Der liebe vnd werthe Fried: Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit 9783412221423, 3412221422

Wie dachten frühneuzeitliche Menschen über den Frieden, wie über den Krieg, wie über diejenigen, die sich »neutral« aus

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Der liebe vnd werthe Fried: Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit
 9783412221423, 3412221422

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FORSCHUNGEN ZUR KIRCHLICHEN RECHTSGESCHICHTE UND ZUM KIRCHENRECHT Begründet von H. E. FEINE, J. HECKEL, H. NOTTARP Herausgegeben von Andreas Thier und Heinrich de Wall

32. Band

Der liebe vnd werthe Fried Kriegskonzepte und Neutralitäts­vorstellungen in der Frühen Neuzeit

von

Axel Gotthard

2014 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.

Umschlagabbildung: Dreißigjähriger Krieg 1618–1648. »Raubende Soldateska«. Holzstich nach einer Radierung von Hans Ulrich Franck, 1643. © akg-images.

© 2014 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Gesamtherstellung: WBD Wissenschaftlicher Bücherdienst, Köln Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier. ISBN 978-3-412-22142-3

Inhalt

Vorworte, Fragestellungen ........................................................................... 13 A. Kein goldener Rahmen: was wir über die Voraussetzungen von Krieg und Frieden so alles nicht wissen .......................................................... 19

1. »Qui bellum dixit, malum omne dixit«? Zur Wertschätzung des Friedens in der Vormoderne ...................................................................... 21 1.1 Was uns befremden könnte ........................................................ 21 1.2 Hat der Frieden einen moralischen Bonus? ............................... 23 1.2.1 Tour d’horizon durch die vormoderne Publizistik ..................... 23 1.2.2 Wie dachten die Entscheidungsträger über den Frieden?.......... 40 1.2.3 Läßt sich eine Verlaufskurve der Wertschätzung des Friedens nachzeichnen?............................................................................ 51 1.2.3.1 »Dulce bellum inexpertis«. Wird der Diskurs der Neuzeit zu friedlicher oder vielstimmiger? ................................ 51 1.2.3.2 »Ausser Ainigkait des Glaubens, kain beständiger Frid«. Ist der interkonfessionelle Frieden nur Waffenstillstand? .......... 56 1.2.3.3 »Zwischen Hundt vnd Katzen«. Ist der politische Frieden anthropologisch verfehlt? ............................................. 60 1.2.3.4 »Fides Haereticis servanda«. Das universalhistorische Dilemma der Erwartungsverläßlichkeit spitzt sich zu ............... 63 1.2.3.5 »Die Recht sind vmb Friedens willen gemacht«. Machen Kriegserfahrungen friedfertig?..................................... 75 1.2.3.6 Ausblicke .................................................................................. 80 1.3 Gilt Frieden als Normalzustand? ................................................ 83 1.3.1 Der offizielle und der subjektive Kriegszustand ......................... 83 1.3.2 Seitenblicke auf die Guerre de la plume .................................... 89 1.3.3 Die Gefährdung des »ordo« ...................................................... 98 2. »Hier streitet Gott und der Teufel«? Zur Säkularisierung des Krieges .... 103 2.1 Die Säkularisierung der Doktrin ................................................ 103 2.1.1 Die Kriegsschuldfrage verliert ihre theologische und ethische Brisanz ........................................................................ 103 2.1.1.1 Der Ausgangspunkt: »Hier streitet Gott und der Teufel« ...................................................................................... 103 2.1.1.2 Das Ius ad bellum büßt Prägnanz und intellektuelle Anziehungskraft ein ................................................................. 107

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Inhalt

2.1.1.3 Die »Trennung von Moral und Politik« .................................... 113 2.1.2 Zur gewundenen Verlaufskurve................................................. 120 2.1.3 Gab es einen Resakralisierungsschub?........................................ 126 2.1.3.1 Die »idea that God commands certain wars«............................. 128 2.1.3.2 Ein erster Siedepunkt konfessioneller Emphase: die Jahre um 1620 ..................................................................... 135 2.1.3.3 Ein zweiter Siedepunkt konfessioneller Emphase: die frühen 1630er Jahre ............................................................. 144 2.1.3.4 Ein Blick in weitere Teile Europas ............................................ 154 2.1.3.5 Militante Kritik am »Bluetdurst« .............................................. 156 2.1.4 Anhangsweise: einige weltgeschichtliche Betrachtungen .......... 161 2.1.4.1 Ist das Oszillieren zwischen dem erlaubten und dem gebotenen Krieg eine universalhistorische Konstante? .............. 161 2.1.4.2 Erleben wir eine Renaissance des Gerechten Kriegs? ................ 165 2.2 Eine Säkularisierung der Kriegspraxis? ...................................... 172 2.2.1 Forschungsspuren...................................................................... 172 2.2.2 Weltanschauung als parteibildender Faktor............................... 178 2.2.3 Ein »Zeitalter der Glaubenskriege«?.......................................... 185 2.2.3.1 Frühe deutsche Konfessionskriege ............................................ 185 2.2.3.2 »A final apocalyptic clash«: Blicke in Europas Nordwesten und Westen ........................................................... 193 2.2.3.3 Der große deutsche Konfessionskrieg........................................ 197 2.2.4 »Machiavellus gallicus«: Schrittmacher Frankreich?................... 210 2.2.4.1 Ein Clash of cultures................................................................. 210 2.2.4.2 Auto- und Heterostereotypen.................................................... 213 2.2.4.3 Die Hohe Schule des Zynismus................................................. 216 2.2.4.4 Auch die Memoria wird entkonfessionalisiert............................ 224 2.2.4.5 Resümee und Ausblicke............................................................. 226 3. Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten ............................ 232 3.1 »Ehre« und vormoderne Bellizität .............................................. 232 3.1.1 Säkularisierung als Rationalisierung? ........................................ 232 3.1.2 Ruhm, Ehre, Gloire .................................................................. 235 3.1.3 Eine kriegstreibende mentale Disposition der Vormoderne?............................................................................. 238 3.1.4 Eine Epoche der »Ehrensucht«?................................................ 247 3.2 Vertrauenerweckend: die trügerischen Schlagworte »Gleichgewicht« und »Staatensystem« ....................................... 252 3.2.1 Die »Balance of Power«, oder: ein Running Gag der Geschichte der Internationalen Beziehungen ........................... 252 3.2.2 Ein »System« aus »Staaten«?...................................................... 259

Inhalt

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3.2.3 Wann war das Völkerrecht »klassisch«?......................................... 271 3.3 Zur Verlaufskurve zwischenstaatlicher Erwartungsverläßlichkeit . 272 4. Einige methodische Bemerkungen ........................................................... 279 B. »Guerra di stato« oder »guerre de religion«? Zur Wahrnehmung des böhmischen Aufstands in Europa ........................................................... 292

1. Die »Torheit der Regierenden«, oder: was zeitgenössische Akteure und was Historiker für wichtig halten ...................................................... 292 2. Religionskrieg oder Rebellion? Die Deutungsangebote der unmittelbar Beteiligten an Europas Höfe ..................................................................... 295 3. Um »Religion« oder »Region«? Die Interpretationsarbeit der Flugschriften ............................................................................................. 299 4. Wahrnehmungsmuster der Entscheidungsträger ...................................... 310 4.1 Divergierende Deutungen – zum Beispiel Wettin ........................ 310 4.2 Wahrnehmungsweisen außerhalb des Reiches .............................. 316 4.2.1 »Guerra di stato«: Deutungsmuster Jakobs I. von England............ 316 4.2.2 »Guerre de religion«: Deutungsmuster an der Seine...................... 322 4.2.3 Ein Rundblick.............................................................................. 325 4.3 Wahrnehmungsweisen im Reichsverband ..................................... 326 4.3.1 Der Fenstersturz in evangelischer Wahrnehmung......................... 326 4.3.2 Die böhmische Königswahl in evangelischer Wahrnehmung ............................................................................. 332 4.3.3 Katholische Beobachter ............................................................... 337 5. Zwei Nachträge ......................................................................................... 343 5.1 Geschichte als Argument ............................................................... 343 5.2 Ein Desiderat: Wahrnehmungsmuster außerhalb der Rats- und Gelehrtenstuben ............................................................................. 351 C. Akzeptanzprobleme der vorklassischen Neutralität ............................... 353

1. Aktuelle und forschungsgeschichtliche Zugänge ..................................... 1.1 Wie wir die Neutralität kennen ..................................................... 1.2 Das forschungsgeschichtliche Manko ........................................... 1.3 Einzelne Veröffentlichungen – ein Überblick ............................... 1.4 Aufschlußreich: welche Fragen nach wie vor offen sind ...............

353 353 363 367 385

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Inhalt

1.4.1 Wann verdichten sich Verhaltenserwartungen zu Normen?....... 385 1.4.2 Der langwierige Abschied von binären Codes............................ 387 1.4.3 »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt« ............................................................................ 392 1.5 Was diese Studie vielleicht leisten kann und was sicher nicht ... 395 2. Die Bewertung der Neutralität in Druckwerken ...................................... 398 2.1 Wider das »abscheuliche Monster der Neutralitet«: die Polemik der Flugschriften ........................................................................ 398 2.1.1 Was sollen uns Flugschriften? ................................................... 398 2.1.2 Zwischen Widerstands- und Neutralitätsdiskurs ...................... 399 2.1.3 Zwischen konfessionspolitischer und militärischer Neutralität ................................................................................ 403 2.1.4 »Welcher nur halb vnsers Herr Gotts seyn will, der ist gar des Teuffels«: eine erste Aufgipfelung der Neutralitätskritik....................................................................... 408 2.1.5 »Der HErr Christus verwirfft die Neutralitet«: die zweite Aufgipfelung der Neutralitätskritik............................................ 417 2.1.6 Ein Blick über den Kanal........................................................... 423 2.1.7 Die Überwindung des Konfessionellen Zeitalters im Spiegel der Neutralitätsdiskurse ............................................................ 425 2.1.7.1 Beiläufigkeit kehrt ein ............................................................... 425 2.1.7.2 Neutralitätskritik kommt ohne »Teuffel« und »Hölle« aus ........ 430 2.1.7.3 Moralisch einwandfrei oder gewitzt? Multiperspektivität wird möglich ............................................................................. 434 2.2 »Neutralitas stultitia est«: politologische Pionierwerke, Dissertationen ............................................................................. 437 2.2.1 Tour d’horizon durch die europäische Gelehrtenrepublik ......... 437 2.2.2 Exkurs in ihre Zettelkästen ....................................................... 446 2.2.3 Die deutsche Politikwissenschaft .............................................. 449 2.2.4 Der Niederschlag in Dissertationen .......................................... 460 2.2.5 Seitenblick in Sentenzensammlungen ....................................... 472 2.3 »Ius necessitatis« oder »ius gentium«? Die späte Begriffskonturierung im völkerrechtlichen Diskurs ................... 474 2.4 Fragen quer zu den Gattungsgrenzen ........................................ 486 2.4.1 Moralischer Defekt oder Rechtsfigur?....................................... 486 2.4.1.1 Das fortwährende Renommeedefizit ......................................... 486 2.4.1.2 Der Verrechtlichungsprozeß ..................................................... 489 2.4.1.3 Die »Politica« – nichts als überlanger Anlauf zum Völkerrecht? .............................................................................. 494 2.4.2 »Wetterhanen« oder stabile Äquidistanz?................................... 496

Inhalt



2.4.3 2.4.4 2.4.4.1 2.4.4.2 2.4.4.3 2.4.5 2.4.6

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Ist jedes Staatswesen jederzeit zur Neutralität berechtigt?......... 505 Soll der Neutralenstatus vor Kriegsunbilden schützen? ............. 512 Zum Beispiel: Truppentransfers; das »grotianische« Erbe ......... 512 Der Eigentumsbegriff des Hugo Grotius wird fraglich.............. 515 Andere Problemfelder ............................................................... 522 Schützt der Neutralenstatus vor Kriegsunbilden? ...................... 525 Zwei kleine Epiloge .................................................................. 529

3. Zur Praxis der Neutralität ......................................................................... 535 3.1 Noch einmal: was diese Studie nur streift und was sie fokussiert ..................................................................................... 535 3.1.1 Neutralité, neutralità, neutrality. Ein europäischer Rundblick ... 535 3.1.1.1 Das Quellenproblem ................................................................. 535 3.1.1.2 Warum eidgenössische Außenpolitik für diese Studie unergiebig ist ................................................................. 537 3.1.1.3 Vielfältige vormoderne Neutralitätstraditionen ......................... 546 3.1.2 Rechercheschwerpunkte ........................................................... 555 3.1.2.1 Die späten Kriege Karls V. ........................................................ 555 3.1.2.2 Die Zeit der zugespitzten konfessionellen Konfrontation ........................................................................... 566 3.1.2.3 Der Dreißigjährige Krieg .......................................................... 570 3.1.2.4 Seitenblicke: der Erste Nordische Krieg ................................... 579 3.1.2.5 Der Holländische Krieg ............................................................ 582 3.1.3 Einige Beobachtungen im näheren Umfeld von Neutralitätsverträgen ................................................................ 587 3.1.3.1 »Gratia indulsimus«: kein abrufbares Recht, sondern Gnadenerweis ............................................................. 587 3.1.3.2 Zum Beispiel: die »rudes conditions« des Schwedenkönigs Gustav Adolf ................................................. 589 3.1.3.3 »Papier und Dinte«: Neutralitätsverträge schaffen auf beiden Seiten keine »Gewißheit« ........................................ 596 3.1.3.4 »Sera toûjours prest à donner des preuves de son affection«: der Neutralfreund ist stets zu Diensten .................... 601 3.2 Die Akzeptanzprobleme der Neutralität im Spiegel diplomatischer Akten ................................................................. 607 3.2.1 Beispielsweise: Eine Fußnote zum Dreißigjährigen Krieg ........ 607 3.2.2 Um Neutralität muß man »bitten«............................................. 613 3.2.2.1 »Ich will von keiner neutralität nichts wissen noch hören«: Fundamentalkritik an Neutralitätserklärungen ......................... 613 3.2.2.2 »Ob er fraindt oder feindt sein wölle«: zur Reaktion auf Neutralitätserklärungen im Schmalkaldischen Krieg................... 616

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Inhalt

3.2.2.3 »Von ainer solchen gemainen sach nit absonndern«: zur Reaktion auf Neutralitätserklärungen im Fürstenkrieg ........ 621 3.2.2.4 »Welcher uns am Narrenseil so lang herumgeführt«: zur Reaktion auf Neutralitätserklärungen im Dreißigjährigen Krieg ............................................................... 625 3.2.2.5 »Was für schädliche frücht«: zur Reaktion auf Neutralitätserklärungen im Holländischen Krieg ...................... 633 3.2.3 Unklare Begriffskonturen........................................................... 637 3.2.3.1 Der sachliche Umfang neutraler Indifferenz als Variable des Machtgefälles ........................................................ 637 3.2.3.2 Keine Äquidistanz .................................................................... 657 3.2.4 Kein Schutz der territorialen Integrität des Neutralen .............. 675 3.2.4.1 Drei Indikatoren ....................................................................... 675 3.2.4.2 »Menigelichen plindt unnd alles genommen«: Beobachtungen im 16. Jahrhundert ........................................... 680 3.2.4.3 »Landt unnd Leutte außgemergelet«: Beobachtungen im Dreißigjährigen Krieg .......................................................... 687 3.2.4.4 Die »raison de guerre« der Söldnerführer .................................. 693 3.2.4.5 »Das sich die underthonnen sobaldt nicht erhollen dürffen«: Beobachtungen im Holländischen Krieg .................................. 695 4. Topoi des vormodernen Neutralitätsdiskurses .......................................... 4.1 Neutralität ist unklug .................................................................. 4.2 Neutralität ist unehrenhaft ......................................................... 4.3 Neutralität ist sündhaft ...............................................................

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5. »Moyenner la paix« – kompensieren Friedensvermittlungen das Sicherheits- und Ehrdefizit? ..................................................................... 729 5.1 Politisches oder militärisches Schutzschild? .................................. 730 5.1.1 Neutralität, Frieden und Vermittlung in der Publizistik ............... 730 5.1.2 »Die gutte unnd gegenrustung sich nit wol neben eynander gedulden«: was sich Akten des 16. Jahrhunderts von der Vermittlerpose erhoffen ............................................................... 736 5.1.3 »Da wissen wür Jhnen dermahlen hierinfahls nichts specials vorzuschreiben«: die Vermittlerpose in Akten des 17. Jahrhunderts ........................................................................... 742 5.1.4 »Armirte« Neutralität und »tiers parti« ........................................ 751 5.2 Diplomatische Einigelung oder erhöhte politische Aktivitäten? .. 759 5.2.1 Das Quellenproblem; und einige Schlaglichter ............................ 759 5.2.2 Für die »salvirung unserer landen, benebens erhaltung rechter neutralitaet«: der mikroskopische Blick auf ein Beispiel ............... 763

Inhalt

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6. Zugleich ein Resümee: konzeptionelle und strukturelle Gründe für das Akzeptanzproblem vormoderner Neutralität ..................................... 774 6.1 Schimpf und Schande – Neutralität verscherzt »Ehre« und »Ruhm« ................................................................................ 775 6.2 Sündenbesudelt – Neutralität verscherzt das Seelenheil ............ 785 6.2.1 »Let cursed neutrality go to Hell« ............................................. 785 6.2.2 Ein Indikator für Säkularisierungsprozesse?.............................. 799 6.2.3 Noch einmal: die Beharrungskraft binärer Codes ..................... 811 6.3 »Papier und Dinte« – das Problem der Erwartungsverläßlichkeit ............................................................ 813 6.3.1 Neutralität ist nicht völkerrechtlich bewehrt ............................. 813 6.3.2 Ein Indikator für die Ausformung des regelgesteuerten modernen Staatensystems?........................................................ 817 6.3.2.1 Der neue Götze »souveraineté« ................................................. 817 6.3.2.2 Und das Gleichgewicht?............................................................ 824 6.4 »Neutralitet wider das oberhaupt« – Neutralität verstößt gegen »gehorsam« und »trew« ............................................................... 828 6.4.1 Präliminarien; und einige weitere Seitenblicke aufs Baltikum ................................................................................... 828 6.4.2 »Comme prince electeur et nre vassal et du st empire«: Neutralität und Lehnsbande im 16. Jahrhundert........................ 832 6.4.3 Neutralität zwischen territorialer »ratio status« und Reichspatriotismus ................................................................... 837 6.4.3.1 Inwiefern Wiener Gehorsamsappelle in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wirkten und wo nicht .................... 837 6.4.3.2 Patriotische versus Friedensdiskurse: Beobachtungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts................................ 847 6.4.4 Ausblicke .................................................................................. 855 6.5 Schlußbetrachtung ...................................................................... 866 Quellen- und Literaturverzeichnis ............................................................... 877 Verzeichnis der Personen und wichtiger Sachbetreffe ............................... 942

Vorworte, Fragestellungen

Daß es einem eines Morgens in der Duschkabine zufliegt oder plötzlich beim Smalltalk mit der Lektorin im Raum steht: das soll ja vorkommen. Manche Themen trägt man indes ein halbes Leben lang mit sich im Kopf herum, was die Sache nicht einfacher macht. Denn wenn die im Lauf der Jahre labyrinthisch verwucherten Gedanken dann endlich, endlich aufs Papier gebracht werden sollen, dann wollen der volle Kopf und das leere Blatt nicht recht zueinanderfinden. Das Gedankengestrüpp will nicht mehr in Reih und Glied. Dies ist so ein Buch mit wundersam verschlungenen Wurzeln. Sein Verfasser begann über manche Merkwürdigkeiten des Aktenbegriffs »neutralitet« zu staunen, als er sich überhaupt zum ersten Mal wissenschaftlich mit der Vormoderne beschäftigte. Tatort war das Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Die Mental map verlegt es tief unter die Erde, ein Bunker, tageslichtfreie Fron zwischen dicken Kerkerwänden. Andere mögen einwenden, es handle sich um ein modern und zweckmäßig errichtetes Funktionsgebäude, und übrigens liege der Benützersaal im ersten Stock, doch das tut nichts zur Sache. Die Wochen waren damals, nach 1985, zweigeteilt. Manche Tage gehörten der archivalischen Recherche für die Doktorarbeit über württembergische Außenpolitik im frühen 17. Jahrhundert; andere, weil diese finanziert werden mußte und sich dann ein Brotberuf anschließen sollte, dem Tagesjournalismus. Stand keine Urlaubsvertretung bei der »Gmünder Tagespost«, keine Reportage für eines der größeren schwäbischen Blätter (wie die damals vortreffliche »Stuttgarter Zeitung«) dem Gang ins Archiv im Wege – und den Gemeinderat für den »Reutlinger Generalanzeiger« konnte man ja abends dranhängen –, dann stieg ich also, diese Erinnerung muß man mir lassen, hinab, tief hinab in den Kerkerkeller zu den Akten. Es gab einen umfangreichen zentralen Bestand für mein Thema: natürlich, wie könnte ich es je vergessen, A90A – vierzig Tomi zu jeweils etwa tausend Blatt. Bevor man sie aufschlug, mußte man brüchige Kordeln entknoten, und weil das 350 Jahre lang niemand getan hatte, rieselte beim Umblättern so viel Sand aus den Wälzern, daß man damit abends, vor dem Schritt in die Freiheit, mit den Armen immer ein kleines Sandhäufchen zusammenfegen konnte. A90A, »Unionsakten«: schon ein Zeitgenosse hatte den Auslesebestand chronologisch geordnet, und so konnte ich die württembergische Außenpolitik seit 1608 buchstäblich Tag für Tag rekonstruieren. Natürlich kam später vieles aus anderen Beständen und anderen Archiven hinzu1, aber in der Erinnerung zieht sich die Recherche auf »A90A« zusammen. An einem Tag in den 1980er Jahren 1 Nicht nur, weil die in A90A versammelten Quellen ohnehin lediglich die Jahre der Union von Auhausen, also bis 1621 dokumentieren. – Heraus kam dieses Buch: Axel Gotthard,

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Vorworte, Fragestellungen

erlas ich mir so zehn oder fünfzehn Tage des frühen 17. Jahrhunderts, schön einen nach dem anderen, mitsamt dem routinierten oder aufgeregten Hin und Her diplomatischer Missionen, den dafür entworfenen Propositionen, den hinterher erstatteten Relationen: alles in allem Mühsal, wie sie schon damals nur die Aussicht, all die toten Buchstaben hinterher in eigenen Worten wieder verlebendigen zu können, erträglich gemacht hat; Mühsal, für die später, und schon in der Habilitationszeit, Energie wie Ausdauer nicht mehr vorhanden sind; Mühsal, die modularisierten Studenten und Doktoranden abzuverlangen heutzutage nicht mehr politisch korrekt wäre. Historiker auf der Höhe der Zeit zeichnen sich ohnehin durch die Konsequenz aus, mit der sie anstößige Archivarbeit meiden. Tag auf Tag, Woche für Woche ..., und dann ahnt man ja anfangs kaum, was sich einmal als Spreu herausstellen, deshalb jetzt ganz vergebens exzerpiert wird (und insofern – diese Einbildung muß man den Mühseligen der Archive lassen – auf immer toter Buchstabe zwischen Aktendeckeln bleiben muß). Man weiß anfangs nicht, welche Motive wiederbegegnen werden, sich zu jenen Denkstrukturen und Handlungsmustern aufbauend, denen man später einmal seine Kapitel widmet. In der Flut der Daten, Fakten, Begriffe wurde mir irgendwann, wohl viel zu spät, ein Terminus im doppelten Wortsinn merkwürdig: die »neutralitet«. Ich begann, die Fundstellen, Kontexte und (für mich zunächst ganz eigenartigen) Konnotationen festzuhalten. Ist man einmal auf den Begriff aufmerksam geworden, der in der Literatur zum Dreißigjährigen Krieg überhaupt keine Rolle spielt, findet man ihn erstaunlich häufig in den Akten. Viele damalige Politiker trösteten sich, von der Aussicht auf den befürchteten, den möglichen, den wahrscheinlichen Konfessionskrieg2 verschreckt, mit ihrer dann hochzuhaltenden »neutralitet«, suchten sich, als die Kampfhandlungen tatsächlich Mitteleuropa erreichten, also seit 1619, unter Berufung auf ihre »neutralitet« herauszuhalten. »Neutralitet«: das war einerseits ein ganz geläufiger Terminus des damaligen außenpolitischen Diskurses. Andererseits ein ziemlich suspekter – das eben war es, was mich dann doch auf diesen Terminus aufmerksam gemacht hat: die verächtliche Herablassung, mit der die um die Gewährung von »neutralitet« angeflehten Kriegsparteien auf diesen Begriff reagierten, den ich zwar so tief in der Vergangenheit gar nicht gesucht hätte, der aber doch andererseits in meiner

Konfession und Staatsräson. Die Außenpolitik Württembergs unter Herzog Johann Friedrich (1608–1628), Stuttgart 1992. 2 Er schwebte seit 1608 jedem Politiker vor Augen, der Augen hatte zu sehen; wer das als »Krieg-in-Sicht-Krise« verulken oder überhaupt abstreiten will, kennt die Akten nicht. Aber das ist hier nicht mein Thema.

Vorworte, Fragestellungen

15

eigenen Gegenwart durchgehend »wertneutral« verwendet wurde (im beginnenden 21. Jahrhundert noch wird?3). Irgendwann, wohl viel zu spät, begann ich also, eine kleine Sammlung anzulegen. Es wurde damals kein Buchkapitel daraus, die Zusammenstellung blieb Materialstäpelchen, verstaubte irgendwo. Was lag schon daran? Ich würde mir mein Gehalt als Journalist nicht mit der Kriegsethik des frühen 17. Jahrhunderts verdienen können. Nachdem sich in einer der verrücktesten Wochen meines Lebens binnen Tagen hatte herausstellen müssen, ob ich denn nun lieber als Volontär einer großen Tageszeitung nach Frankfurt oder aber als Habilitand eines kleinen geschichtswissenschaftlichen Instituts nach Erlangen ziehen wolle, landeten die Zettel in einem Ordner, der Ideen für künftige Aufsätze barg. Alle Berufswissenschaftler besitzen wohl solche Ordner, und Aufsätze werden recht selten daraus: denn welch schreckliche Vorstellung, die Sammlung köstlicher Ideen könnte sich vor dem 80. Geburtstag leeren! Ich habe mich danach viele Jahre lang nicht mehr konzentriert mit außenpolitischen Fragen befaßt. Das der Neutralität gewidmete Stäpelchen wuchs sich trotzdem zum kleinen Stapel aus: Man recherchiert nach irgendwelchen anderen Sachverhalten, stolpert unvermutet über die »neutralitet«, macht eine kurze Notiz, und ab in den Ideenordner! Es geht gar nicht anders, nicht, ehe eines vermutlich fernen Tages alle unsere Archivbestände eingescannt sein werden und am Computer nach »Suchworten« durchforstet werden können. Da mich in der auf meine Doktorarbeit folgenden Dekade, soweit ich mich überhaupt der politischen Geschichte verschrieb, vor allem das politische System des Alten Reiches interessierte, stammen meine meisten Funde aus Mitteleuropa. So gruben frühere Publikationen ihre Spuren in die jetzige – meiner Doktorarbeit wegen stammen viele Beobachtungen aus dem Konfessionellen Zeitalter, meiner Studien zum Reichsverbund wegen überwiegen eigene Archivfunde zur »neutralitet« die zur »neutralité« oder zur »neutrality«. Das ist bedauerlich, indes, erneut sei es ganz ohne schlechtes Gewissen gesagt: Es geht gar nicht anders! Vormoderne Druckwerke durchstöbernd, und natürlich erst recht durch die Lektüre punktuell hilfreicher Sekundärliteratur weitete ich den Fokus über Mitteleuropa hinaus aus, soweit das meine Sprachkenntnisse zuließen4. ***

Rückkehr also, viel Dejà-vu und wenig Neues? Nein, es kam ganz anders. Gewiß, Rückkehr war es schon auch: zu jener Friedens- und Konfliktforschung, der ich 3 Ich gehe auf die jüngsten kriegstheoretischen wie -praktischen Entwicklungen, in diesem Zusammenhang beispielsweise auch die Frage einer eventuellen Wiederbelebung des Gerechten Krieges, weiter unten noch wiederholt ein. 4 Ihretwegen sind Skandinavien und Osteuropa unterbelichtet.

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Vorworte, Fragestellungen

bereits als Achtzehnjähriger bei der Vorbereitung auf meine »Gewissensprüfung« begegnet war, einige Jahre, ehe die geächteten »Wehrdienstverweigerer« zu »unseren lieben Zivis« zu mutieren begannen; und insbesondere Rückkehr zum Umfeld meines ersten wissenschaftlichen Themas. Aber vielen Problemen, Kontroversen und Desideraten rund um den Krieg, um den Frieden begegnete ich bei den Recherchen für dieses Buch zum ersten Mal. Denn als Doktorand reizte mich die Herausforderung, vergilbten Papierstapeln eine (wie ich im jugendlichen Elan, von allen erkenntnistheoretischen Zweifeln unangekränkelt hoffte) authentische und möglichst spannende Geschichte erwachsen zu lassen, ich wollte mich nicht im Wissenschaftsdiskurs der Achtzigerjahre wichtigmachen – der hat mich damals gar nicht interessiert, ich ging ja auch nicht davon aus, einmal ›dazuzugehören‹, und folgte ernsthaft der Devise, zu viel Sekundärliteratur verstelle mir den Blick auf die Akten. Ich finde meine damalige Haltung im Rückblick ehrenwert und sogar tapfer, naiv war sie schon auch, und nicht nur aus Bequemlichkeit gehe ich mittlerweile anders an historische Themen heran. Also versuchte ich nun erst einmal, großflächig zu sondieren, was die Forschungsliteratur zu den strukturellen und konzeptionellen Voraussetzungen der vormodernen Bellizität so zu sagen hat. Mit großen Lücken oder Unsicherheiten (meine »neutralitet« hielt ich für die sprichwörtliche – und eine kleine – Ausnahme zur Regel) habe ich an sich nicht gerechnet, eher mit einem ehernen, seit Jahrzehnten festgezurrten Koordinatensystem, das nur noch immer weiter verfeinert werde und in das sich meine Neutralität punktgenau einpassen lasse. Weil sich Neutralität besser zu einer horizontalen Ordnung gleichberechtigter Akteure fügt als zu einer hierarchisch gestuften Christianitas mit steilem charismatischem und lehnrechtlichem Gefälle, interessierte mich beispielsweise die Physiognomie des europäischen Staatensystems zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in den Generationen zuvor, den Jahrzehnten danach. Weil die damaligen Möchtegernneutralen noch nicht einmal versuchten, sich auf völkerrechtliche Besitzstände zu versteifen, interessierte mich, seit wann das Völkerrecht nach Ansicht seiner (inzwischen weiß ich: wenigen) Kenner aus den Gelehrtenstuben hinausdrängte, praxisrelevant wurde, die Erwartungsverläßlichkeit im internationalen Verkehr erhöhte. Mit größeren Unschärfen rechnete ich dabei, wie gesagt, nicht. Wissen wir nicht alle, daß die politische Geschichte übererforscht ist, und Diplomatiegeschichte ohnehin? Hat dazu nicht eigentlich Ranke schon alles gesagt, oder doch jedenfalls mehr als ein moderner Historiker davon wissen muß? Sollten es forschungsstrategisch motivierte Kampfparolen sein, die aus einer Zeit herüberhallen, als einer sich ins Sozialwissenschaftliche wendenden Historiographie das Interesse an außenpolitischen Fragestellungen ausgetrieben werden sollte? Das Umfeld meines engeren Themas, also der »neutralitet« erkundend, frappierte mich, wieviel beim zweiten Hinschauen ziemlich unklar wird, und daß gerade die großen Linien oft schwer auszumachen sind. Nach denen hatte ich ja eigentlich

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gesucht. Ich wollte ja nicht beim Kleinklein einzelner Schlachten, Friedensschlüsse und Kriegsmanifeste anfangen, sondern gleich die abgeklärten Gesamtdeutungen einer angeblich gealterten, jedenfalls aber reifen Teildisziplin der Geschichtswissenschaft abschöpfen. Ich hielt es nicht für problematisch, gleich ohne viel Zeitverlust mit den größten und letzten Fragen zu beginnen, anspruchsvoller formuliert: wollte zügig die konzeptionellen und strukturellen Rahmenbedingungen für mein engeres Thema abklären. Was hielten denn die vormodernen Entscheider in den Ratsstuben und auf den Herrscherthronen vom Krieg, was vom Frieden? Rekurrierten sie in konkreten Entscheidungssituationen auf elaborierte Konzepte der Theoretiker, beispielsweise die Doktrin vom Gerechten Krieg? Kann man sich überhaupt darauf verlassen, daß die adeligen vormodernen Letztentscheider den Frieden für einen Wert an sich hielten? Oder, zu den Strukturen: Seit wann gibt es denn ein europäisches Staatensystem, also eine feststehende, eindeutig eruierbare Anzahl prinzipiell gleichberechtigter Elemente der Staatengemeinschaft, die ihre wechselseitigen Beziehungen an bestimmten Regeln ausrichten? Seit wann gibt es so etwas wie ein leitendes regulatives Prinzip, beispielsweise mit dem Namen »Gleichgewicht«, seit wann so etwas wie ein Regelbuch, das wir »Völkerrecht« betiteln können? War die vormoderne Staatenwelt jene Anarchie kaum gefesselter Partikularegoismen, die manche Politologen und die meisten Politiker in der Gegenwart wahrnehmen, und wie verlief, noch ohne UN-Charta und Internationalen Gerichtshof, die Verlaufskurve vormoderner Erwartungsverläßlichkeit? So naiv kann vielleicht nur der Außenstehende fragen. Daß ich all die Jahre über dem Treiben jener vergleichsweise wenigen Historiker, die sich der Diplomatiegeschichtsschreibung im weitesten Sinne verschrieben haben, gleichsam als Zaungast zugeschaut habe, ja, vieles kaum mitbekam: das ist einerseits schade, aber nur geschadet hat es wahrscheinlich nicht. Ich erlaubte mir Fragen, die sich der abgebrühte Profi nicht durchgehen läßt, weil er weiß, daß er die Antwort in einem Forscherleben nicht finden wird; und erlaubte mir eine Zeitlang das Staunen. Wie viele hochspannende Fragen sind noch nicht abschließend geklärt! Ja, ich saß wohl einer forschungsstrategisch motivierten Kampfparole auf. Auch das hat mich dann gewundert, hielt ich mich doch immer für einen Historiker, den Mainstream und Moden nicht sonderlich interessieren. Zu vielen Fehleinschätzungen im Vorfeld dieses Buches kam denn offenbar auch noch die Selbsttäuschung. Es muß schon etwas Besonderes sein, was einen heutzutage auf die verrückte Idee bringt, ein dickes Buch zu schreiben, sich damit leichtfertig dem Verdacht auszusetzen, alles zu vernachlässigen, was einen modernen Hochschullehrer ausmacht. Daß ich mich, statt an einigen Aufsätzen über die Akzeptanzprobleme der vormodernen Neutralität, an einem Buch über konzeptionelle und strukturelle Voraussetzungen der vormodernen Bellizität versucht habe, liegt an besagtem Erstaunen. Deshalb durfte es nicht stummbleiben, deshalb gehört es in die Einleitung.

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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft honorierte mein Interesse an der vormodernen »neutralitet« zwei Jahre lang durch pünktlich eintreffende Gehaltszahlungen5 und ermöglichte ferner durch einen sehr erheblichen Druckkostenzuschuß6 die Herstellung dieses Buches, wofür ihr mein Dank gebührt! Seit dem Frühjahr 2008 versehe ich eine aus Studienbeiträgen finanzierte Stelle am Department für Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg, die (mindestens) vierzehn Semesterwochenstunden Lehre vorsieht, konzentriertes wissenschaftliches Arbeiten nicht ermöglichen kann und soll.7 Daß ich das ausformulierte, aber nicht für den Druck hergerichtete Manuskript nach über vier Jahren doch wieder aus dem Regal holte, entstaubte, noch einmal gründlich durchlas und in die Druckerei trug, verdankt sich den hartnäckigen Nachfragen von Helmut Neuhaus, an dessen Lehrstuhl ich viele Jahre lang beschäftigt war; auch hierfür mein herzlicher Dank! Meinen Erlanger Frühneuzeit-Kolleginnen, Birgit Emich und Natalie Krentz, möchte ich für das große Verständnis danken, das sie unvermeidlichen Zerstreutheiten der letzten Monate entgegengebracht haben; solche mußte privat geduldig meine Frau Anette ertragen. Dorothee Rheker-Wunsch vom Böhlau-Verlag hat die letzten Stationen vom Manuskript zum fertigen Buch engagiert begleitet! Nicht zuletzt gebührt Heinrich de Wall und Andreas Thier ein Dankeschön dafür, daß sie das Manuskript eines Historikers, das die Nahtstellen zwischen Diplomatie-, Ideen-, Mentalitäts-, Rechts- und Kirchengeschichte inspiziert, ohne disziplinäre Scheuklappen in ihre Reihe »Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht« aufgenommen haben, wo es nach Ansicht seines Autors sehr gut aufgehoben ist.

5 Über dem Projektantrag stand: »Neutralität im frühneuzeitlichen Europa – politische Theorie und Praxis«. Daß ich »die Neutralität«, auch ihre »Praxis«, und das über mehrere Jahrhunderte hinweg, nicht umfassend darstellen konnte, liegt einfach daran, daß das in einem Menschenleben nicht zu recherchieren wäre, und in zwei Jahren jedenfalls schon gar nicht. Warum aber habe ich dann mein Thema – neben vielen Einschränkungen freilich, hauptsächlich hinsichtlich der »Praxis« der Neutralität – in manchen Hinsichten sogar noch ausgeweitet? Das versuche ich gleich zu erklären! 6 Für die unkomplizierte und zügige Behandlung meiner Anliegen will ich mich ausdrücklich bei Cornelia Niebus von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bedanken. 7 Ich formulierte das Manuskript auf der Basis der Literaturlage von 2007; Nachträge waren nur noch punktuell möglich.

A. Kein goldener Rahmen: was wir über die Voraussetzungen von Krieg und Frieden so alles nicht wissen

Beginnen wir mit dem Ende! Wenn sich der an Fragen der internationalen Politik interessierte Frühneuzeitler an den Ausgang der ihm arbeitsteilig zugewiesenen Jahrhunderte stellt und von dort aus ins Hohe Mittelalter zurückschaut, sieht er, daß lange Wegstrecken zurückgelegt worden sind. Schicken wir ihn der Einfachheit halber mit seinem Fernglas ins Jahr 1770 – dann sind die erste Dekolonisation der Weltgeschichte und die häßliche Antizipation des »geeinten Europa« in den Händen eines korsischen Clans noch nicht in die Bilanz einzubeziehen, was die Sache erleichtert. Wir plazieren unseren diplomatischer Beobachter, wenn wir unsere imaginäre Zeitmaschine auf »1770« justieren, in eine horizontale Ordnung gleichberechtigter, wenn auch sehr verschieden mächtiger Völkerrechtssubjekte. Sie sind gleichberechtigt, weil sie gleichermaßen souverän sind. Die Souveränität ist überhaupt das Axiom, auf das die ganze internationale Ordnung gestellt ist, und diese Souveränität ist noch nicht zum Allerweltswort verkommen, wie heutzutage, da sein aufgequollenes Bedeutungsspektrum bis zu postmoderner Coolness reicht (»souverän gemanaget«). Das 18. Jahrhundert hatte festumrissene Vorstellungen von Souveränität, beispielsweise konnte es ihnen zufolge per definitionem keinen ›Obersouverän‹ geben: Schon deshalb war die Staatenordnung eine horizontal gegliederte. Und diesen konsensfähigen Vorstellungen von Souveraineté zufolge hatte jeder Souverän ganz selbstverständlich das Ius ad bellum, ohne daß er sich, zu den Waffen greifend, vor einer politischen Instanz nach bestimmten moralischen Maßstäben hätte rechtfertigen müssen: also etwa – eine längst absurd gewordene Vorstellung! – den als Mitchristen betroffenen Kirchenbrüdern allgemein, dem Papst speziell hätte darlegen müssen, daß ihm gerade gar nichts anderes übrigbleibe als einen Gerechten Krieg zu führen. Die europäische Staatenwelt um 1770 ist fraglos gut, meines Erachtens auch mit Gewinn als System beschreibbar. Eben weil ein fixer Numerus clausus namens Souveraineté existierte, stand die Anzahl der Elemente des Systems fest. Es fanden ziemlich regelmäßige Interaktionen zwischen ihnen statt, die bestimmten Regeln folgten: Man denke nur an die großen Friedenskongresse der Zeit, oder an die ersten umfassenden, systematisch vorgehenden Völkerrechtsdarstellungen; mit dem Gleichgewichtsideal gab es ein zentrales regulatives Prinzip. Hingegen dürfen wir das Über-, Unter-, Neben- und Durcheinander hochmittelalterlicher Personenverbände vermutlich1 nicht als horizontale Ordnung 1 Seit wann wir von einem europäischen Staatensystem sprechen dürfen, ist unter den vergleichsweise wenigen Experten für solche Fragen ganz strittig – wie so viele Sachverhalte, die hier angesprochen werden. Alles wird weiter unten noch nuancierter betrachtet werden.

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beschreiben, und der Systembegriff will noch nicht recht passen: keine einsichtig begründbare Anzahl an Elementen, da kein Numerus clausus für Völkerrechtssubjekte und eigentlich auch noch kein Völkerrecht (nämlich kein Ius inter gentes); vielmehr eine hierarchisch gestufte Christianitas mit (jedenfalls theoretisch) unstrittigen Leitmächten, die auch (jedenfalls theoretisch) Richter über die strengen moralischen Maßstäbe sind, die die (jedenfalls theoretisch) unstrittige Kriegsdoktrin der Zeit anlegt. Noch nicht einmal theoretisch existierte damals ein staatliches Gewaltmonopol: Befehdet nämlich haben sich ganz legal auch Recken, die der Neuzeitler als Privatpersonen, jedenfalls keinesfalls als Staatschefs apostrophieren würde. So weit der Weg, so unklar die Route! Gewiß können wir, vom 18. Jahrhundert ins Mittelalter zurückblickend, eine Säkularisierung2 der Kriegsdoktrin ausmachen, aber seit wann und warum? Und wirkte sich dieser vorerst nur unscharf faßbare Prozeß überhaupt außerhalb der Gelehrtenstuben aus? Gab es eine Säkularisierung auch der Kriegspraxis, oder gehorchte diese schon immer ganz ihren eigenen, profanen Sachzwängen? Ist diese Säkularisierung (jedenfalls der Doktrin) auch als Rationalisierung beschreibbar, wiewohl doch der moderne, politologische Bemühungen um die internationalen Beziehungen dominierende Rational-Choice-Ansatz mit »Gloire« und »Ehre« – Herrschern des 18. Jahrhunderts besonders zentralen Werten! – wenig anzufangen wüßte? Seit wann können wir die europäische Staatenwelt als horizontale Ordnung gleichermaßen souveräner Akteure beschreiben, seit wann bietet es sich an, sie als System zu fassen, mit geregelten Interaktionen zwischen allen Elementen? Wie ist die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Verlaufskurve – Hoffentlich finden Mediävisten meine Vorstellungen vom Mittelalter, bei allem Verständnis für konstrastiv notwendige Vereinfachungen, nicht so verfehlt wie Neuzeithistoriker die Vorstellungen, die sich ihre politikwissenschaftlichen Kollegen von den finsteren Zeiten »vor 1648« (vgl. unten S. 268ff.) machen! 2 »Was meint das Zauberwort ›Säkularisierung‹?«: vgl. hierzu zuletzt, mit Hinweisen auf die überbordende Literatur, Axel Gotthard, Der Augsburger Religionsfrieden, Münster 2004, unveränderter Ndr. 2005, S. 501–510. – Selbstverständlich verwende ich den Terminus als Historiker wertfrei. Säkularisierung als frühneuzeitlicher Elementartrend (als solchen verstehe ich sie – vergleichbar etwa der Verrechtlichung oder der sog. Sozialdisziplinierung) meint nicht die Eliminierung des Religiösen aus der Gesellschaft (gar dem Bereich privater Kontingenzbewältigung), sondern wachsende Trennschärfe zwischen Religion und Politik (in Vollzug wie Reflexion, also von politischen Entscheidungen in der Ratsstube bis hin zu politikberatender Literatur). Im Zuge der funktionalen Ausdifferenzierung verschiedener Lebensbereiche, wie sie beispielsweise auch die »Privatsphäre« erst generiert, grenzt sich ein wachsender Bereich politischer Eigengesetzlichkeit deutlich von außerpolitischen Maßstäben ab. Politik – so auch die diese Studie besonders interessierende Außenpolitik – kann sich sukzessive von theologischen Postulaten emanzipieren, folgt umgekehrt proportional zunehmend eigenen Sachlogiken, einer eigenen Zweckrationalität, die die Vormoderne häufig als »ratio status« apostrophiert hat. – Diese Studie wird den Terminus »Säkularisierung« mehrmals wiederaufgreifen, problematisieren und umkreisen, vgl. nur unten S. 126ff. und S. 799ff.

Was uns befremden könnte

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zwischenstaatlicher Erwartungsverläßlichkeit, wie konnte in der Vormoderne mit ihrem Denken in Summenkonstanzen, ohne internationale »Institutionen« und »Regimebildungen«, überhaupt ein Grundvertrauen in die Mitakteure aufgebaut werden? Oder war und ist die internationale »Staatenwelt« nie »in Ordnung«, weil nie mehr als eine ganz ungeregelte »Staatenanarchie«? Einige dieser Fragen will ich im Folgenden noch präzisieren: indem ich dem Verblassen der Bellum-iustum-Doktrin nachgehe und nach der Praxisrelevanz dieses Vorganges fahnde; indem ich über die Voraussetzungen für einen systemischen Charakter der vormodernen europäischen Staatenwelt nachdenke; indem ich schließlich nach in der Vormoderne handlungsleitenden Kategorien frage und nach den methodischen Voraussetzungen, um sie aufspüren zu können – diese Passagen werden in das Plädoyer für eine Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden münden: Welche Wahrnehmungsraster, Werte und Normen steuerten das Tun der Steuerleute? Erst, wenn diese Fragenkaskaden auf den Leser niedergegangen sind, versucht mein Buch, anhand zweier unterschiedlich ambitionierter Fallstudien, über die Wahrnehmung des böhmischen Aufstands von 1618/19 an Europas Residenzen und über die Akzeptanzprobleme der vormodernen Neutralität, einige vorsichtig Antworten zu geben. Die erste Fallstudie ist in allen Hinsichten von viel kleinerem Zuschnitt – das reicht von der zeitlichen Erstreckung bis hin zum methodischen Anregungspotential. Es geht mir hier um den eigentlich banalen, indes so häufig mißachteten Sachverhalt, daß kognitive und normative Vorprägungen der Entscheidungsträger die Einschätzung vermeintlich objektiv gegebener Problemlagen und der vermeintlichen »Staatsräson« beeinflussen, damit politikrelevant sind. Erst die darauf folgenden Sondierungen zur Neutralität werden dann, von einem beim ersten Hinsehen ebenfalls recht kleinen Ausschnitt her, vorläufige Antworten aufs Gesamtspektrum der im Einleitungskapitel aufgereihten Fragestellungen und Desiderate suchen.

1. »Qui bellum dixit, malum omne dixit«? Zur Wertschätzung des Friedens in der Vormoderne 1.1

Was uns befremden könnte

Wer, nach Krieg3 oder Frieden fragend, das ausgehende Mittelalter und die ersten beiden neuzeitlichen Jahrhunderte in den Blick nimmt, der merkt rasch, daß er sich auf einige moderne Selbstverständlichkeiten nicht verlassen kann: beispiels3 Ich habe nicht den Ehrgeiz, den zahlreichen Kriegsdefinitionen der Sozialwissenschaften eine eigene hinzuzufügen; eine brauchbare von vielen bietet Klaus Jürgen Gantzel, Kriegsursachen – Tendenzen und Perspektiven, in: Ethik und Sozialwissenschaften 8 (1997), S. 258.

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weise auf das Postulat derzeitiger politischer Korrektheit, im Frieden unter fast allen Umständen einen Wert an sich zu sehen; oder auf die für uns heutigen Europäer banalen Tatsachen, daß Kriege von Staaten geführt werden und die seltene Störung jenes friedlichen Normalzustands darstellen, wie wir ihn schätzen – und wie wir ihn hierzulande seit Jahrzehnten gewohnt sind, wiewohl moderne Staatsoberhäupter, wenn sie einen Krieg ausrufen, vorher ja weder Beichtväter noch theologische Fakultäten konsultieren müssen. Noch an der Schwelle zur Neuzeit war Krieg eine große Fehde4, und Fehden führten auch, modern formuliert, Privatleute: Das Gewaltmonopol der öffentlichen Hand etablierte sich erst im Lauf des 16. Jahrhunderts – Gewalt anzuwenden, um Rechtsansprüche durchzusetzen, wurde innerstaatlich erfolgreich5 kriminalisiert, war nun nur noch, als Krieg, zwischenstaatlich legitim. Es gehörte nicht zum vormodernen Common Sense, Frieden unter fast allen Umständen einen moralischen Bonus vor dem Krieg einzuräumen. Und Kriege tobten dauernd irgendwo auf dem Kontinent, nur sehr selten war in Europa gerade einmal kein Krieg im Gange! Dabei gab es, anders als heute, eine theoretisch unstrittige Kriegsdoktrin mit strengen moralischen Maßstäben, die Lehre vom Bellum iustum. Stand sie nur auf dem Papier? Wurde sie allenfalls in Gelehrtenstuben ernstgenommen, nicht aber in Ratsstuben? Gingen womöglich auch Wirkungen von ihr aus, die gar nicht friedfördernd (einen Frieden nach modernen Vorstellungen befördernd!) gewesen sind – weil sie nämlich den Frieden nicht als Wert für sich nahm, sondern in Relation zu anderen Werten setzte, konkreter: Pax eng mit Iustitia koppelte, in eine untrennbare Troika Frieden-Recht-Gerechtigkeit6 einband? 4 »Eine Geschichte des Fehderechts ist eine Aufgabe der Zukunft«: das liest der darob verblüffte Neuzeithistoriker in einem sehr lesenswerten Aufsatz von Rolf Sprandel, Die Legitimation zur Gewaltanwendung und Kriegführung. Strafrecht im Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Heinz Duchhardt/Patrice Veit (Hgg.), Krieg und Frieden im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit/Guerre et paix du moyen âge aux temps modernes, Mainz 2000, S. 53. 5 Der Prozeß erstreckte sich überall in Europa über Generationen. Er verlief nie ohne Stockungen und Rückschläge, man könnte das etwa für die Lombardei oder für Venezien noch im späten 16. Jahrhundert aufzeigen. Im Reichsverband erfolgte der theoretische Durchbruch 1495, mit dem Ewigen Landfrieden des Wormser Reichstags (vgl. hierzu zuletzt Axel Gotthard, Das Alte Reich 1495–1806, 5. Aufl. Darmstadt 2013, S. 32–34; ich würdige ihn dort überhaupt als Beginn der rechtsgeschichtlichen Neuzeit); für die praktischen Rückschläge im 16. Jahrhundert mögen nur chiffrenhaft die Begriffe Sickingen-Fehde und Grumbach-Fehde stehen, dazwischen könnte man zwanglos die Umtriebe des Kulmbacher Mordbrenners Albrecht Alkibiades einreihen. 6 Daß Pax in den Gelehrtenstuben des 16. und alles in allem auch noch des 17. Jahrhunderts Glied einer untrennbaren Troika Frieden-Recht-Gerechtigkeit war, wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch deutlicher werden. Und in den Ratsstuben, bei den Praktikern des Politikbetriebs? Das ist nicht untersucht und eine wichtige Facette jener noch nicht geschriebenen

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Der Übergang vom Zeitalter der Fehde zum Zeitalter der Kriege: das ist ein interessanter Ausdifferenzierungsprozeß zwischen Strafrechtspflege und militärischer Machtentfaltung, damit auch zwischen Innen- und Außenpolitik, der Modernisierungstheoretiker interessieren sollte, aber nicht diese Studie. Dem Gewicht der Doktrin vom Gerechten Krieg für die politische Theorie und die militärische Praxis der Frühen Neuzeit wird das nächste Kapitel auf der Spur sein. Und der Frieden? Nach ihm frage ich als Kind meiner Zeit zuerst!

1.2 Hat der Frieden einen moralischen Bonus? 1.2.1 Tour d’horizon durch die vormoderne Publizistik Wir kennen zahlreiche Friedensschlüsse, aber was wissen wir vom Frieden? Wir können die Paragraphen hunderter vormoderner Friedensverträge abrufen, bald auch im Internet7, aber können wir einschätzen, wie vormoderne Menschen über den Frieden dachten? War er dem Krieg auch in ihren Augen unter fast allen Umständen vorzuziehen, weil ethisch geboten? Und war er nach ihrem Empfinden überhaupt der Normalzustand – Krieg hingegen, wie uns Heutigen, die große Ausnahme, Folge des schlimmsten anzunehmenden diplomatischen Betriebsunfalls? Wir sind weit davon entfernt, solche Fragen pauschal beantworten zu können. Voraussetzen dürfen wir, daß frühneuzeitliche Menschen anders über den Frieden dachten als ein heutiger Mitteleuropäer, der Kriegsunbilden nur aus Opas gesammelten Erzählungen kennt oder weil der abendlich ermüdete Blick ab und an von der Bierdose auf Kurzfilmchen der »Tagesschau« vor exotischer Landschaftskulisse abschweift. Wir dürfen das Postulat postmoderner Political Correctness, im Frieden unter fast allen Umständen einen Wert an sich zu sehen, ja noch nicht einmal in die Moderne, in die beiden nationalstaatlichen Jahrhunderte seit 1800 zurückprojizieren. Für frühneuzeitliche Europäer war der Krieg allgegenwärtig, fast immer war auch in allernächster Nähe, war auch im eigenen Lebensumfeld damit zu rechnen. Eine realistische Lebensplanung hatte Kriege einzukalkulieren. Machte das den Frieden umso erstrebenswerter, war an ihm festzuhalten eine mit allen ethischen und theologischen Postulaten erhärtete Maxime? Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden, für die diese Studie plädiert. 7 Unter der Federführung von Heinz Duchhardt wird in Mainz daran gearbeitet, frühneuzeitliche Friedensverträge in moderner Edition und Kommentierung elektronisch zugänglich zu machen.

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Daß der Frieden für manche der besten Köpfe unter den frühneuzeitlichen Gelehrten einen moralischen Bonus besaß, wissen wir zweifelsfrei, beispielsweise, weil ihre »Friedensrufe und Friedenspläne«8 seit Generationen gesammelt wurden und mittlerweile als gut dokumentiert gelten dürfen – insofern haben die auf anderen historiographischen Terrains vielleicht allzu vorschnell verlästerten »Gipfelwanderungen«, haben Höhentouren zu den kühnsten Friedensutopien selbst so gar nichts kühnes mehr an sich; diese ausgetretenen Pfade dürfen wir verlassen. Die Gipfel sind erklommen, die Spitzenprodukte europäischen Geistes haben wir gesammelt und zwischen Buchdeckel gepreßt, wie aber steht es um die Mittelgebirge, die breiten Täler? Was hielten Allerweltspamphletisten und Kleinstadtprediger, was durchschnittliche Hofräte und kleine Markgrafen vom Frieden, was Herr Hinz und Frau Kunz? Stichproben im unermeßlichen Fundus der allfälligen Traktätchen, Pamphlete, Flugschriften9 und Manifeste legen die Einschätzung nahe, daß der Frieden im frühneuzeitlichen Normensystem schon einen gewissen Wert besaß.10 Sonn8 Das spielt auf diesen Klassiker an: Kurt von Raumer, Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance, Freiburg 1953; vgl. ferner Hans-Jürgen Schlochauer, Die Idee des Ewigen Friedens. Ein Überblick über Entwicklung und Gestaltung des Friedenssicherungsgedankens auf der Grundlage einer Quellenauswahl, Bonn 1953; sowie zuletzt Heinz Duchhardt, Reich und europäisches Staatensystem seit dem Westfälischen Frieden, in: Volker Press/ Dieter Stievermann (Hgg.), Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit?, München 1995, hier S. 183–186 und Heinz Duchhardt, Zwischenstaatliche Friedens- und Ordnungskonzepte im Ancien Régime: Idee und Realität, in: Ronald G. Asch/ Wulf Eckart Voß/Martin Wrede (Hgg.), Frieden und Krieg in der Frühen Neuzeit. Die europäische Staatenordnung und die außereuropäische Welt, München 2001, S. 37–45 passim; Duchhardt nennt weitere neuere Literatur, ich füge noch diese beiden Titel an: Rolf Hellmut Foerster (Hg.), Die Idee Europa 1300–1946. Quellen zur Geschichte der politischen Einigung Europas, München 1963; Anita und Walter Dietze (Hgg.), Ewiger Friede? Dokumente einer deutschen Diskussion um 1800, Leipzig/Weimar 1989. Überall werden Friedenspläne der Vormoderne ausgebreitet, die gleichermaßen ambitioniert und utopisch waren, zumeist auf der Basis einer Weltregierung oder doch einer Europäischen Gemeinschaft konstruiert wurden. 9 Die Frage, inwiefern wir aus Einblattdrucken, Flugschriften, später auch Journalen auf Denkweisen, Werte, Einstellungen breiter nichtpublizierender Bevölkerungskreise schließen können, ist meines Erachtens (mit weitgehend positivem Ergebnis) ausdiskutiert. Ich will dem hier nichts hinzufügen. Vgl. etwa, pointiert und mit der einschlägigen mediengeschichtlichen Literatur, Georg Schmidt, Die Idee »deutsche Freiheit«. Eine Leitvorstellung der politischen Kultur des Alten Reiches, in: ders./Martin van Gelderen/Christopher Snigula (Hgg.), Kollektive Freiheitsvorstellungen im frühneuzeitlichen Europa (1400–1850), Frankfurt u. a. 2006, besonders S. 168f. Diskussion einiger methodischer Probleme im Umgang mit Flugschriften: unten Kapitel A.1.3.2 und Kapitel C.2.1.1. 10 Ähnlich sieht es dieser Kenner: Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt 1992, S. 14 (»die Frage der geschichtlichen Bewertung des Friedens ist noch nicht ausdiskutiert, doch wird man davon ausgehen können, daß der Friede im frühneuzeitlichen Normensystem zwar kein zentraler, wohl aber ein mit anderen konkurrierender Wert war«). –

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tagsreden, Grußadressen und salbungsvolle Aufrufe bekannten sich zu diesem »preißwehrten11 Gut«. Selbst Kriegsallianzen betonten wieder und wieder in ihren Verlautbarungen, man lebe eigentlich »viel lieber in fried und ruhe, dann in disem grausahmen und blutigen Krieg«.12 Weil es offenbar unter Begründungszwang setzte, zu den Waffen zu greifen, verfaßte man Kriegsmanifeste, wer sich gerade nicht im Kriegszustand befand, sah sich keinesfalls genötigt, dies eigens durch ein Friedensmanifest zu legitimieren.13 Von Ausnahmen im Konfessionellen Zeitalter, die freilich noch zu Wort kommen müssen, hier einmal abgesehen, warnen Abhandlungen aller Niveauund Stilebenen doch üblicherweise vor leichtsinnig riskierten Kriegen, nicht vor eilfertiger Friedenssehnsucht. Man hielt es »mit der gemeinen Politisch Historischen Regul, die da heisset: Zu Kriegen soll man nicht liederlich anheben, sondern den eusseristen Nothfall erwarten, vnd da man lenger nicht kan Frieden haben«.14 Waren die vom Prager Fenstersturz ausgelösten Turbulenzen ein solcher »Nothfall«, war einem Christenmenschen nun der Griff zu den Waffen erlaubt, geboten gar? Nahezu alle Flugschriften, die damals zu dieser Frage Stellung nahmen, bejahten sie für diese oder für jene Seite, aber alle betonten sie auch den grundsätzlich großen Wert des Friedens. »Friden vber nacht würdt besser als Gold geacht«, reimt ein populär gehaltenes Schriftchen.15 Ein »Memorial« weiß wortreicher, daß »die Erfahrung« zeige, »wie dem Krieg alles Vnglück vnnd

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Selbstauskünfte der Vormoderne über den »Wert des Friedens« finden wir schon deshalb nicht, weil der »Wert« damals, und allemal bis Immanuel Kant, keine philosophische und theologische, sondern eine ökonomische Kategorie gewesen ist. Zum wissenschaftlichen Terminus wurde der »Wert« in der politischen Ökonomie. Ich muß demnach einräumen, daß meine Studie vom heutigen Sprachgebrauch ausgeht. Des Lobpreises wert, nicht billig! Der Teutsche Kriegs-Kurier begrüßte das Jahr 1679 mit dem »höchst ersprießlichen Wunsche«, es möge doch, da »ganz Teutschland nach dem edlen Frieden seuffzet«, diesem »preißwehrten Gut«, eben diesen Frieden bringen. Aus dem kaiserlich privilegierten Nachrichtenorgan der Reichsstadt Nürnberg zitiert Sonja SchultheißHeinz, Politik in der europäischen Publizistik. Eine historische Inhaltsanalyse von Zeitungen des 17. Jahrhunderts, Stuttgart 2004, hier S. 222. Resolution der Frankfurter Tagung des Heilbronner Bundes für neuburgische Emissäre, 1634, Juli 8 (Kopie), Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (im Folgenden: BayHStA) Kasten blau 102/4 I (unfol.). Wir werden freilich noch sehen, daß die Erklärung, sich »neutral« herauszuhalten, auf wenig Respekt rechnen konnte, vielmehr auf »despekt« stieß, dem Anfangsverdacht moralischer Minderwertigkeit aussetzte. Das Thema muß, auf den kleinen Ausschnitt der »Neutralität« verdichtet, noch einmal gründlicher durchgespielt werden. [Anonym], Wohlgemeinte Rettung des Politischen Discurs, Von der Dennemärckischen vnnd NiederSächsischen Kriegsverfassung, zu beantwortung der dagegen publicirten Erinnerung, o. O. 1626, S. 46. [Anonym], Spanischer Curier und Paßöffner …, o. O. 1620, S. 2.

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endtliche Verderben, also hingegen demselbigen Frieden, alles Glück vnnd Heil ... auff dem Fuß nachfolge«. Frieden sei »das Hauptstück, ohn welches alle andere zeitliche Güter, dem Menschen nicht recht erfrewlich, lieblich vnnd ergetzlich seyn können«.16 Sogar ein Pamphletist, der in Böhmen die spanische »Tyranei«, ja, »Indianische Exempel« ausmacht, um die Aufständischen zum Widerstand und Europas Protestanten zum Mitkämpfen anzustacheln, hält das fest: »Niemand unter allen Menschen ist also närrisch, daß er lieber Krieg, als Friden begere«.17 Ehe eine ungewöhnlich militante Flugschrift zum selben Thema klarmacht, daß jeder Christ »wegen Gottes Ehr, Wort, Warheit« »tam offensivè quàm defensivè« Krieg führen dürfe und dabei als Jahwes streitbarer Arm fungiere, stellt sie eingangs doch das klar: »Der so an statt deß edlen Friedens den hochschädlichen Vnfried wünschet vnnd begeret, der muß meines erachtens entweder ein Blutdürstiger vnmensch, oder ein Raubbegieriger Vnglücks Vogel ... seyn. Der liebe Fried ist der Natur eingepflantzet, ist derselben förderlich vnd angenem«.18 Selbst dieser hitzige Pamphletist war offensichtlich der Ansicht, ein Bekenntnis zur Friedensliebe erhöhe seine Vertrauenswürdigkeit beim Leser. Ehe »Beatus Modestinus Seuberlich« über viele Seiten hinweg detaillierte Kriegspläne gegen habsburgische Bedrückung ausmalt – dabei sogar die von Europas evangelischen Gemeinwesen jeweils nach Böhmen abzustellenden Truppenstärken, Geschütze, Munitionswagen veranschlagt –, seufzt er doch in hohem Tone: »O der edle Fried«! »Ach Gott verley vns den Güldenen, edlen, werthen vnd H. Frieden«, denn: Im Krieg »ligt gute Policey gute Ordnung, Recht vnd Gerechtigkeit alles zu boden, Leges inter arma silent, das Faustrecht ist da das beste recht, wer den andern vermag, der steckt jhn in Sack. Im Haußstand wird der fromme Haußvatter turbirt, betrübt, erwürgt, Weiber vnd Kinder gemordet, geschendet, geschmächt, gefangen weg geführt«, am Ende vergleichbarer verbaler Kaskaden steht diese »Summa«: »Nulla salus bello, pacem te poscimus omnes. O der Edle Fried«!19 Es folgen, wie gesagt, eingehende Kriegsplanungen.20 16 [Anonym], Memorial oder Motiven, Warumb Ihr Kays. Mayest. mit den Bohemen vnnd den benachbarten Königreichen vnnd Landen Frieden machen, vnd den Krieg nicht continuiren solle?, o. O. 1620, S. 4; hier garniert das Friedenslob untypischer Weise einmal keine kämpferische ›Gesamtaussage‹. 17 »Johan Huß redivivus genandt Martyr«, Böhmische Fridensfahrt ..., o. O. 1619 (unfol.). Vgl. zu diesem Pseudonym unten Anm. 172. 18 Zacharias Theobaldus, Heerpredigt ... Gehalten In dem Christlichen Feldläger vor Pilsen, 7 Octobris Greg. deß 1618 Jahrs, Friedberg o. J., S. 1. 19 »Beatus Modestinus Seuberlich«, Examen Der Recepten vnd Medicamenten, so etliche Politische Medici vor die Böhmische Kranckheit oder Fieber geordnet ..., o. O. 1620, fol. G. 20 Denn: »Gewalt muß man mit Gewalt wehren« (fol. S). Vgl. auch diese Persiflage auf einen pazifistischen Vortrag (fol. Biiij): »Wenn es nur bey vns wol zugehet, Pax, Pax, es hat kein Noth, wir sitzen zu hoch in Parnasso«.

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Ohne wenigstens beiläufiges, sozusagen pflichtschuldiges Bekenntnis zum Wert des Friedens frohgemut zu den Waffen zu rufen, war selbst im unzimperlichen Genre der Flugschrift ganz ungewöhnlich. Es scheint in der reichhaltigen Publizistik zum Böhmischen Krieg eine einzige Ausnahme zu geben. Ein angeblich im kurpfälzischen Frankenthal verlegter »Politischer Rathschlag« überrascht den Leser gleich eingangs mit dieser Analyse: Die allenthalben zu hörenden Mahnungen, sich nicht übereilt in den Krieg zu stürzen und ihn überdies »allein defensiuè« zu führen, »die seyndt nichts werth«. Damit hätten sich die Protestanten stets nur selbst geschwächt, sie müßten teure Truppen finanzieren, die sich auf feindlichem katholischem Grund wohlfeiler unterhalten ließen. »Soll man disem nach das jenig, was man thun will, bald thun, vnnd den Krieg vnführsehener ding anfangen.« »Auß dem Raub den wir vnserm gegentheil abnemmen, können wir vns stärcken vnnd groß machen«.21 Erst die Eskalationsspirale solcher militanter Ratschläge, die sich von Seite zu Seite in immer dreistere Eroberungsphatasien auswachsen, weckt zunehmende Zweifel, am Ende ist sich der Leser sicher: Hinter der evangelischen Larve steckt ein katholischer Autor. Selbst aus dieser Maskerade können wir etwas lernen: Den Frieden – und sei es nur mit Worten, publizistisch – mit leichter Hand dahinzugeben, konnte auch in der Vormoderne schockieren, konnte (und sollte ja in diesem Fall offensichtlich!) sogar in der militanten Atmosphäre der Jahre um 1620 schockieren. Zwölf Jahre später, als die Militanz der Flugschriftenliteratur ihr zweites Allzeithoch erklomm22, »wundert[e]« sich ein schreibender Pastor darüber, daß sich kriegerisch tönende »Theologen und Feldprediger haben lassen so bald abwenden vom Evangelio Jesu Christi, welches ja ein Evangelium des friedens ist«.23 Ein Kollege im schwedischen Feldlager rief, als wolle er sich diesen Tadel redlich verdienen, die Deutschen dazu auf, auch nach Gustav Adolfs Schlachtentod beherzt weiterzukämpfen, doch wußte selbst er: »Pace nihil melius maximus Orbis habet!«24 Nochmals einige Jahre danach stellte ein Flugschriftenautor alle von ihm vorgebrachten »Motiven« für eine kriegsverkürzende Generalamnestie axiomatisch auf diesen Eröffnungssatz: »Vnd zwar anfänglich darff es in genere keines Beweises, daß der Friede dem Kriege

21 [Pseudonymer Herausgeber: »Ernst Victor von Ehrnfels«], Politischer Rathschlag Wie die Röm. Catholischen in Teutschlandt, vnnd zugleich auch deß Spannischen Königs Macht im Niderlandt zuschwächen ..., angeblich »Franckenthal« 1621, die Zitate: fol. A2 und fol. A3. 22 Was ich hier salopp zusammenfasse, wird Kapitel A.2.1.3 ausführlich darlegen. 23 Christoph Andreas R[oselius], Trewhertzige BußPosaune ..., o. O. 1632, S. 49. 24 Johannes Corberus, Threnologia Sveco-Regia. Königliche Schwedische Leicht-Predigt, Vber Den ... Hintritt ... Gustavi Adolphi ..., Tübingen 1633, S. 70. Die außerordentlich militante(!) Schrift wird uns in anderen Zusammenhängen noch begegnen.

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vorzuziehen sey«.25 Wir können es auf allen Anspruchsniveaus nachlesen: Der Frieden hatte seinen Wert. Aber doch selten einen absolut gesetzten. Auch das zeigte sich soeben schon, als wir Schlaglichter auf die erregte Publizistik zum Prager Fenstersturz warfen, und ließe sich in zahlreichen Flugschriften des Konfessionellen Zeitalters aufzeigen. Ein »wolmeinender Discurs« von 1616 findet, es sei »ausser allem zweiffel ..., daß niemand zu kriegen begeren soll, wer im frieden leben, vnd noch einige Mittel, den Krieg abzuwenden, haben kan« 26; um auf den Folgeseiten viele kriegsverherrlichende Zitate aus römischen Klassikern aneinanderzureihen, ferner den ›Nachweis‹ zu führen, daß auch die Bibel Kriege kenne und gutheiße. Unter den »Gutthaten« Gottes für den Menschen ist »keine höhrere, keine fürtrefflichere, vnd keine Edlere, als der liebe vnd werthe Fried«, weiß eine Abhandlung aus der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges. Pazifistische Lehre aus langen quälenden Kriegsjahren? Es folgt diese Einschränkung: Doch sei es besser, »anstatt eines tückischen Friedens, einen offenbahren Krieg zu erwählen«. 27 Möglicherweise variieren solche Empfehlungen des Konfessionellen Zeitalters zwei damals geläufige Cicero-Zitate, die noch den ungerechtesten Frieden dem gerechtesten Krieg vorzogen (wobei der römische Klassiker freilich Bürgerkriege, also die innere Stabilität des Imperiums, nicht dessen notorische Expansion im Visier hatte)28; oder sie lehnen sich an die Einschätzung des Erasmus von Rotterdam an, daß kaum ein Frieden so ungerecht sei, daß er nicht dem gerechtesten Krieg zu präferieren wäre29 – nur eben sinnverkehrend: Die Katholiken geben »alle Krieges vortel gar zu leicht pro turpi pace (ubi non est pax, dilatio tantum) aus Händen«, lamentiert beispielsweise eine

25 [Anonym], Gegründete vnd nachdenckliche Motiven, So allen Christlichen Hohen Potentaten billich Anlaß vnd Vrsach geben sollen ... viel lieber eine General Amnistiam zuverstatten ... als den werthen Frieden deßwegen auffzuhalten ..., o. O. 1639, fol. Aij. 26 [Anonym], Wolmeinender, warhaffter Discurs, warumb, vnnd wie die Römisch Catholischen in Deutschland, sich billich von Spaniern vnd Jesuiten, absondern ... sollen ..., o. O. 1616, S. 12. Der Satz steht wortgleich, nur mit orthographischen Varianten, in der »Böhmischen Fridensfahrt« (vgl. Anm. 17): offenbar war er eben damals gängig. – Spekulationen zum Verfasser des offenbar vielbeachteten »wolmeinenden Discurses«: Alexander Schmidt, Vaterlandsliebe und Religionskonflikt. Politische Diskurse im Alten Reich (1555–1648), Leiden/ Boston 2007, S. 323 Anm. 388. 27 Welchen »tückischen Frieden« der Autor meint, zeigt der Titel seiner Schrift: »Justus Asterius«, Klagrede Vber den ... Anno 1635 ... auffgerichten Vertrag, vnd vermeinten Frieden ..., o. O. 1638, die Zitate: S. 3f. Vgl. zum Pseudonym (nicht zu dieser Schrift) Heinrich Hitzigrath, Die Publicistik des Prager Friedens (1635), Halle 1880, S. 92 und S. 98. 28 Vgl. unten Anm. 115. 29 Vgl. unten Anm. 116.

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altgläubige Flugschrift30, »ein rechtmässiger Krieg ist einem schändlichen Frid vorzuziehen«.31 In theologischen Traktaten des 16. und 17. Jahrhunderts wie in den politologischen Pionierwerken dieses Zeitraums sind Warnungen vor unbedingter Friedensliebe gängig, freilich aus unterschiedlichen Gründen. Klugheitslehren, die eine vorsichtige Emanzipation der Politik von theologischen Postulaten propagierten, konnten – nach modernen Maßstäben ganz unrational32 – auf die kriegeheischende »Ehre« des Fürsten abstellen oder – nach modernen Maßstäben rational, doch politisch unkorrekt – darauf hinweisen, daß Kriege die Staatsmaschinerie fithielten, wohingegen der Frieden alle träge mache: die Untertanen verweichliche, die Räte einschläfere, wollüstige und ausschweifende Fürsten hervorbringe. Theologen betonten durchgehend, daß Frieden gerecht sein müsse: Gerechtigkeit ist der Zentralwert, nicht Gewaltlosigkeit. Rhetorisch eindringlich erklärt die deutschsprachige Ausgabe von Diego de Saavedras »Idea de un Príncipe Christiano-Político«, »der Friede« sei »ein Hauffen alles Guttes, welches GOTT den Menschen schencket, wie dan der Krieg hingegen, das gröste vnter allen Vbelen«. »Wie schön seind die Städte geziret vnd mit aller Reichthumb erfüllet, welche den Frieden geniesen; entgegen aber wie wüst und wild sehen die Länder auß, wo der Krieg gewütet vnd getobet. Man erkennet nun kaum die Städt vnd Schlösser in Teutschland nicht mehr also seind sie mit ihrer Aschen besudelt vnd bedecket.« Don Diego de Saavedra Fajardo wußte, wovon er da sprach, er kannte neben dem Gelehrtenpult die Ratsstuben, kannte neben mehreren anderen europäischen Ländern auch das Reich aus eigener Anschauung. Im selben Jahr 1640, in dem sein emblematischer Fürstenspiegel erschien, weilte er am Regensburger Reichstag, zeitweise hatte er spanische Interessen am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian vertreten. Die Friedenseloge gipfelt in dieser Erkenntnis: »Die Natur hat keinen grössern Feind alß den Krieg.«33 War damit zum Thema alles gesagt, der Krieg unter allen Umständen zu meiden, Frieden das Kardinalziel jedes einsichtigen Herrschers? Mitnichten! Viel wortreicher weiß der Autor, daß ein Volk nur durch 30 Und zwar schon vor dem Ausbruch des großen deutschen Konfessionskriegs, freilich in Erwartung eines solchen: [Anonym], Newe Zeitung Darinnen ein Wolmeinend vnd vertrawlich Colloquium oder Gesprech etli­cher Personen von jtzigen Zustande des Römischen Reichs begriffen ..., o. O. 1614, fol. Biiij. 31 »Johan Huß redivivus genanndt Martyr«, Böhmische Fridensfahrt (unfol.). 32 Wir merken, worauf diese Studie noch vielfach stoßen wird: Säkularisierung heißt nicht zwangsläufig Rationalisierung! »Ehre« und »Ruhm« im Diskursumfeld von »Krieg und Frieden« werden uns weiter unten wiederholt begegnen, besonders in Kapitel A.3.1 und C.6.1. 33 Diego de Saavedra Fajardo, Abris Eines Christlich-Politischen Printzens, In CI Sinn-Bildern vnd mercklichen Symbolischen Sprüchen ... Zuvor auß dem Spanischen ins Lateinisch: Nun in Teutsch versetzet, Köln 1674, S. 1109f.

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stete Kriegsübung mann- und wehrhaft bleibe, daß der Fürst nirgends so trefflich Ruhm und Ehre akkumulieren könne wie im Krieg. »Es ist kein grösser list als ein Reich in seiner ruhe vnd müssiggang lassen. Wo die Kriegsvbung vergehet, da verlieret sich alle Tugend.«34 Frieden war eine himmlische Verheißung, »bey den menschen aber mag kein Friede bestand haben, wo nicht die furcht der gewalt den ehrgeitz zwinget«35, was stets nur vorübergehend gelingen konnte. Unter Menschen erwiesen sich Friedensschlüsse letztlich immer als Waffenstillstände. Also hatte sich der kluge Fürst auf viele Krieg einzustellen, und er mußte sie beherzt führen, durfte nicht »die waffen schläfferig gebrauchen«. »Wo das schwert gezucket vnd nit wird bluttig gemacht muß mit schanden wieder eingestecket werden ... wo das ansehen verlohren ist, da kommen auch die allermächtigsten in gefahr«.36 Zwischen den Staaten herrschte immerwährender Konkurrenzkampf, gab es ein stetes Auf und Ab, keine Stabilität, keinen Stillstand, der Erfolgreiche mußte wachsen, weil die Alternative seine Marginalisierung war. »Alle reiche seind im anfang schlecht gewesen, hernacher aber haben solche mit einnehmen vnd erhalten37 zugenommen.« Über Dutzende von Seiten hinweg zeichnet Saavedra seinen Idealfürsten als zwar kühl kalkulierenden, nicht hazardierenden, doch zupackenden Kriegsherrn. Sogar vermeintlich irrationale, keinesfalls aufgenötigte Kriege hatten ihren tieferen Sinn, folgten einer höheren Notwendigkeit, denn »der wird nicht freventlich angegriffen, welcher sich hinwider was vnterfanget«.38 Das eingangs zitierte Friedenslob liest sich in diesem Kontext wie ein erratisches Einsprengsel. Eine ungewöhnlich wortreiche Friedenseloge bietet der heute vergessene, einst viel gelesene spanische Franziskanerbischof Antonio de Guevara im dritten Band seines erstmals 1529 vorgelegten Fürstenspiegels »Reloj de príncipes«. Er wurde in alle wichtigeren europäischen Sprachen übersetzt, jede größere Bibliothek besitzt verschiedene lateinische Ausgaben, auch noch aus dem 17. Jahrhundert. Caput XIV ist so überschrieben: »Suadet autor Principibus & dynastis, ut paci studeant, & belli occasiones fugiant«. Das ganze Kapitel malt in emphatischem Ton die Segnungen des Friedens aus, »absque pace neminem fortunis suis 34 Ebda., S. 1115. S. 1095: »Die tugendt erkaltet vnd wird matt, wan sie nicht gelegenheit hat sich zu üben«. 35 Ebda., S. 1114. 36 Ebda., S. 1094f. 37 Meint nicht: »innehalten«, sondern »das Eroberte behalten«, man darf es nicht wieder eines rascheren Friedens wegen herausrücken, davor warnt der Autor immer aufs Neue besonders eindringlich: »Waß sie erobert, das macht das man sie fürchte, waß sie wiedergeben verächtlich« (ebda., S. 1092f.). 38 Ebda., S. 1097. Ein guter Fürst mußte gefürchtet sein, »wer wird sein schneidendes schwert nit an einem mächtigen Fursten wetzen, wan er ein solches ohne seinen schaden thun mag?« (S. 1098).

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frui, sine superventu cibum capere, quietè dormire, securè iter facere, vicino tutò fidere posse ajo«. »O si intelligerent Principes & megistanes, quantum malarum cumulum & sibi & suis domibus illo die attraherent, quo die bella suspiciunt!« Kriege entspringen einem kranken oder gewissenlosen Gehirn: »Consiliarium enim, qui levi de caussa Principi suscipiendi belli autor est, aut bili abundare, aut conscientia carere dixerim«. Unter der Überschrift »Recitat autor commoda pacis, & quo pacto multi Principes ex caussis levissimis gravissima bella moverint, ostendit« (Caput XV ) geht das noch seitenlang so weiter. Vom Jahwe-Krieg des Alten Testaments kündet dieser Autor nicht, hingegen weiß er gut neutestamentarisch: »Redemtor mundi ex hoc mundo abiturus (& in coelum adscensurus) non dixit; Bellum relinquo vobis, bellum meum do vobis; sed Pacem relinquo vobis, pacem meam do vobis: unde effiicitur; veri Christiani esse pacem potius tantopere à Christo commendatam conservare, quàm bellum ulciscendae injuriae sibi illatae gratia movere«.39 Und doch betont auch dieser Autor: »Non petit stili mei mucro Principes, qui bella gerunt, universos; sed qui bella gerunt injusta. Nam ut Trajanus dicebat: Justum bellum pace suspectâ tutius est«.40 »Gerechte« Kriege also waren erlaubt, nur »ungerechte« Aggressionen verurteilt der Autor, das immerhin mit Grimm: »Erit ... haec condemnatio, ut de omnibus damnis, caedibus, incendiis, stupris & rapinis, quae in utraq commissa fuerint republica, rationem cogatur injusti belli autor reddere: qui si nullum in hac vita habeat, à quo reddendam rationem cogatur: At Judicem habebit justum, cui poenas in altera vita persolvet«.41 Diese Gerechtigkeit war nicht die Ciceros oder anderer Apologeten der Pax Romana, war christlich imprägniert. Der Theologie des abendländischen Mittelalters war Frieden nicht ohne Iustitia denkbar.42 Frieden, Gerechtigkeit, Recht – diese Troika durfte man nicht auf39 Antonio de Guevara, Horologium Principum, Sive de vita M. Aurelii Imp. Libri III ..., Ausgabe [des erstmals 1529 erschienenen Werks] Leipzig 1632, die Zitate: Liber III, S. 493f., S. 497, S. 501. 40 Ebda., S. 501. 41 Ebda., S. 489. 42 Vgl. hierzu ausführlicher Gotthard, Religionsfrieden, Kapitel B.III.3.1 und Kapitel D.I.2. Ich will, hinsichtlich der engen Koppelung von Pax und Iustitia im scholastischen Denken, noch auf diese gründliche Monographie hinweisen: Gerhard Beestermöller, Thomas von Aquin und der gerechte Krieg. Friedensethik im theologischen Kontext der Summa Theologiae, Köln 1990, passim (beispielsweise S. 67). Diese Koppelung war dem Mittelalter schon der Friedensethik des Augustinus wegen selbstverständlich. Zu Recht betonte deshalb Wilhelm Janssen in einer 1975 maßstabsetzenden Arbeit (Art. Friede, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck [Hgg.], Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart 1975) die »enge Verbindung des abendländischen Friedensbegriffs mit den Begriffen ›Recht‹ und ›Gerechtigkeit‹« (S. 555), ja, er konnte zugespitzt konstatieren: »für das Mittelalter waren Friede und Recht identisch«

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sprengen, fehlte ein Glied, konnte wohl momentane Gewaltlosigkeit herrschen, aber diese Pax iniqua war kein wahrer Frieden. Erst die zweite Hälfte der Frühen Neuzeit wird ja aus den Glaubenskriegen des Konfessionellen Zeitalters die Lehre ziehen, Pax von Gerechtigkeitskriterien abzukoppeln – Krieg wird sittlich neutrales Attribut der Staatssouveränität, Frieden schrumpft ein auf Ruhe und Ordnung.43 Übrigens war die Gerechtigkeit dem Frieden ursprünglich vorangegangen: so schon im wirkungsgeschichtlich bis in die Frühe Neuzeit hinein ungemein wichtigen, jedem Gebildeten geläufigen Psalm 85 (»Gerechtigkeit und Friede haben sich geküßt«); oder – eine der Moderne, modernen Abhandlungen über dieses Thema aus den Augen geratene, einst wichtige Bibelstelle – bei Jesaja 32,17 (»der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein«); danach in anderen biblischen Schriften, der Patristik, mittelalterlichen theologischen Traktaten, noch frühneuzeitlichen Flugschriften.44 Die Grundanlage des dritten Bands von Guevaras »Horologium Principum« ist diese: Caput I bis XIII sind der »Iustitia« gewidmet, es folgen die skizzierten Kapitel zur »Pax«. Frieden folgt der Gerechtigkeit, ist ihre Frucht. Gerechtigkeit vor Frieden: das ist uns Heutigen geradezu (S. 546). – Erst jüngst stieß ich auf diesen eigenartigen Essay: Hans Hattenhauer, Pax et iustitia. Vorgelegt in der Sitzung [der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften e. V.] am 1. Juli 1983, Hamburg 1983. Hattenhauer nimmt von der damals wegweisenden Studie Janssens keine Notiz, er scheint sie wirklich nicht gekannt zu haben, bietet indes eine Fülle interessanter eigener Beobachtungen; doch ist der Versuch in seinen großen Linien (also, knapp zusammengefaßt: reicher, an Gerechtigkeit gekoppelter Friedensbegriff im Alten Testament; seit der Christianisierung des Imperium Romanum indes nur noch römischrechtlich induzierte Deformationen; letztes Aufflackern der alten, über Ruhe und Ordnung hinausreichenden Friedenskonzeption unter dem Staufer Friedrich II., ehe ausgerechnet Thomas von Aquin darunter einen kräftigen »Schlußstrich« gezogen, Pax und Iustitia irreversibel entkoppelt habe) zweifelsohne verfehlt. Wie eng noch die gelehrte Welt der anhebenden Neuzeit Frieden und Recht, Pax und Iustitia zusammensah, wird meine Arbeit verschiedentlich deutlich machen. 43 Ich pointiere einen elementaren Trend des Völkerrechts, den der Formalisierung und ›EntEthisierung‹. Bei der Pax ging diesen Weg von den Theoretikern der Vormoderne nur Thomas Hobbes zu Ende. Vgl. zu ihm zuletzt Ulrike Kleemeier, Grundfragen einer philosophischen Theorie des Krieges. Platon – Hobbes – Klausewitz, Berlin 2000; nach Kleemeier verfügt Hobbes »über keinen Begriff des Friedens, der mehr wäre als ein Begriff des Nicht-Krieges« (S. 125), »Frieden ist somit nichts weiter als die Abwesenheit von Krieg« (S. 133), und wer mehr wollte als die Absenz militärischer Gewalt, gefährdete in Hobbes’ Augen sogar diese ›bloße‹ Abwesenheit. – In der Moderne wurde eine derart säkulare Sicht auf den Frieden dann selbstverständlich, deshalb können wir (aber das ist ein Beleg für hundert) bei Gustav Radbruch, Rechtsphilosophie, 4. Aufl. Stuttgart 1950, S. 169 solche Synonyme finden: »die Rechtssicherheit, d.h. die Ordnung, der Friede«. 44 Vgl. nur [Anonym] (Hg.), Abtruck Chur Sächsischen Jubel, Lob, Danck vnd Denckfestes ... wegen der Herrlichen Victori vnd Sieg, so Jhre Churfürstliche Genaden ... den 7. Septemb. 1631 Sieghafftig erhalten ..., Dresden 1632, unfol. (»Ach so lasse doch Gerechtigkeit vnnd Friede einander küssen«).

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anstößig, unwillkürlich verdrehen wir die vormoderne Reihenfolge, sie weckt innere Widerstände. Weil Pax Gerechtigkeit im Rahmen einer alle einenden Rechtsordnung voraussetzte, konnte sie auch nur unter Christen herrschen; diese konnten Heiden gegenüber momentanen Gewaltverzicht üben, einen solchen auch vereinbaren, nie wurde Frieden daraus. Eine untrennbare Troika aus Frieden, Gerechtigkeit, Recht also – und dann zerfiel die Christianitas in Konfessionen. Es zerfiel damit auch das Recht, Fundamentum pacis. Die mittelalterliche Kopplung der Pax an die Iustitia wurde dem Reformationszeitalter zum großen Problem. Daß ein ›nur‹ politischer Frieden über Konfessionsgrenzen hinweg halten könne, daß es wenigstens mittelfristig hinnehmbar sei, die Konfessionsspaltung nicht inhaltlich zu überwinden, sondern politisch handhabbar zu machen: das hielten die ersten beiden Generationen nach dem Öffentlichwerden der »causa Lutheri« für undenkbar. Ein nur politischer war notwendigerweise ein »gleserner«45, brüchiger, trügerischer Frieden, konnte nicht währen. Es sei »nit wol verhoffentlich«, belehrt uns der Frankfurter Anstand von 1539, »das ain bestendiger und entlicher frid, rue der gewissen, lieb, freuntschaft und rechtschaffens vertrauen im Hayligen Reich erlangt werden moge, es sei dan sach, daß in der religion als der rechten hauptsach ain gut christlich und entlich vergleichung gemacht werde«. 46 Im Sommer 1552 gelang an einer Reihe von Fürstenhöfen gleichsam der mentale Durchbruch47, hin zu einer funktionalen Ausdifferenzierung zwischen transzendentalem Wahrheitsproblem und säkularer Rechtsordnung; doch scheiterte damals der Versuch, diese umstürzend neue Einsicht der Reichsverfassung einzuschreiben. Noch 1555 wurden die Straßburger Vertreter am Augsburger Reichstag von ihrer Instruktion belehrt, ohne »vergleichung« der Religion, also ohne theologische Wiedervereinigung, sei »nicht leichtlich ein bestendiger friden in Teitscher nation zu verhoffen«, es sei

45 So formulierte Martin Bucer: Winfried Schulze, Concordia, Discordia, Tolerantia. Deutsche Politik im konfessionellen Zeitalter, in: Johannes Kunisch (Hg.), Neue Studien zur frühneuzeitlichen Reichsgeschichte, Berlin 1987, S. 54 mit Anm. 34. 46 Frankfurter Anstand vom 19. 4. 1539, Abdr.: Wilhelm H. Neuser (Hg.), Die Vorbereitung der Religionsgespräche von Worms und Regensburg 1540/41, Neukirchen-Vluyn 1974, Anhang Nr. 1. 47 Nämlich partiell schon an der Wormser Versammlung vermittelnder Neutraler im Mai des Jahres, dann vollends während der Sommermonate in Passau. Noch die würzburgische Instruktion für die Wormser Tagung beispielsweise urteilt, es sei »offenbar und augenscheinlich, dweill man des glaubens halben nit verglichenn, das die hertzen der menschen in andern sachen auch desto langsamer oder unvertreuwlicher zusamen stymmen«; deshalb sei »die vergleichung der Religion«, also die inhaltlich-theologische ›Wiedervereinigung‹, »zum höchsten von nötten«. Aus der undat. Instruktion zitiert Albrecht Pius Luttenberger, Glaubenseinheit und Reichsfriede. Konzeptionen und Wege konfessionsneutraler Reichspolitik 1530–1552 (Kurpfalz, Jülich, Kurbrandenburg), Göttingen 1982, S. 626.

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»nit zu vermueten, das under sollicher uneinigkeit ein recht herzlich vertrauwen under den stenden wider inngepflanzt werden möchte«.48 Das gab 1555 aber nicht mehr den Ton vor. Es gehört zu den avantgardistischen Zügen des Augsburger Reichsabschieds, daß er beanspruchte, »beharlichen und beständigen friden« zu stiften, auf daß man sich »beständiger, gewisser sicherheit ... zu getrösten« habe, wieder in »ruhe und vertrau[en]« leben könne, doch all das »in werender spaltung der religion« 49, also ohne Klärung der Wahrheitsfrage. Ohne zur ihr überhaupt Stellung zu nehmen50, sollte der Religionsfrieden jenes unabläßliche Grundvertrauen wiederherstellen, auf dessen Basis ein gedeihliches Miteinander zwischen verschiedenen Gliedern eines politischen Systems (in diesem Fall des Reichsverbandes) überhaupt erst gelingen kann. Die bereits damals dezidiert föderalistische Organisation51 der Mitte Europas hat jene Augsburger Ordnung ermöglicht, die schon deshalb nicht zum europäischen Modellfall taugte. In Augsburg wurde nicht das Musterbuch zur Beilegung konfessionell motivierter oder aufgeladener internationaler Konflikte niedergeschrieben. Wir verließen zuletzt die Gelehrtenstuben, inspizierten Texte, die in der Ratsstube entstanden. Doch gab der Augsburger Religionsfrieden der mitteleuropäischen Publizistik der nächsten hundert Jahre ihr großes Thema vor. Seit den 1580er Jahren werden die Diskurse wieder hinter das 1555 erreichte Modernitätslevel zurückfallen. Die Vorgriffe von Augsburg stellten sich in manchen Hinsichten als zu avantgardistisch heraus. Die 1555 ausgeklammerte Wahrheitsfrage drängte eine Generation danach machtvoll in die gelehrten und die politischen Diskurse zurück. Erstere stellten immer lautstärker die Entkoppelung vollgülti­gen Menschseins von religiösen Wahrheitskriterien, letztere die Rol­ lenausdifferenzierung zwischen dem Politiker und dem Angehörigen einer Bekenntnisgemeinschaft in Frage. Diese Segmentierungen wa­ren zukunftsweisend, aber den damaligen Eliten wurden sie um und nach 1600 immer unglaubwürdiger. Es wurde immer schwieriger, einen Kernbereich reichspolitischen Aus48 Weshalb ein Nationalkonzil Therapie der Wahl sei, nicht ein politischer Friedensschluß: Instruktion vom 15. 2. 1555, abgedr. bei Walter Friedensburg (Bearb.), Politische Correspondenz der Stadt Straßburg im Zeitalter der Reformation, Bd. 5, Heidelberg 1928, Nr. 460. 49 So sagen es zur Dispositio des Religionsfriedens hinführende narrative Passagen: Rosemarie Aulinger/Erwein H. Eltz/Ursula Machoczek (Hgg.), Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. [im Folgenden: RTA]. Der Reichstag zu Augsburg 1555, Teilbd. 4, München 2009, Nr. 390 (hier S. 3107f.). 50 Das gilt hinsichtlich der beiden nun im Reichsverband zugelassenen Konfessionen; »secten« blieben illegal. 51 Vgl. hierzu (wie auch zur Frage, ob man die dezentrale politische Organisationsform des Reiches überhaupt »föderalistisch« nennen darf ): Axel Gotthard, Einleitung, in: Werner Künzel/ Werner Rellecke (Hgg.), Geschichte der deutschen Länder. Entwicklungen und Traditionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Münster 2005, S. 7–33.

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handelns und reichspoliti­schen Krisenmanagements gegen das anbrandende Wahrheitspro­blem abzuschirmen. Es ist faszinierend, zu beobachten, wie sich das vom doppelten Wahrheitsmonopol bedrohte Reich 1555 auf den säkularen Boden eines politischen Friedens rettete, aber nach gut einer Generation pochte das Wahrheitsproblem kraftvoller denn je wieder an die Türe – wenn ich in Kapitel A.1.2.3 nach der Verlaufskurve der Wertschätzung des Friedens und in Kapitel A.2.1.3, im Rahmen einiger um die Säkularisierung des Kriegsbegriffs kreisender Überlegungen, nach einem »Resakralisierungsschub« frage, werden verschiedene Facetten dieses Prozesses noch eingehender analysiert werden. In Kapitel A.1.2.3 werden wir beispielsweise sehen, daß die Publizistik der Konfessionellen Zeitalters gern zwischen dem »inneren« und einem lediglich »äusseren« Frieden unterschied, ersteren mit der theologischen Wiedervereinigung gleichsetzte, letzteren, also den interkonfessionellen Frieden, als notwendig fragil abwertete, ja, seine Bindewirkung für den Rechtgläubigen in Frage stellte. Wenn Georg Eder 1579 den Protestanten entgegenschleuderte, daß »ausser Ainigkait des Glaubens, kain beständiger Frid« denkbar sei 52, war das natürlich auch ein Werturteil. Gewaltlosigkeit war kein Wert an sich. Kapitel A.2.1.3 wird zeigen, daß der Gerechte Krieg in Pamphleten der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts zum gottgewollten Bellum necessarium mutierte, zum Holy War; sich diesem himmlischen Schlachtruf zu versagen, war nicht gottgefällig. Friedfertigkeit ist in diesen Pamphleten sündhaft. Solche – an sich auch für den nur relativen Wert von Pax aussagekräftige – publizistische Muster des Konfessionellen Zeitalters werden wir also noch in anderen Kontexten genauer kennenlernen, bereits hier können wir resümieren: Die durchgreifende Säkularisierung einer darüber auf »Ruhe und Ordnung« einschrumpfenden Pax ließ auf sich warten, linear progressiv war dieser Prozeß nicht. Interessante Illustrationen der vormodernen Friedensethik präsentieren uns neuerdings einige Arbeiten von Kunsthistorikern. Sie zeigen, wie häufig damals Pax und Iustitia zusammen ins imaginäre Welttheater gestellt wurden.53 (Weil in dieser Studie noch verschiedentlich über Säkularisierungsprozesse räsonniert 52 Vgl. unten S. 57. 53 Vgl. Klaus Arnold, Friedensallegorien und bildliche Friedensappelle im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Heinz Duchhardt/Patrice Veit (Hgg.), Krieg und Frieden im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit/Guerre et paix du moyen âge aux temps modernes, Mainz 2000, S. 13–34 passim; Wolfgang Augustyn, Friede und Gerechtigkeit – Wandlungen eines Bildmotivs, in: ders. (Hg.), Pax. Beiträge zu Idee und Darstellung des Friedens, München 2003, S. 243–300; sowie auch Hans-Martin Kaulbach, Europa in den Friedensallegorien des 16.-18. Jahrhunderts, in: Klaus Bußmann/Elke Anna Werner (Hgg.), Europa im 17. Jahrhundert. Ein politischer Mythos und seine Bilder, Wiesbaden 2004, S. 57 mit Anm. 18. – Biblischer Bezugspunkt war natürlich Psalm 85, Zeile 11 (»iustitia et pax oculatae sunt«). – Augustyn zeigt, daß man Pax manchmal als heilsgeschichtliche Kategorie ins Bild setzte, auf die Erlösung des Menschen bezog (und Iustitia mal die Gerechtigkeit, etwa die

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wird, verdient freilich auch Erwähnung, daß die Bildprogramme nach 164854 oder doch im 18. Jahrhundert55 von der innigen Verschränkung des Friedens mit der Gerechtigkeit ablassen werden.) Der neben Luther bedeutendste evangelische Lieddichter, Paul Gerhardt, schwelgte fünf Jahre nach dem Westfälischen Friedensschluß in dieser Utopie: »Die Güt und Treue werden schön/ einander grüßen müssen;/ Gerechtigkeit wird einhergehn,/ und Friede wird sie küssen«.56 Der Nürnberger »Pegnitz-Schäfer« Johannes Klaj faßte es zeitgleich in diese Worte: »Fried und Gerechtigkeit/ sehr nah beschwestert sind/ Wer Rechtseyn hintergeht/ den Frieden nimmer findt/ ... Fort wird Fried und Gerechtigkeit/ sich freudlich küssen weit und breit.«57 Acht Jahre nach dem Ende des großen deutschen Konfessionskriegs deklamierte Veit Ludwig von Seckendorff in seinem »Teutschen Fürsten-Staat«: »Der Friede, oder die innerliche ruhe des landes, und sicherheit von den feinden58 fließet her aus der gerechtigkeit, und die wird hiniustitia distributiva des Aquinaten meinte, mal die Rechtsordnung), daß sie aber in Mittelalter wie Früher Neuzeit häufig auch einen rechtlichen und politischen Friedenszustand meinte. 54 In den bei Kaulbach, Europa, geschilderten und/oder abgebildeten Allegorien aus der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit ist die enge Verschränkung gelöst, oft tritt Iustitia gar nicht mehr auf. Kaulbach selbst freilich geht darauf explizit nicht ein, ihn interessiert der räumliche Bezugsrahmen von Pax, und auch da darf man eine Säkularisierung konstatieren: Aus der Christianitas wird »Europa«, im Lauf des 18. Jahrhunderts unter Einbeziehung eines nun ikonographisch friedensfähig werdenden islamischen, nämlich des Osmanischen Reiches. 55 Augustyn, Friede und Gerechtigkeit, konstatiert, daß die zuvor zum »herkömmlichen Motivschatz der Friedensikonographie« gehörende Verschwisterung von Pax mit Iustitia im 18. Jahrhundert seltener werde und am Ende dieses Säkulums »obsolet geworden« sei (S. 276). – Ein Zufallsfund in Flugschriftenliteratur, der nicht gegen Augustyns Diagnose ins Feld geführt, nur erwähnt werden soll: Eine 1757 erschienene anonyme Abhandlung über »Die Neutralität« endet so: »Alleine, bey dem allen seye es ferne, daß Alemannien nicht den lieben Frieden auf sehnliche Art wünschen sollte«, weshalb Brennus aus Gustavs Land abziehen und sich mit Miriam versöhnen muß, auf daß, so der Schlußsatz, »Gerechtigkeit und Friede sich unaufhörlich in Alemannien küssen« (S. 14). Das skurrile und wohl auch seltene (ich stieß in Jena darauf: ThULB A 5002 :2[23]) Schriftchen findet es lustig, allen Räumen und Personen Pseudonyme zu verpassen, »Alemannien« meint das Reich, »Fürst Brennus« ist unverkennbar Friedrich von Preußen, Maria Theresia heißt »Groß-Fürstin Miriam«, als »Gustav« firmiert Friedrich August von Sachsen. 56 Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen, o. O. o. J., S. 533. 57 Johann Klaj, Friedensdichtungen und kleinere poetische Schriften, hg. von Conrad Wiedemann, Tübingen 1968, S. 45f. 58 Diese Quasi-Synonyma sind für die Haltung des Autors bezeichnend. Der Sohn eines fürstbischöflich-bambergischen Amtmannes war, als er den »Fürsten-Staat« 1656 erstmals vorlegte, Hof- und Justizrat in Sachsen-Gotha, mit inneren Reformen in der Verwaltung dieses kleinen Fürstentums befaßt und, allgemeiner gesagt, ganz Kind der deutschen ›Kleinstaaterei‹. Das verlieh seinem – gleichwohl generationenlang vielbenützten – Handbuch Züge, die eigentlich schon 1656 altertümlich waren, wenig auf die innenpolitischen Exzesse des höfischen Absolutismus vorauswiesen und schon gar nicht auf die machtpolitischen Exzesse

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wiederum durch friede und ruhe befördert, also, daß diese beyde stücke freylich, nach der lehre des Königes Davids einander küssen, und eines ohne das andere nicht wohl bestehet«. Und wenn Frau Iustitia den Kuß verweigerte? Es ist für uns Heutige unvorstellbar, die ›bloße‹ Abwesenheit massiver physischer Gewaltausübung geringzuschätzen59, doch zahlreiche theologische Traktate und religiös aufgeladene Pamphlete des Mittelalters wie der ersten beiden neuzeitlichen Jahrhunderte warnen vor dem faulen Frieden. Um die qualitative Spannweite andeuten zu können, will ich mit dem großen Nikolaus von Cues beginnen: »Oportet se custodire: a pace inquinata ... et a pace simulata ... et a pace inordinata ... Talis pax est deterior quam guerra.«60 In den Niederungen der Pamphletistik liest sich das dann beispielsweise so: Frieden »in it selfe is ... neither ... good nor bad«, er gehört zu den Gütern, die nicht »absolutely desired or refused« werden sollen, »therefore truth must give Law to peace«.61 Eine »Zeitung aus der Christenheit« will »mit Jedermann ... Fried halten«, doch unter einer wichtigen Voraussetzung: »so fern daß man Gottes fried darüber nicht verliere«. Wiewohl während des großen deutschen Konfessionskriegs vorgelegt, lernte ihr Autor, wie so viele seiner Kollegen, lieber aus den Kriegen des Alten Testaments, und dort fand er, »Daß die Kinder Jsrael wol hätten Frieden haben können, wann sie hätten in Egypten im Diensthaus sein und den Abgöttern fröhnen wollen«.62 In »Gesprächen und Discursen zweyer Evangelischer Eydtgenossen« behauptet jener »Hans«, der durchgehend grundverkehrte Ansichten äußert, daß der Krieg »für sich nichts

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des Französischen Zeitalters. Es mußte in dieser Kürze holzschnittartig bleiben. – Das Zitat: Veit Ludwig von Seckendorff, Teutscher Fürsten-Staat ... mit dienlichen Anmerckungen ... versehen, durch Hn. Andres Simson von Biechling ..., Jena 1737, S. 205. Ebda., S. 140 postuliert dieser wenig martialische Autor, daß »das Röm. Reich durch gewisse satzungen zu friede und ruhe eingerichtet« sei und daß »ein teutscher fürst für sich ordentlicher weise ein friedsamer regent seyn solte«. – Daß dem Prager Frieden publizistisch vorgehalten wurde, »ein annehmbarer Frieden müsse sich mit der Gerechtigkeit ›küssen‹«, zeigt Hitzigrath, Publicistik, S. 31f. Es gab freilich auch in der Moderne Versuche, säkularisierte Versionen der werthaltigen Pax auszuarbeiten; die meines Wissens jüngste, in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts durchaus einflußreiche, dann aber doch rasch wieder vergessene stammt von Johan Galtung, der Frieden als Abwesenheit auch »struktureller Gewalt« verstand. Vgl. aus dem großen Œuvre beispielsweise Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Hamburg 1975. Nikolaus von Cues, Sermo XVI: Gloria in excelsis Deo, in: Nicolai de Cusa, Opera omnia, Bd. 16.3, hg. von Rudolf Haubst und Martin Bodewig, Hamburg 1977, S. 268. [Anonym], Neutrality condemned, by declaring the Reasons Why the Deputy-Lieutenants, intrusted by the Parliament for Chesire, cannot agree to the Treaty of Pacification made by some of that County, o. O. 1643, S. 1. Julius Opel/Adolf Cohn (Hgg.), Der Dreißigjährige Krieg. Eine Sammlung von historischen Gedichten und Prosadarstellungen, Halle 1862, Nr. 50.

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guts in jhm hat ... ist warlich ein gefährliches vnd beschwärliches ding, vnd soll man allezeit wol vnd viel sich bedencken, eh man daran kommt«; doch macht ihm dann der kluge, weise und fromme »Stephan« klar, daß nicht etwa Krieg, sondern »forchthaffte friedensbegirde« sündhaft, schändlich und schädlich ist.63 »Blessed are the peacemakers, who make such peace indeed as standeth with Gods honor and the publique good«, konzediert eine englische Kampfschrift gegen die irenische Kontinentalpolitik des Londoner Hofes unter Jakob I., »otherwise, as authors averre, and experience teacheth, A just war is to be preferred to an unjust peace«.64 »Christianus Pura« weiß schon auf dem Titelblatt seines »Classicum paciferum Daniae«65: »Melior est talis pugna, quae Deo proximum facit, quam pax illa, quae separat à Deo«. Die Stuttgarter Hochzeit zwischen Herzog Johann Friedrich von Württemberg und Barbara Sophia von Brandenburg im November 1609 sah einen aufwendigen Festumzug.66 An achter Stelle beteiligte sich der württembergische Hofrat Benjamin Bouwinghausen von Wallmerode mit Waffenträgern, Herolden und Schauwagen. Wie seine Festgenossen, ließ er feierlich Thesen vortragen, darunter die, »das wenn gleichwol deß Vatterlands Lieb und Freyheit, oder einer gerechten Sach notturfft solches erforderet, ein ordentlicher, wollbestelter und rechtgeführter Krieg einem ungewissen oder Prejudicirlichen, und dem Gewissen und der Freyheit abbrüchigen Frieden fürzuziehen« sei.67 Bouwinghausen war kein konfessioneller Eiferer, wir wissen noch nicht einmal – bei einer so exponierten Persönlichkeit des Konfessionellen Zeitalters ist das bemerkenswert! –, welcher Konfession er im Innersten seines Herzens an63 [Anonym], Gespräche und Discursen zweyer Evangelischer Eydtgenossen, von dem gegenwertigen Zustand, o. O. o. J. [1632], fol. 7. 64 Alexander Leighton, Speculum Belli Sacri: or the Looking glasse of the Holy War, o. O. 1624, S. 5. 65 Lübeck o. J. (1627?). 66 Er wurde jüngst zweimal nach unterschiedlichen Fragestellungen analysiert: Gregor Horstkemper, Die protestantische Union und der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Konfliktverschärfung als Auswirkung der gescheiterten Integration von Bündniszielen und Partikularinteressen, in: Winfried Schulze (Hg.), Friedliche Intentionen – kriegerische Effekte. War der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges unvermeidlich?, St. Katharinen 2002, S. 21–51 passim; Alexander Schmidt, Vaterlandsliebe, S. 328–350. 67 Johann Oettinger, Wahrhaffte Historische Beschreibung Der Fürstlichen Hochzeit, und deß Hochansehnlichen Beylagers, So der Durchleuchtig Hochgeborn Fürst unnd Herr, Herr Johann Friederich Hertzog zu Würtemberg ... gehalten hat ..., Stuttgart 1610, S. 137. – Die tagesaktuelle Botschaft des Bouwinghausenschen Aufzugs war eindeutig: Der am Niederrhein begüterte Hofrat plädierte dafür, den »Possedierenden« in Jülich und Kleve aktiv zu Hilfe zu kommen, den Streit um diese Herzogtümer zur Unionssache zu machen. Allgemein zu Bouwinghausens Engagement für die Jülicher Sache: Gotthard, Konfession und Staatsräson, S. 62–66.

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hing.68 Speist sich seine These aus politologischer Literatur? Auch Autoren, die sich, Klugheitsmaximen einer ihren eigenen Sachzwängen gehorchenden Politik absteckend, mehr oder weniger entschieden von theologischen Postulaten freimachten, pflegten vor den Gefahren der Friedfertigkeit zu warnen. Natürlich fällt uns in diesem Zusammenhang zuerst der Name Niccolò Machiavelli ein. Für diesen »wohl entschiedensten Bellizisten der nachantiken politischen Theorie vor dem 19. und 20. Jahrhundert« wurde der Krieg »zum leitenden Prinzip eines Zurück zur Robustheit der Anfänge«, »antizivilisatorischer Schlachtruf«69; langandauernder Frieden ließ die von ihm befallenen verweichlichen, erschlaffen, regelrecht degenerieren.70 Ob das Europas Gelehrten- und Ratsstuben nachhaltig beeinflußt hat? Die Wirkung des Florentiners ist ja schwer zu taxieren, sonntags verdammte man den verruchten Machiavell, werktags ließ man sich mehr oder weniger verhohlen von ihm inspirieren. Viel zitiert (wenn auch zumeist vorgeblich entrüstet), hat er doch in mehreren Hinsichten nicht den Ton vorgegeben. Wichtiger als seine untypisch republikanische Orientierung ist in unseren Zusammenhängen seine 68 Da sie es ablehnten, ihr Gewissen »weiter als Gott uns ufferlegt gefangen zu geben«, lehnten Benjamin und sein Bruder Daniel Bouwinghausen die Unterzeichnung der Konkordienformel ab. Das Konsistorium attestierte ihnen 1610 eine »ambidextra confessio«. Bei Verhandlungen mit dem Konsistorium im Januar 1611 lehnten es die Bouwinghausens ab, den Calvinismus zu »condemnieren«, weil dadurch »societas civilis uffgehalten« werde. Benjamin erklärte außerdem, er glaube zuversichtlich, daß auch große Heiden selig würden. Vgl. zur ›Persönlichkeit‹ dieses außergewöhnlich interessanten (freilich nicht publizierenden) Diplomaten: Axel Gotthard, Benjamin Bouwinghausen. Wie bekommen wir die »Männer im zweiten Glied« in den Griff ?, in: Helmut Altrichter (Hg.), Persönlichkeit und Geschichte, Erlangen/Jena 1997, S. 69–103. ›Der Politiker‹ (französische Gesandte charakterisierten ihn 1620 in einer Relation nach Paris als »le plus intelligent« aller Unionspolitiker!): Axel Gotthard, »Bey der Union ain directorium«. Benjamin Bouwinghausen und die protestantische Aktionspartei, in: Friedrich Beiderbeck/Gregor Horstkamper/Winfried Schulze (Hgg.), Dimensionen der europäischen Außenpolitik zur Zeit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, Berlin 2003, S. 161–186. 69 Volker Reinhardt, Machiavelli und der Krieg, in: Norbert Brieskorn/Markus Riedenauer (Hgg.), Suche nach Frieden: Politische Ethik der Frühen Neuzeit, Bd. 2, Stuttgart 2002, die Zitate: S. 353 und S. 359. 70 Das soll jedenfalls das vermeintliche Beispiel der Meder nahelegen: Niccolò Machiavelli, Il Principe. Der Fürst. Übersetzt und herausgegeben von Philipp Rippel, Stuttgart 1986, S. 43. Zwischenstaatlicher Frieden war Machiavelli nur als Waffenstillstand möglich, eine Zeit, die genutzt werden mußte, um sich für den nächsten Krieg fitzumachen; ob es zweckmäßig war, Krieg zu führen, entschied ausschließlich die Erfolgsaussicht (vgl. S. 27), und: Krieg war ein vorzügliches Disziplinierungsmittel nach innen (vgl. S. 173). – Nur erwähnen kann ich, daß Machiavellis Bellizismus dem nationalstaatlichen 19. Jahrhundert zu und vollends in diesem selbst viel Nachhall fand –­ in Gegenschriften zu Kants Friedensutopie, auch für Hegel führte langdauernder oder, horribile dictu, gar permanenter Frieden zu Fäulnis und Degeneration. Doch das liegt außerhalb des zeitlichen Fokus dieser Studie.

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Überzeugung von der Unbrauchbarkeit des (allzu duldsamen, mitleidigen und insofern friedensaffinen) Christentums für ein starkes dynamisches Staatswesen: Denn hierin folgte ihm der Mainstream der Fürstenberater des 16. und 17. Jahrhunderts keinesfalls. Doch mahnten auch christlich durchtränkte politologische Werke den Leser, die Gefahr einzukalkulieren, »vt ne ex pace fiat ignauus, socors, ac negligens«.71 Ein antihabsburgisches Pamphlet von 1620 will wissen, daß Justus Lipsius, vom spanischen König wegen des Kriegs gegen die niederländischen Nordprovinzen um Rat befragt, empfohlen habe, sie durch Friedfertigkeit zu ruinieren. Militärisch seien sie derzeit nicht zu bezwingen, er würde versuchen, sie »durch den Fried, in Sicherheit« zu wiegen, denn: »die sichern ergeben sich der Faulkeit, die jhnen so schädlich, als ein eingenommener Schlafftrunck«. Es sei ein alter Erfahrungsschatz, daß »zu Friedenszeiten, die Gemüther vnnd Hertzen der Menschen sich endern, vnd auff allerley Wollust vnd Begierde zeitlicher Nahrung vnd Reichthumb sich begeben«. Kurz, man gewähre den Holländern Frieden, auf daß sie »darüber einschlaffen, deß Feindes vergessen« und sich so »selbsten ... ins Elend stürtzen und verderben«.72 1.2.2 Wie dachten die Entscheidungsträger über den Frieden? Was hielt jenes Gros der Entscheidungsträger vom Frieden, das ihn herbeiführte oder verwirkte, aber keine Traktate über ihn verfaßt hat? Daß unbedingte Friedfertigkeit in solchen Kreisen keinesfalls als Herrschertugend galt, merken wir am galligen Spott, mit dem Europas Diplomaten im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts Jakob I. von England zu überschütten pflegten, der seine »ungemessene

71 Princeps christianus adversus Nicolaum Machiavellum, caeterosque huius temporis Politicos, a P. Petro Ribadeneira nuper Hispanicè, nunc Latinè a P. Joanne Orano utroque Societatis IESV Theologo, editus ..., Mainz 1603, Lib. 2, cap. XXXI (S. 453). Der heute vergessene Autor Pedro de Ribadeneyra begegnet in politologischer Literatur der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts sehr häufig. – Ich sollte auch anführen, was unmittelbar davor steht: »Quanquam verò pax semper principi spectanda est, atque ad illam, vt ad imperij finem, administratio dirigenda ...« 72 [Anonym], Dormi secure oder Spanischer Schlafftrunck ..., o. O. 1620, S. 4. – In den militärkundlichen oder der Neutralität gewidmeten Traktaten der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist der Zusammenhang Frieden – Erschlaffung stets präsent. Um nur eine unaufgeregte, unspektakuläre, also typische Stelle anzuführen: »In pace semper ad bellum parata esse debent Principis brachia; Nam deficiente exercitio militari virtus quoque deficit: Subditos enim disciplina armorum habiles reddit, ad tuendam pacem et sustinendum bellum.« So urteilt Georg Schröder, De Neutralitate Bono Deo praeside Henrico Rudolpho Redekern, Profess. Juris Ordinario, Rostock 1659, Abschnitt Nr. 5.

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Friedensliebe ... überall zur Schau« stelle73, notorisch »anxious for the peace of the world« sei, »naturally inclined to peace«74. Was heute für diesen Monarchen einnehmen könnte75, führten die damaligen diplomatischen Beobachter auf schlimme charakterliche Defizite zurück. »Involved in his extreme irresolution«76, scheue Jakob außenpolitische Konflikte »wegen seiner Schwäche« und »Nachlässigkeit«, weil er sich ohnehin »den Geschäften nicht gewachsen fühlt ... Und so glaubt er nun, während des Friedens könne er ... seine Fehler leichter verdecken, als im Kriege, und dann seiner Natur gemäß in aller Freiheit der Ruhe und den Vergnügungen leben.«77 Der Friedfertige ist in diesem Fall der Dumme, und nicht nur in diesem Fall einfach faul. Frieden hatte nicht unter allen Umständen einen moralischen Bonus. Wie dachten die Entscheidungsträger über den Frieden? Reichskanzler Axel Oxenstierna, an dessen grimmiger Entschlossenheit, Schweden nicht anders denn »medh ähren« und »reputation« aus dem großen mitteleuropäischen Konfessionskrieg herauskommen zu lassen, alle Friedensappelle aus Stockholm verpufften78, erklärte, kaum heimgekehrt, im schwedischen Reichsrat, es sei mü73 Bericht Beaumonts aus London, 1604, Mai 13: Friedrich von Raumer (Hg.), Briefe aus Paris zur Erläuterung der Geschichte des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, Bd. 2, Leipzig 1831, S. 257; Raumer gibt leider nur seine Übersetzungen. Jakob ist »überall dem Frieden geneigt«: Beaumont am 10. Juli 1603, ebda., S. 251. »So lang Jakob lebt, wird er unter keiner Veranlassung jemals einen Krieg beginnen, sondern den Frieden, selbst durch schlechte, unverständige und beschimpfende Mittel, zu erhalten suchen. Er haßt den Krieg aus Gewohnheit, aus Grundsatz und von Natur, und will ihn, nach seinen Worten, meiden wie seine eigene Verdammniß«: Beaumont am 22. Oktober 1604, ebda., S. 261f. 74 Relation der venezianischen Gesandten Piero Contarini und Antonio Donato, 1618, November 23: Allen B. Hinds (Hg.), Calendar of State Papers and Manuscripts, Relating to English Affairs, existing in the Archives and Collections of Venice, and in other Libraries of Northern Italy, Bd. 15, London 1909, Nr. 600; Relation des venezianischen Gesandten Girolamo Lando, 1619, Dezember 27: ebda., Bd. 16, Nr. 161. Es handelt sich natürlich auch hier um Übersetzungen des Herausgebers, der originale Wortlaut wird leider nicht angegeben. 75 Tatsächlich wirkte seine handwerklich katastrophale »policy of unadventurous and inoffensive goodfellowship« (auf diese Formel bringt es Maurice Lee Jr., James I. and Henry IV. An Essay in English Foreign Policy 1603–1610, Urbara/Chicago/London 1970, S. 13) destabilisierend, vgl. dazu zuletzt Gotthard, Konfession und Staatsräson, Personenregister, s. v. Jakob von England, und zusammenfassend S. 301. 76 Relation des venezianischen Gesandten Girolamo Lando, 1620, März 13: Hinds, State Papers, Bd. 16, Nr. 287. 77 So Beaumont am 22. Oktober 1604: Raumer, Briefe aus Paris, S. 261f. 78 Er könne den mitteleuropäischen Kriegsschauplatz nicht sich selbst überlassen, nicht ohne »ähra och reputation«, schrieb der Reichskanzler am 5. September 1634 seinem Bruder Gabriel Gustavsson Oxenstierna. Man führe diesen Krieg »pro reputatione« (an Baner, 1634, Oktober 28), müsse »medh ähren« aus ihm herauskommen (an Gabriel Gustavsson Oxenstierna, 1635, August 14; dieser an Axel Oxenstierna am 2. Mai 1636: man muß Frieden

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ßig, wortreiche Grundsatzdiskussionen darüber zu führen, ob man nun Frieden wolle oder nicht, »effter som ingen förer krig uthan för fridhen skuldh«.79 Sollen wir Heinrich Rantzau als gelehrten Humanisten rubrizieren, geht er als Politiker durch? Dieser wichtige Berater der Dänenkönige Christian III. und Friedrich II.80 schrieb am 20. Dezember 1585 an Herzog Ulrich von Mecklenburg, »ein beschwerlicher Friedt ist alle Zeit beser alß ein gerechter Krieg«.81 Würden intensive Archivstudien durch ähnliche Einschätzungen in größerer Anzahl belohnt? Uns fehlt jeder Anhaltspunkt, um das prognostizieren zu können. Wie dachten die Entscheidungsträger über den Frieden? Natürlich, wie können die schriftlichen Hinterlassenschaften von Friedenskongressen durchforsten, aber ob wir sie beim Wort nehmen dürfen? Jedenfalls müssen wir den Anlaß (keine Kriegserklärung, man will den anfangs wie auch immer bewerteten Krieg ja nun endlich warum auch immer beenden!), außerhalb der raren internen Besuchen, natürlich einen »medh reputation«). Aus solchen und vergleichbaren (Per Baner am 23. Oktober 1635 an einen nicht erwähnten Adressaten: man muß aufpassen, nicht »all vår reputation« zu verlieren) Schreiben zitiert Jenny Öhman, Der Kampf um den Frieden. Schweden und der Kaiser im Dreißigjährigen Krieg, Wien 2005 ausgiebig (ohne ihrerseits die hier interessierende Frage nach Friedenskonzepten anzuschneiden). Die Zitate: S. 245 Anm. 260, ebda. Anm. 262, S. 247 Anm. 278, S. 251 Anm. 370, S. 248 Anm. 306. Hier wird nicht mehr die Pax vera et iusta beschworen, der gerechte wird zum Prestigefrieden. – Nur anmerkungsweise (da auf mündliche Mitteilungen gestützt) kann ich erwähnen, daß dem besten Kenner der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges, Christoph Kampmann, auffiel, daß die für den Westfälischen Friedensschluß maßgeblichen Entscheidungsträger wieder und wieder die »Pax honesta« im Munde führten, Frieden und »Ehre« verschwisterten – man könne die Kriegshandlungen nicht ohne einen »ehrenvollen« Frieden einstellen. Wie ist dieser mich überraschende Befund zu deuten? Selbst, wenn die Pax honesta nur ein euphemistischer Sammelbegriff (bzw. die damals eben sagbare Formel) für das Hochhalten der zentralen eigenen Kriegsziele gewesen sein sollte, wäre das für eine Archäologie des modernen Friedensbegriffs doch interessant. Aber was genau lernen wir aus der Beobachtung? Handelt es sich um ein frühes Indiz friedenskonzeptioneller Säkularisierung? Den Indikator für eine fortschreitende Entkonfessionalisierung des Dreißigjährigen Krieges? Müssen wir eher sozial denn zeitlich differenzieren, waren konfessionspolitische Ziele für die europäischen Entscheidungsträger einfach nicht so zentral wie für einen deutschen Durchschnittsfürsten (vgl. noch unten Kapitel A.2.2.4)? Ich kann vorerst nur die Fragen formulieren. S. zur »Ehre« allgemein noch unten Kapitel C.6.1, zu Pax und Ehre dort beispielsweise S. 777 mit Anm. 8. Vgl. ferner, zur gleichsam »rationalen« Atmosphäre in Westfalen, unten S. 55 mit Anm. 133. 79 Also: »... da niemand Krieg führen würde, ohne den Frieden zu wollen« – Erklärung Axel Oxenstiernas im Reichsrat am 17. Oktober 1636; Öhman, Schweden, S. 256 Anm. 475 gibt ein längeres Zitat daraus. 80 Er war außerdem seit 1556 königlicher Statthalter in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, andererseits als Verfasser gelehrter Abhandlungen (darunter ein »Commentarius bellicus«) produktiv. 81 Zit. nach Reimer Hansen, Heinrich Rantzau und das Problem des europäischen Friedens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln 1991, S. 103.

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ratungsprotokolle ferner die Wirkungsabsicht der Texte im Auge behalten, und doch: daß Beteuerungen der eigenen Friedfertigkeit eine Wirkung zugetraut wurde, daß man offenbar davon ausging, das setze den Verhandlungspartner unter moralischen Druck, ist auch schon bemerkenswert. Die Friedensgirlanden, die das Kleinklein des Interessenausgleichs an solchen Kongressen umrankten, sind regelmäßig zu üppig – bei diesem Thema so wortreich zu sein, kostete ja mit Zeit ein für Politikprofis auch damals kostbares Gut! –, als daß wir das gedankenloser absichtsfreier Routine zuschreiben dürften. Oder war doch keine raffiniert ausgeklügelte Wirkungsabsicht der Motor, merkten die damaligen Politiker vielmehr instinktiv, daß sie durch stets aufs Neue vorgetragene Friedensappelle die Voraussetzungen für einen beide Seiten zufriedenstellenden materiellen Interessenausgleich schufen, weil erst solche moralischen Valeurs eine tragfähige kommunikative Basis für die Verfolgung der eigenen strategischen Ziele schufen? Jürgen Habermas hat einmal so betont, wie wichtig gemeinsame Lebenserfahrungen für das Gelingen von »sprachlich vermittelter Interaktion«82 sind: »Es wäre gar nicht zu erklären, wie die alltäglichen Konsensbildungsprozesse die Schwelle des Dissensrisikos, das mit den kritisierbaren Geltungsansprüchen83 in die Verständigungspraxis eingebaut ist, immer wieder nehmen könnten, wenn wir nicht die massive Vorverständigung der Kommunikationsteilnehmer in den kulturell eingewöhnten und einsozialisierten Selbstverständlichkeiten einer intuitiv gegenwärtigen, präreflexiv gewußten und als unproblematisch vorausgesetzten Lebensform in Anschlag bringen könnten«.84 Diese gemeinsame »Lebensform« kann und konnte man in der internationalen Diplomatie nicht voraussetzen – schufen geteilter und verbalisierter Schmerz über Kriegserfahrungen sowie gemeinsamer, regelmäßig beschworener Friedenswunsch ein hinreichendes Surrogat, das die interkulturelle und interkonfessionelle Verständigung ermöglichte? Jedenfalls »contestierte« man bei Gesprächen, die einen Friedensvertrag vorbereiten sollten, einleitend, ehe man zu materiellen 82 Ich spiele auf diesen Titel an: Jürgen Habermas, Handlungen, Sprechakte, sprachlich vermittelte Interaktionen und Lebenswelt, in: ders., Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze, Frankfurt 1992, S. 63–104. 83 Nach der Theorie verständigungsorientierten Handelns von Habermas erhebt der Sprecher dreierlei Geltungsansprüche, deren Anerkennung durch den Hörer Voraussetzung gelingender Kommunikation ist: faktische und normative Wahrheit sowie Wahrhaftigkeit. Der Hörer muß an die Übereinstimmung des Gesagten mit den Fakten glauben, an die Gültigkeit der erhobenen normativen Ansprüche, und er muß sich sicher sein, daß der Sprecher auch meint, was er sagt. Das kann er sein, wenn beide eine gemeinsame Lebenswelt teilen, also ein Reservoir kulturell überlieferter, sprachlich übermittelter Deutungsmuster. 84 Jürgen Habermas, Entgegnung, in: Axel Honneth/Hans Joas (Hgg.), Kommunikatives Handeln. Beiträge zu Jürgen Habermas’ »Theorie des kommunikativen Handelns«, Frankfurt 1988, S. 369.

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Besitzständen, Grenzverläufen und Geldzahlungen vorstieß, durchgehend erst einmal »zum allerhöhsten«, daß im eigenen Lager alle »nichts anders suechten, wünschten noch begerten« als »frieden«85; man sei »necessitate quadam inevitabili in dießen kriegsschwall mit eingeflochten und wider allen dero willen darein gezogen« worden, habe »niemals waß höchers und mehrers verlangt, alß wie doch ein allgemeiner friden zwischen denen christlichen potentaten« wiederhergestellt werde, sei doch »so viel unschuldiges christenbluet« zu »vergiessen ja einmahl gegen gott nit zu veranttwortten«.86 Belanglos sind solche wortreiche Beteuerungen nicht, aber anzunehmen, ihre Sprecher legten dabei Gehirn und Herz auf die Zunge, wäre naiv. Wie dachten die Entscheidungsträger über den Frieden? Natürlich können wir auch Politische Testamente durchforsten, aber ob wir dort auf jene Grundüberzeugungen stoßen, denen die politischen Alltagsentscheidungen erwuchsen?87 Ist es bedenkenswert, daß die hochadeligen Letztentscheider offenbar nicht nur als markante Autoritätspersonen und martialische Schlachtenlenker, sondern auch als Friedensfürsten nachleben wollten? Man wünschte dem ältesten Sohn friedliche Regierungsjahre88, mahnte ihn auch meistens zur 85 So referierte einer der Vertreter der Hofburg an den Westfälischen Friedenskongressen, Isaak Volmar, was ihm der Vertreter Frankreichs in Münster, Longueville, bei einem Besuch im kaiserlichen Quartier einleitend erklärt habe: Volmar an Ferdinand III., 1645, November 14, abgedr. bei Wilhelm Engels (Bearb.), Acta Pacis Westphalicae (im Folgenden: APW), Serie II Abt. A Bd. 2, Münster 1976, Nr. 293. 86 Diesen Wortschwall sah die kaiserliche Geheiminstruktion vom 22. November 1642 für den Dominikanerprovinzial Georg von Herberstein anläßlich damals geplanter Sondierungen desselben in Paris vor: APW I.1, Nr. 24 (S. 388f.). –­ Instruktiv auch, was Markus Vogl, Friedensvision und Friedenspraxis in der Frühen Neuzeit 1500–1649, Augsburg 1996, S. 170 aus einem Bericht über die erste Visite der kaiserlichen Gesandten am westfälischen Friedenskongreß beim schwedischen Gesandten Oxenstierna am 9. April 1644 zitiert: Zunächst »sein wir in terminis generalibus complementorum gepliben, von dießseidts auffrichtiger intention zum frieden ... Dergleichen hatt der Oxenstirn auch gethaen unnd ... hinzugesetzt, daß der krieg schon ein geraume zeitt von jahren gewehrt unnd es kein christliches hertz geheißen werden sölte, so nitt den frieden warnach soviell million seelen verlangen, begehren sölte.« Damit sind ein gemeinsamer Erfahrungsrahmen (langjähriger Krieg) und ein prinzipiell konsensfähiger Wertehorizont (Friedensliebe) abgesteckt. 87 Die Frage ist für streng geheime Dokumente, die in der Dynastie verblieben, noch einmal anders zu stellen als für jene Mehrzahl der Politischen Testamente, die für eine begrenzte Öffentlichkeit gedacht waren (und keinesfalls zuletzt für jene Landstände, die ja in Alteuropa ziemlich konstant für eine friedliche, kostensparende Außenpolitik einzutreten pflegten, vgl. Anm. 91). 88 Vgl. exemplarisch, aus dem Politischen Testament des Großen Kurfürsten: Er bitte »Gott von Hertzen, das Er Euch eine langwirige, bestendige undt fridtfertige Regirung verleihen undt geben wolle, dan der Fride ernehret, der Krieg aber verzehret«. Abdr.: Heinz Duchhardt

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Friedfertigkeit89, allerdings durften militärische Ratschläge an die Nachgeborenen daneben nie fehlen. Eine der ausführlichsten Friedenselogen stammt vom Brandenburger Joachim II., der als Feldherr »in peinlicher Weise«90 versagt hatte, dann doch lieber als Mahner zum Frieden bei den Nachkommen im Gedächtnis bleiben wollte: Also empfahl er den Söhnen »ganz vaterlich und freundlich«, daß sie sich »den lieben frieden wolden lassen befohlen sein«, sich überhaupt »kegen menniglich friedlichen halten« sollten, »dan es schickets gott der almechtige gemeniglich also, daß er denen hern, welche zu kriegen und unfrieden lust und willen haben, kriegs und unlusts, darüber dan mancher von landen und leuten kommet, gnug gibet und hinwiderumb denen, die den frieden lieben und friedfertig sein, denselben auch gnediglich verleihet und sie darbei erhelt«. Vom Kriegführen überhaupt abraten wollte er freilich nicht.91 Übrigens wird noch der aus ganz anderem Holz geschnitzte »Soldatenkönig« den »lieben Succeßor« bitten, »um Gottes willen kein ungerechten krihgk anzufangen und nicht ein agressör [zu] sein«. Freilich, »wozu Ihr recht habet, da laßet nicht ab«!92 Ausgerechnet Karl V., der fast immer irgendwo in Europa oder sogar Afrika Krieg führte, ermahnte seinen Sohn Philipp in den »Avisos«93 wiederholt zur

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(Hg.), Politische Testamente und andere Quellen zum Fürstenethos der frühen Neuzeit, Darmstadt 1987, S. 165–186, hier S. 177. »Vor Krigen und Fähden [sic] warnen Wir«: so das Politische Testament Landgraf Georgs II. von Hessen-Darmstadt, Abdr.: Duchhardt, Politische Testamente, S. 43–76, hier S. 60. Wolfgang Neugebauer, Die Hohenzollern, Bd. 1, Stuttgart/Berlin/Köln 1996, S. 96; »zum Feldherrn war Joachim nicht geboren«, er sei »ein eher friedlicher Herr« gewesen. Neugebauer zitiert ebda. ausführlich aus dem Testament von 1562. Die Nachkommen sollten sich nicht etwa generell, sondern lediglich »one ihrer getreuen landschaft rath und bewilligung« auf keine »krieg ... einlassen«! Nun vertraten die an Landtagen versammelten Honoratioren natürlich die Interessen ihres Standes, ihrer Region, die Außenpolitik der fürstlichen Zentrale hat sie üblicherweise wenig interessiert, und kosten durfte sie noch weniger. Ständeversammlungen des Ancien Régime waren immer für eine vorsichtige, eingezogene Außenpolitik. – Vorvorgänger Johann »Cicero« hatte den Vorgänger, Joachim (II.) ermahnt: »Vom kriegführen halte ich nichts. Sie bringen nichts gutes«. Zit. nach Dieter J. Weiß, Die ersten Hohenzollern in der Mark (1415–1499), in: Frank-Lother Kroll (Hg.), Preußens Herrscher. Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II., München 2000, S. 50. »Instruckcion wie sich mein Successor ... nach mein toht sich zu richten hat« vom 22. Januar 1722: Richard Dietrich (Hg.), Die politischen Testamente der Hohenzollern, Köln/Wien 1986, S. 221–243, die Zitate: S. 239 (mit zeittypischem Changieren zwischen Gottes gerechtem Arm und einer gleichsam vulgärpsychologischen ›Erklärung‹: die »Sexische Armée« war »so furchtsahm vor die schwehden«, weil die Soldaten nicht an die Gerechtigkeit der Sache glaubten, »die Saxen sein sonsten Brafe leutte ... aber sobaldt Ihr Köhnig im ungerechten Krig wahr, da wahr Ihr hertze fordt«) bzw. S. 237. Abdrr. in deutscher Übersetzung: Armin Kohnle (Hg.), Das Vermächtnis Kaiser Karls V. Die Politischen Testamente, Darmstadt 2005. Die »Avisos« bieten Regierungshandreichungen für Zeiten kaiserlicher Abwesenheit.

