Untersuchungen zu Senecas Fragmenten 3110063514, 9783110063516

This book reviews the fragments attributable to four lost works of Seneca, the Exhortationes, the De Immatura Morte, the

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Untersuchungen zu Senecas Fragmenten
 3110063514, 9783110063516

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Lausberg Untersuchungen zu Senecas Fragmenten

Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte

Herausgegeben von Heinrich Dörrie und Paul Moraux

Band 7

Walter de Gruyter & Co. Berlin 1970

Untersuchungen zu Senecas Fragmenten

von Marion Lausberg

Walter de Gruyter & Co. Berlin 1970

D 6 Archiv-Nr. 3696705 © 1970 by Walter de Gruyter & Co., vormals G. J. Göschen'sche Verlagshandlung — J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung — Georg Reimer — Karl J. Trübner — Veit & Comp., Berlin 30, Gcnthiner Straße 13 (Printed in Germany) Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf photomechanischem Wege (Photokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen. Satz und D r u c k : Walter de Gruyter & Co., Berlin 30

Vorwort Die vorliegende Arbeit ist die im wesentlichen unveränderte Fassung meiner Dissertation, die im Sommersemester 1969 von der Philosophischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster angenommen wurde. Später erschienene Literatur konnte nicht mehr berücksichtigt werden. Zu Dank verpflichtet fühle ich mich in erster Linie Herrn Professor Dr. Otto Hiltbrunner, dem ich entscheidende philologische Förderung verdanke. Aus seiner Seneca-Vorlesung und seinem Vorschlag, das Nachleben Senecas in der Spätantike zu behandeln, gingen diese Untersuchungen mit speziellerer Zielsetzung hervor. Herr Professor Dr. Heinrich Dörrie hat mir den Zugang zur antiken Philosophie eröffnet und als Herausgeber die Arbeit in die Reihe „Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte" aufgenommen. Bei Herrn Professor Dr. Hermann Tränkle nahm ich an einem anregenden Seminar über Minucius Felix teil. Herr Professor Dr. Martin Sicherl hat mich in die lateinische Handschriftenkunde und Paläographie eingeführt. Herr Professor Jean Beaujeu (Paris) ermöglichte mir die Benutzung des schwer zugänglichen Kommentars zu Minucius Felix von M. Pellegrino. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen. Für die Mithilfe beim Lesen der Korrektur danke ich Herrn Dr. Horst-Theodor Johann. Ein zweimonatiges Stipendium der italienischen Regierung im Jahre 1967 erschloß mir die reichen Schätze der Biblioteca Apostolica Vaticana und der Biblioteca Nazionale Centrale in Rom. Die Bibliotheken in Montpellier und in Valenciennes stellten mir dankenswerterweise Mikrofilme ihrer Laktanzhandschriften zur Verfügung. Dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen gilt mein Dank für die Gewährung eines großzügigen Druckkostenzuschusses.

Inhalt Seite

Vorwort

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Einleitung

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Erster Teil: Zu Laktanz A. Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz 1. Seneca als Tadler von Laster und Torheit und als Verkünder der patientia 2. Seneca zwischen Stoa und Christentum 3. Seneca als Vertreter der heidnischen Philosophie 4. Seneca als Stilist 5. Seneca und Cicero B. Zur Zitierpraxis des Laktanz 1. Die Wörtlichkeit der Zitate 2. Zitat und Quelle 3. Senecazitate bei Laktanz — Senecaimitation bei Minucius Felix

18 13 16 30 36 38 40 40 44 45

Zweiter Teil: Zu einzelnen Schriften und Fragmenten Senecas A. Exhortationes 53 1. Einleitung 53 2. Die Aufforderung zum sittlichen Leben (frgg. 14. 24. 123 und Verwandtes) 64 Frg. 14 64 Frg. 24 74 Frg. 123 77 Mögliche Einflußsphäre im Umkreis der Fragmente . . . 86 3. Zwei Fragmente unsicherer Funktion (frgg. 15. 1 6 ) . . . . 93 Frg. 15 93 Frg. 16 95 4. Die Definition der Philosophie als Kunst des sittlichen Lebens (frg. 17) 102

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Inhalt Seite

5. Philosophie und Lebensführung (frgg. 18. 19. 20) . . . . Frg. 18 Frgg. 19. 20 6. Das Alter der Philosophie (frg. 21) 7. Die Bevölkerung der Sonne (frg. 22) 8. Die Offenheit der Philosophie für alle Menschen und die Wertlosigkeit der äußeren Güter (frg. 23 und Verwandtes). a) Das Zitat b) Lact. inst. 3, 25 und die Offenheit der Philosophie bei Seneca c) Die Offenheit der Philosophie bei Min. Fei. 16, 5 . . . d) Der Blick zum Himmel und die irdischen Güter bei Lact, inst. 6, 20, 7f e) Die Entlarvung einer Reihe vermeintlicher Güter bei Min. Fei. 37, 9f f) Lact. inst. 7, 27: Ein christlicher Protreptikos . . . .

105 105 109 120 124 126 126 127 142 145 148 151

B. De immatura morte 153 1. Einleitung 153 2. Die Zurückweisung der Vorwürfe gegen die göttliche Vorsehung (frg. 26; vgl. Lact. opif. 4) 155 3. Tugend und Unsterblichkeit (frg. 27) 160 4. Ein Senecazitat bei Tertullian (frg. 28) 163 C. Libri moralis philosophiae 1. Einleitung (mit Senecas Selbstzeugnissen frgg. 116.117.118) 2. Der Wert selbsterworbener Tugend (frg. 122) 3. Angriff auf das Iuppiterbild der Dichter (frg. 119) . . . . 4. Der Weise (frg. 124; vgl. benef. 7, 5, 1) 5. Die Torheit der Menschen (frgg. 120. 121. 29) Frg. 120 Frg. 121 Frg. 29 6. Ein vermeintliches Fragment (frg. 125)

168 168 176 178 182 186 186 188 193 194

D. Zur Schrift De superstitione 197 1. Die Frage der Benutzung durch Laktanz 197 2. Die Gestalten der Götter (frg. 31) 201 3. Die Götter der Philosophen und die Götter der Römer (frgg. 32. 33) 206 4. Orientalische Kulte (frgg. 34. 35) 211 5. Römische sufterstitio bei Min. Fei. 24, 11 225

Inhalt

IX Seite

Anhang: Drei Augustinhandschriften

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Literaturverzeichnis

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Abkürzungen

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Register I. Register zu den behandelten Fragmenten Senecas A. Zusammenstellung der bezeugten Fragmente, ihrer Nachwirkung und der möglichen Einflußsphäre der verlorenen Schriften außerhalb der bezeugten Fragmente 1. nach Schriften und Fragmenten Senecas geordnet 2. nach zitierenden und benutzenden Autoren geordnet B. Textkritisch behandelte Fragmente (mit Angabe der Abweichungen von Haase) II. Allgemeines Stellenregister (Auswahl) III. Namen- und Sachregister IV. Wortregister 1. griechisch 2. lateinisch

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Einleitung Eine Neubearbeitung der Fragmente Senecas ist ein dringendes Desiderat der Forschung1. Die immer noch maßgebende Ausgabe von Fr. Haase liegt (von Nachdrucken abgesehen) über ein Jahrhundert zurück (1853). E. Bickel leitete mit seiner .Diatribe in Senecae philosophi fragmenta' I (1915) eine gründliche Behandlung ein, doch ist das scharfsinnige und gelehrte Werk ein Torso geblieben. Die von ihm untersuchte Schrift De matrimonio, deren Reste bei Hieronymus kenntlich sind, hatte schon zuvor öfter die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gelenkt; auch nach Bickel ist die Diskussion um sie nicht verstummt2, während die übrigen Fragmente nach wie vor nur wenig Beachtung fanden. Die vorliegenden Untersuchungen sind als Vorarbeiten zu einer geplanten neuen Ausgabe gedacht und befassen sich mit den Bruchstücken der Schriften Exhortationes, De immatura morte, Libri moralis philosophiae und De superstitione. Aus dem letzteren Werk hat Augustin (civ. 6, lOf.) verhältnismäßig umfangreiche Exzerpte erhalten, die noch gewisse Sinnabschnitte und Gedankengänge erkennen lassen. Der Versuch einer Rekonstruktion, wie ihn jüngst C. Becker gefordert hat3, wäre hier wohl am ehesten 1 2

3

Vgl. H. Fuchs in: E . Norden, Die römische Literatur, Leipzig 1961®, 191. Vor Bickel: F. Osann, Commentationum de L. Annaei Senecae scriptis quibusdam deperditis specimen I : De Senecae libro de matrimonio, Gissae 1846; F . Bock, Aristoteles, Theophrastus, Seneca de matrimonio, Leipziger Studien 19, 1899, 1—71; K. Praechter, Hierokles der Stoiker, Leipzig 1901, 121 if.; C. Pascal, Seneca, Catania 1906, 68—72; W. Grossgerge, De Senecae et Theophrasti libris de matrimonio. Diss. Königsberg 1911. Nach Bickel: R. Philippson, Rez. Bickel, BphW 36, 1916, 590 bis 593; J . Wageningen, Seneca et Iuvenalis, Mnemosyne 45, 1917, 417—429; Münscher, Senecas Werke, 5 f.; Schneider 34 Anm. 1; Stelzenberger 432 ff.; Elorduy 180. 198ff.; O. Regenbogen, Art. Theophrastos, R E Suppl. V I I (1940), 1487; P. Frassinetti, Gli scritti matrimoniali di Seneca e Tertulliano, R I L 88, 1955, 151—188 (mit dem Versuch einer Rekonstruktion S. 185—188); Hagendahl, Latin Fathers, 150—153; C. Tibiletti, Un opuscolo perduto di Tertulliano: Ad amicum philosophum, AAT 95, 1960/1, 122—166; I. Opelt, JbAC 6. 1963, 175 Anm. 2; S. Jannacone, S. Girolamo e Seneca, G I F 16, 1963, 326—338, bes. 335—337; W. Trillitzsch, Hieronymus und Seneca, Mittellat. Jahrb. 2, 1965, 42—54, bes. 43—46; Abel 155 mit Anm. 4; Turcan 14. 26 und dazu K. Abel, Gnomon 40, 1968, 420. Umstritten ist vor allem die Frage, ob das Theophrastexzerpt (frgg. 47—59 Haase) auf Seneca zurückgeht. S. 20 Anm. 38 „Eine Überprüfung der Rekonstruktion der Schrift. . . scheint geboten". Ausführlicher haben sich mit der Schrift beschäftigt Iustus Lipsius, Electa I I Lausberg, Seneca

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Einleitung

durchzuführen. In diesem Rahmen können jedoch vorerst nur an einem Teil der Fragmente einige Beobachtungen, die sich namentlich auf die Verwertung der Schrift bei Minucius Felix und Laktanz beziehen, zur Sprache kommen. Die bisher anscheinend noch nicht einmal aufgeworfene Frage, ob Laktanz das Werk, das er nie zitiert, benutzt hat, kann positiv beantwortet werden. Von Laktanz werden die Fragmente der anderen drei angeführten Schriften überliefert. Diese sollen hier eingehender betrachtet werden. Brauchbare Ansätze enthält ein dreißig Seiten umfassendes Kapitel der Dissertation über die Quellen des Laktanz von H. Jagielski 4 , eines Schülers von Ο. Roßbach. Auf die Exhortationes ist P. Hartlich kurz in einer Untersuchung der antiken protreptischen Literatur eingegangen 6 ; W. Gerhäußer 8 hat bei seiner Stellenliste zu den Topoi dieser philosophischen Literaturgattung auch die Fragmente des senecaischen Werkes berücksichtigt, ohne auf sie im einzelnen näher einzugehen. Uber das Verhältnis der Libri moralis philosophiae zu den gleichzeitig verfaßten Briefen hat sich A. D. Leeman' auf Grund der Selbstzeugnisse Senecas Gedanken gemacht; die Fragmente des Werks bei Laktanz werden dabei jedoch nicht untersucht. Immer noch nützlich ist der Laktanzkommentar von I. L. Bünemann 8 . Nur spärlich sind dagegen die Erläuterungen, die Iustus Lipsius seiner Sammlung der Senecafragmente 9 beigegeben hat. Wertvolle Einzelbemerkungen, die in der sonstigen Literatur verstreut sind, werden bei Gelegenheit genannt9». Cap. X V I I I ( = Opera omnia I, Vesaliae 1675, 81&—822); G. Abernetty, De Plutarchi qui fertur de superstitione libello. Diss. Königsberg 1911, 84 ff.; Heinemann I 120 bis 122; Münscher, Sen. Werke 80—83; R. Turcan, S6neque et les religions orientales, Bruxelles 1967 (Coli. Latomus 91) und dazu K. Abel, Gnomon 40, 1968, 418—420. De Firmiani Lactantii fontibus quaestiones selectae, Diss. Königsberg 1912, S. 54—84: Kap. I I De Seneca philosopho. 5 De exhortationum a Graecis Romanisque scriptarum historia et indole, Leipziger Studien 11, 2 (1889), 305—308. 6 Der Protreptikos des Poseidonios, Diss. Heidelberg, München 1912. 7 Seneca's Plans for Α Work "Moralis Philosophia" and their Influence on his Later Epistles, Mnemosyne ser. IV, 6, 1953, 307—313. 8 Leipzig 1739. 9 L. Annaei Senecae opera, Antverpiae 1652 4 , S. X X X — X X X V I : Fragmenta ex libris Senecae qui interciderunt (im Unterschied zu Haase nicht nach Werken, sondern in der Reihenfolge der Bezeugung angeordnet; von den hier in Betracht kommenden Fragmenten fehlt, wohl versehentlich, frg. 27 H.; das Zitat in der Epitome = frg. 125 H. konnte Lipsius noch nicht kennen, s. u.). Auf dem Text von Lipsius beruhen auch die Ubersetzungen von M. Baillard, Paris 1844 und von J . M. Moser, L. Annäus Seneca des Philosophen Werke, 11. Bd., Stuttgart 1830. Der letzteren sind auch einige Erläuterungen beigefügt. 9 a Jeglicher Grundlage entbehrt die Vermutung von F. Pröchac, Du Stoeque dans Plutarque, B A G B 26, 1967, 408—411, die von Plutarch De coh. ir. 461f—462a erzählte Senecaanekdote stamme aus einer verlorenen Schrift Senecas, etwa den Exhortationes oder den Libri moralis philosophiae. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß eine Anekdote ü b e r Seneca überhaupt aus einer Schrift Senecas selbst stammt; eine Benutzung Senecas durch Plutarch ist zudem bis jetzt nicht nachgewiesen (O. Apelt, Plutarch. Moralische Schriften II, Philosophische Bibliothek 205, Leipzig 1926, S. X I V kann als Argument für eine solche nicht viel mehr als die Behauptung anführen, es gebe bei beiden Schriftstellern „nahe verwandte Stimmungsbilder") und 4

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Einleitung

Ziel der Bemerkungen des z w e i t e n T e i l e s (S. 51ff.) ist es, zum Verständnis der einzelnen Fragmente als Äußerungen Senecas in Ausdruck und Inhalt beizutragen und, soweit es möglich ist, ihre Funktion innerhalb der Schriften, zu denen sie sicher oder vermutungsweise gehören10, zu bestimmen. Was sich über die Schriften im ganzen sagen läßt, soll jeweils in einer Einleitung festgehalten werden. Eine eigentliche Rekonstruktion lassen Umfang, Anzahl und Eigenart der Fragmente nicht zu. Voraussetzung für die richtige Beurteilung der Bruchstücke ist ein Einblick in die besonderen Bedingungen, denen sie ihre Erhaltung verdanken. Mit diesen beschäftigt sich der erste Teil (S. llff.). Ein Blick auf die Z i t i e r p r a x i s des Laktanz (S. 40ff.) kann zeigen, inwieweit mit wörtlicher Zitierung zu rechnen ist. Im allgemeinen wird bei den in direkter Rede angeführten Zitaten der Wortlaut, von kleineren, wohl unabsichtlichen Veränderungen abgesehen, ziemlich getreu wiedergegeben. Die Zitate in indirekter Rede zeigen dagegen die eigene Sprachform des Laktanz. Diese Regel hat schon E. Laughton11 mit wegen der geringen lateinischen Sprachkenntnisse des Plutarch unwahrscheinlich, vgl. K. Ziegler, Art. Plutarchos, R E X X I I , 1 (1951), 927 ( = Sp. 290 des Sonderdrucks Stuttgart 19642). 10 Die Annahme, von der Haase offenbar ausging, daß diejenigen Fragmente, bei denen Laktanz die genaue Herkunft nicht angibt, jedenfalls einer der Schriften, die er an anderer Stelle ausdrücklich nennt, angehören, ist zumindest als Arbeitshypothese brauchbar. Bei den Zitaten aus Ciceros philosophischen Schriften werden alle Werke, aus denen zitiert wird, auch erwähnt; aus den nicht genannten Schriften Laelius und De finibus wird nicht zitiert. Die vieldiskutierte Verfasserfrage des Senecazitates bei Lact. inst. 7, 15, 14ff., wo aus inneren Gründen die Annahme einer Herkunft aus dem Geschichtswerk des älteren Seneca naheliegt, muß allerdings in diesem Rahmen ausgeklammert werden. Aus der umfangreichen Literatur seien genannt: Haase Anm. zu frg. 99 (Sen. d. Ä.); Brandt z. St. mit älterer Lit.; H R R ed. Peter I I 91. CXVIIIf. (Sen. d. Ä.); A. Klotz, Das Geschichtswerk des älteren Seneca, RhM 56, 1901, 437; ders. BphW 9, 1909, 1527 (Sen. d. J.); L. Castiglioni, Lattanzio e le storie di Seneca padre, RFIC 56, 1928, 454—475 (Sen. d. Ä.); Köstermann 732 (Sen. d. J.); Schanz-Hosius II 4 , 341 (Sen. d. Ä.); W. Hartke, Römische Kinderkaiser, Berlin 1951, 354 Anm. 2, 393ff. (Sen. d. J.); Fr. Klingner, MH 15, 1958, 199. 201 = Rom. Geistesw., München 19614, 477.480 (Sen. d. Ä.); R. Syme, Tacitus, Oxford 1958 ( = 1963), I 277 Anm. 4 (Sen. d. J.); C. Tibiletti, II proemio di Floro, Seneca il Retore e Tertulliano, Convivium N.S. 27, 1959, 339—342 (Sen. d. Ä.); W. Richter, Gymnasium 68, 1961, 310—315 (Sen. d. Ä.); H. Dörrie, Art. Entwicklung, RAC V (1962), 494f. (Sen. d. Ä.); R. Haussier, Vom Ursprung und Wandel des Lebensaltervergleichs, Hermes 92, 1964, 313—341 (Sen. d. J.); I . H a h n , Appien et le cercle de S6neque, AAntHung 12, 1964, 169—206 (Sen. d. Ä.); A. Demandt, Zeitkritik und Geschichtsbild im Werk Ammians, Diss. Marburg, Bonn 1965 (Habelts Dissertationsdrucke, R. Alte Gesch. 5), 118 (eher Sen. d. Ä.); V. Rooijen-Dijkman 108—110 (Sen. d. J.). — Die früher öfter vorgebrachte Vermutung, es handle sich um ein ungenaues Floruszitat, ist wohl allgemein, und sicher mit Recht, aufgegeben, vgl. P. Archambault, The Ages of Man and the Ages of the World, REAug 12, 1966, 193—228. 11

The Prose of Ennius, Eranos 49, 1951, 35—49. 1*

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Einleitung

Hinblick auf die Beurteilung der Zitate aus dem Euhetnerus des Ennius an Zitaten aus erhaltenen Werken Ciceros festgestellt. Obwohl gerade ein Senecazitat aus einer erhaltenen Schrift eine Ausnahme bildet (inst. 5, 22, 12: Inhaltsangabe der Schrift De Providentia in Form der direkten Rede, aber in unsenecaischem Stil), bestätigt sie sich bei den Senecafragmenten, soweit innere Kriterien zur Überprüfung vorhanden sind. Ein Überblick über die B e u r t e i l u n g S e n e c a s durch Laktanz und die Gesichtspunkte, die die Auswahl seiner Zitate bestimmen, soll im ersten Abschnitt (S. 13 ff.) gegeben werden. Er ist zugleich als Beitrag zur Geschichte der Einschätzung Senecas bei der Nachwelt gedacht, in der Laktanz einen wichtigen Platz einnimmt. Eine allgemeine Grundkenntnis vom Inhalt der Fragmente muß dabei vorausgesetzt werden; andererseits können manche Einzelfragen, die auch für das Verständnis der Verwertung Senecas bei Laktanz von Bedeutung sind, erst im zweiten Teil näher erörtert werden. Die enge Verflechtung der Probleme läßt keine rigorose Trennung der verschiedenen Betrachtungsweisen zu. Die Grundzüge hat Pichon (233—235) umrissen: Seneca wird von Laktanz einerseits als Satiriker und Polemiker herangezogen, andererseits werden positive Äußerungen als dem Christentum nahekommend gewürdigt. Im einzelnen läßt sich manches schärfer fassen. Ganz ungenügend gesehen und beurteilt sind von Pichon die negativen Aspekte in der Einschätzung Senecas durch Laktanz. Spätere Forscher haben Pichons Gesamtbild nicht wesentlich modifiziert 12 . Jagielskis detailliertere Gruppierung der Zitate nach inhaltlichen Gesichtspunkten 13 ist eher verwirrend als klärend. Ganz an der Oberfläche bleibt Faiders (88) Charakterisierung innerhalb seiner Darstellung der Nachwirkung Senecas 14 . Einen wichtigen Beitrag in einem speziellen Punkt, der Verwertung senecaischer Gedanken für das christliche Märtyrerbild, hat H.-J. Kunick geleistet. Diese Arbeit zeigt zugleich, daß die Bedeutung Senecas für Laktanz sich über die Zitate hinaus in allgemeinem gedanklichen Einfluß äußert. Auch Husner (83), Couv6e (110) und Wlosok (194 Anm. 35) haben dies betont 15 . Freilich wird er oft schwer mit Sicherheit genauer zu erfassen und abzugrenzen sein. Die von Laktanz nach Ausweis der Zitate vornehmlich benutzten Schriften sind verloren. Die Verwendung nicht zitierter erhaltener Schriften wäre nur durch enge Entsprechungen auch formaler Art hinreichend zu erweisen, wie sie bei dem stilistischen Gegensatz der beiden Autoren nur mit Einschränkungen zu erwarten sind. Inhaltliche Kriterien allein genügen bei einem Autor wie Seneca oft nicht (anders als wenn man etwa den Einfluß einer bestimmten philosophischen Schule wie der Stoa bestimmen will)1*. Die 12

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Nahezu wörtlich übersetzt (jedoch ohne Kennzeichnung der Abhängigkeit) werden die Ausführungen Pichons von Rossetti, Didaskaleion N. S. 6, 1928, fasc. I I I , 175. Zum dritten Buch der Institutiones vgl. W. Harloff, Untersuchungen zu Lactantius, Diss. Rostock, Borna-Leipzig 1911 (oft etwas oberflächlich). De deo. De veterum fide. De virtute. De hominum quibusdam vitiis. De morte ac malis contemnendis. De hominibus. De philosophia eiusque magistris. Nur ganz knapp auch Bourgery 165. Zur Benutzung Senecas in De ira Dei vgl. G. Kutsch, In Lactanti de ira Dei librum quaestiones philologae, Leipzig 1933 (Klassisch-Philologische Studien 6). So ist die Beschreibung der körperlichen Zeichen des Zornes ein Topos der Abhand-

Einleitung

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Versuchung, die vagesten Ähnlichkeiten wegen der anzunehmenden stilistischen Veränderung vorschnell auf tatsächliche Reminiszenz an eine bestimmte Senecastelle zurückführen zu wollen, ist methodisch gefährlich. A. Wlosok scheint mir ihr nicht ganz entgangen zu sein, wenn sie inst. 3, 26, lOf. den ,, auffälligsten Rückgriff auf Seneca", eine umdeutende „Antwort" auf Sen. epist. 59, 9 gefunden zu haben glaubt (194 Anm. 35; 220 Anm. 99). Auf die Frage der Benutzung nicht zitierter erhaltener Schriften kann in diesem Rahmen, von gelegentlichen Bemerkungen abgesehen, nicht näher eingegangen werden. Die Behandlung des Schlußkapitels der Institutiones (s. u. S. 151 f.) mag an einem Beispiel zeigen, wie sich die freie Verarbeitung heidnischer Gedanken durch Laktanz beleuchten läßt, auch ohne daß gerade bestimmte Stellen mit Gewißheit als .Quelle' angegeben werden könnten oder müßten. Daß die Senecabenutzung nicht auf die zitierten Schriften beschränkt ist, wird im zweiten Teil am Beispiel der Schrift De superstitione gezeigt. Vermutlich geht O. Gigons Skepsis zu weit, der annimmt, daß Laktanz wie überhaupt der Spätantike eine andere Auswahl von Senecaschriften zur Verfügung stand als uns17. Eher war wohl das zur Verfügung stehende Corpus ein umfangreicheres als das unsere. Falls man überhaupt Seneca benutzte, bevorzugte man, mit Ausnahme von De Providentia, gerade solche Schriften, die uns nicht erhalten sind (De superstitione, Exhortationes, De remediis fortuitorum, s. u. S. 49). Nach den Institutiones zu urteilen hätte man vielleicht auch annehmen müssen, daß Laktanz die Schrift De ira nicht zugänglich war; er hat sie jedoch später in der Spezialschrift De ira Dei herangezogen. Wenn die Zusammenstellung einzelner Senecaschriften zu einem Corpus der Dialogi alt ist 18 — Quintilian hat jedenfalls dialogi Senecas gekannt (inst. 10,1,129) —, so wäre mit der gesicherten Kenntnis der zu diesem Corpus gehörigen Schriften De Providentia und De ira zugleich die Kenntnis der anderen gegeben. Eine Benutzung der Schrift De vita beata kann in der Tat als ziemlich wahrscheinlich angesehen werden19. Die Identität mit dem Titel des siebenten Buches der Institutiones legt zudem die Annahme nahe, daß Laktanz der stoischen vita beata, wie sie in Senecas Schrift ihren Ausdruck gefunden hatte, die christliche vita beata gegenüberstellen wollte20. Einen Anklang an De otio hat A. Wlosok (194) wahrscheinlich gemacht.

