannende Kirche mit „unzähligen Jüngern und Proselyten in allen Erdteilen [sei], bereit, sich für die Erfüllung 65  Vgl.

ebd., S. 380 f. ebd., S. 383. 67  Vgl. ebd., S. 381. 68  Eine ausführliche Beschreibung dieses Menschheitsverbrechens – mit allerdings wohl zu hoch angesetzten Opferzahlen – am Beispiel der Ukraine liefert Robert Conquest: The Harvest of Sorrow. Sowjet Collectivism and the Terror-Famine. New York, NY 1986 (dt. unter dem Titel Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1923–1933. München 1988). Siehe grundlegend auch Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion. In: Stéphane Courtois u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Mit dem Kapitel „Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR“ von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert. Aus dem Franz. von Irmela Arnsperger u. a. München / Zürich 1998, S. 51–295, hier: 165–188 sowie die Beiträge in Manfred Sapper / Volker Weichsel / Agathe Gebert (Hrsg.): Vernichtung durch Hunger. Der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR. Berlin 2004. 69  Vgl. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 380. 70  Vgl. hier und für das Folgende Richard N. Coudenhove-Kalergi: Stalin & Co. Wien 1931, S. 3. 66  Vgl.

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der Frohen Botschaft Lenins töten zu lassen“; in den Sowjetstaat, der das größte Reich der Welt sei und in die Sowjetwirtschaft, von CoudenhoveKalergi „Sowjettrust“ genannt, die der machtvollste Wirtschaftsorganismus der Welt sei und über riesige Ressourcen, sowohl an Menschen als auch an Rohstoffen, verfüge. Die Gefahr dieser Zustände liegt für Coudenhove-Kalergi darin, dass sie nicht auf das Territorium der Sowjetunion beschränkt seien, sondern sich in der ganzen Welt, und besonders in Europa, mit Ausnahme Englands, verbreiten würden.71 Die Dritte Internationale würde so zur mächtigsten Verbündeten der sowjetischen Staatsmacht, denn sie „krönt deren Macht mit Autorität und leiht ihr die geistigen Waffen zum Kampf gegen das Abendland“.72 Das Staatssystem würde sich im Gegensatz zum parlamentarisch-demokratischen System Europas nicht auf „den schwankenden Boden öffentlicher Meinungen und freier Wahl: sondern auf öffentliches Wahlrecht, Gesinnungsterror und Polizei“73 begründen. Die lokalen Sowjets würden so zu Werkzeugen der Staatsmacht, die jeden Widerstand mit Gewalt ersticke und selbst einen „legitimen Widerstand“, wie den Lev Tróckijs (1879–1940), vernichte. Die Sowjetwirtschaft sei, so Coudenhove-Kalergi, ein unmittelbares Organ des Sowjetstaates. Anders als in der privatwirtschaftlichen Organisation der europäischen Staaten sei es in der Sowjetunion daher möglich, alles „aus einer Hand“ zu organisieren.74 So „erscheint die Sowjetunion als gigantische Aktiengesellschaft; alle Bewohner der Union sind Aktionäre; Aufsichtsrat ist der Parteivorstand; die Sowjetregierung ist Direktion; Stalin Generaldirektor.“ Diese Rollenverteilung würde dem Staat eine ungeheure Machtposition zukommen lassen. Der Arbeiter in der Sowjetunion sei durch dieses System auf Gnade und Ungnade dem Staat ausgeliefert: „Die Abhängigkeit des Arbeiters von seinem neuen Brotherrn wird größer als einst die Abhängigkeit des Leibeigenen vom Gutsherren: sie gleicht nur der Abhängigkeit des Sklaven von seinem Herren.“ Auch in den Außenbeziehungen verschaffe dieses System der Sowjetunion eine starke Stellung. Bei politischen Verhandlungen sei sie gegenüber anderen Mächten im Vorteil, da sie 71  Eine Darstellung der Reaktion der deutschen Sozialdemokratie liefert Uli Schöler: Sozialdemokratie und die russische Revolution. In: Bernd Faulenbach / Martin Stadelmaier (Hrsg.): Diktatur und Emanzipation. Zur russischen und deutschen Entwicklung 1917–1991. Essen 1993, S. 55–76. 72  Coudenhove-Kalergi: Stalin & Co. (wie Anm. 70), S. 5. 73  Ebd., S. 6. 74  Einen kurzen Einblick in die wirtschaftlichen Modernisierungsversuche des Stalinismus liefert Wolfgang Eichwede: Stalinismus und Modernisierung. In: Faulenbach / Stadelmaier (Hrsg.): Diktatur und Emanzipation (wie Anm. 71), S. 40–48.



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ein reales Machtinstrument in der Hand hätte, das ihren Partnern fehle. „Während andere Staaten nur Handelsverträge bieten können, bietet sie Aufträge, Bestellungen, Lieferungen.“75 Die Einheit von Staat und Wirtschaft findet für Coudenhove-Kalergi ihren Höhepunkt im Fünfjahrplan, durch den der Stalinismus mit kapitalistischen Methoden das aufbauen wolle, was das kommunistische Experiment in zehn Jahren zuvor zerstört und versäumt habe.76 Für Coudenhove-Kalergi beweist der gerade in Europa immer wieder bestaunte und bewunderte Plan nicht etwa die Überlegenheit der Sowjetwirtschaft oder gar die des Kommunismus. Für ihn zeigt seine Durchführung nur, dass Kapitalismus auch ohne Kapitalisten funktioniere: „In Wahrheit bedeutet er [= der Fünfjahrplan] nur die Kapitulation des Kommunismus vor dem Staatskapitalismus.“77 Durch dieses staatskapitalistischen Programm entsteht für CoudenhoveKalergi eine dreifache Bedrohung für Europa: „propagandistisch, wirtschaftlich und militärisch“.78 Die propagandistische Bedrohung ist für Coudenhove-Kalergi die „Propaganda der Tat“, die Stalin mit dem Fünfjahrplan eingeführt hat. Diese Propaganda unterscheidet sich von der gescheiterten „Propaganda der Idee“ Lenins, mit der 1919 die Weltrevolution erreicht werden sollte. Stalin würde deshalb nun versuchen, die Arbeiterschaft nicht mit Prinzipien und Programmen zu überzeugen, sondern durch Werke und Ziffern. Dieser Strategie unterstellt Coudenhove-Kalergi einen wesentlich größeren Erfolg, als der Strategie Lenins, denn „gegen diese Propaganda der Tat helfen keine Polizeiaktionen und keine Zensurmaßnahmen“.79 Der so skizzierten Propaganda folgt die wirtschaftliche Offensive der Sowjetunion, denn ein Gelingen des Fünfjahrplans mache sie zur „Herrin der Weltmärkte“. Die rigorose Umsetzung des Plans garantiere seinen Erfolg – der von Coudenhove-Kalergi zunächst (noch) nicht in Frage gestellt wird – und sei für den Aufschwung der Sowjetunion sehr wichtig. Diese Umsetzung sei nicht, wie in den abendländischen Ländern, auf die öffent­ liche Meinung angewiesen, denn das System sei von Zufriedenheit und Zustimmung der Volksmassen unabhängig: „Wenn die Rote Armee und die politische Polizei satt sind, kann die ganze übrige Bevölkerung hungern, ohne das Regime in Frage zu stellen.“80 Durch diesen „Vorteil“ könne die 75  Coudenhove-Kalergi:

Stalin & Co. (wie Anm. 70), S. 7. zur wirtschaftlichen Entwicklung der Sowjetunion Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 2), S. 634–645. 77  Coudenhove-Kalergi: Stalin & Co. (wie Anm. 70), S. 16. 78  Ebd., S. 17. 79  Ebd., S. 18. 80  Ebd. 76  Vgl.

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Sowjetunion ihre Wirtschaftskraft darauf konzentrieren, ganze Industriezweige Europas und Amerikas durch willkürliche Verbilligung der Produkte wirtschaftlich „lahmzulegen“.81 Doch nicht nur in den wirtschaftlichen Auswirkungen des Plans sieht Coudenhove-Kalergi eine Gefahr für Europa, denn „nach Durchführung des Fünfjahrplanes ist die Sowjetunion einem geeinten Europa gegenüber militärisch gewachsen – einem uneinigen gegenüber weit überlegen“.82 Sie könne im Gegensatz zur europäischen Privatwirtschaft Automobilfabriken in Flugzeugfabriken, Traktorenfabriken in Tankfabriken und ihre chemischen Fabriken in Giftgaslaboratorien umwandeln, sobald sie in einen Krieg verwickelt werde. Dies sichere der Sowjetunion eine derartige militärische Überlegenheit, dass nur noch ein geeintes Europa, also Paneuropa, ihr etwas entgegenstellen und so die bolschewistische Weltrevolution stoppen könne. Denn die Sowjetunion sei, trotz ihrer Agitation gegen den Imperialismus, nach außen selbst eine imperialistische Großmacht, die ihre Stellung in der Welt behaupten und erweitern wolle. Der Sowjet-Imperialismus bediene sich der alten zaristischen Mittel der Diplomatie und der neuen kommunistischen Mittel der Propaganda. In Asien spiele er sich auf als Befreier der unterdrückten Völker gegen die europäischen Unterdrücker, in Europa als Befreier des unterdrückten Proletariats gegen die kapitalistischen Ausbeuter.83 Etwas allgemeiner spricht Coudenhove-Kalergi oft vom Stalinismus als der eigentlichen Gegenrevolution in Russland. Ähnlich wie Napoléon in Frankreich, habe Stalin diese in Russland durchgesetzt: „Der Kampf zwischen Stalin und Trotzki [war] der Kampf […] zwischen Gegenrevolution und Revolution […], der Sieg Stalins der Sieg des neuen Staatsgedankens über das Chaos der Revolution.“84 Coudenhove-Kalergi bezeichnet den Stalinismus als einen „nachrevolutionären Bolschewismus“. Der Preis für Coudenhove-Kalergi: Stalin & Co. (wie Anm. 70), S. 19. S. 19. 83  Vgl. ebd., S. 14. Dieser Imperialismus war gerade in Hinblick auf Asien eine besondere Ausformung des Stalinismus, denn während Lenin noch der Meinung war, dass es „ein unverzeihlicher Opportunismus [wäre], wenn wir am Vorabend des Auftretens des Ostens […] unsere Autorität im Osten untergrüben, und sei es auch nur durch die geringste Taktlosigkeit und Ungerechtigkeit unseren eigenen Nationalitäten gegenüber“, vertrat Stalin eine wesentlich zentralisierte Politikauffassung, was die Verwaltung in allen Teilen der Sowjetunion anging. Der Zusammenschluss der verschiedenen Sowjetrepubliken zu einer Union ist so eher als imperialistische Ausdehnung der russischen Sowjetrepublik verstehen denn als Föderation im eigentlichen Sinne. Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 2), S. 608–615, das Zitat ebd., 610. 84  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Stalin & Co. (wie Anm. 70), S. 9. 81  Vgl.

82  Ebd.,



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den Wiederaufbau der Sowjetunion war die Preisgabe des Kommunismus und die Einführung des Staatskapitalismus. Aber auch beim Stalinismus sei das Verhältnis zwischen Reaktion und Revolution nicht eindeutig zu klären. „Denn die Führer Russlands denken nicht daran, mit der kommunistischen Ideologie zu brechen, der sie ihren Aufstieg und ihre Macht verdanken, und die ihnen die Unterstützung von Millionen Kommunisten jenseits der Grenzen sichert. Sie haben nur mit der kommunistischen Praxis gebrochen.“85 So bleibe der Bolschewismus in seiner Ideologie revolutionär, in seiner Praxis aber gegenrevolutionär. Coudenhove-Kalergi sieht Stalin hier als den Erben der Zaren, nur dass er nicht durch das Gottesgnadentum eingesetzt sei, sondern im Namen des Proletariats. 3. Der späte Antibolschewismus Coudenhove-Kalergis Den Antibolschewismus der frühen 1930er Jahre erneuerte CoudenhoveKalergi später zu einer Aufklärungskampagne über den Bolschewismus, veranlasst durch die neue Verfassung der Sowjetunion 1936. Die Übertragung der gesamten Macht an den Obersten Sowjet, das angeblich demokratische Prinzip, die erwähnte Souveränität der elf Sowjetrepubliken und die Anwendung von Menschenrechten erschienen ihm lediglich als Makulatur. Coudenhove-Kalergi war der Ansicht, dass eine Verfassung allein noch nichts besage, sondern dass es auf die Kräfte und Tendenzen „dahinter“ ankomme. Auch im „Dritten Reich“ bestehe die alte Verfassung nur zum Schein weiter.86 Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges finden sich zunächst keine expliziten antibolschewistischen Äußerungen. Als Professor im amerikanischen Exil entwickelte Coudenhove-Kalergi Pläne für ein vereintes Europa nach dem Krieg. Seine ablehnende Haltung gegenüber der Sowjetunion blieb jedoch erhalten. Die Sowjetunion reichte mit den Grenzen ihrer Satelliten nah 1945 nun tief nach Europa herein. Die Schicksalsfrage Europas bestand nun nicht mehr, wie in der Zwischenkriegszeit, darin, ob Europa sich einigen könne, sondern ob die europäische Ostgrenze am „Eisernen Vorhang liegen“ werde oder am Pazifik.87 Damit hatten sich die Ansichten Coudenhove-Kalergis fundamental geändert. Galt ihm vor dem Krieg die Gefahr einer sowjetischen Invasion als ein maßgeblicher Argumentationspunkt, so stand dieser Aspekt seit 1945 nicht mehr im Zentrum seiner Darlegungen. Die Alternativen hießen nun nicht 85  Ebd.,

S. 11. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas (wie Anm. 5), S. 383. 87  Vgl. Coudenhove-Kalergi: Weltmacht Europa. Stuttgart 1971, S. 42. 86  Vgl.

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mehr: Zusammenschluss Europas oder Untergang bzw. Unterjochung durch die Sowjetunion, sondern: „Kleineuropa oder Großeuropa“. Die Sowjetunion plane jetzt einen losen großeuropäischen Staatenbund: „Ein[en] Bund, der nur aus europäischen Staaten besteht, der also die Sowjetunion ein- und die Vereinigten Staaten ausschließt.“88 Dass die Sowjetunion diesem Staatenbund als größte und mächtigste Macht vorstehen und nach und nach die Westbindung der westeuropäischen Staaten, durch eine Eingliederung in das System des Warschauer Vertrags, auflösen würde, stand für CoudenhoveKalergi jetzt außer Frage. Dieses eurasische Weltreich schien nicht mehr die Verwirklichung, sondern die endgültige Vernichtung der paneuropäischen Idee und damit auch der europäischen Freiheitsidee, denn Kommunismus und Freiheit seien unvereinbar.89 „Die Alternative für Europa ist darum nicht: Kleineuropa oder Großeuropa. Sondern: ein Europa freier Menschen in einem Bunde freier Staaten – oder einem kommunistischen Eurasien ohne Freiheit.“90 V. Ein Sonderfall: Die „weiße Reaktion“ Einen Sonderfall in Coudenhove-Kalergis Russlandbild bildete die „weiße Reaktion“91 in Russland, da zur Zeit der ersten Paneuropa-Veröffentlichungen der Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg noch keineswegs vollständig gesichert schien. Unter diesen Voraussetzungen betrachtete Coudenhove-Kalergi auch die Invasionsbestrebungen der Zaren und ihrer Vorgänger gegen Europa. Einem Sieg der „weißen Reaktion“ im nachrevolutionärem Russland, wie dieser von vielen Vertretern des europäischen Adels und des Bürgertums im Westen erhofft wurde, konnte CoudenhoveKalergi trotz seines dezidierten Antibolschewismus nichts abgewinnen.92 Für ihn und seine Paneuropakonzeption gab es im Hinblick auf die Russlandfrage keinen Unterschied zwischen roten Bolschewisten oder weißen 88  Coudenhove-Kalergi:

Weltmacht Europa (wie Anm. 87). ebd., S. 43. 90  Ebd., S. 56. 91  Siehe dazu ausführlich Nikolaus Katzer: Die weiße Bewegung in Russland. Herrschaftsbildung, praktische Politik und politische Programmatik im Bürgerkrieg. Köln / Weimar / Wien 1999. 92  Günther Stökl schreibt dazu: „Im Bürgerkrieg gelten nur die Extreme. Herrschte in Moskau die radikale Linke, so landete die Gegenrevolution, die im Juni 1918 mit sozialistischen Regierungen an der Wolga und in Sibirien begonnen hatte, schon im November 1918 mit der Militärdiktatur Kolčaks bei der radikalen Rechten. Die demokratische Mitte, die von den gemäßigten Sozialisten bis zu den Liberalen reichte, wurde zwischen den beiden Extremen zerrieben; ihre Vertreter mussten emigrieren, noch ehe die Würfel gefallen waren.“ Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 2), S. 598 f. 89  Vgl.



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Zarenanhängern. Im Gegenteil, Coudenhove-Kalergi zählte eine große Anzahl zusätzlicher Faktoren auf, die es im Bezug auf Paneuropa bei einem Sieg der „weißen Reaktion“ zusätzlich zu beachten gelte. Denn Russland strebe nicht erst seit der bolschewistischen Revolution nach mehr Einfluss in Europa: „Schon seit Peter dem Großen befindet sich Russland im Anmarsch gegen Westen.“93 Die Erweiterung des russischen Territoriums um das Baltikum, Finnland und Polen sei die erste Etappe in diesem Streben gewesen. Russland habe sich stets soweit ausgedehnt, wie es jeweils in der Lage gewesen sei, denn nach diesen Erweiterungen sei es mit den mitteleuropäischen Militärstaaten auf Gegnern gestoßen, welche die russische Expansion zum Stoppen brachten. Aus diesem Grund hätte sich Nikoláj II. Aleksándrovič (1868–1918) mit Frankreich und England gegen Preußen bzw. das Deutsche Reich und Österreich verbündet. Nur so wäre es ihm im Falle eines Sieges möglich gewesen, weite Teile Mitteleuropas und Südeuropas unter russische Herrschaft und Einfluss zu bringen.94 Der Weltkrieg endete mit der Zertrümmerung der Mittelmächte. An ihrer Stelle entstanden ein halbes Dutzend Mittel- und Kleinstaaten sowie ein entwaffneter Großstaat, so dass ein neuer Vorstoß Russlands möglich schien. Der Graf bemühte hier die Erinnerung an den Einfall tatarischer Reiterhorden in Mesopotamien, bei deren Invasion der tatarische Herrscher Tamerlan (auch: Timur / Temür, 1336–1405) allein in Bagdad 800.000 Menschen habe ermorden und dieses Kulturzentrum zerstören lassen.95 Beim Stand der modernen Technik könne sich ein solches Verbrechen bei einem russischen Einfall in Berlin, Paris oder Wien in wesentlich größerem Ausmaß durchführen lassen. Dabei spricht Coudenhove-Kalergi auch den weißen Reak­ tionären jede Kultiviertheit ab, indem er einen Vergleich mit dem nachrevolutionärem Hegemonialkrieg Napoléons ablehnt, weil die Franzosen zu jenem Zeitpunkt das kultivierteste Volk Europas gewesen seien, während „das heutige Russland das unkultivierteste“96 darstelle. Ein Sieg des „weißen Russland käme keiner Partei und keiner Klasse zugute; an den europäischen Nationen würde sich das Schicksal vollziehen, das Russisch-Polen durch ein Jahrhundert ertragen musste. Nicht nur der Sozialismus, sondern auch der Liberalismus würden zerstört werden und Europa kulturpolitisch in das Zeitalter Phillips II. zurückgeworfen.“97 Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 54 f. ebd., S. 55. 95  Vgl. ebd., S. 58. Zum historischen Hintergrund siehe Tilman Nagel: Timur der Eroberer und die islamische Welt im späten Mittelalter. München 1993. 96  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 58. 97  Ebd., S. 59. Philipp II. (1527–1598) herrschte ab 1556 als König von Spanien auch über einen Großteil der anderen Besitzungen seines Vaters Karls V. (als König 93  Vgl. 94  Vgl.

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Ein weiterer Faktor, mit dem im Falle eines „weißen“ Sieges gerechnet werden müsse, ist für Coudenhove-Kalergi der Panslavismus. Nicht nur die Süd- und Westslaven würden im Falle eines Umschwungs der russischen Innenpolitik an der Seite des „weißen“ Russlands stehen, sondern auch Ungarn und Bulgarien würden versuchen, mit russischer Hilfe ihre verlorenen Gebiete wiederzuerlangen: „In diesem Fall würde sich Russlands Macht bis an die Adria erstrecken.“98 Da niemand sagen könne, wie sich die Situa­ tion in Russland entwickeln werde, wäre es unverantwortlich, auf einen „weißen“ Sieg zu hoffen. VI. Fazit Coudenhove-Kalergi legte 1923 mit seiner Paneuropaidee ein umfassendes Konzept zur kontinentaleuropäischen Einigung vor. Er bemühte sich stets, Staaten, die in anderen politischen Kontexten standen, etwa Großbritannien oder Russland bzw. die Sowjetunion, aus seiner Paneuropa-Kons­ truktion herauszuhalten. Während ihm dies bei Großbritannien mit Verweis auf dessen riesiges Kolonialreich, das mit einem Eintritt Englands in die paneuropäische Föderation zerbrechen würde, sehr schnell gelang, verwendete er viel Mühe, Russland bzw. die Sowjetunion ebenfalls aus Paneuropa herauszudrängen. Drei Hauptargumentationspunkte sind in diesem Zusammenhang herauszuheben: Erstens die stete Angst vor einer Invasion aus dem Osten, wobei es für Coudenhove-Kalergi keine Rolle spielte, ob in Moskau nun Bolschewisten oder in Sankt Petersburg Zaren regierten. In allen seinen paneuropäischen Veröffentlichungen schürte er die Angst vor einer solchen Invasion, schlug Garantiepakte und Schiedsgerichte vor und versuchte in seiner Argumenta­ tionsstruktur, Europa durch die gemeinsame Abwehr einer vermeintlichen Bedrohung zu einen. Ein zweiter Argumentationspunkt, der den Ausschluss des östlichen Nachbarn zu begründen suchte, war die starke Ablehnung des Bolschewismus. Coudenhove-Kalergi versuchte, die gerade auf Intellektuelle stark wirkende Anziehung dieser Ideologie, und mit ihr die von den Kommunisten propagierten „Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa“, zu entzaubern.99 Er setzte sich dafür ebenso intensiv mit dem ideologischen Aufbau der von Spanien Karl I., 1500–1558), ab 1580 als Philipp I. auch als König von Portugal. 98  Coudenhove-Kalergi: Paneuropa (wie Anm. 3), S. 62. 99  Vgl. zu dieser Anziehungskraft instruktiv François Furet: Das Ende der Illu­ sion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert. Aus dem Franz. von Karola Bartsch u. a. München / Zürich 1996.



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Sowjetunion und den Grundlagen des Bolschewismus auseinander wie mit dem von ganz Europa bewunderten Fünfjahrplan, den er immer wieder angriff, und dessen vermeintliche Effizienz und Effektivität er zu widerlegen suchte. Als dritten Punkt führte Coudenhove-Kalergi die russische Geschichte und Kultur an. Er benannte Ereignisse in der Geschichte, die seiner Meinung nach einen russischen Versuch der Invasion Europas darstellten. Teilweise zog er dabei abstruse Vergleiche, wie beispielsweise den des Peloponnesischen Kriegs als Vorläufer des Weltkriegs und Makedonien als Vorläufer Russlands, das die Zersplitterung nach diesem Krieg ausnutzte, um seine Hegemonie über Griechenland bzw. Europa auszubreiten. Dieser Vergleich ist in seiner Struktur ein für Coudenhove-Kalergi typischer. In seiner Argumentation versucht er immer wieder auf populistische Weise, Horrorszenarien zu konstruieren und die Angst der europäischen Bevölkerung zu schüren. Er nutzt zu diesem Zweck sehr oft geschichtliche Katastrophen und kriegerische Auseinandersetzungen, bei denen eine Macht ihre Hegemonie über ihre Nachbarn ausbreitete. Die persönlichen Gründe für die Ablehnung Russlands durch Coudenhove-Kalergi lassen sich abschließend wohl nicht mehr eindeutig klären. Vielleicht liegen sie in der liberalen Grundhaltung gegenüber jeder diktatorischen Politik, vielleicht auch in der sich anbietenden Rolle Russlands als Gegenpol zum erträumten Paneuropa. Festzuhalten ist jedenfalls, dass Coudenhove-Kalergi sich und der Paneuropaunion damit nicht nur Freunde gemacht hat. Viele sozialdemokratische Unterstützer zogen sich durch seine dezidiert bekundete antibolschewistische Haltung von seinem Anliegen zurück.

