Kleine Schriften zur alten Geschichte
 340603702X,  9783406037023

Table of contents :
VORWORT......Page 3
INHALT......Page 4
TABULA GRATULATORIA......Page 7
AKADEMISCHE REDEN......Page 11
ÜBER DIE ZUKUNFT UNSERER UNIVERSITÄTEN......Page 13
REDE, GEHALTEN ZUR IMMATRIKULATION IN WÜRZBURG AM 14. DEZEMBER 1959......Page 28
BARTHOLD GEORG NIEBUHR UND DIE IDEE DER UNIVERSALGESCHICHTE DES ALTERTUMS......Page 36
UNIVERSALGESCHICHTE UND ALTER ORIENT......Page 53
ZUM PROBLEM DER UNIVERSALGESCHICHTE DES ALTERTUMS......Page 55
ZUR GESCHICHTE DES ALTEN ORIENTS......Page 71
NEUE QUELLEN ZUR GESCHICHTE DER NEUBABYLONISCHEN ZEIT......Page 80
DIE „IONIER" IN DER OBERLIEFERUNG DES ALTEN ORIENTS......Page 86
BUCHBESPRECHUNG......Page 93
BUCHBESPRECHUNG......Page 111
ZUR KARTHAGISCHEN „STRATEGIE"......Page 120
UNIVERSALHISTORISCHE ASPEKTE DER GESCHICHTE DES HELLENISMUS......Page 125
GRIECHISCHE GESCHICHTE......Page 143
ZUR VORGESCHICHTE DER SCHLACHT BEI SALAMIS......Page 145
SKYLAX VON KARYANDA UND HERAKLEIDES VON MYLASA......Page 151
THASOS UND THEMISTOKLES......Page 159
THEMISTOKLES UND DIE DELPHISCHE AMPHIKTYONIE......Page 161
HELLENEN UND BARBAREN......Page 168
XENOPHON, HELLENIKA III 2,21f., EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE DES GRIECHISCHEN NATIONALBEWUSSTSEINS......Page 184
DIE GRIECHISCHE POLIS BEI AENEAS TACTICUS......Page 188
AGONISTIK UND POLITIK IM ALTEN GRIECHENLAND......Page 200
AUS DER LEBENSGESCHICHTE EINES GRIECHISCHEN DISTANZ LÄUFERS......Page 218
ZWISCHENSTAATLICHE BEZIEHUNGEN DER GRIECHISCHEN STÄDTE IM KLASSISCHEN ZEITALTER......Page 223
DAS POLITISCHE LEBEN DER GRIECHEN IN DER RÖMISCHEN KAISERZEIT......Page 232
HELLENISMUS......Page 249
ALEXANDER UND DER HELLENISMUS......Page 251
DER HELLENISMUS IN ALTER UND NEUER SICHT: VON KAERST ZU ROSTOVTZEFF......Page 277
WESENSZÜGE DER HELLENISTISCHEN ZIVILISATION......Page 284
DIE BEDEUTUNG DER EINGEBORENENBEVÖLKERUNG IN DEN HELLENISTISCHEN OSTSTAATEN......Page 303
DIE PTOLEMÄISCHE STAATSVERWALTUNG IM RAHMEN DER HELLENISTISCHEN ADMINISTRATION......Page 314
ZUM ABSCHLUSS VON WILCKENS "URKUNDEN DER PTOLEMÄERZEIT"......Page 333
KOSMAS INDIKOPLEUSTES UND DIE PTOLEMÄER......Page 337
DAS SELEUKIDENREICH......Page 344
NEUE SELEUKIDENDATEN......Page 353
ÜBER EINIGE GRÜNDE DES NIEDERGANGES DER HELLENISTISCHEN WELT......Page 356
RANDBEMERKUNGEN ZU DEN KOISCHEN ASYLIEURKUNDEN......Page 368
OBER EINIGE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN SIZILIEN UND DER HELLENISTISCHEN WELT......Page 377
NEUES ZUR GESCHICHTE DES HELLENISMUS IN THRAKIENUND IN DER DOBRUDSCHA......Page 387
BEMERKUNGEN ZU EINER EHRENINSCHRIFT DER STADT APOLLONIA AM PONTOS......Page 399
RÖMISCHE GESCHICHTE......Page 409
SCIPIO AFRICANUS......Page 411
CAESARSE IN LEBEN UND SEINE HERRSCHAFT......Page 431
Q. CAECILIUS METELLUS CELER (COS 60) UND DIE INDER......Page 480
UNTERSUCHUNGEN ZUM MUTINENSISCHEN KRIEG......Page 489
DIE LETZTEN MONATE DER RÖMISCHEN SENATSHERRSCHAFT......Page 542
DAS IMPERIUM ROMANUM IN GRIECHISCHER SICHT......Page 559
NEUES ZUR GESCHICHTE DER NARISTEN......Page 578
BUCHBESPRECHUNG......Page 588
BIOGRAPHISCHES......Page 591
THEODOR MOMMSEN......Page 593
WALTER OTTO......Page 609
ANNIBALE EVARISTO BRECCIA......Page 629
ANDRE PIGANIOL......Page 632
ÜBER DIE BEZIEHUNGEN DER DEUTSCHEN UND DER ITALIENISCHEN HISTORIOGRAPHIE DES ALTERTUMS......Page 636
GEDENKBLATT FÜR ERNST KORNEMANN......Page 649
NACHTRÄGE......Page 653
ANHANG......Page 655
VITA......Page 657
VERZEICHNIS DER SCHRIFTEN VON HERMANN BENGTSON......Page 659
REGISTER......Page 669

Citation preview

HERMANN

BENGTSON

KLEINE SCHRIFTEN ZUR ALTEN GESCHICHTE

C. H. BECK'SCHE

VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN

ISBN 3 406 03702

X

Umschlagentwurf von Walter Kraus, München © C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck), München 1974

Satz und Druck: Georg Appl, Wemding Printed in Germany

VORWORT

Die Kleinen Schriften bringen Reden, Aufsätze und Besprechungen, darunter auch einige bisher unveröffentlichte Arbeiten. Die wissenschaftlichen Aufsätze sind Ergänzungen zu meinen Büchern, zu der „Griechischen Geschichte" und zum „Grundriß der' römischen Geschichte", aber auch zu der „Strategie in der hellenistischen Zeit". Außerdem habe ich auch einige universalhistorische Studien aufgenommen. Sie mögen dazu dienen, das Bild der Alten Geschichte abzu• runden. Ober Universalhistorie wird heute zwar viel geschrieben, aber die Beiträge sind vorwiegend theoretischer Art. So schien es mir zweckmäßig, hier einige Arbeiten abzudrucken, die sich mit konkreten Problemen der Universalhistorie beschäftigen. Die akademischen Reden spiegeln eine bestimmte Situation der deutschen Universität wider, die inzwischen Vergangenheit geworden ist. Aber es wird für manche Leser vielleicht von Interesse sein, zu erfahren, wie man seinerzeit die Lage an unseren Hochschulen beurteilt hat. Ich habe die Reden unverändert gelassen. Auch die anderen in diesem Band veröffentlichten Schriften sind im wesentlichen ohne Änderungen geblieben, doch sind ein paar Versehen berichtigt und an verschiedenen Stellen Hinweise auf neuere Literatur in den hierfür üblichen eckigen Klammern hinzugefügt worden. Ich habe nicht den Ehrgeiz besessen, die Arbeiten auf den heutigen Stand der Forschung zu bringen. Die unter die Titel gesetzten Jahreszahlen beziehen sich auf das erstmalige Erscheinen der betreffenden Arbeit. Wer sich in der Forschung auskennt, wird sie in diese einordnen können. Dies gilt ganz besonders für den Abdruck meiner Heidelberger Vorlesung über Caesar, die, was ich zu beachten bitte, im Frühjahr 1940 inter arma gehalten worden ist. Meine Schüler Werner Huß, Wolfgang Orth und Ralf Urban haben sich um die Druckvorbereitung und die Korrekturen verdient gemacht, Werner Huß noch zusätzlich um das Register, Frau Adelheid Bodig hat mich von der Last der Korrespondenz befreit, Dr. Ernst-Peter Wieckenberg hat das Buch im Verlag in seine Obhut genommen. Allen Helfern gilt mein aufrichtiger Dank. München, im Herbst 1973

Hermann Bengtson

INHALT

Tabula gratulatoria

. . . . . . . . . • . . . . . . . . . . .

IX

Akademische Reden 1. Ober die Zukunft unserer Universitäten . . . . . . . . . . . • . 2..Rede, gehalten zur Immatrikulation in Würzburg am 14. Dezember 1959 (ungedruckt) . . . . . . . . • • . . . . • . . . . . 3. Barthold Georg Niebuhr und die Idee der Universalgeschichte des Altertums . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . .

3 18 2.6

Universalgeschichte und Alter Orient 4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums (ungedruckt) 45 5. Zur Geschichte des Alten Orients . . . . . . . . . 61 6. Neue Quellen zur Geschichte der neubabylonischen Zeit . • . . 70 7. Die „Ionier" in der Überlieferung des Alten Orients . . . . . . 76 8. Besprechung von 0. Leuze, Die Satrapieneinteilung in Syrien und im 83 Zweistromlande von 52.0-32.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 9. Besprechung von A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrschaft 10. Zur karthagischen „Strategie" . . . . . . . . . . . . . 110 11. Universalhistorische Aspekte der Geschichte des Hellenismus . . . . n5

Griechische Geschichte Zur Vorgeschichte der Schlacht bei Salamis . . . 13. Skylax von Karyanda und Heraklcides von Mybsa 14. Thasos und Themistokles . . . . . . . . . . 15. Themistokles und die delphische Amphiktyonie . 16. Hellenen und Barbaren . . . . . . . . 17. Xenophon, Hellenika III 2., 2.d ....... . 18. Die griechische Polis bei Aeneas Tacticus . . . . 19. Agonistik und Politik im alten Griechenland (ungedruckt) . 20. Aus der Lebensgeschichte eines griechischen Distanzläufers 12..

135 141 I.f9 151 158 174 178 190 208

Inhalt

VII

2r. Zwischenstaatliche Beziehungen der griechischen Städte im klassischen 213 Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22. Das politische Leben der Griechen in der römischen Kaiserzeit . . . . 222

Hellenismus 23. Alexander und der Hellenismus . . . . . . . . . . . . . . . . 24. Der Hellenismus in alter und neuer Sicht: Von Kaerst zu Rostovtzeff. 2.5.Wesenszüge der hellenistischen Zivilisation . . . . . . . . . . . . 26. Die Bedeutung der Eingeborenenbevölkerung in den hellenistischen Oststaaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27. Die ptolemäische_ Staatsverwaltung im Rahmen der hellenistischen Administration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28. Zum Abschluß von Wilckens „Urkunden der Ptolemäerzeit" 29. Kosmas Indikopleustes und die Ptolemäer . 30. Das Seleukidenreich (ungedruckt) . . . . . . . . . . . . 31. Neue Seleukidendaten . . . . . . . . . . . . . . . . 32. Ober einige Gründe des Niedergangs der hellenistischen Welt 33. Randbemerkungen zu den koischen Asylieurkunden . . . . 34. Ober einige Beziehungen zwischen Sizilien und der hellenistischen Welt 35. Neues zur Geschichte des Hellenismus in Thrakien und in der Dobrudscha . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • • • . . 36. Bemerkungen zu einer Ehreninschrift der Stadt Apollonia am Pontos

241 267 274 293 304 323 327 334 343 346 358 367 377 389

Römische Geschichte 37. Scipio Africanus. Seine Persönlichkeit und seine weltgeschichtliche Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38. Caesar. Sein Leben und seine Herrschaft (ungedruckt) . 39. Q. Caecilius Metellus Celer (cos 60) und die Inder . . . 40. Untersuchungen zum Mutinensischen Krieg (ungedruckt) 4r. Die letzten Monate der römischen Senatsherrschaft 42. Das Imperium Romanum in griechischer Sicht . . . . 43. Neues zur Geschichte der Naristen . . . . . . . . . 44. Besprechung von A. E. R. Boak, Manpower Shortage and the Fall of the Roman Empire in the West . . . . . . . . . . . . . . . . . .

401 421 470 479 532 549 568 578

Inhalt

VIII

Biographisches 45. Theodor Mommsen . . 46. Walter Otto . . . . .

47. Annibale Evaristo Breccia 48. Andre Piganiol . . . . 49. Ober die Beziehungen der deutschen und der italienischen Historiographie des Altertums . . . . • . . • . • • 50. Gedenkblatt für Ernst Kornemann (ungedruckt) Nachträge

. . . . . . • . . . . • . . . .

Anhang Vita ..... . Schriftenverzeichnis Register

583 599 619 622 626 639 643

TABULA

GRATULATORIA

Zum 65. Geburtstag gratulieren herzlich Freunde, Kollegen ttnd Schüler

Karl Abel, Marburg Silvio Accame, Neapel Andreas Alföldi, Princeton Robert E. Allen, Haslemere Ernst Badia11,Cambridge Mass. Hans Dieter Beck, München Hans Georg Beck, München Wolfgang Beck, München Carl Becker, München f Hartmut Beister, München Jiirgen von Beckerath, Münster i. W. Jean Beranger, Lausanne Denis van Berchem, Genf Aurelio Bernardi, Pavia Helmut Berve, Hechendorf Elias J. Bickerman, New York Jean Bingen, Brüssel Giselher Birk, Stuttgart Bernhard Bischof!, München J. M. Blazquez, Madrid Edmund Bloedow, Ottawa Wilhelm Blum, München Alexander Böhlig, Tübingen Laetitia Boehm, München Tristano Bolelli, Pisa Riekele Borger, Göttingen Pedro Bosch-Gimpera, Mexiko Karl Bosl, München Franz J. Brandhof er, München Horst Braunert, Kiel T. Robert S. Broughton, Chapel Hili,

N.C.

Heilmut Brunner, Tübingen Vinzenz Buchheit, Gießen Edmund Buchner, München Viktor Burr, Graz Walter Bußmann, Karlsruhe Christian Callmer, Lund Karl Christ, Marburg Friedrich Comelius, Greifenberg Constantin Daicoviciu, Clui f Hadrian Daicoviciu, Clui Christo M. Danoff, Sofia Georges Daux, Paris Jürgen Deininger, Berlin Friedrich Karl Dörner, Münster Sterling Dow, Cambridge Mass. Giinter Dunst, München Charles Edson, Wisconsin Dietz Otto Edzard, München Franz Egermann, München Victor Ehrenberg, London Ursula Ehrenwirth, München Wilhelm Eilers, Wiirzburg Johannes von Elmenau, München W. Theodor Elwert, Mainz Josef Engel, Tübingen Hartmut Erbse, Bonn Afif Erzen, Istanbul Thomas Fischer, Tübingen Jenö Fitz, Szekesfehervdr Robert Flaceliere, Paris Peter Robert Franke, Saarbrücken Peter Marshall Fraser, Oxford

X

Tabula gratulatoria

Hjalmar Frisk, Göteborg Kurt von Fritz, München Emilia Gabba, Pisa Kurt Galling, Tübingen Antonio Garcia y Bellido, Madrid Albino Garzetti, Milano Matthias Gelzer, Frankfurt Erich Gerner, Miinche11 Boris Gerov, Sofia Hans Georg Gundel, Gießen Rudolf Güngerich, Wiirzburg Christian Habicht, Princeton Burkhard Hallermann, Hamm i. W. Ulrich Hausmann, Tübingen Heinz Heinen, Trier Peter Herrmann, Buchholz Hans Herter, Bonn Walther Hinz, Göttingen Uvo Hölscher, Miinchen Hi!debrecht Hammel, Tübingen Barthel Hrouda, Mü11chen Werner Huß, München Hans Ulrich lnsti11sky, Mainz t Manfred ]anke, Wiirzburg Hans Jucker, Bern Anneliese Kammenhuber, Miinchen Max Kaser, Salzburg ]izla Kerschensteiner, Miinchen Franz Kiecl1le,Bochum Dietmar Kienast, ßiittgen Emil Kießling, Marburg Wolfgang Kimmig, Tübi11gen Erich Koestermamz, Kiel f Josef Ha11sKiilm, Hamburg Wolf gang Kunkel, Miinchen ]. A. 0. Larse,i, Chicago Siegfried Laufler, Miinche,z Michael Leclmer, Augsburg Gttstav Adolf Lelmzann, Berlin

Maria Attilio Levi, Milano Adolf Lippold, Regensburg Detlef Latze, Jena Heinz Löwe, Tübingen Otto Luschnat, Berlin Franz Georg Maier, Zürich Enrica Malcovati, Pavia Giovanni Manganaro, S. Agata li Battiati Eugenio Mamii, Palermo Egon Mar6ti, Budapest Josef Martin, Würzburg f Manfred Mayrhof er, Wien Santo Mazzarino, Rom Benjamin D. Meritt, Attstin Reinhold Merkelbach, HöhrGrenzhausen Ernst Meyer, Zürich Hans D. Meyer, Aachen Georgi Mihailov, Sofia Vladimir Milojcic, Heidelberg T. B. Mitford, St. Andrews Joseph Modrzejewski, Paris Arnaldo Momigliano, London Luigi Moretti, Rom Alfred Müller, Münnerstadt Ha11sWolfga11g Miiller, Miinchen Walter Müller-Seidel, Miinchen Dome11ico lvfttsti, Rom Giuseppe Nenci, Pisa Dieter Nörr, München James H. Oliver, Baltimore Friedrich Gerte!, Bomz Wolfgang Orth, Miincl1e1z Famtla Papazoglu, Beograd Hans Patze, Göttingen Willy Peremans, Heverlee Herbert Petschow, Miinchen Karl Emst Petzold, Tiibingen

Tabula gratulatoria

Rudolf Pfeiff er, München Gerhard Pfahl, Nürnberg Ursula Pietsch, München D. M. Pippidi, Bucuresti Vittore Pisani, Milano Jean Pouilloux, Condrieu Claire Preaux, Brüssel Friedrich Prinz, Deisenhofen Maria Radnoti-Alföldi, Frankfurt/Main Anthony E. Raubitschek, Palo Alto Hans Raupach, München Tony Reekmans, Louvain P. J. Rhodes, Durham Hans Richtseheid, Miincben Jeanne Robert, Paris Louis Robert, Paris Friedrich Roemer, Stuttgart Hans Rothfels, Tübingen Eberhard Ruschenbusch, Frankfurt/ Main Frank Sandberger, Stuttgart Franco Sartori, Padova Fritz Schachermeyr, Wien Wolfgang Schadewaldt, Tiibingen Meinrad Scheller, München Hatto H. Schmitt, Bonn Wolf gang Schramm, Göttingen Jakob Seibert, München Erwin Seid/, Mittenwald Theodore C. Skeat, London Morton Smith, New York Max Spind/er, München Anton Spitaler, München Johannes Spörl, München Wolf gang Speyer, Bonn-Salzburg Georg Stadtmüller, München Wolf Steidle, Alzenau

XI

Hans Erich Stier, Miinster i. W. Hermann Strasburger, Freiburg i. Br. Johannes Straub, Bonn Karl Friedrich Stroheker, Tübingen Armin Stylow, München Werner Suerbaum, München Anna Swiderek, Warschau Sir Ronald Syme, Oxford Rudi Thomsen, Aarhus Gianfranco Tibiletti, Bologna Dieter Timpe, Würzburg MaxTreu,München Piero Treves, Venezia Johannes Triantaphyllopoulos, Athen Ralf Urban, München Edmond Van't Dack,Heverlee Laszlo Varady, Budapest Friedrich Vittinghoff, Köln Joseph Vogt, Tiibingen Ludwig Voit, München Frank W. Walbank, Liverpool Gerold Walser, Bern Karl Wilhelm Welwei, Bochum Joachim Werner, München Robert Werner, Gauting Ernst-Peter Wieckenberg, München Edouard Will, Nancy Gerhard Wirth, Fürth Günther Wolf, Regensburg Hans Julius Wo/ff, Kirchzarten Jozef Wolski, Krakow Bernhard Wosnik, Rottershausen Fritz R. Wüst, Grassau Zvi Yavetz, Tel-Aviv Ernst Walter Zeeden, Tübingen Joseph Ziegler, Würzburg Konrat Ziegler, Göttingen f

AKADEMISCHE

REDEN

I,

ÜBER DIE ZUKUNFT

UNSERER

UNIVERSITÄTEN

1

r959

Hochansehnliche Festversammlung! Die große Fülle _der Tatsachen und Zahlen, die wir dem Jahresbericht des Herrn Prorektors entnehmen durften, war ein eindrucksvolles Zeichen für das Leben und Streben an unserer Universität. Es wäre sicherlich nicht möglich gewesen, den Aufbau und den Ausbau weiter zu fördern, hätte~ nicht alle, die sich unserer Julius-Maximilians-Universität in irgendeiner Weise verbunden fühlen, ihren Teil dazu beigetragen, an der Spitze mein hochverehrter Amtsvorgänger, der Herr Prorektor. 2 Gewiß, ein Rektoratsjahr dauert nur eine kurze Zeit, r2 Monate sind bald vorüber, aber welch eine Fülle rastloser, geduldiger Arbeit bringt ein solches Jahr! Wirklich ermessen kann dies wohl nur derjenige, dem es vergönnt war oder vergönnt ist, in die Geheimnisse der akademischen Selbstverwaltung Einblick zu erhalten. Ich kann daher mein Amt nicht beginnen, ohne meinem verehrten Herrn Amtsvorgänger den herzlichsten und aufrichtigen Dank für seine Arbeit und für sein von so großem Erfolg gekröntes Streben abzustatten: den Dank des Rektors und den Dank der Julius-Maximilians-Universität, in deren Annalen sein Name nunmehr eingeschrieben ist. Ich weiß, daß unser verehrter Herr Prorektor auch in Zukunft keine Mühe scheuen wird, an der gemeinsamen Arbeit zum Wohle unserer Alma Mater Anteil zu nehmen. Der Dank der Universität, der Kollegen und der Studenten ist ihm dafür gewiß. Wenn ich mir nun gestatte, im folgenden einige Gedanken über die Zukunft unserer Universitäten vorzutragen, so muß ich hier ausdrücklich bekennen, daß mir nichts ferner liegt, als irgendwelche Prophezeiungen aufzustellen: sie würden durch den Gang der Ereignisse nur zu bald überholt und möglicherweise auch in allen Einzelheiten widerlegt werden. Aber niemand, glaube ich, wird es dem Rektor verargen, wenn er sich in seinem Amtsjahr die Frage vorlegt, wie wohl die Zukunft unserer Bildungsstätten, insbesondere die Zukunft 1 1

Rede, gehalten am :z.8.November 1959 in Würzburg zur Rektoratsübergabe. Prof. Dr. C. Sonnenschein, Medizinische Fakultät.

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I.

Ober die Zukunfl unserer Universitäten

[5/6]

unserer Universitäten, beschaffen sein wird. Wie bekannt, sind unseren heutigen Universitäten vor allem zwei Probleme gestellt, mit denen sie sich, zusätzlich zu ihren traditionellen Aufgaben, auseinanderzusetzen haben: es ist dies das Problem der Vermassung und das Problem der Spezialisierung. Es ist keine Frage, daß das Fassungsvermögen unserer Hochschulen - mit ganz wenigen Ausnahmen - heure an der äußersten Grenze angelangt ist. Hält der gegenwärtige Zustrom der Studierenden auch nur noch einige wenige Jahre an, 1 so werden Einschränkungen in noch viel höherem Maße als bisher die unabwendbare Folge sein. Da eine Vergrößerung der bestehenden Universitäten über ein bestimmtes Maß hinaus nicht erwünscht ist, so wird man nach einer wirklichen Lösung dieses Problems Ausschau halten müssen. Ein Ausweg wäre der, daß man sich endlich, nachdem es fast zu spät geworden ist, zu Neugründungen entschlösse. In der Tat werden in unseren Tagen im norddeutschen Raum derartige Pläne ernsthaft erwogen: Bremen und Oldenburg scheinen hier die Bewerber zu sein, denen man die meisten Aussichten zubilligen muß, und bei uns in Süddeutschland wird seit einiger Zeit von Konstanz als einer geplanten Neugründung gesprochen. Die alten Universitäten können diese Pläne nur begrüßen, natürlich unter der Voraussetzung, daß die Neugründungen nicht zu Lasten der alten Hochschulen geschehen. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Zukunft auch nur einigermaßen stabil bleiben, so bietet sich in der Tat die Neugründung von Hochschulen als ein Ausweg an, der zu einer Lösung des Problems der Vermassung wesentlich beitragen kann. Auch in Bayern könnte auf diesem Gebiet sehr wohl etwas geschehen. Auf jeden Fall sind 16 Universitäten und 7 Technische Hochschulen in Westdeutschland viel zu wenig. Die wenigen Neugründungen nach dem Ende des 2. Weltkrieges (Mainz und Saarbrücken, denen die Aufhebung der Universität Gießen gegenüberstand) genügen nicht im entferntesten dem Bedarf. Ich bin mir dessen wohl bewußt, daß das Problem der Neugründungen nicht einfach ist. Woher soll man die neuen Professoren für die Neugründungen nehmen, da es doch schon jetzt teilweise an Nachwuchs mangelt? Wird es den Ländern, gegebenenfalls in Gemeinschaft mit dem Bund, möglich sein, die finanziellen Lasten hierfür aufzubringen? Werden die neuen Universitäten nicht von Anfang an hinter ihren älteren Schwestern zurückstehen? - diese und noch so viele andere Fragen werden sich jedem von uns aufdrängen. Dennoch, glaube ich, muß hier sehr bald die Initiative ergriffen werden. Wir werden sonst in Schwierigkeiten geraten, die in 10-15 Jahren noch viel größer sein werden als die, mit denen wir es heute schon zu tun haben. Es ist bekannt, daß der Ansturm auf die Hohen Schulen keineswegs ein spezifisch deutsches Problem ist. Wohin wir auch blicken, im Westen wie im

I.

Ober die Zukunft unserer Universitäten

5

Osten, überall treffen wir auf die gleiche Erscheinung. Für den Historiker ist dieses Phänomen keine Überraschung. Es ist von jeher so gewesen, daß in Zeiten hoher Zivilisation breite Schichten Zugang zu den Quellen der Bildung und der Wissenschaft suchen und finden. Ich möchte hier nur an eine Zeit erinnern, die zwar weit I zurückliegt, dafür aber geradezu schlagende Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist: es ist die Zeit zwischen Alexander und Augustus, jenes Zeitalter, das wir seit Droysen mit dem Begriff des Hellenismus zu bezeichnen pflegen. In dieser Epoche, d. h. in den letzten drei Jahrhunderten v. Chr. Geb., ist ein ganz ähnliches Phänomen zu beobachten wie in unseren Tagen: Die Bildung steht hoch im Kurse, der Zudrang zu den Schulen und Hochschulen wächst ständig, die Wissenschaft befindet sich in steilem Aufstieg, und der Ruhm der Gelehrtenakademie von Alexandrien strahlt mindestens ebenso hell wie heute etwa der Glanz des Institute for Advanced Study in Princeton. Zahlreiche bedeutende Gelehrte und Forscher hat diese Zeit aufzuweisen, der größte unter ihnen war Archimedes aus Syrakus, der lange in Alexandrien als Mitglied der dortigen Gelehrtenakademie, des Museions, gelebt hat. Schließlich ist er in seine Heimat, nach Sizilien, zurückgekehrt. Bei der Einnahme der Stadt durch die Römer i. J. 2I2 v. Chr. hat er ein Ende von der Hand eines römischen Soldaten gefunden. So böse würde man heute mit einem prominenten Mitglied der Naturwissenschaftlichen Fakultät wahrscheinlich nicht verfahren. Stammt doch von diesem großen Gelehrten, Mathematiker und Physiker das berühmte Wort: ~6~ µoLnoü o.ci>,xcü .~v yijv xLv~ow. ,,Gib mir einen Punkt, wo ich stehen kann, und ich werde die Erde in Bewegung setzen." Mit der modernen Entwicklung der Technik hat dieses Wort eine geradezu erschreckende Aktualität gewonnen, die niemand unbeeindruckt lassen wird. Der große Andrang breiter Schichten zur akademischen Bildung wäre auch in unseren Tagen nichts irgendwie Beunruhigendes, wenn es wirklich die akademische Bildung wäre, die bei uns auf den Hohen Schulen gesucht würde. Ich fürchte nämlich, daß die Bildung in vielen Fällen nicht das Motiv für das Studium ist. Die überwiegende Mehrzahl der Studierenden sucht bei uns das Rüstzeug für den künftigen Beruf. Das ist schon immer bis zu einem gewissen Grade so gewesen, heute aber muß man feststellen, daß die Universitäten Gefahr laufen, in Fakultäten gegliederte höhere Fachschulen zu werden, sofern es nicht gelingen sollte, hier grundlegenden Wandel zu schaffen. Unsere heutige Zivilisation neigt - das gilt mehr oder weniger für alle Lebensgebiete - zur Organisation und Perfektion um jeden Preis; das allgemein Menschliche, vor allem aber die menschlichen Kontakte, treten zurück, an ihre Stelle drängen sich papierene Bestimmungen, in der Universität vor allem die Prüfungsbestimmungen. In diesen Prüfungsordnungen wird das gesamte Stu-

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I.

über die Zukunft unserer Universitäten

dium, vom Anfang bis zum Ende, mehr oder weniger reglementiert. Praktika, Übungen, Seminare werden vorgeschrieben, die Zahl der „Scheine" wird festgesetzt, und wo keine Seminarscheine zu erbringen sind, da wird I vorgeschrieben, welche Vorlesungen im Studienbuch n:ichgewiesen werden müssen. Von der akademischen Freiheit, von der man immer noch spricht, findet sich in den Prüfungsbestimmungen kein Wort. Im Gegenteil, man ist versucht zu zitieren: Nach dem Gesetz, wonach du angetreten, So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen. Um richtig verstanden zu werden: es liegt mir fern, die Abschaffung der Prüfungsordnungen zu empfehlen. Ich möchte vielmehr darauf dringen, daß die Vielzahl der Bestimmungen eingeschränkt und auf ein sinnvolles Maß zurückgeführt wird, damit dem einzelnen Freiheit zu eigener Initiative erhalten bleibt. Denn auf die Initiative kommt es an, im Leben wie in der Wissenschaft. Wir müssen daran festhalten: in den Mittelpunkt des akademischen Lebens gehört der Mensch und die menschliche Bildung. Wer sich aber wirkliche Bildung aneignen will, braucht Freiheit, wahrhaft akademische Freiheit, von der in unseren Tagen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Wir alle, Professoren und Studenten, müssen versuchen, wieder den Weg zur akademischen Freiheit zu finden, wenn die Universität nicht ihren eigentlichen Sinn verlieren soll. Ich weiß wohl, daß die Bildungsideale vergangener Zeiten heute für viele keine Anziehungskraft mehr besitzen. So hat sich das humanistische Ideal Wilh. v. Humboldts unter den ehernen Schlägen der Weltgeschichte verflüchtigt, heute wird niemand ernstlich einem dritten oder vierten Humanismus noch das Wort reden. Das Bildungsideal, das wir suchen, muß sich im grellen Licht der Gegenwart bewähren, sonst ist es nichts wert. Hier sehe ich die künftigen Aufgaben unserer Universitäten: durch das Gewicht ihrer Autorität in wissenschaftlichen Fragen sind sie vor allem dazu berufen, neue Grundlagen für das künftige Bildungsideal zu schaffen, in dessen Mittelpunkt - ich wiederhole es nur der Mensch stehen muß. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß der steile Aufstieg der Naturwissenschaften im vergangenen Jahrhundert bis hin zur Gegenwart dieses neue Bildungsideal wesentlich mitprägen wird. Seit Alexander von Humboldt im Winter 1827/8 in der Berliner Singakademie seine vielbeachteten Vorträge über naturwissenschaftliche Probleme gehalten hat, ist das Interesse an den Naturwissensd1aften bei uns ständig gewachsen, die Entwicklung steht auch heute noch längst nicht an ihrem Ende, und es wäre eine Utopie, wollte man davor die Augen verschließen. Es ist daher kein Zufall, wenn in unseren Tagen immer wieder, bei uns zu Hause ebenso wie im Ausland, das Problem der Bildung von Technischen Fakultäten und ihrer Angliederung an die bestehenden I Universitäten erörtert wird.

