Weltgeschichte im Sturmschritt

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Weltgeschichte im Sturmschritt

Table of contents :
Front Cover
Der Sturmschritt der Weltgeschichte
Kampf der Ostmark
Österreichischer Frühling
Das Reich panzert sich
Sudetengau
Die Folterkammer im Dampfteſſel
Die Flucht der Warnsdorfer
Freikorpsleute
Hitler marschiert nach Böhmen
M321469
Anhang
169

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UC-NRLF

$ B 48

610

EUGEN

HADAMOVSKY

Weltgeschichte

imSturmschritt

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Eugen Hadamovsky / Weltgeschichte im Sturmſchritt

Weltgeschichte

im

Sturmschritt

Das Großdeutſche Jahr 1938

Bon

Eugen Hadamovsky

2. Auflage 11.- 20. Tausend

19 €

39

Zentralverlag der NSDAP., Franz Eher Nachf., München

Einband- und Umschlagentwurf von Friedrich Kremer

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1939 by Verlag Franz Eher Nachf., G. m. b. H., München Printed in Germany

Druck: Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn, München

Haupt-Archiv der NSDAP. München

2

H 5,260

DD 253

H18 1939

Inhaltsverzeichnis

7

Der Sturmschritt der Weltgeschichte Männer gegen Mehrheiten

9

Der Reichstag beschimpft Bismarck .



1885

Adolf Hitler am 20. Februar 1938 Tumult auf der englischen Weltbühne

28

Kampf der Ostmark Die Handlanger unserer Feinde

49

Der Februar-Aufſtand 1934 . Die Juli-Erhebung wird erstict .

76

Aber das Feuer brennt weiter

97

Österreichischer Frühling Die Menschen der Ostmark

68

107

Schuschniggs Verrat . Das Volk steht auf •

· 118 125

Mit dem Führer ins Herz der Heimat Österreich ein Land des Deutschen Reiches •

• 155

Das Reich panzert sich Italien und England

137

169

Schach den Hezern Der Westwall

180

Die englische Kriegspartei

194 204

187

Der Zug des Leidens

LO

5

M321469

Inhaltsverzeichnis

Freiwild im Sudetengau Zwanzig Jahre Mord ·

209 213

Entfesselter Haß Die Folterkammer im Dampfteſſel Die Flucht der Warnsdorfer •

221 228

. 238

Freikorpsleute · Hitler marschiert nach Böhmen

Parteitag 1938

245

Kriegsfieber Das Sudetenwunder

252 € 265 . 288 297 . 301

Glück der Befreiung . Geheimnisvolles Land • Der Führer ist der Eroberte . •

309

Freiheit und Sicherheit Anhang

313

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938 Das Viermächte- Abkommen von München • Karte Großdeutſchlands mit dem Westwall ·

6





·

• 344 • 348

Der Sturmschritt der Weltgeſchichte

ſchien im Laufe des Jahres 1938 in Wochen nach zuholen,

was

vorher

in

Jahrhunderten

versäumt

wurde. Als das Reich 1918 nach vier Jahren Weltkrieg zusammenbrach, begann Adolf Hitler ſeine Arbeit. Die Gewalt seiner Ideenbildung und die Kraft seines Tuns stempelten ihn von Anfang an nicht nur zum deutschen Revolutionär, sondern weit darüber hinaus zum Neugestalter des europäischen Schicksals . Eisenhart schuf der Führer ein mächtiges Volk und gewann ihm mächtige Freunde.. Die Frontstellung nach Südosten nehmend , ſchmie dete er in den zwölf Monaten des Jahres 1938 das Großdeutsche Reich mit Österreich und dem Sudeten gau und zwang zugleich die Nationen Europas zum Frieden.

Das wird in diesem Buch erzählt. Als der persönliche Bericht eines tätigen National sozialisten. Ein besonderes Glück erblicke ich darin, daß ich durch den Befehl meines verehrten Chefs , Reichsministers Dr. Goebbels , historische Tage in der Nähe des Führers miterleben durfte.

7

Der Sturmschritt der Weltgeschichte

Neben den großen politischen Ereignissen erzähle ich von den unbekannten Helden unseres Volkes . Ein fache Männer und Frauen, selbst Kinder haben in dieſem gewaltigen Ringen oft so gehandelt, daß sie für alle Zukunft ein Vorbild ſein können . Nicht um ihre Person zu verherrlichen berichte ich von ihnen und nenne zuweilen auch ihre Namen. Ich glaube vielmehr, daß die Nation, und besonders die junge Nation, nicht nur ihre Fußball- und Sporthelden kennen sollte, die jeden Tag in der Zeitung stehen . Über deren Ruhm ſteht der Ruhm der unbekannten Soldaten der Idee. Die Nation und die Jugend kann diesen Helden nicht besser danken, als daß sie von ihren Taten und ihrer Hal tung weiß und ihnen nacheifert.

8

Männer gegen Mehrheiten

Der Reichstag beschimpft Bismarc

Der Hüne aus dem Sachsenwald , der über siebzig jährige greise Reichskanzler Otto von Bismarck, steht vor dem tobenden Parlamentshaufen, der den Namen Deutscher Reichstag führt. Er überragt sie alle um Haupteslänge, die da um ihn herum geifern und Gift spucken. Der Riese aus den pommerschen Urwäldern, der Krautjunker, wie sie ihn schelten, der mit Küraſſier ſtiefeln von einem Meter Schaftlänge spazierengeht. Sein mächtiger Rundschädel mit den starken buſchi gen Augenbrauen ähnelt ein wenig jenem biſſigenBull doggenkopf des Tigers von Frankreich, George Clemen ceau, der um 1886 herum noch ein junger Mann ist und dreißig Jahre später den vergeblichen Versuch machen wird, die Schöpfung Bismarcks zu zerschlagen und die Vorherrschaft Frankreichs in Europa zu be gründen.

Das deutsche Volk steht geschlossen hinter Bismarck. Die Parteien stehen fast ebenso geschlossen gegen ihn. Die Sozialdemokraten, weil er ihre landesverräterische Demagogie

durchschaut.

Das

Zentrum,

weil

der

Kanzler Deutschland nicht von Rom regieren läßt. Die Junker und Adligen, weil er, der Junker, ein Deutsch 9

Der Reichstag beschimpft Bismard

land der Deutschen und nicht eine ostelbische Junker domäne aufbaut . Aber abgesehen von allem Sachlichen, sie sind über haupt gegen ihn. Er paßt nicht unter sie, unter diese Advokaten und Schreiberseelen . Sie rächen sich auf ihre kleinliche Art und Weise an ihm . Weil sie seiner menschlichen und politiſchen Größe nichts Sachliches entgegensehen können , werden sie niederträchtig und persönlich. Der Reichskanzler wendet sich gegen Bestrebungen des Reichstages , die Schlesien und Westpreußen ge fährden. Der Reichstag — gewissermaßen zur Strafe für den Widerspenstigen — ſtellt den Antrag, ihm sein Reichskanzlergehalt zu streichen ! Bismarck hört sich das Quaken dieser parlamen tarischen Frösche mit geringschäßigem Lächeln an : „Wenn Sie “, so sagt er ruhig, „ einem Reichskanzler, der dieser Koalition nicht beitritt und ..., nicht mit helfen will, das Gehalt versagen wollen, dann, meine Herren, können wir

um mit einem gemeinen Ber liner Ausdrucke zu sprechen ·- die Reichsbude über

haupt nur zumachen! " Und er weist ihnen die Ungesetzlichkeit ihres frechen Antrages nach. Aber es geschieht noch Ärgeres . Am Vorabend seines einundsiebzigsten Geburtstages ,

10

Der Reichstag beschimpft Bismard

dem 31. März 1886 , wird der Altreichskanzler nieder gebrüllt und ausgepfiffen . Erantwortet auf diese Kund gebung des Reichstages gegen den deutschen Regie rungschef kühl und ironisch: " Meine Herren ! Aus dieſen unartikulierten Tönen kann ich nichts anderes entnehmen, als daß Sie nicht meiner Meinung sind.

Das weiß ich ohnehin. Sie

brauchen diese ungewöhnliche Kundgebung deshalb gar nicht in Szene zu sehen. “ Nur ein Wort in diesem Satz Bismarcks ist offenbar falsch : das Wort „ ungewöhnlich“ . Denn nichts ist ge wöhnlicher in diesem deutschen Parlament, als die wüſteſten und gemeinsten Beschimpfungen des Reichs kanzlers, der Reich und Reichstag überhaupt erst ge schaffen hat. Im Preußischen Landtag hat Bismarck faſt dieſelbe Parteiengruppierung wie im Reichstag gegen sich. Er fagt: „Es sind im nächsten Monat genau dreiundzwanzig Jahre, daß ich von dieser selben Stelle her eine .. Debatte zu führen hatte von einer Lebhaftigkeit, die, wie ich hoffe, die heutige nicht erreichen wird .

... Ich stand genau an dieser selben Stelle und wurde in diesen Räumen von der fast einstimmigen Versammlung mit einer Flut von Hohn und Haß über schüttet, so daß ich dachte: Nun, da sind der englische und 11

Der Reichstag beschimpft Bismard

französische Botschafter doch noch weniger gehässig und feindlich gegen mich als meine Landsleute im Preu ßischen Landtag." Der greise Bismarck, der diese Worte spricht, muß mit Heßern und Landesverrätern schonend umgehen und ihre Machenschaften nur durch die Blume an= deuten, damit ihn das Parlament überhaupt in Ruhe anhört : "Ich habe nur geltend gemacht “, sagt er zu ihnen, „daß man, gegenüber von auswärtigen Schwierig keiten, bei der Beschimpfung der eigenen Minister vielleicht doch auch nach dem Urteil der Herren eine gewisse Grenze einhalten könnte. “ Und dann weiter :

„Wenn ich nun doch einen Blick vorwärts in die Zukunft werfen soll, so muß ich sagen, daß der nicht ganz frei von Besorgnis iſt , nicht vor auswärtigen Ge fahren ―――― ich halte keine Störung des auswärtigen Friedens für wahrscheinlich

/ aber in bezug auf die

Entwicklung unserer inneren Verhältnisse . . . Die Leute kennen unsere inneren Zustände ja nicht, sie wissen nicht, daß das Volk nicht so denkt, wie die Majoritäten in den Parlamenten votieren. ... Das Ausland rechnet damit : die Sache geht auseinander, ſie hält sich nicht, ſie ist schwach. Es wird auch auf uns die Redewendung von den tönernen 12

Der Reichstag beschimpft Bismarc

Füßen angewendet werden, und unter den tönernen Füßen wird man die Reichstagsmajorität verſtehen. Man wird sich aber irren, denn dahinter stehen noch eiserne. " Am Schluß dieser Rede bittet Bismarck darum, in gegenseitigem Vertrauen Hand in Hand zu gehen. Für dieſe Worte wird er ausgezischt . Das amtliche Steno gramm

der

preußischen

Landtagssitung

schreibt :

Ziſchen links und im Zentrum. Das also ist der deutsche Parlamentarismus . Dieſes schmähliche Schauspiel zeigt das neu geschaffene Deutſche Reich derWelt. Der Schöpfer dieses Reiches wird nieder gebrüllt, beleidigt, angepöbelt, ausgezischt. Mit Sorge erkennt er, zu welchen politischen Schlüssen Deutsch lands Gegner in der Welt kommen werden : Das Reich ſteht auf tönernen Füßen, der Reichstag zeigt es ja .

Wohl gibt es dahinter noch die deutsche Armee und Beamtenschaft. Bei denen steht das Reich auf eisernen Füßen. Aber schon 1890 stürzt der junge Kaiser Wil helm der Zweite den Altreichskanzler Otto von Bis marck. Und in wenigen Jahren erfährt das Wort von den tönernen und den eisernen Füßen eine schauerliche Verwandlung . Die Meuterei im November 1918 macht achtund zwanzig Jahre später das Parlament zum Herrn Deutsch lands, vernichtet die Armee, zerſezt die Beamtenſchaft.

13

Der Reichstag beschimpft Bismarc

Nun steht das Reich tatsächlich auf tönernen Füßen . Und verliert Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, das Saargebiet,

Nordschleswig,

Memel,

Weſtpreußen,

Oberschlesien, die Kolonien, Deutsch-Österreich und den Sudetengau . Vor diesem Reich, seinem winzigen Berufsheer, seiner zersetzten Beamtenschaft aber steht das schmach volle Parlament, dessen Abgeordnete und Parteien, von keiner persönlichen Autorität mehr gezügelt, offen mit dem feindlichen Ausland zuſammenarbeiten. Das Parlament ſtüßt ſich und ſeine Herrschaft auf die Sym pathien von Deutschlands Feinden. In einem entwaff neten Volk hat es eine bewaffnete Söldnergarde zu seinem Schuß aufgestellt. Das Parlament steht nun auf eisernen Füßen und unterdrückt und zertritt vier zehn Jahre lang alle Keime einer deutschen Befreiung.

14

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Fünf Jahre nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler. Zwanzig Jahre nach dem 9. November 1918 . Achtundvierzig Jahre nach dem Sturz Ottos von Bismarc. Der Rundfunk

gibt

in den Abendstunden eine

Mitteilung von soldatiſcher Kürze heraus .

"I Achtung , wir bringen eine

Sonder -

meldung des Drahtlosen Dienstes : Der Deutsche Reichstag ist auf Sonn tag , den 20. Februar , nach Berlin ein= berufen. Abgabe

Auf der Tagesordnung steht : einer

Erklärung

der

Reichs =

regierung. " Mit dieser knappen , sachlichen Mitteilung derReichs regierung begnügt ſich die Öffentlichkeit, die Preſſe, das deutsche Volk.

In den sechzehn Tagen bis zur Reichstagssitung ſezt keine Preſſehehe ein, beginnt kein Parteienſtreit in der Öffentlichkeit, wird nicht durch die übliche parla mentarische Brunnenvergiftung die Luft von vorn herein verpestet. Mit Spannung, aber in Ruhe und 15

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Disziplin, erwartet das deutsche Volk die Kundgebung seines Führers, eine Kundgebung, die von so großer Bedeutung sein muß , daß der Führer sie vor dem Reichstag bekanntgeben wird . Das heißt aber vor der ganzen Welt. Denn der Deutsche Reichstag ist die Bühne, auf der unser Volk vor die Welt tritt. Seit der Kommunist van der Lubbe im Februar 1933 das Reichstagsgebäude in Brand ſezte, um da mit das Signal zum allgemeinen kommuniſtiſchen Auf stand in Deutschland zu geben, finden die Sizungen in der gegenüberliegenden ehemaligen Krolloper statt. Am 20. Februar 1938 haben die abgeordneten Männer des deutschen Volkes , über siebenhundert an der Zahl, den Saal dicht besetzt. Da, wo einst die Bänke der „ Linken “ waren, erkenne ich auf den ersten Blick ein Dußend Köpfe, die jedem Nationalsozialisten bekannt sind . Der Polizeigeneral Daluege, 14 -Gruppenführer und ältester Kämpfer der Berliner SA . Hinter ihm Reichsleiter Rosenberg, der Beauftragte des Führers für die gesamte weltanschau liche Erziehung der NSDAP . und Träger des ersten, einem Lebenden verliehenen Nationalpreiſes für Kunſt und Wissenschaft. Neben ihm sißt Reichsleiter Buch, der

Oberste

Parteirichter.

Schräg

dahinter

SA.

Gruppenführer Jüttner, der Organisator der gewal tigen Aufmärsche des Reichsparteitages in Nürnberg . 16

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Dann Gauleiter Telschow von Hannover-Ost, Gau leiter Florian von Düsseldorf, Gauleiter und Ober präsident Terboven . Gauleiter Wagner aus München, der Hauptstadt der Bewegung, und der Stellvertretende Gauleiter von Berlin, Görlizer. Weiter rechts Staatssekretär Hanke, seit über zehn Jahren der engste Mitarbeiter seines Berliner Gau leiters

Dr. Goebbels . So könnte man die ganzen

Reihen der Siebenhundert durchgehen, von „ links “ bis „ rechts “, von Streicher bis Stürz , von den Reichs leitern Amann und Schwarz , den ältesten Mitkämp fern des Führers , bis zu den jüngsten Abgeordneten der Bewegung. Es sind Männer, von denen jeder ein entscheidendes Amt innehat. Männer, die man in jedem neugewählten Reichstag wieder sieht, weil ihr Können und ihre Lei ſtung dem Führer für seine Aufbauarbeit unentbehrlich find. Da gibt es allerdings keine Parteien mehr, kein „links “

und

„rechts “,

keine

„Oppoſition“ .

Adolf

Hitler ist vom ganzen Volke gewählt . Diese Männer sind als seine Gefolgsleute gewählt worden. Der Ge danke, als streitendes Parlament zur Schadenfreude von Deutschlands Gegnern auf die Bühne des Reichs tages zu treten, liegt ihnen weltenfern. Das deutsche Volk hat sie gewählt, damit ſie ſeine Intereſſen und

2 Hadamovsth, Weltgeschichte

17

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

nicht die ihren vor der Welt vertreten. Es hat sie gewählt mit vierzig Millionen Stimmen in freier, geheimer, demokratischer Wahl . Mit mehr Stimmen als irgendein Abgeordneter in der Welt und irgend ein Volksführer je gewählt worden ist. Der rote Situngssaal ist mit Spannung geladen . Das Gefühl einer großen historischen Stunde liegt über dem Kreis der siebenhundert auserlesenen National ſozialiſten. Es iſt durch keinerlei persönliche Sorgen und Interessen getrübt und beeinträchtigt. Hier kennt und teilt jeder nur eine Sorge : die des Führers um das Wohl des Volkes . Interesse:

dem

Hier dient jeder nur einem

Interesse

Deutschlands .

Es

gibt

keine Machtkämpfe zwischen den Abgeordneten, keine Intrigen gegeneinander, keine Beleidigungen, Ver leumdungen, Manöver und Gruppenbildungen. Nie mand kritisiert die Regierung. Niemand schielt nach Miniſterſizen. Keiner erwartet einen Vorteil davon, wenn die Regierung stürzt. Auch hier sizen sich Abgeordnete und Regierung gegenüber. Da sind auf den Bänken der Reichsregie rung Ribbentrop, der neue Außenminister; Frick, der Innenminister;

Goebbels ,

der

Reichspropaganda

minister ; Funk, der seit sechzehn Tagen sein Amt als Reichswirtschaftsminister führt ;

Reichsjustizminiſter

Gürtner, Kultusminiſter Ruſt und Kirchenminiſter

18

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Kerrl. Dann in einer Reihe mit Staatsminister Meiß ner Generaloberst von Brauchitsch und General Keitel. Auf der anderen Seite des Rednerpultes siten die Miniſterpräsidenten der Länder und die Staatssekre täre des Reiches . Unter ihnen Körner, Milch, dann Generalmajor Bodenschat . Aber keine Kluft trennt Regierung und Abgeord nete. Als ein geschlossener Block , willensstark, klug und gemeinsam, treten sie vor die Augen der Welt. Die Zeit ist vorbei, in der ein johlendes Parlament einen Bismarck vor den Augen der Welt beleidigen und schmähen durfte. Die unsaubere Parlamentsbude der Syſtemzeit ist zugemacht . Die sechsundvierzig Par teien mitſamt dem seligen Zentrum hat der Teufel geholt . Was mögen die ausländischen Diplomaten in dieser Stunde denken? Sie füllen Kopf an Kopf die Diplomatenlogen und Ränge. Sie wissen, wie ihre eigene Regierung daheim in der gesegneten „,, Demokratie" vom Parla ment ausgepfiffen und angegriffen wird . Sie ahnen, daß die heutige Sihung des Deutschen Reichstages plöblich das Gesicht der Regierung in ihren eigenen Ländern verändern kann, und daß ihre demokratischen Kammern

und

Parlamente

dann

das

Schauspiel

zänkischer Marktweiber bieten werden. Schon ſizen die Vertreter der ausländischen Presse mit gespizten Blei

2*

19

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

ſtiften, das Urteil ihrer Partei bereits fertig in der Tasche, um die Führerrede aufzunehmen und zu zer pflücken.

Schon bereiten sie sich auf die heimischen

Pressefehden und Parlamentsschlachten vor .

Neben den Pressevertretern ſizen in der ersten Loge rechts vom Führerplay die Männer des Rundfunks . Die Deutschen, um unserem Volk und der Welt ein Bild dieser Schmiedewerkstatt des Dritten Reiches zu geben. Die Männer des internationalen Rundfunks aus dreißig Ländern der Erde, mit fünfhundert Sen dern und ebensoviel hundert Millionen Hörern, um die Reichstagssitung in die ganze Welt zu übertragen . Da ſizen ſie in London und Paris , in Nordamerika und Südamerika, in Aſien und Auſtralien und nehmen als Hörer an der Reichstagssitung teil. Freilich ist es nicht die Bereitschaft, zuzuhören und zuzustimmen, die die wichtigsten Länder der Erde und ihre demokratischen Häuptlinge als Zuhörer in den Reichstag nach Berlin lockt. Es ist im Gegenteil die Bereitschaft, möglichst ſchnell dagegen zu reden, möglichst schnell das kunſt volle Gebäude der Führerrede durch eine feindselige Diskussion zu ersehen.

Sie wollen Waffen daraus

schmieden für ihren innerpolitischen Kampf, für ihren Parteienhader

untereinander,

für

ihr

persönliches

Machtstreben, oder auch — für den Kampf gegen das Dritte Reich. 20

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Auch hier steht alſo ein Mann, Adolf Hitler, gegen eine riesenhafte, diskutierende, lärmende, verneinende Mehrheit. Gegen die Mehrheit faſt der ganzen Welt jenseits der Grenzen. Allein hinter dieſem Mann ſtehen ſiebenhundert

Abgeordnete

und

siebzig

Millionen

Deutsche. Der Sekundenzeiger der aſtronomischen Uhr, nach dem die Uhrzeiten des Rundfunks eingestellt werden, zeigt fünf Sekunden vor dreizehn Uhr. Da ertönt ein dreifaches Klingelzeichen. Schlag dreizehn Uhr, faſt auf die Sekunde genau, betritt der Führer den roten Plenar saal des Reichstages . Die abgeordneten Männer er heben sich und grüßen mit ausgestrecktem Arm. Jedes Gespräch verstummt, kein Zuruf wird laut, in ehr furchtsvollem tiefem Schweigen empfängt der Reichs tag stehend den Führer und Reichskanzler. Adolf Hitler nimmt auf der Regierungsbank neben ſeinem Stellvertreter Heß Plaz. Generalfeldmarschall Göring, im schlichten Braun hemd ohne Abzeichen und Orden, begibt sich auf den erhöhten Sitz des Reichstagspräsidenten . Links und rechts von ihm siten Reichsminister Lammers , der Chef der Reichskanzlei , Reichsleiter Dietrich, der neu ernannte Staatssekretär im Propagandaminiſterium und Pressechef der Reichsregierung, und des Füh rers Adjutanten, SA. -Obergruppenführer Brückner, 21

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

14-Gruppenführer Schaub und NSKK. -Brigadefüh rer Wiedemann . Göring eröffnet die Sizung und gedenkt der ver= storbenen Reichstagsabgeordneten. Die Männer im Saal erheben sich zu Ehren der Toten. Dann sagt Göring : „ Das Wort hat jezt der Führer und Reichskanzler. “

Hitler spricht. Ruhig, kühl, verhalten. Ebenso ruhig, aufmerksam, folgschaftsbereit nimmt der Reichstag seine Erklärungen entgegen. Der Führer schildert den furchtbaren Zuſammen bruch Deutschlands nach 1918 , die Schwäche der herr schenden Schichten und die harte Entschlossenheit und Stärke, die die NSDAP . dieser Schwäche entgegen sette. Er sagt mit erhobener Stimme :

" Als ich am 30. Januar 1933 die Reichskanzlei betrat, war ich nicht der erste, der berufen wurde, das deutsche Volk zu retten, sondern der lezte. Das heißt: Nach mir befand sich niemand mehr als höchstens das Chaos ! " Bis zu diesen Worten haben die Abgeordneten ge schwiegen. Nun sett Beifallsklatschen ein. In großer Breite entwickelt der Führer sodann die 22

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Folgeerscheinungen des deutschen Zusammenbruchs . Er erinnert an die traurigeWirtschaftslage der System zeit, das Elend von Produktion, Handel und Finanzen, die Not der Hungernden und Arbeitslosen. Dann stellt der Führer die Erfolge des national sozialistischen Aufbaus dagegen. Er, der sonst nur an die Herzen appelliert, läßt nun in einer entscheidenden Stunde die Zahlen sprechen. Denn hier redet er nicht zum deutschenVolk, hier redet er zurWelt. Und weniger zu den fremden Völkern als zu den ausländischen Staatsmännern , Parteiführern , Parlamentariern und Advokaten. Bei denen wäre jeder Appell an die Herzen vergeblich. Denen imponiert nur, was der eiskalte Ver ſtand wägen, meſſen und rechnen kann. Und der Führer preßt Zahlen in ihre Gehirne : Die gewerbliche Erzeugung hat sich in fünf Jahren ver doppelt. Der Außenhandel des Reiches stieg um eine Milliarde. Die Sparkaſſenguthaben um faſt vier Mil liarden. Die Reichseinnahmen um 7,4 Milliarden . Die Steinkohlenförderung stieg von 150 Millionen Tonnen auf 185

Millionen

Tonnen.

Die

Stahl

erzeugung von 9,6 Millionen Tonnen auf 19,2 Mil lionen Tonnen. Wie Hammerschläge fallen die Ziffern in den Raum. Die Abgeordneten, den leidenschaftlichen Appell des Führers an die Herzen, an Gefolgschaftstreue und 23

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Opferbereitschaft erwartend, folgen den Zahlenreihen erst mit gespannter Aufmerksamkeit. Dann, als sich viertelstundenlang Ziffern aufZiffern häufen, gigantische Leistungen dahinter sichtbar werden, beantworten ſie die nüchterne Aufzählung mit stürmischen Kundgebungen. Zahlen zeigen das Bild der deutschen Kraft! Verdoppelung der Stahlerzeugung von 9,6 auf 19,2 Millionen Tonnen : diese eine Ziffer allein bedeutet Kriegsschiffe,

Panzerwagen,

Geschütze, Flugzeuge, ―――――――― Munition, Gewehre, Waffen so viel, daß kein Gegner uns mehr auf die Knie zwingen kann !

Der Reichstag rast. Die Aufzählung der nüchternen Zahlen reißt die deutschen Herzen empor und fällt — bleischwer in die Erwägungen ausländischer Staatsmänner . Dann gibt der Führer ein großartiges Bild der sozialen Maßnahmen des Dritten Reiches . Rund ein einhalb Milliarden Mark wurden vom deutschen Volk freiwillig für das Winterhilfswerk aufgebracht . Rund eine

Million

einhundertundsechzigtausend

Kinder

wurden in Deutschland im Vergleich mit demselben Zeitraum in der Systemzeit mehr geboren : Eine Million einhundertundſechzigtauſend Kinder mehr! ,,Ein lebender Beweis für die gewaltige Arbeit der nationalsozialistischen Erhebung unseres Volkes und

24

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

den Segen unseres Herrgotts “, so ruft der Führer voll Stolz aus . Stahl und Eisen werden das deutsche Volk und die deutsche Heimat in Schuh nehmen : „ Das deutsche Friedensheer ist aufgestellt ! Eine ge= waltige deutsche Luftwaffe schüßt unsere Heimat ! Eine neue Macht zur See unsere Küsten ! Inmitten der gigantischen Steigerung unserer allgemeinen Produk tion wurde es möglich, eine Aufrüstung ohnegleichen durchzuführen! " Dann gibt Adolf Hitler bekannt : Deutschland wird den von Japan geschaffenen Staat Mandſchukuo an= erkennen. Nach dem

1936

abgeschlossenen

Antikomintern

abkommen zwiſchen Deutschland, Japan und Italien ſchlagen wir so eine weitere Brücke zu der kriegerischen Großmacht im Fernen Osten, die mit dem Schwert in der Hand im Rücken der uns bedrohenden Sowjetunion steht. Am Schluß seiner dreistündigen Rede proklamiert der Führer den Schuß der deutschen Volksgenossen jenseits unserer Grenzen : Denn es soll nicht bestritten werden, daß, solange Deutschland selbst ohnmächtig und wehrlos war, es viele dieser fortgesetzten Verfolgungen der deutschen

25

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

Menschen an unseren

Grenzen

einfach hinnehmen

mußte. Allein so wie England seine Interessen über einen ganzen Erdkreis hin vertritt, ſo wird auch das heutige Deutschland seine, wenn auch um so viel be grenzteren Intereſſen zu vertreten und zu wahren wiſ ſen. - Und zu dieſen Interessen des Deutschen Reiches gehört auch der Schuß jener deutschen Volksgenossen, die aus eigenem nicht in der Lage sind, sich an unſeren Grenzen das Recht einer allgemeinen menschlichen, politiſchen und weltanschaulichen Freiheit zu sichern! “ Das ist nur ein Sah in einer dreistündigen Rede . Aber die ganze Rede zielt darauf ab, diesem Sah den nötigen Nachdruck in den parlamentarischen Köpfen der Welt zu geben. Die Rede ist vielleicht überhaupt nur wegen dieses Sazes da ! Die abgeordneten Männer des Deutschen Reichstages wissen, was dieser Sah im Munde des Führers bedeutet.

Sie stimmen seinen

Worten mit fanatischen, minutenlangen Heilrufen zu. Sie sind eine ganz klare, unmißverständliche Ankündi gung. Entweder ist morgen Schluß mit der Unter drückung der Deutschen jenseits der Reichsgrenzen in Österreich und in der Tschecho -Slowakei, oder das Reich wird von sich aus die Unterdrückung beenden! Aufs tiefste bewegt dankt Hermann Göring dem Führer für die heiligen Stunden, in denen er die Größe und den Ewigkeitswert des deutschen Volkes noch ein 26

Adolf Hitler am 20. Februar 1938

mal allen vor Augen gestellt hat. Feierlich wie ein Schwur braust das Deutschlandlied und das Horſt= Wessel-Lied durch den Raum. Mit erhobenem Arm ſingen die Männer des Deutschen Reichstages und der Reichsregierung. Mit erhobenem Arm stehen viele der Vertreter auswärtiger Mächte. Nun muß die Welt wissen, daß es kein Schwanken und keine Zweifel mehr geben kann.

An den Worten des Führers ist nicht zu drehen und zu deuteln. Dagegen gibt es keine Oppoſition, keine Hoffnung auf Parteienhader und Regierungsumſturz . Das Wort des Führers ist das Wort des Volkes . Ein Volk- ein Wort! Das Dritte Reich steht nicht mehr auf den tönernen Füßen einer zufälligen Reichstagsmajorität. Das Dritte Reich steht auf eisernen Füßen und hat nun seinen Willen bekanntgegeben !

27

Tumult auf der englischen Weltbühne

Solange ein Land überreich und übermächtig ist, hat es immer Zeit . Es kommt nie zu spät. Denn alle Entscheidungen fallen erst wirklich und endgültig, wenn ein solches Land ſein Urteil fällt. England war einst ein überreiches und übermächtiges Land. Seine Induſtrie arbeitete für den Export in die ganze Welt. Die Welt aber arbeitete für Englands Reichtum. Die englische Flotte, stärker als zwei Flotten der stärksten Großmächte zusammengenommen, be herrschte den Erdball . Auf dem Festland aber besaß England Soldaten, die ihm den Rücken deckten. Ein mal hieß einer dieser Soldaten Friedrich der Große. Er hielt Frankreich im Siebenjährigen Krieg auf dem Kontinent in Schach, während England über See den Franzosen Kanada, Südafrika , Westindien und In dien wegnahm. Nachdem England alles eingesteckt hatte, was ihm wertvoll schien, ließ es den Alten Frit 1761 ohne Unterſtüßung ſizen und schloß einen Sonder frieden. Ein wenig vertrauenerweckendes Bündnis verfahren ! Bald darauf verlor England zunächst die Allein herrschaft über Nordamerika . Die Vereinigten Staaten 28

Tumult auf der englischen Weltbühne

entstanden.

Später

wurden

aus seinen

Kolonien,

Indien vorläufig ausgenommen , mächtige, faſt unab hängige Staaten. Dort wuchs eine mit dem engliſchen Mutterland konkurrierende Induſtrie heran. Die Län der der Erde begannen für ihren eigenen Reichtum ſtatt den Englands zu arbeiten. Der Weltkrieg beschleunigte diese Entwicklung. So zählt auch das reiche Britannien zu den Ver lierern des Weltkrieges , trozdem es jahrelang ver blendet die Siegerrolle spielte. Auf dem Kontinent aber besitzt England keinen mächtigen Festlandsoldaten mehr, der ihm den Rücken frei hält. Denn mit angelsächsischer Hartnäckigkeit hat es sechs lange Jahre hindurch immer wieder auf die falsche Karte gesezt und ist dabei immer wieder der Dumme gewesen. Ein Land in solcher Lage hat keine Zeit mehr . Wenn es sich nicht rasch und entschlossen in die großen welt politischen Entscheidungen einschaltet, dann fallen die Entscheidungen, ohne daß es überhaupt gefragt wird.

Deshalb sizen ein paar Männer mitten am Sonn tag, den 20. Februar 1938 , in ihrem Londoner Büro . Das ist durchaus ungewöhnlich. Denn nichts iſt in England so heilig wie die Gewohnheit . Und nichts ist eine so heilige Gewohnheit wie das englische Wochen ende, das week - end . Die Reichen und die Miniſter beginnen es schon am Freitagabend zu feiern und fahren

29

Tumult auf der englischen Weltbühne

dann zur Jagd auf ihre Schlösser in den Bergen von Cornwall oder Schottland , oder sie gehen an die See. In letzter Zeit haben ihnen aber die verfluchten Deut schen immer wieder das schöne Wochenende versaut. Egalweg ist am Sonnabend in Berlin was los . Am ersten Wochenende dieses Monats Februar hat Hitler der Welt plötzlich eine Liste neuer deutscher Generale präsentiert! Am zweiten Wochenende hat er den öster reichiſchen Bundeskanzler Schuschnigg völlig unerwar tet zu sich auf den Obersalzberg zitiert ! Und zum dritten Wochenende hat er den Reichstag nach Berlin einberufen ! Schon am Sonnabend war in London Kabinetts situng. Jezt, am Sonntagnachmittag, ſißen Englands Miniſter abermals

im schmucklosen

Ziegelbau des

Hauses Downingſtraße Nr. 10. In der altmodiſchen, unschönen und an einer Stelle gewinkelten Straße steht eine geduldig ausharrende Menschenmenge und blickt auf den Bobby, den Polizisten, der den Eingang be wacht, und auf die schwarze Kahe, die neben ihm hockt und nach der Meinung der Engländer dieſem Hauſe Glück bringt. Diesem Haus, in dem jezt Englands Minister am Rundfunkapparat ſizen und die Über tragung aus dem Deutschen Reichstag verfolgen . Der aufmerkſamſte Hörer der Führerrede iſt zweifel los jener hochgewachsene, schlanke Gentleman dort im Sessel. Sein sportlich straffes

30

Gesicht

erhält durch

Tumult auf der englischen Weltbühne

borſtige graue Haare und den borſtigen, ziemlich brei ten Bart über der Oberlippe etwas Wildes , Martia lisches , das durch gewisse weiche Linien am Mund und durch die Augen etwas ausgeglichen wird . Die klugen Augen des alten Herrn ſind auf den Dol metscher gerichtet, der unmittelbar aus dem Rundfunk apparat die Säße der Führerrede dem Sinne nach ins Englische überseht. Dann gehen seine Blicke wieder zur Tür. Der Sonderkurier aus dem mächtigen grauen Gebäude gegenüber erſcheint. Im Foreign Office, dem Auswärtigen Amt des britischen Weltreiches , wird die Führerrede nämlich durch eine Schar von Überseßern, die sich gegenseitig ablösen, mitgeschrieben und über ſezt. Von Minute zu Minute wird ein neues Blatt der wörtlichen Übersetzung fertig und geht dann sofort nach Downingstraße 10 an den Herrn dieses Hauses , den englischen Ministerpräsidenten Neville Chamberlain. Um sechzehn Uhr, als dieser vielleicht aufmerkſamſte Zuhörer und Leser des Führers endlich den Kopf hebt, hat Hitler in Berlin unter dem brausenden Jubel der Reichstagsabgeordneten seine Rede beendet. Nun be ginnt die Diskuſſion im englischen Kabinett. Eine un gewöhnliche und heftige

Diskussion .

Chamberlains

engſter Mitarbeiter, der Außenminister Anthony Eden, greift die Politik des Miniſterpräsidenten an ! Kein Zweifel, daß Anthony Eden einer der unversöhnlichſten 31

Tumult auf der englischen Weltbühne

Gegner der Hitlerregierung in Deutschland und des Faschismus in Italien ist . Bereit, die ganzeWelt ,, gegen den Faschismus “ in den Krieg zu treiben. Kein Zweifel auch, daß Herr Eden als Außenminiſter mit der ganzen Starrheit des Angelsachsen an jener Politik der ver paßten Gelegenheiten festhalten will , die unter dem Inbegriff der Völkerbundspolitik die Kette der eng lischen Niederlagen umfaßt : Den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund , die verfehlte Politik gegen Japan, den Austritt Japans aus dem Völkerbund, die englische Sanktionspolitik gegen Italien während der Eroberung Abessiniens . Den Austritt Italiens aus dem Völkerbund und die englische Niederlage im Spanienkonflikt. Drei Stunden hat der Führer in Berlin gesprochen. Drei weitere Stunden wird die Rede in London dis futiert. Nach diesen drei Stunden verläßt Herr Anthony Eden das Haus Downingstraße 10 als ein geschlagener Mann. Er hat sein Amt niedergelegt. England hat keinen Außenminister mehr.

Das Wochenende ist nun wieder zu einer Über raschung für die Welt geworden, aber zu einer eng lischen Überraschung ! Wahrscheinlich

besitzt

Ministerpräsident

Neville

Chamberlain jene selbe englische Hartnäckigkeit und 32

Tumult auf der englischen Weltbühne

Zähigkeit wie sein

eben gestürzter Außenminister.

Aber während Herr Eden aus dem Hochadel kommt, eine vornehme Erziehung genossen und ſelbſtverſtänd lich die diplomatische Karriere eingeschlagen hat, kom men die Chamberlains aus Birmingham, wo inmitten einer grandiosen Induſtrie die ſozialen Gegensäte wie Feuer und Wasser aufeinanderſtoßen. Hier haben drei Generationen der Familie Chamberlain im Kampf der Parteien ihren Mann geſtanden und sind jedesmal aus der Industriestadt bis in die höchsten Ämter des König reiches Großbritannien vorgestoßen. Dazu gehört nicht nur Tradition, die den schon allein trägt, der auf ſie durch Geburt und Stand ein Anrecht hat. Dazu gehört vor allem sehr viel Klugheit. Viel mehr Klugheit, als .. die anderen vielleicht besißen ...

Der aufmerksame Mann im Sessel hat das englische Kabinett hierher rufen lassen, heute nachmittag am Sonntag, und damit eine alte geheiligte Tradition durchbrochen. Er scheint fähig , ja entschlossen zu sein, mit noch mehr geheiligten Traditionen zu brechen, viel leicht mit der ganzen Völkerbundspolitik, die England allmählich zum Gespött der Nationen macht. Dieser alte Chamberlain erscheint elastischer, beweg= licher und ――― gefährlicher als sein zwanzig Jahre jüngerer Außenminiſter.

3 Hadamovsky, Weltgeschichte

33

Tumult auf der englischen Weltbühne

Die englische Kriegspartei sieht mit dem Sturze Edens ihre Felle wegschwimmen. Die wildesten Hezer dieser Gruppe sind naturgemäß bei den Juden im engliſchen Parlament und bei der marriſtiſchen Partei, der Labour Party , zu finden . Der gestürzte hochkonser vative Herr Eden wird nun ihr Mann. Als sich Eden zwanzig Stunden nach seinem Rück tritt, am 21. Februar 1938 , in das Parlament begibt, da hat sich vor den Toren eine recht merkwürdig aus schauende Menge angesammelt:

1

Sehr viele Juden,

einige ſtadtbekannte rote Verbrecherfiguren aus White chapel und ein paar Dußend intellektuelle Brillenträger vom Wilson-Typ . Eine seltsame Mischung von anti



englischem Gesindel und ehrlichen Völkerbundsfana

M

tikern. Diese Leute warten auf Eden, ſie begrüßen ihn mit Zurufen, als er kommt, sie stoßen Schmährufe gegen Deutschland und Italien aus, sie fordern den Krieg ! Schämt Herr Eden sich nicht der Gesellschaft, in die er plöglich geraten ist ? Glaubt er, daß diese Schreier bereit sind , selber an die Front zu gehen? Ist sein Blick so sehr durch Vorurteile und vorgefaßte Meinungen getrübt, daß er bei diesem Geschrei das künstliche Theater nicht spürt? Sieht er nicht, daß diese Schreier nicht Eng land sind? Eden nimmt dankend die „ Grüße “ des lärmenden

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Tumult auf der englischen Weltbühne

Haufens entgegen und geht in das Parlament. Er weiß nun, daß dieselben Gruppen ihm im Parlament bei ſeinem Kampf gegen den Ministerpräsidenten Cham berlain zur Verfügung stehen werden. Ja, er weiß mehr, denn er hat bereits Verbindung mit ihnen auf genommen. Die Marxisten, die Liberalen, die Gewerk schaften und die Juden werden Himmel und Hölle in Bewegung sehen, um nach Edens Rücktritt den Rück tritt der ganzen Regierung zu erzwingen . Sie haben bereits einzelne Miniſter des Kabinetts in dieſem Sinne bearbeitet. Wenn ein Gesamtrücktritt erfolgt, ſo muß der englische König in dieſer Situation das Parlament auflösen und Neuwahlen ausschreiben. Dann ist Cham und der Weg zum berlain gestürzt — so hoffen ſie -

Kriege frei. Im Parlament ergreift Ministerpräsident Neville Chamberlain sogleich das Wort, um die Grundsäße seiner Außenpolitik und die Gründe für Edens Rück tritt darzulegen . "Ich bin bestrebt “ , erklärt Chamberlain den eng lischen Abgeordneten, „ Besprechungen mit Deutſchland und Italien aufzunehmen , damit wir feststellen, ob es irgendeine gemeinsame Baſis gibt, auf der wir viel leicht einen allgemeinen Plan der Befriedung aufbauen können." Die Worte des Miniſterpräsidenten machen auf die

3*

35

Tumult auf der englischen Weltbühne

Kriegsheber nicht den geringsten Eindruck. Der Ab geordnete Greenwood, stellvertretender Führer der Marristenpartei, bringt unmittelbar im Anschluß an die Erklärung des Ministerpräsidenten einen Miß trauensantrag gegen die Regierung ein. Im Hauſe herrscht atemlose Stille, als der Kriegstreiber den Wortlaut verliest : „ Das Haus bedauert die Umstände, unter denen der bisherige Außenminister gezwungen wurde, sein Amt niederzulegen, und beſißt kein Vertrauen zu den gegen= wärtigen Beratern des Königs und deren Leitung der "1 Außenpolitik. Auf Chamberlains Wunsch vertagt sich das Unter haus zunächſt . Am Abend findet Chamberlain in einer Besprechung die Unterſtüßung der meisten konservati ven Abgeordneten, die ihm als Chef der Partei das Vertrauen aussprechen . Zugleich schlägt Chamberlain dem König vor, Lord Halifax mit dem Amt des Außen ministers zu betrauen. Vor einigen Monaten war Lord Halifax sozusagen privat in Deutschland und als Gaſt des Führers auf dem Obersalzberg. In Paris meldet sich ein nationaler Franzose zum Wort und unterſtüßt die Politik Chamberlains mit einer geistreichen und wißigen Erklärung :

„Hitler ist wenigstens in einem Punkt seiner Rede ungerecht gewesen : nämlich in seinem heftigen Angriff 36

Tumult auf der englischen Weltbühne

gegen den Völkerbund ; denn er schuldet ihm einen guten Teil seiner Macht und seines Erfolges . Der Völkerbund hat die alliierten Sieger des Krieges auseinandergebracht und zum Teil mit dem neuen Deutschland verbunden. Durch seinen einfältigen Hoch mut hat er Japan zum Ausscheiden veranlaßt. Durch die gleiche Haltung hat er Italiens Austritt erzwungen . Genf hat Rom den Weg nach Berlin gezeigt und Berlin den Weg nach Wien geöffnet ... Wenn der Völkerbund nicht gerade das Glück seiner Gegner ist, so ist er doch das Unglück ſeiner Anhänger, von denen Mr. Eden einer der lezten war. Der Völker bund ist das Unglück der Demokratien, wie die Sowjet union ihr Gift iſt. " Wer wird nun in dem Ringen der Kräfte ſiegen? Wird

Englands

verantwortlicher Ministerpräsident

den innerpolitischen Streit überstehen und morgen in Besprechungen mit Deutſchland und Italien eintreten können? Oder wird Chamberlain stürzen ? Werden die Kriegsheber zurMacht kommen ? Dann müſſen Deutsch land und Italien darauf gefaßt sein, von der halben Welt unter englisch-jüdiſcher Führung mit Krieg über zogen zu werden ! Am nächsten Tage, dem 22. Februar 1938, erreicht der innere Streit in England ſeinen Höhepunkt. Wieder tritt das Parlament zuſammen. Wieder kämpfen die 37

Tumult auf der englischen Weltbühne

Kriegsheßer auf dieser Bühne der Welt mit allen Mit teln und allen Waffen gegen den Miniſterpräsidenten . Wieder wird Eden von demonstrierenden Kommuniſten mit lärmenden Zurufen auf der Straße begrüßt. Der Ministerpräsident aber ist in Gefahr, von dem gleichen Gesindel ausgepfiffen zu werden. Im

Parlament erhebt sich der Marxiſtenführer

Attlee und fährt gleich sein schwerstes Geschütz gegen Chamberlain auf: ,,Die Regierung verrät die Sache des Friedens und die Sicherheit des Landes." So stellen die Kriegsheßer die Dinge auf den Kopf! Sie allein gefährden die Sicherheit Englands , denn wenn sie zum Konflikt mit Deutschland und Italien treiben, dann kann sich jeder Engländer an den Fingern abzählen, daß der deutsche Riese sich mit furchtbaren Schlägen zur Wehr sehen wird . Wirkungsvoller als 1914 . Eine Dame erhebt sich, Miß Wilkinſon. Seit den lächerlichen Suffragettenkämpfen, als gröhlende Da men

die

konservativen

Abgeordneten

mit

Regen

schirmen verhauen haben, sißen auf Englands Ab geordnetenstühlen nämlich auch Frauen und machen die Geschichte mit. Miß Wilkinson verlangt unter dem Beifall der Kriegsheher, daß England den militärischen Schuß

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Tumult auf der englischen Weltbühn e

für die Unabhängigkeit Öſterreichs und der Tschecho Slowakei übernehmen solle. Eine wahrhaft kriegerische und unbedachte Dame! Will sie mit dem Regenschirm selber in den Schüßen graben? Oder gedenkt sie wenigstens diesen Teil des Geschäfts den Männern zu überlaſſen und indeſſen zu Hause zu heben? Sir John Simon antwortet für die Regierung, daß sie keinem der beiden Staaten eine besondere Garantie zu geben bereit sei. Das ist das Gegenteil von dem, was die Kriegsheher wollen . Sie wissen genau, daß die Frage der Millionen vom Reiche getrennten Deutſchen in Mitteleuropa einmal gelöst werden muß, wenn ein gerechter und dauerhafter Friede eintreten soll . Aber sie sind heute noch ebenso wie vor zwanzig Jahren ent schlossen, Deutschland die Gleichberechtigung zu ver weigern und das von ihnen selber proklamierte Selbst bestimmungsrecht der Völker Deutschen nicht zu gewähren. Sie wollen eine Unabhängigkeitsgarantie für Öſter reich und dieTschecho - Slowakei , um damit einen Kriegs grund zu schaffen und auch gleich den Grund zu einer neuen Kriegsschuldlüge zu legen. Denn wenn es nach einer internationalen Garantie zum Kriege kommt, dann ist natürlich ――――――― wieder einmal ― - Deutschland der Schuldige. 39

Tumult auf der englischen Weltbühne

In diesem Sinne greift der Marxist Greenwood den Ministerpräsidenten erneut aufs schärfste an, um sei nen Mißtrauensantrag zu begründen. Der Miniſterpräſident ſei vor dem Druck Deutſch lands und Italiens zurückgewichen . Er schädige die englischen Intereſſen in der ganzen Welt. Zwischen dem englischen Regierungschef und der Volksmeinung be ſtehe eine tiefe Kluft. Chamberlain handle wie ein Faschist, wie ein Italiener, aber nicht wie ein Eng länder. Als Chamberlain ſich zur Antwort erhebt, sieht man schon rein äußerlich seinem Gesicht und seiner Haltung an, daß er zur Abwehr der Heßer entſchloſſen iſt . Er antwortet sachlich, aber sehr scharf. Der liberale Abgeordnete Sinclair schreit wild durch den Saal: „Die Italiener ſollen erst einmal ihre Freiwilligen aus Spanien zurückziehen.“ Der Miniſterpräſident verſtummt und sieht den Schreier an. Eine Sekunde ist es faſt ſtill im Haus . Dann klatschen einige der Kriegsheßer Beifall für ihren Genossen. In die wieder einsehende Stille und Span nung hinein fragt Chamberlain gelaſſen : „Warum verlangt Herr Sinclair nicht gleich, daß die Italiener auch Abessinien verlassen müssen, bevor man mit ihnen Besprechungen aufnimmt ?“

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Tumult auf der englischen Weltbühne

Die

Regierungsmänner

flatschen

Beifall .

Der

Ministerpräsident sagt mit Heftigkeit :

" Die Behauptung , daß man erst nach der Erfüllung derartig dummer Forderungen Besprechungen auf nehmen kann, ist einfach Humbug ."

Der Hieb ſizt! Ein ungeheurer Lärm erhebt sich im Haus . Pfeifen, Zischen, Trampeln. Die Opposition brüllt den Miniſter präsidenten

nieder.

Die Konservativen zollen ihm

lauten Beifall. Vergeblich versucht Chamberlain wieder zu Worte zu kommen. Sobald er sprechen will , sezen neue Lärmſzenen ein. Offensichtlich ist die Mehrheit des Parlamentes gegen ihn. Schließlich greift der Sprecher ein. Er ist unserem Reichstagspräsidenten vergleichbar und ſißt auf einem erhöhten Stuhl zwischen den Abgeordneten und der Regierung. Das ist aber auch die einzige Vergleichs möglichkeit. Anſonſten trägt er, der alten engliſchen Tradition gemäß, Uniform und Perücke des achtzehnten Jahrhunderts, mit den langen, gedrehten , silberweißen Locken, die ihm bis auf die Schultern fallen. Der alte, durch Tradition geheiligte Würdenträger verlangt Ruhe für die Rede des Regierungschefs . Wenn die Regierung angegriffen wird, dann muß man wenig stens ihrem Chef das Recht zur Verteidigung geben. Der Ministerpräsident ist nach dieſer Tumultſzene

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Tumult auf der englischen Weltbühne

auf der englischen Weltbühne noch kühler, noch ironi ſcher. Greenwood habe ihm vorgeworfen, er ſei ein Ver treter italienischer Interessen. Der Marxiſtenführer Attlee habe sogar behauptet, er sei winselnd zu Muſſo lini gegangen. „ Derartige Äußerungen laſſen mich völlig kalt“ , erklärt Chamberlain und treibt die Kriegsheßer weiter in die Enge . Ein marxistischer Abgeordneter unterbricht den Redner erneut und ruft laut, warum Chamberlain nicht die „ kollektive Sicherheit “ erwähne ?

" Was verstehen Sie darunter ? " fragt der Re gierungschef ironisch zurück, „ glauben Sie, daß die Genfer Liga heute noch in der Lage ist, so etwas wie kollektive Sicherheit überhaupt zu gewähren?" " Jawohl ! " brüllen die marxistischen Abgeordneten im Sprechchor. Chamberlain macht eine Handbewegung zu den Regierungsbänken hin, zeigt auf seine Kollegen : Die Minister lachen lauthals in den Saal. Sie lachen die Kriegsheher aus , die noch immer vorgeben, an den Völkerbund zu glauben ! Sie lachen von den Regierungs bänken aus ungeniert in das Parlament hinein, und ihr Lachen erledigt den Völkerbund in den Augen von Millionen Engländern . Es ist beispiellos. Steht das englische Volk wirklich hinter der Kriegs partei ?

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Tumult auf der englischen Weltbühne

Wird das Parlament für oder gegen Chamberlain abstimmen? Beginnt seine eiskalte Logik die Opposition zu über zeugen?

Es hat noch nicht den Anschein ... Je sachlicher, logischer und zwingender die Beweis führung des Miniſterpräsidenten für seine Friedens politik wird, desto gereizter, bösartiger und persönlicher werden die Angriffe der Kriegsheher. Fast genau gegenüber dem Sprechplaß des Miniſter präsidenten ſigt als erster oder zweiter in der Reihe Lloyd George. Seit Monaten hat man den alten parla mentarischen Fuchs nicht mehr in Weſtminſter gesehen. Er reiste an der Riviera herum und ließ Parlament Parlament sein. Jezt hat er, gut berlinisch gesagt, gerochen, daß es Stunk gibt. Dann kommt er, so erzählte mir ein Engländer, angezogen durch den Aasgeruch wie ein Geier . . . Der gewiſſenlose Advokat, der schon im Weltkrieg die schäumende Heze gegen Deutschland anführte, weiſt auf das italieniſche Memorandum hin, das der eng lischen Regierung am Tage nach dem Rücktritt Edens ausgehändigt worden ist. Die beiden Kriegstreiber sind gut aufeinander ein gespielt. Kaum nennt Lloyd George das italienische Dokument, so springt Eden auf und erklärt, er habe

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Tumult auf der englischen Weltbühne

von dem Vorhandensein eines solchen Dokuments nichts gewußt. „ Hört, hört! " werden die Entrüstung heuchelnden Zurufe seiner neuen Gesinnungsgenossen laut. Dabei wurde das Memorandum Montag überreicht, aber schon Sonntag abend war Eden zurückgetreten. Chamberlain erhebt sich und erklärt, am Sonntag habe ein Freund des italienischen Botschafters ihm eine mündliche Mitteilung gemacht.

Diese habe er dem

Kabinett weitergegeben. Auch Herrn Eden . Er habe also nichts Unehrenhaftes getan. Lloyd George geht über die Mitteilung des Minister präsidenten einfach hinweg :

"Ich stelle fest, daß ein wichtiges italienisches Doku ment vorhanden gewesen ist, das nie in die Hand des Außenministers Eden gelangt ist. “ Das Parlament gleicht bei diesen Worten einem Papageienhaus .

Ein

betäubendes

Pfeifkonzert

der

Kriegsheber empfängt Chamberlain, als er aufsteht, vom energischen Beifall der Regierungsbänke und der Konservativen geſtüßt. Er ruft in die tobende Ver sammlung hinein, ob Lloyd George damit andeuten wolle, daß Chamberlain als Ministerpräsident etwas Schändliches getan habe? Wie eine hysterische Klapperschlange zischt Lloyd George in den Klamauk hinein :

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Tumult auf der englischen Weltbühne

,,Yes - I do ! " Ja ! Das tue ich! Ein Sturm fegt durch das Haus . Chamberlain ver wahrt sich gegen die Beleidigung. Seine erklärenden Worte werden vom Lärm zugedeckt. Lloyd George wird durch stürmische Zurufe der Freunde Chamberlains aufgefordert, seine unverschämte Anschuldigung zurück zunehmen. Aber der gerissene Advokat ist in hundert Parlamentsschlachten hartgesotten. Er schüttelt thea tralisch den Schauspielerkopf mit den wirr herunter hängenden Haarzotteln: ,,Nein, ich habe nichts zurückzunehmen ! Das italie nische Dokument ist dem Außenminister nicht gezeigt worden. "

So ein geriebener Parlamentsfuchs weiß eben, daß auch bei der ungeheuerlichsten und hundertmal wider legten Lüge am Ende doch immer etwas hängenbleibt. Das Parlament gleicht einem Hexenkeſſel, als Lloyd George mit eiserner Stirn zum viertenmal ſeine Be hauptung wiederholt, das italienische Dokument ſei zurückgehalten worden - bis der Außenminiſter zurück getreten war. Der fast siebzigjährige Chamberlain ſchießt wie eine Rakete hoch. Zornbebend , ſich kaum noch beherrschend, schreit er Lloyd George an : ,,Was heißt das gegen mich?“ 45

Tumult auf der englischen Weltbühne

Der Hezer treibt ſeinen infamen Angriff auf die Spize und schreit : „ Ich behaupte, daß das Dokument absichtlich durch den italienischen Botschafter zurückgehalten worden iſt. Ich weigere mich kategorisch, eine andere Erklärung anzuerkennen. Herr Chamberlain ist ein Mann, der Erfahrung in Geschäften hat . Hier aber tut er, als ſei er ahnungslos und unschuldig. Dann aber ist er nicht geeignet, mit den machiavelliſtiſchen Diktaturen zu ver handeln." Die weiteren Worte gehen im Gebrüll der Abgeord neten unter . Dies ist das englische Parlament in einer der wich tigsten und schwersten Stunden der englischen Geschichte, als ein kluger und gewissenhafter Politiker, der seinem Lande ernstlich zu dienen bestrebt ist, das Steuer des Staatsschiffes herumwerfen will . So zeigt sich das eng lische Volk in einer Stunde der Entscheidung vor der Welt. Am Ende des zweiten Tages dieser Parlaments schlacht bleibt Chamberlain kurz vor Mitternacht als Sieger auf dem Felde. Der Mißtrauensantrag wird mit etwa einhundert sechzig Stimmen Mehrheit abgelehnt.