Laktanz sieht in Seneca zunächst, wie es schon Quintilian getan hatte, einen vitiorum insectator. Dieses Urteil erhält jedoch durch die Anwendung der Worte Senecas im Kampf gegen die Heiden, wie sie schon bei Tertullian und Minucius Felix vorgebildet ist, eine neue Bedeutung. Umgekehrt wird das Bild des stoischen Weisen, der bei

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lungen über den Zorn (vgl. H. Ringeltaube, Quaestiones ad veterum philosophorum de affectibus doctrinam pertinentes. Diss. Göttingen 1913, 85f.). Wäre die Kenntnis der senecaischen Schrift De ira nicht durch ein Zitat gesichert, so könnte die Übereinstimmung zwischen Sen. ir. 1, 1, 4 (3, 4, 1) und Lact, ira 5, 3 nicht unbedingt als Abhängigkeit gewertet werden. Der Satz Lact. inst. 5, 20, 5 at non est beneficium quod ingeritur recusanti hat bei Seneca benef. 2,19, 2 seine Entsprechung: quia non est beneficium accipere cogi; wie geläufig der Gedanke jedoch war, zeigt Plaut. Trin. 638 nullum, beneficium esse duco id quod quoi facias non placet. Philologus 106, 1962, 224; ders. GGA 217, 1965, 121. Nach E. G. Schmidt, Die Anordnung der Dialoge Senecas, Helikon 1, 1961, 245—263 geht sie sogar auf Seneca selbst zurück. — Neben dem uns erhaltenen Corpus muß es zumindest noch ein weiteres gegeben haben, da Diomedes (GL ed. Keil I 379, 19 = Sen. frg. 44 H.) De superstitione einen dialogus nennt. S. u. S. 15; 28; 182 Anm. 14; 220. Vgl. P. J . Couvie, Vita beata en vita aeterna, Proefschr. Utrecht, Baarn 1947; H. W. A. Van Rooijen-Dijkman, De vita beata, Assen 1967.

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seiner Umwelt keine Anerkennung findet (frg. 29), auf den christlichen Märtyrer übertragen. Besonders aber sind es Senecas Aussagen über Gott und seine Majestät und die Ausrichtung des menschlichen Lebens auf ihn (frgg. 24. 123), die Laktanz beeindruckt haben. Sie geben ihm Anlaß, sich über Senecas Verhältnis zu Stoa und Christentum genauer zu äußern. Seneca ist für ihn ein Heide, der dem Christentum in vielem nahegekommen ist, wenn ihn auch letztlich ein nicht zu übersehender Abstand davon trennt. Der Anschluß an die Stoa hat Senecas gute Anlage vom rechten Wege abgeführt. Damit überträgt Laktanz Quintilians stilistisches Urteil auf eine andere Ebene. Ein eigenes stilistisches Urteil, das nur negativ hätte ausfallen können, vermeidet er. Tertullian und Minucius Felix, die Seneca in manchem auch stilistisch nahestanden, hatten den Weg für die nurmehr inhaltliche Rezeption bei Laktanz geebnet. Die Auswertung der Aussagen Senecas im einzelnen entspricht den üblichen Methoden der christlichen Apologetik in der Auseinandersetzung mit heidnischem Gedankengut. So hat Laktanz Äußerungen des Minucius Felix über den Stoiker Ariston und über Piaton auf Seneca übertragen. Sogar eine sprachliche Besonderheit läßt sich mit Hinweis auf die Ausdrucksweise griechischer Apologeten, deren Einfluß auf Laktanz wohl stärker ist, als allgemein angenommen wird, klären (s. S. 29f.). Die Übertragung von Worten Senecas über die Einzelgötter auf die Engel, wie sie Laktanz an einer Stelle vornimmt, beruht auf der Gleichsetzung dieser Wesen durch den Christengegner Porphyrios. Im allgemeinen vermeidet Laktanz Polemik gegen Seneca. Sehr distanziert ist das Verhältnis jedoch dort, wo er sich mit Seneca als einem Vertreter der heidnischen Philosophie auseinandersetzt. Selbst wo Senecas Worte der eigenen Argumentation dienstbar gemacht werden können, werden sie nicht wie sonst von ausdrücklichem Lob begleitet. Eine für den Zusammenhang ziemlich irrelevante Kleinigkeit gibt Anlaß zu einem heftigen Ausfall (frg. 23). Scharf ist die Polemik gegen Senecas Charakterisierung der Philosophie als Kunst des sittlichen Lebens (frg. 17). Sie wird gegen eine andere Äußerung, wo Seneca den Widerspruch zwischen Leben und Lehre bei vielen Philosophen anprangert (frg. 18), ausgespielt. Laktanz scheint sogar eine Gleichsetzung Senecas mit diesen suggerieren zu wollen. Senecas Worte über die Lebensführung des sapiens, hinter denen sein persönlichstes Anliegen steht, werden energisch bekämpft. Die Polemik beruht auf der christlichen Überzeugung von der Verantwortlichkeit des Menschen für das Seelenheil seines Nächsten. Gelegentlich dient Seneca für Laktanz auch als Quelle doxographischer Information. Trotz der verhältnismäßig großen Zahl der Senecazitate reicht Senecas Bedeutung für Laktanz keineswegs an diejenige Ciceros heran. Oft werden Senecazitate subsidiär an Cicerozitate angeschlossen,

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ja sogar Urteile über Cicero ein wenig gezwungen auf Seneca übertragen. Auswahl und Verwertung der Senecazitate sind von den eigenen Interessen des Laktanz bestimmt. Dies muß bei der Beurteilung der Fragmente immer im Auge behalten werden. So haben sich frühere Forscher durch die zahlreichen .theologischen' Zitate bei Laktanz dazu verführen lassen, für Senecas Spezialschrift über die Ethik (Libri moralis philosophiae) eine ausführliche Behandlung der Götterlehre zu postulieren. Gerade bei diesem Werk sind wir jedoch in der glücklichen Lage, den irreführenden Eindruck, den die Zitate des Laktanz geben könnten, durch eigene Zeugnisse Senecas, die den Charakter der Schrift im ganzen beleuchten, zu korrigieren. In dieses Bild können auch die Fragmente bei Laktanz durchaus eingeordnet werden, wenn man bedenkt, daß die Verwendung und der Zusammenhang eines Zitates bei Laktanz keineswegs vorschnell mit der ursprünglichen Bedeutung und dem ursprünglichen Kontext gleichgesetzt werden dürfen. Ein Abschnitt über Zitat und Quelle bei Laktanz im ersten Teil der Untersuchungen (S. 44f.) zeigt dies am Beispiel eines Cicerozitates, wo am erhaltenen Text eine unmittelbare Kontrolle möglich ist. Daß Vorsicht in der Tat am Platze ist, zeigt besonders deutlich das Fragment 119. Während Jagielski (67f.) gemeint hatte, auch die Worte, die dem Zitat unmittelbar vorangehen, seien senecaischen Ursprungs, kann hier eindeutig nachgewiesen werden, daß das Senecazitat in einen fremden, dem griechischen christlichen Apologeten Theophilos entnommenen Zusammenhang gestellt ist. Auch bei frg. 121, wo schon Haase den Anteil Senecas über das Zitat hinaus ausdehnen zu können glaubte, ergibt eine genauere Prüfung, daß Pichons (233 Anm. 7) Zweifel zumindest prinzipiell berechtigt sind. Eine genauere Abgrenzung von Zitat und Zusammenhang erlaubt es andererseits bei frg. 120, den Umfang sogar des wörtlichen Zitates mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen Satz zu vermehren. Welche Bedeutung die Fragmente jeweils im ursprünglichen Zusammenhang hatten, muß, soweit möglich, durch sorgfältige Interpretation nach inneren Kriterien aus den Fragmenten selbst erschlossen werden. So läßt etwa Fragment 26, das von Laktanz nur um seiner theologischen Aussage willen zitiert wird, bei genauerem Zusehen noch die besondere Funktion, die es innerhalb der Schrift De immatura morte hatte, erkennen. Ziemlich klar kann der ursprüngliche Gedankengang, in den Fragment 122 gehört, rekonstruiert werden. In manchen Fällen sind freilich einigermaßen sichere Schlüsse nicht mehr möglich. Bei frg. 23 kann an einem größeren Einfluß Senecas in dem betreffenden laktanzischen Kapitel, wie er zunächst von Haase und dann in weiterem Umfang von Usener, Hartlich und Jagielski angenommen wurde, mit gutem Grunde festgehalten werden. Freilich ist eine genauere Differenzierung notwen-

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dig. Namentlich bei der Beispielreihe, in die das Zitat gestellt ist, muß sorgfältig zwischen dem ursprünglichen Beweisziel und der laktanzischen Umformung unterschieden werden. Aus der Zahl der eigentlichen Fragmente muß frg. 125, eine Erwähnung Senecas in der Epitome des Laktanz (4, 3), ausgeschieden werden. Dagegen zeigt ein Senecazitat bei Tertullian (frg. 28), das auf den ersten Blick als ungenaues Zitat eines Verses der Troades (397) erscheinen könnte, bei genauerem Zusehen eine besondere, pointierte Sinn-Nuance, die seine Auffassung als selbständiges Fragment rechtfertigt. Ob es freilich der nur von Laktanz erwähnten und sicher benutzten Schrift De immatura morte angehört, der es Haase zugewiesen hatte, muß als fraglich gelten. Eher käme das von Tertullian auch sonst zitierte und verwertete Werk De remediis fortuitorum in Frage. Während Spuren der Schriften De immatura morte und Libri moralis philosophiae außerhalb von Laktanz nicht sicher nachzuweisen sind, ist die W i r k u n g der Exhortationes nicht auf ihn beschränkt. Besonders hervorzuheben ist eine bisher noch nicht bemerkte Reminiszenz an frg. 14 in der pseudoambrosianischen Schrift De paenitentia, bei der die Frage der Zuweisung an Victor von Cartenna (5. Jh.) oder Victor von Tunnuna (6. Jh.) nicht geklärt ist. Es ist möglich, daß die Kenntnis des Fragmentes nur durch Laktanz vermittelt ist, doch ist eine eigene Senecalektüre wohl nicht unbedingt auszuschließen. Direkte Benutzung Senecas durch Minucius F e l i x , dessen Anklänge an Seneca in der Forschung schon lange bekannt sind21, wurde neuerdings von P. Courcelle22 namentlich auf Grund von Übereinstimmungen mit dem zeitlich späteren Laktanz bestritten. Seine Argumente können jedoch als jedenfalls nicht zwingend zurückgewiesen werden (S. 45ff.). Damit ist die methodische Voraussetzung geschaffen, Einfluß verlorener Schiiften Senecas bei Minucius Felix auch außerhalb der Stellen zu erwarten, wo uns das Zitat eines anderen Autors den unmittelbaren Nachweis erlaubt23. Die Tatsache, daß ein Gedanke vielleicht ein Topos der christlichen Apologetik ist, ist kein Argument gegen eine mögliche senecaische Beeinflussung. So ist die A b lehnung äußeren Kultes und die Empfehlung eines inneren, ethischen Gottesdienstes 21

Gesammelt von F. X . Burger, Minucius Felix und Seneca, München 1904.

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Virgile et l'immanence divine chez Minucius Felix, Mullus (Festschr. Th. Klauser), Münster 1964 ( J b A C Erg. 1), 34—42.

23 Vgl. Axelson 122 A n m . 9 „Sicherlich verdankt Minucius anderen noch sehr viel mehr, als wir heute feststellen können. Tief blicken läßt ζ. B. die Tatsache, daß er s i c h . . . in einer ganzen Reihe von Fällen mit verlorenen, aber zufälligerweise von Laktanz oder Augustin zitierten Schriften Senecas berührt". Becker 20 (mit Bezug auf De superstitione). E . Bickel (Gnomon 14, 1938, 165) hat die Gewinnung von Fragmenten der senecaischen Exhortationes und des ciceronischen Hortensius sogar als die dringendste A u f g a b e der Minuciusforschung bezeichnet. — I m Einzelnen vgl. u. S. 88ff.; 117; 142ff.; 148ff.; 221; 223 ; 225ff.

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ein festes Thema der Apologetik 24 . Minucius Felix (32, 1—3) steht in dieser Tradition, lehnt sich aber in der Formulierung an Seneca (frg. 123) an, da er den gebildeten Heiden der lateinischen Welt das Christentum von ihren eigenen geistigen Voraussetzungen und literarischen Auoritäten her nahebringen will.

Für solche Vermutungen über eine mögliche E i n f l u ß s p h ä r e 2 6 Senecas kommt Minucius in weit größerem Maße in Frage als Laktanz, da er sich in überprüfbaren Fällen eng an Senecas Formulierungen anlehnt und ihm anders als Laktanz auch stilistisch verpflichtet ist. Auch inhaltliche Umbiegungen im christlichen Sinne werden behutsamer vorgebracht als später bei Laktanz, der viel stärker und expliziter das spezifisch Christliche hervorzuheben und von den heidnischen Ansätzen abzugrenzen sucht. So klingt in dem Abschnitt Min. Fei. 36, 8ff., der im ganzen von Senecas Schrift De Providentia beeinflußt ist 26 , der Gedanke des Lohnes durch das ewige Leben nur leise an 2 7 ; für Laktanz wird dieser später ein Hauptgedanke seines Werkes, der in Polemik gegen die stoische Auffassung von der Tugend als eines um seiner selbst willen zu erstrebenden Zieles entwickelt wird 28 . Ähnliches läßt sich bei der Verwendung heidnischer protreptischer Gedanken (S. 142ff., 148ff.) und bei der Beurteilung heidnischer Kultformen (S. ff.) 215 beobachten.

Bei Laktanz scheint im allgemeinen eher eine größere Vorsicht, als sie bisherige Forscher geübt haben, am Platze zu sein. Außerdem läßt das Verhältnis zu Cicero und Seneca, wie es sich aus den Zitaten, Urteilen und der Senecabenutzung in De ira Dei ergibt (S. 38ff.), darauf schließen, daß Seneca im allgemeinen nur dann in stärkerem Maße herangezogen wird, wenn er gegenüber Cicero etwas Besonderes zu bieten hatte. So wird der Hortensius auch außerhalb der Zitate den Vorrang vor Senecas entsprechender Schrift, den Exhortationes, genießen. Eine genaue Abgrenzung des ciceronischen Einflusses wäre also die Voraussetzung für die Frage nach demjenigen Senecas. Sicher können gerade auf dem Gebiet der Vermutungen über einen größeren Anteil der verlorenen Schriften Senecas bei Laktanz und Minucius Felix noch weitere Forschungen fruchtbar sein29. Sie werden freilich über mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen nie hin24 25 26

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Vgl. Pellegrino zu Min. Fei. 32, 2; Spanneut 269. Zum Grundsätzlichen vgl. O. Gigon, Philologus 106, 1962, 222 f. Vgl. Burger 32ff.; Spanneut 264f.; Becker 55ff.; zur christlichen Überhöhung Carlier 285ff.; Kunick 170ff. 37, 2f. nemo enim praemium percipit ante experimentum. et imperator tarnen quod non habet non dat: non potest propagate vitam, potest honestare militiam. at enim dei miles nec in dolore deseritur nec morte finitur. Vgl. dazu etwa u. S. 28f.; Kunick 214. Autoren wie Minucius Felix und Laktanz sollten jedoch nie als bloße Steinbrüche betrachtet werden, aus denen sich älteres Gut, aber doch immer nur hypothetisch, herauslösen läßt. Die nähere Betrachtung sollte insbesondere auf das Verständnis des späteren Autors hinzielen; dann ist sie stets fruchtbar, auch wenn eine sichere Entscheidung über die tatsächliche Quelle nicht möglich ist.

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auskommen können. In diesem Rahmen wurde die Interpretation der gesicherten Fragmente und ihre Auswertung für das Bild der einzelnen Schriften im ganzen zunächst als die Hauptaufgabe angesehen. Die Numerierung der Fragmente erfolgt vorerst noch nach der Ausgabe von Fr. Haase, auch wenn die Reihenfolge in der Besprechung nicht immer beibehalten ist. Den T e x t haben die kritischen Ausgaben der Werke des Laktanz und Augustin (für die Fragmente De superstitione) von S. Brandt und B. Dombart auf eine neue Grundlage gestellt, wenn auch ihre Entscheidungen im einzelnen der Überprüfung bedürfen. Ein zweimonatiger Studienaufenthalt in Rom im Jahre 1967, der mir durch ein Stipendium der italienischen Regierung ermöglicht wurde, gab neben bibliographischen Forschungen auch Anlaß zu einer eigenen Überprüfung des handschriftlichen Materials in der Biblioteca Apostolica Vaticana und der Biblioteca Nazionale Centrale. Dabei ergab sich (s. S. 228f.) die enge Verwandtschaft dreier Augustinhandschriften, die zumindest für den Passus, der die Senecafragmente (De superstitione) enthält, in neueren Ausgaben nicht berücksichtigt wurden und die bei frg. 31 eine wichtige Lesart beisteuern. Von den Laktanzhandschriften konnten außer dem in Rom befindlichen Codex Η anhand von Mikrofilmen die Codices V und Μ geprüft werden. Einzelne Ungenauigkeiten in den Angaben Brandts (S. 103.104 Anm. 6) werden die Brauchbarkeit seines Apparats im ganzen nicht wesentlich beeinträchtigen. Zur Bequemlichkeit des Lesers wird ein vorläufiger revidierter Text jeweils der Behandlung der einzelnen Fragmente vorangestellt.

ERSTER TEIL

Zu Laktanz

A. Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz 1. Seneca als Tadler von Laster und Torheit und als Verkünder der patientia An einer Stelle seiner Institutiones verweist Laktanz seine Leser auf Senecas Werke im ganzen. Es ist zu erwarten, daß sein Urteil über Seneca an dieser Stelle von zentraler Bedeutung für seine Auffassung von ihm ist: qui volet scire omnia, Senecae libros in manum sumat, qui morutn vitiorumque corum et descriptor verissimus et accusator acerrimus fuit (inst. 5, 9, 19).

publi-

Diese Kennzeichnung Senecas als Tadler menschlicher Laster stimmt auffällig mit den berühmten Worten Quintilians überein1: egregius tarnen vitiorwm insectator fuit (Quint, inst. 10, 1, 129). Eine Laktanzhandschrift (R) fügt nach dem Wort accusator hinzu: et insectator. Brandt Schloß aus diesem Befund, daß Laktanz im Anschluß an Quintilian insectator geschrieben habe, accusator dagegen eine Glosse sei2. Seine Entscheidung ist nicht unbedingt zwingend; insectator könnte auch durch einen Leser, der sich an Quintilian erinnerte, in die eine Laktanzhandschrift eingedrungen sein. Der Hinweis auf sonstige Benutzung Quintilians durch Laktanz 3 ist jedenfalls noch kein Beweis für wörtliche Übernahme an dieser Stelle. Das Einsetzen von Synonyma ist bei Imitationen sehr gebräuchlich.

Quintilians Urteil scheint auch sonst in der Folgezeit für das Verständnis Senecas beherrschend gewesen zu sein4, falls man Seneca nicht 1

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Vgl. Bünemann z. St.; Pichon 232; Jagielski 90; Faider 88. — Zu Quintilians Urteil über Seneca vgl. S. Rocheblave, De M. Fabio Quintiliano L. Annaei Senecae iudice, Paris 1890; E. Wölfflin, Quintilians Urteil über Seneca, Hermes 26, 1890, 376f.; Gercke 136—141; H . R ö h l , Zu Quintilian, W K P h 28, 1911, 1269—1271; Faider 39—49; Bourgery 154f.; W . H . A l e x a n d e r , The Professor's Deadly Vengeance, Univ. of Toronto Quarterly IV 2, 1935, 239—258; Ε. Bolaffi, La critica filosofica e letteraria in Quintiliano, Latomus 16, 1957, 446—451; G. Brugnoli, Quintiliano, Seneca e il de causis corruptae eloquentiae, Orpheus 6, 1959, 29—41; H. F. Culver, Quintilian's Condemnation of Seneca, CB 44, 1967, 26—28. Vgl. auch u. S. 17; 27. Brandt im App. z. St. Insectator ist in der Tat ein seltenes Wort, vgl. Thes. VII 1, 1855, 14ff. (Kröner). — Bünemann hat accusator im Text; die Variante accusator et insectator war ihm nicht bekannt. Brandt, CSEL 19, Addenda CXI zu 58, 3; CXV zu 402, 15; vgl. ders. Philologus 78 (N. F. 32), 1923, 131f.; Jagielski 89ff.; u. S. 27 Anm. 40. So beruht auf einem solchen Senecaverständnis die Imitation durch den Satiriker

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

mit den strengen Archaisten völlig ablehnte5. Eine ganze Reihe von Senecazitaten bei Laktanz ist von der Auffassung Senecas als Tadler von Laster und Torheit bestimmt. Sie werden regelmäßig mit ausdrücklichem Lob eingeführt6. Die traditionelle Einschätzung erhält jedoch eine besondere Bedeutung durch die Verwertung der Worte Senecas in der Polemik gegen die Heiden7. Schon Tertullian hatte sich auf Senecas Kampf gegen die superstitio berufen (apol. 12, 6), und Minucius Felix hatte sich Äußerungen aus der entsprechenden Schrift imitierend zu eigen gemacht (s. im zweiten Teil). Auch Laktanz benutzt spöttische Senecazitate in der Polemik gegen die Verehrung der Götterbilder und gegen die mythische Charakterisierung Iuppiters. Die Schrift De sufterstitione wird zwar nicht zitiert, aber doch anscheinend in größerem Maße benutzt (s. im zweiten Teil).