Auf der Suche nach dem „deutschen Weg“. Klaus Mehnerts Russlandbild im Dritten Reich Von Stefan Hantzschmann (Leipzig) I. Einführung II. Klaus Mehnert im Denkstil der Berliner Ostforschung und der Tat 1. Die „Hoetzsch-School“ 2. Russland und Sowjetunion in der Tat III. Klaus Mehnerts Russlandbild 1929–1935 1. Bolschewismus / Politik 2. Wirtschaft 3. Der „Sowjetmensch“ 4. Rückschlüsse auf den „deutschen Weg“ IV. Klaus Mehnerts Russlandbild 1935–1945 1. Weltrevolution statt „Sozialismus in einem Lande“ 2. Neuer Antibolschewismus 3. Propaganda im Osten 4. Rückschlüsse auf den „deutschen Weg“ V. Fazit

I. Einführung Sie blieb Klaus Mehnert (1906–1984) vergönnt, die „Gnade der späten Geburt“, wie es Altkanzler Helmut Kohl ausdrückte. In der Startphase seiner Karriere, an einem Punkt zunehmender Beachtung und wachsender publizistischer Möglichkeiten, wechselte in Deutschland das Regierungssystem. Aus dem Experiment der Republik wurde das „Dritte Reich“. Der promovierte Osteuropaforscher, Journalist und Publizist Klaus Mehnert war Anfang 1933 26 Jahre alt und hatte zwei Bücher vorgelegt. Das bedeutendere davon, Jugend in Sowjetrussland1, wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Er unternahm ausgedehnte Reisen und veröffentlichte zahlreiche 1  Vgl. Klaus Mehnert: Ein Deutscher in der Welt. Erinnerungen 1906–1981. 7. Aufl. Stuttgart 1984 (erstmals 1981), S. 185.

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Artikel in renommierten deutschen Zeitungen und Zeitschriften.2 Klaus Mehnert setzte seine Karriere in Hitlers Nazi-Staat fort, auf Umwegen, aber ohne mit dem Nationalsozialismus gänzlich zu brechen. Folgerichtig hat bereits kurz nach seinem Tod die Spurensuche begonnen. Dabei kann eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wirken Klaus Mehnerts aus verschiedenen Perspektiven fruchtbar sein.3 Zentral für nahezu alle Untersuchungsbereiche muss das Verständnis für das vielschichtige Bild sein, das Mehnert von Russland und der Sowjetunion zeichnete. Denn sein Schaffen ist bestimmt vom Studium des riesigen Landes im Osten, für dessen weltpolitische und gesellschaftliche Entwicklungen er spätestens seit seinem Buch Jugend in Sowjetrussland als Spezialist gehandelt wurde. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das differenzierte Russlandbild4 Klaus Mehnerts im Dritten Reich. Mit der Analyse der Wandlungen und Kontinuitäten in seiner Einschätzung zur Sowjetunion kann ein Beitrag zu seiner politischen Biografie geleistet werden, um deren möglichst unverzerrte Darstellung der heutigen Forschung noch am dringendsten gelegen ist. Dabei schenkt dieser Aufsatz Pierre Bourdieus Kritik an traditionellen Methoden ideengeschichtlicher Forschung Beachtung.5 Durch eine genaue Bestimmung des Begriffes „Habitus“ macht Bourdieu auf die Interdependenz zwischen der sozialen Herkunft, bzw. der sozialen Klasse einer Person und der Genese einer Idee, bzw. Erkenntnis aufmerksam. Gleichzeitig weist er dem Habitus eine Struktur erzeugende Bedeutung zu. Auf diese Kritik an der traditionellen 2  Zur Bedeutung Klaus Mehnerts, vor allem in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik, existieren noch keine ausführlichen Studien. Einen knappen Überblick bietet der einleitende Teil in Michael Kohlstrucks Aufsatz über Mehnerts Jahre bei der Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas (DGSO). Vgl. Michael Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung. Klaus Mehnert und die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas 1931–1934. In: Osteuropa 55 (2005), H. 12, S. 29–47. 3  Das Schaffen Klaus Mehnerts ist journalismusgeschichtlich, für die Entwicklung der deutschen Osteuropaforschung aber auch ideengeschichtlich interessant. Sein Wirken in der Bundesrepublik ist dabei ein Desiderat. Vgl. als einen der wenigen diesbezüglichen Beiträge die Miszelle über Mehnerts erstmals 1958 erschienene Studie Der Sowjetmensch. Versuch eines Porträts nach zwölf Reisen in die Sowjetunion 1929–1957 von Ulrich Schmid: Wie bolschewistisch ist der „Sowjetmensch“? Klaus Mehnert erkundet die russische Mentalität. In: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 4 (2007), H. 3, S. 466–471. 4  Obwohl sich Mehnerts Themen zum größten Teil auf die Sowjetunion und deren Besonderheiten beziehen, erhält der Arbeitsbegriff „Russlandbild“ eine Berechtigung: Der Großteil seiner Schlussfolgerungen und Beurteilungen fußt auf Reisen, die der Journalist in den russischen Teil der UdSSR unternahm und auf Kontakte, die er zu Personen russischer Nationalität unterhielt. 5  Pierre Bourdieu: Homo academicus. Übers. von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main 1992, S. 125.



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Auffassung, „reine Vernunft“ sei das einzige Erzeugungsprinzip wissenschaftlicher Erkenntnis, wird insofern eingegangen, als dass diese Arbeit strategische Handlungen nicht auf bewusste Entscheidungen reduziert, sondern die Möglichkeit habitualisierten Handelns einräumt. Gleichzeitig lässt die institutionell besetzte Position eines Intellektuellen dessen Werk nicht unberührt. Sowohl diese als auch das soziale System innerhalb dessen der Autor zu verorten ist, beeinflussen sein Denken. Der Habitus als Vermittler zwischen der Stellung einer Person innerhalb eines sozialen Raumes und den Vorlieben und dem Geschmack dieser Person, bringe, laut Bourdieu, eine „allgemeine Grundhaltung, eine Disposition gegenüber der Welt“ hervor, die zu systematischen Stellungnahmen führe. Die entwickelten Grundpositionen eines Menschen scheinen also nicht nur das Ergebnis einer Struktur zu sein, sondern wiederum Struktur zu erzeugen. Es gilt zu beachten, „dass das System der sozialen Bedingungen […], dass die Position des Schaffenden […] in der Struktur des kulturellen Feldes das Verhältnis zum eigenen Werk und damit das selbst nicht unberührt lässt“.6 Als methodische Orientierung werden weiterhin die Bemühungen eines Tübinger Forschungsprojektes genutzt, eine neue Ideengeschichte zu etablieren.7 Aus der Vielzahl möglicher sozialer Einflüsse auf das Werk Klaus Mehnerts werden entsprechend seiner doppelten Profession als Journalist und Osteuropahistoriker zwei herausgegriffen und mit Hilfe der Wissenschaftstheorie Ludwik Flecks (1896–1961) auf die Existenz von Denkkollektiven bzw. Denkstilen geprüft. Das große Verdienst von Flecks Hauptwerk liegt in der Negierung der lange Zeit als selbstverständlich geltenden Annahme, die Produktion von Erkenntnissen sei eine rein individuelle Denkleistung. In vorliegender Arbeit wird seine Beschreibung eines Denkkollektivs anerkannt, welches eine „Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch stehen“ darstellt und gleichsam als ein „Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles“ fungiert. Indem ein Denkkollektiv Träger eines bestimmbaren Denkstiles ist, also mit 6  Pierre Bourdieu: Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Aus d. Franz. von Ulrich Raulff u. Bernd Schwibs. Berlin [West] 1989. Zitat bei dems.: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Übers. von Wolfgang Fietkau. 5. Aufl. Frankfurt am Main 1994, S. 76. Vgl. grundlegend zur Korrespondenz zwischen sozialer Herkunft und dem Stil und Geschmack, letztlich auch den grundlegenden Positionen einer Person ders.: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1987. 7  Zu den methodischen Ansprüchen dieses Projekts siehe Lutz Raphael: „Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit“. Bemerkungen zur Bilanz eines DFG-Schwerpunktprogramms. In: Ders. / Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte. München 2006, S. 11–27.

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Bourdieus Worten ein System gemeinsamer Dispositionen hervorbringt, reicht die Analyse der Querverbindungen innerhalb des Denkkollektivs, um die wesentlichen sozialen Einflüsse und damit die zu Grunde liegenden Grundpositionen herauszufiltern. Dem Denkstil im Sinne Flecks ist ein bestimmter Wissens- und Kulturbestand bereits inhärent. Seine Hauptthese, dass Erkennen und, damit verbunden, die Produktion von Ideen, „kein individueller Prozess eines theoretischen ,Bewusstseins überhaupt‘ [ist]; es ist Ergebnis sozialer Tätigkeit […]“, wurde Jahrzehnte später auch von Bourdieu in abgewandelter Form vertreten. Die Analogie ist wohl jedoch nur zufällig, denn dieser bezieht sich nicht explizit auf Fleck.8 Neben der Frage nach Kontinuitäten in Klaus Mehnerts Russlandbild soll also auch seine Herangehensweise, wie er die Sowjetunion studiert und Ergebnisse zusammen trägt – sein habitualisiertes Handeln – untersucht werden. Ferner wird zu prüfen sein, inwieweit Mehnert seine institutionelle Position im Dritten Reich bei The XXth Century (XXC) verinnerlichte, die aufgrund ihrer propagandistischen Aufgaben besondere Anforderungen an die journalistische bzw. „wissenschaftliche“9 Herangehensweise stellte.10 Die Einteilung in zwei Zeitabschnitte resultiert aus diesem deutlich erkennbaren Bruch in seinem Russlandbild. Dem limitierten Umfang dieser Untersuchung Rechnung tragend, wird der Fokus im zweiten Zeitabschnitt (1935–1945) speziell auf Veränderungen in der Mehnert’schen Argumentation liegen. Eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wirken Klaus Mehnerts und seiner politischen Biografie begann erst im neuen Jahrtausend.11 Alle Publikationen beschränken sich bislang weitgehend auf seine Rolle im „Dritten Reich“, wobei es selbst für diese Zeitspanne an einer 8  Vgl. Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Hrsg. von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle. Frankfurt am Main 1980, S. VII–XLIX. Zitate ebd., S. 54. 9  Ein vermeintlich wissenschaftlicher Stil sollte wohl zu den Ansprüchen der Zeitschrift gehören, um die eingeflochtene Propaganda besser zu tarnen. Die Formulierung der von Astrid Freyeisen, der Stil sei pseudoobjektiv gewesen, ist treffend. Vgl. Astrid Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. Würzburg 2000, S. 301. 10  Auf die Frage, warum sich Klaus Mehnert für das Dritte Reich hat instrumentalisieren lassen, hat Michael Kohlstruck versucht, eine Antwort zu finden. Vgl. Michael Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century. In: Ders. / Georg Armbrüster / Sonja Mühlberger (Hrsg.): Exil Shanghai 1938–1947. Jüdisches Leben in der Emigration. Teetz 2000, S. 233–254, bes. 247 f. 11  Jutta Unser veröffentlichte anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Zeitschrift Osteuropa einen Aufsatz über Mehnerts Arbeit für die DGSO. Vgl. Jutta Unser: „Osteuropa“ – Biographie einer Zeitschrift. In: Osteuropa 25 (1975), S. 555–602. Allerdings stützt die Autorin ihre Argumentation durch persönliche Gespräche mit



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umfassenden und methodisch geschlossenen Veröffentlichung mangelt.12 Unter den journalistischen Arbeiten, die sich mit Mehnerts Verhältnis zum Hitler-Staat befassen und mit einer detektivischen Sprache nach Indizien fahnden, um den Journalisten als Nazi zu entlarven, scheint Otto Köhlers Beitrag noch der gründlichste zu sein.13 II. Klaus Mehnert im Denkstil der Berliner Ostforschung und der Tat 1. Die „Hoetzsch-School“ Seit 1931 war Mehnert für die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas (DGSO) tätig. Die Prägung der Gesellschaft durch Otto Hoetzsch (1876–1946) kann kaum überschätzt werden. Als ihr Gründer und Initiator bestimmte er die Richtlinien der Gesellschaft seit ihrer Geburt 1913.14 Von Klaus Mehnert, der damals noch Chefredakteur bei Osteuropa war. Der nötige Abstand fehlte der Studie zu diesem Zeitpunkt noch. 12  Vgl. als Teilstudien die Beiträge von Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2); ders.: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10); ders.: Der Fall Mehnert. In: Helmut König (Hrsg.): Der Fall Schwerte im Kontext. Wiesbaden 1998, S. 138–172. Seine Untersuchungen legte der Autor in der Absicht an, einen Beitrag zur politischen Biografie Klaus Mehnerts zu leisten. Zu Mehnerts Rolle in Shanghai vgl. umfassend Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches (wie Anm. 9). 13  Otto Köhler: Unheimliche Publizisten. Die verdrängte Vergangenheit der Medienmacher. Unter Mitarb. von Monika Köhler. München 1995, S. 229–290. Teilweise ungenaue Angaben finden sich in Peter Köpfs Beitrag. So verfasste Mehnert zwar 74 Manuskripte als Korrespondent in Moskau für große deutsche Zeitungen, gedruckt wurden allerdings nur 60. Vgl. Peter Köpf: Schreiben nach jeder Richtung. Goebbels-Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse, Berlin 1995, S. 70. Günther Wallraff legte seinen Schwerpunkt darauf, Mehnert für seine Zeit als Professor auf Hawaii unter Spionageverdacht zu stellen. Vgl. Günther Wallraff: Unser Mann in Honolulu. Konkret Enthüllt: Der Bestsellerautor und Kreml-Astrologe Klaus Mehnert plante den Angriff der Japaner auf Pearl Habour. In: Konkret (1971), H. 6, S. 50 f. Obwohl die Forschung eine Spionagetätigkeit für möglich hält, gibt es bislang keine Belege, die den Verdacht stichhaltig bestätigen. 14  Vgl. Karl Schlögel: Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens. Otto Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde. In: Osteuropa 55 (2005), H. 12, S. 1–17, hier: 8. Dem Wirken Otto Hoetzschs galt das Interesse zahlreicher Historiker. Neben dem Beitrag von Karl Schlögel sind die wichtigsten Uwe Liszkowski: Osteuropaforschung und Politik. Ein Beitrag zum historisch-politischen Denken und Wirken Otto H ­ oetzsch. 2 Bde. Berlin [West] 1988 und Gerd Voigt: Otto Hoetzsch. 1876–1946. Wissenschaft und Politik im Leben eines deutschen Historikers, Berlin [Ost] 1978 sowie speziell im Kontext der Zeitschrift Osteuropa Unser: „Osteuropa“ – Biographie einer Zeitschrift (wie Anm. 11); Fritz Theodor Epstein: Otto Hoetzsch und sein „Osteuropa“ 1925–1930. In: Osteuropa 25 (1975), S. 541–554. Siehe auch Michael Burleigh:

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seinen 1913 formulierten Leitlinien für den Aufbau der DGSO rückte ­Hoetzsch bis zum Ende seiner wissenschaftlichen Karriere im Dritten Reich kaum ab – bei gleichzeitiger Modifizierung seines Russlandbildes.15 Er war der „spiritus rector“16 der Berliner Osteuropaforschung und die Person, deren Handschrift im Denkstil der DGSO am deutlichsten zu sehen ist, weshalb der britische Historiker Edward Hallett Carr (1892–1982) sogar von der „Hoetzsch-School“17 spricht und damit im Prinzip das meint, was Ludwik Fleck ein „Denkkollektiv“ nennt. Nimmt man die Prägung der Gesellschaft durch Otto Hoetzsch und das traditionell nicht nur fachliche, sondern auch menschliche Verhältnis zwischen Doktorvater und Doktorand zusammen, ergibt sich bereits ohne Prosopographie eine Verbindung über die Grenzen des wissenschaftlichen Fachgebietes hinaus, die sich in gemeinsamen Grundpositionen und -dispositionen äußerte. In den grundlegenden politischen Fragen schlug die DGSO einen gemeinsamen Weg ein, der maßgeblich von Otto Hoetzsch vorgegeben wurde. In seinen Erinnerungen fasst ihn Klaus Mehnert so zusammen: „Wie Hoetzsch war ich für Rapallo, für die Betrachtung der russischen Geschichte als eines untrennbaren Bestandteils der europäischen, gegen einen Krieg mit der Sowjetunion, für die – wie Hoetzsch sagte – ,von Natur und Schicksal‘ bestimmte Zusammenarbeit von Deutschen und Russen, gegen die Herrschaft des Kommunismus in Deutschland.“18 Abgesehen von der Frage nach „der Herrschaft des Kommunismus in Deutschland“ können diese Standpunkte tatsächlich als die für die DGSO wichtigsten und prägenden angesehen werden. Viel wichtiger als der fundamentale Konsens einer gemeinsamen Geschichtsauffassung, die sich im Kern auch von den als überholt angesehenen Sichtweisen Leopold von Rankes (1795–1886) absetzen, sind die politischen Übereinkünfte. Über die ausdrückliche Befürwortung des Vertrages von Rapallo innerhalb der gesamten DGSO ist sich die Forschung einig.19 Auffällig ist auch, dass die Gesellschaft in ihren Publikationen deutlich auf eine Zusammenarbeit mit Sowjetrussland drängt. Germany turns eastwards. A study of Ostforschung in the Third Reich. London u. a. 2002 (erstmals 1988), S. 13 f. Der Nachlass von Otto Hoetzsch, darunter seine Privatbibliothek mit rund 30.000 Büchern, wurde bei einem Luftangriff auf Berlin 1943 bis auf wenige private Dokumente und einige Manuskripte zerstört. 15  Zur konzeptionellen Entwicklung der DGSO siehe Liszkowski: Osteuropaforschung und Politik (wie Anm. 14), S. 484–512. 16  Schlögel: Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens (wie Anm. 14), S. 8. 17  Ebd., S. 2. 18  Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 183. 19  Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 35.



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Problematisch ist hingegen Mehnerts Behauptung, er selbst sei zu dieser Zeit gegen ein kommunistisches Gesellschaftsmodell in Deutschland gewesen. Es war Hoetzschs persönliche Einstellung und zugleich seine Vorgabe für die DGSO, wissenschaftliche und politische Positionen zu trennen.20 Der Anspruch objektiver Betrachtungen verwickelte Klaus Mehnert schließlich in Konflikte innerhalb der Gesellschaft, weil ihm diese Objektivität bezüglich des Bolschewismus in seinen Vorträgen von Mitgliedern der DGSO abgesprochen wurde. Mehnert bekam bei der DGSO 1931 den Posten als Generalsekretär der Gesellschaft, mit dem die Arbeit als Redakteur für die Zeitschrift Osteuropa verbunden war. Zu diesem Zeitpunkt galt er bereits als Spezialist für Russland-Fragen, hatte seine Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit unter Beweis gestellt und Kontakte über die Verbindung zum Doktorvater hinaus zu Mitgliedern der Gesellschaft unterhalten.21 Setzt man die von Hoetzsch gesteckte Leitlinie einer unparteiischen Beurteilung der Entwicklungen in Sowjetrussland innerhalb der Gesellschaft mit den unübersehbaren politischen Motiven der DGSO, die Zusammenarbeit mit der UdSSR voran zu treiben, ins Verhältnis, so erscheinen die Dispositionen zwischen Mehnert und einigen Mitgliedern der DGSO als reine Formsache. In der Auseinandersetzung mit der unterschiedlichen, jedoch keineswegs weit voneinander entfernten Beurteilung des Bolschewismus durch Mehnert und Hoetzsch ist es wichtig, den Begriff des Denkstiles vom IdeologieBegriff zu unterscheiden. Der Denkstil im Sinne Flecks ist im Resultat eine durch andauernden Gedankenaustausch einer Gemeinschaft – genauer: eines Denkkollektivs – entwickelte neue Art, ein Problem zu lösen. Bezogen auf die Osteuropaforschungen der DGSO entsprechen die realpolitische Betrachtungsweise Otto Hoetzschs sowie dessen initiierte Leitlinie für die DGSO, durch möglichst „objektive“ Forschungsleistungen eine politische Urteilsbildung in Deutschland zu ermöglichen, dieser aber nicht vorzugreifen, den Kriterien eines Denkstiles gemäß der Definition Flecks.22 Die bereits beschriebenen Grundpositionen (Rapallo-Linie, Zusammenarbeit mit Russland etc.) sind Produkte und gleichzeitig Bestandteile dieses Denkstiles. 20  Vgl. Liszkowski: Osteuropaforschung und Politik (wie Anm. 14), S. 50. Freilich hatte die Arbeit der DGSO dennoch politischen Charakter, wie an der durchgehenden Rapallo-Linie unschwer zu erkennen ist. 21  Mehnert selbst erklärte in seinen Erinnerungen, dass ihm die Kontakte zu Friedrich Schmidt-Ott (1860–1956), Hermann Terdenge (1882–1959) und Adolf Freudenberg (1894–1977) – geknüpft während seiner Arbeit beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um 1930 – dabei hilfreich waren, den Posten in der DGSO zu bekommen. Vgl. Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 182. 22  Vgl. Liszkowski: Osteuropaforschung und Politik (wie Anm. 14), S.  567 f.

