Historischer Realismus: Kleine Schriften zur Alten Geschichte [1 ed.]
 9783946317968, 9783946317241

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Herausgegeben von Ernst Baltrusch, Peter Funke, Tanja Itgenshorst, Stefan Rebenich und Uwe Walter

Studien zur Alten Geschichte

BAND

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Leonhard Schumacher

Historischer Realismus KLEINE SCHRIFTEN ZUR ALTEN GESCHICHTE herausgegeben von Frank Bernstein

Vandenhoeck & Ruprecht

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ISBN 978-3-946317-96-8

Leonhard Schumacher. Foto aus dem Jahre 1994

Inhaltsverzeichnis Vorwort des Herausgebers ......................................................................................... ix Themistokles und Pausanias. Die Katastrophe der Sieger .......................................1 Zum Herrschaftsverständnis Philipps II. von Makedonien ................................. 29 Die Herrschaft der Makedonen im Kanon der ‚Weltreich‘-Abfolge des Pompeius Trogus (Iustin). Grundlage – Gestaltung – Zielsetzung .............. 51 Oktavian und das Testament Caesars ...................................................................... 71 Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die auspicia des Augustus ........................................................... 93 Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat: Die Rolle von Senat, Volk und Heer bei der Kaisererhebung ...................................... 127 AVGVSTVS PONT. MAX. – Wie wurde ein römischer Kaiser pontifex maximus? ............................................................ 145 Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus aus Herculaneum ................................ 155 Hausgesinde – Hofgesinde. Terminologische Überlegungen zur Funktion der familia Caesaris im 1. Jh. n. Chr. .......................................... 179 Staatsdienst und Kooptation. Zur sozialen Struktur römischer Priesterkollegien im Prinzipat ........................................................ 203 Die politische Stellung des D. Clodius Albinus (193–197 n. Chr.) ................... 225 Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim. Zur Lokalisierung der Ermordung des Kaisers Severus Alexander ............................................ 249 Zur ‚Apotheose‘ des Herrschers in der Spätantike .............................................. 269 Antike und moderne Sklaverei. Strukturelle Überlegungen zum Phänomen der Unfreiheit ............................................... 289 Augusteische Propaganda und faschistische Rezeption ...................................... 301 Verzeichnis der Schriften von Leonhard Schumacher ........................................ 333





Vorwort des Herausgebers Dieses Buch dürfte irritieren. Kleine Schriften! Also ein Wiederabdruck von Aufsätzen eines Autors? Ist dieses Publikationsformat mittlerweile nicht obsolet, ist nicht alles verfügbar, alles (fast) allen durch ,das Netz‘ leicht zugänglich? Ist solch eine Sammlung nicht sogar vollkommen überflüssig, da sich doch Wissenschaft im eilenden Fortschritt vollzieht, sich ,heutzutage‘ noch einmal beschleunigt hat, Älteres (noch) rascher veralten läßt? Nicht zu vergessen: Ist denn die Herausgabe von opera minora selecta nichts anderes als ein gestriger Akt der discipuli pietas erga magistrum, allenfalls überboten durch die Widmung einer Festschrift? Der Herausgeber ist anderer Ansicht, sonst hätte er sich nicht dem Vergnügen der Veröffentlichung dieses Buches unterzogen. Das Unternehmen mag unzeitgemäß anmuten, aus der Zeit gefallen aber sind die nachgedruckten Texte zur Griechischen und Römischen Geschichte, auch zu ihrer Rezeptionsgeschichte, nicht. Sie halten Schritt, weisen sogar voraus, sie sind wichtig, denn über wissenschaftlichen Fortschritt läßt sich bekanntlich trefflich streiten – und daß im digitalen Raum alle wissenschaftlichen Beiträge erreichbar sind, mag glauben, wer will. Dieses Buch versammelt Aufsätze eines Althistorikers aus vier Jahrzehnten zu zentralen Fragen der Politik-, Sozial- und Rechtsgeschichte der Antike – letztlich zu Machtfragen, die eben als Fragen zu überholen unmöglich ist, die vielmehr immer wieder neu gestellt werden müssen, begreift man historische Forschung als Beitrag zum Verständnis der Gegenwart und als Schutz vor überwältigender Überredung. Dieses Buch, plakativ überschrieben mit Historischer Realismus, soll die Aufmerksamkeit auf vergangene Wirklichkeiten (zurück)lenken. Es ist nötig. Leonhard SCHUMACHER, Jahrgang 1944, war tätig als Professor für Alte Geschichte an den Universitäten Mainz, Kiel, Duisburg und wieder Mainz, wo er 2009 emeritiert wurde. Mit aller Selbstverständlichkeit lehrte er durchgängig, übernahm darüber hinaus politische Verantwortung, war Dekan, auch Prorektor. Das von ihm geleitete Mainzer Institut für Alte Geschichte war eine Insel der Seligen, wo intellektuelle Offenheit und kooperativer Gemeinsinn herrschten, wo SCHUMACHER die Freiheit und Unabhängigkeit des Kollegiums und der Studenten tatkräftig förderte, nicht zuletzt, indem er alle – unabhängig von ihrem Status (Statusbewußtsein war und ist ihm zutiefst fremd) – in ihrer Individualität ernstnahm. Es wurde viel und heiß diskutiert, nicht minder gelacht, auch gefeiert. Manch außenstehende Kolleginnen und Kollegen, die den Menschen nicht kennen, mögen SCHUMACHER mit der Prosopographie der römischen Kaiserzeit in Verbindung bringen, einem Zugriff, der ihn seit seiner Promotion interessierte. Andere denken vielleicht zunächst an seine beiden großen Monogra-

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Vorwort

phien zur Sklaverei und damit an einen Gegenstand, der ihn seit seiner Habilitation begleitete. Seine Expertise war und ist gefragt. So fungierte er zum Beispiel viele Jahre als Sachverständiger der Kommission für Geschichte des Altertums der Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz. Seine Studenten schätzten seine Umgänglichkeit, insbesondere seinen Humor und seine kommentierte Anthologie lateinischer Inschriften. Mit den Kommilitonen suchte er auf Exkursionen gern die antike Welt auf. Im Ruhestand hat er seine freundschaftlichen Kontakte in Polen intensiviert, zahlreiche Vorträge dort gehalten (vieles wurde übersetzt), so auch den althistorischen Austausch mit unseren Nachbarn gefördert. Noch im letzten Jahr wurde ihm deshalb von der Universität Poznaĸ die Verdienstmedaille verliehen. Bis heute publiziert er, wie das Schriftenverzeichnis am Ende dieses Bandes dokumentiert. All seinen Tätigkeiten gemeinsam aber ist ein ausgeprägter Realitätssinn, um auf den Zweck des vorliegenden Buches zurückzukommen und den so eigenen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit SCHUMACHERs zu skizzieren. Die Auswahl der hier versammelten Studien verlangt keine nähere Begründung. Im Vordergrund steht, wie eingangs betont, die vergangene Wirklichkeit. Es geht SCHUMACHER stets darum, das Reale im Sozialen wie im Politischen aufzuspüren, seine Beiträge stellen explizit wie implizit die Machtfrage. Soziale Ungleichheiten und Abhängigkeiten, Status und Rang, politische Verluste und ihre Folgen, Herrschaft und ihre Aneignung wie Durchsetzung, ihre Verwerfungen, auch ihre propagandistische, nicht „diskursive“ Befestigung interessieren ihn. Befindlichkeiten, wie sie sich durch die Quelle „repräsentieren“ und so als Ausschnitt doch nur wieder eine vereinzelte, ja von schierer Wirklichkeit entkoppelte Hypostase darstellen, liegen ihm fern. Natürlich ist ihm ein bloßer Positivismus verdächtig, wichtig vielmehr reflektierte Empirie und konstruktive Theorie und wie man sie souverän kontrolliert, denn Quellenprobleme sieht er überall. Man müsse lediglich die Ausgabe eines x-beliebigen antiken Autors an x-beliebiger Stelle aufschlagen, schon finde man einen erklärungsbedürftigen Sachverhalt, wie er einmal mit seinem typischen Lächeln sagte. Mit solchem Bewußtsein, dem antiken Befund keinesfalls ausweichen zu können, unter breiter Einbeziehung moderner Forschung und von einem ideologiekritischen Standpunkt aus sucht SCHUMACHER, die antiken Einredungen zu entlarven. Genaue Kenntnis der Evidenz, und zwar aller, ihrer Genese, Perzeption und Rezeption zeichnen seine Arbeiten aus. Es überrascht daher nicht, daß in seinem Zugriff den Grundwissenschaften eine besondere Rolle zufällt. Die Einbeziehung epigraphischer und numismatischer Zeugnisse ist ihm unverzichtbar, der spezifische Umgang mit ihnen selbstverständlich. Selbst in dezidiert archäologischen Fragestellungen kennt er sich aus und bindet sie, wo sie zur Klärung einer Frage beitragen, argumentativ ein. So sind seine Arbeiten von der Überzeugung getragen, daß es „Fakten“ durchaus gibt,

Vorwort

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wenn man das Problem erkennt und die Frage nur richtig stellt. Die Unmöglichkeit einer letzten Beantwortung der alten RANKE’schen Frage, „wie es eigentlich gewesen“, die noch viel älter ist (vgl. Thuk. 2,48,3), ist ihm natürlich bewußt. Und doch will er wissen, wie es wirklich war. Solche Feststellung mag angesichts der Würdigung eines Historikers verwundern, hat aber ihre Berechtigung, betrachtet man die Ansätze der Altertumsund Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten. Konstruktivismus und postmoderner Relativismus haben ungemein angeregt und manche falsche Gewißheit zerstört. Die dann kulturwissenschaftlich noch einmal genährte Kapitulation vor jener Frage hat den Zweifel verstärkt, nolens volens gar einigen den Zugang fest verschlossen. Die Rede von der Konstruiertheit von allem aber kann vergangene Wirklichkeit, die es tatsächlich gab, allenfalls vergessen, freilich nicht verschwinden machen. Sie bloßer Subjektivität zuzuschreiben und damit gleichsam auflösen zu können, bleibt ein Axiom, sich auf sie zu besinnen und wieder einzulassen, ist eine Position – und Aufgabe aller historíď. Vielleicht können Leonhard SCHUMACHERs Kleine Schriften zur Alten Geschichte, die für einen so verstandenen Historischen Realismus stehen, dazu anregen. Alle im folgenden gebotenen Texte wurden unter Beibehaltung der jeweiligen Orthographie und unter Angabe des Ortes ihrer Erstpublikation neu gesetzt. Die ursprüngliche Paginierung ist durch eckige Klammern in Text wie Anmerkungen kenntlich gemacht und soll der leichteren Orientierung dienen, genauso wie entsprechende Querverweise bei Hinweisen des Autors auf eigene Arbeiten. Offensichtliche, etwa beim Druck entstandene Fehler in der ursprünglichen Veröffentlichung wurden stillschweigend korrigiert. Beibehalten wurde die Setzung des Fußnotenzeichens vor oder auch nach dem Satzzeichen entsprechend der Vorlage, ebenso die Zitationsweise bei Belegstellenangaben und Forschungsliteratur. Um freilich ein gewisses einheitliches Druckbild zu bieten, wurden die modernen Nachnamen, wo erforderlich, in Kapitälchen gesetzt, bei doppelten Autoren- oder Herausgeberangaben der Schrägstrich verwendet, bei Quellenangaben und Seitenverweisen wie auch Angaben wie B.C., m.E., s.o., s.v. und ähnlichem überflüssige Leerzeichen und Kommata getilgt, Absatzmarkierungen sowie Anführungszeichen, Bindestriche und Gedankenstriche vereinheitlicht, Leerzeilen, wo sinnvoll, eingefügt. Für die aufwendige und im Detail bisweilen herausfordernde Erstellung des Satzes bin ich Frau Katja MAASCH, M.A., zutiefst verbunden, die sich diesem Buchprojekt engagiert gewidmet hat. Bei den Korrekturdurchgängen wurden wir von Herrn Dr. Florian FORSTER, M.A., akribisch unterstützt, bei der digitalen Erfassung der Abbildungen von Frau Handan ZEYLAN, Mitarbeiterin der von Frau Doris REICHERT, M.A. geleiteten Bildstelle des Kunstgeschichtlichen

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Vorwort

Instituts der Universität Frankfurt am Main, die uns kollegial den Zugang zu professionellem Equipment eröffnete. Auch Frau Dr. Johanna LEITHOFF, M.A., nun an der Universität Erfurt, hat zum Gelingen des Unternehmens beigetragen. Ihnen allen danke ich herzlich. Für die Genehmigung des Wiederabdrucks habe ich nicht minder den Verlagen und Herausgebern der Zeitschriften und Sammelbände zu danken, bei bzw. in denen die Beiträge zuerst erschienen. (In vielen Fällen liegt das Copyright für die Abbildungen beim Autor. Wo noch Bildrechte einzuholen waren, habe ich mich nach bestem Wissen und Gewissen um Klärung bemüht und danke für freundliche Genehmigungen.) Mein besonderer Dank gilt aber auch Frau Dr. Martina TRAMPEDACH in Heidelberg, die großes Interesse an der Herausgabe dieses Buches als Einzelveröffentlichung in ihrem Verlag Antike zeigte und das Vorhaben durch Rat und Tat unterstützte, dann auch sorgsam übergab. Zu Jahresbeginn hat Vandenhoeck & Ruprecht ihren Verlag übernommen. Dem Programmleiter, Herrn Dr. Jörn LAAKMANN, bin ich verbunden für seine ungewohnte Verbindlichkeit, dem Programmplaner, Herrn Kai PÄTZKE, für die umsichtige Betreuung der Veröffentlichung. Und schließlich habe ich den Herausgebern der Studien zur Alten Geschichte zu danken, vor allem Herrn Kollegen Uwe WALTER, der nicht lockerließ, um dieses Buch für die Reihe zu gewinnen. Frankfurt am Main, im März 2018

Frank Bernstein

Themistokles und Pausanias. Die Katastrophe der Sieger* Heinz BELLEN zum 1. August 1987 Als Heinz BELLEN vor einiger Zeit die Talion als Rechtfertigung des Alexanderzuges betonte1, stand diese Studie am Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit. In dankbarer Erinnerung oder – um die Talion einmal positiv zu deuten – als ἀντίδωρον für die Jahre in Mainz sei dem Jubilar eine Untersuchung gewidmet, deren Anfänge er fördernd geleitet hat.

Die glanzvollen Siege der Hellenen bei Salamis und Plataiai haben faktisch die Voraussetzung für den Dualismus der beiden führenden Poleis geschaffen, der 431 v. Chr. im Peloponnesischen Krieg eskalierte. Im ersten Buch seiner Darstellung hat Thukydides Anlässe und Ursachen dieser Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta analysiert und dabei sicherheitspolitischen Problemen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Den ‚wahrsten‘ Grund für diesen militärischen Konflikt sah der Historiker im Wachstum seiner Heimatstadt und der daraus resultierenden Furcht Spartas, welche den Krieg unvermeidlich machten, 1,23,6 τὴν μὲν γὰρ ἀληθεστάτην πρόφασιν ... τοὺς Ἀθηναίους ἡγοῦμαι μεγάλους γενομένους καὶ φόβον παρέχοντας τοῖς Λακεδαιμονίοις ἀναγκάσαι ἐς τὸ πολεμεῖν.

In der neueren Literatur wurde diese Einschätzung immer wieder diskutiert, etwa in den beiden gewichtigen Monographien von D. KAGAN und G. DE STE. CROIX2. In der zentralen Frage der ‚Kriegsschuld‘ wird sich in absehbarer Zeit wohl keine Übereinstimmung erzielen lassen. Indessen dürfte die neuere Forschung [219] in einem Punkt zu einem Konsens gelangt sein, nämlich darin, daß der 30jährige Friede zwischen Athen und Sparta von 446/45 v. Chr. eine entscheidende Zäsur in den zwischenstaatlichen Beziehungen beider Poleis markiert: seither habe Athen unter Führung des Perikles weder eine expansive noch eine aggressive Politik gegenüber Sparta vertreten3. Vorher, im sog. ‚Ersten Pelopon-

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[zuerst erschienen in: Gymnasium 94, 1987, 218-246] H. BELLEN: Der Rachegedanke in der griechisch-persischen Auseinandersetzung, Chiron 4 (1974) 43-67. D. KAGAN: The Outbreak of the Peloponnesian War (Ithaka/N.Y. 1969). G.E.M. DE STE. CROIX: The Origins of the Peloponnesian War (London 1972); ergänzend H. BRAUNERT: Der Ausbruch des Kampfes zwischen Athen und Sparta. Eine antike Kriegsschuldfrage, GWU 20 (1969) 38-52, ND in: Perikles und seine Zeit, hrsg. von G. Wirth (Darmstadt 1979) 395-417. Diese Einschätzung wurde von D. KAGAN (o. Anm. 2, 133-153. 170-202) schlüssig nachgewiesen. Ob die Konsolidierung der Macht Athens indessen bei den Spartanern ein Gefühl der eigenen Sicherheit erzeugte, scheint mir mit Thukydides eher zweifelhaft. Die Irrationalität politischer Emotionen darf, wie auch unsere Gegenwart

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Themistokles und Pausanias

nesischen Krieg‘, war dies anders. Damals hatte Sparta offensichtlichen Grund, athenisches Machtstreben zu fürchten. 462/61 v. Chr. war Kimon, der als πρόξενος der Lakedaimonier die attische Politik stets am Ausgleich mit Sparta orientiert hatte, schimpflich nach Athen zurückgeschickt worden, als er einem spartanischen Hilfegesuch folgend sein Hoplitenheer zur Belagerung der Feste Ithome in die Peloponnes geführt hatte4. Die Folgen der Brüskierung waren eklatant: die Ostrakisierung Kimons und damit verbunden ein politischer Kurswechsel in Athen5. Seither bestimmten hier die ‚Falken‘ die attische Außenpolitik. Indessen zeigen gerade die Vorgänge um Ithome, daß die Wurzeln spartanischen Mißtrauens gegenüber der aufstrebenden Seemacht Athen wesentlich tiefer reichten als die Ausgleichspolitik Kimons den Anschein erweckte. Bemerkenswert erscheint nämlich in diesem Zusammenhang das von Thukydides bezeichnete Motiv der Lakedaimonier für die Rücksendung des attischen Hilfskontingents: ihre Furcht vor der unberechenbaren und verwegenen Art der Athener – Λακεδαιμόνιοι ... δείσαντες τῶν Ἀθηναίων τὸ τολμηρὸν καὶ τὴν νεωτεροποιίαν (Thuk. 1,102,3). Geradezu als Inkarnation dieses attischen Wesens muß den Spartanern die Gestalt des Themistokles erschienen sein. Ränkevoll bis zur Verschlagenheit, tollkühn und pragmatisch, stets auf eigenen Vorteil bedacht – so zeichnen selbst Athen wohlgesonnene Quellen das Bild dieses Staatsmannes, dessen Katastrophe wir [220] hier zu behandeln haben. Unbestritten waren seine Fähigkeiten: mit Recht wurde ihm das Verdienst an der Vernichtung der persischen Flotte im Sund von Salamis zugeschrieben6. Endgültig gebannt wurde die Gefahr einer persischen Invasion Europas und der Annexion Griechenlands bei Plataiai. Hier war es ein Spartaner – Pausanias –, der den Siegesruhm erntete7. Zur See und zu Lande war damit die Entschei-

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verdeutlicht, nicht gering angesetzt werden. Vgl. dazu noch H. BELLEN: Metus Gallicus – metus Punicus. Zum Furchtmotiv in der römischen Republik (Mainz 1985). Thuk. 1,102,1-4; vgl. K. BLEIMFELDER: Kimon und seine Politik (Masch. Diss. Innsbruck 1952) 106-139. M. STEINBRECHER: Der Delisch-Attische Seebund und die athenisch-spartanischen Beziehungen in der Kimonischen Ära (ca. 478/7-462/1) (Stuttgart 1985) bes. 149-155; zur Proxenie F. GSCHNITZER: RE Suppl. XIII (1974) 629-730, s.v. Proxenos. Chr. MAREK: Die Proxenie (Frankfurt 1984). Vgl. J.R. COLE: Cimon’s Dismissal, Ephialtes’ Revolution, and the Peloponnesian Wars, GRBS 15 (1975) 369-385. Zu Themistokles vgl. W. DEN BOER: Themistocles in Fifth Century Historiography, Mnemosyne IV 15 (1962) 225-237. F.J. FROST: Themistocles’ Place in Athenian Politics, CSCA 1 (1968) 105-124. A.J. PODLECKI: The Life of Themistocles (Montreal/London 1975). R.J. LENARDON: The Saga of Themistocles (London 1978). F.J. FROST: Plutarch’s Themistocles. A Historical Commentary (Princeton 1980). Vgl. H. REUTHER: Pausanias, Sohn des Kleombrotos, Führer der Griechen in den Kämpfen gegen die Perser von der Schlacht bei Plataiai bis zur Eroberung von By-

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dung gefallen. Themistokles wie Pausanias standen mit diesen Leistungen auf der Höhe ihres Ruhmes, beide erlitten in der Folgezeit ein vergleichbares Schicksal: Pausanias wurde im Tempel der Athena Chalkioikos zu Sparta ausgehungert, Themistokles fristete seine letzten Lebensjahre von Athen geächtet als persischer Vasall. In einem einzigartigen Exkurs hat Thukydides die Ereignisse zunächst bis zur Katastrophe des Pausanias, dann bis zur Flucht des Themistokles an den Hof des Großkönigs zusammengefaßt8. Seine Darstellung wurde in der Sekundärliteratur vielfach behandelt und entweder als Psychogramm zweier Staatsmänner, exemplarisch für ,,de(n) fundamentale(n) Gegensatz zwischen Athen und Sparta“ gedeutet9 oder als literarische Kompositionsleistung gewertet „zur Kontrastierung eines vernunftgemäß handelnden [221] athenischen Heros (Themistokles) mit einem emotional bestimmten spartanischen Heros (Pausanias), denen dann ein Idealheros, nämlich Perikles, gegenübergestellt werden sollte“10. Einer historischen Interpretation wäre bei dieser Auffassung des Exkurses als Charakterbild von Einzelpersönlichkeiten oder gar von Gemeinwesen weitgehend der Boden entzogen. Ebenso einseitig literarisch hat kürzlich H. ROHDICH den Exkurs gedeutet: Thukydides habe hier seine kritischen Prinzipien der



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zanz (Diss. Münster 1902). E. KIRSTEN: Athener und Spartiaten in der Schlacht bei Plataiai, RhM 86 (1937) 50-66, bes. 61ff. H. SCHÄFER: RE XVIII 2,2 (1949) 2563-2578, s.v. Pausanias 25. A.R. BURN: Pausanias, in: Neue Beiträge zur Geschichte der Alten Welt I (Berlin 1964) 185-191. R. MEIGGS: The Athenian Empire (Oxford 1972) 465-468, App. 4: The Latter Days of Pausanias. F. CORNELIUS: Pausanias, Historia 22 (1973) 502-504. J.F. LAZENBY: Pausanias, Son of Kleombrotos, Hermes 103 (1975) 235-251. F. BOURRIOT: Pausanias, fils de Cléombrotos, vainqueur de Platée, IH 44 (1982) 1-16. Thuk. 1,128-138. Die schier unübersehbare Literaturflut zu diesem Exkurs wurde, soweit dies möglich war, verarbeitet; ergänzend zu den bisherigen Angaben seien vorab in chronologischer Folge einige wichtige Spezialuntersuchungen genannt: N. HANSKE: Über den Königsregenten Pausanias (Diss. Leipzig 1873). H. LANDWEHR: Der Prozeß des Pausanias, Philologus 3 (1890) 493-506. G.L. CAWKWELL: The Fall of Themistocles, in: Auckland Classical Essays presented to E.M. Blaiklock (Auckland/Oxford 1970) 39-58. P.J. RHODES: Thucydides on Pausanias and Themistocles, Historia 19 (1970) 387-400. A.J. PODLECKI: Themistocles and Pausanias, RFIC 104 (1976) 293-311. S. FUSCAGNI: La condanna di Temistocle e l’,Aiace‘ di Sofocle, RIL 113 (1979) 167-187. A.S. SCHIEBER: Thucydides and Pausanias, Athenaeum 58 (1980) 396-405. L. PICCIRILLI: ,Eisangelia‘ e condanna di Temistocle, CCC 4 (1983) 333-363, bes. 349ff. E. SCHWARTZ: Das Geschichtswerk des Thukydides (Berlin 21929) 158f.; ebenso H. MÜNCH: Studien zu den Exkursen des Thukydides (Heidelberg 1935) 28-32. H. KONISHI: Thucydides’ Method in the Episodes of Pausanias and Themistocles, AJPh 91 (1970) 52-69, hier: 68 (in Paraphrase).

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Stilisierung geopfert und sich damit dem Vorwurf der Manipulation ausgesetzt11. Ich halte diese Interpretation für ebenso verfehlt wie die Schlußfolgerung. Ziel und zugleich Rechtfertigung dieser erneuten Untersuchung ist es, entsprechend dem Anspruch des Thukydides (1,20,3) auf (historische) Wahrheitsfindung – ζήτησις τῆς ἀληθείας – seine Darstellung vom weiteren Schicksal der Sieger von Salamis und Plataiai auf ihren geschichtlichen Gehalt zu prüfen, Bezugspunkte zwischen den politischen Aktivitäten beider Persönlichkeiten aufzuzeigen und den Exkurs selbst aus der konkreten Spannungssituation der 60er Jahre heraus als Zeugnis einer umfassenden Sicherheitspolitik Spartas zu erweisen, die erst mit dem Tod des Pausanias einerseits, mit der Flucht des Themistokles andererseits ihr Ziel erreichte. Diese historische Analyse hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Pentekontaetie, führt letztlich auch zu einer Revision der bisherigen Chronologie, wie sie in jüngerer Zeit etwa von A. PODLECKI und F. FROST vertreten wurde12. Nach Thukydides wurden beide Politiker der Kollaboration mit dem Großkönig, also des Medismos13, beschuldigt: Pausanias zu Recht, Themistokles zu Unrecht. Die Beurteilung dieser Wertung mag zunächst dahingestellt bleiben. Wesentlich erscheint, daß die Katastrophe des Pausanias der Ächtung des Themistokles zeitlich vorausging und diese geradezu bedingte: „An den persischen Umtrieben des Pausanias“, schreibt Thukydides 14, „gaben die Sparta[222]ner auch dem Themistokles Mitschuld – dies hatte sich ihnen aus der Untersuchung gegen Pausanias ergeben. Ihre Gesandten verlangten daher in Athen die gleiche Strafe für Themistokles, der damals durch das Scherbengericht verbannt in Argos lebte“. Der Ostrakismos des Themistokles muß aufgrund der antiken Überlieferung auf 471/70 v. Chr. datiert werden15; damit wird dieses Jahr als Terminus post für 11 12 13 14

H. ROHDICH: Der Feind im Innern (Zum Pausanias-Themistokles-Exkurs Thuk. 1,128-138), A&A 30 (1984) 1-15, hier: 14. A.J. PODLECKI (o. Anm. 6) 195-199; F.J. FROST (o. Anm. 6) 206-209. Vgl. J. WOLSKI: Médismos et son importance en Grèce à l’époque des guerres médiques, Historia 22 (1973) 3-15. Thuk. 1,135,2f. Τοῦ δὲ μηδισμοῦ τοῦ Παυσανίου οἱ Λακεδαιμόνιοι πρέσβεις πέμψαντες παρὰ τοὺς Ἀθηναίους ξυνεπῃτιῶντο καὶ τὸν Θεμιστοκλέα, ὡς ηὕρισκον ἐκ τῶν [222] Παυσανίου ἐλέγχων, ἠξίουν τε τοῖς αὐτοῖς κολάζεσθαι αὐτόν. (3) Οἱ δὲ πεισθέντες (ἔτυχε γὰρ ὠστρακισμένος καὶ ἔχων δίαιταν μὲν ἐν Ἄργει, ἐπιφοιτῶν δὲ καὶ ἐς τὴν ἄλλην Πελοπόννησον) πέμπουσι μετὰ τῶν Λακεδαιμονίων ἑτοίμων ὄντων ξυνδιώκειν ἄνδρας οἷς εἴρητο ἄγειν ὅπου ἄν περιτύχωσιν.

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Die von R. LENARDON (The Chronology of Themistokles’ Ostracism and Exile, Historia 8, 1959, 23-48) vertretene Datierung auf 474/73 v. Chr. wird in der Regel nicht akzeptiert; vgl. etwa A.J. PODLECKI (o. Anm. 6) 197f. M. Steinbrecher (o. Anm. 4) 18-26. Diodor (11,54-58) bzw. sein Gewährsmann Ephoros hat Scherbengericht, Atimie und Flucht des Atheners unter das Jahr des Synoikismos von Elis 471/70

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die Katastrophe des Pausanias fixiert. Damals sah sich Sparta mit einer Fülle von Problemen konfrontiert, die für uns am deutlichsten in den Repräsentanten des Doppelkönigtums faßbar werden16. Als Regent für den minderjährigen Pleistarchos aus dem Hause der Agiaden hat Pausanias nach seinem Sieg bei Plataiai eine offensive Politik gegen Persien verfochten, die Sparta als Seemacht etablieren, seine eigene Stellung als Befehlshaber der Seestreitkräfte festigen sollte17. [223] Daß dieser Kurs mit den Ambitionen Athens unter Führung des Themistokles kollidierte, bedarf keiner Erörterung. Den zweiten König stellte das Geschlecht der Eurypontiden damals mit Leotychidas II., der zusammen mit Xanthippos, dem Vater des Perikles, 479



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subsumiert, als Praxiergos Archon in Athen war. Cicero setzte sein Schicksal in Parallele zu dem des Cn. Marcius Coriolanus, der nach annalistischer Tradition 491 v. Chr. aus Rom verbannt wurde: (Themistocles) cum ... propter ... invidiam in exilium expulsus esset, ... fecit idem quod viginti annis ante apud nos fecerat Coriolanus (Lael. 42; vgl. Brut. 41-43. Att. 9,10,3). LENARDON deutete die Formulierung in exilium expulsus als Atimie aufgrund einer Notiz des Hieronymus zum zweiten Jahr der 77. Olympiade, Themistocles in Persas fugit (Hier. p. 109 SCHOENE). Seiner Interpretation steht der inschriftliche Befund entgegen, daß im Frühjahr 472 v. Chr. Perikles als Chorege für die Aufführung der ,Perser‘ verantwortlich zeichnete (Syll.3 1078 A). Über seine Mutter Agariste war Perikles bekanntlich mit den Alkmeoniden verwandt, deren Gegnerschaft zu Themistokles bereits in das Jahrzehnt vor Salamis zurückreichte; vgl. D. GILLIS: Collaboration with the Persians (Wiesbaden 1971) 52-58. Nach seinem Ostrakismos wäre eine Verherrlichung seiner Verdienste bei Salamis (Aischin. Pers. 353ff.) unter der Choregie eines ,Alkmeoniden‘ kaum vorstellbar. Daraus ergibt sich, daß Themistokles erst 471/70 ostrakisiert wurde, seine Atimie also in den 60er Jahren erfolgte. Falls wir Ciceros Nachricht vom Exil des Politikers nicht analog zur Notiz des Hieronymus als unzutreffende Kontamination beider Ereignisse disqualifizieren, kann sie nur den Ostrakismos des Themistokles bezeichnen. Vgl. jetzt P. CARLIER: La royauté en Grèce avant Alexandre (Strasbourg 1984) 240-324: La royauté Spartiate; zu Sparta insgesamt den gleichnamigen Sammelband, hrsg. von K. CHRIST (Darmstadt 1986). Die Ambitionen des Pausanias (vgl. J.F. LAZENBY: Hermes 103 [1975] 242f.) werden sowohl durch die Ereignisgeschichte wie durch die Einschätzung der antiken Autoren bestätigt. Die Auffassung von M.L. LANG (Scapegoat Pausanias, CJ 63 [1967] 79-85), der Regent habe als Spartiate eine Offensivpolitik gegen Persien abgelehnt, scheint mir verfehlt. Überzeugend hat D. LOTZE (Selbstbewußtsein und Machtpolitik. Bemerkungen [223] zur machtpolitischen Interpretation spartanischen Verhaltens in den Jahren 479-477 v. Chr., Klio 52 [1970] 255-275) betont, Sparta habe seine Vorrangstellung unter den griechischen Poleis behaupten wollen. Ob indessen diese Zielsetzung den Intentionen des Pausanias genügte, möchte ich bezweifeln; vgl. auch J. WOLSKI: Pausanias et le problème de la politique spartiate (480-470), Eos 47, 1 (1954) 75-94.

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v. Chr. die Perser am Vorgebirge Mykale vernichtend geschlagen hatte18. Gegenüber der politischen Konzeption des Pausanias scheint Leotychidas andere Akzente gesetzt zu haben. Hier deuten sich die traditionellen Spannungen zwischen den Exponenten des spartanischen Doppelkönigtums an19. Als die griechische Flotte nach dem Sieg bei Mykale zum Hellespont segelte und sich anschickte, Sestos zu belagern, überließ Leotychidas den Oberbefehl dem Athener Xanthippos und führte selbst das peloponnesische Aufgebot nach Griechenland zurück20. Eine Fortsetzung der militärischen Operationen gegen Persien zur See lag offenbar nicht in seinem Interesse. Hingegen bezeugt ihn Herodot später als Befehlshaber einer spartanischen Expedition nach Thessalien21. Der Feldzug dürfte mit M. SORDI eher in das Jahr 469/68 als auf 477/76 zu datieren sein22. Zielsetzung und Verlauf des Unternehmens bleiben weitgehend im Dunkeln, sicher aber endete es insgesamt mit einem Fehlschlag. Nach Anfangserfolgen hatte sich Leotychidas angeblich von den Aleuaden bestechen lassen und wurde in Sparta unter Anklage gestellt. Der drohenden Verurteilung entzog er sich durch die Flucht, Asyl fand er in Tegea, wo er wenig später starb. Nachfolger im Königtum wurde 469/68 sein Enkel Archidamos (II.)23. Der Prozeß wirft ein [224] Schlaglicht auf die inneren Verhältnisse Spartas. Wer die Anklage initiierte, wird nicht gesagt. Nach dem Ermittlungsprinzip ‚cui bono‘ scheint nicht ausgeschlossen, daß es sich um eine Intrige des Regenten Pausanias handelte, der damit einen unbequemen Konkurrenten ausschaltete, um seine eigene Stellung zu festigen. Der unerfahrene Archidamos spielte damals noch ebensowenig eine politische Rolle wie der minderjährige Pleistarchos. Pausanias empfahl sich damit

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Herod. 8,131. 9,98-105. Diod. 11,34-36; zur Person vgl. Th. LENSCHAU: RE XII (1925) 2063f., s.v. Leotychidas 2. Vgl. Herod. 6,52,8. Plat. leg. 3,691 D. Arist. Pol. 2,9 (1271 a); dazu Herod. 6,64. Paus. 3,5,2. Plut. Kleom. 11,5. Xen. Hell. 5,3,20; allgemein C.G. THOMAS: On the Role of the Spartan Kings, Historia 23 (1974) 257-270. Herod. 9,114,2; vgl. Diod. 11,37,4. Herod. 6,72; vgl. Diod. 11,48,2; Plut. mor. 859 D. M. SORDI: La Tessaglia dalle guerre persiane alla spedizione di Leotichida, RIL 86 (1953) 297-323, hier: 310ff.; die gleichzeitig erschienenen Überlegungen von F.R. WÜST (Der Zug des Leotychidas gegen Thessalien 477 v. Chr. Geb., SO 30 [1953] 61-67) sind durch die differenzierte Analyse von Frau SORDI überholt: Diodor hat offenbar den attischen Archonten Apsephion (469/68), den er (11,63,1) als ,Phaion‘ bezeichnet, mit dem früheren Amtsjahr des Phaidon (476/75) verwechselt. Paus. 3,7,9f.; die bei Diod. 11,48,2 angegebenen Regierungsjahre bestätigen die Datierung.

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als der einzige Vertreter des Königtums, mit dem die Lakedaimonier militärisch rechnen konnten24. Entwickelten sich die Verhältnisse in Sparta insoweit also durchaus günstig für die Ambitionen des Regenten, so sah er sich andererseits mit einer entschiedenen Opposition konfrontiert, deren Widerstand sich in zwei politischen Prozessen gegen Pausanias artikulierte25. Beide Male lautete die Anklage auf Medismos, beide Male konnte indessen ein Beweis für tatsächliche Unterhandlungen mit dem Großkönig nicht erbracht werden26. Die von Thukydides (1,132,1) im Wortlaut überlieferte Korrespondenz mit Xerxes kann damals jedenfalls nicht als Belastungsmaterial vorgelegen haben, denn auch nach seinem zweiten Prozeß blieb Pausanias im Amt als ἐπίτροπος des minderjährigen Königs: καὶ ἐν τῷ παρόντι τιμὴν ἔχων Πλείσταρχον τὸν Λεονίδου ὄντα βασιλέα καὶ νέον ἔτι ... ἐπετρόπευεν. In dieser Funktion dürfte er zwar weiterhin Einfluß auf die spartanische Politik genommen haben, doch scheint seine Position aufgrund allgemeinen Mißtrauens, dem er durch selbstherrliches Verhalten und Nachahmung persischer Sitten reichlich Nahrung gegeben hatte, erheblich erschüttert gewesen zu sein. [225] Einen chronologischen Anhaltspunkt für die Datierung dieses zweiten Prozesses bietet Iustin27. Allerdings muß seine Notiz, der Regent habe sich sieben Jahre in Byzanz behauptet, bevor er von Kimon vertrieben wurde, dahingehend modifiziert werden, daß die Zeitangabe nicht nur die Herrschaft in By24

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Abgesehen vom militärischen Kommando muß sich diese Konstellation auch auf die innenpolitische Situation Spartas ausgewirkt haben; vgl. C.G. THOMAS: Historia 23 (1974) 257-270. Den Terminus ante für den ersten Prozeß markiert die endgültige Vertreibung des Regenten aus Byzanz (ca. 477/76) durch Kimon (Thuk. 1,131,1. Plut. Kimon 6,6-7,1. FGrHist 70 F 191,6 [Ephoros]); vgl. A.G. WOODHEAD: The Second Capture of Sestos, PCPhS 181 (1950/51) 9-12. J.F. LAZENBY: Hermes 103 (1975) 235-240. M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 30-34. Zur Chronologie der Pentekontaetie allgemein vgl. den nützlichen Forschungsbericht von J. HEIDEKING in: E. Bayer/J. Heideking: Die Chronologie des Perikleischen Zeitalters (Darmstadt 1975) 93ff., bes. 105-110. Zu den Prozessen vgl. H. LANDWEHR: Philologus 3 (1890) 493-506; zum Inhalt der Anklagen bes. J. VOGT: Die Tochter des Großkönigs und Pausanias, Alexander, Caracalla, in: Satura. FS O. Weinreich (Baden-Baden 1952) 163-182. A. LIPPOLD: Pausanias von Sparta und die Perser, RhM 108 (1965) 320-341. J.M. BALCER: The Medizing of the Regent Pausanias, in: Actes du Ier Congrès International d’Études Balkaniques et Sud-Est-Européennes, Sofia 1966 (Sofia 1969) II 105-114. A. BLAMIRE: Pausanias and Persia, GRBS 11 (1970) 295-305. 9,1,3 Haec namque urbs (i.e. Byzantium) condita primo a Pausania, rege Spartanorum, et per septem annos possessa fuit. Zur Überlieferung, Byzanz sei von Pausanias ‚gegründet‘ worden (so noch Ch.W. FORNARA: Some Aspects of the Career of Pausanias of Sparta, Historia 15 [1966] 257-271, hier: 267f.) vgl. W. LESCHHORN: ‚Gründer der Stadt‘. Studien zu einem politisch-religiösen Phänomen der griechischen Geschichte (Stuttgart 1984) 157-159.

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zanz, sondern auch die anschließende Machtposition des Pausanias bei Kolonai in der Troas umfaßte, d.h. seine Abwesenheit von Sparta insgesamt28. Unter diesen Voraussetzungen erfolgte die Rückberufung des Regenten aus Kolonai etwa 471/70, zeitgleich mit dem Ostrakismos des Themistokles. Während Pausanias sich in Sparta der Anklage der Ephoren auf Medismos stellte und schließlich mangels Beweisen freigesprochen wurde, agitierte Themistokles demnach bereits in Argos, wo er versuchte, eine antispartanische Koalition zwischen Argos, Elis, Tegea und dem Arkadischen Bund zustande zu bringen29. Nach Plutarch war es Pausanias, der dann initiativ geworden sein soll und Verhandlungen mit dem Athener aufgenommen hätte30. Übereinstimmend berichten die Quellen, diese Kontakte hätten Absprachen mit dem Großkönig zum Inhalt gehabt31. Insgesamt erscheint diese Version wenig glaubwürdig. Warum hätte [226] Pausanias ausgerechnet mit Themistokles Beziehungen anknüpfen sollen, dessen Pläne wie seine eigenen immer auf eine Seemachtpolitik zielten – allerdings zugunsten Athens? In Tegea hatte der Eurypontide Leotychidas Asyl gefunden – eine Stadt, die Themistokles eben für ein Bündnis mit Argos gewann32. Weder Pausanias noch Themistokles waren damals imstande, politisches Kapital aus einer Verbindung mit Persien zu ziehen – schon gar nicht gemeinsam. Aufgrund ihres angeschlagenen politischen Prestiges hätten sie zudem auch 28 29

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Vgl. zutreffend M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 34f. etwa gegen A. LIPPOLD: RhM 108 (1965) 339-341. Thuk. 1,135,3. FGrHist 104 F 6,1 (Aristodemos). Plut. Them. 23,1. Diod. 11,55,3. Nep. Them. 8,1f.; vgl. W.G. FORREST: Themistokles and Argos, CQ 10 (1960) 221-241. R.A. TOMLINSON: Argos and the Argolid. From the End of the Bronze Age to the Roman Occupation (Ithaka/N.Y. 1972) 101-109. P. CARTLEDGE: Sparta and Laconia. A Regional History 1300-362 B.C. (London 1979) 215f. J.L. O’NEIL: The Exile of Themistokles and Democracy in the Peloponnese, CQ 31 (1981) 335-346. Plut. Them. 23,2f. Ὁ γὰρ Παυσανίας πράττων ἐκεῖνα δὴ τὰ περὶ τὴν προδοσίαν πρότερον μὲν ἀπεκρύπτετο τὸν Θεμιστοκλέα, καίπερ ὄντα φίλον· ὡς δ᾽ εἶδεν ἐκπεπτωκότα τῆς πολιτείας καὶ φέροντα χαλεπῶς ἐθάρρησεν ἐπὶ τὴν κοινωνίαν τῶν πρασσομένων παρακαλεῖν, γράμματα τοῦ βασιλέως ἐπιδεικνύμενος αὐτῷ καὶ παροξύνων ἐπὶ τοὺς Ἕλληνας ὡς πονηροὺς καὶ ἀχαρίστους. (3) Ὁ δὲ τὴν μὲν δέησιν ἀπετρέψατο τοῦ Παυσανίου καὶ τὴν κοινωνίαν ὅλως ἀπείπατο, πρὸς οὐδένα δὲ τοὺς λόγους ἐξήνεγκεν οὐδὲ κατεμήνυσε τὴν πρᾶξιν, εἴτε παύσεσθαι προσδοκῶν αὐτὸν εἴτ᾽ ἄλλως καταφανῆ γενήσεσθαι σὺν οὐδενὶ λογισμῷ πραγμάτων ἀτόπων καὶ παραβόλων ὀρεγόμενον.

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Außer Plutarch (Them. 23) etwa Thuk. 1,135,1f. Diod. 11,54,3f. 11,55,8. Nep. Them. 8,2. FGrHist 104 F 10,1 (Aristodemos); zum pseudothemistokleischen Briefwechsel vgl. W. NIESSING: De Themistoclis epistulis (Diss. Freiburg 1929); A.J. PODLECKI: RFIC 104 (1976) 301-303. Herod. 6,72,2. Paus. 3,7,10; vgl. o. Anm. 21-23 und 29. Zu den politischen Beziehungen zwischen Sparta und Argos vgl. Th. KELLY: The Traditional Enmity between Sparta and Argos: The Birth and Development of a Myth, AJH 75 (1970) 971-1003; die angekündigte Untersuchung zum 5. Jh. v. Chr. (972, Anm. 3) ist bisher, soweit ich sehe, noch nicht erschienen.

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für Xerxes wenig Nutzen gebracht. Ihre Katastrophe muß daher andere Ursachen gehabt haben, die später von interessierter Seite kaschiert worden sind. Interessiert waren in erster Linie jedenfalls die Spartaner. Sie erhoben nach Thukydides Klage gegen Themistokles in Athen und lieferten Beweismaterial, das angeblich bei Pausanias gefunden worden war: ὡς ηὕρισκον ἐκ τοῦ Παυσανίου ἐλέγχων (1,135,2). Gründe für ihr Vorgehen gab es genug. Seit dem Bau der athenischen Flotte und der Befestigung der Polis hatte Themistokles den Konflikt zwischen Athen und Sparta kalkuliert (zur Lit. s.o. Anm. 6). Sein Ziel, Athen als Seemacht zu festigen und mittels der Flotte eine hegemoniale Stellung in Griechenland zu erringen, war mit der Begründung des Delisch-Attischen Seebundes (478) in greifbare Nähe gerückt. Die Auseinandersetzung mit Persien darf dabei mit Thukydides (1,96,1) als vordergründige Rechtfertigung – πρόσχημα – gewertet werden, tatsächlich richtete sich die attische Politik unter dem Einfluß des Themistokles gegen Sparta, die einzige Macht, welche Athens Hegemonie ernsthaft in Frage stellen konnte. Sein Konfrontationskurs blieb auch in Athen nicht unbestritten. Unter dem Philaiden Kimon formierte sich die Opposition, verstärkt durch die Alkmeoniden und nicht zuletzt durch Aristeides, den man den ‚Gerechten‘ nannte33. [227] Die Ostrakisierung des Themistokles brachte 471/70 den entscheidenden Umschwung. Mit Kimon orientierte sich die attische Politik am Ausgleich mit Sparta34, eine Alternative, die den Athenern durch spektakuläre Siege über Persien nahegebracht werden konnte35. Gelang es Themistokles, dieses neue Konzept entscheidend zu stören, indem er von Argos aus gegen Sparta agitierte, durfte er hoffen, Kimons Politik auch in Athen zu diskreditieren, die gegen ihn gerichtete Allianz von Philaiden und Alkmeoniden zu sprengen und seine vorzeitige Rückberufung aus dem Exil zu forcieren36. 33

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Zur Opposition gegen Themistokles vgl. Plut. Kim. 5,5f. 10,8. 16,2. Plut. Them. 20,4. 22,3. 23,1. Diod. 11,54,4. Plut. mor. 605 E; FGrHist 342 F 11 (Krateros). Plut. Arist. 25,10. Über Kallias, den Schwager Kimons, war Aristeides weitläufig mit dem Politiker verwandt; vgl. J.K. DAVIES: Athenian Propertied Families. 600-300 B.C. (Oxford 1971) 257f., der Alkmeonide Leobotes (vgl. J.K. DAVIES ebd. 382) vertrat die Anklage im Prozeß gegen Themistokles, was angesichts der traditionellen Gegnerschaft (o. Anm. 15) nur konsequent erscheint. Plut. Kim. 16; der Versuch, die spartafreundliche Politik Kimons zu relativieren (M. STEINBRECHER [o. Anm. 4] 155-163), vermag angesichts der antiken Quellen nicht zu überzeugen. Thuk. 1,98 und 100 bietet die relative Chronologie: Eion – Skyros – Karystos – Naxos – Eurymedon. Daß der Ostrakismos entgegen der verbreiteten Auffassung (Arist. AP 22,3f.) kein geeignetes Instrument zur Verhinderung einer Tyrannis war, zeigt die Anwendungspraxis: nicht der führende Politiker wurde verbannt, sondern sein Konkurrent, damit

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Mit einer vergleichbaren Konstellation sah sich Pausanias in Sparta konfrontiert. Zutreffend hat I. HAHN vor einiger Zeit die ἀσϕάλεια als bestimmenden Faktor spartanischer Politik betont37. Dem außerordentlichen Sicherheitsbedürfnis dieses Gemeinwesens mit seinen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche – auf Wirtschaft, Kultur, Verfassung, Bündnissystem, auswärtige Politik und Kriegsführung – trugen in der Regel Ephorat und Königtum als Institutionen der Exekutive gemeinsam Rechnung38. Gestört wurde dieses Grundprinzip durch politische Außenseiter, die militärische Erfolge zu nutzen suchten, ihre Machtstellung im Inneren auszubauen oder den spartanischen Kosmos insgesamt zu überwinden39. Der Regent Pausanias kann neben dem Heerführer Bra[228]sidas oder dem Nauarchen und späteren Epistoleus Lysander als exemplarisch für derartige Persönlichkeiten bezeichnet werden, welche die spartanische Lebensordnung zu sprengen drohten40. Seine Expansionspolitik ist am Widerstand der konservativen Mehrheit gescheitert, die auch den Verlust des Oberkommandos in der hellenischen Symmachie durchaus positiv bewertete und für Sparta eine Politik der Konsolidierung und Isolierung begrüßte41. Als Gegner des Pausanias traten vornehmlich die Ephoren in Erscheinung, die als Beamte des Damos bzw. der Apella die konservative Mehrheit in Sparta



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eben der ‚Mächtigere‘ seine politischen Vorstellungen ungestört verwirklichen konnte. Ziel war also die Sicherung des inneren Friedens in Athen. In der Regel erfolgte die Ostrakisierung bekanntlich auf zehn Jahre; vgl. jetzt G.A. LEHMANN: Der Ostrakismos-Entscheid in Athen von Kleisthenes bis zur Ära des Themistokles, ZPE 41 (1981) 85-99. Zur Möglichkeit einer vorzeitigen Aufhebung der Verbannung vgl. Arist. AP 22,8: vor Salamis. FGrHist 115 F 88 (Theopomp). Andok. 3,3: Kimon. Paus. 1,23,9; Plin. nat. 7,111: Thukydides. Weder Thukydides, noch (wahrscheinlich) Kimon sind indessen vorzeitig nach Athen zurückgekehrt. I. HAHN: Aspekte der spartanischen Außenpolitik im 5. Jh., AAntHung 17 (1969) 285-296. Vgl. R. ENGEL: Königtum und Ephorat im Sparta der klassischen Zeit (Masch. Diss. Würzburg 1948) bes. 23-29 (zu Pausanias). A. ANDREWES: The Government of Classical Sparta, in: Ancient Society and Institutions. Studies presented to V. Ehrenberg (Oxford 1966) 1-20; deutsche Übers.: Sammelband ,Sparta‘ (o. Anm. 16) 290-316. K. BRINGMANN: Die Große Rhetra und die Entstehung des spartanischen Kosmos, Historia 24 (1975) 513-538, ND in: ‚Sparta‘ (o. Anm. 16) 351-386. M. CLAUSS: Sparta. Eine [228] Einführung in seine Geschichte und Zivilisation (München 1983) bes. 142ff. (mit weiterführender Literatur). Zu Pausanias vgl. zutreffend schon N. HANSKE (o. Anm. 8) 37-43; zu Brasidas vgl. H.D. WESTLAKE: Individuals in Thucydides (Cambridge 1968) 148-165; zu Lysander J.F. BOMMELAER: Lysandre de Sparte. Histoire et traditions (Athen/Paris 1981), bes. 199-234; ergänzend R. SEALEY: Die spartanische Nauarchie, Klio 58 (1976) 335-358. Vgl. Thuk. 1,95,7. I. HAHN (o. Anm. 37) 291f.; daß die Politik der Konsolidierung sich durchaus mit dem Anspruch Spartas auf eine Vorrangstellung unter den griechischen Poleis vereinbaren ließ, hat D. LOTZE (Klio 52 [1970] 255-275) gezeigt.

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repräsentierten42. Sie waren es, die den Regenten aus Kolonai zurückbeorderten, sie vertraten die Anklage wegen Medismos43. „Nach seinem Freispruch“ – so fährt Thukydides fort – „erfuhr man von Verhandlungen des Pausanias mit den Heloten: er habe ihnen die Freiheit (ἐλευθέρωσις) und politische Rechte (πολιτεία) versprochen, falls sie sich erhöben und seine politischen Vorstellungen verwirklichen halfen“. Die zweite Bedingung formuliert der Historiker ganz allgemein: τὸ πᾶν συγκατεργάσωνται44. Was aber waren die Ziele des Pausanias? Nach Thukydides: der Umsturz in Sparta mit Hilfe der Helo[229]ten – ein Plan, der das Gemeinwesen in seinem Lebensnerv getroffen hätte, Hochverrat par excellence45. Um so mehr wundert sich der Leser, daß im folgenden gar nicht mehr von einer Konspiration mit den Heloten46 die Rede ist, sondern erneut von Unter42

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Xen. Lak. Pol. 15,6f.; vgl. A. ANDREWES (o. Anm. 38) 8-14 bzw. 302-312; zur Wahl der Ephoren vgl. P.J. RHODES: The Selection of Ephors at Sparta, Historia 30 (1981) 498-502. Thuk. 1,131,1-132,1; der Freispruch ,mangels Beweisen‘ resultierte m.E. nicht zuletzt aus der prekären innenpolitischen Situation Spartas, da mit einer Verurteilung der einzige militärisch befähigte Vertreter des Königtums ausgeschaltet worden wäre. Archidamos II. trat erstmalig im Zusammenhang mit dem ,Großen Erdbeben‘ und dann bei der Schlacht von Dipaia in Erscheinung (vgl. u. Anm. 59 und 87). Thuk. 1,132,4; vgl. Nep. Paus. 3,6f. Der Hinweis des Thukydides auf die Konspiration, deren Historizität er mit der Bemerkung καὶ ἦν δὲ οὕτως unterstreicht, findet bekanntlich in der übrigen Tradition (Herodot, Diodor) keine Entsprechung; vgl. K.-W. WELWEI: Unfreie im antiken Kriegsdienst I (Wiesbaden 1974) 122, Anm. 7. A. ROOBAERT: Le danger hilote? Ktèma 2 (1977) 141-155, hier: 144f. Andererseits zog schon der ansonsten gläubige Herodot (5,32) die offizielle Begründung für die Katastrophe des Pausanias in Zweifel. Zumindest indirekt wird die Nachricht des Thukydides dadurch gestützt, wenngleich der Historiker selbst die Verurteilung auf den Landesverrat des Regenten zurückführt. Zum Begriff vgl. E. BERNEKER: Hochverrat und Landesverrat im griechischen Recht, Eos 48,1 = Symbolae Raphaeli Taubenschlag dedicatae 1 (1956) 105-137, bes. 108-112. Vgl. etwa P. OLIVA: Sparta and Her Social Problems (Amsterdam/Prag 1971) 146-163. J. WOLSKI: Les ilotes et la question de Pausanias, régent de Sparte, in: Schiavitù, manomissione e classi dipendenti nel mondo antico (Rom 1979) 7-19. Neuere Versuche, die Helotenfrage in ihrer Bedeutung für das Sicherheitsbedürfnis Spartas herunterzuspielen (vgl. A. ROOBAERT: Ktèma 2 [1977] 141-155), halte ich für verfehlt. Wenn etwa das spartanische Aufgebot bei Plataiai von 10 000 Hopliten – je 5000 Spartiaten und Perioiken – auf Anweisung der Ephoren durch 35 000 Heloten ‚verstärkt‘ wurde (Herod. 9,10,1. 9,28,2. 9,29,1), so waren dafür nicht militärische, schon gar nicht logistische, sondern sicherheitspolitische Gründe ausschlaggebend (vgl. Xen. Lak.Pol. 12,4. Kritias, VS4 Nr. 81 F 37 DIELS). Die etwa 3000 in Lakonien verbliebenen Spartiaten (vgl. Herod. 7,234,2) reichten offenbar nicht aus, um die Gesamtzahl der Heloten in Schach zu halten. Zur Stellung der Heloten allgemein vgl. noch J. DUCAT: Le mépris des hilotes, Annales (E.S.C.) 30 (1974) 1451-1464. DERS.:

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handlungen mit dem Großkönig47. In einer umständlichen Aktion gelingt es angeblich den Ephoren, überzeugendes Beweismaterial zu erlangen. Ort des Geschehens ist der Poseidontempel am Kap Matapán, dem antiken Tainaron, auf der Halbinsel Máni48. Schon zu Beginn des Exkurses war das Kap in anderem Zusammenhang erwähnt anläßlich der Forderung Athens, die Spartaner sollten den Fluch vom Tainaron bannen: „Diese hatten nämlich einst schutzflehende Heloten aus dem Poseidontempel am Tainaron aufstehen heißen, aber dann zum Tode geführt; das halten sie auch selbst für den Grund des Großen Erdbebens in Sparta“49. [230] Sollte dieser doppelte Bezug zwischen Tainaron und Heloten einerseits, Tainaron und Pausanias andererseits zufällig sein? Ich glaube nicht. Wie Thukydides betont auch der Perieget Pausanias den Zusammenhang zwischen dem ,Fluch vom Tainaron‘ und der Naturkatastrophe; er fügt hinzu, dieses Ereignis

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Aspects de l’hilotisme, AncSoc 9 (1978) 5-46. P. OLIVA: Heloten und Spartaner, Index 10 (1981) 43-54. Thuk. 1,132,5: Die Konspiration wurde von einigen Heloten an die Ephoren verraten, die aber auf eine Anklage zunächst verzichteten, weil die Beweise (noch) fehlten. Hier bricht die Darstellung ab, um sich dem angeblichen (ὡς λέγεται) Medismos des Pausanias zuzuwenden, der jetzt durch seinen Brief an den Großkönig belastet worden sei. Thuk. 1,133,1. Nach dieser phantastischen Version, die mit geringfügigen Abweichungen (nach Ephoros?) auch von Aristodemos (FGrHist 104 F 8,2f.), Diodor (11,45,1-5) und Nepos (Paus. 4,1-5,1) übernommen wurde, reichte also der schriftliche Beweis für eine Anklage nicht aus, sondern mußte durch das von den Ephoren bezeugte Geständnis des Regenten abgesichert werden. Thuk. 1,128,1 ... Οἱ γὰρ Λακεδαιμόνιοι ἀναστήσαντές ποτε ἐκ τοῦ ἱεροῦ τοῦ Ποσειδῶνος τῶν Εἱλώτων ἱκέτας ἀπαγαγόντες διέφθειραν. Δι᾽ ὃ δὴ καὶ σφίσιν αὐτοῖς νομίζουσι τὸν μέγαν σεισμὸν γενέσθαι ἐν Σπάρτῃ. Die besondere Beziehung der Heloten zum

Tainaron deuten Hinweise der Grammatiker auf ein Satyrspiel des Sophokles an: Belege bei St. RADT: TrGF IV (Göttingen 1977) Frg. 198, p. 186f. In diesen Zusammenhang gehören auch die legendenhaft ausgestalteten Notizen bei Plut. mor. 247 A-D und Polyaen. strat. 7,49. Ihr Asylrecht im Poseidontempel betonen die Scholien zu Aristophanes (Ach. 510f. p. 71 WILSON), ebenso Aelian (var. 6,7) und die Suda (IV 513 Adler, s.[230]v. Ταινάριον κακόν bzw. Ταίναρον). Daß die Asylie auch für Sklaven galt, mag man aus den Freilassungsurkunden schließen; vgl. F. BÖMER: Untersuchungen über die Religion der Sklaven in Griechenland und Rom II (Wiesbaden 1960) 18f. Außer Betracht bleiben sollte dabei der Bote des Pausanias, den Thukydides (1,132,5) als ἀνὴρ Ἀργίλιος bezeichnet, was einen unfreien Status nicht eben nahelegt; anders allerdings (vielleicht aufgrund von [Themist.] epist. 16, wo der Bote seine Freilassung verlangt) F. BÖLTE in seinem ausgezeichneten Artikel ‚Tainaron‘, RE IV A (1932) 2030-2049, hier: 2043. F. KIECHLE: Lakonien und Sparta (München/Berlin 1963) 101-110.

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habe den Aufstand der Heloten ausgelöst50. Damit erweist sich das Erdbeben als Angelpunkt von Helotenmassaker und Helotenkrieg: beide sind kausal miteinander zu verknüpfen51. Lassen wir die fabulöse Geschichte von der Überführung des Regenten wegen Medismos außer Betracht und ersetzen ‚Kollaboration mit dem Großkönig‘ durch ‚Kollaboration mit den Heloten‘, so haben wir den eigentlichen Grund für dessen Katastrophe im Vorfeld des (4.) Messenischen Krieges52. Pausanias wollte seine politischen Vorstellungen mit Hilfe der Heloten verwirklichen, d.h. er strebte nach einer [231] persönlichen Machtstellung 53 , möglicherweise um sich auf dieser Grundlage erneut als Führer der Hellenen zu empfehlen und diese gegen Persien zu führen54 – eine Vorstellung, die gut ein

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Paus. 4,24,5; vgl. 7,25,3. Demnach suchten nicht Heloten, sondern Λακεδαιμονίων ἄνδρες Zuflucht im Tempel. Da Pausanias die abweichende Version des Thukydides offenbar kannte (3,17,7), fällt die Erklärung der Divergenz nicht leicht. Vielleicht hat der Perieget hier frei erfunden, um die Bedeutung des Frevels zu steigern, vielleicht aber lag ihm auch eine Überlieferung vor, wonach (zusammen mit den Heloten) auch freie Perioiken (?) im Heiligtum niedergemacht worden sind. Jedenfalls sehe ich keine Veranlassung, die Abweichung überzuinterpretieren: zweifellos handelt es sich um dieselbe Episode; außer den oben Anm. 49 genannten Belegen vgl. auch Diod. 11,63,3 δαιμονίου τινὸς νεμεσήσαντος. In der Regel wird der Helotenaufstand zwar als Folge des Erdbebens gewertet, die Naturkatastrophe aber nicht mit dem Helotenmassaker am Tainaron verknüpft. Selbst P. OLIVA (Sparta [o. Anm. 46] 152), der den zeitlichen Zusammenhang betont, zieht die Schlußfolgerung, „that the earthquake was believed to be a punishment for yet another crime committed by the Spartans, when they disregarded the right of sanctuary in the temple of Athena Chalkioikos, where Pausanias had taken refuge from the Ephors.“ Weder Thukydides (1,128,2) noch die übrigen Quellen deuten diese Interpretation an. Den Zusammenhang zwischen dem Ende des Pausanias und dem Helotenaufstand hat bereits J.F. LAZENBY (Hermes 103 [1975] 246f.) erkannt. Leider wurden seine Wertungen von der Forschung bislang nicht rezipiert. Als Ereignisfolge zeichnet sich damit ab: Konspiration mit den Heloten – Massaker am Tainaron – Katastrophe des Pausanias in Sparta – Erdbeben – Aufstand der Heloten. P. CARTLEDGE (o. Anm. 29, 216-219) bemerkte zwar, daß „the relationship between the earthquake and the revolt is made unambiguous by Thucydides ... “ (217), gelangte aber zu anfechtbaren chronologischen Schlußfolgerungen, die auch zu Mißverständnissen der historischen Zusammenhänge führen. Vgl. Thuk. 1,132,2. Arist. Pol. 5,7 (1307 a). Diese Ambitionen setzten zumindest eine Schwächung des Ephorats voraus, indessen beziehen sich zwei weitere Passagen des Aristoteles (Pol. 5,1 [1301 b] und 7,14 [1333 b]) nicht auf den Regenten, sondern auf den König Pausanias; vgl. P. OLIVA: Sparta (o. Anm. 46) 187. Die Ziele des Pausanias werden in der Literatur bekanntlich kontrovers diskutiert; die (zutreffende) Einschätzung durch F. BOURRIOT (IH 44 [1982] 13-15) bezieht sich auf die Jahre vor dem zweiten Prozeß des Regenten in Sparta.

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Jahrhundert später Alexander verwirklichte 55. Pausanias ist gescheitert, seine Pläne wurden verraten, die mitverschworenen Heloten am Kap Tainaron niedergemacht, er selbst in Sparta ausgehungert. Die konservativen Kräfte hatten sich behauptet. Daß seine Pläne allerdings nicht ohne Chance waren, deutet Thukydides an, wenn er 1,134,1 bemerkt, einer der Ephoren habe Pausanias warnen wollen, allerdings zu spät. Hatte Sparta seine innere Krise damit wenigstens vorläufig gemeistert, so galt es nun, die außenpolitische Bedrohung abzuwehren, für die man mit Recht Themistokles verantwortlich machte56. Indem die Spartaner gegen ihn diplomatisch, gegen die Koalition von Argos, Elis und Tegea militärisch vorgingen, verfolgten sie eine Doppelstrategie. In Athen erschien ein Prozeß wegen Medismos gegen Themistokles erfolgversprechend und dürfte die volle Unterstützung seiner innenpolitischen Gegner gefunden haben. Tatsächlich wird der Alkmeonide Leobotes als Kläger genannt57. [232] Der drohenden Verurteilung entzog sich Themistokles durch die Flucht aus Argos. Die von ihm geförderte Allianz erwies sich als Sparta im offenen Konflikt nicht gewachsen. Durch Siege über die Tegeaten, Argiver und Arkader zunächst bei Tegea58, dann – wenig später – bei 55

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Zu den ideologischen Voraussetzungen des Rachefeldzuges vgl. H. BELLEN: Chiron 4 (1974) 43-67; zum politischen Verhältnis von Griechen und Persern im 4. Jh. jetzt M. ZAHRNT: Hellas unter persischem Druck? AKG 65 (1983) 249-306. Vgl. o. Anm. 29; das Problem der Demokratisierung von Argos, Elis, Tegea braucht uns hier nicht zu beschäftigen; allgemein dazu W. SCHULLER: Zur Entstehung der griechischen Demokratie außerhalb Athens, in: Auf den Weg gebracht. Idee und Wirklichkeit der Gründung der Universität Konstanz (Konstanz 1979) 433-447. Die Kritik von J.L. O’NEIL (CQ 31 [1981] 335-346, bes. 345) an W.G. FORREST (CQ 10 [1960] 221-241), wonach Themistokles die Demokratisierung auf der Peloponnes gefördert habe, ist sicher berechtigt; zu Argos vgl. auch M. WÖRRLE: Untersuchungen zur Verfassungsgeschichte von Argos im 5. Jh. (Erlangen 1964) 120-123; ebenso R.A. TOMLINSON (o. Anm. 29) 104-107. Plut. Them. 23,1. FGrHist 342 F 11 (Krateros); vgl. dazu o. Anm. 33. Die These von L. PICCIRILLI (CCC 4 [1983] 349-357), wonach die Verurteilung des Themistokles nicht als Atimie, sondern als ‚Verbannung auf Lebenszeit‘ (FGrHist 338 F 1 [Idomeneos v. Lampsakos]) zu fassen sei, halte ich schon aufgrund seiner Flucht aus Argos nicht für überzeugend. Der genaue Verlauf des Prozesses mag diskutiert werden, doch sollte man an der Qualifizierung als Eisangelie-Klage und an der Atimie des Themistokles festhalten; vgl. auch M.H. HANSEN: Eisangelia (Odense 1975) 70. DERS.: Atimistraffen i Athen i Klassisk Tid (Odense 1973) 58-74 und 222-228. Herod. 9,35,2. Paus. 8,8,6. Polyaen. strat. 2,10,3. Anth. Pal. VII 442. 512 = E. DIEHL: Anth. Lyr. Gr. II2 (Leipzig 1942) Nr. 122f. = D.L. PAGE, Further Greek Epigrams (Cambridge 1981) Vs. 900-907 (,Simonides‘), mit Kommentar, p. 278ff. Diese beiden Epigramme dürften sich darauf beziehen, daß Tegea trotz der Niederlage von den Spartanern nicht erobert werden konnte. Hierin sehe ich ein zusätzliches Indiz dafür, daß die Schlacht unmittelbar vor dem Erdbeben geschlagen wurde; vgl. ansonsten die

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Dipaia59 konnten die Lakedaimonier den Status quo auf der Peloponnes wiederherstellen. Themistokles wurde der Kollaboration mit Persien für schuldig befunden und für ‚vogelfrei‘ erklärt. Daß Sparta in seinem Falle nicht die wahren Beweggründe offenbarte, erscheint einleuchtend: die Ächtung des Politikers durch seine Heimatstadt wäre so niemals erreicht worden. War Themistokles aber im Sinne der Anklage unschuldig, so mußte fingiertes Beweismaterial geliefert werden. Hier ließ sich unschwer ein Bezug zu Pausanias konstruieren, bei dem angeblich die belastende Korrespondenz gefunden worden war. Auch bezüglich des Regenten konnte Sparta, konkret: den Ephoren, nicht daran gelegen sein, die wahren Gründe für seine Katastrophe publik zu machen. Schließlich waren die Heloten seit jeher ein neuralgischer Punkt im sicherheitspolitischen Konzept dieses Staates, wie dann ihr Aufstand noch einmal nachdrücklich vor Augen führte. Knapp 25 Jahre waren erst vergangen, seitdem Sparta sich einer vergleichbaren Gefahr ausgesetzt sah. In den ‚Gesetzen‘ hat Platon die umstrittene Nachricht überliefert, die Lakedaimonier seien 490 v. Chr. einen Tag verspätet auf dem Schlachtfeld von Marathon erschienen, weil sie damals in einen Krieg mit den Heloten (in Messenien) und andere Schwierigkeiten verwickelt gewesen seien60. Demgegenüber erklärt Herodot die Verspätung mit reli[233]giösen Hinderungsgründen (Feier der Karneien) und dürfte damit den tatsächlichen Sachverhalt getroffen haben61. Indessen wird dadurch ein Konflikt zwischen Sparta und den Heloten im ersten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts v. Chr. keineswegs ausgeschlossen62.

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überzeugende Chronologie bei A. ANDREWES: Sparta and Arcadia in the Early Fifth Century, Phoenix 6 (1952) 1-5. Hauptquelle ist wiederum Herod. 9,35,2. Bei Dipaia hatte anscheinend Archidamos II. erstmalig das Kommando in offener Feldschlacht (Polyaen. strat. 1,41,1) und errang trotz numerischer Unterlegenheit (Isokr. 6 [Archid.] 99) einen glänzenden Sieg. Zuvor hatten die Argiver mit ihren Verbündeten Mykene erobert und zerstört (Strab. 8,6,19), ohne daß Sparta intervenieren konnte: διὰ τοὺς ἰδίους πολέμους καὶ τὴν ἐκ τῶν σεισμῶν γενομένην αὐτοῖς συμφοράν (Diod. 11,65,3f.). Mantineia hatte sich der antispartanischen Koalition nicht angeschlossen (Herod. 9,35,2. Xen. Hell. 5,2,3). Plat. leg. 3,698 E Οὗτοι (scil. οἱ Λακεδαιμόνιοι) δὲ ὑπό τε τοῦ πρὸς Μεσσήνην ὄντος τότε πολέμου καὶ εἰ δή τι διεκώλυεν ἄλλο αὐτούς – οὐ γὰρ ἴσμεν λεγόμενον – ὕστεροι [233] δ᾽οὖν ἀφίκοντο τῆς ἐν Μαραθῶνι μάχης γενομένης μιᾷ ἡμέρᾳ. Vgl. ebenso leg. 3, 692 D.

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Menex. 240 C. Herod. 6,106,3; vgl. H. POPP: Die Einwirkung von Vorzeichen, Opfern und Festen auf die Kriegführung der Griechen im 5. und 4. Jh. v. Chr. (Diss. Erlangen 1957) 75-87. Vgl. Herod. 5,49,8. FGrHist 244 F 334 (Apollodoros). Isokr. 4 (Pan.) 86. Inschr. v. Olympia 252 mit Paus. 5,24,3; dazu L.H. JEFFERY: Comments on Some Archaic

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König war damals – wenigstens nominell – Kleomenes I. In einer gemeinsamen Aktion mit dem schon erwähnten Leotychidas hatte er gerade seinen Amtskollegen Demaratos aus dem Geschlecht der Eurypontiden wegen angeblich illegitimer Abstammung absetzen lassen. Der Erfolg dieser Intrige war durch Bestechung des Delphischen Orakels gesichert worden, Nachfolger des Demaratos wurde Leotychidas63. Indessen blieben die Machenschaften nicht geheim: einer drohenden Untersuchung entzog sich Kleomenes durch die Flucht, zunächst nach Thessalien, dann nach Arkadien, wo er die Städte zu einem antispartanischen Bündnis formierte64. Ob er gleichzeitig Kontakte zu den Heloten aufnahm, läßt sich aufgrund der Überlieferung nicht entscheiden, zumal keine Quellen über Ausmaß und zeitliche Begrenzung ihrer Erhebung vorliegen65. Falls aber Kleomenes, was ich für wahrscheinlich halte, seine gewaltsame Rückkehr nach Sparta – d.h. einen Staatsstreich – plante, so lagen flankierende Maßnahmen für ihn durchaus nahe. Eine Reminiszenz an seinen Versuch, latente Unruhen unter den Heloten zu schüren66, könnten entspre[234]chende Notizen bei Platon bieten67. Frappant gleicht diese Situation der durch Pausanias und Themistokles – unabhängig voneinander – heraufbeschworenen Krise. Auch damals konnte sich Sparta der doppelten Bedrohung erwehren. Einzelheiten sind nicht bekannt. Das spätere Schicksal des Kleomenes – seine angebliche Rückberufung und Rehabilitierung in Sparta, wo er in geistiger Umnachtung gestor-



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Greek Inscriptions, JHS 69 (1949) 26-30; insgesamt F. KIECHLE: Messenische Studien. Untersuchungen zur Geschichte der Messenischen Kriege und der Auswanderung der Messenier (Kallmünz 1959) 106-130. E. MEYER: RE Suppl. XV (1978) 253-259, s.v. Messenien. Herod. 6,65f.; vgl. J. HART: Herodotus and Greek History (London/New York 1982) 124-140; zur Absetzung des Demaratos auch H.W. PARKE: The Deposing of Spartan Kings, CQ 39 (1945) 106-112. Herod. 6,74; vgl. Plat. leg. 3,698 E ... καὶ εἰ δή τι διεκώλυεν ἄλλο αὐτούς ... Vgl. Th. LENSCHAU: RE XI (1921) 701, s.v. Kleomenes 3; für eine Konspiration mit den Heloten plädierte W.P. WALLACE: Kleomenes, Marathon, the Helots, and Arkadia, JHS 73 (1953) 32-35; dagegen P. OLIVA: Sparta (o. Anm. 46) 146f.; ebenso A. ROOBAERT: Ktèma 2 (1977) 142-144 (beide halten auch den Helotenkrieg für unhistorisch). Vgl. Plat. leg. 6,777 C. Arist. Pol. 2,10 (1272 b); dazu Arist. Pol. 2,9 (1269 a); zur Furcht der Spartaner vor den Heloten vgl. auch Liban. or. 25,63f. (unter Berufung auf Kritias = VS4 Nr. 81 F 37 DIELS). Plat. leg. 3,698 D/E. 3,692 D. Platon dürfte aus denselben Quellen geschöpft haben, die auch den Messeniaka des Rhianos von Bene (FGrHist 265 F 38-46) und des Myron von Priene (FGrHist 106 F 1-3) als Vorlage dienten.