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Iuvenal (vgl. dazu C. Schneider, Iuvenal und Seneca, Diss. Würzburg 1930). Gellius (12, 2, 1) spricht von einer Gruppe von Senecabeurteilern, welche in vitiis morum obiurgandis severitatem gravitatemque non invenustam (seil, ei non deesse dicunt). Die Auseinandersetzung des Gellius mit dieser Gruppe ebd. 13 f. zeigt doch wohl, daß nicht nur Quintilian selbst gemeint ist, wie Gercke 142 glaubt. Nach Tertullian apol. 12, 6 schätzen die Heiden Senecas Spott über die superstitio: Iidem estis, qui Senecam aliquem pluribus et amarioribus de vestra superstitione perorantem probetis. So sicher richtig der Fuldensis; die Vulgata hat reprehendistis statt probetis; vgl. 46, 4 Quis enim philosophum sacrificare... compellit ? quin immo et deos vestros palam destruunt et superstitiones publicas commentariis quoque accusant laudantibus vobis. (Zur Frage des Verhältnisses von Vulgata und Fuldensis in Tertullians Apologeticum vgl. A. ö n nersfors, Gnomon 38,1966, 782—792 mit Literatur). Novatian imitiert eine Äußerung Senecas über den Morgentrunk (cib. lud. 6-Sen. epist. 122, 6), vgl. C. Weyman, Novatian und Seneca über den Frühtrunk, Philologus 52, 1894, 728—730; G. Landgraf — C. Weyman, Novatians epistula de eibis Iudaicis, ALLG 11, 1900, 221—249, bes. 225; Faider 87 Anm. 3; Pohlenz Stoa I I 216. Eine Reminiszenz an denselben Brief (epist. 122, 3) findet sich bei Luxorius, einem afrikanischen Dichter des 6. Jhs., vgl. M. Rosenblum, Luxorius, New York/London 1961, 199. Vgl. vor allem Fronto p. 149 sq. v. d. H. sowie eine Gruppe von Senecabeurteilern bei Gellius 12, 2, Iff., der auch Gellius selbst zuneigt. Zu diesen Urteilen vgl. Gercke 142—151; E. Hauler, Frontos Laberiuszitate und sein Urteil über Sen. d. J., WS 39, 1917, 122—134; Faider 64r—74; Bourgery 159f.; A. Beltrami, Seneca e Frontone, Raccolta di scritti in onore di F. Ramorino, Milano 1927, 508—514; R. Marache, La critique littiraire de langue latine et le döveloppement du goüt archai'sant au II® siecle de notre ere, Rennes 1952, 120—127. 214—217; C. Henderson, Cato's Pine Cones and Seneca's Plums: Fronto p. 149 v.d.H., TAPhA 86, 1955, 256—267. Inst. 2, 2, 14 (frg. 120) recte igitur Seneca . . .; 2, 4, 14 (frg. 121) merito igitur etiam senum stultitiam Seneca deridet\ inst. 1, 16, 10 (frg. 119) non inlepide Seneca . . . Näheres zur Einfügung dieser Zitate in den Zusammenhang s. u. S. 180 f.; 187 ff. Inst. 5, 13, 20 (frg. 29) recte igitur Seneca incongruentiam hominibus obiectans ait. Vgl. Pichon 233 „ E n premier lieu S^neque est un satirique . . .". Die Fragmente 19 und 20, die Pichon außer den angeführten Stellen ebenfalls nennt, gehören nicht hierher. Zu diesen und zu frg. 18, das er weiterhin (und mit Recht) nennt, s. u. S. 33f. Oberflächlich Faider 88 „Les jugements de Lactance sur Sέneque ne sont en general ni motives, ni originaux, ni meme tres justes. II en fait un moraliste penitrant: ce n'est qu' une formule; un pourchasseur de vices: Quintilien l'avait deja dit . . ."

Seneca als Tadler von Laster und Torheit

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An der zentralen Stelle inst. 5, 9, löff. werden die vitia der Menschen zu den vitia der Christenverfolger: Die Aufzählung menschlicher Laster, zu deren Vervollständigung Laktanz auf Senecas Schriften verweist, hat zum Ziel den Nachweis, daß die heidnischen Christenverfolger die eigentlichen impii sind, nicht die Christen, denen sie diesen Vorwurf machen8. Wenige Kapitel später (inst. 5, 13, 19f.) richtet er dann in einer in der christlichen Apologetik traditionellen Argumentationsweise9 an die Heiden die Frage: Wenn wir, die Christen, Tod und Schmerz verachten, cur stulti iudicamur facientes ea quae philosophi laudant? Das Senecazitat, welches Laktanz folgen läßt (frg. 29), dient jedoch nicht einfach dem Nachweis, daß schon die Philosophen die Todesverachtung gepriesen haben. Laktanz sieht vielmehr auch die widersprüchliche Einstellung der Heiden gegenüber dem christlichen Märtyrer vorgebildet in der Verständnislosigkeit, welcher der Weise, der den Tod verachtet, bei den törichten Menschen begegnet. In frg. 29 erscheint Seneca zugleich als Tadler der Menschen (bei Laktanz: Heiden) und als Verkünder der Todesverachtung des Weisen, der bei Laktanz dem christlichen Märtyrer entspricht. Auch die Begründung der Christenverfolgung, die Laktanz an anderer Stelle den Heiden in den Mund legt, stimmt mit der Erklärung überein, die Seneca dafür gibt, daß der Weise von der Menge der insipientes angefeindet wird 10 : Lact. inst. 5, 9, 8 cur enim sint aliqui intempestive boni, qui corruptis moribus publicis convicium bene vivendo faciant?

Sen. vit. b. 19, 2 expedit enim vobis neminem videri bonum, quasi aliena virtus exprobratio delictorum vestrum omnium sit.

Honores, purpurne und fasces Kennzeichen der Verfolger:

sind weiterhin nach Laktanz die

hinc honores sibi et purpuras et fasces invenerunt, ut securium gladiorumque terrore subnixi quasi iure dominorum perculsis ac paventibus imperarent (inst. 5, 6, 5).

Es ist vielleicht kein Zufall, wenn Laktanz dann im 6. Buch ein Zitat Senecas anbringt (frg. 124 = inst. 6, 17, 28), in dem dieser erklärt, der wahre Wert liege nicht bei dem Menschen, der mit honores im 8

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Inst. 5, 9, 14 Inpios enim vocant, ipsi scilicet pii et ab humano sanguine abhorrentes, cum si et actus suos considerent et Worum quos tamquam inpios damnant, iam intellegant quam mendaces sint et Us omnibus quae adversus bonos aut dicunt auf faciunt digniores. Vgl. etwa Justin 1 apol. 20, 3 εί ouv καΐ ομοίως τινά τοις παρ' ύμϊν τιμωμένοις ποιηταϊς καΐ φιλοσόφοις λέγομεν, ενια δέ καΐ μειζόνως καΐ θείως καΐ μόνοι μετ' αποδείξεως, τί παρά πάντας αδίκως μισούμεθα; Tert. apol. 12, 6 (s. ο. Anm. 4); Orig. c. Cels. 4, 20; 5, 57. Die Parallele wurde bemerkt von Couvee 110 Anm. 16, jedoch ohne Einordnung in das Gesamtbild. Auch sonst zeigen sich bei Laktanz Spuren einer Benutzung der Schrift De vita beata, s. o. S. 5 Anm. 19.

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

üblichen Sinne, mit purpura und lictorum ministerium ausgezeichnet ist, sondern beim homo honestus im wahren Sinne, dem sapiens, der sich auch durch qualvollen Tod nicht aus der Fassung bringen läßt. Laktanz bezieht auch diese Worte wieder auf den christlichen Märtyrer11: qui autem deum colit, haec patitur nec timet (inst. 6, 17, 29).

H.-J. Kunick hat gezeigt, daß auf Laktanz der .kämpferische' patientia-^egriii Senecas, den er vor allem in der inst. 5, 22, 11 f. zitierten Schrift De Providentia vorfand, wie schon zuvor auf Minucius Felix von entscheidendem Einfluß war12. Das Telos ist allerdings ein anderes: „Der Christ erträgt alles für Gott und für das ewige Leben, das Gott den Gläubigen verheißen hat" (214)13. Daß christliche Schriftsteller an das Bild des stoischen Weisen anknüpfen, ist ein allgemein zu beobachtendes Phänomen 14 . Speziell mit Senecas Äußerungen über das Ertragen von Tod und Schmerz bringt schon Tertullian die christlichen Märtyrer ausdrücklich in Verbindung. Der Hinweis hat dort eine polemische Spitze: Die christlichen Märtyrer sind bessere Lehrmeister der Todesverachtung als Cicero und Seneca (apol. 50, 14). Ähnlich stellt auch Laktanz inst. 5, 13, 15 (kurz vor der Zitierung von frg. 29) der virtus der christlichen Märtyrer die leeren Worte der Philosophen entgegen: haec est vera virtus, quam philosophi quoque gloriabundi non re, sed verbis inanibus iactant disserentes nihil esse tarn congruens viri sapientis gravitati atque constantiae quam nullis terroribus de sententia et proposito posse depelli. Im Ausdruck mögen Laktanz Stellen wie Sen. epist. 67, 10 constantia, quae deici loco non potest et propositum nulla vi extorquente dimittit und Cie. Lig. 26 magni cuiusdam animi atque eius viri quem de suseepta causa propositaque sententia nulla contumelia, nulla vis, nullum periculum posset depellere vorgeschwebt haben. Propositum wird von Cicero noch nicht in diesem speziellen ethischen Sinne substantivisch gebraucht, sondern nur adjektivisch wie Lig. 26 und off. 1,112 semperque in proposito suseeptoque consilio permansisset, oder es steht sententia allein wie Mur. 61 sententiam mutare numquam. Laktanz stellt das ciceronische sententia und das ihm aus Horaz (carm. 3, 3, Iff. iustum et tenacem propositi virum wird unmittelbar darauf zitiert) und Seneca (vgl. etwa in dem von Laktanz zitierten Fragment 123 bono honestoque proposito) geläufigen Begriff propositum nebeneinander 16 .

2. Seneca zwischen Stoa und Christentum Schon die Übertragung des senecaischen Weisenbildes auf den christlichen Märtyrer zeigt, daß Seneca für die christlichen Schrift11

Vgl. Cancik 119 Anm. 234. Der lateinische Begriff patientia bei Laktanz, Diss, (masch.) Freiburg i. Br. 1955. Vgl. Pichon 234. 13 Zur Verwertung eines Senecawortes zu diesem Thema (frg. 27) bei Laktanz s. u. S. 28ff. Zur Wirkung der Schrift De Providentia vgl. auch u. S. 49 Anm. 16. 14 Vgl. Stelzenberger 177—306; Spanneut 260—262. 16 Formal wirkt außerdem offenbar Cie. nat. deor. 1,1 ein: quid tarn temerarium tamque indignum sapientis gravitate atque constantia quam . . .

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Seneca zwischen Stoa und Christentum

steller mehr ist als nur vitiorum insectator. Während Quintilian ihn als eigentlichen Philosophen nicht ernstnahm 1 , wissen die Christen2 auch seine positiven Aussagen sowohl ethischer wie .theologischer' Art 3 zu schätzen. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß die Anerkennung keine restlose ist. Schon Tertullians berühmte Worte Seneca saepe noster (anim. 20, 1) betonen zugleich Senecas Nähe zu christlichen Aussagen und schränken sie ein4. Seneca stimmt in vielem mit Christlichem überein, aber keineswegs in allem. Seine epikureischen Worte über den Tod etwa (frg. 28, s. u. S. 163 ff.) können die Billigung des Christen begreiflicherweise nicht finden. Ähnliches gilt auch von Laktanz' Äußerungen über Senecas Verhältnis zum Christentum, auch wenn die Distanzierung meist nicht allzu deutlich ausgesprochen wird. 1

Quint, inst. 10, 1, 129 in philosophia purum diligens. Er sieht in Seneca vor allem einen vielseitigen Schriftsteller, vgl. ebd. 128 tractavit etiam omnem fere studiorum materiam; 125 ex industria Senecam in omni genere eloquentiae disiuli. In die gleiche Richtung geht es, wenn Gellius praef. 9 unter den Titeln von Werken vermischten Inhalts ,epistulae morales' nennt; denn daß damit Senecas Werk gemeint ist, hat Roßbach (Hermes 17, 1882, 371 Anm. 1) wohl mit Recht vermutet; 12, 2, 3ff. zitiert Gellius aus dem 22. Buch (in libro enim vicesimo secundo epistularum moralium) Äußerungen Senecas zu literarischen (nicht philosophischen) Fragen. Macrobius hat in seine (sonst von Gellius abhängige) praefatio der Saturnalia Gedanken aus Senecas Brief 84 eingefügt (vgl. G. Wissowa, De Macrobii Saturnaliorum fontibus capita tria, Diss. Breslau 1880, 9), die sich ebenfalls mit einem literarischen Thema befassen.

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Zur besonderen Bedeutung, die Seneca erst bei den Christen erlangt, vgl. etwa Faider 83; Gummere 53. Es ist jedoch nicht einfach so, daß vorher Seneca nur als geschichtliche Persönlichkeit oder als Stilist angesehen wurde und der Inhalt seiner Schriften keine Beachtung fand. Auch die Auffassung als vitiorum insectator berücksichtigt ein inhaltliches Moment, wenn sie auch nicht das eigentlich Philosophische einschließt. — Speziell zu Laktanz vgl. Pichon 234 „Mais ce n'est pas seulement comme satiriste ou polemiste que Seneque lui sert. II sait bien demeler dans le stoi'cisme de Seneque ce qui s'accorde avec son propre christianisme". Letztere Formulierung bedarf, wie wir sehen werden, der Modifikation (s. u. S. 26). Scarpat 40—42 behauptet, Seneca sei von den Christen nur für .metaphysische' Fragen benutzt worden, in der Ethik hätten sie sich nur auf die Hl. Schrift gestützt. Becker (68 f. mit Anm. 14) dagegen will den Einfluß Ciceros vor allem bei Minucius Felix auf die Naturphilosophie und Theologie beschränken, während für die moralphilosophischen Abschnitte Seneca die Grundlage bilde; die eigentliche Wirkung von Ciceros Schrift De officiis scheine erst mit dem Werk des Ambrosius De officiis ministrorum einzusetzen. Beide Ansichten sind jedoch einseitig und vereinfachen allzusehr. Zwei der Schriften, die auf Minucius den größten Einfluß gehabt haben, De Providentia und De superstitione, stehen eher zwischen Moral und Theologie, als daß sie einseitig einem dieser Gebiete zugeordnet werden könnten. Ciceros De officiis spielt schon bei Laktanz eine wichtige Rolle (vgl. die Stellen in Brandts Index S. 248f.), während etwa Senecas Schrift De beneficiis nicht zitiert wird. Dennoch bleibt auch Senecas Ethik nicht unberücksichtigt.

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Anläßlich eines Zitates von Sen. benef. 4, 6, 6. Vgl. z. St. Waszink; Faider 85f.; A. Labhardt, Tertullien et la philosophie ou la recherche d'une „position pure", MH 7, 1950, 159—180, bes. 174; Reynolds 83 Anm. 2 „Seneca noster is often quoted out of context; the saepe is important". — Verfehlt Krause 285 Anm. 42. Lausberg, Seneca

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

Minucius Felix hatte im 19. Kapitel seines Octavius die Zeugnisse der heidnischen Dichter und Philosophen für den Monotheismus angeführt und daraus die Folgerung gezogen: aut nunc Christianos philosophos esse aut philosophos fuisse tarn tunc Christianos (20, 1). Auf diesen Katalog greift Laktanz im fünften Kapitel des ersten Buches der Institutiones zurück5. Zu den Zeugnissen der griechischen Philosophen kommen aber diejenigen der lateinischen Autoren Cicero und Seneca hinzu (§§ 24ff.) e . An der entsprechenden Stelle der Epitome (4, 3) werden die beiden ausdrücklich als römische Autoren den griechischen gegenübergestellt: vel nostrorum Seneca Stoicos secutus et ipse Tullius. Daß dieses nostrorum nicht mit Tertullians Seneca saepe noster, wo noster ,christlich' meint, in Verbindung gebracht werden darf, hat mit Recht J . G. P. Borleffs betont 7 .

Durch die ausführlichen Zitate erhält ihre Erwähnung gegenüber den meist nur kurz referierten δόξαι der Griechen ein besonderes Gewicht. Seneca wird im Unterschied zu den späteren Zitaten hier an der ersten Stelle, wo er von Laktanz genannt wird, mit vollerem Namen als Annaeus Seneca eingeführt (§26). Mit einem zweifachen Ausruf betont Laktanz, wie oft Seneca sich über Gott in einer Weise geäußert habe, die dem christlichen Verständnis nahekommt: quam saepe summum deurn merita laude prosequitur! (§26) et quam multa alia de deo nostris similia locutus est! (§ 28). Wie wenig er ihn jedoch damit zum Christen macht, zeigt schon die Tatsache, daß er an anderer Stelle mit ganz ähnlichen Worten von einem Christengegner (Hierokles) spricht, dessen Schriften nach den Worten des Laktanz (inst. 5, 4, 1) den Anstoß zu seinem eigenen Werk gaben: prosecutus enim summi dei laudes (inst. 5, 3, 25). Es geht dabei um das Verhältnis von höchstem Gott und dienenden Wesen. Für Hierokles sind diese Götter, Laktanz dagegen will ihm nachweisen, daß er durch sein Lob des höchsten Gottes implizit die Götter zu ministri herabwürdige und damit den Polytheismus aufgebe8. Auch die beiden Senecazitate inst. 1, 5, 26f. Vgl. Beutler 79; Hagendahl, Methods 117; Pellegrino, Studi 163 ff. Vgl. Pellegrino, Studi 175. ' VChr 7, 1953, 155; vgl. auch Brandt, Dual. Zus. III 11. Das gleiche gilt für Hier. adv. Iovin. 1, 49 (ed. Bickel, Diatr. p. 392, 24), wie die Gegenüberstellung zu griechischen Autoren zeigt: scripserunt Aristoteles et Plutarchus et noster Seneca de matrimonio libros; vgl. Faider 97. Zu Unrecht und ohne Begründung behauptet neuerdings Trillitzsch zu dieser Stelle (Mittellat. Jahrb. 2, 1965, 46) ,,noster bezeichnet Seneca weniger als .römisch', sondern vielmehr in dem Sinne, wie ihn auch Tertullian saepe noster nennt . . .: als .christlich' oder ,dem Christentum nahestehend'." Die Beweiskraft der Zitate aus philosophischen Ehetraktaten, darunter auch demjenigen Senecas, liegt für Hier, gerade darin, daß es heidnische Zeugnisse sind, vgl. 1,47 (p. 388, 10 Bickel) ut quae christianae pudicitiae despiciunt fidem, discant saltem ab ethnicis castitatem; 48 (p. 390, 15) haec et kuiusmodi Theophrastus disserens quem non suffundat christianorum . . . ? 8 Inst. 5, 3, 25 prosecutus enim summi dei laudes, quem regem, quem maximum, quem opi6 4

19

Seneca zwischen Stoa und Christentum

(frgg. 26 und 16) enthalten nicht nur ein Lob des höchsten Gottes, wie es die Worte des Laktanz vermuten ließen, sondern sie befassen sich mit dem Verhältnis dieses Gottes zu seinen ministri, den Einzelgöttern. Im ersten der Zitate ist ausdrücklich von deren Verehrung als numina die Rede 9 . J . Siegert (13) hat deshalb gemeint, die Anführung gerade dieser Worte Senecas sei ein versehentlicher Fehlgriff und passe nicht in den Rahmen der laktanzischen Beweisführung. Dabei ist jedoch übersehen, daß gerade die Betonung der Einzelgötter in den am Schluß des Philosophenkataloges stehenden Senecazitaten den geeigneten Ausgangspunkt für die abschließende Wertung der Nähe und zugleich Ferne heidnischer Aussagen über Gott im Verhältnis zur christlichen Wahrheit bietet: nunc satis est demonstrare summo ingenio viros attigisse veritatem ac paene tenuisse, nisi eos retrorsus infucata pravis opinionibus consuetudo rapuisset, qua et deos esse alios opinabantur . . . (inst. 1, 5, 28).

Die Heiden haben eben doch noch am Polytheismus festgehalten, wenn auch ihre Aussagen über den h ö c h s t e n G o t t Christlichem sehr nahe kommen. Seneca ist in das allgemeine Urteil über die heidnische Philosophie eingeschlossen10. An späterer Stelle greift Laktanz diese Worte in abgewandelter Form wieder auf und bezieht sie speziell auf Seneca 11 . Einen Teil des zweiten der inst. 1, 5, 26f. angeführten Senecazitate (frg. 16) verwertet Laktanz kurz darauf noch einmal in anderem Zusammenhang, einer Erörterung über die Engel: et est illud verum quod dixisse in Exhortationibus Senecam supra rettuli, genuisse regni sui ministros deum (inst. 1, 7, 5).

Bei Seneca sind mit diesen ministri die Einzelgötter gemeint (s. u. S. 95ff). Obwohl jedoch Laktanz dasZitat zunächst zustimmend anführt, hat er Senecas Äußerung nicht einfach umgedeutet und etwa behauptet, Seneca habe eine Engellehre vertreten 12 . Vielmehr meint

9

10

11 12

ficem rerum, quem fontem bonorum, quem parentem omnium, quem factorem altoremque viventium confessus es, ademisti Iovi tuo regnum eumque summa potestate depulsum in ministrorum numerum redegisti. — Zu Hierokles vgl. P. de Labriolle, La reaction pa'ienne, Paris 1948, 290. 306—310: Prete 380. Frg. 26 ista numina quae singula adoramus et colimus-, auch in frg. 16 wurden sie wohl ausdrücklich als dei bezeichnet, s. u. S. 99f. Ganz ähnlich der Satz, der den Abschnitt über die Dichter abschließt: quodsi vel Orpheus vel hi nostri quae natura ducente senserunt in perpetuum defendissent, eandem quam nos sequimur doctrinam comprehensa veritate tenuissent (inst. 1, 5, 14). Inst. 6, 24, 13ff., s. dazu u. S. 24ff.; vgl. Jagielski 59. So E. Schneweis, Angels and Demons According to Lactantius, Washington 1944 (The Catholic University of America Studies in Christian Antiquity 3), 5 ,,Lactantius uses several pagan authors with reference to the angels and demons. He appeals to Apollo, to Hermes, Socrates, Plato, Seneca, to show that the pagans recognized angels and demons". — Zur Bezeichnung der Engel als ministri vgl. Chr. Mohrmann, fitudes 2·

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

er nur, Seneca habe recht, wenn er von Dienern Gottes spreche. Daß sie jedoch nicht als Götter aufgefaßt und verehrt werden dürften, betont er unmittelbar darauf: verum, hi neque dii sunt neque deos se vocari aut coli volunt, quippe qui nihil faciant praeter iussum ac voluntatsm dei.

Die Ähnlichkeit zur Argumentation gegen Hierokles ist deutlich. Das Senecazitat ist in den Dienst einer von der zeitgenössischen Diskussion zwischen Heiden und Christen bestimmten Beweisführung gestellt. Porphyrios hatte in seiner Schrift gegen die Christen ausgeführt, die Unterscheidung von Engeln und Göttern sei nur ein Streit um Worte; der Sache nach sei doch dasselbe gemeint13. Demgegenüber macht Laktanz vom christlichen Standpunkt aus geltend, nur die Benennung Engel, nicht die Benennung Götter sei statthaft 14 . Daß Laktanz das Werk des Porphyrios selbst gekannt hat, wird nicht auszuschließen sein15, doch genügt in diesem Falle auch die Annahme der Vermittlung seiner Gedanken durch den von Porphyrios abhängigen16 Hierokles. Laktanz hätte im 5. Kapitel noch weitere Senecazitate über Gott nennen können, aber er schiebt sie im Unterschied zu frg. 16 ganz auf spätere Stellen auf, wo er sie in anderem Zusammenhang brauchen kann: et quam multa alia de deo nostris similia locutus est! quae nunc differo, quod aliis locis opportuniora sunt (inst. 1, 5, 28).