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Friedfertigkeit, beispielsweise so: »Eines der Dinge, die ich am meisten von Gott erbitte, ist der Frieden, ohne den ihm nicht gut gedient werden kann, einmal abgesehen von den anderen zahllosen Nachteilen, die der Krieg mit sich bringt. Ihr müßt also ständig Sorge und Eifer darauf verwenden, den Krieg auf jeden Fall zu vermeiden und niemals in einen zu treten«.94 »Auf jeden Fall«, »niemals«? Der Satz geht so weiter: »... außer wenn Ihr dazu gezwungen seid«!95 An anderer Stelle96 heißt es, Philipp dürfe sich nicht auf einen »Krieg« mit Karls notorischem Gegner Frankreich »einlassen« – »es sei denn, es ergäbe sich ein guter Grund oder eine günstige Gelegenheit dazu«! Es gibt zu denken, wenn sich ausgerechnet Maximilian I. von Bayern in seinen »Monita paterna« als Mahner auch zum Frieden stilisieren läßt97. »Bellum optimum quod nullum«, »qui bellum dixit, malum omne dixit«98: beeindruckende Lehren aus den Qualen eines langwierigen Konfessionskriegs? Man mag es diesem Wolf im Schafspelz99 nicht abnehmen. Georg Friedrich von Baden-Durlach versuchte sich als Autor einer kriegswissenschaftlichen Abhandlung, in der er den Krieg als ein »an sich selbst 94 Kohnle, Vermächtnis, S. 71; weitere Friedensmahnungen ebda., S. 25–29 passim. – Vor der Abreise an den spanischen Alterssitz zu den Deputierten der niederländischen Generalstände sprechend (freilich ist das natürlich keine interne Bekundung!), rühmte sich Karl, er habe »mit Gottes Hilfe nie aufgehört«, seinen »Feinden zu widerstehen«, um anschließend damit zu prahlen, wohin ihn all seine Feldzüge so gebracht hätten. Doch »indem ich von Euch Abschied nehme, ist nichts schmerzlicher für mich, als dass ich nicht im Stande gewesen bin, Euch einen festen und gesicherten Frieden zu hinterlassen«: scheinbar ein krasser Widerspruch! Er läßt sich allenfalls ein Stückweit auflösen, wenn man zwischen dem gerechten und dem faulen Frieden, zwischen Tranquillitas ordinis und Pax iniqua unterscheidet. Ich zitierte die Übersetzung bei Alfred Kohler (Hg.), Quellen zur Geschichte Karls V., Darmstadt 1990, Nr. 117. 95 Etwas später (Kohnle, Vermächtnis, S. 72) wird ausgeführt, daß »die Vermeidung und Abwendung eines Krieges nicht immer in der Hand desjenigen liegt, der dies wünscht, wie es mir oft ergangen ist«, alles hänge »vom guten oder bösen Willen der Nachbarn« ab. Interessant auch ebda., S. 86 die Ratschläge hinsichtlich einer Rückgewinnung des Hesdin. 96 Die fragwürdige Friedensmahnung steht hier, auf S. 89, in einem spezifischen Kontext: die Spannungen zwischen Frankreich und Savoyen, soll sich Philipp einklinken? 97 Die Monita paterna von 1639 wurden »unter tätiger Mithilfe des Jesuiten Vervaux« verfertigt: Rainer A. Müller, Die deutschen Fürstenspiegel des 17. Jahrhunderts. Regierungslehren und politische Pädagogik, in: Historische Zeitschrift 40 (1985), S. 584. 98 Walter Ziegler (Bearb.), Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern, Abt. I, Bd. 3, München 1992, Nr. 317 (hier S. 1124). 99 Maximilian ließ eine Dekade vor Kriegsausbruch, mit verheerenden reichspolitischen Auswirkungen, Truppen in Donauwörth einmarschieren, hat dann, seit 1619, lange Jahre nahezu unumschränkt ein konfessionelles Kriegsbündnis, die »Liga« geleitet. – Ich hätte diesen Aufsatz auch »Maximilian und der Dreißigjährige Krieg« betiteln können: Axel Gotthard, Maximilian und das Reich, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 65 (2002), S. 35–68, vgl. vor allem die resümierenden und vorsichtig wertenden Schlußpassagen; ich begründe dort, warum Maximilian von Bayern – bei allen sonstigen, und zumal den finanzpolitischen Verdiensten – meines Erachtens schon ein gerüttelt Maß an Kriegsschuld trägt.

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bös, verhaßt Werk« bezeichnete; und dankte im April 1622 als Markgraf ab, um nur noch Feldherr sein zu können.100 Nicht nur Politische Testamente, auch ›normale‹ Fürstentestamente haben Herrschaftswissen transportiert, wenngleich im Rahmen einer anderen und deutlich größeren Öffentlichkeit, was auch den Rahmen für das in dieser Textsorte Sagbare anders abgesteckt hat. Nehmen wir Stichproben im riesigen Quellencorpus der urkundengebundenen fürstlichen Testamente, blickt uns der Frieden ähnlich janusköpfig an wie in jenen »Instruckciones« und »Avisos«, für die der Forschungsterminus »Politisches Testament« üblich geworden ist. Zwischen grundsätzlichem (»in alleweg«) Friedensbekenntnis, krämerhaft fiskalischer Begründung hierfür und abschließender Relativierung (»soviel immer müglichen«) changiert, was der hessische Landgraf Philipp »der Großmütige« dem Nachfolger an die Hand gibt: »Es ist vnser treuer Rath, vätterliches Bedenken vnd Verordnen: daß sie sich in alleweg vor Krieg wollen hüten, vnd keinen Krieg anfangen; dann es ist nicht mehr zu kriegen als vor Zeiten. Das Kriegsvolk ist zu theuer, man kanns nicht mehr erhalten ... der Vinanzzen seind zu viel; darumb wollen sie sich hüten vor Kriegen, vnd das Sprichwort merken: dulce bellum inexpertis101, vnd darumb sich vor Kriegen hüten, soviel immer müglichen; sie müssens dann thun, so sie vberzogen würden«. Grundsätzlicher, auch scheinbar persönlicher spricht uns Johann Friedrich von Sachsen in seinem Testament von 1553 an: »Was aus Kriegen folget, haben Wir mit Unsern großen beschwerungen, Schaden und Nachtheil erfahren, so ist es sonsten am Tage offenbar.«102 War da jemand tatsächlich aus Schaden klug geworden? Jener Schaden – Verlust des Kurhuts sowie von Teilen des seitherigen Territoriums im Schmalkaldischen Krieg – war auch denkbar groß gewesen, schon deshalb läßt sich die herzogliche Bekundung nicht unbesehen verallgemeinern. König Friedrich I. in Preußen legte seinem Testament 1709 eine »Ermahnung« bei, die eindringlich zu Wachsamkeit und 100 Als solcher suchte er bekanntlich fortan die katholische Liga niederzuringen, auf eigene Faust (Debakel von Wimpfen), später in schwedischen Diensten. Lebensbild dieser markanten Persönlichkeit, die einmal eine moderne Biographie verdiente: Axel Gotthard, Georg Friedrich von Baden-Durlach, demnächst im ersten Band des »Who ’s who in the Habsburg Empire 1526–1848«. Aus Georg Friedrichs Traktat zitiert Felix Berner, »Verteidige die Wahrheit bis in den Tod«. Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach, 1573–1638, in: ders., Baden-württembergische Portraits. Gestalten aus tausend Jahren 800–1800, Stuttgart 1985, S. 143. 101 Vgl. zu diesem Diktum unten S. 54; Testament vom 6. April 1562: Hermann Schulze (Hg.), Die Hausgesetze der regierenden deutschen Fürstenhäuser, Bd. 2, Jena 1878, S. 50–71, hier S. 61. Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt riet im Testament vom 6. Oktober 1625 dem Nachfolger, er möge »dem geliebten hochnützlichen Frieden nachjagen« (ebda., S. 90– 100, hier S. 99). 102 Testament Johann Friedrichs vom 9. Dezember 1553, abgedr. bei Gottfried August Arndt, Archiv der sächsischen Geschichte, Theil 2, Leipzig 1785, S. 353–367 (hier S. 363).

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Wehrhaftigkeit aufruft, viel Wert auf eine gute militärische Verfassung der Composite monarchy legt, »nur aber haben S. Lbdn. dabei zu gedenken und allemal vor Augen zu haben, dass die Waffen und Armeen zu nichts anders als zu Beibehaltung des Friedens dienen müssen, und man denselben, ohne das Seinige dabei zuzusetzen, haben kann und dennoch Krieg anfängt, solches weder vor Gott noch der vernünftigen Welt zu verantworten, auch insgemein von dem Höchsten mit Unsegen und wiedrigem Succeß bestraft zu werden pflege«.103 Der Frieden hatte seinen Wert, durfte indes kein Verzichtfrieden sein – wie sollte bei so vielfältigen »Praetensiones« aller Akteure in Europa stabiler Frieden einkehren, wenn keiner »das Seinige dabei zuzusetzen« gedachte? Susan Richter hat jüngst die Testamente von rund sieben Dutzend Reichsfürsten untersucht – auf formale Gesichtspunkte, Gattungs- und Überlieferungsfragen hin, besonders gründlich geht sie den »Rechtsgrundlagen« nach, während erste Sondierungen nach dem politischen Gehalt recht flüchtig blieben.104 Die Fragen dieser Arbeit hat sich Richter nicht gestellt, immerhin erwähnt sie, daß »der Krieg ... als zerstörerische Kraft bewertet« werde; »ein Krieg zur Expansion« werde »von keinem Fürsten in seinem Testament befürwortet«.105 Interessant, leider unscharf ist sodann die Beobachtung, »dass der Krieg im 16. Jahrhundert zur Ausräumung von Unrecht noch Bedeutung besitzt, bei der Betrachtung nachfolgender Testamente im 17. Jahrhundert106 aufgrund der Erfahrungen von 1618 103 Zweite Ermahnung Friedrichs I. vom 9. Mai 1709: Hermann von Caemmerer (Hg.), Die Testamente der Kurfürsten von Brandenburg und der beiden ersten Könige von Preußen, München 1915, Beilage Nr. 7 (S. 435). Albrecht V. von Bayern mahnte 1578: »So soll kainer aus vnnsern Sönen ainichen Krieg ...nit anfahen noch zu demselben yemannd nit Raitzen noch vrsachen, Sonnder do ye ainer aus Jnen von yemannd wider den Lanndfriden vergewelltiget wollt werden«. Der Frieden hatte seinen Wert, durfte aber nicht mit Wehrlosigkeit verwechselt werden. Das Zitat: Walter Ziegler, Das Testament Herzog Albrechts V. von Bayern (1578), in: ders./Egon Johannes Greipl (Hgg.), Aus Bayerns Geschichte. Forschungen als Festgabe zum 70. Geburtstag von Andreas Kraus, St. Ottilien 1992, S. 295. 104 Vgl. Susan Richter, Fürstentestamente der Frühen Neuzeit. Politische Programme und Medien intergenerationeller Kommunikation, Göttingen 2009. Eine systematische, vergleichende, typisierende, quantifizierende Analyse des politischen Gehalts wird nicht geboten – die politischen Botschaften der Testamente beschäftigen weniger als ein Drittel der Monographie, und dieses bleibt gleichsam pointilistisch, lebt ganz von Einzelfällen, reiht ausgiebige Zitate und Paraphrasen aneinander. Es ist dennoch ein wichtiger und verheißungsvoller Anfang! Er macht auf eine systematische Auswertung des aus Fürstentestamenten sprechenden Politikverständnisses neugierig. 105 Richter, Fürstentestamente, S. 335 bzw. S. 338. Das folgende Zitat: ebda., S. 338. 106 Nach 1648, seit den 1630er Jahren, genau seit 1618? In Testamenten der Regenten kleinerer Territorien, der Regenten besonders geschädigter Territorien, denen aller, in fast allen? Solche Fragen bleiben in dem ganz auf interessante Einzelfälle abgestellten, auf die Anschaulichkeit langer Einzelzitate bauenden Kapitel offen. Richters Studie hat ihre beträchtlichen Stärken eben außerhalb des quasi angehängten Kapitels über »Inhalte politischer Verfügungen in fürstlichen Testamenten«.

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jedoch zunehmend107 an negativer Bedeutung gewinnt«. Wir dürfen vorsichtig konstatieren, daß dem Frieden in Fürstentestamenten offenbar ein gewisser Wert zugesprochen wird, während frohgemute Bekenntnisse zur Kriegslust nicht zum in dieser Textgattung Sagbaren gehört haben. Pazifistische Positionen wurden in einigen Gelehrtenstuben ausformuliert, aber je in Ratsstuben und an Verhandlungstischen? »Kriegen ... wer deß Sathans selbs«, erklärte der württembergische Votant am Augsburger Reichstag von 1555108. »Derhalben er auch die befürderung solchen sathanswercks deß kriegß er für vil erger dan alles ander ermesse, sonderlich cum Deus noster sit Deus pacis ac concordiae et non Deus belli ac dissensionis. Darumb dahin zu laborieren, daß gemainer, bestendiger friden aufgericht und derhalb nit allain aufs papir, sonder auch in die hertzen zu schreiben«. Aber derart grundsätzliche Bekenntnisse zur Friedfertigkeit waren sogar 1555, als sich Mitteleuropa nach einer Dekade voller konfessionspolitisch motivierter Querelen, Scharmützel und auch veritabler Kriege zu seinem Religionsfrieden zusammenraufte, selten. »Nach dem wort Gottes were kein grossere gabe dann zeitlicher frieden«, resümierte das Protokoll des Gesandten von Brandenburg-Küstrin die Voten einiger evangelischer Gesandten, die so in der Schlußphase des Reichstags dafür plädierten, lieber den Geistlichen Vorbehalt hinzunehmen als ein Scheitern der Friedensverhandlungen zu riskieren.109 Viel häufiger begegnen aber sogar 1555 Warnungen vor übereilter Friedfertigkeit, vor dem faulen Kompromißfrieden. »Es solte je Gottes ehr dem zeitlichen frieden furgezogen werden«, hält das soeben zitierte Protokoll an anderer Stelle fest.110 Wieder und wieder warnte der Vertreter des Fürstbischofs von Augsburg, Konrad Braun, vor prinzipienloser Friedfertigkeit: »Das er aber von fridens wegen sein treu und aid ubertretten, Gottes und seiner kirchen verleugnen, das gut boß, das boß gut haissen soll oder moge, das ist ime nit allain nit zugelassen, sonder in gotlichen und menschlichen rechten verbotten«.111 Frieden war eine angenehme Begleiterscheinung von Iustitia, ohne letztere nichts wert. Sogar Kurfürst August von Sachsen, der sich wie vielleicht kein anderer Reichsfürst fürs Gelingen der Augsburger Friedensverhandlungen und deshalb für größtmögliche Konzessionsbereitschaft eingesetzt hat, konnte seine Reichstagsgesandten mahnen, es sei »dorauf achtung zu geben, das wir mit und durch solchen eußerlichen fride nicht 107 Tatsächlich eine lineare Entwicklung, und tatsächlich just seit 1618? Siehe vorige Fußnote! 108 Es wird Hieronimus Gerhard gewesen sein. Das Zitat bietet das Zasius-Protokoll der Reichstagsberatungen: RTA, Bd. 20, Nr. 145 (hier S. 1328). 109 Ebda., Nr. 222 (hier S. 2093). 110 »Sachsen hat vermeldet«: ebda., S. 2095. 111 Gutachten Brauns, wohl Ende März oder Anfang April 1555: ebda., Nr. 165. Gerade aus Brauns Munde oder Feder ließen sich zahlreiche vergleichbare Einschätzungen zitieren.

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etwas willigten, das uns izundt oder kunftig in unserm gewißen beschwerlich oder unserer christlichen religion, die wir aus dem befelch Gots zu befurdern und zu erweitern schuldig, hinderlich ... sein mochte, dan wir (wi billich) das ewige dem zeitlichen und den innerlichen fride des gewißens dem eußerlichen112 weltlichen vorsezen mußten.« Daß der Frieden ein Wert an sich sei, bekunden vormoderne Akten nur selten. Systematisch in den Archiven nach solchen Bekundungen zu fahnden, will nicht gelingen, man würde nicht jeden Tag, vielleicht kaum jede Woche einmal fündig. Deshalb ist man auf Zufallsfunde angewiesen, und unter solchen ist eine kurpfälzische Instruktion vom 26. Mai 1552113 erwähnenswert, die gleichsam deklamiert, Frieden, »so etwan durch onzimbliche mittel erlangtt«, sei »dennocht dem Krieg wie rechtmessig auch der sej, furzusetzen«. Die Grundsatzerklärung mitten in einem Tagesdokument klingt ›irgendwie‹ nach Sentenzensammlung, aber wo hat sie ihr Autor tatsächlich aufgeschnappt? Georg Lauterbecks offenbar vielgelesenes114 Regentenbuch kommt noch nicht in Frage, wo es 1559 heißen wird: »Ich kan nicht auffhören zu dem friede zuuermanen, dieweil der vngerechtigste friede, den Bürgern nützer ist, denn der aller gerechtigste Krieg«.115 Wußte der Verfasser der Instruktion, daß für Erasmus von Rotterdam »kaum ein Friede ... jemals so

112 In seiner Abwertung des »äußeren«, »zeitlichen«, nur »weltlichen« Friedens könnte das Zitat aus jedem katholischen Pamphlet seit den 1580er Jahren stammen, vgl. unten S. 57; Kurfürst August an seine Emissäre, 1555, September 14, ebda., Nr. 388 (hier S. 3092). 113 Für Verhandlungen Hartmann Hartmannis in Würzburg: BayHStA Kasten blau 105/2b (unfol.). Fürstbischof Melchior wurde damals von einem der letzten ›Fehdeunternehmer‹, dem Kulmbacher Markgrafen Albrecht Alkibiades bedrängt – ob ihn die friedensethische Lektion aus Heidelberg getröstet hat? 114 »In ihm haben die Fürsten, Räte, Amtleute, Hofprediger, Prinzenerzieher, Ratsherren, ein breites Publikum gelesen und nachgeschlagen«: Bruno Singer, Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, München 1981, S. 112. Es gab bis 1629 (!) immer wieder Neuauflagen und Nachdrucke. 115 Georg Lauterbeck, Regentenbuch, Aus vielen trefflichen alten und newen Historien, mit sonderm fleis zusammen gezogen ..., o. O. 1559, fol. 46. Lauterbeck verweist wiederum, ohne nähere Fundortangabe, auf Cicero (also tatsächlich: Epistolae ad Atticum VII, 14,3 – »equidem ad pacem hortari non desino quae vel iniusta utilior est quam iustissimum bellum cum civibus«; Lauterbeck hätte auch Epistulae ad familiares VI, 6,5 anführen können: »... cum vel iniquissimam pacem iustissimo bello anteferrem«; Cicero perhorreszierte so den Bürgerkrieg, nicht den römischen Weltherrschaftsanspruch!). – Das 6. Kapitel des zweiten Buches von Lauterbeck ist so überschrieben: »Wie ein Regent für allen dingen zu Frieden sol geneiget sein, vnd was der Friede für ein nützlich vnd lieblich ding sey«. Es bietet die üblichen antiken Topoi, natürlich fehlt auch das schon damals berühmte »dulce bellum inexpertis« nicht, aber Pazifist war Lauterbeck keinesfalls: »Die waffen sol man werffen weit/ Nach frieden trachten allzeit/ Kans aber je nicht anders sein/ So schlag als dan mit frewden drein«!

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ungerecht« war, »daß er nicht auch dem gerechtesten Krieg vorzuziehen wäre«116? Wir werden es nie erfahren, in tagespolitischem Aktengut begegnen keine belegenden Fußnoten. Haben die vielen gelehrten Bemühungen um Krieg und Frieden je ›Geschichte gemacht‹, politische Entscheidungen beeinflußt? Wurden die am Gelehrtenpult entwickelten Kriterien, Maßstäbe, Werteskalen unter Entscheidungsdruck in der Ratsstube durchgespielt? Dieser Frage muß meine Studie auf der Spur bleiben, aber »der Frieden« ist für derartige Detektivarbeit ein viel zu weites Terrain; der kleine Acker, den ich durchpflügen will, trägt den Flurnamen »Neutralität«. 1.2.3 Läßt sich eine Verlaufskurve der Wertschätzung des Friedens nachzeichnen? 1.2.3.1 »Dulce bellum inexpertis«. Wird der Diskurs der Neuzeit zu friedlicher oder vielstimmiger? Immerhin stießen wir auf Grenzmarkierungen, die kaum je überschritten wurden, wenn sich vormoderne Entscheidungsträger über Krieg und Frieden ausließen. Es war undenkbar oder doch in allen inspizierten Textsorten unsagbar, dem Frieden gar keinen Wert zuzuerkennen. Und er wurde kaum je als jener Höchstwert gewürdigt, den er für uns Heutige ganz selbstverständlich verkörpert. Aber wie »die Entscheidungsträger« der Vormoderne über »den Frieden« dachten, ließ sich nicht bündig resümieren. Eine umfassende Antwort müßte allem Anschein nach eine breite Skala mehr oder weniger verbreiteter Einstellungen, Wertungen, auch Reflexionsniveaus vorstellen und dann gewichten, aber von so einer Antwort sind wir derzeit weit entfernt. Können wir eine diachrone Verlaufskurve der Wertschätzung des Friedens skizzieren? Nicht in Ratsstuben und auf Fürstenthronen, aber in politiknahen Literatursegmenten wie der Chronistik117 und der »politischen Ereignisdichtung« glauben 116 So, in der Übersetzung durch Gertraud Christian, Erasmus von Rotterdam, Querela Pacis, in: Werner Welzig (Hg.), Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften, Bd. 5, Darmstadt 1995, hier S. 417. Der originale Wortlaut: »Vix ulla tam iniqua pax, quin bello uel aequissimo sit potior« – Erasmus von Rotterdam, Qverela pacis vndique gentivm eiectae profligataeqve, Ndr. der Ausgabe Basel 1517, München o. J., S. 32. Vgl. auch ebda., S. 43f.: »... parum excelsi animi tibi uideare, si quid remittas iniuriarum«, doch gilt vielmehr: »siquid iniquitatis uidebitur habere pax, caue sic cogites, hoc perdo, sed tanti pacem emo«. 117 Martin Linde, Tilmann Brakel und der Livländische Krieg (1558–1582/83), in: Horst Brunner (Hg.), Die Wahrnehmung und Darstellung von Kriegen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2000, S. 248 konstatiert in der von ihm untersuchten Chronistik eine »Verschiebung der Gewichte des Faktors Krieg«, insbesondere die Höherbewertung der »Friedenswahrung«.

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Philologen Indizien ausgemacht zu haben, die belegen könnten, daß der Frieden im 16. Jahrhundert deutlich höher bewertet wurde als noch im Mittelalter118. Beispielsweise hat Sonja Kerth beobachtet, daß »der Friede in den Dichtungen des 16. Jahrhunderts wesentlich häufiger beschworen wird als in den Jahrhunderten zuvor«.119 Sind humanistische Einflüsse hierfür verantwortlich? Verschiebt sich die gleichsam durchschnittliche, häufig begegnende Werthaltung, weil mit dem Anwachsen der urbanen Zentren auch die bürgerlichen Stimmen lauter werden? Wird das homogene Bild eines eben nun einmal in der Welt vorhandenen, nicht weiter zu hinterfragenden Krieges120 im 16. Jahrhundert nicht etwa geschlossen düsterer, sondern facettenreicher? Wird die Melodie nicht unisono friedlicher, aber vielstimmig? Von Machiavelli war schon die Rede, er und seine verhohlenen Epigonen interessieren germanistische Abhandlungen über das Bild, das uns Dichter vom Frieden machen, natürlich nicht; doch stoßen wir auch in solchen Studien durchaus weiterhin auf kriegerische Stimmen, so das Fortleben der mittelalterlichen »Ritterideologie«: »Kampf und Krieg als persönliche Aufgabe, als Mittel der Sinngebung für den einzelnen Adligen wie für den Adelsstand an sich – diese Auffassung prägt und verbindet die Kriegsbilder in den adligen Autobiographien und Prosaromanen des 15. und 16. Jahrhunderts«.121 Sollte sich mit der funktionalen Ausdifferenzierung der vormodernen Gesellschaft, der 118 Die neuere Literatur zur Konfliktforschung aus mediävistischer Perspektive nennt Ingmar Krause, »... Hinc principum discordia, nescio quando nisi illis obeuntibus conponenda«? Bemerkungen zur Beilegung von Konflikten im westfränkisch-französischen Reich (10.– 12. Jahrhundert), in: Christoph Dartmann/Marian Füssel/Stefanie Rüther (Hgg.), Raum und Konflikt. Zur symbolischen Konstituierung gesellschaftlicher Ordnung in Mittelalter und Früher Neuzeit, Münster 2004, S. 83. 119 Sonja Kerth, Der landsfrid ist zerbrochen. Das Bild des Krieges in den politischen Ereignisdichtungen des 13. bis 16. Jahrhunderts, Wiesbaden 1997, S. 258. Dazu passen durchaus die Beobachtungen von Dietmar Peil, Der Friede in der deutschen Literatur der frühen Neuzeit, in: Wolfgang Augustyn (Hg.), Pax. Beiträge zu Idee und Darstellung des Friedens, München 2003, S. 315–340; Peil hat freilich nur einige wenige Werke (diese indes eingehend) analysiert. 120 Eigentlich müßte ich noch von »Fehden« sprechen, wie sie die spätmittelalterliche Lebenswirklichkeit einfach mitprägten. – Kerth macht in ihren spätmittelalterlichen Texten eine ausgesprochen »nüchterne« Einstellung zum Krieg aus, »er wird nicht abgelehnt, er wird nicht verherrlicht«, ist »nicht von sich aus gut oder schlecht« (die Zitate: S. 244 bzw. S. 317). – Freilich handelt es sich bei den von Kerth inspizierten »Ereignisdichtungen« häufig um Auftragswerke für eine Kriegspartei. Möglicherweise stießen wir bei Bevölkerungsgruppen, deren Einstellung zu Krieg und Frieden solche Texte nicht interessiert, auf ganz andere Befunde. Nach Ansicht von Reinhard Härtel, Vom nicht zustandegekommenen, gebrochenen und mißbrauchten Frieden, in: Johannes Fried (Hg.), Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter, Sigmaringen 1996, S. 558 waren die damaligen Bauern (also die meisten Menschen!) von »Friedenssehnsucht beherrscht«. 121 Horst Brunner u. a., Dulce bellum inexpertis. Bilder des Krieges in der deutschen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts, Wiesbaden 2002, S. 238 bzw. S. 327.

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ihr korrespondierenden Auffächerung der Lebensstile auch die gewissermaßen typische Wertschätzung des Friedens ausdifferenziert haben, und blieb der Wertekanon des bis 1800 für politische Letztentscheidungen maßgeblich bleibenden alteuropäischen Adels das für eine geringere Bellizität größte mentale Hindernis? Widersprüche, Auffächerung des Einstellungsspektrums: Manche »Außenseiter der Reformation« vertraten eindeutig pazifistische Positionen122, andere wollten das Reich Gottes auf Erden herbeikämpfen. Anstelle der wenig tauglichen Etiketten »Täufer« und »Spiritualisten« – auf welchen interessanten Kopf123 unter den sogenannten »Außenseitern« stießen wir nicht in jeder Reformationsgeschichte wieder in einer anderen von diesen beiden Schubladen! – läge es durchaus nahe, nach militant-chiliastischen und quietistischen Leitbildern zu sortieren, nach Eroberungsphantasien und Rückzugsträumen. Widersprüche: Wissen wir nicht alle, daß Humanisten wie Erasmus von Rotterdam zur Friedfertigkeit mahnten, im aufbrandenden konfessionellen Getöse der Zeit, aber auch zwischen den Regierungszentralen des christlichen Abendlandes? War der Humanismus eine einzige große Friedensbewegung? Jüngere Untersuchungen können diesen Eindruck bestätigen124 und konterkarieren125, zu den bevorzugten Sujets, den Lieblingsthemen des humanistischen Diskurses gehörte der Frieden zweifelsohne nicht. Wohl lenkte der Humanismus den Blick auf die römische Antike, und bei ihren Autoren ließen sich viele militante Topoi aufspüren – die Pax Romana wollte Weltherrschaft, verbrämte Hegemonie, mit Livius ließ sich schwerlich christliche Demut, wohl markiger, kriegsbejahender Behauptungs122 Ich erinnere exemplarisch an den württembergischen Täufer Michael Sattler, der, ehe er auf den Scheiterhaufen geführt wurde, seinen verdutzten Peinigern beim Verhör erklärte, selbst einem anrückenden Türkenheer dürfe man nicht wehren, stehe doch geschrieben »Du sollst nicht töten«. Es waren diese Verweigerungshaltung und das, was wir heute zivilen Ungehorsam nennen würden, was die Zeitgenossen bis aufs Blut reizte, viel mehr reizte als dieses oder jenes christologische Detail. 123 Um wenigstens einen der allerinteressantesten mit einem hier einschlägigen Zitat zu nennen: [Sebastian Franck], Das Kriegbüchlein des frides, o. O. 1539, fol. LXII: »... daher dann kriegen nichts ist dann ein pfütz aller vngerechtigkait«. Ein Eintrag im Sachregister lautet so: »Glaubens halb sol man nit kriegen«. 124 Hans-Joachim Diesner, Stimmen zu Krieg und Frieden im Renaissance-Humanismus, Göttingen 1990, S. 94 resümiert, nachdem er zahlreiche Autoren verschiedener europäischer Länder gestreift hat, »daß mehr oder minder alle der hier Genannten in letzter Instanz friedliebend waren«. 125 Die verschiedenen Beiträge in Franz Josef Worstbrock (Hg.), Krieg und Frieden im Horizont des Renaissancehumanismus, Weinheim 1985 kommen zu ganz disparaten Ergebnissen: Wir finden, neben dem gewissermaßen Erwartbaren, der Pax alma, dem guten Frieden, auch gelehrte Schlachtrufe und Verhöhnungen der weibisch unsteten Frau Pax. Geradezu bellizistische Dispositionen macht, und zwar als elementaren Grundzug des Humanismus, Richard Tuck aus: The Rights of War and Peace. Political Thought and the International Order. From Grotius to Kant, New York 1999, S. 32f. et passim.

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willen preisen. Wir werden weiter unten, wenn uns die Akzeptanzprobleme der vormodernen Neutralität interessieren werden, noch sehen, daß man manchen Möchtegernneutralen höhnisch Livius-Zitate entgegenschleuderte. Frieden war den römischen Juristen das Gegenteil von Krieg, Gerechtigkeit eine allenfalls den unterworfenen Völkern gewährte Frucht der Pax Romana, gewiß nicht deren Wurzel, und all das wurde nun dem abendländischen Denken wieder erschlossen. Andererseits hat natürlich auch das Friedenslob des großen Erasmus126 jenen Zitatenschatz angereichert, der die Eintrittskarten zur europäischen Gelehrtenrepublik barg. Die Wirkungen des Humanismus dürften ambivalent gewesen sein. Reichten diese Wirkungen bis in die Regierungszentralen hinein? Gern gehabt hätten das manche Humanisten schon, gerade Erasmus gefiel sich ja in der Rolle eines moralischen Wächters über Tun und Lassen der europäischen Herrscher. Viele humanistische Traktate erschienen auch in volkssprachlichen Übersetzungen, Briefsammlungen sollten es einem breiteren Publikum ermöglichen, einen Zipfel vom Diskurs der elitären Gelehrtenrepublik zu erhaschen. So sickerten manche Topoi in Werke, die auch weniger »gelehrten« Hofräten bekannt gewesen sein könnten. Ich will nur zwei Beispiele aus der Querela pacis des Erasmus nennen: das – überhaupt rasch zum geflügelten Wort avancierende – Diktum »Dulce bellum inexpertis«127 und die Ansicht, ein ungerechter Frieden sei (Erasmus findet: zumeist) einem gerechten Krieg vorzuziehen.128 Wir stoßen auf beides im Regentenbuch des Georg Lauterbeck129, aber auch in einer so ganz 126 Es paßt ins bei näherem Hinsehen verwirrende Bild, daß Erasmus-Kenner zur Frage, ob man den Erzhumanisten als Pazifisten bezeichnen darf, irritierende Auskünfte erteilen.«Erasmus, der erste Pazifist«, jubelt Hans-Rüdiger Schwab, Bekentnisse eines Unpolitischen? Zum Friedensdiskurs des Erasmus von Rotterdam, in: Norbert Brieskorn/Markus Riedenauer (Hgg.), Suche nach Frieden: Politische Ethik in der Frühen Neuzeit, Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 96; auf S. 87 verweist derselbe Autor darauf, daß man »materialreich« nachgewiesen habe, daß Erasmus »zu keiner Zeit einen absoluten [!?] Pazifismus vertreten« habe. Brunner et al., Dulce bellum inexpertis, S. 459 sprechen von »pazifistisch gefärbten Stellungnahmen« des Erasmus, eine Seite danach können wir nachlesen, daß er die »Berechtigung der Fürsten zum Kriegführen« keinesfalls bestreite, »auch hält er nicht jeden Krieg für ungerechtfertigt«. 127 Natürlich sind die bei Karl Friedrich Wander (Hg.), Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, Bd. 2, Ndr. der Ausgabe Leipzig 1867, Kettwig 1987, s. v. Krieg, Nrr. 23 und 31 angeführten Sprüche aus dem 16. Jahrhundert eng an dieses Diktum angelehnt, eine Version aus dem frühen 17. Jahrhundert bietet ebda. Nr. 29, eine freiere aus derselben Zeit (»Krieg ist ein lust, dem, der nicht wust«) ebda. Nr. 123; eine vermutlich moderne, sehr freie Anverwandlung (»die vom Kriege wenig wissen, halten ihn für Leckerbissen«) ebda. Nr. 53 (Spalten 1616ff.). Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 14f. verdeutscht »Dulce bellum inexpertù« so: »Die nie darbey gewesen, halten den Krieg für einen lieblichen Stand«. 128 Vgl. oben Anm. 116. 129 Lauterbeck, Regentenbuch, fol. 48 bzw. fol. 46 (wo Lauterbeck allerdings auf Cicero, nicht seinen Wieder­entdecker aus Rotterdam verweist). Auch die nicht von Erasmus erfundene,

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andersartigen Textsorte wie dem (heute vergessenen, aber im 17. Jahrhundert offensichtlich sehr verbreiteten130) Tierepos »Froschmeuseler«131. Da rumpelt denn, was einmal gelehrtes Latein gewesen war, anrührend in diesen Versen daher: »So reucht dem vnerfahrnen Mann/ Der Krieg so süß als Honig an«, und: »Bessr ist Fried mit beschwerligkeit/ Denn Krieg mit eitl Gerechtigkeit.« Natürlich stellen wir uns gern vor, daß die Hofräte mit dem Froschmeuseler unter dem Arm in wichtige Sitzungen eilten, wo sie der Fürst mit einigen friedensgeneigten Weisheitsschätzen aus Lauterbecks Regentenbuch empfing, nur vermitteln erhaltene Beratungsprotokolle nicht diesen Eindruck. Der wohlmeinende Versuch, die westfälischen Beratungsprotokolle seit 1644 nach Spuren humanistischer Friedensethik zu durchmustern132, mündete trotz großen Fleißes, rühmenswerter Gründlichkeit in einen gänzlich negativen Befund.133

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doch in der Querela Pacis angeführte Formel »Pax optima rerum« fehlt bei Lauterbeck nicht (fol. 48), es kann hier nicht um Vollständigkeit gehen. Noch bei meinen Sondierungen in Flugschriften aus der Zeit des Holländischen Krieges stieß ich wiederholt auf Bezüge zum »Froschmeuseler«. Vgl. beispielsweise, jeweils mit längeren Zitaten aus dem Epos, Diarii Europaei Insertis variis Actis Publicis, Das ist: Täglicher Geschichts-Erzehlungen, Ein und dreyssigster Theil, Frankfurt 1675, Appendix, S. 401, S. 457, S. 501f. Die anonyme Schrift Curiosorum, nec non politicorum vagabundi per Europam, vulgo sic dicti, Rationis-Status, de praesenti tempore nugae-somniorum pars altera ..., o. O. 1675, S. 25, erinnert im Kontext von antischwedischen Tiraden: »was saget der Frosch-Mäuseler: Den Krieg soll man allein anfangen, Frieden zu schützen, oder zu erlangen«. Auch eine antischwedische Polemik aus der Zeit des Ersten Nordischen Krieges kennt, neben vielen Bibelstellen, ferner eine Marginalie »Froschmeus« (neben dem Spruch »Man soll nicht singen Gott gedanckt/ Man hab zuvor den Sig erlangt«): [anonym], Schwedische grillen, o. O. 1659. Dieses wohl umfangreichste deutschsprachige Tierepos wurde 1595 vom Magdeburger Schulrektor Georg Rollenhagen veröffentlicht. Die beiden folgenden Zitate: Buch II, Verse 3709f.; Buch III, Verse 2307f. Ich benützte diese Neuausgabe: Dietmar Peil (Hg.), Georg Rollenhagen, Froschmeuseler. Mit den Holzschnitten der Erstausgabe, Frankfurt 1989. Ich meine die wenig rezipierte Arbeit von Vogl über »Friedensvision und Friedenspraxis«. Die Monographie ist so uninteressant nicht, Vogl gab ihr freilich einen viel zu allgemeinen Titel. Sein ›Held‹ ist Erasmus, vor allem nach Erasmus-Zitaten durchforstet er die westfälischen Akten, seine Empathie verführt ihn zu Formulierungen wie dieser: »Erasmus hätte deshalb den Westfälischen Friedensschluß vermutlich so interpretiert: ...« (S. 216). Das gilt hinsichtlich einzelner Denkfiguren und Topoi genauso wie hinsichtlich der maßgeblichen Denkstrukturen und Argumentationsweisen, also, knapp zusammengefaßt: optimale Ausschöpfung angeblicher Rechtsansprüche anstatt optimaler Friedenssicherung, vertragliche Finessen anstelle von Vertrauensarbeit und Bewußtseinswandel. Ich lasse den enttäuschten Autor selbst zu Wort kommen: »Eigentlich wurde nicht über den Frieden, über Friedenskonzepte, über eine wegweisende neue politische Friedensordnung geredet. Sondern gefeilscht und gestritten wurde über die Bedingungen, unter denen der Krieg beendet werden konnte« (S. 179); »die Staatsraison, der sie folgten, war gleich. Deshalb ist auch die gesamte Friedensdiskussion geprägt von den gleichen Inhalten, in erster Linie materiellen Bedingungen, Forderungen, Angeboten, die um Rechtsverhältnisse, Territori-

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1.2.3.2 »Ausser Ainigkait des Glaubens, kain beständiger Frid«. Ist der interkonfessionelle Frieden nur Waffenstillstand? Ist die humanistische Friedensemphase schon viel früher verpufft? Mündete ein Jahrhundert, dem man auf dem Stand der Forschung vorsichtig attestieren darf, den Frieden gegenüber dem mittelalterlichen Level moralisch aufgewertet zu haben, in neue Militanz? Ich werde weiter unten, mich dem Krieg zuwendend, zu zeigen versuchen, daß die Jahrzehnte um und nach 1600 eine theologische Wiederaufladung des sich zuvor schon ansatzweise säkularisierenden Kriegsbegriffs gesehen haben, nicht nur in Mitteleuropa.134 Um die zentrale These knapp vorwegzunehmen: Der Gerechte Krieg wurde damals vielfach zum Notwendigen, da von Gott anbefohlenen und gelenkten, wurde zum Bellum necessarium, zum Holy War. Komplementärwirkungen auf die Einschätzung des Friedens sind da natürlich zu erwarten und hat es gegeben, aber um Doppelungen zu vermeiden, will ich mich jetzt, in meinem Friedenskapitel, kurz fassen. Bekanntlich suchte sich das Reich 1555 auf den säkularen Boden eines dezidiert politischen Friedens zu retten. Der Religionsfrieden hat tatsächlich eine Generation lang befriedet. Der Reichsverband war nach 1555 eine Zeitlang unterwegs zu integrativer Verdichtung über weltanschauliche Gräben hinweg135, aber am Ende relativierten nicht die systemimmanenten politischen Sachzwänge den konfessionellen Dissens, sondern das doppelte Wahrheitsmonopol schüttelte ihm nicht frommende Zwänge ab.136 Deren Sachlogik war indes unabweislich, das politische System wurde blockiert und trudelte dann in den dreißigjährigen deutschen Konfessionskrieg.137

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albesitz und Interessen kreisen« (S. 184). – Aus der sicher richtigen Beobachtung, daß die vermeintlich zu verfolgenden Staatsräsonen (zweifelsohne keine objektiv gegebenen Größen!) 1648 in manchen Hinsichten kompatibel, gewissermaßen untereinander ›anschlußfähig‹ waren, hätte man mehr machen können. Ob einem nicht so eng auf die Rezeption humanistischer Friedensethik fokussierten Blick nicht doch ein friedfördernder, nämlich gemeinsame Sprachregelungen und damit auch den zu artikulierenden Interessenausgleich erleichternder gemeinsamer Erfahrungshintergrund der von vergleichbaren langwierigen Kriegserfahrungen gezeichneten westfälischen Diplomaten hätte auffallen können? Das war eben keine Fragerichtung, der Vogl nachgegangen ist, aber ich werde weiter unten, im Rahmen eigener methodischer Überlegungen, kurz auf sie zurückkommen: siehe S. 289 mit Anm. 33; vgl. auch schon oben S. 43 mit Anmm. 82–84. Vgl. unten Kapitel A.2.1.3. Ich deute mit diesem Halbsatz an, was anderswo ausführlich steht: Gotthard, Religionsfrieden, Kapitel C.III. Der Religionsfrieden und die Reichsgeschichte nach 1580: ebda., Kapitel C.IV. Vgl. zur Kriegsursachenforschung zuletzt Axel Gotthard, Der deutsche Konfessionskrieg seit 1619 – ein Resultat gestörter politischer Kommunikation, in: Historisches Jahrbuch 122 (2002), S. 141–172; Johannes Burkhardt, Auf der Suche nach dem Dissens. Eine Bemerkung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit meinem »Dreißigjährigen Krieg«, in:

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Es gibt aufschlußreiche publizistische Begleiterscheinungen138 zu jener konfessionellen Polarisierung des Politikbetriebes, der wir hier nicht auf den Grund gehen müssen. Man kann die Rückkehr des 1555 ausgeklammerten Wahrheitsproblems nämlich auch gedruckter Literatur ablesen, katholischen Kampfschriften zuerst139. Mit wachsendem Ingrimm verlästerten sie einen Frieden, der gottvergessenen »Politicis« zum Selbstzweck geworden sei. Eine häufig werdende Denkfigur war die Scheidung in den »inneren« Frieden und einen nur »äußeren«, den man als fragil, fragwürdig, faul abwertete, ja, als sündhaft ablehnte. Den »inneren«, wahren Frieden aber konnte man nur nach der und durch die Austilgung der Ketzerei gewinnen, unter Inkaufnahme von Krieg. Zum ersten Mal von solchen Überlegungen aufgeschreckt wurden die Protestanten 1579, durch eine heute vergessene Schrift des Wiener Rechtsprofessors und Reichshofrats Georg Eder. Den »inneren« Frieden könne nur die Kurie stiften, konnte man da nachlesen, die Vereinbarungen von 1555 sollten lediglich den »äusseren« notdürftig wahren, bis alle Ketzer reumütig in den Schoß der wahren Kirche zurückgekrochen seien – erst dann herrsche wahrer Frieden, sei wirklicher Frieden auch nur denkbar, »ausser Ainigkait des Glaubens, kain beständiger Frid«.140 Das war die Grundüberzeugung der Reformationsepoche bis in die frühen 1550er Jahre hinein gewesen141, der Säkularisierungsfortschritt (man könnte auch sagen: der Modernisierungsgewinn) eines Vierteljahrhunderts war dahin. »Ausser Ainigkait des Glaubens, kain beständiger Frid«: Es wurde aber bald noch schlimmer. Nehmen wir uns von den zahlreichen katholischen Kampf-

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Historisches Jahrbuch 123 (2003), S. 357–363; sowie jetzt auch, sehr schlüssig, Andreas Holzem, Gott und Gewalt. Kriegslehren des Christentums und die Typologie des Religionskrieges, in: Dietrich Beyrau/Michael Hochgeschwender/Dieter Langewiesche (Hgg.), Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn u. a. 2007, S. 371–413, hier S. 381–385. Natürlich stehen der politische und der publizistische Kriegsschauplatz nicht isoliert nebeneinander, natürlich läßt sich eines nicht einfach als Folgeprodukt des anderen herleiten. Die Korrelation zwischen beiden Gefechtsfeldern müssen wir noch besser verstehen lernen. Es liegt an sich nahe, darüber zu spekulieren, ob Luthers Auffassung von den beiden »Regimenten« (vulgo: die »zwei-Reiche-Lehre«) Lutheranern die Akzeptanz eines Friedens erleichtert hat, der gar kein »innerer geistiger« sein wollte, als »äußerer politischer« konzipiert war. Das läßt sich kaum triftig verrechnen gegen den viel konkreteren Gesichtspunkt, daß der Augsburger Religionsfrieden den Anhängern der Confessio Augustana endlich, endlich Rechtssicherheit gebracht hat. Die Lutheraner konnten kein Interesse daran haben, an der Rechtskraft eines »nur politischen« Friedens Zweifel zu äußern. Georg Eder, Das guldene Flüss christlicher Gemain und Geselleschaft ..., Ingolstadt 1579, das Zitat: S. 396. Vgl. oben S. 33.

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schriften der Jahrzehnte um 1600 die für heutige Leser 142 interessanteste, da substantiellste, in ihrem Argumentationsreichtum (nicht den dadurch vermeintlich untermauerten, zeittypischen Kernaussagen) vielschichtigste Ausarbeitung vor – werfen wir also einige Blicke auf die 1586 pseudonym erschienene »Autonomia« Andreas Erstenbergers! Weil sich die Frage, ob und gegebenenfalls wie kräftig gedruckte Diskurse gelehrten oder volkstümlichen Zuschnitts auf Entscheidungssituationen in den Ratsstuben eingewirkt haben, als ein Leitmotiv durch diese Arbeit ziehen wird, will ich schon hier erwähnen, daß Hinweise auf die Autonomia, meist in Kürzeln wie »der Freisteller143 sagt ...«, in zahlreichen Aktenstücken der Jahrzehnte um und nach 1600 begegnen. Daß die Autonomia und einige andere, vergleichbar militante Arbeiten das Desaster des Reichstags von 1608 ausgelöst und dem Reich damit einen kräftigen Stoß auf jene abschüssige Bahn verpaßt haben, die 1619 in einen langwierigen Konfessionskrieg münden wird, habe ich an anderer Stelle gezeigt.144 Es ist das Hauptanliegen Erstenbergers, in immer neuen Wendungen, Bildern, historischen Verkleidungen die Absurdität des Gedankens eines politischen Frie­dens vorzuführen, »dieweil ... die Warheit ..., daß auch kein frid in einer Respublica ohne die Gerechtigkeit sein vnd bleiben, ja auch kein Reich nit bestehen kan«. Der »zeitlich, Politisch, eusserlich Friden« ist »ein Gottloser Friedt vnnd mit Sünden vermengt vnnd besudelt«, er kann so wenig bestehen wie Eintracht »zwischen einem Wolff vnd einem Schaff, zwischen Hundt vnd Katzen, zwischen Fewr vnnd Was­ser«. Es sei »eytel ding«, wenn pflichtvergessene Politiker »erstlich verhoffen wöllen, man künde durch nachsehen[,] tolerirn, tempori­sirn, freystellen vnd lauirn, friden vnd vertrewligkeit pflantzen vnd erlangen«, denn »solchs so weit fähl, vnnd so wenig müglich, als daß sich einer mit Koth schön machen, oder im Wasser trücknen solte«. So folgen immer neue Kaskaden von Vergleichen, Exempeln, morali­schen Verunglimpfungen und theologischen Aburteilungen. Aber der politisch und juristisch bewanderte Autor trifft durchaus auch Aussa­gen zur Rechtskraft eines politischen Friedens über Konfessionsgrenzen hinweg: »Ein solcher Fridt«, der »so vil vbels mit sich zeucht, vnnd zu dem Endt deß wahren Fridens, welches ist die Ehr vnnd Dienst Gottes, der Gehorsam vnd Lieb deß Nechsten, nit allein nit gerichtet ist, sonder 142 Die »Autonomia« hat auch damals Furore gemacht, doch erregten die Protestanten verschiedene andere Arbeiten plumperer Machart vergleichbar oder gar noch mehr. – Zum Folgenden: »Franciscus Burgkardus«, De Autonomia. Das ist: Von Frey­stellung mehrerley Religion und Glauben ..., 2. Aufl. München 1602; die Zitate ebda., fol. 207ff. und fol. 465. 143 Der Terminus »Freistellung« (gelehrte Arbeiten formulierten lateinisch: »autonomia«) grassierte in der Reichspolitik der ersten Jahrzehnte nach dem Religionsfrieden, stand dabei für verschiedene evangelische Lesarten des Texts von 1555 (»Freistellung« des Glaubens der Fürstbischöfe; oder der Domkapitulare; oder gar jedes einzelnen Mitteleuropäers?). 144 Vgl. Gotthard, Religionsfrieden, S. 612f.

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dieselben auch gentzlich zuruck setzet, verwirret, tödtet vnd auffhebt«, kann »derhalben kein rechter noch bestendiger Frid nicht sein noch haissen, Sonder ist eben der Fried, der (wie der Prophet sagt) vnder den Gottlosen zusein pflegt, ist est, nulla«. Frieden ohne Gerechtigkeit war nichtig. Also war ein politischer Frieden über Konfessionsgrenzen hinweg null und nichtig. Der Augsburger Religionsfrieden war, wie Andreas Ersten­berger natürlich richtig erkannt hat, ein politischer Frieden. Ich springe gleich in die Vorkriegszeit. Während des Reichstags von 1613 verfaßte einer der für die kurmainzische Außenpolitik maßgeblichen Räte, Wilhelm Fer­dinand von Efferen, eine recht ausführliche Diagnose der reichspo­litischen Situation.145 Anlaß oder Vorwand war die Frage, »ob die Catholischen Stände zuerhaltung Friedens im Römischen Reich, von ihren Rechten weichen sollen oder können?« Es folgt das obligatorische, in allen politischen Gutachten dieser Zeit begegnende Zweierschema, zuerst werden die Pro-, dann die Contraar­gumente jeweils nacheinander aufgelistet; Textumfang und manchmal – die hohen adeligen Herrschaften konnten ja recht begriffsstutzig sein – auch zusätzliche Erläuterungen halfen, die rechten Schlüsse zu ziehen, ohne, daß sich der Fürst etwa durch die von ihm angestellten Politikprofis bevormundet fühlen mußte. Efferens kurze Zusammenstel­lung von Gesichtspunkten, die »pro parte affirmativa ... verkaufft« würden, kündet nicht etwa von irenischer Einsicht, setzt vielmehr so ein: »Daß man diese sichere Nachricht hätte, daß Gegentheil nicht weichen, und seinen Unfug mit Kriegs-Gewalt verfechten werde«. Es herrschte »Kriegs-Gefahr«, deshalb war erörternswert, ob »den Zeiten etwas nachgesehen und dissimulando nachgegeben werden« mußte, da »die Catholischen keine Kriegs-Praeparatoria haben« – was man als Aufforderung lesen kann, das schleunigst zu ändern. Doch nehmen wir uns die zahlreicheren und ungleich wortreicheren »Ar­gumenta« vor, die »pro parte negativa« sprachen! Sie künden beispielsweise davon, wie prekär das Jus war, seit es sich in zwei konkurrierende Rechtsordnungen gespalten hatte, ohne schon von einem über den konfessionellen Teilsystemen stehenden, grundsätzlich von allen Seiten akzeptierten konfessionsneutralen Staatskirchenrecht überwölbt zu werden. Der Konfessionszwiespalt war zum Rechtsstreit geworden, doch wirkte die Verrechtlichung nicht befriedend, weil es keine gemeinsamen Maßstäbe, kein konsensfähiges Forum und keine unstrittige Auslegungsinstanz mehr gab: Dieser Rechtsstreit war Streit zwi­schen zwei Rechtssystemen. Efferens Contra-Liste mündet in die War­nung, die Katholiken würden durch Konzilianz »ihr Recht vor unrecht erkennen und sich selbst wider Recht verurtheilen«. Man kann sie übrigens 145 Zum Folgenden: Gutachten des Herrn »von Effra« bei Johann Christian Lünig, Europäische Staats-Consilia oder curieuse Bedencken ... In Religions-Staats-Kriegs- und andern wichti­gen Sachen ..., Bd. 1, Leipzig 1715, Nr. 131.

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passagenweise als Kontrafaktur des evangelischen Innerlich­keitsdiskurses lesen. Auch Katholiken hatten ein Gewissen, auch sie standen fest in ihrem Glauben und konnten nicht anders. Sie würden, wenn sie »in viel oder wenig nachgeben ... ihr Gewissen zum höchsten beschweren, den geistlichen Vorbehalt im ReligionsFrieden selbst aufheben« und »Gottes gewis­sen Zorn auf sich laden«. Selbst in diesen Passagen stolpern wir über den politischen Frieden von 1555, und anderswo sowieso. Noch sechzig Jahre nach ihrer Verabschiedung kreist Efferens Gutachten, wie fast alle reichspolitischen Memoranden der Zeit, wieder und wieder um die Augsburger Ordnung. Einzelne Auslegungsfragen sollen uns hier nicht beschäftigen, hier interessiert die Fundamentalkritik am Gedanken eines politischen Friedens über Konfessionsgrenzen hinweg. Das Argument, es sei vorteilhafter, »dem Gegentheil, was allbereit hinweg, zu lassen, als ei­nes mit dem andern, durch unsicheres Kriegs-Wesen zu verliehren«, wird von seinem Kolporteur anschließend so widerlegt: »dis Argument solvirt der Verlauff der Zeit, seither aufgerichtetem Religions-Frieden, denn damahls haben sich die Catholischen auch mit dergleichen Atheisti­schem Argument [!] überreden lassen, auf daß sie bey dem üb­rigen ruhig verbleiben möchten, wie nun solches gelungen, können die herrlichen Ertz-Stiffter, Klöster und Kirchen, leider!, zu viel be­zeu­­ gen«. Eine 1555 bei vielen Katholiken zweifelsohne vorherr­schende Grundstimmung wird so in Worte gefaßt: »Es könne mit gu­tem Gewis­sen geschehen, daß man im Fall der Noth, nachgebe, dis­si­mulire, lavire«. Hat Efferen sechzig Jahre später Verständnis für die Nö­te der des Kampfes müden Vorväter? Wohl nicht, »ist wider GOtt und sein Ge­bot, wider Eyd und Pflicht aller Geistlichen und wider alle Principia Ca­tho­li­corum, nisi extrema sit et inevitabilis necessitas«. Bleibt an die­ser Stelle immerhin offen, ob eine solche Notlage 1555 nicht viel­leicht geherrscht habe, zeigt sich der Gutachter an anderer Stelle davon überzeugt, »daß die Geistlichen von allen Seelen, welche durch Dissimuliren, Nachgeben und Laviren, in ewiges Ver­derben verfallen, GOtt, dem strengen Richter schwere Rechnung geben müs­sen«. Das 1555 so zentrale Aushilfsmittel des »Dissimulie­ rens« – also der Suche nach friedensermöglichenden Kompromißformulierungen (der in Augsburg gewiß oft nur Formelkompromisse erwachsen waren) –, es war für Efferen gründlich diskreditiert, ja, offenbar sündhaft. Konsequenterweise mündeten diese Erwägungen in den Kriegsaufruf, man mußte einen zweiten Schmalkaldischen Krieg wagen – doch soll es hier ja noch nicht um den Holy War gehen, sondern um Friedenslob oder Friedenskritik. 1.2.3.3 »Zwischen Hundt vnd Katzen«. Ist der politische Frieden anthropologisch verfehlt? Auf evangelischer Seite hatte der interkonfessionelle Frieden eine bessere Presse. Man warf der Gegenseite entrüstet vor, sich an diesen Frieden nicht

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oder nicht mehr gebunden zu fühlen, lamentierte über »der Jesuiter Blutdurstige Practicken«146, verwarf aber den Gedanken eines Friedens über Konfessionsgrenzen hinweg nicht selbst als verfehlt, hybrid, illusorisch. Solche evangelische Fundamentalkritik begegnet erst während des Dreißigjährigen Krieges, zumal an den beiden Siedepunkten religiöser Emphase, um 1620 und in den frühen 1630er Jahren. Ein »Postilion« von 1631147 schleudert den Vätern des Religionsfriedens das entgegen: Es sei »in dem Römischen Reich kein Ding mehr zufinden, welches Gott höher offendirt«! »Wenn Christus zu seinen Jüngern und allen Lehrern sagt, gehet hin in die gantze Welt, so sagt der Religionfriede, bleibt«. Weil der Augsburger Text nicht gottgefällig ist, hat der Allmächtige dafür gesorgt, daß er »nur ein immerwehrend Haderapffel im Reich gewesen«. Es mußte so kommen, unausweichlich. Denn der Papst »vnd sein Anhang« können sich, wegen der ihnen immanenten »Blutdurstigkeit vnd Hurenbrunst«, in ihrer »Vnart wider die Evange­lische nicht enderen«, selbst wenn sie das wollten. Die »Päbstler« kön­nen gar nicht anders denn »aus dem Becher voll Grewels vnd Vnsau­berkeit jhrer Hurerey sich immerdar toll vnd voll zu halten, immerdar das Blut der Heiligen einzugurgeln vnd einzuquasen: Das ist soviel gesagt, so wenig sich die Hur in dem enderen oder besseren kan«, so wenig können es je Katholiken. Die Wertungen und Prognosen der Flugschrift basieren auf einer schroff antithetischen konfessionsspezifischen Anthropologie. Die Katholiken können gar nicht anders – weil sie seit vielen Jahrhunderten waren, wie sie sind und stets sein werden, ist jede Hoffnung auf eine politische Entschärfung des Wahrheitsproblems eitel. Solcher Optimismus verkennt das anthropologische Defizit des konfessionellen Widerparts. Wie das Motiv der mangelnden Geschäftsfähigkeit des anderen Lagers, von dem gleich im Folgekapitel die Rede sein wird, ließe sich auch die Unterstellung prinzipiell einfach nicht gegebener Friedensfähigkeit des Irrgläubigen schon für die Generation vor dem Religionsfrieden nachweisen. Voller Ingrimm über Karls Interim trug Antonius Corvinus damals die Einsicht in die Druckerei, daß »weder Frieden noch Eintracht zu erwarten« sei »zwischen Frommen und Unfrommen, zwischen

146 Um es mit dieser Flugschrift (für viele vergleichbare) zu sagen: »Eusebius Philadelphus«, Von der Jesuiter Blutdurstigen Practicken ..., o. O. 1583. 147 Zum Folgenden: [Anonym], Postilion, An alle und jede Evangelische Könige und Potentaten ... von etli­chen vertriebenen Badischen, Wirtenber­gischen, Pfaltzischen und Augspurgischen Theologis und Politicis spedirt, o. O. (»unterm blawen himmel, nicht weit von Straß­burg«) 1631. Es handelt sich offenkundig um eine Gemeinschaftsarbeit, der erste Teil des Pamphlets bietet eine (besonders lesenswerte) Analyse der reichs(verfassungs)politischen Situation aus juristischer Hand, dem folgen (hier interessierende) Passagen in ganz anderem Duktus, die Theologen verfaßt haben dürften. – Die Zitate: Abschnitt 96; ebda.; Abschnitt 90; Abschnitt 97; Abschnitt 98; Abschnitte 110–112 (Kursivsetzungen von mir).

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Abel und Cain, zwischen David und Saul, zwischen Christus und Belial«.148 Nun schienen ja die Reichstagsteilnehmer von 1555 das Gegenteil bewiesen zu haben, aber seit den 1580er Jahren wuchs – zunächst auf katholischer Seite – wieder die publizistische Neigung, ganz grundsätzliche Friedenskritik auszusprechen, eine Kritik, die nicht diesen Halbsatz und jene Lesart des Augsburger Religionsfriedens meinte, sondern anzweifelte, daß interkonfessioneller Frieden der Natur der Menschen, wie sie Gott nun einmal eingerichtet habe, entsprechen könne. Für Andreas Erstenberger war ein solcher Frieden ja so haltbar wie Eintracht »zwischen einem Wolff vnd einem Schaff, zwischen Hundt vnd Katzen, zwischen Fewr vnnd Was­ser«.149 Ein Erstenberger-Epigone150 rief 1619 dazu auf, die Protestanten als »verkehrte und ihrem eigen Urtheil nach, verdampte Menschen, der rechtglaubigen Gemainschafft, Gruß, Mitleidens und anderer Gutthätigkeit nicht mehr würdig zuachten, sonder wie der Apostel sagt, abscindendi et auferendi ex nobis, vonn uns abzuschneiden unnd wegk zu reißen«. Während des großen deutschen Konfessionskriegs finden wir solche Bilder auch in evangelischen Schriften. Ein Traktat von 1620 schärfte so eine strenge Kontaktsperre zu den Katholiken ein: »Wer Bech anrühret, der besudelt sich damit«, »ein jegliches Thier helt sich zu seines gleichen«, »es ist eben wann sich der Wolff zum Schaff gesellet, wann ein gottloser sich zum frommen gesellet«, »vngleiche ding können sich nimmermehr miteinander vertragen.«151 Auch für die Autoren des »Postilion« konnten Protestanten mit Katholiken grundsätzlich nicht friedlich zusammenleben, so wenig, wie sich dem Buch Daniel zufolge »Eysen mit Thon ... mengen lest ... Solches vff nichts anders, dann diese zweyfaltige Religionen, das 148 Wilhelm Radtke (Hg.), Antonius Corvinus Confutatio Augustani libri quem Interim vocant 1548, Göttingen 1936, S. 67. Auf die Schrift machte mich dieser Aufsatz aufmerksam: Inge Mager, Antonius Corvins Kampagne gegen das Augsburger Interim im welfischen Fürstentum Calenberg-Göttingen, in: Luise Schorn-Schütte (Hg.), Das Interim 1548/50. Herrschaftskrise und Glaubenskonflikt, Göttingen 2005, S. 331–341. Von den ganz grundsätzlichen Zweifeln Konrad Brauns am interkonfessionellen Frieden war weiter oben schon die Rede. 149 Siehe S. 58. 150 Der bayerische Stiftsdechant Georg Riedel polemisierte in seinem Draconicidium, Daß ist, Drachen Mordt, Oder Recht Catholischer Gegenhalt und Warhaffter Discurs ..., Ingolstadt 1619 gut ›erstenbergerisch‹ gegen den lediglich äußeren, politischen Frieden. Vgl. beispielsweise S. 167f.: Wer »von ruwiger zulassung ungleicher Religion, wann nur das gemeine politische Wesen, darneben fridlich unnd Saluo besteht« schwadroniert, ist »an sich selbst gantz unchristlich, heydnisch«, außerdem ein Verräter am Reich. Das folgende Zitat: S. 195. 151 [Anonym], Traw, Schaw, Wem, Das ist ... Erinnerung ..., gestellet an vnterschiedliche des H. Römischen Reichs von deß Bapsts Sawerteig abgesonderte Ständte, sie wollen doch dem liebkosen der Papisten so viel nicht trawen ..., o. O. 1620, S. 16. Das Elaborat ist eine hemmungslose Polemik gegen die »Babylonische tyrannei« der Kurie, die den Lutheranern (spezifische Wirkungsabsicht!) einblase, sie wolle doch lediglich die Calvinisten ausrotten, tue keinem Lutheraner etwas zuleide.

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ist, den Eyffer der Päbstlichen superstition, vnd hingegn der wahren Evangelischen Religion, vnd angemassete Religions pacificirung zuverstehen«.152 Frieden ohne Gerechtigkeit und Wahrheit – ein politisches Friedenskonzept also – war Anmaßung der Politici, war überheblich. Gottvergessene Politiker hatten sich 1555 über den ewigen Ordo, das Heilsgeschichtliche, Heilsnotwendige, schon in der Bibel Präfigurierte erhoben, hatten geglaubt, eigenmächtig Geschichte ›machen‹ zu können. Aber sie hatten ihren schönen Frieden an der gottgewollten, nur im Dienst an der Einen Wahrheit zur Entfaltung kommenden Natur des Menschen vorbeigezirkelt, hatten in sozialtechnologischem Furor geglaubt, die Menschen von ihrem metaphysischen Daseinsgrund abkoppeln zu können, nur, um ihr gesellschaftliches und politisches Zusammenleben unter dem Reichsdach in einem verfehlten, vordergründigen Sinne friedfertig zu machen. Derartige Emanzipationsversuche der politischen Ancilla theologiae waren 1555 hybrid gewesen und werden es nach Überzeugung unserer glaubensfesten Autoren immer bleiben. Es war unbiblisch, unchristlich und »derohalben gantz vergeblich, daß man sich Evangelischen theils hoffnung machet vnd bemühet, mit dem Bapst vnd seinem Anhange, durch newe Passawische Verträge153, Religionvnd andere Frieden, in eintzige Freundschafft vnd Gemeinschafft hinwie­der zu gerahten.« Es war nicht nur der real existierende Religionsfrieden von 1555 sein Papier nicht wert, jede Hoffnung auf zusätzliche oder bessere politische Vereinbarungen über Konfessionsgrenzen hinweg war eitel. Natürlich folgt solchen Diagnosen stets die Mahnung zur Wachsamkeit, häufig der Aufruf zum Kampf. Aber in diesem Kapitel soll es uns ja noch nicht um das Konzept des Bellum necessarium gehen, sondern um den Frieden. 1.2.3.4 »Fides Haereticis servanda«. Das universalhistorische Dilemma der Erwartungsverläßlichkeit spitzt sich zu Freilich, existierte in den Jahrzehnten um und nach 1600 noch eine unumgängliche Basis für diesen Frieden: das Grundvertrauen in die Verläßlichkeit der politischen Mitakteure, die Erwartungssicherheit, daß einmal geschlossene Verträge den anderen tatsächlich banden? Weil sich die strikte Beachtung des Ius, auch von vereinbartem Recht, inter gentes nicht ohne weiteres einklagen läßt, ist diese Erwartungsverläßlichkeit ein Problem internationaler Politik bis heute. Im Konfessionellen Zeitalter verschärfte es sich ungemein durch jene diskriminatorische Anthropologie, die uns eben schon begegnet ist, und die uns eben152 Postilion, Abschnitt Nr. 112. 153 Der ursprüngliche Textentwurf zum Passauer Vertrag von 1552 sah bereits einen unbefristeten politischen Frieden zwischen den Konfessionsparteien des Reiches vor, es scheiterte damals an der Ablehnung durch Kaiser Karl V. Das Zitat: Postilion, Abschnitt Nr. 111.

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falls schon bekannte Rechtsspaltung. Noch waren – wenn wir das Problem ins Innenpolitische wenden (aber in Mitteleuropa waren ja wichtige Segmente von ›Reichsinnenpolitik‹ territoriale Außenpolitik) – die konfessionellen Rechtsordnungen nicht durch ein allseits verbindliches weltanschauungsneutrales »Staatsrecht« überwölbt. Schauen wir durch die außenpolitische Brille, merken wir, daß Darstellungen des überkonfessionellen und übernationalen »Völkerrechts« mit Anspruch auf Systematik und Vollständigkeit noch nicht einmal in den Gelehrtenstuben existierten. Wenn eine alle zusammenbindende gemeinsame Rechtsordnung nicht mehr existierte und noch nicht wiedergewonnen war – natürlich akzeptierten, beispielsweise, Protestanten Liber V Decretalium Titulus VII (»de Haereticis«) nicht als Bestandteil des gültigen Reichsrechts –, wenn Gott die Welt nun einmal so eingerichtet hatte, daß sich »Eysen mit Thon« nicht »mengen« ließ, daß im Ringen zwischen »Hundt vnd Katzen«, »Wolff und Schaff«, »Christus und Belial« keine Indifferenz vorgesehen war, wie konnte man da auf die Haltbarkeit politischer Friedensschlüsse über weltanschauliche Gräben hinweg bauen? Vereinzelt stoßen wir auf Zweifel hieran, seit mit der Kirchen- die Rechtsspaltung drohte. Beispielsweise werden wir auch in Akten aus der Zeit des ›kleinen‹ deutschen Konfessionskriegs von 1546/47 fündig. Am 4. Juli 1546 warnten Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, Landgraf Philipp von Hessen »vnd gemeiner Christlicher eynung vorordnete Kriegs Rhete« Herzog Wilhelm von Bayern154, er dürfe sich des Truppendurchmarschs wegen »uff keine gute wortt des gegentheils verlassen«, denn was »solche gute wortt, vertrege, brief und sigel, unnd dergleichen versicherungen helffen«, wisse man ja aus trauriger Erfahrung, »unnd das bey Inen, wann sie Ir gelegenheit versehen, kein vertrag oder vergleichung gilt«. »Das wir das kriegsvolkh solten abschaffen, das will sich schlecht nit gepuren, dann man wurde eben als wienig woder glaben noch trauen, woder brief noch sigel halten, als vor«, schrieb am 14. September 1546 der hessische Agent in Augsburg, Gereon Sailer, an Landgraf Philipp.155 Viel grundsätzlicher und oft in seitenlanger Ausführlichkeit äußert solche Zweifel die Kampfpublizistik des Jahrzehnte um 1600. Gebildete Leser wußten, wo sie in den Sachregistern nachzuschauen hatten, nämlich meistens unter »f« wie »fides«, hilfsweise, in evangelischen Ausarbeitungen, auch unter »t« wie »trew«. »An fides haereticis servanda«, so hat man die nun beliebte Streitfrage rubriziert, ob ein Irrgläubigen gegebenes Wort überhaupt binde, ob »trew und glawb« über weltanschauliche Gräben hinweg gültige Maßstäbe seien. Der interkonfessionelle Friedensschluß von 1555 war bei diesen Debatten nie fern. 154 Or.: BayHStA Kurbayern Äußeres Archiv 2100, fol. 8f. 155 Das Schreiben gibt Max Lenz (Hg.), Briefwechsel Landgraf Philipp’s des Großmüthigen von Hessen mit Bucer, Bd. 3, Leipzig 1891, S. 451f.

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Wahrscheinlich ist die außenpolitische Erwartungsverläßlichkeit ja tatsächlich ein universalhistorisches Dilemma – aber das Problem dürfte nie prekärer156 gewesen sein als um und nach 1600 im Rahmen jenes Reichsverbandes, der seine selbst außenpolitisch aktiven Glieder immer weniger einzubinden vermochte und nicht verhindern konnte, daß sie sich seit 1619 gegenseitig militärisch bekämpften. Zweifel an der Verläßlichkeit evangelischer Politiker streuten damals viele katholische Abhandlungen – wer von der Einen wahren Kirche abgefallen war, tat es jetzt und immerdar skrupellos von jeder einmal getroffenen Vereinbarung. Für Wilhelm Ferdinand von Efferen waren es »verlauffene Zeiten, da Treue und Glaube noch gehalten worden«, da für evangelische Politiker noch »Eyd, Pflicht, Verschreiben, Versprechen und dergleichen humanae fidei vincula« gegolten hätten.157 Protestanten waren nicht geschäftsfähig, nicht politikfähig – gehörten sie, recht besehen, überhaupt jener Wertegemeinschaft des christlichen Abendlandes zu, außerhalb derer allenfalls vorübergehende Pax iniqua herrschen konnte? Die politische Brisanz dieser diskriminatorischen Anthropologie kann eine »Newe Zeitung« von 1614 illustrieren. Ein Katholik, ein Lutheraner und ein Calvinist lassen sich durch »Peregrinus«, den objektiven Beobachter von außen, über die Wurzeln der Malaise eines Reiches aufklären, das dieses Schriftchen dem Krieg zutorkeln sieht. Schuld ist für Peregrinus die Aggressivität der Calvinisten, doch machen ihnen die allzu arglosen und allzeit nachgiebigen Katholiken ihr Zerstörungswerk nicht eben schwierig. Zwei zentrale Vorwürfe richtet Peregrinus an ihre Adresse: Daß sie »alle Krieges vortel gar zu leicht pro turpi pace (ubi non est pax, dilatio tantum) aus Händen« gäben und daß sie »mit brieflichen Vhrkunden, reversen, juramenten vnd zusagen, wie die Kinder mit Epffeln die inwendig Faul sein, sich leichtlich ... stillen lassen«, wiewohl doch die tägliche Erfahrung lehre, daß die Gegenseite damit stets aufs Neue nur »betrug« suche. Damit hat der Autor sein nächstes Thema gefunden: die Anthropologie »des Calvinisten«. »Der Calvinist« ist verschlagen, immer nur und ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht, man kann ihm nie und nirgends trauen. »Er 156 Weil, wie wir gleich noch sehen werden, ungemein massiv; grundsätzlich, in einer diskriminatorischen Anthropologie verwurzelt, die dem Andersgläubigen vollgültiges Menschsein absprach; und mit gravierenden Auswirkungen auch auf den praktischen Politikbetrieb. – Die publizistische Debatte »an fides haereticis servanda?« der Jahrzehnte um 1600 hatte die innerkatholischen Auseinandersetzungen um die Rechtsverbindlichkeit des Augsburger Religionsfriedens (mit der charakteristischen, für Protestanten natürlich alarmierenden ›Notrechtsargumentation‹ – »ad tempus cedatur utque maiora mala evitentur«, Duldung aus Not und auf Zeit – etwa eines Petrus Canisius) zur Voraussetzung, insofern eine ganz spezifische Färbung. Dem will ich hier aber nicht nachgehen, wir müßten uns sonst in die kanonistischen Voraussetzungen vertiefen. 157 Vgl. Anm. 145.

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ist nicht ruhig, was er zusagt, verbrifft vnd versigelt, mit Eydt bekrefftiget, das gedenckt er im wenigsten zuhalten«.158 Die Abhandlung kommt auf dieses »dem« Calvinisten immanente Glaubwürdigkeitsdefizit zurück, als sie abschließend, nachdem alle heimtückischen Anschläge »der Calvinisten« auf die Reichsverfassung umständlich entlarvt sind, danach fragt, ob denn nicht eine »Komposition« der Paralyse des Reiches abhelfen könnte. Das damals geläufige Schlagwort hatte nichts mit Tonkunst zu tun. Der seit 1610 häufig diskutierte, nie realisierte »Kompositionstag« sollte den das Reich zerreißenden Interpretationskrieg um den Religionsfrieden mit all seinen Folgeerscheinungen bis hin zur Lähmung der Reichsjustiz und des Reichstags im kleinen Kreis ausgleichsbereiter Naturen aller Seiten bereinigen. Wir würden heute von einem »runden Tisch« sprechen: Erarbeitung von Reformvorschlägen ohne Majorisierungsdruck, anschließend stimmen alle Seiten, erneut einhellig, sozusagen en bloc, am Reichstag zu. Das zerschlissene Reich sollte auf eine neue vertragliche Grundlage gestellt werden. Die Idee war zukunftsweisend, »itio in partes« und »amicabilis compositio« des Westfälischen Friedens werden den Gedanken einer »Komposition« wiederaufgreifen und in die Reichsverfassung einbauen. Vor 1618 scheiterten alle Anläufe zu einem »Kompositionstag« indes daran, daß die Katholiken nicht bereit waren, ihre im herkömmlichen politischen System strukturell angelegten Vorteile (katholischer Reichshofrat, katholische Maiora in den maßgeblichen Reichstagskurien usw.) preiszugeben. Das ist die Analyse des heutigen Historikers. Was aber hält die »Newe Zeitung« von der »Komposition«? »Die Catholischen lassen sich nicht mehr anführen, sie wissen wol wohin solche Consilia gericht, nemlich den Calvinisten Thür vnd Thor zu eröffnen, denn sie«, also die Katholiken, »numehr in schedliche Erfahrung gebracht, daß bey ewren Leuten, sonderlich bey den Calvinisten, keine constitutiones, keine pacta, Brieff vnd Siegel nicht gehalten werden, Ergò können sie sich auff newe Verträge nicht einlassen«.159 Versuche, an einem »runden Tisch« Deeskalationsstrategien auszuarbeiten, waren sinnlos, sie mündeten ja doch nur in neue Vereinbarungen, die die Gegenseite dann so wenig einhielte wie alle alten. Nahm man das ernst, war Reichspolitik nicht mehr möglich, mußte man den Gordischen Knoten mit dem Schwert durchschlagen. Katholische Autoren wußten: Protestanten konnte man einfach nicht trauen. »Die Papisten in genere« hielten keine Zusagen160: Das wußten umgekehrt evan158 [Anonym], Newe Zeitung Darinnen ein wolmeinend vnd vertrawlich Colloquium, fol. Biiij und fol. C. 159 Ebda., fol. Eiij. 160 »Johann-Philippus Spindesius«, Der Ander Teutsch-Bruder-Freund, Welcher Berichtet vnnd männiglichen zu Gemüth führet, daß ... die Benachbarte Fürsten vnd Stände, weniger nicht, als die ChurPfaltz selbsten in Gefahr stehen ..., o. O. 1622, fol. Aij. Deshalb war

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gelische Autoren, sie erst recht, schließlich gab es auf katholischer Seite immer die »exception, quod haereticis non sit servanda fides«. Man wußte ja, daß der katholische Widerpart von Machiavelli oder, häufiger, von »den Jesuiten« gelernt hatte, »das man auch die auffgerichte Vorträg, Bündnissen, vnd Friedstände, so offt man eine Gelegenheit ersehe, nicht halten, sondern vmbstossen« solle.161 Es ist eine dem Topos vom »blutdurstigen Jesuwider« immanente Facette162, die kein Pamphlet gegen diesen Orden ausläßt. Es war schließlich allgemein bekannt, daß sich »die Jesuwider« nur beim Papst im Wort sahen, »In allen andern dingen sey/ Eydtschwur vnd glaub zu haltenfrey163/ Allein daß man regieren mag/ Mög man Eydt brechen alle Tag«. Es war schließlich allgemein bekannt, daß »die Jesuwider« allen maßgeblichen katholischen Politikern einflüsterten, mit Ketzern getroffene Vereinbarungen bänden sie nicht, dürften situationsabhängig jederzeit gebrochen werden, ja, müßten gebrochen werden, so der Vertragsbruch der katholischen Kirche mehr Seelen in Aussicht stelle als Vertragstreue. Maßstab sei nicht moralische Verläßlichkeit, sei die politische und militärische Erfolgsaussicht164. Deshalb stehe für jeden frommen Katholiken insbesondere der Religionsfrieden zur Disposition. Katholiken hielten vertragliche Zusagen für disponibel, und den Religionsfrieden sowieso: Dieser Vorwurf begegnet in Flugschriften des Konfessionellen Zeitalters so häufig, daß Beispiele fast beliebig sein müssen. Eine Abhandlung kommt als Dialog zwischen »Mahomet« und einem »türckischen Priester« daher. Zum Glück wüteten Kaiser und katholische Reichsfürsten lieber gegen Lutheraner und Calvinisten als gegen den Islam, freut sich letzterer. Aber leider haben diese Konfessionsparteien doch vor einiger Zeit einen Religionsfrieden geschlossen, wendet »Mahomet« ein. Daran müssen wir uns nicht stören, trumpft der »türckische Priester« auf, die Katholiken geben ja nichts drauf, weil ihnen die

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es insbesondere naiv, anzunehmen, die Katholiken hielten den Religionsfrieden »stäth vnd vest«. [Anonym], Trewhertzige Erinnerung Eines deutschen Patrioten an die Stende des Reichs Augspurgischer Confession, Von der Papisten Practicken vnd Anschlegen ..., o. O. 1605, fol. A2. Ziel war es, »den Religion frieden ... zu durchlöchern«, dann ganz aufzuheben (fol. A3). Die Jesuiten waren eben wegen ihrer »Lehr de haereticis extirpandis, & de fide haereticis non servanda, bey vilen Nationen gantz odios vnd verhasst«, generalisiert »Johann Huß redivivus« (vgl. zu diesem Pseudonym unten Anm. 172), Decret der Jesuiten, Wider alle Evangelische Potentaten, zu Rom geschlossen ..., o. O. 1618, S. 4f. Sic! So reimt »Johan Huß redivivus genanndt Martyr«: Böhmische Fridensfahrt (unfol.). Man hat es damals – die evangelischen Autoren kannten die maßgeblichen scholastischen Autoritäten! – etwas anders ausgedrückt: Sich an den Ketzern versprochene Selbstbeschränkungen zu halten, erachteten Katholiken nur so lang als erlaubt, wie das als »kleineres Übel« erscheine. Werde der Wortbruch zum »kleineren Übel«, müsse das Wort eben gebrochen werden.

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Jesuiten einbleuen, »man solle den Lutheranern eben so wenig als ... offentlichen Strassenraubern, Glauben vnd zusag halten, ob die gleich mit Leiblichem Eyde bestättigt waren«. »Habens allbereyt so weit gebracht, daß niemand weder auff Aydt, Brieff noch Sigil, jhnen etwas trawen wil«. Man könne »forthin mit solchen Leuten nichts sichers contrahiren vnd vornemen, weil sie wider Recht Billigkeit, Traw, Glauben vnnd Aydtspflicht gehandelt«.165 Um noch ein zweites etwas ausführlicheres Beispiel zu geben, das die gängigen Unterstellungen einigermaßen typisch aneinanderreiht: Der Protestantismus »wird wegen der vorstehenden gefahr, biß zu einer andern gelegenheit gedultet ... Summa, so lang die Papisten keine Kräffte fühlen zum Nachtruck deß Krieges, so lange gilt Passawischer Vertrag, wenn die Protestierenden mächtiger sind; Wenn sie«, die Katholiken, »aber die stärcke haben zum Kriegeszuge, so gilt daß Tridentische Concilium mit seiner Execution ... Ob nu gleich gute Wort vnd stattliche promissiones gegeben werden, so hat man sich doch darauff nicht zuverlassen, quia haeretico non est servanda fides, weil jhrer Regul nach, man keinem Kätzer glauben zu halten schultig ist. Wenn man bessern Vortheil vnd Nutze kan stifften für die Römische Kirche vnd jhre Religion, so darff man nicht länger glauben halten, mit der Zeit ändern sich alle Verträge vnd Zusagungen, vnd wenn gleich tausent Eydte geschworen worden, so ists doch nichts, der Pabst kan alle solche Eyde mit einer eintzigen Absolution wieder entbinden.«166 Aus heutiger Warte möchte man den damaligen katholischen Eliten neunmalklug zurufen, sie gingen zu wenig gegen diesen den Widerpart zutiefst verstörenden Argwohn an. Bei Reichsversammlungen auf das »fides haereticis non servanda« der katholischen Gelehrtenpulte angesprochen, pflegten das altgläubige Politiker mit einigen wenig beruhigenden Floskeln167 abzutun. Und an der hier einmal besonders wichtigen, geschichtsmächtigen publizistischen Nebenfront waren Bekenntnisse zu unbedingter Vertragstreue kaum zu vernehmen. 165 [Anonym], Mvndi Miracvla Oder Wunder Thier: Das ist Bericht von der Grossen Forcht ..., o. O. (»Auß Constantinopel geschickt«) 1619, die Zitate: fol. B bzw. fol. Bij. 166 [Anonym], Von jetzigen Kriege, fol. Cij. 167 Man möge sich doch »so hoch nicht anfechten« lassen von dem, was da »in Scholasticis oder Politicis concertationibus« zusammengedrechselt werde: so ungefähr kann man die stets beiläufigen, etwas genervt klingenden katholischen Beschwichtigungen zusammenfassen. Die Zitate: Antwort Rudolfs II. vom 27. Juli 1590 auf entsprechende Beschwerden einer Gesandtschaft der weltlichen Kurfürsten an den Kaiserhof, Heinrich Christian von Senckenberg (Hg.), Sammlung von ungedruckt- und raren Schriften, zu Erläuterung des Staats- des gemeinen bürgerlichen und Kirchen-Rechts ..., Bd. 3, Frankfurt 1746, S. 159– 178, hier S. 161; katholische Erwiderung auf die evangelischen Gravamina am Reichstag von 1594, Christoph Lehmann (Hg.), De pace religionis acta publica et originalia, Das ist: Reichs Handlungen, Schrifften und Protocollen über die Reichs-Constitution des ReligionFriedens, Bd. 2, Frankfurt 1707, Nr. 66. Es sind nur zwei Beispiele, die Worte wiederholten sich.

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»Das leztlich auch die Jesuiter lehren sollen, mann seye nit schuldig den Ketzern versprochne Traw168 vnd Glauben zuhalten«, stimme nicht, stellt immerhin eine – darin vereinzelte – Flugschrift apodiktisch fest, um es mit diesem wenig spezifischen ›Argument‹ zu untermauern: »Die arme Jesuiter müssen halt alles gethan haben was wider die Vncatholischen geschriben wirdt«. Ebenfalls untypisch an dieser Flugschrift, dem fingierten Dialog zwischen einem katholischen und einem calvinistischen Studenten, ist ihr Humor; so läßt sie letzteren schwadronieren: »Seyther die Jesuiter entstanden, ist ein merckliche Thewrung im gantzen Reich worden an Wein vnd Brott, vnd allerley Waaren, was der gemeine Mann bedarff ... ja ich darff sagen, das Gestirn vnd gantze Himmelslauff, hab sich zumal verendert, vnnd geb vns das alte Wetter nimmer«.169 Humor war nicht die vorherrschende Schreibhaltung. Eine Abhandlung »Von der Heuptfrag An Haeretico sit Fides servanda« konstatiert: alle Jesuiten antworten hier »Lauter Nein«. »Fides« meine in diesem Zusammenhang, so erläutert der Autor, nicht den »seligmachenden Glauben«, sondern den »Politischen Glauben, welcher inn der Welt unter den Leuten im schwang gehet: Als da jhrer zwey theil sich an einer societet verbunden, oder da einer dem andern was verheisset ... Da fragt sichs nun von einem solchen glauben, wenn einer dem andern etwas also vnd dergestalt versprochen hat, ob das zu halten sey, wenn der eine Contrahent ein Ketzer were?« Das eben werde von den Jesuiten verneint – allen Nichtkatholiken »sey nicht glauben zu halten, Es sey der glaub entweder mit Eyden oder ohn Eyd; mit Brieffen vnd Siegeln, oder ohn Brieff vnnd Siegel, verbürget oder nicht verbürget«.170 Von den praktischen Folgen dieser Einstellung künde das Schicksal des Jan Hus171, künde die Bartholomäusnacht. 168 Treue! Die Formel »trew und glauben« begegnet in diesem Kontext fast notorisch. Die Geschichte lehrte, »daß jederzeit Trew, vnnd glauben Schiffbruch leyden müssen, wofern es nur jemalen thunlich, vnd dem gegentheil vortheilig gewesen«: so, für hundert ähnliche Formulierungen, [anonym], Christliches und gantz Getrewes Hertzwolgemeinetes Bedencken ..., o. O. 1620, S. 29. 169 [Anonym], Conversation Zwischen zwayen Studenten, einem Catholischen vnnd Caluinisten. Ob die Jesuiter an allerley Empörungen ... schuldig seyen? ..., angeblich Prag 1620 (unfol.). 170 Warum hat man dann 1555 miteinander paktiert? »Aber diß ist die Braut, darumb die Jesuiter heut zu tag tantzen: Denn dieser fried im Römischen Reich von Gott gegeben, sticht jhnen die Augen auß, vnnd denselben wolten sie gerne stürmen vnd brechen«. Alles nach: [anonym], Von der Heuptfrag An Haeretico sit Fides servanda: Ob auch einem Ketzer trew vnd glaub zu halten sey ..., o. O. 1612, die Zitate: fol. Cij und fol. Ciij. 171 Zum Wiedererinnern: weil er trotz der Zusage freien Geleits zum Konstanzer Konzil dort, am Bodensee, als Ketzer verbrannt wurde. – Es ist »eine alte Regel der Kirchen, daß man einem Ketzer Trew vnd Glauben zu halten nicht schuldig sey, wie dann in dem Consilio zu Costnitz vnd Basel [sic] wider Johann Hussen beschlossen worden«: [anonym], Indicina synoptica, Oder, Kurtze Abbildung, Darinnen erwiesen werden, die wahre Vrsachen, dieses tödlich in Teutschlandt entstandenen Kriegs ..., o. O. 1633, S. 13.

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Das sahen viele evangelische Publizisten so, nicht erst seit 1618, dann natürlich erst recht. »Johan Huß redivivus genandt Martyr«172 stellte 1619 diese rhetorische Frage: »Weß ist die schuld anders als euer jhr Kelchdiebe? Das man weder Worten, Brieff noch Siegeln glauben kan?« Sie hatten den Augsburger Religionsfrieden gebrochen, brachen nun den böhmischen Majestätsbrief. Die »Machiavellische Rott« fand in jeder nur denkbaren Vereinbarung immerdar »Schlupfflöcher«, und lehrten nicht bekanntermaßen alle jesuitischen Autoren, daß man »den Lutheranern eben so wenig, als ... öffentlichen Strassenraubern Glauben vnd zusage halten soll«? Mit solchen Leuten konnte man keine Vereinbarungen treffen, nichts politisch aushandeln, keine Verträge schließen, »wann sie schon auch, wie Stahl vnd Eysen außgefertigt« waren. Katholiken pflegten »weder Gleid noch Eyd zu halten«.173 »Die Päbstler halten die Verträge so auffrichtig, daß damit betrogen wird, wer sich darauff verlasset.«174 »Trew vnd Glauben, so man versprochen vnd mit Aydskrafft beteuret«, sie zählten nicht mehr, »ist de fide nominatis haereticis servanda kein Conscientia vorhanden«.175 Weil man den Worten des anderen grundsätzlich nicht trauen konnte, mußte man seine Interessen mit Waffengewalt verfechten. Seltener ist die Gegendrohung auf derselben Ebene: »Aber horcht ein wenig jhr gute Gesellen: Wer einem andern Glauben vnd Trew nicht hält, dem ist man auch hingegen zu halten nicht verbunden«.176 Ein konstruktives politisches Miteinander war dann nicht 172 Unter diesem und sehr ähnlichen Pseudonymen erschien seit 1619 ein gutes Dutzend antikatholischer Pamphlete, die die Lage in Böhmen kommentierten, ich zitiere hier aus der uns schon bekannten »Böhmischen Fridensfahrt« (unpag.). Außer der Berufung auf eine angebliche Autorschaft von Hus hält die Flugschriftenserie ein klein gedruckter Übertitel (»Variorum Discursuum Bohemicorum Nervi Continuatio XY«) zusammen. Tatsächlich bedienten sich verschiedene, unterschiedlich schreibende Autoren (die ich allesamt nicht identifizieren kann) bzw. Drucker des zugkräftigen Pseudonyms, des eingeführten Reihentitels. Gründlich recherchiert, freilich rein buchwissenschaftlich: Hellmut Rosenfeld, Flugblatt, Flugschrift, Flugschriftenserie, Zeitschrift. Die »Hussiten-Glock« von 1618 im Rahmen der Entwicklung der Publizistik, in: Publizistik 10 (1965), S. 556–580. Die von mir eingesehenen Schriften trugen teilweise etwas andere Titel als von Rosenfeld auf S. 574 (allzu stark ›modernisiert‹?) angegeben. 173 [Anonym], Examen Der Recepten, fol. J. 174 Simon Wild, Memorial Ob Den Protestirenden Ständen im Reich Teutscher Nation rahtsamb, sich bey jetziger Zeit von Königlicher Majestät zu Schweden abzuziehen, zu cunctiren, oder sich zwischen derselben vnd den Päbstlern zu interponiren?, offenbar Weimar 1632 [ich benützte einen Nachdruck von 1633], fol. E. 175 [Anonym], Consilium politico-apocalypticum pro commodo statuum Germaniae protestantivm ..., o. O. 1631, S. 6. [Anonym], Liecht-Butzer, S. 100: »Dann es ist bey allen Gottlosen ein alte Regul, welche noch heutigs Tags sonderlich von den Romanisten observirt würdt. Hosti et Haeretico non est servanda fides«, man sei »dem Feind vnnd einem Ketzer« keinen »Glauben zuhalten schuldig«. Deshalb sind für Katholiken interkonfessionelle Friedensschlüsse »null vnd nichtig«: Postilion, Abschnitt 96, vgl. Abschnitt 91. 176 [Anonym], Indicina synoptica, S. 12.

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mehr möglich: »Was zeyhet jhr euch doch solcher Mühe vnnd Arbeit, daß jhr mit solchen Leuten accordiret vnnd Contract schliesset, mit welchen sicherlich nicht kan contrahirt werden, dann Gewissens halben sie keine Tractation halten dörffen, quia haereticis non est servanda fides.«177 Stand mehr als ›nur‹ das politische Zusammenwirken auf dem Spiel, war überhaupt noch ein ziviles Miteinander möglich? Wenn »versprochener glaub vnnd trew« nicht mehr bänden, würden selbst »handel vnd wandel« zerrüttet, warnte eine Flugschrift, »kein Nachbar würde sicher bey dem andern wohnen, vnd keine gemeinschafft haben können«.178 Ein Pamphlet von 1638 legt den Katholiken diese Worte in den Mund: »Das ist eine rechte Straff dieser Ketzer (Lutheraner), das mann jhnen nit soll halten, was jhnen ist versprochen worden, vnangesehen man jhnen einen Eyd geschworen hette«, »mit diesen Ketzern kan man weder Gewerbschafft treiben, noch Frieden halten«.179 Schon 1614 hatte ein calvinistischer Autor apodiktisch festgehalten: »Cum ejusmodi hominum genere ... contrahi non potest«.180 Es konnte »kein Mensch mit diesen Leuten sicherlich vmbgehen«.181 Sogar ein sich unparteiisch gebender »Discurs« von 1617182 lamentiert: »So wil es doch alles 177 »Iohan-Philippus Spindesius«, Teutscher Bruderfreundt, Welcher Allen Evangelischen die newe vber sie in der gantzen Welt angestelte Mordt-Practicken ... vor Augen gestellet ..., Frankfurt an der Oder 1621, fol. Aiij. 178 [Anonym], Von der Heuptfrag, fol. Diij. Der Autor (in der Vorrede spricht den Leser »D. Daniel Cramerus« an), sehr wahrscheinlich ein Theologe, ist deshalb ausführlich der Ansicht, daß »versprochener glaub vnnd trew jedermann ... vnverruckt zu halten sey« – hauptsächlich Bibelstellen (das achte Gebot usw.), aber auch die obligatorische Entrüstung über Machiavelli (Wortbruch sei ein »Falschstück« des »vnehrbarn Politischen Schribenten Machiavelli«), schließlich die Folgen fortgesetzter Vertragsuntreue: Man könnte zwischen konfessionsverschiedenen Menschen(gruppen) schlechterdings nichts mehr vereinbaren. Deshalb seien »Politische, redliche, auffrichtige, weltweise Leute auch des Bäpstischen Glaubens« der Ansicht, daß man Zusagen grundsätzlich einhalten müsse – was stimmt. Ich kenne keinen katholischen Politiker, der sich in der Frage »fides haereticis servanda« offen auf die Seite der zahlreichen Zeloten unter den katholischen Traktatenschreibern gestellt hätte. 179 »Justus Asterius«, Klagrede, S. 12. 180 So ein (aus verschiedenen Gründen sehr lesenswerter) »Außführlicher Discurs« von 1614 aus offensichtli­ch calvinistischer Hand, den Michael Kaspar Londorp (Der Römischen Kayserlichen Majestät und des Heili­gen Römischen Reichs ... Acta Publica, Bd. 1, Frankfurt 1668, S. 238–285; das Zitat: S. 255) abdruckt. – Um nur noch aus dieser ebenfalls calvinistischen Flugschrift zu zitieren: bei uns gelten nicht die »Jesuitische aequivationes, da mann alles in einem verkehrten vnd andern Verstandt außleget, keine Canones Concilii Tridentini, daß man keinem Menschen glauben zu halten schuldig sein soll. Auch keine piae fraudes oder heyliger betrug und list«: [anonym], Abtruck Einer auffgefangenen Jesuitischen Information ..., o. O. 1637, fol. D2. 181 [Anonym], Indicina synoptica, S. 12. 182 Abdr.: Londorp, Acta publica, Bd. 1, S. 362–367, hier S. 365. Die kursächsische Provenienz ist überdeutlich.

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nichts haften, da wil kein theil dem andern trauen, da ist kein Sincerität, und per rerum naturam kein modus zu finden, darinnen ein Theil vor dem andern assecurirt werden möchte«. Popanze misanthropischer Gelehrter? Als der Innsbrucker Erzherzog Maximilian im Frühsommer 1616 einen konfessionsübergreifenden südwestdeutschen Schirmverein unter Einbeziehung Vorderösterreichs propagierte, ließ der badische Markgraf Georg Friedrich seinen Sohn183 so in Stuttgart gegen das Projekt anwettern: Solang »der spanischen papisten böse practicen« nicht »so gar in das hohe tagliecht gestelt« gewesen seien, habe ihm die Idee eines Schirmvereins nicht gänzlich mißfallen, nun aber trieben die Jesuiten in Ensisheim ihr Unwesen, die dorti­gen Räte seien »von Spanien bestochen« – auf wen wolle man sich da ver­lassen, zumal die Katholiken »nach ausweis ihrer lehr« Verträge mit Prote­stanten sowieso jederzeit brechen könnten, da Abmachungen mit Ketzern sie ja nicht bänden? Unter diesen Umständen mache ein interkonfessioneller Schirmverein keinen Sinn. Zitieren wir noch einen »papisten«! Johann Schweikhard von Mainz, wahrlich kein Zelot unter den geistlichen Reichsfürsten der Vorkriegszeit, lamentierte einmal in einem Schreiben an Melchior Khlesl184: Es haben »ohngehorsamb, ohntrew, betrug und list uber hand genomen, dass sich weder auf tewere wort, ver­trösten und versprechen, noch auch brief und sigel, ja den schwur und aid selbsten ichtwas zu verlassen, sonder dass alles nach der ver­fluchten ler des Machiavelli auf ein jede sich an hant gebende occasion ratione status (wie sie es nennen) bei seit ge­setzt und nichts geacht wirt«. Daß sich solcher Argwohn in den Ratsstuben einnistete, war eine zusätzliche Belastung für das der konfessionellen Polarisierung wegen ohnehin strapazierte politische System. Des lautstarken publizistischen Getöses um die Bindewirkung interkonfessioneller Abmachungen wegen drohte sich das für den Politikbetrieb unabdingbare Grundvertrauen in die Verläßlichkeit der Mitakteure zu verflüchtigen. Der Gesichtspunkt der Geschäftsfähigkeit des Andersgläubigen wird uns im Rahmen der Akzeptanzprobleme vormoderner Neutralität wieder begegnen185, übrigens spielte er auch im Achtzigjährigen Krieg seine Rolle. »Immer wieder«186 betonte die reformierte Publizistik der sezessionistischen Provinzen, spanischen Politikern sei grundsätzlich nicht zu trauen, weil sie sich durch Verträge mit 183 Extrakt eines undat. Memorials für Friedrich: Hauptstaatsarchiv Stuttgart (im Folgenden: HStASt) A76 Bü. 3 Nr. 73b. 184 Vom 17. Dezember 1612: Anton Chroust (Bearb.), Briefe und Akten zur Geschichte des Dreißigjährigen Krie­ges (im Folgenden: BA), Bd. 10, München 1906, Nr. 318. 185 Vgl. insbesondere S. 628 mit Anm. 360. 186 So Johannes Arndt, Die Kriegspropaganda in den Niederlanden während des Achtzigjährigen Krieges, in: Ronald G. Asch/Wulf Eckart Voß/Martin Wrede (Hgg.), Frieden und Krieg in der Frühen Neuzeit. Die europäische Staatenordnung und die außereuropäische Welt, München 2001, S. 257; die folgenden Zitate ebda., S. 251.

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Ketzern nicht gebunden sähen. Beispielsweise lehnte ein Pamphlet das spanische Waffenstillstandsangebot von 1629 mit diesem Argument ab – die Offerte sei trügerisch, nicht beim Wort zu nehmen, »die jüngsten Siege deutet der Verfasser als Gottesurteile, den Kampf fortzusetzen«. Man brachte das »haereticis non est servanda fides« sogar in Reime: »Seght ghy daerf [daer ’t] Eet gedaen en wilt dar op vertrouwen/ De Ketters houft men niet Geloof of Eet te houwen«. Der in mitteleuropäischen Flugschriften meist spezieller »den Jesuiten«, nicht »den Spaniern« überhaupt angelastete Vorwurf fehlender Vertragstreue wurde Bestandteil der »leyenda negra«. Wir dürfen wohl davon ausgehen, daß derart unkende publizistische Elaborate auch die Entscheidungsträger gelesen haben. Die französische Hauptinstruktion zu den Westfälischen Friedenskongressen weiß, daß »l’expérience187 nous fait cognoistre que les Espagnolz ne gardent leurs Traittéz qu’en tant qu’il leur est utile et qu’ilz n’ont pas occasions de les rompre avantageusement«. Das also erwartete am Ende des Konfessionellen Zeitalters eine katholische Großmacht von der anderen katholischen Großmacht. Der Vorwurf mangelnder Vertragstreue hatte sich bereits ›entkonfessionalisiert‹. Davon kündet auch eine den Ersten Nordischen Krieg kommentierende Flugschrift von 1659, die hier außerdem deshalb interessiert, weil sie das Thema als ein »hiebevor« aktuelles präsentiert: Es sei ja »hiebevor bey den Catholischen eine regula gewesen, Haereticis sive Evangelicis, quos catholici haereticos vocant, non esse servandam fidem: So möchte es endlich so gar contra jus retorsionis nicht lauffen, wann die Euangelischen hinwieder practicirten, Catholicos ob identitatem rationis non esse servandam fidem«. Schweden, so die dem historischen Rückblick angefügte tagesaktuelle Diagnose, wolle neuerdings diese alte »regulam« wiederbeleben, »Suecos neque Evangelicis, neque Catholicis, neque Amicis et Consanguineis servare fidem«.188 Wir werden in anderen Zusammenhängen sehen, daß die vermeintliche »regula«, gleichsam ins Völkerpsychologische gewendet und dadurch entschieden säkularisiert, noch in der Begleitpublizistik zum Holländischen 187 Also nicht etwa: die Flugschriftenliteratur! Man lernte eben aus der Geschichte, was man, entsprechend belesen, in ihr wiederzufinden erwartete. – Instruktion vom 30. September 1643, abgedr. in APW I.1, hier S. 71. 188 Das beweise die Gefangennahme des evangelischen Herzogs von Kurland, der »wider Königliche Parole und auffgerichteten Vergleich, gantz ungewarneter Dinge bey nächtlicher weile in seiner Residentz überfallen« wurde: [anonym], Ein Privat-Schreiben, Welches ein guter Freund von dem andern inständig begehrt hat ..., »Wahrburg« 1659, fol. M2. Die Verhaftung des Herzogs von Kurland durch schwedische Truppen am 19. September 1658 war in den Jahren 1659/60 Gegenstand lebhafter publizistischer Debatten. Der schwedische Trick hierbei weckte nicht viel Wohlgefallen: Man erwirkte die Erlaubnis zu einem vermeintlichen Krankentransport unmittelbar am Mitauer Schloß vorbei, die »Kranken« entstiegen flugs ihren Schiffen und erstürmen das nicht verteidigungsbereite Schloß, die herzogliche Familie wurde nach Riga abgeführt.

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Krieg nachhallte. Sie war nun freilich längst kein publizistisches Hauptmotiv mehr. Seine Hochkonjunktur hatte der – damals fast schon gewohnheitsmäßige – Vorwurf, der (häufig katholische, immer konfessionell definierte) Gegner achte nicht »trew und glauben«, in den Jahrzehnten um und nach 1600. Gewiß wurde und wird zu allen Zeiten darüber geklagt, daß Verträge zwischen Regierungen von dieser oder jener Seite nicht genau eingehalten würden 189 und daß eine durchsetzungsfähige Kontrollinstanz fehle; aber so grundsätzlich, weil in einer diskriminierenden Anthropologie (der Andersgläubige partizipiert nicht voll an der Conditio humana) verankert, kamen Bedenken gegen die Vertrauenswürdigkeit, ja, die Geschäftsfähigkeit des politischen Partners nur in den Jahrzehnten der zugespitzten konfessionellen Konfrontation daher. Ich will freilich auch auf diese Stimme hinweisen: Ein anonymer »Politischer Discurs« von 1624 argumentiert auffallend progressiv. Wer190 vom Schreibtisch aus anempfehle, sich durch ein Ketzern gegebenes Wort nicht gebunden zu fühlen, verstoße nicht nur gegen das göttliche, auch gegen das Naturrecht, »den Ketzern als von welchen das natürliche Recht nichts weiß ist Traw vnd Glaub nit gegeben, sondern den Menschen, die Fried und Einigkeit lieb haben. Vns, vns allen die wir im Römischen Reich leben, die wir einen Schöpffer der Natur haben und verehren«. Nicht um die Eindämmung oder Ausdehnung der Ketzerei müsse und könne es jetzt gehen, sondern um »die allgemeine rhu in dem Römischen Reich«, mit anderen Worten: nicht so sehr um die rechte Ordnung als um Ruhe und Ordnung überhaupt. Die Priorität politischer Ordnungsstiftung zu propagieren und praktikabel zu machen, ist ein zentrales Anliegen der frühen – und das heißt für Mitteleuropa: im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts vorgelegten – politologischen Literatur. Wir haben hier wohl den interessanten Fall einer zeitnahen Rezeption und Adaption auf andere thematische wie stilistische Zusammenhänge vor uns. Das 189 Black, Why wars happen, S. 29 zitiert aus einem interessanten Brief des britischen Gesandten im Haag, Joseph Yorke, an seinen Bruder Philip vom 26. 10. 1753: »I am clear that all treaties are useless with that power ... She holds none of them«. 190 Der – hier ist er ganz Kind seiner Zeit – unverhohlen evangelische Autor ist präziser: die Jesuiten! So: [Anonym], Politischer Discurs, Von der wichtigen und schweren Frag: Ob die Chur- vnd Reichs-Fürsten anjetzo ... Bündtnussen eingehen ... könden?, o. O. 1624 (Kursivsetzungen im Original). – Nicht ganz so eindrucksvoll, eindringlich genug, erneut nicht unmittelbar auf Pax, sondern das sie unterminierende »fides haereticis non servanda« bezogen: [anonym], Politischer Discurs, Ob sich Franckreich der Protestirenden Chur vnnd Fürsten wieder Spannien annehmen ... solle. Auß dem Frantzösischen ins Deutzsche gebracht, Berlin 1615, fol. Aiiij: die Ansicht, daß man »den Kätzern keinen Glauben halten könne oder solle«, ist »aller vernunfft vnd Religion so zu wieder, das auch die Heyden selbsten abschew darfür gehabt«, sie widerspricht den »Göttlichen vnd Weltlichen, Natürlichen vnnd aller Völcker Rechten«.

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Ordnungskonzept der »Politica« wird, natürlich in gattungsspezifisch von den gelehrten Monographien divergierendem Duktus, auf die in der Flugschriftenliteratur so beliebte, hitzig geführte Debatte »an fides haereticis servanda« appliziert. 1.2.3.5 »Die Recht sind vmb Friedens willen gemacht«. Machen Kriegserfahrungen friedfertig? Daß der nicht endenwollende Krieg seit 1618 auf allen Seiten Friedenssehnsucht geweckt hat, gehört zu den Voraussetzungen der Verhandlungslösung von 1648: Das ist unbestreitbar, wenn sich die politischen Wirkungen dieser Sehnsucht auch schwerlich exakt gewichten lassen. Nicht nur »der gemeine man« schrie in den 1640er Jahren nach Frieden.191 Spiegelt sich das auch in publizistischen Äußerungen über Krieg und Frieden wider? Es gibt dazu keinen Forschungsstand, nur divergierende beiläufige Einschätzungen.192 Mir fiel dieses Friedenslob des Langenburger Kanzleidirektors Johann Christoph Assum aus dem Jahr 1640193 auf, nicht nur seiner Ausführlichkeit wegen, nicht nur, weil es Pax und Iustitia ganz anders koppelt als das in Traktaten des Konfessionellen Zeitalters sonst üblich ist, sondern auch, weil es nicht aus theologischer Hand stammt, in einer durch und durch juristischen Abhandlung steht. Außerdem hält ihr Autor den besonderen Wert des Friedens noch nicht einmal für strittig, denn seine Friedenseloge leitet die »Evidentiales« der Rechtsschrift ein: »Das Fundament vnnd die Grundfeste aller Handlungen, 191 »In Hollandt schreiet der gemeine man umb friden«: so berichtete der kaiserliche Gesandte Volmar am 14. November 1645 aus Münster an Ferdinand III. (APW II.A.2, Nr. 293). »Alles« rufe in Schweden »Friede, Friede, Friede«, hatte schon am 24. Oktober 1635 Johan Adler Salvius an Axel Oxenstierna geschrieben (zit. bei Öhman, Schweden, S. 67). 192 Vogl, Friedensvision, S. 208 stellt beiläufig fest, »moralische Friedensermahnungen und -appelle« seien »während der gesamten Dauer des Dreißigjährigen Krieges ... quantitativ nur gering ins Gewicht« gefallen; vgl. noch S. 213. Peer Schmitt, Spanische Universalmonarchie oder »teutsche Libertet«. Das spanische Imperium in der Propaganda des Dreißigjährigen Krieges, Stuttgart 2001, S. 169 Anm. 41 ist genauso beiläufig der Ansicht, »daß der Krieg« in den von ihm untersuchten Flugschriften »durchweg negativ beurteilt« werde; doch gilt das ganz sicher nicht für alle unter denjenigen seiner Quellen, die ich ebenfalls kenne, und auch die Arbeit Schmitts bietet passim Gegenindizien bis hin zum grimmigen Kriegsaufruf. 193 Zum Folgenden: Joh[ann] Christoph Assum, Telvm Necessitatis, Pavpertatis et Impossibilitatis. Das ist: Ob nit darvor zu halten, daß deß H. Reichs Geist- vnd Weltliche Fürsten ... welche in dem ... Gericht von jhren Creditoren ... belanget werden, das Telum Necessitatis, Paupertatis et Impossibilitatis ... verzuwenden ... haben?, Schwäbisch Hall 1640, S. 11 bzw. S. 14f. Nicht speziell zu dieser Schrift, aber ihrem Autor (»eine der einflußreichen Persönlichkeiten in der Grafschaft Hohenlohe in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts«): Frank Kleinehagenbrock, Die Grafschaft Hohenlohe im Dreißigjährigen Krieg. Eine erfahrungsgeschichtliche Untersuchung zu Herrschaft und Untertanen, Stuttgart 2003, passim (Register!).

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Conventionen, Contracten vnd Commercien194, ja aller Regimenter Heyl vnnd Wolfarth bestehet, vornemlich auff dem Edlen, Lieben vnd Werthen Frieden ... Dann die liebe Gerechtigkeit, deren Band die gantze Menschliche Societät zusammen halten soll, ist ein effectus deß lieben vnnd werthen Friedens. Dahero thun sich Fried vnd Gerechtigkeit einander küssen.« Iustitia ist hier nicht Voraussetzung der Pax, eine Vorbedingung, um sich überhaupt mit dieser Dame einlassen zu können, sondern Frucht des Friedens. Für Assum war »der edle vnd werthe Fried, neben der lieben Gerechtigkeit allein das Mittel ..., wardurch die Societas humana erhalten vnd fortgepflantzt« wurde. Krieg hingegen mußte »verflucht« werden, »ja ist der Krieg ... nimmermehr so abschewlich beschrieben vnnd abgemahlet, daß dessen abschewliche effectus sich in praxi vnd der That selbst nit viel grausamer vnnd erschröcklicher theten an den tag legen«. Der Krieg gebar »cumulos injuriarum«, »das ärgste aber vnder andern auch ist dieses, daß zwischen oder vnder den Waffen die edle Justitia undergetruckt vnd begraben ligt«.195 Im 1630 vorgelegten »Florilegium politicum« Christoph Lehmanns, einer danach generationenlang vielbenützten Topoisammlung, begegnen unter »Fried« zahlreiche positiv wertende und einige unbedingt bejahende Sentenzen. Natürlich, wir finden auch die Verdammung des falschen, trügerischen Friedens ohne Wahrheit und Gerechtigkeit (»es ist besser offener Krieg als ein vermumter vngetrewer verderblicher Friedt«196) und die zeitübliche Konnotation Frieden-Faulheit: »Die Erfahrung bezeugts, das langwiriger Fried, Fürsten, Herrn vnd Underthanen, sicher, faul, weibisch197, verzagt, stoltz, wollustig vnd verthunisch [sic] macht, wie ein gut Roß das nur im Futter steht, nicht beritten vnd geübt wird, seine Tugendt vergisset.«198 Frieden mußte bewehrt sein.199 In den meisten Sen194 Es sei nicht verschwiegen, daß das später natürlich juristisch ausgebeutet wird: Mit dem notorischen Kriegsleid ist die ursprüngliche Geschäftsgrundlage entfallen, man muß überschuldete Kriegsopfer schonen. 195 Der Folgesatz läßt dann ahnen, wie dieses große Friedenslob anschließend in kleinliche Juristerei ausgemünzt wird: »Da heißt es ja freilich: Inter arma silent leges«. 196 Christoph Lehmann, Florilegium politicum. Politischer Blumengarten. Darinn außerlesene Politische Sententz, Lehren, Reguln, vnd Sprüchwörter auß Theologis, Jurisconsultis, Politicis, Historicis, Philosophis, Poëten, vnd eygener erfahrung ... in locos communes zusamen getragen, o. O. 1630, s. v. »Fried«, Sentenz Nr. 45; sie kommt ohne spezifisch theologische Terminologie aus, spricht nicht von Sünde. – Lehmann war, wiewohl Protestant, zeitweilig Rat der Trierer Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern. Einige weitere Angaben zu ihm finden sich bei Friedrich Hermann Schubert, Die deutschen Reichstage in der Staatslehre der frühen Neuzeit, Göttingen 1966, S. 145f. 197 In jenem Kapitel C, zu dem wir hier durchaus schon unterwegs sind, werden wir sehen, daß »neutralitet« häufig als »weibisch« denunziert und topisch mit »faulkeit« gleichgesetzt wurde. 198 Lehmann, Florilegium, s. v. »Fried«, Sentenz Nr. 63. 199 Vgl. beispielsweise Nr. 22; oder Nr. 40: »Friedt muß man offt mit Gewalt machen, nicht mit Worten.«

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tenzen wird er gerühmt, als begehrenswertes Gut, als recht hoher Wert. Auch als ein zentraler? Einige Aussagen muten pazifistisch an, so diese, prominent an die erste Stelle gesetzte: »1. Es ist besser vnrechter Fried, denn gerechter Krieg.«200 Oder diese Sentenz, die auch deshalb bemerkenswert ist, weil sie die biblische Reihenfolge Iustitia-Pax umwendet: »Am frieden ist mehr gelegen, dann am Recht, denn die Recht sind vmb Friedens willen gemacht.«201 Ist es bemerkenswert, daß Lehmann zum »Krieg« viel mehr Sentenzen kannte oder aufstöberte als zum »Frieden«202? Es mag gleichsam ein Seitenstück sein zur Beobachtung, daß sich Frieden wohl feierlich beschwören, aber schwerlich dramatisch verlebendigen, wohl noch schwerer mit dem Meißel plastisch machen läßt.203 Militant ist die Sentenzensammlung zum »Krieg« nicht. Wir finden hauptsächlich kriegspraktische Tips, insbesondere für den rechten Umgang mit Söldnern. Abstoßend ist für heutige Leser nur eine einzige Sentenz, und das möglicherweise zu Unrecht: »Krieg ist Gottes Besem, damit er Land vnd Leut außfegt.«204 Das mutet bellizistisch an, vergleichbar dem abgeschmackten Bild 200 Vgl. zu dieser auch sonst begegnenden Sentenz (Lehmann will ja nicht originell sein) schon oben Anmm. 115f. Bei Georg Henisch (Teütsche Sprach vnd Weißheit. Thesaurus linguae et sapientiae Germanicae ..., Augsburg 1616, Sp. 1241) liest man: »Der vnrichtigste frid ist besser denn der gerechteste Krieg«. Fundstellen in Spruchsammlungen des 19. Jahrhunderts nennt Karl Friedrich Wander (Hg.), Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, Bd. 1, Ndr. der Ausgabe Leipzig 1867, Kettwig 1987, s. v. Friede, Nr. 110 (Sp. 1210). 201 Lehmann, Florilegium, s. v. »Fried«, Sentenz Nr. 56. 202 Der Hinweis auf die jeweiligen Seitenzahlen mag genügen: »Fried« S. 212–216, »Krieg« S. 432–446. 203 Natürlich gibt es unzählige Versuche, den Frieden ins Bild zu setzen, aber so sehr wir Heutige den Frieden schätzen: spricht uns auch nur ein einziges von diesen Bildern an? Läßt sich auch nur ein einziges qualitativ den »Misères et Malheurs de la guerre« Jacques Callots an die Seite stellen? Frieden ist langweilig, ästhetisch ist er ganz unergiebig. 204 Lehmann, Florilegium, s. v. »Krieg«, Sentenz Nr. 4. Gewissermaßen ›kriegsfreundlich‹ (aber den Frieden anvisierend, insofern keinesfalls bellizistisch!) ist daneben allenfalls noch diese Sentenz: »139. Wer einen guten krieg führet, der hat guten fried.« – Konrad Dieterich, Das Buch der Weißheit. In unterschiedlichen Predigten erkläret und ausgelegt ..., Ander Teil ..., Nürnberg 1657, S. 241: »Und ist also der Krieg unseres HERRN GOTTes Fegfeuer und Kehrbesen, dardurch die Welt von bösen Buben gesäubert wird. Item GOTTes PurgierTranck«. Die Predigten des Ulmer Superintendenten sind wesentlich durch Kriegserfahrungen geprägt, als (da noch jüngeren) Verfasser militanter Flugschriften werden wir ihn weiter unten kennenlernen (siehe Kapitel A.2.1.3). Allgemein zum Lutheraner Dieterich: Monika Hagenmaier, Predigt und Policey. Der gesellschaftspolitische Diskurs zwischen Kirche und Obrigkeit in Ulm 1614–1639, Baden-Baden 1989, S. 115; sowie zuletzt Gregor Horstkemper, Zwischen Bündniszielen und Eigeninteressen – Grenzen konfessioneller Solidarität in der protestantischen Union, in: Friedrich Beiderbeck/Gregor Horstkemper/ Winfried Schulze (Hgg.), Dimensionen der europäischen Außenpolitik zur Zeit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, Berlin 2003, S. 227.

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vom reinigenden Stahlbad des Krieges, aber es kommt wohl mehr als auf die reinigende Wirkung des Besens auf den göttlichen Griff an: vielleicht nur eine Umschreibung der volkstümlichen Ansicht, Krieg sei das Strafgericht Gottes205 über die sündige Menschheit? Eine Reihe von Sentenzen lehnt den Krieg grundsätzlich ab: »Alles Vnglück ist im krieg«, »Krieg wird von heyllosen Leuten gemacht«, »Krieg verzehret, was fried bescheret«206. »Ein Teuffel krieget nicht wider den andern. Aber Christen wider Christen, darvor sich doch die Teuffel hüten.« Daneben finden wir – dulce bellum inexpertis! – diese Vermutung: »Zu Kriegen haben lust, die es nicht haben versucht.«207 Außerdem kolportiert Lehmann das: »Krieg ist bald gemacht, aber langsam geendet.«208 Diesen Erfahrungsschatz transportieren zahlreiche frühneuzeitliche Texte ganz unterschiedlicher Machart, ich stieß noch bei meinen Sondierungen in der Begleitpublizistik zum Holländischen Krieg darauf.209 Man konnte aber auch schon so formulieren, ehe man 205 Vgl. Anton Schindling, Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Erfahrungsgeschichte und Konfessionalisierung, in: ders./Matthias Asche (Hgg.), Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Münster 2001, S. 11–53, speziell zur Auffassung vom Krieg als einer Strafe oder Prüfung Gottes: S. 44–46. – Wörtlich, als festgeprägte Formel, begegnet die Gleichsetzung Krieg = Strafgericht Gottes in der Pamphletistik des Konfessionellen Zeitalters kaum, es war keiner der in dieser Textgattung grassierenden Topoi. Immerhin, eine Marginalie in [anonym], Wohlgemeinte Rettung, auf S. 64 weiß: »Krieg ist eine grausame strafe Gottes«. Vgl. noch unten S. 227 mit Anm. 464. 206 Dieser Spruch begegnet so und ähnlich dutzendfach, ich verweise nur auf Wander, Sprichwörter-Lexikon, Bd. 2, s. v. Krieg, Nr. 41 und Nr. 161, vgl. auch Nr. 36 (Sp. 1618 bzw. Sp. 1624). Häufig hieß es auch »Frieden ernährt, Unfrieden verzehrt«: Wander, Sprichwörter-Lexikon, Bd. 1, s. v. Friede, Nr. 56 sowie (plattdeutsch) Nr. 47 (Sp. 1207f.). In Petris Spruchsammlung von 1605, auf die ich gleich zu sprechen komme, steht es so: »Fried nehret, vnfried verzehret«. Nur orthographisch abweichend Henisch, Teütsche Sprach, S. v. »Vnfried« (Sp. 1240): »Frid nehret, vnfrid verzehret«. 207 Lehmann, Florilegium, s. v. »Krieg«, Sentenzen Nr. 22, 19, 117, 30, 99. 208 Sentenz Nr. 110, vgl. noch Sentenz Nr. 111: »Harnisch kan man nicht so bald auß, alß anziehen«. 209 Ich nenne nur [anonym], Gespräch über das Interesse Deß Englischen Staats, Darinnen klärlich gezeiget wird, wie schädlich es vor das Königreich Engelland seye, mit Franckreich ... sich zu verbinden ..., o. O. 1674, wiederabgedr. unter den Appendices zum 28. Bd. des »Diarium Europaeum«, S. 313–360, hier S. 318: Man hat wieder einmal erfahren, »daß man viel leichter einen Krieg kan beginnen, als solchen mit Ehren zu Ende bringen«. [Anonym], Wahrsagerischer Welt-Spiegel, Seiner Königlichen Majest. in Franckreich, statt einer Antwort heimgeschicket ..., o. O. [1674] (wiederabgedr. im 29. Bd. des »Diarium Europaeum«: Appendix, S. 257–280 [doch nicht kontinuierlich durchpaginiert]) ergänzt das Diktum so (S. 260f.): »... dann gleichwie man sich leichtlich in einen Brunnen herunter lassen, aber nicht mit gleicher Leichte wieder herauff ziehen kan; Also auch kan öffters ein Unkluger einen Krieg anheben, aber nicht niederlegen«. – Ohne vormoderne Belege bietet Wander, Sprichwörter-Lexikon, Bd. 2, s. v. Krieg, Nr. 55 (Sp. 1619) das: »Ein Krieg ist leicht begon-

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den lehrreichen Vergleich zwischen dem abrupten Sturz von einem Fenster des Hradschin und den langwierigen westfälischen Friedensverhandlungen ziehen konnte! »Krieg ist bald gemacht, aber langsam geendet«: das wußte nämlich bereits Georg Lauterbeck210, werden alle möglichen Traktate der Vorkriegszeit 211 und aus dreißig Kriegsjahren wissen212 sowie kurz danach, in Verse gegossen, Sigmund von Birken.213 Ob es auch Maximilian von Bayern gewußt hat? Seinem Nachfolger jedenfalls ließ er das aufschreiben: »Der Krieg ist in einem Augenblickh angefangen, aber gar schwer und langsamb zu endt gebracht«.214 Lehmanns Florilegium politicum, ein Kind seiner kriegsmüden Zeit? Es stellen sich dann doch wieder Bedenken ein. Schaut man nach, was Friedrich Petri 1605 in seiner anspruchslosen Sammlung von »sittigen Sprüchen und Sprichwörtern«215 bei F wie Frieden und bei K wie Krieg aneinanderreiht, fällt quantitativer Gleichstand auf und qualitativ der größte denkbare Kontrast. Bis auf eine 216 bezeichnende Ausnahme (Pax und Iustitia: »Fried ohn Warheit ist nur Gifft«) sind die Einträge zum Frieden positiv, bis auf eine ähnlich bezeichnende (das reinigende Strafgericht Gottes: »Krieg vnd Pestilentz ist ein seuberung der Welt«) die zum Krieg negativ konnotiert: »Fried bringet alles gut, vnd ist besser als Krieg«, aber, unter K: »Kriegen war nie so gut, fried halten war besser«.217 Dann will ja eine Sentenzensammlung gar nicht aktuell sein, sie schreibt das vermeintlich zeitlos

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nen, schwer geführt und langsam geendet« – mit russischen, dänischen und schwedischen Entsprechungen! Er wiederum fand es bei Sallust (De bello Jugurthino 83, 1, 12 – »omne bellum facile sumitur, caeterum egerrime definitur«). Vgl. Lauterbeck, Regentenbuch, fol. 45 (recht blaß): »Der Krieg ist bald anzufahen, aber schwer auszufüren. Vnd stehen nicht in gleicher macht, der anfang, vnd das ende des Krieges«. Vgl. nur [anonym], Wolmeinender, warhaffter Discurs, S. 12: »Vnd ist zwar ein Krieg leichtlich angefangen, aber nicht so bald, vnd wenn man wil, zuendigen.« Sogar die militant calvinistischen »Gesprächen und Discursen« von 1632 – »Hans« erklärt, daß es »vns leicht ankommt, Krieg anzufangen, aber schwär, zu endigen«. Vgl. Sigmund von Birken (»Sigismund Betulius«), Krieges- und Friedensbildung ..., Nürnberg 1649, §34, Verse 178f.: »Du kanst bald Waffen nemen/ hinlegen nicht sobald ...« Deutsche Fassung der Erziehungsrichtlinien Maximilians I. für den Nachfolger von 1639 (»Vätterliche Ermahnung Maximiliani ...«), abgedr. bei Duchhardt, Politische Testamente, S. 119–135, hier S. 135. Zum Folgenden: M. Fridericus Petri, Der Teutschen Weissheit, Das ist: außerlesen kurtze, sinnreiche, lehrhaffte vnd sittige Sprüche und Sprichwörter ... wie man sie im gemeinen Brauch hat, oder in gelehrter Leut Büchern findet, Hamburg 1605, bei »F« (hier fol. Ee) und bei »K« (hier fol. Mm). Ratlos macht mich allerdings dieser Zufallsfund an anderer Stelle (Petri reiht seine sittigen Sprüche auf Hunderten von Seiten, ohne jeden Versuch einer inhaltlichen Gliederung, nach dem Anfangsbuchstaben des ersten Wortes – auch wenn es sich dabei beispielsweise um eine Präposition handelt), nämlich unter »J« : »Jm Friede ist der Christen Trawrigkeit am grössesten«. »Bellum dulce inexpertis« heißt bei Petri auf deutsch so: »Krieg ist listig [sic] den vnerfarnen«, dann auch: »Krieg ist ein lust, Dem, ders nicht wust«.

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Gültige fort, und weil schwer zu entscheiden ist, ob Christoph Lehmann eben präsentierte, was er irgend aufstöbern konnte, inwiefern eigene Wertungen den Sammlerblick steuerten, gar »eygene erfahrung«218 in Sentenzen verdichtet wurde, läßt sich die Frage nach einer eventuellen Höherbewertung des Friedens seit den 1630er Jahren nicht im »Politischen Blumengarten« beantworten. Sie läßt sich auch nicht durch noch so eindrucksvolle einzelne Blütenfunde anderswo beantworten, aber präsentieren will ich solche wenigstens: »Ich sehe diesen Krieg an, nicht wie er zufälliger weise, gut, sondern wie er für vnd an sich selbst, Sünde ist, vnd die allergrösseste Missethat ... Ich sehe jhn an, wie meinen abgesagten Feind, vnnd einen Widersacher Gottes«. Das wurde 1640 publiziert.219 Vier Jahre danach hieß es: Frieden ist »das höchste gut«, der »vrsprung aller wolthaten, in disser welt«.220 Das hatte diese Generation schmerzvoll lernen müssen. 1.2.3.6 Ausblicke Läßt sie sich nun en détail nachzeichnen, die Verlaufskurve der Wertschätzung des Friedens? Hierfür können wir zu vieles vorerst nur abschätzen. Freilich, auf einige Plausibilitäten stießen wir schon. Viele humanistische Stimmen wollten sich nicht mehr mit der vermeintlichen mittelalterlichen Gewißheit abfinden, daß das Zusammenleben der Menschen eben nun einmal unabweislich von unterschiedlichen Graden alltäglicher Gewalttätigkeit, von vielen kleinen und manchen großen Fehden (letztere wird die Neuzeit Kriege nennen) beeinträchtigt werde. Ging das späte Mittelalter, fast immer beiläufig, ja lakonisch221 davon aus, daß Hader und Gewalt eben zur Conditio humana gehörten, weshalb langwährender Frieden seit der Vertreibung aus dem Paradies billig nicht mehr erwartet werden durfte, neigten manche Humanisten beim Thema Frieden zu Grundsatzerklärungen. Wiewohl die Pax nicht zu den Lieblingsthemen des humanistischen Diskurses gehörte, äußerten sich nun doch viel mehr Stimmen ausführlich dazu als vordem. Der Chor 218 Ich spiele auf den Untertitel an, vgl. Anm. 196. 219 »Paris von dem Werder«, Friedens-Rede ..., Hamburg 1640, fol. Di. Frieden ist »der Natur gemäß«, gottgefällig wie »nützlich vnd ersprießlich«. »Es entstehet jmmer ein Krieg auß dem andern, es zeucht jmmer eine Rache die ander nach sich«. 220 [Anonym], Trewhertzige Vermahnung, Worinnen viel Denckwürdige vnd Politische Considerationes ... begriffen ..., o. O. 1644, fol. 8. Der bei solchen Flugschriften immer mit einzurechnende aktuelle politische Kontext, die nächstliegende Wirkungsabsicht, sie sind hier überdeutlich: Der unbekannte Autor wirbt für einen Waffenstillstand zwischen den Generalstaaten und Spanien. – Nach dem Frieden verlangen »alle Menschen nach ihrer angebohrnen Gemüths-Neigung«: der anonyme Autor der »Gedancken Uber der Schweden Einfall in Teutschland, Und zwar vornehmlich In die Churfl. Brandenburg. Provintzen, Marck und Pommern« (o. O. 1675, fol. Ciij) hängt einem friedfertigen Menschenbild an. Ich habe die Publizistik der 1670er Jahre aber nicht systematisch nach ihren Urteilen zum ›Frieden an sich‹ durchforstet. 221 Jedenfalls ergaben das ja philologische Sondierungen, beispielsweise von Sonja Kerth.

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einschlägiger Stellungnahmen schwoll also an, wurde aber nicht unisono friedfertiger, sondern vielstimmiger. Alles in allem scheint der Frieden am Vorabend der europäischen Konfessionskriege, um den ohnehin erst in seinen Umrissen faßbaren Sachverhalt einmal salopp zusammenzufassen, schon eine bessere Presse als vordem gehabt zu haben. Unzweifelhaft (endlich eine, wenn auch aus heutiger Warte traurige Gewißheit!) hat sich das dann ziemlich abrupt geändert. Denn zahllose Stimmen verlästerten Frau Pax im Konfessionellen Zeitalter als sündhaft – Frieden über jene weltanschauliche Gräben hinweg, entlang derer sich nun auch die außenpolitischen Beziehungen sortierten, sei Ausdruck politischer Hybris und anthropologisch verfehlt, deshalb trügerisch, zumal aber keinesfalls gottgefällig. Wie Frieden im Konfessionellen Zeitalter konnotiert wurde, werden wir noch besser verstehen, wenn wir die Mutation des Bellum iustum zum Bellum necessarium, des Gerechten Krieges zum Holy War fokussieren, und das nächste, dem Krieg gewidmete Kapitel wird denn auch prägnantere Entwicklungstrends nachzeichnen können, als dies auf den letzten Seiten möglich war. Doch schon da blieb ja in dieser einen Hinsicht kein Zweifel: Die Rede über Krieg und Frieden erfuhr eine theologische Wiederaufladung, und Frau Pax wurde anrüchig. Wiederum weniger sicher ist, ob die Kriegsemphase, ihr entsprechend die Verlästerung übereilter Friedfertigkeit schon vor dem Ende des Zeitalters der Glaubenskriege ihre Peripetie erreichten. Daß die Generationen danach ihre (aus heutiger Sicht auch zweifelhaften) Lehren aus dem Elend der Konfessionskriege ziehen werden, ist evident: Krieg wie Frieden werden von Gerechtigkeitskriterien entkoppelt, Pax schrumpft ein auf Ruhe und Ordnung. Schon die bloße Abwesenheit physischer Gewalt wird nun als fraglos hoher Wert akzeptiert. Aber als Höchstwert, wie wir das heute für selbstverständlich halten? Auch die Bellizität der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit wird hoch sein. Oder erklomm der Kurswert des Friedens doch just nach den Westfälischen Verhandlungen seine Hausse? Die Leser eines für die beiden modernen Jahrhunderte gelungenen Versuchs, »Krieg und Frieden« in die Merksatzsprache eines Studienbuchs zu bannen, könnten zu diesem Schluß kommen. Der Autor des Büchleins, Edgar Wolfrum, weist nämlich darauf hin, daß Jörg Fisch in seiner monumental materialreichen Monographie über »Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses« herausbekommen habe, es sei »seit 1648 in den Verträgen von einer ›ewigen‹ Dauer des Friedens die Rede« – was keinesfalls »belanglose Floskel« sei, vielmehr eine »Höherbewertung von Frieden« anzeige.222 Vertieft man sich in Fischs Untersuchung gedruckter Friedensverträge, merkt man freilich, daß schon die spätmittelalterlichen, »größtenteils explizit«, ewig galten; auch die während der ersten Hälfte der Frühen Neuzeit geschlossenen wollten »ohne Ausnahme« 222 Edgar Wolfrum, Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 40.

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ewig währen, verloren allerdings nicht immer viele Worte darüber.223 So prägnant ist der Kontrast zur rhetorikfreudigen Barockzeit also nicht. In einer seiner (sparsam) eingestreuten »Interpretationen« mutmaßt Fisch, es sei die »Voraussetzung des ewigen Friedensschlusses überhaupt«, daß »der Friede ... zum Zeitpunkt des Friedensschlusses absolut höher bewertet« werde »als der Krieg; dieser darf für alle Zukunft keine mögliche Alternative zum Frieden darstellen«. Fisch ergänzt diese Deutung durch die kryptische Feststellung, die beteiligten Politiker hätten das womöglich subjektiv (!) ganz anders empfunden, »sie mögen teilweise vom Gegenteil überzeugt sein – für das Verhältnis der Vertragspartner zueinander aber müssen objektiv (!) solche Bewertungen vorausgesetzt werden«.224 Oder walteten einfach gattungsspezifische rhetorische Traditionen? Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein befristeter Friedensvertrag ist keiner, sondern Waffenstillstand. Ein Friedensvertrag kündigt nicht den nächsten Krieg an, selbst wenn dieser längst feststeht, andernfalls hätten seine Autoren ihr Thema verfehlt. Ein Friedensvertrag terminiert per definitionem nicht das Ende des Friedens. Könnte nicht auch eine banale Gattungsspezifik diese insofern wenig erstaunliche Entdeckung Fischs erklären: »Der Friede wird ausschließlich positiv, der Krieg ausschließlich negativ gesehen«225? Es ist gewiß nicht uninteressant, daß der unbefristete Frieden keiner näheren Begründung bedurfte, während sich die Autoren von Kriegsmanifesten auf bestimmte Kriegsgründe festlegen mußten, besser gesagt: immerhin entscheiden mußten, welche der längst vorgeprägten Begründungen sie aus dem reichhaltigen Arsenal solcher rhetorischer Versatzstücke auswählten. Aber ob wir derartigen Verträgen mit ihrer recht stabilen gattungsspezifischen rhetorischen Tradition eine womöglich volatile Konjunturkurve der Wertschätzung des Friedens ablesen können? Und ob sie uns mehr über die Wertmaßstäbe der Entscheidungsträger oder aber über ihre Einschätzung der Erwartungshaltung des gebildeten Publikums sagen? Die Aussagekraft von Vertragstexten für die Fragestellungen dieses Kapitels ist leider sehr begrenzt. Natürlich macht das die Analyse solcher Texte – die den forschungsstrategischen Vorteil bieten, größtenteils gedruckt vorzuliegen – keineswegs obsolet. Zuletzt glaubte Randall Lesaffer eine interessante Neuentwicklung in 223 Jörg Fisch, Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses, Stuttgart 1979; die Zitate: S. 353 und S. 355; es könnte irritieren, daß Fisch dann auf S. 361 formuliert, zwischen 1648 und 1794 habe »die Zahl der Verträge mit expliziter Ewigkeitsbestimmung ... stark« zugenommen. – Wie ungenau eine solche »universalgeschichtliche« Studie vielleicht sein muß, illustriert diese Beobachtung: Fisch subsumiert – und interpretiert vor diesem Hintergrund! – den Nürnberger Anstand von 1532 (einen Waffenstillstand, eines der zahlreichen Provisorien der deutschen Reformationsgeschichte, denen erst 1555 ein Religionsfrieden folgen wird!) als »Friedensvertrag«. 224 Fisch, Friedensvertrag, S. 421. 225 Ebda., S. 503.