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ben sein soll – wurde als Staatsgeheimnis ersten Ranges gehütet und in der Überlieferung völlig entstellt68. Dieselbe Methode praktizierte man erfolgreich im Falle des Pausanias und des Themistokles. Hinter beiden Prozessen standen auch hier die Ephoren als Repräsentanten der konservativen Kräfte Spartas, welche den Status ihres Gemeinwesens im Inneren und von außen bedroht sahen. Der Vorwurf des Medismos diente ihnen einerseits zur Kaschierung der wahren Hintergründe, andererseits als Mittel zum Zweck. Tatsächlich werden Themistokles und Pausanias weder untereinander noch mit dem Großkönig konspiriert haben. Die Vermutung liegt nahe, daß Thukydides seiner Darstellung die offizielle spartanische Überlieferung als Quelle zugrunde gelegt hat, die er selbst als glaubwürdig erachtete69. Im Falle des Pausanias sah er keine Veranlassung, dessen Schuld in Zweifel zu ziehen, als Patriot aber suchte er Themistokles vom Vorwurf des Medismos zu entlasten. Das weitere Schicksal des Atheners wurde in der neueren Literatur vornehmlich unter chronologischen Aspekten behandelt70, [235] die hier nur in den entscheidenden Punkten diskutiert werden können. Bei der Datierung des Großen Erdbebens in Sparta folge ich Plutarch, wonach die Katastrophe im vierten Regierungsjahr des Königs Archidamos, also 466/65, stattgefunden hat71. Ab-

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Vgl. Herod. 6,75. 84. Selbst wenn Herodot Nachforschungen angestellt hätte, ob Kleomenes nun im Delirium oder im Wahnsinn ums Leben gekommen sei, wären ihm die Hintergründe der Episode wohl verborgen geblieben; vgl. dazu auch D. HARVEY: Leonidas the Regicide? Speculations on the Death of Kleomenes I, in: Arkturos. Hellenic Studies presented to B.M.W. Knox (Berlin/New York 1979) 253-260. Zur Komposition des Exkurses nach der Verbannung des Thukydides vgl. H.D. WESTLAKE: Thukydides and the Pentekontaetia (1955), ND in: Essays on Greek Historians and Greek History (Manchester 1969) 39-60. Nach eigener Aussage (Thuk. 5,26,5; vgl. 1,134,4. 5,66,2) zog der Historiker damals auch die mündliche bzw. schriftliche Überlieferung Spartas für sein Geschichtswerk heran. Diese Lösung der ,Quellenfrage‘ scheint mir tragfähiger als die von WESTLAKE (später) vermutete Benutzung des Charon von Lampsakos; DERS.: Thucydides on Pausanias and Themistocles – a Written Source? CQ 27 (1977) 95-110. Vgl. etwa R. FLACELIÈRE: Sur quelques points obscurs de la vie de Thémistocle, REA 55 (1953) 5-28, hier: 5-14. J. LENARDON: The Chronology of Themistokles’ Ostracism and Exile, Historia 8 (1959) 23-48. G.L. CAWKWELL (o. Anm. 8) 46-49. P.J. RHODES: Historia 19 (1970) 392-399. A.J. PODLECKI (o. Anm. 6) 195-199. M.P. MILTON: The Date of Thu[235]cydides’ Synchronism of the Siege of Naxos with Themistokles’ Flight, Historia 28 (1979) 257-275. F.J. FROST: Plutarch (o. Anm. 6) 206-209. Plut. Kim. 16,4 ... Ἀρχιδάμου τοῦ Ζευξιδάμου τέταρτον ἔτος ἐν Σπάρτῃ βασιλεύοντος ὑπὸ σεισμοῦ μεγίστου δὴ τῶν μνημονευομένων πρότερον ἥ τε χώρα τῶν Λακεδαιμονίων

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weichend datierte der Perieget Pausanias den Beginn des (4.) Messenischen Krieges auf 464/6372. In der Regel wird heute dem späteren Ansatz, welcher angeblich auch durch Diodor 11,63f. und 84,8 gestützt wird, der Vorzug gegeben73. Die Frage ist mit einem anderen Datierungsproblem verquickt, dessen Lösung m.E. die Überlieferung Plutarchs bestätigt. Nach Thukydides wandten sich die Thasier, nachdem sie vom Seebund abgefallen waren, an Sparta mit der Bitte, durch eine militärische Intervention in Attika Athen zu zwingen, die Belagerung ihrer Polis aufzuheben. Nur der Helotenaufstand habe damals die Spartaner daran gehindert, die zugesagte Hilfe zu leisten. Schließlich habe Thasos im dritten Jahr der Belagerung kapituliert74. Den Ab[236]fall von Thasos plaziert der Historiker zeitlich zwischen Kimons Sieg am Eurymedon (467/66) und der Vernichtung attischer Siedler durch die thrakischen Edoner bei Drabeskos (465/64)75. Unerwähnt bleiben die erfolgreichen Aktionen der Athener am Hel-

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χάσμασιν ἐνώλισθε πολλοῖς καὶ ... αὐτὴ δ᾽ ἡ πόλις ὅλη συνεχύθη πλὴν οἰκιῶν πέντε, τὰς δ᾽ ἄλλας ἤρειψεν ὁ σεισμός. Paus. 4,24,5 Μεσσηνίων δὲ τοὺς ἐγκαταληφθέντας ἐν τῇ γῇ, συντελοῦντας κατὰ ἀνάγκην ἐς τοὺς εἵλωτας, ἐπέλαβεν ἀπὸ Λακεδαιμονίων ὕστερον ἀποστῆναι κατὰ τὴν ἐνάτην ὀλυμπιάδα καὶ ἑβδομηκοστήν, ἣν Κορίνθιος ἐνίκα Ξενοφῶν, Ἀρχιμήδους Ἀθήνησιν ἄρχοντος.

Vgl. etwa J. HEIDEKING (o. Anm. 25) 121. M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 16 und 146-149; besonders deutlich Ph. DEANE (Thucydides’ Dates. 465-431 B.C., Ontario 1972, 16): „This date, in the late summer of 464/63, ... is the most explicit ancient reference and one must trust it ...“ Außer Betracht bleiben mögen hier die unterschiedlichen Auffassungen über die Dauer des Krieges. Die Angabe des Thukydides (1,103,1), wonach die Kapitulation (rund gerechnet) δεκάτῳ ἔτει erfolgte, sollte nicht in Frage gestellt werden; vgl. D.W. REECE: The Fall of Ithome, JHS 82 (1962) 111-120. J. BUSCHE: Untersuchungen zur Oinoe-Schlacht des Pausanias (Frankfurt 1974) 18-27; anders F. KIECHLE (wie Anm. 62) 84. E. MEYER: RE Suppl. XV (1978) 259f. Datieren wir den Beginn der Erhebung auf 466/65, so ergibt sich für den Fall von Ithome ein Synchronismus mit der Schlacht bei Tanagra, die nach Diodor (11,80) im (Hoch)sommer 457 geschlagen wurde. Kurz zuvor müssen die Heloten am Ithome kapituliert haben ([Xen.] AP 3,11), welche dann ca. 456/55 in Naupaktos angesiedelt wurden: Thuk. 1,103,3 mit 1,108,5. Diodor 11,84,7f. (vgl. 11,64,4 und unten Anm. 87); Schol. Aischin. 2,78 DINDORF. Mit dieser Ereignisfolge decken sich auch Herodot (9,35,2) und Pausanias (3,11,7f.). Thuk. 1,101,1-3 Θάσιοι δὲ νικηθέντες μάχαις καὶ πολιορκούμενοι Λακεδαιμονίους ἐπεκαλοῦντο καὶ ἐπαμύνειν ἐκέλευον ἐσβαλόντας ἐς τὴν Ἀττικήν. (2) Oἱ δὲ ὑπέσχοντο μὲν κρύφα τῶν Ἀθηναίων καὶ ἔμελλον, διεκωλύθησαν δὲ ὑπὸ τοῦ γενομένου σεισμοῦ, ἐν ᾧ καὶ οἱ Εἵλωτες αὐτοῖς καὶ τῶν περιοίκων Θουριᾶταί τε καὶ Αἰθαιῆς ἐς Ἰθώμην ἀπέστησαν. Πλεῖστοι δὲ τῶν Εἱλώτων ἐγένοντο οἱ τῶν παλαιῶν Μεσσηνίων τότε δουλωθέντων ἀπόγονοι· ᾗ καὶ Μεσσήνιοι ἐκλήθησαν οἱ πάντες. (3) Πρὸς μὲν οὖν τοὺς ἐν Ἰθώμῃ πόλεμος καθειστήκει Λακεδαιμονίοις. Θάσιοι δὲ τρίτῳ ἔτει πολιορκούμενοι [236] ὡμολόγησαν Ἀθηναίοις τεῖχός τε καθελόντες καὶ ναῦς παραδόντες, χρήματά τε ὅσα ἔδει ἀποδοῦναι αὐτίκα ταξάμενοι καὶ τὸ λοιπὸν φέρειν, τήν τε ἤπειρον καὶ τὸ μέταλλον ἀφέντες. Thuk. 1,100 (1) Ἐγένετο ... ἡ ἐπ᾽ Εὐρυμέδοντι ποταμῷ ἐν Παμφυλίᾳ πεζομαχία καὶ ναυμαχία Ἀθηναίων καὶ τῶν ξυμμάχων πρὸς Μήδους ... (2) Χρόνῳ δὲ ὕστερον ξυνέβη

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lespont, die Plutarch (Kim. 14,1f.) zutreffend im Anschluß an den Eurymedon-Sieg berichtet, um dann in einem Satz die Ereignisse um Thasos zusammenzufassen. Nach Okkupation des Hellesponts schien den Athenern offenbar die Gelegenheit günstig, nun auch die Silber- bzw. Goldminen des Pangaion-Gebirges (Skapte Hyle: Herod. 6,46,2) zu annektieren, was den Konflikt mit Thasos unvermeidlich machte76. Die Polis mußte sich nach Verbündeten umsehen und fand sie zunächst in den Edonern, die vermutlich einen Angriff auf die attische Kleruchie Eion vortrugen und dabei von der thasischen Flotte unterstützt wurden77. Diese Aktion bedeutete den Abfall vom Seebund und führte zum Gegenschlag Kimons, der das feindliche Geschwader vor der thrakischen Küste, vermutlich im Strymonischen Golf, vernichtete: „Die Athener fuhren mit einer Flotte gegen Thasos, errangen einen Seesieg und gingen an Land“ (καὶ ἐς τὴν γῆν ἀπέβησαν)78. Die letzte Bemerkung des Thukydides wird durchweg so verstanden, daß die Athener auf der Insel landeten und die Belagerung von Thasos begannen79. Indessen halte ich diese Schlußfolgerung keineswegs für zwingend. Aufgrund der skizzierten [237] Lage mußte Kimon zunächst Eion gegen die Thraker sichern und dürfte deshalb am Strymon gelandet sein. Das Siedlungsunternehmen von Ennea Hodoi (Amphipolis) setzte jedenfalls eine vorbereitende Militäraktion gegen die Edoner voraus80. Im Vorgriff auf das weitere Schicksal der Siedler nimmt Thukydides dann Bezug auf die Katastrophe bei Drabeskos, um anschließend unter nochmaligem Hinweis auf die Ausschaltung der thasischen Flotte Belagerung und Kapitulation der Insel zu skizzieren. Genaugenommen wurden die Thasier vor

 Θασίους αὐτῶν (scil. Ἀθηναίων) ἀποστῆναι ... (3) ... Διεφθάρησαν (scil. οἱ Ἀθηναῖοι) ἐν Δραβησκῷ τῇ Ἠδωνικῇ ὑπὸ τῶν Θρᾳκῶν ξυμπάντων ... Die Katastrophe bei Drabeskos

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ist eindeutig datiert (Thuk. 4,102,1f. Schol. Aischin. 2,34 DINDORF. Diod. 12,32,3), der Sieg am Eurymedon entzieht sich zwar einer gesicherten zeitlichen Fixierung, doch folge ich hier der Auffassung von M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 43-46; abweichend allerdings ATL III (1950) 175. Vgl. dazu M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 110-113. Zu IG I2 928 mit SEG XXIV 67 = Agora XVII (1974) Nr. 1 vgl. u. Anm. 82-84. Thuk. 1,100,2; selbstverständlich hätte der Historiker anstelle der Polis (ἐπὶ Θάσον) auch die Politen (ἐπὶ Θασίους) nennen können, doch sind beide Formulierungen in dieser Hinsicht deckungsgleich. Vgl. außerdem Plut. Kim. 14, (verkürzt) Diod. 11,70,1 und 5. Dies ergibt sich aus den absoluten Datierungen, die alle eine zeitliche Koinzidenz von Seesieg und Belagerung voraussetzen: für 466 plädierte A. ROVERI: Note sulla spedizione Ateniese contro Taso, RSA 10 (1980) 27-45; für 465 z.B. ATL III (1950) 175; für 464 schließlich Ph. DEANE (o. Anm. 73) 13. Thuk. 1,100,3 ... τῶν μὲν Ἐννέα ὁδῶν ἐκράτησαν, ἃς εἶχον Ἠδωνοί ...; vgl. Thuk. 4,102,2.

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Beginn der eigentlichen Belagerung (πολιορκούμενοι) zumindest in zwei Schlachten besiegt (μάχαις νικηθέντες)81, so daß auch die Formulierung das Ergebnis unserer inhaltlichen Analyse bestätigt: die erste (See)schlacht öffnete den Athenern den Zugang zur Festlandküste, die zweite die Landung auf der Insel Thasos. Wenn aber beide Niederlagen in zeitlichem Abstand erfolgten, spricht nichts dagegen, die erste dem Archontenjahr 466/65, die zweite dem folgenden Jahr 465/64 zuzuordnen. Für diese Interpretation spricht auch der Befund der einzigartigen Gefallenenliste, welche Athener und Bundesgenossen verzeichnete82. Da als Kriegsschauplätze Sigeion und Kardia, sowie Thasos und Eion genannt sind, scheint mir aus chronologischen Gründen ausgeschlossen, daß hier auch die Verluste bei Drabeskos verzeichnet waren83. Vielmehr dürfte es sich um die Gefallenen der Feldzüge vom Jahre 466 v. Chr. handeln, die am Hellespont und im Strymongebiet ihr Leben verloren84. Unter diesen [238] Voraussetzungen sind die zu Beginn der Liste aufgeführten Toten am ehesten auf die Schlacht am Eurymedon zu beziehen. Die Nennung von Thasos bezieht sich folglich nicht auf die Belagerung der Stadt, sondern auf die erste Seeschlacht vor der thrakischen Küste. Für den Zeitpunkt der Kapitulation bleibt damit am traditionellen Ansatz auf 463/62 (Herbst 463) festzuhalten85. Allerdings stellt sich die Frage, wann Thasos sich um Hilfe an Sparta gewandt hat. Laut Thukydides geschah dies nach Beginn der Belagerung86. Wie die spartanische Zusage wird aber auch das Ersuchen der 81

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Thuk. 1,101,1. Daß der Historiker über Details der Kämpfe um Eion, Thasos und Amphipolis besonders gut unterrichtet war, ergibt sich aus seiner Biographie: 424 war er als Stratege hier eingesetzt (4,104,4; anders jetzt L. PICCIRILLI: CCC 4 [1983] 359-363), außerdem besaß er Nutzungsrechte an den Gold- und Silberminen des Pangaion-Gebirges (4,105,1), wo er – von Reisen abgesehen – den größten Teil seines 20jährigen Exils verbracht haben dürfte (5,26,5. Marcell. vita Thuk. 19f. 25); vgl. O. LUSCHNAT: RE Suppl. XII (1970) 1095-1106, s.v. Thukydides. IG I2 928 mit SEG XXIV 67 = Agora XVII (1974) Nr. 1; zu den ebenfalls verzeichneten Sklaven – genannt wird ein Hylas – vgl. K.-W. WELWEI (o. Anm. 44) 42-46. So ATL III (1950) 106-110. D.W. BRADEEN: The Athenian Casualty List of 464 B.C., Hesperia 36 (1967) 321-328, bes. 327; dagegen bereits R. MEIGGS (o. Anm. 7) 416; ebenso A. ROVERI: RSA 10 (1980) 34. Zu den Gefallenenlisten allgemein vgl. D.W. BRADEEN: Athenian Casualty Lists, Hesperia 33 (1964) 16-62. Die bei Drabeskos gefallenen Athener (und Bundesgenossen?) dürften zusammen mit den Toten des Kriegsjahres 465 (Belagerung von Thasos und Kämpfe in der Ebene von Philippi) ein eigenes Monument erhalten haben: darauf waren auch die Namen der beiden gefallenen Strategen Leagros und Sophanes verzeichnet (Paus. l,29,4f.; vgl. Herod. 9,75. Strab. 7, frg. 36). Thuk. 1,101,3 Θάσιοι δὲ τρίτῳ ἔτει πολιορκούμενοι ὡμολόγησαν Ἀθηναίοις ...; vgl. J. HEIDEKING (o. Anm. 25) 120f. M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 16. 50. Thuk. 1,101,1 Θάσιοι δὲ νικηθέντες μάχαις καὶ πολιορκούμενοι Λακεδαιμονίους ἐπεκαλοῦντο καὶ ἐπαμύνειν ἐκέλευον ἐσβαλόντας ἐς τὴν Ἀττικήν.

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Thasier insgeheim (κρύφα τῶν Ἀθηναίων, Thuk. 1,101,2) erfolgt sein, so daß der angegebene Zeitpunkt durchaus in Zweifel gezogen werden darf. Warum sollten die Thasier auch so lange gewartet haben? Spätestens nach der ersten Niederlage ihrer Flotte mußten sie mit Sanktionen Athens rechnen – das Schicksal von Naxos war ja noch in frischer Erinnerung. Gab es da nicht Grund genug, der drohenden Gefahr durch Geheimverhandlungen mit Sparta zu begegnen? Vielleicht aber sind die Absprachen noch früher anzusetzen, als nämlich Thasos zum Schutz seiner wirtschaftlichen Basis auf dem Festland gegen attische Annexionsgelüste die Edoner für einen Angriff auf Eion gewann. Die Entscheidung mag offen bleiben, jedenfalls dürfen wir festhalten, daß der Abfall der Insel vom Seebund 466/65 stattgefunden hat, d.h. in dem Jahr, auf das Plutarch die Erdbebenkatastrophe in Sparta datiert87. Vorher, also etwa 467/66, muß demnach die Konspiration zwischen Pausanias und den Heloten aufgedeckt worden sein88. [239] Spätestens 466 v. Chr. floh Themistokles aus Argos, zunächst nach Kerkyra, dann zu Admetos, dem König der Molosser, von dort nach Pydna. „Hier“, so fährt Thukydides fort89, „fand er ein Lastschiff, das eben nach Ionien auslief; er ging an Bord, und ein Sturm verschlug sie zur athenischen Belagerungsflotte vor Naxos“. Auch Naxos war bekanntlich vom Seebund abgefallen und als erste Stadt entgegen den Satzungen geknechtet worden90. Nach der Ereignisfolge bei Thukydides muß diese Erhebung vor dem Abfall von Thasos, also vor 466/65, erfolgt sein (vgl. o. Anm. 35). Mit der bisherigen Chronologie läßt sich ein Zusammentreffen des Themistokles mit der Belagerungsflotte vor 87

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Plut. Kim. 16,4. Die bei Paus. 4,24,5 angegebene Datierung in das Archontat des Archimedes = Archedemides = 464/63 v. Chr. wird durch den (Doppel)sieg des Xenophon von Korinth bei den Olympischen Spielen nur scheinbar gesichert. Die letztere Angabe steht außer Zweifel (vgl. Diod. 11,70,1. Dionys. 9,61,1. Pind. Ol. 13,30-32 mit Schol. p. 356 DRACHMANN), indessen hat der Perieget wohl den Namen des Spartanerkönigs Archidamos als Datierung nach einem attischen Archonten mißverstanden und deshalb das Erdbeben unter das Amtsjahr des Archedemides subsumiert. Für Diod. 11,70,1 war nicht der Abfall von Thasos, sondern der Beginn der Belagerung für die zeitliche Einordnung entscheidend. Hinsichtlich des Erdbebens wußte er wohl, daß Archidamos in diesem Zusammenhang erstmalig in Erscheinung trat (11,63,5-7; vgl. Xen. Hell. 5,2,3 und o. Anm. 59), so daß er dieses Ereignis in das erste Regierungsjahr des Königs (vgl. o. Anm. 22f.) datierte. Vgl. bereits Μ.E. WHITE: Some Agiad Dates: Pausanias and His Sons, JHS 84 (1964) 140-152, bes. 146f. J.F. LAZENBY: Hermes 103 (1975) 244f. M. STEINBRECHER (o. Anm. 4) 29-36. Thuk. 1,137,2 Ἐν ᾗ ὁλκάδος τυχὼν ἀναγομένης ἐπ᾽ Ἰωνίας καὶ ἐπιβὰς καταφέρεται χειμῶνι ἐς τὸ Ἀθηναίων στρατόπεδον ὃ ἐπολιόρκει Νάξον. Thuk. 1,98,4 Ναξίοις δὲ ἀποστᾶσι μετὰ ταῦτα ἐπολέμησαν καὶ πολιορκίᾳ παρεστήσαντο. Πρώτη τε αὕτη πόλις ξυμμαχὶς παρὰ τὸ καθεστηκὸς ἐδουλώθη.

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Themistokles und Pausanias

Naxos also nicht vereinbaren. Plutarch, der sich gerade in diesem Zusammenhang auf Thukydides als Quelle beruft, erwähnt dieselbe Episode91, allerdings überliefert der zuverlässige Codex Seitenstettensis anstelle von Νάξον die Lesung Θάσον. K. ZIEGLER hat sich in seiner Ausgabe für Νάξον, in der Übersetzung für ‚Thasos‘ entschieden92. Die neuere Forschung stilisierte dieses Problem – Naxos oder Thasos – zum chronologischen Angelpunkt der Pentekontaetie schlechthin. Ausschlaggebend erscheint indessen die Nachricht, daß Themistokles nach seiner glücklichen Ankunft in Ionien Kontakt aufnahm mit Artaxerxes, dem Sohn des Xerxes, der kürzlich erst Großkönig geworden war: ἐσπέμπει γράμματα πρὸς βασιλέα Ἀρταξέρξην τὸν Ξέρξου νεωστὶ βασιλεύοντα (Thuk. 1,137,3). Gegenüber der chronologischen Tradition des 4. Jahrhunderts v. Chr. (Ephoros, Deinon, Kleitarch, Herakleides), Themistokles habe noch mit Xerxes korrespondiert93, verdient die Version des Thukydides, die auch Charon von Lampsakos bestätigt94, den Vorzug. Babylonische Quellen datieren den Thronwechsel auf Au[240: Tabelle; 241]gust 465 v. Chr.95, also in den Beginn des attischen Archontenjahres 465/64 (Lysitheos). Bei dieser Konstellation liegt die Vermutung auf der Hand, daß Themistokles ebenfalls im Sommer 465 v. Chr. in Kleinasien eintraf, eher vor als nach dem Herrschaftsantritt des Artaxerxes96.

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Plut. Them. 25,2 Θουκυδίδης δέ φησι καὶ πλεῦσαι αὐτὸν ἐπὶ τὴν ἑτέραν καταβάντα θάλατταν ἀπὸ Πύδνης ... μέχρι οὗ πνεύματι τῆς ὁλκάδος εἰς Θάσον καταφερομένης ὑπ’ Ἀθηναίων πολιορκουμένην τότε ... (zitiert nach der Ausgabe von R. FLACELIÈRE, Coll. Budé, Paris 1961, 130). K. ZIEGLER (Ed.): Plutarchi vitae parallelae I 13 (Leipzig 1960) 187. DERS. (Hrsg.): Große Griechen und Römer I (Zürich/Stuttgart 1954) 394 (die Übersetzung stammt allerdings von W. WUHRMANN). Vgl. Plut. Them. 27,1; dazu [Themist.] epist. 20. Diod. 11,56,5-8. FGrHist 262 F 11 (Charon); vgl. auch FGrHist 104 F 10,4 (Aristodemos). Nep. Them. 9,1. R. PARKER/W. DUBBERSTEIN: Babylonian Chronology. 626 B.C.-A.D. 75 (Providence 31956) 17; dazu P.J. RHODES: Historia 19 (1970) 395, Anm. 53; vgl. noch R.N. FRYE: The History of Ancient Iran (München 1984) 127. Die These, Themistokles habe in Kleinasien bis zu vier Jahren gewartet, um sich dann an den Nachfolger des Xerxes zu wenden (vgl. etwa R.J. LENARDON [o. Anm. 6] 132-138. F.J. FROST: Plutarch [o. Anm. 6] 206-212), läßt sich weder aus Thuk. 1,137,3 noch aus Plut. Them. 25,3-26,1 ableiten. Aufgrund der Etesien (vgl. unten Anm. 98) dürfte er Kleinasien vor Mitte Juli 465 erreicht haben.

Themistokles und Pausanias

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Chronologie der Jahre 471/70-462/61 v. Chr. Archontenjahre

Themistokles

Pausanias

471/70

Ostrakismos des Themistokles Synoikismos von Elis

Rückberufung des Pausanias aus Kolonai (2.) Prozeß des Pausanias wegen Medismos

470/69

Politische Agitation des Themistokles in Argos

Pausanias als Regent in Sparta

469/68

Einnahme von Karystos (Euböa) durch Kimon

Feldzug des Leotychidas II. nach Thessalien, seine Flucht nach Tegea und sein Tod im Exil; Regierungsantritt des König Archidamos II.

468/67

Abfall und Bestrafung der Insel Naxos

Pausanias weiterhin als Regent für Pleistarchos

467/66

Sieg Kimons am Eurymedon

Konspiration des Pausanias mit den Heloten Helotenmassaker am Tainaron Ende des Pausanias in Sparta Sieg der Spartaner bei Tegea

Annexion des Hellesponts durch Kimon Flucht des Themistokles aus Argos 466/65

465/64

Großes Erdbeben in Sparta Sieg der Spartaner bei Dipaia Beginn des (4.) Messenischen Krieges Niederlage der Spartaner bei Stenyklaros Beginn der Belagerung von Ithome, deren Dauer Thukydides und Diodor zutref(2.) Niederlage der Thasier und Beginn der fend mit (rund) zehn Jahren angeben. Belagerung Abfall der Insel Thasos vom Seebund (1.) Niederlage der Thasier zur See und Hilfegesuch an Sparta Gründung von Ennea Hodoi (Amphipolis)

Thronwechsel in Persien: Xerxes – Artaxerxes Begegnung des Themistokles mit der Belagerungsflotte Katastrophe der attischen Siedler bei Drabeskos 464/63

Themistokles als Herr von Magnesia/ Lampsakos

463/62

Kapitulation der Insel Thasos

462/61

Ostrakismos des Kimon in Athen

Hilfsexpedition des Kimon nach Messenien

Spätestens im Herbst dieses Jahres muß er jedenfalls mit dem Großkönig korrespondiert haben, wenn die Bemerkung des Thukydides einen Sinn geben soll. Damit sind Beginn (467/66) und Ende (465/64) der spektakulären Flucht zeitlich fixiert. In Verbindung mit unseren Überlegungen zum Abfall von Thasos ergibt sich, daß für eine Begegnung des Themistokles mit einer attischen Belagerungsflotte praktisch nur die nördliche Ägäis in Betracht kommt. Vorschläge,

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Themistokles und Pausanias

den Abfall von Naxos auf 466 v. Chr. heraufzudatieren, schaffen eher neue, m.E. unlösbare Probleme97. Andererseits hatte R. FLACELIÈRE (REA 55 [1953] 5-14) der Episode jede historische Relevanz abgesprochen: es handle sich dabei um Varianten einer Anekdote, bei der es allein auf die Gefahrsituation für Themistokles ankam, gleichgültig, ob diese vor Thasos oder vor Naxos eingetreten sei. Seine Schlußfolgerung erscheint mir in dieser Konsequenz überspitzt. Gehen wir davon aus, daß Thukydides das Zusammentreffen als historisch einschätzte, so haben wir keinen Grund, seine Beurteilung in Frage zu stellen. Allerdings könnten ihm im Detail durchaus Fehler unterlaufen sein. Theoretisch kamen für Themistokles in Pydna zwei Möglichkeiten in Betracht, seine Flucht nach Kleinasien fortzusetzen, wenn diese Region wirklich seinen ursprünglichen Zielvorstellungen entsprach (Thuk. 1,137,1): die Nordroute entlang der Chalkidike und der thrakischen Küste oder die südliche Alternative über die Sporaden bzw. die Kykladen. Beide Wege boten Vor- und Nachteile: die südliche Ägäis durch die Nähe Athens und sei[242]ner Bundesgenossen, im Norden bedeutete die thrakische Steilküste eine Gefahr für Schiff und Besatzung98. Wie Themistokles diese Nachteile auch gewichtete, primär kam es für ihn darauf an, Pydna möglichst schnell und unerkannt zu verlassen, d.h. er mußte die erste Möglichkeit einer Passage nutzen, um Kleinasien oder ein anderes Ziel – evtl. Thrakien (?) – zu erreichen. Gelandet ist er schließlich in Ionien; hier wurde (durch die Schiffsbesatzung?) bekannt, daß die Flucht beinahe durch die Begegnung mit einer attischen Flotte gescheitert wäre. Thukydides, nach dessen Bericht Themistokles in Ephesos an Land ging, setzte offenbar voraus, daß der Athener auf der gängigen Südroute dorthin gelangt sei99. Damit lag die Schlußfolgerung nahe, die Gefahrsituation habe bei Naxos stattgefunden. Der innere Widerspruch zwischen dieser Lokalisierung und der zeitlichen Einordnung der Belagerung dieser Insel durch Kimon mag dem Historiker deshalb entgangen

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So M.E. WHITE: JHS 84 (1964) 147-149; M.P. MILTON: Historia 28 (1979) 257-275. Zu den ‚chronologischen‘ Ansätzen von J.H. SCHREINER (Anti-Thukydidean Studies in the Pentekontaetia, SO 51 [1976] 19-63, bes. 38ff.) vgl. bereits den Exkurs bei M.P. MILTON 272-275. Zur Zeit der Etesien, die regelmäßig im Hochsommer (etwa Mitte Juli z.Zt. des Siriusfrühaufgangs) einsetzen, wäre eine Umschiffung der Chalkidike praktisch ausgeschlossen gewesen; vgl. etwa H.U. INSTINSKY: Herodot und der erste Zug des Mardonios (1957), ND in: Herodot, hrsg. von W. Marg (Darmstadt 1962) 471-496, bes. 494ff. Indessen landete Themistokles vor Beginn der Etesien bereits in Kleinasien (vgl. o. Anm. 96). Thuk. 1,137,2; so auch F.J. FROST: Thucydides 1,137,2, CR 12 (1962) 15f.; vgl. DERS.: Plutarch (o. Anm. 6) 207f.

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sein100, weil er die Episode eben nicht als chronologischen Angelpunkt der Pentekontaetie gewertet hat101. Plutarch benutzte die Darstellung des Thukydides, ließ Themistokles allerdings nicht in Ephesos, sondern im nördlich gelegenen Kyme die kleinasiatische Küste erreichen102. Diesbezüglich [243] folgte er wahrscheinlich Charon von Lampsakos, den er wenig später zusammen mit Thukydides als Quelle nennt103. Warum der Biograph hier die von Thukydides abweichende Version bevorzugte, wird nicht gesagt. Vielleicht deshalb, weil Charons Chronik seiner Heimatstadt den geschilderten Ereignissen zeitlich näher stand, vielleicht auch, weil er ausführlicher berichtete 104 . Jedenfalls ist nicht auszuschließen, daß nach dieser Quelle Themistokles Kleinasien auf der Nordroute erreichte, die Begegnung mit der athenischen Flotte also zutreffend bei Thasos lokalisiert wurde. Wenn nur der Codex Seitenstettensis diese Version bewahrt hat, so liegt dies daran, daß die 100

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Die Ereignisfolge, wonach Naxos jedenfalls vor der Schlacht am Eurymedon unterworfen wurde (Thuk. 1,98,4 und 1,100,1), steht außer Zweifel, den Zeitpunkt des Abfalls von Thasos glaube ich hinreichend begründet zu haben, so daß sich damit für beide Ereignisse das Jahr 466/65 als Terminus ante ergibt. In diesem Punkt unterscheidet sich die Darstellung des Thukydides erheblich von der Interpretation durch M.P. MILTON: Historia 28 (1979) 257-275. Allein daß der Name der Insel zwanglos zu substituieren ist, verdeutlicht, daß Thukydides die Lokalisierung als ephemer empfand. Ähnliche Versehen sind auch in der neueren Forschungsliteratur keineswegs ausgeschlossen. J. BLEICKEN (Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches I, Paderborn 1978, 9) verwechselt etwa in der Einleitung Aktium mit Alexandria, wenn er die berühmte Seeschlacht auf 30 v. Chr. datiert; weitere Beispiele bei Chr. HABICHT: Pausanias und seine ‚Beschreibung Griechenlands‘ (München 1985) 97, Anm. 13. Selbst habe ich (Römische Kaiser in Mainz, Bochum 1982, 9, Anm. 16) Tiberius mit seinem Bruder Drusus verwechselt. Plut. Them. 26,1: Ἐπεὶ δὲ κατέπλευσεν εἰς Κύμην καὶ πολλοὺς ᾔσθετο τῶν ἐπὶ θαλάττῃ παραφυλάττοντας αὐτὸν λαβεῖν ...

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Plut. Them. 27,1; vgl. FGrHist 262 F 11 (Charon); im Kommentar zu diesem Fragment vermutet F. JACOBY (p. 20) Ephoros als Quelle Plutarchs, indem er offenbar auch in diesem Zusammenhang mit dem bekannten Lokalpatriotismus des Historikers aus Kyme rechnet (vgl. FGrHist 70 F 97; 114; 236 und bes. F 1). Wenn Ephoros allerdings die Herkunft Homers aus seiner Heimatstadt begründet, hat dies einen anderen Stellenwert als eine gegen die Überlieferung postulierte Landung des Themistokles in Kyme. Der von ihm abhängige Diodor (11,56,4) begnügte sich mit einer allgemeinen Lokalisierung in (Klein)asien, ohne Kyme oder die Begegnung mit der attischen Flotte zu erwähnen. Auch der Auszug (?) aus Ephoros POxy 1610,1-7 (= FGrHist 70 F 191,1-7) enthält keine Details; vgl. F. JACOBY zur Stelle, p. 90. Zu möglichen anderen Vorlagen Plutarchs vgl. F.J. FROST: Plutarch (o. Anm. 6) 212. Wenn Plutarch ein Widerspruch zwischen Lokalisierung der Flucht-Episode und zeitlichem Ansatz der Belagerung von Naxos aufgefallen wäre, hätte er dies vermutlich wie im Falle der Kontaktaufnahme des Themistokles mit Xerxes/Artaxerxes (Plut. Them. 27,1f.) formuliert und seine Quellen genannt.

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Themistokles und Pausanias

übrigen Handschriften Θάσον aufgrund der Autorität des Thukydides zu Νάξον geändert haben. Aus sachlichen und chronologischen Gründen halte ich die ursprüngliche Überlieferung Plutarchs für zutreffend. Die Darstellung des Thukydides wird dadurch in ihrem Wert als Geschichtsquelle nicht herabgesetzt105. Wenden wir uns abschließend der Frage nach Funktion und Absicht des Exkurses zu, so dürften den Historiker ebenso inhaltliche wie kompositorische Gründe bewogen haben, am Ende seiner Darstellung der Pentekontaetie (1,118,2) – zwischen dem Kriegsbeschluß in Sparta und der programmatischen Perikles-Rede in Athen am Vorabend des Peloponnesischen Krieges (1,125,1. 139,4-144,4) – das Schicksal des Pausanias und des Themistokles im Zusammenhang zu behandeln. Vordergründig kon[244]trastiert der Exkurs, dessen tendenziöse Komponente A. LIPPOLD (RhM 108 [1965] 331ff.) überzeugend herausgestellt hat, die beiden Exponenten der Perserkriege. Gegenüber der negativen Beurteilung des Pausanias, eines politischen Bankrotteurs, der skrupellos und verräterisch nach persönlicher Macht strebte (1,95,1. 130,1. 132,3), hebt sich das ideale Bild des Themistokles, eines Mannes von höchster Klugheit und edler Gesinnung, der nur aus Verzweiflung Zuflucht beim Großkönig suchte (1,93,3ff. 135,3. 136,4. 138,3), eindrucksvoll ab. Einen ganz anderen Eindruck vermitteln hingegen Herodot, der den spartanischen Regenten als ehrenhaft, freundlich und diszipliniert charakterisierte (5,32. 8,3,2. 9,76,2f. 79,1f. 82,1ff.), oder Stesimbrotos von Thasos, der in Themistokles den verschlagenen und skrupellosen Machtpolitiker sah106. Möglicherweise resultierte die scharfe Gegenüberstellung beider Staatsmänner bei Thukydides noch aus der Polemik des ersten Kriegsjahres, als Athen seinen hegemonialen Anspruch auch mit der moralischen Überlegenheit seiner politischen Repräsentanten rechtfertigte107. Indessen würde man dem Historiker Thukydides nicht gerecht, wollte man den Exkurs allein aus tagespolitischen Motiven deuten. Wie sich gezeigt hat, gab es ganz konkrete Gründe, den beiden Politikern eine gemeinsame Schlußbetrachtung zu widmen. Beide wurden der Kollaboration mit dem Großkönig be105

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Kyme als Zielpunkt der Flucht ist in der Plutarch-Version eindeutig überliefert. Wenn Thukydides stattdessen den Athener in Ephesos landen ließ, so vielleicht deshalb, weil später das südöstlich gelegene Magnesia zusammen mit Myus den wichtigsten der von Artaxerxes verliehenen Besitztitel des Themistokles ausmachte (1,138,6. Plut. Them. 29,11); vgl. R. WEIL: Themistokles als Herr von Magnesia, in: Corolla numismatica. Numismatic Studies in Honour of B.V. Head (Oxford 1906) 301-309. FGrHist 107 F 1-3 (Stesimbrotos). Herod. 8,5,3. 8,58,2. 8,109,5. 8,112,1-3; dagegen polemisiert Thuk. 1,138,3. Vgl. A. LIPPOLD a.O. 335f. Für die Komposition des Exkurses sollten daraus aber keine Schlußfolgerungen gezogen werden; vgl. auch K. ZIEGLER: Thukydides und Polybios, WZ Greifswald 5 (1955/56) 161-170, hier: 163, Anm. 3; dazu auch o. Anm. 69.

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schuldigt, beide deshalb verfolgt und gejagt. Direkt oder indirekt aber waren es die Spartaner, genauer gesagt: die konservativen Kräfte Spartas, welche die beiden Prozesse initiiert hatten. Dieser Aspekt scheint mir für die exponierte Einordnung des Exkurses entscheidend. Durch die Komposition akzentuierte Thukydides das zentrale Problem seiner bisherigen Darstellung: die Entstehung des Krieges. Seiner Einschätzung nach handelte es sich um die zwangsläufige Auseinandersetzung zweier mächtiger Staaten – eine Theorie, die F. KIECHLE als Gedankengut der Sophistik erweisen konnte108. Eindrucksvoll hat etwa Kallikles dieses Prinzip im platonischen Gorgias formuliert: „Die Natur selbst erweist dies als gerecht, wenn der Tüchtige mehr hat als der Tauge[245]nichts, der Fähige mehr als der Unfähige. Auf vielfältige Weise gibt sie uns nicht nur bei den übrigen Lebewesen, sondern auch bei den Menschen in den Verhältnissen ganzer Staaten und Völker dies als Kriterium des Gerechten zu erkennen, daß der Stärkere über den Schwächeren herrsche und mehr habe“109. Mit Recht wird diese politische, speziell: machtpolitische Sehweise des Thukydides gerühmt110, der unter weitgehendem Verzicht auf individuelle Aktionen durchweg die politischen Kollektive – die Athener bzw. die Lakedaimonier – das Geschehen bestimmen läßt111. Eine der wenigen Ausnahmen bildet seine Darstellung vom Ende der Heroen der Perserkriege. Unmittelbarer Anlaß dafür war, wie wir gesehen haben, die historische Verknüpfung beider Schicksale, wie sie vermutlich in der offiziellen spartanischen Überlieferung ihren Niederschlag gefunden hatte. Darüber hinaus aber dokumentiert diese Darstellung, was J.G. DROYSEN in der ‚Historik‘ als „katastrophische Geschichtsschreibung“ bezeichnet hat112. Beide Politiker sind in diesem Sinne repräsentativ: mittelbar oder unmittelbar hatten sie die Weichen für den militärischen Konflikt gestellt, dessen ‚wahrsten‘ Grund Thukydides im Machtzuwachs seiner Heimatstadt sah, wodurch die Spartaner zum Kriege gezwungen 108 109

Thuk. 1,23,4-6; vgl. F. KIECHLE: Ursprung und Wirkung der machtpolitischen Theorien im Geschichtswerk des Thukydides, Gymnasium 70 (1963) 289-312. Plat. Gorg. 483 D Ἡ δὲ ... φύσις αὐτὴ ἀποφαίνει αὖ ὅτι δίκαιόν ἐστιν τὸν ἀμείνω τοῦ χείρονος πλέον ἔχειν καὶ τὸν δυνατώτερον τοῦ ἀδυνατωτέρου. Δηλοῖ δὲ ταῦτα πολλαχοῦ ... καὶ ἐν τοῖς ἄλλοις ζῴοις καὶ τῶν ἀνθρώπων ἐν ὅλαις ταῖς πόλεσι καὶ τοῖς γένεσιν, ὅτι οὕτω τὸ δίκαιον κέκριται, τὸν κρείττω τοῦ ἥττονος ἄρχειν καὶ πλέον ἔχειν. Vgl. S. KRIEGBAUM:

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Der Ursprung der von Kallikles in Platons Gorgias vertretenen Anschauungen (Paderborn 1913). Vgl. A.G. WOODHEAD: Thucydides on the Nature of Power (Cambridge/Mass. 1970). Vgl. K. REINHARDT: Thukydides und Machiavelli, in: Vermächtnis der Antike (Göttingen 21966) 184-218, bes. 192f. J.G. DROYSEN: Historik (München 41960) 295-299 (Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte). 362 (Grundriß der Historik).

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wurden. Furcht war es, die diesen Zwang erzeugte – Furcht, deren Wurzeln bis in die Anfänge der Pentekontaetie zurückreichten (1,23,6). Einerseits konkretisierte sie sich in der Persönlichkeit und Politik des Themistokles, der in Argos gegen Sparta agitiert und ein antispartanisches Bündnis initiiert hatte. Perikles hatte sein politisches Erbe angetreten, indem er sowohl die Flottenpolitik konsequent fortsetzte als auch letztlich den Konflikt mit Sparta kalkulierte. Doch war es nicht allein die Bedrohung von außen, welche die Spartaner fürchteten. Ihre Furcht resultierte ebenso aus dem Bewußtsein der inneren Instabilität ihres Gemeinwesens. Hier war es [246] Pausanias, dessen Ambitionen den spartanischen Kosmos in eine existenzielle Krise geführt hatten. Dieses Gefühl eigener Verwundbarkeit, besonders in wirtschaftlicher und bevölkerungsstruktureller Hinsicht, deutet sich in der besonnenen Rede des Königs Archidamos am Vorabend des Krieges an113. Unverzichtbares Bollwerk spartanischer Sicherheitspolitik aber war das Bündnissystem. Der Ephor Sthenelaidas brachte dies in seinem Kriegsvotum zum Ausdruck114. Seine ihm von Thukydides in den Mund gelegten Ausführungen sind geprägt von einem tiefen Mißtrauen gegenüber Athen. Beide Aspekte der Bedrohung – der inneren wie der äußeren Sicherheit Spartas – personifizierten sich gewissermaßen in Themistokles und Pausanias. 467/66 v. Chr. hatte Sparta die Krise aufgrund einer günstigen politischen Konstellation mit Hilfe der Philaiden und Alkmeoniden in Athen bewältigt, 431 eskalierte die Situation zum militärischen Konflikt. In seiner Studie über ‚Thukydides und Machiavelli‘ hat K. REINHARDT „Ausbruch und Entstehung dieses Peloponnesischen Krieges als Paradigma eines Kriegsausbruchs“ gewertet, „das nicht auszulernen ist“ (o. Anm. 111: 193). Dieser Einschätzung bleibt nichts hinzuzufügen.

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Τhuk. 1,80,3f. Πρὸς μὲν γὰρ Πελοποννησίους καὶ τοὺς ἀστυγείτονας παρόμοιος ἡμῶν ἡ ἀλκή, καὶ διὰ ταχέων οἷόν τε ἐφ᾽ ἕκαστα ἐλθεῖν· πρὸς δὲ ἄνδρας οἳ γῆν τε ἑκὰς ἔχουσι καὶ προσέτι θαλάσσης ἐμπειρότατοί εἰσι καὶ τοῖς ἄλλοις ἅπασιν ἄριστα ἐξήρτυνται, πλούτῳ τε ἰδίῳ καὶ δημοσίῳ καὶ ναυσὶ καὶ ἵπποις καὶ ὅπλοις καὶ ὄχλῳ ὅσος οὐκ ἐν ἄλλῳ ἑνί γε χωρίῳ Ἑλληνικῷ ἐστίν, ἔτι δὲ καὶ ξυμμάχους πολλοὺς φόρου ὑποτελεῖς ἔχουσι, πῶς χρὴ πρὸς τούτους ῥᾳδίως πόλεμον ἄρασθαι καὶ τίνι πιστεύσαντας ἀπαρασκεύους ἐπειχθῆναι; (4) Πότερον ταῖς ναυσίν; ἀλλ᾽ ἥσσους ἐσμέν· εἰ δὲ μελετήσομεν καὶ ἀντιπαρασκευασόμεθα, χρόνος ἐνέσται. Ἀλλὰ τοῖς χρήμασιν; ἀλλὰ πολλῷ πλέον ἔτι τούτοις ἐλλείπομεν καὶ οὔτε ἐν κοινῷ ἔχομεν οὔτε ἑτοίμως ἐκ τῶν ἰδίων φέρομεν. Τhuk. 1,86,3-5 Ἄλλοις μὲν γὰρ χρήματά ἐστι πολλὰ καὶ νῆες καὶ ἵπποι, ἡμῖν δὲ ξύμμαχοι ἀγαθοί, οὓς οὐ παραδοτέα τοῖς Ἀθηναίοις ἐστίν, οὐδὲ δίκαις καὶ λόγοις διακριτέα μὴ λόγῳ καὶ αὐτοὺς βλαπτομένους, ἀλλὰ τιμωρητέα ἐν τάχει καὶ παντὶ σθένει. (4) Καὶ ὡς ἡμᾶς πρέπει βουλεύεσθαι ἀδικουμένους μηδεὶς διδασκέτω, ἀλλὰ τοὺς μέλλοντας ἀδικεῖν μᾶλλον πρέπει πολὺν χρόνον βουλεύεσθαι. (5) Ψηφίζεσθε οὖν, ὦ Λακεδαιμόνιοι, ἀξίως τῆς Σπάρτης τὸν πόλεμον καὶ μήτε τοὺς Ἀθηναίους ἐᾶτε μείζους γίγνεσθαι, μήτε τοὺς ξυμμάχους καταπροδιδῶμεν, ἀλλὰ ξὺν τοῖς θεοῖς ἐπίωμεν ἐπὶ τοὺς ἀδικοῦντας.

Zum Herrschaftsverständnis Philipps II. von Makedonien* Auch vor der spektakulären Entdeckung des Grabhügels von Vergina durch Manolis ANDRONIKOS in den Jahren 1976/771 stellte sich die Frage, wessen Leistung höher einzuschätzen sei: die Alexanders III., den wir als den ,Großen‘ bezeichnen,2 oder die seines Vaters Philipp II. Die Eroberung des Achämenidenreiches scheint eher für den Sohn zu sprechen, doch war dieses Unternehmen nur aufgrund der erfolgreichen Politik Philipps denkbar, entwickelte zudem eine Eigendynamik, die man kaum als Verdienst werten kann. Die Organisation des Weltreichs blieb unvollendet, und es erscheint fraglich, ob Alexander die Aufgabe hätte lösen können, wenn er nicht mit 33 Jahren gestorben wäre. Im Rahmen dieser Skizze geht es mir um das Verhältnis Philipps zur Macht, seine Selbstdarstellung und seine Wirkung auf die nachfolgende Generation. Ausgehend vom Zeugnis der zeitgenössischen Münzprägung soll anhand der schriftlichen Überlieferung die Frage beleuchtet werden, mit welchen Mitteln Philipp II. seinen Herrschaftsanspruch propagierte3 und wie diese Propaganda von den Griechen akzeptiert wurde. Beginnen wir also mit den numismatischen Zeugnissen, so stellt sich zunächst das Problem, aus der Masse der scheinbar stereotypen Überlieferung die Serien zu bezeichnen, die tatsächlich zu Lebzeiten des Königs geprägt worden sind: sie allein bieten das Fundament für eine angemessene Beurteilung seiner Propaganda. Das umfangreiche Material wurde von George LE RIDER mustergültig aufgearbeitet.4 Aufgrund der Beizeichen, stilistischer Kriterien und der *

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[zuerst erschienen in: Historia 39, 1990, 426-445] Die Überlegungen wurden vorgetragen in Duisburg (30.4.86) Kiel (5.7.86), Berlin (4.7.87), Poznań (19.10.87) und Münster (15.12.87). Allen Diskussionsteilnehmern sei herzlich für Anregungen und Vertiefungen gedankt. Die überarbeitete und um Anmerkungen ergänzte Fassung widme ich dem Historischen Institut der Universität Pozna in dankbarer Erinnerung an die gastfreundliche Aufnahme. Vgl. M. ANDRONIKOS: The Royal Graves at Vergina (Athen 1977, engl. Übers. 1980); M.B. HATZOPOULOS/L.D. LOUKOPOULOS (Hrsg.): Philip of Macedon (London 1981). Zum Beinamen vgl. P.P. SPRANGER: Der Große. Untersuchungen zur Entstehung des historischen Beinamens in der Antike, Saeculum 9 (1958) 22-58; F. PFISTER: Alexander der Große. Die Geschichte seines Ruhms im Lichte seiner Beinamen, Historia 13 (1964) 37-79. Zur ‚Propaganda‘ vgl. meine Bemerkung in: Augusteische Propaganda und faschistische Rezeption, ZRGG 40 (1988) 307-330 [hier 30-33] mit weiterführender Literatur; ergänzend St. FUSCAGNI: Aspetti della propaganda macedone sotto Filippo II, in: Propaganda e persuasione occulta nell’antichità (Milano 1974) 71-82; Δ. ΤΣΙΜΠΟΥΚÍΔΗΣ: Φίλιππος ὁ Β᾽ὁ Μακεδών καἰ ὁ ἱσορικός τοῦ ρόλος (Athen 1985). G. LE RIDER: Le monnayage d’argent et d’or de Philippe II frappé en Macédoine de 359 à 294 (Paris 1977).

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Zum Herrschaftsverständnis Philipps II.

Hortfunde lassen sich zwei Münzstätten unterscheiden, die [427] Tetradrachmen in Silber und Statere in Gold prägten. Für unsere Problematik spielt die Frage der Prägeorte eine nachgeordnete Rolle, wesentlicher erscheinen die Datierungskriterien. Für die Regierungszeit Philipps II. differenziert LE RIDER zwei Haupttypen von Tetradrachmen für Pella und Amphipolis, die sich durch die Gestaltung der Münzrückseiten ergeben. Der erste Typ zeigt den berittenen König mit Kausia, Chiton und Mantel nach links gewandt, die rechte Hand zum Gruß erhoben. 5 Der zweite Typ bietet einen bartlosen nackten Reiter nach rechts mit Binde im Haar und einem Palmzweig in den Händen.6 Die Legende lautet jeweils ΦΙΛΙΠΠΟΥ. Die Übertragung der Königswürde an Philipp fixiert LE RIDER auf 359 v. Chr., unmittelbar nachdem Perdikkas III. in einer Schlacht gegen die Illyrer gefallen war.7 M.E. führte Philipp zunächst die Regentschaft für seinen unmündigen Neffen Amyntas, bevor er 358/7 tatsächlich König wurde.8 Doch mag diese Frage hier auf sich beruhen! Jedenfalls wechselte mit der Eroberung von Olynth, d.h. mit der Vernichtung des Chalkidischen Bundes, 348 v. Chr. die Darstellung vom tradierten makedonischen Reiter nach links zum berittenen Epheben nach rechts.9 Als Grund für diese prinzipielle Veränderung könnte man einen Sieg in einem hippischen Agon in Olympia vermuten, indessen spricht mehr für die Annahme, daß Philipp nach Festigung seiner Stellung in Makedonien ab 348 seine Ambitionen auf Zentralgriechenland richtete und sich mit der agonistischen Darstellung den Griechen als Mitglied der hellenischen Gemeinschaft empfehlen wollte.10

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Z.B. ebd. 5ff., Nr. 1ff. (Pella). Z.B. ebd. 21ff., Nr. 140ff. (Pella). G. LE RIDER (wie Anm. 4) 386f.; ebenso J.R. ELLIS: Amyntas Perdikka, Philip II and Alexander the Great: A Study of Conspiracy, JHS 91 (1971) 15-24; G.T. GRIFFITH: The Reign of Philip II, in N.G.L. Hammond/G.T. Griffith: A History of Macedonia II. 550-336 B.C. (Oxford 1979) 208f. und 702-704 (App. 2: Amyntas, the Son of Perdikkas); M.B. HATZOPOULOS: The Oliveni Inscription and the Dates of Philip II’s Reign, in W.L. Adams/E.N. Borza: Philip II, Alexander the Great, and the Macedonian Heritage (Washington 1982) 21-42. Abgesehen von der bekannten Notiz des lustin (7,5,9f.) wird dieser Ansatz auch durch die Angabe der 22 Herrscherjahre Philipps II. bei Satyros (FHG III p. 161 F 5 = Athen. 13,557 b) gestützt. Die Divergenz Diodors (16,2,4), der 24 Herrscherjahre angibt, erklärt sich m.E. aus der Einbeziehung der Regentschaft für den unmündigen Amyntas (IG VII 3055 = Syll3. 258), der dann bei der Proxenieverleihung durch Oropos ohne den Titel βασιλεύς geehrt wurde (IG VII 4251). G. LE RIDER (wie Anm. 4) 387-391. Diodor 16,53,2f.; Polyb. 9,28,3; vgl. M. ZAHRNT: Olynth und die Chalkidier (München 1971) 104-111; G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 321-328; G. LE RIDER (wie Anm.

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Diese grundsätzliche Gliederung des Münzbefundes erscheint mir tragfähiger als die These von M. Jessop PRICE, der drei Prägeorte postulierte,11 von denen die alte Königsresidenz Aigai 356 v. Chr. die Emission der Tetradrachmen mit Darstellung des Epheben auf dem Revers eröffnet und bis 336 [428] beibehalten habe, während Pella und Amphipolis (?) erst ab 348 zunächst den makedonischen Reiter, dann ebenfalls den Epheben geprägt hätten. Seine Gründe für den verzögerten Wechsel des Reversbildes vermag ich nicht nachzuvollziehen. Die von ihm postulierten stilistischen Parallelen in der Gestaltung des Herakles-Kopfes auf Silber-Teilstücken des Perdikkas III. und Philipps II. sind zu subjektiv, als daß man die Argumentation akzeptieren müßte.12 Überzeugender erscheint mir seine Beobachtung stilistischer Unterschiede in der Gestaltung des Zeus-Kopfes (LE RIDER ,Pella‘ Nr. 164/165), doch rechtfertigen diese m.E. noch nicht die Zuweisung an unterschiedliche Prägestätten, sondern lassen sich besser innerhalb der Abfolge von Pella erklären.13 Abgesehen von seiner Zuweisung an ,Aigai‘ hat PRICE die relative Sequenz der Silber-Nominale LE RIDER Nr. 165-432 akzeptiert, wenngleich mit divergierenden Zäsuren und abweichenden Zeitansätzen. Die Gruppe LE RIDER ,Pella‘ II B (= Nr. 343-432) wurde nach PRICE noch zu Lebzeiten Philipps II. in den Jahren 348-336 v. Chr. geprägt, die Gruppe LE RIDER ,Pella‘ II A 2 (= Nr. 187-342) faßt er mit dem letzten Teil der Gruppe LE RIDER ,Pella‘ II A 1 (= Nr. 165-186) zusammen und weist diese Emissionen der Periode vor 348 v. Chr. zu.14 Unter diesen Voraussetzungen ließe sich die Neuordnung des Münzwesens durch Alexander noch 336 oder jedenfalls kurz nach seinem Herrschaftsan-

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4) 389; M. OPITZ: Das Bild Philipps II. von Makedonien bei den attischen Rednern im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft (Diss. Düsseldorf 1976) 273f. M.J. PRICE: The Coinage of Philip II, NC 139 (1979) 230-241. Vgl. N.J. MOORE: The Lifetime and Early Posthumous Coinage of Alexander the Great from Pella (Diss. Princeton Univ. 1984) 60-62 und 116-120 (App. III). In der Tat zeichnen sich die Tetradrachmen LE RIDER ,Pella‘ Nr. 165ff. durch stilistische Gemeinsamkeiten bzw. Reminiszenzen mit den Stateren von Olympia aus; vgl. Ch.T. SELTMAN: The Temple Coins of Olympia (Cambridge 1921, ND New York 1975) Nr. 194-201. SELTMAN, der bzgl. der makedonischen Prägungen insgesamt zutreffend den Einfluß chalkidischer Stempelschneider betonte (63), datierte den Wandel der Zeus-Gestaltung auf den Stateren von Olympia zwischen 350 und 343 v. Chr. Falls überhaupt, kann diese Neuorientierung allenfalls die makedonische Prägung beeinflußt haben, kann nicht umgekehrt von Makedonien initiiert worden sein. Wie immer man den Befund bewertet, vom zeitlichen Ansatz deckt er sich mit dem der Gruppe LE RIDER ,Pella‘ II A 1, während die Datierung durch PRICE doch neue Probleme aufwerfen würde. Zudem liegt es näher, ggf. einen Stempelschneider aus Elis in der Residenz Pella als in Aigai zu erwarten. M.J. PRICE: NC 139 (1979) 240.

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tritt datieren.15 Ein Beweis läßt sich dafür bislang nicht erbringen, allgemeine Überlegungen sprechen eher gegen diese These. LE RIDER ging von einem nahezu gleichmäßigen Rhythmus der Silber-Prägungen unter Philipp II. aus. Drei Perioden von fünf bis sechs Jahren wies er je 29 Averse mit 47, 44 bzw. 41 Reversen zu (359-342 v. Chr.).16 Davon hebt sich eine vierte Periode mit 62 Avers- und 105 Reversstempeln zahlenmäßig deutlich ab. Distinktives Kriterium dieser letzten Periode bildet jeweils ein [429] Blitzbündel (waagerecht oder senkrecht) auf dem Revers der Tetradrachmen, teilweise in Kombination mit einem N im Abschnitt. Die Steigerung der Emissionen, die gerade aufgrund des Beizeichens eine geschlossene Gruppe ,Pella‘ II A 2 (= Nr. 187-342) bilden, begründete LE RIDER einleuchtend mit erhöhtem Geldbedarf des Königs im Vorfeld seiner geplanten Offensive gegen die Perser.17 Bezieht man die nach 342 v. Chr. verstärkt auf Zentralgriechenland gerichteten Ambitionen Philipps II. ein, so findet das Blitzbündel des Göttervaters Zeus eine durchaus angemessene Erklärung. Die variierenden Beizeichen der Gruppe LE RIDER ,Pella‘ II B (= Nr. 343-432) wären dann mit dem Herrschaftsantritt Alexanders zu verbinden. Parallel dazu prägte ,Amphipolis‘ Tetradrachmen, die PRICE ,Pella‘ zuweisen möchte. Einzelne Beizeichen (Januskopf, Schiffsbug, Heck, Steuerruder) entsprechen hier denen auf frühen Prägungen Alexanders.18 Auch diese Übereinstimmung spricht m.E. dafür, die Gruppe LE RIDER II B insgesamt nach dem Herrscherwechsel von 336 v. Chr. anzusetzen. Mit LE RIDER werte ich diese Tetradrachmen als (frühe) postume Prägungen Philipps II. Soweit Hortfunde in dieser Hinsicht überhaupt Schlußfolgerungen erlauben, sprechen die ‚frühen‘ Münzhorte von Kalamaria (136 Tetradrachmen, davon 15 mit Blitzbündel) und von Thessaloniki (17 Tetradrachmen, davon 15 mit Blitzbündel) ebenfalls für diese Chronologie oder stehen ihr jedenfalls nicht entgegen.19 Sicher blieb auch nach 336 v. Chr. der Geldbedarf Alexanders konstant, so daß man evtl. die Einstellung dieser postumen Emissionen Philipps II. gegenüber LE RIDER (329

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Vgl. die konträren Positionen von O.H. ZERVOS: The Earliest Coins of Alexander the Great, NC 142 (1982) 166-179, und M.J. PRICE: Alexander’s Reform of the Macedonian Regal Coinage, NC 142 (1982) 180-190. Die Auffassung von PRICE vertrat kürzlich auch Th.R. MARTIN: Sovereignty and Coinage in Classical Greece (Princeton 1985) 271-292 (App. IV: Historical Probability and the Chronology of the Silver and Gold Coinage of Philip II), bes. 290-292. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 387-389 und 391ff.; vgl. N.J. MOORE (wie Anm. 12) 60-62. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 374-376 und 390f. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 389-391; vgl. M.J. PRICE: NC 142 (1982) 186f. (mit abweichender Interpretation). G. LE RIDER (wie Anm. 4) 286-292; ergänzend 292-295 (Commerce 1970 und Gephyra).

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v. Chr.) um einige Jahre vordatieren könnte.20 In bezug auf die Propaganda des Makedonenkönigs spielt diese Problematik indessen eine nachgeordnete Rolle. Halten wir mit LE RIDER an der Datierung seiner Gruppe ,Pella‘ II A 2 in die Jahre 342-336 v. Chr. fest, so weisen einige Exemplare stilistische Besonderheiten auf.21 Ihre Reverse (Nr. 323-342) bieten unter dem Pferd des Epheben jeweils ein waagerechtes Blitzbündel (Abb. 1), das mit einer Ausnahme (Nr. 323) mit einem N im Abschnitt kombiniert ist. Den Unterschied zu anderen Prägungen mit gleichen Beizeichen (Nr. 218-230) markiert der Palmzweig des Epheben (Abb. 2), der hier nicht stilisiert und mit Bändern geschmückt, sondern naturalistisch gefiedert ist. Insgesamt lassen sich 12 Averse und 16 Reverse identifizieren, wobei von den Vorderseiten vier (Nr. 338-342 mit Abb. 3) auch mit Rückseiten gekoppelt sind, auf denen der Ephebe einen [430] stilisierten Palmzweig hält (Nr. 203-205; Nr. 255-257 mit Abb. 4; Nr. 269-271). Bei diesen Exemplaren ist der Kopf des Zeus traditionell gestaltet. Neue, originellere Akzente sind hingegen bei den verbleibenden acht Aversen D 177-184 (Nr. 323-337) gesetzt. Unter diesen scheinen mir die Stempel D 177-179 besondere Aufmerksamkeit zu verdienen (Abb. 5/6). Der Lorbeerkranz ist hier verhältnismäßig hoch aufgesetzt, wodurch Stirn- und Schläfenlocken breit ausgeführt werden konnten. Die Strähnen des Haupthaares sind nicht radial vom Scheitelpunkt zum Kranz geführt, sondern teilen sich, verlaufen diagonal, sich teilweise überdeckend. Im Unterschied zur traditionellen ,Kappenform‘ (Nr. 338-342 mit Abb. 3) wirkt das Haar hier voller, bewegter, lebendiger. Dieselben Kriterien weisen die breit ausgeführten Stirn- und Schläfenlocken auf. Der Bart bedeckt nicht nur Kinn und Wangen, um dann scharf konturiert abzubrechen, sondern führt im Ansatz bis zum Hals hinab (besonders deutlich: Nr. 323 a und 330 d). Das Nackenhaar ist durchweg kurz und lockig gestaltet. Augenlider und Nasenflügel sind deutlicher konturiert, der Nasenansatz betonter von der Stirn abgesetzt (Nr. 323 d). Die Betonung der Halsmuskulatur läßt eine leichte Drehung des Kopfes vermuten (Nr. 329 und 330 d mit Abb. 5/6). Insgesamt vermitteln diese in der Kumulierung auffälligen Besonderheiten dem Götterbildnis einen merkwürdig naturalistischen Eindruck, der auf den Reversen in der deutlichen Fiederung des Palmzweiges eine Entsprechung findet. Die Vermutung, daß diese Prägungen in den letzten Regierungsjahren Philipps II. – etwa zwischen 338 und 336 v. Chr. – erfolgten, bietet sich m.E. an. Hinsichtlich des Zeus-Kopfes möchte ich den Befund dahin interpretieren, daß sich der Stempelschneider hier an einem Porträt des Makedonenkönigs orientiert hat. Seine 20 21

Vgl. O.H. ZERVOS: NC 142 (1982) 173f.; dagegen M.J. PRICE: NC 142 (1982) 188f., der die Neuordnung auf 336 v. Chr. fixieren möchte. Die folgenden Angaben beziehen sich auf den Katalog von G. LE RIDER (wie Anm. 4) 27-45 mit Taf. 8-14.

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Bemühungen um eine individuellere Gestaltung der Vorderseite können nur auf entsprechende Weisungen Philipps II. zurückgeführt werden. Wenn unsere Deutung zutrifft, liegt uns hier erstmalig der Versuch einer Assimilation von Zeus-Bild und Herrscherporträt vor – mit anderen Worten: das Phänomen der Götterangleichung. Als Parallele bietet sich die Elektronprägung von Kyzikos an, wo einer der jüngsten ,Porträttypen‘ (Abb. 7) kürzlich als Bildnis Philipps II. interpretiert wurde.22 Der Avers zeigt einen bärtigen Kopf mit Lorbeerkranz nach links gewandt. Im Kontext mit anderen ,Porträtmünzen‘ stützen eine starke Betonung der Brauenpartie und die charakteristische Gestaltung der Barttracht die These, daß die Darstellung auf eine allgemein bekannte Persönlichkeit zu beziehen sei, die zur Polis Kyzikos in einem besonderen Nahverhältnis gestanden habe. Wenngleich direkte Beziehungen zum Makedonenkönig bislang [431] nicht nachgewiesen sind, so spricht doch die politische Situation im Vorfeld des geplanten Perserkrieges für die Vermutung, daß Philipp II. spätestens seit 338 v. Chr. das Terrain in der Propontis sondierte und auch mit Kyzikos Kontakte pflegte. Darauf mag sich das Bildnis der Elektronprägung beziehen. Andererseits sind die Gesichtszüge nicht so naturalistisch, daß man den Vergleich mit Zeus-Darstellungen prinzipiell ausschließen könnte. Auch hier scheint mir am ehesten der Versuch einer Assimilation von Zeus und Philipp II. vorzuliegen, wobei sich der Stempelschneider durchaus am Vorbild makedonischer Tetradrachmen orientiert haben könnte, wenngleich er den Kopf nach links wandte. Bislang haben wir keine absolut gesicherten Porträts des Makedonenkönigs.23 Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird ihm ein Kopf aus der Ny-Karlsberg-Glyptothek in Kopenhagen zugewiesen.24 Für die Ikonographie kommt am ehesten die kleine Elfenbeinbüste aus Vergina in Betracht.25 Allerdings ist die Miniatur auf Frontalwirkung gearbeitet und daher mit dem Profil makedonischer Tetradrachmen bzw. der Elektronprägung von Kyzikos nur bedingt vergleichbar. Beide Zeugnisse stehen unserem Münzbefund jedenfalls nicht entgegen. Auf Philipp II. darf mit einiger Sicherheit auch ein Goldmedaillon aus Tarsos (Abb. 8) bezogen werden,26 das aber erst im 3. Jh. n. Chr. geschaffen wurde. Schon deshalb können wir nicht ausschließen, daß sich der Künstler von den Tetradrachmen insgesamt inspirieren ließ und den Zeus-Kopf tatsächlich als Herrscherporträt interpretierte. 22 23

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M.R. KAISER-RAISS: Philipp II. und Kyzikos. Ein Porträt Philipps II. auf einem Kyzikener Elektronstater, SNR 63 (1984) 27-43, Taf. 6-10. Vgl. G.M.A. RICHTER: The Portraits of the Greeks III (London 1965) 253; Abbildungen bei M.R. KAISER-RAISS: SNR 63 (1984) Taf. 7-10; A.J.N.W. PRAG: JHS 104 (1984) Taf. 6-7. V. POULSEN: Les portraits grecs (Kopenhagen 1954) Nr. 18 (Taf. 15). M.B. HATZOPOULOS/L.D. LOUKOPOULOS (wie Anm. 1) Abb. 119. Ebd. Abb. 91 (vergr.); vgl. A.J.N.W. PRAG: JHS 104 (1984) 71, Anm. 27.

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Die phantastische Wachsrekonstruktion vom Kopf Philipps II., die kürzlich von dem englischen Kriminologen Richard NEAVE vorgelegt wurde,27 dürfen wir jedenfalls außer Acht lassen. Der Verlust des rechten Auges infolge einer Verletzung bei der Belagerung von Methone (354 v. Chr.)28 wurde mit Sicherheit weder in der Plastik noch im Münzbild dargestellt. Festzuhalten bleibt, daß einige in Pella geprägte Tetradrachmen aus den letzten Regierungsjahren Philipps II. um individuellere Gestaltung des Zeus-Kopfes bemüht sind und sich vermutlich an einem Porträt des Makedonenkönigs orientierten. Dieser, wie ich meine, deutliche Befund, der sich indessen naturgemäß nicht für eine Ikonologie des Makedonenkönigs nutzen läßt, wurde in der Forschung bislang nicht berücksichtigt.29 Hingegen wurde zuweilen behaup[432]tet, Philipp habe zu Lebzeiten Statere geprägt, auf deren Vorderseite der Kopf des Apollo dem Porträt Alexanders nachempfunden sei.30 Signifikantes Kriterium wäre etwa die berühmte Anastole, jene senkrecht nach oben geführte, gescheitelte Stirnlokke, die in der Antike seither als besonderes Glückszeichen galt.31 Tatsächlich sind eine ganze Reihe von Exemplaren dieses Typs erhalten, die auch deutlich individuelle Züge Alexanders aufweisen, doch bedarf die Interpretation der Korrektur. Zu den überraschenden Ergebnissen des Katalogs von LE RIDER gehört, daß Philipp entgegen einer Notiz Diodors nicht schon seit der Einnahme von Krenides (Philippi) 356 v. Chr. seine berühmten Philippeioi in Gold prägen ließ, sondern mehr als ein Jahrzehnt später, nämlich erst seit 345 bzw. 342 v. Chr.32 27

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A.J.N.W. PRAG/J.H. MUSGRAVE/R.A.H. NEAVE: The Skull from Tomb II at Vergina: King Philip II of Macedon, JHS 104 (1984) 60-70 mit Taf. 2-7, bes. 65-68 mit Taf. 2-5. Diodor 16,31,6 und 34,5; Iustin 7,6,13; vgl. A.J.N.W. PRAG: JHS 104 (1984) 75, Anm. 38; A.N. OIKONOMIDES: The Portrait of King Philip II of Macedonia, AncW 20 (1989) 5-15. Häufig wird hingegen der Kopf des makedonischen Reiters auf dem Revers als Porträt des Königs gedeutet, zuletzt von A.J.N.W. PRAG: JRS 104 (1984) 70f. mit Taf. VI b (unter Hinweis auf [432] eine Silberprägung von Kapsa); vgl. noch K. LANGE: Zur Frage des Bildnisgehaltes bei Köpfen auf Münzen Philipps II. und Alexanders III., des Großen, von Makedonien, in: Wiss. Abh. des Deutschen Numismatikertages in Göttingen 1951 (Göttingen 1959) 27-33; V. VON GRAEVE: Zum Herrscherbild Philipps II. und Philipps III. von Makedonien, AA 1973, 244-259. Vgl. etwa P.R. FRANKE/M. HIRMER: Die griechische Münze (München 1964) 117, Nr. 568 mit Taf. XVIII; zutreffender C.M. KRAAY: Greek Coins (London 1966) 351, Nr. 565 mit Taf. XVIII (‚probably a posthumous issue‘). Plut. Pomp. 2,2; Plut. mor. 335 b; [Kallisth.] Alex. 1,13,3; vgl. T. HÖLSCHER: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. AHAW 1971, 2 (Heidelberg 1971) bes. 25-31; R.R.R. SMITH: Hellenistic Ruler Portraits (Oxford 1988) 47f. Diodor 16,8,6-7; vgl. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 428-433; zustimmend M.J. PRICE: NC 139 (1979) 234f.