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Später unterschied Mehnert zwischen seiner Arbeit bei der DGSO und den Vorträgen, die er nicht im Auftrag der Gesellschaft hielt und denen er deutlicher einen pro-bolschewistischen Anstrich verpasst zu haben scheint, was auch der Gestapo nicht entgangen ist. Fraglich bleibt aber, ob die Gestapo Mehnerts differenzierte Verwendung der Begriffe russischer Bolschewismus und deutscher bzw. nationaler Sozialismus richtig deutete. An die außen­politische Grundlinie der DGSO hielt er sich auch in Vorträgen außerhalb der DGSO.23 2. Russland und Sowjetunion in der „Tat“ In der bisherigen wissenschaftlichen und journalistischen Auseinandersetzung mit Klaus Mehnerts Einstellung zum Nationalsozialismus wurden vor allem einige seiner Artikel in der Zeitschrift Die Tat als Indizien für eine latent vorhandene Befürwortung Hitlers gewertet.24 Kohlstrucks richtige Auffassung, dass die Beobachtungen Mehnerts und seine Reisen in die Sowjetunion neben einer sowjetischen Außenseite auch eine deutsche Innenseite hätten, macht die Analyse der wichtigsten Tat-Artikel auch für das Thema dieser Arbeit bedeutend. Denn mit der Suche nach einem „deutschen Weg“25 verfolgte der junge Autor durchaus das gleiche Ziel wie die Mitglieder des Tat-Kreises.26 Die Frage, ob der Tat überhaupt eine relativ klare Linie in ihrem Russlandbild unterstellt werden kann, wurde von Hans Hecker bereits 1974 ­positiv beantwortet, wenn auch an dieser Stelle auf die mehr oder weniger ausgeprägte Widersprüchlichkeit in der Argumentation in der Tat hingewiesen werden muss.27 Dass Mehnert überhaupt in dieser Zeitschrift publizier23  Vgl. Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 39. 24  Eine Ausnahme bildet Michael Kohlstruck, der zum Beispiel den oft zitierten und von Klaus Mehnert in seiner Bibliographie nicht aufgenommen Artikel „Die große Pause“ in der Tat eher als ein Sympathie-Bekenntnis zur Idee des nationalen Sozialismus in Deutschland liest und nicht als Hitler-Euphorie deutet. 25  Mehnert widmete sein 1932 erschienenes Buch über die Jugend in Sowjetrussland allen, „die einen neuen deutschen Weg für Deutschland suchen“ (Klaus Mehnert: Amerikanische und russische Jugend um 1930. Neudruck zweier Frühwerke. Stuttgart 1973, S. 106–301, hier: 110). 26  Vgl. Hans Hecker: „Die Tat“ und ihr Osteuropa-Bild. 1909–1939. Köln 1974, S. 97. 27  Zum Beispiel bei der Einschätzung, ob die UdSSR im Begriff ist, ein liberales System aufzubauen oder von Grund auf akapitalistisch ist. Vgl. ebd., S. 150. Siehe in diesem Zusammenhang auch einen Werbespruch der Zeitschrift: „Die Stoßkraft der Tat liegt in der Geschlossenheit ihres einheitlich gesinnten Mitarbeiterkreises begründet. Ihre Namen verkörpern die Gedanken, die den Tatkreis heute in den



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te, ist als habitualisierte und strategische Handlung erklärbar. Habitualisiert, denn „[m]an ,weiß‘ unbewusst, was richtig, falsch oder opportun ist […] Man sucht ohne Mühe die richtigen Publikationsorte […]“28. Strategisch, weil die Entscheidung, in einer bedeutenden national-konservativen Zeitschrift zu publizieren, ebenfalls bewusst-strategisch und karriereorientiert getroffen werden kann. Hans Hecker hat darauf hingewiesen, dass die Autoren der Tat differenziert zwischen den Begriffen deutscher, nationaler Sozialismus und Bolschewismus russischer Prägung unterscheiden.29 Die Tat-Autoren sehen im Bolschewismus den speziell russischen Weg zum Sozialismus und fordern, einen speziell deutschen Weg zu finden – ohne internationalistische Elemente und in der Einsicht, dass „[e]in proletarischer Sozialismus […] in Deutschland unmöglich […]“30 sei. Liest man Mehnerts Tat-Artikel Die große Pause: Die Sowjetunion im Spätsommer 193331 mit Rücksicht auf die Sozialismus-Vorstellungen der Zeitschrift, wird schnell deutlich, dass er nach seinem Heimflug aus der Sowjetunion weniger Hitler als Person lobt, als vielmehr die Chance für einen nationalen Sozialismus, wie ihn der TatKreis seit Jahren in der Monatsschrift fordert. Außerdem war Mehnert seit 1932 Mitglied des Reichsbanners32, einer sozialdemokratisch dominierten Organisation und pflegte Kontakte zu Ernst Röhm (1887–1934) und Otto Strasser (1897–1974).33 Erkennbar ist nach der Machtergreifung Hitlers Mittelpunkt jeder politischen Diskussion stellen.“ Zit. n. Kurt Sontheimer: Der Tatkreis. In: Gotthard Jasper (Hrsg.): Von Weimar zu Hitler 1930–1933. Köln / Berlin [West] 1968, S. 197–229, hier: 206. 28  Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. München 2001, S. 5. Mehnerts erster Tat-Artikel erschien 1933, sein letzter nicht wie Hecker behauptet 1935, sondern 1938. Vgl. Klaus Mehnert: Kampf um Hawaii. In: Die Tat 30 (1938 / 39), S. 298–306. 29  Vgl. Hecker: „Die Tat“ und ihr Osteuropa-Bild (wie Anm. 26), S. 152. 30  Ernst Wilhelm Eschmann: Nationale Planwirtschaft. Grundzüge. In: Die Tat 24 (1932), S. 225–243, hier: 242. Zit. n. Hecker: „Die Tat“ und ihr Osteuropa-Bild (wie Anm. 26), S. 240. 31  Klaus Mehnert: Die große Pause. Die Sowjetunion im Spätsommer 1933. In: Die Tat 25 (1933 / 34), S. 530–543. 32  Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war ein politischer Kampfbund, der intentional überparteilich sein sollte, tatsächlich aber – mit einer nationalistischen Note – der Sozialdemokratie nahe stand und eindeutig den „Stempel der Frontgeneration“ (Barbara Stambolis: Mythos Jugend. Leitbild und Krisensymptom. Ein Aspekt der politischen Kultur im 20. Jahrhundert. Schwalbach 2003, S. 70) trug, wobei der militärische Charakter dieser Organisation kaum ausgeprägt war. Vgl. ebd., S. 69–71. 33  Vgl. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches (wie Anm. 9), S. 289.

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auch das Festhalten Mehnerts an der Rapallo-Linie.34 Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass gerade der Tat-Kreis eine außenpolitische Hinwendung zur UdSSR propagierte.35 Offenkundig ist außerdem die besondere Bedeutung des Begriffes „Jugend“, sowohl bei Klaus Mehnert als auch in der Tat. „Jugend“ ist bei Mehnert das „natürliche […] Prinzip eines sozialen und politischen Wandels“36. Russland habe diesen Wandel, getragen durch die Jugend, bereits angegangen und mit der Diktatur des Proletariats eine genuin russische Lösung gefunden. In der Konstituierung der neuen Tat galt die Jugend als der „entscheidende Aktivposten des Neuen“37. Auf einer zweiten Ebene unterstreicht die Zeitschrift die Jugend des deutschen und des nochmals jüngeren russischen Volkes und entdeckt in diesem Punkt ein verbindendes Element. III. Klaus Mehnerts Russlandbild 1929–1935 1. Bolschewismus / Politik Im Zeitalter der Ideologien blickte die ganze Welt seit 1917 skeptisch oder euphorisch, zumindest aber interessiert, nach Osten, wo mit der Herausbildung der Sowjetunion ein gigantisches Experiment gestartet wurde – der Versuch, eine bislang nur in theoretischer Form existente Ideologie praktisch umzusetzen mit dem Ziel, langfristig die Utopie des Kommunismus zu verwirklichen. Das Interesse Klaus Mehnerts für den russischen Bolschewismus lag vor allem in der Suche nach einer neuen Staats- und Gesellschaftsform für Deutschland begründet. Die Suche nach dem „deutschen Weg“ ist für ihn der Parameter, den er für die Analyse der russischen Politik und Gesellschaft ansetzt. Allerdings ist der Bolschewismus für ihn kein Prinzip, das in seiner Ganzheit übertragen werden könnte. Folgerichtig liegt seinem Blick auf den sowjetischen Bolschewismus die Überzeugung zugrunde, dass es ein speziell russischer Weg ist, den der Koloss im Osten 1917 einschlug. Am Ende dieses Weges steht für Mehnert – zumindest bis zum VII. Weltkongress der Komintern 1935 – eine speziell russische Form des nationalen Sozialismus. Im Juni 1934 schreibt er: „[D]ie starke innere 34  Klaus Mehnert: Berichte aus der Sowjetunion 1925, 1929–1936. Archivband I. Stuttgart-Schömberg 1982, S. 111. 35  Vgl. hierzu Hecker: „Die Tat“ und ihr Osteuropa-Bild (wie Anm. 26), S. 146– 149. 36  Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 31. 37  Klaus Fritzsche: Politische Romantik und Gegenrevolution. Fluchtwege in der Krise der bürgerlichen Gesellschaft. Das Beispiel des „Tat“-Kreises. Frankfurt am Main 1976, S. 134.



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,Nationalisierung‘ ist unverkennbar“38. Mehnert trennt scharf zwischen den zwar ideologisch dem Bolschewismus inhärenten internationalistischen Ansprüchen und der tatsächlich betriebenen Politik.39 Schenkt man den politischen Umständen zur Zeit der Veröffentlichung dieser Artikel Beachtung, zeigt sich recht deutlich sein Anliegen: die Fortführung der Rapallo-Linie, obwohl die außenpolitischen Vorhaben Hitlers dieser Position ganz klar widersprechen. Mehnerts Schilderungen, dass die internationalistischen Elemente des Bolschewismus gesellschaftlich und politisch in den Hintergrund geraten sind, liefen der NS-Propaganda vorsichtig, aber frontal entgegen. Augenscheinlich ist aber auch, dass Mehnert einem Sendungsbewusstsein des Bolschewismus ablehnend gegenübersteht und dementsprechend eine unmodifizierte Übertragung des russischen Weges auf Deutschland für ihn nicht in Frage kommt. Als Journalist der Tat und politisch der Schwarzen Front Otto Strassers nahestehend, empfindet er bis 1935 eine Bewunderung für die rasche Entwicklung in der Sowjetunion, nicht nur im wirtschaftlichen Sektor, sondern auch ideologisch und gesellschaftlich. Während, so Mehnert, der Lebensstandard sich allmählich angleiche, sei es eine „Schicksalsfrage des Sozialismus“40, in welchem Verhältnis die sich formierende sowjetische Elite zur Masse der Bevölkerung stehe. In diesem Punkt werden seine Sympathien für die Idee einer klassenlosen Gesellschaft deutlich. Eine sowjetische Aristokratie sei zwar vorhanden, und das Ziel, dass eines Tages alle Menschen dieser Aristokratie angehören, sei in der UdSSR längst noch nicht erreicht. „Aber man soll diese Idee nicht unbedingt als Utopie verspotten“,41 empfiehlt der junge Autor. Für die Zeit vor 1935 verdichten sich die Indizien, dass Mehnert in eine Reihe national-revolutionärer Denker einzuordnen ist und mit einem Sozialismus für Deutschland liebäugelt, wie er Otto Strasser vorschwebte. Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch Michael Kohlstruck, der den häufig zitierten Artikel Die große Pause über Mehnerts Heimreise aus der UdSSR im Dezember 1933 eben nicht als einen Jubelaufsatz auf Hitler liest, sondern ihn so versteht, dass bei Mehnert das „Lob des neuen Deutschland […] sich bei genauerer Lektüre als Preisung eines nationalen Sozialismus erweist und damit auf der politischen Linie lag, die Mehnert etwa seit 1931 verfolgt hatte.“42 38  Mehnert: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 105. Hervorhebung im Original. 39  Damit ist auch an dieser Stelle freilich das Resultat der Beobachtungen und Schlussfolgerungen Klaus Mehnerts gemeint. 40  Mehnert: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 255. 41  Ebd., S. 259. 42  Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 39.

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Die unanfechtbare Ideologie des Staates, an dessen Spitze der „rote Zar“43 Iósif Visariónovič Stalin (1878–1953) steht, bündele seiner Ansicht nach die vorhandenen Kräfte und mobilisiere die Jugend. Von der Studentenschaft fordere der Staat „heroische Opfer“44, wohingegen die üblichen Entbehrungen – beispielsweise bei benötigten, aber nicht verfügbaren Waren – als unwichtig und klein empfunden würden. Dennoch gehe diese Stärke des Staates einher mit Terror und erheblichen Einschränkungen in der persön­ lichen Freiheit der Bürger.45 Den Stalinismus entlarvt Mehnert als eine allein durch Terror zusammengehaltene Tyrannei. Stalins Befehle seien „unabänderlich wie die Gebote eines asiatischen Himmelssohnes. Sie sind die Generallinie. Alles andere ist ,Abweichung‘ […] und […] führt nach Sibirien oder auf die Prinkipo-Inseln.“46 Erstellte man eine Liste, auf der die pro-bolschewistischen Argumente des Journalisten neben seiner geäußerten Bolschewismus-Kritik aus seinen Publikationen bis Oktober 1935 nebeneinander stünden, wäre das Gefälle frappant. Kritisierte Elemente werden als in der Entwicklung begriffen dargestellt (etwa im wirtschaftlichen Bereich) oder als speziell russisch und allein für eine Übertragung auf Deutschland unfähig gekennzeichnet (so die fehlende Gesinnungsfreiheit in der sowjetischen Diktatur).47 Die für sein Weltbild wichtigste Errungenschaft des Bolschewismus fasst Mehnert in seinem Buch über die russische Jugend zusammen: „Es ist drüben in Russland ein neuer Mythos entstanden. Und wie jeder Mythos hat er ein Ethos erschaffen. […] Das ist ein Ethos von Kämpfern […] ein Ethos, das groß bleibt, auch wenn seine Träger scheitern sollten.“48 2. Wirtschaft Besonders zur Zeit der Weltwirtschaftskrise richtete sich das Interesse der DGSO und Mehnerts auf die neue Wirtschaftsform im Osten, die auf weitgehende Autarkie von westlichen Importen zielte – bei gleichzeitiger technologischer Aufholjagd. In der Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft (ARPLAN) waren sechs Mitglieder der DGSO aktiv. Während Otto Hoetzsch Anzeichen merkantilistischer Wirtschafts­ politik entdeckte,49 war Klaus Mehnert fasziniert von der Tatsache, dass 43  Mehnert:

Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 275. Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 130. 45  Vgl. ebd., S. 259. 46  Ders.: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 147. 47  Vgl. ders.: Bolschewistischer Humor. In: Die Tat 24 (1932 / 33), S. 900–903. 48  Ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 168. 49  Liszkowski: Osteuropaforschung und Politik (wie Anm. 14), S. 522. 44  Ders.:



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die russische Regierung „triumphierend auf die Wirtschaftskrise der kapitalistischen Welt, auf die Millionen von Arbeitslosen […] hinweisen“50 konnte. In der Planwirtschaft mit den ehrgeizigen Zielen der Sowjets manifestiert sich für Mehnert am deutlichsten die treibende Kraft des Bolschewismus, die er in Deutschland seit dem Krieg vermisst.51 Obwohl er kein ausgewiesener Wirtschaftsexperte war und dies auch seinem Leser nicht verheim­lichte,52 legte er einige Berichte zu wirtschaftlich bedeutenden Zentren in der UdSSR vor. Seine Position ist dabei klar: Während in Deutschland vier Jahre Krieg mit Not und Entbehrungen den Nervenzusammenbruch des Volkes herbeigeführt hätten, sei es dem aktiven Einsatz und der Verinnerlichung der Weltanschauung geschuldet, dass Russland die Lasten den Fünfjahrplanes zu schultern im Stande sei.53 Gerade die Masse der Jugend, der Mehnert ohnehin einen besonderen Stellenwert für die Vita­lität einer Nation beimisst, „glaubt an den Bolschewismus und ist bereit […] wenn nötig auch noch neue Opfer und Entbehrungen auf sich zu nehmen“.54 Selbst das Problem mangelnder Konkurrenzbelebung in einer rein staatlich gesteuerten Wirtschaft hält er mit den staatlich initiierten, sozialistischen Wettbewerben für ausreichend bekämpft.55 Zwar erkennt der Reisende die ökonomische Not der Sowjetunion und das relativ niedrige Niveau des Lebensstandards, beschreibt diese augenscheinlichen Probleme aber tendenziell als Kinderkrankheiten des jungen sowjetischen Staates. Ohnehin beginnt für Mehnert die aussagekräftige Zeit erst mit dem ersten Fünfjahrplan, also ab 1928. Im wirtschaftlichen Sektor findet er das konkreteste Beispiel für die Opferbereitschaft und den Ehrgeiz großer Teile der sowjetischen Bevölkerung – vor allem bei der Jugend. 3. Der „Sowjetmensch“ Im Alter von 13 Jahren unternahm Klaus Mehnert seine erste Auslandsreise – mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) nach Schweden. Es war der Auftakt eines Reiselebens. Während jene Schwedenreise, wie auch die zweite 1924, vom DRK organisiert wurde und dementsprechend strukturiert 50  Mehnert:

Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 34. ebd., S. 24–26 sowie ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 129. 52  Vgl. ders.: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 23. 53  Vgl. ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 130. 54  Ders.: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 31. Hervorhebung im Original. 55  Vgl. ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), 163 f. 51  Vgl.

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verlief, waren seine „Großen Fahrten“56 zwischen 1923 und 1928 Reisen im Stile der Jugendbewegung, der Mehnert bereits zu Schulzeiten angehörte.57 Der Jugendbegriff in den Texten Mehnerts ist vor allem Anfang der 1930er Jahre stark mythisiert. Auf die große Bedeutung des Jugendbegriffes in der Zeitschrift Die Tat wurde bereits hingewiesen. Der Tat-Kreis war einerseits beeinflusst durch die Jugendbewegung, die ja schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte, und entwickelte gleichzeitig mit der neuen Tat das „Sprachrohr der Jugend“58. Stärker noch als die Tat-Autoren, die ganzen Völkern Jugendlichkeit zusprachen und damit vorrangig die Vorstellungen Arthur Moeller van den Brucks (1876–1925)59 in ihr Ideengebäude integrierten, war Mehnert von der Jugendbewegung geprägt. Die Idee der Jugend eines Volkes findet sich bei ihm zwar nicht – selbst das Vorwort60 von Jugend in Sowjetrussland kann nicht im Sinne Moeller van den Brucks gelesen werden. Dennoch bedeutet „Jugend“ in seinen frühen Texten immer auch Vitalismus und das Prinzip politischen und sozialen Wandels.61 Die Jugend – im Sinne einer Lebensaltersstufe – machte Mehnert zum Träger des geforderten Wandels. Den Jugendbegriff auf zwei Ebenen zu verstehen (altersmäßiger Abgrenzung und mythisiert als Prinzip des Wandels) war durchaus zeitgenössisch und entstammt dem Selbstverständnis der Jugendbewegung.62 Der Bolschewismus bildete im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts den härtesten Bruch, den radikalsten Wandel innerhalb einer Gesellschaft und eines politischen Systems. Die Oktoberrevolution markiert für Mehnert den Wendepunkt in der russischen Geschichte, nach dem die Jugend zum eigent­ lichen Träger der gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Verände56  Als „Große Fahrten“ wurden in der Jugendbewegung Reisen bezeichnet, die länger als ein paar Tage dauerten. Vgl. Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 101. Zur Bedeutung der Wandererlebnisse in der Jugendbewegung siehe Achim Freudenstein: Die „bürgerliche“ Jugendbewegung im Spiegel von Autobiographien. Kassel 2007, S. 154–169. 57  Mehnert gehörte zunächst der Jugendorganisation Jungdeutschland an, später der Jugendbewegung, aus der er in der Unterprima wieder ausschied. Vgl. Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 75. 58  Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Studienaus. 2., unveränd. Aufl. Köln 1983 (erstmals 1962), S. 203. 59  Zum Jugendbegriff bei Arthur Moeller van den Bruck siehe Stambolis: Mythos Jugend (wie Anm. 32), S. 21–27. 60  „Statt eines Vorworts: In der Sowjetunion leben hundert Millionen Menschen unter fünfundzwanzig Jahren.“; Mehnert: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 109. 61  Vgl. Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 31. 62  Vgl. Thomas Koebner / Rolf-Peter Janz / Frank Trommler: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): „Mit uns zieht die neue Zeit“. Der Mythos Jugend. Frankfurt am Main 1985, S. 9–13.



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rungen wurde. Das „Steuer des Staatsschiffs, das von dieser Generation [= der alten Generation] vom Stapel gelassen wurde, ist seit Jahren in jüngere – physisch und soziologisch jüngere – Hände übergegangen“63, schreibt Mehnert 1932 begeistert. Je jünger die Entscheidungsträger, desto aufnahmefähiger, ungehemmter und geeigneter seien sie.64 Diesen politischen Akteuren – Mehnert zählt den damals 52-jährigen Stalin noch zur jungen Generation der Entscheidungsträger – gesteht er das Verdienst zu, die jungen Massen für die Ziele der Ideologie mobilisiert zu haben. Allerdings ist der Blick des Autors eher ein elitärer und kein gesamtgesellschaftlicher, wie er selbst zugibt.65 Sein Lob für die Sowjetunion, mit der bolschewistischen Idee das Verantwortungsbewusstsein für die Entwicklung des Staates vor allem in der Jugend geschärft zu haben, zieht sich wie ein roter Faden durch sein frühes Werk.66 Die sowjetische Jugend verkörpert einen Großteil der Ideale, die er sich für seine Generation in Deutschland wünscht. Wenn Mehnert das Schlagwort „heroisch“67 benutzt, um die Opferbereitschaft der sowjetischen Jugend zu betonen, benennt er ein wichtiges Ideal der Jugendbewegung, wobei entscheidend ist, dass „heroische Ideale in der Jugendbewegung nicht unbedingt an einen ,deutschen‘ Kontext gebunden waren“.68 Die jungen, „brauchbaren Soldaten der Revolution“69 charakterisiert Mehnert vor dem Machtantritt Hitlers zwar als ideologisch durchdrungen, in ihrer Einstellung Deutschland gegenüber jedoch als eher unpolitisch. Dem Schriftleiter der DGSO scheint im Jahr der „Machtergreifung“ besonders daran gelegen zu sein, den expansiven Drang des Kommunismus zu relativieren und die vermeintliche Gefahr im Osten in der Wahrnehmung seiner Leser – wahrscheinlich auch in der Wahrnehmung der neuen Machthaber – zu entschärfen. Nicht ohne Kritik behandelt Mehnert – allerdings verstärkt durch die Lektüre von Komsomolzenromanen geprägt – die Geschlechterrollen und die Sexualmoral in der Sowjetunion. Während Mehnert Sexualmoral und 63  Mehnert:

Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 112. ebd., S. 112. 65  Ebd., S.  118 f. 66  Am deutlichsten und häufigsten lobt Mehnert die Mobilisierungskraft der bolschewistischen Ideologie in Jugend in Sowjetrussland, aber auch in einigen Zeitungsartikeln und Aufsätzen. Vgl. ders.: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S.  32 f. 67  Vgl. ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 130. 68  Freudenstein: Die „bürgerliche“ Jugendbewegung im Spiegel von Autobiographien (wie Anm. 56), S. 253. 69  Mehnert: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 288. 64  Vgl.

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Geschlechterrollen der sowjetischen Gesellschaft in Zeitungsartikeln kaum thematisierte, widmet er ihnen in Jugend in Sowjetrussland fünf Abschnitte – zwei davon im Kapitel Die Literatur der Jugend. Die Sexualmoral des bürgerlichen Milieus, aus dem Klaus Mehnert stammt, ist darin unverkennbar. Davon zeugt die Betonung von Tendenzen zur Rückbesinnung auf eheliche Bindung und die Bemerkung, „dass junge Kommunisten ganz instinktiv einen Unterschied machten zwischen einem unberührten Mädchen und einem, das geschlechtliche Erfahrungen besitzt“70, was er beobachtet haben will. Die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen mit der Öffnung der Arbeits- und Karrierewelt für Frauen in der Sowjetunion scheint er allerdings nicht abzulehnen. Vielmehr stehen groteske bolschewistische Schriften in der Kritik, in denen die Trennung der Kinder von ihren Eltern gefordert und die Errichtung von ganzen Kinderstädten gewünscht wird, zum Zwecke einer reinen sozialistischen Erziehung.71 Ebenso entdeckt er den Widerspruch, Frauen einerseits gleichzustellen, sie aber andererseits ideologisch zu „Gebärmaschinen“72 zu machen. Insgesamt gesteht Klaus Mehnert der sowjetischen Geschlechterpolitik eine gewisse Modernität zu. Entscheidend ist der auffällige Optimismus des jungen Journalisten, alle kritisierten Belange betreffend. So schreibt Mehnert zum Problem häufig wechselnder Sexualpartner einer Romanprotagonistin: „[A]uch meine eigenen Beobachtungen haben mich – und ich kann sagen, zu meiner Beruhigung – überzeugt, dass es in der Sowjetunion […] weniger Uhrwerke als Menschen [gibt].“73 Der Vergesellschaftung menschlichen Lebens seien natürliche Grenzen gesetzt und die „allzu flache und rein rationalistische Auffassung aller Dinge“74 werde bald abgelöst werden. Michael Kohlstruck bezeichnete Klaus Mehnert in seiner Studie zur Wirkung des Osteuropahistorikers in der DGSO als „Pionier der Sozialfor­ schung“.75 Die Argumentation hinter dieser etwas überschwänglichen Formulierung hat insofern eine Berechtigung, als dass Mehnert in seinen Kulturberichten für Osteuropa aus der Lektüre aktueller sowjetischer Literatur, der Rezeption des geistigen und kulturellen Lebens in der UdSSR und aus den Beobachtungen zur Popularität bestimmter Bücher und Theaterstücke, gesellschaftspolitische Schlüsse zog und seine Texte mit zahlreichen Belegen und einem modernen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Fuß70  Mehnert:

Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25). ebd., S. 272. 72  Ebd., S. 273. 73  Ebd. 74  Ebd., S. 275. 75  Kohlstruck: „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2), S. 45. 71  Vgl.