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Allianzverträgen entdeckt zu haben: »Many of the later seventeenth and eighteenth century alliances stipulated that before giving military aid to its ally, a state had the right to try reaching a peaceful solution between its ally and the enemy ... this clause implied that states [also die maßgeblichen Außenpolitiker, die öffentliche Meinung?] considered war to be the very ultimate resource«.226 Wuchs demnach die Wertschätzung des Friedens in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit, wurde der Krieg von den Entscheidungsträgern mehr als zuvor perhorresziert? Etwa auch von jenen absolutistischen Fürsten, die ihrer »gloire« nachjagten, ihr »Rendez-vous des Ruhms« suchten? Wurde nicht im Gegenteil der Glaube als Kriegsmotor vom säkularen, aber nach heutigen Begriffen keinesfalls rationaleren Kriegsmotiv der »Ehre« zeitweise sogar überkompensiert?227 Ein Kenner der nachwestfälischen Jahrzehnte hat 1991 konstatiert: »Welchen Stellenwert die Idee des Friedens und der Konfliktverhütung als Kategorie des politischen Denkens bei den einzelnen Entscheidungsträgern der Epoche einnahm, ist eine Frage, die erst im einzelnen untersucht werden müßte.«228 Dem ist noch immer so. Könige und Fürsten; Hofräte und Berufsdiplomaten im Außendienst; schreibende Juristen, Theologen, Dichter; lesende und nicht alphabetisierte Volksmassen: man müßte erst einmal viele Verlaufskurven der Wertschätzung des Friedens zu eruieren, dann zu synchronisieren versuchen. Wir sind noch sehr weit davon entfernt, die Einschätzung »des Friedens« durch »die Vormoderne« triftig resümieren zu können.

1.3 Gilt Frieden als Normalzustand? 1.3.1 Der offizielle und der subjektive Kriegszustand »Angesichts der Tatsache, dass Kriege statistisch gesehen relativ seltene Ereignisse sind, mutet das Ausmaß und der technische Aufwand quantitativer Forschungsanstrengungen ... etwas eigentümlich an«229, fand vor einigen Jahren in 226 Randall Lesaffer, Peace, Interstate Friendship and the Emergence of the ius publicum Europaeum, in: Ronald G. Asch/Wulf Eckart Voß/ Martin Wrede (Hgg.), Frieden und Krieg in der Frühen Neuzeit. Die europäische Staatenordnung und die außereuropäische Welt, München 2001, S. 101. 227 Ich gehe solchen hier nur chiffrenhaft angedeuteten Fragen gleich in meinem Kriegskapitel noch nach. 228 Leopold Auer, Konfliktverhütung und Sicherheit. Versuche zwischenstaatlicher Friedenswahrung in Europa zwischen den Friedensschlüssen von Oliva und Aachen 1660–1668, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln/Wien 1991, S. 181. 229 Klaus Schlichte, Neues über den Krieg? Einige Anmerkungen zum Stand der Kriegsforschung in den Internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 9 (2002), S. 116.

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Deutschlands politikwissenschaftlichem Zentralorgan für außenpolitische Fragen Klaus Schlichte. Tatsächlich kann man sich über den statistischen Tick der angelsächsischen Kriegsursachenforschung230 trefflich amüsieren, weil sie außer Erbsen auch noch Äpfel und Birnen zu Strichen abstrahiert, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können: nämlich zu zählen. Wie lang die Strichliste wird231, hängt von je und je sehr verschiedenen Kriegsvorstellungen ab und davon, was die Buchhalter mindestens vom Frieden erwarten. Aber »seltene Ereignisse« sind Kriege nicht einmal dann gewesen, wenn man (wie fast alle Politologen) die Weltgeschichte 1648 anheben läßt. Noch nicht einmal der Präsens rettet die eingangs zitierte Behauptung, die nicht deshalb richtiger wird, weil Afrika selten in der Tagesschau auftaucht. Gewiß, für einen heutigen Mitteleuropäer ist Krieg die seltene, ja, die kaum mehr vorstellbare Störung des friedlichen Normalzustands: ein Worst Case, ein Größter Anzunehmender Unfall, unwahrscheinlicher (und deshalb die Phantasie der meisten Menschen weniger beschäftigend) als die Explosion eines Atomkraftwerks. Die meisten vormodernen Menschen machten persönliche Kriegserfahrungen. Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt gab den Nachgeborenen testamentarisch für den Fall, daß sie Kriegsdienste suchen sollten, diesen Tip: Bei den Habsburgern, da würden sie »allezeit« fündig, »gestalt dasselbe große Hauß, seiner von Gott verliehenen villfaltigen Königreich unnd Lande halbern, fast niemals ohne Kriege ist«.232 Konrad Repgen schätzt, daß Europa in der Frühen Neuzeit rund 200 kriegerische Konflikte durchgemacht habe233, und Quincy Wrights klassische »Study of War« kommt zu diesem Schluß: »In the sixteenth and seventeenth centuries the major European states were formally at war about 65 per cent of the time«.234 Nach offiziellen Kriegserklärungen und nach Staaten berechnet, überwogen also Kriegsjahre deutlich Friedenszeiten. Freilich waren die subjektiv wichtigen Bezugsräume der meisten frühneuzeitlichen Menschen viel kleiner als heute.235 So, wie Hungersnöte vor dem Auf230 Daß ich manche Züge dieser quantitativen Makroforschung mit ihrem Hang zur Mathematisierung aller Beobachtungsgegenstände für problematisch halte, mache ich an anderer Stelle deutlich: siehe unten S. 281f. 231 Man betrachte nur einmal die unterschiedlichen Ergebnisse bei Evan Luard, War in International Society. A Study in International Sociology, London 1986, vor allem S. 5ff. und S. 421ff. 232 Testament vom 6. Oktober 1625, Abdr.: Hermann Schulze, Die Hausgesetze, Bd. 2, S. 90– 100, hier S. 99. 233 Konrad Repgen, Krieg und Kriegstypen, in: ders., Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden. Studien und Quellen, Paderborn/München/Wien/Zürich 1998, S. 12. 234 Quincy Wright, A Study of War, 2. Aufl. Chicago/London 1965, S. 235. 235 Vgl. Axel Gotthard, Vormoderne Lebensräume. Annäherungsversuch an die Heimaten des frühneuzeitlichen Mitteleuropäers, in: Historische Zeitschrift 276 (2003), S. 37–73; ders., In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne, Frankfurt/New York 2007.

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kommen moderner Transportmittel häufig etwas sehr kleinräumiges gewesen sind, konnte auch der subjektive Kriegszustand am nächsten Bergrücken enden. Frühneuzeitliche Grenzerfahrungen waren von unseren ja schon wegen des divergierenden Reisetempos sehr verschieden, und die militärische Mobilität der Frühen Neuzeit unterschied sich von der modernen noch eklatanter als die zivile: denn die damaligen Söldnerheere mit ihrem riesigen Troß bewegten sich besonders langsam. Wer gerade ohne Kriegseinwirkungen lebte, mußte nicht ständig damit rechnen, daß sich das in der nächsten Minute (beispielsweise eines Bombergeschwaders wegen) womöglich schlagartig änderte. Doch wird sich Kriegsfurcht sogar bei einfachen Menschen, die keine Zeitungen lasen, auch aus Quellen gespeist haben, die außerhalb des glücklicherweise gerade befriedeten Kirchturmshorizonts lagen. Krieg hatte damals nichts Exzeptionelles an sich. Dieses Kapitel will nicht zuvörderst nach dem Warum, nach objektiven Rahmenbedingungen, nach strukturellen Kriegsursachen schürfen. Nicht, daß sich hier etwa keine Fragen mehr aufdrängten! Die bekannte These Ekkehart Krippendorffs236, wonach der Krieg in unauflöslicher Verschwisterung mit »dem Staat« die welthistorische Bühne betreten habe, ist nicht geeignet, die besonders hohe Bellizität gerade des 16. und 17. Jahrhunderts zu erklären, denn Krippendorffs Verwendung des Terminus »Staat« ist so unspezifisch, daß sie alle Formen organisierter politischer Machtausübung, beispielsweise auch im Mittelalter, mühelos mit umgreift; überhaupt unterlaufen dem in den 1980er Jahren vielgelesenen Text meines Erachtens so viele Denkunschärfen und Zirkelschlüsse, daß er für den Frühneuzeithistoriker noch nicht einmal anregend zu wirken vermag.237 236 Zum Folgenden: Ekkehart Krippendorff, Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, Frankfurt 1985. 237 Vielleicht sollte ich wenigstens in einer Fußnote einige meiner Bedenken andeuten: Krippendorff koppelt seine Definition von »Krieg« so eng an das Vorhandensein von »Staat« und umgekehrt, daß all seine auf den ersten Blick keck wirkenden, übrigens natürlich gutgemeinten Thesen und friedenspolitischen Empfehlungen tatsächlich tautologischen Charakter haben. Krippendorff sieht »Staat« wie »Krieg« in seinem weniger historiographisch denn therapeutisch gemeinten Buch als häßliche Folgeerscheinungen von Arbeitsteilung – primitive Gesellschaften mögen unaufhörlich aufeinander eindreschen, weil sie weder festinstitutionalisierte politische Regime noch Kriegsspezialisten, also Berufsmilitärs kennen, führen sie dabei keine »Kriege«. Letzteres würde der Frühneuzeithistoriker, der Kriege von Fehden abzugrenzen sucht, sicher auch so sehen, nur, wo ist der tages­aktuelle Profit? Wollen wir, um »Kriegen« strictu sensu auszuweichen, mehr Gewalttätigkeit hinnehmen, alltägliche Gewalttätigkeit, Stammesfehden und blutigen Sippschaftsstreit? Nicht nur Politiker, auch Denker aller Schattierungen haben in der Hege und Kanalisierung der notorischen Fehden und Querelen des Mittelalters, hin zu allmählich (die Langsamkeit dieses Prozesses ist es, die die Forschung noch besser erklären muß!) häufiger werdenden Friedenszeiten, in denen die Waffen wirklich flächendeckend schweigen, unter Inkaufnahme gelegentlicher Eruptionen namens Krieg als Fortschritt gesehen. Sollen wir, wenn Krieg aus Arbeitsteilung und Spezialisierung fließt, beides wieder abschaffen, am besten auch

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Das gilt ganz gewiß nicht für den Versuch, die frühneuzeitliche Bellizität mit einem bestimmten Stadium gerade allenthalben in Europa durchlaufener Staatlichkeit zu erklären und eine Häufung von »Staatsbildungskriegen« zu konstatieren, restlos vermag aber auch dieser Ansatz nicht zu überzeugen238 – doch soll das, wie gesagt, hier nicht ausdiskutiert werden. Kapitel A.3.2 wird strukturelle Rahmenbedingungen der frühneuzeitlichen Bellizität vermessen (und mit ihren konzeptionellen Voraussetzungen befassen sich ja fast alle Kapitel dieses Buches). Auf den folgenden Seiten aber soll es nicht, jedenfalls nicht vordergründig, um Kriegsursachenforschung gehen, sondern um die Folgelasten der nun einmal gegebenen Kriegshäufung für die mentalen Haushalte der Betroffenen. War Krieg im Empfinden früherer Generationen der Normalzustand? Erlebten sie Frieden als seltene, erfahrungsgemäß rasch vorübergehende Ausnahme? Der Mediävist Reinhard Härtel hat einmal beiläufig die Einschätzung geäußert, im Mittelalter sei »offenbar der Kampf als der ›Normalzustand‹ angesehen« worden.239 Und in der Frühen Neuzeit? Nahmen die Menschen damals längere Friedenszeiten wortkarg als das ihnen selbstverständlich Zustehende, oder brachen sie dann in nicht endenwollenden Jubel über besonders günstige Lebensumstände aus? Weil sich Glücksgefühle, vermutlich epochenunabhängig, nicht als psychischer Normalzustand stabilisieren lassen, weil Euphorie nicht auf gleich noch (womöglich zu verteidigenden) Landbesitz? Natürlich, wir hätten dann keine Politiker und Militärs mehr, die »Kriege« führen könnten! Was uns von »kriegslosen« Zeiten bzw. Völkern trennt, ist aber nicht nur unsere Arbeitsorganisation, sind auch deren technologische Errungenschaften, ist damit das Vernichtungspotential. Muß also auch jegliche Technik verboten werden? 238 Ich spiele auf den Vorschlag von Johannes Burkhardt an, die hohe Bellizität des 17. Jahrhunderts dem Kriegstypus »Staatsbildungskrieg« anzulasten, insbesondere sei der »Krieg aller Kriege«, der Dreißigjährige, am besten als solcher zu verstehen: Burkhardt, Dreißigjähriger Krieg. Ich veröffentlichte vor einigen Jahren, eher beiläufig, einige kritische Anfragen an dieses Konzept, vgl. oben Anm. 137. Zu meinen Nebenargumenten gehörte damals übrigens die Bemerkung, daß um die Hegemonie über einen größeren Raum einerseits, den Behauptungswillen regionaler Separatismen zum anderen in der Weltgeschichte häufig gekämpft wurde und wird – diese Kriegsgründe seien so universell virulent, daß sie wenig mit dem spezifischen Zustand der Staatlichkeit im 17. Jahrhundert zu tun haben könnten; genau das aber suggeriert Burkhardt, er will ja die hohe »Bellizität« speziell dieses Zeitraums erklären. Ich kannte damals noch nicht die Ansicht Klaus Gantzels, die er als Überzeugung der ganzen Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung AKUF vorträgt, wonach »der größte Teil der Kriege seit 1945« Problemen der »Staatsbildung« erwachsen sei: Klaus Jürgen Gantzel, Kriegsursachen – Tendenzen und Perspektiven, in: Ethik und Sozialwissenschaften 8 (1997), S. 257–266. 239 Härtel, Friede, S. 559. Rolf Sprandel äußerte sich etwas ausführlicher, doch zweifelnd: Es sei »schwierig ..., die Anfänge einer Sprechweise zu ermitteln, aus der erkennbar wird, daß nicht Gewalttätigkeit, sondern Friedlichkeit als Normalverhalten angesehen wird, daß nicht der Frieden nur auf einer besonderen Vereinbarung beruht, sondern Gewaltausübung nur in engen Grenzen legitimiert ist« (Sprandel, Gewaltanwendung, S. 69).

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Dauer gestellt werden kann, dürfte diese Frage weiterführend sein: Klagten die damaligen Menschen in nie endenwollendem Gram, wenn sie über längere Zeit Kriegsfolgen beeinträchtigten – weil das ihre Lebenserwartungen durchkreuzte, weil es ihren Vorstellungen vom Normalmaß menschlichen Glücks Hohn sprach, weil es konterkarierte, was man billigerweise vom diesseitigen Leben verlangen durfte? Das sind pauschal formulierte Fragen, auf die man nie pauschale Antworten finden wird. Wenn man sich die Fragen trotzdem nicht verkneifen kann (weil man sie hierfür einfach zu interessant findet): dann wird man sich damit zufrieden geben müssen, Einzelindizien zu sichten, Mosaiksteinchen zu sammeln. Lassen sich denn einige Richtungsweiser ausmachen? Ohne allzu großen Aufwand ließe240 sich der philosopische Höhenweg abstecken, wiewohl er sich windet. Über die friedfertige oder aber zutiefst aggressive Natur des Menschengeschlechts waren sich die frühneuzeitlichen Großdenker ganz uneins. Ehe das im Lichte des 18. Jahrhunderts aufklarte, war die Anthropologie der Barockzeit pechschwarz gewesen. Daß der Mensch von Natur aus schlecht, aggressiv, unfriedlich sei, setzten die ideologischen Wegbereiter des Absolutismus voraus, deshalb so viel Energie darauf verwendend, ihn zu domestizieren, zu disziplinieren, den Adel sperrte man deshalb am besten gleich in einem goldenen Käfig namens Hof ein. Weil die Menschen so grundböse waren, stellte sie Thomas Hobbes unter die Knute eines einzigen Oberbösen, auf daß der wenigstens die Bosheit aller anderen austilge. Frieden war nicht naturgegeben, sondern eine nur durch große Anstrengungen erreichbare menschliche Kulturleistung. Frieden war deshalb immer vorübergehend, war, gerade zwischenstaatlich, in Ermangelung eines Welt-Leviathan, fragil. Der Krieg aller gegen alle als Naturzustand241: Das provozierte freilich schon im 17. Jahrhundert gewichtige und weniger prominente Gegenreden, die beiden folgenden stammen aus dem Jahr 1673. Samuel von Pufendorf, an sich dem Naturrechtsansatz von Thomas Hobbes stark verpflichtet, erklärt doch den Krieg, nicht den Frieden zum Sonderfall: »Quamquam id legi naturali maxima sit conveniens ut homines pacem invicem agitent ... imo pax ipsa sit status homini quatenus a brutis distinguitur peculiraris, aliquando tamen ipso quoque homini bellum sit licitum«.242 240 Ich setze den Konjunktiv bewußt. Der Leser wird gleich merken, daß ich noch nicht einmal versucht habe, die wichtigsten philosophischen Werke der Frühen Neuzeit nach dem Suchwort »Frieden« zu durchforsten. 241 Ich räume ein: Diese Konsequenz aus der tendenziell skeptischen Anthropologie des 17. Jahrhunderts zog explizit nur Hobbes. Er dachte konsequent zu Ende, was dem absolutistischen Disziplinierungsmodell auch anderswo latent zugrundelag, wandte sich zudem (wenngleich nicht vorrangig) genuin außenpolitischen Fragen zu. 242 Samuel von Pufendorf, De officio hominis et civis juxta legem naturalem, Lund 1673, Liber II caput XVI. – Ganz grundsätzlich erklärt Philipp Reinhard Vitriarius, Institutiones Juris Naturae et Gentium, Neuauflage [des 1687 zum ersten Mal publizierten Werks] Halle/

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Weniger prominent war beispielsweise Albert Voßenhölen, er wetterte in einer juristischen Dissertation: »Periculosa sanè ... mihi videtur Philosophia, quae nobis ex hominibus tollit hominem, et feras bestias in figura hominum ostendit, nec societatem humanam ordinatam et instructam, sed statum belluinum et bellum omnium in omnes de industria effingit«. Nein, er halte es für eine »legem fundamentalem ... Naturae, pacem esse quaerendam«. »Pax« entspreche der »lex Naturae« zufolge dem »status humanae naturae«.243 Nicht Albert Voßenhölens, aber John Lockes wegen werden das dann die meisten Aufklärungsautoren ähnlich sehen. Und die Entscheidungsträger? Es ist nie untersucht worden. Jeremy Black ist dieser Überzeugung: »War indeed appeared to be the norm«.244 Die damaligen Kriegsmanifeste und die kriegsflankierende legitimierende Publizistik sprechen eine andere Sprache, zu den Topoi solcher Elaborate gehört die Betonung der eigenen Friedfertigkeit, man habe alle nichtmilitärischen Mittel ausgeschöpft.245 Aber ob wir das beim Wort nehmen dürfen? Auskünfte über maßgebliche Motive für regierungsamtliches Handeln bekommen wir in solchen Druckwerken sicher nicht. Für den Aufklärungsautor Johann Michael von Loën waren Kriegsmanifeste »blosse Ehrenrettungen ..., um den Schein der Gerechtigkeit beyzubehalten. Weiter nichts.«246 »Publicae Significationes, Declarationes, quae stylo Aulico Manifesta dicuntur«, böten hauptsächlich »praetextus, figmenta et obtenta« 247, dozierte 1673 eine militärkundliche Dissertation. Man wußte es auf allen Stilebenen, eine Flugschrift von 1677 lästert: »Die Ursachen eines Krieges werden abgetheilt in die wahre und scheinbare ... Die wahre Ursachen werden meisten theils für der Welt verborgen ...; die scheinbare aber pfleget man in die heutig Ta-

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Magdeburg 1695, S. 1: »Homo creatus et natus est ad pacem colendam cum omnibus«, was »ex appetitu societatis excellenti et suae naturae convenienti« herfließe. Diese Menschennatur war gut frühaufklärerisch auf Sozialität angelegt, in den plakativen Worten der fleißig kompilierten Dissertation, die Pufendorfs Lehrbuch freilich noch nicht kennen konnte: »Homo à Creatore ad societatem cum aliis colendam formatus et destinatus«; »Deus ... hominem ... ad Societatem et communitatem vitae condidit«, weil »status hominum extra societatem ne fingi ... possit«: Albert Voßenhölen, Dissertatio inauguralis de Neutralitate, Altdorf 1673, S. 8. Also: Krieg ist ihm offenkundig (nicht anscheinend) der Normalzustand in jener Vormoderne, die er als Staatenanarchie mit »belicistic culture« (diese Formel kommt in seiner Monographie dutzendfach vor) an den Entscheidungszentren sieht: Jeremy Black, Why Wars Happen, New York 1998, S. 48. Vgl. dazu zuletzt Schmitt, Universalmonarchie, S. 210ff. Johann Michael von Loën, Von der Gerechtigkeit des Krieges, in: ders., Kleine StaatsSchrifften, welche bey Gelegenheit der Wahl und Krönung Carl des Siebenden und andern Begebenheiten sind aufgesetzt worden, Ndr. Frankfurt 1972, S. 365 (Hervorhebung von mir; ich hätte auch »Ehre« kursiv setzen können: ging es in solchen Manifesten zuvörderst um Selbstdarstellung vor den hochadeligen Standesgenossen des Fürsten?). Voßenhölen, Dissertatio, S. 31.

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ges gewöhnliche gedruckte Manifesta, männiglichen für Augen zu stellen.«248 Die damaligen Entscheidungsträger legten in derartigen Texten nicht ihre Gedanken und Herzen bloß, aber sie wollten Wirkung erzielen. Offensichtlich glaubten die Autoren, die Öffentlichkeit erwarte solche Beteuerungen. 1.3.2 Seitenblicke auf die Guerre de la plume War diese Öffentlichkeit für um Krieg und Frieden kreisende Überlegungen an den Entscheidungszentren wichtig? Die Geschichtswissenschaft betont seit einigen Jahren stärker als früher249, daß auch die Vormoderne veröffentlichte Kommentierung und Bewertung von Herrschaftsausübung gekannt habe. Selten geht es in solchen Forschungskontexten um Krieg oder Frieden, eher um Herrschaftslegitimation und Herrschaftskritik, innere Stabilität und Widerstand. Fast immer ist die »kritische« Öffentlichkeit des Aufklärungsjahrhunderts der durchgehende Bezugspunkt, von hier aus wird rückblickend kontrastiert oder aber nach »Vorgeschichte« gefahndet. Anders in einem Ausblick der letzten großen Studie Ernst Schuberts, zu dessen vielen Interessengebieten die vormoderne »öffentliche Meinung« gehört hat: »In jenem Verdichtungsprozeß der offenen Verfassung, der dazu führt, daß im Reichsherkommen der Spielraum zwischen Recht und Macht entscheidend eingeengt wird, ist auch einbeschlossen, daß die für die Entstehung dieser Verfassung so wichtige öffentliche Meinung durch politisches Regelhandeln marginalisiert wird ... Verfassung setzt der Reichweite öffentlicher Meinung engere Grenzen als das ›Herkommen‹ im Mittelalter ... Nicht zu übersehen ist, daß der öffentlichen Meinung in der frühen Neuzeit weit weniger Bedeutung von den Herrschenden zugemessen wurde als im späten Mittelalter. Alle Formen der veröffentlichten Meinung ... wirkten im konfessionellen Zeitalter nur unterhalb der Ebene der großen Politik«.250 Diese Einschätzung ist derzeit im Fach sicher nicht konsensfähig. Stichhaltig taxieren und prägnant umreißen können wir den Wirkzusammenhang von 248 [Anonym], Der Geropffte Hahn, Von Einem ohnpartheyischen Eid-Genossen D. F. A. seinem guten Freunde H. R. D. S. Zu Gefallen abgebildet, o. O. 1677, S. 2. 249 Es geschieht oft in polemischer Abwendung vom Konzept der »repräsentativen Öffentlichkeit« Habermasscher Provenienz, vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Ndr. der Erstausgabe von 1962, Frankfurt 1990. Frühe Kritik daran: Peter Ukena, Tagesschrifttum und Öffentlichkeit im 16. und 17. Jahrhundert, in: Elger Blühm/Hartwig Gebhardt (Hgg.), Presse und Geschichte, Bd. 1, München u. a. 1987, S. 35ff. Inzwischen gehören distanzierende Floskeln in den einleitenden Passagen kommunikationsgeschichtlicher Studien zum guten Ton. 250 Ernst Schubert, Königsabsetzung im deutschen Mittelalter. Eine Studie zum Werden der Reichsverfassung, Göttingen 2005, S. 544f.

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staatlicher Verdichtung und öffentlicher Meinung auf dem Stand der Forschung nicht. Zwei interessante Beobachtungen immerhin haben sich ja schon zu Gewißheiten verdichtet: daß der Buchdruck mit den europäischen Reformationen massenwirksam wurde, daß nun erstmals, danach (mindestens251) immer wieder Springfluten von populärem Schriftgut tagesaktuellen und zeitkritischen Zuschnitts aus den Druckereien schwappten; wir mögen es als »Medienrevolution« etikettieren oder eine »Kommunikationsrevolution« ausrufen.252 Zweitens ist ganz unstrittig, daß »Kritik« ein Signum der Aufklärungsbewegung253, geradezu ein Habitus jedes tüchtigen Aufklärers war und daß diese gewohnheitsmäßig kritische Haltung auch nicht vor Herrschaftspraktiken haltmachte. »Die öffentliche Diskussion der Privatleute« zielte nicht zuvörderst auf politische Strukturen, war zumal in Deutschland gottesfürchtig und brav, taxierte den Fürsten moralisierend als ›Menschen‹ und hatte doch »politische Implikationen: einmal die Forderung nach Anerkennung aller Einzelner als gleichberechtigter Diskussionspartner, und zweitens die Forderung danach, daß alle Angelegenheiten von allgemeinem Belang auch öffentlich von den potentiell Betroffenen erörtert werden müßten«.254 Wie aber füllen wir die Zwischenzeit auf ? Folgte epochalen Schüben am Beginn der Neuzeit lange Stockung, oszillierte der gesellschaftliche Politisierungsgrad zwischen punktueller Erregung und Lethargie, dürfen wir gleichmäßige Wachstumsprozesse nachzeichnen? Gewann »Öffentlichkeit« linear an sozialer Breite, wurde sie zunehmend politisiert, zusehends institutionalisiert, sahen sich die Fürsten immer mehr veranlaßt oder gar gezwungen, sich zu rechtfertigen? Ober blieb ›Öffentlichkeit‹ bis in die Frühaufklärung hinein der überschaubare Kreis der politischen Akteure und Entscheidungsträger, und 251 Wie kontinuierlich, doch eher schubweise? Sicher provozierten die frühe Reformation, der Schmalkaldische, dann der Dreißigjährige Krieg in Mitteleuropa, oder die englischen Bürgerkriege auf der Insel Schübe, über das Dazwischen wissen wir flächendeckend noch zu wenig. 252 Die »Medienrevolution« trägt eine mediengeschichtlich akzentuierte Überblicksdarstellung der deutschen Geschichte im 16. Jahrhundert schon im Untertitel: Johannes Burkhardt, Das Reformationsjahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medienrevolution und Institutionenbildung 1517–1617, Stuttgart 2002. – Michael North (Hg.), Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts, Köln/Weimar/Wien 1995; oder, weit über das engere Thema der Thurn-und-Taxis-Post ausgreifend: Wolfgang Behringer, Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolutionen in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2003. 253 »Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß«, diagnostizierte bekanntlich, fast schon im Rückblick, Immanuel Kant – um dann vom »Jahrhundert Friedrichs« zu schwärmen ... 254 Jürgen Jacobs, Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 23, unter Bezugnahme auf die klassischen Studien von Reinhart Koselleck und Jürgen Habermas.

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der Princeps legibus solutus von jeglichem publizistischem Legitimationszwang frei? Nur selten wurden solche Fragen bislang an spezifisch außenpolitische Sachverhalte255 herangetragen, wiewohl »Krieg und Frieden« doch zu den gängigen Themen der populären Flugschriftenliteratur gehören. Eine Flugschrift von 1637256 echauffiert sich: »Heutigen Tages vergisst ein jeder, was sein ist ... fragt nach neuer Zeitung ... Kein grosser Potentat bleibt sicher vor des gemeinen Mannes unzeitigem Urtheil und lästerlicher Nachrede. Man erfährt heutigen Tages, dass der geringste Handwerks- und Ackersmann sich den Vorwitz zu neuen Zeitungen reizen und ... dahin treiben lässt, dass er ... alsbald mit seinem Dünkel und Urtheil eintritt und zu erörtern vermeint, was der Röm. Kaiser, was dieser oder jener König, Kurfürst, Fürst oder hoher Herr thun, wie er regieren, Frieden stiften, Krieg führen, wann er recht oder unrecht gethan oder wie er die Sache sonst in Krieg und Frieden hätte anstellen müssen«. Wurde solche »Nachrede« wirklich an den Höfen beachtet? Gab es erkennbare Rücksichten auf gedruckte Stimmen und Stimmungen im Territorium, wenn es um dessen Arcana, und zumal um Krieg und Frieden257 ging? Mußten auch dann »alle handelnden Personen die Öffentlichkeit stets im Sinn haben«258? »Saß die Öffentlichkeit als Drohgespenst und Appellationsinstanz ständig mit am Verhandlungstisch«259? Sahen sich die Entscheidungsträger »unter Handlungsdruck gesetzt«, meinten sie gar, ihr Tun vor »der breiten Bevölkerung« rechtfertigen und um »deren Unterstützung« werben zu müssen?260 Sonja Kerth muß am Ende angestrengter Bemühungen um die politische Relevanz der von ihr untersuchten offiziösen Dichtwerke einräumen: »Daß sich 255 Diese Einschränkung ist wichtig. Vgl. ansonsten die lange Literaturliste bei Dagmar Freist, Absolutismus, Darmstadt 2008, S. 137–141. 256 Hitzigrath, Publicistik zitiert ausgiebig aus ihr; das folgende Zitat: ebda., S. 15. 257 Die vorliegende Studie interessiert sich vor allem für das 16. und 17. Jahrhundert, doch las ihr Autor interessiert diese Feststellung Gerd Rölleckes in der Rezension eines Sammelbandes über »Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert« (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Juni 2006, S. 45): »Die Grundfrage freilich – wie beeinflußte die Kriegsberichterstattung Krieg und Politik? – bleibt nicht nur unbeantwortet, sie drängt sich mit fortschreitender Lektüre immer dringlicher auf.« 258 So urteilt Johannes Arndt, Gab es im frühmodernen Heiligen Römischen Reich ein »Mediensystem der politischen Publizistik«? Einige systemtheoretische Überlegungen, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 6 (2004), S. 89. 259 Konrad Repgen, Der Westfälische Friede und die zeitgenössische Öffentlichkeit, in: Historisches Jahrbuch 117 (1997), S. 48. Ebda., S. 83 resümiert Repgen: es habe »eine politische Öffentlichkeit als politischer Faktor« existiert, »mag deren Bedeutung auch nicht in präzise quantifizierbaren Maßeinheiten ausgedrückt werden können«. 260 Eva-Maria Schnurr, Religionskonflikt und Öffentlichkeit. Eine Mediengeschichte des Kölner Kriegs (1582 bis 1590), Wien 2009, S. 439 (unter Berufung auf Peter Ukena) bzw. S. 359.

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Ereignisdichtungen konkret im machtpolitischen Handeln der Herrschaftsträger ausgewirkt haben, ist nur selten zu erkennen«261, auch nur ein stichhaltiges Beispiel weiß sie nicht zu nennen. Durch die ganze Studie von Eva-Maria Schnurr zur den Kölner Krieg flankierenden Publizistik zieht sich das sichtlich enttäuschte, immerhin ehrliche Erstaunen der Autorin, daß ihre Texte so gar nicht auf den praktischen Politikbetrieb durchgeschlagen hätten, alles sei »politisch folgenlos« geblieben.262 Magnus Rüde, der die englisch-kurpfälzischen Beziehungen zwischen 1608 und 1632 unter betonter Berücksichtigung der sie widerspiegelnden Flugschriften nachgezeichnet hat, frappierte »der geringe Eindruck, den diese Traktate in der englischen Regierung offenbar hinterlassen haben mussten«.263 Anhänger einer stramm antihabsburgische Kontinentalpolitik gewannen durchgehend die publizistische Meinungsführerschaft, nie das Ohr der Krone. So spannend es ist, die Wahrnehmungsmuster der Zivilgesellschaften zu untersuchen – bei der Einschätzung der Politikrelevanz solcher Muster ist auch meinen archivalischen Eindrücken zufolge Skepsis angebracht. Wer je um Krieg und Frieden kreisende Akten, gar Beratungsprotokolle des 16. und 17. Jahrhunderts studiert hat, weiß, daß Herr Hinz dort kaum eine Rolle spielt (und Frau Kunz sowieso keine). Schattenhaft geistern gelegentlich knappe Hinweise auf etwaigen Unmut in der Bevölkerung durch solche Papiere – falls dies und das (beispielsweise noch mehr Truppentransfers, Einquartierungen oder Kontributionen) eintreffe, werde der Gemeine Mann »schwürig«. Aber wenn die Hofräte die großen Linien der Außenpolitik absteckten, spielte die mutmaßliche Haltung in den Dörfern des Territoriums keine Rolle. Leider kann ich diese Fehlanzeige nicht durch schlagende Formulierungen aus den Akten belegen (was einfach fehlt, kann nicht herbeizitiert werden), nur beteuern, daß ich im Zuge meiner Beschäftigung mit Beratungsprotokollen, außenpolitischen Memoranden, diplomatischen Relationen nie auf Gegenindizien stieß. Der »gemeine Mann« bleibt dort marginal. »Daß platte landt verlanget zwarn den frieden, der hoff kehret sich daran aber nicht«, konstatierte Theodor Heinrich Altet von Stratman einmal knapp in einer Relation aus Paris.264 »Der Pöbel von Holland verlanget freylich Friede, allein Ratio Status nicht«, bemerkt 261 Kerth, Landsfrid, S. 314. Die Autorin geht dem Warum der Beauftragung von Autoren mit Sprüchen, Liedern usw. sehr eingehend nach (S. 265–316), zentral gewesen zu sein scheint ihr der Leumund der Entscheidungsträger – willkürlichen, rechtswidrigen Verhaltens überführt oder der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, habe sie mit »Ehre« auch politische Handlungsfähigkeit gekostet. 262 Schnurr, Öffentlichkeit, S. 464. Die Autoren errangen aller publizistischen Regsamkeit zum Trotz noch nicht einmal die »Deutungshoheit«: ebda., S. 478, S. 486 et passim. 263 Magnus Rüde, England und Kurpfalz im werdenden Mächteeuropa (1608–1632). Konfession – Dynastie – kulturelle Ausdrucksformen, Stuttgart 2007, S. 267. 264 An Pfalzgraf Philipp Wilhelm, 1675, März 23, Or.: BayHStA Kasten blau 7/21.

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eine Flugschrift von 1674 lakonisch.265 Trotz des gewohnheitsmäßigen Vorwufs an die politische Geschichte, sie lasse nur große Männer paradieren, wage ich doch die Einschätzung, daß über Krieg oder Frieden in der Vormoderne am Fürstenhof entschieden wurde und sonst nirgendwo. Nach Erklärungsmustern für die große Bellizität des 16. und 17. Jahrhunderts fahndend, dürfen wir den Gemeinen Mann links liegen lassen. Was Menschen aller Epochen außerhalb der Regierungszentralen266 vom Krieg hielten, über den Frieden dachten, ist allemal interessant, war freilich unter dem Blickwinkel der Kriegsursachenforschung nie so nebensächlich wie in der Frühen Neuzeit, nach der Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols und ehe sich die Inhaber dieses Monopols irgendwelchen Wahlen stellen mußten. Warum sprach man solche Menschen dann publizistisch an? Wer sprach sie da an? Ging es nicht schlicht und einfach darum, daß Autoren und Verleger Geld verdienen wollten? Versuchte der eine und andere Autor ungefragt, Scharfsinn und Eloquenz unter Beweis zu stellen, um sich damit zahlungskräftigen Höfen als Ratgeber anzudienen? Auch das wird eine Rolle gespielt haben, doch erschienen sehr viele Flugschriften anonym oder pseudonym. Gehört zu den Motiven hierfür, daß man des öfteren politische Hintergründe verwischen wollte? Flächendeckend nach etwaigen Beauftragungen oder Ermunterungen für die zahllosen Flugschriften, Pamphlete, Traktate in den Akten fahnden zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Hierfür ist die Frequenz entsprechender Notierungen viel zu gering, nur gelegentlich stolpern wir über Zufallsfunde.267 Wo man mit großem Rechercheaufwand nach wahrscheinlichen Provenienzen eines überschaubaren Corpus von Flugschriften gefahndet hat, stellte sich heraus, daß sich mindestens offiziöse Hintergründe ziemlich häufig plausibel machen lassen.268 265 [Anonym], Anmerckungen über den unzeitigen Friedens Curirer ..., »Verona« 1674, fol. Aij. 266 Und ›lediglich‹ schreibende Gelehrte, Publizisten, Pamphletisten? Das eben ist, wegen ihres etwaigen Einflusses aufs Denken und Fühlen der Entscheidungsträger, eine spannende Frage! Diese Studie wird sie immer wieder umkreisen. 267 Beispielsweise gelang mir einmal der Nachweis, daß die »Beständige Informatio facti et juris«, eine der wichtigen Druckschriften des frühen 17. Jahrhunderts (sie hat ungewöhnlich hohe publizistische Wellen ausgelöst und auf katholischer Seite Verbitterung, die sich sogar in Akten dingfest machen läßt), in quasi-amtlichem Auftrag der württembergische Vizekanzler Sebastian Faber verfertigt hat: Gotthard, Konfession und Staatsräson, S. 144 mit Anmm. 94–97. Die Abhandlung geißelt die Okkupation Donauwörths durch bayerische Truppen im Dezember 1607. 268 Das gilt beispielsweise für die Gustav-Adolf-Panegyrik, die von philologischer Seite Silvia Verena Tschopp eingehend untersucht hat: Heilsgeschichtliche Deutungsmuster in der Publizistik des Dreißigjährigen Krieges. Pro- und antischwedische Propaganda in Deutschland 1628 bis 1635, Frankfurt u. a. 1991. Oder, um nur ein zweites Beispiel zu nennen: wir wissen von einer Reihe antiludovizianischer Flugschriften, daß sie, unter diversen Pseudonymen, der leopoldinische ›Chefagitator‹ Lisola verfaßt hat; hierzu zuletzt Markus Baumanns, Das publizistische Werk des kaiserlichen Diplomaten Franz Paul Freiherr von Lisola

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Aber selbst in diesen Fällen darf man ja nicht einfach voraussetzen, daß Auftrag oder Ermunterung deshalb erfolgten, weil man andere Höfe unter »Handlungsdruck« setzen wollte. Unterstellt diese Annahme nicht zu viel moderne Zweckrationalität? Ging es hochadeligen Auftraggebern eher darum, Leumund und Ehre bei ihren Standesgenossen zu retten oder aufzubessern? Ging es also um Selbstdarstellung, um das Renommee bei Mit- und Nachwelt? Wurde die Gloire des Herrschers sogar durch »lästerliche Nachrede« des »gemeinen Mannes«269 beeinträchtigt? Vor einer präzisen Beantwortung der Frage, ob Flugschriften die Entscheidungszentren beeinflussen sollten oder sogar konnten, türmen sich vorerst schwer überwindbare Hindernisse. Fest steht, daß die entscheidenden Eliten Öffentlichkeitsarbeit in Sachen »Krieg und Frieden« jedenfalls manchmal für notwendig hielten. »Ich schikh E. f. g. ain puechlen, das tregt dem gemainen mann den handel lauter fur. Dann man mues die sachen in mancherlai weis unter die leut pringen«, schrieb dem hessischen Landgrafen Philipp während des Schmalkaldischen Krieges sein Augsburger Agent Gereon Sailer.270 Aber warum mußte man seinen Standpunkt »unter die leut pringen«? Der englische König Jakob I. griff persönlich in die erregte publizistische Debatte um seine irenische Kontinentalpolitik ein, indem er eigene271 Versreime veröffentlichte, darunter diese Klage: »To no use were councell-tables,/ If state affaires were publick bables«. Aber wie kam er zu dieser Einschätzung? Daß sich die Krone vom antihabsburgischen publizistischen Mainstream auf der Insel in ein böhmisches Abenteuer oder in den Konfessionskrieg mit der Madrider Zentrale der europäischen Gegenreformation habe treiben lassen, kann man ja nicht sagen. Jakobs »councell-tables« nahmen auf Stimmen und Stimmungen der englischen Öffentlichkeit damals erkennbar wenig Rücksicht. Warum floß bei der Guerre de la plume so viel Tinte? Die Frage scheint heutzutage, da in einer publicityfixierten Zeit eher die Ontologisierung denn die Marginalisierung vormoderner Reklame droht (das merkt man beispielsweise am Versuch, das Gestrüpp der vormodernen Kriege dadurch in Reih und Glied zu bringen, daß man sich an die offiziellen Legitimationsmuster, insbesondere der Kriegsmanifeste, hält!272), nicht gerade nahezuliegen, recht besehen, gehört sie

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(1613–1674). Ein Beitrag zum Verhältnis von Absolutistischem Staat, Öffentlichkeit und Mächtepolitik in der frühen Neuzeit, Berlin 1994. Siehe oben S. 91 mit Anm. 256. Am 8. August 1546: Lenz, Briefwechsel, Bd. 3, S. 446. Rüde, England und Kurpfalz, S. 233 zitiert aus »His Majesties answere unto a Libell« (wohl von 1623) nach einem Manuskript in der British Library und faßt sie als Verse auf, die Jakob »persönlich« geschrieben habe. Das hat in den 1990er Jahren wiederholt Konrad Repgen vorgeschlagen, vgl. zuletzt ders., Kriegstypen – natürlich, wie bei diesem großen Kenner des 17. Jahrhunderts gar nicht anders zu erwarten, mit bedenkenswerten Argumenten. Man muß indes aufpassen, nicht

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aber auch zu den vielen offenen, auf die diese Studie hinweisen möchte: Warum sahen diese vordemokratischen Zeiten so viel publizistischen Flankenschutz offiziellen und offiziösen Charakters, bis hin zu Auftragsdichtungen oder, moderner, zur gezielt gelenkten Kriegsberichterstattung in Zeitungen? Warum überhaupt sprach man eine breite Öffentlichkeit an? Wie breit war sie denn? So wenig wir die meisten Autoren von Flugschriften und »Neuen Zeitungen« kennen, so wenig wissen wir ja über ihre Leser. EvaMaria Schnurr betont, die meisten Flugschriften zum Kölner Krieg setzten außer guter Lesefähigkeit Wissen voraus, aber was hat das zu besagen? Der »intermedialen Kommunikation« auf der Spur, deutet es Schnurr als Indiz dafür, daß »die grundsätzliche Informierung« anderswo, insbesondere in mündlichen Kommunikationszusammenhängen stattgefunden habe, Flugschriften bauten darauf auf. In einem anderen Kapitel firmieren dieselben Texteigenschaften als Indizien dafür, daß lediglich »geübte« oder doch »regelmäßige Leser« anvisiert waren. Wieder anderswo lesen wir, die Obrigkeit habe ihr Tun vor »der breiten Bevölkerung« rechtfertigen wollen und müssen273, aber warum eigentlich? War die anvisierte Öffentlichkeit gar nicht so breit? Andreas Gestrich vermutet für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts als zentrales Motiv die »Selbstdarstellung der Fürsten als Kriegsherren im Kontext der europäischen Adelswelt«. Demnach hätten also vor allem die Standesgenossen beeindruckt werden sollen, auch an die »möglichen Alliierten« in einem größeren Krieg sowie die »Landstände oder ähnliche Körperschaften, die die zur Kriegführung notwendigen

der für unsere Zeit typischen Verwechslung der Verpackung mit Inhalten aufzusitzen. Nicht einmal Repgen entgeht dieser Versuchung ganz, beispielsweise, wenn er nach einer Analyse der kaiserlichen »Kriegsmanifeste« in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine »erneute Diskussion« der »kaiserlichen Kriegs- und Friedensziele« anmahnt und in diesem Zusammenhang feststellt: »Für Matthias, für Ferdinand II. und für Ferdinand III. war [!] der Dreißigjährige Krieg weitestgehend Exekution gegen Rebellen«. Ob dem wirklich so »war«, könnten wir allenfalls internen Akten ablesen, nie aber Reklametexten. – Zuletzt betonte Franz Brendle in verschiedenen Veröffentlichungen, in den von ihm so etikettierten »Reformationskriegen« habe die kaiserliche Seite ihre Kriegsziele »dissimuliert«; diese »Dissimulation« habe die reichsrechtlichen Lösungen am Ende besagter Konflikte erleichtert. Man sollte sich davor hüten – was auch eine ungebührliche Pointierung der differenzierten Überlegungen Brendles wäre –, in der dissimulierenden Verschleierung konfessioneller Kriegsziele schon eine Überwindung des Konfessionskriegs oder auch nur den Beginn seiner Säkularisierung zu sehen. Solche »Dissimulation« erleichterte es im Gegenteil, Konfessionskriege zu führen, weil sie mithalf, die evangelische Solidarität zu unterlaufen bzw. kaisertreue Lutheraner gegen Calvinisten in Stellung zu bringen. Propaganda, Legitimation, »Dissimulation« helfen uns beim Versuch, die vielen vormodernen Kriege sinnvoll zu kategorisieren (hierauf wird Kapitel A.2 wiederholt zurückkommen, vgl. insbesondere A.2.2.2 und A.2.2.3), kaum weiter. 273 Schnurr, Öffentlichkeit, S. 401 bzw. S. 414 und S. 416 bzw. S. 359.

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Gelder zu bewilligen hatten«, sei zu denken.274 Hingegen geht Markus Baumanns für denselben Zeitraum von einer »gezielten Informationspolitik einer breiten [!] Öffentlichkeit gegenüber« aus, die absolutistischen Regierungen hätten auf die »Stimmung weiterer [!] Kreise« viel Wert gelegt und sie gerade hinsichtlich außenpolitischer Einstellungen aufwendig zu beeinflussen versucht.275 Waren sogar die Söldner im Visier solcher Propagandatexte? Dieter Janssen glaubte jüngst »soldatischen Autobiographien« aus England ablesen zu können, daß dort ein Mindestmaß an Plausibilität bei den Kriegsgründen erwartet werde, der Söldner »brauchte und verlangte eine einfache Darlegung des Grundes, für den er kämpfte«, denn er wollte als Soldat in einen Krieg ziehen, nicht als Outlaw einen Raubzug unternehmen.276 Wir merken wieder einmal: Viele Einzelaspekte aus dem Themenumfeld »Krieg und Frieden« sind nicht restlos geklärt. Stellen wir einmal keck die Gegenfrage: Zeitigte es je spürbare kriegspraktische Nachteile, wenn sich eine Kriegspartei an der publizistischen Nebenfront wenig engagiert hat? Wir werden noch sehen277, daß die Hofburg weder 1546 noch um 1620 viel Neigung zeigte, sich in die Niederungen der Pamphletistik zu begeben – ihr genügten die charismatischen Ressourcen des Kaisertums, mochten die Ungehorsamen, die Rebellen versuchen, ihr liederliches Treiben publizistisch zu beschönigen. In beiden Fällen ist publizistische Regsamkeit Ausdruck von Schwäche, es sollten legitimatorische Defizite und geringere evangelische Homogenität kompensiert werden. Zielten gar die meisten evangelischen Flugschriften lediglich auf den 274 Andreas Gestrich, Krieg und Öffentlichkeit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Angela Griebmayer/Helga Schnabel-Schüle (Hgg.), »Das Wichtigste ist der Mensch«. Festschrift für Klaus Gerteis zum 60. Geburtstag, Mainz 2000, die Zitate: S. 30 bzw. S. 25. Ebda., S. 26: Flugschriften »zielten meist auf die Ebene der europäischen Regierungen oder auch der regierenden Fürsten im Reich und nicht auf eine allgemeine Öffentlichkeit«. 275 Baumanns, Lisola, die Zitate: S. 13 bzw. S. 36. – Vorsichtig abwägend Christoph Kampmann, Arbiter und Friedensstiftung. Die Auseinandersetzung um den politischen Schiedsrichter im Europa der Frühen Neuzeit, Paderborn u. a. 2001, S. 5: das Ziel der von ihm untersuchten Flugschriften sei »Einflußnahme ... in der politisch interessierten Öffentlichkeit, insbesondere unter den entscheidenden Handlungsträgern« gewesen. 276 Dieter Janssen, Gerechte, heilige und zivilisatorische Kriege. Legitimation des Krieges und Bedeutung von Feindbildern in der angelsächsischen Welt der frühen Neuzeit, ca. 1550– 1650, Hamburg 2004, S. 46f.; vgl. auch S. 73. – Die Studie mit dem vielversprechenden Titel verliert sich leider in allgemeinen Betrachtungen über englische und andere Geschichtsläufte des 16. und 17. Jahrhunderts, oft ist auf Dutzenden von Seiten kein einziges Mal vom Krieg, geschweige denn vom »heiligen« oder Gerechten Krieg die Rede, dafür wird die vieltraktierte »Schwarze Legende« von spanischem Unwesen auf 150 Seiten noch einmal ausgebreitet. Hie und da stößt man indes doch auf interessante Einzelbeobachtungen, die vielleicht einmal eine konzentrierte Präsentation verdienten. 277 Vgl. zum Schmalkaldischen Krieg unten S. 187ff.; auf die Publizistik von 1618/19 geht Kapitel B noch näher ein.

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evangelischen Binnenraum? Kommunikationsgeschichtliche Arbeiten sehen es nicht so278, aber die hemmungslose Polemik der meisten Flugschriften seit 1546 und nach 1618 scheint mir die Annahme doch nahezulegen. Diese Pamphlete bemühten sich ja in den seltensten Fällen darum, andersgläubige Leser argumentativ dort abzuholen, wo sie tatsächlich ansprechbar waren.279 Aber die Geißelung unentwegter Attacken von außen, durch den bösartigen konfessionellen Widerpart, schien wohl geeignet, innerevangelische Lehrdifferenzen wie divergierende politische Stile, etwa zwischen großen Flächenterritorien und kleinen evangelischen Reichsstädten280, zu überbrücken. Publizistische Regsamkeit, ein Zeichen von Schwäche – belegt das nicht auch die Publizistik zum Kölner Krieg? Die seiner »Öffentlichkeit« gewidmete Monographie von Eva-Maria Schnurr resümiert: »Zum Kölner Krieg erschienen ganz überwiegend protestantische Drucke«, unter denjenigen, die weniger informierend denn »meinungsverändernd« hätten wirken wollen, sei das Übergewicht besonders eklatant. Zwar beobachtete Schnurr, daß das Gros der evangelischen Drucke »zu Beginn des Konflikts« erschienen sei, »als der Ausgang des Bistumsstreit281 noch offen und beeinflussbar erschien«. Man wird trotzdem annehmen dürfen, daß moralische und theologische Appelle darüber hinweghelfen sollten, daß die katholische Konfliktpartei juristisch282 und machtpolitisch283 deutlich im Vorteil war, daß Rechtslage und Rechtssystem284 der bayerisch-kaiserlichen 278 »Hauptzweck« der Flugschriften sei das »Werben um Verbündete in fremden Konfessionen« gewesen, das »Gehör bei Fremdkonfessionellen«: das betont (so ähnlich auch an vielen anderen Stellen ihres Aufsatzes) Esther-Beate Körber, Deutschsprachige Flugschriften des Dreißigjährigen Krieges 1618–1629, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 3 (2001), die Zitate: S. 29 bzw. S. 19. Vgl. zuletzt Schnurr, Öffentlichkeit, S. 292: Indem man eine spanische Hegemonie über Europa beschwor, sollte »ein überkonfessioneller [!] Zusammenschluss gegen die äußere Bedrohung erreicht werden«. 279 Vgl. auch unten S. 189 mit Anm. 336. 280 Noch nicht für den Schmalkaldischen, aber schon für den Kölner Krieg, erst recht für den Dreißigjährigen kann man ergänzen: zwischen der calvinistisch dominierten »Aktionspartei« um die Heidelberger und denjenigen, die sich am reichspolitisch vorsichtigen, forciert lutherischen Dresdner Kurhof orientierten. 281 Sic! Schnurr, Öffentlichkeit, S. 479. 282 Es handelt sich um die militanteste Facette des chronifizierten Ringens um den Geistlichen Vorbehalt von 1555. Weil Kurfürst Gebhard tatsächlich konvertiert war, stach dieses sonst übliche evangelische Argument nicht: Der Geistliche Vorbehalt bestrafe nur die Konversion mit Amtsverlust, verbiete es dem Domkapitel nicht, eine Person zum Bistumsadministrator zu machen, die schon immer evangelisch gewesen sei. 283 Um nur stichwortartig zu rekapitulieren: Bayern sehr für Ernst engagiert, Kursachsen gar nicht für Gebhard; spanische Truppen in der Nähe; von den Kurvereinsbrüdern stand Gebhard nur der Pfälzer engagiert bei. 284 Erneut stichwortartig: der Kaiser als oberster Lehnsherr, der Reichshofrat als oberstes Reichsgericht und Lehnshof; dazu die Rolle der Kurie – das Kanonische Recht (Absetzung des Erzbischofs) und das Lehnrecht (Ächtung Gebhards, Belehnung des Wittelsbachers

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Seite in die Hände spielten. Schnurr selbst zwar offeriert eine andere Erklärung, es seien »deshalb so wenig katholische Drucke erschienen, weil diese Seite sich im Recht fühlte«, es handle sich um einen publizistischen Effekt des »sich-imRecht-Fühlens«.285 Das dürfen wir ausschließen. Im Deutungskampf um die Augsburger Ordnung fühlten sich beide Seiten notorisch im Recht, weil »das Recht« das vom Religionsfrieden vorgegebene Medium des diskursiven Austauschs mit dem Widerpart war, während tatsächlich nicht um Paragraphen, sondern um Wahrheit und Seelenheil gerungen wurde. Subjektiv fühlten sich beide Seiten im Recht, objektiv hatte es die katholische nicht nötig, viel publizistisches Aufheben darum zu machen. Vielleicht gibt es ja doch einen verhängnisvollen Fall publizistischer Inaktivität, bezeichnender Weise ganz am Ende des in dieser Studie noch ausgeleuchteten Zeitraums: Hätte Ludwig XV. einer weiteren Diskreditierung der Monarchie in der französischen Öffentlichkeit vorbauen können, wenn er der Anregung nachgekommen wäre, das Renversement des alliances durch eine publizistische Kampagne im Inneren zu begleiten? Stattdessen blieb er bei seiner Ansicht, »daß die Außenpolitik in die alleinige Entscheidungsgewalt des Monarchen falle und er darüber niemandem – und schon gar nicht der Öffentlichkeit – Rechenschaft schuldig sei«286; und blieb diese Öffentlichkeit bei ihrem diplomatiegeschichtlich überholten Habsburgfeindbild. Bald wird Marie-Antoinette die Projektionsfläche für diese Austrophobie sein, so könnte man im Grunde die Linien bis zur revolutionären Stimmung von 1788/89 ausziehen. 1.3.3 Die Gefährdung des »ordo« Anlaß für unsere Tour d’horizon über die Schlachtfelder der Guerre de la plume war die Beobachtung, daß die Autoren von Kriegsmanifesten offenbar davon ausgingen, die Öffentlichkeit erwarte Beteuerungen der Friedfertigkeit der Entscheidungsträger. Weil Frieden für die allermeisten Menschen außerhalb der Regierungszentralen Normalzustand und Norm gewesen ist? Beiläufige Einschätzungen der Literatur pflegen das immer wieder zu bezweifeln, Krieg sei früher von den meisten Menschen als »unabänderliches« und »naturhaftes Verhängnis« begriffen worden.287 Die schon erwähnte Spruchsammlung Petris preist den FrieErnst mit dem heimgefallenen Reichslehen) erwiesen sich als taugliche Hebel, um von externer Seite aus in die Zusammensetzung des Kurkollegs einzugreifen. 285 Schnurr, Öffentlichkeit, S. 364 bzw. S. 309. 286 Sven Externbrink, Friedrich der Große, Maria Theresia und das Alte Reich. Deutschlandbild und Diplomatie Frankreichs im Siebenjährigen Krieg, Berlin 2006, S. 68. 287 So zuletzt wortgleich Bernd Wegner, Einführung: Was kann Historische Kriegsurachenforschung leisten?, in: ders. (Hg.), Wie Kriege entstehen. Zum historischen Hintergrund von

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den als kostbares, weil seltenes Gut: »Fried ist gut Wildpret, man muß aber lang darnach jagen«, »Fried und Einigkeit blühet selten, oder verdorret je bald in der feindseligen vnd zenckischen Welt«.288 Dem Kirchenhistoriker Andreas Holzem fiel bei der Musterung von Predigten der Jahre 1618 bis 1648 auf, daß diese den Krieg lakonisch hinnähmen, er »ordnete sich ... in die anderen Gefährdungen des menschlichen Lebens ein«. Er trat »in vergleichbaren charakteristischen Reihungen dessen auf, was Gott den Seinen als Strafe und Prüfung üblicherweise auferlegte. In der genau bezeichneten Phänomenologie des Schreckens stach der Krieg keineswegs heraus.«289 Ein der Vormoderne geläufiger Topos war bekanntlich der vom Krieg als dem »Strafgericht Gottes«.290 Ich stieß noch beim Aufklärungsautor Johann Michael von Loën darauf: »Alles Ubel kommt nicht von den Fürsten ... Lasset uns vielmehr den Krieg als eine Strafe GOttes betrachten, womit er die böse Welt heimsuchet«.291 Ein Gebet aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ›erklärt‹ diesen so: »Allmechtiger Gott, barmherziger Vatter, es ist heutigs tags im Römischen Reich und allenthalben bekant, in was betrübte zeiten wir gerathen, und wie du ... den grimm deines zor[n]es uber unß außgeschüttet, und nach deim gerechten gericht durch deinen starken arm ettliche völker mit krieg härtiglich gestraffet hast, also, daß viel stätt und orthe durch brandt und sonsten elendiglich verwüstet, viel leute unbarmherziglich erwürget, und darbeiy sehr viel zu witwen und waisen gemacht, uber daß auch viel durch rauben ins eusserste armut gesetzt, die justitia geschwecht, die policey gedruckt, vor allen dingen aber die gemüter der hohen potentaten voneinander getrennet, und der liebe land- und reichsfriedt allenthal-

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Staatenkonflikten, Paderborn/München/Wien/Zürich 2000, S. 11 sowie Wolfrum, Krieg und Frieden, S. 1. Beide erwähnen sodann, daß man den Krieg deshalb gern als dritten apokalyptischen Reiter »neben Hunger und Pest« dargestellt habe. Das ließe sich in der Tat durch manches vormoderne Zitat belegen. Ich erwähne nur Conrad Dieterich, Friedenhemmer; Darinn berichtet wird, Was die Vrsachen seyen, daß der von so vielen Jahren hero erwünschte Friede, nicht einmal kommen vnd herfür blicken wil? ..., Ulm 1637, S. 4: Auch im letzten Jahr hat Gott die Ulmer wieder »mit denen dreyen gemeinen Landplagen, Krieg, Hunger vnd Pestilenz ... heimgesucht«. Petri, Weissheit, bei F (hier fol. Ee). Frieden ist dort sechsmal unbedingt, einmal nur mit »Warheit« gekoppelt erstrebenswert; in den beiden hier zitierten Sprüchen ist er wünschenswert, doch selten. Auch, weil er so rar, keinesfalls der Normalzustand ist, gilt: »Zu fridens zeit soll man sich auffn Krieg rüsten« (Henisch, Teütsche Sprach, Sp. 1240). Andreas Holzem, Barockscholastik in der Predigt. Kriegsethik, Sündenschuld und der Kampf gegen Trübsal und Verzweiflung, in: ders. (Hg.), Krieg und Christentum. Religiöse Gewalttheorien in der Kriegserfahrung des Westens, Paderborn 2009, S. 558. Ebda., S. 583f.: »Das Thema des Krieges bleibt randständig, eingeordnet in die allgemeinen Gefährdungen des Lebens, eingebunden insbesondere in die klassische Trias mit der Pestilenz und dem Hunger.« Vgl. oben Anm. 205. Loën, Gerechtigkeit des Krieges, S. 357.

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ben uff seit gesetztet worden ist.« Den Krieg als gerechte Strafe Gottes aufzufassen, mochte es erleichtern, sich mit seinem Geschick abzufinden. Klaglos haben es die damaligen Menschen nicht getan, und daß sie immer wieder Zuflucht nahmen zum Bild von der Strafe, gar vom Zornesausbruch Gottes: das kündet, recht besehen, ja wohl auch nicht davon, daß man den Krieg als nicht weiter erklärungsbedürftigen Normalfall menschlicher Existenz empfunden hätte. Der Krieg war so wenig ›normal‹, wie ein Unwetter den Normalfall üblicher Witterung verkörperte: Beides kam recht häufig vor, wurde aber immer aufs Neue als hoffentlich bald vorüberziehende Katastrophe erlebt.292 Das soeben zitierte Gebet endet so: »So bitten wir auch ganz inniglich, du mögest die herzen und gemüter der grossen potentaten (welche in deiner hand seind, wie wasserbäche) durch deine güte und vätterliche regierung zum frieden lenken und führen ... damit unser geliebtes vatterland, das Reich teutscher nation und alle länder und völker darinnen, welche bishero wie ein ungestummes meer von grossen winden getrieben, und von einer unruh in die andere gejagt worden, wider gänzlich gestillet und zu bestendigem frieden gebracht werden mögen.«293 Ein »ungestummes meer«, gepeitscht von »grossen winden«; »von einer unruh in die andere gejagt«: der Krieg war auch deshalb eine beklagenswerte Katastrophe, weil er in Unordnung stürzte, die »justitia« zerrüttete, die »policey« störte. In einer jüngst vorgelegten Regionalstudie über Kriegserfahrungen in der Grafschaft Hohenlohe294 wird gleichsam zwischen den Zeilen sehr deutlich, daß sich alle näher untersuchten »Erfahrungsgruppen« (neben der gräflichen Familie sind das Amtleute und Pfarrer) deshalb besonders hart betroffen sahen, weil sie ihr Los nicht synchron mit dem der einfachen »undertonen« verglichen, sondern 292 Die Instruktion Karls V. für seine Vertreter am Reichstag von 1555 stellt die Kriege der letzten Dekade in diesen aufschlußreichen Zusammenhang: Man merke, »das Gott der Almechtig bißheer augenscheinlich seinen göttlichen zorn und straff besonderlich uber die teutsch nation ... erzaigt [und daß er] sovil widerwertigkait, angst und noth, hunger und kummer, sterben und verderben uber dieselbe verhengt« hat, daß sie nun – den ›Normalfall‹ beschwört man anders! – »beschwerlicher krieg und empörung halben in hochster gefahr und sorgen deß eussersten undergangs steen mueß«. Abdr.: RTA, Bd. 20, Nr. 26 (hier S. 200f.). 293 Gebet, vermutlich aus der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt D4 98/1 (Kursivsetzungen von mir). – Aus anderen Gebeten mit vergleichbaren Deutungsmustern (»gerechter Zorn« Gottes, der Krieg als »wolverdiente Straff« u. ä.) württembergischer Provenienz zitiert Carsten Kohlmann, »Von unsern Widersachern den Bapisten vil erlitten und ussgestanden«. Kriegs- und Krisenerfahrungen von lutherischen Pfarrern und Gläubigen im Amt Hornberg des Herzogtums Württemberg während des Dreißigjährigen Krieges und nach dem Westfälischen Frieden, in: Anton Schindling/Matthias Asche (Hgg.), Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Münster 2001, S. 186–188. 294 Ich meine diese lesenswerte Monographie: Kleinehagenbrock, Hohenlohe.

Gilt Frieden als Normalzustand?

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diachron mit ihrem eigenen Vorkriegszustand kontrastierten: Er war der Bezugspunkt, an ihm wurde alles gemessen, selbst nach langen Kriegsjahren – was sich übrigens meines Erachtens auch an Flugschriftenliteratur aufzeigen ließe.295 Der Krieg hingegen war ein Einbruch in den gewohnten Ordo, mit dem man sich nie abfinden wollte, der insofern nie Normalfall wurde. Da konnte selbst Gräfin Dorothea Sophie von Hohenlohe-Schillingsfürst lamentieren, sie sei »erger geplagt als der Ioeb«296, wiewohl dessen Gram, recht besehen, doch nicht zurückgehender Kreditwürdigkeit und deshalb frechwerdenden Handwerkern gegolten hatte. Die Gräflichen sorgten sich nicht ums tägliche Brot, aber ums tägliche Fleisch, und aus ihrer Warte war das drückend, weil nicht standesgemäß, es verstieß gegen ihren Ordo. Überhaupt kristallisiert sich die immer aufs Neue gestörte, vom Krieg bedrohte »Ordnung« als zentrales Problem heraus: Die öffentliche Hand muß Wege finden, trotz massiver externer Störungen die eingespielten (oder auch, freilich wohldosiert, zu modifizierenden) politischen Verfahren geregelt weiterlaufen zu lassen, fortgesetzte Legitimität zu produzieren, zu verhindern, daß die Untertanen nach ihrem Empfinden Willkür ausgesetzt sind. Jeder einzelne muß seine Alltagsroutinen gegen immer neue Verunsicherungen verteidigen und für sich selbst eine Deutung der unseligen Zeitläufte finden, die den mentalen Haushalt einigermaßen im Lot hält. Wir haben keinen Grund, geringschätzig auf die Belastbarkeit damaliger Systeme, vom Staatswesen bis hinab zur Psyche des einzelnen Menschen, herabzuschauen. Der Historiker weiß ja, daß die angebliche »Beschleunigung« zu den modernen Mythen gehört, daß Menschen aller Epochen über die »geschwinden leufte« geklagt haben und unter Beweis stellen mußten, was wir heute »Flexibilität« nennen – ganz besonders aber im Krieg! Das Kriegsgeschehen wirkte sich im hohenlohischen Untersuchungsgebiet als fortgesetzte Kette lästiger, manchmal auch gefährlicher, immer aber stressender Störungen eingespielter Gleichgewichte aus, ob wir diese nun, auf staatlicher Ebene, »Ruhe und Ordnung«, oder, auf individueller Ebene, »Seelenfrieden« nennen. Immer aus neue mußten Störungen verarbeitet, neue Gleichgewichte gefunden werden, die indes zu Kriegszeiten stets fragil blieben, bleiben mußten. 295 Man müßte einmal systematisch Flugschriften aus der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges daraufhin durchgehen; mit ist keine bekannt, die den Krieg mittlerweile für ›normal‹, für emotionslos einfach hinnehmbar hielte. Zwanzig Jahre nach Kriegsausbruch – also angesichts der damaligen Lebenserwartung: nachdem eine Generation nie einen stabilen Friedenszustand erlebt hatte – schrie »Randolphus Duysburgk« (Legation Oder Abschickung der Esell in Parnassum, Leipzig 1638) so nach dem Frieden: »O Fried, O edler Fried! ein jeder muß bekennen, Daß man dich kan mit recht des Reichthums Mutter nennen. Wers nicht glauben wil, der frage Teutschland drumb, was es vor diesem vnseligen Kriege gewesen, vnd was es jetzo leyder ist.« 296 Als Hiob: zit. nach Kleinehagenbrock, Hohenlohe, S. 267.

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Zur Wertschätzung des Friedens in der Vormoderne

Alle vom Krieg Geplagten stemmten sich nach Kräften gegen immer neue Unordnung – wird so nicht sogar von einer überraschenden Seite her nachvollziehbar, warum die den Konfessionskriegen nachfolgende Epoche alles in Reih und Glied bringen wird, von Park und Stadtbild bis hin zur europäischen Staatenordnung, mit höfischen und militärischen Rangordnungen, gestrafften und systematisierten Instanzenzügen, Geometrie und Uniform? Die Urfurcht der Barockzeit wird Erwartungsunsicherheit sein, das überall zu Überwindende jene Unübersichtlichkeit, der man in schrecklichen Kriegsjahrzehnten ausgesetzt war.297 Sogar Supplikationen der Untertanen – ob nun im Hohenlohischen, oder wo auch immer im 16. und 17. Jahrhundert der Krieg zuschlug – pflegen um den Ordo zu kreisen, der sich in dieser Textsorte »Ordonanz« buchstabiert. Verstöße gegen die Ordonanzen, aber wohl auch das herkömmliche Rechtsempfinden der Zivilisten, sind die vielbeklagten »exorbitantien«. Besonders empörte es die Betroffenen, wenn sich die Einquartierten aufführten, als seien sie die Hausherren, so daß die eigentlichen Besitzer »nicht all Zeit«, wenn sie es wünschten, »in die Stueben dörfen«.298 Wir übersetzen, das durchlesend, mit »Störung der Privatsphäre«, und fragen uns, ob den damaligen Supplikanten für eine so griffige Formulierung wirklich mehr als der Terminus gefehlt hat. Jedenfalls empfanden sie die Schleifung der letzten Barriere vor den unsicheren »leuften«, die Störung des letzten Rückzugsraums als emotional belastend. Nein, Normalfall wurde der Krieg meines Erachtens nie, aber diese Einschätzung harrt vorerst ihrer breiten, quellengesättigten Fundierung. Wir wissen einfach noch zu wenig über dieses spannende Thema.

297 Daß zahlreiche weitere (indes nicht mehr auf Glaubensüberzeugungen rekurrierende, die entsprechenden Emotionen aufwühlende, hingegen in ihren das Zivilleben idealiter kaum tangierenden Abläufen selbst möglichst ›geordnete‹) Militäraktionen, nämlich die sogenannten »Kabinettskriege der Barockzeit«, nachfolgen werden, steht auf einem anderen Blatt. 298 Auch auf dieses Zitat stieß ich bei Kleinehagenbrock: ebda., S. 117.

Die Säkularisierung der Doktrin

2.

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»Hier streitet Gott und der Teufel«? Zur Säkularisierung des Krieges

2.1 Die Säkularisierung der Doktrin 2.1.1 Die Kriegsschuldfrage verliert ihre theologische und ethische Brisanz 2.1.1.1 Der Ausgangspunkt: »Hier streitet Gott und der Teufel« Beginnen wir mit einem Vorgriff ! Die Akzeptanzprobleme einer noch nicht zum Völkerrechtstitel verdichteten Neutralität werden uns weiter unten ausführlich beschäftigen, hier sollen der Zornesausbruch eines politisch Handelnden und die Suada eines Pamphletisten vorab interessieren. Gustav Adolf schleuderte einem brandenburgischen Emissär, der ihm die Neutralität seines Kurfürsten erklären wollte, das ins Gesicht: »Hier streitet Gott und der Teufel. Will Seine Liebden es mit Gott halten, wohl, so trete Sie zu mir; will Sie es aber lieber mit dem Teufel halten, so muß Sie fürwahr mit mir fechten, tertium non dabitur«.1 Ungefähr zeitgleich lästerte ein Pamphlet, daß »Gott dergleichen Neutralitet das ist zwischen Gott und dem Teuffel höher hasset und anfeindet, als einen rechten pur lautern Abfall zum Teuffel.« Neutrale »spotten des Herrn Christi ins Angesicht, in deme sie ihre thorhaffte Hoffnung zugleich uff dem Antichrist und Christum setzen«.2 »Hier streitet Gott und der Teufel«: Diese Diktion hätte Diplomaten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Lachen gereizt. Gehört zum Longuedurée-Trend der Säkularisierung auch eine Säkularisierung von Krieg und Frieden? »Hier streitet Gott und der Teufel«: Welches Kriegskonzept hat solcher Diktion einmal Plausibilität verliehen? Ich wählte eingangs bewußt zwei Äußerungen, die denkbar stark von distinguierter akademischer Gelehrsamkeit abstechen, doch muß meine Analyse natürlich zuerst die theoretischen Grundlagen vermessen, um von daher in einem zweiten Schritt nach der Praxisrelevanz zu fragen. Sickerprodukte der elaborierten Theorie sind erst als solche erkennbar, wenn die Theorie zutageliegt. Über die spätantiken und mittelalterlichen Stadien der Bellum-iustumDoktrin des christlichen Abendlandes wurde schon so viel geschrieben, daß dem hier nichts hinzuzufügen ist. Seit Augustinus verbreitet, über Gratian ins 1 Zit. nach Karl Gustav Helbig, Gustav Adolf und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg 1630–1632, Leipzig 1854, S. 14. 2 Postilion, Abschnitt Nr. 114.

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Kanonische Recht eindringend, vom Aquinaten systematisiert, war die Doktrin jedem Gebildeten der Vormoderne geläufig. Für Thomas von Aquin war kriegerische Gewaltanwendung, trotz der eindringlichen neutestamentarischen Gewaltverzichtsgebote, erlaubt, wenn diese drei3 Voraussetzungen gegeben waren: erstens die »auctoritas principis« – Krieg durfte nur auf Befehl einer dazu autorisierten Person geführt werden, also einer solchen, die sich, Wiedergutmachung suchend, damit nicht etwa an einen höheren Richter wenden konnte; das war, in einer Welt voller Fehden geäußert, der aus heutiger Sicht progressivste Teil der thomistischen Trias, und auf dieses dann »Souveränität« buchstabierte Postulat wird die Doktrin schließlich in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit einschrumpfen. Sodann mußte der Krieg für Thomas auf die Wiederherstellung der gestörten Rechtsordnung abzielen (»intentio recta«). Drittens mußte eine »iusta causa« für die Kriegführung vorliegen. Hier ging der Aquinate nicht weiter in Details, ganz anders als die ersten beiden frühneuzeitlichen Jahrhunderte, die vor allem mit der Auflistung immer neuer hinreichender Kriegsgründe ihren Scharfsinn unter Beweis stellen werden: Auch deshalb müssen wir Säkularisierungsprozessen innerhalb des konzeptionellen Rahmens dieser christlichen Kriegslehre zuvorderst bei der Behandlung des vermeintlich hinreichenden Kriegsgrundes nachgehen. Daß die thomistische Kriterientrias noch im 16. und 17. Jahrhundert allgemein bekannt war, ist offenkundig. Rekurse auf sie begegnen freilich außerhalb gelehrter Traktate selten elaboriert, häufiger in Anspielungen auf das ohnehin jedem Geläufige. Trivial lautet die Essenz auf »wer kriegtt an notte, den straffet gotte« (Hans Sachs4), oder so: Man darf nicht unbedacht Krieg anfangen, »aber aus gedrangter not und zur gegenwehr« (iusta causa!), und – intentio recta!5 – man »kriegt umb Friedens willen. Solchs vermag das Natürlich und menschlich kriegsrecht. Wir sehen von einem kleinen würmlein, so man ihm zusetzt, es braucht sein gegenwehr« (beobachtete jedenfalls der hessische Landgraf Wil-

3 Andere Theoretiker kannten und kennen andere Formulierungen und/oder weitere Kriterien, beispielsweise eine »iusta et gravis causa«, oder die »proportionalitas« (die von etwaigen Militäraktionen verschuldeten Übel – vielleicht würden wir heute von »Kollateralschäden« sprechen – müssen geringfügiger sein als die Übel, die der bekämpfte ungerechte Zustand verursacht). 4 Ich stieß auf das Zitat bei Brunner u. a., Dulce bellum, S. 661. Ausführlicher reimte derselbe Autor: »Wer aber fichtet mit dem schwerdt,/ Derselb wird auch am schwerd verderben,/ Wie Christus saget vor seim sterben./ Vorauß wo er krieget mutwillig/ Wider Gott, ehr und recht unbillig ...« (zit. bei Peil, Literatur der frühen Neuzeit, S. 316). 5 Zum Merkspruch trivialisiert, kann das dann so lauten: »Des Krieges Endziel ist der Friede« (Wander, Sprichwörter-Lexikon, Bd. 2, s. v. Krieg, Nr. 46).

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helm IV.6). Gelehrte Abhandlungen konnten wesentlich ausführlicher sein7, beispielsweise ist das Ius belli ac pacis des Hugo Grotius geradezu durchtränkt von der scholastischen Bellum-iustum-Konzeption. Sie übersprang die konfessionelle Kluft, war schon von Luther in seine Zwei-Reiche-Lehre »eingefügt und damit für den Protestantismus verfügbar gemacht« worden8 und ist in evangelischen Diskursen in allen für uns interessanten Hinsichten9 genauso präsent wie in katholischen.10 In Flugschriften wird ziemlich oft der Kriegserfolg an die Iusta causa gekoppelt. Zwei Jahre vor dem tatsächlichen Beginn des Dreißigjährigen Krieges prognostizierte ein Pamphlet schon einmal, wer im »antroenden Kriegßwesen« triumphieren werde: die katholische Seite nämlich, denn wer »ein gerechte sach gehabt, vnnd für die Religion gestritten«, hat noch immer gewonnen.11 Als dieser Dreißigjährige Krieg schon tobte, aber noch ein »zehenjähriger« war, fragte eine Flugschrift nach den Gründen dafür, daß sich die Protestanten bislang so schlecht gehalten hatten: »Die erste vnd zwar die HauptVrsache ist Vngerech6 Aus seinen Aufzeichnungen zitiert ausführlich Max Jähns, Über Krieg, Frieden und Kultur. Eine Umschau, 2. Aufl. Berlin 1893, S. 224f. 7 Die gelehrte Reflexion über den Krieg haben die thomistischen Kategorien bis weit ins 17. Jahrhundert hinein geradezu beherrscht. Die auch außerhalb Spaniens (und gerade im Reich, übrigens auch im deutschen Luthertum) maßgebliche spanische Spätscholastik, von Vitoria bis hin zu Molina, entwickelte ihre Kriegsdoktrin in schulmäßigen Kommentierungen der Summa Theologiae des Aquinaten. Wir werden diese theologisch geschulten Völkerrechtsautoren noch in anderen Zusammenhängen kennenlernen. – Auch »theologische Handbücher, die während des Dreißigjährigen Krieges in katholischen Städten erschienen«, bezogen sich »ganz selbstverständlich« auf die thomistische Kriegslehre: Holzem, Gott und Gewalt, S. 391. 8 Holzem, Gott und Gewalt, S. 411; vgl. ebda., S. 396f. 9 Natürlich spielte ›weltliche‹, in diesem Fall militärische Verdienstlichkeit für das individuelle Rechtfertigungsgeschehen des einzelnen evangelischen Söldners nicht die Rolle wie für seinen katholischen Kollegen. Das müßten Theologen ausleuchten, ist für unsere Zusammenhänge unerheblich. 10 So auch zuletzt Norman Housley, Religious warfare in Europa 1400–1536, New York 2002, S. 110f.: »The essential foundations of just war theory were ... so deeply rooted in Christian thinking that they became central within Protestant ideology. Just war thinking was therefore able, to a remarkable degree, to transcend the confessional divide.« 11 [Anonym] (Kaspar Schoppe?), Lermen Blasen. Auch Vrsachen vnd Außschlag, deß besorgten innerlichen Kriegs zwischen den Catholischen vnd Caluinisten in Teutschlandt ..., o. O. 1616, fol. M. »Die Catholische werden vmb eine gerechte sach ... kriegen«, deshalb mit Gottes Hilfe gewinnen. Schuld am wohl nicht mehr abzuwendenden Krieg sind die Calvinisten. – Ob dieser publizistische Lärm auf den im selben Jahr erschienenen »Wolmeinenden, warhafften Discurs« aus evangelischer Hand antwortete? Dessen Autor riet den Katholiken, seinen angeblichen Glaubensbrüdern, von einem Krieg gegen die Protestanten ab, weil er nach den Kriterien der Bellum-iustum-Doktrin illegitim sei. Hatten nicht umgekehrt die Evangelischen angesichts der notorischen katholischen Rechtsverdrehungen allen Grund, »iuste« wie »necessarie« (ebda., S. 127) Krieg zu führen? Der Zusammenhang Bellum iustum – Bellum necessarium wird uns weiter unten noch beschäftigen.

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tigkeit«. Es fehlte diesen Unruhestiftern »die rechte Vrsach« für den Griff zu den Waffen.12 Nach einer weiteren Dekade darüber nachsinnend, warum noch immer kein Frieden in Sicht war, brachte ein »Friedenhemmer« betiteltes frommes Traktätlein die Intentio recta so in Erinnerung: Krieg ist kein Selbstzweck, »Sondern darumb wird er geführet, wie der Alte Lehrer Augustinus sagt, daß dardurch der Frieden gesucht, erlangt, vnd erhalten werde. Welches dann so gewiß, daß von vhralten Jahren hero, diß Axioma oder Spruch geführet: Finis belli pax. Das Ende deß Krieges, ist der Friede.«13 Anspielungen auf die Iusta causa begegnen in der Publizistik freilich häufiger. Wir dürfen resümieren, daß die spätantik-mittelalterliche Doktrin noch im 17. Jahrhundert geläufig war. Nun wird man andererseits kaum bestreiten können, daß sie der Moderne zu verblaßt ist. Sie muß verblaßt sein, wenn unser Kapitel A einleitender Rückblick vom Ende der Vormoderne her einigermaßen treffend war. Sie muß, parallel zur sukzessiven Entkoppelung von Iustitia und Pax, verblaßt sein, wenn Krieg an der Schwelle zur Moderne längst als sittlich neutrales Attribut von Staatssouveränität galt, Frieden da längst auf Ruhe und Ordnung eingeschrumpft war. Aber wann und warum verblaßte die altehrwürdige Doktrin vom »bellum iustum«? Treten wir mit dieser Frage an die wenigen neueren Völkerrechtsgeschichten heran, merken wir, daß sie einhellig konstatieren, die letzten vormodernen Jahrhunderte habe eine »Formalisierung und Säkularisierung des Kriegsrechts«14 12 [Anonym], Zweyfacher SoldatenSpiegel, Das ist: Trewhertziger Discurs. Darinnen Vrsachen angezeiget werden: Warumb in dem Zehenjährigen teutschen Kriege die Catholischen den Evangelischen gemeiniglich obgesieget ..., o. O. 1629, die Zitate: fol. Aiij bzw. fol. Biij. – »Die Vrsachen derenthalben ein Kriegsfürst die Waffen, einen Krige zu führen, jhme fürgenommen hat, sollen vnd müssen gerecht vnd gut seyn, will er anders vor Gott Glück vnd Sieg darbey erwarten«: [Anonym], Victori Schlüssel, Mit welchem ... Gustavus Adolphus ... durchgebrochen, o. O. 1631, fol. C. »Vor Gott«: Wir dürfen demnach die Kapitelüberschrift (»Das eines Kriegs Fürsten, vnd seiner vnderhabender Soldatesca, etc. Großmühtigkeit durch die recht vnd billichmässigen Vrsachen eines Krieges, angezündet vnd gestärcket werden«) nicht zu modern, nämlich psychologisch auffassen. 13 Dieterich, Friedenhemmer, S. 37. 14 So formuliert Wilhelm G. Grewe, Epochen der Völkerrechtsgeschichte, Baden-Baden 1984, S. 259. Von »Ent-Theologisierung und Rationalisierung« spricht Carl Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, 4. Aufl. Berlin 1997, S. 131. Vgl. ebda., S. 112f.: die »Ent-Theologisierung des öffentlichen Lebens« nach den Glaubenskriegen habe »eine augenscheinliche Wirkung« gehabt: »die Rationalisierung ... des Krieges«. Daß wir uns im Umkreis von Krieg und Frieden immer wieder genötigt sehen, Auskunft in diesem erstmals 1950 verlegten Buch zu suchen, das offenbar »bereits im letzten Kriegswinter fertiggestellt« war und »dann nur noch unwesentlich überarbeitet« wurde (so, mit der einschlägigen Schmitt-Literatur, Werner Köster, Die Rede über den »Raum«. Zur semantischen Karriere eines deutschen Konzepts, Heidelberg 2002, S. 211; vgl. zu Schmitts »Nomos der Erde« noch unten Anm. 56), wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Forschungsprioritäten der letzten Jahrzehnte!

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charakterisiert: Das werdende Völkerrecht basiert auf dem Souveränitätsprinzip, die gleichermaßen souveränen Völkerrechtssubjekte (demnach denkbaren Kriegsparteien) sind prinzipiell gleichberechtigt – das, so können wir nachlesen, passe nicht zur Verdammung eines kriegführenden Souveräns als »ungerecht«. Man konstatiert eine Ent-Ethisierung (von Gut und Böse zur Kosten-NutzenRechnung) und eine Formalisierung (vom Warum zum Wer). Das Endziel eines, wie wir noch sehen werden, reichlich verschlungenen Weges liegt diesen Völkerrechtsgeschichten zufolge klar zutage: Wer souverän ist, darf ohne weiteres Krieg führen (natürlich auch neutral abseitsstehen), ist per se »iustus hostes«15 – es gibt keine höchste Instanz über dem Souverän, der über die Gerechtigkeit seines Tuns urteilen dürfte, der Souverän ist keinem Sterblichen Rechenschaft schuldig. Die Kriterientrias des Aquinaten für die sittliche Beurteilung eines Krieges schrumpft ein auf die Frage nach der »auctoritas«, und diese kommt dem Souverän zu: Fortschritt kann intellektuell dürftig sein! Er ging dann übrigens in der Moderne doch andere Wege, daß die staatliche Souveränität ganz selbstverständlich, nämlich per definitionem ein Ius ad bellum umfasse, kann seit der Gründung des Völkerbundes, vollends dem Briand-Kellogg-Pakt ja nicht mehr behauptet werden. Auch die Satzung der Vereinten Nationen bestreitet bekanntlich, grundsätzlich, für den völkerrechtlichen Normalfall, ein einzelstaatliches Ius ad bellum16, überträgt dieses Ius der »Völkergemeinschaft«. Auf die eklatanten Realisierungsdefizite muß man gerade im frühen 21. Jahrhundert kaum eigens hinweisen. Eine »Souveränität« buchstabierte Auctoritas principis als dürftige Krönung aller kriegstheoretischen und kriegsrechtlichen Erörterungen: ob man das einmal als Merkmal eines »langen 19. Jahrhunderts«, einer im welthistorischen Maßstab gar nicht langen »nationalstaatlichen Epoche« der Menschheitsgeschichte ansehen wird? Gut möglich, noch immer denkbar, aber darauf gewettet hätte man vor 15 oder 20 Jahren wohl doch lieber. 2.1.1.2 Das Ius ad bellum büßt Prägnanz und intellektuelle Anziehungskraft ein Schon, weil der mittelalterliche Ausgangspunkt und der Befund am Beginn der Moderne so offenkundig divergieren, ist die Säkularisierung der Rede über 15 Auch der Terminus »iustus« wurde formalisiert und säkularisiert, er verlor seine moraltheologische Substanz, entwickelte sich in den hier einschlägigen Kontexten in Richtung auf »formgerecht« oder auch »regulär« – wie wir im weiteren Verlauf von Kapitel A.2 noch sehen werden. 16 Ich bleibe bei meiner Terminologie, sollte aber anmerkungsweise erwähnen, daß die UNCharta nicht mehr von Krieg spricht, sondern definitorischen Spitzfindigkeiten dadurch aus dem Weg zu gehen sucht, daß sie die Androhung und Anwendung von Gewalt in den internationalen Beziehungen untersagt.

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Krieg und Frieden fraglos ein frühneuzeitlicher Fundamentalprozeß. Aber welche Wege ist er gegangen, und immer in derselben Richtung? Versucht man die Säkularisierung des Kriegsbegriffs in ihre wichtigsten Facetten zu entfalten, stößt man zunächst einmal auf eine Entleerung der Lehre von den gerechten Kriegsgründen. Nicht, daß nicht weiterhin Worthülsen aus dem Sinnbezirk der Gerechtigkeit begegneten! Derselbe »Soldatenkönig«, der eine militaristische Abart des höfischen Absolutismus kreierte, Preußen in eine große Kaserne verwandelte und die militärischen Voraussetzungen für jene friderizianischen Aggressionen legte, die nach 1740 jahrzehntelang Europa destabilisieren werden: er warnt in seinem Politischen Testament vor »ungerechten« Kriegen! Nachdem er dort die Fülle der »Pretensionen« des Hohenzollerngeschlechts aufgezählt hat und ehe er anmahnt, die riesenhafte Armee zu deren Realisierung »mehr und mehr zu verstercken«, können wir das nachlesen: »An euch mein lieber Successor ist was eure vorfahren angefangen zu Sutteniren und eure Pretensionen und lender darbeyschaffen die unserm hauße von Gott und rechtswehgen zugehöhren. Bettet zu Gott und fanget niemahlen ein ungerechten Krig an, aber wozu Ihr recht habet, da laßet nicht ab, den gerechte sache wierdt euch Gott gewiß sehgenen«.17 Die Vertreter jenes katholischen Franzosenkönigs, der es da schon länger mit den deutschen Protestanten gehalten hatte, dozierten 1646 in Westfalen, »qu’à la vérité en ceste guerre Dieu par sa justice a voulu récompenser la France d’une partie de ses pertes passées18, mais qu’il ne seroit pas juste qu’elle se privât volontairement des faveurs du Ciel«, man habe eben in einer »juste guerre« gewonnen. Der deklamatorische Charakter dieses frommen Triumphalismus ist offenkundig, aber jedenfalls floskelhaft begegnet »la justice« auch in internen französischen 17 Dietrich, Testamente, S. 237f. Ebda., S. 239: »Mein lieber Succeßor bitte ich umb Gottes willen kein ungerechten krihg anzufangen und nicht ein agressör sein den Gott die ungerechte Krige verbohten«; daß »ungerechte Krige nicht guht abgelauffen sein« haben Ludwig XIV., August II. von Polen, der Kurfürst von Bayern (offensichtlich Max Emanuel) »und noch mehr« erfahren, »die beyde letztere sein von landt und leutten verJaget und darzu detroniret worden, den sie ein ungerechten Krig anGefangen, seidt versicherdt, das gott das hertz der Armeé [sic] giebet und nimmets auch weg von den Soldahtten, den der König augusto ein sehr ungerechten Krig angefangen hatte ... da Kan mein lieber Successor sehen die handt Gottes«. 18 Zuvor erinnerten Longueville und Servien an die Kämpfe zwischen Karl V. und Franz I. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts! Dies. an Brienne (hier: was sie den Mediatoren in Münster erklärt hätten), 1646, Februar 17: APW II.B.3.1, Nr. 122. Einige Sätze danach: »... c’est vouloir donner la loy en vainqueur de prétendre qu’outre tout cela la France se dessais[is]se encor d’un pays que le Ciel a faict tomber en son pouvoir pour la desdommager des tortz qui luy ont esté faict autresfois, qu’elle a conquis par une juste guerre sur ses ennemis déclarez et«, interessante Vermischung der Argumentationssphären, »qu’elle a très grand intérest de retenir autant pour sa seureté«.

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Dokumenten dieser Jahre.19 Als Ludwig XIV. 1672 zu einer Strafaktion gegen die frechen holländischen Pfeffersäcke aufbrach, weil die sich obstinat weigerten, als Trabanten um die Sonne von Versailles zu kreisen, stattdessen dreist ihren eigenen ungehörigen Lebensstil hochhielten, basierte auch dieser Überfall »sur des maximes de guerre iustes«.20 Die Iusta causa verliert ihre Prägnanz. Iustitia verflüchtigt sich nicht etwa, sie schwillt bei abnehmender Substanz noch an, wird, so verdünnt, fast ubiquitär, sie ist billiger als früher zu haben. Sie wird sogar teilbar, beide Kriegsparteien können an der Iustitia partizipieren, spätestens jetzt ist der Kriegsausgang auch kein Gottesurteil mehr. In Völkerrechtsgeschichten können wir nachlesen, die Konzeption eines »bellum iustum ex utraque parte« habe, in den späten 1530er Jahren, zum ersten Mal Francisco de Vitoria entwickelt.21 Das ist zweifelhaft, so stieß ich schon bei Guevara auf eine Passage, die jedenfalls in dieselbe Richtung weisen dürfte22, und Richard Tuck meint mittelalterliche Spuren wahrscheinlich machen zu können.23 Wir müssen die Erstgeburtsrechte hier nicht klären, rezeptionsgeschichtlich war sicher besonders wichtig, was Vitoria so zu Papier brachte: »Posita ignorantia probabili facti aut iuris, potest esse ex ea parte, quae vera iustitia, bellum iustum per se, ex altera autem parte bellum iustum, i. e. excusatum a peccato bona fide, 19 Brienne an Longueville, d’Avaux und Servien, 1646, November 7, APW II.B.4, Nr. 243: während Frankreich nur die edelsten Kriegsziele verfolgt, sucht Spanien die Monarchia universalis (also, modern formuliert: die Hegemonie über Europa), doch bekam es zuletzt zu spüren, »que Dieu assiste ceux dont les pensées sont enfermées dans la justice«. Memorandum von Longueville und d’Avaux für Ludwig XIV., 1646, April 27, APW II.B.3.2, Nr. 248: »La France a conquis sur les Espagnols dans une juste guerre«. Beide Dokumente waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, doch mochten sich alle Beteiligten in solchen Papieren in die wünschbare, weil wirkungsvolle Argumentationsweise gegenüber den westfälischen oder etwaigen Pariser Verhandlungspartnern eingeübt haben (konkreter ging es in beiden Fällen um territoriale Zumutungen an die siegesgewissen Franzosen), man homogenisierte so die Diskurse der verschiedenen Akteure an verschiedenen diplomatischen Schauplätzen. 20 Robert de Gravel an Ferdinand Maria von Bayern, 1672, August 15 (Or.), BayHStA Kasten schwarz 6461, fol. 117: Die französischen Militäraktionen auf Kosten auch von Grenzgebieten des Reiches beruhen »sur des maximes de guerre iustes et equitables«. Selbstverständlich verfolgten dann auch die Gegenmaßnahmen Leopolds I. eine »gerechte Intention«, sie waren eine »gerechte Sach«: Leopold an Ferdinand Maria, 1673, Juni 20, Michael Kaspar Londorp (Hg.), Der Römischen Kayserlichen Majestät und des Heili­gen Römischen Reichs ... Acta publica ..., Bd. 10, Frankfurt 1687, S. 75f. 21 Vgl. beispielsweise, mit der weiteren Lit., Grewe, Epochen, S. 243 Anm. 18. 22 Vgl. Guevara, Horologium Principum, Liber III, S. 489: »Si inter duos Principes bellum cooriantur, licet uterque queratur; ab uno tantum jus stare. Itaque sive justam caussam oppugnet Princeps, sive injustam propugnet; nunquam belli exitus innocentem faciet.« 23 Vgl. Tuck, The Rights, S. 32–34: »an authentic restatement of the Roman view«, mutmaßliche mittelalterliche Spuren, Vitoria erwähnt er im Zusammenhang mit dem Bellum iustum ex utraque parte gar nicht.

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quia ignorantia invincibilis excusat a toto«24 – eine Seite ist objektiv im Recht, die andere kämpft in der irrtümlichen, doch subjektiv ehrlich empfundenen Überzeugung von der Gerechtigkeit ihrer Sache. Objektiv gesehen, hat der Kriegsgegner noch keine ›Teilgerechtigkeit‹, aber er ist frei von Schuld. Die eindeutige Verortbarkeit der Schuld geht verloren. Wir dürfen pointiert so zusammenfassen: Noch kann bei Vitoria objektiv nur einer im Recht sein, doch subjektiv eben beide. Das war natürlich ein Modernisierungsfortschritt, und der moderne Betrachter mit dem heutzutage üblichen Mindestmaß an psychologischer Halbbildung wird Vitoria schon deshalb zustimmen, weil er keinem Diktator oder Kriegsverbrecher der Weltgeschichte unterstellt, als solcher, mit diesem Selbstbild in Kopf und Herz, in seine Kriege marschiert zu sein, zumindest vor sich selbst finden sie alle gute Gründe. Hier interessiert, daß Vitoria unfreiwillig25 einen Säkularisierungsschub angestoßen hat. Sagen uns dieser Impuls und seine merklichen Folgen auch etwas über den Zustand der Staatenordnung? Hatte die Möglichkeit eines »bellum iustum ex utraque parte« die mittelalterliche Gelehrtenrepublik deshalb nicht umgetrieben, weil mit dem Papst an der Spitze der hierarchisch gestuften abendländischen Christianitas26 jederzeit eine unangreifbare moralische Letzinstanz für Gerechtigkeitsfragen zur Verfügung gestanden hatte? Vitorias Entschärfung der Schuldfrage machten zahlreiche Kollegen mit. Der heute vergessene, im 17. Jahrhundert als »Toletanus« vielzitierte spanische Kanoniker, Bischof und Staatsrat Diego de Covarrubias y Leyva formulierte die bald geläufige Lehre, unter der für die Aufweichung des Gerechtigkeitsbegriffs bezeichnenden Überschrift »Bellum an possit esse utrinque iustum, et ibidem de ›iustum‹ dictionis significatione«, so: »Cum hostes contrarii sibi sint, contraria

24 Francisco Vitoria, De Indis et de jure belli relectiones, hg. von Ernest Nys/John Pawley Bate, Bd. 1, Washington 1917, S. 286. – Ein weiterer Wegbereiter des Völkerrechts, Francisco Suárez, erkärte den »bellum iustum ex utraque parte« für »absurdissimum«, »duo enim contraria iura non possunt esse iusta«: De bello 4.1, abgedr. in Josef de Vries S.J. (Hg.), Francisco Suárez. Ausgewählte Texte zum Völkerrecht, Tübingen 1965, hier S. 142. 25 Seine Äußerungen haben einen sehr konkreten Sitz im Leben, sie zielten gar nicht auf die europäische Staatenwelt, sondern auf die spanischen Kolonialgebiete. Weil die Eingeborenen subjektiv von der Gerechtigkeit ihrer Sache, vom Wert ihres Lebensstils, ihrer Götter überzeugt waren, durften die Conquistadoren für ihre Gegenwehr keine Rache üben. Siege über unbotmäßige Eingeborene durften nicht in grausame Strafaktionen münden. 26 Der Princeps muß sich »bei der Kirche vergewissern, ob der von ihm geplante Krieg Sünde sei oder nicht«, die Kirche ihrerseits »überprüfen, ob der Kriegsgrund hinreichend sei«: ErnstDieter Hehl, Kirche und Krieg im 12. Jahrhundert. Studien zu kanonischem Recht und politischer Wirklichkeit, Stuttgart 1980, S. 252. Von der »Bindung der fürstlichen Kriegsautorität an das höchstrichterliche Urteil des Papstes« spricht Beestermöller, Thomas von Aquin, S. 104, vgl. auch ebda., S. 227.

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iura necesse est habeant: quorum unum iustum sit, alterum vero iniustum«, »opinione vero potest bellum ex utraque hostium parte iustum esse«.27 Das konnte man so und ähnlich noch generationenlang lesen28, doch während Grotius auch in dieser Frage keinesfalls innovativ war29, hielt es Alberico Gentili schon 1588 für möglich, daß beide Kriegsparteien objektiv zum Kriegführen berechtigt sein könnten. Diese Berechtigung mußte sich nämlich nicht aus der Sühnung himmelschreienden Unrechts speisen, Kriege waren ferner legitime Versuche, die Durchsetzung eines strittigen Rechtsanspruches zu erzwingen. Gentili sah Kriege des zuerst genannten Typs analog zum Straßprozeß, die anderen seien einem Zivilprozeß vergleichbar – übrigens finden wir diese Auffassung ansatzweise schon in einer Spruchsammlung von 1630, sie scheint sich also rasch verbreitet zu haben: »Krieg ist ein rechtmessiger Streit vber zweiffelhaffter Gerechtigkeit, so auff kein ander weiß kan entschieden werden.«30 Aber zurück zu Gentili! Wie in einem Zivilprozeß das Verfahrensrecht unparteiisch auf beide Streitparteien angewandt werde, seien ihnen auch gleichermaßen alle Rechte der Kriegführung zuzugestehen. Ausdrücklich betonte Gentili, daß der Ausgang nichts über die innere Berechtigung der Ansprüche des Siegers aussage.31 Es waren von da aus bis zur Position, jeder Souverän dürfe als solcher jederzeit Krieg führen, wenn das seine Interpretation der momentanen Staatsräson nahelege, zugegebenermaßen noch (kleinere) Schritte zu tun, vor allem terminologisch. Aber natürlich mußte die Doktrin vom Bellum iustum ex utraque parte der Auffassung Vorschub leisten, ›irgendwie‹ hätten meistens beide Kriegsparteien Recht,

27 Diego Covarrubias y Leyva, Relectio Regulae c. Peccatum. De regulis iuris libro Sexto, in: Opera omnia, hg. von P. Cornelius Brederodius [wohl der als »Peter von Brederode« damaligen politischen Akten wichtige holländische Diplomat], Frankfurt 1599, fol. 348. 28 Noch diese Textpassage von 1673 (Voßenhölen, Dissertatio de Neutralitate, S. 32) ist unverkennbar an Vitoria angelehnt: »In bellis publicis inconveniens non est, ut, cum ex una parte sit jus, ex altera ignorantia invincibilis, ex utraque parte juste bellum geritur«. 29 Nur eine Kriegspartei könne objektiv im Recht sein, beide aber könnten »bona fide litigari«. Die Literatur zu Grotius, sogar zu seiner Haltung der Lehre vom Gerechten Krieg gegenüber ist überbordend, ich nenne nur: Peter Haggenmacher, Grotius et la doctrine de la guerre juste, Paris 1983. Ich streife die Haltung von Grotius zum Gerechten Krieg noch weiter unten: vgl. S. 122f. 30 Lehmann, Florilegium, s. v. Krieg, Sentenz Nr. 41 (S. 435). – Die schon wiederholt erwähnte Sentenzensammlung läßt die Bellum-iustum-Doktrin nur gelegentlich anklingen, ich nenne: s. v. Fried, Sentenzen Nr. 34 und Nr. 44 (unter ausdrücklicher Berufung auf Erstenbergers pseudonyme »Autonomia«, mit richtiger Nennung des Autorennamens); s. v. Krieg, Sentenz Nr. 4 (beachte übrigens auch Sentenz Nr. 119: »Gerechte Sach ist nit genug zum krieg«!). 31 Ich darf es so knapp machen, weil die Literatur auch zu Gentili reichhaltig ist. Vgl. nur, beispielsweise, G[esina] H. von der Molen, Alberico Gentili and the Development of International Law, Leiden 1968, hier vor allem S. 113–137.

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ja, Recht und Unrecht32 seien einigermaßen gleichmäßig über die Staatenwelt verteilt. Die Kriegsschuldfrage verlor ihre theologische und ethische Brisanz. Ich will eine Vermutung anfügen, die ich nicht ›beweisen‹ kann, die sich aber aufdrängt: Auch, weil ein ausgeleiertes Ius ad bellum keine intellektuelle Anziehungskraft mehr ausübte, konzentrierten sich schon die Autoren des 18. Jahrhunderts, und die des 19. sowieso, ganz eindeutig auf das Ius in bello (wie es dann die Haager Konferenzen kodifizieren werden). Bezeichnenderweise korrespondieren mit den Renaissancen der Iustitia in kriegsethischen und -rechtlichen Diskursen des 20. Jahrhunderts, vor allem im Gefolge der beiden sogenannten »Weltkriege«, auch wieder elaboriertere Erörterungen des Ius ad bellum. Es kann nun ja auch wieder vor intellektuelle Herausforderungen stellen, weil BriandKellogg-Pakt und Charta der Vereinten Nationen ein einzelstaatliches Ius ad bellum dementieren, während die historische Realität der letzten achtzig Jahre weiterhin einzelstaatliche Kriegserklärungen in Fülle gesehen hat. Ausgangspunkt für diesen Ausblick war der Substanzverlust der Kriegsschuldfrage in den beiden ersten neuzeitlichen Jahrhunderten. Zu ihm trug auch der sich immer abstruser auswirkende gelehrte Sammeleifer der Publizisten bei, deren uferlose Listen von »iustae causae« die Gerechtigkeitsfrage ungewollt ad absurdum führten. Die Kataloge wurden so lang, daß alle Kriegsherren in jeder denkbaren Lage etwas Passendes für sich fanden, zumal mit der Staatsräson eine kriegsbegründende Kategorie Eingang fand, die einmal die Emanzipation der Politik von theologischen Postulaten hatte auf den Begriff bringen sollen. Die Selbstverteidigung – eine dehnbare Kategorie! – streifte jeglichen moralischen Vorbehalt ab, wurde selbst zum Moralprinzip.33 Aber auch Präventivkriege aus irgendeinem diffusen Bedrohungsgefühl des Herrschers heraus waren gerecht34, 32 Bei »Paris von dem Werder« (Friedens-Rede, fol. ciii) stoßen wir auf diese Bemerkung: »Das ist gnugsam bekanndt, wann zween vneins seynd, daß dann der eine etwas besser Recht haben kan als der ander, wiewol sie gemeiniglich vnd mehrenteils beyde vnrecht haben«. Ich gebe zu, daß dieser pazifistische Traktat (ebda.: »Summa, keines Sache kan so gerecht seyn, daß der Vnschuldige wider seinen Willen drüber leyden, vnd es Hauptsächlich entgelten müsse«, so aber ist es, denn ausbaden müssen es die »vnschuldigen armen Vnterthanen«) keinen geistigen Mainstream repräsentieren kann. 33 Zuletzt zeigte Alexander Schmidt, auf Arbeiten Pärtel Piirimäes aufbauend, daß im späten Mittelalter kanonistische und theologische Einwände gegen ›ungerechte‹ Selbstverteidigung bestanden, die gelehrte Literatur hielt Selbstverteidigung nicht für legitim, wenn sie die gerechte Bestrafung für begangenes Unrecht verhinderte. »Erst im 16. Jahrhundert setzten sich die Humanisten mit ihrer Sorge für den Erhalt des Gemeinwesens immer mehr durch«: Schmidt, Vaterlandsliebe, S. 70. 34 Schon in Georg Obrechts Tractatus de necessaria defensione (Straßburg 1604, hier S. 113) können wir nachlesen: »Ubicunque enim cunctatio periculosa est, justum [!] est ut praevenias: quia melius est ocurrere in tempore, quam post exitum vendicare: melius, inquam, est ocurrere et mederi, quam injuria accepta vindictam quaerere«. Heinrich Schemel, Dissertatio politica de neutralitate quam duce et auspice Deo praeside viro ... Jacobo Le-Bleu ... prosequendo ...,

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ja, bisweilen wurde in solchen Auflistungen sogar der »metus ex crescente potentia vicini« als Iusta causa belli erachtet!35 »Defensio« wurde immer offensiver, die Selbstverteidigung bemerkenswert expansiv. 2.1.1.3 Die »Trennung von Moral und Politik« Wie blaß, ja, eigentlich schon ins Beliebige verwässert die Iustitia des Kriegsgrunds 1680 daherkam, sehen wir beim damals wie heute geschätzten Völkerrechtler Johann Wolfgang Textor. Seine Synopsis juris gentium hat ein eigenes Kapitel über die gerechten Kriegsgründe, nur, »Gott und der Teufel« kommen darin nicht vor, außer in den kurzen Passagen zum Kampf gegen den Islam und zu den Kreuzzügen auch keine Glaubensüberzeugungen. Einleitend begründet es Textor mit dieser Kosten-Nutzen-Rechnung, warum die Taxierung des

Diss. Gießen 1661, S. 16 lehnt vehement die Ansicht »quorundam ex Scholasticis« ab, wonach ein Krieg nicht gerecht sei, so ihm nicht ein Unrecht oder eine Provokation [!] (»nisi ob injuriam aut provocationem praecedentem«) vorangegangen sei, »siquidem justus metus imminentis periculi, etsi violentia aljqua non praecesserit, procul dubio [!] belli causa est competens et legitima«; allerdings reiche das Unbehagen über »potentiam crescentem« des Nachbarn (vgl. nächste Anm.; wie aber soll der »metus imminentis periculi« von wem triftig dagegen abgezirkelt werden?) nicht hin. Voßenhölen, Dissertatio de neutralitate, S. 36 betont: »Metus igitur justus, certus ea certitudine, quae in morali materia locum habet, i. e. ubi non de potentia tantum, sed de animo et proposito explorato nocendi constat, justa belli causa habetur. Et tunc in publicis bellis praevenire licet vim imminentem, non modo per militum collectionem, sed etiam invasionis anticipationem ... Et defensio non solum ob factam injuriam, sed etiam ob nondum factam, ne vis fiat, juste instituitur.« Derart nicht jedwede militärische Aggression ›begründen‹ zu können, hieße der Phantasie der Autoren von Kriegsmanifesten ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellen! 35 Vgl. hierzu Antje Oschmann, Der metus iustus in der deutschen Kriegsrechtslehre des 17. Jahrhunderts, in: Franz Bosbach (Hg.), Angst und Politik in der europäischen Geschichte, Dettelbach 2000, S. 111ff. passim. – Wurzeln des Präventivkriegs aus Furcht vor dem Anwachsen der Ressourcen eines Nachbarstaates in der römischen Antike sieht Tuck, The Rights, S. 19. Natürlich finden wir den Gedanken wieder bei Machiavelli und bei den Tacitisten um 1600. »Some schoolmen ... seem precisely to stand upon it, that every offensive war must be ›ultio‹, a revenge, that presupposeth a precedent assault or injury«, doch »as long as men are men ... a just fear will be a just cause of a preventive war«: Francis Bacon, The Letters and Life, Bd. 7, hg. von James Spedding, London 1874, S. 477. – Um noch einen Fund aus dem 18. Jahrhundert anzufügen: Johann Michael von Loën (Gerechtigkeit des Krieges, hier S. 376f.) wettert gegen die Kriegslust der Herrscher und stellt eine Liste von seines Erachtens per se ungerechten Kriegsgründen zusammen, ist aber für den Fall, daß die »allzusehr anwachsende Macht« des Nachbarstaates »uns Nachtheil und Schaden« bringen könne, erstaunlich zögerlich, findet schließlich: »Wie man also aus andern Ursachen einen Krieg anfängt, also kann man auch diese«, nämlich: daß der betreffende Staat allzu sehr prosperiert, »mit in Überlegung nehmen; allein deswegen jemand Gewalt zu thun, wenn man sich vor seiner Macht zu fürchten hat, dieses verabscheuet das Recht und die Billigkeit« (Kursivsetzung von mir).

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Kriegsgrunds überhaupt wichtig sei: die Völkergemeinschaft36 sehe es wegen der »majora mala«, die Kriege nun einmal mit sich brächten, lieber, wenn im Fall von »minores injuriae« nicht gleich zu den Waffen gegriffen, vielmehr eine bessere Gelegenheit zur Wiedergutmachung abgewartet werde. Die Konzeption eines »bellum iustum ex utraque parte« kennt Textor natürlich, »materialiter« könne nur einer im Recht sein, »formaliter« seien es oft beide: Wegen der »obscuritas rerum« könne häufig »opinio justae causae ... probabilis« sein, und das genügt für einen formal Gerechten Krieg. Anschließend verschiedene »gradus justitiae in causis belli« erörternd, findet es Textor schon hinreichend, wenn der Fürst Rat einholt und ihm dabei erklärt wird, er befinde sich im Recht – wiewohl der Autor ausdrücklich einräumt, daß fürstliche Ratgeber oft »magis ad beneplacitum consulare« pflegten, also dem Fürsten erklärten, was der hören wolle. Kurz, es genügt die durch Einholung von Expertenrat gestützte »opinio« des Fürsten, im Recht zu sein! Iustitia war um 1680 schon recht billig zu haben. Ein sich ins Beliebige verwässerndes Warum trat hinter dem konturenschärferen Wer zurück. Erstmals hat 1582 Balthasar de Ayala, den da noch jungen Souveränitätsbegriff Bodins aufgreifend und ins werdende Völkerrecht einschleusend, die Iusta causa völlig hinter jener Kategorie der Auctoritas zurücktreten lassen, die er ja zugleich durch die Koppelung mit der Souveraineté griffiger machte. Ob ein Krieg gerecht genannt werden kann, hängt an der Auctoritas eines Souveräns: Nur die souveräne Obrigkeit nämlich darf Krieg führen, zugleich ist jeder Krieg, den eine solche führt, »iustus«, rechtmäßig 37. Über die inhaltliche Gerechtigkeit von Kriegsgründen zu räsonnieren, hält dieser Autor nicht geradewegs für absurd38, doch für juristisch irrelevant. Ayala entwickelte seine Kriegslehre in parteiischer Absicht, als Sprachrohr der Krone Spaniens gegen die holländischen »rebelles« am Beginn des Achtzigjährigen Krieges39, aber 36 Das ist eine interpretierende Übersetzung, Textor schreibt »gentes«, doch billigt er diesen »gentes« ja so etwas wie einen Kollektivwillen zu, er setzt hier eine gemeinsame »öffentliche Meinung« voraus. Auch zum Folgenden: Johann Wolfgang Textor, Synopsis juris gentium, hg. von Ludwig von Bar, Bd. 1, London/Toronto/Melbourne/Bombay 1916, Caput XVII. 37 »Hinc certo modo iustum poterit dici bellum, etsi non ex iusta causa geratur. Iusti enim variae sunt significationes [!]«: Balthazaris Ayalae ... De Jure et Officiis Bellicis et Disciplina Militari Libri III, Bd. 1, hg. von John Westlake, Washington 1912, fol. 22. Alle hier einschlägigen Ausführungen stehen in Buch I Kapitel 2. 38 Er listet die traditionell für gerecht befundenen Kriegsgründe auch auf, schließt dann freilich mit der Bemerkung, daß sie in den Bereich nicht justiziabler Privaterörterungen gehörten, nicht zu den Tatbeständen mit Rechtsfolgen (»quam ad iuris affectus«). Legitimerweise durften nur Souveräne Kriege führen, und über die Gerechtigkeit (»de aequitate causae«) ihres Tuns verbot sich jedes Urteil. 39 »Bellum verò, quod rebelles gerunt, iniustissimum esse constat«: Ayala, De jure, fol. 11. Die »deliberatio, vtrius partes aequiores sint«, stelle sich in einer »monarchia« nicht, dort habe man die »auctoritatem« des Herrschers zu achten, Rebellen zu bekämpfen (fol. 12): Auctoritas,

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die Wirkungen reichten viel weiter. Das Konzept der Souveraineté verlieh der Ent-Ethisierung und Formalisierung der Kriegsdoktrin einen kräftigen Schub.40 Adam Contzen, Beichtvater Maximilians von Bayern, Propagandist unerbittlicher staatlicher Ketzerbekämpfung (und deshalb auch des Restitutionsedikts von 1629), erklärte 1621 Angriffskriege auf andere Staatswesen aus Glaubensgründen für illegitim, »quia Respublica non est alterius Reipublicae judex«.41 Daß eine absolut gesetzte staatliche Souveränität sogar bei diesem frommen Autor kirchenrechtliche Postulate relativierte, zeigt ihre Sprengkraft. Der Kriegsbegriff schüttelte ethische Konnotationen ab. Die klassischen Völkerrechtsautoren des 18. Jahrhunderts stellen ganz auf die Souveränität ab. Ich will es am Beispiel der seinerzeit geschätzten42, heute – meines Erachtens zu Unrecht – vergessenen völkerrechtlichen Monographie Adam Friedrich Glafeys von 1732 zeigen. Man muß sich seine zerstreuten Bemerkungen zum Gerechten Krieg zusammensuchen – was man zunächst einmal so und so werten könnte, als Beleg für fortgeschrittene Säkularisierung (nur noch zerstreute Partikel) oder für die Zählebigkeit der ja immerhin noch aufzustöbernden alten Versatzstücke. Wir müssen also ins Detail gehen. Beispielsweise finden wir den Gerechten Krieg im Kapitel »de Aedificio Juris Naturae«. Glafey wägt Selbsterhaltungstrieb und »Socialität« als den Menschen treibende Kräfte ab, ersterer wiege im Zweifelsfall schwerer, als guter Aufklärer harmonisiert der nicht Aequitas! Fol. 14: »nulla iusta causa videri potest aduersus patriam arma capiendi«. Man könnte einwenden, daß Ayala hier nicht vom zwischenstaatlichen Krieg handelt, sondern von »Rebellion«. Aber wer hatte hier die Definitionsmacht? Für die Hofburg wird der ganze Dreißigjährige Krieg Züge einer Rebellion tragen. 40 Wiewohl ja einzuräumen ist, daß sie Bodin selbst nicht als völlige Bindungslosigkeit konzipiert hatte, vgl. hierzu Helmut Quaritsch, Souveränität. Entstehung und Entwicklung des Begriffs in Frankreich und Deutschland vom 13. Jahrhundert bis 1806, Berlin 1986, insbesondere S. 63f. 41 Adam Contzen, Politicorum Libri Decem, Mainz 1621, S. 750. 42 Es erschienen von dem 1723 erstmals aufgelegten Werk 1732 eine zweite Auflage (sie habe ich benützt: Adam Friedrich Glafey, Recht der Vernunfft, So wohl unter Einzelnen Menschen als ganzen Völkern ..., Frankfurt/Leipzig 1732) und eine dritte 1746. Moderne Völkerrechtsdarstellungen übersehen Glafey, bei Grewe, Epochen beispielsweise kommt er nicht vor; Ernst Reibstein, Völkerrecht. Eine Geschichte seiner Ideen in Lehre und Praxis, Bd. 1, Freiburg/München 1957, S. 505 widmet Glafey diesen Satz, am Ende einer Suada gegen Christian Wolff: »Er«, nämlich Wolff, »unterscheidet sich ... unvorteilhaft von einem seiner Zeitgenossen, der bis weit ins 19. Jahrhundert großes Ansehen genossen hat, heute aber vollständig vergessen ist, dem sächsischen Hof- und Justitienrat Adam Friedrich Glafey«. Reibsteins Werturteil meint rechtsphilosophische Haltungen, doch sei auch angemerkt, daß die Monographie Glafeys ungewöhnlich klar argumentiert. Sie ist viel systematischer, gedanklich klarer als die heute bekannteren Monographien von Bynkershoek und Vattel, um von den völkerrechtlichen Bemühungen Textors oder Wolffs (dessen Meriten anderswo liegen) ganz zu schweigen.

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Autor freilich beide Prinzipien, die sich im Normalfall gegenseitig stützten. Aber »zur eintzigen Raison der Pflichten gegen uns« dürfe die »Socialität« eben nicht gemacht werden, hierfür nun liefert Glafey dieses »Exempel«: Eine Armee von zehntausend Mann dürfe sich, setze man die »Socialität« absolut, nicht gegen eine von fünfzigtausend wehren, »weiln an 50000 Mann der Societät mehr als an 10000 gelegen«. »Will man hierwider einwenden, daß es hauptsächlich hierbey darauf ankommen werde, ob die 50000 justam oder injustam belli causam haben«, halte er dagegen: »Daß sich von Menschen, so einander gleich seyn43, nicht wohl decidiren lasse, wer justam causam habe, oder nicht, wie es denn auch an sich würcklich zweiffelhafftig seyn könne, auf wessen Seite die Gerechtigkeit der Sache sich befindet.«44 Darüber zu klagen, daß triftige Verortungen der Iustitia »saepe difficillimae obscurissimaeque«45 seien, gehörte damals übrigens längst zu den Topoi kriegsethischer und kriegsrechtlicher Erörterungen. Im Kapitel »von Verträgen oder Versprechungen« versucht Glafey zu belegen, »daß viele Dinge in theoria oder in generalioribus sive in thesi ihre Richtigkeit haben, welche in praxi oder in specialioribus und in hypothesi, oder in der application auf die Welt-Sachen gar nicht brauchbar« seien, so lasse sich leicht ethisch begründen, warum ein »durch ungerechte Waffen« aufgezwungener Friedensschluß nicht binde, allein, es sei nun einmal offenkundig, daß diese moralische Abstufung »unter souverainen Völckern gantz und gar nicht applicable sey« – denn »wie ist unter selbigen auszumachen, wer rechtmässige Ursache zum Kriege habe oder nicht, da mehrentheils beyde Partheyen gegeneinander ein Hauffen würcklich gegründete Beleidigungen anzuführen, und ihre Sachen in ihren Manifesten so trefflich zu beschönigen wissen«? Es gebe nun einmal keinen, der »hievon das Judicium fällen« könne.46 Das ist nach vormodernen Maßstäben geradezu lakonisch geschrieben, überraschend schnörkellos, viel schlanker und konsequenter in der Argumentation als die ihrer Zeit nachhinkenden, sich chronisch ineinander verheddernden Haarspaltereien der älteren, von Grotius bis Textor, und man kann sich vorstellen, daß dieser Realismus auch die Zeitgenossen erfrischt hat. Fast möchte man wenigstens diesem Autor verzeihen, daß er da, ganz auf der Höhe seiner Zeit, unterwegs war zur intellektuell erschreckend dürftigen Kriegsdoktrin des nationalstaatlichen lan43 Ich setze hier und im Folgenden Passagen kursiv, die besonders deutlich zeigen, wie die Marginalisierung der Iusta causa mit dem Ausgangspunkt des klassischen Völkerrechts zusammenhängt: einer horizontalen Ordnung souveräner Völkerrechtssubjekte. 44 Glafey, Recht der Vernunfft, Buch II, Kapitel VI (S. 400). 45 Um es hier mit Johann Adolph Wilhelm von Gohren zu sagen: Dissertatio inauguralis de nevtralitate statvvm Imp. R. G. in bello imperii illicita ..., Diss. Jena 1735, S. 6. Trotz dieser Beteuerung finden sich auch hier Relikte der alten Doktrin, ich weise besonders auf S. 13 und auf S. 28 hin. 46 Glafey, Recht der Vernunfft, Buch III, Kapitel V (S. 569).

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gen 19. Jahrhunderts mit seiner Vergötzung der einzelstaatlichen Souveränität. Die Erleichterung des von Grotius gequälten Lesers hängt ja damit zusammen, daß es ihm nun, bei Glafey, wirklich recht leicht gemacht wird – die schwer auf den älteren Texten lastenden Spannungsverhältnisse, zwischen Konfession und Staatsräson, Christianitasidee und Souveränität, Recht und Politik werden endlich aufgesprengt, und das Schwert, das alle Gordischen Knoten durchschlägt, heißt immer »Souveränität«. Auch »vom Rechte des Krieges« handelnd, erwähnt Glafey die Iusta causa. Das Kapitel beginnt mit verschiedenen Distinktionen: offensiver versus defensiver Krieg, »innerliche« versus zwischenstaatliche Kriege, »ob es Kriege gegen die Räuber gebe?« (Eine heutzutage, da im »Kampf gegen den internationalen Terrorismus« die Rechtssphären der Kriegführung und der Verbrechensbekämpfung eigentümlich vermischt werden47, wieder überraschend aktuell gewordene Frage!) »Die schwerste Distinction«, fügt Glafey schließlich an, »ist wohl inter bellum justum et injustum, oder zwischen einem rechtmäßigen und unrechtmäßigen Kriege, bey welcher billig die erste Frage seyn soll, ob sich überhaupt also distinguiren lasse?« Glafey gibt hier einmal keine klare Antwort, klar sagt er nur das: »daß ein Tertius von der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der Waffen zwischen zwey kriegenden Partheyen nicht wohl urtheilen könne«.48 Anderswo liest sich diese Maxime so: Es ist »ein Tertius die Frage: Ob einer einen rechtmässigen Krieg habe?« zu beurteilen »keineswegs befugt, indem solcher Streit

47 In diesem Rahmen kann ich es nur andeutend in Erinnerung rufen: Man will Verbrecher verfolgen, doch mit den Mitteln des Krieges, mit allem, was nach Kriegsrecht in Kriegszeiten erlaubt ist – freilich, ohne diese Mittel etwa dem Gegner einzuräumen, der ja als Krimineller perhorresziert, nicht als Kombattant akzeptiert wird (man könnte von hier aus auch unschwer den Bogen schlagen zu einer Renaissance des Gerechten Krieges im Bereich des Ius in bello, doch dazu an anderer Stelle mehr!). Gewiß ist das Problem mit einigen spöttischen Bemerkungen nicht adäquat abgetan – wäre der »Kampf gegen den Terrorismus« ein veritabler Krieg, würden aus Terroristen feindliche Soldaten, und das ›Flugzeugattentat‹ aufs Pentagon im November 2001 wäre der im Kriegszustand nicht verbotene Versuch gewesen, durch einen Angriffsschlag die Kommandozentrale des Feindes auszuschalten. – Das »Interpretative Guidance on the Notion of Direct Participation in Hostilities under International Humanitarian Law« des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz vom Juni 2009 verteilt Rechte und Pflichten in einem asymmetrischen Konflikt so: Wer auf nichtstaatlicher Seite eine »continuous combat function« wahrnehme, dürfe gezielt als Kriegsgegner angegriffen werden, ohne auf das Privileg des staatlichen Kombattanten zurückgreifen zu können, militärische Ziele der Gegenseite straflos zu schädigen. 48 Ferner stellt der Autor klar, »daß bey der Eroberung im Kriege, wie auch bey dem Modo zu kriegen, und denen durch einen Frieden dem andern gelassenen Ländern und Sachen« nicht auf die Iusta causa »zu sehen sey«: das Ius in bello hatte sich eben längst vom diskriminatorischen Kriegsbegriff der Bellum-iustum-Doktrin emanzipiert! Vgl. Glafey, Recht der Vernunfft, Buch VI, Kapitel II (S. 29f.).

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auch unter Souverainen Völckern deswegen, weiln mehrentheils beyde Theile wider einander allerhand Gravamina haben, fast nicht zu debattieren ist«.49 Auch die anderen Väter des klassischen Völkerrechts50 setzen ihre Gedankengebäude auf das Fundament der einzelstaatlichen Souveränität. Dem wohl einflußreichsten, Emer de Vattel, erleichterte es seine von Christian Wolff übernommene Unterscheidung zwischen Ius naturale und Ius voluntarium, auf gründliches Nachdenken über etwa gerechte Kriegsgründe zu verzichten. Das Ius naturale wandte sich an das Gewissen des Herrschers, aber positiv regelte die internationalen Beziehungen das Ius voluntarium, und dieses konnte sich schon deshalb nicht um die moralische Qualität von Kriegsgründen kümmern, weil die Handlungsmaßstäbe eines Souveräns per definitionem nicht der Beurteilung anderer Souveräne unterlagen. Die horizontale Staatenordnung durfte nicht durch die moralische Hintertür wieder ein Gefälle bekommen.51 Doch streifte Vattel, wie Grotius kein Held gedanklicher Systematik und konzeptioneller Klarheit, noch nicht alle Spuren der altehrwürdigen Doktrin vom Gerechten Krieg ab, wie wir gleich sehen werden. Ganz unsentimental tat das hingegen der zu Unrecht nur als »Reichspublizist« gerühmte Johann Jakob Moser. »Da ich nun an die Kriege komme«, stellt er gleich eingangs zu seinem Kapitel »von den Ursachen zu Ergreiffung der Waffen« klar, »so werde ich ... bloß erzählen, was geschenen ist ... ohne zu untersuchen: Ob und wie fern diser und jener Krieg, oder dise und jene Kriegshandlung ... als gerecht oder ungerecht angesehen werden könne oder müsse, oder nicht?«52 Zur Kriegführung ohne weiteres berechtigt waren eben alle, die souverän waren. Lapidar erklärt uns Moser, unter der Überschrift »Recht, einen Krieg anzufangen«: »Das Recht einen Krieg zu führen, ist ei49 Ebda., Buch IV, Kapitel IV (S. 801). Das Kapitel handelt »vom Eigenthum«, der Kontext ist dieser: Darf ich Landstriche, die der Nachbar einem anderen »unrechtmässiger Weise abgenommen« hat, meinerseits diesem wegnehmen? 50 Ich erläutere noch, was man meines Erachtens sinnvollerweise als solches bezeichnen kann: siehe unten Kapitel A.3.2.3. 51 Ich gehe auf Vattels Monographie noch verschiedentlich näher ein, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Neutralität. Hier sollen diese flüchtigen Hinweise genügen. Ein Zitat wenigstens will ich anfügen: »Puis donc les Nations sont égales et indépendantes, et ne peuvent s’ériger en juges les unes des autres; il s’ensuit que dans toute Cause susceptible de doute, les armes des deux parties qui se font la Guerre doivent passer également pour légitimes« – Emer de Vattel, Le droit des gens, ou les principes de la loi naturelle appliqués à la conduite et aux affaires des Nations et des Souverains, Bd. 1, hg. von Charles G. Fenwick, Oxford 1916, S. 530 (Kursivsetzung von mir). 52 Johann Jakob Moser, Versuch des neuesten Europäischen Völker-Rechts in Friedens- und Kriegs-Zeiten; vornehmlich aus denen Staatshandlungen derer Europäischen Mächten, auch andern Begebenheiten, so sich seit dem Tode Kaiser Carls VI. im Jahr 1740 zugetragen haben, Bd. 9.1, Frankfurt 1779, S. 2f. Der von mir kursiv gesetzte Teil des Titels illustriert die gänzlich empirisch-positivistische Haltung Mosers und sein Desinteresse an antiquarischer Gelehrsamkeit.

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gentlich ein Vorzug eines unabhängigen Staates. Dergleichen Staaten leben in ihrer natürlich Freyheit und Gleichheit; kraft welcher sie ein ihnen angethanes Unrecht, zumalen wann sonsten keine Entschädigung zu erhalten ist, selber rächen ... ohne daß sie von jemand deßwegen eine Verantwortung oder Strafe zu gewarten hätten.« Kriegführung als der Souveränität immanente Berechtigung, Frieden als Ruhe und Ordnung: läuft das nicht auf jene »Trennung von Moral und Politik«53 hinaus, die für Reinhart Koselleck 1959 in einer damals aufsehenerregenden Studie zur »Pathogenese der bürgerlichen Welt« gehörte? War die Abkoppelung der Kriegführung von der Iustitia, die Abdrängung der gerechten Kriegsgründe ins rechtlich unverbindliche Privaträsonnement ethisch interessierter Gutmenschen54, das außenpolitische Pendant zur »Aufspaltung des Menschen in den ›Menschen‹ und den ›Staatsbürger‹«55? Die Konfessionskriege schienen Ayala ja Recht zu geben. Nachdem Leidenschaft und guter Glaube so offenkundig nichts als Zerstörung und Unordnung produziert hatten, konnte eine blutleere Kriegsdoktrin nur Besserung verheißen. Die moralische Verarmung der Kriegslehre sollte eine Hegung des Krieges in der politischen Praxis erleichtern. Wenn nur noch allseits »iusti hostes« miteinander rangen, war kein Platz mehr für Straforgien und Vernichtungsphantasien. Man konnte im Gegner wieder den Berufskollegen sehen, in den Offiziersrängen den honett zu behandelnden adeligen Standesgenossen, nicht den Ketzer. Das hat der moderaten, geradezu unterkühlten Kriegführung des höfischen Absolutismus – die Verwüstungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges gehören zu den sprichwörtlichen Ausnahmen und galten bezeichnenderweise schon damals als Entgleisung – theoretisch vorgearbeitet. 53 Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerli­chen Welt, Freiburg/München 1959, S. 34. – Um den Rahmen, in den die hier interessie­renden Beobachtungen Kosellecks gestellt sind, wenigstens anzudeuten: Es geht dem Autor um zunächst einmal modernisierende, langfristig aber prekäre Konse­quenzen, die in der politischen Theorie und dann auch Praxis aus den westeuropäi­schen Glaubenskriegen gezogen wurden. Sie erleichterten den Aufbau umfassend pa­zifizierender absolutistischer Staatswesen, aber für die sich wiederum dagegen abset­zende nächste historische Formation, die Aufklärung, die sich dort konstituieren mußte, wo der Leviathan einen Freiraum beließ, die sich deshalb vom »apolitischen Innenraum im Staat« her aufbaute, war es in Kosellecks Augen eine problematische Mitgift. 54 Ich gestehe: eine aktualisierende Verballhornung – Ayala (De jure, lib. I cap. 2) stellte antithetisch gegenüber, welche Sachverhalte rechtserheblich seien (vgl. schon Anm. 38) und was »viri boni officium« sei, die Erörterung der Gerechtigkeit von Kriegsgründen subsumierte er letzterem. 55 Vgl. zu dieser zentralen These des nicht vorrangig an außenpolitischen oder völkerrechtlichen Fragen interessierten Büchleins von Koselleck schon aus einer ganz anderen Warte (nämlich nach Antizipationen des privaten Innenraums im Konfessionellen Zeitalter fragend) Gotthard, Religionsfrieden, S. 557f.

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Grübeleien über die Iusta causa paßten nicht mehr in diese Welt. Carl Schmitt hat sich ihre Maßstäbe in seinem »Nomos der Erde« so anverwandelt, daß wir ihn zu ihrem modernen Sprachrohr machen dürfen: »Wie steht es nun mit dem teilweise gerechten Krieg? Wer soll alle diese endlosen und verwickelten Tatfragen und Schuldfragen beantworten, noch dazu bei Koalitionskriegen und in einem Zeitalter der geheimen Kabinettspolitik? Wie soll sich ein gewissenhafter Beurteiler, der nicht zufällig der Beichtvater aller wichtigen Mitspieler ist, über die Staatsgeheimnisse und Arcana beider kriegführenden Seiten unterrichten, Arcana, ohne die es noch niemals eine große Politik gegeben hat?«56 Kriegführung als der Souveränität immanente Berechtigung, an der alle moralischen Einwände abprallen: das ist dann eine dem nationalstaatlichen langen 19. Jahrhundert selbstverständliche Grundposition, aber nicht das letzte Wort. Dieses wird nicht so simpel daherkommen. Dreihundert Jahre, nachdem der nicht endenwollende Konfessionskrieg seit 1618 den diskriminierenden Kriegsbegriff des Bellum-iustum-Konzepts unglaubwürdig gemacht hatte, wird in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs das uneingeschränkte Ius ad bellum des souveränen Einzelstaates ad absurdum geführt. Das sehr offene Ende dieser Geschichte gehört nicht hierher. 2.1.2 Zur gewundenen Verlaufskurve Wir lernten kurz die spätantik-mittelalterliche Doktrin vom Gerechten Krieg kennen, sahen dann, daß sie im letzten frühneuzeitlichen Jahrhundert nur noch gespensterhaft verblaßt herumspukte – in Gestalt gewohnheitsmäßig weitergeschleppter rhetorische Versatzstücke, die sich in den neuen Rahmen, der ein horizontales Nebeneinander einzelstaatlicher Souveränitäten zusammenspannen sollte, nicht mehr recht fügen wollten; die in diesem Rahmen den Argumentationsgang nicht mehr vorantreiben, nur noch ausfasern lassen konnten, die in diesem Rahmen nicht mehr zu handlungsorientierenden Leitlinien, nur noch zu gelehrsamen Schnörkeln taugten. Aber wie ist die Verlaufskurve dieser Säkularisierung? Die Frage ist auch deshalb schwer zu beantworten, weil nach »Gerechtigkeit« fahndende Suchwortprogramme nicht weiterhelfen, Termini wie »recht« 56 Schmitt, Nomos der Erde, S. 127. – In den dieser Monographie vorarbeitenden Studien war geringschätziger Spott auf das Konzept des Gerechten Krieges noch politisch brisant gewesen, angesichts der Bemühungen von Völkerrechtlern der »Westmächte«, den Krieg gegen Nazi-Deutschland als einen »gerechten« darzustellen und so der Intervention der USA theoretische Breschen zu schlagen. Solche (1950 obsolet gewordene) politische Hintergedanken benehmen den Ausführungen Schmitts zum 17. und 18. Jahrhundert nicht jeglichen (vgl. aber schon oben Anm. 14) Wert.