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Gegen diese These argumentierte Th.R. MARTIN mit Gründen ,historischer Plausibilität‘.33 So überzeugend seine Einwände auf den ersten Blick zu sein scheinen, so wird man schon aufgrund der Gestaltung des Apollo-Kopfes auf dem Avers (Abb. 9/10) die Prägungen doch kaum vor der Vernichtung Olynths (348) ansetzen können, wie dies bereits von Ch.T. SELTMAN und J.R. ELLIS vorgeschlagen wurde.34 Trotz aller Unsicherheiten im Detail wird man auch bzgl. der Goldprägung an den Ergebnissen von LE RIDER festhalten dürfen. Bis 336 v. Chr. lassen sich für ,Pella‘ demnach zwei Hauptgruppen unterscheiden, deren gesicherte Abfolge sich bislang allerdings einer Datierung entzieht. Je nach Beginn der Prägung kommen für die erste Gruppe die Jahre 345-340 oder 342-336, für die zweite entsprechend 340/336-329/8 v. Chr. in Betracht.35 Die Vorderseite zeigt den Apollo-Kopf durchweg nach rechts gewandt, auf der Rückseite – mit der Legende ΦΙΛΙΠΠΟΥ im Abschnitt – sprengt eine Biga mit Wagenlenker ebenfalls nach rechts. Ein Vergleich der [433] Vorderseiten verdeutlicht hinreichend, daß die Darstellung des Apollo im wesentlichen konstant bleibt (Abb. 11/12). Anordnung und Gestaltung der Haarlocken, die Zeichnung von Nase und Mundpartie, der Halsansatz folgen dem Götterbildnis auf Prägungen des Chalkidischen Koinon (Abb. 13/14).36 Sie weisen keine Besonderheiten auf, die einen Vergleich mit den Zügen Alexanders nahelegen könnten. 329 wurde die Emission dieser Goldmünzen vorläufig eingestellt und erst nach Alexanders Tod 323 v. Chr. wieder aufgenommen.37 Nase und Mund scheinen nun individueller gestaltet, die Anastole deutet auf eine bewußte Angleichung des Apollo-Kopfes an das Porträt des verstorbenen Königs hin (Abb. 15).38 Daß demnach der immer wieder abgebildete Berliner Stater mit dem

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Th.R. MARTIN (wie Anm. 15) bes. 284-292. Ch.T. SELTMAN: Greek Coins2 (London 1955) 200f.; J.R. ELLIS: Philip II and Macedonian Imperialism (London 1976) 235-239. Die von Th.R. MARTIN (s.o. Anm. 33) angeführten Belege ließen sich wenigstens um ein negatives Indiz ergänzen, da Philipp nach Demosthenes (Olynth. 1,22) zumindest noch 353 v. Chr. auf die Einkünfte Thessaliens zur Finanzierung seiner Söldner angewiesen war. Zur Relativierung der Nachrichten über Soldzahlungen in ‚Gold‘ vgl. Xenoph. vect. 4,10; W.E. THOMPSON: Gold and Silver Ratios at Athens During the Fifth Century, NC 124 (1964) 103-123, bes. 120ff. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 129-135, Nr. 1-59 bzw. 135-170, Nr. 60-397. BMC Maced. 67-69, Nr. 3ff.; vgl. D.M. ROBINSON/P.A. CLEMENT: The Chalcidic Mint and the Excavation Coins Found in 1928-1934. Excavations of Olynthus IX (Baltimore 1938); M. ZAHRNT (wie Anm. 10) 127-130. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 428-438. G. LE RIDER (wie Anm. 4) 187ff., Nr. 55ff. (,Pella‘ III B), vgl. bes. D 240-245 und D 257-264; unter den Prägungen von ,Amphipolis‘ (III B) erscheint der Stater LE RIDER 227, Nr. 250 besonders bemerkenswert.

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offensichtlichen Porträt Alexanders (Abb. 16) allenfalls postum geprägt wurde, steht unter diesen Voraussetzungen außer Zweifel.39 Fassen wir die bisherigen Ergebnisse zusammen, so legen Tetradrachmen aus den letzten Regierungsjahren Philipps II. den Versuch einer Assimilation von Götterbild und Herrscherporträt nahe, der bezüglich Alexanders in der Goldprägung keine Entsprechung findet. Dieses letztere Ergebnis scheint angesichts der politischen Situation in Makedonien kaum überraschend. Eine dynastische Krise überschattete den glanzvollen Sieg bei Chaironeia und den diplomatischen Erfolg des Korinthischen Bundes. Die Hochzeit Philipps mit der makedonischen Adelstochter Kleopatra im Sommer 337 schuf neue Voraussetzungen für eine Nachfolgeregelung. Die Aufforderung des Braut-Onkels Attalos an die Makedonen, zu den Göttern zu beten, daß Philipp mit Kleopatra noch einen rechtmäßigen Thronfolger – γνήσιον διάδοχον τῆς βασιλείας – zeuge,40 provozierte nicht ohne Grund einen Wutausbruch Alexanders. Zusammen mit seiner Mutter Olympias floh er nach Epirus. Auch nach seiner Rückkehr an den Königshof in Pella sah er sich zunehmend isoliert. Seine engsten Freunde – Harpalos, Ptolemaios, Nearchos, Erygios – [434] wurden anläßlich der Pixodaros-Affäre verbannt,41 Alexanders Aussichten, als Kronprinz aufgebaut zu werden, waren damit am Nullpunkt angelangt.42 Von daher wäre es völlig unver39

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H. GAEBLER: Die antiken Münzen von Makedonia und Paionia II (Berlin 1935) 163, Nr. 8 (Taf. XXX 26) mit älterer Literatur. Die Publizität des Stücks, das auch als ,unbärtiger Philipp‘ gedeutet wurde, resultiert aus der häufigen Benutzung des HIRMER-Archivs (oben Anm. 30); vgl. dazu noch G. KLEINER: Philipps und Alexanders Münzbildnisse, Berliner Numismatische Zeitschrift 1 (1949) 5-12; DERS.: Alexanders Reichsmünzen (Berlin 1949) 10 und 39f. (Anm. 12-14) mit Abb. 6-7; P. GREEN: Alexander der Große. Mensch oder Mythos? (Würzburg 1974) 88 (Abb.). Plut. Alex. 9,7; FHG III p. 161 F 5 (Satyros) = Athen. 13,557 d/e; vgl. G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 676-679. Plut. Alex. 10,1-5; Arr. 3,6,5f.; vgl. M.B. HATZOPOULOS: A Reconsideration of the Pixodaros Affair, in: Macedonia and Greece in Late Classical and Early Hellenistic Times (Washington 1982) 59-66. Die mit der Nachfolgeproblematik verquickte Frage der ‚Schuldzuweisung‘ für die Ermordung Philipps wird seit der Antike kontrovers diskutiert; vgl. den Überblick bei W. WILL: Alexander der Große (Stuttgart 1986) 28-33. In jüngster Zeit tendiert die Forschung im Anschluß an Arist. Pol. 5,10,1311 b eher zur These der Privatrache des Pausanias; vgl. R.J. FEARS: Pausanias, the Assassin of Philip II, Athenaeum NS 53 (1975) 111-135; J.R. ELLIS: The Assassination of Philip II, in: Ancient Macedonian Studies in Honor of Charles F. Edson (Thessaloniki 1981) 99-137; W. WILL: Ein sogenannter Vatermörder. Nochmals zur Ermordung Philipps, in: Festschrift für Gerhard Wirth (Amsterdam 1987) 219-232. Zuvor hatte E. BADIAN (The Death of Philip II, Phoenix 17, 1963, 244-250) mit guten Gründen die politische Dimension des Anschlags (Plut. Alex. 10,6f.; Iustin 9,7,1-8) betont. Eine Synthese zwischen politischer und persönlicher Motivation versuchte E. CARNEY: Regicide in Macedonia,

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ständlich, wenn ihn sein Vater Philipp gerade jetzt in der Goldprägung Makedonen und Griechen als Apollo präsentiert hätte. Vielmehr beschränkte der König die Assimilierung auf seine eigene Person. Auf den ersten Blick scheint dieser numismatische Befund die These zu bestätigen, Philipp habe planmäßig seine kultische Verehrung zu Lebzeiten betrieben. Zu diesem Ergebnis gelangte etwa E.A. FREDRICKSMEYER. Ebenso engagiert vertrat indessen E. BADIAN die Gegenposition, daß nämlich vor Alexander keine kultischen Ehren für lebende Personen nachgewiesen werden können.43 Methodisch basieren beide Thesen auf dem von Christian HABICHT vorgelegten Material,44 das FREDRICKSMEYER durchweg im Sinne göttlicher Ehren für Philipp interpretiert, während BADIAN den Zeugnissen jede historische Relevanz in dieser Frage abspricht. Bei unvoreingenommener Sicht der antiken Überlieferung insgesamt zeichnen sich neue, m.E. konstruktive Ergebnisse ab. Beginnen wir mit der be[435]kannten, von BADIAN nicht erörterten, Hochzeit von Aigai im Sommer 336, als Philipp anläßlich der Vermählung seiner Tochter Kleopatra mit Alexander dem Molosser einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Diodor schildert die Feierlichkeiten recht ausführlich: Das Theater war bis zum letzten Platz besetzt, als sich der Festzug formierte. Statuen der kanonischen Zwölf Götter wurden in der Pompa mitgeführt, mitten unter ihnen als 13. Statue die des Makedonenkönigs –



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PP 38 (1983) 260-272; schon aufgrund ihrer Prämisse einer institutionell bedingten Opposition gegen das makedonische Königtum erscheint mir die Deutung problematisch; vgl. R.M. ERRINGTON: The Nature of the Macedonian State under the Monarchy, Chiron 8 (1978) 77-133. E.A. FREDRICKSMEYER: Divine Honors for Philip II, TAPhA 109 (1979) 39-61; DERS.: On the Background of the Ruler Cult, in: Ancient Macedonian Studies in Honor of Charles F. Edson (Thessaloniki 1981) 145-156; ähnlich auch bereits A.M. PRESTIANNI GIALLOMBARDO: Sul culto di Filippo II di Macedonia, SicGymn 28 (1975) 1-57; dagegen E. BADIAN: The Deification of Alexander the Great. The Center for Hermeneutical Studies in Hellenistic and Modern Culture. Protocol of the 21st Colloquy, 7 March 1976 (Berkeley 1976) 1-17 (auf die Diskussionsbeiträge, darunter auch den von E.A. FREDRICKSMEYER, 34-36, einzugehen, würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen); DERS.: The Deification of Alexander the Great, in: Ancient Macedonian Studies (wie oben) 27-71. Ch. HABICHT: Gottmenschentum und griechische Städte2 (München 1970) 12-16 und 245. Zur unhistorischen Notiz bei Apsines (Rhet. Graec. I p. 221 SPENGEL-HAMMER), Philipp sei in Athen zum 13. Staatsgott erklärt worden, und zu Clemens Alexandrinus (Protr. 4,54, p. 48 POTTER) vgl. K.S. VERSNEL: Philip II and Kynosarges, Mnemosyne IV 26 (1973) 273-279; J. BREMMER: Ἐς Κυνόσαργες, Mnemosyne IV 30 (1977) 369-374; zuletzt E. BADIAN (1981, wie Anm. 43) 67-71.

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σύνθρονον ἑαυτὸν ἀποδεικνύντος τοῦ βασιλέως.45 Neoptolemos von Skyros, ein

Schauspieler am Hofe Philipps, hat dieses Ereignis als Augenzeuge miterlebt. Auf die Frage, was er an den Werken des Aischylos, des Sophokles und des Euripides besonders bewundere, antwortete er: „Nichts von alledem! Denn ich habe auf größerer Bühne gesehen, wie Philipp sich anläßlich der Hochzeit seiner Tochter Kleopatra als 13. Gott darstellen ließ, dann im Theater niedergestochen den Tod fand“.46 Die Pointe liegt auf der Hand! Ein Gott wurde ermordet! Spektakulärer konnten auch die großen Tragödiendichter nicht inszenieren. Doch entspricht diese Pointierung der historischen Wirklichkeit? Hat sich Philipp in Aigai den versammelten Griechen und Makedonen tatsächlich als Gott präsentiert? Die Pompa selbst sollte zur Vorsicht mahnen. Philipp erschien genau genommen ja in doppelter Ausführung: einmal leibhaftig als König und Brautvater, zum anderen als Statue inmitten der Zwölf Götter, nach Diodor als σύνθρονος θεῶν. Dieser Vorgang impliziert noch keine Vergöttlichung, allerdings hob das Arrangement als solches den König in eine übermenschliche Sphäre, rückte ihn in die Nähe der Götter. Die Grenze zwischen einem σύνθρονος θεῶν und einem θεός verlief fließend, blieb im Prinzip der subjektiven Einschätzung überlassen. Jeder einzelne konnte entweder die personale Vergöttlichung akzentuieren oder eine gemäßigtere Position beziehen, indem er die irdischen Leistungen des Königs in eine göttliche Sphäre transponierte. Diodor bzw. seine Vorlage hat offenbar die zweite Alternative bevorzugt, wenn er bemerkt: Philipp war aus eigener Kraft zum bedeutendsten König in Europa geworden und wegen der Größe seines Herrschaftsbereiches machte er sich selbst zum Genossen (σύνθρονος) der Zwölf Götter.47 [436] In dieselbe Richtung weist bereits Justins Schilderung der Entscheidungsschlacht zwischen Philipp und dem Phoker Onomarchos. Für das Ver45 46

Diodor 16,92,5; vgl. POxy 1798; dazu P.J. PARSONS: The Burial of Philip II? AJAH 4 (1979) 97-101. Stob. anth. 4,34,70 (Neoptolemos), p. III 846 HENSE2: Νεοπτόλεμον τὸν τῆς τραγῳδίας ὑποκριτὴν ἤρετό τις, τί θαυμάζοι τῶν ὑπ’ Αἰσχύλου λεχθέντων ἢ Σοφοκλέους ἢ Εὐριπίδου. ὁ δὲ οὐδὲν μὲν τούτων εἶπεν. ὃ δ’ αὐτὸς ἐθεάσατο ἐπὶ μείζονος σκηνῆς, Φίλιππον ἐν τοῖς τῆς θυγατρὸς Κλεοπάτρας γάμοις πομπεύσαντα καὶ τρισκαιδέκατον θεὸν ἐπικληθέντα, τῇ ἑξῆς ἐπισφαγέντα ἐν τῷ θεάτρῳ καὶ ἐρριμμένον. Das in die Darstellung Diodors (16,92,3)

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eingebaute Zitat des Neoptolemos-Auftritts (TrGF II 53, Nr. 127) spricht nicht gegen die Historizität des späteren Statements. Diod. 16,95,1. Wenn Alexander 326 v. Chr. die Grenzen seines Herrschaftsgebietes in Indien mit Altären zu Ehren der Zwölf Götter markieren ließ (Diod. 17,95,1; vgl. Arr. 5,29,1; Plut. Alex. 62,4; Curt. 9,3,19; Strabo 3,5,5, p. 171), so verdeutlicht dies jedenfalls, daß er seinen Vater nicht als 13. Gott wertete. Zum Kanon der Zwölf Götter vgl. O. WEINREICH: Zwölfgötter [435] (1937), ND in Ders.: Ausgewählte Schriften II (Amsterdam 1973) 555-664; Ch.R. LONG: The Twelve Gods of Greece and Rome (Leiden/Köln 1987) bes. 207-216 (Philipp II./Alexander III.).

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ständnis des Zusammenhangs erscheint wesentlich, daß Onomarchos zuvor den Tempelschatz des Apollo-Heiligtums in Delphi geplündert hatte und mit diesem Geld seine Söldner finanzierte.48 Die Schlacht wurde 352 v. Chr. auf dem Krokosfeld am Golf von Pagasai geschlagen.49 Gewissermaßen um den Frevel zu rächen – quasi sacrilegii ultor –, befahl Philipp seinen Truppen, sich mit Lorbeerkränzen zu schmücken, und zog so wie unter Führung der Gottheit – veluti deo duce – ins Feld. Die Phoker sahen die Zeichen des Gottes – insignibus dei conspectis –, ergriffen die Flucht und wurden vernichtend geschlagen. Mit diesem Sieg erntete Philipp bei allen Griechen ungeheueren Ruhm, denn er war es, der den Tempelraub gerächt hatte. Deshalb, so Justins Schlußfolgerung, war es angemessen, denjenigen in die Nähe der Götter zu rücken – (ut) a diis proximus habeatur –, durch den die göttliche Majestät gerächt worden ist – per quem deorum maiestas vindicata sit. 50 Mit den Lorbeerkränzen dokumentierte Philipp seinen Anspruch, im Interesse des gemein-griechischen Heiligtums zu handeln, apostrophierte seinen Sieg als Resultat göttlichen Willens. Natürlich war nicht er selbst der Gott, sondern lediglich der Vollstrecker göttlicher Rache, der eben dadurch in die Nähe der Götter gerückt wurde. Mit anderen Worten: die Angleichung erfolgte aufgrund seiner militärischen Leistung, legitimiert durch göttlichen Auftrag. Dieser Einschätzung durch Diodor und Justin bzw. dessen Vorlage Pompeius Trogus scheinen nun einige Zeugnisse zu widersprechen, die schon Christian HABICHT im Sinne einer kultischen Verehrung Philipps interpretierte. Die Scholien zur 1. Olynthischen Rede des Demosthenes erwähnen bereits für seinen Vater Amyntas ein Heiligtum in Pydna.51 Die Notiz wird durch Aristeides bestätigt, der in diesem Zusammenhang auch bemerkt, Philipp sei in Amphipolis wie ein Gott verehrt worden: ἔθυον ὡς θεῷ52. Indessen erscheinen mir entsprechende Schlußfolgerungen aufgrund der vagen Notizen unverbindlich. Aristeides mag im 2. Jh. n. Chr. die Ehrung so verstanden haben, doch besagt dies nichts über die Realität des 4. Jhs. v. Chr. Alternativ bietet sich auch die Deutung an, daß in Amphipolis eine Statue Philipps zur außer[437]ordentlichen Ehrung

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FGrHist 115 F 248 (Theopomp); FGrHist 20 F 96 (Ephoros); Diodor 16,56,5; vgl. Diodor 16,33,2; dazu W.S. FERGUSON: RE XVIII 1 (1939) 493-505; s.v. Onomarchus; zur Chronologie M. SORDI: La terza guerra sacra, RFIC 36 (1958) 134-166. Vgl. G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 274-277. Iustin 8,2,3-7; vgl. Diodor 16,64,3: ὁ δὲ τῷ μαντείῳ βοηθήσας Φίλιππος ἀπὸ τούτων τῶν χρόνων ἀεὶ μᾶλλον αὐξόμενος τὸ τελευταῖον διὰ τὴν εἰς τὸ θεῖον εὐσέβειαν ἡγεμὼν ἀπεδείχθη τῆς Ἑλλάδος πάσης καὶ μεγίστην βασιλείαν τῶν κατὰ τὴν Εὐρώπην περιεποιήσατο.

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Schol. Demosth. 1,5, p. 26 DILTS. Arist. or. 38, p. 715 DINDORF.

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des Königs in einem Heiligtum aufgestellt wurde ohne Einrichtung eines Kults.53 Bezüglich des Amynteions in Pydna ließe sich an ein postumes Heroon für den bereits 369/8 verstorbenen Amyntas denken. Für Philipps Einschätzung spricht jedenfalls, daß er das Asylrecht dieses Heroons nicht anerkannt hat.54 Einen ähnlichen Befund bieten die ionischen Städte Ephesos und Eresos (auf Lesbos). Arrian berichtet, im Artemision von Ephesos sei eine Statue Philipps aufgestellt worden, die dann 336/5 anläßlich eines oligarchischen Umsturzes zerstört wurde.55 Die Stadt Eresos errichtete ca. 340/39 Altäre zu Ehren des Zeus Philippios, die ebenfalls kurz vor Beginn der Offensive Alexanders durch zwei einheimische Tyrannen niedergerissen wurden.56 Anlaß der Ehrungen war in beiden Fällen die Etablierung einer sog. demokratischen Verfassung unter dem Schutz des Makedonenkönigs, und es besteht kein Grund, diese Nachrichten im Sinne einer kultischen Verehrung Philipps zu deuten. Die Aufstellung einer Statue im Heiligtum der Artemis bedeutete zwar eine hohe Auszeichnung, doch keine Vergöttlichung. Ein Ehrendekret von Erythrai für den karischen Dynasten Maussolos und seine Schwestergemahlin Artemisia bestimmte um 357/6, daß für Maussolos selbst eine Bronzestatue auf dem Marktplatz, für Artemisia ein Standbild aus Stein im Athenaion, dem Haupttempel von Erythrai, aufgestellt werden sollte.57 Die Schlußfolgerung, Artemisia sei vergöttlicht, ihr Gemahl als εὐεργέτης τῆς πόλεως lediglich geehrt worden, erscheint abwegig. Wie im Falle der Artemisia wird auch Philipps Statue im Tempel von Ephesos als εἰκών bezeichnet, eindeutigerer Terminus für ein Kultbild wäre ἄγαλμα.58 Alles spricht also dafür, daß die Ephesier den Makedonenkönig geehrt, ihn aber nicht vergöttlicht haben.

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Vgl. Syll.3 244 II 40-44: die Statuen des Philomelos und des Onomarchos wurden außerhalb des Apollo-Tempels zu Delphi errichtet. Vgl. Anm. 51-52; Ch. HABICHT (wie Anm. 44) 11f. Mit HABICHT sollte man den vermeintlichen ,Gründerkult‘ Philipps II. in Philippi als ,ganz unsicher‘ nicht in die Diskussion einbeziehen; vgl. auch Philippopolis am Hebros; dazu G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 558. Arr. 1,17,11; vgl. A.B. BOSWORTH: A Historical Commentary on Arrian’s History of Alexander I (Oxford 1980) 131-133. OGIS 8 I 4f. = M. TOD: A Selection of Greek Historical Inscriptions2 (Oxford 1946) Nr. 191,4f.; vgl. G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 720f.: Philip’s intervention at Eresos (App. 6). Syll.3 168 = Inschr. von Erythrai Nr. 8; vgl. S. HORNBLOWER: Mausolus (Oxford 1982) bes. 107-110. Vgl. A.D. NOCK: Σύνναος θεός (1930), ND in Ders.: Essays on Religion and the Ancient World (Oxford 1972) 202-251, bes. 204 mit Anm. 5 und 218-220.

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Ebensowenig dürfte die Epiklese des Zeus Philippios in Eresos als Gleichsetzung verstanden werden, sondern ist durch die Vorstellung geprägt, daß Zeus durch Philipp gewirkt und die Stadt gerettet hat. Die Interpretation von Gilbert GRIFFITH, der Zeus als ,patron of Philip‘ faßt, kommt dem Sachverhalt [438] nahe, ohne ihm ganz gerecht zu werden.59 Gemeint ist vielmehr dasselbe Phänomen, das Justin bezüglich der Schlacht auf dem Krokosfeld konstatierte: Philipp agierte im Namen der Gottheit, wurde so zur Inkarnation göttlichen Wirkens. Für unseren Befund der Tetradrachmen hat dieses inschriftliche Zeugnis aus Eresos deshalb Gewicht, weil sich hier 340/39 v. Chr. die besondere Verbindung Philipps mit dem Göttervater Zeus manifestiert. In diesen Kontext gehört, wie ich meine, auch die merkwürdige Notiz Plutarchs, Philipps Gemahlin habe viele Namen geführt: Polyxena, Myrtale, Olympias, Stratonike. 60 Uns ist sie als Olympias geläufig, doch hat kürzlich Waldemar HECKEL plausibel begründet, daß die Mutter Alexanders ursprünglich Polyxena hieß, die anderen Bezeichnungen in der von Plutarch gegebenen Folge tatsächlich Beinamen gewesen sind.61 Olympias sei sie seit 356 genannt worden, als Philipp nach der Einnahme von Potideia gleichzeitig drei Erfolgsmeldungen erhielt: sein General Parmenion habe die Illyrer vernichtend geschlagen, sein Pferd habe in Olympia den hippischen Agon gewonnen, seine Gemahlin habe einen Sohn – Alexander – geboren.62 Die zeitliche Bestimmung mag zutreffen, der Namenwechsel wäre damit das früheste Indiz für die Selbstdarstellung des Makedonenkönigs als Inkarnation göttlichen Wirkens. Olympias als Name des ,Olympiers‘ Philipp gewann dann zunehmend an allgemein-politischer Bedeutung, welcher schließlich die Angleichung des Herrscherporträts auf den Tetradrachmen korrespondierte.63 59 60 61 62 63

G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 692; vgl. auch F. TAEGER: Charisma. Studien zur Geschichte des antiken Herrscherkultes I (Stuttgart 1957) 174. Plut. mor. 401 a/b. W. HECKEL: Polyxena the Mother of Alexander the Great, Chiron 11 (1981) 79-86. Plut. Alex. 3,8; vgl. G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 246-254. Den politischen Akzent dieser Assimilation sehe ich durch analoge Vorgänge im Achämenidenreich bestätigt, wo Tissaphernes als Karanos seinen Kopf auf Chalkoi setzen ließ, die Anfang des 4. Jhs. in Astyra (Mysien) geprägt wurden. Der jüngere Kyros markierte zeitweise Tetradrachmen attischen Standards mit seinem unbärtigen Porträt. Nach seiner Usurpation (401 v. Chr.) ließ er schließlich Dareiken mit seinem Porträt auf dem Avers prägen; zum Befund vgl. die eindrucksvolle Studie von W. WEISER: Die Eulen von Kyros dem Jüngeren. Zu den ersten Münzporträts lebender Menschen, ZPE 76 (1989) 267-296 mit Taf. XVI-XX. Goldstatere von Lampsakos (ca. 354-352 v. Chr.) zeigen dann das Porträt des Satrapen von Kleinphrygien, Artabazos III., der sich später (ca. 344/342) zu Philipp II. nach Makedonien absetzte (Diodor 16,52,3; Curt. 6,5,2); vgl. D. KIENAST: Philipp II. von Makedonien und das Reich der Achaimeniden. Abh. der Marburger Gelehrten Gesellschaft

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Wir wissen nicht, welchem statuarischen Typus das Bildnis des Königs im Artemision von Ephesos folgte, ebenso unbekannt bleibt, welche Vorstellungen Philipp bezüglich des Philippeions in Olympia entwickelte. Dieser Rundbau im Westen der Altis war sicher kein Tempel oder Heroon: dazu fehlen [439] βωμός bzw. ἐσχάρα und Opfergruben (βόθροι).64 Begonnen wurde der Bau 338/7 nach dem Sieg von Chaironeia, vollendet hat ihn erst Alexander, der hier eine Statue seiner Person zwischen den Standbildern seiner Eltern Philipp und Olympias bzw. seiner Großeltern Amyntas und Eurydike aufstellen ließ.65 Aus politischen Gründen kann diese Konzeption, wie wir sahen, nicht den Vorstellungen Philipps entsprochen haben.66 M.E. war ursprünglich nur eine Statue vorgesehen: die des Makedonenkönigs Philipp. Das tatsächliche Statuenprogramm wurde nach Pausanias von dem Bildhauer Leochares in Gold-Elfenbein-Technik geschaffen. Der Ruhm des Leochares beruhte hauptsächlich auf seinen Zeus-Darstellungen,67 die Technik entsprach der des berühmtesten Kunstwerks der Antike: dem thronenden Zeus des Phidias in Olympia.68 Zwar lassen sich nur Vermutungen äußern, doch liegt der Gedanke nahe, daß bereits Philipp den Auftrag an Leochares erteilt und die



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1971, 6 (München 1973) 21; G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7) 484, Anm. 5. Die Angleichung des Zeuskopfes an das Porträt des Makedonenkönigs auf seinen späten Tetradrachmen könnte durch diese Vorgänge inspiriert worden sein. Zum architektonischen Befund vgl. S.G. MILLER: The Philippeion and Macedonian Hellenistic Architecture, MDAI(A) 88 (1973) 189-218. Die Deutungen variieren zwischen Heroon, Schatzhaus und Siegesmonument; zutreffend schloß bereits G.T. GRIFFITH (wie Anm. 7, 691-694) eine Funktion als Tempel oder Heroon aus. Inhaltlich benachbart sind die Interpretationen als Siegesmonument (so R.A. TOMLINSON: Greek Sanctuaries, London 1972] 63) oder als Weihgeschenk an Zeus aufgrund des Sieges bei Chaironeia; so F. SEILER: Die griechische Tholos (Mainz 1986) 89-103, bes. 100f. Gegenüber der religiösen Akzentuierung dürfte die politische Bedeutung aber dominiert haben. Paus. 5,20,9f.; vgl. 5,17,4; vgl. H. SCHLEIF/W. ZSCHIETZMANN: Das Philippeion, in: Olympische Forschungen 1 (Berlin 1944) bes. 21f. und 51f. In bezug auf die Statue der Olympias wurde dies kürzlich zutreffend betont von D. KIENAST: Alexander, Zeus und Ammon, in: Zu Alexander d. Gr. Festschrift Gerhard Wirth (Amsterdam 1987) 309-333, hier: 322, Anm. 44. Die an sich naheliegende Übertragung der These auf Alexander wurde bislang vermieden, obwohl die Forschung darin übereinstimmt, daß die Tholos selbst nicht zu Lebzeiten Philipps II. vollendet worden sein kann; vgl. A. MALLWITZ: Olympia und seine Bauten (München 1972) 128-133; A.H. BORBEIN: Die griechische Statue des 4. Jhs. v. Chr., JDAI 88 (1973) 43-212, bes. 66f. und 88-90 mit Anm. 231. Vgl. Paus. 1,1,3; 1,24,4; Plin. nat.hist. 34,79; insgesamt G. LIPPOLD: RE XII 2 (1925) 1992-1998, s.v. Leochares 2. Paus. 5,10,2; 5,11,1-10; vgl. J. LIEGLE: Der Zeus des Phidias (Berlin 1952); J. FINK: Der Thron des Zeus in Olympia (München 1967); die geplante Polyklet-Ausstellung im Liebieg-Museum Frankfurt verspricht neue Erkenntnisse.

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Technik bezeichnet hat. Wenn wir aufgrund der dynastischen Krise in Makedonien davon ausgehen dürfen, daß für das Philippeion ursprünglich nur die Statue des Herrschers vorgesehen war, erscheint die Vorstellung bestechend, daß es sich um eine Sitzstatue handelte, die Philipp als Hegemon Griechenlands darstellte in derselben Technik, die Phidias für seine Schöpfung des Zeus verwandt hatte. Mit oder ohne Porträtangleichung wäre die eminent politische Bedeutung damit allen Griechen offenbar gewesen: Zeus als Herrscher des Götterhimmels hatte in Philipp als Hegemon der Hellenen eine irdische Entsprechung gefunden.69 [440] Gewissermaßen das Tüpfelchen auf das i unserer Überlegungen setzt eine Notiz des Favorin von Arelate, wonach L. Mummius nach der Zerstörung von Korinth 146 v. Chr. eine Statue Philipps II. aus dem böotischen Thespiai auf Zeus umgeschrieben habe: Φίλιππον τὸν Ἀμύντου ἐπέγραψε Δία.70 Favorin wertet diese Aktion als Beweis mangelnder Bildung und Kultur des Mummius, doch findet die Umbenennung m.E. eine zwanglose Erklärung: die Statue des Makedonenkönigs glich Zeus im Typus und evtl. auch in der Physiognomie dermaßen, daß sich der Römer durch die Legende der Basis nicht beirren ließ. Er war tatsächlich überzeugt, Zeus vor sich zu haben! Vielleicht handelt es sich um eine der beiden Statuen, die Mummius laut Pausanias nach Olympia stiftete.71 In diesem Falle wäre auch dem Perihegeten entgangen, daß es sich bei dem vermeintlichen Zeus in Wirklichkeit um eine Statue Philipps II. handelte. Trotz ihres hypothetischen Charakters stützen diese Überlegungen unseren Befund der Zeusangleichung Philipps in der Münzprägung. Nicht die Vergottung seiner Person lag indessen primär im Interesse des Königs,72 sondern die Stilisierung 69

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Zur Parallelisierung von irdischem König und Götterkönig (Zeus) vgl. Arist. Pol. 3,13,1284 b 25-34. Die Lage des Philippeion, dessen Eingang meist auf der Ost- bzw. Südostseite (vgl. F. SEILER, wie Anm. 63, 90) vermutet wird, gegenüber dem Prytaneion der Eleer (Paus. 5,15,8) [440] dürfte die politische Bedeutung des Bauwerks unterstreichen; zum Prytaneion vgl. S.G. MILLER: The Prytaneion at Olympia, MDAI(A) 86 (1971) 79-107. Persönlich hätte ich keine Bedenken, den Eingang des Philippeions gegenüber dem Prytaneion zu vermuten. Favorin. Corinth. 42, p. 311 BARIGAZZI: ... Τὸν Ἴσθμιον, τὸν ἀγωνοθέτην τὸν ὑμέτερον, Μόμμιος ἐκ βάθρων ἀνασπάσας ἀνέθηκε τῷ Διί, φεῦ τῆς ἀμαθίας, τὸν ἀδελφὸν ὡς ἀνάθημα, ἄνθρωπος ἀπαίδευτος καὶ μηδενὸς τῶν καλῶν πεπειραμένος. ὃς Φίλιππον μὲν τὸν Ἀμύντου, ὃν ἐκ Θεσπιῶν ἔλαβεν, ἐπέγραψε Δία ... Vgl. B. SAUER: Favorinus als Gewährsmann in

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Kunstdingen, RhM 72 (1917/18) 527-536, bes. 532; A.M. PRESTIANNI GIALLOMBARDO: Lucio Mummio, Zeus e Filippo II. Favorin. Corinth. 42, ASNP 12 (1982) 513-539. Paus. 5,24,4 und 8; vgl. M. PAPE: Griechische Kunstwerke aus Kriegsbeute und ihre öffentliche Aufstellung in Rom (Diss. Hamburg 1975) 16-19 und 110-113 (Anm. 117-155); H. PHILIPP/W. KOENIGS: Zu den Basen des L. Mummius in Olympia MDAI(A) 94 (1979) 193-216. Einen Reflex dieser Einstellung bietet Lukian im Dialog zwischen Philipp und Alexander (mort.dial. 12), wo der Vater den Anspruch seines Sohnes auf Abstammung

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seiner politischen Leistungen [441] als Resultat göttlichen Willens.73 Mit anderen Worten: die Assimilation stand im Dienst der machtpolitischen Propaganda. Unter diesen Voraussetzungen erscheint eine von Aelian überlieferte Anekdote aufschlußreich: Nach der Schlacht von Chaironeia habe sich Philipp jeden Morgen von einem Sklaven daran erinnern lassen ‚Φίλιππε, ἄνθρωπος εἶ – denke daran, daß du ein Mensch bist‘.74 Natürlich weckt diese Notiz Assoziationen an die bekannte Formel, welche ein Sklave dem römischen Triumphator auf dem



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von Ammon ironisiert (vgl. auch Luk. mort.dial. 13: Diogenes – Alexander). In der Tat scheint Alexander selbst frühzeitig neue Akzente gesetzt zu haben, falls die Notiz des Artemidor von Ephesos bei Strabo (14,1,22, p. 641) einen historischen Kern haben sollte. Die von W. VOLLGRAFF (Le péan delphique à Dionysos, BCH 51, 1927, 423-456) postulierte Apostrophierung Alexanders als ‚Sohn des Dionysos‘ scheitert an der Ergänzung des Textes: aus epigraphischen, sprachlichen und inhaltlichen Gründen ist zu Beginn von Strophe IX (Z. 132f.) statt ... [ἄ]ρ᾽ὁ παῖ[ς] ἔταξε Βάκ/χου θυσίαν ... die Lesung ... [π]ροπό[λοις] ἔταξε Βάκ/χου θυσίαν ... vorzuziehen; vgl. F. SOKOLOWSKI: Sur le péan de Philodamos, BCH 60 (1936) 135-143; A. STEWART: Dionysos at Delphi: The Pediments of the Sixth Temple of Apollo and Religious Reform in the Age of Alexander, in: Macedonia and Greece in Late Classical and Early Hellenistic Times (Washington 1982) 204-227, bes. 210 mit Anm. 49 und 219. Unabhängig davon verdient die Untersuchung von VOLLGRAFF hinsichtlich der religiösen Voraussetzungen der Vergottung Alexanders immer noch Aufmerksamkeit; zu Hypereides (5,31) vgl. jetzt J. ENGELS: Studien zur politischen Biographie des Hypereides (München 1989) bes. 276-298. Wie man die Ammon- bzw. Zeus-Sohnschaft Alexanders bewerten mag (vgl. A.B. BOSWORTH: Alexander and Ammon, in: Greece and the Eastern Mediterranean in Ancient History. Studies Presented to Fritz Schachermeyr, Berlin/New York 1977, 51-75; D. KIENAST, wie Anm. 65, bes. 313-330), sicher spielte dabei die (mögliche) Identifizierung des göttlichen mit dem leiblichen Vater keine Rolle. Die gesamte Überliefe[441]rung, angefangen von den Legenden um Alexanders Geburt (Plut. Alex. 2,1-3,4; [Kallisth.] Alex. 1,13,1 und 3) über Nachrichten zur Oase Siwa (Diodor 17,51,2f.; Curt. 4,7,27; Plut. Alex. 27,5-7) bis zum Gebet vor der Schlacht bei Gaugamela (FGrHist 124 F 36: Kallisthenes), deuten allenfalls Alexanders Distanzierung von Philipp II. an. Im Ergebnis mag diese Präsentation dem ‚agierten Gottmenschentum‘ nahekommen, doch liegt der Unterschied m.E. in der Selbsteinschätzung der betreffenden Personen. Zutreffend differenzierte daher H. SCHWABL (RE Suppl. XV, 1978, 1400f., s.v. Zeus) zwischen dem syrakusanischen Arzt Menekrates (Athen. 7,289 a-290 a; Ael. var.hist. 12,51, p. 146f. DILTS; Plut. Agesil. 21,10 etc.) und Klearchos I., dem Tyrannen von Herakleia Pontike (FGrHist 434 F 1: Memnon; Iust. 16,5,8-11 etc.), einerseits und Philipp II. andererseits: ‚Hier liegt offenbar keine eigentliche Gleichsetzung vor, sondern die Vorstellung, daß Z(eus) durch Philipp gewirkt ... hat‘. Ael. var.hist. 8,15, p. 98 DILTS; vgl. Griechische Papyri der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek (Hamburg 1954) Nr. 129, Col. VII 138-143: ... Λακεδαιμόνιοι Φιλίππωι. ἄνθρωπος ὢν ἴσθι. Διονύσιος ἐν Κορίνθωι (mit dem Kommentar von R. MERKELBACH, p. 73f.)

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Siegeswagen zuflüsterte: Respice post te, hominem te esse memento,75 immerhin bringt sie zum Ausdruck, wie Aelian Philipp eingeschätzt hat. Se non è vero, è ben trovato! Es bedarf also keineswegs der Unterstellung, Philipp habe für seine Person göttliche Ehren als Selbstzweck gewünscht oder gefordert, sondern die gesamte Überlieferung fügt sich in ein politisches Konzept, das von den Griechen akzeptiert oder entschieden bekämpft wurde. Nicht die Zeus-Ideologie Philipps war umstritten, sondern die reale Machtpolitik des Makedonenkönigs.76 In Athen hatte Isokrates mit seinem Philippos schon seit dem Frieden des Philokrates (346 v. Chr.) den Boden für eine entsprechende Propaganda bereitet, um den Makedonenkönig zum Rachefeldzug gegen Persien zu motivieren: ,(Dazu) bedarfst du keiner fremden Vorbilder, sondern hast ja ein Vorbild im eigenen Hause. Dürfen wir da nicht mit Recht erwarten, daß du alles unternimmst, um dich diesem Ahnen anzugleichen – ... τῷ προγόνῳ σαυτὸν ὅμοιον παρασκευάσεις?‘77 Isokrates dachte an Herakles, den mythischen Ahnherrn des makedonischen Königshauses, Philipp ging einen Schritt weiter [442] und wählte Zeus, den Vater des Herakles, zum Vorbild. Nicht die Eroberung der Welt schien ihm realisierbar, sondern die Hegemonie über die Griechen. Für diesen Anspruch und seine Propagierung eignete sich der Göttervater in der Tat besser. Isokrates hat dann Ende 338 seine Zielvorstellungen im zweiten Brief an Philipp nochmals formuliert: Jetzt, nach Chaironeia, sei es für den König leicht, seine bisherigen Taten durch eine Offensive gegen die Barbaren zu krönen. Einzigartig werde sein Ruhm sein, wenn der Großkönig seinen Befehlen gehorche. Für Philipp bliebe dann nichts mehr außer ein Gott zu werden – οὐδὲν γὰρ ἔσται λοιπὸν ἔτι πλὴν θεὸν γενέσθαι.78 Die Bemerkung erscheint mir keineswegs so überspannt, wie in der Forschung allgemein unterstellt wird. Auch Isokrates behauptet ja nicht, Philipp sei dann ein Gott, sondern will lediglich die Größe des Ruhms, der dem König winke, veranschaulichen. Ob Philipp indessen überhaupt Ambitionen in diese Richtung entwickelt hätte, mag hingestellt blei75

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Tert. Apol. 33,4; vgl. H.S. VERSNEL: Triumphus (Leiden 1970) 56-93; M. LEMOSSE: Les éléments techniques de l’ancien triomphe romain et le problème de son origine, ANRW I 2 (1972) 442-453, bes. 445 mit Anm. 12. Vgl. Demosth. Phil. 1,8; zur Propagandafunktion der Münzprägung vgl. noch S. PERLMAN: The Coins of Philip II and Alexander the Great and Their Pan-Hellenic Propoaganda, NC 125 (1965) 57-67. Isokr. Phil. 113-114; vgl. G. DOBESCH: Der panhellenische Gedanke im 4. Jh. und der ‚Philippos‘ des Isokrates (Wien 1968); S. PERLMAN: Isocrates ‚Philippus‘ and Panhellenism, Historia 18 (1969) 370-374. Isokr. epist. ad Phil. 2,5; vgl. schon F. TAEGER: Isokrates und die Anfänge des hellenistischen Herrscherkultes, Hermes 72 (1937) 355-360. Die Echtheit des Briefes ist umstritten, doch folge ich hier der positiven Beurteilung durch G. MATHIEU: Les idées politiques d’Isocrate (Paris 1925, ND 1966) 172-174.

Zum Herrschaftsverständnis Philipps II.

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ben. M.E. war er zu sehr Realpolitiker, als daß ihm seine Vergottung am Herzen gelegen hätte. Andererseits zeichnen sich in den Bemerkungen des Isokrates durchaus Tendenzen ab, den Makedonenkönig in eine höhere – übermenschliche – Sphäre zu erheben. Die Bereitschaft der Hellenen, außerordentliche Leistungen als Wirken göttlichen Willens anzuerkennen, hatte seit Lysander Tradition.79 Philipp nutzte diese Bereitschaft für seine politischen Ziele. Um seinen Herrschaftsanspruch zu propagieren, stilisierte er seine Erfolge als Wirken der Olympischen Götter und suchte diesem Anspruch auch in der Münzprägung Ausdruck zu verleihen, indem er die Gestaltung des Zeus-Kopfes an seinem Porträt orientieren ließ. Alexander hat diese Ansätze dann mit der Herakles-Assimilation weitergeführt. Wir dürfen also festhalten, daß bereits Philipp II. eine Entwicklung initiierte, die im geläufigen Herrscherporträt auf Prägungen der Diadochen ihren vorläufigen Abschluß fand. Wie unsere Analyse der schriftlichen Überlieferung gezeigt hat, resultierte die Zeus-Assimilation Philipps nicht aus dem Wunsch nach Vergottung oder nach kultischen Ehren, sondern stand im Dienste machtpolitischer Propaganda. Sowohl die ursprüngliche Konzeption des Philippeion in Olympia als auch die Pompa in Aigai mit der Statue des Königs inmitten der Zwölf Götter unterstreichen den Herrschaftsanspruch Philipps als Hegemon der Hellenen. [443] In der ,Politik‘ hat Aristoteles diesen Anspruch von Einzelpersönlichkeiten gerechtfertigt:80 ,Wenn nun ein einzelner ... sich in der Tugend (ἀρετή) und in seinen politischen Fähigkeiten (δύναμις) so sehr auszeichnet, daß er alle anderen in den Schatten stellt, so darf man ihn nicht mehr als Teil der Gemeinschaft begreifen. Denn es geschähe ihm Unrecht, wenn er anderen gleichgestellt würde, obgleich er an Tugend und politischer Fähigkeit so hervorragt. Ein solcher Mann wird wahrhaftig wie ein Gott unter Menschen wirken müssen – ὥσπερ γὰρ θεὸν ἐν ἀνθρώποις εἰκὸς εἶναι τοιοῦτον.‘ Trotz aller Topik wird diese Wertung in der Regel auf Alexander bezogen,81 womit allerdings die Katastrophe des Kallisthenes (327 v. Chr.) den terminus ante 79

80 81

FGrHist 76 F 71 und F 26 (Duris); vgl. Chr. HABICHT (wie Anm. 44) 3-7 und 243; dagegen E. BADIAN (Deification 1976, wie oben Anm. 43) 3-5; vgl. ebd. 34 (E.A. FREDRICKSMEYER). FREDRICKSMEYER scheint seine Einschätzung dann revidiert zu haben (Background, wie Anm. 43, 152f.); vgl. noch J.-F. BOMMELAER: Lysandre de Sparte (Athen/Paris 1981) 16-23; J.R. FEARS: RAC XIV (1988) 1047-1093, s.v. Herrscherkult, bes. 1051f. Arist. Pol. 3,13, p. 1284 a; in bezug auf Euagoras von Salamis auf Kypros vgl. bereits das Enkomion des Isokrates (Euag. 72). Vgl. Hom. Il. 24,258f.; Plato rep. 2,360 c; O. GIGON (Hrsg.): Aristoteles, Politik2 (Zürich 1971) 421, vgl. 425 (Kommentar).

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Zum Herrschaftsverständnis Philipps II.

für die Schlußredaktion der aristotelischen ,Politik‘ bilden würde.82 Ein Beweis für diese These wird sich kaum jemals erbringen lassen, so daß man auf Konkretisierungsversuche überhaupt verzichten sollte. Wenn aber schon ein Prototyp dieses Schlages im persönlichen Umfeld des Aristoteles gesucht wird, dann spricht in der Tat weniger für Alexander als für seinen Vater: Philipp II. von Makedonien.

82

FGrHist 124 T 19 (Kallisthenes); Cic. Tusc. 3,21; Sen. quaest. nat. 6,23,2; Plut. Alex. 77,3; Arr. 7,27,1; vgl. E. MENSCHING: Peripatetiker über Alexander, Historia 12 (1963) 274-282 (unter Ablehnung einer kanonischen Beurteilung Alexanders seitens des Peripatos); A.B. BOSWORTH: Aristotle and Callisthenes, Historia 19 (1970) 407-413.

Zum Herrschaftsverständnis Philipps II.

   

    Abb. 01: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 323 d

Abb. 02: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 218 g

   

   

Abb. 03: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 339

Abb. 04: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 257 a

   

   

Abb. 05: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 330 d

Abb. 06: Tetradrachme Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 329

   

  



Abb. 07: Elektronstatere von Kyzikos (Vs.) nach KAISER-RAISS, SNR 63 (1984) Taf. 6,1/2

Abb. 08: Goldmedaillon von Tarsos nach PRAG/MUSGRAVE/NEAVE, JHS 104 (1984) Taf. VI c

49

Zum Herrschaftsverständnis Philipps II.

50

   

   

Abb. 09: Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 54

Abb. 10: Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 69

   

   

Abb. 11: Postumer Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 347

Abb. 12: Postumer Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 390 c

 Abb. 13: Tetradrachme des Chalkidischen Koinon nach GAEBLER, Makedonia II 85f., Nr. 8 mit Taf. XVII 12

    Abb. 14: Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 4 a

   

   

Abb. 15: Postumer Stater Philipps II. nach LE RIDER ‚Pella‘ Nr. 576

Abb. 16: Postumer Stater Philipps II. (Berlin) nach KRAAY/HIRMER Greek Coins 351, Nr. 565 mit Taf. XVIII und Taf. 171, Nr. 565

Die Herrschaft der Makedonen im Kanon der ‚Weltreich‘-Abfolge des Pompeius Trogus (Iustin). Grundlage – Gestaltung – Zielsetzung* Der Versuch, alten Problemen neue Aspekte abzuringen, ohne in der Flut der Sekundärliteratur zu ertrinken, ist ein mühsames Unternehmen. Helmut FREIS, dem diese Überlegungen gewidmet sind, hat mich in meinem Saarbrücker Lehrjahr darin bestärkt, daß sich die Mühe zuweilen lohnt, zumal sie die Einsicht fördert, in welchem Maße auch ein bescheidener wissenschaftlicher Fortschritt auf Leistungen und Erkenntnissen unserer ‚Vorväter‘ basiert. Dies gilt um so mehr, als sich die Altertumswissenschaft im Laufe unseres Jahrhunderts zunehmend in Teildisziplinen gesplittet hat, deren Ergebnisse individuell kaum mehr rezipiert werden können, interdisziplinäre Ansätze aber nur in sehr spezifizierten Fragestellungen bei vergleichbarer Interessenlage der Forscher zum Erfolg führen.1

Aus diachroner Rückschau sind historische Prozesse durchweg in den dichotomischen Kategorien von ‚Aufstieg‘ und ‚Niedergang‘ verlaufen.2 Menschliche Erfahrungen vom Werden und Vergehen wurden bereits in der Antike als sog. ‚biologische‘ Konzeption auch auf politische Gemeinschaften übertragen.3 Zeitgenossen müssen diese Einschätzung nicht geteilt haben, werteten die Überwindung von Großreichen evtl. auch als einen Fortschritt zum Besseren. Aus achaimenidischer Sicht erfolgte die Begründung ihrer Herrschaft nach dem Ende des Assyrischen und des Medischen Reiches im Sinne dieser positiven Entwicklung als Verwirklichung der ‚guten Weltordnung‘.4 * 1

2

3

4

[zuerst erschienen in: ZPE 131, 2000, 279-291] Helmut FREIS zum 29.07.2000. Die Studie entstand im Zusammenhang mit dem geisteswissenschaftlichen SFB 295 ‚Kulturelle und sprachliche Kontakte: Prozesse des Wandels in historischen Spannungsfeldern Nordostafrikas/Westasiens‘ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Den Mitarbeitern der Teilprojekte A 3 (F. BERNSTEIN, G. HORSMANN, O. STOLL) und B 4 (J.M. BEYER, W. HOBEN, Th. KISSEL) danke ich herzlich für hilfreiche Diskussionen und ergänzende Hinweise. Teilaspekte wurden vorgetragen im Rahmen des 30. Symposion für Klassische Philologie in Mainz (10.01.1998), auf Einladung des Fachs Geschichte der Universität Duisburg (14.06.1999) und in der Plenarsitzung des SFB 295 (26.01.2000); auch hier gilt mein Dank den Diskussionsteilnehmern. Vgl. etwa R. KOSELLECK/P. WIDMER (Hrsg.): Niedergang. Studien zu einem geschichtlichen Thema, Stuttgart 1980; VERF.: Antike Niedergangskonzeptionen und das Ende der Antike – eine stets aktuelle Problematik, Gymnasium 93, 1986, 365-370. Z.B. Varro, de vita populi Romani, ed. B. RIPOSATI, Mailand 1939; Cic. rep. 2,3; Sen. frg. 98* HAASE (= Lact. inst. 7,15,14-16); Amm. 14,6,4; vgl. R. HÄUSSLER: Vom Ursprung und Wandel des Lebensaltervergleichs, Hermes 92, 1964, 313-341; I. HAHN: Prooemium und Disposition der Epitome des Florus, Eirene 4, 1965, 21-38; J.M. ALONSO-NÚÑEZ: The Ages of Rome, Amsterdam 1982; L. HAVAS: La conception organique de l’histoire sous l’Empire Romain, ACD 19, 1983, 99-106. Vgl. etwa P. FREI/K. KOCH: Reichsidee und Reichsorganisation im Perserreich, Fribourg/Göttingen ²1996; instruktiv auch J. HEINRICHS: ‚Asiens König‘. Die Inschrif-

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Die Herrschaft der Makedonen

Nach ihren Siegen über Hannibal (202 v. Chr.), Philipp V. (197 v. Chr.) und Antiochos III. (190 v. Chr.) hatten die Römer faktisch eine hegemoniale Stellung im Mittelmeerraum errungen, mit der endgültigen Vernichtung Karthagos (146 v. Chr.) sich mental vom metus Punicus befreit.5 Rechte Freude wollte indessen zumindest bei ihrem Feldherrn nicht aufkommen. Wenn wir Polybios (38,21,1-3) Glauben schenken, habe Scipio Aemilianus beim Anblick der in Brand gesetzten Stadt geweint.6 Im Kontext eines auf Polybios zurückgehenden Diodor-Fragments (32,24) wird die Motivation deutlich: die unbeständige Tyche werde vielleicht eines Tages auch Rom ein gleiches Schicksal bereiten. Mit [280] einem Homer-Zitat (Il. 6,448f.) habe Scipio seine Ergriffenheit gewissermaßen sanktioniert. Offenbar bewegten ihn Vorstellungen, die damals im hellenistischen Osten Konjunktur hatten und auch in der römischen Literatur rezipiert wurden. Den frühesten Hinweis auf eine Abfolge von Groß- bzw. ‚Weltreichen‘ verdanken wir hier, soweit ich sehe, der bekannten Interpolation einer Notiz des Aemilius Sura im Geschichtswerk des Velleius Paterculus (1,6,6), die deshalb den Ausgangspunkt unserer Skizze bilden soll: Assyrii principes omnium gentium rerum potiti sunt, deinde Medi, postea Persae, deinde Macedones; exinde duobus regibus Philippo et Antiocho, qui a Macedonibus oriundi erant, haud multo post Carthaginem subactam devictis summa imperii ad populum Romanum pervenit. Inter hoc tempus et initium regis Nini Assyriorum, qui princeps rerum potitus, intersunt anni MDCCCCXCV. Spätestens seit Theodor MOMMSEN werden Autor und Zeitstellung seines Werkes de annis populi Romani intensiv diskutiert.7 Von wenigen Ausnahmen abgesehen wird die Abfassung jetzt zwischen den römischen Siegen bei Magnesia am Sipylos über Antiochos III. von Syrien (190 v. Chr.) und bei Pydna über Perseus von Makedonien (168 v. Chr.) datiert. Kanonisch war seither in der römischen Historiographie die Abfolge der ‚Weltreiche‘ fixiert: Auf die Assyrer folgten die Meder, dann die Perser, schließlich die Makedonen, bevor Rom mit den Siegen über Philipp V. bei Kynoskephalai (197 v. Chr.) und den genannten Antiochos

5 6 7

ten des Kyrosgrabs und das achämenidische Reichsverständnis, in W. Will/J. Heinrichs (Hrsg.): Zu Alexander d. Gr. Festschrift G. Wirth zum 60. Geburtstag. 2 Bde., Amsterdam 1987, I 487-540. Vgl. H. BELLEN: Metus Gallicus – metus Punicus. Zum Furchtmotiv in der römischen Republik, Mainz/Stuttgart 1985, bes. 20-35. Vgl. bes. A.E. ASTIN: Scipio Aemilianus, Oxford 1967, 282-287; zur angeblichen Änderung der Lustrationsformel (Val. Max. 4,1,10) ebd. 325-331. Vgl. J.M. ALONSO-NÚÑEZ: Aemilius Sura, Latomus 48, 1989, 110-119.

Die Herrschaft der Makedonen

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bei Magnesia (190 v. Chr.) zum Hegemon des orbis terrarum avancierte.8 Die Rolle Karthagos wurde in diesem System, das in babylonisch-achaimenidischen Traditionen wurzelte, geschickt überspielt. Post Carthaginem subactam bezieht sich auf die siegreiche Beendigung des Zweiten Punischen Krieges (202 v. Chr.). Mit diesem Kunstgriff eröffnete sich dem Autor die Möglichkeit, den Aufstieg Roms unmittelbar an die Diadochenreiche anzuknüpfen, d.h. in den hellenistischen Kontext einzubetten. Von ihrer Anlage her entspricht die Abfolge der vier ‚Weltreiche‘ spätbabylonischen vaticinia ex eventu. Die von Albert Kirk GRAYSON publizierte ‚dynastische Prophezeiung‘ 9 skizzierte um 300 v. Chr. den Untergang des Assyrischen Reiches, Aufstieg und Ende des Babylonischen Reiches, dann der Achaimeniden-Herrschaft, schließlich den Beginn der hellenistischen Reiche von Alexander bis Seleukos I. (?). Unter Einbeziehung der Makedonen wurde hier erstmalig die Zahl der Großreiche von drei auf vier aufgestockt. Die Meder sind hier mit den Persern (Achaimeniden) zusammengefaßt, die Babylonier, wie sich aus der Provenienz des Textes ergibt, als Nachfolger der Assyrer eingefügt. Handelte es sich in dieser ‚akkadischen Prophezeiung‘ um eine zwar wertende, nicht aber eschatologisch-‚apokalyptisch‘ akzentuierte Abfolge der ‚Weltreiche‘, so stand dieser letztere Aspekt in der wohl bekanntesten Version des Daniel-Buches im Vordergrund. Die Legende vom Traum des ‚Nebukadnezar‘ und seiner Deutung durch Daniel (AT Dan. 2,31-45) gehört jedenfalls zum aramäischen, vormakkabäischen Textbestand.10 Das Standbild mit dem Haupt aus [281] Gold, dem Oberkörper aus 8

9

10

J.W. SWAIN: The Theory of the Four Monarchies. Opposition History under the Roman Empire, CPh 35, 1940, 1-21; die These des Untertitels vermag ich nicht zu teilen. Ergänzend D. MENDELS: The Five Empires. A Note on a Propagandistic Topos, AJPh 102, 1981, 330-337; H. TADMOR: Addendum, ebd. 338f.; J.J. COLLINS: The Scepter and the Star. The Messiahs of the Dead Sea Scrolls and Other Ancient Literature, New York 1995, bes. 20-47. A.K. GRAYSON: Babylonian Historical-Literary Texts, Toronto 1975, bes. 13-37 mit Hinweisen auf weitere ‚akkadische Prophezeiungen‘; vgl. A.K. GRAYSON/ W.G. LAMBERT: Akkadian Prophecies, Journal of Cuneiform Studies 18, 1964, 7-30; J.B. PRITCHARD (Hrsg.): Ancient Near Eastern Texts, Princeton ³1969, 606f.; R. BORGER: Gott Marduk und Gott-König Šulgi als Propheten. Zwei prophetische Texte, BO 28, 1971, 3-24. Vgl. bes. M. NOTH: Das Geschichtsverständnis der alttestamentlichen Apokalyptik (1954), ND in dems.: Gesammelte Studien zum Alten Testament, München 1957, 248-273; R.G. KRATZ: Translatio imperii: Untersuchungen zu den aramäischen Danielerzählungen und ihrem theologiegeschichtlichen Umfeld, Neukirchen-Vluyn 1991, mit ausführlichen Literaturhinweisen (287-317); vgl. auch K. KOCH: Das Buch Daniel, Darmstadt 1980; zu ergänzen wären zahllose neuere Untersuchungen, von denen nur drei genannt seien: J.J. COLLINS: A Commentary on the Book of Daniel, Minneapolis 1993; [281] A.S. VAN DER WOUDE (Hrsg.): The Book of Daniel in the Light of New Findings, Leiden 1993 [freundlicher Hinweis von D. ZELLER, Mainz];

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Silber, Leib und Hüften aus Bronze, Beinen aus Eisen, Füßen aus Eisen und Ton wurde im Sinne der vier ‚Weltreiche‘ interpretiert.11 Allerdings erforderte der Erzählkontext eine Modifizierung der üblichen Abfolge. Der chronologische Rahmen war durch das ‚Babylonische Exil‘ der Juden abgesteckt, wobei der/die Verfasser besonderen Wert darauf legte(n), daß Daniel den Königen der ersten drei Reiche als Seher und Ratgeber zur Seite stand (AT Dan. 1,1-6 u. 19-21).12 Insofern die zeitliche Obergrenze des Exils durch Nebuchadnezzar II. bestimmt war (AT 2 chron. 36,5-21), mußte die Reihe mit den Babyloniern beginnen. Ihre Herrschaft war das ‚goldene‘ Zeitalter unabhängig davon, daß Nebuchadnezzar in einer von den Marduk-Priestern propagandistisch verzeichneten Typologie des König Nabonidus stilisiert wurde (vgl. schon Hdt. 1,74,3; 1,77,3; 1,188,1).13 Da mit der Redaktion des Daniel-Buches z.Zt. der Makkabäer (Porphyr. c. Christ. frg. 43 HARNACK) die Diadochenreiche der Seleukiden bzw. Ptolemäer (AT Dan. 11,2-45) als Endstadium irdischer Macht vorgegeben waren, erforderte die Theorie der vier ‚Weltreiche‘ die Berücksichtigung der Meder als Nachfolger der Babylonier. Inhaltlich konnte dabei auf Tobias Bezug genommen werden,14 der auf den Rat seines Vaters von Nineveh nach Ekbatana (Hamadan) übersiedelte (AT Tob. 14,4) und dort die Eroberung seiner früheren Heimatstadt durch den Mederkönig Kyaxares noch erlebte (AT Tob. 14,12-14). Von der ‚dynastischen Prophezeiung‘ unterscheidet sich das Daniel-Buch also darin, daß hier die Reiche der Assyrer und Babylonier zusammengefaßt, die Achaimeniden aber in Meder und Perser gesplittet wurden. Aus hellenistischer Sicht ließ sich die erzähltechnisch bedingte Subsumierung der Assyrer unter die

11

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14

K. KOCH: Daniel. Biblischer Kommentar, Altes Testament 22,1-3, Neukirchen-Vluyn 1986-1999. Inhaltlich scheint mir die Legende zur Begründung einer kurialen Translationstheorie kaum geeignet. Die profane Grundstruktur der Reichsabfolge wird allenfalls durch die eschatologische Interpretation Daniels im Blick auf das Ende der Zeiten (AT Dan. 2,44f.) überhöht. Auch seine vorausgehende persönliche Erkenntnis, daß „Gott die Könige stürze und einsetze“ (AT Dan. 2,21) ließ sich kaum für kuriale Ansprüche nutzen. AT Sir. 10,8 war zu allgemein, so daß sich AT Jer. 1,10 in der Tat am besten eignete; vgl. W. GOEZ: Translatio Imperii. Ein Beitrag zur Geschichte des Geschichtsdenkens und der politischen Theorien im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Tübingen 1958, bes. 4-36 und 148. Zum Metall-Vergleich (Hes. erga 109-134; 173-180; Ov. met. 1,89-145) vgl. B. GATZ: Weltalter, goldene Zeit und sinnverwandte Vorstellungen, Hildesheim 1967; H. SCHWABL: RE Suppl. XV, 1978, 783-850, s.v. Weltalter. Vgl. K. KOCH: Die Weltreiche im Danielbuch, ThLZ 85, 1960, 830-832. Vgl. W. VON SODEN: Eine babylonische Volksüberlieferung von Nabonid in den Danielerzählungen, ZATW 53, 1935, 81-89; zum letzten Herrscher des Neubabylonischen Reiches vgl. P.-A. BEAULIEU: The Reign of Nabonidus, King of Babylon 556539 B.C., New Haven/London 1989. Vgl. J. LEBRAM: Die Weltreiche der jüdischen Apokalyptik, ZATW 76, 1964, 328-331.

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Babylonier deshalb vertreten, weil seit Herodot (1,178,1) Babylon als Hauptstadt der Assyrer galt.15 Auch die Differenzierung von Medern und Persern war in der griechischen Historiographie vorgegeben, während die akkadische ‚Prophezeiung‘ beide Reiche zusammenfaßte, sei es aufgrund enger Beziehung zwischen beiden Bevölkerungsgruppen, sei es aufgrund ideologisch motivierter Herrschaftslegitimation der Achaimeniden;16 die Fiktion verwandtschaftlicher Beziehung zwischen dem Mederkönig Astyages und dem persischen Großkönig Kyros II. (Hdt. 1,107f.) kann außer Betracht bleiben (FGrHist 688 F 9,1 [Ktesias]). Nach griechischer Tradition folgten auf die Assyrer zunächst die Meder, dann die Perser. Nur scheinbar widerspricht dieser Auffassung, daß die Perserkriege des 5. Jhs. durchweg als ‚Medische Kriege‘ (Thuk. 1,14,2; 1,90,1), Kollaboration mit dem Großkönig als ‚Medismos‘ (Thuk. 1,95,5; 1,135,2; Xen. Hell. 3,1,6; Demosth. or. 23,205; Plut. Ages. 23,4) bezeichnet wurden.17 Bereits Herodot wußte geographisch (Hdt. 3,92,1; 3,97,1) und ethnisch (Hdt. 1,101; 7,85,1) zwischen beiden Bevölke[282]rungsgruppen zu unterscheiden, seit Ktesias (FGrHist 688 F 1,7,2 u. 1,28,8)18 galt als communis opinio, daß die Meder dem Reich der Assyrer ein Ende gesetzt hatten. Dieser Vorgabe folgte im Prinzip die gesamte griechisch-römische Historiographie dann unter Einbeziehung des von Alexander begründeten vierten ‚Weltreichs‘ der Makedonen.19 Allerdings sind in bezug auf die letzte Phase durchaus unterschiedliche Akzentuierungen erkennbar. Die Zeitangabe des Aemilius Sura, seit der Herrschaft des Assyrerkönigs Ninus bis zur ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. seien exakt 1995 Jahre vergangen, können wir außer Betracht lassen. Seine Rechnung mag sich teilweise mit der des Ktesias (FGrHist 688 F 1,22,3) dek15 16 17 18

19

Vgl. C. TRIEBER: Die Idee der vier Weltreiche, Hermes 27, 1892, 321-344, hier: 322, Anm. 1 (mit weiteren Belegen). Vgl. etwa R.N. FRYE: The History of Ancient Iran, München 1984, 81-85; A. KUHRT: The Ancient Near East c. 3000-330 B.C. 2 Bde., London/New York 1994, II 652-661. Vgl. D.F. GRAF: Medism: the Origin and Significance of the Term, JHS 104, 1984, 15-30. Ktesias von Knidos ist hier zitiert nach F. JACOBY: Die Fragmente der griechischen Historiker III C, Leiden 1958; vgl. J. AUBERGER: Ctésias. Histoires de l’Orient, Paris 1991; weniger gelungen scheint mir die deutsche Übersetzung von F.W. KÖNIG: Die Persika des Ktesias von Knidos, Graz 1972. In Auswahl zu nennen sind etwa: Diod. 31,10 (Demetrios von Phaleron); Vell. 1,6,1f.; Fl. Ios. ant. 10,30 u. 74; Tac. hist. 5,8,2; App. Lib. 132,629; Ampel. 10; Min. Fel. Oct. 25,12; Claud. cos. Stil. 3,163-166; vgl. insgesamt W. SUERBAUM: Vom antiken zum frühmittelalterlichen Staatsbegriff, Münster ³1977, bes. 128-146; ergänzend A.B. BREEBAART: Weltgeschichte als Thema der antiken Geschichtsschreibung (1966), ND in J.M. Alonso-Núñez (Hrsg.): Geschichtsbild und Geschichtsdenken im Altertum, Darmstadt 1991, 39-62; K. HELDMANN: Sallust über die römische Weltherrschaft. Ein Geschichtsmodell im Catilina und seine Tradition in der hellenistischen Historiographie, Stuttgart 1993.

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Die Herrschaft der Makedonen

ken,20 doch wußte auch dieser Autor nicht mehr von den Assyrern als Herodot (1,95,2), der die Dauer ihrer Herrschaft über das ‚obere Asien‘ mit 520 Jahren angab, während Ktesias (FGrHist 688 F 1,21,8) ihnen insgesamt 1360 Jahre zubilligte. Pompeius Trogus folgte im Auszug des Iustin (1,2,13)21 dem (gerundeten) Modell des Ktesias: Imperium Assyrii ... mille trecentis annis tenuere. Als letzter (bekannter) König wird Sardanapallus (Ashurbanipal) genannt (Iust. 1,3,1), die anschließenden dynastischen Konflikte sind ausgeblendet bzw. durch die fiktive Geschichte des Arbactus (FGrHist 688 F 1,24 [Ktesias]; 76 F 42 [Duris]) ersetzt,22 qui praefectus Medorum ... imperium ab Assyriis ad Medos transfert (Iust. 1,3,6). Jedenfalls wurde Nineveh im Sommer 612 v. Chr. mit babylonischer Hilfe von Truppen des Mederkönigs Kyaxares (Umakishtar) erobert (Hdt. 1,106,2).23 Spektakulärer wirkte auf die Griechen seine Offensive gegen das Lyderreich des Alyattes, da in diesem Zusammenhang die von Thales angekündigte Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 v. Chr. eintrat, die zu einer dynastisch abgesicherten Allianz zwischen beiden Königen führte (Hdt. 1,74). Angesichts der weite-

20

21

22 23

So J.M. ALONSO-NÚÑEZ (wie Anm. 7) 112; zu Herodot vgl. R. DREWS: The Fall of Astyages and Herodotus’ Chronology of the Eastern Kingdoms, Historia 18, 1969, 111, bes. 6ff.; zu antiken Ansätzen des ‚Epochenjahres‘ der Eroberung Trojas (1270 – 1217 – 1183) und ihrer Beziehung zur Olympiaden-Ära vgl. grundlegend C. MÜLLER: Fragmenta chronologica, im Anhang zu W. Dindorf (Hrsg.): Herodoti historiarum libri IX, Paris 1844, 111ff., bes. 122-131. Die Kenntnis der griechisch-römischen Historiographie von den Verhältnissen des Zweistromlandes relativierte zutreffend A. KUHRT: Assyrian and Babylonian Traditions in Classical Authors: a Critical Synthesis, in H. Nissen/J. Renger (Hrsg.): Mesopotamien und seine Nachbarn. 2 Bde., Berlin 1982, II 539-553. Vgl. J.S. PENDERGAST: The Philosophy of History of Pompeius Trogus, Diss. Univ. of Illinois 1961; H.-D. RICHTER: Untersuchungen zur hellenistischen Historiographie. Die Vorlagen des Pompeius Trogus für die Darstellung der nachalexandrischen hellenistischen Geschichte [Iust. 13-40], Frankfurt 1987. Die These von J.C. YARDLEY: The Literary Background to Justin/Trogus, AncHistBull 8, 1994, 60-70, Iustin habe ein eigenständiges Werk verfaßt – „Justin is to Trogus as Florus is to Livy“ (70) –, halte ich für verfehlt und nicht verifizierbar; alles Wesentliche dazu wurde bereits ausgeführt von R. SYME: The Date of Justin and the Discovery of Trogus, Historia 37, 1988, 358-371. Insofern gehe ich vom Werktitel der Epitome im Sinne von ‚Auszug‘ aus, auch wenn YARDLEY seine These kürzlich unter Berufung auf P. JAL wiederholt hat; vgl. J.C. YARDLEY/W. HECKEL (Hrsg.): Justin. Epitome of the Philippic History of Pompeius Trogus. Books 11-12: Alexander the Great, Oxford 1997, 1-41. Zum historischen Befund vgl. A. KUHRT (wie Anm. 16) II 540-546 mit Tab. 31 (576). Zur babylonischen Chronik vgl. D.D. LUCKENBILL: Ancient Records of Assyria and Babylonia. 2 Bde., Chicago 1927, ND London 1989, II 417-421, bes. Nr. 1174 (= J.B. PRITCHARD [wie Anm. 9] 304).

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ren Entwicklung des Lyderreiches konnte dieses Bündnis durchaus im Sinne einer medischen Hegemonie gedeutet werden. Mit Astyages (Ishtumegu), dem Nachfolger des Kyaxares, war diese Phase eines medischen ‚Weltreiches‘ allerdings bereits in der zweiten Generation beendet. Traditionell wird der Sieg des [283] Achaimeniden Kyros II. über den Mederkönig (Hdt. 1,128) in das sechste Regierungsjahr des Königs Nabonidus von Babylon, d.h. auf 550 v. Chr., datiert.24 Insofern ist die Angabe des Trogus, das Medische Reich habe 350 Jahre bestanden, unverbindlich: in eo proelio (scil. contra Cyrum) Astyages capitur ... Hic finis imperii Medorum fuit. Regnaverunt annis CCCL (Iust. 1,6,16). Offenbar konnte er die komplizierte Rechnung des Ktesias (FGrHist 688 F 5,32,5-34,6) nicht nachvollziehen und hat dessen Ergebnis von 317 Jahren auf 350 aufgerundet. Historisch gesehen reduziert sich das zweite ‚Weltreich‘ der Meder auf allenfalls 62 Jahre.25 In einem späteren Zusammenhang, der noch zu behandeln sein wird, faßte Trogus (Iust. 41,1,4) das Ergebnis dieses Hegemoniewechsels nochmals prägnant zusammen: imperium orientis a Medis ad Persas translatum est. In bezug auf die Achaimenidenherrschaft von Kyros II. (559-530 v. Chr.) bis Dareios III. (336-330 v. Chr.) konnte sich Pompeius Trogus kurz fassen.26 Das Ende war mit der Ermordung des Dareios im Jahre 330 v. Chr. markiert: Victus ab Alexandro et a cognatis occisus vitam pariter cum Persarum regno finivit (Iust. 10,3,7). Die Dauer dieses dritten ‚Weltreiches‘ setzte er bei seinen Lesern offenbar als bekannt voraus und hat deshalb auf eine Angabe verzichtet. Für die vorangehenden Reiche mußte hingegen ihr Bestand aus funktionalen Gründen bezeichnet werden, um die Kontinuität ihrer Sukzession begreiflich zu machen. Mit Alexander III. fiel die Nachfolge den Makedonen zu,27 deren Geschichte Trogus knapp zusammenfaßte: Macedonia a Carano, qui primus in ea regnavit, usque Perseum XXX reges habuit. Quorum sub regno fuit quidem annis DCCCCXXIV, sed rerum non nisi CL duobus annis potita (Iust. 33,2,6). Entscheidend für unsere Fragestellung ist die Schlußformel: Makedonien in der Funktion des vierten ‚Weltreiches‘. Die Bedeutung von rerum potiri ergibt sich aus dem Zusammenhang ein24

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A.K. GRAYSON: Assyrian and Babylonian Chronicles, Locust Valley 1975, 106, Col. II 1-4 (= J.B. PRITCHARD [wie Anm. 9] 305); gegen den abweichenden Ansatz von R. DREWS (wie Anm. 20) 1-4, vgl. P.-A. BEAULIEU (wie Anm. 13) 106-110; M.A. DANDAMAEV: A Political History of the Achaemenid Empire, London 1989, 14-19, bes. 17, Anm. 1. Nach Herodot regierte die Dynastie 150 Jahre, davon 128 Jahre als Hegemonialmacht (Hdt. 1,130,1); vgl. W.W. HOWE/J. WELLS: A Commentary on Herodotus. 2 Bde., Oxford 1912, ND 1957, I 380-384 (App. III: Median History). Vgl. M.A. DANDAMAEV (wie Anm. 24); A. KUHRT (wie Anm. 16) II 647-701. Vgl. N.G.L. HAMMOND/G.T. GRIFFITH/F.W. WALBANK: A History of Macedonia. 3 Bde., Oxford 1972-1988; N.G.L. HAMMOND: Collected Studies III. Alexander and His Successors in Macedonia, Amsterdam 1994.