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r. Ober die Zttkttnfl ttnserer Universitäten

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Die Niederlande, die neben der älteren Technischen Hochschule in Delft nun auch eine zweite in Eindhoven besitzen, versuchen zur Zeit, dieses Problem an den Universitäten in positivem Sinne zu lösen. Auch bei uns im nordbayerischen Raum rühren sich die Kräfte: die Stadt Nürnberg, die schon immer nach einer Technischen Hochschule strebte, erwägt die Gründung einer Technischen Fakultät im Rahmen der neuen Gesamtuniversität Erlangen-Nürnberg. Auch bei uns in Unterfranken werden wir über kurz oder lang dieser Frage näher treten müssen. Bei aller Annäherung zwischen den Naturwissenschaften und der Technik ist jedoch nicht zu übersehen, daß ihre Zielsetzungen grundverschieden sind. Daß außerdem die Angliederung einer ganzen Technischen Fakultät oder auch nur eine Erweiterung der bestehenden Naturwissenschaftlichen Fakultät das Gesicht der Hochschule verändern wird, darüber wird sich jeder im klaren sein. Die Frage ist aber die, ob wir dieser Entwicklung auf die Dauer aus dem Wege gehen können. Hier liegen vielleicht neue Möglichkeiten für eine zukünftige Entwicklung der Universitäten, die in unserem technischen Zeitalter ernstlich geprüft werden sollten. - Ich habe vorhin von der Diktatur der Prüfungsordnungen gesprochen. Die Prüfungsordnungen sind nun sicherlich keine willkürlichen Erfindungen, manche Bestimmungen sind eingefügt worden, um die Anforderungen der Prüfung den Fortschritten der Wissenschaft anzupassen. Das Kennzeichen der Wissenschaften unserer Tage aber ist eine immer mehr ins einzelne gehende Spezialisierung. Man braucht wirklich kein Prophet zu sein, wenn man annimmt, daß diese Spezialisierung auch in Zukunft weitergehen wird, und zwar ebenso bei den Naturwissenschaften wie bei den Geisteswissenschaften. Wie sich hier die Dinge in den letzten hundert Jahren gewandelt haben, dafür darf ich vielleicht aus meinem Fachgebiet ein paar Beispiele anführen. Am Ende des vorigen Jahrhunderts war es keineswegs ungewöhnlich, wenn der Geschichtsprofessor in seinen Vorlesungen das Gesamtgebiet der Universalgeschichte behandelte. Er las Weltgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Gegenwart. Auch in unseren Tagen soll dies noch gelegentlich vorgekommen sein. Als Typus des Universalhistorikers des vorigen Jahrhunderts wäre hier - neben anderen - Wilhelm Oncken (1838 bis 1905), lange Jahre hindurch Ordinarius in Gießen, zu nennen. Es ist der bekannte Herausgeber der Oncken'schen Weltgeschichte, aus der frühere Generationen ihre historische Bildung zu schöpfen pflegten und deren Bände auch ich als Gymnasiast mit Eifer studiert habe. Wilhelm Oncken hat seine Tätigkeit mit mehreren Schriften zur Geschichte des klassischen Griechenlands begonnen, seine „Staatslehre des Aristoteles" (1870 und 1872) wird auch heute noch gelegentlich zitiert. Berühmt geworden ist er jedoch durch seine großen Werke I in seiner Weltgeschichte: ,,Das Zeitalter Friedrichs des Großen", ,,Das Zeitalter der Revolu-

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z. über die Zukunft unserer Universitäten

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tion, des Kaiserreiches und der Befreiungskriege" und endlich: ,,Das Zeitalter des Kaisers Wilhelm". Wenn man dazu weiß, daß Oncken viele Jahre hindurch außerdem politisch tätig gewesen ist - er war Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im Reichstag -, so wird man nicht anstehen, seine ungeheure Arbeitskraft zu bewundern. Wir fragen uns heute, wie die damaligen Gelehrten diese gewaltige Arbeit zu leisten vermochten. Auf diese Frage gibt Wilhelm Oncken selbst uns die Antwort. Er schreibt in der Vorrede eines seiner Werke 3 im Jahre 1891: ,,Bei einem Blick auf die bald 45 Bände der „Allgemeinen Geschichte in Einzeldarstellungen" frage ich mich unwillkürlich: was hätte aus all diesen Werken von fast lauter Hochschullehrern werden sollen, wenn die reichlichen Universitätsferien nicht wären, mit der Muße, die sie zusammenhängenden und ununterbrochenen Studien gestatten? Ich wenigstens muß der Wahrheit gemäß bezeugen, daß ich meine älteren Bücher ohne Ausnahme, meine neueren und neuesten zum weitaus größten Teil während der Ferien geschrieben habe und ohne Ferien die Forschungen, die dazu nötig waren, überhaupt nicht hätte anstellen können." Neben Wilhelm Oncken darf man hier den trefflichen Arnold Schaefer (1819-1883) erwähnen. Ihm verdankt die Altertumswissenschaft das großartige, auf minuziöser Quellenforschung aufgebaute Werk "Demosthenes und seine Zeit", das noch heute eine Fundgrube für jeden Spezialisten darstellt. Der gleiche Arnold Schaefer, lange Jahre Professor in Bonn, schrieb außerdem eine „Geschichte des Siebenjährigen Krieges"; sie ist heute natürlich durch neuere Forschungen, vor allem durch das preußische Generalstabswerk vom Anfang unseres Jahrhunderts, überholt. - Endlich ein drittes Beispiel: Wenn man in den Briefen des Baseler Kulturhistorikers Jacob Burckhardt blättert, so findet man gelegentlich sarkastische Bemerkungen über sein Kolleg über Römische Geschichte. In der Tat, wenn man wie Burckhardt die gesamte Römische Geschichte von der Gründung der Stadt bis zum Untergang des Weströmischen Reiches in einem einzigen Semester unterbringen müßte, so wird einem bange, und man wundert sich nicht, wenn Burckhardt gerade mit diesem Kolleg am allerwenigsten zufrieden gewesen ist. Man könnte diese Beispiele universaler wissenschaftlicher Betätigung auch noch für Professoren anderer Fakultäten belegen. So ist es in der Medizin im vorigen Jahrhundert vorgekommen, daß Anatomen und Physiologen imstande waren, ohne weiteres etwa einen Lehrstuhl für praktische Medizin zu über3 Wilh. Oncken, Das Zeitalter des Kaisers Wilhelm, Bd. II, 1892., Vorwort S. IV (datiert vom 2.8. November 1891).

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nehmen. Ich darf hier etwa an Carl Friedrich Heusinger erinnern, der im Jahre 182.9 von Würz- 1 burg nach Marburg übersiedelte. - Die Zeiten, in denen sich Historiker auf den verschiedensten Gebieten der Universalgeschichte als Forscher betätigen konnten, gehören heute der Vergangenheit an. So verbietet dem Althistoriker allein schon der ununterbrochene Zufluß neuen Materials in Gestalt von Inschriften, Papyri und Münzen Ausflüge in andere Regionen. Hier gilt - nicht weniger als für die Kollegen der Medizinischen Fakultät der weise Spruch des Hippokrates: o ß(oi; ßQai(;ui;,fi fü:-rhvl'J µmtQ~: ,,Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben." Es bedarf keines ausführlichen Beweises, daß die Spezialisierung der Wissenschaften nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig ist. Von den Naturwissenschaften ganz ~bgesehen ist auch z. B. auf dem Gebiete der Geschichtswissenschaft durch die Spezialforschung so manches Vorurteil widerlegt, so mancher Irrtum berichtigt worden. Ich möchte hier nur eine einzige Tatsache erwähnen; sie ist zwar den Kennern der römischen Geschichte gut bekannt, sie scheint mir aber dennoch von großer methodischer Bedeutung. In dem sogenannten „Leistungsbericht des Augustus", den Res gestae divi Augusti, die wir zumeist nach dem Fundort der wichtigsten Kopie das Monumentwn Ancyranmn nennen, ist lange der Sinn des Schlußsatzes des 34. Kapitels strittig gefü~vi;yxa, i;oublieben. Der griechische Text war erhalten: 'A;Lcoµan 1tav-rc.ov ofoi; ÖEouÖEv"tL1ti.Ei:ovfoxov -c&vauvaQ;av-ccovµoL: ,,An axioma habe ich alle übertroffen, an Amtsgewalt aber habe ich nicht mehr besessen als meine jeweiligen Amtskollegen." Welcher Begriff verbirgt sich nun unter dem griechischen axioma? Man muß wissen, daß der lateinische Text an dieser Stelle unglücklicherweise eine Lücke aufwies, und die überragende Autorität Theodor Mommsens war die Ursache, daß man seine Ergänzung des lateinischen Textes ohne weiteres hingenommen hat. Mommsen aber gab das griechische axioma mit lateinisch dignitas wieder. Der entscheidende Satz lautete nun im Lateinischen: post id tem[pus praestiti omnibus dignitate, potest]atis au[tem n]ihilo ampliu[s habui quam qui fuerunt m]ihi quoque in ma[gis]trattl conlegae. Die Auffindung neuer Bruchstücke des „Leistungsberichtes" im Jahre 1914 und 192.4 in Antiocheia in Pisidien erbrachte die definitive Lösung. Es fand sich ein neues lateinisches Bruchstück; aus ihm ergab sich, daß an der umstrittenen Stelle des lateinischen Textes nicht dignitate, sondern vielmehr auctoritate einzusetzen war. 4 Der große Mommsen hatte also Unrecht gehabt, die 4 Ferner erwies es sich, daß hinter quam das Wort ceteri zu lesen ist, während fuerunt an das Ende des Satzes gehört; vgl. W. M. Ramsay u. A. v. Premerstein, Monumentum Antiochenum (Klio-Beih. r9), r927, 97. Der Satz lautet nunmehr: Post id

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Ergänzung von Johannes Franz aus Nürnberg, die dieser schon im Jahre I843 vorgeschlagen hatte, erwies sich als richtig. Die Forschung aber war durch den Irrtum eines ihrer Größten viele Jahrzehnte in die Irre gegangen. Ohne zu übertreiben kann man sagen, daß erst die Auffindung des I sog. Monumentum Antiochenum es uns ermöglicht hat, die staatsrechtlich nur schwer faßbare Stellung des Augustus schärfer zu definieren und sie in die Entwicklung des römischen Rechts- und Staatslebens einzuordnen. Eingeleitet wurde die neuere Forschung durch den berühmten Aufsatz über die auctoritas von Richard Heinze im Hermes 192.5, weitergeführt wurde sie vor allem durch Anton von Premerstein in seiner posthum erschienenen Untersuchung "Vom Werden und Wesen des Prinzipats" (1937). Die juristisch nur schwer faßbare, dafür aber ausgesprochen charismatische auctoritas Augusti enthüllt sich immer mehr als eine der tragenden Säulen des römischen Prinzipats - ein sehr bedeutender Fortschritt seit den Tagen Theodor Mommsens und ein sehr wesentlicher Beitrag zum Verständnis des Augustus, mit dem in der römischen Geschichte ein neues Zeitalter beginnt. Es ist nun einmal nicht anders: soll die Wissenschaft nicht stehen bleiben, so wird man versuchen müssen, die Wissenschaft weiter in Einzelheiten zu fördern. Stillstand wäre hier mit Rückschritt gleichbedeutend, eine rückständige Wissenschaft aber hat keine Daseinsberechtigung. Unsere Aufgabe wird es sein - in der Zukunft noch mehr als in der Vergangenheit -, auf den Universitäten einen für beide Teile, für die Lehrenden und für die Lernenden,' tragbaren Ausgleich zwischen Spezialisierung und Allgemeinwissen zu finden. Der Professor wird als Forscher niemals darauf verzichten können, seine Schüler mit den neuesten Problemen bekanntzumachen, ohne darüber die allgemeinen Grundlagen seines Faches im akademischen Unterricht zu vernachlässigen. Im Zusammenhang mit dem Problem der Spezialisierung kann man, glaube ich, mit Zuversicht die Prognose stellen, daß sich, ebenso wie etwa in den angelsächsischen Ländern, auch bei uns die Tendenz zur Errichtung leistungsfähiger Forschungsinstitute immer mehr verstärken wird. Die Naturwissenschaften sind hier mit den Max-Planck-Instituten beispielhaft vorangegangen, aber auch die Geisteswissenschaften werden in Zukunft nicht mehr zurückstehen können. Diese Entwicklung, die vom rein wissenschaftlichen Standpunkt zu begrüßen ist, birgt für die Zukunft der Hochschulen auch so manche Gefahren tem[pus a]ttctoritate [omnibus praestiti, potest]atis au[tem n]ihilo amplius habui quam cet[eri qui m]ihi quoque in ma[gis]trat11co11/egae[fuer,mt]. Vgl. J. Gage, Res gestae divi Augusti 2, Paris r950, r44 ff.

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in sich. Zahlreiche, oft gerade die besten Kräfte, werden von den Universitäten abgezogen werden, die Verbindung zwischen Forschung und Lehre, die Grundlage der deutschen Universität, wird sich lockern, dazu besteht die Gefahr, daß die Hochschulen gegenüber den zumeist vorzüglich ausgestatteten Forschungsinstituten ins Hintertreffen geraten. Ich darf hier nur etwa an die Position des College de France in Paris erinnern: es hat die besten Kräfte des Landes an sich I gezogen, nur die Sorbonne in Paris ist hier noch einigermaßen konkurrenzfähig. Eine entsprechende Entwicklung wäre bei uns durchaus unerwünscht, die deutsche Wissenschaft kennt keine Provinzuniversitäten, und es wäre ein Verhängnis, wenn sich dies in Zukunft ändern sollte. Wenn die deutsche Universität auch in Zukunft ihren Standard halten will, so ist das in erster Linie eine Sache der Menschen, die sie zu gewinnen vermag. Der Aufstieg zu einer Professur galt von jeher für ein erstrebenswertes Ziel gerade der Besten unter dem akademischen Nachwuchs. Es wird Sache der heutigen Professorengeneration und es wird Sache des Staates sein, dieses hohe Ansehen, das die Professoren auch heute noch im Staate und in der Gesellschaft besitzen, zu wahren. Man kann nur hoffen, daß die Stellen, die es angeht, die Lage erkennen und dort, wo es notwendig ist, für Abhilfe sorgen. Die Qualität einer Universität beruht auf der Qualität ihrer Professoren. Napoleon soll einmal gesagt haben, daß der größte Besitz eines jeden Staates seine Generäle und seine Gelehrten seien, kein Staat sei reich genug, um sie zu bezahlen noch um sie zu belohnen; alles, was man tun könne, sei, daß man ihnen immer wieder zeigen müsse, wie man sie hochschätze. - Für die Generäle fühle ich mich hier nicht zuständig; was aber die Gelehrten betrifft, so stelle ich mit Genugtuung fest, daß sie bei Napoleon immerhin unmittelbar hinter den Generälen rangieren. Die deutschen Hochschulen befinden sich heute in einer Zeit des Umbruchs. Früher waren sie die Bildungsstätten einer zahlenmäßig begrenzten Elite, für die die führende Rolle im Staate und in der Gesellschaft bestimmt war. Heute ist die Universität mehr oder weniger zur Schule der Nation geworden, da alle Schichten, bedingt durch das Streben nach akademischer Bildung, Zugang zu den Hochschulen gefunden haben. Aus dieser neuen Situation ergeben sich zugleich völlig neue Aufgaben, von denen sich frühere Generationen von Hochschullehrern nichts träumen ließen. Die Breitenwirkung der Hochschulen ist gewaltig gewachsen, an ihren Schicksalen nimmt die Öffentlichkeit - zu unserer Freude und Genugtuung - lebhaften Anteil. Das bürgerliche Bildungsideal des 19. Jahrhunderts hat sich überlebt, und das Ideal des wissenschaftlichen Fortschritts, das in manchen Ländern auf den Thron erhoben worden ist, ist ein sehr problematisches Ideal, das wir unserer Jugend nicht empfehlen möchten.

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r. Ober die Zukunft unserer Universitäten

Will die deutsche Universität auch in Zukunft das leisten, was sie einst, freilich unter ganz anderen Voraussetzungen, zu leisten vermochte, so muß sie sich auf das Wesentliche besinnen, und das Wesentliche ist ihre Eigenart. Diese Eigenart der Universität besteht heute, ebenso wie einst in der Platonischen Akademie, in der engen Gemeinschaft der Lehrenden und I Lernenden auf der Grundlage einer - im weitesten Sinne verstandenen - humanistischen Bildung. Unsere Universitäten müssen sich darüber im klaren sein, daß sie, je mehr sie sich nach Art von Fachschulen aufgliedern, die Fähigkeit verlieren werden, wirkliche Bildung zu vermitteln. Die Kluft zwischen Wissenschaft und Bildung wird sich erweitern, sie wird, wenn hier nicht von seiten der Hochschulen etwas geschehen wird, unüberbrückbar werden. Diese Gefahr, der wir klar ins Auge sehen, abzuwenden, ist eine der vornehmsten Zukunftsaufgaben der deutschen Hochschule. Ober den Weg, der hierbei einzuschlagen ist, kann man verschiedener Meinung sein. Mir als Historiker scheint es notwendig, das Studium der geisteswissenschaftlichen Fächer und auch das Studium der Naturwissenschaften noch stärker historisch zu fundieren. Was nützt es beispielsweise dem Studierenden, wenn er ausschließlich über den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft unterrichtet wird; dieser Stand kann schon morgen überholt und in einigen Monaten oder Jahren gänzlich indiskutabel geworden sein. Wäre es daher nicht besser, ihm vor allem zu sagen, wie es zu dem gegenwärtigen Stand gekommen ist? Das Wissen um das Werdende scheint mir in diesem Falle fast wichtiger und wesentlicher zu sein als das, was schließlich geworden ist. Wir haben es in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten erleben müssen, wie beispielsweise in der Philosophie, in der Philologie und in der Literaturwissenschaft die historische Betrachtung zugunsten anderer Gesichtspunkte zurückgedrängt, wenn nicht sogar ausgeschaltet worden ist, eine Entwicklung, die - soweit ich sie von meinem Standpunkt aus übersehe - nicht als glücklich bezeichnet werden kann. Hier scheint mir eine gewisse Neuorientierung unerläßlich, sie wird der historischen Besinnung und damit letzten Endes der akademischen Bildung und Tradition zugute kommen. Die gewaltigen weltgeschichtlichen Veränderungen, deren Zeugen wir Älteren in dem vergangenen Menschenalter geworden sind, machen es für mein Gefühl nicht möglich, eine Rückkehr zu dem neuhumanistischen Bildungsideal Wilhelm von Humboldts auch nur in Erwägung zu ziehen. Was wir brauchen, ist ein historisch begründetes, möglichst universales Weltbild - nicht im Sinne eines überlebten Historismus, dem niemand mehr das Wort reden wird, sondern im Sinne einer in die Zukunft wirkenden Kraft, einer wirklichen Dynamis. Diese Kraft muß unserer Arbeit, wo wir auch in der Wissenschaft stehen mögen, die innere Rechtfertigung verleihen. Ich wiederhole es: das Bildungs-

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ideal der deutschen Hochschule kann kein statisches, allein an vergangenen Kulturen orientiertes Ideal sein, es I muß vielmehr ein dynamisches Ideal sein, das zur Formung der Zukunft Wesentliches beizutragen vermag. Die jüngstvergangenen Jahre mit dem ständigen starken Ansteigen der Studentenzahlen an den deutschen Universitäten haben mancherorts zu Erscheinunger. geführt, die nicht dem Wesen der Hochschule entsprechen. Wir alle standen mehr oder weniger unter dem Eindruck der großen Zahlen, die durch ihre Magie Professoren und Studenten in gleicher Weise in den Bann schlugen. Die Bedeutung der Universitäten wurde gelegentlich mit der Zahl ihrer Hörer gleichgesetzt; eine kleine Universität geriet a priori in den Verdacht, rückständig zu sein, auf jeden Fall galt sie aber als nicht zeitgemäß. Ich entsinne mich, offizielle Reden gehört zu haben, in denen ein übrigens nur ganz vorübergehender Rückgang der Studentenzahl als etwas durchaus Unerwünschtes bezeichnet wurde. Dieses Denken in Zahlen scheint mir auf dem Gebiete des Bildungswesens geradezu gefährlich. Eine Universität ist eben nur solange eine Universität, als die Zahl ihrer Professoren und Studenten übersehbar bleibt, nur dann ist sie nämlich eine wirklich lebende Gemeinschaft, kein seelenloser Apparat, wenn dieser auch noch so perfektionistisch arbeitet. In unseren Tagen wird, bedingt durch den Zwang äußerer Verhältnisse, viel vom Ausbau unserer Hochschulen gesprochen. Man versteht darunter eine bessere Ausstattung mit materiellen Mitteln, mit neuen Lehrstühlen, mit neuen Dozenten- und Assistentenstellen. Als Rektor der Julius-Maximilians-Universität möchte ich hier ein für allemal feststellen, daß für den Ausbau unserer Universität noch so manches geschehen könnte, und ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß hierfür auch noch manches geschehen wird. In Würzburg stehen wir noch keineswegs am Ende, die Universität hat wiederholt eine Reihe von begründeten Wünschen bei den zuständigen Stellen angemeldet. Im Hinblick auf die Gesamtlage der deutschen Hochschulen möchte ich aber davor warnen, den notwendigen Ausbau zu schematisch vorzunehmen. Das System eines fortlaufenden Ausbaus der Hochschulen nach dem Bilde einer idealen Modell-Universität hat zweifellos auch seine Schattenseiten: eine Hochschule darf niemals eine Allerwelts-Hochschule sein, sie muß versuchen, ihren Charakter und ihre Tradition zu wahren. Gerade die Tradition hat hier ein sehr entscheidendes Wort mitzusprechen. Eine Universität aber ist ein lebender Organismus; jede Hypertrophie ist schädlich, im Leben wie in der Wissenschaft. - Was Tradition in der Wissenschaft bedeutet, das zeigt die lange Reihe bedeutender Universitätslehrer, die hier an unserer Julius-Maximilians-Universität gewirkt haben. Es wäre ein schöner Gedanke, wenn ihre Bilder einmal in einem Raum der Universität I vereinigt werden könnten. Die mit uns befreundete italienische Universität Padua besitzt in den

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Standbildern ihrer berühmten Proft:ssoren in dem Prato della valle geradezu eine europäische Ruhmesgalerie. Sie wird jedem, der die Fülle der berühmten Namen einmal auf sich wirken ließ, unvergeßlich sein. Ein weiteres Prunkstück in Padua ist der Wappensaal (Sala degli stemmi): hier kann man die Namen derer lesen, die einst an dieser berühmten Universität Studenten gewesen sind. Aus Schweden, Livland, Dänemark und Deutschland, aus Ungarn und Griechenland sind die Scholaren nach Padua gekommen, um hier von der Quelle der Wissenschaft zu trinken und um dann die Fackel der Wissenschaft zu entzünden in fernen Ländern - bis hin zu den Grenzen Europas. Wir sehen heute ein ähnliches Bild an unseren deutschen Hochschulen: in einer noch nie gekannten Zahl strömen die ausländischen Studenten zu uns in die Bundesrepublik, ihre Zahl ist immer noch im Steigen begriffen, und Schwierigkeiten, nicht nur in der Unterbringung, gibt es in Hülle und Fülle. Wir sollten nicht vergessen, daß das Bild der deutschen Universitäten in der Zukunft im Ausland durch diese Studenten geprägt werden wird. Wir besitzen einige vorzügliche Organisationen, die die ausländischen Studenten betreuen, aber so manches bleibt noch zu tun übrig. An italienischen Universitäten wurden früher - und sicherlich ist dies auch heute noch der Fall Vorlesungen über italienische Sprache und Kultur für Ausländer gehalten. Viele Hunderte von Studenten haben aus diesen Vorlesungen wertvolle Anregungen mit in die Heimat genommen, und auch wir sollten versuchen, hier in Deutschland etwas Ähnliches für unsere ausländischen Freunde zu tun. Die Mühe wird sich lohnen. - Die deutsche Universität, geboren aus dem Geiste des Humanismus, kann in ihrer vielhundertjährigen Geschichte auf ein wechselvolles Schicksal zurückblicken. Alle großen geistigen Bewegungen haben ihre Spuren im Antlitz unserer Hochschulen hinterlassen: Reformation und Gegenreformation, Aufklärung und Pietismus, Neuhumanismus und das naturwissenschaftliche Denken des 19. und 20. Jahrhunderts - sie alle haben zur Formung der Universität das Ihre beigetragen. Zeiten der Blüte und der Weltgeltung wechselten mit Zeiten des Niederganges; in unseren Tagen ist die deutsche Universität wieder auf dem Wege, sich ihren hohen Rang innerhalb der internationalen Hochschulen zurückzuerobern. An diesem friedlichen Wettstreit nehmen wir alle teil, Professoren, Assistenten und Studierende. Mit Genugtuung können wir auf Fortschritte auf fast allen Gebieten der Wissenschaft in den letzten Jahren zurückblicken, das Ausland hat dies dadurch anerkannt, daß es nicht wenige Professoren auch unserer Julius-Maximilians-Universität I geehrt und ausgezeichnet hat. Wir nehmen dies mit Freude und mit Dankbarkeit zur Kenntnis. Wenn aber die deutsche Universität auf die Dauer wieder zu den führenden

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Institutionen ihrer Art in der Welt gehören will, so wird sie sich auf ihre hohe Bildungsaufgabe besinnen müssen. Die menschliche Bildung im weitesten Sinne, die humanitas, muß im Mittelpunkt des Lehrens und des Lernens stehen. Das ist heute leider nicht mehr so selbstverständlich wie vor 50 oder gar vor 100 Jahren. Um so mehr erscheint es notwendig, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft ihren wahren Glanz nur zu entfalten vermag, wenn sie auf der humanitas gegründet ist. Niemand von uns, meine sehr verehrten Herren Kollegen, wird glauben, daß er seine Schüler und Hörer formen und bilden könnte allein mit dem, was er ihnen an positivem Wissen und Können zu vermitteln vermag. All dies bliebe Stückwerk, sofern nicht die humanitas hinzuträte. Erst auf ihrer Grundlage werden die Kontakte zwischen Professoren und Studenten fruchtbar; wo die lmmanitas fehlt, da fehlt der Wissenschaft die Seele, ohne die sie nicht zu leben vermag. Die Wissenschaft gründet sich auf Leistungen, die nur in zäher und geduldiger Arbeit zu erringen sind. Gewiß spielt auch in der Wissenschaft hin und wieder der Zufall eine Rolle, aber im allgemeinen bewahrheitet sich auch hier das Wort: "Glück hat auf die Dauer doch zumeist wohl nur der Tüchtige." Die wissenschaftliche Arbeit ist eine entsagungsvolle Arbeit, sie vollzieht sich nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern in der Stille des Studierzimmers, in den Instituten und Laboratorien. Der Weg zum Erfolg ist im allgemeinen sehr steil, er führt durch die dürren Gefilde der Zweifel und Anfechtungen, und selbst wenn einmal eine Lösung des Problems gefunden ist, so muß sich diese erst im grellen Licht der wissenschaftlichen Kritik bewähren. Diese Arbeit ist wahrlich nicht nur eine Sache des Intellekts, sondern ebensosehr des Charakters, der sich mit Enttäuschungen genauso abfinden muß wie mit dem Gegenteil. Von diesem zähen, unerbittlichen Ringen um die Wahrheit findet sich nicht viel in unseren Zeitungen und Fernsehsendungen. Sie berichten in der Regel nur von den großen, überragenden Erfolgen, aber auch diese Erfolge sind für den echten Forscher nur Stationen auf dem Wege seines Schaffens. Es ist unvermeidlich, daß diese Arbeit den Menschen prägt, und es ist nur natürlich, daß immer wieder der Funke des wissenschaftlichen Ethos vom Lehrer auf den Schüler überspringt. Freilich, auch in der Wissenschaft ist nicht jeder Tag ein Sonntag, und die Freude an wissenschaftlicher Erkenntnis erschließt sich nur demjenigen, der sie nachzuempfinden weiß, der also schon über eine gewisse geistige Reife verfügt. Hier liegt das eigentliche Problem der akademischen Lehre, 1 der Unterweisung von Mensch zu Mensch, die durch kein noch so gutes Lehrbuch ersetzt werden kann. Wo jedoch der persönliche Kontakt verloren geht, wie etwa in Vorlesungen, bei denen die Stimme des Professors mit akustisch-mechanischen Mitteln auch noch auf andere Hörsäle

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übertragen werden muß, da verliert die Idee der Universität, die Idee der Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden, ihren Sinn. Es muß die Aufgabe der Zukunft sein, der Universität ihren eigentlichen Sinn wiederzugeben; sie geriete sonst in die Gefahr, sich als Masseninstitut selbst aufzuheben, sie wäre nicht mehr fähig, ihre Erziehungsaufgabe zu erfüllen. Vor kurzem 6el mir ein interessanter Brief des Historikers und Staatsmannes B. G. Niebuhr in die Hände, den dieser am 24. Februar 1816 an Gneisenau gerichtet hat. 5 Gneisenau, der bekanntlich gegenüber dieser Alten Universität einige Jahre seiner Jugendzeit verlebte, hatte bei dem berühmten Gelehrten Niebuhr angefragt, ob man die neue rheinische Universität in Köln oder in Bonn errichten solle. Die Frage der Neugründung einer Universität in den Rheinlanden hatte seit dem Frühjahr 1814 die Gemüter bewegt. Die Antwort Niebuhrs ist eine Überraschung: er entscheidet sich eindeutig für Köln, nicht für Bonn. Wie bekannt, sind die Dinge dann doch anders gelaufen: es ist Bonn gewesen, das i. J. 1818 eine Universität erhalten hat, an der übrigens auch Niebuhr gewirkt hat, Köln dagegen hat fast noch genau ein Jahrhundert warten müssen, bis im Jahre 1919 die bereits von Niebuhr empfohlene Universität gegründet wurde. Ich möchte den Brief Niebuhrs hier nicht vollständig wiedergeben; manches, was der pessimistische und gallige Niebuhr über die damalige Lage an den deutschen Universitäten schreibt, ist in hohem Maße zeitbedingt und verdient es nicht, verewigt zu werden. Zwei Gedanken sind es jedoch wert, daß man sie hier zu Gehör bringt. Niebuhr schreibt: ,,Die große Schwierigkeit für das Gedeihen aller wissenschaftlichen Anstalten ist der epikuräische Zeitgeist, der strenge, durch Pflicht getriebene und durch das Gewissen belohnte Arbeitsamkeit scheut" - und an einer anderen Stelle, nach einem temperamentvollen Ausfall auf die Scheingelehrten: ,,Im Innern der einzelnen, da muß das Heil der Wissenschaft wie die Freiheit begründet werden." Das sind goldene Worte, die auch heute über dem Eingang jeder Universität stehen könnten. Wir sprechen wohl noch heute von den „freien Künsten". Das ist eine Übersetzung des lateinischen artes liberales, und bedeutet eigentlich „die Künste, die dem freien Mann anstehen". Der Gegensatz dazu wäre artes illiberales, das sind die Künste oder Fertigkeiten, die im Altertum auch der Sklave erlernen durfte. Mit ihren artes liberales wendet sich die deutsche Universität an die freie, verant- 1 wortungsbewußte Persönlichkeit. Der Bildung der Persönlichkeit gilt unsere Arbeit und unsere Sorge. Wir alle wissen, daß gerade in der Die Briefe Barthold Georg Niebuhrs, Bd. II, hg. von D. Gerhard und W. Norwin, Berlin 1929, 676 ff. Nr. 609. 5

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Ober die Zukunft unserer Universitäten

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Gegenwart so manche Forderungen an die deutschen Universitäten gestellt werden, berechtigte und unberechtigte. Dem einen ist die Universität zu wenig politisch, dem anderen zu rückständig, andere Kritiker halten die Berufungspolitik im einzelnen oder im ganzen für verfehlt, noch andere beklagen die Abhängigkeit der Universitäten vom Staate - man könnte diese kritischen Stimmen leicht noch vermehren. Niemand wird in Abrede stellen, daß an diesem oder jenem Vorwurf vielleicht etwas Wahres ist, auch die Universität ist eben Menschenwerk und als solches dem Irrtum unterworfen. Dennoch zielen diese oder ähnliche Vorwürfe am Kern der Universität vorbei. Denn der Mittelpunkt der deutschen Universität ist und bleibt die Wissenschaft, gegründet auf der humanitas, - heute und in Zukunft, solange es überhaupt eine deutsche Universität geben wird. Die Universität aber ist nicht eine Sache der Zahl, der materiellen Mittel, sie ist eine Sache des Menschen, der sich in ihr ein Denkmal seines lebendigen Geistes gesetzt hat.