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und »billig« begegnen weiterhin, nur, seit wann sind es Floskeln ohne tieferen theologischen Gehalt? Weil ja auch im 18. Jahrhundert kein Kriegsherr offen die »Ungerechtigkeit« seiner Sache verkündete und weil der »iustus hostis« ja gerade eine neue Errungenschaft des sich ent-ethisierenden Völkerrechts war, sollte man vielleicht präziser als von einem Verblassen der Bellum-iustum-Doktrin von einer Marginalisierung der Iusta causa57 in diesem (dadurch freilich schon weitgehend entkernten) Gedankengebäude sprechen. Seit wann zählten fast nur noch die Souveränität und eine formgerechte Kriegserklärung? Haben wir einen ziemlich lineraren Säkularisierungsprozeß vor uns, der einigermaßen gleichmäßig die frühneuzeitlichen Jahrhunderte ausfüllte? Setzte er gar schon im Herbst des Mittelalters ein?58 Müssen wir von einem Schub erst im späten 18. Jahrhundert59 oder schon im 16. Jahrhundert60 ausgehen, oder liegt die Wahrheit einmal 57 Die Intentio recta hat als eine allenfalls hinterher auslotbare, mit anderen Worten: als eine in der Praxis solang, wie das irgend von Belang sein könnte, schlechterdings nicht verifizierbare Kategorie meines Wissens in den kriegsethischen Diskussionen der Frühen Neuzeit nie eine zentrale Rolle gespielt. Die Kriegspropaganda behauptete und behauptet immer, daß sittlich hochstehende Motive zum Krieg trieben und daß man nach der militärischen Austilgung anstößigen Unrechts wieder zu einer dann gerechteren Friedensordnung zurückstrebe, aber konnte man über das Vorliegen von triftigen Kriegsmotiven wenigstens noch trefflich streiten, ließ sich über die Friedenssehnsucht und die für den Nachkriegszustand maßgeblichen Friedenskonzeptionen des Kriegsherrn allenfalls haltlos spekulieren. 58 Nicht unmittelbar am Krieg, aber am Friedenskonzept ansetzend: Wolfgang Justus, Die frühe Entwicklung des säkularen Friedensbegriffs in der mittelalterlichen Chronistik, Köln/ Wien 1975. Zustimmend Dietrich Kurze, Krieg und Frieden im mittelalterlichen Denken, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln 1991, insbesondere S. 25; abwägend, etwas abschwächend Klaus Schreiner, »Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküßt« (Ps. 84,11). Friedensstiftung durch symbolisches Handeln, in: Johannes Fried (Hg.), Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter, Sigmaringen 1996, insbesondere S. 78f. – doch meint auch Schreiner (ebda., S. 85f.) beobachten zu können, daß ein »offenkundiger Rückgang an Motiven, Impulsen und Argumenten, die im frühen und hohen Mittelalter Friedenssuche und Friedensstiftung zu einer religiösen Pflicht gemacht hatten«, stattgefunden habe. Derlei finde man im späten Mittelalter »vornehmlich in Bibelkommentaren oder in theologischen Handbüchern«, »als Appelle in konkreten Situationen, in denen über die Herstellung friedlicher Verhältnisse verhandelt wird, haben sie an Bedeutung eingebüßt«. 59 Dazu scheint dieser Kenner der Völkerrechtsgeschichte zu tendieren: Stefan Oeter, Ursprünge der Neutralität. Die Herausbildung des Instituts der Neutralität im Völkerrecht der frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 48 (1988), insbesondere S. 465. 60 Auf Ayala legt sich Fritz Dickmann fest, auf Gentili Carl Schmitt: Fritz Dickmann, Krieg und Frieden im Völkerrecht der frühen Neuzeit, in: ders., Friedensrecht und Friedenssicherung. Studien zum Friedensproblem in der Geschichte, Göttingen 1971, S. 127–129; Schmitt, Nomos der Erde, vor allem S. 131. Um noch einige weitere gewichtige Stimmen zu nennen: »the world as populated by autarchic and sovereign states ... this was indeed what had happened by 1600«, so Tuck, The Rights, S. 226f., auch er weist auf Gentili hin («Gentili’s

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in der Mitte – nämlich des 17. Jahrhunderts wie der ganzen Frühen Neuzeit61? Alle diese Positionen wurden beiläufig schon vertreten. Fragen über Fragen – aber das liegt hier einmal nicht nur am Forschungsstand! Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erstreckte sich ungewöhnlich lang. Die alten Floskeln wurden von Generation zu Generation weitergeschleppt. Man schrie Innovation nicht in radikal neuer Terminologie hinaus, schmuggelte sie über modifizierte Bedeutungsnuancen der sattsam bekannten Begriffe ein. Auch wird die Substanzeinbuße der herkömmlichen Doktrin oft weniger an den programmatischen Grundsatzerklärungen zu Sinn und Wesen des Krieges deutlich als an der praktischen Durchführung des Ius in bello. Kein mir bekannter Völkerrechtler des 17. oder 18. Jahrhunderts dachte daran, einen kriegführenden Staat völkerrechtlich zu diskriminieren, ihm beispielsweise das Recht zu bestreiten, Beute und Gefangene zu machen, weil es der staatlichen Propaganda nicht gelungen sei, einen gerechten Kriegsgrund herauszustreichen. Die Behandlung des Ius ad bellum hinkte dem Ius in bello hinterher. Unser moderner Systematisierungsbedarf wird regelmäßig nicht befriedigt. Schon gar nicht bei Grotius, der auch hier besonders konfus ist. Grundsätzlich steht der vermeintliche »Vater des Völkerrechts« noch stark im Bann der Belstate was already in effect the autonomous agent of the great seventeenth-century writers, governed by an extremely thin set of moral requirements«: ebda., S. 228). »Das jus gentium ... den moraltheologisch-moralphilosophischen Erörterungen zu entziehen« sei ein »Prozeß des 16. und frühen 17. Jahrhunderts«, meint Heinz Duchhardt (»Friedensvermittlung« im Völkerrecht des 17. und 18. Jahrhunderts: von Grotius zu Vattel, in: ders., Studien zur Friedensvermittlung in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 1979, S. 95). Wilhelm G. Grewe (Epochen, hier vor allem S. 261f.) datiert den Prozeß der »Formalisierung und Säkularisierung des Kriegsrechts« aufs 16. und frühe 17. Jahrhundert, betont die Rolle Gentilis. Auch Klaus Malettke verortet »grundlegende Impulse« für die »Überwindung der scholastischen Lehre vom gerechten Krieg« im 16. Jahrhundert: ders., Grundlegung und Infragestellung eines Staatensystems: Frankreich als dynamisches Element in Europa, in: Peter Krüger (Hg.), Das europäische Staatensystem im Wandel. Strukturelle Bedingungen und bewegende Kräfte seit der Frühen Neuzeit, München 1996, S. 28. 61 Zuletzt beschwor Ronald G. Asch, Einleitung: Krieg und Frieden. Das Reich und Europa im 17. Jahrhundert, in: ders./Wulf Eckart Voß/ Martin Wrede (Hgg.), Frieden und Krieg in der Frühen Neuzeit. Die europäische Staatenordnung und die außereuropäische Welt, München 2001, S. 34 die »einflußreiche traditionelle Lehrmeinung«, wonach »sich mit dem Westfälischen Frieden ein nicht-diskriminatorischer juristischer Kriegsbegriff durchsetzte, der das Recht, Krieg zu führen, jedem souveränen Staat zusprach und das bloß subjektive Rechtsbewußtsein für ausreichend erklärte, um einen Krieg zu legitimieren«. Außerhalb der Historikerzunft gilt als ausgemacht, daß der Westfälische Frieden, wie in fast jeder denkbaren Hinsicht (vgl. unten S. 268ff.), so auch in der hier interessierenden eine Zäsur darstelle, ich zitiere exemplarisch Christian Hillgruber, Gerechter Krieg? Washington gegen Bagdad 2003, in: Frankfurter Allemeine Zeitung vom 21. Februar 2006, S. 7 (das »in der Politik- und Völkerrechtswissenschaft ... spätestens mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endgültig verabschiedet geglaubte Konzept des gerechten Krieges«).

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lum-iustum-Doktrin; doch weil er die Entscheidung über die Gerechtigkeit ihres Krieges letztlich dem Gewissen der Kriegführenden überantwortet und neben dem traditionellen Bellum iustum auch das Bellum solenne kennt, bei dem es nur auf die rechte Autorität und eine formgerechte Kriegserklärung ankommt (und das die Basis für das ausführliche Ius in bello dieses Autors abgibt!), zerfließen alle Konturen. Ins Positive gewendet: Völkerrechtsautoren der Folgegenerationen fanden bei Grotius für fast jede denkbare Position dankbar irgendeinen Beleg, mit dem sie ihre gelehrten Apparate aufschwemmen konnten, vielleicht wird der Holländer auch deshalb so häufig in Marginalien oder Fußnoten erwähnt. Selbst diese Definition eines »bellum iustum«, an der außer der damaligen Lingua franca nichts mehr an die Vormoderne zu erinnern scheint, konnte sich grotianisch geben: »Justum bellum hic dicitur, quod est solenne, et geritur ab eo, qui majestatem habet, praecedente denunciatione«.62 Es war Grotius nicht gegeben, die herkömmliche scholastische Kriegslehre und den neuen Souveränitätsbegriff zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen.63 Noch bei den wohl einflußreichsten Völkerrechtsautoren der ersten beiden Drittel des 18. Jahrhunderts, Cornelis van Bynkershoek und Emer de Vattel, finden wir Spurenelemente der scholastischen Doktrin. Ich werde das weiter unten exemplarisch anhand der entsprechenden Neutralitätskapitel aufzeigen, will hier nur, im Vorgriff, eine einzige Passage bei Vattel vorstellen: Deutlich betont dieser Autor zunächst einmal, daß alle souveränen Regierungen »sont libres de demeurer neutres«, und daß sie die Gründe dafür oder dagegen mit sich selbst auszumachen hätten, doch werden (müssen?64) sie dabei, so Vattel, zwei Dinge beachten: ihre 62 Vitriarius, Institutiones, S. 463. Die »Institutiones« sind im Grunde Paraphrase und Kommentar zum Ius belli ac pacis des Hugo Grotius, der Autor übernimmt die Kapitelgliederung des Holländers, und wo er doch einmal von ihr abweicht (weil er zum einen und anderen Kapitel seines großen Vorbilds nichts Eigenes anzumerken weiß), wird eingangs gesagt: Diesem Kapitel X entspricht bei Grotius Kapitel Y. 63 Ich weise nur, exemplarisch, auf einige Passagen aus liber II Caput 23 hin (Hugo Grotius, De iure belli ac pacis libri tres ..., hg. von B. J. A. de Kanter-van Hettinga Tromp, Leiden 1939): »Bellum utrimque iustum esse non potest ... At vero ut neuter bellantium iniuste agat, fieri sane potest: iniuste enim agit nemo nisi qui et scit se rem iniustam agere: multi autem id nesciunt. Sic iuste, id est bona fide litigari potest utrimque ... At iustum si accipimus, quoad effectus quosdam iuris, certum est bellum hoc sensu iustum utrimque dari, ut ex iis apparebit quae de bello publico solenni infra a nobis dicentur«! Iustitia steht hier mal für die objektive, mal für die subjektive, mal für eine formale Berechtigung zur Kriegführung. 64 »Elles ont ... à considérer«, schreibt Vattel (Emer de Vattel, Le droit des gens, ou principes de la loi naturelle, Appliqués à la conduite et aux affaires des Nations et des Souverains ... Nouvelle Edition Augmentée, Revue et Corrigée, Bd. 1, Amsterdam 1775, Buch III, chap. 7, hier S. 43), aber aus moralischem Zwang heraus oder ›nur‹ weil es klug ist? Ich will die Passage im Zusammenhang geben: Wenn ein Krieg zwischen zwei Völkern ausbricht, sind alle anderen »libres de demeurer neutres. C’est à elles uniquement de voir si quelque raison les invite à prendre parti; et elles ont deux choses à considérer: 1º. La justice de la cause. – Si elle

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Staatsräson; und, davor genannt: »la justice de la cause«! Einschneidend freilich schränkt der Autor damit die Handlungsfähigkeit der Staatsleitung nicht ein: »si elle«, die Gerechtigkeit, »est évidente, on ne peut favoriser l’injustice« – wann waren Recht und Unrecht in der politischen Praxis der Kabinettspolitik je »évidemment« einseitig verteilt, und wer wollte dem Neutralen nachweisen, daß er durch sein Abseitsstehen dem Bösen Vorschub leistete? Vattel setzt solchen Unverbindlichkeiten aber noch eins drauf: »il est beau [!] au contraire de secourir l’innocence opprimée, losqu’on en a le pouvoir«. Auch die Väter des klassischen Völkerrechts im 18. Jahrhundert waren ehrenwerte Herren, natürlich fand es Emer de Vattel nett, wenn eine Regierung der verfolgten Unschuld beisprang – so sie gerade nichts Wichtigeres zu tun hatte. Das war dann ein schöner Zug von ihr. Sogar Glafey betet den tradierten Katalog gerechter Kriegsgründe herunter!65 Doch dient das nur noch dem Nachweis von Gelehrsamkeit, denn für den Autor selbst ist die Sache ganz einfach: Es ist »die Sicherheit eines Staats die eintzige Regel und Richtschnur«. Im Register wird diese Aussage so rubriziert: »General-Fundament derer rechtmäßigen Kriegs-Ursachen«. Dieses Fundament war wirklich »general«! »Manchmal«, so Glafey, könne »einer seine Sicherheit nicht anders als mit gäntzlicher Subjugirung oder wohl gar mit der Ausrottung eines Volcks haben«.66 Da möchte man diesem sonst erfrischenden Autor denn doch keine mildernden Umstände mehr einräumen. Natürlich war »der Unterschied der Religion« für Glafey kein respektabler Kriegsgrund, »angesehen Gott keine Armeen und Kriegs-Generale sondern unbewaffnete Apostel und Fischer-Knechte ... ausgeschickt« hat.67 Das sah Johann Michael von Loën in seiner Abhandlung »von der Gerechtigkeit des Krieges« ähnlich, seine Auflistung von Kriegstypen, die »ihrer Art nach an und für sich selbst ungerecht sind«, beginnt so: »Es sind keine unsinnigere Kriege als die Religionskriege«, die »Hauptsumma« des Christentums »ist die Liebe«, »hier gilt est évidente on ne peut [Erstausgabe: doit pas] favoriser l’injustice; il est beau, au contraire, de secourir l’innocence opprimée, lorsqu’on en a le pouvoir; 2º. Quand elles voyent de quel côté est la justice, il reste encore à examiner s’il est du bien de l’Etat de se mêler de cette affaire et de s’embarquer dans la guerre.« 65 Merkwürdig altertümlich liest sich außerdem diese Passage (Buch IV, Kapitel II, »Von EydSchwüren«, hier S. 693): »Im Fall nun einer, der ohne dem einen gerechten Krieg hat«, ein »Werckzeug« zur Rächung eines Meineides abgebe, »hat er um so viel desto mehr Ursache, ein gut Vertrauen auf sein Kriegs-Glück zu setzen, als er weiß, daß Gott ... auf sonderbahre Art vor ihm mitinteressiret ist«. Doch löst Glafey diese theologische Aussage anschließend gleichsam ins Psychologische auf, indem er betont, daß die Überzeugung, für eine gute Sache zu streiten, die Kampfmoral der Truppe stärkt (»die Faust auch bey dem geringsten FußKnecht dergestalt stärcket, und das Hertze aufrichtet, daß offt ein kleines Kriegs-Heer aus diesem Grunde ein weit grössers darnieder geworffen«). 66 Glafey, Recht der Vernunfft, Buch VI, Kapitel II (S. 58f.). 67 Ebda., S. 59.

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weder Zwang noch Gewalt«.68 Doch behandelt Loën sein Thema an sich noch ganz traditionell, er fragt sich, »ob, wann, und wie uns Christen, als Christen, erlaubt sey, Kriege zu führen«, antwortet darauf im Sinne der scholastischen Lehre vom kleineren Übel, fordert dabei strenge moralische Prüfung: »Ein Krieg muß gerecht seyn«.69 Daß er den Krieg sogar noch als »Strafe GOttes« apostrophiert, haben wir weiter oben schon gesehen.70 Die alten Legitimations- und Deutungsmuster waren beharrlich. Auf Relikte stoßen wir auch in den politologischen Pionierwerken der Jahrzehnte um und nach 1600, wiewohl diese doch eigentlich der Theologie ein Terrain politischer Eigengesetzlichkeit abrangen, einen Bezirk absteckten, in dem Politik ihren eigenen Sachzwängen gehorchen durfte; und wiewohl die Bellumiustum-Doktrin schon für den Ahnherrn der ganzen Denkrichtung, Niccolò Machiavelli, keine Rolle mehr gespielt hatte.71 Die alten Versatzstücke wurden dennoch weitertradiert, häppchenweise, und in eigentümlicher Koppelung mit Klugheitsmaßregeln. Christoph Besold, ein typischer, auch qualitativ einigermaßen repräsentativer Vielschreiber dieser Jahrzehnte, argumentiert in seiner »Dissertatio Politico-Juridica« über außenpolitische Bündnisse an sich ganz untheologisch, doch finden wir dann beispielsweise diesen Ratschlag: »Politici tradunt«, daß man bei benachbarten Kriegen besser einer Seite als keiner beispringe, bei gleicher Macht »meliori«, sonst dem Stärkeren.72 Wenn Kalkül und Klugheit einen Spielraum offenlassen, darf Ethik orientierend einspringen, doch verbürgt selbst das keine Bibelstelle, sondern politisches Erfahrungswissen. Wir finden den zitierten Ratschlag übrigens so und ähnlich häufig73, doch sind manche Nuancen aufschlußreich. Wem ist im Krieg beizuspringen?, fragt 1661 die 68 69 70 71

Loën, Gerechtigkeit des Krieges, S. 358 bzw. S. 361. Ebda., S. 348 bzw. S. 355. Vgl. oben S. 99 mit Anm. 291. Vgl. zusammenfassend Diesner, Renaissance-Humanismus, S. 84; für Machiavelli gab es eben nun einmal Kriege (die er überdies für volkspädagogisch wertvoll hielt), man mußte sich zu und vor allem in ihnen klug verhalten, wobei Machiavelli, so Diesner, »taktische Fragen insgesamt mehr als strategische« interessierten. 72 »Si potentiâ sint pares, meliori; si dispares, potentiores nos accedere debere«: Christoph Besold, Dissertatio Politico-Juridica, de Foederum Jure ..., Straßburg 1622, S. 92. – Zusammenfassende Würdigung des Œuvres: Axel Gotthard, Christoph Besold, demnächst im ersten Band eines »Who ’s who in the Habsburg Empire 1526–1848«. 73 Ein früher Beleg ist dieser: Wenn Krieg zwischen zwei benachbarten Fürsten ausbricht, muß man einem von beiden beispringen, und zwar »si pares potentiâ, meliori; si dispares, potiori« – Philipp Heinrich Hoenonius, Disputatio XIII. De confoederatione rerumpublicarum, in: ders., Disputationum politicarum liber unus; ich benützte die 3. Aufl. Herborn 1615, hier S. 583. Im Bürgerkrieg gilt: »Si causa alterutrius partis in bello civili bona sit, debet se adjungere vir illustris et clarus bonae parti« (ders., Disputatio politica VII. De administratione bellicâ, ebda., S. 382). – Ein später Beleg: Man muß im Krieg, vor der Frage etwaiger Bündnisse stehend, stets »exacte et accurate« seine »rationem status« analysieren, »in dubio autem,

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»Dissertatio politica« eines Heinrich Schemel. Prinzipiell dem Stärkeren: davon ist der Autor überzeugt, denn es ist nicht ratsam, sich zum Anwalt einer unterlegenen Sache zu machen. »Alii« indes behaupteten, so referiert der fleißige Doktorand der Vollständigkeit halber mit merklicher Distanz, es sei demjenigen zu helfen, »qui justâ causâ suffultus est«, weil das – nein, nicht etwa Bibelstellen bezeugten, sondern weil es »ex juris civilis tenore« folge und »ratione vinculi societatis humanae« angezeigt sei. Generell sind für diese Dissertation Kräfteverhältnisse viel zentraler als gelegentliche Anklänge an die Bellum-iustum-Doktrin. Ist einem besonders mächtigen Staatswesen zu assistieren, wenn »justa est causa«? Unser Doktorand findet: nein! Denn es ist dann ja zu befürchten, daß der Starke noch stärker wird, was das Gleichgewicht der Kräfte aus den Angeln höbe – dieser Gesichtspunkt schlägt die traditionelle Iustitia allemal aus dem Feld. Kalkül siegt über ethische Norm, Wägen über Bewerten. Übrigens charakterisiert der Autor in seinem illusionslosen Werk den Geist einer neuen Herrschergeneration nach den hitzigen Konfessionskriegen beiläufig so: »Illi ... qui populis frenandis tantìum, non etiam sibi leges scriptas esse existimant, pro regulâ habent, quamvis ratione augeri Status posse«.74 Der Verfasser einer zwölf Jahre später vorgelegten Dissertation nimmt das Gerechtigkeitskriterium noch merklich ernster, eine offenkundig ungerechte Sache dürfe man nicht unterstützen, mahnt er, noch nicht einmal, wenn sich ihre Anwälte auf Bündnisverpflichtungen versteiften.75 Genauso interessant ist, wie er den Mainstream seiner Zeit einschätzt: »Sin autem moribus Seculi hujus rei arbitrium committatur, sine dubio omnem calculum pro utilitate ponent. Hujus enim genius ... Justitiam stultitiae nomine infamat: vel ... sciens vidensque aequitatem, nihilominus exclamat: Vincat Utilitas!«76 2.1.3 Gab es einen Resakralisierungsschub? Wenn ich die Entschärfung der Gerechtigkeitsfrage als Indikator für fortschreitende Säkularisierung interpretiere, lasse ich mich auf ein gefährliches Wort ein. Säkularisierung: das steht für die Entzauberung der Welt durch Aufklärung – et si potentia pares erunt, tutius et consultius esse videtur, eius accedere partibus, qui meliorem caussam [sic] ... habet«: [Anonym], Praefatio, in: ders. (Hg.), Dilvcidationes Jvris publici de nevtralitate provti illa inter gentes liberas atque inprimis inter ordines S. R. Imp. vsitata est ..., Jena 1747, fol. a3f. 74 Schemel, Dissertatio politica, die Zitate: S. 47–49 und S. 51. 75 Vgl. Voßenhölen, Dissertatio inauguralis, S. 30. 76 Ebda., S. 18f. Voßenhölen schlägt terminologisch schon den Bogen von der zu seiner Zeit noch epidemisch beschworenen »Staatsräson« zum typisch aufklärerischen Utilitarismus. Ebda., S. 19: »Hoc utilitatis commentum ... intra palatia et curias Imperantium receptum, sub decoro et magnifico titulo Rationis status circumfertur et exponitur«.

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doch sind all diejenigen, die das Wort gewohnheitsmä­ßig daherplappern, über seine Bedeutung aufgeklärt? Lassen sie sich von seinem (noch immer) guten Klang verzaubern?77 Ich habe zwei Warnschilder schließlich denn doch Blech sein lassen und muß nun wenigstens nachweisen, daß ich sie schon gesehen habe. Zum einen droht die Säkularisierung, dieser Proteus mit reichlich verschlungener Wortgeschichte, seit geraumer Zeit zum Catch-all-Begriff auszuufern und damit für seriöse Forschung unbrauchbar zu werden. Und es ist die Verlaufskurve dessen, was damit gemeint sein könnte, von unzäh­ligen findigen Konstrukteuren und braven Rekonstrukteuren jedes­mal wieder ganz anders abgesteckt worden. »Säkularisierung«: das ist schon im 19. Säkulum und besonders an seinem Fin de siècle zum Modewort kulturpessimistischer Zeitkritik und Zivilisationsanalyse avanciert, und davon zu raunen, blieb seit­dem ziemlich stabil en vogue, vielleicht gerade, weil dieses Menetekel des Kulturverfalls, diese Kampfparole des Fortschritts, diese Wasser­scheide zwischen progressiv und reaktionär oder, neuerdings, zwi­schen politisch korrekten und »fundamentalistischen« Zivilisationen so vieldeutig schillert. Der geschichtsphilosophische, kulturdiagnosti­sche und zivilisationskritische Prozeßbegriff ist anscheinend fast ubiquitär ein­setzbar, soll ihn die Wissenschaftssprache genau deshalb preisgeben? Die Klage über den dif­fusen Begriffsinhalt gehört zu den Topoi aller neueren Auslassungen zum Thema. Man zeigt Problembewußtsein, und nachdem diese Pflichtübung absolviert ist, kann man putzmunter mit dem soeben noch als prekär und abgegriffen diffamierten Begriff operieren. Pflicht ist Pflicht, wie hätte ich mich ihr entziehen können! Gesehen habe ich die Warnschilder schon. Aber als Frühneuzeitler weiß ich ja, wovon ich rede. Im Spannungsfeld zwischen »nicht mehr« und »noch nicht«, das die europäische Frühneuzeit so – ja, meines Erachtens eben konkurrenzlos spannend macht, ist die Säkularisierung aller Lebensbereiche außer der sich just dabei herausschälenden Privatsphäre ein besonders faszinierender Prozeß. Nicht allen aufregenden Fragen an den Longue-duréeTrend der Säkulari­sierung müssen wir in diesem Rahmen nachgehen. Prägt der so eti­kettierte Prozeß vornehmlich, sogar speziell das einst christliche Abendland (und falls ja: wegen der jüdisch-christlichen Schöp­fungs­theologie oder wegen der spezifisch abendländischen »Aufklä­rung«?), oder handelt es sich um eine universalhistorische und transkulturelle Kategorie? Erfaßt der Prozeß demnach notwendigerweise und überall – oder aber eben nur im einst christlichen Abendland alle Lebens­bereiche außer dem privater Kontingenzbewältigung? Welchen Reim haben wir uns auf die USA zu machen? Bekanntlich wurde im ver­meintlich »mo­dern­sten« Land der Erde ein konfessionsneutraler Rechtsstaat er­richtet, ohne daß der soziale 77 So fragte ich schon einmal an anderer Stelle: Gotthard, Religionsfrieden, S. 501ff. Nicht meine dortigen Ausführungen, aber einige Gedankenschnipsel daraus will ich hier wiederholen.

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Alltag oder auch die politi­sche Kultur säkulari­siert worden wären. Ist jene Emanzipation vieler Lebenssegmente von religiösen Vorschriften und Zielvorgaben, die mit der Aus­differenzie­rung der bipolaren Universalität der mittelalterli­chen Chri­stianitas eingesetzt haben mag, ein linearer, kontinuierli­cher und irreversibler Prozeß? Die letzte Frage führt schon mitten in das Thema dieser Studie hinein. 2.1.3.1 Die »idea that God commands certain wars« Unterlag die – gelehrte, publizistische78 – Entwicklung des Kriegsbegriffs um und nach 1600 einer theologischen Wiederaufladung79, erfuhr sie gar einen Resakralisierungsschub? Von James Turner Johnson erfahren wir, leider beiläufig80, daß sich bei verschiedenen englischen, aber auch französischen81 Autoren des Konfessionellen Zeitalters eine Akzentverlagerung vom erlaubten, da gerechten zum gottgewollten Krieg beobachten läßt, zur »idea that God commands certain wars«.82 Das 78 Auf die politische Praxis blickt konzentriert erst Kapitel A.2.2. Auf den Vernichtungswillen, der aus vielen Pamphleten des Konfessionellen Zeitalters spricht, werden wir dort nicht stoßen. Die Hofburg versuchte 1629, der Germania sacra bedeutende Terraingewinne zu bescheren, nicht aber lutherische Frömmigkeit auf Reichsboden auszurotten. Erst recht prägten jene Spätphase des Dreißigjährigen Krieges, über die wir seit geraumer Zeit endlich besser Bescheid wissen (für unsere Zusammenhänge sind besonders die Monographien von Anja V. Hartmann, Anuschka Tischer, Jenny Öhman und Michael Rohrschneider wertvoll), keine konfessionell aufgeladenen Vernichtungsphantasien. 79 Warum Wiederaufladung? Die Entschärfung der Gerechtigkeitsfrage im Völkerrechtsdiskurs hatte schon vor 1600 eingesetzt, wie wir soeben sahen (Bellum iustum ex utraque parte; die thomistische Trias beginnt auf das Souveränitätskriterium einzuschrumpfen). Sodann haben einige Philologen, von deren Arbeiten schon Kapitel 1.2.3 profitierte, konstatiert, der Kriegsdiskurs politiknaher Literatursegmente sei am Beginn der Neuzeit ganz säkular, wir stießen dort kaum mehr auf »religiöse Argumentation« (vgl. auch unten Anm. 86). Natürlich muß ich gestehen, daß Völkerrechtsdarstellungen einerseits, Chronistik und »Ereignisdichtung« (Sonja Kerth) andererseits recht disparate Textsorten sind und zusammengenommen keinesfalls »den« Kriegsdiskurs »des« 16. Jahrhunderts repräsentieren können. Gleichsam flächendeckend ist er einfach noch nicht untersucht. 80 Der Autor interessiert sich generell mehr fürs Ius in bello als fürs Ius ad bellum, und hinsichtlich des letzteren führt er hauptsächlich den Nachweis, daß die »maintenance of religion« bei zahlreichen Autoren des Jahrhunderts nach 1560 als Iusta causa firmiere. Das forciert meines Erachtens nur, was der mittelalterlichen Bellum-iustum-Doktrin ohnehin inhärent gewesen ist: Natürlich erachtete Thomas von Aquin die Bedrängnis der Kirche, des wahren Glaubens als gerechten Kriegsgrund. – Vgl. James Turner Johnson, Ideology, Reason, and the Limitation of War. Religious and Secular Concepts 1200–1740, Princeton 1975, insbesondere S. 81–131. 81 Hier war es indes, salopp formuliert, nie der intellektuelle Mainstream. Zur französischen Publizistik im 17. Jahrhundert liegt jetzt eine viel ausführlichere Analyse aus der Feder von Alexandre Y. Haran vor: siehe unten S. 212 mit Anm. 400. 82 So Turner Johnsons Zusammenfassung: ebda., S. 104. Er zitiert immer wieder aus Traktaten dieser Jahrzehnte (William Gouge: Es gibt Kriege, deren Gerechtigkeit offensichtlich ist, weil sie »the best warrant that could be, Gods command« haben; Kriege »against Anti-Christ are

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ist eine bemerkenswerte Akzentverschiebung, denn die meisten mittelalterlichen Kanonisten, das Decretum Gratianum oder auch Thomas von Aquin waren von der Frage ausgegangen, ob Kriegführen unter allen Umständen Sünde oder doch unter bestimmten Voraussetzungen, trotz des Gebots der Nächstenliebe, erlaubt (!) sei. Für manche englische Autoren des frühen 17. Jahrhunderts gab es indes keine unzulässigen oder eventuell erlaubten, gab es verbotene oder gebotene Kriege. Die Auctoritas principis wich der Autorität des Allerhöchsten. Alexander Leightons »Speculum Belli Sacri« beschwor 1624 Offensivkriege, die »groundet upon the absolute command of God« seien, »for the revenging him upon his enemies«. 83 Aus den ersten Jahren des Bürgerkriegs förderte Dieter Janssen jüngst vergleichbare Befunde zutage, zusammenfassend konstatiert er eine »Rhetorik des Heiligen Krieges«.84 »God was the interventionist God of the Old Testament«, fiel Derek Hirst auf.85 Auch, wenn wir bei Hirst nachlesen können, daß »many Catholics equally believed in an apocalyptic struggle«, bietet er doch vor allem Beobachtungen zum puritanischen Kriegsbegriff, Turner Johnson wie Janssen zitieren ebenfalls zumeist aus Pamphleten puritanischer Autoren. Ob es auch daran liegt, daß eifrige Puritaner, überhaupt alle, die dem royalistischen Lager dezidiert fernstanden, nicht nur fest an die Autorität ihres göttlichen Kriegsherrn glaubten (was wir ihnen nicht leichtfertig absprechen sollten), sondern sie auch bitter nötig hatten? Die Auctoritas principis lag auf der Waagschale der Royalisten. Gewiß, man konnte dem König Machtmißbrauch vorwerfen, die angeblich unzulässige Einschränkung verbriefter Ständerechte, durchschlagender war es, wenn man ihn als Verräter am wahren Glauben und leibhaftigen Antichristen denunzierte: Denn ein notwendiger, von commanded« von Gott: ebda., S. 215), ich glaubte mir deshalb eine gleichsam flächendeckende Lektüre englischer Flugschriften etc. ersparen zu können. Auf Einzelfunde weise ich aber im Folgenden noch wiederholt hin. 83 Leighton, Speculum Belli Sacri, S. 6. »The sword may not be stretched out to bloud without a call«, ohne göttlichen Auftrag: so Thomas Barnes, Vox Belli, or An Alarme to Warre, London 1626, S. 9. 84 Dieter Janssen, Kriege, S. 119. Hinsichtlich der Breitenwirkung ist der Autor allerdings skeptisch, »lediglich in der Propaganda und in den Schriften eingefleischter religiöser Fanatiker finden sich solche Ideen«, »für eine längerfristige Wirkung« seien »nur gewisse Kreise empfänglich« gewesen, »insbesondere Puritaner und andere religiöse Eiferer beschrieben die Kämpfe in den Begriffen eines endzeitlichen Ringens«: ebda., S. 123f. Immerhin, eine von Janssen ausführlich paraphrasierte Predigt vom Oktober 1645 stachelte die Zuhörer ›erfolgreich‹ zu einem wahren Blutrausch mit bestialischen Folgen an (vgl. ebda., S. 112)! 85 Vgl. Derek Hirst, Authority and Conflict. England 1603–1658, London/Victoria 1986, S. 74. Hirst bietet überhaupt passim einige interessante Beobachtungen nicht nur zur Intensität der Naherwartung in puritanischen Kreisen, sondern auch zu ihrem Kriegsbegriff. »The identification of England with Israel, and of its enemies with God’s enemies, was encouraged by the general fondness for the providential histories of the Old Testament, for those histories told of God’s doings with his chosen people« (ebda., S. 73, hier auch das folgende Zitat).

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Gott geheißener und gelenkter Krieg weckte mehr Begeisterung als ein allenfalls erlaubter. Religiöser Enthusiasmus mußte das staatsrechtliche Legitimationsdefizit kompensieren und konnte es wohl zu Zeiten sogar mehr als wettmachen. Arbeiteten auch in Mitteleuropa vor allem protestantische Autoren emsig daran, das nun einmal katholische Reichsoberhaupt als Feind teutscher Libertät, vor allem aber Marionette einer römisch-spanisch-jesuitischen Weltverschwörung im Dienste der finalen Austilgung evangelischer Wahrheit zu brandmarken? Falls das von Fehden und Kriegszügen gekennzeichnete Jahrzehnt vor dem Passauer Vertrag (1552) eine konfessionelle Aufladung der Diskurse über Krieg und Frieden gesehen haben sollte – aber das können wir vorerst nur vermuten, wir wissen zu wenig darüber –, dann wohl tatsächlich vor allem evangelischer Autoren wegen. Von philologischer Seite kann Sonja Kerth entsprechende Beobachtungen beisteuern. Spielte in den von ihr untersuchten »städtisch-adligen Ereignisdichtungen«, aber auch in Städtechroniken des ausgehenden Mittelalters »religiöse Argumentation ... eine eher untergeordnete Rolle«86, war »das konfessionelle Moment im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 von herausragender Bedeutung«.87 Evangelische »Ereignisdichtung« interpretiert, was Karl V. und kaisernahe Publizisten als Landfriedensexekution deklarierten, als Glaubenskrieg, mal sind Rom und »die pfaffen« schuld, mal ist es der fanatisch katholische Kaiser.88 Sein albertinischer Verbündeter Moritz firmiert in den Flugschriften dieser Monate, wie Gabriele Haug-Moritz zeigt, mal als »Judas«, mal als »miles christianus« – »öffentlich kommuniziert wurde der Krieg als der in der Apokalypse angekündigte Endkampf zwischen den Anhängern Gottes und denen des Antichristen«.89 Einzelne90 den Schmalkaldischen Krieg flan86 Wenn Kriege und Schlachten thematisiert würden, sei die Argumentation »auffallend rechtlich« orientiert, »das ›weltlich recht‹ spielt die wichtigste Rolle in der Argumentation der politischen Ereignisdichtungen«: Kerth, Landsfrid, S. 30f. 87 Ebda., S. 189. Der Schmalkaldische Krieg steht so ziemlich am Ende des Untersuchungszeitraums Sonja Kerths und ihrer philologischen Mitstreiter, deren Interessenschwerpunkt eindeutig im ausgehenden Mittelalter lag. Auskünfte über das Konfessionelle Zeitalter finden wir also keine mehr. 88 Vgl. die Beispiele bei Kerth, Landsfrid, S. 192ff. passim. 89 Gabriele Haug-Moritz, Judas und Gotteskrieger. Kurfürst Moritz, die Kriege im Reich der Reformationszeit und die »neuen« Medien, in: Karlheinz Blaschke (Hg.), Moritz von Sachsen – Ein Fürst der Reformationszeit zwischen Territorium und Reich, Leipzig 2007, S. 240. Allerdings schränkt die Autorin ein, auf »die Öffentlichkeit der Herrschaftsträger« zielende Flugschriften seien weniger eschatologisch durchtränkt gewesen, hätten vielmehr »das politische Fehlverhalten des Kaisers als Kriegsursache in den Vordergrund« gerückt (ebda.). Es fehlt im Konfessionellen Zeitalter nicht an Flugschriften (und sogar lateinischen Traktaten), die anspruchsvoll argumentieren, sichtlich die Eliten im Visier haben, und trotzdem zum Endkampf zwischen Licht und Finsternis blasen; für die 1540er Jahre muß ich ihrer Kennerin, Gabriele Haug-Moritz, den abweichenden Befund glauben. 90 Quantifizieren kann ich es nicht, weil ich Flugschriften dieser Jahre nicht systematisch gesichtet habe. [Anonym] (Hg.), Abtruck der verwarungsschrifft, der Chur vnd Fürsten, auch

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kierende Flugschriften kennen die Denkfigur »Gott befiehlt uns den bewaffneten Widerstand91 gegen Karl V.« durchaus. Von theologischer Seite hat jüngst Thomas Kaufmann die von Magdeburg ausgehende publizistische Kampagne gegen das Augsburger Interim (1548) und dann auch gegen die Belagerung der Stadt beleuchtet, sie blies zum Endkampf zwischen Licht und Finsternis: »Apokalyptische Deutungsmuster sind kein Motivgeflecht neben anderen, sondern sie bilden die basale Stimmatrix der mentalen Welt der Magdeburger.«92 Auf den Schmalkaldischen Krieg zurückblickend, deuteten diese Schriften als letzte »Prüfung« vor der einbrechenden Endzeit und als Strafgericht »über die ›lauen Christen‹«93, die Einordnung des eigenen Geschicks kennzeichnet eine »Identifikation des belagerten Magdeburg mit dem Ort der apokalyptischen Endschlacht, Harmagedon«.94 Das blieb episodal, ein Aufflackern: Der Augsburger Religionsfrieden wird dann ja tatsächlich eine Generation lang befrieden. Als sich seit den 1580er Jahren wieder militante Stimmen zu Wort melden, kommen sie zunächst vor allem von katholischer Seite – wir merkten das schon, als wir das Diskursfeld »Krieg und Frieden« von seinem anderen Pol aus beleuchteten, die Diffamierung des nur »äusseren« Friedens analysierten, und auch eine der feiner gestrickten Kampfschriften, die »Autonomia«, haben wir schon kennengelernt. Nicht alle Autoren verschlüsselten ihre Schlachtrufe so raffiniert wie der »Freisteller«, manche wollten, wenn sie ihre »deliberationes de haeresibus extirpandis«95 zirkelten,

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Grauen, Herren, Stette vnnd Stende der Augspurgischen Confession Ainungsverwandten ... an Kaiserliche Maiestat aussgangen ..., Augsburg 1546 (die sicher offiziöse Veröffentlichung eines Briefes, dessen Annahme Karl V. am 14. August 1546 verweigert hatte) beschwört die Pflicht, jetzt »umb Gottes vnd seines heiligen worts Ehre und Glori« zu kämpfen. In [anonym], DEr Allermechtigste vnnd vnüberwindlichste Kayser, vermant seine gelobte vnnd geschworne Hauptleut, das sy auffs fürderlichst, on alle hindernuss gerüst vnd auff seyen, Maihingen [1546] ist der titelgebende »Kayser« nicht etwa Karl V., sondern Gott selbst, der das Aufgebot seiner Gottesstreiter jetzt gegen die Teufelsrotte ziehen läßt. Darf ich solche den ›inneren‹ Widerstand thematisierende Schriften meiner dem ›außenpolitischen‹ Thema des Krieges gewidmeten Studie einreihen? Die recht zahlreiche Historiker, die die europäischen Widerstandsdiskurse des 16. und frühen 17. Jahrhunderts beleuchten, sind an um »Krieg und Frieden«, Neutralität oder Völkerrecht kreisenden Fragen wenig interessiert, die raren Völkerrechtsgeschichten nehmen vom Widerstandsdiskurs keine Kenntnis. Moderne Fragerichtungen gaukeln eine Dichotomie vor, wo die Grenzen tatsächlich fließend waren, jedenfalls in Mitteleuropa, und hinsichtlich der vormodernen »neutralitet« sowieso. Ich gehe in Kapitel C.2.1.2 noch etwas näher darauf ein. Thomas Kaufmann, Das Ende der Reformation. Magdeburgs »Herrgotts Kanzlei« (1548– 1551/2), Tübingen 2003, S. 437. Ebda., S. 484. Ebda., S. 436. »Deliberatio de haeresibus extirpandis« ist das größte Kapitel dieser Arbeit überschrieben: Johann Paul Windeck, Prognosticon fvtvri statvs ecclesiae ... Item, christi­ana deliberatio, de ... quibus Remediis, a Catholicorum prouincijs Sectae omnes ar­ceri, aut vbi nidificarunt, funditus euelli queant, Köln 1603.

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durchaus beim Wort genommen, für ihre Militanz haftbar gemacht werden. Für einen aufrichtigen Katholiken galt »In Summa. Daß man mit den Ketzern kein friden, weder zeitlichen noch ewigen, es er­heisch dann die tringende Noth vnnd daß es geschehe vmb vrsach willen ärgers zuuerhieten könne eingehen ... auch könne kein Eydspflicht solchen Friden gut oder gerecht machen, sonder man sey ein weg wie den andern schuldig ein Wiederruff zu thun, vnd die Ket­zer, wie es die gelegenheit gibt zu der warheit zu zwingen vnd die Halß­starrige zu vertreiben.« Wer »anderst von diser Sach« redete, war »kein rechter Christ, sonder nur ein Schatten von einem Christen«.96 Denn es war unbedingte, nicht ungestraft wieder und wieder aufschiebbare Christenpflicht, alle »Ket­zer ... mit dem weltlichen Schwert außzurotten« und »mit Krieg ... zur Warheit [zu] nöttigen«.97 Schon Jahre vor dem Ausbruch des großen deutschen Konfessionskriegs lieferten Schreibtischhelden ihre Kampfparolen.98 Die evangelische Seite registrierte das sehr aufmerksam. Evangelische Autoren warfen den Katholiken schon Jahre, ja, Jahrzehnte vor dem Fenstersturz vor, sie planten einen allumfassenden, religiös motivierten Vernichtungskrieg gegen die Ketzer. Ein Traktat »von der Jesuiter Blutdurstigen Practicken« wußte 1583, daß die Protestanten überall in Europa demnächst »außgerottet« werden sollten. »Jesuiter begern den Religion friden auffzuheben, vnd ein Blutbad im Teutschland anzurichten«, »blutgierig« war der Widerpart darauf aus, »das ein grewliche Metzge, vnnd Laniena99 im Teutschland, vnd andern Königreichen angerichtet« wurde. Daß sich evangelische Pamphlete (genauso Akten der Jahrzehnte um und

96 Matthias Mairhofer S.J., Deß newlich auß gegangnen Predicantenspiegels Catholi­sche Schutzschrifft ..., Ingolstadt 1601, S. 357f. (Kursivsetzungen von mir; die das Zitat einleitende ›Notrechtsargumentation‹ spielt auf die scholastische Lehre vom geringeren Übel an). Ich er­ wähne noch aus demselben Kapitel diese ›Begründung‹ für nicht geschuldete Ver­tragstreue: »die Ketzer sonderlich die Predicanten seynd nicht besser als die Türcken« (S. 363); sodann diese Deutung des Gleichnisses vom Unkraut im Som­merweizen: »wie das Vnkraut wächst wenig oder vil, also muß mans außgeten [meint: jäten, ausreißen], vnd wirdt kein gewisse Zahl fürgeschrieben« (S. 380). 97 Das erheische das Kanonische Recht, sei aber genauso »in Jure ciuili, den Keyserlichen Satzungen, dem Gesetz der Natur« festgelegt: ebda., S. 213f. 98 »Convertamus ad Deum, et non deerit«: so rief der uns schon bekannte (vgl. oben S. 59f.) kurmainzische Rat Wilhelm Ferdinand von Efferen 1613 zu den Waffen. 99 Fleischbank! So eifert »Eusebius Philadelphus«: Practicken, Marginalie auf S. 11. Ähnlich formulierte eine Flugschrift 1610: »Die Je­suiter ... begehren die Sach dahin zu richten, daß eine grewli­che Metzge vnd Laniena in Teutschland vnnd andern Königreichen angerichtet, der Religionfriede auffgehaben, vnd der Stärckere den Schwächeren in Sack schieben soll« – so die unpag. Vorrede zu Christophorus Donawer, Erhebliche Vrsachen, Warumb er auff offentlicher Cantzel, in verketzerung vnd verdammung der genanten Calvinisten, sich nicht einlassen könne, Ndr. [des Traktats von 1610] o. O. 1659.

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nach 1600100) wieder und wieder die »Jesuiter« oder »Jesuwider« vornahmen, hat verschiedene Gründe: In der Tat waren sie ja Motoren der Gegenreformation, in der Tat war das Deutschlands Protestanten aufwühlende Thema »de fide haereticis servanda« bei Angehörigen dieses Ordens besonders beliebt. Aber das Feindbild war eben auch bequem ubiquitär verwendbar, weil es lagerintern konsensfähig war, anders etwa als offene publizistische Attacken aufs weltliche Oberhaupt des christlichen Abendlandes, den Kaiser. Die antijesuitische Polemik kam zusehends ohne eigentlich theologische Argumente aus, politisierte sich eminent, die Jesuiten mutierten hier zu einer internationalen terroristischen Vereinigung. Es »gelüstet[e]« militante Katholiken und alle Jesuiten danach, »daß der Frieden auffgehaben, vnd vnser liebes Vatterland in ein Blutbad gesetzt würde«101, mutmaßte eine Abhandlung 1596. Auf Schritt und Tritt begegnen wir solchen Vorwürfen seit dem Beginn der Vorkriegszeit im Frühjahr 1608, mit anderen Worten: in der letzten Dekade vor dem Fenstersturz. Die Jesuiten suchten »Krieg in Teutschland«, »auß blutdürstigem Gemüht«.102 Speziell die Calvinisten würden demnächst »außgerottet«, auf daß danach »leichtlich den Lutheranern der garauß gemacht« werden könne. 100 Es ist bezeichnend, daß sogar die Akten der notorisch wienhörigen Dresdner voll sind mit bitteren Anklagen gegen die »Jesuiter«: Es war ein Denkklischee, mit dem man sich an der Elbe kritische Fragen an die Adresse des Kaiserhofs ersparte, das Trugbild vom unparteiischen, den Reichsverband integrierenden Kaiser unbefleckt erhielt. Bewußt und pointiert hat man zwischen katholischen »Stenden, und Jesuitern einen großen unterschiedt gemacht«: Kurfürst Christian II. an seine Gesandten am Regensburger Reichstag, 1608, März 5 (Entw.), Hauptstaatsarchiv Dresden (im Folgenden: HStADr) Locat 10209 Vierdte Buch Reichstags­sachen 1608, fol. 355–360. Man war sich sicher, daß die »hefftige und hitzige auslendische Consilia« der Jesuiten auch Kaiser und katholischen Fürsten mit ihrem »deutschen gemuth« mißfielen (dass. am 24. Januar, Entw.: ebda., fol. 54–67). Gewiß, ›die Jesuiten‹ hatten »ihren respect mehr uff den Babst zu Rohm ... als uff des heiligen Römischen Reichs gelegenheit und zustandt«, hatten »in den benachbarten Königreichen nichts als iammer und elend angerichtet« (Instruktion Christians für Johann Gödelmann vom 7. Januar 1604, Or.: HStADr Locat 8238 Original Instructiones und befehliche an Herr Dr. Gödelmannen, unfol.), aber in der katholischen Liga hatte man ja nicht mit »Babst noch Jesuitern« zu tun, da waren »teuzsche Fürsten«, die seit 1555 »keinen Evangelischen Standt, ratione Religionis, beleidiget« hatten: Esaias von Brandenstein und Marx Gerstenberg an Christian II., 1610, Okt. 26 (Or.), HStADr Locat 8806 Sieb­zehende Buch Jülichische Sachen, fol. 237–240. 101 Polykarp Leyser, Vorrede an den Christlichen Leser, in: Elias Hasenmüller, Histo­ria Iesvitici Ordinis, Das ist: Gründtliche vnd außführliche Beschreibung deß Jesuitt­schen Ordens ..., ins Teutsche gebracht, Durch Melchiorem Leporinvm ..., Frankfurt 1596 (unpag.). 102 [Anonym], Wolmeinender, warhaffter Discurs, Marginalie auf S. 15. Es wird dann umständlich dargelegt, daß »dieses vorhabende Bellum« nicht iustum, honestum oder utile sei, ehe der Autor auf S. 104 zufrieden resümieren kann: Damit sei »in universum erwiesen unnd dargethan«, daß »dieses vorhabende Bellum, und Jesuitische Tyrannische verfolgung nullo jure, nulla honestate, nec pietate fundiert, sondern inhonestum, injustum et turpe«.

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Man wolle »beständigen Fried vnd Einigkeit« (dieser Pamphletist kannte die Ausführungen der sich gelehrt gebenden Traktate über »äußeren« und wahren »inneren Frieden«!) dadurch herstellen, daß alle Abweichler »in Krafft deß Tridentischen Concilii execution den Hals darstrecken, vnd jhr Leben lassen, vnd gätzlich [sic] mit jhren Religionen außgerottet« werden. Es gebe zu viele Stimmen, die derzeit dazu aufriefen, die Andersgläubigen »außzurotten« und »ein groß Blutbad in Teutschland anzurichten«. 103 Der Kolporteur »Etlicher Blutgieriger vnd Fewriger Räth und Anschläg« wußte 1615, daß »die Papisten« eine »starcke Regul« besäßen, »Nemlichen, daß keine Ketzerey hundert Jar bestehe, entweder vergehe sie in solcher zeit selbsten, oder werde mit dem Schwerdt außgerottet«. Da nun der Thesenanschlag nahezu hundert Jahre her sei, verfalle die Gegenseite in immer hektischere Aktivitäten, »vmb das Euangelium außzurotten«. Sie erkläre es ja »vnverschämpt« und ganz offen, daß sie der Religionsfrieden nicht mehr binde, daß man jetzt »mit Schwerdt vnd Fewr« vorgehen werde, kurz: es werde »ein schröcklich Blutbad« geben. Es sei »newlich von den Papistischen potentaten einhelliglich, starck vnd vest geschlossen worden, alle Euangelische Potentaten, Fürsten, vnd Hern, alle Religionsverwandte vnnd Euangelische Christen, inn der gantzen Christenheit, von allen vier Orten der Welt hero, mit Schwerdt vnd Fewr anzugreiffen, zuüberziehen, zuübersturtzen, zuvertilgen, außzurotten, zudämpffen, zuewürgen, vnd alle zumahl gäntzlichen vmbzubringen, daß auch kein Kind in Mutterleib, so von Ketzern herrühre vberbliebe.«104 Da wollten denn katholische Autoren nicht zurückstehen. Natürlich waren in Wahrheit an dem »antroenden Kriegßwesen« die Calvinisten schuld, wußte eine Flugschrift 1616. Sie planten »alles in mordt vnd brandt zu stecken«, indes war gewiß, daß sie den von langer Hand vorbereiteten »Krieg« nicht gewinnen konnten: denn es werde »Gott den Catholischen beystehen«. Beispielsweise diese Abhandlung kennt den Notwendigen und den Heiligen Krieg, wie ihn Turner Johnson in englischen Traktaten gefunden hat, durchaus: »Die Catholische werden vmb eine gerechte sach ... zu kriegen genötiget«, nämlich um »die Catholisch Religion im Reich zuerhalten« und das Kaisertum zu retten. »Sintemal solches, wie genugsam erwiesen, rechte nottbringende vrsachen zum krieg

103 [Anonym], Außführlicher Discvrs Und bedencken, eines Deutschen Catholischen Patrioten, an alle alte Catholische, Deutscher Nation ..., o. O. 1615. 104 Der Autor weiß sodann, daß man diesen »Anschlag« jüngst Khlesl eröffnet habe, der indes abriet: Karl V. sei mit einem ähnlichen Versuch einst gescheitert. Man müsse erst Uneinigkeit im evangelischen Lager säen (Kern der Wirkungsabsicht der Schrift!), einzelne schwache Glieder herausbrechen, so zuerst die evangelischen Reichsstädte ...: [anonym], Catholische Liga, oder Papistische Bündtnus vnd Entdeckung, Etlicher Blutgieriger vnd Fewriger Räth und Anschläg ..., o. O. 1615, die Zitate: S. 3f.

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seindt, Ergo werden die Catholische vnfehlbar Göttliche hülff vnndt beystandt haben«.105 Wir können festhalten: Schon vor den böhmischen Präliminarien zum großen deutschen Konfessionskrieg war der Glaubenskampf publizistisch präsent. Die schreibenden Eliten sahen in banger oder froher Erwartung dem apokalyptischen Ringen zwischen Licht und Finsternis entgegen und/oder unterstellten dem anderen Lager, in diesen Kategorien zu denken. Eine gewaltige, noch nicht einmal ansatzweise erforschte Springflut konfessioneller Polemik überspülte das Reich. Man müßte die Kampfpublizistik dieser Jahrzehnte unbedingt einmal als Literaturgattung mit ihren typischen Stilmitteln und diskursiven Strategien würdigen, hier konnte nur interessieren, daß die heute ausnahmslos vergessenen, damals offenbar vielgelesenen106 Autoren zwischen den Zeilen und manchmal nicht nur da zum gottgewollten finalen Vernichtungskrieg gegen die Häresie aufriefen und sich dabei göttlichen Beistands sicher waren. 2.1.3.2 Ein erster Siedepunkt konfessioneller Emphase: die Jahre um 1620 Daß sich die (in zeittypischer Verschränkung ständisch-libertär wie konfessionell motivierten) böhmischen Querelen aus konfessionspolitischen Gründen zum mitteleuropäischen Krieg ausweiteten, war den Zeitgenossen viel klarer als der modernen Forschung. Sogar jene in Dresden maßgeblichen Kreise, die das, zur fortgesetzten Verwunderung der politischen Mitspieler107, angestrengt anders beurteilten, sahen sich genötigt, in einer offiziösen Schrift seitenlang nachzuweisen, daß man mit keinem neuen »Maccabeer Krieg« konfrontiert sei, wiewohl – und dieser Zusatz ist besonders interessant – diese Gleichsetzung derzeit ja »fast für vnwieder­leglich gehalten« werde.108 Ein Konfessionskrieg also – daß dieser dreißig Jahre währen würde, konnte man um 1620 nicht wissen, doch fehlte es 105 [Anonym], Lermen Blasen, die Zitate: fol. Aij bzw. fol. M. 106 Für die unmittelbar am Augsburger Religionsfrieden anknüpfende Publizistik, also mit einem engeren Fokus, zeige ich an anderer Stelle, wie sich sogar die politischen Entscheidungsträger von solchen Kampfschriften beeindrucken ließen: Gotthard, Religionsfrieden, S. 608–613. 107 »Die Sachsischen sunt saxei, non admittunt ratio­nes«: Für die Unionspolitiker war jene kursächsische Reichspolitik, die heute auf den ersten Blick ›moderner‹ anmutet als die unierte, ganz unbegreiflich, irrational, bestenfalls hoffnungslos veraltet (weil ›vorkonfessionell‹). Vgl. Axel Gotthard, »Politice seint wir Bäpstisch«. Kursachsen und der deutsche Protestantis­mus im frü­hen 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für historische Forschung 20 (1993), S. 275–319. 108 [Anonym], Deutliche vnd gründliche Außführung dreyer jetzo hochnötiger vnd gantz wichtiger Fragen ..., o. O. 1620, S. 17ff. Vgl. zu dieser Flugschrift unten S. 313ff.

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weder in Ratsstuben109 noch in der Publizistik110 an Unkenrufen, die einen quälend langen Glaubenskampf prophezeiten. Ein Pamphlet von 1620 formuliert es so: Es sei ja der »disputat wegen der Religion ... jtzt leyder das principium belli«, und »es möchte ein continuirlicher langer, gestalt deß Niderländischen Kriegs darauß werden«.111 Die schon in den Vorkriegsjahren anwachsende publizistische Militanz legte sich nicht ausgerechnet jetzt wieder, da der deutsche Konfessionskrieg anhub. Fünf Jahre, ehe in England Alexander Leighton sein »Speculum Belli Sacri: or the Looking Glasse of the Holy War« veröffentlichte, titelte der rührige deutschitalienische Publizist Kaspar Schoppe, der seine lateinischen Traktate als »Scioppius« schrieb: »Classicum belli sacri«.112 Das Elaborat suchte dem Kaiser mit einem Schwall insbesondere alttestamentarischer Verdammungsurteile über Laue und Gottlose einzubleuen, daß er (so die aktuelle Nutzanwendung) schleunigst die Ketzerei in Europa mit Feuer und Schwert113 auszurotten habe. Neben der Marginalie »Aduersus Principes religionem mutantes, quid Deus facere iubeat« 109 Man kann die zunächst komplett fehlende (vgl. unten Kapitel B!), dann aber doch rasch anwachsende Einsicht in die Dimension der vom Fenstersturz ausgelösten Ereigniskette gut in den Stuttgarter Beratungsprotokollen verfolgen. Schon am 28. Mai 1619 unkte Vizekanzler Sebastian Faber, der Streit in Böhmen werde »in diesem oder folgendem Jar nit ausgetragen« (Besprechungsprotokoll: HStASt A90A tom. 39, fol. 638–643). Ein Rätegutachten vom 4. Juni 1619 prognostiziert, es sei ein »langer Krieg« zu erwarten, er werde »vil jahrlang wehren« (ebda. tom. 22, fol. 241–257). Am 7. September 1619 warnte Hofrat Veit Breitschwert, es drohe ein »bellum civile« im ganzen Reich, drohten europaweite Kämpfe über viele Jahre hinweg, man wisse ja, wie lang schon um die niederländischen Nordprovinzen gerungen werde: ebd. tom. 25, fol. 85–92. Es ließen sich viele ähnliche Belege beisteuern. 110 [Anonym], Copie Vertrewlichen Schreibens Wentzeln von Meroschwa Behmen, an Johann Trauten Burgern zu Nürnberg ..., Darinn die beschaffenheit deß Kriegs inn Behmen, vnd was die Reichsstätt darunder in acht zunemen begriffen ..., angeblich Augsburg [Kenntnis der Unionsinterna legt einen nürnbergischen Autor näher] 1620, S. 21: »Meiner meinung nach wirdt es einen langwirigen Krieg abgeben«. »Hipilippanus Dinorus«, Der Evangelischen Chur- Fürsten, Stände vnd Reichsstätten Andere Schildtwacht ..., o. O. 1623, fol. B3: Es sieht so aus, »als ob immortale bellum, ein vnsterblicher krieg darauß werden wölle«. 111 »Jonas Hiebl von Dipperts«, Pfaffanalia, oder Bapst mit dem Degen ..., »Warpurg« 1620, unfol. 112 Zum Folgenden: Gasp. Scioppii ... Classicum belli sacri sive Heldus redivivvs hoc est: Ad Carolum V. Imperatorem Augustum svasoria De Christiani Caesaris erga Principes Ecclesiae rebelles officio ..., »Ticinum« [also Pavia] 1619. – Vgl. zum Altphilologen, Sprachwissenschaftler, Juristen (nicht aber katholischen Pamphletisten) Schoppe: Herbert Jaumann (Hg.), Kaspar Schoppe (1576–1649). Philologe im Dienste der Gegenreformation. Beiträge zur Gelehrtenkultur des europäischen Späthumanismus, Frankfurt 1998. 113 Ich will nur diese Marginalien zitieren: »Deus Hereticos sine misericordia ferro et igne tolli iubet« (S. 73; daneben: »cum eos Deus in manus tuas tradiderit, percuties eos vsque ad internecionem«). »Deus haereticos omnino iubet deleri«: S. 71 (Kursivsetzungen, auch im Folgenden, von mir).

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ruft Schoppe dem ideellen Oberhaupt des christlichen Abendlandes in Erinnerung – aber das ist nur ein fast beiliebig ausgewähltes Beispiel für die Machart der ganzen Hetzschrift –, daß Gott dereinst zu Moses gesagt habe: »Tolle cunctos Principes populi, et suspende eos contra Solem in patibulis«.114 Von Galgen war dieser Autor ohnedies wie besessen. Er wünschte nicht nur alle evangelischen Reichsfürsten dort baumeln zu sehen, auch jene lauen katholischen Ratgeber, die ihre Herren zu unchristlicher Milde anstifteten.115 Ganze Gemeinden, ganze Städte wollte Schoppe verbluten sehen, und er bestand darauf, daß dieses christliche Vernichtungswerk unverzüglich in Angriff genommen wurde. Neben der Marginalie »Aduersus ciuitates religionem mutantes quid suscipiendum« gab er dem Kaiser munter diesen Ratschlag: »STATIM percuties habitatores illius vrbis, in ore gladii, et delebis eam, omniaque quae in illa sunt, vsque ad pecora (etiam infantes, et pueros ...)«.116 »Witenbergam in tumulum dissipabis, ignèque succendes, Lutheranismus ... ex Germania exterminabitur«.117 Wer sich nicht dem Papst unterwarf, war von dessen Advokaten und weltlichem Arm, dem Kaiser, abwechselnd zu vertreiben, mit Krieg zu überziehen, in den Staub zu treten, auszurotten oder mindestens totzuschlagen. Diese Ausrottungskampagne war ein heiliger, weil heilsnotwendiger Krieg. Neben der Marginalie »Imperator ad bellum adversus haereticos se comparere debet« hält der fromme Autor als Quintessenz seiner Ausführungen das fest: »Caput autem omnis eiusmodi consultationis est, vt bellum non tuum, sed Dei esse cum animo tuo statuas, Deumque, causae suae nequaquam defuturum persuasissimum habeas, tametsi hostes, ac rebelles tui multum te viribus superent.« 118 Binnen kürzestem kursierten zahlreiche Auszüge, Papaphrasen, Kommentierungen in deutscher Sprache.119 Doch scheinen das böhmische Beben und die von dort ausgehenden, dann auch das Reich erschütternden Wellen vor allem evangelische Pamphletisten aufgerüttelt zu haben. Warum eigentlich? Auffällig ist, daß sich die Hofburg nicht bemüßigt sah, in die Niederungen der Pamphletistik hinabzusteigen. 120 Aus Wiener Sicht genügte offenbar der amtsgegebene Legitimitätsvorsprung. 114 Ebda., S. 12; vgl. noch, beispielsweise, S. 17, nach einer Auflistung mittelalterlicher Ketzervorschriften: »Sic igitur habes, Imperator, decretum Iudicis, ex quo interficere debes quancunque summo Sacerdoti non obedientem, idque statim«. 115 Vgl. beispielsweise ebda., S. 6: »Faxit Deus, vt aliquando sapiant, quibus ipse populorum curam commisit, et nationem istam Consiliariorum, qui mollibus sententijs Haereticorum sata turbis, et seditionibus ingenia alere solent, in maximam malam crucem faceßere iubeant.« 116 Ebda., S. 11f. 117 Ebda., S. 19. 118 Ebda., S. 32. 119 Vgl. unten S. 157f. 120 Wir werden das noch wiederholt merken, sahen es auch schon im Kontext des Schmalkaldischen Krieges.

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Seinetwegen ging die Hofburg nie gegen Ketzerei, stets gegen »Ungehorsam« und fehlende »Trew«121 vor. Offiziell bekämpfte Wien nicht etwa Häretiker, sondern Rebellen. Das enthebt die Geschichtswissenschaft nicht der Aufgabe, die intern maßgeblichen Motive herauszuarbeiten, an den Ligahöfen (deren Akten ich besser als die habsburgischen kenne) fand die Wiener Parole von der »Rebellion« geringe Resonanz122, dort ging es um konfessionspolitische Besitzstände, um Lesarten des Religionsfriedens. Aber nach außen hin konnte man sich, um die charismatischen Ressourcen des Kaisertums auszuschöpfen und die wienhörigen Dresdner nicht zu verschrecken, an die Wiener Rhetorik anlehnen – es ist plausibel, anzunehmen, daß das den heiligen Eifer katholischer Pamphletisten bremsen konnte. Dann gewann die katholisch-kaiserliche Seite eben seit 1620 eine Dekade lang die entscheidenden Schlachten – schien man publizistischen Rückenwind nicht so nötig zu haben? Andererseits wird der Siegeslauf Gustav Adolfs auf evangelischer Seite eine neue Springflut von Pamphleten auslösen. Am wichtigsten wird dieser Gesichtspunkt sein: Die allermeisten Flugschriften sind so offenkundig parteiisch, daß sie von vornherein nur die eigenen Parteigänger erreichen konnten. Sie waren im Visier123, sollten mobilisiert und zusammengeschweißt werden. Das aber war auf evangelischer Seite, wo sich Lutheraner und Calvinisten nicht nur sonntags gegenseitig perhorreszierten, Kursachsen überdies »politice Bäpstisch« agierte124, offenkundig besonders dringlich. Geringe legitimatorische Anstrengungen der Hofburg, geringe evangelische Geschlossenheit125 – beides dürfte sich schon seit 1583, als im Erzstift Köln spek121 Der Untreue-Vorwurf ist keinesfalls harmlos, ist nicht als moralischer Appell zu lesen, sondern hatte potentiell gravierende lehnrechtliche Konsequenzen! Das Reich war politisches System wie Lehnsverbund; wer sich »untreu« gebärdete, beging Felonie (meint: er verstieß gegen die vasallitischen Treuepflichten), womit er sein Fürstenlehen aufs Spiel setzte. Vgl. noch, unter Zuspitzung auf die Akzeptanz der »neutralitet«, unten Kapitel C.6.4. 122 Für die Jahre 1618 bis 1620 zeigt das ausführlich Kapitel B. – Mit der kriegslegitimatorischen Inkongruenz zwischen Hofburg und Ligahöfen ringt, freilich dissimulierend, der »Zweyfache SoldatenSpiegel« von 1629. Sein Autor war sich sicher, daß »vom wiedrigen Theile die Religion fürgeschützet« wurde (fol. B), während die Hofburg dieses Mißbrauchs religiöser Argumente nicht beschuldigt werden konnte, wenn sie den ihr geschuldeten Gehorsam reklamierte. Freilich »wird hie fürgewandt: Ob es gleich auff jhrer Mayt. Theil kein ReligionsKrieg were, so macheten doch andere Fürsten vnd Stände Bäpstischer Religion einen solchen drauß, massen dann die Liga bey dem Kayser vmbgetreten, vnd allerhand Thätligkeiten gegen die Evangelische verübet.« Der Autor streitet das nicht rundweg ab, »daß die Catholische Stände des Reichs für jhre Religion ein wachendes Auge haben ... geschieht nicht vnbillich« (fol. Bij), freilich verwende die Liga ja »jhr Volck nicht offensivè, sondern zu Beschützung jhrer ReligionsFreyheit«. 123 Vgl. schon oben S. 97 mit Anm. 278; ferner unten Anm. 336. 124 Vgl. Anm. 107. 125 Der Appell des Kölner Kurfürsten Gebhard an die Solidarität der Kurvereinsbrüder verfing nur in Heidelberg, bewirkte wenig in Berlin und gar nichts in Dresden. Der Mainzer und

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takulär und mit Waffengewalt um den Geistlichen Vorbehalt gestritten wurde, publizistisch ähnlich ausgewirkt haben wie nach 1618. Schon damals hatten vor allem evangelische Autoren zur Feder gegriffen. Übrigens konnten sie bisweilen126 durchaus auf Gottes Lenkung in der Schlacht rekurrieren: Da bewiesen »die Fewerzeichen so newlich am Himmel gestanden, so Zeichen des Zorns Gottes sein«, bewies aber eben auch der momentane Kriegsverlauf 127, »das der liebe Gott noch fest helt vber sein kleines Heufflein.« »Aber Gott hat seine Hand daselbst vber seine Christen wunderbarlich gehalten, vnd die, so diese grausame Feinde der warheit fürnemlich sucheten hinzurichten, oder auff die Fleischbanck zu opffern, gnedliglich beschirmet vnd durch seine Engel herauß geführt.«128 Erst recht stoßen wir in der Publizistik zum Dreißigjährigen Krieg auf den von Gott anbefohlenen und gelenkten Krieg. Aus dem Bellum iustum des rechtmäßigen Princeps wird das Bellum necessarium unter göttlicher Leitung – zumal in zahllosen Flugschriften der ersten Kriegshälfte, zumal (freilich nicht ausschließlich) in evangelischen Ausarbeitungen. Kaum waren in Prag zwei kaiserliche Statthalter in den Burggraben gefallen, schrieben Flugschriften von der Christenpflicht, den böhmischen Glaubensgenossen militärisch beizuspringen. Sich ihrer anzunehmen, war von Gott »befohlen«, »gebotten«, man hatte vom Heiligen Geist »ein scharpffen befelch« dazu, und von diesen Ordres dispensieren auch keine »Jesuitische« oder »Machiauellische vnnd andere Politische eynziehungen«, nicht »vor GOTT«. Der nämlich hatte ein evangelisches Kriegsbündnis »auffs schärpffeste, ja bey verlierung seiner Huld vnnd Gnaden gebotten«.129 »Bellum illud est non modo justum, sed etiam

der Trierer agierten entschieden als Erzbischöfe. 126 In der ausführlichen Monographie Schnurrs zur »Mediengeschichte des Kölner Kriegs« mit ihren vielen Zitaten spielt das Motiv fast keine Rolle. Freilich stellte sich die Autorin die Fragen der vorliegenden Studie nicht. Sie wollte die wenig erforschte Mediengeschichte des späten 16. Jahrhunderts schärfer konturieren, was ihr in vielen Hinsichten auch gelang. Ihre Fragestellungen waren durchgehend dezidiert mediengeschichtlich: soziologisches Profil der vermutbaren Autoren, Gattungsprofile, Entwicklungspotentiale im Rahmen einer Archäologie der modernen Zeitung. 127 Hier: die Einnahme von Deutz durch Gebhard Truchseß – [anonym], Newzeitung aus Cöllen. Warhafftiger vnnd gründtlicher Bericht, Wie ... der Hertzog Casimirus ist im fullen Anzügen vnd helt den Musterplatz zu Sigem ..., Köln 1583, fol. Aiij. 128 [Anonym], Neuwe, warhafftige Zeitung, Von dem erschröcklichen Zeychen, welchs Gott am Himmel hat lassen erscheinen vber die vngehewren Papistischen Kriegsleuthe ..., o. O. 1588, fol. Aij. 129 [Anonym], Traw, Schaw, Wem, S. 18 bzw. S. 20 bzw. S. 23. Gott wird seine Streiter dann auch nicht im Stich lassen, so der Schluß der Schrift (S. 30): »Gebt Gott die Ehr, trettet zusamen«, er wird die Seinigen nicht »lassen zu grund gehen«, wird sie »vor der vngestümmigkeit vnserer Widersacher erretten«.

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necessarium«, weiß ein etwa zeitgleich erschienenes Traktätlein.130 Offensivkriege sind für Christen verboten, konzediert »Iohan-Philippus Spindesius« – doch »die Religion mit dem Schwerdt zu defendiren vnd zuvertheydigen«: solch fromme Tat muß man als »necessariam ... approbiren«.131 Eine angeblich in Prag gedruckte Flugschrift rekapituliert seitenlang die alttestamentarischen Kriege, für die Jahwe paßgenau je besondere Kriegshelden erwählt, ja, die Jahwe selbst an der Spitze seines auserwählten Volkes bestritten habe, um so auf die böhmische Gegenwart zu applizieren: Es gebe nun einmal »gewisse Gründe oder vrsachen, warumb die Hohe Obrigkeit schuldig ist, inn diesem ReligionsKriege das jhre darbey zuthun, vnd sich mit finden lassen soll. Denn erstlich hat vns vnser HErr GOtt versprochen, daß er solchen Heiligen vnd rechtmessigen Kriegen selbst zugegen beywohnen wolle, damit alles wol gelinge ... die H. Schrifft nennet solche nothwendige Heerfahrten, bella Domini ... Vnd man wird GOtt versuchen, wenn man daheimen faulentzen wolte.«132 Dieser Krieg war nicht nur notwendig, dem Herrgott geschuldet, Jahwe selbst zog mit seinen Truppen. Eine »Böhmische Nebelkap« von 1619 rief so zu den Waffen: »Darumb auch müssen wir all vnser vertrawen, auff die krafft deß Allmechtigen Gottes setzen, vnd allein auß seinen Händen deß Siegs erwarten, vngezweiffelter Hoffnung er werde vns den Sieg geben, vnd er werde vor vns streiten, weiln wir vns vmb seines Namens Ehre vnd vnser Seelen Seeligkeit willen, vns in den Krieg begeben. Dann Gott ist allein der jenige, der die Feinde in die Hände seines Volcks vbergibt, Gott ists der da streitet, wir sampt allem was wir darzu bringen, mögen nur Instrument vnd Mittel seyn, dadurch Gott vnsere widerpart darnider wirfft«.133 Drei Jahre später beobachtete der Autor einer Flugschrift, daß die Katholiken einen »Heiligen Krieg« zu führen behaupteten134, tatsächlich waren sie wohl mit dem »Teuffel« im Bunde.135 Man kannte ja ihre »blutdurstige Art vnd Eygenschafft«, »aber der im Himmel wohnet, der lachet jhr, vnd der Herr spottet jhr.« Wenn die Katholiken »Klügest greiffen an, So geht doch Gott ein ander Bahn, Es steht in seinen Händen«, er wird »die

130 »Johan Huß redivivus genandt Martyr«, Böhmische Fridensfahrt (unfol.). Vgl. zum Pseudonym oben S. 70 Anm. 172. 131 »Iohan-Philippus Spindesius«, Teutscher Bruderfreundt, fol. Bij. 132 »Johan Huss redivivus, Martyr Constantiensis Constantissimus«, Spanischer Gelttrutz, Vnd Castilianischer Hochmuth ..., angeblich Prag 1620, fol. Biiij (Kursivsetzungen von mir). 133 »Johann Huß, genandt Martyr«, Böhmische Nebelkap, Oder Der Böhmen falschen vnd geferbten, vnnd dann weder Kalten noch warmen, wie auch jerer gewissen vnnd standthafftigen Freunden Merckzeichen ..., o. O. 1619, S. 16 (Kursivsetzung von mir). 134 »Diesen Heiligen Krieg, wie sie jhn nennen«: [anonym], Andere Schildtwacht, fol. B4. 135 »Gott der Herr« wird »helffen«, und wenn der Widerpart »den Teuffel selbsten zum Gehülffen« nehmen sollte – was dem Autor »gantz glaublich« ist: ebda.

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Römische Babylonische Purpurfarbne Hur«, wird »die plattirte vnd geschorne Rott« vernichten. Stimmt denn die Beobachtung des anonymen Autors, daß katholische Wortmeldungen von einem »Heiligen Krieg« sprächen? Berichte von dieser oder jener durch den »Himlischen Siegsfürsten Christo HEsu ertheilten, frewdenreichen Victori« konnten die Waffenerfolge der altgläubigen Truppen schon auf göttlichen Beistand, göttliche Intervention zurückführen. »Das Schwert, welches die Böhmischen auff vns gezucket, ist auß Göttlicher Prouidentz vnnd Vorsehung auff jre eigene Häupter eingeschliffen«. »Vnd auß disenn ist scheinbar136, daß die hohe Mayestat Gottes, vnser streitendes Volck ... nach dem Exempel Moyses ... vnd nach dem exempel Josue ... mit seinem Schildt der Vnüberwindligkeit bedecket hat.« Da wurden evangelische Belagerungsversuche »durch sondere schickung Gottes« vereitelt137, oder man legte einem gefangenommenen evangelischen Offizier die Einsicht in den Mund, »daß er sehe, GOtt vnd alle Elementa seyn im zuwider«.138 Evangelische Flugschriften konnten aber selbst im Medium der »Berichte«, »Zeitungen« und »Relationen« dicker auftragen, gern auch in ihnen angehängten »Predigten«. Allein die heutzutage wenig bekannte Eroberung Pilsens durch Ernst von Mansfeld im September 1618 hat (mindestens) zwei derartige Elaborate motiviert. Gott war der Mansfeldischen »Sonn vnd Schilt«, Pilsen wurde »auß sonderbarer schickung Gottes« erobert, konstatiert schon die »Gründliche Relation« über die militärischen Vorgänge. Die angehängte angebliche139 136 Meint: ersichtlich, offenkundig. [Anonym], Warhafftige Relation Der Glück vnd Frewdenreichen, vom Herrn Grafen Bucquoij ... den 12. dits Monats April, Anno 1620 durch Göttliche Krafft vnd Segen, bey Egenburg vnd Sitzendorff erhaltenen Victori, Augsburg 1620, die Zitate: fol. Aij bzw. fol. B. 137 So ›erklärt‹ [anonym], Aigentlicher vnd kurtzer Bericht, Was massen Herr Comte de Dompiro ... das zu Garsch Newgeworbene vnnd anders Manßfeltische Kriegsvolck ... in dem Marckt Garsch vberfallen ... vnd ein gute Beut bekommen ..., Augsburg 1620, fol. Aiiij die Rettung von Krems. Zunächst bemerkte ein dahinreitender Kremser »durch sondere schickung Gottes« (fol. Aiiij) einen Anschleichversuch evangelischer Truppen, dann wurde eine nächtliche Überrumpelungsaktion vereitelt, weil sich »durch sondere Schickung Gottes« (fol. B) ein Maurer noch nächtens an der richtigen Stelle der Stadtmauer aufhielt. »Sagen auch alle so zu gegen gewest, daß Gott der Allmächtig der Statt Augenscheinlich geholffen vnd sie auß der gefahr errett« (fol. B). 138 Ebda., fol. Aiij. 139 Es ist in solchen Fällen kaum je zu entscheiden, ob Ähnliches in Kurzform zuvor mündlich von einer Kanzel ertönt sein mag. So, wie uns diese oft sehr voluminösen »Predigten« gedruckt begegnen, sind sie für einen mündlichen Vortrag ungeeignet und viel zu lang. – [Anonym] (Hg.), Gründliche Relation Wie es bey Eroberung der Statt Pilsen in Böhmen ... vmbständlich zugangen ... Beneben einer Danckpredigt vnd Lobpsalm, So auff folgenden Sontag ... gehalten worden. Durch Johann Jacob Heylman, Manßfeldischen Feldprediger, Prag 1618, Ndr. Amberg 1619, die beiden seitherigen Zitate: S. 4 bzw. S. 24.

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»Danckpredigt« reiht das aktuelle Kampfgeschehen (wie so häufig in diesen Jahrzehnten) den alttestamentarischen Kriegen an, rückt es ferner (wie so häufig um 1620) in eine Kontinuitätslinie zu den Hussitenkriegen: Es ist Gott, »der höchste Kriegsfürst über sein allhie in dieser Welt streitendes Volck«, der nun Pilsen »in vnsere Hände gegeben« hat. Endlich mußte die Stadt für ihre Rolle in den Hussitenkriegen büßen, es »hat doch Gott den Tag ewrer heimsuchung nicht ausbleiben lassen«. »Mercket doch jhr Thoren, daß der HErr Gott ist, daß er übet Gewalt mit seinem Arm, vnd zerstrewet, die hoffärtig seynd in jhres hertzens Sinn ... O jhr vnverständigen Pilsner«. »Einen solchen Tag machte der HERR vnser Gott dem Volck Israel, da sie auß Egypten zogen«, er stand so David und zahlreichen anderen alttestamentarischen Kriegshelden bei, sein erneutes Eingreifen vor Pilsen zeigt und verheißt: »Der HERR wird streiten wider vnsere Feinde«.140 Der typologische Rückbezug bewies, welche Seite im Recht war, und weil der Rechtgläubige auf Gottes Beistand vertrauen durfte, ließ sich vergangenen göttlichen Interventionen die siegreiche Zukunft ablesen. Darf denn ein Christ überhaupt zu den Waffen greifen? Mit dieser Erwägung beginnt, scheinbar bedächtig, eine angeblich »Jn dem Christlichen Feldläger vor Pilsen« gehaltene »Heerpredigt«. Es erweist sich rasch als rhetorische Frage, denn: »Gott erweckt Krieges Helden«, »Sie führen des HERREN Krieg«, wie auch hier in ausführlicher Anschaulichkeit die Schlachten des Alten Testaments beweisen. Der brave Christ »erwöhlet jhn den Herren Zebaoth zu einem KriegsPatron der da Herr Zebaoth, ein Herr der Heerscharen, genennt ist«. »Vnser Patron hat Pharaonen ins Rohte Meer gestürtzet, vnser Patron ist dem Josua vor Jericho erschienen ... vnd ist jetzt ohn allen zweiffel mit außgezogen, mit vnserm Heer«. Wie können sich die Katholiken nur erdreisten, wider »GOtt den Obersten Feltherren« die Waffen zu erheben? Auch evangelische Zeloten konnten nun die unfromme Mäßigung der »Politici« geißeln (eine seit den 1580er Jahren in vielen katholischen Pamphleten begegnende ›innere‹ Frontlinie): »Allhier wollen die Politici ein glattes Reinicken fell verkauffen, vnd sagen: Mann soll so Blutdurstig nicht singen, geschweig beten«. Was solch verantwortungsloses Friedensgerede anrichtete, zeigte zuletzt der Ausgang des Schmalkaldischen Krieges, zeigte aber natürlich auch das ganze Alte Testament – »sein die Feind, wie die Egypter im rothen Meer erschrocken vnd verzagt, so ist frischer frölicher Sieg vor der Thür«. Auch an etwaige Gewissensnöte der Söldner denkt die »Heerpredigt«, um sie wie folgt zu zerstreuen: »Es vermeinet mancher, ob er auch sünd thut, so er in ein offenbaren, rechten billigen Krieg einen vmbbringe?« Nein, »Gott selbsten erlegt die Feind. Er hab sie durch dein Schwerdt nider geschlagen, Kompts zum stössen, disputir nicht lang, 140 Die Zitate: ebda., S. 25, S. 38, S. 35, S. 31.

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ob du recht oder vnrecht thust, Gedenck: Gottes Gnad vnnd segen, gute Pistoll vnd Degen.«141 Wenn schon alle möglichen Obristen zu Nachfolgern Mose oder Davids erklärt wurden, muß uns vielleicht nicht überraschen, daß die propfälzische Pamphletistik der ersten Kriegsjahre Friedrich von der Pfalz zur biblisch präfigurierten Heilsgestalt stilisieren konnte.142 Eine Abhandlung von 1620143 präsentiert ihn nicht nur als zweiten Moses, »neugebohrnen« Josua, zweiten »König David«, der pfälzische Griff nach Böhmen läutet hier den Endkampf der Johannes-Apokalypse ein. Interessanterweise begründet der Autor seine Nah­erwartung unter anderem damit, daß die Kurfürsten die tragenden Säulen144 der vierten Weltmonarchie seien, wobei ihre Siebenzahl »auch die sieben tage der Welt Anfang referire; weil aber Gott den siebenden Tag geruhet hat, ebenermassen bedeut die siebende Chur, den Sabbath«. Deshalb dürfe man »festiglich glauben, daß wenn die sieben Churfürsten in eine Vnordnung kommen vnd vertrent werden«, das Weltende »bald darauff erfolgen wird«, zumal ja »Bohemia die siebende Chur« sei.145 Johannes den Täufer typologisch überbietend, ebnet der Pfälzer Friedrich der Wiederkunft Christi die Bahn: Wie jener der einstigen Menschwerdung ein »Vorlauffer gewesen ist, also ist dieser vor deß Herrn Christi seiner andern zukunfft ein vorlauffer, welchem der Herr Christus ... dz eysern Scepter in seine hand geben wirt, wie der Königliche Prophet David sagt ... wie ein Töpffen soltu sie zerschmeissen ... Es ist auch der König, durch welchen Christus grosse schlachten thun wirt«.146 Friedrich wird sogar exemplarisch mit Christus gleichgesetzt, wichtiger als dieser fast schon blasphemisch anmutende Bezug147 ist für 141 Zacharias Theobaldus, Heerpredigt ... Gehalten In dem Christlichen Feldläger vor Pilsen, 7 Octobris Greg. deß 1618 Jahrs, Friedberg o. J, die Zitate: S. 3, S. 6, ebda., S. 7, S. 20, ebda. (Kursivsetzung von mir). 142 Ich zeige das anderswo: Axel Gotthard, »Eine feste Burg ist vnser vnnd der Böhmen Gott«. Der böhmische Aufstand 1618/19 in der Wahrnehmung des evangelischen Deutschland, in: Franz Brendle/Anton Schindling (Hgg.), Religionskriege im Alten Reich und in Alteuropa, Münster 2006, S. 158f.; hier füge ich nur einige Zitate aus zwei Schriften an, die mir damals noch nicht bekannt waren. 143 Zum Folgenden: Johann Plaustrarius, Wunder- und Figürlich Offenbahrung ..., o. O. 1620. 144 Hierzu allgemein Axel Gotthard, Säulen des Reiches. Die Kurfürsten im frühneuzeitlichen Reichsverband, 2 Bände, Husum 1999; zum Säulen-Topos v. a. Bd. 1, S. 11f. 145 Plaustrarius, Offenbahrung, S. 25. 146 Ebda., S. 51. S. 58: »Endlich zum Beschluß, so hat der Christliche Leser verstanden, welches der newgeborne König ist ... vnd kein anderer ist der Vorläuffer Christi«. Zehn Zeilen zuvor hatte es geheißen: »Dieser Pfaltzgrafe ist der newgeborne König«. 147 Siehe nur S. 33: »Wie der Herr Christus der Eckstein ist, welchen die Bawleuth verworffen haben, vnd er ist zum Anlauff aller Völcker, die nicht an jhn glauben, [geworden,] ebenermassen ist dieser Eckstein (welchen sonderlich die new gebawte Statt Franckenthal« – eine pfälzische Festung – »zu jhrem [sic] Waffen führen thut) vnd ist ein Stein des Anlauffs vnd Ergernuß aller Völcker, so da nicht wöllen zulassen, das Christi Reich sol gefürdert

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uns, daß der Pfälzer auf Gottes Befehl kämpft: »Dann er hats von Gott befelch, durch ein Löwen gebrüll wird Rom verstört werden«. Der »Löw auß dem Wald«, also Friedrich148, »soll und muß Rom zerstören«.149 Es lag nun offen zutage, »daß Babylonia (das ist Rom) soll vnd muß verstört werden, daß man jhre Stätte nicht mehr sehen kan«.150 2.1.3.3 Ein zweiter Siedepunkt konfessioneller Emphase: die frühen 1630er Jahre Schwerlich noch überbietbare religiös motivierte Erregung durchbebte eine Dekade später die während des Siegeslaufs Gustav Adolfs151 publizierten Flugschriften. Sogar aus Dresden kamen nun ausgesprochen militante Stimmen, so bezog der kursächsische Oberhofprediger Matthias Hoë von Hoënegg in seiner danach sogleich im Druck verbreiteten Eröffnungspredigt zum Leipziger Konvent das

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werden«. Die Grammatik ist konfus, der exemplarische Bezug aber doch unzweideutig. Vgl. die nächste Anm. – Nicht ganz so ungeheuerlich anmutend: Jan Hus wurde von den Bewohnern Böhmens, Mährens, Schlesiens gebeten, Friedrich zu »gratuliren« und ihm einen Palmzweig zu überreichen, »welcher jhnen dann deßwegen für andern Bäumen beliebet hat, weil er auch in dem Königlichen Einritt vnsers Herrn vnd Heylandts Jesu Christi von den Völcklern [sic] zu Jerusalem auff den weg gestreuet worden« (»Johan Huss redivivus, Martyr Constantiensis Constantissimus«, Spanischer Gelttrutz, fol. Cij). Plaustrarius, Offenbahrung, S. 50: »Fridericus« ist der verheißene »Löw auß dem Waldt« (er wird schon auf dem Titelblatt so apostrophiert; ebda., S. 51 wird diese ›Begründung‹ gegeben: weil das »Böhmerlandt ... ist ringrumb mit einem wald vmbgeben«). Andererseits changieren auch diese Zuschreibungen in fast blasphemisch anmutender, aber eindeutige Festlegungen meidender Manier zwischen Christus und dem Kurpfälzer, »Christus aber ist der rechte Löw«. Ebda., S. 47. Ebda., S. 48 (Kursivsetzung, wie zuvor, von mir). Nach Gustav Adolfs Schlachtentod verschwanden die hier herausgearbeiteten Deutungsmuster nicht schlagartig aus der Publizistik, aber sie begegnen nicht mehr so gehäuft. Wen auch hätte man nach Tillys und Gustav Adolfs Tod als zweiten Gideon oder »Gesalbten des Herrn« bejubeln sollen? »Heerverderber« Matthias Gallas, Königin Christine oder Axel »Ochsenstirn«? Eine lutherische Abhandlung konnte 1634 urteilen: Regensburg wurde »mit Gottes starcker Hand« erobert, »ist ein Wunder für vnsern Augen«, »ein solcher eyfferiger Gottseliger Held« wie Bernhard von Weimar weiß, daß besagte Eroberung »nicht jhme selbst, nicht der Menschlichen Macht, sondern allein dem höchsten Gott danckbarlich zueygne«. So formuliert: Johannes Saubert, De expugnatione urbis Jebus, Von einnahm der Statt und Festung Jebus ... eine Predigt Vff die eroberung der Statt Regenspurg ... zu Nürnberg ... gehalten ..., Nürnberg 1634, S. 22f. bzw. S. 27. Lebensbild des Lutheraners Saubert: Dietrich Blaufuß, Johannes Saubert, in: Fränkische Lebensbilder, Bd. 14, Neustadt 1991, S. 123–140. Johannes Körber schreckte nicht davor zurück, in seiner »Leicht-Predigt« auf Gustav Adolf gleich den Nachfolger auszurufen: »Zieht ein, O Edler Held jhr führt des Herren Krieg«, »wie Josua führt jhr deß HERREN Krieg« (an Gustav Horn: Threnologia Sveco-Regia, S. 81 bzw. S. 93).

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Zeitgeschehen exemplarisch auf die alttestamentarischen Kriege. Die katholische Liga war gegen »GOtt selbst« geschlossen worden152, biblische Zeugnisse verbürgten, daß der die Züchtigung solcher Feinde selbst in die Hand nahm, sie wurden bekanntlich »zu Kot auf Erden. Dann wie man den Kot mit Füssen tritt, so wurden sie auch mit Füssen getreten«. »Ists kein geringer Trost, daß vnsere Feinde, Gottes selbst feindt sind ... der wird jhnen wol zu thun geben, vnd der wird vnd kan uns statlich vnd ansehenlich vertretten.« »Durch einen einigen Engel hiesse GOtt in einer Nacht hundert vnd fünff vnd achtzig tausendt Mann im Assyrischen Läger todt schlagen. Nun der alte Gott lebet noch.« Erneut wurde das Wirken des evangelischen Hoffnungsträgers, er hieß jetzt Gustav Adolf, als Einlösung biblischer Verheißungen interpretiert, ja, er wurde in die Nähe Christi153 gerückt. Hier interessiert mehr, daß man ihn exemplarisch und sogar typologisch154 an Kämpfer des Alten Testaments zurückband: »Wir alle, die Gott mehr, denn den Menschen folgen, halten Jhn für vnsern Josnam155 für vnsern Gideon für vnsern David«. »Mit Freuden zieh Er ein, des Gideons Nachkommen/ In Siegreicher Gestalt Maccabäi des Frommen,/ Der ander Josua, ein theur und streitbar Held/ Daß uns bezeugt der Sieg, bekannt in aller Welt./ Mit Freuden zieh Er ein, der’s Herrn Krieg geführt/ Zu Trotz dem Goliath, mit Davids Sieg gezieret156.« 152 Die Altgläubigen wollen die Protestanten »außrotten«, sie haben »eine Liga, vnd conjuratissima unitas« gemacht gegen »GOtt selbst«, »wider Gott, wider sein heiliges Wort« und wollen »die Häuser GOttes einnehmen: Wo bißhero GOTTES Wort rein vnnd lauter gepredigt worden« (das Restitutionsedikt!): Matthias Hoë von Hoënegg, Der drey vnd achtzigste Psalm, Bey dem ... Convent, der Evangelischen vnnd protestirenden Chur-Fürsten vnd Stände ... in Leiptzig, Den 10. Februarii, Anno 1631 ... erkläret, Leipzig 1631, fol. Biij bzw. fol. C. 153 Es begegnen in zahlreichen Schriften dieser Jahre Formulierungen wie »der gesalbte des HERRN« (so ließ sich übrigens sogar Kurfürst Johann Georg von Sachsen für seine angeblichen militärischen Heldentaten an der Seite des Schwedenkönigs verherrlichen), »Lamm Gottes«, »Heyland«. Nach dem Schlachtentod Gustav Adolfs fragten dann die Klagschriften und Leichenpredigten, auf Schadensbegrenzung für die Moral der Truppe und des Gemeinen Mannes bedacht: War die allzu triumphalistische Verherrlichung ein denkbarer Grund für Gottes Zorn? Nahezu wortgleich konstatieren sie alle, man habe ja »einen GOtt auß jhme«, also dem Schwedenkönig gemacht. Genau darüber spotteten jetzt katholische Sprüche und Lieder. 154 Also, einfach gesagt, im Sinne einer qualitativen Überbietung – was die mit Hilfe Gottvaters realisierten Großtaten der alttestamentarischen Kriegshelden verhießen, erfüllt Gustav Adolf, so zugleich biblische Prophetie einlösend, auf einer höheren heilsgeschichtlichen Stufe mit Hilfe der göttlichen Trinität. 155 Zweifelsohne verdruckt für »Josuam«: [Anonym], Colloquium Politicum, Vber die Frag: Warum solt ich nicht Schwedisch seyn? ... Insonderheit Dem gemeinen Mann, welcher ohne das gantz irr gemacht worden, zu lesen nützlich, o. O. 1632, S. 22. 156 Sic (eigentlich ein Reimfehler)! Angeblich soll man so in Nürnberg Gustav Adolfs Einzug besungen haben: Franz von Soden, Gustav Adolph und sein Heer in Süddeutschland von 1631 bis 1635. Zur Geschichte des dreißigjährigen Krieges, Bd. 1, Erlangen 1865, S. 221.

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Die beiden Zitate umreißen schon das Diskursfeld, das evangelische Flugschriften der frühen 1630er Jahre selten verließen. Gustav Adolf war ein zweiter David, die typologische Überbietung Josuas, war ohnehin und obligatorisch in allen diesen Schriften der neue Gideon, darauf vergaß nun wirklich kein Autor hinzuweisen.157 Wie auch sonst in der Publizistik des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts, war sodann der Makkabäerkrieg selten weit. Gott hatte beschlossen, zur Rettung seiner Getreuen einen zweiten »Judam Maccabaeum« zu »erwecken«.158 »Also seyn vielleicht die viel 1000. Evangelische, die den König in Schweden darfür erkennen, vnd achten. Wie ich dann weiß, daß auch etliche Catholische hohes Standes Personen selbst, den König in Schweden, für den Evangelischen Maccabeum, vnd Gideon, außgeruffen haben«.159 Was Gottes Wohlwollen für alle Verbündeten des gottgefälligen Schwedenkönigs zu verbürgen schien160, wurde nach seinem Tod flugs zum Weckruf aus etwaiger übereilter Resignation umgemünzt: Denn Gott konnte sehr wohl »nach Mose einen Josuam, nach Gideone einen Jephta, Simsonen etc. Nach Juda einen Jonathan erwecken«, so dafür sorgen, daß das »von jhrer Königlichen Majestät wol angefangen Göttliche Werck hinauß geführt« wurde und daß »die Sachen, so da seyn ist, deromal einest, zu einem glücklichen Ende« kam.161 Wie Gustav Adolf »s’Herrn Krieg« führte, »zum Krieg des HErrn erkohren« war162, verdankten sich auch seine Siege »Gottes Wundermacht«163, mehr als ein157 Hier begegnet er schon im Titel: Henricus Oraeus, Eyfferige Dancksagung Für die Wunderthätige Errettung vnd Sieg, welche Gott ... Durch Den Durchleuchtigsten vnd Groß mächtigsten Fürsten vnd Herren, Herren Gvstaphvm Adolphvm ... Als einen großmütigsten Gideon sieghafftig verliehen ..., o. O. 1632. 158 Matthaeus Lungwitz, Alexander Magnus redivivus, Das ist, Dreyfachen Schwedischen LorBeer-Krantzen Vnd Triumphirender SiegsKrone Erster Theil ..., Leipzig 1632, fol. cij. 159 Matthias Hoë von Hoënegg, Leipzigische Schluß-Predigt ... Mit angeheffter Verantwortung der Predigt ..., Leipzig 1631, S. 82. 160 Umgekehrt galt: »Wer wider den Schweden ist, der ist wider Gott, sein Wort, Kirchen vnd Freyheit«: [anonym], Schwedisch Perspectiv, Dardurch man in die Hertzen, der genandten Catholischen, vnd Lutherischen Regenten sehen ... kan ..., o. O. 1632, S. 27. 161 Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 27 bzw. S. 16 bzw. S. 26. Die Leichenpredigten ließen die alttestamentarischen Exempel noch einmal Revue passieren, »was Simson, Gedeon, vnd Josua gewesen,/ Wie man von jhnen mag in Gottes-Büchern lesen,/ Das ist gewesen auch der Mitternächtig Heldt,/ Den Gott zu seiner Kirch vnd vnserm Schutz bestellt«: Antonius Franck, Hundertfacher Gut Schwedischer Siegs- vnd Ehren-Schild, Leipzig [1633], fol. B. »Du bist, Adolphe, ja ein rechter Maccabeer«: ebda., fol. Aiij. Kaum eine versäumte es, ihre Durchhalteparolen durch eine Ahnengalerie frommer »Helden« zu bekräftigen, die »im Treffen blieben« und doch früher oder später die Nachfolge anderer »Helden« fanden. Besonders ausführlich verfährt so der lutherische Superintendent von Ulm, Konrad Dieterich: Königlich Schwedische Leichklag ..., Ulm 1633, S. 12ff. 162 [Anonym], Rex Sveciae, Rex Gloriae ..., o. O. 1633, fol. A. »Was GOtt durch jhn hat außgericht, Elsaß vnd Bayren leugnets nicht«: ebda., fol. Aij. 163 [Anonym], Der Mitternächtige Post-Reuter, Vnd seine vnvergreiffliche fünff-fache Postvnd Schrifft-Zeitung ..., o. O. [1632; unpag.]. »Durch Gottes Wundermacht« erlegte Gustav

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mal hatte ein »Göttlichs Mirakel« seinen Siegeslauf befördert 164: »Veni et vidi, Deus autem vicit«.165 Wir sehen uns in eine alttestamentarische Welt versetzt. Vielleicht muß es nicht wirklich verwundern. Das Neue Testament, das Heilige Buch einer kleinen Gemeinde unter der Pax Romana (für Kriegsangelegenheiten war die römische Provinzialverwaltung zuständig!) bietet wenig Material für die Bewältigung von Kriegserfahrungen. Sinnstiftung und Motivation im Konfessionskrieg suchend, griff man ins Alte Testament zurück. Mit den alttestamentarischen Kriegshelden aber wurde der Kriegsbegriff des Alten Testaments aktualisiert, »daselbsten ist GOtt der Kinder Jsrael sichtbarer General« 166, »ja Gott thut selber streiten«.167 Ein Jahr nach dem Sieg bei Breitenfeld wurde in Kursachsens Kirchen so gebetet: Es hast »Du selbst gestritten für dein Volck«, »Du hast eine herrliche That gethan: Du hast gesieget mit deinem Heiligen Arm«. »Deine Hand hat die Feinde zuschlagen.« »Du hast ... zerschmettert der Gottlosen Zäne«.168 Bevorzugtes Werkzeug169 des himmlichen Schlachtenlenkers war Gustav Adolf: sein »Pfeil des Heils«170, »ein außerwehlter171 Rüstzeug Gottes, instrumen-

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Adolf »Croco Till«, also Tilly – »so sol es Babylon vnd allen denen gehen,/ Die Gott vnd seinem Wort halßstarrig widerstehen!« Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 6: »mitten vnter den Feinden hat er jhn manchmal wunderlich errettet vnd erhalten« (S. 6), aber auch: Gustav Adolf hat »grosse Wunder gethon« (S. 8). [Anonym], Victori Schlüssel, fol. D. Die Schrift schildert ausführlich zwei solcher »Mirakel« (plötzlicher Hagel auf die Feinde; auffallend gute Winde für schwedische Schiffe). Gustav Adolf konnte zu seinem »heiligen Werck« sagen: »Ego veni et vidi, Deus autem vicit; geschwinde hab ichs gesehen, vnd bin dahin kommen, Gott aber hat gewonnen« (Lungwitz, SiegsKrone, Vorrede). [Anonym], Postilion, Abschnitt Nr. 101. Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 59. Auch der Tod Gustav Adolfs brachte solche Töne also nicht sogleich zum Verstummen. »Du HErr Zebaoth bist außgezogen mit vnserm Kriegsherr: Du hast mit deinem außgestreckten Arm so gewaltiglich für vns gestritten, daß die Feinde bey vielen tausenden seynd auffgerieben vnnd vertilget worden«, »denn sie sind gefallen vnd vmbkommen für dir«, »wie das Wachs zerschmiltzet vom Fewer, so müssen vmbkommen alle Gottlosen für GOTT«: [anonym], Klag- vnd Buß-Gebet ..., 2. Aufl. Leipzig 1632 (unfol.; von Hoës Hand?). [Anonym], Abtruck Chur Sächsischen Jubel, Lob, Danck vnd Denckfestes ..., Dresden 1632, fol. Aiij. Der Ausdruck ist in Flugschriften und Liedern dieser Jahre geläufig. Man bejubelte Siege »eines zu errettung der rechtgläubigen Kyrchen, vnd zu restabilirung der reinen Evangelischen vnd Apostolischen Lehr, von Gott geordnet vnd gesendten werckzeugs«: [anonym] ( Johann Philipp Spieß?), Gespräche und Discursen zweyer Evangelischer Eydtgenossen, von dem gegenwertigen Zustand, o. O. [1632], fol. 24. Aber das ist nur ein Beispiel, Gustav Adolf ließ sich selbst gern als »werckzeug« Gottes stilisieren. »Ein Pfeil des Heils vom HErren, der jhn geschossen ab«, »der frommb Elisae-Pfeil«: [anonym], Mitternächtiger Post-Reuter, auß Leipzig in die Pfaffen-Gasse ..., o. O. 1631, fol. Aij. Sic! Lungwitz, SiegsKrone, Vorrede.

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tum electum, eine außerwehlte Mittelperson, welche Gott der Herr gebraucht, die seinen zu beschützen, vnd die Feinde zu stürtzen«. Es hatte »GOtt durch diesen seinen ausserwehlten Rüst-Zeug sein Werck, darzu er jhn sonderlich beruffen, zimblich außgerichtet, vielerley Anschläg der Feind zu nicht, vnd dero Macht zu schanden gemachet«172, »te DEUS elegit, qui gerat arma DEI«.173 Gustav Adolf war der »Gottesstreiter«.174 Andreas Wang kam, das Motiv der »militia Christiana« analysierend, zum Ergebnis, daß diese »ihr Schwergewicht« im 16. und 17. Jahrhundert »im Bereich der ›passio‹ und des ›certamen spirituale‹ findet«, als »Metapher für den Lebenskampf des Menschen in dieser und gegen diese Welt im Sinne der nach innen gewandten Frömmigkeit oder der Selbsterkenntnis«175: Demnach wäre hier um 1630 eine längst spiritualisierte Bildlichkeit gleichsam ›remilitarisiert‹, ins Handgreiflich-Aggressive gewendet worden. »Gegrüsset seyd o Held! den GOtt auß Mitternacht/ Zur rettung seines Volcks anhero hat gebracht/ ... Gegrüsset seyd o Held! den GOtt vns zu thut schicken/ Daß er sein arme Herd soll in der Noht erquicken«176: Gustav Adolf war das Geschenk Gottes ans Häuflein der Rechtgläubigen. Konnte man so ein Geschenk ausschlagen? »Gott selber hat geholt, aus Mitternacht die Schützen, Er ruffet jhnen zu: loß auff die Pfaffen-Mützen!«177 Konnte man sich einem solchen Ruf versagen? Verfiel, wer sich taub stellte und »stille sitzen« blieb, damit nicht der Sünde?178 Denn Gideon redivivus führte nicht nur »justa«, führte auch »necessaria arma«.179 Sein Krieg war nicht nur gerechtfertigt, er war notwendig: Der »versicherung der gewissen Göttlichen Hülffe« wegen und weil es um »die Ehre 172 Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 15. Ebda., S. 1: »... deß außerwehlten vnd hochbegabten Rüstzeugs Gottes«. Ebda., S. 28: »du theuer Werckzeug deß Höchsten«. 173 Ebda., S. 53. 174 »Ein gantz newes Lied«: Karl Bartsch (Hg.), Die historisch-politischen Volkslieder des dreißigjährigen Krieges. Aus fliegenden Blättern, sonstigen Druckwerken und handschriftlichen Quellen gesammelt und nebst den Singweisen zusammengestellt von Franz Wilhelm Freiherrn von Ditfurth, Heidelberg 1882, Nr. 67 (Strophe 1). 175 Andreas Wang, Der ›miles christianus‹ im 16. und 17. Jahrhundert und seine mittelalterliche Tradition. Ein Beitrag zum Verhältnis von sprachlicher und graphischer Bildlichkeit, Bern/ Frankfurt 1975, S. 177 bzw. 181. 176 Corberus, Threnologia Sveco-Regia, S. 48f. »Da schickte Gott herauß durch seine Wundermacht/ Den vnverhofften Held auß kalter Mitternacht«: Franck, Ehren-Schild, fol. B. 177 [Anonym], Post-Reuter 1631, fol. Aiij. 178 Jedenfalls hielt es »der Gottesfürchtig Held Gustav-Adolphus« für »eine grosse Sünd«, der bedrängten Kirche nicht beizuspringen: Franck, Ehren-Schild, fol. Bij. »Gott stritt mit vnd für Jhn, vnd Er mit vnd für Gott«. Manche der hier erwähnten Schriften polemisieren gegen die »Neutralisten« – natürlich, der Notwendige Krieg vertrug sich nicht mit »neutralitet«, aber dazu weiter unten mehr! 179 Gott hat »einen solchen streitbahren Heldt vnd rechten Gedeon erwecket«, der »Justa, necessaria vnnd pia arma führet«: [anonym], Hansischer Wecker, Das ist: Trewhertzige Warnung, an die Erbare HanseStädte ..., »Grüningen« 1628, fol. Diiij.

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Gottes, welche von den Feinden gelestert wird«, zu tun war, war es »rühmlich, ja auch nöttig ... zustreiten, in gewisser Hoffnung deß Siegs von HErrn, gleich wie Judas Maccabaeus«.180 An der Seite dieser Erlösergestalt zu kämpfen war nicht erlaubt, sondern gefordert, nicht nur »iustus«, sondern auch »necessarius«, unausweichlich »vermöge des Bunds vnd Eydes mit Gott auffgerichtet«181,«vnsere schuldigkeit, wegen des Bundts, so wir mit Gott haben«.182 Wer sich versagte, »der leugnet vnserem Herren Gott den schuldigen tribut«.183 Man mußte gegen Papst und Spanien kämpfen, sich gegen jeden faulen Frieden stemmen, »alldieweil allhier der Göttliche Befehl in acht genommen werden muß, daß man Gott mehr als den Menschen zu gehorchen«184, und: »Gott befihlt vns den Krieg wider das Babsthumb gestreng«.185 Da wollten nicht alle katholischen Publizisten zurückstecken. Wenn der zunächst recht unerfreuliche Kriegsverlauf doch einmal dazu ermunterte, göttlicher Fügung gewahrzuwerden, griffen auch altgläubige Autoren freudig zu, so nach der Einäscherung Magdeburgs. Durchgehend fiel diese Stadt – seit 80 Jahren wegen ihres damaligen Widerstands gegen das Augsburger Interim Symbol protestantischer Verstocktheit – nun endlich Zorn und entsprechender Strafe Gottes zum Opfer. Der folgende Buchtitel faßt die ziemlich einförmigen Kommentierungen bündig zusammen: »Alte und Newe Zeitung Von der weitbekandten Stadt Magdenburg, welche auß gerechtem Vrtheil GOttes, jhr verdiente Straff, wegen ihres vor 80. Jahrn verübten grossen Muetwillens, den 20. Maij deß lauf180 Johannes Schilius, Antiochi grimmige Verfolgung, Vnnd Der Maccabeer Freymüthige Wiederstand, Ein Fürbild der jtzigen Läufften ..., Erfurt 1632, S. 88f. Gott hat »die legitima vnd necessaria bella, die rechtmessige vnd nöhtige Krieg« gutgeheißen: so eine »Bußpredigt«, aus der Tschopp, Publizistik, S. 159 zitiert (Kursivsetzungen von mir). 181 [Anonym], Gespräche und Discursen, fol. 20. Die sich versagten, standen »alß trewlose, meyneydige vnd Feldflüchtige« da. Ebda., fol. 21: »Es ist des Allerhöchsten sache, derselbige wird sie nimmermehr verlassen«. 182 [Anonym], Anderer jüngstgehaltener Discurß zweyer Eydgenossen, vom Zustand des jetzigen Wesens, o. O. o. J. [1632], fol. 38. 183 Und wird dadurch »ein Mörder an sich selbsten«: [anonym], Bedencken eines guten Eydgenossen ..., o. O. 1632, fol. 43. Wer jetzt abseitsstand, war »Gottvergessenes, trewloses, vnverschambtes Hertzens«, »einer Bestien, eines Monstri, vnd keines Menschen« Art, war dem »Teufel« verfallen. »Allein solche Leuth, oder viel mehr vnvernünfftige Thier ...«: ebda. 184 [Anonym], Magna Horologii Campana, Tripartita. Das ist, Ein Dreyfache, im gantzen Teutsch-Landt hellauttende Glocke, vnd Auffwecker ..., o. O. 1632, S. 22. Vgl. noch, beispielsweise, S. 69 oder S. 74 (»das ist Gottes Werck ...«). 185 Marginalie neben Abschnitt Nr. 115 im »Postilion« (Kursivsetzung von mir). Der ›Normaltext‹ daneben führt aus: Gott gibt »vns die Päbstler ... preiß vnd frey. Dieweil dasselbe ohne Schwerdschlag nicht geschehen kan, befihlet vns GOTT solche ernste gestrenge vnd harte Kriege, darin vnd damit wir die Päbstler zweyfach eyfferiger, als sie vns verfolgen sollen.« Vgl. beispielsweise noch Nr. 119 (Endzeitszenario, weil das Weltende dräut, muß »Babylon« jetzt »durch das Schwert des Volcks Gottes fallen«) oder Nr. 101.

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fenden 1631. Jahrs erschröcklich außgestanden«.186 »Der gerechte Zorn vnd Straff Gottes« hatte Magdeburgs berüchtigte, schon im Widerstand gegen das Augsburger Interim offenkundig werdende »Hoffart ... gedämpfft«, »es ist gewiß, seyd der Zerstörung Jerusalem[s], kein grewlicher Werck vnd Straff GOttes gesehen worden«. »Es ist gäntzlich darfür zuhalten, daß GOtt dise hochmütige Rebellen nicht allein durch das Schwerdt, sondern auch durch das Fewer verderben vnnd außtilgen wöllen, damit sich andere darab spieglen.«187 Die Stadt zerstörte nicht soldatischer Mutwillen oder Leichtsinn, nein: »Zu stürzen ihren Übermuth/ Ließ Gott sein bestes kosten«.188 Daß Gott die Stadt für ihren notorischen Ungehorsam bestraft habe, war im katholischen Tagesschrifttum topisch, manchmal wirkte sein strafender Arm »durch Heroische Mitwürckung deß alten frommen Josuae vnd dapffern Heldens« Tilly.189 Nicht nur dieses Beispiel zeigt: Auch katholische Autoren konnten den heilsgeschichtlichen Rang ihres Feldherrn, Tillys, durch exemplarische Bezüge auf alttestamentarische Kriegshelden190 herausstreichen, auch für sie wurde in diesem Krieg immer wieder unmittelbar Gottes Lenkung deutlich, auch sie riefen triumphierend »GOtt ist mit vns«191 oder »GOtt mit vns«192, ja: »Deus est, qui pugnat«.193 Und auch für sie war der Gerechte ein Notwendiger Krieg.194 Quantitativ treten katholische Flugschriften aber um 1630, wie während der meisten 186 Die Schrift erschien anonym, o. O. 1631. 187 Ebda., S. 17ff. Seitenlang werden danach alttestamentarische ›Vorbilder‹ ausgemalt, die zeigen, wohin Gottes »Zorn und Grimm« führen. – Ähnliche Beispiele aus mir nicht zugänglichen Flugschriften und -blättern erwähnt Werner Lahne, Magdeburgs Zerstörung in der zeitgenössischen Publizistik, Magdeburg 1931. Tilly selbst hatte die Einäscherung der Stadt in seiner »Copia Manifesti« als Strafe Gottes (»... vnd also diese Stadt von GOTT dem Allmächtigen mit Fewer vnnd Schwerdt zugleich auff einmal Augenscheinlich gestrafft worden«) ausgegeben. 188 Bartsch, Volkslieder, Nr. 62 (Strophe 10). 189 [Anonym], Summarischer Extract, Vnd, Glaubwürdiger Bericht ..., o. O. 1631, unfol. 190 »Du Tilly, als der Papisten Gott«, spottet Bartsch, Volkslieder, Nr. 77 (Strophe 7); aber auf katholische Schriften, die Tilly in die Nähe Gottes oder Christi rückten, bin ich nicht gestoßen. 191 [Anonym], Ein Newes Fried- vnd warnungs lied ... wieder alle vnd jede Kayserische Rebellanten ..., o. O. o. J., fol. Biij. 192 [Anonym], Bewögliche Considerationes Von der weitbekandten Statt Magdenburg ..., o. O. 1631, fol. C; [anonym], Copia Kays. May. an etliche Reichsstädt abgangens Schreiben ..., o. O. 1631; [anonym], Alte und Newe Zeitung, S. 18. 193 »Christianus Pura«, Classicum paciferum Daniae ..., Lübeck o. J., S. 4. Die Schrift erschien freilich schon vor dem Siegeslauf Gustav Adolfs, wohl 1627. Bellum necessarium: beispielsweise S. 20. Makkabäerkriege: beispielsweise S. 60. 194 Eng koppelt es [anonym], Auß Leipzig, vom 13. Februarij. Kurtzer Bericht, was sich bey angehendem ... Convent vernemen lassen ..., »Leipzig« 1631, S. 24 aneinander: »... ists gewiß daß Kayserliche Majestät seine Feindt verfolge propter iustitiam, das ist, weil er ex Iustitia schuldig ist die Vbelthäter zustraffen« (Kursivsetzung von mir).

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Kriegsjahre, deutlich zurück, und sie sind nicht den evangelischen vergleichbar195 apokalyptisch aufgeladen. Zuspitzend kann man konstatieren, daß die evangelische Publizistik sowohl den Jahwe-Krieg des Alten Testaments als auch militant ausdeutbare Visionen der Johannes-Apokalypse aktualisierte, während für katholische Autoren nur ersterer wichtig war. Die evangelische Seite stand im Endkampf zwischen Licht und Finsternis: »Wer greifft nuhn nicht daß der thewre König auß Schweden, der getrewe Knecht Gottes Gvstaphvs Adolphvs, Gottes vnd des gantzen Heyligen Römischen Reiches Liecht-Butzer ist«, »auf Gottes gnädigster Verordnung vnd Befelch« wird er Europa »von den Päpstischen trangsahlen, Nacht-Liechtern vnd Abgöttischen Irwischen wol butzen«. Dieser Deus ex machina stürmte auf die Bühne, um die »liebe Kirch in diesen letzten Zeitten nach den Göttlichen Weissagungen noch einmahl vor dem End zutrösten, vnnd das Päpstische Anti-Christliche Reich zu demühtigen« – »der König aller Könnig IESUS, dessen Krieg Er führet, wolle mit Gnaden erfüllen alle seyne Anschläge ...«196 Durfte man da überhaupt in München oder vor Wien haltmachen? Im Siegesüberschwang konnten sich manche Flugschriften sogar fragen, ob dieser »Krieg wider das Babsthumb« nicht über die Alpen getragen werden mußte, ob der Schwedenkönig und seine deutschen Verbündeten nicht, ihren endzeitlichen Auftrag ernstnehmend, »schuldig seyn, Seiner Majestät alleine von Göttlicher Allmacht verliehene Victorien, auch wider den Päpstlichen Stuel zu Rom, sampt seinem Anhang des Welschlands zu prosequiren«.197 Obwohl überall in Europa längst ihren eigenen Sachzwängen gehorchende Politik auf den Begriff gebracht war, zumeist noch auf Latein (als »ratio status«: die später in Deutschland so genannte »Staatsräson«), ist im Gros der Elaborate 195 Hingegen können Andrew Cunningham/Ole Peter Grell, The Four Horsemen of the Apocalypse. Religion, War, Famine and Death in Reformation Europe, Cambridge 2000, kein konfessionelles Profil apokalyptischer Ängste oder Kampfrufe erkennen. Sie geben (S. 19–91) einen Überblick über Endzeitbewußtsein und Naherwartung im Europa des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, vermögen dabei keine regionalen oder konfessionellen Schwerpunkte auszumachen, »such expectations undoubtedly characterised the outlook of the whole of Protestant Europe in general, but they also influenced Catholic views in places such as Italy and France« (S. 51). Katholische Beispiele findet der Leser dann aber kaum. Auch die von mir gemusterten Flugschriften der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts lassen bei offenkundig katholischen Autoren kaum endzeitliche Stimmungen erkennen. 196 [Anonym], Gottes vnd deß Heyligen Romischen Reichs Liecht Butzer ..., o. O. 1632, die Zitate: fol. Cij, fol. Ciij, fol. Cij (Kursivsetzungen von mir). 197 So schon der Untertitel von [anonym], Der Newe Römerzug ..., o. O. 1632. Die Frage wird nach 70 Seiten eindeutig bejaht. Viel kürzer prognostiziert [anonym], Colloquium politicum (S. 30): Gustav Adolf wird »Babel zur Wüsten, vnd jhr Land zum Steinhauffen machen«, sprich Rom erobern, wie vor 1200 Jahren »Alaricus der Gothen König ... ohne zweiffel zu einem Anzeichen diß«.

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dieser Jahre keinesfalls von Klugheit und Interessen die Rede, sondern von »Abgötterey« und »Teuffel«, »dem Anti-Christ« und vom »grimmigen Zorn GOttes, sampt der Ewigen Verdamnus«. In den Bestandsaufnahmen solcher Schriften wird nicht der Frieden (oder das Staatsinteresse), sondern »das Blut JEsu Christi mit Füssen getretten«.198 »Da ist nuhn kein Vnwissenheit mehr, damit jhr euch möchtet entschuldigen, die Sach ist klar vnd ligt am Tag, daß dieser Krieg ein lauter Religions-Krieg«: Wer jetzt nicht für die rechte Sache focht, stellte sich »wider alle Engel vnd Heyligen«, auf der anderen Seite aber kämpften »ein hauffen Gottloser Mainaydiger Rauber vnd Mörder, welche Trew vnd Ayd brechen, Gottes Namen lästern ... vnd niemandt anderm als dem Teuffel, wider GOtt und sein Wort ... dienen«.199 Das durchzulesen, bereitet heutzutage Pein. Ich will deshalb die Stilebene wechseln und dem Dichter das Wort erteilen. Martin Opitz200 kennt in seinem 1620/21 niedergeschriebenen, 1633 veröffentlichten »Trostgedichte in Widerwertigkeit deß Krieges« durchaus den Notwendigen Krieg! Als Humanist201 schätzt und preist er schon Frau Pax, die Mutter der Wissenschaften und Künste; aber höchstes Gut ist in diesem Gedicht nicht der Frieden, ist die »freyheit« – in zeitüblicher202 Verschränkung von habsburgischer Tyrannei wie von katholischem 198 Ich habe hier einfach aneinandergereiht, was auf einer einzigen Seite (7) diese Schrift, erneut aus dem Jahr 1632, bietet: [anonym], Evangelischer Hertz-Klopffer, oder Lutherischen Gewissens-Weckerlin ..., o. O. Die nächste Seite beginnt mit dem »Jüngsten Tag«, spricht dann erneut vom »Teuffel« ... Der »Hertz-Klopffer« wendet sich an evangelische Söldner, die ihren Dienst in katholischen Heeren, wo ja der »Feld-Herr ein rechter Patronus Babylonis, der Vorfechter der Anti-Christischen Babel« sei (S. 12), zu quittieren hätten: eigentlich ein Leserkreis, bei dem man eine Ansprache in nüchternem Tone annehmen möchte – doch nicht während des Siegeslaufs Gustav Adolfs! »Die erste Welt hat es zusampt Sodoma vnd Gomorra tausent mal nicht so grob gemacht, vnd ist doch jene mit der allgemeinen Sündflut erschröckenlich erseufft, diese aber mit Himmelischen Fewer grewlich eingeäschert worden, wie würdts dann euch ergehen? ... O deß schröcklichen Vrtheils! ach deß grossen Jammers!« (S. 9). 199 Ebda., S. 7 bzw. S. 22 bzw. S. 17. S. 32: will man denn »endtlich Christi Reich verstöhren, vnnd deß Teuffels Reich bauwen?« 200 Dem glänzenden Opitz-Porträt Klaus Garbers (Martin Opitz, in: Harald Steinhagen/ Benno von Wiese [Hgg.], Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin 1984, hier S. 157) entnahm ich, daß Opitz die Nachricht vom evangelischen Fiasko am Weißen Berg als Erzieher im Hause des pfälzischen Humanisten und Politikers Lingelsheim ereilte und daß er sich fortan der »Pfälzer Agitatorik« verpflichtet sah, die Pfalz offenbar auch weiterhin als seine »Wahlheimat« (ebda., S. 159) ansah. 201 Ist die Etikettierung noch erlaubt, da doch deutschsprachige Darstellungen (freilich, so weit ich sehe, nur solche) manchmal schon im reifen 16. Jahrhundert von »Späthumanismus« sprechen? Die Frage, ob und wie weit man »den Humanismus« ins 17. Jahrhundert hinein prolongieren sollte, müssen andere entscheiden. 202 Man muß sich – weil wir Heutigen darauf geeicht sind, hinter dem in manipulativer Absicht versprühten ›ideologischen‹ Nebel die ›eigentlichen‹ machtpolitischen Motive aufzuspü-

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Gewissenszwang. Gewiß, das »Trostgedichte« appelliert wiederholt an den nationalen Zusammenhalt aller Protestanten wie Katholiken gegen ausländische (meint: spanische) Bedrückung, die Beschwörung der Nation soll den Glaubensdissens überwölben und die deutschen Katholiken aus der erdrückenden spanischen Umarmung herausbrechen; doch so die sich gar nicht emanzipieren wollen, müssen sie niedergerungen werden. »Die Freyheit wil gedruckt, gepreßt, bestritten werden/ ... sie fodert Widerstand/ Ihr Schutz, ihr Leben ist der Degen in der Hand./ Sie trinckt nicht Mutter-Milch; Blut, Blut muß sie ernehren;/ Nicht Heulen, nicht Geschrey, nicht weiche Kinder-Zähren:/ Die Faust gehört darzu: Gott steht demselben bey/ Der erstlich ihn ersucht, und wehrt sich dann auch frey.«203 »Jetzt steht die Freyheit selbst wie gleichsam auff der Spitzen/ Die schreyt uns sehnlich zu, die müssen wir beschützen.«204 Weil Gott den Kampf will, weilt er auch bei seiner Herde. Was in einfach gestrickten Flugblättern auf ein »Gott mit uns«205 einschrumpfen konnte, setzte der Dichter so in Reime: »Wer GOttes wegen kriegt für den kriegt auch GOtt wieder/ Dem reicht er seine Hand/ dem springt er trewlich bey/ Zu trutze dieser Welt vnd aller Tyranney.«206 Dieser Kampf auf Gottes Geheiß und mit Gottes Beistand ist eine »Nothdurfft«207. Deshalb, so die Applikation aufs Ius in bello, besteht auch kein Anlaß zu falscher Zimperlichkeit, den gar nicht zartbesaiteten Autor lechzt nach »der Feinde rothem Blut«, er ruft seinen Lesern zu: »und schlagt mit Freuden drein«!208

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ren – immer wieder vor Augen führen, daß für die damaligen Protestanten »Freistellung« und »Libertät« zwei Seiten einer Medaille waren. Man stemmte sich gegen die »Vntertruckung der teutschen Gewissens Libertät« (Corberus, Threnologia Svecio-Regia, S. 10), mußte »die Religions vnd Teutsche Freyheiten erhalten helffen« (wie »Josephus Philippus Seipsius«, Sächsischer Merckauff. Oder Churfürstlicher Sächsischer Getrewer Landman, o. O. 1625 auf dem Titelblatt, auch auf fol. Cj ­– sonst häufiger »Lands- und ReligionsFreyheit« – bemerkt). Trostgedichte, Buch II, Zeilen 365–372; ich zitiere nach: George Schulz-Behrend (Hg.), Martin Opitz, Gesamelte Werke, Bd. 1, Stuttgart 1968 (Kursivsetzungen von mir). Ebda., Buch III, Zeilen 213f. (Kursivsetzung von mir). Im »Tugendt vnd Laster Kampff« (o. O. o. J., wohl 1631/32) steht das, neben einen Erzengel gesetzt, in den Wolken über den Heerscharen der Tugend, dessen weltlichen Anführer heraldische Zeichen als Gustav Adolf ausweisen; die ihm entgegenziehenden lasterhaften Truppen bestehen aus gehörnten Teufeln, Jesuiten, Türken, der Papst reitet mit: Wolfgang Harms (Hg.), Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. 4, Tübingen 1987, S. 206. Johannes Körber kennt in seiner »Threnologia Svecio-Regia«, neben dem üblichen »GOtt mit vns« (S. 58), auch diese gelehrtere Variante: »Nobiscum DEUS est, fratres pugnate« (S. 61). Opitz, Trostgedichte, Buch III, Zeilen 106–108. Ebda., Buch III, Zeile 359. Nachhall einstiger Lauterbeck-Lektüre? Vgl. oben S. 50 Anm. 115 (den Schluß). – Die Zitate im Zusammenhang (Buch IV, Zeilen 235–243): »Laßt jetzt, laßt jetzt doch sehn

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2.1.3.4 Ein Blick in weitere Teile Europas Wir weilten zuletzt, von Turner Johnsons Beobachtungen in englischer Pamphletistik herkommend, länger im Reichsverband. Auch in anderen Teilen Europas würden wir gewiß fündig, so beschworen jedenfalls einzelne spanische Autoren durchaus den Heiligen Krieg – Pedro de Ribadeneira in seiner »Exortación para los soldados y capitánes que van a esta jornada de Inglaterra«209 beispielsweise, oder Francisco Aguado in den »Exhortationes varias, dotrinales«.210 In den Hugenottenkriegen kamen entsprechende Schlachtrufe nicht nur von calvinistischer Seite211, die Mitglieder der katholischen Ligue »considered themselves to be God’s soldiers fighting a holy war«. Nach der Beendigung der Hugenottenkriege durch Heinrich IV. versuchten diesen französische Flugschriften aufs Bellum necessarium gegen Spanien einzuschwören, wie Davis Bitton und Ward A. Mortensen zeigen.212 Viele von ihnen erwähnte Motive kommen uns bekannt vor: Frankreich als Gottes auserwählte Nation, Heinrich als »instrument« Gottes »for the ruin of Spain«, als »God’s chosen knight«.213 Sogar die Verheißungen eines Märtyrertodes (ein in mitteleuropäischen Flugschriften marginal bleibendes Motiv) seien in solchen Druckschriften ausgemalt worden. »Various pamphlets

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den rechten Deutschen Muth,/ Und schlagt mit Freuden drein: Der Feinde rothes Blut/ Steht besser uber Kleid und Reuterrock gemahlet/ Als köstlich Posament, das theuer wird bezahlet,/ Ziert einen Kriegesmann: Ein schöner Grabestein/ Der bringt der Leichen nicht, ist nur ein blosser Schein:/ Das Feld, das blancke Feld, in dem viel Helden liegen/ So vor ihr Vaterland und Freyheit wollen kriegen/ Steht Männern besser an ...« Man würde solche Passagen eher bei Ernst Moritz Arndt vermuten. Als Vorbilder preist Opitz die Holländer an, dieses »Volck zu Stahl und Eisen Von Wiegen an gewehnt« (Buch III, Zeilen 321f.). Sie steht am Schluß des »Scisma de Inglaterra« von 1588, sollte für den Heiligen Krieg mit dem ketzerischen England aufrütteln. Kurze Analyse: Robert Bireley, The Counter-Reformation Prince: Anti-Machiavellianism or Catholic Statecraft in Early Modern Europe, Chapel Hill 1990, S. 114. Aguado war von 1631 bis 1643 Olivares’ Beichtvater, die »Exhortationes« erschienen 1641; Analyse: Robert Bireley, The Jesuits and the Thirty Years War: Kings, Courts, and Confessors, Cambridge 2003, S. 174–178. Das zeigten zuletzt Cunningham/Grell, Horsemen of the Apocalypse, S. 150f. Dort auch das folgende Zitat. Leider sind die beiden Autoren der Frage, inwiefern Naherwartung (ihre europaweite Virulenz aufzuzeigen, ist das Anliegen der ersten beiden Kapitel der Monographie) in Militanz münden und den Kriegsbegriff beeinflussen konnte, nicht explizit nachgegangen. Vgl. Davis Bitton/Ward A. Mortensen, War or Peace: A French Pamphlet Polemic, 1604– 1606, in: Malcolm R. Thorp/Arthur J. Slavin (Hgg.), Politics, Religion and Diplomacy in Early Modern Europe. Essays in Honor of De Lamar Jensen, Kirksville 1994, S. 127–141. »Behind many pro-war pamphlets were assumptions of France’s special position as God’s chosen nation ... France had been chosen by God as the instrument for the ruin of Spain ... Henry’s protector was the Master of the Universe himself ... Henry was portrayed as ... God’s chosen knight ... The cause being just, he had only to commend the outcome to God.«

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sought to embellish war, even glorify the violent death that accompanies it ... Death in battle meant immortality for the soul«.214 Und zwei neue Studien über die vermeintlich so »tolerante« Gesellschaft Polen-Litauens um 1600 lassen erstaunliche Parallelen zu vielen jener Kommunikationsstörungen im Reichsverband erkennen, die dort ebenfalls in einer fatalen Wechselwirkung zur konfessionellen Polarisierung des politischen Systems standen und – anders als in Polen-Litauen – einen langjährigen Konfessionskrieg verschulden werden.215 Rund ein Jahrzehnt später als im Reich (dessen politische Befindlichkeiten man weiter östlich übrigens aufmerksam beobachtet zu haben scheint), nämlich seit den 1590er Jahren, versuchten die polnischen Katholiken, konkurrierende Konfessionen durch Militanz in Wort und Tat zurückzudrängen. Eher reaktiv radikalisierten sich auch orthodoxer Klerus, orthodoxe Stadtgemeinden, zumal aber calvinistische Adelige. Der Warschauer Konföderationsakte wurde nun von katholischer Seite jede Rechtsverbindlichkeit abgesprochen, mit Argumenten, die erhitzte Autoren im Reich gegen die Rechtskraft des Augsburger Religionsfriedens vorzubringen pflegten: Weltliche Politiker könnten derartige Gesetze gar nicht erlassen, die Texte verstießen gegen Göttliches Recht. »Die konfessionellen Imperative gewannen die Oberhand über die Staatsraison.«216 Tumulte und gewaltsame Ausschreitungen wurden von katholischen Traktaten als legitim und gottgewollt hingestellt, eigentlich müßte man alle Anhänger der Reformation verbrennen, ertränken oder aufhängen. Sogar einzelne Motive erinnern an die Pamphletistik gegen den Augsburger Religionsfrieden, so, wenn da ein prominenter polnischer Bischof öffentlich erklärte, man habe »das Unkraut auszureutten«217; oder wenn evangelische Pamphlete die Jesuiten als »Gesandte 214 Ebda., S. 132. Die publizistische Gegenseite ist für uns weniger interessant, weil sie weniger grundsätzlich argumentierte, ihre Autoren »wanted to avert a war between France and Spain, not all wars. Drawing upon the concept of ›just war‹, they claimed that war under present circumstances would be unjust« (ebda., S. 138), beispielsweise des Vertrags von Vervins wegen. 215 Die Autoren der beiden interessanten Arbeiten ziehen diese Parallelen nicht selbst, aber mir drängten sie sich bei der Lektüre auf. Zum Folgenden: Hans-Jürgen Bömelburg, Konfessionspolitische Deutungsmuster und konfessionsfundamentalistische Kriegsmotive in Polen-Litauen um 1600. Durchsetzung und Grenzen in einer multikonfessionellen Gesellschaft, in: Heinz Schilling (Hg.), Konfessioneller Fundamentalismus. Religion als politischer Faktor im europäischen Mächtesystem um 1600, München 2007, S. 285–309; Michail V. Dmitriev, Die Kirchenunion von Brest (1596) und die Konfessionalisierung der polnischen Ostpolitik in der Regierungszeit Sigismunds III., in: Christoph Augustynowicz (Hg.), Rußland, Polen und Österreich in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Walter Leitsch zum 75. Geburtstag, Wien 2003, S. 159–177. 216 Dmitriev, Kirchenunion, S. 177. »Fundamentalistische Überordnung von Glaubensinhalten gegenüber politischen Erwägungen«: Bömelburg, Deutungsmuster, S. 303. 217 Zit. bei Bömelburg, Deutungsmuster, S. 295. Zur Verwendung in mitteleuropäischen Diskursen: Gotthard, Religionsfrieden, Sachregister, s. v. Unkraut im Weizen. Ich stieß erst

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des Teufels« beschimpften, »gegen die zum Endkampf gerüstet werden müsse«.218 Außenpolitische Auseinandersetzungen (mit Schweden, Moskau, dem Osmanischen Reich) wurden »in der katholischen Öffentlichkeit Polen-Litauens überwiegend als ideologisch-konfessioneller Kampf mit ›Häretikern‹ und ›Ungläubigen‹ gedeutet«.219 Inwiefern in diesen hitzigen Diskursen das Bellum iustum zum Bellum necessarium mutierte, müßte man noch genauer untersuchen, die polnische Historiographie pflegt die Nationalgeschichte dieser Jahrzehnte ins milde Licht eines angeblichen Toleranzparadigmas zu tauchen und konfessionelle Militanz auf Fußnoten einschrumpfen zu lassen. 2.1.3.5 Militante Kritik am »Bluetdurst« Nun gab es natürlich auch weiter westlich andere Stimmen, nicht nur in den betont kühlen, religiösen Eifers baren, auf Kalkül und Klugheit bauenden politologischen Pionierwerken. Es wurden auch Pamphlete veröffentlicht, die sich hitzig über Aufrufe zum »heiligen Kriege« 220 ereiferten. Es seien ja doch »alle Christen getaufft«, erinnerte eine Flugschrift, »Christus aber ein Friedensfürst, [hat] vns den frieden so hoch befohlen«, daher »ists billich, das jenige, so Christen sein wöllen, keinen Krieg: Sondern frieden begehren«.221 Katholische Abhandlungen geißelten den »Bluetdurst« der militanten Leizpiger Eröffnungspredigt Hoës von Hoënegg, »der Teuffel danck es dem Hoe«.222

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jüngst darauf, daß man das Gleichnis vom »Vnkraut«, vom Lolium temulentum unter dem Sommerweizen (Mat. 13,24–30), im ersten christlichen Jahrtausend ganz anders auszudeuten pflegte, als ich es aus dem Konfessionellen Zeitalter kenne: Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007, S. 254–257 et passim. Bömelburg, Deutungsmuster, S. 303. Ebda., S. 298. Die Jesuiten diffamieren alle Katholiken als »Politicos«, die sich dem von ihnen propagierten »heiligen Kriege« versagen, empört sich »Johann Huß redivivus«, Böhmischer Pest Artzney ..., o. O. (»Fridberg«) 1619, S. 17. Die Parteien sollen ihre »praetensiones« hinlegen und die allgemeine Freistellung einräumen, schließt der unbekannte Autor, sich so denn doch eindeutig als Protestant entpuppend: [anonym], Kurtzer Politischer Discursus zwischen dieser Zeit im Reich streitenden dreyen Religions: aber zweyer Factions Partheyen ..., o. O. 1620, S. 18 (Kursivsetzung von mir). [Anonym], Copia Eines Schreibens, N. N. von Nürnberg, an N. N. von Leipzig, sub dato 24. Julij, 3. Augusti, Anno 1631, o. O. [1631], S. 3 bzw. S. 6. [Anonym], Auß Leipzig: Hoë predigt gegen die Katholiken »als Gottes Feindt, als rechte Verfolger des Volcks Gottes, Donder vnnd Stral, Schweffel vnd Pech, Fewer vnd Schwerd, außrotten vnd außtilgen«; der Autor gibt sich generös, wünscht dem Oberhofprediger nach einer ausführlichen kritischen Analyse seiner Predigt nicht den Teufel an den Hals, sondern »friedfertigen Geist« (S. 18 bzw. S. 39). Es ließen sich weitere, freilich beiläufige Hoë-kritische Zitate anreihen.