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deutig.28 Sowohl in bezug auf Einzelpersonen (Tac. hist. 2,101,1; 3,74,1; ann. 14,9,1; Fl. Ios. bell. Iud. 4,548; Cic. acad. 2,126) als auch auf Gemeinwesen (Cic. Sex. Rosc. 70; fam. 5,17,3; Sen. epist. 71,15; Plin. n.h. 6,186) bezeichnet die Formel in durativer Bedeutung durchweg die überragende Macht (‚Allgewalt‘) bzw. die Hegemonie; Aemilius Sura (Vell. 1,6,6) hatte sie in bezug auf den mythischen König Ninus und die Assyrer ebenfalls in dieser Bedeutung verwandt. Nun wird man nicht behaupten können, daß diesem ‚Weltreich‘ eine lange Dauer beschieden war. Bereits mit dem Tode Alexanders (323 v. Chr.) zerfiel die Herrschaft in den Diadochenkämpfen. Von den hellenistischen Territorialreichen blieb die Macht der Ptolemäer im wesentlichen auf Ägypten beschränkt, die Seleukiden beherrschten Syrien, Mesopotamien, schließlich auch Kleinasien weitgehend, in Makedonien behaupteten sich seit Beginn des 3. Jhs. v. Chr. die Antigoniden. Dennoch war es gerade das kleinste der Diadochenreiche, welches Pompeius Trogus in den Kanon seiner ‚Weltreich‘-Abfolge integrierte. Vordergründig stand er damit in der Tradition des Aemilius Sura, der ja ebenfalls das ‚Weltreich‘ der Makedonen auf das der Perser folgen ließ, allerdings in einem globaleren Sinne der Diadochenkönige insgesamt, wie der Relativsatz qui a Macedonibus oriundi erant verdeutlicht. Die Gründe der Zuspitzung auf die makedonischen Kernlande durch Trogus wollen wir einstweilen noch zurückstellen. Im Vorwort seiner ‚Römischen Geschichte‘ hat um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr. Appian (praef. 9f., 34-38) die Abfolge der ‚Weltreiche‘ einfacher, m.E. auch eleganter gefaßt. Die Reiche der Assyrer, [284] Meder und Perser werden als die größten Hegemonialmächte vor Alexander III. bezeichnet (praef. 9,34), dessen Herrschaft der Historiker (praef. 10,38) in der kurzen Dauer ihres Bestandes aber mit einem ‚leuchtenden Blitz‘ (ἀστραπὴ λαμπρά) verglich, ohne in bezug auf Makedonien oder andere Diadochenstaaten die Weltreichsidee zu thematisieren. Hielt Appian also wie Pompeius Trogus an der kanonischen Abfolge der drei orientalischen Großreiche fest, die er in ihrer Leistung allerdings abqualifizierte (praef. 9,32), so verkürzte er deren Gesamtdauer auf knapp 900 Jahre, indem er das dunkle Jahrtausend vor der Eroberung Trojas (FGrHist 688 F 1,22,2 [Ktesias]) praktisch entfallen ließ. Die Vorteile dieses globalen Ansatzes liegen auf der Hand: Appian gewann Anschluß an die chronologischen Vorgaben Herodots (1,95,2; 1,130,1), brauchte sich nicht mit abweichenden Modellen zu befassen, konnte dem Leser anheimstellen, wie die Gesamtdauer auf die drei Reiche zu verteilen sein mochte. Im Ergebnis lag er mit seiner Version sicher nicht schlechter als andere Zeitgenossen. Vom Ende des Dareios III. an gerechnet, gelangt man aus heutiger Sicht mit seiner Zeitbestimmung in die Mittelassyri28

Vgl. D. KRÖMER: Grammatik contra Lexikon: rerum potiri, Gymnasium 85, 1978, 239258; zur Athetese von ceterarum in Tac. ann. 6,30,3 vgl. D. KRÖMER: Textkritisches zu Augustus und Tiberius, ZPE 28, 1978, 127-144, hier: 127-132.

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sche Epoche, als Tukulti Ninurta I. (1244-1208 bzw. 1233-1197 v. Chr.) sein Reich zu Lasten der Hethiter und Babylonier konsolidierte und in seinen Königsinschriften tatsächlich die Titel ‚König der Gesamtheit (shar kishshati), König des Landes Assyrien, der mächtige König, König der vier Weltteile, Günstling Aššurs ...‘ führte.29 Allerdings zielte die Zeitangabe Appians nicht auf chronologische Orientierung, sondern diente lediglich dem Zweck einer Kontrastierung mit Rom, das diese Zeitspanne von insgesamt 900 Jahren von der Gründung der Stadt bis zur Herrschaft des Antoninus Pius bereits (erfolgreich) bewältigt, mithin Assyrer, Meder und Perser übertroffen habe (praef. 9,34); auch an territorialer Ausdehnung sei das Imperium Romanum weitaus größer als alle seine Vorgänger (praef. 9,35f.). Beide Aspekte der orientalischen Reiche – Dauer und Raum ihrer Herrschaft – bieten somit lediglich eine Folie, um die Größe Roms lichtvoll abzuheben. Das Reich Alexanders und seiner Nachfolger hätte in dieser Kontrastierung nur gestört, ließ sich aber auch nicht ganz ausblenden. Seine Ausdehnung stand nicht zur Diskussion, doch bot der Zeitfaktor wenigstens in bezug auf Alexander eine geeignete Handhabe, die hellenistischen Reiche in diesem Kontext zu überspielen. Eine zweite Passage Appians (Lib. 132,629) verdeutlicht nämlich, daß ihm die Einbeziehung der Makedonen in den Kanon der ‚Weltreiche‘ durchaus geläufig war, wenn er Scipio Aemilianus auf den Trümmern Karthagos über die Tyche sinnieren ließ: deren Macht hätten sowohl Ilion ... als auch das assyrische, das medische, dann das mächtigste Reich der Perser erfahren und in jüngster Zeit das äußerst glanzvolle Reich der Makedonen – καὶ ἡ μάλιστα ἐνάγχος ἐκλάμψασα ἡ Μακεδόνωον. Als zeitlicher Bezug kommt hier nur die Katastrophe des Perseus bei Pydna (168 v. Chr.) in Betracht. In dieser Wertung und in der Beurteilung der Makedonenherrschaft insgesamt deckt sich die Darstellung Appians, soweit man seiner fragmentarisch überlieferten ‚Makedonike‘ entnehmen kann, mit der Einschätzung des Pompeius Trogus. Erst mit Philipp II. habe sich Makedonien aus seiner politischen Bedeutungslosigkeit erhoben, der Sieg des Aemilius Paullus bei Pydna (App. Mak. frg. 19,2; CIL I² 622; RRC 415) besiegelte das Ende. Die Hauptetappen dieses fulminanten Aufstiegs und ebenso rapiden Niedergangs sind hier nicht zu rekapitulieren. Auch im Auszug des Iustin entspricht die Darstellung des Pompeius Trogus durchaus dem Ereignisverlauf. Schon sein Werktitel Historiae Philippicae akzentuiert die beiden bedeutendsten Herrscher Makedoniens auf dem europäischen Festland: Philipp II. (Iust. 7,5,1-9,8,21) und Philipp V. (Iust. 29,1,1-32,3,5). Daß damit keine Romkritik intendiert war, ergibt sich aus der Komposition der Darstellung insgesamt wie 29

Zit. nach E. WEIDNER: Die Inschriften Tukulti-Ninurtas I. und seiner Nachfolger, Graz 1959, 8, Nr. 2; vgl. ebd. 26, Nr. 16.

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aus zahllosen Wertungen im Detail.30 Die Universalgeschichte ist nicht ohne oder gegen Rom, sondern auf Rom hin konzipiert (Iust. 43,1,1f.; 44,5,8) mit dem Ziel, Rom als Vollendung des [285] weltgeschichtlichen Prozesses zu begreifen.31 Hätte Trogus das Daniel-Buch gekannt, wäre er überzeugt gewesen, daß der rollende Felsblock, der im Traum des ‚Nebukadnezar‘ die Statue zerschmetterte (AT Dan. 2,44), nur auf Rom zu beziehen sei, das dem vierten ‚Weltreich‘ der Makedonen ein Ende gesetzt hatte, selbst aber auf Dauer Bestand haben werde. Idee und Anspruch der Roma aeterna waren seiner Zeit (Cic. rep. 3,34; Liv. 28,28,11; Tib. 2,5,23f. u. 57-60; Verg. Aen. 6,788-800; ecl. 4) und auch den folgenden Generationen (Tac. ann. 3,6,3; Mart. epigr. 12,8; Amm. 14,6,3-6; 22,16,12) so selbstverständlich,32 daß dieser Gedanke keiner Begründung bedurfte. Das den Römern von Jupiter bestimmte imperium sine fine war weder in Raum, noch in der Zeit begrenzt (Verg. Aen. 1,278f.). Für Trogus genügte der Hinweis auf die Hauptstadt Rom, quae (scil. urbs) est caput totius orbis (Iust. 43,1,2): das fünfte ‚Weltreich‘ hatte die Nachfolge der Makedonen angetreten. Aus jüdisch-christlicher bzw. ‚apokalyptischer‘ Perspektive stellte sich natürlich das Problem, diese Entwicklung mit der Prophezeiung Daniels zu vereinbaren, daß nach der Vernichtung der hellenistischen Reiche mit dem Reich Gottes eine neue Dimension geschaffen sei – ein Reich, das allen irdischen Gewalten ein Ende setze, selbst aber auf Dauer bestehe (AT Dan. 2,44). Ein fünftes ‚Weltreich‘ der Römer, wie es Aelius Aristides (or. 1,335; 26,91 BEHR) so selbstverständlich präsentierte,33 war in der apokalyptischen Tradition eigentlich ausgeschlossen. Konsequent wird deshalb in der Esra-Apokalypse der Adler mit den zwölf Schwingen und den drei Köpfen (4. Esr. 11,1ff.) als das vierte ‚Weltreich‘

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Vgl. etwa R. URBAN: ‚Historiae Philippicae‘ bei Pompeius Trogus: Versuch einer Deutung, Historia 31, 1982, 82-96; DERS.: ‚Gallisches Bewußtsein‘ und ‚Romkritik‘ bei Pompeius Trogus, ANRW II 30,2, 1982, 1424-1443. Vgl. O. SEEL: Pompeius Trogus und das Problem der Universalgeschichte, ANRW II 30,2, 1982, 1363-1423. Vgl. F. PASCHOUD: Roma aeterna. Études sur le patriotisme romain dans l’occident latin à l’époque des grandes invasions, Paris 1967; B. KYTZLER (Hrsg.): Rom als Idee, Darmstadt 1993, mit ausführlichem Literaturverzeichnis (325-333). Vgl. J.H. OLIVER: The Civilizing Power. A Study of the Panathenaic Discourse of Aelius Aristides against the Background of Literature and Cultural Conflict, with Text, Translation, and Commentary, Philadelphia 1968, mit abweichender Paragraphierung: Aristid. or. 1,234; DERS.: The Ruling Power. A Study of the Roman Empire in the Second Century after Christ through the Roman Oration of Aelius Aristides, Philadelphia 1953; ergänzend R. KLEIN: Die Romrede des Aelius Aristides. I. Einführung, Darmstadt 1981; II. Text mit Übersetzung und Erläuterungen, Darmstadt 1983.

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der Römer gedeutet (4. Esr. 12,11-30).34 Auch Hieronymus vertrat in seinem Kommentar zum Daniel-Buch (Hieron. comm. Dan. 1,2,31-35) diese Interpretation des vierten ‚Weltreichs‘ der Römer, indem er Meder und Perser zum zweiten Reich zusammenfaßte. Der Kirchenvater stand damit in der Tradition des Hippolytus von Rom (comm. Dan. 2,12), der die eisernen Füße des Standbildes als Chiffre für das Reich der Römer wertete, ἰσχυροὶ ὄντες ὡς ὁ σίδηρος. Nach eigener Aussage (comm. Dan., prol. p. 775 CCSL LXXV A) lagen ihm neben anderen paganen Autoren auch die Schriften des Pompeius Togus bzw. des Iustin vor. Eine Ausnahme bildet die 8. Sibyllinische Prophezeiung (or. Sib. 8,9f.): πέμπτον δ᾽ εἶτ᾽ Ἰταλῶν κλεινὴ βασιλεία ἄθεσμος / ὑπάτιον πᾶσιν δείξει κακὰ πόλλα βροτοῖσιν. Genese und Motivation dieser antirömischen Polemik sind hier nicht

zu erörtern.35 In bezug auf Pompeius Trogus scheinen aber zwei Befunde von Interesse: 1. Trotz des vorangehenden Katalogs verschiedener Reiche (or. Sib. 8,6-8) – genannt sind Ägypter, Perser, Meder, Äthiopier, das ‚assyrische Babylon‘ und Makedonen (vgl. or. Sib. 3,159-161) – hält der Autor an der Gesamtzahl von fünf ‚Weltreichen‘ (einschließlich der Römer) fest. [286] 2. Deren gottlose Raubgier leite gewissermaßen die Endzeit ein (or. Sib. 8,139150), Asien werde ihrer Herrschaft ein Ende bereiten (or. Sib. 3,350-355; 4,145-148). Christliche Autoren haben letztere Version übernommen, beispielsweise Lactantius, der unter Berufung auf die Sibyllen (Lact. inst. 7,15-18) die Endzeit als Umkehrung der bestehenden Ordnung charakterisierte: Tum (scil. fine mundi instante) peragrabit gladius orbem metens omnia et tamquam messem cuncta prosternens. Cuius vastitatis et confusionis haec erit causa, quod Romanum nomen, quo nunc regitur orbis – horret animus dicere, sed dicam, quia futurum est – tolletur e terra et imperium in Asiam revertetur ac rursus oriens dominabitur atque occidens serviet (Lact. inst. 7,15,11). Orient 34

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Zum Text vgl. A.F.J. KLIJN: Der lateinische Text der Apokalypse des Esra, Berlin 1983; DERS.: Die Esra-Apokalypse (IV. Esra). Nach dem lateinischen Text unter Benutzung der anderen Versionen übersetzt und herausgegeben, Berlin 1992; vgl. J. SCHREINER: Das 4. Buch Esra. Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit V 4, Gütersloh 1981, 290-412, hier: 387-392; A. BERGER: Synopse des Vierten Buches Esra und der Syrischen Baruch-Apokalypse, Tübingen 1992, bes. 119 u. 199. Die Zählung des vierten Reiches ist jedenfalls sicher. Vgl. H. MERKEL: Sibyllinen. Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit V 8, Gütersloh 1998, 1042-1140; J.-D. GAUGER: Sibyllinische Weissagungen. GriechischDeutsch, Darmstadt 1998; ergänzend J.J. COLLINS/J.H. CHARLESWORTH (Hrsg.): Mysteries and Revelations. Apocalyptic Studies since the Uppsala Colloquium, Sheffield 1991, bes. 91-134 (Beiträge von J.H. CHARLESWORTH und A. HULTGÅRD); J.J. COLLINS: Seers, Sybils and Sages in Hellenistic-Roman Judaism, Leiden 1997.

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und Okzident werden hier polarisiert, die ‚Weltreiche‘ in Bezeichnung und Abfolge absichtsvoll modifiziert: nam et Aegyptios et Persas et Graecos et Assyrios proditum est regimen habuisse terrarum: quibus omnibus destructis ad Romanos quoque rerum summa pervenit (Lact. inst. 7,15,13). Zumindest wurde damit der Eindruck von Kontinuität vermieden, eine Assoziation der Daniel-Prophezeiung konnte ausgeschlossen werden. Diesem Ziel widmete auch Orosius in seinen Historiae adversum paganos unter Aufnahme älterer Traditionen ([Cypr.] Quod idola 5) große Mühe.36 Mit seinem Gliederungsprinzip nach den vier Himmelsrichtungen (Oros. hist. 2,1,4-6) waren die Weichen bereits gestellt: Babylonier im Osten, Makedonen im Norden, Karthager im Süden, Römer im Westen verhinderten a priori einen Bezug zur Traumdeutung Daniels. Flankiert wurde dieser (geniale) Ansatz, der die magische Zahl ‚vier‘ mit neuen Inhalten füllte, durch die Unterscheidung von zwei Hauptsträngen historischer Entwicklung, dem ‚Reich des Ostens‘ (imperium orientis) und dem ‚Reich des Westens‘ (imperium occidentis), Babylon am Anfang, Rom am Ende der irdischen Geschichte (Oros. hist. 2,2,10; 7,2,4f.) Vergleichbar faßte Augustinus (civ. 18,2) die Entwicklung: Duo regna cernimus longe ceteris provenisse clariora, Assyriorum primum, deinde Romanorum, ut temporibus ita locis inter se ordinata atque distincta. Nam quo modo illud prius hoc posterius, eo modo illud in Oriente hoc in Occidente surrexit.37 Unter diesen Voraussetzungen konnte wohl niemand auf die Idee verfallen, daß Rom nach paganer Auffassung als fünftes Reich gezählt wurde und diese Zählung auch aus der Traumdeutung Daniels abzuleiten gewesen wäre (Porphyr. c. Christ. frg. 43 HARNACK). Die Kontinuität von ‚Ostreich‘ und ‚Westreich‘ war in chronologischer Hinsicht gesprengt. Alexander (i.e. Pyrrhos) in Italia adfectans occidentis imperium aemulans Alexandrum Magnum (Oros. hist. 3,18,3) ist bekanntlich gescheitert.38 Mit Babylon, Karthago, Makedonien und

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Vgl. insgesamt H.-W. GOETZ: Die Geschichtstheologie des Orosius, Darmstadt 1980, bes. 71-79; zu Pseudo-Cyprian vgl. B. AXELSON: Quod idola und Lactanz, Eranos 39, 1941, 67-74. Vgl. allgemein Chr. HORN: Geschichtsdarstellung, Geschichtsphilosophie und Geschichtsbewußtsein, in dems. (Hrsg.): Augustinus. De civitate Dei, Berlin 1997, 171193; H. BELLEN: Babylon und Rom – Orosius und Augustinus, in P. Kneissl/V. Losemann (Hrsg.): Imperium Romanum. Studien zu Geschichte und Rezeption. Festschrift für Karl Christ zum 75. Geburtstag, Stuttgart 1998, 51-60. P. GAROUFALIAS: Pyrrhus. King of Epirus, London 1979; vgl. P.-R. FRANKE: Pyrrhus, CAH² VII 2, Cambridge 1989, 456-485 u. 761-763 (Lit.). Die Alexandra des Lykophron könnte als frühes Zeugnis römischen Herrschaftsanspruchs gewertet werden, wenn die Verse 1229 bzw. 1446-1450 zum genuinen Bestand der um 270 v. Chr. verfaßten Dichtung gehörten; vgl. C. VON HOLZINGER: Lykophron’s Alexandra, Leipzig 1895, bes. 5066, 337-346, 375-385. Mehr spricht allerdings für die These umfangreicher Interpolationen des 1. Jhs. v. Chr.; vgl. St. WEST: Lycophron Italicised, JHS 104, 1984, 127-151.

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Rom gelang es Orosius sogar, die Zahl der Reiche mit der des Daniel-Buches zu homogenisieren,39 ohne darauf allerdings Bezug zu nehmen. [287] Die Historiae Philippicae des Pompeius Trogus hat Orosius im Auszug des Iustin sicher genutzt (Oros. hist. 4,6,1 u. 6; 7,27,1; 7,34,5), auch zitiert (Oros. hist. 1,8,1-6; 1,10,2), im Zusammenhang seiner ‚Weltreich‘-Konzeption aber nicht erwähnt.40 Der Befund wird angesichts divergierender Geschichtsauffassungen kaum überraschen – es sei denn, Iustin hätte sich als Kronzeuge für das imperium orientis instrumentalisieren lassen. In diesem Sinne hat Werner GOEZ in seiner grundlegenden Studie zur Translatio Imperii fünf Passagen des Iustin interpretiert,41 die kritisch zu beleuchten sind. Ein vaticinium ex eventu zweier Adler am Tage der Geburt Alexanders III. (Iust. 12,16,5) können wir vorab ausscheiden, weil das omen duplicis imperii Europae Asiaeque lediglich die Herrschaft über die beiden Kontinente bezeichnet. Zwei Hinweise auf ein imperium orientis der Meder (Iust. 41,1,4 und 42,3,6) werden durch das Ende des imperium Medorum (Iust. 1,6,17), wo der Zusatz orientis eben fehlt, als geographische Präzisierung erwiesen. Das Ergebnis der Schlacht bei Gaugamela (1. Okt. 331 v. Chr.), wo Alexander den Persern die Herrschaft über Asien (imperium Asiae) entrissen habe (Iust. 11,14,6), kann nur konkret verstanden werden, denn erst nach dem Tode Darius III. konnte der Makedone rechtmäßig die Nachfolge der Achaimeniden für sich reklamieren (Iust. 10,3,7); der Königsmörder Bessos galt als Usurpator (Arr. anab. 3,25,3).42 Im übrigen bezeichnete Iustin (11,14,7) gleich im Anschluß die Herrschaft der Perser absolut als imperium. Bereits vorher (Iust. 11,12,15) ließ

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Für einen universalen Herrschaftsanspruch der Römer nach Abzug des Pyrrhos sollte Lykophron jedenfalls nicht herangezogen werden. Im weiteren Sinne gelang ihm auch die Homogenisierung mit der JohannesApokalypse; indem er Babylon und Rom parallelisierte (Oros. hist. 2,2,9f.; 7,2,1-7), Rom zur Erbin des Babylonischen Reiches stilisierte (Oros. hist. 2,2,10), evozierte er bei seinen christlichen Zeitgenossen zwangsläufig auch das Bild der ‚Hure Babylon‘ (NT apocal. 17,1-7); vgl. O. BÖCHER: Die Johannesapokalypse, Darmstadt 41998, bes. 87-96; R. BERGMEIER: Die Erzhure und das Tier: Apk 12,18-13,18 und 17f. Eine quellen- und redaktionskritische Analyse, ANRW II 25,5, 1988, 3899-3916; U. RIEMER: Das Tier auf dem Kaiserthron? Eine Untersuchung zur Offenbarung des Johannes als historischer Quelle, Stuttgart/Leipzig 1998, bes. 69-92; weniger überzeugend scheint mir die ekklesiologische Interpretation von M. RISSI: Die Hure Babylon und die Verführung [287] der Heiligen, Stuttgart 1995. Die Parallelisierung von Rom und Babylon fiel ebenso deutlich aus bei Augustinus (civ. 18,2): Babylonia quasi prima Roma – ipsa Roma quasi secunda Babylonia est. Vgl. O. SEEL (Hrsg.): Pompeius Trogus. Fragmenta, Leipzig 1956, 2f. (T 7-11). W. GOEZ (wie Anm. 11) 21-24, vgl. 34 u. 36; vgl. dazu die Besprechung von O. SEEL: Gnomon 32, 1960, 6-12; W. SUERBAUM (wie Anm. 19) 130-132. Vgl. W. RITTER: Diadem und Königsherrschaft. Untersuchungen zu Zeremonien und Rechtsgrundlagen des Herrschaftsantritts bei den Persern, bei Alexander dem Großen und im Hellenismus, München 1965, bes. 49-55.

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er Alexander formulieren: Neque mundum posse duobus solibus regi, nec orbem summa duo regna salvo statu terrarum habere. Eine weitere Passage betrifft die Situation nach dem Tode Alexanders, als sich führende Makedonen Hoffnungen auf seine Nachfolge machten: principes regnum et imperia ... spectabant (Iust. 13,1,8). Die Formulierung trägt der tatsächlichen Entwicklung in den folgenden Jahren Rechnung, impliziert aber keine Differenzierung der Herrschaft über oriens und occidens. Schließlich verwies GOEZ noch auf die Parther, penes quos velut divisione orbis cum Romanis facta nunc orientis imperium est (Iust. 41,1,1). Isoliert gesehen könnte man dem Autor hier eine Unterscheidung von ‚Ost‘ und ‚West‘ unterstellen, womit die Römer auf den Okzident begrenzt gewesen wären. Allerdings ergäbe sich damit ein klarer Widerspruch zum historischen Befund, daß Rom tatsächlich erfolgreich in Vorderasien operierte und Augustus 20 v. Chr. die Parther zur Rückgabe der erbeuteten Feldzeichen veranlaßte (Aug. r.g. 27 u. 29; BMC Emp. I 3, Nr. 10; I 108-110, Nr. 671ff.). Auch für Iustin (43,1,2) stand indessen die Funktion Roms, quae est caput totius orbis, außer Frage. Allenfalls ließe sich ein Spannungsverhältnis zwischen ideologischem Anspruch und tatsächlicher Herrschaftsausübung konstruieren, was in gleicher Weise Britannien und Germanien beträfe. Wenn die Formulierung also, wie der Prolog zum 41. Buch nahelegt, von Pompeius Trogus stammt, so mag man sie aufgrund des einschränkenden velut als vorsichtige Distanzierung des Autors von der defensiven Politik des Augustus bzw. des Tiberius (Tac. ann. 1,11,4) werten, nicht aber „als Eingeständnis einer Teilung des orbis terrarum zwischen Parthern und Römern“ (23). Solche Gedanken lagen dem Pompeius Trogus ebenso fern wie seinem Epitomator, dessen Auszug mit R. SYME vermutlich in die zweite Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. zu datieren ist.43 Orosius hat den Tenor der Epitome erkannt; in sein System des Weltgeschehens ließ sich Iustin nicht integrieren, so daß sich in diesem Kontext eine Rückverweisung erübrigte. Die Interpretation von GOEZ resultierte hingegen aus einem doppelten Mißverständnis, indem er einerseits dem „latinisierten Kelten“ (21) Pompeius Trogus eine ‚Romkritik‘ unterstellte (23), andererseits das System des Orosius auf dessen ‚Vorlage‘ Iustin zurückprojizierte. Beide Prämissen treffen nicht zu, so daß wir die These [288] vom ‚imperium orientale‘ für die Konzeption des Trogus/Iustin streichen können. In den genannten Passagen bezeichnet imperium kein ‚Weltreich‘, sondern durchweg eine faktische Herrschaft. Die Herrschaft der Makedonen erfüllte nach Trogus die Kriterien eines ‚Weltreiches‘ sowohl in geographischer als auch in zeitlicher Dimension,44 so daß der Autor diese Phase in Übereinstimmung mit orientalisch-griechischen 43 44

R. SYME (wie Anm. 21) 358-371. Zur Problematik vgl. insgesamt A. HEUß: Weltreichsbildung im Altertum, HZ 232, 1981, 265-326, ND in dems.: Gesammelte Schriften. 3 Bde., Stuttgart 1995, I 642-703.

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Modellen für sein System der Sukzession nutzen konnte. Der Konflikt mit Rom zeichnete sich bereits seit dem Ausgang des 3. Jhs. ab, als Philipp V. im Frühjahr 215 v. Chr. eine Allianz mit Hannibal schloß (Iust. 29,4,2f.; Polyb. 7,9,1-17).45 Die Römer konnten diese Gefahr mit Hilfe des Ätolerbundes zunächst nur mühsam neutralisieren (Iust. 29,4,5; Liv. 26,24,1-5; SEG XIII 382). Nach ihrem Sieg über Karthago fiel dann aber die Entscheidung im Zweiten Makedonischen Krieg (200-197 v. Chr.) unter dem Kommando des T. Quinctius Flamininus 197 v. Chr. bei Kynoskephalai: Macedonas Romana Fortuna vicit (Iust. 30,4,16). Philipp behielt seinen Königstitel, seine Herrschaft aber wurde auf die makedonischen Kernlande beschränkt: Fractus itaque bello Philippus pace a Flaminino consule petita nomen quidem regium retinuit, sed omnibus urbibus ... amissis solam Macedoniam retinuit (Iust. 30,4,17). Nach dem Tode Philipps folgte ihm 179 v. Chr. sein Sohn Perseus in der Herrschaft (Iust. 32,4,1).46 Dessen Versuch, die politische Isolierung Makedoniens mit diplomatischen Kontakten und dynastischen Beziehungen zu sprengen (Polyb. 25,4,19; App. Mak. 11,2; App. Mithr. 2,3; IG II/III² 3172), führten in den Dritten Makedonischen Krieg (171-168 v. Chr.). Seine Gegner, Eumenes II. von Pergamon und die Rhodier, schürten das latente Mißtrauen Roms, gaben den ‚Falken‘ im Senat Auftrieb. Bei Pydna hat schließlich L. Aemilius Paullus 168 v. Chr. den entscheidenden Sieg errungen (Iust. 33,1,6-2,5). Die Kapitulationsbedingungen bedeuteten für Makedonien das Ende seiner Staatlichkeit. Die vermeintliche Freiheit – (scil. Macedonia) libera facta est (Iust. 33,2,7) – kann nur als Euphemismus gewertet werden. Kernbestimmung war die Regionalisierung: in quattuor regiones dividi Macedoniam (Liv. 45,29,4). Die vier Merides hatten bis in die Kaiserzeit Bestand: leges, quibus adhuc utitur (scil. Macedonia), a Paulo accepit (Iust. 33,2,7). Die Apostelgeschichte (NT Apg. 16,12) berichtet, Paulus und seine Gefährten seien nach Philippi gelangt: εὐθυδρομήσαμεν εἰς Φιλίππους· ἥτις ἐστὶν πρώτης τῆς μερίδος τῆς Μακεδονίας πόλις, κολωνία – „Wir kamen nach Philippi: dies ist eine Stadt (in) der ersten makedonischen Meris, eine Kolonie (römischen Rechts).“ Natürlich ist an der entscheidenden Stelle πρώτη in πρώτης zu emendieren und adjektivisch auf μερίδος zu beziehen.47 45 46

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Vgl. F.W. WALBANK: Philip V of Macedon, Cambridge 1940, ND 1967; R.M. ERRINGTON: Rome against Philip and Antiochus, CAH² VIII, Cambridge 1989, 244-289. Vgl. P. MELONI: Perseo e la fine della monarchia macedone, Cagliari 1953; P.S. DEROW: Rome, the Fall of Macedon, and the Sack of Corinth, CAH² VIII, Cambridge 1989, 290-323; VERF.: Makedonien. Vom hellenistischen Königreich zur römischen Provinz, in R. Albert (Hrsg.): Rom und Rhein – Macht und Münzen, Speyer 1996, 35-59; R.M. KALLET-MARX: Hegemony to Empire. The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley/Los Angeles 1995, 11-41. Unzutreffend Übersetzung und Kommentar von G. STÄHLIN: Die Apostelgeschichte, Göttingen 101962, 215 u. 217; im Ergebnis zutreffend, aber sehr zaghaft formuliert in der Übersetzung von H. CONZELMANN: Die Apostelgeschichte, Tübingen

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Nach Pompeius Trogus markierte Pydna den eigentlichen Beginn der römischen ‚Weltherrschaft‘. Das entscheidende Kolon (Iust. 33,2,6) wurde in dieser Hinsicht bereits analysiert (s.o. S. 283): ... rerum non nisi CL duobus annis potita (scil. Macedonia). Im Unterschied zur gerundeten Dauer der orientalischen ‚Weltreiche‘ hat der Autor die Zeitspanne in bezug auf Makedonien genau definiert. Die maßgebliche Textedition von Otto SEEL in der Teubneriana ²(1972) bietet hinsichtlich der Zahl keine abweichenden Lesarten (ω = consensus classium omnium). In seiner zweisprachigen Ausgabe von 1936 (Collection Budé) ist Emile CHAMBRY lediglich ein Setzfehler (duodus statt duobus) unterlaufen, den [289] seine französische Übertragung offenbar nicht zu lösen vermochte und deshalb die Zahl auf 150 abrundete. Die genaue Angabe von 152 Jahren für das ‚Weltreich‘ der Makedonen setzt für Pompeius Trogus klare Vorstellungen vom Ende dieser Periode voraus. Aufgrund des Textzusammenhangs kommt m.E. nur das Jahr 168 v. Chr. (Pydna) in Betracht. Indessen weist 320 v. Chr. kein entscheidendes Ereignis auf, das den Beginn makedonischer Herrschaft rechtfertigen könnte, zumal Alexander III. bereits am 10. Juni 323 v. Chr. verstorben ist.48 Insofern scheint mir aus inhaltlichen Gründen eine Konjektur des Zahlzeichens in CLX erwägenswert. Mit dem Tode des Dareios III. hatte Alexander 330 v. Chr. die Nachfolge des achaimenidischen Großkönigs angetreten – ein geradezu epochales Ereignis, um den Beginn des makedonischen ‚Weltreichs‘ zu fixieren. Dagegen ließe sich einwenden, daß der Werktitel des Trogus Historiae Philippicae eher eine Verbindung mit makedonischen Königen dieses Namens nahelege, die Macht Philipps V. mit seiner Niederlage bei Kynoskephalai (197 v. Chr.) gebrochen war. Hinsichtlich der Zeitspanne ergäbe sich damit allerdings dasselbe Problem, weil für 349 v. Chr. ebenfalls kein spektakuläres Ereignis bekannt ist. Mit Hilfe der vorgeschlagenen Konjektur käme man indessen auf das Jahr 359 v. Chr., den Beginn der Regentschaft Philipps II.,49 so daß sich auch unter diesem Aspekt die

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1963, 90f.; richtig gefaßt in der Übersetzung von J. ROLOFF: Die Apostelgeschichte, Göttingen ²1988, 241: „... eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien“ mit dem Hinweis, daß der griechische Text nicht ganz eindeutig sei (244). Vgl. W. WILL: Alexander der Große, Stuttgart 1986, bes. 175-178; zur divergierenden Tagesdatierung (Plut. Alex. 75,6; 76,9) vgl. J.R. HAMILTON: Plutarch, Alexander. A Commentary, Oxford 1969, 209f. Grundlegend für alle chronologischen Fragen jetzt A.J. SACHS/H. HUNGER: Astronomical Diaries and related Texts from Babylonia I. Diaries from 652 to 262 B.C., Wien 1988, bes. 190-219, Nr. 324/322. Vgl. VERF.: Zum Herrschaftsverständnis Philipps II. von Makedonien, Historia 39, 1990, 426-445, hier: 427 mit Anm. 7 u. 8 [hier 29-50, speziell 30 mit Anm. 7 u. 8]. Willkürlich scheinen mir die Berechnungen in der spanischen Übersetzung von J. CASTRO SÁNCHEZ: Justino. Epítome de las „Historias Filípicas“ de Pompeyo Trogo, Madrid 1995, 433, Anm. 927: Ausgehend von der tradierten Zahl 152 läßt er das

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Emendation der Zahl CL in CLX empfiehlt. Die ältesten Codices der transalpinen Handschriftenfamilie τ stammen aus dem 9. Jh.: Cod. Parisinus 4950, Cod. Gissensis 79, Cod. Vossianus L.Q. 32 und Cod. Ashburnhamensis L. 29. Indessen dürfte der Archetypus die inhaltlich zutreffende Lesung rerum non nisi CLX duobus annis potita ausgewiesen haben. Da Iustin die Dauer des makedonischen ‚Weltreiches‘ erst im Anschluß an Pydna (168 v. Chr.) bezeichnete, verdient, wie schon gesagt, dieses Ereignis als Ausgangspunkt der Berechnung gegenüber der Niederlage Philipps V. (197 v. Chr.) den Vorzug. Der Zweite Makedonische Krieg wurde, wie der Prolog zum 30. Buch lapidar vermerkte, durch einen Friedensschluß (pax) beendet. Ergänzend wies die Epitome des Iustin (30,4,18) auf die Unzufriedenheit der Ätoler hin, quia non arbitrio eorum Macedonia quoque adempta regi et data sibi in praemium belli esset. Mit anderen Worten: die Dynastie der Makedonen hatte Bestand, so daß die Entmachtung Philipps V. für eine translatio imperii auf die Römer nicht in Betracht kam. Pompeius Trogus hat also den Beginn des vierten ‚Weltreiches‘ mit dem Tod des letzten Achaimeniden verknüpft. Insofern markieren die Passagen Iust. 10,3,7 (Ende des Dareios III.) und Iust. 33,2,6 (Pydna) die Zäsuren seiner ‚Weltreich‘-Abfolge. Entsprechend hatte Trogus auch die vorausgehenden ‚Weltreiche‘ der Assyrer (Iust. 1,2,13) und der Meder (Iust. 1,6,17) in ihrer Dauer bestimmt und damit die Kontinuität der Weltgeschichte in die Form einer Sukzessionstheorie gegossen. Den römischen Sieg über Perseus von Makedonien hat bereits die zeitgenössische Überlieferung als markante Zäsur begriffen. Polybios, der den grandiosen Aufstieg Roms zur Herrschaft über (fast) die gesamte bewohnte Erde (Oikumene) darstellen wollte, konzentrierte sich ursprünglich auf die Zeitspanne von knapp 53 Jahren (Pol. 1,1,5),50 gerechnet von der unmittelbaren Vorgeschichte des Zweiten Punischen Krieges (220 v. Chr.) bis zum Untergang des makedonischen Königtums (168 v. Chr.): Ὅ τε γὰρ χρόνος ὁ πεντηκοντακαιτριετὴς εἰς ταυτὰ ἔληγεν ἥ τε αὔξησις καὶ προκοπὴ τῆς ῾Ρωμαίων [290] δυναστείας ἐτετελείωτο (Pol. 3,4,2). Der von der Griechin Melinno verfaßte Rom-Hymnus (Stob. 3,7,12 = Suppl. Hell. 541) läßt sich zwar nicht genau datieren,51 doch könnte der Hinweis, daß Roma nun in den Kreis der Olympischen Götter aufgenommen ist,

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‚Weltreich‘ der Makedonen mit der Schlacht bei Gaugamela (331 v. Chr.) beginnen und mit dem Tode Philipps V. (179 v. Chr.) enden. Vgl. insgesamt F.W. WALBANK: A Historical Commentary on Polybius I, Oxford 1957, 40 u. 292-303. Der Text in H. LLOYD-JONES/P. PARSONS (Hrsg.): Supplementum Hellenisticum, Berlin 1983, 268f., Nr. 541 (Melinno Lesbia); vgl. C.M. BOWRA: Melinno’s Hymn to Rome, JRS 47, 1957, 21-28; W. SCHUBERT: Melinno, Philologus 97, 1948, 319f.; R. MELLOR: Θεὰ ῾Ρώμη. The Worship of the Goddess Roma in the Greek World, Göttingen 1975, 121-125.

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einen Bezug auf den römischen Sieg über Perseus nahelegen, in dessen Folge der Olymp nun faktisch von Rom beherrscht wurde. Genannt wurde der Makedonenkönig in der Rhodier-Rede des Cato Censorius (ORF4 Cato 164 = Gell. 6,3,16),52 der 167 v. Chr. deren mangelnde Unterstützung Roms im Krieg gegen Perseus damit zu entschuldigen suchte, daß die Rhodier wie viele andere Griechen die Konsequenzen dieses Sieges für ihre libertas fürchteten – id metuere, ne si nemo esset homo quem vereremur (scil. Romani ), quidquid luberet faceremus, ne sub solo imperio nostro in servitute nostra essent. Die Vorstellung vom Beginn römischer ‚Weltherrschaft‘ mit dem Sieg über Perseus wird hier besonders deutlich akzentuiert. Wenden wir uns abschließend noch der oben zurückgestellten Frage zu, weshalb Pompeius Trogus ausgerechnet die makedonischen Kernlande als den kleinsten der Diadochenstaaten in den Kanon seiner ‚Weltreich‘-Abfolge integrierte, so scheinen mir zwei Gründe maßgeblich. Zunächst erforderte die Komposition seines Werkes, das, wie betont, auf Rom ausgerichtet war, einen konzentrischen Kreis um das caput totius orbis (Iust. 43,1,2). Die römische Expansion verlief im westlichen Mittelmeerraum mit der Niederwerfung Karthagos im Zweiten Punischen Krieg erfolgreich, im Osten ließ sich das Alexanderreich unter dem Aspekt der translatio imperii kaum ausklammern, doch war die Herrschaft Roms zu diesem Zeitpunkt noch auf Mittelitalien beschränkt. Als letztes der Diadochenreiche wurde 30 v. Chr. Ägypten dem Imperium Romanum inkorporiert,53 das sich aufgrund territorialer Begrenztheit allerdings kaum für universale Ideologien eignete. Dasselbe gilt für die Pergamenische Erbschaft, die 129 v. Chr. zur Einrichtung der Provinz Asia führte.54 Geeigneter wäre das 52

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Vgl. G. CALBOLI: Marci Porci Catonis oratio pro Rhodiensibus, Bologna 1978, 81-98 u. 255f. Mit dem Sieg über Perseus hatte sich also die Ahnung des Romulus von der künftigen Größe Roms (Cic. rep. 2,10) erfüllt, die inhaltlich dem ‚Traum des Tarquinius Superbus‘ (Acc. Brutus frg. 1f., TRF³ p. 328-330 RIBBECK) korrespondierte; vgl. auch den Auct. ad Her. 4,13 u. 44. Die Wertung des Plinius (n.h. 3,39), Rom sei die gemeinsame patria aller Völker, nahm diese Ideologie auf und leitete über zum Panegyricus des Aelius Aristides (or. 26) auf Rom (s.o. Anm. 33). Nach Pseudo-Sallust (epist. ad Caes. 2,13,5f.) stand außer Frage, daß ein Ende Roms den gesamten orbis terrarum ins Chaos stürzen werde. Vgl. insgesamt G. LIEBERG: Die Ideologie des Imperium Romanum, mit einer Schlußbetrachtung über Ideologie und Krise, in: Krisen in der Antike – Bewußtsein und Bewältigung, Düsseldorf 1975, 70-98; J.-D. GAUGER: Zu den Anfängen des Weltherrschaftsgedankens in Rom, in W. Will/J. Heinrichs (Hrsg.): Zu Alexander d. Gr. (wie Anm. 4) II 1153-1177. Vgl. G. GERACI: Ἐπαρχία δὲ νῦν ἐστι. La concezione augustea del governo d’Egitto, ANRW II 10,1, 1988, 383-411; H. BELLEN: AEGVPTO CAPTA. Die Bedeutung der Eroberung Ägyptens für die Prinzipatsideologie (1991), ND in Ders.: Politik – Recht – Gesellschaft. Studien zur Alten Geschichte, hrsg. vom Verf., Stuttgart 1997, 71-84. Vgl. J. HOPP: Untersuchungen zur Geschichte der letzten Attaliden, München 1977, 121-147; R.M. KALLET-MARX (wie Anm. 46) 97-122.

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Seleukidenreich gewesen, doch klaffte zwischen dem Sieg über Antiochos bei Magnesia (190 v. Chr.) und der tatsächlichen Annexion Syriens (64/63 v. Chr.) eine zu große zeitliche Lücke; außerdem existierte das Reich der Seleukiden bei der Neuordnung nur noch nominell.55 Insofern sprach für Makedonien im Kanon der ‚Weltreich‘-Abfolge einerseits der Zeitpunkt seiner endgültigen Unterwerfung, andererseits die ungebrochene Kontinuität einer translatio imperii. Nicht von ungefähr war es Pompeius Trogus (33,2,5), der die Kinder des Perseus mit Namen nannte: Philipp und Alexander [291] schlossen gewissermaßen den Kreis der Makedonen-Herrscher und suggerierten die Bedeutung der Unterwerfung. Das zweite Motiv scheint mir in der Person des Autors begründet. Schließlich war es Pompeius Magnus, dessen Alexander-Imitatio besonders ausgeprägt war; ihm verdankte Alexander III. sein Epitheton ‚der Große‘.56 Gerade dieser Pompeius hatte dem Großvater des Trogus das römische Bürgerrecht verliehen (Iustin 43,5,11) und damit die Voraussetzung für den sozialen Aufstieg des Vocontiers geschaffen. Die mittelbare Anbindung der römischen ‚Weltherrschaft‘ an den großen Makedonenkönig Alexander ist von daher auch als posthume Reverenz gegenüber Pompeius zu werten. Nach eigener Einschätzung hatte dieser das Imperium Romanum bis an die Grenzen der Oikumene ausgedehnt: terris a Maiotis ad Rubrum mare subactis (Plin. n.h. 7,97).57 Mit Pompeius Magnus hatte sich also gewissermaßen in der Sicht des Pompeius Trogus das Vermächtnis Alexanders des Großen für die Weltreichsideologie Roms in dessen Nachfolge erfüllt (Iust. 40,2,3-5). 55

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Eine akkadische Stiftungsinschrift des Antiochos I. Soter aus dem Tempelbezirk von Borsippa (J.B. PRITCHARD [wie Anm. 9] 327 Nr. 5) bietet 268 v. Chr., dem Jahr 43 der (babylonischen) Seleukidenära, dessen Herrschertitulatur im Stile der achaimenidischen bzw. babylonischen Könige; grundlegend dazu A. KUHRT/S. SHERWINWHITE: Aspects of Seleucid Royal Ideology: The Cylinder of Antiochus I from Borsippa, JHS 111, 1991, 71-86; ergänzend B. KIENAST: Zur Herkunft der achämenidischen Königstitulatur, in U. Haarmann/P. Bachmann (Hrsg.): Die islamische Welt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Hans Robert Roemer zum 65. Geburtstag, Beirut 1979, 351-364. Zum Seleukidenreich und dessen Auflösung vgl. Chr. HABICHT: The Seleucids and Their Rivals, CAH² VIII, Cambridge 1989, 324-387 u. 562-569 (Lit.); A.N. SHERWIN-WHITE: Lucullus, Pompey and the East, CAH² IX, Cambridge 1994, 229-273 u. 835-838 (Lit.). Vgl. D. MICHEL: Alexander als Vorbild für Pompeius, Caesar und Marcus Antonius, Brüssel 1967; O. WEIPPERT: Alexander-Imitatio und römische Politik in republikanischer Zeit, Augsburg 1972; C. BOHM: Imitatio Alexandri im Hellenismus, München 1989; zum Epitheton vgl. P.P. SPRANGER: Der Große. Untersuchungen zur Entstehung des historischen Beinamens in der Antike, Saeculum 9, 1958, 22-58, bes. 32-45 mit Hinweis auf Plautus (Most. 775f.) als frühestem literarischem Beleg (33 u. 36f.). Vgl. H. BELLEN: Das Weltreich Alexanders des Großen als Tropaion im Triumphzug des Cn. Pompeius Magnus (61 v. Chr.) [1988], ND in Ders.: Politik – Recht – Gesellschaft (wie Anm. 53) 25-34.

Oktavian und das Testament Caesars* Zuweilen sind es einfache Sachverhalte, welche die Beurteilung weltgeschichtlicher Weichenstellungen erschweren. In diese Fallgruppe gehört auch die Frage, ob Oktavian seinen Aufstieg zur Macht vornehmlich der Förderung durch den Diktator Caesar oder hauptsächlich seiner eigenen politischen Begabung verdankte1. Die unterschiedlichen Stellungnahmen sind nicht zuletzt dadurch bestimmt, wie die jeweiligen Autoren die Persönlichkeit Caesars und des späteren Augustus sowie der von ihnen geschaffenen Ordnung einschätzten. Dabei kommt dem letzten Testament des Diktators vom 13. Sept. 45 v. Chr. (Suet. Caes. 83,1) eine entscheidende Bedeutung zu. Wurde Oktavian von Caesar ‚adoptiert‘ oder nicht? Es scheint vermessen, diese Problematik hier erneut behandeln zu wollen, nachdem Walter SCHMITTHENNER in seiner bahnbrechenden Untersuchung scheinbar alle Aspekte ausführlich diskutiert und insgesamt erhellend gewürdigt hat. Sein Ergebnis, es handele sich nicht um eine testamentarische ‚Adoption‘2, sondern um eine sog. condicio nominis ferendi hat die Romanistik nachhaltiger als die althistorische Forschung geprägt3. Auch die, soweit ich sehe, jüngste Verlautbarung von [50] Herbert ROSENDORFER zu die*

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[zuerst erschienen in: ZRG 116, 1999, 49-70] Für vertiefende Gespräche und freundliche Durchsicht des Manuskripts danke ich Heinz BELLEN, Frank BERNSTEIN und Wolfgang HOBEN herzlich. Präzisierende Hinweise verdanke ich Rolf KNÜTEL. Vgl. A. ALFÖLDI, Oktavians Aufstieg zur Macht, Bonn 1976; W. SCHMITTHENNER, Oktavian und das Testament Caesars, München 21973. W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 60-64, 91-93, 104-116; seine Wertung war bestimmt durch H. SIBER, Zur Entwicklung der römischen Prinzipatsverfassung, Leipzig 1933, bes. 26-29; kritisch dagegen O. SALOMIES, Adoptive and Polyonymous Nomenclature in the Roman Empire, Helsinki 1992, bes. 5-19, hier: 8. Vgl. etwa M. KASER, Das römische Privatrecht I2, München 1971, 349; A. WAT[50]SON, The Law of Persons in the Later Roman Republic, Oxford 1967, 89f.; E. CHAMPLIN, Final Judgments, Duty and Emotion in Roman Wills, 200 B.C.-A.D. 250, Berkeley 1991, 145-147; ablehnend indessen G. WESENBERG, Rez. Schmitthenner, ZRG 71 (1954) 424-429. Die althistorische Forschung ist dieser Auffassung überwiegend nicht gefolgt; vgl. aber die Autoren des Oxford Classical Dictionary3 (1996) 13, s.v. adoption (Roman). Zuweilen wird allerdings die Adoptionsthese gerade unter Berufung auf SCHMITTHENNER vertreten; vgl. etwa W. EDER, Augustus and the Power of Tradition, in K.A. Raaflaub/M. Toher (Hrsg.), Between Republic and Empire, Berkeley 1990, 71122; hier: 72 mit Anm. 5. In Auseinandersetzung mit SCHMITTHENNER hielt D. KIENAST (Augustus. Prinzeps und Monarch, Darmstadt 21992, 5f.) dessen These für wenig überzeugend und entschied sich (Römische Kaisertabelle, Darmstadt 21996, 61) für eine testamentarische ‚Adoption‘; ebenso A. ALFÖLDI (wie Anm. 1) 22-24; vgl. M.H. PRÉVOST, Les adoptions politiques à Rome sous la République et le Principat, Paris 1949, bes. 29-34. 

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sem Thema könnte vom Titel „Die angebliche Adoption des Augustus durch Cäsar“ diese Schlußfolgerung nahelegen4. Im Ergebnis läuft sein „Versuch eines Anstoßes von außen“ indessen darauf hinaus, daß es sich bei diesem Vorgang um einen großen politischen ‚Bluff‘ gehandelt habe – eine These, die von den besten Kennern des römischen Rechts und der Geschichte in jedem einzelnen Punkt der Argumentation längst widerlegt wurde. Insofern könnte man diese ‚Neubewertung‘ auf sich beruhen lassen, doch scheint mir der Vorgang an sich symptomatisch dafür, daß SCHMITTHENNERs Deutung der testamentarischen ‚Adoption‘ als condicio nominis ferendi auch beim gebildeten Publikum auf Verständnisschwierigkeiten stößt. In der Tat ist seine Argumentation nicht leicht nachzuvollziehen: Die antiken Autoren hätten, wenn sie von einer adoptio per testamentum sprachen (Plin. n.h. 35,8), die condicio nominis ferendi gemeint, doch sei diese condicio „keine echte Bedingung für den Antritt der Erbschaft“ gewesen, sondern eine „bloße Auflage (modus)“ ohne bindende Verpflichtung5. Proble[51]matisch erscheint auch, daß derartige Verfügungen eines Testators erst für die hohe Kaiserzeit nachzuweisen sind; unter Berufung auf Salvius Iulianus bezeichnete Gaius (D. 36,1,65,10; vgl. Maec. D. 36,1,7) als Ausnahmefälle etwa nomina famosa, bei denen auf die Bedingung der Namenführung verzichtet werden konnte, ohne die Erbschaft einzubüßen6. Das bislang früheste Zeugnis einer condicio nominis ferendi ist für den Beginn des 2. Jhs. n. Chr. mit dem sog. testamentum Dasumii faßbar7, doch wird

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H. ROSENDORFER, Die angebliche Adoption des Augustus durch Cäsar, Akad. Wiss. u. Lit. Mainz, Abh. der Klasse der Literatur (!) 1990, Nr. 1; zum verfehlten Ansatz vgl. schon W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 33 mit Anm. 3; in seiner Wertung der condicio nominis ferendi wurde ROSENDORFER evtl. durch den „Ballmann’schen Kommissionsvertrag“ inspiriert. Unzutreffend scheint mir auch das Postulat griechischer Rechtstradition bei R. DÜLL, Bausteine und Lücken im römischen Rechtstempel, ZRG 93 (1976) 1-13; dazu vgl. unten Anm. 17.  W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 35; ihm folgt auch die neueste Untersuchung von Chr. KUNST, Adoption und Testamentsadoption in der Späten Republik, Klio 78 (1996) 87-104, bes. 94ff. Eine Kontaminierung von ‚Adoption‘ und condicio nominis ferendi versuchte offenbar U. GOTTER, Der Diktator ist tot! Politik in Rom zwischen den Iden des März und der Begründung des Zweiten Triumvirats, Stuttgart 1996, 26, vgl. 57f. Indessen fehlt dem Satz „Oktavian wurde darüberhinaus unter der [51] Bedingung adoptiert, daß er den Namen seines Adoptivvaters annahm“ (26), die inhaltliche Logik; natürlich kann die „Bedingung“ nur auf die Erbeinsetzung bezogen werden.  Die Notiz Ulpians (Dig. 39,5,19,6) betrifft den Kontext der Schenkungen; eine unter der Bedingung der Namenführung gemachte Zuwendung sei keine donatio, weil sie zweckgerichtet erfolge, quia ob rem facta est. FIRA III2 Nr. 48; dazu W. ECK, Zum neuen Fragment des sogenannten Testamentum Dasumii, ZPE 30 (1978) 277-295, bes. 286 (Z. 3/4); vgl. noch R. SYME, The Te-

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hier die Bedingung eindeutig formuliert: ... si intra t[riginta dies (?) –] / [– se – nome]n meum laturum posterosque [suos laturos esse pollicitus erit] ... Angesichts dieser Voraussetzungen soll die Frage der condicio nominis ferendi hier nicht weiter vertieft, sondern eine abweichende Deutung des Vorgangs begründet werden. Ausgangspunkt unserer Analyse bildet natürlich des Testament Caesars in der verkürzten Fassung Suetons (Caes. 83,2): sed novissimo testamento tres instituit heredes sororum nepotes, Gaium Octavium ex dodrante, et Lucium Pinarium et Quintum Pedium ex quadrante reliquo{s}; in ima cera Gaium Octavium etiam in familiam nomenque adoptavit; plerosque percussorum in tutoribus fili, si qui sibi nasceretur, nominavit, Decimum Brutum etiam in secundis heredibus. populo hortos circa Tiberim publice et viritim trecenos sestertios legavit. Der Diktator hatte sein Testament bei der virgo Vestalis maxima hinterlegen lassen, mit seiner Ermordung war die Eröffnung gerechtfertigt8. Sie erfolgte auf Antrag des L. Calpurnius Piso – Caesars Schwiegervater – im Hause des amtierenden Konsuls M. Antonius am 19. März 44 v. Chr. ordnungsgemäß, vermutlich in Anwesenheit der principes senatus (Cic. Phil. 1,2). Oktavian befand sich damals in Apollonia (Epirus); aufgrund der Entfernung erhielt er überhaupt die Nachricht von der Ermordung Caesars erst [52] nach der Testamentseröffnung (App. b.c. 3,9,32)9. Schon diese Konstellation sollte allen Vermutungen von Fälschung, Inszenierung oder lediglicher Behauptung einer personenrechtlichen Verfügung des Diktators die Grundlage entziehen. Zumindest dies steht nämlich fest: Antonius war an einer solchen Aufwertung seines Rivalen nicht interessiert. Schon der Verdacht entsprechender Manipulationen hätte sich in der Überlieferung, etwa der Korrespondenz Ciceros, niedergeschlagen. Die Bestimmungen der letztwilligen Verfügung Caesars betreffen ansonsten drei Punkte:

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stamentum Dasumii: Some Novelties, Chiron 15 (1985) 41-63, ND in Ders., Roman Papers V, Oxford 1988, 521-545.  Vgl. E. NISOLI, Die Testamentseröffnung im römischen Recht, Diss. Bern 1949, bes. 45-49; zur Chronologie vgl. insgesamt E. BECHT, Regeste über die Zeit von Cäsars Ermordung bis zum Umschwung in der Politik des Antonius, 15. März bis 1. Juni 44 v. Chr., Diss. Freiburg 1911, 31ff.  Vgl. Nic. Dam. 16,38f., zit. nach FGrHist 90 F 130; der zweisprachigen Ausgabe der Augustus-Vita von C.M. HALL, Northampton/Mass. 1923, fehlt die Paragraphengliederung, die gut kommentierte Übersetzung von B. SCARDIGLI (Nicolao di Damasco, Vita di Augusto, Florenz 1983) hat leider auf den Originaltext verzichtet; vgl. jetzt J. BELLEMORE, Nicolaus of Damascus, Life of Augustus, Bristol 1984; M. TOHER, The „Bios Kaisaros“ of Nicolaus of Damascus. An Historical Analysis, Diss. Brown Univ. 1985. 

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1) die Erbeinsetzung seiner drei Großneffen; Oktavian erhielt drei Viertel des Privatvermögens, L. Pinarius und Q. Pedius teilten sich das verbleibende Viertel; 2) die Regelung der Vormundschaft für einen postumus filius, falls ihm einer geboren werde, und die Einsetzung des D. Brutus zum Ersatzerben; 3) die Legate für das Volk von Rom. Abgesehen von Details sind diese Bestimmungen unproblematisch im Verständnis, so daß wir uns dem entscheidenden Passus zuwenden können; in ima cera Gaium Octavium etiam in familiam nomenque adoptavit – „Am Ende des Schriftstücks hat er auch den C. Octavius in seine Familie und seinen Namen an Sohnes Statt aufgenommen“. Nicht die Plazierung in ima cera, sondern die Formulierung der personenrechtlichen Bestimmung könnte als Pleonasmus Anstoß erregen, resultiert aber aus der Intention Suetons, den Gentil- und Namenwechsel zu betonen10. Daß dieser Passus am Schluß des Testaments – nicht „auf der letzten Seite“ – stand, entspricht dem üblichen Formular: Erbeinsetzung (institutio heredum: Gaius 2,229) – Ersatzerben (substitutiones) – Bestellung von Tutoren – Verfügung von Legaten – personenrechtliche Verfügungen11. [53] Wenden wir uns also dem in bezug auf die testamentarische Willenserklärung des Diktators Caesar entscheidenden adoptavit zu (vgl. Vell. 2,59,12), so resultiert die nächstliegende Frage aus dieser Verbalform: Konnte Oktavian ‚adoptiert‘ werden? Im technischen Sinne war seine adoptio ausgeschlossen, weil er seit dem Tode seines Vaters C. Octavius im Jahre 59 v. Chr. (Suet. Aug. 4,1; 8,1) eine Person eigenen Rechts (sui iuris) war, eine adoptio aber nur Personen alieni iuris, die einer patria potestas unterworfen waren, betreffen konnte12. In bestechender Klarheit hat der Jurist Gaius diesen Befund im ersten Buch seiner Institutiones formuliert: (98) Adoptio autem duobus modis fit, aut populi auctoritate aut imperio magistratus velut praetoris. (99) Populi auctoritate adoptamus eos, qui sui iuris sunt: quae species adoptionis dicitur adrogatio, quia et is, qui adoptat, rogatur, id est interrogatur, an velit eum, quem adoptaturus sit, iustum sibi filium esse; et is, qui adoptatur, rogatur, an id fieri patiatur; et populus rogatur, an id fieri iubeat. Imperio magistratus adoptamus eos, qui in potestate parentium sunt, sive primum gradum liberorum optineant, qualis est filius et filia, sive inferi10 11

12

Vgl. etwa analoge Wendungen des Tacitus (ann. 1,8,1; 3,30,2; 11,11,2; 12,26,1); insgesamt O. SALOMIES (wie Anm. 2) 15 mit Hinweis auf Suet. Galba 17,1 (ebd. Anm. 2). Vgl. B. KÜBLER, RE V A 1 (1934) 985-1010, s.v. Testament (juristisch); M. KASER (wie Anm. 3) 678-694; A. WATSON, The Law of Succession in the Later Roman Republic, Oxford 1971, bes. 8-21, 40-60.  Vgl. A. WATSON (wie Anm. 3) 77-101; M. D’ORTA, Saggi sulla heredis institutio. Problemi di origine, Turin 1996, 89-122.

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orem, qualis est nepos neptis, pronepos proneptis. (100) Et quidem illa adoptio, quae per populum fit, nusquam nisi Romae fit; at haec etiam in provinciis apud praesides earum fieri solet. In dieser Konstellation war dem älteren römischen Recht nur die Adrogation (adoptio populi auctoritate) geläufig, erst eine jüngere Stufe ermöglichte die Annahme einer Person alieni iuris an Kindes Statt, wobei der dreimalige ‚Scheinverkauf‘ (mancipatio) durch den Inhaber der patria potestas die Voraussetzung für den Zuspruch (addictio) des nun gewaltfreien Kindes durch den Magistrat an den neuen Gewalthaber bildete (Gell. 5,19,3). Daß dieses Verfahren in bezug auf einseitige testamentarische Verfügungen eines Erblassers nicht in Betracht kam, liegt auf der Hand. Einerseits konnte ein fremder Gewalthaber nicht mittelbar zum Verzicht auf seine patria potestas über ein ‚Hauskind‘ verpflichtet werden, andererseits wäre der Adoptierte gewaltfrei geworden, weil der Erblasser zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Andere Voraussetzungen lagen bei der Adrogation einer Person sui iuris vor. Unmittelbar waren hier nur zwei Partner betroffen: der Adrogierende und derjenige, welcher dieser Aktion seine Zustimmung mit allen Konsequenzen der Rechtsminderung gab bzw. geben wollte. Da die Folgewirkung irreversibel war, mußten im Interesse der Allgemeinheit und auch zum Schutz des zu Adrogierenden die rechtlichen Rahmenbedingungen abgeklärt sein. Nach dem erforderlichen Prüfungsverfahren durch die pontifices [54] (AE 1894, 24) erfolgte der Rechtsakt durch die comitia curiata (Gell. 5,19,6). Die Antragsformel lautete: Velitis iubeatis, uti L. Valerius L. Titio tam iure legeque filius siet, quam si ex eo patre matreque familias eius natus esset, utique ei vitae necisque in eum potestas siet, uti patri endo filio est. Haec ita uti dixi, ita vos, Quirites, rogo (Gell. 5,19,9). Die patria potestas des neuen Gewalthabers über den adrogierten Sohn erlosch erst mit dem Tode. Dieses Modell ließ sich nun analog verhältnismäßig einfach auf den Sonderfall anwenden, daß der Adrogierende zum Zeitpunkt dieses Rechtsaktes bereits verstorben war13, die entscheidende Willenserklärung aber zuvor rechtsverbindlich 13

Aufgrund der Überlieferungslage lassen sich die Voraussetzungen nicht immer definitiv klären. Das früheste gesicherte Beispiel eines Gentilwechsels infolge testamentarischer Adrogation datiert in die erste Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. P. Cornelius Scipio Nasica, praet. (?) 93, muß jedenfalls vor 78 verstorben sein (Ascon. 66, p. 74 CLARK). Etwa 64/63 v. Chr. wurde sein ältester Sohn von Q. Caecilius Metellus Pius, cos. 80, testamentarisch adrogiert (Dio 40,51,3); seither hieß er Q. Caecilius Q. f. Fab. Metellus Pius Scipio (Cic. fam. 8,8,5; IGR IV 409). Problematischer ist dessen jüngerer Bruder, den sein Großvater mütterlicherseits, der berühmte Redner L. Licinius Crassus, cos. 95, testamentarisch adrogierte (Cic. Brutus 212). Der leibliche Vater Scipio Nasica muß demnach bereits im Todesjahr des Licinius Crassus 91 v. Chr. (Cic. de orat. 1,34; 3,1-6) verstorben sein, kann also nicht mit einem P. Scipio (Cic. Rosc.

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abgegeben hatte. Natürlich war auch bei diesem Vorgang die eindeutige Erklärung des Betroffenen notwendig, ob er bereit war, in die Familie des Testators überzuwechseln. Da dieser Wechsel nun aber nicht mehr zur Gewaltunterwerfung führen konnte, stellte sich aus rechtlicher Sicht kein entscheidendes Problem hinsichtlich der Folgewirkung. Unter diesem Aspekt erklärt sich, weshalb die Juristen die testamentarische ‚Adoption‘, technisch konnte es sich nur um die Adrogation handeln, nicht diskutiert haben. Im Grunde handelte es sich um ein Rechtsgeschäft zwischen ‚erwachsenen‘ Männern, das die Allgemeinheit allenfalls in Ausnahmefällen der gentilizischen sacra tangierte oder wenn der Adrogierte unter Tutel stand. Probleme ergaben sich nur dann, wenn eine testamentarische Verfügung mittelbar eine Gewaltunterwerfung intendierte. Einen solchen, möglicherweise fiktiven Fall skizzierte der Jurist Salvius Iulianus [55] (D. 28,7,11) im 2. Jh. n. Chr. Demnach hatte ein Testator seinen Sohn zum Erben eingesetzt unter der Bedingung, eine dritte Person sui iuris – Titius ist der übliche Blankettname (Plut. mor. 271 E)14 – zu adrogieren, andernfalls er exhereditiert sei. Der Sohn war bereit, diese Bedingung zu erfüllen, doch verweigerte Titius seine Zustimmung: ... filio parato adoptare Titius nolit se adrogandum dare. Trotz der nicht erfüllten Bedingung kam der Sohn aber, so entschied Iulianus, in den Genuß der Erbschaft, weil ihm das Scheitern seiner Bemühung nicht anzulasten sei (vgl. Ulp. D. 28,7,6). Dieser Befund einer mittelbar verfügten testamentarischen Adrogation verdeutlicht die entscheidende Bedeutung der Willenserklärung. Der Sohn und Erbe war bereit, dem Willen des Erblassers zu gehorchen, d.h. sich instrumentalisieren zu lassen. Die Umsetzung des Willens hätte allerdings zur Gewaltunterwerfung des Titius geführt. Hätte der Erblasser keinen eigenen Sohn gehabt und selbst testamentarisch den Titius adrogiert, wäre diese Komplikation nicht eingetreten; eine Erörterung durch den Juristen hätte sich dann allerdings auch erübrigt. In bezug auf testamentarische Adrogationen allgemein zeichnet sich jedenfalls ab, daß zwei elementare Voraussetzungen für einen solchen Akt gegeben sein mußten:



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77) identifiziert werden. Vgl. B. DOER, Die römische Namengebung, Ein historischer Versuch, Stuttgart 1937, 80f. u. 82f.; M.-H. PRÉVOST (wie Anm. 3) 19 u. 22; W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 44-46, Nr. 1 und 3; D.R. SHACKLETON BAILEY, Adoptive Nomenclature in the Late Roman Republic, in Ders., Two Studies in Roman Nomenclature, Atlanta 21991, 69 und 77; O. SALOMIES (wie Anm. 2) 8, Nr. 1. Zur möglichen Formel einer testamentarischen Adrogation vgl. F. SCHULZ, Classical Roman Law, Oxford 1951, 145; G. WESENBERG (wie Anm. 3) 429.  Vgl. S. LANCEL, Monsieur Dupont, en latin, in M. Renard/R. Schilling (Hrsg.), Hommages à Jean Bayet, Brüssel 1964, 355-364; zu den Prozeßformeln vgl. M. KASER/K. HACKL, Das römische Zivilprozeßrecht, München 21996, 308-349. 

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1) die Willenserklärung des adrogierenden Erblassers ([Quint.] decl. 308,18; Plin. ep. 2,16,1f.), die mit dessen Tod unwiderruflich vorlag; 2) die Willenserklärung des anwesenden Betroffenen, wobei dieser sich prinzipiell natürlich auch negativ entscheiden konnte. Der einschlägige Grundsatz neque adoptare neque adrogare quis absens nec per alium eius modi sollemnitatem peragere potest (Ulp. D. 1,7,25,1) war mit der Präsenz des Betroffenen erfüllt, da die Willenserklärung des Verstorbenen durch sein vorliegendes Testament ohnehin präsent war: testamentum est voluntatis nostrae iusta sententia de eo, quod quis post mortem suam fieri velit (Mod. D. 28,1,1)15. [56] Selbstverständlich fand auch unter diesen besonderen Umständen ein Prüfungsverfahren statt, um zu gewährleisten, daß die Erklärung des Testators tatsächlich aus freiem Willen und nicht in betrügerischer Absicht erfolgt war. Die von Gellius (5,19,6) in bezug auf die adrogatio inter vivos genannten Kriterien lassen sich auf den Fall der testamentarischen Adrogation übertragen: Altersqualifikation des Adrogierenden und des Adrogierten (Gaius 1,102 u. 106), Fehlen leiblicher Kinder des Testators (Cic. dom. 34; Ulp. D. 1,7,15,2), Ausschluß finanzieller Manipulation (Paul. D. 48,20,7,2), die bei testamentarischen Verfügungen natürlich nur dem Adrogierten unterstellt werden konnten, was unter den Tatbestand der ‚Erbschleicherei‘ zu subsumieren wäre. Im konkreten Fall unseres Testaments waren diese Bedingungen erfüllt. Die Altersvoraussetzungen lagen nach republikanischem Standard optimal vor (Suet. Aug. 8,1; Fer. Cum., Inscr. It. XIII 2, p. 279), Caesar besaß keinen legitimen männlichen Nachkommen (Nic. Dam. 13,30)16, Calpurnia war zum Zeitpunkt seiner Ermordung nicht schwanger, so daß sich auch die Kautelformel si qui sibi filius 15

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Die voluntas des Erblassers wird im Prinzip als entscheidender Faktor allgemein anerkannt; vgl. A.D. MANFREDINI, La volontà oltre la morte. Profili di diritto ereditario romano, Turin 1991, bes. 26; Chr. PAULUS, Die Idee der postmortalen Persönlichkeit im römischen Testamentsrecht. Zur gesellschaftlichen und rechtlichen Bedeutung einzelner Testamentsklauseln, Berlin 1992, bes. 144-150 und 205-209; zur Problematik vgl. auch R. BACKHAUS, Casus perplexus. Die Lösung in sich widersprüchlicher Rechtsfälle durch die klassische römische Jurisprudenz, München 1981, bes. 20-31, 58-77, 126-133.  Zur Frage des Altersabstandes vgl. R. KNÜTEL, Skizzen zum römischen Adoptionsrecht: „Plena pubertas“, Annahme an Enkels Statt, Erhaltung der Mitgift, Index 22 (1994) 249-265, bes. 249-254. Zu Caesarion, dem Sohn der Cleopatra, vgl. H. HEINEN, Caesar und Kaisarion, Historia 18 (1969) 181-203; E. GRZYBEK, Pharao Caesar in einer demotischen Grabschrift (sic) aus Memphis, MH 35 (1978) 149-158; J.-L. CHAPPAZ, Un bas-relief fragmentaire au nom de Ptolémée Césarion, in U. Luft (Hrsg.), The Intellectual Heritage of Egypt. Studies presented to László Kákosy, Budapest 1992, 95-98; H. HEINEN, Eine Darstellung des vergöttlichten Iulius Caesar auf einer ägyptischen Stele? in P. Kneissl/V. Losemann (Hrsg.), Imperium Romanum, Festschrift für Karl Christ, Stuttgart 1998, 334-345. 

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nasceretur (Suet. Caes. 83,2) erledigte17. Daß der Diktator senil oder geistig umnachtet gewesen sei, konnte ihm niemand unterstellen. [57] Oktavian ließ, sobald er in Lupiae (Calabria) über den Inhalt des Testaments informiert worden war (Nic. Dam. 17,48), keinen Zweifel aufkommen, daß sein Entschluß, dem Willen Caesars mit allen Konsequenzen Folge zu leisten, feststand (App. b.c. 3,11,36f.). Was in bezug auf die personenrechtliche Verfügung fehlte, war der notwendige Komitialakt, den sein Rivale Antonius natürlich am liebsten verhindert hätte. Indessen fehlten ihm zur Anfechtung der Willenserklärung des Diktators die entscheidenden Argumente. Der Vorwurf, Oktavian habe sich das Testament durch Selbstprostituierung (stupro) erschlichen (Suet. Aug. 68,1), zielte zwar in diese Richtung, konnte aber wohl niemanden ernsthaft beeindrucken. Die Schwierigkeiten hinsichtlich einer Bestätigung der privatrechtlichen Verfügung ergaben sich aus den Folgewirkungen, deren eminent politische Bedeutung offensichtlich war. Bevor wir indessen diese Entwicklung verfolgen, gilt es zunächst, die Grundthese zu prüfen, ob das Instrument der testamentarischen Adrogation in der ausgehenden Republik tatsächlich existierte. Als Beispiel bietet sich der Fall des T. Pomponius Atticus an18, weil er einerseits gut bezeugt, andererseits in politischer Hinsicht unverdächtig ist. Ausgangspunkt soll eine Notiz des Cornelius Nepos (Att. 5,1-2) sein, wonach Atticus einen im täglichen Umgang schwierigen Onkel namens Q. Caecilius hatte19. Dieser wohlhabende eques Romanus verstarb 58 v. Chr. (Cic. Att. 3,20) und hinterließ ein 17

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W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 25-28, 34f., 99-101, hat diese Formel als „bedingte Erbeinsetzung“ m.E. überbetont; ob sie für Oktavian wirklich „peinlich“ war, möchte ich bezweifeln. Wie man sie auch immer bewerten mag, inhaltlich war sie gegenstandslos. Nach Appian (b.c. 2,143,597; 2,146,611) wäre D. Brutus als Ersatzerbe zur ‚Adoption zweiten Grades‘ vorgesehen gewesen; hier könnten Vorstellungen des griechischen Rechts (vgl. etwa Demosth. 44,24-27) eingeflossen sein (so W. SCHMITTHENNER, wie Anm. 1, 24 mit Anm. 1), doch ließe sich die Notiz auch zwanglos als pathetische Steigerung der Erbeinsetzung des Caesar-Mörders durch Appian deuten. Zur griechischen Praxis vgl. A.R.W. HARRISON, The Law of Athens I. The Family and Property, Oxford 1968, bes. 82-96 und 122-166; D.M. MACDOWELL, The Law in Classical Athens, London 1978, bes. 84-108; A. MAFFI, Adozione e strategie successorie a Gortina e ad Atene, Symposium 1990, Köln/Wien 1991, 205-231, bes. 222ff.; L. RUBINSTEIN, Adoption in IVth Century Athens, Kopenhagen 1993, bes. 22-25 u. 118-121. Vgl. R. FEGER, RE Suppl. VIII (1956) 503-526, s.v. Pomponius 102; O. PERLWITZ, T. Pomponius Atticus, Stuttgart 1992, bes. 58f.; unter Berufung auf M. KASER (wie Anm. 3), d.h. mittelbar auf W. SCHMITTHENNER, wertet PERLWITZ (59, Anm. 152) die testamentarische Adrogation als condicio nominis ferendi; dagegen vgl. D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 68; ebenso O. SALOMIES (wie Anm. 2) 8-10.  Vgl. C. NICOLET, L’ordre équestre à l’époque républicaine II. Prosopographie des chevaliers romains, Paris 1974, 809f., Nr. 60; S. MRATSCHEK-HALFMANN, Divites et Praepotentes, Stuttgart 1993, 198f. 