Für diesmal hat Chamberlain gesiegt und damit die Vernunft und der Frieden. 46

Tumult auf der englischen Weltbühne

Wann aber wird die Kriegspartei einmal die Ober hand bekommen? Oder wann wird sie Chamberlain zwingen, ihrem Kurs zu folgen? Es mag sein, daß das englische Weltreich noch auf eisernen Füßen steht. Aber die Parlamentsmehrheiten ſtehen gewiß auf tönernen Füßen . Sie können ſich von einer Stunde zur anderen grundlegend ändern. Eine kleine Ungeschicklichkeit, ein taktischer Fehler des Re gierungschefs in verhältnismäßig unwichtigen inner politischen Fragen genügt, um die Waage der Mehr heiten nach der anderen Seite ausschlagen zu laſſen . Dann ist statt des Friedens der Krieg da. Das muß das deutsche Volk wiſſen.

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Kampf der Ostmark

Die Handlanger unserer Feinde

Oktober 1930.

Hochverratsprozeß gegen junge Offiziere der Armee ! Aber nicht in Österreich, sondern in Deutschland, vor dem Reichsgericht in Leipzig . Leutnant Ludin aus Ulm und seine Kameraden werden beschuldigt, als Hoch verräter gegen das Reich gehandelt zu haben ! Die demo kratische Presse und sämtliche Judengazetten in Deutsch land fallen haßerfüllt über die jungen Reichswehroffiziere her und verlangen ihre exemplarische Bestrafung. An den Galgen mit den Hochverrätern ! “ So überschreibt ein marxiſtiſches Judenblatt seinen Berliner Leitartikel.

Woher diese plötzliche Sinnesänderung ? Warum fallen auf einmal die Judenzeitungen in Deutschland über

Hochverräter" her, dieselben Judenzeitungen,

die bis gestern für Landesverrat Straffreiheit forderten ?! Das Geheimnis iſt rasch zu lüften. Der junge Leut nant Ludin und seine Kameraden sind angeklagt, Nationalsozialisten zu sein ! Das ist aber in der Wei marer Judenrepublik ――――― Hochverrat. Die Offiziere werden aus dem Heer ausgestoßen und zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt.

4 Hadamovsky, Weltgeschichte

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Die Handlanger unserer Feinde

In dieser Zeit fährt ein junger nationalsozialiſtiſcher Propagandist nach Österreich. Er soll als Redner der Partei und als Gast der nationalsozialiſtiſchen Be wegung in Österreich auf einer Kundgebung sprechen. Gauleiter Leopold, einer der Führer der österreichischen Nationalsozialisten, hat zugesagt, den Redner aus dem Reiche selbst am Bahnhof abzuholen.

Es ist in dieser Zeit für einen nationalsozialiſtiſchen Propagandisten immer schwierig und oft gefährlich, allein in fremdes Gebiet zu kommen und überhaupt allein zu gehen. Wie oft wird unseren Rednern schon auf dem Wege von und zu den Verſammlungen durch die Kommunisten aufgelauert ! Wie oft vermag nur die blanke Faust tapferer SA .-Kameraden dem Redner überhaupt den Eintritt in die Versammlungen und Ruhe zum Sprechen zu erzwingen ! So hat sich der Brauch herausgebildet, den Redner an der Bahn ab zuholen und ihn zum Kundgebungsort zu bringen. Nach einer vielstündigen Fahrt kommt der junge Propagandist von München aus auf seinem öſter reichischen Zielbahnhof in Krems an der Donau an und verläßt den Zug. Aber vergeblich sieht er sich nach dem Gauleiter um, der ihn abholen wollte . Kein Mann im Braunhemd erwartet ihn. Folglich hält er unter den Zivilisten auf dem Bahnsteig Um schau. Aber keiner von ihnen kümmert sich um ihn . Der

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Die Handlanger unserer Feinde

Zug fährt schon wieder ab, der Bahnsteig leert sich, und unser Mann aus dem Reich steht ziemlich unwillig und allein auf dem Bahnhof. Er sieht mit etwas gemischten Gefühlen , daß ein österreichischer Offizier in der Uniform des Bundes heeres , Säbel und Pistole umgeschnallt, geradewegs auf ihn zukommt. Der Offizier, ein Hauptmann, will offenbar etwas von ihm , ja er scheint ihn geradezu hier erwartet zu haben. Unser Mann aus dem Reich ist bereits auf peinliche Unannehmlichkeiten gefaßt, als der Offizier zwei Schritte vor ihm stehen bleibt und ihm ins Gesicht sieht. Im Reich ist der Umgang von Offizieren mit Nationalsozialiſten gleichbedeutend mit Hochverrat! Was will dieſer Hauptmann, der in aller Öffentlichkeit auf ihn zukommt und ihn geradewegs zu suchen scheint? Der Hauptmann grüßt mit „ Heil Hitler“ ! "Ich bin der Gauleiter Leopold ", sagt er dann zu dem Baßerstaunten und streckt ihm die Hand hin , „ sind Sie der Reichsredner Parteigenosse Franke aus München ? “ Ein ungläubiges Kopfnicken.

Dann rasch ein herzliches Händeschütteln. Der Mann aus dem Reiche hat eine brennende Frage auf der Zunge:

,,Sagen Sie mal, Gauleiter, sind Sie denn aktiver Offizier?" 51

Die Handlanger unserer Feinde

"Ja, sicher", antwortet Leopold lachend. Der Mann aus dem Reiche denkt an den als Hoch verräter verurteilten Leutnant Ludin. „Und Ihre militärischen Vorgesetten " , fragt er, „was sagen die dazu ? “ „ Die haben meine Befehle auszuführen“, erwidert Leopold und blickt den Mann aus dem Reiche ein klein bißchen ironisch von der Seite an. " Ihre Vorgesetzten ", fragt der ernsthaft, „führen Ihre Befehle aus ? " „Na ja ― freilich“, sagt Leopold gemütlich, „wiſ sen S ' , was zum Beiſpiel mein nächſter Vorgesetzter iſt? Major! Aber außerdem Parteigenosse!

Und somit mir unterstellt !" „Ist das überall bei euch in Österreich so ?" fragt der Reichsredner. " Bei uns fäßen Sie wegen Hoch verrats schon hinter Schloß und Riegel. “ "In Österreich sind die besten Teile der Armee nationalſozialiſtiſch“ , sagt der Gauleiter und Haupt mann voll Stolz, „ und auch unser Volk iſt national ſozialiſtiſch. Wenn es eine freie Wahl und Volksabſtim mung gäbe, ich glaube, wir Nationalsozialisten würden heute schon unter der Fahne Adolf Hitlers einen voll ständigen Sieg erringen."

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Die Handlanger unserer Feinde

Am 30. Januar 1933 übernahm Adolf Hitler die Macht im Reiche . Die Wogen einer brauſenden Be geisterung erfaßten das ganze deutsche Volk. Hundert tausend stauten sich vor der Reichskanzlei in Berlin, in der Wilhelmstraße, Unter den Linden und jubelten den zum erſtenmal durch das Brandenburger Tor ziehenden SA .-Männern zu , grüßten wieder und wieder mit lauten Heilrufen den Führer und sangen im Schein der Fackeln das Deutſchland- und Horſt-Wessel -Lied . Auch wir Rundfunkleute der Partei machten den Sprung von der Oppoſition in die Verantwortung . Am Abend holte ich aus dem Funkhaus die Mikrophone des Rund funks in die Reichskanzlei . Dann ſandten wir die Stürme der Begeisterung in das Reich hinaus . Wie eine donnernde Brandung schlug der Volksjubel über uns zusammen. Wie ein Feuerbrand ging die national sozialistische Idee in diesen Stunden durch Millionen Herzen, die ihr bis dahin verſchloſſen waren. In Württemberg, in Bayern, in Österreich wehrten sich die Machthaber des Systems mit Zähnen und Klauen gegen die Idee, gegen den jungen feurigen Kanzler des Reiches .

Württemberg, Bayern und Österreich verboten ihren Rundfunksendern die Übernahme der Nachrichten aus der Reichshauptstadt. Aber das Volk siht in allen Gaststuben und allen 53

Die Handlanger unserer Feinde

Wohnungen an den Rundfunkapparaten, die die deut schen Sender nördlich der Mainlinie aufnehmen und das revolutionäre Geschehen in der Reichshauptstadt berichten. Das Reich von den Alpen bis an den Belt, das Reich, von dem alle Deutschen träumen, das Land, von dem unsere Nationalhymne ſingt, wird nun mit der Machtergreifung Adolf Hitlers aus einem Traum bild zu einer politischen Möglichkeit. Das sehen alle.

Der Traum des Volkes soll von den Systemregie rungen des Südens abgewürgt werden. Mag Adolf Hitler in Berlin Marxiſten, Zentrumsgenossen und Juden aus ihrer Machtstellung werfen . In Karls ruhe, Stuttgart, München und Wien werden sie sich eine

neue Festung

gegen

die

nationalsozialiſtiſche

Idee schaffen. Sie sind von der ersten Stunde an ent schlossen, lieber die alte französische Politik der Zer reißung des Reiches auf der Mainlinie mitzumachen, als ihre reichsfeindlichen Intereſſen dem Ideal aller Deutschen zu opfern. Jhretwegen mag das Reich in einen nationalſoziali stischen Norden und einen von Zentrum, Marxismus und Judentum regierten Süden mit Baden, Württem berg, Bayern und Österreich zerfallen ! Am 15. Februar 1933 spricht Adolf Hitler in Stutt gart zu zehntausend Menschen in der Stadthalle, zu 54

Die Handlanger unserer Feinde

weiteren Hunderttausend auf den Plähen der Stadt und zu allen Deutschen im Süden und Westen des Reiches über den Sender von Stuttgart.

Gegen

neun

Uhr stürzt einer meiner leitenden

Ingenieure auf die Rednertribüne und flüstert mir ins Ohr: " Wir haben seit drei Minuten keine Modulation mehr vom Sender. "

Was bedeutet diese geheimnisvolle technische Formel? Daß etwas Unfaßbares geschehen ist! Die Worte des Führers , die Modulation, wie der Techniker sagt, gehen nicht mehr aus dieser Halle heraus, erreichen nicht mehr die hunderttausend Men schen, die in der Stadt vor den Lautsprechern stehen, gehen nicht mehr über den Rundfunkſender zu den Mil lionen an den Apparaten ! Eine technische Störung? Ein Schaltfehler ? Ein Röhrenschaden? Ein Kabelbruch? Ich unterrichte flüsternd

meinen

Chef,

Partei

genossen Dr. Goebbels, der die Führerkundgebung in Stuttgart mit

einer Rundfunkreportage

einleitete.

Dann eile ich mit Ingenieuren und Kontrollgeräten atemlos durch die Halle. Stichproben an den verschie densten Leitungsstellen ergeben : Hier ist die Modulation noch vorhanden und auf Kopfhörern zu hören . Hier, zwanzig Meter weiter, auch noch. Hier, wo das Kabel 55

Die Handlanger unserer Feinde

in den Keller geht und die Halle verläßt, ist auch noch - alles in Ordnung ... Die Störung muß außerhalb der Halle liegen ! Im Laufschritt eile ich zur Zentrale. ,,Telephonverbindung mit dem Sender herstellen ! " rufe ich. "Ich kriege keinerlei Verbindung ", sagt der Tech niker achselzuckend . „ Es ist überhaupt nichts zu hören, "1 nicht einmal ein Knarren in der Leitung . Ich renne von der technischen Zentrale zur Wache des Polizeikommandos . „ Eine Telephonverbindung ! " schreie ich. „ Die Verbindung muß soeben unterbrochen worden ſein“, erklärt der Beamte kopfschüttelnd . „Hören Sie selber, der Apparat iſt völlig tot. " Ohne noch eine Erklärung abzuwarten, stürze ich zum Ausgang der Halle. Da ist mein Kraftwagen. Ich klinke vergebens an der Wagentür. Verschlossen. Der Fahrer weg. Natürlich auf Schleichwegen in der Halle ! Selbstverständlich, wenn der Führer zum erstenmal als Reichskanzler in Stuttgart spricht ! Ich laufe über den Plaz vor der Stadthalle, gelange in eine Kneipe, vor der ein paar finſter ſchielende Geſtalten im Halbdunkel ſtehen. Ein Telephon . Fast mit Zittern nehme ich den Kopfhörer in die Hand . Funktioniert der Apparat noch? Nein! Niemand meldet sich am anderen Ende des Apparats .

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Die Handlanger unserer Feinde

Keine Verbindung! AuchdieserApparat ist tot. Ich renne aus derKneipe . Einen Wagen, ein Auto!

Da ist eine Taxe. Ich rufe den Chauffeur an. Der Wagen fährt mich durch die leeren Straßen zum Funkhaus . Eine riesige Menschenmenge steht davor. Das eiserne Schußgitter am Tor ist geschlossen. Die Leute auf dem Plaß haben die Führerrede angehört. ,,Seit zehn Minuten ist die Übertragung unter brochen", rufen ſie. „Gerade als der Führer angefangen hat, mit den schwarzen Bonzen abzurechnen, da war's aus ! " schreit einer unter vielfacher Zustimmung und lautwerdenden Drohungen. Die Menge drückt gegen das Funkhaus . SA . -Männer machen den Verſuch, einander auf die Schultern zu steigen und sich mit Gewalt Eingang in die oberen Stockwerke des verschlossenen Hauses zu verschaffen. Ich drängle mich durch die Menschen zum Gittertor und verlange Einlaß. Es wird aufgemacht. ,,Geh ' da nicht allein ' rein", sagt ein SA. -Mann und klopft mir väterlich beſorgt auf die Schulter. Ich muß ein paar Männer mitnehmen , damit sie sich beruhigen und sofort das Tor hinter mir wieder schließen lassen, damit die erregte und drohende Menge nicht das Haus 57

Die Handlanger unserer Feinde

stürmt. In der technischen Zentrale kommt mir der verantwortliche Leiter Dr. Bofinger entgegen. Un mittelbar darauf erscheint von draußen Oberleutnant Brückner, damals schon der langjährige Adjutant des Führers und der alte Kampfgefährte meines Chefs , Parteigenosse

Hanke

vom

Gau Berlin.

Man hat

ihnen den Eintritt verwehrt und sie sind über das eiſerne Gitter geklettert, um hereinzukommen ! Erregt, aber gefaßt erklärt Intendant Bofinger, der mit uns schon 1932 zusammenarbeitete : „ Ich habe Verbindung vom Funkhaus zum Sender, aber ich habe seit einer Viertelstunde keinerlei Ver bindung mehr zur Halle, in der der Herr Reichskanzler spricht. Ich habe weder Modulation auf der Leitung, noch telephonische Verbindung. Die Störung muß in der Halle liegen. " „Nein“, sage ich, „ von da komme ich. In der Halle ist alles in Ordnung ――― bis auf die Verbindung nach außen. Kein Telephon funktioniert. Aus dem ganzen Stadtviertel kriegt man keine telephonische Verbindung mehr." „Ja, was ist denn los ? " fragen Oberleutnant Brück ner und Hanke barsch den leitenden Ingenieur Kofes . ,,Wieso wird die Sendung unterbrochen, als der Führer seine Abrechnung mit der schwarzen Zentrums partei machte?" 58

Die Handlanger unserer Feinde

Die Männer zucken die Schultern . „Man hat wahrscheinlich“ , sage ich zögernd, denn vorläufig ist es noch eine Behauptung, „ man hat wahr scheinlich in diesem Moment das Kabelnet durchschnit ten, das aus dem Stadtviertel herausläuft, in dem die Kundgebungshalle steht." Zwei Stunden später ist die Behauptung als Tat sache festgestellt. Ein Gewaltakt hat die Rundfunk ſendung und Lautsprecherübertragung der ersten Kund gebung des Reichskanzlers Adolf Hitler südlich der Mainlinie sabotiert. Banditen haben mit einem Beil das ganze Kabelbündel durchgeschlagen, das aus dem Stadthallenviertel in die Postzentrale führt. Rundfunk tabel, Telephonleitungen, alles ist zerstört. Das soll uns nur einmal paſſieren , denke ich wütend . In der gleichen Nacht gehen die Richtlinien für die Aufstellung eines technischen und personellen Sicherheitsſyſtems an die Sender heraus , das in Zukunft jede Störung unmög lich macht. Vom 16. Februar 1933 an kann man bei Führerkundgebungen in Deutschland Kabel zerschnei den, so viel man will . Der Hörer merkt es nicht einmal. Funkschuh III , so heißt unser Fachwort, macht jede Störung einer Führerkundgebung unmöglich. Während Hitler im Norden die Macht fest in die Hand nimmt, fühlen ſich die Syſtemleute im Süden noch sicher im Schuß ihrer von Frankreich bewachten

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Die Handlanger unserer Feinde

Mainlinie. Gar gewaltig stößt der bayerische Minister präsident Held ins Horn: ,,Sie sollen es wagen, mir von Berlin aus einen Reichskommiſſar nach München zu schicken. Ich laſſe ihn an der bayerischen Grenze bei Hof verhaften und einsperren." Aber es erweist sich, daß der bayerische Held weder ein Bayer noch ein Held iſt . Am 9. März stürmen baye rische SA. -Leute die Regierungsgebäude in München . Reichsinnenminister

Parteigenosse Frick sezt

einen

Reichskommissar für Bayern ein, General von Epp. Nun hält er mit den Parteigenossen Himmler und Gauleiter Wagner als Beauftragten der NSDAP . alle Macht in Händen. Der ganze Klub der tapferen Maulhelden und Separatisten wird eingefangen und festgesetzt. Nicht

der Reichskommiſſar, ſondern

der

tapfere „ Held" siht nun hinter schwedischen Gardinen . Hitler aber hat die Mainlinie überschritten ! Am 15. März 1933 fliegt die schwarze Zentrums regierung in Württemberg in die Luft. SA.-Gruppenführer von Jagow übernimmt die Macht als Reichskommiſſar. Dann bildet der prächtige alte Gauleiter Murr eine nationalsozialistische Re gierung. In Baden greift Gauleiter Robert Wagner scharf durch. 60

Leutnant

Ludin,

inzwiſchen

SA. -Gruppen

Die Handlanger unserer Feinde

führer der badischen SA. , übernimmt die Polizei gewalt des Reiches in Baden und räumt in Karls ruhe rasch und gründlich mit den roten und schwarzen Halunken auf. Gegen den 16. März sind alle reichsdeutschen Länder südlich der Mainlinie in der Hand Adolf Hitlers . Die partikulariſtiſchen Träume innerhalb derReichs grenzen sind ausgeträumt. Die nationalsozialistische Regierung ist unbestrittene Herrin des Reiches ! Jenes Reiches , das Adolf Hitler am 30. Januar 1933 mit den Grenzen übernahm, die die Kriegsverbrecher von Versailles in den deutschen Volkskörper hineingeschnit ten hatten. Das ganze Gesindel von Marxisten , Zentrumsleuten und Juden, das durch Zufall oder Gutmütigkeit der SA. entgangen iſt, ſammelt ſich nun in Wien. Baden ging verloren. Württemberg ging verloren . Bayern ging verloren. Österreich aber soll nun ihre Baſtion gegen den ver haßten Nationalsozialismus werden ! Von hier aus läßt sich vielleicht eines Tages die Donau- und Mainlinie wieder nach Norden über schreiten ! So spekulieren die Partikulariſten um Dollfuß zu ſammen mit den reichsdeutschen Zentrumsleuten, mit Marristen und Juden. Bei diesem teuflischen Spiel 61

Die Handlanger unserer Feinde

gegen Deutschland wird man natürlich die Unter stützung der Kriegsverbrecher von Versailles haben. Sie haben Deutſchland zerrissen und werden das „un abhängige" Öſterreich unterſtüßen, wenn es die Zer reißung Deutschlands aufrechterhält ! Von 1919 bis 1932 machten alle Parteien in Öster reich dem Volkswillen die Konzeſſion und traten mehr oder weniger theoretisch für den Anschluß an Deutſch Land ein.

Nun wird der Anschluß zur Möglichkeit. Nun wenden sich alle Parteien mit Ausnahme der österreichischen Nationalsozialiſten gegen den Anschluß und machen sich unter der Führung des Verräters Doll fuß zu Handlangern von Verſailles . Die NSDAP . Österreichs beſchließt auf ihrer Führer tagung in Linz, nach wie vor auf den Sturz des Re gimes

Dollfuß - Starhemberg - Winkler hinzuarbeiten

und ebenso jede andere unter Ausschluß der NSDAP . zustande kommende Regierung mit eiserner Entschlos= ſenheit zu bekämpfen. Dollfuß, der Zwerg von Wien , hat dagegen eine sehr bequeme Waffe. Er läßt Maschinengewehre vor dem Parlament auffahren, deſſen drei Präsidenten gleich zeitig zurücktreten, und verhängt über ganz Österreich ein Versammlungs- und Aufmarschverbot. Unter Bruch der Verfassung wird mit einer so 62

Die Handlanger unserer Feinde

genannten Notverordnung eine neue Regierung Doll fuß vom Bundespräsidenten gebildet. Mit Maschinengewehren und Verfassungsbruch be= ginnt

Dollfuß so

seine Gewaltherrschaft über das

nationalſozialiſtiſche Öſterreich zu verankern. Während das deutsche Volk sich einmütig erhoben hat, von den Alpen bis zur Oſtſee ſeine Einheit im Nationalſozialis mus bekundet und die unſelige Mainlinie für immer auslöscht, beginnt in Österreich ein Schreckensregiment gegen alle, die deutsch denken und fühlen. Dollfuß macht die größte Entdeckung, die seit den Zeiten des Kolumbus gemacht wurde. Er entdeckt etwas , was es gar nicht gibt : den „ öſterreichiſchen Menſchen“ ! Dieser „ österreichische Menſch“ ist angeblich etwas anderes wie der deutsche Mensch. Dieser „ österreichische Mensch" unterscheidet sich vom deutschen Menschen laut Herrn Dollfuß mindeſtens so sehr, wie der Italiener vom Franzosen, ja , wenn es nach Herrn Dollfuß ' Mei nung ginge, so sehr, wie der Neger vom Deutschen . In der Besonderheit liegt eben gerade das „ ſpezifiſch Öſter reichische“, begründet Herr Dollfuß seine Entdeckung. Die österreichischen Nationalsozialisten antworten auf seine „ Entdeckung “ mit Gelächter. Voriges Jahr war Herr Dollfuß noch für den Anschluß an Deutſch land: etwa , weil dort der Zentrumsmann Brüning regierte? Dieses Jahr regiert statt Brüning Adolf Hit

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Die Handlanger unserer Feinde

ler, und der Zwerg in Wien erfindet den „ öſterreichi schen Menschen“, um gegen den Anschluß und die Ver einigung aller Deutschen Stimmung zu machen ! Wozu ? Damit er, der klerikale Fraktionskollege des Herrn Brüning, für klerikale und jüdische Intereſſen in Öster reich eine Baſtion gegen das Reich schafft . Die österreichischen Nationalsozialisten lachen Herrn Dollfuß mitſamt ſeiner „ Erfindung “ gründlich aus . Das reizt den kleinen Mann. Er wird ernstlich böse. Mit Verrätern ist schlecht an einem Tische essen. Sie ſtreuen Gift in alle Speiſen. Das wiſſen die öſterreichi schen Nationalsozialiſten und zerschneiden das Tiſchtuch zwischen sich und Dollfuß endgültig.

Da wird der klerikale Napoleon gewalttätig . Er sezt Häscher auf die Spur der Nationalſozialiſten. Er läßt die Partei Öſterreichs , der zu dieſer Zeit schon die überwiegende Mehrheit des Volkes anhängt, mit Verbot und Terror schikanieren. Gauleiter Leopold hat längst seinen Offiziersrod ausziehen müſſen und iſt ſtatt deſſen ins Gefängnis marschiert.

Grund: Nationalsozialistische Gesinnung. Mit ihm wandern von nun ab erst Hunderte, dann Tausende, dann Zehntausende von Offizieren und Bau ern, von Soldaten und Staatsbeamten, von Arbeitern und Angestellten in die Blutkerker des Dollfußſyſtems . 64

Die Handlanger unserer Feinde

Eines Tages wird Gauleiter Leopold entlassen . Er iſt einige Zeit auf freiem Fuße und hält sich meist in seiner Wohnung auf. Dann wird er abermals in das Ge fängnis eingeliefert und in Dunkelhaft gebracht. Neuer Grund : Immer noch nationalsozialiſtiſche Gesinnung . Vergebens läuft seine Frau von einer Stelle zur anderen, um ihren Mann wenigstens einmal ſprechen zu können . Überall Kopfschütteln.

Überall höfliche,

aber eindeutige Ablehnung . "I bitt Sie, da kann man halt nix machen, der Herr Bundeskanzler Dollfuß erlaubt's nit. " Als Frau Leopold endlich nach langen Wochen ihren Mann zum ersten Male sehen darf, tritt ihr ein Kran ker, hohläugig und totenbleich, entgegen, und die Frau bricht bei seinem Anblick bewußtlos zuſammen . Inzwischen hat Herr Dollfuß zuſammen mit ſeinem Juſtizminister Schuschnigg seine Poſition auch außen politisch untermauert. Im Oktober 1933 tritt Deutschland aus dem Völker bund aus und entzieht sich damit der beſtändigen Ein mischung der Kriegsverbrecher von Versailles in die innerdeutschen Verhältnisse und die Außenpolitik des Reiches . Herr Dollfuß läßt statt deſſen in Berlin, aber auch in Rom, Paris , London und Genf eine Protestnote

5 Hadamovsky, Weltgeschichte

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Die Handlanger unserer Feinde

gegen das nationalsozialistische Deutschland überreichen ! Er beschwert sich über die österreichische Legion, in der die aus Österreich geflüchteten SA . -Leute eine Heimat gefunden haben, er beschwert sich über die österreichi ſchen Aufklärungsvorträge im deutschen Rundfunk, er beschwert sich über die Vereinigung der Deutschöster reicher im Reich und — droht mit einer Klage vor dem Völkerbund gegen Deutschland ! Adolf Hitler begegnet dem Zwerg von Wien mit einem kühnen, von niemand vorausgesehenen Schach zug. Der Führer schließt mit Marschall Pilſudſki, dem Führer der Republik Polen, ein deutsch-polnisches Ab kommen auf die Dauer von zehn Jahren . Das Abkom men beseitigt die zwischen Deutschland und Polen durch das Diktat der Kriegsverbrecher von Versailles be ſtehende Spannung und führt eine gegenseitige Zuſam menarbeit beider Völker auf lange Sicht herbei . Frank reich aber verliert damit die unbedingte Gefolgschaft seines bisherigen Vasallen im Osten ! Die polnische Politik wird ſelbſtändig . 1

Die Franzosen putschen Herrn Dollfuß nun erst recht auf, seine Klage gegen Deutschland vor den Völkerbund zu bringen. Die Situation verspricht aber leicht komisch zu wer ―― den, denn die Völkerbundsſißung wird von Polens Außenminister Beck geleitet werden, der soeben das 66

Die Handlanger unserer Feinde

deutsch-polnische Freundschaftsabkommen abgeschlossen hat und öffentlich erklärt, er habe niemals das Miß trauen Europas gegen Adolf Hitler geteilt ! Das sind unerfreuliche Aussichten für Herrn Dollfuß und seine Freunde. Außerdem geht es in Frankreich ſelbſt in dieſen Ta gen einigermaßen aufrührerisch zu. Die Regierung ist gestürzt worden, ein neues Kabinett, wiederum unter Führung von Daladier, wird gebildet und muß seine erste Sigung unter dem Schuß der Waffen abhalten. Marristen und Feuerkreuzler, patriotische Jugend und Kommunisten demonstrieren auf der Straße. In dieser Situation erscheint es Herrn Dollfuß be denklich, sich allein auf die von Polens Außenminiſter Beck präsidierte Völkerbundssitung und seine Freunde in Paris zu verlaſſen.

Dollfuß sucht

deshalb

weitere

ausländische Be

ziehungen anzuknüpfen. In diesem Augenblick explodiert der österreichische Vulkan.

5*

67

Der Februar Aufstand 1934

DieHeimwehr, dieSchußtruppe des Fürsten Starhem berg, marschiert plößlich mit achttausend Mann nach Tirol. Starhemberg ist zu fünfzig Prozent für Dollfuß und zu fünfzig Prozent gegen Dollfuß, er iſt zu fünfzig Prozent fürItalien und zu fünfzig Prozent für Deutsch land . Er iſt zu fünfzig Prozent angeblich großdeutſch und zu fünfzig Prozent gegen die Nazis . Weshalb er in diesem Falle seine achttauſend Heimwehrleute auf die Nationalsozialisten in Tirol losläßt.

Sie verhaften

wahllos, was sie erwischen und was nationalſozialiſti scher Gesinnung verdächtig ist. Zur Gaudi der Bevöl kerung plaßen zu gleicher Zeit überall, wo die Heim wehrleute gehen und stehen, Knallfrösche und Papier böller. Als die Heimwehr in Innsbruck einmarschiert, da wehen vom Rathausturm zwei Riesenhakenkreuz fahnen. Da zu gleicher Zeit einige hundert Böllerschüsse losgehen, werden die Heimwehrleute wild und ver haften erst

einmal zweihundert

angesehene Inns

brucker Bürger, die sie für Nazis halten. Für jeden Knall einen Nazi ! Der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen feiern die Starhembergschen Heimwehrleute im Dollfußkerker in 68

Der Februar - Aufſt and 1934

Wöllersdorf ein Verbrüderungsfest mit den dort ein gesperrten Nazis , die sie eigentlich bewachen sollen . Die ser Teil der Heimwehrleute ist nämlich auf die andere Hälfte der fünfzigprozentigen Parolen ihres Herrn Starhemberg hereingefallen und glaubt, daß Starhem berg und die Heimwehrleute zu Deutschland hielten . Der nun schon ein Jahr seit 1933 währende Terror gegen die nationalsozialiſtiſche Bewegung hat natürlich dem Marxismus in Österreich mächtigen Auftrieb ge geben. Die Heimwehr und die ſtaatlichen Organe haben sich ein Jahr lang ausschließlich mit der Verfolgung von Nationalsozialisten beschäftigt. Um den Marxismus hat sich niemand gekümmert. Über fünfzigtausend Nationalsozialisten schmachten in den Blutkerkern des Dollfußsystems . Noch einmal ſo viel sind über die Grenzen nach Jugoslawien und ins Reich geflüchtet. Die Marristen haben inzwischen das Jahr gründlich genutzt und sich auf einen bewaffneten Aufstand vorbe reitet. Nachdem Dollfuß sich Anfang Februar 1934 aus ländische Unterſtüßung für den Fall innerpolitiſcher Konflikte gesichert hat, beschließt er am 12. Februar 1934 die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und die Auflösung des marxistischen soge nannten Republikaniſchen Schußbundes. 69

Der Februar - Aufstand 1934

Daraufhin tritt die marriſtiſche Arbeiterschaft in faſt allen Teilen Österreichs in den Generalstreik. In Wien bleiben die Straßenbahnen mitten auf der Straße stehen, weil der Strom ausbleibt, am Montagabend liegt ganz Wien im Dunkeln. Dann bricht der offene Bürgerkrieg los . Die Marristen wehren sich mit der Waffe in der Hand gegen die Schließung ihrer Parteihäuser, gegen die Beschlagnahme ihrer Zeitungen und gegen die Ver haftung ihrer Führer.

In Wien und Linz, in Kärn

ten, in Niederösterreich und Steiermark kommt es zu schweren Schießereien zwischen Marxiſten , Polizei und Militär. In Graz gibt es schon am ersten Abend siebenund dreißig Tote. Die verführten Menschen, die durch einen gewiſſenlosen politischen Bankrotteur aufeinander ge hezt werden, sind hart und leidenschaftlich in der Ver teidigung dessen, was sie für richtig halten. Auch in Wien gibt es an diesem Abend Tote. In Linz macht die Polizei den Verſuch, das marxiſtiſche Parteihaus zu stürmen, und wird blutig zurückgeschlagen. Herr Dollfuß, der eben noch das Deutsche Reich beim Völkerbund verklagen wollte, hat nun alle Mühe, in dem ausbrechenden Bruderkrieg in Österreich die Ober hand zu behalten. Er verhängt das Standrecht. In der Nacht von Montag auf Dienstag rüſten die 70

Der Februar - Aufstand 1934

marriſtiſchen Arbeiter in großem Umfange . Sie beſeßen die größte Brotfabrik Wiens und verschanzen sich dort mit Maschinengewehren. Die Arbeiterbezirke Simme ring, Floridsdorf und Ottakring werden zu Festungen ausgebaut. Die seit Monaten von den Bolschewisten aus der Tschecho-Slowakei an die österreichischen Mar riſten gelieferten Waffen dienen zur Bestückung der Barrikaden und Befestigungen . In der Zeit, als das Wiener Rathaus völlig von Juden und Marristen beherrscht war, wurden in dieſen Bezirken riesige, Wohnzwecken dienende Bauten geschaf= fen. Häuserblöcke von ein Kilometer Frontlänge. Diese marxistischen Bauten wurden mit betonierten Kellern ausgerüstet, mit Schießscharten, die nach rein taktiſchen Gesichtspunkten die

Straßenzüge, Kreuzungen und

freien Plätze beherrschen und mit Stahlplatten ver schließbar sind gegen

Gewehreinschüsse und Hand

granateneinwürfe. Diese die Hauptstadt einkreisenden Festungen werden nun von den Aufständischen übernommen . Der Mann, der den taktischen Plan für diese Ein kreiſung Wiens entwarf und durchführte, ist der Stabs chef des Republikanischen Schußbundes, General Kör ner. Dieser „ General " gehörte früher der alten kai serlichen und königlichen Armee Österreich-Ungarns an. 1918 übernahm er die militärische Organiſation 71

Der Februar - Aufstand 1934

der ſozialdemokratischen Arbeiter und wurde dann als sozialdemokratischer Bundesrat in das österreichische Parlament entſandt. Der famose " Genosse “ hatte sich früher darum be müht, ſeinen längst abgelegten Familienadelstitel wie der zu bekommen . Dann äußerte er sich, Sozialdemokrat könne „ unſereins “ nicht ſein . Dann wurde er der rote General der Sozialdemokraten, und dann verriet er sie in der Stunde der Gefahr. Als nämlich der Aufſtand ausbrach, verließ „ Gene ral" Körner die von ihm gebauten roten Festungen und begab sich zu Herrn Dollfuß in „ Schußhaft“. An den Umgang mit solchen Gesinnungslumpen gewöhnt, un terließ man es dort ſelbſtverſtändlich, dieſen merkwür digen roten Aufrührer zu erschießen. Das tat man dann ſtatt deſſen mit den Straßenbah nern, die ſich mit der Waffe in der Hand gegen die Polizeitruppen, die Heimwehren Starhembergs und die Soldaten des österreichischen Bundesheeres wehrten . Gerade zur rechten Zeit hatte Herr Dollfuß seine Aus landsbeziehungen angeknüpft . Da die roten Marxisten feſtungen im Sturm nicht zu nehmen waren, so mußten sie ,,sturmreif “ geschossen werden . Das war die einfache Überlegung dieses Bürgerkriegshelden . Ausländische Panzerwagen und Geſchüße ſtanden ihm reichlich zur Verfügung. 72

Der Februar - Aufstand 1934

So spielte sich eine unbeschreibliche Tragödie ab. In den Betonfeſtungen der Arbeiterbezirke saßen die bewaffneten Aufrührer an ihren Schießscharten in den Betonkellern. In den Stockwerken darüber wohnten die Familien und blieben in ihren Heimen , in der Hoffnung, daß doch noch alles gut abgehen würde. In einer dieser Feſtun gen, dem sogenannten Karl -Mary-Hof, wohnten damals zum Beispiel tausend kinderreiche Arbeiterfamilien . Wenn Herr Dollfuß auch nur eine Spur menschlicher oder politischer Überlegung besessen hätte, dann hätte er diese Arbeiterwohnblocks durch Polizei und Militär ein ſchließen und hermetisch abriegeln laſſen. Dann wären die nicht mit Lebensmitteln ausgerüsteten Verteidiger binnen achtundvierzig Stunden zur Übergabe gezwun gen gewesen, ohne daß auch nur das Blut eines öster reichischen Arbeiters vergossen worden wäre. Statt dessen ließ Dollfuß in der Frühe des 12. Fe bruars Panzerwagen vor den Arbeiterwohnungen auf fahren und Geschütze und Minenwerfer in Stellung bringen. Und dann geschieht das Ungeheuerliche. In die von Tausenden unschuldiger Menschen , Frauen und Kinder bewohnten Siedlungshäuser jagt die Artillerie ihre Granaten, schleudern die Minen werfer ihre Minen. Die Front des Karl-Mary-Hofes wird von schwerer Artillerie zerfeht. Auch in den ande

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Der Februar - Aufstand 1934

ren Stadtteilen geht Dollfuß mit der gleichen unglaub lichen Brutalität vor. Bald ſtehen die Arbeiterviertel in Flammen, während schwarzer Rauch über den Wohn blocks lagert und Frauen und Kinder im Knattern der Maschinengewehre und unter dem Knallen zerbersten der Handgranaten verzweifelt schreiend

Wege ins

Freie suchen und sinnlos den Schießenden in die Ge wehre laufen. Zweitausend Tote sind am 12. Februar die blutige Ernte des Systems Dollfuß . Wo der Widerstand der Arbeiter mit Rücksicht auf die furchtbaren Leiden der Frauen und Kinder ein gestellt wird, werden die Aufrührer verhaftet und dem Standgericht vorgeführt, das die Hinrichtungen am laufenden Band beginnt. „ Der Stümper Dollfuß ", schreibt das englische Re gierungsblatt,

hätte vor einem Jahre bei Hitler in

Deutschland lernen können, wie man marxiſtiſche Ar beiter für den Staat gewinnt. " Die polnische Presse schreibt, Dollfuß habe

seine

moralische Poſition in der ganzen Welt zerstört“ . Das rumänische Regierungsblatt fertigt Dollfuß mit der Erklärung ab , „ er hat sein Gewiſſen mit Tausenden von Toten beschwert. Seine Hände triefen von Blut. “ „ Öſterreich hat den Weg zum Dritten Reich angetreten. Dollfuß ist nun ein politischer Leichnam. Der moralische

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Der Februar - Aufstand 1934

Anschluß an Hitler hat sich vor dem politiſchen Anschluß vollzogen."

Nach einer Woche herrscht in Wien und den Ländern Österreichs Ruhe. Die Arbeiterhäuſer ſind zerschoffen, der Karl-Marr-Hof, der Goethehof, die großen Wohn bauten sind mit Granaten zerfeßt und ausgebrannt . Auf den Straßen breiten sich große Flecke eingetrock neten Blutes aus . In den Winkeln, unter Brücken, in Kellern, auf den verkohlten Dachböden liegen noch die Leichen.

75

Die Juli - Erhebung wird erflict

Der Führer erklärt in diesen Tagen dem englischen Journalisten Ward Price : „Wir sympathisieren weder mit Herrn Dollfuß , noch mit seinen Gegnern . Die österreichischen Nationalsozialiſten aber werden an Zahl zunehmen. Besonders die Arbeiter Österreichs werdensichder nationalsozialiſtiſchenSache anschließen .“ Wie vorauszusehen war, hat die Regierung Dollfuß Schuschnigg nichts aus dem Aufstande gelernt. Vergeblich, daß das Diplomatiſche Korps in Wien der österreichischen Regierung die offizielle Bitte unter breitet hat, die Frauen und Kinder in den Arbeiter wohnblocks zu schonen. Zu den fünfzigtausend gefangenen Nationalsoziali sten gesellen sich nun Zehntausende von marriſtiſchen Arbeitern und Arbeiterinnen. In den Dollfuß -Ge fängnissen entsteht der Kern

einer alle Volksteile

umfassenden nationalsozialiſtiſchen Volksgemeinschaft, die durch den blutigen Terror der Dollfuß -Schuschnigg Regierung zusammengeschmiedet wird. Nachdem der Führer schon im Anfang des Jahres zuſammen mit Marschall Pilſudſki das deutſch-polnische

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Die Juli - Erhebung wird erstickt

Einvernehmen hergestellt hat, beginnt der Führer die schon 1920 von ihm als notwendig bezeichnete Zusam menarbeit Deutschlands mit Italien einzuleiten. Mitte Juni 1934 begibt sich Adolf Hitler nach Vene dig und trifft dort zu einer zweitägigen Besprechung mit dem Duce des faſchiſtiſchen Italiens , mit dem italienischen Miniſterpräsidenten Benito Muſſolini , zu sammen. Diese entscheidende weltpolitische Zusammenkunft leitet die allmählich danach einſeßende, gegen alle Hem mungen und Widerstände schließlich von Hitler und Mussolini durchgeseßte deutsch-italieniſche Zuſammen arbeit ein. Was in Venedig besprochen wird ? Nun, eben diese Zuſammenarbeit . Was dabei festgelegt wird? Nun, jedenfalls so viel, daß sich der kleine Napoleon von Wien, Herr Dollfuß, darüber ganz erschröcklich auf regt ! Am 30. Juni 1934 schlägt Adolf Hitler in Bad Wiessee und Berlin die Röhmrevolte nieder . Ein paar aufrührerische und moralisch verkommene höhere SA. Führer werden an die Wand geſtellt und erschossen. Eine große Hoffnung des Auslandes , eine Hoffnung der Juden und Emigranten und eine verwegene Hoff nung des Herrn Dollfuß wird mit der radikalen und

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Die Juli - Erhebung wird erstickt

raschen Beendigung der Meuterei zerstört : die Hoff nung auf eine Spaltung und Zersehung des Dritten Reichs und den Sturz Adolf Hitlers .

Das hat Röhm gewollt. Dabei war er des Beifalls und der Unterstützung aller Feinde Deutschlands sicher. Nun aber, am 1. Juli 1934, steht die Regierung Adolf Hitlers und die Macht des Führers stärker und unanfechtbarer da als jemals zuvor. Bei einer solchen Machtsteigerung sieht sich Dollfuß gezwungen, nun doch endlich aus der Junibesprechung zwischen Hitler und Muſſolini in Venedig die not wendige Folgerung in bezug auf die innerpolitische Lage Öſterreichs zu ziehen. Statt aber die Unterdrückung der Nationalsozialisten zu beenden und die Gefangenen in Freiheit zu sehen, versucht der Zwerg von Wien ein listiges Täuschungsmanöver . Er verabredet eine Ita lienfahrt zu einer Besprechung mit Mussolini und nimmt unmittelbar vorher, am 11. Juli, eine Um bildung seiner Regierung vor. In der Regierung ſizen abermals

Schuschnigg,

Starhemberg, Feh und die Männer der übrigen in Österreich um die Macht kämpfenden klerikalen Grup pen, aber kein einziger Nationalsozialiſt . Allerdings benutt Dollfuß die Gelegenheit, um dem ihm persönlich unsympathischen Sicherheitskommissar 78

Die Juli - Erhebung wird erstickt

Fey einen Streich zu spielen. Fey erhält den klangvollen Titel eines Generalſtaatskommiſſars, aber feinen Wirkungskreis . . . !

Einer der mächtigsten Männer

Österreichs steht plößlich mit großartigen Titeln, aber ohne Macht da!

Mit dieſem neuen, angeblich im Sinne der Juni besprechung umgebildeten Kabinett glaubt Dollfuß nun Deutschland, die Welt und Mussolini täuschen zu können. Das „neue“ Kabinett beſchließt bereits am nächſten Tage, dem 12. Juli, die Einführung der Todesstrafe für die Gegner der Regierung Dollfuß und zeigt ſo, welchen Kurs Dollfuß in Wahrheit weiterhin in Öster= reich zu steuern beabsichtigt : den der schärfsten und blutigsten Unterdrückung der nationalsozialistischen Be wegung.

Not und Arbeitslosigkeit sind indessen bis zur Un erträglichkeit gestiegen . Das kleine Land, in eine wider natürliche Selbständigkeitspolitik gegen Deutschland hineingepreßt, hat einfach nicht mehr die Luft zum Leben. Da beschließen die österreichischen Nationalsozialiſten , zum lezten, entſcheidenden Schlag gegen Dollfuß aus zuholen. Fast gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, schla= gen die 44 in Wien und die SA. in der Steiermark los . Am 25. Juli 1934 fährt ein Trupp von vierzehn

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Die Juli - Erhebung wird er stick t

Männern der Wiener 14 - Standarte 89 von der Turn halle an der Neubaugaſſe zum Wiener Sender, dem Haus der sogenannten Ravag in der Johannisgaſſe. Die Männer dringen durch den Garten und durch das Hauptportal ein. Sie beſehen das Haus und den Sendesaal. Der Ansager verliest

eine bereits vor

bereitete Proklamation über die Abdankung von Doll fuß und die Neubildung einer nationalsozialiſtiſchen Regierung. An der Spitze der Regierung soll der österreichische Gesandte in Rom, Dr. von Rinteln, ſtehen. Rinteln hat sich bereits in Rom auf den Flugplay begeben und ist in Richtung Wien abgeflogen . Ein zweiter Trupp von 44 -Männern, faſt alles wegen nationalsozialiſtiſcher Betätigung aus dem Heer aus gestoßene ehemalige Soldaten, fährt zum Ballhaus play, wo der kleine Diktator Dollfuß ſeit der verfaſſungs widrigen sogenannten Notverordnung vom Vorjahr seine Gewaltherrschaft über Österreich auf fremde Ka nonen und Maschinengewehre ſtüßt . Der dritte Trupp der 14 - Standarte iſt im Begriff, von der Turnhalle abzufahren, als das Unternehmen durch einen Verräter vereitelt wird . Der Führer des Handstreichs und dieses dritten Trupps wird gefangen, entkommt wieder, kann aber nicht mehr zum Ball hausplatz durchdringen. 80

Die Juli - Erhebung wird erstickt

Ohne davon zu wiſſen, fährt indes der andere Trupp in den Hof des Bundeskanzleramtes ein. Die über raschte Wache läßt die Männer in den feldgrauen Bundesheeruniformen ungehindert paſſieren.

Dann

stürmen die 14 -Führer die Treppe zu den Räumen des Bundeskanzlers hinauf. Dollfuß befindet sich gerade in einer Beratung mit Staatssekretär Karwinsky .

Der

zweite Teilnehmer dieser Beratung ist — Major Fey. Fey ist Sicherheitskommissar des Systems , bei der Niederwerfung des Februaraufſtandes der Marxiſten mit hohen ungarischen Orden ausgezeichnet, und zu gleich aus einem vermessenen Ehrgeiz heraus einer der Wettbewerber um die Krone des Bundeskanzlers in diesem „ christlichen“ Ständestaat. Zudem seit vierzehn Tagen ein Mann mit Titeln, aber ohne Amt. So wenig Dollfuß seinem Sicherheitskommissar Fey traut, so sehr hat er sich bis heute gefürchtet, diesen Mann aus der Regierung zu entlaſſen und ihn in die Opposition zu stoßen. In diesem Augenblick schlägt die überrumpelteWache des Bundeskanzleramtes Alarm. Fey weiß, was die Glocke geschlagen hat, und verläßtſofort den Beratungs raum .

Dollfuß, auch seinem Staatssekretär für das

Sicherheitswesen, Karwinsky , nicht trauend, flieht aus dem Beratungszimmer

allein nach rückwärts

zum

Kongreßsaal, um von dort in das Staatsarchiv zu

6 Hadamovsky, Weltgeschichte

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Die Juli - Erhebung wird er stick t

gelangen. Er findet die Räume verschlossen, kehrt um und läuft dem Stoßtrupp der Revolutionäre direkt in die Arme. Die Soldaten stoßen ſo unvermittelt auf denBundes fanzler, daß die Männer in der erſten Überraschung auf den vermeintlich ihnen entgegentretenden Gegner ſchie ßen. Dollfuß wird durch einen Streifschuß, man ſagt an der Hand, verwundet. Dann erst erkennen sie ihn. Der Bundeskanzler wankt, wird von den Männern geſtüßt und im Nebenzimmer auf den Diwan gebettet. Sie legen dem Blutenden einen Notverband an. Da erscheint Major Fey zwischen den Aufrührern, die keinerlei Maß nahmen gegen ihn treffen, und begibt sich zu Dollfuß an den Diwan. Die 44 - Männer verlaſſen den Raum. Dollfuß und Fey bleiben allein zurück. Die Führer des Stoßtrupps, Holzweber und Pla netta, warten inzwischen vergeblich auf das Eintreffen des dritten Trupps aus der Turnhalle, der dort be reits mit dem Führer des Handstreichs an der Spiße verhaftet worden ist. Statt des erwarteten 14 - Trupps erscheint alarmier tes Bundesheer mit Tanks und geht in Schwarmlinie vor, um die Revolutionäre einzuschließen. Als sie sich daraufhin wieder zu Dollfuß begeben, finden sie ihn schwerverletzt auf.

Der Bundeskanzler liegt im Sterben. 82

Die Juli - Erhebung wird erſtict

Vielleicht wird es nie möglich ſein, das Geheimnis um ſeinen Tod restlos zu enthüllen .

Denn es wird absolut glaubwürdig versichert, daß feiner der 14 -Männer und alten Soldaten der Stan darte 89 den tödlichen Schuß auf Dollfuß abgab . Vor allem nicht Holzweber und Planetta . Eine Be seitigung des Bundeskanzlers war auch nicht geplant . Sonst wäre dazu, als die Männer das ganze Gebäude beſeßten, ſofort im Anfang Gelegenheit geweſen. Der Plan der Aufständischen ging vielmehr lediglich dahin, den Bundeskanzler zum Verzicht auf die wider rechtlich beanspruchteMacht zu veranlassen, wenn nötig, durch seine Verhaftung zu zwingen , und Österreich eine dem Volkswillen

entsprechende nationalsozialistische

Regierung zu geben. Diejenigen, die die Wiener Intrigen und Feind schaften des Juli 1934 genau kennen, berichten, daß fein anderer als Major Fey selbst die allgemeine Ver wirrung benutte, um seine persönliche Rechnung zu begleichen. Er gab den tödlichen Schuß auf Dollfuß ab. Die 14 -Männer ersuchten nun den Major Fey um Be freiung aus ihrer unhaltbar gewordenen Lage.

Dies sagte Fey zu. Vom Balkon des Bundeskanzleramtes aus verhan delte er durch Zuruf mit den Regierungstruppen und Mitgliedern der Regierung . Schließlich gab er in seiner

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Die Juli - Erhebung wird erstickt

Eigenschaft als Sicherheitskommissar und im Namen der Regierung den Aufständischen die ehrenwörtliche Versicherung, sie dürften das Bundeskanzleramt ver laſſen und erhielten freies Geleit zur Grenze. Der frühere Justizminiſter der Dollfußdiktatur, Herr von Schuschnigg, hatte aber inzwischen nach Krone und Zepter gegriffen ! Er gehörte zu den schlauen Galgenvögeln, die an die sem unheilschwangeren Vormittag ihren Herrn und Meister Dollfuß fünf Minuten vor dem Eintreffen der Putschisten verließen. Infolgedessen konnte Schuschnigg nicht von den Aufſtändischen hinter Schloß und Riegel gesezt werden. Er nahm sofort die telephonische Ver bindung mit dem Bundespräsidenten Miklas auf, der am Wörther See weilte, und verlangte von ihm die Be trauung mit der Führung der Regierung. Da Starhem berg im Augenblick nicht in Wien war und Fey von den Aufständischen im Bundeskanzleramt festgehalten wurde, gab der Bundespräsident nach und übertrug Kurt von Schuschnigg für den Augenblick und vorläufig die Regierungsgewalt. Schuschnigg wird sie nicht mehr aus den Klauen geben! Er läßt zunächst den aus Rom in Wien eintreffenden österreichischen Gesandten Dr. von Rinteln verhaften, der sich zu ihm in das Verteidigungsministerium be

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Die Juli - Erhebung wird er stict

geben hat, um mit ihm über die Neubildung einer ver fassungsmäßigen Regierung unter Einbeziehung der Nationalsozialisten zu beraten ! Dr. von Rinteln, der Schuschniggs Methoden bereits kennt, begeht darauf einen Selbstmordverſuch und ver letzt sich schwer. Während sich dies abſpielt, läßt Schuschnigg Polizei truppen mit Panzerwagen, Maschinenpiſtolen und Handgranaten gegen das Sendehaus der Ravag in der Johannisgasse vorgehen . Die vierzehn 44 -Leute im Sen der sehen sich einer hoffnungslosen Übermacht gegen über. Dessenungeachtet sind sie entschlossen, ihrem Be fehl nachzukommen und das Gebäude für die neue Regierung, die nach ihrer Meinung inzwiſchen längst gebildet sein muß, zu halten . Es beginnt ein erbitterter dreistündiger Kampf in der engen Gaſſe .

Als schließlich der letzte der tapferen Männer über wältigt und schwer zusammengeschlagen wird, geht noch ein Sondertrupp der 44 zur technischen Großfendeanlage am Bisamberg und sprengt den Sender mit Dynamit. Wien muß den alten Sender auf dem Rosenhügel in Betrieb nehmen, um überhaupt ſenden zu können. Schuschnigg läßt über den Sender die Wiederein nahme des Ravaggebäudes durch Regierungstruppen bekanntgeben, verschweigt aber, daß Dollfuß, Fey und deren Mitarbeiter im Bundeskanzleramt in der Gewalt 85

Die Juli- Erhebung wird erstid t

der Aufständischen sind , und begibt sich selbst zum Ball hausplay. Auf Grund der Verhandlung, die Fey vom Balkon aus und schließlich direkt mit Oberst Humpel und Major Priner geführt hat, ist jede Kampfhandlung abgeblasen worden. Die Truppe liegt vor dem Bundeskanzleramt und hat die Gewehre zusammengestellt . Noch einmal wird den im Bundeskanzleramt Ein geſchloſſenen freier Abzug und militärisches Geleit bis zur Grenze zugesichert, wenn sie die Verhafteten frei geben. Zwischen neunzehn und zwanzig Uhr ziehen die Auf ständischen ihren Stoßtrupp auf dem Hof des Bundes fanzleramtes zuſammen und öffnen im Vertrauen auf die gegebene Zusage die Tore des Gebäudes . Sämtliche Gefangenen, an ihrer Spiße der Sicher heitskommissar Fey — sofern er Gefangener war —, werden auf freien Fuß gesezt. Als danach der Trupp der hundertvierundvierzig 14-Leute und Soldaten unter Führung von Holzweber und Planetta das Gebäude verläßt, wird er überfallen und entwaffnet. Die Männer werden vollständig ent kleidet und schwer gefesselt abtransportiert nach der Marokkanerkaserne . Das Ehrenwort, das der Sicherheitskommissar Fey gegeben hat und das der mit der Führung der Regie 86

Die Juli - Erhebung wird erstickt

rungsgeschäfte vorläufig beauftragte Herr Schuſchnigg bestätigte, ist gebrochen.

Als die Aufständischen in Wien am 25. Juli in den Sender und das Bundeskanzleramt eindrangen, er hoben sich fast zur gleichen Zeit die Tiroler, Kärntner und Steiermärker gegen das Joch der Dollfuß-Dikta tur. In Innsbruck wird der Anführer der Dollfußschen Knüppelgarden, Polizei-Stabshauptmann Hickl, aus ſeinem Quartier herausgeholt und auf der Straße er schoffen. Dann beginnt in den Bergländern ein umfaſſender Aufstand der Nationalsozialisten, deſſen Träger in er ſter Linie die österreichischen SA . -Männer und Berg bauern sind. Schuschnigg bietet Polizei , Heimwehr und Bundes truppen auf, um die Aufſtändiſchen mit militäriſcher Übermacht niederwerfen zu laſſen .

Es beginnt ein

langer, furchtbarer und blutiger Bauernkrieg.

In

den Bergen Tirols , Kärntens , der Steiermark wird verbiſſen gekämpft.

Was Deutschland niemals sah,

erlebt Österreich: den mörderischen Kampf von Polizei truppen und Bundesheer gegen

die aufständischen Stürme und Standarten der nationalſozialiſtiſchen SA. und 14 . Die Bergbauern sperren die Gebirgspäſſe, verriegeln

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Die Juli - Erhebung wird erstict

die wenigen Straßen, die nach Kärnten und in die Steiermark führen, verbarrikadieren sich in Dörfern und Städten und verteidigen erbittert jeden Fußbreit ihrer Heimat. Der Zugang von Oberösterreich ins Ennstal führt über den Pyhrnpaß.