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Was der »Mordvogel Caspar Sciop«223 1619 »auß deß Teuffels ... eingeben«224 niedergeschrieben hatte, wird generationenlang als abschreckendes Beispiel für konfessionellen Übereifer in trauriger Berühmtheit stehen. Noch nach mehr als einem halben Jahrhundert echauffiert sich eine Flugschrift über »das greuliche Classicum Belli Sacri« – »gebe der Friedensreiche GOtt, daß selbigen [Ratschlägen Schoppes] nimmermehr möchte Gehör gegeben werden!«225 Das »Classicum« fand nach seiner Veröffentlichung sogleich empörten Widerspruch: Teilübersetzungen und Paraphrasen226 sollten »gedachten Lermenblasers vnd friedhässigen Tichters ... Blutgieriges Jntent« entlarven, Vorworte und Kommentare geißelten die »blutgierigen« Ratschläge, die dieser »im Fleisch reitende Teuffel« aus seinem »schandrachen« ausspeie, »samb müsten dieselbe [evangelischen Reichsstände] numehr gentzlich außgerottet, vertilget, getödet, ja an den hellen liechten Galgen gehanget werden«.227 Mehr als schäumende Empörung über den »Namhafften Mamelucken«228 Schoppe, nämlich wenigstens ansatzweise so etwas wie eine friedensethische Programmatik, bietet nur eine 223 »Johan Huß, redivivus, genandt Martyr«, Böhmische Brüderschafft. Welche zwischen den Evangelischen Ständen in Böheimb, vnd deroselben FriedensBrüder ... auffgerichtet worden ..., o. O. 1619, fol. Aiij. 224 Das vermutet [anonym], Ein gründliches vnd ohnpassionirtes Bedenken, Was von deß Abtrinnigen Hanß Caspari Scioppi blutdürstigen Buch, genant Classicum Belli sacri ... zuhalten ..., o. O. 1619. 225 Das hofft, im Rahmen eines Aufrufs zu konfessionsübergreifender Einigkeit aller Deutschen: [anonym], Bedencken Uber einige Gedancken Der Wohlgemeynter Erinnerung, An die sämptlichen Churfürsten und Stände des Reiches etc. Betreffend Den ReligionsFrieden, o. O. 1674, fol. B. – Um noch ein früheres Beispiel anzuführen: »Siegfried Hoffman«, Denckmal An Die ingesambte Evangelische Stände, Auff Der Königlichen Mayt. zu Schweden allerglorwürdigsten tödtlichen Hintritt ..., o. O. 1633, fol. Dij erinnert sich: Kurie und Hofburg haben »solche Räthe (als Gaspar Scioppius) gehalten, die da offentlich gerahten vnd geschrieben (in Classico belli sacri) der Kayser solle die teutschen Fürsten ... an Galgen auffhencken«. Vgl. noch Anm. 232. 226 Beispielsweise diese Schriften bieten hauptsächlich oder sogar ausschließlich – die Tiraden Schoppes sollen für sich sprechen! – ein Patchwork von Ausschnitten oder Teilübersetzungen mit kurzen paraphrasierenden Überleitungen: [anonym], Flores Scioppiani: Ex libro Ticini hoc ipso anno MDCXIX, edito ..., o. O. 1619; [anonym], Raht vnd Anschläge: Welche Herr Caspar Scioppius ... zu Pavia in offenen Truck außgehen lassen, vnd selbige zwar, in einem Lateinischen Büchlein ... ins Teutsche gebracht ..., o. O. (angeblich Pavia) 1619; [anonym], Extract aus Gasparis Scioppii, eines Oesterreichischen vnd Spanischen bestellten Raths (wie er sich nennet) ... Büchlein ..., o. O. 1619; [anonym], Extract aus Gasparis Scioppij, eines Oesterreichischen vnd Spanischen bestellten Raths (wie er sich nennet) ... Büchlein ..., Güstrow 1619. 227 [Anonym], Schoppische Blumen, Auß einem zu Ticin oder Pavia in Welschland ... in Druck außgegangenen Buche ... Zusammen getragen, vnnd auß Lateinischer in Hoch-Teutsche Sprach versetzet ..., o. O. 1619, »Praefation«. 228 Auf diese erstaunliche Titulierung stieß ich gleich an mehreren Stellen. »Der Apostata vnd Mameluck Scioppius« tituliert »Hipilippanus Dinorus«, Der Evangelischen Reichsständen

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dieser Flugschriften. »Also sagt der Herr Christus: Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden geb ich euch«, erinnert ihr Autor – »aber so sagt Schoppius: Meinen Krieg laß ich euch, meinen Krieg geb ich euch, nicht wie die Tyrannen geben, sondern wie der Teuffel selbst.« Die Heilige Schrift lehre nicht, »alles vmbzubringen«, zumal »die natur darfür erschrickt«. »Gott als ein friedsamer vnd langmütiger Herr« lasse ja sogar »Türcken vnnd Heyden leben«. Pazifistisch ist auch diese Abhandlung nicht – komm nur her mit deinen spanischen Truppen, Schoppe!, ruft ihr Autor kampfeslustig aus229, und schon im Buchtitel wird »Der über- vnd durchteuffelte Gaspar Sciop zerschmettert«. Alle anderen Pamphletisten begnügen sich, neben ihrer Übersetzungstätigkeit, mit unflätigen Beschimpfungen Schoppes230, der »ein abtrünniger Christ, vnd erschröcklicher Apostata vnnd Mameluck, ein abschewliches monstrum, vnd rechte Babylonische Bestia und ... selbst bekennender Huren Sohn« sei.231 Das ist die hitzige Rhetorik des Konfessionskampfs. Die Empörung über Schoppes Militanz kommt militant daher.232

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vnd Stätte Schildtwacht, Deren Losung ist: Wacht auff, wacht auff, rufft euch die Stimme ..., o. O. 1623, fol. A3. Die werden dann schon merken, daß die »Teutsche Nuß« eine harte ist, »Wer im Krieg will Vnglück han/ der fang jhn mit den Teutschen an«, »so sindt die Teutschen ...«: »Johannes Meteranus von der Heßleiden«, Antiscioppius oder Symsons Backenzahn: mit welchem Der über-vnd durchteuffelte Gaspar Sciop zerschmettert wirdt. Das ist: Menschlich Examen, der Teuffelischen Raht-vnd Anschläg des ... Gaspars Scioppen ..., o. O. 1619, unfol. Man findet es auf allen Stilebenen. [Anonym], Das Höllisch Frewdenfewr, so die Esawiter verschienen September zu Rom gehalten, damit sie dann jhr böß Hertz aller Welt geoffenbaret, o. O. 1620 läßt dort Schoppe auftreten, er wurde von den Jesuiten »angemacht das derselbe sein gifftig Lästermaul angelweit auffgethan«. [Anonym], Extract der grossen Catholischen versamlung, welche jüngsten zu Rom gehalten ..., o. O. 1620 sah beim selben Meeting dreitausend Mönche durch Roms Straßen ziehen, »je drey vnd drey neben ein ander, auff der seiten lieff der Herr Casparus Scioppius Pfaff zu Sancta Maria Majora in seinem Judas Bart«. Weniger albern findet »Christoph von Ungersdorff«, Ein sonderbare Missiv, oder Denckwürdiges Schreiben an Ihre Durchl. auß Bayern H. Maximilianum ..., o. O. 1620, S. 5: Er habe früher zur Ausrottung der Ketzerei aufgerufen, doch »wollen es die jetzige Zeiten nicht dulden, vnd seynd weder deß Schoppii, noch anderer Consilia zu effectuiren« ... Es kann hier gar nicht um Vollständigkeit gehen, ich wollte lediglich demonstrieren, daß Schoppes »Classicum Belli Sacri« schon damals Abscheu weckte. So zetert »Johann Huß redivivus, genant Martyrer«, Spanischer Krebsgang vnd Jesuiter Alarm ..., o. O. (»zu Prag im Jesuiter Collegio«) 1620, S. 3; es geht noch seitenlang so weiter. Das gilt auch für die Memoria in den hitzigen frühen 1630er Jahren. Wenn sich, beispielsweise, Simon Wild in seinem »Memorial« inmitten fanatischer Aufrufe zum Heiligen Krieg gegen die »Päbstler« darüber ereifert, daß »der Pabst vnd Oesterreich solche Räthe (Gaspar Scioppius) gehalten, die da offentlich gerahten ... der Keyser solle die teutschen Fürsten einen nach den andern nehmen, vnd an Galgen auffhencken« (fol. D, es folgen weitere Paraphrasen aus dem »Classicum«), kann das merkwürdig berühren: militante Empörung über die Militanz der Gegenseite!

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Wir lernten »Beatus Modestinus Seuberlich« schon in Kapitel 1.2 kennen, als es um Friedensemphase (und ihre Grenzen) ging, ein zweifaches »O der edle Fried« rahmte dort ganz prinzipiell daherkommende Kriegskritik ein, »nulla salus bello«. Dieselbe Schrift verdammt in immer neuen Anläufen die »verführische Sect der Jesuiten«, die »Vnsinnigkeit vnnd Tobsucht deß Bapsthumbs«, beider »mehr dann Türckische verübte Tyranney im Königreich Böhmen«233, dem deshalb ganz Europa mit allen, aber auch allen Kräften militärisch beispringen müsse; Land für Land, Territorium für Territorium wird angesprochen und auf seine Lieferkapazitäten für den böhmischen Kriegsschauplatz hin taxiert. Wiederum dieselbe Schrift echauffiert sich seitenlang über »deß Schoppij oder vielmehr deß Teuffels Raht vnd Anschläge«. »Dieser Schopff, vons Teuffels Kopff« habe »die Blutfahne vngeschewt außgesteckt«, rufe zum »heiligen, seligen, vnd dem Bapst wolgefälligen Krieg« auf. Die dieser Suada folgenden Seiten rekapitulieren ausführlich die alttestamentarischen Kriege, sie zeigen, daß Jahwe sein auserwähltes Volk nicht im Stich läßt – der Leser merkt: Schoppes Kriegsfanfaren sind schändlich, doch ganz ungefährlich, absurderweise blasen sie ja für die falsche Seite, bei den Katholiken wird der Herr niemals sein. Und doch regt sich der Autor nach dieser alttestamentarischen Kriegsrevue noch einmal kräftig über Schoppe auf, der »in seinem Verrähterischen vnd Blutgirigen classico belli sacri nichts anders thut, dann daß er die Blut Fahne schwingt«, »mit grausamer vnmenschlicher, ja Teufflischer Vngestümmigkeit« darauf hinarbeitet, alle Protestanten »auff die Fleischbanck zu opffern«. Schoppe ist »deß Teuffels Sturmglöckner«.234 Der Pamphletist erregt sich über die Drastik des Pamphletisten. Aber das ist nur einer von vielen Befunden, die irritieren können. Ganz klar sehen wir auch am Ende dieses Kapitels nicht. Verblaßte die Iusta causa nun einigermaßen kontinuierlich? Verlor der herkömmliche Kriegsbegriff gleichmäßig fortschreitend an Substanz, schritt seine Formalisierung und Enttheologisierung linear voran? Oder markieren die Schlußphasen der verschiedenen europäischen Konfessionskriege die jeweiligen Peripetien, den rapiden Umschlag nach Jahrzehnten, die eine Resakralisierung des Kriegsbegriffs gesehen hatten? Der Forschungsstand erlaubt keine eindeutigen Aufkünfte, aber die hier ausgebreiteten vorläufigen Befunde sprechen dafür, daß das Denken über Krieg und Frieden während der europäischen Konfessionskriege eine theologische Wiederaufladung erfuhr. Wir konnten sogar Rückgriffe hinter die spätantik-mittelalterliche Lehre vom Bellum iustum, auf den Gotteskrieg des Alten Testaments erkennen: einen von Jahwe anbefohlenen, deshalb heilsnotwendigen Krieg, den Jahwe als eigent233 Examen der Recepten, die Zitate: fol. G, fol. Aiiij, fol. Piiij. 234 Ebda., fol. Q bzw. fol. Rij.

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licher Kriegsherr für sein auserwähltes Volk gewann; einen Krieg, der mit der Ausmerzung des Bösen enden mußte und insofern jedenfalls nach modernen Vorstellungen235 keine Selbstverteidigung war. Um es noch einmal ganz schematisch zusammenzufassen: Kriegsgrund (»iusta causa«) war in vielen Abhandlungen um und nach 1600 nicht ein Angriff auf irdische Rechtstitel oder »land und leuth«, sondern die »lesterung« der »Ehre GOttes«; die Wiederherstellung der gestörten Rechtsordnung (»intentio recta«) setzte die »außrottung« der »Feinde Gottes« voraus, weshalb das Kriegsziel völlig entgrenzt war (»Rom muß verstört werden«); die »auctoritas Principis« wich der Autorität des Allerhöchsten, der seinen Truppen voran in die Schlacht zog. Da gottgewollt, war dieser heilsnotwendige Krieg nicht erlaubt, er war »necessarius«. Währen konnte diese Resakralisierung nicht. Zu viel religiöser Enthusiasmus verzehrte sich über dem zermürbenden Hin und Her des Kriegsglücks, war Gott überhaupt bei seiner Herde? Solche Zweifel mußten sich im Verlauf jahrzehntelanger Kämpfe immer bohrender einstellen. Gewiß konnte auch der Rechtgläubige einmal eine Schlacht verlieren – schon Kreuzzugspredigten hatten betont, eine militärische Schlappe sei nicht notwendigerweise das Gottesurteil über die Verortung der Iustitia. Aber warum verloren in Mitteleuropa die Evangelischen zwanzig Jahre lang immer aufs Neue gegen die Anhänger »abgöttischer bäpstischer grewel«, warum verspielten die Anhänger der Einen mehr als tausendjährigen Kirche danach jahrelang immer aufs Neue ihre nur gerechten und gottgewollten Triumphe aus den ersten Kriegsphasen? Zu viele Ideale zerschlissen sich an den Häßlichkeiten des Kriegsalltags, zu viele »Engel« von gestern waren die »Teufel« von heute, und mancher »Teufel« hatte sich am Ende als Mensch entpuppt. Daß das Bellum-iustum-Konzept mit seinem diskriminierenden Kriegsbegriff auf dem Strafgedanken aufbaute, konnte eine unskrupulöse Behandlung des Kriegsgegners erleichtern; was ein Ius ad bellum eigentlich rar machen, die Schwelle zur Gewaltanwendung heben sollte, konnte, so diese Schwelle doch überschritten wurde, beim Ius in bello Exzessen Vorschub leisten. Vollends konnte ein »Heiliger Krieg« der »Gottesstreiter« gegen die »Rott« des »Teuffels« nur mit der Vertilgung einer Seite enden. Doch war Iustitia überhaupt 235 Die damaligen Konfessionsparteien empfanden es schon deshalb nicht so, weil sie subjektiv mit dem Rücken an der Wand standen, sich ausgerechnet in dieser Überzeugung eins waren. Die Gegner hatten ja »une generale et universelle intention, à exercer notre pa­tience et à nous ruiner«, waren »par tout le monde [!] presque coniuré à notre ruine«: so der pfälzische Großhofmeister Johann Albrecht von Solms an den württembergischen Hofrat Benjamin Bouwinghausen, 1617, Jan. 18, BayHStA Kasten blau 89/5. Um noch eine katholische Stimme zu zitieren: »... haben wir catholische mit wolvertrauen den merern tail verscherzet und will das ubrige wenige auch in disputation und gefar gezogen werden« – soll man denn den wahren Glauben »in wint schla­gen«, sich von den »ohnfrietfertigen vertrücken und verschlingen lassen«? So fragt Johann Schweikhard von Mainz in einem Schreiben an Melchior Khlesl, 1612, Dez. 17, BA, Bd. 10, Nr. 318.

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punktgenau einseitig verortbar? Die Alltagserfahrung des Krieges deckte sich nicht mit den publizistischen Visionen eines Endkampfs zwischen Licht und Finsternis. Die nicht endenwollenden Konfessionskämpfe Alteuropas führten den diskriminierenden Kriegsbegriff der Bellum-iustum-Doktrin so ad absurdum236 wie die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs das uneingeschränkte Ius ad bellum des souveränen Einzelstaats. 2.1.4 Anhangsweise: einige weltgeschichtliche Betrachtungen Kaum habe ich versucht, einige Konturen zu ziehen, kommen mir schon wieder Bedenken. Es sind zwei Überlegungen, die ich skizzenhaft anfügen will. Sie bleiben flüchtig, weil die erste ein Theologe, die letzte ein Experte für Gegenwartsfragen zuendedenken müßte. 2.1.4.1 Ist das Oszillieren zwischen dem erlaubten und dem gebotenen Krieg eine universalhistorische Konstante? Wir sahen, daß der Gerechte Krieg im Konfessionellen Zeitalter dazu tendierte, ein Notwendiger zu werden, der erlaubte wurde zum gebotenen Kampf. Aber ist diese Facette der Doktrin nicht ohnedies inhärent? Im antiken Rom schied man nicht trennschaft zwischen allenfalls einmal erlaubtem und notwendigem, weil von den Göttern gebotenem Krieg. »Iustum est bellum, Samnites, quibus necessarium, et pia arma quibus nulla nisi in armis relinquitur spes« 237: Das läßt Livius einen samnitischen Feldherrn ausrufen, der seinen Truppen anschließend versichert, die Götter selbst würden sie in die Schlacht führen. Livius charakterisiert diese aus nichtrömischem Munde kommende Prophezeiung ausdrücklich als »vera«. Aber dann forderte das Neue Testament den Christen dazu auf, die andere Wange hinzuhalten. Das Christentum wurde in der Spätantike gleichsam 236 Zu Recht sieht Andreas Holzem (Gott und Gewalt, S. 401) den »Religionskrieg ... nicht als pervertierte Verformung des gerechten Krieges« an, sondern »als thematische Erscheinungsform« desselben. Der Konfessionskrieg war dann, wenn wir diese Terminologie übernehmen, seine letzte »Erscheinungsform«. Danach haben konfessionspolitische Anliegen nur noch in der Rumpelkammer propagandistischer Versatzstücke überdauert. Konfessionelle Besitzstände vermochten keine Kriege mehr zu motivieren, sollten noch gelegentlich hilfsweise legitimieren. 237 Titi Livi ab vrbe condita libri, Bd. 3, bearb. von W. Weißenborn und H. J. Müller, siebte Aufl. Berlin 1962, Liber VIIII cap. 1. Man könnte es mit vielen frühneuzeitlichen Flugschriften deutsch sagen, »Johan Huß redivivus genandt Martyr« übersetzt in seiner »Fridensfahrt« von 1619 so: »Der Krieg ist recht, welcher nothwendiger weiß geführet wird: vnd die Waffen werden billich gebraucht von denen die sonst keine Hoffnung haben als auff die Waffen gesetzt«.

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staatstragend, doch wie staatstragend konnte das Postulat der Wehrlosigkeit sein? Hinter dieses Dilemma konnte die friedensethische Diskussion der Christianitas nicht mehr zurückgehen, deshalb meint diese Studie, wenn sie vom Gerechten Krieg spricht, nicht238 die Kriege eines Cicero oder Livius, sondern das Bellum iustum der Scholastik. Aber wie viel alttestamentarischer Kriegsfuror hat in ihm überlebt? Die zerstreuten Aussagen des Augustinus zur Gerechtigkeit von Kriegen wurden schon häufig analysiert, dem muß der Neuzeithistoriker nichts hinzufügen, doch will ich wenigstens auf diese Definition hinweisen: »Iusta autem bella ea definiri solent quae ulciscuntur iniurias ... sed etiam hoc genus belli sine dubitatione iustum est, quod deus imperat ... in quo bello ductor exercitus vel ipse populus non tam auctor belli quam minister iudicandus est«.239 Augustinus kannte neben dem erlaubten auch den von Gott befohlenen, insofern natürlich ›notwendigen‹ Krieg, aber, wenn ich recht sehe, im Rückblick. Der Jahwe-Krieg war heilsgeschichtlich überwunden. Der Gott des Alten Testaments ordnete Kriege an, der des Neuen forderte Geduld und Friedfertigkeit240 – was nichts daran änderte, daß die Kirche gegen Ketzer, offenkundige Feinde und Störer des wahren Glaubens, die Hilfe der staatlichen Macht und ihrer Waffen anrufen durfte. Speziell hatte Augustinus die Donatisten im Visier. Für ihn ging es hierbei um polizeilich flankierte ›innerstaatliche‹ Verwaltungsmaßnahmen, um die Wiederherstellung der gestörten ›innerstaatlichen‹ (genauer: innerreichischen) Ordnung, nicht um einen Religionskrieg zwischen Staaten unterschiedlichen Glaubens. Freilich werden sich der schmalkaldische und der große dreißigjährige deutsche Konfessionskrieg auch als innerreichische Konflikte interpretieren lassen, das müssen wir hinsichtlich der Augustinus-Rezeption im Auge behalten. Für manche Kanonisten des Hohen Mittelalters, vielleicht am dezidiertesten für Huguccio, konnte die Kirche Kriege gegen Ketzer, aber auch gegen Heiden, sogar befehlen, sogar selbst erklären. Hatte in alttestamentarischen Zeiten Jahwe sein auserwähltes Volk in die Schlacht geführt, rief bei Huguccio sein päpstlicher Stellvertreter auf Erden zum Krieg. Die Teilnehmer am Ersten Kreuzzug beflü238 Natürlich wurde Cicero weiterhin gelesen, und von den Humanisten sicher wieder mehr als in den Jahrhunderten zuvor. Aber seine Ethik stand nun eben neben der jedermann geläufigen christlichen, der altrömische mußte mit dem jetzt dominanten christlichen Diskurs harmonisiert werden. Die Thematik begegnete uns bereit in anderem Gewande, als danach gefragt wurde, ob denn der Humanismus (Erasmus könnte zu dieser Fehleinschätzung verleiten) als eine einzige große Friedensbewegung verstanden werden könne. 239 Quaestiones in Heptateuchem VI, quaestio 10 (Kursivsetzung von mir). Vgl. aus einer reichhaltigen Literatur zuletzt John Mark Mattox, Saint Augustine and the Theory of Just War, Indiana 1998. 240 Vgl. Contra Faustum XXII 70–79, die wohl ausführlichste Auseinandersetzung des Autors mit diesem Thema.

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gelte, um es mit Ernst-Dieter Hehl zu sagen, die »Vorstellung, wie einst das alte Israel Werkzeug Gottes zu sein«.241 Freilich macht Hehl auch deutlich, daß die damals führenden Kanonisten gerade keinen eigenständigen Kriegstypus Kreuzzug kreierten, sie bauten ihn in den argumentativen Gesamtrahmen des Bellum iustum ein. Kann man nun aber nicht auch sagen – so man die Fragerichtung wechselt –, daß damit die Bellum-iustum-Doktrin mit dem reaktivierten JahweKrieg gleichsam kontaminiert wurde? Ob der Gerechte Krieg nicht auch beim Aquinaten untergründig dazu tendiert, ein notwendiger zu sein?242 Krieg ist für Thomas die gewaltsame Durchsetzung eines richterlichen Urteilsspruchs – sollte ein einmal gefälltes Urteil dann nicht auch tunlichst vollstreckt werden?243 Das zu exekutierende Urteil bestraft Sünde, »der heilsorientierte Frieden kann nur verteidigt werden, indem man Sünden verhindert, die anderen ein Ärgernis sind«244 – muß (!) man ein solches Ärgernis nicht aus Liebe vereiteln?245 Im Hinblick aufs Konfessionelle Zeitalter ist wichtig, daß für Thomas Häresie natürlich Sünde war!246 Der Gedanke, daß Gottes Auge wohlgefällig auf denen ruhe, die für eine gerechte Sache kämpften, und daß dann womöglich – denn der Herr ließ ja seine Herde nicht ohne weiteres247 im Stich – einige Winke von oben für den rechten Ausgang des Straußes sorgten (auch wenn man sich nicht leichtfertig, gar träge darauf verlassen dürfe, sich vielmehr der göttlichen Gnade durch äußerste eigene Anstrengungen würdig erweisen müsse): Er war, ehe die Moderne den Glauben gleichsam teilprivatisierte, ihm den Bereich privater Kontingenzbewältigung als eigentliche Domäne zuwies, jedermann so geläufig, daß die Übergänge zwischen erlaubtem und gebotenem Krieg fließend sein mußten. Wir können ja in nahezu

241 Ernst-Dieter Hehl, Kirche und Krieg im 12. Jahrhundert. Studien zu kanonischem Recht und politischer Wirklichkeit, Stuttgart 1980, S. 244. 242 Beestermöller, Thomas von Aquin, thematisiert die von mir aufgeworfene Frage nicht, doch wimmeln die zahlreichen ausgiebigen Thomas-Zitate und -paraphrasen dieser grundgelehrten Arbeit nur so von hierzu aussagekräftigen Passagen. 243 Ich weise nur auf diese verräterischen Formulierungen hin: »muß ... töten« (ebda., S. 134), »Amtspflicht des Fürsten« (S. 138). 244 Ebda., S. 89. 245 Ich nenne, erneut exemplarisch: »ahnden muß« (ebda., S. 92), »fordert die Bestrafung« (S. 139), »ist präventiv zu begegnen« (S. 179). 246 Wiederum exemplarisch: Es gilt, »daß alle Häretiker, ob sie nun für ihr Bekenntnis missionieren oder nicht, wegen der großen Gefahr für das heilsorientierte friedliche Zusammenleben bestraft werden müssen [!]« (ebda., S. 190, vgl. ähnlich S. 229). 247 Präziser: ohne sündhaftes Verschulden, wie es natürlich auch den Rechtgläubigen unterlaufen konnte – laxe Einstellung, laxe Kriegführung, zu viel oder zu wenig Gottvertrauen usw. So machten dann hinterher die Trostpredigten in Sinnstiftung und moralischer Aufrüstung der Truppe.

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jedes beliebige Lied, nahezu jede Spruchsammlung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges schauen – Gottes Lenkung ist stets präsent: »Herr Gott, du bist der Kriegesmann, Der aller Unruh steuern kann, Der Büchsen, Spieß und Schwert zerbricht, Du bleibest unser Zuversicht ... Stehe auf, du starker Zebaoth, Verlaß uns nicht in dieser Noth, Du bist allein, der uns beschutzt, Ohn dich kein Rath noch Macht uns nutzt. Wohn unserm Kriegsvolk gnädig bei, Daß es fromm und gottselig sei ... Im Zorn schau auf des Feindes Heer, Ihrm Kratzen und Muthwillen wehr; Mach daß ihr Herz und Muth verzag, Und sie von unsern Grenzen jag; Ihr Volk zersteube und zerstreu, Gleichwie der Wind hinführt die Spreu, Schlag sie zu Boden mit ihrem Schwert, Damit der Sieg uns sei beschert ...«248

Wenn jedermann überzeugt war, daß nicht nur final alles dem Jüngsten Gericht zustrebte, sondern daß sich göttliche Weltenlenkung auch unterwegs bisweilen eben (wenn auch nicht immer in dem Menschen unmittelbar einsichtiger Weise) auswirkte: dann war nach Gottes Willen und Gebot zu fragen ja nicht naiv, kein Residuum simpler Gemüter, sondern Herrscherpflicht, gerade, wenn es um so Elementares wie den Krieg ging. William Fulbecke nennt in einer epigonalen Zusammenstellung und Vereinfachung der völkerrechtlichen Ansichten des 16. Jahrhunderts für Jurastudenten und interessierte Laien (keinesfalls für Theologen – erst recht handelt es sich um keine erbauliche Predigt!) fünf Gründe für einen Gerechten Krieg, darunter, wenn auch nur fünftens, diesen: Gott befiehlt ihn.

248 Exemplum exemplorum, »gedruckt im Jahr Christi unsers einigen Erlösers Geburt 1631«: Opel/Cohn, Sammlung, Nr. 50. Ich wählte bewußt für ihre Zeit wenig militante, geradezu ›harmlose‹, in jeder Hinsicht unauffällige Reimpaare. Nach der zuletzt zitierten Passage heißt es, in doch verblüffend jähem Umschlagen: »Hilf, daß die Unruh werd geschlicht,/ Und guter Friede aufgericht;/ Wehr allen, so Lust haben zu kriegen,/ Ihrn Anschlag laß darnider liegen;/ Erhalt uns Fried in diesem Land,/ Gieb Glück und Heil zu allem Stand;/ Führ uns zuletzt ins Himmels Thron,/ Da ewig ist Fried, Freude und Wonn.«

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(Freilich dürfe man Gottes Willen nicht mit »fantasies of men light headed and posessed of fiery spirits« verwechseln.249) Sind wir immer noch zu kurz gesprungen? Daß die spätantik-mittelalterliche Doktrin vom Gerechten Krieg zwischen dem erlaubten und dem gebotenen Krieg oszilliert: Ist das nur der abendländische Ausschnitt eines universalhistorischen Problems, das wir auf allen Kontinenten nachzeichen, von der Antike bis zur Gegenwart ausziehen könnten? Gibt es in der Weltgeschichte nicht immer wieder Akzentverlagerungen vom erlaubten hin zum gebotenen Krieg, von manchen alttestamentarischen Passagen oder das »Deus vult« der Kreuzfahrer bis zur Weihnachtspredigt Kardinal Spellmans über den Vietnamkrieg von 1966? Um ein noch neueres Beispiel zu erwähnen: Eine Studie, die 1999 den JugoslawienKrieg »im Lichte der Lehre vom gerechten Krieg« analysierte, monierte, diese Doktrin differenziere »nur unzureichend zwischen Situationen, in denen Krieg erlaubt ist, und Situationen, in denen Krieg geboten ist«. Es gehe doch, so der Autor, im Krieg »auch um Pflichten: um die Pflicht einzugreifen«, eine »Pflicht zu intervenieren«.250 Vielleicht diagnostizieren ja spätere Historikergenerationen einmal, daß sich die UNO im Spannungsfeld zwischen Vergötzung der einzelstaatlichen Souveränität und Menschenrechtspathos schwer damit getan habe, transkulturell konsensfähige Kriterien für (kaum je erlaubte – oder umgekehrt viel häufiger gebotene?) Interventionen »der Völkergemeinschaft« in den Hoheitsbereich eines Mitgliedsstaats zu entwickeln. 2.1.4.2 Erleben wir eine Renaissance des Gerechten Kriegs? Zuletzt weilten wir schon in der Moderne. Diese Studie sichtete Indizien für eine Säkularisierung des Kriegsbegriffs im Verlauf der Frühen Neuzeit, ihr Telos war die Kriegskonzeption des klassischen Völkerrechts seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ob die Antworten dieser Völkerrechtsautoren das letzte Wort in Sachen Krieg und Frieden gewesen sind, muß sie nicht entscheiden. Vor Entwicklungen seiner eigenen Gegenwart konsequent die Augen verschließen muß der Historiker freilich auch nicht. Evident ist, daß aktuelle251 Versuche, Frau Pax wieder mehr abzuverlangen als den Verzicht auf massive kriegerische Gewalt, im Zeichen einer Universalisierung des (genetisch gesehen: ›westlichen‹) Menschenrechtskonzepts stehen. Sein Geltungsanspruch reibt sich am Souveränitätsbegriff der UN-Charta. »Das jün249 William Fulbecke, The pandectes of the law of nations, London 1602, S. 41. 250 Peter Mayer, War der Krieg der NATO gegen Jugoslawien moralisch gerechtfertigt? Die Operation »Allied Force« im Lichte der Lehre vom gerechten Krieg, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 6 (1999), S. 294f. Anm. 7. 251 Die Formalisierung und Entethisierung von Pax war ja nie gänzlich unstrittig. Vgl. beispielsweise schon oben S. 37 Anm. 59.

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gere Völkerrecht hat ... den Friedensbegriff ins Positive hinein erweitert. Es rechnet die Unversehrtheit eines menschenrechtlichen Mindeststandards dazu«. 252 Der Ruf nach »humanitären« Interventionen in »Diktaturen« und »Schurkenstaaten« wird lauter, er findet stets die Sympathie der (westlichen) öffentlichen Meinung, die der maßgeblichen Politiker regelmäßig nur, wenn außerdem erhebliche wirtschaftliche oder geostrategische Interessen hineinspielen. Diktatoren ohne Atomwaffen in geostrategisch unerheblichen Winkeln der Erde dürfen »schurkisch« bleiben. Daß moderne Politiker vor Kriegserklärungen keine Beichtväter zu konsultieren pflegen, ist offenkundig. Das macht die Ansichten der christlichen Großkirchen und von prominenten Theologen nicht gänzlich irrelevant. Die katholische Weltkirche253 und das deutsche Luthertum254 pflegen keine »gerechten Kriege« mehr auszurufen, aber Abhandlungen aus theologischer Feder können auch heutzutage den engen »Zusammenhang« zwischen Frieden, »Recht« und »Gerechtigkeit« betonen.255 Die Termini scholastischer Provenienz sind weiterhin präsent, doch ist nur noch die Verschwisterung von Iustita und Pax politisch korrekt, nicht mehr die Koppelung von Gerechtigkeit und Krieg. Das ist freilich eine Entwicklung der allerletzten Jahrzehnte. »Nach meiner Überzeugung wird

252 Josef Isensee, Im Zweifel für den Frieden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Oktober 2012, S. 7. 253 Zu beurteilen, ob man die Enzyklika »Pacem in terris« vom 11. April 1963 mit Recht »als offiziellen Abschied von der Lehre vom Gerechten Krieg« bezeichnen kann, dürfen wir den Kollegen von der Kirchengeschichte überlassen. Vgl. hierzu sowie zu den Aussagen des Zweiten Vaticanums hinsichtlich Krieg und Kriegsdienstverweigerung beispielsweise Paulus Engelhardt, Die Lehre vom »gerechten Krieg« in der vorreformatorischen und katholischen Tradition. Herkunft – Wandlungen – Krise, in: Reiner Steinweg (Red.), Der gerechte Krieg: Christentum, Islam, Marxismus, Frankfurt 1980, S. 112–114. 254 Um nur diese im frühen 21. Jahrhundert prominente Stimme anzuführen – Wolfgang Huber, Glaube und Macht. Aktuelle Dimensionen eines spannenden Themas, in: Enno Bünz/Stefan Rhein/Günther Wartenberg (Hgg.), Glaube und Macht. Theologie, Politik und Kunst im Jahrhundert der Reformation, Leipzig 2005, S. 268: »Kein Nachdenken über das Verhältnis von Glaube und Macht kommt an einer Stellungnahme zur gedanklichen Figur des gerechten Krieges vorbei. Die Kirchen in Europa haben sich zu einer allmählichen Distanzierung von dieser Denkfigur durchgerungen. Sie halten heute eher den ›gerechten Frieden‹ als den ›gerechten Krieg‹ für einen Leitgedanken der politischen Ethik«. 255 So dieses Heft: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Die deutschen Bischöfe. Gerechter Friede, Bonn 2000, S. 22; es betont den »Bedingungszusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden« (S. 36), »den tiefen und unaufhebbaren Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Frieden« (S. 38). Wiewohl auch von »Notwehr«, »Gegengewalt« und humanitär motivierten »Interventionen« die Rede ist, taucht doch kein »Gerechter Krieg« auf. ­– Bekanntlich wählte Pius XII. als Wahlspruch »Opus iustitiae pax«.

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dieser Feldzug in der Kriegsethik ... das Schulbeispiel eines gerechten Krieges werden«256, predigte Michael von Faulhaber 1915 als Bischof von Speyer. Solche rhetorische Anleihen bei der mittelalterlichen Doktrin kennt die Moderne auch aus Politikermund. Friedrich Theodor Vischer begründete es 1870 in einer Wahlrede so, warum er sich von der demokratischen Volkspartei abgewandt habe: »Ein heiliger Krieg sühnt einen unheiligen, ein gerechter Krieg für das Vaterland und alle Güter des Lebens sühnt die Schuld eines ungerechten«. 257 Sogar Historiker konnten es im emotionalen Ausnahmezustand nicht besser wissen; Friedrich von Bezold verlor 1913 so, auf die Ruhmestaten der Altvorderen vor hundert Jahren zurückblickend, die Fassung: Es »war ein heiliger Krieg, ein Kampf im Namen des Herrn Zebaoth gegen die brausende Hölle, für das heilige Vaterland und seinen heiligen Rhein«.258 Noch dieser scheinbar fromme Unsinn bezeugt indes, wie sich das geistige Umfeld gewandelt hatte, stößt uns darauf, daß offenkundig der Nationalismus als Ersatzreligion die nachlassende Bindekraft der Großkirchen zu kompensieren hatte – denn einen Grenzfluß als »heilig« zu bezeichnen, so unvernünftig wäre die Frühe Neuzeit nicht gewesen. Einzelne Adjektive belegen gar nichts. Ein noch so langes Pachwork aus vergleichbaren rhetorischen Versatzstücken könnte eine fortwährende Vitalität der traditionellen, spätantik-mittelalterlichen Doktrin vom Gerechten Krieg nicht belegen. Marxistische Autoren vermochten ein Gerechtigkeitsempfinden im Lager des bourgeoisen Klassenfeindes nicht zu entdecken, was sie ihm zum Vorwurf machten. Der sowjetische Völkerrechtler Lissowskij lamentierte 1955, in bezeichnender Zuspitzung auf die Frage der Neutralität im Kriege, so über die ethische Substanzlosigkeit des westlichen Kriegsbegriffs: »Die traditionelle bourgeoise Auffassung der Neutralität bestimmt die Lage eines nicht am Kriege teilnehmenden Staates ohne Rücksicht auf den Charakter dieses Krieges. Sie geht davon aus, daß ein neutraler Staat sich zu allen kämpfenden Ländern gleich verhalten muß, unabhängig davon, ob der betreffende Staat einen gerechten oder ungerechten Krieg führt. Die Sowjetunion trat immer für eine Unterstützung der Völker ein, die Opfer eines Angriffs waren und für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes kämpften. Dies bedeutet, daß es keine Gleichstellung gegenüber dem Angreifer

256 Ich zitiere nach Heinrich Missalla, Gott mit uns. Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914–1918, München 1968, S. 14f. 257 Zit. nach Dieter Langewiesche, Was heißt ›Erfindung der Nation‹? Nationalgeschichte als Artefakt – oder Geschichtsdeutung als Machtkampf, in: Historische Zeitschrift 277 (2003), S. 614. Unheilig und ungerecht war Königgrätz, Preußen sühnte es dadurch, daß es nunmehr dem frechen Erbfeind Frankreich seine Schandtaten heimzahlte. 258 Gegner war der »Drachen und Satanas« in Paris, da wurde »der Schlachtgesang zum heißen Gebet«: Friedrich von Bezold, Der Geist von 1813, Bonn 1913, S. 7 bzw. S. 10f.

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und dem Opfer des Angriffs geben kann ... Ein Staat, der einen gerechten Krieg führt, muß Unterstützung und Hilfe erhalten.«259 Solche Rede vom »gerechten Krieg« hat keine theologische Substanz mehr. Dieser Gerechte Krieg ist so nachhaltig enttheologisiert, daß er zur Kampfparole des Marxismus-Leninismus gegen bourgeoise Dekadenz taugt. Aber auch angelsächsische Autoren haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder an der Fortschreibung einer säkularisierten Bellum-iustum-Doktrin versucht 260, ohne, daß in solchen Büchern »Gott und der Teufel« miteinander rängen. Daß Publizisten verkünden, Politiker verlautbaren lassen, sie setzten sich für eine »gerechte« Sache ein und bekämpften »Unrecht«, beweist nicht, daß der in diesem Kapitel für die Frühe Neuzeit behauptete Säkularisierungsprozeß im 20. Jahrhundert einer Resakralisierung des Kriegsbegriffs gewichen wäre. Aber wie verhält es sich im frühen 21. Jahrhundert? Wohnten wir zuletzt nicht einer Renaissance des Bellum iustum bei? Überhaupt scheinen ja manche Phänomene aus dem Umkreis von Krieg und Frieden seit einigen Jahren jedem Glauben an linearen Fortschritt in der Geschichte Hohn zu sprechen. Blicken wir kurz an den Beginn der Neuzeit zurück! Damals wurde der Staat als kriegführende Einheit üblich, der Normalfall; wo dem nicht so war, fällt uns das als seltener werdende Ausnahme auf, wir sprechen dann zum Beispiel von »Bürgerkrieg«. Staaten führen Kriege – doch noch nicht mit ›staatseigenen‹ Truppen. Truppenkontingente werden je nach Bedarf angemietet, für eine Kriegsoperation, eine Kriegssaison. Sie unterstehen ihrem Kondottiere, oft regelrechten Kriegsunternehmern. Ein Wallenstein wird vorgebliche Sachzwänge einer von ihm selbst definierten ›Kriegsraison‹ derart eklatant über Wünsche und Praktiken der Politiker stellen, daß sich diese regelrecht entmachtet fühlen. Die düpierte Staatsmacht schlägt zurück, sie geht dazu über, sich eine ›eigene‹, übrigens stehende Truppe zu halten: Aus dem ad hoc angemieteten Landsknechtsheer wird das stehende Fürstenheer261 des höfischen Absolutismus. 259 Zit. nach Heinz Fiedler, Der sowjetische Neutralitätsbegriff in Theorie und Praxis. Ein Beitrag zum Problem des Disengagement, Köln 1959, S. 96f. (Kursivsetzung von mir); natürlich hat Fiedler ins Deutsche übersetzt. Gunther Hauser, Die europäischen Neutralen und Bündnisfreien im Vergleich, in: Österreichische Gesellschaft für Landesverteidigung und Sicherheitspolitik (Hg.), Neutralität 2005. Symposium 5. November 2005 Rorschacherberg / Schweiz. Tagungsbericht, Wien o. J. [2006], S. 28 weiß, natürlich ebenfalls in Übersetzung und leider ohne Angabe des Fundortes: »Nikolai Poljanow, Auslandskorrespondent der Iswestija, behauptete 1966: ›Ein neutraler Staat kann nicht dem Bösen und dem Guten gleichgültig gegenüberstehen, er muss bestimmt auf der Seite des Guten stehen‹«. 260 Vgl. nur, beispielsweise, Robert W. Tucker, The just war: a study in contemporary American doctrine, Baltimore 1960; oder, von verschiedenen Veröffentlichungen James Turner Johnsons, diese: Can modern war be just?, New Haven/London 1984. 261 Ich ziehe den Ausdruck »stehendes Fürstenheer« dem in Militärgeschichten üblichen vom »stehenden Söldnerheer« vor, denn nur ersterer bringt beide Innovationen des Absolutismus

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Was wir uns heute unter Krieg vorstellen, entstand also gewissermaßen in zwei Stufen: Am Be­ginn der Neuzeit wurde der Staat die übliche kriegführende Einheit (Durchsetzung des staatlichen Ge­waltmonopols); in den ersten Jahrzehnten der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit entmachtete er die Obersten (Durchsetzung des Primats der Politik). Den stehenden Fürstenheeren massenhaft aufgebotene Volksheere entgegenzustellen: das wiederum war eine Neuentwicklung an der Schwelle zur Moderne. Nur solche Massenheere konnte man in großen Massenschlachten – nun, eben da­hinschlachten lassen. Söldner, ob saisonal angemietet oder auf Dauer in die Kaserne gesteckt, waren teuer, also kostbar gewesen. Deshalb waren militärische Konflikte in Alteuropa langwierig und wenig inten­siv. Söldner starben eher an Seuchen als an Schlachten – oft schlugen sie pro Saison nur zwei oder drei, gar eine nur, die dann vielleicht einen halben Tag lang dauerte. Der Soldat der Moderne ist Kanonenfutter. Der mo­ derne Krieg kennt große Gemetzel, Vernichtungsschlachten. In solche »Stahl­ bäder« schicken Generäle ihre Truppen nur, wenn sie wissen, daß in der Heimat ohnehin die nächsten Jahrgänge bereitstehen. So kennen wir den Krieg – den deutsch-französischen von 1871, die beiden »Weltkriege« des 20. Jahrhunderts. Aber wandelt sich das Bild nicht in unseren Tagen? Einerseits könnte die wohlhabenden Ländern zu Gebote stehende Kriegstechnologie so kompliziert werden, daß sie in den kurzen Ausbildungszeiten von Wehrpflichtigenarmeen nicht mehr beherrschbar gemacht werden kann, weshalb der Berufskrieger auf dem Vormarsch ist und mancherorts über eine Abschaffung der Wehrpflicht diskutiert wird. Aber blicken wir, anstatt in eine mögliche nahe Zukunft, lieber in außereuropäische Länder – nach Liberia beispielsweise, oder Sierra Leone, nach Somalia oder Afghanistan! Wer führt oder führte dort jüngst weshalb Krieg? Wir verstehen es nicht recht, sehen scheinbar sinnlose Bilder über den Bild­schirm flimmern. Es kämpfen selten reguläre Armeen, kämpfen Clans, Cliquen, Banden, Privatarmeen. Sie kämpfen unter Milizführern, die den verfallenen Resten rudimentärer Staatlichkeit gegenüber mal loyal sind, mal durchaus nicht. Die bewaffneten Banden leben von jenem Krieg, von dem auf Anhieb schwer zu sagen ist, worum er geht. Kriegführen ist Beruf, Lebensstil. Weil weite Teile des Erdballs – der abstrusen mitteleuropäischen Diskussion über eine angebliche (angeblich auch noch unheilvolle) Bevölkerungsschrumpfung zum Trotz – hoffnungslos überbevölkert sind, gibt es ein wachsendes Reservoir jener Überzähligen, nirdendwo Vermißten, im Zivilleben wirklich Gebrauchten, aus denen sich schon die frühneuzeitlichen Söldnerheere rekrutiert hatten. Große, entscheidende zum Ausdruck: die Truppe (genauer gesagt: logistische und Kommandostrukturen sowie eine Kerntruppe) bleibt dauerhaft beisammen; die Truppe ›gehört‹ dem Fürsten, dessen Kommandogewalt hier einmal so »absolut« ist wie in anderen Politiksegmenten nur auf dem Papier.

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Schlachten gibt es in diesen postmodernen Kriegen kaum, alles zieht sich scheinbar endlos in die Länge, und wenn die Tagesschau, einigermaßen regelmäßig nur nach Afghanistan schauend, nach einem halben Jahr wieder einmal be­richtet, sieht alles noch so ähnlich aus wie beim letzten Mal. Die Soldaten sind, da von Privatpersonen unterhalten, miserabel ausgestattet; ein Scharmützel kann man sich dann wieder leisten, wenn man irgendwo ein Waffendepot aufgetan hat. Und außerdem: wozu sich der Todesgefahr aussetzen, wenn man doch vom Krieg leben will? Warum gar der größten aller Gefahren Vorschub leisten – nämlich daß jener Krieg zur Neige gehen könnte, dem man seinen Lebensunterhalt verdankt? Die gewaltsamen Konflikte, die derzeit auf der Welt vorherrschen, schei­nen aus einer anderen Zeit zu stammen. Sie ähneln eher dem Dreißigjährigen Krieg als dem Zweiten Weltkrieg, und wenn die staatlichen Strukturen noch mehr verfallen sind, ähneln sie gar den Großfehden vor dem Anbruch der Neu­z eit, als der Staat begann, das Gewaltmonopol für sich zu reklamieren.262 Daß die Ära ausschließlich »staatlicher« Kriege außerdem des international vernetzten, doch nicht territorialisierten islamischen Terrors wegen zuende sein dürfte, ist ohnedies evident; Attacken wie die aufs World Trade Center ähneln ja eher kriegerischen als verbrecherischen Akten, sind funktionale Äquivalente für Militärattacken unter den Rahmenbedingungen asymmetischer Kriegführung, weshalb im »Kampf gegen den Terrorismus« die Grenzen zwischen straf- und polizeirechtlichen Elementen sowie kriegsrechtlichen verschwimmen. Zuletzt war von der Kriegspraxis die Rede. Gibt es auch ideologische Rückfälle, konzeptionelle Rückgriffe? Ob das 21. Jahrhundert noch im Zeichen der kollektiven Sicherheit stehen wird – oder aber einer neuen Hegemonialordnung? Und erlebt der Gerechte Krieg wieder einmal eine rhetorische263 Renaissance? George Bush Sr. deklarierte ja die Aktion »Desert Storm« 1990 als Kampf für eine gerechte Weltordnung, der Golfkrieg war ihm ein »Just War«. Dabei war diese Intervention vom UN-Sicherheitsrat gedeckt, also keiner zusätzlichen Legitimation bedürftig. Dem war im einstigen Jugoslawien nicht so, wo moralisches Pathos als Surrogat für den fehlenden Rechtstitel herhalten mußte. Die NATO-Intervention im Kovoso wurde auch in gelehrten Abhandlungen

262 Woran liegt es? Vielleicht hat es solche Konflikte immer gegeben, aber wir haben sie lange Zeit nicht wahrgenommen. Während des Kalten Krieges waren sie aber auch wirklich kaum denkbar – die Supermächte hätten sich eingeklinkt, jeder vor sich hinköchelnde, sozusagen ›kleine‹ Konflikt konnte zum Pulverfaß werden, an dem sich der dritte Weltkrieg ent­ zündete. Das ist nun, nach dem Triumph der einen, einzig verbliebenen Su­permacht nicht mehr so, die ›kleinen‹ Konflikte dürfen ›klein‹ bleiben – und ihre archaischen Züge behalten. 263 Es geht ja wohl doch nicht mehr um Motive, sondern um Legitimationen. Doch müssen das Politikwissenschaftler entscheiden.

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nach den Kriterien der traditionellen Bellum-iustum-Doktrin traktiert264, und die Kriegsrhetorik von George Bush Jr. animierte jüngst einen Autor dazu, die spätscholastische Endstufe dieser Doktrin auf die »Operation Iraqui Freedom« zu applizieren.265 »Is it a Just War?« – so fragt die Zwischenüberschrift eines Memorandums, mit dem uns zahlreiche US-amerikanische Intellektuelle darüber aufklären wollten, um was es in Afghanistan gehe: »In the name of universal human morality« sei dort die US-Regierung zu unterstützen, nur so gelinge es, »to stop an unmitigated globel evil«. Das Manifest kanzelt die Kriegskonzeption der Realisten und Neorealisten266 ab: »To be sure, some people, often in the name of realism, insist that war is essentially a realm of self-interest and necessity, making most attempts at moral analysis irrelevant. We disagree.« Wer so denke, »capitulates to cynicism«. Eine Tour d’horizon durch die Geschichte sammelt eklektizistisch Facetten der traditionellen Bellum-iustum-Doktrin ein, bei »Augustine« und »The City of God«, in der späteren »just war tradition«, bei den »just war principles«. Die Iusta causa sei bei einem Angriff auf die »American values« natürlich gegeben, dessen sind die Autoren gewiß, denn da sich Amerikanisierung seit dem Rostfraß am Eisernen Vorhang als »Globalisierung« buchstabiert, sind diese Werte zugleich »the shared inheritance of humankind, and therefore a possible basis of hope for a world comunity based on peace and justice«. Da erst die Partizipation an den »American values« wahres Menschsein ermöglicht, gilt bei einer Attacke auf diesen Lifestyle wechselseitige Beistandspflicht aller zivilisierten Kreaturen. Daß man außerhalb der USA die UNO für »the last final judge« zur Beurteilung etwaiger Motive für gewaltsame Interventionen halten könnte, wird nicht erwähnt. Der Auctoritas principis kamen im 20. Jahrhundert die Fürsten abhanden, doch »a just war can only be fought by a legitimate authority«, weiß unser Manifest, das auch hier keine UNO kennt und nennt.267 264 Vgl. Mayer, Krieg der NATO (auf S. 297 scheinen mir Intentio recta und Iusta causa durcheinanderzupurzeln, und: die Iusta causa meinte einmal Gründe, nicht Begründungen!), mit weiteren Literaturhinweisen, sogar diese Dissertation wurde geschrieben: Rasmus Tenbergen, Der Kosovo-Krieg – eine gerechte Intervention?, Aachen 2000. Zuletzt stieß ich noch hierauf: Stefan Gruber, Die Lehre vom gerechten Krieg. Eine Einführung am Beispiel der NATO-Intervention im Kosovo, Marburg 2008 (in den historischen Exkursen ausgesprochen skurril; so sieht dieser Autor im »Westphälischen [sic] Frieden« die Geburtsstunde der »neu entstandenen Territorialstaaten«!). 265 Vgl. Jan-Andres Schulze, Der Irak-Krieg 2003 im Lichte der Wiederkehr des gerechten Krieges, Berlin 2005. 266 Ich setze mich noch kurz mit dieser in den Politikwissenschaften vorherrschenden Denkschule auseinander: vgl. unten S. 282f. 267 Ich las das Manifest unter www. propositionsonline.com/html/fighting_for.html. »Our attackers despise ... our entire way of living«, beklagen die Autoren, schon deshalb komme Neutralität in dieser Auseinandersetzung nicht in Frage. Weil mit dem American Way of

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2.2 Eine Säkularisierung der Kriegspraxis? 2.2.1 Forschungsspuren Begründungen sind leichter zugänglich als Gründe. Legitimationen liegen auf der Hand, drängen sich auf, die dahinterstehenden, oft genug dahinter verborgenen Motive können wir allenfalls plausibel machen. Dieses Kapitel muß deshalb noch mehr Fragezeichen enthalten als das letzte. Sollte am Ende nie und nirgends eine Säkularisierung des Krieges stattgefunden haben, lediglich eine der gelehrten Kriegsdoktrin? War Krieg an den Zentren der Macht schon immer nur und ausschließlich ein Produkt kühlen Kalküls, der Abwägung irdischer Interessenlagen? Um die plausible Annahme zu erhärten, daß in konfessionellen Kampfschriften (gar solchen theologischer Provenienz) anders und hitziger argumentiert wurde als in der Ratsstube, genügt ein Tag im Archiv. Wir sahen weiter oben schon – um hier nur diesen Teilaspekt herauszugreifen – , daß zahlreiche im Reich verlegte Flugschriften Andersgläubige für nicht geschäftsfähig erklärten, da sie ja etwaige interkonfessionelle Vereinbarungen sowieso nicht als sie bindend akzeptierten; doch ist mir kein für die damalige Reichspolitik relevanter Entscheidungsträger bekannt, der diese Schreibtischparole ebenfalls vertreten hätte. Wohl grübelte man beunruhigt darüber nach, ob nicht die »Politici« des anderen Lagers von den Ergüssen der Schreibtischextremisten infiziert sein könnten. In den separatistischen niederländischen Nordprovinzen nahm Willem Frijhoff »no strong links« zwischen »militant apocalypticism« und »political decision-making« wahr (außer freilich in der Frühphase des Achtzigjährigen Krieges), der »pamphlet war« habe die Entscheidungszentren nicht nachhaltig infiltriert.268 Die Sprache der Akten ist, natürlich, nicht die der Flugschriften. Aber damit ist noch keineswegs ausgemacht, daß religiös erhärtete kriegsethische Postulate in der Ratsstube irrelevant gewesen sind. Inwiefern kanalisierten religiöse Anforderungen – beispielsweise die theoretisch unstrittige Amtspflicht eines frühneuzeitlichen Herrschers, das Seelenheil möglichst vieler »Schäfelein« zu ermöglichen, oder eben die Kriterien des Bellum iustum – Wahrnehmung und Meinungsbildung der Entscheidungsträger? Um darauf erste Antworten geben zu können, muß man neben gedruckten ProLife die zivilisierte Welt überhaupt infragegestellt werde, so George Bush Jr. am 10. September 2002, könne es jetzt, wie die deutsche Übersetzung bei der Übertragung der Bush-Rede in n-tv lautete, »keine Immunität und keine Neutralität« geben – wie so häufig (aber der Nachweis wird noch weiter unten zu führen sein) ist die Akzeptanz der Neutralität ein für Kriegskonzeptionen aufschlußreicher Indikator. 268 Willem Frijhoff, Catholic Apocalyptics in a Protestant Commonwealth? The Dutch Republic (1579–1630), in: Heinz Schilling (Hg.), Konfessioneller Fundamentalismus. Religion als politischer Faktor im europäischen Mächtesystem um 1600, München 2007, S. 248.

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pagandaschriften auch interne Beratungsprotokolle befragen, den öffentlichen Deutungskrieg wie seinen Niederschlag in den Ratsstuben beobachten, und genau an diesen Schnittstellen, zwischen Bibliothek und Archiv, Gelehrten- und Ratsstube, publizistischem Meinungskampf und Meinungsbildung der Entscheidungsträger scheinen mir die für eine historische Friedens- und Konfliktforschung spannendsten Fragen angesiedelt zu sein.269 Vorerst können wir selbst scheinbar sehr einfache Fragen kaum beantworten. Wie gut kannten die (adeligen, juristisch geschulten bürgerlichen) Entscheidungsträger überhaupt die elaborierten Doktrinen, schrumpften sie ihnen auf halbverstandene Schlagworte zusammen? Hat man im politischen Alltag bisweilen auf die Doktrinen (oder doch die Schlagworte) rekurriert? Wie war das im späten Mittelalter? Der »Friedensidee« im damaligen Florenz auf der Spur, fand Ulrich Meier heraus, daß die Termini Pax, Tranquillitas ordinis und Iustitia »einen festen Begriffsbestand« bildeten, »mit dem zu argumentieren man gewohnt war«, es sei im städtischen Leben »Justitia ... das zentrale Schlagwort der Jahrzehnte um 1300« gewesen, »Friede und Gerechtigkeit wurden in dieser Zeit zu normativen Ecksteinen der Stadtverfassung«; auch in den spätmittelalterlichen »Podestà-Spiegeln« seien »pax, concordia und tranquillitas oder deren volkssprachliche Äquivalente die gebrauchten Kernbegriffe« gewesen270: Indizien für eine profunde Kenntnis der gelehrten Kriegsdoktrinen bei den städtischen Eliten, hohle Phrasen? Dietrich Kurze gewann den »Eindruck«, daß »das Mühen der Denker nicht esoterisches Geheimwissen blieb, sondern in breiter Front praktiziert und popularisiert wurde«.271 Hingegen beurteilt Peter Moraw »die Überzeugungskraft von Theoretikern« wie Augustinus und Thomas von Aquin, auf »Herrschaft und Staat« im späten Mittelalter blickend, »mit großer Skepsis ..., allein schon wenn man den zu vermutenden Wissensstand der möglichen Rezipienten bedenkt«.272 War die Bellum-iustum-Doktrin im ausgehenden Mittelalter und im ersten neuzeitlichen Jahrhundert an den Zentren der Macht besonders präsent oder ganz aus dem Blick? Heinrich Lutz glaubte, eine in diesem Zeitraum anwachsende Wirkmächtigkeit von Ideen beobachten zu können, eine »neue, nicht mehr mittelalterliche Bewegung des Denkens, Planens und Forderns in bezug 269 Ich gehe auf einige damit zusammenhängende methodische Fragen unten in Kapitel A.4 noch ein. 270 Ulrich Meier, Pax et tranquillitas. Friedensidee, Friedenswahrung und Staatsbildung im spätmittelalterlichen Florenz, in: Johannes Fried (Hg.), Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter, Sigmaringen 1996, die Zitate: S. 493, S. 514, S. 496f. 271 Kurze, Krieg und Frieden, S. 29. 272 Peter Moraw, Staat und Krieg im deutschen Spätmittelalter, in: Werner Rösener (Hg.), Staat und Krieg. Vom Mittelalter bis zur Moderne, Göttingen 2000, S. 85.

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auf Frieden und Krieg«, »der Wirkungsgrad von Ideen und verbalisierten Normenreflexionen verstärkt sich«.273 Konkreter, mit dem Adel Polen-Litauens eine politiktragende Elite ins Visier nehmend, konstatierte Hieronim Grala, daß die Bellum-iustum-Doktrin »im polnischen politischen Denken« des 16. Jahrhunderts sehr präsent gewesen sei.274 Hingegen stießen Rainer Bach und Constantin Hruschka nur in der »klerikalen Institutionen- und Weltchronistik« auf das Bellum-iustum-Konzept, in adeligem Schriftgut begegneten noch nicht einmal Spurenelemente, es klaffe »ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen geistlichem und ritterlichem Selbstverständnis in der Wahrnehmung von Kriegen«.275 Und Sonja Kerth, auf deren Sondierungen in Liedern und Sprüchen ich schon einige Male hingewiesen habe, stieß dort auf keine »Diskussion über bellum iustum, obwohl rechtliche Argumente ja eine teilweise überragende Rolle spielen«.276 Wenn sie andererseits feststellt, daß »der Friede in den Dichtungen des 16. Jahrhunderts wesentlich häufiger beschworen wird als in den Jahrhunderten zuvor«277, mag das doch einen Niederschlag gelehrter Debatten dokumentieren, eine auf formelhafte Beschwörungen eingeschrumpfte Rezeption freilich nicht scholastischer Doktrinen, sondern humanistischen Nachdenkens über den Frieden. Und ob die Autorin immer genau genug hingeschaut hat? Die Dominanz eines rein »politischen Friedensbegriff[s]« will sie mit diesem Preislied aus dem Jahr 1519 erhärten: »Carle der wirt regieren/ mit großer strengikeit,/ die gerechtigkeit wirt er zieren,/ zu kriegen sin bereit;/ kein ungrechtigkeit wirt er nit lon«278 – tatsächlich zeigt diese Eloge doch vor allem, wie strikt eine als ungerecht empfundene Pax (eben kein Wert an sich!) abgelehnt wurde und daß legitime Kriegführung an Iustitia gekoppelt war. Die disparaten Funde weisen vorerst in unterschiedliche Richtungen, sogar, wenn wir uns politiknahes Schriftgut vornehmen. Ganz aussichtlos ist es derzeit, den Niederschlag gelehrter Kriegskonzeptionen in Akten einschätzen zu wollen. 273 Heinrich Lutz, Friedensideen und Friedensprobleme in der frühen Neuzeit, in: Gernot Heiss/ders. (Hgg.), Friedensbewegungen: Bedingungen und Wirkungen, Wien 1984, S. 28f. Für ursächlich hält Lutz eine »neue Dynamik der europäischen Staatenwelt« und »die Verbreitung des Buchdrucks«. 274 Hieronim Grala, Vom bellum iustum zum bellum externum. Die Auffassung des polnisch-litauischen Adels von den Gründen des Livländischen Krieges 1558–1582, in: Horst Brunner (Hg.), Die Wahrnehmung und Darstellung von Kriegen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2000, S. 256f. 275 Rainer Bach/Constantin Hruschka, Das Bild des Krieges im Spiegel der klerikalen Institutionen- und Weltchronistik und der Schriften niederadliger Autoren, in: Horst Brunner (Hg.), Die Wahrnehmung und Darstellung von Kriegen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2000, S. 70f. 276 Kerth, Landsfrid, S. 257 Anm. 91. 277 Vgl. oben S. 52 mit Anm. 119. 278 Kerth, Landsfrid, S. 258f.; das Preislied stammt von Pamphilius Gengenbach.

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Gewiß stolpern wir dort gelegentlich über eine Anspielung auf diesen Publizisten, jene Flugschrift. Aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges ist vielleicht diese doch deutliche Klage erwähnenswert: »Ein Buchlin«, ein »rechter famosus libellus ... wider den churfursten von Sachsen und den landgrafen« von Hessen, also die Häupter des organisierten Protestantismus im Reich, versetze das schmalkaldische Lager in »verbitterung«, dann, verallgemeinernd: »viel biechers machen ... macht warlich nit vertrauen zur unterhandlung«, sprich: zum Versuch, den Krieg durch Friedensgespräche abzukürzen – so lamentierte Gereon Sailer, der Agent des hessischen Landgrafen Philipp in Augsburg, in einem Schreiben an den Spiritus rector der bayerischen Reichspolitik, Leonhard von Eck.279 Daß Verärgerung über katholische Pamphlete gegen den Augsburger Religionsfrieden das Fiasko des Reichstags von 1608 mitverschuldet hat, wurde bereits erwähnt280 – hier ist Fundamentalkritik an einem dezidiert politischen Friedensbegriff, am Konzept interkonfessioneller Pax, geschichtsmächtig geworden. So spektakuläre Bezüge auf gelehrte (ob theologische, ob völkerrechtliche) Abhandlungen über den Krieg kann ich nicht vorweisen. Als Ratgeber Kaiser Ferdinands II. im Januar 1635 »politische und militärische bedenkhen und motiven, ob der frieden einzugehen oder der khrieg vortzusetzen seie« zusammenstellten, beschworen sie nicht nur zweimal die »gerechte sach« der eigenen Waffen, vor einem Wiedererstarken der Protestanten warnten sie mit diesem Argument: Diese würden dann »leges iniquissimas victis praescribiieren wollen. Inmassen dann solches die in negsten vergangenen jahren in offnen truckh gegebene discursen nicht wenig bestettigen, in welchem281 sie sich ungescheücht vernemmen lassen, man wolle und könne die durch die waffen im Römischen Reich eingenommene erz- und stifter gewissen halber nit restituiren, sondern iure belli behalten«. Die Hofburg hat demnach das Erscheinen gedruckter »discurse« registriert; aber es handelt sich hier wohl nicht eigentlich um kriegsethische oder völkerrechtliche Arbeiten, sondern um die Flut von Pamphleten gegen das Restitutionsedikt. Daß man an der Hofburg auch von im engeren Sinne völkerrechtlichen Publikationen Kenntnis nahm, zeigt indes ein Schreiben Kaiser Ferdinands III. an seine Vertreter bei den westfälischen Friedensverhandlungen vom 27. Februar 1646, wo eine Kursvorgabe mit dem Hinweis auf Ludwig de Molina garniert wird.282 Edgar Müller konnte jüngst in den »Acta Pacis Westphalicae« an drei 279 Abdr. nach einer undat. Kopie des Briefes [wohl vom November 1546]: Lenz, Briefwechsel, Bd. 3, S. 471. 280 Vgl. oben S. 58 mit Anm. 144. 281 Sic! Das Memorandum ist abgedr. in BA Neue Folge (im Folgenden: N. F.) 2.10.2, Nr. 107. 282 APW II.A.3, Nr. 177. Es geht freilich nicht um eine grundsätzliche Aussage Molinas zu Wesen oder Berechtigung des Krieges – Konzessionen bei den konfessionellen Besitzständen für unumgänglich haltend (S. 306), schreibt Ferdinand: »Nicht daß man es von rechten

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Stellen Grotius-Zitate aufspüren, ferner nachweisen, daß sich der Sekretär der schwedischen Delegation in Osnabrück, Matthias Biorenklou, immer wieder intensiv mit »de iure pacis ac belli« auseinandergesetzt hat.283 Nun war dieser Gesandtschaftssekretär sicher keiner der diplomatischen Hauptakteure in Westfalen. Für einen Hauptakteur des Dreißigjährigen Krieges schlechterdings ist aber gut belegt, daß er sich mit Hugo Grotius lesend beschäftigt hat: Kenner Gustav Adolfs von Schweden betonen, daß dieser auch vor sich selbst habe sicher sein wollen, nur Bella iusta zu führen, sehr auf die Iusta causa und die Intentio recta geachtet habe, (auch) deshalb intensiv die Bemühungen des Hugo Grotius »de iure pacis ac belli« studiert habe, angeblich täglich eine halbe Stunde lang284. Müssen wir uns, bis eines fernen Tages alle Archive eingescannt sind und nach Suchworten durchforstet werden können, mit einer Analyse der – schon in der Vormoderne häufig in Druckwerken zusammengestellten – zwischenstaatlichen Verträge behelfen? Randall Lesaffer meint, hier durchaus die wahren Absichten der Entscheidungsträger auffinden zu können, freilich nur in Friedensverträgen: sie nämlich böten »the world of Realpolitik«285, während Alli-

wegen schuldig wehre, sondern daß es ratio status et publicae tranquillitatis erfordert, daß man von seinem rechten etwas weichen thue. Dahero dann Ludovicus Molina ›De iustitia et iure‹ inter transactionem et compositionem unterscheide, bei letzterer weiche man ›ad evitandum maius periculum de iure suo‹«. Ludwig de Molina S.J. (1535–1600) war spanischer Moraltheologe und Völkerrechtler, seine sechs Bände »De iustitia et iure« erschienen seit 1593. Zuletzt zählte ihn Klaus Dicke, Freiheiten im Völkerrecht, in: Georg Schmidt/ Martin van Gelderen/Christopher Snigula (Hgg.), Kollektive Freiheitsvorstellungen im frühneuzeitlichen Europa (1400–1850), Frankfurt u. a. 2006, S. 62 sogar neben Vitoria, Suarez, Ayala und Gentili zu den »Vätern des Völkerrechts«. 283 Vgl. Edgar Müller, Hugo Grotius und der Dreißigjährige Krieg. Zur frühen Rezeption von De jure belli ac pacis, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 77 (2009), S. 499–538. Der Großteil der Arbeit ist dem Nachweis früher wissenschaftlich-universitärer Rezeption gewidmet. Für unsere Frage nach der Politikrelevanz völkerrechtlicher Publikationen ist noch interessant, daß sich der unter Johann Philipp von Schönborn einflußreiche Mainzer Kanzler Johann Christian von Boineburg eingehend mit »de iure pacis ac belli« beschäftigt hat: S. 535f. 284 So Marcus Junkelmann, Gustav Adolf (1594–1632). Schwedens Aufstieg zur Großmacht, Regensburg 1993, S. 285f.; vgl. schon C[ecily] V[eronica] Wedgwood, Der 30jährige Krieg, Neuausgabe München 1990, S. 235. Allgemeiner behauptet Günter Barudio, ein Kenner des damaligen Schweden, daß »Schwedens Staatsmänner an Grotius und anderen Klassikern des Völkerrechts ... geschult« gewesen seien (aber was hat das für ihre Politik bedeutet?): G. B., Der Teutsche Krieg 1618–1648, 2. Aufl. Frankfurt 1985, S. 334. Sven Lundkvist, Die schwedischen Kriegs- und Friedensziele 1632–1648, in: Konrad Repgen (Hg.), Krieg und Politik 1618–1648. Europäische Probleme und Perspektiven, München 1988, S. 235: »Gustav Adolf und die anderen schwedischen Staatsmänner, auch Axel Oxenstierna, waren mit Grotius’ Schrift und seiner Argumentation vertraut.« 285 Lesaffer, War, S. 106.

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anzverträge mit ihrem »lip service to the just war doctrine«286 lediglich »propagandistic legitimisations«287 offerierten; außerdem verblaßten diese zusehends nach 1648.288 Mir scheinen sie auch danach eine Zeitlang durchaus in Übereinstimmung mit der (was Lesaffer übersieht: ja selbst mittlerweile ausgeleierten, überdehnten) Doktrin zu stehen. Die Amnestieklauseln in Friedensverträgen289 wertet Lesaffer als Eingeständnis, »that there was no effective power ... strong enough to judge the right of the parties ... in other words, in as far as settlements in peace treaties for damages received or done are concerned, the external sovereignty of the states could be no greater at the middle of the eighteenth century than it had been three hundred years before«.290 Das sind weitreichende Schlußfolgerungen – indes, hat für manchen frommen Zeitgenossen nicht schon der Ausgang des Krieges über Recht und Unrecht entschieden, vor allem aber: ist zu verzeihen unchristlich? Dann wurden Friedensverträge, mehr noch als Allianzverträge, im Hinblick auf öffentliche Wirkung verfaßt; ausgerechnet hier haben die vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden gewiß nicht ihre Herzen ausgeschüttet.291 286 Ebda., S. 97. 287 Ebda., S. 106. 288 Nachdem zunächst »a prior act of injustice of the enemy was always identified as the real cause« für die Kriegsallianz, was Lesaffer im frühen 17. Jahrhundert schon nur noch als »lip service to the just war doctrine« wertet, seien dann im 18. Jahrhundert die »interests« der Staaten auch rhetorisch in den Vordergrund gerückt: alle Zitate auf S. 97f. – Offenbar ist Claire Gantet, Guerre, paix et construction des États 1618–1714, o. O. 2003 in ihrem Untersuchungszeitraum kein Nachlassen der Bemühungen um »gerechte« Begründungen aufgefallen, sie konstatiert pauschal: »Le soin pris à attribuer aux guerres une cause iuste« sei »un trait essentiel« (S. 8). 289 Auf ihre Geläufigkeit hat schon Fisch, Friedensvertrag, S. 92–112 hingewiesen; vgl. zudem, bereits fürs Mittelalter, Klaus Neitmann, Die Staatsverträge des deutschen Ordens in Preußen 1230–1449. Studien zur Diplomatie eines spätmittelalterlichen deutschen Territorialstaates, Köln 1986, S. 381–396. 290 Lesaffer, War, S. 104. 291 Diese knappen Andeutungen gewisser Zweifel sind der großartigen Rechercheleistung Lesaffers eigentlich nicht adäquat. Ich kann aber in diesem Rahmen nur einige Fragezeichen anbringen. So interessant die von Lesaffer betonten Unterschiede zwischen der in Friedensoder aber in Allianzverträgen obwaltenden Rhetorik sowie zwischen Ius in bello und Ius ad bellum sind, so wenig glaube ich, daß wir aus der Behandlung des Ius in bello in Friedensverträgen (überall sonst sieht Lesaffer selbst ja lediglich »propagandistic values«) einfach auf die Denkkategorien der damaligen Politiker schließen dürfen. Mir ist auch nicht einsichtig, warum Amnestieklauseln in Friedensverträgen beweisen, daß Angaben zur »Justice« von Kriegsgünden in Allianzverträgen lediglich »propagandistic« seien. Die schlichte Antithese »Realpolitik« – »world of moral«, »world of theory and ideals« scheint mir nicht nur terminologisch der Vormoderne unangemessen zu sein. »Values« wie Gottgefälligkeit oder Ehre konnten damals sehr wohl verhaltenssteuernd wirken, was diese Studie hoffentlich noch plausibel machen kann, und was die damaligen Entscheidungsträger aufgrund welcher

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2.2.2 Weltanschauung als parteibildender Faktor Waren weltanschauliche Werte bei kriegerischen Auseinandersetzungen ein vorrangiger parteibildender Faktor? Fürs späte Mittelalter wurde es schon beiläufig bezweifelt.292 Brachte die Schwelle zur Neuzeit einen (weiteren) Säkularisierungsschub? In einem allgemeinen Sinne, also zunächst einmal jenseits unseres engeren Themenkreises, ist es ja evident, daß »die Entdeckung der Welt und des Menschen« durch Renaissance und Humanismus säkularisierende Effekte hatte. Man muß nur stichwortartig die neue humanistische Anthropologie293 erwähnen, eine neue Weltzugewandtheit294, noch sehr elitäre Vorwegnahmen der Aufklärung seit dem späten 17. Jahrhundert sind offenkundig295. Und wo bleibt der Krieg? Die Apenninhalbinsel, die im letzten mittelalterlichen Jahrhundert am meisten urbanisierte Großregion Europas, stand nicht nur in den Branchen Bankwesen und humanistische Beredsamkeit an der Spitze des Fortschritts, auch in der Kriegskunst: Nicht mehr Lehnsbande, sondern Werbegeld, nicht mehr vasallitische Loyalität, sondern die Zahlungsfähigkeit des Condottiere brachten mehr oder weniger große Heere auf die Beine. Für unseren Zusammenhang ist besonders interessant, daß die Herren des Kirchenstaats beim skrupellosen Ringen um Hegemonie oder Gleichgewicht munter mitmischten, so eine päpstliche Letztautorität für Gerechtigkeitsfragen selbst kräftig unterminierten. Krieg aller gegen alle, häufige opportunistische Allianzwechsel, Krieg als Geschäft und Machtkalkül, nicht zuletzt von Päpsten, Papstnepoten, päpstlichen Familienangehörigen: damit

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mentaler Dispositionen für die »realen« Staatsinteressen hielten, müßte man je und je erst aus internen Akten erarbeiten, erschließt sich nicht ausgerechnet in Friedensverträgen. Vgl. Norbert Ohler, Krieg und Frieden am Ausgang des Mittelalters, in: Heinz Duchhardt/ Patrice Veit (Hgg.), Krieg und Frieden im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit/Guerre et paix du moyen âge aux temps modernes, Mainz 2000, S. 2: »Anders als griffige Progapandaformeln glauben machten, standen sich nicht religiös homogene Blöcke gegenüber«. Anschließend weist Ohler darauf hin, daß bei der »Reconquista« in den Heeren beider Seiten auch christliche bzw. muslimische Minderheiten mitgekämpft hätten, doch was beweist das? Grundsätzlich parteibildend war bei der Reconquista doch zweifelsohne der Glaube; daß im Dreißigjährigen Krieg der eine oder andere evangelische Söldner das Brot katholischer Obristen aß und umgekehrt, sagt ja über die politischen Gründe für diesen Krieg offenkundig auch nichts aus. Abschließend vermutet der Mediävist Ohler: »Die Bindekraft der Religion sollte im Laufe der Neuzeit weiter abnehmen«. Das sich selbst bespiegelnde, seinen Lebenslauf zum Gesamtkunstwerk ästhetisierende, ruhmbegierige Dicher-Ich anstelle christlicher »Demut«; der Mensch als Homo faber, noch nicht als Ingenieur, aber als Kulturschaffender, Schöpfer einer autono­men Profankultur, die nicht nur und ausschließlich Lobpreis Gottes zu sein hat ... Die Welt war ja Renaissancemalern und humanistischen Dichtern nicht mehr nur irdisches Jammertal: Entdeckung der Landschaft in der Malerei, erste Naturgedichte, die nicht mehr die tradierten locas amoenas und terribiles aufbereiten ... Wiederum nur stichwortartig: humanistischer Utilitarismus, Philosophie als Ars vitae ...

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ist chiffrenhaft der ›Sitz im Leben‹ jener Texte Machiavellis angedeutet, von denen weiter oben, bei der Entwicklung der Kriegsdoktrin, schon die Rede war. Machiavelli glaubte, für seine florentinische Gegenwart besonders in der Geschichte der Römischen Republik von Livius lernen zu können. Ihn und andere altrömische Autoren schätzten auch die Humanisten, und sie stießen dort nicht nur auf robuste Kriegsbejahung296, ferner auf ein weitgehend säkulares Kriegskonzept, das ohne quälende Grübeleien über die Gerechtigkeitsfrage und ganz ohne heilsgeschichtliche Perspektive auskam. Nach dem Ende der Kreuzzüge, der Ketzerfeldzüge, der Reconquista schien die Zukunft einer durch und durch säkularen Kriegspraxis zu gehören. An der Außengrenze des christlichen Abendlandes schreckte freilich bald ein neuer Feind: »der Türke«. Hatte die mittelalterliche Christianitas versucht, den Islam vom Zentrum der Erdscheibe zu verdrängen und zu marginalisieren, war das neuzeitliche Abendland in der Defensive. Die osmanische Eroberung Zentralungarns und die erste Belagerung Wiens 1529 mögen als Stichworte für besonders dramatische Ereignisse an der östlichen Dauerfront zwischen Christenheit und Islam genügen; das westliche Mittelmeer destabilisierten die osmanischen Vasallen in Algier und Tunis. Daß zwischen der Ukraine und Gibraltar notorisch christliche mit islamischen Soldaten rangen, hielt den Gedanken des Glaubenskrieges wach, stand einer Totalsäkularisierung des Denkens über Krieg und Frieden im Wege.297 Verlieh sodann die Glaubensspaltung der Bindekraft kirchlicher Normen neue Vitalität – oder hat sie diese im Gegenteil weiter relativiert? Daß »die Reformation« der säkularen Moderne vorgearbeitet habe, war im Fach lang Common sense und gilt außerhalb desselben noch immer als ausgemacht, weil man zu wissen glaubt, daß ein enger Zusammenhang zwischen »Kapitalismus und Reformation«298 bestehe. Hat nicht zudem die Pluralisierung von Wahrheit die Verbindlichkeit des von jeder einzelnen Kirche abgesteckten Bezugsrahmens für die Seins- und Weltdeutung in Frage gestellt, eine Außenperspektive auf die Glaubensüberzeugung ermöglicht?299 296 Vgl. zu diesem Aspekt schon oben S. 54. 297 Jedenfalls außerhalb Frankreichs! Den Rest Europas empörte einhellig, daß man das Osmanische Reich in Paris für bündnisfähig hielt. 298 So heißt bekanntlich ein Aufsatz von Lucien Febvre, er ist wiederabgedr. in: Ulrich Raulff (Hg.), Lucien Febvre, Das Gewissen des Historikers, Berlin 1988, S. 117–131. Natürlich, man müßte nun auf Max Weber eingehen und auf Ernst Troeltsch, aber nicht in diesem Rahmen! Ich diskutiere den Zusammenhang von Reformation, Säkularisierung und Modernisierung an anderer Stelle, mit den entsprechenden Nachweisen: Gotthard, Religionsfrieden, vor allem S. 504–507. 299 Die Kirche ist nicht mehr das Einheitsband, das alle Gotteskinder umfaßt und inso­fern zur Conditio humana gehört, außerhalb des von ihr abgesteckten Terrains dräut nicht mehr animalisches Vegetieren, locken vielmehr andere Heilsversprechungen. Die universale sinn-

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Spezialisten für die Geschichte des 16. Jahrhunderts betonten indes in den letzten zwanzig Jahren weniger etwa säkularisierende Impulse der Kirchenspaltung, nein, die Gemengelage konkurrierender Konfessionalisierungen habe religiöse Orientierungen keinesfalls relativiert, vielmehr seien die Bewohner Mitteleuropas erst im Zuge dieser sich im Wettlauf anstachelnden Konfessionalisierungsanstrengungen so recht christianisiert worden. Intensivierte Seelsorge, Propaganda und Zensur hätten für eine Internalisierung kirchlicher Normen gesorgt, deren mentale Prägekraft gegenüber dem vorherigen Level enorm angewachsen sei.300 Was könnte das für die Kriegführung bedeuten? Forcierte »der Verlust der kirchlichen, auch kirchenrechtlichen Einheit ... ein schon vorher angelegtes Denken, das an die Stelle christlich-kirchlicher Normen völkerrechtliche Kategorien setzte«301? Die Glaubensspaltung als Katalysator einer Säkularisierung des Krieges? Beobachtungen Jeremy Blacks weisen in eine andere Richtung: »With growing confessional antagonism, at least from the 1530s, every local or regional conflict in which opponents were involved who subscribed to different confessional options, which was nearly always the case, assumed a far greater nationwide importance. Alliances were formed comprising many, if not all, members of a confessional group nationwide. Confessional antagonism created a national, as opposed to regional, framework for conflict in Germany and Scotland, and in France after 1560.«302 Machte erst der Konfessionszwiespalt aus den zeitüblichen lokalen und regionalen Querelen und Quengeleien kriegsträchtige Antagonismen? Man denkt, als Menetekel, sehr frühes und nicht in jeder Hinsicht taugliches Exempel, an den deutschen Bauernkrieg303, die anderen und treffenderen Beispiele deutet Black ja selbst an, man wird ihm für die beiden

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stiftende Letztin­stanz mutiert deshalb gewiß nicht sogleich und unvermittelt zu einem von allen möglichen Lebenssegmenten, aber könnte die Pluralität von Wahrheitsmonopolen diesem Prozeß einen kräftigen Impuls gegeben haben? Man muß den Terminus »Konfessionalisierung« nicht mehr erklären, darf pauschal auf die zahllosen Veröffentlichungen Heinz Schillings und auch Wolfgang Reinhardts dazu verweisen. Hinführung zum Schillingschen »Forschungsparadigma«: Stefan Ehrenpreis/Ute Lotz-Heumann, Reformation und konfessionelles Zeitalter, Darmstadt 2002, S. 62–70 – ohne Bezug zu den hier interessierenden Fragestellungen, was auch für diese kluge Zusammenfassung mit weiterführenden Anregungen gilt: Johannes Burkhardt, Das Reformationsjahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medienrevolution und Institutionenbildung 1517–1617, Stuttgart 2002, Zweiter Teil. So mutmaßt der Mediävist Dietrich Kurze: Krieg und Frieden, S. 5. Black, Why Wars happen, S. 59. Nun war das nicht eigentlich ein »Krieg«, kein Kampf zwischen verschiedenen politischen Systemen, sondern eine Untertanenrevolte! Aber die Parallelen zum Blackschen Befund sind frappierend: Das »gute, alte Recht« der bäuerlichen Gemeinden war je und je ein etwas anderes, die konkreten Mißstände variierten von Dorf zu Dorf. Die Berufung auf die Bibel, das »reine, unverfälschte Wort Gottes« aber hat man überall verstanden; das hat eine überregionale Ausbreitung der Unruhen ungemein begünstigt, wohl erst ermöglicht.

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letzten Drittel des 16. Jahrhunderts alles in allem Recht geben: Innerhalb einiger europäischer Länder und unter dem Dach des Reiches ist es so gewesen, andererseits, die internationalen Beziehungen folgten doch über weite Strecken des 16. Jahrhunderts anderen Mustern. Wie lang taten sie das? Wie das Konfessionelle Zeitalter adäquat in eine Geschichte der Säkularisierung einzupassen ist, können wir derzeit besonders schwer beurteilen. War der nie in die Verschmelzung übergehende enge abendländische Schulterschluß ReligionPolitik damals am nahtlose­sten? Oder zeugt der »Konfessionsstaat« der Jahrzehnte um 1600 von damals bereits recht weit fortgeschrittener Säkularisierung (weil er nämlich die Reli­gion für ihr gar nicht eingeschriebene, originär profane Zwecke in­ strumentalisierte)? Wurde die Ausdifferenzierung von Politik und Religion, Recht und Moral im Jahrhundert vor 1630 weiter vorangetrieben oder aber ge­hemmt? Steht das Säkulum ganz im Bann der Konfession, oder hat den Politikbetrieb nach den Sturmjahren der Reformation auf den zweiten Blick doch schon die Staatsräson diktiert?304 Ich muß meine Fragenkaskade erneut abrupt beenden, erneut mit dieser – Frage: Was könnte das alles für die Kriegführung bedeuten? Für Heinz Schilling war »die Konfession« von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts die »Leitkategorie« in den internationalen Beziehungen, »für die zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa insgesamt stilbildend«. 305 Er sammelt hierfür instruktive Indizien, und sieht meines Erachtens doch nicht überall ganz scharf. »Vorreiter« eines »gegenreformatorischen Internationalismus« war für Schilling die Madrider Regierung, deren zentrales »Konzept« darauf abzielte, »das Reich zu umschließen durch einen Gürtel von katholischen Mächten, um hier in der Mitte Europas und im Ursprungsland der Reformation die Häresie auszulöschen ... Greifbar nah war der Erfolg dieses Konzeptes im Restitutionsedikt von 1629«.306 Nun hat freilich ein Kenner der spanischen Politik ausgerechnet für die Jahre des Dreißigjährigen Krieges bezweifelt, daß Madrid damals an einer Einschnürung Deutschlands, überhaupt an einer Verschärfung der konfessionellen Konflikte in Mitteleuropa interessiert gewesen sei 307, und 304 Konfessionelles Zeitalter und Säkularisierung: Gotthard, Religionsfrieden, S. 507–510. Ich nenne dort auch prominente Stimmen, die sich in den letzten Jahren zu solchen Problemen geäußert haben, beispielsweise die Winfried Schulzes oder von Michael Stolleis – hier muß meine kleine Frageliste hinreichen, um anzudeuten, in welchem weiteren Problemhorizont die sich anschließenden Überlegungen zu Krieg und Frieden stehen. 305 Heinz Schilling, Formung und Gestalt des internationalen Systems in der werdenden Neuzeit – Phasen und bewegende Kräfte, in: Peter Krüger (Hg.), Kontinuität und Wandel in der Staatenordnung der Neuzeit. Beiträge zur Geschichte des internationalen Systems, Marburg 1991, S. 22. – Vgl. zuletzt in detaillierter Ausführlichkeit: ders., Konfessionalisierung und Staatsinteressen. Internationale Beziehungen 1559–1660, Paderborn u. a. 2007. 306 Schilling, Formung, S. 29f. 307 Vgl. Eberhard Straub, Pax et Imperium. Spaniens Kampf um seine Friedensordnung in Europa zwischen 1617 und 1635, Paderborn/Wien/Zürich 1980. Straub betont durchgehend,

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ganz sicher steckt Spanien nicht hinter dem Restitutionsedikt308. Auf die Gegenseite plaziert Schilling den »internationalen Calvinismus« – einen »Block«, so Schilling, »dem das katholische Frankreich zunächst nahestand, später dann angehörte. Führungsmächte des protestantischen Blocks waren die nördlichen Niederlande und die Pfälzer. Weitere wichtige Mitglieder waren England, Dänemark und später Schweden«. Ein calvinistisch durchtränkter »Block«? Auch hier könnte man manche Fragezeichen anfügen, so hielten sich England309 und die Generalstaaten310 in der so wichtigen Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges zurück, während Frankreich damals entschieden prohabsburgisch agierte311. Übrigens gehörte zu den Drohungen, mit denen eine vielköpfige, prominent besetzte französische Ambassade im Sommer 1620 die Mitglieder der evangelischen Union überschüttete, diese: gäben sie nicht auf der ganzen Linie klein bei, enlarvten sie sich als »promoteurs d’une guerre iniuste«.312 Der konfessionelle Schulterschluß mit dem katholischen Haus Habsburg wird nicht währen, obwohl Richelieu und alle anderen unter ihm noch einflußreichen Pariser Politiker katholisch gewesen sind. »Die inneren Grenzen der Konfessionalisierung als reichs- wie außenpolitische Leitkategorie« treten denn auch für Schilling »in der Haltung Bayerns und Frankreichs« zutage 313, wobei »diese Dekonfessionalisierung der machtpolitischen Allianzen und der Fronten ... an der oberen Grenze unseres Konfessionalisierungszeitabschnitts«, also nach

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daß Maximilian von Bayern der damalige Scharfmacher gewesen sei, Ferdinand II. firmiert (sicher einseitig) als sein tumbes Opfer, ist Maximilians hilflose Marionette; Madrid aber betrieb »Friedenspolitik«. Die Rezensionen waren uneinheitlich. Vgl. zuletzt zur Vorgeschichte des Restitutionsedikts (mit der älteren Lit. und ihren divergierenden Einschätzungen): Gotthard, Säulen des Reiches, Bd. 1, S. 359–361 sowie Gotthard, Maximilian und das Reich, S. 64–66; zuletzt zu Inhalt und Bedeutung: Gotthard, Religionsfrieden, S. 472–479. Erkki I. Kouri, Die Entwicklung eines Systems der europäischen Außenpolitik in der Zeit von 1558–1603 aus englischer Perspektive, in: Friedrich Beiderbeck/Gregor Horstkemper/ Winfried Schulze (Hgg.), Dimensionen der europäischen Außenpolitik zur Zeit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, Berlin 2003, S. 326 konstatiert eine »Konfessionalisierung der äußeren Politik« Englands, die freilich »auf eine bestimmte Phase begrenzt« geblieben sei, nämlich ungefähr auf die Jahre 1580 bis 1620 (ebda., S. 346); bei Kouri auch die weitere Literatur zur englischen Außenpolitik. Vgl. zuletzt Gotthard, Konfession und Staatsräson, S. 295–297 (England: S. 297–301). Nachweis: Gotthard, Frankreich und England. So berichteten es jedenfalls die Ambassadeurs am 29. Juni nach Paris, Kopie: »negociation en Allemagne vers l’Empereur et les princes protestants par messieurs le duc d’Angoulesme, de Bethune et de Preaux és années mil six cens vingt et mil six cens vingt et un«, fol. 170. Auf die »negociation«, eine Sammlung von Relationen der Ambassadeurs aus dem Reich, stieß ich erstaunlicherweise in der Wiener Nationalbibliothek (cod. 7181). Schilling, Formung, S. 31.

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1630 liege.314 Stimmt das für Frankreich wirklich? Es gab eine Tradition antihabsburgischer Politik im Schulterschluß mit Protestanten vom Fürstenkrieg über Subsidien für Dänemark und Schweden im dreißigjährigen deutschen Konfessionskrieg bis hin zur Unterstützung Oliver Cromwells gegen katholische Widersacher auf der Insel und das katholische Spanien, hingegen waren – wie soeben erwähnt – ausgerechnet um 1620 kurzfristig konfessionelle Solidaritäten maßgeblich. Als reichspolitischen Sonderfall müßte man vor Bayern jenes lutherische Kursachsen nennen, das »politice ... Bäpstisch« agierte315, und zwar nicht erst seit den 1630er Jahren, sondern fast durchgehend, beispielsweise auch schon im Kölner Krieg der 1580er Jahre.316 Doch ist auch die Nennung Bayerns nicht grundverkehrt – die Konfession war bei Maximilian I. nur eine außenpolitische Bestimmungsgröße neben anderen, nämlich teutscher Libertät und bayerischer Staatsräson (übrigens erneut: nicht erst seit 1630!317), und eine Feinanalyse seiner Politik318 könnte den Nachweis führen, daß im Falle unausweichlicher Prinzipienkollisionen (freilich war Maximilian ein Meister darin, die bayerische Staatsräson im Gewande eines Vorkämpfers des Katholizismus und deutscher Libertät zu verfechten) durchweg die Ratio status obsiegte. So sieht es, wenn er nur genau genug hinschaut, der moderne Historiker. Ob es Maximilian selbst auch so empfunden hat? Der Mann trieb, objektiv betrachtet, schlaue bayerische Interessenpolitik, aber er war auch zutiefst fromm319, brachte täglich Stunden in Gebet und Gewissenserforschung zu: undenkbar, daß er etwas veranlaßt hätte, womit er subjektiv sein Seelenheil zu verspielen drohte! Daß am 8. November 1620 die Hänge des Weißen Berges vom tausendfach ausgestoßenen Schlachtruf »Sankta Maria« wiederhallten, verdankt sich seiner persönlichen Anweisung. »Doch wird man das tatsächliche Engagement Maximilians in der Schlacht nicht überbewerten dürfen«, moniert ein moderner Analytiker, »der Herzog blieb am Fuße des Weißen Berges zurück und betete ...

314 Ebda., S. 30. 315 Vgl. Gotthard, Politice seint wir Bäpstisch. 316 Vgl. Axel Gotthard, »Macht hab ehr, einen bischof abzusezen«. Neue Überlegungen zum Kölner Krieg, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 82 (1996), S. 270–325. 317 Die Spannungen zwischen den katholischen Dynastien Wittelsbach und Habsburg waren überhaupt notorisch: Auch als meisterhafter Grenzgänger zwischen konfessionell motivierter Solidarität mit der Hofburg und libertär begründeter Distanz war Maximilian nicht innovativ, nur handwerklich geschickt. 318 Vgl. zuletzt Gotthard, Maximilian. 319 Die »Religiosität ... bildete ... Maximilians eigentliches Proprium, den Kern seiner Persönlichkeit und seines Selbstverständnisses«, urteilt der beste Kenner: Dieter Albrecht, Maximilian I. von Bayern 1573–1651, München 1998, S. 1113.

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das ›Salve Regina‹«.320 Und wenn er damit seines eigenen Erachtens eine wichtige Tat vollbrachte, sich besonders wirkungsvoll engagierte? »Je mehr Betens, je mehr Siegs, denn fleissig gebeten ist halb gestritten und gesieget«, soll ein Diktum Gustav Adolfs gelautet haben321, und ein Kenner dieses gerissenen Machtpolitikers ist sich sicher, »daß das religiöse Motiv für das seelische Gleichgewicht des Königs von großer Bedeutung war«.322 Damit sind wir bei einer weiteren Anfrage an das Schillingsche Modell: Ihm zufolge wurde die Konfession für hundert Jahre zur »Leitkategorie«, weil »die beteiligten Staaten und Fürsten glaubten, im konfessionsgeleiteten Konflikt ihre Staatsinteressen fördern zu können«. Dieser Historiker sieht »die Konfessionalisierung von Außenpolitik ... analog zu ihrer Funktion bei der frühmodernen Staatsbildung im Innern«323, also instrumentell. Die damaligen Herrscher bedienten sich der Konfession als eines ihnen äußerlichen, im Arsenal politischer Kniffe herumliegenden, bereitgestellten, jedenfalls frei verfügbaren Instrumentes, das sie kühl kalkulierend einsetzten: als Legitimitätsgenerator und Disziplinierungsmittel im Inneren, als Mobilisierungsfaktor für äußere Konflikte. Und wenn ihnen dazu die innere Distanz gefehlt hat? Wenn damalige Außenpolitik die (deshalb so oft schwankende!) Resultante eines quälenden inneren Ringens zwischen Konfession und Staatsräson gewesen ist – eines Ringens zwischen eher ›politischen‹ (also beispielsweise geostrategischen) Erwägungen und theologischen Postulaten, wie es ja auch erhaltene Ratsprotokolle dieser Jahrzehnte so eindrucksvoll widerspiegeln? Wie weit müssen wir die damaligen Denk- und Gefühlswelten hinter uns lassen, wenn wir versuchen, Glaubensüberzeugungen und »Staatsinteressen« trennscharf auseinanderzuhalten? Natürlich war »Staatsräson« so wenig wie »Konfession« eine Flasche im Regal des gut ausgestatteten Politikers, die eine bestimmte Substanz enthalten hätte, von der der kluge Mann vor wichtigen Entscheidungen eben mal rasch einen kräftigen Schluck zu sich nahm. Wie beeinflußten sich vermeintliche Vorsorge fürs Seelenheil und vermeintliche Staatsräson? Welche inneren Überzeugungen der Entscheidungsträger, welche Werte und Normen prädisponierten die Denkrichtungen und Kalküle, wenn sie meinten, die Ratio des ihnen anvertrauten Gemeinwesens abzuzirkeln? Das Schillingsche Modell ist verdienstvoll, vor allem, weil man sich daran reiben kann. Wir merken wieder einmal, wie viele Fragen noch nicht abschließend geklärt sind. 320 Michael Kaiser, Maximilian I. von Bayern und der Krieg. Zu einem wichtigen Aspekt seines fürstlichen Selbstverständnisses, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 65 (2002), S. 88; ich will mich über die Studie überhaupt nicht mokieren, sie ist vorzüglich. 321 Zit. nach Gustav Droysen, Gustav Adolfs Landungsgebet, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 22 (1901), S. 277. 322 Junkelmann, Gustav Adolf, S. 287. 323 Schilling, Formung, S. 35f.

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2.2.3 Ein »Zeitalter der Glaubenskriege«? Die Konfession als »Leitkategorie« der internationalen Beziehungen: bewährt sich diese Annahme im Testfall des militärischen Konflikts? Unternehmen wir einmal eine Rundreise zu den Schlachtfeldern dieses Säkulums – selbstverständlich ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit324! 2.2.3.1 Frühe deutsche Konfessionskriege In allen überregionalen kriegerischen Auseinandersetzungen des Konfessionellen Zeitalters hat die Konfession eine Rolle gespielt, aber in keinem Fall ist leicht zu entscheiden, ob alle Kriegsparteien in allen Kriegsphasen zuvörderst für das Seelenheil möglichst vieler »schäfelein« fochten. Besonders skeptisch wird man beim Fürstenkrieg sein müssen, den der wendige Wettiner Moritz initiiert hat. Ihm war es zunächst einmal sicher um ureigene Probleme zu tun, um die Labilität seiner neuen Position als sächsischer Kurfürst; der Protestanten halber sprach er auch vom Religionsfrieden, allen Fürsten zuliebe von teutscher Libertät325, und man wird nicht behaupten können, daß ihm beides ganz egal war – wie immer, wenn ein Mann »Geschichte macht«, fielen am Beginn des Fürstenkriegs allgemeine und sehr persönliche Interessen, Notwendigkeiten, Antriebskräfte ineins. Moritz wollte nicht die Weltmacht Habsburg militärisch in die Knie zwingen, sondern kurzfristig günstige Rahmenbedingungen für Friedensverhandlungen schaffen, auf deren Agenda dann auch ein Religionsfrieden stand, und indem er Ferdinand ins Spielzentrum holte, den konfessionell noch intransigenteren Karl an den Rand drückte, prägte er jene politischen Konstellationen vor, denen sich der Augsburger Religionsfrieden verdanken wird. Man kann nicht sagen, daß es 1552 überhaupt nicht um konfessionspolitische Ziele gegangen wäre. Daß der auf dem Weg in den Fürstenkrieg eine Zeitlang wichtige Widerstand der Magdeburger gegen eine Realisierung des Augsburger Interims »primär religiös«326 motiviert war, wurde jüngst sogar sehr gründlich nachgewiesen. Aber beim Fürs-

324 Wir müßten andernfalls, beispielsweise, auch die alte Eidgenossenschaft aufsuchen (fortgesetzte konfessionelle Spannungen, zumal um die Gemeinen Herrschaften, mit dem spektakulären Auftakt der beiden »Kappelerkriege«); die Politik der englischen Krone gegenüber Irland und Schottland bis hin zu den Jakobitenaufständen beleuchten; oder konfessionelle Gehalte (katholische versus evangelische Wasa, Ost- versus Westkatholizismus) in den Nordischen Kriegen abwägen. 325 Ferner, aber das interessiert hier weniger, von den kurfürstlichen Kompetenzen im Reichsverbund: Gotthard, Säulen des Reiches, Bd. 2, S. 672. – Der Fürstenkrieg im Überblick: Gotthard, Altes Reich, S. 43–45. 326 Kaufmann, Magdeburg, S. 460.

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tenkrieg selbst waren konfessionspolitische Anliegen doch nur Komponenten eines Motivbündels. Einen Indikator hierfür werden wir in Kapitel C näher kennenlernen. Ich analysiere dort Vorbehalte gegen die noch nicht zum Völkerrechtstitel verdichtete Denkfigur der »neutralitet«, sortiere dabei nach Diskursfeldern, nicht nach einzelnen Kriegen. Hätte ich den Stoff anders angeordnet, würden wir schnell merken, daß im Fürstenkrieg der Ehren- und der Gehorsamsdiskurs dominierten.327 Jener Sündendiskurs, in dem Neutralität als das »gottlose wesen«328 firmierte: er war fünf Jahre zuvor im Schmalkaldischen Krieg ungleich häufiger begegnet als dann im Fürstenkrieg – was auch etwas über die konfessionellen Gehalte beider Auseinandersetzungen aussagen mag. Schlechterdings »ein Religionskrieg« ist der Fürstenkrieg nicht gewesen. Der Schmalkaldische fünf Jahre zuvor schon. Offiziell zwar führte ihn Karl V. nicht als Konfessionskrieg. Offen, in der Propagandasprache der Manifeste, von der Kriegslegitimation her führte kein neuzeitlicher Kaiser einen Konfessionskrieg. Das sagt zum einen etwas über den Grad der Verrechtlichung der Politik im Rechtsschutzverband Reich aus; auch aus anderen guten Gründen fand es sein Oberhaupt vor 1555 stets klüger, auf den angeblich fehlenden »gehorsam« abzustellen, als etwa von einer »religions sach« zu sprechen. Seit 1555 ließ sich dann ohnehin jeder konfessionell motivierte Strauß als Streit um ein Reichsgesetz führen: nämlich um den Augsburger Religionsfrieden. In Augsburg war besiegelt worden, daß das Medium des diskursiven Austauschs mit dem Widerpart auf der Bühne der Reichspolitik das Recht war. Weil die 1555 festgelegte diskursive Währung Paragraphen des Religionsfrie­dens auf die Verhandlungstische packte und nicht Glaubensartikel, hatte man seine Wahrheit im Medium einer Auslegung der Augsbur­ger Ordnung zu verfechten. Aber weil dem sich chronifizierenden, seit den 1580er Jahren eskalierenden Streit um die rechten Lesarten auf der Motivationsebene »Wahrheit« und »Seelenheil« eingeschrieben waren, konnte es keine wohlfeilen Kompromisse geben. Dem modernen Vorwurf der »Starrheit« und »Rechthaberei« liegen anachronistische Erwartungen zugrunde. Wo Paragraphen letzte Werte einkleideten, konnte man nicht flexibel sein, oder, in der Sprache des 16. Jahrhunderts ausgedrückt, öfters einmal einfach »durch die finger sehen«. Wohl aber konnte und mußte man sein Wahrheitsmonopol rebus sic stantibus als einzig zulässige Gesetzesinterpretation ausgeben, als 327 Vgl. jetzt auch Axel Gotthard, Frühe »neutralitet«. Der Fürstenkrieg in einer Archäologie des Neutralitätsrechts, in: Martina Fuchs/Robert Rebitsch (Hgg.), Kaiser und Kurfürst. Aspekte des Fürstenaufstandes 1552, Münster 2010, S. 9–31. 328 Statthalter und Regenten von Neuburg an Pfalzgraf Ottheinrich, 1546, Sept. 21 (Kopie), BayHStA Kasten schwarz 16671, fol. 317–319. Dieses »wesen« kam »unnser Sund willen« in die Welt – Neutralität als Geißel Gottes! Vgl. unten Kapitel C.6.2.

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lautere Lesart des Augsburger Religionsfriedens. Dieses Sachzwangs wegen war der Rechtsstreit so unerbittlich. Es ist natürlich ein Zeichen evangelischer Schwäche, daß die Protestanten publizistisch aktiver gewesen sind, unentwegt auf die Rettung ihres Glaubens und gleich auch noch der teutschen Libertät rekurrieren zu müssen glaubten.329 Den Katholiken genügten ihre im politischen System angelegten strukturellen Vorteile; wer gegen das katholische Reichsoberhaupt, die katholische Reichstagsmehrheit etwas durchsetzen wollte, benötigte hierfür Respektableres als Interessen: nämlich bevorzugt den weltlichem Räsonnement entzogenen Ruf des »gewissens«, Appelle ans Wohl des deutschen Vaterlandes durften ihn gern flankieren. Es ist natürlich ein Zeichen evangelischer Zerrissenheit, daß es die Protestanten für notwendig hielten, unentwegt den Ruin ihrer Glaubensüberzeugungen an die Wand zu malen: denn nur die Beschwörung notorischer Attacken von außen konnte die gravierenden inneren Widersprüche (nämlich einerseits Lehrdifferenzen zwischen Calvinisten und Lutheranern, andererseits die zwischen großen Flächenterritorien und den vielen evangelischen Reichsstädten divergierenden politischen Stile und Horizonte) überbrücken. Um nun endlich wieder zum Schmalkaldischen Krieg zurückzukehren: Karl konnte nur dann zwei Breschen in die gegnerische (also evangelische, das schon!) Front schlagen, wenn er diesen Krieg nicht als Katholikenführer, sondern als Reichsoberhaupt erklärte. Nur so ermöglichte er es dem evangelischen Herzog von Sachsen, sich auf seine Seite zu schlagen; und er konnte mit jenem »Gehorsam«, den die Glieder ihrem Haupt, die Vasallen ihrem Lehnsherrn schuldeten, eine überkonfessionell – und gerade im Luthertum – akzeptierte Norm auf die eigene Waagschale legen. Den publizistischen Begleitkampf fokussierend, erleben wir die Uraufführung eines Schauspiels, dessen Reprise in den Jahren 1618/19 Kapitel B noch ausführlich behandeln wird: Der Kaiser behauptet mit geringem publizistischem Aufwand330, nur seinen Amtspflichten nachzukommen und Ungehorsam zu bekämpfen; die evangelische Seite sieht sich gezwungen, mit ungleich größerem Engagement den Vorwurf der »Rebellion« zu entkräften, vor allem aber, um aus der legitimatorischen Defensive herauszukommen, dem Schlachtruf »Rebellion« die Kampfparole »Religion« antithetisch entgegenzustellen: Weit davon entfernt, Aufruhr anzuzetteln, ist man tatsächlich Opfer finsterer Anschläge des Antichristen in Rom, seiner Teufelsrotte in Trient, zu deren Handlanger sich der

329 Vgl. schon oben S. 96f. 330 Die Achtserklärung über Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf Philipp (»aufruer«, »conspiration und andere meutterey«, »ungehorsam und rebellion«, usw., usf.) wurde immerhin zügig in die Druckerei getragen. Vgl. jetzt RTA, Bd. 17, Nr. 115.

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Kaiser herabwürdigen ließ.331 Der offizielle und offiziöse Deutungskampf strahlt auf die gesamte Flugschriftenproduktion der Kriegsmonate aus, nahezu alle Titel sehen sich bemüßigt, zur Frage »Rebellion oder Religionskrieg?« Stellung zu beziehen.332 Es war für Karl nur vorteilhaft, wenn da nicht zwei Weltanschauungen mit gleichförmigem Absolutheitsanspruch sozusagen auf Augenhöhe miteinander rangen, wenn sich vielmehr jeder seiner Gegner gegen das ideelle Oberhaupt des christlichen Abendlandes und außerdem noch gegen den obersten Lehnsherrn stellte. »Untreue« Fürsten mußten dann vor dem Felonievorwurf zittern, also im Fall einer Niederlage um »land und leute« bangen; und sie mußten diesen »leuten«, zumal den geldgebenden Landständen, aber auch Söldnern erst einmal plausibel machen, warum man der von Gott eingesetzten obersten Obrigkeit den schuldigen »Gehorsam« versagte. Die Protestanten waren legitimatorisch in die Defensive gezwungen, und noch den Abwehrkurs hatte ihnen der Widerpart vorgegeben. Sie konnten noch so sehr von ihren religiösen Motiven überzeugt sein, diese auch herausstreichen – den Vorwurf des »Ungehorsams«, der »Rebellion« gar durften sie nicht einfach übergehen. Sie mußten dagegenhalten, indem sie Karl als Universalisten und Tyrannen brandmarkten, so als Herrscher delegitimierten, um das biblische Gehorsamsgebot auszuhebeln. Um es mit dem sächsischen Juristen Basilius Monner zu sagen: Weil Karl »dem Reich Deidscher Nation ihre althergebrachte Freyheit nemen« wollte – ferner, sogar davor333, wird schon auch behauptet: weil er »Got331 Man betrachte nur [anonym] (Hg.), Copei eynes schreibens, So der Churfurst zu Sachsen, Vnd der Landtgraff zu Hessen, etc. An die Römischen Keyserlichen Maiestat ... gethan ..., Marburg 1546; [anonym] (Hg.), Der Durchleuchtigst, vn Durchleuchtigen Hochgebornenen Fursten vnd Herren, Herren Johans Friderichen, Hertzogen zu Sachsen, Vnnd Herren Philipsen, Landgrauen zu Hessen, Warhafftiger bericht ..., o. O. 1546; [anonym] (Hg.), Abtruck der verwarungsschrifft, der Chur vnd Fürsten, auch Grauen, Herren, Stette vnnd Stende der Augspurgischen Confession Ainungsverwandten ..., Augsburg 1546; [anonym] (Hg.), BEstendiger, gegründter vnd warhafftiger bericht, auff die vnrechtmessige, vermainte, nichtige vn vnbestendige Achts Erclärung ..., Karlsruhe 1546; [anonym] (Hg.), Der Durchleuchtigst vnnd Durchleuchtigen Hochgebornen Fürsten vn Herren, Herrn Johans Friderichen Hertzogen zu Sachssen ... Vnd Herrn Philipsen, Landtgrauen zu Hessen ... verantwortung ..., Karlsruhe 1546. 332 Auch jenseits offizieller Beauftragung scheint mir die evangelische Seite deutlich zu dominieren. Schuld am Krieg ist »das gantze geschwürm, so kappen vnd platten, tragen, vnd in sonderheit die pletling, so itzo zu Trient ins Teuffels Conciliabulo versamlet gewesen sind«: [anonym], Ein Gesprech, Pasquilli vnd Vadisci, von den fehrlichen Kriegshendeln, dieses Lauffenden 1546 Jares, o. O. 1546. 333 Um nicht mißverstanden zu werden: Aufs Ganze gesehen, dominierte die These vom »Religionskrieg«; jener heroische Kampf für Libertät und Vaterland, den ich hier als vom Gegner aufgezwungene Abwehrstrategie charakterisiere und thematisiere, trat subsidiär hinzu. An diesem eindeutigen Gesamtbefund ändern unterschiedliche Akzentuierungen

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tes Wort ausrotten« wollte –, hatte er sich seiner »Digniteten, Hochheiten und Emptern«, die ihm »vom Römischen Reich gegeben, selbs entsatzt und verlustig gemacht«. Man lehnte sich schon deshalb nicht gegen die »ördentliche Oberkeit auf«, weil Karl »unser Oberkeit nicht mehr ist«.334 Eine andere Flugschrift läßt die Häupter des Schmalkaldischen Bundes so zu Wort kommen: Man hat sie beschuldigt, »vngehorsame Fürsten« zu sein. Tatsächlich ist »vnter dem schein, desselben vermeint vngehorsams nichts anders dann aussreutunge vnd verdrückunge, Gottes allein seligmachenden Worts, vnser wahren Christlichen Religion, Auch des Reichs Deutscher Nation, Freiheit vnd Libertet gemeint«. Daß Karl V. unter dem »schein, vormeints vngehorsams ... anders nichts dann austilgunge, vnd vordrückunge Gottes worts« sucht, ferner, nach der Unterwerfung der schmalkaldischen Fürsten, »die löbliche Deudsche Nation inn ein ewige seruitut vnnd dienstbarkeit, zubringen gemeint ist«, ist ein »vnkeysserlich vnfürstlich fürnemen, So zuwidder dem rechten Reichs ordnung«, ist »Tyranney«. Gebot der Stunde ist also nicht »gehorsam« einem solchen Tyrannen gegenüber, ist Widerstand gegen die »verderbung Deudscher Nation«, man muß »das Vaterland retten helfen«.335 Die Beschwörung der »Freyheit«, »teutscher libertät« und – schon im Schmalkaldischen, noch im Dreißigjährigen Krieg – antispanischer Klischees sollte nicht vorrangig katholische Reichsbewohner erreichen336, sollte vor allem antikaiserlichen Widerstand im eigenen Lager337 akzeptabel machen. Solche Propaganda zielte nicht primär auf Außenwirkung, wollte die eigenen Reihen geschlossen

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bei verschiedenen Autoren (wie wir sie in der Begleitpublizistik zum Dreißigjährigen Krieg wiederfinden werden, vgl. insbesondere unten Kapitel B) nichts. »Regius Selinus« (Basilius Monner), Von der Defension vnd Gegenwehre, Ob man sich wider der Oberkeit Tyranney und vnrechte Gewalt wehren ... müge, o. O. 1546. Basilius Monner war sächsischer Fürstenerzieher, später Professor an der Universität Jena, ein offiziöser Charakter seiner Rechtfertigungsschrift ist wahrscheinlich. [Anonym], Warhafftiger abdruck und Copey, einer abschrifft, So vnlangst der Antichrist der Babst zu Rom, an die dreyzehen Ort in Schweitz gethan ..., o. O. 1546. Dafür spricht schon der banale Sachverhalt, daß die meisten Flugschriftenautoren ihre eigene Konfession so offen erkennen lassen, die ›falsche‹ Konfession so unflätig in den Schmutz ziehen, daß das andersgläubige Leser nur abstoßen konnte. Vgl. schon oben S. 97. Natürlich gibt es Ausnahmen. Eine der raffiniertesten Flugschriften, die ich aus der Zeit des großen deutschen Konfessionskriegs kenne (PostReutter, an Bäpstliche Heiligkeit, Bapst Paulum V. durch einen fürnemen geistlichen Praelaten in Italianischer Sprach anßgefertigt [sic] ..., o. O. 1620), läßt einen fingierten kurialen Insider alle abgefeimten Anschläge Roms auf den Protestantismus in den letzten Jahrzehnten rekapitulieren, die hier einmal wirklich unerwartbare Pointe ist dann diese: Alles ist fehlgeschlagen, die Evangelischen sind wachsam, geben wir den Plan ihrer Ausrottung auf ! So raffiniert gestrickt sind die meisten Flugschriften keinesfalls. Nach 1618 wird es natürlich vor allem um die Haltung jener evangelischen Höfe gehen, die es nicht mit der pfälzisch dominierten »Aktionspartei«, sondern mit den forciert kaisertreuen Dresdnern halten.

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halten. Sie zielte nicht auf die Integration »der Nation«, sondern auf die des Protestantismus. Katholische Autoren hatten es gar nicht nötig, »die Nation« auch nur zu beschwören – schließlich standen die traditionellen supranationalen Universalgewalten, Kaisertum und Kurie, auf ihrer, der ›rechtgläubigen‹ Seite. Sie hatten in dieser altrechtlich denkenden Zeit den Vorteil auf ihrer Seite, erst gar nicht innovativ sein zu müssen. Karl V. konnte nur gewinnen, wenn er den schmalkaldischen Konfessionskrieg als Landfriedensexekution verkleidete. Er tat es der Außenwirkung wegen. Im lagerinternen Diskurs war schon präsent, daß »disser handel allermeynst die christlichen religion« betraf, wie Karl am 13. Juni den katholischen Reichstagsteilnehmern erklären ließ.338 Seiner Schwester Maria schrieb er einige Tage zuvor: »Die Gefahr für die Religion ist außerordentlich groß«. Nach außen hin werde er den Krieg indes wegen angeblicher Landfriedensstörungen führen, denn wiewohl »die Möglichkeit besteht, daß dieser Deckmantel und Vorwand für den Krieg es nicht verhindert, daß die Abtrünnigen davon überzeugt sind, es geschehe wegen der Religion«, werde solche Maskerade doch für Irritationen sorgen, so raschen und geschlossenen Widerstand erschweren.339 Dieser politische Entscheidungsträger hielt Motivation wie Legitimation intern denkbar deutlich fest. Nicht, daß den Kaiser theologische Subtilitäten umgetrieben hätten! Es ging ihm nicht zuvörderst um bestimmte Lehrsätze, sondern um die Einheit: Die Autorität des universalen Kaisertums hing an der Advokatie über die eine abendländische Kirche, insofern bekämpfte Karl weniger Häresie denn das Schisma. Er verfolgte nicht so sehr falsche Lehransichten, bestrafte Abweichler. In diesem Sinne ging es ihm tatsächlich vorrangig – und das Wort grassiert auch in den damaligen kaiserlichen Akten – um »gehorsamb«. Wir dürfen eben nicht unser modernes, individualisiertes und (teil)privatisiertes Glaubenskonzept an diese Vorgänge herantragen! Nach damaligen Begriffen trieben den kämpfenden Kaiser Glaubensfragen um. Für die Gegenseite ging es ohnehin um solche. Den von Karls Strafzug betroffenen Protestanten war klar, »daz Wir von wegen der Religion den Krieg am Halß haben«340, sie konnten sich sogar darüber echauffieren, wie man sie »für stock und plock ansicht, das sie solten glauben und in341 ein affen solten machen 338 Es gehe um die »handhabung der althen, wharen, christlichen religion, stift, kirchen ...«: Bericht Johann Katzmanns über eine »Anzeig« des Kaisers an die katholischen Reichsstände vom 13. Juni 1546, RTA, Bd. 17, Nr. 77. 339 Karl V. an Maria von Ungarn, 1546, Juni 9: Kohler, Quellen, Nr. 87 (ich zitiere die Übersetzung Kohlers). 340 Pfalz-neuburgische Relation vom Reichstag, 1546, Juli 1 (Kopie), BayHStA Kasten schwarz 16671, fol. 182–184. 341 Meint: ihnen. So empört sich Gereon Sailer in einem Schreiben an Leonhard von Eck vom 25. Juli 1546: Lenz, Briefwechsel, Bd. 3, S. 440f. Anm. 2. Vgl. noch die ausführliche

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lassen, es were nicht der religion halben«. Konnte nicht »der aller ainfeltigist greiffen und sehen, wie oder warumb es zethun sey«, nämlich daß »der Antichrist zu Rom und seine helfer« am Werk waren?342 Aber der schlaue Kaiser kannte »des reichs gelegenheit mer« als die Kurialen, wußte, daß es für ihn »besser« war, wenn er einen angeblichen Kampf gegen »ungehorsam« vorgaukelte.343 Glaubhaft war diese Maskerade nicht: »Wiewol der Kriegs empörungen halb fürgegeben wurd, als wollt man wider die religion nit handlen, sondern allein etliche ungehorsame straffen«, verhielt es sich einfach »der augenscheinlichen erfarung nach« anders.344 Die Kriegserfahrungen deckten sich nicht mit der kaiserlichen Propaganda. Erst jüngst betonte eine Studie über die Hansestädte in den späten 1540er Jahren, auch dort sei »der Krieg anerkanntermaßen ›propter religionem‹ geführt worden«.345 Das läßt sich räumlich und zeitlich erweitern. Auf evangelischer Seite wird der Schmalkaldische Krieg generationenlang als das fortleben, was er nach wissenschaftlichen Kriterien auf der Motivationsebene tatsächlich gewesen ist: nämlich als Konfessionskrieg. Noch in den Anfangsjahren des Dreißigjährigen Krieges wird man ihn, wie uns Kapitel B.6.1 zeigen wird, immer wieder nach aktualisierbarer historischer Wegweisung befragen, und das keinesfalls nur öffentlichkeitswirksam, in Flugschriften, sondern auch in der Ratsstube. Nicht zuletzt die evangelische Memoria wird die Strategie der Hofburg, die Solidarität der Monarchen gegen eine böhmische »rebellion« zu mobilisieren, ins Leere laufen lassen: Nein, in Böhmen nahm man »ein religions sach wie anno 46 bey dem schmalkaldi­schen Bund« wahr, damals hatte der Kaiser auch »vorgewendt, treffe gehorsamb an, aber außgang habs geben damaln daz es religion betroffen hab«.

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Widerlegung der Ansicht, »es möcht dißer itzige krieg von wegen prophan ... sachen angefangen sein«, im Schreiben Philipps von Hessen an den Straßburger Reformator Bucer vom 7. Januar 1547: Max Lenz (Hg.), Briefwechsel Landgraf Philipp’s des Großmüthigen von Hessen mit Bucer, Bd. 2, Leipzig 1887, S. 475. Instruktion für eine Gesandtschaft der neuburgischen Regenten nach Heidelberg, 1546, Juli 18 (Kpt.kopie), BayHStA Kasten blau 102/ad 4 I, fol. 18–21. Hans Kraft von Festenberg und Gabriel Arnold (Statthalter bzw. Rentmeister in Neuburg) an Pfalzgraf Ottheinrich, 1546, Juli 2 (Kopie), BayHStA Kasten schwarz 16671, fol. 199–201: Kaiser und Papst haben »miteinander gezenngkh was diß kriess [sic] halb fur ursach furgegeben werden soll. der Bapst hat gewollt man soll kain andere ursach fur hannd nemen, weder die luterischen zustraffen, so werde Jr. Mt. bey den Italianern, und Bapistischen mergenlich zuelauff haben. Aber Kay. Mt. als der des reichs gelegenheit mer erkennt hat erhallten, das besser sey Er neme fur etlicher Fursten ungehorsam und verweigkerung zustraffen, dardurch werde one das unnser Religion gedempft«. »Anschreiben an H. Otth. d. Einnahm Neuburgs halben«, undat. Entw. [Herbst 1546], aus der Feder des neuburgischen Statthalters Hans Kraft von Festenberg, BayHStA Kasten blau 102/ad 4 I, fol. 63–74. Rainer Postel, Die Hansestädte und das Interim, in: Luise Schorn-Schütte (Hg.), Das Interim 1548/50. Herrschaftskrise und Glaubenskonflikt, Göttingen 2005, S. 194.

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In der evangelischen Kollektiverinnerung wird der Schmalkaldische Krieg als Prototyp des Konfessionskriegs firmieren. Fürs Jahr 1546 sehen wir untypisch klar. Motivation der Entscheidungsträger, Wahrnehmungsweisen der von diesen Entscheidungen Betroffenen und Erinnerungsmuster der Nachgeborenen sind deckungsgleich. Der Schmalkaldische Krieg war ein Konfessionskrieg. War es gar nicht der erste deutsche346 Konfessionskrieg? Franz Brendle etikettiert die Rückeroberung Württembergs für Herzog Ulrich 1534 und die Vertreibung Herzog Heinrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel 1542347 als »Reformationskriege«, weil kriegerische Aktionen, »in denen es um den Erhalt und die Ausbreitung der Reformation ging«. »Bei Durchsicht der Akten und Verhandlungen« im Vorfeld der genannten Kriegszüge, »in denen die beiden Kriegsparteien innerhalb der eigenen Reihen über die Ursachen und Motive ... diskutierten«, stächen die konfessionellen Ziele ins Auge. Doch blieb diese Einschätzung nicht unwidersprochen.348 Motive und Deutungsmuster lassen sich eben selten so eindeutig hierarchisieren wie 1546. War der blutige Kölner Krieg eine militärische Auseinandersetzung um den Geistlichen Vorbehalt von 1555, oder wurde damals darüber entschieden, ob der Kaiser ein »ius creandi electores« besitze? Glaubenskampf, Verfassungskrieg? Niederlage für den Protestantismus, Schlappe für den Kurverein? Ich denke, ich konnte an anderer Stelle349 zeigen: alles zugleich! Marschierte Maximilian von Bayern 1607 des Glaubens halber, in folgsamer Erfüllung eines Auftrags der obersten Reichsgewalt oder aber alter, nie ganz vergessener wittelsbachischer Rechtsansprüche wegen mit Heeresmacht in Donauwörth ein? Niederlage für den deutschen Protestantismus, Schlag für die deutsche Libertät, Schlappe für die Reichsstädte? Triumph des Katholizismus – oder traditioneller wittelsbachischer Expansionsgelüste ins Schwäbische hinein? Ich denke, ich konnte an anderer Stelle350 zeigen: alles zugleich! 346 Diese Einschränkung ist der beiden eidgenössischen Kappelerkriege wegen notwendig. 347 Ferner den Fürstenkrieg von 1552. Zum Folgenden: Franz Brendle, Um Erhalt und Ausbreitung des Evangeliums: Die Reformationskriege der deutschen Protestanten, in: ders./ Anton Schindling (Hgg.), Religionskriege im Alten Reich und in Alteuropa, Münster 2006, S. 71–92. 348 Vgl. im selben Sammelband Manfred Rudersdorf, »Reformationskrieg oder Landfriedensexekution?« – Ein Kommentar zur ersten Tagungssektion, hier S. 124 (»die Interessenlage und die Motivsituation ist in allen drei von Herrn Brendle untersuchten Fällen meines Erachtens nur scheinbar klar und nur eingeschränkt eindeutig«). 349 Vgl. Gotthard, Kölner Krieg (Betonung der von der älteren Forschung übersehenen standespolitischen Gehalte gegenüber den konfessionspolitischen); knappe Zusammenfassung, unter Betonung der konfessionspolitischen Gehalte: Gotthard, Religionsfrieden, S. 397–399. 350 Vgl. Gotthard, Maximilian, pointierte Zusammenfassung: S. 60f. mit Anm. 88; zum Kampf um Aachen, wo konfessionspolitische Gesichtspunkte gewiß dominierten, aber nicht ganz konkurrenzlos: Gotthard, Religionsfrieden, S. 400–403.

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2.2.3.2 »A final apocalyptic clash«: Blicke in Europas Nordwesten und Westen Und die berühmten351 außerdeutschen Konflikte des Konfessionellen Zeitalters? Daß die Fairy Queen very amused war, wenn einem ihrer Piraten wieder ein Bubenstück auf Kosten der spanischen Kolonien gelungen war, und daß sie einen in globalem Maßstab operierenden Gauner namens Francis Drake nach einer dreijährigen Diebstahlstour zu den attraktivsten Zielen des Erdballs an Bord der »Golden Hind« nicht etwa in Ketten, sondern zum Ritter schlagen ließ: das hat gewiß nicht nur konfessionelle Gründe. Aber der Dauerrivalität zwischen dem elisabethanischen England und Spanien lagen schon auch solche zugrunde352, offenbar mit nachhaltigen Folgen: »England’s confrontation with Spain during the reign of Elizabeth ... held out the prospect of a final apocalyptic clash between the leading Catholic continental power and Protestant England«, über die »Elisabethan period« hinaus.353 Was man in der Schule als »Freiheitskampf der Holländer« kennengelernt hat, firmiert in neueren Darstellungen meistens als »Achtzigjähriger Krieg«, weil die unverfängliche Zeitangabe nicht auf Motive festlegt. War es ein Kampf gegen spanische Fremdherrschaft, »gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt«354 überhaupt, oder doch vor allem für religiöse Freiräume? Gewiß 351 Vgl. Anm. 324! 352 Übrigens scheint es am englischen Königshof auch jenes Verschwörungssyndrom gegeben zu haben, das uns um und nach 1600 an Mitteleuropas calvinistischen Residenzen begegnet: Manche der Ratgeber Elisabeths und »sometimes« auch die Queen selbst seien »been convinced of the existence of an international Catholic conspiracy dedicated to the extirpation of Protestantism«: Colin Martin/Geoffrey Parker, The Spanish Armada, London 1988, S. 121; man vergleiche damit nur das Solms-Zitat oben in Anm. 235. 353 Das betonen Cunningham/Grell, Horsemen of the Apocalypse, S. 147. 354 So hat es bekanntlich Friedrich Schiller in seiner »Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande« gesehen. Liberale Historiker des 19. Jahrhunderts knüpften gern daran an, betonten aber deutlicher, daß diese »Fürstengewalt« eine ausländische gewesen war. – Ich versuche mich im Folgenden an einer skizzenhaften Gesamtdeutung, verzichte deshalb auch auf Einzelbelege für beispielhaft genannte Ereignisse. Ausführliche Darstellung: Geoffrey Parker, Der Aufstand der Niederlande. Von der Herrschaft der Spanier zur Grün­dung der Niederländischen Republik 1549–1609, München 1979; etwas knapper Horst Lademacher, Die Niederlande. Politische Kultur zwischen Individualität und Anpassung, Berlin 1993, S. 69ff. passim. Die elementarsten Daten und Fakten sowie die wichtigste Literatur nennt Michael North, Geschichte der Niederlande, 2. Aufl. München 2003, S. 22–36 bzw. S. 123. Die neuere Literatur findet man ferner bei Martin Bachmann, Holländische Mentalität – moderne Mentalität? Untersuchungen zum Bürgertum der Provinz Holland im 17. Jahrhundert, Hamburg 1999, S. 81ff. passim; vgl. jetzt auch verschiedene Beiträge in Horst Lademacher/Renate Loos/Simon Groenveld (Hgg.), Ablehnung – Duldung – Anerkennung. Toleranz in den Niederlanden und in Deutschland. Ein historischer und aktueller Vergleich, Münster/New York/München/Wien 2004.

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von allem etwas, und was den Achtzigjährigen Krieg zumal in seiner Anfangsphase über das Zeitübliche hinaus unübersichtlich macht, ist die Anlagerung verschiedener sozialer Verwerfungen355. Die Niederlande waren ein Hort ständischer, regionaler, auch lokaler Freiräume, was gar nicht im Trend einer Zeit lag, in der die Zentralen allenthalben effektiver und straffer zu regieren, ihre Territorien ›in den Griff‹ zu bekommen suchten. Das gilt auch und wohl besonders für die Madrider Zentrale der spanischen Composite Monarchy unter Philipp II., jenem pedantischen Schreibtischhelden, der rastlos in seinem kleinen Arbeitszimmer über Stapeln von Eingaben brütete, die Heerscharen von Zuarbeitern einreichten, um anschließend jede Stellungnahme des Herrschers, zum königlichen Beschluß verschriftlicht, auf ihre lange papierne Reise zu schicken. Antizipierte der einsame König vor seinen Papierbergen das Arbeitsethos »aufgeklärter« Absolutisten? War er der »erste Diener« seiner Länder, der erste Bürokrat eines sich bürokratisierenden, so modernisierenden politischen Systems – oder aber, viel weniger modern, ein von konfessionellem Fanatismus zerfressener, ein darüber Spaniens ökonomische Basis zerrüttender militanter Gegenreformator? Philipp führte viele Kriege, führte eigentlich fast immer Krieg – ein aggressiver Proto-Imperialist? Oder wurden dem braven Mann, so eine traditionelle nationalspanische Sicht, ausnahmslos Defensivkriege aufgezwungen (so, wie Europa zweihundert Jahre später einen frischgebackenen Franzosen aus Wunsch und Willen dazu zwingen wird, die natürlichen Grenzen Frankreichs in Moskau zu verteidigen)? Selbst wenn wir solche nationalistischen Deutungsexzesse von Ländern, die sich mit der Vergangenheitsbewältigung leichter tun als wir Deutsche, einmal ernstzunehmen versuchen und den Widerstand, später den Separationsversuch der spanischen Nordprovinzen als Rebellion etikettieren: Warum rebellierten dann vor allem Calvinisten aktiv, mit Waffengewalt gegen die Zentralisierungsanstrengungen der Madrider und ihrer Brüsseler Filiale? Ohne konfessionelle Motive kommen auch moderne Deutungsversuche nicht aus. 355 Also, holzschnittartig: der Aufstand als soziale Revolution, das aufsteigende Bürgertum beseitigt ein Feudalregime? Das sperrige Material entzieht sich einer so simplen Deutung, zumal es die eine soziale Trägergruppe einfach nicht gab, zumal Hochadel, niederer Adel, städtische Eliten und wohlhabender bürgerlicher Mittelstand oft genug Hand in Hand gegen Habsburg angingen. Den Schlüssel zum Verständnis des Gesamtphänomens liefern wirtschafts- oder sozialgeschichtliche Betrachtungen meines Erachtens nicht. Wohl verkomplizierten soziale Verwerfungen die Auseinandersetzungen bisweilen: denn mal rannten die genannten Gruppen eben gemeinsam gegen Habsburg an, mal nur einzelne von ihnen, und gelegentlich ließen sich die Unterschichten durch eruptive eigene Beiträge vernehmen – was dann wiederum die Eliten so verschrecken konnte, daß sie ihre eigene Opposition erst einmal hintanstellten, um zusammen mit dem verhaßten Regime Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

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Aber nur als Glaubenskampf läßt sich die Konfliktkette eben auch nicht verstehen. So gibt zu denken, daß die große Mehrzahl der Niederländer während der Anfangsjahre des Ringens in Bekenntnisfragen eher lau gewesen zu sein scheint, also, im modernen Wissenschaftsjargon: wenig konfessionalisiert war; erst die fortschreitende Polarisierung im Verlauf der Auseinandersetzung zerrieb die anfangs breite Mittelpartei. Warum sollten sich in einem puren Glaubenskampf, wie 1579 geschehen, auch mehrheitlich katholische Provinzen auf die Seite von Holland und Seeland schlagen? Ein Freiheitskampf, die konfessionellen Parolen lediglich hohle Propaganda? Warum wurden dann Bilder zerstört, Klöster gestürmt? Überhaupt, warum sollte man im (fast calvinistenfreien) Süden mit der spanischen Zwingherrschaft durchgehend zufrieden gewesen sein, im Norden flächendeckend nicht? Nein, mit der verfassungspolitischen Entwicklung war man nirgends wirklich einverstanden, aber die überwiegend katholischen Provinzen des Südens hielten es dann am Ende eben doch lieber mit ihren spanischen Glaubensbrüdern als mit den Calvinisten. Auch verlieh erst der konfessionelle Faktor den Auseinandersetzungen ihre emotionale Tiefe und jene Breitenwirkung, die ein Kampf um die Behauptung der Privilegien einheimischer Eliten nicht zu erzielen vermag. Die calvinistischen Aktivisten des Nordens kämpften mit einer Energie und Leidenschaft, die doch wohl nur durch religiöse Antriebskräfte zu erklären ist. Ohne dieses Element hätten die Auseinandersetzungen mutmaßlich überall dorthin geführt, wo sie im Süden mündeten: bei einem verfassungspolitischen Kompromiß mit der Madrider Zentrale. Aber es ging eben nicht nur um die Privilegien der ohnehin sozial Privilegierten, es kam der Glaube dazu und damit auch die Leidenschaft. Alle diese Fäden waren ineinander verschlungen. Der Konflikt führte auf unübersichtlichen Pfaden dazu, daß am Ende des Eskalationsprozesses, wer die weltanschauliche Alleinherrschaft der katholischen Kirche retten wollte, die spanische Kröte zu schlucken hatte und eine monarchische noch dazu; und daß, wer unbedingt von Spanien wegwollte, dabei mit den Calvinisten zusammenarbeiten mußte. Die politische und die religiöse Frontlinie waren nicht sauber getrennt, so, wir wir heutigen Analytiker das vielleicht gern hätten. Wir verzweifeln an unseren Systematisierungsversuchen, vermissen klare Ausdifferenzierungen und je eigene Sachlogiken, kurz: sind mit der damals üblichen Melange konfrontiert. Obwohl das Hereinspielen ökonomischer und sozialer Friktionen im französischen Konfliktfall nicht so evident ist wie in der nördlichen Nachbarschaft, sind die Hugenottenkriege – schon die Konstruktion von genau acht sauber umreißbaren »Kriegen« nimmt sich wie ein Triumph der Fachdidaktik über widerspenstige historische Realitäten aus356, doch lassen wir es hier einmal dabei! – sogar 356 Man hat Phasen, in denen die Kampftätigkeiten intensiver und relativ verbreitet waren, zu sogenannten »Kriegen« zusammengefaßt, aber die Abgrenzung zwischen ihnen könnte man

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noch schwerer in Reih und Glied zu stellen als die spanisch-niederländischen Auseinandersetzungen. Die Hugenottenkriege sind ohne die Konfession, die von ihr entfachten heiligen Leidenschaften und unheiligen Exzesse nicht denkbar, was der Historiographie eine Zeitlang aus dem Blick zu geraten schien, um dann gleichsam wieder­entdeckt zu werden357; aber sie sind auch nicht denkbar ohne jene Krise der Dynastie, die die ganze Kriegskette zunächst ausgelöst hatte und dann im Verlauf der Auseinandersetzungen wieder so in den Mittelpunkt rückte, daß konfessioneller Eifer zuletzt nur noch in Beimischungen oder bei einzelnen Gruppierungen (so insbesondere dem fanatisierten Kleinbürgertum in der belagerten Kapitale) auszumachen war. Gewiß gehörten die rivalisierenden Adelsverbände der 1560er Jahre verschiedenen Konfessionen an. Aber sie rangen auch um ihre künftige politische Position im Lande. Die Guisen waren mit Maria Stuart verwandt, deren Fiasko damals noch nicht absehbar war, die Bourbonen führten sich auf Ludwig den Heiligen zurück, waren mithin im Falle des Erlöschens der Valois-Dynastie Thronanwärter – schon diese Andeutungen zeigen, welch brisante machtpolitische Fragen da hereinspielten. Würde es einer Adelspartei gelingen, all jene Schaltstellen zu besetzen, die aus Direktiven der Krone erst Politik werden ließen, würde eine vielleicht sogar einmal den König stellen? Andererseits: wieviel hatte dieser König dann überhaupt noch zu sagen? Kurz, es wurde nicht nur um Führungspositionen gerungen, auch um Frankreichs künftige Verfassung. Das verschlungene Ringen hatte viele Motive, nicht die eine Grundmelodie. Prägte der zweiten Hälfte des Ringens nicht eine forciert katholische, von Spanien finanzierte gegeneformatorische »Ligue«358 den Stempel auf ? Gewiß, aber diese hatte sich die Verteidigung des katholischen Glaubens wie die Verteidigung der ständischen Freiheiten gegen eine angeblich despotische Zentralgewalt gleichermaßen auf ihre Fahnen geschrieben. Und sie kämpfte nicht nur gegen Calvinisten, bekämpfte auch und insbesondere die katholische Krone, ihre durch Ämter- und Titelverkäufe erweiterte Klientel, die ihr zuneigende neue, urbane Elite. Katholische Sammlungsbewegung, Sammelbecken von Modernisierungsverlierern? Der achte, der mit Abstand längste der Hugenottenkriege, zwar ausgelöst durch den Schulterschluß Krone-Liga, mündete rasch in eine Auseinandersetzung zwischen drei Kriegsparteien, von denen zwei katholisch waren. Gab es nicht sogar eine vierte Partei? Sie kämpfte nur mit der Feder und hier und da auch anders vornehmen; kommt hinzu, daß die 1620er Jahre zwei weitere (nur häufig nicht so genannte) Hugenottenkriege sehen werden! 357 Vgl. hierzu Mack P. Holt, Putting Religion Back into the Wars of Religion, in: French Historical Studies 18 (1993), S. 524–551. 358 Vgl. zuletzt Jean-Marie Constant, La Ligue, Paris 1996. – Die politische Geschichte im weitesten Sinne liegt in Frankreich im Argen. Ich nenne als lesenswerten Epochenüberblick Arlette Jouanna, La France du XVIe siècle, 1483–1598, 2. Aufl. Paris 1996.