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Vermögen von 10 Mio. Sesterzen sowie ein Haus auf dem Quirinal (Nep. Att. 13,2). Entscheidend ist die Formulierung des Nepos (Att. 5,2): Caecilius enim moriens testamento adoptavit eum (i.e. Atticum) heredemque fecit ex dodrante. Abgesehen vom Umfang der Erbeinsetzung wird dieser Vorgang durch Valerius Maximus (7,8,1) bestätigt: Pomponium Atticum testamento adoptavit omniumque bonorum heredem reliquit (scil. Caecilius). Motive für eine historische Fiktionalisierung sind hier auszuschließen. Cicero (Att. 3,20,1) übermittelte in einem Brief vom 5. Okt. 58 v. Chr. dem Freund seinen Glückwunsch zu diesem Ereignis, wobei die Bezeichnung des Adressaten Beachtung verdient: Cicero s(alutem) d(icit) Q. Caecilio Q. f. Pomponiano Attico. „Daß ich Dich so an[58]reden kann“, fährt der Redner fort, „und daß Dein Onkel gehandelt hat, wie Du erwarten durftest, ist mir sehr recht ... “ Atticus, dessen Geburtsjahr sich auf 110 v. Chr. berechnen läßt (Nep. Att. 21,1; 22,3), zählte damals 51 Jahre, der Altersunterschied zu Caecilius läßt sich nicht bestimmen, immerhin gehörten beide unterschiedlichen Generationen an. Auf L. Licinius Lucullus20, den senatorischen Freund und Förderer des Caecilius, hätte dies nicht zugetroffen, obgleich offenbar viele mit dessen Berücksichtigung im Testament rechneten (Val. Max. 7,8,5). Unproblematisch waren auch die anderen Voraussetzungen, insofern Caecilius keine eigenen Kinder hatte und Atticus, da sein Vater T. Pomponius bereits vor 88 v. Chr. verstorben war (Nep. Att. 2,1), sui iuris gewesen ist. Damit sehe ich keinen Anlaß, den Befund in Zweifel zu ziehen. Die Cicero in seinem Glückwunsch unterstellte Ironie bei der Anrede des Atticus bleibt mir unverständlich21. Vielmehr dokumentiert diese Anrede die offizielle Nomenklatur infolge testamentarischer Adrogation mit der entscheidenden Rechtswirkung, daß Atticus in die gens des Erblassers aufgenommen war (Suet. Tib. 7,2). T. Pomponius T. f. Atticus22 hieß seither Q. Caecilius Q. f. Pomponianus Atticus. Bestätigt wird diese Konsequenz durch den Namen seiner im Sommer 51 v. Chr. geborenen Tochter, die eben Caecilia Attica hieß (Cic. Att. 5,19,2; 6,2,10) und nie anders genannt wurde (Cic. Att. 6,4,3)23. Um [59] 37 v. Chr. heiratete sie M. Vipsanius Agrippa, 20 21

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Vgl. A. KEAVENEY, Lucullus. A Life, London/New York 1992, bes. 9 und 144.  W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 46, Nr. 5; ebenso Chr. KUNST (wie Anm. 5) 94, Anm. 45; auch die zweisprachige Reclam-Ausgabe der Viten des Cornelius Nepos von P. KRAFFT und F. OLEF-KRAFFT, Stuttgart 1993, 405, Anm. 19, folgt der Wertung SCHMITTHENNERs. Außer Betracht bleibt hier SEG XLI 964.  Zur ursprünglichen Filiation des Atticus vgl. P. HERRMANN, Die Inschriften römischer Zeit aus dem Heraion von Samos, MDAI (A) 75 (1960) 68-183, hier: 128-130, Nr. 29 mit Taf. 45,2, vgl. 149 c; dazu O. SALOMIES (wie Anm. 2) 9.  Zutreffend bereits M. REINHOLD, Marcus Agrippa. A Biography, New York 1933, ND Rom 1965, 36 mit Anm. 51; unentschieden neuerdings wieder J.-M. RODDAZ, Marcus Agrippa, Rom 1984, 82 mit Anm. 279; der Grund dürfte darin zu sehen sein, daß Caecilia in RE XXI 2 (1952) 2350f., unter Pomponia eingeordnet wurde. Diesbezüglich ist

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den Freund und Berater Oktavians (Nep. Att. 12,1-2; 19,4). Ein Titulus aus einem Familiengrab (CIL VI 13795) nennt eine Caecilia mit ihrem Sohn M. Vipsanius; Namen und Verwandtschaftsbeziehung der Verstorbenen erklären sich aus ihrer gemeinsamen Herkunft: die Mutter wurde von Caecilia (Attica) freigelassen, der Sohn bzw. sein Vater von M. Vipsanius Agrippa. Analoge Konsequenzen ergaben sich in bezug auf Freilassungen des Atticus, dessen liberti seit 58 v. Chr. nicht mehr T. Pomponius als praenomen und nomen gentile führten, sondern die neue Nomenklatur ihres patronus Q. Caecilius. Beispielhaft sei auf den Grammatiker Q. Caecilius Epirota verwiesen; um den Freilasser zu identifizieren, bedurfte es dann eines Zusatzes: libertus Attici equitis Romani, ad quem sunt Ciceronis epistulae (Suet. gramm. 16,1; vgl. Suet. Tib. 7,2). Deutlicher konnte der Wechsel des Pomponius Atticus in die gens Caecilia infolge testamentarischer Adrogation nicht zum Ausdruck gebracht werden24. Angesichts dieses Befundes ist die Frage, weshalb Atticus im täglichen Leben nicht regelmäßig als Caecilius bezeichnet wurde25, von sekundärer Bedeutung, da hier die personenrechtliche Stellung keine Rolle spielte. Auch für Asconius (68, p. 77 CLARK) kam es nicht darauf an, Atticus als Mitglied der gens Caecilia zu identifizieren, sondern als den Freund Ciceros, so daß er sich mit der üblichen Bezeichnung Pomponius Atticus begnügen konnte. Die offizielle Nomenklatur Atticus Pomponianus hätte sein Publikum allenfalls verwirrt. Auch der Hinweis auf die Beisetzung des Atticus im Familiengrab an der Via Appia, das Nepos (Att. 22,4) als monumentum Q. Caecilii, avunculi sui, bezeichnet, spricht nicht gegen unser Ergebnis. In bezug auf Augustus hätte ein Biograph sicher nicht die natürliche, sondern die rechtliche Verwandtschaft akzentuiert und avunculus durch pater ersetzt, was sich im Falle des Atticus aber erübrigte. Die zentrale Konsequenz seines Familienwechsels infolge testamentarischer Adroga-



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auch F. MILLAR (Cornelius Nepos, ‚Atticus‘ and the Roman Revolution, G & R 35, 1988, 42 und 46f., ebenso: Atticus. Das Bild eines Zeugen der römischen Revolution, in: Vom frühen Griechentum bis zur römischen Kaiserzeit, Gedenk- und Jubiläumsvorträge am Heidelberger Seminar für Alte Geschichte, Stuttgart 1989, 41-54, hier: 48) zu korrigieren. S. MRATSCHEK-HALFMANN (wie Anm. 18) 199, Anm. 268, hätte besser R. SYME (The Augustan Aristocracy, Oxford 1986, 143) folgen sollen; „umstritten“ ist der Name jedenfalls nicht; vgl. auch D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 68.  Zu nennen ist in diesem Zusammenhang auch Eutychides, der als Freigelassener des Atticus auf dessen oder eigenen Wunsch das ‚alte‘ praenomen seines patronus T(itus) führte; als Analogie verweist Cicero (Att. 4,15,1) auf Dionysius, der offenbar vor dem Gentilwechsel des Atticus von ihm die Freiheit erlangte, aber den Vornamen des befreundeten Cicero annahm, also M. Pomponius Dionysius hieß. Vgl. insgesamt A.A. RUPPRECHT, JR., A Study of Slavery in the Late Roman Republic from the Works of Cicero, Diss. Univ. of Pennsylvania 1960. So etwa Cic. fam. 7,31,2; 13,1,5; ad Q. fr. 2,3,7; 2,10,2. 

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tion hat Varro (r.r. 2,2,2) prägnant formuliert: Atticus, qui tunc Titus Pomponius, nunc Quintus Caecilius cognomine eodem ... [60] Die Modalitäten des Vorgangs, d.h. die ‚Ratifizierung‘ des Gentilwechsels durch die comitia curiata, werden für den Freund Ciceros nicht berichtet, im Falle Oktavians aber infolge der politischen Bedeutung dieses Aktes ausführlich thematisiert. Diesbezüglich sollte man aus rechtlichen und praktischen Gründen unterscheiden zwischen Erbeinsetzung und personenrechtlicher Verfügung des Diktators Caesar. Hinsichtlich des zweiten Aspekts haben wir die erforderliche Willenserklärung des Betroffenen bereits angesprochen. Dieselbe Voraussetzung galt auch in bezug auf die Übertragung der Vermögenswerte, die ja nicht von der zumindest anteiligen Verpflichtung zu den Legaten an das stadtrömische Volk zu trennen war. Auch unter Berücksichtigung einer Reduzierung der empfangsberechtigten Bürger (plebs frumentaria) von 320.000 auf 150.000 durch den Diktator Caesar (Suet. Caes. 41,3; Dio 43,21,4; Liv. epit. 115) hätte sich bei einer Zahlung von 300 HS pro Person ein Betrag von 45 Mio. Sesterzen oder 11,25 Mio. Denaren ergeben. Als verpflichtender Anteil entfiel auf Oktavian der Betrag von knapp 8,5 Mio. Denaren. Die Summe überstieg als Barzahlung seine finanziellen Möglichkeiten, zumal sich M. Antonius das Privatvermögen Caesars bereits frühzeitig angeeignet hatte (App. b.c. 2,125,524; Plut. Ant. 15,1; Dio 46,23,1f.). Mögliche Weiterungen der Verpflichtung (Mon. Anc. 15,1f.; App. b.c. 3,17,63) können hier auf sich beruhen26. Festzuhalten bleibt, daß die Erbeinsetzung auch Probleme aufwarf, die das Einverständnis des bzw. der Begünstigten zwingend erforderten. Natürlich resultierten beide Bestimmungen des Testaments – Erbeinsetzung und Adrogation – aus der Willenserklärung Caesars, doch weder in dem Sinne, daß sie sich gegenseitig bedingten, noch daß sie sich ausschlossen. Letztere Alternative wurde von Maxime LEMOSSE zur Diskussion gestellt27, doch formulierte Gaius (2,138) lediglich das Prinzip, daß die Adoption bzw. Adrogation ein zuvor erstelltes Testament ungültig mache, weil nun ein agnatischer, der patria potestas unterworfener Erbe entstanden und dessen Anspruch als heres suus geschützt sei. [61] Gegen die Bedingtheit der Erbeinsetzung durch die Adrogation spricht der Fall des Senators M. Gallius. Testamentarisch hatte er dem späteren Kaiser Tiberius sein Vermögen vererbt und ihn an Sohnes Statt angenommen. Auf26

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Zu den Legaten und ihrer Finanzierung vgl. ausführlich W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 29-32 und 79-89; A. ALFÖLDI (wie Anm. 1) 76-98. Mit der aditio hereditatis (s.u.) verpflichtete sich Oktavian zur Auszahlung der Legate; Bedingungen konnten nicht daran geknüpft werden; vgl. M. KASER (wie Anm. 3) 716 mit Anm. 20 (freundlicher Hinweis von R. KNÜTEL). M. LEMOSSE, L’adoption d’Octave et ses rapports avec les règles traditionnelles du droit civil, in: Studi in onore di Emilio Albertario I, Mailand 1953, 371-395, hier: 374f. 

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grund der von Sueton (Tib. 6,3f.) gebotenen Zeitfolge wird der Vorgang in der Regel auf 38 v. Chr. datiert28. Nach unseren Überlegungen müßte Tiberius sui iuris gewesen sein, d.h. entweder hätte anläßlich der Trennung Livias von ihrem Gemahl Ti. Claudius Nero eine Emanzipation des damals einzigen Sohnes Tiberius stattgefunden oder das Testament ist fünf Jahre später anzusetzen, als der Vater 33 v. Chr. verstarb und Oktavian zum tutor des nun neunjährigen Tiberius bestellt hatte (Suet. Tib. 6,4; Dio 48,44,5). Der entscheidende Punkt ist jedenfalls, daß der testamentarisch adoptierte Tiberius die Erbschaft annahm, sich aber ‚bald‘ weigerte, den Namen zu führen: testamento adoptatus hereditate adita mox nomine abstinuit (Suet. Tib. 6,3). Das dreigliedrige Kolon verdeutlicht den Verlauf des Geschehens: Das prädikative Partizip (testamento adoptatus) nimmt Bezug auf die Willenserklärung des M. Gallius, der zentral plazierte Ablativus absolutus (hereditate adita) auf die formale bonorum possessio secundum tabulas testamenti (s.u.), das abschließende Prädikat (mox nomine abstinuit) auf die Verweigerung eines Gentilwechsels durch Tiberius, d.h. den Verzicht auf den entscheidenden Komitialakt. Daß diese Entscheidung dann rasch getroffen wurde, akzentuierte Sueton durch das Temporaladverb mox. Wäre im letzten Passus die condicio nominis ferendi gemeint, bliebe deren Funktion zu hinterfragen, wenn die unerfüllte Bedingung keine vermögensrechtlichen Konsequenzen gehabt hätte. Das Verfahren wäre allenfalls als irregulärer Akt infolge der politischen Rahmenbedingungen zu werten. Insofern verdient m.E. die alternative Lösung den Vorzug. Tiberius nahm die Erbschaft an, lehnte aber die Adrogation aus persönlichen Gründen ab, weil der Testator 43 v. Chr. im bellum Mutinense auf Seiten des M. Antonius gegen Oktavian und die res publica gekämpft hatte (Cic. Phil. 13,26; App. b.c. 3,95,394). Für das Verständnis des von Caesar erstellten Testaments folgt daraus, daß Erbeinsetzung und Adrogation formaljuristisch als voneinander unabhängige Rechtsakte zu werten sind. Diese Hypothese läßt sich am weiteren Verlauf der Umsetzung verifizieren. [62] Gegen den Rat seiner engsten Umgebung, zusammen mit dem Erbe (κλῆρος) auch die Adrogation (θέσις) abzulehnen (App. b.c. 3,11,36; Nic. Dam. 18,53; Dio 45,3,2), hat Oktavian bereits in Calabrien seine prinzipielle Entscheidung getroffen, den testamentarischen Willen des Diktators mit allen Konsequenzen zu erfüllen. Ab sofort bezeichnete er sich mit dessen cognomen Caesar, allerdings nicht mit dem vollen Namen C. Iulius Caesar (App. b.c. 3,11,38; Cic. 28

Vgl. M. GELZER RE X 1 (1918) 478, s.v. Iulius 154 (Tiberius); B. LEVICK, Tiberius the Politician, London 1976, 19; B. DOER (wie Anm. 13) 83 (ohne Präzisierung); W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 47, Nr. 8; ihm folgt Chr. KUNST (wie Anm. 5) 96; E.J. WEINRIB, The Family Connections of M. Livius Drusus Libo, HSCPh 72 (1968) 247-274, hier: 256-258, der die zentrale Frage einer testamentarischen Adrogation thematisiert, sich aber für eine condicio nominis ferendi entscheidet. 

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Att. 14,12,2; fam. 10,23,6). Von den in Brundisium stationierten Soldaten wurde die Erklärung begeistert aufgenommen. Indessen waren noch Formalitäten zu erfüllen, um dem Anspruch Geltung zu verschaffen. Als unproblematisch erwies sich dabei der finanzielle Aspekt jedenfalls aus der Sicht des Antonius, der vor allem eine Aufnahme seines Rivalen in die gens Iulia zu verhindern suchte. Solange diese nicht erfolgt war, blieb Oktavian – wie seine Miterben, auch wenn diese später auf ihren Anteil zu seinen Gunsten verzichteten (App. b.c. 3,23,89) – ein heres extraneus. Die daraus resultierenden Konsequenzen hat wiederum der Jurist Gaius (2,161-164) prägnant formuliert: (161) Ceteri, qui testatoris iuri subiecti non sunt, extranei heredes appellantur ... (162) Extraneis heredibus deliberandi potestas data est de adeunda hereditate vel non adeunda ... (164) Extraneis heredibus solet cretio dari, id est finis deliberandi, ut intra certum tempus vel adeant hereditatem vel, si non adeant, temporis fine summoveantur: ideo autem cretio appellata est, quia cernere est quasi decernere et constituere. Adressat dieser Aktion war der praetor urbanus. Bevor Oktavian über sein Erbe verfügen konnte, mußte er bei diesem als dem zuständigen Gerichtsmagistrat um die Ermächtigung zur Besitzergreifung (bonorum possessio) ersuchen29, die ihm vom (stellvertretenden) Stadtprätor C. Antonius am 8. oder 9. Mai 44 v. Chr. secundum tabulas testamenti (Cic. Verr. 2,1,117; Ulp. D. 37,11,1) gewährt wurde (App. b.c. 3,14,49f.; Plut. Cic. 43,8; Dio 45,5,2). Die aus der Fehleinschätzung Appians resultierenden Mißverständnisse hat Walter SCHMITTHENNER prinzipiell geklärt30. Wenn der griechische Historiker hier die ‚Adoption‘ (θέσις) akzentuierte, so [63] unterlief ihm der Fehler, weil er die formalen Kriterien der bonorum possessio unberücksichtigt ließ und den Vorgang ex eventu mit der für ihn zentraleren Bestätigung der Stellung Oktavians als Sohn Caesars verquickte. Dabei entging ihm auch der Unterschied zwischen der adoptio im technischen Sinne, die tatsächlich vor dem Prätor erfolgte, und der adrogatio, quae per populum fit (Gaius 1,99). Insofern kann auch seine Erläuterung nicht zur Erklärung des Vorgangs beitragen, steht zudem auch in Widerspruch zu seiner späteren Beurteilung (App. b.c. 3,94,389f.). Vielmehr verdeutlicht der gesamte Kontext, daß am 8./9. 29

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Vgl. M. KASER (wie Anm. 3) 715-720; DERS./K. HACKL (wie Anm. 14) 190; A. WATSON (wie Anm. 11) 188-198; dazu T. GIMÉNEZ-CANDELA, Der magistratische Akt auf einem Relief des Palazzo Colonna, in R. Feenstra u.a. (Hrsg.), Collatio Iuris Romani. Études dédiées à Hans Ankum à l’occasion de son 65e anniversaire I, Amsterdam 1995, 116-122 (mit weiterer Literatur).  W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 50f.; vgl. G. BEDUSCHI, Hereditatis aditio I. L’accettazione dell’eredità nel pensiero della giurisprudenza romana classica, Mailand 1976, 19-39. 

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Mai 44 v. Chr. nur die Ermächtigung zur bonorum possessio erfolgt sein kann. In einer anschließenden contio (Cic. Att. 14,20,5; 14,21,4; 15,2,3) hat Oktavian dem Volk die Auszahlung der Legate Caesars zugesagt und weitere Vergünstigungen in Aussicht gestellt (Dio 45,6,3). Für die ‚Ratifizierung‘ der Adrogation, d.h. für den Transfer des C. Octavius in die gens Iulia, waren die comitia curiata zuständig, auch wenn diese seit der ausgehenden Republik durch 30 Liktoren vertreten wurden (Cic. agr. 2,30f.)31. Indessen scheiterten alle Bemühungen Oktavians, diesen Akt vollziehen zu lassen, zunächst an destruktiven Machenschaften seines Kontrahenten M. Antonius, (qui) cunctis artibus cooptationem Iuliae gentis inhibere(t) (Florus 2,15,2). Erfolgreich wehrte dieser einen ersten Versuch ab, als er vermutlich noch im Mai 44 v. Chr. selbst eine diesbezügliche lex curiata einbrachte, gleichzeitig aber durch einige Tribune interzedieren ließ, so daß kein Beschluß erfolgen konnte; in bezug auf Oktavian stellt Cassius Dio (45,5,4) lapidar fest: ὡς μηδέπω παῖς αὐτοῦ (i.e. Καίσαρος) ἐκ τῶν νόμων ὤν. Erst wesentlich später gelang es Oktavian, seinen Wechsel in die gens Iulia sanktionieren zu lassen. Der Tod der beiden amtierenden Konsuln – A. Hirtius und C. Vibius Pansa – vor Mutina (Liv. epit. 119; Cic. fam. 10,33,4) eröffnete ihm die Aussicht auf das höchste Staatsamt, das er im August 43 v. Chr. mit Waffengewalt erlangte32. Am 19. August d. J. ließ er sich zusammen mit Q. Pedius zum Konsul wählen und trat das Amt sofort an (Dio 46,45,3; Fer. Cum., Inscr. It. XIII 2, p. 279). Jetzt endlich besaß er die [64] Machtmittel, die lange erstrebte lex curiata bzgl. seines Gentilwechsels verabschieden zu lassen. Cassius Dio (46,47,4) hat diesen Sachverhalt zutreffend referiert: ... ἐς τὸ τοῦ Καίσαρος γένος κατὰ τὰ νομιζόμενα ἐσεποιήθη, καὶ διὰ τοῦτο καὶ τὴν ἐπίκλησιν μετέθετο. „Schon vorher“, so fährt Dio (46,47,5) fort, „hatte er sich selbst, wie einige Autoren berichten, Caesar genannt – ὠνόμαζε μὲν γὰρ πρότερον αὐτὸς ἑαυτόν ... Καίσαρα – seit der Zeit nämlich, als ihm dieser Name zusammen mit der Erbschaft zugefallen war; aber er gebrauchte ihn weder regelmäßig noch für alle verbindlich, bevor er ihn eben damals dem Herkommen gemäß regulär verliehen bekam. Und so nannte er sich fortan nach seinem Vater C. Iulius Caesar Octavianus“. Im folgenden begründet der Historiker dann diese Nomenklatur mit den üblichen Gepflogenheiten der Römer, den ursprünglichen Gentilnamen in veränderter Form als cognomen auf -ianus an den neuen Namen anzuhängen. 31

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Vgl. etwa L. ROSS TAYLOR, Roman Voting Assemblies from the Hannibalic War to the Dictatorship of Caesar, Ann Arbor 1964, 4. Dasselbe gilt natürlich auch für die oft behandelte transitio ad plebem des Clodius; vgl. H. BENNER, Die Politik des P. Clodius Pulcher, Stuttgart 1987, 41f.; Chr. KUNST (wie Anm. 5) 91f.; ergänzend M. SALVADORE, L’adozione di Clodio, Labeo 38 (1992) 285-313.  Vgl. A. ALFÖLDI, Der Einmarsch Oktavians in Rom, August 43 v. Chr., Hermes 86 (1958) 480-496; D. KIENAST (wie Anm. 3) 31f. 

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Diese Praxis ist uns in bezug auf Q. Caecilius Q. f. Pomponianus Atticus (Cic. Att. 3,20,1) bereits begegnet. Aufgrund dieses Befundes brauchen wir die Frage, ob M. Livius Drusus Claudianus, der Vater der Livia (CIL IX 3660f.; IGR IV 982; Vell. 2,75,3), als Claudius Pulcher (Suet. Tib. 3,1) von M. Livius Drusus, trib. pleb. 91 v. Chr., zu dessen Lebzeiten oder erst testamentarisch ‚adoptiert‘ wurde33, nicht zu erörtern. Auch er brachte seine natürliche Abstammung durch sein cognomen Claudianus zum Ausdruck. Damit folgte er den üblichen Regeln republikanischer Namengebung, wie sie sich an bekannten Adoptionen inter vivos abzeichnen. Verwiesen sei nur auf die leiblichen Söhne des Pydna-Siegers L. Aemilius Paullus (Polyb. 31,23,5; 31,28,1f. B.-W.). In der ausgehenden Republik gestalteten sich die Nomenklaturen freier, wie am deutlichsten der Fall des Caesar-Mörders Brutus zeigt, dessen neues gentile Caepio bereits in der Antike (lib. de praen. 2, ed. KEMPF [Val. Max.] p. 589) erläutert werden mußte34. Nur durch den Kommentar des Asconius (47, p. 53 CLARK) erfahren wir, daß T. Annius Milo, der bekannte Gegner des Clodius, aus der gens Papia stammte und in die gens Annia adoptiert wurde35. Wie Milo hat auch der [65] junge Caesar seine Herkunft aus der gens Octavia nicht betonen wollen. Um so größeren Wert legten seine Gegner auf diese Abstammung. M. Brutus bezeichnete ihn schlicht als Octavius (Cic. ep. Brut. 1,16 u. 17) bzw. als puer, quem Caesaris nomen incitare videtur in Caesaris interfectores (Cic. ep. Brut. 1,16,5)36, andere als Octavianus (Cic. fam. 10,33,3). Cicero gebrauchte das cognomen ex origine allein oder in Verbindung mit Caesar häufig (Cic. Att. 15,12,2; 16,14,1; fam. 12,32,2; 16,24,2), konnte aber bei entsprechender Gelegenheit sehr emphatisch Oktavian als Caesar meus titulieren (Cic. fam. 11,8,2; 10,28,3). Diesem Spannungsverhältnis trägt die (deutschsprachige) Forschung in der Regel dadurch Rechnung, daß sie den späteren Augustus in seiner Anfangsphase als Oktavian (mit ‚k‘) bezeichnet. In Wirklichkeit hieß er seit August 43 v. Chr. C. Iulius Caesar (CIL V 4305).

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Vgl. die unterschiedlichen Wertungen von F. MÜNZER, RE XIII 1 (1926) 881-884, s.v. Livius 19, und W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 45, Anm. 5; insgesamt D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 77; PIR2 L 294.  Vgl. D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 83, mit Hinweis auf J. GEIGER, The Last Servilii Caepiones of the Republic, AncSoc 4 (1973) 143-156; zu Scipio Aemilianus vgl. O. SALOMIES (wie Anm. 2) 10.  Vgl. B.A. MARSHALL, A Historical Commentary on Asconius, Columbia/Miss. 1985, 205; D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 66; O. SALOMIES (wie Anm. 2) 148.  Zur Echtheit der Brutus-Briefe vgl. U. GOTTER (wie Anm. 5) 286-298 (App. XV), bes. 290f. (Nomenklatur); zur Rolle Ciceros vgl. H. BELLEN, Cicero und der Aufstieg Oktavians (1985), ND in Ders., Politik – Recht – Gesellschaft. Studien zur Alten Geschichte, hrsg. vom Verf., Stuttgart 1997, 47-70. 

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Im Grunde überliefert Appian (b.c. 3,94,389) denselben Sachverhalt wie Cassius Dio. Nach den Opfern anläßlich seines Konsulatsantritts am 19. Aug. 43 v. Chr. veranlaßte Oktavian demnach, daß seine ‚Adoption‘ erneut durch eine lex curiata bestätigt wurde: ἑαυτὸν εἰσεποιεῖτο τῷ πατρὶ αὖθις κατὰ νόμον κουριάτιον; es sei nämlich möglich, die ‚Adoption‘ vor dem Volk zu vollziehen: ἔστι δ᾽ἐπὶ τοῦ δήμου γίγνεσθαι τὴν θέσιν. Die Formulierung ist in doppelter Hinsicht auffällig und bot deshalb Anlaß, die Historizität des gesamten Aktes in Frage zu stellen. Als Grieche habe Appian (wie auch Dio) eine scheingelehrte Konstruktion nach dem Modell des älteren attischen Rechts entworfen, die mit römischen Normen nichts gemein habe. Anstoß erregt die Wiederholung der Bestätigung und die Begründung, doch bietet sich dafür die naheliegende Erklärung, daß Appian (b.c. 3,14,49) die Erteilung der bonorum possessio durch den Prätor als ‚Ratifizierung‘ der Adrogation mißverstanden hat und deshalb eine Begründung für die Wiederholung suchte. SCHMITTHENNERs Kritik, Appian habe in der Kombination der adoptio eines Gewaltunterworfenen und der adrogatio einer Person sui iuris ein „privat- und staatsrechtliches Monstrum“ entworfen37, erscheint unberechtigt, da sich der Historiker nur in einem Detail geirrt hat. Analog zur adrogatio inter vivos waren auch für die adrogatio per testamentum tatsächlich die comitia curiata zuständig. Diesen Sachverhalt hat Appian zutreffend überliefert. Auch seine Schlußfolgerung bzgl. der [66] Motivation trifft im Grunde das Richtige. Mit dem Komitialakt habe Oktavian dieselben Rechte über die Verwandten (συγγενεῖς) und Freigelassenen (ἀπελεύθεροι) Caesars erlangen wollen, wie sie einem leiblichen Sohn (γνήσιος παῖς) zustanden (App. b.c. 3,94,390). Wenn der Historiker im wesentlichen Punkt des Vorgangs und in seiner Einschätzung zuverlässige Überlieferung genutzt hat, lediglich die Erläuterung falsch akzentuierte, wird man diesen Mangel den in der hohen Kaiserzeit gewandelten Formalien des Gentilrechts zuschreiben dürfen38, die auch in der

37 38

W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 53.  Zutreffend W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 43f. Gerade die Akzeptanz dieser Wertung schließt an sich aus, daß die testamentarische Adrogation Oktavians für spätere Nachfolgeregelungen als Vorbild hätte dienen können, wie Chr. KUNST (wie Anm. 5) 99, annimmt. Notwendigerweise mußte die Sicherung der Nachfolge zu Lebzeiten des Herrschers erfolgen, was auf Caesar nicht zutrifft: sein Testament hatte privatrechtlichen Charakter. Zur Herrschaftssicherung vgl. H.-U. INSTINSKY, Sicherheit als politisches Problem der römischen Kaiserzeit, Baden-Baden 1952; H. NESSELHAUF, Die Adoption des römischen Kaisers, Hermes 83 (1955) 477-495; H.G. PFLAUM, Le règlement successoral d’Hadrien, BHAC 1963, Bonn 1964, 95-122. Die umstrittene ‚Adoption‘ Hadrians durch Trajan (HA Hadr. 4,3-10; ILS 1792) und die ‚fiktive Adoption‘ des Septimius Severus durch Mark Aurel (HA Sev. 10,6; ILS 8805) brauchen uns hier nicht zu beschäftigen. 

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prosopographischen Forschung noch viele ungelöste Probleme bieten39. Tatsächlich handelte es sich bei der lex curiata vom August 43 v. Chr. also nicht um eine Ergänzung40, sondern um die notwendige Sanktionierung der testamentarischen Willenserklärung des Diktators in personenrechtlicher Hinsicht. Damit wurde C. Octavius bzw. Caesar, wie er sich bislang inoffiziell nannte, zum vollgültigen Mitglied der gens Iulia, zu C. Iulius C. f. Caesar (Fasti cos. Cap. ad ann. 43, Inscr. It. XIII 1, p. 56f.). Als weiteres Indiz für den Wechsel des Familienverbandes kann eine Notiz Suetons (Aug. 40,2) gewertet werden: Fabianis et Scaptiensibus tribulibus suis ... singula milia nummum a se dividebat. Zwei der römischen Stimmbezirke (tribus) sind hier genannt, zu denen Augustus in besonders enger Beziehung stand: die Scaptia und die Fabia. Die Forschung stimmt jedenfalls darin überein41, daß Oktavian durch Geburt in die Tribus Scaptia [67] seines natürlichen Vaters C. Octavius eingeschrieben war. Eine positive Bestätigung dafür könnte eine Notiz des Cassius Dio (45,1,1) bieten, die in der Regel als Beiname Oktavians verstanden wird. Der bereits emendierte Text lautet: ... ὁ δὲ δὴ Γαίος ὁ Ὀκτάουιος Καιπίας ... ἦν μὲν ἐξ Οὐελιτρῶν τῶν Οὐολσκίδων ... Das scheinbare cognomen entzieht sich bislang einer überzeugenden Deutung42, so daß eine Konjektur zumindest nicht ausgeschlossen ist. Gerade in diesem Zusammenhang könnte Dio den Stimmbezirk des Octavius bezeichnet haben, was von den Kopisten nicht verstanden wurde, da die Tribus Scaptia seltener bezeugt ist. Natürlich fehlen definitive Kriterien, doch ließe sich eine Emendierung in ΣΚΑΠΤΙΑΣ paläogra39

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Vgl. R. SYME, Clues to Testamentary Adoption, in: Epigrafia e ordine senatorio, Rom 1982, 397-408 mit Diskussion 408-410, ND in Ders., Roman Papers IV, Oxford 1988, 159-173; allgemein auch M. CORBIER, Divorce and Adoption as Roman Familial Strategies, in B. Rawson (Hrsg.), Marriage, Divorce and Children in Ancient Rome, Oxford 1991, 47-78, bes. 63ff.  R. DÜLL (wie Anm. 4) 7, wertet den Vorgang unzutreffend als einen „politischen Demonstrationsakt“; Chr. KUNST (wie Anm. 5) 100, folgt W. SCHMITTHENNER (s.o. Anm. 37) in der Annahme, „Appian (gehe) von einer doppelten Adoption aus“.  Vgl. W. KUBITSCHEK, De Romanorum tribuum origine ac propagatione, Wien [67] 1882, 115-118; L. ROSS TAYLOR, The Voting Districts of the Roman Republic, Rom 1960, 221f. und 239.  PIR2 I 215; vgl. den Kommentar zur Stelle von Ph. BOISSEVAIN II p. 141. Der Hinweis von D. KIENAST (wie Anm. 3) 8, Anm. 42 a, auf das Corpus Nummorum Romanorum von BANTI/SIMONETTI (149 bzw. 173) führt nicht weiter, da die Autoren den ‚Namen‘ lediglich von H. COHEN (Description I, Paris 1880, 61) übernommen haben. Den Beinamen Thurinus führt Sueton (Aug. 7,1) auf die angebliche Herkunft der gens Octavia aus der Gegend von Thurioi zurück; möglich wäre auch ein Bezug auf C. Toranius, der zum tutor für den minderjährigen Oktavian bestellt worden war (Suet. Aug. 27,1; App. b.c. 4,12,47; 4,8,71; Inscr. It. XIII 3, p. 73); zur Person vgl. F. HINARD, Les proscriptions de la Rome républicaine, Rom 1985, 534-536, Nr. 138. 

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phisch leicht nachvollziehen. Das fehlende Sigma zu Beginn wäre auf Haplographie zurückzuführen, die vier mittleren Längshasten von ΠΤΙ könnten durch leichte Verschiebung des Querstrichs nach rechts (ΙΠΙ) entstellt worden sein. Ungewöhnlich wäre lediglich die appositionelle Version der Tribusangabe mit Schlußsigma, die antiquarische Interessen des Historikers indizieren könnte43, zumal Dio sonst, soweit ich sehe, keine Stimmbezirke nennt. Die übliche Form wäre Σκαπτίᾳ. Halten wir also an der Tribus Scaptia der gens Octavia fest, so kann der Wechsel Oktavians in die Tribus Fabia der gens Iulia (PAIS, Suppl. 155 = ILS 2703) nur als Folge seines Transfers in den neuen Familienverband infolge des Komitialaktes vom August 43 v. Chr. stattgefunden haben44. [68] Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen, so hat sich gezeigt, daß die antiken Autoren die Auseinandersetzung um das Testament Caesars in den wesentlichen Etappen zutreffend überliefert haben. Diese Einschätzung ist weder neu, noch konnte neues Beweismaterial vorgelegt werden45. Insofern aber versucht wurde, die Fragestellung konsequent unter neuen Aspekten zu behandeln, finden auch scheinbare Widersprüche oder Entstellungen, die der ideologischen Propaganda des Augustus angelastet wurden, eine angemessene Erklärung. Möglicherweise hat die Argumentation ‚offene Türen eingerannt‘, da die althistorische Forschung schon immer von einer testamentarischen ‚Adoption‘ Oktavians durch den Diktator Caesar ausging. Wenn hier aber eine Begründung des Kenntnisstandes gelungen sein sollte, hätte die Analyse ihren Zweck erfüllt. Den Ausgangspunkt bildete die Differenzierung von adoptio und adrogatio, wobei in unserem Falle nur letztere Alternative in Betracht kam, weil Oktavian zum Zeitpunkt der Testamentserstellung sui iuris war. Technisch erfolgte die Adrogation durch die comitia curiata, so daß die Berichte der griechischen Histo43

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Die appositionelle Form der Tribusangabe findet sich etwa in Dokumenten aus der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. (SEG III 451; Syll.3 664): Σ‹τ›ηλατίνας, Ποπιλίας Κρυστομίνας; vgl. R.K. SHERK, Roman Documents from the Greek East, Baltimore 1969, 34-39, Nr. 4/5. Die übliche Form bietet die Zeugenliste des SC de agro Pergameno (R.K. SHERK, ebd. 63-73, Nr. 12).  Vgl. Gell. 5,19,15f. Leider bleibt die tribus des Pomponius Atticus ebenso unbekannt (Cic. Att. 1,18,4; 1,19,5) wie die seines Onkels Caecilius, so daß dieser Fall einer testamentarischen Adrogation bzgl. des möglichen Tribuswechsels keine Anhaltspunkte bietet.  Vgl. J.J. BACHOFEN, Über die testamentarische Adoption, in Ders., Ausgewählte Lehren des römischen Civilrechts, Bonn 1848, 228-244; dazu die Kritik Th. MOMMSENs, Zur Lebensgeschichte des jüngeren Plinius (1869), ND in Ders., Gesammelte Schriften IV, Berlin 1906, 366-468, bes. 397-412, hier: 398, Anm. 1; B. DOER (wie Anm. 13) 74-80; M.-H. PRÉVOST (wie Anm. 3) 29-34; B. PARSI, Désignation et investiture de l’empereur romain, Paris 1963, 3-5; H. GESCHE, Caesar, Darmstadt 1976, 175-177; D.R. SHACKLETON BAILEY (wie Anm. 13) 60-64. Auch U. GOTTER (wie Anm. 5) 239 und 265, entscheidet sich schließlich für die „testamentarische Adoption“ und steht damit in einem gewissen Spannungsverhältnis zu seiner sonstigen Wertung (26 und 57f.). 

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riker in dieser Hinsicht schlüssig sind. Das Problem ergab sich daraus, daß dieser Akt zunächst am Widerstand des M. Antonius scheiterte, Erbschaftsantritt und Gentilwechsel somit nicht gleichzeitig erfolgen konnten, sondern zeitlich versetzt stattfanden. Solange Oktavian nicht zum Iulius geworden war, blieb er heres extraneus mit der Konsequenz, daß die Erteilung der bonorum possessio durch den Prätor erforderlich war. Diesen Vorgang hat Appian als Bestätigung der ‚Adoption‘ mißverstanden und damit den Weg zum Verständnis des Komitialaktes vom August 43 v. Chr. versperrt. Nicht Appian war es, der dieses Ereignis einer Adrogation inter vivos nachgebildet hat46, sondern der Akt selbst bildete den notwendigen Abschluß auch einer testamentarischen Adrogation. Der in seiner Folgewirkung gut dokumentierte Präzendenzfall einer adrogatio per testamentum des Pomponius Atticus durch seinen Onkel Q. Caecilius verlief deshalb unproblematisch, weil ihm [69] die politische Dimension fehlte. Im Grunde könnte man auf die gnomischen Zeichen bei der testamentarischen ‚Adoption‘ Oktavians durch Caesar auch verzichten, da Gaius (1,98f.) adrogatio und adoptio unter den Oberbegriff der ‚Adoption‘ subsumierte (vgl. Iul. D. 28,7,11)47. Insofern resultiert die bisherige Verwendung aus methodologischen Überlegungen. Warum aber, so bleibt zu fragen, hat Oktavian solchen Wert auf eine lex curiata gelegt? Hätte er sich nicht mit der Erbeinsetzung und dem propagierten Anspruch, Caesars Sohn zu sein, begnügen können? Ich meine nicht! In besonderem Maße hängt dies mit dem spezifisch römischen Verständnis der agnatischen Verwandtschaft zusammen (Gaius 1,156). Abstammung war für die Römer bekanntlich keine Frage des Blutes, sondern des Rechts (Ulp. D. 50,16,195,2) – in allem war der adoptierte oder adrogierte Sohn dem leiblichen Nachkommen gleichgestellt (Gaius 1,97; Ulp. D. 23,2,12,4)48. Er führte die sacra der Familie fort, garantierte den Fortbestand der gens mit allen ihren vielfältigen Verbindungen und Wechselbeziehungen wirtschaftlicher, sozialer und politischer Art. Dies war ein Erbe, welches nicht in Vermögenswerten oder barer Münze gemessen werden konnte, sondern nach römischem Verständnis als immaterielles Gut vom pater auf den filius überging. Als Sohn besaß Oktavian einen Rechtsanspruch auf die gesamten Verbindungen und Treueverhältnisse Caesars, und dieser Anspruch wurde von der Gesellschaft respektiert. Dieses Klientelverhältnis bezog sich aber nicht nur, wie Appian (b.c. 3,94,390) im 2. Jh. n. Chr. interpretierte, auf Verwandte und Freigelassene, sondern auf alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, auf die gesamte Umwelt einschließlich der Legionen, Veteranen, der plebs urbana, der Senatoren und Ritter, ganzer Regionen, Provinzen und Klientel46 47 48

So W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 53.  Vgl. auch O. SALOMIES (wie Anm. 2) 5.  Zur Folgewirkung von Adrogation bzw. Adoption vgl. R. KNÜTEL (wie Anm. 16) 254-258 (bes. auch zur Adoption als Enkel). 

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königreiche49. Um diesen entscheidenden Punkt nochmals zu betonen: Für Oktavian ging es nicht um freiwillige Loya[70]lität, die er mit Caesars Namen gewinnen konnte, sondern um einen einklagbaren Rechtstitel, der ihm als Sohn Caesars zustand. Gerade formaljuristischen Belangen hat er seither immer besondere Beachtung gewidmet50. Um die eingangs gestellte Frage nach der Leistung Oktavians aufzugreifen, so hat unsere Analyse bestätigt, daß Caesars Testament privatrechtlichen Charakter hatte51, weder dessen staatsrechtliche Stellung als dictator, noch etwa die Würde eines pontifex maximus vererben konnte oder wollte. Oktavian hat die Chance genutzt, daß er von Caesar, der ja nicht mit seiner Ermordung rechnete, testamentarisch adrogiert worden war. In der Umsetzung dieser Willenserklärung erwies er sich als geschickter Taktiker. Wie ein guter Pokerspieler nicht ohne Grundlage blufft, hat er seine Karten, deren politische Brisanz von den Gegnern zutreffend als gefährliches Potential erkannt wurde, überlegt ausgespielt. Die notwendige lex curiata, die der Willenserklärung des Testators Rechtskraft verlieh, verzögerte sich zwar aufgrund des Widerstandes seines Rivalen M. Antonius, ließ sich aber nicht dauerhaft verhindern. So mußte sich Oktavian fast anderthalb Jahre mit dem Anspruch, als Sohn Caesars zu gelten, begnügen. Propagandistisch erfüllte schon der Name Caesar in seiner charismatischen Wirkung den politischen Zweck, auch damit erzielte 49

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Vgl. in jüngerer Zeit etwa N. ROULAND, Pouvoir politique et dépendance personnelle dans l’antiquité romaine, Brüssel 1979; E. DENIAUX, Clientèle et pouvoir à l’époque de Cicéron, Rom 1993; ergänzend H. BOTERMANN, Die Soldaten und die römische Politik in der Zeit von Caesars Tod bis zur Begründung des Zweiten Triumvirats, München 1968, bes. 177ff.; P. GRATTAROLA, I Cesariani dalle idi di marzo alla costituzione del secondo triumvirato, Turin 1990; E. BADIAN, Foreign Clientelae, 264-70 B.C.; Oxford 1958, bes. 1-14 und 252-290; W. HOBEN, Untersuchungen zur Stellung kleinasiatischer Dynasten in den Machtkämpfen der ausgehenden römischen Republik, Diss. Mainz 1969; M. CIMMA, Reges socii et amici populi Romani, Mailand 1976, bes. 263-342.  So z.B. in bezug auf die Umsetzung der Konsekration Caesars (vgl. Anm. 52), die Übernahme des Oberpontifikats nach dem Tode des Aemilius Lepidus (Mon. Anc. 10; Fer. Cum., Inscr. It. XIII 2, p. 279) oder die Regelung seiner Nachfolge (Dio 53,30,1f.; 53,31,2f.; Suet. Aug. 64,1; Suet. Tib. 15,2; vgl. Inst. 1,11,11); vgl. VERF., Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69235 n. Chr.), ANRW II 16,1 (1978) 655-819, hier: 661f. und 737f.; H.-U. INSTINSKY, Augustus und die Adoption des Tiberius, Hermes 94 (1966) 324-346; insgesamt auch D. KIENAST (wie Anm. 3) 421-425.  Zutreffend etwa M. JEHNE, Der Staat des Dictators Caesar, Köln/Wien 1987, 328f. und 448f. U. GOTTER (wie Anm. 5) 57, unterstellt wieder „einen über ‚das Privatrechtliche‘ hinausgehenden Charakter“ des Testaments und verwechselt somit Willenserklärung und Folgewirkung; seine psychognostische Analyse der Motivation Caesars (58) entzieht sich objektiven Kriterien; vgl. dazu K. CHRIST, Caesar. Annäherungen an einen Diktator, München 1994. 

Oktavian und das Testament Caesars

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Oktavian beachtliche Erfolge (Cic. fam. 10,24,5), ohne indessen sein Ziel aus dem Auge zu verlieren. Nicht der Name war für ihn entscheidend, sondern die Anerkennung als Sohn Caesars, als C. Iulius C. f. Caesar52. Daß er dieses Ziel auf rechtlichem Wege erreicht hat, stellt seine politischen Fähigkeiten unter Beweis, auch wenn er seinem Recht gewaltsam Geltung verschaffen mußte.

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Zur weiteren Entwicklung des Herrschernamens vgl. VERF., Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die auspicia des Augustus, Historia 34 (1985) 191-222, bes. 197-205 [hier 93-12, bes. 99-1]. 

Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die a uspicia des Augustus* Es scheint vermessen, ohne Vorlage neuen Quellenmaterials eine Problematik aufzugreifen, die Theodor MOMMSEN in seinem maßgeblichen Kommentar zum Tatenbericht des Augustus wenigstens für dessen Person scheinbar abschließend geklärt hat1. Selbstbewußt verkündete der Kaiser hier der Nachwelt: Bis ovans triumphavi et tris egi curulis triumphos et appellatus sum viciens et semel imperator ...2. Abgesehen von den imperatorischen Akklamationen wird diese Behauptung durch Sueton bestätigt: ... Bis ovans ingressus est urbem post Philippense et rursus post Siculum bellum. Curulis triumphos tris egit, Delmaticum, Actiacum, Alexandrinum continuo triduo omnes3. Alle diese Siegesfeiern setzten nach republikanischem Brauch eine Akklamation voraus, glücklicherweise bestätigt Orosius positiv, die sechste Akklamation des jungen Caesar sei auf den Seesieg von Actium am 2. September 31 v. Chr. zu beziehen: (scil. ob victoriam Actiacam) Caesar sexto imperator appellatus est4. Eine Ehreninschrift aus der Umgebung von Capua bietet diese Akklamation in Verbindung mit dem dritten Konsulat Caesars (31 v. Chr.): Imp. Caesari Divi [f.] imp. VI, cos. III [pa]trono d. c. [d.]5. Die zunächst mißverständliche Notiz Suetons, der spätere Augustus habe nach Philippi eine ovatio gefeiert, wird durch die Triumphalfasten dahingehend präzisiert, daß dieses Ereignis erst im Jahre 40 v. Chr. stattgefunden hat, als der damalige Triumvir zusammen mit seinem Amtskollegen M. Antonius aufgrund der Aussöhnung von Brundisium im Herbst d. J. den ‚kleinen Triumph‘ in Rom feierte6: [192] * 1

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[zuerst erschienen in: Historia 34, 1985, 191-222] Th. MOMMSEN: Res gestae Divi Augusti ex monumentis Ancyrano et Apolloniensi 2(Berlin 1883) 11-18; vgl. J.D. NEWBY: A Numismatic Commentary on the Res Gestae of Augustus (Edmond/Oklahoma 1938) 8-18; R. COMBÈS: Imperator. Recherches sur l’emploi et la signification du titre d’imperator dans la Rome républicaine (Paris 1966) bes. 457-464; H. VOLKMANN: Res gestae Divi Augusti 3(Berlin 1969) 14f.; C.H.V. SUTHERLAND: Octavian’s Gold and Silver Coinage from c. 32 to 27 B.C., in: Numismatica e Antichità Classiche 5. Quaderni Ticinesi (Lugano 1976) 129-157. Die späteren Akklamationen (nach Actium) behandelten in neuerer Zeit eingehend T.D. BARNES: The Victories of Augustus, JRS 64 (1974) 21-26; R. SYME: Some Imperatorial Salutations, Phoenix 33 (1979) 308-329. Aug. r.g. 4. Suet. Aug. 22; zur Zahl der Akklamationen insgesamt vgl. Tac. ann. 1,9,2; Dio 52,41,4. Oros. 6,19,14. CIL X 3826 = ILS 79. Fasti triumph. Capit. ad ann. 40, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 40, Inscr. It. XIII 1, p. 342f.

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

Imp. Caesar Divi f. IIIvir r. p. c. ov[ans an. DCCXIII], quod pacem cum M. Antonio fecit, [---]. M. Antonius M. f. M. n. IIIvir r. p. c. ovan[s an. DCCXIII], quod pacem cum Imp. Caesare feci[t, ---]. Verfolgen wir die Aufzählung Suetons und des Monumentum Ancyranum, so kommen zwischen Brundisium und Actium nur zwei Ereignisse in Betracht, welche mit einer imperatorischen Akklamation in Verbindung zu bringen sind: der Sieg über Sex. Pompeius7 und der Erfolg in Illyricum (Dalmatia)8. Letzterer müßte demnach mit imp. V, Mylae/Naulochos mit imp. IV in Beziehung zu setzen sein. Für die III. Akklamation bleibt demnach nur ein Bezug auf Brundisium übrig. Bislang wurde diese Lösung, soweit ich sehe, nicht in Betracht gezogen. Bevor wir indessen eine Begründung unseres Ansatzes versuchen, müssen wir zunächst den Befund bezüglich des Triumvirn Antonius skizzieren. Hier zeichnet sich die Situation wesentlich komplizierter ab. Nach Ausweis der Münzprägung zählte er im Jahre 31 v. Chr. vier imperatorische Akklamationen, die IV. in Verbindung mit seinem (3.) Konsulat9. Zwar hatte ihm sein Rivale Caesar dieses Amt im Vorjahr aberkennen lassen10, doch blieb dieser Beschluß für Antonius natürlich unverbindlich. In seiner von Cassius Dio stilisierten Rede nahm Caesar unmittelbar vor der Entscheidungsschlacht am 2. September 31 v. Chr. also auf diese vier Akklamationen seines Gegners Bezug11, den er selbst als imp. V damals bereits übertrumpfte. 7

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Fasti triumph. Capit. ad ann. 36, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 36, Inscr. It. XIII 1, p. 342f.; vgl. Fasti Amit., Inscr. It. XIII 2, p. 192f.; zuletzt B. SCHOR: Beiträge zur Geschichte des Sex. Pompeius. Hochschulsammlung Philosophie. Geschichte 1 (Stuttgart 1978) bes. 47-55. Den entsprechenden Triumph feierte Caesar 29 v. Chr. im Zusammenhang mit den Siegen von Actium und Alexandria: Fasti triumph. Barberin. ad ann. 29, Inscr. It. XIII 1, p. 344f.; zu den Voraussetzungen vgl. W. SCHMITTHENNER: Octavians militärische Unternehmungen in den Jahren 35-33 v. Chr., Historia 7 (1958) 189-236. M.H. CRAWFORD: Roman Republican Coinage (= RRC). 2 Bde. (Cambridge 1974) Nr. 545. Die Akklamationen des Antonius untersuchte Th.V. BUTTREY: Studies in the Coinage of Marc Antony (Diss. Princeton 1953) 1-33; im Ergebnis deckt sich seine Datierung mit dem Ansatz von P. GROEBE: RE I 2 (1894) 2595f., s.v. Antonius 30 (imp. I: 44/43 v. Chr.; II: 38 v. Chr.; III: 36 v. Chr.; IV: 31 v. Chr.). Die Datierungen halten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Keine neuen Erkenntnisse vermittelt H. BENGTSON: Marcus Antonius. Triumvir und Herrscher des Orients (München 1977). Dio 50,4,3; vgl. 50,20,6; dazu V. FADINGER: Die Begründung des Prinzipats. Quellenkritische und staatsrechtliche Untersuchungen zu Cassius Dio und der Parallelüberlieferung (Berlin 1969) 214-222 und 265-271; ergänzend noch P. WALLMANN: Die Zusammensetzung des Senats im Jahre 32 v. Chr., Historia 25 (1976) 305-312. Dio 50,25,1.

Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

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Wann Antonius zum vierten Male als imperator akklamiert worden ist, läßt sich mit letzter Sicherheit wohl nicht ermitteln. Indessen spricht nichts dafür, [193] dieses Ereignis in das Jahr 31 v. Chr. zu datieren und mit einem unbekannten Erfolg im Vorfeld der Entscheidung von Actium in Beziehung zu setzen. Als Anlaß kommt m.E. nur das Jahr 34 v. Chr. in Betracht, als Antonius nach der Gefangennahme des Artavasdes und der Okkupation Armeniens 12 nach Alexandria zurückkehrte, um dort eine ‚Art von Triumph‘ – genauer: eine dionysische Pompa – zu feiern13. Dieses Ereignis setzte wohl zwingend eine Akklamation voraus. Nur scheinbar stehen dieser Interpretation Prägungen der östlichen Münzstätte entgegen, welche auf dem Avers das Porträt des Triumvirn zeigen mit der Legende ANTON AVG IMP III COS DES III IIIVIR RPC. Die Rückseite nennt M. (Iunius) SILANVS als AVG(ur) und Q(aestor) der Provinz Achaia (cum imperio) PROCO(n)S(ulari)14. Allgemein wird diese Emission in das Jahr 33 v. Chr. datiert, der Ansatz damit begründet, daß Antonius sich im Vorjahr als COS II DES III hätte bezeichnen müssen15. Diese Schlußfolgerung erscheint indessen ebenso unverbindlich wie im Falle der vieldiskutierten Bauinschrift von Tergeste, wo Caesar sich im Jahre 33 (!) v. Chr. bezeichnete als [Imp. Caesar] cos. desig. tert. / [IIIvir r. p.] c. iter 16. Die Designation zum dritten Konsulat setzte jeweils die Iteration des Amtes voraus, ohne daß diese ausdrücklich erwähnt zu werden brauchte, zumal Antonius 34 v. Chr. überhaupt nur einen Tag als consul amtierte17. Von daher bereitet die Datierung der genannten Denaremission in das Jahr 34 v. Chr., vor die Okkupation Arme12

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R.F. ROSSI: Marco Antonio nella lotta politica della tarda repubblica romana. Università degli Studi di Trieste. Facoltà di Lettere e Filosofia. Istituto di Storia Antica 1 (Triest 1959) 108f. und 149f.; H. BUCHHEIM: Die Orientpolitik des Triumvirn M. Antonius. Ihre Voraussetzungen, Entwicklung und Zusammenhang mit den politischen Ereignissen in Italien. Abh. Akad. Heidelberg 1960, 3 (Heidelberg 1960) 90f. BUCHHEIMs Studie bleibt maßgeblich trotz der neueren Untersuchung von H. BENGTSON: Zum Partherfeldzug des Antonius. SBAW 1974, 1 (München 1974) bes. 44-46. Dio 49,40,3; vgl. V. FADINGER: Begründung des Prinzipats (wie Anm. 10) 150-153. Anders datierte diese Akklamation Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 26-33; sein Ansatz auf 31 v. Chr. erscheint mir unverbindlich. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 542; vgl. E. BERNAREGGI: La monetazione in argento di Marco Antonio, in: Numismatica e Antichità Classiche (2). Quaderni Ticinesi (Lugano 1973) 63-105, hier: 98f. E. GROAG: Die römischen Reichsbeamten von Achaia bis auf Diokletian. Akad. Wiss. Wien. Schriften der Balkankommission. Antiquarische Abteilung 9 (Wien/Leipzig 1939) 8-10. Soweit ich sehe, wird die Datierung auf 34 v. Chr. nur vermutet von Ph.V. HILL: From Naulochos to Actium: The Coinages of Octavian and Antony, 36-31 B.C., in: Numismatica e Antichità Classiche 5. Quaderni Ticinesi (Lugano 1976) 123. CIL V 525 = ILS 77 = ILLRP I2 Nr. 418 = Inscr. It. X 4, Nr. 20; zur Problematik vgl. V. FADINGER: Begründung des Prinzipats (wie Anm. 10) 104 und 110. Dio 49,39,1.

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niens, also keine Schwierigkeiten. M. Silanus war damals quaestor Achaiae mit einem imperium proconsulare, seine Ehreninschrift aus [194] Athen, die ihn als ἀντιταμίας (= proquaestor) bezeichnet, wurde 33 v. Chr. gesetzt18. Die vierte Akklamation des Antonius wird auch dokumentiert durch Denaremissionen, für die L. Pinarius Scarpus als Statthalter der Cyrenaica verantwortlich zeichnete19: Vs.: M ANTO COS III IMP IIII (Kopf des Jupiter Ammon n.r.) Rs.: SCARPVS IMP LEG VIII bzw. ANTONIO AVG SCARPVS IMP (Legionsadler zwischen zwei Feldzeichen bzw. Victoria mit Kranz und Palmzweig). Aufgrund dieser Prägungen hat Friedrich MÜNZER eine Relation zwischen der IV. Akklamation des Antonius und der Bezeichnung des Pinarius als imp(erator) vermutet: „Den Imperatortitel hat er (Scarpus) vielleicht durch einen kriegerischen Erfolg über libysche Eingeborene erworben und hat dadurch wohl auch dem Antonius die auf seinen Denaren verzeichnete vierte Erneuerung des seinigen (Imperatortitels) verschafft ...20.“ Wann Pinarius diesen Sieg errungen haben mag, läßt sich nicht feststellen, die Vermutung indessen, er habe seine Akklamation mit Antonius geteilt bzw. an den Triumvirn abgetreten, führt uns zum eigentlichen Problem unserer Überlegungen. Jahre hindurch bezeichnete sich Antonius in der Münzprägung als imp(erator) III. Zwei Beispiele mögen genügen21: 34 v. Chr.: Vs.: M ANTONI M F M N AVG IMP TERT (Kopf des Triumvirn n. r.) Rs.: COS ITER ΔESIGN TERT IIIVIR R P C (Kopf des M. Antonius filius n. r.); 36 v. Chr.: Vs. ANTONIVS AVGVR COS DES ITER ET TERT (Kopf des Triumvirn n. r.) Rs.: IMP TERTIO IIIVIR R P C (Armenische Tiara). Als Anlaß dieser III. Akklamation wird im allgemeinen der Feldzug des P. Ventidius Bassus gegen Q. Labienus und den parthischen Kronprinzen Pacorus (39/38 18 19

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Syll.3 767 = IG II/III2 4114. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 546; vgl. Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 27f.; E. BERNAREGGI (wie Anm. 14) 100f.; Ph.V. HILL (wie Anm. 15) 124-127. F. MÜNZER: RE XX 2 (1950) 1405, s.v. Pinarius 24. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 541 und Nr. 539; vgl. (mit abweichender Interpretation) Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 16-26; ebenso E. BERNAREGGI (wie Anm. 14) 91-95.

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v. Chr.) vermutet. Im Frühjahr 39 v. Chr. hatte Bassus am Taurus zunächst Labienus, dem Parthicus imperator22, eine vernichtende Niederlage zugefügt und damit ganz Kleinasien für Rom zurückgewonnen23, [195] im Sommer 38 v. Chr. dann Pacorus bei Gindaros (südwestlich von Cyrrhus) in offener Feldschlacht, in welcher der Partherprinz den Tod gefunden hat, besiegt24. Auf diese beiden Erfolge hat etwa Hans GUNDEL die II. und III. imperatorische Akklamation des Antonius zurückgeführt25 und damit am deutlichsten die allgemeine Auffassung formuliert, Ventidius Bassus habe als Legat des Triumvirn keine auspicia besessen, das Verdienst an den Siegen habe Antonius als dem Oberbefehlshaber zugestanden. Eine Bestätigung dieser These scheint Cassius Dio zu bieten, der zweimal – zum Jahre 39 und zum Jahre 38 v. Chr. – ausdrücklich auf die angeblich republikanische Tradition verweist, um dann aufwendig zu erläutern, weshalb Ventidius schießlich doch einen Triumph in Rom gefeiert habe. Die beiden Passagen verdienen, im Wortlaut wiedergegeben zu werden26: ... καὶ αὐτὸς (scil. ὁ Οὐεντίδιος) μὲν οὐδὲν ἐπ’αὐτοῖς παρὰ τῆς βουλῆς, ἅτε οὐκ αὐτοκράτωρ ὢν ἀλλ’ἑτέρῳ ὑποστρατηγῶν, εὕρετο, ὁ δὲ Ἀντώνιος καὶ ἐπαίνους καὶ ἱερομηνίας ἔλαβεν. ... καὶ διὰ τοῦτο καὶ τῆς ἀρχῆς αὐτὸν (scil. τὸν Οὐεντίδιον) ἔπαυσε (scil. ὁ Ἀντώνιος), καὶ ἐς οὐδὲν ἔτι οὔτ’αὐτίκα οὔθ’ὕστερον αὐτῷ ἐχρήσατο, καίτοι καὶ ἱερομηνίας ἐπ’ἀμφοτέροις τοῖς ἔργοις καὶ ἐπινίκια δι’αὐτὸν λαβών. oἵ γε μὴν ἐν τῷ ἄστει Ῥωμαῖοι ἐψηφίσαντο μὲν τῷ Ἀντωνίῳ ταῦτα πρός τε τὸ προῦχον αὐτοῦ καὶ ἐκ τοῦ νόμου, ὅτι ἡ στρατηγία ἐκείνου ἦν, ἐψηφίσαντο δὲ καὶ τῷ Οὐεντιδίῳ, ἅτε καὶ τὴν συμφορὰν τὴν ἐπὶ τοῦ Κράσσου σφίσι γενομένην ἱκανώτατα τοῖς Πάρθοις διὰ τοῦ Πακόρου, καὶ μάλισθ’ὅτι ἐν τῇ αὐτῇ ἡμέρᾳ ἑκατέρου τοῦ ἔτους ἀμφότερα συνηνέχθη, νομίζοντες ἀνταποδεδωκέναι. καὶ συνέβη γε τῷ Οὐεντιδίῳ μόνῳ τε τὰ νικητήρια ἑορτάσαι ὥσπερ καὶ μόνος ἐνίκησεν (ὁ γὰρ Ἀντώνιος προαπώλετο) ...

Die Begründung des Historikers, Ventidius Bassus habe den Triumph gefeiert, weil Antonius zwischenzeitlich verstorben sei, trifft indessen sicher nicht zu.

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Dio 48,26,5; M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 524; vgl. H. BUCHHEIM: Orientpolitik (wie Anm. 12) 75f.; zur Familie R. SYME: The Allegiance of Labienus (1938), ND in: Ders.: Roman Papers (Oxford 1979) I 62-75. Dio 48,40,1-41,3. Dio 49,20,1-4. H. GUNDEL: RE VIII A 1 (1955) 809-812 s.v. Ventidius 5. Dio 48,41,5 und 49,21,1-3.

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Durch die Triumphalfasten (Capitolini und Barberiniani) wird dieses Ereignis auf den 27. November 38 v. Chr. datiert27: P. Ventidius P. f. pro cos. ex Tauro an. DCCX[V] monte et Partheis V k. Decem. P. Ventidius e[x] Tauro monte et Parthis V k. D[e]c. triumphavit, palm. de[dit.]. [196] Daß Ventidius Bassus zudem auch die Bezeichnung imp(erator) seinem Namen nachgestellt hat, wird durch Prägungen der begleitenden Münzstätte des Feldherrn dokumentiert28: Vs.: M ANT IMP IIIV(ir) R P C (Kopf des Triumvirn n.r.) Rs.: P VENTIDI PONT IMP (Männliche Gestalt mit Zepter und Palmzweig stehend en face, Kopf n.r. gewandt).

Der Befund epigraphischer und numismatischer Zeugnisse erweist die Ausführungen des Cassius Dio offensichtlich als anachronistisch. Ventidius hat weder seine Akklamation(en), noch seinen Triumph an den Triumvirn abgetreten. Der Historiker hat die kaiserzeitliche Praxis, als in der Tat das Verdienst an militärischen Erfolgen nicht dem kommandierenden General, sondern dem Princeps als Inhaber der auspicia zukam29, auf die Zeit des Triumvirats projiziert. Der Fall des Ventidius zeigt indessen, daß diese Einschätzung nicht den historischen Gegebenheiten entspricht. 27 28

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Fasti triumph. Capit. ad ann. 38, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 38, Inscr. It. XIII 1, p. 342f. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 531; vgl. Th.V. BUTTREY: The Denarius of P. Ventidius, ANSMusN 9 (1960) 95-108 und Taf. VIII (mit anfechtbaren Hypothesen); ebenso bereits DERS.: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9), 10-15. Vgl. unten S. 220 [hier 125]. Daß diese Auffassung für die Zeit des Triumvirats unverbindlich war, wird indirekt durch Prägungen im Auftrag des M. Antonius bestätigt. Deren Avers zeigt Opfergeräte (lituus/Kanne) mit der Legende M ANTON IMP AVG IIIVIR R P C, auf dem Revers wird sein ,Legat‘ L. Munatius Plancus als IMP ITER bezeichnet (M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 522, 3f.). Die erste Akklamation des Plancus bezieht sich auf seine Erfolge in Gallien und Raetien (Cic. Phil. 3,15,38; vgl. Cic. fam. 10,8 und 10,24), die zweite wird in der Regel mit seinem Prokonsulat in Asia in Beziehung gesetzt (PIR2 M 728, p. 318f.). Aus chronologischen Gründen (Dio 48,26,3) erscheint indessen der letztere Ansatz eher problematisch, so daß mehr für einen Bezug auf das bellum Perusinum spricht (App. b.c. 5,33,131). Wie man sich diesbezüglich auch entscheidet, hätte die Akklamation nach Einschätzung des Cassius Dio jedenfalls dem Antonius als dem Oberbefehlshaber zugestanden. Wenn der Triumvir sich lediglich als IMP (ohne Iteration) bezeichnet, Plancus hingegen als IMP ITER, so zeigt der Befund, daß Antonius das Verdienst am Erfolg seines Generals nicht für sich in Anspruch genommen hat, Plancus demnach die auspicia besaß.

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Natürlich haben diese Überlegungen auch Auswirkungen auf die Beurteilung der Akklamationen Caesars. Dessen III. Ausrufung zum imperator wird allgemein auf die Erfolge des M. Vipsanius Agrippa in Gallien bezogen. Agrippa habe 38 v. Chr. auf einen ihm von dem Triumvirn zugestandenen Triumph verzichtet, seine Akklamation an den Oberkommandierenden abgetreten, seither habe Caesar sich als imp(erator) III bezeichnet: ... (τὸν Ἀγρίππαν) τῇ τε δόσει τῶν νικητηρίων ἐτίμησε καὶ ἐκπονῆσαί τε τὸ ναυτικὸν ἐκέλευσε (scil. ὁ Καῖσαρ). καὶ ὅς (ὑπάτευε δὲ μετὰ Λουκίου Γάλλου) τὰ μὲν ἐπινίκια οὐκ ἔπεμψεν, αἰσχρὸν εἶναι νομίσας τοῦ Καίσαρος κακῶς πεπραγότος γαυρωθῆναι, τὸ δὲ δὴ ναυτικὸν πάνυ προθύμως ἐξειργάσατο30. [197] Agrippa hat den angebotenen Triumph nicht gefeiert, offiziell auch die

Bezeichnung imp(erator) nicht geführt. Inoffizielle Ehrungen31 stellen diesen Befund nicht in Frage, so daß wir in Anlehnung an Velleius die Funktion des Feldherrn als minister principalis des Caesar-Augustus charakterisieren dürfen32. Insoweit trifft also die Darstellung des Cassius Dio durchaus zu. Doch berechtigt uns dieser Verzicht auch zur Vermutung, Caesar habe als Triumvir den Erfolg seines Generals für sich in Anspruch genommen und deshalb die Zahl seiner imperatorischen Akklamationen auf drei erhöht? Der analoge Fall des Ventidius Bassus und des M. Antonius sollte zur Vorsicht mahnen, zumal Dio diesbezüglich keinen Hinweis bietet. Als Alternative für die III. Akklamation Caesars kommt unter diesen Voraussetzungen nur die ovatio vom Jahre 40 v. Chr. in Betracht, die er gemeinsam mit seinem Amtskollegen Antonius aufgrund der Versöhnung von Brundisium feierte. Der Gedanke liegt nahe, daß damals beide Triumvirn die III. imperatorische Akklamation angenommen haben, um sich so der Öffentlichkeit als gleichberechtigte Partner zu präsentieren. Damit steht einer Datierung der Münzemission, deren Legende Antonius als (Vs.) M ANTONIVS M F M N 30

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Dio 48,49,3f.; vgl. D. MCFAYDEN: The History of the Title Imperator under the Roman Empire (Diss. Chicago 1920) 35; R. SYME: Imperator Caesar. Eine Studie zur Namengebung [197] (1958), dtsche. Übers. in: Augustus, hrsg. von W. Schmitthenner (Darmstadt 1969) 264-290, hier: 279f.; eine andere Auffassung vertritt allerdings R. COMBÈS: Imperator (wie Anm. 1) 133 und 140. CIL IX 262 (?); 2200; ILS 8897. Der scheinbar widersprechende Befund der ‚ursprünglichen‘ Bauinschrift der Maison Carrée in Nîmes darf inzwischen als erledigt gelten, da diese Inschrift nicht existierte; vgl. R. AMY/P. GROS: La Maison Carrée. 2 Bde. Gallia Suppl. 38 (Paris 1979) I 177-194; II Taf. 39 und 41. Vell. 2,93,2: ... Agrippa ... sub specie ministeriorum principalium profectus in Asiam ...; vgl. auch die laudatio funebris des Augustus auf Agrippa (P. Colon. 4701): in der griechischen Paraphrase wird seine Funktion als ὑπαρχεία charakterisiert; dazu L. KOENEN: Die ‚laudatio funebris‘ des Augustus für Agrippa auf einem neuen Papyrus, ZPE 5 (1970) 217-283, hier: 235-241; vgl. noch K. BRINGMANN: Imperium proconsulare und Mitregentschaft im frühen Prinzipat, Chiron 7 (1977) 219-238, bes. 219-221.

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

AVGVR IMP TER, (Rs.) IIIVIR R P C COS DESIG ITER ET TERT bezeichnet33, in die Zeit nach Brundisium nichts im Wege. Das Porträt der Octavia auf dem Revers des Aureus nimmt direkten Bezug auf ihre Eheverbindung mit Antonius, welche sich als Konsequenz der Versöhnung ergab und das Einvernehmen zwischen beiden Triumvirn sichern sollte34. Genauere Datierungskriterien ergeben sich aus der Designation des Antonius zum zweiten und dritten Konsulat. Nach Cassius Dio wurden noch im Dezember 40 v. Chr. die amtierenden consules im Amt abgelöst durch Vertrauenspersonen der Triumvirn: L. Cornelius Balbus und P. Canidius35. Anfang 39 v. Chr. wurden sodann die Konsulate für die folgenden acht Jahre verteilt: ... οὗπερ καὶ ἀρχὰς ἄλλας τε ἐπὶ πλείω ἔτη καὶ τὴν τῶν ὑπάτων ἐς [198] ὀκτὼ ὅλα προκατεστήσαντο36. Zweifellos haben die Triumvirn damals auch ihre eigenen

Konsulate zeitlich festgelegt, wenngleich die Regelung wenige Monate später durch Einbeziehung des Sex. Pompeius aufgrund des Vertrags von Misenum hinsichtlich der Jahre 34-31 v. Chr. modifiziert werden mußte37. Bereits Anfang 39 v. Chr. aber dürften Caesar wie Antonius das jeweils zweite und dritte Konsulat für ihre Person in Anspruch genommen haben. Seither konnten sie sich rechtmäßig als cos. desig. iter. et tert. bezeichnen. Bedeutsam wird diese Absprache in bezug auf M. Vipsanius Agrippa, der 37 v. Chr. das höchste republikanische Staatsamt bekleidete38, dazu ebenfalls seit Anfang 39 v. Chr. designiert gewesen sein muß. Unter diesen Umständen spricht nichts dagegen, den berühmten Aureus, welcher den General als (Rs.) M AGRIPPA COS DESIG bezeichnet39, bereits in das Jahr 39 und nicht erst auf 38 v. Chr. zu datieren. Diese Überlegung eröffnet die Möglichkeit, die auf dem Avers der Prägung erstmalig numismatisch bezeugte III. Akklamation Caesars vor die militärischen Erfolge des Agrippa in Gallien zu datieren und damit auf den Vertrag von Brundisium zu beziehen. Bevor wir indessen die Konsequenzen aus diesem Ansatz diskutieren, müssen wir zunächst unsere These erhärten, daß beide Triumvirn ihre III. Akklamation tatsächlich infolge der pax Brundisina angenommen haben. Die Absicherung kann nur unter der Voraussetzung erfolgen, daß auch Zeit und Anlaß der I. und II. Akklamation beider Machthaber angemessen zu klären sind. Auf sicherem 33 34 35 36 37

38 39

M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 533,3 a/b. App. b.c. 5,64,273 und 5,66,278. Dio 48,32,1. Dio 48,35,1. App. b.c. 5,73,313; vgl. den Kommentar von E. GABBA: Appiani bellorum civilium liber quintus. Introduzione, testo critico e commento con traduzione e indici (Florenz 1970) 125f. Fasti consulares ad ann. 37, Inscr. It XIII 1, p. 58f.; vgl. ebd. p. 135 und 506f. (A. DEGRASSI). M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 534,1.