Er wird von den Aufständischen gesperrt. Aber der Angriff der Regierungstruppen sett um fassend ein. Judenburg wird nach schwerem Kampf erſtürmt. Leoben kann erst nach eingehender Artillerievor bereitung genommen werden.

St. Donat muß mit Minenwerfern sturmreif ge schossen werden . Im Gegendtal wird der Widerstand der Kärntner mit Flammenwerfern gebrochen. In Feldkirchen durchſtoßen die eingeschlossenen Auf ständischen den Ring der belagernden Regierungstrup pen und entkommen nordwärts . Bei

Annabichl

versuchen

die

Bergbauern

den

Schuschniggtruppen den Marsch auf die Landeshaupt ſtadt Klagenfurt zu verlegen . Sie werden aber selbst im Rücken gefaßt und eingeschlossen. Nur neun Mann ent kommen dem Gemezel . In Radstadt, in Schladming und anderen Orten des Ennstales werden nach Schluß der Kämpfe die 88

Die Juli - Erhebung wird er stict

Nationalsozialisten zusammengetrieben und mit Ma schinengewehren niedergemacht .

Ganze Ortschaften werden entvölkert. Die Bauern schmachten mit ihren Knechten in Kerkern, liegen tot an den Gebirgspässen oder fliehen über die Kara wanken nach Jugoslawien . Die Schuschnigg-Diktatur bedient ſich auswärtiger Hilfe und läßt auf ausländischen Bahnen mit aus ländischen Truppentransportzügen ihr Militär von Süden her in den Rücken der Aufständischen werfen! Wo die tapferen Männer, die ihre Freiheit verteidigen, ſchließlich der Übermacht und den beſſeren Waffen des Heeres weichen müſſen, rücken die Henker der Heim wehren nach und hauſen wie wilde Beſtien. Ohne Recht und Gerechtigkeit zu finden werden Nationalsozialiſten zu Hunderten erſchlagen, zu Tode geprügelt und aus dem Hinterhalt oder offen vor aller Welt niedergeknallt . Auf die Zusicherung freien Geleits ergibt sich in den Tiroler Bergen ein aufständischer SA. - Sturm und liefert seine Waffen ab. Im Kasernenhof werden die Wehrlosenmit Maſchinengewehren zuſammengeschossen . Neue Zehntausende füllen die Kerker in Wöllersdorf, in den Steinbrüchen , in dumpfen Burgverließen und Gefängnissen,

und

zahllos

sind

die

Opfer

einer

Schreckensjustiz , die, auf Spiel und Spürhunde ge=

89

Die Juli - Erhebung wird erstict

ſtützt, jeden irgendwie Verdächtigen vor den Richter ſtuhl zerrt und zu schwersten lebenslänglichen Frei heitsstrafen oder zur Hinrichtung verurteilt. Die freche Stirn, mit der dieſe Volksverräter vor die Öffent lichkeit treten, macht unschuldige beste Deutschöster reicher in ihrem Glauben an Deutschland irre und läßt sie ungewollt zu Mitschuldigen des Brudermordes werden. Am 31. Juli, als die lezten Kämpfe in Kärnten und in der Steiermark zu Ende gehen, holt Schuschnigg zum vernichtenden Schlag gegen die Führer des Auf standes vom 25. Juli aus. Vor Gericht behauptet er, das von der Regierung gegebene Versprechen auf freien Abzug sei durch den Tod des Bundeskanzlers hinfällig geworden. Es iſt aber erwiesen, daß der Tod den Regierungsmitgliedern zur Zeit ihrer Zusage an die Aufständischen bereits bekannt war. Es ist ferner sicher, daß die Aufständischen selbst nicht den tödlichen Schuß auf Dollfuß abgegeben haben. Aber Schuschnigg benußt die Gelegenheit, um die Män ner, die ihn des Wortbruches zeihen und die wahren Hintergründe des Todes aufklären könnten , ein für allemal zum Schweigen zu bringen. So steht am Ende der Tragödie des 25. Juli nicht der freie Abzug aufrichtiger und ehrlicher Soldaten, ſondern die unmenschliche Tötung der Stoßtruppführer

90

Die Juli - Erhebung wird er stict

Holzweber und Planetta und ihrer Kampfgefährten am Würgegalgen. Die Männer, die als mutige Soldaten ihr Leben für die Freiheit in die Schanze schlugen, beteuern vergeblich ihre Unschuld am Tode des Bundeskanzlers . Sie dürfen ihren opfermutigen Einſaß nicht einmal mit ihrem Blute besiegeln. Selbst das verweigert ihnen die Re gierung, deren Wortführer freien Abzug und Geleit bis zur Grenze versprachen. Nicht durch die Kugel , nicht als Soldaten, sondern als gemeine Verbrecher, durch den Strang sollen die Männer vom Leben zum Tode gebracht werden. Sie ertragen die ihnen zugedachte Schande mit dem inneren Stolz und der Festigkeit, die nur der fanatiſche Glaube aneine heilige, übermenschlich großeIdee verleiht. Es gingschließlich nicht um einen bloßen Regierungs wechsel, als sie das Bundeskanzleramt ſtürmten . Es ging gegen alle Feinde Deutschlands !

Die Männer des 25. Juli zielten der deutschen Zwie tracht mitten ins Herz ! Sie kämpften für Großdeutschland ! Sie waren Sturmsoldaten der nationalsozialiſtiſchen Idee! Sie waren Stoßtruppführer und politische Soldaten einer neuen Zeit, die sich einmal über die untergehende, schlechte Welt der Vergangenheit erheben mußte. 91

Die Juli - Erhebung wird erstickt

So mutig und gefaßt, wie die Männer das Hin richtungsurteil und die ihnen zugedachte Schande auf sich nahmen, so fest und treu blieben ihre Frauen. Ist es nicht erschütternd und zugleich ein herrliches Heldenlied auf deutsches Frauentum, daß Frau Pla netta in den tragischen Stunden der Urteilsverkündung nicht etwa versuchte, ihren Gatten zu befreien, wohl aber, ihm eine Pistole zukommen zu lassen, damit er statt am Galgen als ehrlicher Soldat durch dieKugel sterben könne ! Holzweber benutte seine lehte Stunde zu Abschieds briefen an seine Frau und seine Eltern. In seiner kahlen Zelle ſtanden nur ein langgeſtreckter Tisch und zwei Bänke. Holzweber rauchte eine Zigarette, als der evange lische Pfarrer Zimmermann in ſeiner Zelle erscheint. Der Verurteilte sagte ihm: „Ich kann angesichts des Todes nur versichern : ich habe nur Gutes gewollt. Mein Bemühen war darauf gerichtet, jedes Blutvergießen zu vermeiden. " Nachdem der Verurteilte das Abendmahl empfangen hat, nimmt er Abschied von Frau und Kind. Dann erscheint der Scharfrichter. Holzweber wird gebunden. Vergeblich bittet er, davon Abstand zu nehmen. Man führt ihn in den engen, winkligen, troſtlos grauen Hinterhof. 92

Die Juli - Erhebung wird erstickt

Holzweber geht mit festem Schritt auf den hölzernen Galgen zu. Im Augenblick, als man ihm die Würgeſchlinge um den Hals legt, richtet er sich soldatiſch ſtraff auf und ruft mit lauter, flarer Stimme: „Ich sterbe für Deutſchland ! Heil Hitler ! “ Dann beginnt seine Erwürgung. Wie in einem mittelalterlichen Foltergeſtell tritt der Tod an diesem Würgegalgen nicht raſch und plöglich, ſondern nur langsam und sehr qualvoll ein . Der Tapfere kämpft einen furchtbaren Kampf. Immer wieder schallt der fanatische Ruf „Hitler ! Hitler! " über den öden Hof, allmählich abgewürgt und in Todeszuckungen verröchelnd . So stirbt Holzweber männlich, mutig und gläubig wie nur wenige der ganz großen Helden und Märtyrer der Menschheitsgeschichte . ,,Sein Rufen“, so erzählt uns der englische Jour nalist Ward Price, der als Augenzeuge zugegen war, „hallte wie durch ein Wunder von den Mauern des Gefängnisses wider, und in der Aufregung merkte ich erst nach einigen Sekunden, daß es eine vielseitige Ant wort durch die Ventilationslöcher der Zellen gefunden hatte. Besonders eine helle, durchdringende Frauen ſtimme, die zweifellos einer gebildeten Person an gehörte, wiederholte den Ruf. Wahrscheinlich durch 93

Die Juli - Erhebung wird erstict

diese Antworten angeregt, wiederholte auch Holzweber diesen Nazigruß noch mehrere Male, und es war das grauenhafteste Erlebnis , ihn von den toten Mauern des Gefängniſſes , an denen man kein menschliches Wesen sah, widerhallen zu hören . Kein Zweifel, dieser Mann starb wie ein Held. Durch die Ungeschicklichkeit der Bedienung des Gal gens, vielleicht auch durch das unmenschliche Würge system des Galgens selbst, dauerte es nach meiner Uhr zwölf Minuten, bis er tot war. In dieser Ewigkeit zwischen Leben und Tod bekannte er sich zu seiner Idee, bis die Merkmale der Erwürgung seine Stimme lang ſam erstickten. " Der tapfere Planetta und ſeine Gefährten haben das Rufen gehört und darauf geantwortet, sind Zeugen dieſes fanatischen, auch im Tode nicht zu brechenden Bekenntnisses geworden ! Mit dem Namen des Führers auf den Lippen wird auch Planetta erwürgt. Dann sterben gleich ihnen in heldischer Haltung, als Nationalsozialisten über den Tod hinaus Künder ihres Volkes, die Männer: Josef Hackl, Ludwig Maißen, Hans Domes , Hans Leeb, Erich Wohlrab, Friedrich Wurnig, Franz Ebner, Ernst Feite, Franz Saureis , Franz Unterberger, Ru dolf Erlbacher.

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Die Juli - Erhebung wird erstict

Schuschnigg erwirbt sich mit dieser Tat beim deut ſchen Volke den Namen des Würgers . Die Toten aber wirken als Märtyrer über das Grab hinaus lebendig fort und überzeugen ſelbſt die, die der Hinrichtung beiwohnen mußten, von der durch nichts bezwingbaren, Tod und Leben überstrahlenden all . mächtigen Gewalt der Idee Adolf Hitlers .

Die Deutschen im Reich erleben das furchtbare Trauerſpiel des Brudervolkes in Österreich und müſſen ſtumm und verbiſſen Gewehr bei Fuß stehenbleiben. Noch ist Deutschland waffenlos . Jeder Einsaß für die Brüder in Österreich müßte das Reich gefährden und damit Tod und Vernichtung für alle gemeinsam bringen. So muß der SA. -Mann im Reich die Faust in der Tasche ballen, während seine Kameraden in Österreich verbluten. So können die nationalsozialistischen Gau leiter im Reich ihrem Kameraden Hofer aus Innsbruc nur ſtill die Hand drücken und ſtumm in die Augen ſehen, als er zum Reichsparteitag in Nürnberg ein trifft. Sechs Wochen sind seit dem Aufſtande verflossen. Nun liegt Gauleiter Hofer verwundet im Rollstuhl neben dem Führer, der auf dem Nürnberger Adolf Hitler-Platz den Vorbeimarsch seiner reichsdeutſchen SA. abnimmt. Von treuen Kameraden befreit, brach

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Die Juli - Erhebung wird ersticht

Hofer aus dem Gefängnis aus und schleppte ſich ver wundet über die Berge ins Reich. Mit brennenden Augen sieht er dem Vorbeimarsch von hunderttausend Braunhemden vor Adolf Hitler zu, indes sein Herz schlag heftiger geht und das frische Blut durch den Ver band sickert . Gar zu gern hätte der Würger Schuschnigg in diesen Tagen auch an dem in Österreich allbeliebten Gauleiter Leopold sein Mütchen gekühlt. Aber die Wiener Macht haber selbst haben Leopold in Sicherheit gebracht ! Er ſißt wieder einmal , vielleicht zum zehnten oder zwanzig ſten Male, in den Kerkern des Dollfuß -Syſtems , als der Aufstand ausbricht. So kann man ihn beim besten Willen nicht an den Würgegalgen bringen . Als der Juliaufstand endgültig in Blut und Tränen erstickt ist, als die toten Bauern der Berge und erwürg ten Soldaten der Wiener 44 längst in der mütterlichen Erde

vermodern,

gleicht

das

Land

einem großen

Friedhof.

Das geringste Bekenntnis zum Deutschtum, zum großdeutschen Gedanken, zur Vereinigung mit dem Reiche wird den Deutschen Österreichs als Hochverrat ausgelegt und als Hochverrat bestraft. Aber die einmal entflammte nationalsozialiſtiſche Bewegung, in faſt zwei Jahrzehnten im Herzen des Volkes verankert, kann auch nicht durch furchtbarste Greuel erstickt werden.

96

Aber das Feuer brennt weiter

Nach zwei Jahren der ſinnlosen und blutigen Ver folgung wird der Würger Schuschnigg gezwungen, am 11. Juli 1936 ein Befriedungsabkommen mit Deutſch land abzuschließen . Aber er glaubt, sich ebenso wie sein Vorgänger Doll fuß mit Betrug an der Erfüllung seiner Versprechun gen vorbeidrücken zu können . Zwar wird ein Teil der nationalſozialiſtiſchen

Gefangenen

auf

Grund

des

Juliabkommens freigelaſſen . Dafür aber beginnt eine neue Unterdrückungswelle gegen die Träger der Be wegung. Angesichts der glänzenden Erfolge Adolf Hitlers im Reich flammt dennoch allenthalben in Österreich die unter der Decke schwelende Glut immer heller und leuch tender wieder auf. Auch die völlige Abtrennung und Abreißung jeder Verbindung mit dem Reich, das Ver bot nationalſozialiſtiſcher Bücher, reichsdeutſcher Zei tungen, das Verbot deutschen Rundfunkempfanges , die völlige Unterbindung und Erdrosselung des Reiſe- und Grenzverkehrs durch die Schuschnigg-Diktatur vermag das Deutschtum in Österreich nicht mehr länger zu knebeln. Ein paar deutsche Menschen fallen, unwissend 7 Hadamovsky, Weltgeschichte

97

Aber das Feuer brennt weiter

und irregeführt, auf den Schwindel herein. Ein paar der Ewig-Gestrigen folgen, gedankenlos , von dem rück sichtslosen Terror gezwungen, den Lügenfahnen mit dem Krukenkreuz , das Herr Schuschnigg erfand , um das Hakenkreuz aus dem Feld zu schlagen. Unter einem Kreuz macht er es nun einmal nicht, das verſteht sich. Als Parole gibt er seiner sogenannten Vaterländischen Front die platte Phraſe mit auf den Weg : Nicht Nationalismus

und Sozialismus , sondern

Patriotismus ! Aber neben den bezahlten Schergen seiner Diktatur ſammeln ſich nur die patriotiſchen Bierbäuche um ihn , die längst das Denken und erst recht das Kämpfen verlernt haben . Die aktive Jugend Österreichs aber schwört heimlich auf das Banner Adolf Hitlers . Die erwürgten Helden des 25. Juli marschieren ihr im Geiste voran. Nichts ist so erschütternd wie der opferwillige und todesmutige Einſaß dieſer Jugend.

Dreizehn- , vier

zehn-, fünfzehnjährige Jungen und Mädel eilen von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik, durch Hochwälder und über die einsamen Bergpfade, von Dorf zu Dorf und von Berghof zu Berghof. Sie tragen das heilige Feuer der Bewegung wie einen Fackelbrand durch das Land. Sie verteilen Flugblätter und Zeitungen, geben

98

Aber das Feuer brennt weiter

Parolen weiter, führen Flüchtlinge über die Berge oder versorgen sie mit Lebensmitteln, sind nie zu Hause, kennen kein Familienleben und gehen ganz im Dienſte der Idee auf. Die Jungen und Mädel ſchmachten, gleich den Er wachsenen, in den Anhaltelagern und Kerkern des Wür gers Schuschnigg . Sie werden Opfer des gemeinen Meuchelmordes . An vierzehn- und fünfzehnjährigen nationalsozialistischen Mädels werden von Henkern grauenvolle Bestialitäten verübt. Aber diese heilige Jugend kennt keine Furcht und feineFeigheit. Öſterreichs Volk ſtirbt. An der Geburten armut, an der Wirtſchaftsnot. An Schuschniggs Würge= griff. Da springt dieſe jüngste Jugend in die Breschen, die Tod und Not in die Reihen der Alten riß. Sechshundert tapfere Mädel und elfhundert mutige Jungen sind die eiserne Garde, die illegale „HJ. “, die den heiligen Fanatismus in Wien brennend lebendig erhält und weiterträgt. Eine lächerliche Zahl . Siebzehnhundert blutjunge Menschen in der Zweimillionenstadt. Aber hier wird nicht die Zahl, hier werden die Her zen gewogen ! Der Geschichtsforscher wird einſt den Anteil dieſer jüngsten Jugend Österreichs an der erneuten national ſozialistischen Erhebung des Jahres 1938 gar nicht hoch

7.

99

Aber das Feuer brennt weiter

genug einschätzen können. Dieſe ſtolze, mutige Jugend trägt mit Recht den erhabenen und verpflichtenden Namen des Führers auf der Stirn, den Namen „ Hitler Jugend". Der Führer selbst ist einer der ihren, ist Öſter reicher, 1889 in Braunau am Inn geboren. Er kennt ſeine Heimat und er kennt die Rieſenſtadt Wien, in der er einſt als Bauarbeiter ſein kärgliches Brot verdiente . Um der Zukunft willen, um der Jugend willen, um des Volkes willen, das mit seiner ewigen Jugend ein neues Jahrtausend der Geschichte überstehen soll, kann Adolf Hitler dem Mord und der Ausrottung der Beſten nicht länger tatenlos zusehen.

Als das Reich gefestigt ist, die neue Wehrmacht ge= schaffen, die Zusammenarbeit mit Italien begonnen, macht Hitler einen entscheidenden Schritt zur Befreiung Österreichs und zur Wiederherstellung der wahren Un abhängigkeit dieses deutschen Landes . Groß und verzeihend reicht Adolf Hitler dem Bundes kanzler Schuschnigg die Hand, um die beiden deutschen Brüdervölker im Reich und in Österreich zu vereinigen und einen Schlußſtrich unter die blutige innenpolitiſche Vergangenheit der Schuschnigg-Diktatur zu ziehen. Schuschnigg nimmt des Führers Einladung zum Ober falzberg am 12. Februar 1938 an und erscheint in den Mittagstunden dieses Tages als Gaſt auf dem Berghof 100

Aber das Feuer brennt weiter

in Berchtesgaden, der längst allen Deutschen ein Heilig tum geworden ist. Der Führer verlangt von Schuschnigg die Beendi gung des Terrors gegen das nationalsozialistische Volk Österreichs . Er verlangt eine dem Stärkeverhältnis entsprechende Heranziehung der Nationalſozialiſten in der Vaterländischen Front, der einzigen von Schusch nigg geduldeten politischen Organiſation, und eine ent= sprechende Beteiligung von Nationalſozialiſten in der Bundesregierung. Schuschnigg stimmt den Forderungen des Führers zu und verspricht deren legale und loyale Durchführung ! Als Schuschnigg vom Obersalzberg nachWien zurück kehrt, wird er wie ein Triumphator von der jubelnden Völksmenge

empfangen .

Das

nationalſozialiſtiſche

Österreich glaubt die Stunde der Befreiung und Er lösung gekommen und baut auf das Wort des Mannes, den der Führer einer Einladung zum Obersalzberg würdigte. Österreich soll nun frei werden ! Die feindliche Haltung des Staates gegen ſein deut sches Mutterland ſoll nun zu Ende sein ! Die Regierung wird im nationalſozialiſtiſchen Sinne umgebildet werden. Schuschnigg selbst wird die Fehler der Vergangen heit einsehen, wird einen neuen Kurs einschlagen, wird 101

Aber das Feuer brennt weiter

dem Willen des österreichischen Volkes nachgeben und Arm in Arm mit Deutschland marschieren ! Die Menschen in Wien fallen sich auf offener Straße um den Hals . Nach einigen Tagen, am 16. Februar, kommt die Mitteilung von der Regierungsumbildung . Seyß-Inquart,

der

Vertrauensmann

der

öster

reichiſchen Nationalsozialiſten, Glaiſe-Horſtenau, ein Vorkämpfer der neuen Zeit und verdienter Offizier des alten Heeres , und Guido Schmidt, der Verbindungs mann zum Reiche, werden als Minister in die Regie rung berufen. Es scheint, daß die neue, glückliche Zeit nun für Österreich gekommen iſt. Bald werden, so glaubt das deutsche Volk von der Nordsee bis nach Kärnten und Steiermark, die alten Schranken fallen, die Deutsche von Deutschen trennen . Bald wird durch den freien Willen des deutsch-öster reichischen Volkes der lezte Rest jener künstlichen Gren zen beseitigt sein, die die Kriegsverbrecher von Ver ſailles uns 1919 mit der Gewalt der Waffen auf gezwungen haben. Bald wird der Entschluß des Öſter reichischen Bundestages von 1919 zur Durchführung kommen, der Anschluß Öſterreichs an das Dritte Reich. Am 20. Februar hält der Führer vor dem Reichstag jene grundsägliche Rede über die Beendigung der Unter

102

Aber das Feuer brennt weiter

drückung der Deutſchen jenseits der Reichsgrenzen, die ausführlich im ersten Kapitel geschildert wurde . Der Jubel der abgeordneten Männer des Deutschen Reichs tages bei der Erwähnung des Schuschnigg -Besuches auf dem Obersalzberg gilt nicht nur dem Führer, er gilt auch dem österreichischen Bundeskanzler ! Genau so wie die Masse des Volkes , glauben die abgeordneten Män ner des Deutschen Reichstages , daß der Bundeskanzler, der in vierjähriger Unterdrückung der Nationalſozia listen so viel Blutſchuld auf sich geladen hat, doch noch in zwölfter Stunde die verhängnisvolle Kette seiner Frrtümer und Fehler erkannte und den Weg zum Her zen des deutschen Volkes , den Weg zum Dritten Reiche Adolf Hitlers nun endlich ehrlich gefunden hat. So erklingt lauter Beifall im Deutschen Reichstag, als Adolf Hitler über Herrn von Schuschnigg folgendes jagt : „Ich möchte an dieser Stelle vor dem deutschen Volke dem österreichischen Bundeskanzler meinen aufrichtigen Dank aussprechen für das große Verſtändnis und die warmherzige Bereitwilligkeit, mit der er meine Ein ladung annahm und sich bemühte, gemeinsam mit mir einen Weg zu finden, der ebensosehr im Intereſſe der beiden Länder wie im Interesse des gesamten deutschen Volkes liegt, dessen Söhne wir alle sind , ganz gleich, wo die Wiege unserer Heimat ſtand. “

103

Aber das Feuer brennt weiter

Wenige Tage später aber, am 24. Februar 1938, geht ein eisiger Wind über die junge deutsche Frühlings hoffnung hinweg. In Wien spricht Bundeskanzler Schuschnigg in Er widerung der Rede des Führers vor dem Öſterreichischen Bundestag. Nicht nur das deutsche Volk Österreichs ſißt mit bebendem Herzen am Lautsprecher, um nun auch aus dem Munde des Bundeskanzlers die klare und rückhalt lose Verbundenheit Schuschniggs

mit dem Dritten

Reiche zu hören. Nein, auch das deutsche Volk im Reich ist heute Zuhörer des Mannes in Wien. Der deutsche Rundfunk selbst, der Deutschlandsender, übernimmt die Schuschnigg-Rede für die deutschen Rundfunkhörer !

Das deutsche Volk von den Bergen bis zur Nordsee wartet gespannt auf den Beginn der Übertragung. Das erste, was wir hören, ist ein befremdender Lärm. Während der Führer und Reichskanzler vom Reichs tag schweigend empfangen wurde, brechen die von Schuschnigg bestellten Funktionäre der Vaterländischen Front im ÖsterreichischenBundestag in ein unbeschreib liches Gebrüll aus , als Schuschnigg erscheint. Man fragt sich: Wozu dieser Theaterdonner? Hat Schuschnigg das denn nötig? Dann spricht der Bundeskanzler und beschwört den Schatten des unglückseligen Dollfuß herauf!

104

Aber das Feuer brennt weiter

Ausgerechnet dieſem verworrenſten und zielloſeſten aller österreichischen Politiker legt er den Ehrentitel eines

Führers von Österreich" bei !

Er beruft sich auf die alte, verderbenbringende Politik des Dollfuß-Systems ! Er pocht auf die Freundschaft Wiens mit Paris und London! Dann beginnt eine Rede, mit der Schuschnigg den Führer und Reichskanzler, der ihn gutgläubig empfing, ganz unverhüllt ironiſiert und verhöhnt . Ist es die Vermessenheit eines Wahnsinnigen oder die Verworfenheit eines Verbrechers ?

Das wagt der Mann, der in vier Jahren unendliche Blutschuld auf sich geladen hat ! Den der Führer den noch um der deutschen Versöhnung und Zukunft willen zu sich auf den Obersalzberg berief ! Dem die National ſozialisten und das ganze deutsche Volk zujubelten ! Es scheint, daß in Schuschniggs Seele der Drache der deutschen Zwietracht wieder auferstanden iſt und schwär zester Verrat das junge Dritte Reich mitten ins Herz treffen soll .

105

Österreichischer Frühling

Die Menschen der Ostmart

Im Herzen

Österreichs ,

in dem

Bahnenvierec

zwischen Salzburg, Bad Ischl, Pürgg und Bischofshofen, liegt das mächtigſte Gebirge unserer nördlichen Kalt alpen, der Dachſtein. Bis zur Höhe von dreitauſend Metern erheben sich die kühnen , wildzerriſſenen Grate und Türme und die wuchtigen Gipfel. Mit prallen Fels wänden stürzt das Maſſiv nach Norden faſt zweitauſend fünfhundert Meter bis zum grünen Spiegel des Hall ſtätter Sees ab . Die Ufer des Sees , ſeit ſechshundert Jahren wieder eine Heimstatt fleißiger Bauern und Bergleute, trugen schon viele Jahrtauſende vor unserer Zeitrechnung eine hochentwickelte Kultur. Lange bevor die Griechen, aus germanischen Ländern kommend , Griechenland in den Zeiten Homers besiedelten, und vielleicht zweitausend Jahre bevor Rom gegründet wurde, lebten in Hallstatt hochgewachsene, blonde Menschen. Die Männer erschlossen als Ingenieure und Berg leute die reichen Gold-, Eiſen-, Kupfer- , Edelſtein- und Salzvorkommen des Gebirges und trieben mit wiſſen schaftlicher Klugheit und überlegenem bergbautechni

107

Die Menschen der Ostmark

schem Können einen Schacht nach dem anderen in die Tiefe . Sie kleideten sich in kostbare Gewänder, die wir heute mit Stolz tragen würden, und schufen zur Zierde ihrer Frauen wundervollen Bronze- und Goldschmuck, zum Schuß ihrer Heimat scharfgeschliffene Beile, Schwerter, Speere und Dolche.

In dem Jahrtausend umChriſti Geburt überrannten erst die Gallier, dann die Römer das nordische Volk von Hallstatt

und

vernichteten

seine

Kulturblüte.

Schließlich brachen aus Asien die zügelloſen Scharen der Hunnen über Europa herein und überschwemmten die Kulturwelt bis vor die Tore von Rom und Paris . Da ging zuletzt auch der Bergbau von Hallstatt zugrunde. Tausend Jahre später, im Jahre 1311 unserer Zeit rechnung, wurde der Salzberg endlich durch die aus Bayern und Franken in die Ostmark zurückgewander ten Deutschen wieder eröffnet . Damals war keine Spur des vorgeschichtlichen Bergbaues mehr vorhanden. Aber tief im Berge finden wir heute die Stollen und Werk zeuge der Männer, die vor drei- und fünftausend Jah ren die Eingeweide der Erde zerwühlten . Und beim Öffnen der Gräberfelder von Hallstatt begegnen wir auf Schritt und Tritt den erstaunlichen Zeugniſſen dieser denkwürdigen ariſchen Kultur aus grauer Vorzeit. Der gewaltige Gebirgsstock aus waagerecht geschich

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Die Menschen der Ost mark

tetem Dachsteinkalk und wild emporſteigenden Korallen riffen birgt aber

noch andere, ältere Geheimnisse :

Ammonshörner, ich möchte sagen, riesige Schnecken häuſer von zwei Metern Durchmesser aus uralten Zei ten der Erde, findet der Forscher zahlreich im Gestein . In der Eiszeit gruben sich die Flüſſe ihr Bett durch das Innere des Berges . Heute strömen sie fast tausend Meter tiefer in den Hallſtätter- und Gosauer See . Die früheren Flußbetten aber sind zu einem riesigen Netz das Gebirge durchziehender Eishöhlen geworden. Tage und Wochen kann der Forscher und der wißbegierige Reisende dort im Innern des Berges durch funkelnde Eistunnel und verglaste Kamine und Schluchten ſtei gen, hier und dort auf die Knochenreste seltsamer vor geschichtlicher Lebewesen stoßend. Winters wie ſommers sind die Flanken des Dach ſteins von einem Eispanzer umschlossen, der dem Wan derer, Bergsteiger und Kletterer den allzu bequemen, allzu leichten Zutritt erschwert. Die Hauptgipfel der Gruppe, Torſtein, Mitterspike, Hoher Dachstein und Dirndln, fallen auch nach Süden schroff ab . Dort liegt zu Füßen der senkrechten Wände im warmen Schein der Sommer- und Winterſonne die Ramsau. Wohl zwanzig Kilometer gen Osten und Westen, vier oder fünf Stunden weit, erstreckt sich das Hochplateau der Au, die mit ihren grünen Wiesen

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Die Menschen der Ost mark

flächen und weit auseinanderliegenden Bauerngehöften ein Siedlungsbild wie aus ältester germanischer Zeit bietet. Während im Norden das schroffe Gebirge die Au beschirmt, legt sich im Süden der sanfte Hügelzug des Kulmberges mit seinen schwarzgrünen Fichten schüßend davor. Dann aber fallen die Hänge steil ab in das Tal der Enns , durch das die Bahnlinie von Bischofshofen über Schladming nach Pürgg läuft. Die Ramsau iſt ſo die nordwestlichste Ecke der Steiermark. Auf ihrem Hoch plateau, elfhundert Meter über dem Meeresspiegel, wohnen helläugige Menschen mit sonnengelbem Haar. Die Überlieferung berichtet, daß sie der reine und un vermiſchte Reſt einer germanischen Raſſe wären, der sich hier oben, allen Stürmen der Völkerwanderung zum Trok, im Schuße der Berge unversehrt und un vermischt erhalten hat. Und was die Überlieferung der Alten erzählt, das beweist der Anblick der Jungen. Trozig und stark, hell und gerade wachsen die Jungen und Mädel der Rams au auf, goldhaarige Sonnenkinder. Mutig und frei prüft ihr Blick den Fremden, und das makelloſe Blau des Auges spiegelt die Klarheit und Reinheit ihrer Seele wider. Als Martin Luther, der Mönch von Wittenberg , dem verkommenen Papsttum des Mittelalters den Kampf anſagte, und die deutschen Chriſten Protestierende gegen

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Die Menschen der Ost marf

Rom wurden, da ward auch ganz Österreich protestan tisch. Dann kam das Zeitalter der Gegenreformation, derRezerverfolgungen und Glaubenskriege. Das Rhein land und Bayern, Österreich und Böhmen wurden mit Feuer und Schwert wieder katholisch gemacht. Das Volk der Ramsau aber bekehrte sich nicht. Wenn die Glaubensnot in der Steiermark allzu drückend und furchtbar wurde, dann wanderten sie längs der Berge zur Gosau hinüber, die zum Salzburgiſchen gehört, und trieben dort ihr Vieh über die Almen und lebten als freie evangelische Bergbauern. Bis auch in Salzburg Feuer und Schwert die Evangelischen traf. Mehr als dreißigtausend tapfere

Salzburger wanderten

aus .

Dieses mutige und standhafte Volk Österreichs war eher bereit, Hof und Beſiß zu verlassen, die Heimat jeiner Berge und das alte Haus der Väter, als seinem Glauben und seiner Überzeugung abzuschwören. So famen die Salzburger bis nach Ostpreußen, wo sie heute noch in geschlossener Siedlung leben. Das Volk der Ramsau aber, hart und bodenständig, zog wieder auf die Au zurück und behauptete sich . Als endlich Gefahr beſtand , daß alle erschlagen wür den, nahmen sie zum Schein das katholische Bekenntnis an. Aber wenn Jeſuiten und Pfaffen geglaubt hatten, wenn schon nicht die lebende, so doch dann wenigstens die nächste Generation für sich zu gewinnen, so hatten

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Die Menschen der Ostmark

sie sich gründlich geirrt. Das Volk der Ramsau, wie das harte Volk Österreichs überhaupt, hat einen langen Atem. Ihre evangelische Kirche wurde ihnen fort genommen und zur katholischen erklärt. Sie gingen auch hin. Aber des Nachts trafen sie sich heimlich oben im Gebirge an einem Fels , der heute noch der Predigt stuhl heißt. Da predigte einer der ihren den reinen, evangeli schen, protestantischen Glauben. Und so geschah es von Generation zu Generation unverändert weiter. Zwei hundert Jahre lang . Endlich kam die Wende des 19 . Jahrhunderts. Auch im alten reaktionären Öſterreich wurde das Glaubensbekenntnis für frei erklärt. Da standen die Ramsauer Männer und Frauen auf und warfen die durch zwei Jahrhunderte widerwillig ge tragene Maske der Heuchelei ab . Die Ramsau, drei zugewanderte Bauern ausgenommen, erklärte ſich wie ein Mann für evangeliſch, und weiter im Westen errichteten die Männer troßiger, mächtiger und höher als das alte geraubte Kirchlein ihre neue evangelisch protestantische Kirche. Um dieselbe Zeit, als die weite Welt schon erschlossen und entdeckt war, und für Forscherkühnheit, Entdecker freude und Siegerſtolz nur noch wenig Raum auf Erden blieb, da begannen die nordischen Menschen die Gipfel der Hochgebirge zu ersteigen. 112

Die Menschen der Ost mark

Aus Freude an Kampf und Gefahr. Aus Liebe zur Reinheit und Schönheit der un berührten Gotteswelt. So entstand der Alpinismus . Um diese Zeit, es sind jezt hundert Jahre her, betrat der Bauer Peter Gappmaher als erster Mensch den Gipfel des Dachstein. Darauf wurde der Maut der Männer in den Bergen Jahr für Jahr tollkühner und verwegener. Bald stiegen sie nicht nur. Das Felsklet tern kam auf. Zwei Generationen von jungen Män nern deutschen, englischen, französischen und italieni schen Blutes erſtürmten alle glatten Felswände und schwindelerregenden Grate des Hochgebirges . Erst in den Alpen, dann in allen Ländern bis nach Indien zum unbezwungenen Himalaja, dem Dach der Welt, der Göttinmutter der Berge. Da stand auch das kühne Volk der Ramsau ſeinen Mann. Die Ramsauer versuchten die Besteigung des Dachsteins über die senkrechte Felswand im Süden, genau in der Fallinie des Gipfels . Viele, viele Male schlug der Versuch der Besten fehl. 1909 endlich gelang das kühne, unmöglich erschei nende Wagnis den Brüdern Franz und Georg Steiner, deren Geschlecht in vielen Familien über die Ramsau verstreut ist. Als die Menschen der Au zehn Jahre später ihren

8 Hadamovsky, Weltgeschichte

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Die Menschen der Ostmark

Helden ses Weltkrieges ein Denkmal vor der evange lischen Kirche setten, da mußte der Steinmetz auf der Gedenktafel der Toten allein fünfmal den Namen Steiner einmeißeln . Wie oft vergeſſen wir, daß das Volk Öſterreichs nicht jener Typ verkalkter Wiener Salonneuraſtheniker iſt, der sich mit „Kiss' die Hand , gnä' Frau “ und „ Biit schöön, Herr Hofrat " durchs Leben schwindelte, und erst recht nicht jener Typ halbaſiatiſcher Völkerschaften, die während des

Weltkrieges

das

Heer

nicht der

Kämpfer, sondern der Deſerteure stellten. Im Durch schnitt sind die Verluste der besten Weltkriegsregimen ter rein österreichischen Blutes größer als der deutsche Reichsdurchschnitt !

Weil sowohl die Härte wie der

Mut dieſer Menſchen beiſpiellos erhaben ſind . Von den Steiners auf der Ramsau und den anderen Pfundsterlen und -frauen dort im Herzen Österreichs will ich nun erzählen. Ist es nötig, zu erwähnen, daß sie selbstverständlich um die Jahreswende 1937/1938 alle Nationalsozia= listen sind ? Daß sie für die Freiheit kämpfen? Daß die Ramsau-Bauern früher als die meisten Gemeinden im Altreich, nämlich schon lange vor dem 30. Januar 1933 dem Führer einstimmig das Ehrenbürgerrecht der Ramsau verliehen haben ? Daß sie und alle Bauern der Berge auf Hitlers Fahne und auf Deutſchland schwö 114

Die Menschen der Ost mark

ren? Daß die Kinder, diese helläugigen, blonden Son nenkinder, zum Führer treu und gläubig aufblicken und ihn jeden Tag in ihr Gebet einschließen? Der kleine Bertie ist erst zwei Jahre alt. Aber des wegen grüßt er doch stramm mit „Heil Hitler ! " und stiefelt durch den Winterschnee von Schladming oder Aich die tausend Meter bis zur Austriahütte am Fuß des Dachsteins hinauf. Oben ist er nicht etwa müde, ſondern beginnt ein fröhliches Jagen mit dem ſchwar zen Kater des Hauses und klettert unter und über allen Tischen und Stühlen herum. Dann hat er ein neues Spiel mit der Taschenlampe eines Bergsteigers . Wenn er seine kleinen Patschhändchen darüber legt, so scheint das Licht durch die Kinderhändchen, und es leuchtet rot wie Blut. Am Ende fängt er an, an den Beinen der Leute zu zerren, die im Zimmer herumſtehen oder ſizen. Die fallen nun davon freilich noch nicht um . Aber dieKraft des Bertie wird daran wachsen, bis er ein großen, ſtarker und mächtiger Kerl ist, wie alle anderen um ihn herum! Als ein Fremder im Februar 1938 auf die Ramsau kommt, läuft die kleine Gretel beim Steinerhof den Tag wohl dreißigmal an ihm vorbei , streckt den Arm in die Luft und ruft so hell sie kann: „Heil Hitler !" Übt sie wohl für die Schule, in die ſie nun Oſtern kommen soll?

8*

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Die Menschen der Ostmark

Fragt der Fremde : „ Na , Gretel , heut' hast du mich ja schon arg viele Male mit ,Heil Hitler ! ' begrüßt, gell ?“ il Dann meint sie treuherzig : „ Ich sag's halt ſo gern. Und wer ihr Vertrauen hat, den nimmt die Kleine auch bei der Hand und führt ihn vor das Hitlerbild im Steinerhaus, auf dem der Führer mit Hindenburg zu sehen ist, wie sie beide durch den Neudecker Park fahren. Dann erklärt sie freudeſtrahlend : „ Das ist mein liebſtes Bild — vom Hitler." Zwischen den Großen und ganz Großen läuft auch der vierjährige Robert herum. Er muß alles ganz genau wiſſen und erklärt bekommen, was die Großen von der Politik und vom Hitler sprechen. Was er erfährt, das erzählt er dann mit ernſtem und treuherzigem Gesicht, und alle hören den kleinen Kerl aufmerksam und freundlich an und ſtreicheln ihm über das gelbe Haar. Was sie alle hier auf der Ramsau wissen , was dem Kleinen zwar nicht verheimlicht wird, was er aber noch nicht so richtig verstehen und begreifen kann, das iſt :

Sein Vater ist ja für den Hitler gestorben. Der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg hat ihn 1934 unten in Schladming beim Aufstand er schießen lassen. Nachdem Schuschnigg aber am 13. Februar 1938 beim Führer auf dem Obersalzberg war und ihm in die Hand versprochen hat, daß es nun anders werden soll 116

h "

Die Menschen der Ostmark

in Öſterreich, da bekennen sich alle Bergbauern land auf landab wieder offen und stolz als Nationalsozia listen. Die Hitlerbilder sind aus dem Versteck geholt und hängen wieder in den Stuben . Die Menschen grüßen laut und froh mit erhobenemArm. Die Frauen trennen die Sofakissen auf, in deren Bezüge die Hakenkreuz fahnen eingenäht waren, um sie vor den Häschern zu schüßen und für den Tag der Befreiung bereit zu halten.

117

Schuschniggs Verrat

Anfang März 1938 tobt der schwerste Sturm des Jahres über die Ramsau. Erst werden die Tauern im Weſten von drohenden Wolken verhüllt. Dann pfeift der Wind scharf und schneidend über die Au . Nebel= fehen hüllen den Dachstein ein. Schließlich springt der Sturm um das Haus und rüttelt an den Fensterläden, daß sie krachen, und wuchtet auf das Dach, daß die Balken ächzen. Dann treiben dicke weiße Schneeflocken gegen die Fenster und hüllen alles ein. Es iſt tiefer Winter, und man kann keine zehn Schritt weit sehen. An diesem Tage, dem 9. März 1938 , ſpricht Bundes fanzler Schuschnigg in Innsbruck. Sie hören ihn alle über den Rundfunksender der Steiermark. Schon in den Tagen davor war viel Militär in den Bergen und schoß da herum. Sie haben sich nicht darum gekümmert . Nun aber, dreieinhalb Wochen nach seinem Besuch auf dem Obersalzberg, wirft der Verräter plößlich die Maske ab.

Was er dem Führer versprach, soll nicht mehr gelten. Die Freiheit, die er den unterdrückten National sozialisten gewährte, soll vorbei sein ! Das alte Schreckensregiment des Würgers Schusch 118

Schuschniggs Verrat

nigg soll wieder beginnen ! Diesmal aber geſtüßt auf den Schein einer legalen Volksabstimmung. Schuschnigg verkündet in Innsbruck : Binnen drei Tagen, am 13. März , soll eine „ Wahl “ stattfinden . Das in einem Lande, welches seit Jahren keine Wahl hatte, in dem keine Stimmlisten, keine Wahlorgani ſation beſtehen ! Frei und treu für Österreich, heißt die Lügenparole des Volksverräters . Heil Schuschnigg ! brüllen die bezahlten Landsknechte der Schuschnigg- Diktatur, vor denen der Würger in Innsbruck seinen Plan entwickelt. Es gibt nur Stimmzettel mit „ Ja “, so verkündet er. Eine Abstimmung mit „ Nein“ iſt überhaupt nicht vorgesehen. Jeder kann so viel Stimmzettel abgeben, wie er will, und sie sich aus den Zeitungen ausſchneiden oder selber ausschreiben. Und der größte Betrüger aller Zeiten spielt seinen lezten Trumpf aus : Die Stimmabgabe soll offen erfolgen, unter den Augen der Polizeibüttel des Schuſchnigg-Syſtems und blutigen Henker, die das Gemehel von 1934 auf dem Gewissen haben. Die Menschen an den Lautsprechern befällt lähmendes Entsehen. Die Frauen blicken auf ihre Männer. Kaum einer ist hier unter den freien und stolzen Bergbauern, 119

Schuschniggs Verrat

der nicht schon gefangen war, verhaftet und gefoltert worden ist. Aber je länger der Verräter in Innsbruck spricht, desto mehr schlägt das Entsehen in eine lodernde Empörung um. Aus den Versammlungen an den Laut sprechern springt derFunke revolutionärer Entſchloſſen heit auf alle über. Dieser tollmütige Narr hat auf dem Obersalzberg dem Führer eine Komödie vorgespielt. Er hat sich hohn lächelnd bei seiner Rückkehr von Hunderttauſenden um jubeln lassen und streckt nun seine Verbrecherhand nach allen aus, die sich in diesen drei Wochen der scheinbaren Freiheit wieder offen zu ihrer nationalsozialiſtiſchen Gesinnung bekannt haben ! Neuer blutiger Mord ſoll die nationalsozialistische Idee und das deutsche Volks tum in Österreich endgültig vernichten ! Alle Feinde Deutschlands klatschen dem Bundes kanzler lauten Beifall, und die Wiener Juden über reichen ihm bereits in der Nacht nach seiner Rede phan tastische Geldsummen, um sein Betrugsmanöver am nächsten Sonntag zu finanzieren. Da befiehlt der Führer insgeheim in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstagmorgen die Mobilmachung einer gewiſſen Anzahl deutscher Infanterie- und Panzer divisionen mit dem Befehl, am Sonnabend, dem 12 . März, 8 Uhr morgens , zur Befreiung der Ostmark den ſofortigen Vormarsch über die Grenzen anzutreten. 120

Schuschniggs Verrat

Auf der Ramsau hören ſie indeſſen, daß unten in Schladming, dem Städtchen im Ennstal , zu Füßen der Berge, bereits die ersten Verhaftungen wieder erfolgt find. Am nächsten Morgen, dem Donnerstag, beginnt sich eine Lügenflut über die österreichischen Sender zu er gießen. Dann kommt die erste Parole der Nationalsozialisten Österreichs durch, natürlich nicht über den Rundfunk : Stimmenthaltung zur Wahl und Kampf dem Ver

räter. Als sich die Bauern am Donnerstagabend in allen Berghöfen versammeln, da streichen bereits wieder die Spizel um die Häuser. Der Sturm jagt noch immer über die Dächer. Wolken hüllen die Berge ein und ver stecken die Mondsichel . Das Schneetreiben verwiſcht alle Spuren der Männer und Jungen, die von Gehöft zu Gehöft eilen. Die Bergbauern laſſen an ihrem Rundfunkapparat den Zeiger ruhelos über die Skala wandern. Von einem Sender zum anderen. Von Wien nach München, von München nach Rom. Von Rom nach Prag, nach Luxem burg, nach Straßburg. Ihr wacher politischer Instinkt läßt sie aufhorchen, als die Nachricht kommt, daß der deutsche und der englische Außenminiſter, Ribbentrop und Halifax eine Unterredung haben.

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Schuschniggs Verrat

Indessen tischtWien fauſtdicke Lügen auf. Es herrsche „eine allgemeine Begeisterung" über den Entschluß Schuschniggs zur Wahl am Sonntag. Mit großem Be hagen werden die Nachrichten des Vatikansenders und des ungarischen Rundfunks zitiert, die Herrn Schusch nigg loben. Den Menschen auf der Ramsau fällt ein, daß die Gebirgsschüßen schon die ganze Woche lang in den Bergen waren und überall herumknallten. Nun kommt auch die Nachricht, daß Schuschnigg den Jahr gang 1915 unter die Waffen ruft. Diesmal wird es also ganz furchtbarer, blutiger Ernst werden. Die Berg bauern blicken jeden finſter und mißtrauiſch an , der aus dem Tale als Unbekannter heraufkommt. Die blutigen Greuel von 1934 stehen vor ihren Augen. Damals wurde in Schladming gekämpft und der Serpentinen weg zur Ramsau war mit Maschinengewehren besetzt. Die Steinerkinder fragen erschrocken, ob sie nicht nach Deutschland können zum Hitler. Der kleine Robert ist natürlich auch da , wenn etwas so Aufregendes los ist . Aber als er hört, er solle viel leicht nach Deutschland , da schüttelt der kleine Mann doch energisch den Kopf. Es ist ihm z'weit. Nun erzählen die Mädels dem vierjährigen Knirps , daß er dann keinen Kranz mehr am Grabe des erschos senen Vaters niederlegen darf, daß er nicht mehr „Heil

122

Schuschniggs Verrat

Hitler" sagen und nie mehr ein Hakenkreuz malen kann. Alles wird ihm verboten, wenn er daheim bleibt. Da ist er doch aufs höchste betroffen. Er geht zu den Großen , rückt aber nicht mit der Sprache heraus . Die wollen ihn trösten und sagen dem Vierjährigen : „ Na, wenn du groß bist, dann gehst du zum Hitler, gell, dann kriegst du eine Uniform und bleibst bei ihm . " Roberts Gesicht klärt sich mit einem Schlage auf. Er läuft zu den Mädels hinüber und ruft, froh über den Ausweg, er ſei ja noch viel zu klein. Aber wenn er erſt groß wäre, dann sollten ſie mal sehen, dann ginge er sofort zum Hitler nach Deutschland. Die Großen lächeln matt. Die Kinder sind den Män nern und Frauen ein Rückhalt in dieser schweren Zeit. Inzwischen kommen über den Rundfunk Alarm nachrichten. Die Roten haben sich erhoben und National sozialisten auf offener Straße niedergeschlagen. In Linz und Graz gibt es bereits Verwundete. Auch in Salzburg steht es ernst. Dort erfolgen bei einem diſzi plinierten Aufmarsch der Nationalsozialiſten blutige Überfälle, deren Opfer ein Toter und sechs Schwer verletzte sind. Jury, der Stellvertreter von Seyß-Inquart im Volkspolitischen Referat, geißelt in einem

Wiener

Zeitungsartikel die ungeſehliche Wahlmethode und die Verfassungswidrigkeit des Wahlbeschlusses . Schuschnigg 123

Schuschniggs Verrat

hat die Volksabstimmung

ohne Verständigung der

Nationalsozialiſten, aber auch ohne die formal not wendige Beratung des Kabinetts

angeordnet.

Die

sogenannte Volksabstimmung des Bundeskanzlers iſt in Wirklichkeit ein kalter Staatsstreich! Die Zeitung wird beschlagnahmt . Schuschnigg ver langt die sofortige Abberufung von Jury. Seyß-Inquart deckt Jury und weigert sich. Nunmehr beginnt in Wien ein erbittertes Ringen zwischen den Nationalſozialiſten und Schuſchnigg . Die österreichischen Nationalsozialisten berufen sich auf das Führerwort vom 20. Februar :

Deutschland wird an seinen Grenzen keine Unter drückung Deutscher mehr dulden. Der Verräter Schuschnigg beruft sich auf Paris, auf London, versucht sich auf Budapeſt und Rom zu ſtüßen.

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Das Volk steht auf

Am Freitag, dem 11. März 1938 , überſtürzen sich die Ereignisse. Die nationalsozialiſtiſchen Führer treten zu einer geheimen Beratung in Wien zuſammen. Dr. Seyß überreicht daraufhin mittags in dem von Schuschnigg angesetzten Ministerrat das Ultimatum der Nationalsozialisten. Die Männer haben nicht verges sen, daß derselbe Schuschnigg 1934 den im Miniſter rat mit ihm über die Bildung einer neuen Regierung verhandelnden Dr. von Rinteln gefangennahm und als Hochverräter verurteilen ließ ! Deshalb vereinbaren Rainer und Seyß-Inquart, daß die ganze Partei Österreichs zur revolutionären Aktion aufgerufen wird, wenn Dr. Seyß bis drei Uhr keine Nachricht an die vereinbarte geheime Verbin dungsstelle gegeben hat .

Um dreiviertel drei teilt Seyß mit, daß Schuschnigg Ausflüchte macht, ſeine Volksabstimmung abgeſetzt, aber eine verfaſſungsmäßige freie geheime Wahl binnen drei Wochen abgelehnt habe. Daraufhin beginnt die revolutionäre Aktion. Die Männer sind zunächst ganz auf sich gestellt. Noch ahntkaum einer, wie Deutschland handeln wird .

125

Das Volk steht auf

Noch sind sie in der Gewalt des Würgers ! In glühendem Fanatismus und eisenharter Ent schlossenheit holen sie zum letzten entscheidenden Schlag gegen Schuschnigg aus. Auf ihr Geheiß beginnt das Land sich zu gewaltigen Demonstrationszügen zu sammeln .

Auf ihr Geheiß

zieht über den Ring in Wien eine singende Millionen maſſe. Auf ihr Geheiß eilen die einſamſten Bauern aus den entlegenſten Berghöfen stundenweit zu Tal, um beim Marsch in die Freiheit dabei zu sein. Der SA.-Führer Uiberreither ruft die Steiermark auf! Schon weht die Hakenkreuzflagge auf allen Rat häusern dieſes herrlichen Berglandes . Schon verdient Graz seit zwei Wochen den stolzen Namen „ Stadt der Volkserhebung“ , weil hier den Schergen Schuschniggs schon im Februar das Heft aus der Hand geschlagen wurde. Gauleiter Eigruber ruft seine sechzigtausend Partei genossen auf die

Straße.

Ihnen folgen Hundert

tausende von Volksgenossen des Gaues Oberösterreich. So kommt das Land in Bewegung. Die nationalsozialiſtiſchen Führer in Wien ſpielen indes mit ihrem Kopf: Die Minister Seyß-Inquart und Glaiſe-Horſtenau. Der stellvertretende Leiter des Volkspolitischen Re ferats , Parteigenosse Jury.

126

Das Volk steht auf

Die Führer der Massenbewegung, der Erhebung : Klausner, Rainer, Uiberreither, Eigruber, Globocnik. Jetzt können keine Kompromiſſe mehr abgeschlossen werden. Die Nationalsozialiſten ſtellen ihrem Sicherheits minister Seyß-Inquart die SA. und 44 der Partei als Hilfspolizei zur Verfügung, so daß die revolutionäre Aktion in ſtreng verfaſſungsmäßigen und legalen For men zu verlaufen beginnt. Sie verlangen nunmehr den Rücktritt Schuschniggs . Dann wird endlich über den Rundfunk bekanntge= geben, daß die Nationalsozialiſten Schuschnigg gezwun gen haben, seinen kalten Staatsstreich, dem er den Namen „ Volksabstimmung “ gegeben hatte, abzusehen . Als die Nachricht über die Sender geht, führen die Menschen in den Bergen einen Freudentanz auf.

Jetzt hat er sich unsterblich blamiert ! " „Jezt kann er sich mit seinem Staatsstreich ein balſamieren laſſen ! “

„Jezt ist er fertig ! ” „Hiaz geht's dahin ! " So rufen sie aus. Ein geheimnisvolles Neß von Sendboten mobiliſiert das ganze Land. Hitlerjungen und BDM. -Mädel laufen von Wohnung zu Wohnung, von Haus zu Haus, in den Bergen von Hof zu Hof.

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Das Volk steht auf

Demonſtration ! Volk auf die Straßen ! Nationalsozialisten vor die Front ! Weg mit dem Verräter am Führer, fort mit dem Würger, Schluß mit Schuschnigg !

Auf die Ramsau kommt ein Hitlerjunge gerannt . Befehl : Um acht Uhr in Schladming unten im Ennstal zum Fackelzug antreten! Dazwischen telephonieren Polizeibüttel , daß unbe dingt alle Kundgebungen unterbleiben müßten ! Sie werden ausgelacht.

Das Volk ist nicht mehr zu halten. Von Wien bis zu den Bergen, von den Bergen bis Wien erhebt sich Österreich zum Marsch in die Freiheit. Der Landesleiter der Nationalsozialisten Österreichs , Parteigenosse Major Klausner , sett alles auf eine Karte, handelt, wie 1934 gehandelt wurde, und ruft SA . und 14 auf den Ballhausplay in Wien. Sieben tausend Männer umschließen das Bundeskanzleramt und unterbinden jeden Verkehr Schuschniggs mit der Außenwelt, mit Ausnahme einer geheimen Rundfunk leitung vom Schreibtisch des Bundeskanzlers zum Wie ner Sender, wie ſich bald zeigen soll . Die Parteigenoſſen Rainer und Globocnik, beide jahrelang bewährt in der illegalen Kampfzeit Kärntens , stehen dem Landesleiter in diesen Stunden höchster persönlicher Verantwortung zur Seite.

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Das Volk steht auf

Schuschnigg weicht dem Druck der Nationalsozialiſten und tritt zurück. Da entſteht ein neues Hemmnis ! Bundespräsident Miklas weigert sich, den Rücktritt seines Bundeskanzlers zur Kenntnis zu nehmen ! Stundenlang geht das Ringen im Bundeskanzler amt hin und her. Den ganzen Nachmittag über bleibt die Lage vollkommen ungewiß und von höchſter Gefähr lichkeit. In einigen Räumen des Bundeskanzleramts ſizen Miklas , der zurückgetretene Schuſchnigg und Mit glieder seiner ehemaligen Regierung, die ununter brochen Hilferufe an die Weſtmächte heraussenden . In anderen Zimmern, faſt daneben, sind Seyß-In quart, Glaise-Horstenau, Rainer und die übrigen Natio nalsozialisten, die von Miklas die Betrauung Seyß Inquarts mit dem Amt des Bundeskanzlers und die Bildung einer nationalſozialiſtiſchen Regierung ver langen .

Das ganze Haus selbst ist in der Gewalt der Garde Schuschniggs ! Um das Haus herum stehen siebentauſend SA.- und 44-Männer, entschlossen, den lebenden Ring um das Bundeskanzleramt nicht eher zu öffnen , als bis die im Haus befindlichen Nationalsozialiſten die erſte national sozialiſtiſche Regierung Öſterreichs vom Balkon herun ter verkünden !