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betonte, die Rettung des Staatswesens habe Vorrang vor konfessionellen Optionen.359 Die Hugenottenkriege mögen in acht Akten spielen, doch fehlt neben dem Grundmotiv auch ein klarer, durchgehender Antagonismus. Oder ist die Sache doch ganz einfach, war Katharina von Medici an allem schuld? Als Regentin ausländischer Herkunft war sie mit einem doppelten Loyalitätsdefizit konfrontiert, durch multiples Intrigantentum suchte sie es zu kompensieren. Am Hof wie im ganzen Land spann sie pausenlos ihre klebrigen Fäden, so sich bei diesem verwirrenden Intrigenspiel überhaupt eine Faustregel ausmachen läßt, dann die: halte es im Zweifelsfall eher mit der schwächeren Seite – so auch in den »Hugenottenkriegen«. Das aber heißt doch, daß es der Medici schwerlich vorrangig um religiöse Ziele gegangen sein kann. Erst nach dem Tod ihrer Marionette Karl endete jene prinzipienlose Medici-Herrschaft, die sich selbst genug gewesen war. Henri Quatre wird bekanntlich von anderem Format sein, aber genauso bekannt ist, daß er jene politische Zusammenfassung des zerrissenen Landes, die nur einem Katholiken gelingen konnte, über die persönliche Frömmigkeit stellte.360 In Frankreich triumphierte die Staatsräson früher als anderswo über die Konfession – was das für den künftigen außenpolitischen Stil des Landes und damit indirekt für ganz Europa bedeutet haben könnte, muß weiter unten noch ausgelotet werden.361 2.2.3.3 Der große deutsche Konfessionskrieg Für die entscheidenden und publizierenden Eliten des evangelischen Deutschland war der Dreißigjährige Krieg ein »Religions Krieg«362, hier sprechen Akten, 359 Ich meine natürlich die »Politiques«. Auf Französisch buchstabierte sich die Staatsräson nun »souveraineté«. 360 Um stichwortartig in Erinnerung zu rufen: wieder einmal Konversion, nun zum Katholizismus, woraufhin der größere Teil des katholischen Adels seinen Widerstand gegen Heinrich aufgibt, im März 1594 öffnet die Hauptstadt freiwillig ihre Tore. »Paris, ça vaut une messe«, Paris ist eine Messe wert: jenes königliche Diktum hatte sich also bewahrheitet, aber es hatte ja wohl mehr gemeint als nur: »um Paris für mich zu gewinnen, lasse ich eben eine Messe über mich ergehen«. Es umspannt die Einsicht, daß das Land nur von einem Katholiken wieder integriert und als Ganzes regiert werden konnte, von Paris aus, seinem Herzen. 361 Nämlich in Kapitel A.2.2.4. 362 Das gilt der Sache nach unübersehbar; der Terminus begegnet immerhin sporadisch in Akten wie auch in Flugschriften. »Caput VII: Das es ein Religions Krieg sey«: [anonym], Hansischer Wecker. Die proschwedische Schrift dürfte offiziös sein. »Die Papisten schreyen: Es were kein Religions Krieg, sondern Jhre Keys. Majest. suchen nur den Gehorsam der Fürsten im Reich«, aber ihre Taten strafen die Worte Lügen: [anonym], Indicina synoptica, S. 17. Ich weise noch auf diesen Buchtitel hin: [anonym], Politischer Discurs Von jetzigen Kriege in Teutschland ... Darinn man augenscheinlich sehen kan, ob dieser Krieg ein Regions, oder ReligionsKrieg sey? ..., o. O. 1627. Vgl. zur Sprache der Akten (»religion sach«) Kapitel B.

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Auftragspublizistik und Privatpamphletistik dieselbe Sprache. Auch an den Ligahöfen ging es intern um (nach subjektivem Empfinden bedrohte) konfessionelle Besitzstände und um Lesarten des Religionsfriedens, aber nach außen hin nahmen sie, um an den charismatischen Ressourcen des Kaisertums partizipieren zu können und um die wienhörigen Dresdner nicht zu verschrecken, Anleihen bei der Rhetorik der Hofburg. Und das Reichsoberhaupt strich, wie schon 1546, den schuldigen »Gehorsam« heraus, bekämpfte offiziell nie Häretiker, sondern böhmische »Rebellen« und Reichsstände, die ihre »Trew« nicht gebührend unter Beweis stellten. Auf katholischer Seite kamen Legitimation und Motivation, Propagandastrategie und Kriegserfahrung nicht zur Deckung. Woran soll sich der moderne Historiker bei seinen Klassifizierungsversuchen halten? An die offen zutageliegenden Kriegslegitimationen363 oder an archivalisch rekonstruierbare Motivationen? Nicht nur diese beiden Kategorien, die man meines Erachtens sorgfältig auseinanderhalten sollte, können in manchen Darstellungen schon einmal durcheinanderpurzeln. Andreas Holzem hat jüngst zu Recht moniert, es werde bei historiographischen Bemühungen um den »Religionskrieg« oft nicht zwischen »Struktur- und Erfahrungsgeschichte unterschieden: Bezieht sich der Begriff des Religionskrieges auf die in der historischen Analyse ex post erhobenen Kriegsursachen, oder bezieht er sich auf die den Kriegsvollzug begleitenden ... Vorstellungswelten von Akteuren und Opfern?«364 Seine eigenen Sondierungen gelten vor allem Wahrnehmungsweisen der »Opfer«, er kommt zum Ergebnis, daß der Dreißigjährige Krieg bis zum Schluß, ja, gerade in seiner Schlußphase besonders intensiv als »Religionskrieg« erlebt worden sei. Die dem Hohenlohischen gewidmete Mikrostudie von Frank Kleinehagenbrock zeigt, wie dem Gemeinen Mann religiöse (auch konfessionelle) Deutungsmuster halfen, in so »geschwinden zeiten« nicht ins Taumeln zu geraten. Den Damaligen scheint der heute so plausible Argwohn, auf dem Altar schnöder politischer Interessen und Machtkämpfe geopfert zu werden, ferngelegen zu haben, denn man mußte sich in diesem Ringen gegen finstere Attacken altgläubiger Kräfte stemmen, die ihre Deutung des Augsburger Religionsfriedens zu 363 Vgl. oben S. 94 mit Anm. 272. 364 Holzem, Gott und Gewalt, S. 372f. »Strukturgeschichtlich« argumentiert, wenn wir bei Holzems Terminologie bleiben, beispielsweise Johannes Burkhardt, wenn er den Dreißigjährigen als »Staatsbildungskrieg« zu verstehen sucht. Allgemeiner wundert sich Holzem, ebda., S. 382: »Zeytungen sind voll von Prodigien und Himmelszeichen, Todesmahnern und Apokalyptik: die verdüsterte Sonne, der Tod und seine Blutspur, Heere am Himmel. Der religiöse Wahrheitsstreit ist nicht nur unter den Theologen und Kontroverspredigern, sondern auch im Diskurs der Reichsjuristen und politischen Berater allgegenwärtig. Fragt man die derzeitige Forschungslandschaft maßgeblich beeinflussende Frühneuzeit-Historiker, werden jedoch andere Perspektiven vorgetragen: Immer weniger gilt der Faktor Religion ... als das spezifisch Unterscheidende. Aus dem Religionskrieg wird ein Staatenkrieg des sich formierenden nationalen Mächteeuropa«.

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exekutieren, das »reine Wort« Gottes zu unterdrücken suchten, insofern stand das eigene Seelenheil auf dem Spiel. Zahlreiche Aktenvermerke und Briefstellen, topische Wendungen und auch ausführlichere Stellungnahmen von ›einfachen Menschen‹ wie Berufspolitikern zeigten, so Kleinehagenbrock, »daß der Dreißigjährige Krieg in der Grafschaft Hohenlohe als konfessionelle Konfrontation erfahren wurde«.365 Den Wahrnehmungsmustern und Bewältigungsstrategien breiter Bevölkerungskreise nachzugehen, ist legitim und allemal ausgesprochen interessant – aber doch weniger für eine Kategorisierung von Kriegstypen. Wenn es einen »Religionskrieg« ausmacht, daß ihn intensive Gebete begleiten und daß manchen oder vielen »Opfern« ihr Los erträglicher wird, wenn sie es als Strafe oder Bußmahnung Gottes auffassen, worauf Zerknirschung, Reue und eben Gebet zu antworten hätten, dann haben auch das 19. und sogar das 20. Jahrhundert zahllose »Religionskriege« gesehen. Von der Wahrnehmung und Sinnstiftung der »Opfer« her ließen sich noch die Kriege der nationalstaatlichen Ära als Glaubenskämpfe beschreiben. Die dann nahezu ubiquitär einsetzbare Kategorie »Religionskrieg« wäre genau deshalb überflüssig. Wie sie umgekehrt, so wir bei einer dritten Erfahrungsgruppe, nämlich den Söldnern ansetzten, in der Vormoderne gar nicht vorkäme! Selbst die Heere der Konfessionskriege waren nie konfessionell homogen, der Söldner ging in ihnen seinem wenig reputierlichen Beruf nach, verdiente sich mühselig genug seinen Lebensunterhalt; wenn gerade nur ein andersgläubiger Geldgeber Berufskrieger in Dienst nahm, dann eben auf dessen Kosten. Jedenfalls der einfache, wenig kapitalkräftige Söldner – und das Gros der Söldner bestand ja aus den Überzähligen, Armseligen, Dritt- und Viertsöhnen – konnte da gar nicht wählerisch sein, weshalb auch jede Mokanz, jegliche moralische Entrüstung unangebracht wäre. Wir stoßen in der Pamphletistik des Konfessionellen Zeitalters dennoch gelegentlich auf Versuche, im Söldner den Gläubigen zu erwecken, ihm wenigstens ein schlechtes Gewissen zu machen. Andere Pamphletisten wußten es besser, so finden wir inmitten eines wortreichen ›Nachweises‹, daß der Dreißigjährige ein »Religionskrieg« sei, diese Feststellung: »Schließlich ist dieses hiebey zu mercken, daß wol vnter den KriegsOfficirern vnd Soldaten jhrer viel sein, die sich vmb die Religion so wenig bekümmern, als die Kräe vmb den Sontag, sehen nur dahin, daß sie die Länder außplündern, Gelt vnd Guth zusammen scharren, vnd ein Epicurisch Sauleben führen.«366 Dennoch sah sich dieser Autor mit einem langjährigen »Religionskrieg« konfrontiert. Da diese Studie eine Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden anmahnt, sind für den »Konfessionskrieg« in ihrem Sinne 365 Kleinehagenbrock, Hohenlohe, S. 290. 366 [Anonym], Politischer Discurs Von jetzigen Kriege in Teutschland, fol. Biiij.

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natürlich die Vorstellungswelten und Deutungskulturen der politischen Eliten maßgeblich. Worum ging es in ihren Augen – was motivierte ihres Erachtens das bösartige Treiben des Widerparts, motivierte in ihrer Selbsteinschätzung den eigenen Widerstand gegen die feindlichen Zumutungen? Kämpften sie für vermeintlich legitime materielle Interessen, gegen mißliebige, indes prinzipiell gleichwertige andersgerichtete politische Interessen, oder rangen sie in der Selbsteinschätzung für Gott und Seelenheil, gegen das Böse in der Welt? Wir werden in Kapitel B sehen, daß im Reich eine konfessionelle Lesart der böhmischen Unruhen vorherrschte. Die Sympathien sortierten sich nicht entlang der ständischen Trennlinie (was alle Reichsfürsten an die Seite der bedrängten habsburgischen Obrigkeit verwiesen hätte), vielmehr sympathisierten die evangelischen Obrigkeiten des Reiches mit den evangelischen böhmischen Insurgenten, die katholischen Reichsfürsten mit dem katholischen Böhmenkönig. In interen Akten firmiert die Auseinandersetzung allenthalben als »religion sach«, was auch so blieb, als sich die regionalen böhmischen Querelen längst zum mitteleuropäischen Konfessionskrieg (um einen solchen handelt es sich demnach – die maßgeblichen politischen Akteure empfanden und führten ihn als solchen!) ausweiteten. Und am Ende, im Rückblick? Die Kriegsursachenforschung der Väter des Westfälischen Friedens mündete in die Einsicht, daß »praesenti bello magnam partem gravamina, quae inter utriusque religionis electores, principes et status imperii vertebantur, causam et occasionem dederunt«.367 Ursache wie Anlaß des zu beendenden Krieges waren hauptsächlich jene Gravaminalisten, auf denen die beiden konfessionellen Lager, zumal während der Reichstage des Konfessionellen Zeitalters, die bösartigen Verdrehungen des Religionsfriedens durch den Widerpart aneinanderzureihen pflegten. Freier paraphrasiert: Ursache wie Anlaß des großen deutschen Konfessionskriegs waren um den Augsburger Religionsfrieden kreisende Auslegungsstreitigkeiten. Aber wichtiger als diese (gleichwohl interessante) Diagnose der Friedensverträge ist der Befund in internen Akten. Nimmt man die Begrifflichkeit solcher Quellenzeugnisse, die ja selbst damit ringen, den Gehalt des aktuellen Konflikts zu bestimmen, nimmt man ihre Sinnzuschreibungen, ihre Rubrizierungsarbeit ernst, kann man meines Erachtens jenen mitteleuropäischen Krieg, der 1619 den regionalen böhmischen Querelen erwuchs, aus erfahrungsgeschichtlicher Warte gar nicht anders denn als »Konfessionskrieg«368 charakterisieren. Es war ein Krieg, in dem beide Seiten um konfessionelle Besitzstände kämpften. 367 So die Präambel zum Zweiten Religionsfrieden, also zu IPO Artikel V. 368 Um nicht mißverstanden zu werden: der Terminus »Konfessionskrieg« ist meine Schöpfung, ich versuche so deutlich zu machen, daß es sich um einen innerchristlichen »Religionskrieg« handelt. Die Akten der Zeit sprechen von einer »religion sach«, sind sich darin einig, daß

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So wurde dieser Krieg intern rubriziert, derart war die Selbstvergewisserung der Kriegsakteure. Welche Sonden könnten modernen Kategorisierungsversuchen noch auf die Sprünge helfen? Politologen und Zeitgeschichtlern ist die Analyse von Feindbildern geläufig, seit die Friedens- und Konfliktforschung 369 diesen hilfreichen und unscharfen Terminus um 1968 kreiert hat. Man pflegte ihn auf den Kalten Krieg zu applizieren, doch eignen sich die Jahrzehnte vor dem hitzigen Konfessionskampf seit 1618/19 nicht minder als Untersuchungsfeld. Schreibfreudige Juristen und Theologen richteten damals den andersgläubigen Kollegen in ihren Druckwerken verbal die Scheiterhaufen auf. Da war gewohnheitsmäßig die Rede von »außrotten«, »vertilgen«, »extirpare« – im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Kriegsbegriffs und einem etwaigen Resakralisierungsschub um 1600 war bereits davon die Rede.370 Wir sahen dort auch, daß man diejenigen, die sich der konfessionellen Polarisierung zum Trotz nicht exponieren wollten, als gottlos zu denunzieren pflegte, ja, man konnte ihnen überhaupt wahres Menschsein absprechen: Wer abseitsstand, wurde dadurch »ein Mörder an sich selbsten«, war »einer Bestien, eines Monstri, vnd keines Menschen« Art, »allein solche Leuth, oder viel mehr vnvernünfftige Thier ...« Und im Zusammenhang mit dem Denken über den Frieden (in diesem Rahmen mit dem Problem des Grundvertrauens in die Verläßlichkeit der Mitakteure371) kam bereits zur Sprache, daß sich um und nach 1600 die Stimmen häuften, die Andersgläubige für grundsätzlich nicht geschäftsfähig hielten. Wer die eine wahre »daz werkh die religionem concernire«, der Terminus »Konfessionskrieg« begegnet dort nicht. Wohl kennt die Pamphletistik dieser Jahre, gelegentlich, den »Religions Krieg«, außerdem einen »heiligen Krieg« oder das »bellum sacrum«, aber die Kategorie eines »heiligen« Krieges scheint mir wiederum für moderne wissenschaftliche Zwecke (Trennschärfe zum Konfessionskrieg?) wenig nützlich zu sein, weshalb ich sie meide. 369 Es war wohl, konkreter, Dieter Senghaas, und im Visier war eigentlich ein einziges Feindbild, das vom »bösen Russen«. Ich halte die Verwendung des Terminus aber für weiterhin sinnvoll. – Ein Traktat von 1644 zeigt instruktiv die Wirkung dessen, was wir heute Feindbild nennen, es geht um das Klischee vom herrschsüchtigen Spanier: »Vns [man ergänze: Bewohner der niederländischen Nordprovinzen] betreffend vertragen wir sehr gerne die in vnserem Land angestelte schatzungen, vnnd achten das elend nit so wir in vnseren Personen vnd haußgesindt tragen müssen, weniger den schaden so wir in vnserem kauffhandel leiden, allein durch den alten vnnd angebornen gegen den König von Hispanien tragenden hasses, vnd wegen des schreckens so wir haben widerumb vnder sein Joch zu gereichen. Wiewoll wir vnder vns nicht allerdings eins seind, vnsere jnwendige spaltungen vnd zwitrachten haben, vnd eine Prouintz die ander zu vberherschen sucht, so bleiben wir gleichwoll vermittelst der von vnserem Erb: vnnd todgeschwornen feind habenden rachgirigkeit einig.« Es »macht die widerwertigkeit der Hispanier, ... daß wir alzusamen spannen, vnd wie wol wir zu hauß vneins, dannoch von aussen alle einig seind«: [anonym], Trewhertzige Vermahnung, Worinnen viel Denckwürdige vnd Politische Considerationes ... begriffen ..., o. O. 1644, fol. 4f. 370 Vgl. oben S. 131ff. 371 Vgl. oben Kapitel A.1.2.3.4; dort auch die Belege für die folgenden Zitate.

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Kirche verraten hatte, wem deshalb »Eyd, Pflicht, Verschreiben, Versprechen und dergleichen humanae fidei vincula« erst recht nichts galten, wer sich insofern außerhalb der Wertegemeinschaft des christlichen Abendlandes bewegte, auf dessen Verläßlichkeit konnte man nie und nirgends bauen. Daß »cum ejusmodi hominum genere ... contrahi non potest«, begründeten beide Seiten – auch das sahen wir bereits – unter anderem damit, daß sich der Widerpart den gottlosen Ratschlägen Machiavellis, einer moralisch maßstabslosen Staatsräson verschrieben habe: Die »Machiavellische Rott« war darauf geeicht, in jeder nur denkbaren Vereinbarung immerdar »Schlupfflöcher« aufzuspüren, Treu und Glauben wurden »nach der ver­fluchten ler des Machiavelli auf ein jede sich an hant gebende occasion ratione status (wie sie es nennen) bei seit ge­setzt und nichts geacht«. Schreibtischextremisten? Schon, aber ihre Kampfparolen wurden eben auch in den Ratsstuben registriert. Daß die nicht von katholischen Politikern, wohl von manchen katholischen Publizisten offen ausgesprochene Auffassung, ein Ketzern gegebenes Wort binde den Rechtgläubigen nicht, das praktisch höchst folgenreiche Desaster des Reichstags von 1608 verschuldet hat, wissen wir bereits372 – ich füge den Wiederholungen des letzten Abschnitts eine an, die die Geduld des Lesers strapazieren mag (halte das Beispiel freilich für besonders schlagend). Schreibtischextremisten? Schon, aber manche Kampfparolen solch streitbarer Autoren finden wir eben in den Ratsprotokollen wieder. Ich nenne exemplarisch, für die evangelische Seite, den Topos vom »blutdurstigen Jesuiter«, in dessen Fängen alle katholischen Politiker als bloße Marionetten hingen. Der »blutdurstige Jesuiter«: das ist ein Topos, für den ich nicht nur zahllose gedruckte Belege besitze, sondern auch solche aus Tagebüchern einfacher Menschen und eben aus Ratsprotokollen.373 Schreibtischextremisten? Für zwei auch politisch wichtige, da zu Zeiten einflußreiche374 Beichtväter, Adam Contzen und Wilhelm Lamormaini, wurde gezeigt, daß sie, ganz wie die damalige Flugschriftenlitera372 Ich erwähnte es oben auf S. 58 mit Anm. 144 und auf S. 175. 373 In den württembergischen Ratsprotokollen der Vorkriegszeit und der ersten Kriegsjahre, die über die tomi von HStASt A90A verstreut, teilweise aber auch als tom. 39 gebündelt sind, ist der »blutdurstige Jesuiter« ubiquitär, man verwendete die Formel gewohnheitsmäßig. Außerhalb der Union kommt der Topos in kursächsischen Akten besonders häufig vor, er half den Dresdnern, an ihrer Fiktion eines nach wie vor ausgleichenden, unparteiischen Reichsoberhaupts festzuhalten, zu dem man in Treue fest stehen müsse, alles Übel kam nicht aus Wien, sondern vom »blutdurstigen Jesuiter«. Einige Beispiele und Varianten aus dem Umkreis der Deutung des Kriegsausbruchs (den man natürlich auch gern den »friethässigen esauiten« in die Schuhe schob) bietet Kapitel B. 374 Bireley konnte zeigen, daß Lamormaini und Contzen infolge der katholischen Triumphe von 1626/27, die sie als göttliche Winke verstanden, an der Spitze von »militant groups« in Wien bzw. München erheblichen Einfluß auf die amtliche Politik gewannen, ihn dann 1634 (Contzen) bzw. 1635 wieder verloren. Ob Bireley die Gewalt der Beichtväter über ihre prominenten Schäfchen nicht überzeichnet hat, kann hier nicht beiläufig ausdiskutiert

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tur, zum »holy war« antrieben, voller »assurance of divine aid«, die spektakuläre Mirakel einschloß, mit häufigen Rekursen auf die Makkabäerkriege.375 Die moderne Friedens- und Konfliktforschung kennt diese Mechanismen zum »Abbau der Tötungshemmung«: »Erstens die Schaffung von räumlicher, zweitens von sozialer Distanz sowie drittens die Einbindung der Kämpfenden in festgefügte Gemeinschaften, in denen nicht mehr der Einzelne agiert, sondern die Gruppe«.376 Räumlichen Abstand zu den präsumtiven Opfern konnten vormoderne Heere mangels geeigneter Distanzwaffen kaum herstellen, doch Ketzern vollgültiges Menschsein abzusprechen, schuf ein krasses soziales Gefälle377, und wenn man in die eschatologische Entscheidungsschlacht zwischen Licht und Finsternis zog, agierte man fraglos in einer »festgefügten Gemeinschaft«. Indes sollten wir die Wirkung solcher Mechanismen auf die damaligen Söldnerheere nicht überschätzen, die nie konfessionell gänzlich homogen gewesen sind, grundsätzlich anerkannten, daß auch die Kollegen im momentan feindlichen Heer vom Krieg leben, nicht in ihm sterben wollten, die ein (gegenüber glorreichen Landsknechtszeiten schon etwas heruntergekommenes) Berufsethos kannten. Aber politisch wirkten die skizzierten Feindbilder, wirkte insbesondere die Auffassung, daß »Trew und Glawben«, Eide und Unterschriften nichts mehr gälten, verheerend. Kann politischer Interessenausgleich ohne Grundvertrauen in die Verläßlichkeit des Verhandlungspartners überhaupt funktionieren? Es ist hier nicht der Ort, zu demonstrieren, daß er nicht mehr funktioniert hat, daß sich die politischen Eliten Mitteleuropas schließlich gar nicht mehr an einen Tisch setzen, ihre Feindbilder so dem Realitätstest aussetzen wollten378, weshalb die konfliktkanalisierende Kraft des politischen Systems erlahmte und weshalb es

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werden. Für Maximilian hat dessen bester Kenner, Dieter Albrecht, Zweifel angemeldet: Albrecht, Maximilian, S. 773f. Vgl. Robert Bireley, Religion and Politics in the Age of the Counterreformation. Emperor Ferdinand II, William Lamormaini, S.J., and the Formation of Imperial Policy, Chapel Hill 1981; ders., Maximilian von Bayern, Adam Contzen S. J. und die Gegenreformation in Deutschland 1624–1635, Göttingen 1975. Es handelt sich um solide, aus den Akten recherchierte Monographien – für Flugschriften hat sich Bireley nicht interessiert, aber an deren Argumentationsmuster erinnern manche der von ihm herausgearbeiteten Denkmuster seiner Protagonisten. Andreas Herberg-Rothe, Der Krieg. Geschichte und Gegenwart, Frankfurt u. a. 2003, S. 117. »Geht man davon aus, daß die Menschen mit den Tieren jene Mechanismen der innerartlichen Aggressionshemmung gemeinsam haben, so haben Feindbilder ... die Funktion, diese Hemmungen abzusenken oder zu durchbrechen. Am ehesten und effektivsten geschieht dies, indem dem Feind die Eigenschaften des Menschen abgesprochen werden. Ausgrenzung führt zu einer Erleichterung des Tötens«: Herfried Münkler, Politische Bilder, Politik der Metaphern, Frankfurt 1994, S. 29. Analyse dieses kommunikativen Desasters: Gotthard, Konfessionskrieg.

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fast schon folgerichtig anmutet, daß man seine Interessen schließlich militärisch verfechten zu müssen meinte. Der Dreißigjährige Krieg, Muster eines Konfessionskriegs? Eines jener Zitate, die auf den letzten Seiten nochmals an die rhetorische Militanz der Jahrzehnte um und nach 1600 erinnern sollten, spielt auf eine Kategorie an, die uns stutzig machen könnte: die Staatsräson. Staatsräson, »ratio status«: Ausgerechnet um 1600 begann in Mitteleuropa die gedruckte Debatte über diese Politikkategorie. Ausgerechnet zur Zeit der zugespitzten konfessionellen Konfrontation wurde ihren eigenen Sachzwängen gehorchende Politik auf den Begriff gebracht. Natürlich ist er den politologischen Pionierwerken des frühen 17. Jahrhunderts geläufig. Aber auch manche der populären Polemiken kennen die Staatsräson – sei es, daß sie tatsächlich von »ratio status« sprechen, sei es, daß sie sich über Niccolò Machiavelli entrüsten, der damals (wiewohl er den Terminus gar nicht verwendet hat) gleichsam als ›Erfinder‹ der »ratio status« galt. Unter anderem deshalb konnte man ja den andersgläubigen Mitakteuren nicht mehr trauen: weil sie sich dem verruchten Machiavelli verschrieben hatten, nach Maßgabe der Staatsräson, nicht mehr von »Treu und Glauben« agierten. Ist die gelehrte, in anspruchsvollen Druckwerken ablesbare Rezeption der »ratio status« neuerdings recht gut erforscht379, gilt das für die archivalische keinesfalls, doch meine ich beobachtet zu haben, daß die »ratio status« just im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges auch in Ratsprotokolle einzusickern begann.380 Übrigens ist sie in solchen Protokollen – das mag Zeitgeschichtler vor dem Hintergrund der dort eine Zeitlang ziemlich virulenten Dabatte über den Primat der Innen- oder aber der Außenpolitik interessieren – fast immer eine Chiffre für äußere Bestimmungsgrößen der Politik, insbesondere die geostrategische Lage und Bündniskonstellationen.381 Sagt die Konjunktur des Terminus »Staatsräson« auch etwas über den Zustand der Staatenwelt um 1600 aus? Außenpolitik an der oszillierenden Kompaßnadel des Staatsräson-Kalküls auszurichten: zeugt diese Ideologie des souveränen 379 Es liegt an einer Reihe lesenswerter Studien insbesondere von Herfried Münkler, Peter Nitschke, Wolfgang E. J. Weber und Michael Stolleis. Eine Literaturliste gibt beispielsweise Wolfgang E. J. Weber, Staatsräson und konfessionelle Toleranz. Bemerkungen zum Beitrag des politischen Denkens zur Friedensstiftung 1648, in: Johannes Burkhardt/Stephanie Haberer (Hgg.), Das Friedensfest. Augsburg und die Entwicklung einer neuzeitlichen Toleranz-, Friedens- und Festkultur, Augsburg 2000, S. 168 Anm. 5. 380 Vgl. Gotthard, Konfession und Staatsräson, Sachregister, s. v. Staatsräson. 381 Also nicht den schon erreichten Stand organisierter »Staatlichkeit« oder ökonomische Interessen. Beratungsprotokolle des Konfessionellen Zeitalters, die mir bekannt sind, künden von wenig ökonomischem Sachverstand der für die Außenpolitik maßgeblichen Hofräte, auch besaß Ökonomie für sie keine eigene Dignität.

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Einzelstaates nicht nur von den Aporien konkurrierender Wahrheitsansprüche, konkurrierender Heilsversprechungen, denen eine – damit zu verselbständigende – Politiksphäre im Interesse des diesseitigen Gemeinwohls zu entreißen war, dokumentiert sie auch das Verblassen universal gedachter überstaatlicher Ordnungen, den Zerfall einer früher einmal ordnungsstiftenden Mächtehierarchie? Eine Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden kann sich natürlich nicht mit dem bloßen Vorfinden des Terminus und statistischen Beobachtungen begnügen, sie muß danach fragen, wie das vorgebliche Staatsinteresse mit Hilfe welcher kulturellen Identitäten, Auto- und auch Heterostereotypen definiert wurde und welche seiner vermeintlichen Essentials im äußersten Fall den Krieg erheischten. Der Frühneuzeitler darf nicht dem Kardinalfehler der in den Politikwissenschaften dominierenden »(neo)realistischen« Schule der Erforschung außenpolitischer Prozesse aufsitzen, in jenem »Staatsinteresse«, das sie axiomatisch allen Analysen zugrundelegt, etwa eine leicht objektivierbare Kategorie zu sehen, die man, anstatt nach ihren Entstehungsbedingungen zu schürfen, einfach voraussetzen könne.382 Es ist aufschlußreich, daß man sich zur orientierenden Wirkung einer »ratio status« damals nicht zu bekennen pflegte: Nach außen hin schrieb man Handeln »nach Staatsräson« stets dem Widerpart zu, es war ein Vorwurf. Kann man an solchen Distanzierungen von der Staatsräson nicht dennoch eine Säkularisierung des Denkens über Krieg und Frieden festmachen – weil, wer so unterstellte, eben prinzipiell davon ausging, daß außenpolitische Akteure (außer dem jeweiligen Sprecher selbst) nicht nach normativ feststehenden Werten, sondern nach Kosten-Nutzen-Kalkülen zu handeln pflegten, also nicht werteten, sondern Gewichte taxierten (oder austarierten)? Auf katholischer Seite koppelte man die Staatsräson-Unterstellung gern mit dem Vorwurf, die Protestanten383 bemäntelten rebellischen Geist, notorischen »ungehorsam« mit religiösen Versatzstücken384, setzten vorgebliche konfessionelle Ziele instrumentell ein: Man 382 Ein methodisch aufgeklärter Neorealist würde widersprechen und bekunden, er leite dieses »nationale Interesse« aus seinen systemischen Voraussetzungen ab: nämlich der Struktur der gerade gegebenen Staatenwelt und der Plazierung der betreffenden Nation in ihr. Für alle anderen Wurzeln außenpolitischer Entscheidungen sind seine Analysemethoden blind. – Vgl. zu solchen methodischen Fragen noch unten Kapitel A.4. 383 Da die Dresdner beharrlich »politice Bäpstisch« blieben, spitzte sich der Vorwurf immer mehr auf die calvinistisch dominierte »Aktionspartei« zu. 384 Das war im katholischen Diskurs der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts notorisch und läßt sich gar nicht angemessen belegen. Beispiele aus den Jahren 1618/19 lernen wir noch in Kapitel B kennen: die böhmischen Widerständler würdigten »die Religion zu einem Deckmantel« herab, erdreisteten sich, Machtgier, »Raach« und andere »privat Affection ... unge­scheucht für ain pur lauters religionwerk fürzugeben«. – Weil auf der anderen Seite schon von Martin Opitz die Rede war: dieser evangelische Lyriker rief dem spanischen König 1621/22 zu, »Daß die Religion kein Räubermantel sey/ Keyn falscher Vmbhang nicht«

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hielt das also prinzipiell für möglich und ging es wohl, den Winkelzügen des abgefeimten Widerparts gedanklich auf der Spur, im Geiste auch selbst durch. Zu den Flugschriftenkäufern, die dieses doppelbödige Spiel lesend nachvollzogen, gehörten natürlich auch politische Entscheidungsträger. Am 29. Juni 1646 klagte Mazarin in einem Schreiben an den Comte d’Avaux, Spanien verfolge seine machtpolitischen Interessen »soubz le prétexte de la religion«.385 Zeugen solche Vorwürfe nun von einer Resakralisierung des Denkens, von seiner untergründigen Säkularisierung? Weniger doppelbödig muß man konstatieren, daß die neumodische Kategorie der »ratio status« im frühen 17. Jahrhundert keinesfalls nur nach außen hin demonstrativ verabscheut wurde, sondern vielen Akteuren grundsätzlich suspekt blieb. Man kann das in der Literatur386 wie in den Akten387 beobachten, auch die zuletzt angeführten Zitate – von denen eines dem innerkatholischen Diskurs entstammt – konnotierten ja negativ. Vielen war diese Staatsräson Inbegriff der Hybris einer Politik, die mehr werden wollte als Ancilla theologiae und sich damit überhob. Wir stoßen auf viele Gleichzeitigkeiten des Ungleichzeitigen, so schon bei der zeitgenössischen Analyse des Kriegsausbruchs – Kapitel B wird sich damit näher befassen. Wir werden dort beispielsweise sehen, daß die damals in Dresden maßgeblichen Politiker den Frieden ganz avantgardistisch definierten, nach Ausweis der Beratungsprotokolle bangten sie 1618 nicht um die »richtige« Ordnung, sondern um Ruhe und Ordnung überhaupt. Daß man deshalb den glaubensverwandten böhmischen Widerständlern nicht beisprang, ließ man indes nach außen hin nicht etwa mit der kursächsischen Staatsräson begründen, sondern durch und durch theologisch, mit vielen Bibelstellen – weil man glaubte, auf die anderswo maßgeblichen Deutungsschemata und Denkstrukturen eingehen, die Adressaten der Schrift bei ihren eigenen, religiös begründeten Positionen abholen zu müssen. Die Dresdner legitimierten ihr Tun damals theologisch, ihre Mo(Trostgedichte, Buch I, Zeilen 460f.). –­ Die Denkfigur ›der Gegner verbrämt machtpolitische Motive konfessionell‹ begegnet sogar schon im Schmalkaldischen Krieg: vgl. unten Anm. 451. 385 APW II.B.4, Nr. 38. 386 Vgl. zusammenfassend Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1, München 1988, S. 210. 387 Recht häufig begegnet der Stoßseufzer, es werde »gewalt dem rechten und ratio Status Christlichen gewissen ... vorgesezt«, hier zitiert nach »Kurtze Relation dessen von Effern verrichtunge« in Brüssel (»lectum in consilio« am 4. Juni 1616), HHStAW Mainzer Erzkanzlerakten (im Folgenden: MEA) Juliacensia 6, fol. 359–365 (orthographisch etwas abweichend die Abschrift in BayHStA Kasten schwarz 10410, fol. 1–5). In MEA Wahl- und Krönungsakten 15, fol. 258f. (»Rationes ...« [von 1613]) heißt es beispielsweise, daß »gewalt vor recht, und ratio status vor Christliches gewissen ... praedominiren«. Ähnliche Formulierungen sind, wie gesagt, keinesfalls selten.

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tive wurzelten anderswo, bei im Hofrat divergierenden Mischungsverhältnissen in territorialer Ratio status und in Reichspatriotismus. An den meisten anderen evangelischen Höfen indes war auch der interne Diskurs damals theologisch durchtränkt, weshalb man in Böhmen nicht etwa einen rebellischen Anschlag auf die monarchische Staatsform wahrnahm, sondern den Selbstbehauptungskampf evangelischer Gewissen gegen religiöse Unterdrückung und, natürlich, die »blutgierigen Practicken« der »blutdurstigen Jesuiter«. Konfession oder Staatsräson, Glaubenskrieg oder Staatsbildungskrieg? Das konnten wir nicht im Vorbeigehen festzurren und quantifizieren. Die letzten Seiten wollten lediglich darauf hinweisen, wie viel für eine archivalisch gestützte Ideen- und Mentalitätsgeschichte des Krieges noch zu tun bleibt. Man könnte das eigentümliche Neben- und Ineinander konfessionell durchtränkter und untergründig schon über das Konfessionelle Zeitalter hinausweisender Argumentationsmuster auch in anderen Sinnbezirken aufzeigen. So war der gelehrte Reichspatriotismus dieser Jahre durchaus janusköpfig. Insbesondere evangelische Autoren beriefen sich gern salbungsvoll auf »patria« und deutsche Nation. Sie stellten diese Werte in konfessionspolitischen Dienst, verwandten sie weniger integrativ denn geradezu ausgrenzend, mit aggressiver Stoßrichtung gegen die »spaniolisierten« Anhänger der Hofburg, und doch lud sich in solchen Diskursen eben ein originär säkularer Wert, das teutsche Vaterland, mit quasireligiöser Emphase auf: Sakralisierung, Säkularisierung? Im publizistischen Begleitkampf zum Prager Frieden388 appellierten schließlich Protestanten an Pro388 Die sichtlich ernüchterte Publizistik der Jahre um und nach 1635 ist ungleich besser erforscht als die der Jahrzehnte zuvor; vgl. zuletzt, mit der weiteren Literatur, Schmidt, Vaterlandsliebe, S. 358ff. – Zahlreiche ausgiebige Zitate bot schon Hitzigrath, Publicistik. Freilich verzeichnet dieser Autor die Dimensionen; so gründlich, wie seine Arbeit suggerieren könnte, schwenkte der publizistische Mainstream nun auch wieder nicht von konfessioneller zu nationaler Emphase um. Hitzigrath entzücken die »deutschnationalen Angriffsbroschüren«, er sucht und findet »nationale Publicisten« mit »echt deutschem Standpunkt«, anderen kann er schon einmal das vorhalten: »Ein deutschnationaler Publicist ist er nicht, vielmehr braucht er seine Feder völlig im Solde und Interesse der Ausländer«. Am wenigsten aber interessieren diesen schneidigen Autor religiöse Themen, eine knappe Übersicht über davon infizierte, in seinen Augen »gesundem Menschenverstand« hohnsprechende »Broschüren« leitet er mit dieser Bewertung ein: »Von einer religiös aufgeregten Zeit wird meist der Aberglaube geboren«. Ich zitiere noch, wie er im Schlußabsatz die Spannweite resümiert: »Töne des reinsten Patriotismus, schreiende Missklänge confessionellen Hasses« (Hitzigrath, Publicistik, S. 41, S. 105, S. 117, S. 125, S. 127, S. 132). – Dennoch ist ein relativer Rückgang militant konfessioneller Gehalte unübersehbar, nur, was besagt das? Ist es ein zusätzliches Symptom für den aus anderen Gründen kaum bestreitbaren Sachverhalt, daß sich der deutsche Konfessionskrieg von den politiksteuernden Motivationen her entkonfessionalisierte? Andererseits beobachtet Schmidt, daß schon »die Krise des Religionsfriedens seit den 1580er Jahren ... mit einem Anstieg der patriotischen Rhetorik« einhergegangen sei, sie fungiere offenbar als »Sensor für politische Unsicherheit« (S. 421). Wird die Patria

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testanten, das Reichswohl über konfessionelle Solidaritäten zu stellen und sich um den katholischen Kaiser zu scharen – eine Säkularisierung des Reichswohls? Nun stehen solche Flugschriften schon jenseits einer Wasserscheide. Denn steht nicht wenigstens dieses eine fest: daß sich der Dreißigjährige Krieg in den frühen 1630er Jahren – nicht in der Wahrnehmung und Sinnstiftung der leidgeprüften zivilen Opfer aller Seiten, aber auf der Ebene einer Erfahrungsgeschichte der politischen Eliten – entkonfessionalisiert hat? Verengen wir den Fokus noch weiter, indem wir von den publizierenden Eliten absehen und lediglich die entscheidenden Akteure in den Ratsstuben ins Visier nehmen, gibt es einen aufschlußreichen Indikator für die Entkonfessionalisierung des großen deutschen Konfessionskriegs: den Vergleich zwischen Restitutionsedikt und Prager Frieden. Was ist denn das Tertium Comparationis? Daß sowohl 1629 als auch 1635 der Kaiser (durch katholische Waffen errungener Siege wegen) ungemein mächtig war, die dezidiert evangelischen Kräfte im Reichsverband hingegen entscheidend geschlagen schienen. Rekapitulieren wir ansatzweise, wie man die militärischen Triumphe jeweils in Politik umzusetzen versuchte! Als sich am Ende des Niedersächsisch-dänischen Krieges eine Seite scheinbar auf der ganzen Linie durchgesetzt hatte, sich nun ihre Träume erfüllen (nüchterner formuliert: die Kriegsziele realisieren) konnte, nutzte sie das für ein konfessionspolitisches Revirement, den Oktroi der eigenen Interpretation der Augsburger Ordnung von 1555. Offensichtlich war sie damals der Ansicht, genau dafür, für ihre Lesarten des Religionsfriedens, so lang gekämpft zu haben; übrigens hatte Maximilian von Bayern, der mehr als jeder andere zum Restitutionsedikt trieb, dessen Notwendigkeit einmal so erklärt: ein verantwortungsbewußter katholischer Politiker müsse jetzt »die von Gott an handt gegebene occasion« nutzen.389 Sechs Jahre später hingegen wurde die konfessionspolitische Frage gewissermaßen eingeklammert, ja, geradezu ausgeklammert – Vertagung des Streits um 40 Jahre. Man vertagt etwas, was man momentan nicht für vordringlich hält. Was aber hielt die siegreiche Seite nun für vordinglich? Die politische Einigung des Reiches und die Beendigung des Krieges! Den Prager Vertrag durchweht reichs­patriotisches Pathos: Wir müssen den Reichsboden von fremden Truppen, den Reichsverband von fremder Einmischung befreien. Daß es genau dafür nun, da das deutsche Kriegstheater zur Nebenbühne absank, zu spät war, steht auf einem anderen Blatt. Die Prioritäten hatten sich zwischen 1629 und 1635 eklatant verschoben. Es ließe sich, wie wir ja schon sahen, auch an der Flugschriftenliteratur aufzeigen: beschworen, wenn sie sich über konfessionelle Gräben hinweg wiederzufinden beginnt, oder wenn sie zu zerfallen droht? 389 So formulierte er es in einem Schreiben an den Erzkanzler vom 7. September 1627: BayHStA Kasten schwarz 773 (unfol.).

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Die Emphase, die letztmals Siegeslauf und Schlachtentod Gustav Adolfs emporlodern ließen, findet sich danach nicht mehr390, die publizierenden Eliten sind des immerwährenden Krieges überdrüssig. Volkes Stimme wird in den erhaltenen Quellen selten laut, aber eine Wiener Denkschrift vom Januar 1635 hat wohl Recht, wenn sie feststellt: »Es begert und wünscht den friden das ganze Römische Reich.«391 Das Papier ist überhaupt interessant: Die kaiserlichen Ratgeber beschwören dort durchaus noch einmal den Notwendigen, den gottgewollten Krieg – der freilich nicht immer gewonnen werde: »Hatt man exempla in der heiligen schrift, daß auch in solchen fällen, da der Allmechtige Gott den khrieg anbefohlen, wann solche exorbitantien und dergleichen schelten, fluchen oder abgöttereien vorgangen, daß allezeit daß Israelitisch volkh gestrafft worden.« »Dieweilen aber diser erfolg allein Gott bekhandt und man sich darauf auß oberzehlten exemplen und umbstendten nit gwiß verlassen kann, so mueß von disem khrieg menschlicher vernunft nach discurriert und geredt werden.«392 In einem nur fragmentarisch überlieferten Gutachten vom März des Jahres393 heißt es erneut: »Und ob man zwar ... sagen möchte, Gott der Herr sei mächtig, er werde E. Ksl. Mt. in dero gerechten sachen beistehen, so sein doch dessen iudicia unerforschlich«, »auf miracula394 zu bawen, ist t[em]erarius«. Man müsse über Krieg 390 Unter manchen interessanten Facetten fällt auch auf, wie sich das Verhältnis vieler Flugschriftenautoren zu Schweden nun zu ändern beginnt – hatten die sich überstürzenden Triumphe Gustav Adolfs über die Kollateralschäden hinwegsehen lassen, mußte die schwedische Kriegführung danach mehr und mehr (die Wiederholung dieses hier passenden Verbs sei mir nachgesehen) ernüchtern, ja, empören. Ersichtlich kämpften die Schwedischen für die »Region«, nicht, wie von ihnen beteuert, die »Religion«, was nun sogar evangelische Autoren beklagen (es ist beispielsweise das große Thema dieser Flugschrift brandenburgischer Provenienz: »Jobst Camalinus«, Deutsche Treuhertzige Warnung an alle und jede Deutsche, Hohe und niedre Kriegsoficierer ... dass sie endtlich in sich gehen, von Schwedischer Parthei abtreten ..., o. O. 1637). »Der Schwedische Jäger in Teutschland« (anonym, o. O. o. J., S. 9) singt 1647 dieses Jagdlied: »Kom her mein lieber Pfaffenknecht/ Ich muß dir eins versetzen,/ Dein Hößlein mach klar eben recht/ Dran will ichs Messer wetzen./ Bey dieser Jagt das Wildpret gut/ Wirstu gnent alleine,/ Es kostet aber Gut und Blut/ Dir Teutschen ins gemeine,/ Vns ist nit vmb d’Religion/ Die Götter mögens walten,/ Vns dient doch ewer Confession,/ Damit wirs Land behalten.« – Gewiß, noch die Westfälischen Verhandlungen provozierten Publikationen, die zum Kampf um jede Seele aufriefen (offenbar – freilich: Forschungsstand! – vor allem von katholischer Seite, womit nun auch wieder betont gelehrte, recht komplex und insbesondere kanonistisch argumentierende Texte dominieren), aber das gab nun eben insgesamt nicht mehr den Ton vor. 391 Abdr. des Memorandums: BA N. F. 2.10.2, Nr. 107. Allgemein gesagt, ging es damals um den Entwurf des Prager Friedens der Hofburg mit Kursachsen und die Zulässigkeit der dort vorgesehenen Konzessionen an die Protestanten. 392 Ebda., die Zitate: S. 164 bzw. S. 165. 393 Die Fragmente bietet BA N. F. 2.10.2, Nr. 124; die folgenden Zitate: S. 231, ebda., S. 230, S. 228, ebda. 394 Zweifelsohne eine Anspielung darauf, wie Lamormaini zu argumentieren beliebte!

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und Frieden »moraliter und der vernunft nach reden«. Mit dieser Säkularisierung des Diskurses geht eine Höherbewertung des Friedens einher – wenn es auch »einer kleinmüttigkeit ähnlich zu sein« scheine »und dz man sich nit auf die hilf Gottes rechtschaffen verlassen thuett«, gelte doch, »daz dieiehnige fundamenta und ursachen, so E. Ksl. Mt. zum frieden bewegen sollen«, derartige Bedenken »weit praeponderiren«. Wie »das ganze Römische Reich« wünschte also auch seine Regierungszentrale »den friden«. Mit dem Scheitern des Restitutionsedikts, dem Tod Gustav Adolfs – den die Protestanten für jenen ersehnten Deus ex machina gehalten hatten, der endlich die der Gegenseite aus den ideellen und materiellen Ressourcen des Kaisertums zuwachsenden konzeptionellen und strukturellen Vorteile kompensierte – waren in beiden Lagern inbrünstig gehegte Utopien derart spektakulär zerplatzt, daß das Feuer der religiösen Begeisterung erlosch. Und dann trat jene Macht aktiv kämpfend in die Auseinandersetzung ein, die ihre eigenen Konfessionskriege viel früher beendet, danach zu einem säkularen Politikstil im Zeichen von Staatsräson und Souveränität gefunden hatte: Frankreich! Mitteleuropa verkam zum Nebenschauplatz eines europäischen Hegemonialkampfs zwischen Spanien und Frankreich. Der große deutsche Konfessionskrieg war nun keiner mehr. 2.2.4 »Machiavellus gallicus«: Schrittmacher Frankreich? 2.2.4.1 Ein Clash of cultures »Man antwortet mir nur mit Stellen aus der heiligen Schrift und mit Offenbarungen und mit der Kraft Gottes, den sie täglich um Erleuchtung anrufen, das Unternehmen zu verfolgen, wenn es gut, es aufzugeben, wenn es böse sei«: so mokierte sich ein französischer Emissär an den Heidelberger Kurhof im Winter 1567/68395 über den für ihn sehr eigentümlichen kurpfälzischen Politikstil. Er konnte über die »unglaubliche Einfalt« des bigotten Kurfürsten nur den Kopf schütteln: ein Clash of cultures.396

395 Friedrich von Bezold (Hg.), Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir mit verwandten Schriftstücken, Bd. 1, München 1882, S. 24 Anm. 1 beruft sich pauschal auf »Berichte des frzös. Gesandten Bochetel, Bischof von Rennes, an Karl IX., vom 1. 12. 19. Nov. 1567 und 1. Febr. 1568«, ohne zu sagen, welchem er das (zweifelsohne von ihm übersetzte) Zitat entnahm. Der Gesandte sollte versuchen, die Heidelberger von einer prohugenottischen Intervention in Frankreich abzuhalten. 396 Der Eindruck verstärkt sich, wenn man, gleichsam spiegelbildlich, die Berichte des pfälzischen Emissärs Zuleger aus Paris hinzunimmt: Bezold, Briefe, S. 25.

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Hat der französische Politikbetrieb religiöse Bindungen rascher und gründlicher abgestreift als der rechtsrheinische? Nimmt man die französische Außenpolitik ins Visier, kann man schon zu diesem Schluß kommen. Axiom war kein Dissens exklusiver weltanschaulicher Wahrheitsmonopole, sondern ein als konstant angenommener habsburgisch-französischer Interessengegensatz. Die französische Außenpolitik schon des 16. Jahrhunderts war geopolitisch begründet, also nicht konfessionell. Einzig in Paris war Europa schon vor dem 18. Jahrhundert mehr als Christianitas, einzig in Paris hielt man nämlich immer wieder die Pforte für bündnisfähig, und für die französische Deutschlandpolitik der Reformationszeit braucht man nur chiffrenhaft den Vertrag von Chambord zu nennen. Freilich durchlebte dann auch Frankreich seine Konfessionskriege. Aber es beendete sie früher als die Nachbarn, nachdem Henri Quatre aus Staatsräson katholisch geworden war. Es ist wenig bekannt, daß die Pariser Außenbeziehungen um 1620 noch einmal für einige Jahre stark konfessionell bestimmt waren, damals rettete Ludwig XIII. den Großmachtstatus Habsburgs, weil er nicht als »deserteur de sa religion« dastehen wollte.397 Solche Vorwürfe werden Richelieu nicht schrecken, er wird wieder, wie einst Heinrich II., Einflußschneisen über den Rhein im Sinn und Freiheitsparolen auf der Zunge tragen. Bei der Rivalität zwischen dem katholischen Frankreich und dem katholischen Habsburg konnte nur die »teutsche Libertät« für Paris mobilisieren, kein konfessioneller Furor, jeder Anschein eines Religionskrieges mußte vermieden werden. Beispielsweise deshalb wird der Kardinal, wie wir in Kapitel C noch merken werden, hartnäckig an einer Neutralisierung der katholischen Liga arbeiten, »ce principe de la neutralité, ... c’est le seul moyen d’éviter une guerre de religion« – wie es in einem Memorandum des Paters Joseph zur deutschlandpolitischen Strategie, wohl vom November 1633 heißt. Es beginnt übrigens so: »Évitons, au nom de Dieu, une guerre de religion«! Das aus vielen Gründen bemerkenswerte Gutachten findet: »Le principe ejus religio cujus regio vient du diable; on ne doit pas obtenir les conversions par la violence, mais laisser Dieu opérer par le Saint-Esprit«.398 Da also ließ man den Heiligen Geist walten, die Staatsinteressen mußte der Politiker in seine Hand nehmen. Wir können ohne ungebührliche Zuspitzung festhalten, daß unter Richelieu konfessionelle, ja, man wird sagen dürfen: überhaupt religiöse Postulate wieder gänzlich und nun irreversibel zurücktraten. Das nahmen auch die europäischen 397 Vgl. Gotthard, Frankreich und England; auch, aus wahrnehmungsgeschichtlicher Warte, unten Kapitel B. 398 Memorandum Pater Josephs zur deutschlandpolitischen Strategie Frankreichs, wohl vom November 1633: Gustave Fagniez, Le Père Joseph et Richelieu (1577–1638), Bd. 2, Paris 1894, S. 146–151.

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Mitspieler so wahr. Die soeben erwähnte Wiener Denkschrift vom Januar 1635 hält eine »außrottung der andern religion« (die ohnehin nicht auf der Agenda dieses bedächtigen Memorandums steht) schon deshalb für unrealistisch, weil »iezo laider die sachen in Europa« so »beschaffen« seien, daß »der Machiavellische argwan und aemulation alles begriffen« habe, »alß solches alberait genuegsamb an Franckhreich zu spüeren«.399 Interne publizistische Kritik an dieser machiavellistischen Außenpolitik blieb nicht gänzlich aus, wie Alexandre Y. Haran jüngst zeigte: »Face à la politique anti-espagnole, à l’alliance turque et à l’entente avec les princes protestants du Saint-Empire, qui menaçaient de faire oublier au royaume son rang de ›fille aînée de l’Église‹, le parti des dévots exigeait un choix stratégique digne de Saint Louis«.400 Harans Studie macht aber auch sehr deutlich, daß das »fibre messianique« in Frankreichs 17. Jahrhundert nie so hitzig war wie in den anderen großen europäischen Ländern. Daß Haran der Ansicht ist, das ohnehin vergleichsweise schwache Fieber habe sich um 1630 fast schon verzehrt (um 1680 sei es ganz erloschen), finde ich deshalb interessant, weil sich auch deutsche Diskurse in den 1630er Jahren so sichtlich entkonfessionalisierten. Was hat es für die Säkularisierung des Krieges bedeutet, daß Frankreich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts zur in vielen Hinsichten, so auch außenpolitisch bewunderten und kopierten Leitmacht aufstieg? Ludwig XIV. überfiel im »Devolutionskrieg« die Besitzungen einer Witwe und eines unmündigen Kindes. Die Frivolität, mit der er Rechtsansprüche hindrechseln ließ, von denen er selbst wie jeder denkbare Adressat wußte, daß sie gar nicht geeignet sein konnten, blanke Machtgier zu drapieren, begründete einen neuen, zynischeren, härteren Politikstil in Europa. Waren derartige juristische Vorwände so fadenscheinig, daß sie tatsächlich das Recht verhöhnten, flankierten den Holländischen Krieg schon gar keine aufwendigen Bemühungen mehr, den Anschein von Rechtlichkeit zu erwecken. Ungeniert und fast unverhüllt ging es da um eine Strafaktion gegen jene frechen Pfeffersäcke, die sich obstinat weigerten, als Trabanten um die Sonne in Versailles zu kreisen, die dreist ihre eigenen Erfolgsmaßstäbe, ihren eigenen Lebensstil hochhielten401: pure Machtdemonstration also. Wie haben solche Haupt- und Staatsaktionen auf das Denken über Krieg und Frieden abgefärbt? Befragen wir exemplarisch die rege Kriegspublizistik der 1670er Jahre! Bezeugt sie alles in allem – diese Leitfrage wird das organisierende Zentrum der auf den ersten Blick recht disparaten Beobachtungen der nächsten Seiten sein – im kontrastiven Rückgriff auf die uns schon gut bekannten Pub399 Wie Anm. 391 (hier S. 165). 400 Alexandre Y. Haran, Le lys et le globe. Messianisme dynastique et rêve impérial en France à l’aube des temps modernes, Champ Vallon 2000, S. 342. 401 Vgl. hierzu ausführlicher S. 234f.

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lizistik der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges eine »Formalisierung und Säkularisierung«402 des Kriegsbegriffs? 2.2.4.2 Auto- und Heterostereotypen Daß Ludwig seine Machtgier mehr demonstrierte denn mit juristischen Girlanden drapierte, hat im Reich, einem Rechtsschutzverband, schon abgestoßen. Eine Flugschrift unterschob Ludwig XIV. beispielsweise diese »Theses von der Gerechtigkeit und Berechtigung zum Kriege, Jetziger Zeit in Franckreich üblich«: »Die Frantzösische Gerechtigkeit ist ein stätswärender Wille, jederman des Seinen zu berauben«.403 Oder: »Wer nicht kan heucheln, soll auch nicht regieren.« »Ein König muß viel zusagen, und wenig halten. Wir halten unsere Zusage so lange, als wir Nutzen davon haben können.« »Unrecht machen wir Recht durch den Degen«. »Die Kriegs-Berechtigung wird nicht wol genennet ein Theil deß Rechts der Völcker, dann es bestehet in unserm Königlichen Wolgefallen.« »Andere mögen streiten vor GOtt und die Religion, uns ists zu thun umb Lande, und Gold und Schätze.« Eine angeblich aus dem Französischen übersetzte Flugschrift läßt Ludwig schwadronieren, »daß, da das Recht zu brechen sey, man solches der Beherrschung halber thun müsse, weil der Himmel keinen Richterstuhl auf Erden gesetzt habe, vor welchen die Könige in Franckreich gezogen werden können«404 – übrigens ein Kardinalproblem des völkerrechtlichen Soft Law bis heute! Ein dritter Pamphletist meint so für Ludwig sprechen zu dürfen: Die Weltherrschaft steht ihm nun einmal zu, und dafür darf er »allerley dienliche Mittel ohn Unterschied« einsetzen, »sie seyen, wie sie wollen, gut oder böß, wie sie unter die Hand kommen. Nam qui vult finem, vult etiam media. Redlichkeit kommt nicht weit.« »Die heilige Theologie ist ein Subordinatum der Politic, und muß sich nach des Königs Raison d’Estat conformiren«.405 Steht die diskursive Konjunktur der »Raison d’Estat« für eine Säkularisierung der Politik, und war Frankreich hierbei der Vorreiter, auch der Tabubrecher? Die 402 Vgl. oben S. 106 mit Anm. 14. 403 Das ist der Beginn (die erste »These«) dieser Schrift: [anonym], Theses von der Gerechtigkeit und Berechtigung zum Kriege, Jetziger Zeit in Franckreich üblich, Welche Unterm Praesidio derer Staats-erfahrnen Professoren, der Herren de Lionne und Colbert, Wider Aller Rechts-Gelehrten Einwürffe zu defendiren sich vorgesetzet Ludovicus der XIV. ... Gehalten am 14. Januarii 1672. Im Königlichen Palatio zu Paris, o. O. 1673. Der Schluß der fingierten ›Thesensammlung‹ lautet so: »In Summa, kein Mittel soll uns entstehen, einen jeden zu verleiten, damit wir unsere Intention erlangen, worzu uns der Ehrgeitz, das gemaine Wesen unserer Cron, und unsere Reputation verbindet.« 404 »Alexander Christian de Metre«, Kurtze Erzehlung Der vornehmsten Thaten Des Königs in Franckreich, Und Was er ferner vor hat ..., »Roterdam« 1674, fol. Aiiij. 405 [Anonym], Machiavellus gallicus, Das ist: Verwandelung und Versetzung der Seele Des Machiavelli in Ludovicum XIV. dem König von Franckreich ..., o. O. 1675 (unfol.).

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zeitgenössische Publizistik406 hat es vielfach so gesehen – Titel wie »Machiavellus gallicus«407 zeigen es (man pflegte die Denkkategorie der Ratio status ja im Konfessionellen Zeitalter wie auch noch in den Jahrzehnten danach durchgehend, sachlich nicht falsch, auf Machiavelli zurückzuführen). Daß seit 1675 in manchen Schriften Karl XI. von Schweden als Hilfsteufel firmiert, liegt an den französischen Subsidien für ihn und daran, daß Schwedens Einfall ins Kurbrandenburgische der französischen Kriegführung im Westen zupaß kam. Einem »vornehmen« schwedischen Politiker wurde das in den Mund gelegt: »Es würde uns ja gantz Europa auslachen, wann wir Schweden jetzo mit solchen Schulfüchsischen Possen wolten aufgezogen kommen, und unseren Ratio-Statum nach der einfältigen Gerechtigkeit einrichten.«408 Vor allem aber legen deutschsprachige Flugschriften solche Zynismen »Franzmännern« in den Mund. Die publizierenden Eliten Mitteleuropas beobachteten, daß die »Alemode-Welt« unentwegt von »Ratio Status« raune409 und daß man, »seit dem daß die Raison [d’Estat] auffgekommen ... die Gerechtigkeit wenig mehr finden« könne410: »Grosse Herren und Potentaten sind durch den Ehrgeitz gantz verblendet, daß sie Morden, Rauben, Brennen und Blutvergiessen vor keine Sünde halten, wenn sie nur ein Stück Landes erwerben können«.411 Denn die Postulate der Staatsräson, und nicht etwa (noch) theologische oder 406 Es wäre reizvoll, meiner Tour d’horizon durch die gedruckte Publizistik eine durch die Relationen der diplomatischen Beobachter in Paris zur Seite zu stellen, doch kann ich das hier nicht im Vorbeigehen leisten. Der kurbrandenburgische Vertreter an der Seine, Lorenz Georg von Crockow, resümierte am 19. Februar 1672, »Ihrer K. M. Interesse und Deroselben Puissance sein die Raisons, welche blos allein alhier employiret werden«: Reinhold Brode (Hg.), Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Bd. 13, Berlin 1890, S. 61–63. Wie rational diese vermeintlich ›objektive‹, da rein interessegeleitete Staatsräson tatsächlich gewesen ist (bei Ludwig: hypertropher EhrBegriff !), werde ich gleich noch, in Kapitel A.3.1, am Beispiel des Holländischen Krieges problematisieren. 407 Vgl. Anm. 405. 408 [Anonym], Projekt Der eröffneten Schwedischen Rath-Stuben ..., o. O. 1675. 409 So »Samuel Greifnson vom Hirschfeld«, Simplicianischer Zweyköpffiger Ratio Status ... , Nürnberg 1670, S. 9. Diese Schrift fällt freilich aus dem zeitüblichen Rahmen, sie versucht, vom hier gegebenen Zitat abgesehen fernab jeglicher Tagesaktualität, aus dem Alten Testament den Nachweis zu führen, daß es eine gute, christliche und eine böse, da machiavellistische Staatsräson gebe. 410 [Anonym], Curiosorum, nec non politicorum vagabundi per Europam, vulgo sic dicti, Rationis-Status, de praesenti tempore nugae-somniorum pars altera ..., o. O. 1675, S. 48 (auch abgedr. im 31. Band des »Diarium Europaeum«, das Zitat dort auf S. 509; ebda., S. 466: es sei – ohne ausdrücklichen Bezug auf Frankreich – »die Mode« der Zeit, »viel zusagen, und wenig halten; und ist dieses Ding, leyder!, soweit gerathen, daß man eine Sünde zu begehen vermeynet, diesem zuwider zu handeln«). 411 [Anonym], Traum-Gesicht vom Democritus und Heraklitus, da jener den itzigen Zustand in Teutschland belachet, dieser aber beweinet ..., o. O. 1675, S. 15.

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(schon) völkerrechtliche Normen rahmten auch die ›Kriegsräson‹: »Eine neue, Zweifells ohn, in Plutonis Höllen-Pfuel empfangene Mißgeburt, hat uns die Geschwindigkeit des Frantz-Genii, durch gegenwertigen Krieg, zur Welt gebracht, Raison de guerre genant, auff Teutsch, hat das Kind noch keinen Nahmen412, wie man es daselbst noch nicht kennen wollen: ist aber, Zweifffels ohn, ein Nahverwandter Cousin mit der Frantz-Raison d’Estat«.413 Zum Autostereotyp des redlichen Teutschen gehörte, sich auf dem Felde der Politik moralisch verantwortetes Handeln zuzuschreiben, während das Heterostereotyp des »Franzmanns« in fast allen Pamphleten der 1670er Jahre sittliche Bindungslosigkeit beinhaltet. Kriege wie der Holländische waren »auf lauter Machiavellische principia gegründet«.414 Die deutschsprachige Flugschriftenliteratur goutierte das nicht als Modernitätsvorsprung, wertete als moralischen Verfall. Sogar auf säkularisierte415, ins Völkerpsychologische gewendete Schrumpfformen der im frühen 17. Jahrhundert grassierenden Denkfigur »der Gegner hält nicht Treu und Glauben« stoßen wir in dieser kriegsflankierenden Publizistik. Eine Flugschrift kolportiert, Turenne pflege zu höhnen: »Die Teutschen wären wol plumpe und einfältige Leute, daß sie eben dasselbige zuhalten begehrten, was unterschrieben, und versigelt wäre, gleich als solte die Dinten und Siegelwar über dem Willen des Menschen regieren.« Ein anderer Autor läßt Ludwig XIV. das aus der Feder fließen: »Man darff seinem Feinde Treu und Glauben nicht halten, wann man beym Bruche dessen seinen Vortheil sihet.« »Krafft« seiner »Arcana Dominationis« pflegte Ludwig »die getroffenen Fridens Tractaten ... so lange zu halten ..., als er sich solches nützlich zu seyn bedüncken läst.«416 Sogar für 412 Beim führenden prokaiserlichen Pamphletisten der Zeit, beispielsweise, schon: die »Krieges-Raison«. Vgl. Franz Paul von Lisola (»Franz von Warendorp«), Hand-Brieff an Ihr Durchl. dem Hertzogen zu Osnabrugk ... zu Eröffnung der Augen, o. O. 1674, S. 19, S. 22 (»sie werffen uns auff der Nasen ein neu-erfundenes Recht, so allen unseren Vorfahren unbekant gewesen, genennet: des Wohlstandes und Krieges Raison«), S. 37f., S. 52. 413 [Anonym], Machiavellus gallicus (unfol.). 414 [Anonym], Wohlmeynende Erinnerungen, An die sämptlichen Chur-Fürsten und Stände des Reichs, Worinnen erleutert wird, In was für grosser Gefahr das gantze Reich schwebe ..., o. O. 1673, S. 52. 415 Die Vorwürfe waren ja einst durchgehend theologisch oder doch kirchenrechtlich begründet worden: Die Protestanten verrieten Treu und Glauben, Eid und Siegel, wie sie Gott und seine Eine Kirche verraten hatten – wer von der mehr als tausendjährigen Kirche abfiel, konnte auch jederzeit von Kaiser und Reich abfallen, war eben per definitionem »ungehorsam«; Katholiken war wegen der scholastischen Notrechtsargumentation nicht zu trauen, und weil ihnen insbesondere jesuitische Autoren mit ihren Auslassungen über »fides haereticis non servanda« alle Schluplöcher vor Augen stellten. 416 Die Zitate: [anonym], Die Entdeckung Des unter dem Fuchs hervor-gläntzenden Wolffspeltzes ... Denen Herrn Schwaben zum besten vorgestellet ... von Einem rechtdeutsch-Patriotischen Medico, o. O. o. J. [1674, unfol.]; [anonym], Theses; [anonym], Wohlmeynende Erinnerungen, S. 52.

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eine (eigentlich aktuellen Nachrichten verpflichtete) Zeitung, den in Nürnberg verlegten Teutschen Kriegs-Kurier, war es wegen der »vielen an Tag liegenden Beweißthumen« so offensichtlich wie allgemein bekannt, »wie fein die Frantzosen versprochene Treu vnd Glauben halten«.417 2.2.4.3 Die Hohe Schule des Zynismus Für andere Autoren hatten »die Frantzosen« mit diesem unskrupulösen Politikstil schon den Rest Europas angesteckt. »Wo man diesen stinckenden Wiederhopffen«, nämlich die Raison d’Estat, »einmahl eingeniestelt finde, da wanderte Treu und Glauben zum Fenster hinauß daß man [sich] also keines weges auff hochbetheurte Verbündnüß und leibliche Eidschwür ... mehr verlassen kan. Man achtet alsdann keinen Abscheid, keine Vereinigung, keine ... Verbündnüß«.418 »Gleichwie die Ratio Status anjetzo in der Welt nicht allein geehret und vermehret, ja für das unwiederruffliche Gesetz gehalten wird: also gilt hin gegen die War- und Redlichkeit im geringsten nichts mehr.«419 Man konnte »heut zu Tage auff ... leibliche Eydtschwüre ... sich nicht mehr verlassen«.420 Nun geißelte man ja solche Abgefeimtheit. Man empörte sich darüber, daß »dem Betrug und Hinterlistigkeit, als löblichen Staats-Künsten zu gemeinen Verderben Thür und Thor Angel-weit auffgethan« wurden.421 Inwiefern diese Abscheu eigene moralische Maßstäbe befestigte, inwiefern das, was man subjektiv empört geißelte, tatsächlich auf das eigene Denken abfärbte, kann der moderne Leser nicht gegeneinander verrechnen. Nur selten begrüßten oder bekannten die Texte solche Lernprozesse derart offen wie diese »Wohlmeynende Erinnerungen« 417 Der Teutsche Kriegs-Kurier vom 30. Juli 1674. 418 [Anonym], Nugae-somniorum pars altera, S. 504. 419 [Anonym], Idolum Principum, Das ist: Der Regenten Abgott, den Sie heutigs Tags anbetten, und Ratio Status genennet wird ... Denen Höflingen ... vorstellig gemacht, o. O. 1678. Es ist der Eröffnungssatz des Büchleins. Der Autor spinnt dann diese Geschichte aus: Eine Stelle im »Staats-Dienste« wird frei, der Fürst examiniert diverse Günstlinge. Den ersten fragt er: »Was eines Fürsten-Rahts erst- und vornehmste Tugend sey? welcher die Gottesfurcht sagte; der Fürst aber dessen lachend, ließ ihn durch seine Räthe zum Schul-Amt befördern«. Der nächste: Er wolle dem Fürsten helfen, »nach Recht und Gerechtigkeit zu herrschen«, was dieser nur »sauer aussehend« anhören will, jetzt wird er schon unwirsch. Es bedarf keiner nähreren Ausführung, welches Zauberwort seine Miene wieder aufhellt und dem dritten zu dem Job verhilft. 420 Johann Abraham Schefer, Eröffnete Gedancken, Uber den Durchzug fremder Völcker, Durch eines andern Land und Bottmäßigkeit ..., Frankfurt 1674, S. 35. Das Zitat fällt insofern aus der Reihe, als Schefer nicht etwa allgemein über die Weltläufte klagt, sondern nüchtern diagnostiziert. Der Kontext: Schefer rät Unbeteiligten ab, Truppen der Kriegsparteien durchziehen zu lassen, und versprächen sie auch noch so fest, dabei Ordnung zu halten. 421 [Anonym], Vnpartheyisches Vrtheil Auß dem Parnasso, Uber den Neuen Friedens-Curier, Vnd dessen Vermeinten Reformierer ..., o. O. o. J., fol. Dd3.

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von 1673: Es seien – heißt es da sprachlich holprig und doch inhaltlich eindeutig –, so man mit den »Machiavellischen principia« Ludwigs XIV. konfrontiert werde, »keine bessere Kunstgrieffe denselben zu begegnen vorhanden«, als sich des ärztlichen Mottos »Contraria Contrariis curantur, similia similibus bescheidentlich zu bedienen und mit eben den Maximis, derer er sich so vortheilhafftig zugebrauchen weiß, gleichfals zubegegnen«.422 Heinz Duchhardt, ein Kenner der internationalen Beziehungen der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit, hat die »Stellung Frankreichs als eines Orientierungs- und Leitbild-Staatswesens« jüngst unter anderem so begründet: »Auch die hohe Schule der französischen Diplomatie mit Einschluss ihrer (oft von skrupellosen Mitteln begleiteten) Interessenvertretungen und ihres Auftretens beeindruckte die Zeitgenossen; nicht zuletzt galt das auch für den ganzen Politikstil.«423 Lernte da ein ohnehin von langwierigen Konfessionskriegen zermürbter Kontinent nicht nur französisch zu parlieren und honett zu spazieren, sondern auch die »hohe Schule« nüchtern kalkulierender, alle religiösen Bindungen abstreifender Machtpolitik? Die Probebohrung in Flugschriften der 1670er Jahre befördert schon manche Indizien dafür zutage. Warnungen vor unbedingter Friedfertigkeit kommen dem Leser nicht mehr mit Frau Iustitia, Herrgott oder Teufel, sie lenken seine Aufmerksamkeit auf den kühl kalkulierenden Nachbarn: »Equidem semper in Tesi verum manet, Pacem bello praeferendam, sed si Cuiquam cum Tali res sit, qui Paces non nisi ex utilitate aestimat, nec easdem, etiamsi perpetuae, diutius servat, quàm quamdiu commoda occasio se haud offert, infringendi easdem«, »contra talem omninò etiam cum maximis incommodis prudentius bellum continuatur, quàm infaustâ et incertâ pace componitur«.424 Aber stoßen wir nicht auch auf irritierende Gegenbefunde? Damit meine ich nicht die Beobachtung, daß Begriffe wie »gerecht« oder, seltener, »Gerechtigkeit« in zahlreichen Flugschriften weiterhin vorkommen – was hat das noch zu besagen, zumal wir ja schon wissen, daß die gelehrte Debatte über »gerechte« Kriegsgründe mittlerweile sogar den »metus ex crescente potentia vicini« als Iusta causa belli kannte! Der Konturenlosigkeit solcher Termini in den gelehrten Ausarbeitungen entspricht ihre Beiläufigkeit425 in den meisten Flugschriften. 422 [Anonym], Wohlmeynende Erinnerungen, S. 52. 423 Heinz Duchhardt, Europa am Vorabend der Moderne 1650–1800, Stuttgart 2003, S. 176. 424 [Anonym], Examen literarum svecicarum quae ... ad Proceres S. R. Imperii Ratisbonae congregatos ... missae sunt, o. O. 1675, wiederabgedr. im 30. Bd. des »Diarium Europaeum«, Appendices, S. 465–537, hier S. 520. »Es ist nicht genug, daß wir einen friedsamen Geist haben, welcher friedens-begierig sich erzeiget; unsere Nachbarn müssen auch eben von demselben Geist geleitet werden«: so (für viele vergleichbare Bemerkungen) [anonym], Gespräch über das Interesse, S. 322. 425 Fast schon auffällig, weil dem Autor immerhin einen Halbsatz wert, ist diese biblische Anspielung: Angesichts der feindseligen Haltung Schwedens ist es »nicht nöthig, daß man

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Aber eben nicht in allen von ihnen. In einer Reihe von populären Abhandlungen der ersten Jahre des Holländischen Krieges sind religiöse Gehalte keinesfalls auf routiniert weitergeschleppte Routineformeln wie »gerecht« oder »billig« eingeschrumpft. Manche Flugschriftenautoren steigerten sich durchaus in frommen Eifer und heiligen Zorn hinein. Noch konnte Konfession also parteibildend wirken. Manche offenkundig evangelische Publizisten meinten, auch aus konfessionellen Gründen die öffentliche Meinung für die von Ludwig bedrängten Holländer in Stellung bringen zu müssen. Wenn ein »Reformirter Friedens-Curirer« wahrnimmt, daß »die liebe Religion gemeiniglich muß der Staats-Mantel seyn, welchen Frau Ratio um sich hänget, damit sie fein erbar und Gottesfürchtig außsihet«, scheint diese Bemerkung nicht zu meiner Ankündigung zu passen. Immerhin könnte man zum Schluß kommen, diese illusionslose Feststellung impliziere doch, daß maßgebliche Kreise solche Drapierung offenbar für notwendig hielten, weil unverhüllte Machtpolitik nach wie vor abstieß. Die Überraschung folgt aber erst auf den Seiten danach: Derselbe Autor, der sich soeben noch über den instrumentellen Mißbrauch der »Religion« auf außenpolitischem Terrain mokiert hatte, entwickelt weitgespannte Szenarien, die dem Leser, calvinistischen Kassandrarufen der Jahrzehnte um 1600 nicht unähnlich, eine europaweite Verschwörung zur Vernichtung des Protestantismus vor Augen stellen.426 Wurde der Holländische Krieg demnach auch als Glaubenskampf wahrgenommen? Die damals führenden Zeitungen Europas behaupteten zwar entschieden, daß das je eigene Land auf der rechten Seite stehe, nämlich für die gerechte Sache kämpfe427, doch finden sich ausdrückliche Bezüge auf göttlichen Beistand oder teuflische Versuchungen nur rudimentär, zumeist recht floskelhaft: Hoffnungen, »der Allmächtige« werde die »gerechte« Sache nicht im Stich lassen, Danksagung für gewonnene Schlachten.428 schlechter Dinge der Schrifft folge, und nach einer empfangenen Ohrfeige, den andern Backen auch hinreiche, mehre zu erhalten« – so [anonym], Nugae-somniorum pars altera, S. 36. Aber sollen wir solche Bekundungen zur friedensethischen Programmatik aufbauschen? 426 Vgl. [anonym], Reformirter Friedens-Curirer, Oder Betrachtung über den unzeitigen Neuen Friedens-Curirer ..., o. O. 1674; das Zitat: fol. A2. 427 »Zentrale Argumentation in der wertenden Berichterstattung der drei Zeitungen« (die Autorin hat die Pariser »Gazette«, die »London Gazette« und den »Teutschen KriegsKurier« ausgewertet) »ist die Behauptung der gerechten Kriegführung für die eigene Partei«: so resümiert Schultheiß-Heinz, Publizistik, S. 274. Ich habe Mikrofilm-Ausgaben dieser Zeitungen, freilich mit einer viel spezielleren Fragestellung als Schultheiß-Heinz (nämlich nach Urteilen zur Neutralität fahndend), selbst durchstöbert und kann das Urteil dieser gründlichen Studie nur unterstreichen. 428 Am zurückhaltendsten ist diesbezüglich die »London Gazette«. Der Teutsche KriegsKurier kann schon einmal Frankreichs Verbündeten Schweden als »aller Christen Feind« charakterisieren (das Zitat bei Schultheiß-Heinz, Publizistik, S. 231), und gern breitet man

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Und die Vorläufer der Yellow Press? Eine Novitätensammlung von 1678 weiß, zwischen Überschriften wie »Trauer-Fälle und Selbst-Mord in Hamburg« oder »Ein Weib gebieret einen Esel«, unter der Überschrift »Unerhorte und abscheuliche Grausamkeiten der Frantzosen, welche sie umb den Anfang des 1673. Jahres in Holland verübet«: Es war »ein Heer nicht Menschen, sondern Frantzösische Teuffel außgezogen (wie sie denn, wenn arme Leute umb Gnade gebeten, geanttwortet: Sie wären keine Menschen, viel weniger Christen, sondern lebendige Teuffel)«. Im gesperrt gedruckten Schlußsatz mutiert die ›Nachricht‹ zum Gebet: »O Gerechter GOTT, wenn wirstu diese grausame Proceduren rächen, und diese Frantzösische Belials-Kinder zu gebührender Straffe ziehen!«429 Die Flugschriftenliteratur beschäftigt Pro und Contra konfessioneller Motive viel lebhafter, als unser Schulbuchwissen nahelegen würde. Wissen wir nicht alle, daß Europas »Zeitalter der Glaubenskriege« längst zuende war? Daß wir die Konfession als geschichtsmächtige Kraft abschreiben dürfen, als gelegentliche Zusatzlegitimation nicht mehr ernstnehmen müssen? Wem Ge­schichte stets sinnhafter, fortschrittlicher Prozeß ist, dessen Maß Bewegung und Steigerung seien, kurz, wer den Weltgeist mit den Mitteln des Historis­mus zum Sprechen bringen möchte, ergötzt sich lieber an »absoluti­stischer« Staatsmacht oder aufklärererischer Geistesfreiheit, hat für retardie­rende Elemente wie den fortdauernden konfessionellen Hader wenig übrig, womöglich nicht einmal einen Seitenblick, und wird so blind. Auch, wie Johannes Haller im nationalstaatlichen 19. Jahrhundert die »Deutsche Publizistik in den Jahren 1668–1674« charakterisiert hat, führt uns zunächst auf falsche Fährten. Er reiht ausführliche Paraphrasen vieler der damaligen Flugschriften aneinander, aber wie sehr er dabei die Proportionen zwischen konfessionellen und »nationalen« Argumentationsmustern430 verzeichnet – nur letztere eigneten sich eben, um der »Erbfeindschaft« eine lange Tradition herbeizuschreiben –, merkt man erst, wenn man, durch erste Irritationen erschreckt, versucht, möglichst viele Originaltexte der 1670er Jahre zu besorgen.431 Wer sie durchgelesen hat, weiß dann auch, daß die jüngst geäußerte Einschätzung Markus Bauaus, daß dort offenbar kürzlich »an einigen Orten ... der leidige Satan leibhafftig umgegangen« sei (vgl. ebda., S. 226f.; instruktiv auch ebda., S. 218f.). 429 Achatius Silberhorn, Selecta historica rariorum casuum, Das ist: Historischer Außzug, Mancherley Denckwürdiger, wie auch Seltzamer Fälle und Begebenheiten [der Jahre 1670 bis 1677] ..., o. O. 1678, S. 15–17. Französische »Teuffelsbuben« suchen auf S. 53 das Elsaß heim. Sonst dominieren ›unpolitische‹ Kuriositäten und Festivitäten – modern formuliert: »Mann beißt Hund« sowie Prominentenklatsch. 430 Also beispielsweise französische Tyrannei versus teutsche Libertät: Johannes Haller, Die Deutsche Publizistik in den Jahren 1668–1674. Ein Beitrag zur Geschichte der Raubkriege Ludwigs XIV., Heidelberg 1892. 431 Oder aber Verfilmungen der damaligen Flugschriften. Mit beidem waren mir die tüchtige Fernleihbestellung der UB Erlangen und die ThULB Jena behilflich.

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manns, in der Publizistik der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hätten »religiöse und konfessionelle Themen ... ein Schattendasein« geführt, hätten hingegen »außenpolitische« Themen dominiert432, jedenfalls für die Zeit des Holländischen Krieges mißverständlich ist: denn die außenpolitischen Argumentationszusammenhänge waren eben nicht ganz selten konfessionspolitisch durchtränkt! Für das Werk des Freiherrn von Lisola – insofern ist Baumanns hinsichtlich seines engeren Themas unbedingt zuzustimmen – gilt das, gelegentlicher pseudoreligiöser Formeln unerachtet, nicht. Für so manchen anderen Autor freilich schon. Eine ganze Reihe von Schriften zumal aus der Anfangsphase des Holländischen Krieges433 mutmaßen, Ludwig kämpfe um des katholischen Glaubens willen, bekämpfe die europäische Zentrale des Calvinismus, weshalb er katholisches Wohlwollen oder aber geschlossenen evangelischen Widerstand verdiene. Die Bandbreite solcher frommer Aufrufe ist groß. Wenn es für eine Flugschrift von 1673 »umb die Erhaltung der Religion, der Freyheit deß Gewinstes unserer Arbeit, unserer Frauen und Tochter Ehre, unsers guten Glücks und unsers Lebens« geht434, ist der Glauben in eine Wertekette eingereiht. Um nur ein Beispiel vom anderen Ende der Skala zu geben: ein »Feuer-Rother Sud-Stern« ruft zum Entlastungsangriff auf die Weltzentrale des Katholizismus auf, »Gottes Volck« muß »die Stadt Rom wie eine Hure, die verbrant soll werden, feindlich anfallen« und »abbrennen«, auf »daß die Römisch-Catholische Könige und Herren solches mit Entsetzen erfahren«.435

432 Baumanns, Lisola, S. 78. 433 Auf ihn, nicht die zeitgleichen schwedisch-preußischen Auseinandersetzungen habe ich mich konzentriert. Wegen der drastischen Wortwahl will ich aber doch wenigstens anmerkungsweise aus den »Gedancken Uber der Schweden Einfall« zitieren: Der Adel Schwedens hat dafür, daß er die Aggression der Krone nicht stopt, »Rechenschaft zugeben ... vor des Gerechten Gottes Richterstuel«. Es »kanne nicht fehlen, sie werden solche schwere Sünde und Lasterhaffte That, da sie die gantze Christenheit mit einem langwierigen Kriege zu verwirren suchen, nicht im Fegfeuer, als welches ihre Ketzerische Lehre sie nicht glauben läst, sondern in dem untersten Abgrund des Höllen unendlich büssen müssen« (fol. Ciij). 434 So der Schlußsatz dieser Schrift: [anonym], Politische Considerationes, Oder Bedencken Vber gegenwärtigen Krieg zwischen Franckreich und Holland, o. O. 1673 (ich benützte die Ausgabe in ThULB, Bud. Angl. II, q.6[36], leichter zugänglich ist der Wiederabdr. im 27. Bd. des »Diarium Europaeum«, S. 369–400). 435 [Anonym], Feuer-Rother Sud-Stern, erschienen denen ... Völckern in Europa, damit sich ihre Schiffer ... vor den Babylonischen Sirenen und Steinklippen besser, als geschehen, vorsehen ..., o. O. 1674. – Verdiente, umgekehrt, Schweden evangelische Sympathie? Ich konzentriere mich hier, wie schon in Anm. 433 erwähnt, auf publizistische Äußerungen zum westlichen Kriegsschauplatz, will aber doch wenigstens diese Einschätzung zitieren: Es gebe, allem Reichspatriotismus zum Trotz, überall genug Menschen, die »wegen der alten Schwedischen Favor ... sich zu todt schlagen liessen«; manche erklärten, »daß ohne Schweden kein Mensch in Teutschland bey der protestirenden Religion bleiben werde« –

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Selbst Texte, die dieser konfessionellen Lesart skeptisch gegenüberstehen, konzedieren doch, daß sie häufig vertreten werde. Kolportierend, »was in Teutschland von diesem Krieg gesagt werde«, setzt eine Flugschrift so ein: »In Teutschland ist die gemeyne Rede gewesen und noch, es sey der Krieg auf die Religion angesehen«.436 Eine andere mokiert sich darüber, daß Frankreichs Sympathisanten ausstreuten, »was ein jeder gern hörete« [!], nämlich, daß es um die »Fortpflanzung deß H[eiligen] Catholischen Glaubens wieder eine solche Republic« gehe, »die eine rechte Grundsuppe aller Secten und Ketzereyen wäre«.437 Offenbar wollten und konnten manche Zeitgenossen einfach nicht wahrhaben, daß Ludwigs Außenpolitik so ganz ohne theologische Orientierung auskam. Noch, wenn sie diese Politik aus konfessionellen Motiven ablehnten, malten sie sie sich insofern schön. Der Kriegsverlauf gab den Skeptikern Nahrung. Zum einen lieferte die maßvoll-kluge Politik Leopolds I. im Binnenraum des Reiches keine Anlässe für konfessionelle Erbitterung. Eine Eloge von 1678 konstatiert, die Politik der Vorgänger Leopolds sei »mehr geistlich, oder wie andere reden: pfäfflich« gewesen, die des aktuellen Reichsoberhaupts bewähre sich indes als »recht Cavalierisch, und weltlich«. »Jenes war gerichtet auff der Reichs-Ständ künfftiges Heil im Himmel ... diese auff den allgemeinen gegenwärtigen Reichs-Schutz« und aller »Sicherheit«, also auf Ruhe und Ordnung: eine in propagandistischer Absicht vorgebrachte, doch treffende Diagnose der Säkularisierung der Politikziele!438 Aber im Visier der meisten Flugschriften war und blieb Ludwig. Daß der seinen »Glaubensgenossen«, den Kurfürsten von Trier, mit »unaussprechlicher Tyranney« überzog, demonstrierte, »wohin seine Meinung die Ketzer auszurotten ziele«. Ludwig hatte sich »in Kirchen-Beraubung, Zerstörung, Zersprengung, Entheiligung deroselben«, durch »Zerstückelung der Meß-Gewänder« und viele andere Sakrilegien »als der aller-unchristlichste, ja gar Atheistisch erwiesen«, war für einen »Heydnischen Tyrannen« zu halten.439 Autoren, die die allgemeine »Furcht wegen des Religion-Kriegs« geteilt hätten, seien nun desavouiert.440 Wie

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das kolportiert [anonym], Des in der Welt zum Vierdtenmal verschikten und verkleideten Götter-Bothens Mercurii, abgestattete Erzehlung ..., o. O. 1675 (unpag.) [Anonym], Neuer Friedens-Curier ins Teutsche übersetzet ..., o. O. 1673, fol. Aij. [Anonym], Considerationes politicae de praesenti statu Europae sive causis imminentium bellorum ..., Frankfurt 1672, S. 18. Es dürfte sich um eine offiziöse kurmainzische Arbeit (aus der Feder Boineburgs?) handeln. Die Konfessionspolitik Leopolds in seinen Erblanden steht auf einem anderen Blatt! – Ich zitierte aus [anonym], Kurtzer Entwurff des Hoch-Ertz-Hertzogischen Hauß Oesterreichs heutigen Reichs-Politic, o. O. 1678, fol. Aj und fol. Aiiij. [Anonym], Die bereits Fehl-gebohrne und Geruch-verlohrne Lilie, o. O. 1674 (unpag.). Beispielsweise ›rezensiert‹ in diesem Sinne das »Vnpartheyische Vrtheil Auß dem Parnasso« die Ansichten des »Neuen Friedens-Curirers«. Vgl. auch [anonym], Nugae-somniorum part altera, S. 36 u. ö.

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hatte man es Ludwig nur glauben können? »Was seynd dieses für Catholische Aposteln, welche mit einem Eh-Weib nicht vergnügt seynd, sondern ... unterschiedliche Kebs-Weiber, welche theils andern Ehemännern zugehören, darneben haben«?441 Während die einen so schäumten, resümierten andere lakonisch: »Der Frantzosen Zwek ist das Geld nicht die Religion«.442 Offenkundig bemächtigten sich profranzösische Ausarbeitungen konfessioneller Argumentationszusammenhänge taktisch. Sie bedienten damit spezifische Erwartungen bestimmter Adressaten. Tatsächlich – diese Einschätzung gewann nach spätestens drei Kriegsjahren die Lufthoheit über den Schreibpulten – war es Schönfärberei. Der »Religions-Praetext« gehörte »mit in die Zahl der Larven, unter welchen Franckreich der gantzen Welt eine blutige Masqverade zu bringen suchet«443, war ein Vorwand, den die französische »Ehrsucht ... erstlich zum Deckmantel« nahm.444 Frankreichfreundliche Autoren holten »den Religions-Mantel«445 aus machtpolitischen Gründen wieder einmal aus dem Arsenal kriegslegitimierender Versatzstücke, machten »die Religion zum Deckmantel der Regiersucht«446, »denn die liebe Religion muß gemeiniglich der Status Mantel sein, welchen Frau Ratio umb sich hänget«.447 Eine Flugschrift läßt den Sonnenkönig adressatenspezifisch so dozieren: »Dem Pabste und andern Bischöffen wollen wir zu erkennen geben, was vor ein grosser Vortheil dem Römischen Stuhle und der Päbstlichen Religion durch die Eroberung dieser Lande, die der rechte Armb der Reformirten Religion sind, werde können zuwachsen«.448 Wurden sogar solche Ratschläge an die Adresse der Kurie gleichsam augenzwinkernd

441 [Anonym], Teutsch-Lands Klag-Straff- und Ermahnungs-Rede ..., o. O. 1673 (nicht durchgehend pag.). 442 [Anonym], Frantzösische Tyrannei, Das ist: Vmbständlich-warhaffte Erzehlung, der bißher verborgenen unmenschlichen Grausamkeiten, so durch die Frantzosen in denen Niederlanden Zeithero verübet worden ..., o. O. 1674, Marginalie auf S. 81. 443 [Anonym], Machiavellus gallicus (unpag.). 444 So [anonym], Der Abgezogene Frantzösische Staats-Rock, und Teutsche Schutzmantel ... von Anonymo Wahrmund, o. O. 1675 (unpag.); der Autor thematisiert wiederholt ausführlich, ob »das Frantzösische Vornehmen ein Absehen auf die Religion hätte«, kommt schließlich zur oben zitierten Conclusio. 445 [Anonym], Eröffnete Frantzösische geheime Raths-Stube, Worinnen die Consilia über jetzigen Zustand zusammen getragen worden ..., o. O. 1673, fol. Fiiij: die konfessionelle Spaltung des Reiches schwächt Habsburgs Autorität, »darum muß man den ReligionsMantel, der diesem Hause so grossen Schaden gebracht, wieder herfür suchen«. 446 [Anonym], Ein Send-Schreiben, Welches Sincerus Germanicus An Ludovicum Seldenum abgehen lassen ..., o. O. o. J. (unpag.): »Es ist nunmehr nichts neues, daß man die Religion zum Deckmantel der Regiersucht, und den Nahmen GOttes durch eine schändliche Entheiligunge, zum Kunstgriffe die Herrschaft zu erweitern mißbrauchet«. 447 [Anonym], Anmerckungen über den Unzeitigen Friedens Curirer, fol. Aiij. 448 [Anonym], Theses (unpag.).

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vorgetragen? Wenn eine fingierte »Epistola« Ludwigs an Papst Clemens IX.449 ersteren offen mit seinem instrumentellen Zugriff auf konfessionspolitische Versatzstücke (»apud Catholicos publicamus, Nos velle haereticos extirpare«) prahlen läßt, unterstellt das der Kurie schon, für dieses doppelbödige Spiel anfällig oder doch jedenfalls ansprechbar zu sein. Wir sind der Denkfigur »der Gegner mißbraucht die Religion als Deckmantel für profane Ziele« schon im Dreißigjährigen Krieg begegnet450 (und gänzlich neu war der Vorwurf übrigens schon damals nicht gewesen451). Forcierten solche Kriegserfahrungen die »Formalisierung und Säkularisierung« des Krieges? Mußte, wer sich über den instrumentellen Umgang mit Normen und Werten ereiferte, nicht doch dieses windungsreiche Denken innerlich nachvollziehen? Mußte eine werteorientierte Politik nicht dem Grundvertrauen aufruhen, daß die Mitakteure ebenfalls gewisse Normen verläßlich akzeptierten? Mußte die Desillusionierung über die Maximen der französischen Politik nicht, Empörung hin, Emphase her, auch das eigene Denken korrumpieren, zynischer machen? 449 Sie ist in ThULB Jena Gall. II q.28 an ein »Manifest Deß Aller-Christlichen Königs in Franckreich« von 1672 gebunden, paßt hierzu aber schon von den Drucktypen her nicht. Es wird ein lateinischer Text mit deutscher Übersetzung geboten. Letztere bietet in anderer Orthographie auch diese Schrift: [Anonym], Von der allgemeinen Monarchie Uber die Gantze Welt ..., o. O. 1673. 450 Vgl. oben S. 205f.; ferner, speziell zu den Anfangsjahren des Dreißigjährigen Krieges, unten S. 311 und S. 313 mit Anm. 89. 451 Einem erhaltenen »Memorial« zufolge prophezeite der neuburgische Pfalzgraf Ottheinrich im Dezember 1539 in München, im Zuge seiner Werbungen für eine überkonfessionelle Allianz im Zeichen der »teutschen libertät«, Karl V. werde spanische Truppen ins Reich führen, es drohe »ein Krieg in Teutschland, darin die Religion ein Deckmantel sein müßte«. Abdr. des »Memorials«: Max Lenz (Hg.), Briefwechsel Landgraf Philipp’s des Großmüthigen von Hessen mit Bucer, Bd. 1, Leipzig 1880, Anhang III Nr. 6. – Dann betonte Karl V. im Vorfeld des Schmalkaldischen Krieges, die Gegenseite mißbrauche die »religion ... zu ainem teckmantel und beschönung ires unpillichen furnemens«, vollbringe ihre Schandtaten »under solchem schein der religion«: Karl V. an den Magistrat der Reichsstadt Ulm, 1546, Juni 17, RTA, Bd. 17, Nr. 80. Die auf den 20. Juli zurückdatierte kaiserliche Achtserklärung (ebda., Nr. 115) nimmt die Sprachregelung auf: »am allerbeschwerlichisten« ist, daß die zu Ächtenden »solches alles des mererntails allain undter dem berüembten und verwendten lieblichen, anmüetigen schein der religion« anstellen, diese zum »teckenmantel aller irer geschwinden, ungetreuen und unrechtmessigen handlungen fürwenden«. Hingegen wußte Heinrich II. von Frankreich in einem »Libertas« überschriebenen Manifest vom 3. Februar 1552, daß Karl »vnder dem schein, die Religion zuuergleichen«, tatsächlich »Tyrannei vnd Seruitut«, »ewige Dienstbarkeyt vnd verderben« für die Deutschen wollte. Auszüge des Manifests gibt Fritz Dickmann (Bearb.), Geschichte in Quellen, Bd. 3, München 1966, S. 199–203. – Eine als Politisches Testament Karls V. lesbare Passage seiner Instruktion für die Emissäre am Reichstag von 1555 mahnt die Deutschen, »das sy auch in sonderhait die religion nit zuewider under dem mantel anderer irer handlung mißbrauchen, noch under dem schein und mittel derselben ir vorhaben durchtringen, oder darunder iren aigennutz oder vorthail« suchten: RTA, Bd. 20, Nr. 26 (hier S. 268).

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2.2.4.4 Auch die Memoria wird entkonfessionalisiert Sogar einen dritten Boden zieht der »Niderländische Starnstecher« 1675 ein – die angebliche Übersetzung eines französischen Traktats, das die vermeintlichen Weltherrschaftspläne der Spanier geißle und damit unfreiwillig den eigenen Politikstil enthülle, weil »in der Warheit ... ein jeder unpartheischer ... augenscheinlich abnehmen« könne, »wie sie durch diese Schrifft Ihr eigenes Ebenbild abgemahlt«. »Zu Besteigung der ersten Staffel umb zu dieser Monarchie«, modern gesprochen: zur Hegemonie »zugelangen gebrauchte man sich« – so die fingierte französische Empörung – »des Deckmantels der Religion; unter dieser Larven, gleich unter dem Gesichte des Schaafes, verbarge man im Hertzen den Wolff«: die Unterstellung des instrumentellen Umgangs mit den religiösen Loyalitäten anderer, hier an die Adresse der Spanier gerichtet, deren Pläne diese Flugschrift des Französischen Zeitalters aber tatsächlich gar nicht mehr interessieren – doppelte Maskerade! Natürlich fehlt auch die notorische »Brechung der Tractaten, und Nichthaltung der fest452 verbundenen Friedens-Vereinigungen« nicht, »der gantzen Christenheit wird mehr als zu viel bewust seyn, welcher Gestalt ein von den Spaniern gemachtes Gesetz am heiligsten gehalten wird, wenn es übertreten und gebrochen umbgestossen lieget.« Die Schrift unterstellt all das, wie gesagt, eigentlich Frankreich, läßt es aber einen Franzosen an die Leitmacht der vorangehenden Epoche, des Konfessionellen Zeitalters, adressieren. Der angebliche Übersetzer des Texts springt dem vorgeblichen französischen Kollegen bei, illustriert den instrumentellen Umgang spanischer Politiker mit der Konfession durch lang zurückliegende Ereignisse, die wir heute der Reformationszeit (»warum haben sie das Interim, so denen Priestern das Heyrathen gestattet, auf die Bahn gebracht?«) oder dem Konfessionellen Zeitalter subsumieren. Damit aber verliert die aktuelle Abgefeimtheit der französischen Politik ihre historische Exklusivität.

452 Die Flugschrift schreibt »fast«. – [Anonym], Niderländischer Starnstecher, Oder, Der aus den Frantzösischen Augen in denen Spanischen vermeindt gestochene Balcken ..., Aus dem Frantzösischen gezogen, o. O. 1675, die Zitate: S. 27; S. 7; S. 11; S. 12f. – Um dieses raffinierte mehrbödige Spiel noch mit einer viel simpleren, doch rhetorisch ebenfalls wirkungsvollen Suada zu kontrastieren: [Anonym], Der Wind gehet nuhn aus einem Andern Loche ..., »aufm Parnasso« 1676, fol. D4 deklamiert, im Hinblick auf den Holländischen Krieg (und auf die traditionelle Selbstbezeichnung der französischen Könige als »Allerchristlichste« anspielend): »Ludewig der Allerchristlichste hat ...sich aller Welt nicht allein wollen bekandt machen, sondern (wenn wirs nach dem Außgang rechnen) auch dem Caligula noch zuvor thun ... Ein Allerchristlichster König solte ja ... wünschen, daß seines Königreiches Einwohner und Unterthanen sich über ihn und seiner Regierung erfreuen könten und möchten, allein O Jammer und Noth! So hat nicht allein dieser Allerchristlichste sein gantzes Königreich ausgesogen«, sondern halb Europa in Verzweiflung und Elend gestürzt (Kursivsetzungen von mir).

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War Religion demnach schon immer nur »Deckmantel« der Macht gewesen? So verallgemeinerten manche Zeitgenossen Erfahrungen dieser desillusionierten Dekade zur universalhistorischen Konstante. »Welchen Krieg[,] er mag auch aus so Gottlosen Ursachen entstanden seyn, als es immer seyn kan, hat man nicht mit den schönen Färblein geschmincket, daß er angesehen seye zu Beförderung der Göttlichen Ehre, zu Fortpflantzung deß rechten und wahren Gottesdienstes«?453 Die Annahme, daß das Denken derer, die französischen Zynismus geißelten, notwendig, im gedanklichen und rhetorischen Nachvollzug jener Winkelzüge, die man deklamatorisch verabscheute, zynischer wurde: Sie läßt sich nicht strikt beweisen, nicht exakt gewichten, ist indes plausibel. Durch diesen Wahrnehmungsfilter konnte offensichtlich der Rückblick auf den großen deutschen Konfessionskrieg gleichsam säkularisiert werden. Eine Flugschrift unkt, »wir seyn jetzo in einem viel gefährlichern Zustande, als in dem 30jährigen Kriege begriffen: Denn, an statt man damals, unter dem Deckel der Religion, sich nur umb ein kleines eintzel interesse das Haar zausete, so gilt es jetzo das Teutsche Kayserthum«.454 Eine andere Flugschrift geht sogar bis zum Schmalkaldischen Krieg zurück, bereits damals sei »der Kayser unterm pretext des Glaubens die Teutsche Libertet zu supprimiren willens« gewesen.455 Was sich auch nicht exakt gegeneinander verrechnen läßt: Inwiefern hat schon die Wandlung des großen deutschen Konfessionskriegs zum europäischen Hegemonialkampf in den 1630er Jahren, als so viel religiöse Inbrunst auf beiden Seiten einfach zu verpuffen schien456, das Denken über Krieg und Frieden säkularisiert, inwiefern wurde die Rückerinnerung an den großen deutschen Konfessionskrieg durch Erfahrungen mit dem zynischen Politikstil Ludwigs nachträglich entkonfessionalisiert? Hatten nicht die Schwedischen seit 1630 »die Evangelische Religion beschützet?« Diese Frage einer antischwedischen Flugschrift von 1678 entpuppt sich schließlich – wenig überraschend – als eine rhetorische, denn »es sey[n] nunmehr allzubekante Schein-Ursachen und DeckMantel gewesen die Schwedische Begierden nach frembde Länder und Güter 453 [Anonym], Der Geropffte Hahn, S. 3. 454 [Anonym], Nachdenckliches Gespräch Auff den ietzigen Zustand im Heil. Römischen Reich absonderlich aber auff dessen Freyheit gerichtet ..., o. O. 1673 (Kursivsetzung von mir). Es handelt sich um den fingierten Dialog zwischen »Freyhold« und »Friedlieb«, hier spricht ersterer. 455 [Anonym], Widerlegung Eines Büchleins, so den andern Tag May dises 1674. Jahrs zu Handen kommen. Dessen Titul ist: Wahrer Bericht Von der Holländern Religion ..., o. O. 1674, S. 33 (Kursivsetzung von mir). 456 Ich erinnere in chiffrenhafter Verkürzung: endlich scheinen die seit Generationen mit nicht nachlassendem Ingrimm postulierten katholischen Lesarten des Religionsfriedens umgesetzt werden zu können (Restitutionsedikt) – was indes der Kriegseintritt Schwedens vereitelt; endlich hat auch die evangelische Seite eine charismatische Führungsfigur – da fällt Gustav Adolf.

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darunter zu verbergen«.457 Drei Jahre zuvor versuchte ein Pamphletist so, die Memoria gegen Ludwigs aktuellen Verbündeten Schweden zu mobilisieren: »Ein jeder wird mir entgegen schreyen, haben sie«, die Schwedischen, »sich nicht unser in Teutschland angenommen? seynd sie nicht diejenigen gewesen, so uns unsere Gewissens-Freyheit erhalten, und endlichen einen beständigen Frieden dem schier zu Grunde gerichteten Teutschlande zuwege gebracht haben? Freylich, ich muß gestehen, sie haben im Anfange das Ihrige trefflich gethan, aber was ist uns hernacher unter dem Schein der Religion anderst geblieben, als die Verlierung der Region? ... Die Religion haben sie in Acht genommen, aber alsdann erst, da ihre Satisfaction458 und eigene Interesse vorhero bevestiget war.« 2.2.4.5 Resümee und Ausblicke Das Wortspiel »Region statt Religion« begegnet in der Publizistik dieser Jahre auch sonst. Neu ist es nicht, gelegentlich stoßen wir schon in der Pamphletistik des Konfessionellen Zeitalters darauf459, häufiger aber nach 1670. Daß frankreichfreundliche Stimmen »aus diesem Krieg Bellum Sacrum machen und der Welt vorbilden wollen«, sei »das Allerlächeriste«, tatsächlich habe sich »nur gewiesen, quod petatur Regio, non Religio«460: so eine Flugschrift von 1675. Eine 457 Weshalb »des Cantzler Ochsenstirns Geist in der Hölle« schmore – bewundert also wird solche Abgefeimtheit nicht, jedenfalls nicht nach außen hin: [anonym], Kurtzer Entwurff der Rechtmässigen Waffen Und Glücklichen Thaten Des Durchlauchtigsten Chur-Fürsten von Brandenburg, Bey den bisherigen Europäischen Verwirrungen, o. O. 1678, S. 50. Ausdrücklich geht die hier gut informierte Schrift darauf ein, daß die schwedischen Truppen nach 1630 besonders evangelische Gebiete gedrückt hätten, wohingegen Bayern doch recht gut durch den Krieg gekommen sei. 458 Meint: Priorität territorialer Ansprüche (sie erhob man seit den Tagen Gustav Adolfs mit der Begründung, »satisfactio« für sein militärisches Engagement zu verdienen) vor den konfessionellen Anliegen der evangelischen Verbündeten im Reich. – [Anonym], Nugaesomniorum pars altera, S. 36 (Kursivsetzung von mir). 459 Eine gewisse Häufung fiel mir in den Jahren 1619/20 auf, vgl. auch unten Kapitel B.3 passim. Danach stieß ich – freilich ist gleichsam flächendeckende Lektüre ja nicht realisierbar! – erst wieder in einer 1627 verlegten Schrift darauf: [anonym], Von jetzigen Kriege. Die im Titel »von einem alten redlichen Teutschen, deme die vhralte Freyheit deß Teutschen VatterLands nicht weniger, als die Religion selbsten hoch angelegen ist«, aufgeworfene Frage, »ob dieser Krieg ein Regions, oder ReligionsKrieg sey?«, wird auf fol. Biiij mit einem entschiedenen Sowohl-als auch beantwortet: »Das ist aber gewiß, vnd bleibet gewiß, daß die Papisten die Religion suchen, vnd damit auch die Region.« Sie werden »das Land mit Catholischen Pfaffen vnd AmptLeuten besetzen, so haben sie die Religion vnd die Region nach jhrem Wunsch vnd begehren«. Über 90 Prozent des Texts sind aber dem ›Nachweis‹ gewidmet, daß die »Papisten« einen »Religionskrieg« führten. »Freyheit« war damals eben kein alternatives Deutungsmodell, es ging um die »Religionsfreiheit«! 460 [Anonym], Der Abgesandte Mercurius, In das Heil. Römische Reich. Herausgegeben durch Libertinum Statistam, o. O. 1675, S. 21.

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andere erinnert daran, »daß öfters unter den Deckmantel der Religion die Region gesuchet worden«.461 »Der Effectus gibts, daß man mehrers die Region, als die Religion meyne«462, »dahero der Krieg nicht Religions-, sondern Regions-Krieg, billich kan genennet werden«.463 Konsequent ist der zuletzt zitierte unbekannte Autor nicht, denn an anderer Stelle ermahnt er »die Schweitzer« (eigentlich kann er schwerlich die katholischen Kantone mitmeinen!), bei der Bestimmung ihres Verhältnisses zu den bedrängten Holländern »das Band der Religion nicht bey Seyten zu lassen«. Wie sich im damaligen Diskurs ältere und neuere Schichten ineinanderschoben, zeigt die Kommentierung des ebenfalls anonymen Herausgebers und Glossators der Schrift, der die beiden letzten Zitate zugehören: »Ich aber bin der Meynung, daß gedachter Krieg, weder Religions- noch RegionsKrieg zu achten, sondern ein rechte Straff und Geysel Gottes«, »daß gegenwärtiger Krieg ein Straff von GOtt seye, die Spanier vnd Holländer zu geyßlen«.464 Die alten Denkkategorien und Diskursformationen waren zählebig. Wenn wir den Holländischen Krieg kommentierende Flugschriften mit der Publizistik der Jahre um 1620 oder 1630 vergleichen, dürfen wir schon eine Formalisierung und Ent-Ethisierung des Kriegsbegriffs konstatieren, aber diese Trendangabe ist zugespitzt. Auf einen kleinen Ausschnitt des großen Diskursfeldes »Krieg und Frieden« einschwenkend, werden wir in Kapitel C.2.1.6 auf viel prägnantere Befunde stoßen. Beim lang genug aufreizenden Thema »neutralitet« wird Beiläufigkeit möglich, auch Multiperspektivität. An die Stelle wuchtiger Verdammungsurteile treten Nuancen und Schattierungen. Damit ist die politische Option noch nicht über jeden Zweifel erhaben, aber geradewegs in die Fänge »des Teuffels« 461 [Anonym], Der Abgezogene Frantzösische Staats-Rock (unpag.). 462 [Anonym], Klag-Straff- und Ermahnungs-Rede (nicht durchgehend pag.). – Über Frankreichs nordeuropäischen Verbündeten urteilt »Sixtigrillius Borris, Leib-Medicus der Interessirten«, Ein köstlich und trefflich Probat-Mittel für den Frantzösischen Schnuppen, Womit bey nahe gantz Teutschland angestecket ..., o. O. o. J. (unpag.): Das Wüten der Truppen zeigt, »wie wenig Schweden von der Religion, aber wol sehr viel von der Region halte«. 463 [Anonym], Von der Holländern Religion, S. 1. 464 Ebda., S. 30 bzw. S. 3 bzw. S. 5. (Die Schrift buchstabiert tatsächlich mal »und«, mal »vnd«.) Ähnlich diffus ist der Befund beispielsweise auch bei [anonym], Wohlgemeinter und nicht weniger curieuser Discours Worinnen endlich nichts, als alleinig Die liebe Warheit Sincerität und Discretion solle Platz haben ..., o. O. [1673], S. 7 – im Dialog zwischen dem bigotten Petrus und dem vernünftigen Paulus stellt letzterer klar: Ludwig selbst will doch, außer in Rom, gar nicht den Anschein erwecken, »daß dieses Wesen vor ein Religions- sondern alleine vor ein Regions-Krieg solle auffgenommen werden«. Freilich ist auch die Rede von »Paulus« über Krieg und Frieden noch nicht gänzlich ›säkularisiert‹, so mahnt er beispielsweise, es sei »unbedachtsamer Weise« geurteilt, »daß man durch einen unrechtmässigen Krieg licitè wol könne die Religion suchen zu restabliren«, die das propagierten, machten »die Religion desto verhaßter« – eine klare Absage an jegliche Form von Glaubenskrieg ist das nicht.

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führt sie nicht mehr. Diesen aufschlußreichen Indikator für Wandlungen des Kriegsbegriffs also werden wir noch kennenlernen. Auf die letzten Seiten zurückblickend, müssen wir aber konzedieren: Griffig, gar einförmig waren unsere Befunde in politiknaher Publizistik der 1670er Jahre nicht. Formalisierung, Ent-Ethisierung? Übertreiben dürfen wir auch aus anderen Gründen465 nicht. Der als einziger »Großer« unter den deutschen Kurfürsten in die Geschichte eingehen wird, trieb notorische Schaukelpolitik zwischen dem Reich und jenem linksrheinischen Staatswesen, das da schon drauf und dran war, von der Schutzmacht »teutscher Libertät« zum Erbfeind »deutscher Nation« zu mutieren – ehe dann das Edikt von Fontainebleau den Allerchristlichsten König für Berlin bündnisunfähig machte. Noch wog konfessionelle Solidarität mehr als nationale. Das konfessionelle Moment verschwand mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht abrupt von der Agenda kontinentaler Außenpolitik – was viele Schlaglichter illustrieren könnten.466 465 Anmerkungsweise will ich noch diesen Zufallsfund erwähnen: An der eidgenössischen Tagsatzung vom 3. Mai 1674 bat der holländische Gesandte Malapert, die Eidgenossen sollten doch »justae causae favere, transitum in memoratam provinciam pacem quaerentibus minime procludere ...« – Johann Adam Pupikofer/Jakob Kaiser (Hgg.), Amtliche Sammlung der älteren Eidgenössischen Abschiede, Bd. 6.1.1, Frauenfeld 1867, Nr. 587h. Ebda., Nr. 593k zufolge wandte sich zwei Monate später der spanische Diplomat Casati in einem Schreiben an die Jahresrechnungs-Tagsatzung zu Baden gegen eidgenössische Tendenzen, in einem »ungerechten Krieg« Partei zu ergreifen. Nun war das wohl floskelhaft, sicher würde man bei systematischer Suche viele solche Reliktfloskeln in den Akten finden. Ich habe die Akten dieser Jahre nicht gleichsam flächendeckend auf Erwähnungen des Bellum iustum hin durchsucht. 466 Ich füge nur diese drei anmerkungsweise bei: Als Polen-Litauen im Ersten Nordischen Krieg auseinanderbrach und sich König Johann Kasimir in einer äußerst prekären Lage befand, reagierte er 1656 durch die Lemberger Gelübde: Das Marienpatronat sollte dem Krieg eine Wendung geben. In einer Münchner Masterarbeit über »Die Ursprünge des polnischen Marienpatronats« arbeitete Damien Tricoire heraus, daß man dieses Marienpatronat zunächst gar nicht propagandistisch nutzte, es sollte keine weltlichen Verbündeten mobilisieren, sondern himmlichen Beistand eintragen: Die Entscheidungsträger interpretierten das Ringen also religiös. Ich danke Herrn Tricoire für seine mündlichen Auskünfte über diese Studie. – Jüngst wurde sogar fraglich, ob die englisch-holländischen Seekriege der 1650er und 1660er Jahre als vermeintliche (so glaubten wir bislang zu wissen) Kriege um Kommerz und Prestige die Ouvertüre zu einem neuen, gründlich säkularisierten Zeitalter der Kriegführung gaben, denn neue Recherchen führten zu »a radical reinterpretation that emphasizes ideological issues«: Black, Why wars happen, S. 60, mit den Literaturhinweisen in Anm. 19. – Wäre hier Vollständigkeit überhaupt intendiert, müßte ich drittens, und zwar ausführlich, auf die englischen Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts eingehen: innere Kriege, zu deren Motiven neben verfassungsrechtlichen, ökonomischen und sozialen Gegensätzen auch, und wohl in wachsendem Ausmaß, religiöse gehörten. Aus dem Kampf für »right and liberties« wurde zunehmend einer für den wahren Glauben, und die nordamerikanischen Siedlungskolonien füllten sich mit englischen Glaubensflüchtlingen.

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Formalisierung, Ent-Ethisierung? Allzu kräftig dürfen wir die Konturen auch wieder nicht ziehen. Sogar hinter den Kulissen scheinen konfessionsspezifische Vorurteile (wie wir das heute nennen würden) weiterhin ihre Rolle gespielt zu haben – leider gibt es dazu keinen Forschungsstand, wir sind auf Einzelfunde angewiesen. Im Vorfeld des kaiserlich-holländischen Bündnisses wurden an der Hofburg erhebliche Zweifel auch konfessioneller Natur geäußert, »Foedera cum Calvinistis et inimicis dei haben selten ein bestandt«467, zumal solchen Feinden Gottes eben »keine Treue Und kein Glauben«468 eigen seien. In einem Schreiben an seinen Vizekanzler Theodor Heinrich Altet von Stratman, der gerade zwischen Ludwig sowie seinen Kriegsgegnern in Den Haag und Wien zu vermitteln versuchte469, sah Pfalzgraf Philipp Wilhelm unter den Friedenshemmnissen ein Übermaß konfessionellen Eifers. Er malte das Szenario einer Niederwerfung Hollands durch Europas katholische Monarchen an die Wand – sie seien von der Aussicht berauscht, daß auf diesem Wege »Europa under Cattollischen geteilet, heresis unkrefftig gemacht, und Gottes Ehr (dahin der haupt scopus dirigirt werden mues) befurderet« werden könne. Auch Stratman selbst spielte in Paris die konfessionelle Melodie, natürlich eine andere. So malte er »die Gefahr« aus, »darin« wegen des Schulterschlusses mit den von Ludwig bedrohten Holländern, der entsprechenden Übergriffe französischer Truppen auf Reichsgebiet »das teutsche Ertshaus[,] das Reich und welches billich vor und uber alles denen catholischen potentaten zu hertsen gehen soll die Religion stecke«. Ludwig müsse sich konziliant zeigen, Friedensbereitschaft herauskehren, andernfalls sei nämlich zu befürchten, daß am Ende »die Evangelici so wol beim krieg als dem friden den maister spielen«. Noch in der Abschiedsaudienz bei Ludwig hieß es, den konfessionellen mit dem bei diesem Monarchen nie verkehrten Ehrdiskurs mischend: Es »seie allenfals sehr glorios in Prosperis sich zu moderiren pevorab ad totius Christianitatis et periclitantis imprimis Catholicae ecclesiae« Heil; jetzt dem Frieden geneigt zu sein, werde »ein glorieuse passage in der historie seines lebens sein wie viel da mehr ietzo tanto Christianitatis et rei catholicae bono«. Ludwig scheint sich allen Ernstes 467 So urteilte Hofkanzler Hocher in einem Gutachten für Leopold I. vom 26. Juni 1673, zit. nach Helmut Gabel/ Volker Jarren, Kaufleute und Fürsten. Außenpolitik und politisch-kulturelle Perzeption im Spiegel niederländisch-deutscher Beziehungen 1648–1748, Münster u. a. 1998, S. 184. »Rebellion und Religion sind die zentralen Negativ-Begriffe« bei dieser Debatte: ebda., S. 187. 468 So ein Votum der kaiserlichen Räte am 23. Mai 1672, zit. ebda., S. 182. 469 Die äußeren Abläufe: Hans Schmidt, Die Friedensmission des neuburgischen Vizekanzlers Theodor Altet Heinrich von Stratmann in Paris im Winter und Frühjahr 1675. Zur Vorgeschichte des Friedens von Nymwegen, in: Francia 2 (1974), S. 234–294. Der Aufsatz geht bezeichnenderweise auf die konfessionellen Motive mit keinem Wort ein: Nach dem Ende des »Zeitalters der Glaubenskriege« scheint derartiges eben schlagartig nicht mehr relevant, nicht einmal mehr bemerkenswert zu sein.

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etwas davon versprochen zu haben, auf den konfessionellen Duktus Stratmans einzugehen, jedenfalls ließ er durch Pomponne erklären, er wolle die »in gefahr stehende religion salviren« – nur anders, als das der Neuburger gemeint hatte: denn wenn der Kampf gegen die Holländer weitergehe, »so mochte noch ein grosseres guht daraus der religion entstehen und die prophetien endtlich erfüllet werden«.470 Wir merkten es in diesem wie den vorangehenden Kapiteln, von gelehrten und populären Abhandlungen zur Kriegspraxis (bzw. ihrem Niederschlag in Akten) weiterschreitend, zuletzt auch wieder Flugschriften in den Blick nehmend: Die Beharrungskraft fromm klingender rhetorischer Versatzstücke war in allen Diskurszusammenhängen und auf allen Stilebenen groß. Es ist überraschend schwierig, je und je den Punkt zu bestimmen, an dem sich ernsthafte (ob reflektierte oder internalisierte) konzeptionelle Überzeugungen zum gewohnheitsmäßig weitertradierten Gerede banalisieren bzw. an dem sie in zynische Instrumentalisierung umschlagen. Auch der Ausblick ins 18. Jahrhundert beschert vorerst vor allem Fragen. Hat sich das Feuer religiöser Begeisterung in der Ära der »Glaubenskämpfe« nachhaltig verzehrt, oder spie die Glut weiterhin jedenfalls hie und da ihre Funken aus? Die Reichspolitik des ausgehenden 17. wie des 18. Jahrhunderts erfuhr mehrere Rekonfessionalisierungsschübe, aber weil dem auf der Motivationsebene nie mehr ein Konfessionskrieg erwuchs, brauchen wir den konfessionellen Überformungen des Kampfs der evangelischen Potentiores für mehr Libertät, dann auch des preußisch-österreichischen Dualismus471 hier nicht nachzugehen. Johannes Burkhardt hat einmal zusammengestellt, wo und wann religiöse Affinitäten noch im 18. Jahrhundert um Krieg und Frieden kreisende Entscheidungen der großen Politik beeinflußten472; Jeremy Black wies auf alltagsgeschichtliche, künstlerische und publizistische Befunde hin, so sahen selbst die führenden Zeitungen Großbritanniens noch im 18. Jahrhundert »frequently ... Providence at work in the 470 Die Zitate: Philipp Wilhelm an Stratman, 1673, April 7 (Or.; also wohl nicht abgeschickt?); Stratman an Philipp Wilhelm, 1675, März 16 (Or.); Stratman an Philipp Wilhelm, 1675, Mai 11 (Or.); Relation Stratmans vom 19. März 1675 (Or.): BayHStA Kasten blau 7/21. 471 Die meisten jener Potentiores, denen das Reich zunehmend vom Schutzverband zur Fessel wurde, waren evangelisch, und das politische System bot Anreize, die spezifischen Anliegen dieser Potentiores als konfessionelle vorzutragen, beispielsweise, weil sie dann am Reichstag nicht von den vielen geistlichen Stimmen majorisiert werden konnten – dieser komplexe Sachverhalt läßt sich hier kaum andeuten. Und der preußisch-österreichische Dualismus? Friedrich II. war gewiß nicht kirchenfromm, aber es gelang ihm immer wieder, evangelische Sympathien zu mobilisieren. Auch das muß hier in äußerster Vereinfachung so stehenbleiben. 472 Vgl. Johannes Burkhardt, Die Friedlosigkeit der Frühen Neuzeit. Grundlegung einer Theorie der Bellizität Europas, in: Zeitschrift für historische Forschung 24 (1997), S. 553f.

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war«.473 Analytiker moderner Kriege warnen davor, »die Rolle religiöser Überzeugungen und ethnischer Zugehörigkeit für die Gewaltanfälligkeit internationaler Beziehungen pauschal zu verwerfen«474; Errol A. Henderson unterstrich vor einiger Zeit, daß Beziehungen zwischen Staaten, die mehrheitlich den gleichen Glauben teilten, deutlich weniger gewaltanfällig seien als der globale Durchschnitt475, von der anderen Seite her glaubte Peter Billing, statistisch signifikant herausarbeiten zu können, daß Konflikte eher eskalierten, wenn die widerstreitenden Parteien unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen anhingen476 – Positionen, die schon vor dem 11. November 2001 bezogen wurden.

473 Black, Why wars happen, S. 91f. 474 Andreas Hasenclever, Sie bewegt sich doch. Neue Erkenntnisse und Trends in der quantitativen Kriegsursachenforschung, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 9 (2002), S. 344. 475 Vgl. Errol A. Henderson, Culture of Contiguity: Ethnic Conflict, the Similarity of States, and the Onset of War, 1820–1989, in: Journal of Conflict Resolution 41 (1996), S. 649ff. 476 Vgl. Peter Billing, Eskalation und Deeskalation internationaler Konflikte, Frankfurt 1992, vor allem S. 195–197.

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Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten

Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten

3.1 »Ehre« und vormoderne Bellizität 3.1.1 Säkularisierung als Rationalisierung? Dürfen wir die Säkularisierung der Rede über Krieg und Frieden als Rationalisierungsprozeß begreifen? Es gibt irritierende Gegenbefunde. Schlugen einst religiöse Leidenschaften emotionale Bugwellen, mobilisierten die Kriege Ludwigs XIV. Völkerklischees, ja, zu Zeiten nationale Feindbilder. »Kriege waren der Humus nationaler Stereotypen, von denen auffällig viele ... gerade in der hier zu behandelnden Epoche«, zwischen 1650 und 1800, »ihren Ursprung haben«, fiel jüngst einem Kenner der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit auf.1 Gewiß stammen, beispielsweise, viele Komponenten des Erbfeind-Syndroms2 im nationalliberalen Bürgertum des Deutschen Bundes aus dem späten 17. Jahrhundert.3 Im Devolutionskrieg begann die zuletzt frankreichfreundliche Stimmung im Reich zu kippen, im Holländischen Krieg wurde sie feindselig, nach den (freilich zeituntypischen) Exzessen des Pfälzischen Erbfolgekrieges kannte die veröffentlichte Meinung kein Halten mehr. Die Titel der nun verlegten Flugschriften standen an heiligem Zorn denen des Konfessionellen Zeitalters nicht nach, in einem Pamphlet mit dem Titel »Der Frantzösische und Das Heilige Römische Reich verderbende grausame Greuel und Abgott Ludewig der Vierzehende König in Franckreich« firmiert der Allerchristlichste König als »Primogenitus Satanae«. Versailles war die irdische Dependance der Hölle. Die Schrift mündet in diesen Aufruf: »Auf ihr tapfern Helde[n]/ nehmt die Waffen zu der Hand/ Laßt die Nachwelt von euch melden/ streit für Gott und Vaterland«. Nach 1 Duchhardt, Europa am Vorabend der Moderne, S. 67. 2 Es hat wiederum nachhaltig, mit Wirkungen bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, die Meistererzählungen der deutschen Geschichtswissenschaft geprägt. Vgl. dazu Axel Gotthard, Preußens deutsche Sendung, in: Helmut Altrichter/Klaus Herbers/ Helmut Neuhaus (Hgg.), Mythen in der Geschichte, Freiburg 2004, S. 321–369 passim. Das Mythem von der »Erbfeindschaft« zur Siegermacht von 1648 fügte sich trefflich in den Mythos von »Preußens deutscher Sendung« (die man ja gern just mit dem »Schandfrieden« von 1648 anheben ließ). 3 Eine kontinuierliche, lineare Entwicklung von »1689« zu »1871« sehe ich freilich nicht. Die Erregung des späten 17. Jahrhunderts wird sich wieder legen. In der Vormoderne war die nationale nur eine von allen möglichen Loyalitäten, im Normalfall gegenüber konfessionellen, regionalen und lokalen eine nachrangige. Nur besondere Gefährdungssituationen – wie sie die aggressive Außenpolitik Ludwigs allgemein, und speziell die Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges heraufbeschworen – konnten, kurzfristig, nationale Leidenschaften emporlodern lassen. Die Moderne wird dann bei der Konstruktion ihrer nun kontinuierlich virulenten Feindbilder auf die alten Versatzstücke zurückgreifen.

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der Zerstörung von Worms fand ein sogenanntes »Wormsisches Kindergebeth« Verbreitung, in dem Gott gegen die »mehr als Türckisch- und Barbarische Tyranney der Frantzosen« um Hilfe angefleht wird. Wieder eine andere Schrift zieht diesen Vergleich: Widerstand gegen Frankreich könne man »wie vor Zeiten den Türcken-Krieg, expeditionem sacram, bellum Domini, oder auf Frantzösisch Croisade4 nennen«. Die traditionellen Verdammungsurteile der Türkenschriften – wie Antichrist, Bluthund, Tyrann usw. – wurden auf die Franzosen übertragen, als Erzbösewicht ersetzte der Allerchristlichste König den türkischen Sultan. Zwar liegen die Wurzeln dieses Feindbildtransfers im 16. Jahrhundert5, aber angesichts der Zerstörungen in der Rheinpfalz und als sich, seit 16836, eine Grundangst von Jahrhunderten verflüchtigte, so daß die bislang im Osten gebundenen emotionalen Energien an der Westfront andocken konnten, wurden die alten antifranzösischen Klischees reaktiviert, in ihrer Drastik gesteigert, essentialisiert: zum Topos vom immerwährenden französischen »Erbfeind« deutschen Wesens. Eine Eloge auf den Habsburger Leopold bringt das alte und das neuerdings virulente Feindbild so zusammen: Der heldenhafte Leopold »hat den Orientalischen Erbfeind (ein bekannter Name des Türcken, ich zweifele aber nicht es werde der Name eines Occidentalischen Erbfeindes gleichermassen denen können beygeleget werden, welche das Kayserthum und andere Christliche Länder nun fast anderthalb hundert Jahre her entweder auß einer passionirten aemulation oder Ehrsucht einer allgemeinen Beherrschung beunruhiget haben) geschwächt«.7 Anderswo wird »eine schöne tripel-alliance« perhorresziert: »Mahomet, der allerchristlichste Ludwig der grosse und der Teuffel«. Ludwig wandte sich »würcklich mit aller seiner macht von christo seinem erlöser und seligmacher zu dem teuf4 Also Kreuzzug! Es gibt zur aufgeregten patriotischen Publizistik dieser Tage einige Untersuchungen, ich will nur diese beiden trotz ihres Materialreichtums unbekannt gebliebenen nennen: Reinhard Montanus, Zum Problem der Reichskontinuität im öffentlichen Bewußtsein Deutschlands im Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden, Diss. masch. Bonn 1957; Hans-Joachim Berbig, Das Nationalgefühl in Nürnberg nach dem Dreißigjährigen Krieg, Diss. München 1960 (hieraus meine Beispiele: S. 96f. bzw. S. 100; die vergessene, jedenfalls in diesem Zusammenhang nie beachtete Dissertation ist eine wahre Fundgrube für Auto- und Heterostereotypen der Barockzeit). 5 Das zeigt diese von mir veranlaßte Magisterarbeit: Kai-Timo Winn, ›Der Türke‹ und ›der Franzose‹ als Feindbilder in der Frühen Neuzeit, Magisterarbeit Erlangen 2002, vgl. hier (»orientalische Schablone und okzidentalisches Abbild: Die Transition des Erbfeind-Topos im 16. Jahrhundert als begriffsgeschichtliches Bindeglied beider Feindbilder«) S. 61–66; ebda., S. 110–128 eine vergleichende Analyse. Winn nennt auch die einschlägige Literatur. 6 Zum Wiedererinnern: ein großes osmanisches Heer scheitert vor Wien, in den Folgejahren feiert »Prinz Eugenius, der edle Ritter« seine vielbesungenen Triumphe über »den Türken«. 7 [Anonym], Kurtzer Entwurff der Glücklichen Thaten, S. 25; weil uns die »Ehrsucht« gleich noch interessieren wird, habe ich sie kursiv gesetzt.

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fel und seinem allerliebsten Mahomets-sohn dem grossen Sultan«.8 Parolen für das dumme Volk? Ein kaiserliches Memorandum für die Reichstagsgesandten sprach von der Notwendigkeit, »sich einmahl von der tyranney ihres gemeinen Erbfeindes, der cron Franckreich, zu entledigen«, die kaiserliche Kriegserklärung vom 4. April 1689 hielt Frankreich »für einen offenbaren feind nicht allein des Reichs sondern der Christenheit, nicht anders als der Türck selbsten«.9 Hier perhorreszierte der Katholik den Katholiken, aber das nicht mehr konfessionelle, das ›protonationale‹ Feindbild malten doch Termini aus religiösen Sinnbezirken. Die Guerre de la plume oder Reichstagsakten verraten uns, welche Argumente gleichsam diskursfähig waren, wozu man sich vor Publikum bekennen konnte. Ungleich schwieriger ist die Rekonstruktion der Motivation der Entscheidungsträger. Läßt sich auf dieser Ebene seit der Ära der Konfessionskriege fortschreitende Rationalisierung ausmachen? Waren nach modernen Maßstäben alle Motive rational, die Ludwig XIV., beispielsweise, 1672 gegen die Holländer zu Felde ziehen ließen? Seine schlechte Laune über den Ausgang des Devolutionskriegs? Holland bedrohte gewiß nicht die Sicherheit der französischen Staatsgrenzen, aber es war unverschämt reich, es spielte im Welthandel eine ungleich größere Rolle als das ungleich größere Frankreich unter seinem so großen König, was Ludwig als Majestätsbeleidigung empfand. Daß Holland ein Hort protestantischer und republikanischer Gesinnung in Europa war, kam strafverschärfend hinzu, die Vereinigten Niederlande standen einfach für einen ungehörigen Lebensstil; solang sich alle am Ideal des »honnête homme« orientierten, überstrahlte sie die französische Sonne, einfach andere Erfolgsmaßstäbe zu pflegen, roch nach Insubordination. Daß sich da jemand der kulturpolitischen Offensive einfach entzog, dem politisch korrekten French Way of Life einfach versagte, war nicht vorgesehen. Weil die Presse in Holland ziemlich frei war (für einen Absolutisten ein unverantwortlicher Mißstand), schrieb sie über Ludwig auch Kritisches. Der Roi soleil scheint all das geradezu als persönliche Brüskierung empfunden zu haben, jedenfalls verspürte er Lust, es diesen frechen Pfeffersäcken einmal so richtig heimzuzahlen. Auch sie hatten sich wie alle anderen 8 [Anonym], Des allerchristlichsten königs unchristl. bombardiren und mordbrennen oder die grausamste vielfältig wiederholete frantzös. tyranney Ludwig des Großen, Freiburg 1689, S. 4 bzw. S. 25f. Bei zeitgenössischen Lesern solcher Passagen stellten sich zweifelsohne Assoziationen ein, die man heute erst explizieren muß: Perversion der heiligen Dreifaltigkeit, Perversion des Taufbundes hin zum Teufelspakt – noch verfolgte man Hexen, denen man eben diesen Teufelspakt unterstellte und daß sie am Hexensabbat christliche Zeremonien pervertierten. 9 Zit. nach Franz Bosbach, Der französische Erbfeind. Zu einem deutschen Feindbild im Zeitalter Ludwigs XIV., in: ders. (Hg.), Feindbilder. Die Darstellung des Gegners in der politischen Publizistik des Mittelalters und der Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 1992, S. 135–137. Bosbach geht detailliert auf die Regensburger Debatten im Vorfeld der Kriegserklärung ein.