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Boden bewegen wir uns in bezug auf Caesar. Daß er zum ersten Male am 16. April 43 v. Chr., d.h. nach dem erfolgreichen Gefecht von Forum Gallorum, von seinen Truppen als imperator akklamiert worden ist, wird durch die Fasten Ovids sicher bezeugt: hanc quondam Cytherea diem (i.e. XVII kal. Mai.) properantius ire iussit et admissos praecipitavit equos, ut titulum imperii cum primum luce sequenti Augusto iuveni prospera bella darent40. Auf diese Akklamation beziehen sich Denare mit der Legende (Vs.) C CAESAR IMP (Kopf des jungen Caesar n. r.)41. Nach Abschluß des Triumvirats geprägte Aurei bieten die Porträts der beiden Machthaber Caesar und [199] Antonius auf dem Avers bzw. dem Revers mit der entsprechenden Umschrift42: Vs.: C CAESAR IMP IIIVIR R P C PONT AVG Rs.: M ANTONIVS IM(P) IIIVIR R P C AVG. Die zweite Akklamation Caesars ist, soweit ich sehe, epigraphisch und numismatisch nicht bezeugt. Die Vermutung liegt nahe, daß sie nicht allzu lange vor seiner dritten Ausrufung zum imperator anzusetzen ist. An militärischen Ereignissen kommt nur die Auseinandersetzung mit L. Antonius, dem Bruder des Triumvirn, in Betracht – das bellum Perusinum43. Nach der Übergabe von Perusia ließ Caesar 300 Senatoren und Ritter an einem zu Ehren des ‚Divus Iulius‘ errichteten Altar abschlachten: ... Scribunt quidam trecentos ex dediticiis electos utriusque ordinis ad aram Divo Iulio extructam Idibus Martiis hostiarum more mactatos44. Diese Notiz Suetons wird in den wesentlichen Zügen durch Cassius Dio bestätigt45, der dann den entscheidenden Hinweis auf eine zuvor erfolgte 40

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Ov. fasti 4,673-676; dazu F. BÖMER: P. Ovidius Naso. Die Fasten. 2 Bde. (Heidelberg 1957/58) II 268f. Vgl. Fer. Cum., Inscr. It. XIII 2, p. 279; Dio 46,38,1; Cic. Phil. 14,9,25; 14,10,28; 14,14,37. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 490,1; vgl. jetzt auch L. MORAWIECKI: Political Propaganda in the Coinage of the Late Roman Republic (Wrocław 1983) 98-100. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 493; vgl. die späteren Prägungen RRC Nr. 517,1f. und 7f.; dazu E. BERNAREGGI (wie Anm. 14) 86-88; P. WALLMANN: Münzpropaganda in den Anfängen des Zweiten Triumvirats (43/42 v. Chr.). Kleine Hefte der Münzsammlung an der Ruhr-Universität Bochum 2 (Bochum 1977) 32f. Vgl. P. WALLMANN: Untersuchungen zu den militärischen Problemen des Perusinischen Krieges, Talanta 6 (1975) 58-91. Suet. Aug. 15; zur Apotheose des Diktators Caesar vgl. unten Anm. 77. Dio 48,14,3f.; zur Historizität der berüchtigten arae Perusinae vgl. B. MANUWALD: Cassius Dio und Augustus. Palingenesia 14 (Wiesbaden 1979) 217f.

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imperatorische Akklamation bietet, wenn er berichtet: ... τότε δὲ τήν τε εἰρηνικὴν ἐσθῆτα οἱ ἐν τῇ Ῥώμῃ ὄντες ἀνέλαβον ... καὶ αὐτοί τε ἑώρταζον, καὶ τὸν Καίσαρα ἔν τε στολῇ ἐπινικίῳ ἐς τὸ ἄστυ ἐσεκόμισαν καὶ δαφνίνῳ στεφάνῳ ἐτίμησαν, ὥσθ᾽ὁσάκις οἱ τὰ νικητήρια πέμψαντες εἰώθεσαν αὐτῷ χρῆσθαι, καὶ ἐκεῖνόν οἱ κοσμεῖσθαι46. Die hier angesprochenen Auszeichnungen – das Triumphalgewand beim Einzug in Rom, die Verleihung des Lorbeerkranzes als Zeichen des Siegers und das Recht, diesen als vir triumphalis bei allen entsprechenden Gelegenheiten zu tragen – machen hinreichend deutlich, daß zuvor eine Akklamation als imperator erfolgt ist, wenngleich Caesar aus politischen Gründen – es handelte sich ja um einen Sieg über römische Bürger – auf einen förmlichen Triumph oder eine ovatio verzichtete. Jedenfalls erfolgte diese (II.) Akklamation vor den Iden des März, wahrscheinlich Ende Februar 40 v. Chr. Wenden wir uns nun Antonius zu, so bezeichnete er sich als imperator auf Denarprägungen, die zwischen dem bellum Mutinense und dem Abschluß des Triumvirats emittiert worden sind47: [200] Vs.: M ANTO(N) IMP bzw. M ANTO(N) IMP R P C (Kopf des Triumvirn n. r.) Rs.: CAESAR DIC (Kopf des Diktators Caesar mit dem Goldkranz der etruskischen Könige n. r.). Der Anlaß dieser Akklamation läßt sich nicht sicher bestimmen; am ehesten ist sie auf die Einschließung des D. Brutus in Mutina (Dez. 44 v. Chr.) zu beziehen. In der 13. Philippica, gehalten am 20. März 43 v. Chr., nahm Cicero offenbar darauf Bezug, als er einen ihm von A. Hirtius übermittelten Brief des Antonius demagogisch ausschlachtete: ... Eas (scil. litteras) dum recito dumque de singulis sententiis breviter disputo, velim, patres conscripti, ut adhuc fecistis, me attente audiatis. ‚Antonius Hirtio et Caesari ‘. Neque se imperatorem neque Hirtium consulem nec pro praetore Caesarem. Satis hoc quidem scite: deponere alienum nomen ipse (scil. Antonius) maluit quam illis suum reddere ...48. Diese Akklamation erscheint auch auf Denaren, welche im Auftrag des Antonius und des Lepidus nach Mutina geprägt wurden49:

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Dio 48,16,1. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 488,1 und 2; vgl. L. MORAWIECKI: Political Propaganda (wie Anm. 41) 71f. Daß der Diktator Caesar nicht mit dem Lorbeerkranz, sondern mit dem Goldkranz der etruskischen Könige dargestellt wurde, dürfte seit der grundlegenden Untersuchung von K. [200] KRAFT erwiesen sein; der 1952/53 publizierte Aufsatz wurde als Separatum nachgedruckt; K. KRAFT: Der goldene Kranz Caesars und der Kampf um die Entlarvung des ,Tyrannen‘ (Darmstadt 1969). Cic. Phil. 13,10,22; vgl. W. DRUMANN/P. GROEBE: Geschichte Roms in seinem Übergang von der republikanischen zur monarchischen Verfassung I2 (Berlin 1899, ND Hildesheim 1964) 117; Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 2f.; H.

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Vs.: M ANTON COS (lituus, Kanne, Rabe) Rs.: M LEPID COS IMP (simpulum, aspergillum, Beil, apex). Lepidus hatte sich bereits 47 v. Chr. in Spanien als imperator akklamieren lassen und noch in diesem Jahre einen Triumph in Rom gefeiert50. Die Triumphalfasten bezeugen das Ereignis indirekt durch den Eintrag zum Jahre 43 v. Chr. wo der inzwischen zum Triumvirn avancierte Lepidus mit der Iteration als (triumphator) II bzw. iterum bezeichnet wird51: M. Aimilius M. f. Q. n. Lepidus II, IIIvir r. p. [c.], procos. ex Hispania pridie [k. Ian. an. DCCX] M. Aemilius Lepidus iterum ex Hispania prid. k. Ian. [tr]iumphavit, palmam de[dit]. Der zweite Triumph ex Hispania52 wurde ihm bewilligt aufgrund seiner erfolgreichen Verhandlungen mit Sex. Pompeius im Herbst 44 v. Chr. Die Akklamation erfolgte jedenfalls vor der Senatssitzung vom 28. November [201] d. J., als ihm unter Vorsitz des Konsuls Antonius eine supplicatio beschlossen wurde53. Seither bezeichnete sich Lepidus als imp(erator) II, so etwa in zwei Briefen an Cicero bzw. Senat und Volk von Rom vom Mai 43 v. Chr.54. Der Redner apostrophierte ihn bereits am 20. März d. J. als M. Lepidus, imperator iterum, pontifex maximus55. Da seine gemeinsame Denaremission mit M. Antonius56 wohl erst nach der Vereinigung beider Feldherrn bei Forum Iulii im Mai 43 v. Chr. erfolgte57, hat Lepidus hier mit Rücksicht auf den eigentlichen Machthaber Antonius auf die Iteration seiner imperatorischen Akklamation verzichtet58.

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BOTERMANN: Die Soldaten und die römische Politik in der Zeit von Caesars Tod bis zur Begründung des Zweiten Triumvirats. Zetemata 46 (München 1968) 67 und 80f. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 489,1f.; vgl. E. BERNAREGGI (wie Anm. 14) 70-72; zuletzt L. MORAWIECKI: Political Propaganda (wie Anm. 41) 77-80; zur Quinarprägung der beiden imperatores vgl. ebd. 81-84. Dio 43,1,2; vgl. [Caes.] bell. Alex. 63f. Fasti triumph. Capit. ad ann. 43, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 43, Inscr. It. XIII l, p. 342f. Vgl. App. b.c. 5,31,132; Vell. 2,67,4. Cic. Phil. 3,15,40f.; vgl. B. SCHOR: Sex. Pompeius (wie Anm. 7) 31. Cic. fam. 34 und 35. Cic. Phil. 13,4,7: At enim nos M. Lepidus, imperator iterum, pontifex maximus, optime proximo civili bello de re publica meritus, ad pacem adhortatur. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 489,lf. Cic. fam. 10,17,1 und 10,23,2; vgl. H. BOTERMANN: Soldaten (wie Anm. 48) 114-130. Vgl. Vell. 2,63,2: Qui (scil. Antonius) titulo imperii cedebat Lepido, cum summa virium penes eum foret ... Andere Gründe hat sein Verzicht auf die (iterierte) Akklamation in einer Münzemission, die ihn als LEPIDVS PONT MAX IIIVIR R P C, Caesar hingegen als

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Wie im Falle Caesars läßt sich auch die zweite Akklamation des Antonius weder numismatisch noch epigraphisch verifizieren58a. Die Vermutung liegt nahe, daß auch er nicht allzu lange vor Brundisium zum Imperator ausgerufen worden ist. Ereignisse im Osten kommen als Anlaß nicht in Betracht, da der Triumvir militärisch keine Erfolge zu verzeichnen hatte. Im Frühjahr (März?) 40 v. Chr. war er nach Monaten politischer Inaktivität mit zweihundert Schiffen von Alexandria in See gestochen59, um Kleinasien von Q. Labienus zurückzugewinnen. Indessen rief ihn die Nachricht vom Fall Perusias nach Italien. Über Athen, wo er mit seiner Gemahlin Fulvia zusammentraf60, wollte er Brundisium gewinnen. Allerdings kontrollierte seit 42 v. Chr. Cn. Domitius Ahenobarbus mit einer Flotte von ca. 70 Schiffen die Adria61. An Kampfkraft dem Antonius hoffnungslos unterlegen konnte er durch Vermittlung des C. Asinius Pollio für den Triumvirn gewonnen werden62. Von nur fünf Schiffen [202] eskortiert traf Antonius in Höhe der Insel Kephallenia auf die Flottille des Ahenobarbus, der sich seinem Kommando unterstellte. Appian bietet den entscheidenden Hinweis: ὡς δὲ καὶ συνιδόντες ἀλλήλους ἠσπάσαντο καὶ ὁ στρατὸς ὁ τοῦ Ἀηνοβάρβου τὸν Ἀντώνιον ἡγεμόνα προσεῖπεν ...63. Deutlicher konnte der Historiker eine impera-

torische Akklamation nicht zum Ausdruck bringen. Das Ereignis dürfte in die Zeit zwischen der ersten und zweiten Offensive des Sex. Pompeius gegen Süditalien zu setzen sein, also etwa im Juli 40 v. Chr. stattgefunden haben64. Seither



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CAESAR IMP IIIVIR R P C bezeichnet (M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 495). Lepidus betont hier seine Priesterwürde als pontifex maximus, um dadurch seinen Amtskollegen im Triumvirat in den Schatten zu stellen; vgl. P. WALLMANN: Münzpropaganda (wie Anm. 43) 35f. Der Aureus (BMC Rep. II 505, Nr. –) bietet nicht die II., sondern die III. Akklamation des Antonius; vgl. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 533,1; anders Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 4f.; R.F. ROSSI: Marco Antonio (wie Anm. 12) 150f. Plut. Ant. 30,2-4. App. b.c. 5,52,216f.; Dio 48,27,4; zur Rolle der Fulvia vgl. B. KRECK: Untersuchungen zur politischen und sozialen Rolle der Frau in der späten römischen Republik (Diss. Marburg 1975) 152-214. App. b.c. 5,26,104; vgl. Suet. Nero 3,1; zur Person vgl. A.E. GLAUNING: Die Anhängerhaft des Antonius und des Octavian (Diss. München 1936) 24-28; B. SCHOR: Sex. Pompeius (wie Anm. 7) 114-116, Nr. 37. Vell. 2,76,2; Dio. 48,16,2. App. b.c. 5,55,234; numismatisch ist diese Allianz durch Prägungen mit (Vs.) ANT IMP IIIVIR R P C – (Rs.) AHENOBARBVS IMP bezeugt (M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 521). Zur Datierung vgl. J. KROMAYER: Die Zeit des Brundisischen Friedens und Antonius’ Abreise nach Griechenland im Jahre 39, Hermes 29 (1894) 556-563; B. SCHOR: Sex. Pompeius (wie Anm. 7) 39-41.

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konnte sich der Triumvir als imp(erator) II bezeichnen. Ohne die Bedeutung seiner Allianz mit Ahenobarbus überzubewerten, waren damit jedenfalls auch für Antonius die Voraussetzungen zur III. Akklamation vom September/Oktober 40 v. Chr. infolge der pax Brundisina geschaffen. Für Aemilius Lepidus, den dritten Partner im Triumvirat, ist ebenfalls eine III. imperatorische Akklamation bezeugt. Eine interessante Ehreninschrift aus Tabarka (Tunesien) wurde ihm errichtet als M. Lepido imp(eratori) tert(ium), pont(ifici) max(imo), / IIIvir(o) r(ei) p(ublicae) c(onstituendae) bis, co(n)s(uli) / iter(um), patrono / ex d(ecreto) d(ecurionum)65. Datiert ist das Zeugnis durch das iterierte Triumvirat in die Jahre 37/36 v. Chr., Zeit und Anlaß seiner III. Akklamation entziehen sich bisher unserer Kenntnis, da wir keine Nachrichten über militärische Aktionen des Lepidus in Nordafrika besitzen. Möglich erscheint ein Bezug auf die Unterstellung des T. Sextius unter sein Kommando im Herbst 40 v. Chr.66. Wenn sich damals nämlich Caesar und Antonius als imp(eratores) III bezeichneten, liegt die Vermutung nahe, daß auch Lepidus hinter seinen rechtlich gleichgestellten, machtpolitisch aber überlegenen Amtskollegen nicht zurückstehen wollte und deshalb diesen kampflosen Erfolg durch eine III. Akklamation dokumentierte. Jedenfalls spricht für diese Interpretation mehr, als wenn wir den Befund der Inschrift mit einem unbekannten und sicher ephemeren Sieg des Triumvirn in seinem Amtsbereich zu erklären versuchen67. [203] Die Konsequenzen, welche sich aus unserer Datierung der III. imperatorischen Akklamation für Caesar und Antonius auf Ende 40 v. Chr. ergeben, sind in vielfacher Hinsicht von Interesse. Zunächst bietet sich uns ein Ansatz, die Annahme des praenomen Imperatoris durch Caesar zeitlich genauer zu bestimmen. Ausgangspunkt ist der bereits erwähnte Aureus mit der Averslegende IMP DIVI IVLI F TER IIIVIR R P C; auf dem Revers wird M (Vipsanius) AGRIPPA als COS DESIG bezeichnet68. Der Befund schließt, wie wir gesehen haben, eine Datierung der Prägung auf 39 v. Chr. jedenfalls nicht aus69. Durch die Sperrung von IMP(erator) und Zählung III (tertium) durch die Filiation DIVI IVLI F(ilius) dürfte die Münze den Übergang zum praenomen Imperatoris markie-

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AE 1959, 77 = ILLRP II Nr. 1276; vgl. J. GUEY/A. PERNETTE: Lépide à Thabraca, Karthago 9 (1958, publ. 1960) 79-88 mit Abb. Dio 48,23,4f.; App. b.c. 5,75,321; vgl. 5,24,103. Zu T. Sextius vgl. L. GANTER: Die Provinzialverwaltung der Triumvirn (Diss. Straßburg 1892) 18-22. Aus chronologischen Gründen sicher auszuschließen sein dürfte der Bezug auf die Einnahme von Lilybaeum im Sommer 36 v. Chr. (App. b.c. 5,98,408; Dio 49,8,2); vgl. allgemein noch R.D. WEIGEL: Lepidus Reconsidered, AClass 17 (1974) 67-73; L. HAYNE: The Defeat of Lepidus in 36 B.C., AClass 17 (1974) 59-65. M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 534,1. Vgl. oben S. 198 [hier 10].

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ren70, zumal eine Denaremission mit entsprechender Reverslegende den Triumvirn bezeichnet als IMP CAESAR DIVI IVLI F71. Dies wird, soweit ich sehe, nicht bestritten. Problematisch erscheint indessen bei einer Datierung dieser Münzserien auf 38 v. Chr. der Befund der Barberinischen Triumphalfasten, welche bereits zum Jahre 40 v. Chr. für Caesar das praenomen Imperatoris bezeugen72: Im[p. Caesar] ovans, quod pace ‹ m › cum [M. Antoni]o fecit, palmam dedit. [M. Antonius] ovans, quod pacem cum [Imp. Caesare fecit, palmam ded]it. Attilio DEGRASSI hatte die kürzlich auch von Dietmar KIENAST akzeptierte These vertreten, die Redaktion dieser Fasten sei in unmittelbarem Zusammenhang mit der ovatio beider Triumvirn im Oktober 40 v. Chr. erfolgt, jedenfalls aber zu einem Zeitpunkt, bevor der darunterliegende Quader beschriftet wurde73. Ob der Eintrag der Ovation tatsächlich noch in den letzten Monaten dieses Jahres oder erst kurz nach dem Jahreswechsel stattgefunden hat, läßt sich wohl nicht entscheiden. Persönlich scheint mir eine zeitliche Koinzidenz [204] zwischen der Redaktion der Triumphalfasten bzw. ihrer Übertragung auf die Wand des Capitolinischen Tempels durch den Steinmetzen und der Emission des Aureus mit IMP DIVI IVLI F TER vorzuliegen. Beide erfolgten dann in den ersten Wochen des Jahres 39 v. Chr., das praenomen Imperatoris resultierte jedenfalls aus Caesars III. Akklamation infolge der pax Brundisina. Mittelbar könnte diese Vermehrung des imperatorischen Epitheton für Caesar und Antonius noch auf den Sieg über die Republikaner bei Philippi zurückzuführen sein, doch hatten beide Machthaber aus politischen Gründen darauf 70

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Im Formular vergleichbar ist die lokale Aes-Emission aus Caesaraugusta mit IMP AVGVSTVS XIV auf der Vs., CAESARAVGVSTA, M PORCI CN F AD IIVIR auf der Rs. (SNG München 1, Nr. 31); vgl. G.F. HILL: Notes on the Ancient Coinage of Hispania Citerior. NNM 50 (New York 1931) 87-89, Taf. XXIII 5; C.H.V. SUTHERLAND/C.M. KRAAY: Catalogue of Coins of the Roman Empire in the Ashmolean Museum I. Augustus (Oxford 1975) Nr. 932f. Ein Exemplar dieses Typs befindet sich in der Münzlehrsammlung des Instituts für Alte Geschichte, Mainz (Inv. Nr. 74/61). M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 534,3. Fasti triumph. Barberin. ad ann. 40, Inscr. It. XIII 1, p. 342f. A. DEGRASSI: Inscr. It. XIII 1 (Rom 1947) p. 341 und 345, vgl. p. 568; DERS.: I nomi dell’Imperatore Augusto. Il praenomen imperatoris, in: Scritti vari di antichità 3 (Venedig/Triest 1967) 353-371, bes. 368f.; vgl. R. COMBÈS: Imperator (wie Anm. 1) 133-135; D. KIENAST: Augustus. Prinzeps und Monarch (Darmstadt 1982) 42 und 424. KIENAST hat aufgrund dieses Befundes das praenomen Imperatoris mit der Einnahme von Perusia in Beziehung gesetzt.

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verzichtet, diesen Erfolg durch eine Akklamation oder einen Triumph zu dokumentieren74. Einerseits handelte es sich ja um einen Sieg über cives Romani in einem Bürgerkrieg, andererseits konnte Caesar in Abwesenheit des Antonius kaum allein eine Siegesfeier in Rom veranstalten. So bot die Aussöhnung von Brundisium für beide Triumvirn eine ideale Gelegenheit, sowohl die Vernichtung der Republikaner als auch politisches Einvernehmen zu demonstrieren. Insofern trifft also die Notiz Suetons, Caesar habe nach Philippi eine ovatio gefeiert75, sinngemäß durchaus zu. Aus paritätischen Gründen war es natürlich ausgeschlossen, daß er hinsichtlich der Zahl seiner Akklamationen seinen Amtskollegen Antonius in den Schatten stellte. Da sich indessen beide Machthaber – Caesar seit der Einnahme Perusias, Antonius seit der Unterstellung des Ahenobarbus – als imp(eratores) II bezeichnen konnten, waren die Voraussetzungen für ihre III. Akklamation geschaffen. Indem Caesar aber das Epitheton pointiert an den Beginn seiner Nomenklatur plazierte, vollzog er den qualitativen Sprung, stilisierte sich zum imperator schlechthin76. Für M. Antonius, der Formalitäten gegenüber wenig sensibel war, mochte dieser Kunstgriff zunächst unbedeutend erscheinen, wesentlicher war für ihn sicher die neue Filiation seines Amtskollegen. Offenbar hatte er im Laufe der Verhandlungen in Brundisium seine Bereitschaft erklärt, sich endlich als flamen Divi Caesaris inaugurieren zu lassen. Damit wurde die letzte aber, wie Helga GESCHE gezeigt hat77, unbedingt notwendige Voraussetzung für die [205] endgültige Divinisierung des Diktators geschaffen. Den entscheidenden Hinweis auf die Inauguration des Antonius bietet Plutarch: ... (ὁ Ἀντώνιος) δὲ Καίσαρι χαριζόμενος ἱερεὺς ἀπεδείχθη τοῦ προτέρου Καίσαρος78. Nach seiner Darstellung fand das Ereignis 39 74

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Die Bemerkung Suetons (Aug. 13,2) ... imperatore Antonio honorifice salutato ... könnte eine Akklamation durch die besiegten Legionen der Caesarmörder implizieren, ist aber wohl untechnisch zu verstehen in dem Sinne, daß Antonius als Feldherr von den Truppen achtungsvoll gegrüßt, während Caesar mit Schmähungen überhäuft wurde. Zutreffend urteilt auch Th.V. BUTTREY: Coinage of Marc Antony (wie Anm. 9) 8f.; in den weitergehenden Schlußfolgerungen vermag ich BUTTREY nicht zu folgen. Suet. Aug. 22. Vgl. R. SYME: Imperator Caesar (wie Anm. 30) bes. 278-281; zur Bedeutung der paritätischen Amtsbezeichnung der Triumvirn vgl. schon K. KRAFT: Der goldene Kranz (wie Anm. 47) 68f. Offiziell wurde für Caesar das praenomen Imperatoris 29 v. Chr. durch den Senat sanktioniert (Dio 52,41,3). H. GESCHE: Die Vergottung Caesars. FAS 1 (Kallmünz 1968) bes. 82-91; nur unter diesen Voraussetzungen findet der Befund, daß Caesar sich erst seit diesem Ereignis als Divi f(ilius) [205] bezeichnete, eine angemessene Erklärung. Eine andere Auffassung vertrat etwa St. WEINSTOCK: Divus Iulius (Oxford 1971) bes. 305-308 und 398-401; vgl. noch A. ALFÖLDI: La divinisation de César dans la politique d’Antoine et d’Octavien entre 44 et 40 av. J.-C., RN 15 (1973) 99-128. Plut. Ant. 33,1.

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v. Chr. statt. Der Biograph bringt die Notiz im Anschluß an den Vertrag von Misenum (Frühjahr 39 v. Chr.)79, doch sind aus der Komposition seiner Lebensbeschreibungen – der Intention nach handelt es sich ja um Charakterbilder80 – keine verbindlichen Datierungen zu entnehmen. Gesichert ist lediglich der größere chronologische Zusammenhang. Prinzipiell kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, daß die Inauguration des Antonius bereits vor der Zusammenkunft zwischen ihm, Caesar und Sex. Pompeius stattgefunden hat. Diese Vermutung wird zur Gewißheit, wenn wir den eben diskutierten Aureus in unsere Überlegungen einbeziehen. Als Divi Iuli f(ilius) konnte sich Caesar erst bezeichnen, wenn die Apotheose seines Adoptivvaters endgültig vollzogen, d.h. wenn ein Priester für den Kult des Diktators inauguriert war. Wurde der Aureus zu Beginn des Jahres 39 v. Chr. geprägt, wie das Zeugnis der Barberinischen Triumphalfasten nahegelegt, so erfolgte auch die Inauguration des Antonius nicht aufgrund des Vertrags von Misenum, sondern aufgrund der Versöhnung von Brundisium. Die Annahme des praenomen Imperatoris und des neuen Patronymikon Divi (Iuli) f(ilius) durch Caesar gehören also in denselben zeitlichen und sachlichen Zusammenhang, resultierten aus der pax Brundisina81. Beide Modifizierungen in seiner Nomenklatur dürften, wie die einander ergänzenden numismatischen, epigraphischen und literarischen Zeugnisse nahelegen, im Winter 40/39 v. Chr. erfolgt sein. Für M. Antonius begann damit die Phase seines politischen Niedergangs, ideologisch und propagandistisch erwies sich der Triumvir seinem Rivalen Caesar nicht gewachsen. Aus der konkreten tagespolitischen Situation heraus aber war es offenbar nicht Antonius, sondern vornehmlich Sex. Pompeius, dessen Selbstdarstellung als Mag(nus) Pompeius Magni f(ilius) Pius imp(erator) der Triumvir Caesar selbstbewußt und provokativ seine neue Nomenkla[206]tur Imp(erator) Caesar Divi f(ilius) entgegenstellte. Den Terminus ante für die Bezeichnung des Pompeius als Mag(nus) Pompeius bestimmt seine Bauinschrift aus Lilybaeum82, welche aufgrund der Designation zum Konsulat und der Mitgliedschaft im Auguralkollegium frühestens nach dem Vertrag von Misenum konzipiert worden sein kann83. Nähere Aufschlüsse bieten die Philippischen Reden Ciceros. Am 79 80

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H. BUCHHEIM: Orientpolitik (wie Anm. 12) 39-42; B. SCHOR: Sex. Pompeius (wie Anm. 7) 41-43. Vgl. etwa W. STEIDLE: Sueton und die antike Biographie. Zetemata 1 (München 1951) 150-166; A. WARDMAN: Plutarch’s Lives (London 1974) bes. 18-37 und 105-152; B. SCARDIGLI: Die Römerbiographien Plutarchs. Ein Forschungsbericht (München 1979) bes. 1-13 und 144-151. Dagegen spricht nicht, daß Caesar in den Barberinischen Fasten zum Jahre 40 v. Chr. ohne das Patronymikon Divi f(ilius) bezeichnet ist, da hier durchweg auch bei den übrigen viri triumphales auf die Filiation verzichtet wurde. ILS 8891 = ILLRP I2 Nr. 426. Vgl. App. b.c. 5,72,305 und 5,73,313; Dio 48,36,4 und 48,54,6.

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1. Januar 43 v. Chr. bezeichnete ihn der Redner noch als Sex. Pompeius bzw. als Sex. Pompeius, Cnaei filius, Magnus84, am 20. März d. J. indessen wiederholt als Magnus Pompeius85. Dieser Befund legt die Vermutung nahe, daß Cicero in der 13. Philippica bereits die von Pompeius propagierte Nomenklatur benutzte, zumal die in kaiserzeitlichen Quellen geläufige Umstellung von Gentile und Kognomen bei Cicero gerade in bezug auf die gens Pompeia nicht belegt ist: so wird der Vater des Sextus stets (Cn.) Pompeius Magnus genannt86. Unter diesen Voraussetzungen scheint mir die Schlußfolgerung gerechtfertigt, daß sich Sex. Pompeius seit Anfang 43 v. Chr. als Magnus Pompeius bezeichnen ließ, wenngleich er in der Legende seiner Münzprägung auf das Gentile verzichtete87. Die beiden Offensiven des ,Seekönigs‘ auf Süditalien im Sommer 40 v. Chr. und die anschließende Blockade Roms88 boten Caesar hinreichend Veranlassung, dem Anspruch seines gefährlichsten Gegners im westlichen Mittelmeerraum propagandistisch durch die Annahme des praenomen Imperatoris zu begegnen. Noch bedeutsamer sind die Konsequenzen, welche sich aus unserer Datierung der III. Akklamation für Caesar, Antonius und Lepidus in die letzten Monate des Jahres 40 v. Chr. ergeben, in bezug auf das Verhältnis der Triumvirn zu ihren Feldherrn. Indem wir davon absehen, die Machthaber hätten deren militärische Erfolge für sich in Anspruch genommen und dies durch Vermehrung ihrer eigenen imperatorischen Akklamationen zum Ausdruck gebracht, eröffnet sich die Möglichkeit zur grundsätzlichen Kritik an der Darstellung des Cassius Dio, wonach der spätere Augustus durchweg Siege seiner ,Legaten‘ zum Anlaß nahm, die Zahl seiner Akklamationen zu erhöhen. Gegen diese Einschätzung des Historikers spricht, wie wir gesehen haben89, der Befund, daß Ventidius Bassus sich sowohl als imperator bezeichnete als auch 38 v. Chr. einen Triumph in Rom feierte90. In Analogie dazu dürfen wir [207] schließen, daß auch der Erfolg des Vipsanius Agrippa in Gallien keine Auswirkungen auf die Zählung der Akklamationen Caesars hatte, obwohl der General auf eine Siegesfeier verzichtete.

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Cic. Phil. 5,14,39. Cic. Phil. 13,4,8 und 13,21,50. Cic. Att. 12,11; Cic. Phil. 2,26,64; vgl. Cic. fam. 8,13,2 (Caelius). M.H. CRAWFORD: RRC Nr. 511. J. KROMAYER: Hermes 29 (1894) 556-563; B. SCHOR: Sex. Pompeius (wie Anm. 7) 39-41. Vgl. oben S. 199 [hier 10]. Vgl. R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310f.: „An axiom stands. No triumph can be celebrated without an antecedent acclamation, no acclamation taken without the possession of a proconsul’s imperium ...“

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Zweifellos besaßen die Triumvirn eine maior potestas in den ihnen zugewiesenen Provinzen91, doch folgt daraus automatisch, daß sie allein auch die auspicia besaßen? Ich meine: nein! Die Trennung zwischen auspicia des Oberbefehlshabers und tatsächlichem Kommando eines dux kann erst nach der Etablierung des Principats als Herrschaftsordnung verifiziert werden92. Hinweise auf eine republikanische Tradition, wonach siegreichen Feldherrn alienis auspiciis ein Triumph verweigert wurde, sind für unsere Problematik nicht relevant, ebensowenig natürlich der Fall des M. Aemilius Lepidus, dem 9 n. Chr. die ornamenta triumphalia verliehen wurden: ob ea, quae si propriis gessisset auspiciis, triumphare debuerat, ornamentis triumphalibus consentiente cum iudicio principum voluntate senatus donatus est (scil. Lepidus)93. Entscheidendes Kriterium für den Triumph waren eben die auspicia, und es besteht kein Anlaß, diese im Falle des Vipsanius Agrippa oder des Ventidius Bassus in Zweifel zu ziehen. Zur Verdeutlichung sei nur auf das Verhältnis dictator – consul verwiesen, da das Triumvirat institutionell nichts anderes war als eine ,Diktatur der Drei‘94. Auch der dictator besaß gegenüber den anderen Magistraten eine maior potestas. Ihm stand das Recht des Triumphes zu: ... praepositoque consule castris ipse (scil. A. Postumius Tubertus) triumphans invectus urbem dictatura se abdicavit 95. Dasselbe galt für den consul gegenüber dem praetor, wie eine ausführliche Notiz des Valerius Maximus anschaulich dokumentiert96: C. Lutatius consul et Q. Valerius praetor circa Siciliam insignem Poenorum classem deleverant. Quo nomine Lutatio consuli triumphum senatus decrevit. Cum autem Valerius sibi quoque eum decerni desideraret, negavit id fieri oportere Lutatius, ne in honore triumphi minor potestas maiori aequaretur. Der Streit wurde schließlich durch A. Atilius Caiatinus (sic!) zugunsten des [208] Lutatius entschieden: ‚Age deinde‘, inquit Ca ‹i›atinus, ‚si diversa auspicia accepissetis, cuius magis auspicio staretur?‘ ‚Item‘, respondit Valerius, ‚consulis‘. ‚Iam hercules‘, inquit, ‚cum de imperio et auspicio inter vos disceptationem susceperim, et tu utroque adversarium tuum superi91 92 93

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Vgl. V. FADINGER: Begründung des Prinzipats (wie Anm. 10) 37-40 und 109f., Anm. 3. Vgl. unten S. 209 [hier 11]. Vell. 2,115,3; vgl. C. BARINI: Triumphalia. Imprese ed onori militari durante l’Impero Romano (Turin 1952) bes. 36f.; dazu noch V.A. MAXFIELD: The Military Decorations of the Roman Army (London 1981) 101-109 und 118f. Vgl. U. VON LÜBTOW: Die römische Diktatur, in: Der Staatsnotstand, hrsg. von E. Fraenkel (Berlin 1965) 136f. und 288; H. BELLEN: Sullas Brief an den Interrex L. Valerius Flaccus, Historia 24 (1975) 559 und 563-567. Liv. 4,29,4; vgl. F. BANDEL: Die römischen Diktaturen (Diss. Breslau 1910) 23f. Zur maior potestas des Diktators gegenüber den consules vgl. nur Liv. 30,34,3: ... dictator ad id ipsum creatus P. Sulpicius pro iure maioris imperii consulem in Italiam revocavit. Val. Max. 2,8,2. Zum Kognomen des Atilius Caiatinus vgl. A. DEGRASSI: Inscr. It. XIII 1 (Rom 1947) p. 116.

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orem fuisse fatearis, nihil est, quod ulterius dubitem. Itaque, Lutati, quamvis adhuc tacueris, secundum te litem do‘. Soweit die Rechtslage! C. Lutatius Catulus feierte seinen Triumph am 4. Oktober 241 v. Chr.97. Zwei Tage später konnte indessen – gegen Brauch und Herkommen – auch Q. Valerius Falto als Triumphator in Rom einziehen: ... quia fortis et prosperae pugnae ut non legitimum ita ... praemium petiit 98. In beiden Fällen – 431 und 241 v. Chr. – wurde der Triumph aufgrund einer gemeinsamen Aktion der Imperiumsträger gefeiert. Andere Voraussetzungen waren gegeben, wenn dictator und consul bzw. proconsul auf verschiedenen Kriegsschauplätzen agierten. Dann nämlich besaßen beide Magistrate die auspicia und triumphierten infolgedessen unabhängig voneinander. Die Triumphalfasten bieten diesbezüglich zwei überzeugende Beispiele zu den Jahren 358 und 309 v. Chr.99: 358 v. Chr.: C. Sulpicius M. f. Q. n. Peticus II, ann. CCCXCV, dict(ator), de Galleis nonis Mai. C. Plautius P. f. P. n. Proculus co(n)s(ul), ann. CCCXCV, de Herniceis idibus Mai. 309 v. Chr.: L. Papirius Sp. f. L. n. Cursor III, ann. CDXLIV, dict(ator) II, de Samnitibus idibus Oct. Q.Fabius M. f. N. n. Maximus Rullian(us), an. CDXLIV, II, pro co(n)s(ule), de Etrusceis idibus Nov. Die Historizität dieser Ereignisse spielt in unserem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle100. Wesentlich erscheint nur, daß nach römischer Auffassung die Berechtigung des Konsuls bzw. Prokonsuls zum Triumph überhaupt nicht in Zweifel gezogen wurde101. Entscheidend waren die auspicia, welche C. Plautius Proculus als consul und Q. Fabius Maximus als proconsul besaßen102, unbeschadet der maior potestas des amtierenden dictator. 97 98

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Fasti triumph. Capit. ad ann. 241, Inscr. It. XIII 1, p. 76f. Val. Max. 2,8,2; vgl. Fasti triumph. Capit. ad ann. 241, Inscr. It. XIII 1, p. 76f.; dazu J.S. RICHARDSON: The Triumph, the Praetors and the Senate in the Early Second Century B.C., JRS 65 (1975) 50-63, bes. 51f. Fasti triumph. Capit. ad ann. 358/309, Inscr. It. XIII 1, p. 68f. und 70f. Vgl. F. BANDEL: Diktaturen (wie Anm. 95) 58f. und 108. Vgl. Liv. 7,15,8f.; Liv. 9,40,15 und 20. Den ersten Triumph eines Feldherrn mit prorogiertem imperium bezeugen die Capitolinischen Fasten zum Jahre 326 v. Chr. (Inscr. It. XIII 1, p. 70f.); vgl. insgesamt W.F. JASHEMSKI: The Origin and History of the Proconsular and the Propraetorian Imperium to 27 B.C. (Chicago 1950, ND Rom 1966) 1-4, 13 und 100; H. KLOFT: Prorogation und außerordentliche Imperien 326-81 v. Chr. Untersuchungen zur Verfassung der römischen Republik. Beiträge zur Klassischen Philologie 84 (Meisenheim 1977) 20-26 und 70f.

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[209] In Analogie zu diesem Befund dürfen wir bezüglich der ausgehenden Republik den Schluß ziehen, daß auch die ,Legaten‘ der Triumvirn ein eigenes imperium, d.h. cum auspiciis, innehatten. Folglich konnten sie auch – von den Truppen als imperator akklamiert – rechtmäßig einen Triumph in Rom feiern, praktisch natürlich nur mit dem Einverständnis der Machthaber. Um die bisherigen Ergebnisse zusammenzufassen: die Triumvirn besaßen gegenüber ihren Feldherrn eine maior potestas, in Abwesenheit der Triumvirn aber operierten die Generale auspiciis suis. Mit anderen Worten: ihnen stand die imperatorische Akklamation als Voraussetzung des Triumphes zu, die Triumvirn haben Erfolge ihrer Feldherrn militärisch und politisch ausgewertet, diese aber nicht als eigene Leistung durch Vermehrung ihrer Akklamationen in Anspruch genommen. Die gegenteiligen Bemerkungen des Cassius Dio im Hinblick auf Ventidius Bassus103 erweisen sich somit auch vor dem Hintergrund republikanischer Tradition als anachronistisch. Die Frage erhebt sich, wann Caesar nun zum ersten Male eine Akklamation seiner Generale für sich beansprucht hat, d.h. wann eine Trennung von auspicia und ductus für uns faßbar wird. Da sich seine VI. Akklamation auf Actium bezieht104, wäre es verlockend, die VII. mit Alexandria zu verbinden. Eine stadtrömische Inschrift, datiert in das Jahr 29 v. Chr., bezeichnet Caesar als co(n)s(ul) quinct(um), con(n)s(ul) design(atus) sext(um), imp(erator) sept(imum)105. Ihre Aussage steht unserer Vermutung nicht entgegen. Dazu passen würde auch der Befund der Münzprägung. Quinare östlicher Provenienz bieten die Averslegende CAESAR IMP VII zusammen mit einer Darstellung der Victoria auf dem Revers und der Umschrift ASIA RECEPTA106. Indessen hat Theodor MOMMSEN diese VII. Akklamation mit der Nachricht des Cassius Dio in Verbindung gebracht107, Caesar habe 29 v. Chr. eine Akklamation des M. Licinius Crassus, der als procos. Macedoniae glänzende Siege über Daker und Bastarner in Moesien errungen und mit eigener Hand den König Deldo erschlagen hatte, für sich in Anspruch genommen: ... οὐ μέντοι καὶ τὸ τοῦ αὐτοκράτορος ὄνομα, ὥς γέ τινές φασιν, ἔλαβεν (scil. ὁ Κράσσος), ἀλλ᾽ὁ Καῖσαρ μόνος αὐτὸ προσέθετο108. Der Sieg des Crassus [210] kann frühestens im Herbst 103 104 105 106

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Dio 48,41,5 und 49,21,2f. Oros. 6,19,14. CIL VI 873 = ILS 81. BMC Emp. I 105, Nr. 647-649; C.H.V. SUTHERLAND/C.M. KRAAY: Catalogue (wie Anm. 70) Nr. 237-254. Ein Exemplar dieses Typs befindet sich in der Münzlehrsammlung des Instituts für Alte Geschichte, Mainz (Inv. 74/46). Th. MOMMSEN: Res gestae (wie Anm. 1) 12; dazu auch E. BADIAN: ‛Crisis Theories’ and the Beginning of the Principate, in: Romanitas-Christianitas. Festschr. Johannes Straub (Berlin/New York 1982) 18-41, bes. 38ff. (Appendix: M. Crassus imp.). Dio 51,25,2; vgl. Dio 51,24,4. Zur Frage der spolia opima vgl. H. DESSAU: Livius und Augustus (1906), ND in: Augustus, hrsg. von W. Schmitthenner (Darmstadt 1969) 1-11.

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des Jahres erfochten worden sein109. Demnach wäre die VII. Akklamation Caesars auf Ende 29 v. Chr. datiert. Diese Interpretation läßt sich allerdings kaum mit der monumentalen Siegesinschrift von Nicopolis vereinbaren. Auch hier bezeichnet sich Caesar als [cons]ul [quintum, i]mperat[or se]ptimum110. Angesichts der propagandistischen Bedeutung dieses Monuments, das Cassius Dio ausführlich beschreibt111, bietet sich die Vermutung an, daß die Dedikation durch Caesar persönlich erfolgte, als er im Sommer 29 v. Chr. von Samos über Korinth und Brundisium nach Rom zurückkehrte112, wo er vom 13. bis 15. August seinen triplex triumphus de Dalmatis, ex Actio Aegyptoque feierte113. Auf die Einweihung des Siegesmals nimmt Sueton Bezug, wenn er bemerkt: ... Quoque Actiacae victoriae memoria celebratior et in posterum esset, urbem Nicopolim apud Actium condidit ludosque illic quinquennales constituit et ampliato vetere Apollinis templo locum castrorum, quibus fuerat usus, exornatum navalibus spoliis Neptuno ac Marti consecravit 114. Aufgrund des Itinerars des heimkehrenden Siegers scheidet somit der Erfolg des Crassus als Anlaß für die VII. imperatorische Akklamation Caesars aus. Der Triumph, den Licinius Crassus nach Abschluß seiner militärischen Operationen am 4. Juli 27 v. Chr. feierte115, bedurfte also keiner Ausnahmeregelung, mit Recht wurde in griechischen Ehreninschriften seinem Namen die Bezeichnung imperator hinzugefügt: ὁ δῆμος / Μᾶρκον Λικίνιον Κράσσον αὐτοκράτορα (scil. ἐτίμησεν)116. Gegen den Bezug der VII. Akklamation Caesars auf die Einnahme von Alexandria spricht somit nur eine fragmentarisch überlieferte Inschrift aus Rufrae, die gesetzt wurde Imp. Caesar[i Divi f.] / cos. V. imp. [V]I ...117. Durch das fünfte Konsulat wird das Zeugnis auf 29 v. Chr. datiert, nach unserem Ansatz wäre hier also die VII. Akklamation zu erwarten. Mommsen hat diesen Befund als Bestätigung der dezidierten Aussage des Cassius Dio [211] gewertet, Caesar 109 110

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Vgl. A. MOCSY: Der vertuschte Dakerkrieg des M. Licinius Crassus, Historia 15 (1969) 511-514. AE 1977,778; vgl. J.H. OLIVER: Octativan’s Inscription at Nicopolis, AJPh 90 (1969) 178-182; ergänzend J.M. CARTER: A New Fragment of Octavian’s Inscription at Nicopolis, ZPE 24 (1977) 227-230. Der Zeitpunkt der Dedikation im Sommer 29 v. Chr. wird, soweit ich sehe, nicht bestritten. Dio 51,1,2f. Dio. 51,21,1; Strabo 10,5,3; Oros. 6,19,21. Aug. r.g. 4; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 29, Inscr. It. XIII 1, p. 344f.; Liv. epit. 133; Dio 51,21,5-8. Suet. Aug. 18,2. Fasti triumph. Capit. ad ann. 27, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 27, Inscr. It. XIII 1, p. 344f. AE 1928,44 (Thespiae); vgl. IG II/III2 4118 = ILS 8810 (Athen). CIL X 4830 = ILS 80.

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habe die Akklamation des Crassus für sich beansprucht, und daraus die Schlußfolgerung gezogen: „Alexandrea capta a. 724 Caesarem acclamationem imperatoriam non iterasse, quamquam ob Actiacam victoriam et de Aegypto triumphavit ... eatenus igitur utramque victoriam ad eandem expeditionem rettulit.“118 Aus fünf Gründen erscheint mir diese Interpretation unverbindlich: 1) wegen der Bedeutung der Einnahme von Alexandria für die politische Propaganda Caesars; 2) aufgrund des Itinerars Caesars und der offiziellen Dedikationsinschrift von Nicopolis; 3) wegen der fragmentarischen Überlieferung der Inschrift aus Rufrae, deren Lesung an der entscheidenden Stelle nicht gesichert ist; 4) aufgrund der griechischen Ehreninschriften, die Licinius Crassus als imperator bezeichnen; 5) aufgrund der Triumphalfasten, die eine Siegesfeier des Crassus in Rom ex Thraecia et Getis dokumentieren. Ohne einen Fehler des Steinmetzen bzw. seiner Vorlage zu unterstellen, halte ich daher eine Ergänzung der Ehreninschrift aus Rufrae in imp(eratori) [VI]I für angemessener. Die widersprüchliche Aussage des Cassius Dio119 erscheint um so weniger relevant, als der Historiker auch den Anlaß der folgenden VIII. Akklamation vom Jahre 25 v. Chr. unzutreffend bezeichnet. Nach seiner Version hätte Augustus diese aufgrund militärischer Erfolge seines ,Legaten‘ M. Vinicius in Gallien angenommen: ... Μ. Οὐινίκιος Κελτῶν τινας μετελθών ... τὸ ὄνομα καὶ αὐτὸς τὸ τοῦ αὐτοκράτορος τῷ Αὐγούστῳ ἔδωκε120. Damit wäre ausgeschlossen, daß Augustus, der damals persönlich in Spanien die Operationen gegen die Cantabrer leitete, seine eigene Leistung durch eine Akklamation dokumentiert hätte. Mit Timothy D. BARNES halte ich diese Folgerung für trügerisch121. Die Bedeutung dieses letzten Feldzuges für die augusteische Selbstdarstellung muß sich in einer imperatorischen Akklamation niedergeschlagen haben, selbst wenn bis dahin tatsächlich keine abschließenden Ergebnisse erzielt worden sind122. Nicht von 118 119

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Th. MOMMSEN: Res gestae (wie Anm. 1) 12. Möglicherweise resultiert das Mißverständnis des Historikers aus der zeitlichen Koinzidenz des von Licinius Crassus erfochtenen Sieges (Dio 51,25,2) und der offiziellen Verleihung des praenomen Imperatoris an Caesar durch den Senat im Jahre 29 v. Chr. (Dio 52,41,3). Dio 53,26,4; vgl. CIL XII 3148f. = ILS 85 (Nemausus): Imp. Caesari Divi f. /Augusto cos. nonum / designato decimum / imp. octavom. T.D. BARNES: JRS 64 (1974) 21; vgl. auch R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310. Vgl. W. SCHMITTHENNER: Augustus’ spanischer Feldzug und der Kampf um den Prinzipat (1958), ND in: Augustus, hrsg. von W. Schmitthenner (Darmstadt 1969)

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ungefähr hat Augustus mit [212] diesem Feldzug seine Autobiographie abgeschlossen: ... aliqua de vita sua, quam tredecim libris Cantabrico tenus bello nec ultra exposuit123. Bis zum Jahre 25 v. Chr., so dürfen wir festhalten, hatte Augustus also eigene militärische Leistungen aufzuweisen, die zur Vermehrung seiner imperatorischen Akklamationen führten. Ebenso unstrittig ist imp(erator) IX auf die friedliche Rückgewinnung römischer Feldzeichen von Phraates IV. im Jahre 20 v. Chr. zu beziehen124. Längst bestand damals die grundsätzliche Verwaltungsteilung des Imperium Romanum in ,kaiserliche‘ und ,senatorische‘ Provinzen125. Seitdem sich der Princeps im Januar 27 v. Chr. die ungesicherten bzw. ,unbefriedeten‘ Grenzregionen als Aufgabenbereich (provincia) hatte zuweisen lassen126, amtierten hier legati pro praetore, deren militärische Aktionen auspiciis principis durchgeführt wurden. Mit anderen Verhältnissen haben wir bezüglich der ,senatorischen‘ Provinzen zu rechnen, wo die proconsules nach wie vor ein eigenes imperium besaßen und auspiciis suis operierten. Praktische Konsequenzen ergaben sich daraus indessen nur für die Amtsbereiche, in denen Legionen standen, z.B. für Macedonia und Africa127. Dieser theoretische Ansatz deckt sich mit dem Befund der Triumphalfasten, deren letzter Eintrag zum Jahre 19 v. Chr. L. Cornelius Balbus verzeichnet, der am 27. April als proconsul ex Africa triumphierte128. Zuvor war am 12. Oktober 21

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404-485, bes. 440-458; zuletzt noch I. LANCIA: Cántabros y Astures. Bimilenario de las guerras cántabras y astrues (Madrid 1983). Suet. Aug. 85,1; vgl. Florus 2,33,53: Digna res lauro, digna curru senatui visa est; sed iam tantus erat Caesar, ut triumpho augeri contemneret; außerdem Aug. r.g. 13; Dio 53,26,5; Plut. fort. Rom. 9 (322 B/C); Oros. 6,21,11. Vgl. D. TIMPE: Zur augusteischen Partherpolitik zwischen 30 und 20 v. Chr., WJA NF 1 (1975) 155-169; T.D. BARNES: JRS 64 (1974) 21f.; R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310; zur Cistophorenprägung vgl. C.H.V. SUTHERLAND u.a.: The Cistophori of Augustus (London 1970) 33-37 und 102-104. Zur Problematik dieser modernen Terminologie vgl. F. MILLAR: The Emperor, the Senate, and the Provinces, JRS 56 (1966) 156-166, bes. 166. Strabo 17,3,25; Dio 53,12,1-9; vgl. Suet. Aug. 47. In Africa stand die leg(io) III Augusta (CIL VIII 10018 und 10023 = ILS 151). Welche Legionen damals noch in Makedonien standen, entzieht sich meiner Kenntnis; möglicherweise handelte es sich um die leg(io) X Fretensis (AE 1936,18) und die leg(io) V Macedonica bzw. die leg(io) IV Scythica (vgl. E. RITTERLING: RE XII 2, 1925, 1573 und 1557, s.v. legio). R.K. SHERK (Roman Imperial Troops in Macedonia and Achaia, AJPh 78, 1958, 52-62) hat nur die Auxiliareinheiten behandelt. Fasti triumph. Capit. ad ann. 19, Inscr. It. XIII 1, p. 86f., vgl. p. 571; zur Vorgeschichte vgl. P. ROMANELLI: La campagna di Cornelio Balbo nel sud africano (1977), ND in: DERS.: In Africa e a Roma. Scripta minora selecta (Rom 1981) 393-402; A. BERTHIER: La Numidie. Rome et le Maghreb (Paris 1981) 94-100.

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v. Chr. L. Sempronius Atratinus als triumphator in Rom eingezogen, ebenfalls aufgrund militärischer Erfolge während seines Prokonsulats in Africa129. Statthaltern ,kaiserlicher‘ Provinzen blieben derartige [213] Auszeichnungen seit 27 v. Chr. versagt, da sie kein selbständiges imperium besaßen. Die scheinbare Ausnahme von dieser Regel – der Triumph des Sex. Appuleius ex Hispania vom 25. Januar 26 v. Chr.130 – erklärt sich aus dem historischen Zusammenhang. Der Senator hatte die Statthalterschaft Mitte 28 v. Chr. angetreten und war im folgenden Jahre durch C. Antistius Vetus, den ersten leg(atus) Aug(usti) pro praet(ore) abgelöst worden131. Als proconsul besaß Appuleius die auspicia, so daß er seinen Triumph zwar etwas verspätet, aber durchaus geltenden Normierungen entsprechend feiern konnte. Zutreffend bezeichnet ihn folglich eine in Aesernia gesetzte Ehreninschrift auch als imp(erator)132. Dieselben Voraussetzungen gelten im Falle des M. Nonius Gallus und des T. Statilius Taurus. Beide Feldherrn hatten 29 v. Chr. auspiciis suis erfolgreiche Operationen gegen die Treverer bzw. gegen keltische Gebirgsstämme im nördlichen Spanien durchgeführt und waren von ihren Truppen als imperatores akklamiert worden133. Mit Recht konnte Nonius Gallus seither diese Bezeichnung seiner Nomenklatur hinzufügen134, während Statilius Taurus, zusammen mit Agrippa einer der engsten Vertrauten des Augustus, damals die Zahl seiner Akklamationen auf imp(erator) III erhöhte135. Wesentlich erscheint, daß in allen bezeichneten Fällen die Akklamation auf Ereignisse vor der Neuordnung von 27 v. Chr. zurückzuführen ist. Seither wurde Statthaltern ,kaiserlicher‘ Provinzen weder die imperatorische Akklamation zugebilligt, noch haben sie einen Triumph gefeiert. Auf die ,senatorischen‘ Provinzen trifft dies nicht in gleichem Maße zu. Sicher blieb auch den proconsules seit 19 v. Chr. eine Siegesfeier in Rom versagt, doch läßt dieser Befund allein noch keine Rückschlüsse zu, ob damit gleichzeitig der Verlust der auspicia verbunden war. 129 130 131

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Fasti triumph. Capit. ad ann. 21, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 21, Inscr. It. XIII 1, p. 344f. Fasti triumph. Capit. ad ann. 26, Inscr. It. XIII 1, p. 86f.; Fasti triumph. Barberin. ad ann. 26, Inscr. It. XIII 1, p. 344f. Vgl. G. ALFÖLDY: Fasti Hispanienses. Senatorische Reichsbeamte und Offiziere in den spanischen Provinzen des römischen Reiches von Augustus bis Diokletian (Wiesbaden 1969) 3f. CIL IX 2637 = ILS 894. Dio 51,20,5; daraus folgt, daß Nonius Gallus ein selbständiges Kommando (imperium pro praetore) innehatte und nicht als Legat des C. Carrinas fungierte; vgl. auch W. MEYERS: L’administration de la province romaine de Belgique. Dissertationes archaeologicae Gandenses 8 (Brügge 1964) 37f. CIL IX 2642 = ILS 895. CIL II 3556 = ILS 893 (Elche); CIL X 409 = ILS 893 a (Buccino); zur Stellung des Statilius Taurus vgl. Vell. 2,127,1; insgesamt A. NAGL: RE III A 2 (1929) 2199-2203, s.v. Statilius 34.

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Einen ersten Vorstoß des Augustus in diese Richtung dürfte bereits der Prozeß des M. Primus vom Jahre 23 v. Chr. signalisiert haben136. Als proconsul [214] prov. Macedonicae hatte Primus ohne Legitimation durch Senat und Volk von Rom einen Feldzug gegen die Odrysen geführt. Zu seiner Verteidigung berief er sich auf Weisungen des Augustus, dessen Kompetenz in dieser Frage aber offenbar rechtlich nicht abgesichert war. Die Affäre bestätigt indirekt unsere These, daß die proconsules damals noch ein eigenständiges imperium besaßen und nach Ablauf ihrer Statthalterschaft zur Rechenschaft über ihre Amtsführung gezogen werden konnten. Andernfalls wäre die Haltung des Princeps im Verlauf des Prozesses, als er entsprechende Weisungen rundweg leugnete, kaum zu verstehen. Immerhin aber hatte die Anklage gegen Primus einen auswärtigen Krieg zum Inhalt, so daß sich aus kaiserlicher Sicht die Frage der auspicia durchaus stellen konnte137. Aus politischen Erwägungen hat Augustus damals das Problem zunächst auf sich beruhen lassen, später aber praktische Konsequenzen gezogen, indem er die makedonischen Legionen dem Militärbefehlshaber der moesischen Heeresgruppe unterstellte 138 . Legalistische Rücksichten dürften den Princeps auch veranlaßt haben, diese Frage im Zusammenhang mit den Triumphen des Sempronius Atratinus und des Cornelius Gallus nicht erneut aufzugreifen, um 136

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Dio 54,3,2f.; vgl. VERF.: Servus Index. Sklavenverhör und Sklavenanzeige im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom. Forschungen zur antiken Sklaverei 15 (Wiesbaden 1982) 112f. Dio 53,12,9; vgl. H. BRAUNERT: Omnium provinciarum populi Romani ... fines auxi. Ein Entwurf, Chiron 7 (1977) 207-217. Aus sachlichen Gründen erfolgten zuweilen kaiserliche Interventionen in ,senatorischen‘ Provinzen in Abstimmung mit dem Senat; so im Falle des P. Paquius Scaeva, der sein zweites Prokonsulat in Cypern – möglicherweise im Zusammenhang mit dem Erdbeben von 15 v. Chr. (Dio 54,23,7) – bekleidete extra sortem auctoritate Aug. Caesaris et s(enatus) c(onsulto): CIL IX 2845 = ILS 915. Für das Problem der auspicia sind diese Maßnahmen nicht relevant. Vgl. R. SYME: Lentulus and the Origin of Moesia (1934), ND in: Ders.: Danubian Papers (Bukarest 1971) 40-72 (mit Addendum), bes. 51f. und 67f.; J.H. OLIVER: Athens and Roman Problems around Moesia, GRBS 6 (1965) 51-55; DERS.: The Establishment of Moesia as a Seperate Province, CPh 62 (1967) 41f. Die Ausführungen von A. AICHINGER (Die Reichsbeamten der römischen Provinz Macedonia in der Prinzipatsepoche, Arheološki Vestnik 30, 1979, 603-683, hier: 607-612) erscheinen nicht immer fundiert; überzeugender Th. SARIKAKIS: Ῥωμαῖοι ἄρχοντες τῆς ἐπαρχίας Μακεδονίας. 2 Bde. (Saloniki 1971/77) II 23-37. Wesentlich später – 39 n. Chr. – hat dann Caligula auch die legio III Augusta dem direkten Kommando des procos. Africae entzogen und einem Legionslegaten unterstellt (CIL VIII 22786 = ILS 9375; CIL VIII 14603 = ILS 2305 – Tac. hist. 4,48,1; Dio 59,20,7); vgl. U. VOGEL-WEIDEMANN: Die Statthalter von Africa und Asia in den Jahren 14-68 n. Chr. Eine Untersuchung zum Verhältnis Princeps und Senat. Antiquitas I 31 (Bonn 1982) 99-106 und 117-120; B.E. THOMASSON: Zur Verwaltungsgeschichte der römischen Provinzen Nordafrikas (Proconsularis, Numidia, Mauretaniae), ANRW II 10,2 (1982) 15-17.

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

das empfindliche System der res publica restituta keiner Krise auszusetzen. Dies fiel ihm um so leichter, als in den folgenden Jahrzehnten abgesehen von der Donaugrenze keine größeren militärischen Aktionen in ,senatorischen‘ Provinzen mehr stattfanden139. [215] Erst um die Zeitwende sind in Nordafrika nochmals Feldzüge gegen die Gaetuler geführt worden. Statthalter waren damals L. Passienus Rufus und Cossus Cornelius Lentulus. Beiden wurden nach Velleius die ornamenta triumphalia verliehen: ... quem honorem ... Passienus et Cossus, viri quamquam diversis virtutibus celebres, in Africa meruerant140. Übereinstimmend wird Lentulus in der literarischen Überlieferung als dux bezeichnet141, weil er nicht im Wege des üblichen Losverfahrens, sondern durch kaiserliche Ernennung die Statthalterschaft erlangte142. Ein für Mars Augustus errichteter Altar aus Lepcis Magna bezeichnet ihn indessen mit seinem Amtstitel als proconsul143. Die Inschrift ist für uns deshalb von Interesse, da hier differenziert wird zwischen militärischem Kommando und kaiserlichen auspicia: ... auspiciis Imp. Caesaris Aug. / pontificis maxumi, patris / patriae, ductu Cossi Lentuli / cos., XVviri sacris faciundis, / procos. ... Die Operationen entziehen sich eindeutiger Datierung, immerhin dürfte der Altar entweder 7 oder 8 n. Chr. gesetzt worden sein 144. Nach der Notiz des Velleius ist Passienus Rufus zeitlich vor Lentulus anzusetzen. Für ihn bezeugen zwei Belege eine imperatorische Akklamation, welche – perpetuiert – seinem Namen nachgestellt wurde. Eine provinziale Aes-Prägung bezeichnet ihn auf dem Revers als L PASS[IENVS] RVFVS IMP (sein Kopf n. r.), der Avers bietet die Legende IMP CA[ESAR] DIVI F PP (Kopf des Augustus n. r.)145. Noch bemerkenswerter erscheint ein Altar für Iuno Livia Augusti (uxor), der unter dem Prokonsulat des Passienus Rufus nordwestlich von Mactaris errichtet wurde: L. Passieno Rufo im-

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140 141 142 143 144 145

Der ,Marmaridenkrieg‘ des P. Sulpicius Quirinus (Florus 2,31,41) kann hier unberücksichtigt bleiben, da weder die Datierung (um die Zeitwende?) gesichert ist, noch bekannt, in welcher Funktion (als leg. Aug. pr. pr. prov. Syriae?) Quirinus den Feldzug geführt hat; vgl. zuletzt J. DESANGES: Un drame africain sous Auguste. Le meurtre du proconsul L. Cornelius Lentulus par [215] les Nasamones, in: Hommages à Marcel Renard II. Coll. Latomus 102,2 (Brüssel 1969) 197-213, bes. 208-212. Vell. 2,116,2; vgl. R. SYME: Tacfarinas, the Musulamii, and Thubursicu (1951), ND in: Ders.: Roman Papers (Oxford 1979) I 218-230, bes. 222f. Florus 2,31,40; Oros. 6,21,18. Dio 55,28,2. AE 1940,68 = IRT 301. Vgl. B.E. THOMASSON: Praesides provinciarum Africae, OpuscRom 7 (1969) 165. L. MÜLLER: Numismatique de l’ancienne Afrique. Supplément (Kopenhagen 1874, ND Chicago 1977) 43f., Nr. 39 a (Umzeichnung: Taf. II); M. GRANT: From Imperium to Auctoritas. A Historical Study of the Aes Coinage in the Roman Empire 49 B.C.-A.D. 14 (Cambridge 1946) 139, Nr. 4 (Taf. IV 26).

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peratore Africam obtinente ...146. Im Zusammenhang mit der Notiz des Velleius kann dieser Befund wohl nur in dem Sinne interpretiert werden, daß Passienus von seinen Truppen als imperator akklamiert worden ist, statt des Triumphes aber dann die ornamenta triumphalia verliehen bekam. Der [216] Schluß liegt nahe, er habe den vorausgehenden Feldzug auspiciis suis geführt. Andere Voraussetzungen waren im Falle des Cossus Cornelius Lentulus gegeben, dessen militärische Aktionen auspiciis Imp. Caesaris Aug. erfolgt sind. Zwar wurde auch er mit den Triumphalinsignien ausgezeichnet, eine Akklamation zum imperator ist für ihn indessen nicht bezeugt. Der Gedanke, Augustus habe stattdessen die Zahl seiner eigenen Akklamationen erhöht, ist prinzipiell nicht auszuschließen. Aus chronologischen Gründen käme nur eine Erhöhung auf imp(erator) XV, XVI bzw. XVII in Betracht147. Hinsichtlich der XV. und XVI. Akklamation wurde kürzlich ein Bezug auf militärische Erfolge des C. Caesar im Osten vorgeschlagen148, doch scheinen mir Zweifel an dieser These gerechtfertigt. Sicher ist lediglich, daß Augustus zusammen mit seinem Adoptivsohn eine Akklamation infolge der Einnahme von Artagira (3 n. Chr.) akzeptierte: ἁλόντος δ’οὖν ποτε αὐτοῦ (scil. Ἄδδονος τὰ Ἀρτάγειρα κατέχοντος) τό τε ὄνομα τὸ τοῦ 146

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CIL VIII 16456 = ILS 120 (Ellès). Neuerdings wird die Akklamation des Passienus Rufus ohne hinreichende Begründung in Frage gestellt von R. COMBÈS: Imperator (wie Anm. 1) 182-185 (Bezug auf den 30. Jahrestag der res publica restituta!); J. DESANGES (wie Anm. 139) 200, Anm. 6 (imperator bereits vor dem Prokonsulat). Die Fehleinschätzung wurzelt offenbar im falschen Verständnis der auspicia; vgl. zutreffend M. RACHET: Rome et les Berbères. Un problème militaire d’Auguste à Dioclétien. Coll. Latomus 110 (Brüssel 1970) 75f. Zu den Voraussetzungen der X.-XIV. Akklamation des Augustus vgl. T.D. BARNES: JRS 64 (1974) 22; R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310-313. Beide Forscher beziehen imp(erator) X auf den Feldzug des Drusus und des Tiberius in Raetien (15 v. Chr.); vgl. auch K. KRAFT: Zur Münzprägung des Augustus. Sb. d. Wiss. Ges. Frankfurt 7 (1968) Nr. 5 (Wiesbaden 1969) 225-237. Die frühesten datierten Belege stammen allerdings vom Jahre 13/12 v. Chr. (Meilensteine mit trib. pot. XI): CIL V 8088; 8094 = ILS 5816; CIL V 8100f., vgl. 8105; CIL XII 5455, vgl. 5454; dazu I. KÖNIG: Die Meilensteine der Gallia Narbonensis. Itinera Romana 3 (Bern 1970) 72f. Möglich erscheint deshalb auch ein Bezug auf die Neuordnung des Bosporanischen Reiches durch Agrippa; vgl. W. HOFFMANN: RE XXI 2 (1952) 1283f., s.v. Polemon 2; V.F. GAJDUKEVIČ: Das Bosporanische Reich (Berlin/Amsterdam 1971) 326f. Cassius Dio (54,24,7) bemerkt dazu, der General habe damals über seine Aktionen direkt an Augustus berichtet und einen ihm vom Senat beschlossenen Triumph abgelehnt, während der Historiker keinen entsprechenden Hinweis im Zusammenhang mit dem Feldzug in Raetien bietet (Dio 54,22,4). Zur Datierung der X. Akklamation vgl. unter anderem Aspekt auch A. KUNISZ: Recherches sur le monnayage et la circulation monétaire sous le règne d’Auguste (Warschau 1976) 23, Anm. 35. Soeben wird ein Aureus mit IMP X, im Abschnitt: ACT, angeboten: Münzzentrum Köln. Auktion 51 (28. 3. 84). Katalog Nr. 309. T.D. BARNES: JRS 64 (1974) 23; zurückhaltender auch R. SYME: Phoenix 33 (1979) 315.

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

αὐτοκράτορος οὐχ ὁ Αὔγουστος μόνον, ἀλλὰ καὶ ὁ Γάιος ἐπέθετο ... 149. Nichts

spricht dagegen, der Kaiser habe sich seither als imp(erator) XV bezeichnet150, während C. Caesar den Erfolg durch seine erste und einzige Akklamation dokumentierte151. Die XVI. Akklamation des Augustus wäre dann auf den Feldzug des Tiberius in Germanien (6 [217] n. Chr.) zu beziehen, der gleichzeitig imp(erator) III wurde152. Dieselbe Akklamation führt Tiberius noch auf dem Bogen von Ticinum, der 7/8 n. Chr. errichtet wurde, während Augustus hier bereits als imp(erator) XVII bezeichnet wird153. Die Vermehrung der kaiserlichen Akklamationen muß sich also auf Ereignisse beziehen, an denen Tiberius keinen Anteil hatte154, so daß als Anlaß nur das bellum Gaetulicum des Lentulus in Betracht kommt. Der Sieg des Passienus Rufus hatte also keine Auswirkungen auf das Formular der Kaisertitulatur, sondern fand allein in der Akklamation des Feldherrn zum imperator seinen Ausdruck. Dieser Befund bestätigt unsere These, daß er im Unterschied zu Cornelius Lentulus den Feldzug auspiciis suis geführt hat155. Unter 149 150

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Dio 55,10a,7; vgl. J.E.G. ZETZEL: New Light on Gaius Caesar’s Eastern Campaign, GRBS 11 (1970) 259-266. RIC I 90, Nr. 353 (Gold-Medaillon); F. GNECCHI: I medaglioni romani I (Mailand 1912) 3, Augusto 1 (Taf. I 1); vgl. M. GRANT: Roman Anniversary Issues (Cambridge 1950) 24; ebenso PIR2 I 215, p. 163. CIL V 6416,7 = ILS 107,7 (Ticinum); CIL XIII 2942 = AE 1895,67 (Sens); vgl. auch die Rekonstruktion einer vergleichbaren Inschrift aus Reims durch A. VASSILEIOU: La dédicace d’un monument de Reims élevé en l’honneur de Caius et Lucius Caesar, ZPE 47 (1982) 119-130, bes. 125 und die Umzeichnung 130 (freundlicher Hinweis von Heinz HEINEN); wäre C. Caesar [217] zweimal akklamiert worden, so müßte dies analog zur Zählung bei Augustus und Tiberius auf dem Bogen von Ticinum vermerkt worden sein. Dio 55,28,6; die Meilensteine aus Galatien/Pisidien mit imp(erator) XV (CIL III 6974; 14401; 14185) sind diesbezüglich fehlerhaft, da die Zählung des Konsulats und der tribunicia potestas in das Jahr 6 v. Chr. datiert. J.D. NEWBY: Numismatic Commentary (wie Anm. 1) 17 hatte diese Akklamation ohne Begründung auf den Feldzug des Cossus Lentulus bezogen. CIL V 6416,4/5 = ILS 107,4/5. Die XVIII. und XIX. Akklamation des Princeps erfolgte dann gleichzeitig mit der IV. bzw. V. Akklamation des Tiberius im Anschluß an die Feldzüge von 8 und 9 n. Chr. in Pannonien/Dalmatien (Vell. 2,114,4; 2,115,4; Dio 56,17,1; vgl. BMC Emp. I 50, Nr. 271-274); vgl. T.D. BARNES: JRS 64 (1974) 23f.; R. SYME: Phoenix 33 (1979) 316f. Vgl. auch C. BARINI: Triumphalia (wie Anm. 93) 46, Anm. 1. Grundsätzliche Überlegungen zum imperium der proconsules finden sich bei R. SYME: Rez. H. SIBER, Das Führeramt des Augustus (1946), ND in: Ders.: Roman Papers (Oxford 1979) I 191-193; allerdings bemerkt SYME in bezug auf Passienus Rufus: „(he is) not regarded as fighting under (his) own auspices“ (192). Die Analogie zu Cossus Lentulus erscheint mir unverbindlich. Ansonsten wird das Problem der auspicia proconsulum im frühen Principat in der Regel nicht erörtert; vgl. etwa B.E. THOMASSON: ANRW II 10,2 (1982) 7-12; Hinweise allerdings bei U. VOGEL-WEIDEMANN: Statthalter (wie Anm. 138) 9, 44, 80.

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diesen Voraussetzungen hätte Rufus eigentlich Anspruch auf einen Triumph in Rom anmelden können, darauf aber aus verständlichen Gründen zugunsten der ornamenta triumphalia verzichtet. Damit erhielt er eine ‚Auszeichnung‘, welche bislang nur den legati Augusti pro praetore als Äquivalent für die Siegesfeier verliehen worden war156, weil diese eben aufgrund eines alienis auspiciis errungenen Erfolges keinen Triumph feiern [218] konnten157. Der Fall des Passienus Rufus markiert somit einen Wandel im Verhältnis von Kaiser und Statthaltern ,senatorischer‘ Provinzen. Noch immer besaßen die proconsules hier ein imperium cum auspiciis, doch konnten sie die daraus resultierenden Privilegien infolge der politischen Entwicklung nicht mehr bzw. nicht mehr in vollem Umfang in An-

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Erstmalig wurden die Triumphalinsignien 12 v. Chr. dem Tiberius verliehen aufgrund seiner Leistungen im Pannonischen Feldzug: triumphalibus ornamentis honoratus, novo nec antea cuiquam tributo genere honoris (Suet. Tib. 9,2); vgl. Dio 54,31,4; Vell. 2,96,3; dazu C. BARINI: Triumphalia (wie Anm. 93) 28f. Die Begründung – Tiberius hatte den Sieg alienis auspiciis errungen – bietet Augustus in seinem Tatenbericht: Pannoniorum gentes ... devictas per Ti. Neronem, qui tum erat privignus et legatus meus, imperio populi Romani subieci (r.g. 30). Dieselbe Ehre wurde im folgenden Jahre auch Drusus zuteil, der ebenfalls damals noch keine auspicia besaß; vgl. Dio 54,33,5; Porph. Hor. carm. 4,14,7: Non sic haec dicit (scil. Horatius), quasi ab Augusto Caesare Vindelici debellati sint, sed quod Drusus exercitibus auspiciisque Augusti eos debellaverit; vgl. R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310f.; VERF.: Römische Kaiser in Mainz (Bochum 1982) 9, Anm. 16: zu Beginn der Anmerkung muß hier der Name statt ,Drusus‘ natürlich ,Tiberius‘ lauten [218] – ein bedauerlicher Setzfehler. Beide Ereignisse (12/11 v. Chr.) hatten nach Ausweis der Münzprägung eine Vermehrung der kaiserlichen Akklamationen auf imp(erator) XI bzw. XII zur Folge: BMC Emp. I 80, Nr. 465f.; 81-84, Nr. 468-491; C.H.V. SUTHERLAND/C.M. KRAAY: Catalogue (wie Anm. 70) Nr. 136-146; vgl. Dio 54,33,5; CIL VI 701f. = ILS 91. Wenn Drusus in seinem Elogium vom Forum als imp(erator) bezeichnet wird (AE 1934, 151 = Inscr. It. XIII 3, p. 15f., Nr. 9), so erfolgte diese Ehrung postum (zusammen mit der Verleihung des Germanicus-Namens: Suet. Claud. 1,3) aufgrund der Germanenfeldzüge von 10/9 v. Chr., welche Drusus auspiciis suis geführt hatte (vgl. Dio 54,33,5; Tac. ann. 1,3,1; Val. Max. 5,5,3; CIL V 3109; IX 2443 = ILS 147). Vielleicht sind auf diese Feldzüge auch eine zweite oder gar dritte Akklamation (AE 1959, 278: Saepinum) zu beziehen; vgl. A.U. STYLOW: Noch einmal zur Tiberius-Inschrift von Saepinum, Chiron 7 (1977) 487-491. Ebenso irregulär erscheint die IV. Akklamation des Tiberius in Verbindung mit trib. pot. VII; vgl. M. GAGGIOTTI: Le iscrizioni della basilica di Saepinum e i rectores della provincia del Samnium, Athenaeum 66 (1978) 147 (Nr. 4) und 151-153; R. SYME: Phoenix 33 (1979) 316. Vgl. Aug. r.g. 4: ... ob res a me aut per legatos meos auspiciis meis terra marique prospere gestas quinquagiens et quinquiens decrevit senatus supplicandum esse dis immortalibus ...; Suet. Aug. 21,1: ... partim ductu, partim auspiciis suis ... ; Hor. ep. 2,1,253f.; Proph. Hor. carm. 4,14,7; Plin. n.h. 2,167; Vell. 2,115,3; 2,129,4; Tac. ann. 2,41,1; Dio 59,21,3; Frontin. strateg. 4,3,14; CIL VI 944 = ILS 264; interessant auch die Differenzierung bei Curtius Rufus (6,3,2) in bezug auf Alexander: ... alia ductu (suo), alia imperio auspicioque perdomui(t).