9 Hadamovsky, Weltgeschichte

129

Das Volk steht auf

Jenseits dieſes lebenden Ringes ſteht die öſterreichi sche Wehrmacht und Polizei , die Vaterländische Front Schuschniggs und die ganze Macht seiner bezahlten Büttel ... Die Nationalsozialisten im Bundeskanzleramt, jeden Augenblick mit ihrer Verhaftung rechnend , brechen schließlich in den Abendstunden den Widerstand des Bundespräsidenten. Um neun Uhr abends wird die Re gierungsneubildung erreicht . Bundespräsident Miklas beauftragt Seyß-Inquart und bildet eine nationalsozia= listische Regierung.

Die Männer im weiten Bergland wissen nichts von diesem Ringen in Wien. Sie wiſſen nur : Ihre Pflicht ist es jezt, dem System entgegenzutreten, wenn nötig, unter den Gewehrläufen der Schergen Schuschniggs. An den Lautsprechern im Lande horchen die Men ſchen auf einmal auf. Das ist doch eine bekannte Stimme ! ,,Der Schuschnigg redet, hört zu “ , schreien sie trozig. Herr Schuschnigg hat sich über seine geheime Rund funkleitung noch einmal vom Bundeskanzleramt aus auf den Rundfunk geschaltet und einfach von sich aus das Programm unterbrochen ! Ohne Ankündigung, ohne Anſage beginnt er plößlich zu sprechen. Noch einmal, wie all die Jahre, sind es Wort für Wort Lügen, die er über den Rundfunk in die Welt posaunt .

130

(

Das Volk steht auf

Er müsse zurücktreten und dem Druck Deutschlands weichen! Dabei stehen siebentausend handfeste Männer vor seinem Bundeskanzleramt, die ihn am liebsten in Stücke zerreißen würden ! Aber diesmal fehlt ihm die freche Stirn, mit der er ſonſt vor das deutsche Volk Österreichs trat. Seine Stimme zittert, als er seinen Rücktritt bekanntgibt . Schon wenige Minuten später sind die Maſſen von der Straße eingedrungen, und Herr Schuschnigg muß durch nationalsozialistische 14 -Männer davor geschützt werden, daß ihn nicht das Volk von Österreich an einem seiner eigenen Würgegalgen lyncht. Durch Österreich geht bei dieser Rundfunksendung ein Jubelsturm ohnegleichen. Wenige Minuten später besett Pesendorfer zusam men mit 14 -Leuten den Wiener Sender. Jezt können von da keine Überraschungen mehr kommen. Die endlose Weite und Unzugänglichkeit dieses deut schen Berglandes bringt aber auch seltsame Erscheinun gen mit sich ...

In den fernen Bergdörfern und in den kleinen, in die weiße Winterwelt eingebetteten Städten der Berg gaue wird die Nachricht nicht mehr vernommen, weil die Menschen schon ausnahmslos auf den Straßen sind. Zu Füßen der Ramsau, unten durch Schladming,

9*

131

Das Volk steht auf

zieht um die Abendſtunde ein ſtummer Demonſtrations zug. Die Einsamkeit der Berge hat den Ort und die Marschierenden wie mit Mauern gegen die Außenwelt abgeschlossen. Sie wissen noch nichts von den letzten Ereignissen in Wien. So wird der Zug ein erschütternder Marsch des Schweigens : An der Spize des Zuges marschiert die SA. , die 44 ― ohne Uniformen. Dann Hitlerjungen und -mädels . Dahinter Schuljugend . Alte Männer und Frauen sind von

den

Bergen

heruntergekommen.

Werden von den Jungen untergefaßt. Schweigend geht der Marsch zweimal durch den Ort. Vorbei an den dunklen Fenstern, hinter denen die Klosterfrauen auf Zehenspißen stehen und nicht mittun dürfen, während die Lehten aus den Stuben zum Zuge stoßen. Eine kurze, ernste Ansprache. Dann die Toten ehrung. Kein lauter, begeisterter Jubel. Eine schwere, harte Entschlossenheit. Das ist der Abend des 11. März 1938 in Schladming, in hundert Orten, die durch die Bergwelt von den Ereignissen in Wien abgeſchloſſen ſind . Erst nach dem Marsch erfahren die Menschen, was sich ereignet hat. Schuschnigg ist weg! Seine Regierung ist zurückgetreten, mit einziger Ausnahme von Seyß-Inquart. Seyß-Inquart hat um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn über den Wiener Rund

132

Das Volk steht auf

funk gesprochen und angekündigt, daß er für die Auf rechterhaltung von Ruhe und Ordnung verantwort= lich sei. Er hat die Ordnungs- und Sicherheitsformationen der Nationalsozialiſten zur Unterſtüßung aufgerufen ! Langsam erst begreifen die Menschen das Unfaßliche. Der Verräter ist gestürzt. Österreich ist frei . Ein Jubel kommt nun auch in den Bergen auf, ein ungeheurer Druck löst sich von den Menschen, die noch vor einer Stunde so ernſt auf dem Marsch waren. Der österreichische Rundfunk sendet zum erſtenmal das Horſt-Wessel-Lied . Sie stimmen ein in allen Stuben, in allen Schenken und Gasthöfen und ſingen es wieder und wieder stehend mit erhobener Hand . Jedes Haus in den Bergen wird zu einem nationalsozialiſtiſchen Kundgebungsraum. Als die Sprecher des Wiener Rundfunks auf die Straße gehen, da findet der Volkshumor einen treff lichen Wiş. Ein Mann aus dem Volke ſagt : „ Der Kurt

is furt und uns geht's guet !" Ganz Österreich lacht befreit und trägt das geflügelte Wort von Mund zu Mund weiter.

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Das Volk steht auf

Die Nacht vom Freitag auf den Sonnabend ist talt und sternenklar. Tagheller Mondschein liegt über allen Höhen und Tälern des schwergeprüften Landes, dessen Freuden taumel in dieſer Nacht nicht mehr zur Ruhe kommt. Noch in der Nacht wird die Berufung der ersten nationalsozialiſtiſchen fannt.

Regierung

in

Österreich

be

Seyß-Inquart als Bundeskanzler übernimmt ſelber das Ministerium für die Landesverteidigung, Struwe die Bundespolizeidirektion, der 14 -Führer Kalterbrun ner das Sicherheitswesen, Landesleiter Klausner die politische Willensbildung, Jury die Sozialverwaltung. Sonnabend morgens ein Uhr fünf, eine Stunde nach Mitternacht, wendet sich Landesleiter Klausner in einem flammenden Aufruf an die Nationalsozialiſten Österreichs.

In dieser Nacht werden alle offiziellen

Stellen und Ämter von Nationalsozialisten besezt, die im ganzen Land die Macht an sich reißen. Dann wird das Telegramm Seyß -Inquarts an den Führer mit der Bitte um die Entsendung deutscher Soldaten zum Schuß des österreichischen Volkes über den Rundfunk bekanntgegeben. Der Straßburger Sender schreit hyſteriſch auf : „ Deutschland hat in Europa die Brandfackel ent zündet!" 134

Das Volk steht auf

„Aber noch ist nichts verloren, wenn wir uns zu einem sofortigen militärischen Vorgehen entschließen können. Jede Stunde muß mit Blut bezahlt werden. “ Am Morgen des Sonnabend flucht die Auslands presse nicht schlecht. Am gleichen Tag, da Schuschnigg zurücktrat, iſt die Regierung in Frankreich gestürzt worden . Das zurück getretene Volksfrontkabinett Chautemps hat gerade fünfzig Tage regiert, und die Herren Parlamentarier in Frankreich halten eine neue Regierung für dringend notwendig. Nur können sie sich gar nicht einigen, wer der Chef der neuen Regierung sein soll. "IEs steht um ſo ernſter für Frankreich“ , ſo ſagt der Sprecher des Pariser Senders , „ als wir ohne Regierung find. " „ Das Drama Österreichs “ überschreibt eine fran zösische Morgenzeitung ihr Titelblatt und behauptet, die Ereignisse in Wien ſeien die tragiſchſten ſeit Kriegs ende.

„ Das tragische Drama " besteht darin, daß ganz Österreich mit strahlenden Gesichtern in den Morgen des 12. März 1938 hineinmarschiert. Singend und lachend schart sich das Volk auf allen Straßen und Plätzen um die Hakenkreuzfahnen. Schuschnigg aufgerufenen

Die noch von

Männer des

Jahrgangs

1915 marschieren nun allenthalben zu ihren Truppen

135

Das Volk steht auf

teilen, die Hakenkreuzbinde am Arm. Bis jezt hatten ſie ſich nämlich „ verſpätet “ . „ Nur der Freiheit gehört unser Leben“, das ſingen sie, dieses herrliche nationalsozialistische Schuß- und Truzlied, das Hans Baumann einst der Hitler-Jugend geschrieben hat.

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Die letzten Bergbauern, die erſt in der Frühe des Sonnabend in die Täler hinuntereilen, um sich zu den nationalsozialistischen Formationen zu stellen, erleben ein seltsames Wunder. Strahlend blau liegt der Himmel über Österreich. Warm brennt die Sonne herunter. Der Regen vom Donnerstag und Freitag hat den Schnee von Wiesen und Hängen gewaschen. über Nacht ist der Frühling gekommen. Vier Wochen früher als sonst . An den Südhängen strecken Krokus und Enzian ihre Köpfe neugierig heraus, und dieſe ganze herrliche Alpenwelt beginnt plößlich zu blühen und würzige Frühlingsluft auszuströmen . Im Blau des Äthers

aber ziehen donnernd und brummend

deutsche Flugzeuge ihre Bahn , von Paſſau nach Linz und Wien, von anderen bayerischen Grenzorten ins Zentrum der Steiermark und Kärntens , nach Graz, nach Klagenfurt, dann weiter über die Berge Tirols , nach Innsbruck, nach Bregenz . AdolfHitler fährt am Morgen des 12. März 1938 von der Reichskanzlei in Berlin zum Tempelhofer Flugfeld. Da steht die Maschine des Führers , die von Kapitän 137

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Bauer geflogen wird , dem Kampfgenossen und ſturm erprobten Piloten des Führers. Eine Reihe weiterer stahlgrauer Maschinen und die rote „Richthofen “ des Generalfeldmarschalls

Göring sind für uns bereit

geſtellt. Daneben drei kleine rasche Jäger der Luftwaffe , die mit Maschinengewehren gespickt ſind, Ein-Mann Flugzeuge, die sich wie Habichte auf den Feind werfen. Als der Führer gekommen ist, rollen die Maschinen in Linie hintereinander über das Flugfeld , der Sonne nach Osten entgegen. Dann, nach dem Start, drehen die Flugzeuge auf füdlichen Kurs Richtung München und schießen wie silberne Geschosse über das im Frühdunſt liegende Häusermeer und Gewirr von Fabrikschorn steinen davon. In der roten Richthofenmaschine fliegt der Chef von Görings Ministeramt, Generalmajor Bodenschatz, um den Führer nach München und Öster reich zu begleiten.

Nur zwei Männer sind in dieser entscheidenden Stunde nicht beim Führer : Generalfeldmarschall Göring ist für die Zeit der Abwesenheit von Berlin mit ſeiner Vertretung beauf tragt worden .

Dr. Goebbels aber ist im Propagandaminiſterium geblieben, um hier von seiner

Zentrale

aus

mit

souveräner Meisterschaft die deutschen Propaganda waffen für die Weltaufklärung einzuſeßen . 138

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Im Flughafenrestaurant München wird eine kurze Pause eingeschoben. Bald hat General Keitel, der Chef des neugeſchaffenen Oberkommandos der Wehrmacht, die letzten Nachrichten aus Österreich in Händen . Da bricht der Führer auf. Wie immer im offenen schwarzen Wagen an der Spize der Kolonne als erſter. Die Fahrt geht nach Österreich! Jns Herz der Heimat des Führers ! In den gestern noch von Schuschnigg beherrschten unabhängigen Staat Österreich! Noch einmal wird in Mühldorf haltgemacht, dies seits der bayerischen Grenze. Telephonate, Meldungen aus Berlin und Rom. Es ist erheiternd , in dieser Stunde zu erfahren, daß Paris und London Besprechungen abhalten und einen Protest in Berlin überreichen ! Seltsame Unlogik der englischen Politik! Vor achtzehn Tagen antwortete die Regierung im Parlament der streitbaren Dame Miß Wilkinson, daß England nicht zu einem militärischen Schuß der Un abhängigkeit Österreichs bereit sei . Nun, statt in der Stunde der Entscheidung dem deut schen Führer und Volke mit großzügiger Geſte die Hand zur Zusammenarbeit zu reichen, protestiert Chamber lain in Berlin !

139

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Womöglich sogar gegen seine eigene Überzeugung . Allein im Dienst der Innenpolitik Großbritanniens . So beſtimmen die kleinlichen Regeln der Parteitaktik und des inneren Haders die großen Linien und Maß nahmen der englischen Politik nach außen!

Etwas anderes aber ist für uns in dieser Mittags stunde des 12. März wichtig . Die französische Regie rung, allerdings eine Regierung ohne Verantwortung, da die Regierungskriſe in Paris noch immer andauert, hat in Rom angefragt, ob angesichts der österreichiſchen Ereignisse eine Möglichkeit der Zusammenarbeit zwi ſchen Italien und Frankreich beſtünde . Mussolini hat geantwortet : Nein. Ein Freund stellt sich so offen an die Seite Deutsch lands! Wir sind nicht mehr allein ! Der wiederaufflammenden Kriegsheße in England tritt eine große Zeitung mit der erfrischend offenen Er klärung entgegen: England werde keinen Soldaten für Dinge opfern, die es nichts angehen.

In Mühldorf telephoniere ich mit Linz und Mün chen und finde unſere roten Rundfunkwagen . Als orts kundiger Führer sitt im dazugehörigen Personenwagen Parteigenosse Boleck, 14 - Gruppenführer und Polizei präsident von Magdeburg . Wir sind schon eine ganze Weile miteinander bekannt. Herzliche Begrüßung . Jezt 140

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

kann es richtig werden ! Boleck war früher Gauleiter von Linz und kennt Land und Leute wie seine Westen tasche ! Dann sind in unserem Rundfunktrupp lauter gute, altbekannte Kämpen. Da ist Hainisch vom deutschen Fernsehsender, der bei den Kaiserjägern in Linz ſtand , Österreicher von Geburt ist. Stöweſand , der in allen Sätteln gerechte

Rundfunkwindhund ,

der

erst die

Klappe im Berliner Zeitfunk und nun seit Jahren im Stuttgarter Funk auf der richtigen Stelle hat. Weiter Otto Willy Gail vom Reichssender München.

Da

find die Ingenieure Berwick, Schulten, Schmidtbauer, Scheuermann, die altvertrauten Kraftfahrer Weide mann und Nonnen. Im lezten Manöver 1937 haben wir noch unsere Wize miteinander gerissen. Jezt geht es zur Befreiungsfahrt in österreichisches Land ! Mit den schweren Fahrzeugen, die das ganze Aufnahmegerät im Inneren bergen, fahren wir im Eiltempo voraus . Wir denken, daß wir einen großen Vorsprung gewonnen haben, als wir inmitten einer erwartungsfrohen

Menschenmenge

in

dem

kleinen

österreichischen Innstädtchen Braunau eintreffen . Aber wie ich aus dem Wagen steige und mich um drehe, da rollt über die Innbrücke, die bis heute die Grenze war, die Kolonne des Führers langſam heran .

141

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Adolf Hitler überfährt die Grenze ! Der Führer betritt Öſterreich! Wir haben gerade noch Zeit, mit unseren Wagen die Straße frei zu machen. Die Volksgenossen helfen uns bereitwillig. Die Ingenieure schließen die Mikrophone an, legen die Schallplatten auf die Schneideappara turen, werfen die Teller an, daß sie rotieren und da — steigtauchschon dieBrandung desJubels brausend empor. Ein einziger, gewaltiger, ohrenbetäubender Jubel schrei : Der Führer ist da ! Adolf Hitler hat die Grenze überschritten und den Boden seiner Heimat betreten.

Hunderte von Armen strecken sich ihm entgegen. Alle Hände grüßen ihn. Frauen und Mädchen, unter Tränen lachend , spen den dem Befreier Blumen. Ein Mann im schlichten Rock tritt vor den Wagen des Führers . Auf seinem Ärmel leuchtet die rote Haken kreuzbinde, die er zum erstenmal ungestraft tragen darf. „ Mein Führer", sagt er mit tiefer bebender Stimme, " Ihre Geburtsstadt Braunau begrüßt Sie. Sie werden nirgends auf der Welt treuere deutsche Herzen finden als hier in diesem deutschen Land. “ Der Führer sieht ihm in die Augen, preßt seine Hand und sagt :

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

„ Und keine Macht der Welt wird uns dieſes deutsche Land jemals wieder entreißen. “ Die Worte gehen unter im begeiſterten Rufen und Singen der Menschen um uns herum.

Aber den

wenigen, die sie hörten, brennen ſie ſich tief in das Herz . Keine Macht der Welt . . .! Niemals ...!

Dies Land ist und bleibt nun deutsch für alle Ewig teit! Der Führer fährt zu ſeinem Geburtshaus . Einst schenkte Österreich dem deutschen Volke einen Andreas Hofer, der trohig und treu in der Stunde der größten Not gegen Napoleon aufstand. Von

Österreichern ,

auf

österreichischem

Boden,

wurde Napoleon zum ersten Male geschlagen . Nun hat Österreichs Erde dem deutschen Vaterland den größten Sohn unserer Geschichte geschenkt : Adolf Hitler ! Während der Führer sein Geburtshaus

betritt,

wogen die Heilrufe ohne Unterlaß über den Play. Auf- und abebbend wie eine urgewaltige Brandung. Es ist ein aufwühlendes Erlebnis . In Eile haben wir unsere Rundfunkaufnahmen ge= macht, um die einzig denkwürdigen Minuten im Rund funk zur Sendung zu bringen. Es ist geglückt!

143

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Wir haben den Grenzübertritt des Führers

im

Bericht festgehalten ! Nun hat Braunau aber keine Verbindung mit dem deutschen und österreichischen Rundfunk ! So muß ich versuchen, die Schallplatten von der Ankunft des Führers schnell an irgendeinen Sender zu bringen, damit sie von dort aus über das Netz aller deutschen und österreichischen Sender ausgestrahlt wer den können.

Mit dem Befehl, rasch, aber sehr, sehr vorsichtig nach München zu fahren, verabschiede ich meinen Kame raden auf dem Motorrad . Hoffentlich kommt der Mann mit dem kostbaren, unerseßlichen Gut, den Schallplatten vom Grenzüber tritt Adolf Hitlers und dem Einzug in seine Geburts ſtadt rasch und unversehrt nach München! Ich telephoniere dann nochmals anschließend mit München und Berlin, um den Leitern dort die geglückte Aufnahme und die Ankunft der Platten zu melden. Dann führen wir ein Gespräch mit Linz, um den dort eingesetzten österreichischen 44 -Führer um die Vor bereitung einer Sendung zu bitten und die Ankunft des Führers aus Richtung Braunau mitzuteilen .

Des Führers Fahrt von Braunau nach Linz wird ein

einziger,

Triumphzug . 144

unerhörter,

tausendfach

umjubelter

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Die Frauen und Mädel in ihren bunten Dirndl fleidern; die Männer in weißen oder braunen Hemden mit der Hakenkreuzbinde ; die Tausende von Hakenkreuz fähnchen in den winkenden und grüßenden Händen ; die stolzen Banner an allen Häuserfronten, über all dem die lachende Sonne : Es ist wie der Einzug des Frühlingsgottes in Öster reich. Das Eis langer Jahre ist gebrochen und strahlend vor Glück und Sonne nimmt das Land ſeinen Befreier auf. Die deutschen und österreichischen Soldaten ver brüdern sich. Sie marschieren gemeinsam durch Inns bruck, durch Kufstein, durch Linz und Salzburg. Wo unsere Soldaten sich zeigen, klingt ihnen der Jubel Österreichs entgegen, sie werden mit Blumen geschmückt, das glückliche Volk umarmt ſie in ſeiner überströmenden Herzlichkeit und Freude. Wenn man einen Auflauf auf den Straßen und Gaſſen findet, hundert Menschen, zweihundert Menschen , dann weiß man schon: da steckt ein deutscher Soldat inmitten. Ein Meldefahrer, ein Quartiermacher,

um den sie sich

reißen, den ſie alle bei ſich willkommen heißen wollen , der ihnen von Deutschland erzählen soll, vom Führer und seinen Männern, von der glücklichen Zukunft Österreichs im Dritten Reich.

10 Hadamovsky , Weltgeschichte

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Eine motorisierte Kolonne braust zur Höhe der Brennergrenze empor. Der deutsche Kommandeur be gibt sich an die italienische Zollschranke und begrüßt den italienischen Befehlshaber mit herzlichen Worten der Kameradschaft. Inzwischen rüstet sich der österreichische Rundfunk in Linz zur Aufnahme des Führers . Er hat auch schon aus Berlin Nachricht über die Fahrt Adolf Hitlers erhalten. Der kleine Fünfzehn-Kilowatt- Sender der Stadt ist am Freitagabend von Linzer 44 besetzt worden. Den Befehl über den Sender hat der 44 -Unterführer Kapitän Zieb land übernommen . Ein glückliches Schicksal , der kluge Griff eines Vor gesetzten, stellt ihn in dieser Stunde auf seinen Play . Ein seltsames Schicksal zugleich, das ſein Leben schon vier Jahre lang -— und unangenehm -― mit dem öfter reichischen Rundfunk verknüpft hat. Ziebland verdient sich sein Brot als Muſikalien- und Rundfunkfachmann . Sein Geschäft und ſeine Wohnung liegen inmitten der verkehrsreichen Straßen der Linzer Altstadt. Wie die meisten ehemaligen Soldaten und Marineleute findet er eines Tages seinen Weg zur Nationalsozialiſtiſchen Deutſchen Arbeiterpartei . Als am 25. Juli 1934 die nationalſozialiſtiſche Erhebung in Wien losbrach, verlas Ehrenberg, der= selbe, der nun, vier Jahre später, beim Einzug Adolf

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Hitlers in Österreich Dienſt am Wiener Sender tut, die nationalsozialiſtiſche Bekanntmachung über den Rücktritt des Bundeskanzlers Dollfuß. Ziebland in Linz hörte diese Worte, stürzte ans Fenster seiner Wohnung und schrie laut den draußen auf der Straße Vorübergehenden zu :

,,Kinder, der Dolle is hin!" Die Erhebung brach zusammen. Ziebland wurde verhaftet. Damit begann die lange Reihe seiner Spaziergänge durch die Kerker des Würgers Schuschnigg, der am 25. Juli das Erbe des Bundeskanzlers Dollfuß antrat. Fünfzehnmal wanderte Ziebland in die Linzer Haft zellen. Fünfzehnmal mußte er wieder freigelassen wer den. Das leztemal, am 11. Juli 1936 , kehrte er krank in ſein Haus zurück. Eine Nervenentzündung warf ihn aufs Lager und machte ihn fast bewegungsunfähig . Das Leiden zog sich ein Jahr lang hin und verschlim merte sich Anfang 1938 . In den entscheidenden Tagen des März aber sehte er sich über alle ärztliche Fürsorge und Vorschrift hinweg. Er steht wieder temperamentvoll, beweglich und rasch entschlossen in vorderster Front der Bewegung . So hat ihn die 14 zur Besehung und Führung des LinzerRund funksenders beſtimmt. In den Nachmittagsstunden des 12. März , während

10*

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

der Führer noch in Braunau weilt, erwartet ihn Zieb land bereits im Linzer Rathaus, vor dessen kahler, schmuckloser Front sich eine unübersehbare Menschen menge drängt. Ziebland steht vor dem Mikrophon und erzählt . Längst ist ohne sein Wissen von Berlin aus die Ver bindung mit Linz , mit Wien und mit den deutschen Reichssendern hergestellt worden. Ziebland spricht für den deutschen Rundfunk, für das ganze deutsche Volk im Reich und in Öſterreich, das in dieſer Stunde klopfen den Herzens an den Lautsprechern ſteht. So wird er der Sprecher von Linz , den die Welt vom Nachmittag bis zum Abend des 12. März 1938 hört . Der Sprecher der Befreiung. Kein Reporter oder Berichterstatter, der mit wohl gesetzten Worten, ſtiliſtiſch vollendet, nach einem wohl vorbereiteten Plan eine Reportage liefert !

Nein, das ist Ziebland nicht. Er schüttet überströmend vor Glück sein Herz aus . Jubelt mit den Männern und Frauen, die da vor ihm unübersehbar den weiten Rathausplay ſeit den Mittags stunden besetzt haben. Er ruft mit ihnen, er singt mit ihnen, er schreit sein Glück in die Welt hinaus , und ſeine Stimme erstickt faſt in Tränen , wenn er von dem Elend und der Not und der Verfolgung der Vergangen heit spricht. Und von der felsenfeſten Hoffnung auf den

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Führer und Befreier, die nun heute noch beim Einzug in Linz ihre herrliche Krönung finden soll. Seine Worte gießen Glück und Freude und Stolz in die Herzen der Millionen in Österreich und im Altreich. Sie lachen mit ihm, wenn er lacht .

Sie werden mitgerissen vom Sturm ſeiner Begeiste rung. Es schnürt ihnen die Kehle zu, wenn auch dem Sprecher dort am Linzer Rathaus die Stimme versagt. Niemals hat ein Rundfunksprecher Millionen im Herzen so gepackt wie dieser schlichte, unbekannte Natio nalsozialiſt, der vom Krankenlager aufſtand, im Beben des Glückes gesund wurde und in der entscheidenden Stunde am Mikrophon stand . Nie wieder wird Zieb land so sprechen können . Vielleicht wird er überhaupt nie wieder eine Reportage, einen Rundfunkbericht, ein packendes und mitreißendes Wort im Rundfunk ſagen. In diesen vier Stunden aber hat er für das Dritte Reich eine Schlacht gewonnen. Die Menschen auf dem weiten Plaz vor dem Linzer Rathaus drücken sich fast tot. Die Kälte des Märzabends senkt sich allmählich auf sie herab. Die Füße werden eiskalt, die Finger frieren ihnen blau, die Lippen springen in der Kälte auf.

Sie spüren es nicht. 149

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Sie ſingen und rufen und wiſſen : der Führer wird kommen. In einer Stunde, in zwei Stunden, in drei Stunden, es ist gleich. Wenn er kommt, wird er sie hier finden. Ganz dicht vor dem Balkon des Rathauses steht eine alte Frau von zweiundsiebzig Jahren. Seit drei Uhr mittags harrt sie hier aus . Um drei viertel acht Uhr abends erklärt sie, als wäre das selbstverständlich : „ Und wenn ich bis um zwölf warten muß, das iſt mir eh egal. NachHaus geh' i net, sehn muß ich ihn heut. “ Und steht weiter. Seit vier Uhr nachmittags rufen die Maſſen auf dem Plat unentwegt im Sprechchor:

"„ Wir danken unserm Führer !“ Und dann wieder: „Heil Hitler ! Heil Hitler ! Heil Hitler ! “ Das Heil klingt wie eine Beschwörung , als könnten sie damit den Führer schneller heranholen. Aber der Führer muß Schritt fahren, muß Tausende von Händen schütteln, unzählige Blumen entgegenneh men und allen in die Augen blicken, die am Weg stehen. Wenn die Wartenden vor dem Rathaus einmal eine Minute Atem holen, weil ihnen die Puste ausgegangen iſt, dann erzählen sie sich gegenseitig von dem gegen Mittag erfolgten Einzug der ersten deutschen Soldaten. Sie haben jeden einzelnen empfangen, als ob er der

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Führer selber wäre.

Liebevoll werden alle Einzel

heiten begutachtet : die Uniformen, die Schnelligkeit, der Schneid, die Straffheit, die blizenden Augen, das gute Aussehen, und die Verleumdungen der Vergangenheit klingen noch einmal an, wenn die Linzer sich unterein ander bestätigen : „ Die sehn net verhungert aus , gell ! " Und vierhundert Flieger sind am Mittag in Rich tung Wien über die Stadt gebrauſt ! Ja, vor der deutschen Luftwaffe muß man schon Ach tung haben. Von den fernen Straßen kündet endlich ein Tosen und Donnern wie von einer übergewaltigen Meeres brandung das Eintreffen des Führers . In den engen Straßen der Stadt bricht sich das Echo der Stimmen millionenfach an den Mauern .

Als der Führer den

Hauptplatz um 8 Uhr abends betritt,

da steigt das

Rufen wie der einzige, alles auslöschende Schrei eines Millionenvolkes zum Nachthimmel empor. Es ist ein Schrei der Gemeinschaft, der grenzenloſen Liebe, der Erlösung . Jedes Einzelempfinden iſt völlig ausgelöscht. Der Schrei trägt sie hoch, über sich selbst hinaus, zu dem Mann hinauf, dem Führer, der mit feuchten Augen im Licht der Scheinwerfer steht und im mer wieder leise wie für sich selbst sagt: „ Meine Heimat -- meine Heimat . . . ! " 151

Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Mühsam formt er dann dieſe wenigen Worte, die immer wieder minutenlang von dem aufspringenden Jubelschrei der befreiten Menschen unterbrochen wer den : „ Deutsche ! Deutsche Volksgenossen und -genoſſinnen ! “ Dann, zu Seyß-Inquart gewendet : „Herr Bundeskanzler, ich danke Ihnen für die Be ―――― grüßungsworte. Ich danke aber vor allem euch, die ihr hier angetreten seid und die ihr Zeugnis ablegt dafür, daß es nicht der Wille und der Wunsch einiger weniger iſt, dieſes große volksdeutsche Reich zu begründen, sondern daß es der ――― Wunsch und Wille des deutschen Volkes ist ! Als ich einſt aus dieser Stadt auszog, trug ich in mir genau dasselbe gläubige Bekenntnis, das mich heute erfüllt. Ermessen Sie meine Ergriffenheit, nach so langen Jahren dieses gläubige Bekenntnis in Erfüllung ge= bracht zu haben . Wenn die Vorsehung mich einſt aus dieser Stadt her aus zur Führung des Reiches berief, dann muß sie mir damit einen Auftrag erteilt haben, und es kann nur ein. Auftrag gewesen sein, meine teure Heimat dem Deutschen Reich wiederzugeben!

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

Sehen Sie in den deutschen Soldaten, die aus allen Gauen des Reiches in diesen Stunden einmarschieren, opferbereite und opfergewillte Kämpfer für des großen deutschen Volkes Einheit, für des Reiches Macht, für ſeine Größe und für seine Herrlichkeit, jezt und immer dar! Deutschland, Sieg-Heil!" Es ist eine heilige Stunde.

Das Volk findet einen neuen Ruf, der fortan zum Schwur aller Deutschen wird. Brausend klingt er zum erstenmal in ſeinem ſtraffen hellen Rhythmus an dieſem Abend über den Plaß von Linz:

„ Ein Volk — ein Reich -

ein Führer !"

Als der Führer gesprochen hat und abfährt, als der Jubel langsam verklingt, da ſtehen die Menschen noch lange zusammen, umarmen sich, wischen sich die Augen und schämen sich ihrer Rührung nicht. Sie gehen wie im Traum nach Hauſe. Radio Paris wird an diesem Abend ausgesprochen unverschämt und geistlos . Statt den Hörern ein wahr heitsgetreues Bild der Vorgänge in Österreich zu geben, verkündet der Sprecher der französischen Hauptstadt mit gereizter Stimme, wie eine ältliche Gouvernante, die den letzten Freier in Herrn Schuschnigg abschwirren jah: „Wir können uns heute abend nicht noch einmal

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Mit dem Führer ins Herz der Heimat

über alle Ereigniſſe des Tages auslaſſen. Ob Herr Hit ler in Wien schläft oder in Linz , das ist schließlich nicht so wichtig." Wo er schläft, gewiß nicht, Sie Herr in Paris .

Wichtig ist nur, daß Österreich deutsch ist und Sie und die sonstigen Leute Ihres Schlages blamiert sind . Viel Spaß und eine gute Nacht wünscht Ihnen der deutsche Rundfunk !

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Der 13. März 1938 ist ein Sonntag . Wieder

liegt strahlendes

Frühlingswetter

über

Österreich. Der Führer fährt von Linz die fünf Kilometer nach Leonding und besucht das kleine schlichte Haus seiner Eltern. Das hat sich der Vater nach langem schwerem Lebenskampfe einmal als eigen Hab und Gut erwerben können. Da ist der Knabe Hitler aufgewachsen. Da hat er ſein kleines Stübchen unterm Dache gehabt.

Der

Führer besucht das Haus , betrachtet es nachdenklich und geht dann allein auf den Friedhof. Da, wo ein hoher dunkelgrüner Lebensbaum alles andere überragt, ist das Grab der Eltern . Der Führer steht stumm davor. WelchWeg hat ihn von hier in das Reich, welch Weg aus dem Reich nach hierher zurückgeführt !

Lange bleibt der Führer allein. Endlich dürfen auch die Männer seines Gefolges sich nähern, um ihre Kränze am Grabe des Paares nieder zulegen, das Deutſchland dieſen Sohn ſchenkte. Der die Herzen von Millionen so tief erschütterte, daß darob die Kraft zur Befreiung des deutschen Volkes aus ihrer aller Herzen frei wurde. 155

Österreich ein Land des Deutschen Reiches

In der Kette der Absperrmannschaften am Leon dinger Friedhof steht ein SA. -Mann aus Linz . Ein handfester, starker Kerl. Er hat auch schon gestern den ganzen Tag außerhalb der Stadt SA .-Dienst gehabt und den Führer nicht zu Gesicht bekommen. Nun ſteht er hier. Der große ſtarke Mann ist totenbleich . Als der lezte Wagen der Kolonne des Führers vorhin vorbeifuhr, sagte er erschüttert : "Ich habe den Führer nicht gesehen!" Die Umſtehenden blickten ihn verſtändnislos an. "‚Mann “ , sagten sie, „ der Führer saß im ersten Wagen neben dem Steuer."

" Es mag schon sein “ , antwortete er, „ aber mir war es wie ein Schleier vor den Augen gestanden , ich habe nichts gesehen. " Endlich, als der Wagen mit dem Führer nach langer Pauſe zurückkommt vom Friedhof, da krallt der Mann ſeine Hände ineinander und beißt die Zähne zuſammen und bezwingt ſeine furchtbare Erschütterung und ſieht dem Führer in die Augen. Aber er sieht nichts weiter als diese großen, tiefgründigen und eine unheimliche Kraft ausstrahlenden Augen. Stolz und glücklich, erhobenen Hauptes , steht er schwer atmend in der Reihe, als der Führerwagen vor beigerollt ist. Sein Herz schlägt zum Zerspringen.

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Vom Mittag bis zum Abend wird das Hotel Wein zinger in Linz, das der Führer mit seinem Stabe be wohnt, zur Stätte welthistorischen Geschehens . Am Abend des 13. März kann Reichsminiſter Dr. Goebbels von Berlin aus bekanntgeben, daß die öster reichische Regierung Seyß -Inquart ein Bundesverfas ſungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich erlassen hat. Danach ist Österreich ein Land des Deutschen Reiches . Am Sonntag, dem 10. April 1938 , soll eine freie und geheime Volksabstimmung der über zwanzig Jahre alten deutschen Männer und Frauen Öſterreichs über die Wiedervereinigung mit dem Reich ſtattfinden. Bei der Volksabstimmung entscheidet die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Das

verfassungsmäßige

Bundesverfassungsgesetzes Sehß-Inquart,

Zustandekommen wird

beurkundet

Glaiſe-Horſtenau,

Wolf,

dieſes durch:

Hueber,

Menghin, Jury, Neumeier, Rainthaler, Fischböck .

Zugleich bringt Dr. Goebbels der Welt ein neues Reichsgesetz zur Kenntnis , das der Führer und Reichs kanzler zusammen mit dem Reichsminister des Innern, dem Reichsminister des Auswärtigen und dem Stell vertreter des Führers am 13. März in Linz beschlos= sen hat.

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Das Reichsgesetz wiederholt den Wortlaut des öster reichischen Bundesverfassungsgesetzes und beſtätigt da mit die verfassungsmäßige Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich. An den Duce des faschistischen

Italien, Benito

Mussolini, sendet der Führer ein Telegramm mit den wenigen, so vieles besagenden Worten : „ Muſſolini, ich werde Ihnen dieses nie vergessen ! Adolf Hitler. " Die französische Presse erwacht langsam aus langer Verblendung. Hitler in Wien, und Frankreich noch immer ohne Regierung!

Das ist der besorgte Grundton der Blätter. Dann aber kommt doch schließlich die ehrliche An erkennung. Das „Journal “ schreibt, Adolf Hitler habe den Traum seines Lebens verwirklicht. „Er hat ein Großdeutschland von fünfundſiebzig Millionen Einwohnern geſchaffen. “ Am Montag fährt der Führer nach Wien. In seiner Begleitung befindet sich General Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht.

Dann Reichsfüh=

rer 44 Himmler, Reichspressechef Dietrich, die Reichs leiter Bouhler und Bormann, Staatssekretär Milch und Generalmajor Bodenschat. Der Führer wird wei

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

ter von seinen Adjutanten begleitet, SA. - Obergruppen führer Brückner, 14-Gruppenführer Schaub, NSKK. Brigadeführer Wiedemann und den militärischen Ad jutanten Major Schmundt, Hauptmann von Below und Hauptmann Engel. An der Grenze der Wiener Innenstadt empfängt Bundeskanzler Seyß-Inquart den Führer zusammen mit Gauleiter Bürckel, der zum Reichskommissar für das

Land Österreich und

zum

der

Reorganisator

NSDAP . eingesezt worden ist. Es geht langsam über den Ring, die breite Prachtstraße Wiens . Kopf an Kopf stehen die Menschen . Ein Orkan des Jubels begrüßt den Führer vor dem Hotel Imperial, dann am nächsten Tage auf dem Heldenplay. Der Führer proklamiert die Miſſion Öſterreichs : „Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jezt ab wieder das jüngste Bollwerk der deutschen Na tion und damit des Deutschen Reiches sein. " "Ich spreche im Namen der Millionen Menschen dieses wunderschönen deutschen Landes, im Namen der Steierer, der Nieder- und Oberösterreicher, der Kärnt ner, der Salzburger, der Tiroler und vor allem im Na men der Stadt Wien, wenn ich es den in dieſem Augen blick zuhörenden

achtundsechzig

Millionen

übrigen

deutschen Volksgenossen in unserem weiten Reich ver sichere:

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Dies Land ist deutſch, es hat seine Miſſion begriffen,

es wird diese erfüllen und es soll an Treue zur großen deutschen Volksgemeinschaft von niemandem jemals überboten werden. Ich kann diesen Appell an Sie aber nicht schließen“, so ruft der Führer aus , „ ohne nun der Männer zu ge denken, die es mir mit ermöglicht haben, die große Wende in so kurzer Zeit mit Gottes Hilfe herbeizuführen . Ich danke den nationalsozialiſtiſchen Mitgliedern der Regierung, an ihrer Spiße dem neuen Reichsstatthalter Seyß-Inquart.

Ich danke den zahllosen Parteifunktionären, ich danke aber vor allem den ungezählten namenlosen Jdea liſten, den Kämpfern unſerer Formationen, die in den langen Jahren der Verfolgung bewiesen haben, daß der Deutsche, unter Druck gesezt, nur noch härter wird ! Diese Jahre der Leidenszeit haben mich in meiner Überzeugung

vom Werte des

deutschöſterreichiſchen

Menschen im Rahmen unserer großen Volksgemein ſchaft nur bestärkt. Die wunderbareOrdnung und Diſzi plin dieses gewaltigen Geschehens ist aber auch ein Beweis für die Kraft der diese Menschen beseelenden Idee. Ich kann somit in dieser Stunde dem deutschen Volk die größte Vollzugsmeldung meines Lebens ab ſtatten. "

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Da branden die Heilrufe der Millionenmaſſe gewal tig zum Führer empor, machen lange, lange jedes Weiter= sprechen unmöglich. Endlich kann Adolf Hitler sagen : „Als Führer und Reichskanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Ge schichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich! "

Am 10. April 1938 , vier Wochen später, beſtätigt das deutsche Volk die Vollzugsmeldung des Führers . Nach der herrlichen Schlußkundgebung des Wahl kampfes am 9. April in der Nordwestbahnhalle in Wien hat sich der Führer mit Dr. Goebbels sofort zum Son derzug begeben und ist nach Berlin zurückgefahren.

Am Anhalter Bahnhof wartet Frau Goebbels mit ihren Kindern, Blumen im Arm, auf den Führer und ihren Gatten. Die Berliner bereiten den Ankommenden einen feſt= lichen Empfang. Adolf Hitler begibt sich vom Bahnsteig aus mit ſei nen Adjutanten Brückner, Schaub und Wiedemann in das Wahllokal , das im Wartesaal für die Reisenden eingerichtet ist, und gibt seine Stimme ab. Den Tag über laufen allmählich die Meldungen aus den Wahlbezirken des weiten Großdeutschen Reiches in

11 Hadamovsth, Weltgeschichte

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Berlin ein. Die mustergültigeOrganisation des Propa gandaministeriums

ermöglicht

es durch ihr Fern

schreibenek, an das in diesen Wochen auch schon Öster reich angeschlossen ist, von Stunde zu Stunde die neue ſten Nachrichten über die Rundfunksender zu geben. Vorläufig läßt sich kein genaues Bild gewinnen. Es gibt Orte, die schon am frühen Morgen hundertprozen tig mit Ja abgestimmt haben. In anderen Ortschaften findet sich zwischen zehntausend Ja-Stimmen eine ver einzelte Nein-Stimme. Ein Dummkopf oder ein Frrer, sagt einer von uns lachend. Die Eifrigen machen sich daran, die Prozentzahlen derWahl auszurechnen . Wenn das Bild weiter so bleibt, dann wird es ein fast hundertprozentiger Sieg. Da kommt aus einer deutschen Großstadt ein nieder schmetterndes Ergebnis : zwanzigtausend Nein-Stim

men !

Ist das möglich? Man fragt sich zunächſt vergeblich nach den Ursachen dafür.

Die Prozentrechner, die vorhin ihre Zahlen so trium phierend vorzeigten, sind schwer verärgert. Denn auch prozentual gesehen ist die Anzahl der Nein-Stimmen in diesem ganzen Bezirk sehr hoch. Unsere dicht bei Hundert liegende Prozentziffer raffelt herunter.

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Dann kommt eine Freudennachricht aus München, der Hauptstadt der Bewegung, der alten Hochburg, in der der Führer persönlich ſeit 1919 kämpfte. Ganz München hat zuſammen dreihundertsechzehn Nein-Stimmen. Die Gesichter beleben sich wieder. Dann kommen Mel dungen aus dem entfernteſten Süden des Reiches , aus der Steiermark, aus den Bergdörfern am Hang der Karawanken, die mit ihren Felsmauern die Grenze zwischen dem Großdeutschen Reich und Jugoslawien bilden. Die Bergbauern, zur Wahl aus ihren weit aus einander liegenden Berghöfen zusammengekommen, wollten schon am Sonnabendabend abstimmen und waren nur mit Mühe davon zu überzeugen, daß man aus gesetzlichen Gründen bis zum Sonntag warten müßte. Dann haben sie gleich bei Eröffnung der Wahl, ohne überhaupt die dafür vorgesehenen Stimmzellen zu benußen, in zehn Minuten gemeinsam ihre Wahlzettel mit „ Ja “ ausgefüllt. Nun wird die Meldung dem Füh rer gebracht. Er freut sich über die Zustimmung der Heimat. Braunau am Inn , die Geburtsstadt Adolf Hitlers , meldet bald darauf telegraphisch ein glänzendes Ab ſtimmungsergebnis . Im ganzen nur fünf Nein- Stim men gegen dreitausenddreihunderteinunddreißig Ja Stimmen. Dann wird über Linz berichtet, wo noch vor

11*

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

vier Jahren die schweren Kämpfe zwischen den Garden von Dollfuß und Schuschnigg und den marxiſtiſchen Arbeitern tobten. Die Wähler von Linz haben sich mit fast hundert Prozent zum Führer bekannt !

Mich interessiert das Ergebnis der Ramsau : Na türlich, die Ramsau weist keine einzige Neinstimme auf! Alles „ Ja “ für Hitler. Auch Schladming im Tal unten hat hundertprozentig mit „Ja“ gestimmt. Noch aber steht Wien aus . Wien, die Stadt, in der die meisten Juden Österreichs leben. Die Juden ſind von der Wahl ausgeschlossen. Aber die Zweimillionen ſtadt war bis zur Beseitigung der Grenze zwiſchen Deutschland und Österreich ein riesiger Wasserkopf auf einem viel zu kleinen Körper ! Wird Wien ſeine neue Geburtsstunde begreifen?

Wie wird Wien abstimmen ? Wir ſizen in der Reichskanzlei und ſtellen eifrig Ver mutungen an. Die Tschechen in Wien, etwa vierundzwanzigtauſend an der Zahl, haben den Reichskommiſſar und Wahl leiter Bürckel gebeten, an der Abstimmung teilnehmen zu dürfen. Es war ein Risiko . Schließlich hat Bürckel großzügig den Tschechen die Abstimmung in eigenen Wahllokalen freigestellt . Von dort kommt am späten Nachmittag eine der ersten Meldungen. Die Tschechen haben fast geschlossen

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

für den Anschluß an das Reich, für die Liste Adolf Hitlers mit „Ja“ gestimmt! Eine der

nächsten Sondermeldungen

trifft

aus

Floridsdorf ein, dem Wiener Arbeiterbezirk, deſſen Wohnblocks Dollfuß im Februar 1934 mit schweren Geschützen zusammenschießen ließ . Floridsdorf hat mit achtzigtausendeinundzwanzig Ja-Stimmen für Hitler gestimmt. Nur zweihundertfünfunddreißig Nein-Stim men waren in den Urnen enthalten. Floridsdorf iſt nationalſozialiſtiſch geworden !

Wie aber wird Wien in seiner Gesamtheit geſtimmt haben? Siebzig Prozent, sagt einer. Achtzig Prozent, meint ein anderer. Darüber hinaus aber möchte keiner gehen. Endlich kommt auf unserer direkten Telephonleitung die Mitteilung durch, daß Reichskommissar Bürckel die Meldung über das Gesamtergebnis der Wahlen in Österreich an den Führer durchgeben kann . Der Führer nimmt in einem Sessel amKamin Plaz. Die Spannung steigt auf das höchſte . Wir schalten die Lautsprecher ein. Bürckel spricht von Wien aus . Er meldet das Gesamtergebnis der Wahl : 99,73 Prozent Ja -Stimmen !

Wir blicken auf den Führer. Man möchte losschreien vor Freude. 165

Österreich ein Land des Deutschen Reiches

So hat also die Heimat dem Führer geſchloſſen zu gestimmt ! Adolf Hitler sitt unbeweglich im Seſſel.

Eine Stille des ehrfurchtsvollen Schweigens entsteht. Dann erhebt sich der Führer. Seine Schritte sind

unhörbar auf dem weichen

Teppich.

Er geht auf den Kamin zu . Dort steht auf demMarmorpaneel unser Mikrophon. Des Führers Blick geht ins Leere, als suche er mit den Augen den Mann in Wien, der ihm eben dieſe Als erschütternde Freudennachricht überbrachte. ―— suche er mit den Augen die Millionen Männer und Frauen, die diesem Tage durch ihre Stimme die Weihe eines großen Sieges gaben. ― Als verweile er im Geiſte bei den Toten Österreichs , die ihr Blut für Großdeutschland vergoſſen. Dann spricht der Führer. Seine Stimme klingt belegt, im ersten Augenblick faſt fremd .

Dann sogleich fest, stolz, freudig. „Gauleiter Bürdel! Deutsche Österreicher ! Ich habe von meiner Heimat viel erhofft. Die Ergebniſſe dieſer Abstimmung aber übertreffen nun doch, wie im ganzen übrigen Reich, alle meine Er wartungen.

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

Ich bin so glücklich über die damit endlich bewieſene wahre innere Gesinnung Deutſch-Österreichs und über das mir geſchenkte Vertrauen . Denn dieſe nunmehr vom ganzen deutschen Volk vollzogene geschichtliche Be ſtätigung der Vereinigung Österreichs mit dem Reich bedeutet zugleich die höchste Rechtfertigung meines ganzen Handelns . Für mich ist diese Stunde damit die stolzeste meines Lebens . Ich kann nicht anders, als dem ganzen deutschen Volke, und vor allem meiner eigenen teuren Heimat aus meinem tiefſten Herzen danken . “ Nach den Worten des Führers ist Ruhe im Raum. Kaum wagt einer von denen, die in der Reichskanzlei ſonſt immer um ihn sind , den Führer zu beglück wünschen. Dieses Bekenntnis Österreichs zum Reiche ist so über alle Maßen herrlich! Es ist zugleich eine glänzende Rechtfertigung des deutschen Vorgehens , eine Rechtfertigung auch für die Politik Mussolinis , der den Führer bei seinem Marſch nach Österreich so energisch und kaltblütig unterſtüßte. Und schließlich für die engliſche Politik Chamberlains, der sich weigerte, eine militärische Garantie Groß britanniens für Öſterreichs Unabhängigkeit zu über nehmen und England in einen furchtbaren Krieg zu

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Österreich ein Land des Deutschen Reiches

ſtürzen, nur um zwanzig Jahre nach dem Waffenstill ſtand das damals von den triumphierenden Siegern niedergetrampelte Selbstbestimmungsrecht der Völker auch jezt noch einmal durch die Gewalt der Waffen zu verhindern. Österreich ist frei, Öſterreich iſt deutſch ! Großdeutschland ist eine geschichtliche Tatsache .

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Das Reich panzert sich

Italien und England

Am 20. April 1938 wird der Geburtstag des Füh rers vom ganzen deutschen Volke festlich begangen. Un zählige Glückwünsche und Geschenke aus seiner befreiten österreichischen Heimat erfreuen den Führer besonders . Am Abend dieses Tages findet im Berliner Ufa-Palast am Zoo die Uraufführung des großen Olympiafilms ſtatt. Leni Riefenstahl, die

Schöpferin dieses Meister

werkes, dem sie fast zwei Jahre ihres Künstlerlebens opferte, ſigt mit ihren Eltern und ihren engſten Mit arbeitern in der Loge neben dem Führer. Die beiden abendfüllenden Teile des Films , das

Fest der Völker"

und das „ Fest der Schönheit “ , rollen vor unseren Augen ab. Dieser Film ist wie eine Offenbarung Griechen lands inmitten unserer modernen Welt. Schöner als wir selber die Olympischen Spiele erleben konnten, erstehen sie hier noch einmal vor uns, vom Künſtler auge eingefangen und geſtaltet, getragen von der packen den Musik Herbert Winds und den mitreißenden Schil derungen der besten deutschen Rundfunkſprecher. Am 1. Mai begehen wir feierlich das große Früh lingsfest der Deutschen in Stadt und Land.

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Italien und England

Am Tage darauf begibt sich der Führer mit großem Gefolge nach Rom, um Muſſolinis Deutſchlandbeſuch zu erwidern. Hitlers Fahrt durch das befreundete Ita lien wird zum Triumphzug. Vielleicht ſtand bis zu die ſer Stunde nur die Faschistische Partei wirklich hinter dem Führer und hinter Deutschland . Auf dieſer acht tägigen Reiſe aber erobert sich Hitler die Herzen des ganzen italienischen Volkes . Und er erobert sich den König. Diesen klugen Monarchen, der neben dem eng lischen König der einzige ist, der als Repräsentant einer Großmacht die Revolutionen und Umstürze der Zeit. nach dem Weltkrieg überſtand . Auf einem feierlichen Bankett im Palazzo Venezia in Rom wechseln AdolfHitler und Benito Mussolini Worte herzlicherFreundschaft und höchſter politischerBedeutung. Der Duce heißt den Führer herzlich willkommen und sagt dann :

„Führer ! Ihr Besuch in Rom vollendet und besiegelt das Ein vernehmen (intesa) zwischen unseren beiden Ländern . Dieses Einvernehmen, das wir mit festem Willen an gestrebt und hartnäckig aufgebaut haben, wurzelt in Ihrer und unserer Revolution ; es zieht seine Kraft aus der weltanschaulichen Gemeinschaft, die unsere beiden Völker verbindet; es hat seine hiſtoriſchen Aufgaben in den dauernden Intereſſen unserer beiden Völker .

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Italien und England

Hundert Jahre Geschichte ·—

- seit Deutschland und

Italien sich erhoben, um mit Revolution und mit den Waffen ihr Recht auf die nationale Einheit durch ――― zusehen bekunden die Parallelität dieſer Grund stellung und die Solidarität dieser Interessen. Mit dem gleichen Glauben und mit dem gleichen Willen haben Deutschland und Italien gekämpft, um ihre Einheit zu begründen; sie haben gearbeitet, um sie fest und sicher zu machen; sie haben sich in der letzten Zeit aus der Verderbnis zerſeßender Ideologien befreit, um jenes neue Volksregime zu schaffen, das das Kennzeichen dieses Jahrhunderts iſt . Auf dieſem von der Geschichte vorgezeichneten Wege marschieren unsere Völker vereint mit loyalen Absichten und mit jenem überzeugten Ver trauen, das seine Probe bestanden hat in den Ereig nissen dieser Jahre des Friedens und des Einverneh mens unter den beiden Nationen. Das faschistische Italien kennt nur ein einziges ethisches Gesetz in der Freundschaft : jenes, das ich vor dem deutschen Volke auf dem Maifeld angeführt habe. Die Zuſammenarbeit zwischen dem nationalsoziali ſtiſchen Deutschland und dem faſchiſtiſchen Italien hat diesem Gesetz gehorcht, sie gehorcht ihm gegenwärtig und sie wird ihm in der Zukunft gehorchen."

Der Führer antwortet hierauf: 171

Italien und England

" Duce! Tief bewegt danke ich Ihnen für die zu Herzen gehen den Worte der Begrüßung, die Sie zugleich im Namen der italienischen Regierung und des italienischen Volkes an mich gerichtet haben. Ich bin glücklich, hier in Rom zu sein, das mit den Zeugen seiner unvergleichlich ehr würdigen Vergangenheit die machtvollen Zeichen des jungen faschistischen Italiens vereint. So haben Deutschland und Italien gleiche Inter eſſen und sind durch ihre weltanschauliche Gemeinschaft miteinander eng verbunden. Damit iſt in Europa ein Block von 120 Millionen entstanden, die entschlossen sind, ihre ewigen Lebensrechte zu wahren und sich gegenüber allen jenen Kräften zu behaupten, die es unternehmen sollten, sich ihrer natürlichen Entwicklung entgegenzustellen.