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in ihre Umlaufbahn um die Eine Sonne einzureihen. Ludwig mochte diese Holländer einfach nicht. Ihre Eigenbewegung störte sein Weltbild, einen Kosmos, in dem sich alles konzentrisch um ihn herumzubewegen hatte, sie kränkte seine Ehre. Eine Karikatur? Kurze grobe Striche mußten es sein, das schon, aber sehr überzeichnet haben sie nicht. Paris bekannte sich ja gern zu alldem. Im März 1672 teilte der Mainzer Kurfürst Johann Philipp dem brandenburgischen Diplomaten Curt Asche von Marenholtz mit, Ludwig habe den Sinn der Militäraktion so erklären lassen, »que l’intention de Sa. Maj. n’estoit autre que d’attaquer les Hollandois, pour les punir de leurs insolences lesquelles leur font oublier ce qu’ils estoient«, sie müßten einmal »gedemüthiget« werden.10 Der Krieg gegen die frechen Holländer sei beschlossene Sache, hatte der damalige Vertreter Frankreichs in Berlin, der Comte de St. Géran, in den ersten Januartagen des Jahres 1672 erklärt, »par un motif de gloire«.11 Die Gründe für diesen Krieg waren gewiß nicht rationaler als die Motive, die einst, 1546, den Habsburger Karl V. ins Feld geführt hatten. 3.1.2 Ruhm, Ehre, Gloire Daß die unverkennbare Säkularisierung des Kriegsdiskurses nach modernen Maßstäben12 mit seiner Rationalisierung einhergegangen sei, muß man insbesondere wegen der Persistenz der kriegsaffinen Ehrdiskurse bezweifeln. Gier nach Ruhm und Ehre ist mit dem Homo oeconomicus des sozialwissenschaftlichen Rational-Choice-Ansatzes gewiß nicht verträglicher als das Ringen ums Seelenheil möglichst vieler »schäfelein«. Der Kampf für die dem absolutistischen Herrscher heilige »gloire« entwindet sich dem Kategorienrahmen (neo-)realistischer Zugriffe13 auf die internationalen Beziehungen nicht weniger als ein Kampf um den »wahren« Glauben. Dieses Kapitel will sich nicht in einer umfassenden Analyse vormoderner Konstanten und Variablen des (an absolutistischen Höfen besonders veräußer10 Curt Asche von Marenholtz an den Großen Kurfürsten, 1672, März 7: Reinhold Brode (Hg.), Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Bd. 13, Berlin 1890, S. 156–161. – Eine offiziöse Apologie heißt die französische Militäraktion mit diesen Worten gut: Es sei ja bekannt, wie die Holländer »sich über Kayser und Könige, und alle andere von dem Allerhöchsten an seine Stelle verordnete Obrigkeiten ... in unerhörter Ubermuth ... erhoben« hätten, bis sich Paris »genöthiget« sah, solche »affronten und Veracht zu rächen«: [anonym], Widerlegung, Deß wider Chur Cölln und Münster Außgangenen Chur Brandenburgischen manifests, o. O. [1673], S. 6f. (Kursivsetzungen von mir). 11 Zit. nach Brode, Urkunden und Actenstücke, Bd. 13, Einleitung, S. 10. 12 Gewiß sind sie anachronistisch. Im subjektiven Bewußtsein der damaligen Akteure war Ehrakkumulation ein kalkulierbares und einkalkulierenswertes Lebensziel. 13 Vgl. unten Kapitel A.4.

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lichten, fast auf »Reputation« einschrumpfenden) Ehrkonzepts versuchen, kann und will keine Darstellung »der Geschichte« »des Ehrbegriffs« seit der Antike14 geben oder seit sie, beispielsweise von Machiavelli, als soziokulturelles Konstrukt der Herrschaftsstabilisierung reflektiert wird. Aber weil man heutzutage zwar »populär«, vielleicht sogar »berühmt« sein will, aber selten nur von »Ruhm« oder gar »Ehre« spricht, sind vielleicht doch einige sparsame Begriffserläuterungen angebracht. Zunächst einmal ist Ruhm natürlich nicht identisch mit Ehre. Ruhm ›erwarb‹ und ›mehrte‹, Ehre ›besaß‹ man (oder aber sie war, einmal verloren, unwiederbringlich perdu). Die Mehrung von Ruhm konnte man um anderer Werte willen schon einmal hintanstellen, doch nie seine Ehre. So schmerzlich die Aussicht, einmal ohne (Nach-)Ruhm sterben zu müssen, für einen vormodernen Adeligen gewesen sein mag, ohne Ehre war er gar nicht mehr geschäfts- und politikfähig. Aber in den uns interessierenden Zusammenhängen, den hier beleuchteten vormodernen Diskursen begegnen kaum je derartige Distinktionen, begegnet hingegen häufig die Doppelformel »Ruhm und Ehre«. Beim Krieg war beides selten weit. Besonders die Kategorie der »Ehre« ist einem modernen Publikum nicht leicht zu vermitteln. Zeugt es heutzutage, in Zeiten entgrenzter »Flexibilität« und demonstrativ beiläufiger »Coolness«, von die Lächerlichkeit streifendem Biedersinn, sich auf seine »Ehre« zu versteifen, war diese Instanz in vormodernen Gesellschaften ein Zentralwert. Es disqualifizierte zutiefst, schloß aus der Zugehörigkeit zur Gesellschaft im eigentlichen Sinne aus, einen »unehrlichen« Beruf auszuüben. Gesellschaftsfähig waren nur »Ehrenmänner«. Also hatte, wer »ehrlos« zu werden drohte, fast alles zu verlieren. Es war keinesfalls Wortgeklingel, wenn jener Augsburger Religionsfrieden15, dessen Bestimmungen bis in alle Verästelungen hinein monatelang hin- und hergewendet wurden, jenen »underthanen«, die sich nicht mit der Glaubenswahl der Obrigkeit abfinden konnten, zusagte, es werde ihr »ab- und zuzug ... an ieren eeren ... unentgolten sein«. Auch »underthanen« also hatten Ehre im Leib, aber zumal für die damaligen Letztentscheider, nämlich den alteuropäischen Hochadel, war die »Ehre« ein höchster, weil unübersteigbarer, ein gar nicht harmloser, sondern blutig ernster 14 Einen solchen weltgeschichtlichen Überblick versuchte zuletzt Dagmar Burkhart, Eine Geschichte der Ehre, Darmstadt 2006; sie nennt die einschlägige Forschungsliteratur. Für die hier verfolgten Fragestellungen, überhaupt für die Frühe Neuzeit (Burkhart nennt sie die Zeit »des Absolutismus«, den sie übrigens im 15. Jahrhundert anheben läßt; für zahllose Ungenauigkeiten erwähne ich noch exemplarisch, daß man dieser Autorin zufolge »wegen des Präzedenzstreits zwischen Frankreich und Schweden« vor 1648 an zwei Kongreßorten verhandelt habe: ebda., S. 64) ist das Büchlein unergiebig. Am interessantesten sind eigentlich die teilweise durchaus noch tagesaktuellen Beobachtungen zur jüngsten Vergangenheit. 15 Abdr.: RTA, Bd. 20, Nr. 390 (hier S. 3111f.). Auch der Amtsverzicht eines konvertierenden Fürstbischofs sollte dem Geistlichen Vorbehalt zufolge »seinnen eeren onenachtaillig« sein.

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Wert. Sah das adelige Individuum seine Ehre gekränkt, stellte es sie im potentiell tödlichen Duell wieder her. Und wenn dieses Individuum einen Staat regierte? Der Völkerrechtler Johann Wolfgang Textor kannte 1680 dreierlei legitime Kriegsgründe: »vel quae laedunt corpus, vel quae famam, vel quae res«, also den materiellen Besitz – Angriffe auf Leben, Ehre, Eigentum. »Contumelia atrox Regi vel Reip[ublicae] illata, quae dispendiú famae causetur justam tribuit causam belli«.16 Es sei »vielleicht großmütiger«, persönliche »Beschmitzungen verächtlich hingehen zu lassen«, findet eine Flugschrift aus derselben Zeit, »welche aber von einem gantzen Staat oder Fürsten selbst herfliessen, kan man ohne schädlichsten Nachtheil der höchsten Autorität nicht ungerochen vorbey gehen lassen«.17 Ehrverletzungen heischten den Krieg. Was diese Studie am Beispiel der scholastischen »Iustitia« problematisierte, gilt auch für die »Ehre«: wir können die Relevanz solcher Konzepte für diese oder für jene konkrete politische Entscheidung schwerlich exakt veranschlagen. Aber dürfen wir sie deshalb vernachlässigen? Fast immer können wir lediglich Plausibilitäten herausarbeiten, deren Stringenz von äußeren Umständen abhängt, die noch so großer Rechercheeifer nicht beeinflussen kann.18 Aber sollen wir deshalb erst gar nicht mit unseren Recherchen anfangen? Räsonnements über etwaige anthropologische Konstanten, Aggressionstheorien biologischer oder psychoanalytischer Provenienz: sie bringen den Historiker bei der Suche nach den Ursachen der großen frühneuzeitlichen Bellizität wohl nicht weiter. Sollte eine paßgenaue, weil auf die Besonderheiten der Vormoderne zugeschnittene Kriegsursachenforschung hingegen einen spezifisch adeligen, um die Ehre kreisenden Wertekanon, eine spezifisch adelige Kriegermentalität in Rechnung stellen? »Aristocrats looked back to heroic members of their families«, beobachtete Jeremy Black im frühneuzeitlichen Frankreich, im frühneuzeitlichen England, »these traditions were sustained, both by service in war and by a personal culture of violence in the form of duels, feuds and displays of courage, the same socio-cultural imperative underlying both the international and the domestic sphere«.19 Was hat das für die Bellizität der Vormoderne zu besagen? Oder dürfen wir den Fokus enger fassen? Es bedarf keiner aufwendigen statistischen Auswertungen, springt geradezu ins Auge, daß Texte der Jahrzehnte um 1700, auch Akten, besonders häufig Begriffe aus dem Umfeld der »Ehre« aufbieten, gern als »gloire« – Ludwig wie seine Mitakteure wollten »glorieuser« Hand16 Textor, Synopsis juris gentium, Caput XVI, S. 11f. 17 [Anonym,] Der Geropffte Hahn, S. 16. Dabei handelt es sich, wie ja schon der Titel anzeigt, um eine antifranzösische Flugschrift, die die Exzesse der Kriegführung gegen die Holländer geißelt! Das Motiv für diesen Krieg (gekränkte Ehre des Roi Soleil) wird nicht infragegestellt. 18 Wie intensiv wurde eine Entscheidung diskutiert? Wie gründlich hat man diese Debatten dokumentiert? Zumal aber: was hat davon im Archiv bis heute überdauert? 19 Black, Why wars happen, S. 61f.

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lungen gerühmt werden. Dürfen wir Ruhmsucht demnach als epochenspezifische Triebfeder für die absolutistische Bellizität nehmen, oder greift diese Einschätzung zu kurz, weil den alteuropäischen Adel seit jeher und kontinuierlich, schon, als er sich noch auf Ritterburgen und hinter Panzerplatten verschanzt hatte, ein potentiell kriegstreibender, militant daherkommender Ehrbegriff geritten hat? 3.1.3 Eine kriegstreibende mentale Disposition der Vormoderne? Arbeiteten sich die letzten vormodernen Jahrhunderte am mittelalterlichen Erbe ab? »Die Nachkommen dieser Kriegerkaste«, nämlich des hochmittelalterlichen Adels, »ein paar hundert Familien, deren Mitglieder beständig untereinander heirateten ... sollten in Europa bis ins 16. Jahrhundert hinein den größten Teil des Grund und Bodens beherrschen, bis ins 18. Jahrhundert politische Herrschaft ausüben und bis in unsere Zeit hinein zumindest Reste einer gesellschaftlichen Vorrangstellung behaupten«, rief Michael Howard in Erinnerung.20 Der Mediävist Peter Moraw faßte es schnodderig so zusammen: »Der Habitus aller dieser Leute ... war militärisch ... und blieb militärisch, so war man erzogen worden, das konnte man am besten«.21 In einer seiner weniger beachteten Arbeiten führte der berühmte Nationalökonom Joseph Schumpeter noch den Hochimperialismus auf die »psychischen Dispositionen von aristokratischen Herrenschichten« zurück, er erwachse den »kämpferischen Instinkten« und »kriegerischen Neigungen einer traditionalen Führungsoligarchie, die die Attitüde aggressiven Auftretens in einem langen geschichtlichen Prozeß« anverwandelt, zu ihrem »Lebensstil ausgebildet« habe.22 Ekkehart Krippendorff weist in seiner anarchistischen Suada gegen staatliche Organisationsformen23 immer wieder darauf hin, daß der moderne Staat vom Kriegeradel des Mittelalters geschaffen worden und irreversibel von dessen gewaltbereitem Ungeist durchtränkt sei, als Geburtsfehler eine nicht behebbare strukturelle Gewalttätigkeit aufweise: »Macht verdinglichte sich zum Staat aus 20 M. H., Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Ritterheer zur Atomstreitmacht, München 1981, S. 12f. 21 Moraw, Staat und Krieg, S. 92f. 22 Vgl. Joseph Alois Schumpeter, Zur Soziologie der Imperialismen, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 46 (1918/19), S. 1–39 und S. 275–310. Der Hochimperialismus verdanke sich also nicht modernen wirtschaftsorganisatorischen Entwicklungen oder rational kalkulierten ökonomischen Interessen, sondern ideologischen Relikten vergangener Gesellschaftsformationen, einer »objektlosen« kriegerischen Disposition der Eliten, erwachse als »Atavismus« einer »agonalen« spezifisch adeligen Leidenschaft. 23 Vgl. schon oben S. 85 mit Anm. 237; die folgenden Zitate ebda., S. 244f. (S. 276: »was der Adel in diese neue, die staatliche Form der Klassenherrschaft einbrachte, das war seine Qualifikation zur Organisation und Ausübung von Gewalt und Krieg«) bzw. S. 237.

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der Logik freudalistischer Eroberungspolitik«, kriegslüsterne Adelige »haben jene Strukturen geschaffen bzw. geprägt und mit rechtfertigenden Argumenten versehen, die uns heute im internationalen System von Staaten als scheinbar natürliche, vernünftige und darum alternativlose Ordnung erscheinen«. Nun sind die historischen Herleitungen der Studie zwar en détail, jedenfalls für die Frühe Neuzeit, wenig stichhaltig. Ausgerechnet dieses friedenspädagogische Manifest liest alle geschichtlichen Entwicklungen einseitig vom Primat des Militärischen her.24 Verdrießlicher für uns ist, daß es »den Adel« synchron so undifferenziert sieht wie in der diachronen Abfolge »den Staat« im Verlauf dreier vormoderner Jahrhunderte. Die Söldnerheere des 16. und 17. Jahrhunderts waren weder kämpfende Adelskohorten25 noch läßt sich mit diesen von Kriegsunternehmern gelenkten Verbänden die übergroße strukturelle Militanz26 »des Staates« belegen. Die Arbeit verschränkt ambitioniert strukturgeschichtliche und konzeptionelle Überlegungen, leider fehlen für eine überzeugende Durchführung präzise strukturgeschichtliche Kentnisse. Trotzdem könnte der Autor, von der konzeptionellen Seite her, eine interessante Spur gewittert haben. Kriege nicht aktuell und vermeintlich »objektiv« gegebenen staatlichen »Interessen« anzulasten, sondern einem von Generation zu Generation weitergegebenen archaischen standesspezifischen Ethos, einer vom einzelnen Träger dieses gemeinadeligen Ehrbewußtseins gar nicht weiter problematisierten, unmerklich internalisierten kriegerischen Grunddisposition: Diese Annahme führt besonders 24 So verdankten sich Ständeversammlungen der »permanenten Kriegführung« der Fürsten (ebda., S. 247), nicht etwa dem Finanz- und Koordinationsbedarf, den der Aufbau neuzeitlicher staatlicher Strukturen mit sich brachte; aber das ist nur ein Beispiel. 25 Krippendorff übersieht, daß frühneuzeitliche Kampfverbände keine »Adelsverbände« mehr waren, sie brachten vielmehr die Überzähligen aller Stände zusammen. Zu Gunsten weniger Fürsten wurde die Masse »des Adels« (relativ) deklassiert – man denke nur, in Mitteleuropa, an die Sickingen- und die Grumbach-Fehde –, um dann, zur Zeit des höfischen Absolutismus, im Zuge der »Entmachtung der Obersten«, die ja schon nach wie vor fast alle adelig waren, vollends zu Gunsten eines einzigen hochadeligen Letztentscheidungsträgers außermilitärisch marginalisiert zu werden, der nun, modern formuliert, den Primat der Politik etabliert hatte. 26 Hat man die militärgeschichtlichen Brüche im ausgehenden Mittelalter zunächst vermißt (vgl. letzte Anm.), kommt das Söldnerwesen bei Krippendorff dann doch noch vor, in origineller Deutung: nämlich nicht etwa als Pendant zu Geldwirtschaft (der Söldnerführer als »frühkapitalistischer« Unternehmer) und auch sonst wachsender Arbeitsteilung, sondern als Antizipation von Entfremdung (Trennung Produzent-Produktionsmittel); hier ist wichtiger, daß das Kriegsunternehmertum ja tatsächlich (natürlich nicht bei Krippendorff ) staatliche Defizite (!) anzeigt, erst der absolutistische Staat wird in der Lage sein, die Heere zu verstetigen und zu verherrschaftlichen, wird sich stark genug fühlen, dauerhaft große Truppen in seinen Kasernen zu halten, diese zu domestizieren und in den ›normalen‹ politisch-gesellschaftlichen Aufbau des Territoriums zu integrieren. Das Söldnerwesen ist zwangloser als Indiz für relativ geringe strukturelle Militanz der »Staaten« des 16. und 17. Jahrhunderts zu werten: man hält das Militär ›draußen‹, infiziert sich nicht damit.

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weit vom Homo oeconomicus der »Realisten« und »Neoinstitutionalisten«, vom Rational-Choice-Ansatz der Sozialwissenschaften weg. Kann sie der Frühneuzeithistoriker dennoch durch eigene Beobachtungen erhärten? Unwillkürlich fällt ihm eine berühmte Szene ein, die standesgemäß divergierende Wertvorstellungen illustriert: das kommunikative Desaster von 1521 in Worms. Nachdem sich Luther dort auf die Postulate seines Gewissens versteift hatte – das Diktum »hier stehe ich und kann nicht anders« ist ja gut erfunden –, machte Karl einerseits ein Rechenexempel auf (welche Version von Wahrheit hat eine wie altehrwürdige Tradition?), zum anderen aber, und das interessiert hier mehr, war solchen Ungehorsam auszumerzen Ehrensache: andernfalls nämlich drohten »grant honte« und »perpetuel deshonneur«.27 Doch mag dieses Beispiel von unserem engeren Thema, Krieg und Frieden, wegführen. Mitten in einem Krieg, dem der Fürstenallianz um Moritz von Sachsen, stellte ausgerechnet Karl V., für dessen politisches Selbstverständnis der Ehrbegriff so zentral gewesen ist, einmal diese Rangordnung der Werte her: »Je vous assheure«, schrieb er seinem Bruder Ferdinand im Hinblick auf die Verhandlungsergebnisse der Passauer Beratungen, »que, sil ny auoit que la honte, je le passeroie aussement pour procurer la paciffication ..., particulierement pour le bien publicque; mais le mal est, que auec la honte que se pourroit bien aualer jl y a la charge de la conscience que je ne puis porter«.28 Doch ist diese ausdrückliche Relativierung des Ehrbegriffs ziemlich singulär, auch bei Karl; in einem weiteren Schreiben, zwei Wochen danach und an die Schwester Maria, stehen »conscience« und »honneur« (ferner übrigens die gottverhängten Amtspflichten) wieder auf derselben Stufe, wenn der Habsburger beteuert, »que pour riens du monde, ny quant tout se devroit perdre, et le syen et le myen, je ne vouldroye faire chose que fut contre mon devoir et conscience et honneur, mesmes en la disposition en laquelle je suis«.29 Daß auch Karls Kriegsgegner Ehre im Leib hatten, unterstrich im April 1552 Landgraf Wilhelm von Hessen mit diesen Worten: »Mugen mit Gott, unnd aller warheit bezeugen, das unns mit guttem friedenn, unnd rhuwe, Eben so wole were, als einem menschen uff Erdtreich, da unns derselb Fride mit Gott, unnd Ehren gedeyhen möchte«. Ein fauler Frieden war sündig (das ist hier nicht noch einmal unser Thema), ein fauler Frieden entehrte. Deshalb mußte der Landgraf 27 Also: große Schande und immerwährende (es werden ausdrücklich »noz successeurs« aufgerufen) Unehre: Erklärung des Kaisers vom 19. April 1521, RTA, Bd. 2, Nr. 82. 28 Karl an König Ferdinand, 1552, Juni 30: Karl Lanz (Hg.), Correspondenz des Kaisers Karl V. Aus dem königlichen Archiv und der Bibliothèque de Bourgogne zu Brüssel, Bd. 3, Leipzig 1846, Nr. 837. 29 Karl an Königin Maria, 1552, Juli 16: August von Druffel (Hg.), Briefe und Akten zur Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Bayerns Fürstenhaus, Bd 2, München 1880, Nr. 1658 (hier S. 683).

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ins Feld, er war dazu »nach allen natürlichen Rechtenn, unnd Göttlichen gebott, zum höchsten verpflicht«.30 Sind es mehr als Schnörkel und Fußnoten, wenn den hochadeligen Herrschaften mitten im Krieg, manchmal zum Schrecken ihrer Hofräte, einfiel, daß sie »mit courage gesegnet« seien und dem »heroyschen geblütt« ihrer Dynastie Tribut zu zollen hätten?31 Als die südwestdeutschen Unionsfürsten im Frühsommer 1618 vom Prager Fenstersturz erfuhren, interpretierten sie das Herabpurzeln katholischer Räte bezeichnenderweise als »ein sonderbare schickung Gottes«32, aber es ist doch wohl auch bezeichnend, daß sie reflexhaft, ehe überhaupt tieferes Nachdenken einsetzte33, auf fürstliches Ehrgefühl rekurrierten: Man sei, versicherte man den Standesgenossen in Heidelberg und Amberg, »bei dem vatterland guett und bluett aufzusetzen ganz willig, dann es doch entlich will haißen ou paix assurère ou guerre ouverte ou mort ho­neste«.34 Maximilian von Bayern versuchte 30 Antwort Wilhelms aufs »anbringen« der vier rheinischen Kurfürsten, 1552, April 7 (Kopie), BayHStA Kurbayern Äußeres Archiv 4525, fol. 208f. Zentraler ›Ehrenpunkt‹ war natürlich die fortwährende Haft Philipps von Hessen. Kurfürst Moritz von Sachsen betonte in seiner Resolution für Emissäre der rheinischen Kurfürsten (6. April, Kopie, ebda., fol. 211–215), es müsse ihm (man darf ergänzen: anstatt nur den Frieden als zentralen Wert zu betonen!) »auß dieser last, des landgraven halben, mit ehre geholffen« werden. – Auf der Legitimationsebene war der Fürstenkrieg kein Konfessionskrieg, das sahen wir schon. Vielmehr wurden die deutsche »Libertät« und eben die »Ehre« beschworen. Die »vihische servitut, wie in Hispania« hinzunehmen, brachte in »schimpf und spott«, die Nachfahren wurden zu Schmähreden auf die Altvorderen gereizt, wenn die sich solchen »infamien« nicht entgegenstemmten (um aus dem Vertrag von Chambord zu zitieren); auch Heinrich II. von Frankreich beschwor in seinen »Libertas« überschriebenen »Sendschrifften« an die Reichsstände »vnser ehr«. 31 So begründete es Johann Friedrich von Württemberg, ein nach den Maßstäben der Zeit besonnener Politiker ohne nennenswerte militärische Kenntnisse, zum Entsetzen der Hofräte, warum er sich unverzüglich persönlich ins Feldlager begeben, dem Unionsheer zuziehen müsse: Resolution vom 31. Juli 1620 (Or.), HStASt A90A tom. 29, fol. 170f. – Wenn John R. Hale, War and Society in Renaissance Europe, 1450–1620, London 1985, S. 31 meint, daß das Schlachtenschlagen durch regierende Hochadelige im frühen 17. Jahrhundert »was coming to be considered of an eccentricity«, übersieht er doch manche auch prominente (und von der Zeit keineswegs belächelte!) Gegenbeispiele, ich erwähne nur Gustav Adolf von Schweden oder Christian IV. von Dänemark, oder, um wenigstens einen der diversen heutzutage weniger bekannten Herrscher zu nennen, Georg Friedrich von Baden-Durlach, den seinerzeit berühmten tragischen Helden der Schlacht von Wimpfen. 32 So urteilt der Stuttgarter Abschied vom 15. Juni 1618, Kopie: HStASt A90A tom. 19, fol. 632–636. In der Union überwog die religiöse Interpretation der böhmischen Geschehnisse alle anderen denkbaren (wie die modernen Betrachtern so naheliegende Deutung »Monarchie versus Ständemacht«) bei weitem: Kapitel B geht noch ausführlich darauf ein. 33 Man war im Sommer 1618 ganz auf die geplante Schleifung der udenheimischen Festungsanlagen des Speyerer Fürstbischofs Philipp Christoph fixiert, hielt die rheinischen »exorbitantien« für viel gravierender als die zweifelsohne episodalen böhmischen Querelen. 34 Die in Göppingen versammelten Fürsten an Friedrich von der Pfalz und an Christian von Anhalt, 1618, Juni 19 (Kpt.kopie), HStASt A90A tom. 39, fol. 651f. (Kursivsetzung von mir).

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dem Regierungsnachfolger in seiner »Vätterlichen Ermahnung« von 1639 klarzumachen, »wan und was ursachen der Krieg anzufangen«. Beispielsweise kann der Griff zu den Waffen notwendig sein, um für die »beschirmung« der »underthonen« zu sorgen, heißt es da, aber vorher genannt, also wahrscheinlich auch als vorrangig eingeschätzt wird das: »Zur abwendtung Deiner widersager zugefiegter schmach«.35 Übrigens müßten Fürsten »weith« mehr ihrer »Ehre ... gedenckhen« als die »Gemainen«.36 Rainer Bach und Constantin Hruschka fiel in Schriften »niederadeliger Autoren« auf, daß sie »den Krieg als standesgemäßes ›Handwerk‹ präsentieren und propagieren«, »Krieg und Kriegführen« erschienen als »für das adelige Selbstverständnis identitätsstiftend«.37 Ob wir Mercurino Arborio di Gattinara für »das adelige Selbstverständnis« an der Schwelle zur Neuzeit in den Zeugenstand rufen dürfen? Er stammte aus einem alten, indes verarmten kleinadeligen Geschlecht, schlug dann die Karriere eines studierten Juristen ein, das freilich wiederum in hochadeligen Diensten. Karl-Kenner veranschlagen seinen Einfluß auf Weltbild und Selbstverständnis des Habsburgers hoch. Eine Denkschrift für den Kaiser vom Sommer 152138 diskutiert Pro und Contra eines Waffenstillstandes – soll Karl wieder abrüsten oder aber den Rest der Kriegssaison für imposante militärische Schläge nutzen? Sieben Scheingründen für den Waffenstillstand folgen zehn Argumente für den Waffengang, anschließend werden erstere widerlegt. Es dominieren an sich stategische und taktische Aspekte, Kräftekalküle, Risikoabschätzungen, doch sind dem Argumentationsgang auch immer wieder werthaltige Appelle eingewirkt. Sie gehören nur sporadisch dem Sinnbezirk von Iustitia zu. So firmiert als siebtes von zehn Argumenten gegen den Waffenstillstand dieses: »Wo Sie den gerechten Anlaß zum Streit haben und Gott Ihnen beisteht, wie er wohl erwiesen hat, würde es bedeuten, die schlechte Seite einzuhandeln und Gott gegen sich aufzubringen, wenn Sie durch Waffenstillstand oder auf andere Weise die Lage Ihrer Feinde erleichtern wollten«. Ähnlich, Gott geradezu zum obersten Kriegsherrn erklärend, heißt es, im Zuge der Widerlegung der friedfertigen Scheinargumente: Krieg könne durchaus »etwas unsicheres« sein, doch nur, wenn man ihn »in un35 »Vätterliche Ermahnung Maximiliani«: Duchhardt, Testamente, S. 119–135, hier S. 135. – Ikonographisch sehen wir Maximilian meistens im Vollharnisch, aber das mag den damaligen Erwartungen an ein Herrscherbild geschuldet sein, das Muster eines »Roi connétable« ist Maximilian sicher nicht gewesen. 36 Ebda., S. 123: »Es ist ... allen Menschen sowohl als dennen Fürsten angelegen, ihrer und ihrer Nachkommenschaft Ehre zu gedenckhen, obschon bei dennen Gemainen sovil daran nit gelegen; bey dennen Fürsten aber hat es ein weith andere Beschaffenheit, als deren Ehr und Hochschätzung in der höche stehet und ein weit aussehendes Gedächtnis machet, welche Sye mit ihrem ruemwürdigen Lebenswandel verneuern sollen.« 37 Bach/Hruschka, Bild des Krieges, S. 70f. 38 Ich zitiere im Folgenden nach der deutschen Übersetzung: Kohler, Quellen zur Geschichte Karls V., Nr. 18.

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gerechter Sache« anfange. »Wenn man aber herausgefordert ist und gegen den eigenen Willen zu den Waffen greift und einen gerechten Grund hat«, gelte dieser Einwand nicht, »denn die Menschen beginnen die Kriege, und Gott gibt die Siege nach der Gerechtigkeit ihrer Sache«. Gattinara waren die einschlägigen scholastischen Diskurse geläufig. Häufiger begegnen in dem Text freilich Ehre und Ruhm. Ein Scheinargument für den Waffenstillstand lautet so: »Daß das Königreich Navarra unterworfen und wiedergewonnen ist zur großen Ehre« Karls »und die Franzosen nichts gewonnen haben, sodaß der Waffenstillstand« für den Habsburger »nicht beschämend sein würde ... Der Waffenstillstand könnte umso ehrenhafter abgeschlossen werden, als er auf Ersuchen Frankreichs und auf die Bitte des Königs von England hin zustande käme«. Das Scheinargument zeigt: ein schimpflicher Frieden war schlimmer als fortgesetzte Waffengewalt – ein Gesichtspunkt, der in der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges friedensverzögernd gewirkt haben könnte, uns in diesem Kontext schon begegnet ist.39 Aber warum handelte es sich für Gattinara um ein Scheinargument? Es wird gegen Ende der langen Denkschrift so in die Schranken gewiesen: Es sei »nichts wert! Denn die Ehre der Unterwerfung Navarras wird Ihren Untertanen bleiben und nicht Ihnen, in Anbetracht dessen, daß das, was sie dabei geleistet haben, ohne Ihre Anordnung, ohne Ihre Anwesenheit und ohne Kosten für Sie geschehen ist. Wenn Sie nichts auf Ihre Kosten unternahmen ... dann müssen Sie doch bedenken, was für eine Ehre für Sie herauskäme«. Dem geschenkten Gaul mochte man nicht ins Maul schauen, ein geschenkter Frieden war, Gattinara zufolge, nichts wert. Ein Frieden, schon der Waffenstillstand mußte den Fürsten Geld und Söldnerblut gekostet haben, nur so winkte Prestige. Zwischen dem zitierten Scheinargument und seiner für moderne Leser politisch unkorrekten ›Widerlegung‹ begegnen Ehre wie Ruhm immer wieder, und zwar im Rang von Höchstwerten. Karl müsse »vor allem [!] danach trachten«, »Ansehen zu gewinnen«, denn es sei »die Erwartung der ganzen Welt« darauf gerichtet, daß er »bei einer so schönen Gelegenheit etwas unternehmen« werde, »das eines so großen Kaisers würdig wäre«, schrieb ihm Gattinara ins Stammbuch. Man darf sicher als Konsens der modernen Forschung festhalten, daß »der Ehrcode ... vorzüglich dazu« diente, »ein Verhalten dahingehend zu beurteilen, inwieweit es mit den allgemeinverbindlichen Werten und Normen, Rollen und Interaktionsmustern übereinstimmte oder von den gemeinschaftlichen Erwartungen abwich«.40 Für Gattinara beinhalteten die »gemeinschaftlichen Erwar-

39 Vgl. oben S. 41 mit Anm. 78. 40 Matthias Lentz, Konflikt, Ehre, Ordnung. Untersuchungen zu den Schmähbriefen und Schandbildern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (ca. 1350 bis 1600), Hannover

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tungen«, meinte »die Erwartung der ganzen Welt« an einen Hochadeligen, den Kaiser gar militärische Bravour. Eine derart kriegerische Erwartungshaltung durfte Karl nicht durch voreilige Anflüge von Friedfertigkeit enttäuschen! Zumal es »die erste Armee ist, mit der Sie auf den Plan treten wollen und ein derartiges Schildgerassel veranstaltet wurde, daß der Lärm davon über die ganze Welt geht und es daher notwendig ist, darauf zu achten, für diesen ersten Auftritt einen solchen Ausgang zu bewirken, daß das Ansehen E. Mt. nicht verloren gehe oder kleiner werde, sondern daß es vielmehr erhalten und größer werden könne«. Die ersten Schritte des Herrschers durften nicht ausgerechnet leisetreterische sein! Man dürfe nun »nicht kleinmütig werden, sondern muß größeren Mut und mehr Haltung zeigen und bedenkenloser tun als man es wirklich meint ... all dies kann für E. Mt. nur ehrenvoll sein.« Auf die »Ehre« eben kam es an, auf den mannhaften Paukenschlag gleich am Beginn der Herrscherkarriere (man denkt unwillkürlich an das »Rendezvous des Ruhms« von 1740!), nicht auf ein bestimmtes Ziel der Aggressionen – »so scheint es, daß E. Mt. sich nur Ehre einhandeln und davon profitieren kann, wenn Sie Ihre Armee keine Zeit verlieren und sie gegen den Feind marschieren läßt und wenn es jetzt nicht mehr wäre als einen Taubenschlag einzunehmen ... und gleichgültig, welch kleine Sache Eure Majestät jetzt beginnt ... wird E. Mt. dabei Ansehen gewinnen«. Karl konnte es jetzt einfach nicht »unterlassen ..., irgendeine [!] Demonstration« seiner Waffen »vor dem Feind zu unternehmen«, so er nicht »restlos« sein »Ansehen verlieren« wollte. »Dafür hat E. Mt. genug Geld. Und bevor der Winter vergangen ist41, kann E. Mt. irgend etwas [!] Erinnerungswürdiges und Rühmliches machen«. Das Memorandum endet so, in bezeichnender Verschränkung des theologischen mit dem adeligen, des scholastischen mit dem Ehrendiskurs: Es stehe nun einmal fest, daß die Argumente für fortgesetzte Militanz stächen, so daß sich Karl nicht von den vermeintlichen Gegengründen »versuchen lassen« dürfe. Nein, kaiserliche Majestät müsse »Ihr Unternehmen ohne Verzug weiterführen, derart, daß Sie Anlaß geben, von Ihnen mit Ehrerbietung und Respekt zu sprechen, wo doch Ihre Sache so gerecht und Gott mit Ihnen ist und indem Sie bei solchem Tun keinerlei Mißgeschick anheimfallen werden«. Gattinara war niederadeliger Abkunft und bewegte sich in hochadeligem Milieu. Aber auch in politiknaher Publizistik aus nichtadeliger Hand sind »Ehre« und »Ruhm« beim Thema Krieg selten weit. Die Verfasser solcher Abhandlun2004, S. 153. »In Umkehrung seiner Belohnung von normenkonformen [sic] Handeln ahndete der Ehrcode abweichendes Verhalten [...] mit der Zuweisung von Infamie, von Schande«. 41 Ein Flüchtigkeitsfehler? An sich kämpfte man ja im Winter nicht. An anderer Stelle: »Und wenn dann der Winter kommt, könnte man den Waffenstillstand ebenso gut haben wie jetzt, aber mit viel mehr Ehre«.

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gen hatten gewiß nicht eine adelsspezifische Kriegermentalität internalisiert, wohl lenkte der humanistische Rückblick in die klassische Antike ersichtlich ihre Blicke, und in dieser Antike fanden sie viel Lobpreis auf die Ruhmbegierde, jene vorgeblich edle Triebkraft hinter kriegerischen Großtaten. Eine gelehrte Abhandlung über Kriegsbündnisse lobt42 Allianzen, die man eingehe, um Rebellionen niederzuwerfen, Kriegsdrohungen und Übergriffen anderer Mächte entgegenzutreten oder den wahren Glauben zu verteidigen, folgendermaßen: »talis cura est heroica« und befördere »conseruationem nominis«. Französische Flugschriften des anhebenden 17. Jahrhunderts riefen Heinrich IV. zum Krieg gegen Spanien auf, weil das »grandeur« und »gloire« der französischen Nation erheischten43 und ein fauler Frieden entehre.44 Als sich der 1609 ausgehandelte zwölfjährige Waffenstillstand zwischen der Madrider Zentrale und ihren separatistischen Nordprovinzen seinem Ende zuneigte, rief eine Flugschrift mit folgenden Parolen zur Wiederaufnahme des Kampfs gegen Spanien auf: »Ein rechtmäßiger Krieg ist einem schändlichen Frieden vorzuziehen«, »der Tod ist für45 ewige Dienstbarkeit und Schand zu erwählen«. Und der anonyme Autor einer evangelischen Flugschrift von 1627 hielt es immerhin für plausibel, dem konfessionellen Widerpart zu unterstellen, er propagiere einen »ReputationsKrieg«, der »Schimpff« und »Schmach« des Habsburgers Ferdinand ausbügeln müsse.46 Eine Spruchsammlung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges setzt die Antithese Ehre-Schande so ins Adjektivische: »Daß besser sei ehrlich gestorben als schändlich geflohen47«. Außerdem weiß sie, daß fürs »Vaterland« zu »sterben viel edler sei als vor dasselbe leben«. Solche Weisheiten zu kolportieren, konnte 42 Bezeichnenderweise im Anschluß an ihre Ausführungen zur Neutralität! Zum Folgenden: »Waremundus de Erenberg«, Meditamenta pro foederibus, ex prvdentvm monvmentis discursim congesta ..., Hannover 1601, S. 276. Vgl. zu Buch und Autor unten S. 450 Anm. 198. 43 Vgl. Bitton/Mortensen, Pamphlet Polemic, S. 133. 44 »Peace was desirable, but it had to be honorable. A shameful peace could not truly be called a peace. War was better than such a peace«, nämlich der von Vervins: ebda., S. 134. 45 Meint hier: vor, anstatt; aus der Schrift zitiert Arndt, Kriegspropaganda, S. 250 (Kursivsetzung von mir). 46 [Anonym], Von jetzigen Kriege, fol. C: Man habe Ferdinand in Böhmen »Schimpff« und »Schmach« zugefügt, und »Kayserl. May. Reputation« stehe auf dem Spiel, deshalb erkläre die Gegenseite, man müsse die »Rebellen ... straffen«. Mit der Rebellionsrhetorik hat der Autor recht, seine Unterstellung einer katholischen Reputationsrhetorik trifft nicht. Im Flugschriftenkampf um die Deutung des großen deutschen Konfessionskriegs war die Ehre ein Nebenmotiv – niemand behauptete, der Dreißigjährige Krieg sei einer um die Ehre. Insofern baut unser Autor einen Popanz auf. 47 So von mir geändert aus »geflogen«: [anonym], Nova nova antiqua continuationis der neuen Zeitungen ... (es handelt sich um eine Spruchsammlung, hier interessiert die Rubrik »aus dem Läger«): Opel/Cohn, Sammlung, Nr. 83. Die »Ehre« beschwört auch dieses Diktum: »daß

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auch konkrete politische Zielsetzungen verfolgen, so mahnte ein Traktätlein 1623 die deutschen Reichsstädte unter anderem mit dieser Phrase vor zu viel Friedfertigkeit: »Honestum bellum turpi paci est praeferendum«.48 Daß eine auf »gloire« verkürzte, mit ihr geradezu synonym verwendbare »Ehre« kriegstreibend wirken konnte, sagen uns sogar vormoderne Lobpreisungen des Friedens. Eine Flugschrift von 1620 läßt Friedensappellen dieses Werturteil folgen: »Vnd ist die Ehr vnnd Ruhm gegen dem Schaden«, der aus Kriegen erwüchse, »weit nicht zuvergleichen«.49 Der Kurfürst habe seit seinem Regierungsantritt erfahren müssen, »was für einen Hauffen Unglücke der Krieg mit sich zu bringen pflege«, ließ der Berliner Hof 1673 offiziös erklären, um anzufügen: Friedrich Wilhelm habe »zwar Ruhm und Ehre vom Kriege gehabt, und darff sich dessen nicht gereuen lassen«, doch sei ihm »die gemeine Ruhe weit mehr, ja eintzig und allein angelegen gewesen«.50 Gewiß muß ich einräumen, daß mit solchen Einzelbeobachtungen51 kein strikter Beweis geführt werden kann. Zumal auch Warnungen vor zu viel Ehrpusseligkeit nicht völlig fehlen. Francesco Guicciardini hält die Gier nach Ehre und Ruhm grundsätzlich für löblich, als Antriebskraft, Spannfeder52, doch gelte hier wie sonst: alles in Maßen! Versuchte man, die über verschiedene Kapitel verteilten Ausführungen Diego de Saavedras zur Ehre des »Príncipe« zu bilanzieren, sähe die Summe ähnlich aus. Der diplomatisch versierte Autor beobachtete, wie »vngezeumbte rühmgierigkeit« zu militärisch wenig stringentem Verhalten verführen konnte, »als wan man nicht einen rühmlichen Nahmen erlangen könte, es muste dan die kraft vnd macht gebrauchet vnd blut vergossen werden«. Beispielsweise wollten »wegen rühmgierigkeit ... etzliche nicht andern zu hülff kommende Völcker erwarten, damit sie ja im obsiegen allein sein möchten«, wofür Saavedra sogar ein zeitgeschichtliches Exempel zu kennen meint: »Wie dan auch dem Tilly vor Leiptzig wiederfahren,

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es alsdann Zeit sei ehrlich zu sterben, wann man nicht mehr ehrlich leben kann«. Übrigens kommt Iustitia bei den Sprüchen »aus dem Läger« gleich häufig vor, nämlich drei Mal. [Anonym], Der Evangelischen Reichsständen vnd Stätte Schildtwacht, fol. B2 (Kursivsetzung von mir). [Anonym], Memorial oder Motiven, S. 16. [Anonym] (Hg.), Deß Königl. Frantzösischen Plenipotentiarii Memorial, Oder Klag-Schrifft ... Sammt einer zweyfachen Beantwort- und Ableihnung desselbigen ..., Frankfurt 1673, wiederabgedr. in: Continuatio XXVI. Diarii Europaei, Appendix, S. 306–328, die Zitate: S. 319f. Sie erwuchsen gleichsam als Nebenprodukte meiner Neugierde auf die Behandlung des Neutralitätsthemas. Auch muß ich gestehen, daß mir die Brisanz der »Ehre« hierfür zu spät bewußt wurde, wohl, weil während jenes Dreißigjährigen Krieges, der mich überhaupt aufs Thema »neutralitet« stieß, der Sündendiskurs so dominant war. »Honoris et gloriae cupiditas digna laude est, et in societate hac humana vtilissima: ea enim homines ad cogitationes atque actiones generosas atque excelsas extimulat«, doch folgt dem die Warnung vor Übermaß, außerdem vor Machtgier (»de cupiditate potentiae«): Francesco Giucciardini, Hypomneses Politicae; Recens ex Italico Latina facta, Halle 1597, Maxime 74.

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dieweil er nit wolte auff die Kayserliche warten«.53 Andere Passagen des Fürstenspiegels betonen indes, wie notwendig Prestige, der Respekt der Mitakteure, ausdrücklich auch die »ehre« des Fürsten für eine erfolgreiche Außenpolitik seien.54 Christoph Lehmanns »Politischer Blumengarten«55 gibt sich beim Stichwort »Ehr« einerseits skeptisch, oft spöttisch, die Eitelkeit ist nah: »Wer sich an grossen Schatten erfrewd, der hat auch frewd an der ehr« (und: »wenn der Schatten am grösten ist, so geht die Sonn bald vnter«), »Ehr und Hoffart seynd zwilling«, »Ehr ist ein böß geschwer«. Eine ganze Reihe von Sprüchen rückt »Ehr« sogar in die Nähe von Hybris: »Wer zu hoch fleucht der verbrent die federn«, »Wer hoch steigt der burtzelt offt wie ein Kugel wider ab«, oder, unter (nicht expliziertem) Rückgriff auf das stolze »Plus oultre« Karls V.: »Wer nur denckt plus vltra der gehort wol ad inferna«. Doch folgt solcher – allgemein gehaltener, nicht kriegsspezifischer – Ehrkritik ein viel positiver gehaltener »Discurs von der Ehr und Lob«56, wo dann auch der Bezug zum bewaffneten Kampf hergestellt wird: »Welcher dapfferer Soldat, welcher edler Ritter vnd Fürstlicher Obrist, wolt ohne die süsse hertzerfrischende Ehr vor Land vnd Leut wider den Feind streiten, vnd sein Leben in die Schantz schlagen?« Wir finden ferner diese Durchhalteparole, Wegzehrung in aussichtsloser Mission: »Ehr verlohren, ist alles verlohren, ists Leben verlohren, so bleibt die Ehr vnverlohren«. Lehmann weiß auch, daß die Ehre besonders im Adelsethos verankert ist: »Niemand ist zu Ehren [so] inbrünstig als ein Adelichs hohes dapffers Gemüth, inmassen die Ehr selbst das höchst vnnd edelst Kleynod auff der Welt ist, vnnd hat jedes gern was jhme gleichet«. Was indes das rechte Maß übersteigt, macht krank, treibt in die Sucht: »So gar tieff ists der Ehrensucht angewachsen, daß sie die Leut blehet vnd nicht bleiben läst, wie sie dieselben gefunden«. 3.1.4 Eine Epoche der »Ehrensucht«? War nicht recht eigentlich erst die Zeit des höfischen Absolutismus die der »Ehrensucht«57? Dürfen wir eine auf »gloire« verkürzte, veräußerlichte Ehre als kräftige Triebfeder speziell der Bellizität der ludovizianischen Ära apostrophie53 Saavedra, Abris Eines Christlich-Politischen Printzens, S. 1085. 54 Ich weise nur auf S. 1094f. hin: »Wo das schwert gezucket vnd nit wird bluttig gemacht, muß mit schanden wieder eingestecket werden. Beschädiget solches nicht den Feind, so wüttet solche[s] wieder ihr eigene ehre«, was hochgefährlich ist, denn »wo das ansehen verlohren ist, da kommen auch die allermächtigsten in gefahr«. 55 Zum Folgenden: Lehmann, Florilegium politicum, s. v. Ehr (S. 153–156). 56 Ebda., S. 156–161. 57 Anmerkungsweise sollte ich wohl wiederholen, daß es dieser Studie um Beobachtungen aus dem Umkreis von Krieg und Frieden, nicht um eine Geschichte »der Ehre« geht, auch nicht

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ren? Daß Ehre und Ruhm im mentalen Haushalt der adeligen Letztentscheider des späten 17. und des 18. Jahrhunderts eine ganz herausgehobene Stelle einnahmen, ist evident: »Gloire und Reputation waren für den Barockfürsten Schlüsselworte seines Selbstverständnisses, und wenn er sie in Frage gestellt glaubte, reagierte er aggressiv.«58 Daß zahlreiche Herrscher des Zeitalters gern oder sogar bei jeder sich bietenden Gelegenheit an der Spitze ihrer Heere in den Krieg zogen59, fügt sich in diesen Wertekanon, freilich nutzte das Muster eines höfischen Absolutisten, Ludwig XIV., seine unverwüstliche Gesundheit nicht für die Etappe, er demonstrierte lieber, daß er die Strapazen eines stets öffentlichen Lebens bei Hofe vom Lever bis zum Coucher besser als alle anderen in ihren Pseudo- und Miniversailles ertrug. Er glänzte als Europas honettester »honnête homme«, nicht als Feldherr. Aber natürlich ließ auch Ludwig das eine und originale Versailles mit Freskos ausstatten, die seine militärischen Triumphe herausstrichen: Wer den Krieg nicht ehrt, ist des Nachruhms nicht wert! Daß sich der Roi Soleil »von einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Ruhm und Reputation leiten ließ«60, ist für alle Ludwig-Kenner unstrittig. Schon zeitgenössische Beobachter hoben es hervor. Auf Vermittlungsmission in Paris weilend, erlebte Theodor Heinrich Altet von Stratman den Bourbonen als einen »König der glorieus ist vnd ehnder crepiren wirdt alß par manier de contrainte etwas nachgeben«.61 Nicht nur Franz Paul von Lisola, der begabteste Pamphletist seiner Zeit, geißelte die »Ehrsucht« des Roi soleil62, auch weniger bekannte Flug-

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um eine Geschichte der Kritik an übersteigerter »Ehrsucht«. Letztere müßte ein weites Feld ausschreiten – von den Réflexions La Rochefoucaulds (»Le ridicule déshonore plus que le déshonneur«), der Ethik Spinozas oder Robert Burtons Anatomy of Melancholy bis hin zu zahlreichen Barockdichtern (Angelus Silesius: »Wie töricht sind wir doch, daß wir nach der Ehre streben! Gott will sie ja nur dem, der sie verschmähet, geben«). So faßte jüngst Heinz Duchhardt zusammen: Vorabend der Moderne, S. 63f. Ähnlich urteilte wiederholt Johannes Kunisch, ein Kenner des Absolutismus und der absolutistischen Kriegführung, beispielsweise hier: J. K., La guerre – c’est moi! Zum Problem der Staatenkonflikte des Absolutismus, in: ders., Fürst – Gesellschaft – Krieg. Studien zur bellizistischen Disposition des absoluten Fürstenstaats, Köln/Weimar/Wien 1992, S. 32f. Eine Liste solcher Herrscher bietet Black, Why wars happen, S. 99. Es folgen ebda. einige Beobachtungen zur zeittypischen »iconography of kingship«. So formuliert Klaus Malettke: Grundlegung, S. 37f. Von der »Ruhmsucht Ludwigs XIV.« spricht Hans Schmidt, und sie erkläre, daß dann »sobald sich auch nur der Schein eines Vorwandes ergab, ein Krieg vom Zaun gebrochen wurde«: H. S., Frankreich und das Reich von 1648–1715, in: Rainer Babel (Hg.), Frankreich im europäischen Staatensystem der Frühen Neuzeit, Sigmaringen 1995, S. 15f. Stratman an den Neuburger Pfalzgrafen Philipp Wilhelm, 1675, März 23 (Or.), BayHStA Kasten blau 7/21. Für manch Vergleichbares aus Lisolas Hand: Ludwig handelt nicht nach rechtlichen Grundsätzen, den Westfälischen Frieden beispielsweise versteht er »gleich einen Wetter-Hahn nach

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schriften wußten von ihr.63 Es gehe in Ludwigs Kriegen nicht um Sicherheitsinteressen und Selbstverteidigung, gehe einzig und allein um die »Ausbreitung und vester Setzung der Frantzösischen überall schon erschallender Renomé«, um »Exzessen« der Ruhmsucht.64 Wer Ludwig wohlwollte oder seine holländischen Gegner nicht mochte, betonte, »daß jederman, sonderlich den Monarchen und Freygesetzten zuläßlich, sich an seinen Schmählern zu rächen«, »Du solt (sagt die Weißheit) deinem guten Namen keinen Schandflecken anthun«, ja, es sei »besser zu sterben, als gestatten, daß ein anderer ... Glory, Ehr und Preyß zu nichten mache«.65 Die französische Diplomatie bekannte sich ja gern dazu.66 Ludwig selbst erklärte, seine »gloire« sei »la chose du monde qui m’est la plus précieuse«.67 Für den Regierungsnachfolger hielt er fest, daß er »par un seul et même désir de gloire« angetrieben werde. Überhaupt unterschieden sich Könige dadurch vom Rest der Menschheit, daß diese »passion maîtresse et dominante« bei ihnen alle anderen überwiege. »La réputation fait souvent elle seule plus que les armées les plus puissantes«68, freilich, sie mußte auch ihrerseits durch immer neue kriegerische Heldentaten untermauert werden69, stand insofern in einem Wechselverhältnis

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allen ihn anständigen Winden zu seiner Ehrsucht ... zu drehen« – so »Warendorp«, HandBrieff, S. 30. Für den Terminus »Ehrsucht« nenne ich nur noch [anonym], Der Abgezogene Frantzösische Staats-Rock (unpag.); [anonym], Kurzter Entwurff der Rechtmässigen Waffen (S. 25); sowie »Alexander Christian de Metre«, Kurtze Erzehlung, fol. Aiiij (»die Ehrsucht neue Lande zu besitzen, und die Begierde durch die Waffen Ruhm zu erlangen, haben ihn angespornet gleich mit dem Anfange seiner Regierung«, ihn dürstet nach »Ruhm-reichen Thaten«) und fol. Aij. So [anonym], Die zum Andernmal eröffnete Frantzösische geheime Raths-Stube, Worinnen die Consilia über jetzigen betrübten Frantzösischen Zustand zusammen getragen worden ..., o. O. 1675 (unpag.). [Anonym], Politische Considerationes, Oder Bedencken Uber gegenwärtigen Krieg Zwischen Franckreich Und Holland, o. O. 1673, fol. D weiß: der Holländische ist ein Krieg, »welcher den allgemeinen Frieden auffopffert dem Ehrgeitz eines Königes, der nur seine Ehre auszubreiten so viel Christen-Blut vergiessen lässet«. [Anonym], Von der Holländern Religion, S. 36. Vgl. schon oben S. 235 mit Anmm. 10f. »Vous pouvez, Messieurs, juger de l’estime que je fais de vous, puisque je vous confie la chose du monde qui m’est la plus précieuse, qui est ma gloire«: so machte Ludwig dem »Conseil« für die Kunstförderung klar, an welch zentralem Staatsziel es arbeitete. Zit. nach Dietrich Erben, Paris und Rom. Die staatlich gelenkten Kunstbeziehungen unter Ludwig XIV., Berlin 2004, S. 297. Jean Longnon (Hg.), Louis XIV. Mémoires. Suivi de Réflexions sur le métier de Roi, Instructions au duc d’Anjou. Projet de harangue, Paris 1983, S. 33 bzw. S. 58 bzw. S. 228. Vgl. nur, für viele ähnliche Passagen, ebda., S.  51: Es stehe fest, »que la réputation ne se peut conserver sans en acquérir tous les jours davantage; que la gloire enfin n’est pas une maîtresse qu’on puisse jamais négliger, ni être digne de ses premières faveurs, si l’on n’en souhaite incessamment de nouvelles«.

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zu militärischer Bravour.70 Der Krieg war die Königsstraße zum Ruhm. Wann immer Krieg das Mittel der Wahl war, um »réputation« und »gloire« zu mehren, war er einem nicht amtsvergessenen König nicht nur erlaubt, sondern geboten. Bekanntlich hat sich der Roi soleil an diese Maxime gehalten, er hat eigentlich immer Krieg geführt, zum bis 1789 nicht mehr reparierbaren finanziellen Ruin des Landes, und bekanntlich ging seine Rechnung trotzdem auf: Denn in der mémoire der französischen Nation steht er, aller geringschätzigen Vernachlässigung sonstiger vorrevolutionärer Geschichte zum Trotz, glänzend da. Das heute berühmteste Beispiel eines zeittypisch ruhmseligen deutschen Herrschers ist natürlich Friedrich II. von Preußen, der Mitteleuropa dadurch in eineinhalb blutige Dekaden stürzte, daß er zum »Rendezvous des Ruhms« nach Schlesien aufbrach. Wenn er in der »Histoire de mon temps« dröhnt, ihn habe der Wunsch »d’acquérir de la réputation« zu seinen Heldentaten befeuert, der Enthusiasmus »de se faire un nom«71, mag man das als Publicity abtun, doch gibt es vergleichbare interne Zeugnisse72. Ehr- und Ruhmsucht beherrschten aber nicht nur einzelne Protagonisten »des Absolutismus«73, prägten die ganze Kriegführung der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit. Jürgen Luh resümierte jüngst, »Ästhetizismus und Ehre« hätten »im Heerwesen der Zeit unverkennbar Priorität vor militärischen Zweckmäßigkeitserwägungen« genossen. »Selbst inmitten des Kampfgeschehens 70 Vgl. nur den langen Lobpreis aufs große Vorbild »Charlemagne«, »il était monté à ce haut point de gloire ... par le courage et par les victoires ..., quand il a résolu de soumettre les autres puissances à une seule« (S. 68). Der Sohn möge sicher sein, heißt es an anderer Stelle, daß er natürlich Länder lieber erobere als erwerbe (»conquérir«, »acquérir«), aber ein König muß seine Methoden abwechseln, »il faut de la variété dans la gloire« (S. 126). Rangstreitigkeiten zwischen seinem und dem spanischen Ambassadeur in London hätte er, so Ludwig, ohne Nachgiebigkeit der anderen Seite durch den Krieg »pour l’honneur de ma couronne« entschieden; ein derart ruhmsteigernder Krieg, »où je pusse acquérir de l’honneur, en me mettant à la tête de mes armées«, sei Königen »non seulement permise, mais commendée« (S. 95f. bzw. S. 101). 71 Johann David Erdmann Preuss (Hg.), Œuvres de Frédéric le Grand, Bd. 2, Berlin 1846, S. 54. 72 »J’aime la guerre pour la gloire«, schrieb Friedrich beispielsweise knapp und entlarvend, kurz nach dem dreisten Einfall nach Schlesien, im Februar 1741, an seinen Jugendfreund Charles Etienne Jordan: Johann David Erdmann Preuss (Hg.), Œuvres de Frédéric le Grand, Bd. 17, Berlin 1851, S. 89. – »L’honneur, le désir de la gloire, le bien de la patrie [man beachte die Reihenfolge!] doivent animer ceux qui se vouent aux armes, sans que de viles passions souillent d’aussi nobles sentiments«: Politisches Testament Friedrichs II. von 1768, Duchhardt, Politische Testamente, S. 186–276 (hier S. 217). 73 Man entlarvt sich mittlerweile als unaufgeklärt, wenn man nicht pflichtschuldigen Zweifel an der Tauglichkeit des Etiketts bekundet. Für diese Diskussion ist hier aber wirklich nicht der Ort. Daß sich das gewissermaßen durchschnittliche, insofern zeittypische Amts- und Selbstverständnis der Fürsten und Könige im Verlauf der Frühen Neuzeit verändert hat, ist unzweifelhaft, die Rubrizierungen mag man anderswo ausdiskutieren.

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spielten Fragen der Ehre oftmals eine bedeutendere Rolle als militärische Nützlichkeitserwägungen«.74 Er reiht instruktive Beispiele aneinander, die zeigen, wie sehr »Ehre« die militärischen Spitzen umtrieb und eine zweckrationale Kriegführung erschwerte. In gewisser Hinsicht gehört selbst die Aufblähung des Trosses durch Dienstpersonal und sperrige Luxusmöbel, also Nichtkombattanten und Bagage hierher. Und die prächtigen bunten Uniformen? Sie machten ihre Träger zu prima Zielen für die feindliche Artillerie, indes, die eigenen Heldentaten sollten ja auffallen. Manche Beobachtungen dieses amüsanten Streifzugs über die Schlachtfelder des Absolutismus sind übrigens trefflich geeignet, den von Niklas Luhmann behaupteten Übergang von einer stratifikatorischen zu einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft 75 zu veranschaulichen, weil sie zeigen, wie eine – nach modernen Maßstäben – effektive Kriegführung unter dem Widerstreit zwischen geerbter bzw. außermilitärisch akkumulierter Ehre und berufsspezifischen Befehlswegen litt. Daß die »Ehre« ein Krieg und Frieden dominierender Zentralwert geworden war, wurde nicht nur von kriegsflankierenden Flugschriften als zeittypisch wahrgenommen, auch von Aufklärungsautoren76 gegeißelt. »O entsetzliche Ehre«!, klagte in der Mitte des 18. Jahrhunderts Johann Michal von Loën, ihre faule Frucht sei »dieser falsche Heldengeist«, die »Heldensucht«.77 74 Jürgen Luh, Kriegskunst in Europa 1650–1800, Köln/Weimar/Wien 2004, S. 215f. 75 In zahlreiche Luhmannsche Schriften sind Passagen mit Verweisen auf vermeintliche frühneuzeitliche Entwicklungen eingestreut, doch der Frühneuzeitspezialist wünschte, daß dieser scharfsinnige Denker mehr von seinen Jahrhunderten verstanden hätte; weil stets, genannt oder ungenannt, Norbert Elias Pate steht, stammen Luhmanns Beispiele zudem unverhältnismäßig oft aus dem französischen Absolutismus. Ich nenne exemplarisch diese für Historiker besonders anregende Monographie: N. L., Legitimation durch Verfahren, 2. Aufl. Frankfurt 1989; dann, weniger bekannt geworden: N. L., Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultureller Evolution, in: Karl-Georg Faber/Christian Meier (Hgg.), Historische Prozesse, München 1978, S. 413–440. – Um nicht mißverstanden zu werden: Luh rekurriert nicht auf die genannten Schriften, und diese kennen Luh nicht. Doch ließe sich das reichhaltige Material, das letzterer ausbreitet, gut nach systemtheoretischen Kategorien analysieren. 76 Eine nicht auf »Krieg und Frieden« fokussierte Studie müßte der verinnerlichenden Kritik am tradierten, aristokratisch geprägten Ehrkonzept im Zeichen bürgerlichen Tugendadels nachgehen, wie sie zahlreiche Werke der Dichtkunst (bezeichnenderweise wurde Lessings Minna von Barnhelm in England als »The School of Honour« veröffentlicht) und der politischen Philosophie vortrugen (Montesquieus De l’Esprit des lois ordnete eine als bizarr abgewertete »honneur« der monarchischen Staatsform zu, der Demokratie aber die »vertu«). 77 Loën, Gerechtigkeit des Krieges, S. 354 bzw. S. 363 bzw., auf Ludwig XIV. gemünzt, S. 365. Die Maßstäbe des »aufgeklärten« Autors sind natürlich andere: Er geißelt ein »falsches Bild der Ehre«, man darf nicht Kriege vom Zaun brechen, »um seinen Stolz und seine Ehre zu vergnügen«, denn »solchergestalt macht ein einziger Mensch das ganze menschliche Geschlecht zu einem Spielwerck, und stürtzet alles zusamen in Grauß und Jammer zu seiner Lust, zu seiner Ehre« (S. 354); »es ist eine schnöde unsinnige und abscheuliche That; wenn

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Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten

Wir können ein Zwischenfazit ziehen: Die Antriebe für Kriege wurden nach unseren Maßstäben nicht vernünftiger, aber doch anders. Kein durchgreifender Rationalisierungsprozeß also – von einem Säkularisierungsvorgang können wir aber wohl sprechen. Der falsche Glauben war nach 1648 kein respektabler Kriegsgrund mehr, einen derart krassen Verstoß gegen die Political Correctness der Generationen nach den »Glaubenskriegen« warf man fürderhin allenfalls noch in denunziatorischer Absicht dem Gegner vor. Die Beichtväter zogen sich aus der Außenpolitik zurück. So man bereit ist, sich auf ein Denken einzulassen, das Ehrakkumulation für ein kalkulierbares und einkalkulierenswertes Lebensziel hält, stimmt es schon: Den hitzigen Konfessionskriegen folgten die auf Regierungsebene kühl kalkulierten Kabinettskriege einer Epoche, deren Urfurcht Unordnung war, die alles in Reih und Glied stellte, von den Bäumen im Schloßpark bis zur uniformierten Truppe, und selbst Frau Bellona domestiziert zu haben meinte. Sie glaubte hierfür nicht mehr auf alte scholastische Doktrinen zurückgreifen zu müssen: Wo einmal Iustitia allem den rechten Platz im Ordo hatte zuweisen sollen, waltete nun das Gleichgewicht als säkularer kriegshegender Zentralwert des europäischen Staatensystems der klassischen Epoche des Völkerrechts.

3.2 Vertrauenerweckend: die trügerischen Schlagworte »Gleichgewicht« und »Staatensystem« Das Gleichgewicht als Regulativ des Staatensystems des klassischen Völkerrechts: was für ein banales Satz! Aufmerksam gelesen, bietet er aber fast so viele Fragezeichen wie Wörter. Diese Fragezeichen herauszuarbeiten, soll das letzte Anliegen eines Kapitels sein, das ja gerade darauf hinweisen will, wie viel wir im Umkreis von Krieg und Frieden noch besser verstehen lernen müssen. 3.2.1 Die »Balance of Power«, oder: ein Running Gag der Geschichte der Internationalen Beziehungen Das Gleichgewicht, eine zentrale politische Kategorie erst der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit? Das wird in der Tat seit hundert Jahren immer wieder behauptet, aber noch häufiger hieß es, Europa habe der italienischen Kleinstaatenwelt des 15. Jahrhunderts an der Schwelle zur Neuzeit ihre »bilancia« abgeschaut. ein Fürst darinnen seine Ehre sucht, seine Macht auf Unkosten seiner Nachbarn auszubreiten« (S. 363); »Macht ... macht den Unterschied zwischen einem Helden und einem Strassenräuber« (S. 367).

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»Bilancia« sei jenes Leitmotiv gewesen, das »pace e tranquillità« der Apenninhalbinsel, die »libertas Italiae« habe gewährleisten, die Hegemonie einer der fünf Mittelmächte habe verhindern sollen – übrigens eine Sichtweise, für die man sich schon auf Francesco Guicciardini berufen könnte.78 Ausgerechnet beim Kampf um die Apenninhalbinsel seit 1494 habe sodann Europa diese Maxime von den Italienern übernommen und sie sogleich in den diese Kämpfe flankierenden Allianzen erprobt. Wegen der Sorge vor einer spanischen »monarchia universalis«, modern gesprochen: der spanischen Hegemonie über Europa sei die Idee zur Zeit Karls V. und erst recht im Konfessionellen Zeitalters virulent geblieben, habe sie politische Akteure und Denker nun auch zu programmatischen Ausarbeitungen79 animiert. So meinen es seit hundert Jahren unzählige Historiker zu wissen80, doch

78 Er meint beispielsweise zu wissen, daß Lorenzo de’ Medici darauf gesehen habe, »che le cose d’Italia in modo bilanciato si mantenessino che piú in una che in un’altra parte non pendessino«: Francesco Guicciardini, Storia d’Italia, hg. von Ettore Mazzali, Mailand 1988, S. 5. 79 Vgl., noch eher beiläufig und mit bezeichnendem Bezug auf die Apenninhalbinsel, Maria von Habsburg an den kaiserlichen Emissär in England [Simon] Renard, 1553, Oktober 8: Charles Weiss (Hg.), Papiers d’état du cardinal de Granvelle d’après les manusrits de la bibliothèque de Besançon, Bd. 4, Paris 1843, S. 120f.; dann, schon programmatisch, das Gutachten von Duplessis-Mornay für Heinrich III. von Frankreich »sur les moyens de diminuer l’Espagnol« von 1584 ­– zu ihm zuletzt Friedrich Beiderbeck, Heinrich IV. von Frankreich und die protestantischen Reichsstände, Teil 1, in: Francia 23/2 (1996), S. 13f. 80 Man könnte sogar schon auf den schottischen Aufklärungshistoriker und Biographen Karls V. William Robertson hinweisen. Übrigens verwendete er 1769 bereits den System-Begriff: »It was during his administration«, also der Karls V., »that the powers of Europe were formed into one great political system, in which each took a station, werein it has since remained with less variation ...« (William Robertson, The History of the Reign of the Emperor Charles V. With a View of the Progress of Society in Europe from the Subversion of the Roman Empire to the Beginning of the Sixteenth Century, Bd. 1, 10. Aufl. Glasgow 1800, S. V). Mich überraschte sodann diese eindeutige Diagnose Voltaires, erneut im Hinblick auf Karl V.: »Le système [!] de la balance et de l’équilibre était dès lors établi en Europe« (Essai sur les meurs [von 1756], Bd. 3, in: Œuvres complètes, Bd. 14, Paris 1830, S. 101). – Die Reihe von nach heutigen Maßstäben wissenschaftlich zu nennenden Studien zu diesem Thema dürfte Ernst Kaebers ideengeschichtliche Abhandlung eröffnen: Die Idee des europäischen Gleichgewichts in der publizistischen Literatur vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, Berlin 1907. Jede Auswahl aus der überbordenden Literatur ist willkürlich, ich will nur diese berühmten Namen nennen: Heinrich Otto Meisner, Vom europäischen Gleichgewicht, in: Preußische Jahrbücher 176 (1919), besonders S. 224; Hans Rothfels, Gleichgewicht als regulierendes Prinzip im europäischen und Weltstaatensystem, in: Saeculum 19 (1968), besonders S. 407f.; Martin Wight, The Balance of Power and International Order, in: Alan James (Hg.), The Bases of International Order, London/New York/Toronto 1973, besonders S. 91–93; Winfried Schulze, Resümee, in: Friedrich Beiderbeck/Gregor Horstkemper/ders. (Hgg.), Dimensionen der europäischen Außenpolitik zur Zeit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, Berlin 2003, besonders S. 338–342.

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gab es immer auch andere Stimmen81, fast ist man versucht, vom Running Gag der Erforschung der internationalen Beziehungen zu sprechen, oder, wenn das komische Fach nicht beliebt: von einem wieder und wieder nach oben gewälzten Stein des Sisyphos, der seine Endlosschleife womöglich nie verlassen wird. Die vorerst letzte Debattenrunde löste Konrad Repgen mit der Behauptung aus, das Gleichgewicht »als normatives Prinzip der politischen Organisation Europas« sei »eine Folge des Westfälischen Friedens« gewesen.82 Die – wie gesagt: eigentlich nicht neue – Einschätzung provozierte substantielle Kritik83 und stieß auf ungeteilte Zustimmung84, entfachte eine Debatte, die der verdämmernden Historiographie der internationalen Beziehungen dankenswerter Weise etwas Glut einhauchte, um zur Jahrtausendwende allmählich wieder zu verebben, ohne Sieger und Besiegte produziert zu haben. 81 Knapp gesagt, heben sie darauf ab, daß Europa erst im gemeinsamen Widerstand gegen die hegemonialen Ziele Ludwigs XIV. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das Gleichgewicht als handlungsleitendes Regulativ endtdeckt habe. – Wiederum exemplarisch: Max Immich, Geschichte des Europäischen Staatensystems von 1660 bis 1789, Berlin/München 1905, besonders S. 103; Joachim von Elbe, Die Wiederherstellung der Gleichgewichtsordnung in Europa durch den Wiener Kongreß, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 4 (1934), besonders S. 228; John B. Wolf, Toward an European Balance of Power 1620–1715, Chicago 1970, besonders S. Xf.; oder Walther Hubatsch, Das Zeitalter des Absolutismus 1600–1789, 4. Aufl. Braunschweig 1975, besonders S. 138. 82 Konrad Repgen, Der Westfälische Friede und die Ursprünge des europäischen Gleichgewichts, zuerst in: Jahres- und Tagungsbericht der Görres-Gesellschaft 1985, Köln 1986, S. 50–66. – Die Monographie von Arno Strohmeyer, Theorie der Interaktion. Das europäische Gleichgewicht der Kräfte in der frühen Neuzeit, Wien/Köln/Weimar 1994 interessiert die Frage nach Wurzeln und Anfängen ausdrücklich nicht. Strohmeyer suchte einen Anwendungsfall, um die Nützlichkeit einer Synthese von soziologischer Handlungstheorie und Luhmannscher Systemtheorie für Historiker demonstrieren zu können. Die aus ganz anderen Gründen anregende Studie geht auf die hier gestellten Fragen nicht ein. 83 Sehr gründlich schon Wolfgang-Uwe Friedrich, Gleichgewichtsdenken und Gleichgewichtspolitik zur Zeit des Teutschen Krieges, in: Wolf D. Gruner (Hg.), Gleichgewicht in Geschichte und Gegenwart, Hamburg 1989, S. 18–59; vgl. beispielsweise noch Malettke, Grundlegung (S. 47: »überspitzte These« Repgens). 84 So insbesondere, um erneut nur die berühmtesten Namen zu nennen, bei Johannes Burkhardt, Jeremy Black und Heinz Duchhardt. Vgl. beispielsweise Jeremy Black, Kings, Nobles and Commoners. States and societies in early modern Europe, a revisionist history, London/New York 2004, S. 71 (im 18. Jahrhundert kam »the idea« [!] erst auf ); Johannes Burkhardt, Die entgipfelte Pyramide. Kriegsziel und Friedenskompromiß der europäischen Universalmächte, in: Klaus Bußmann/Heinz Schilling (Hgg.), 1648. Krieg und Frieden in Europa, Textband 1, München 1998, S. 59 (»das Gleichgewichtsdenken ... begann« [!] nach 1648 »die Machtverhältnisse in Europa in der Folgezeit zu bestimmen«); ähnlich ders., Dreißigjähriger Krieg, S. 202; Heinz Duchhardt, Internationales System im Ancien Régime, in: Historische Zeitschrift 249 (1989), S. 539 bzw. S. 541: »Einführung der Balancedoktrin in die zwischenstaatlichen Beziehungen« um 1700, »nun, seit ca. 1700, wählte man ... eine politische Philosophie, die Balanceidee«.

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Es scheint auf den ersten Blick wenig sinnvoll zu sein, wenn ich versuche, in diese Endlosdebatte auch noch eigene Anschauungen einzubringen. Nun wird sich diese Studie freilich weiter unten ausführlich mit der Neutralität im Krieg beschäftigen, in diesem Zusammenhang auch fragen, ob sie sich denn eher in eine austarierte oder aber in eine hegemoniale Staatenordnung fügt (und wie das die Zeitgenossen sahen). So mag es doch schon jetzt angezeigt sein, eine Vermutung zum Großen und Ganzen sowie einige (tragfähigere) Einzelbeobachtungen anzuführen. Die Vermutung ist diese: Es handelt sich beim Bedeutungszuwachs des Gleichgewichtsgedankens um einen spezifisch frühneuzeitlichen Longue-durée-Trend, vergleichbar der Säkularisierung, der Sozialdisziplinierung oder der Verrechtlichung. Nach dem einen Schub zu fahnden, verkennt gerade das typisch Prozeßhafte solcher Langfristtrends, mag aber anregende Fragen gebären. In fast schon karikaturenhafter Verkürzung könnte man den Prozeß meines Erachtens so skizzieren: Man hat im 16. und frühen 17. Jahrhundert immer wieder einmal über Gegengewichte, meistens in Verbindung mit dem drohenden Übergewicht einer einzigen Macht, insbesondere Habsburg-Spaniens, nachgedacht – Hegemonie (»monarchia universalis«) und Aequilibrium gehörten als eng verschwisterte Begriffspaare zusammen. Die souveränen europäischen Staaten wollten sich, nachdem die mittelalterliche Führungsposition des Heiligen Römischen Reiches zur Reminiszenz herabgesunken war, nicht doch wieder einem Vorrang beugen, und was sie dieser Gefahr entgegenhielten, schon recht oft rhetorisch, publizistisch, gelegentlich (die »Ligen« der Zeit!) auch praktisch, war die Idee eines konzertierten Gegengewichts. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts grassierte die »Balance« zunehmend als Modewort wie die »Raison d’Estat« – wer den Eindruck erwecken wollte, etwas von Politik zu verstehen, konnte diese Zauberworte gar nicht oft genug raunen. Gewichte abzugleichen, paßte gewiß auch zum Denkstil der Eliten der Barockzeit: war doch Ordnung das Ideal dieser Epoche, Unübersichtlichkeit offenbar ihr Schreckensbild, das allenthalben zu überwindende. War nicht Geometrie ein Signum der Epoche? Der Staat war so geordnet, wollte es jedenfalls sein. Er verstand sich als Maschine, wurde jedenfalls oft so beschrieben: eine rational durchkonstuierte Maschine, in der jedes Rädchen ins andere zu greifen hatte. Auch die Staatenwelt so paßgenau zu ordnen, und zwar nach einem der Mechanik entliehenen Prinzip, nach Gleichgewicht, setzte genaues Quantifizieren, Abwägen, Austarieren voraus. Insofern atmete auch die Staatenwelt den Geist eines physikalischtechnischen Weltbildes, der Symmetrie, geometrischer Ordnung – jedenfalls in den Projektionen der gelehrten barocken Eliten. Als regulatives Prinzip, als Leitidee der praktischen Politik bewährte sich das Gleichgewicht im 18. Jahrhundert mit seiner immer wieder Grenzen und Potenzen verschiebenden, Gewichte austarierenden Konvenienzpolitik, und weil nun Großbritannien der Waagemeister war, hieß ein Schlüsselwort der Epoche »balance of power«.

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So könnte es sich mit dem Gleichgewicht verhalten haben. Das alles ist nicht originell, aber andere Historiker sehen es eben anders. Wir müssen es hier nicht entscheiden. Was mir offenkundig zu sein scheint und im Zuge meiner Recherchen fürs Thema »neutralitet« noch offenkundiger wurde, ist der Sachverhalt, daß Publizisten des 16. und 17. Jahrhunderts85 die Denkfigur »Gleichgewicht« sehr wohl kannten. Darüber wenigstens braucht man sich meines Erachtens nicht zu streiten. Eine Flugschrift von 1626 ist erkennbar weit davon entfernt, Originalitätsansprüche zu erheben, wenn sie anmahnt, »aller Politicorum Lehr, quod curandum sit, ne vicini hostes nimis fiant potentes mature zu practiciren: welche bestehet in dem den schwächern die wag zuhalten86, vnd dem Feind die spitz zubieten«. Diese – ihrer Ansicht nach offensichtlich etablierte – Politikermaxime untermauert sie ausführlich durch Reminiszensen an die Kämpfe um die Apenninhalbinsel an der Schwelle zur Neuzeit. Elf Jahre zuvor hatte ein »Discurs« erinnert: »Diese Regul ist allen Fürsten vnnd Ständen, notwendig in acht zu nehmen, das sie nimmermehr einen andern lassen so groß werden, das er sie nachmaln alle leichtlich vnterdrücken könne. Daher entspringet der vornembste grund aller verbündtnüssen, auch zwischen denen, die sich wenig guts gönnen, in deme ein theil dem andern wegen der gemeinen sicherheit die Wage helt.«87 Eine Flugschrift von 1644 kalkuliert so: »Das jenige so Hispanien entzogen wird, das wird Franckreich zugebracht. Die vermehrung des einen stehet vns mehr zubeförchten, dan der abbruch deß anderen zu wünschen ... Es ist viel besser vor vns dise zwey Kronen ingleichem gewicht zu halten ohne ... die Waag vberhangen zu lassen«.88 »Wo die frantzosen oder Spanische wagschale waß zu viel geladen, da müste der Frieden springen«89, wußte Diego de Saavedra Fajardo. Die 85 Für das 18. Jahrhundert ist das natürlich ganz unumstritten. Ich will nur noch eine in diesem Zusammenhang meines Wissens bislang nicht erwähnte Beobachtung mitteilen: Das Gleichgewicht war im späten 18. Jahrhundert zu einer so geläufigen Denkfigur geworden, daß es sogar die publizistische Debatte über den Fürstenbund von 1785 prägte, worauf ich bei Dieter Stievermann, Der Fürstenbund von 1785 und das Reich, in: Volker Press/ders. (Hgg.), Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit?, München 1995, S. 217 stieß. Man kann es auch als Indikator dafür nehmen, wie im 18. Jahrhundert zunehmend Kategorien, die mit dem politischen System Mitteleuropas inkompatibel gewesen sind, die Reichspolitik kontaminierten. 86 Meint hier zweifelsohne: die Schwächeren zu stützen. – [Anonym], Das Teutsche Klopff Drauff. Oder, Hochnötigste vnd Rechtmäßige, auch gut Teutsche Anmahn-vnd Erinnerung ..., o. O. 1626 (unfol.). 87 Es folgen viele historische Exempel, nicht zuletzt aus dem Kontext des Ringens um die Apenninhalbinsel um 1500 herum: [anonym], Politischer Discurs, Ob sich Franckreich, das Zitat: fol. Aiiij. 88 [Anonym], Trewhertzige Vermahnung, fol. 8. 89 Und zwar auf der Apenninhalbinsel, auf ihr mußte spanische Macht französische Begehrlichkeiten austarieren. Kluge italienische Fürsten wußten dies schon immer, haben deshalb

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einzige ausführliche deutschsprachige Monographie zur »Neutralitet«, aus der produktiven Feder des Breitbandautors Johann Wilhelm Neumayr von Ramsla, räumt dem Gleichgewicht keine größere Rolle ein, kennt aber auch das Bild von der Waage.90 Eine lateinische Dissertation zum Thema »neutralitas« aus dem Jahr 1661 kalkuliert durchgehend mit dem Gleichgewicht und hält das für ganz normal, für Politikerbrauch: »Pro statuum securitate nihil utilius ducunt Politici, quàm si in aequilibrio conservetur potentiorum autoritas«. Ein guter Grund, neutral zu bleiben, ist die Aussicht, benachbarte Feindstaaten »in aequilibrio conservare« zu können. Selbst wenn eines Mächtigen »justa est causa«, wird der Schwächere doch bedenken, daß ihm militärisch beizuspringen seine Kraft noch mehr anschwellen läßt – es ist deshalb lobenswerter, das Gleichgewicht auszutarieren, so, wie Venedig Oberitalien »in aequilibrio« hält.91 Aequilibrium vor Iustitia: diese Ansicht hätte ich gewiß auch weiter oben, im Kontext der Frage nach einer Säkularisierung des Denkens über Krieg und Frieden, referieren können! Wer sich am Gleichgewicht der Kräfte orientiert, bewertet nicht mehr, sondern mißt ab. An die Stelle allenfalls theologisch oder philosophisch zu ergründender moralischer Qualitäten treten vermeintlich objektivierbare, ökonomisch und politologisch vermeßbare Quantitäten. Ob man das für einen Rationalisierungsprozeß hält, hängt wohl auch davon ab, ob man der Philosophie mehr zutraut oder aber der Politikwissenschaft, und ob man die vielbeschworene »ökonomische Vernunft« vernünftig findet. Die Vertreter der jungen »Politica« hielten ihre Kräftekalküle gewiß für fortschrittlich. Was sich in gewisser Hinsicht auch säkularisiert hat, war das Feindbild: Unterlegten Karl V. oder Philipp II. (und im anderen Lager Gustav Adolf ) ihre Suprematieansprüche92 ganz wesentlich und auch mehr oder weniger glaubhaft konfessionell, stand

der spanischen »wagschale waß zugelegt damit das gewicht instehe«: Saavedra, Abris Eines Christlich-Politischen Printzens, S. 1072f. 90 Im Kapitel über die Frage, ob man »dem Stärckern, oder dem Schwächern« helfen soll, wird der Gedanke geäußert, daß »man also dem Mächtigern die Wage halten müge«: Johann Wilhelm Neumayr von Ramsla, Von der Neutralitet und Assistentz oder Unpartheyligkeit und Partheyligkeit in KriegsZeiten sonder­barer Tractat oder Handlung, Erfurt 1620 (unpag.). 91 Schemel, Dissertatio politica, S. 7 bzw. S. 15 bzw. S. 49. Das Gleichgewicht ist auch sonst nie fern, so heißt es auf S. 26, im Kontext der Behandlung von Kriegsallianzen, oft könne ein Körnlein den Ausschlag geben, »quando pondus in aequilibrio est«. 92 Man muß konzedieren, daß die Kaiserkonzeption Gattinaras (und: wie wichtig war sie für Karl? – befaßt man sich mit Karl-Studien spanischer Historiker, könnte man zum Schluß kommen, die deutsche Historiographie leide unter einem Gattinara-Tick), der konfessionspolitische Ehrgeiz Philipps II. und die besonders umstrittenen, in einer Fußnote gar nicht umreißbaren etwaigen politischen Ziele Gustav Adolfs (die hier den »Sonderweg« einschlagende schwedische Historiographie unterstellt ihm ja sogar primär ökonomische Antriebe) nur auf einer ziemlich hohen Abstraktionsebene zusammengezwungen werden können.

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für den Allerchristlichsten König die konfessionelle Profilierung93 nicht mehr im Zentrum außenpolitischer Bemühungen, vor allem aber nahmen ihm religiöse Motive die meisten Zuschauer nicht mehr ab. Wer gegen die ludovizianische Hegemonie anging, bekämpfte keine – grundsätzlich diskutable – europäische Mission, sondern nackte Übermacht. Diesen Exkurs veranlaßte das durchgehende Kräftekalkül einer Abhandlung von 1661. Derart dominant ist der Gleichgewichtsgedanke in keiner mir bekannten Schrift aus dem 16. Jahrhundert, doch wußte schon Jean Bodin, daß »la seuretè [sic] des Princes et des Republiques, gist [sic] en vn contrepoids egal de puissance des vns et des autres«, und, wegen der Behauptung, Bekanntes zu kolportieren, besonders interessant: »... en quoy il fut iugé des plus sages, qu’il n’i a rien meilleur pour la seureté des estats, que la puissance des plus grands soit égal autant qu’il sera possible«.94 Und die praktische Politik? Fest steht, daß wichtige Kriegsherren und Ratgeber jedenfalls des 17. Jahrhunderts den Begriff kannten. Ehe die »balance« zum antiludovizianischen Schlachtruf wurde, wollten Frankreichs Politiker wieder und wieder die angeblich drohende Vormacht Madrids ausbalancieren, indem sie Gegengewichte mobilisierten. Daß Heinrich IV. im Sommer 1610 mit deutscher Unterstützung gegen Spanien loszuschlagen gedachte95, begründete Sully dem holländischen Diplomaten Franz von Aerssen gegenüber damit, daß dieser Militärschlag »peut emporter la balance«.96 Die heutzutage zu wenig bekannte französische Unterstützung für Habsburg im Krisenjahr 1620 war untypischerweise auch konfessionell motiviert, aber es ging damals ausdrücklich ferner um die »balance«, nur drohe eben jetzt Habsburg ungebührlich zu wanken: Paris kalkulierte Gewichte, verschätzte sich dabei und legte sein Pfund auf die schwerere Waagschale.97 Das wird Richelieu nicht mehr passieren, seine Instruktion für Hercule de Charnacé vom 27. Oktober 1631 preist so den Effekt der Verträge von Bärwalde und Fontainebleau: Sie gewährleisteten »la balance entre les Catholiques et les Protestans pour leur mutuelle conservation, et l’on peult par ce moyen salutaire arrestre la trop grand [sic] puissance de la Maison d’Autriche et du Roy du Suède«.98 Der dieses Schweden durch den Dreißigjährigen Krieg führte, Axel 93 Immerhin sollte man vielleicht ans Edikt von Fontainebleau erinnern, als der Allerchristlichste König seinem Ehrentitel innenpolitische Substanz verleihen zu müssen glaubte und sich damit außenpolitisch partiell bündnisunfähig machte. 94 Jean Bodin, Les six Livres de la République avec l’Apologie de R. Herpin, Ndr. der Ausgabe von 1583, Aalen 1961, S. 797. 95 Von den äußeren Abläufen her zuletzt Gotthard, Konfession und Staatsräson, S. 67–69. 96 Vgl. hierzu BA, Bd. 3, S. 36. 97 Vgl. Gotthard, Frankreich und England. 98 Aus der Instruktion zitiert ausführlich Dieter Albrecht, Die Auswärtige Politik Maximilians von Bayern 1618–1635, Göttingen 1962, S. 324.

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Oxenstierna, baute nach Ansicht eines Kenners »die gesamte Sicherheitspolitik ... auf das Tarieren eines ›justum aequilibrium‹« auf.99 Unbestreitbar ist also, daß auch Praktiker der Politik mit dem Terminus operierten. Wie kräftig die publizistisch geläufige Kategorie vor dem 18. Jahrhundert konkrete politische Entscheidungen beeinflußt hat, ist derzeit aber nicht bündig zu veranschlagen. Der so lang schon hin- und hergewendete Problemkomplex »Gleichgewicht und internationale Beziehungen« ist eben nach wie vor nicht konsensfähig geklärt. Übrigens werden bei manchen Wortmeldungen auch verschiedene seiner Segmente – seit wann gibt es die Leitidee; seit wann ist sie für die praktische Politik wichtig; seit wann ist sie realisiert, herrscht also tatsächlich ein Gleichgewicht? – ungut vermischt.100 Ganz unklar ist nicht zuletzt, ob die Denkfigur Gleichgewicht ihrer Umsetzung in praktische Politik voranging oder ob letztere, die Politik, Fakten setzte, die dann hinterher theoretisch reflektiert und zur Doktrin ausgebaut wurden.101 Kurz (et erat demonstrandum!): unstrittiges Lehrbuchwissen läßt sich zu diesem Thema derzeit nicht formulieren. 3.2.2 Ein »System« aus »Staaten«? Wann und auf welchen Wegen die Transformation der gradualistisch gestuften mittelalterlichen Christianitas zum modernen Mächteeuropa, einer horizontalen Ordnung souveräner Völkerrechtssubjekte, stattgefunden hat, vermag die Frühneuzeitforschung derzeit nicht einhellig zu beurteilen. Ausgangspunkt und Ziel scheinen recht klar zu sein: Von Krieg, Frieden und Vertragsverhältnissen zwischen rechtlich Ungleichen, die der hierarchische Ordo verschieden plaziert, die oft in (beispielsweise lehnrechtlich begründeten) Abhängigkeitsverhältnissen zueinander stehen, hin zu Krieg, Frieden und völkerrechtlichen Verträgen zwi-

99 Günter Barudio, Der Ewige Frieden von 1648, in: Manfred Spieker (Hg.), Friedenssicherung, Bd. 3, Münster 1989, S. 67. Nicht alle Lesarten des Dreißigjährigen Krieges bei Barudio sind konsensfähig, aber ein Kenner speziell der damaligen schwedischen Politik ist er fraglos. 100 So auch jüngst wieder bei Gantet, Guerre, S. 202–204. 101 Es sollen hier nicht in einem zweiten Anlauf wieder alle möglichen Namen ananeinandergereiht werden; nur soviel: Konrad Repgens zuletzt vielbeachteter Aufsatz hebt darauf ab, daß die Gleichgewichtspraxis theoretischen Erörterungen weit nachgehinkt sei, während man früher ganz anders zu argumentieren beliebte – nehmen wir exemplarisch das seinerzeit exzellente Handbuch von Erich Hassinger, Das Werden des neuzeitlichen Europa 1300–1600, Nachdruck der 2. Aufl. von 1964, Braunschweig 1976, S. 95: »Das Prinzip des Gleichgewichts – theoretisch allerdings erst später formuliert – begann [1494] praktisch im Rahmen des westlichen und mittleren Europa maßgeblich zu werden«.

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Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten

schen Rechtsgleichen102, die natürlich unterschiedlich mächtig sind und gegen drohende Übermacht die Gleichgewichtsideologie mobilisieren. Indes fragen wir uns erneut – wie beim weiter oben zum Zwecke exemplarischer Vertiefung gewählten, viel spezielleren Problem des Verblassens der Bellum-iustum-Doktrin –: wie war denn die Verlaufskurve, wo müssen wir die entscheidenden Schübe verorten? Und seit wann ist es angemessen, von einem »Staatensystem« zu sprechen? Auch die Beschäftigung mit dieser Frage krankt manchmal daran, daß nur ein bestimmtes Problemsegment, nicht alle wichtigen Kriterien (wann verblaßt die Einbindung in eine hierarchische Ordnung über dem einzelnen demnach nicht souverän agierenden Staat; wann werden konkurrierende Herrschaftsträger unterhalb der staatlichen Ebene eliminiert, etabliert sich demnach, modern formuliert, das staatliche Gewaltmonopol; seit wann gibt es regelmäßige Kontakte und Interdependenzen, dann auch ein elementares Regelwerk für den Verkehr zwischen den europäischen Staaten?) berücksichtigt werden, gelegentlich krankt sie wohl auch an einem unkritischen Umgang mit dem Terminus »System«.103 Reicht manchen Autoren für seine Verwendung hin, daß überhaupt einige überregionale politische Einheiten auszumachen sind, die einigermaßen festumrissene eigene Interessen verfechten, fragen andere nach Stetigkeit und Komplexität des diplomatischen Betriebs; setzen die einen am innerstaatlichen Prozeß der Machtkonzentration an, beobachten die anderen lediglich Interaktionen, und manchen von letzteren genügen Teilsysteme, während andere danach fragen, seit wann sich Interdependenzen über den ganzen Kontinent erstrecken. 102 Da gleichermaßen souveränen, es gab nach dem damaligen Begriffsverständnis keinen »Obersouverän«. Das Ius ad bellum besitzt nur noch der Souverän, dieser aber uneingeschränkt, er muß darüber keiner Instanz Rechenschaft legen – während das späte Mittelalter in der Kurie noch eine (theoretisch) unstrittige Letztinstanz zur eindeutigen Verortung der für legitime Gewaltanwendung unabdingbaren Iusta causa besessen hatte (und die UNO das Ius ad bellum jedenfalls deklamatorisch dem einzelnen Völkerrechtssubjekt benehmen, der »Völkergemeinschaft« übertragen wird). 103 Die Mindestvoraussetzungen für seine sinnvolle Verwendung scheinen mir diese zu sein: Es gibt eine benennbare Anzahl von Elementen (die Souveränität als für Völkerrechtssubjekte zu überspringender Numerus clausus macht die Sache klar; und vorher?; das spezielle Problem der Einordnung der Reichsstände müssen wir hier einmal außer Acht lassen), also selbständigen politischen Einheiten, die regelmäßig inter­agieren und dabei bestimmte Spielregeln (Bedeutung des in diesem Zusammenhang meist viel zu wenig beachteten Völkerrechts!) befolgen. Die moderne Systemtheorie würde natürlich nach weiteren Mindestvoraussetzungen fragen (Abgrenzung zur Umwelt des Systems, Subsysteme usw.), aber solche Kataloge komplett an die Vergangenheit heranzutragen und dort gleichsam abzuarbeiten, scheint mir selten wirklich weiterzuführen. – Wird nicht gelegentlich auch der Begriff »Institution« zu unkritisch verwendet? Sollen wir jede Form außenpolitischer Zusammenarbeit, etwa das »Konzert der Großmächte« im 19., gar schon die Gepflogenheit, sich ab und an zu großen Kongressen zu treffen, im 18. Jahrhundert dem Institutionenbegriff subsumieren?

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Übrigens könnte man ja für die Vormoderne auch an der Sinnhaftigkeit des Terminus »Staat« so seine Zweifel hegen – weil der heutzutage Erwartungen wecken muß, die vormoderne Gemeinschaftsbildungen mit ihrer fluktuierenden Konsistenz, vormoderne Formen der Herrschaftsorganisation mit ihrer geringen Manpower nicht einlösen können; aber auch aus Gründen, die enger an unser Thema »Krieg und Frieden« gekoppelt sind. Sucht man die europäische Staatenwelt in den vordergründig ganz hierum kreisenden »Avisos«, die Karl V. seinem Sohn Philipp an die Hand gab, findet man zum einen einen Familienverband der von Gott mit Regierungsaufgaben betrauten Dynastien. Die meisten Worte verliert Karl über weitschweifig entwickelte Heiratsprojekte. Der Stabilität des europäischen Hochadelsverbands dient der »Frieden«, wie gelegentlich gesagt wird, vor allem aber geht es um »Freundschaft« zwischen den maßgebli­chen Familien. Zum anderen ist Europa, noch ganz mittelalterlich, Christianitas.104 Bürokratien und »Institutionen« jedenfalls finden wir dort nicht. Aber auch für Akteure des 17., noch des 18. Jahrhunderts handelten zunächst einmal »Höfe«, »Dynastien«, »Minister«, handelten Mitglieder des europäischen Hochadels oder der internationalen Community von Berufsdiplomaten, keine Institutionen (und erst recht keine Nationen). Waren Zusammenkünfte von Fürsten, internationale Jagdgesellschaften, Adelshochzeiten außenpolitische Meetings, gesellschaftliche Ereignisse oder Familientreffen? Nicht nur die Verwendung des Terminus »Staatensystem«, sogar die Rede von einer »Außenpolitik« könnte man also für die Vormoderne durchaus problematisieren. Nicht nur das Alter eines sinnvollerweise so zu etikettierenden »Systems« von »Staaten«, auch das Alter von »Außenpolitik« überhaupt ist nicht konsensfähig geklärt.105 Verrät es übrigens eine »etatistische Sicht der Vergangenheit«, wenn man den »Begriff der Außenpolitik ... an das Vorhandensein selbständiger Staaten gebunden« sieht?106 Aus der Sicht des Frühneuzeitlers sicher nicht, denn in seiner Epoche waren außenpolitische Letztentscheidungen bei den auf ihre »Souveränität« (oder doch wenigstens ihre »Landeshoheit«) pochenden Regierungsspitzen monopolisiert, nur daß man sich oft streiten mag, in welcher seiner Rollen (als Landesherr, Dynast, Mitglied des europäischen Hochadelsverbands, prominenter Kleriker) der Fürst denn wohl eigentlich gerade agierte. Die Herr104 Die zahlreichen Eheprojekte Karls sollen die »allgemeinen Angelegenheiten der Christenheit« (Kohnle, Vermächtnis, S. 34; ähnlich immer wieder) voranbringen; Philipp muß »unter Berücksichtigung des Dienstes an Gott, des allgemeinen Wohls der Christenheit und unserer Reiche, Länder und Untertanen« regieren (ebda., S. 37). 105 Vgl. hierzu zuletzt Christine Ottner, Einleitung, in: Sonja Dünnebeil/dies. (Hgg.), Außenpolitisches Handeln im ausgehenden Mittelalter: Akteure und Ziele, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 9–11, mit Hinweisen auf Wortmeldungen von Peter Moraw, Martin Kintzinger, Paul-Joachim Heinig, Sabine Wefers, Dieter Berg und anderen. 106 So Ottner, ebda., S. 10f.

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schaft des absolutistischen Fürsten war nirgends so absolut wie in Fragen von »Krieg und Frieden«. Beim stehenden Fürstenheer des Absolutismus, da klappte es tatsächlich mit der theoretisch postulierten unumschränkten Verfügungsgewalt des Herrschers legibus solutus, hier konnte er regieren und befehligen nach Herzenslust, erreichte er mit seinen Ordres, wen er erreichen wollte. Hier war er wirklich Alleinherrscher. Wenn er ›seine‹ Truppe exerzierte und herumkommandierte, bekam die absolutistische Ideologie endlich Realitätsgehalt. In der Frühneuzeit war Außenpolitik insofern »staatliche«, eigentlich natürlich fürstliche Außenpolitik. Doch mag der mediävistische Befund ein anderer, ›modernerer‹ sein, näher an internationaler Politik des 21. Jahrhunderts mit ihrer Vielzahl nichtstaatlicher Akteure, so daß sich die Zeit beginnender staatlicher Formierung und beginnenden Staatszerfalls(?) die Hand reichen, während die Frühe Neuzeit (neben einem langen, nun freilich nationalstaatlichen 19. Jahrhundert) hier einmal das exotischere Sortiment hat, zum ganz Anderen wird. Für die Zwecke dieser Studie müssen wir solche Überlegungen aber nicht vertiefen, außerdem: was wäre denn die terminologische Alternative zu »staatlicher Außenpolitik«? Sollen wir von der Verteidigung der Reviere der oben angeführten Personen (Dynasten, Hofangehörigen usw.) sprechen? Jedenfalls im Deutschen fehlt überhaupt ein taugliches Ersatzwort für vormoderne Formen der Vergesellschaftung und Herrschaftsorganisation. Ich lasse es also im Folgenden bei »Staaten« bewenden, und ebenso bei staatlicher »Außenpolitik«. Fand nun der entscheidende interstatale Modernisierungsschub im 16. Jahrhundert statt? Manches scheint dafür zu sprechen: Das an der Schwelle zur Neuzeit allenthalben schon postulierte Gewaltmonopol der öffentlichen Hand wurde sukzessive Realität, das Zeitalter der Fehden wurde vom Zeitalter der Kriege abgelöst. Erst jetzt lassen sich zwischenstaatliche Beziehungen kategorial von staatsrechtlichen Binnenverhältnissen unterscheiden, löst sich Völkerrecht von Staats- und Verwaltungsrecht. Wir Neuzeitler haben uns ja angewöhnt, unsere Ignoranz mittelalterlicher Geschichte gegenüber durch ein doppelt gutes Gewissen zu kompensieren, eine gleich zweifach untermauerte Überzeugung, dort für unseren Zeitraum nichts lernen zu können: Damals habe nicht nur am Gelehrtenpult, sondern in der politischen Realität eine hierarchisch organisierte, Papst und Kaiser unterstehende Christianitas existiert, reden wir uns zum einen ein, alle Binnenkonflikte dieser Christianitas dürften wir als abendländische Innenpolitik erachten; sodann sei »der Staat« noch gar nicht alleiniger Träger sich öffentlich auswirkender Gewalt gewesen. Ist die hierarchisch Papst und Kaiser unterstellte Christianitas nicht ein Popanz? Gewiß gab es einen sich bis hin zu Bonifaz VIII. steigernden Anspruch der Kurie, nicht nur oberste spirituelle Instanz Europas zu sein, auch seine oberste judikative – aber doch nie unwidersprochen, und dann brach ja mit Schisma und avignonesischem Exil jede Machtbasis für solch überspannte, auch für die

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meisten Zeitgenossen überdehnte Ansprüche weg. Stand Europa je tatsächlich, im alltäglichen Politikvollzug, unter päpstlicher Hegemonie? Unter kaiserlicher wohl ohnehin nicht. Der Römische Kaiser besaß gewiß Prestige, mittelalterlich gesagt: »auctoritas«. Er genoß zeremonielle Ehrenrechte, wie sie dann ja auch dem neuzeitlichen Kaisertum niemand ernsthaft streitig machen wird. Aber besaß er überlegene »potestas«? Haben Römische Kaiser je das mittelalterliche Europa regiert? Ob sich Europas »Staaten« tatsächlich nach oben oder außen hin von universalen Zumutungen emanzipieren mußten? Aber natürlich mußte sich die Staatsgewalt nach unten oder innen durchsetzen, gegenüber einer Vielzahl konkurrierender Herrschaftsträger. Ein »Staatensystem« vor der Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols auszurufen, ginge schon deshalb in die Irre, weil wir gar nicht genau angeben könnten, wieviele hundert oder tausend Elemente es denn gehabt haben könnte. Die Bestimmung dieser Elemente erleichtert mit der »Souveränität« eine Kategorie, die, ihrerseits auf das Voranschreiten frühmoderner Staatlichkeit antwortend, um 1600 für den politologischen Diskurs Europas zentral wird, beispielsweise Bodins und Althusius’ wegen. Die Zuflucht der damaligen Eliten zur Konstruktion und Panegyrik einer unteilbaren, unabgeleiteten und nicht rückholbaren, punktuell verorteten staatlichen Höchstgewalt war gewiß vor allem durch innere Schwächen der damaligen, konfessionell zerrissenen Staatswesen motiviert, aber weil es (nach damaliger Begriffsfüllung) über dem Souverän per definitionem keinen ›Obersouverän‹ gab, fügte sich diese Herrschaftskonzeption vorzüglich zur Existenz eines horizontalen Mächteeuropa. Man begann im späten 16. Jahrhundert intensiv über »Staatsräson« und »Gleichgewicht« nachzudenken. Der Vernetzung, der Verstetigung des Kontaktes zwischen den Elementen des Staatensystems dienten ein sich professionalisierendes Gesandtschaftswesen und ein durchorganisiertes kontinuierliches Botenwesen. Gerade die Langwierigkeit des Prozesses der Etablierung von ständigen Gesandtschaften läßt sich als Indiz dafür lesen, wie langsam wir uns die Ausformung eines »Staatensystems« vorstellen müssen. Auch eine Literatur zum Gesandtschaftswesen entwickelte sich erst (und zögerlich) um und nach 1600. Zu dieser Zeit gab es längst eine europäische Community von Berufsdiplomaten, doch wurden weiterhin auch Dilettanten mit wichtigen diplomatischen Missionen betraut. Es dauerte generationenlang, ehe aus dem lästigen Bittsteller und potentiellen Spion im Gastland sukzessive der willkommene Repräsentant eines anderen Völkerrechtssubjekts wurde und zuhause der gern gehörte Experte für außenpolitische Fragen. Am Stuttgarter Hof galten Auslandserfahrungen bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein bei den meisten Hofräten als verdächtig, man konnte stolz betonen, der damaligen Diplomatensprache, der Französischen, nicht mächtig zu sein, das war ein Ausweis patriotischer Gesinnung.

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Ein anderer langwieriger Prozeß, nämlich die territoriale Arrondierung, war am Ende des 16. Jahrhunderts so weit vorangeschritten, daß wir den verschiedenen europäischen Ländern nun im Prinzip, von einigen hartnäckigen Problemzonen abgesehen, doch linear darstellbare Außengrenzen zubilligen dürfen.107 Man kann auch das imposante Scheitern Karls V. mit seiner nicht mehr zeitgemäßen Herrschaftskonzeption aufschlußreich108 finden. Die »composite monarchy« Karls wurde ja unter seine Nachfolger aufgeteilt, ihrer Riesenhaftigkeit, Überspanntheit beraubt, wobei die künftigen Kaiser viel weniger als die Hälfte als territoriale Ausstattung abbekamen. Das ist nur einer der Gründe dafür, daß sie sich nicht mehr zuvörderst als Advokaten der Kurie und weltliches Oberhaupt der Christianitas definieren werden. Die »monarchia universalis« wird fortan ein Schimpfwort sein in Europa, untrennbar mit dem gescheiterten Experiment Karls verknüpft. Und die beiden Erzfeinde dieses »Advocatus ecclesiae«? Mit dem islamischen Osmanischen Reich wird man weiterhin kämpfen, die eine abendländische Kirche zerfällt ausgerechnet in Karls Regierungszeit, und zwar irreversibel. Außerdem behauptet sich am Ende die »teutsche libertät« gegen alle Versuche, das Reich zum Mosaiksteinchen eines habsburgischen Riesenreichs zu machen: Niederlagen überall, immerhin nach herkulischen Kämpfen – ein imposantes Scheitern, aber Scheitern eben doch! Formte sich das europäische Staatensystem demnach im 16. Jahrhundert aus? Oder begann doch alles schon mit dem Kampf um die Apenninhalbinsel109 seit 1494? Dietrich Kurze hat einmal »extreme Häufigkeit, Kleinräumigkeit und 107 Der Weg vom Grenzsaum zur Grenzlinie ist freilich verschlungen. Problemaufriß: Gotthard, Vormoderne Lebensräume, S. 42–46. Weitere Überlegungen (wichtiger später Schub durch die Notwendigkeit der Zuordnung zum Ius reformandi eines Landesherrn?): Axel Gotthard, Der Augsburger Religionsfrieden und Franken, in: Konrad Ackermann/Hermann Rumschöttel (Hgg.), Bayerische Geschichte – Landesgeschichte in Bayern. Festgabe für Alois Schmid zum 60. Geburtstag, München 2005, S. 555–572. Vgl. zuletzt noch Axel Gotthard, In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne, Frankfurt/New York 2007, S. 55–59. 108 Nur für was? Ganz anders als ich akzentuierte James Henderson Burns, Lordship, Kingship and Empire. The Idea of Monarchy 1400–1525, Oxford 1992, den weniger das letztendliche Scheitern von Karls Ansprüchen interessierte denn daß hier nach Generationen, in denen die internationale Entwicklung schon in eine ganz andere Richtung gelaufen war, doch wieder ernsthaft universalistische Ideen hochgehalten worden seien; ebda., S. 100 ist die Rede von einem »revival of universalist ideology«. Natürlich war die Position Karls auch in der politischen Praxis ungleich stärker als die seiner alles in allem nicht besonders beeindruckenden Vorgänger auf dem Kaiserthron: Karl, ein Präzedenzfall für die neuzeitliche Relevanz alter universalistischer Ideen oder für deren Scheitern an den neuzeitlichen Umweltbedingungen? 109 Gewiß läßt sich die Italienzentriertheit der französischen Könige (Rom, Kaiserträume spielen eine Rolle, man will neue abendländische Kreuzzüge, nun gegen die Osmanen, anführen), dann auch Karls V. andererseits als altertümlich werten! – Für die Vormoderne

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Kurzfristigkeit« als »die allgemeinen Charakteristika« bezeichnet, »die die mittelalterliche Kriegsgeschichte« kennzeichneten110; der Kriegszug Karls VIII. auf die Apenninhalbinsel wurde mit großem militärischem Aufwand und planerischem Vorlauf betrieben. Gewisse Grundkonstellationen der europäischen Mächtepolitik der Neuzeit zeichnen sich schon um 1500 ab, werden bei den Auseinandersetzungen auf der Apenninhalbinsel erstmals sichtbar oder doch erahnbar: eine Gruppe von – ungefähr einer Handvoll – Großmächten, die Europa noch lang ihren Stempel aufdrücken werden, ihren Einfluß und manchmal auch ihr Territorium auf Kosten der Kleineren (wie jetzt in Italien) zu vergrößern suchen; man beginnt, sich Gedanken über den Gleichgewichtszustand zu machen; man beginnt, jenes Gleichgewicht über vielgliedrige Allianzen auszutarieren, was nun wiederum zur Folge hat, daß sich bilaterale Kohäsionen und Abstoßungen multiplizieren, daß bald »(fast) alles mit allem« zusammenhängt. Das erbitterte Ringen um die Apenninhalbinsel intensiviert die kriegerischen und diplomatischen Kontakte zwischen den Staaten West-, Mittel- und Südeuropas ungemein. Daß sich im Zuge der Auseinandersetzung um Italien (sowie um die burgundische Erbmasse) ein langwieriger Antagonismus zwischen Habsburg und der französischen Krone ausformt, begünstigt die Ausweitung regionaler Konflikte, so diese im Randbereich der Einflußzone dieser oder jener Dynastie spielen, zumal sich mit der drohenden habsburgischen »monarchia universalis« dann auch ein länderübergreifendes Feindbild herausschälen wird. Europa rückt, jedenfalls gewissermaßen negativ, im Konflikthaften, enger zusammen. Die Konfliktlinien verlängern sich, erreichen manchmal fast schon kontinentale Ausmaße. Daß wir uns nicht zuletzt deshalb ungefähr seit 1500 in der Neuzeit bewegten, weil sich damals das neuzeitliche Staatensystem ausgeformt habe, haben Generationen von Staatsexamensstudenten auswendiggelernt, »this is the classic doctrine«111, die durch eine noch so lange Zitatensammlung gar nicht vollständig belegt werden könnte.112 Erteilen wir deshalb exemplarisch der fulminanten von »Italien« zu sprechen, ist insofern problematisch, als die Apenninhalbinsel damals keine gemeinsame politische Organisation besaß, noch nicht einmal eine so lockere wie Mitteleuropa. Nachdem ich daran erinnert habe, will ich im Folgenden dennoch von »Italien« sprechen, »die Apenninhalbinsel« ist ein geographischer Terminus, zudem ein langer, und er läßt sich nicht adjektivieren. 110 Kurze, Krieg und Frieden, S. 3f. Auch in der Studie von Krause, Beilegung von Konflikten, zur westfränkischen »anarchie féodale« präsentieren sich Konflikt und Befriedung so kompliziert und gleichsam kleinteilig, wie sich das der Neuzeitler für diese Epoche immer vorgestellt hat. 111 Martin Wight, Systems of States, London 1977, S. 111. Wight stellt dann »an alternative conventional starting-point to 1494: The Peace of Westphalia in 1648« vor, hält aber selbst »1494« für eine stärkere Zäsur. 112 Wenigstens einige pointierte Bekenntnisse zu dieser klassischen Zäsur will ich nennen: Ludwig Dehio, Gleichgewicht oder Hegemonie, Krefeld 1948, S. 24; Hans Baron, Fif-

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Spätmittelaltergeschichte Bernhard Schmeidlers das Wort! Mit dem Zug Karls VIII. von Frankreich nach Italien im Jahr 1494 »wurde der Kampf der Großmächte um die Vorherrschaft in Europa ... eröffnet, der die folgende Epoche der europäischen Geschichte beherrscht«, also das, was wir heute Frühe Neuzeit nennen, »an die Stelle der international-ständischen Zersetzung der nationalen Staaten und ihres Nebeneinanderlebens mit weniger intensiven Berührungen miteinander tritt die Epoche des steten Kampfes innerhalb des voll ausgebildeten bzw. sich ständig erweiternden europäischen Staatensystems«.113 Daß wir uns nicht zuletzt deshalb ungefähr seit 1500 in der Neuzeit bewegten, weil just seit dieser Jahrhundertschwelle ein europäisches Staatensystem existiere, haben indes Mediävisten schon seit den 1930er Jahren in Frage gestellt114, und recht erfolgreich. Bei Wilhelm Grewe konnte man 1983 nachlesen, die Auffassung, »das moderne [!] europäische Staatensystem sei bereits im späten Mittelalter entstanden«, habe sich als offensichtlich herrschende »Lehrmeinung« durchgesetzt.115 Wilhelm Janssen hatte die zu seinem Bedauern »noch längst nicht ausgestorbene Ansicht«, die neuzeitliche Staatenordnung sei erst nach dem

teenth-Century Civilisation and the Renaissance, in: G[eorge] R[ichard] Potter (Hg.), The New Cambridge Modern History, Bd. 1, Cambridge 1957, S. 50 (mit England als »the moderator of the balance« und »the modern pattern of an equilibrium of states« im frühen 16. Jahrhundert!); Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte, Bd. 2, Zürich 1958, S. 272; Wolfgang Windelband, Die auswärtige Politik der Großmächte in der Neuzeit, 5. Aufl. Darmstadt 1964, S. 17. 113 Bernhard Schmeidler, Das spätere Mittelalter von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Reformation, Ndr. der Ausgabe von 1937, Darmstadt 1980, S. 10. – Um wenigstens eine neuere Stimme anzufügen: »Der mittelalterliche Gradualismus, der auch im politischen Leben jeder Herrschaft, jedem Land den ihnen zustehenden Platz in einer abgestuften, im Kaiser als weltlichem Haupt der Christenheit gipfelnden Hierarchie zuwies und darin ein sakrosanktes, letztlich heilsgeschichtlich begründetes System sah, war abgelöst worden durch ein neuzeitliches Mächteeuropa partikularer Staaten. In dieser neuen Welt bestimmte sich die Position von Staaten und Monarchen nach ihrer politischen und militärischen, indirekt auch nach der wirtschaftlichen Macht, nicht mehr nach einer vorgegebenen Rangskala«: Schilling, Formung, S. 27; »endgültig« hat sich diese neue Ordnung für Schilling allerdings erst »1556/59« durchgesetzt. 114 Einst vielzitiert war insbesondere dieser Aufsatz: Walter Kienast, Die Anfänge des europäischen Staatensystems im späteren Mittelalter, in: Historische Zeitschrift 153 (1936), S. 229–271. Übrigens räumt Kienast am Ende doch ein, daß die Schwelle zur Neuzeit Innovationen gebracht habe, die wichtigste sei das mit der Liga von Venedig politikrelevant werdende, spezifisch neuzeitliche Gleichgewichtsdenken: Gerade das würden heute viele Neuzeithistoriker anders sehen! 115 Wilhelm G. Grewe, Was ist »klassisches«, was ist »modernes« Völkerrecht?, in: Alexander Böhm/Klaus Lüderssen/Karl-Heinz Ziegler (Hgg.), Idee und Realität des Rechts in der Entwicklung internationaler Beziehungen. Festgabe für Wolfgang Preiser, Baden-Baden 1983, S. 125.

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Herbst des Mittelalters entstanden, bereits 1964 als »antiquiert«116 abqualifiziert (erst recht galt das in seinen Augen für die schon ihm wohlbekannten Spätdatierungen, die alles auf den Westfälischen Frieden schieben). Geht also der fachliche Trend hin zur Frühdatierung?117 Man könnte ja eine gewisse wissenschaftliche Logik darin erblicken: Schürfarbeiten fördern immer mehr Wurzeln zutage, die man vordem noch nicht gekannt oder so deutlich wahrgenommen hatte, das synthetisierende Urteil »Anfänge eines Staatensystems« bzw., man darf das synonym setzen, »Anfänge des neuzeitlichen Staatensystems« wandert deshalb sukzessive immer weiter ins Mittelalter zurück. Spätdatierung wissenschaftlich erledigt, Trend zur Rückdatierung schon ins Hohe Mittelalter? In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts hat Johannes Burkhardt in zahlreichen Veröffentlichungen die Ansicht vertreten, der entscheidende Schub hin zu einem horizontalen Mächteeuropa habe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewirkt. Von den auf den letzten Seiten genannten Kriterien, die über die Sinnhaftigkeit der Rede von einem »System« der Staaten entscheiden könnten, kommt bei ihm lediglich eines vor, ihn interessiert das Gegensatzpaar Staatenhierarchie versus horizontales Nebeneinander. Im Zuge seiner Bemühungen, für den Dreißigjährigen Krieg das Etikett »Staatsbildungskrieg« zu etablieren, strich er heraus, daß Habsburg, Schweden, Frankreich damals für universale Ansprüche gekämpft hätten, für ihr vermeintlich unverbrüchliches Recht, an der Spitze einer europäischen Staatenpyramide zu stehen. Erst das Scheitern all dieser imperialen Ambitionen habe dann die Ausformung einer horizontalen Staatenordnung ermöglicht, die überhaupt keinen juristisch begründeten, insofern dauerhaften Führungsanspruch mehr kenne: also nicht das Scheitern Bonifaz’ VIII., der späten Staufer oder Kaiser Karls V., das Scheitern des zweiten und dritten Ferdinand, Gustav Adolfs! »Der Westfälische Friede 116 Wilhelm Janssen, Die Anfänge des modernen Völkerrechts und der neuzeitlichen Diplomatie, in: Deutsche Vierteljahrschrift für Literatur und Geistesgeschichte 38 (1964), S. 39. Für Janssens Urteil wichtig war eine eigentümliche Untersuchung von Friedrich August von der Heydte: Die Geburtsstunde des souveränen Staates. Ein Beitrag zur Geschichte des Völkerrechts, der allgemeinen Staatslehre und des politischen Denkens, Regensburg 1952 – eine Monographie, die wir heute vielleicht eher als Zeugnis der Traumata und Sehnsüchte einer vom Zweiten Weltkrieg mitgenommenen Generation denn als Spätmittelalterstudie lesen mögen. Ebda., S. 60ff. werden spätmittelalterliche Termini wie »rex qui superiorem non recognoscit«, »le roi ne tient de nului«, »rex est imperator in regno suo« usw. mit zahlreichen Belegen aneinandergereiht. 117 Harald Kleinschmidt, Geschichte der internationalen Beziehungen. Ein systemgeschichtlicher Abriß, Stuttgart 1998, S. 62 sieht im 14. und 15. Jahrhundert den »Grundsatz der prinzipiellen Egalität aller Akteure« walten, urteilt für diesen Zeitraum ferner, unter offenkundiger Anlehnung an die Systemtheorie: »Man hatte ... begonnen, die Beziehungen als selbstreferentiell wahrzunehmen und das Handeln der Akteure einem Systemzwang zu unterwerfen«.

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hatte der hierarchisch-universalistischen Ordnung ... erstmals für ganz Europa die Spitze abgebrochen und so die Pyramide entgipfelt«, »das ist noch nicht das Modell eines entwickelten Staatensystems, aber diese Entgipfelung der Pyramide im Jahre 1648 bezeichnet den Punkt, an dem seine Entwicklung ansetzte«118. Beiläufig sprach zuletzt Winfried Schulze für die Jahrzehnte um 1600 von »einer noch nicht als System zu interpretierenden Staatengemeinschaft«119, und ein anderer Kenner, Ronald Asch, resümierte jüngst, man habe »im Westfälischen Frieden von jeher die Geburtsstunde des modernen120 Europäischen Staatensystems gesehen«.121 Wie alt ist das »Staatensystem«? Torkelt es, darin dem ominösen Regulativ »Gleichgewicht« ähnlich, in einer Endlosschleife zwischen immer neuen Früh- und Spätdatierungen? Der Westfälische Frieden, die Geburtsstunde eines vom Gleichgewicht regulierten Staatensystems: Historiker, die vor allem in der Moderne122 zuhause 118 Kursivsetzung von mir – heißt doch wohl: überhaupt erst jetzt begann! Burkhardt, Die entgipfelte Pyramide, S. 59. Vgl. zuletzt, nuanciert, abwägender: Johannes Burkhardt, Vollendung und Neuorientierung des frühmodernen Reiches 1648–1763, Stuttgart 2006, S. 26–28. 119 Schulze, Resümee, S. 344. 120 Was ist in der Geschichte der internationalen Beziehungen »klassisch«, »neuzeitlich« oder aber »modern«? Ich gehe auf diese terminologische Crux gleich noch am Beispiel des Völkerrechts ein. Die »Moderne« würde ich persönlich grundsätzlich dem 19. und 20. Jahrhundert vorbehalten; was die Sache speziell im Bereich der internationalen Beziehungen so kompliziert macht, ist das Faktum, daß mitten in einer so verstandenen »Moderne« mit der Gründung des Völkerbunds eine kräftige Zäsur liegt – die Staatenordnung des 19. Jahrhunderts ähnelt der des 18. in manchen Hinsichten mehr als der nach 1918 bzw. seit 1920. Beginnt demnach 1920 die völkerrechtliche und diplomatiegeschichtliche Postmoderne? Das terminologische Problem ist vertrackt. 121 Asch, Einleitung, S. 14. Vgl. jetzt auch Kugeler/Sepp/Wolf, Einleitung, S. 16 (»... wird das europäische System souveräner und egalitärer Staaten, welche durch ein ständiges Gesandtschaftswesen und gemeinsames Völkerrecht verbunden waren, gewöhnlich am Jahr 1648 festgemacht«). 122 Wie ich sie verstehe: vgl. Anm. 120. Ich biete gleich einige Zitate, vgl. nur noch Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003, S. 35: Lob auf die »klug ausgedachte ›Westfälische Ordnung‹ von 1648« folgt die Feststellung, genau seitdem gebe es »das sich selbst Regeln setzende ›System‹ unabhängig bleibender Staaten«. – Es ist ein geradezu gespenstisches ›Leseerlebnis‹, wenn einem jetzt in einer niederländischen Arbeit auf rund hundert Seiten – es ist der Inhalt der ersten Hälfte der Monographie! – umständlich (auf der Basis der in Sachen Westfälischer Frieden nicht eben zentralen, doch für elementare Entmystifizierungen hinlänglichen angelsächsischen Literatur) ›nachgewiesen‹ wird, daß der Friedensvertrag all die ihm zugeschriebenen wundersamen Initiationen gar nicht ausgelöst habe! Er stehe gar nicht für »the consecration of state sovereignty and the beginning of a new era of international relations«, stellt der Autor verblüfft fest, und es stimme ja gar nicht, daß er »constitutes a paradigm shift whereby the political entities involved gained exclusive power over their territories«, das mit der »sovereignty« und dem »paradigm shift in the development of the present

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sind, sowie Politologen, Sozialwissenschaftler123, auch Völkerrechtler wird man mit dieser Ansicht nicht überrumpeln, denn sie brachten so schon immer gern Ordnung in ihre Vergangenheit124, sind ohnehin traditionell der Ansicht, »1648« sei die universal verwendbare Chiffre für den Beginn von »Neuzeit« oder »Moderne« schlechthin, und für den Beginn des »modernen Staatensystems« sowieso. Da bricht sich denn in solchen gegenwartskundlichen Darstellungen just im Jahr 1648 »das moderne Staatensystem Bahn«, aber der »Friedensschluß der Superlative« ist nicht nur die »eigentliche ›Geburtsstunde‹ unseres internationalen Systems«, sondern überhaupt jeglicher zivilisierter Geschichte, »seither [!] war Europa vielgestaltig und uneinheitlich«. Die jeweilige staatliche »Zentralregierung« habe »nunmehr«, also just seit 1648, »überall auch einen festen Sitz, ihre Hauptstadt«!125 Der Westfälische Frieden ist »der Ausgangspunkt, um über zwischen-staatliche und innerstaatliche Verhältnisse, Beziehungen oder Vormachtstellungen überhaupt reden zu können«.126 Müssen das sonderbare Zustände barbarischer oder exotischer Primitivität gewesen sein vor 1648! Jedenfalls kann man von so befremdlichen Zeiten als zivilisierter Gegenwartsexperte nun wirklich nichts lernen. Seit einigen Jahren äußern solche Gegenwartskundler gern die Ansicht, genau 1648 sei jene Staatenwelt kreiert worden, die 1989 zugrundegegangen sei oder in unseren Tagen127 zuendegehe, wir bewegten uns neuerdings »beyond Westphalia«128. Führende Politiker können solche Klischees

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state system« sei – sichtlich rechnet der Autor, ganz mutiger Dekonstrukteur, bei seinen Lesern mit Überraschung – »a myth«! Vgl. Stéphane Beaulac, The Power of Language in the Making of International Law. The Word Sovereignty in Bodin and Vattel and the Myth of Westphalia, Leiden 2004, die Zitate: S. 4, S. 90 und S. 97. Vgl. zuletzt Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006 (in den tagesaktuellen Passagen eine durchaus anregende Lektüre). Siehe übrigens schon oben S. 122 Anm. 61. So, wie uns Frühneuzeitlern die Annahme einer hierarchisch Papst und Kaiser unterstellten mittelalterlichen Christianitas näheres Hinschauen ersparen zu können scheint? Die Zitate: Wolfrum, Krieg und Frieden, S. 3; ebda., S. 33; Krippendorff, Staat und Krieg, S. 272; ebda.; Wolfrum, Krieg und Frieden, S. 38. In dem für die Neueste Geschichte nützlichen Studienbüchlein von Wolfrum ist der Westfälische Frieden durchgehend die Wasserscheide schlechterdings, in jedem denkbaren Kontext. Dieter Kinkelbur, Den Krieg kaputtdenken – Zur Not-wendigkeit [sic] der Ergänzung politikwissenschaftlicher Fragestellungen durch polito-logische [sic] Vorgehensweisen, in: Ethik und Sozialwissenschaften 8 (1997), S. 280. Um es stichwortartig in Erinnerung zu rufen: wegen des Transfers von seitdem »nationalen« Souveränitätsrechten an supranationale Einrichtungen und wegen der Machtlosigkeit »des Staates« gegenüber international operierenden Wirtschaftsbetrieben. Einer der ersten einschlägigen Sammelbände war dieser: Gene M. Lyons/Michael Mastanduno (Hgg.), Beyond Westphalia?, Baltimore 1995; vgl. aus den letzten Jahren beispielsweise James Caporaso, Changes in the Westphalian Order: Territory, Public Authority, and Sovereignty, in: Review of International Studies 2 (2000), S. 1–28.

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ihrer Redenschreiber öffentlichkeitswirksam weiterverbreiten, so schwadronierte, beispielsweise129, Joseph »Joschka« Fischer gern darüber, daß »1989 das durch den Westfälischen Frieden etablierte Staatensystem zusammengebrochen sei«.130 Derart zu Protokoll gegeben und durch Mikrophone verstärkt, darf sich das denkfaule Klischee zur Abkürzung von Vergangenheit einer guten Haltbarkeitsprognose erfreuen. Gar nicht erfreut sein darf der Frühneuzeithistoriker. Natürlich weiß er, daß es nach 1648 eine ähnliche Palette europäischer Staatsformen gab wie vorher, daß die drohende Hegemonie einer Macht weiterhin und nun erst recht das Großthema blieb, und der notorische Großkonflikt der zwischen Habsburg und Bourbon. Die »Souveränität« brachte ein halbes Jahrhundert vorher Bodin, langwierige praktische und gedankliche Vorläufe zuendeführend, auf den Begriff. Die Grundstrukturen der europäischen Mächteordnung von 1648 waren ausgesprochen kurzlebig, zum Beispiel, weil Frankreich unter Ludwig aus der ihm zugeschriebenen Rolle fallen und weil Schweden seinen Großmachtstatus nicht halten wird. Die wenigen Kenner der Völkerrechtsgeschichte betonen sogar für ihr Terrain, daß die Bedeutung der westfälischen Friedensschlüsse sehr begrenzt gewesen sei.131 Außerhalb der Frühneuzeitforschung interessiert das niemanden. Liegt es auch an uns Frühneuzeitlern? Ein wuchtiges Gegenmodell jedenfalls haben wir nicht aufzubieten. Wir können über den Forschungsmythos den Kopf schütteln (oder über den geringen Erfolg unserer Aufklärungsbemühungen verzweifeln oder zum Schluß kommen, es müsse eben wieder mehr über vormoderne Außenpolitik gearbeitet werden), aber griffiges Lehrbuchwissen über die Formierung des europäischen Staatensystems vermögen wir nicht zu offerieren.

129 Ich zitiere nur noch diesen Zufallsfund: Josef Zieleniec, Europaparlamentarier und von 1993 bis 1997 tschechischer Außenminister, warf dem russischen Präsidenten Putin am 16. Mai 2007 in einem Gastkommentar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (S. 12, Artikel »Putin stellt die Einigkeit der EU auf die Probe«) vor, »Europa das traditionelle post-westfälische Machtschema« aufzwingen, also gewissermaßen ins Jahr 1649 zurückversetzen zu wollen. Einmal auf das Klischee aufmerksam geworden, stößt man auf immer neue Belege seiner Virulenz. 130 Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 2004, S. 42 (Artikel »Idealpolitiker« von Patrick Bahners) ging »seine Analyse« bei einer Rede an der New Yorker New School for Social Research von dieser »Feststellung aus«! Vgl. auch, in derselben Zeitung am 17. November 2004, Seite »Geisteswissenschaften«, den Artikel »Die Nichtbürger«. Man konnte Ähnliches aus Fischers Munde in Fernsehübertragungen hören. 131 Vgl. zuletzt Heinhard Steiger, Der Westfälische Frieden – Grundgesetz für Europa?, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte, München 1998, vor allem S. 80; auch Randall Lesaffer, The Westphalia Peace Treaties and the Development of the Tradition of Great European Peace Settlements prior to 1648, in: Grotiana 18 (1997), vor allem S. 94f.

Die trügerischen Schlagworte »Gleichgewicht« und »Staatensystem«

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3.2.3 Wann war das Völkerrecht »klassisch«? Das Gleichgewicht als Regulativ des Staatensystems des klassischen Völkerrechts: vielleicht doch kein so harmloser Satz? Auch seine letzte Komponente beginnt beim näheren Hinsehen zu oszillieren. Den Neuzeithistoriker irritiert ja schon das Adjektiv, eine »Klassik« kennt er allenfalls aus der Germanistik oder dem Konzertsaal. Gravierender ist, daß die nicht allzu zahlreichen Autoren, die sich für die Vergangenheit des zwischenstaatlichen Soft Law überhaupt interessieren, die »klassische« Epoche ihres Forschungsgegenstandes ganz unterschiedlich datieren. Manchen reicht sie vom 16.132, anderen vom 17.133 oder erst vom 18.134 bis ins frühe 20. Jahrhundert – oder auch weniger weit in die Neueste Geschichte hinein.135 Ließe sich die terminologische Irritation nicht einfach dadurch beheben, daß man – mit dem einen und anderen völkerrechtsgeschichtlichen Text – anstatt von »klassischem« von »modernem« Ius inter gentes handelt? Hiergegen spricht 132 Hier ist die gewichtigste Stimme die Wilhelm G. Grewes. Ich halte seine Argumente – zu ihnen gehört die Behauptung, daß nun, also »seit Anfang des 16. Jahrhunderts«, »dritten Staaten Neutralität zugestanden wird« (Grewe, Was ist, S. 116)! – nicht für stichhaltig. Auch Carl Schmitt ließ seine um 1900 endende »interstatale Epoche« des Völkerrechts im 16. Jahrhundert beginnen, wiewohl seine kargen Begründungen hierfür (»Ent-Theologisierung des öffentlichen Lebens«, »Neutralisierung der Gegensätze des konfessionellen Bürgerkrieges«: Schmitt, Nomos, S. 112) eher ins 17. passen. 133 Eine Vielzahl französisch- und englischsprachiger Werke, die das klassische Völkerrecht in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beginnen lassen, nennt Lesaffer, War, S. 87 mit Anm. 2. Beispielsweise diesen deutschsprachigen Titel könnte man anfügen: Ulrike Pieper, Neutralität von Staaten, Frankfurt u. a. 1997, S. 134. 134 So jüngst ausführlich Emmanuelle Jouannet, Emer de Vattel et l’émergence doctrinale du droit international classique, Paris 1998; pointierte Zusammenfassung: ebda., S. 419. Die scharfsinnige Arbeit interessiert sich für die Grundlagen und Begründungen der Regeln Vattels, nicht diese selbst, übrigens scheint sie (freilich: kein Register!) die Neutralität mit keinem Wort zu erwähnen. 135 Mit Fritz Dickmann (vgl. beispielsweise ders., Krieg und Frieden, S. 119 und S. 139) hat einer der besten Kenner von geschichtswissenschaftlicher Seite die »klassische« Epoche des Völkerrechts im 16. und 17. Jahrhundert verortet. Darf man von juristischer Seite Heinhard Steiger nennen? In ders., Mars, S. 63 fragt er: »Seit wann gibt es Völkerrecht im heutigen Begriff ?«, das er an anderen Stellen des Aufsatzes auch »klassisch« nennt, um diese Antwort zu geben: es sei »in Europa vom 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ausgebaut« worden. Ganz anders gliedert freilich ders., Vom Völkerrecht der Christenheit zum Weltbürgerrecht. Überlegungen zur Epochenbildung in der Völkerrechtsgeschichte, in: Barbara Krauß (Red.), Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw, Berlin 2000, S. 171ff.: Wurzeln des »heute geltenden« (!) Völkerrechts »im 13. Jahrhundert«, Zäsuren dann um 1800 (bis dahin »Völkerrecht der Christenheit«) und am Ende des Ersten Weltkriegs (bis dahin »Völkerrecht der zivilisierten Staaten«, seitdem »Völkerrecht der Menschheit«).

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schon, daß dann die Postmoderne 1920 begänne. Das Jahr 1920 markiert zweifelsohne die letzte große Zäsur in der Völkerrechtsgeschichte. Mit wachsender (jedenfalls deklamatorischer) Konsequenz wird seitdem, beginnend mit Völkerbundssatzung und Briand-Kellogg-Pakt, dann in der Charta der Vereinten Nationen das einzelstaatliche Ius ad bellum jener ›Völkerrechtsgemeinschaft‹ übertragen, die neuerdings auch ein Interventionsrecht im Namen ›der Menschenrechte‹ auf Kosten der inneren Souveränität von Einzelstaaten reklamiert; Ansätze zu einer überstaatlichen Gerichtsbarkeit stellen die äußere Souveränität der Völkerrechtssubjekte in Frage oder legen doch neue, spezifisch moderne Definitionen von »Staatssouveränität« nahe. Was hier chriffrenhaft angedeutet wurde, empfinden wir als »modern«. Also sollten wir das Völkerrecht der Generationen oder Jahrhunderte vor 1920 lieber nicht das »moderne« nennen. Diese Studie beläßt es deshalb beim »klassischen« Völkerrecht. Ohnehin geht es nicht nur um Wortgeklingel. Das Neuzeithistorikern wenig geläufige Adjektiv »klassisch« durch irgendein anderes zu ersetzen, zauberte keinen Forschungskonsens über diese wichtige Frage herbei: Wann hub die letzte136, der unserigen vorgängige, 1920 zuendegehende Phase der Geschichte des Völkerrechts an? Das ist vorerst so unklar wie die ganze Periodisierung der Völkerrechtsgeschichte, die auch gar nicht konsensfähig von sich zu sagen weiß, seit wann es sie denn gibt. Setzt sinnvolle Rede davon nicht ein »Ius inter gentes« voraus? Oder genügen gemeinsame Schnittmengen zwischen verschiedenen Rechtsordnungen, genügen ein so verstandenes »Ius gentium« plus einige wenige Gemeinplätze von der Art »pacta sunt servanda«? Für diese Studie ist die Frage nach der »klassischen« Epoche des Völkerrechts viel wichtiger, und die einzige, zu der sie ihrerseits einige eigene Beobachtungen beizusteuern hat. Am Ende dieses Buches werden wir einige gute Gründe dafür kennen, die 1920 zuendegehende Epoche der Völkerrechtsgeschichte ungefähr in der Mitte des 18. Jahrhunderts anheben zu lassen. Aber ein Forschungskonsens hierzu ist, sei es nun wegen oder trotz der geringen Intensität der Bemühungen um die Völkerrechtsgeschichte, nicht in Sicht.

3.3 Zur Verlaufskurve zwischenstaatlicher Erwartungsverläßlichkeit Genauso unsicher ist momentan das, was ich einmal versuchsweise die Verlaufskurve der zwischenstaatlichen Erwartungsverläßlichkeit nennen möchte. Um die Dimension des Problems anzudeuten: Für manche Politikwissenschaftler 136 Oder vorletzte? Um beurteilen zu können, ob und gegebenenfalls warum 1989 oder 2001 eine neue Epoche des Völkerrechts begonnen haben könnte, fehlt uns natürlich noch der klärende zeitliche Abstand.