Gemeint sind damit offenbar die folgenden Zitate: inst. 1, 7, 13

13

14

15

16

= frg. 15 (deus ipse se fecit)

sur le Latin des Chretiens I, Roma 1961 2 , 226f. — Zur Imitation des Fragmentes an anderen Stellen bei Laktanz und den sprachlich und dogmatisch bedingten Veränderungen s. u. S. 9 3 f . und S. lOOf. F r g . 76 H a r n a c k : ei γάρ αγγέλου? φατέ τ ω 6εω παρεστάυαι απαθείς καΐ αθανάτους καΐ τ η ν φύσιν άφθαρτους, ους ημείς θεούς λέγομεν διά τ ό πλησίον αυτούς είναι της Θεότητος, τί τ ό άμφισβητούμενον περί τ ο ϋ ονόματος ή μόνον τ ό διαφοράν ήγεΐσθαι της κλήσεως; . . . είτε ου ν θεούς είτε αγγέλους τις αυτούς ονομάζει, οϋ π ο λ ύ τ ό διάφορον της φύσεως αυτών μαρτυρουμένης θείας. Vgl. vor allem inst. 1, 7, 7f. sciant tarnen quo nomine apellari debeant, ne violent verum deum, cuius nomen exponunt, dum pluribus tribuunt. credant Apollini suo, qui eodem illo response ut Iovi principatum, sic etiam ceteris diis abstulit nomen. tertius enim versus ostendit ministros dei non deos, verum angelos appellari oportere. Vgl. J . Michel, Art. Engel I (heidnisch), RAC V (1962), 69 „Porphyrios identifiziert die E . der christl. Religion mit den heidnischen Göttern . . .; gegen diese Gleichsetzung kämpft Lactantius". P. de Labriolle, L a reaction pai'enne, Paris 1948, 290 f. bestreitet, daß Laktanz das Werk des Porphyrios gekannt habe, was Prete 381 mit Anm. 75 mit Recht als nicht zwingend ansieht. Prete selbst schreibt (381 Anm. 76): „Wahrscheinlich hat Laktanz den Porphyrios nicht gelesen; er muß aber die bekanntesten Beweisgründe aus seiner antichristlichen Polemik gekannt h a b e n " . Vgl. Labriolle ebd. (s. vorige Anm.).

Seneca zwischen Stoa und Christentum inst. inst. inst. inst.

2, 5, 6, 6,

8, 23 = 22, 11 f. 24, 1 2 f f . = 25, 3 =

frg. (De frg. frg.

21

122 (deus ipse natura est) Providentia) 24 und ergänzend 17 frg. 14 (Gott und Gewissen) 123 (Gott und Gottesverehrung).

Die Anführung dieser Fragmente dient somit nicht nur dem jeweiligen Zusammenhang, sondern sie sollen auch allgemeiner als Äußerungen Senecas über Gott gewürdigt werden. Bei der Zitierung von frg. 122 kommt es in der Argumentation des Laktanz nur auf die letzten Worte des Fragmentes über die Identität von Gott und Natur (deus ipse natura est) an: melius igitur Seneca omnium Stoicorum acutissimus, qui vidii nihil aliud esse naturam quam deum (inst. 2, 8, 23).

Einem solchen Zweck hätte auch etwa ein Zitat der Stelle Sen. benef. 4, 7, 1, mit der diese einleitenden Worte des Laktanz in der Formulierung große Ähnlichkeit zeigen18, erfüllen können: quid enim aliud est natura quam deus? Der Grund, warum das lange Fragment 122 zitiert wird, ist offenbar der, daß in den Worten, die dem Schlußsatz vorangehen, vom deum laudare die Rede ist: ergo deum non laudabimus . . . immo laudabimus; inst. 1, 5, 26 hatte Laktanz ja von Seneca gesagt: quam saepe summum deum merita laude prosequitur! Bei der Anführung des Fragmentes 123 (inst. 6, 25, 3) geht es im Zusammenhang des Laktanz vornehmlich um die Frage der richtigen Gottesverehrung. Laktanz zitiert auch die im Fragment vorhergehenden Worte Senecas über das Wesen Gottes. Das Stichwort maiestas verbindet dieses Zitat mit den Fragmenten 26 und 24 (adjektivisch: magnum), wo Gott in gleicher Weise gekennzeichnet wird. Wir können hier also gleichsam einen Leitbegriff der laktanzischen Auswahl von Senecazitaten fassen. Anläßlich der Zitierung von frg. 24 hebt Laktanz den Preis der göttlichen maiestas durch Seneca ausdrücklich lobend hervor: nam et maiestatem dei expressit maiorem esse dicendo quam ut earn cogitatio mentis humanae capere posset (inst. 6, 24, 13).

Allerdings haben im Falle von frg. 123 auch die Worte über das Wesen Gottes eine Bedeutung im Zusammenhang des Laktanz. Die Beschreibung von Gottes Wesen hat bei Seneca die Funktion, die folgende Ablehnung des äußeren Kultes zu begründen (s. u. S. 78ff). 17

18

Vgl. Jagielski 60 ,,adeo autem Lactantius locis philosophi citandis delectatur, ut quasi ad praecedentium verborum interpretationem alia eius verba Ulis simillima . . . adiungat". Vgl. Cellarius z. St.; Bünemann betont eigens, daß a u c h das Folgende ( = frg. 122) Worte Senecas seien. Auch die Worte, die bei Laktanz auf das Zitat folgen, ab eodem plane fieri mutato nomine confiteris, haben bei Seneca benef. 4, 7, 1 ihre Entsprechung: non intellegis te, cum hoc dicis, mutare nomen deo ? Die Senecastelle folgt unmittelbar auf den von Tertullian anim. 20, 1 zitierten Satz benef. 4, 6, 6.

22

Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

Laktanz geht von der gleichen gedanklichen Voraussetzung aus wie Seneca, daß das Opfer dem Wesen dessen, dem es dargebracht wird, angemessen sein muß; falsche Auffassung vom Opfer beruht auf falscher Vorstellung vom Wesen Gottes: vestes igitur et gemmas et cetera quae habentur in pretio si quis putat deo cara, is plane quid sit deus nescit: cui putat voluptati esse19 eas res quas etiam homo si contempserit, iure laudabitur (inst. 6, 25, 4 in unmittelbarem Anschluß an das Zitat).

Laktanz spielt dabei Senecas radikalere Ablehnung äußeren Kultes gegen Piatons Äußerungen (Nomoi X I I 956a) 20 aus. Der Gottesbegriff, den er selbst zugrunde legt, ist allerdings, jedenfalls der Sache nach 21 , eher platonisch als stoisch-senecaisch: ebur, inquit Plato, non castum donum deo. quid ergo ? picta scilicet et texta pretiosa ? immo vero non castum donum deo quidquid corrumpi, quidquid subripi potest, sed sicut hoc vidit, non oportere viventi offerri aliquid quod sit ex mortuo corpore, cur illud non vidit, non debere incorporali corporate munus offerri? quanto melius et verius Seneca . . . (inst. 6, 25, Iff.).

Auch frg. 122 spielt Laktanz gegen einen anderen Autor, nämlich Cicero, aus. Die zustimmende22 Zitierung der Worte Senecas über die Identität von Gott und Natur ist auffällig, da Laktanz an späteren Stellen seines Werkes, wie es von einem Christen zu erwarten ist, diese stoische Lehre ausdrücklich bekämpft23. Es kommt ihm in diesem Zusammenhang offenbar nur auf eine Widerlegung Ciceros an, auf den Beweis, daß Gott Schöpfer ist, nicht auf eine genauere Bestimmung der Rolle der Natur: Cicero leugne, daß der Ursprung der Dinge bei Gott liege, weise ihn aber der Natur zu; da nun (nach Seneca) Gott und Natur identisch sind, gebe Cicero, indem er den Ursprung der Natur zuweist, implizit zu, daß er bei Gott liegt: cum, igitur ortum rerum tribuis naturae ac detrahis deo, ,,in eodem luto haesitans versura solvis, Geta" (Ter. Phorm. 780). a quo enim fieri negas, ab eodem plane fieri mutato nomine confiteris (inst. 2, 8, 24).

Laktanz will Cicero auf dem Boden der antiken Philosophie widerlegen. Seneca wird als Stoiker (omnium Stoicorum acutissimus) gegen 19 20

21

22

23

Vgl. im Zitat quae enim ex trucidatione immerentium voluptas est. Vermittelt durch Cie. leg. 2, 45, vgl. A. Kurfess, Lactantius und Plato, Philologus 78 (N. F. 32), 1923, 381—392, bes. 386. — Gleichberechtigt stehen die stoische Äußerung Zenons, die derjenigen Senecas entspricht (s. u. S. 81), und die Platonstelle nebeneinander bei Clem. ström. 5, 76, Iff. Die lateinische Wiedergabe des griechischen Wortes ασώματος durch incorporalis begegnet zuerst bei Seneca, vgl. Thes. V I I 1, 1024, 9 (Brandt). Zur Zeit des Laktanz war das Wort geläufig. Vgl. auch u. S. 207. Allenfalls ist, wie Bünemann und Jagielski 57 glauben, durch den Komparativ melius (sc. quam Cicero) eine Einschränkung angedeutet. Vgl. Bünemann z. St.; Jagielski 57; vgl. bes. inst. 3, 28, 5 non est deus natura, sed dei opus.

Seneca zwischen Stoa und Christentum

23

akademische Ausführungen Ciceros24 ins Feld geführt. In bezug auf die Beurteilung Senecas zeigt sich, daß Laktanz Polemik gegen ihn vermeidet, indem er ihn dort zitiert, wo er es mit Zustimmung tun kann, nicht da, wo er ihn bekämpfen müßte. Ähnliches ist auch bei der Verwertung der Schrift De Providentia zu beobachten, wenn auch hier der Abstand, der Seneca vom Christentum trennt, deutlicher ausgesprochen wird. Für eine ausführlichere Erörterung der Frage cur malos et iniustos deus potentes beatos divites fieri sinat, pios contra humiles miseros inopes esse patiatur verweist Laktanz seine Leser auf Senecas Schrift zu diesem Thema: si quis autem volet scire plenius . . . sumat eum Senecae librum cui titulus est ,Quare bonis viris multa mala accidant cum sit Providentia', in quo ille multa non plane imperitia saeculari, sed sapienter ac paene divinitus elocutus est (inst. 5, 22, 11).

Die Tatsache, daß der Christ auf die Schrift des Heiden als gültige Aussage über das zentrale Problem der Theodizee einfach verweisen kann, zeigt die hohe Einschätzung, die er ihr entgegenbringt. In den rühmenden Worten 25 ist jedoch auch eine Einschränkung nicht zu überhören. Als solche ist nicht nur das Wort paene aufzufassen 28 , sondern auch das zunächst positiv klingende multa. Daß damit eine quantitative Begrenzung dessen, was die Zustimmung eines Christen verdient, wenigstens angedeutet wird27, legt eine andere Stelle der Institutiones nahe. Inst. 3, 29, 16f. ist von der Notwendigkeit des Teufels für die Bewährung der virtus die Rede. Damit ist eine Polemik gegen die Heiden verbunden, die zwar das Vorhandensein einer Macht, mit der die virtus zu kämpfen hat, richtig erkannt, sie aber fälschlich fortuna statt Teufel genannt hätten. Daß sich die Polemik vornehmlich gegen Seneca richtet, wenn auch die Nennung seines Namens vermieden wird, geht aus den Entsprechungen zu seinen Äußerungen in De Providentia28 hervor: 24

25

2e

27

28

Das Zitat, u m das es geht (inst. 2, 8, 10f.), s t a m m t aus dem verlorenen Teil der CottaRede im dritten Buch der Schrift De natura deorum (frg. 2 Pease = p. 145 A x ) ; vgl. auch Krause 201. Zu imperitia vgl. Xhes. V I I 1, 665, 20 (Prinz) ,,ap. Eccl. de inscientia verae religionis". Divinitus gebrauchte auch etwa Cicero, wenn er Aussprüche anderer loben wollte, aber das Wort hat bei ihm meist eine sehr abgeschwächte Bedeutung: ,,praeclare, mirabiliter", vgl. Thes. V 1, 1618, l l f f . (Gudeman). Bei Laktanz h a t es den vollen Wortsinn, vgl. inst. 1, 1, 19 Veritas revelata divinitus. Ähnlich über Cicero inst. 6, 8, 6 paene divina voce; vgl. auch inst. 1, 5, 28 paene tenuisse. — Vergleichbar ist Senecas Äußerung über Epikurs Annäherung an die männliche Philosophie der Stoa const. 15, 4 quam paene emisit viri vocem (vgl. ebd. 1, 1 Stoici virilem ingressi viam). Vgl. auch Quint, inst. 10, 1, 131 über Seneca: multa enim, ut dixi, probanda in eo, multa etiam admiranda sunt, eligere modo curae sit. Vgl. Brandt z. St.; Jagielski 61 Anm. 1 (jedoch ohne Hinweis auf die Tatsache der Polemik).

24

Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

Lact. inst. 3, 29, 16f.

Sen. prov.

idcirco enim . . . non statim ad poenam detrusus α deo est, ut hominem malitia sua exerceat ad virtutem.

2, 7 fortunam Ulis cum qua tur adsignat (deus) (vgl. 2, 2 nes)

quae nisi agitetur, nisi vexatione adsidua roboretur, non potest esse perfecta, si quidem virtus est perferendorum malorum fortis atque invicta patientia.

2, 6 Operibus, inquit (deus), doloribus, damnis exagitentur, ut verum colligant robur 4, 16 vexatione (im Vergleich)

ex quo fit ut virtus sarius de sit.

2, 4 marcet sine adversario

nulla sit, si

adver-

exerceanexercitatio-

virtus

huius itaque perversae potestatis cum vim sentirent virtuti repugnantem, nomen ignorarent, fortunae sibi vocabulum inane finxerunt.

Am ausführlichsten äußert sich Laktanz über Senecas Verhältnis zum Christentum im Anschluß an die Zitierung von frg. 24. E r greift dabei auf die allgemeineren Worte am Ende des Philosophenkatalogs zurück 29 und betont Senecas Nähe zum Christentum, aber auch den Abstand, der ihn letztlich davon trennt: quid verius dici potuit ab eo qui deurn nosset quam dictum est ab homine verae religionis ignaro? nam et maiestatem dei expressit maiorem esse dicendo quam ut eam cogitatio mentis humanae capere posset, et ipsum veritatis attigit fontem sentiendo vitam hominum supervacuam non esse, ut Epicurei volunt, sed deo ab its operam vivendo dari, siquidem iuste ac pie vixerint. potuit esse verus dei cultor, si quis illi monstrasset, et contempsisset profecto Zenonem et magistrum suum Sotionem, si verae sapientiae ducem nactus esset. ,huic nos' inquit ,adprobemus'. caelestis prorsus oratio, nisi antecederet ignorantiae confessio (inst. 6, 24, 13—15).

Die ersten Worte sind eine abgewandelte Wiederholung dessen, was Laktanz einige Kapitel zuvor von Cicero gesagt hatte: quis sacramentum dei sciens tarn significanter enarrare legem dei posset quam homo longe α veritatis notitia remotus expressit? (inst. 6, 8, 10).

illam

Seneca ist in den Augen des Laktanz ebenso ein Heide wie Cicero; aber nach der Aussage am Anfang des Philosophenkataloges ist die Macht der Wahrheit so groß, ut nemo fiossit esse tarn caecus, quin videat ingerentern se oculis divinum claritatem (inst. 1, 5, 2). Besonders lobt Laktanz dann Senecas Betonung der Größe Gottes. Hinter seiner Äußerung dürften die Worte stehen, mit denen Minucius Felix im Philosophenkatalog die Gottesvorstellung des Stoikers Ariston kommentiert 3 0 : 29

30

inst. 1, 5, 28 attigisse veritatem . . . nisi — 6, 24, 13 ipsum veritatis attigit fontem . . . 14 si quis illi monstrasset . . . nisi antecederet . . . Im Philosophenkatalog des Laktanz wird Ariston nicht genannt.

25

Seneca zwischen Stoa und Christentum Lact. inst. 6, 24, 13

Min. Fei. 19, 13

nam et maiestatem dei expressit maiorem esse dicendo quam ut earn cogitatio mentis humanae capere posset.

... A riston Stoicus comprehendi omnino non posse (sc. formam dei)31. uterque maiestatem dei intellegendi desperatione senserunt.

In beiden Fällen wird die Aussage eines Stoikers, daß die menschliche Erkenntnis Gott nicht fassen könne, als Ausdruck der maiestas Gottes gedeutet und als dem Christentum nahekommend ge wert et. Bei Minucius schließt sich unmittelbar ein Lob Piatons an, das aber durch einen nisi-Satz eingeschränkt wird: Piatoni apertior de deo et rebus ipsis et nominibus oratio est et quae tota esset tis, nisi persuasionis civilis nonnumquam admixtione sordesceret (19,14).

caeles-

Auch dieses Urteil überträgt Laktanz auf Seneca 32 : caelestis

prorsus oratio,

nisi

antecederet ignorantiae

confessio.

Es ist wohl kein Zufall, daß Laktanz dann wenig später, zu Beginn des nächsten Kapitels (inst. 6, 25, 3), gerade ein Senecawort (frg. 123) gegen Piaton ausspielt (s. o.). Als konkreten Anhaltspunkt dafür, daß Seneca doch noch in der Unwissenheit des Heiden befangen war, nimmt Laktanz Senecas Worte nescio quid (frg. 24 magnum nescio quid maiusque quam cogitari potest numen est) und deutet sie als ignorantiae confessio33. Das entspricht dem sonstigen Verfahren sowohl des Laktanz wie anderer christlicher Schriftsteller, bei den heidnischen Philosophen (bzw. Dichtern) nach Aussagen der Unwissenheit zu suchen, vgl. etwa Theophilos ad Autolyc. 2, 8: Όθεν Ευριπίδης ομολογεί λέγων (frg. 391 Ν 2 ) · ,,Σπουδάζομευ 5έ ττολλ' Οττ' ελπίδων, μάτην ttövous εχοντεξ, ουδέν είδότες " ΚαΙ μή θέλοντες ό μ ο λ ο γ ο ύ σ ι ν τ ό άληθές μή έ π ί σ τ σ σ θ α ι 3 1 .

An anderer Stelle (inst. 3,14, 20f.) zitiert Laktanz Worte Ciceros aus der Consolalio (frg. I X 8 Müller): sed nescio qui nos teneat error ac miserabilis ignoratio veri. Er kommentiert sie folgendermaßen: haec erroris ignorationisque pressa est. 31 32

33

34

35

confessio

paene invito35

tibi ab intimo pectore

ex-

Aus Cie. nat. deor. 1, 37 (SVF I 378) qui neque formam dei intellegi posse censeat. Schon bei dem nisi-Satz am Ende des Philosophenkataloges (inst. 1, 5, 28) wird Laktanz diese Äußerung aus dem entsprechenden Abschnitt des Minucius vorgeschwebt haben. Daß diese Worte sich auf nescio quid beziehen, wird zwar nicht direkt ausgesprochen, geht jedoch aus dem Zusammenhang eindeutig hervor, vgl. Bünemann z. St. Laktanz hat Theophilos' Schrift gekannt und benätzt, s. u. S. 180f. hier geht es uns jedoch weniger um Abhängigkeit von bestimmten Stellen eines bestimmten Autors als um die grundsätzliche Argumentationsweise. Vgl. μή θέλοντες bei Theophilos.

26

Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

Auch in den Worten Ciceros findet sich ein nescio qui, aber Laktanz braucht sich hier nicht an diese Worte zu klammern und kann vom Sinn des ganzen Cicerosatzes ausgehen. Beim Stoiker Seneca hat es Laktanz viel schwerer als bei dem skeptischen Akademiker Cicero, eine ignorantiae confessio zu finden; das formelhafte nescio quid kann nur durch eine gewaltsame Überinterpretation einem solchen Zwecke dienstbar gemacht werden. Speziell auf Seneca zugeschnitten ist dagegen der zentrale Satz des laktanzischen Urteils: potuit esse verus dei cultor, si quis illi monstrasset, et contempsisset profecto et magistrum suum Sotionem, si verae sapientiae ducem nactus esset.

Zenonem

An anderen Stellen nennt Laktanz ihn immer wieder einen Stoiker 36 . Hier wird jedoch deutlich, daß Seneca in der Sicht des Laktanz dem Christentum nicht eigentlich in seiner Eigenschaft als Stoiker nahekommt, sondern durch etwas Persönliches, das ihn über die Stoa hinausführt und dem Christentum annähert 37 . Sein heidnischer Philosophielehrer Sotion38 und sein Anschluß an die Stoa haben ihn nicht 36

37

38

Inst. 1, 5, 26 qui ex Romanis vel acerrimus Stoicus fuit; 2, 8, 23 Seneca omnium Stoicorum acutissimus; 3 , 1 2 , 1 2 Stoici quos secutus est; epit. 4, 3 Seneca Stoicos secutus. — Tertullian zitiert dagegen auch einen epikureischen Ausspruch Senecas (frg. 28). Die Formulierung von Pichon 234ist also nicht ganz zutreffend: „II saitbien dimeler dans le sto'icisme de Sineque ce qui s'accorde avec son propre christianisme"; ebensowenig die Äußerung von Siegert 27, die von einer positiven Beurteilung Senecas auf eine positive Beurteilung der Stoa im ganzen schließt: „Die günstige Beurteilung der Stoiker wird weiter durch die ehrende Behandlung, die Laktanz Seneca angedeihen läßt, ins rechte Licht gesetzt". Dies ist die einzige Äußerung des Laktanz über eine Tatsache, die Senecas Leben betrifft. Um so auffälliger ist die Ubereinstimmung mit Hier. vir. ill. 12 Sotionis Stoici discipulus. Zwar spricht auch Seneca selbst von Sotion als seinem Lehrer (epist. 49, 2; 108, 17ff.), aber wir hören dort auch von einem anderen Lehrer, Attalus; Sotion ist also nicht unbedingt der Lehrer Senecas schlechthin, als der er bei Hieronymus und Laktanz erscheint. Dazu kommt, daß Sotion im Brief 108 als Vermittler pythagoreischer Lehren genannt wird, während ihn Hieronymus einen Stoiker nennt und auch Laktanz ihn als solchen verstanden zu haben scheint, da er ihn mit Zenon zusammen anführt und sein Schüler Seneca für ihn immer als Stoiker gilt. Die nächstliegende Erklärung dürfte die Annahme einer gemeinsamen biographischen Quelle sein, d. h. Suetons Schrift De viris illustribus, aus der Hieronymus in der Chronik (a. Abr. 2029, p. 171b ed. Helm, GCS 47) gerade die Angabe, daß Sotion der Lehrer Senecas war, eingefügt hat; vgl. dazu A. Reifferscheid, C. Suetoni Tranquilli reliquiae, Leipzig 1860, S. 95 zu frg. 86; R. Helm, Hieronymus' Zusätze in Eusebius' Chronik und ihr Wert für die Literaturgeschichte, Philologus Suppl. 21, 2 (1929), 71. Allerdings spricht Brandt (Lact. u. Lucr. 251) dem Laktanz die Kenntnis dieser Schrift ab, weil er den Wahnsinn des Dichters Lukrez, von dem bei Sueton die Rede war, nicht erwähnt. Brandt hält es für undenkbar, daß Laktanz die Nachricht nicht polemisch gegen Lukrez, „den Vertreter des von ihm so heftig bekämpften gottesleugnerischen Systems", verwendet hätte, wenn sie ihm bekannt gewesen wäre. Dieser Schluß ex silentio ist jedoch bedenklich. Hätte Laktanz auf den Wahnsinn des Dichters aus-

Seneca zwischen Stoa und Christentum

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zum Christentum hingeführt, sondern seine gute Anlage vom richtigen Wege abgeführt. Damit spielt Laktanz offenbar die stoische These von der guten Anlage des Menschen, die durch die Umwelt, darunter auch die Lehrer, verdorben wird39, gegen den Stoiker Seneca selbst aus. Zugleich aber überträgt er Quintilians Urteil über Seneca als ein .großes Talent', das ,sich auf Abwege verlor' 40 , in einen anderen Bereich: aus dem stilistischen Urteil über Seneca ist ein Urteil über Senecas Verhältnis zum Christentum geworden. Die Äußerung des Laktanz zeigt zugleich deutlich, daß ihm der Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus noch nicht bekannt war 41 . Einen t. p. q, für die Abfassung dieser Briefe bedeutet das zwar nicht unbedingt, da Laktanz davon auch nur nicht gewußt haben könnte, aber das Wahrscheinlichste ist doch wohl (auch aus anderen Gründen), daß sie erst im Laufe des 4. Jhs. entstanden 42 .