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REDE, GEHALTEN

ZUR IMMATRIKULATION AM 14. DEZEMBER 1959

IN WÜRZBURG

Liebe Commilitonen! Als Rektor der Julius-Maximilians-Universität habe ich die aufrichtige Freude, Sie alle hier aufs herzlichste begrüßen zu können. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Sie alle, woher Sie auch immer kommen mögen, hier an unserer Universität das finden werden, was Sie hier suchen, die Wissenschaft, die sich für uns in den fünf Fakultäten verkörpert. Es ist ein ganz entscheidender Einschnitt im Leben des einzelnen, wenn er an einer Hochschule immatrikuliert wird. Die Schulzeit ist zu Ende, damit ist auch das Lernen beendet, nun beginnt etwas Neues, der ständige Kontakt mit der lebendigen Wissenschaft, der, wenigstens für einige unter Ihnen, in Ihrem ganzen Leben nicht mehr abreißen wird. Ich verhehle mir nicht, daß ich mit einem gewissen Bangen dem Ansturm der akademischen Jugend auf unsere Universität entgegensehe. Die steigenden Zahlen der Studierenden stellen uns immer aufs neue vor schwierige Probleme. Früher soll es dagegen gelegentlich vorgekommen sein, daß dem 1000. Studenten bei seiner Immatrikulation durch den Rektor eine goldene Uhr überreicht wurde - wie weit liegen diese wahrhafl: goldenen Zeiten schon zurück! Heute pflegt sich das Gesicht jedes Rektors in Sorgenfalten zu legen, wenn er die Zahl der Studierenden auf ein neues volles Tausend zueilen sieht. Wie soll dies alles weitergehen? Für die materiellen Bedürfnisse der Studierenden ist heute besser gesorgt als je zuvor. Zwar würden wir dieses oder jenes noch anders oder besser wünschen, aber zum mindesten für die Begabten unter den Studierenden sind heute Möglichkeiten der Förderung vorhanden, die weit über das hinausgehen, was in der Vergangenheit vorhanden gewesen ist. Unser aufrichtiger Dank gilt hier der Bundes- und Landesregierung, und es erscheint mir angebracht, an dieser Stelle eine Mahnung einzufügen: seien Sie sich immer dessen bewußt, daß von manchen Seiten, nicht zuletzt von Ihren Eltern, aber auch vom Staate, d. h. von der Allgemeinheit, Opfer gebracht und Lasten getragen werden, ohne die für viele unter Ihnen ein Studium an dieser Stätte nicht möglich wäre. Die Zeiten, in denen die Studierenden, soweit sie aus begüterten Familien stammten, ihr

z. Rede, gehalten zur Immatrikulation in Würzburg am 14. rz. r959

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Studium mehr oder weniger als eine reine Privatangelegenheit auffaßten, gehören unwiederbringlich der Vergangenheit an. Die großen sozialen Umschichtungen, die der r. und der 2. Weltkrieg im Gefolge hatten, haben das Bild der Gesellschaft nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus grundlegend umgestaltet. Auch Staatsgelder müssen verdient werden, wir müssen sparsam mit ihnen umgehen. Mit der Immatrikulation durchschreiten Sie, meine Damen und Herren, an der Universität das Tor zur Wissenschaft, die Zeiten, in denen Sie auf der Höheren Schule Ihr Pensum nach den Schulbüchern herunterarbeiteten, ist nun zu Ende: Lernen, im Sinne der Schule verstanden, können Sie auf der Universität nicht mehr; es ist ein grundlegender Irrtum, anzunehmen, daß an der Universität unterrichtet würde, so wie einst an der Schule. Die Aufgabe der Schule war der Unterricht, die Aufgabe der Universität ist die Wissenschaft, nichts anderes. Ihre Schulbücher dürfen Sie also - selbst wenn Sie Studierende der Philosophischen Fakultät sind - im Geiste verbrennen, sie taugen nicht mehr für die Universität. Sie betreten hier ein neues Land, das Sie sich erst erobern müssen. Was ist nun Wissenschaft? Die Wissenschaft ist Forschung und Tradition. Eine Anekdote möge Ihnen dies vor Augen führen. Der spätere Kaiser Wilhelm I. besuchte als Prinz von Preußen einmal die Sternwarte der Universität Bonn. Dabei richtete er an den Direktor der Sternwarte, Argelander (nach ihm heißt heute noch eine Straße in Bonn), folgende Frage: ,,Nun, mein lieber Argelander, was gibt es Neues am gestirnten Himmel?" Darauf Argelander: ,,Kennen kg!. Hoheit denn das Alte schon?" - Leider wird nicht berichtet, was der Prinz von Preußen auf diese Gegenfrage erwidert hat. - Sehen Sie, so ist es in der Wissenschaft. Das Neue, die Forschung, und das Alte, das bereits Erforschte, die Tradition - beides gehört zusammen, und nur derjenige, der beides beherrscht, ist ein Meister seines Faches. Es wird heute so viel Klage geführt, von Berufenen und von Unberufenen, über die angeblich viel zu weitgehende Spezialisierung an den Hochschulen. Der Studierende sollte sich hierdurch nicht abschrecken lassen. Auch im Handwerk kann niemand Schneider, Schlosser und Schuster in einer Person sein, auch hier gibt es eine sehr weitgehende Spezialisierung, auf dem Gebiete der Metallverarbeitung geht diese z. B. so weit, daß heute zahlreiche Berufsbezeichnungen existieren, die man vor etwa 20 Jahren noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Was aber dem ehrsamen Handwerk recht ist, das sollte auch der Hochschule billig sein. Wer heute Fortschritte in der Wissenschaft erzielen will, muß sich speziellen Problemen zuwenden, er muß auf seinem Gebiet Spezialist sein;

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2. Rede, gehalten zur Immatrikulation in Würzburg am z4. z2. z959

anders ist es heute nicht mehr möglich, vorwärtszukommen. Die Spezialisierung freilich tut es nicht allein, entscheidend ist, wie immer, die Persönlichkeit. Es wäre ein grundlegender Irrtum, annehmen zu wollen, daß der akademische Lehrer auf die Studierenden gerade als Spezialist wirke. Gerade das Gegenteil ist der Fall, die meisten seiner Hörer wissen gar nicht, auf welchen Gebieten er sich als Spezialforscher betätigt, er wirkt vielmehr durch sein Wort, sein Vorbild und seine Unterweisung in den Seminaren und Instituten. Es ist die Aufgabe jedes einzelnen akademischen Lehrers, nicht nur dem geistigen Durchschnitt seiner Hörer gerecht zu werden, sondern auch die wissenschaftlich interessierten seiner Hörer an sich heranzuziehen, denn auf diesen wenigen beruht die Zukunft der wissenschaftlichen Forschung, ohne die die Welt nicht bestehen kann. Ich betone dabei, daß es wichtige und unwichtige Fächer auf der Hochschule, gewissermaßen Haupt- und Nebenfächer im Sinne der Schule, nicht gibt und auch nicht geben kann: jedes Fach ist als solches autonom, und alle zusammen bilden die Idee und die Wirklichkeit der Universität. Wir akademischen Lehrer wissen natürlich sehr wohl, daß die überwiegende Mehrzahl von Ihnen hier die Ausbildung für den künftigen Beruf zu erwerben beabsichtigt. Diese Absicht ist etwas durchaus Natürliches, die Universität wird Ihnen dabei, soweit es mit den wissenschaftlichen Zielen vereinbar ist, behilflich sein: wir brauchen tüchtige Theologen, Juristen, Mediziner, Philologen, die sich in ihrem Beruf und im Leben bewähren: die Universität ist immer stolz darauf, zu erfahren, daß ihre ehemaligen Studierenden im Leben ihren Mann gestanden haben. Und dennoch kann und darf die Ausbildung für den künftigen akademischen Beruf nicht das alleinige Ziel sein: gerade diejenigen unter Ihnen, die einem praktischen Beruf zustreben, müssen bei uns Gelegenheit haben, Zugang zu den Quellen der Wissenschaft zu erhalten. Ich richte daher an Sie die nachdrückliche Bitte, Ihr Studium nicht allein als Fachstudium anzulegen. Bevor der künftige Beruf Sie ganz in seinen Bann ziehen wird, haben Sie hier noch einmal, zum letzten Male, die Gelegenheit, sich mit wichtigen allgemeinen wissenschaftlichen Problemen und Fragen zu beschäftigen. Bemühen Sie sich darum, hier auf der Universität die Grundlagen zu einem geistigen Weltbild zu legen. Vielerlei Möglichkeiten stehen Ihnen hierfür zur Verfügung: allgemein interessierende Vorlesungen, Vorträge auswärtiger Wissenschaftler, die Veranstaltungen der verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften innerhalb und außerhalb unserer Universität. Diese Gelegenheiten kehren im späteren Berufsleben nicht wieder, wenn Sie einmal im schönen Lohr, in Hammelburg oder in Gerolzhofen sitzen, so werden Sie von anderen Sorgen bedrängt, zu einer wissenschaftlichen Weiterbildung wird dann im allgemeinen keine Zeit

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Rede, gehalten z111Immatrikulation ill Würzburg am z4. n. z959

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und auch keine Gelegenheit mehr sein. Auch in dieser Beziehung heißt es für Sie: Carpe diem: Nütze den Tag! Unsere Julius-Maximilians-Universität führt ihren Namen nach dem Fürstbischof von Würzburg Julius Echter von Mespelbrunn, einer bedeutenden Figur aus der Zeit der Gegenreformation, und nach dem ersten bayerischen König Maximilian I. Joseph, unter dem diese Universität, endgültig im Jahre 1814, zu einer bayerischen Landesuniversität geworden ist. Unsere Universität hat seit ihrer Eröffnung im Jahre 1582 wechselvolle Schicksale durchwandert: noch heute aber lebt das Andenken an den Begründer der Hochschule nicht allein in der Alten Universität mit der Universitätskirche, der Neubaukirche, es lebt auch in den großen Stiftungen des Julius Echter, von ausgedehnten Wäldern in der Gegend von Haßfurt am Main und von einigen Gütern, die noch heute Eigentum unserer Hochschule sind. Wir sind stolz auf diese Besitzungen und tun alles, um sie für künftige Generationen zu erhalten. Eine andere Stiftung stellen die prachtvollen griechischen Vasen und die Gemälde dar, die der Maler und Bildhauer Martin von Wagner, ein Zeitgenosse Goethes, der Universität geschenkt hat: sie sind heute in der Residenz im Martin von Wagner-Museum vereinigt: versäumen Sie es nicht, in dieses wohl berühmteste Universitäts-Museum einen Blick zu werfen. Das Museum empfängt Besuch von Gästen aus der ganzen wissenschafl:lichen Welt, viele seiner Vasen finden sich in den maßgebenden Werken abgebildet und beschrieben. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat die Julius-Maximilians-Universität mehr oder weniger das beschauliche Leben einer kleinen deutschen Hochschule geführt. Das hat sich, bedingt durch den steilen Aufstieg der Naturwissenschaften, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegend geändert. Hier in Würzburg hat Wilhelm Conrad Röntgen im Jahre 1895 die nach ihm benannten Strahlen entdeckt, er wurde der erste Nobelpreisträger für Physik im Jahre 1901. Damals wirkte er bereits in München, aber die entscheidende wissenschaftliche Entdeckung des großen Physikers ist für immer mit Würzburg verbunden. Röntgen hat darauf verzichtet, auf seine Entdeckung ein Patent zu nehmen, er wollte sie der ganzen Welt zugute kommen lassen. Als Würzburg im März 1945, wenige Wochen vor dem Ende des furchtbaren Krieges, in Schutt und Asche sank, da lagen auch die meisten Universitätsinstitute in Trümmern. Nur wer Würzburg in den Jahren unmittelbar nach der Zerstörung gesehen hat, der wird ermessen können, welche gewaltige Aufbauarbeit hier seitdem geleistet worden ist. Sie, meine Damen und Herren, haben das Glück, hier in Seminaren und Instituten arbeiten zu können, die wenigstens zu einem Teil auch den modernen Ansprüchen genügen, die wissenschaftliche Arbeit ist hier auf allen Gebieten in vollem Gange, fast jedes Jahr

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sieht die Eröffnung neuer Institute, so daß von irgendwelcher Rückständigkeit nicht die Rede sein kann. Sie alle werden der Universität und dem, was diese Ihnen zu bieten hat, mit Erwartungen entgegentreten. Es wird nicht immer die Schuld der Universität sein, wenn sich diese Erwartungen nur zum Teil oder vielleicht überhaupt nicht erfüllen. Gewisse Mißverständnisse sind vor allem mit dem Begriff der akademischen Freiheit verbunden. Ich gestatte mir, dazu das folgende zu sagen: als immatrikulierte Studenten haben Sie die Freiheit, alle Vorlesungen und Übungen zu belegen, soweit diese nicht an besondere Voraussetzungen gebunden sind. Niemand kann Ihnen befehlen, diese oder jene Vorlesung zu besuchen oder nicht zu besuchen; was Sie im Studienbuch belegen und hören, ist Ihre Angelegenheit. Der Freiheit des Lernens entspricht die Freiheit des Lehrens. Was der Professor liest oder was er nicht liest, ist seine Sache: niemand kann ihm einen Vorwurf aus seinem Verhalten machen, und es gibt hier auf der Hochschule keinen ,Studiendirektor', der dafür zu sorgen hätte, daß das Pensum im Semester heruntergearbeitet wird. An diesen an und für sich sehr erfreulichen Zustand muß man sich, wenn man von der Höheren Schule kommt, erst allmählich gewöhnen: zum Erstaunen der jungen Studierenden kommt es immer wieder vor, daß gerade die besten Vorlesungen nicht fertig werden, der Professor bleibt im ersten Teil stecken, die Vorlesung erscheint zu breit angelegt, und wenn das Semester dem Ende entgegeneilt, so muß sich auch der Professor mit Siebenmeilenstiefeln wappnen. Erschrecken Sie bitte darüber nicht, die Sache hat trotz allem ihre Methode, wichtiger als das Fertigwerden ist nämlich die Tatsache, daß die Dinge von Grund auf betrachtet und von Grund auf dargestellt werden: es kommt wirklich nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität an: multttm, non multa - das wäre der richtige Wahlspruch für diese Fälle. In früheren Zeiten waren die Seminare die Pflanzstätten der jungen Wissenschaftler, durch die ständig größer werdende Überfüllung hat sich auch das Gesicht der Seminare verändert, versuchen Sie, auch hieraus das Beste zu machen, und vor allem versuchen Sie, von Anfang an selbst im Seminar mitzuarbeiten. Noch einen anderen Punkt, der mit in das Kapitel akademische Freiheit gehört, muß ich hier berühren: wir haben hier in Würzburg rnn jeher ein besonders erfreuliches Verhältnis zwischen der Universität und den Studentenverbindungen gehabt. Wir sind glücklich darüber, und als Rektor der Universität möchte ich an alle, die es angeht, die Bitte richten, dazu beizutragen, daß dieses Verhältnis auch in Zukunft ungetrübt bleibt. Die Universität schreibt niemandem den Eintritt in eine Verbindung oder das Gegenteil vor, sie erwartet aber von allen, die sich einer Verbindung anschließen, daß sie die aka-

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demischen Gesetze respektieren und daß sie für sich keine Ausnahmen beanspruchen. Darauf werden wir auch in Zukunft achten, und wir rechnen hier mit dem Verständnis aller, die es angeht. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gibt es auch eine akademische Gerichtsbarkeit. Wenn ein Studierender mit den Gesetzen in Konflikt gerät, so wird dies der Universität angezeigt. Der Rektor, unterstützt von einem Disziplinarausschuß, ist berechtigt, Strafen auszusprechen: sie erstrecken sich vom Verweis, der in das Studienbuch eingetragen wird, bis zur Streichung eines oder mehrerer Semester und zur Relegation, zur Verweisung von der Universität. Ich hoffe, daß ich Ihnen gegenüber von diesen Strafen keinen Gebrauch machen muß. Im Zusammenhang hiermit muß ich ·aber darauf hinweisen, daß die Öffentlichkeit an Studierende einen strengeren Maßstab anzulegen pflegt als an die Angehörigen anderer Stände, und das ist ganz natürlich: von einem Studenten, der das Privileg besitzt, an einer Hochschule zu studieren, erwartet man nicht nur wissenschaftliche Leistungen, sondern auch vorbildliches Betragen in der Öffentlichkeit. Als Rektor erwarte ich von Ihnen, daß Sie sich in jeder Lebenslage höflich und hilfsbereit zeigen, besonders auch bei den leider so oft vorkommenden Verkehrsunfällen: hier können Sie mit Recht beweisen, daß Sie zur Elite der deutschen Jugend gehören. Die äußeren Bedingungen des Studiums haben sich seit 1945 in ganz entscheidender Weise gebessert. Wenn auch noch nicht alles so ist, wie wir es wünschen würden, so kann man doch ohne Übertreibung behaupten, daß eine ganze Reihe unserer Institute modern ausgestattet ist und daß sich dadurch Arbeitsbedingungen ergeben, an die man vor einigen Jahren noch nicht einmal zu denken wagte. In die Zukunft können wir nicht blicken, aber das eine können wir mit Sicherheit sagen: daß die Generation, die heute unsere Hochschulen besucht, in etwa 20 oder 30 Jahren die führenden Stellungen in der deutschen Wissenschaft einnehmen wird. Diese Tatsache legt Ihnen, meine jungen Freunde, eine ernste Verpflichtung auf, der sich niemand unter Ihnen entziehen kann: wenn Sie studieren, so studieren Sie nicht für sich selber, Sie stehen hier als die künftigen Träger der deutschen Bildung und der deutschen Wissenschaft. Bleiben Sie sich immer dessen bewußt. - Es ist heute zur Mode geworden, gewisse Schattenseiten unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens unter die kritische Lupe zu nehmen. Da ich hier als Rektor spreche, möchte id1 es vermeiden, den Eindruck eines Bußpredigers hervorzurufen. Das Thema De moribus Germanorum, das einst Tacitus angeschlagen hat und das, wie man sieht, heute wieder aktuell ist, gehört nach meiner Auffassung nicht vor ein rein akademisches Forum. Die Sache der Universität ist die Wissenschaft, die Wissenschaft aber ist

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Rede, gehalten zur Immatrikulation in Würzburg am 14.12.1959

nicht eine Sache der Gesellschaft und der guten Sitten, sie ist eine Sache des Könnens, die Qualität entscheidet. Jeder von Ihnen, welcher Herkunft er auch sein mag, hat hier die gleiche Chance, die Universität fragt nicht nach Geburt, nach Stand oder Vermögen, sie fragt nach Leistung, die nur aus ruhiger, geduldiger Arbeit hervorgehen kann. Vor die Tugend haben die Götter den Schweiß gesetzt. Bemühen Sie sich redlich, den Kontakt mit der Wissenschaft zu finden, betrachten Sie auch die Ferien nicht allein unter dem Gesichtspunkt wohlverdienter Erholung. In den Ferien haben Sie reichlich Gelegenheit, das Gelernte zu überdenken und sich näher mit den angeschnittenen Problemen zu beschäftigen. Die Urteilsfähigkeit tut es im akademischen Leben nicht allein, so wichtig sie auch sein mag. Ebenso wichtig ist das positive Wissen, das heute leider auf der Schule viel zu kurz kommt. Legen Sie Ihr Studium verniinftig an, verschieben Sie nicht alles auf die letzten Semester vor dem Examen; was man in Eile und unter dem Druck des bevorstehenden Examens lernt, wird bald wieder vergessen. Wie Sie im einzelnen Ihr Studium gestalten wollen, das bleibt Ihnen überlassen: hier haben Sie mehr oder weniger Freiheit, zu wählen und auszuwählen. Ich muß hier noch einen Punkt berühren, der mir sehr am Herzen liegt: immer wieder stellen wir Professoren fest, daß die sprachliche Vorbildung der Studierenden im allgemeinen recht lückenhaft, vielleicht sogar ausgesprochen mangelhaft ist. Von den Alten Sprachen, von Latein und Griechisch, will ich hier gar nicht reden, obwohl diese nicht nur für das Studium der klassischen Philologie von Bedeutung sind. Viel schlimmer ist es, wenn man bemerkt, daß es auch mit der Kenntnis der modernen Fremdsprachen nicht zum besten steht. Glauben Sie bitte nicht, daß Sie mit ein wenig Schulenglisch hier Ihren Weg machen werden. Wer wissenschaftlich arbeiten will, kann auf das Französische und Italienische nicht verzichten, selbst die Kenntnis slavischer Sprachen ist heute auf manchen Gebieten notwendig geworden. Hier auf der Universität haben Sie noch einmal eine Gelegenheit, Ihre sprachliche Ausrüstung zu ,·ervollständigen durch die Lektoren, die den Angehörigen aller Fakultäten zur Verfügung stehen. Bemühen Sie sich bitte um das Französische und Italienische, nid1t damit Sie sich eventuell in Paris oder in Verona ein Mittagessen inclusive Wein bestellen können - die Kellner können zumeist genügend deutsch -, sondern mit dem Ziel, mit Kulturen bekannt zu werden, die Ihnen ohne Kenntnis der entsprechenden Sprachen vollständig verschlossen bleiben würden. Im Zeichen der entstehenden europäischen Gemeinschaft ist es absolut notwendig, daß sid1 die heutige akademische Jugend intensiver, als dies früher der Fall war, mit den fremden Sprachen und Kulturen beschäftigt. Ich kann also den Appell, recht viele moderne Sprachen zu lernen, hier nur nod1 einmal

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Rede, gehalten zur Immatrikulation in Wiirzburg am z4. r2. z959

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wiederholen. Wer die neuen Sprachen nicht beherrscht, dem werden die wissenschaftlichen Arbeiten der Gelehrten dieser Länder verschlossen bleiben. Unsere heutige Wissenschaft aber ist eine internationale und übernationale Wissenschaft, und zwar auf fast allen Gebieten, unsere eigene Forschung ist so eng mit derjenigen der fremden Gelehrten verbunden, daß wir die fremdsprachlichen Arbeiten nicht ignorieren können. Im September 1959 fand in Dijon in Frankreich die 2. Westeuropäische Rektorenkonferenz statt. An ihr haben nicht weniger als 2.00 Rektoren und Vizekanzler der westeuropäischen Universitäten und Technischen Hochschulen teilgenommen, von Bergen in Norwegen bis nach Ankara in der Türkei und bis nach Erzerum am Oberen Euphrat. Es war dies wohl die größte Manifestation des europäischen Gedankens, die jemals auf dem Gebiet der Wissenschaft stattgefunden hat. Diese große Versammlung hat versucht, Mittel und Wege zu finden, um die uns alle bedrängenden Probleme der akademischen Bildung zu lösen. Am erfreulichsten war die Feststellung, daß die humanistische Bildung (im weiten Sinne gefaßt) in diesem hohen Gremium nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hatte: immer wieder wurde darauf hingewiesen, daß die Grundlage der europäischen Bildung nur eine humanistische sein könne, d. h. eine solche, bei der der Mensch und die menschliche Bildung im Mittelpunkt stehen müssen. Diese Einstellung entspricht in jeder \Veise der unseren: die Universität ist keine Fachschule, sondern sie ist ein Bildungsinstitut, dazu bestimmt, ihre akademischen Bürger zu bilden und sie zu Persönlichkeiten zu formen, die im privaten und öffentlichen Leben Vorbilder sein können. Die 4 oder 5 Jahre, die Sie auf Deutschlands Hohen Schulen verbringen werden, sind eine lange Zeit, wenn man sie vor sich sieht. Diese Jahre richtig zu benutzen, ist Ihre wichtigste Aufgabe. Versuchen Sie nicht allein, sich positive Kenntnisse anzueignen, versuchen Sie am Leben der Allgemeinheit Anteil zu nehmen, die Zeiten, in denen Ihnen die Schule vorschrieb, was Sie zu tun und zu lassen hatten, sind nun vorüber: nehmen Sie Ihr Schicksal in Ihre eigenen Hände! Zum Schluß möchte ich es nicht versäumen, Sie aufzurufen zur Mitarbeit in der studentischen Selbstverwaltung. Ich bitte Sie, sich dafür zur Verfügung zu stellen, wenn der Ruf an Sie ergehen sollte. Hier haben Sie Gelegenheit, zu wirken und Verantwortung zu übernehmen, zum Wohle der Allgemeinheit. Beteiligen Sie sich auch an den Asta-Wahlen: es ist Ihre Sache, die im Asta verhandelt wird: tua res agitur. Und nun wünsche ich Ihnen ein gutes erstes Semester an unserer Alma mater Herbipolensis. Daß diesem ersten Semester noch so manche glücklichen und erfolgreichen Semester folgen mögen, das ist mein aufrichtiger Wunsch in dieser Stunde.

3· BARTHOLD GEORG NIEBUHR UND DIE IDEE DER UNIVERSALGESCHICHTE DES ALTERTUMS 1

Hochansehnliche Festversammlung! Vor genau 200 Jahren, im Jahre 1760, wurden in Dänemark die letzten Vorbereitungen für eine wissenschaftliche Expedition getroffen. Diese Expedition ist unseres Wissens eine der ersten, die je von einem modernen Staat geplant und auch durchgeführt worden ist. Angeregt hatte sie ein Deutscher, der Göttinger Alttestamentler Michaelis. Dieser Theologe war es, der dem dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, dem „älteren Bernstorff", den Gedanken vorgetragen hatte, daß die Kenntnis des Landes Arabien für die philologische und historische Erforschung des Alten Testaments von grundlegender Bedeutung sein müßte. Zunächst hatte man nur die Entsendung eines einzigen Orientalisten ins Auge gefaßt. Zum Glück ließ man aber diesen Gedanken wieder fallen und beschloß, eine fünfköpfige Expedition für den Orient zusammenzustellen. Die wissenschaftlichen Teilnehmer waren ihrer drei: der Philologe von Haven, ein Däne, der Botaniker Forskal, ein Schwede, und der Ingenieur Carsten Niebuhr, ein Niedersachse. Dazu kamen als Expeditionsarzt ein gewisser Dr. Cramer und als Zeichner der Maler Bauernfeind. Um es gleich vorwegzunehmen: die Zusammensetzung der Expedition war in personeller Hinsicht nicht gerade glücklich. Auch wenn man von dem vernichtenden Urteil absieht, das Carsten Niebuhr über seine Reisegefährten und ihr Verhalten auf der Expedition - mit der einzigen Ausnahme von Forskäl - gefällt hat, so mußte es von vornherein als bedenklich erscheinen, daß man nicht einmal den Versuch gemacht hatte, den bedeutendsten Arabisten jener Zeit, den Deutschen Joh. Jac. Rciske, zu gewinnen. Diese Unterlassung wiegt um so schwerer, wenn man weiß, daß Reiske damals buchstäblich mit

1 Würzburger Rektoratsrede, gehalten am Julius-Maximilians-Universität.

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Mai 1960 zum 378. Stiftungsfest der

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3. B. G. Niebuhr u11ddie Idee der Universalgeschichte des Altertums

dem Hunger zu kämpfen hatte. Aber Michaelis war ihm nicht gewogen, und Reiske hatte sich auch sonst so manche persönlichen Feinde gemacht. Die kleine Expedition reiste mit einem dänischen Kriegsschiff, der „Grönland", das die Aufgabe hatte, den Schutz der dänischen Interessen im Mittelmeer wahrzunehmen. Schon die Abfahrt war kein gutes Omen: nicht weniger als dreimal mußte die „Grönland" I wegen widriger Winde auf die Reede von Helsingör zurückkehren, erst die 4. Ausfahrt, am IO, März I76I, war endlich von Erfolg gekrönt. Dänemark genoß in jener Zeit die Segnungen eines langen Friedens, der von den europäischen Kabinettskriegen nicht gestört wurde. So ist es kein Wunder, wenn die Geschichte von dem dänischen Könige Friedrich V. (I746-I766) nur wenig zu berichten weiß. Immerhin war es bekanntlich dieser Herrscher, der dem Dichter des ,Messias', Klopstock, zur Vollendung des Werkes ein Jahresgehalt ausgesetzt hat - was wir dem König und seinem Ratgeber, dem Grafen Adam Moltke, nicht vergessen sollten. In jenen Tagen umfaßte der dänische Gesamtstaat neben dem Stammland auch Norwegen und große Teile SchleswigHolsteins. Nach außen hin war es ein sehr bedeutender Staat, der nahezu die gesamte Ostflanke der Nordsee einnahm. Dazu verfügte der dänische Gesamtstaat über weitreichende Seeverbindungen, die sich bis Island und Grönland, ja sogar bis nach Westindien erstreckten. Ganz wolkenlos war freilich auch der Himmel über Kopenhagen nicht. Das Haus Holstein-Gottorp, das mit dem dänischen Königshause rivalisierte, hatte I75I die Krone Schwedens erlangt, und in den ersten Tagen des Jahres r762 bestieg ein weiteres Mitglied des Hauses Gottorp, der Herzog Karl Peter Ulrich, als Peter III. den russischen Thron. Sofort flammte der alte Streit zwischen dem Hause Gottorp und der Krone Dänemark um Schleswig-Holstein wieder auf, man befürchtete in Kopenhagen allen Ernstes einen Krieg mit Rußland. Da wurde der neue Zar Peter III. am r7. Juli r762 nach einer Regierung von nur 6 Monaten ermordet. Nicht nur in Kopenhagen, auch in Wien atmete man spürbar auf, hatte doch Peter III. aus seiner Sympathie für den Preußenkönig Friedrich II., den wir Friedrich den Großen nennen, kein Hehl gemacht und dadurch zu einer entscheidenden Wende des 3. Schlesischen Krieges beigetragen. Mit diesem großen Kriege aber war das Ringen zwischen England und Frankreich um die Kolonien in der Neuen Welt und um die Vorherrschaft in Indien verflochten. Im Frieden von Paris (r763) erreichte Großbritannien einen gewaltigen Zuwachs seiner Besitzungen, vor allem in Kanada und Nordamerika, mit den Eroberungen Clives in Indien war auch hier bereits der Grund zur britischen Herrschaft gelegt. Es ist nun an der Zeit, das Schicksal der kleinen dänischen Orientexpedition

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3. B. G. Niebuhr ttnd die Idee der Universalgeschichte des Altertums

weiter zu verfolgen. Sie betrat im September 1761 in Ägypten den Boden des Orients. Hier blieb man ein volles Jahr. Carsten Niebuhr stellte Messungen an den Pyramiden an und kopierte eine Reihe hieroglyphischer Inschriften, die damals noch niemand zu deuten wußte. Die tadellosen Abschriften können wir noch heute in dem großen Reisewerk Niebuhrs bewundern. ! Ober Suez und Dschidda erreichte man endlich Südarabien, das Land Jemen. Hier starben von den 5 Teilnehmern zwei, von Haven und Forskäl; auf der Seereise von Mocha nach Bombay verschied auch der Zeichner, nach der Landung in Indien der Expeditionsarzt, so daß nur noch Carsten Niebuhr übrig war. Dieser hatte in Bombay Gelegenheit, aufgrund eigener Beobachtungen eine Seekarte des Roten Meeres zu entwerfen; sie ist später von großer Bedeutung für die Indienfahrt der Briten geworden und hat dadurch einen neuen Weg des Welthandels erschlossen. Ober Maskat und Oman wandte sich Niebuhr n:ich Persien, er ist einer der ersten Europäer, der die Ruinen von Persepolis besichtigt hat. Hier blieb er mehrere Wochen und ließ es sich nicht verdrießen, die Inschriften der altpersischen Könige in Keilschrift abzuzeichnen, die er ebensowenig verstand wie vorher die Hieroglyphen. Dabei mutete er seinen Augen zuviel zu, so daß ihm ein dauernder Schaden zurückgeblieben ist. Im Juni 1766 finden wir Carsten Niebuhr in Aleppo, im Februar 1767 in Konstantinopel, das er auf dem Landwege durch Anatolien erreicht hatte. Vorher hatte er Abstecher nach Cypern und Palästina unternommen. Auf dem \Vege über Warschau, wo er von dem polnischen Könige Stanislaus Poniatowsky ehrenvoll empfangen wurde, und über Göttingen kehrte er schließlich nach Kopenhagen zurück. Mehr als 6½ Jahre war er abwesend gewesen, als er im November 1767 wieder den Boden der dänischen Hauptstadt betreten konnte. Mitten in den Vorbereitungen für sein Reisewerk über Arabien begriffen, wurde Carsten Niebuhr durch den Sturz des älteren Bernstorff schmerzlich überrascht. Es kam die Zeit, in der Struensee die Regierung des dänischen Gesamtstaates an sich riß, ein Mann von großer Begabung und ebenso großer Skrupellosigkeit. Niebuhr war die Ära Struensee in tiefster Seele zuwider, er hat dem neuen Mann niemals auch nur die geringste Beachtung geschenkt. Mit dem Sturze Struensees 1772 war dieses Kapitel dänischer Geschichte beendet, im gleichen Jahre erschien Niebuhrs „Beschreibung von Arabien". Das Hauptwerk folgte 1774 und 1778 in zwei Bänden; es trug den Titel „Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern", es ist reich bebildert und noch heute eine kulturhistorisch interessante Lektüre. Im Jahre 1778 siedelte Carsten Niebuhr mit seiner Familie von Kopenhagen nach Meldorf in Süderdithmarschen über; hier war ihm das Amt des Landschreibers übertragen worden. Noch in Kopenhagen, im Jahre 1776, war ihm

3. B. G. Niebuhr und die Idee der Universalgeschichte des Altertums

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ein Sohn geboren worden, es ist Barthold Georg Niebuhr, der spätere Gelehrte und Staatsmann, von dem die folgenden Ausführungen handeln werden. Die orientalische Expedition ist das große Erlebnis des Bauernsohnes Carsten Niebuhr gewesen, und auch der geniale Sohn Barthold I Georg hat zeitlebens unter dem Eindruck dieser Reise gestanden, die den Vater zu einer europäischen Berühmtheit gemacht hatte. Mit illustren Gelehrten wie mit dem französischen Orientalisten Silvestre de Sacy und mit dem deutschen Gräzisten und Arabisten Joh. Jacob Reiske hatte Carsten Niebuhr in Korrespondenz gestanden, mit Heinr. Christ. Boie und mit Joh. Heinr. Voß, dem Homerübersetzer, war der Vater eng befreundet - kein Wunder, wenn dem Sohne so manche Türen offenstanden ! In das Leben und Denken des jungen Barthold Georg Niebuhr erhalten wir einen hervorragenden Einblick durch seine Briefe, sie lassen die geistige und politische Entwicklung dieses einzigartigen Mannes klar hervortreten. Der Jugend in dem reizlosen Landstädtchen Meldorf folgte seit 1794 die Universitätszeit in Kiel. Von 1796 bis 1798 war der junge Niebuhr Sekretär des dänischen Finanzministers, des Grafen Schimmelmann. 1798 folgte eine Reise nach Großbritannien - seit dieser Zeit war er ein unbedingter Verehrer des meerbeherrschenden Britannien -, von 1800 bis 1806 finden wir ihn im ostindischen Büro des Ökonomie- und Kommerzkollegiums in Kopenhagen. Er war 30 Jahre alt, als die große Wende in seinem Leben eingetreten ist: aufgefordert von dem Freiherrn vom Stein, trat Barthold Georg Niebuhr in den preußischen Staatsdienst über. Er war nur wenige Tage in Berlin, als Preußens Heer auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 von der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe gestürzt wurde. Niebuhr aber hat die Prüfung seines Charakters bestanden: er rettete mit anderen zusammen die preußische Staatskasse aus Berlin in den Osten, nach Königsberg, Memel und schließlich nach Riga. Diese Erlebnisse erst haben Niebuhr zum Manne gemacht, auch in der Not ist er dem preußischen Staate treu geblieben und hat ihm bis zum Jahre 1810 gedient. Nach einem Konflikt mit dem Staatskanzler Graf Hardenberg schied er aus dem aktiven Dienst aus und wurde mit dem Titel eines „Historiographen des preußischen Staates" verabschiedet. Dieser Titel ist um so bemerkenswerter, wenn man weiß, daß Niebuhr bis dahin noch nichts Historisches veröffentlicht hatte. Als ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften (seit 1810) hielt er an der neugegründeten Universität Berlin historische Vorlesungen; es war das Manuskript seiner später so berühmten „Römischen Geschichte", die dann in den Jahren 1811 und 1812 erschienen ist, ein Werk, das völlig neue Grundlagen für eine Epoche geschaffen hat, die bisher noch niemals eine wirklich kritische Behandlung erfahren hatte.