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(und Politiker) präsentiert sich ja noch die gegenwärtige internationale Szenerie als »Staatenanarchie«, deren geringe normative Dichte schroff von den hochkomplexen und intensiv verflochtenen innergesellschaftlichen Verhältnissen absteche, doch kennen wir eine Völker(rechts)gemeinschaft mit umfangreicher Satzung und unzählige Foren internationalen Austauschs. So, wie moderne Konfliktforscher das »Sicherheitsdilemma« dämpfen, also mehr Erwartungsverläßlichkeit schaffen wollen, nämlich über internationale »Institutionen«137 und »Regimebildungen«138, ging es in der Vormoderne natürlich nicht. Oder sind die großen Friedenskongresse der zweiten Hälfte der Frühneuzeit Vorstufen hierzu, und steigerte die Schreibtischarbeit von Völkerrechtlern die Erwartungsverläßlichkeit, indem sie auf dem Papier zwischenstaatliche Rechtssicherheit schuf ? Für manche Politikwissenschaftler (und Politiker) wird internationale Politik noch heute als Nullsummenspiel betrieben139, doch charakterisiert das moderne Wirtschaftsleben neben engster supranationaler Verflechtung der Glaube, daß Wettberb weniger »Sieger und Verlierer« denn eine Mehrung des allseitigen Nutzens produziere. Das Merkantilsystem sah im Gewinn des Nachbarn den eigenen Verlust, überhaupt war wohl fast allen vormodernen Menschen das Denken in Summenkonstanzen140, nicht Wachstumsglaube eigen. 137 Vgl. für viele Dieter und Eva Senghaas, Si vis pacem, para pacem. Überlegungen zu einem zeitgemäßen Friedenskonzept, in: Leviathan 20 (1992), S. 236: Erwartungsverläßlichkeit »kann sich erst einstellen, wenn Einzelstaaten miteinander institutionell eng verkoppelt sind, so daß es zu einer wechselseitigen Voraussagbarkeit ihrer Motive und Handlungen kommt. Sind die Netze der Kooperation zwischen souveränen Staaten so dicht, daß aus ihnen spürbare Zwänge zur Koordination des politischen Verhaltens erwachsen, verliert das Sicherheitsdilemma an politischer Bedeutung und Brisanz.« Das kommt wie vergleichbar planungseuphorische Plädoyers der 1970er bis 1990er Jahre noch ohne die »globale« Macht international vernetzter Konzerne aus. Übrigens finden Senghaas/Senghaas (ebda., S. 238): »Das Völkerrecht hat eine besondere Bedeutung in diesem Kontext. Es dient der Unterfütterung von Erwartungsverläßlichkeit«. Aber seit wann? – Ausführlich: Eva SenghaasKnobloch, Frieden durch Integration und Assoziation, Stuttgart 1969. 138 Vgl. beispielsweise Harald Müller, Die Chance der Kooperation, Wiesbaden 1992; Volker Rittberger/Michael Zürn, Forschungen für neue Friedensregeln, Stuttgart 1990. 139 »Das Wettbewerbsprinzip wirkt im internationalen Kontext nach wie vor eher so, daß Gewinne der einen Seite als Verlust der anderen begriffen werden«: Eva Senghaas-Knobloch, Subjektivität in der internationalen Politik. Über das Zusammenspiel persönlicher und institutioneller Faktoren der Konfliktverarbeitung, in: Reiner Steinweg/Christian Wellmann (Redd.), Die vergessene Dimension internationaler Konflikte: Subjektivität, Frankfurt 1990, S. 35. 140 Es ist bekanntlich einer der zahllosen Ansätze, über die man schon mit dem Ziel nachgedacht hat, die Hexenverfolgungen etwas besser verstehen zu können: Die viele Milch des einen muß den Nachbarn abgehen, des einen gute Ernte auf anderer Kosten erzielt worden sein – man unterstellt dem Erfolgreichen Unlauterkeit und zauberische Mittel, der seinen Neidern, sie suchten sich, eben ihres erkennbaren Neides wegen, mit solchen Mitteln an ihm schadlos zu halten. Die Problematik des Ansatzes liegt auf der Hand: Er fügt sich nicht

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Deshalb galt auch, worin »omnes Historici fermè consentiunt«, daß nämlich »robur ac potentia Regionis cujusdam, nihil aliud est quam informitas vicinae«.141 So oder ähnlich formulierte Einschätzungen fehlen in keiner mir bekannten politologischen oder militärkundlichen Abhandlung des 17. Jahrhunderts142, nicht selten wird die »infirmitas« des Nachbarn zum der eigenen »potentia« wegen wünschenswerten »interitum« gesteigert: »Weiß jedermann, daß die Hoheit eines Fürsten seiner Nachbarn verderben vnd Vntergang ist«143, oder, um noch eine nach 1648 verlegte Schrift zu zitieren: »arbitrantur Politici«, daß nichts ein Land mehr kräftigt, »quèm si gentes vicinae ipsius sibi creant interitum, fulcitur quippe Principis auctoritas, vigor Statûs augetur oppressâ vicinorum potentia«.144 Schon Jean Bodin hatte gewußt: »La grandeur d’un Prince, a bien parler, n’est autre chose que la ruïne, ou diminution de ses voisins: et sa force n’est rien que la foiblesse [sic] d’ autruy«.145 Wie konnten unter diesen Umständen im Theatrum Europaeum Vertrauen und Verläßlichkeit hergestellt werden? Wann gelang es wie gut? Verdichteten sich gewisse Verhaltenserwartungen linear zu verläßlichen Normen? Können wir einen kontinuierlichen Aufstieg vom ungeregelten Nebeneinanderher hin zu systematischer normengesteuerter Hegung von Krieg und Frieden beobachten? Oder haben die vielen Politiker und solche unter den Historikern Recht, die »capriciousness« für den dominanten Zug der internationalen Beziehungen aller Zeiten halten, »the absence of system within the system« für eine überepochale Konstante und »corrosive distrust« für irreparabel?146

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ohne weiteres zur Opferstruktur in den meisten Verfolgungsregionen. Besonders Erfolgreiche traf es nur selten vorrangig und fast nie zuerst. Johann Christoph Seld, Disputatio politica de neutralitate, Wittenberg 1638, fol. A4. Ich muß wieder einmal von Lesefrüchten profitieren, die meinen Bemühungen um die vormoderne »neutralitet« erwuchsen, und über sie wurde in Druckwerken vor dem 17. Jahrhundert selten ausführlich geschrieben. Man müßte der Sache einmal über die ganze Frühneuzeit hinweg nachgehen. Neumayr von Ramsla, Neutralitet, Kapitel IV; ebda., Kapitel II: »Die Hoheit eines Fürsten ist anders nichts, als der Vntergang vnd verderb seiner Benachbarten, seine Macht vnd Gewalt aber eines andern Schwäche«. Schemel, Dissertatio politica, S. 3. Schemel kalkuliert durchgehend mit Kräftepotentialen, nicht Normen, seine staatlichen Akteure sind Raubtiere: Wie die Stürme an einem hohen Berg rütteln, die Unwetter ihren Zorn auf ihm abladen, so suchen einen kräftigen Staat seine Nachbarn zu schädigen. Die »communicatio« zwischen benachbarten Staaten »non minus venenata est, quàm alicujus vipere« (S. 51f.). »Metus« füllt die Welt und ist überlebensnotwendig, »ruina« das Los aller Nachlässigen. Jean Bodin, Les Six Livres de la Republique, Bd. 5, Neuausgabe [der 10. Aufl. von 1593], o. O. 1986, S. 179. Die Zitate entstammen Black, Why wars happen, S. 27–29. Black garniert seine Überzeugung mit Erfahrungsberichten heutiger wie früherer Politiker. Ich füge noch aus dem Politischen Testament Friedrich Wilhelms I. von Brandenburg (Duchhardt, Testamente,

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Ist die Linie weder kontinuierlich aufsteigend noch immerdar am Boden, fand ein tiefer Fall von der in hierarchischer Stufung wohlgeordneten hochmittelalterlichen Christianitas in eine zwei oder drei Jahrhunderte ausfüllende interstatale Anarchie statt, ehe sich allmählich wieder Verhaltenserwartungen zu Rechtsverhältnissen zu verdichten begannen (und mit dem Gleichgewicht ein neuer Zentralwert bereitstand)? Falls ja: seit wann taten sie das, und wie ist die kriegstreibende Ruhmsucht vieler absolutistischer Herrscher gegen theoretische Fortschritte in der Völkerrechtslehre zu verrechnen? Suchte man nur gründlich genug, stieße man sicher in allen frühneuzeitlichen Epochen auf die Klage oder auch lakonische Feststellung, die Haltbarkeit von Vereinbarungen zwischen unterschiedlichen Gemeinwesen sei nicht über jeden Zweifel erhaben. Schon Karl V. lamentierte in einem seiner »Avisos« für den Sohn Philipp, daß die Franzosenkönige »keinen Vertrag eingehalten haben, besonders nicht mit mir und meinen Vorgängern«.147 Die Instruktion des pommerschen Herzogs Philipp I. für den Reichstag von 1555148 beklagt, »das die leute in den wahn gefueret, das alle friedshandlungen gegen den loblichen alten gebrauch der deutschen nation alleine nach gelegenheit aufgerichtet, gemeint und gehalten wurden«, »solcher gefaster wahn« habe »in den vorgangenen kriegsubungen«, also den Konfessionskriegen sei 1546, »die friedshandlunge nit weinig aufgehalten«. »Friedshandlungen« mit beschränkter Haftung: besonders oft und besonders schrill begegnen uns solche Ansichten in den Jahrzehnten um und nach 1600, wie wir ja schon wissen.149 Es war nun eines der gängigen, sozusagen beliebten Motive der Flugschriftenliteratur und nicht nur dort, man wußte, wo man in den Sachregistern nachzuschauen hatte: unter »f« für »fides haereticis servanda« oder unter »t« für »trew und glaub«. Es häuften sich die Stimmen, die Andersgläubige für grundsätzlich nicht vertrauenswürdig, geschäftsfähig, politikfähig hielten. Das war in dieser Radikalität – nicht selten bestritt man dem andersgläubigen Mitakteur ja vollgültiges Menschsein – wie in der quasireligiösen Begründung eine Aufgipfelung, nicht frühneuzeitlicher Normalfall. Es sei »hiebevor [!] bey den Catholischen eine regula gewesen [!], Haereticis sive Evangelicis, quos catholici haereticos vocant, non esse servandam fidem«: so erinnert sich eine antischwedische Flugschrift aus der Zeit des Ersten Nordischen Krieges.150 Freilich verhielten sich die Schwedischen nach Ansicht unseres Pamphletisten jetzt auch

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S. 165–186, hier S. 175) an: »Es weisset und gibet auch die stette Erfahrung, das wenig auf Alliancien zu bauen stehet, iedoch heldt ein Schwerdt zum ofteren das andere in die Scheiden«. Kohnle, Vermächtnis, S. 81. Abdr.: RTA, Bd. 20, Nr. 138, hier S. 585. Vgl. oben Kapitel A.1.2.3.3. Vgl. schon oben S. 73 mit Anm. 188.

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nicht besser: Sollen wir vor allem die Vergangenheitsform würdigen, sollen wir mehr herausstreichen, daß die Erinnerung aktualisiert wird? Jedenfalls blieb das Thema aktuell. Auf gleichsam säkularisierte, oft ins Völkerpsychologische gewendete Schrumpfformen der Denkfigur »die Mitakteure bindet weder Eid noch Unterschrift« stießen wir auch in der Begleitpublizistik zum Holländischen Krieg.151 Gingen absolutistische Herrscher nicht sogar besonders zynisch, skrupelloser als ihre frommen Aldvorderen, mit einmal getroffenen Abmachungen um? Der seiner Epoche nicht nur ihren Namen aufgeprägt hat, Ludwig XIV., hinterließ an allen möglichen Stellen seiner »Mémoires« die Einsicht, an zwischenstaatliche Abmachungen pflege sich keine Seite gebunden zu fühlen, deshalb könne man auch nicht gegen solche verstoßen. Es sei ein schöner Zug vom Nachfolger, können wir da beispielsweise nachlesen, wenn er »ses paroles« zu halten versuche, aber »il n’est pas de sa prudence de se fier absolument à celle d’autrui«.152 Johann Michael von Loën beobachtete das: »Treu und Glauben, Wort und Zusagen, haben fast weiter keine rechtliche Verpflichtung, als man für gut findet ihnen einzuräumen. Unsere heutige [!] Staatsklugheit erlaubet deswegen auch nicht, sich auf dergleichen Bündnisse mehr, als es der andern Vortheil mit sich bringt, zu verlassen.«153 »Omnium pactorum hodie [!] fere inane nomen«154? Die zuletzt zitierten Autoren des 18. Jahrhunderts waren offensichtlich nicht der Ansicht, in einer Epoche anwachsender zwischenstaatlicher Erwartungsverläßlichkeit zu leben. Es ist aber nicht nur die Annahme problematisch, man habe nach 1648 solche Erwartungsverläßlichkeit zurückgewonnen – steht denn fest, daß sie im ausgehenden Mittelalter oder am Beginn der Neuzeit verlorengegangen war? Wir sehen uns wieder einmal mit der von Frühneuzeitlern meistens einfach vorausgesetzten, aber auf ihrem Terrain nicht beweisbaren These von einer vordem, im Hohen Mittelalter, nicht nur theoretisch (das ist unstrittig), sondern im politischen Alltagsvollzug realiter existierenden europäischen Staatenhierarchie konfrontiert.155 Für die Frühneuzeitforschung ist diese Annahme 151 152 153 154

Vgl. oben Kapitel A.2.2.4.2. Longnon, Mémoires, S. 212. Loën, Gerechtigkeit des Krieges, S. 374. So Cornelius van Bynkershoek, Quaestionum juris publici libri duo, Ndr. der Ausgabe von 1737, London 1930, S. 73. Die Einschätzung wird in einem spezielleren Kontext geäußert: Der damals berühmte Völkerrechtler lobt zunächst den Brauch, in Fragen strittiger Vertragsauslegung, zumal wenn der »casus foederis« strittig sei, »arbitros« einzuschalten, um dann anzufügen: »Sed id nunc est juris Gentium abrogati, et inde omnium pactorum hodie fere inane nomen«. 155 Lesaffer, War, S. 110 glaubt an sie, und seine Analyse von Bündnis- und Friedensverträgen habe ergeben, daß sie just zwischen 1530 und 1540 zusammengebrochen sei: »The analysis of treaty practice clearly shows that by 1530–1540 no effective supranational authority existed any longer in Europe, while canon, feudal and even Roman law had lost most of their

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nützlich, sie bringt ihre ›Vorgeschichte‹ ›in Ordnung‹. Mancher mag dabei auch Luhmann-Lektüre im Hinterkopf haben: Niklas Luhmann hat ja immer wieder betont (mehr beschworen als beschrieben), daß sich vormoderne Gesellschaften von »stratifikatorischen« zu »funktional differenzierten« entwickelt haben. Ob sich daraus etwas für das Verblassen des hierarchischen europäischen Ordnungsmodells in der Außenpolitik lernen läßt? Oder überwiegen die Unterschiede (innergesellschaftlich immer engere Interdependenzgeflechte, immer stärker ausdifferenzierte Rollenerwartungen, zwischenstaatlich noch lang – oder nach Ansicht vieler Politikwissenschaftler: noch immer – eine »Staatenanarchie«) fruchtbar zu machende Gemeinsamkeiten? Falls dem Modell der hierarchisch geordneten Christianitas Realitätsgehalt eigen gewesen sein sollte: danach dann ein jahrhundertelanger Prozeß der Emanzipation der diversen Staatsgewalten von den Ansprüchen der alten Universalmächte, ein jahrhundertelanger Prozeß der Akkumulation von Macht und Rechten an den diversen Staatsspitzen, die als Quellgründe des Rechts, nicht seine Regelungsobjekte gelten und für nicht- oder überstaatliches Recht nicht greifbar sind? War es tendenziell kriegstreibend, daß sich just in diesem Zeitraum der Personenverbands- zum Flächenstaat wandelte, da ja bei den allfälligen territorialen Arrondierungen niemand verlieren, jeder profitieren wollte? Bekanntlich fällt auch die Auffächerung der Christianitas in Konfessionen in die möglicherweise besonders instabile, in die ja auch tatsächlich kriegserfüllte erste Hälfte der Frühen Neuzeit. Ist der Bedeutungsschwund der im Spätmittelalter florierenden zwischenstaatlichen Schiedsgerichtsbarkeit ein für unser Thema aufschlußreicher Indikator, und fand er nun schon im 16. Jahrhundert statt156, oder ist die »eigentliche Zeit des Niedergangs« die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts157? Wie anarchisch war das Theatrum Europaeum? »Das Gleichgewicht als Regulativ des Staatensystems des klassischen Völkerrechts«: meine Kommentierung dieses scheinbar harmlosen Satzes sollte illustrieren, wieviel im Rahmen der universal application in interstate relations.« Sticht die Begründung? Lesaffer beobachtet, daß nun in Friedensverträgen häufig zahlreiche Drittmächte genannt würden, zu denen die Vertragspartner freundschaftliche Beziehungen anstrebten: »The frequent references to amicitia can only be explained fom the need that was felt continuously to repeat the willingness to have peaceful relations based on the rule of law. This indicated that such relations were no longer felt to be naturally present.« Also eine anarchische Phase zwischen 1530 und 1648? Spricht es wiederum dagegen, wenn Kouri, Außenpolitik, S. 332 auffiel, daß in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts »immer öfter eine Art von völkerrechtlicher Argumentation benutzt wurde«, daß man also den Vorwurf erhob, dieses oder jenes Verhalten verstoße gegen das Jus inter gentes? 156 So, mit dem Gros der Forschung, zuletzt Heinhard Steiger, Friede in der Rechtsgeschichte, in: Wolfgang Augustyn (Hg.), Pax. Beiträge zu Idee und Darstellung des Friedens, München 2003, S. 35f. 157 So jetzt Kampmann, Arbiter, S. 13–15.

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Weitere konzeptionelle und strukturelle Unklarheiten

angeblich längst übererforschten politischen Geschichte des frühneuzeitlichen Europa noch genauer bestimmt werden muß, gerade im Umkreis von »Krieg und Frieden«. Daß alle wichtigen sich hierum rankenden Fragen seit Jahrzehnten oder seit Leopold von Ranke geklärt wären: diese Selbsttäuschung gilt es zu dekonstruieren. Wir müssen die konzeptionellen und strukturellen Voraussetzungen von Frieden besser verstehen lernen.

Einige methodische Bemerkungen

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4. Einige methodische Bemerkungen Das Ende der Geschichte blieb aus. Seit sich herausstellt, daß World Wide Web und Weltkapitalmarkt doch keinen Weltfrieden bescheren, wird der Historiker ja wieder nach ernsten Themen befragt. Die Postmoderne lernt staunend Blut von Ketchup zu unterscheiden. Fernsehbilder aus Afghanistan und dem Irak führten ihr vor Augen, daß »auch in Zeiten von Cyberspace ... nicht alles Medium und Simulation ist, dass Körper zermalmt und Häuser zerstört werden«.1 Wie hatten wir es nur vergessen können! Der Historiker kann dem wieder anwachsenden Bedürfnis nach Auskünften über den Problemkomplex »Krieg und Frieden« insofern nachkommen, als zahlreiche einzelne Schlachten und Friedensschlüsse der Vormoderne hinreichend genau untersucht worden sind. Doch dürften die letzten Kapitel gezeigt haben, daß die konzeptionellen und strukturellen Voraussetzungen nicht so umfassend geklärt sind, wie wir gern selbstverständlich voraussetzen. Insbesondere hinsichtlich der damals handlungsleitenden Denkkategorien, Werte und Normen ist noch viel zu tun. Natürlich ist das Kennern der vormodernen außenpolitischen Szenerie längst aufgefallen. Schon Heinrich Lutz vermißte Studien, »die dem zentralen Tatbestand der Interaktion von Ideen und ›Realprozessen‹« Rechnung trügen.2 Heinz Duchhardt mahnte an, »statt vordergründiger Beschreibungen diplomatischer Aktivitäten und der krisenhaften Zuspitzungen bilateraler Beziehungen den Faktoren nachzugehen, die Außenpolitik in diese oder jene Richtung gelenkt haben« – ökonomischen Rahmenbedingungen, personellen Konstellationen, »vor allem aber gilt es, die politische Philosophie, die einer so oder so konturierten Außenpolitik zugrundeliegt, schärfer zu fassen«.3 Daß man den die Außenpolitik steuernden epochenspezifischen »prevalent ideas« nachgehen müsse, monierte Jeremy Black.4 Christoph Kampmann wunderte sich, daß »noch nicht viel über Inhalt und Wandel der Friedensvorstellungen bekannt ist, die in den Kreisen der politisch Handelnden herrschten«.5 Und Alfred Kohler vermißte jüngst im 1. Band des »Handbuchs der Geschichte der Internationalen Beziehungen« über1 Karl Schlögel, Kartenlesen. Oder: Die Wiederkehr des Raumes, Zürich 2003, S. 10f. 2 Lutz, Friedensideen, S. 30. 3 Heinz Duchhardt, Einleitung, in: ders. (Hg.), Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln/Wien 1991, S. IXf.; ähnlich Rainer Babel, Einleitung, in: ders. (Hg.), Frankreich im europäischen Staatensystem der Frühen Neuzeit, Sigmaringen 1995, S. 7f. 4 Black, Why wars happen, S. 103 bzw. S. 26, vgl. auch S. 239; ob Blacks Ausführungen zur Vormoderne diesen Postulaten freilich ganz gerecht werden? Recht pauschal muß die dutzendfach beschworene »bellicist culture of court society« für ziemlich vieles herhalten. 5 Kampmann, Arbiter, S. 3.

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Einige methodische Bemerkungen

haupt eine »theoretisch-methodische Reflexion des Phänomens der ›Internationalen Beziehungen‹ in der Historiographie«, was an der »langjährigen Unter- und Geringschätzung dieses Phänomens« liege.6 Daß für eine Wahrnehmungs- und Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden noch nicht sehr viele Bausteine bereitliegen, hat verschiedene Gründe. Die Mehrzahl der Frühneuzeithistoriker hält und hielt seit langem andere Segmente vormoderner Wirklichkeiten für spannender als Kriegskonzepte oder die strukturellen Voraussetzungen für Frieden. Das mag sich wieder einmal ändern, wird sich hoffentlich ändern, aber für die letzten fünf Dekaden ist dieser Befund ganz eindeutig. Die (nicht in erster Linie von Frühneuzeitlern betriebene) traditionsreiche angelsächsische Kriegsursachenforschung ist quantitative Makroforschung mit einem Faible für Statistik, einem Hang zur Mathematisierung der Forschungsobjekte; ihre Protagonisten suchen Regierungsnähe, nicht zweckfreie wissenschaftliche Erkenntnis, weshalb sie die Vergangenheit nach gerade aktuellen Problemlagen, vermeintlich ›ähnlichen‹ Konstellationen absuchen. Das gilt auch für diejenigen Autoren, die sich der weitgehend ahistorischen Friedens- und Konfliktforschung zuordnen. So sie überhaupt einmal, in Exkursen oder Eröffnungskapiteln, etwas weiter zurückblicken, suchen sie Wegweisungen für aktuelle »Friedensarbeit«. Orientierungshilfen für künftige Schlachten hatte historisches Material hingegen der ziemlich wissenschaftsfremden traditionellen Militärgeschichte zu liefern. Sie ist passé, überhaupt stieg die Militärgeschichte in den letzten beiden Jahrzehnten wieder zur anerkannten Subdisziplin der Geschichtswissenschaft auf, aber der Weg, über den sie Anschluß an die Zunft fand, nämlich – in einer bemerkenswerten Phasenverschiebung – über das außerhalb der Militärgeschichte viel früher dominante und dann wieder verblassende Paradigma der Gesellschaftsgeschichte: dieser Weg führte sie gerade von den hier interessierenden Fragen weg, hin zu einer Sozialgeschichte des kämpfenden Personals. Völkerrechtler und Moraltheologen haben vorrangig die Normen7, weniger ihren etwaigen Einfluß auf den (außen)politischen Alltag im Blick, übrigens ist Völkerrechtsgeschichte als Wissenschaftsdisziplin seit vielen Jahren nicht mehr existent.

6 Alfred Kohler, Expansion und Hegemonie. Internationale Beziehungen 1450–1559, Paderborn u. a. 2008, S. 9. 7 Ein gutes Beispiel: Norbert Brieskorn/Markus Riedenauer (Hgg.), Suche nach Frieden: Politische Ethik in der Frühen Neuzeit, Bände 1–3, Stuttgart 2000/2002/2003. Natürlich überwiegen in diesen sehr respektablen Sammelbänden Studien zu thelogischen und philosophischen, also mehr oder weniger politikfernen gelehrten Konzepten. – Von philologischer Seite erforschte seit 1994 eine Würzburger Forschergruppe »das Bild des Krieges im Wandel vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit«, auf einige verdienstvolle Veröffentlichungen (etwa von Sonja Kerth oder Horst Brunner) wies ich schon in Kapitel A.1 hin.

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Die Fehlanzeigen waren in dieser Kürze arg pauschal. Ich will einige Erläuterungen anfügen und mich zunächst einmal durch Namedropping entlasten. Konrad Repgen klagte 1998, die Erforschung des Krieges sei »in den letzten vierzig Jahren in Deutsch­land sträflich vernachlässigt worden, soweit sie nicht zeitgeschichtlich orientiert war«.8 Die französische Historiographie hat sich nicht nur des Krieges, sondern der internationalen Beziehungen überhaupt in den letzten Jahrzehnten so gut wie gar nicht angenommen – Claire Gantet konstatierte 2003, »l’histoire des relations internationales« in der Neuzeit sei »un objet relativement neuf en France«!9 Um noch eine angelsächsische Stimme zu Wort kommen zu lassen: »International relations, war and constitutional developments ... went into a decline in the interwar period«, so Jeremy Black, »and this has remained the position since«, »especially ... for study of the centuries prior to 1900«.10 Die geringe historische Tiefenschärfe vieler politologischer oder soziologischer Bemühungen um Krieg und Frieden kann den Frühneuzeitler frappieren, aber vorwerfen darf er solche betriebserleichternde Teilblindheit den Kollegen natürlich nicht. Von einem entlastenden, weil Vorgeschichte verkürzenden Klischee der Gegenwartskundler, dem angeblich alles umwälzenden Westfälischen Frieden, war schon die Rede.11 Es scheint jeglicher Bemühungen um die finsteren Jahrhunderte davor, in denen der moderne Analytiker und Friedenspädagoge sowieso nichts lernen kann, zu entheben. Vielleicht entlasten wir Frühneuzeitler uns ja durch diverse Mittelalterklischees (in diesem Rahmen: eine hierarchisch gestufte, von Papst und Kaiser dominierte Christianitas?) in ähnlicher Weise. Um nun spezifischer die quantitative Kriegsursachenforschung angelsächsischer Provenienz ins Visier zu nehmen: Sie orientiert sich sichtlich an vermuteten oder bekannten sicherheitspolitischen Orientierungsbedürfnissen von Regierungsorganisationen und Ministerien. In historischen Exkursen wird deshalb nicht das weite Panorama beobachtbarer Phänomene aufgespannt, interessiert speziell das Ähnliche, umstandslos auf Gegenwart Applizierbare. Vielleicht sind wir Historiker ja auch manchmal einseitig, auf der Suche nach dem (unseren Scharfsinn herausfordernden, nach unserer Erklärungskraft, unserer ›Übersetzungsarbeit‹ für ein heutiges Publikum rufenden) »ganz anderen«. Jedenfalls geht die angelsächsische Kriegsursachenforschung nicht so mit historischem Material um wie ein guter Geschichtswissenschaftler. 8 Repgen, Kriegstypen, S. 3. Die erste Hälfte der Frühen Neuzeit sei besonders unterbelichtet, betont Heinz Schilling. Ihm »fällt auf, daß im Gegensatz zur Zeit nach 1650 für die ältere Phase der Frühneuzeit das internationale System ganz an den Rand des Interessenspektrums gerückt ist«: ders., Formung, S. 40 Anm. 23. 9 Gantet, Guerre, S. 10. 10 Black, Why wars happen, S. 9. 11 Nämlich in Kapitel A.3.2.2.

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Die quantitative Kriegsursachenforschung ist in ihrer Begrifflichkeit gänzlich dem »realistischen« Politikverständnis mit seinen simplen Rationalitätsmodellen verhaftet. Es wird unterschiedslos auch an alle vergangenen Epochen herangetragen. Nicht nur, daß diese Auffassung von Politik und Diplomatie dem Alltagsverständnis des modernen Zeitungslesers (und übrigens auch der meisten Handelnden, somit der gängigen Politikermemoiren) entspricht – auch die Untersuchungsergebnisse fallen regelmäßig ziemlich überraschungsfrei so aus, wie wir das ohne genaueres Hinsehen sowieso vermutet hätten: Benachbarte Staaten führen häufiger Krieg miteinander als solche, die an entgegengesetzten Polen der Erdkugel liegen. Demokratie befördert den Frieden. Welthandel befördert den Frieden. Revolutionen sind schlecht für den Frieden. Ein starkes Amerika ist gut für den Frieden. Es ist hier nicht der Ort, ausführlich die Axiome und methodischen Leitlinien von »Realismus« und »Neorealismus«12 auszubreiten. Einige Aspekte, die einen Frühneuzeithistoriker eher davon abhalten werden, sich diesem Politikverständnis zu verschreiben, sollten indes erwähnt werden. (Neo)realisten lehren uns, daß die Außenpolitik »des Staates« von dessen Machtposition in der anarchischen Staatenwelt abhänge, wie sie aus seinem Anteil an bestimmten Ressourcen resultiere. »Die Staaten« reagierten dabei grundsätzlich rational auf Anreize und Zwänge »des Systems« (trotz seines »anarchischen« Charakters wird es ja so bezeichnet), und weil alle13 Problemlagen »des Staates« aus den systemischen Voraussetzungen erwüchsen, könne man von inneren einzelstaatlichen Entwicklungen genauso absehen wie vom mentalen Haushalt einzelner Politiker, »der Staat« ist »an unitary actor«. Nun aber die Fragen des Frühneuzeitlers: Wo finden – in seinen Epochen allem Anschein nach handlungsleitende – Werte wie »Seelenheil« oder »Ehre«, Iustitia und Gloire ihren Platz? Kann man für Zeiten, in denen Letztentscheidungen von Wertordnungen, Vorlieben, gar Launen einzelner Hochadeliger abhingen, wirklich ein so uniform rationales »staatliches« Verhal12 Vgl. stattdessen, beispielsweise, Michael J. Smith, Realist Thought from Weber to Kissinger, Baton Rouge 1986. Konzise Zusammenfassung: Ole R. Holsti, International Relations Models, in: Michael J. Hogan/Thomas G. Paterson (Hgg.), Explaining the History of American Foreign Relations, Cambridge u. a. 1991, S. 57–88. 13 Realisten (oder Vertreter des mittlerweile manchmal so genannten »classical realism«) würden noch auf eine anthropologische Konstante hinweisen: Machtgier und Gewalttätigkeit »des Menschen«, der »human nature«. Darauf pflegen Neorealisten (oder »modern realists«) nicht zu rekurrieren; ein weiteres Unterscheidungsmerkmal dürfte darin bestehen, daß sie der Geschichte einen (noch) geringeren Stellenwert einräumen als ihre »klassischen« Vorgänger, dafür lieben sie ökonomische Modelle und Spieltheorien. Natürlich gehen auch sie von einer bestimmten (nicht thematisierten) Anthropologie aus, aber ihr Akteur ist nicht der machtgierige geborene Krieger, sondern der Homo oeconomicus, der Außenpolitik nicht anders durchkalkuliert als Bilanzen. Vielleicht stammen die wichtigsten Fundierungen von Kenneth Waltz, ich nenne exemplarisch ders., Theory of International Politics, Reading 1979.

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ten einfach voraussetzen? Wie sind in Zeiten, die noch keine Spionagesatelliten in ihre Umlaufbahn bugsierten, unsichere Vermutungen über die Ressourcen der Mitakteure gegen eigenes Prestigedenken abzuwägen? (Neo)realisten halten die Wirkmächtigkeit moralischer Werte und kultureller Einflüsse für gering, und das sei gut so – denn »Idealismus« und »Moralismus«, auch schon »Legalismus« seien Übel, die eine professionelle Außenpolitik erschwerten; Interessen ließen sich leichter kalkulieren als Gefühle, flexibler zu einer tragfähigen politischen Grundlage verflechten als moralische Prinzipien oder rigide befolgte Normen. (Neo) realisten halten das »nationale Interesse« für eine leicht objektivierbare Kategorie, die sie, anstatt nach ihren Entstehungsbedingungen (anspruchsvoller formuliert: nach der historischen und kulturellen Kontextualität) zu fragen, einfach voraussetzen. Die inhaltliche Füllung des vorgeblichen »Staatsinteresses« ist nicht das Endziel ihrer Sondierungen, sie stellen sie an den Anfang ihrer politischen Diagnosen und Therapieempfehlungen. Aber welche Wahrnehmungsraster, religiösen Werte, kulturellen Prägungen gehen in die Konstruktion des »Interesses« ein?14 Übrigens scheint die quantitative Kriegsursachenforschung bei deutschen Politologen verrufen zu sein.15 Zur Friedens- und Konfliktforschung! Sie sei weitgehend ahistorisch ausgerichtet, wurde oben behauptet. Gewiß, es gibt den relativ schwachen Zweig der Historischen Friedensforschung, doch greift selbst diese kaum in die Vormoderne aus, nicht in den USA (Peace History Society), nicht hierzulande (Arbeitskreis Historische Friedensforschung), und das sehen auch ihre Vertreter so.16 Im Jahr 2001 legte Karlheinz Koppe eine Art Kompendium der Friedens- und Konflikt-

14 Natürlich kennen die Politikwissenschaften seit Jahrzehnten auch »models of decision making«, in denen außenpolitische Entscheidungen nicht ausschließlich Resultanten bestimmter Zustände und Problemlagen des Staatensystems sind: insbesondere, von organisationstheoretischer Seite, das Modell der »bureaucratic politics«; sowie von sozialpsychologischer Seite die Analyse gruppendynamischer Prozesse in Elitezirkeln mit ihrem »Groupthink«, mit Anpassungsdruck, Abschottungstendenzen, daraus resultierenden spezifischen »information pathologies«. Das ist anregend, einfach oder gar unbesehen auf die Vormoderne übertragbar ist es nicht, schon gar nicht im vormodernen Arcanbereich »Krieg und Frieden«. 15 Jedenfalls stieß ich immer wieder auf Verdikte. Die angelsächsische Kriegsursachenforschung sei bislang »fruchtlos« geblieben und komme »nicht über Einsichten hinaus, die auch sonst offen zu Tage liegen«, urteilt Schlichte, Kriegsforschung, S. 118. Sie habe »in Deutschland keinen guten Ruf«, weiß Hasenclever, Kriegsursachenforschung, S. 331. »Der Stand der vergleichenden Kriegsursachenforschung ist international dürftig«, verallgemeinert Klaus Gantzel, Kriegsursachen – Tendenzen und Perspektiven, in: Ethik und Sozialwissenschaften 8 (1997), S. 260. Man könnte diese Liste mühelos beträchtlich verlängern. 16 Vgl. beispielsweise Jost Dülffer, Internationale Geschichte und Historische Friedensforschung, in: Winfried Loth/Jürgen Osterhammel (Hgg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000, S. 265.

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forschung17 und in diesem Rahmen einen Überblick über die »Friedenswissenschaft im 20. Jahrhundert« vor, ohne auf Dutzenden von ihr gewidmeten Seiten auch nur einen einzigen Nebenblick auf historische Untersuchungen zu werfen. Von Historiographie hat dieser Autor sowieso festumrissene Vorstellungen, sie präsentiere Geschichte als »Abfolge von Herrschaftskonflikten und Kriegen«, biete »Kriegs- und Gewaltgeschichte«18: auch der »Friedensforscher« braucht sein Feindbild! So Vertreter der Friedens- und Konfliktforschung, in Exkursen oder Eröffnungskapiteln, etwas weiter zurückblicken, fahnden sie, darin der Kriegsursachenforschung und der traditionellen Militärgeschichte gleich, nach Vertrautem, Gegenwartsförmigem, weil sie nur solches Material für pädagogisch wertvoll halten. Es wäre vielleicht nicht nötig, darauf hinzuweisen, daß diese Feststellung keinesfalls spöttisch sein will. Es gibt wahrlich weniger achtbare Motive für Bücher und Aufsätze als Sehnsucht nach Frieden! Aber die Antriebe sind eben außerwissenschaftliche, nämlich allgemein anwendungsbezogene, speziell friedenspraxeologische, und damit lassen sich auch die bevorzugten Untersuchungsgegenstände erklären. Man beleuchtet historische Problemlagen, bei denen man große strukturelle Ähnlichkeiten mit aktuellen oder prognostizierten vermutet.19 Die neue Militärgeschichte als Sozialgeschichte des kämpfenden Personals: natürlich ist auch das eine Zuspitzung, zumal sich seit einigen Jahren eine Öffnung zur Mentalitäts- und Kulturgeschichte abzeichnet. Sogar mit dem »kämpfenden Personal« ist das so eine Sache, hat man doch ein Faible für Sondierungen in Friedenszeiten, also dann, wenn die Söldner gar nicht kämpften, sowie für die von vornherein nichtkämpfenden Angehörigen des Trosses, außerdem fürs Verhältnis zwischen militärischer und Zivilgesellschaft. Es interessiert der »Alltag« mit seinen Überlebensroutinen in Kaserne, Quartier oder Troß, nicht das Überleben in jenen vergleichsweise seltenen Schlachten, die insofern ja auch gar nicht »alltäglich« gewesen sind. Also, die Palette der Untersuchungsgegenstände ist breit, nur stehen auf ihr keine Politiker. Die vormodernen außenpolitischen Entscheidungsträger kommen nicht vor. Damit geraten, neben manchen anderen für diese Studie wichtigen Problemen, auch die internalisierten Werte und 17 Der Buchtitel ist an sich spezieller: K. K., Der vergessene Frieden. Friedensvorstellungen von der Antike zur Gegenwart, Opladen 2001; die »Friedenswissenschaft im 20. Jahrhundert« stellt Kapitel 5 vor. 18 Ebda., S. 21 bzw. S. 39. 19 Dieses Manko blendet der folgende Aufsatz aus, der sich ansonsten durch einen hohen Reflexionsgrad auszeichnet und gewissermaßen beiläufig die anspruchsvollste mir bekannte Apologie der »wertorientierten« Haltung, des »normativen Anspruchs« der Friedens- und Konfliktforschung bietet: Thomas Kater, Über Gewalt und Frieden: Bilder des Politischen, in: Benjamin Ziemann (Hg.), Perspektiven der Historischen Friedensforschung, Essen 2002, S. 57–85, hier besonders S. 57f. und S. 65.

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Normen dieser Entscheider nicht in den Blick. Die »neue Militärgeschichte« (übrigens ein deutsches Spezifikum) interessiert sich eben nicht vorrangig für den Zusammenhang von Militär und Politik.20 Kaum zugespitzt habe ich bei der Völkerrechtsgeschichte. Ingo H. Hueck konstatierte vor einigen Jahren, »daß das Interesse sowohl an der Völkerrechtsgeschichte wie an der Ideen- und Wissenschaftsgeschichte des Völkerrechts gering ist. Nur wenige Juristen sind auf diesem Gebiet noch wissenschaftlich aktiv«.21 Das Warum kann der Historiker nicht beurteilen. Liegt es mehr am Terrainverlust der historischen und philosophischen Grundlagen im Jurastudium, liegt es mehr an einem etwaigen Bedeutungsverlust des Völkerrechts, wie er wachsender internationaler Vernetzung korrespondieren könnte? Nicht nur, daß Verstöße der gegenwärtigen Hegemonialmacht praktisch nicht ahndbar sind, vor allem ist Völkerrecht ja zwischenstaatliches Recht: Recht, das das Miteinander nur noch deklamatorisch souveräner, tatsächlich sogar nach Innen immer weniger handlungsfähiger Staaten steuern soll. Wie wichtig ist das noch für eine sich am Horizont abzeichnende »Weltgesellschaft«, die sich immer deutlicher in Subsysteme finanziellen und kulturellen Kommunizierens ausdifferenzieren wird, die eigenen (nicht- oder überstaatlichen) Regelwerken gehorchen? Solcher Fragen und Zweifel unerachtet muß es der Historiker sehr bedauern, daß er von der Völkerrechtsgeschichte nicht stärker herausgefordert oder angeregt wird. Daß hinsichtlich der früher handlungsleitenden Denkkategorien, Werte und Normen noch viel zu tun ist, liegt natürlich auch an methodischen Schwierigkeiten. Inwiefern bestimmte Konzeptionen von Pax und Bellona, inwiefern kriegstreibende oder aber friedfördernde Denktraditionen, daraus resultierende, aber gar nicht mehr bewußt reflektierte Denkklischees, Einstellungen, Ab- und Zuneigungen auf für »Krieg und Frieden« relevante politische Entscheidungen

20 Lagebericht mit zahlreichen Literaturhinweisen: Ralf Pröve, Vom Schmuddelkind zur anerkannten Subdisziplin? Die »neue Militärgeschichte« der Frühen Neuzeit – Perspektiven, Entwicklungen, Probleme, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51 (2000), S. 597–612. – Daß das vormoderne Militärwesen eine »institutionelle Schwachstelle für die Friedensfähigkeit frühmoderner Staaten« gewesen sei, so Burkhardt, Friedlosigkeit, S. 541, ist pointiert, aber nicht falsch: Damit zusammenhängende logistische Probleme konnten kriegsverlängernd wirken (man denke nur an den Nürnberger Exekutionstag!), nicht mehr und nicht weniger, nach der »Entmachtung der Obersten« durch den höfischen Absolutismus eher weniger. 21 Ingo H. Hueck, Völkerrechtsgeschichte: Hauptrichtungen, Tendenzen, Perspektiven, in: Winfried Loth/Jürgen Osterhammel (Hgg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000, S. 269; ebda., S. 276: Wer »völkerrechtsgeschichtliche Forschungen betreibt, wird unweigerlich Mitglied einer kleinen internationalen Schar von Völkerrechtshistorikern«.

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eingewirkt haben, ist weder durch detailverliebte Aktenhuberei22 noch durch die Lektüre von zeitgenössischen Druckwerken23, weder durch die Anhäufung von »Daten und Fakten« noch durch Ideengeschichte allein zu beantworten. Wir müssen neben gedruckten Propagandaschriften auch interne Beratungsprotokolle befragen, den öffentlichen Deutungskrieg wie seinen Niederschlag in Ratsstuben beobachten, und genau an diesen Schnittstellen, zwischen Bibliothek und Archiv, Gelehrten- und Ratsstube, publizistischem Meinungskampf und Meinungsbildung der Entscheidungsträger dürften, im Spannungsfeld von Legitimation und Motivation24, Wahrnehmung und Wirklichkeit, Ideen und Interessen25, die für eine historische Friedens- und Konfliktforschung spannendsten Fragen angesiedelt sein. Wo Impulse aus den Kulturwissenschaften, der Anthropologie, aus Systemtheorie oder Wissenssoziologie anregend wirken können, sollten wir uns ohne Berührungsängste bedienen, ohne über der Frage, welche mentalen Strukturen entscheidungsprägend wirken können, diese Entscheidungen selbst und ihre oft einschneidenden, im Fall von »Krieg und Frieden« blutigen Auswirkungen aus dem Blick zu verlieren. 22 Franz Bosbach hat einmal (meines Erachtens allzu skeptisch) konstatiert: »Zu dem obwaltenden Daseinsverständnis« der Entscheidungsträger, »zu Verhaltensnormen, Werthaltungen, Erfahrungen und Einschätzungen findet man« in politischen Akten »allenfalls Anhaltspunkte, weil sie für den Kreis der Beteiligten selbstverständlich waren und daher nicht problematisiert zu werden brauchten«: Franz Bosbach, Einleitung, in: ders. (Hg.), Feindbilder. Die Darstellung des Gegners in der politischen Publizistik des Mittelalters und der Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 1992, S. IX. 23 Wie sie auch diese Studie immer wieder auswertet! Aber sie allein sind nicht hinlänglich; die seit einiger Zeit im Fach anzutreffende Attitude, Archivbesuche als Marotte der harmloslustigen Spezies des »Heimatforschers« abzutun, ist kontraproduktiv. Wenn die Einstellung weiter um sich greift, intensive Archivrecherchen statt mit Respekt mit mehr oder weniger mildem Spott zu quittieren, werden solche à la longue eben nicht mehr stattfinden, weil sie ausgesprochen mühselig und nervenzehrend sind. Die Folgen für unser Fach wären desaströs! 24 Erklärten wir die Frage nach Gründen und Motiven, im Sinne eines »radikalen Konstruktivismus«, für naiv oder sinnlos, fragten wir nicht mehr nach wahr und wirklich, nur noch danach, was frühere Zeiten für glaubwürdig gehalten haben, marginalisierten wir uns selbst, und unser Publikum würde sich von solchen erkenntnistheoretischen Vexierspielen bald verdrossen abwenden. 25 Zweifelsohne eine Scheinalternative! »Interessen sind ideenbezogen«: M[ario] Rainer Lepsius, Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 7. Wir sollten beide Pole des Beziehungsgefüges ernstnehmen, es geht nicht darum, einen Faktor auf Kosten des anderen kleinzureden, sondern um die annäherungsweise Rekonstruktion der Wechselwirkung zwischen Werten, Weltwahrnehmung und (vermeintlicher) Staatsräson. – Der Nichtsoziologe kann es eigenartig finden, daß die Suche nach der handlungsleitenden Kraft von Ideen in einer Wissenschaft als hausbacken und naiv angesehen wird, deren Gründervater wieder und wieder das Ineinandergreifen von Interessen und Ideen analysiert hat. Freilich fokussierte Max Weber dabei nicht die Außenpolitik (sondern beispielsweise kapitalistisches Wirtschaftsverhalten).

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Welchen Wert hatte der Frieden in Relation zu anderen Staatszielen? Welche Rolle spielten Ideale wie Ritterlichkeit, »Ehre«, Tapferkeit für den Seelenhaushalt der Akteure? Welche historischen Exempel gaben vermeintlich Wegweisung? Spielten ökonomische Gesichtspunkte vor dem Zeitalter des Merkantilismus je bei außenpolitischen Kursbestimmungen eine ausschlaggebende Rolle, besaßen sie für die mit der Außenpolitik befaßten Männer überhaupt eine eigene Dignität26, verstanden sie überhaupt etwas davon? Wurden die Kriterien der Bellumiustum-Doktrin tatsächlich in Entscheidungssituationen ernstgenommen und diskutiert? Wurden konkrete Entscheidungen, wie marginal auch immer, von der wahrgenommenen »öffentlichen Meinung«, also dem vermutbaren, seinerseits wiederum wertgesteuerten Erwartungshorizont der nicht selbst politisch Aktiven beeinflußt? Das sind nur einige von vielen vergleichbar spannenden Fragen, die für die Vormoderne viel zu selten gestellt wurden. Nur für die Vormoderne? Die in den Politikwissenschaften traditionell dominierenden sogenannten »rationalistischen« Erklärungsansätze für internationale Beziehungsmuster haben sich schon lang mit transaktionskostenminimierenden kognitiven Filtern, mit »belief systems« und »cognitive maps« beschäftigt, aber die derart gefilterte Wirklichkeit ist wertelos, weil Neorealisten wie Neoinstitutionalisten Werte und Normen für flüchtiges Oberflächengekräusel auf einem machtgesteuerten Geschehen halten. Räumen sie mittlerweile kognitiven Ideen (einfach gesagt: Vorstellungen darüber, wie die Welt ist) ihrer Akteure einen – freilich bescheidenen – Platz im Theoriegebäude ein27, sind normative Ideen (Vorstellungen darüber, wie die Welt sein soll) ein blinder Fleck geblieben. 26 Es fällt auf, daß diese Frage von den wenigen Kennern der internationalen Politik, übrigens selbst fürs Zeitalter des Merkantilismus, viel skeptischer beantwortet wird als das der Handbuchmainstream vermuten lassen würde. Weil ich ökonomischen Motiven in dieser Studie nicht nachgehe, will ich wenigstens einige Literaturhinweise geben: Kunisch, La guerre – c’est moi, hier vor allem S. 6; Burkhardt, Friedlosigkeit, S. 555ff.; William H. McNeill, Krieg und Macht. Militär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute, München 1984, S. 97ff. (alle mit weiteren Literaturhinweisen). Für die ersten drei Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts, die ich archivalisch am besten kenne, kann ich apodiktisch sagen: Die außenpolitischen Entscheidungsträger hatten jene Ökonomie, von der sie nichts verstanden (eine seltene Ausnahme war Maximilian I. von Bayern), auch nicht im Blick. Ökonomie schrumpft in außenpolitischen Fragen gewidmeten Beratungsprotokollen auf den Topos »pecunia nervus rerum« oder den genauso folgenlosen, insofern nicht handlungsleitenden Stoßseufzer »pas d’argent, pas de Suisses« ein. 27 Gute Beispiele aus dem politikwissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Bereich: Robert Jervis, The Logic of Images in International Relations, Princeton 1970; ders., Perception and Misperception in International Politics, Princeton 1976; Richard Little/Steve Smith (Hgg.), Belief Systems and International Relations, Oxford 1988; Judith Goldstein/Robert O. Keohane (Hgg.), Ideas and Foreign Policy: Beliefs, Institutions and Political Change, Ithaca/London 1993. – Berühmt sind die Wahrnehmungsblockaden der deutschen Entscheidungsträger 1914, insbesondere hinsichtlich der englischen Reaktion; weniger bekannt dieser Versuch: Ole R. Holsti, The Belief System and National Images: John Foster Dulles,

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Das scheint seit geraumer Zeit auch manche Politikwissenschaftler zu stören. John L. Gaddis monierte 1997 in einer Monographie über den Kalten Krieg, man habe bislang dazu tendiert, »to overlook ideas«. 28 Das programmatische Editorial im ersten Band der Zeitschrift für Internationale Beziehungen gab 1994 der Hoffnung Ausdruck, »Normen und kognitive Prozesse aus ihrer Randexistenz herausführen« zu können: »eine konsequente Auseinandersetzung mit der Eigendynamik von Ideen ... beginnt erst«.29 Die damals meines Erachtens richtige Einschätzung steht im Kontext politikwissenschaftlicher Debatten (auch »kommunikatives« versus ausschließlich »strategisches Handeln«, »kognitive« und/oder »reflexive« Erweiterungen des Rational-Choice-Ansatzes), die die Frühneuzeitforschung, so weit ich sehe, nicht erreicht haben. Daß sich die deutsche Diplomatiegeschichtsschreibung seit Ranke Betrachtungsweisen verschrieben hatte, die denen (neo)realistischer Politikwissenschaftler in manchen Zügen sehr ähneln30, kann nach einem Dritteljahrhundert angestrengter, längst reflexhafter Ablehnung solcher historiographischer Traditionen nicht mehr entschuldigend ins Feld geführt werden. Für die Politikwissenschaft wäre die zitierte Einschätzung übrigens wohl mittlerweile zu pessimistisch, worüber terminologische Verschiebungen seit den späten 1990er Jahren (seitdem firmieren Werte und in: Ralph K. White (Hg.), Psychology and the Prevention of Nuclear War, New York 1986, S. 322–335. Ob auch der Irak-Krieg von George Bush Jr. einmal als Paradebeispiel für die Abschließung des kollektiven Wahrnehmungshorizonts der entscheidenden Eliten (Cheney, Rice, Rumsfeld, CIA-Spitze) gegen nicht in Weltbilder und Deutungsschablonen passende Informationen firmieren wird? Eine Studie von Bob Woodward (Der Angriff. Plan of Attack, München 2004) könnte es nahelegen, doch fehlt noch der klärende zeitliche Abstand. 28 John L. Gaddis, We Now Know. Rethinking Cold War, Oxford 1997, S. 282. Ebda.: »›Realist‹ and ›neorealist‹ theorists of international relations regarded what went on inside people’s heads as hard to measure, and therefore easy to dismiss«. 29 Klaus Dieter Wolf, Editorial, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1 (1994), S. 5. Optimistischer konstatierte schon im Folgejahr Markus Jachtenfuchs, Ideen und internationale Beziehungen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 2 (1995), S. 419 eine »Hinwendung zu Ideen als Erklärungsfaktor«, verantwortlich hierfür sei »das schlichte Versagen« der Rational-Choice-Modelle »an der Realität«. 30 Es wäre geradezu lächerlich, an den Verdiensten Rankes um die Konstituierung einer Geschichtswissenschaft herumzumäkeln, aber in unserem Zusammenhang ist vielleicht doch eine Erwähnung wert, daß er für die Rolle des Rechts (gar des Völkerrechts!) und der Moral (Normen und Werte der damaligen Entscheidungsträger?) kein ausgeprägtes Sensorium besaß. Da Friedrich von Preußen zur Eroberung Schlesiens »fähig« war, »wie hätte er nicht die Absicht dazu fassen sollen?«: Leopold von Ranke, Zwölf Bücher Preußischer Geschichte [hier: viertes Buch], in: Leopold von Ranke’s Sämmtliche Werke. Zweite Gesammtausgabe, Bd. 28, Leipzig 1876, S. 327. Erst recht war dann natürlich für die Borussophilen um Droysen und Treitschke Geschichte der internationalen Beziehungen eine der Macht – schließlich hatten sich diese Autoren als Zeitgenossen alle der »Realpolitik« verschrieben. Macht war Selbstzweck, ihre Vergrößerung Lebensprinzip nicht degenerierter Staaten, Macht schuf sich selbst ihr Recht.

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Normen zunehmend als wichtige »kulturelle« Faktoren31) nicht hinwegtäuschen dürfen. Es gibt mittlerweile eine breite Palette von Ansätzen, die das wichtige und in Grenzen richtige, doch allein nicht hinreichende (neo)realistische Rational-Choice-Modell interessegeleiteten stategischen Handelns ergänzen. Außer von kognitiven Filtern ist immer häufiger von »institutionellen Praktiken« die Rede, neben wahrnehmungspsychologischen Begrenzungen menschlicher Welterfassung interessieren besonders die vom Individuum internalisierten »gesellschaftlichen« Normen und Werte, die das die Strategie vorgebende »Interesse« bestimmen; und Vertreter des, horribile dictu, »Reflektivismus« betonen, daß Entscheidungsträger gar nicht nur strategisch handelten. Wie wahr! Der Frühneuzeitler kann den Nutzen solcher Debatten für die Analyse gegenwärtiger internationaler Konflikte nicht beurteilen32, aber für seine Epochen viele Anregungen finden. Um also wieder in unser Metier zurückzuschlüpfen: Kann es dem Historiker nicht aus dem unbefriedigenden Optionszwang zwischen einer empirieenthobenen Ideengeschichte und faktenversessener herkömmlicher »Diplomatiegeschichte« heraushelfen, wenn er sein zentrales Augenmerk darauf richtet, wie theoretische Konzepte (in dieser Studie wurde insbesondere die Bellum-iustum-Doktrin fokussiert) und Werte (Iustitia! und Pax?) in Ratsstuben wirkten, inwiefern Politiker in konkreten Entscheidungssituationen auf sie rekurrierten, inwiefern sie demnach das stategische und/oder verständigungsorientierte33 Handeln der Akteure mitsteuerten? Den Menschen 31 Werte und Normen weben also an jenem Netz »kultureller« und »institutioneller Praktiken« mit, in das das handelnde Individuum eingesponnen ist. Man kann es so ausdrücken. Daß diese Studie zwar allzu oft von »Diskursen« spricht, den einem breiteren Publikum genauso wenig geläufigen Terminus »Praktiken« aber meidet, liegt lediglich am ganz subjektiven Stilempfinden ihres Autors. 32 Deshalb sei wenigstens diese skeptische Studie genannt: Katharina Holzinger, Kommunikationsmodi und Handlungstypen in den Internationalen Beziehungen. Anmerkungen zu einigen irreführenden Dichotomien, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 8 (2001), S. 243–286 (zu Habermas – vgl. nächste Anm. – insbesondere S. 249ff.). 33 Manche Politikwissenschaftler (von den deutschsprachigen beispielsweise Harald Müller), denen die traditionellen »realistischen« Erklärungsmodelle nicht mehr genügen, lehnen sich an das Habermassche Konzept »verständigungsorientierten Handelns« an und vermögen – wiewohl mir dieses Konzept eher eine etwas utopische Handlungsanweisung für gesamtgesellschaftliche Willensbildung denn ein taugliches Analyseinstrument für empirische Forschungen darzustellen scheint – gleichsam an seinen Rändern doch zu Einsichten vorzustoßen, die auch den Frühneuzeithistoriker anregen könnten. Ich will nur diese sparsamen Hinweise geben: Müller und andere betonen gern das politiknotwendige »Vertrauen« und fragen, wie denn internationale Verständigung angesichts des Fehlens einer »gemeinsamen Lebenswelt« überhaupt zustandekommen könne. Das macht dem Frühneuzeitler wieder einmal die Relevanz des werdenden Völkerrechts deutlich (sicherer werdende Verhaltenserwartungen schaffen »Vertrauen«); er wird daran erinnert, daß beispielsweise 1648 in Westfalen gemeinsam erlittenes Kriegsleid einen wieder und wieder wortreich aktualisierten gemeinsamen Erfahrungsraum schuf (vgl. schon oben S. 43); und daß sich im 16., frühen 17. Jahrhundert

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nur als Homo oeconomicus zu sehen, hat sich noch nicht einmal für die kapitalistische Moderne bewährt34, wie sollte dieses Modell in seiner ganzen kruden Simplizität für die Vormoderne hinreichen? Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, nur die von den Handelnden als eben »objektiv« gegeben empfundenen Entscheidungssituationen und »Staatsinteressen« auszubreiten, so ihre Subjektivität ein zweites Mal zu objektivieren; sondern müssen uns auch fragen, aufgrund welcher kognitiven Filter sich bestimmte Vorgänge überhaupt zu vermeintlichen Entscheidungszwängen zuspitzten, aufgrund welcher internalisierter zeit- oder standesspezifischer Normen bestimmte Fakten als Bestimmungsgrößen des Staatsinteresses wahrgenommen wurden. Etwas plakativ gesagt: neben den Homo oeconomicus müssen der Homo psychologicus und der Homo sociologicus treten. Wir brauchen eine Wahrnehmungs- und Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden. Eine solche Wahrnehmungs- und Mentalitätsgeschichte der Entscheidungsträger wäre keine Neuformulierung der Biographik gekrönter Häupter, zielt auch auf die von der Politischen Geschichte schon längst entdeckten »Männer im zweiten Glied«.35 Da wir bei der Rekonstruktion von Elitenkalkülen nach kulturellen Kontexten, insbesondere den Orten und Modalitäten der Internalisierung von Normen und Werten fragen müssen, geraten sogar so scheinbar politikferne Bereiche wie Erziehung, Ausbildung oder Lektüregepflogenheiten in den Blick. Manche Postulate postmoderner Theoretiker werden wir freilich nicht restlos einlösen können, so das Monitum, doch endlich die »Staatszentriertheit« herkömmlicher Bemühungen um Krieg und Frieden dadurch zu überwinden, daß wir die »Staatenwelt« durch eine »Gesellschaftswelt« ersetzen36, die »Emanzipasukzessive eine internationale Gemeinschaft einander kennender, intensiv (auf Französisch) miteinander korrespondierender Diplomatieprofis (politologisch: »Expertenkulturen«) ausbildete. 34 Stemmen sich endlich auch angesehene Psychologen der Hegemonie der Ökonomen beim »Design« von Entscheidungstheorien entgegen? Daß das Gehirn keine Rechenmaschine ist, die einem logisch homogenen Programm folgte, betonte jüngst der Direktor des MaxPlanck-Instituts für Bildungsforschung: Gerd Gigerenzer, Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewußten und die Macht der Intuition. Aus dem Englischen von Hainer Kober, München 2007. Der Untertitel kündet von den Schwächen des Buches: Beide entscheidungsgenerierende Kategorien (»Unbewußtes«, »Intuition«) bleiben in ihm diffus. Seine Stärken liegen im Dekonstruieren der gängigen Entscheidungstheorien. 35 Vgl. hierzu Axel Gotthard, Benjamin Bouwinghausen. Wie bekommen wir die »Männer im zweiten Glied« in den Griff ?, in: Helmut Altrichter (Hg.), Persönlichkeit und Geschichte, Erlangen/Jena 1997, S. 69–103. 36 Schlichte, Kriegsforschung, S. 123. Vgl. aus dem angelsächsischen Sprachraum beispielsweise Akira Iriye, Culture and International History, in: Michael J. Hogan/Thomas G. Paterson (Hgg.), Explaining the History of American Foreign Relations, Cambridge u. a. 1991, hier vor allem S. 220.

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tion der Gesellschaft gegenüber ihrem Politischen System«37 nachzeichnen. Eine solche »Emanzipation« hat es in der Vormoderne nicht gegeben38, und gerade spezifisch außenpolitische Letztentscheidungen, wie Kriegserklärungen oder Friedensschlüsse, erachteten vormoderne Regierungen als ihren Arcanbereich; die hier maßgeblichen Motive konnte man vor einer breiteren Öffentlichkeit beschönigen, mußte man ihr nicht offenlegen. Noch gab es keine Volksabstimmungen (und noch nicht einmal Volksheere), derentwegen Volkes Stimme bzw. eine mehr oder weniger diffuse Volksstimmung bei der Kriegführung unabweislich hätten beachtet werden müssen.39 Konfliktkanalisierende internationale Institutionen haben nicht existiert, Verhaltenserwartungen an Staaten begannen sich erst sehr zögerlich zu völkerrechtlichen Normen zu verdichten. Es hing deshalb tatsächlich sehr viel von den Denkkategorien und Handlungsmustern der nationalen bzw. territorialen politischen Eliten ab, die wir freilich nur adäquat verstehen, wenn wir ihre Lebenswelt, ihre Sozialisation, ihren Lesegeschmack berücksichtigen, womit sich der Forschungsfokus wieder ausweitet. Welche Wahrnehmungsraster, Werte und Normen steuerten das Tun der Steuerleute? Diese Studie will einer Mentalitätsgeschichte der vormodernen Entscheider über Krieg und Frieden im Folgenden zwei unterschiedlich große Bausteine zuliefern. Die erste Fallstudie basiert auf der Beobachtung, daß die vom Prager Fenstersturz ausgelöste böhmische Krise an Europas Höfen ganz unterschiedlich wahrgenommen wurde, verbleibt dabei überwiegend im Bereich der kognitiven Ideen. Die zweite, den Akzeptanzproblemen der vormodernen Neutralität gewidmete Fallstudie ist nicht nur viel umfangreicher, wohl auch facettenreicher. Sie beleuchtet das Spannungsverhältnis zwischen neutraler Politik und kriegerischer »Ehre«, zwischen Neutralität und konfessionellen Wahrheitsmonopolen (sowie, spezieller, der traditionellen Bellum-iustum-Doktrin); und fragt, was wir aus einer Geschichte der Akzeptanz von Neutralität über den Zustand der damaligen – schon »horizontal« geordneten? – Staatenordnung sowie über den Bedeutungszuwachs des Völkerrechts lernen können. Sie ist nicht sich selbst genug, will etwas Licht auf die konzeptionellen und strukturellen Voraussetzungen vormoderner Bellizität werfen.

37 Ernst-Otto Czempiel, Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert, München 1999, S. 45. Die »Weltgesellschaft« beschwor jüngst Gilbert Ziebura, das internationale System als »Gesellschaftswelt« Ursula Lemkuhl, ich kann hier nicht alle so und ähnlich lautenden Formulierungen der letzten Jahre auflisten. 38 Um es holzschnittartig in Erinnerung zu rufen: die Frühe Neuzeit ist die Epoche der Staatsbildung, nicht postmodernen Staatszerfalls; »der Staat« unternahm damals viele Anstrengungen, die Köpfe und Herzen der »underthonen« überhaupt erst zu erreichen. 39 Vgl. zur Frage, inwiefern die vormoderne Öffentlichkeit für um Krieg und Frieden kreisende Fragen relevant gewesen ist, ausführlicher Kapitel A.1.3.2.

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Die »Torheit der Regierenden«

B. »Guerra di stato« oder »guerre de religion«? Zur Wahrnehmung des böhmischen Aufstands in Europa1

1. Die »Torheit der Regierenden«, oder: was zeitgenössische Akteure und was Historiker für wichtig halten Wer Augen hatte, zu sehen, war seit 1608 auf der Hut. Das desaströse Scheitern des Regensburger Reichstags dieses Jahres2 läutete die Vorkriegszeit ein. »De comitiis si quid vis, omnia ibi lenta et turbulenta et uno verbo ad bellum spectant«.3 Das letzte bis dahin noch einigermaßen arbeitsfähige Reichsorgan war gesprengt. Dem Reich eigneten keine konfliktkanalisierenden Institutionen mehr. Würde man da seine Interessen nicht früher oder später mit Waffengewalt verteidigen müssen? Wer so fragte, gab sich nicht etwa übernervös einer Kriegin-Sicht-Hysterie hin, es war nüchterne Einsicht in die seit 1608 feststehende Tatsache, daß das politische System des Reiches nicht mehr steuerbar war. Je nach ihrem Naturell und den geostrategischen Rahmenbedingungen reagierten die Reichsfürsten mit verstärkten Zurüstungen4 oder mit letzten verzweifelten

1 Wie der böhmische Aufstand im evangelischen Deutschland wahrgenommen wurde, lege ich ausführlicher an anderer Stelle dar: Axel Gotthard, »Eine feste Burg ist vnser vnnd der Böhmen Gott«. Der böhmische Aufstand 1618/19 in der Wahrnehmung des evangelischen Deutschland, in: Franz Brendle/Anton Schindling (Hgg.), Religionskriege im Alten Reich und in Alteuropa, Münster 2006, S. 135–162. Ich rekapituliere die dort ausgebreiteten Beobachtungen aus dem Umfeld der evangelischen Union im Folgenden, zwar unter Einbeziehung neuer Funde, dennoch verkürzt, auf die Fragestellungen dieser Monographie zugespitzt; erweitere den Blick aufs katholische Deutschland und auf Europa; drittens füge ich einige ergänzende Überlegungen, beispielsweise zur Rolle vermeintlicher historischer Exempel, an. 2 Vgl. zuletzt Gotthard, Religionsfrieden, S. 461–471 und S. 612f. 3 »Vertrauliches Schreiben aus Regensburg« vom 29. 4. 1608, RTA, Bd. 6, Nr. 161. Die kuriose Mischung aus Pseudo-Latein (»landgravius«) und in Re­gensburg aufgeschnappten, deutschsprachig wiedergegebenen Zitaten, die keine of­fi ziöse Aufzeichnung überliefert hat (»vermeinet uns in ein boxhorn zu treiben«, »wöllen etlichen pfaffen die platten scheren«, »das ihr aber die clöster den unserigen wolt wider abtringen, versprich ich euch, es werde noch blau augen costen, ehe es dahin kompt«) ist unbedingt lesenswert. 4 Sie waren mehr diplomatischer denn militärischer Natur: konfessionspolitische Allianzen, die wiederum mit ausländischen Mächten anknüpften. Überblick: Axel Gotthard, Protestantische »Union« und katholische »Liga« – subsidiäre Strukturele­mente oder Alter­na­tiventwürfe?, in: Volker Press/Dieter Stievermann (Hgg.), Alternativen zur Reichs­verfas­sung in der Frühen Neuzeit?, Mün­­chen 1995, S. 81–112.

Was zeitgenössische Akteure und was Historiker für wichtig halten

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Bemühungen, den Krieg doch noch zu vereiteln5: einen Krieg, der nun, um es in der Aktensprache der Zeit zu sagen, offenkundig »ins haus stand«. Das Jahr 1608 markiert den Beginn der Vorkriegszeit. Die freilich wird dann währen. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm: ging sie nicht auch dem Dreißigjährigen Krieg voran? Mancher hat es rückblickend so empfunden. Gewiß, das politische System Mitteleuropas lag seit geraumer Zeit in der Agonie, gewiß, man hatte sich mental auf den drohenden, möglichen, wahrscheinlichen Krieg eingerichtet; 1610 hatte womöglich nur ein unkalkulierbarer Zufall verhindert, daß das Reich Schauplatz einer großen militärischen Auseinanderset­zung wurde, 1614 hatten die politischen Eliten erneut wegen militärischer Vorgänge am Nie­derrhein den Atem angehalten.6 Aber danach schien sich die Lage ein wenig zu entspannen. Im Jahr 1617 indes mehrten sich die Stimmen, die die Atempause für beendet hielten. Im Frühjahr oder Sommer 1618 würde sich mutmaßlich, absehbar, ja, fast unabweislich ein großes Unwetter zusammenbrauen. Zwar war es ein regio­naler Konflikt, auf den jedermann sorgenvoll starrte, am Rand des Reiches, aber die von dort herüberwehenden Funkenschläge konnten einen Flächenbrand auslösen, denn dem politischen System des Reiches eigneten ja keine zur Einhegung und Befriedung taugenden Mechanismen mehr. Besaß, wer 1617 und bis in den Sommer 1618 hinein so unkte, prophetische Gaben? Oder dürfen wir, wieder einmal, mit Barbara Tuchman über die »Torheit der Regierenden«7 den Kopf schüt­teln? Zeitgenossen, auch zeitgenössische Eliten können die langfristige Relevanz dessen, was sie erleben, eben selten triftig veranschlagen. Weder Politikwissenschaftler noch Geheimdienstchefs bekamen 1988/89 in den Blick, daß sich der Rostfraß an einem quer durch Europa verlaufenden »Eisernen Vorhang« jäh beschleunigte. Der Fall der Berliner Mauer war ihnen allen nicht vorhersehbar. Für sehr wohl vorhersehbar hielt man die zweifelsohne gravierenden Folgen von Datierungsproblemen zahlreicher älterer Computer, derentwegen die Welt am 31. Dezember 1999 buchstäblich am Vorabend einer Katastrophe schien. Was einmal zur Fußnote einschrumpfen, was »Geschichte machen« wird, können Zeitgenossen selten tragfähig beurteilen. 5 Die Akten der Zeit rubrizieren als Versuche einer »Komposition«; vgl. zu ihr Gotthard, Konfession und Staatsräson, Kapitel 4 sowie, zusammenfassend, S. 474f. 6 Ich spiele auf die Kriegspläne Heinrichs IV. und seine Ermordung 1610 sowie auf den Vertrag von Xanten (1614) an. Über letzteren informieren alle Handbücher zum Konfessionellen Zeitalter oder zur preußischen Geschichte; Erörterung der mutmaßlichen Kriegspläne Heinrichs IV.: Gotthard, Konfession und Staatsräson, S. 67–69. 7 Ich beziehe mich auf diesen Buchtitel: Barbara Tuchman, Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam, Frankfurt 1984. Um nicht mißverstanden zu werden: Die amerikanische Historikerin geht natürlich nicht auf den Streit um Udenheim ein und wird von ihm auch gar nichts gewußt haben.

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Die »Torheit der Regierenden«

Österreicher und Preußen gingen im Sommer 1792 davon aus, eben mal rasch zu einer episodalen Polizeiaktion gegen die verrücktgewordenen, ungebührlich ihren König belästigenden Franzosen aufzubrechen, kein Mensch erahnte, daß Europa damals in ein Vierteljahrhundert voller blutiger Kriege torkelte – ich spiele natürlich auf den Ersten Koalitionskrieg an.8 Als sich Preußen 1795 aus ihm davonstahl, war man in Berlin davon überzeugt, gewisse Folgeerscheinungen der Dritten Polnischen Teilung seien viel gewichtiger als die Tollitäten der seit 1789 enervierten Pariser, was historisch folgenreich sein werde, spiele sich gerade vor Warschau ab. Um nun aber wieder ins Frühjahr 1618 zurückzukehren: Der damals von vielen so sorgenvoll beobachtete Konfliktherd lag nicht etwa in Böhmen, sondern weit im Westen. Man blickte wieder einmal zum Rhein, wie 1610, wie 1614 – diesmal ging es um Fortifikationsmaßnahmen des Speye­­rer Fürstbischofs Philipp Christoph, in einem Städtlein namens Udenheim. Daß er erste miß­traui­sche Anfragen mit der Auskunft beschied, er wolle »seine darumb gelegene visch­was­ser zur etwas mehrerm nutzen bringen«9, empfand man an den Residenzen der evangelischen Union als Provokation, dort hatte man keine Karpfenweiher, sondern »blutdurstige Practicken«10 der »Spanier« und »Je­suwider« im Blick, schließlich gehörte das Hochstift zum Gegenbündnis, zur katholischen Liga. Da konnte man nicht einfach naiv zuschauen – vielmehr wurden die frischgemauerten Anlagen im Juni 1618 von Unionstruppen in einen Schutthaufen verwandelt. Zwei evangelische Fürstentreffen, in Stuttgart und in Göppingen, drei Wochen nach dem Prager Fenstersturz und zehn Tage vor der Abrißaktion von Udenheim, standen ganz im Zeichen der letzteren. Die böhmi­schen Umtriebe nahm man 8 Die Herrscher Österreichs und Preußens (Keimzelle der ersten Koalition) hielten die von den Girondisten betriebene französische Kriegserklärung für eine willkommene Vorlage, um rasch mal eben den Standesgenossen in Versailles zu retten, was der dann zu honorieren habe. Die Gärungen in Paris begrüßte man als Unterpfand momentaner militärischer Schwäche Frankreichs. Auch die deutschen Soldaten von 1914 setzten sich ja übrigens überwiegend in der Erwartung in die Züge, den nächsten Winter wieder zuhause zu verbringen – ich muß es hier der Kürze halber alles reichlich salopp formulieren. 9 So erinnert sich der Nebenabschied des Unionstags von Heilbronn, 1618, Mai 8 (Or.): HStASt A90A tom. 19, fol. 285–287. 10 »Zeitung aus Wormbs vom 15. Juni Anno 1618«: Nationalbibliothek Wien Handschriften W 292. Was diese »Zeitung« über die Stimmung an den evangelischen Höfen weiß, ließe sich auch aus internen Protokollen belegen, ich erwähne exemplarisch diese Äußerung des württembergischen Hofrats Andreas Lemblin vom 10. Juni 1618 (Protokoll: HStASt A90A tom. 39, fol. 495–497): Die Vorgänge um Udenheim illustrieren, wie die Katholiken Rhein und Donau unter ihre Kontrolle zu bringen suchen, um dann ihre »Spanische Practiquen zueffectuiren«. Die Unierten sahen die Udenheimer Ausbaumaßnahmen natürlich vor dem Hintergrund dessen, was wir mit Geoffrey Parker als »Spanish Road« bezeichnen (vgl. ders., The Army of Flanders and the Spanish Road 1567–1659, Cambridge 1972).

Die Deutungsangebote der unmittelbar Beteiligten an Europas Höfe

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schon zur Kenntnis, als »ein sonderbare schickung Gottes«11, doch galt es sich auf welthistorisch Bedeutsames zu konzentrieren: nämlich die »friedhässigen« Umtriebe der katholischen Maurer in Udenheim am Rhein. Es ist keine einzige Äußerung überliefert, die die Prager Que­relen für mehr als episodal gehalten hätte. Man war sich einig, daß die Aufständischen vor Nachgiebigkeit zu warnen seien, denn die böhmischen Quisquilien durften kein »praeiuditz« für die berechtigten evangelischen Forderungen im Reich schaffen – eine Verbindung der Prager Vorgänge zum ruinös polarisierten Reichsverband wurde also von Anfang an ge­sehen, man hielt die böhmischen Ereignisse nicht einfach für peripher, aber für zweitrangig. Das änderte sich auch im Juli nicht, als die Flut böhmischer Hilfsappelle über die Unionshöfe hereinschwappte. Ratsprotokolle wie bündnisinterne Korrespondenzen rubrizierten als Religionsangelegenheit, die böhmischen Instabilitäten rührten von »Jesuwitischen Practi­canten« her; diesen »blutdurstigen« und »hitzigen« Leuten war bekanntlich auch die Union »ein dorn in den augen«, eine Niederwerfung der Böhmischen würde zum Test ermuntern, ob nicht auch »die Evangelische gravamina12 auf einen streich zu boden gelegt werden« könnten.13 Man sah an den Unionshöfen keine Rebellen, die die monarchische Regierungsform attackierten, sondern bedrängte Glaubensgenossen, ihrer Konfession wegen waren die Widerständ­ler zu »favorisiren«.14 Es blieb dabei: beiläufige Einsortierung als Religionsangelegenheit, Bezug zum Reich, wenig Aufregung – die Nachbereitung des mittlerweile realisierten Coups von Udenheim war ungleich mehr Aufmerksamkeit wert.

2. Religionskrieg oder Rebellion? Die Deutungsangebote der unmittelbar Beteiligten an Europas Höfe Daß nicht der Prager Fenstersturz, sondern der Udenheimer Mauersturz einmal zur historio­graphischen Fußnote einschrumpfen würde, daß »grosse exorbitantien mit der fenestration (wie mann es anjetzo nenne) fürüber gegangen«15, 11 So urteilt der Stuttgarter Abschied vom 15. Juni 1618, Kopie: HStASt A90A tom. 19, fol. 632– 636. 12 Zum damaligen Wortsinn: oben S. 200. 13 So und ähnlich steht es überall. Die Zitate: Antwort Johann Friedrichs von Württemberg auf das erste offizielle Hilfsgesuch aus Böhmen, 1618, Juli 11, Entw.: HStASt A90A tom. 20, fol. 125f.; Friedrich von der Pfalz an Johann Friedrich, 1618, August 12, Or.: ebda., fol. 271–276. 14 So drückt es das württembergische Rätegutachten vom 20. September 1618 aus: ebda., fol. 285–303. Hinter allen Bedrückungen steckten, natürlich, die Jesuiten! 15 So formuliert es eine Relation der Ulmer Gesandten vom Unionstag in Rothenburg, s. d. [Oktober 1618]: Stadtarchiv Ulm A1338 Nr. 3866.

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Religionskrieg oder Rebellion?

dämmerte den Unionspolitikern erst im Herbst des Jahres. Beim Rothenburger Unionstag im Oktober 1618 standen die Unruhen im Böhmischen als Haupt­ thema auf der Tagesordnung. Welchen Reim sollte man sich darauf machen? Die unmittelbar Beteiligten offerierten in ihren Apologien und Hilfsappellen im Reich und anderswo zwei Deu­tungsangebote, die unvereinbar waren. Die böhmischen Ständeführer beteuerten, sich »wegen der unleidlichen bedrängnussen an unsern gewissen« zur Wehr zu setzen, es gehe gegen »blutgierige practiken ... unserer und der gantzen evangelischen religion feinde«16, die frech »aus den Religionsbe­schwerden Rebellionssachen machen wollen«, wiewohl doch jedem unbefangenen Zuschauer sofort klarwerden mußte, daß »das wesen von der Religion herrühret«.17 Sie hielten diese Me­lodie durch, variierten auch kaum nach dem jeweiligen Adressaten. So baten sie den anglikani­schen König Jakob, einen außenpolitisch extrem konfliktscheuen Monarchen, der gerade Hei­ratsver­ bin­dun­gen zur Schutzmacht des europäischen Katholizismus, nämlich mit den spanischen Habsbur­gern suchte, um seine Hilfe, weil »res haec maxime religionem tangat«, »pro amore«, die Ja­kob »erga religionem orthodoxam et purum Dei cultum« hege; schuld an allem sei »factio illa Jesuitica«18, die braven Böhmischen würden durch »Sathan per Jesuitas, organa sua« malträ­tiert.19 Ob es geschickt war, auch vor Ludwig XIII., einem katholischen Regenten, dessen Beichtvater dem Jesuitenorden angehörte, über Verbrechen zetern zu lassen, die »illa Jesui­tarum secta autore«20 geschähen? Die »Kurtze Ableinung« der von habsburgischer Seite gegen die Aufständischen vorgebrachten Beschwerden21 berichtet von fortgesetzten Versuchen, den 16 Die böhmischen Direktoren an Johann Georg von Sachsen, 1618, Okt. 10, BA N. F., Bd. 1.1, Nr. 33 Anm. 3. 17 Instruktion für eine Gesandtschaft der schlesischen Stände nach Wien, 1618, Juli 14: Hermann Paben (Hg.), Acta publica. Verhandlungen und Correspondenzen der schlesischen Fürsten und Stände, Bd. 1, Breslau 1880, S. 132–137. 18 Die böhmischen Stände an Jakob, 1618, Juni 16: Samuel Rawson Gardiner (Hg.), Letters and other Documents illustrating the Relations between England and Germany at the Commencement of the Thirty Years’ War, Bd. 1, London 1865, Nr. 1. 19 Dass., 1618, Nov. 3, ebda., Nr. 10. Die Gegner verbreiteten überall die Falschmeldung, »non agi hic de impedienda religionis libertate, sed de coercendis castigandisque rebellibus. Qua in re et coram Deo, et mundo universo, injuriam nobis faciant acerbissimam« (Kursivsetzungen von mir). 20 Ich zitiere nach Victor-Lucien Tapié, La politique étrangère de la France et le début de la guerre de trente ans (1616–1621), Diss. Paris 1934, S. 125f. Die in Deutschland kaum rezipierte Arbeit ist exzellent. 21 Zum Folgenden: »Kurtze Ableinung« der gegen die Evangelischen in Böhmen vorgebrachten Beschwerden, abgedr. bei Michael Kaspar Londorp (Hg.), Acta publica ..., Bd. 3, Frankfurt 1668, Nr. 27; »Apologia und Verantwortung« der »Böhmischen Stände sub utraque«, 1618, Mai 25: ebda., Nr. 4. – Ich spitze hier auf die zentralen Deutungsmuster zu. Eine Zusammenstellung der von den Ständen bzw. von Habsburg veranlaßten Propagandaschriften mit

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Majestätsbrief auszuhebeln. Die in Prag aus dem Fenster stürzten, hätten »die Evangelischen Ständ in ihrem Religions Exercitio ... in viel weg beschweren und turbiren helffen«, Martinitz habe »seine Evangelische Unterthanen Gewaltsamer weiß zur Bäpstischen Religion gezwungen. Darzu ihme nicht allein Englische Hunde, welche er an die arme Leut hetzen lassen, dienen müssen: Sondern er hat auch denselben mit Gewalt die Mäuler bey der Meß auffsperren, und ihnen die Ostien einschieben lassen«. In jener »Apologia und Verantwortung«, die man sogleich in die Druckerei trug, do­minieren ebenfalls deutlich religiöse Motive, Klagen über böse Umtriebe der »Jesuitischen Sect«, von denen »die Obrigkeiten dieser Welt, zu derer sub utraque mit Schwerd und Feuer Außrottung angefrischet« würden. Der Text beruft sich nicht allgemein auf ständische Freiräume, sondern durchgehend ganz konkret auf den Majestätsbrief. Man begehre dagegen auf, daß sich Habsburg nicht mehr an dieses Dokument halte. Daß sich ein Katholik gar nicht daran halten müsse, machten den altgläubigen Obrigkeiten die Jesuiten weis. Sie agitierten, »daß wir Ketzer wären, denen man ... keinen Glauben, er werde ihnen versprochen oder verschrieben, wie hoch er wolle, zu halten schuldig wäre« – ein Lamento, das uns nicht ganz unbekannt vorkommt22; ein Lamento, das auf Resonanz bei evangelischen Reichsständen rechnen konnte, echauffierten sich diese doch seit geraumer Zeit über katholische Kampfschriften, die den Augsburger Religionsfrieden unter anderem mit diesem Argument für unverbindlich erklärten: weil man ein Ketzern gege­benes Wort, eine Ketzern gegebene Friedenszusage nun einmal nicht einhalten müsse. Schreiben des Kaiserhofs an Deutschlands und Europas Höfe hingegen beteuerten, es »stehe nit uf der religion, sondern uf der obedienz«23, es liege »ain pur lauterer Truz« vor, eine »Rebellion«24, die »mit der Religion bedekht« werde. Die kurzen Inhaltsangaben bietet Johannes Gebauer, Die Publicistik über den böhmischen Aufstand von 1618, Halle 1892; bis zur Wahl des Winterkönigs: ebda., S. 2–19. Die meisten der auf den folgenden Seiten noch gestreiften Druckwerke werden bei Gebauer nicht erwähnt, schon diese Beobachtung läßt eine moderne Behandlung des Themas wünschenswert erscheinen. Übrigens ist Gebauer auffallend gegen die katholische Seite im publizistischen Ringen eingenommen. 22 Vgl. zum Problem der Verläßlichkeit, ja, ›Geschäftsfähigkeit‹ der politischen Mitakteure oben Kapitel A.1.2.3.4; und übrigens auch unten Anm. 36. 23 So faßte es der württembergische Votant am Rothenburger Unionstag im Oktober 1618 zusammen, Protokoll: HStASt A90A tom. 20, fol. 474–538, hier fol. 480. 24 Kaiser Matthias an Johann Friedrich von Württemberg, 1618, Dezember 1, Or.: HStASt A90A tom. 21, fol. 77f. »Rebellion«, »Rebellen«: das war die durchgehende Sprachregelung, beispielsweise auch in Hilfsappellen an die Kreisausschreibenden, die Ferdinand Magen, Die Reichskreise in der Epoche des Dreißigjährigen Krieges. Ein Überblick, in: Zeitschrift für historische Forschung 9 (1982), S. 430 Anm. 85 (Bayerischer Kreis) und ders., Reichsgräfliche Politik in Franken. Zur Reichspolitik der Grafen von Hohenlohe am Vorabend und zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Schäbisch Hall 1975, S. 177 Anm. 3 (Fränkischer Kreis) erwähnt. – Den ersten kaiserlichen Hilfsappell an Ludwig XIII. paraphrasiert Tapié,

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»Rebellen« erdreisteten sich, Machtgier, »Raach« und andere »privat Affection ... unge­scheucht für ain pur lauters religionwerk fürzugeben«, aber jeder kluge Regent durchschaute dieses fadenscheinige Spiel.25 Auch die Kaiserdynastie versuchte, wie die Ständischen, mit der Behauptung zu mo­bilisieren, es handle sich um »ain gemaines werk«, freilich war die Begründung eine andere: Weil die böhmischen »ungehorsamb- und widerwertigen« den Untertanen überall auf dem Kontinent ein schlechtes Beispiel boten, mußten ihnen Europas Regierende schon im Interesse einer Abschreckung vor »aller bösen nachvolg« entschieden die Stirn bieten.26 Mit anderen Worten: Habsburg setzte nicht auf konfessionspolitische Lagerbildung, sondern auf den standespoliti­schen Schulterschluß der hochadeligen Herrscher Europas. Um auch auf dieser interessierten Seite im auf­brandenden Deutungskampf noch kurz die Gegenprobe in Auftragsarbeiten aus der Druckerei zu machen: Sie hiel­ten es für »liederlich ..., daß man so grober Unthaten die Religion zu einem Deckmantel vorhangen wil«27, tatsächlich handelte es sich nämlich um den »Tumult« von »auffrüh­rischen Unterthanen«, um »Sturm, Lermen und Auffruhr«, die Böhmischen hatten »das Joch deß Gehorsams ... abgeworffen« und eine »Rebellion« angezettelt. Nach Einschätzung der Hofburg hatten sie sich dadurch so offenkundig ins Unrecht gesetzt, daß es gar nicht notwendig war, eine breitangelegte publizistische Kampagne28 zu entfachen.

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Politique étrangère, S. 222f., auch dort geht es um eine Rebellion, wird an die Solidarität der Monarchen appelliert, freilich ist daneben von einer Gefahr für den Katholizismus in Europa die Rede. Matthias an Maximilian von Bayern, 1618, Juli 3, BA N. F., Bd. 1.1, Nr. 26. Matthias an Johann Friedrich, 1618, Dezember 1 (wie Anm. 24) bzw. Matthias an Johann Georg von Sachsen, 1618, August 16, BA N. F., Bd. 1.1, Nr. 34 Anm. 2. Kaiserliche »Information«, abgedr. bei Londorp, Acta publica, Bd. 3, Nr. 20. Es ist dem Majestätsbrief »im wenigsten nicht Abbruch beschehen«, er hat auch nicht vor, nur »den geringsten Buchstaben zweytracht- und zweiffelhafftig zumachen« (diese unentwegten Beteuerungen waren für die kursächsische Haltung wichtig), strittige Auslegungsfragen zu klären aber müsse seinem, dem kaiserlichen »urtheil vorbehalten« sein. Das Folgende ebda. Die kürzere »Information« ebda., Nr. 19, eine anspruchslose Erwiderung auf die ständische »Apologia«, argumentiert vergleichbar. Großen publizistischen Aufwand betrieb die kaiserliche Seite 1618 nicht. Nur, weil man sich seiner legitimen Anrechte sowieso sicher war? Hielt man, da man ja auf monarchische Solidarität setzte, pointiert gesagt Geheimdiplomatie für vordringlicher als öffentlichkeitswirksame Kampagnen? Es könnte lohnend sein, dieser Frage einmal im Archiv (Beratungsprotokolle, Memoranden zu diesem Thema?) nachzugehen. Wir konstatierten ihr Fehlen schon 1546! Vgl. oben S. 187 mit Anm. 330.

Die Interpretationsarbeit der Flugschriften

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3. Um »Religion« oder »Region«? Die Interpretationsarbeit der Flugschriften Die eine und andere katholische Flugschrift nahm schon Stellung, die evangelischen Sympathisanten der Ständeaktivisten gingen sogar eifrig in die Druckereien. Etwas Streulicht sollte auch auf diese privaten oder allenfalls offiziösen Publikationen fallen. Die Diagnosen evangelischer Flugschriften ähneln durchgehend der soeben skizzierten, von den Ständeführern selbst in Auftrag gegebenen: Die Böhmischen wehren sich gegen un­rechtmäßige Attacken auf ihre religiösen Überzeugungen. Ein Einblattdruck, der den Fenster­sturz einem breiten Publikum sinnfällig machen will, stellt schon in der Überschrift klar, warum da jemand in den Burggraben fallen mußte: weil »nemblichen die Bäpstische Rott, wegen der Religion gegen die drey Stände des Königreichs Böheim, ihre Bäpstische Stück vnd Tück, in Willens gewesen solche ins Werck zusezen«. Es stürzen nicht etwa Exponenten des Frühabsolutismus, im Burggraben landen »etliche der Vornembsten Bäpstler«.29 Eine etwas ausführlichere Propagandaschrift läßt Martinitz und Slavata herabstürzen, weil sie »der Jesuiten Säulen vnd Patronen [sic] waren«. Schuld an allem Unheil, wie stets und überall seit Jahrzehnten, so jetzt in Böhmen war »die aller schädlichste Sect der Jesuiten«, die »der Teuffel« als sein bevorzugtes Instrument einsetzte, um nun auch dieses Königreich ins Verder­ben zu stürzen.30 »In Böhmen jetzt das Bös Gesind/ Auch ein heftig Feuer ange­zündt«.31 Es gab alle möglichen politischen Handlanger (worunter man den mutmaß­lich gutwilligen, aber falsch informierten Kaiser nicht zählte), die Drahtzieher aber waren Theologen, waren insbesondere Jesuiten.

29 [Anonym], Wahrhaftige Zeitung und Geschichte ..., von 1618, abgedr. bei Mirjam Bohatcová (Hg.), Irrgarten der Schicksale. Einblattdrucke vom Anfang des Dreißigjährigen Krieges, Prag 1966, Nr. 2. Im eigentlichen Text, unter der Abbildung des Fenstersturzes, kommen natürlich auch in diesem Einblattdruck die Jesuiten vor, sie »sagen vnverhohlen: Die Lutheraner [!] zu tilgen gar/ Sey jhn vom Bapst befohlen«. 30 [Anonym], Publicirter Religions Friede Im Königreich Böhmen, Welchen Röm. Kay. May. Rudolph II. ... 1609 bewilliget vnd nachgegeben ..., o. O. 1620 (man beachte die zweifelsohne überlegte Bezeichnung des Majestätsbriefs als »Religionsfrieden«, worunter im Reich eigentlich ein Teil des Reichsabschieds von 1555 firmierte!), unpag., woraus die (so ähnlich überall vorkommenden) Zitate stammen, präzisiert so: der Teufel versucht Böhmen durch die Jesuiten »dem Röm. Stuel, als einer frembden Obrigkeit vnterwürffig« zu machen. Sobald dies gelungen ist, sind alle Nichtkatholiken »mit Schwerdt vnd Fewer außzurotten« (ebda.). 31 So reimt [anonym], Der Jesuiten Ankunft, blutdürstig Rathschläg und Practica, von 1618: J. Scheible (Hg.), Die Fliegenden Blätter des XVI. und XVII. Jahrhunderts, in sogenannten Einblatt-Drucken mit Kupferstichen und Holzschnitten ..., Stuttgart 1850, Nr. 7.

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Um »Religion« oder »Region«?

Wir haben keinen Grund, den Autoren ihre Abscheu vor dem Jesuitenorden etwa nicht abzunehmen, aber natürlich hat es ihnen diese Schuldzuschreibung auch erspart, frontal gegen das Reichsoberhaupt anschreiben zu müssen. Ein Anonymus spekuliert, daß man »jtzo vnter Ihrer Key. May. Nahmen, auch ohne derselben vorwissen alles thun kan, was Spanier, Bapst, oder auch die Jesuiter wollen, In dem auch in den wichtigen sachen Jhrer May. eigene Hand vnd Schrifft nicht mehr zu finden, sondern nur der Nahmen pfleget auffgedruckt zu werden«.32 Die »mehr dann Türckische verübte Tyranney im Königreich Böhmen« war »ein gewisses Zeichen der Vnsinnigkeit deß Babsthumbs«, das hierfür vor Ort »die Blutdürstigen Jesuiter« einsetzte. Es »gibt auch von der Vnsinnigkeit vnnd Tobsucht deß Bapsthumbs Zeugnuß die listige verschlagene Practika der Jesuiter, in dem Königreich Böhmen angestifftet, welche jhr intento mit jhren Helffern und Helffenhelffern gäntzlich dahin gerichtet, wie der Lauff deß Evangelii in diesem löblichen Königreich verhindert, das Liberum exercitium Religionis abgeschafft, ein Loch durch den Majestatbrieff gemacht« wurde.33 Ein Einblattdruck kommentiert das Messerattentat auf Frau Pax so: »ein Meuchel­mörderischer Jesuiter, welcher durch seinen Dolch vnd Mordstich den Edlen Frieden, vnd alles auffrichtige Wesen zuverhindern sich vnderstehet«.34 Ein »Böhmischer Jesuiten Kehraus und teutsche Weck-Uhr«35 rührt alle auch sonst beliebten rhetorischen Strategien so zusammen: Drahtzieher waren, natürlich, jene Jesuiten, die man deshalb nach dem Fenstersturz unverzüglich mit allen guten Gründen des Landes verwiesen hat. Sie hätten ohnehin »fast alles Uebel in der Welt« angerichtet, »Und stehen noch etlich in Zweifel,/ Ob nicht im Paradies der Teufel/ Ein Jesuiter gweßt dasmal,/ Wie er Adam bracht zum Abfall«. Zu den vielen Verbrechen dieses Ordens gehörte, daß er Ketzern gege32 [Anonym], Ein Außführlicher vnd Nachdencklicher Discurs, Von der jetzigen gefehrlichen vnd weit außsehenden Vnruhe in dem Löblichen Königreich Böheimb ..., o. O. 1619, fol. Aiij. 33 »Beatus Modestinus Seuberlich«, Examen Der Recepten, fol. Piiij. 34 [Anonym], Böhmische Friedenfahrt, abgedr. bei Wolfgang Harms (Hg.), Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. 2, München 1980, Nr. 139. Die vergleichsweise wenigen Flugblätter, die das Geschehen der Jahre 1618 und 1619 kommentieren, deuten durchgehend ähnlich, vgl. noch ebda., Nrr. 157–159 oder Bohatcová, Irrgarten, Nr. 5. – Eine wahre Flut von Einblattdrucken (nur für sie kann ich, diverser Editionen wegen, stichhaltige quantitative Angaben machen) ergoß sich erst in den Jahren 1620, vollends 1621 über Leser und Hörer – selbst für dieses Genre sehr vordergründige Scharmützel um den Spottnamen »Winterkönig«. Nun dominiert die siegreiche katholisch-kaiserliche Seite auch an dieser publizistischen Nebenfront, man verspottet so hemmungslos wie oberflächlich (jedenfalls ohne nennenswerte verfassungspolitische Argumente und übrigens auch konfessionspolitische Aussagen) den gescheiterten Parvenu. Für unsere Studie ergeben sich aus dieser tagespublizistischen Racheorgie keine aufschlußreichen Gesichtspunkte. 35 Scheible, Die Fliegenden Blätter, Nr. 51 (die folgenden Zitate stehen auf den Seiten 202, 188, 190, 200f., 197, 195).

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bene Ver­sprechungen für nicht bindend erklärte, weshalb Treu und Glauben in der Welt dahinschwan­den, sich keiner mehr auf den anderen verlassen konnte.36 »Ihr habt in Böhm’ Unfried angricht«, schleudert den Jesuiten »Sancta Maria« entgegen. Akteure wie sie, verschiedene Apostel und Märtyrer (sogar »Salvator Christus« ergreift das Wort), aber auch »König Wen­zeslaus«, »Zischka« (der Taboritenführer Johann Ziska), Luther und Calvin sowie promi­nente evangelische Reichsfürsten der Reformationszeit verleihen dem böhmischen Widerstand historische Tiefendimension und heilsgeschichtliche Bedeutsamkeit, und zwar im Hinblick auf dieses Königreich wie alle Deutschen. »Salvator« selbst appelliert an alle »teutschen Gmüther«, den Widerständlern beizuspringen: »Braucht tapfer euer Mannlichkeit,/ Davon man sagt so weit und breit./ Die aufrührischen Jesuiter/ Jagt aus, sie sind dem Fried zuwider.« »Aufrührisch« waren nicht die Initiatoren des Fenstersturzes, waren die Jesuiten – weil sie die katholischen Politiker dazu anstifteten, sich über den Majestätsbrief hinwegzusetzen, also Recht zu brechen: Das war ein damals gelegentlich begegnendes, die religiöse Leitmelodie flankierendes Nebenmotiv. Die in die Geschichtsbücher als »Aufständische« eingehen werden, stellten sich selbst zuvörderst als von ihrem Gewissen getriebene Glaubenskämpfer, danach und subsidiär aber als Verteidiger von Recht und Gesetz dar. Sie griffen also keinesfalls zu der uns Heutigen vielleicht näherlie­genden Strategie, ein »Recht auf Selbstbestimmung« oder den Reiz eines »ständischen Staats­gründungsmodells« herauszustreichen.37 Die Geißelung jesuitischer Bosheit konnte auf grenzüberschreitendes Verständnis rechnen. Der »Jesuiter« war ein Reizwort für Nichtkatholiken in Böhmen wie im Reich, und wie den Majestätsbrief, so suchten sie ja auch den Augsburger Religionsfrieden zur Makulatur zu machen: Davon wa­ren Deutschlands Protestanten schon lang überzeugt. Im »Jesuiten-Kehraus« mahnt kein ge­ringerer als Moritz von Sachsen, daß auch dieser Besitzstand in Gefahr sei, wenn er holprig reimt: »Daß ich den Religionsfrieden/ Mit mein’ Bundsgnossen hab erstritten,/ Derselbe Religions­fried/ sticht manchen in das Augenlid./ Ihr edlen Teutschen, eur Mannheit/ Laßt nicht verlö­schen diese Zeit.« Moritz war der Initiator des Fürstenkriegs gewesen, und so meinte »Mann­heit« denn 36 Dieser in kaum einer evangelischen Schrift des fraglichen Zeitraums fehlende Vorwurf wird im »Kehraus« in verschiedenen Wendungen beschworen. Beispielsweise erklärt Khlesl: »Den Majestät[sbrief ], welchen geben/ Der vorig König bei seim Leben,/ Den wollen wir austilgen eben.« Daraufhin ein Jesuit: »Ja freilich (Herr) warum das halten,/ Denn man den Ketzern so entwicht,/ Darf gar nicht halten Eid und Pflicht« (219f.). Vgl. Anm. 22! 37 Welche politisch maßgeblichen Adressaten hätten damals auch positiv auf solche Parolen reagieren sollen? Eine wichtige Zeitströmung kann man salopp so auf den Punkt bringen: »Im Klima des aufsteigenden kontinentalen Absolutismus war wohl die beste Zeit für ständische Staatsgründungen schon vorbei« (Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, S. 87).

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wohl Bereitschaft zum bewaffneten Kampf. Nach Böhmen blickend, konnte jeder Deutsche im Bösen wie zum Guten dazulernen: »fort ihr Jesuiten,/ Welche das römisch Reich zerrütten«. Den »Kehraus« zusammenfassend läßt sich sagen, daß nicht verfassungspolitische oder natio­nale, sondern konfessionspolitische Gesichtspunkte dominieren, es tobt ein Kampf um Religionsfrieden und Seelenheil. Die Antithese »deutsche Libertät versus spanisches Joch« schwingt zwar an einer Stelle mit – freilich, wie in den Akten der Zeit, keinesfalls im Sinne eines alternativen, nichtreligiösen Deutungsmodells. Ein »Jesuit« nämlich tröstet sich: »Es muß auch hierauf seyn Bedacht/ Der Spanier mit Heeres­kraft,/ Daß man ein’ Monarchie auf Erd/ Aufricht, und der Ketzer los werd.« In anderen Schriften dominiert, so weit ich sehe, ebenfalls der Appell an religiöse Solidarität, den geschuldeten »Religions Eyffer« (»dann eine feste Burg ist vnser vnnd der Böhmen Gott«38). Finstere katholische Mächte arbeiteten in Böhmen an der »vnterdruckung der Religion« 39, wogegen sich die Aufständischen »inn diesem ReligionsKriege«40 zur Wehr setzen mußten. Zwar wollten die Sympathisanten Habsburgs »allenthalben die Leut bereden, daß es disfals umb die Religion gar nicht zu thun sey«, klagt eine Flugschrift, doch zeige ein unverstellter Blick auf die Fakten »sonnenklar, daß der Anfang, das Mittel, und Ende von der Religion herrühre«.41 »Wer aber dieses vor ein Religionwesen nicht erkennet, demselbigen gewiß die Religion wenig angelegen ist.«42 Gern zieht man, nicht nur im »Jesuiten Kehraus«, Parallelen zwischen dem Kampf um den Majestätsbrief und dem Ausle­gungsstreit um den Augsburger Religionsfrieden, gelegentlich wird ersterer sogar als böhmischer »Religions frid« bezeichnet. Eine anonyme Abhandlung knüpft diese Verbindungslinien: »Wer wolte auß denen im H[eiligen] Reich hin vnd wider geübten Attentaten nicht verspüren, ja abnehmen, ermessen vnd schliessen können, das man den Religions frieden auß dem Mittel, vnd gentzlich abthun wöllen«, doch weil sich die evan38 »Johannes Huß rediuiuus«, Hussiten Glock ..., o. O. 1618, S. 8. Dieser Flugschriftenautor kennt aber auch schon die neumodische Staatsräson: Es lehrt »die ratio status, dem jenigen Abbruch zu thun, dessen Nachbarschafft vns zu Nachtheil vnd praejuditz gereicht« (ebda., S. 10). 39 »Johann Huß redivivus«, Behmischer Ohrlöffel. Das ist: Glaubwürdiger Bericht, wie der berühmte Martyrer Johann Huß ... von den Todten aufferstanden, vnd zu Prag, vmb seine betrübte Landsleut zu trösten, ankommen ..., o. O. 1618, S. 13. 40 »Johan Huss redivivus, Martyr Constantiensis Constantissimus«, Spanischer Gelttrutz, fol. Biiij. 41 [Anonym], Kurtzer Bericht und Ableinung der Beschwerungen, welche den Evangelischen Ständen ... beygemessen werden wollen, o. O. 1618. 42 So, freilich schon rückblickend, »Johann-Philippus Spindesius«, Der Dritte Teutsch-BruderFreund, Welcher Vns inn einem newem Spiegel zeiget, wie der Spannische Wolff die arme Lutherische Hirten auß jhren Pfergen ... verjagt ..., o. O. 1622, fol. B.

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gelischen Reichsstände unerwartet tapfer gegen solche Umtriebe gewehrt hätten, »so haben sie an einem schwechern Ort durchzugraben vermeynet, vnd solches an jetzo in Bö­heimb« vorexerziert – »die andern Erb­länder« Habsburgs werden folgen, nach diesem Umweg und so ge­stärkt wird der Feind den Kampf an der Zentralfront wiederaufnehmen, dann »wirdt der Eck­stein«, der Augsburger Religionsfrieden, »weichen«.43 Ein anderes Pamphlet setzt die Spannungsfelder so ineins: Die Jesuiten wollen »nun die auffrührischen44 Böhmen, vnd Teutschen Ketzer, welche wilde Bestien seyen«, vertilgen, »auffreiben«, verbrennen, wollen »Böhmen vnnd Teutschland zu einem allgemeinen Frewdenfewer machen«. Wäre man den böhmischen Ständen gar nicht beigesprungen, heißt es anderswo, »hette die Flut, so die Böömen45 ersäuffen sollen, dem Wasser den Damm auffgerissen, daß die Verfolgungswellen auch auff vnsere seite deß jetzt Notleidenten Schiffleins Christi würden geschlagen haben«. Sogar Holland ist im Blickfeld: »Der Niederländische zwey vnnd viertzig Jährige Krieg46 ist gewiß auß diesem entsprungen, auff daß in denselben 17 Provincien der Antichrist entdeckt, erkandt vnd zu boden gestossen ward: Gleiches werck ist es mit dem Königreich Böheimb, vnd wird die zeit erweisen, daß die Göttliche Mayestät, ein, vns noch zur zeit verdecktes vnd verborgenes Ende, mit diesem Kriegswesen suchet«. Weil man erst gar nicht von »Rebellion« sprach, mußte man sich auch nicht argumentativ mit dem Problem des der Obrigkeit geschuldeten »Gehorsams« auseinandersetzen – nur sehr wenige evangelische Veröffentlichungen gehen diese Frage gleichsam offensiv an, durch eine gelehrte Erörterung der Kategorien »Gehorsam« und »Obrigkeit«. Zu den raren Ausnahmen gehört, was »Janus Rothger« 1619 in die Druckerei trug. Muß der Untertan immer gehorsam sein?, fragt diese Schrift dann doch ziemlich ausführlich, die Antwort läßt an die Probleme der Schmalkaldener mit ihrem obrigkeitstreuen theologischen Spiritus rector denken: Die Stände Böhmens sind selbst »im Stande der Obrigkeit«, 43 »Johann Huß, genandt Martyr«, Nebelkap, S. 2f. Die Argumentationslinie kennt auch das Manifest des neugewählten Böhmenkönigs Friedrich (Vnser Friderichs Von Gottes Gnaden Königs in Böheim ... Offen Außschreiben ..., Prag 1619, S. 20): Er konnte sich »dieser Göttlichen Vocation« um so weniger entziehen, als der Widerpart nach »oppression der Böhemischen nation ... die in handen habende Waffen« gegen die evangelischen Reichsstände »wenden« wird. 44 Der Autor nimmt hier, wie ja auch die gleich folgende Bezeichnung »Ketzer« zeigt, die jesuitische Perspektive ein, will nicht etwa das katholische Deutungsmuster »Rebellion« propagieren: [anonym], Das Höllisch Frewdenfewr (unpag.). 45 Sic! [Anonym], Gründliche Relation Wie es bey Eroberung der Statt Pilsen zugangen, S. 40. 46 Läßt der Autor der »Nebelkap« den heute sogenannten Achtzigjährigen Krieg also nicht mit der Hinrichtung der Katholiken Egmond und Horne beginnen? Jedenfalls hört er offensichtlich mit dem Waffenstillstand von 1609 auf, ›Kriegsjahre‹ zu addieren. Die Fortsetzung der Kampfhandlungen im Jahr 1621 konnte ja natürlich für ihn auch noch nicht unverbrüchlich feststehen!

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müssen ihre Untertanen gegen religiösen Zwang von außen bzw. von Seiten der »Oberherrn« schützen.47 Die für eine Flugschrift ungewöhnlich komplexe Arbeit argumentiert aristotelisch, vom jeweils gegebenen politischen System her; Anknüpfungspunkte an die Debatten von 1546 sind offensichtlich. Die 1617 vorgelegte Textsammlung Friedrich Hortleders »von den Ursachen des Teutschen Kriegs Kaiser Carls des Fünfften« erleichterte ja auch neuerdings den Zugang zu diesen älteren Diskursformationen, zweifelsohne hat der eine und andere Autor »Herren Hortleders« Tomi »vom Schmalkaldischen Kriege«48 gekannt. Daß damals überhaupt viele haltsuchend in die Monate des Schmalkaldischen Krieges zurückschauten, werden wir noch merken. Die komplexe verfassungspolitische Argumentationsweise »Janus Rothgers« freilich hat in Flugschriftenliteratur nicht Schule gemacht. Denn die meisten Publizisten achteten offenbar darauf, sich von den katholischen Diskursen keine apologetische Haltung aufnötigen zu lassen.49 Wenn sie die Legalitätsfrage überhaupt anschnitten, dann meistens so wie der »JesuitenKehraus«, also, indem sie fortgesetzte Illegalität umstandslos und ohne nähere Begründung einfach auf der katholischen Seite verorteten.50 Den geplagten Ständeführern mußte ja einmal der Geduldsfaden reißen, so daß sie »auß Vngedult ... das Faustrecht gebraucheten, vnd etliche Rätlinsführer zu Prage auß dem SchloßFenster herunter warffen«.51 Statthalter und Jesuiten waren »Pacis Publi47 »Janus Rothger«, Resolution Einer Frage, so bey jetztwehrenden unruhigen Zustandt in Böhmen, von vielen ventiliret wird ..., o. O. 1619, S. 38. »Janus Rothger« war ein Pseudonym des renommierten Theologieprofessors Johann Gerhard. – Vgl. noch, ähnlich ausführlich: Johann David Wunderer, Ohnvorgreiffliches Bedencken und Antwort Auff die Frage Ob das H. Evangelium ... mit dem Weltlichen Schwerdt zuverfechten seye? ..., Frankfurt 1619. 48 Auf sie rekurriert [anonym], Wohlgemeinte Rettung, fol. Ciij, aber was das konfuse Machwerk dort findet und dem Leser überhaupt sagen will, bleibt unklar – eine Ehrenrettung Karls V. soll wohl, warum auch immer, Ferdinand II. entlasten. Jedenfalls blickt auch dieser anonyme Wirrkopf in den Schmalkaldischen Krieg zurück, und daß das damals viele taten, wird gleich noch unser Thema sein. 49 Die Vermutung, sie könnten aus den Nöten ihrer viel apologetischeren Vorgänger im Jahr 1546 gelernt haben, drängt sich auf, ist aber wohl doch vorschnell. Beweisen jedenfalls läßt sie sich nicht. 50 Die Argumentationsfigur ist auch, freilich blaß, im wohl von Camerarius verfaßte Manifest des neugewählten Böhmenkönigs (Offen Außschreiben, hier S. 12) zu finden: Böhmen bleibt ein Schauplatz von Gewalt, Raub und Mord, so lang nicht die »Vhrheber dieser Vnruhe abgeschafft« sind. 51 [Anonym], Von jetzigen Kriege, fol. Aij. Die Feststellung schließt den allerersten Abschnitt der Schrift ab, ist also keinesfalls in subtile juristische Erörterungen eingebettet, sondern gehört fast voraussetzungslos zur Exposition. Eigentlich führt die Abhandlung dann sowieso den Nachweis, daß Habsburg einen überregionalen »ReligionsKrieg« führe. Der zweite Abschnitt beginnt so: »Hierauß haben wir deutlich zu vernehmen, vnd klärlich zu ersehen, daß alle diß Lermen vnd Vnwesen auß der Religion entstehet, vnd daß der alte Teuffel mit im spiel gewesen«.

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cae Turbatores, Patriae Proditores, Evangelicorum Persecutores, Friedensstörer, deß Vatterlands Verrähter«.52 »Status turbulentus« Böhmens wurde »durch etliche seine in Religionswesen, vnruhige, widerwertige auffrührische Köpff, Kaiserliche böse Rähte vnnd andere (vnter welchen nicht die geringsten die verführische Sect der Jesuiten)« verschuldet.53 »Aufrührisch« waren die »Jesuiter«, Rädelsführer Habsburgs Statthalter, der Fenstersturz wurde dann zur Vorwärtsverteidigung von Recht und Gesetz. Aber in vielen, wohl der Mehrzahl der Flugschriften taucht das Legalitätsproblem, wie gesagt, erst gar nicht auf, weil es dort nicht um zivilen Ungehorsam, sondern ums Seelenheil geht; in den anderen bleibt es fast immer floskelhaft beiläufig. In den vergleichsweise wenigen Passagen, von denen man einigermaßen sicher sagen kann, daß sie das Spannungsverhältnis »Monarchie versus Ständemacht« antithetisch zuspitzen wollen, ist dieser verfassungspolitische Gesichtspunkt eng mit dem Motiv ›religiöse Bedrückung‹ verbunden, in dieses Muster hineingewirkt. Und natürlich sprechen auch solche Passagen nicht von Aufstand oder böhmischer »Rebellion«, der Kampfbegriff heißt »Libertät«. Die ruchlose Allianz Habsburgs mit der Kurie war »wider die Religion, zu vnterdruckung Rechts vnd Gerechtigkeit, oder die Libertet der Länder gerichtet«.54 »Oder« bezeichnet hier sichtlich keine Alternative, die »Libertet der Länder« bestand in einer Respektierung der »Religion« ihrer Ständeaktivisten. Häufiger stoßen wir auf Formeln mit additivem »und«: Es ging in den habsburgischen Erbländern um »Religion vnd Freyheit«, um »Religion vnnd Libertet«. Es war dort »Religione et libertate zu streiten«55, »zu Erhaltung jhres Gewissens- vnd Landsfreyheiten«56, weil »der besagten Länder Religions- vnd Regions Freyheiten«57 auf dem Spiel standen, weil man sie »vmb jre Geistliche vnd Welt52 »Johann Huß redivivus«, Behmischer Ohrlöffel, S. 10. 53 »Beatus Modestinus Seuberlich«, Examen Der Recepten, fol. Aiiij. Ebda., fol. J: die Jesuiten sind »turbatores communis pacis vnd Blutgierige Landsverrähter«. 54 Ebda., fol. Fiiij. 55 »Johannes Huß rediuiuus«, Hussiten Glock, passim (Kursivsetzungen, auch im Folgenden, von mir). 56 So, grammatikalisch etwas zweifelhaft, »Johan Huß, redivivus, genandt Martyr«, Böhmische Brüderschafft. Welche zwischen den Evangelischen Ständen in Böheimb, vnd deroselben FriedensBrüder ... auffgerichtet worden ..., o. O. 1619, fol. Aiij. 57 [Anonym], Spanisch Mucken Pulver: Wessen man sich gegen dem König in Spanien vnd seinen Catholischen Adhaerenten versehen solle ..., o. O. 1620, S. 3. Man versucht, Böhmen dem »Spanischen Joch zu vnterwerffen«, um anschließend umso besser die »universal Monarchy« in Europa aufrichten zu können und am Ende »die gantze Welt« zu »bezwingen vnd beherrschen«. Diese Schrift streicht von allen mir bekannten den Aspekt der Libertät mit Abstand am deutlichsten heraus. – Weil weiter oben schon von der Begleitpublizistik zum Schmalkaldischen Krieg die Rede gewesen war: Auch damals hatten die Flugschriftenautoren die Aspekte »Religion« und »Libertät« unterschiedlich gewichtet, insgesamt dominiert

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liche Freyheiten« zu bringen suchte.58 Die Stände erhoben sich »zu rettung jhrer Religions, vnd anderer Privilegien«59, wehrten sich »wegen der Religion vnd anderer Freyheiten«.60 Die Erbländer Habsburgs hatten vor dem Fenstersturz »allesampt, vnd in vnzweifflicher eusserster gefahr der Religion Libertet, vnd aller jhrer zeitlichen vnd ewigen wolfahrt sich befunden«. Schuld waren die Jesuiten, »schreiben sie doch selbsten, das jetzo die rechte zeit vnd occasion die Stände vmb Religion, Libertet vnd Privilegia vnter das Bäpstische Joch zu bringen«.61 Das Wörtlein »und« steht hier nie für eine Antithese, »Libertät« bestand wesentlich in einer Respektierung der freien Glaubenswahl. Im zuletzt angereihten Zitat dürfte »Religion, Libertet vnd Privilegia« einer Synonymenkette nahekommen, denn alle diese schönen Dinge gefährdete ja ein und derselbe Mißstand, das »Bäpstische Joch«. Vollends entgrenzt werden die Begriffe, wenn da die »gefahr der Religion Libertet« beschworen wird. Man versuchte eben, den Böhmischen »die Religions Freyheiten zunemmen«.62 Im »Jesuiten Kehraus« stießen wir, neben vielen Ausfällen gegen die Societas Jesu, an einer Stelle auf den »Spanier mit Heereskraft« und seine vermeintlichen Hegemonialgelüste, freilich nicht im Sinne eines alternativen, eines nichtkonfessionellen Deutungsmusters. Auch hierin kann diese Schrift als einigermaßen repräsentativ gelten. Neben und nach dem Jesuitenorden (bzw. »Jesuwidern« und »Bapst«) sahen manche Flugschriften nämlich schon ferner »die Spanier« am Werk, doch ist ihr Herrschaftsanspruch nie politischer Selbstzweck, er flankiert und stärkt die römischen Umtriebe. Man malt nicht zwei qualitativ verschiedenartige Gefahren aus, zeichnet die beiden Seiten einer Medaille. Die böhmischen Be­drückungen dienten »dem gantzen Bäpstlichen Stuel zu stattlicher erweiterung jhres Primats; zugleich auch dem König in Spanien ... zu würcklicher einführung seiner Monarchy«.63 Das wußte auch das Manifest des frischgekürten Böhmenkönigs Friedrich: Sein Engagement antworte auf Umtriebe, die »alles wider unter deß Papst Geistliche, vnd endlich unter eines frembden Gewalts,

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erstere, aber beispielsweise nicht in dieser Schrift: [anonym], Ein Gesprech Deutscher Nation mit dem alten Rolland ..., o. O. 1546. »Johann Huß redivivus«, Behmischer Ohrlöffel, S. 11. »Beatus Modestinus Seuberlich«, Examen Der Recepten, fol. Aiiij. Man hat »ein Loch in den Majestätbrieff vnd andere Privilegia machen wollen«: ebda., fol. K. [Anonym], Acta Bohemica. Das ist: Gründliche Warhaffte vnnd eigentliche beschreibung der furnemsten ... Historien und Geschichte ..., o. O. 1620, S. 2. [Anonym], Außführlicher vnd Nachdencklicher Discurs, fol. Aiij bzw. fol. B. »Johann-Philippus Spindesius«, Der Dritte Teutsch-Bruder-Freund, fol. B. [Anonym], PostReutter, S. 50 (Kursivsetzung von mir). Ganz ähnlich S. 52f. (man will »die Evangelische Religion vnd deren freyes Exercitium einziehen«, zugleich Böhmen in ein »Erb Königreich« verwandeln). Insgesamt dominiert in dieser Schrift, wie in den meisten, der Aspekt »außtilgung der Ketzer«.

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Weltlichen Dominatum zu bringen« suchten.64 Die antispanischen Attacken auf diesem Nebenkriegsschauplatz werden mutmaßlich, wie die notorischen antijesuitischen Tiraden, in ehrlicher Entrüstung niedergeschrieben worden sein. Aber sie enthoben genauso trefflich der Aufgabe, frontal gegen das Reichsoberhaupt aus der anderen Linie der Dynastie anschreiben zu müssen, außerdeutsche Feindbilder waren leichter vermittelbar. Die Perhorreszierung eines habsburgischen Zentralismus und der Appell an libertäre Ideale konnten, wie das Postulat solidarischen Widerstands gegen die Umtriebe der »Jesuwider«, auf eine gewisse Resonanz im Reich rechnen, denn die dort geläufige Formel von der »teutschen Libertät« meinte nicht etwa aufrührerische Dorfgemeinschaften oder landständische65 Widerbor­stigkeit, natürlich erst recht nicht, im Sinne des modernen Freiheitsbegriffs, individuelle Selbstver­ wirklichung, sondern politische Freiräume für die Reichsstände, eine Begrenzung der Gän­gelung der territorialen Obrigkeiten durch Reichsspitze und Reichsverband aufs für die Frie­denswahrung unabdingbare Minimum. Auf diese Libertät rekurrierte gerade die evangelische Union gern.66 Sie war ja 1608 nicht zuletzt deshalb gegründet worden, weil die Katholiken ihre strukturellen Vorteile im Reichsverbund neuerdings ungenierter ausspielten, man echauffierte sich über katholische »Maiora« am Reichstag, über die Wiener »Hofprozesse« und darüber, daß sich der Kaiser als katholischer Parteiführer geriere. Dagegen die »Libertät« in Stellung zu bringen, war aus evangelischer Warte verfassungspolitisch unverfänglich. Weil die Hofburg, fest im Griff der spanischen und kurialen Direktiven, politischen Machtzuwachs im Reich wie in Böhmen zur Zurückdrängung des Protestantismus ausnutzte, konnte die Verteidigung des Augsburger Religionsfriedens bzw. des böhmischen Majestätsbriefs hier wie da von der Berufung auf die »Libertät« flankiert werden. Aus evangelischer Sicht konterkarierte die Beschwörung der Libertät nicht das dominierende Interpretationsmuster »ReligionsKrieg«, sie hat es subsidiär ergänzt. Glaubten die evangelischen Autoren selbst, was sie ihren »eynfeltigen« Lesern auftischten? Wir fragten uns weiter oben, ob, wer sich über den instrumentellen 64 [Anonym], Offen Außschreiben, S. 7. 65 Sympathisierten nun nicht die evangelischen Reichsstände mit aufbegehrenden böhmischen Landständen? Auf den offenkundigen Unterschied zwischen Reichs- und Landständen geht keine mir bekannte evangelische Flugschrift ein. Die konfessionelle Solidarität überwölbte den kategorialen staatsrechtlichen Unterschied. 66 Vgl. Winfried Schulze, Kaiserliches Amt, Reichsverfassung und protestantische Union, in: Heinz Duchhardt/Matthias Schnettger (Hgg.), Reichsständische Libertät und habsburgisches Kaisertum, Mainz 1999, 195–209; Axel Gotthard, »Wer sich salviren könd solts thun«. Warum der deutsche Protestantismus in der Zeit der konfessionellen Pola­risierung zu keiner gemeinsamen Politik fand, in: Historisches Jahr­buch 71 (2001), S. 64–96 (Union und Libertät: S. 77ff.).

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Umgang mit Werten ereiferte, nicht doch dieses windungsreiche Denken innerlich nachvollziehen mußte, ob also, plakativ gesagt, derartige Zynismus-Vorwürfe nicht zu einer Säkularisierung der Rede über Krieg und Frieden beitragen konnten.67 Deshalb will ich diese beiden Einschätzungen zitieren, obwohl sie erst rückblickend im Jahr 1621 geäußert wurden: »Vnsere Geistliche Leute also haben ein feines Färblein vnd Fündlein erdichtet, als ob es vmb die Religion zuthun seye, darvon können sie ein langes vnd ein breites herplaudern, vnnd gleuben es doch inn jhres Hertzen grund selbst nicht«68 – diese Ansicht verbreitete ein fingierter »Sendbrieff« nach Nürnberg, dessen konfessionelle Zuordnung zeituntypisch schwierig ist. Nicht nur, weil sie in Dillingen gedruckt wurde, ist diese Stimme unzweifelhaft katholisch: Der von politisch ehrgeizigen, ungehorsamen Ständeaktivisten vorgeschützte »Glaubens Eyffer« diente »nur zum Deckmantel vnd verblendung der eynfeltigen«.69 Wir verließen zuletzt unseren selbstgewählten Beobachtungszeitraum. Bis zum militärischen Fiasko am Weißen Berg dominierten die neugläubig-ständischen Bataillone an der publizistischen Nebenfront. Nur sehr wenige Flugschriften bemühten sich, die Rebellions-Rhetorik der Hofburg zu multiplizieren oder sahen Anlaß zu solchen Warnungen: »Wer den Auffrührischen beystehet, der lehret seine Vnterthanen Auffstandt erregen.«70 Mit diesen Worten rief ein »Freyherr zu Friedenberg« zur »Behauptung des König und Fürsten Standts« auf. Weit ausholend, weist der Autor nach, wie da überall in Europa Kriege angezettelt werden, um »die Democratische vnnd Aristrocratische, daß ist die Regimenter, in denen viel regieren«, voranzubringen. Es ist ein Zeichen des Alterns der Welt, daß ihr die Monarchien abhandenkommen. »Fragt man nun ferner, von dem Raht zu Ulm, oder Nürnberg, warumb sie mit grosser Gefahr soviel Gelts an diese Auffrührer wenden, vnd den Keyser bekriegen, werden sie ohne allen Zweiffel antworten, es geschehe zu dem Ende, damit das gemeine Regiment der Vnterthanen vnter sich selbst bestärcket werde«, man möge eben keine Fürsten. 67 Vgl. oben Kapitel A.2.2.4.3. 68 Wichtiger Sendbrieff Eines Böhemischen Landherrens Vladislaw Kobolentzki, an einem seinen guten Freund, der sich jetzo zu Nürnberg auffhelt, o. O. (»gedruckt zum Leutenmischel«) 1621, fol. B. Schreibabsicht und sogar konfessionelle Zugehörigkeit des Autors dieser eigenartigen Schrift sind zeituntypisch verlarvt. Mir scheint wahrscheinlich, daß hier ein evangelischer Autor katholische Stimmen und Stimmungen kolportiert. 69 [Anonym], Specvlvm Germaniae. Ein Teutscher Spiegel. Darinnen Das ... Königreich Teutschlandt ... nach dem werthen Frieden seufftzet, Dillingen 1621, S. 4. Diese Schrift gehört zu den wenigen, die die Rebellions-Rhetorik der Hofburg aufnehmen, ist sogar ganz von ihr durchzogen: Die Union half den »Rebellischen Böhmen«, hat sich »der Rebellen Sachen ... theilhafftig« gemacht, usw., usf. 70 »Herman Conrad Freyherr zu Friedenberg«, Wohlmeinende Erinnerung Von Behauptung des König und Fürsten Standts, auch Vrsachen der Kriege in Europa ..., o. O. 1619, S. 23. Das Folgende nach derselben Schrift.

Die Interpretationsarbeit der Flugschriften

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»Jetzo müsse man die König vnd Fürsten an einander hetzen, biß sie einander selbst außmatten, vnd die Stätte nicht mehr in dem Zaum halten können«. »Letztlich schleiffet sich fast in allen Höffen eine verschlagene Arth Volcks eyn welche Puritaner genennet werden«, überall wollen diese die Monarchie zerrütten. »Derohalben O jhr König, O jhr Fürsten, ermundert euch von dem Schlaff, vertheidiget ewer Königliche vnd Fürstliche Mayestat vnnd Hochheit, denn was die Holländer vnderstanden, daß werden die Engelländer auch wagen dörffen. Was die Böhmen zum Werck gerichtet, zu einem solchen wirdt [ausgerechnet!] den Sachsen, weder an Leuten, oder Mitteln manglen«! Unter den vergleichsweise wenigen Pamphleten dieser Monate, die katholischer Provenienz gewesen sind, befindet sich immerhin das wohl amüsanteste. Seine Komik ist zweifelsohne eine unfreiwillige. Bei der Nennung von Nürnberg und Ulm, dann gar der Kursachsens ist der moderne Historiker versucht, auszurufen: ausgerechnet! Viele Einzelheiten hat die weit ins Große und Ganze ausgreifende Schrift doch bemerkenswert schlecht getroffen. Ein wiederkehrendes Motiv im quantitativ unausgewogenen71 publizistischen Ringen um die Deutung der böhmischen Ouvertüre zum Dreißigjährigen Krieg war dieser Kampf um Begriffe: Ging es in Böhmen um die »Religion« oder um die »Region«? Eine Abhandlung zeigt ihr Thema schon so im Titel an: »Wohlgegründte Antwort Vnd Wiederlegung Zweyer Jesuwiterischen und jhrem Spaniolisirten Anhang Fragen, Ob der Böhmische Krieg, vor ein Religion oder Region Krieg zu achten sey«.72 Die Katholiken fingierten, so ereifert sich der unbekannte Autor, in Böhmen »ein lauter Regionwesen«. Nun entlarve schon ein Blick in die Geschichte solche wiederkehrende katholische Heuchelei (warum, fragen wir uns später), außerdem hat man in diesem aktuellen »Kriege die Evangelische Prediger an die Spiesse gezogen, gebraten, vnd sonsten jämmerlich hingerichtet«, man hat evangelische Pfarrer »Braten Köpffen, in stücken hawen« lassen: also ist es ein Religionskrieg! Eine andere Flugschrift weiß, daß die niederträchtig absichtliche Fehldeutung, es sei in Böhmen »nicht vmb die Religion, sondern vmb Region zuthun«, nur die Evangelischen davon abhalten soll, solidarisch zusammenzustehen. Ein langer Exkurs in die Geschichte (wie man mit ihren vermeintlichen Lehren operierte, soll uns an dieser Stelle, wie gesagt, noch nicht näher interessieren) zeigt indes, daß man dem »Geschrey, ob solts allein vmb Region vnd nicht vmb Religion, nicht vmb Ketzer tilgen, sondern vmb rebellen zu straffen zu 71 Natürlich sind mir nicht alle damaligen Druckwerke geläufig. Von den mir bekannten, vor der Schlacht am Weißen Berg publizierten, hier aber nicht zitierten gibt freilich nur noch [anonym], Copie Vertrewlichen Schreibens Wentzeln von Meroschwa dem Habsburger Ferdinand Recht. Über welche unverschämten »jesuwiterischen« Schriften echauffieren sich die evangelischen Autoren also? Bauen sie einen Popanz auf ? 72 O. O. 1620 – ich verlasse hier also schon ausblicksweise die Monate unmittelbar nach dem Fenstersturz.

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Wahrnehmungsmuster der Entscheidungsträger

thun seyn«, keinen Glauben schenken dürfe.73 Interessanterweise findet sich das Begriffspaar auch in den Akten: Am 24. September 1619 erklärte der für den außenpolitischen Kurs Kursachsens wohl wichtigste Dresdner Hofrat, Kaspar von Schönberg, Magdeburger Emissären, der böhmische Aufstand sei keine »Religionssache«, sondern »Regionsache«.74 Bei den Wettinern will ich kurz verweilen.

4. Wahrnehmungsmuster der Entscheidungsträger 4.1 Divergierende Deutungen – zum Beispiel Wettin Religionskrieg oder Rebellion – das waren die beiden Interpretationslinien75, an denen sich fortan im Reich wie in Europa die Geister schieden. Sogar innnerhalb ein und derselben Dy­nastie: Wenn Johann Kasimir von Sachsen-Koburg im August 1618 nach Dresden schrieb, man müsse sich der Glaubensgenossen in Böhmen annehmen, weil es »um die religion« zu tun sei und weil im Fall eines katholischen Sieges »insgmein von den friethässigen esauiten blutdürstig erweckte große mutationes quoad libertatem et religionem76« drohten, konnte er 73 [Anonym], Christliches und gantz Getrewes Hertzwolgemeinetes Bedencken ..., o. O. 1620, die Zitate: S. 24 bzw. S. 28f. 74 Karl August Müller (Hg.), Fünf Bücher vom Böhmischen Kriege in den Jahren 1618 bis 1621, nach handschriftlichen Quellen des Königlich Sächsischen Haupt-Staats-Archivs. Ein Beitrag zur Geschichte des Siebzehnten Jahrhunderts, Bd. 1, Dresden/Leipzig 1841, S. 337. – Viele zeitgenössische Beobachter machten für die kaisernahe Dresdner Außenpolitik zu Unrecht den Oberhofprediger, Matthias Hoë von Hoënegg, verantwortlich. Dieser von Spanien bestochene »blutgierige« Mann hatte Kurfürst Johann Georg eingeflüstert, »daß es kein Religion sondern ein Rebellion wesen seye«, weiß [anonym], Eine Warnung an Alle Stande deß Churfurstenthums zu Sachssen, in den Bömischen Krieg sich nicht zumischen [meint: Warnung davor, sich etwa nicht dort einzumischen; man muß sich einmischen], o. O. 1620. 75 Gewiß könnte man die Alternativen weiter auffächern. Handelte es sich um innenpolitische Probleme in einem mäßig wichtigen Königreich im östlichen Grenzsaum des Reiches oder um eine brisante Kampfansage an alle europäischen Monarchen? Waren Drangsale der böhmischen Glaubensgenossen zu betrauern, oder mußte sich der europäische Protestantismus dagegen stemmen, daß eine Ausrottungsaktion gegen Ketzer überall auf dem Kontinent anlief ? Hier soll uns vor allem die zentrale Antithese »Rebellion versus Religion« interessieren. 76 Dem Koburger verschmolzen also, wie den meisten Druckwerken der Zeit, Freiheit vor Gewissenszwang und Freiheit vor »jesuitischer« (bzw. kurialer bzw. spanischer) Unterdrückung zu einem Komplex. Der moderne Betrachter darf und soll untersuchen, wie detailreich welche Facette ausgemalt wird, aber er sollte sich bewußt sein, daß die isolierende Herauspräparierung einzelner Gesichtspunkte – »Ausrottung der Ketzerei«, »päpstliche Weltherrschaft«, »jesuitischer Machtrausch«, »spanische Universalmonarchie« – (zwar in rückschauender Analyse legitim, doch) anachronistisch ist. – Die Zitate: Johann Kasimir an Johann Georg von Sachsen, 1618, August 14, BA N. F., Bd. 1.1, Nr. 41 Anm. 1. – Karl August Müller, Fünf

Divergierende Deutungen – zum Beispiel Wettin

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damit an der Elbe nur Kopfschütteln ernten, denn dort ging man davon aus, daß die religiöse Rhetorik der Aufständischen eine illegitime Rebellion drapiere. Die Unruhen würden ledig­lich »vor eine religionssache außgegeben«: davon waren die kursächsischen Räte tatsächlich überzeugt, eines der in Dresden seltenen Beratungsprotokolle, vom August 1618, kündet da­von. Nehmen wir uns dieses Protokoll einmal genauer vor! Sehr deutlich zeigen uns die dort festgehaltenen Voten, daß man die böhmischen Querelen in Dresden nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrnahm – als Gefahr für die eigenen Landesgrenzen und die Stabilität des Kurfürstentums, als Gefahr für den ohnehin lädierten Reichsverband. Man sah eine politisch motivierte, religiös verbrämte Rebellion ungehorsamer Untertanen, die mehr als nur das böhmische Königtum in Mitleiden­schaft zu ziehen drohte: nämlich alle Regenten Europas vor Autoritätsprobleme stellen77 und speziell das ohnehin schon geschwächte Kaisertum vollends zerrütten konnte – denn es ging in Böhmen nun einmal gegen jene gewohnheitsmäßige Kaiserdynastie, mit der die Dresdner seit Jahrzehnten schon engen Schulterschluß übten. Ursachenforschung trei­bend, hielt man sich nicht lang bei der »religion« auf, beiläufig78 erwähnten alle Wortmeldun­gen, was ohnehin selbstverständlich war, nämlich daß diese natürlich von den Insurgenten vorgeschoben werde. Niemand nahm ihnen den Majestätsbrief weg, der Chef des Hauses Habsburg, Matthias, beteuerte ausdrücklich, daß er das nicht vorhabe: Bücher, Bd. 1, S. 134f. geht kurz auf einen »Diskurs vom Böhmischen Wesen, von einem Sächsischen Hof« ein, der wohl aus Koburg »oder vielleicht auch aus Weimar« stamme: die Böhmischen müssen sich durchsetzen, denn ihre Niederlage träfe »alle Evangelische«. 77 Schließlich konnten »mehr underthanen dergleichen fürzunemen leicht animiret werden«: Protokoll der Beratungen Johann Georgs mit Geheimen Räten und führenden Militärs über die böhmischen Unruhen vom 19.-24. August 1618 (hier: Votum Kaspar von Schönbergs, des wohl einflußreichsten Ratgebers Johann Georgs). Ausführliche Auszüge der interessanten Aufzeichnung, freilich in leicht ›modernisierter‹ Diktion, bot schon Karl August Müller, Fünf Bücher, Bd. 1, S. 118–127; vgl. zuletzt, unter Rückgriff aufs Originalprotokoll (es liegt in Hauptstaatsarchiv Dresden Locat 9168, Dritte Buch Unruhe im Königreich Böhmen, fol. 21–42), auch Frank Müller, Kursachsen und der Böhmische Aufstand 1618–1622, Münster 1997, S. 151–156. Alle ereignisgeschichtlichen Einzelheiten sind in dieser Monographie umfassend aufgearbeitet, die hier maßgebliche wahrnehmungsgeschichtliche Perspektive hat Müller so wenig interessiert wie der publizistische Meinungskampf. – Im August 1619 wird der Kurfürst Christoph von Dohna erklären: »So ist’s nicht zu loben, daß sie den Herrn, den sie einmal anerkannt, nun wieder verstoßen wollen. Es ist ein bös Exempel. Auf die Weise könnte man es überall so machen, auch in meinen Landen, da Gott vor behüte und ich will es wohl verhüten«. So zitiert, sprachlich ›modernisierend‹, Johannes Voigt, Des Grafen Christoph des Ältern von und zu Dohna Hof- und Gesandtschaftsleben, in: Historisches Taschenbuch 1853, hier S. 137f. 78 Die Voten sind in dieser Hinsicht wie hingehuscht, überhaupt nicht prägnant. Man wollte sich auf dieses Feld erst gar nicht begeben. Entschieden wird freilich wieder und wieder betont, daß viele Calvinisten