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notenapparat versah. Diese Art der Erkenntnisproduktion nahm bereits vor seiner Arbeit bei der DGSO einen hohen Stellenwert in seinen Analysen ein. In den Artikeln und Aufsätzen zum kulturellen Leben des Rätestaates hat sich Mehnert auf drei Bereiche spezialisiert: Humor und gesellschaftskritischer Witz, Jugendliteratur und Theater. Auffällig ist im abgesteckten Zeitraum dieses Kapitels zunächst die Offenheit des Journalisten gegenüber der russischen bzw. sowjetischen Kultur. Eine nationalistische Überhöhung der deutschen Kultur76 im Vergleich zum Kulturleben der UdSSR findet sich ebenso wenig, wie eine reine Reduktion auf propagandistische Elemente in sowjetischer Literatur oder in Theaterstücken, die Mehnert allerdings nicht unerwähnt lässt. Seine Kulturbeiträge sind ein Spiegel der bisher aufgezeigten Gedankenlinien. Bis 1933 preist er die selbstkritische Beurteilung der eigenen gesellschaftlichen und ökonomischen Zustände im sowjetischen Humor und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass dies nur „in Übereinstimmung mit der von der Partei vertretenen Generallinie“77 möglich sei. Nach der „Machtergreifung“ Hitlers greift Mehnert thematisch mehr Alltagsgeschichten auf, in denen er die Interessen der jungen Bevölkerung als tendenziell unpolitisch charakterisiert.78 Noch 1935 beschreibt er die Auswahl von Theaterstücken als „recht zuverlässigen Barometer für die inneren Wandlungen des Landes“79. Nicht nur im russischen Alltagsleben erkennt er die zunehmende Abkehr von der Weltrevolutionspolitik, sondern auch in kulturellen Bereichen. 4. Rückschlüsse auf den „deutschen Weg“ Es überrascht nicht, dass Mehnerts erstes Buch über die Verhältnisse in der UdSSR eine mit Lob gesättigte Rezension in der neuen Tat erhielt, war doch das riesige Reich im Osten der Zeitschrift liebstes Thema und die Sicht vom „deutschen Standpunkt aus“ ihr bevorzugter Blickwinkel: „ ‚Die Jugend in Sowjetrussland‘ heißt ein Buch von Klaus Mehnert, das tiefer in die allgemeinen Verhältnisse des östlichen Riesenreiches einführt als es der Titel erahnen lässt. […] Er [= Klaus Mehnert] hält sich gleichermaßen frei von der rein negativen Beurteilung […] sondern er sieht die Probleme mit wachen Augen […] vom deutschen Standpunkt aus.“80

76  In diesem Kapitel ist mit dem Kulturbegriff stets zeitgenössische Kulturproduktion gemeint und nicht etwa Kulturgeschichte. 77  Mehnert: Bolschewistischer Humor (wie Anm. 47), S. 903. 78  Vgl. ders.: Die große Pause (wie Anm. 31), S. 534. 79  Ders.: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 221. 80  O. A.: Vom jungen Russland. In: Die Tat 24 (1932 / 33), S. 526 f., hier: 526.

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Unmittelbar nach Erscheinen des Buches verfasste der junge Autor die ersten Artikel für Die Tat. Auch dem Anspruch der DGSO, den Bolschewismus nicht blind zu verurteilen, sondern vielmehr durch das Studium der Verhältnisse in der Sowjetunion Rückschlüsse zur Lösung deutscher Probleme zu erarbeiten,81 wurde Mehnert in besonderer Weise gerecht. Er suchte nach einem „deutschen Weg“ aus den von ihm als katastrophal empfundenen Verhältnissen der Weimarer Republik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Mag auch die „deutsche Innenseite“82 der Russlandstudien bei Mehnert einen höheren Stellenwert eingenommen haben, als bei Otto Hoetzsch, so ist in diesem Anspruch dennoch eine wichtige Verbindung zwischen Mehnert und seinem Doktorvater zu erkennen.83 Als strikter Gegner des Versailler Vertrages, sah Mehnert zunächst Chancen für Deutschland in der außenpolitischen Annäherung an die ebenfalls außenpolitisch isolierte Sowjetunion. Seine Studien über die UdSSR überzeugten ihn von der Bündnisfähigkeit des neuen Staates. Die Kriegsschuldfrage neu – und im Sinne Deutschlands – zu beantworten, war nach Ansicht Mehnerts und Hoetzschs der Schlüssel, eine fundierte Revisionspolitik zu betreiben.84 Langfristig hält Mehnert eine starke Sowjetunion, die Großmachtspolitik betreibt, und mit deren politischen und ökonomischen Gewichten im Konzert der Mächte zu rechnen sein werde, für wahrscheinlich.85 Den deutschen Standpunkt Mehnerts zum Bolschewismus und zu Russland auf realpolitisches Kalkül, oder auf einen „Rapallomythus“86, zu reduzieren, würde allerdings an den Grundfesten der politischen Ansichten Mehnerts vorbeigehen. Eine Veränderung der politischen, wirtschaftlichen und tendenziell auch gesellschaftlichen Verhältnisse Deutschlands im Ausmaß des Umwälzungspotentials einer Revolution87 scheint ihm 1932 in naher Zukunft unaus81  Vgl.

Unser: „Osteuropa“ – Biographie einer Zeitschrift (wie Anm. 11), S.  581 f. „Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung (wie Anm. 2),

82  Kohlstruck:

S. 33. 83  Zum gleichen Ergebnis kommt auch Jutta Unser. Vgl. Unser: „Osteuropa“ – Biographie einer Zeitschrift (wie Anm. 11), S. 582. 84  Vgl. Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 83–86. 85  Vgl. ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 13. 86  Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 6., erw. Aufl. Mit einem Nachtr., einer Zeittafel und einer aktuellen Bibliogr. von Manfred Alexander. Stuttgart 1997 (erstmals 1962), S. 699–703, bes. 701. Stökl meint mit dieser treffenden Formulierung den Glauben vieler Anhänger der RapalloPolitik, dass eine ideologiefreie Realpolitik bezogen auf die Sowjetunion zur Revision des Friedensvertrages führen werde. 87  Anzumerken ist hier, dass Mehnert den Begriff „Revolution“ für angestrebte Veränderungen nicht benutzt und den Weg einer gewaltsamen Umwälzung nicht



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weichlich: „Wir stehen heute an einer Wende. Vieles muss anders werden. Vielleicht in der ganzen Welt, sicherlich in Deutschland. […] Neue Wege sind zu beschreiten.“ Deutschland solle sich frei machen von „hemmenden Bindungen“, Opferbereitschaft demonstrieren und „wenn es sein muss, alles dahinten zu lassen: Besitz und Bequemlichkeit und persönliche Freiheit, teure Menschen und sogar unser Leben“.88 Nach Mehnerts Ansicht hätte die sowjetische Jugend sich von solch „hemmenden Bindungen“ gelöst und genau jene Tugenden verinnerlicht, die er selbst für die deutsche Bevölkerung fordert, vor allem aber Opferbereitschaft. Das sei das „Imposante, das Geheimnis ihres Erfolges und […] das Unterpfand ihres Sieges“.89 In den Mehnertschen Ausführungen zur sowjetischen Jugend und zum Umgang der Entscheidungsträger mit jungen Menschen werden Projektionswünsche besonders deutlich sichtbar: „Worum wir in Deutschland einen vielen hoffnungslos erscheinenden Kampf führen: um das Bewusstsein in jedem einzelnen, dass er ein verantwortliches Glied des Ganzen, ein Arbeiter und Kämpfer in der großen Armee des Volks ist, das hat die russische Revolution zum Gemeingut von Millionen gemacht.“90 Von einer Übertragung des russischen Weges zum Sozialismus distanziert sich Klaus Mehnert hingegen deutlich. Denn für ihn liegt der größte Wert des Studiums der Sowjetunion nicht im Kopieren des Systems, sondern in der vorbildhaften Mobilisierung der Sowjetbürger – ganz besonders der jungen Generation, der er ohnehin die größte Bedeutung beimisst – durch den Staat und dessen Ideologie. Mit dieser Mischung aus Begeisterung für den Schritt zur völligen Infragestellung und schließlich totalen Umwälzung des Bestehenden und der Ablehnung einer unmodifizierten Übertragung des Bolschewismus auf Deutschland, entsprach Klaus Mehnerts „deutscher Standpunkt“ zum Bolschewismus durchaus der mehrheitlichen Meinung zeitgenössischer Intellektueller.91

thematisiert. Die Breite und Tiefe der geforderten Veränderungen sind allerdings beachtlich. 88  Alle Zitate bei Mehnert: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 296. 89  Ebd., S.  296 f. 90  Ebd., S. 128. 91  Vgl. Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945. München 2005, S. 229–231.

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IV. Klaus Mehnerts Russlandbild 1935–1945 1. Weltrevolution statt „Sozialismus in einem Lande“ Ein Artikel in den Süddeutschen Monatsheften vom Januar 1935 ist wohl der letzte bis zum Ende des Dritten Reiches aus Mehnerts Hand, in dem er noch einmal die internationalistischen Elemente, die Gefahr expansiver Absichten der Sowjetunion zu relativieren versucht: „Es gibt kein anderes Land, das in solcher geistigen Isolierung lebt, das sich so bewusst und vollständig von jeglicher Verbindung mit dem Ausland fernhält.“92 Es entsprach gewiss den politischen Signalen, die der Kongress der Komintern und die sowjetische Führung 1935 aussendeten,93 als Klaus Mehnert seine Eindrücke einige Wochen später derart warnend vor den weltrevolutionären Absichten der Kommunisten nieder schrieb. Allein die weltrevolutionären Bekundungen des siebenten Komintern-Kongresses erklären allerdings nicht die 180-Grad-Wendung des Journalisten, denn weltrevolutio­näre Propaganda hatte es schon vorher gegeben. Diese ist in der Wahrnehmung des Auslandes auch schon zu jener Zeit als Bedrohung empfunden worden, als Mehnert noch überschwänglich – und typografisch hervorgehoben – davon schrieb, dass der Gedanke an eine Weltrevolution im Denken der Sowjetbürger und in den Absichten der politischen Führung immer mehr verschwinde.94 In einigen Punkten jedoch unterschied sich der Kongress von 1935 von den vorangegangenen Veranstaltungen. Offen wurde die Bedrohung der Sowjetunion durch das nationalsozialistische Deutschland besprochen und die Bildung einer Volksfront gefordert, weil der Schutz der UdSSR die Aufgabe aller Kommunisten sei. Die Bekämpfung aller Formen des Faschismus95 war die Aufgabenstellung – sogar im Bunde mit den bisherigen Feinden aus der Sozialdemokratie oder bürgerlichen Parteien.96 Klaus Mehnerts außenpolitische Wendung fällt mit gravierenden Ereignissen zusammen, die er als politische Warnschüsse gedeutet haben dürfte. Otto Hoetzsch wurde als Leiter des Seminars für Osteuropäische Geschichte und Landes92  Mehnert:

Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 191. VII. Komintern-Kongress vgl. Leonid Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921–1935. Stuttgart 1985. 94  Vgl. Mehnert: Die große Pause (wie Anm. 31), S. 542. Vgl. auch ders.: Stalin säubert. In: Die Tat 25 (1933 / 34), S. 736 f., hier: 736. 95  Die kommunistische Terminologie schließt den Nationalsozialismus im Begriff des Faschismus mit ein. 96  Vgl. Manfred Alexander / Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., vollst. überarb. u. akt. Aufl. Stuttgart 2009, S. 664 f. 93  Zum



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kunde an der Universität Berlin am 14. Mai 1935 entlassen.97 Der Emeritierung war eine Denunzierungskampange vorausgegangen. Schließlich nahm die Gestapo einen scheinbar harmlosen Artikel Mehnerts unter dem Titel Die GPU baut Kanäle98 zum Anlass, ein Publikationsverbot über ihn zu verhängen.99 Ein beim Pressegericht angestrengtes Verfahren gegen die Streichung seines Namens aus der Liste der Schriftleiter durch die Landesgruppe Bayern des Reichsverbands der deutschen Presse gewann der Journalist am 15. Dezember mit Hilfe seiner intensivierten sozialen Netzwerke und seiner Kontakte zu führenden Journalisten, vor allem zum Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten (MNN), Herausgeber der Tat (später Das XX. Jahrhundert) und späteren Hauptschriftleiter der Auslandspropagandazeitschrift Signal, Giselher Wirsing (1907–1975).100 In seinem Bericht zum VII. Weltkongress der Komintern teilt Klaus Mehnert die Komintern-Politik der Sowjetunion101 für die Zeit zwischen Oktoberrevolution und dem Ereignis in vier Phasen ein, eine Einteilung, die in ähnlicher Form auch in der Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommen wurde.102 Während ihm wenige Monate zuvor noch daran gelegen war, den „Sozialismus in einem Lande“ als die russische Form des nationalen Sozialismus zu verkaufen, suchte er nun, in der Rückschau, Beweise für die Kontinuität weltrevolutionärer Absichten des Sowjetstaates zu finden. Das fiel Mehnert nicht schwer, denn offizielles Ziel des Bolschewismus war es immer gewesen, die Revolution nach außen zu tragen, auch wenn vor allem Stalin aus außenpolitischen Überlegungen heraus zeitweise wenig revolutionäre Signale sendete. Entscheidend ist jedoch Mehnerts neue Beur97  Vgl. Schlögel: Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens (wie Anm. 14), S. 13. 98  Mehnert: Berichte aus der Sowjetunion (wie Anm. 34), S. 362. 99  Grund für das Publikationsverbot war laut Mehnerts Aussagen die Anschuldigung des Propagandaministeriums, er habe das Dritte Reich verunglimpft, weil er in seinem Artikel schrieb, dass die Erdaushubarbeiten beim Bau der Kanäle umfangreicher seien, als beim Bau der Autobahnen in Deutschland. Ders.: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 203 f. 100  Zu Wirsing vgl. knapp Köhler: Unheimliche Publizisten (wie Anm.  13), S. 290–327; Norbert Frei / Johannes Schmitz: Journalismus im Dritten Reich. 3., überarb. Aufl. München 1999, S. 173–180; Rainer Rutz: „Signal“. Eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg. Essen 2007, S. 138–147. 101  Mehnert spricht vom „Doppelten Moskau“; Mehnert: Komintern und Sowjetunion. In: Die Tat 27 (1935 / 36), S. 482–491, hier: 483. Er meint damit den „verlängerten Arm Stalins“, der die Komintern freilich als außenpolitisches Instrument nutzte. Vgl. Alexander / Stökl: Russische Geschichte (wie Anm. 96), S. 659 f. 102  Leonid Luks sieht im VII. Weltkongress ebenfalls eine Wende der KominternPolitik. Vgl. Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie (wie Anm. 93), S. 168 f.

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teilung der Propaganda. Seine vor 1935 unternommene scharfe Trennung zwischen tatsächlich betriebener Politik und den propagandistisch notwendigen, weil der Ideologie inhärenten, expansiven Bekundungen, die Revolution ins Ausland zu tragen, wird in seinem Artikel Komintern und Sowjetunion zur umgekehrten Beweisführung. Betrachtete er es in seinen Artikeln bis 1935 noch als Hinweis einer realen ideologischen Entwicklung, wenn sich junge Russen mehr für deutsche Ingenieursleistungen als für die Chancen einer deutschen Oktoberrevolution interessierten,103 oder wenn die reuevollen Reden früherer Gegner der stalinistischen Formel des „Sozialismus in einem Lande“ belächelt wurden,104 wird in seiner Rückschau Stalins weniger aggressive Komintern-Politik zwischen 1928 / 29 und 1935 als reines politisches Kalkül entlarvt. In verschiedenen Ausgaben von XXC hält Mehnert an dieser Linie fest: „The aim of Bolshevism […] is to organize a World Revolution an then to establish a World Soviet Union.“105 Die Waffen, um dieses Ziel zu erreichen, seien die Sowjetunion als Staat an sich und die Komintern als Weltorganisation. Mit diesen Argumenten versucht Klaus Mehnert 1941 sogar den Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjet­ union als Präventivschlag zu rechtfertigen.106 Der Journalist wertet diese antifaschistischen, also auch antinationalsozia­ listischen Maßnahmen in wütender Sprache und mit auffallend häufigen typographischen Hervorhebungen als „Signal zum Angriff, zum Angriff […] unvergleichlich schärfer und entschiedener als je“107. Der Angriff richte sich ganz klar gegen den deutschen Nationalsozialismus, durch den sich die Sowjetunion zum ersten Mal in der Defensive fühle. Weder Demokratie noch Kapitalismus seien im Stande gewesen, als Bollwerke gegen den Bolschewismus zu fungieren – der Nationalsozialismus hingegen schon. Michael Kohlstruck hat darauf hingewiesen, dass das Bekenntnis Mehnerts zum Nationalsozialismus – am deutlichsten wohl in der von ihm gegründeten Zeitschrift XXC – nicht unbedingt ein Bekenntnis zu Adolf Hitler und dessen Weltanschauung sein muss.108 Dafür spricht auch die Tatsache, dass Mehnert: Die große Pause (wie Anm. 31), S. 542. ders.: Stalin säubert (wie Anm. 94), S. 736. 105  Ders.: The Red Road. In: The XXth Century 3 (1942), H. 5, S. 291–298. Dieser Artikel ähnelt Mehnerts Beitrag Komintern und Sowjetunion für Die Tat so stark, dass sogar Formulierungen vorkommen, die er aus dem 1935 erschienenen Artikel einfach übernommen und ins Englische übersetzt zu haben scheint. 106  Vgl. ders.: Bolshevism and its Pedigree. In: The XXth Century 1 (1941), H. 1, S. 16–23, hier: 23. 107  Ders.: Komintern und Sowjetunion (wie Anm. 101), S. 487. Hervorhebung im Original. 108  Vgl. Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10), S. 242. 103  Vgl. 104  Vgl.



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Mehnert in seinen Artikeln für deutsche Zeitungen nie „Führer“ schreibt, sondern stets „Adolf Hitler“. Auch die Verweigerung bestimmter NS-Vokabeln kann eine Form der Distanzierung eines Autors zur Weltanschauung Hitlers sein.109 2. Neuer Antibolschewismus In seinen journalistischen Beiträgen charakterisierte Klaus Mehnert nie den russischen, sondern stets den sowjetischen Menschen; den Bürger der Sowjetunion, meistens den jungen Menschen aus der zukünftigen Elite des Staates. Auf rassistische oder kulturchauvinistische Argumente ließ er sich nicht ein.110 Seine Ablehnung der Rassentheorien behielt er konsequenterweise auch während der Zeit des Nationalsozialismus bei. Mit der Aufnahme seiner Arbeit bei XXC wandelte sich allerdings seine Haltung zum Bolschewismus grundlegend. Ein Satz in der Einleitung zu einem seiner Aufsätze in XXC gibt seine Position recht deutlich wieder: „Europe has no quarrel with the russian people. But she has recognized Bolshevism as her deadliest enemy, and the Comintern and the USSR are the two first of Bolshevism.“111 Es ist Klaus Mehnerts neuer Antibolschewismus, der den Wandel im Russlandbild des Publizisten so radikal erscheinen lässt. Astrid Freyeisen hält den „pseudo-objektiven Stil“112 der Zeitschrift XXC für die konkrete Umsetzung des Puttkamer-Memorandums113 vom April 1941. Allerdings muss unterschieden werden zwischen Positionen, die zwar sicherlich Objektivität suggerieren sollen und damit den propagandistischen Ansprüchen des Puttkamer-Memorandums folgen, aufgrund der bisherigen Analyse aber eine Kontinuität in Mehnerts Russlandbild darstellen, einer109  Vgl. zu dieser diffizilen Frage jetzt programmatisch Frank-Lothar Kroll: Intellektueller Widerstand im Dritten Reich. Möglichkeiten und Grenzen. In: Ders. /  Rüdiger von Voss (Hrsg.): Schriftsteller und Widerstand. Facetten und Probleme der „Inneren Emigration“. Göttingen 2012, S. 13–44, bes. 42–44. 110  In XXC erschien nur ein einziger als rassistisch einzustufender Artikel – allerdings nicht aus der Feder Klaus Mehnerts. 111  Mehnert: The Red Road (wie Anm. 105), S. 291. 112  Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches (wie Anm. 9), S. 30. 113  Bereits im Juni 1940 wurden im Auswärtigen Amt in Berlin Überlegungen angestellt, eine neue Stelle für deutsche Amerikapropaganda zu finden. Zu diesem Zweck verfasste Jesco von Puttkamer (1903–1969), Sohn des preußischen Generalmajors Heinrich von Puttkamer (1846–1914), eine Denkschrift über die Propagandasituation in Ostasien mit dem Titel Die deutsche Propaganda in Ostasien. Neben der besonderen Eignung Shanghais für die Propagandaziele des Auswärtigen Amtes, unterstrich Puttkamer darin auch die Notwendigkeit der Tarnung propagandistischer Inhalte. Vgl. ebd., S. 270–286 sowie Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10), S. 235–237.

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seits – und solchen Auffassungen andererseits, die sich fundamental von seinen bisherigen Positionen unterscheiden und durch eine pseudoobjektive Herangehensweise eine propagandistische Absicht tarnen. Klaus Mehnerts Bekundungen, nicht den russischen Menschen per se zu meinen, wenn er gegen den Bolschewismus wettert, gehören zweifelsfrei zur ersten Kategorie.114 An welchen Punkten macht der Journalist seine angeblich über Jahre hinweg gewachsene Skepsis gegenüber dem Bolschewismus fest? Neben dem bereits beschriebenen Argument einer drohenden Weltrevolution sind es laut Mehnert „two diametrically opposed ideas“115, die den Bolschewismus instabil machen würden. Diese seien zum einen die westliche Idee der Emanzipation, entstanden aus der französischen Revolution und Denkern wie Karl Marx (1818–1883), Lev Tróckij (1879–1940) und John Dewey (1859–1952) sowie die russische Idee eines starken, autoritären Staates, abgeleitet von der Regentschaft russischer Zaren, wie Iván IV. (1530–1584), Pëtr I. (1672–1725) oder Nikoláj I. (1796–1855). Hinzu komme die Tat­ sache, „that Bolshevism has destroyed in twenty-four years millions of lives, and an immeasurable amount of human happiness“.116 Neben der Besonderheit, dass die Suche nach Beweisen für Instabilität und Terror seinen Bemühungen vor 1935, den Bolschewismus als entschiedenen Weg zu notwendigen Veränderungen darzustellen, diametral gegenüber stehen, ist die grundsätzliche Argumentation, die Herangehensweise Mehnerts interessant. Vom Denkstil der DGSO scheint wenig geblieben zu sein. Klaus Mehnert stellt wissenschaftlich unhaltbare historische Vergleiche an, zieht aus Vergangenem Schlüsse für die Gegenwart und prognostiziert für die Zukunft. Die Leser von XXC werden mit geschickt verdeckter Propaganda konfrontiert. Zu diesem Zweck instrumentalisiert Mehnert die Geschichte.117 Der russische Weg zu einem „nationalen Sozialismus“, den Mehnert vor 1935 im Bolschewismus zu erkennen glaubte, wird in XXC zu einer weltweiten Gefahr. Den vor 1935 latent ausgemachten sowjetischen Nationalismus findet er nun nicht mehr. Russland sei für echte Bolschewiki nur ein Name, die russisch geprägten Jahre seit der Oktoberrevolution gerinnen zu einer Episode.118 114  Mehnert schreibt in XXC, er sei „a sincere friend of the Russian people and an admirer of their national genius“. Mehnert: Bolshevism and its Pedigree (wie Anm. 106), S. 16. 115  Ebd., S. 17. 116  Ebd. 117  Vgl. Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10), S. 240. 118  Vgl. Mehnert: The Red Road (wie Anm. 105), S. 298.