3. B. G. Niebuhr und die Idee der Universalgesd1ichte des Altertums

Die Römische Geschichte Niebuhrs hat eine neue Epoche der Geschichtswissenschaft inauguriert, und alle Historiker ohne Ausnahme, auch I die, die sich zu seiner Schule nicht bekennen, sind Schüler Niebuhrs (Th. Mommsen). Die weitere Laufbahn Niebuhrs ist bald erzählt: er wurde 1816 preußischer Gesandter am Vatikan, dort hat er sich um den Abschluß des preußischen Konkordats mit dem hl. Stuhl sehr verdient gemacht. Seit 1825 lebte er in dem damals noch sehr stillen Bonn, in freier Verbindung mit der erst wenige Jahre zuvor (1818) gegründeten Universität. Obwohl sein Dasein auch hier nicht ganz ohne Erschütterungen geblieben ist, so waren doch die wenigen Bonner Jahre der Höhepunkt seines an Wechselfällen so reichen Lebens. Hier in Bonn hat er auf die akademische Jugend durch seine Vorlesungen einen tiefen Einfluß ausgeübt; gemeinsam mit Böckh und Brandis gründete er 1827 das „Rheinische Museum", das noch heute floriert, und schließlich nahm er als Herausgeber das Bonner Corpus der byzantinischen Historiker in Angriff. Wenn er mit diesem Corpus auch keine reine Freude erlebt hat, so hat diese Edition doch den byzantinischen Studien, nicht allein in Deutschland, einen beträchtlichen Auftrieb gegeben. Als Niebuhr am 2. Januar 1831, noch nicht 55jährig, in Bonn verschied, da trauerte um ihn die ganze gelehrte Welt. Die europäische Gelehrtenrepublik hatte einen ihrer anerkannten Führer verloren, ein Verlust, der auch von Goethe aufrichtig betrauert wurde. Es ist im übrigen sehr bezeichnend, daß sich Goethe mehr für die Persönlichkeit als für die historischen Forschungen Niebuhrs interessiert hat. Seinen gleichfalls berühmten Vater hatte der jüngere Niebuhr nur um 15 Jahre überlebt: Carsten Niebuhr war 1815, im Alter von 82 Jahren, nahezu erblindet, heimgegangen, das Schicksal hatte es ihm noch vergönnt, den Sturz des von ihm grimmig gehaßten Napoleon zu erleben. Unter den Vorlesungen der II Bonner Semester, die B. G. Niebuhr tätig gewesen ist, findet sich eine, die ein völliges Novum darstellt: sie hatte eine Gesamtgeschichte der Alten Welt zum Gegenstand, ,·on den Anfängen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem die verschiedenen Völker und Staaten im römischen Weltreich aufgegangen sind. Den Endpunkt des Ganzen bildete die Schlacht bei Actium (31 v. Chr.), in der Octavian seinen Rivalen Antonius niedergerungen und dadurch die Grundlagen für ein durch das Römertum bestimmtes Universalreich geschaffen hat. Als Folie diente Niebuhr dabei das Geschichtswerk des Pompejus Trogus, eines romanisierten Kelten aus augusteischer Zeit. Dieses Werk führt den Titel „Historiae Pbilippicae", es ist leider nur in einem recht unzulänglichen Auszuge, der Epitome des Justinus, wahrscheinlich aus dem 3. Jh. n. Chr., erhalten. Niebuhr betitelte seine Vorlesung dementsprechend „Alte Geschichte nach Justins Folge" oder, wie sie im Bonner Lections- 1

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katalog für das Wintersemester 1829/30 angekündigt wurde: historia aevi antiqui, eo ordine iisque limitibus qui in ]ustini libris servantur. Zweimal hat Niebuhr diese nachmals so berühmte Vorlesung gehalten, zuerst im Sommer 1826, und dann, in wesentlich erweiterter Form, während zweier Semester, im Winter 1829/30 und im Sommer 1830. Bei der Gestaltung des Stoffes ließ sich Niebuhr von dem Gedanken leiten, daß allein eine philologische Disposition der Geschichte des Altertums gerecht werden könnte. Er spricht es offen aus: diese philologische Disposition hat zur Folge, daß diejenigen Völker, die wie die Chinesen, die Japaner und die Inder von jenseits des Ganges keine Beziehungen zur Welt des klassischen Altertums gehabt haben, aus der Betrachtung ausscheiden müssen. Selbst die Geschichte des jüdischen und des germanischen Volkes könne nur insoweit berücksichtigt werden, als diese Völker an der Geschichte des klassischen Altertums beteiligt waren. Für Niebuhr teilt sich die Geschichte des Altertums in zwei große Kreise; von ihnen wird der eine durch die Geschichte der Römer, der andere durch die Geschichte der Nichtrömer gebildet. Dabei sind in die nichtrömische Geschichte neben den Griechen auch all jene Völker einzubeziehen, von denen uns die Hellenen eine historische Kunde hinterlassen haben, d. h. also die Babylonier, die Assyrer, Ägypter, Meder, Skythen u. a. Wie man nun zu der Auffassung der Alten Geschichte durch Niebuhr auch stehen mag - sie erscheint uns heute in ihrer einseitig unter philologischem Aspekt aufgebauten Disposition erweiterungsbedürftig - eins ist ganz sicher, und das zeigt auch die posthume Drucklegung, die sein Sohn Marcus Niebuhr 1847-1851 vorgenommen hat - hier liegt eine universale Auffassung vor, die sich für die Entwicklung der althistorischen Studien als außerordentlich anregend und fruchtbar erwiesen hat. Niebuhr hatte recht, wenn er aud1 im Hinblick auf die Geschichte des Alten Orients von der Überlieferung der Antike ausging, mochte diese zu seiner Zeit auch noch so unbefriedigend sein. Aber Niebuhr hat noch mehr getan: er hat, wenigstens in Ansätzen, an der in seinen Tagen im Gange befindlichen Arbeit an der Entzifferung der altorientalischen Sprachen Anteil genommen. Der Entzifferung der Hieroglyphen durch den genialen Franzosen Champollion steht er, nur vier Jahre nach dem berühmten Brief Champollions an Dacier vom 14. September 1822, wohlwollend und im ganzen positiv gegenüber. Und in der Behandlung der altmesopotamischen Geschichte findet sich in seinen Vorlesungen natürlich auch der Name Grotefends (1, 120), dem, wie bekannt, im Jahre 1802 als jungem Gymnasiallehrer die Entzifferung der Keilinschriften der Achämeniden gelungen war. Niebuhr sagt I dazu: ,,Die Namen, welche St. Martin und Grotefend in den Inschriften zu Persepolis entziffert haben, stimmen vollkommen mit den Namen des Hera•

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dot und des ptolemäischen Kanon überein: Xerxes und Darius werden in Formen gelesen, die der Zend-Sprache ganz angemessen sind." Es ist kein Zweifel: auch hier hatte der Historiker Niebuhr das Richtige gesehen, die spätere Forschung hat ihm vollständig recht gegeben. Wer die Schriften Niebuhrs kennt, der weiß von der Sympathie, die dieser Mann für den Orient zeit seines Lebens empfunden hat, und zwar nicht nur für den Alten Orient, sondern gerade auch für seine moderne Entwicklung. Er bedauert zwar das negative Ergebnis der Kreuzzüge, er steht aber anderseits nicht an, etwa die Leistung der ersten Kalifen zu bewundern, dazu ist er mit der arabischen Historiographie vertraut, und auch die Problematik der sog. orientalischen Frage ist für ihn nichts Fremdes gewesen. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir in diesen Interessen das geistige Erbe seines Vaters wiederentdecken, der den Orient aus eigener Anschauung kannte und der seine Sympathien und Antipathien, insbesondere auch seine Abneigung gegen die Türken, auf den Sohn übertragen hat. Diese Feststellung ist von großer geistesgeschichtlicher Bedeutung: wir erkennen hier eine sehr wichtige Komponente, die zur Formung der universalhistorischen Auffassung Entscheidendes beigetragen hat. Gewiß hatte es gerade auch im 18. Jahrhundert die sog. Allgemeinen Welthistorien gegeben, riesige Enzyklopädien, in denen die gesamte Weltgeschichte, auch die des Altertums, behandelt worden war. In diesen Kompilationen lebt die Idee von den 4 Weltreichen, die im Anschluß an eine berühmte Stelle des Buches Daniel (2, 3I f .) nicht allein die Geschichtsschreibung der Spätantike seit der Chronik des hl. Hieronymus, sondern auch die des Mittelalters beherrscht. Ich darf hier nur etwa an das Werk des Sleidanus „De quattttor stmzmis imperiis" (1556) erinnern, aus dem beispielsweise noch der spätere Preußenkönig Friedrich Wilhelm 1. Geschichte gelernt hat. Ganz anders Niebuhr. Wenn auch nicht zu übersehen ist, daß die philologische Erforschung der Sprachen des Alten Orients zu seiner Zeit noch in den allerersten Anfängen steckte, so zeigen doch seine Vorlesungen in der Verbindung von Quellenkritik, historischer Landeskunde und universaler Gesamtauffassung des Geschichtsablaufes etwas ganz Neues. Die Betrachtungsweise Niebuhrs stellt einen neuen Anfang dar. Dieser neue Anfang aber ist nicht denkbar ohne I das Vorbild des Vaters, seine Gestalt und seine Leistungen werden in den Bonner Vorlesungen immer wieder lebendig. Wie bekannt, ist es nicht B. G. Niebuhr, sondern Eduard Meyer gewesen, der die Idee der antiken Universalgeschichte zum ersten - und, wie es scheint, vorläufig auch zum letzten Male - in die Tat umgesetzt hat. Die geistige Verbindung zwischen den beiden Historikern ist ein geschichtliches Faktum. In

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einem Brief aus dem Jahre 1930, seinem letzten Lebensjahr, hat es Eduard Meyer (geb. 1855 zu Hamburg, gest. 1930 zu Berlin) selbst ausgesprochen, daß es Niebuhrs „Vorträge über alte Geschichte" gewesen seien, die auf ihn als Gymnasiasten stark gewirkt hätten. Außerdem war der Direktor des Hamburger Johanneums, das Meyer besucht hat, ein Bonner Hausgenosse Niebuhrs: es war Johannes Classen, der bekannte Thukydidesforscher. Johannes Classen aber war der Lehrer Eduard Meyers. Gleich Niebuhr ist auch Meyer von Jugend auf mit dem Altertum vertraut gewesen. Schon als Gymnasiast hatte er historische Karten zu Strabon gezeichnet, und als er, 17jährig, die Universität Bonn bezog (1872.),da brauchte er die historische Methode nicht mehr zu erlernen, er hatte sie sich durch eigene Arbeit an den antiken Quellen längst angeeignet, so daß ihm die historischen Kollegien nichts Neues zu bieten vermochten. Seine Studienjahre benutzte er vielmehr zur Erlernung der orientalischen Sprachen, vor allem des Ägyptischen und des Arabischen. Seine Lehrer waren der Ägyptologe Georg Ebers, den die heutige Generation höchstens noch als den Verfasser von historischen Romanen kennt, und der Arabist Fleischer, beide in Leipzig. Als Privatdozent ließ er sich im Seminar von Friedrich Delitzsch in die Geheimnisse der Keilschrift einführen. Diese weitgespannte sprachliche Vorbildung eines primär historisch interessierten Geistes war damals etwas ganz Ungewöhnliches. Seit Niebuhr hatte sich niemand mehr diese Mühe gemacht, und die Orientalia waren eine Domäne der Spezialisten geworden, nicht immer zum Vorteil der Sache. An universalhistorischen Versuchen fehlt es freilich in der Zeit zwischen Niebuhr und Eduard Meyer nicht ganz. In den Jahren von 1852. bis 1857 hatte Max Duncker eine vierhändige Geschichte des Altertums veröffentlicht. Sie war aus einer Neubearbeitung der Becker'schen Weltgeschichte hervorgegangen, die im vorigen Jahrhundert als Lehr- und Nachschlagewerk auch in so manchen Privatbibliotheken zu finden war. Max Duncker, einer der politischen Historiker des vergangenen Jahrhunderts, war sicherlich ein allseitig gebildeter Mann, der sich dazu um die neuere Geschichte unbe- 1 streitbare Verdienste erworben hat - von den altorientalischen Sprachen verstand er zu wenig, anderseits war auch die altorientalische Philologie noch nicht weit genug fortgeschritten, um eine verläßliche Grundlage für historische Forschungen bieten zu können. Ganz anders war die Lage dreißig Jahre später, um 1880, als Eduard Meyer, 25jährig, mit dem Mute der Jugend an seinem großen Werk, einer „Geschichte des Altertums", zu schreiben begann. Die überraschenden Funde im Zweistromlande in den 4oer und 5oer Jahren des 19. Jhs. hatten das Interesse der Gebildeten aller Kulturländer auf den Alten Orient gerichtet. Botta, der fran3 Bengtson, Kleine Schriften

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zösische Konsularagent in Mossul, hatte in Chorsabad den Palast des Assyrerkönigs Sargon wiederentdeckt, in Nimrud, dem alten Kalach, hatte Henry Layard gegraben (seit 1845). Der Brite ist der Wiederentdecker der Paläste der alten Assyrerkönige, außerdem hat er durch ein romanhaft geschriebenes Buch die Phantasie seiner Zeitgenossen aufs höchste angeregt. Hormuzd Rassam endlich fand in Kujundschik, dem alten Ninive, die Bibliothek des Königs Assurbanipal wieder, deren Keilschrifttexte zu den Schätzen des Britischen Museums zu London gehören. Im Jahre 1857 hatte die Kgl. Asiatische Gesellschaft in London an vier Gelehrte die Abschrift eines längeren assyrischen Textes, eine Inschrift des assyrischen Königs Tiglatpilesar I., versandt. Die unabhängig voneinander vorgenommenen Bearbeitungen durch vier prominente Assyriologen zeigten, daß die Keilschrift nunmehr als im wesentlichen entziffert gelten konnte. Freilich gab es später noch Rückschläge, so als im J. 1876 der Historiker Alfred v. Gutschmid in einer Streitschrift die Grundlagen der Entzifferung in Frage zu stellen versuchte, aber der Angriff stieß bereits ins Leere, und in der Folgezeit sind es vor allem Eberhard Schrader und Friedrich Delitzsch gewesen, die die assyriologische Wissenschaft auf sichere Grundlagen gestellt haben. Eduard Meyer kam gerade zur rechten Zeit. Als ausgebildeter Ägyptologe - er hatte mit einer Arbeit über den ägyptischen Gott Seth-Typhon promoviert -, vertraut auch mit den Fortschritten der Assyriologie, konnte er an die Arbeit gehen, und schon nach vier Jahren, 1884, erschien der 1. Band seines Werkes; mit dem 5. Band (1902) führte er die Geschichte der Alten Welt bis in die Zeit um 360 v. Chr. herab, d. h. er gelangte bis zur großen Zeitenwende, die durch den Aufstieg Makedoniens unter König Philipp II. bezeichnet wird. Ich darf hier vielleicht einschalten, daß etwa 40 Jahre nach dem Erscheinen dieses 5. Bandes ein anderer Historiker, Ernst Kornemann, an Eduard Meyer anzuknüpfen versucht hat. Ich meine hier I Kornemanns „Weltgeschichte des Mittelmeerraumes von Philipp II. bis Muhammed" (360 v. - 640 n. Chr.). Der Titel sollte ursprünglich lauten: ,,Weltgeschichte der 1000 Jahre von Philipp II. bis Muhammed", er wurde aber wegen gewisser zeitgeschichtlicher Reminiszenzen geändert. Noch heute stehen wir mit Bewunderung vor dem einzigartigen Werk, das Eduard Meyer in Angriff genommen und wenigstens zu einem großen Teil auch ausgeführt hat. Wir besitzen in dieser „Geschichte des Altertums" ein auf ausgebreiteter Kenntnis der literarischen, inschriftlichen und monumentalen Quellen aufgebautes Geschichtswerk, das in großzügiger Weise die Völker und Kulturen der Alten Welt in den Gang der Universalgeschichte einordnet. Der

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historische Horizont weitet sich hier in großartiger Weise von Indien bis nach Nordeuropa. Auch in vielen Einzelheiten waren die Fortschritte ganz beträchtlich. Eduard Meyer ist der erste gewesen, der zu einer wirklichen Periodisierung der altägyptischen Geschichte mit ihren Höhepunkten und Verfallszeiten Entscheidendes beigetragen hat, er ist als erster der weltgeschichtlichen Rolle des achämenidischen Perserreiches gerecht geworden, und seine scharf zupakkende Kritik hat auch vor den schwierigen Problemen der griechischen und italischen Frühgeschichte nicht kapituliert - so lückenhaft das Materiai damals auch noch sein mochte. Wir stehen hier vor dem Werk eines universalhistorisch geschulten und universalhistorisch denkenden Forschers, einem Werk, das auf die geschichtliche Forschung seiner Zeitgenossen den tiefsten Eindruck hinterlassen hat. Nicht als ob seine Auffassung von allen geteilt worden wäre, im Gegenteil, wir haben Urteile des alten Mommsen, die zeigen, daß er Eduard Meyer gar nicht verstand. In einem Brief vom 3. Januar rS94 an seinen Schwiegersohn v. Wilamowitz schreibt Mommsen über den 2. Band der Geschichte des Altertums: ,,Daß der Pelion auf den Ossa gesetzt, der Horizont von Babylon nach Gades erstreckt wird, ist wohl grandios; aber ich fürchte, im Grunde falsch, und die Handbuchform für ein Geschichtswerk ist für mich kaum erträglich. Das narrare versagt ganz bei diesem capitulatim geschriebenen Buch." In einem Punkte hatte Mommsen recht: ein literarisches Kunstwerk ist Meyers Geschichte des Altertums nicht, ebensowenig wie Niebuhrs „Römische Geschichte" mit ihrem Nebeneinander von Forschung und Darstellung. Aber dennoch bleibt diese Geschichte des Altertums ein eindrucksvolles Dokument eines Geistes, der mit vollendeter historischer Technik vergangene Kulturen wieder zum Leben erweckte, ihre Menschen in unübertrefflicher Weise charakterisierte und auf dem allgemeinen Hintergrunde den Leistungen der einzelnen Männer und Völker gerecht zu werden vermochte. I Wie für jeden echten Historiker, so war auch für Eduard Meyer die Gesamtgeschichte ein einziges Continuum. Als Frucht seines Aufenthaltes in Nordamerika schrieb er nicht nur ein Buch über die Vereinigten Staaten, sondern auch ein Werk über die Entstehung der Sekte der Mormonen. Im ersten Weltkrieg verfaßte er eine zornige Broschüre über England, und als Oswald Spengler sein Werk „Der Untergang des Abendlandes" erscheinen ließ, da war Eduard Meyer unter den Historikern der einzige, der diesem Werk in einer großzügigen und noblen Rezension gerecht wurde, indem er Spenglers Buch mit Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" verglich. Im übrigen nahm er an der Tagespolitik den lebhaftesten Anteil, durch Propaganda ließ er sich nicht beeindrucken. Gegenüber gewissen Friedensschalmeien hatte er bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts ein Zeitalter blutiger

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imperialistischer Auseinandersetzungen vorausgesagt - leider sollte er auch hierin recht behalten. Eduard Meyers Konzeption der antiken Universalgeschichte ist bis in die jüngste Zeit die herrschende geblieben, nicht nur in Deutschland, sondern auch weithin im Ausland. Allerdings hat es an Rückschlägen nicht gefehlt. Es hat eine Zeit gegeben, in der die universalhistorische Auffassung starken Angriffen ausgesetzt war, vor allem in den Jahren nach 1933. Diese Dinge gehören nunmehr einer vergangenen Epoche der Wissenschaftsgeschichte an, aber um der historischen Gerechtigkeit willen muß hier gesagt werden, daß es in der deutschen Wissenschaft an Verteidigern der antiken Universalhistorie auch in jenen Jahren nicht gefehlt hat: ich darf hier meinen Lehrer Walter Otto in München nennen, der sich in ganz unerschrockener Weise für diese Idee eingesetzt hat. Wo steht nun die antike Universalhistorie heute, 30 Jahre nach dem Tode Eduard Meyers, 130 Jahre nach dem Tode B. G. Niebuhrs? Was zunächst die Geschichtsschreibung betrifft, so hat Ed. Meyer keinen ebenbürtigen Nachfolger gefunden. Das ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, daß der nahezu ununterbrochene Zufluß neuen Materials, vor allem für die Geschichte des Alten Orients, aber auch für die griechische Frühgeschichte, sich jeder gründlichen Synthese als Hindernis in den Weg stellt. Was heute aktuell ist, das kann morgen schon veraltet sein, und selbst der Spezialist, der sich nur mit einem Teilgebiet beschäftigt, sieht sich immer wieder von neuem Material überschüttet, das weder philologisch noch historisch genügend durchgearbeitet ist. Wer sich etwa mit den Staatsverträgen des Altertums beschäftigt, kann diese Erfahrung immer von neuem machen: alles ist in Bewegung, und es ist noch kein Ende dieses Zustandes abzusehen. Konnten Eduard I Meyer und seine Zeitgenossen sich mit der Kenntnis des Hebräischen, des Ägyptischen und des Akkadischen begnügen, so kommt heute nicht nur das Hethitische hinzu, auch die Erforschung vieler semitischer Sprachen und Dialekte hat große Fortschritte gemacht, und der Ägyptologe kann ohne Kenntnis des Demotischen kaum noch existieren, um von den Sprachen der Randvölker des Imperium Romanum in diesem Zusammenhange ganz zu schweigen. Selbst auf die Kenntnis des Chinesischen wird man heute im Hinblick auf die sog. Tocharerfrage (Yüe-chi) und im Hinblick auf die Beziehungen zwischen China und dem römischen Kaiserreich nicht mehr verzichten können. So wird es niemanden überraschen, zu erfahren, daß die Bewältigung universalhistorischer Darstellungen heute zur Aufgabe ganzer Forschergruppen geworden ist: es sei hier nur an die „Cambridge Ancient History" erinnert, die unter Mitarbeit von Gelehrten zahlreicher Nationen in den Jahren von 1924 bis 1939 erstmalig erschienen ist - aber gerade

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ihre ersten beiden Bände mit der Geschichte des Alten Orients sind heute weithin überholt und harren einer gründlichen Neubearbeitung. Ich sehe in dem augenblicklichen Zustande keinen entscheidenden Einwand gegen die Konzeption der Universalgeschichte des Altertums. Wir sollten uns glücklich preisen, die Forschung unserer Tage in voller Bewegung zu sehen. Wieviel neue Probleme sind doch in den letzten Jahren aufgeworfen worden! Denken wir etwa an die Auffindung von Bruchstücken des hethitischen (ursprünglich wohl hurritischen) Kumarbi-Epos, das schlagende Parallelen zu Hesiods Theogonie aufweist. Hier wird die Frage nach den Beziehungen zwischen der religiösen Welt des Orients und des Okzidents neu gestellt; vielleicht werden spätere Funde einmal eine sichere Antwort darauf geben können, ob die griechische Götterwelt durch den Orient wesentlich beeinflußt worden ist. Ein anderes, den Rechts- und Kulturhistoriker in gleicher Weise interessierendes Problem ist durch die Auffindung einiger Gesetzescodices in Altmesopotamien aufgeworfen worden. Diese Gesetzbücher sind viel älter als der berühmte Codex Hammurapi. Dies gilt z.B. für den Codex des Königs Lipit-lstar von Isin, den man in den Beginn des 19. Jhs. v. Chr. setzen muß. Noch älter ist das Gesetzbuch des Urnammu von Ur (ca. 2050), das eine geradezu vorbildliche Ethik, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Witwen, Waisen und Schwachen, aufweist. Nehmen wir hierzu noch die Funde hinzu, die die französischen Ausgrabungen in Mari (am mittleren Euphrat) und in Ugarit-Ras Schamra (in Nordsyrien, bei Latakije) erbracht haben. Die wissenschaftliche Auswertung ist hier noch in vollem Gange, trotzdem läßt sich aber schon heute sagen, daß sowohl Mari wie auch Ras Schamra I uns ein lebendiges Bild altorientalischer Kleinstaaten in ihren Beziehungen zu den großen Nachbarn vermittelt haben, wie wir es in dieser Buntheit und Vielfalt nicht zu ahnen vermochten. Die Korrespondenz von Mari (aus der Hammurapi-Zeit, um 1700 v. Chr.) ist überdies wohl der bedeutendste Fund altorientalischer Urkunden seit der Entdeckung des Archivs von El-Amarna in Ägypten im J. 1887/88. Von diesem Reichtum hätte sich Niebuhr nichts träumen lassen. Bei ihm war die Beschäftigung mit dem Alten Orient hervorgegangen aus dem Interesse, das schon der Vater, Carsten Niebuhr, der Welt des Ostens entgegengebracht hatte. Auch Eduard Meyer hat übrigens einige Zeit im Orient geweilt; als Erzieher im Hause des britischen Generalkonsuls in Konstantinopel hat er die bunte Welt des Orients auf sich wirken lassen. Das eigentliche Motiv, das seiner Beschäftigung mit der Universalgeschichte des Altertums zugrunde lag, war jedoch die Absicht, sich eine historisch begründete Weltanschauung aufzubauen. Mit ihrer Hilfe hoffte er nicht nur die Probleme der Vergangen-

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heit, sondern auch die drängenden Fragen der Gegenwart meistern zu können. Der Energie, mit der Eduard Meyer dieses Ziel verfolgt hat, müssen wir höchste Anerkennung zollen: in dieser Hinsicht ist er ein durchaus politischer Historiker gewesen, ein Nachfahre von Häußer, Treitschke, Max Duncker, auch von Mommsen. Meyers wissenschaftliches Credo steckt in den sog. ,,Elementen der Anthropologie", die er seinem großen Geschichtswerk vor~ngestellt hat. Trotz ihrer weiten Sicht werden diese Darlegungen heute kaum noch einen Historiker wirklich befriedigen. Wer, wie Ed. Meyer, den Ablauf der Geschichte aus der Verflechtung von Zufall und freiem Willen erklärt, der ist im Grunde nicht weit entfernt von jenen, die in der Geschichte die „Sinngebung des Sinnlosen" erblicken. Hier scheint Ed. Meyer geradezu das Opfer seiner unbestechlichen Nüchternheit geworden zu sein. - Im ganzen wird seine „Anthropologie" zum Glück durch sein eigenes Werk widerlegt. Das Ziel der Geschichte, und nicht zum wenigsten der Universalgeschichte, kann es, so meine ich, nur sein, von der Entfaltung und Wirkung des menschlichen Geistes zu zeugen. Dieses Bild aber ist überzeitlich und unvergänglich, es ist keineswegs dem Zufall unterworfen, sondern es steht unter höheren Gesetzen, die sich in den säkularen Entwicklungen offenbaren. Eduard Meyer hat seinen großen Plan, eine Universalgeschichte des gesamten Altertums zu schreiben, nicht ausführen können. Ober den i. J. I902 erreichten Punkt, die Mitte des 4. Jhs. v. Chr., ist er nicht mehr hinausgekommen, wohl aber hat er die ersten Teile seines Werkes, insbesondere die altorientalische Geschichte, noch einmal neu bearbeiten können. Als er mitten in der Darstellung des 8. vorchristlichen Jahrhunderts stand und damit an einem Wendepunkte nicht nur der assyrischen, sondern der ganzen I vorderasiatischen Geschichte, da nahm der Tod dem 75jährigen die Feder aus der Hand. Wenn er sein Ziel auch bei weitem nicht erreicht hat, so gebührt ihm dennoch mit vollem Recht der Ehrentitel eines wirklichen Universalhistorikers des Altertums. Denn auch an der Erforschung der übrigen Abschnitte der Alten Geschichte hatte er mit grundlegenden Arbeiten teilgenommen: es sei hier an sein Buch „Caesars Monarchie und das Prinzipat des Pompejus" (19I8) erinnert und an das grundgelehrte, wenn auch in mancher Hinsicht nicht ganz befriedigende Werk „Ursprung und Anfänge des Christentums", das in 3 Bänden von 1921 bis I923 erschienen ist. Als junger Student erlebte ich es, wie die großartige Bibliothek des eben verstorbenen Gelehrten an die Hansische Universität nach Hamburg gelangte. Sie war so groß, und sie umfaßte so viele verschiedene Gebiete, daß das Althistorische Seminar sich mit den eigentlich historischen Werken begnügte, die Orientalia und anderes wurden Spezialinstituten überlassen. Dieser Vorgang

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war ein Symbol für die wissenschaftliche Situation nach Eduard Meyers Tode. Das Universalreich, über das der Verewigte als unumschränkter Herrscher geboten hatte, zerfiel wieder in Teilreiche, es gab keinen Herrscher des Gesamtreiches mehr, es gab nur noch Diadochen. Dies war die Lage vor etwa 30 Jahren, wo stehen wir heute? Es ist eine historische Tatsache, daß die großen Katastrophen unseres Jahrhunderts gerade die Geschichtsforscher zum Nachdenken gezwungen haben. In Verbindung mit den neuen geschichtsphilosophischen Systemen wie denjenigen von Spengler, Toynbee, Jaspers u. a. ist ein neues Interesse an der rätselhaften Geschichte erwacht, das vor allem der Universalgeschichte zugutegekommen ist. Der Historiker des Altertums findet den Boden vorzüglich vorbereitet, er kann der Anteilnahme eines breiten Publikums sicher sein. Gerade weil dies so ist, besteht aber die Gefahr, daß sich der Dilettantismus der Historie bemächtigt. Die Erforschung der Vergangenheit, insbesondere aber des Altertums, ist nur möglich unter bestimmten Voraussetzungen, die zu Niebuhrs und Meyers Zeiten die gleichen waren wie heute: sie ist nur möglich auf quellenmäßiger Grundlage, wobei der Philologie das erste Wort zusteht. Dies zu betonen scheint heute keineswegs überflüssig. Der Weg zur Erkenntnis führt über die Sprachen, die klassischen und die orientalischen, und wir können uns glücklich preisen, hierfür heute Hilfsmittel zu besitzen, um die uns frühere Generationen beneiden würden. In seiner berühmten Antrittsrede vom 2.5.Mai 1789 in Jena mit dem Thema: ,,Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" hat es Friedrich Schiller als das Ziel der Geschichte I bezeichnet, durch die Erweiterung des Weltbildes den Glauben an den Fortschritt der Menschheit zu befestigen. Eduard Meyer war viel zu sachlich und zu nüchtern, um diesen Fortschrittsglauben zu teilen: alle geschichtliche Erkenntnis sei eine subjektive, immer wieder sei eine Revision des Geschichtsbildes möglich, und letzten Endes sei es der Historiker selbst, der die Probleme stelle, um mit ihnen an das Material heranzutreten. Das historische Erlebnis erscheint hier untrennbar verbunden mit der Persönlichkeit des Forschers, zwischen beiden besteht eine andauernde Wechselwirkung. In der Tat: der Weite und Tiefe des echten Universalhistorikers erscheint der Ablauf der Geschichte als ein anderer als dem Spezialisten, der seine ganze Kraft Einzelproblemen zuwendet. Geschichte aber kann nur erforscht werden, wenn sich der Historiker der Spannung zwischen den beiden Polen, dem Universalen und dem Speziellen, immer bewußt bleibt. Der Universalhistorie des Altertums verdanken wir eine ganz entscheidende Vertiefung unseres Geschichtsbildes. Neue Völker und Kulturen sind in unseren Blickkreis gerückt, die klassische Kultur sieht sich in einen weiten Rahmen

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eingefügt. Erst die universalhistorische Betrachtung hat es ermöglicht, Epochen wie den Hellenismus und die Spätantike in den Ablauf des Geschehens einzuordnen und die Bedeutung dieser Zeitalter für die Menschheitsgeschichte herauszustellen. Es sollte vom universalhistorischen Standpunkt aus heute nicht mehr möglich sein, die griechische Geschichte mit der Schlacht bei Chäronea (338 v. Chr.) enden zu lassen, die großen Leistungen des hellenistischen Zeitalters auf politischem und kulturellem Gebiete können nicht mehr ignoriert werden, und selbst die Geschichte der Griechen in der römischen Kaiserzeit ist, unter universalem Aspekt betrachtet, eine sehr wichtige Epoche, die als Vorhalle zur byzantinischen Kultur von hoher Bedeutung gewesen ist. Es wird in Zukunft nicht mehr statthaft sein, die große weltgeschichtliche Leistung des späten Griechentums zu ignorieren, eine Leistung, die in der Verbreitung der christlichen Lehre und in der bewundernswerten Organisation der christlichen Gemeinden in dem römischen Weltreich bestanden hat. Hier liegen für den Historiker noch bedeutende Aufgaben, deren Lösung wir von der Zukunft erhoffen dürfen. Gestatten Sie mir nun noch ein Schlußwort. In unseren Tagen erleben wir eine Hochflut geschichtsphilosophischer Literatur, unter ihnen befinden sich große Namen: Toynbee, Jaspers, Rüstow - um nur einige wenige hier zu nennen. Allen gemeinsam ist der Zug zur universalhistorischen Betrachtung des Geschehens, mag die Deutung im einzelnen auch noch so verschieden sein. In einer Zeit gewaltiger I äußerer und innerer Umwälzungen, in einem Zeitalter, in dem der Primat des alten Europa auf politischem Gebiet beseitigt, auf geistigem Gebiet zutiefst erschüttert ist, da scheint es sinnvoll, den Weg aus der fernsten Vergangenheit in die Gegenwart noch einmal rückschauend zu überblicken. Indem wir uns in die Kulturen vergangener Zeiten versenken, indem wir das Werden und das Vergehen der antiken Universalreiche verfolgen, erhebt uns die historische Betrachtung über Zeit und Raum, sie führt uns in das Reich des Unvergänglichen und ewig Gültigen, das aus der fernsten Vergangenheit zu uns herüberleuchtet. Die Bestimmung der Zukunft durch den Historiker wird immer problematisch bleiben, da das Künftige von zu vielen und zu verschiedenartigen Faktoren abhängig ist, deren Wirkung im voraus niemand exakt bestimmen kann. Was wir aber der Vergangenheit entnehmen, ist unser persönlicher und unverlierbarer Besitz, der zur Formung der einzelnen Persönlichkeit Wesentliches beizutragen vermag. Es ist wahr, daß bei Eduard Meyer in seinen alten Tagen der Pessimismus zum Durchbruch gekommen ist. Ein Beweis hierfür ist seine kleine Schrift „Spenglers Untergang des Abendlandes" (192.5). Hierin hat es Ed. Meyer offen

[2.0/:u]

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ausgesprod1en, daß er an die Zukunft der europäischen Kultur nicht zu glauben vermöge. Der 4. August 1914, an dem Großbritannien gegen uns in den I. Weltkrieg eingetreten ist, bezeichnete für ihn die Peripetie des europäischen Geschehens. Die Katastrophe des 2. Weltkrieges hätte ihn in seinem Pessimismus sicherlich nur noch bestätigt. - Niemand von uns wird sich darüber im Zweifel sein, daß wir heute an einer entscheidenden Wende angelangt sind. Die Durchdringung der Welt mit europäischem Geiste ist zu Ende, wir sehen heute die Wellen, die einst von Europa ausgingen, wieder zurückfluten. Die Emanzipation der arabischen Welt, ein Vorgang, den Meyer vorausgesehen hatte, ist in unseren Tagen in vollem Gange, ja zu einem großen Teil bereits vollendet. Junge Völker und Kontinente streben empor, aus dieser Entwicklung ergibt sich eine verwirrende Fülle von neuen politischen, wirtschaftlichen und zivilisatorischen Aspekten, die gerade die europäischen Völker vor immer neue Aufgaben stellt. Die Lösung dieser Probleme wird dadurch erschwert, daß sich seit nunmehr 15 Jahren zwei Weltmächte, bis an die Zähne bewaffnet, gegenüberstehen. Wie werden sich in Zukunft die Gewichte verteilen? Nach welcher Seite wird sich die Waage neigen? Das ist die entscheidende Frage. Untrügliche historische Prognosen und Gesetze vermag uns auch die Universalhistorie nicht zu bieten. Eine gesetzmäßige Notwendig- 1 keit im Leben der Völker und Staaten gibt es nicht und kann es nicht geben, allen pessimistischen Prophezeiungen zum Trotz. Freilich, wo kein Glaube ist, da ist auch kein Wiederaufstieg, und die vornehmste Aufgabe des Historikers besteht, meine ich, darin, den Irrglauben an ein Fatum, an ein unüberwindliches blindes Schicksal, im Leben der Völker zu widerlegen. Die großartigen und für alle Zeiten vorbildlichen Kulturleistungen des abendländischen Geistes, der seine Prägung der Antike und dem Christentum verdankt, verpflichten uns dazu, dieses Werk nicht nur zu bewahren und zu erhalten, sondern auch, soweit es in unseren Kräften steht, zu fördern. Wir sind dies nicht zum geringsten jenen Männern schuldig, die vor uns der Wissenschaft neue Räume erschlossen und dadurch einen unvergänglichen Beitrag zur Geschichte des menschlichen Geistes geleistet haben. Das Licht der antiken Universalhistorie, das Niebuhr einst entzündete, darf in Zukunft nicht wieder verlöschen. Im Lichte der Universalhistorie enthüllt sich der Kosmos einer längst vergangenen Welt, in der die Grundlagen unserer eigenen Kultur geschaffen worden sind. Von jener Epoche aber gilt das Wort, mit dem einst Erwin Rohde sein ewig junges Buch „Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen" geschlossen hat: Desimmt ista, non pereunt: ,,Jene Welt ist zwar vergangen, tot ist sie aber nicht."