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drücklich hingewiesen, so hätte er seine Autorität unnötig geschmälert; er bekämpft ihn ja keineswegs immer. Außerdem zeigt Laktanz überhaupt wenig Interesse am Leben seiner Autoren; auch von Senecas Tod etwa spricht er nie. — G. Brugnoli, Coniectanea X I — X X , RCCM 5, 1963, 262 (vgl. ders. Suetoniana II, AFLC 28, 1960, 365 Anm. 2) erwägt, ob an der Stelle Lact. inst. 1, 10, 2 Tarquitius de inlustribus viris disserens statt Tarquitius zu lesen ist: Tranquillus. Vgl. bes. Cie. Tusc. 3, 2 magistris. Formulierung von K. Abel, Bauformen 14 Anm. 17, vgl. vor allem Quint, inst. 10, 1, 131 digna enirn fuit illa natura quae meliora vellet. Wörtlich an Quintilian klingen die Worte si . . . contempsisset und überhaupt die Reihe der irrealen Aussagen an: Quint, inst. 10, 1, 130: nam si f aliqua contempsisset, si parum-f (der genaue Text der Stelle ist unsicher) non concupisset, si non omnia sua amasset (vgl. Sen. epist. 75, 3), si rerum pondera minutissimis sententiis non fregisset . . . Das Urteil Quintilians über Seneca war auch auf die Formulierungen der Urteile des Laktanz über seine Vorgänger auf dem Gebiet der christlichen Apologetik (inst. 5, 1, 22ff.) von Einfluß, vgl. Brandt Add. C X V ; Pichon 232; Jagielski 91f. — Irreale si- und nisi-Sätze, wie sie Laktanz im Anschluß an Quint, bzw. Min. Fei. auf Sen. anwendet, sind auch sonst in literarischen Urteilen gebräuchlich, so in Senecas eigenem Urteil über Maecenas epist. 19, 9 ingeniosus ille vir fuit, magnum exemplum Romanae eloquentiae daturus, nisi ilium enervasset felicitas, immo castrasset; epist. 92, 35 habuit enim ingenium et grande et virile, nisi illud secunda discinxissent; epist. 114, 4 Magni vir ingenii fuerat si illud egisset via rectiore, si non vitasset intellegi, si non etiam in oratione difflueret; ähnlich über Ovid: nat. 3, 27,13 sicut illud pro magnitudine rei dixit. . . ni tantum impetum ingenii et materiae ad pueriles ineptias reduxisset. Ähnlich urteilt auch Augustin über Porphyrios: mittis ergo homines in errorem certissimum, neque hoc tantum malum te pudet, cum virtutis et sapientiae profitearis amatorem; quam si vere ac fideliter amasses, Christum Dei virtutem et Dei sapientiam cognovisses nec ab eius saluberrima humilitate tumore injlatus vanae scientiae resiluisses (civ. 10, 28). Couv6e 110 nimmt also wohl zu Unrecht an, daß die .legende von Seneca's behooren tot den kring der Christenen' auf die Bedeutung, die Seneca für Laktanz hat, von Einfluß war. Vgl. zu der vieldiskutierten Frage etwa E. Liinard, Sur la correspondance apocryphe de Sincquc et de saint Paul, R B P h 11, 1932, 5—23 (Ähnlichkeiten in Formeln und Inhaltsleere mit den Briefen des Symmachus; Liinafd behauptet jedoch keineswegs, daß die Briefe aus der Feder des Heiden Symmachus selbst stammten, wie ihm Bardy bei Labriolle I 30 Anm. 2 unterstellt); C. W. Barlow, Epistolae Senecae ad Paulum et Pauli ad Senecam quae vor.antur. Papers and Monographs of the American

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

Aufschlußreich für Laktanz' Einschätzung der Abhängigkeit Senecas von der Stoa einerseits und seiner Annäherung an das Christentum andererseits ist auch eine weitere Stelle. In Auseinandersetzung mit den heidnischen Philosophen sucht Laktanz inst. 3, 9ff. das summum bonum zu bestimmen. In der Kritik der epikureischen voluptas schließt er sich wohl an Formulierungen aus Senecas Schrift De vita beata an 43 . Aber auch mit den Stoikern ist Laktanz nicht einverstanden: nicht die virtus, sondern erst die immortalitas als Lohn der Tugend sieht er als das wahre summum bonum an. Die Stoiker hätten nicht recht mit ihrer Behauptung αύτήν δι* αύτην αίρετήν είναι την άρετήν (SVF III 3 8 — 4 8 ) : sie werde durch einen anderen ihrer Sätze, αυτάρκη είναι την άρετήν προς εύδαιμονίαν (SVF III 49ff.), den Laktanz für seine Zwecke geschickt etwas freier wiedergibt, widerlegt: Stoici . . . negant sine virtute effici posse quemquam beatum. ergo virtutis praemium beaia vita est, si virtus, ut rede dictum est, beatam vitam facit. non est igitur ut aiunt propter se ipsam virtus expetenda, sed propter vitam beatam, quae virtutem necessario sequitur (inst. 3, 12, 12f.).

Unmittelbar vor diesen Worten bringt Laktanz ein Senecazitat (frg. 27) und leitet es folgendermaßen ein: Seneca quoque imprudens quam immortalitatem.

incidit ut fateretur nullum esse aliud virtutis

praemium

Gerade in der von Laktanz in diesem Abschnitt benutzten Schrift De vita beata vertritt Seneca mit allem Nachdruck die stoische Lehre, Academy in Rome 10 (1938), Iff. (Laktanz als t. p. q., Klauseln); A. Momigliano, Note sulla leggenda del Cristianesimo di Seneca, Rivista storica italiana 62, 1950, 325—344, bes. 333; A. Kurfeß, Zu dem apokryphen Briefwechsel zwischen dem Philosophen Seneca und dem Apostel Paulus, Aevum 26, 1952, 42—48, bes. 43; W. Trillitzsch, Hieronymus und Seneca, Mittellat. Jahrb. 2, 1965, 53 „da Laktanz ihn noch nicht gekannt zu haben scheint und sprachliche wie inhaltliche Züge auf spätere Abfassungszeit weisen, setzt man die Entstehung des Briefwechsels jetzt allgemein etwa ins 4. Jh., wenn auch mit schwachen Gründen". Unklar E. Bickel, Seneca und Seneca-Mythus, Das Altertum 5, 1959, 94 „der um des HieronymusZeugnisses willen spätestens ins 3. Jahrhundert zu datierende Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus". Die Äußerung des Hieronymus, die den t. a. q. bildet, gehört ans Ende des 4. Jhs. (392). Weitere Literatur vgl. J . Haußleiter, Literatur zu der Frage ,,Seneca und das Christentum", Burs. Jahresb. 69, 1943, 73—91; Sevenster Iff. 43

Vgl. inst. 3, 11, 6 voluptas . . . et satietatem adjert et nimia nocet . . . non est igitur summum bonum, sed ne bonum quidem voluptas — Sen. vit. b. 7, 4 summum bonum . . . nec satietatem habet; 13, 5 et voluptas nocet nimia\ 10, 3 tu illam (sc. voluptatem) summum bonum putas, ego nec bonum (zu letzterer Parallele vgl. Bünemann u. Brandt z. St.; Pichon 234; Jagielski 70). — Vgl. auch Lact. inst. 7, 10, Iff., bes. satietas ...; sed ipso fructu quem expetunt finiuntur — Sen. vit. b. 7, 4 satietatem . . .; quod venit transitque celerrime, in ipso usu sui periturum; zu Lact. inst. 6, 21, 10 haec est voluptas vera quae comes est et socia virtutis vgl. vit. b. 8, 1 ut rectae ac bonae voluntatis non dux sed comes sit voluptas, aber auch Cie. fin. 2, 113 sensus . . . qui tibi . . . non comites solum virtutum, sed ministri etiam videbuntur. Weiterhin o. S. 5 mit Anm. 19.

Seneca zwischen Stoa und Christentum

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daß die Tugend um ihrer selbst willen zu erstreben sei44, und Laktanz betont ausdrücklich Senecas grundsätzliche Abhängigkeit von der Stoa: Stoici quos secutus est. In Fragment 27 glaubt Laktanz eine Stelle gefunden zu haben, wo Seneca einmal entgegen seiner sonstigen stoischen Grundüberzeugung die richtige christliche Anschauung von der Unsterblichkeit als Lohn der Tugend zum Ausdruck bringe, jedoch unversehens und ohne sich der Abweichung voll bewußt zu sein45. Ähnlich äußert Laktanz sich an anderer Stelle über Lukrez. Er will ihm dort nachweisen, daß ihm an einer Stelle (2, 999ff.) die Wahrheit, daß die Seele unsterblich ist, entschlüpft sei, obwohl er doch sonst mit Nachdruck die Sterblichkeit der Seele behaupte 46 : oblitus quid adsereret et quod dogma defenderet, hos versus posuit . . . quod eius non erat dicere qui perire animas cum corporibus disserebat; sed victus est veritate et imprudenti ratio vera subrepsit (inst. 7, 12, 5).

Der Widerspruch innerhalb der eigenen Lehre wird jedoch viel schärfer hervorgehoben als bei Seneca. Die Argumentationsweise des Laktanz hat wieder Entsprechungen in der griechischen Apologetik. So stellt Theophilos ad Autol. 2,38 zwei Aussagen Homers über die Unsterblichkeit der Seele (!) einander gegenüber47: καΐ oi μετά θάνατον άρνούμενοι είναι αίσθησιν ώμολόγησαν. "Ομηρος μέν οΰν εΐπεν ψυχή δ' ήύτ' όνειροξ άττοπταμένη πεττότηται (λ 222), έν έτέρω λέγει· ψυχή δ' έκ ^εθέων ιτταμένη Άϊδόσδε βεβήκει (Π 856; Χ 362). Den Worten des Laktanz steht weiterhin etwa eine Äußerung des Origenes über Kelsos nahe: πλήν καΐ άκων ένέπεσεν ό Κέλσοζ eis τό μαρτυρεϊν τω νεώτερον είναι τόν κόσμον (c. Cels. 1, 20). Das incidit des Laktanz entspricht offenbar einem solchen ένέπεσεν. So dürfte sich auch die ungewöhnliche Konstruktion mit ut 44

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Vgl. 9, 4 Itaque erras, cum interrogas quid sit illud propter quod virtutem petam\ quaeris enim aliquid supra summum. interrogas quid petam ex virtute? ipsam . . .; ipsa pretium sui. Zum Ausdruck vgl. inst. 1, 21, 31 si quando . . . vel imprudenti alicui exciderit bonum verbum; inst. 3, 18, 1 Pythagorei ac Stoici, quibus etsi ignoscendum est, quia verum sentiunt, non possum tarnen non reprehendere eos, quia non scientia, sed casu inciderunt in veritatem (vgl. epit. 64, 6); 6, 8, 10 ego vero eos qui vera imprudentes loquuntur sie habendos puto tamquam divinent spiritu aliquo instineti (Bünemann). — Jagielski 68 f. und Harloff 41 Anm. 58 haben die entscheidende Nuance der Argumentation des Laktanz verkannt. —• Zur Frage der Berechtigung der Interpretation des Laktanz s. u. S.161f. Dabei dreht Laktanz ihm freilich die Worte „gewissermaßen im Munde u m " (Brandt, Lact. u. Lucr. 243). Im allgemeinen galt jedoch Homer als Vertreter der Unsterblichkeitslehre, vgl. F. Buffiere, Les mythes d'Homere et la pens6e grecque, Paris 1956, 399 ff.

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

erklären. In den Konzilsakten, wo sie ebenfalls begegnet, entspricht sie griechischem εμπίπτει ν sis mit substantiviertem Infinitiv 48 . Auch hinter Laktanz' incidit ut fateretur wird nach dem Gesagten ein ένέπεσεν είς τό όμολογεϊν stehen.

3. Seneca als Vertreter der heidnischen Philosophie Wesentlich reservierter ist die Einstellung des Laktanz zu Seneca, wo sich dieser nicht als Tadler heidnischer Torheit, nicht als Verkünder christlicher Standhaftigkeit oder des wahren Gottes zeigt, sondern als Vertreter der heidnischen Philosophie, mit der sich Laktanz ausführlich im dritten Buch der Institutiones auseinandersetzt 1 . Die Zwiespältigkeit seines Urteiles beruht auf seiner allgemeinen Einstellung zur heidnischen Philosophie. Sie dient ihm einerseits als Autorität und Stütze für christliche Lehren, andererseits ist er aber auch darauf bedacht, das Neue und Besondere der christlichen Lehre zu betonen und von den heidnischen Anschauungen abzusetzen 2 . Da Seneca für Laktanz, wie wir gesehen haben, durchaus ein Heide ist, der sich zwar manchmal, aber keineswegs immer, Christlichem nähert, braucht es nicht zu verwundern, wenn auch er vor scharfen Urteilen nicht verschont bleibt. Besonders deutlich wird die negative Grundhaltung im dritten Buch bei der Zitierung des Fragmentes 23 (inst. 3, 25, 16f.), wo Laktanz in einer für den gedanklichen Zusammenhang ziemlich irrelevanten Einzelheit Seneca wegen seines Tadels an Anniceris, der ein zu geringes Lösegeld für Piaton aufgebracht habe, angreift. Laktanz benutzt offenbar die Gelegenheit, gegen zwei heidnische Philosophen auf einmal, Seneca und Piaton, einen Hieb auszuteilen (vgl. auch u. S. 127). Hauptziel der laktanzischen Argumentation ist der Nachweis, daß nicht die heidnische Philosophie, sondern nur die himmlische Weisheit die wahre sapientia sein könne. Zu diesem Zweck werden heidnische Aussagen zum Thema der Philosophie teils zurückgewiesen und teils 48

Vgl. Thes. VII 1, 899, 54ff. (Rehm). Außer bei Laktanz und in den Konzilsakten ist die Konstruktion noch bei Ambr. spir. 2, 3, 28 bezeugt.

1

Vgl. darüber W. Harloff, Untersuchungen zu Lactantius, Diss. Rostock, BornaLeipzig 1911. Vgl. Kunick 181; im allgemeinen wird die Bedeutung des negativen Aspekts in der Einstellung des Laktanz zu Seneca unterschätzt, vgl. Pichon 233 „De S6n£que, Lactance parle en g6n6ral favorablement, sauf peut-etre en deux endroits, . . . [frg. 17. 23; verkannt ist die Polemik gegen frgg. 19/20] A part ces deux exceptions assez insignifiantes, il ne nomme Sineque qu'avec beaucoup de respect. . ."; Jagielski 55 ,, Praeter paucos locos, ubi philosophum Lactantius deridet, eum summis laudibus effert"; Couv6e 110.

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Seneca als Vertreter der heidnischen Philosophie

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unmittelbar als Argumente gegen die Philosophie verwertet. Auch Senecas Worte werden teils scharf bekämpft, teils direkt in den negativen Gedankengang eingebaut3. So benutzt Laktanz (inst. 3, 16, 15) eine Aussage Senecas über das fehlende Alter der Philosophie (frg. 21), die für ihn durch den bekannten Streit zwischen Heiden und Christen eine neue Bedeutung gewinnt 4 . Selbst die zustimmende Zitierung ist jedoch im Unterschied zu den bisher betrachteten Stellen nicht mit anerkennenden Worten verbunden. Eine ausführliche Polemik richtet Laktanz gegen Senecas Definition der Philosophie als Lebenskunst (frg. 17): Hic plane non respexit ad commune philosophiae nomen. quae cum sit in plures sectas disciplinasque diffusa nihilque habeat certi, nihil denique de quo universi una mente ac voce consentiant, quid potest esse tarn falsum quam regulam vitae philosopkiam nominari, in qua diversitas praeceptorum rectum iter inpediat et turbet, aut legem bene vivendi, cuius capita longe dissonant, aut scientiam vitae agendae, in qua nihil aliud efficitur contraria saepe dicendo quam ut nemo quicquam sciat? quaero enim utrumne Academiam philosopkiam putet esse an non. negaturum non arbitror. quod si est, nihil ergo illorum cadit in philosopkiam, quae ut omnia reddat incerta, legem abrogat, ariem nullam putat, rationem subvertit, regulam depravat, scientiam funditus tollit. falsa igitur ilia omnia, quia in rem semper incertam et adhuc nihil explicantem cadere non possunt. nulla itaque ratio vel scientia vel lex bene vivendi nisi in hac unica et vera et caelesti sapientia constituta est, quae philosophis fuerat ignota (inst. 3, 15, 2—4).

Was Laktanz kritisiert, ist keineswegs die Einschränkung der Philosophie auf die Ethik, wie neuerdings Cancik behauptet (119). Vielmehr hatte Laktanz selbst kurz zuvor eine solche mit Nachdruck vertreten5. Die Argumentation läuft vielmehr der Tendenz des ganzen Buches entsprechend auf das Beweisziel hinaus, daß nicht die Philosophie, sondern nur die vera et caelestis sapientia Lebensregel sein kann. Die Polemik gegen Seneca ist eine Rekapitulation der Argumente, die Laktanz zuvor schon ausführlicher gegen die Philosophie vorgebracht hatte. Er war zu Beginn des Buches von der Bedeutung des Wortes philosophia ausgegangen: sie sei nur ein Streben nach Weisheit, nicht die Weisheit selbst: 3

4

5

Zur Frage, ob die von Laktanz als Argumente gegen die Philosophie benutzten Äußerungen Senecas Einwände waren, s. u. S. 66ff. Das Argument wird von Laktanz auch gegen die heidnische Religion gewandt (inst. 1, 23). Die entsprechende Formulierung in der Epitome (19, 6) erinnert an das Senecafragment: unde apparet non amplius quam MDCCC esse annos, ex quo novis deorum cultibus institutis humanum genus inciderit in errorem, vgl. dazu Dammig 183 Anm. 1; Arnob. nat. 1, 13 Trecenti sunt anni ferme minus vel plus aliquid, ex quo coepimus esse Christiani. Inst 3, 13, 6 quodsi neque physica illa ratio necessaria est neque haec logica, quia beatum facere non possunt, restat ut in sola ethica totius philosophiae vis contineatur. — Richtig Wlosok 196 Anm. 42 „Zweck der Philosophie ist wie bei seinen römischen Gewährsmännern Cic . . . und Sen. (III 16, 1: fr. 17 Haase) die Ethik".

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Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz ordiamur itaque indicat ipsique esse sapientiam utique nondum

a communi philosophiae nomine . . . Philosophia est, ut nomen definiunt, Studium sapientiae. unde igitur probem philosophiam non quam ex ipsius nominis significatione ? qui enim sapientiae studet, sapit, sed ut sapere possit studet (inst. 3, 2, 2f.).

Weiter werden gegen die Philosophie geltend gemacht einerseits die Widersprüchlichkeit unter den Philosophen6, andererseits aber auch die Unmöglichkeit der Skepsis, welche die Akademie aus dieser Widersprüchlichkeit folgerte: in multas sectas philosophia divisa est et omnes varia sentiunt. in qua ponimus veritatem ? in omnibus certe non potest, designemus quamlibet: nempe in ceteris omnibus sapientia non erit. transeamus ad singulas: eodem modo quidquid uni dabimus, ceteris auferemus (inst. 3, 4, 3f.). rede ergo aliorum sustulitdisciplinas(Arcesilas),sednon rede fundavit suam. ignoratio enim rerum omnium non potest esse sapientia, cuius est scire proprium (inst. 3, 5, 5).

Was Laktanz bei seiner Polemik gegen Seneca verschweigt, ist, daß er gerade für die Argumente, die er hier gegen Seneca wendet, an früherer Stelle sich offenbar dessen Formulierungen zu eigen gemacht hatte. Die von Bünemann bemerkte Übereinstimmung zwischen Laktanz' Äußerung über den Unterschied von philosophia und sapientia und den Worten Senecas im 89. Brief wird schwerlich Zufall sein7: Lact. inst. 3, 2, 7

Sen. epist. 89, 6

si ergo philosophia sapientiam quaerit, nec ipsa sapientia est, quia necesse est aliud esse quod quaerit, aliud quod quaeritur.

illud quasi constitit aliquid inter philosophiam et sapientiam interesse; neque enim fieri potest ut idem sit quod adfedatur et quod adfedat.

Wenn Laktanz weiterhin einwendet, daß Seneca selbst doch sicher auch die Akademie als Philosophie ansehe, so ist dazu zu sagen, daß Seneca zweifellos die Akademiker als Philosophen bezeichnet, aber ausdrücklich als solche, die nicht den wahren Aufgaben der Philosophie nachgehen: philosophi quantum habent supervacui, quantum ab usu recedentis! qui novam induxerunt scientiam nihil scire (epist. 88, 42. 44).

...

Academici

Gerade diese Formulierung Senecas, die das Paradoxe der skeptischen Philosophie mit knappen Worten bloßstellt, hatte Laktanz wiederum wenige Kapitel zuvor übernommen: Arcesilas Academiae (inst. 3, 4, I I ) 8 . β 7

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conditor . . . constituit novam non philosophandi

philosophiam

Zu diesem beliebten Argument vgl. Pease zu Cie. nat. deor. 1, 1; Harloff 14 ff. Harloff 9 Anm. 14 wertet die Ähnlichkeit nur als Ubereinstimmung in dem Gebrauch des rhetorischen Kunstmittels der Gegenüberstellung von aktiver und passiver Verbalform; die genaue Entsprechung des Zusammenhangs ist verkannt. Weniger pointiert Lact. inst. 3, 5, 5 quia dodrina eius est nihil sciri, wozu schon Bünemann auf die Senecastelle verweist.

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Seneca als Vertreter der heidnischen Philosophie

Daß Laktanz die Akademie als Argument gegen den Stoiker Seneca anführt, zeigt, wie gezwungen seine Polemik ist. Er übernimmt damit die Beweisführung des vorhergehenden Kapitels, wo er sich gegen Ciceros Kennzeichnung der Philosophie als magistra vitae9 wandte und mit ganz anderemRecht auf die Akademie hinwies, zu der sich Cicero bekannte: cedo igitur quid didiceris aut in qua secta verilatem deprehenderis. in Academia scilicet, quam secutus es, quam probasti. at haec nihil docet nisi ut scias te nihil scire, tui ergo te libri arguunt, quam nihil a philosophia disci possit ad vitam (inst. 3, 14, 14f.).