Seit sich Römer und Germanen in der Geschichte für uns bewußt zum ersten Male begegneten, ſind nunmehr zwei Jahrtausende vergangen . Indem ich hier auf diesem

ehrwürdigsten Boden

unserer

Menschheits

geschichte stehe, empfinde ich die Tragik eines Schicksals , das es einſt unterließ, zwiſchen diesen so hochbegabten und wertvollenRassen eine klare Grenzscheide zu ziehen . Unsagbares Leid von vielen Generationen war die Folge. Heute nun, nach faſt zweitausend Jahren, erhebt ſich dank Ihrem geſchichtlichen Wirken, Benito Muſſo 172

Italien und England

lini, der römische Staat aus grauen Überlieferungen zu neuem Leben. Und nördlich von Ihnen entstand aus zahlreichen Stämmen ein neues germanisches Reich. Belehrt durch die Erfahrung zweier Jahrtausende wollen wir beide, die wir nun unmittelbare Nachbarn geworden sind, jene natürliche Grenze anerkennen, die die Vorsehung und die Geschichte unseren beiden Völkern ersichtlich gezogen haben. Sie wird dann Italien und Deutschland durch die klareTrennung der Lebensräume der beiden Nationen nicht nur das Glück einer friedlich gesicherten, dauernden Zuſammenarbeit ermöglichen, = sondern auch als Brücke gegenseitiger Hilfe und Unter ſtüßung dienen. Es ist mein unerschütterlicher Wille und mein Ver mächtnis an das deutsche Volk, daß es deshalb die von der Natur zwischen uns beiden aufgerichtete Alpen grenze für immer als eine unantastbare ansieht. Ich weiß, daß sich dann für Rom und Germanien eine große und segensreiche Zukunft ergeben wird . “ Mit dieser feierlichen Erklärung wird eine Hoffnung des Weltjudentums zerschlagen . Schon am 12. März 1938, dem Tag des Einmarsches deutscher Soldaten in Österreich, wurde mir inLinz erzählt, daß nun auch eine Grenzänderung zwiſchen Deutschland und Italien mit Bezug auf Südtirol erfolgen müſſe. Die Urheber dieser Gerüchte, Juden, Freimaurer und Schuschnigganhän

173

Italien und England

ger, wurden augenblicklich hinter Schloß und Riegel gesezt. Ihre Absicht war ja allzu klar: sie wollten das Einvernehmen zwiſchen Deutschland und Italien zer stören. DerFührer schrieb darüber vor fünfzehn Jahren in der ersten Ausgabe seines Werkes „ Mein Kampf" : „ Der Grund, warum man in den lezten Jahren von ganz beſtimmten Kreiſen aus die Frage , Südtirol ' zum Angelpunkt

des

deutsch-italienischen

Verhältniſſes

machte, liegt ja klar auf der Hand. Juden und habs burgische Legitimisten haben das

größte

Intereſſe

daran, eineBündnispolitik Deutschlands zu verhindern, die eines Tages zur Wiederauferstehung eines freien deutschen Vaterlandes führen könnte. Nicht aus Liebe zu Südtirol macht man heute dieses Getue - denn dem wird dadurch nicht geholfen, sondern nur geſchadet — sondern aus Angst vor einer etwa möglichen deutsch italienischen Verständigung. Wenn die deutsche Nation den Zuſtand ihrer drohen den Ausrottung in Europa beenden will, dann hat sie nicht in den Fehler der Vorkriegszeit zu verfallen und sich Gott und die Welt zum Feinde zu machen, sondern dann wird sie den gefährlichsten Gegner

erkennen

müſſen, um mit der gesamten konzentrierten Kraft auf ihn einzuschlagen. Und wenn dieser Sieg erfochten wird durch Opfer an anderer Stelle, dann werden die kom menden Geschlechter unſeres Volkes uns dennoch nicht 174

Italien und England

verurteilen. Sie werden die schwere Not und die tiefen Sorgen und den dadurch geborenen bitteren Entschluß um so mehr zu würdigen wiſſen, je strahlender der daraus entſproſſene Erfolg sein wird . Was uns heute leiten muß, ist immer wieder die grundlegende Einsicht, daß die Wiedergewinnung ver lorener Gebiete eines Reiches in erster Linie die Frage der Wiedergewinnung der politischen Unabhängigkeit und Macht des Mutterlandes iſt. Diese durch eine kluge Bündnispolitik zu ermöglichen und zu sichern, ist die erste Aufgabe einer kraftvollen Leitung unseres Staatswesens nach außen.“ An diesem Beispiel mag man erkennen, mit welcher Klarheit der Führer schon in seiner Festungszeit die Gesamtlage der europäischen Politik überschaut und seinen politischen Kurs festgelegt hat. Und mit welcher Entschlossenheit er seine Ansichten in die Tat umſeßte. Der Führerbesuch hat für Italien und den Faſchis mus auch eine tiefgehende innere Bedeutung, die an dem folgenden, durchaus nicht leicht zu nehmenden Er eignis sichtbar wird : Kurze Zeit, nachdem der Führer Italien verlassen hat, besucht König Viktor Emanuel zum ersten Male seit der Machtübernahme durch den Faſchismus im Jahre 1922 das Geburtshaus Muſſolinis in Pre dappio. Dort kam Italiens großer Führer 1883 als 175

Italien und England

Sohn des Dorfschmiedes Muſſolini und ſeiner Frau, einer Schullehrerin, zur Welt. Nach dem Besuch in dem schlichten Haus von Predappio fährt der König spontan nach Forli hinüber und besucht den Duce in ſeiner Villa.

Königtum und Faschismus , Faschismus und italie nisches Volk besiegeln so vor der Welt ihre unwider rufliche Einheit .

Die Freundschaft

des

Duce

mit

Deutschland ist nun nicht mehr die Freundschaft der Faschistischen Partei , sie ist die Freundschaft des italie nischen Volkes und seines Monarchen. Die letzte Hoff nung des Weltjudentums auf eine Schwächung Ita liens und eine Gefährdung der Achse Berlin-Rom muß an diesem Tage des Königsbesuches in Forli zu Grabe getragen werden. * Bei der Sabotage des deutsch-engliſchen Verhältniſ ses hat das Weltjudentum vorläufig noch mehr Erfolge : Im Jahre 1935 hat der Führer mit England den deutsch-englischen Flottenvertrag abgeschlossen. Ribben trop, damals noch der geniale Außenseiter der deutschen Diplomatie, jezt des Reiches Außenminister, brachte diesen Vertrag zustande, mit dem England den Boden des Diktats von Versailles verließ . Deutschland legte sich freiwillig auf eine Begrenzung seiner Flotte im Verhältnis zur englischen fest . Die deutsche Flotten 176

Italien und England

ſtärke wird nach diesem Vertrag nie mehr als fünfund dreißig vom Hundert der englischen Flottenstärke betra gen. Wir werden auch keine größeren und stärker be waffneten Schiffe als Großbritannien bauen. Deutschland verzichtet folglich auf die Möglichkeit , England in einem kriegerischen Konflikt zur See allein entgegentreten zu können!

Auf dieser Grundlage hätte schon seit 1935 eine rück haltloſe deutsch-englische Zusammenarbeit möglich sein müssen. Natürlich haben die Juden der ganzen Welt gemeinsam mit Marxiſten und Bolschewisten den Ver ſuch unternommen, eine solche Zuſammenarbeit, die beide Mächte unangreifbar machen würde, zu unter binden. UndEngland hat dieſen jüdiſch-bolſchewiſtiſchen Einflüssen bis zum Jahre 1938 immer wieder in weitestem Umfange nachgegeben, auch unter der Mini sterpräsidentschaft Chamberlains . Es scheint schwierig für England zu ſein, mit vor urteilsloſem Blick die Lage Deutſchlands richtig zu beurteilen . Als Mussolini im Herbst

1937 Berlin

besuchte, da sagte er zu den Fünfhunderttausend , die im strömendem Regen auf dem Reichssportfeld ausgeharrt hatten, die Worte : „Klar und offen reden und wenn man einen Freund hat, mit ihm bis ans Ende marſchieren. “ Aus England kann man aber keine klaren und offe=

12 Hadamovsth, Weltgeschichte

177

Italien und England

nen Worte vernehmen. Wenn Chamberlain vom Frie den ſpricht, dann redet Churchill vom Kriege. Wenn die Regierung eine freundſchaftliche Zuſammenarbeit mit Deutschland sucht, dann zerstört die Opposition das Ver trauen des englischen Volkes zu Deutschland durch jede nur denkbare Verdächtigung, Verleumdung und Nieder tracht. Englands

gestürzter

Außenminister

Herr

Eden

beſißt in Moskau , das er 1935 besuchte, viele Freunde. Das spricht nicht gerade für Herrn Eden und ſeine poli tischen Fähigkeiten. Denn dasselbe Moskau, mit dem zusammen Herr Eden über Italien und Deutschland herfallen möchte, zettelt zu gleicher Zeit im englischen Mutterland Streiks , Meutereien und Revolten an. Dieses selbe Moskau bedroht Indien und die Domi nions. Es spioniert mit ganzen Bataillonen bezahlter Agenten die englische Luft- und Seeflotte aus und sabotiert denBau von Kriegsflugzeugen inden Fabriken und von Kriegsschiffen auf den Werften. Inzwischen versucht die Kriegspartei in England im Bund mit den Moskauer und Pariser Kriegshehern und mit den großkapitaliſtiſchen Waffenschiebern in Amerika alles, um die Stellung Chamberlains zu un tergraben und Eden wieder flott zu machen. Noch ist Chamberlain Miniſterpräſident. Noch am tiert Lord Halifax als Außenminiſter an Stelle des nach 178

Italien und England

der Führerrede am 20. Februar zurückgetretenen Herrn Eden. Dieser aber gilt in den Kreiſen der Kriegspartei als der kommende — Miniſterpräſident ! Trozdem scheint vorläufig keine Aussicht vorhanden zu sein, Chamberlain zu stürzen oder eine direkte Stel lungnahme des englischen Parlaments für einen Krieg gegen Deutschland herbeizuführen . So versuchen die Kriegsheher, mit ihren verschlagenen Intrigen auf andere Weiſe zum Ziel zu kommen .

12*

179

Schach den Hekern

Im Sudetenland sind die ein paarmal verschobenen Gemeindewahlen nun endlich für die zweite Hälfte des Mai feſtgeſeht worden. Unter dem Vorwand, daß Ruhe und Ordnung in den deutschen Gebieten hergestellt werden müßten, sendet die tschechische Regierung starke Truppenabteilungen mit Panzerwagen und Geschützen in den Sudetengau, den Böhmer Wald und nach Süd mähren. Die bewaffnete Militärmacht wird von dem Ban ditenhaufen der Roten Wehr begleitet. Aus Deutsch land geflüchtete bolschewistische Juden und von der Moskauer Bürgerkriegsschule frisch importierte Kom muniſten ſind die Leiter dieses Banditenhaufens . Die Moskauer Absichten finden die lebhafte Unterſtüßung gewisser englischer Kreise. Der Plan ist einfach genug. Entweder werden die sudetendeutschen Gebiete durch das Aufgebot von Truppen und Roter Wehr derartig eingeschüchtert, daß die Abstimmung zugunsten der Tschechei ausfällt . Dann kann man der Welt gegenüber behaupten, es gäbe gar keine sudetendeutsche Frage. Oder die Sudetendeutschen wehren sich mit der blanken Faust gegen den bolschewistischen Terror. Dann ist das

180

Schach den Hezern

Hochverrat gegen den tschechischen Staat. Dann wird man das Standrecht über die sudetendeutschen Gebiete verhängen und jeden Deutschen niederschießen, der sich zu rühren wagt. Die Sudetendeutschen beißen die Zähne zusammen und lassen den Terror schweigend über sich ergehen. Am 21. Mai morgens schießen tschechische Banditen troßdem die beiden Landwirte Böhm und Hofmann vom Motorrad und töten ſie. Daraufhin verhängt die tschechische Regierung den Ausnahmezustand und ver bietet alle Versammlungen und Zuſammenkünfte der Sudetendeutschen Partei . Jezt halten die Londoner und Moskauer Kriegsheber ihren Augenblick für ge kommen. Dimitroff trifft in Prag ein.

Ein paar

Stunden später macht die Tſchechei auf Betreiben der führenden englischen Kriegsheher mobil, beseht ihre Befestigungslinien längs der tausendachthundert Kilo meter langen deutschen Grenze und wirft erneut rieſige Truppenmaſſen in die Grenzgebiete Schlesiens , Sach ſens , Bayerns und Österreichs . Die normale Folgerung jedes Staates , an deſſen unbefestigten Grenzen eine solche feindselige Mobil machung vollzogen wird, wäre nun seinerseits die Mobilmachung. Das haben die Kriegsheher auch er hofft. Denn dann könnte man in der Weltöffentlichkeit die tschechische Mobilmachung stillschweigend übergehen , 181

Schach den Hezern

die deutsche Mobilmachung aber mit Windeseile über die ganze Erde ausposaunen. Deutschland hat mobil gemacht! Deutschland , der ewige Angreifer, provoziert einen neuen Krieg ! Völker der Erde, wehrt euch! Die deutsche Mobilmachung ist ein Grund zum sofortigen Krieg aller gegen Deutschland ! So haben die Heyer spekuliert. Der Führer, seit ein paar Tagen erst aus Italien zurückgekommen, macht ihnen einen großen Strich durch die Rechnung. Deutschland bleibt Gewehr bei Fuß stehen und macht keinen einzigen Mann mobil. Statt deſſen gibt Deutſchland der Welt die Tatsache der tschechischen Mobilmachung bekannt und fordert deren sofortige Rückgängigmachung. Die Kriegsheher haben ihren Meister gefunden ! Sie stehen im Schach! Jetzt läßt sich die Tatsache der einseitigen tschechischen Mobilmachung nicht länger vor derWelt verheimlichen. DieHintermänner, die die Mobilmachung veranlaßten, ſind in eine üble Sackgasse geraten. Die Tschechei allein hat mobilgemacht und sie allein provoziert den Krieg! Da greifen die

gerissenen Hezer zu

einer ver

zweifelten Lüge. Die Tschechei , so behaupten sie, habe nur ihre üblichen Reservisteneinziehungen vorgenom

182

Schach den Hezern

men. Deutschland aber habe am 21. Mai heimlich mobilgemacht ! Das ist nun ein neuer Begriff : heimliche Mobil machung.

Wie stellen die sonst so gerissenen Lügner sich das vor? Eine Mobilmachung trifft ein ganzes Volk und holt heute jeden Mann und jedeFrau unter dieFahnen. Der lette Fischerjunge in irgendeinem Dorf am Kuri schen Haff weiß, wann Deutschland mobilmacht. Und dann sollten wir das vor derWelt geheimhalten können ? Geheimhalten können vor den zehntausend eifrigherum schnüffelnden Auslandsagenten, Preſſeleuten und Spio nen, die man uns freundlicherweise in den Pelz geſetzt hat und die wir freundlicherweise bei uns als Gäſte beherbergen? Diesmal haben sich die Lügner in ihrer eigenen Schlinge gefangen. Energische deutsche Berichtigungen in Paris und London entlarven das infame Spiel und stellen die Kriegsheber schonungslos vor der ganzen Welt bloß. Jhr Spiel ist für diesmal verloren. Die Kaltblütigkeit und Klugheit des Führers hat den Frieden Europas gerettet. Die tschechische Soldateska muß aus den beſeßten Gebieten mit langer Naſe wieder abziehen. Die tschechi schen Truppen werden demobilgemacht und zum Teil allmählich wieder entlassen. Nur die Rote Wehr bleibt 183

Schach den Hezern

in den ſudetendeutschen Gebieten zurück und verschärft ihr Schreckensregiment. Täglich werden Deutsche das Opfer der blutdürſtigen Horden. Der Führer aber erkennt, daß Englands Politik einem schwankenden Schilfrohr im Winde gleicht. Trotz der freiwilligen Begrenzung der deutschen Flottenstärke auf ein Drittel der englischen, troß der grundsäglichen

Bereitschaft

des

Führers

zur

Zu

ſammenarbeit mit England ist in einer schweren Kriſis nicht auf englische Rückendeckung zu rechnen. Damit entſteht die Wahrscheinlichkeit eines franzöſiſchen An griffs , womöglich mit aktiver englischer Unterſtüßung.

Sieben Tage nach der tschechischen Mobilmachung, am 28. Mai 1938 , faßt der Führer einen Entschlußz von größter politischer Bedeutung. Einen Entschluß, wie er in der Geschichte der Nationen nur in höchster Gefahr gefaßt wird . Vor mehr als zweitausend Jahren begann der chine sische Kaiser Schi Huangti mit dem Einſaß von Millio nen Menschen denBau der viertauſend Kilometer langen Chinesischen Mauer und vollendete ihn binnen weniger Jahre.

Ein gewaltiges Befestigungswerk von Erd

wällen und Barrikaden wurde geschaffen, das China = über ein Jahrtausend vor den Einfällen der bar barischen Nordvölker sicherte und schüßte. Diese Be festigungsanlage, quer durch Europa gezogen , würde

184

Schach den Hezern

in Lissabon, der Hauptstadt Portugals , beginnen, dann fünfhundert Kilometer

nach

Madrid

laufen,

von

Madrid über Toulouse und Lyon in Südfrankreich nach Basel, von dort über Würzburg nach Berlin, rund zweitausend Kilometer, dann fünfhundert Kilometer weiter nachKönigsberg, dann noch einmal tausend Kilo meter über Petersburg bis faſt an das Weiße Meer im Norden der Sowjetunion. Das sind viertausend Kilo meter, auf europäische Verhältnisse übertragen ! Das ist die vor zweitausendeinhundert Jahren von Kaiser Schi Huangti erbaute Befestigungsanlage zum Schuße Chinas ! Das von dieſem Kaiſer geeinte chinesische Reich aber überdauerte zwei Jahrtausende und reicht heute noch, auf Europa übertragen, von Hammerfest in Nor wegen bis zur Lybischen Wüste in Afrika und von Lissabon bis Moskau, unter Einschluß der Ostsee, der Nordsee und des Mittelmeeres . Auch dieRömer bauten in den ersten hundertJahren nach Chriſti Geburt ein zuſammenhängendes Erdwall und Mauersystem mit über hundert Kaſtellen und Türmen auf deutschem Boden, das ihre Rheingrenze und weiter den Neckar und die Schwäbische Alb gegen germanische Einfälle sichern sollte . Dieser sogenannte römische Limės wurde später bis in die Donaugebiete fortgeführt. Im Anfang der deutschen Reichseinheit steht ein

185

Schach den Hezern

anderes gewaltiges Festungsbauwerk. Als Heinrich der Vogler deutscher König wurde, zahlte Deutschland Tribut an die Ungarn und war ihren plündernden Reiterscharen wehrlos preisgegeben. Da zwang der König die frei wohnenden Deutschen zum Städte- und Burgenbau und zur Aufstellung eines Heeres . Jeder zehnte freigeborene, wehrhafte Mann mußte in die Burg ziehen. Als die deutschen Burgen vollendet waren, sandte Heinrich der Vogler den Reitervölkern der Ungarn einen

räudigen Hund statt des Tributes.

Darauf fielen ihre Heere aufs neue in Deutschland ein, um zu brandſchaßen, zu morden und zu plündern. Aber sie sahen sich mit ihren leichten Waffen rettungslos gefangen im Nez der neuentstandenen Burgen und Städte.

Genau tausend Jahre vor der Machtübernahme durch Adolf Hitler, im Jahre 933, wurden die Ungarn von König Heinrich an der Unſtrut im grünen Herzen des Reiches vernichtend geschlagen. Die genialen Be festigungsanlagen und Wehrmaßnahmen des Königs hatten die Angriffskraft der Ungarn gebrochen und Deutschland befreit. Tausendundfünf Jahre später, am 28. Mai 1938 , faßt Adolf Hitler einen Entschluß von gleicher welt geschichtlicher Größe .

186

Der Westwall

Der Führer befiehlt, an der deutschen Weſtgrenze, bei Basel beginnend, den Rhein hinab über Saar brücken und Aachen laufend, nordwärts bis faſt zur Nordsee gehend, ein System von Betonfeſtungen und Sperrforts zu errichten. Der geniale Straßenbaumeister Todt erhält den Auftrag zur

Ausführung

des

gewaltigen

Planes

binnen kürzester Frist. Hermann Göring wirft das Steuer des Vierjahres planes vom 28. auf den 29. Mai mit ſeiner ganzen gewaltigen Bullenenergie herum. Nach vierundzwanzig Stunden fahren zehntausend deutsche Arbeiter, die bisher dem friedlichen wirtschaft lichen Aufbau des Reiches ihre Arbeit widmeten, in Sonderzügen an die Weſtgrenze. Nach wenigen Tagen sind es schon hunderttausend Arbeiter, nach einigen Wochen eine halbe Million ! Pionierbataillone, hundert tausend Mann Arbeitsdienst, Truppen, Techniker, In genieure, ein Stab von Fachleuten stoßen zu ihnen. Es gibt plöglich in Deutschland kein Eiſen mehr für irgend einen privaten oder öffentlichen Bau. Tausende von Tonnen Stahl und Eisen rollen an tausend Punkte der

187 -

Der West wall

Rheingrenze. Es gibt keinen Zement, keinen Kies , keinen Beton, keinen Sand . Alle Sandgruben, alleKiesbrüche, alle Zementfabriken arbeiten für die Todtfront. Hun derttausend Tonnen Kies und Zement rollen täglich an den Rhein. Hunderttausend Tonnen, das sind hundert Millionen Kilogramm täglich. Eine Milliarde in zehn Tagen. Arbeitszeit und Arbeitsleistung müſſen aufs äußerste gesteigert werden. Arbeiter, Arbeitsdienstmänner und Soldaten tun willig und verbiſſen, freudig und ent schlossen ihre Pflicht bis zum Lehten. Jeder begreift, was hier gespielt wird . Diese Todtfront wird nicht für den Angriff aufFrankreich,Belgien oder Holland gebaut. An dieser Todtfront ſollen ſich die den Schädel ein rennen, die nach Deutſchland hinein wollen ! Den Arbeitern und den Materialmengen folgen die Barackenlager auf dem Fuße, die Feldküchen, die riesſi gen Nahrungsmittelmengen, die dieſes feſtungbauende Arbeiterheer braucht, die Zeitungen, die Rundfunk apparate, die Lautsprecherwagen mit Tanz- und Schall plattenmuſik, die Bibliotheken für die knappen Freizeit ſtunden, die Wandertheater von „Kraft durch Freude“, die reisenden Schauspieltruppen, die Filmwagen der Reichspropagandaleitung.

Zum 1. Oktober des Jahres 1938 hat Adolf Hitler die Fertigstellung der Festungsfront befohlen. Unzäh

188

Der Westwa II

lige Forts, Unterſtände, Kasernen , unterirdische Muni tionslager, Depots , siebzehntausend Betonbunker. Auf einer fast fünfzig Kilometer tiefen, fünfhundert Kilo meter langen Front ! Fünfhunderttausend Mann arbei ten an der Front Tag für Tag und viele Nächte im Schweiße ihres Angesichts . Fünfhunderttausend auf fünfhundert Kilometer : auf jeden Meter Grenze ein Mann! Andere Hunderttausende sind in den Fabriken des ganzen Reiches für sie tätig. So entsteht die gewaltigste und modernste Festungs anlage der Welt, an deren eiserner Abwehrkraft, in deren mörderischem Feuer jeder Angriff blutig zuſam menbrechen muß. Wenn England und Frankreich nicht zu der ſeit fünf Jahren vom Führer angebotenen europäiſchen Zuſam menarbeit bereit sind , dann wird sich Deutschland den Rücken im Westen auch ohne und gegen diese Mächte zu decken wissen ! Mit verbissener Freude empfängt der Führer jeden Tag die Nachrichten vom Fortschritt der Arbeit. An der Todtfront panzert sich der deutsche Riese den Rücken. Bald wird das Reich zur Freiheitstat bereit sein, und niemand wird dem deutschen Siegfried den Speer hinter rücks zwischen die Schulterblätter jagen können ! Am gleichen 28. Mai gab der Führer an Göring den Befehl zur äußersten Verstärkung der deutschen

189

Der West wall

Wehrkraft und zur Vorbereitung einer militärischen Aktion gegen die tschechischen Unterdrücker mit dem Ter min des 2. Oktobers 1938 ! Mehr Flugzeuge, mehr Panzerwagen, mehr Geschüße, mehr Munition, das war nun die Parole. Wenn die Kriegsheher in London, Paris und Moskau, in Prag und Neuhork die Ober hand behalten und einen Weltkrieg gegen Deutschland vom Zaune brechen wollen, dann sollen alle waffen fähigen deutschen Männer ihnen entgegentreten. Dann soll der deutsche Soldat aber auch die besten Waffen der Welt besigen . Unsere Todtfront im Westen wird stärker als jede andere auf der Welt bestehende Befestigungslinie sein. Unsere Flugzeuge werden rascher, tragfähiger, schwerer armiert, zahlreicher als irgendeine andere Luftflotte sein. Die raschen deutschen Panzerwagen überholen jeden Feind. Die schweren Panzerbrigaden walzen und hämmern auch den schwersten Widerſtand erbarmungs los nieder. Unsere Infanterie- und Artilleriewaffen ſind denen jeder europäischen und außereuropäischen Armee überlegen. Das deutsche Achtzigmillionenvolk , restlos für die Wehrkraft erfaßt, kann mehr Soldaten ins Feld stellen als das Reich während des Weltkrieges !

Damals haben dünne Verbände ohne Panzerwagen und ohne eine überlegene Luftwaffe in den Kreide gruben der Champagne und den sumpfigen Trichter 190

1

Der Westwa 11

löchern Flanderns vier Jahre lang dem Ansturm der ganzen Welt standgehalten, während die deutsche Armee im Osten unter der Führung Hindenburgs und Luden dorffs Rußland niederwarf und den Balkan eroberte. Jetzt wird die größte und bestausgerüstete Armee, die Deutschland je besessen hat, geschüßt durch den stärk ſten Wall von Beton und Eisen, die Heimat verteidigen. Mit stolzer Gewißheit sieht der Führer bei seinen häufi gen Besuchen an der Todtfront das Werk wachsen und im Geiſt den Kriegswillen der Feinde daran zerbrechen . Ähnlich gigantiſche Anstrengungen werden auf ſämt lichen lebenswichtigen Gebieten der deutschen Volks wirtschaft gemacht. Als wir 1914 , von einer Welt von Feinden unter Englands Führung eingekreiſt, zu einem faſt viereinhalbjährigen Verteidigungskrieg gezwungen wurden, da sperrte uns England mit ſeiner übermäch tigen Flotte die Seezufuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Die Blockade zwang das Reich wirtſchaftlich und techniſch auf die Knie, ohne daß es soldatiſch geſchla gen worden wäre. Die politische Staatsführung unter Kaiser Wilhelm II . hatte weder die Einkreiſung durch England und die Möglichkeit eines Weltkrieges voraus gesehen, noch irgendwelche wirtschaftlichen Sicherungs maßnahmen dagegen getroffen.

Nun wollen wir uns auch hier panzern ! So denkt und handelt der Führer. 191

Der West wall

Zu essen muß Deutſchland haben und wenn ein Krieg dreißig Jahre dauert! Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan und mit ihm Darré als Reichsernährungsminister be ginnen eine gewaltige Vorsorge für Kriſen- und Kriegs zeiten. Fett, Fleisch, Kartoffeln, Zucker, Fischkonserven werden gespeichert. Der Bauer darf kein Brotgetreide mehr an das Vieh verfüttern . Das Getreide kommt in die Speicher der Nation. Das Brot wird ſtärker aus gemahlen, um die Vorräte erhöhen zu können. Da das Jahr 1938 eine ungewöhnlich reiche Ernte bringt, so werden Arbeiter aus denFabriken als freiwilligeErnte helfer, Männer und Maiden vom Arbeitsdienst, die Wehrmacht und selbst die Hitler-Jugend zur Hilfe bei der Erntearbeit eingesetzt. So werden dieKornkammern des Reiches im Sommer 1938 bis unters Dach gefüllt .

Um den Überfluß der Ernte unterzubringen, müſſen Lagerräume, ſelbſt Turnſäle und Tanzsäle beschlag nahmt werden . „ Dieses Jahr müßt ihr im Freien turnen und tan zen! Das macht auch im Freien Spaß ! " erklärt Her mann Göring gut gelaunt. So speichern wir das deutſche Gold, einen Schaß , der uns besser sichert als die Goldmillionen, die ſinnlos in derBank vonFrankreich schlummern, während die fran zösischen Proletarier stempeln gehen.

192

Der West wall

Zugleich sind in den seit 1933 vom Führer be fohlenen beiden Vierjahresplänen zahllose Fabriken neu entstanden, in denen Eiſen und unedle Metalle, chemische Waren so gut wie Zellwolle für Kleidungs ſtoffe hergestellt werden . Benzin wird künſtlich durch die Verflüssigung der Steinkohle gewonnen , Gummi für die Kraftfahrzeuge aus Kohle und Kalk hergestellt .

So wird das Reich wirtschaftlich gepanzert. Das Drohen mit der Blockade kann uns nicht mehr lähmen. Wir haben die Drohung vernommen , die lebende Generation hat die furchtbare Kriegsblockade fünf Jahre lang am eigenen Leibe erfahren, und Adolf Hitler hat die Folgerungen daraus gezogen.

Nun iſt

Deutschland durch eine Blockade nicht mehr auf die Knie zu zwingen.

13 Hadamovsky , Weltgeschichte

193

Die englische Kriegspartei

Während wir diese gewaltigen Anstrengungen im Laufe des Jahres 1938 aufs äußerste erhöhen, versucht die englische Kriegspartei andere Mittel und Wege zu finden, um uns in den Arm zu fallen.

Der Plan,

Deutschland am 21. Mai durch die tschechische Mobil machung zu provozieren, ist an der Kaltblütigkeit des Führers gescheitert. Die Kriegsheber versuchen , die Blamage wieder wettzumachen. Herr Churchill alarmiert die englische Öffentlichkeit mit einer frechen Rede, in der er die Tatsachen auf den Kopf stellt, Recht in Unrecht verdreht und das verlorene Terrain für die Kriegspartei wieder zurückzugewinnen versucht. Churchill behauptet, das deutsche Volk treibe unter der Führung Adolf Hitlers nicht mehr und nicht weniger als imperialistische Eroberungspolitik. Hitler gehe seit 1933 mit Erfolg auf Eroberungen in Europa aus . Erst habe er das Saargebiet erobert ! Dann habe er ſeine Truppen ins Rheinland marschieren lassen ! Dann habe er Österreich erobert ! Nun habe Hitler die Absicht, auch die Tschechei zu erobern ! Das aber müßte unter allen Umständen von England verhindert werden ! 194

Die englische Kriegspartei

Herr Churchill ist kein solcher Dummkopf, daß er die Unrichtigkeit seiner Behauptungen nicht selber kennt. Er weiß ganz genau, daß Hitler das Saargebiet nicht ,,erobert" hat. Er weiß sehr wohl, daß England und Frankreich dem deutschen Volke 1919 zudiktiert haben, das Saargebiet durch eine Völkerbundsregierung regie ren zu laſſen. Er weiß ganz genau, daß Deutſchland zwangsweise die Bedingung auferlegt wurde, nach fünf zehn Jahren, das heißt spätestens im Jahre 1935 , eine Volksabstimmung im Saargebiet als verbindlich für das weitere Schicksal des Saargebietes anzuerkennen. Hinter dieser Bedingung verbarg sich der Wunsch Eng lands und Frankreichs , das Saargebiet auf dem Wege über eine angeblich neutrale Völkerbundsregierung wirtschaftlich und politisch so eng an Frankreich zu bin den, daß das Saargebiet sich 1935 in freier Volks abstimmung zum Anschluß an Frankreich entscheiden sollte. Nun hat das Saargebiet aber troß aller Anſtren gungen von Engländern, Franzosen und Juden am 13. Januar 1935 unter der Aufsicht ſeiner Völkerbunds regierung mit neunzig Prozent aller Stimmen für die Wiedervereinigung mit Deutschland geſtimmt. Dieſe Vereinigung ist dann ordnungs- und rechtmäßig durch geführt worden. Herr Churchill aber will denen, die nicht alle werden, erzählen, Hitler habe das Saargebiet „erobert“ .

13*

195

Die englische Kriegspartei

Um dieſe ſelbſt für die engliſche Öffentlichkeit un gewöhnlich dreiste Lüge zu rechtfertigen, sagt Herr Churchill, daß Hitler sich bei seinen imperialiſtiſchen „ Eroberungen “ einer neuen und gefährlichen Methode bediene. Er entfessele in den Gebieten, deren „ Eroberung“ beabsichtigt sei, Volkstumsbewegungen . Diese Bewegun gen riſſen dann die Macht an ſich und führten ihr Gebiet dem Reiche zu . Eine abermalige dreiste Lüge und Entstellung ! Das Saargebiet ist nicht durch eine Volkstumsbewe gung „ erobert“ worden. Das Saargebiet war 1919 ſo deutsch wie 1935 . Das Saargebiet wurde durch offenen Rechtsbruch aus

dem Körper

des

Reiches

herausgerissen.

Die

Wahl von 1935 und die Rückgliederung des Saar gebietes war nur die Wiedergutmachung des Unrechts von 1919. Die zweite Behauptung des Herrn Churchill iſt ebenſo lügenhaft: Hitler habe mit der von ihm an der Saar organisierten Volkstumsbewegung die Macht an sich gerissen ! Die Macht an der Saar lag vom ersten bis zum lezten Tag ausschließlich in der Hand der von Herrn Churchill und seinen Kumpanen dem deutschen Saar volk 196

aufgezwungenen

Völkerbundsregierung !

Dieſe

Die englische Kriegspartei

Völkerbundsregierung aber stüßte ihre Macht auf die Bajonette französischer Soldaten und Neger! Aber Herr Churchill kümmert ſich nicht um dieſe ihm wohlbekannten historischen Tatsachen. Er seht der auf horchenden englischen Öffentlichkeit vielmehr weiter auseinander, daß Hitler sodann das Rheinland am 7. März 1936 „ erobert “ habe. Eine offenbare Fälschung, da der Führer mit dem Einmarsch der deutschen Truppen ins Rheinland , das selbst nach 1919 jederzeit völkerrechtlich zum Reiche gehörte, lediglich die deutsche Gleichberechtigung und das Recht, dort Truppen und Grenzbefestigungen zu unterhalten, wiederherstellte . Sodann tischt Herr Churchill den Engländern, die ihm zuhören, statt ihn auszupfeifen, das Märchen von der , Eroberung Öſterreichs “ auf. Er verschweigt dabei, daß es sich um eine deutsche Wiedergutmachung größten Stils handelt, denn die Volksvertretungen in Deutsch ganz un land und Österreich haben 1919 bereits ――――― beeinflußt von den bösen Nazis die Vereinigung beider Staaten gesetzlich beschlossen ! Die Entente aber hat diese Vereinigung unter Rechtsbruch mit Waffen gewalt verhindert. Herr Churchill aber fährt unbeirrt mit seinem Erobe rungsmärchen fort. Hitler, so erklärt er in seiner Rede unter dem Beifall der englischen Juden und des gekauf

197

Die englische Kriegspartei

ten kommunistischen Gesindels , habe nun im Mai 1938 bereits mit der Sudetendeutschen Partei und Konrad Henlein auch in der Tschechei eine Volkstumsbewegung organiſiert, um auch diesen Staat zu „ erobern “. Unter dem Gebrüll seiner Anhänger erklärt er, dies müßte unter allen Umständen verhindert werden . Die dreiſten Lügen Churchills werden sofort von der völlig verjudeten Presse und demRundfunk der „ großen Demokratien" einheitlich weitergetragen. Man unter schlägt dabei einfach die völkerrechtlichen Grundlagen, die Deutschland zur Rückgliederung des Saargebietes, zum Einmarsch in das Rheinland , zur Vereinigung mit Deutschösterreich und zum Anspruch auf die Sudeten deutschen berechtigen. Die erste der vierzehn Wilsonschen Friedensbedin gungen war „ein Frieden ohne Annexionen und ohne Entschädigungen“ und das „ Selbstbestimmungsrecht der Völker" gewesen . Diese von Deutschlands Feinden selbst aufgestellten Friedensbedingungen wurden gebrochen, nachdem das deutsche Volk die Waffen niedergelegt hatte . Elsaß -Loth ringen, das Saargebiet, Eupen-Malmedy, der Norden von Schleswig-Holstein, Westpreußen, Danzig,

das

Memelgebiet, Oberschlesien , das Sudetenland , Deutsch österreich und sämtliche Kolonien wurden dem Reich entriſſen oder an der Vereinigung mit Deutſchland gc 198

Die englische Kriegspartei

hindert, ohne daß ihre Bewohner nach ihrem Willen gefragt wurden, ja überall gegen den ausdrücklich ver kündeten Willen ihrer deutschen Einwohner. Aber Churchill redet von „ Eroberungen ". Der Eindruck des Lügenfeldzuges der „ Weltpreſſe “ auf die Regierung Chamberlain ist unverkennbar. Churchill hat behauptet, man müßte der von Hitler organisierten Volksbewegung im Sudetenland eine an dere entgegenstellen . Daraufhin unternimmt die eng lische Regierung folgendes : Sie wird in Prag vorstellig und legt der Tschecho Slowakei nahe, möglichst rasch ihr Minderheitenproblem zu lösen. Denn in dieſem merkwürdigen ,, Staat " leben zweihunderttausend Polen, vierhunderttausend Ruthe nen, eine Million Ungarn, eine Million sechshundert tausend Slowaken und vier Millionen Deutsche gegen ihren Willen. Außerdem entsendet die engliſche Regierung einen Vertrauensmann nach Prag! Dieser Vertrauensmann kommt angeblich ganz in offiziell und ganz privat dorthin, ohne irgendeinen Auf trag der englischen Regierung. Nun steht es jedermann frei, an die Nächstenliebe der englischen Regierung zu glauben. Aber die Entsendung des englischen Beobach ters Lord Runciman erfolgt in so unmittelbarem An 199

Die englische Kriegspartei

schluß an die Churchillrede, daß die Zuſammenhänge und damit die Miſſion des Lords recht deutlich werden.

Vielleicht kann so ein ganz privater Mittelsmann einmal Umschau halten, ob es nicht doch noch andere Deutsche in der Tschechei gibt als nur die um Konrad Henlein. Volkstumsbewegung hin und Volkstumsbewe gung her. Herrn Churchills Gedanken ſind vielleicht gar nicht schlecht ! Waren die Deutschen nicht immer dafür berühmt, daß sie recht viele Parteien liebten und sich dann untereinander recht gründlich haßten? Also man wird ja sehen ... So fährt Lord Runciman nach Prag und tut sich eifrig im Lande um. Spricht mit Tschechen, mit Slowa ken, mit Deutſchen .

Sieht, daß die Tschechen das

Gebiet der Sudetendeutschen zwangsweise in eine große Festung verwandeln, eine Festung mit Sperrforts und Tankfallen, mit Schüßengräben und Straßensperren

gegen Deutschland. Lord Runciman sieht aber auch, daß die vier Millionen Deutschen der Tschechei nicht mehr mit schönen Redensarten unter die Herrschaft der fulturell viel niedriger stehenden Tschechen gebeugt wer den können. Die Deutschen wollen ihr Selbstbestim mungsrecht ausüben und heim ins Reich ! Mindestens muß man dies den im Sudetenland in geschlossener Siedlung zusammenwohnenden dreieinhalb Millionen sofort zubilligen ! 200

Die englische Kriegspartei

Lord Runciman fliegt nach London zurück und macht einen Bericht. Der Bericht ist ernüchternd . Es gibt keine von Hitler künstlich organisierte Volks tumsbewegung in der Tschecho-Slowakei, neben der man vielleicht eine Konkurrenz aufziehen könnte . Es gibt die Slowaken in der Tschechei , die wollen ihre Autonomie, ihr völkisches Selbstbestimmungsrecht, das ihnen am 30. Mai 1918 in dem überall öffentlich ausgestellten Pittsburger Vertrag mit der Unterschrift der Tschechen Maſaryk und Benesch versprochen wor den ist. Es

gibt

Ruthenen

und Karpatho-Ukrainer,

die

wollen über sich selbst bestimmen . Es gibt Polen, die wollen zurück zu Polen . Polen selbst ist bereit, seine Forderungen gegen Prag mit Deutschland gemeinsam geltend zu machen! Es gibt Ungarn, die wollen zu Ungarn zurück. Admiral Horthy besucht Deutschland im Sommer, und das Königreich Ungarn iſt entschlossen, von Prag die Freigabe der ungarischenBevölkerungsteile zurWieder vereinigung mit dem Königreich zu verlangen . Es gibt Deutsche, und sie alle wollen zurück ins Reich! Es gibt nur eines nicht : einen tschecho -slowakischen Nationalstaat. Statt deſſen aber ein mit Betonfeſtun

201

Die englische Kriegspartei

gen und blutiger Gewalt künstlich zusammengehaltenes Zuchthaus, dessen oberster Aufseher, Herr Benesch, in Prag ſigt und auf Moskaus militärische Unterſtüßung hofft ! Dazu auf die von Frankreich und England . . . Nicht Hitler geht auf die Eroberung der Tschechei aus, sondern die Völker dieses Zuchthauses wollen end lich ihr Recht haben! Man kann ihnen dieses Recht geben. Dann kann alles in Frieden abgehen. Oder man muß es ihnen verweigern. Dann kann man das nur durch blutige Gewaltanwendung. Dann muß England Krieg führen ... Dann muß England Milliarden opfern und das Blut seiner Männer, um ſieben Millionen Deutsche, Slowaken, Ruthenen, Un garn und Polen in einem Staat unter tschechischer Herr schaft noch länger zuſammenzuzwingen. Vorausgesetzt, daß Englands Macht ausreicht, um in einem solchen ― Kriege zu ſiegen. Mittlerweile haben die Franzosen und Engländer aber gemerkt, daß im deutschen Westen dicke Luft iſt. Wenn eine halbe Million Menschen dort plößlich arbei ten, dann bleibt das nicht verborgen . Wenn täglich hundert Sonderzüge mit Kies und Zement an den Rhein rollen, dann merkt man das in Deutſchland und in der Welt. Wenn täglich zwanzigtausend Lastkraft 202

Die englische Kriegspartei

wagen mit Eisenträgern und Armierungen an die Westfront fahren, dann fällt das langsam auf. Wenn Schüßengräben, Tankhinderniſſe und siebzehntausend Betonfeſtungen gebaut werden , dann kann man das nicht sehr lange geheimhalten, auch wenn das ganze Unternehmen den harmlosen Namen „ Bauvorhaben West" führt. Nach acht Wochen wissen alle in England und Frank reich, daß der Führer im Westen eine waffenſtarrende Festung geschaffen hat. Wenn ein

Durchbruch durch

diesen

gewaltigen

Festungsgürtel, der fünfzig Kilometer tief dreifach und vierfach gestaffelt ist, überhaupt versucht werden soll, dann muß schon der Versuch mit mehr Millionen Men schenleben als überhaupt Deutsche und Tschechen im Prager Zwangsstaat zuſammen sind , bezahlt werden . Das überlegt sich der französische Generalstab unter dem Vorsiz des Herrn Gamelin lange und gründlich ... Das überlegt sich der englische Generalstab ... Sollen sich England und Frankreich an der Todtfront den Tod holen?

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Der Zug des Leidens

So vergehen die Sommermonate. Ende Juli versammelt sich das deutsche Volk im Often, in Breslau, zum Zweiten Deutschen Turn- und Sportfest seit der Machtübernahme des Führers . Nach fünfjährigerPauſe kommen wieder aus der ganzen Welt die Scharen deutscher Turner und Turnerinnen ins Reich. Im vorigenJahr war in Breslau das große Sänger fest. Auch die Österreicher ſangen vor Adolf Hitler. Beim Vorbeimarsch zerbrachen sie die Schranken, zer rissen die Absperrketten und drängten sich in einer ein zigen stürmischen Kundgebung zum Führer . Er drückte Hunderten und aber Hunderten die Hand, blickte Tau senden in die Augen und ließ sie mit dem heiligen Feuer des Glaubens an die Befreiung heim nach Österreich ziehen, wo sie in die Dollfußkerker wanderten . Ein halbes Jahr später wurde Österreich frei . Nun, zum Deutschen Turn- und Sportfest des Som mers 1938 , stehlen sich die sudetendeutschen Turner und Turnerinnen, Männer und Frauen, Jungen und Mä del unter tausend Vorwänden heimlich über die Grenze. Ende Juli marſchiert vor dem Führer in Breslau die graue Phalanx der Turner aus dem Sudetengau. 204

Der Zug des Leidens

Wie Stahlblöcke marschieren die Marschtrupps vor bei, dunkel, fast feldgrau uniformiert . Nur ihre Führer grüßen . Die Marschierer aber jubeln nicht. Sie rufen nicht.

Sie heben nicht den Arm. Sie starren den Führer an. Weit aufgerissen sind ihre Augen.

Fest zusammengepreßt der Mund . Hart sind die Muskeln über den braunen Wangen gespannt. Sie marschieren im Gleichſchritt. In haargenau aus gerichteten Reihen. Mit einer finsteren und haßerfüll ten Entschlossenheit, daß die Zuschauer still werden. Sudetendeutsche, unterdrückte, geknechtete, verfolgte Männer ! Die frohe Marschmuſik ſteht im schreienden Gegen sah zu dem schweren Schritt und dem fanatischen Blick dieser grauen Bataillone. Einer auf der Tribüne des Führers sagt mit leiſer Stimme: „Wißt ihr das ?

Die sudetendeutschen Regimenter

haben im Kriege um die Hälfte mehr, sogar um das Doppelte mehr Tote gehabt als die reichsdeutschen! " Blutiges Schicksal der Grenze,

die todentſchloſſene

Soldaten erzieht ! 205

Der Zug des Leidens

Lange, lange dauert der Vorbeimarsch des grauen Heeres, der Männer mit den ſtarren Augen. Dann kommen endlose Scharen von Frauen und Mädchen. Sie gehen in Zwölferreihen, dicht aufgeschlossen, wohlausgerichtet. Sie heben den rechten Arm gleich mäßig zum Gruß vor dem Führer, wie SA. - Standar ten, die in Nürnberg marschieren. Sie tragen die bun ten, farbenfrohen Gewänder des Egerlandes, Nord böhmens , Mährens . Aber ihre Gesichter passen nicht zu dem freundlichen Schmuck der Kleider.

Vor den

Mund, vor die Augen haben ſie Tücher, die freie Hand gepreßt. Ihr Gesicht zuckt vom Weinen. Die Beine ver sagen ihnen fast den Dienst. So marschieren zu Tode geängstigte Frauen. Mütter der Nation. Auf einmal stockt der bunt kostümierte Zug des Leidens . Sie können nicht mehr. Sie stehen vor dem Führer . Die Marschordnung iſt verloren. Sie weinenfassungslos und ſehen ihn unterTränen an . Auf dem Gesicht des Führers zeichnet sich tödlicher Ernſt ab. Er drückt ihnen die Hand , reicht ihnen beide Hände. Vielen, endlich allen, die vorbei kommen. Da gehen sie nicht mehr weiter. Sie bleiben einfach vor dem Führer stehen. 206

Der Zug des Leidens

Im Schuß seiner festen Augen. Schußlose Frauen und Mädchen. Fremden Bestien ausgeliefert. Der Führer steht aufrecht. „Führer, hilf uns ", flehen sie ihn an, „hol uns heim ins Reich. " Wir sehen mit tiefer Erschütterung das Leid . Ein Grauen beschleicht uns : Wie viele von ihnen werden wir gesund und unversehrten Leibes wiederfinden, wenn einmal die Stunde der endgültigen, brutalen Entschei dung schlägt ? Wenn Krieg kommt ? Der Führer steht unbeweglich wie ein Fels . Vielleicht denkt er: Wartet! Wartet ! Bald werden meine Scheunen ge füllt und meine Panzerfeſtungen im Westen fertig sein. Aber er kann es nicht aussprechen. Er darf es nicht sagen. Noch kennt die Welt ſeine Pläne nicht. Er kann den Weinenden kein Wort des Troſtes ſpenden. Er sieht ihnen nur feſt und klar in die Augen. Da fühlen die unglücklichen Frauen : Der läßt uns nicht im Stich!

Diesen Glauben nehmen sie mit zurück ins Sudeten land.

207

Freiwild im Sudetengau

Zwanzig Jahre Mord

März 1919 . Der amerikanische Präsident Wilson hat das Selbſt beſtimmungsrecht der

Völker verkündet ! Auf seine

Worte bauend, hat das deutsche Volk die Waffen nieder gelegt. Seinen Worten vertrauend , verſammeln sich am 4. März 1919 die Sudetendeutschen in allen Orten ihres deutschen Landes , um gegen die geplante gewalt same Einverleibung von vier Millionen Sudeten deutschen in die Tschecho-Slowakei zu proteſtieren . Da werden die deutschen Demonstranten von tschechi scher Soldateska, die soeben aus dem bolschewiſtiſchen Rußland zurückgekommen ist, überfallen. Unter den unbewaffneten Männern, unter Frauen und Kindern richten die Tschechen ein furchtbares Blutbad an. In Auſſig, Arnau und Sternberg wälzen sich die Verleßten in ihrem Blut. In Eger und Kaden liegen die Toten auf dem Straßenpflaster.

Siebenhundert Männer, Frauen und Kinder ver wundet ! Vierundfünfzig erschossen! Seitdem

beginnt

ein haßerfüllter

Ausrottungs

kampf der tschechischen Gewalthaber gegen die Wehr

14 Hadamovsth, Weltgeschichte

209

Zwanzig Jahre Mord

losen. Jahr für Jahr wächst die Mordliste. Jahr für Jahr muß das deutsche Mutterland tatenlos und machtlos zusehen, wie hussitische Horden deutsche Men schen als Freiwild behandeln. Im Sudetenland wird von Jung, Krebs und ihren Kampfgefährten die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei gegründet und in einem von Jahr zu Jahr härter werdenden Kampfe der sudetendeutschen National sozialisten zu Macht und Bedeutung im politischen Leben emporgeführt . Schließlich werden die national ſozialiſtiſchen Führer Oktober 1933 wegen Hochver rats verhaftet und die Partei mit den unter ihrer Führung stehenden Gewerkschaften aufgelöst . Die Ab geordnetenmandate in den Prager Parlamenten wer den der Partei „ aberkannt “ und prozentual an Sozial demokraten und Klerikale verteilt! Da springt ein unbekannter Turnlehrer aus Asch, Konrad Henlein, in die entſtehende Lücke und gibt den nach Auflösung der mächtigſten Partei plöglich führer los gewordenen Sudetendeutſchen die neue volksdeutsche Führung. Konrad Henlein begründet am 12. November 1933 in Reichenberg die Sudetendeutsche Partei.

210

Zwanzig Jahre Mord

In einem großartigen Siegeslauf sammelt sie inner halb weniger Jahre alle Deutschen unter ihre Fahne. Das Jahr 1938 bringt nach dem deutschen Ein marſch in Öſterreich eine neue Verſchärfung des Mord terrors . Von tschechischer Regierungsseite wird der Ver such gemacht, die Sudetendeutschen durch blutige Gewalt anwendung einzuschüchtern und durch brutale mili tärische Machtmittel zu unterdrücken. Dabei stüßt sich die tschechische Regierung auf ihr maßlos aufgehettes Militär und auf die Rote Wehr, eine bolſchewiſtiſche Horde nach dem Muſter des 1933 in Deutſchland auf gelösten sogenannten „ Roten Frontkämpferbundes “ . Die tschechischen Bauern erlaſſen einen Aufruf, in dem sie die tschechischen Linksparteien auf die Folgen ihres blutigen Vorgehens aufmerksam machen : Seit der Schlacht am Weißen Berge habe es in der Geschichte des tschechischen Volkes keinen so ernſten Augenblick gegeben wie eben jezt. Das Flugblatt schließt mit dem Worten : Tretet weg, ihr mit dem roten Funken, vom Pulver faß ! Provoziert nicht ! Wir wollen Frieden in Europa ! Die tschechische Regierung in Prag aber deckt ihre bolschewistischen Mordkommandos . Sie zieht aus der Erſchießung von Deutschen die bekannte jüdische Folge= rung : Nicht der Mörder, der Ermordete hat schuld !

14*

211

Zwanzig Jahre Mord

Riesige Maſſen von tschechischen Soldaten und Roter Wehr werden in die sudetendeutschen Gebiete und an die reichsdeutsche Grenze entsandt, um hier zu provo zieren und womöglich einen allgemeinen Weltbrand zu entfesseln.

Die Prager Machthaber verhängen das

Kriegsrecht über die sudetendeutschen Gebiete. Ortſchaft nach Ortschaft wird von allen Greueln des Dreißig jährigen Krieges heimgesucht.

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Entfesselter Haß

In der Nordostecke Böhmens liegen die kleinen Orte Krakau und Oberkraßau , tief eingebettet in das enge Tal des Görsbaches . Die steilen, grünbewachsenen Hänge ziehen sich bis an die letzten Häuser der langgestreckten Ortschaftheran und engen an einigen Stellen die schmale Straße ein. Die Bergbauern des deutschen Dorfes kön nen an den Steilhängen nur mühselig den Acker beſtellen oder für eine brauchbare Viehweide sorgen. Kleinen Wiesenstreifen folgt auf den Höhen alsbald der Wald, der das Tal nach mehreren Seiten umschließt. Freund liche, bunt gestrichene Holzhäuser stehen an der Straße. Die Tragepfeiler der Fachwerkbauten sind nach außen verlegt. Zwischen den senkrechten Säulen und den waage rechten Tragebalken spannt sich gewöhnlich ein kunſtvoll geschnitter hölzerner Rundbogen . So haben die Wohn häuser der Gebirgler ihren ganz eigenen, bodenstän digen und anmutigen Stil . Die Bodenfläche ist zu gering, um von der Bauern arbeit und den Früchten der Berghänge zu leben. Die Menschen sind darauf angewiesen, ihren Brot erwerb auf andere Weise zu finden . Krahau hat Tuch und Schuhfabriken . Der Görsbach wird bei Oberkrahau

213

Entfesselter Haß

in einer kleinen Talsperre durch eine Mauer von etwa hundert Meter Breite zu einem See aufgestaut. Die gestaute Kraft des Waſſers treibt das Elektrizitätswerk für den Betrieb der Industrie. Eines Tages kommt Bata, der tschechische Groß kapitalist und Schuhkönig, und kauft die Schuhfabrik im Ort auf. Nach einiger Zeit seht er die Produktion der Fabrik herab. Dann legt er Maschinen still ; dann legt er alle Maschinen still . Die Belegschaft, ein paar hundert Deutsche, sind auf einen Schlag arbeitslos. Aber sie hoffen noch, daß dieFabrik irgendwann einmal wieder in Betrieb kommt. Da läßt Bata die Maschinen abmontieren und auf Laſtwagen verladen. Er will ja produzieren, viel produzieren. Nur nicht mit Deutschen. Nur nicht im sudetendeutschen Gebiet. Das Innere der Tschecho -Slowakei dünkt ihm sicherer für seine großkapitaliſtiſchen Pläne . So fahren die Lastwagen ab und bringen die Maschinen weit in das Innere, wo eine neue Batafabrik aufgebaut wird . Was

kümmert den tschechischen Schuhkönig das

Schicksal deutscher Arbeiter und Bauern im Grenzland ! Was kümmert sich der Tscheche in dieſem Zwangsstaat um die hungernden Sudetendeutschen, um die not leidenden Männer und Frauen von Oberkrahau, die nun zum endlosen Heer der sudetendeutschen Arbeits losen stoßen! Die Lastwagen sind fort, die Maschinen 214

Entfesselter Haß

sind fort, die tschechischen Fabrikherren sind fort, die Fabrik steht leer wie eine Ruine und verfällt. Das Flüßchen wird noch immer in der Talsperre aufgeſtaut, aber seine gestaute Kraft fließt nußlos durch den Um flutkanal davon. Als die tschechischen Fabrikherren fort ſind, gibt es noch einmal eine unerwartete Arbeit für die Sudeten deutschen: Zwangsarbeit, zu der man antreten muß, ob man jung und gesund oder alt und gebrechlich ist . Die Einwohner von Krakau, von Mühlscheibe und Ein ſiedel und anderen Dörfern der Gegend werden auf den Höhen hinter Oberkrahau zuſammengetrieben. Dort bauen die Tschechen eine dichte Linie schwerer Beton klöşe. Mitten durch die Felder und Gehöfte der deut schen Bauern ziehen sie Schüßengräben und Beton bunker. Die Felder werden zertrampelt und verwüstet, die Obstbäume gefällt, Wälder niedergeschlagen. Vierzehnjährige Jungen und dreiundſiebzigjährige Greise werden zu zwölf bis fünfzehn Stunden Arbeit auf den Bergen gezwungen. Verpflegung wird nicht geliefert, Entlohnung für die Arbeit nicht gewährt. Als die Jungen und Alten scharenweise zusammenbrechen, gibt man ihnen ein und eine halbe Tschechenkrone. Davon sollen sie sich die Verpflegung selbst beschaffen. Es klingt wie blutiger Hohn. Eine Krone und fünfzig sind etwa achtzehn Pfennige ! Achtzehn Pfennige am 215

Entfesselter Haß

Tag für zwölf bis fünfzehn Stunden schwere Arbeit ! Als die Kette der Betonfeſtungen auf den Bergen, der Schüßengräben, Unterstände, spanischen Reiter und Drahtverhaue fertiggestellt ist, werden die Deutschen in das Tal getrieben . Die neue Arbeit ist an der Talsperre zu leisten, wo der Görsbach zum See aufgeſtaut wird . Dort werden Stollen unter den Fuß der Sperrmauer getrieben. „ Sprengkammern “, sagen die Tschechen grinsend zu den deutschen Kleinbauern und Arbeitslosen, die in den Stollen hacken und schwitzen. „ Wenn die deutschen Schweine kommen “ , - ſie mei nen die deutschen Soldaten - „dann sprengen wir die Talsperre, und ihr erſauft samt euren Häusern in der Flut. Bedankt euch dann bei Hitler! " Die Deutschen weigern sich, die Arbeit weiter zu machen. Sie werden geknebelt, gefesselt, verfrachtet und verschwinden, wie Säcke oder totes Viehzeug in den Lastwagen der Roten Wehr zusammengeſchmiſſen, im Innern des Landes . Dann wird auch die Straße an der kleinen Stein brücke über den Görsbach mitten in Oberkrahau auf gerissen. Sprengkammern werden in die Brücke ge schlagen. Vielleicht kommt irgendein objektiver Deut scher, gewohnt an ordnungsmäßige militärische Maß nahmen, und sagt : 216

Entfesselter Haß

Nun, daran ist doch nichts Ungewöhnliches . Wenn der Feind ein Land bedroht, dann trifft man eben solche Maßnahmen. Hier bedroht aber kein Feind ein Land ! Kein Soldat des deutschen Volkes bedroht irgendeinen Soldaten oder irgendeinen Besiz des tschechischen Volkes !