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[2.1)

Bibliographischer Nachtrag: Für Carsten Niebuhr existiert die berühmte Biographie aus der Feder seines Sohnes: Carsten Niebuhrs Leben (1816), abgedruckt in B. G. Niebuhrs „Kleinen historischen und philologischen Schriften", Bonn 182.8, 1 ff. - Zu B. G. Niebuhr siehe: Die Briefe B. G. Niebuhrs, hg. von D. Gerhard und W. Norwin, I-II, Berlin 192.6und 192.9,mit einer sehr ausführlichen Darstellung des Lebens und Denkens Niebuhrs in der Einleitung des I. Bandes aus der Feder von D. Gerhard. Ferner: U. Wilcken, Gedächtnisrede auf B. G. Niebuhr, Bonn 1931. - Zu Eduard Meyer siehe etwa seine eigene autobiographische Skizze und die Gedächtnisrede Ulrich Wilckens, beide abgedruckt in: Eduard Meyer, Bibliographie, von Heinrich Marohl, Stuttgart 1941. - Zum Streit um die Konzeption der Universalgeschichte ist vor allem zu vergleichen: Walter Otto, DLZ 1937, 1119 ff.; 1161 ff.; HZ 161, 1940, 311; siehe schließlich meinen Nachruf auf W. Otto in Bursians Jahresberichten 2.84, 1943, erschienen 1944, 34ff. [in diesem Band, u. S. 599 ff.].

UNIVERSALGESCHICHTE

UND ALTER ORIENT

4· ZUM PROBLEM DER UNIVERSALGESCHICHTE DES ALTERTUMS 1

1963

Wer es heute unternimmt, das Thema der Universalgeschichte in einem Aufsatz oder in einer Rede zu behandeln, der kann im allgemeinen des Interesses seiner Leser oder Hörer sicher sein. Wir treten heute mit ganz anderen materiellen und ideellen Voraussetzungen an ein universalhistorisches Thema heran als die Generationen vor uns: Die großen Entfernungen unseres Erdkreises haben ihre Schrecken verloren, Länder und Kontinente, die man vor wenigen Jahrzehnten nur nach mühevollen Reisen erreichen konnte, liegen heute von uns nur noch wenige Flugstunden entfernt. Rom, Athen, Istanbul, Kairo, ja selbst Bagdad und Kalkutta sind uns heute nahegerückt, und was einst in den Berichten der Entdecker zu lesen stand, das ist heute für Millionen von Menschen in den großen Massenmedien, im Film, im Fernsehen, aber auch in den Illustrierten Zeitungen, tagtäglich gegenwärtig. In der Tat erscheint unsere eigene Zeit der universalhistorischen Betrachtung besonders günstig. Das geht soweit, daß wir uns ernstlich fragen müssen, ob es nicht möglich sein sollte, die Geschichte des ganzen, heute immer mehr zusammenrückenden Erdkreises in einer einzigen Darstellung unter universalen Gesichtspunkten zusammenzufassen. Wäre es heute nicht an der Zeit - so fragen wir-, in einer Epoche, in der die Technik bis in die Geheimnisse des Weltalls vordringt, die Geschichte aller Völker und Zeiten in einer großangelegten Überschau, gewissermaßen aus kosmischer Perspektive, in Angriff zu nehmen? Es ist keine Frage, daß in unseren Tagen der universalhistorische Gedanke einen ganz neuen Aufschwung genommen hat. Gelehrte wie Jaspers, Rüstow und Toynbee haben versucht, den Sinn und das Ziel der Geschichte unter neuen Aspekten zu definieren, und die Menschen unserer Tage, die durch Höhen und Tiefen seltenen Ausmaßes hindurchgeschritten sind, haben mit l;ioher Anteilnahme die Worte und Ideen der großen Geschichtsdenker in sich aufgenommen. 1 Rede, gehalten zum 2.00-jährigen Jubiläum der C. H. Beck'schen Verlagsbuchhandlung am 9. Sept. I963.

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

Mein verehrter Amtsvorgänger in Tübingen, Professor Joseph Vogt, hat 1961 ein kleines Buch erscheinen lassen, das den Titel trägt „Wege zum historischen Universum". Dies zeigt, daß der universalhistorische Gedanke gerade auch unter den Männern vom Fach Wurzeln geschlagen hat. Außerdem gibt es große historiographische Unternehmungen, die in der Gestalt von Sammelwerken die Brücke zu schlagen versuchen von der Vorgeschichte bis in unsere Gegenwart. In ihnen findet sich die Weltgeschichte aufgeteilt unter eine mehr oder minder große Zahl von Spezialisten, das Ergebnis ist in der Regel ein sehr buntes, je nach Temperament und Neigung der einzelnen Gelehrten verschiedenes Bild, in dem das Detail überwiegt, während die großen Linien höchstens nur eben angedeutet werden. All diese sehr ernstgemeinten Versuche wie etwa die „Historia Mundi" oder die neue „Propyläen Weltgeschichte" aber zeigen, daß die Idee der Universalgeschichte in unseren Tagen einem wirklichen Bedürfnis entgegenkommt: wir haben, durch sehr schmerzliche Erfahrungen belehrt, endlich gelernt, über die Grenzen des eigenen Vaterlandes hinauszusehen, wir haben gemerkt, daß hinter den Bergen auch noch Menschen wohnen, deren Schicksale uns nicht gleichgültig sein können. Es ist meine Absicht, in diesem kurzen Vortrag vor allem auf die Universalgeschichte des Altertums einzugehen, sie kann aber nur gesehen werden in dem großen allgemeinen Rahmen, denn auch der Historiker des Altertums kann sich nicht lösen von den Ideen der Gegenwart. Bevor ich aber zur Sache komme, muß ich zur Definition der Universalgeschichte etwas s:igen: es wäre ganz verfehlt, von einer Universalgeschichte eine möglichst vollständige Erfassung der geschichtlichen Einzelheiten und des geschichtlichen Materials zu erwarten. Das würde zu einer ermüdenden und letzten Endes g:inz unfruchtb:iren Anhäufung großer Materialmassen führen, mit denen niemandem, am :illerwenigsten aber der historischen Wissenschafl:, gedient wäre. Entscheidend ist vielmehr die Gruppierung und die Deutung der historischen Fakten unter universalen Gesichtspunkten. Vollständigkeit ist immer der Tod der Wissenschaft, Vollständigkeit erweckt nur Langeweile und Abneigung. Der Einwand, ein einzelner sei heute nicht mehr imstande, aud1 nur eine Universalgeschichte des Altertums zu schreiben, ist nur möglich, wenn man die Anhäufung des Stoffes g:inz einseitig in den Vordergrund stellt, der Historiker aber ist kein Registrator des geschichtlichen Materials, seine Aufgabe liegt, ich sage es noch einmal, in der Auswahl und in der Deutung der geschichtlichen Vorgänge. Die Idee einer Universalgeschichte des Altertums ist zuerst im frühen 19. Jahrhundert gedacht worden: der Göttinger Historiker Arnold Heeren (1760 bis 1842) und der Politiker und Staatsmann B. G. Niebuhr (1776-1831) wären hier vor allem zu nennen. Daß die Idee einer derartigen Geschichte der Alten

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

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\Velt unter universalen Gesichtspunkten durchführbar ist, steht für mich außer Zweifel. Man darf nur nicht erst mit 50 oder 60 Jahren an die Aufgabe herangehen, dann ist es zu spät, und das Werk bleibt in der Regel unvollendet. Eduard Meyer begann seine große „Geschichte des Altertums" mit 25 Jahren, im Jahre 1880. Als er 47 Jahre alt war, hatte er den 5. Band beendet. Daß er nicht weitergekommen ist, hängt, wenigstens teilweise, mit einschneidenden äußeren Ereignissen zusammen, vor allem mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, der den Historiker des Altertums in die Arena des politischen Tageskampfes herabsteigen ließ. Verlorene Jahre, werden die einen sagen, was hätte er noch alles schaffen können! Auf die zeitbedingte Broschüre über England und auf sein Amerika-Buch würde man gern verzichten - aber der Geist des Historikers weht, wohin er will, man kann ihn nicht lenken: unda fert, nec regitur. Wichtig ist freilich eine Kenntnis möglichst vieler Sprachen: sie sind, wie bekannt, in der Regel nur in der Jugend erlernbar, ohne geduldige und hingebende jahrelange Arbeit ist hier nichts zu erreichen. Was aber könnte uns eine Universalgeschichte des Altertums geben? Karl Julius Beloch, dem wir eine hervorragende, leider gleichfalls nicht vollendete „Griechische Geschichte" verdanken, hat einmal gesagt, es liege in der Natur der Sache, daß eine Geschichte des Altertums im Grunde nichts anderes sein könne als eine griechische Geschichte und daß alles übrige, vom universalhistorischen Standpunkt aus, keinen anderen Wert habe, als die Entstehung und den Verfall der griechischen Kultur verständlich zu machen. - An dieser Bemerkung ist zweifellos etwas Richtiges. Wer sich auch mit der Geschichte des Altertums beschäftigt - niemand wird an der fundamentalen Bedeutung der griechischen Kultur für die Geschichte der Menschheit vorübergehen können. Der Aufstieg der Griechen im 5. Jahrhundert nach den Perserkriegen und ihr Niedergang seit dem Peloponnesischen Kriege sind historische Phänomene, die weit über die Welt der Griechen hinaus für das gesamte Schicksal der Oikumene von entscheidender Bedeutung gewesen sind. Man versteht es, wenn diese Vorgänge immer wieder Gegenstand der historischen Betrachtung gewesen sind. Sehen wir doch wie in einem Spiegel in diesem geschichtlichen Ablauf unsere eigene Zeit mit ihren Höhen und Tiefen vor uns. Aber diese Erkenntnis von dem gewissermaßen normativen Charakter der griechischen Geschichte darf nicht dazu führen, die übrigen Völker und Staaten des Altertums zu vernachlässigen, im Gegenteil: erst auf dem Hintergrunde einer allgemeinen, einer universalen Altertumsgeschichte erhält das Schicksal des Hellenentums sein eigenes Relief. Auf dem Gebiete der klassischen Philologie hört man gelegentlich gerade von Jüngeren die Klage, daß so manche Gebiete völlig abgegrast seien, und vor nicht allzu langer Zeit hat sogar ein Latinist in einer Abhandlung über Sallust aus-

4. Z11mProblem der Universalgescl,ichtedes Altertums

gesprochen, daß fast alle Gedanken und Ideen irgendwann einmal schon geäußert worden seien. Ich glaube allerdings, daß dieses Urteil viel zu pessimistisch ist und möchte hier nur daran erinnern, was Carl Hosius, der Bearbeiter der großen „Römischen Literaturgeschichte" im Rahmen des „Handbuchs der Altertumswissenschaft" einmal ausgesprochen hat: Der Spruch des Mephistopheles von dem Tier, auf dürrer Heide von einem bösen Geist herumgeführt, gelte auch gerade in der Philologie und ebenso der Nachsatz: und rings umher liegt schöne, grüne Weide. Die Universalgeschichte des Altertums hat noch viele grüne Weiden und Triften, eine unübersehbare Fülle von Problemen ist bisher - aus Mangel an .Mitarbeitern - überhaupt noch nicht in Angriff genommen worden. Ich will hier zunächst nur ein einziges von diesen Problemen erwähnen: die Bedeutung des Assyrerreiches für die antike Universalgeschichte. Dieses Reich war bekannrlich Jahrhunderte hindurch der Schrecken der ganzen vorderasiatischen Welt, am Ausgang des 7. Jhs. v. Chr. verschwindet es gewissermaßen spurlos aus der Geschichte, im Jahre 612 fällt seine damalige Hauptstadt, Ninive, dem Ansturm der vereinten Kräfte der Meder und der Chaldäer, der Neubabylonier, zum Opfer. Die reiche Stadt wird in Trümmer gelegt, sie ist so radikal zerstört worden, daß der Grieche Xenophon, als er etwa 200 Jahre später bei dem Rückzug der 10 ooo seinen Fuß auf die Stätte setzte, nicht einmal ahnte, wo er sich befand. Er nennt den Ort Mespila, von Ninive und von dem großen assyrischen Reich aber wußte er nichts mehr. Wer aber die Geschichte des Alten Orients verstehen will, der kann auf das Assyrerreich schwerlich verzichten. Es war, vor allem im 8. und im 7. Jh. v. Chr., die Ordnungsmacht gewesen, welche die Völker Mesopotamiens, Syriens und des angrenzenden Iran unter seiner Herrschaft: zusammengebunden hatte. Ein sympathisches Volk waren die Assyrer sicherlich nicht. Als ich als junger Student in einem Münchener Seminar unter der Anleitung von Gotthelf ßergsträßer die assyrischen Königsinschriften studierte, da sagte der Professor, der sich sonst im allgemeinen nur für linguistische Probleme interessierte: ,,Die assyrischen Königsinschriften gehören mit zu den betrüblichsten Dokumenten der Menschheitsgeschichte". Wir sduieben damals das Jahr 1932 und wugten noch nicht, was uns bevorstand. Die Feststellung über den Charakter der Königsinschriften aber darf uns nicht hindern, die historische Bedeutung des in mancher Hinsicht begabten Volkes der Assyrer anzuerkennen, ganz abgesehen von der historischen Lehre, die ihre Geschichte in sich birgt. Wir sind gewohnt, den Ausbau des Systems der Reichsstraßen unter Darius 1. und Xerxes I. als eine der großen zi,·ilisatorischcn Leistungen des Achämenidenreiches der Perser zu betrachten; niemand kann daran zweifeln, daß die Perser

4- Zum Problem der U11iuersalgeschid1te des Altertums

49

hier etwas für das gesamte Altertum Vorbildliches geleistet haben. Aber man sollte nicht vergessen, daß auch schon die Assyrer in ganz systematischer Weise, nicht allein für die Heeresbewegungen, Straßen errichtet haben - die Perser haben hier von ihren Vorgängern gelernt. Und was ferner die Verwaltung anbetrifft, so waren die Assyrer hierin Meister, alle unterworfenen Länder wurden straff zusammengefaßt, durch militärische Garnisonen gesichert, die besonders gefährdeten Provinzen waren der Obhut von Generälen anvertraut. Es ist dies ein außerordentlich modernes System, das im Altertum erst in den Reichen der Diadochen wiederkehrt, die aus dem Alexanderreich hervorgegangen sind. Unter den assyrischen Herrschern gibt es ausgesprochen interessante Figuren wie den König Assurbanipal (668-631?). Dieser Herrscher hat sich für seine private Lektüre die gesamte keilinschrifl:liche Literatur, soweit er ihrer habhaft werden konnte, abschreiben lassen. Diese Bibliothek, die in Kujundschik, dem alten Ninive, vor mehr als rno Jahren aufgefunden wurde, befindet sich jetzt im Britischen Museum zu London. Vor der großartigen Leistung der assyrischen Schreiber und Philologen muß jeder Respekt haben, sie haben Bedeutendes geleistet, und selbst in Griechenland muß man weit suchen, wenn man etwas auch nur annähernd Vergleichbares finden will - außer der Tätigkeit der hellenistischen Philologen und Bibliothekare in Alexandrien und später in Pergamon läßt sich diesem großartigen Unternehmen kaum etwas Ähnliches an die Seite stellen. Was aber war dieser Assurbanipal für eine Persönlichkeit? Er sagt es uns selbst: ,,Ich eignete mir den verborgenen Schatz, die gesamte Tafelschreibekunst an, ich kenne die Vorzeichen am Himmel und auf Erden, diskutiere in der Versammlung der Gelehrten, deute zusammen mit tüchtigen Leberschauern die Leber-Omina ... , löse komplizierte, undurchsichtige Divisions- und Multiplikationsaufgaben, lese immer kunstvoll geschriebene Tafeln in schwer verständlichem Sumerisch und mühsam zu entzifferndem Akkadisch, habe Einblick in die ganz unverständlichen Schriftsteine aus der Zeit vor der Sintflut zusammen mit einer auserwählten Schar. Dieses aber tat ich den ganzen Tag: ich bestieg immer wieder Rosse, ritt feurige Vollblüter, nahm den Bogen und ließ, wie es einem Krieger geziemt, Pfeile fliegen, schleuderte schwerste Lanzen wie einen Pfeil, hielt die Zügel, lenkte ... allerlei Fahrzeuge, verfertigte immer wieder wie Waffenschmiede Tartschen und Schilde und verstehe mich auf den Beruf aller Gelehrten." - Fürwahr, werden wir sagen, ein ganzer Mann, der sein Leben dem Kampf und der Wissenschaft gewidmet hat! Wo etwa gibt es ähnliche Selbstzeugnisse aus dem Altertum, die mit diesem Bekenntnis zu vergleichen wären? Wir müssen weit nach ihnen suchen: wohl 4 Bengrson, Kleine Schriften

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

50

nur die Inschrift des Perserkönigs Darius 1. am Felsen von Behistun hält hiermit annähernd einen Vergleich aus. Es liegt mir ganz fern, den streitbaren und gelehrten König von Assyrien als das Muster eines Herrschers zu preisen. Wer sein anderes Gesicht kennen lernen möchte, dem empfehle ich eine aufmerksame Lektüre seiner Annalen, in denen es an Grausamkeiten gegenüber seinen Feinden und den Feinden des Reichsgottes Assur nicht mangelt. Man sage nicht, daß diese Menschen uns fremd bleiben. Wir können sie gut verstehen, wenn wir uns an ihre Taten und an ihre Selbstzeugnisse halten. Ich selbst fühle mich weit entfernt von einer Sympathie für die Assyrer, und über die Grausamkeiten dieses gefürchteten Volkes kann ich nur das wiederholen, was vor mehr als 30 Jahren Walter Otto einst in der Historischen Zeitschrift geschrieben hat. Otto sagt hier unter anderem: ,,Unerhörte Grausamkeit ist wahrlich nicht auf ein Gebiet oder eine Epoche der Weltgeschichte beschränkt, sondern begegnet uns allenthalben, ob man sich etwa an das schmähliche Vorgehen der Athener gegen Melos zur Zeit des Peloponnesischen Krieges erinnert, oder ob man mit Schaudern Karl von Amiras großes Werk über die germanischen Todesstrafen, die nicht weniger grausam anmuten als die der indogermanischen Perser, durchblättert, ob man der Greuel der Inquisition gedenkt oder wenn man sich bewußt wird, daß von solchen Greueln sich auch die moderne, ja die neueste Zeit nicht freihält. Grausamkeit ist eben, so traurig dies auch sein mag, einer der Flüche der Weltgeschichte, nur daß sie mit der fortschreitenden Zeit sich mehr verbrämt zu äußern pflegt, als dies seinerzeit bei den Assyrern geschehen ist." 2 Soweit Walter Otto. Diese Worte sind im Jahre 1931 niedergeschrieben. Wie wahr sie sind, das haben wir wenige Jahre später selbst erfahren. Wenn ich hier den Namen meines Lehrers \Valter Otto nenne, so muß ich wohl hinzufügen, daß er mit dem klassischen Philologen Walter F. Otto, dem Kenner der antiken Religionsgeschichte, nicht identisch ist. Beide sind jedoch oft miteinander verwechselt worden, obwohl ihre Arbeiten ganz verschiedenen Gebieten gewidmet waren. Der Münchener Althistoriker Walter Otto ist nicht nur zeit seines Lebens für die Idee der Universalgeschichte eingetreten, sein Wirken ist auch untrennbar verknüpft mit einem großen Unternehmen unserer Wissenschaft, dem er den Stempel seines umfassenden Geistes aufgeprägt hat: es ist dies das „Handbuch der Altertumswissenschaft". Dieses Unternehmen, als „Handbuch der classischen Altertumswissenschaft" im Jahre 1886 begründet, ist im Laufe der Zeit aus kleinen Anfängen zu einer tragenden Säule der ganzen Wissenschaft vom Altertum 2

HZ 146, 1932, 236f.

4. Zum Problem der Universalgescbic/Jtedes Altertums

JI

geworden. Walter Otto ist es gewesen, der neben dem klassischen Altertum auch die weiten Gebiete des Vorderen Orients, Ägypten und Vorderasien, mit in das Handbuch einbezogen hat. Die universalhistorische Einstellung hat hier ihre Früchte getragen, eine „Kulturgeschichte des Alten Orients" ist ihr sichtbarer Ausdruck. Gewiß haben sich nicht alle Hoffnungen erfüllt, und Walter Otto selbst, der Herausgeber des „Handbuchs", ist schon mit 63 Jahren, 1941, aus dieser Zeitlichkeit abberufen worden - aber was besagt das gegen die Idee, die auch heute noch genau so aktuell ist wie vor einem Menschenalter. Wenn wir uns jetzt fragen: Was kann uns eine universalhistorische Betrachtung der Geschichte, insbesondere der Geschichte des Altertums, bringen, so kann die Antwort nur lauten: neue Gesichtspunkte, neues Leben und ein weites neues Betätigungsfeld für die historische Wissenschaft. Ich möchte glauben, daß die Zeit heute für eine derartige Betrachtung reif ist. Die geduldige selbstlose Arbeit von Generationen hat eine unendliche Fülle von einzelnen Fakten ans Licht gebracht, und die Forschung geht auch heute noch unverdrossen weiter: Griechenland und Rom, die einst ganz isoliert voneinander waren, wachsen immer mehr zusammen, die Konturen einer umfassenden Geschichte des Mittelmeerraumes von den Perserkriegen bis zur Spätantike zeichnen sich ab, zahlreiche Randvölker, die früher kaum Beachtung fanden, werden in die historische Forschung miteinbezogen, und selbst die Verbindung der Mittelmeerwelt zu den schriftlosen Kulturen der nordischen Völker wird durch die imponierende Arbeit der Vorgeschichtsforschung hergestellt. Dies alles sind neue Aspekte, von denen sich selbst Eduard Meyer (gest. 1930) noch nichts hätte träumen lassen. Da ist das Phänomen der Entstehung der frühen Hochkulturen im Zweistromlande und in Ägypten, die Frage, wie es dazu kommen konnte, und das weitere, nicht weniger interessante Problem, ob diese beiden Kulturen ganz unabhängig voneinander entstanden sind oder nicht. Und da gibt es in Vorderasien noch ältere Kulturen, die Ausgrabungen in Jericho und in Tschatal Hüyük in Südanatolien haben uns Kunde davon gebracht. Sind wir im Recht, wenn wir diese Kulturen wirklich schon als ausgesprochene Stadtkulturen bezeichnen, da die Siedlungen mit starken Mauern umgeben waren? Diese Probleme sind heute noch stark im Fluß, aber sie haben der historischen Erforschung des Alten Orients ganz neue Impulse gegeben, sie werden sich auch auf dem Felde der Universalgeschichte auswirken. Auch auf dem Gebiet der griechischen und römischen Geschichte bleibt fiir den Universalhistoriker noch so manches zu tun übrig. Ich möchte hier zunächst nur ein einziges Zeitalter herausgreifen, das, wie ich glaube, den Vorzug besitzt, in weiteren Kreisen bekannt zu sein: es ist die Zeit Caesars. In den Jahren von 58 bis 51 v. Chr. sehen wir Caesar mit der Eroberung und Befriedung des

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

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freien Galliens beschäftigt, es ist dies eine große militärische und politische Aufgabe, die er in einem Zeitraum von ungefähr 7 Jahren gemeistert hat. Ganz am Anfang der Kämpfe steht der Sieg über den Suebenfürsten Ariovist, der wohl imstande gewesen wäre, Caesar den Besitz Galliens streitig zu machen. Caesars Sieg über Ariovist und über die Gallier ist eine Entscheidung weltgeschichtlichen Ausmaßes, sie hat über das Schicksal Galliens für lange Jahrhunderte entschieden. Die Ereignisse in Gallien erhalten erst ihr Relief, wenn man sie in den großen weltgeschichtlichen Zusammenhang stellt, den die Geschichte des Mittelmeerraumes aufweist. Die Ereignisse in Gallien finden ihr Gegenstück in Vorgängen, die sich im Osten, in Ägypten und in Mesopotamien, abgespielt haben. Im Jahre 55 hatte Gabinius, der Parteigänger des großen Pompejus, den König Ptolemaios XII. Neos Dionysos, der allgemein unter dem Namen Auletes bekannt ist, in sein angestammtes Reich, nach Ägypten, zurückgeführt. Der König hatte jahrelang das Brot der Verbannung essen müssen, um seine Restituierung waren auf dem politischen Parkett in Rom erbitterte politische Machtkämpfe ausgefochten worden, römische Kapitalisten hatten dem Ptolemäer riesige Summen vorgestreckt, deren Rückzahlung das Wirtschaftsleben Ägyptens später aufs schwerste belastet hat. Wir kennen das Ränkespiel aus der Korrespondenz Ciceros. In diesem Zusammenhang ist von besonderem Interesse ein Brief, den der berühmte Redner im Juli des Jahres 56 v. Chr. an seinen Freund P. Cornelius Lentulus, den Proconsul von Kilikien, gerichtet hat. 3 Man muß wissen, daß die Insel Cypern, die natürliche Absprungbasis für ein Unternehmen in Ägypten, zu dem Amtsbereich des Lentulus gehörte wem kommt hierbei nid1t die Erinnerung an das Suezunternehmen des Jahres 1956, das damals, in Verbindung mit den Ereignissen in Ungarn, die Welt erschüttert hat? Aber Lentulus hat im Jahr 56 nichts gegen Ägypten zu unternehmen gewagt, erst Gabinius hat von Syrien aus den 12. Ptolemäer zurückgeführt. Man schrieb das Jahr 55 v. Chr. In dem gleichen Jahr begannen im Osten die römischen Rüstungen zu einem Kriege gegen die Parther, den Crassus, der dritte im Triumvirat, zu führen gedad1te. Daß dieses Unternehmen vollständig fehlgeschlagen ist und mit einer Katastrophe für die Römer bei Carrhae in Mesopotamien endete (53 v. Chr.), ist allbekannt. Die Niederlage des Crassus aber war gleichfalls von weltgeschichtlicher Bedeutung, denn sie hat auf Jahrhunderte hinaus den Gegensatz zwischen Rom und Parthien verewigt. Crassus hatte bei seinem Feldzuge von Indien geträumt, das Bild des großen makedonischen Welteroberers Alexander hatte ihm dabei vor der Seele gestan3

Ad fam. I 7.

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

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den. Diese Träume kamen nicht von ungefähr. Im Jahre 62, also 9 Jahre vor der Schlacht bei Carrhae (im nördlichen Mesopotamien), war zum ersten Male eine Gesandtschaft aus dem fernen Indien nach Italien, genauer nach Oberitalien (Gallia Cisalpina) gekommen, sie hatte mit dem Proconsul Metellus Celer Verbindung aufgenommen, Metellus Celer aber war Legat auf den Feldzügen des Pompejus im Osten gewesen. Wir wissen, daß Pompejus bei seinem Vormarsch in die Landschaften zu Füßen des schneebedeckten Kaukasus versucht hatte, eine Verbindung nach Indien zu erkunden (wahrscheinlich im Jahre 65 v. Chr.), auch hier hatte zweifellos das Vorbild Alexanders den Anstoß gegeben. Wir wundern uns daher nicht, wenn wenige Jahre später, 62 v. Chr., von der anderen Seite her, von Indien aus, Kontakt mit Rom aufgenommen worden ist. Das Indienproblem ist auch in den folgenden Jahrzehnten aktuell geblieben, die letzte Königin von Ägypten, Kleopatra VII., hat angesichts der Eroberung ihres Landes durch Octavian den Plan erwogen, sich zu Schiff nach Indien zu begeben. Auch im „Leistungsbericht" des Augustus ist von Gesandtschaften aus dem fernen Indien die Rede. 4 Wenn Augustus jedoch behauptet, diese Gesandtschaften seien die ersten gewesen, die je vor einem römischen Feldherrn erschienen seien, so müssen wir ihm widersprechen. Es besteht gar kein Grund, der Nachricht des Cornelius Nepos über die indische Gesandtschaft des Jahres 62 v. Chr. zu mißtrauen. Zu den weiten räumlichen Perspektiven von Gallien bis Indien kommt eine ganze Fülle von historischen Problemen. Wir müssen uns zum mindesten fragen, welche Gründe hinter der gewaltigen römischen Expansion in diesem Zeitalter zu suchen sind. War es nur der Ehrgeiz der großen Männer, oder wurde diese Expansion getragen von den Kräften eines Volkes und Staates, der sich damals im Stadium seiner höchsten Leistungsfähigkeit befunden hat? Und wie soll man den so gänzlich verschiedenen Ausgang der Unternehmungen im Westen und im Osten beurteilen? Müssen wir annehmen, daß Caesars Feldzüge diplomatisch und militärisch sehr viel besser vorbereitet waren als die etwa gleichzeitigen Unternehmungen des Crassus? Dürfen wir glauben, daß die Römer über die Verhältnisse in dem nahen Gallien sehr viel besser unterrichtet waren als in dem fernen Mesopotamien? Und wie soll man die Widerstandskraft der Gallier einerseits und der Parther anderseits beurteilen? Fragen über Fragen, die nur durch ein intensives Studium gerade auch der keltischen und der parthischen Geschichte zu beantworten sind. Und gerade die Geschichte der Kelten ist in unseren Tagen wieder in Bewegung geraten, vor allem durch die Probleme, die mit 4 C. 3I, I.