Eine ähnliche gewaltsame sekundäre Übertragung eines auf den Skeptiker Cicero gemünzten Argumentes auf Seneca ist uns schon oben (s. S. 25f.) begegnet. Als ein weiterer Grund dafür, daß die Philosophie nicht imstande ist, Lebensregel zu sein, gilt ihm die Tatsache, daß sie auf die Lebensführung ihrer Vertreter keinen Einfluß hat. Als Zeugnis dafür führt er u. a. eine Äußerung Senecas an, die mit scharfen Worten die Lebensführung vieler Philosophen, die selbst die Laster anderer Menschen anprangern, bloßstellt (frg. 18). Da nun Seneca selbst im Verständnis des Laktanz ein Tadler menschlicher Laster ist (s. o.), liegt der Verdacht nahe, daß Laktanz ihn mit seinen eigenen Worten treffen wollte, ohne ein solches Urteil allzu deutlich auszusprechen: adeo redundant ad ipsos maledicta in publicum missa, wie es in dem Zitat heißt. Diese Vermutung wird durch das Folgende bestätigt. Auf Senecas Angriff gegen solche Philosophen, die eine schändliche Lebensführung durch entsprechende Lehren theoretisch zu untermauern suchen (s. u. S. 108f.), schließt Laktanz unmittelbar zwei weitere Senecazitate an, in denen dieser selbst ein Abweichen vom sittlichen Ideal, wie es Laktanz versteht, rechtfertigt. Ein direktes Urteil über Senecas Leben 10 wird vermieden, doch polemisiert Laktanz ausführlich gegen die theoretischen Äußerungen als solche (frgg. 19/20): atquin nihil interest quo animo facias quod fecisse vitiosum est, quia facta cernuntur, animus non videtur. Aristippo Cyrenaicorum magistro cum Laide nobili scorto fuit consuetudo. quod flagitium gravis ille philosophiae doctor sic defendebat ut diceret multum inter se et ceteros Laidis amatores interesse, quod ipse haberet Laidem, alii α Laide haberentur. ο praeclara et bonis imitanda sapiential huic vero liberos in disciplinam dares, ut discerent habere meretricem ? aliquid inter se ac perditos interesse dicebat, scilicet quod illi bona sua perderent, ipse gratis luxuriaretur. in quo tarnen sapientior meretrix fuit: quae philosophum habuit pro lenone, ut ad se omnis iuventus doctoris exemplo et auctoritate corrupta sine ullo pudore concurreret. quid ergo interfuit quo animo philosophus ad meretricem famosissimam commearet, cum eum populus et rivales sui viderent omnibus perditis nequiorem? (inst. 3, 15, 14—18). 9

10

Inst. 3, 14, 12 quid ergo te magistra illa vitae docuit? Brandt verweist dazu auf die inst. 3, 13, 15 zitierte Stelle Tusc. 5, 5 magistra morum et disciplinae, doch begegnet die Formulierung magistra vitae auch wörtlich bei Cicero: Tusc. 2, 16. Vorwürfe gegen Senecas Lebensführung wurden schon zu seinen Lebzeiten erhoben (vgl. Suillius bei Tac. ann. 13, 42); von späteren Autoren ist namentlich die feindselige Einstellung des Cassius Dio faßbar, vgl. dazu Faider 74 ff. Lausberg, Seneca

3

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Senecazitate und Senecabeurteihmg bei Laktanz

Nach Senecas Worten braucht sich das Tun des Weisen äußerlich nicht von dem der anderen Menschen zu unterscheiden, da die innerliche Haltung allein wichtig ist (näheres u. S. 111 ff.). Laktanz wendet dagegen ein, die verschiedene Gesinnung nütze nichts, da sie nach außen verborgen bleibe. E r erläutert das am Beispiel des Aristipp und dessen Verhältnis zur Hetäre Lais: Sein Verhalten gibt der Jugend ein schlechtes Beispiel, da sie sich durch die auctoritas des Philosophen ermuntert fühlt, das gleiche zu tun. In welcher Gesinnung sich der Philosoph mit der meretrix einläßt, ist für diese Wirkung als exempium irrelevant. Hinter dieser Argumentation steht offenbar die christliche Überzeugung, daß der Mensch nicht nur für sein eigenes Seelenheil verantwortlich ist, sondern auch für das seines Nächsten11. So führt Tertullian aus, die christliche pudicitia dürfe nicht nur eine innerliche sein, sondern müsse auch nach außen in Erscheinung treten: aliqua fors dicet: non est mihi necessarium hominibus probari; nec enim testimonium hominum requiro: deus conspector est cordis, scimus omnes, dum tarnen quid idem per apostolum dixerit, recordemur: probum vestrum coram hominibus appareat (Phil. 4, 6). ad quid, nisi ut malitia accessum ad vos omnino non habeat, vel ut malis et exemplo et testimonio sitis. aut quid est: luceant operae vestrae (Matth. 5, 16) ? quid item nos dominus lucem mundi vocat (Matth. 5, 14) ? . . . pudicitiae Christianae satis non est esse, verum et videri. tanta enim debet esse plenitudo eius, ut emanet ab animo ad habitum et eructet a conscientia in superficiem (Tert. cult. fem. 2, 13, 1—3) 12 .

Laktanz verurteilt das Verhalten des sapiens, wie es Seneca empfiehlt, genauso wie das der falschen Philosophen, die Seneca selbst in frg. 18 angreift. Im vierten Buch der Institutiones stellt er ihnen Christus als den einzigen wahren Lehrer gegenüber, der den Menschen als Beispiel vorangegangen ist und durch die Tat seine Lehre bestätigt hat (inst. 4, 23f.). 11

Vgl. dazu allgemein A. Dihle, Art. Ethik, RAC VI, 714. — Cancik 119f. stellt fest, daß sowohl das von Laktanz gelobte Fragment 123 (über den richtigen Kult) wie die von ihm getadelten Fragmente 19/20 auf der gleichen gedanklichen Grundlage, „der Überzeugung von der absoluten Gleichgültigkeit des äußeren Scheins gegenüber der absoluten Bedeutung des menschlichen Inneren", beruhen. Den Gründen, warum Laktanz frgg. 19/20 ablehnt, geht die Verf. jedoch nicht nach. Der Unterschied von frg. 123 und frgg. 19/20 darf nicht auf die einfache Formel Religion/Moral gebracht werden. Die von Augustin aus den gleichen Gründen wie von Laktanz kritisierten Äußerungen Senecas (Aug. civ. 6, 10: frgg. 38. 39) über die Einstellung des sapiens zum Kult entsprechen genau den allgemeineren Worten von frgg. 19/20. Es geht bei Augustin nicht um eine unterschiedliche Einschätzung von „Senecas Religiosität" und „moralischen Vorschriften", sondern um die Kritik einer mangelnden Verwirklichung der richtigen religiösen Einsichten in der religiösen Praxis.

12

Besonders klar ausgedrückt ist der Gedanke auch etwa bei einem Prediger des 5. Jhs., Val. Cem. hom. 1, 8 (PL 52, 696): In quo loco fortasse dicat aliquis: Sufficit mihi pura conscientia! Quantum ad innocentiam pertinet, tibi soli sufficit. Sed providendum est ne facilitate tua alter peccet et alienum peccatum in te redundet, iuxta illud quod dicit Scriptura: Vae illi per quem scandalum venit (Matth. 18, 7).

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Seneca als Vertreter der heidnischen Philosophie

Bei einem weiteren Senecazitat im dritten Buch der Institutiones (frg. 22 / inst. 3, 23, 14) richtet sich der Spott des Laktanz nicht gegen Seneca selbst, sondern gegen die Ansicht eines ungenannten Stoikers; Seneca wird nur als Gewährsmann der doxographischen Angabe genannt 13 . Als d o x o g r a p h i s c h e A u t o r i t ä t wird Seneca auch in der Schrift De ira Dei verwertet. Laktanz unterscheidet hier zwei Arten des Zorns, ira iusta und ira iniusta. Die letztere stimmt mit der Auffassung der Philosophen vom Wesen des Zorns überein; Laktanz dagegen stellt ganz die erstere in den Vordergrund und definiert (ira 17, 20): ira est motus animi ad coercenda peccata insurgentis1*. Als Beweis dafür, daß alle heidnischen Philosophen das Wesen des Zorns nicht richtig erkannt haben, zitiert er die Aufzählung verschiedener Definitionen15, die er in der lateinischen Monographie über das Thema, in Senecas Schrift De ira vorfand 19 : nescisse autem philosophos quae ratio esset irae apparet ex finitionibus Seneca enumeravit in libris quos de ira composuit (ira 17, 13).

eorum

quas

Die angeführten Definitionen sollen die ganze Philosophie repräsentieren; Seneca ist implizit in das negative Urteil eingeschlossen. Die Auseinandersetzung mit der heidnischen, insbesondere stoisch-senecaischen Auffassung des Zorns erstreckt sich auch über das Zitat hinaus 17 . Namentlich das 18. Kapitel ist gleichsam eine Umkehrung des Abschnittes Sen. ir. 1, 14—19, in der die Ansicht der Peripatetiker über Zorn und Bestrafung, die derjenigen des Laktanz verwandt ist, bekämpft wird. Wörtlich übernommen ist aus diesem Passus ein Piatonzitat (Sen. ir. 1, 19, 7-Lact. ira 18, 5) 18 . 13 14

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18

Zur Frage, ob Seneca selbst den Stoiker verspottet hat, s. u. S. 125 f. Zur laktanzischen Auffassung des Zorns vgl. M. Pohlenz, Vom Zorne Gottes, Göttingen 1909 (Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments 12), 54ff.; Kraft/Wlosok, Einl. X X I I I . Vgl. dazu im einzelnen Thes. V I I 2, 362, 38ff. (Stiewe-Hiltbrunner). Die Heranziehung einer einzelnen Schrift Senecas zu einem speziellen Thema wird ein charakteristisches Merkmal der Senecabenutzung in späterer Zeit. Hieronymus und Augustin geben jeweils an einer Stelle ihrer umfangreichen Schriftstellerei längere Exzerpte aus einer bestimmten Schrift Senecas (De matrimonio bzw. De superstitione), während sie ihn sonst kaum erwähnen. Zur Benutzung der senecaischen Schrift in De ira Dei vgl. außer dem Kommentar von Bünemann und den Parallelenapparaten der Ausgaben von Brandt und Kraft/Wlosok: Pichon 235; Pohlenz, Vom Zorne Gottes; Jagielski 70—74 und vor allem, G. Kutsch, In Lactanti de ira Dei librum quaestiones philologae, Leipzig 1933 (KlassischPhilologische Studien 6). Vgl. auch u. S. 39. Nemo prudens punit, quia peccatum est, sed ne peccetur. Die zitierte Stelle ist nicht Nomoi X I 934 a, wie die Seneca- und Laktanzherausgeber (mit Ausnahme von Bünemann) sowie Pichon 222 Anm. 11 und Jagielski 72 meinen. Diese entspricht zwar dem Gedanken nach, aber im einzelnen steht der Fassung Senecas sehr viel näher die von Kutsch 21 unter anderen und von Bünemann, aber nicht vollständig genug, angegebene Stelle Protag. 324 a—b. Nur hier findet sich ουδείς nemo, κολάζει punit, ότι ήδίκησεν quia peccatum est, ίνα μή αύθις άδικήση ne peccetur (das Passiv faßt geschickt die Alternative μήτε αυτός αύτος μήτε άλλος zusammen), sowie eine E n t 3*

36

Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

4. Seneca als Stilist Wir haben gesehen, daß Laktanz das Urteil Quintilians über Senecas Stil zu einem Urteil über Senecas Verhältnis zum Christentum umgebildet hat. Über seinen Stil äußert er selbst sich weder positiv noch negativ. Dieses Schweigen bedeutet jedoch im Vergleich mit seinen Äußerungen über Senecas stilistischen Antipoden Cicero, den er Romanae linguae summus auctor, eximius orator, perfectus orator, vir eloquentissimus usw. nennt 1 , eine deutliche A b l e h n u n g . Sie ausdrücklich auszusprechen hatte er keinen Anlaß; er hätte nur Senecas Autorität, welche die Voraussetzung seiner Zitate bildet, unnötig geschmälert. Die Praxis des Laktanz bestätigt die unausgesprochene Ablehnung; der Ciceronianismus seines Stiles ist allgemein bekannt. Jagielski (61—63) hat nachgewiesen, daß inst. 5, 22, 12 der Inhalt von Senecas De Providentia sogar trotz des ausdrücklichen Zitates in ciceronianisierendem Stil wiedergegeben ist. So wird Senecas krasser Ausdruck bonis rumpi (prov. 4, 10) durch ein ciceronianisierendes bonis corrumpi ac depravari ersetzt 2 . Ein instruktives Beispiel kann auch etwa ein Vergleich zwischen inst. 5, 17, 24 und dem wenige Kapitel zuvor (5, 13, 20) zitierten Senecafragment 29 geben. Die beiden Aussagen stehen einander inhaltlich sehr nahe; beidemal geht es um die widersprüchliche Einstellung der Heiden gegenüber dem christlichen Märtyrer (in diesem Sinne wird das Senecafragment von Laktanz verwertet, s. o. S. 15). An die Stelle der parataktischen Fügung Senecas tritt jedoch bei Laktanz die logische Verknüpfung der Glieder in einem einzigen Satz: Sen. frg. 29

Lact. inst. 5, 17, 24

summa virtus Ulis videtur magnus

animus

ergo stultissimi

sunt

et idem eum qui contemnit mortem pro furioso habent:

qui nobis crimini dant mori ν eile pro deo.

quod est utique summae

cum ipsi eum qui pro homine mori voluit in caelum summis laudibus tollant.

perversitatis.

Laktanz' Verhältnis zu Senecas Stil ist wesentlich reservierter als das seiner christlichen Vorgänger, vor allem des Tertullian und des Minucius Felix. Es wäre unrichtig zu behaupten, diese Autoren hätten

1 2

sprechung für prudens: ocrns μή ώσττερ θηρίον άλογίστως τιμωρείται· 6 δέ μετά λόγου έπιχειρών κολάζειν . . . Die für Seneca typische stilistische Gestaltung spricht gegen eine Übernahme aus der Protagorasübersetzung Ciceros (phil. frg. II 1—5 Müller). Vgl. Brandt, Index CSEL 27 S. 355. Jagielski 62 mit Hinweis auf Cie. off. 2, 71 corrupti mores depravatique.

Seneca als Stilist

37

als Christen kein stilistisches Interesse gehabt und deshalb den stilistisch verpönten Seneca nur aus inhaltlichen Gründen zu Ehren kommen lassen. Vielmehr sind es gerade sie, bei denen eine stilistische Wirkung Senecas am besten faßbar ist3. Die stilistische Abhängigkeit des Minucius haben vor allem Monceaux (I 506) und Burger4 betont. Auf Tertullian scheinen namentlich einzelne, knapp formulierte, zugespitzte Wendungen Eindruck gemacht zu haben5. Eine Sentenz, die er gerade inhaltlich völlig ablehnt, führt er mit den Worten multo coactius Seneca ein (frg. 28—anim. 42, 2, s. u. S. 165). Nachdem aber einmal diese Autoren die Benutzung Senecas in der lateinischen christlichen Apologetik heimisch gemacht hatten, ist für Laktanz der Ansatzpunkt gegeben, Seneca trotz stilistischer Mißbilligung in nurmehr inhaltlicher Hinsicht auszuwerten. Vgl. Bourgery 162f.; anders etwa Summers X C V I I I * „But at the very moment when the stylists rejected Seneca's language, the Christians learned to appreciate his matter"; Gummere 53f. 4 63—69. Allerdings mtißte stärker zwischen allgemein üblichen Ausdrucksmitteln bzw. allgemeiner Stilentwicklung und dem, was speziell senecaischem Einfluß zugeschrieben werden kann, unterschieden werden. So glaubt Burger (58) Anaphern der Konjunktion dum auf Wirkung Senecas zurückführen zu können, ebenso den Gebrauch des substantivierten Neutrums eines Adj. mit Subst. im Gen., eine ursprünglich dichterische Konstruktion, die sich dann später in der Prosa eingebürgert hat (vgl. Hofm.-Sz. 53). Ihre allgemeine Verbreitung in spätantiker Prosa mögen die folgenden willkürlich herausgegriffenen Beispiele zeigen: Apul. met. 1, 2 ardua montium et lubrica vallium et roscida cespitum et glebosa camporum (vgl. M. Bernhard, Der Stil des Apuleius von Madaura, Stuttgart 1927 [Tüb. Beitr. 2], 106); Paneg. 3 (11), 10, 1 lata camporum,·, Auson. 8, 18, 82 (419 Souch.) insuperabilia Raetiae, . . . Sequanorum invia, porrecta Germaniae; Hier, epist. 22, 7, 4 concava vallium, asper α montium, rupium praerupta; Val. Cem. hom. 1, 2 concava litorum, secreta silvarum. 6 Vgl. Koch, Art. Tertullianus, R E VA 1 (1934) Sp. 836 f. „Mit Seneca teilt er auch die scharfe Beobachtung der Natur und des Menschenlebens und des Weltgeschehens, und die Gepflogenheit, seine Erfahrungen und Leitgedanken in kernigen Sätzen auszusprechen"; eigentliche Abhängigkeit nimmt Koch an bei Tert. apol. 39, 19 ut qui non tarn cenam cenaverint quam disciplinam-Sen. epist. 95, 72 censura fuit illa, non cena (vgl. auch ders. Cypr. Unt. 455 mit Anm. 2); vgl. weiterhin Tert. apol. 18, 4 fiunt, non nascuntur Christiani-Sea. ir. 2, 10, 6 (sapiens) seit neminem nasci sapientem, sed fieri, vgl. J . Geffcken, Zwei gr. Apol. 285; ders. Kynika und Verwandtes, Heidelberg 1909, 86 Anm. 1 mit Hinweis auf die entsprechende kynische Antithese γενέσθαι — γενυηθήναι. Der Aufsatz von E. Bickel, Fiunt non nascuntur Christiani, Pisciculi (Festschrift Doelger), Münster 1939, 54—61 geht also zu Unrecht von der Voraussetzung aus, der Gegensatz lasse sich im Griechischen nicht verbal ausdrücken. Tert. apol. 39, 21 non est factio dicenda, sed curia-Sen. ot. 3, 1 non in curia sed in factione est, vgl. C. Becker, Tertullians Apologeticum, München 1954, 360 Anm. 23; Tert. resurr. 13, 1 quia singula eius non tarn mori quam desinere dicantur — Sen. epist. 36, 10 desinunt ista, non pereunt, vgl. C. Roncaioli, Una particolare ed inconsueta aeeezione di „desinere", G I F 17,1964,164—156; Tert. ieiun. 12,2 non poenam ...sed disciplinamSen. epist. 5, 5 frugalitatem exigit philosophia, non poenam·, Tert. spect. 29, 2 quae maior voluptas quam fastidium ipsius voluptatis-Sen. vit. b. 4, 2 cut vera voluptas erit voluptatum contemptio (vgl. epist. 12, 5; 90, 34; 124, 24; prov. 6, 5). 3

38

Senecazitate und Senecabeurteilung bei Laktanz

5. Seneca und Cicero

Allerdings besitzt auch dabei, wie schon die Zahl der Zitate zeigt, Cicero für Laktanz einen unbestreitbaren Vorrang1 vor Seneca, wenn auch die beiden Schriftsteller als die lateinischen Philosophen2 die Hauptautoritäten sind, auf die er sich beruft und mit denen er sich auseinandersetzt. Daß Laktanz gelegentlich Urteile über Cicero einfach sekundär auf Seneca überträgt, war oben zu beobachten (s. S. 24; 25f; 33). Die besondere Bedeutung, die Laktanz Cicero im Verhältnis zu Seneca selbst in bezug auf die Nähe zur Wahrheit zumißt, zeigt sich besonders in der Äußerung eodem ductus errore Seneca — quis enim veram viam teneret errante Cicerone? (inst. 3,15, l) 3 .

Wenn er einmal Seneca zur Widerlegung Ciceros benutzt (inst. 2, 8, 23, s. o.), so ist das eine Ausnahme. Im allgemeinen werden Senecazitate subsidiär an Cicerozitate angeschlossen, so außer inst. 3, 15, 1 (Philosophie als magistra bzw. regula vitae) auch 3, 15, 9ff. (Widerspruch zwischen Leben und Lehre bei den Philosophen); 3, 16, 12ff. (Alter der Philosophie); 6, 17, 27ff. (Todesverachtung) sowie im Philosophenkatalog inst. 1, 5, 24ff. (Äußerungen über Gott). An der entsprechenden Stelle der Epitome (4, 3; s. o. S. 18) ist allerdings die Reihenfolge umgekehrt: Die Erwähnung Senecas folgt auf die der Stoiker; Cicero tritt durch das Wort ipse betont aus den Schluß der Reihe. In anderer Form ist also auch hier die Bedeutung Ciceros hervorgehoben.

Nur gelegentlich stehen Senecazitate aus besonderen Gründen an erster Stelle. So gehen inst. 6, 24, 12ff. Worte Senecas über Gott und Gewissen (frgg. 24. 14) der Anführung von Cicerostellen voraus. Laktanz betont zwar eigens, daß Ciceros Äußerungen denen Senecas gleichwertig seien4, aber die Bevorzugung Senecas ist doch schwerlich Zufall. Gerade diese Senecafragmente haben auf Laktanz offenbar den größten Eindruck gemacht; sie geben ihm den Anlaß zu seinem ausführlichsten Urteil über Senecas Nähe zum Christentum. In den von Laktanz angeführten Cicerostellen kommt dagegen das Wort conscientia nicht einmal vor. Auch einen Katalog heidnischer Definitionen des Zornes, wie ihn Laktanz für seine Auseinandersetzung mit der philosophischen Auffassung dieses Affektes brauchte und wie er ihn in Senecas Schrift De ira fand (s. o.), konnte Cicero nicht geben. 1

2 8

4

Vgl. Pichon 246 „Ciceron est ä lui seul pour Lactance une source aussi importante que tous les autres icrivains riunis"; 247 „Sineque (sc. lui a fourni) de belies maximes: mais l'action profonde, envahissante et souveraine, il n'y a que Cicöron qui en ait exercö sur lui". Vgl. epit. 4, 3 vel nostrorum Seneca Stoicos secutus et ipse Tullius, und dazu ο. S. 18. Diese Worte besagen jedoch nicht, daß Laktanz Cicero als Quelle für Seneca angebe, wie Gerhäußer 33 meint. Inst. 6, 24, 18 non minus mirabiliter de conscientia et deo Tullius.

Seneca und Cicero

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Seine Definition (Tusc. 4, 44) wird erst nachträglich ergänzend hinzugefügt: nam definitio Ciceronis . . . non multum a superioribus distat (ira 17, 20). Auch außerhalb des Zitates ist Seneca offenbar deshalb in De ira Dei von Laktanz stärker herangezogen worden, weil seine Monographie über das Thema des Zornes mehr zu bieten hatte als Ciceros kürzere Darlegungen. So klingt eine Beschreibung der Zeichen des Zorns, in der sich Laktanz an Seneca anlehnt 5 , bei Cicero in den Tusculanen (4, 52) nur kurz an. Sobald jedoch Laktanz bei seinem Hauptautor etwas Brauchbares findet, genießt dieser den Vorrang vor Seneca. Das exemplum des Archytas, das Laktanz ira 18, 4 anführt, hat bei Seneca ir. 1, 15, 3 seine inhaltliche Entsprechung, wird aber dort von Socrates erzählt®. Den Namen des Archytas nennt Cicero in den Tusculanen (4, 78) in parallelem Zusammenhang; in der Formulierung lehnt sich Laktanz eng an eine andere Cicerostelle (rep. 1, 59) an7, wo ebenfalls von Archytas die Rede ist. 6

β

7

Lact, ira 5, 3 — Sen. ir. 1, 1, 4, vgl. Brandt z. St.; Pohlenz, V. Zorne Gottes 54 Anm. 2; Kutsch 57; Kraft/Wlosok z. St. In dem Vergleich mit der tempestas (vgl. Kutsch 57; Kraft/Wlosok) und dem Hinweis auf das Abwechseln von Röte und Blässe wirkt auch die Wiederholung der Beschreibung nach, die Seneca im dritten Buch derselben Schrift (3, 3, 3; 3, 4, 1) gibt. Die Zuweisung an Archytas ist die üblichere. Der Grund, warum Seneca Socrates nennt, ist wohl der, daß dessen Name größere Autorität h a t ; daß es darauf ankommt, zeigt der Satz Cuius erit temperatus affectus, cum Socrates non sit ausus se irae committere ? Vgl. Kutsch 18.56; Kraft/Wlosok z. St.; E . H e c k , Die Bezeugung von Ciceros Schrift De re publica, Hildesheim 1966 (Spudasmata 4), 100 f. Das Wort miserum bei Laktanz entspricht dem infelicem des Ciceropalimpsestes und stützt es zusammen mit Ambr. off. 1, 21, 94 ο te infelicem gegen Büchners von Ziegler aufgenommene Konjektur felicem, zu dem auch die von Cicero gebrauchte Interjektion α nicht passen würde (kein Hinweis auf diese Folgerung für die Textkritik bei Heck a. a. O.).