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

spruch nehmen: als imperator mußte Passienus Rufus auf seinen Triumph verzichten. Damit war ein Präzedenzfall geschaffen, für den sich eine Analogie aus der ersten Regierungshälfte des Tiberius anbietet. Im Jahre 21 n. Chr. wurde Q. Iunius Blaesus vom Senat mit der Kriegführung gegen den Numider Tacfarinas beauftragt158. Da ihm während der ersten Amtsperiode ein entscheidender Erfolg versagt blieb, wurde ihm die Statthalterschaft prorogiert159. Schließlich gelang es ihm, den Bruder des Tacfarinas gefangenzunehmen, worauf der Kaiser den Krieg für beendet erklärte: ... Tiberius pro confecto (scil. bellum) interpretatus id quoque Blaeso tribuit, ut imperator a legionibus salutaretur, prisco erga duces honore, qui bene gesta re publica gaudio et impetu victoris exercitus conclamabantur ...160. Tacitus, dem wir die Kenntnis dieser Vorgänge verdanken, bezeichnet den Statthalter in der Regel als dux, in anderem Zusammenhang aber auch als proconsul: Neque multo post Caesar, cum [219] Iunium Blaesum pro consule Africae triumphi insignibus attolleret, dare id se dixit honori Seiani, cuius ille avunculus erat161. Der Hinweis des Historikers auf die republikanische bzw. augusteische Praxis, wonach auch duces – im technischen Sinne also Militärbefehlshaber sine auspiciis – als imperatores akklamiert werden konnten, trifft in dieser Verallgemeinerung nicht zu. Entscheidendes Kriterium für diesen priscus honor war vielmehr, wie wir gesehen haben, der Besitz der auspicia. Davon ist bei Tacitus im Falle des Blaesus nirgends die Rede, und Velleius bestätigt die naheliegende Vermutung, daß der Krieg auspiciis Tiberii Caesaris Augusti geführt worden ist: magni etiam terroris bellum Africum et cotidiano auctu maius auspiciis consiliisque eius (i.e. Ti. Caesaris Aug.) brevi sepultum est162. Wie zuvor Passienus Rufus erhielt Blaesus die ornamenta triumphalia, im Unterschied zu dem augusteischen Präzedenzfall aber war jetzt die imperatorische Akklamation des Statthalters keineswegs selbstverständlich, sondern erfolgte mit ausdrücklicher Billigung des Kaisers. Tacitus nahm das Er-

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Tac. ann. 3,35,1-3; die Ernennung erfolgte auctoritate Ti. Caesaris Augusti; vgl. insgesamt U. VOGEL-WEIDEMANN: Statthalter (wie Anm. 138) 79-85. Tac. ann. 3,58,1: ... provincia Africa Iunio Blaeso prorogata ...; vgl. die Aes-Prägung von Thapsus bei M. GRANT: Aspects of the Principate of Tiberius. Historical Comments on the Colonial Coinage Issued outside Spain. NNM 116 (New York 1950) 10, Nr. 27: (Rs.) PER[MIS Q I]VN BLAESI PROCOS IT ... (Taf. III 7). Tac. ann. 3,74,6; vgl. Vell. 2,125,5: ... qui (scil. Blaesus) post paucos annos proconsul in Africa ornamenta triumphalia cum appellatione imperatoria meruit. Zur Situation vgl. R. SYME [219] (wie Anm. 140) 218-230; M. RACHET: Rome et les Berbères (wie Anm. 146) 103-114; zuletzt A. BERTHIER: La Numidie (wie Anm. 128) 101-106. Tac. ann. 3,72,4; vgl. Vell. 2,125,5 ; ebenso die Aes-Prägung von Thapsus (oben Anm. 159). Vell. 2,129,4.

Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

123

eignis zum Anlaß einer historiographischen Bemerkung: concessit quibusdam et Augustus id vocabulum (scil. imperatoris), ac tunc Tiberius Blaeso postremum163. Im Ergebnis stimmen die Ehrungen für Passienus Rufus und Iunius Blaesus sicher überein, doch unterscheiden sie sich in ihren Voraussetzungen. Hatte Rufus die Akklamation als proconsul auspiciis suis erhalten, so wurde Blaesus die Ehre beneficio principis zuteil, offenbar weil er die auspicia nicht besaß. Tiberius dokumentierte mit diesem Zugeständnis also republikanische Gesinnung, nicht anders hat Tacitus als Historiker diesen letzten Fall einer Akklamation für einen Feldherrn außerhalb der domus Augusta empfunden. Irgendwann zu Beginn unserer Zeitrechnung muß also eine Gleichschaltung ,kaiserlicher‘ und ,senatorischer‘ Provinzen bezüglich des imperium der Statthalter erfolgt sein, insofern die auspicia ausschließlich dem Kaiser vorbehalten blieben bzw. von ihm Angehörigen seiner Familie verliehen wurden164. Das imperium proconsulare maius des Princeps hatte somit einen inhaltlichen Wandel erfahren, da daraus nicht länger republikanischer Tradition und der Praxis des Triumvirats entsprechend eine maior potestas gegenüber anderen Imperiumsträgern resultierte, sondern militärische Aktio[220]nen auch der proconsules grundsätzlich auspiciis principis erfolgten. Cassius Dio hat diesen Wandel offenbar unter dem Eindruck der Neuordnung vom Januar 27 v. Chr. anachronistisch auf die Epoche des Triumvirats übertragen. Seine vielfältigen Hinweise auf Umstände und Anlässe der Akklamationen Caesars, des späteren Augustus, müssen daher als unhistorisch gewertet werden. Diesem Ergebnis steht die Aussage des Sueton nicht entgegen, wenn er die militärischen Erfolge des Augustus resümiert: Externa bella duo omnino per se gessit, Delmaticum adulescens adhuc et Antonio devicto Cantabricum ... reliqua per legatos administravit ... Domuit autem partim ductu, partim auspiciis suis Cantabriam, Aquitaniam, Pannoniam, Delmatiam cum Illyrico omni, item Raetiam ac Vindelicos ac Salassos, gentes Inalpinas165. Andere Voraussetzungen waren etwa bis zur Zeitwende lediglich für die ,senatorischen‘ Provinzen gegeben. 163

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Tac. ann. 3,74,7. Als proconsules Africae hatten zuvor M. Furius Camillus (18 n. Chr.) und wohl auch L. Apronius (zum zweiten Male) die ornamenta triumphalia erhalten (Tac. ann. 2,52,9 und 4,23,1; vgl. 3,21,6); vgl. C. BARINI: Triumphalia (wie Anm. 93) 61f.; zum historischen Zusammenhang M. RACHET: Rome et les Berbères (wie Anm. 146) 94-102. Vgl. bes. R. SYME: Phoenix 33 (1979) 310-325; dazu K. BRINGMANN: Chiron 7 (1977) 219-238. Suet. Aug. 20-21,1; vgl. Aug. r.g. 26-30. Die Feldzüge des C. Aelius Gallus 25/24 v. Chr. und des C. Petronius 24/22 v. Chr. in die Arabia Felix bzw. gegen Äthiopien – Aug. r.g. 26: . . . Meo iussu et auspicio ducti sunt duo exercitus eodem fere tempore in Aethiopiam et in Arabiam, quae appellatur Eudaemon – fügen sich zwanglos in diesen historischen Zusammenhang. Als praefecti Aegypti ritterlichen Standes (Plin. n.h. 6,160 und 181) besaßen beide Feldherrn natürlich keine auspicia; vgl. Sh. JAMESON: Chronology of the Campaigns of Aelius Gallus and C. Petronius, JRS 58 (1968) 71-84 (mit anfechtbaren

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Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

Damit stehen wir am Ende unserer Untersuchung über die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die kaiserlichen auspicia. Die Problematik konnte nur im größeren Zusammenhang der Übergangsphase von der Republik zum Principat einer Lösung zugeführt werden. In dreifacher Hinsicht erscheint mir das Ergebnis von Interesse. Zunächst bietet sich uns die Möglichkeit zur genaueren Datierung von Einzelereignissen, aber auch von inschriftlichen Zeugnissen und Münzemissionen. Sodann hat sich gezeigt, daß die Annahme des praenomen Imperatoris durch Caesar in engem zeitlichen und sachlichen Bezug zu seinem neuen Patronymikon Divi f(ilius) im Winter 40/39 v. Chr. erfolgte. Aus der Fragestellung selbst ergaben sich schließlich wesentliche Aufschlüsse über die staatsrechtliche Stellung der Triumvirn gegenüber ihren Generalen bzw. über das Verhältnis von Princeps und Provinzialstatthaltern. Der inhaltliche Wandel des kaiserlichen imperium maius vollzog sich allmählich – fast schleppend – und zeugt vom politischen Gespür, mit dem Augustus seine neue Herrschaftsordnung etabliert hat. Im Detail wird sich uns die Art und Weise seines Vorgehens vielleicht nie ganz offenbaren – wird, wie Tacitus prägnant formulierte, ein arcanum imperii / dominationis bleiben166.

 166

Hypothesen bezüglich des politischen Hintergrundes); P.A. BRUNT: The Administrators of Roman Egypt, JRS 65 (1975) 124-147, bes. 142. Tac. ann. 2,36,2 und 2,59,4 (in bezug auf Ägypten).

Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

125

Anhang: Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und des Augustus (tabellarische Übersicht) Zeit

Caesar-Augustus

Antonius

Lepidus 47: imperator

45 16. 4. 43: imperator 40

35

vor 15. 3. 40: imp. II Sept./Okt. 40: imp. III

Dez. 44: imperator

Herbst 44: imp. II

Juli 40: imp. II Sept./Okt. 40: imp. III

Ende 40: imp. III

Aug. 36: imp. IV 33: imp. V

30

Sept. 31: imp. VI Aug. 30: imp. VII

25

25: imp. VIII

20

20: imp. IX

34: imp. IV

15

Tiberius 14 (?): imp. X

10

12: imp. XI 11: imp. XII 9: imp. XIII 8: imp. XIV

9: imperator 8: imp. II

Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn

126 Zeit

Caesar-Augustus

Tiberius

3: imp. XV 5

10

6: imp. XVI 7 (?): imp. XVII 8: imp. XVIII 9: imp. XIX

6: imp. III

11: imp. XX 12/13: imp. XXI

11: imp. VI 12/13: imp. VII

8: imp. IV 9: imp. V

Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat: die Rolle von Senat, Volk und Heer bei der Kaisererhebung* Exercitus facit imperatorem – mit diesem Satz hatte der Kirchenvater Hieronymus1 um 400 n. Chr. die Wahl der Bischöfe von Alexandria durch die Presbyter sinngemäß in Parallele gesetzt zur Proklamation des Kaisers durch die Truppen. Edmund STENGEL isolierte die Analogie und veröffentlichte 1910 eine vielbeachtete Studie zum mittelalterlichen Kaisertum unter dem Titel Den Kaiser macht das Heer. Auch in der überarbeiteten und stark erweiterten Fassung, die 1965 mit dem neuen Titel Der Heerkaiser erschien2, hat STENGEL den militärischen Grundcharakter des altrömischen Kaisertums betont, der besonders in den wiederholten Erhebungen von Kaisern durch das Heer zum Ausdruck gekommen sei. Ganz offenkundig steht der Mediävist mit dieser Beurteilung im Banne Theodor MOMMSENs. Dieser hatte die Übernahme des Prinzipats als Akt bezeichnet, „der von Rechts wegen ebensowohl auf einen Beschluß des Senats gestützt werden konnte wie auf den Zuruf irgendwelcher Soldaten, so daß in der Tat jeder bewaffnete Mann gleichsam ein Recht hatte, wenn nicht sich, so doch jeden anderen zum Kaiser zu machen“3. Die beherrschende Rolle des Heeres ließ MOMMSEN den berühmten Schluß ziehen, „nie habe es ein Regiment gegeben, dem der Begriff der Legitimität so völlig abhanden gekommen wäre wie dem augusteischen Principat“4. Daß diese Sicht nicht der römischen Verfassungswirklichkeit, auch nicht der des 4. Jhs., gerecht wird, ist längst erkannt worden. Natürlich konnten rechtmäßig einzelne Soldaten ebensowenig wie einzelne Senatoren, sondern nur Heer oder Senat in ihrer Gesamtheit den Kaiser proklamieren. Nicht die leere Form, sondern der Inhalt des Aktes war entscheidend. Angesichts der realen Machtverhältnisse erhoben die Truppen Anspruch auf die politische Führung und sicherten sich im Laufe der Zeit den maßgeblichen, dann *

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[zuerst erschienen in: Index 15 (= Hommages à Gérard Boulvert), 1987, 315-332] [326] Die Überlegungen sind der Erinnerung an Gérard BOULVERT gewidmet, mit dem mich vor allem seine Forschungen zu Problemen der sozialen Unterschicht verbanden. Über das Thema habe ich 1983 in Mainz und Kiel referiert; der Vortragscharakter dieser Skizze wurde beibehalten. Hieron. epist. 146,6, CSEL 56, p. 310. E.E. STENGEL, Der Heerkaiser (Den Kaiser macht das Heer), in Ders., Abhandlungen und Untersuchungen zur Geschichte des Kaisertums im Mittelalter (Köln/Graz 1965) 1-169. Th. MOMMSEN, Römisches Staatsrecht II3 (Leipzig 1887) 844. Vgl. J. WINCKELMANN, Die verfassungsrechtliche Unterscheidung von Legitimität und Legalität, Zeitschr. für die gesamte Staatswissenschaft 112 (1956) 164-175; F. HARTMANN, Herrscherwechsel und Reichskrise. Untersuchungen zu den Ursachen und Konsequenzen der Herrscherwechsel im Imperium Romanum der Soldatenkaiserzeit (3. Jh. n. Chr.), „Europäische Hochschulschriften III 149“ (Frankfurt/Bern 1982) 21-24.

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den ausschließlichen Anspruch auf die Wahl des Kandidaten. Aurelius Victor hat den entscheidenden Zeitpunkt des Wandels markiert: „Seit der Ermordung des Probus“, konstatiert der Historiker, „wurde die Stellung des Militärs übermächtig, und der Senat verlor bis auf unsere Zeit die Macht und das Recht, den princeps zu kreieren“ – abhinc militaris potentia convaluit ac senatui imperium creandique ius principis ereptum ad nostram memoriam5. Dabei ist es dann für die Spätantike geblieben6. Vor 282 war dies offenbar anders. Zwar entzieht sich das Prinzipat als Verfassungswirklichkeit weitgehend staatsrechtlicher Schematisierung, doch entsprach nach Brauch und Herkommen (mos maiorum) eine Beteiligung von Senat und Volk an der Übertragung der Kaisergewalt [316] durchaus den Rechtsvorstellungen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte7. Als illegal beurteilten Au5

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Aur. Vict. Caes. 37,5; vgl. bereits [327] O.Th. SCHULZ, Vom Prinzipat zum Dominat. Das Wesen des römischen Kaisertums des 3. Jhs., „Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums 9,4/5“ (Paderborn 1919) 159-179. W. SESTON, Dioclétien et la Tetrarchie I (Paris 1946) 193-210 (Légitimité et usurpation). Die Diskussion um den Begriff ,Dominat‘ als Bezeichnung für die Epoche kann hier unberücksichtigt bleiben; vgl. J. BLEICKEN, Prinzipat und Dominat. Gedanken zur Periodisierung der römischen Kaiserzeit, „Frankfurter historische Vorträge 6“ (Wiesbaden 1978). In der Beurteilung des Aurelius Victor vermag ich BLEICKEN (30) nicht zu folgen. Angesichts der realen Machtverhältnisse mag sich die Erhebung des Carus durch die Prätorianer im Herbst 282 kaum von der Akklamation des Caius durch Garde- und Flottensoldaten in Misenum, von der Proklamation Vespasians durch die syrische Heeresgruppe oder von der Erhebung des Septimius Severus durch die Donaulegionen unterschieden haben. Ausschlaggebend war allerdings des Verzicht des Prätendenten auf die Anerkennung als Kaiser durch die Adelsgesellschaft. Dieser Verzicht dokumentiert ein ganz neues Selbstverständnis des Kaisertums: die Monarchie eigenen Rechts. Damit war der republikanische Rahmen der augusteischen Ordnung gesprengt: auch der Anspruch des Kaisers, als princeps (inter pares) zu gelten, war so aufgegeben worden – und dies endgültig. Für die senatorischen Kreise konnte dieser Verzicht kaum anders verstanden werden als eine Abkehr vom Prinzipat. Wie diese neue Form der Herrschaft nun auch bezeichnet wird: unter verfassungsgeschichtlichen Aspekten erscheint mir der Terminus ,Dominat‘ immer noch passend, wenngleich ich gesamtpolitisch den Begriff der ,Spätantike‘ vorziehe. Zur Diskussion um den ,Zwangsstaat‘ vgl. R. RILINGER, Die Interpretation des späten Imperium Romanum als „Zwangsstaat“, GWU 36 (1985) 321-340; dazu A. HEUSS, Das spätantike römische Reich kein „Zwangsstaat“?, GWU 37 (1986) 603-618. Völlig verfehlt erscheint die These von H. CASTRITIUS (Der römische Prinzipat als Republik, „Historische Studien 439“ [Husum 1982]), Augustus habe die Republik nicht nur dem Anspruch nach, sondern ganz real wiederhergestellt. Wie MOMMSEN behandelt er das Prinzipat, d.h. die staatsrechtliche Stellung des Prinzeps, als Magistratur, sieht die beiden zentralen Gewalten des Kaisers (imperium proconsulare maius und tribunicia potestas) nach republikanischem Muster durch Annuität und Kollegialität begrenzt. Wenn CASTRITIUS zudem gegen MOMMSEN die revolutionäre Struktur des Kaisertums negiert (vgl. A. HEUSS: wie Anm. 42), kommt er im Ergebnis bei weitem über die Systematisierung des großen Gelehrten hinaus: Nach seiner Einschätzung habe die republikanische

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relius Victor wie Eutrop etwa die Erhebung des Maximinus Thrax. „Er war der erste“, meint Victor und nach ihm der Verfasser der Historia Augusta8, „der als gemeiner Soldat die Macht mit Unterstützung der Legionen an sich riß“: primus e militaribus ... potentiam cepit suffragiis legionum. Noch deutlicher formuliert Eutrop9, der betont, Maximinus sei als erster zur Herrschaft gelangt allein nach dem Willen der Soldaten: primus ad imperium accessit sola militum voluntate. Nun, sicher hatte sich auch vor Maximinus die Präponderanz des Heeres bei Kaisererhebungen erwiesen. Die Ereignisse des Vier-Kaiser-Jahres 193, als sich schließlich Septimius Severus mit Hilfe der Legionen an Donau und Rhein durchzusetzen vermochte, sind in dieser Hinsicht exemplarisch10. Immer aber hatten die Kandidaten der Heeresgruppen ihre Proklamation dem Senat angezeigt und sich ihre Kompetenzen von dieser Körperschaft übertragen lassen. Im Jahre 69 n. Chr. war Vespasian der erste Prinzeps, der als Beginn seiner Herrschaft (dies imperii) nicht den Tag seiner Bestätigung durch den Senat, sondern den 1. Juli, den Tag seiner Akklamation in Alexandria, feiern ließ11. Diese deutliche Distanzierung zum Senat dokumentierte zugleich eine Hinwendung zum Militär, das den Erfolg seiner Proklamation garantierte. Gerade auf Vespasian bezieht sich andererseits die berühmte Bronzetafel im Capitolinischen Museum, welche Cola DI RIENZO 1346 in so spektakulärer Weise wiederentdeckt und für seine politischen Ziele genutzt hatte12. RIENZO

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Verfassung bis zur ersten Hälfte des 2. Jhs. n. Chr. (Hadrian) Geltung besessen. Diese exzessive Schematisierung klammert nicht nur alle außerverfassungsrechtlichen Aspekte (Heeresklientel, wirtschaftliche Präpotenz, dynastisches Denken, sakrale Aufwertung des Herrschers usw.) aus, sondern deformiert die Kriterien selbst (Annuität, Kollegialität, Wahlprinzip usw.) in einseitiger Interpretation. Aur. Vict. Caes. 25,2; HA Maxim. 8,1; vgl. H. DESSAU, [328] Über Zeit und Persönlichkeit der Scriptores Historiae Augustae, Hermes 24 (1889) 337-392; T.D. BARNES, The Sources of the Historia Augusta, „Coll. Latomus 155“ (Bruxelles 1978) bes. 90-97. Eutrop. 9,1; zu Maximinus Thrax vgl. die allerdings einseitig prosopographisch akzentuierte Arbeit von K. DIETZ, Senatus contra principem. Untersuchungen zur senatorischen Opposition gegen Kaiser Maximinus Thrax, „Vestigia 29“ (München 1980); zur Krise des 3. Jhs. jetzt F. HARTMANN, Herrscherwechsel (wie Anm. 4) 61-65 u. 127-140. Dio 74,14,3-17,5; Herod. 2,9-12; HA Sev. 5,1-6,1; vgl. A.R. BIRLEY, The Coups d’État of the Year 193, BJ 169 (1969) 247-280; DERS., Septimius Severus. The African Emperor (London 1971) 144-171. Tac. hist. 2,79; vgl. Suet. Vesp. 6,3; zur Erhebung vgl. H. HEUBNER, Tacitus, HistorienKommentar II (Heidelberg 1968) 248-263; zu Pap. Fouad Ier 8 vgl. P. JOUGUET, Vespasien acclamé dans l’hippodrome d’Alexandrie, in Mélanges offerts à Alfred Ernout (Paris 1940) 201210; A. HENRICHS, Vespasian’s Visit to Alexandria, ZPE 3 (1968) 51-80. CIL VI 930 = ILS 244. Vgl. P. PIUR, Cola di Rienzo (Wien 1931) 31-41; E. DUPRÉ THESEIDER, Roma dal Comune di popolo alla Signoria Pontificia (Bologna 1952) 255-269; A. ERLER, Lupa, lex und Reiterstandbild im mittelalterlichen Rom, „Sb. Wiss. Ges. Frankfurt 10/4“ (Wiesbaden 1972) 16-20 mit Taf. 5; B. GRENZHEUSER, Kaiser und Senat von

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interpretierte die sog. lex de imperio Vespasiani als Dokument für die Macht des Römischen Volkes, vertreten durch den Senat. In Konsequenz deutete er die Übertragung der Kaisergewalt nicht als endgültigen Verzicht des Volkes auf seine Souveränität (translatio), sondern als temporären Akt (concessio), der jederzeit widerrufen werden konnte13. Seine Interpretation entspricht in dieser Form sicher nicht der römischen Auffassung vom Prinzipat. Indessen hatte RIENZO ein Charakteristikum dieser Bronzetafel mit sicherem Gespür erkannt: Senat und Volk sind hier die Instanzen, welche Rechte an den Kaiser übertragen. Aufgrund der Sanktionsklausel handelt es sich entsprechend der modernen Bezeichnung um eine lex, d.h. um ein vom Römischen Volk verabschiedetes Gesetz, das in seinen acht, jeweils mit utique eingeleiteten Absätzen aber formal einem Senatsbeschluß (senatus consultum) entspricht14. In dieser Hinsicht erscheint die Auffassung der römischen Juristen von der Kaisergewalt bemerkenswert. Demnach besitze die Kaiserkonstitution Gesetzeskraft, da der Kaiser selbst die Herrschaft durch Gesetz empfange: ... cum ipse imperator per legem imperium accipiat, stellt Gaius fest15. Noch deutlicher formuliert Ulpian: „Der Beschluß des Kaisers hat Gesetzeskraft – quod principi placuit, legis habet vigorem –, da ja das Volk durch Gesetz (regia ist interpoliert), welches bezüglich dessen Herrschaft eingebracht worden ist, alle seine Macht und Gewalt [317] für ihn und auf ihn überträgt – utpote cum lege {regia}, quae de imperio eius lata est, populus ei et in eum omne suum imperium et potestatem conferat “16. Inhaltlich bedeutet die generalisierende Formulierung des Codex Iustinianus mit dem bezeichnenden Kompositum transferre anstelle von conferre eine grundsätzliche Abkehr von der klassischen Auffassung: Lege antiqua, quae regia nuncupabatur, omne ius omnisque potetas populi Romani in imperatoriam translata sunt potestatem17. Augustus, der Begründer des Prinzipats, hatte 27 v. Chr. das Gemeinwesen der Verfügungsgewalt von Senat und Volk von Rom überantwortet: rem publicam ex mea potestate in senatus populique Romani arbitrium transtuli, schreibt er in seinem

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Nero bis Nerva (Diss. Münster 1964) 227-245 (Forschungsbericht); F. LUCREZI, Leges super principem. La ,monarchia costituzionale‘ di Vespasiano, „Pubbl. Fac. Giur. Univ. Napoli 195“ (Napoli 1982) 143-210. Vgl. H. KRAUSE, Kaiserrecht und Rezeption, „Abh. Akad. Heidelberg 1952/1“ (Heidelberg 1952); H. KURZ, Volkssouveränität und Volksrepräsentation (Köln 1965) 36-42 u. 55-70; P. GRAF KIELMANSEGG, Volkssouveränität. Eine Untersuchung der Bedingungen demokratischer Legitimität (Stuttgart 1977) bes. 16-58. Vgl. grundlegend P.A. BRUNT, Lex de imperio Vespasiani, JRS 67 (1977) 95-116. Gai. inst. 1,5. D. 1,4,1 pr. (vgl. Iust. inst. 1,2,6); zur Interpolation von regia vgl. H. KRELLER, ZRG 41 (1920) 265-267. CI. 1,17,1,7.

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Tatenbericht18. Damit war die Republik formal wiederhergestellt, praktisch handelte es sich um die Herrschaft eines einzelnen, die Karl LOEWENSTEIN zutreffend als konstitutionelle Monokratie bezeichnet hat19. Ihrem Anspruch nach auf auctoritas gegründet, basierte die Stellung des Prinzeps rechtlich auf zwei Grundpfeilern: dem imperium und der tribunicia potestas. Beides besaß Tiberius als Mitregent bereits zu Lebzeiten des Augustus20. Als dessen Erbe fiel ihm selbstverständlich die caesarische Hausmacht zu, ebenso das soziale Prestige der gens Iulia. Die überragende auctoritas seines Adoptivvaters besaß er freilich nicht. Seine eigene Autorität zu steigern, mußte für ihn vordringlich erscheinen. Ob Tiberius dazu indessen seine Kompetenzen, wie Dieter TIMPE meint, formal niedergelegt hat und sich imperium und tribunicia potestas neu übertragen ließ, mag dahingestellt bleiben21; jedenfalls wünschte und erhielt Tiberius eine Bestätigung seiner Stellung durch den Senat22. Erst durch die Anerkennung der Adelsgesellschaft wurde er zum princeps – oder, wie es Haterius in der entscheidenden Senatssitzung provozierend formuliert hatte: zum caput rei publicae23. Besaß also Tiberius die rechtlichen Kompetenzen des princeps bereits beim Tode seines Vorgängers, so traf dies auf Caligula nicht zu. 37 n. Chr. mußte sich zum ersten Male erweisen, wie das zentrale Problem der neuen Ordnung, die Sukzession, gelöst wurde. Tiberius starb am 16. März des Jahres in Misenum24. Hervorragend hatte der Prätorianerpräfekt Macro die Szenerie arrangiert, die Caligula betrat, um von Garde- und Flottensoldaten als imperator akklamiert zu 18 19

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Aug. r.g. 34 (Col. VI 14f.). K. LOEWENSTEIN, Die konstitutionelle Monokratie des Augustus. Ein Beitrag zur Morphologie der Regierungstypen (1941), ND in: W. Schmitthenner (Hrsg.), Augustus (Darmstadt 1969) 531-564. Vell. Pat. 2,103,2f.; Tac. ann. 1,3,3; Dio 55,13,2 (4 n. Chr.); vgl. J.F. BOGUE, Tiberius in the Reign of Augustus (Diss. Univ. of Illinois 1970) 46-59; zuletzt P. SCHRÖMBGES, Tiberius und die res publica Romana. Untersuchungen zur Institutionalisierung des frühen römischen Principats (Bonn 1986) 32-34 u. 291f. D. TIMPE, Untersuchungen zur Kontinuität des frühen Prinzipats, „Historia-Einzelschr. 5“ (Wiesbaden 1962) 33-56, bes. 54. Bezüglich dieses Aktes halte ich an der traditionellen Datierung (17. Sept. 14 n. Chr.) fest; die vorangehenden ,Regierungsmaßnahmen‘ erfolgten aufgrund seiner Kompetenzen, wie D. TIMPE (Kontinuität, wie Anm. 21) dargelegt hat. B. LEVICK (Tiberius the Politician [London 1976] 68-81) [329] hat deshalb den Schluß gezogen, daß für Tiberius gar kein ,Herrschaftsantritt‘ existierte, der dies imperii eine Fiktion späterer Historiker sei. Gerade in bezug auf den ersten Regierungswechsel erscheint mir diese These überzogen. Nach K. WELLESLEY (The dies imperii of Tiberius, JRS 57 [1967] 23-30) erfolgte die Herrschaftsübertragung zwischen dem 1. und 3. Sept.; seinem Ansatz folgt jetzt P. SCHRÖMBGES, Tiberius (wie Anm. 20) 65-92. Ich halte diesen Ereignisablauf aufgrund des Zeitfaktors nahezu für ausgeschlossen. Tac. ann. 1,13,4. Suet. Tib. 73,1.

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werden: ... multo gratantum concursu ad capienda imperii primordia C. Caesar egrediebatur25. Bedeutete diese Akklamation nun tatsächlich, daß Caligula seither das imperium besaß? Wohl nicht! Der Vergleich mit den imperatorischen Akklamationen der Republik erweist sich, wie MOMMSEN selbstverständlich gesehen hat, als reiner Formalismus26. Bezeichnend ist etwa der Fall des L. Marcius Septimus. Nach Livius27 erstattete er 211 v. Chr. als privatus dem Senat Bericht über die Lage in Spanien und legte sich dabei den Titel propraetor zu, ohne daß ihm das imperium durch Volk und Senat verliehen worden war: imperio non populi iussu, non ex auctoritate patrum dato ‚propraetor senatui‘ [318] scripserat. Trotz der unbestreitbaren Verdienste des Ritters und seiner Akklamation durch die Truppen erregte dieses Verhalten in Rom Anstoß: „es sei ein schlechtes Beispiel (mali exempli esse), wenn man Feldherrn von den Heeren wählen lasse (imperatores legi ab exercitibus) und den feierlichen Akt der Auspikationskomitien der Unberechenbarkeit von Soldaten übertrage (et sollemne auspicandorum comitiorum ... ad militarem temeritatem transferri)“. Ordnungsgemäß konnte demnach das imperium nur von Volk und Senat verliehen werden, daran läßt auch Livius keinen Zweifel aufkommen. Die republikanischen Imperatoren besaßen das imperium bereits als Feldherrn, Caligula besaß es als privatus nicht. Dies war dem Prätendenten durchaus bewußt, denn in den Briefen, mit denen er seinen Anspruch Senat und Volk von Rom zur Kenntnis brachte, verzichtete er unter anderem auch auf den imperatorTitel28. Im Eid von Aritium vom 11. Mai 37 wird hingegen der amtierende Statthalter von Lusitanien C. Ummidius Durmius Quadratus bezeichnet als leg(atus) C. Caesaris Germanici imp(eratoris) pro praet(ore)29. Zwei Tage nach der Akklamation in Misenum fand ein vergleichbarer Akt im Senat statt. Zum 18. März verzeichnen die Arvalakten – Protokolle einer stadtrömischen senatorischen Priesterschaft30 – Opferhandlungen, ... quod hoc die C. Caesar Augustus Germanicus a senatu impera[tor appellatus est]31. Nach dem Bericht des Cassius Dio ließ Caligula 25 26 27 28 29 30

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Tac. ann. 6,50,4; zur Stellung des Q. Naevius Cordus Sutorius Macro (AE 1957, 250) vgl. D. HENNIG, L. Aelius Seianus, „Vestigia 21“ (München 1975) 139-156. Th. MOMMSEN, Staatsrecht (wie Anm. 3) 841. Liv. 26,2,1f. Dio 59,3,1; vgl. Fl. Ios. ant. Iud. 18,234f. CIL II 172 = ILS 190; vgl. P. HERRMANN, Der römische Kaisereid. Untersuchungen zu seiner Herkunft und Entwicklung, „Hypomnemata 20“ (Göttingen 1968) 105-107. Vgl. J. SCHEID, Les frères arvales. Recrutement et origine sociale sous les empereurs julio-claudiens, „Bibliothèque de l’École des Hautes-Études. Sections des sciences religieuses 77“ (Paris 1975) 335-367; wenig ergiebig erscheint die Untersuchung von E. OLSHAUSEN, Über die römischen Ackerbrüder. Geschichte eines Kultes, ANRW II 16/1 (1978) 820-832. AFA p. XLIII c 10, HENZEN; vgl. P. HERZ, Die Arvalakten des Jahres 38 n. Chr. Eine Quelle zur Geschichte Kaiser Caligulas, BJ 181 (1981) 89-110, bes. 90-93.

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sich an einem Tage alle kaiserlichen Kompetenzen und Ehren übertragen, die Augustus nur zögernd und im Laufe einer langen Herrschaft angenommen hatte. Nur bezüglich des Titels pater patriae habe Caligula Zurückhaltung geübt, ihn aber bald darauf ebenfalls akzeptiert32. Ein kürzlich gefundenes Fragment der Arvalakten fixiert dieses Ereignis auf den 21. September33. Was aber geschah in der Senatssitzung vom 18. März? Was bedeutet die Formulierung C. Caesar a senatu imperator appellatus est? Wohl kaum die Bestätigung der Akklamation von Misenum. Ein derartiger Beschluß wäre ohne Sinn gewesen. In republikanischer Zeit hatte der Senat nach der militärischen Akklamation über den Triumph des Feldherrn zu entscheiden – nicht mehr und nicht weniger. Hier ging es um die Übertragung des Kaisertums, d.h. um die Anerkennung des Anspruchs auf das Prinzipat durch die Adelsgesellschaft. Gleichzeitig aber ging es um die Übertragung der Kaisergewalt, die sich in Spezialkompetenzen (imperium proconsulare maius, tribunica potestas, Konsulat, Oberpontifikat usw.) manifestierte. In bezug auf Vespasian faßte Tacitus diesen Akt in die generalisierende Formel: Romae senatus cuncta principibus solita Vespasiano decernit – „in Rom beschließt der Senat alles, was üblicherweise für Kaiser beschlossen wird, für Vespasian“34. Fast dieselbe Wendung gebrauchte der Historiker bezüglich des Vitellius: in senatu cuncta longis aliorum principatibus composita statim decernuntur 35. Cassius Dio sah in der Senatssitzung vom 15. Januar 69 den eigentlich konstituierenden Akt für das Kaisertum Othos: „Der [319] Senat erkannte ihm alle Herrschaftskompetenzen zu“: πάντα τὰ πρὸς τὴν ἀρχὴν φέροντα ἐψηφίσατο36. Gerade bei diesem Ereignis formuliert Tacitus ausführlicher: „Für Otho werden (im Senat) die tribunizische Amtsgewalt, der Augustus-Name und alle kaiserlichen Ehren beschlossen“37. In der Aufzählung fehlt das imperium, statt dessen wird die tribunicia potestas genannt. Dieser Nachricht scheint das Zeugnis der Arvalakten zu widersprechen, die erst zum 28. Februar 69 Opfer der Priesterschaft ob comit(ia) trib(uniciae) pot(estatis) imp(eratoris) vermerken38. Leider sind die Protokolle zum Herrschaftsantritt Othos nicht vollständig überliefert; sicher aber fanden am 15. oder aufgrund der besonderen Situation am 16. Januar eben-

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Dio 59,3,2. AE 1983, 95; vgl. dazu die Erstpublikation von J. SCHEID/H. BROISE, Deux nouveaux fragments des actes des frères arvales de l’année 38 ap. J.-C., MEFRA 92 (1980) 215-248, bes. 219f. u. 240-242. Tac. hist. 4,3,3. Tac. hist. 2,55,2. Dio 64,8,1. Tac. hist. 1,47,1: ... decernitur Othoni tribunicia potestas et nomen Augusti et omnes principum honores ... AFA p. XCII g 58-62, HENZEN.

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falls Opferhandlungen statt39. In Analogie zu den erhaltenen Aufzeichnungen des Jahres 81 können diese nur als Opfer ob imp(erium) Othonis Caesaris Augusti verstanden werden. Zu Beginn der Herrschaft Domitians opferte die Priesterschaft am 14. September 81 ob imperium, am 30. September ob comitia tribunicia Caesaris Domitiani Augusti jeweils auf dem Capitol40. Wie ist dieser Befund mit der Nachricht des Tacitus, Otho habe die tribunicia potestas durch den Senat bereits am 15. Januar 69 erhalten, zu vereinbaren? Im Jahre 27 v. Chr. hatte Augustus die Beschlüsse des Senats durch eine lex, d.h. durch das Volk, sanktionieren lassen: τὴν μὲν οὖν ἡγεμονίαν τούτῳ τῷ τρόπῳ καὶ παρὰ τῆς γερουσίας τοῦ τε δήμου ἐβεβαιώσατο41. Gerade bei der Übertragung der tribunicia potestas, mit der sich Augustus vier Jahre später von der senatorischen Oberschicht distanzierte und als προστάτης τοῦ δήμου in den besonderen Schutz des Plebs stellte42, muß die Sanktionierung durch die Volksversammlung ideologisch und programmatisch im Vordergrund gestanden haben: ... (ut) quoad viverem, tribunicia potestas mihi esset per legem sanctum est, lautet der entscheidende Satz seines Tatenberichts43. Das Vorbild des Augustus blieb für die Folgezeit bestimmend. Wenigstens offiziell muß damit das Komitialverfahren Bestandteil der ordnungsgemäßen Kaiserproklamation gewesen sein. Der Gedanke liegt nahe, daß dem princeps das imperium im Senat, die tribunicia potestas in der Volksversammlung übertragen wurde, 39

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AFA p. XCI f/g, HENZEN; gesichert sind Opfer anläßlich der comitia consularia vom 26. und der votorum nuncupatio vom 30. Januar; zu letzteren vgl. M. MESLIN, La fête des kalendes de Janvier dans l’Empire Romain, „Coll. Latomus 115“ (Bruxelles 1970) 23-50. AFA p. CX 27-38, HENZEN. Domitian, der bereits am Vortag im Prätorianerlager akklamiert worden war (Suet. Titus 11; Dio 66,26,2f.), wurde am 14. Sept. vom Senat anerkannt. Die ergänzte Datierung der Arvalakten wird durch die von Cassius Dio (67,18,2) angegebene Regierungszeit bestätigt (vgl. Suet. Dom. 17,3). Zur Herrschaftsübertragung des Jahres 54 n. Chr. vgl. P.A. BRUNT, JRS 67 (1977) 98f. Dio 53,12,1. Dio 53,32,5; vgl. Fasti Capit. ad ann. 23 a. Chr. n., Inscr. It. XIII 1, p. 58f. (A. DEGRASSI); zur ideologischen Bedeutung vgl. Z. YAVETZ, Plebs and Princeps (Oxford 1969) 92-96; zu oberflächlich wird dieser Aspekt behandelt von R. GILBERT, Die Beziehungen zwischen Princeps und stadtrömischer Plebs im frühen Principat (Bochum 1976) 239-243. In dieser Hinwendung zur plebs Romana verdeutlicht sich die ,caesarische‘ Komponente der neuen Ordnung, die [330] MOMMSENs Auffassung vom Prinzipat als ,permanenter Revolution‘ sicher mitgeprägt hat; vgl. A. HEUSS, Theodor Mommsen und die revolutionäre Struktur des römischen Kaisertums, ANRW II 1 (1974) 77-90; zur Nachwirkung der Konzeption vgl. G.L. MOSSE, Caesarism, Circuses, and Monuments, und Z. YAVETZ, Caesar, Caesarism, and the Historians, in Journal of Contemporary History 6/2 (1971) 167-182 bzw. 184-201; zur Terminologie allgemein auch E. TORNOW, Der Revolutionsbegriff und die späte römische Republik. Eine Studie zur deutschen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jh., „Europäische Hochschulschriften III 111“ (Frankfurt 1978) bes. 9-31. Aug. r.g. 10 (Col. II 22f.).

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zumal die Arvalakten nur comitia ob tribuniciam potestatem, nie jedoch comitia ob imperium bezeugen. Theodor MOMMSEN hat diesen Schluß gezogen44. Dem steht entgegen, daß Caligula, Otho, Vitellius, Vespasian nach der literarischen Überlieferung alle Kompetenzen (cuncta/πάντα) durch den Senat übertragen wurden, daß Tacitus anläßlich der Senatssitzung vom 15. Januar 69 ausdrücklich den Beschluß der tribunizischen Amtsgewalt für Otho berichtet, das imperium aber unerwähnt läßt. Die Lösung der Problematik liegt in der Vielschichtigkeit des letzteren Terminus. Imperium bezeichnet einerseits den militärischen Oberbefehl, andererseits die Herrschaft bzw. Kaisergewalt schlechthin45. Wenn Tacitus im Einleitungskapitel seiner Historien bemerkt, er wolle den principatus des vergöttlichten Nerva und das imperium des Trajan erst [320] später darstellen (senectuti seposui)46, so decken sich beide Begriffe – principatus und imperium – inhaltlich, allenfalls mag die Akzentuierung dem Leser eine subjektive Wertung suggerieren. Dieselbe Bedeutung hat imperium in den Arvalprotokollen: die Priesterschaft opfert zum Herrschaftsbeginn – ob imperium. De facto und de iure aber basierte das Prinzipat auf der tribunicia potestas und dem imperium proconsulare maius. Die Übertragung des militärischen Oberbefehls durch den Senat entsprach republikanischer Tradition. Die tribunizische Gewalt gehörte seit Augustus unverzichtbar zum Kaisertum. Nach Tacitus war dies die Bezeichnung, die Augustus für den Gipfel seiner Macht (summi fastigii vocabulum) erfand, um unter Verzicht auf den König- oder Diktatortitel dadurch die übrigen Gewalten zu überragen (ut cetera imperia praemineret)47. Dies erklärt, weshalb der Historiker im Falle der Herrschaftsübertragung an Otho die tribunicia potestas stellvertretend für die Kaisergewalt schlechthin genannt hat. Gleichzeitig folgt daraus, daß die Zuerkennung der tribunicia potestas damals Bestandteil des Senatsbeschlusses gewesen ist. Wann diese Kompetenzverschiebung zugunsten des Senats erfolgte, läßt sich nur vermuten. Vergleichbar sind die Beamtenwahlen. Seit der Reform des Tiberius wurden die Kandidaten im Senat nominiert, anschließend durch die Volksversammlung renuntiiert. Faktisch entschied seither die Nomination durch den Senat über die Wahl. Diesen Sachverhalt spricht Tacitus an, wenn er bemerkt, „damals seien die

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Th. MOMMSEN, Staatsrecht (wie Anm. 3) 841 u. 876f. J. BÉRANGER, Imperium, expression et conception du pouvoir impérial, REA 55 (1977) 325-344. Tac. hist. 1,1,4; aus der Fülle der von J. BÉRANGER angeführten Belege vgl. noch HA Max. et Balb. 8,1. Tac. ann. 3,56,2; vgl. W.K. LACEY, Summi fastigii vocabulum: the Story of a Title, JRS 69 (1979) 28-34.

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Wahlen, d.h. die tatsächliche Entscheidung über die Kandidatenliste, vom Marsfeld auf den Senat übertragen worden“: e campo comitia ad patres translata sunt48. Dieser Beschränkung der Komitien auf formale Bestätigung bei den Beamtenwahlen dürfte ihr Anteil bei der Herrschaftsübertragung entsprochen haben. Wahrscheinlich beinhaltete bereits der Senatsbeschluß für Caligula die Verleihung der tribunicia potestas. Analog zu den Wahlen hielt man auch bei der Konstituierung des Prinzeps an einer Beteiligung des Volkes fest, die in der Einberufung der comitia tribuniciae potestatis ihren besonderen Ausdruck fand. Hier wurde dem Kaiser nicht nur – wie die Bezeichnung nahegelegt – die Amtsgewalt der Volkstribunen verliehen, sondern vielmehr das vorausgehende senatus consultum in toto bestätigt – die Herrschaft gewissermaßen durch das Volk sanktioniert. Diese gemeinsame bzw. sich ergänzende Aktion von Senat und Volk hat sich im Formular der lex de imperio niedergeschlagen, dem sog. ,Bestallungsgesetz‘ der römischen Kaiser, das, wie Peter A. BRUNT zutreffend betonte, zum ersten Male für Caligula 37 n. Chr. verabschiedet wurde49. Die antiken Historiker sahen indessen nicht in dieser lex rogata den eigentlich konstituierenden Akt, sondern im vorausgehenden senatus consultum. De facto handelte es sich bei den comitia des Vier-Kaiser-Jahres bereits um ein formalistisches Relikt. Wenn sie nach dem Regierungswechsel von 81 n. Chr. nicht mehr in Erscheinung treten50, bedeutet dies nicht, daß der Anspruch der Herrschaftsübertragung durch Senat und Volk aufgegeben wurde – dagegen spricht das Zeugnis der Juristen –, [321] sondern nur, daß man die Einberufung der comitia als quantité négligeable nicht für erwähnenswert hielt. In der Praxis drohte die Dominanz der Truppen auch den Anspruch des Senats auf die Konstituierung des princeps zu überlagern. In besonderem Maße war es die Prätorianergarde, die ihren Einfluß bei der Wahl des Prätendenten geltend machte und aufgrund ihrer einzigartigen Machtstellung in Rom und Italien in der Regel auch durchzusetzen verstand. Noch zu Beginn der Krise von 69 n. Chr. wurde dieser Anspruch von den Grenzarmeen durchaus anerkannt. Als die obergermanischen Legionen am 1. Januar den Fahneneid auf Galba verweigerten, beschlossen sie, eine Gesandtschaft an die Prätorianer zu schicken mit folgender Botschaft: „Der in Spanien erhobene Kaiser entspreche nicht ihren Vorstellungen“ – displicere imperatorem in Hispania factum –; „die Garde solle selbst

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Tac. ann. 1,15,1; vgl. VERF., Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69-235 n. Chr.), ANRW II 16/1 (1978) 655-819, hier: 663f. (mit weiterer Literatur). P.A. BRUNT, JRS 67 (1977) 107-116. Vgl. oben Anm. 40.

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einen Kandidaten wählen, dem alle Heeresgruppen ihre Zustimmung geben könnten“ – eligerent ipsi (scil. praetoriani), quem cuncti exercitus comprobarent51. Nach dem gewaltsamen Tod des Caligula hatte die Macht der Garde mit der Akklamation des Claudius einen ersten Höhepunkt erlebt. Am 24. Januar 41 wurde im Senat noch die Verfassungsfrage diskutiert: die einen wollten die Republik, die anderen die Monarchie; von letzteren wollten die einen den, die anderen jenen zum Kaiser52. Indessen hatten die Prätorianer bereits ihren Kandidaten für das Kaisertum gefunden – eine Wiederherstellung der Republik war für die Garde ebenso ausgeschlossen wie für das Volk von Rom – und akklamierten Claudius als imperator: αὐτοκράτορα προσηγόρευσαν καὶ ἐς τὸ στρατόπεδον αὐτὸν ἤγαγον53. Die Reichsprägung trug diesem Ereignis später Rechnung durch die Legende IMPER (ator) RECEPT (us). Eine parallele Emission mit der Umschrift PRAETOR (ianus) RECEPT (us) nimmt Bezug auf das besondere Treueverhältnis – die fides – zwischen Kaiser und Garde54. Beide Münztypen wurden selbstverständlich erst geprägt, nachdem die Nachfolge endgültig geregelt war. Von daher kann die Bezeichnung imperator nicht für die These einer legalen Herrschaftsübertragung durch die Prätorianer in Anspruch genommen werden. Legende und Darstellung feiern vielmehr über die konkrete Situation der später sanktionierten Akklamation hinaus das gute Einvernehmen zwischen Kaiser und Garde. Auch die resümierende Bemerkung des Cassius Dio, die Prätorianer hätten Claudius im Lager die gesamte Gewalt übertragen (πᾶν τὸ κράτος αὐτῷ ἔδωκαν)55, kann nicht in terminologischem Sinne als legaler Akt verstanden werden, sondern charakterisiert zutreffend die realen Machtverhältnisse in Rom. Einen ausführlichen Bericht über den Ereignisverlauf bietet der Historiker Flavius Iosephus in den antiquitates Iudaicae. Für unsere Problematik spielen die wechselseitigen Botschaften zwischen Senat und Kronprätendent eine wichtige Rolle. Als Gesandte des Senats fungierten zwei Volkstribunen, die Claudius beschworen, Rom nicht dem Elend eines Bürgerkrieges auszusetzen, und ihn baten, wenn er durchaus nach der Macht verlange, sich diese wenigstens vom Senat übertragen zu lassen: [322] εἴ τε τῆς ἀρχῆς ὀρέγοιτο, παρὰ τῆς βουλῆς δέχεσθαι διδομένην; er werde nämlich glücklicheren Gebrauch davon machen, wenn er sie nicht mit Gewalt, sondern mit freiwilliger Zustimmung der verleihenden Körperschaft empfange56. Präziser formuliert hier Cassius Dio, der als Instanzen der Herrschaftsübertragung Volk und Senat 51 52 53 54 55 56

Suet. Galba 16,2. Dio 60,1,1; vgl. J. JUNG, Die Thronerhebung des Claudius, Chiron 2 (1972) 367-386. Dio 60,1,3. BMC Emp. I 165f., Nr. 5-10; vgl. H.U. INSTINSKY, Kaiser Claudius und die Prätorianer, HBN 2, Heft 5/6 (1953) 7f. Dio 60,1,3. Fl. Ios. ant. Iud. 19,235.

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Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

bezeichnet; dieser gesetzmäßigen Autorität solle sich Claudius fügen: ἐπί τε τῷ δήμῳ καὶ τῇ βουλῇ καὶ τοῖς νόμοις γενέσθαι57. In seiner Gegenbotschaft an den Senat ließ Claudius, beraten von dem klugen König Agrippa I., keinen Zweifel an den tatsächlichen Machtverhältnissen aufkommen, zeigte sich andererseits aber an einem guten Einvernehmen mit dem Senat interessiert58. Diese Entgegnung mit Dieter TIMPE als ,Ablehnung einer Herrschaftsübertragung durch den Senat‘ zu interpretieren59, halte ich für verfehlt. Außer der ausführlichen Fassung nimmt Iosephus auf diese Ereignisse Bezug im bellum Iudaicum. Auch hier spielt Agrippa eine zentrale Rolle. Vom Senat wie von Claudius als Vermittler gebeten, erkannte er, wer in Wahrheit durch seine Macht schon Kaiser war, und begab sich zu Claudius: συνιδὼν τὸν ἤδη τῇ δυνάμει Καίσαρα πρὸς Κλαύδιον ἄπεισιν60. Die Bemerkung kennzeichnet die Situation zutreffend. Claudius besaß die Macht! Als revolutionärer Führer – hier manifestiert sich die ,caesarische‘ Komponente der Prinzipatsordnung61 – ließ er die Garde den Gefolgschaftseid auf seine Person leisten62. Die Herrschaft besaß Claudius indessen noch nicht! Princeps wurde er erst durch einen entsprechenden Beschluß des Senats, den dieser auf Antrag der amtierenden Konsuln in den frühen Abendstunden des 25. Januar faßte: τὰ λοιπὰ, ὅσα ἐς τὴν αὐταρχίαν αὐτοῦ ἥκοντα ἦν, αὐτῷ ἐψῃφίσαντο63. Natürlich konnte kein Zweifel daran bestehen, daß dieser Beschluß nur unter massivem militärischen Druck zustande gekommen war, daß de facto das Kaisertum des Claudius mit der Ermordung seines Neffen Caligula und der Akklamation durch die Prätorianer begann. Sueton hat diesen inoffiziellen Herrschaftsbeginn akzentuiert, wenn er im Zusammenhang mit der Ächtung des Vorgängers durch den neuen princeps bemerkt: „den Todestag des Caligula verbot er unter die Festtage aufzunehmen, obwohl dies der Beginn seines eigenen Prinzipats war“ – diem tamen necis, quamvis exordium principatus sui, vetuit inter festos referri64: Die eigentliche Herrschaftsübertragung hatte der Biograph zuvor mit der untechnischen Wendung imperio stabilito bezeichnet65, wobei unter ,Befestigung der Herrschaft‘ deren Legalisierung zu verstehen ist. 57 58 59

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Dio 60,1,4. Fl. Ios. ant. Iud. 19,246. D. TIMPE, Kontinuität (wie Anm. 21) 90. Agrippa täuschte zunächst die Senatoren (Fl. Ios. ant. Iud. 19,244), um dann Claudius über die Situation im Senat zu informieren und zu entschlossenem Handeln aufzufordern. Fl. Ios. bell. Iud. 2,206. Vgl. oben Anm. 42. Fl. Ios. ant. Iud. 19,247. Dio 60,1,4. Suet. Claud. 11,3. Suet. Claud. 11,1.

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Eindeutiger als bei der Erhebung des Claudius zeichnet sich die Auffassung, daß rechtmäßig eine Herrschaftsübertragung nur durch den Senat im Namen des populus Romanus erfolgen konnte, bei der Proklamation Othos durch die Prätorianer ab. Dieser begann nach Tacitus seine programmatische Dankesrede an die Garde folgendermaßen: „In welcher Eigenschaft ich vor euch hintrete, Kameraden, kann ich nicht sagen, da ich mich, von euch zum princeps ernannt, weder als Privatmann zu bezeichnen vermag, noch als princeps, solange ein anderer Kaiser ist“ [323] – nec principem alio imperante. „Auch eure Bezeichnung bleibt ungewiß, solange nicht entschieden ist, ob ihr den Kaiser des römischen Volkes oder einen Landesfeind in euerem Lager habt“ – imperatorem populi Romani in castris an hostem habeatis66. Prägnant wird hier der Unterschied zwischen legaler Herrschaft und Usurpation formuliert. Trotz seiner Akklamation fühlte Otho sich nicht als princeps. Wie anders beurteilte er seine Stellung nach der Senatssitzung vom 15. Januar! Selbstbewußt argumentierte er jetzt als rechtmäßiger Herrscher gegen den Usurpator in Germanien: Vitellius ... exercitus habet, senatus nobiscum est; „so kommt es, daß auf der einen Seite der Staat steht, auf der anderen Seite die Feinde des Staates“, lautet die adäquate Schlußfolgerung67. Mit Recht konnte Otho in der Auseinandersetzung mit Vitellius die maiestas urbis et consensus populi ac senatus für sich ins Feld führen68. Volk und Staat sind demnach die Instanzen der Herrschaftsübertragung, nicht die Prätorianer. Ihre vornehmste Aufgabe wäre es gewesen, den legitimen Herrscher zu schützen und dem Recht Geltung zu verschaffen. So hatte es Piso nach seiner Adoption durch Galba formuliert: „Sollten Staat, Senat und Volk wirklich nur nichtssagende Namen sein“ – si res publica et senatus et populus vacua nomina sunt –, „dann kommt es auf euch an, Kameraden, daß nicht das übelste Gesindel jemanden zum Kaiser macht“ – vestra, commilitones, interest, ne imperatorem pessimi faciant69. In der Realität wurde die Garde diesen hohen legalistischen Erwartungen nicht gerecht, sondern nutzte ihre Machtstellung durchaus in eigenem Interesse70. Allerdings wurde ihr Anspruch, den Herrschaftskandidaten zu nominieren, noch im Verlauf des Vierkaiserjahres seitens der Provinzialarmeen in Frage gestellt. Eine grundsätzliche Neuorientierung in Richtung auf die Gleichstellung 66 67 68 69 70

Tac. hist. 1,37,1. Tac. hist. 1,84,3: ... Sic fit, ut hinc res publica, inde hostes rei publicae constiterint. Tac. hist. 1,90,2; vgl. auch Suet. Otho 8,1. Tac. hist. 1,30,2. Ähnlich unzuverlässig hatte sich 68 n. Chr. bei der Katastrophe Neros die germanische Leibwache erwiesen und war deshalb von Galba aufgelöst worden (Suet. Galba 12,2); vgl. H. BELLEN, Die germanische Leibwache der römischen Kaiser des julisch-claudischen Hauses, „Abh. Akad. Mainz (1981)“ Nr. 1.

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Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

von Prätorianergarde und Legionen deutete sich im Zusammenhang mit der Erhebung Vespasians an. Als Vexillationen der Mösischen Heeresgruppe, welche sich zur Unterstützung Othos nach Italien in Marsch gesetzt hatten, vom Selbstmord ihres Kandidaten erfuhren, beschlossen die Soldaten in Aquileia, einen geeigneten neuen Prätendenten zu proklamieren. Ihre Wahl fiel auf Vespasian, den kommandierenden General des Jüdischen Krieges. Bemerkenswert erscheint die Argumentation, mit der sie ihren Anspruch begründeten: nequem enim deteriores esse aut Hispaniensi exercitu, qui Galbam, aut praetoriano, qui Othonem, aut Germaniciano, qui Vitellium fecissent – „sie seien doch um nichts schlechter als das spanische Heer, das Galba, oder die Garde, welche Otho, oder als das germanische Heer, das Vitellus (zum Kaiser) gemacht habe“71. „Damit hatte sich“, wie Tacitus zu Beginn der Historien formuliert, „das Geheimnis der Herrschaft gelichtet, daß man auch anderswo als in Rom princeps werden könne“72. Mit anderen Worten: Es hatte sich gezeigt, daß Recht sich der Macht beugen mußte, daß der Senat den Kandidaten der Truppen zu akzeptieren hatte. Indessen blieb ihm auch weiterhin die eigentliche Konstituierung des Prinzeps vorbe[325]halten. [324 {hier 146} Tabelle] Erweist die Krise der Jahre 68/69 einerseits die faktische Ohnmacht des Senats, so erweist sie andererseits diese Rechtsnorm durchaus als Verfassungswirklichkeit. Galba, der Anfang April 68 von der legio VI Victrix als Kaiser akklamiert worden war, bezeichnete sich seither als Legat des Senats und des Römischen Volkes: consalutatus imperator legatum se senatus ac populi Romani professus est73. Er ordnete sich damit demonstrativ der Entscheidung des Senats unter. Ebenso handelte Verginius Rufus, der nach Plutarch die Kaisererhebung dem Senat vorbehielt: ἐφύλαττε τῇ συγκλήτῳ τὴν αἵρεσιν τοῦ αὐτοκράτορος74. Später rühmte sich Verginius dieser Entscheidung, die er übrigens nach der Katastrophe Othos bei Cremona nochmals zu treffen hatte, in seinem Grabepigramm75: Hic situs est Rufus pulso qui Vindice quondam imperium adseruit non sibi sed patriae.

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74 75

Suet. Vesp. 6,2. Tac. hist. 1,4,2: ... evolgato imperii arcano posse principem alibi quam Romae fieri. Suet. Galba 10,2; vgl. Plut. Galba 5,2; IRT 537. Vergleichbar sind auch die gescheiterten Ambitionen des L. Clodius Macer in Nordafrika (BMC Emp. I 285, Nr. 1; Plut. Galba 6,2). Plut. Galba 10,4; vgl. Dio 63,25,2f. Plin. epist. 6,10,4 u. 9,19,1; dazu A.N. SHERWIN-WHITE, The Letters of Pliny. A Historical Commentary (Oxford 1966) 365f. u. 502f.

Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

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Erst nach Neros Ächtung (damnatio) durch den Senat, der Galba als princeps akzeptierte, d.h. alle herkömmlichen Beschlüsse für dessen Herrschaft faßte – ἡ βουλὴ τῷ Γάλβᾳ τὰ τῇ ἀρχῇ προσήκοντα ἐψηφίσατο formuliert Zonaras76 –, erst danach fügte sich Galba dieser Entscheidung. Seither führte er den AugustusTitel; kurz darauf nahm er auch den Caesar-Namen an, wie das Zeugnis der Münzen bestätigt77. In den ersten Tagen des neuen Jahres leitete sich bereits Galbas Sturz ein. Am 3. Januar leistete die obergermanische Heeresgruppe den Eid auf Vitellius, der am Vortage in Köln als imperator akklamiert worden war. Der zuvor geleistete Eid der Truppen auf Senat und Römisches Volk blieb bezeichnende Episode78. In der fiktiven Rede des Licinius Mucianus, die Tacitus dieser grauen Eminenz im Vorfeld der Erhebung Vespasians in den Mund gelegt hat, ist auf die Ereignisse in Germanien Bezug genommen. „Daß man vom Heer zum Kaiser gemacht werden könne, dokumentiere ihm – gemeint ist der Flavier – ja gerade Vitellius“: et posse ab exercitu principem fieri sibi ipse Vitellius documento79. Faktisch traf diese Einschätzung sicher zu, rechtlich hat Vitellius seine Position anders beurteilt und ließ den offiziellen Beginn seiner Herrschaft auf den 19. April 69 festsetzen – den Tag, an welchem er nach der Katastrophe Othos von einem Rumpfsenat in Rom als Kaiser anerkannt worden war. Darauf bezieht sich Tacitus mit der Bemerkung: in senatu cuncta longis aliorum principatibus composita statim decernuntur80. Wie im Falle Othos wurde dieser Senatsbeschluß durch das Volk ratifiziert: Für den 30. April bezeugen die Arvalakten comitia tribuniciae potestatis81. Einen Tag später opferte dann die Priesterschaft ob diem imperii [[Vitelli]] German(ici) imp(eratoris) quod (ante diem) XIII (tertium decimum) k(alendas) Mai(as) statut(um) est – „wegen des Herrschaftsbeginns des Kaisers Vitellius, der auf den 19. April (= den 13. Tag vor den Kalenden des Mai) festgesetzt wurde“82. Vespasian ließ 76 77

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81 82

Zonar. 11,13, III p. 96 BOISSEVAIN. Dio 63,29,6; BMC Emp. I 344, [331] Nr. 203f. (sicher später anzusetzen ist die AesPrägung Nr. 202); Sueton (Galba 11,1) hat die Ereignisfolge kontaminiert; zur Chronologie vgl. E. FABBRICOTTI, Galba, „Studia archaeologica 16“ (Roma 1976) 27-39. Tac. hist. 1,56,2 u. 1,57,1. Tac. hist. 2,76,4; zur Person vgl. PIR2 L 216. Tac. hist. 2,55,2; die Mehrzahl der Senatoren, die Otho aus Sicherheitsgründen mit sich nach Norden geführt hatte (Tac. hist. 1,88,1; Plut. Otho 14,1), befand sich damals noch in Bologna (Tac. hist. 2,52-54). Vorausgegangen war die Vereidigung der in Rom verbliebenen Truppen auf Vitellius durch den Stadtpräfekten Flavius Sabinus (Tac. hist. 2,55,1). AFA p. XCIV 81-84, HENZEN. AFA p. XCIV 84-86, HENZEN. Bemerkenswert erscheint der relativ späte Termin dieses Opfers, für das im Namen der Priesterschaft L. Maecius Postumus allein verant-

142

Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

[326] später den Namen dieses Vorgängers eradieren83. Der Flavier war der erste

princeps, der die bislang geübten legalistischen Rücksichten aufgab und als dies imperii den Tag seiner Akklamation in Alexandria feiern ließ84. Die für ihn verabschiedete lex de imperio zeigt indessen, daß auch Vespasian seine Herrschaft de iure von der Willenserklärung des Senats und des Römischen Volkes ableitete. Besonders deutlich zeigt sich dies in der sog. ,transitorischen Klausel‘, welche die Maßnahmen des Kaisers vor Verabschiedung der lex de imperio – ante hanc legem rogatam – rückwirkend sanktionierte: „daß alles, was von Vespasian verfügt, getan, beschlossen und befohlen oder was auf seinen Befehl bzw. Auftrag von irgendjemandem getan worden sei, ebenso gültig und rechtskräftig sein solle, wie wenn es auf Geheiß des Volkes oder der Plebs geschehen sei“ – ea iusta rataque sint ac si populi plebisve iussu acta essent85.

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wortlich zeichnete. Nach P.A. BRUNT (JRS 67 [1977] 100, vgl. 106) mangelte dem Senator „the prompt decisiveness to sacrifice as required“, doch spricht mehr für die Annahme, daß Postumus besonderes Taktgefühl für die politische Situation bewies. Vitellius, der bekanntlich schon am 2. Jan. in Köln akklamiert worden war (Tac. hist. 1,56,2-57,1), befand sich in der zweiten Aprilhälfte noch in Gallien (zur Chronologie vgl. J. NICOLS, Vespasian and the partes Flavianae, „Historia-Einzelschr. 28“ [Wiesbaden 1978] 68f.): Niemand wußte, welche Politik er gegenüber dem Senat einzuschlagen gedachte. Gerade in der programmatischen Frage des offiziellen Herrschaftsantritts wollte man ihm sicher nicht vorgreifen. Tatsächlich erwähnt Tacitus (hist. 2,62,2) solche schriftlichen Direktiven: Praemisit (scil. Vitellius) in urbem edictum, quo vocabulum Augusti differet, Caesaris non reciperet. In diesem Schreiben dürfte auch die Festlegung des dies imperii erfolgt sein. Im Gegensatz zu Vespasian entschied sich Vitellius nicht für den Tag seiner Akklamation, sondern für den seiner Anerkennung durch den Senat. Der Befund hat Konsequenzen für die Redaktion der Protokolle und die entsprechende Übertragung durch den Steinmetzen. Seit den Flaviern erfolgte die Aufzeichnung nach Ablauf des Geschäftsjahres am 16. Dez. jeweils im Mai des folgenden Jahres (AFA p. CVI 20-24; CXXVIII 63f., HENZEN). 69 n. Chr. dürften die Steinmetzarbeiten noch außerhalb des heiligen Hains der Dea Dia stattgefunden haben, im Falle des Opfers für den Herrschaftsantritt des Vitellius vermutlich noch im Mai dieses Jahres. Die für Otho erfolgte votorum nuncupatio vom 14. März wurde bei der Redaktion auf Vitellius übertragen (AFA p. XCIII 76f., HENZEN). Darauf könnte sich Tac. hist. 1,50,3 beziehen; vgl. F. ARNALDI, Nunc pro Othone an pro Vitellio in templa ituros?, RAAN 26 (1951) 257-259; verfehlt erscheint mir allerdings die Schlußfolgerung, der Historiker habe hier die Arvalakten direkt als Quelle benutzt. Tac. hist. 2,79; Suet. Vesp. 6,3; vgl. F. LUCREZI, Leges (wie Anm. 12) 119-142. CIL VI 930 = ILS 244 § 8 (Z. 29-32). Daß die vorangehende Bestimmung (§ 7) keine Exemption vom Recht schlechthin, sondern nur von bestimmten Rechtsnormen, bes. der Ehegesetzgebung, bedeutete (vgl. D. 1,3,31: Ulpian; CI. 6,23,3: 232 n. Chr.; Serv. ad Verg. [332] Aen. 11,206), hat D. DAUBE nachgewiesen: Princeps legibus solutus, in Studi in memoria die Paolo Koschaker II (Milano 1954) 461-465; zur Wirkung der Formel jetzt D. WYDUCKEL, Princeps legibus solutus. Eine Untersuchung zur frühmodernen Rechts- und Staatslehre, „Schriften zur Verfassungsgeschichte 30“ (Berlin 1979).

Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

143

Im Prinzip ist es bei dieser Praxis mit Ausnahme des Maximinus Thrax, dessen Erhebung als unrechtmäßig erachtet wurde, bis zum Tode des Probus geblieben. Mochte das Heer de facto den Kandidaten bestimmen, de iure wurde der princeps durch Senat und Volk von Rom konstituiert. Während Theodor MOMMSEN die Rolle des Volkes bei diesem Vorgang betonte und hier die revolutionäre Struktur des römischen Kaisertums begründet sah, möchte ich mit den antiken Historikern die Funktion der Nobilität stärker herausstellen und die einprägsame Formulierung Edmund STENGELs für die Epoche des Prinzipats modifizieren: „Den Kaiser macht – rechtlich gesehen – der Senat“.

comitia ob trib. pot. dies imperii

13./14. Sept. 81

Als Mitregent seines Vaters besaß Titus bereits zu dessen Lebzeiten das imperium proconsulare maius und die tribunicia potestas. Die offizielle Anerkennung als princeps im Senat erfolgte am 24. Juni 79.

Imp. T(itus) Caesar Vespasianus Augustus

Imp. Caesar Domitianus Augustus

1. Juli 69

Imp. Caesar Vespasianus Augustus

14. Sept. 81

Dezember 69

19. Apr. 69

30. Sept. 81

unbekannt

30. Apr. 69

14. Sept. 81

1. Juli 69

19. Apr. 69

15. Jan. 69

2. Jan. 69

28. Feb. 69

A. Vitellius Imp. Germanicus

15. Jan. 69

8./9. Juni 68

13. Okt. 54

15. Jan. 69

unbekannt

4. Dez. 54

25. Jan. 41

18. März 37

Imp. M. Otho Caesar Augustus

8./9. Juni 68

13. Okt. 54

unbekannt

unbekannt

3. (?) Apr. 68

13. Okt. 54

(Imp.) Nero Claudius Caesar Augustus Germ.

25. Jan. 41

18. März 37

Ser. Galba Imp. Caesar Augustus

24. Jan. 41

Ti. Claudius Caesar Augustus Germanicus

25. Feb. 50

konstituierende Senatssitzung

16. Jan. 27 v. Chr.: Verleihung des Augustus-Namen Juli 23 v. Chr.: Niederlegung des Konsulats; Verleihung von tribunicia potestas und imperium procos. maius Als Mitregent des Augustus besaß Tiberius bereits zu dessen Lebzeiten das imperium proconsulare maius und die tribunicia potestas. Die offizielle Anerkennung als princeps im Senat erfolgte am 17. Sept. 14 n. Chr.

militärische Akklamation

16. März 37

27. (?) Juni 4 n. Chr.

politische Adoption

C. Caesar Augustus Germanicus (Caligula)

Ti(berius) Caesar Augustus

Imp. Caesar Augustus

Name des Kaisers

18. Sept. 96

13. Sept. 81

23. Juni 79

20. Dez. 69

16. Apr. 69

15. Jan. 69

9. Juni 68

13. Okt. 54

24. Jan. 41

16. März 37

19. Aug. 14

Todestag

144 Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat

Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat: tabellarische Übersicht [ursprünglich S. 324]

AVGVSTVS PONT. MAX. – Wie wurde ein römischer Kaiser p ontifex maximus?* Die aktuelle Diskussion über die politische Kultur der römischen Republik hat die Forschung erneut für die politische Rolle des populus Romanus sensibilisiert, dessen Meinungsbildung in contiones erfolgte, um sich dann in den comitia bzw. im concilium plebis zu artikulieren. Wahlen, Gesetzgebung, Entscheidung über Krieg und Frieden, Verurteilung oder Freispruch in Prozessverfahren – am gesamten Spektrum politischen Handelns hatte das Volk entscheidenden Anteil.1 Comitia sind auch für die Kaiserzeit bezeugt, inschriftlich vor allem durch die Protokolle der Arvalbrüder (AFA),2 literarisch durch Autoren bis zum 3. Jh. n. Chr.3 Allerdings stellt sich hier bereits die Frage, ob diese Wahl-comitia noch als Volkswahl im eigentlichen Sinne zu werten sind. Die Neuordnung der Beamtenwahlen durch Tiberius im Jahre 14 n. Chr. faßte Tacitus (ann. 1,15,1) in der Formel: Tum primum e campo comitia ad patres translata sunt.4 Seither fiel die faktische Entscheidung (destinatio) über die Wahl der Beamten im Senat und wurde anschließend in einem Komitialakt durch das Volk bestätigt. Die metonyme Bezeichnung der Senatssiztungen als comitia entspricht dieser Praxis.5 Den Vorgang einer Destination im Senat bezeugt Tacitus (ann. 3,19,1) auch für die Ergänzung der amplissima collegia sacerdotum. Da die sodales Augustales ebenso wie die fratres arvales ihre neuen Mitglieder selbst kooptierten,6 dürften alle drei genannten Ankläger – P. Vitellius, Q. Veranius und Q. Servaeus – eine der vier „hohen“ Priesterwürden erhalten haben. Mit dem Tod * 1

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[zuerst erschienen in: Klio 88, 2006, 181-188] Vgl. F. MILLAR, The Political Character of the Classical Roman Republic. 200-151 B.C., JRS 74, 1984, 1-19; DERS., Politics, Persuasion, and the People before the Social War (150-90 B.C.), JRS 76, 1986, 1-11; M. JEHNE, Demokratie in Rom? Die Rolle des Volkes in der Politik der Römischen Republik, Stuttgart 1995; K.-J. HÖLKESKAMP, Rekonstruktionen einer Republik, München 2004. Zitiert wird nach der maßgeblichen Edition von J. SCHEID, Commentarii fratrum arvalium qui supersunt. Les copies épigraphiques des protocols annuels de la confrérie arvale. 21 av.-304 ap. J.-C., Rom 1998. Suet. Aug. 40,1; 56,1; Sen. benef. 7,28,2; Tac. hist. 2,91,2; Suet. Dom. 10,4; Plin. epist. 3,20,9; Plin. paneg. 63,2; [Quint.] decl. 252,17-19; Cass. Dio 58,20,4; vgl. Cass. Dio 37,28,3. Vgl. Vell. 2,124,2; R. FREI-STOLBA, Untersuchungen zu den Wahlen in der römischen Kaiserzeit, Zürich 1967. Tac. ann. 14,28,1; Tac. hist. 3,55,2; SHA Aur. 10,8. Vgl. J. SCHEID, Le collège des frères arvales. Étude prosopopographique du recrutement. 69-304, Rom 1990; G. DI VITA, Les fastes des sodales Augustales, in: M. Mayer (Hg.), Religio deorum. Actas del Coloquio internacional de epigrafia. Culto e sociedad en Occidente, Tarragona 1988, Sabadell 1993, 471-484.