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3. Propaganda im Osten Es besteht kein Zweifel daran, dass The XXth Century zum Zweck der Auslandspropaganda des Dritten Reiches gegründet worden war.119 Keineswegs soll an dieser Stelle eine reichhaltige Analyse der Propaganda-Funk­ tion von XXC in Shanghai stattfinden.120 Es ist allerdings wichtig für das Ziel dieser Studie, zumindest annähernd die propagandistischen Ziele des Auswärtigen Amtes herauszuarbeiten, damit eine Unterscheidung zwischen Mehnerts beruflichen Zwängen und seinen eigenen Positionen zur Sowjetunion möglich wird. In einer nicht zur Veröffentlichung bestimmten Selbsterklärung fasste Mehnert seine Linie für die Zeitschrift XXC folgendermaßen zusammen: „Die Linie, die sich allmählich herausschälte, war: Ein Maximum an Information und ein Minimum an Propaganda. Und wenn Propaganda, dann nicht durch Phrasen, Schlagworte und Behauptungen, sondern durch die sachliche Schilderung von Tatsachen.“121 Das Ausmaß der Propaganda war so minimal nicht, denn wie sich bereits zeigte, versuchte Mehnert durch pseudo-wissenschaftliche Argumente und mittels einer Instrumentalisierung von Geschichte den Erfolg oder die Unschuld der Achsenmächte im Krieg herauszustellen – zumindest schrieb er mit „einem deutlichen pro-japanischen Akzent“122 und urteilte stets im Sinne des Na­tionalsozialismus. The XXth Century wurde als englischsprachiges Organ gegründet, um getarnte und dadurch erfolgversprechendere Propaganda auszusenden und ressortierte organisatorisch zur Deutschen Informationsstelle Shaghai (DISS).123 Um nicht sofort als deutsches Propagandaerzeugnis entlarvt zu werden, erschien sie in dem eigens für XXC geschaffenen Verlag The Twentieth Century Publishing Co. Die Aufgaben der Amerikapropaganda im „Dritten Reich“, denen Klaus Mehnert als Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift durchaus gerecht wurde, waren klar vorgegeben: „Kriegshemmende Stimmungswandlungen, die in neutralen Interessensgebieten Amerikas (Ostasien, 119  Vgl. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches (wie Anm. 9), S. 297. 120  Zu dieser Frage existiert bereits eine gründliche Analyse. Vgl. ebd., S. 286– 306 sowie Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10). Dennoch sind einige Fragen nicht vollständig beantwortet, wie die nach der genauen Aufgabe, vor allem aber der Wirkung von XXC. 121  Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bü 540, Mehnert, Klaus, Selbsterklärung, Shanghai September 1945. Zit. n. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches (wie Anm. 9), S. 297. 122  Ebd. S. 300. 123  Vgl. Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10), S.  234 f.

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Südamerika, Europa) – möglichst ohne Erkennbarwerden des deutschen Ursprungs – ausgelöst werden können, strömen über die sensationshungrige Weltpresse wirkungsvoller auf die nervöse amerikanische Massenpsyche ein als die bestgeplante direkte Propaganda.“124 Was unter der „nervöse[n] amerikanische[n] Massenpsyche“ verstanden werden kann, beschreibt ein Absatz in Mehnerts Artikel vom Oktober 1941, also kurz vor dem Kriegseintritt der USA. Darin zitiert Mehnert die Meldung einer amerikanischen Zeitung, in der eine emotionale Verwirrung amerikanischer Bürger beschrieben wird, weil sie beiden Diktaturen ablehnend gegenüber stünden und sowohl Russland als auch Deutschland die Niederlage im gegenseitigen Krieg wünschten. Mehnert macht in seinem Artikel klar, dass ein bolschewistischer Sieg für den Kommunismus alle Türen in Europa öffnen würde und dass selbst Amerika mit schrecklichen Konsequenzen zu rechnen hätte.125 Offensichtlich verinnerlichte Mehnert seine neue Position als Chefredakteur einer Propagandazeitschrift. Seine bisher vom Denkstil der DGSO geprägte Art und Weise wissenschaftlicher Arbeit ersetzte er zugunsten pseudowissenschaftlicher Vergleiche und Prognosen, auch wenn der Inhalt von XXC fast durchgehend ein hohes Niveau aufwies. 4. Rückschlüsse auf den „deutschen Weg“ Klaus Mehnert empfahl 1932, von dem bolschewistischen Experiment im Osten zu lernen.126 Seine Sympathie für einen nationalen Sozialismus wichen auch nach der Machtergreifung Hitlers nicht. Allerdings änderten sich seine Projektionen auf die deutschen Verhältnisse. Den Nationalsozialismus betrachtete er als „das große Dritte zwischen Kapitalismus und Marxismus“127. In seiner Beurteilung hatte Deutschland seinen Weg zu einer neuen Regierungs- und Gesellschaftsform also gefunden, allerdings entsprach HitlerDeutschland nicht den Ideen der Schwarzen Front und nicht den Positionen Mehnerts. Seine nach dem Krieg präsentierte Formel, die seinen Standpunkt während der Zeit des Nationalsozialismus beschreiben sollte – „Deutschland ja, Hitler nein“ – müsste vielmehr lauten: Nationaler Sozialismus ja, Rassen­ ideologie und Kulturchauvinismus, letztendlich auch Hitler – nein. Mehnert 124  Aufzeichnung des wissenschaftlichen Hilfsarbeiters von Trott zu Solz (Informationsabteilung) vom 9.11.1940. Zit. n. Kohlstruck: Klaus Mehnert und die Zeitschrift The XXth Century (wie Anm. 10), S. 235. 125  Vgl. Mehnert: Bolshevism and its Pedigree (wie Anm. 106), S. 23. 126  Vgl. ders.: Amerikanische und russische Jugend um 1930 (wie Anm. 25), S. 295–297. 127  Ders.: Komintern und Sowjetunion (wie Anm. 101), S. 491.



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bevorzugte also eine bestimmte Strömung innerhalb des Nationalsozialismus. Als Konsequenz hatte der Bolschewismus seine Vorbildfunktion verloren, denn nach Mehnerts Verständnis hatte eine Revolution in Deutschland ja stattgefunden, der Aufbruch der Jugend, den er in der Sowjetunion bewundert hatte, und den er zur Nachahmung empfahl, war erfolgt – nur das Ergebnis entsprach nicht seinen Vorstellungen. So schreibt er in The XXth Century mit der Absicht, den nationalsozialistischen Terror zu rechtfertigen: „[T]he fact is, that Germany and Italy […] have recently undergone political revolutions and that revolutionary times always lead to extraordinary measures.“128 Festzuhalten ist, dass der Bolschewismus für Mehnert seine (allerdings klar begrenzte) Vorbildfunktion nach 1935 verloren hat. V. Fazit Das Russlandbild Klaus Mehnerts während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland war von einer gebrochenen Entwicklung gekennzeichnet, wobei das Jahr 1935 den Wendepunkt in Mehnerts publizistischem Werk markiert. Die hier vorgelegte Analyse sozialer Einflussfaktoren und der durch Mehnert besetzten institutionellen Positionen hat für die Zeit vor 1935 ein erstaunliches Maß an Vernetztheit und Stimmigkeit hervorgebracht. Besonders die durch Otto Hoetzsch geprägte DGSO bildete im betrachteten Zeitraum ein Denkkollektiv, in das Klaus Mehnert nicht nur integriert war und von dem er beeinflusst wurde, sondern dem er auch seinerseits Impulse lieferte. Doch neben einem realpolitisch denkenden Klaus Mehnert gibt es noch den Idea­ listen, den Nationalisten, der nicht nur die politischen, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik radikal verändert sehen will. Dass Klaus Mehnerts Russlandbild nicht auf realpolitische Überlegungen reduziert werden kann, zeigte sich deutlich im Blick auf die Analyse der Grundausrichtung der Tat Hans Zehrers (1899–1966) zu russischen und bolschewistischen Fragen. Die Autoren der neuen Tat nach 1933 vertraten zumindest im Themenbereich Sowjetunion im Wesentlichen gemeinsame Positionen. In dieser Studie wurde nach dem Stellenwert der Mehnertschen Ansichten im Rahmen des Russlandbildes der Tat gefragt. In seinen Artikeln für die Monatsschrift befürwortet der Journalist einen „nationalen Sozialismus“ in der Couleur der Schwarzen Front Otto Strassers. Es sind vorrangig die Tat-Artikel sowie sein Buch Jugend in Sowjetrussland, in denen ein Hang zum Irrationalen, zur Mystifizierung der Jugend erkennbar ist. In das Lager der Schwarzen Front ist Klaus Mehnert für die Zeit vor 1935 ideo128  Mehnert: The World at War. In: The XXth Century 2 (1942), H. 1, S. 1–5, hier: 3.

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logisch einzuordnen. Der konstatierte Bruch von 1935 erreichte keineswegs die erforderliche Tiefe, um Mehnerts ideologische Grundhaltung zu durchtrennen. Dieser Bruch äußerte sich am deutlichsten in seiner gewandelten Haltung zu den weltrevolutionären Ambitionen der Komintern. Seine Affinität zum nationalen Sozialismus blieb davon unberührt. Mehnerts Russlandbild änderte sich jedoch entscheidend. Neben der gewandelten Einschätzung der Komintern, wurde der Journalist nicht müde, die Sowjetunion in The XXth Century als für den Rest der Welt gefährlichen und völlig ungeeigneten Bündnispartner darzustellen. Auf dieser Ebene legitimierte Mehnert sogar den deutschen Angriff auf die UdSSR. Es ist unverkennbar, dass diese Positionen der niedergeschriebenen außenpolitischen Haltung Mehnerts vor 1935 völlig widersprachen. Dass sich Mehnerts habitualisierte, vor allem durch die DGSO geprägte Arbeitsweise während seiner Arbeit bei XXC fundamental änderte und zu einer pseudowissenschaftlichen Argumentation mit „ungeschichtlichen Geschichtsbezügen“ führte, darf als Erfüllung der Vorgaben aus dem Propagandaministeriums einerseits und als kurze Episode in Mehnerts Schaffen andererseits gesehen werden. Denn an die DGSO-Linie, „nicht neutral, aber objektiv“129 zu arbeiten, knüpfte die Zeitschrift Osteuropa nach dem Krieg unter seiner Leitung nahtlos an. Mehnerts Betrachtungen zum Projekt der UdSSR erfolgten während des abgesteckten Zeitraums stets aus einer deutschen Perspektive. Die überwiegend positive Grundhaltung zum bolschewistischen Staat wandelte sich ab 1935 in eine negative. Die Aufgabe der Zeitschrift XXC, meinungsbildende Propaganda für die Achsenmächte zu betreiben, erfüllte Mehnert als Herausgeber und Chefredakteur dieser regelmäßigen Publikation. Wesent­liche Bestandteile der NS-Ideologie adaptierte er jedoch nicht. Dazu gehörte insbesondere eine rassistische Abwertung der in der UdSSR lebenden Menschen – doch auch seine Zustimmung zu einer Form des Nationalsozialismus, die den Vorstellungen Hitlers zum Teil deutlich gegenüber stand. Das Russlandbild Klaus Mehnerts, das vor 1935 eine recht klare Spiegelung seiner ideologischen Grundpositionen bot, unterlag durch politischen Druck und die daraus resultierenden bewussten strategischen Handlungen einer derartigen Verzerrung, dass eine plausible Entwicklungslinie für den betrachteten Zeitraum, der eine prägnante Nähe zum Ideengebäude Meh129  Mehnert: Ein Deutscher in der Welt (wie Anm. 1), S. 186. Mehnert benutzt an dieser Stelle einen Ausdruck, der erst weit später, formuliert von Hermann Dietrich im Geleitwort zur ersten Ausgabe von Osteuropa 1951 zum erklärten Prinzip der Zeitschrift Osteuropa wurde. Dennoch kann diese Beschreibung durchaus als treffend für die Ausrichtung der DGSO unter Führung von Otto Hoetzsch bezeichnet werden. Vgl. Corinna Unger: „Objektiv, aber nicht neutral“. Zur Entwicklung der Ostforschung nach 1945. In: Osteuropa 55 (2005), H. 12, S. 113–131, hier: 113.



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nerts unterstellt werden könnte, nicht herausgearbeitet werden kann. Mehnerts Beurteilung der Sowjetunion ist das Resultat einer Anpassung an den Nationalsozialismus Adolf Hitlers, welche die Mindestanforderungen erfüllte, um in einer solchen beruflichen Position zu arbeiten, wie es Mehnert ab 1941 tat. Wollte man seine Verhaltensweisen im Nationalsozialismus typologisch zuordnen,130 fiele die Urteilsfindung schwierig aus. Am ehesten scheint hier eine Mischung aus ideologischer Konformität und Opportunismus vorhanden gewesen zu sein. 

130  Einen plausiblen Vorschlag zur Typologie der Verhaltensweisen von Personen aus dem Bereich Journalismus / Zeitungswissenschaft im „Dritten Reich“ legte Hans Pöttker vor. Vgl. Hans Pöttker: Konformität – Opportunismus – Opposition. Zur Typologie von Verhaltensweisen im NS-Regime und danach. In: Wolfgang Duch­ kowitsch / Fritz Hausjell / Bernd Semrad (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Münster 2004, S. 41– 53.

Vom Bisenzio an die Wolga. Curzio Malaparte und der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 Von Hendrik Thoß (Chemnitz) I. Einführung, Fragestellung, biographische Aspekte II. Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung autobiographischer und journalis­ tischer Darstellungen als historische Quelle III. Der Krieg im Osten: Deutsche und Italiener in der aktuellen Forschung IV. Malapartes Berichte im Corriere della Sera: Die Wolga entspringt in Europa 1. Land der Sowjets 2. Kombattanten: Rote Armee und Deutsche Wehrmacht V. Fazit

I. Einführung, Fragestellung, biographische Aspekte Curzio Malaparte (1898–1957)1 zählt unbestritten zum Kreis jener europäischen Autoren des letzten Jahrhunderts, deren literarisches Werk heute – wenigstens in Deutschland – vor allem von Literaturwissenschaftlern und Historikern, weniger jedoch von einer breiten Öffentlichkeit rezipiert wird.2 Dass der 1898 in der Toskanischen Stadt Prato geborene Schriftsteller und Journalist eine größere Aufmerksamkeit durchaus verdient, dürfte sich dabei wohl nicht allein der sensationell zu nennenden Resonanz seiner beiden noch während beziehungsweise kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges erschienenen bekanntesten Romane Kaputt und Die Haut3 verdanken, sondern auch der skandalträchtigen Vita des Literaten geschuldet sein, die ihm 1  Der eigentliche Name des Schriftstellers und Journalisten ist Kurt Erich Suckert gewesen, sein Rufname lautete Curzio. Er war der Sohn des aus Zittau in Sachsen stammenden Textilingenieurs Erwin Suckert und der Mailänderin Evelina Perelli. In Anlehnung an den Namen Bonaparte wählte Suckert 1925 das Antonym „Malaparte“ („der schlechte Teil“) zu seinem Künstlernamen. 2  Zur Biographie vgl. aktuell Torsten Liesegang (Hrsg.): Curzio Malaparte. Ein politischer Schriftsteller. Würzburg 2011. 3  Kaputt gelangte bereits 1944 in Neapel zur Veröffentlichung, Die Haut erschien erstmals im Jahr 1949.

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in Italien in Anlehnung an seinen 1929 veröffentlichten Roman Don Camaleo den zweifelhaften Titel eines „Camaleonte“, eines stets wandlungs- und anpassungsfähigen Chamäleons, eintrug. Diese durchaus nicht unumstrittenen Charakterzüge blieben beileibe nicht auf das private oder künstlerische Handlungsfeld Malapartes beschränkt. So oszillierte sein politischer Standpunkt zwischen einer aktiven und prominenten Teilhabe an der faschistischen Bewegung Mussolinis in den frühen 1920er Jahren und einer am 19. Juli 1957 auf dem Totenbett in Anwesenheit Palmiro Togliattis (1893–1964) beurkundeten Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Italiens (PCI).4 Das offenkundige Interesse, das Malaparte insbesondere an der sozialen und korporativen Dimension eines neuen, modernen Staates hegte und das sich bereits früh in seiner Parteinahme für den entsprechenden Flügel der Faschistischen Partei Italiens (PNF) manifestierte, trat auch in seinen Reisen in die Sowjetunion und nach China zutage. Erstere besuchte er zwischen 1929 und 1931 im Auftrag der angesehenen Turiner Tageszeitung La Stampa gleich mehrfach und brachte die in dem Blatt abgedruckten Reportagen in Buchform 1930 und 1932 zur Veröffentlichung.5 Überdies räumte er in seinem 1931 in Paris erschienenen Werk Technique du coup d’état (Technik des Staatsstreichs) der bolschewistischen Revolution wie dem Machtkampf Lev Tróckijs (1879–1940) gegen Iósif Vissariónovič Stalin (1879–1953) breiten Raum ein. In Auseinandersetzung mit diesem Umsturz wie anderen modernen Staatsstreichen und Putschversuchen vertrat Malaparte die These, dass bei derartigen Unternehmungen weniger die ökonomischen oder sozialen Rahmenbedingungen ausschlaggebend seien, sondern dass Erfolg oder Misserfolg allein von den Fähigkeiten und Kompetenzen einer zahlenmäßig überschaubaren Gruppe von Verschwörern abhingen. Er operierte damit gleichsam außerhalb des Feldes gängiger politischer Theorien. Bei dieser Annahme ließ er sich offensichtlich ebenso von seinen Erfahrungen als Weltkriegssoldat wie von Niccolo Machiavellis (1469–1527) Fürst inspirieren, wenngleich er damit nicht zuletzt dem Selbstverständnis Mussolinis von der faschistischen 4  Auch der Tod Malapartes ist nicht frei von Mythen, wenngleich ihm hier naturgemäß viel weniger als zuvor die Möglichkeit gegeben war, den Gang der Ereignisse aktiv zu steuern und in der von ihm so oft praktizierten Form zu inszenieren. So behauptete der bei seinem Tod anwesende Pater Rotondi, Malaparte habe kurze Zeit vor seinem Tod den PCI-Ausweis unter seinen Augen wieder zerrissen und für sich die Taufe erbeten. Vgl. Astrid Arndt: Ungeheure Größen: Celine, Malaparte, Benn. Wertungsprobleme in der deutschen, französischen und italienischen Literaturkritik. Tübingen 2005, S. 58. 5  Intelligenza di Lenin. Mailand 1930 sowie Le bonhomme Lénine. Paris 1932. Die Artikel in La Stampa und beide Bücher trugen Malaparte aufgrund ihrer philosowjetischen Tendenzen nicht zuletzt von Mussolini persönlich scharfe Kritik ein; die Bücher wurden schließlich in Italien indiziert.



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Machtergreifung 1923 explizit widersprach. Dennoch dürften sein Ausschluss aus der faschistischen Partei im Jahr 1933 und die sich anschließende Verbannung (confino) nach Lipari, später Ischia beziehungsweise Forte di Marmi eher seinem Konspirieren gegen Italo Balbo (1896–1940)6 denn dem Inhalt der in Italien verbotenen Technik des Staatsstreichs geschuldet gewesen sein. Bereits 1935 wurde er aufgrund des Einsatzes des italienischen Außenministers und Schwiegersohnes Benito Mussolinis (1883–1945), Galeazzo Ciano (1903–1944) begnadigt und konnte sich nach dem abrupten Ende seiner politischen Ambitionen nun verstärkt schriftstellerischen und publizistischen Arbeiten zuwenden.7 Ciano war es auch, der Malaparte nach dem Kriegseintritt Italiens gegen Frankreich im Juni 1940 im Zusammenhang mit publizistischen Tätigkeiten zunächst nach Griechenland sandte. Offenbar kam dieser dem Angebot Cianos nur zu gern nach, blieb ihm doch dadurch nicht nur die Reaktivierung als Offizier des italienischen Heeres erspart, sondern er konnte zugleich als Beschäftigter des staatlichen Presseamtes in der Uniform eines Alpini-Hauptmanns eine Korrespondententätigkeit aufnehmen. Nach einem kurzen Intermezzo im Westen hatte er ab Ende 1940 Gelegenheit, die italienischen Truppen bei ihren Kämpfen in Griechenland zu begleiten.8 Es schlossen sich Reisen und Berichte aus Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien an, und ab dem 22. Juni 1941 folgte er als Korrespondent des Corriere della Sera dem Angriff der deutschen Armee auf die Sowjetunion. Den ersten Abschnitt seines damit verbundenen Berichtes ergänzte im zweiten Teil eine Reihe von Reportagen von der finnisch-russischen Front in Karelien und Lappland, die Malaparte in den Jahren 1942 und 1943 mehrfach besuchte. Während noch im ersten Abschnitt Eindrücke vom Kampf der beiden Heere und von den Versuchen der Zivilbevölkerung, den Krieg zu überleben, dominieren, tritt das Kriegsgeschehen insbesondere in den aus Lappland stammenden Berichten deutlich in den Hintergrund. 6  So äußerte sich Malaparte in dem Werk wenig günstig über Adolf Hitler (1889– 1945) und dessen Münchner Putsch am 9. November 1923 und machte sich damit unter außenpolitischer Perspektive angreifbar, da die Technik des Staatsstreichs international breit rezipiert wurde. Schließlich erfolgte gegen ihn eine Anklage wegen der Verleumdung eines Ministers, d. h. Balbos, über den sich Malaparte kritisch geäußert hatte. Vgl. Giordano Bruno Guerri: L’Arcitaliano. Vita di Curzio Malaparte [Der „Erzitaliener“. Das Leben des Curzio Malaparte]. Mailand 1990, S. 155 f. 7  Seit 1934 publizierte Malaparte Artikel im Corriere della Sera. Zwischen 1936 und 1941 veröffentlichte er die Texte Fughe in prigione (Fluchten im Gefängnis), Sangue (Blut), Donna come me (Eine Frau wie ich) und Il sole è cieco (Die Sonne ist blind). 8  Curzio Malaparte: Zwischen Erdbeben. Streifzüge eines europäischen Exzentrikers. Zusammengestellt und mit einleitenden Texten versehen von Jobst Welge. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn. Frankfurt am Main 2007, S. 107.

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Hier überwiegen Bilder und Beschreibungen der wilden, unwirtlichen Natur Nordeuropas, die einen nahezu existentialistischen Charakter tragen. Die hieraus resultierenden Reportagen, von denen der erste, in Bessarabien und in der Ukraine handelnde Teil im Mittelpunkt der sich anschließenden Betrachtungen steht, fanden in leicht überarbeiteter Form Eingang in das noch 1943 im mittlerweile befreiten Teil Italiens erstmalig erschienene Buch Il Volga nasce in Europa (Die Wolga entspringt in Europa). Eine Veröffentlichung in diesem Rahmen wurde durch den mit der Absetzung Mussolinis verbundenen Frontenwechsel Ita­liens im Juli 1943 möglich. Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 sah sich Malaparte hinsichtlich seiner Anpassungs- bzw. Wandlungsfähigkeit immer wieder mit öffentlich geäußerter Kritik konfrontiert, die – wie jüngst Astrid Arndt in ihrer literaturwissenschaftlich akzentuierten und komparatistisch angelegten Untersuchung belegen konnte9 – weniger linear, sondern vielmehr in Wellen verlief. Diese Frontstellung resultierte nach 1945 sowohl aus Malapartes „faschistischer Vergangenheit“, seiner „Systemnähe“ wie aus der Rezeption der beiden Erfolgsromane Kaputt und Die Haut, die die Leserschaft weit über die Grenzen Italiens hinaus polarisierte und in zwei Lager spaltete. In ihren Grundzügen hat diese Rezeption im Übrigen bis heute Bestand.10 Curzio Malapartes zwischen 1941 und 1943 für den Corriere della Sera geschriebenen Berichte von der Ostfront zählen zweifellos zu seinen interessantesten und gelungensten journalistischen Arbeiten. Sie unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihres Stils wie auch ihrer Aussagen weitgehend von Texten, wie sie seit Kriegsbeginn in großer Zahl von Angehörigen deutscher Propagandakompanien verfasst wurden und in der deutschen Presse Verbreitung fanden. In dem bereits 1948 geschriebenen Vorwort der 1951 in Rom / Mailand bei Aria d’Italia erschienenen Ausgabe von Il Volga nasce in Europa behauptete Malaparte, er sei im September 1941 aufgrund des direkten Einwirkens von Joseph Goebbels (1897–1945) von den deutschen Militärs aus dem Frontabschnitt der Wehrmacht verwiesen worden. Obwohl sich eine solche Einflussnahme nicht belegen lässt,11 ist der unparteiische Blick auf diesen Krieg, ja die stille Sympathie, die er der Sowjetunion und Arndt: Ungeheure Größen (wie Anm. 4). exemplarisch Maike Albath: Die Seele war nicht mehr zu retten. Curzio Malapartes Skandalerfolg „Die Haut“ von 1949 über das Kriegsende in Neapel in einer neuen Ausgabe. In: Frankfurter Rundschau vom 3. Juli 2006; Yaak Karsunke: Ein Misston im Grün der Bäume. Versteckte Rechtfertigung? Curzio Malapartes legendärer Roman „Kaputt“ in einer Neuausgabe. In: Frankfurter Rundschau vom 6. April 2005. 11  Sowohl in den edierten Goebbels-Tagebüchern als auch im Bestand des Propagandaministeriums im Bundesarchiv Berlin ist ein Verweis auf Malaparte nicht zu finden. 9  Vgl.