Hier wollen Deutsche zu Deutschen ! Und nun zwingt man Deutsche, in ihren eigenen Dörfern und Städten die Straßen aufzureißen, Spreng fammern in die Brücken zu schlagen und die Talsperren zu unterminieren . Deutsche müssen Frondienst tun, damit jenseits einer Grenze, die die wahnsinnigen Verbrecher von Versailles gezogen haben, andere Deutsche an der Vereinigung mit den Menschen ihres Volkes verhindert werden . Das hat mit ordnungsmäßigen oder üblichen mili tärischen Methoden nichts zu tun ; mit sadistischer Wol lust erzählen die Tschechen diesen armen, gequälten Menschen den Zweck der Maßnahmen. Tschechisches Gesindel und Rote Wehr stecken nachts ein Flugblatt in die Rihen der Haustüren : Krabau fliegt in die Luft, sobald wir es wollen ! Das haben selbst dieſe Lumpen nicht bei Tage zu ver teilen gewagt. Aber das ist ihr Wille. Nicht um ver nünftige militäriſche Abwehr handelt es sich hier, son dern um die unmenschliche Wollust, Schrecken zu ver 217

Entfesselter Haß

breiten und Wehrlose durch Sprengladungen zu er säufen und zerreißen zu laſſen. Ein paar Tage später rückt ein verstärktes Kom mando tschechischer Gendarmerie und Roter Wehr in Krazau ein und geht auf Menschenjagd . Alle wehr fähigen Männer zwiſchen achtzehn und sechzig Jahren sollen in das tschechische Heer gepreßt werden . Man wird sie dann in die Karpaten schicken, in die Ukraine zu den Ruthenen, zu einem dieſer Duhend Völker, aus denen der angebliche Nationalstaat der Tschechen zu ſammengewürfelt ist. Dort sollen sie dann Ruthenen, Ukrainer, Karpathoruſſen mit Maſchinengewehren in Schachhalten, so wie die Deutschen hier in der Nordoſt ecke Böhmens durch Russen, Polen oder Magyaren mit Maschinengewehren in Schach gehalten werden sollen . Eine schmachvolle Rechnung ! Aber eine Fehlrech nung. Sie geht nicht auf!

Slowaken, Ruthenen, Ukrainer flüchten in ihre Ver stecke, verbergen sich in den unzugänglichen Wäldern und Felsschluchten der Karpaten. Polen flüchten über die nahe Grenze in ihr Mutterland und die Deutſchen im Sudetengau handeln nicht anders. Da nimmt die tschechische „Rekrutierung “ dann die Formen einer afrikanischen

Sklavenjagd

an.

Ganze

Dörfer

und

Städte werden überfallmäßig beſeßt, die Straßen mit Maschinengewehren und Panzerwagen gesperrt, die 218

Entfesselter Haß

Beamten, Gemeindevorsteher, Vertrauensmänner der Bürgerschaft zusammengetrieben und unter wilden Drohungen an die Wand gestellt, mißhandelt und ge foltert, um aus den Gequälten die Namen und Verstecke der Gesuchten herauszupreſſen. Dann seht die Kopfjagd ein. Auf jeden Kopf ein Preis , bar auf die Hand gezahlt ! Als das Gesindel die rasch im Werte sinkende tsche chiſche Krone nicht mehr annehmen will , gibt es einen Schnapspreis . Eine Flasche Schnaps für jeden ein gefangenen Deutschen. Der Preis ist nicht hoch. Man muß viel „ Beute" machen, wenn man es zu etwas bringen will . Denn man ist ja schließlich nicht allein. Auf den Wagen der RotenWehr hocken gröhlendeWeiber. In grauen Wind jacken, mit dem Sowjetstern, rote Halstücher umge schlungen, Gewehre umgehangen oder den Revolver im Brustausschnitt. Einige eine Handsichel von den Fel dern im Gürtel. Im Maul die Zigarette, in der Hand die Schnapsflasche, im Arm den roten Galan. Das sind die „ Jagdkommandos “ , die auf deutsches Freiwild jagen. Sie gieren um ihren Kopfpreis und liegen oft genug miteinander im Streit darüber. Aber wenn ſie in ihrem besoffenen Blutrauſch auf Jagd ſind, dann kommt es ihnen auf ein Menschenleben nicht an. Es handelt sich ja um Deutſche!

219

Entfesselter Haß

Und davon gibt es ja vier Millionen imSudetengau ! Ein Fangschuß, daß das Wild zuſammenbricht, oder eine „ Heldentat“ der bolſchewiſtiſchen Weiber, begangen an Wehrlosen, in die Enge Getriebenen oder schon Gefangenen, das bedeutet zwar den Verlust des Kopf preises, aber es steigert dafür den Schnapsrausch zur Ekstase. Das Untermenschentum der Tschechen ist unter Füh rung frisch importierter russischer Bolschewiſten und jüdischer Emigranten aus Deutschland zu hemmungs losem Blutterror entfesselt. Als der Horniſſenſchwarm über Krahau herein bricht, sind die Höhen umstellt, Flucht ist unmöglich, die Suchkommandos jagen fluchend und drohend , mit Ge wehren fuchtelnd , ſinnlos in die Luft schießend, von Haus zu Haus . Wer nicht vorher geflüchtet ist, der wird an diesem Tage gepackt und mit den anderen Leidens genossen zusammengetrieben. Darauf folgt ein wüſtes Schnapsgelage der Kommandeure und Lagerwachen .

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Die Folterkammer im Dampfkessel

In der allgemeinen Zügellosigkeit springen vier deutsche Jungen in einem verzweifelten Versuch, ihre Freiheit wieder zu gewinnen, ziellos in die Nacht hin aus und entkommen den Lagerwachen. Aber wohin? Jedermann, der hier frei herumläuft, ist Tscheche oder Bolschewiſt und jeder andere, den man antrifft und der es nicht ist, wird Gefangener der Tschechen. In den Häusern liegen die Frauen und Mädchen auf den Knien. Sie beten und schreien nach den Befreiern. Die Höhen um den Ort sind besezt, die Straßen, die Nachbarorte.

Unmöglich, zu entkommen. Noch unmöglicher, nach Hause zurückzukehren. Wenn sie die Jungen zu Hause fänden, sie zündeten den Unglücklichen das Haus über dem Kopf an und schlügen sie tot. So springen die vier, vorsichtig im Dunkeln sich ber gend, in Batas Schuhfabrik inmitten des Tales . In den weiten öden Fabriksälen können sie nicht bleiben. Da sind die Maschinen abgeholt, die Bata ins Innere des Landes verfrachtet hat. Man sieht auf den erſten Blick, ob ein Mensch im Raum ist. Durch die zer

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Die Folterkammer im Dampfkessel

brochenen Fenster wirft der Mond seinen blauen Schein gespenstig herein. Sie halten sich im Schlagschatten der Mauer. Suchen weiter und geraten an das Kesselhaus . Die mächtigen, zehn Meter hohen Dampfkessel sind nicht abmontiert worden. Sie stehen noch da, inmitten der Gebirge von Mauerwerk, und ſind längſt eiſenkalt geworden. Im Feuerraum, der Feuerbuchse der Keſſel, liegt die erloschene kalte Schlacke . Der Raum, ſonſt von den hellbrennenden Flammen erfüllt, iſt dunkel.

Die Tür der Feuerbuchse steht auf. Da herein ist es am einfachsten ! Aber sie wagen es nicht, sich dort hinzulegen. Nicht etwa wegen dem bißchen Aſche und Schlacken, das da noch drinliegt. Beileibe nicht. Aber ſie können auf einen Blick von außen gesehen werden, sobald man die Tür der Feuerbuchse öffnet auf der Suche nach ihnen. Und man wird sie suchen ! Frühestens = am nächsten Morgen, wenn ihr Verschwinden beim Ab transport der Gefangenen festgestellt wird . Wehe dann den Zurückgebliebenen . Wehe den un glücklichen schuldlosen Einwohnern ! Und wehe ihnen, wenn man sie wieder fängt ! Und selbst wenn sie sich tief in die Asche der Feuer buchse vergraben, so daß sie gerade noch Luft holen kön nen, wer garantiert ihnen, daß die Menschenjäger nicht in

jeden

dunklen,

hineinfeuern? 222

unzugänglichen

Winkel

einfach

Die Folterkammer im Dampfkessel

So beschließen die vier, ein beſſer gesichertes Versteck zu wählen. Im Dampfkeſſel liegt über der Feuerbuchse ein Bündel von Röhren. Zweifingerstarke Eisenrohre, mit Rohrschellen aneinandergebunden, liegen meter= breit in dichten Lagen nebeneinander und übereinander. Dort hinauf, wo es völlig unübersichtlich und unzu gänglich iſt, klettern sie durch den Feuerraum. Nun ſind ſie mitten im Dampfkessel, da, wo sonst die Flammen das Wasser in den Röhren zum Sieden bringen. Ein seltsames Nachtlager. Und eine verflucht un bequeme Stahlmatraße. Die Stahlröhren drücken sich ihnen in den Leib, nicht anders wie ein scharfes eisernes Gitter. Der Dampfkessel ist eine Folterkammer für ſie. Sie haben diese Folter freiwillig über sich verhängt, um der tschechischenPest und demHussitentod zu entgehen . Sie harren geduldig aus . Die Feuertür des Dampfkessels ist offengeblieben, weil sie die Eisentür von innen nicht zuziehen und schließen konnten.

Aus Nacht wird Tag. Sie sehen es an dem grauen Schein dort unter ihnen, der durch das Röhrengewirr bis zu ihnen herauf blinkt und ihre schauerliche Nacht ein wenig erhellt . Sie wissen es : jezt beginnt die Jagd nach ihnen. Jezt durchstöbern sie jeden Winkel, jezt treiben sie

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Die Folterkammer im Dampfkessel

Kinder und Greise, Frauen und Mütter zusammen, und keiner vermag doch zu sagen, wo die Geflüchteten ſtecken. Gott sei Dank vermag es keiner zu sagen. Alle können frei bekennen : Wir wissen es nicht. Die vier im Dampfkessel zucken zusammen, wenn Lärm auf dem Fabrikhof hörbar wird, Stimmengewirr, Kommandorufe und schallende Tritte auf Steinplatten . Sie wagen sich kaum zu bewegen. Ein unvorsichtiger Stoß mit dem Stiefelabsag an die Röhren, und es dröhnt im Dampfkessel wie im Reſonanzboden eines Orchestrions . So bleiben sie unbeweglich, so sehr es auch schmerzt, auf den Röhren, und aus dem Nachtlager wird ein Taglager. Das barmherzige Licht spendet ihnen einen matten Dämmerschein wie in einer tiefen Gruft. Als es in ihrem Grab, in der kalten eisigen Zugluft des Kessels , wieder ganz dunkel geworden ist, wagt sich einer langſam und vorsichtig auf Socken hinaus. Er kehrt sofort zurück . Draußen ist es noch taghell, nur die Sonne ist hinter den Bergen versunken , und ſie müſſen wenigstens noch zwei Stunden ausharren . Endlich er weist es sich in dieser Nacht als unmöglich, den Kessel zu verlassen. Die roten Horden sind noch im Ort und terroriſieren die Einwohnerſchaft. So beginnt die zweite Nacht im Kessel, die sie, von Schmerzen geplagt, eng aneinander gedrängt und dennoch frierend und kälte bebend verbringen .

224

Die Folterkammer im Dampfkessel

Und abermals wird es nach qualvollen Stunden ein flein wenig dämmerig unter ihnen. Das Tageslicht erhellt wieder den Raum der Feuerbuchse . Sie liegen nun dreißig Stunden hier. Draußen ist Tag. Nun müssen sie Stunden.

wieder

hierbleiben .

Wenigstens

zwölf

Wer ermißt, was das heißt : zwölf Stunden in Grabesnacht auf Stahlröhren gebettet, nachdem man schon dreißig Stunden so verbracht hat ! Irgendwo im Kesselhaus tropft ein Hahn, oder im Kessel ist ein Rohr undicht geworden. Nun tropft es langsam, gleichmäßig und grauenvoll. Es ist zum Wahnsinnigwerden . Wenn sie jezt einen ihrer bewaffneten Peiniger hier hätten, sie würden ihn mit bloßen Händen erwürgen . So erschöpft, so verdurſtet und verhungert, ſo zerquält sie auch sind, aber dafür würden ihre Kräfte sich ver vielfachen.

Ein Tropfen fällt. Sie zählen: ,,Einundzwanzig , zweiundzwanzig, drei "1 • undzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig Da fällt der neue Tropfen. Im Abstand von faſt genau fünf Sekunden. Zwei Tropfen fallen in fünf Sekunden ! Zwölf Tropfen in einer Minute. Siebenhundertundzwanzig Tropfen in einer Stunde .

15 Hadamovsky, Weltgeschichte

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Die Folterkammer im Dampfkessel

Siebentausendzweihundert Tropfen inzehn Stunden. Sie zählen und zählen. Sie geben es verzweifelt wie der auf.

Oh, wie grauenvoll lang ist dieser Tag in der Grabes nacht des Dampfkessels . Als es unten im Feuerraum wieder ganz dunkel geworden ist, da brechen sie leiſe und ſtöhnend auf. Sie können die kalten, steifen Knochen kaum rühren. Sie wissen genau, es ist noch viel zu früh. Es muß draußen noch taghell wie gestern sein . Sie kön nen noch nicht fort. Aber sie halten es hier oben keine Stunde länger aus , das ist ganz unmöglich. So schlei chen sie nach unten in den Feuerraum, wo jeder Vor übergehende sie auf den ersten Blick ſehen kann. Aber jezt ist ihnen alles gleich . Sie können nicht mehr anders . Sie sind fertig. Dort liegen sie nun und blicken nach draußen, wo noch Tag ist. Sie machen schwache Versuche, sich die Glieder beweglich und warm zu reiben. Ihr Körper ist schwielig, zerstriemt, blutunterlaufen und blaugedrückt, überall da, wo sie auf den Stahlröhren lagen. Endlich ist es dunkel genug, und einer kann Waſſer holen. Langsam wachen ihre Lebensgeister wieder auf. Schließlich besiegt die Willenskraft alle körperliche Schwäche und alle gefährliche Ungeduld . In tiefer Nacht verlassen sie das Kesselhaus und fliehen auf

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Die Folterkammer im Dampfkessel

verborgenen Wald- und Gebirgssteigen. Sie kommen wie durch ein Wunder ungefährdet und unverfolgt zur Grenze, vermeiden Dörfer, Ortschaften und Straßen und umgehen die bewaffneten tschechischen Posten. Sie umarmen sich, als sie auf deutschem Boden sind. Sie möchten jeden Deutschen umarmen, der ihnen ent gegenkommt. Sie kommen an das deutsche Zollhaus . Da liegt einer auf einer Krankenbahre, der sofort ins Spital geschafft werden muß . Ein Krüppel aus dem großen Kriege, verstümmelt, zu jeder körperlichen Arbeit und zum Kriegsdienst untauglich. Den haben die Lumpen der Roten Wehr drüben auspressen wollen und mit dem Tode bedroht, weil er das Versteck seiner Kameraden nicht verraten hat. Da ist der Krüppel am Abend geflohen, als sie ihn achtlos in die Wirtshaus ſtube sperrten. Auf seinen Beinſtümpfen und auf den Händen iſt er zur deutſchen Grenze gekrochen . Fünfzehn Kilometer, die ein gesunder Mann in zweieinhalb Stun den läuft, die hat er in sechsunddreißig Stunden zurück gelegt. In Tag und Nacht und noch einem Tag. Nun liegt er hier, ein hilfloses Bündel Mensch. Zuk kend vor Aufregung und Anstrengung, Opfer eines blut gierigen Systems , das die Kriegsverbrecher von Ver sailles erfanden und die bolſchewiſtiſchen Bandenführer der Tschechen zur Blutgeißel des Deutschtums machten.

15*

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Die Flucht der Warnsdorfer

Wenige Tage nach dieſen Ereigniſſen tritt in dem zwanzig oder dreißig Kilometer entfernten sudeten deutschen Städtchen Warnsdorf eine Katastrophe ein, die zwanzigtausend Menschen heimatlos macht. Der Anlaß wäre gar nicht erwähnenswert, wenn er nicht aus edelſten und reinſten deutschen Motiven entstanden wäre. Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler spricht am 12. September 1938 auf dem Schlußkongreß des Parteitages zum deutschen Volk. Die Rede wird über alle deutschen Sender übertragen. Zum deutschen Volk gehören auch die Deutschen in der Tschecho -Slowakei . Die Prager Regierung aber hat den Rundfunkempfang verboten. Sie hat durch ihre Knüppelgarden bei der bettelarmen Bevölkerung des Sudetenlandes vierhunderttausend Rundfunkgeräte be schlagnahmt. Sie weiß, daß dennoch Rundfunkapparate heimlich beiseite geschafft wurden . Daß die Deutschen in Kellern und auf Dachböden bei völliger Dunkelheit die Rede des Führers abhören werden. So greift ſie zum lezten Mittel. In den ſudetendeutschen Gebieten werden die Elektrizitätswerke stillgelegt. Jezt gibt es 228

Die Flucht der Warnsdorfer

kein Licht, keinen Strom, keine Betriebsmöglichkeit für die Rundfunkgeräte mehr. An diesem Tage nimmt der sogenannte kleine Grenz verkehr einen noch nie dageweſenen Umfang an . Allein aus dem kleinen Städtchen Warnsdorf wandern im Laufe des Tages an den verschiedenen Stellen zehn tausend Menschen über die Grenze . Sie treffen sich auf der deutschen Seite in Seifhennersdorf. Dort hat die NSDAP . für die reichsdeutschen Volksgenossen eine Lautsprecheranlage aufstellen lassen, damit alle den Führer aus Nürnberg hören können. Nun fluten die Scharen der Sudetendeutſchen auf den Marktplak, füllen die Hauptstraßen, verstopfen alle Seitenstraßen , und die Reichsdeutſchen müſſen ihnen Plak machen. Sie tun es willig und gern. Dann hören die Männer und Frauen aus Warns dorf die Führerworte von Nürnberg. Sie hören des Führers Gelöbnis , die Forderung, daß die Unter drückung der Deutschen in der Tschecho- Slowakei auf hört und an deren Stelle das freie Recht der Selbst beſtimmung tritt ... Die Deutschen in der Tschecho= Slowakei sind weder wehrlos , noch sind sie verlassen. Die Menschen

auf dem Play jubeln

auf.

Als

brausender Dankgesang steigt das Horst-Wessel- Lied. zum Nachthimmel empor. Die Zehntausend ordnen sich zu einem gewaltigen Zug, der mit den deutschen Lie

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Die Flucht der Warnsdorfer

dern auf den Lippen nach Böhmen zurückmarschiert. Niemand hat eine Waffe . Aber sie tragen eine Haken kreuzfahne voran. Die haben sie sich in Seifhennersdorf erbettelt. Sie konnten doch nach der Rede des Führers nicht ohne Fahne heimmarschieren ! Ein paar im Zug der Zehntausend haben kleine Fähnchen, so groß wie Buchdeckel oder Zeitungen. Die Einwohner von Seif hennersdorf haben sie ihnen gegeben, gern gegeben. Als der singende Zug die böhmische Grenze erreicht, haben die tschechischen Zoll- und Grenzwächter die Schranke heruntergelassen. Der lange Zug kommt ins Stocken. Der Gesang verebbt für einen Augenblick. Da zeigt eine Frau in der Mitte des Zuges , dort wo das helle Licht des Zollhauses sie nicht mehr blenden kann, auf den nachtdunklen Himmel in Richtung Böhmen. Dort treiben die Wolken, vom Sturm gejagt. Und aus dem kochenden Blaugrau und Schwarz scheint sich für einen Augenblick die Gestalt eines riesigen schiefliegen den Hakenkreuzes zu formen.

Hakenkreuz über Böhmen! Sie nehmen es wie ein Gotteszeichen, und in die ge drückte Stille hinein erhebt sich kräftig aufs neue der Gesang des Deutschlandliedes . Inzwiſchen hat sich einer der Männer mit ein paar Kameraden in die Höhle der Zollwächter begeben. Es ist der Amtswalter der Sudetendeutschen Partei im Warnsdorfer Gebiet. Er

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Die Flucht der Warnsdorfer

verbürgt sich dafür, daß alles friedlich bleibt, wenn man die Zehntausend ungeschoren über die Grenze in ihre Heimat zurückläßt . Endlich wird derRückmarsch gestattet. Die Zollschranke, ein vierzig Zentimeter dicker Beton balken zwischen meterdicken, die Straße versperrenden Betonklözen , wird emporgezogen . Der singende Strom flutet nach Warnsdorf zurück . Sie erreichen die Heimatstadt in tiefster Nacht. Aber die ganze Stadt ist noch auf den Beinen . Jeder zweite war ja über der Grenze. Jeder Zurückgebliebene will nun wissen, was der Führer sprach. Im Nu ist der Marktplaz des sonst so stillen Städtchens mit dem alten verschnörkelten Kirchturm von Menschen überflutet. Dann spricht der Amtswalter der Sudetendeutschen Partei einige Worte zu den Bürgern seiner Heimat stadt. Er schildert, was der Führer gesagt hat, und fordert sie auf, als Deutsche in Ruhe und Disziplin in ihre Häuser zurückzukehren .

Das geschieht. Eine Stunde später liegt der Marktplag liegen die Gaffen des verträumten böhmischen Städtchens so still und verlassen, wie irgendein idyllischer Kleinstadt winkel, den Spizweg mit seinem liebevollen Pinsel gemalt hat. Nichts regt sich mehr hinter den dunklen Fenstern des Rathauses . Die Glockenschläge des Kirch leins verhallen in tiefer Nacht. 231

Die Flucht der Warnsdorfer

Allerdings , als der Amtswalter sprach, da stand neben ihm der Mann, der die rote Fahne mit dem Hakenkreuz dem Zuge der Zehntausend vorangetragen hatte. Er stand neben ihm mit erhobener Fahne, die der Nachtwind aufblähte. Dann nahm er sie mit in ſein Haus, trennte das Tuch vom Schaft und verbarg es sorgfältig vor den Häschern. Die Fahne nahm man zum Anlaß , Friedensbruch, ja eine offene

Meuterei

um einen gegen die

tschechische Herrschaft zu proklamieren. Am nächsten Morgen erließen die tschechischen Polizeibehörden einen Haftbefehl gegen den Amtswalter der Sudetendeutschen Partei. Er erfuhr es rechtzeitig und konnte sich in sein Versteck begeben. Da seßte ein beiſpielloſer Terror das friedliche Städtchen in Schrecken . Ein Haufen von etwa dreihundertfünfzig Bolschewiſten, gedeckt durch tsche chische Polizeibeamte und Soldaten, begann mit der Aufrichtung eines Gewaltregimentes . Tagsüber lagen die Banditen pennend oder ſaufend und gröhlend in ihrem Stabsquartier, dem großen Bau der Post in Warnsdorf. Nachts

gingen die Raubzüge

los , die

Plünderungen, die Geiselverhaftungen. Das ertrug die deutsche Bevölkerung neun Tage und neun Nächte lang. Vom 13. bis zum 22. September 1938 . Dann machten die Deutschen Schluß mit dem Gesindel. Es floß dabei kein Tropfen Blut.

232

Die Flucht der Warnsdorfer

Es war ein herrlicher, tollkühner Huſarenſtreich, der in die Geschichte eingehen wird . Die dreihundertfünfzig Bolschewisten saßen zuſammen mit Polizei und Solda teska in der zur Burg ausgebauten und verbarrikadier ten Post. Sie hatten Gewehre, Maschinengewehre und Handgranaten. Sonſt aber beſaß in der ganzen Stadt kein einziger Mann eine Waffe. Der Amtswalter der Sudetendeutſchen Partei kam aus seinem Versteck hervor. Er kannte jeden Winkel der Post. Er war dort Beamter. Sie hatten einen Mann in Warnsdorf, der besaß heimlich ein Braunhemd ! Sie zogen es ihm an. Sie tauchten zu sechs Mann plötzlich im Innern der Post auf. Der Mann mit dem ſtaatsgefährlichen Braun hemd übernahm die Spite . Sie kamen unangefochten in das Zimmer des roten Befehlshabers und verlang ten die Niederlegung der Waffen und die Übergabe des Gebäudes . Für diesen Augenblick hatten sie auf der Straße einen kleinen Tumult vorbereitet. Zwanzig oder dreißig Menschen machten „ Volksgemurmel “. Eine Frau schrie laut :

„ Die deutschen Truppen marschieren schon ein. " Die zwanzig oder dreißig Menschen schrien es aufgeregt nach. Der rote Befehlshaber hörte das Geſchrei , sah den Mann imBraunhemd und hinter ihm fünf entſchloſſene

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Die Flucht der Warnsdorfer

Kerle. Er vergaß zu fragen, ob sie auch Waffen bei sich hätten, überreichte erbleichend seine Pistole und „ über gab" die rote Festung. Fünf Minuten später waren die waffenlosen sechs Mann im Besitz von vierhundert Gewehren, Handgranaten und vielen Kisten Munition. Die dreihundertfünfzig Bolschewiſten aber saßen ge fangen in einer Hofecke und wurden abtransportiert. Der Mann aus der Post übernahm sein Poſtamt feier lich aufs neue und ließ für Warnsdorf einen Poſt stempel drucken : „ Warnsdorf, 22. September 1938 , Tag derBefreiung." Die Warnsdorfer waren einen Tag und eine Nacht lang wie eine große Familie, die ein Fest feiert. Bis am frühen Morgen des nächsten Tages tschechische Panzerwagen durch die Straßen raſten und ſinnlos , sei es aus Furcht, sei es aus Wut, in die Türen und Fenster hineinschossen. Als bald darauf die Späher von den Höhen das um fassende Anrücken großer Haufen der Roten Wehr mit Armeepanzerwagen und einem tschechischenInfanterie bataillon meldeten, da wußten die Warnsdorfer, daß die Stadt umstellt werden sollte und die Jagd auf alle Deutschen beginnen würde. Neun Tage und Nächte hatten sie den Terror der Tschechenbanden schon ein mal erlebt. Vierundzwanzig Stunden waren sie nun frei und sollten den Tschechen diese vierundzwanzig 234

Die Flucht der Warnsdorfer

Stunden mit dem Leben bezahlen. Konnten sie sich mit ein paar Gewehren und Handgranaten gegen Panzer wagen und Militär verteidigen? Mit vierhundert eben erbeuteten bolschewistischen Gewehren ? Mit fünfzehn tausend Frauen und Kindern in ihrer Mitte? Durften sie es darauf ankommen laſſen, wo die ſchüßende deutsche Grenze drei Kilometer vor ihren Stadttoren lag? Wie ein Lauffeuer ging die Parole durch die Straßen und Gaſſen des Städtchens : Die Hussiten kommen mit einem Panzerregiment ! Flieht ins Reich ! Flieht ins Reich! Dreihundert mutige Männer verbargen sich auf den Höhen, veranstalteten ein wildes Gewehrgeknatter und warfen geballte Handgranatenladungen, sobald die Tschechen Miene machten, vorzurücken. Die mora lische Wirkung war durchschlagend. Sie hielten den tschechischen Vormarsch ſtundenlang auf. Endlich kam es bei Niedergrund zu einem schweren Feuergefecht, in dessen Verlauf die

tapferen deutschen

Freiſchärler

schließlich von den tschechischen Panzerwagen überrannt wurden. Als die Panzer zusammen mit den gröhlenden Banden der Roten Wehr in Warnsdorf einrückten, fan den ſie eine verlassene Stadt vor . Zwiſchen den öden Häuserreihen strichen plündernd ein paar Marodeure herum. In zwei Stunden waren die Einwohner Warns

235

Die Flucht der Warnsdorfer

dorfs, zwanzigtausend Menschen, mit Kindern und Greisen, werdenden Müttern und Kranken, über die Grenze gerannt . All ihre Habe hatten sie im Stich ge= laſſen, um nur das nackte Leben zu retten. Zwanzigtausend Deutsche hatten ihre Heimat ver loren. Seitdem lag das Städtchen verödet und menschenleer da. Die hussitischen Banden, die nun keine Kopfjagden mehr betreiben konnten, wandten sich unter Mitnahme des Wertvollen alsbald anderen deutschen Städten in der Nähe zu und terroriſierten Schluckenau, Friedland und zahlreiche kleine Ortschaften . Bei Rumburg in der Nachbarschaft von Warnsdorf wurde so erbittert ge= kämpft, daß sich beide Seiten am Schluß zurückzogen und die Toten eine Woche lang unbeerdigt umherlagen, eine Beute der Füchse und Krähen . Indessen geht die Zahl der von den Tschechen ge fangenen Deutschen in die Hunderttausend , die Zahl der ins Reich geflohenen Frauen und Kinder über schreitet bald Zweihunderttausend . Am 14.

September beschießen die Tschechen das

Quartier der Sudetendeutschen Partei in Eger, das Hotel Welzel, mit Artillerie und Tanks . Grund : Eine verschlossene Tür, hinter der erst einmal die Amts walter- und Mitgliederkarteien in Sicherheit gebracht wurden.

236

Die Flucht der Warnsdorfer

Zu gleicher Zeit erläßt Prag einen Haftbefehl gegen Konrad Henlein, den Führer der Sudetendeutschen, und gegen alle sudetendeutschen Amtswalter . Die Partei wird verboten! Der Plan ist einfach genug : Man fängt die Köpfe ein und läßt den Rumpf des deutschen Volkskörpers in der Tschecho-Slowakei führerlos zurück . Damit ſind dann die Banditen der Roten Wehr das „ deutsche" Volk, und mit ihnen wird man schnell einig werden über das Fell des deutschen Bären . Denn Prager Re gierung und Rote Wehr ſind nur zwei verſchieden auf gemachte Firmenschilder derselben Terrorbande, genau so wie sowjetrussische Staatsführung und Kommu nistische Internationale in Moskau ein und dasselbe sind. Die sudetendeutsche Parteiführung begegnet dem primitiven tschechischen Plan durch den Befehl an ihre Amtswalter, sich der Verhaftung unter allen Um ständen ins Reich zu

entziehen.

Damit bleibt die

sudetendeutsche Volksführung auch in den kritischen Tagen kampffähig.

237

Freikorpsleute

Mitte September brechen zwei Männer aus Böhmen auf, um sich im Reich zu melden. Sie sehen sich am Tage des tschechischen Haftbefehls ein leztes Mal. Dann be ginnt der heimliche Marsch. Der erste erfährt durch Zufall, daß auf einemFlucht weg, der von Tausenden benutzt wird, ein Blockhaus der Tschechen den Weg versperrt und die Flüchtenden dort in hellen Scharen niedergemacht und zurück getrieben werden. Eine Gruppe handfester

Jungen will

in einer

Stunde den Sturm auf das Blockhaus wagen, um das Hindernis auszuräuchern und den Fliehenden den Weg ins Reich frei zu machen . Der Böhme ist Frontsoldat und Offizier des großen Krieges . Jahrelang lag er noch nach dem Kriege an einer Rückenmarksverwun dung darnieder. Nur seine ungewöhnliche Energie und Zähigkeit hat wieder einen gesunden Kerl aus ihm gemacht. Von dem beabsichtigten Sturm hören und seinen Entschluß faſſen, ist alles eins . Er „ organiſiert“ ein Auto und ſauſt mit Vollgas ab . Als er ankommt, empfängt ihn lebhaftes Schüßenfeuer. Sie sind schon

238

Freikorpsleute

hart aneinander und liegen im Dickicht fünfundzwanzig oder dreißig Meter vor dem Blockhaus . Er kriecht in einer Furche heran. Über ihm pfeifen und ſirren die Geschosse . Der alte Frontſoldateninstinkt wacht in ihm auf. Die roten Banditen im Blockhaus schießen viel zu hoch, denkt er, einen Meter fünfzig über unsere Köpfe weg. Er hört es am Ton der Geſchoß bahnen. Ernimmt nicht einmal mehr die Nase in den Dreck. ,,' ran, ' ran", ist sein einziger brennender Wille. Zwanzig Friedensjahre fallen ab wie Staub. Der Stoßtruppführer des Weltkrieges liegt gespannt wie ein Panther vor dem Gegner. Die halbwüchsigen Jun gen links und rechts neben ihm brüllen etwas. Einer, der andere, der Dritte ſpringt hoch. Handgranatenwurf ! Ein, zwei, drei Handgranaten fliegen gegen Tür und Fenster des Blockhauses . Sie werfen gut ins Ziel. Das muß ſizen ! Eine nächſte Gruppe von drei Mann ſpringt und wirft. Aber was ist das nur? Die roten Banditen sind bei dem Granatwurf von den Fenstern verschwunden und in Deckung gegangen. Der Gewehrlärm iſt verſtummt . Doch keine Detonation zerreißt die plötzliche Stille . Die Handgranaten knallen an die Tür, fallen auf die nachgiebige Sandsackdeckung der Fenster und kullern dann geräuschlos in den Sand. 239

Freikorpsleute

Der Mann sieht den Jungen scharf auf die Finger, die schon wieder werfen wollen .

„Hinlegen!" brüllt er sie plöglich an, daß sie zu sammenfahren. Er sieht es : Sie haben noch nie in ihrem Leben Handgranaten in der Hand gehabt . Sie haben keine Ahnung, wie sie mit den Dingern um gehen müſſen. Sie werfen die Handgranaten, ohne den Brennzünder abzuziehen ! Dann explodiert die Granate nicht ! Die roten Banditen im Blockhaus haben den Braten inzwischen auch gerochen. Ein Haufen Jungen liegt ihnen gegenüber ! Sie kriegen sofort wieder Mut. Ein wildes Gewehrgeknatter seht ein. „Hinlegen, volle Deckung ! Liegen bleiben ! " brüllt der Frontsoldat. Dann läßt er durchsagen : Von der Handgranate die Kapsel abschrauben, Zündſchnur mit Knopf abreißen, bis drei zählen, werfen! Die Jungen antworten endlich wieder mit einzelnen Schüssen auf das Blockhausfeuer . Der Mann sett ein paar wohlgezielte Schüsse haarscharf auf die Fenster öffnungen. Jetzt werden die Banditen drüben wieder vorsichtig. Dann brüllt er, schon sprungbereit hinter eine Bodenwehr gekauert :

―――― „Handgranaten fertig machen

Wurf!"

Eine vielfache Detonation zerreißt die aufs neue eingetretene Stille. Feuer und

Qualm hüllen die

Frontseite des Blockhauses für eine Sekunde ein.

240

Freikorpsleute

Die Sandsäcke sind geplaßt, die Tür hängt in Feyen aus den Angeln, die Bretter liegen im Sand. Jett Sturm auf die offene Festung ! Als sie eindringen, ist das Haus schon verlassen. Über die Felder dahinter, zwischen dem Buſchwerk, laufen ſie wie die Haſen.

„ Schießen, schießen, ab

knallen! " brüllt der Mann und schießt, bis er keine Patronen mehr hat und sich nichts mehr regt. Jezt ist der Weg frei gemacht. Aus den dichten Wäldern hinter ihnen brechen Tausende von Flücht lingen hervor. Ins Reich! Ins Reich ! Jezt klingt es faſt wie ein Jubelschrei . Die Jungen, ein paar Männer, die dazustoßen, gehen über die Grenze, nehmen die Verwundeten mit und melden sich im Reich beim Sudetendeutschen Frei korps , das Konrad Henlein in der Stunde höchster Not und Gefahr geschaffen hat. Nun werden die mutigen Jungen lernen, wie man mit der Waffe umgeht. Nun werden sie Soldaten der Freiheit ! Wenn sie wieder kommen, sind sie noch gefährlichere Gegner ! Im Reich sieht sich der Mann nach seinem Freund um. Er ist nirgends zu finden. Am ersten Tag nicht, am zweiten Tag auch nicht. Haben ihn die Tschechen gefaßt, ist er bei einem Gefecht erschossen worden ?

16 Hadamovsky, Weltgeschichte

241

Freikorpsleute

Niemand vermag über ihn Auskunft zu geben. Am dritten Tag tritt der Böhme in das Zimmer des Kom mandeurs, von dem er seine täglichen Befehle für die Ausbildung der Freikorpsleute und die Aktionen an der Grenze empfängt . Der Kommandeur wendet ihm den Rücken zu und beugt sich über einen Tisch mit Karten und Photo graphien. Neben ihm steht ein Fremder und erläutert dem

Kommandeur

die

tschechischen

Befestigungs

anlagen. „ Dies

ist die tschechische Schöberlinie “, sagt der

fremde Zivilist. „Hier zieht sich eine Kette von Betonbunkern entlang, die erst in der letzten Woche fertig geworden sind. Hier an der Hauptstraße nach Prag sind Straßen= sperren und schwere Bunker in dreifacher Tiefen gliederung angelegt. Hier habe ich es Ihnen genau aufgezeichnet, und hier haben Sie die Photographien davon. "

Die Sprache des Fremden kommt dem Mann aus Böhmen bekannt vor. Der Fremde scheint einen ganzen Brotbeutel voll Photographien und Plänen zu haben, es dauert lange, bis er alles ausgepackt und erklärt hat . Endlich wendet sich der Kommandeur um. Da dreht sich auch der Fremde neben ihm zur Tür hin und lacht,

242

Freikorpsleute

als er da den Mann aus Böhmen sieht. Zwei, die sich gegenseitig schon verloren glaubten, haben sich wieder gefunden. Seit dem Abschied hat keiner mehr vom anderen gehört ! Eben erst ist der Freund angekommen und hat als ――― erstes Photographien entwickelt ! Er hatte sich auf der Flucht heillos in das von Sol daten dicht besezte Gebiet der tschechischen Befestigungs linien verstrickt. Plößlich kam ihm ein Gedanke. Die deutschen Soldaten können im Falle eines Angriffs einen genauen Plan der tschechischen Feſtungslinien glänzend gebrauchen. Vor Einbruch der Nacht kann er doch nicht durch die vor ihm liegende Kette der Beton bunker hindurch . „Noa, doas kannsch erschte noch aufnahmen ! “ ſagt er sich und holt seinen Notizblock und seinen Photo apparat heraus , um alles erst noch aufzunehmen. Er zeichnet einen genauen Plan der Befestigungen und photographiert sie. Je länger er dabei ist , desto mehr wird ihm die Bedeutung seiner Arbeit klar. Als die Nacht kommt, ist er noch lange nicht fertig ! Statt nach der deutschen Grenze hin, pirscht er sich seitwärts weiter zu neuen tschechischen Schüßengräben . In Kälte und Tau der Nacht liegt er hungrig draußen zwischen den Bunkern. Bei Tage verbirgt er sich in Heuschobern, ein mal auch in einem Gehöft, und leiſtet mit ſeiner Auf

16*

243

Freikorpsleute

nahme der Befestigungslinien gründliche und ganze Arbeit. Jezt ist er endlich auf Reichsboden, todmüde und vergnügt und will erst mal etwas Warmes zu essen und eine Decke zum Schlafen haben. „ Aber heute nach mittag könnt ihr bereits wieder über mich verfügen “, sagt er gähnend und geht, um sich einen „ ruhigen Bun ker" zu suchen. Das ist der Geist der Männer und Jungen, die ent schlossen jedes Opfer auf sich nehmen, um wieder freie Deutsche zu werden. Binnen acht Tagen stehen neunzig tausend dieser prächtigen Kerle in den Reihen des Sudetendeutschen Freikorps und unterwerfen sich einer eisernen Disziplin und Ausbildung. "Wir werden in unsere Heimat zurückkehren “, das ist ihre Parole,

aber als Soldaten der Freiheit mit

den Waffen in der Hand!"

244

Hitler marschiert nach Böhmen

Parteitag 1938

Während die Sudetendeutſchen gejagt und verfolgt werden, während die Bauern im Reich mit Hitler Jugend und Soldaten die reiche Ernte bis zur letzten Kornähre von den Feldern heimbringen, während im Westen die fünfhunderttausend Mann an der Todt front Tag und Nacht verbissen schuften, während die Herbstmanöver des deutschen Heeres beginnen und mehr Soldaten als jemals zuvor in den leßten zwanzig Jahren unter den Waffen stehen, rüſten wir im Sep tember zum Parteitag Großdeutschlands . Die Kund gebungen in Nürnberg, die Situngen des Parteikon greſſes, die Vorbeimärsche und Aufmärsche sind mit geheimer Spannung erfüllt. Alle haben das Gefühl : dieser Parteitag ist ein letter Appell vor einem ent scheidenden geschichtlichen Einsatz. Die Kundgebungen sind feuriger, leidenschaftlicher als in den letzten Jahren. Es liegt wie das Fieber und der Druck der Kampfzeit über den Männern und Frauen, treibt sie zu einer doppelt herzlichen Anteil nahme und Zustimmung. Am 6. September hält der Führer die erste größere.

245

Parteitag 1938

Rede auf diesem Parteitag . Zwei Tage vorher, am Sonntag, sagte Reichspropagandaleiter Dr. Goebbels in Stuttgart

zu

den Auslandsdeutschen,

sudetendeutsche Frage endgültig

daß

die

entschieden werden

müſſe. Unter dem tobenden Beifall der von jenseits der Grenze zu uns gekommenen Volksgenossen erklärte er, daß wir uns keinen Illuſionen über die feindseligen Absichten mancher Auslandskreise hingeben, daß wir aber auch wissen, wie weit ihrem feindseligen Denken durch die realen Tatsachen eine Schranke gesetzt wird : „Wir kennen unsere Gegner, und wir hoffen, daß un sere Gegner uns bald auch kennenlernen. ― Wir wiſ ſen ſowieſo, was man in London mit uns vorhätte, wenn man es könnte." Ein unbeschreiblicher Jubel folgt diesen Worten. Sie werden zu einem Signal für Tschechen und Bolschewiſten. Diese ziehen aus der Kundgebung des Reichspropagandaminiſters den — - falschen Schluß, daß nun der Führer bei seiner ersten Ansprache in Nürnberg

Entscheidendes

über

die

Befreiung

der

Sudetendeutschen sagen wird. In dieser Erwartung laſſen die bolſchewiſtiſchen Kriegstreiber im Osten die Kaße aus dem Sack und beginnen mit einer rein kriegsmäßigen Maßnahme. Die Sowjetunion seht ihr gesamtes Störsenderneß auf die deutschen Rundfunksender an und beginnt wie

246

Parteitag 1938

im

Kriege

die

deutsche

Rundfunkübertragung der

Führerrede aus Nürnberg zu stören. Der Führer spricht aber am Dienstag im Opern haus gar nicht über das Sudetenland, ſondern über rein kulturelle Fragen. Die Bolschewisten schießen also mit Kanonen auf Friedenstauben ! Neben dieser rein moralischen Blamage stellt sich außerdem gleich eine militärische heraus . Der geplante kriegsmäßige Störungsüberfall geht nämlich an seiner eigenen Lächerlichkeit zugrunde. Neunundneunzig Pro zent der deutschen Rundfunkhörer merken überhaupt nicht, daß gestört wird und wundern sich höchstens, daß irgendein blödes Untergeräusch bei der Führerrede zu hören ist. Nur ein Prozent der Hörer an der äußersten Ostgrenze wird im Rundfunkempfang der deutschen Sender beeinträchtigt. So hat die erste kriegerische Maßnahme der Bolschewisten gleich mit einem üblen Reinfall geendet, was das Vertrauen des tschechischen Bundesgenossen in die kriegerischen Fähigkeiten der Sowjetunion nicht gerade verstärkt. Am lezten Tag des Reichsparteitages findet die große, traditionell gewordene Vorführung der Wehr macht auf der Zeppelinwiese statt. Das militärische Schauspiel wird zu einer großartigen Demonſtration der deutschen Heereskraft. Vor unseren Augen entsteht 247

Parteitag 1938

ein fast kriegsechtes Geknalle und Geballer aller Kaliber und ein großartiges Gefechtsbild der Infanterie- und Panzertruppen.

Die deutsche

Luftwaffe

aber

tritt

eigentlich in diesem Jahre in Nürnberg zum erſtenmal so in Erscheinung, daß das Bild ihrer materialmäßigen und kämpferiſchen Überlegenheit jedem deutſchen und ausländischen Zuschauer auffallen muß . Die schweren Maschinen heulen wie Torpedos durch die Luft und schießen mit unheimlich anmutender Geschwindigkeit über das weite Viereck des Plazes davon. Am 12. September, abends , schließt der Führer den Parteifongreß mit einer unerbittlich harten und klaren Rede : „Kein europäischer Staat hat für den Frieden mehr getan als Deutschland !

Keiner hat größere Opfer gebracht ! Aber man muß es verſtehen, daß auch dieſe Opfer irgendwie ihre Grenzen besitzen und daß der national sozialistische Staat nicht verwechselt werden darf mit dem Deutschland der Bethmann-Hollweg oder der Hert ling. Dieses Elend der Sudetendeutschen ist ein namen ▬▬▬▬▬ loses . Man will sie vernichten. Ich kann aber den Vertretern dieser Demokratien nur sagen, daß uns dies nicht gleichgültig iſt, und daß, wenn diese gequälten Kreaturen kein Recht und 248

Parteitag 1938

teine Hilfe selbst finden können, sie beides von uns bekommen werden. Die Rechtlosmachung dieser Men schen muß ein Ende nehmen. " Als Antwort darauf beginnt im Sudetenland am nächsten Tage die schon geschilderte Katastrophe des sudetendeutschen Städtchens Warnsdorf und das maß loseWüten der tschechischenBolschewiſten landauf, landab . Zwölf Stunden nach der Führerrede fahre ich zu ſammen mit Miniſterialdirektor Gutterer nach Berlin zurück . Jezt werden in wenigen Tagen die großen Ent scheidungen fallen. Als ich den Abend zum erstenmal ſeit langer Zeit wieder bei mir zu Hause verbringe, stelle ich die Telephonapparate neben das Bett. Man weiß nicht, auch diese Nacht kann eine Nacht wichtiger Entscheidungen werden. Dreimal, viermal werde ich aus dem Schlaf geläutet. Aber es sind keine Dinge von besonderer Bedeutung. Nur die laufenden Vorbereitungsarbeiten. Wenn wir den Befreiungsmarsch in die sudetendeutſchen Gebiete antreten, oder bei einem endgültigen Scheitern aller Friedenspläne des Führers vor einem Kriege stehen, dann muß auch der Rundfunk bereit sein. Als ich endlich tief und traumlos eingeschlafen bin, weckt mich ein starkes Geräusch. Ich denke, daß es schon sehr spät am Morgen sein muß, weil man in der Wohnung oder im Treppenhaus mit Staubsaugern arbeitet. In dieser

249

Parteitag 1938

Zeit gespanntester Bereitschaft iſt man immer, auch wenn man nochso kurz geschlafen hat, sofort völlig wach und bewußt . Ich springe auf: Nein, das ist ein ganz anderes, viel gewaltigeres Geräusch, als daß es aus dem Hause käme. Ein Brausen und Surren und Donnern in der Luft. Flieger ! Ich trete ans Fenster. Draußen ist es noch neblig und der Sonnenball steht ganz tief, gerade zwischen den Baumkronen, und scheint blutrot durch den Morgen dunst. Die Luft ist lebendig und energiegeladen vom Rhythmus unzähliger schwerer Kampfmaschinen. Da ziehen sie über das Haus und die Baumwipfel hinweg, Kette um Kette, im Dreieckskeil, wie von einem Mathe matiker über den Himmel verteilt, die riesigen schweren Bomber der deutschen Luftwaffe . Geschwaderflug nach Süden. Teufel, Teufel, da gibt es nichts zu lachen, ihr Herren in Prag, wenn die im Frühdunſt über euren, statt über unſeren Häusern donnern sollten . Ich gehe zum Tele phon und rufe den Bereitschaftsdienst der Reichssende leitung an. Was Neues ?

Nein! Seit vier Uhr, als wir das leztemal telephonierten, ist nichts Neues ."

250

Parteitag 1938

Eine Stunde habe ich also geschlafen ! Es ist erst fünf Uhr. Aber ſo iſt das jezt : man wartet von Stunde zu Stunde auf etwas Neues : Aber es kommt nichts . Es geht nicht los . Auch bei der Luftwaffe treffen sie nur ... ihre Vorbereitungen. Ich muß unwillkürlich daran denken ,

was

der

Führer in dieser frühen Morgenstunde tun wird . Er liebt es, die Nacht zu durchwachen. Was wird er in dieser Nacht des Dreizehnten besprechen, durchdenken, beschließen? Niemand weiß es. Äußerlich bietet Deutschland ein Bild vollkommener Ruhe. Mit Ausnahme der wenigen, die mit Sonderauf gaben betraut sind, regt sich niemand über Möglich keiten auf, die vielleicht schon die nächste Zukunft brin gen wird. Dann werden wir schon damit fertig werden, denken die Menschen . Sie haben grenzenloſes Vertrauen zum Führer. Das deutsche Volk hat eiserne Nerven bekommen! Allerdings ist niemand gleichgültig gegen das täglich wachsende Leid der Sudetendeutschen. Ihre Not wird zur Herzensnot des ganzen Volkes . Aber deswegen kommt kein Hurrapatriotismus auf. Eine verächtliche, eiskalte, ingrimmige Entſchloſſen heit ergreift die Männer. 251

Kriegsfieber

Benesch versucht in Prag, mit Moskau im Hinter grund, noch in letter Stunde aus der ſudetendeutschen Frage einen Weltkrieg zu entfesseln und hezt damit auch die vernünftig denkenden Teile des tschechischen Volkes in eine wütende Kriegspsychose gegen Deutsch Land hinein. Er erhält dabei die schon seit der Gründung der Republik aktiv geweſene Unterſtüßung der Juden in der ganzen Welt, der Sowjets

und der englischen

Kriegspartei, die mit Eden, Churchill , Duff Cooper und den Hezern der Labour Party alle Minen springen läßt, um über der sudetendeutſchen Frage den Präven tivkrieg gegen das Reich vom Zaune zu brechen. London erscheint den kühlen Besuchern aus dem Reiche wie ein Tollhaus . Die Territorialarmee beginnt mitten in London ihre schweren Flakgeschütze aufzubauen und vor einer rie sigen Zuschauermaſſe in Stellung zu bringen. Gegen deutsche Luftangriffe, sagen die Tommies unsicher den Scharen der Zuschauer. Wirksamer kann man nun freilich nicht zum Kriege Heßen. 252

Kriegsfieber

Wenn es bloß in der Zeitung steht, dann mag man noch darüber hinweglesen. Wenn aber die Kanonen schon auf der Straße aufgefahren werden, dann müſſen ja die ,,damned germans " ganz teuflische Pläne gegen England haben ! So wird Großbritannien von einer beiſpielloſen Kriegspanik erfaßt,

während in

Deutschland kein Mensch an die Möglichkeit, geschweige denn die Notwendigkeit eines Krieges mit England denkt. Die sudetendeutsche Befreiung ist zwischen Berlin und Prag zu regeln, nicht aber zwischen Berlin und London. Aber in London rast die Panik, und zwar immer unter offizieller Anführung. In den Londoner Parks werden die Scheinwerfer der Flak in Stellung gebracht. Vor der Front des Kriegsministeriums nehmen die Truppen der Territorialarmee in aller Öffentlichkeit ihr Kriegsgepäck entgegen. Die kostbaren Kunstschäße der Museen werden aus den Besucherräumen entfernt und in unterirdische Gewölbe gebracht. Die Londoner Polizeiquartiere, Feuerwehrdienststellen , Hospitale und so weiter werden mit schweren Sandsackmauern ver barrikadiert. Mitten durch den St. -James -Park und andere öffentliche Anlagen der englischen Hauptstadt werden Schüßengräben und Sappengänge geſchaufelt . Wie im Hochgebirge der Fall eines Steinchens die Lawine auslösen kann, so bringen diese von offiziellen Stellen demonstrativ begonnenen Arbeiten die Lawine

253

Kriegsfieber

der englischen Kriegspanik ins Rollen, die nun alles mitreißt. Frauen werden in hellen Scharen bei der Feuerwehr eingestellt, bei den öffentlichen Verkehrs mitteln, beim

Hilfsdienst

der

Territorialbrigaden.

Krankenschwestern fangen an, ſchon der Reklame wegen und weil es hübsch aussieht, in voller Tracht vor ihrem Spital Schüßengräben auszuheben. Kinder, die Zwölf jährigen, die Achtjährigen und schließlich die Zwei- bis Vierjährigen, werden mit endlosen Sonderzügen, mit Omnibuſſen und allen verfügbaren Transportmitteln aus London herausgeschafft ! Es gibt herzzerreißende Abschiedsszenen zwischen den Kleinen, die ihre Erkennungsschilder mit Nummern, Namen, Eltern und Wohnung wie kleine Gepäckstücke umgehängt bekommen, und den Müttern, die ihrer Männer wegen oder zum „ Kriegsdienst " in London bleiben müſſen. Die Abschiedstränen fließen reichlich. Wird nicht jede dieser englischen Mütter in ihrem Herzen denken müſſen :

" Und dies alles wegen der bösen, bösen . . . Hunnen. “ Nicht wahr, zu diesem lezten und furchtbarsten Ge= danken muß dieses englische Komödienſpiel schließlich führen?

Die englische Kriegspartei scheint somit in den Sep tembertagen 1938 zu siegen, Chamberlains Kampf ſeit Februar des Jahres war anscheinend völlig vergeblich.

254

Kriegsfieber

Der Führer sieht kaltblütig das sich zusammen ziehende Gewölk und bleibt fest entschlossen, die sudeten deutsche Frage auf jeden Fall gerecht und endgültig zu lösen. Chamberlain, vom englischen Kriegsfieber tief be eindruckt, von der Sinnlosigkeit eines Kampfes mit Deutschland wahrscheinlich innerlich überzeugt, von den Kriegsheßern aber zugleich schwer unter Druck gesezt, versucht die Lage für England zu retten und fragt am 14. September bei Adolf Hitler an, ob eine Be sprechung zwischen dem Führer und ihm stattfinden könne :

„Im Hinblick auf die zunehmend kritische Lage schlage ich vor, sofort zu Ihnen hinüberzukom men, um zu versuchen, eine friedliche Lösung zu finden. Ich schlage vor, auf dem Luftwege zu kommen und bin morgen zur Abreise bereit.

Teilen Sie mir bitte den frühesten Zeitpunkt h mit, zu dem Sie mich empfangen können, und

geben Sie mir den Ort der Zusammenkunft an. Ich wäre für eine baldige Antwort dankbar. Neville Chamberlain. “ Der Führer lädt Chamberlain darauf sofort zu ſich nach Berchtesgaden ein. Natürlich fliegt Chamberlain nicht um Deutschlands willen zu Adolf Hitler. Er hat

255

Kriegsfieber

das englische Intereſſe im Auge. Aber dieses Intereſſe deckt sich in entscheidender Weise mit dem deutschen. Das Deutschland Adolf Hitlers, das seit Jahren eine deutsch-englische Zuſammenarbeit wünſcht und dieſe Zusammenarbeit schon im Werk des Führers

als

grundsäglich wünschenswert bezeichnet, sollte um mittel europäischer Fragen willen einen Krieg mit England führen? Und Großbritannien, das Welt- und Inselreich, sollte einen Gang auf Leben und Tod mit Deutschland wagen, damit siebeneinhalb Millionen Tschechen die vier Millionen Sudetendeutschen weiter vergewaltigen können ? Sicherlich hat Chamberlain nicht Deutſchland , sondern England den größeren Dienst

mit seinem

Berchtesgadener Besuch erwiesen. Diese wirksame und ungewöhnliche persönliche Demonstration war viel leicht allein imſtande, den Menschen in Großbritan= nien die Augen zu öffnen und der Lügenflut der eng lisch-jüdischen Weltpresse einen wirksamen Damm ent gegenzusehen. In Berchtesgaden wird feſtgeſtellt, daß tatsächlich in der sudetendeutschen Frage kein deutsch-englischer Gegensatz besteht und alſo eine friedliche Lösung, zu der Prag auf diplomatischem Wege genötigt wird , möglich sein muß. Die Antwort auf diesen Versuch der friedlichen

256

Kriegsfieber

Lösung ist eine ungeheuerliche tschechische Provokation ! Am Tage nach dem Besuch Chamberlains wird die Sudetendeutsche Partei in der Tschecho -Slowakei ver boten . Hinter diesem Schritt steht die englische Kriegs partei , die dem verantwortlichen Miniſterpräſidenten damit in den Rücken fällt. Jm Osten aber ist Moskau der Einpeitscher zu dieſer Gewalttat. Dimitroff taucht wieder in Prag auf und läßt jene lügnerischen Plakate und Flugzettel in der ganzen Tschecho-Slowakei

verteilen,

auf

denen

die

Karte

Frankreichs, Deutschlands , Sowjetrußlands und der Tschecho-Slowakei eingezeichnet ist . Die Karte weiſt zwei rote Pfeile auf : Von Frankreichs Grenze nach Prag nur siebzig Flug minuten ! Von Rußlands Grenze nach Prag nur zwei Flug ſtunden ! So versucht man dem unglückseligen tschechischen Volk vorzutäuschen, daß es binnen knapper Stunden wirksame militärische Hilfe von Frankreich und Sowjet rußland erhalten könne. Man unterschlägt dabei ge fliſſentlich, daß man von Frankreich nach Prag das deutsche Maintal aufwärts fliegen müßte, von Ruß land nach der Tschecho-Slowakei aber polnisches , rumä nisches und schlesisches

Gebiet zu überfliegen hätte.