4. Zum Problem der Universalgeschichte des Altertums

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den keltischen Viereckschanzen verknüpft sind. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle noch auf ein ganz anderes universalhistorisches Problem hinzuweisen, das nicht nur für die Alte Geschichte von großer Bedeutung ist: ich meine die Entstehung und Herausbildung des byzantinischen Staates und der byzantinischen Kultur. Wir besitzen eine Reihe von Einzelarbeiten, wir haben vor allem das Werk von Georg Ostrogorsky über den byzantinischen Staat - und dennoch bleiben noch sehr wesentliche Fragen offen, sie sind von der Wissenschaft überhaupt noch nicht angeschnitten worden. Es ist dies vor allem die Frage nach den Ursprüngen und Grundlagen des byzantinischen Staates, es ist das Probl-

~ ~ ~ (Luxor, Z. 40 = Kuentz, a. a. 0.

80) gemeint sein. Diese Identifikation, die schon auf Champollion zurückgeht, ist indes keineswegs gesichert. So weist Kees bei Sommer, a. a. 0. 360, 2. darauf hin, daß die Lesung lom(n)l nicht feststeht, da das Zeichen "'32>- zu Ramses' II. Zeiten ebensogut

noch den alten Lautwert ir haben kann, wenn auch im Neuägyptischen in der Regel das r immer mitgeschrieben wird, falls es tatsächlich gesprochen werden sollte. Ich möchte sogar - anders als Kees - annehmen, daß das Zeichen ..c:n:,... auch noch viel später immer als ir, nie als i gelesen wurde. Vgl. etwa Pint. de Isid. et Osir. 10 und dazu Spiegelberg, Rec. de Trav. 17, 1895, 92..Die Literatur zu dieser Frage bietet Gauthier, Dict. des noms geogr. I 92.. Negativ entscheidet sich auch Munro, JHS 54, 1934, 124, während neuerdings Grapow, bei Bossert,Alt-Kreta, 3 1937, 50, der andern, m.E. irrigen Ansicht zuneigt. Man braucht aber, glaube ich, nicht einmal bei dem Negativen stehen zu bleiben, sondern man kann m. E. hinter diesem lrwnnl einen guten hethitischen Namen finden. Da das ägyptische i im Anlaut sehr oft ein l wiedergibt (vgl. etwa das ägyptische iHwr für Assur), so habe ich unter diesem irwnnl zunächst einen Namen wie Arinna vermutet, wobei ich mir dann allerdings das OJ nicht zu erklären vermochte. Nun hat mich Herr W. Drohla freundlicherweise auf das wiederholt in hethitischen Texten, u. a. auch in den Mursilis-Annalen genannte Vasallenland Arawanna hingewiesen, das lautlich in der Tat dem ägyptischen Wort aufs beste entspricht. Damit wäre die immer wieder auftretende Hypothese von den „Ioniern" in der Schlacht bei Qadesd1 wohl endgültig erledigt. 7 Lehmann-Haupt, Klio 2.7,1934, 74 ff. 8 [Zur Datierung des Feldzugs siehe Tadmor, Journ. of Cuneiform Stud. 12, 195 8, 79ff.]

7. Die „Ionier" in der Überlieferung des Alten Orients

lieh von der assyrerfeindlichen Partei der an der Philisterküste gelegenen Stadt Asdod I ein Grieche zum König gemacht worden. Sein Name ist unbekannt. Sargon nennt ihn in den Inschriften einfach lawani, d. h. den Ionier. 9 Es mag ein griechischer Söldner gewesen sein, 10 wie sie auch in den folgenden Jahrhunderten im Vorderen Orient und in Ägypten noch öfters begegnen. Die Bezeichnung lawani ist in der Zeit Sargons des Jüngeren jedenfalls schon etwas recht Geläufiges gewesen. Rühmt sich doch dieser König in mehreren Inschriften, die lawani wie Fische gefangen 11 und Kilikien (Que) und Tyros (~urri) Ruhe gegeben zu haben. 12 Mit diesen bildhaften Ausdrücken sind offenbar Zusammenstöße mit griechischen Piraten gemeint. 13 Denn die Vermutung Wincklers, daß es sich speziell um die Bewohner von Kypros handle, zu denen Sargon allerdings in Beziehungen gestanden hat, scheint mir nicht bewiesen. 14 Es ist zu betonen, daß für ein Auftreten der Ionier zu Lande im östlichen Kleinasien unter Sargon 9 So in der Prunkinschr. z. 95 (Winclsr(der „Assyrer") im Demotischen (vgl. Spiegelberg, Ägypt. u. griech. Eigennamen aus Mumienetiketten, 68, u. den demotischen Kontrakt Berl. P. 3109 [22. Jahr Ptol. III.], wo der 5. Zeuge so heißt). 45 Noch Arrian sagt in der Anabasis von den kilikischen Toren, daß sie das Land der Kiliker und „Assyrer" trennen (II 5, I; vgl. 6, I). Daß die Satrapienordnung, wie L. 7of. angibt, zwischen 5I6/5 bzw. 5I5/4 und 507 von Dareios geschaffen sei, glaube ich nicht. Diese Reichsorganisation ist vielmehr in die Zeit von 5I8 bis 5I4 zu setzen. Auf das Nähere kann hier leider nicht eingegangen werden. 39 über das Reichsaramäische s. H. H. Schaeder, Iranische Beiträge I (Schriften der Königsberger Gel. Ges., 6. Jahr, Heft 5), 1930, 1 ff. 40 In der Behistun-Inschrift § 2.9 wird nämlich das Gebirge Izalla (= Muawv ö11os, Strab. XI 506. 52.7. XVI 747) als in dem Lande A{}üra liegend erwähnt. Siehe dazu Ed. Schwartz, Philologus 87, 1932., 2.61ff. 41 Vgl. Scheil, Mem. Miss. Arch. de Perse 2.1, 192.9; König, Mitt. Vorderas. Aeg. Ges. 35, 1, 1930, und Herzfeld, Arch. Mitt. Iran 3, 1931, 2.9ff. 42 Hermes 5, 1870, 443 ff. 43 s. auch Hdt. 7, 63: OU"tOL öe 1'.moµev'EUfJvrov ,mHovtm ~U(.)toL,'U1t06e"tÖJV ßa(.)ßagrov (d. h. von den Persern) 'Aaau(.)LOL ex.ÄfJ{h1auv.- H. H. Schaeder hatte eine Behandlung dieser Fragen im Hermes in Aussicht gestellt. Vgl. AA 47, 1932., 2.71Anm. 2.. " W. Spiegelberg, Der demotische Text der Priesterdekrete von Kanopos und Memphis (Rosettana), 192.2.,S. IO, A 5, B I8. 45 Daß hier keine „verschollenen Assyrer" gemeint sind, hat schon Ed. Meyer, KI. Sehr. II, 97 bemerkt, S. auch den Begriff (zw·t :,sr,,,assyrische Stadt", der als Äquivalent von ~u(.)rov xwµTJim Demotischen begegnet (Spiegelberg, Die demot. Papyri Loch, Nr. 8 u. 9).

8. Bespr. von 0. Leuze, Die Satrapieneinteiltmg in Syrien

Das Ergebnis, zu dem Leuze hinsichtlich der Abgrenzung der beiden auf dem Boden des neubabylonischen Reichs geschaffenen Satrapien, 1 Syrien (Abarnahara) und Babylonien, gelangt, ist einfach genug. Die Satrapien entsprachen den Teilen Babili und Ebir nari des neu babylonischen Reichs, wobei der Euphrat die Grenze bildete. Dem ist zuzustimmen. Daß jedoch auch östlich des Tigris liegende Gebiete, vor allem das assyrische Kernland, die Arbelitis, zu Babylonien gehört haben (L. 129 ff., 144), möchte ich nicht annehmen. 46 In dem 3. Teil (145-192) behandelt Leuze den Zustand um 401 in diesem syrischen und mesopotamischen Gebiet, besonders nach Xenophon. Wichtig ist, daß Leuze in einer ausführlichen Beweisführung, vor allem gegen LehmannHaupt, den Schlußsatz von Xenophons Anabasis (VII 8, 2-5f .) für unecht und von recht zweifelhaftem Wert erklärt. Gelungen ist m. E. der Nachweis, daß Belesys zu der Zeit, wo Kyros durch Syrien zog, nicht mehr Satrap war (Xen. I 4, 10: ~ug[a; Üg;a;; L. 153ff.); dies war damals Abrokomas. Leuze behauptet nun, daß die Abgrenzung der Satrapien auch jetzt noch dieselbe wie unter Dareios I. gewesen sei. Diese Grundthese ist indes kaum zutreffend. In mehreren babylonischen Urkunden, aus dem 3. bis 7. Jahr Dareios' II. stammend, erscheint ein Mann namens Gubaru (= Gobryas), der in zwei Urkunden den Titel amet pi!Jätmtit Akkadi (,,Statthalter von Akkad") führt. 47 Entsprechende Angaben der Diadochenchronik 48 bezeichnen nun aber den Statthalter von Babylonien, d. h. Südmesopotamien, mit diesem Titel. So ist der Schluß unabweislich, daß auch Gubaru nur Südmesopotamien zu betreuen hatte. Das Verschwinden der Form Babili bringt zum Ausdruck: erstens, daß das nominelle Königtum von Babel nicht mehr bestand, und zweitens, daß es eine das ganze Mesopotamien umfassende Satrapie nicht mehr gab. Nordmesopotamien war, höchstwahrscheinlich nach der endgültigen Beseitigung des babylonischen " Königtums im Jahre 478, vom eigentlichen Babylonien abgetrennt worden und bildete eine selbständige Satrapie, bzw. es wurde gelegentlich mit der syrischen in der Hand eines Statthalters vereinigt, wie z. B. unter Mazaios (Arr. III 8, 6, vgl. im folg. S. 97). Im 4. Teil (193-229) beschäftigt sich Leuze mit dem Zustand um 350. In dem Satrapen Belesys (bei Diod. XVI 42, 1 als oargu.,-i:ri;·rij; ~ug(a; genannt), der zusammen mit dem kilikischen Satrapen Mazaios beim phönikischen Aufstand in Tätigkeit tritt, sieht L. 195 ff., m. E. mit Recht, gegen Kahrstedt den VerwalS. auch Ernst Meyer, DLZ r936, 1495 f. Clay, The Babyl. Exped. of the Univ. of Pennsylv. 10, Nr. 101: 25, IIS: 14. Vgl. Schwenzner, Klio 18, 247 [und M. San Nicolo, Prosopographie, 64 A. 1.) 48 Obv. 9 (bei Sidney Smith, Babyl. Histor. Texts, 140). S. auch die Keilschrifttafel BM. 92 688, Rev. II. 40

47

[12.5/126]

8. Bespr. vo110. Leuze, Die Satrapie11ei11teil1111g in Syrien

97

ter von ganz Syrien. Daß Mesopotamien nicht zu seinem Bezirk gehört hat, wie Leuze meint, läßt sich m.E. nicht entscheiden. Von besonderem Interesse ist in diesem Abschnitt der Nachweis, daß sich aus dem Ps. Skylax über die politische Zugehörigkeit einzelner syrischer Küstenstädte zu Syrien oder Phönikien nichts entnehmen läßt (2ooff.), wie es Kahrstedt versucht hatte. 1 Der 5. Teil (230-235) beleuchtet die Verhältnisse in diesem Gebiet für die Jahre 345-340 v. Chr. Das Hauptergebnis ist, daß es sich entgegen der Ansicht von Lehmann-Haupt 49 und Berve50 nicht erweisen läßt, ob zur Statthalterschaft des Mazaios neben Kilikien und Syrien auch Mesopotamien gehört hat. Mehr läßt sich hier m. E. auch nicht feststellen. Im 6. Teil (236ff.) kommt Leuze zu dem Ergebnis, daß Mazaios neben der syrischen bis zum Jahr 333 auch die kilikische Statthalterschaft innegehabt hat. Der im Jahre 333 in Tarsos auftauchende Arsames (Arr. II 4, 5. Curt. III 4, 3. Diod. XVII 19, 4: •Agcra~LEV'l')i;) sei vielleicht Unterstatthalter für Kilikien, Stadtkommandant von Tarsos oder Befehlshaber der in Kilikien liegenden persischen Reichstruppen gewesen (L. 244. 248). Der 7. Teil (25rff.) behandelt die Verhältnisse in Syrien und Mesopotamien bei und nach Alexanders Eroberung. Vor der ausführlichen Besprechung von zwei besonders wichtigen Problemen ist zu erwähnen, daß Leuze behauptet, Mazaios sei im Jahre 331 nur Satrap von Syrien gewesen - im Gegensatz zur gesamten übrigen Forschung (Lehmann-Haupt, Berve, W. Otto), wonach Mazaios auch als Verwalter der ~ugta fi µeta;u tfüv ltOtctµ&v,d. i. Nordmesopotamiens, anzusehen sei. Mazaios hat in der Schlacht bei Gaugamela die Truppen aus der KmÄ~ ~ug(a und aus der }::ug(a fi µm1.;u TWV,i:ota~t&vunter sich gehabt (Arr. III 8, 6). Damit sind offenbar die Kontingente von zwei verschiedenen Satrapien gemeint, Mazaios muß demnach wohl;;, gegen Leuze - Verwalter von beiden Satrapien gewesen sein, sonst müßte man annehmen, daß der Satrap von Nordmesopotamien bei Gaugamela gar nicht erscheint, was unwahrscheinlich ist. Es ist auch jetzt noch eine umstrittene Frage, inwieweit ein politisch so einschneidendes Ereignis, wie es die Eroberung des Achämenidenreichs durch Alexander gewesen ist, eine wirkliche Epoche auch in der Verwaltung der asiatischen Territorien gebildet hat. Auch Leuze schneidet in der Arbeit zwei zentrale Probleme an, die er ganz anders als die bisherige Forschung zu lösen sucht. So vertritt Leuze im Zusammenhang mit der Stellung des Philoxenos (269 ff.) die Auffassung, daß es mehrere Satrapien umfassende Finanzbezirke im Alexanderreich überhaupt nicht gegeben habe. Wäre diese Behauptung Leuzes richtig, so müßten wir unsere Ansicht von der Organisation des Alexanderreichs in einem 49

RE II AI, I91I, Sp. II5 f.

7 Bengtson, Kleine Schriften

so Alexanderreich II, Nr. 484.

8. Bespr. von 0. Leuze, Die Satrapieneinteilung i11Syrien

[12.6/12.7)

wesentlichen Punkt ändern. Zu seiner Auffassung ist Leuze vor allem deshalb bestimmt worden, weil er in dem bei Arr. III 16, 9 genannten Ünagxo; ~ug(a; xat cI>otv(xri;xat KtAtxta; Menes nicht den Finanzdirektor dieser Gebiete, sondern einfach den „Etappenkommandeur" sehen will, der die Verbindung mit der Heimat aufrechtzuerhalten I hatte (279 ff.). Damit wäre natürlich der eine der vier Finanzbezirke 51 bereits hinfällig. Man wird über Menes' Stellung streiten können, ganz klar liegen die Dinge aber bei zwei anderen Funktionären, Kleomenes und Philoxenos. Kleomenes ist nach Arr. III 5, 4 zum Verwalter der Ostbezirke Ägyptens und zugleich zum Steuereinheber des gesamten in vier selbständige Bezirke geteilten Pharaonenlands bestimmt worden. Genau derselbe Fall liegt aber bei Philoxenos vor: er sollte die von den kleinasiatischen Satrapen eingehenden otvLxo;eax.ov tYjVE1tCOVUfÜTJV, 2 Natürlid1 keine Griechen; gegen diese Auffassung siehe auch noch etwa W. Otto, HZ 163, 1941, 310, in der Besprechung von G. De Sanctis, Storia dei Greci. 3 In hethitischen Texten taucht der Kilikername nicht auf. Die von E. 52 angeführte Vermutung W. M. Müllers und Breasteds, die krk, bzw. krks in den Inschriften Ramses' II. seien die Kiliker, ist sicher falsch; es handelt sich hier vielmehr möglicherweise um die Karer (karkä-). Das -.sin krks macht allerdings gewisse Schwierigkeiten; vgl. F. Sommer, Abbijaväfrage u. Sprachwisscnschafl: 84ff. u. Indogerm. Forsch. 55, 1937, 288 A. 1. Zum Karcrnamen s. W. Eilers, OLZ 1935, 201 ff., ZDMG 94, 1940, 180 ff., Bengtson, Philologus 92, 1937, 131 (o. S. Br], sowie auch Junge, Klio 34, 1941, 18. 4 Auf diese Zeit muß man to m1Ämov bei Herodot beziehen. 5 Daß das „Siedlungsgebiet der Kiliker in früher Zeit eine sehr große Ausdehnung gehabt hat und d:mn durch den Einbruch wandernder Völker zerrissen wurde" (E. 83 f.),

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Kiliker nicht mit der Vorbevölkerung, wie ich annehme, den Hypachäern Herodots, vermischt hätten; im Gegenteil, gerade in der Mythologie läßt sich an der Übernahme typisch kleinasiatischer Götter, wie des Tarku und Sandon (die auch schon im Hethitischen und im Luwischen auftreten), eine gewisse Aufnahmefähigkeit der Einwanderer für die religiöse Vorstellungswelt der Vorbevölkerung feststellen, ähnlich wie auch die Indogermanen sich immer wieder nur zu bereit gezeigt haben, die einheimische Götterwelt des Alten Orients in sich aufzunehmen.6 Haben sich aber wie bei den Kilikern - und vielfach auch bei den Indogermanen Asiens - die einheimisch-bodenständigen Kulte durchgesetzt, so muß man auch mit einem völkischen Substrat der kleinasiatischen Vorbevölkerung bei den Kilikern, ja sogar mit einer verhältnismäßig weitgehenden Vermischung zwischen beiden Völkern rechnen. Man kann hierfür auf die Tatsache verweisen, daß die Skulpturen und Denkmäler des 8. und 7. Jh. noch die Tracht der Hethiter zeigen, ebenso ist bis zum Beginn des 7. Jh. noch die sogenannte hethitische Hieroglyphenschrift in Kilikien in Gebrauch (s. hierzu E. 63). Daß diese Schrift mit dem hethitischen Kulturkreis in Verbindung steht, kaum dagegen mit irgendeinem bestimmten Volk wie etwa den Churri, ist jetzt wohl unbestritten. 7 Aus diesem Grunde halte ich das Fortleben eines vorkilikischen Volkstums, das seine Prägung im wesentlichen der hethitischen Kultur verdankt, in Kilikien in gewissem Umfang durchaus für möglich, ja sogar für so gut wie sicher. Im übrigen wäre diese Erscheinung I eine naheliegende Parallele zu den späten hethitischen Staaten in Nordsyrien, deren letzter, Karkemisch, am Ende des 8. Jh. den Assyrern zum Opfer gefallen ist.8 Oberhaupt muß man, glaube ich, bei den großen Wanderungen vielfach, um nicht zu sagen: meistens, mit einer erheblichen Festigkeit und einem starken Beharrungsvermögen der alteingesessenen Bevölkerung

ist m. E. eine viel weniger wahrscheinliche Möglichkeit. Ähnlich urteilt auch F. Sommer, Ahhijaväfrage u. Sprachwiss., 71. 6 Siehe hierzu Schmökels Aufsatz im ARW 37, 1941, 1 ff. 7 Zur hethitischen Hieroglyphenschrifl: vgl. Friedrich, Entzifferungsgesch. der hethitischen Hieroglyphenschrifl:, 1939, und W. Otto, Die älteste Geschichte Vorderasiens (SB d. Bayer. Akad. d. Wiss., Philos.-hist. KI., 1941, 2.,3), 2.4ff., der hier B. Hroznys Theorie eingehend widerlegt, nach dem es sich bei den Schöpfern dieser Schrift um ein eigenes, bisher in seiner Bedeutung noch nicht erkanntes Volk, um die sog. ,,hieroglyphischen Hethiter" handle. [Die neuere Forschung, dargestellt etwa durch die Arbeiten von Bossert, Gelb, Meriggi u. a., hat Ottos Ansicht durchaus bestätigt.] 8 Man darf allerdings die „Hypachäer" nicht ohne weiteres mit den Hethitern gleid1setzen. Es ist m. E. nicht ausgeschlossen, daß auch in der kilikischen Sprache, von der wir leider zu wenig wissen (vgl. E. 35), die Sprache der Vorbevölkerung ihren Niederschlag gefunden hat. Ober Vermutungen kommt man jedoch hier nicht hinaus. Zu den Eigennamen s. im folgenden S. 105 A. 13.

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9. Bespr. v. A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrschafl [2.IIl::.12]

gegenüber den Zuwandernden rechnen; so gehört denn auch die restlose Aufsaugung einer Vorbevölkerung, ohne daß diese irgendwelche rassischen und kulturellen Spuren hinterläßt, durch die Neuen gemeinhin zu den größten Seltenheiten. So haben denn - um hier ein räumlich besonders naheliegendes Beispiel anzuführen - die neueren archäologischen Forschungen in Kypros ergeben, daß sich hier neben den Griechen und Phönikern das vorindogermanische Element stets mit besonderer Zähigkeit behauptet hat (vgl. Watzinger, Hdb. d. Arch. I,

848). Die Assyrerzeit Kilikiens (E. 54 ff.), die sich ziemlich genau über zwei Jahrhunderte erstreckt, von Salmanassar III. (Mitte des 9. Jh.) bis Assurbanipal (Mitte des 7. Jh.), dürfte an diesem Zustand infolge des auch hier in größerem Umfange angewandten assyrischen Verpflanzungssystems 9 natürlich einiges geändert haben und insofern eine gewisse Zäsur bedeuten, wenn sich auch die allgemeine Struktur des Volkstums kaum grundsätzlich gewandelt hat, da ja die nach Kilikien Deportierten demselben oder doch einem naheverwandten Volkstum entstammten (so auch richtig E. 63). In den Beginn des 7. Jh., in die Zeit Sanheribs, fällt dann der oft besprochene erste Zusammenstoß der Griechen mit den Assyrern. 10 Dieses Ereignis hat man mit vollem Recht als den Beginn der griechischen Kolonisationsepoche in OstKleinasien angesehen. Die griechischen Nachrichten über diese Kolonisation sind von E. 67 ff. gesammelt, wobei die hervorragende Rolle von Rhodos, z.B. bei der Kolonisation von Soloi, deutlich in die Augen springt. 11 Nicht zuzustimmen vermag ich dem Verfasser jedoch darin, wenn er die Festsetzung der Griechen an der kilikischen Küste, speziell den oben genannten ersten Versuch der Griechen, bei Anchiale festen Fuß zu fassen, dem Motiv der Landgewinnung, 1 nicht der Absicht, dort eine Handelskolonie zu begründen, entspringen läßt. Ich halte diese Ansicht, gegen die ich mich schon in anderem Zusammenhang ausgesprochen habe, 12 für zu einseitig und mit den Tatsachen nicht zu vereinbaren. Eine irgendwie führende Rolle hat das Griechentum in Kilikien jedoch nie9 Solche Deportationen sind aus der Zeit Tiglatpilesars III. (30000 Gefangene aus Nordsyrien) und Sargons des Jüngeren bekannt; s. E. 59 f. Für die Zeit Sargons hätte sich eine Heranziehung von 0lmstead, Western Asia in the days of Sargon of Assyria, 1908, Kap. 4: The northwest frontier, empfohlen. 10 Vgl. hierzu Momigliano, Su una battaglia tra Assiri e Greci, Athenaeum N. S. n, 1934, 412.ff., eine Untersuchung, die der von E. 64 ff. angegebenen Literatur hinzuzufügen ist. 11 Hier läßt sich die Sagemradition mit der sonstigen Oberlieferung aufs beste vereinen, ein weiterer Beweis für die Unrichtigkeit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber allen Mythen und Sagen. 12 SB d. Bayer. Akad. d. Wiss., Philos.-hist. Kl., 1939, 1, 27. Vgl. auch Schachenneyr, HZ 160, 1939, II6.

[2.12/:z.13] 9. Bespr. v. A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrscha~

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mals gespielt, so daß von einer wirklichen Hellenisierung, wie auch E. 75 betont, bis in die hellenistische Zeit keineswegs die Rede sein kann, auch dies ein Zeichen für die Festigkeit und Zähigkeit des einheimischen Volkstums, das sid1 gegenüber allen Eindringlingen immer wieder behauptet hat. Wenn irgendwo, so dürfen wir in Kleinasien mit dem Fortleben autochthonen kleinasiatischen Volkstums bis in die hellenistische Zeit rechnen. 13 Erstaunlich ist nun die Riesenausdehnung, mit der uns das kilikische Königreich nach dem Untergang des Assyrerreichs in Kleinasien entgegentritt; 14 im Westen bis an den Melasfluß, im Norden über den Halys, im Osten bis an den Euphrat und im Süden bis nach Posideion in Syrien reid1end, konnte Kilikien wahrhaftig mit dem Lyderreich in der Größe konkurrieren. Man geht kaum fehl, wenn man in dem ersten Syennesis die Persönlichkeit sieht, der Kilikien diese Machtstellung verdankt. 15 Die Bildung dieses stattlichen Reiches muß sich im letzten Viertel des 7. Jh. vollzogen haben. Den Höhepunkt der kilikischen Macht bedeutet dann die Vermittlung des Syennesis i. J. 585 in dem fünfjährigen Kriege zwischen Alyattes von Lydien und dem Meder Kyaxares (vgl. dazu E. 9of.). 1 Das Jahr 547 v. Chr. endlich ist der entsd1eidende Wendepunkt: in diesem Jahre, höchstwahrscheinlich noch vor der Einnahme von Sardes durch die Perser, unterwirft sich der Kilikerkönig freiwillig dem Kyros. Damit hört Kilikien auf, ein vollsouveräner Staat zu sein. Ein persischer Vasallenstaat ist Kilikien dann mindestens bis zum J. 401 v. Chr. geblieben. Von 547 an waren die Kiliker zur Tributzahlung und zur Gestellung von Truppen verpflichtet (vgl. Xen. Kyr. VII

13 Vgl. die Inschrift:bei Dittenberger, OGIS II 752.; hier taucht noch in Caesars Zeit ein kilikischer Kleinfürst von Kastabala-Hieropolis namens Tarkondimotos auf. Der Eigenname stammt aus der vorkilikisch-,,hypachäischen" Epoche und ist als Name eines alteingesessenen Dynasten doppelt beachtenswert. Ein weiterer mit Tarku gebildeter Name (Trokundes) aus der Zeit des Kaisers Zeno (t 491) bei Joh. Antioch. frg. 2II, 4 (Müller, FHG IV S. 619). Zusammenstellung der von Tarku abgeleiteten Namen bei Kretschmer, Gesch. d. griech. Sprache, 362.ff. u. A. Götze, Kleinasien (Hdb. d. Altertumswiss.), 54 A. 3. 14 Siehe hierzu den Abschnitt: ,,Der Umfang des kilikischen Reichs um 600 v. Chr.", E. 76-85, der mit zu den besten des Buches gehört. Zu den Zeugnissen wäre noch Solin. c. 38,1 hinzuzufügen, eine Stelle, die ebenfalls die große Ausdehnung des kilikischen Reichs in alter Zeit erkennen läßt, wenn die Einzelangaben auch noch so stark übertrieben sind: Cilicia antea usque ad Pelusium Aegypti pertinebat (!) Lydis Medis Armeniis Pa m p h y l i a Ca p p ad o ci a sub imperio Cilicum constitutis. 15 Der Ablauf der Ereignisse ist von E. 87 f. in allem Grundsätzlichen richtig gezeichnet. Im Syennesis-Namen sieht E. 89, Kretschmer folgend, einen kleinasiatischen Eigennamen.

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9. Bespr. v. A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrschaft [213/2.14]

4, 2); die Perser legten eine Reitertruppe als Besatzung ins Land, für deren Unterhalt die Kiliker aufzukommen hatten (Herodot. III 90). Auch dieses Beispiel wirft ein helles Licht auf das persische Feudalsystem. 18 Abgaben, Heeresfolge und Besatzung sind die Kennzeichen der persischen Herrschaft, die jedoch bewußt darauf verzichtet, bei den sich freiwillig unterwerfenden Völkern in deren innere Struktur einzugreifen. So hat auch der kilikische Vasallenkönig eigene Truppen besessen, von denen Teile an den Grenzen des Königreichs Wacht hielten. 17 Diese Sonderstellung hat Kilikien nahezu 150 Jahre innegehabt, obwohl sein Herrscher eine der wichtigsten Verkehrsadern des Reichs, die Verbindungen zwischen Syrien und Kleinasien, kontrollierte. Es ist doch wohl ein bezeichnender Ausdruck der echt feudalistischen Einstellung der Perser, daß die jeweiligen Großkönige dem Syennesis unentwegt die Treue gehalten haben; ist es doch ausdrücklich bezeugt, daß Kilikien mindestens bis 4or v. Chr. (s. u. S. 107), nicht der direkten Verwaltung durch Satrapen unterstanden hat (Xen. Kyr. VII 4, 2; vgl. E. 97 f.). Und bezeichnenderweise hat augenscheinlich erst die zweifelhafte Haltung des letzten Syennesis beim Zuge des jüngeren Kyros gegenüber dem Großkönige das Ende des kilikischen Vasallenstaats bedeutet. Bemerkenswert ist es übrigens, daß der Perserkönig als Oberlehnsherr sogar beim Aussterben der direkten Linie des kilikischen Herrscherhauses das Land nicht eingezogen, sondern dem Karer Xeinagoras, anscheinend einem Verwandten des letzten Syennesis, wieder verliehen hat. Dieses Ereignis fällt jedenfalls kurz nach 479 v. Chr. 18 Anderseits haben aber auch die kilikischen Herrscher sich mit aller Kraft für das Perserreich eingesetzt; 19 ist doch z.B. der damalige Syennesis, Sohn des Oromedon, an der Spitze seiner Flotte in der Schlacht bei Salamis in wahrhaft heroischem Kampfe gefallen, eine Tat, die selbst ein Aischylos an dem Feinde seines Vaterlandes zu preisen für wert erachtete (Perser 326 ff.). Dieses gegenseitige unwandelbare Treueverhältnis zwischen Oberlehnsherrn und Vasallen, das sich über viele Generationen erstreckt, ist wahrlich geeignet, die ethischen I Grundlagen des Perserreichs und seine inneren staatserhaltenden Kräfte in einem weBei dem Versuch, das Achämenidenreich in seiner Eigenart zu skizzieren, habe ich es mir seinerzeit (diese Zeitschr. 13, IIS ff., o. S. 85 ff.) entgehen lassen. Zum persischen Feudalsystem siehe auch K. Galling, Syrien in der Politik der Achämeniden (Der Alte Orient 36, 3/4), 16 f. 17 Vgl. Xen. an. I 2., 2.1 u. 4, 4 und dnu E. 103 f. 18 Siehe E. III f. Für die Belehnung des kilikischen Vasallenkönigs durch den Großkönig haben wir sogar eine Darstellung auf einer MLinze; vgl. Babclon, Pcrses Achemenidcs, Paris 1893, S. XXVI Abb. 4 und dazu Junge, Klio 34, 1941, 42. A. r. 19 Die Nachrichten über die Heeresfolge der Kiliker hat E. 102.ff. gesammelt. 16

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9. Bespr. v. A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrschaft

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sentlich günstigeren Licht erscheinen zu lassen, als wie man es auch heute noch vielfach betrachtet. 20 Seit der Reichsordnung des Dareios 21 bildete Kilikien zusammen mit Kypern und den südwestkleinasiatischen Küstengebieten bis einschließlich Karien (vgl. Junge, Klio 34, 1941, 19 A. 6 u. 4of.) einen besonderen Steuerbezirk, den 4. Nomos Herodots, wie denn auch das Vasallenkönigtum Babylon, allerdings für sich allein, ein solcher Steuerbezirk gewesen ist. Sehr mit Recht hat auch E. 100 in Anlehnung an andere Forscher wieder darauf hingewiesen, daß Kilikien bis zum Jahre 401, vielleicht sogar noch länger (s. u.) keine Satrapie gewesen ist, so daß der Begriff vo~t6; hier bei Herodot allein als „Steuerbezirk" gefaßt werden kann. Diese Beobachtung ist auch noch in anderem Zusammenhang bedeutungsvoll: sie zeigt, was übrigens auch schon andere Forscher, zuletzt, soweit ich sehe, P. J. Junge (Klio 33, 1940, 32 A. 1) betont haben, daß die Begriffe voµ6; und aai:ewcda sich im Perserreich keineswegs decken, wenn Herodot dies auch geglaubt haben mag. 22 Merkwürdig berührt es zunächst, wenn i. J. 401 v. Chr. Kilikien, wie E. n4 f. überzeugend dargelegt hat, in einem beträchtlich verkleinerten Umfang als 150 Jahre vorher erscheint; besonders auffällig sind die Gebietsverluste nördlich des Taurus an Kappadokien. Aber auch diese Erscheinung ist nur aus der inneren Beschaffenheit des Perserreichs zu verstehen: es sind die partikularen Gewalten, die Satrapen, die im Verlauf des 5. Jh. ihre Hausmachtpolitik zu betreiben beginnen, ohne Rücksicht I auf den Bestand des Reichs.23 Im übrigen muß man ruhig 20 Vgl. dagegen noch H. H. Schaeder, Das persische Weltreich (Vortr. d. Friedr.Wilh.-Univ. zu Breslau im Kriegswinter 1940/ 41), 2.1: ,,Insbesondere wird man in der Geschichte der Achämeniden vergeblich nach Spuren der sittlichen Bindung zwischen Lehnsherr und Lehnsträger suchen, die, aus dem germanischen Gefolgschaftswesen herrührend, dem abendländischen Feudalismus seine eigentiimliche Prägung gibt." 21 Als Zeitpunkt für diese Neuordnung habe ich mich diese Zeitschr. 13, 12.4 für die Jahre von 518-514 entschieden. Jetzt hat Junge, Klio 34, 1941, 5 A. 3, das Jahr 518 wahrscheinlich gemacht. Ganz gesichert ist dieses Jahr m. E. jedoch noch nicht. Dareios wurde übrigens i. J. 52.2.König (nicht 519, wie bei E. 100 steht); man streitet sich lediglich um sein sog. Antrittsjahr; vgl. etwa meine Hinweise in der HZ 160, 1939, 62.0,auch H. H. Schaeder, Das persische Weltreich, 30. 22 Auch ich bin diese Zeitschr. a. a. 0. 12.3 [o. S. 94] noch zu sehr Herodot gefolgt. Erst nach Fertigstellung dieser Besprechung hatte ich Gelegenheit, den vortrefflichen Aufsatz von Junge, Satrapie und natio. Reichsverwaltung und Reichspolitik im Staate Dareios' I., Klio 34, 1941, 1-55, zu lesen und ihn noch an einigen Stellen einzuarbeiten. Der Aufsatz ist für die Frage der Steuerordnung und der Satrapienverwaltung des Achämenidenreichs schlechthin grundlegend. 23 Vgl. etwa den Streit des jüngeren Kyros in Kleinasien mit Tissaphernes und dazu zuletzt H. Schaefer, RE Suppl. VII, 1592.. Möglicherweise ist es gerade der jiingere Kyros

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9. Bespr. v. A. Erzen, Kilikien bis zum Ende der Perserherrschaft

[2.15'2.16]

zugeben, daß wir über die innere Geschichte des Achämenidenreichs, zumal im 5. Jh., zu wenig wissen. 24 Schon damals müssen sich aber die partikufaren Kräfte, der Gegensatz zwischen der Zentrale, dem Großkönig, und den Territorialgewalten, den Satrapen und Vasallenfürsten, fühlbar gemacht haben. Nach der Beseitigung des kilikischen Vasallenkönigtums, einem Ereignis, das offenbar das wenig entschiedene, ja sogar zweideutige Verhalten des letzten Syennesis gegenüber dem Großkönig im Gefolge hatte, ist Kilikien entsprechend der Praxis der Perser nunmehr in ein unterworfenes Land, in ein „Untertanenland", eine Satrapie, umgewandelt worden. Allerdings sind bis zum Jahre 361 v. Chr., wo Mazaios als „Herr über Ebir-nari und Kilikien" erscheint, für Kilikien keine Satrapen als solche bezeugt. 25 Daß sich Kilikiens Stellung damals jedoch kaum irgendwie von den anderen als Satrapien verwalteten „Ländern" unterschieden hat, ist so gut wie gewiß. Auffällig ist nun das Verhalten der Kiliker gegenüber Alexander dem Großen. Weit entfernt davon, daß sie in ihm den Befreier vom persischen Joch erblicken, muß der Makedone gegen die „Kiliker auf den Bergen", d. h. im Taurus, von Soloi aus zu Felde ziehen (Arr. II 5, 6). Nicht einmal die Griechenstädte an der Küste begrüßen ihn mit ungemischter Freude: Soloi will mit den Persern gemeinsame Sache machen und wird dafür von Alexander bestraft, auch in Mailos gibt es eine persische I Partei. 26 Diese Einstellung der Kiliker und der Griechenstädte ist nur zu begreifen, wenn man voraussetzt, daß sie sich im Perserreich, auch noch als direkte Untertanen des Großkönigs, wohlgefühlt haben 27 und gewesen, der im Besitz seiner Sonderstellung in Kleinasien den territorialen Bestand des kilikischen Vasallenkönigtums angetastet hat. Xenophons Angabe (an. I z..,20), derzufolge Kyros in Tyana, das früher kilikisch war, einen Perser namens Megaphernes und einen Unterstatthalter hinrichten ließ (s. E. 114), ließe sich hiermit gut vereinen. Auch das Bild, das man auf Grund von Kyros' Verhalten zu Tissaphernes von dem ersten zeichnen kann, würde nur noch an Farbe gewinnen: der junge Königssohn hätte sich dann auch gegenüber Kilikien aus eigensüchtigen Motiven über die Reichsidee hinweggesetzt. 24 Siehe W. Otto, HZ 163, 1941, 314, der auf Plut. Thern. 31 hinweist. - Eine zusammenfassende Arbeit über die Eigenpolitik der persischen Satrapen ist eine der vordringlichsten Aufgaben der Forschung; sie wird, wie ich glaube, auch die persische Politik gegenüber Hellas in neuem Licht erscheinen lassen. 25 Tiribazos, Pharnabazos, Datames haben zwar, vielleicht in ihrer Stellung als ,,Reichsfeldherrn", in Kilikien geprägt, der Titel „Satrap" ist aber nirgends für sie belegt; vgl. E. 12.off. Auch Mazaios könnte, seinem Titel nach zu urteilen, noch allenfalls so etwas wie ein Königlicher Kommissar oder Generalgouverneur gewesen sein. 28 Siehe hierzu die Zusammenstellung bei E. 13of. 27 Berves Bemerkung (Alexanderreid1 I, 2.58), die Bevölkerung hätte sich wenig perserfreundlich gezeigt, ist wohl etwas zu modifizieren.

[2.16]

9. Bespr. v. A. Erze11,Kilikie1tbis zum Ende der Perser!Jerrschafi

ID9

keine Veranlassung hatten, eine Veränderung ihrer augenblicklichen Lage herbeizuwi.inschen. Auch dieses Beispiel ist geeignet, den Staat der Achämeniden, auch noch in dieser spätesten Zeit, als einen Rechtsstaat erscheinen zu lassen, der sich auf dem gegenseitigen Treuverhältnis von Großkönig und Untertanen gründete. Dem feindseligen Verhalten der Kiliker entspricht Alexanders Einstellung. Anders als bei den Lydern, denen er nach Arrian (I 17, 4) ihre alten Sonderrechte in gewissem Umfange zurückgegeben hat, 28 behandelt er Kilikien als eine regelrechte Satrapie. Von irgendeiner Sonderstellung dieses Landes im Rahmen des Alexanderreichs kann keine Rede sein. überblickt man den Ablauf der kilikischen Geschichte von der Hethiterzeit bis zum Untergang des Perserreichs, so ist man überrascht zu sehen, mit welcher Zähigkeit und mit welchem Erfolg sich die Bevölkerung gegen die fremden Einflüsse aus Ost und West gewehrt hat. Man geht kaum fehl, wenn man dieses Verhalten in erster Linie auf das Konto des vorkilikischen Volkstums setzt, das es verstanden hat, mit den aus dem Westen eingewanderten Kilikern zu einer neuen Einheit verbunden, allen Einflüssen des Ostens, den Assyrern und Persern zum Trotz, seine Eigenart zu bewahren. So hat weder die Zeit, in der Kilikien assyrische Provinz war, noch die Perserzeit tiefgehende Veränderungen gezeitigt oder gar deutliche Spuren in diesem Lande hinterlassen. Erst die Eroberung Alexanders bedeutet einen entscheidenden Einschnitt. Jetzt endlich überwindet der Westen die festverwurzelten Kräfte des bodenständigen Volkstums und auch für Kilikien bricht eine neue Zeit, die Zeit des Hellenismus, an. Der historischen Untersuchung hat Erzen einen Abschnitt über die Geographie Kilikiens, leider ohne Karte, vorangestellt (S. 1-32), in dem erfreulicherweise auch gerade die neueren Forschungsergebnisse mit verarbeitet sind und in dem der Verfasser an mehreren Stellen auf das Aufbauwerk der türkischen Regierung in diesem alten Kulturlande hinweist. 28 über Alexanders Stellung zu den Völkern des Perserreiches und seine Achtung des fremden Volkstums als solchen vgl. meine Bemerkungen in der Welt als Geschichte 5, 1939, 172 [s. u. S. 246 f.].

IO.

ZUR KARTHAGISCHEN

„STRATEGIE"

Die Frage, ob man die „Strategie" als ein neues, spezifisch hellenistisches Element in der Geschichte der antiken Administration betrachten darf, habe ich in meinen Untersuchungen im bejahenden Sinne zu beantworten versucht. 1 Es ist zwar richtig, daß unter dem griechischen Strategenbegriff sehr verschiedenartige militärische und zivile Kompetenzen und Vollmachten zusammengefaßt werden exempli gratia sei hier nur an die Strategie in den griechischen Staatenbünden, an die Strategen in zahlreichen Stadtgemeinden von Hellas und Kleinasien sowie an die Verwendung des Strategenbegriffs für Personen in rein militärischer Stellung und mit rein militärischem Auftrag erinnert. Was wir aber unter der ,,hellenistischen Strategie" im eigentlichen Sinne verstehen, ist die Territorialstrategie im Rahmen der hellenistischen Königreiche: diese Institution ist in der Tat etwas vollständig Neues, erst die hellenistischen Herrscher haben sie geschaffen und im einzelnen ausgebildet. Daß schon die Zeitgenossen die Strategie als ein charakteristisches Element der hellenistischen Administration betrachtet haben, beweist (dieser Ausdruck ist hier, wenn irgendwo, berechtigt) ihre Rezeption durch orientalische und iranische Völker. So haben die Nabatäer das Wort ~Eytvov.o µfom vuxtE(;, uvrjyov µi\v to an:'EC111:EQ'll(; XEQCl(; xuxÄouµEVOL 1'CQO(;t~V ~ClA.Clµi:va, uvrjyov l'>eOLawptt~V 8 9

F. Miltner, Jhh. d. Osterr. Archäol. Inst. 2.6, 1930, n5 ff. a. a. 0. n7-n8.

12.

Zur Vorgeschichte der Schlacht bei Salamis

Kfov 'tE xat 'tl]V Kuv6aouoav .E1:ay~tEVOL Y.U'tEi:)(ov 'tE µE)(()LMouvL)(LlJ~ l'tCLV'tCl .ov rrog{lµov•Üollo6µai; xai. ßTJµana.~i; 'trji; 'Aa(ai; nennt (Tod II, Nr. 188). Ober seine 24

Vgl. hierzu Historia rr, 1962, 21 ff. [s. u. S. 380 ff.]

i8. Die griechischePolis bei Aeneas Tacticus

Person habe ich in den Symbolae Osloenses 32, 1956, 35 ff., gehandelt. 25 Bei Aeneas erscheinen die 5goµox~gur.e;; im Stabe des Strategen, auf dem Alexanderzuge sind sie offenbar in der Umgebung des Königs tätig gewesen. Wenn es richtig ist, daß Philonides seinen beriihmten Distanzlauf von Sikyon nach Elis, von dem Plinius (n. h. II 181) berichtet, in den Jahren 336 oder 335 durchgeführt hat, 26 so kämen wir mit Philonides in eine Zeit, die nicht sehr fern von dem Zeitpunkt liegen kann, zu dem Aeneas Tacticus geschrieben hat. 27 Wenn Aeneas empfiehlt, für den Wachdienst Hunde heranzuziehen (c. 2:z.,14 u. 20), so ist dieser Hinweis von besonderem Interesse, da bekannt ist, daß in der hellenistischen Zeit die ?1.'IJVl1YOLeine eigene Truppe darstellen. Sie erscheinen nicht nur in der makedonischen Armee,28 sondern vor allem auch bei den Ptolemäern. 29 Hier wie auch sonst haben die hellenistischen Monarchien eine Entwicklung weitergeführt, die schon in der Mitte des 4. Jahrhunderts oder noch früher bezeugt ist. Es wäre eine interessante Aufgabe, den Traktat des Aeneas Tacticus mit den Bestimmungen des makedonischen „Militärreglements" zu vergleichen, das auf einer Inscruift aus dem Strymon bei Amphipolis wieder zum Vorschein gekommen ist.30 Das Reglement gehört in die Zeit um 200 v. Chr., es enthält Vorschriften über das Verhalten im Feldlager mit Strafbestimmungen für Übertretungen. 31 Es ist keine Frage: das Ziel, das sich Aeneas mit seiner Schrift gesetzt hat, das hat er auch erreicht, soweit es zu seiner Zeit überhaupt zu erreichen war. Es ist nicht seine Schuld, daß nur wenige Jahre später die Entwicklung der Belagerungskunst ganz neue Verhältnisse geschaffen hat. Die Schrift, die man im Zusammenhang lesen sollte, ist nüchtern, praktisch und in vielen Punkten zweckmäßig, ihr Verfasser verfügt über eine gute Erfahrung und auch über 1 ein gewisses Maß von Bildung. Das Thema ist vielseitig abgehandelt, auch die psychologische Seite der Kriegführung ist nicht vernachlässigt. In der Schrift spiegelt sich die griechische Polis, so wie sie um die Mitte des 4. Jahrhunderts bestanden hat. Es sind sehr kleine Verhältnisse, mit denen sie 25

Vgl. dazu noch Louis Robert, Anatolia 4, 1959, :z.4ff. (vor allem zu Plin. n. h. II

181).

Symb. Osl. a. a. 0. 37 [s. u. S. :no]. s.o. s. 180 f. :a Syll.a459 {Beroia). :g P. Roussel, REG 1930, 361 ff.; M. Launey, Recherches sur les armees hellenistiques II, 1950, 1016-1018; H. Bengtson, Strategie II 1952, 136. 145. 30 Veröff. von P. Roussel, Rev. archeol. 1934 I, 39 ff.; M. Feyel, ebd. 1935 II, 29 ff. Literatur bei H. Bengtson, Strategie II, 1944, 333 A. 1. 31 F. Lammert hat dagegen die Bestimmungen als zum Militärstrafrecht gehörend gedeutet: Burs. Jahresber. 274, 1941, 74 ff. Das scheint aber nicht haltbar. 26

27

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18. Die griechische Polis bei Aeneas Tacticus

sich auseinanderzusetzen hat. Aber das Gesamtbild, das wir aus dem Traktat des Aeneas gewinnen, kommt der Wirklichkeit sicherlich näher als jenes andere Bild, das zumeist dadurch zustande kommt, daß die Verhältnisse in Athen zugrunde gelegt werden. Diese aber stehen vielfach auf einem ganz anderen Blatt. Hier, bei Aeneas, sind es immer noch die Bürger, die ihre Stadt verteidigen, Voraussetzung und Grundlage eines erfolgreichen Widerstandes ist die innere Geschlossenheit, die Eintracht der Bürger. Die Söldner kann man allerdings nicht ganz entbehren, ihre Anwerbung und Behandlung sind Gegenstände der Erörterung. Dazu kommen eine ganze Reihe von technischen Problemen, mit der die Polis und ihre militärischen Führer fertig werden müssen, darunter das Signalwesen und das richtige Verschließen der Stadttore, worüber Aeneas fast eine ganze Abhandlung schreibt. Die Ratschläge waren damals höchst aktuell, die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts war eine Zeit dauernder Kriege der Griechen untereinander gewesen, und gerade Belagerungen kleinerer Städte sind immer wieder vorgekommen. Es sei hier nur an das Schicksal der kleinen nordpeloponnesischen Stadt Phleius erinnert: diese Polis hatte in den Jahren 38I379 nicht weniger als 20 Monate lang einer Belagerung durch Agesilaos standgehalten, bis sie endlich wegen Mangels an Lebensmitteln kapitulieren mußte. Gegner der griechischen Polis sind nicht nur die Nachbargemeinden, es sind vor allem auch die großen Condottieri vom Schlage eines Charidemos, dessen Eroberung von Ilion bezeichnenderweise das vorletzte der historischen Beispiele bildet. In den Söldnerführern und in den Söldnern waren der Polis in Wirklichkeit Gegner erstanden, obwohl man sie nicht entbehren konnte. Aeneas' Schrift hat ein ganz unverdientes Schicksal gehabt: sie war praktisch beim Erscheinen bereits überholt, die neue Zeit klopfte in der Gestalt des Makedonenkönigs Philipp II. vernehmlich an die Tore der griechischen Poleis. Das Werk ist deswegen nicht von geringerem Wert. Wir ersehen aus ihm, wie sich die griechische Polis in der Mitte des 4. Jahrhunderts selbst gesehen hat. Sie war bereit, das Äußerste zu wagen und alles daranzusetzen, sich zu verteidigen, gegen die Nachbarstädte und auch gegen die großen Söldnerführer. Es war nicht ihre Schuld, wenn im Norden von Griechenland sich eine Macht bildete, die sich binnen wenigen Jahren der Gesamtheit der griechischen Poleis überlegen zeigen sollte. So wertvoll die Ratschläge des Aeneas auch sein mochten - sie litten an einem fatalen Fehler: die politische Entwicklung der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts hatte gezeigt, daß neue Ideen und ein neuer Geist nötig geworden waren, wenn die Polis nicht zugrunde gehen sollte. Die Zeit war gekommen, sich zu- 1 sammenzuschließen, das Trennende zwischen den einzelnen Gemein-

I8. Die griechischePolis bei Aeneas Tacticus

den mußte überwunden, das Gemeinsame gefördert werden. Es wäre sicherlich zuviel verlangt, wenn man erwartete, diese Erkenntnis in der Schrift des Aeneas wiederzufinden. Im Gegenteil, nach Aeneas handelt jede Polis für sich, nirgends findet sich ein Hinweis auf die Nützlichkeit des Zusammengehens mehrerer Gemeinden, von Symmachien ist keine Rede. Im Gegenteil, Aeneas empfiehlt Wachsamkeit gegenüber anwesenden a-u~tµ,a;()EO>V 1COÄLvxal. 1CQ0;'tou; 1.omou; Maxe66va; 1CO.V'ta;bzw. neo;'toµ ßncrLÄfo'Av'ttyovov xal. div 1CoÄLv'tlJV LAL1C1C0>V xat 1CQ0;'tou; aÄÄou; .,Ei,Äriva; xal. l\foxe66va;. Gruppe II verzeichnet an dieser Stelle dagegen nur: 1CQO;'tOVßncrLÄfo'A V'tLyovovxal. 1CQ0; l\foxe66va;. Dazu ein weiterer Unterschied: in den Dekreten der Gruppe I heißt es, das Heiligtum des Asklepios in Kos solle unverletzlich sein xa'tu 'tlJV 'tOÜ ßacrLÄEw;ßotiÄlJcrLv (Kassandreia) bzw. xaM1CEQxal. o ßacrLÄeu;'A. 1C()OUL()Ei:'tm (Philippi). In den Dekreten von Gruppe II findet sich zu dieser Wendung kein Gegenstück. Schließlich wird in den Dekreten von Gruppe I als beschließende Körperschaft die ßouH1 (Kassandreia) bzw. die exÄriata [sie!] (Philippi) genannt, in Gruppe II findet sich an dieser Stelle nur die Erwähnung der Polis. - Der Unterschied ist kein Zufall. Durchmustert man die Herkunftsangaben der Makedonen in hellenistischer Zeit, so fällt auf, daß die Einwohner gewisser Städte sich offiziell l\foxz66ve; ES'Aµ'tm ot 1CC1QU 'tÜ 1COAEL µLcr~orpo()OÜV'te;), über die die Strategen das Kommando führten. Die Strategen waren wohl städtische Funktionäre. 15 Bemerkenswert ist auch das Erscheinen eines Archon und eines u Herzog u. Klaffenbach Nr. 6 u. 7. 15 Meine Vermutung, die Strategen seien, ebenso wie der Archon, in Philippi königl.

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33. Randbemerkungen zu den koisdnn Asylieurkunden

Prytaneion in der Stadt; es hat demnach den Anschein, als ob die Stadtverfassung nach griechischem, vielleicht sogar nach attischem Vorbilde geschaffen worden wäre, kein Wunder übrigens, wenn man sich der Niederlassung der Athener in Daton, in der Nähe des späteren Philippi, erinnert. Die besondere Stellung der Poleis der Gruppe I beleuchten die unscheinbaren Wendungen, daß das Asklepieion Asylie genießen solle „nach dem Willen des Königs Antigonos" (Kassandreia) bzw. ,,wie es der König Antigonos wünscht" (Philippi). Man wird daraus entnehmen müssen, daß der Beschlußfassung über die koische Asylie in der Bule bzw. in der Ekklesie eine Anfrage an den König seitens der Städte vorausgegangen ist. Der König hat daraufhin den Poleis die Erlaubnis erteilt - auch dies ein Beispiel für die prekäre Autonomie der Städte Kassandreia und Philippi im Antigonidenreich. Gewiß sind formale Unterschiede zwischen den beiden Kategorien von Poleis unverkennbar, aber ebenso gewiß sind auch die Städte der ersten Gruppe von den Befehlen des Königs abhängig. Ober die Verfassung der eigentlichen makedonischen Kommunen (Amphipolis, Pella) erfahren wir leider so gut wie nichts. 16 Da ihre Dekrete keine Bule und keine Ekklesie nennen, so wird man mit aller gebotenen Vorsicht vermuten dürfen, daß diese Institutionen hier nicht vorhanden waren: maßgebend wird, wie im übrigen Makedonien, die Wehrgemeinde gewesen sein. Beauftragte gewesen (Strategie II 400), ziehe ich nach Kenntnis der gesamten Urkunde zurück. Klaffenbachs Einspruch (S. 17) ist sehr berechtigt. 18 Zu Thessalonike, das in diese Kategorie gehört, s. meine Bemerkungen DLZ 1939, 565 f.

34. OBER EINIGE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN SIZILIEN UND DER HELLENISTISCHEN WELT 1

r965

Mit dem Frieden des Lutatius im Jahre 24I war der größte Teil Siziliens unter die römische Herrschaft gekommen, ein Ereignis von weltweiter Bedeutung, ist doch die Insel von da an Jahrhunderte im Imperium Romanum verblieben, bis zur Völkerwanderung. Es wäre eine eigene Aufgabe, zu untersuchen, wie auf Sizilien griechisches und römisches Wesen eine Verbindung eingegangen sind, die für beide Teile außerordentlich fruchtbar gewesen ist. Aber nicht von dem Zusammenklingen römischer Politik und griechischer Zivilisation soll hier die Rede sein. Hier sollen vielmehr einige Beobachtungen wiedergegeben werden, die sich auf die Verbindung Siziliens mit der hellenistischen Welt beziehen. Die Zeit von etwa 280 bis 240 v. Chr. ist der Höhepunkt des hellenistischen Staatensystems. Die drei großen hellenistischen Reiche, die Staaten der Ptolemäer, der Seleukiden und der Antigoniden, sind ohne Zweifel die mächtigsten Reiche der damaligen Mittelmeerwelt. Das Gleichgewicht dieser drei Großstaaten bestimmt die Politik des Ostens, darüberhinaus aber stehen sie in vielfachen Verbindungen mit dem Westen, vor allem auch mit Rom und mit Karthago. An der Spitze der hellenistischen Großreiche stehen drei bedeutende Herrscher, Ptolemaios II., den die Nachwelt Philadelphos genannt hat (285-246), Antiochos II. Theos (26I-246) und Antigonos Gonatas (König von Makedonien von 276-239), eine Generation, die im übrigen den Anforderungen der Zeit in hervorragender Weise gerecht geworden I ist. Aber auch Hieron II., den König von Syrakus (geb. um 307-6, gest. 2I5 v. Chr.), wird man zu den bedeutenden Herrschergestalten des Hellenismus rechnen können. Ihm ist es nicht nur gelungen, sein kleines Reich durch die Fährnisse des I. Punischen Krieges hindurchzusteuern, er hat sich auch sonst als kluger Staatsmann erwiesen, der nicht nur mit Rom, sondern auch mit der Welt der Griechen und der helleni1

Vortrag, gelesen anläßlich des „1° Congresso lnternazionale di Studi sulla Sicilia

Antica" (Palermo, 19. Mai 1964).

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34. Beziehungen zwischen Sizilien und der hellenistischen Welt

[32.0/32.1]

stischen Staaten die besten Beziehungen unterhalten hat. Bekannt sind seine Verbindungen mit der Insel Rhodos. Ihren Kaufleuten hat Hieran Zollfreiheit in seinen Häfen eingeräumt, außerdem hat er sich der Inselstadt durch großartige Geschenke erkenntlich erwiesen, als diese im Jahre 227 von einem schweren Erdbeben verwüstet worden war. Verbindungen zwischen Sizilien und der griechischen Welt zeigen übrigens aud1 die Asyliedekrete einiger sizilischer Städte (Kamarina und die Geloer von Phintias) für das Asklepieion zu Kos; diese Urkunden srammen aus dem Jahre 242 v. Chr., d. h. sie sind zu einer Zeit abgefaßt, in der Sizilien immer noch Kriegsschauplatz zwischen den Römern und Karthagern gewesen ist.2 Kamarina und Phintias lagen außerhalb des Reiches des Hieran, bis zu ihrer Eroberung durch die Römer hatten sie zur karthagischen Epikratie in Sizilien gehört; damals, im Jahre 242, standen sie unter dem Kriegsrecht der Römer. Hierons Reich war niemals ein Großreich gewesen; nach dem Frieden des Jahres 24I umfaßte es außer Syrakus noch die Gebiete der Städte Leontinoi, Akrai, Neeton, Heloros und Megara Hyblaia, dazu vielleicht noch ein paar kleinere Ortschaften im Südosten der Insel. Auch Tauromenion gehörte zum Reich des Hieran, es war eine Enklave im Gebiet der römischen Provinz; zwischen Tauromenion und Syrakus besteht auf der Karte nur eine Verbindung zur See, aber es ist klar, daß sich bei den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Hieran und den Römern auch der Verkehr zu Lande ohne jede Schwierigkeit abwickelte. In seiner Struktur ist das Reich des Hieran noch am ehesten mit dem gleichzeitigen Attalidenreich in Westkleinasien zu vergleichen, auch dieses bestand aus dem Gebiet einiger weniger Poleis, von denen Pergamon und Thyateira die wichtigsten waren. 1 Schon vor vielen Jahren haben zwei so hervorragende Kenner des Hellenismus wie Ulrich Wilcken3 und Michael Rostovtzeff4 darauf hingewiesen, daß die berühmte /ex Hieronica, das Getreidegesetz des Hieran, das vor allem aus Ciceros Rede gegen Verres (actio II, oratio 3) bekannt ist, ganz unverkennbare Anklänge an ein entsprechendes Gesetz des 2. Ptolemäers aufweist. Es ist die Urkunde, die unter dem Namen „P. Revenue Laws of Pcolemy Philadelphus" im Jahre I896 von B. P. Grenfell veröffentlid1t worden ist.5 Sie stammt aus dem 27. Regierungsjahre des 2. Ptolemäers, d. h. aus dem Jahre ::.59-8 v. Chr. Der Papyrus enthält einen vo~t0i;n:Äwvtx6i;, ein Gesetz über die Verpachtung der königlid1en Einkünfte, und zwar ist der erste Teil ein allgemeines Gesetz Vgl. H. Bcngtson, Historia 4, 1953-54, 456 ff. [o. S. 358 ff.]. DLZ, 1897, Sp. 1015 ff. 4 Gesch. der Staatspacht in der röm. Kaiserzeit bis Diokletian, Philologus, Suppl.-Bd. 9, 1902, 35off. 5 Neuveröffentlichung von J. Bingen, Sammelbuch, Beiheft 1, 1952. 2

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34. Beziehungen zwischen Sizilien und der hellenistischen Welt

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über die Pflichten und Rechte der Steuerpächter (Kol. I-22). Der zweite Teil (Kol. 23-37) betrifft die Erhebung einer Sondersteuer, der &n6µot(.)Cl, bestehend aus dem Sechstel (ex-r11)des Ertrages der Weinberge und der Obstgärten. 6 Diese h-r11 wird den ägyptischen Göttern genommen und der Arsinoe II. Philadelphos zugeteilt. Es folgen (Kol. 38 ff.) Bestimmungen über die Verpachtung des Ölmonopols, der Banken und einiger weiterer Abgaben; sie können in diesem Zusammenhang beiseite gelassen werden. In der Lex Hieronica ist dagegen nicht von einer EX-rYJ, einem Sechstel, sondern von einem Zehntel des allgemeinen Bodenertrages, der decuma, die Rede. Die Beziehungen zwischen der Lex Hieronica und dem P. Revenue Laws, auf die im folgenden noch eingegangen werden soll, sind nicht schwer zu erklären. Zwischen Syrakus und Alexandrien hat im 3. 1 Jahrhundert v. Chr. ein reger Austausch bestanden. Es sei nur daran erinnert, daß der berühmte Gelehrte Archimedes aus Syrakus sich vorübergehend am Museion in Alexandrien aufgehalten hat, das damals den Mittelpunkt der Wissenschaften in der ganzen Oikumene bildete. Bereits der syrakusanische Tyrann Agathokles hatte eine ptolemäische Prinzessin, Theoxene, eine Stieftochter des I. Ptolemäers, als Gattin in sein Haus geführt, und Hieron hat sein großes Prachtschiff, die „Syrakosia ", ein Schiff von etwa 3310 Bruttoregistertonnen, ein Wunderwerk der antiken Schiffsbaukunst, beladen mit Getreide, dem 3. Ptolemäer zum Geschenk gemacht, es trug von nun an den Namen „Alexandris". 7 Der Reichtum Ägyptens bestand in seiner Kornernte, genau so wie der Reichtum Siziliens, und es kann gar kein Zweifel darüber herrschen, daß die beiden Rivalen auf dem Kornmarkt die Handelspolitik des anderen genau verfolgen mußten. Sie mußten die Konjunktur studieren, danach ihre Handelspolitik einrichten und gelegentlich auch füreinander einspringen. So ist die Getreidesendung des Hieron nach Alexandrien in der Zeit einer ägyptischen Mißernte zu verstehen. Wie es scheint, haben die Ptolemäer und Hieron die großen Getreidemärkte mehr oder weniger unter sich aufgeteilt, für den Herrscher von Syrakus kam in erster Linie Italien - allein schon wegen der räumlichen Nähe in Betracht, die Ptolemäer belieferten dagegen vor allem Griechenland und Kleinasien. Leider bietet Cicero in seiner Rede gegen Verres (act. II, or. 3) alles andere als eine systematische Darstellung der Lex 1-lieronica.Man muß sich 6 In Kol. 24, ro und 80, 2 ist dagegen von einer fü:x.u-cfJ, einem Zehnten, die Rede. An der ersten Stelle wird einer gewissen Gruppe unter den Kleruchen die Vergünstigung gewährt, anstatt des Sechstels der a1t6µotQa nur ein Zehntel davon zu entrichten, an über den wir der zweiten handelt es sich um einen v6µo; öex.u-c[ri; (oder ÖEx.a-c[öiv), jedoch wegen des fragmentarischen Zustandes des Papyrus nichts Näheres wissen. 7 Ath. V 206 d; Moschion fr. 1, 6, 3.