10  Vgl.



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den sowjetischen Soldaten entgegenbringt, evident. An dieser Perspektive änderte sich auch nichts, als er Anfang 1942 erneut als Korrespondent des Corriere an die Front zurückkehren durfte – diesmal jedoch nach Finnland und somit einer direkten deutschen Einflussnahme entzogen. Zweifelsohne gewinnen die Berichte, die Malaparte von der Front wie aus der „Etappe“ lieferte, durch die Beschreibung des Kampfes, des Überlebens und Sterbens nicht allein deutscher und sowjetischer, sondern auch rumänischer und finnischer Soldaten wie der Zivilbevölkerung – jenseits aller Propaganda – an Authentizität und Realismus. Dabei blieb sein Blick nie allein auf den Krieg und die Menschen, die ihn führten, beschränkt. Vielmehr galt sein teilnehmendes Interesse auch den Gesellschaften, die diese Akteure repräsentierten, ihrer Kultur und Geschichte. Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht nicht zuletzt die Frage, wie nahe an der historisch belegbaren Realität Malaparte mit seinen Beschreibungen und Einschätzungen von der Sowjetunion und ihren Bewohnern, aber auch von der Roten Armee, ihrer Moral und Kampfkraft in den ersten Wochen des Krieges gegen die Deutschen und deren Verbündete gewesen ist. Malaparte selbst ist den deutschen Truppen und den mit ihnen verbündeten Armeen nicht bis an die Wolga gefolgt; ihm blieb also das tragische Schicksal so vieler Soldaten, der Tod in den Trümmern Stalingrads, erspart. Dass er dennoch mit Bedacht den Namen dieses für den Zweiten Weltkrieg so bedeutend gewordenen Stromes in den Titel seines Buches einflocht, hatte insbesondere einen Grund: Russland war für ihn trotz aller Eruptionen Stalinscher Gewalt, die so viele Beobachter an die Taten Dschingis Khans und seiner „asiatischen“ Despotie erinnern mochte, ein konstitutiver Teil nicht allein des europäischen Kontinents, sondern auch der europäischen Kultur – es war „das andere Europa. In dem gleichen Sinne, wie auch Amerika ein anderes Europa ist“.12 Von dem 1938 in Moskau erschossenen wolgadeutschen Schriftsteller Borís Andréevič Pil’nják (eigentlich Boris A. Wogau) (1894–1938) ist der 1929 erschienene Roman Die Wolga fällt ins Kaspische Meer überliefert. „Ja“ schränkte Malaparte unter Bezug auf Pil’nják ein, „aber sie entspringt nicht in Asien: sie entspringt in Europa. Sie ist ein europäischer Strom. Themse, Seine, Tiber (und auch der Potomak) sind seine Neben­flüsse.“13

12  Curzio Malaparte: Die Wolga entspringt in Europa. Mit einem Vorwort von Heiner Müller. Köln 1989, S. 243. 13  Ebd.

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II. Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung autobiographischer und journalistischer Darstellungen als historische Quelle Auf dem Gebiet des Journalismus nimmt die Kriegsberichterstattung eine ganz eigene Position ein. Diese Sonderrolle resultiert in erster Linie aus den Rahmenbedingungen, die durch den militärischen Konflikt geschaffen werden, der gleichzeitig Untersuchungs- und Berichtsgegenstand ist. Neben den begrenzten Recherchemöglichkeiten setzen dem Journalisten direkte wie indirekte Einflussnahmeversuche, Verbote und Beschränkungen der Kombattanten einen normativen Rahmen. Und nicht zuletzt gilt es, die individuelle Perspektive des Korrespondenten nie aus dem Blick zu verlieren, die nicht selten von dem Versuch geprägt ist, in den Berichten eigene Ansichten und Positionen zu transportieren.14 Im Falle Curzio Malapartes tritt dessen ausgeprägtes Bestreben nach Camouflage hinzu, der Wille, seine Gesprächspartner – hier: seine Leser – hinsichtlich seiner eigenen Position, insbesondere in Bezug auf Fragestellungen mit politischen Inhalten, im Unklaren zu lassen15 – eine Haltung, die sich zweifellos auch auf sein literarisches Werk übertragen lässt, in dem oft genug Realität und Fiktion bruchlos ineinander übergehen.16 Derartige literarische Reportagen, die als eine „hybride Form zwischen Journalismus und Literatur“ gelten, gehen offensichtlich auf antike Vorbilder zurück.17 Heinrich Heine (1797–1856) und Theodor Fontane (1819–1898) ordnen sich mit ihren Reiseberichten in dieses Segment ein, dessen Popularität in der Leserschaft allerdings gegen Ende des 19. Jahrhunderts nachließ, da das Reisen nunmehr auch für einen zunehmend größeren Personenkreis möglich und interessant wurde. Dass die Reisereportage nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine Renaissance erfuhr, dürfte insbesondere dem gestiegenen Interesse des breiten Leserpu14  Vgl. Philipp Knightley: The eye of war. Words and photographs from the front line. London 2003; Lars Klein / Andreas Steinsieck: Geschichte der Kriegsberichterstattung im 20. Jahrhundert. Strukturen und Erfahrungszusammenhänge aus der akteurszentrierten Perspektive. Osnabrück 2006. 15  Franco Vegliani berichtet in seiner 1958 in deutscher Sprache erschienenen Malaparte-Biographie, dieser habe 1940, unmittelbar vor seiner Abreise zu den italienischen Truppen, die in den Krieg gegen Frankreich eingegriffen hatten, seine am Bahnhof versammelten Freunde und Bekannten in mehreren Vieraugengesprächen über seine persönliche Haltung zum Krieg und zum Faschismus in Kenntnis gesetzt – je nach politischer Einstellung des Gesprächspartners mit einer dessen Ansichten völlig widersprechenden Position. Vgl. Franco Vegliani: Malaparte. Karls­ ruhe 1958, S. 105 f. 16  Exemplarisch steht hier der 1949 veröffentlichte Roman La pelle (Die Haut), der im postfaschistischen Italien einen ungeheuren Skandal auslöste. 17  Caterina Kostenzer: Die literarische Reportage. Über eine hybride Form zwischen Journalismus und Literatur. Innsbruck u. a. 2009.



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blikums an „authentischen“ nicht-fiktionalen Informationen geschuldet gewesen sein – die Reportage versprach hier offensichtlich ein größeres Maß an Authentizität als ein literarisch durchkomponierter Bericht. Sie fand so Eingang in den Kanon der Neuen Sachlichkeit, einer Strömung in Kunst und Literatur der 1920er und 1930er Jahre, deren Basis die emotionslose und distanzierte Beobachtung und Wiedergabe von Alltagsphänomenen in der westeuropäischen Nachkriegsgesellschaft bildete.18 In diesem Umfeld siedelte sich mit der Reportageliteratur beziehungsweise dem Reportageroman ein gleichwohl nicht unumstrittenes Segment im publizistischen Niemandsland zwischen Literatur und Journalismus an, das nicht zuletzt durch das Wirken von Egon Erwin Kisch (1885–1948) im deutschen Sprachraum rasch an Popularität gewann. Ein konstitutives Element der Literatur der Neuen Sachlichkeit stellte zweifellos ihre Technikaffinität dar – und zwar sowohl im inhaltlichen wie im formalen Sinne. In dieser Zeit entstand eine Gebrauchsliteratur, die bei Teilen des bürgerlichen Publikums umso mehr auf große Vorbehalte stieß, als sie nicht selten in der politischen Auseinandersetzung zu propagandistischen Zwecken in Gestalt einer Agitprop-Literatur zum Einsatz gelangte. Zeitgleich vollzog sich auch ein Wandel in der Wahrnehmung und Einordnung von Literatur und Kunst. Neben tradierte Kategorien des Ästhetischen trat die Schönheit des in Serie gefertigten Industrieprodukts. Beschreibungen technischer Geräte und Anlagen sowie von Produktionsabläufen, etwa in der Fließband-Automobilproduktion in den USA, fanden als Industriereportagen Eingang in die Publizistik.19 Zugleich profitierte das Genre der Reisereportage von der in weiten Teilen Europas nicht allein unter Intellektuellen vorhandenen breiten Aufmerksamkeit für die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, von Ländern also, die in ihrer radikal unterschiedlichen gesellschaftlichen Verfasstheit für zahlreiche inter­ essierte Beobachter spannende Experimentierfelder darstellten.20 Und hier befand sich Malaparte, der die UdSSR bereist und darüber auch berichtet hatte, durchaus in prominenter Gesellschaft.21 18  Vgl. Sabina Becker: Die literarische Moderne der zwanziger Jahre. Theorie und Ästhetik der Neuen Sachlichkeit. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 27 (2002), H. 1, S. 73–95; Matthias Uecker: Wirklichkeit und Literatur. Strategien dokumentarischen Schreibens in der Weimarer Republik. Frankfurt am Main u. a. 2007. 19  Vgl. Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des „Weißen Sozialismus“. Stuttgart 1970, S. 173. 20  Vgl. Kostenzer: Reportage (wie Anm. 17), S. 22 f. 21  Vgl. dazu die jüngst erschienene perspektivenreiche Dissertationsschrift von Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München 2011.

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Eine, ja vielleicht die zentrale Frage der literarischen Reportage ergibt sich aus dem Charakter der durch sie vermittelten Wirklichkeit. Die von Siegfried Kracauer (1889–1966) formulierte These, nach der Wirklichkeit eine Konstruktion sei, wird tatsächlich bereits seit der Antike diskutiert.22 Niklas Luhmann (1927–1998) hat am Beispiel der Massenmedien auf die vielfältigen Möglichkeiten verwiesen, mit denen sich Wirklichkeit konstruieren lässt – beziehungsweise diese tatsächlich durch Journalisten und Publizisten konstruiert wird. Bereits die Auswahl von Themen und das hierdurch bedingte Weglassen von Informationen gerät so zu einem Akt der Verfälschung der vom Zuschauer, Zuhörer oder Leser wahrgenommenen Wirklichkeit. Die dem Bericht zugrunde liegende Sprache beeinflusst neben parallel laufenden Bildern oder präsentierten Fotografien die Wahrnehmung des Rezipienten ganz wesentlich. Diktion und Wortwahl bestimmen so die Position des Zuschauers mit. Darüber hinaus ist die Perspektive des Reporters geprägt von dessen subjektiver Haltung sowie von ideologischen oder normativen Vorurteilen, die dem möglicherweise vorhandenen Bemühen um Neutralität entgegenstehen.23 Auch im Segment der Kriegsberichterstattung ist das Verschwimmen zwischen Realität und Fiktion keineswegs ungewöhnlich und lässt sich bis in die Zeit des Krimkrieges zurückverfolgen, in dessen Rahmen erstmals (britische) Journalisten als Augenzeugen und Berichterstatter die Leserschaft in der Heimat über den Fortgang des Krieges informierten.24 Obwohl Kriegsberichterstatter und Offiziere in aller Regel ähnlichen sozialen Milieus entstammten und durch einen gemeinsamen Wertekanon verbunden waren, konkurrierten beide Gruppen um die Aufmerksamkeit und die Deutungshoheit unter den Rezipienten an der Heimatfront. Nachdem sich der Oberkommandierende der britischen Truppen im Krimkrieg, Fitzroy Somerset Baron Raglan (1788– 1855) angesichts seiner zahlreichen Fehler und Versäumnisse lebhafter Kritik ausgesetzt gesehen hatte, mussten Journalisten, welche die britischen Truppen begleiteten, Regeln und Vorschriften des Militärs auch in Bezug auf ihre Berichterstattung in einem Maße beachten, das diese Berichterstattung nicht unerheblich einschränkte. In der Gestalt des Public Information Officers, des 22  Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung unterbleibt hier. Verwiesen wird auf: Siegfried Kracauer: Die Angestellten. In: Ders.: Werke. Bd. 1. Hrsg. von Inka Mülder-Bach und Ingrid Belke. Frankfurt am Main 2006, S. 222; Peter L. Berger / Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 1998; Beatrix Beutinger-Menzen: Fiktionen des Wirklichen. Eine soziologische Auseinandersetzung mit den Positionen des Radikalen Konstruktivismus. Hamburg 2006. 23  Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. Opladen 1995, S. 53. 24  Vgl. Ute Daniel: Der Krimkrieg 1853–1856 und die Entstehungskontexte medialer Kriegsberichterstattung. In: Dies. (Hrsg.): Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert. Göttingen 2006, S. 40–67.



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Presseoffiziers, sahen sich Journalisten mit einer Instanz konfrontiert, die ihnen – unter Rückgriff auf Vorgaben der militärischen Kommandostellen – in Form einer Akkreditierung den Zugang zu den Truppen wie zum Kampfraum ermöglichen oder verweigern konnte und ihre Berichte vor deren Veröffent­ lichung einer mehr oder minder rigiden Zensur unterwarf. Dies war, wie Ute Daniel feststellt, „der Beginn der ,Einbettung‘ “ der Medien in die Strukturen von Militär und Krieg.25 Der Erste Weltkrieg brachte nicht allein einen umfassenden Ausbau derartiger Kontroll- und Regulationsmechanismen mit sich, mit denen die Presse überwacht und ihre Veröffentlichungen gesteuert werden sollten. Zugleich etablierte sich in Gestalt der Kriegspresseämter in allen kriegführenden Ländern ein spezielles Segment der Militärbürokratie, mit dessen Hilfe gezielt Einfluss auf die Presse und damit auf die Meinung der Öffentlichkeit genommen wurde.26 Mit den ab 1938 aufgestellten Propagandakompanien (PK) der Wehrmacht und der Waffen-SS verfügte das nationalsozialistische Deutschland als einzige kriegführende Partei des Zweiten Weltkrieges über eine speziell auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Propaganda und Masseninformation ausgerichtete Truppengattung. Freilich war unter den Rahmenbedingungen, welche die NS-Diktatur bereits unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 gesetzt hatte, an eine unabhängige, objektive Berichterstattung nicht mehr zu denken. Mit der Integration des Journalisten als Soldat in die Gruppe der Kombattanten war, so schien es, Wehrmachtführung und Reichspropagandaminister Goebbels ein ganz besonderer Coup gelungen. Nicht allein, dass man auch dieses Terrain vollständig kontrollierte; durch die Idee, PK-Berichter für eine bestimmte Zeit in Einheiten der Wehrmachtsteile, oft sogar in Primärgruppen einzubetten, wurde in aller Regel eine enge Bindung an diese Einheit bzw. Gruppe erreicht, die sich zweifellos auch auf die Berichterstattung über den Krieg und das Kriegserlebnis der deutschen Soldaten niederschlug. Gleichwohl waren die Aufgaben, mit denen man die Kriegsberichtertruppe betraut hatte, beileibe nicht auf die bloße Beschreibung der seit 1939 auf dem europäischen Kontinent und in Nordafrika laufenden deutschen Feldzüge beschränkt. Vielmehr stand die gezielte Beeinflussung des Lesers bzw. Zuschauers im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung im Vordergrund. Von der Idee einer authentischen, wirklichkeitsgetreuen Abbildung des Themas „Krieg“, der Beschreibung seines destruktiven Wesens, das jede Ordnung und jedes Individuum zerstört, war man hier denkbar weit entfernt. 25  Ute Daniel: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Augenzeugen (wie Anm. 24), S. 7–20, hier: 18. 26  Vgl. Jens Albes: Zensur. In: Gerhard Hirschfeld  / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn u. a. 2003, S. 975.

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Malaparte kannte das Reich Stalins bereits aus eigener Anschauung, als er mit den Soldaten der Deutschen Wehrmacht die rumänisch-sowjetische Grenze überschritt. Die Erfahrungen, die er bei seinen Besuchen in der UdSSR hatte machen können, aber auch die Lektüre der Werke Lenins (1870–1924) und Tróckijs haben ihn offensichtlich tief geprägt – und dies trotz der Tatsache, dass er – im Gegensatz zur Mehrheit der westeuropäischen Intellektuellen, die die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit besuchten – der Idee des Kommunismus zu dieser Zeit keine allzu großen Sympathien entgegenbrachte. Dennoch erregten die gleichermaßen gewaltigen wie gewalttätigen Modernisierungsprozesse, deren Zeuge er ausschnittsweise wurde, bei ihm einige Bewunderung. Und wie die Mehrzahl der linksintellektuellen Russlandreisenden sparte er die mörderische Brutalität des Stalinismus, die er ohne jeden Zweifel während seiner Aufenthalte in der UdSSR erlebt hatte, in seinen Berichten weitgehend aus. Seine ganze Aufmerksamkeit galt weit mehr dem Resultat dieses Prozesses, der Formung einer neuen Gesellschaft, neuer Menschen, die sich nun als Objekte der „Organisationsarbeit der sowjetischen Fünfjahrespläne“27 gegen den Angriff der Deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten behaupten mussten. III. Der Krieg im Osten: Deutsche und Italiener in der aktuellen Forschung Das Unternehmen „Barbarossa“, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 und die Kriegführung an der Ostfront zählen nicht allein zu den sehr gut erforschten Arbeitsfeldern der Geschichtswissenschaft, sondern ziehen unverändert auch in den modernen audiovisuellen Medien, im Fernsehen wie im Kino großes Interesse auf sich. Daneben wurden in den letzten Jahrzehnten in der historischen Forschung operations- bzw. truppengeschichtlich akzentuierte Untersuchungen in zunehmendem Maße durch Arbeiten mit kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen verdrängt.28 Dieser von Hitler als finale Auseinandersetzung mit dem „jüdischen Bolschewismus“ auf dem europäischen Kontinent geplante Krieg unterschied sich bekanntlich in vielfältiger Weise von den vorangegangenen Feldzügen im Westen, Norden und Süden Europas. Als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg führte er planmäßig zur Ermordung und Verschleppung bedeutender Teile der Bevölkerung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion sowie, vor allem im Rahmen des schrittweisen Rückzugs ab 1943, zur 27  Malaparte:

Wolga (wie Anm. 12), S. 44. dazu exemplarisch Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2011. 28  Vgl.



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systematischen Zerstörung der gesamten Infrastruktur. In den zurückliegenden Jahren ist dabei nicht allein der Anteil der Wehrmacht an diesem Vernichtungswerk aufgedeckt worden. Zahlreiche publizierte Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern, die den Krieg als einfache Soldaten oder als Unteroffiziere mitbestritten hatten, gaben dem Kampf an der Ostfront, dem Beitrag des Einzelnen, des „ganz normalen deutschen Soldaten“ ein Gesicht.29 Gleichwohl ist der Kampf gegen Stalins Sowjetunion vom ersten Tage an auch ein Koalitionskrieg gewesen, ein europäischer Kreuzzug gegen die „bolschewistische Bedrohung“, wie insbesondere die deutsche Propaganda, die sich nach der Niederlage von Stalingrad noch einmal beträchtlich steigerte, zu verbreiten nie müde wurde. In diesem System hatten auch die italienischen Truppen ihren Platz, die aufgrund der Intervention Benito Mussolinis mit einem Armeekorps, dem Corpo di Spedizione Italiano in Russia (CSIR), an Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion teilnahmen.30 Dieses im Juli 1941 formierte Korps umfasste drei motorisierte Infanteriedivisionen sowie Artillerie- und Fliegerkräfte. Damit war es dem Kommandeur des Verbandes, dem General Giovanni Messe (1883–1968) möglich, mit seinen Kräften im Rahmen der Angriffs- und Verteidigungshandlungen des Bewegungskrieges im ersten Kriegsjahr annähernd mit den motorisierten Divisionen der Wehrmacht mitzuhalten. Als Teil der Heeresgruppe Süd beziehungsweise der 11. Armee griff das CSIR in der zweiten Staffel in das Kampfgeschehen ein und war an der Besetzung des Industriereviers Stalino (Donéck) beteiligt. Im Sommer 1942 wurde die Stärke des CSIR erheblich von drei auf zehn Divisionen erhöht. Der Verband firmierte nunmehr selbst als Armata Italiana in Russia (ARMIR) und nahm bis 1943 an den wechselvollen Kämpfen und dem beginnenden Rückzug aus der Sowjetunion teil. In dieser Konstellation wuchs nun offensichtlich die Distanz zwischen Italienern und Deutschen noch einmal erheblich. Die italienische Literatur und das kollektive Gedächtnis Italiens zum Kampf des CSIR / der ARMIR an der Seite der Deutschen zwischen 1941 und 1943 werden bis heute in Italien weitgehend von jenen Bildern domi29  Vgl. Willy Peter Reese: Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Hrsg. von Stefan Schmitz. München 2003; Gerhard Herm: Hitler, Göring und ich. Ein Fallschirmjäger im Dritten Reich. Crailsheim 2005; Albrecht Wacker: Im Auge des Jägers. Der Wehrmachts-Scharfschütze Josef Allerberger. 4. überarb. Aufl. Herne 2005. 30  Vgl. Gerhard Schreiber: Italiens Teilnahme am Krieg gegen die Sowjetunion. Motive, Fakten und Folgen. In: Jürgen Förster (Hrsg.): Stalingrad. Ereignis, Wirkung, Symbol. 2. Aufl. München 1993, S. 250–292, hier: 262. Einen kurzen Überblick über den Kampf der Italiener an der Ostfront liefert Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941–1945. Berlin 2007, S. 81–99.