17 Hadamovsky, Weltgeschichte

257

Kriegsfieber

Und daß ausflugslustigen Fliegern eine deutsche Luft artillerie und überlegene deutsche Jagdgeschwader den Weg sperren würden ! Daß die Demokratien des Weſtens aber nicht etwa zu Fuß nach Prag gelangen können , dafür sorgt der den Tschechen ebenfalls auf dieſen Karten wohlweislich unterschlagene deutsche Westwall mit seinen ſiebzehn tauſend Betonfeſtungen, der eben in dieſen Tagen fertig wird. Da Hitler und Chamberlain ſich in gutem Einver ſtändnis trennen, so hat alle Welt ein Recht, zu er warten, daß die Gefahr eines deutsch-englischen Welt konfliktes nunmehr überwunden iſt . Das Gegenteil tritt ein. Die Kriegsheber machen die größten Anstrengungen, um ihr Ziel doch noch zu erreichen. Während Chamber lain mit dem franzöſiſchen Ministerpräsidenten Dala dier die grundsätzliche Zustimmung zu einer gemein samen deutsch-englisch-franzöſiſchen Regelung bespricht, die den Sudetendeutschen ihr volles Recht gewährt, steift die englische Kriegspartei den Prager Hezern den Rücken. Am 22. September zwingen ſie die alte Prager Re gierung zum Rücktritt, die anfänglich dem Inhalt der in Berchtesgaden zwischen Hitler und Chamberlain besprochenen Sirovy, 258

der

Vorschläge

zugestimmt

tschecho-slowakische

hat.

General

Armee- Inspekteur,

Kriegsfieber

übernimmt die Regierung . Die Kriegstreiber werfen ihre lezte Karte ins Spiel! Als Adolf Hitler dem englischen Ministerpräsidenten zur geplanten Schlußbesprechung nach Godesberg, wie er scherzhaft ſagt, auf halbem Wege entgegenkommt, da schleudern die Kriegsheber schließlich die Brandfackel offen zwischen die europäischen Völker. Während in London die englischen Männer und Frauen im Vor gefühl eines völlig ſinnlosen und furchtbar blutigen Krieges auf offener Straße niederknien und Bittgottes dienste für den Frieden abhalten, gibt Herr Benesch von Prag aus am 23. September über den Rundfunk die tschechische Mobilmachung bekannt.

Prag ist also abermals wie bereits am 21. Mai des Jahres zum Kriege entschlossen und will das Einver nehmen von Godesberg mit dieser Bombe sprengen. Natürlich hat Prag nicht auf eigene Faust mobil gemacht, um mit siebeneinhalb Millionen Tschechen gegen die fünfundsiebzig Millionen Deutschen Krieg zu führen. Benesch hat vielmehr auf Grund der inter nationalen Freimaureranweiſungen und jüdiſchen In trigen diesen lezten entscheidenden Schritt gewagt, in der sicheren Überzeugung, damit den von den inter nationalen Hezern ersehnten zweiten Vernichtungs krieg gegen Deutschland zu entfesseln . Das Spiel dieser internationalen Verbrecher ist dabei von der gleichen

17*

259

Kriegsfieber

Hinterhältigkeit wie in den Julitagen 1914 , die dem Weltkrieg vorangingen. Damals, im Juli 1914 , fragte Rußland in London an, ob England zur Mobilmachung rate. Darauf gab Sir Edward Grey in London die schein heilige Antwort : Man könne nicht dazu raten, nicht mobil zu machen. Der russischen Mobilmachung folgte dann die deutsche und der Ausbruch des Weltkrieges . Am 23. September 1938 , während Chamberlain bei Hitler in Godesberg weilt, wiederholen dieselben Kräfte dasselbe teufliſche Spiel. Prag fragt in London an, ob England zur Mobil machung rate, und während Chamberlain sich in Godes berg mit dem Führer um die Vermeidung des Welt brandes bemüht, gibt eine Dienststelle des Foreign Office ohne Wissen des Ministerpräsidenten und des Außenministers an Prag die scheinheilige Antwort :

England könne Prag n i ch t dazu raten, n i ch t mobil zu machen. So soll hinter dem Rücken des verantwortlichen eng liſchen Miniſterpräsidenten in letter Stunde der Welt brand entflammt werden und zugleich die Schuld dafür - wieder auf die andern abgeschoben werden. 260

Kriegsfieber

Denn diese verklausulierte doppelte Verneinung, die eine Bejahung ist, soll nicht nur den Brand entzünden, sondern auch den Brandstifter der Verantwortung da für entziehen ! Während Chamberlain beim Führer ist, erhält er die Nachricht von der erfolgten Mobilmachung der tschechischen Armee. Gleich anschließend gibt der Prager Lügenſender be kannt, daß die Verhandlung zwischen Hitler und Cham berlain ergebnislos abgebrochen wäre und Chamber lain abgereist sei . Dies , während beide Staatsmänner gerade verhandeln ! Prag suggeriert damit den Hörern die Meinung, daß nun alſo der tschechischen Mobilmachung in den nächſten ― Stunden die englische folgen würde. Tatsächlich gelingt es der Kriegspartei in England und Frankreich, ihren lehten Trumpf auszuſpielen . Die französischen Reservisten werden einberufen , die britische Flotte wird mobiliſiert !

Nur einer bleibt eiskalt : der Führer. Am 26. September nimmt Adolf Hitler, umtoſt vom fanatischen Jubel seiner alten Berliner Parteigarde, in Gegenwart von Göring, Heß und Goebbels das lezte Wort im Berliner Sportpalast . „Wir alle wollen hoffen “, so sagt der Führer, „ daß 261

Kriegsfieber

im englischen Volke diejenigen die überhand bekom men, die des gleichen Willens wie Deutschland sind . “ „Wir alle wollen keinen Krieg mit Frankreich." " Eine einzige Großmacht sehen wir in Europa und einen einzigen Mann an ihrer Spize, der Verſtändnis beſißt für die Notlage unseres Volkes . Es iſt, ich darf es wohl aussprechen, mein großer Freund : Benito Mussolini . “ Dann fordert Adolf Hitler den Machthaber von Prag vor die Schranken des Gerichts : ,,Nun treten zwei Männer gegeneinander auf: dort ist Herr Benesch ! Und hier stehe ich. “ Da springen die Zehntausende im Sportpalaſt von ihren Plähen und bringen dem Führer minutenlang eine einzigartige Huldigung dar. Endlich kann Adolf Hitler fortfahren: „Wir sind zwei Menschen verschiedener Art. Als Herr Benesch sich in dem großen Völkerringen in der Welt herumdrückte, da habe ich als anständiger deut scher Soldat meine Pflicht erfüllt . Und heute stehe ich nun diesem Mann gegenüber als der Soldat meines Volkes. " Adolf Hitlers Rede gipfelt in jener Ankündigung, die der Welt zum leztenmal die eherne Entſchloſſenheit von Führer und Volk zum Kampf für die Freiheit der Sudetendeutschen zeigt : 262

Kriegsfieber

"Ich gehe meinem Volke jezt voran als ſein erſter Soldat ! Und hinter mir, das mag die Welt wissen, marschiert jezt ein Volk, und zwar ein anderes als das vom Jahre 1918 ! ――――――――

―――― Wir sind entschlossen ! Herr Benesch mag jezt wählen ! “ In diesen Wochen schwerster Belastung erweist sich die Achse Berlin-Rom als hartgeschmiedeter Edel stahl. Einsam wie ein Fels in der Brandung ſteht Muſſo= lini zu Deutschland . In acht riesigen Volkskundgebungen mobiliſiert er die Massen Italiens für das Zusammengehen mit Deutschland und erklärt eindeutig, daß hinter dem Volkswillen die Soldaten des römischen Imperiums ſtehen, bereit, ihr Schwert in die Waagschale zu werfen . Am 28. September sehen sich Chamberlain und Muſſolini mit Adolf Hitler in Verbindung, und ſchla gen eine nochmalige Besprechung der Staatsmänner der vier europäischen Großmächte vor.

Adolf Hitler geht sofort darauf ein und lädt für den 29. September Chamberlain, Daladier und Benito Mussolini zu einer Viermächtebesprechung nach Mün chen in das Führerhaus ein ! In lehter Stunde wird den Kriegsheßern das Heft aus der Hand geschlagen. 263

Kriegsfieber

Vier Männer treffen sich in München. Sie stellen sich gegen den reißenden Strom und zwingen ihn zur Umkehr. Selten hat die Welt das Treitschke-Wort so tief und befreiend

empfunden,

daß

Männer

die

Geschichte

machen.

Hitler, Mussolini , Chamberlain, Daladier. Diese vier erzwingen die Befreiung der Sudeten deutschen und den Frieden der Welt. Die Tschechen müſſen die ſudetendeutschen Gebiete binnen zehn Tagen räumen und an das Reich abtreten . Die vier Mächte garantieren gemeinſam die Durch führung und bestimmen einen internationalen Aus schuß zur Festlegung der Grenze. Zwischen Hitler und Chamberlain wird darüber hin aus am 30. September eine deutſch-engliſche Friedens erklärung ausgetauscht, der bald eine deutsch-fran zösische folgen soll*) .

*) Anmerkung : Wortlaut des Viermächte-Abkommens von München im Anhang S. 344. 264

Das Sudeten wunder

Am 1. Oktober beginnt das Sudetenwunder. Die Armee der Befreiung marschiert ins Sudeten land ein, und kein Tropfen Blut fließt. Sudetendeutschland wird frei ! Von Linz aus , der Hauptstadt des Gaues Ober donau, ſind es nur rund fünfzig Kilometer bis zu der Grenze, die, mitten durch deutsches Land gehend, Deutſche von Deutschen trennt. Die Straße von Linz nach der deutschen Bergstadt Krumau in Mähren wird dicht bei dem Dörfchen Leonfelden von der tschechischen Grenze zerschnitten. Die Tschechen haben ihre schweren Betonklöße zur Seite der Straße aufgebaut und die Durchfahrt durch eine mächtige Balkensperre unmöglich gemacht. Der kleine Ort Leonfelden ist seit Ende September mit deutschen Soldaten vollgepfropft, die zum Ein marsch in die deutschen Gebiete Mährens bereitstehen . Am 1. Oktober 1938 reißen die Bauern aus Mäh ren die tschechischen Grenzpfähle nieder und werfen sie in den Straßengraben. Der Sprecher von Linz , Zieb

" land, führt als Orts- und Wegekundiger einen Rund funktrupp des Wiener Zeitfunkleiters Naumann nach 265

Das Sudeten wunder

Norden in das deutsche Land . Dieser Trupp macht die erſten Berichte vom Einmarsch des Freiheitsheeres in die von den Tschechen bis gestern geknechteten Gebiete. Punkt zwei Uhr mittags überschreitet die Infanterie spite der deutschen Heeresgruppe unter Führung des Generalobersten Ritter von Leeb die alte, von den Kriegsverbrechern von Versailles Grenze.

Zuerst

künstlich gezogene

erfolgt der Grenzübertritt zwiſchen

Helfenberg und Finsterau, dann geht es auch auf der Verbindungsstraße zwischen Linz und Krumau über die Linie. Die deutschen Panzerwagen umfahren die lächerliche, bei dem tschechischen Zollhaus

über die

Straße gebaute Sperre, indem sie die Straße nach rechts verlassen, über die flache Böschung zu der Wiese hinuntergleiten und ohne Zeitverlust nach zwanzig Metern wieder die Straße gewinnen. Um vier Uhr nachmittags , zwei Stunden danach, bringt der Rundfunk aus dieſem bis dahin funktechniſch überhaupt nicht erschlossenen Gebiet über alle Reichs sender den ersten Funkbericht. Nun geht es Schlag auf Schlag vorwärts . Um sechs Uhr nachmittags, um sieben Uhr vierzig abends , um zehn Uhr und um zwölf Uhr nachts hört unser Volk die Berichte vom Einmarsch ins Moldautal, Stimmungs bilder aus den anderen Gebieten in Schlesien, an der sächsischen Grenze und im Egerland. 266

Das Sudeten wunder

Am 2.

Oktober

marschieren

die

Truppen

des

Generalobersten von Bock aus dem Gebiet zwischen Bauzen und Görlig ſüdwärts in Richtung Reichen berg und Aussig und überschreiten die erſten Linien der tschechischen Betonbefeſtigungen, die knapp südlich von Kratau den deutschen Vormarsch aufhalten sollten .

Der Leiter des in diesem Gebiet von der Reichssende leitung eingesetzten Übertragungstrupps , Hauptbann führer Köppe, berichtet über den 2. Oktober: „Unsere Aufgabe,

die

nunmehr

in abgezählten

Minuten erfüllt werden mußte, rief uns nach einer weiteren Anweisung von Berlin ins

Warnsdorfer

Land, jenes Gebiet, das uns ſchon längst durch die dort stattgefundenen bitteren Kämpfe bekannt war.

Das war am Sonntag , dem 2. Oktober. Über Rumburg wollten wir Warnsdorf erreichen. Dabei mußten wir außer unſeren Karten des öfteren auch Ortskundige befragen; denn oftmals waren die kürzesten Wege auf der Karte infolge Brückensprengun gen durch die Tschechen doch nicht die kürzesten. Jedenfalls landeten wir zunächst auf dem Markt play von Rumburg . Dort war ein Gewimmel von Menschen. In Sekundenschnelle war unser grauer Wagen um ringt, ein Hallo ohnegleichen, waren wir doch die erſten offiziellen Vorboten des beginnenden Einmarsches . 267

Das Sudeten wunder

,Wann kommen unſere Soldaten ?' rief es über den Plaz. Nun, so genau wußten wir es auch nicht.

... Schnell ... weiter nach Warnsdorf. Denn dort sollte ganz bestimmt ein Teil der Truppen einmarschieren. Die Mittagsstunde war herangekommen. Im Gegensatz zu Rumburg waren die Straßen in Warnsdorf fast menschenleer. Das Rätsel wurde uns bald gelöst. Warnsdorf ist fast ganz entvölkert worden. Nur auf dem Marktplaß rannten uns einige Män ner entgegen und fragten uns in fliegender Eile, wann die Truppen kämen. Bald' , war unsere Antwort . Sie rannten wieder fort und riefen : ‚ Der Mantel muß abgeholt werden ! Der Mantel muß . . .' Verdugt und nicht mit den klügsten Gesichtern der Welt standen wir da und ſahen den davonrennenden Männern nach. Das mußte ein Kamerad geſehen haben, denn er erklärte uns rasch, daß dies ein verabredetes Signal der Warnsdorfer Deutschen war, dafür, daß nun der Einmarsch beginnt. Dann winkte er zum Glockenturm hinauf, dort zogen bald unsichtbare Hände an den Sei len, und in das Geläute über der ausgestorbenen Stadt mischte sich bald das Sirenengeheul aller Fabriken. 268

Das Sudeten wunder

Galt nicht dieser festliche Gruß uns ? Wir fühlten uns als Vortrupp unseres Volkes und waren unendlich glücklich. Eine Stunde später erlebten wir den ersten Ein marsch unserer Soldaten. Auf einem Lastwagen neben der Ehrentribüne lagen und saßen Verwundete des Freikorps . Über ihre Gesichter lief ein Zittern, als die Regimentsfahne im strammen Schritt an ihnen vor übergetragen wurde. Überwältigend in ihrer Symbolik war

die

wunderbare

Geste

des

vorüberreitenden

Regimentskommandeurs , der die vielen Blumen, die ihm von den jubelnden Kindern, Mädchen und Frauen zugeworfen wurden, alle dieſen ſtummen Kämpfern überreichte. " ―――――― Am 3. Oktober marschieren deutsche Soldaten aus dem Gebiet zwischen Nürnberg, Bayreuth, Hof, Plauen und Chemniß unter Führung des Generals der Ar tillerie von Reichenau in das Egerland ein. Mit ihnen kommt Adolf Hitler. Bei Wildenau fährt der Führer gegen elf Uhr vor mittags an die alte Reichsgrenze. Zwischen dem Zoll haus, dem Gasthaus ,,Waidmannsheil " und den Miets häusern an der rechten Straßenseite hält die aus dem Reich kommende Kolonne . Der Führer ſteht unbeweg= lich im Wagen und blickt lange Zeit stumm über das Land, in das er nun mit seinen Soldaten marschieren

269

Das Sudeten wunder

wird. Sein Blick geht über die gepflügten Äcker, über die sanftgewellten Hügel nach Osten, dorthin, wo auf dem Rücken der Höhenzüge die Fabrikschornsteine der deutschen Weber- und Tuchmacherstadt Asch den Hori zont begrenzen. Die Stadt selber liegt mit ihrem älteren Teil tief in das Tal gebettet und ist von der Grenze aus unsichtbar. Nur der spiße Schieferturm der großen Kirche ragt machtvoll über die kleinen geduckten Häuſer im Talgrund hinaus . Von dort her klingen durch die graue Herbſtluft die Glocken, die die Ankunft des Befreiers einläuten. Eine Staffel deutscher Kampfflugzeuge schießt don nernd vom Reich her in das Sudetenland vor. Konrad Henlein, der Einiger der Sudetendeutschen, der einst in Asch seine Arbeit begann, tritt vor und be grüßt mit Hermann Frank und ſeinen Kampfgenoſſen den Führer aller Deutschen am Schlagbaum der alten Grenze. Dann öffnet sich die Zollschranke. Der Schlagbaum geht hoch. Frau Henlein tritt mit ihren Töchtern zum Führer und überreicht ihm mit versagender Stimme die ersten Blumen aus dem Sudetengau . Die hier auf der reichsdeutschen Seite wohnen, sie wissen aus täglichem Erleben heraus um die furchtbare Not des Sudeten landes. Sie wissen, daß es nicht mehr so weiterging, daß die Not aufs höchste gestiegen war. Sie stehen Arm 270

Das Sudeten wunder

in Arm mit den paar Männern und Frauen, die aus dem Sudetenland hergekommen sind. Der Führer bringt ihnen wirklich das Heil, das sie ihm zurufen. Der Musikzug eines SA . - Sturmes spielt. Die Men ſchen singen inbrünstig ihr „ Deutschland, Deutschland über alles ". Der Wagen des Führers fährt langſam in das Egerland . Es sind nur ein paar hundert Meter bis zur Stadt. Rechts gibt die Straße den Blick auf die Felder frei . Links ſtehen ein paar Siedler- und Mietshäuſer. Die Stadt ist seit vielen Tagen von den Tschechen befreit. Nächtelang haben Männer und Jungen auf den Hügel ketten im Süden gelegen und ihre Heimat mit dem Gewehr in der Faust verteidigt. Nun stehen Greise und Frauen, Mädel und Pimpfe aus den wenigen Häusern an der Straße. Sie strecken dem Führer beide Arme entgegen. Die Kinder rennen zum Wagen und reichen ihm Blumen. Die Frauen ſtüßen sich auf die Schultern der Vierzehnjährigen. Sie lehnen an einem Baum. Halten sich an der Hauswand fest und blicken auf den Führer. Kein Laut kommt über ihre Lippen. Ihr Gesicht zuckt wie nach der Erlösung von einer furchtbaren Angst und Gefahr. Die Tränen laufen ihnen über das Gesicht, vor ihren nassen Augen verſchwimmt das Bild des Führers , wird viſionär. Sie

271

Das Sudetenwunder

können es nicht fassen. Da, dort bricht eine zusammen. Kinder und Greise stüßen sie, bemühen sich um sie. Mit einem matten Lächeln schlagen sie die Augen wieder auf, heben die Hand . Fast versagt ihnen die Kraft, wenn ſie den Befreier grüßen. Mit tiefernstem Gesicht erwidert der Führer ihren Gruß und fährt langsam durch das Spalier der wenigen Menschen . Nach der Überschreitung der Bahnlinie ſenkt ſich die Straße steil ins Tal hinab und ſtößt in die Schlucht, in das Gewirr der Häuser und Schornsteine hinunter. Der Name Masaryk ist von den Schildern abgefragt, ausradiert und verloschen in den Herzen der Menschen, die nun hier die Bürgersteige, die Türen und Fenster der Häuser bis an den Dachfirst besetzt haben. Festlich iſt die Stadt mit den Fahnen des Dritten Reiches , mit Girlanden, Teppichen und Flaggen geschmückt. Papier schilder an den Straßenecken künden den neuen Namen : Adolf-Hitler-Straße. Hier, wo der Führer unter dem Donnern der Flug zeugmotoren, unter dem klangvollen Läuten der Glocken in dichte Menschenmassen einfährt, begrüßt ihn ein ein ziger nicht endenwollender Jubelschrei , der sich wie eine Woge durch die Stadt fortpflanzt bis zu dem mittel alterlichen Plat, auf dem der Wagen des Führers end 272

Das Sudetenwunder

lich anhält. Hier stehen die Politischen Leiter der . Sudetendeutschen Partei , die Kämpfer des Freikorps , die Mädchen und Frauen in der bunten Tracht der Egerländerinnen . „Führer, wir danken dir ! Führer, wir danken dir! “ hallt der Sprechchor der Maſſen über den kleinen Platz hin, bricht sich an den Fronten der buntgestrichenen mittelalterlichen Häuser, geht hinauf zu den steilen fränkischen Dächern und steigt wie ein Gebet zum Him mel empor. Der Führer begrüßt die Kämpfer der Partei und des Freikorps . Jedem einzelnen drückt er die Hand und ſieht ihm in die Augen. Dann geht sein Blick über die Menschen, über die blondhaarigen Kinder, die Jung mädel in ihren bunten Trachten, die Frauen und Män ner, über die dichtbesetzten Häuserfronten und ſchließ lich hinüber zum Denkmal an der Seite des Markt plazes , dem Denkmal des Deutschen Goethe, der immer wieder in dieſer Stadt weilte und von den Nachfahren nicht vergessen wurde. Unter den Klängen der Lieder der Nation verläßt Adolf Hitler den Plaß und fährt nun auf der präch tigen, zwanzig Meter breiten Straße durch die faſt großstädtisch anmutende Induſtrievorstadt nach Süden.

Das Land ist weit und hügelig . Bauernhöfe, unregel mäßig gebaut, unregelmäßig über die Landschaft zer

18 Hadamovsky, Weltgeschichte

273

Das Sudeten wunder

streut, liegen zwischen schwarzen fruchtbaren Äckern und tiefgrünen Kiefernwäldern und Fichten. In der Ferne begrenzt der Heimberg mit dem Bismarckturm als westlichster Ausläufer des Erzgebirges die weite Landschaft. Rechts , von grauen Wolken umhangen, ſteht das schwärzlichgrüne Fichtelgebirge. Hoher dichter Wald tritt bis dicht an die Straße heran. Dann leuchten plößlich links , über eine niedrige Tannenschonung hinweg und zwischen hohen Kiefern stämmen sichtbar werdend, weißliche Felswände . An ſich ist der Fels des Landes von tiefgrauer Farbe. Aber weiße Quarzadern und Feldspat geben den Wänden die lebhafte weißliche Tönung. Auf einer Waldlichtung ſteht ein kleines Weidmannshaus , so wie die Bauern höfe hier mit Wohnhaus und Scheunen burgartig im geschlossenen Viereck zusammengebaut.

Dann hört der Wald auf, die Straße senkt sich etwas , und von einem kleinen Felsen zur Linken, dem Goethe stein, öffnet sich der Blick weit in das herrliche Böhmer Land . Die hohen Gebirge im Rücken und rechts zur Seite treten immer mehr zurück. Haßlau mit seiner trozigen Burgkirche auf einem Felsen über dem Ort grüßt herüber. Dunkle Kiefern und Fichten und der grau verhangene Herbsthimmel geben der Landschaft mär kische Herbheit. Weiter im Süden stoßen Sonnen strahlen fahl auf die Äcker herab . Wie Silberplatten

274

Das Sudeten wunder

blizen die zahllosen Seen, viele Teiche und Tümpel im Herbstlicht auf. Endlich fährt die Kolonne des Führers in Franzens bad ein, dessen Kurpromenade von prunkvollen Hotel fronten eingefaßt wird . Am Franzensbader Quell reichen Egerländer Mädchen dem Führer ein Glas Quellwasser. Dann trägt sich Adolf Hitler in das Goldene Buch von Franzensbad ein. Kurz danach ver läßt der Führer die Landstraße und begibt sich mit den Reichsministern Lammers und Ribbentrop, Konrad Henlein, Reichsführer 14 Himmler und 44 -Obergrup penführer Sepp Dietrich, Reichspressechef Dr. Diet rich und Reichsleiter Bormann in das Biwak seiner Soldaten. Inmitten der Truppe teilt er an Holztischen unter freiem Himmel das Eſſen aus der Feldküche. Neben ihm ſizen General von Reichenau, General Keitel und Generalmajor Bodenschaß. Der Führer läßt seine jungen Soldaten im feldgrauen Rock heran rufen. Ihre Augen ſtrahlen . Knapp, ſtraff, militärisch antworten sie ihrem Obersten Befehlshaber. Als Adolf Hitler das Feld wieder verläßt, ſtrömen die Soldaten im Laufschritt zusammen, und jubelnde Zurufe grüßen den Ersten Soldaten der Nation.

Bald werden über den sanft gewellten Hügeln zwei schlanke

Kirchtürme sichtbar,

uralten Reichsstadt Eger.

18*

Als

die Wahrzeichen

der

schwarze Silhouette

275

Das Sudetenwunder

ſtehen sie vor dem im Süden hell werdenden Himmel. Die weite schöne Straße senkt sich, und die Abfahrt geht ſteil ins Tal hinunter, über die Egerbrücke, in den ältesten Teil der Stadt. Der trogige, aus schwarzer Lava erbaute Turm der Kaiserpfalz blickt zum erstenmal imSchmuck der Haken kreuzfahnen in die engen Gaſſen hinab.

Wieder läuten die Glocken. Alle Häuser, alle Straßen sind mit Blumen und Fahnen, mit Girlanden und Transparenten geschmückt. Festlich gekleidete Menschen säumen

die

Straßen,

halten Blumen in den Händen, schmücken den Führer und seine Soldaten, die Wagen, die Waffen mit leuch tenden Herbstblumen. Eger ist eine der ältesten und schönsten deutschen Städte. Auf der Kaiserburg stehen noch heute unver sehrt der mächtige Trußturm und die Kapelle mit ihrem grauen Granitgewölbe. Man möchte kaum glauben, daß sie ein Jahrtauſend alt sind. Der Marktplay iſt einer der schönsten und größten mittelalterlichen Stadt plähe. Weit und geräumig, Raum für Zehntausende bietend, steigt er vom Stadthaus allmählich wie eine gewaltige Rampe bis zum Rolandsbrunnen an . Wenn ein Sprecher dort unten mit dem Rücken zum Stadt haus steht, dann ist es wie das Bild einer gewaltigen Bergpredigt. 276

Das Sudetenwunder

Die schmalen Häuser

mit

manchmal

nur

zwei

Fenſter breiten Fronten und den hohen fränkischen Steildächern rahmen das längliche Viereck des Plates ein. Uralt sind die Bauten. Manchmal mit ihrem Mauerwerk nach unten festungsartig verdickt . In dem Haus zur Rechten wohnte einst Johann Wolfgang Goethe, ihm gegenüber, in dem schönen alten Bau links , war Friedrich Schiller zu Gaſt. Die Fenſter, aus denen sie so oft auf das bunte Getriebe des Markt plazes hinunterblickten, ſind nun mit roten Hakenkreuz bannern

und

Teppichen

geschmückt .

Ihr schönster

Schmuck aber sind die feſtlich geſtimmten Menschen, die mit frohen, erwartungsvollen Gesichtern auf den Marktplatz blicken, zu der eben rasch errichteten Tribüne mit dem goldenen Hoheitsadler . Des Führers Wagen hält an der Schmalseite des Plazes vor dem Stadthaus . Ein Junge und ein kleines Mädchen überreichen dem Befreier Blumen. Dann führt Kreisleiter Wollner den Führer und Konrad Henlein über die alte Treppe des Hauses nach oben. Hier wurde der Feldherr Wallenstein im Jahre 1634 durch Habsburgs gedungene Meuchelmörder erschlagen. Damit war sein Traum vom Großdeutschen Reich zu Ende.

Auf einem großen Tisch sind die alten Urkunden der Stadt Eger ausgebreitet. Während des Thronstreits 277

Das Sudetenwunder

zwischen Ludwig dem Bayern und Friedrich dem Schönen wurde die freie und unabhängige Stadt dem Böhmerkönig als Pfand übergeben. Mit dem Ver sprechen, das Pfand zurückzugeben. ,,Dieses Königswort", so wendet sich Konrad Hen lein an den Führer, „ ist durch mehr als sechshundert Jahre nicht eingelöst worden . Sie, mein Führer, haben es nun auch ermöglicht, daß Eger wieder ins Reich zurückkehren darf. “ Und Henlein übergibt dem Führer die Urkunde aus dem Jahre 1315 , in der die Verpfändung an die Krone von Böhmen angekündigt und der Stadt die Reichs unmittelbarkeit garantiert wird. Als der Führer wenige Minuten später den Markt play betritt, umbrauſt ihn ein nie erlebter Jubelſturm . Von den Giebeln und Türmen der Altstadt hallt das Rufen wider.

„Führer, wir danken dir!" Lange Zeit ist es unmöglich, auch nur ein Wort zu sprechen. Endlich kann Konrad Henlein sagen : „ Mein Führer ! Meine Egerländer ! Wohl selten hat unser Egerland, das reich ist an ge schichtlicher Vergangenheit, einen solchen Tag erlebt wie den heutigen, und ich darf wohl sagen : Es ist der schönste und der heiligste Tag, den wir heute erleben . " 278

Das Sudetenwunder

Heilrufe

und

Sprechchöre

antworten

darauf.

Die

Maſſen rufen erneut : „Wir danken unserm Führer ! " Henlein fährt fort : „ Denn unser Führer ist zu uns gekommen und hat uns heimgeholt ins Reich. Zwanzig Jahre waren wir gezwungen, in einem Staat zu leben, in den wir nicht wollten, in den wir nicht hinein gehörten, und der seine einzige Tätigkeit darin gesehen hat, unser Volkstum zu bedrängen. All das Leid, die Not, das Elend, der Kummer, die Tränen — ſie laſſen sich nicht in Worten ausdrücken. Das, was wir durch zwanzig Jahre erdulden mußten - es läßt sich nicht aussprechen. Aber um so glücklicher ist das Herz, daß wir endlich, endlich frei wurden. Und so gilt unser Gruß und unser Dank dem Manne, der Deutschland aus dieser Not emporgeführt hat zu Freiheit, empor geführt hat zu Kraft und Stärke, dem Mann, von dem die Welt spricht und dem jeder Deutſche mit der lezten Faser seines Herzens angehört und verſchworen iſt . Und wir können ihm nicht schöner danken, ihm, der uns und unsere Kinder vor dem sicheren Verderben ―――― geschützt hat als daß wir den Schwur ablegen, zu ihm zu stehen in guten und bösen Tagen . Er kann sich jederzeit auf uns Egerländer verlassen. So grüßen wir den Führer, so danken wir dem Führer, und so gehören wir unserem Führer." Es ist ein Schwur des deutschen Egerlandes, zu dem 279

Das Sudetenwunder

sich die Zehntausend mit glühender Begeisterung be kennen. Endlich wird es ganz still . Der Führer spricht ! ,,Egerländer !

Ich darf euch heute zum ersten Male als meine Eger länder begrüßen !" Unendlicher Jubel antwortet dem Führer. ,,Durch mich grüßt euch jetzt das ganze deutsche Volk ! Es grüßt aber in diesem Augenblick nicht nur euch, sondern

das

gesamte

Sudetendeutschland,

das

in

wenigen Tagen restlos zum Deutschen Reich gehören wird!"

,,Sieg Heil ! Sieg Heil ! Sieg Heil !" antworten die Zehntausend im Sprechchor.

Der Führer ruft : " Dieser Gruß ist zugleich ein Gelöbnis : Niemals

mehr wird dieses Land dem Reich entriſſen! “ „Niemals ! " antwortet ein Maſſenſchrei . „ Über dieſem Großdeutschen Reich liegt ſchüßend der deutsche Schild und schirmend das deutsche Schwert. Ihr selbst seid ein Teil dieses Schußes, ihr werdet von jezt ab wie alle anderen Deutschen euren Teil zu tragen haben. Denn es ist unser aller Stolz, daß jeder deutsche Sohn seinen Anteil nicht nur an der deutschen Freude, sondern auch an unseren Pflichten und, wenn not wendig, an unseren Opfern nimmt. " Die Zurufe der Männer und Frauen sind wie ein feierliches Gelöbnis . 280

Das Sudetenwunder

„Für euch war die Nation bereit, das Schwert zu ziehen ! Ihr werdet genau so dazu bereit sein, wenn jemals irgendwo deutsches Land und deutsches Volk bedroht ist. " Wieder erheben sie die Arme zum Sieg Heil-Ruf. „In dieser Schicksals- und Willensgemeinſchaft wird das deutsche Volk von jezt ab seine Zukunft geſtalten, und keine Macht der Welt wird sie mehr bedrohen können ! So steht heute das deutsche Volk in einer ge schlossenen Einheit von Nord nach Süd und Ost und Weſt, alle miteinander bereit, füreinander einzuſtehen . Ganz Deutschland ist glücklich über diese Tage. Nicht allein ihr erlebt sie; die ganze Nation fühlt mit euch und freut sich mit euch ! Euer Glück ist das Glück von den 75 Millionen des bisherigen Reiches , so wie euer Leid bis vor wenigen Tagen das Leid von allen gewesen iſt. Damit tretet ihr nun den Gang in die große deutsche Zukunft an ! Wir wollen in dieser Stunde dem Allmächtigen danken, daß er uns auf dem Wege in der Vergangenheit gesegnet hat, und ihn bitten, daß er auch in Zukunft unseren Weg zum Guten geleiten möge.

Deutschland, Sieg Heil !" Die Rede des Führers ist auf die Rundfunksender des Reiches übernommen worden . Noch in der Nacht vor dem Einmarsch der deutschen Truppen ist die Rund funkkolonne des Stellvertretenden Reichssendeleiters

281

Das Sudetenwunder

Karl Heinz Boeſe zusammen mit dem Propaganda trupp des Brigadeführers Fink vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Eger ein gerückt.

In

Zuſammenarbeit mit Wehrmacht und

Reichspost sind in dem von den Tschechen völlig ver wüsteten Poſtamt die Leitungsneße wieder hergestellt, Kabel von der Post zum Kundgebungsplatz gezogen und Verbindung von Eger über Asch nach Hof und von Eger nach Bayreuth hergestellt worden. Kommunistische und tschechische Saboteure, die bis zum Einmarsch der deutschen Truppen noch in der Nacht ihr Handwerk treiben konnten, haben die Lei tungen zum Teil wieder zerstört. Troßdem gelang am Morgen des 3. Oktober die Durchschaltung einer rund funkmäßigen Verbindung von Eger nach Berlin und damit auf alle deutschen Rundfunksender.

Aber wie groß ist das Entseßen unserer Berliner Rundfunkleute, als plöglich ohne jede Ansage mitten im Say Worte des Führers an Stelle des eben noch gesendeten Musikprogramms über die Sender hörbar werden ! Es dauert zwei , drei Minuten, dann ist die Führerrede plöglich wieder unterbrochen, man hört nichts mehr und vernimmt die Stimme der in Eger arbeitenden Ingenieure, die fragen, ob überhaupt noch Verbindung nach Berlin besteht. Auf einmal iſt die Führerrede abermals zu hören,

282

Das Sudetenwunder

der Jubel der Massen braust auf. Dann reißt die Verbindung urplößlich und endgültig ganz ab . Das ist uns seit der Sabotage der Führerkundgebung am 15. Februar 1933 in Stuttgart nicht mehr paſſiert. Der größte technische und menschliche Einsatz hat gegen= über der Häufung von Schwierigkeiten verſagt. Gott sei Dank meistert Parteigenosse Boese an Ort und Stelle die

Situation. Er hat von vornherein

Schallplatten der Kundgebung aufnehmen laſſen und will ſie nun mit dem Flugzeug sofort ins Altreich schaf fen lassen. Es stellt sich heraus, daß die Tschechen den Egerer Flugplatz umgepflügt haben, damit deutsche Maschinen nicht landen und ſtarten können. Aber die Wehrmacht kann troßdem eine Maſchine zur Verfügung stellen, die sich nach wenigen Minuten faſt ohne Anlauf mit den Schallplatten der Führerkundgebung an Bord in die Lüfte erhebt. Eine Stunde später wird die Sendung vom Grenz übertritt des Führers und von der Großkundgebung in Eger störungsfrei über alle deutschen Sender gegeben. Eine einzigartige Rekordleistung der Rundfunkleute in vorderster Front ! Von da ab können auch im sudetendeutschen Gebiet jene umfassenden organisatorischen und

technischen

Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, die überall die einwandfreie Sendung gewährleisten . 283

Das Sudetenwunder

Während die deutschen Truppen nun schon von drei Seiten aus, von Linz, Bayreuth und Görlig kommend, in den Sudetengau einmarschiert sind , während der Führer selbst schon Asch, Franzensbad und Eger besucht hat, herrscht im Inneren des Sudetengaues noch das Gewaltregiment der Tschechen. Mehr denn je zuvor stehen die deutschen Menschen dieser Gebiete gerade in den Tagen, da Deutschland bereits vom Jubel über die Heimkehr der Sudetendeutschen erfüllt ist, unter dem Druck und Terror einer entfesselten, beutelüsternen Soldateska . Ich sehe hierher den Tagebuchbericht eines jungen ſudetendeutschen BDM. -Mädels aus der Zeit vom 1. bis 3. Oktober 1938. Sie hat damals für sich ſelber diese Worte niedergeschrieben : „Karlsbad , den 1. Oktober 1938 . Deutsche Truppen haben die Grenze überschritten . Noch können wir es nicht fassen, denn noch immer rattern tschechische Panzerwagen durch die Stadt, noch immer stehen die Soldaten mit verbissenem rohem Ge sichtsausdruck in den Straßen und immer wieder ſieht man in die Mündung eines Gewehres .

Deutsche sind schon im Land! Und doch dürfen wir uns nicht rühren, können unserer unermeßlichen Freude keinen Ausdruck geben. Denn noch ist Standrecht, und auf den kleinsten Freudenausbruch steht der Tod! 284

Das Sudeten wunder

Wir ſizen zu Hause, und bei verschlossenen Türen und verhängten Fenſtern wird an der Hakenkreuzfahne genäht, die am 4. Oktober als Zeichen unserer Be freiung die Fenster schmücken wird . Es ist Abend.

Völlige Dunkelheit liegt über der Stadt. Alle ſizen totenstill . Nur der schwere Schritt der Wache oder ein Schuß aus dem nahen Wald ,

in welchem die tschechische

Soldateska Jagd auf deutſche Militärflüchtlinge macht, flingt zu uns herauf.

Über die kleine Lichtung vor dem Fenster huſchen Soldaten in gebückter Haltung . Im Licht einer Taschenlampe sehe ich die Gewehre blizen. Was haben sie vor?

Wen suchen sie? An Schlaf ist nicht zu denken. Eng aneinandergepreßt stehen wir im dunklen Zim mer und warten, warten.

Auf was wir warten? Ich weiß es selber nicht.

Auf irgend etwas Schreckliches , Grauenvolles .

Aber nichts geschieht. Hier und da ein tschechischer Befehl und dann wieder Schüsse. 285

Das Sudetenwunder

Diese entsetzlichen

Schüsse,

die

durch die Nacht

peitschen und Hunderten von Menschen Schrecken, Angst und Verzweiflung bringen. Die Nacht ist endlos , es dämmert bereits , als wir todmüde auf unser Lager sinken.

„Karlsbad , den 2. Oktober 1938. Man kann nicht mehr aus dem Hauſe gehen. Betrunkene

Soldaten

torkeln

auf den

Straßen

herum und machen es sich zum Vergnügen, deutsche Mädchen und Frauen zu quälen. Die Geschäfte sind geschlossen. Wir haben fast nichts mehr zu essen. Nur das Bewußtsein, daß mit jeder Stunde die Be freiung näher rückt, kann uns noch aufrechterhalten.

„Karlsbad , den 3. Oktober 1938. Wieder liegt eine schreckliche Nacht hinter uns ! Morgen sollen die deutschen Truppen in Karlsbad eintreffen, und noch immer ist das tschechische Militär hier.

8 Uhr aben d s . Das Militär rüstet zum Rückzug (es wird aber auch schon langsam Zeit !) .

Mit lautem, wüstem Gejohle wird ausgeräumt und geplündert. 286

Das Sudetenwunder

Alles was irgendwie transportfähig ist, wird mit genommen. Unzählige Lastwagen, schwer beladen mit Teppichen, Tischen, Schränken und anderem Hausgerät, fahren an uns vorbei ―――――――――――――― Richtung Prag - ! Noch ist das Standrecht nicht aufgehoben. Auch heute kann uns noch eine Kugel treffen. Denn die Tschechen haben nichts mehr zu verlieren, und daß es ihnen auf ein deutsches Menschenleben nicht ankommt, das haben sie ja bewiesen. Nur noch eine Nacht, dann ſind wir frei !!! ”

287

Glück der Befreiung

Am 4. Oktober 1938 fährt der Führer über Klingen thal, Falkenau und Elbogen. Die Fahrt geht durch Gebiete des tiefsten Elends . Furchtbar sind diese einſt blühenden Induſtrielandſchaften unter der tschechischen Herrschaft proletarisiert worden . Ein Stundenlohn von zehn Pfennigen ist keine Seltenheit. Elend, Hunger und Not ſind auf den Gesichtern der Menschen, der Männer, der Frauen und auch der Kinder eingegraben. Verhärmte Frauen stehen am Wege, weinend , noch ungläubig und unfähig , das Glück der Befreiung zu faſſen . Kinder mit alten, aschfahlen Gesichtern, mit früh zerſtörtem Körper, zerfreſſenen gelben Zahnstummeln . Es ist ein furchtbares Bild des Jammers und der Not . Der Führer ist immer wieder aufs tiefste erschüttert. Wo er Gruppen von Kindern sieht, läßt er halten. Sie umringen ihn. Sie bringen ihm die letzten Blumen von den Feldern . Sie strecken ihm ihre Händchen entgegen. Sie lachen ihn an. In ihnen ist der Funke des Glaubens und der Hoffnung am rascheſten wieder zu erwecken.

Der Führer beschließt angesichts dieſer Not, morgen die Reise durch das Sudetenland einen Tag zu unter

288

Glück der Befreiung

brechen und im Sportpalast zu Berlin selbst in einem gewaltigen Appell zum Winterhilfswerk die Opfer bereitschaft des deutschen Volkes aufzurufen . Zunächst aber geht die Fahrt weiter nach Elbogen, Falkenau und Karlsbad , den Städten alter deutscher Kultur am Eger. Es regnet in Strömen, und ein kalter rauher Wind pfeift über das Land. Der Führer fährt wie immer im offenen Wagen, und die Menschen erwarten ihn ge duldig am Wege. Wenn die Kolonne in die großen Ort schaften einfährt, dann übertönt der laute Jubel der Begeisterung alle Sorgen und Nöte der Vergangenheit und reißt auch die Verelendeten und Verhärmten mit. In

Elbogen,

auf dem

geräumigen

Marktplatz,

angesichts jenes Hauses, in dem der Liebesroman des alten Goethe mit der achtzehnjährigen Ulrike von Levezom spielte, hält der Führer. Tausende umdrängen rufend, weinend, lachend den Wagen . Der Führer greift in das Meer der ausgestreckten Hände um sich. Er drückt sie alle, alle, streichelt das Blondhaar der Kinder und fährt unter dem heiligen Gesang des Deutschlandliedes weiter durch die regennaſſen Straßen, über die verregneten Felder. Draußen, zwischen Elbogen und Karlsbad, gibt es auf dem Felde einen raſchen Imbiß aus der Feldküche. Erbsen mit Speck, das gute alte Soldatenfutter.

19 Hadamovsky, Weltgeschichte

289

Glück der Befreiung

Auf der Straße nach Karlsbad überholt der Führer die Truppen, deren Spize erst seit heute früh um acht Uhr in Karlsbad einrückt . Panzerwagen, Infanterie, Artillerie stehen in endlosen Reihen an der Straße. Die Soldaten grüßen den Führer. In Berlin leitet Dr. Goebbels mit Staatssekretär Hanke inzwischen in täglichen generalstabsmäßigen Be sprechungen die Propagandaaktion für das Sudeten land. Miniſterialdirektor Gutterer und seine Abteilung arbeiten mit Hochdruck.

In Karlsbad selbst rückt um fünf Uhr morgens, drei Stunden vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, die Einsatzstelle des Propagandaminiſteriums ein. Hier bereiten die Männer von Dr. Goebbels eine Kund gebung vor, die durch Lautsprecher allen hörbar und durch den Rundfunk auf alle Sender übertragen werden soll . Brigadeführer Fink mit ſeinen Propagandaleuten fährt das Städtchen kreuz und quer ab. Zum Donnerwetter, gibt es denn hier überhaupt keinen anständigen Kundgebungsplay ! Karlsbad iſt tief in die Talſchlucht eingebettet, und der einzige größere Plaß, der ein paar tauſend Men schen aufnehmen könnte, liegt vor dem weißen Renaiſ sancebau des Theaters . Dieser Play ist ein Rosen garten! Fink muß schnell handeln . Was bleibt übrig? Der Rosengarten muß fort! 290

Glüdder Befreiung

Ein Zeitungshäuschen, das gerade vom Plaz aus die Aussicht auf das

Theater versperrt, wird mit

Windeseile abgeriſſen. In wenigen Stunden muß der Rosengarten von Karlsbad in einen Kundgebungsplatz verwandelt werden. Aber bitte nicht, indem man mit der Dampfwalze über die Rosen geht. Sondern indem man diese schöne Zierde von Karlsbad mit deutscher Sorglichkeit für die Zukunft erhält . Alles , was über haupt an Gärtnern mobiliſiert werden kann , wird für den Rosengarten auf dem Theaterplatz aufgeboten. Nach drei

Stunden sind

die Tauſende

von Rosen

sorglich mit der Wurzel ausgehoben und beseitege= ſchafft. Brigadeführer Schäfer

erscheint mit dem Laut

sprecherzug und stellt seine Pilzlautsprecher auf. Der stellvertretende Reichssendeleiter Boese baut unter Mithilfe der Wehrmacht und der Reichspoſt ſeine Rundfunkanlage auf, und in unwahrscheinlich kurzer Zeit, gegen zwei Uhr mittags , iſt alles zur Kundgebung des Führers bereit. Über den Tag der Befreiung von Karlsbad und die Ankunft Adolf Hitlers in der Stadt will ich nun wieder das Tagebuch des jungen Karlsbader Mädels erzäh len lassen.

Aus dem unmittelbaren Erleben heraus

vermag es besser wie jeder fremde Bericht das Glück der Befreiung zu schildern :

19*

291

Glück der Befreiung

„Karlsbad , den 4. Oktober 1938. Ein neuer Tag ist angebrochen und mit ihm ein neues Leben ! Die Sirene heult, die Glocken läuten . Alle Fenster haben sich mit einem Schlage aufgetan und unter dem Jubelschrei der ganzen Bevölkerung wird unsere herrliche Fahne, die Hakenkreuzfahne, ge hißt. Kränze winden sich von Fenster zu Fenster. Führerbilder werden angebracht und noch immer läuten die Glocken !! Meine Heimat hat heimgefunden, heimgefunden ins Reich!!!! Um acht Uhr trafen die erſten deutschen Soldaten in Karlsbad ein . Ein wahrer Blumenregen ging auf ſie nieder und das Heilrufen wollte kein Ende nehmen. Wo waren die sorgenvollen, vergrämten Gesichter geblieben?

Auf jedem Antlig strahlte das Glück und die Tränen des Leides waren zu Tränen der Freude geworden. Ein neues Volk ist auferstanden. Ein glückliches, großes Volk ! Um neun Uhr kam die Nachricht, daß der Führer zu uns nach K. kommt! Ist es denn überhaupt noch zu faſſen, das Glück ? 292

Glüd der Befreiung

Wir dürfen den Führer sehen, wirklich und wahr haftig sehen.

Mir ist alles wie ein Traum! Es regnet in Strömen. Aber in unserem Herzen ist Sonne, so viel Sonne, daß wir den Regen gar nicht bemerken. Um mich herum stehen Menschen , viele, viele Men schen, arme und reiche. Jeder hat ein anderes Gesicht, jeder einen anderen Charakter, aber alle haben denselben Wunsch, den ― Führer zu sehen, unseren Führer ! Ich stand mitten unter ihnen und es war wie ein Wunder, ich fühlte mich plötzlich emporgehoben und im nächsten Augenblickstand ich in der Vorhalle des Theaters . Der Offizier, der mich, ohne ein Wort zu sagen, hierher gebracht hatte, war wieder verschwunden. Ich stand nun mitten in der Halle und wußte, daß mir ein ungeheures Glück beschieden war. Ich durfte den Führer hier begrüßen, durfte ihn ganz nahe ſehen !

Wie mir in diesem Augenblick zumute war, das weiß nur der liebe Gott! Außer mir waren noch vier Mädels , welche gleich mir auserwählt waren, den Führer zu erwarten. Wir standen eng beieinander, und ich glaube, wenn es ganz still gewesen wäre, hätte man unsere Herzen schlagen hören ; alle im gleichen Rhythmus . 293

Glück der Befreiung

Draußen erhoben sich die Heilrufe zu einem orkan artigen Schrei .

Der Führer kommt!!!! Ganz still wurde es im Vorraum des Theaters und mir war, als hörte man wirklich den Schlag unserer Herzen!

Dann kam der Führer! Mir kam alles wie ein Traum vor, ich konnte es noch gar nicht faſſen, daß ich jezt dem Führer gegenüberſtehe ! Hinter mir hörte ich schluchzen , ich konnte nicht weinen, ich stand wie erſtarrt. Der Führer schritt zu einem kleinen Tisch, auf welchem zwei wertvolle Geschenke der Stadt Karlsbad lagen, sprach einige Worte mit Abgeordneten Wollner und wandte sich dann uns zu. Einige Sekunden sah er uns allen fest in die Augen und plöglich gab er mir die Hand und streichelte mir über das Gesicht. Was ich in diesem Augenblick empfunden habe, kann ich nicht in Worten ausdrücken, denn die schönsten Worte würden nicht genügen!

Was ich alles gesprochen habe, ich weiß es nicht mehr, es war ein haltloses Geſtammel, aber der Führer ver stand mich auch ohne Worte. Er strich immer wieder über meine Wange und zum Schluß sagte er: Nun ist ja alles gut !

294

Glück der Befreiung

Diese Worte waren das einzige, was er sagte, und doch war es mir, als hätte er lange, lange mit mir gesprochen. Als er schon längst nicht mehr in der Halle war, brach ich plötzlich in Weinen aus. Und es war mir, als weine ich mir damit alle Schmerzen und alles Leid der lezten Monate und Jahre von der Seele ! Ein SA. -Mann beruhigte mich und brachte mich ins Freie.

Vom Balkon des Theaters sprach der Führer. Über ihm wehte die Fahne als einziger Schmuck des Gebäudes . Ich weiß, der Führer hat schon auf schöneren Pläßen gesprochen, aber die Menschen, die heute mit Tränen in den Augen zu ihm aufsahen, die waren noch nie auf einem Platz gestanden, der ihnen herrlicher dünkte als der Theaterplay am heutigen Tage ! · Kurz war die Rede des Führers , aber sie löste un beschreiblichen Jubel unter der Bevölkerung aus . Nach der Kundgebung stand ich wieder im Theater, noch einmal wollte ich dem Führer in die Augen sehen ! Zu fünft standen wir auf der hellerleuchteten Treppe. Draußen tobte die Menge und wieder war es ganz still im Raum. Endlich erschien der Führer! 295

Glück der Befreiung

Er blieb einen Augenblick stehen und sah uns alle wieder fest an. Ganz langsam stieg er dann die Stufen herab und reichte jeder von uns die Hand . Die schönsten Minuten meines Lebens waren zu Ende . Der Führer hat mir in die Augen gesehen und damit den Glauben und die Treue zum deutschen Vaterland fest in mein Herz gelegt ! Ich will für Deutschland kämpfen, auch wenn ich kein Junge und kein Mann bin, ich weiß, daß ein deutsches Mädel etwas leiſten kann, und das Lob des Führers wird dann das ſchönſte Geſchenk, die herrlichſte ――――― Anerkennung sein!" Hier schließt das Tagebuch der jungen Deutſchen aus dem Sudetenland .

296

Geheimnisvolles Land

Am Nachmittag des 4. Oktober fährt der Führer von Karlsbad über Schlackenwerth nach Joachimstal und berührt damit das große sudetendeutsche Berg werksgebiet, das sich östlich von Elbogen beginnend über Komotau , Brür und Dux nach Zinnwald erstreckt . Dort betreten wir eine der geheimnisvollſten Land schaften der Erde. Einst, in vorgeschichtlicher Zeit, war ganz Böhmen ein gewaltiges Meer, das im Süden von Alpen und Karpaten, im Westen vom Böhmer Wald, im Norden vom Erzgebirge und im Osten vom Jſer- und Riesen gebirge umschlossen wurde. Die Versteinerungen aus diesem Meereszeitalter finden sich heute noch als die ſtummen Zeugen längst vergangener Zeiten in den Museen der deutschen Städte Böhmens . Durch gewaltige Erd- und

Seebeben zerbrachen

dann die Gesteinsmaſſen füdlich des Erzgebirges von Joachimstal bis Marienbad und von Saaz bis Brüg und Dux. Die ganze Scholle sank in die Tiefe und kam in Berührung mit den geheimnisvollen Schichten der inneren Erde, die wir sonst auch durch die tiefsten Berg werke nicht erforschen können .

297

Geheimnisvolles Land

Bei Tage deckt fast immer ein graublauer Schleier das Bergwerksland . Wohl sind die Kämme des Erz gebirges erkennbar. Wohl schweift der Blick im Osten bis zu den steilen Flanken des Schreckenstein an der Elbe und den anderen vulkaniſch aus dem Erdinnern ſteil emporstoßenden Bergkegeln . Über ihnen steht gegen Mittag die Sonne. Aber es ist ein Schleier vor ihre Scheibe gezogen, derselbe Schleier, der das ganze Land bedeckt, die schwarzen Äcker, schwarzen Häuser, schwarzen Straßen und Wege, die Kohlengruben, die wie schwarze Wunden mit Baggern und Hacken in den Leib der Erde geschlagen sind . Über den Schornsteinen und den spinn webenfeinen Gerüsten der Förderſtühle, die den Fall korb mit dem Bergmann in die Erde fallen lassen, steigen weiße Dampfwolken auf und verfinſtern mit dem Rauch gemeinsam die Sonne, die nur mattrot durch den Schleier dringt und die Dächer der Häuſer mit einem farblosen Altgold verschönt . Wenn im Herbst früh die Nebel aufſteigen, und die Dunkelheit sich über Felder und Berge senkt, dann bietet das nordböhmische Becken ein seltsames Schauspiel. Du fährst dann in der wesenlosen Dunkelheit irgendwo zwiſchen Dur und Brür über die hochgelegene Land straße. Links und rechts von dir scheint die Erde in unbekannte Tiefen abzusinken.

Das sind die Kohlengruben, in denen nach dem Ab

298

Geheimnisvolles Land

räumen riesiger Erd- und Gesteinsmaſſen die Kohle im Tagebau gewonnen wird. Die unbekannten dunklen Tiefen sind seltsam belebt. Wie feurige Lindwürmer und Schuppenleiber kriecht es die Hänge herauf und

" herab. Du weißt es nicht, wird dort in Hunden, ſo nennt man die Loren,

glühende

Schlacke die Berghänge

hinuntergefahren ? Oder brennt vielleicht die Kohlen halde, wie es hier oft geschieht, wenn die im Erdinnern mächtig gepreßte Kohle von den überlagernden Ge steinsmaſſen befreit wird und sich nun plößlich an der sauerstoffreichen Luft von allein entzündet . Dann muß die Halde mit riesigen Wassermengen berieſelt werden, unter denen die schwelende Glut immer wieder ge heimnisvoll aufglimmt . Diese Schazkammer der Erde mutet an wie Nebelungsland , wie Nibelungenland , wo gleißende Drachen die Schäße der Sage behüten. An den Rändern dieser geheimnisvollen Landschaft liegen die schönsten Mittelgebirge,

die Deutschland

überhaupt besißt: Das weite, prächtige Egerland, die heilkräftigen Quellen mit den Weltbädern Karlsbad, Franzensbad, Marienbad , der Schreckenstein bei Aussig, den Ludwig Richter gemalt hat, und die zerklüftete Spizkegellandschaft

des

sächsisch-böhmischen Felsen

gebirges zwischen Reichenberg und Dresden. In Karlsbad sprudeln die sechsundzwanzig heil kräftigen Quellen aus der Erde, deren Wasser koſt 299

Geheimnisvolles Land

barste heilende Mineralien enthält und zum Teil 72° heiß ist ! Der große Sprudel des weltberühmten Bades schießt wie ein Geysir wohl zwanzig Meter hoch als heiße Fontäne in die Luft und läßt dann seine gewaltigen Heilwaſſermengen dampfend in das Teplflüßchen ab strömen. In Joachimstal aber wird seit Jahrzehnten eines der ältesten Gesteine der Erde gebrochen, die Uran-Pech blende. Das Uran-Metall iſt als Urelement eines der schwersten Atome, die die Wissenschaft kennt. In der Uran-Pechblende findet sich in winzigen Mengen das kostbare Radium, deſſen Atome geheimnisvolle Strah len aussenden, die den Körper durchdringen, und in richtiger Anwendung wunderbare Heilwirkungen her vorbringen können. Radiumbäder,

Radiumstrahlen, Karlsbader

Ra

diumheilwaſſer gehören heute zum Bedarf jedes wiſſen schaftlichen Institutes und Sanatoriums . Bei Verar beitung von tausend Kilogramm der in Joachimstal gewonnenen Pechblende ist der siebenmillionste Teil davon dann — das kostbare Radium!