Β. Zur Zitietpraxis des Laktanz 1. Die Wörtlichkeit der Zitate Eine wichtige Vorfrage für die Beurteilung der von Laktanz zitierten Senecafragmente ist das Problem, ob und inwieweit zu erwarten ist, daß Laktanz ihren ursprünglichen Wortlaut wiedergibt. Zur Überprüfung bieten sich zunächst die Zitate des Laktanz aus erhaltenen Werken Senecas an, da sein Verfahren gegenüber anderen Schriftstellern nicht unbedingt auch für die Senecazitate zutreffen muß. So wäre es etwa denkbar, daß Laktanz eine wörtliche Zitierung von Äußerungen Ciceros, die seinem eigenen Stil entsprachen, wesentlich leichter fiel. In der Tat hat das Zitat des Laktanz aus Senecas De Providentia (inst. 5, 22, 12) keine wörtliche Entsprechung in der uns erhaltenen Schrift; wie Jagielski (61—68) gezeigt hat, handelt es sich um eine stilistisch umgestaltete freie Inhaltsangabe der ganzen Schrift1. Die Freiheit der Wiedergabe scheint allerdings nicht nur stilistische Gründe zu haben: mit dem Stichwort emendatio (quia non putat emendatione sua dignos) trägt Laktanz fast unmerklich einen Gedanken hinein, der in Senecas Schrift nicht auftaucht, im Zusammenhang des Laktanz aber von zentraler Bedeutung ist, vgl. inst. 5, 22, 13 . . . quod corruptelam nostram non patituy longius procedere, sed plagis ac verberibus emendat.

Das Verfahren des Laktanz an dieser Stelle muß also zur grundsätzlichen Vorsicht mahnen. Außer diesem begegnet bei Laktanz nur noch ein Zitat aus einer erhaltenen Schrift Senecas. Es stammt jedoch zum größten Teil aus einer uns durch eine Lücke der Handschriften verlorenen Partie von De ira (nach 1, 2, 3; zitiert Lact, ira 17, 13). Auch hier handelt es sich also um ein .Fragment', dessen Genauigkeit wir nicht nachprüfen können2. Nur der Schluß des von Laktanz zitierten Passus findet sich in unserer Uberlieferung: 1

2

Brandt z. St. hatte angenommen, die Äußerung stamme aus einem verlorenen Teil der Schrift. Mit Unvollständigkeit von De Providentia wurde von der früheren Forschung auch aus anderen Gründen gerechnet, dagegen etwa Pohlenz Stoa II 160; P. Grimal, La composition dans les dialogues de S^neque II: De Providentia, REA 52, 1950, 238—257; Abel 97—123. Zu dem Poseidonioszitat, welches aus inhaltlichen Gründen Schwierigkeiten gemacht hat, vgl. Rabbow 171ff.; Reinhardt I 304; Pohlenz NGG 1922, 184 = Kl. Sehr. I 161; ders. Stoa II 113f.

Die Wörtlichkeit der Zitate Aristotelis finitio non multum a nostra abest: ait enim iram esse cupiditatem reponendi (Sen. ir. 1, 3, 3) 3

41 doloris

Dabei zeigen sich zwei kleinere Text Varianten, die vielleicht nur auf einem Schwanken der Überlieferung, nicht auf einer Änderung des Laktanz beruhen. Im ursprünglichen Text der Laktanzhandschrift Β findet sich übereinstimmend mit der Senecaüberlieferung das Wort reponendi-, auch das sinnlose respondendi der Handschrift Ρ führt auf ein ursprüngliches reponendi. Nur im korrigierten Text von Β steht das von Seneca abweichende rependendi4. Statt des vom Ambrosianus überlieferten Wortes finitio, das von Seneca allgemein bevorzugt wird5 und auch an dieser Stelle sicher richtig ist, schreiben die Laktanzhandschrift mit den deteriores der Senecahandschriften das geläufigere und klassischere Wort definitio*. Das könnte zwar bedeuten, daß Laktanz die ,klassischere' Form eingesetzt hätte, aber es kann ihm auch schon ein Senecatext mit dem Wort definitio vorgelegen haben oder die Laktanzüberlieferung unsicher sein. Definitio (diffinitio) und finitio pflegen in der Überlieferung allgemein gern zu schwanken 7 , so gerade bei den Worten, mit denen Laktanz das Senecazitat einleitet. Hier bietet eine der beiden von Brandt herangezogenen Handschriften (B) finitionibus, die andere (P) definitionibus.

Bemerkenswert ist besonders die Tatsache, daß Laktanz in dem Zitat Sätze unmittelbar zusammengestellt hat, die bei Seneca durch eine längere Erörterung voneinander getrennt waren. Die ersten drei Definitionen des Zorns gehören in die Lücke nach Sen. ir. 1, 2, 3; 1, 2, 4—1, 3, 2 ist uns der Schluß einer Diskussion dieser von Laktanz überlieferten Definitionen erhalten8, erst dann (1, 3, 3) folgt diejenige des Aristoteles, die bei Laktanz als vierte unmittelbar an die drei ersten angeschlossen ist. Laktanz hat also übersprungen, was dem doxographischen Zweck, den das Zitat in seinem Zusammenhang hat (s. o. S. 35), nicht dienlich ist. Im ganzen bieten die Zitate des Laktanz aus erhaltenen Werken Senecas eine zu schmale und unsichere Basis für eine genauere Beurteilung seiner Zuverlässigkeit in den Zitaten aus verlorenen Schriften. Weiter kommen wir nur, wenn wir die Zitierpraxis bei der Anführung anderer Autoren, insbesondere Ciceros, verfolgen. Hier haben, einer Anregung Fr. Leos 9 folgend, H. Krug 10 und E. Laughton 11 mit Hinblick auf die durch Laktanz überlieferten Prosafragmente des 3

I 6 8

9

10 II

Ed. E. Hermes, L. Annaei Senccae dialogorum libr. X I I , Leipzig 1923; A. Bourgery, S6neque. Dialogues I : De ira, Paris 1961. 5 Vgl. Thes. VI, 802, 61ff. Vgl. Jagielski 72 Anm. 1. 7 So Sen. clem. 2, 3, 1 (ed. Hosius). Vgl. Thes. V, 1, 354, 2ff. Nicht Widerlegung der gegnerischen Definitionen, wie Rabbow 171 f. meint, sondern Rechtfertigung der eigenen, vgl. Pohlenz GGA 178, 1916, 536—538. Geschichte der römischen Literatur, Berlin 1913 (Nachdr. Darmstadt 1967), 203 Anm. 2. Zum Text von Ennius' Euhemerus, F & F 24, 1948, 57—59. The Prose of Ennius. Eranos 49, 1951, 35—49; vgl. auch E. Fraenkel, Additional Note on the Prose of Ennius, Eranos 49, 1951, 50—56 ( = Kleine Beiträge zur klassischen Philologie II, Roma 1964, 53—58).

42

Zur Zitierpraxis des Laktanz

Ennius eine wichtige Feststellung gemacht. Wenn Laktanz ein Zitat in indirekter Rede gibt, so formt er es entsprechend seiner eigenen Sprachform um, da die Worte dann Teil seiner eigenen Darlegung sind; sonst sind die Zitate, von kleinen Abweichungen abgesehen, ziemlich wörtlich. Die eben betrachtete Inhaltsangabe von De Providentia bildet freilich eine Ausnahme. Von Senecas Fragmenten werden von Laktanz in indirekter Rede wiedergegeben frg. 22 und frg. 23. Hier ist also nicht mit wörtlicher Zitierung zu rechnen. Während bei frg. 23 sprachlich nichts weiter auffällig ist12, zeigt sich bei frg. 22 in einer Einzelheit deutlich eine sprachliche Eigentümlichkeit des Laktanz, die nicht für Seneca in Anspruch genommen werden darf: fuisse Seneca inter Stoicos ait qui deliberaret, daret (inst. 3, 23, 14).

utrumne

soli quoque suos

populos

Der Gebrauch von utrumne im einfachen Fragesatz (ohne korrespondierendes an) ist typisch spätlateinisch und gerade bei Laktanz häufig13; für Seneca kommt er nicht in Frage14. Die kleinen Abweichungen von unseren Handschriften, wie sie sich bei den in direkter Rede gegebenen Cicerozitaten feststellen lassen, sind nach Laughton teils auf unterschiedliche Uberlieferung, die Laktanz vorlag, zurückzuführen, teils auf versehentliche Ungenauigkeiten, wie sie sich vor allem beim Zitieren nach dem Gedächtnis leicht einstellen15. Immerhin können dabei auch kleinere, wohl eher unbewußte als bewußte Anpassungen an den eigenen Sprachgebrauch vorkommen, wenn Laktanz etwa statt Ciceros in aliqua re inesse entweder in aliqua re esse oder alicui rei inesse schreibt16 oder in einem Gelliuszitat ein Lieblingswort dieses Schriftstellers, insubidius*1, durch das geläufigere insulsius ersetzt (epit. 24, 6—Gell. 7, 1, 2). Wir können somit annehmen, daß wir von kleineren, vermutlich nicht nachweisbaren Abweichungen und möglichen Auslassungen ab12 13

14

16

le

17

Parvo aestimare bei Sen. etwa ir. 3, 31, 3 ; benef. 1, 8, 2. Vgl. Brandt, Index CSEL 27 S. 5 6 7 ; Hofmann-Szantyr 5 4 ; K . Abel, RhM 1 1 0 , 1967, 261. Bourgery S. 336 f ü h r t das Fragment fälschlich als Beispiel f ü r den Gebrauch v o n utrumne-an bei Seneca an. — Deliberare ist dagegen ein v o n Seneca häufig gebrauchtes W o r t , vgl. Thes. V 1, 439, 26. So auch etwa Tertullian anim. 20, 1 bei dem Zitat aus Sen. benef. 4, 6, 6 : Sen.: omnium aetatum omniumque artium— T e r t : omnium artium et aetatum, vgl. Waszink z. St. Vgl. Limberg 4 f . Bei dem Zitat v o n Cie. Catil. 4, 1 2 bei Lact, ira 17, 9 werden entsprechend spätlateinischem Sprachgebrauch (vgl. Hofmann-Szantyr 168) Positiv und Superlativ kombiniert s t a t t des doppelten Superl. bei Cie.; doch ist das Verfahren durch die vorhergehenden Positive bei Cie. erleichtert: Cie. Clemens ac misericors an inhumanissimus et crudelissimus — Lact. cl. a. m. an inhumanus et crudelissimus (vgl. Limberg a. a. O.). Vgl. Thes. V I I 1, 2026, 82 ff.

Die Wörtlichkeit der Zitate

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gesehen, bei den in direkter Form zitierten Fragmenten ungefähr Senecas authentischen Wortlaut besitzen, wenn nicht wie im Falle des Zitates aus De Providentia innere Kriterien dagegen sprechen. Bei den meisten Fragmenten sticht der senecaische Stil in die Augen; für einzelne Wendungen lassen sich meist formale Parallelen aus erhaltenen Werken Senecas beibringen18. Verdächtig könnte auf den ersten Blick vielleicht das Fragment 16 erscheinen. Es bildet eine längere Periode, wie sie für Seneca nicht gerade besonders charakteristisch ist: Subjekt (hic) und Prädikat (genuit) rahmen den Satz ein, dazwischen schiebt sich eine Reihe von Nebensätzen verschiedener Rangordnung: hic cum . . . iaceret et hoc ordiretur quo . . . novit natura . . . ut omnia . . . irent, quamvis ipse . . . se . . . intenderat, tarnen . . . genuit.

Es gibt jedoch auch in Senecas erhaltenen Werken vergleichbare Sätze, so ir. 1, 18, 3: is cum iratus duci iussisset eum qui ex commeatu sine commilitone redierat, interfecisset quem non exhibebat, roganti tempus aliquod ad conquirendum non

quasi dedit.

Vor allem zeigt aber gerade bei diesem Fragment eine sprachliche Einzelheit deutlich die Genauigkeit des Laktanz: quamvis mit dem Indikativ, wie es in frg. 16 begegnet (intenderat)19, ist zwar bei Seneca wesentlich seltener als die normale Konstruktion mit dem Konjunktiv, ist jedoch einigemale auch in den erhaltenen Schriften belegt 20 . Bei Laktanz dagegen findet sich nur der Konjunktiv 21 . Inst. 4, 6, 1 ist in Inhalt und Formulierung deutlich von dem Senecafragment beeinflußt (s. u. S. 101), doch hat hier, wo kein Zitat, sondern Imitation vorliegt, Laktanz den seinem eigenen Sprachgebrauch entsprechenden Konjunktiv gesetzt: deus igitur . . . antequam praeclarum hoc opus mundi adoriretur, . . . spiritum genuit . . . et quamvis alios postea . . . creavisset, . . . hunc tarnen solum . . .

Dagegen kam die syntaktische Struktur des Fragmentes den stilistischen Tendenzen des Laktanz entgegen. An einer weiteren Stelle, 18

19 20

21

Vgl. Jagielski 54f. „In omnibus fere fragmentis illud Jractum dicendi genus' et ,minutissimas sententias' invenimus". Näheres bei der Behandlung der einzelnen Fragmente unten im zweiten Teil. Abweichend nur V vor der Korrektur: intenderet. Vgl. H. D. Wild, Notes on the Historical Syntax of Quamvis, AJPh 17,1896, 347 bis 351, bes. 350 „Although he uses q. more often than any other writer up to this time (in 199 instances, including 12 in the tragedies), the indicative appears but four times"; vgl. auch Naegler 13f.; Bourgery 345 § 69, wo mit frg. 16 sechs Stellen aufgeführt sind (einige sind textkritisch unsicher, doch ist der Indik. lectio difficilior): brev. 6, 4; benef. 2, 2, 2; 3, 32, 5; 6, 15, 3; epist. 92, 17. Zum Ganzen vgl. HofmannSzantyr 603 f. Vgl. Brandt, Index II 518.

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Zur Zitierpraxis des Laktanz

die ebenfalls von frg. 16 auch inhaltlich beeinflußt ist (s. u. S. 101), bildet er deutlich seine syntaktische Form nach: deus . . . antequam ordiretur hoc opus mundi, quoniam . . . fons in ipso erat . . . ut ab eo bonum . . . oreretur . . ., produxit . . . spiritum . . . (inst. 2, 8, 3).

Dem Temporalsatz mit cum bei Seneca entspricht bei Laktanz der Temporalsatz mit antequam22, den nebeneinandergestellten ranggleichen Final- und Konzessivsätzen bei Seneca entsprechen bei Laktanz der Kausal- und der Finalsatz. 2. Zitat und Quelle Zitate sind für Laktanz 1 ein bewußt angewandtes Mittel der Argumentation2. Sicher sollen sie nicht einfach .Quellenangabe' sein. Dennoch ergibt sich die methodische Frage, ob sie Rückschlüsse auf die Quelle der Ausführungen, in die sie eingefügt sind, zulassen. So haben frühere Forscher bei manchen Senecafragmenten vermutet, daß sich der Einfluß Senecas über das Zitat hinaus auf seine unmittelbare Umgebung erstreckt. Daß jedoch zumindest prinzipiell größere Vorsicht geboten ist, mag folgendes Beispiel zeigen. Inst. 1, 9, 2ff. stellt Laktanz den Taten des Herakles die Bezwingung der eigenen vitia als weitaus wichtigere Aufgabe entgegen. Die Argumentation erinnert etwa an Lukrez 5, 22ff., wo Epikurs Tat, der den Menschen die sapientia geschenkt hat, über die Taten des Herakles gestellt wird. Vergleichbar ist weiterhin etwa eine Stelle (const. 2, 2f.), wo Seneca Cato, der den Lastern seiner Zeit entgegentrat, von Herakles abhebt, der nur mit widen Tieren und monstra zu kämpfen hatte. Um die Reinigung des eigenen Herzens wie bei Laktanz geht es beispielsweise auch bei Epiktet diss. 2, 16, 45. Der Parallelisierung der einzelnen Heraklestaten mit bestimmten Lastern, wie sie Laktanz weitaus deutlicher als die genannten Stellen durchgeführt hat, liegt eine allegorische Deutung des Mythos zugrunde3. Für uns kommt es hier weniger darauf an, eine oder mehrere bestimmte Quellen namhaft zu machen4, als zu zeigen, daß Laktanz eine Argumentation dieser 22 1

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Die Änderung ist dogmatisch bedingt, s. u. S. 101. Eine im ganzen wenig fruchtbare und in vielem mit Vorsicht zu benutzende Zusammenstellung und Besprechung aller Zitate bei Laktanz gibt Krause 179ff. Vgl. etwa die Worte, mit denen sich Laktanz Senecazitate für .geeignetere' Stellen aufspart (inst. 1, 5, 28). Zu den allegorischen Deutungen des Dodekathlos vgl. F. Buffiere, Les mythes d'Homere et la pensee grecque, Paris 1956, 377 Anm. 41. An Lukrez wird Laktanz sicherlich, wenn auch nicht ausschließlich, gedacht haben, vgl. Lact, quae magis sunt perniciosa quia domestica et propria mala sunt quam illa quae et vitari poterant et caveri-Lucr. 5, 38 si non victa forent, quid tandem viva nocerent ?

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Senecazitate bei L a k t a n z — Senecaimitation bei Minucius Felix

Art vorgelegen hat, die er nicht zitiert. Was er dagegen zitiert, ist eine andere Stelle, Cicero pro Marcello 8. Wie der Zusammenhang zeigt, geht es dort um ein anderes Thema, um den Vorrang der dementia vor den bellicae laudes. Der Vorwurf, den Laktanz gegen Cicero erhebt, er hätte von der Bezwingung noch weiterer Laster als nur vom animum vincere und iracundiam

cohibere reden müssen, um das Bild

des gottgleichen Menschen zu vervollständigen8, trifft ihn nicht zu Recht; denn ihre Erwähnung hätte in Ciceros Zusammenhang keinen Platz gehabt®. Das Zitat ist also in einen Gedankengang fremden Ursprungs eingefügt. Zitat und Zusammenhang müssen somit vorsichtig voneinander abgegrenzt werden. Die Interessen des Laktanz stehen keineswegs unbedingt im Einklang mit der Bedeutung, die ein Zitat im ursprünglichen Kontext hatte7.

3. Senecazitate bei Laktanz — Senecaimitation

bei Minucius

Felix

Ein Problem besonderer Art bietet die Tatsache, daß Laktanz manchmal Senecastellen zitiert, die der zeitlich frühere Minucius Felix imitiert hatte, ohne Seneca zu nennen1. Auffallend ist besonders die Übereinstimmung in der Verwertung von frg. 123. In der Umwandlung der Worte Senecas begegnet bei Minucius Felix (32, 2) eine kom42 quae loca vitandi plerumque est nostra potestas. Der Schluß der Versreihe (50f.) wird von Laktanz an anderer Stelle (inst. 3, 14, 4) zitiert. —- B r a n d t verweist z. St. auch auf die in Gedanken etwas ferner stehende Sentenz De moribus 81: fortior est qui cupiditatem vincit quam qui hostem subicit. 5

6

7

1

Vellern adiecisset de libidine luxuria cupiditate insolentia, ut virtutem eius impleret, quem deo similem iudicabat (inst. 1, 9, 4). Das hat schon Cellarius z. St. richtig bemerkt: ,,adiecisset laudibus clementiae, quas solas ibi Cicero praedicavit". — Krause 184f. sieht in der Anführung der Cicerostelle einen aktuellen politischen Bezug: „Der Zusammenhang bei Cicero h a t aber in der Anwendung durch Laktanz einen tieferen Sinn: sie gibt klar den Gegensatz zwischen dem Verhalten des ersten Caesars seinen politischen Gegnern gegenüber u n d d e m jener Caesaren, den Zeitgenossen, die völlig t r i e b h a f t ihrem Vorbild Hercules folgend ihre Entscheidungen trafen; zu ihrer Vergöttlichung fehlt jeder innere G r u n d " . Das gilt es bei Zitaten grundsätzlich zu bedenken, vgl. die Worte, die R e i n h a r d t anläßlich einer Besprechung der Poseidonioszitate bei Seneca in bewußt scharfer Formulierung ausgesprochen h a t : „Zitate sind Verschmelzungen und folglich Fälschungen" (I 331). Es handelt sich u m die Fragmente 14, 123 und 18 sowie die Schrift De Providentia, deren Inhalt Laktanz inst. 5, 22, 12 wiedergibt. — Die sicheren und möglichen Senecaimitationen des Minucius Felix h a t a m vollständigsten zusammengestellt F. X. Burger, Minucius Felix u n d Seneca, München 1904. — Nachgetragen sei hier eine Bemerkung zu Min. Fei. 3, 3 ut semper mare etiam positis jlatibus inquietum est, da auch der neueste Kommentar zur Stelle (W. Fausch, Die Einleitungskapitel zum Octavius des Minucius Felix, Zürich 1966, 52) über Burger (7 f.) nicht wesentlich hinausgekommen ist. Burger nennt eine Reihe von Senecastellen, an denen die

46

Zur Zitierpraxis des Laktanz

parativische Wendung (nonne melius), die in Senecas eigenen Worten keine Entsprechung hat. Ähnlich führt aber auch Laktanz das ausdrückliche Zitat ein: inst. 6, 25, 3 quanto melius et verius Seneca (seil. quam Plato). Aus diesem Tatbestand glaubt nun P. Courcelle2 schließen zu müssen, daß beide Autoren eine „source commune chr6tienne", ,,οϋ Seneque 6tait d£jä cit6 ä titre apolog£tique", vor sich hatten; denn einerseits könne aus chronologischen Gründen Minucius nicht Laktanz benutzt haben, andererseits sei auch das umgekehrte Abhängigkeitsverhältnis auszuschließen, da Laktanz das wörtliche Senecazitat nicht aus Minucius schöpfen konnte. In der angenommenen gemeinsamen Quelle müßte also Seneca ausdrücklich zitiert und mit einer komparativischen Wendung wie bei Laktanz eingeführt gewesen sein. Laktanz hätte sich eng an diese Quelle gehalten, während Minucius Felix das Zitat und die einleitenden Worte imitierend verwoben hätte. Uber den Charakter der erschlossenen christlichen Quelle äußert sich Courcelle nicht näher. Da es um Worte geht, mit denen ein Zitat eingeführt wird, käme man mit der Annahme einer bloßen Exzerptasammlung wohl nicht aus 3 . Sollte eine verlorene lateinische — eine solche müßte es wegen der angenommenen Senecabenutzung gewesen sein — Apologie gemeint sein, so gälten die gleichen Bedenken wie für die heute allgemein aufgegebenen These von Wilhelm 4 , der Übereinstimmungen zwischen Tertullian und Minucius Felix auf eine gemeinsame christliche apologetische Quelle zurückführt. Schon Wilhelm (29—40) hatte die Senecakenntnis des Minucius auf diese hypothetische Mittelquelle zurückführen wollen. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, daß es einen solchen Autor, von dem uns jede Spur verloren wäre, jemals gegeben hat (vgl. Beaujeu L I V f.). Direkte Senecakenntnis des Minucius wurde außerdem schon von V. d'Agostino5 ohne hinreichende Begründung bezweifelt; als Vermittler wird vermutet ,,una di quelle gnomologie e dossografie che allora . . . erano in physikalische Tatsache erwähnt wird (brev. 2, 3; tranq. 2, 1; nat. 5, 1, 1; 5, 5, 2; Here f. 1088ff.) und nimmt an, daß Min. Fei. die Kenntnis des Phänomens seiner Senecalektüre verdanke, ohne daß ihm eine bestimmte dieser Stellen vorgeschwebt haben müsse. Im Altertum werde es sonst nur noch von Gellius 2, 30, 3 erwähnt. Hosius verweist jedoch in seiner Gelliusausgabe (Leipzig 1903 = Stuttgart 1959) z. St. auf Theophrast de ventis frg. 5, 6, 35 Wimmer. Für das Verständnis der Minuciusstelle wichtiger ist die Tatsache, daß es sich um ein beliebtes poetisches Motiv handelt, vgl. Ov. fast. 2, 776; Lucan. 5, 217f.; Stat. Theb. 7, 86ff.; Claud. 3, 70ff. (ein Teil dieser Stellen wird von Lipsius zu Sen. tranq. 2, 1 angeführt); auch eine der Senecastellen stammt aus einer Tragödie. Die poetische Färbung des minucianischen Zusammenhangs ist bekannt (vgl. Fausch a. a. O.); die fragliche Äußerung fügt sich in diesen also organisch ein. Ob Seneca die Quelle der Information bildete, muß bezweifelt werden. 2

3

4 6

Virgile et l'immanence divine chez Minucius Felix, Mullus (Festschr. Th. Klauser), Münster 1964 (JbAC Erg. 1), 34—42. Dies könnte die Bemerkung S. 35 „plusieurs excerpta de Senfeque" nahelegen. Unklar bleibt auch Becker 69 Anm. 14 in einer ζ. T. zustimmenden Wiedergabe der These Courcelles: „daß Minucius an eine vorausliegende, christlich geprägte SenecaAuswahl anknüpft". De Minucii Felicis Octavio et Tertulliani Apologetico, Bresl. phil. Abh. 2, 1 (1887). Studi sul neostoicismo, Torino 1962 2 , Kap. V I I (S. 141—149): Minucio Felice e Seneca.