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niert, welche die Generation der Kriegsteilnehmer nach 1945, vornehmlich geleitet von eigenen Interessen, zu prägen vermochte. Dies betrifft nicht allein General Messe, der bereits in einer 1947 erschienenen Schrift zum Krieg an der Ostfront Stellung bezog und dabei vor dem Hintergrund der Verortung seiner eigenen Person und seines Wirkens im faschistischen Italien nicht vor der Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten zurückschreckte.31 In dieses konstruierte Bild hat sowohl das Verhältnis zur Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion wie das zur Deutschen Wehrmacht an prominenter Stelle Eingang gefunden. Dabei scheint unstrittig, dass die gegenseitige Wahrnehmung deutscher und italienischer Soldaten unabhängig von ihrem Dienstgrad oder ihrer Dienststellung häufig von einer mehr oder minder stark ausgeprägten Abneigung dominiert gewesen ist. Während man sich auf italienischer Seite als Objekt, nicht selten als Opfer kühl kalkulierter taktischer beziehungsweise operativer Dispositionen der Deutschen sah, die in die bedenkenlose Opferung italienischer Soldaten mündeten, bestimmte auf deutscher Seite der Topos des „unzuverlässigen, feigen und verweichlichten“ Südeuropäers das Bild. Hatte die Zusammenarbeit zwischen Italienern und Deutschen auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz noch zufriedenstellend funktioniert, führten die brutalen Kriegshandlungen im Osten sowie die Rückschläge und Niederlagen insbesondere nach dem katastrophalen Winter 1942 / 43 zu einer immer größeren Belastung für das militärische Zusammenwirken der beiden Bündnispartner.32 So hatte man 1942 im Oberkommando des Heeres sowie in den nachgeordneten Stäben der Heeresgruppe Süd den Italienern konkrete Aufgaben bei der Sicherung des Ausgreifens der Heeresgruppe in Richtung Kaukasus zugewiesen. Gleichzeitig war jedoch die Bereitstellung von dazu erforderlichen deutschen Verstärkungen als „Korsettstangen“33 innerhalb der Frontlinie unterblieben. Hinzu trat der Umstand, dass die Kampfkraft der italienischen Truppen mit wenigen Ausnahmen jener der deutschen Verbündeten wie der Roten Armee nachstand und ein Teil des italienischen Offizierkorps es ablehnte, die von den Deutschen gesammelten Erkenntnis31  Vgl. Maresciallo Messe: La guerra al fronte russo [Der Krieg an der russischen Front]. Mailand 1947. Deutsch: Giovanni Messe: Marschall von Italien. Der Krieg im Osten. Zürich 1948. Das Buch wurde zuletzt 2005 in italienischer Sprache neu verlegt. Eine biographische Skizze über Messe lieferte Thomas Schlemmer: Giovanni Messe. Ein italienischer General zwischen Koalitions- und Befreiungskrieg. In: Christian Hartmann (Hrsg.): Von Feldherrn und Gefreiten. Zur biographischen Dimension des Zweiten Weltkriegs. München 2008, S. 33–44, bes. 43 f. 32  Vgl. Alessandro Massignani: Die italienischen Streitkräfte und der Krieg der „Achse“. In: Lutz Klinkhammer  /  Amedeo Osti Guerrazzi  /  Thomas Schlemmer (Hrsg.): Die „Achse“ im Krieg. Politik, Ideologie und Kriegführung 1939–1945. Paderborn 2010, S. 122–146, hier: 138 f. 33  Müller: Wehrmacht (wie Anm. 30), S. 89.



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se im modernen Krieg der verbundenen Waffen aufzugreifen.34 Die traumatischen Erfahrungen, die die überlebenden italienischen Soldaten auf dem Rückzug sammelten, nahmen nach der Absetzung Mussolinis und der Verkündung eines Waffenstillstandes mit den Alliierten im Juli beziehungsweise September 1943 alptraumhafte Züge an. Insgesamt 600.000 italienische Soldaten wurden umgehend von der Deutschen Wehrmacht gefangen genommen und als Militärinternierte festgehalten. Der Status als reguläre Kriegsgefangene wurde ihnen vorenthalten. Ihren dramatischen Höhepunkt fanden die nun zwischen Deutschen und Italienern ausgebrochenen Feindseligkeiten in den Morden der 1. Gebirgsjägerdivision an Angehörigen der italienischen Division Acqui auf der Mittelmeerinsel Kefalonia, denen mehr als 5.000 italienische Soldaten zum Opfer fielen.35 Während dieses Kriegsverbrechen, neben anderen Untaten, die tiefe Abneigung, ja Feindschaft vieler Italiener gegenüber den Deutschen weiter verstärkte, interpretierten die in Italien stationierten Soldaten der Wehrmacht wie der Waffen-SS den „Bündnisabfall“ Italiens nicht allein als Verrat, der ihrer Sicht nach jedwede Form von Sanktionen rechtfertigte, sondern der sich auch bruchlos in ihr nicht selten negativ besetztes Bild vom italienischen Verbündeten einfügen ließ. Aus ihrer Perspektive hatten die Italiener den Krieg gegen die Sowjetunion nicht mit der gebotenen Konsequenz geführt, die aus der Frontstellung zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus resultierte. Daher hätte wohl die Mehrzahl der deutschen Soldaten die von Giovanni Messe in britischer Kriegsgefangenschaft geäußerte These ohne Zögern unterschrieben, die Italiener seien im Gegensatz zu den Deutschen eben kein kriegerisches Volk, da es ihnen an der Fähigkeit mangele, den Gegner zu hassen.36 Dass man den Krieg gegen die Sowjetunion nur siegreich bestehen würde, wenn man ihn mit ganz besonderer Härte gegen sich selbst wie gegen den Feind führte, daran bestand nach dem 22. Juni 1941 auf deutscher Seite rasch kein Zweifel mehr. Wohl hatte die Wehrmachtsführung in ihren „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ vom 19. Mai 1941 auch auf die Möglichkeit hingewiesen, dass sich die Rote Armee irregulärer und heimtückischer Kampfmethoden bedienen 34  Vgl. Massignani: Streitkräfte (wie Anm. 32). Eine Ausnahme bildete ohne Zweifel das Alpinikorps, dem es gelang, sich in Teilen der Vernichtung der ARMIR im Zuge der Operationen Uranus und Saturn der Roten Armee zu entziehen. 35  Vgl. Rüdiger Overmans: Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches. In: Jörg Echternkamp (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 9 / 2. München 2005, S. 825–834; Gerhard Schreiber: Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereich. 1943–1945. Verraten – verachtet – vergessen. München u. a. 1990; Christoph Schminck-Gustavus: Kephallonia 1943–2003. Bremen 2004; Hermann Frank Meyer: Blutiges Edelweiß. Die 1. Gebirgs-Division im Zweiten Weltkrieg. Berlin 2008. 36  Vgl. Neitzel / Welzer: Soldaten (wie Anm. 28), S. 359, Anm. 860.

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und überdies vor der Massakrierung deutscher Kriegsgefangener nicht zurückschrecken würde. Tatsächlich trugen sowohl die brutale Ermordung zahlreicher deutscher Verwundeter und Gefangener durch sowjetische Soldaten als auch die für die Wehrmacht völlig neuen Methoden der Kampfführung, mit denen die Rote Armee gegen die üblichen Regeln des offenen Kampfes verstieß, erheblich zu einer Eskalation der Gewalt bereits unmittelbar nach dem Beginn des deutschen Angriffs bei.37 Von dieser Entwicklung ist selbstverständlich auch das CSIR betroffen gewesen. Indes hat die italienische Geschichtswissenschaft erst vor wenigen Jahren damit begonnen, sich näher mit diesem Aspekt der Geschichte des Zweiten Weltkrieges auseinanderzusetzen. Während noch 2002 in einer apologetischen Untersuchung Francesco Bigazzis über den Krieg an der Ostfront behauptet wurde, das Verhalten des italienischen Heeres gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen habe sich deutlich vom menschenverachtenden Vorgehen der Deutschen unterschieden, vermittelt die neueste Forschung ein weit differenzierteres Bild.38 Tatsächlich blieb die Zahl der von den Italienern gefangengenommenen Rotarmisten gering, verglichen mit den Millionen gegnerischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Allerdings war die Führung des CSIR mit der Verwaltung dieser 10.000 bis 15.000 sowjetischen Gefangenen überfordert und entschloss sich bereits im Oktober 1941, sie für die weitere Behandlung den deutschen Verbündeten zu übergeben.39 Indes sah sich das italienische Expeditionskorps in vergleichbarer Weise wie die Wehrmacht mit der unkonventionellen, brutalen Kriegführung der Roten Armee konfrontiert – und in dieser Situation reagierten die Italiener offenbar nicht anders als ihre deutschen Verbündeten. Diese Eskalation der Gewalt in den italienischen Verbänden vollzog sich bei der kämpfenden Truppe weitgehend unabhängig von einer gezielten ideologischen Einflussnahme seitens der militärischen 37  Vgl. dazu die zahlreichen Beispiele bei Christian Hartmann: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941 / 42. München 2009, bes. S. 534– 536. Offensichtlich spielte für die Rotarmisten auch der beachtliche durch die Polit­ offiziere aufgebaute Druck eine Rolle, die ihnen Sanktionen für den Fall der unentschlossenen Kampfführung androhten. Dazu zählten auch die gezielte und systematische Tötung von Soldaten, die aus der Gefechtszone zu flüchten suchten sowie Repressalien gegen Angehörige von Deserteuren. 38  Vgl. Francesco Bigazzi / Evgenij Zhirnov: Gli ultimi 28. La storia incredibile dei prigionieri di guerra italiani dimenticati in Russia [Die letzten 28. Die unglaubliche Geschichte der vergessenen italienischen Kriegsgefangenen in Russland]. Mailand 2002. 39  Vgl. Thomas Schlemmer: „Gefühlsmäßige Verwandtschaft“? Zivilisten, Kriegsgefangene und das königlich-italienische Heer im Krieg gegen die Sowjet­union 1941 bis 1943. In: Klinkhammer / Guerrazzi / Schlemmer (Hrsg.): Die „Achse“ im Krieg (wie Anm. 32), S. 368–397, hier: 384.



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Führung beziehungsweise der Deutschen. Sie scheint vielmehr primär von dem Gedanken nach Rache und Vergeltung für zuvor an Kameraden verübte Gräueltaten geprägt gewesen zu sein.40 Wesentlich anders gestaltete sich das Verhältnis zur Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten der UdSSR, und dies lag zweifellos nicht allein daran, dass die italienischen Truppen sich nicht an der Jagd nach Juden oder „Systemträgern des Bolschewismus“ und deren Vernichtung beteiligten, wie dies im Rücken der Wehrmacht im großen Stil Gang und Gäbe war. Das CSIR operierte vorwiegend auf ukrainischem Territorium, und hier mochte man sich von der Besetzung tatsächlich eine Verbesserung der eigenen Situation und ein Ende der kommunistischen Herrschaft erwartet haben. Die Ukraine war nach dem Ersten Weltkrieg von Tróckijs Roter Armee besetzt und 1922 als Ukrainische SSR in die Sowjetunion eingegliedert worden. Stalin integrierte die Ukraine mit unvorstellbarer Brutalität in sein Reich; die politischen Säuberungen, aber auch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die mehrere Millionen Menschen das Leben kostete, schufen nicht nur im Westen des Landes ein Klima, in dem 1941 ein Großteil der Einwohner die einmarschierenden Truppen als Befreier begrüßte.41 Diese Perspektive trat durch den Beginn der systematischen Vernichtungspolitik, die sich in erster Linie gegen die ukrainischen Juden richtete, rasch in den Hintergrund. Mit dem Vormarsch an den Don wechselten die italienischen Truppen auf russisches Territorium und sahen sich hier mit einer Zivilbevölkerung konfrontiert, die den Besatzern ablehnend bis feindselig gegenüberstand. Einen einheitlichen, geordneten Umgang mit den Zivilisten, der einem auf Vorschriften basierenden Grundmuster folgte, hat es in den italienischen Etappengebieten offenbar nicht gegeben. Er oszillierte in Abhängigkeit von den konkreten Umständen und der agierenden Truppe zwischen Fraternisierungsversuchen und gewaltsamen Plünderungen und Diebstählen.42 Neben einer Beschreibung derartiger Handlungsmuster ge40  Vgl.

ebd., S. 394 f. Jörn Hasenclever: Wehrmacht und Besatzungspolitik in der Sowjetunion. Die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete 1941–1943. Paderborn u. a. 2010, S. 209–211. Insbesondere die Angehörigen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) arbeiteten eng mit den Deutschen zusammen und hegten große Hoffnungen, nach dem Ende des Krieges staatliche Souveränität zu erlangen. Die einsetzende Vernichtungspolitik, der wiederum mehrere Millionen Ukrainer zum Opfer fielen, zog die Entstehung einer von Moskau unabhängigen Partisanenbewegung nach sich, die bis in die 1950er Jahre hinein gegen die Sowjetmacht kämpfte. 1943 konnte die SS aus ukrainischen Freiwilligen eine Waffen-SS Division aufstellen. Hans Werner Neulen schätzt, dass etwa 250.000 Ukrainer auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft haben. Hans Werner Neulen: An deutscher Seite. Internationale Freiwillige von Wehrmacht und Waffen-SS. München 1985, S. 314. 42  Vgl. Schlemmer: „Gefühlsmäßige Verwandtschaft“? (wie Anm. 39), S. 378. 41  Vgl.

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währen die hinterlassenen Selbstzeugnisse italienischer Kriegsteilnehmer zugleich einen Einblick in die Lebensverhältnisse der ländlichen ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung. Die Italiener schätzten die Bedingungen, unter denen die Ukrainer und Russen lebten, als überwiegend ärmlich ein – unabhängig von von den Einwirkungen des Krieges und unbeschadet von durchaus bestehenden rassistisch konnotierten Ressentiments. Dies betraf sowohl die allgemeine Infrastruktur als auch die konkreten Lebensverhältnisse der in den ländlichen Regionen, aber auch in den Städten lebenden Menschen. Hervorgehoben wurde immer wieder die angebliche „primitive Mentalität“ und Apathie vieler Einwohner, die man als Auswirkung der bolschewistischen Ideologie interpretierte.43 Gleichwohl zeigten sich vor allem die Russen, und hier insbesondere die jüngere Bevölkerung, aufgrund der kommunistischen Agitation und des Fehlens vergleichender Perspektiven davon überzeugt, in einem der modernsten und fortschrittlichsten Länder der Welt zu leben. Dieselbe Propaganda verlor auch in der Zeit der italienischen beziehungsweise deutschen Besatzung nichts von ihrer Wirkung. Dazu trug der gezielte Abwurf von sowjetischen Propaganda- und Agitationsmitteln per Flugzeug bei, der der Bevölkerung die Rückkehr der Roten Armee in Aussicht stellte und dadurch die Bereitschaft, sich mit den Besatzern zu arrangieren, deutlich eingrenzte. Dennoch hat es an Ideen, die Zivilbevölkerung in den okkupierten Gebieten für das Deutsche Reich zu gewinnen, offensichtlich nicht gemangelt – und dies durchaus in direkter Konfrontation mit den politisch-weltanschaulichen Vorgaben aus Berlin. Mochten sich derartige Vorstellungen, die bereits 1941 insbesondere im Kreis der Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete diskutiert worden waren, zu allererst aus der Erkenntnis speisen, dass eine dauerhafte Befriedung der besetzten Territo­ rien der UdSSR nur in Zusammenarbeit mit den Einwohnern, nicht jedoch in Frontstellung gegen sie erreicht werden konnte – letztlich führten sie zu der Haltung, dass hierfür substantielle Zugeständnisse nötig waren, etwa – wie in der Ukraine, im Baltikum, aber auch in Russland – die Errichtung eigener Nationalstaaten, die Auflösung der (agrar)-wirtschaftlichen Strukturen des Bolschewismus und die Wiederzulassung der Kirche.44 Durchsetzbar waren derart kühne Modelle freilich nicht, ihnen standen nicht zuletzt ganz eigene Vorstellungen Hitlers, Himmlers oder Rosenbergs entgegen. Ab 1943 brachte dann der Kriegsverlauf das endgültige „Aus“ derartiger Planspiele mit sich.

43  Schlemmer: 44  Vgl.

„Gefühlsmäßige Verwandtschaft“? (wie Anm. 39), S. 378. Hasenclever: Wehrmacht und Besatzungspolitik (wie Anm. 41), S. 246 f.



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IV. Malapartes Berichte im Corriere della Sera: Die Wolga entspringt in Europa Zweifelsohne befand sich Curzio Malaparte im Juni 1941 in einer für einen journalistischen Beobachter durchaus privilegierten Position. Er und sein Kollege Lino Pellegrini von der Mailänder Zeitung Popolo d’Italia, dem offiziellen Organ der italienischen faschistischen Partei PNF, erhielten als einzige ausländische Pressevertreter die Gelegenheit, den Aufmarsch wie den Angriff des deutschen Heeres und seiner Verbündeten auf die UdSSR aus nächster Nähe mitzuverfolgen. Malaparte hielt sich dabei weniger in jenen Frontabschnitten auf, die das italienische Expeditionskorps übernehmen sollte, sondern folgte den deutschen und rumänischen Verbänden, die im Rahmen der 11. Armee gemeinsam entlang des Prut zum Kampf gegen die Rote Armee angetreten waren. Hier hatte er jeden Tag Gelegenheit, sowohl mit deutschen und rumänischen Soldaten als auch mit der Zivilbevölkerung und darüber hinaus mit gefangenen Rotarmisten zu sprechen. Vom Beginn des Feldzugs bis Mitte September 1941 bewegte er sich mit deutschen Panzer-, Artillerie- und Infanterieverbänden auf einer Strecke von etwa 400 Kilometern von der am Fluss Prut gelegenen Stadt Iaşi (Jassy) bis in die Ukraine. Sein letzter Bericht von diesem Abschnitt der Front entstand in dem Dorf Piščanka (Petschanka).45 Auf seinem Weg durchquerte er die zwischen den Flüssen Prut und ­ nestr gelegene Landschaft Bessarabien, die 1812 Teil des Zarenreiches D geworden war. Nach 1917 hatten die Bewohner dieser Region eine kurze Zeit der Unabhängigkeit erlebt, bevor Bessarabien Rumänien zugeschlagen und sie selbst Rumänen wurden. Als südosteuropäischer Verbündeter Frankreichs war der rumänische Staat 1940 dem Druck Stalins hilflos ausgeliefert, der sich die französische Niederlage zunutze machte und unter Bezug auf das geheime Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes Bessarabien in sein Sowjetreich integrierte. Die nun einsetzende Welle der Verfolgung, die sich vornehmlich gegen die rumänische Bevölkerung richtete, sowie die Zerschlagung der althergebrachten ländlichen Strukturen führten dazu, dass die Bevölkerung Bessarabiens die deutschen und rumänischen Soldaten 1941 mehrheitlich als Befreier begrüßte. 45  Aus den Reportagen lässt sich folgender Weg rekonstruieren: Galaţi (Galatz) – Iaşi (Jassy) – ? (Hussi) – Ştefăneşti (Stefanesti) – Şaptebani (Shante Bani) – Zǎicani (Zaicani) – Brătuşeni (Bratoseni) – Chetroşica (Ketruschika / Skuratowoj) – ? (Cornolenca) – Soroca / Soroki (Soroca) – Mohyliv / Mogiliv (Mogilew / Ukraine) – Soroca (Soroca) – Jampil’ (Jampol) – Kačkivka (Katschikowska) – Shumy (Schumi) – Vil’šanka (Olschanka) – Piščanka (Petschanka). Zu Malapartes Korrespondententätigkeit vgl. insgesamt auch Arthur R. Evans Jr.: Assignment to Armageddon. Ernst Jünger and Curzio Malaparte on the Russian Front, 1941–43. In: Central European History 14 (1981), S. 295–321.

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Malaparte streifte in seinen Berichten die militärischen Auseinandersetzungen und die damit verbundenen Elemente Tod und Zerstörung jedoch nur am Rande – und zwar von Beginn an. Offenbar hatte er sowohl während des Ersten Weltkrieges als auch im Rahmen der vorangegangenen Feldzüge die in ihren grausigen Einzelheiten doch immer wieder gleichen Bilder der Vernichtung, die sich mit dem Aufeinandertreffen feindlicher Armeen verbinden, zu oft erlebt, als dass sie ihm noch des Berichtens wert gewesen wären. Überdies musste auch er wohl damit rechnen, die Aufmerksamkeit der Zensurbehörden zu erregen, sollte er dennoch versuchen, die Leserschaft mit taktischen und operativen Erwägungen und darüber hinaus auch mit den wenig heroischen, aber umso blutigeren Details des massenhaften Tötens und Sterbens zu konfrontieren. Sein Blick richtete sich vielmehr auf die einzelnen Menschen, die als Soldaten Teil jener riesigen Militärmaschine waren, die sich anschickte, nun auch Stalins Reich in die Knie zu zwingen. Ungewöhnlich war dies freilich nicht. Auch die deutschen Kriegsberichter wählten mit Vorliebe einzelne Akteure der kämpfenden Truppe aus, um sie der Heimatfront in Wort und Bild als heroische Kämpfer gegen den Bolschewismus zu präsentieren. Malaparte ließ sich bei seinen Berichten von der Frage leiten, wie sich das Aufeinandertreffen zweier „Arbeiterarmeen“ – der deutschen und der sowjetischen – gestalte; denn aus seiner Perspektive handelte es sich in beiden Fällen um hochspezialisierte Akteursgruppen, um Mechaniker, Arbeiter und Ingenieure eines technisierten Krieges. Daher kann es nicht verwundern, dass in seinen Berichten unterschwellig auch Bewunderung für das Sowjetsystem mitschwingt, das es aus seiner Sicht binnen weniger Jahre geschafft hatte, aus Menschen genuin bäuer­ licher Prägung ein Volk von Arbeitern und Technikern zu formen. Nach seiner Meinung begegneten sich die beiden Kriegsparteien auf Augenhöhe; der von vielen Beobachtern prognostizierte deutsche „Blitzsieg“ galt für Malaparte trotz des raschen Vordringens der Angreifer in den Sommermonaten des Jahres 1941 keineswegs als ausgemacht. 1. Land der Sowjets Curzio Malaparte hatte die junge Sowjetunion bereits ein Jahrzehnt vor Beginn des deutschen Feldzuges besucht, sich dabei jedoch vornehmlich in großstädtischen Ballungszentren wie etwa Leningrad aufgehalten. Daher erhielt er 1941 unter den Bedingungen des Krieges in verschiedenen deutschen Truppenteilen, motorisierten wie Infanteriedivisionen, erstmalig Gelegenheit, ländliche Regionen im Südwesten der UdSSR in Augenschein nehmen zu können. Allerdings waren die Teile Bessarabiens, die Malaparte mit den angreifenden deutschen Verbänden nun durchquerte, erst 1940 Teil der Sowjetunion geworden. Trotz massiver ideologischer Einflussnahme, einer exzessi-



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ven Umsiedlungspolitik und trotz der Deportation einer großen Zahl von Rumänen, die binnen kürzester Zeit zu einer Verschiebung der Bevölkerungsstruktur in Bessarabien zugunsten der Russen und Ukrainer beigetragen hatte, konnte die Idee des Bolschewismus hier weit weniger Fuß fassen als etwa östlich des Dnjepr. Dort waren die agrarisch-ländlichen Strukturen der Sowjetunion nach der großen Kollektivierungswelle Ende der 1920er Jahre von staatlichen (Sowchos / Sovchoz) beziehungsweise kollektiv (Kolchos / Kol­ choz) geführten Landwirtschaftsbetrieben geprägt. Grund und Boden befanden sich im Eigentum des Staates und die Kolchosen mussten vorgegebene Produktionsziffern erfüllen und Abgaben leisten. Über die Leitung der Kolchosen und Sowchosen nahm die kommunistische Partei entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung wie auf die weltanschauliche Haltung der Landbevölkerung.46 Wohl war damit die politische Widerstandskraft gebrochen, mit der Teile der Bauernschaft der Kommunistischen Partei begegneten; zu einer nachhaltigen Verbesserung der angestrebten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der neuen Agrarbetriebe, die an die Stelle der althergebrachten Familienwirtschaften treten sollten, führten diese Zwangsmaßnahmen freilich nicht. Da den Kolchosmitgliedern eine kleine Privatwirtschaft zugestanden wurde, deren Erzeugnisse auf eigene Rechnung verkauft werden konnten, verlagerte sich das Schwergewicht der individuellen Produktivität auf diesen Bereich. Die Arbeit im Kolchos trat im Vergleich zurück. Dies zog die paradoxe Situa­tion nach sich, dass am Vorabend des „Großen Vaterländischen Krieges“ die sowjetische Agrarwirtschaft und Lebensmittelproduktion mehr denn je auf die Erzeugnisse privater Nebenerwerbswirtschaft angewiesen war.47 Zwei Wochen nach Kriegsbeginn, am 3. Juli 1941, meldete sich Stalin erstmals zu Wort und forderte in einer bemerkenswerten Ansprache an die Bürger der Sowjetunion auch dazu auf, den Angreifern jegliche materielle Basis für den weiteren Vormarsch zu entziehen.48 Dies sollte durch eine systematische Evakuierung und Zerstörung der geräumten Gebiete geschehen, von der naturgemäß auch sämtliche Landwirtschaftsbetriebe betroffen waren. Es liegt nahe, dass dieser Befehl unter den Bedingungen des raschen und unkoordinierten Rückzuges nicht in jedem Fall ausgeführt werden konnte. Möglicherweise verweigerte auch so mancher Bauer derartige An46  Nach neueren Schätzungen sollen etwa sechs Millionen Menschen direkt von der Zwangskollektivierung betroffen gewesen sein. Die unmittelbar folgende Hungersnot kostete zwischen vier und sechs Millionen Menschen das Leben. Vgl. Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917–1991. München 2001, S. 36 f. 47  Vgl. ebd., S. 47 f. 48  Vgl. Radioansprache des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees J. V. Stalin vom 3. Juli 1941. In: J. V. Stalin: Werke. Bd. 14: Februar 1934–April 1945. Dortmund 1976, S. 238–242.