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Bengtson, Kleine Schriften

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34. BezielnmgenzwischenSizilienund der hellenistischen Welt

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die Angaben an den verschiedensten Stellen zusammensuchen, aber das Zeugnis Ciceros ist dennoch von höchstem Quellenwert, er kannte sich in Sizilien aus, und er hatte die für den Prozeß gegen den Propraetor Verres notwendigen Unterlagen genau studiert, sich zudem eingehend durch Bewohner der Provinz informieren lassen. Aus mehreren Zitaten geht klar hervor, daß Cicero die Lex Hieronica selbst gelesen hat, denn nur ein Kenner kann schreiben, was Cicero über diese Lex zusammenfassend sagt (3, 20): scripta Lex ita diLigenter est ut eum scripsisse appareat, qui alia vectigaLianon haberet, ita acute ut SicuLum, ita severe ut tyrannum. Dabei darf man es Cicero I nicht übelnehmen, daß er von den übrigen vectigaLia,über die Hieron in seinem regnum verfügte, nichts wußte, wir wissen es heute besser.8 Fragen wir nun, wem die zeitliche Priorität gebührt, dem 2. Ptolemäer oder dem Hieron, so kann die Antwort nur lauten: dem 2. Ptolemäer. Der P. Revenue Laws erwähnt ein Dekret des 23. Jahres (263/62 v. Chr.) über die eutO~lOtQa, es besteht aber kaum ein Zweifel darüber, daß die Grundlagen der Steuergesetze in Ägypten bereits durch Ptolemaios I. geschaffen worden sind. 9 Und was die Einführung der decuma im Reiche des Hieron betrifft, so kann hierfür schwerlich ein Zeitpunkt vor 26r, der Einnahme von Agrigent durch die Römer, in Betracht kommen. 10 Die Lex Hieronica gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Maßnahmen des Wiederaufbaues, sie kann erst erlassen worden sein, nachdem der karthagische Druck von Sizilien genommen war, d. h. im späteren Verlauf des r. Punischen Krieges.11 Nirgendwo ist bei Cicero die Rede davon, daß Hieron mit diesem Gesetz fremde Institutionen nachgeahmt habe - Cicero war kein Historiker, sondern ein Advokat, und für den Prozeß wäre eine derartige Feststellung auch ganz unwesentlich gewesen - und doch kann an dieser Tatsache nicht der geringste Zweifel bestehen. An dieser Stelle sollen nur ein paar Einzelheiten aufgezählt werden: sie sind von der Forschung längst erkannt worden und stellen die Abhängigkeit der Lex Hieronica von entsprechenden hellenistischen Gesetzen ganz außer jeden Zweifel. 12 So entspricht etwa die cruyyQacpiJin dem P. Revenue Laws, Kol. 27 (vgl. Kol. 42, II ff.) der pactio, wie sie an mehreren Stellen von Vgl. H. Berve, Hieron II., r959, 47. U. Wilcken, Ostraka I, r899, 5I3• 10 J. Carcopino, La loi de Hieron et les Romains, r9r5, 66, mit ganz ähnlicher Beurteilung der Abhängigkeit der lex Hiero11icavon dem P. Revenue Laws. 11 ß. Niese, Gesch. d. griech. u. mak. St:iatcn II, r899, r94: während der Zeit des r. Punischen Krieges. Ähnlich H. Berve, Hieron II., r959, 54. 12 Vgl. dazu außer den o. S. 368 A. 3 u. 4 angegebenen Studien Wilckens und Rostovtzeffs auch J. Carcopino, L:i loi de Hicron et !es Romains, r9r5, 64 ff. 8

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[323/324'325] 4. Beziehungenzwischen Sizilien und der hellenistischenWelt

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Cicero beschrieben wird (Verr. 3, 112, vgl. 51 und 101, auch § 20), und die a:rcowacpiJovoµci.wv I findet ihre Parallele Verr. 3, 120 und n2. Dazu kommt endlich noch das edictttm de professione iugerum et sationum, Verr. 3, 38 = P. Rev. Laws Kol. 41, 3 ff. Eine weitere Übereinstimmung findet sich im P. Hibeh I 29 (Wilcken, Chrestomathie Nr. 259). In dieser Urkunde aus der Zeit um 265 v. Chr., wahrscheinlich gleichfalls einem v6µo~ 'tEAWVtx6~, ist u. a. die Rede von dem Gericht, vor das diejenigen gestellt werden sollen, die falsche Deklarationen abgeben. Wir lesen entsprechend bei Cicero, In Verrem, act. II, 2 § 32: inter aratores et decumanos lege frumentaria quam Hieronicam appellant iudicia '{itmt. Nur ein Blinder wird diese Beziehungen übersehen. Mit vollem Recht hat schon vor vielen Jahren Rostovtzeff gesagt: ,,Die Anzeige des Namens, der Größe des Grundstückes, der Quantität der Aussaat, dann die Übereinkunft zwischen dem Pächter und dem arator an Ort und Stelle vor dem Steuerobjekte, alles dies treffen wir ebensogut in Sizilien wie in Ägypten" (Gesch. der röm. Staatspacht, 1902, 353). Die aratores (lateinischer Terminus für griechisch yEWQyot)hatten eine Ertragssteuer von 10% an den König zu entrichten. Für diese ÖEXO.'tl'Jhat man sich bemüht, Vorbilder in der Welt der hellenistischen Staaten zu finden. Dabei hat man u. a. an die ÖEXCl'tl') im Seleukidenreich erinnert. 13 Unmöglich wäre es freilich nicht, daß Hieran hier ein seleukidisches Vorbild nachgeahmt hätte, aber viel näher scheint auch in diesem Fall eine Parallele aus dem Ptolemäerreich zu liegen: die ÖEXO.'tl') findet sich in der bereits erwähnten Inschrift aus Telmessos in Lykien, das damals ptolemäisch gewesen ist. In der Inschrift beschließt die Polis Telmessos zu Beginn des Jahres 240 (im 7. Jahr des 3. Ptolemäers, Monat Dystros) gewisse Ehren für Ptolemaios, den Sohn des Lysimachos (OGIS 55 = T AM II, 1). Auf die Person des Ptolemaios, über die unendlich viele sich widersprechende Hypothesen aufgestellt worden sind, braucht hier zum Glück nicht eingegangen zu werden, 14 für unsere Zwecke genügt I es zu wissen, daß es sich um einen Dynasten aus der Zeit des 3. Ptolemäers handelt. Nach den Angaben der Inschrift haben die Einwohner von Telmessos für verschiedene Arten von Feldfrüchten eine ÖEXct'tl') zu entrichten, im Gegensatz zu dem Gesetz des 2. Ptolemäers in dem P. Rev. Laws, das die Ablieferung des Sechstels aus den Erträ-

13 So etwa H. Berve, Hieron II., 1959, 62. Ober die ÖEXU'tl) bei den Seleukiden siehe E.Bikerman, Institutions des Seleucides, 1938, n6 u. n9. 14 „Ptolemy son of Lysimachus has a tremendous literature of his own" (W. W. Tarn im Jahre 1910). Vgl. dazu C. B. Welles, Royal Correspondence in the Hellenistic Period, 1934, 161-162, dazu noch eine neuere Inschrift, veröff. von M. Segre, Clara Rhodos 9, 1938, 183 ff. 2.4•

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34. Beziehungen zwischen Sizilien und der hellenistischen Welt

[32.5/32.6]

gen der Weinberge und der Obstgärten vorschreibt. 15 Wann diese BEXU'tTJeingeführt worden ist, geht aus der Inschrift nicht hervor, so daß über das zeitliche Verhältnis zur Lex Hieronica nichts ausgesagt werden kann. Außerdem ist es eine crux, daß wir nicht wissen, welcher Begriff sich unter dem rätselhaften Wort va'tct in Z. 18 der Inschrift von Telmessos verbirgt. Eine wirklich überzeugende Lösung scheint bisher noch nicht gefunden. 16 Es kann als gesichert gelten, daß Hieran gewisse Elemente der ptolemäischen Steuerverwaltung übernommen und diese den besonderen Verhältnissen seines eigenen Reiches angepaßt hat. Dies erklärt die Unterschiede, die zwischen beiden Ordnungen festzustellen sind. Während beispielsweise in Ägypten die Funktionäre der allgemeinen Landesverwaltung, insbesondere der Oikonomos und sein Kollege, der Antigrapheus, eine wesentliche Rolle bei der Feststellung des Ablieferungssolls spielen, ist es im Reiche des Hieran der decumanus, der Steuerpächter, der diese Funktionen, gewissermaßen als Gegenpol des arator, übernimmt. Oberhaupt ist von irgendwelchen königlichen Funktionären in der Lex Hieronica nicht die Rede, dies der wichtigste Unterschied zu dem ptolemäischen Verfahren. Wenn dajgegen Cicero sagt, die Liste der aratores läge öffentlich „bei den Magistraten" auf, so sind dies sicherlich keine königlichen Funktionäre, sondern die Magistrate der einzelnen Poleis im Reiche des Hieran. Oberhaupt kann man sich die Unterschiede zwischen der einheitlich verwalteten Chora Ägyptens und den zahlreichen Poleis im Reiche des Hieran nicht deutlich genug vor Augen stellen. Aus diesem grundlegenden strukturellen Unterschied erklären sich die Differenzen zwischen der Lex Hieronica und den ptolemäischen Gesetzen zur Genüge.17 In der Adaption der ptolemäischen Steuerordnung an die Erfordernisse seines eigenen Reiches liegt, wie ich glaube, 15 Es sei jedoch daran erinnert, daß sich im P. Rev. Laws auch Hinweise auf eine l>ex6:n1finden, die wir jedoch in einem Fall nicht näher definieren können, s. o. S. 369 A.6. 16 Die Inschrift bietet µEtQoiiv.n; varn 1 [.ii>]Ln: yecoQyii>L xnt Tii>Ll>exn.wvl]L,vgl. dazu Dittenbergers Anmerkung 12 zur Inschrift. Rostovtzeff (Kolonat 2.791 ) las: µETQii>V Mxma (Subjekt wäre dann Ptolemaios, Sohn des Lysimachos) und zog eine Parallele zu dem Passus Ciceros (Verr. III 2.0): 11amita dilige11terconstituta szmt iura dec11mano, 11t tamen ab invito aratore plus decuma 11011 passet auf erri. Doch muß dies, wie gesagt, hypothetisch bleiben. Noch weniger wahrscheinlich sind die späteren Vorschläge von Kalinka (TAM II 1): (e)vnrn oder M. Segre: (xn'tlx .ci öu)va.ci, mit Recht abgelehnt von J. und L. Robert, REG 1954, Bull. ep. Nr. 2-30. Ich denke an µe.Q(ii>v) .ci (öfov).a. 17 Ähnlich auch H. Berve, Hieron II., 1959, 69. Den gegenteiligen Standpunkt, vertreten etwa von T. Frank, CAH VII, 192.8,796 (nthe basic principles and the underlying spirit differ completely"), und Graf Stauffenberg, König Hieron II. von Syrakus, 1933, 69-70, kann ich mir nicht zu eigen machen. Natürlich kann von einer buchstäblichen Übernahme nicht die Rede sein; s. oben.

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die eigentliche Leistung des sizilischen Herrschers, sie kann kaum überschätzt werden. Mit Recht hat Rostovtzeff 18 von einem großen Nivellierungsversuch des Hieran gesprochen. Allerdings hat dieses System der Selbstverwaltung der sizilischen Städte insofern schweren Abbruch getan, als die Aufbringung der Bodenertragssteuer durch ein königliches Gesetz geregelt wurde (es ist möglich, daß Hieran auch in diesem Punkt dem ptolemäischen Vorbild gefolgt ist, vgl. die o. S. 37I f. erwähnte Inschrift aus Telmessos), aber es ist nicht zu verkennen, daß die lex Hieronica einen entscheidenden Schritt hin zur Errichtung der königlichen Souveränität auch über die griechischen Poleis bedeutet. Das Problem Stadt und Herrscher, das wie ein roter Faden die gesamte Geschichte des Hellenismus durchzieht, ist hier in entscheidender Weise zugunsten des Königs gelöst worden. Die Leistung des Hieran besticht durch ihre Konsequenz, sie wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne die Anwendung von Ideen der ptolemäischen Landes- und Steuerverwaltung. In welchem genauen Jahr die lex Hieronica in Sizilien eingeführt worden ist, ist unbekannt; es genügt zu wissen, daß sie in dem sog. Reich des Hieran in Südostsizilien offenbar bis zum Tode des Königs gegolten hat, die Römer haben sie dann übernommen und auf die ganze Provinz Sizilien übertragen. 1 Das Reich des Hieran bestand aus einer Anzahl von Städten, von denen Syrakus, Leontinoi und Tauromenion die wichtigsten waren. Alle diese Städte besaßen ihre nominelle Autonomie, wenn diese auch auf dem Gebiet der Steuererhebung außer Kraft gesetzt war. Ob noch andere Einschränkungen der städtischen Autonomie anzunehmen sind, ist unbekannt. Die Beziehungen der lex Hieronica zu dem ptolemäischen Vorbild sind längst bekannt. Sie gewinnen aber erst ein richtiges Relief, wenn man in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß auch die Münzprägung des sizilischen Königs19 an die Prägung der Ptolemäer anknüpft. So ist den Numismatikern von jeher an den schönen Münzen mit dem Porträt der Königin Philistis die Ähnlichkeit mit dem Bilde der Arsinoe II. auf den Ptolemäermünzen aufgefallen. Auch das Gewicht der verschiedenen Münzen Hierons entspricht dem ptolemäischen Standard. Im übrigen aber zeigt die große Zahl der Münzen, die mit dem Bilde der Philistis geprägt worden sind - sie übertrifft bei weitem die Zahl der Münzen mit dem Porträt des Hieran-, daß die Königin eine besonders hervorragende Stellung am Hofe und im Reiche eingenommen haben muß. Auch hierfür gibt es wiederum vor allem bei den Ptolemäern (Berenike I., insStudien z. Gesch. d. röm. Kolonats, 1910, 234. P. R. Franke, Historisch-numismatische Probleme der Zeit Hierons II. von Syrakus, Jb. f. Num. 9, 1958, 57 ff., auch H. Berve, a. a. 0. 49-50. 18

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34. Beziehungen zwischen Sizilien und der l1ellenistischenWelt

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besondere aber Arsinoe II.) Parallelen. Wir können also mit Zuversicht sagen, daß Hieron auch für seine Münzprägung ptolemäische Anregungen aufgenommen hat. Eine gewisse Schwierigkeit bedeuten übrigens die von sizilischen Städten geprägten Münzen, auf denen die Königin Philistis in der Gestalt der Persephone erscheint. Hierfür fehlt es in der hellenistischen Welt bisher an Parallelen. Eine allgemeine hellenistische Institution ist die Mitregentschaft, sie findet sich nicht nur bei den Ptolemäern (erstes Beispiel: Ptolemaios II. unter seinem Vater Ptolemaios 1.), sondern auch bei den Seleukiden und Antigoniden. In Syrakus ist Gelon, der Sohn des Hieron, Mitregent gewesen, er trägt auf den Münzen das Diadem, woraus sich ergibt, daß er zu Lebzeiten seines Vaters Hieron in vollem Besitz der Herrscherwürde gewesen ist. 1 Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn sich gerade in Sizilien starke Einflüsse ptolemäischer Herkunft bemerkbar gemacht haben. Unter dem 2. und 3. Ptolemäer war das Ptolemäerreich nicht nur der wohlhabendste, sondern auch der am besten verwaltete Staat im gesamten Mittelmeergebiet. In Alexandrien entfaltete sich eine hohe Blüte der Wissenschaft, und auf dem Gebiete der Verwaltung war das ptolemäische Ägypten ein weithin leuchtendes Vorbild. Wenn man unter den Barkiden die Institution der Strategie in Afrika und in Iberien wiederfindet, 20 so handelt es sich auch hier um die Rezeption hellenistisd1er, wie ich glaube, speziell ptolemäischer Institutionen. Beide Staaten, das Ptolemäerreich und Karthago, berührten sich zu Lande an den Arae Philaenorum, sie standen außerdem ständig in engsten Handelsbeziehungen. Das gleiche gilt, mutatis mutandis, auch für das Reich des Hieron und das Ptolemäerreich. So haben sich beispielsweise beide Staaten bemüht, ihren Einfluß in Rhodos, dem großen Clearing-house des östlichen Mittelmeergebiets, zur Geltung zu bringen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht ist die Weihung einer Statue des Demos von Rhodos, wie er von dem Demos von Syrakus bekränzt wird, durch König Hieron. Hinter der Weihung stehen sehr massive materielle Interessen, sie haben den König von Syrakus veranlaßt, sich gegenüber Rhodos besonders spendenfreudig zu zeigen, wobei die monarchische Stellung des Hieron nach außen nicht in Erscheinung trat. Aber nicht nur Hieron und die Karthager, auch die Römer sind auf dem Felde der Verwaltung bis zu einem gewissen Grade die Schüler der Ptolemäer gewesen. Wenn die Römer im Jahre 227 für ihre beiden ersten Provinzen, für Sizilien (mit Ausnahme des Reiches des Hieron) und für Sardinien (mit Korsika) je einen Prätor bestellten, so darf man hierin gleichfalls den Einfluß hellenisti20

H. Bengtson, Aegyptus 31, 1952, 378 ff. [o. S. uoff.]

34. Beziehungen zwischen Sizilien und der hellenistischen Welt

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scher Vorbilder, eben des Systems der Strategie, erblicken. Haben doch die Römer auf dem Gebiete der Provinzialverwaltung das eine Grundprinzip der res publica libera, das Prinzip der Kollegialität, mit voller Absicht außer Kraft gesetzt. Dazu kommt noch, daß dem Prätor auf Sizilien ein Quästor, in späterer Zeit deren zwei (einer in Lilybaeum, ein anderer in Syrakus) zur Seite standen. Auch hierjfür gibt es in der Verwaltung des Hellenismus, und zwar in dem Nebeneinander des Strategen und des Oikonomos, wie z. B. auf dem ptolemäischen Cypern, eine vollgültige Parallele. 21 Auf die allgemein hellenistischen Züge, welche das Reich und der Hof des Hieron in Syrakus aufweisen, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, sie sind zuletzt von H. Berve (a. a. 0. 56 ff. u. sonst) im einzelnen dargestellt worden. Im übrigen brauchen Institutionen wie die Hofrangklassen und das Synhedrion, der Kronrat, nicht auf das Vorbild der Ptolemäer zurückgeführt zu werden, sie sind vielmehr allgemein hellenistisch und stammen letzten Endes von Alexander. In einem Punkt weist freilich das Reich des Hieron eine Anomalie gegenüber den großen hellenistischen Staaten auf: Hierons Reich ist ein Reich der griechischen Poleis, und zwar vorwiegend solcher, die zuvor unter der Herrschaft von Syrakus gestanden hatten. Ähnlich wie das Reich der Attaliden in seinen Anfängen (s. o. S. 368) dürfte auch das kleine Reich des Hieron kaum über eine umfangreiche differenzierte Beamtenschaft verfügt haben. Vielmehr hat der Herrscher die wesentlichen Aufgaben den Magistraten der einzelnen Städte überlassen, sie sind auch bei der Einhebung der decuma miteingeschaltet gewesen. Die Frage, ob diese Magistrate, ähnlich wie die Strategen in Pergamon, von dem Herrscher abhängig gewesen sind, oder ob sich der König im Strategenkollegium vertreten ließ wie Ptolemaios I. in dem von Kyrene, ist heute noch nicht entschieden. Vielleicht werden neue Inschriften hierauf einmal eine Antwort geben. Hieron II. hat 60 Jahre lang, von 275/ 4 bis 2r5, regiert, seit dem Siege über die Mamertiner am Longanosfluß im Jahre 269 trug er den Königstitel. In diesen 60 Jahren hat er drei ptolemäische Könige erlebt: Ptolemaios II. (285-246), Ptolemaios III. Euergetes (246-22r) und Ptolemaios IV. Philopator (22r-204). Von diesen drei Herrschern war der 2. Ptolemäer eine überragende Figur, gleich bedeutend als Diplomat wie als Organisator, er hat sich sowohl im Westen wie auch im Osten des Mittelmeerraumes, ja sogar im fernen Indien, zur Geltung gebracht. Es ist nun sehr interessant, festzujstellen, daß Hieron einen sehr wichtigen Gedanken der Ptolemäer nicht aufgenommen hat, die göttliche Verehrung 21

H. Bengtson, Historia

II,

1962.,2.0-2.r [u. S. 379 f.].

34. Beziehungen zwiscben Sizilien und der hellenistischen Welt

[330)

des lebenden Herrschers. Diese ist, wie bekannt, durch Ptolemaios II. zu seinen Lebzeiten für seine Person und für seine Schwestergemahlin Arsinoe II. gefordert und auch durchgeführt worden, dies ein sehr wichtiger Schritt auf dem Wege zum hellenistischen Gottkönigtum. Dank einer neueren Urkunde (P. Hibeh II 199 vom Jahre 272/J v. Chr.) wissen wir jetzt mit voller Sicherheit, daß Arsinoe II. zu ihren Lebzeiten (sie starb am 9. Juli 270) hieran Anteil erhalten hat. Warum ist Hieran dem 2. Ptolemäer in diesem Punkte nicht gefolgt? Die Gründe sind nicht schwer zu erraten: sein Reich bestand aus den Gebieten der Griechenstädte Südostsiziliens, es wären vielleicht Schwierigkeiten von den Griechen zu erwarten gewesen, wenn er von ihnen den Kult der lebenden Herrscher gefordert hätte. In Ägypten und auch im Seleukidenreich lagen die Dinge ganz anders. Auch den Versuch, seine Herkunft von den Göttern abzuleiten, hat Hieran II. nicht gemacht, anders als die Ptolemäer und die Seleukiden. Ober seine Jugend waren mancherlei Legenden im Umlauf (lust. XXIII 4, 4-11), sie zeigen ihn als den künftigen Herrscher, der durch Wunderzeichen vor den anderen Menschen ausgezeichnet wird. In der Übernahme ptolemäischer Prinzipien der Verwaltung aber zeigt sich der überragende Einfluß des großen hellenistischen Reiches, das um die Mitte des 3. Jahrhunderts auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit gestanden hat. Nicht allein Hieran II., auch die Karthager und, wie ich glaube, die Römer, haben sich nicht gescheut, von den Ptolemäern zu lernen. Für Ideen gibt es keine Grenzen, und es nimmt weder dem Hieran noch den Römern etwas von ihrer geschichtlichen Bedeutung, wenn man feststellt, daß sie auf dem Feld der Verwaltung die Erben der Ptolemäer gewesen sind. 22 22 Anhangsweise sei hier nur noch an den Erlaß des 4. Ptolemäers erinnert, der sich mit der Anmeldung aller befaßt, die dionysische Weihen vornehmen (BGU VI 12.II). Es ist R. Reitzenstein gewesen, der seinerzeit auf das senatus co1rsultum de Bacd,a11alibus vom Jahre 186 verwiesen hat (Arch. f. Religionswiss. 19, 191 ff.). Wenn beide Erlasse ihrer Natur nach auch ganz verschieden sind, so spiegelt sich doch in ihnen die gleiche Welle religiöser Bewegung, die, von .Ägypten ausgehend, auch Italien erfaßt hat. Vgl. dazu etwa U. Wilcken, Arch. f. Papyrusforsch. 6, 192.0, 414; C. Cichorius, Röm. Studien, 1922, 21 ff. [Anders K. L3tte, Röm. Religionsgeschichte (HdA V 4), 1960, 271; s. aber z.B. G. Zuntz, Hermes 91, 1963, 239.J

35· NEUES

ZUR GESCHICHTE DES HELLENISMUS IN THRAKIEN UND IN DER DOBRUDSCHA

Unsere Kenntnis der hellenistischen Geschichte und Kultur ist jüngst durch einige Neufunde in Bulgarien und Rumänien in überraschender Weise vermehrt worden. Auch auf die Gefahr hin, den Spezialisten der hellenistischen Geschichte nichts wesentlich Neues zu bieten, erscheint es mir doch richtig, die Neufunde an dieser Stelle einem weiteren Kreise vorzulegen. Im wesentlichen handelt es sich um zwei Dinge, um die zufällige Entdeckung und Ausgrabung der thrakischen Königsstadt Seuthopolis und um die Veröffentlichung der Agathokles-Inschrift aus lstros (Histria). Dazu kommt drittens das Erscheinen der beiden ersten Bände der „lnscriptiones Graecae in Bulgaria repertae" von G. Mihailov (Sofia 1956 u. 1958); auf diese soll hier jedoch nur insoweit eingegangen werden, als sie für die im folgenden erörterten Fragen und Probleme von Wichtigkeit sind. Eine der großen Überraschungen der letzten Jahre war die Auffindung der thrakischen Königsstadt Seuthopolis durch bulgarische Gelehrte unter der Führung von D. P. Dimitrov. Bei dem Bau eines großen modernen Staudammes an dem Fluß Tundscha, dem antiken Tonsus (oder Tonzus), stieß man unweit der Stadt Kasanlik zwischen dem Balkan und dem Sredna Gora-Gebirge in dem fruchtbaren Rosental auf umfangreiche Reste einer antiken Stadtanlage. Auf Grund einer dort gefundenen Inschrift konnte sie als Seuthopolis, die Stadt des thrakischen Fürsten Seuthes III., des Zeitgenossen des Lysimachos, identifiziert werden. Die endgültige Veröffentlichung der Ausgrabungen, die in den Jahren von 1948-1954 stattgefunden haben, steht anscheinend noch aus - kein Wunder bei der Fülle der hier aufgedeckten Funde! In einem Vorbericht 1 spricht Dimitrov von einer Festungsmauer mit Toren und Türmen, von Straßen, von der Agora, dazu von zahlreichen Keramikfunden, von Waffen und Geräten, endlich von etwa 1000 thrakischen Münzen und von zwei griechischen Inschriften. 1

Hommages

J. u. L. Robert,

a Waldemar Deonna (Coll. Latomus, REG 1959, 2.09-2.10.

2.8),

Brüssel

1957,

181

ff. Vgl.

35. Zur Geschichte des Hellenismus in Thrakien

Von den Münzen entstammt die Mehrzahl der Zeit des Seuthes III., es gibt aber auch einige aus der Zeit Philipps II. und Alexanders d. Gr., die letzten gehören der Zeit des Demetrios II. von Makedonien (239 bis 230? v. Chr.) an. Die Stadt ist wohl am Ende des 4. Jh.s v. Chr. gegründet worden, vielleicht an der Stelle einer älteren thrakischen Siedlung. Wenn auch die Münzen und die Keramik eindeutig zeigen, daß Seuthopolis eine Stadt der Thraker war, so sind doch die typisch hellenistischen Elemente in I der Stadtanlage und Stadtplanung nicht zu übersehen. Seuthopolis ist in einer großen Brandkatastrophe am Ende des 3. Jh.s zugrunde gegangen. In dem größten Gebäude der Stadt, wahrscheinlich dem Palast des Fürsten, fand man eine griechische Inschrift, sie enthält (nach Dimitrov) einen Eid, der zwischen einzelnen Mitgliedern thrakischer und makedonischer Herrscherfamilien geleistet worden ist. Die lnschriftenstele sollte in je zwei Exemplaren in der Stadt Kabyle und in Seuthopolis aufgestellt werden, in Kabyle im Phosphorion und auf der Agora, in Seuthopolis im Tempel der Megaloi Theoi, d. h. der Kabiren, und dem Tempel des Dionysos auf der Agora. In Kabyle lernen wir eine andere Stadt des antiken Thrakien kennen, sie lag an der mittleren Tundscha (Tonsus) in der Nähe des heutigen Jambol. Es ist interessant festzustellen, daß in den beiden thrakischen Städten Gottheiten verehrt worden sind, die die Verbindung mit der griechischen Welt aufzeigen. Die Megaloi Theoi gehören nach Samothrake, das Phosphorion von Kabyle ist wohl ein Hebte-Heiligtum, der Gott Dionysos ist seit alters in Thrakien heimisch. Das Eindringen griechischer Vorstellungen zeigt ferner die Asylie, die mit dem Heiligtum der Theoi Megaloi verbunden war. Oberhaupt hat das thrakische Binnenland in engen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Beziehungen zu der griechischen Welt gestanden, in Seuthopolis sind zahlreiche Amphoren aus Thasos gefunden worden, vielleicht sind sie auf dem Wassenvege (Hebros-Tonsos) verfrachtet worden. Seuthes III. ist jener thrakische Herrscher, der durch seine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Diadochen Lysimachos bekannt geworden ist.2 Seuthes III. war zunächst von den Makedonen abhängig gewesen, war aber um 325, nach der Niederlage des makedonischen Strategen Zopyrion in Thrakien, von ihnen abgefallen. Seine Unabhängigkeit hat er in sch,veren Kämpfen gegen Lysimachos behauptet. In der bisherigen Forschung hat man im allgemeinen die Annahme vertreten, Seuthes III. sei nach dem Jahre 313 von Lysimachos wieder unterworfen worden. 3 Diese Vermutung ist jedoch ganz unsicher, es ist 2 Zu Seuthes III. siehe H. Swobodl, RE II A, 192.3, Sp. 2.02.2.-2.02.3; H. Berve, Dls Alexanderreich II, 192.6,Nr. 702.. 3 B. Niese, Gesch. d. griech. u. mlked. Stalten I, 1893, 367; K. J.Beloch, Gr. Gesch. IV, I, 192.5,140 A. I,

35. Zur Geschichte des Hellenismus in Thrakien

379

im Gegenteil wahrscheinlicher, daß Seuthes III. sich im wesentlichen als ein selbständiger Herrscher behauptet hat. Die Gründung der Stadt Seuthopolis gegen Ende des 4. Jh.s zeigt nun, daß er sich den Diadochen ebenbürtig an die Seite stellte. Die Stadtgründung gehört in die Reihe der Diadochenstädte Kassandreia, Lysimacheia, Antigoneia, Seleukeia u. a. Die Beziehungen des Seuthes zur griechischen Welt sind wohlbekannt. Schon i. J. 338 hatte er durch seinen Sohn Rhebulas Verbindung mit Athen aufgenommen (IG Il 2 349), und es ist ohnehin klar, daß eine derartige Stadtgründung nicht ohne die Hilfe griechischer Architekten und Baumeister möglich I gewesen ist. Man denkt zunächst an die Einwohner der Griechenstädte an der Nordküste der Ägäis, aber auch an Thasos, dazu kommen dann die Beziehungen zu den Städten des Westpontos. Zu der Städtegründung nach dem Vorbild der hellenistischen Herrscher kommt die Verwaltung. Es ist für mich das Wahrscheinlichste, daß wir in diesem Könige Seuthes III. jenen Mann zu sehen haben, der die Verwaltung seines Landes nach makedonischem Vorbild organisiert hat: die Einführung der Strategie in Thrakien wird man mit seinem Wirken in Verbindung bringen müssen. Zu dem Material, das mir seinerzeit vorlag,4 ist seitdem durch die Funde bulgarischer Forscher manches Neue hinzugekommen, erwähnt sei nur etwa der Katalog thrakischer Strategen mit 33 Namen auf einer Inschrift aus Paradeisos am Nestos (aus römischer Zeit). 5 Wenn auch für das 3. und 2.. Jh. v. Chr. positive Zeugnisse immer noch - durch Zufall - fehlen, so kann doch jetzt die Entstehung der thrakischen Strategie mit Zuversid1t bereits in der Diadochenzeit angenommen werden. Schon vor vielen Jahren hatte sie übrigens A. Schulten auf Lysimachos zurückgeführt. 6 Chronologisch ist dieser Ansatz sehr wahrscheinlich richtig, nur wird man an der Stelle des Lysimachos jetzt den Namen des Seuthes III. einsetzen. Ist diese Vermutung zutreffend, so würde dies bedeuten, daß selbst in dem entlegenen Thrakien schon um 300 v. Chr. hellenistische Verwaltungsformen bestimmend gewesen sind - ebenso wie später in so entlegenen Ländern wie Kappadokien, Armenien oder gar in Nordwest-Indien. Die Überlegenheit der hellenistischen Zivilisation und Administration war eben so deutlich, daß sich auch die Randgebiete ihrem Einfluß nicht entziehen konnten. Wie in Kappadokien und in Ägypten so hat die Strategie als Organisation auch gerade in Thrakien die hellenistische Periode übcrdauert,7 sie ist dann von den Römern übernommen worden. Strategie in der hellenist. Zeit I, 1937, 229ff.; II, 1944, 31off.; III, 1952., 2.03f. Veröff. von D. Lazaridis, 'AQ'f..•'Ecpl]~t. 1953-1954 (Festschrift Oikonomos), erschienen 1955, 2.35ff. 6 A. Schulten, Rhein. Museum 50, 1895, 534 ff.; vgl. meine Strategie I, 1937, 2.2.9-2.30. 1 Ein besonders schönes Beispiel aus der Mitte des 1. Jh.s v. Chr. ist das Ehrendekret 4

5

380

35. Zur Geschichte des Hellenismus in Thrakien

[2.0'21]

Das Gesamtproblem der hellenistischen Strategie soll hier nicht im Zusammenhang erörtert werden, die Funde in Thrakien fügen sich vorzüglich in den allgemeinen Rahmen ein, ähnlich wie der neue ptolemäische Stratege von Karien, der kürzlich durch eine samische Inschrift bekannt geworden ist.8 Die Frage, die es in Zukunft zu lösen gibt, ist die, inwieweit die Formen der hellenistischen Organisation, insbesondere auch gerade die Strategie, auch für die Römer, z. B. auf Sizilien, von Bedeutung gewesen sind. Daß zwischen der Verwaltung der römischen Republik und der Administration der hellenistischen 1 Staaten Verbindungen bestanden haben, ist nicht zu übersehen. Der römisd1e Prätor in Sizilien und der Quästor (später zwei an der Zahl) mit dem Sitz in Lilybaeum erinnern an die hellenistische Praxis; man vergleiche etwa den ptolemäischen Strategen und den Oikonomos 9 auf Cypern. Was Rom betrifft, so wird man vor allem an die Berührung mit dem Ptolemäerreich - auf direktem oder auf indirektem Wege - denken müssen, die für die Römer von Bedeutung geworden ist. Erinnert sei nur an den von H. Mattingly angenommenen ptolemäischen Einfluß auf die Prägung des ersten römischen Silbergeldes i. J. 269. Von kapitaler Bedeutung für die Geschichte der Griechenstadt Istros (Histria) in der Dobrudscha, etwa 50 km südlich der Donaumündung am Pontos im heutigen Rumänien gelegen, ist die kürzlich von Professor Scarlat Lambrino vollständig veröffentlichte griechische Inschrift, von der bisher nur einige Zeilen bekannt waren. Sie ist unter dem Titel „Decret d'Histria en l'honneur d'Agathocles" in der Revue des Etudes roumaines 5-6, Paris I960, I80-2I7 erschienen. Die lnschriftenstele stammt aus den Ausgrabungen in Istros (Histria), die dort von I928 bis zum Beginn des 2. Weltkrieges unter der Leitung von Prof. Lambrino durchgeführt worden sind. Da die Zeitschrift kaum allen Mitforschern leicht zugänglich sein dürfte, drucke ich die Inschrift hier wieder ab, allerdings ohne den ausführlichen kritischen Apparat, für den ich auf Lambrino verweise. "E6o;e 'tl}Lßou7,iitxat -rciitÖ~!twt·lmµl')vteuov-ro~~L[ov]uoCou-roü Bta.vogo~, 'AJ'CoiJ„wvw~ K11.eo1tßg61:0u d[.it][e]v· lJ'CetÖ'f} 'Aym'l-oxJ.ij~'AvncptÄ.ou,J'CU'tQO~ wv euegy[E]-rou,x5D1(911D01D 51,)1AO[Y3{}]~ A(!ll.1yo[1t] [n Agny'oro1'9