47

Seneczitate bei Laktanz •—• Senecaimitation bei Minucius Felix

uso nelle scuole e servivano . . . a presentare il pensiero dei grandi [galt Seneca damals als solcher ?] in forma piana e facilmente accessibile, nei suoi tratti salienti" (148).

Zunächst gilt es jedoch festzuhalten, daß die Formeln nonne melius und quanto melius zu geläufig sind, als daß sich d a r a u s zwingende Schlüsse ziehen ließen. Das nonne melius des Minucius® erklärt sich zwanglos aus der imitierenden Umsetzung in die rhetorische Frage, auf die Courcelle selbst aufmerksam gemacht hat. Ähnliche imitierende Veränderungen sind auch sonst bei der Verwertung Senecas bei Minucius festzustellen7. In rhetorischen Fragen ist die Wendung geläufig8; Minucius selbst schreibt an anderer Stelle (19, 2): Maro nonne apertius proximius verius . . . ait. Noch beliebter ist die Formel quanto mit Komparativ, wie sie bei Laktanz begegnet9. Auch in anderen Fällen leitet dieser Zitate in ähnlicher Weise ein10, vgl. inst. 2, 8, 23 melius igitur Seneca (frg. 122); 2, 5, 24 quanto igitur Naso prudentius; 3, 14, 1 rectius itaque Lucretius. Was aber die Tatsache anbetrifft, daß der spätere Laktanz die gleichen Stellen ausdrücklich zitiert, die der frühere Minucius Felix imitiert hatte, so muß diese Erscheinung grundsätzlich im Lichte des Verhältnisses des Laktanz zu Minucius Felix im allgemeinen gesehen werden. Im Urteil über seine Vorgänger auf dem Gebiet der lateinischen Apologetik (inst. 5, 1, 22f.) übt Laktanz an Minucius Felix, Tertullian und Cyprian Kritik. Er will dadurch die Notwendigkeit seines eigenen Werkes nachweisen, da die Vorgänger den Anforderungen, die Laktanz an eine apologetische Schrift stellt, nicht entsprechen. An Tertullian tadelt er Stil und Darstellungsweise, an Cyprian die falsche Methode, da sein Werk nur Christen ansprechen könne. Von Minucius Felix aber sagt er: huius Uber . . . declarat quam ad id Studium contulisset.

idoneus

veritatis

adsertor

esse

potuisset,

si se

toturn

Übersetzt man diese bewußt das Negative betonende Aussage ins Positive, so bedeutet sie, daß Laktanz die Methode des Minucius, sich 6

7 8 9

10

Eine spitzfindige inhaltliche Nuance glaubt Carlier 282 diesem Ausdruck absehen zu können. Sen. frg. 34-Min. Fei. 24, 12f.; vgl. dazu Becker 37 Anm. 40; u. S. 217. Vgl. etwa Cie. Cato 82; fin. 2, 68 usw. Die folgenden Stellen sind willkürlich herausgegriffen: Cie. off. 2, 56 quanto Aristoteles gravius et verius; Sen. ir. 3, 27, 1 quanto satius est . . . quanto melius est; 3, 30, 1 quanto melius est; nat. 6, 3, 4 quanto satius est; benef. 2, 17, 6 quanto melius quantoque humanius; 2, 28, 1 quanto est simplicius, quanto prudentius', 2, 29, 3 quanto satius est; 5, 17, 7; 6, 27, 2; 6, 41, 2 quanto melius ac iustius\ epist. 102, 20 quanto satius est; Aug. civ. 2, 7 quanto melius et honestius . . . quanto satius erat; 10, 27 quanto humanius et tolerabilius; bei Laktanz etwa inst. 2, 5, 1 quanto igitur rectius est; 5, 19, 34 quanto satius est. In dieser Funktion begegnet die Formel auch im Griechischen etwa bei Iamblich de anim.: Stob. ecl. 2, 1, 16 p. 6, 10 W.-H. ττόσω δή oöv βέλτιον 'Ηράκλειτος . . . (VS 22 Β 70).

48

Zur Zitierpraxis des Laktanz

ganz auf den heidnischen Leser einzustellen und die Argumentation auf heidnische Gedankengänge aufzubauen, als die richtige ansieht. Nur ist der Odavius ein Büchlein viel zu geringen Umfangs, als daß diese Methode in genügender Gründlichkeit zum Tragen kommen könnte. Laktanz will die von Minucius gelassene Lücke füllen und schreibt eine eingehende institutio. Diesem Charakter des laktanzischen Werkes als Ausbau des minucianischen Ansatzes 11 entspricht es nun, daß Laktanz anders als Minucius seine Darlegungen durch ausdrückliche Zitate untermauert 12 . Dabei kann die Anregung zur Heranziehung einer bestimmten Stelle durchaus von Minucius ausgegangen sein, doch greift Laktanz in seinem Streben nach Dokumentation auf dessen Quelle zurück. So spielte Minucius 23, 11 itaque latebram suam, quod, tuto latuisset, vocari maluit Latium deutlich auf die Vergilverse Aen. 8, 322f. an (vgl. die Kommentare); Laktanz zitiert die gleichen Verse wörtlich inst. 1, 13, 9. Kurz zuvor (inst. 1, 11, 55) hatte er den Abschnitt des Minucius Felix ausdrücklich zitiert. In der indirekten Wiedergabe ist dabei der Passus, der die Vergilreminiszenz enthält, übersprungen, weil er in diesem Zusammenhang für Laktanz noch nicht wichtig war. E s spricht somit alles dafür, daß die Anregung zu dem Vergilzitat von dem sicher benutzten Abschnitt des Minucius, der nur auf die Verse anspielte, ausging 13 . So kann auch im Falle des Senecafragmentes 123 die imitierende Benutzung der Stelle durch Minucius Felix für Laktanz ein Anlaß gewesen sein, sie ausdrücklich zu zitieren. Selbst die Verwendung des Komparativs könnte durchaus von Minucius beeinflußt sein. An einer anderen Stelle der Institutiones, wo Laktanz ohne Zitate auf das gleiche Thema zu sprechen kommt, lehnen sich die Komparative firmius et incorruptius templum est pectus humanum (inst. 1, 20, 23, s. u. S. 84) deutlich an Minucius an. An der späteren Stelle der Institutiones ist der gleiche Gedankengang mit den ausdrücklichen Zitaten gleichsam ausgestattet und die komparativische Wendung erhält die Funktion, das Senecazitat dem Piatonzitat gegenüberzustellen. Das Phänomen der .Ausstattung' des gleichen Gedankengangs an verschiedenen Stellen der Institu11

12

13

Vgl. Becker 104 „Laktanz hat nicht nur viele Einzelheiten und Wendungen aus Minucius übernommen, sondern er ist in der ganzen Argumentation und in der Anlage seines Werkes von ihm beeinflußt". Zum Unterschied der Zitiermethoden des Minucius Felix und Laktanz vgl. auch H. Hagendahl, Methods of Citation in Post-Classical Latin Prose, Eranos 45, 1947, 114—128. Die Beispiele ließen sich vermehren; vgl. auch etwa Pellegrino Studi 181 zu Lact. inst. I, 11, 48-Min. Fei. 23, 13-Cic. nat. deor. 3, 53. Die Tatsache, daß eine bestimmte Stelle bei Laktanz zitiert wird, braucht jedoch nicht unbedingt zu bedeuten, daß schon Minucius Felix in entsprechendem Zusammenhang von ihr abhängig ist. So sind die Beziehungen, die zwischen Min. Fei. 24, 3 und dem von Laktanz an inhaltlich paralleler Stelle (inst. 1, 16, 10) zitierten Senecafragment 119 nicht zwingend; auch ob bei Min. Fei. 10, 3 das von Laktanz inst. 1, 7, 4 zitierte Fragment aus Ciceros Hortensius (47 Gr.) benutzt ist, wird man bezweifeln können (vgl. u. S. 179; S. 63 Anm. 41).

Senecazitate bei L a k t a n z — Senecaimitation bei Minucius Felix

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tiones mit jeweils verschiedenen Zitaten und Anklängen wird auch bei der Besprechung des Fragmentes 121 zu beobachten sein (s. u. S. 191 f).

Die Übereinstimmung zwischen Laktanz und Minucius Felix in der Senecabenutzung macht demnach die Annahme einer gemeinsamen Quelle nicht notwendig. Da sich das Verfahren des Laktanz, über Minucius Felix hinaus auf dessen Quelle zurückzugreifen und diese zu zitieren, nicht auf das Verhältnis zu Seneca beschränkt, könnte die Hypothese einer bloßen Senecaauswahl zur Erklärung der Beziehungen zwischen den beiden christlichen Autoren keinesfalls hinreichend sein. Für Laktanz wird eine eigene Lektüre Senecas ohnehin schwerlich zu bestreiten sein14. Ein Argument für direkte Benutzung Senecas durch Minucius Felix ist der offensichtliche stilistische Einfluß (s. o. S. 37). Weiterhin konzentrieren sich die wichtigsten und sichersten Anklänge durchaus auf bestimmte Schriften Senecas, De Providentia, De superstitione,

Exhortationes,

De remediis fortuitorum15.

Es sind zu-

gleich diejenigen, die in der Antike überhaupt am meisten gelesen wurden16. Laktanz verweist seine Leser auf De Providentia für eine 14

16

16

Das t u t Courcelle zwar nicht ausdrücklich, es wäre aber doch mindestens zunächst die erste Folgerung aus seiner These von der .source commune'. Vgl. Burgers Aufstellung S. 60—63. Weniger zwingend scheinen mir die Parallelen, derentwegen Burger außerdem die Benutzung von vit. b., brev., benef., epist. f ü r sicher ansieht, vgl. u. S. 88f.; 99 Anm. 27; 143f.; 182 Anm. 14. F ü r einigermaßen wahrscheinlich wird m a n mit Burger (30) vielleicht noch einen Anklang a n Polyb. halten können. Vgl. auch Spanneut 264f. ,,le grand nombre de rencontres avec u n t r a i t e precis de S^neque, le De Providentia". Spanneuts Behauptung, Burger habe diese Tatsache nicht bemerkt, ist daraus zu erklären, daß ihm die Zusammenstellung der Imitationen nach Werken im zweiten Teil der Arbeit von Burger nicht zugänglich war, vgl. seine Angabe S. 263 Anm. 40. Courcelles Vorwurf gegen Spanneut (Mullus 35) ist nicht berechtigt. Mit einer direkten Lektüre der Schrift De Providentia rechnet auch Becker 68 Anm. 14; die Beziehungen des 5. Kapitels des Min. Fei. z u m Anfangskapitel der senecaischen Schrift, die Becker 23 behauptet, scheinen mir zu vage, als daß sich d a r a u s Schlüsse ziehen ließen. Zu exh. und superst. s. u. S. 62f.; 198. F ü r Turcans These (21 Anm. 1; 23 Anm. 3), es habe von De superstitione einen .recueil d'extraits editfe p a r des polemistes chrötiens ä des fins apolog&tiques' gegeben, besteht kein Anhaltspunkt. Die Schrift wurde auch von Heiden gelesen und u m f a ß t e ohnehin nur ein Buch (Aug. civ. 6, 10 in eo libro). — Zu rem. fort. vgl. Tert. apol. 50,14; C. Hosius, Inschriftliches zu Seneca und Lucan, RhM 47, 1892, 462/5. — Zu prov. vgl. Spanneut 264 (Cyprian); einen Anklang bei Valerianus von Cimiez, einem Prediger des 5. Jh., h a t festgestellt D. N. Schack, De Valeriano seculi Vti homileta Christiano, Hauniae 1814, 53; vgl. Schanz-Hosius IV 2, 529; C. Arnold, Realenc. f. prot. Theol. u. Kirche 20, Leipzig 1908, 419; G. Bardy, DThC 15, 2, 2521: hom. 2, 4 (PL 52, 698 D) parum laudis habet virtutum corona, quae ex labore non descendit. potest quidem habere palmam, sed non habet gloriam — Sen. prov. 4, 2 descendisti ad Olympia, sed nemo praeter te: coronam habes, victoriam non habes. Erwägenswert scheint mir auch eine Benutzung durch Augustin, vgl. civ. 1, 8-prov. 5, I f . ; civ. 1, 15-prov. 3, 9 (neben Cie. off. 3, 100); civ. 4, 3-prov. 3, 9f. (neben Cie. rep. 3,27); prov. 4,6.12 (nebenMin. Fei. 36, 8f.). Neben inhaltlichen Gründen mag auch die Stellung des Werkes a m Anfang des Dialogcorpus zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Lausberg, Seneca

4

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Zur Zitierpraxis des Laktanz

vollständigere Behandlung des Themas, als er sie selbst geben will (inst. 5, 22, 11); das setzt voraus, daß die ohnehin nur kurze Schrift als Ganzes allgemein zugänglich war. Allerdings macht Courcelle auch darauf aufmerksam, daß .im 32. Kapitel des Octavius nach Burger 28f. Stellen Senecas kombiniert sind, die einander inhaltlich nahestehen, aber verschiedenen Werken entnommen sind (frg. 123; epist. 41. 83). Daraus schließt Courcelle (35): „Tout ce passe, ä mon sens, comme si, pour ce chapitre, Minucius avait utilise — directement ou non — plusieurs excerpta de Seneque relatifs ä l'immanence divine". Nun ist es ein Hauptkennzeichen der imitatio, daß Äußerungen verschiedener Herkunft, sei es aus dem gleichen, sei es aus verschiedenen Autoren, verbunden werden. Die Kombination braucht dem imitierenden Autor also nicht unbedingt in Form von Exzerpten vorgegeben gewesen zu sein. Gerade für Minucius ist ein solches ,Mosaik'verfahren oft als charakteristisch hervorgehoben worden17. Andererseits sind uns gerade einige der von Minucius offenbar bevorzugten Senecaschriften verloren. Wenn sich in einem Punkt Berührungen zu verschiedenen Stellen finden, die in erhaltenen Schriften verstreut sind, so kann das wegen der bekanntlich bei Seneca häufigen Selbstwiederholungen auch bedeuten, daß hinter den Worten des Minucius vielleicht ein senecaischer Zusammenhang aus einer verlorenen Schrift steht. Ein Verdacht in diesem Sinne scheint mir gerade an der von Courcelle behandelten Stelle nicht ganz unberechtigt zu sein (s. u. S. 88f.). Die Annahme, daß Minucius die Schriften Senecas direkt und als Ganzes gekannt hat, schafft andererseits erst die volle methodische Voraussetzung für solche Vermutungen. Natürlich wäre auch denkbar, daß der spätere Autor, dem wir die Zitate verdanken, aus einer größeren Auswahl, die Minucius vorlag, seinerseits ausgewählt hätte, doch wären dem Umfang dessen, was Minucius über die erhaltenen Zitate hinaus vorlag, enge Grenzen gesetzt, wenn die Annahme einer Auswahl überhaupt sinnvoll sein soll. De superstitione umfaßte ohnehin nur ein Buch (Aug. civ. 6, 10 in eo libro)le. 17

18

So sei etwa an Beaujeus treffende Bemerkung zu Min. Fei. 17, 4 erinnert: Cie. nat. deor. 2, 4 wird mit ebd. 1, 100 kombiniert. Zu einer gerechten Würdigung der Imitationskunst des Minucius vgl. Becker öff.: „Der .Octavius' ein Mosaik' ?". Becker glaubt mit Hinweis auf Courcelle einerseits, daß sich die Senecaanklänge bei Minucius mit Ausnahme von De Providentia „vielleicht so erklären lassen, daß Minucius an eine vorausliegende, christlich geprägte Senecaauswahl anknüpft" (69 Anm. 14), hält jedoch andererseits eine umfangreichere Benutzung der Schrift De superstitione, als es uns die Exzerpte Augustins erkennen lassen, für wahrscheinlich (20).— Skeptisch gegenüber Courcelles These H. v. Geisau, M. Minucius Felix, RE Suppl. XI (1968), 985 (ohne nähere Begründung).

ZWEITER TEIL

Zu einzelnen Schriften und Fragmenten Senecas

A. Exhortationes 1. Einleitung Sechsmal zitiert Laktanz in seinen Institutiones ein Werk Senecas mit dem Titel Exhortationes1. Dieser weist die Schrift einer bestimmten, in der antiken philosophischen Literatur beliebten Gattung zu, den Protreptikoi, den Ermunterungen zur Philosophie2. Ihre Geschichte hat P. Hartlich untersucht in einer Arbeit, die im einzelnen zwar weitgehend überholt, als zusammenfassende Darstellung aber immer noch nützlich ist3. Die Ursprünge liegen in der Sophistik; Piaton stellt ihr, vor allem im Euthydemos, seine eigene Protreptik entgegen 4 . Auch andere Sokratiker, Aristipp und Antisthenes, sind als Verfasser protreptischer Schriften bekannt 5 . Von besonderer· Bedeutung ist der Protreptikos des Aristoteles, den die moderne Forschung namentlich aus dem erhaltenen gleichnamigen Werk des Iamblich weitgehend rekonstruieren konnte®. Unter den Stoikern werden Ariston, Persaios und Kleanthes als Autoren von Protreptikoi 1

Inst. 1, 5, 27 (frg. 16); 1, 7, 5 (Wiederholung des Zitates); 1, 7, 13 (frg. 15); 3, 15, 11 (frg. 18); 6, 24, 12 (frg. 24); 6, 24, 16 (in eiusdem operis primo: frg. 14). Die Verschreibung von exhortationibus zu exorationibus (H inst. 1, 7, 5) erklärt sich durch die häufige Schreibung exortationes (so Μ 1, 7, 5; 1, 5, 27; HM 1, 7, 13), vgl. Thes. V 2, 1441, 52ff.; entsprechend beim Verb ex(h)ortare— exorare Thes. V 2, 1444, 83ff. 2 Faiders Beurteilung der Exhortationes Senecas ist schief, weil er nur von exhortatio als rein rhetorischem Begriff (vgl. Quint, inst. 10, 1, 47) ausgeht statt von der speziellen Bedeutung im Bereich der Philosophie: „D'apres les extraits qu'en a donnis Lactance, les exhortationes de Sinfeque avaient une signification plus haute que celle d'un simple exercice oratoire" (112). Die Zugehörigkeit der senecaischen Schrift zur protreptischen Literatur ist im übrigen seit Hartlich (305—308) allgemein anerkannt. s De exhortationum a Graecis Romanisque scriptarum historia et indole, Leipziger Studien 11, 2 (1889), 207—335. 4 Vgl. Hartlich 221—225. 233—236; K. Gaiser, Protreptik und Paränese bei Piaton, Stuttgart 1959 (Tüb. Beitr. z. Altertumswiss. 40). 6 Vgl. Hartlich 225—229; Aristipp frg. 121 Mannebach; Antisthenes frgg. 17—18Caizzi (F. D., Antisthenis Fragmenta, Varese-Milano 1966, Testi e documenti per lo studio dell'antichitä. 13). • Vgl. u. a. W. Jaeger, Aristoteles, Berlin 19552, 53—102; I. Düring, Aristotle's Protrepticus, Göteborg 1961 (Studia Graeca et Latina Gothoburgensia 12); ders., Aristoteles, Heidelberg 1966, 400—433 (mit deutscher Übersetzung des rekonstruierten Textes); G. Schneeweiss, Der Protreptikos des Aristoteles, Diss. München 1966 mit weiterer Literatur. — Iamblich: H. Pistelli, Leipzig 1888 (Nachdr. Stuttgart 1967). — Andere Peripatetiker: Theophrast (Diog. Laert. 5, 49; Hartlich 273); Chamaileon frgg. 3—6 Wehrli; Hartlich 273).

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Exhortationes

genannt'. Chrysipp und Poseidonios haben sich, wie es scheint, mehr theoretisch über die Methoden der Protreptik geäußert 8 . Enge Beziehungen zur philosophischen Protreptik hat ein Werk des Galen, ein προτρεπτικός έ π ' ιατρική ν, dessen erster erhaltener Teil allgemein zu den τέχναι ermuntert 9 .

In der lateinischen Literatur wird schon für Ennius eine Schrift mit dem Titel Protrepticus überliefert, ohne daß sich Näheres über sie aussagen ließe10. Das eigentlich klassische Werk wurde Ciceros Hortensias, der durch zahlreiche Fragmente immerhin noch einigermaßen faßbar ist11. Als Titel einer Schrift des Kaisers Augustus werden Hortationes ad philosophiam genannt12. Daß das Wort exhortatio zur Wiedergabe von προτρεπτικός (λόγος) dient13, wird am deutlichsten bei einem Poseidonioszitat Sen. epist. 96, 66: Posidonius . . . suasionem et consolationem et exhortationem necessariam iudicat. Die entsprechenden griechischen Begriffe sind an der Parallelstelle bei Clem. Al. paed. 1, 1, l 1 1 überliefert: ύπο7 8

SVF I 333. 435. 481, vgl. Hartlich 274ff.; Pohlenz, Stoa II 19. Vgl. Reinhardt I V 568. 768—770 „Wie sich Chrysipp mit den Methoden der Protreptik, insbesondere der Protreptik Piatons, auseinandergesetzt hatte, so wird sich P(oseidonios) wiederum mit der Protreptik Chrysipps auseinandergesetzt haben. Beide Schriften waren an die philosophischen Erzieher, nicht an die zu erziehende Jugend gerichtet." Der genauere Titel der Schrift des Poseidonios, Περί τοΰ προτρέπεσθαι, der Reinhardt zu diesem Schluß führte, wurde erst 1937 durch einen Papyrusfund bekannt; den vielen Hypothesen, die sich zuvor an dieses Werk geknüpft hatten, ist dadurch weitgehend der Boden entzogen. Zu Chrysipp vgl. v. Arnim S V F I I I S. 203. Da das gleiche Zitat das eine Mal mit den Worten iv τ ω π ρ ώ τ ω των προτρεπτικών eingeführt wird, das andere Mal mit έν τ ω π ρ ώ τ ω περί τοΰ προτρέπεσθαι, schließt er darauf, daß ersteres in ungenauer Zitierweise das gleiche Werk meine. Hartlich (277ff.) rechnete dagegen mit zwei verschiedenen Schriften sehr ähnlichen Inhalts.

»Ausgaben: G. Kaibel, Berlin 1894 (Nachdr. 1963); E. Wenkebach, Berlin 1935 (Quellen u. Studien z. Gesch. d. Naturwiss. u. Medizin 4, 3). — Vgl. Hartlich 316 bis 326; A. Rainfurt, Zur Quellenkritik von Galens Protreptikos, Freiburg i. Br. 1905 (Rez. M. Pohlenz, BphW 26, 1906, 202f.). — Zum Titel H. Schöne, RhM 73, 1920/4, 148 f. 10 Frg. var. 30 V., vgl. Fr. Leo, Geschichte der römischen Literatur, Berlin 1913 (Nachdr. Darmstadt 1967), 204 „Gerne wüßte man mehr von einer anderen Schrift des Ennius, die einmal unter dem Titel Protrepticus angeführt wird. Es kann nichts anderes gewesen sein, als eine Aufforderung zum Studium der Philosophie. Das bedeutet der Titel, er stammt von einem Buch des Aristoteles und man sollte meinen, daß er auch bei Ennius auf Philosophie der Gegenwart weist". Bei Hartlich nicht vermerkt. 11 Vgl. dazu O. Piasberg, De M. Tullii Ciceronis Hortensio dialogo, Diss. Berlin, Leipzig 1892; M. Ruch, L'Hortensius de Cic