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weisungen aus dem Munde kommunistischer Funktionäre, bildete doch die zumeist mühselig beschaffte Technik ebenso wie die Infrastruktur des Kolchos’ die einzige Existenzgrundlage – und die mochten wohl nur wenige freiwillig vernichten. So war denn auch das Denken und Handeln eines älteren Bauern, den Malaparte am 8. Juli 1941 in einem Gehöft nordöstlich der Kleinstadt Zǎicani in Bessarabien antraf, weniger von Fragen bestimmt, die sich unmittelbar mit dem Ausbruch beziehungsweise dem Verlauf des Krieges beschäftigten, als vielmehr von den Möglichkeiten und Perspektiven, weiterhin Landwirtschaft betreiben und sich so den Unterhalt verdienen zu können.49 Offensichtlich ließ der Befragte weder mit Worten noch durch seine Haltung erkennen, dass er der von Stalin vorgegebenen Linie der Obstruktion zu folgen gewillt war, ja von ihr überhaupt Kenntnis hatte. Diese Position erklärt sich einerseits durch die regionale Spezifik, da Bessarabien eben kein konstitutiver Teil Sowjetrusslands und später der Sowjetunion gewesen war. Andererseits wirkten in jener Zeit insbesondere beim älteren Teil der Bevölkerung noch Einsichten und Erfahrungen aus vorsowjetischer Zeit nach, die – ganz im Gegensatz zu den jüngeren Menschen – die politische, ökonomische und kulturelle Entwicklung vom Zarenreich zur UdSSR sehr wohl einzuordnen wussten. Insbesondere dieser Teil der ortsansässigen Bevölkerung verband offensichtlich mit dem deutschen Einmarsch auch die Hoffnung, dass die Kolchosen und Sowchosen aufgelöst und Grund und Boden wieder privatisiert beziehungsweise den vormaligen Eigentümern zurückgegeben würden. Freilich standen dem die deutschen Planungen entgegen, die eine umfassende Ausbeutung vornehmlich der landwirtschaftlichen Ressourcen weiter Teile der besetzten Gebiete der Sowjetunion vorsahen.50 Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Malaparte mit wesentlich größeren Vorbehalten konfrontiert sah, als er einige der auf dem Gut verbliebenen jüngeren Bauern und Landarbeiter interviewen wollte. Hier wurde für ihn deutlich, dass er trotz seiner äußerlichen Andersartigkeit, die vor allem aus dem Erscheinungsbild eines Offiziers der italienischen Gebirgsjäger resultierte, und die ihn von den deutschen Soldaten wesentlich unterschied, primär doch als Feind und Eindringling gesehen wurde, dem besser mit Vorsicht zu begegnen war.51 Im Zentrum der Reportage vom 8. Juli 1941 steht jedoch eine junge Frau, die leicht als Prototyp der neuen, moMalaparte: Wolga (wie Anm. 12), S. 46–48. Wehrmacht und Besatzungspolitik (wie Anm. 41), S. 258–260; Christian Gerlach: Die deutsche Agrarreform und die Bevölkerungspolitik in den besetzten sowjetischen Gebieten. In: Ders.  /  Christoph Dieckmann  /  Matthias Hamann (Hrsg.): Besatzung und Bündnis. Deutsche Herrschaftsstrategien in Ost- und Südosteuropa. Berlin 1995, S. 9–60. 51  Vgl. Gerlach: Die deutsche Agrarreform (wie Anm. 50), S. 53–55. Alle wehrfähigen Männer sowie die verwertbaren Agrarprodukte hatte die zurückgehende Rote 49  Vgl.

50  Hasenclever:



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dernen sowjetischen Agrartechnikerin zu erkennen ist. Malaparte beschreibt sie als intelligente und fähige Landwirtin, die nichts mehr gemein hat mit den Bäuerinnen und Landarbeiterinnen der Dorfgemeinschaften des zarischen Russland.52 Die vermeintlichen Perspektiven, die sich unter der Herrschaft der Bol’ševiki auf dem Lande gerade auch für Frauen eröffnet hatten, waren insbesondere bei der jüngeren Generation weithin auf fruchtbaren Boden gefallen und hatten eine im mindesten punktuelle Identifikation mit dem kommunistischen System mit sich gebracht. Wohl ging es auch ihr vorrangig darum, den Wirtschaftsbetrieb des Gutes aufrecht zu erhalten, doch sprach aus ihrer Haltung eine tiefe menschliche Ablehnung des Krieges und der Besetzung ihrer Heimat durch die vordringenden deutschen Armeen. Zugleich war ihr Agieren von tiefer Unsicherheit im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Dinge geprägt; etwa von der Frage, ob der Landwirtschaftsbetrieb unter den neuen Bedingungen überhaupt noch in der gewohnten Form fortgeführt werden konnte, oder wie künftig der Absatz, und die Vermarktung der Agrarprodukte erfolgen sollten. Dass sich an diesen Strukturen einiges ändern würde, stand für Malaparte außer Frage, wenngleich ihm die Notwendigkeiten des modernen Krieges gut genug bekannt waren, um zu wissen, dass die deutsche Militärmaschinerie die Landwirtschaftsbetriebe in den besetzten Gebieten wohl ebenso unnachsichtig ausbeuten und mit Abgaben belasten würde, wie das zuvor die Sowjetmacht getan hatte. Überdies waren ihm die Lebensraumkonzep­ tionen, die Hitler in seiner Bekenntnisschrift Mein Kampf zu Papier gebracht hatte, in ihren Grundzügen zweifellos vertraut.53 Aus diesem Grund dürfte ihm klar gewesen sein, dass es eine selbstbestimmte Zukunft für die Bewohner der eroberten Gebiete der Sowjetunion unter deutscher Herrschaft nicht geben konnte. An dieser Stelle nimmt die Reportage eine seltsame, tragische Wendung. Denn hier hatte der im Corriere della Sera abgedruckte Bericht eigentlich sein Ende gefunden, nicht jedoch der von Malaparte seiner Zeitung ursprünglich zugesandte Text. Der Berichterstatter hatte einige Stunden nach seinem ersten Zusammentreffen mit dem älteren Bauern diesen erneut auf dem Gutshof aufgesucht, um an das erste Gespräch anzuknüpfen. Sofort war ihm dessen veränderte Haltung aufgefallen: „Der Alte sitzt unter der Tür zum Stall; ich bitte ihn um ein Glas Wasser. Er sieht mich mit erloschenem Blick an und antwortet nicht.“54 Während Malaparte Armee mitgenommen, die Felder sowie die Güter und Dörfer jedoch unangetastet gelassen. 52  Vgl. Gerlach: Die deutsche Agrarreform (wie Anm. 50), S. 53–55. 53  Malaparte hatte sich bereits im Rahmen seiner Technik des Staatsstreichs mit der NS-Bewegung und dem Putsch im Münchner Bürgerbräukeller am 9. November 1923 beschäftigt und ein vernichtendes Urteil über Hitler gefällt. 54  Malaparte: Wolga (wie Anm. 12), S. 56.

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nun selbst zum Brunnen des Gutes ging, um seinen Durst zu löschen, erkannte er „auf der Erde, vor der Mauer des Pferdestalls, ein rotes Kopftuch, zwei nackte Beine. Es ist das Mädchen; ihr Gesicht ist blutig. Ich bedecke ihr Gesicht mit meinem Taschentuch. ,Nein, du hast nichts Böses getan‘, sage ich leise.“55 Aus diesem nach Malapartes Angaben von der Zensur gestrichenen letzten Absatz, der den offensichtlichen Tod der jungen Frau thematisiert, lassen sich nähere Informationen zum Hergang der Tat, ihren Begleitumständen oder zu ihren Verursachern nicht entnehmen – selbst ihr Tod wird allein aus dem Satz „Ich bedecke ihr Gesicht mit meinem Taschentuch“ erkennbar. Es muss also offen bleiben, ob es sich hier um eine individuelle oder angeordnete Gewalthandlung deutscher, rumänischer oder gar sowjetischer Akteure gehandelt hat, und ob der Tötung möglicherweise eine Vergewaltigung vorausging. Zudem geht aus dem erst später, mit Erscheinen des Reportagebandes Die Wolga entspringt in Europa hinzugefügten Hinweis, dass dieser Absatz von der Zensur entfernt worden sei, nicht hervor, ob deutsche oder italienische Behörden für die Streichung dieses Passus verantwortlich waren. Aus naheliegenden Gründen war eine wenn auch verklausulierte Darstellung von Gewaltmaßnahmen gegen Zivilpersonen, die sich an den Kampfhandlungen nicht beteiligt hatten, für die italienische wie für die deutsche Presse und damit für die Öffentlichkeit ausgeschlossen; und dies umso mehr, als der Leser den Eindruck gewinnen konnte, einer solchen Repressalie sei eine Vergewaltigung vorausgegangen. Malaparte musste daher im Mindesten mit einer Streichung dieses Abschnittes rechnen. Tatsächlich sind auch im Rahmen des Krieges gegen die Sowjetunion die verschiedensten Formen sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen an der Tagesordnung gewesen, die sowohl von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht als auch von Soldaten der deutschen Verbündeten verübt wurden.56 Derartige und andere Gewaltmaßnahmen, etwa gegen jüdische Bevölkerungsteile der eroberten und besetzten Gebiete, die rücksichtslose Partisanenbekämpfung unter Inkaufnahme ziviler Opfer, aber auch das indifferente Agieren der deutschen Besatzungsbehörden im Hinblick auf eine Agrarreform, erzeugten 55  Malaparte:

Wolga (wie Anm. 12), S. 56. Kapitel der Geschichte der Wehrmacht wurde in der Bundesrepublik erst in der jüngsten Zeit thematisiert, während die durch die vorrückende Rote Armee an deutschen Frauen und Mädchen begangenen Massenvergewaltigungen seit langem einen fixen Topos der (west-)deutschen Nachkriegsgeschichte bilden. Bis heute weitgehend unerforscht ist hingegen das Agieren französischer, britischer und amerikanischer Militärangehöriger bei der Besetzung Deutschlands. Vgl. Birgit Beck: Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939–1945. Paderborn u. a. 2004; Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945. Hamburg 2010. 56  Dieses



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eine stille Abneigung gegen die Okkupanten, die sich im Fortgang der Besetzung nicht selten weiter steigerte und letztlich den Sowjets in die Hände spielte, von deren Vertreibung sich doch gerade die Landbevölkerung im Sommer 1941 viel versprochen hatte. Etwa einen Monat später – Malaparte hatte im Gefolge der vorstoßenden deutschen Verbände ganz Bessarabien durchquert und den Dnestr erreicht – durchstreifte er die direkt am westlichen Flussufer gelegene Kleinstadt Soroca (Soroki), die jedoch nach wie vor Ziel sowjetischer Luftangriffe war. Hier machte er die Bekanntschaft einer etwa siebzigjährigen Russin, deren bürgerlicher Habitus sich deutlich von dem sonst üblichen kollektivistisch geprägten Lebensstil absetzte, und die mit einer fünfzigjährigen Hausdame, die Malaparte zuvor in ausgezeichnetem Französisch eingeladen hatte, ein kleines Haus im Zentrum der Stadt bewohnte. Die gesamte Familie der Hausherrin war von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden, ihr Schicksal ungewiss. In dem Bericht entsteht eine Enklave bürgerlichen Lebens, die in groteskem Gegensatz zu den vom Krieg diktierten Rahmenbedingungen in einer zerstörten und weitgehend menschenleeren Stadt, aber auch zum „normalen“ Leben in der Sowjetunion steht, und die geprägt ist von den Erfahrungen und Normen einer längst vergangenen bürgerlichen Zeit. Dazu rechnet der Habitus der beiden Damen und ihrer eilig herbeigerufenen ebenso alten Bekannten gleichermaßen wie das stille Agieren eines alten barfüßigen ukrainischen Knechts in der stummen Rolle eines Hausdieners.57 Der Auftritt einer Italienerin, die sich 1927 gemeinsam mit ihrem Bruder, einem Bauunternehmer, in Soroca niedergelassen hatte, und die nun auf einen italienischen Offizier trifft, gibt der Szenerie schließlich eine weitere surreale Wendung. Nach einem längeren Gespräch mit Signora Orlandelli, währenddessen Malaparte vorgibt, ihre Familie zu kennen und in diesem Zusammenhang recht erfindungsreich vorgeht, kehrt er zu seiner deutschen Einheit zurück. „Sie stehen alle auf der Veranda und schauen uns nach, sie winken uns, und Frau Anna Ghieorgiewna Brasul winkt mit einem weißen Schleier, ja, wirklich mit einem weißen Schleier, sie bewegt ihn mit melancholischer Anmut, langsam und müde; und als wir um die Straßenecke biegen und vor meinen Blicken sich das Szenarium der zerschossenen Stadt auftut, und die Straße voller Trümmer, da ist mir, als sei ich zu den Lebenden zurückgekehrt. Mir ist etwas traurig zumute, wenn ich an diese Gespenster aus einer anderen Zeit denke, hier an der Schwelle zu einer zerstörten Welt. Ich glaube, sie können jetzt nicht mehr hoffen, nur die Erinnerung ist ihnen geblieben, eine weit zurückliegende Erinnerung, das einzig Lebendige und Unversehrte in dieser toten Stadt.“58 57  Vgl.

58  Ebd.,

Malaparte: Wolga (wie Anm. 12), S. 79–81. S. 84.

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Zweifelsohne stellt sich angesichts dieser Konstellationen die Frage nach der Authentizität des beschriebenen Ereignisses. Unstrittig scheint hingegen die mit der Reportage verbundene Aussage: Ja, in der Sowjetunion, zumal in den nicht lange zuvor annektierten Gebieten an der westlichen Peripherie, existierte auch noch zu Anfang der 1940er Jahre ein bürgerlich sozialisiertes Milieu, das sich in seinem Verhalten, seinen Normen und Wertvorstellungen deutlich vom propagierten Modell des „sozialistischen Menschen“ unterschied. Die hier implizierte Wertung und Kategorisierung als „Gespenster“ lässt dennoch keine Zweifel an der Haltung Malapartes zu. Wohl versuchen diese Menschen sich angesichts der Verwüstungen, die unter der Herrschaft Stalins angerichtet wurden, wie der aktuell durch den Krieg verursachten Zerstörungen zu behaupten, doch handelt es sich seiner Ansicht nach um Akteure einer vergangenen und ein für alle Mal abgeschlossenen Zeit. Gleichwohl lässt diese Aussage einigen Interpretationsspielraum offen, denn einen expliziten Hinweis darauf, von wem die nun folgende neue Zeit dominiert würde, vom Modell des deutschen Nationalsozialismus oder dem des Bolschewismus, findet der Leser der Reportage nicht. Ablesbar scheint vorerst allenfalls, dass es eine Rückkehr zu den tradierten bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen unter deutscher Herrschaft nicht geben werde, noch weniger aber unter der der Sowjets. Zu einem vergleichbaren Befund konnte der Leser des Corriere della Sera bei der Lektüre einer Reportage gelangen, die Malaparte am 12. August 1941 in dem ukrainischen Dorf Vil’šanka (Olschanka) geschrieben hatte. Nach einer mühseligen Fahrt war die gepanzerte Kolonne des deutschen Heeres, der Malaparte sich angeschlossen hatte, am Vormittag in dem Dorf angekommen. Auf seinem Streifzug wurde er Zeuge, wie eine Gruppe älterer Ukrainer aus Frauen und Männern damit beschäftigt war, die als Lagerraum zweckentfremdete Kirche, die sich auf dem zentralen Platz des Ortes befand und unmittelbar an den Gebäudekomplex der örtlichen Kolchose grenzte, zu säubern und die alten, silberbemalten Holzkandelaber zu reinigen. Dieses Phänomen einer sofort mit dem Rückzug der Sowjets wiederaufkommenden offenen Hinwendung vor allem der älteren Menschen zum Glauben war Malaparte bereits unmittelbar nach dem Eindringen der deutschen Verbände in die Ukraine aufgefallen und galt ihm als ein Indikator für „das religiöse Problem in Sowjetrussland […] in all seiner Komplexität und Bedenklichkeit“.59 Malaparte wird im Folgenden gemeinsam mit zwei deutschen Offizieren Zeuge eines Streites zwischen älteren und jüngeren Dorfbewohnern, die die Tätigkeit ihrer Eltern eher aus Respekt denn aus eigener religiöser Anteilnahme verfolgen. Einer der Jungen klärt Malaparte und seine Begleiter darüber auf, dass die Kirche bereits leer gestanden habe, 59  Malaparte:

Wolga (wie Anm. 12), S. 113.



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bevor sie von den Bol’ševiki als Magazin und Silo für Soja- und Sonnenblumensamen genutzt worden sei, wovon die Älteren jedoch nichts mehr wissen wollen.60 Die Haltung der Jungen und Mädchen verkörpert dabei weniger eine offene Ablehnung als vielmehr ein großes Maß von Desinteresse an Fragen des Glaubens. Die drei Offiziere sind sich einig: „Die neue Generation, die nach 1917 Geborenen, haben keinerlei Interesse an religiösen Problemen. Sie wissen überhaupt nichts von Religion und, um es mit dürren Worten zu sagen, sie pfeifen darauf. Sie haben sicher keine Angst vor der Hölle.“61 Tatsächlich hatten die bolschewistischen Machthaber in zwei Phasen, zu Anfang sowie ausgangs der 1920er und während der frühen 1930er Jahre einen grausamen „Kulturkampf“ gegen sämtliche religiöse Strömungen im Lande geführt. Davon war neben der orthodoxen und der unierten Kirche im Übrigen auch der Islam betroffen. Allein während der zweiten Verfolgungswelle wurden schätzungsweise 80.000 Geistliche aller Religionen ermordet.62 Damit war es Stalin gelungen, die Religion insbesondere aus den urbanen Ballungszentren Russlands wie der anderen Republiken zu eliminieren. Für die ländlichen Gebiete der Sowjetunion galt dies jedoch nur sehr eingeschränkt. Zweifellos rechnete Stalin auch auf diesem Feld mit der normierenden Wirkung, welche die von den Bol’ševiki gebraute Melange aus ideologischer Einflussnahme und Gewalt auf das Denken und Fühlen der Russen wie der anderen Völker der UdSSR entfalten würde, und die offenbar bei den Jüngeren auf fruchtbaren Boden fiel. Die vorrückenden deutschen Truppen hatten das mit ihrer Ankunft unmittelbar wieder auflebende religiöse Leben, ja die tiefe Dankbarkeit vieler Ukrainer, sehr wohl bemerkt und waren davon nicht unbeeindruckt geblieben, da nicht allein die deutschen militärischen Befehlshaber davon ausgegangen waren, dass die restriktive Religions- und Kulturpolitik Lenins und Stalins an den Menschen nicht spurlos vorübergegangen sein konnte.63 Wohl hatten die Wehrmachtskommandeure diese Haltung eines Großteils der Einheimischen mit Anerkennung registriert, und die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete setzten einiges daran, dies zu fördern und für ihre Zwecke auszunutzen. Allerdings stießen etwa Karl (1880–1949) und Franz von Roques (1877– 1967) sowie Max von Schenckendorff (1875–1943) mit ihren Vorhaben, in den von ihnen verwalteten Gebieten unter aktiver Einbeziehung der orthodoxen und griechisch-unierten Geistlichkeit eine gezielte Kirchen- und Re60  Vgl.

ebd., S. 116. S.  116 f. 62  Vgl. Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. 2. Aufl. München 2012, S. 160. 63  Unter Verweis auf einschlägige Meldungen vgl. Hasenclever: Wehrmacht und Besatzungspolitik (wie Anm. 41), S. 272. 61  Ebd.,

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ligionspolitik zu betreiben, auf die strikte Ablehnung Hitlers und Rosenbergs. Hitler verbot der Militärverwaltung schließlich jegliche Einmischung in Fragen der Kirchenpolitik und überließ sie damit den in den besetzten Gebieten wirkenden deutschen Zivilverwaltungen und der SS. Die aus dieser Entscheidung resultierende Abkehr von einer Kooperation mit den Religionsgemeinschaften und die unter dem Deckmantel einer vorgeblichen Religionsfreiheit forcierte anti-kirchliche Politik deutscher Dienststellen trug entscheidend zu einem allmählichen Vertrauensverlust der ukrainischen Bevölkerung gegenüber den Deutschen bei.64 Nachdem die Bauern des Dorfes Vil’šanka in der von Malaparte beschriebenen Szenerie das Kirchengebäude gereinigt und die verbliebenen liturgischen Gegenstände wieder an ihren angestammten Platz gebracht hatten, konfrontierten sie den italienischen Offizier, der ihr eifriges Wirken aufmerksam verfolgt hatte mit der Frage, ob denn nun auch der Pope zurückkäme, den die Bolschewisten bereits zwölf Jahre zuvor nach Sibirien deportiert hatten. Ohne ihn sei es unmöglich, die Kirche erneut zu weihen. Rasch wird deutlich, dass sich mit dieser Frage das Schicksal der Kirche und der dörflichen Religionsgemeinschaft aufs Neue entscheiden musste. Daran kann auch die von einem alten Bauern eilends herbeigeschaffte und für den Kirchturm bestimmte Glocke nichts ändern, die er kurz zuvor dem Halsband einer weidenden Kuh abgenommen hatte, und die nun „ihren ernsten, neuen, freundlichen Klang“ herabsendet.65 Da jedoch die Rückkehr des Popen aussteht, scheinen die Bemühungen der älteren Mitglieder der Dorfgemeinschaft, das religiöse Leben ihres Ortes neu zu beleben, letztlich vergebens. An dieser Stelle endete der im Corriere della Sera abgedruckte Text und ließ den zweifellos religiös geprägten italienischen Leser ratlos zurück. Allerdings wurde auch dieser Bericht Malapartes von der Zensur gekürzt; denn der letzte Absatz, der der beschriebenen Szene eine endgültige Wendung gibt, wurde entfernt: „Während wir auf das Geläut der Glocke hören, macht eine deutsche Artillerie-Einheit vor der Kirche halt. Ein Offizier sitzt ab, gibt Befehl, die Pferde auszuspannen, und geht in die Kirche. Er kommt nach kurzer Zeit zurück und befiehlt mit harter Stimme: ,Bringt die Gäule in die Kirche.‘ Die alten Bäuerinnen bekreuzigen sich, die alten Bauern senken das Haupt, sie gehen schweigend von dannen. Die Jungen schauen mich an und grinsen.“66 Malaparte ist es in dieser Reportage zweifellos ausgezeichnet gelungen, die wiederauflebende Religiosität immerhin des älteren Teils der ukrai­ nischen Landbevölkerung einzufangen und seiner Leserschaft damit zugleich 64  Vgl.

Hasenclever: Wehrmacht und Besatzungspolitik (wie Anm. 41), S. 276. Wolga (wie Anm. 12), S. 121.

65  Malaparte: 66  Ebd.



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zu vermitteln, dass es – wie eben auf dem Feld der Religion – ungeachtet der Jahrzehnte währenden Herrschaft der Bol’ševiki durchaus verbindende Elemente zwischen den Völkern im Osten und im Westen Europas geben konnte. Im letzten und zensierten Teil seiner Reportage vom 12. August 1941 wagt er einen in seiner Position als offizieller italienischer Kriegskorrespondent überaus bemerkenswerten Vergleich: Er stellt deutsche Soldaten – in diesem Fall einen Offizier – auf eine Stufe mit den Bol’ševiki. Die Kommunisten haben das