300

Der Führer ist der Eroberte

Am 6. Oktober fährt der Führer in das schöne, heitere Elbsandsteingebirge der Reichenberger Gegend und besucht Schluckenau und Rumburg, wo so hart ge kämpft wurde, und fährt über Kamnit und Krazau nach Friedland, der Stadt des ermordeten Feldherrn Wallenstein, des Herzogs von Friedland . Hier besichtigt der Führer auch zum erstenmal ein gehend die von den Tschechen mit dem Blut und Schweiß und den Opfern der Sudetendeutſchen erbauten Be feſtigungslinien, die auf den Höhen südlich von Krazau beginnen. Das Befestigungssystem besteht aus einer Kette von Betonbunkern, die nach vorne gedeckt und getarnt sind und an den Seiten Schießscharten für flankierendes

Feuer

aufweisen .

Das

ganze

Be=

festigungssystem ist nach französischem Muster erbaut und uns längſt gut bekannt.

Der Mut und die Angriffsfreude deutscher In fanteristen, Pioniere und Panzerleute, Artillerie- und = Minenwerferabteilungen wäre vor diesemBefestigungs neh nicht zu Schanden geworden . Wohl aber hätte das deutsche Heer vielleicht schwere Blutopfer vor dieſen Betonbunkern bringen müssen. Durch seine geniale, 301

Der Führer ist der Eroberte

überlegene politische Führung hat der Führer das geradezu Unglaubliche erzwungen : daß diese Befeſti gungsketten ohne einen Schuß geräumt werden mußten ! Am gleichen 6. Oktober beginnt der Freiheitsmarsch des deutschen Heeres nach Schlesien. Generaloberst von Rundstedt kommandiert die Truppen, die hier in die mächtigen Befestigungslinien des Altvatergebirges ein marschieren und das deutsche Troppau, Olfersdorf, Jägerndorf, anschließend bis nach Zwittau und Frei berg unter ihren Schuß nehmen. Der Führer besucht einen Tag später zusammen mit Generalfeldmarschall Göring auch dieses Gebiet und spricht vom Rathaus in Jägerndorf aus. Mitten in der Sorge um die soeben befreiten Ge biete vergißt der Führer nicht das erste der dem Reiche schon 1935 zurückgewonnenen Kinder, das Saargebiet.

Vom Osten des Reiches , aus Sudetenschlesien, fährt der Führer quer durch ganz Deutschland nach dem weſt lichſten Gau, um dort zuſammen mit Reichsminiſter Dr. Goebbels und Gauleiter Bürckel das Gautheater in Saarbrücken einzuweihen und in einer großen Kund gebung auf dem Befreiungsfeld zum deutschen Volk an der Saar zu sprechen. Dann kommt der Führer überraschend nach Linz und besucht von dort aus die Böhmerwaldgebiete und das südliche Mähren . 302

Der Führer ist der Eroberte

Schon am 1. Oktober sind hier die erſten deutschen Truppen einmarschiert, haben aberbald jenseits der Mol dau an der festgelegten vorläufigen Grenze haltgemacht . So war auch das kleine Städtchen Krumau noch bei den Tschechen verblieben . Am 30. September hatten die Tschechen zwar fluchtartig die Stadt geräumt. Angehörige des Sudetendeutschen Freikorps hatten den Ordnungsdienst

übernommen

und

die

Einwohner

schmückten ihre Stadt in überströmender Freude für die einziehenden Truppen. Am Morgen des 2. Oktober aber rückten statt der Deutschen die Tschechen über raschend in Krumau ein und versuchten mit Panzer wagen die Stadt aufs neue zu unterwerfen und sich gefügig zu machen. Ein Feuergefecht begann in den Straßen. Drei Gewehre standen den Männern von Krumau zur Verfügung ! Die tschechischen Panzer knallten ziel los in die Gegend, beschossen das Schloß und den Kirch turm auf der Felshöhe über dem Fluß . Die deutschen Schüßen mit ihren drei Gewehren zielten gut auf die Sehschlize der Panzer. Die Tschechen, die in dem all gemeinen Zusammenbruch der Armee keine Lust hatten, noch etwas zu riskieren, machten schließlich mit ihren Panzerwagen kehrt und räumten die Stadt. So wurde auch Krumau frei , wenn auch in ſtändiger Angst vor einer erneuten Rückkehr der Huſſiten.

303

Der Führer ist der Eroberte

Am 8. Oktober endlich zogen nach neuer Festlegung der Grenzlinie die deutschen Soldaten auch hier ein. Am 20. Oktober besuchte der Führer die Stadt. Vor dem uralten Stadthaus , das mit seinen dicken Pfeilern, seinem mächtigen Umgang, der ungegliederten Quader wand über den Rundbogen wie ein altrömisches Kastell aussieht,

versammelten sich die Menschen zur Be

grüßung. Dann ging die Fahrt weiter nach Osten, in die Ge gend von Krems und Znaim, wo schon zur Zeit Karls des Großen zwischen siebenhundert und achthundert die Besiedlung der heutigen Ostmark des Reiches durch bayerische Einwanderer nachgewiesen ist . Noch bewahrt das Kloster in Krems die Urkunde seiner Stiftung durch den Herzog Johann von Bayern auf. Unter den Maſſen, die zur Kundgebung auf dem Marktplay in Znaim den Führer am 26. Oktober er warten, steht auch ein kleines Mädel , ein Kind noch, vielleicht zwölf Jahre alt. Sie hat nun all die Not, all die Verfolgung, all die Angst miterlebt. Sie fühlt in ihrem kindlichen Herzen vielleicht noch mehr wie viele der Umstehenden, welche gewaltige Wandlung nun geschehen ist . Sie alle waren ja schußlos einem barbarischen Regiment ausgeliefert. Die Männer, die dem tschechischen Heeresbefehl in die fernen Teile der ungarischen oder slowakischen Ge 304

Der Führer ist der Eroberte

biete folgen mußten, während Slowaken und Ruthe nen, ebenso gewalttätig gezwungen, in deutsche Städte geschickt wurden. Sie weiß von der Not der Männer und Jünglinge, die diesem aberwißigen und verbrecherischen Befehl nicht Folge leisteten und sich in Kellern, auf Dach böden, in leerstehenden Fabriken und in den Lauben der Gärten versteckt halten mußten. Denen haben die zwölf- und vierzehnjährigen Mädel am Abend nach dem Dunkelwerden Eſſen und Trinken in die Verstecke gebracht, oder Geld von Freunden, oder Zivilanzüge, damit sie bei Nacht und Nebel über die Grenze fliehen konnten. Sie weiß von der Not der weinend zurückgebliebe nen Frauen und Mütter, von den aufgescheuchten und verängstigten Mädeln und Jungmädeln, die schußlos den Verbrechergestalten der Moskauer Söldlinge aus geliefert waren . Nun steht sie, die junge Brust voll Glück der Er wartung, das Herz voll überströmender Dankbarkeit, auf einem freien Plaz zwischen den Absperrketten der Leibstandarte, aber doch auch wieder eigentlich inmitten dieser summenden, singenden, freudig bewegten Men schenmenge. Von links kommt ein Spalier von Män nern auf den Marktplah, nach rechts läuft ein anderes hinaus. Sie weiß nicht, von wo der Führer erscheint.

20 Hadamovsky, Weltgeschichte

305

Der Führer ist der Eroberte

Da kommt Bewegung in die Menschenmassen, eine Welle der Erregung springt auf, alles blickt nach der einen Seite hinüber, wo Truppen erscheinen. Die Men schen, die den ganzen Marktplaß nicht überschauen können, wenden gespannt ihre Blicke dorthin.

Das kleine Mädel springt ein paar Schritte vor, zit ternd vor Erwartung. Die Musik der Soldaten dort drüben schmettert los . Ein ungeheures Getöse, ein ge waltiges Jauchzen, ja ein Schreien scheint auf einmal den Plaz zu überfluten. Man weiß gar nicht, woher es kommt, so gewaltig dröhnt es von allen Seiten in die Ohren. Sie hält ihren Blumenſtrauß feſt gepackt und blickt noch immer wie gebannt unbeweglich nach der Seite, nach der zuerst die Blicke der Menschen gingen. Sie haben alle den rechten Arm erhoben, rufen, schreien. Frauen werden plößlich bleich und schluchzen faſſungs los in beide Hände. Männer laſſen den erhobenen Arm sinken und wischen sich mit dem Handrücken verstohlen über die Augen . So hat die Kleine, selbst aufs tiefste erschüttert, gar nicht bemerkt, daß alle Blicke auf sie gerichtet sind . Die Männer sehen es mit Rührung, die Frauen zwischen Lachen und Weinen : das Mädelchen hat den Führer nicht bemerkt, der von der anderen Seite gekommen iſt. Nun geht er von hinten auf sie zu, drei Schritte, zwei Schritte, noch einen Schritt, nun blickt er ihr ernſt und 306

Der Führer ist der Eroberte

freundlich, indem er sich ein wenig vorbeugt, über die Schulter ins Gesicht.

Da erkennt sie ihn. Fliegt herum wie vom Blih gerührt. Greift mit beiden Armen nach dem Führer und gibt ihn nicht wieder frei . Die Menschenmaſſen ringsum sehen es mit Er schütterung.

Dies Kind handelt für sie alle ! Diese fassungslose Freude, diese hemmungslose In besißnahme des Führers ist eine Offenbarung ihrer eigenen Gefühle. Für die ewig Blinden, die noch immer nicht sehen wollen, ist es ein Zeichen Gottes . Denn so hat das ganze sudetendeutsche Volk, so haben dieſe Männer und Jungen, diese Frauen und Mädel den Führer alle, alle in Besitz genommen.

So hat es vor einem halben Jahr die Ostmark ge tan, von der Innbrücke bei Braunau bis zu den Ber gen Steiermarks und Kärntens . Nicht derFührer hat Öſterreich, hat Böhmen erobert. Das deutsche Volk in Österreich und Böhmen hat ihn in Besitz genommen ! Bedingungslos , leidenschaftlich. Der Führer ist der Eroberte!

20*

307

Der Führer ist der Eroberte

Nun steht auch über diesem deutschen Land die lichte Heldengestalt Adolf Hitlers . Nun dürfen sich auch diese Deutschen, beschirmt durch ein mächtiges Reich, einfügen in den Schwurspruch der achtzig Millionen, der wie ein Gelübde von Eidgenossen die Zeit der Zwietracht für immer beendet und die Parole des Großdeutschen Jahres 1938 wurde : Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer !

308

Freiheit und Sicherheit

Die Tschecho -Slowakei trat im November und De zember 1938 das Olſagebiet an Polen ab , ein großes Gebiet im Süden an Ungarn .

Die in Prag neugebildete tschechische Regierung ge währte den Slowaken und Karpatho -Ukrainern die völ fische Autonomie und bemüht sich, ein freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland herzustellen. Ein deutsch tschechisches Minderheitenabkommen und eine ſtändig in Berlin tagende Kommission regeln die völkischen und kulturellen Fragen. In beiderseitigem Einverständnis begann zugleich die wirtschaftliche und verkehrstechnische Erschließung der Tschecho-Slowakei gemäß der Gesamtpolitik und den Bedürfniſſen des Dritten Reiches sowohl wie der drei Republiken der Tschechen, der Slowaken und

der

Ukrainer. Die kürzeste Eisenbahnverbindung von Berlin läuft seitdem mit etwa zehn Stunden Fahrzeit über Breslau durch die Tschecho- Slowakei nach Wien, ohne daß die Reisenden Paß- und Devisenkontrollen ausgesetzt sind . Schon find große Wasserstraßen und riesige Reichsauto bahnen von den Grenzen des Reiches durch das Herz

309

Freiheit und Sicherheit

der Tschecho-Slowakei bis fern in den Osten zur Kar patho - Ukraine in Angriff genommen worden. DerBlock der achtzig Millionen im Großdeutschen Reiche erwei tert sich um jene Millionen slawischer Nationalität, die durch die großartige Friedenspolitik des Führers zu ciner wirtschaftlichen und politiſchen Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich geführt werden, während sich ihre kulturelle und völkische Eigenart ungehemmter und freier als jemals zuvor entfalten kann. Der ehemalige Präsident Benesch verließ bald nach ſeinem Rücktritt die Tschecho -Slowakei . Der Pechvogel war Mitglied der Freimaurerloge „ Die Wahrheit siegt . . .."

Seine Loge hat also ausnahmsweise .

recht be

halten ! Am 4. Dezember 1938 fand eine Nachwahl der Su detenlande zum Deutschen Reichstag statt. Der Reichs tagswahlliste des Führers mit Gauleiter Konrad Hen lein an der Spite stimmten 98,9 Prozent aller Sudeten deutschen mit „Ja “ zu. Mit Henlein wurden sein Stell vertreter Hermann Frank, der frühere Gauleiter Krebs und vierzig Kampfgefährten gewählt. Als der Großdeutsche Reichstag, der Reichstag der Achtzig Millionen, des größten einheitlichen Völker blocks in aller Welt, am 30. Januar 1939 zum erſten mal zuſammentrat, begrüßten die achthundert Abge

310

Freiheit und Sicherheit

ordneten den Führer mit unbeschreiblichem Jubel . Dann eröffnete Generalfeldmarschall Göring die erſte Sizung des Großdeutschen Reichstags und erteilte dem Reichstagsabgeordneten Reichsinnenminiſter Dr. Frick das Wort. Der Reichstag verlängerte einmütig und einstimmig das Ermächtigungsgesetz für den Führer bis zum 10.

Mai

1943.

Zugleich wurde die Wahlperiode

des ersten Großdeutschen Reichstags durch Gesetz der Reichsregierung bis zum

30.

Januar

1943

ver

längert. Als Dr. Frick erklärte, es bedürfe für ſeinen Gesetzesantrag keiner weiteren Begründung, die Lei stungen des Führers in den vergangenen sechs Jahren und insbesondere im Jahre 1938 seien Begründung genug, da erhob sich ein unbeschreiblicher Jubel. Die abgeordneten Männer des Großdeutschen Reichstags sprangen von ihren Pläßen auf. Ihre spontane Hul digung für den Führer nahm ihre Abstimmung vor weg. Der Führer und Reichskanzler konnte dann in seiner zweistündigen Rede, sechs Jahre nach der Macht übernahme, dreiundfünfzig Jahre, nachdem Bismarck mit tiefer Sorge von Deutschlands innerer Schwäche und dem Koloß auf tönernen Füßen gesprochen hatte, die unvergleichlich siegessicheren und zuversichtlichen Worte sagen : 311

Freiheit und Sicherheit

„Wenn ich heute nach sechsjähriger Führung des

des

Reiches

deutschen in

die

Volkes

Zukunft

und

blicke ,

dann kann ich es nicht tun , ohne dem tiefen Vertrauen Ausdruck zu geben , das

mich hierbei

schlossenheit

des

erfüllt.

Die

deutschen

Ge =

Volks -

körpers , deren Garanten Sie , meine Abgeordneten

in

und sein werden , wißheit ,

daß ,

erster gibt

was

Aufgaben an unser

Linie

sind

mir die

immer

auch

Ge = an

Volk herantre

ten wird , der nationalsozialistische Staat früher oder später löst.

= Daß, wie immer auch die Schwierig keiten , die uns noch bevorstehen , be schaffen sein mögen , die Tatkraft und der Mut der Führung sie mei = stern

werden.

Ebenso

wie

ich

über -

zeugt bin , daß das deutsche Volk , ge warnt

durch

einmalige

eine

jahrzehntelange

geschichtliche

in = höchster Entschlossenheit seiner Füh rung folgen wird !"

312

Lehre ,

Anhang

Zeittafel des

Großdeutschen Jahres 1938

1. Januar: Neujahrsaufruf des Führers an die Partei , der in der Loſung gipfelt: „ Stärkung der Nation auf allen Gebieten des Lebens ."

11. Januar : Neujahrsempfänge des Führers im Haus des Reichspräsidenten. In seiner Erwiderung auf die Ansprache des Doyen des Diplomatischen Korps be tont der Führer die wahrhaft aufbauende Friedens arbeit des deutschen Volkes im Dienſte des allgemei nen Fortschritts . 15. bis 21. Januar : Der jugoslawische Ministerpräsident Stojadino witsch besucht Deutſchland .

30. Januar : Der Jahrestag der nationalsozialistischen Macht übernahme wird im Reich ebenso wie bei den Deut schen im Ausland festlich begangen .

31. Januar: Ministerpräsident Generaloberst Hermann Gö ring errichtet einen Wehrwirtschaftsrat, dem die Aufgabe zufällt, ſich mit allen Kräften für eine Stär 313

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

kung der deutschen Wirtschaft einzusehen, damit ſie allen Anforderungen zur Sicherung des deutschen Volkes gerecht wird.

4. Februar: Der Führer übernimmt den direkten Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht. Das bisherige Wehr machtamt wird Oberkommando . ZumChef des Ober kommandos der Wehrmacht wird General der Artil lerie Keitel bestellt . Generaloberst Göring wird zum Generalfeldmarschall, General von Brauchitsch un ter Beförderung zum Generalobersten zum Ober befehlshaber des Heeres ernannt . Generalfeldmar schall von Blomberg und Generaloberſt von Fritsch scheiden auf ihren Antrag aus ihren Ämtern.

In einem weiteren Erlaß verfügt der Führer zu ſeiner Beratung in der Führung der Außenpolitik die Errichtung eines Geheimen Kabinettsrates , zu deſſen

Präsidenten

Reichsminister Freiherr von

Neurath ernannt wird . Botschafter von Ribbentrop erhält das Amt des Reichsaußenministers . Reichswirtschaftsminister Funk übernimmt nach Abschluß der Neugliederung die Geschäfte des Reichs und Preußischen Wirtſchaftsminiſteriums . 7. Februar: Vansittart, ein Parteigänger Edens , wird Chef der britischen Auslandspropaganda . 314

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

11. Februar: Das nationale Kabinett Goga in Bukarest gestürzt . 12. Februar : Aussprache zwischen dem Führer und dem öſter reichischen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg in Berch tesgaden.

15. Februar: Umbildung der österreichischen Regierung.

Dr.

Seyß-Inquart übernimmt das Innen- und Sicher heitsministerium.

20. Februar: Der Führer gibt vor dem Deutschen Reichstag einen umfassenden Rechenschaftsbericht. Englands Außenminiſter Eden tritt zurück. 25. Februar : Lord Halifax wird an Stelle Edens Außenminiſter . 9. März: Bundeskanzler Schuschnigg hält in Innsbruck einen Amtswalterappell ab,

bei dem er für den

13. März eine Volksabstimmung ankündigt, deren Durchführungsbestimmungen einen unerhörten Be trug am österreichischen Volk darstellen. 11. März : Der Volksverräter Schuschnigg wird zum Rück tritt gezwungen und Dr. Seyß-Inquart zum Bun deskanzler ernannt . 315

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Kommunistische Erhebungen und Bürgerkriegs

gefahr. Seyß-Inquart bittet den Führer und Reichskanz ler um Entſendung deutscher Truppen zum Schuß von Volk und Regierung. In der Nacht reißen die österreichischen National ſozialiſten die Macht an sich.

12. März : Deutsche Truppen werden in Linz , Salzburg, Innsbruck und Kufſtein begeiſtert empfangen. Der Führer trifft, von seiner Heimatstadt Braunau aus kommend, in Linz ein. Er wird von Bundeskanzler Seyß-Inquart begrüßt. Nach der Rede des Bundes kanzlers spricht der Führer vom Balkon des Rat hauſes zu den Maſſen. Muſſolini teilt auf franzöſiſche Anfrage mit, daß keine Möglichkeit

eines gemeinsamen italienisch

französischen Vorgehens in bezug auf die Lage in Österreich bestünde.

13. März : Besuch des Führers am Grabe seiner Eltern in Leonding. Die österreichische Regierung erläßt ein Geſeß, durch das der Anſchluß Öſterreichs an das Reich voll zogen wird.

316

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Durch einen Beschluß der deutschen Reichsregie rung wird das Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutſchen Reich Reichsgesetz. Eine Verfügung des Führers erklärt das öſter reichische Bundesheer zum Bestandteil der deutſchen Wehrmacht. Gauleiter Bürckel wird vom Führer mit der kom missarischen Leitung der NSDAP . in Österreich und der Vorbereitung der Volksabstimmung betraut. Rücktritt des österreichischen Bundespräsidenten Miklas. Hitlers Telegramm an Muſſolini.

14. März : Festlicher Einzug des Führers in Wien.

15. März : Machtvolle Befreiungskundgebung auf dem Hel = denplay in Wien. Der Führer proklamiert die Miſ sion der Ostmark. 18. März: Feierliche Schlußsihung des alten Reichstags in Gegenwart der österreichischen Landesregierung. Die Neuwahlen werden auf den 10. April feſtgeſeßt. 25. März : Beginn der Deutschlandfahrt Adolf Hitlers für den Wahlkampf.

317

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

7. April : Adolf Hitler vollzieht an der Baustelle der Reichs autobahn Salzburg -Wien am Walserberg den er ſten Spatenstich.

8. April : Neues Kabinett Daladier in Paris .

9. April: Tag des Großdeutschen Reiches . Abends erfolgt von Wien aus der große Schlußappell des Führers an die gesamte deutsche Nation.

10. April: Die Wahlen zum Großdeutschen Reichstag und die Volksabstimmung in Österreich ergeben ein über wältigendes

Treuebekenntnis zu der Politik des

Führers. Im alten Reich beträgt die Zahl der Ja Stimmen

99,08

99,75 v.

. sich für den Anschluß bekennen.

v.

H. ,

während

in Öſterreich

16. April :

Italienisch-englisches Abkommen in Rom unter zeichnet (Oster-Abkommen) .

20. April : Geburtstag Adolf Hitlers .

24. April: Konrad Henlein gibt auf einer Tagung der Su detendeutschen Partei in Karlsbad die Vorschläge bekannt, die für einen Ausgleich zwiſchen den Deut 318

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

schen und Tschechen erforderlich sind .

Diese Vor

schläge verlangen die völlige Gleichberechtigung der deutschen Volksgruppen mit dem tschechischen Volk sowie die Beseitigung des von den Tschechen seit dem Jahre 1918 zugefügten Unrechts und die Wieder gutmachung der dadurch entstandenen Schäden. 29. April : Daladier und Bonnet in London.

30. April : Der Stellvertreter des Führers , Rudolf Heß , überreicht auf der Tagung der Reichsarbeitskammer in der Staatsoper Berlin im Auftrage des Führers an 103 Musterbetriebe die Goldenen Fahnen der DAF. 1. Mai : Großdeutschland begeht

das Fest

der

Volks

gemeinschaft. Auf der Festſihung der Reichskultur kammer gibt Reichsminister Dr. Goebbels den Film und Buchpreis bekannt . Der deutsche Filmpreis wird Frau Leni Riefenſtahl für ihr Filmwerk „ Olympia, Fest der Völker, Fest der Schönheit “ zuerkannt, wäh rend der Deutſche Buchpreis dem Gedichtband „ Das Lied der Getreuen" , Verse ungenannter österreichi scher Hitler-Jugend aus den Jahren der Verfol gung

1933/37, herausgegeben von Baldur von

Schirach, zugesprochen wird . 319

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

2. Mai : Der Führer und Reichskanzler tritt in Beglei tung führender Männer des Staates , der Partei und der Wehrmacht seine Reise nach Italien an. Beitritt Italiens zum Meerengenabkommen von Montreux.

3. Mai : Festlicher Empfang Adolf Hitlers in Rom. Der Führer wird bei ſeiner Ankunft von dem König von Italien und Kaiſer von Äthiopien und von dem ita lienischen Regierungschef Benito Mussolini herz lich begrüßt. 4. Mai : Offizielles , von dem König und Kaiser Viktor Emanuel III . veranstaltetes Bankett. 6. Mai : Parade der faschistischen Wehrmacht. 7. Mai : Staatsbankett, bei dem in den Ansprachen Muſſo linis und Hitlers ein geschichtliches Bekenntnis der Freundschaft, wie ſie in der Achse Berlin—Rom zum Ausdruck kommt, niedergelegt wird. 8. Mai : Vor den Toren Roms kriegsmäßige Übungen des Landheeres und der Luftwaffe mit einem Einsay von 400 Flugzeugen. 320

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

9. Mai: Rückkehr Adolf Hitlers . 10. Mai : Ministerpräsident und Außenminister der Tür kei besuchen Jugoslawien. 13. Mai : Imredy wird Miniſterpräſident in Ungarn. 14. Mai : Mexiko bricht diplomatische Beziehungen zu Eng Land ab.

16. Mai: Generalfeldmarschall Göring nimmt den erſten Spatenstich zu dem großen Tauernkraftwerk im Ka pruner Tal bei Zell am See vor.

21. Mai : In Eger werden zwei Sudetendeutsche ohne jeden Grund von tschechischen Staatspolizisten erschossen. Darauf Mobilmachung eines Reſerviſtenjahrgangs durch die Tschechen.

24. Mai : Der Führer ernennt die sieben Gauleiter der Ost mark. Im Gau Tirol : Hofer . Salzburg : Rainer. Oberdonau: Eigruber. Niederdonau : Jury. Wien : Globotschnigg.

Kärnten :

Klausner.

Steiermark :

liberreither.

21 Hadamovath, Weltgeschichte

321

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

25. Mai : Trauerfeier für die Blutzeugen von Eger, an de ren Särgen der Führer Kränze niederlegen läßt. Deutscher Protest in Prag wegen der Grenz zwischenfälle. 26. Mai : Der Führer legt den Grundstein zu dem großen Volkswagenwerk in Fallersleben.

27. Mai : Der Führer der Eisernen Garde in Rumänien, Codreanu, zu zehn Jahren Zwangsarbeit verur teilt. 28. Mai : Der Führer antwortet auf die tschechische Mobil machung mit dem Befehl an Göring zur äußerſten Verſtärkung der deutſchen Wehrkraft und zur Siche= rung unserer Ernährungs- und Rohstoffwirtſchaft. Der Führer gibt weiter an Dr. Todt den Befehl zum ſofortigen Ausbau einer starken Befestigungs linie im Westen, der Todtfront. Der Führer gibt den

Geheimbefehl, für den

2. Oktober 1938 den militärischen Einmarsch in die Tschecho -Slowakei vorzubereiten, falls keine fried liche Lösung der sudetendeutschen Frage erzielt wer den kann.

322

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

1. Juni : Tschechischer Feldwebel schießt in Eger zwei Su detendeutsche nieder.

2. Juni: Erneute Grenzverlehung durch tschechische Flie ger, die über dem Erzgebirge deutsches Gebiet über fliegen. — Tschechische Soldaten zwingen in Nieder ullersdorf Reichsdeutsche zur Herausgabe der Haken kreuzfahne.

3. Juni : Deutscher Protest in Prag.

6. Juni: Überschwemmungskataſtrophe in China_beein trächtigt den japaniſchen Vormarsch.

7. Juni : Die Sudetendeutsche Partei überreicht Prag ein Memorandum mit der Forderung der vollen Auto nomie im Rahmen des Gesamtstaates .

10. Juni : England schickt Beobachter nach Prag. 14. Juni : Der Führer gibt bei der Grundsteinlegung für das Haus des Deutschen Fremdenverkehrs den Befehl zum Beginn der Arbeit an der städtebaulichen Neu gestaltung der Reichshauptstadt.

21*

323

I

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

17. Juni: Erneute Grenzverletzung durch einen tschechischen Militärflieger, der über dem Grenzstädtchen Lam inBayern kreuzt und dort dieBahnhofsanlagen pho tographiert. Türkisch-französisches Abkommen über den San dschat von Alexandrette.

21. Juni: LondonerNichteinmischungsausschuß nimmt Vor ſchlag zur Zurückziehung der Spanienfreiwilligen an.

22. Juni : Einführung der allgemeinen Dienstpflicht. Alle deutschen Männer und Frauen können zu Dienstleistungen im Interesse der Landesverteidi gung herangezogen werden .

26.-29. Juni : III. Weltkongreß ,,Freude und Arbeit" in Rom. 27. Juni : Rekordflug des deutschen Schnellverkehrsflugzeu ges ,, Condor", das die 3100 Kilometer lange Strece Berlin-Kairo in 10 Stunden 21 Minuten zurück legt.

1. Juli: England, Frankreich und USA. seßen Kriegs schiff-Höchsttonnage auf 45 000 Tonnen herauf. 324

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

4. Juli : Frankreich besezt die Paracel-Inseln.

5. Juli: Freundschaftsvertrag zwischen Italien und Man dschukuo unterzeichnet. Sowjetruſſiſch - japanischer

Zwischenfall

bei

Tschangfeng.

10. Juli : Eröffnung der großen deutschen Kunstausstellung 1938 in München durch den Führer.

18. Juli: Die ungarischen Minister Imredy und v. Kanya in Rom .

19. Juli : Neues Wehrleistungsgeseh, das die Pflicht zu Sachleistungen für alle Zwecke der Landesverteidi gung regelt. Bekanntgabe des der tschechischen Regierung am 7. Juni überreichten Memorandums der Sudeten deutschen Partei .

22. Juli : Bolivien und Paraguay unterzeichnen Chaco Friedensvertrag .

26. Juli: Chamberlain kündigt die Entſendung Lord Runci mans nach Prag an.

325

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Beginn der Räumung Hankaus durch die Chi nesen.

3. August : Grenzverlegung tschechischer Flieger durch Über fliegen der Festung Glah. 4. August: Lord Runciman bespricht sich mit dem tschechi schen Präsidenten und dem Premierminister sowie den Vertretern der Sudetendeutschen Partei in Prag .

11. August : Das viermotorige Focke-Wulf-Flugzeug „ Con dor" durchfliegt die Strecke Berlin-Neuyork in 25 Stunden.

15. August: Beginn der deutschen Herbstmanöver. Reservisten einziehungen. Zur gleichen Zeit sind etwa 500 000 Arbeiter beim Bau von 17 000 Befestigungen der Todtfront im Westen beschäftigt.

17. August: Der politische Ausschuß der tschechischen Regie rung konferiert mit fünf Delegierten der Sudeten= deutschen Partei .

18. August : Konrad Henlein trifft mit Lord Runciman zu ſammen. 326

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

21. August: Die Prager Verhandlungen werden wegen der unversöhnlichen Haltung der tschechischen Regierung abgebrochen. Staatsbesuch des

ungarischen Reichsverwesers

Admiral Horthy in Deutschland .

22. August : Stapellauf des Kreuzers ,,Prinz Eugen " in Kiel.

25. August : Neue Deutschenverfolgungen im Sudetenland. 26. August : Notwehrrecht der Sudetendeutſchen durch Konrad Henlein proklamiert.

27. August : Sir John Simon weiſt in einer Rede darauf hin, daß England keine britiſche Polizei in Mitteleuropa ausüben könne.

28. August: Der britische Botschafter in Berlin, Sir Neville Henderson, erstattet in London Bericht. Henlein trifft abermals mit Lord Runciman zu ſammen.

30. August : Konrad Henlein trifft mit Präsident Benesch zu ſammen. 327

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

31. August : Tschechischer Feuerüberfall auf deutsche Zollstreife im Erzgebirge.

1. September: Konrad Henlein fährt auf Vorschlag von Lord Runciman zu Adolf Hitler auf den Obersalzberg. 4. September : Das tschechische Kabinett beschließt, der Sudeten deutschen Partei neue Vorschläge zu unterbreiten, die jedoch die Karlsbader Forderungen Konrad Hen leins vom 24. April nicht anerkennen.

5. September: Die französische

Regierung

trifft

militärische

Maßnahmen an ihrer Nordoſtgrenze. Erster Reichsparteitag Großdeutschlands . DieReichskleinodien kehren nachNürnberg zurück. Der Parteikongreß wird mit der Proklamation des Führers eröffnet.

6. September : Im Rahmen der Kulturtagung erfolgt die Be kanntgabe der Preisträger des Nationalpreiſes für Kunst und Wissenschaft. Mit ihm werden vier her vorragende Männer der deutschen Technik, der Gene ralinspektor für das deutsche Straßenwesen und Er bauer der Westbefestigungen, Dr. Friz Todt, der Konstrukteur des KdF.-Wagens , Dr. Ferdinand 328

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Porsche, die Flugzeugbauer Prof. Willi Messer schmitt und Prof. Ernst Heinkel, ausgezeichnet . Der Korpsführer des NSKK . , Adolf Hühnlein,

(

wird vom Führer zum Reichsleiter der NSDAP . ernannt.

7. September: Blutige Mißhandlung Sudetendeutſcher in Mäh risch-Ostrau. Die Sudetendeutsche Partei bricht alle Verhand lungen mit der Prager Regierung ab, als dieſe die Bestrafung der Schuldigen verweigert.

10. September : Auf der Tagung der Deutschen Arbeitsfront gibt Generalfeldmarschall

Göring

einen

umfassenden

Rechenschaftsbericht über die Methoden und Erfolge der nationalsozialiſtiſchen Wirtſchaftspolitik. Reichsminister Dr. Goebbels gibt an Hand um fangreicher ausländischer Pressestimmen ein wir kungsvolles Bild über die Verlogenheit der Welt demokratie.

12. September : Der Reichsparteitag erreicht seinen Höhepunkt mit der Schlußrede Adolf Hitlers, in der der Führer das durch Benesch den Sudetendeutschen zugefügte Unrecht mit aller Schärfe brandmarkt und an Stelle 329

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

fortwährender Unterdrückungen das Recht der Selbst bestimmung fordert. Ferner gibt der Führer ein Bild der gigantischen Befestigungen an der deutschen Weſtgrenze.

Die Rede wird von den Sudetendeutschen trog aller Prager Verbote mitgehört. Zug der zehntausend Warnsdorfer nach Seif hennersdorf.

13. September : Benesch beantwortet die Führerrede mit Feuer überfällen auf Sudetendeutsche und Verhängung des Standrechts .

Henlein stellt Benesch ein Ultimatum und ver langt die sofortige Aufhebung des Standrechtes . Das Prager Kabinett beſchließt die Aufrechterhal tung . 14. September : Die Feuerüberfälle und Verhaftungen im Su detenland nehmen ihren Fortgang. Chamberlain ſchlägt Adolf Hitler eine Besprechung

vor.

15. September : Besprechung des Führers und Reichskanzlers mit dem englischen Miniſterpräsidenten Chamberlain in Berchtesgaden. Konrad Henleins Proklamation an das deutsche 330

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Volk und die gesamte Welt : „Wir wollen heim ins Reich."

16. September : Chamberlain fliegt nach London zurück und un terrichtet das Kabinett.

Lord Runciman kehrt ebenfalls nach London zu rück und beendet seine Prager Miſſion. Benesch verbietet die Sudetendeutſche Partei. 17. September : Konrad Henlein ordnet gegen den Prager Mord terror die Aufstellung eines sudetendeutschen Frei korps an.

18. September : Der italienische Regierungschef Muſſolini fordert auf einer großen Kundgebung in Triest angesichts der Zuspihung der europäischen Lage die Volksab stimmung im Sudetenland und erklärt, daß im Kon fliktsfall Italiens Plat bereits gewählt sei. Ministerpräsident Daladier und Außenminiſter Bonnet in London bei Chamberlain. 19. September : Die englisch-franzöſiſchen Vorschläge werden der tschecho-slowakischen Regierung überreicht . Sie sehen die Abtretung aller sudetendeutschen Gebiete vor. Polen zieht Truppen an der tschechischen Grenze zuſammen.

331

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Der polnische Botschafter Lipsky und die ungari schen Minister Imredy und v. Kanha werden vom Führer auf dem Obersalzberg empfangen.

20. September: Die Prager Regierung verzögert die Antwort auf die englisch-franzöſiſchen Vorschläge.

21. September: Die englische und französische Regierung richten eine dringende Aufforderung zur Beantwortung an Prag. Das Prager Kabinett Hodscha nimmt die Vor schläge an.

22. September : Zweite Zusammenkunft des Führers und Reichs fanzlers

mit dem englischen Miniſterpräsidenten

Chamberlain in Godesberg. Die tschechische Regierung Hodscha tritt zurück. Das neue Kabinett ſteht unter der Leitung des Gene ralinspekteurs der Armee, General Sirovy.

23. September : Benesch ordnet die Mobilmachung der gesamten tschechischen Armee an, während Hitler und Cham berlain in Godesberg verhandeln.

Frankreich macht teilweise mobil. Flucht der Warnsdorfer. 332

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

24. September : Beendigung der im freundschaftlichen Geiste ge haltenen Besprechungen zwischen dem Führer und dem englischen Premierminiſter. Überreichung eines deutschen Memorandums an Chamberlain, das die endgültige deutsche Stellungnahme zur Lage im Sudetenland enthält und durch den britischen Mili tärattaché in Berlin der Prager Regierung über reicht wird. Tschechisches Militär bringt Langrohrgeſchüße an der sächsischen Grenze in Stellung.

Chamberlain berichtet dem Kabinett und dem König.

25. September : Besprechung mit Daladier und Bonnet in London. Die neue Prager Regierung verweigert die Ab tretung des Sudetenlandes . 26. September : Der Führer spricht im Berliner Sportpalaſt. Präsident Roosevelt versucht sich durch eine „ Bot schaft" an Adolf Hitler einzuschalten.

27. September : Der Führer antwortet Roosevelt. Chamberlain hält eine tschechenfreundlicheRund funkrede in London.

333

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

PräsidentRoosevelt sendet eine zweite „ Botschaft“ an Adolf Hitler.

28. September : Die britische Flotte wird mobiliſiert. Chamberlain spricht vor dem Parlament und er hält während der Rede die Einladung des Führers zur Viermächtekonferenz in München. Spontane Friedensdemonſtration des englischen Parlaments .

29. September : Zuſammenkunft der Regierungschefs von Deutsch land, Italien, Frankreich und England in München. Die historische Begegnung zwischen Adolf Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier endet mit der Unterzeichnung

eines Abkommens ,

das

der

tschecho-slowakischen Regierung innerhalb einer Friſt von zehn Tagen die unbeschädigte Räumung des Sudetenlandes auferlegt. Für die endgültige Fest legung der Grenzen wird ein internationaler Aus schuß bestimmt .

30. September: Der Führer und Reichskanzler und der britiſche Premierminister Chamberlain geben eine Erklärung bekannt, in der das Münchener Abkommen und das deutsch-englische Flottenabkommen als Symbol be=

334

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

trachtet werden für den Wunſch beider Völker, nie mals wieder gegeneinander Krieg zu führen. 1. Oktober:

Deutsche Truppen unter derFührung des General obersten Ritter von Leeb rücken im Gebietsabschnitt I ein (Böhmer Wald und Südmähren). Konrad Henlein wird vom Führer zum Reichs kommissar für die sudetendeutschen Gebiete ernannt . Rücktritt des englischen Marineminiſters Duff Cooper. 2. Oktober : Einmarsch deutscher Truppen unter Führung des Generalobersten von Bock in den Gebietsabſchnitt II (Nordostböhmen) .

3. Oktober: Adolf Hitler im Sudetenland . Der Führer spricht auf dem Marktplay in Eger. Einmarsch deutscher Truppen unter Führung des Generals der Artillerie von Reichenau in den Ge bietsabschnitt III (Egerland).

4. Oktober: Adolf Hitler spricht in Karlsbad. Die Tschechen räumen Oberungarn und das Olſa Gebiet. 5. Oktober : Eröffnung des WHW . mit einer Großkundgebung

335

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

im Berliner Sportpalast . Der Führer richtet an die Nation die Aufforderung, alles zu tun, um die un geheure Not im Sudetenland so rasch wie möglich zu beseitigen.

Benesch erklärt ſeinen Rücktritt. Gesetzliche Regelung der Judenfrage in Italien. 6. Oktober : Der Führer sett seine Fahrt durch das sudeten deutsche Gebiet fort und besichtigt die Schöberlinie . Beginn der Besehung des Gebietsabschnitts IV (Sudetenschlesien) durch deutsche Truppen unter Führung des Generalobersten von Rundstedt. Der Führer, begleitet von Generalfeldmarschall Göring, trifft in Jägerndorf ein. 8. Oktober: Deutsche Truppen marschieren nach Besehung der Zonen I bis IV in die reſtlichen ſudetendeutschen Ge biete ein, die Deutschland von der Internationalen Kommission zugesprochen wurden. 9. Oktober : Feierliche Eröffnung des Gautheaters Saarpfalz in Saarbrücken mit einer Rede des Reichsminiſters Dr. Goebbels . AmNachmittag findet auf dem Saar brücker Befreiungsfeld eine Kundgebung ſtatt, auf der der Führer spricht. Er kündigt einen weiteren Ausbau der 336

Befestigungsanlagen

unter

Einbe=

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

ziehung des Saarbrückener und Aachener Gebietes

an. 10. Oktober : Beendigung der Besetzung des

Sudetenlandes

durch deutsche Truppen. 13. Oktober : Der Internationale Ausschuß beschließt einstim mig, daß von Volksabstimmungen abzusehen sei. Große militärische Operationen der Engländer gegen die Palästina -Araber. 30. Oktober: Einweihung des Schiffshebewerkes Magdeburg Rothensee durch Rudolf Heß . Mit der Vollendung des Schiffshebewerkes ist der durchgehende Verkehr auf Deutschlands größter künstlicher Wasserstraße möglich. 31. Oktober : Der Führer verfügt die Bildung des Reichsgaues Sudetenland mit seinem Sit in Reichenberg. Er ernennt Parteigenossen Konrad Henlein zum Gau leiter und zu deſſen Stellvertreter Parteigenossen Karl Hermann Frank . Ferner erhält Konrad Hen lein vom Führer den Auftrag, nach den Weiſungen des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß die Überleitung der Sudetendeutschen Partei in die NSDAP . sowie den Aufbau der NSDAP ., ihrer

22 Hadamovsky, Weltgeschichte

337

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Gliederungen und angeschlossenen Verbände in die Wege zu leiten. 2. November: Der

in Wien

durch die Reichsaußenminister

Deutschlands und Italiens , von Ribbentrop und Graf Ciano, gefällte Schiedsspruch spricht Ungarn die Städte Kaschau, Munkacz und Ungvar zu, wäh rend Preßburg und Neutra slowakisch bleiben. Die von Prag an Ungarn abzutretenden Gebiete werden vom 5. bis 10. November beſezt. 5. November: Der Stellvertreter des Führers , RudolfHeß, über nimmt in Reichenberg die Sudetendeutſche Partei in die NSDAP . 7. November : Der Jude Herschel Seibel Grünspan ermordet den deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath in Paris . 9. November: Parteifeiern in München zur Erinnerung an die Erhebung des 9. Novembers 1923. In der Nacht wird der Tod des Parteigenossen vom Rath bekannt . Darauf ſpontane Aktionen gegen die Juden im ganzen Reich. 10. November: Der türkische Staatschef, Kemal Atatürk, ſtirbt. Jsmed Jnönü wird Nachfolger.

338

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

12. November : Den Juden in Deutſchland wird eine Buße für den Pariser Meuchelmord in Höhe von einer Mil liarde Reichsmark auferlegt. Juden dürfen nicht mehr Betriebsführer, Einzel händler oder Handwerker sein. 16. November: England erkennt das Italienische Imperium an. 17. November : In Düsseldorf Beiſehung vom Raths in Gegen wart des Führers. 23. November : Kulturabkommen zwischen Deutſchland und Ita lien in Rom und zwiſchen Deutschland und Japan in Tokio unterzeichnet . Chamberlain und Halifax in Paris . 25. November : Deutsch-italienisch-japaniſche

Gemeinſchaftsſen

dung im Rundfunk. Die Außenminister von Ribben trop, Graf Ciano und Arita sprechen über die gemein same Front gegen den Bolschewismus und die Be währung des weltpolitischen Dreiecks . 30. November : Das Focke-Wulf-Flugzeug „ Condor" durchflog die Strecke Berlin-Tokio in sechsundvierzigeinhalb Stunden.

22*

339

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Der nationale Freiheitsheld Codreanu wird mit dreizehn seiner Anhänger in Rumänien erschossen . Mißlungener Generalstreikverſuch der franzöſi schen Marxisten. Dr. Hacha Staatspräſident der Tschecho-Slowakei . 1. Dezember: Der Stellvertreter des Führers , Rudolf Heß, voll zieht bei Eger den ersten Spatenstich für die Auto bahn im Sudetenland zuſammen mit Dr. Todt und Konrad Henlein .

2. Dezember: Schlußappell des Führers zur Ergänzungswahl im Sudetenland in Reichenberg .

Beran wird tschechischer Ministerpräsident. 3. Dezember : Tag der nationalen Solidarität. Das Ergebnis der Sammlung beträgt über 15,5 Millionen Reichs mark, das ſind 75 v. H. mehr als im Vorjahr. 4. Dezember: Die Ergänzungswahl zum Deutschen Reichstag im Sudetenland ergibt mit 98,9 v. H. Jaſtimmen ein überwältigendes Treuebekenntnis zum Führer. Die Zahl der Reichstagssite vermehrt sich durch die Wahl um einundvierzig.

6. Dezember: Reichsaußenminister von Ribbentrop und der

340

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

französische Außenminiſter Bonnet unterzeichnen in Paris eine deutsch-französische Erklärung, wonach Deutschland und Frankreich keinen Krieg miteinan der zu führen beabsichtigen.

Italienische Kundgebungen in Tunis und auf Korsika gegen die französische Unterdrückung der ita lienischen Bevölkerung.

8. Dezember: In Anwesenheit des Führers läuft in Kiel der erste Flugzeugträger der deutschen Kriegsmarine „ Graf Zeppelin“ von Stapel.

10. Dezember: Der Führer eröffnet im Haus der Deutschen Kunst in München die Zweite Deutsche Architektur und Kunstausstellung.

14. Dezember: Die Ergebnisse der Landtagswahl im Memelland kennzeichnen das einmütige Bekenntnis dieses Landes zum Deutschtum. Die deutsche Liste erhält 87,3 v. H. aller abgegebenen Stimmen.

15. Dezember: Der dreitausendste Kilometer der Reichsautobahn wird in Betrieb genommen.

20. Dezember: Generalfeldmarschall Göring beauftragt Reichs wirtſchaftsminister Funk,

alle Maßnahmen

zur 341

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Leistungssteigerung der deutschen Wirtschaft anzu ordnen und durchzuführen . 21. Dezember : Durch Verfügung des Führers wird der Deutsche Reichsbund für Leibesübung unter Führung und Schuß der Partei gestellt und erhält den Namen „Nationalsozialistischer

Reichsbund

für

Leibes

übungen". Von Tschammer und Osten übernimmt die Führung .

22. Dezember: Reichsarbeitsminister Seldte gibt das Gesez über die Altersversorgung für das deutsche Handwerk bekannt.

24. Dezember: Der Stellvertreter des Führers derkündet in ſei ner Weihnachtsansprache die Stiftung des Ehren kreuzes der deutschen Mutter durch den Führer. 31. Dezember : Dr. Goebbels dankt dem Führer in seiner Sil vesteransprache im Namen des Volkes.

ganzen deutschen

1. Januar 1939 : Neujahrsbotschaft des Führers an das deutsche

Volk. 10. Januar 1939 : Chamberlain und Halifax werden kurz auf dem 342

Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938

Pariser Nordbahnhof von Daladier und Bonnet be= grüßt. 11. Januar 1939 : Ministerpräsident

Chamberlain

und

Außen

miniſter Lord Halifax besuchen den König, Muſſolini und den Papst in Rom.

20. Januar 1939 : Reichswirtschaftsminister Funk wird an Stelle von Reichsminister Schacht vom Führer zum Reichs bankpräsidenten ernannt. 22. Januar 1939 : SA. wird Trägerin der vor- und nachmilitä rischen Wehrerziehung. 30. Januar 1939 :

Erster Großdeutscher Reichstag in Berlin. Ansprache des Führers : Ich blicke mit tiefem Vertrauen in die Zukunft !

343

Das Biermächte : Abkommen von München

Auszug aus dem Abkommen zwischen Deutschland, dem

Vereinigten Königreich

von

Großbritannien,

Frankreich und Italien Getroffen in München am 29. September 1938 Deutschland, das Vereinigte Königreich von Groß britannien, Frankreich und Italien sind unter Berück sichtigung des Abkommens , das hinsichtlich der Abtre tung des ſudetendeutschen Gebietes bereits grundſäglich erzielt wurde, über folgende Bedingungen und Modali täten dieſer Abtretung und über die danach zu ergrei fenden Maßnahmen übereingekommen und erklären sich durch dieses Abkommen einzeln verantwortlich für die zur

Sicherung

seiner

Erfüllung

notwendigen

Schritte. 1. Die Räumung beginnt am 1. Oktober. 2. Das Vereinigte Königreich von Großbritannien, Frankreich und Italien vereinbaren; daß die Räumung des Gebietes bis zum 10. Oktober vollzogen wird , und zwar ohne Zerstörung irgendwelcher bestehender Ein richtungen, und daß die tschecho -slowakische Regierung

344

Das Viermächte - Abkommen von München

die Verantwortung dafür trägt, daß die Räumung ohne Beschädigung der bezeichneten Einrichtungen durch geführt wird. 6. Die endgültige Festlegung der Grenzen wird durch den internationalen Ausschuß vorgenommen werden . Dieser Ausschuß

ist berechtigt,

den vier

Mächten

Deutschland, dem Vereinigten Königreich von Groß britannien, Frankreich und Italien in beſtimmten Ausnahmefällen geringfügige Abweichungen von der ſtreng ethnographischen Bestimmung der ohne Volks abstimmung zu übertragenden Zonen zu empfehlen. 7. Es wird ein Optionsrecht für den Übertritt in die abgetretenen Gebiete und für den Austritt aus ihnen vorgesehen. Die Option muß innerhalb von sechs Mo naten vom Zeitpunkt des Abschlusses dieses Abkom mens an ausgeübt werden . Ein deutsch-tschecho -slowa = kischer Ausschuß wird die Einzelheiten der Option beſtimmen,

Verfahren zur Erleichterung des

Aus

tauſches der Bevölkerung erwägen und grundsäßliche Fragen klären, die ſich aus diesem Austausch ergeben. 8. Die tschecho -slowakische Regierung wird innerhalb einer Frist von vier Wochen vom Tage des Abſchluſſes dieſes Abkommens an alle Sudetendeutschen aus ihren militärischen und polizeilichen Verbänden entlaſſen, die diese Entlassung wünschen. Innerhalb derselben Frist

345

Das Viermächte Abkommen

von München

wird die tschecho -slowakische Regierung sudetendeutsche Gefangene entlassen, die wegen politischer Delikte Frei heitsstrafen verbüßen . München, den 29. September 1938.

gez . Adolf Hitler

gez. Neville Chamberlain

gez . Mussolini

gez. Edouard Daladier

Anmerkung : Für die Zeittafel des Großdeutschen Jahres 1938 und das Viermächte-Abkommen wurden im Einvernehmen mit Schriftleitung und Verlag die Nummern des „Völkischen Be obachters" vom September und Dezember 1938 zugrunde gelegt. Für Berichtigung oder Ergänzung von Angaben in Zeittafel und E. H. Tert bin ich dankbar.

Karte des Großdeutschen Reiches

Reichsgrenzen 1938 ...... vor GALƏSENSOR ( Hitler schmiedet Großdeutschland Die Meilensteine des Vormarsches :

Hamburg 1. Schuschnigg am Obersalzberg . 2. Des Führers Reichstagsrede in Berlin.

nd

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3. Grenzübertritt bei Braunau. ie

n

4. Reichsgesetz über die Vereini=

g ur kr

Nürnberg

Fr

an

und Terror in Prag. 8. Der Führer baut den Westwall.



ei

7. Ergebnislose Verhandlungen

9. Chamberlain am Obersalzberg .

o Godesberg We st wa ll

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rung der SudetendeutschenPar tei.

xe

Autonomieforde

Lu

6. Karlsbader

mb

5. Führerfahrt nach Wien.

Be

Reiche in Linz.

lg

gung der Ostmark mit dem

10. Chamberlain in Godesberg. 11. Mussolini, Chamberlain, Dala dierim Führerhaus in München. 12. Führerfahrt nachAsch, Eger und Karlsbad.

Schweiz

13. Führerfahrt nach Krumau und 3naim. 14. Reichenberg wird Hauptstadt des Sudetengaues.

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Gezeichnet: Eugen H.

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Obersalzberg

Eugen Hadamovsky

Hitler kämpft .

um den Frieden Europas

Ein Tagebuch von Adolf Hitlers Rampf um Frieden und Gleichberechtigung

Hier schildert der Reichsſendeleiter jene Tage, die er an der Seite des Führers während des Ein marsches der deutschen Truppen zur Rheinland befreiung und während des Wahlkampfes 1936 erlebt hat. Das Buch enthält Auszüge der unver, geßlichen Reden des Führers „für den Frieden Europas“, ebenso die Worte der Männer, die ihm den Gruß und den Dank der Gaue entboten . Eine Fülle persönlicher Erlebnisse von der großen, zwanzigtägigen Reise des Führers durch alle deut schen Gaue vermittelt uns einen Eindruck von den Männern in der Umgebung Adolf Hitlers.

Leinen RM . 4.

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V

Eugen Hadamovsky

Hilfsarbeiter Nr. 50000

„Dieſe Blätter erzählen von den Monaten, die ich mit Euch gemeinsam, meine Kameraden, als Hilfsarbeiter an den dröhnenden Walzen, in den Miſchſälen und in der Gluthige von ,Sibirien' verbrachte. Ihrhabtfrüher jahrelang mit Euren Familien arbeits los auf der Straße gelegen. Streik und Ausſperrung, Hunger und Elend waren Euer tägliches Los. Heute haben wir alle die Schrecken der Vergangenheit endgültig überwunden und sind die ſtolzen und ſelbſt bewußten Arbeiter Adolf Hitlers geworden . Wie glück lich bin ich, daß ich gerade in dieſer neuen Zeit wieder einmal mitten unter Euch weilte, in den Maschinen ſälen, in den Siedlerwohnungen und Schrebergärten, am Sonnwendfeuer und auf froher fahrt!" Mit diesen Worten beginnt der Bericht des Reichs sendeleiters über seine Arbeitskameraden und ſeine Hilfsarbeitertätigkeit in einer großen Autoreifenfabrik im Sommer 1937. Lin Buch vom Arbeiter und vom nationalen Sozialismus.

Leinen RM . 4.

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Nationalsozialiſtiſche Standardwerke

Adolf Hitler / Mein Kampf Das Buch der Deutſchen | Leinen RM. 7.20, Geſchenkausgabe Leinen 2 Bände RM. 16.—, Halbleder RM. 24.—

Alfred Ingemar Berndt Meilensteine des Dritten Reiches Erlebnisschilderungen großer Tage / Leinen RM. 3.60 Dr. Joseph Goebbels Wetterleuchten „Der Angriff“, Band II / Leinen RM. 4.50 Hermann Göring / Reden und Aufsäge Herausgegeben von Erich Grigbach | Leinen RM. 6.50 Erich Gritzbach Hermann Göring - Werk und Mensch Aus nächster persönlicher Schau miterlebt und aufgezeichnet Leinen RM . 6.50 Rudolf Heß / Reden Politische Dokumente unserer Zeit | Leinen RM. 4.50 Josef H. Krumbach / Franz Ritter von Epp Ein Leben für Deutschland | Leinen RM. 4.80

Rameraden erzählen von Dr. Ley Mann an der Fahne Aufgezeichnet von Walter Riehl / Leinen RM. 4.80 Alfred Rosenberg Der Mythus des 20. Jahrhunderts Dieses Buch ist die entscheidende geistige Tat unserer Zeit! | Leinen RM. 6.—, Geschenkausgabe Leinen RM. 12.—, Halbleder RM. 16.— Helmut Sündermann / Die Grenzen fallen Von der Ostmark zum Sudetenland | Leinen RM. 3.50 Erhältlich in jeder Buchhandlung

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9Apr'57HJ REC'D LD

MAR 26 1957

LD 21-100m - 6 ,'56 (B9311s10 ) 476

General Library University of California Berkeley

YC 37712

M321469

DD253

H18

1939

Hauptarchiv der NSDAP . 53602 Nr.