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des angeklagten Cn. Calpurnius Piso war eine Stelle bei den pontifices vakant geworden.7 Der Versuch des Caligula, die Volkswahl für die Beamten, evtl. auch für die quattuor amplissima collegia, wieder einzuführen, ist nach kurzer Zeit gescheitert.8 Als einen Grund [182] bezeichnet Cassius Dio (59,20,3-5) das mangelnde Interesse der Bevölkerung an diesen comitia. Ähnliche Klagen formulierte Cicero bereits für die ausgehende Republik, wobei Ausnahmen den allgemeinen Befund durchaus bestätigen.9 Bei bestimmten Anlässen, wenn die comitia etwa den Kaiser direkt betrafen, war die Beteiligung sicher größer, zumal diese Ereignisse in der Regel auch mit largitiones verbunden waren.10 Stolz verkündete Augustus der Nachwelt in seinem Tatenbericht (R. Gest. div. Aug. 10 [II 27-29]): [...] cuncta ex Italia ad comitia mea confluente multitudine, quanta Romae nunquam fertur ante id tempus fuisse [...] P. Sulpicio C. Valgio consulibus. Anlaß für diese Massenveranstaltung war seine Wahl zum pontifex maximus am 06. März 12 v. Chr.11 Die Fasti Cuprenses (InscrIt XIII.1, p. 245) bieten auch den Hinweis auf ein congiarium an diesem Tage, das Augustus in Zahlen konkretisierte: [...] tribunicia potestate duodecimum quadringenos nummos tertium viritum dedi (R. Gest. div. Aug. 15 [III 12-13]). Die Voraussetzungen dieses spektakulären Komitialaktes sind vielfach behandelt und brauchen hier nicht erneut thematisiert zu werden. Das Ergebnis ist eindeutig: Augustus ließ sich nach dem Vorbild seines Adoptivvaters Caesar durch die minor pars populi zum pontifex maximus wählen.12 Tiberius, der spätestens 7

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I(nscriptions of) R(oman) T(ripolitania) 520; vgl. M.W. HOFFMAN LEWIS, The Official Priests of Rome under the Julio-Claudians, Rom 1955, 30, pont. Nr. 15; vgl. ebd. 63, sacerdotes Nr. 8-10. Suet. Cal. 16,2; Cass. Dio 59,9,6; 59,20,3-5. Cic. Sest. 109 und 125; Cic. Pis. 34; Cic. p. red. in sen. 25; zur Kaiserzeit vgl. vor allem Iuv. 10,77-80; bei den spätantiken Autoren fungieren die Volkswahlen nur noch als Erinnerungswert: Paneg. 3(11),19,1; Amm. 14,6,6; Auson. grat. act. 42. Die Beteiligung an den comitia sollte nicht mit den Demonstrationen und Protestaktionen der plebs urbana kontaminiert werden, die sicher enorme politische Brisanz entwickeln konnten. Dazu vgl. etwa I. HAHN, Zur politischen Rolle der stadtrömischen Plebs unter dem Prinzipat, in: V. Besevliev/W. Seyfarth (Hgg.), Die Rolle der Plebs im spätrömischen Reich. Görlitzer Eirene-Tagung 1967 II, Berlin 1969, 39-54; J. SÜNSKES THOMPSON, Demonstrative Legitimation der Kaiserherrschaft im Epochenvergleich: Zur politischen Macht des stadtrömischen Volkes, Stuttgart 1993 (mit weiterer Literatur). Fast. Praenest., InscrIt XIII.2, p. 120f.; Fer Cum., ebd. 279. Vgl. zuletzt F. VAN HAEPEREN, Le collège pontifical. 3ème s.a.C.-4ème s.p.C. Contribution à l’étude de la religion publique romaine, Brüssel/Rom 2002, bes. 132f. und 152; R. STEPPER, Augustus et sacerdos. Untersuchungen zum römischen Kaiser als Priester, Stuttgart 2003, bes. 27-45 und 108-119; dazu meine Besprechung in dieser

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seit 16 v. Chr. dem Pontifikalkollegium angehörte, hat das augusteische Modell übernommen, indem er sich am 10. März 15 n. Chr. den Oberpontifikat durch einen Komitialakt übertragen ließ,13 also rund ein halbes Jahr nach Beginn seiner Herrschaft.14 In Bezug auf die Folgezeit lautet unsere Fragestellung also: Wurde an diesem Modell einer prinzipiellen Beteiligung des Volkes in den comitia pontificis maximi festgehalten, oder ergaben sich diesbezüglich Modifizierungen? Inhaltlich damit verbunden ist die Mitgliedschaft im Pontifikalkollegium: Falls der Kaiser vor seiner Erhebung nicht pontifex war, wurde er dann nach republikanischem Vorbild vom Volk zunächst in diese Priesterschaft bzw. in alle quattuor amplissima collegia gewählt, um dann pontifex maximus ebenfalls durch einen Komitialakt zu werden? Im Falle Othos, der vor 69 n. Chr. keinem der „großen“ Kollegien angehörte, bieten die Protokolle der Arvalbrüder in schöner Vollständigkeit diese Reihenfolge, verzeichnen Opfer zum 05. März 69 ob comitia sacerdotior(um) imp(eratoris) Othonis Aug(usti), zum [183] 09. März 69 ob comitia pontif(icis) max(imi).15 Nero war als princeps iuventutis bereits 51 n. Chr. auf Senatsbeschluß in omnia collegia sacerdotum supra numerum kooptiert worden.16 Auch für ihn opferten die Arvalbrüder am 05. März 59 anläßlich des Jahrestages seiner comitia ob pontificatu(m maximum), die offenbar 55 n. Chr. stattgefunden hatten.17 In ihren Münzemissionen führten Otho (69 n. Chr.) wie Nero (55 n. Chr.) den Titel PONT MAX bzw. PONTIF MAX jedenfalls erst nach diesen Komitialakten, Nero auch in Verbindung mit dem Titel pater patriae (PP), den er im Vorjahr 54 n. Chr. nach Sueton (Nero 8) als einzige von allen Ehrungen des Senats zurückgewiesen hatte.18

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Zeitschrift [= Klio 88, 2006, 274-278]. Zur Bedeutung der testamentarischen Adoption vgl. VERF., Oktavian und das Testament Caesars, ZRG 116, 1999, 49-70, bes. 70 mit Anm. 50 [hier 71-91, bes. 9 mit Anm. 50]. CIL II 1680; Fast. Praenest., InscrIt XIII.2, p. 120f.; CIL XI 3303, Z. 17-21; vgl. M.W. HOFFMAN LEWIS (Anm. 7) 29f., pont. Nr. 12; R. STEPPER (Anm. 12) 45-47. Vgl. B. LEVICK, Tiberius the Politician, London 1976, 68-81; P. SCHRÖMBGES, Tiberius und die res publica Romana. Untersuchungen zur Institutionalisierung des frühen römischen Principats, Bonn 1986, 65-88. AFA 40 I, Z. 68-76. Vorausgegangen waren am 26. Januar seine comitia consularia, am 28. Februar die comitia trib(uniciae) pot(estatis) des Kaisers (AFA 40 I, Z. 41-45 und 5863). Der Gedanke liegt nahe, daß Otho diese Häufung der comitia nutzte, um seine Popularität bei der plebs urbana zu steigern. RIC I2 125, Nr. 76; CIL VI 921; VI 1984, Z. 1-7 (Dec. XXVII). Ein Komitialakt aus diesem Anlaß ist nicht bekannt. AFA 27, Z. 70f., und 28 a-c, Z. 1-5; vgl. M.W. HOFFMAN LEWIS (Anm. 7) 35, pont. Nr. 46; J. SCHEID, L’investiture impériale d’après les commentaires des arvales, CCG 3, 1992, 221-237, hier 227f. RIC I2 261, Nr. 18-24 (Otho); RIC I2 151f., Nr. 8-43 (Nero).

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Damit scheint sich zunächst der Eindruck zu bestätigen, der Oberpontifikat sei regelmäßig in speziellen comitia durch das Volk verliehen worden.19 Verfehlt wäre indessen ein Analogieschluß auf die comitia ob tribuniciam potestatem, die durch die Protokolle der Arvalbrüder bis zum Ende der Flavischen Dynastie für Nero, Otho, Vitellius und Domitian bezeugt sind. Für Caligula, Claudius, Galba und Vespasian dürfen wir diesen Komitialakt ebenso wie für die Kaiser der Folgezeit voraussetzen.20 Wie ich vor einigen Jahren zu begründen versuchte,21 übertrug das Volk in diesen comitia nicht, wie die Bezeichnung nahegelegt, die tribunizische Amtsgewalt auf den Kaiser, sondern ratifizierte den vorausgehenden Senatsbeschluß, der seine Herrschaft konstituierte. In diesem Komitialakt manifestierte sich also die Beteiligung des Volkes an der Herrschaftsübertragung, wie sie die lex de imperio Vespasiani (CIL VI 930) deutlich zum Ausdruck bringt. Wenn für Nero die comitia ob tribuniciam potestatem erst am 04. Dez. 54, also 53 Tage nach der konstituierenden Senatssitzung vom 13. Okt. 54 stattfanden,22 kann dies nicht bedeuten, daß der Kaiser in dieser Zeitspanne die tribunizische Amtsgewalt, summum fastigium seiner Herrschaft,23 nicht besessen hätte. In Rom wäre er unter diesen Voraussetzungen politisch handlungsunfähig gewesen. Insofern qualifiziert die Münzprägung den Kaiser bereits 54 n. Chr. als Inhaber der TR(ibunicia) P(otestas), deren Zählung sich im Folgejahr 55 n. Chr. bereits auf II erhöht.24 Die literarische Überlieferung akzentuierte insofern zutreffend nicht die Ratifizierung der Herrschaftsübertragung durch das Volk, sondern den vorausgegangenen Senatsbeschluß als den konstituierenden Akt, wobei dessen Inhalt durchweg allgemein formuliert wurde: In senatu cuncta longis aliorum principatibus composita [...] decernuntur.25 Was bedeutet in diesem Zusammenhang „alles“ (cuncta)? Sicher die zentralen Kompetenzen: das imperi[184]um proconsulare und die tribunicia potestas als Machtgrundlagen der Herrschaft! Ebenso den Titel pater patriae, sonst hätten Caligula, Claudius und Nero, später Trajan, Hadrian und Antonius Pius ihn nicht ablehnen können.26 Die weitergehende Frage lautet also: Hat der 19 20 21

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So J. SCHEID (Anm. 17) 231f.; ebenso F. VAN HAEPEREN (Anm. 12) 144-147. Vgl. A. PABST, Comitia imperii. Ideelle Grundlagen des römischen Kaisertums, Darmstadt 1997, bes. 64-199. VERF., Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat: die Rolle von Senat, Volk und Heer bei der Kaisererhebung, Index 15, 1987, 315-332 [hier 12-14]. AFA 25, Z. 14-21; vgl. 26, Z. 19-24; AFA 27, Z. 9-14; vgl. Tac. ann. 12,69,2. Tac. ann. 3,56,2. RIC I2 150f., Nr. 1 und 8. Tac. hist. 2,55,2; vgl. 4,3,3; Suet. Nero 8; Cass. Dio 59,3,1-2; Cass. Dio/Xiph. 60,1,4; Cass. Dio 63,29,1 = Zon. 11,13, p. III 96 BOISSEVAIN; Cass. Dio 64,8,1. Cass. Dio 59,3,2; 60,3,2; Suet. Nero 8; Plin. Pan. 21,1-3; SHA Hadr. 6,5; SHA Ant. Pius 6,6. Für Otho halte ich diesen Verzicht für wahrscheinlich, da er den Titel

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Senat für den Prinzeps auch die Würde des pontifex maximus beschlossen? Im Prinzip halte ich dies für zutreffend, doch waren nicht alle Kaiser bereit, diesen Beschluß zu akzeptieren. Nero und Otho ließen sich, wie wir sahen, den Oberpontifikat erst durch die entsprechenden comitia übertragen. Galba und Vitellius sind in dieser Hinsicht aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen unspezifisch.27 Auch Vespasian folgte dem augusteischen Modell und verzichtete zunächst auf den Oberpontifikat. Der Titel pontifex maximus ist für ihn erst durch Militärdiplome vom 09. Feb. 71 zusammen mit pater patriae nachgewiesen.28 Die vielfach diskutierte Formulierung Suetons (Vesp. 12), Vespasian habe die tribuzinische Amtsgewalt nicht [sofort (?)], den Titel pater patriae erst spät angenommen – ac ne tribuniciam quidem potestatem [statim(?)], patris patriae appellationem nisi sero recepit – kann sich im ersten Teil nur auf die Phase vor seiner Anerkennung im Senat (Ende Dez. 69) beziehen, da ein frühes Militärdiplom vom 26. Feb. 70 (RMD 203) die tribunicia potestas bereits dokumentiert. Mit einem ratifizierenden Volksbeschluß des vorausgehenden senatus consultum dürfen wir aufgrund der lex de imperio Vespasiani (CIL VI 930) sicher rechnen. Die Übertragung des Oberpontifikats sowie die Verleihung des Titels pater patriae durch den Senat hatte Vespasian also vor dieser Ratifizierung zurückgestellt. Nach Ausweis des o.g. Militärdiploms (RMD 203) erfolgte die Verleihung jedenfalls nach dem 26. Feb. 70, vermutlich in zeitlichem Zusammenhang. Evtl. könnten die comitia ob pontificatum maximum also noch im März 70 n. Chr. stattgefunden haben, doch halte ich inzwischen einen Termin nach der Ankunft Vespasians in Rom, d.h. etwa im Oktober 70 für wahrscheinlicher,29 zumal sich damit Gelegenheit bot, die Volkswahl mit einem entsprechenden congiarium zu verbinden, um die Popularität des Kaisers bei der plebs urbana zu steigern.

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in seiner Münzprägung nicht führt. Historisch zwar unzutreffend, im Tenor aber bezeichnend ist die Formulierung des Plinius (Pan. 21,1) in Bezug auf Trajan: Nomen illud (scil. patris patriae), quod alii primo statim principatus die ut imperatoris et Caesaris receperunt, tu [...] distulisti [...]. Zu Galba vgl. CIL XVI 7-9; RMD 136; zu Vitellius vgl. AFA 50 I, Z. 81-88; den 18. Juli 69 n. Chr. als terminus ante für den Oberpontifikat des Vitellius bietet Suet. Vit. 11,2; vgl. dazu F. VAN HAEPEREN (Anm. 12) 137-141; R. STEPPER (Anm. 12) 56f. CIL XVI 12f.; RMD 204 (71 n. Chr.); CIL XVI 10f.; RMD 203 (70 n. Chr.) Vgl. H.-G. SIMON, Historische Interpretationen zur Reichsprägung der Kaiser Vespasian und Titus, Marburg 1952, 1-3; T.V. BUTTREY, Documentary Evidence for the Chronology of the Flavian Titulature, Meisenheim 1980, 12-14. Zum Itinerar des Kaisers vgl. H. HALFMANN, Itinera principum. Geschichte und Typologie der Kaiserreisen im Römischen Reich, Stuttgart 1986, 178-180. Zur Notiz Suetons (Vesp. 12) vgl. bereits A.W. BRAITHWAITE, C. Suetoni Tranquilli Divus Vespasianus, with Introduction and Commentary, Oxford 1927, 54f.; B. JONES/R. MILNS, Suetonius: The Flavian Emperors. A Historical Commentary, with Translation and Introduction, London 2002, 70f.

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Denaremissionen des Kaisers mit Opfergeräten und der Legende AVGVR PON MAX auf dem Revers könnten einen Hinweis bieten, daß Vespasian vor seiner Erhebung bereits dem Auguralkollegium angehörte.30 Nur ein Exemplar bietet indessen AVGVR in [185] Kombination mit der ungezählten TRI POT, ohne den Titel PM auf dem Avers. Aufgrund stilistischer Kriterien erfolgte die Emission aber erst 74 n. Chr. und verdeutlicht, daß chronologische Schlußfolgerungen aufgrund fehlender Elemente in der Titulatur unverbindlich sind.31 Ob Vespasian allerdings nach dem Vorbild Othos vor der Wahl zum pontifex maximus seine Mitgliedschaft im Pontifikalkollegium und den anderen amplissima collegia durch das Volk beschließen ließ, entzieht sich unserer Kenntnis. Vespasian starb am 23. Juni 79, am folgenden Tag wurde sein ältester Sohn Titus vom Senat als Nachfolger anerkannt.32 Seit 71 n. Chr. gehörte er allen römischen Priesterschaften an, in der Münzprägung wurde PON(tifex) seit 72 n. Chr. titular verwandt und damit in Beziehung zum Oberpontifikat seines Vaters gesetzt.33 Als Kaiser führte Titus bereits am 08. Sept. 79 die Titel pontifex maximus und pater patriae.34 Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, auch er habe sich den Oberpontifikat durch die entsprechenden comitia verleihen lassen, doch bin ich jetzt eher der Auffassung, daß Titus auf diesen Akt der Volkswahl verzichtete und bereits seit dem Senatsbeschluß vom 24. Juni 79 pontifex maximus gewesen ist. Ein Denar der Staatlichen Münzsammlung München mit dem Titel in der Avers-Legende dürfte dies bestätigen, da die Zählung der tribunicia potestas VIII die Prägung vor den 01. Juli 79 datiert.35 Etwas später anzusetzen ist ein Meilenstein von der Via Aurelia.36

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Vgl. etwa BMCRE II 8, Nr. 48; 11, Nr. 64; Suet. Vesp. 4,2. Dagegen spricht nicht die Bezeichnung Vespasians auf dem Meilenstein von Afula/Israel: AE 1977, 829; vgl. B. LEVICK, Vespasian, London/New York 1999, 66f. und 226f., Anm. 5. Die Interpretation des Befundes durch R. STEPPER (Anm. 12) 59, halte ich für ausgeschlossen. BMCRE II 26, Nr. 144. Suet. Vesp. 24; Cass. Dio 66,18,1 a; vgl. Suet. Tit. 11. CIL VI 31294; vgl. VI 1984, Z. 1-6 (Dec. XXVIII); das zweite Zeugnis spricht gegen die von T.V. BUTTREY (Anm. 29) 22, vertretene Datierung. Zur titularen Verwendung von pontifex vgl. etwa BMCRE II 139, Nr. 628; so auch R. STEPPER (Anm. 12) 61. CIL XVI 24; vgl. Suet. Tit. 9,1; P. WEISS, Zwei vollständige Konstitutionen für die Truppen in Noricum (8. Sept. 79) und Pannonia inferior (27. Sept. 154), ZPE 146, 2004, 239-254, hier: 239-246; B. PFERDEHIRT, Römische Militärdiplome und Entlassungsurkunden in der Sammlung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2004, 10f., Nr. 3. BMCRE II 432, add. zu S. 223. CIL XI 3734.

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Unter diesen Voraussetzungen lag es für Domitian, der seit 73 n. Chr. allen Priesterschaften angehörte,37 nahe, dem Beispiel seines Bruders zu folgen und den Oberpontifikat aufgrund des konstituierenden Senatsbeschlusses vom 14. Sept. 8138 sofort zu übernehmen. Die Ratifizierung des SC erfolgte am 30. Sept. dieses Jahres durch die comitia tribunicia.39 Weitere Opfer der Arvalbrüder beziehen sich auf die salus des Kaisers und seiner Angehörigen, sonstige Anlässe sind bis zum 30. Okt. 81 nicht bezeugt. Folgt man dem traditionellen Ansatz, wäre Domitian erst nach diesem Termin pontifex maximus geworden, was scheinbar durch seine Münzemissionen bestätigt wird.40 Indessen bietet die „erste“ Emission die tribunicia potestas in Verbindung mit COS VII, die „zweite“ COS VII DES VIII ohne TR P, aber mit den Titeln PONT und PP, die „dritte“ – sofern die allein durch COHEN bezeugten Stücke außer Betracht bleiben – die Titel COS VII DES VIII mit PM und PP, teilweise aber wiederum unter Verzicht auf TR P.41 Die Diskrepanzen [186] verdeutlichen, daß diese Gruppierung chronologisch unbrauchbar ist. COS VII DES VIII war Domitian schon als Caesar vor dem 30. Juni 81,42 sein Militärdiplom vom 20. Sept. 82 weist ihn als Kaiser bereits mit der iterierten tribunizischen Amtsgewalt (tribunic. potest. II) aus,43 d.h. die Zählung ist mit dem dies imperii am 14. Sept. des Jahres umgesprungen. Für eine Verleihung des Titels pater patriae vor Übernahme des Oberpontifikats gibt es keinen Präzedenzfall. Aus diesen Überlegungen hat bereits T.V. BUTTREY m.E. zutreffend den Schluß gezogen,44 die Legende PONT in der Kaisertitulatur habe in der Vorstellung des Stempelschneiders PM ersetzen sollen, was durch Stempelkopplungen innerhalb der Prägegruppe bestätigt werde. Als Analogie kommen etwa Prägungen Neros aus der Lyoner Münzstätte in Betracht, die den Kaiser im Zusammenhang mit den 60 n. Chr. eingeführten Neronia – dem CER(tamen) QVINQ(uennale) ROMAE CON(stitutum) – lediglich als PONT bzw. 37

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CIL IX 4955; als Caesar und princeps inventutis war ihm in der Münzprägung der titulare Gebrauch von PONT(ifex) auch unter der Herrschaft seines Bruders versagt geblieben; vgl. auch AE 1907, 186f. Eine Bauinschrift der Straße von Karthago nach Hippo Regius (CIL VIII 10116) bezeichnet 76 n. Chr. zwar Domitian als pontif(ex), stellt aber eine Ausnahme dar. AFA 49, Z. 24-33. AFA 49, Z. 34-38; vgl. AE 1952, 172. BMCRE II 297-302. BMCRE II 300, Nr. 8-10. CIL III 12218. CIL XVI 28. T.V. BUTTREY (Anm. 29) 35f. Der traditionellen Prämisse, Domitian habe sich als Kaiser den Oberpontifikat erst nach dem 30. Oktober 81 durch entsprechende comitia übertragen lassen, folgte I. CARRADICE, Coinage and Finances in the Reign of Domitian. A.D. 81-96, Oxford 1983, 12-15. Seine Folgerungen bzgl. der Datierung der ersten Emissionen sind deshalb unverbindlich.

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PONTIF bezeichnen.45 Ein Verzicht auf einzelne Elemente der Titular bietet, wie gesagt, keinen Hinweis, daß der Kaiser die Kompetenz nicht gehabt oder den Titel nicht geführt hätte. Nervas Verzicht auf eine Einberufung der comitia ob pontificatum maximum war demnach keineswegs so spektakulär,46 wenn bereits seine Vorgänger auf diesen Komitialakt verzichtet hatten. Zwei Kaiser wurden bislang noch ausgespart: Caligula und Claudius, deren Münzemissionen für F. VAN HAEPEREN gewissermaßen den Anstoß zu ihren prinzipiell berechtigten Fragestellungen gaben.47 Wenn beide Herrscher bereits in ihren ersten Münzemissionen sowohl in Lyon als auch in Rom den Titel PM führten,48 kann dies nur bedeuten, daß sie den Oberpontifikat bereits innehatten. Eine titulare Antizipation halte ich für ausgeschlossen. Caligula wurde am 18. März 37,49 Claudius am 25. Jan. 4150 vom Senat als Kaiser anerkannt. Im ersten Fall bemerkt Cass. Dio (59,3,1f.), Caligula habe sich im Unterschied zu seinen Vorgängern an einem einzigen Tage alle Herrschaftstitel übertragen lassen, lediglich den Titel pater patriae habe er für kurze Zeit zurückgewiesen. Die Protokolle der Arvalbrüder verzeichnen zum folgenden Jahr 38 Opfer anläßlich der Anerkennung des Kaisers am 18. März im Senat, seines Einzugs in Rom am 28. März und der Annahme des Titels pater patriae am 21. September.51 Unberücksichtigt blieben bei diesen [187] Jahrestagen die Akklamation in Misenum vom 16. März 3752 und der den Senatsbeschluß ratifizierende Komitialakt. Der Einzug Caligulas in Rom hatte deshalb Bedeutung, weil er damals vermutlich den Beschluß des Senats in modifizierter Form akzeptiert hatte.53 Die Verleihung 45

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RIC I2 183, Nr. 560-563; teilweise setzt sich die Legende der Vorderseite IMP NERO CAESAR AVG PONT bzw. PONTIF auf dem Revers dieser Semisses fort: MAX TRIB POT PP, oder der Oberpontifikat wird mit PONTIF MAX TR POT PP erneut aufgenommen; vgl. D.W. MACDOWALL, The Western Coinages of Nero, New York 1979, 204f., Nr. 626 und 628 bzw. 630 und 630 A. Zu den penteterischen Festspielen (Tac. ann. 14,20-21) vgl. M. MALAVOLTA, I Neronia e il lustrum, MGR 6, 1978, 395415; M.L. CALDELLI, L’Agon Capitolinus. Storia e protagonisti dall’istituzione Domizianea al IV secolo, Rom 1993, 37-43. Diese Praxis des 2. Jh.s n. Chr. wird durch die Protokolle der Arvalbrüder etwa in Bezug auf Pertinax (AFA 97 ab, Z. 1-15) und Septimius Severus (AFA 97 d, Z. 1-6) bestätigt; vgl. auch J. SCHEID, Nouvelles données sur les avênements de Claude, de Septime Sévère et de Gordien III, BSAF 1988, 361-371, bes. 364-367. Zum Konflikt des Severus mit Clodius Albinus vgl. VERF., Die politische Stellung des D. Clodius Albinus 193-197 n. Chr., JRGZ 50, 2003, 1-15 [hier 22-2]. F. VAN HAEPEREN (Anm. 12) 143 und 148. RIC I2 108f., Nr. 1-5 und 13-19 (Caligula); 121, Nr. 1-2 (Claudius). AFA 12 c, Z. 8-14; 13 e, Z. 12-17. Cass. Dio/Xiph. 69,1,4. AFA 12 c, Z. 8-14 (18. März); 12 c, Z. 15-20 (28. März); 12 c, Z. 83-91 (21. Sept.). Tac. ann. 6,50,4. Cass. Dio 59,3,1-2.

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des Oberpontifikats muß darin bereits enthalten gewesen sein, so daß der Titel bereits in den ersten Emissionen der Münzstätten Lyon und Rom aufgeführt wurde.54 Die Ergänzung der Legende um PP erfolgte nach dem 21. Sept. 37.55 Caligula hat demnach als erster Kaiser das augusteische Modell der comitia ob pontificatum maximum aufgegeben und sich diese Würde vom Senat übertragen lassen. Als zusätzliches Indiz für diese Auffassung werte ich den Befund, daß die Arvalprotokolle von 38 n. Chr. kein Opfer zum Jahrestag der Übernahme des Oberpontifikats durch den Kaiser verzeichnen. Aus der Sicht dieser Priesterschaft war also der Senatsbeschluß für die Herrschaftsübertragung entscheidend, nicht dessen Ratifizierung durch das Volk. Gleichermaßen ist Claudius verfahren, wenn er wie Caligula vorläufig nur auf den Titel pater patriae verzichtete, alle anderen Ehrungen des Senats aber akzeptierte.56 Auch seine Münzemissionen bieten den Titel PM seit Beginn der Herrschaft,57 was natürlich die Mitgliedschaft im Pontifikalkollegium, dem er zuvor nicht angehörte,58 implizierte. Den Titel PP übernahm er nach dem Zeugnis der Arvalakten am 12. Jan. 42, ohne ihn allerdings in der Münzprägung besonders zu propagieren. Lediglich die Aes-Emissionen (Quadranten) ergänzen die Titular seit 42 um PP,59 Prägungen in Gold bzw. Silber mit Hinweisen auf diesen Titel folgen erst seit 46 n. Chr.,60 die titulare Verwendung setzt erst fünf Jahre später ein.61 Im Ergebnis der von F. VAN HAEPEREN aufgeworfenen Fragestellungen62 bleibt demnach festzuhalten, daß der Senat in seinen die Herrschaft konstituierenden Beschlüssen alle Kompetenzen und Ehrentitel verliehen hat, wie dies die literarische Überlieferung durch die Formel cuncta principibus solita zutreffend zum Ausdruck brachte.63 Andererseits konnten die Kaiser natürlich einzelne Elemente dieser Beschlüsse ablehnen. So sind Nero, Otho und Vespasian in Bezug auf den Oberpontifikat, Caligula, Claudius, Nero, Otho und Vespasian hinsichtlich des Titels pater patriae verfahren. Titus und Domitian haben solche Zurückhaltung nicht geübt, sondern sind auch bzgl. des Oberpontifikats dem Präzedenzfall des Caligula gefolgt, für den 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63

RIC I2 108f., Nr. 1-5 und 13-18. RIC I2 109, Nr. 19; 111, Nr. 37. Die titulare Verwendung von PP (pater patriae) bieten nur die Bronzeprägungen seit 39 n. Chr. (RIC I2 111, Nr. 39–54). Cass. Dio 60,3,2. RIC I2 121, Nr. 1-2. CIL V 24. RIC I2 126, Nr. 90-91. RIC I2 123, Nr. 40-41. RIC I2 124, Nr. 51-54. F. VAN HAEPEREN (Anm. 12) 141-156. Diese Formulierung verwendet Tac. hist. 4,3,3; zu inhaltlich vergleichbaren Wendungen vgl. oben Anm. 25.

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AVGVSTVS PONT. MAX.

nach P.A. BRUNT erstmalig eine lex de imperio verabschiedet wurde.64 Bevor die comitia das vorangegangene S(enatus) C(onsultum) ratifizierten, war somit eine Redaktion erforderlich, die den Wünschen des Kaisers Rechnung trug. Caligula verzichtete wie Claudius nur auf den Titel pater patriae, Nero, Otho [188] und Vespasian zusätzlich auf den Oberpontifikat. Insofern ist die literarische Überlieferung65 inhaltlich um die von den Herrschern dann nicht akzeptierten Ehrungen zu ergänzen. Zusammenfassung Seit der Erhebung des Caligula war der Oberpontifikat regelmäßig in dem die Herrschaft konstituierenden Beschluß des Senats enthalten, wurde aber nicht von allen Kaisern gleichermaßen akzeptiert. Deren Entscheidung wirkte sich natürlich auf die Redaktion der Vorlage für die Ratifizierung des Senatsbeschlusses durch das Volk in den comitia ob tribuniciam potestatem aus. Im Falle einer einstweiligen Zurückweisung des Oberpontifikats erfolgte dessen Übertragung nach dem augusteischen Modell in zeitlichem Abstand durch die comitia ob pontificatum maximum (Nero, Otho, Vespasian). Vor diesem Komitialakt haben die genannten Kaiser den Titel pontifex maximus selbstverständlich nicht geführt. Alternativ sind Caligula und Claudius, dann Titus und Domitian, schließlich die Kaiser seit Nerva verfahren, die den Oberpontifikat mit der Anerkennung ihrer Herrschaft durch den Senat übernahmen und titular verwandten. Summary Since the proclamation of Caligula it was the Senate of Rome which regularly included the office of the Roman high priest (pontifex maximus) in its resolution legitmating the emperor’s reign. Still, this conferment was not accepted by all the emperors equally. Of course, their decision influenced the editing of the bill presented to the comitia ob tribuniciam potestatem ratifying the Senate’s decree by the people of Rome. In case of temporary refusal the office of the high priest was to be conferred at some intervals by the comitia ob pontificatum maximum, thus following the Augustan model (Nero, Otho, Vespasian). Indeed, these emperors did not hold the title of pontifex maximus, before it was granted to them by the comitia. Caligula and Claudius, later on Titus and Domitian, finally Nerva and his successors preferred the alternative, accepting the office of the Roman high priest within their titulature on account of the Senate’s decree to legitimate their reign.

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P.A. BRUNT, Lex de imperio Vespasiani, JRS 67, 1977, 95-116, bes. 109. Suet. Nero 8; Cass. Dio 64,8,1; Tac. hist. 4,3,3.

Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus aus Herculaneum (AE 1947, 53)* Unter den in CIL X veröffentlichten Inschriften aus Herculaneum fällt besonders eine Gruppe von 15 Ehrungen für die Familie des M. Nonius Balbus auf. Über die Verwandtschaftsverhältnisse des Geschlechts sind wir außergewöhnlich detailliert durch die zahlreichen Statuenbasen informiert, deren größter Teil im Theater der Stadt und im Bezirk der sogenannten ‹Basilica› gefunden wurde. Dem homonymen Vater des Balbus, lediglich durch den Zusatz pater vom Sohn zu unterscheiden, wurde ebenso wie der Mutter, Viciria A. f. Archa(i)s, auf Beschluß des Stadtrates eine Statue gesetzt (CIL X 1439f.). Ebenfalls wurde seine Gemahlin, Volasennia C. f. Tertia, von den Decuriones und der Plebs Herculanensis geehrt (CIL X 1435-1438). In welcher Beziehung diese Dame zu C. Volasenna Severus, cos. suff. 44, und P. Volasenna, cos. suff. 54 (?),1 stand, läßt sich nicht bestimmen, ebenso unbekannt ist das Verwandtschaftsverhältnis der Viciria zu A. Vicirius Proculus und A. Vicirius Martialis, die in den Jahren 89 bzw. 98 den Konsulat bekleideten.2 Dem Senat gehörte auch M. Nonius Balbus an. Eine Ehrung der Nucherini für ihren municeps bezeugt als seine patria die Stadt Nuceria (CIL X 1429). Hingegen bietet seine Tribus, die Menenia, in dieser Hinsicht keinen Anhaltspunkt, da außer Nuceria auch Herculaneum in sie eingeschrieben war.3 Als einziges Amt des Balbus nennt die Ehrung der Nuceriner den Prokonsulat einer nicht näher bezeichneten Provinz, die anhand der Inschriften CIL X 1430-1434 als Creta/ Cyrenae identifiziert werden kann. Aufgrund seiner Verdienste während der Amtsführung setzten [166] ihm das Commune Cretensium als seinem Patronus, die Colonia Iulia Cnossus und die Einwohner von Gortyna diese Ehrungen in Herculaneum. *

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2 3

[zuerst erschienen in: Chiron 6, 1976, 165-184, Taf. 13-14; vgl. AE 1976, 144] Bei vorliegendem Aufsatz handelt es sich um die erweiterte und überarbeitete Fassung eines Vortrages anläßlich des Pompeji-Kolloquiums 1975, veranstaltet von der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Bei vorliegendem Aufsatz handelt es sich um die erweiterte und überarbeitete Fassung eines Vortrages anläßlich des Pompeji-Kolloquiums 1975, veranstaltet von der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Instituts. Die beiden Fotografien wurden mir freundlicherweise vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom zur Verfügung gestellt (Neg.-Nr. 67.129; 74. 73). Dafür schulde ich ihm herzlichen Dank, besonders Herrn Direktor Dr. H.-G. KOLBE für die Vermittlung der Aufnahmen und die Durchsicht des Manuskripts. Vgl. W. ECK, Ergänzungen zu den fasti consulares des 1. und 2. Jh. n. Chr., Historia 24, 1975, 337-339; M. TORELLI, Senatori etruschi della tarda repubblica e dell’impero, DArch 3, 1969, 328f. W. ECK, RE Suppl. 14 (1974) 853 s.v. Nr. 3f. Vgl. W. KUBITSCHEK, Imperium Romanum tributim discriptum, Wien/Leipzig 1889, 22 u. 25f.; J. BELOCH, Campanien2, Breslau 1890 (ND Rom 1964), 219 u. 241.

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Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

Umstritten ist seit langem die chronologische Einordnung des Senators. MOMMSEN (zu CIL X 1425) nahm ihn für augusteische Zeit in Anspruch, beeinflußt von einer Dio-Notiz zum Jahre 32 v. Chr. Damals interzedierte ein Nonius Balbus als Volkstribun zugunsten Oktavians gegen die Anträge des Konsuls C. Sossius (Dio 50,2,3). MOMMSEN sind SWOBODA, DEININGER, HANSLIK sowie die prosopographische Forschung gefolgt.4 Hingegen vertreten BELOCH, PARIBENI, MAIURI, HOMANN-WEDEKING, GUARDUCCI und ALLROGGEN-BEDEL die Ansicht,5 der Prokonsul sei mit M. Nonius in CIL X 1420 (cf. 1421) identisch, der vor dem 1. Juli 72 für den Caesar Titus, nicht für Vespasian, wie behauptet wird, die Inschrift setzen ließ.6 Bei einer Datierung in flavische Zeit läge es nahe, die Wohltaten des Balbus für Herculaneum, z.B. Bau bzw. Restaurierung der Basilica, der Stadttore und Mauern (CIL X 1425), in die Jahre nach dem großen Erdbeben am 5. Feb. 62,7 seinen Tod kurz vor der endgültigen Katastrophe beim Vesuvausbruch vom 24.-26. Aug. 79 anzusetzen. Diese These ist verlockend, doch erhebt sich die Frage, warum dieses Erdbeben (Sen. n.q. 6,1,1f.; Tac. ann. 15,22,2) nicht auf der Bauinschrift erwähnt wurde, wie dies beispielsweise Vespasian bei der Restaurierung des Magna-Mater-Tempels in Herculaneum (CIL X 1406) und Popidius Celsinus anläßlich der Erneuerung des Isis-Tempels in Pompeji (CIL X 846) vermerkten. Als weiteres Indiz gegen den späten Ansatz spricht, daß bisher eine Gruppe von Frauenstatuen, die sogenannten Balbus-Töchter, aufgrund archäologischer Kriterien, insbesondere der Haartracht (Mittelscheitel mit langem Nackenzopf: ‹Antonia-Schopffrisur› vor ca. 30 n. Chr.), allgemein in tiberische Zeit datiert wird.8 4

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6

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E. SWOBODA, RE 17 (1936) 875f. s.v. Nr. 27; J. DEININGER, Die Provinziallandtage der römischen Kaiserzeit (Vestigia 6), München 1965, 85; R. HANSLIK, Kl. Pauly 4 (1972) 152 Nr. 7; S.J. DE LAET, Samenstelling van den romeinschen Senaat, Antwerpen 1941, Nr. 260; W. ECK, Zephyrus 23/24, 1972/73, 246f. A. MAIURI, RAL VII 3, 1943, 263f.; BELOCH, a.a.O. 221; R. PARIBENI, Diz. Epigr. II 2, 1910, 1270; E. HOMANN-WEDEKING, AA 1942, 340f.; M. GUARDUCCI, IC IV, 1950, 27; A. ALLROGGEN-BEDEL, CronErc 4, 1974, 101 u. 105. Titus bekleidete sein zweites Konsulat 72, die trib. pot. wechselte unter den Flaviern bekanntlich mit dem dies imperii (hier: Vespasians) am 1. Juli. Eine Ehrung für Vespasian, die man auf Grund der Titulatur in die 1. Hälfte d. J. 70 datieren müßte, scheidet durch den Zusatz des Pränomens T(itus) (cf. CIL XVI 10f.), ebenso durch die Bezeichnung als cen[s(or) des(ignatus)], die frühestens in das Jahr 71 zu datieren wäre (cf. DESS. 258, außerdem DESS. 247 u. 260), aus. Für Titus als Caesar ist die Form der Titulatur ungewöhnlich, doch z.B. durch die Inschriften CIL II 2477 u. VIII 22190 auch sonst bezeugt (vgl. dazu auch P. WEYNAND, RE 6 [1909] 2709-2713). Vgl. G.O. ONORATO, La data del terremoto di Pompei: 5 febbraio 62 d. C., RAL VIII 4, 1949, 644-661. Vgl. F.W. GOETHERT, MDAI(R) 54, 1939, 187f.; B. SCHWEITZER, Die Bildniskunst der römischen Republik, Leipzig/Weimar 1948, 35, jetzt auch in dem Sammelband: Römische Porträts, hrsg. von H. von Heintze (WdF 348), Darmstadt 1974, 275; zu

Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

157

Diese Identifizierung wird von Frau ALLROGGEN-BEDEL neuerdings be[167]stritten, doch beruht ihr Hauptargument auf der Gleichsetzung des Prokonsuls Balbus mit M. Nonius aus CIL X 1420.9 Bezüglich der ‚Balbus-Töchter‘ läßt sich ein positives Urteil wohl nicht begründen, da die Fundorte nicht bekannt sind. Immerhin dürfte aber eine Zugehörigkeit der drei Frauenstatuen zur Familie der Nonii Balbi auch nicht a priori auszuschließen sein. Jedenfalls ist der Bezug von CIL X 1420 keineswegs gesichert. Die Panzerstatue des Titus wurde zusammen mit der Inschrift in dem der sogenannten ‚Basilica‘ vorgelagerten Gebäude an der Nordost-Ecke der Insula VII gefunden, das wie sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite des Cardo III dem Kollegium der Augustalen gehörte.10 Falls man nun M. Nonius mit dem Senator gleichsetzt, stellt sich die Frage, weshalb dieser gerade im Gebäude der Augustalen dem Caesar Titus eine Statue gewidmet haben sollte, gerade dort also, wo auch er selbst und seine Eltern durch Standbilder geehrt wurden. Die einfachste Lösung fände dieses Problem, wenn man annähme, der in CIL X 1420 genannte Dedikant M. Nonius sei nicht der Prokonsul, sondern ein Freigelassener11 der Nonii Balbi, der selbst dem Augustalen-Kollegium angehörte und in dieser Eigenschaft den Caesar Titus sowie die Angehörigen seines Patronus ehrte. Diese Hypothese gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man CIL X 1403 nicht als eine Namenliste von liberti adlecti, sondern als die der Augustales von Herculaneum interpretiert:12 Abgesehen von den unvollständig überlieferten Namen sind dort 17 M. Nonii, davon 11 M(arci) liberti verzeichnet. Jeder von ihnen kann als Dedikant von CIL X 1420 in Betracht gezogen werden. Zusammenfassend läßt sich jedenfalls feststellen, daß der gegenwärtige Stand der Forschung eine Datierung des Senators in flavische Zeit nicht eben wahrscheinlich macht. Hingegen wird der frühere Ansatz in den Beginn des 1. Jh.s n. Chr. durch ein zusätzliches Indiz gestützt:13 Im Theater von Herculaneum liegen

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12 13

den Haar[167]trachten vgl. zuletzt K. POLASCHEK, Studien zu einem Frauenkopf im Landesmuseum Trier, TZ 35, 1972, 141-210, bes. 162ff. (Balbus-Gruppe). Vgl. A. ALLROGGEN-BEDEL, Das sogenannte Forum von Herculaneum und die borbonischen Grabungen von 1739, CronErc 4, 1974, 102 Anm. 46. Vgl. ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 104-106 u. Abb. 1-2, S. 98. Welch hervorragende Stellung Liberti dieses Geschlechts in Herculaneum einnahmen, zeigt beispielsweise die Person des M. Nonius Balbi l. Eutychus Marcianus, der auf Beschluß der Decurionen einen Begräbnisplatz erhielt (CIL X 1471). Beispiele von Dedikationen einzelner Augustales für den regierenden oder verstorbenen Kaiser: CIL XI 3872 = DESS. 159; CIL XI 4170 = DESS. 157; CIL II 182; vgl. auch AE 1940, 62. Diese Vermutung von H.-G. KOLBE wird auch von Frau ALLROGGEN-BEDEL geteilt (a.a.O. 105). Hingegen scheint die These von H.-I. MARROU und J. MEYEROVITCH (Une inscription d’Herculanum relative au droit de ‚superficie‘, REA 44, 1942, 135-138), die in AE 1937, 176 genannte Iulia sei eine Angehörige der kaiserlichen Familie, die Inschrift daher in die

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Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

ober[168]halb der überwölbten Eingänge zur Orchestra (Parodoi) links und rechts abgetrennte Logen (Tribunalia) für besonders bedeutende Bürger der Stadt. Im Zuge der bourbonischen Grabungen wurde am 16. Jan. 1768 auf der linken Seite eine Ehreninschrift für M. Nonius Balbus (CIL X 1427),14 auf der rechten eine Basis für App. Claudius Pulcher, cos. ord. 38 v. Chr. (CIL X 1424),15 gefunden, die beide in situ belassen wurden.16 Aufgrund ihres Standes wie ihrer Verdienste um die Stadt zählten diese Senatoren zu den hervorragendsten Persönlichkeiten von Herculaneum. Daher wäre es nicht überraschend, wenn diese Plätze schon bei der Errichtung des Theaters für sie reserviert wurden, rechts für den Bauherrn, links für den Wohltäter der Stadt. Unter diesen Voraussetzungen sprechen mehr Argumente für MOMMSENs These, der Prokonsul Balbus sei mit dem Volkstribun des Jahres 32 v. Chr. identisch,17 als für den Ansatz in flavische Zeit. Die Annahme, er habe nach dem großen Erdbeben 62 n. Chr. Basilica, Stadtmauern und -tore wieder aufgebaut, wird nach diesen Untersuchungen nicht bestätigt. Eine Tatsache bleibt jedoch unbestritten: der überragende Einfluß der Nonii Balbi, besonders des Prokonsuls, in Herculaneum. Das eindrucksvollste Zeugnis für diese Stellung stellt ein Ehrendekret dar, das der Stadtrat auf Antrag des Duumvir M. Ofillius Celer nach dem Tode des Senators für ihn beschloß und in Stein meißeln ließ. 1942 wurde bei Grabungen am Eingang der Vorstadtthermen18 eine große Marmorbasis (Br. 3,00 m x Hö. 2,40 m x Ti. 2,62 m) in Form eines Altars zusammen mit einer kleineren Statuenbasis gefunden. Die der Stadt

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erste Hälfte des 1. Jh.s (vor 42 n. Chr.) zu datieren, nicht genügend fundiert. Dies hätte zwar Konsequenzen für die chronologische Einordnung des auf der Rückseite des Steins bezeugten M. Nonius M. l. Dama und damit indirekt auch für die des Prokonsuls, doch handelt es sich bei der vorgeschlagenen Identifizierung lediglich um eine vage Hypothese. Diese Inschrift wird später noch eingehender zu interpretieren sein. Die Identifizierung des Senators, auf dessen Kosten das Theater erbaut wurde (cf. CIL X 1423 mit MOMMSENs Kommentar), ist eindeutig: vgl. PIR2 C 982; M. HOFFMAN-LEWIS, The Official Priests under the Julio-Claudians, Rom 1955, 56 Nr. 2. Die Inschrift des L. Annius Mammianus Rufus, IIvir quinquennalis (CIL X 1443f.), bezieht sich auf die Restaurierung des Theaters: vgl. BELOCH, a.a.O. 223, außerdem CIL X 833-835, wo theatrum den Zuschauerraum bezeichnet; dazu vgl. H. NISSEN, Pompeianische Studien zur Städtekunde des Altertums, Leipzig 1877, 243-253; J. OVERBECK, Pompeji4, Leipzig 1884, 156ff. Vgl. M. RUGGIERO, Storia degli scavi di Ercolano ricomposta su’ documenti superstiti, Neapel 1885, XXX u. 486f. MOMMSEN zieht für die Identifizierung unseres Balbus auch noch einen sonst unbekannten Sohn des Volkstribuns von 32 v. Chr. in Betracht. A. MAIURI identifiziert mit letzterem einmal den Großvater (RAL VII 3, 1943, 263), das andere Mal den Vater des Prokonsuls (Pompei ed Ercolano fra case e abitanti, Mailand 1959, 354). Zu den Vorstadtthermen vgl. A. MAIURI, Ercolano. I nuovi scavi (1927-1958), Rom 1958, 147-173, bes. S. 151f. mit Fig. 114f. S. hier Taf. 14 [hier 17, Abb. 2].

Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

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abgewandte Längsseite der Ara trägt die Inschrift, gerahmt von einem schmalen lesbischen Kyma und einem breiten Akanthusrankenfries mit einem Gorgoneion oben in der Mitte (Taf. 13 [hier 17, Abb. 1]). Die Schrifttafel ist fast unbeschädigt erhalten, lediglich die ersten zwei Buchstaben in Zeile 1 und 3 sind zusammen mit dem Rahmen der linken Seite verloren. Das Dekret umfaßt neun Zeilen, von denen die ersten beiden durch größere [169]Lettern etwas hervorgehoben sind. Die Erstpublikation erfolgte durch Amadeo MAIURI. Die Inschrift selbst wurde in der Année épigraphique 1947, 53, und nochmals 1970 in einem Sammelband von R.K. SHERK abgedruckt.19 Da die unkorrekten Lesungen der Erstveröffentlichung bisher nicht korrigiert wurden, erscheint es angebracht, hier zunächst den vollständigen Text des Dekrets zu bieten:

5

[Qu]od M(arcus) Ofillius Celer (duum)vir iter(um) v(erba) f(ecit): pertinere at municipi dignitatem meritis M(arci) Noni Balbi respondere, d(e) e(a) r(e) i(ta) c(ensuerunt). [Cu]m M(arcus) Nonius Balbus, quo hac vixerit parentis animum cum plurima liberalitate singulis universisque praistiterit, placere decurionibus statuam equestrem ei poni quam celeberrimo loco ex pecunia publica inscribique: M(arco) Nonio M(arci) f(ilio) Men(enia tribu) Balbo pr(aetori) proco(n)s(uli) patrono universus ordo populi Herculaniessis ob merita eius; item eo loco, quo cineres eius conlecti sunt, aram marmoream fieri et constitui inscribique publice: M(arco) Nonio M(arci) f(ilio) Balbo; exque eo loco parentalibu(s) pompam duci ludisque gumnicis, qui soliti erant fieri, diem adici unum in honorem eius et cum in theatro ludi fient sellam eius poni. C(ensuerunt).

Die deutsche Übersetzung lautet etwa folgendermaßen: In Anbetracht, daß M. Ofillius Celer, Duumvir zum zweiten Male, den Antrag stellte, die Ehre des Gemeinwesens erfordere es, die Verdienste des M. Nonius Balbus zu vergelten, faßten (die Decuriones) in dieser Angelegenheit folgenden Beschluß: Da M. Nonius Balbus, solange er hier lebte, sich mit außerordentlich großer Freigebigkeit einzelnen und der Gesamtheit gegenüber als Vater erwiesen hat, beschließen die Stadträte, ihm an einem möglichst belebten Platz auf öffentliche Kosten ein Reiterstandbild zu errichten mit der Inschrift: Für M. Nonius Balbus, Sohn des Marcus, aus der Tribus Menenia, Prätor, Prokonsul, Patronus, (errichtet dies Standbild) einstimmig der Rat der Bürger von Herculaneum auf19

A. MAIURI, Un decreto onorario di M. Nonio Balbo scoperto recentemente ad Ercolano, RAL VII 3, 1943, 253-272 u. Taf. I-II; R.K. SHERK, The Municipal Decrees of the Roman West (Arethusa Monographs II), New York 1970, 32 Nr. 28.

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Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

grund seiner Verdienste. Ebenso beschließen sie, einen Marmoraltar an dem Ort, wo seine Asche gesammelt worden ist, im Namen der Gemeinde aufzustellen mit der Inschrift: Für M. Nonius Balbus, den Sohn des Marcus. Von diesem Platz aus soll an den Parentalia eine Prozession ihren Anfang nehmen; die gymnischen Spiele, [170] welche gewöhnlich veranstaltet werden, sollen zu seinen Ehren um einen Tag verlängert und bei Aufführungen im Theater soll sein Sessel aufgestellt werden. Dies beschloß der Stadtrat. Hinsichtlich der sprachlichen Form bietet die Inschrift vier Auffälligkeiten: 1. Die Formulierung quo hac vixerit (Zeile 3) läßt zwei Möglichkeiten der Para-

phrase zu: a) vor quo ist eo tempore zu ergänzen, die Übersetzung würde also lauten: ‚(in

der Zeit), die er hier lebte‘; quo hac ist zu quoad zu kontrahieren, vielleicht vom Steinmetzen bei der Übertragung von der Vorlage so verlesen. Der Sinn ist jedenfalls eindeutig: Der Nebensatz gibt eine zeitliche Ergänzung des übergeordneten Kausalsatzes. 2. Praistiterit (Zeile 4) ist in dieser Form deutlich lesbar. Den Umlaut ai statt ae könnte man als Indiz für spätrepublikanische bzw. augusteische Zeit deuten. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Beobachtung von SHERK hinzuweisen, der aufgrund eines Vergleichs der munizipalen Ehrendekrete das Fehlen des ersten Teils der Übergangsformel q(uid) d(e) e(a) r(e) f(ieri) p(laceret), d(e) e(a) r(e) i(ta) c(ensuerunt) als Kriterium für die Datierung in relativ frühe Zeit (Ausgang der Republik/Anfänge des Prinzipats) erkannt hat. 3. Die Schreibweise gumnicis (Zeile 8) anstelle von gymnicis ist ebenfalls als Indiz für diesen chronologischen Ansatz zu werten.20 4. Herculaniessis (Zeile 6) statt des üblichen Herculanensis ist der vulgärlateinischen Form Herculanio (Abl. loc.) (CIL IV 4299) verwandt,21 sonst aber, soweit ich sehe, bisher nicht belegt. Bemerkenswert erscheint auch, daß der Steinmetz in Zeile 5 die Prätur des Nonius zunächst mit den Buchstaben pra abgekürzt hatte. Später wurde der Fehler berichtigt und das a eradiert. b)

20

21

SHERK, a.a.O. 61f.: „... one is tempted to postulate a date for them (Nr. 27/28) toward the end of the Republic. But they may actually belong to the early Principate“; zu den formelhaften Wendungen derartiger Stadtratsbeschlüsse vgl. ebd. 67-70. Zum Umlaut ai statt ae vgl. CIL X 797 (Pompei) und V. VÄÄNÄNEN, Le latin vulgaire des inscriptions pompéiennes3, ADAW 1958, 3, Berlin 1966, 23; zu u anstelle von y vgl. ebd. 32f. Vgl. VÄÄNÄNEN, a.a.O. 119; MAIURI, Decreto 267 Anm. 2.

Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus

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Inhaltlich bietet uns das Dekret fünf postume Ehrungen der Herculaner für den jüngeren M. Nonius Balbus, die einerseits in dieser Fülle und Zusammenstellung ungewöhnlich,22 andererseits für die Topographie und das politisch-soziale Gefüge der Stadt aufschlußreich sind. Im folgenden soll versucht werden, die Beschlüsse zunächst einzeln zu interpretieren, um dann zu einer zusammenfassenden Analyse und Wertung zu gelangen. [171] I. Errichtung eines Reiterstandbildes23 an einem möglichst belebten Platz auf Kosten der Stadt. Die Basisinschrift solle lauten: Für M. Nonius Balbus, Sohn des Marcus, aus der Tribus Menenia, Prätor, Prokonsul, Patronus, auf einstimmigen Beschluß des Rates der Bürger von Herculaneum für seine Verdienste. Worin diese merita bestanden, wird naturgemäß nicht ausgeführt, doch deutet der vorangestellte Kausalsatz bereits darauf hin, wenn hier die plurima liberalitas des Geehrten gepriesen wird. Die schon erwähnte Bauinschrift des Balbus (CIL X 1425) gibt eine weitere Spezifizierung. Probleme entstehen bezüglich der Identifizierung des hier genannten Reiterstandbildes. Bisher wurden in Herculaneum zwei derartige Marmorskulpturen24 gefunden, beide wahrscheinlich aufgestellt am Eingang der sogenannten ‚Basilica‘ im Nordwesten des bisher ausgegrabenen Stadtbezirks in unmittelbarer Verlängerung des Decumanus maximus.25 Sie zeigen jeweils einen Reiter in Haltung der Adlocutio, gekleidet in einen Panzer mit kurzem Reitermantel, umgürtet mit dem 22 23

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25

Zu derartigen Ehrenbeschlüssen vgl. W. LIEBENAM; Städteverwaltung im römischen Kaiserreiche, Leipzig 1900 (ND Rom 1967), 121-127 und 379-382. Zur Errichtung von Reiterstandbildern zu Lebzeiten des Geehrten vgl. CIL V 532, 60ff. = DESS. 6680 (Tergeste), CIL V 961 (Aquileia). Für den Duumvir Plautius Lupus beschloß der Stadtrat von Lepcis Magna die Aufstellung einer Biga, deren Kosten der Geehrte selbst übernahm (IRT 601). Meist begnügte man sich aber mit der Errichtung von Toga- bzw. Panzerstatuen. Hervorragendstes Beispiel für eine derartige postume Ehrung ist L. Volusius Saturninus, cos. suff. 3 n. Chr., dem nach seinem Tode in Rom insgesamt neun Statuen, darunter auch ein Reiterstandbild, beschlossen wurden (JRS 61, 1971, 143, Fig. 14,1); dazu vgl. die eingehende Interpretation von W. ECK, Die Familie der Volusii Saturnini in neuen Inschriften aus Lucus Feroniae, Hermes 100, 1972, 461-484, bes. 468ff.; vgl. außerdem SHERK, a.a.O. 74. Außerdem wurden Fragmente eines Reiterstandbildes aus Bronze gefunden, das die Kreter ihrem Prokonsul und Patron Nonius Balbus gestiftet hatten (CIL X 1430); vgl. ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 106 mit Anm. 72. Das Reitermonument, welches Karl III. von Bourbon nach Portici bringen ließ, kann aber nicht aus Bronze gewesen sein (so R. HERBIG, MDAI[M] 1, 1960, 14 mit Taf. 2 b), es muß sich vielmehr um die zuerst gefundene Marmorstatue handeln (vgl. ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 102 Anm. 44). Ob es sich bei diesem ungewöhnlich breiten Decumanus um das Forum der Stadt handelt (so etwa Th. KRAUS, Pompeji und Herculaneum, Köln 1973, 120) oder ob dieses im nördlichen, noch nicht ausgegrabenen Teil Herculaneums lag, ist auch nach der Untersuchung von ALLROGGEN-BEDEL (a.a.O. 108f.) nicht eindeutig geklärt.

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Parazonium.26 Eine von ihnen ist fast unversehrt erhalten, leider wurde ihr aber im Verlauf einer Revolution 1799 der Kopf abgeschossen und dieser von Angelo BRUNELLI anhand der Fragmente nicht originalgetreu restauriert. Zu diesem Monument gehört zweifellos die Inschrift CIL X 1426: M. NONIO M. F. / BALBO PR. PROCOS. / HERCVLANENSES. MAIURI hat mit Recht gefolgert, dies sei die im Dekret erwähnte Reiterstatue, die loco celeberrimo aufgestellt werden sollte. 27 Nach seiner [172] Argumentation widerspricht dieser Identifizierung nicht die unterschiedliche Formulierung von Basisinschrift und Ehrenbeschluß. Bei der Aufstellung verzichtete man auf den selbstverständlichen Zusatz ob merita eius, ersetzte die pathetische Formel universus ordo populi Herculaniessis durch das schlichte Herculanenses und ließ das Epitheton patronus, das sich bei dem Bekanntheitsgrad des Balbus erübrigte, ebenfalls weg: „la parte sostanziale dell’iscrizione, più solenne nella sua brevità restava tal quale era stata decretata.“28 Umstritten in der Zuweisung an den Prokonsul bzw. an dessen Vater ist das zweite Reiterstandbild, welches aus zahlreichen Fragmenten zusammengesetzt und mit dem einer Togastatue des Balbus pater nachgebildeten Kopf versehen wurde. MAIURI glaubte, den definitiven Nachweis führen zu können, daß es sich hierbei aber nicht um das Monument des Vaters, sondern ebenfalls um eine Ehrung für den Prokonsul handeln müsse. Sein Hauptargument für diese These scheint mir allerdings bedenklich, da es auf einer falschen Interpretation unseres Dekrets beruht. Der Kausalsatz cum ... parentis animum cum plurima liberalitate singulis universisque praistiterit (Zeile 3f.) impliziert keineswegs einen Gegensatz zwischen der Freigebigkeit des Vaters (parens) und des Sohnes, wie MAIURI meint,29 der das Verb sinngemäß mit ‚übertreffen‘ paraphrasiert. Praestare ist in diesem Zusammenhang vielmehr eindeutig in der Bedeutung von ‚zeigen, erweisen‘ gebraucht, so daß der Satz im Deutschen etwa mit der Formulierung wiedergegeben werden kann: ‚da Balbus einzelnen und der Stadt gegenüber mit größter Freigebigkeit väterliche Gesinnung bewiesen hat‘. MAIURIs Folgerungen sind demnach unverbindlich, immerhin spricht aber der Fundort von CIL X 1429 – M. NONIO M. F. BALBO / PROCOS. / NVCHERINI MVNICIPES SVI – bei den Frag26

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Abbildungen bei R. PARIBENI, Il ritratto nell’arte antica, o.O. 1934, Vol. II Taf. 162/163; H. VON ROQUES DE MAUMONT, Antike Reiterstandbilder, Berlin 1958, 80f., Abb. 41 a/b (allerdings mit falscher Bezeichnung und irreführender Interpretation). Die Verwendung von celeber in der Bedeutung von ‚belebt, volkreich‘ ist nicht ungewöhnlich: z.B. Tac. hist. 2,64,1: vitata Flaminiae viae celebritate; CIL X 4643,28: celeber(rimo) loc[o]; XI 1421,34: celeberrimo coloniae nostrae loco; V 532,61: in [172] celeberrima fori nostri part[e]; vgl. dagegen AE 1910, 203,14: quam frequentissimo loco; vgl. außerdem ThlL 3 (1907) 738 s.v. 1 a. MAIURI, Decreto 273.  MAIURI, Decreto 274; zu praestare c. Acc. im Sinne von ‚zeigen, beweisen‘ vgl. Ch.T. LEWIS/Ch. SHORT, A Latin Dictionary, Oxford 1879 (ND 1966), 1431 s.v. C 2.

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menten des zweiten Reiterstandbildes dafür, daß es sich hierbei um eine Ehrung für den jüngeren Balbus wenn auch nicht handeln muß, so doch handeln kann. Trifft diese Vermutung zu, so wurde der Senator mit zwei Reitermonumenten ausgezeichnet: Das eine errichteten ihm die Bürger seiner Heimatstadt Nuceria, das andere die seiner Wahlheimat Herculaneum.30 II. Errichtung eines Marmoraltars auf dem Platz, wo seine Leiche eingeäschert worden ist, mit der Inschrift: Für M. Nonius Balbus, den Sohn des Marcus. Die bereits erwähnte kleinere Statuenbasis dürfte ebenfalls auf den Prokonsul zu beziehen sein. Dafür spricht der Fundort unmittelbar neben dem großen Altar. Von der Figur sind auf der Basis die Füße erhalten, die laut MAIURI entweder auf eine [173] Panzerstatue oder auf die Darstellung eines Typus in heroischer Nacktheit schließen lassen.31 In diesem Zusammenhang ist vor allem der ebenfalls erhaltene Kopf wichtig, der nach der Zerstörung des Reiterkopfes das einzige ikonographische Zeugnis für den jüngeren Balbus darstellt.32 Indessen darf nicht diese kleine Basis mit der im Dekret genannten Ara gleichgesetzt werden, wie MERLIN (zu AE 1947, 53) annimmt,33 sondern ihr großes Pendant, auf dem der Ehrenbeschluß selbst überliefert ist. Dadurch erübrigte sich die Anbringung der oben zitierten kurzen Inschrift. Vielleicht trug aber die Urne des Verstorbenen die kurze Formel: M. NONIO M. F. BALBO. Hier also, auf dem Platz vor der Porta Marina, über den man zu den Vorstadtthermen gelangte, ist die Leiche des Prokonsuls verbrannt worden. Bedenklich erscheint jedoch die These MAIURIs, dieser Ort sei

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Zur Aufstellung von Statuen gleichen Typs von einer einzelnen Person vgl. ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 106 mit Anm. 77. MAIURI, Decreto 269. Abbildung bei MAIURI, Decreto Taf. II; E. HOMANN-WEDEKING, AA 1942, 355f., Abb. 29; der Kopf der Togastatue (A. RUESCH, Guida illustrata del Museo di Napoli, Neapel 1908, Nr. 24), die zu Unrecht auf Nonius Balbus bezogen wird, wurde entweder bereits in der Antike oder in bourbonischer Zeit ergänzt: vgl. ALLROGGENBEDEL, a.a.O. 101 mit Abb. 3 auf S. 103. Außer dem Prokonsul sind folgende Mitglieder der gens Nonia ikonographisch zu identifizieren: M. Nonius Balbus, pater – Guida RUESCH Nr. 60; PARIBENI, Ritratto Taf. 161 a; KRAUS, Pompeji, a.a.O. 126 Abb. 146; ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 103 Abb. 4. Viciria, uxor eius – Guida RUESCH Nr. 20; PARIBENI, Ritratto Taf. 161 b; ALLROGGENBEDEL, a.a.O. 103 Abb. 5. Zu den sogenannten Balbus-Töchtern vgl. oben S. 167f. [hier 15f.]; die Gruppe besteht aus drei Frauengestalten: Guida RUESCH Nr. 27 = KRAUS, a.a.O. 129 Abb. 148 = A. MAIURI, Pompei ed Ercolano 353 (Kopf); Guida RUESCH Nr. 22 u. Nr. 58; vgl. K. POLASCHEK, TZ 35, 1972, 162f. Anm. 89f. Ebenso SHERK, a.a.O. 32: „the present text was found on a small base ... and nearby was found a marble altar ...“.

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identisch mit der Grabstätte des Senators.34 Der Terminus cineres colligere besagt zunächst nur, daß nach der Kremation35 die Asche des Verstorbenen gesammelt und in einer Urne geborgen wird (Ossilegium).36 In zahlreichen Fällen wurde der Tote an der Stelle eingeäschert, an der er auch die letzte Ruhe finden sollte. Dieser Platz wurde nach der Definition des Iulius Paulus (bei Festus)37 bustum genannt im Gegensatz zu der ustrina, die lediglich den Verbrennungsort bezeichnet: Bustum proprie dicitur locus in quo mortuus est combustus et sepultus ... ubi vero combustus est, alibi vero est [174] sepultus, is locus ab urendo ustrina vocatur. Verbrennungsplatz und Grabstätte waren also keineswegs immer identisch, und die gewählte Formulierung des Dekrets deutet an, daß dies auch im Falle des Balbus nicht zutraf.38 Seine Beisetzung dürfte eher in einem Familiengrab stattgefunden haben, das möglicherweise schon 1750 in der sogenannten Insula Orientalis II, außerhalb der Mauern von Herculaneum (etwas westlich des heutigen Eingangs zu den Grabungen), entdeckt worden ist. Dafür sprechen Urnenfunde mit Namen von Freigelassenen der Gens Nonia. Die Lage der Grabstätte39 wird durch das Tagebuch WEBERs bestimmt, das die genauere Detailbeschreibung von COCHIN und BELLICARD ergänzt. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bietet RUGGIERO. Die von ihm nicht erklärte 34 35 36

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MAIURI, Decreto 277; ebenso SHERK, a.a.O. 32: „a marble altar at that place where his ashes are located“. Vgl. E. CUQ, DS II (1896, ND 1969) 1395 s.v. funus.  Den Ablauf beschreibt Sueton anläßlich der Bestattung des Augustus (Aug. 100,4): R e l i q u i a s l e g e r u n t primores equestris ordinis tunicati et discincti pedibusque nudis a c M a u s o l e o c o n d i d e r u n t . Vgl. auch Serv. Aen. 2,539: ... ‚funus‘ enim est iam ardens cadaver: quod dum portatur ‚exequias‘ dicimus: crematum iam ‚reliquias‘: conditum iam ‚sepulchrum‘ ... Iulius Paulus bei Festus p. 32 s.v. bustum, ed. W.M. LINDSAY, Leipzig 1913 (ND 1965), 29. Die Ara selbst bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß hier die Urne beigesetzt worden wäre; bei den Grabungen wurden auch keine Indizien für eine Bestattung gefunden. Vgl. dazu RUGGIERO, a.a.O. XXXVIIf.; 111 (Grabungsbericht WEBERs vom 21. und 28. Nov. 1750); 112f. (WEBERs Bericht vom 16. Jan. 1751: „A Moscardillo se ha encontrado en el plano que se sigue sobre el sepulcro dos urnas ó ollas rotas con los guesos y cenizas de muertos“); 526f. (Beschreibung des Grabes durch Ch.N. COCHIN und J.Ch. BELLICARD, Observations sur les antiquités d’Herculanum, Paris 1755, 24-26). Der Plan der Grabanlage (COCHIN/BELLICARD, a.a.O. 26, Taf. 6) wird von RUGGIERO (a.a.O. Taf. VIII, Fig. 2) seitenverkehrt wiedergegeben, ebenso wie der Grundriß der sog. ‚Basilica‘ (dazu vgl. ALLROGGEN-BEDEL, a.a.O. 100 Anm. 19). Ergänzende Nachrichten zu diesem Familiengrab bietet A.F. GORI, Symbolae litterariae opuscula varia ... complectentes, Dec. II Vol. 2, Rom 1752, 134f.: Brief MATORELLIs an GORI vom 7. Apr. 1750 (Nr. 23) „e nelle ollari vi sono i vasi cinerari colle iscrizioni dei nomi in rosso, e sono la maggior parte dalla famiglia Nonia“ – vgl. CIL X 1473-75. Ein zweites Grab war bereits 1739 entdeckt worden; vgl. GORI, Symbolae Dec. I Vol. 1, Florenz 1748, 135: „prope Herculanei theatrum superius descriptum ante Augustum mensem, anno MDCCXXXIX detectum fuisse sepulcrum picturis variis ornatum et funebri supellectile instructum ...“.

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Mauer aus Quadersteinen dürfte die Stadtmauer von Herculaneum gewesen sein, wie MOMMSEN zu CIL X 1473-75 ausführt. Meine Vermutung basiert aber nicht so sehr auf der präzisen Formulierung des Dekrets als auf dem anschließenden Kolon (Zeile 7f.), das von den genannten materiell faßbaren Ehrenbeschlüssen überleitet zu drei weiteren Auszeichnungen, die das Andenken des Balbus für die Zukunft bewahren sollten. III. Von diesem Platz (der Einäscherung) solle jährlich an den Parentalia eine Prozession ausgehen. Die Parentalia, Feierlichkeiten zu Ehren der Verstorbenen, fanden jährlich vom 13. bis 21. Februar statt, wobei nur der neunte Tag, die Feralia, im römischen Festkalender unter die feriae publicae gezählt wurde.40 Die vorausgehende Woche war [175] privaten Feiern für die Toten der Familie vorbehalten, denen an den Gräbern Opfer gebracht wurden (Ov. Fast. 2,533ff.).41 Mehr offiziellen Charakter trug hingegen der 21. Februar: An diesem Tag wird auch die Pompa für Nonius Balbus stattgefunden haben. Der Weg des Festzuges ist nicht bekannt, doch liegt es nahe, als Ziel das Grab des Geehrten zu vermuten. Hier konnten dann von den Teilnehmern die bekannten Opfergaben (Früchte, Blumenkränze, lose Veilchen usw.) dargebracht und so die Seele des Verstorbenen versöhnt werden. Unter diesen lokalen Verhältnissen wird der jährliche Festzug zu Ehren des Balbus eigentlich erst sinnvoll. Es wurde ja nicht wie bei Umzügen nach Art der Ploiaphesia (Isidis navigium) oder der Lavatio der Kybele, am 5. bzw. 27. März, bei denen die Gottheit selbst mitgeführt wurde, etwas dar- oder ausgestellt.42 Ziel der Pompa war in unserem Fall das Opfer am Grabe des Geehrten. Wäre Balbus in der Ara selbst beigesetzt worden, hätte die Prozession an ihren Ausgangspunkt zurückkehren müssen, aus dem Opferzug wäre damit ohne ersichtlichen Grund ein Umzug geworden. Jedenfalls hätte es näher gelegen, als Ausgangspunkt einen anderen Ort, etwa das Forum oder die Basilica, zu wählen und im Dekret den Altar als Ziel anzugeben. Dieses wurde hier jedoch nicht genannt, da es durch die Bezeichnung des Anlasses, der Parentalia, selbstverständlich festgelegt war. Wichtiger für die Teilnehmer an der Pompa war die Angabe des Sammelplatzes. Die Formulierung des Dekrets entspricht damit den gegebenen Anforderungen. 40

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Vgl. F. BÖMER, Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom, ARW Beih. 1, Leipzig/ Berlin 1943, 29-33; W. EISENHUT, RE Suppl. 12 (1970) 979-982 s.v. Parentalia; J.M.C. TOYNBEE, Death and Burial in the Roman World, Ithaca/New York 1971, 63f. Die Parentatio richtet sich im Unterschied zu der Göttern vorbehaltenen Supplicatio an den verstorbenen Menschen: Cic. Phil. 1,6,13; Ciceros Haltung in dieser Frage ist allerdings keineswegs eindeutig: vgl. S. WEINSTOCK, Divus Julius, Oxford 1971, 290f. Zu den verschiedenen Arten der Prozessionen vgl. F. BÖMER, RE 21 (1952) 1886f. s.v. pompa; zu den Pompae der Isis und der Kybele ebd. 1947-51.

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Derartige offizielle Festzüge zum Grabe sind im Westen für Privatleute meines Wissens bisher nicht bekannt. Die nächste Parallele findet sich in den Beschlüssen der Pisaner für L. und C. Caesar, jährlich jeweils am Todestag (20. Aug. bzw. 21. Feb.) feierliche Opfer für die Manen des Verstorbenen darzubringen:43 Ut[ique] eo die quodannis publice manibus eius per magistratus eosve, / qu[i Pi]sis iure dicundo praerunt, eodem loco eodemque modo, quo / L. C[aes]ari parentari institutum est, parentetur. Die beiden letzten im Dekret genannten Auszeichnungen beziehen sich auf das sportliche und kulturelle Leben von Herculaneum. IV. Zu Ehren des Nonius Balbus sollen die traditionellen gymnischen Spiele um einen Tag verlängert werden. MAIURI44 hat bereits darauf hingewiesen, daß derartige Wettkämpfe einerseits einen Austragungsort, d.h. ein Gymnasium bzw. eine Palaestra, andererseits einen [176] organisierten Jugendverband (Iuventus) voraussetzen. Die gesamte Insula Orientalis II (im Nordosten der heutigen Ausgrabungen) wird von einem einzigen Gebäudekomplex eingenommen, der früher als Tempel oder Villa angesehen, von MAIURI aber als Palaestra erkannt wurde. In der Mitte des von Säulenhallen umgebenen freien Platzes liegt ein kreuzförmiges, verhältnismäßig flaches Wasserbecken, das den Sportlern zum Bade diente. Bemerkenswert ist der Brunnen im Zentrum des Bassins, der einen Baumstamm darstellt, umwunden von einer großen Schlange, deren fünf Köpfe Wasserstrahlen in das Becken spien. Die nördliche Begrenzung der Sportanlage bildet eine Kryptoportikus mit darüberliegender Loggia, welche es den Zuschauern gestattete, die Wettkämpfe auch von oben zu verfolgen.45 Eine ähnliche Palaestra wurde in Pompeji, südwestlich des Amphitheaters, gefunden, die ebenfalls gymnischen Spielen der Iuventus diente.46

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44 45 46

CIL XI 1420f. = D ESS. 139f. = Inscr. It. VII 1 Nr. 6f. = V. E HRENBERG/A.H.M. JONES, Documents Illustrating the Reigns of Augustus and Tiberius2, Oxford 1955, Nr. 68f. (Zitat: Nr. 69, Zeile 31-33). MAIURI, Decreto 277f. Zur Anlage der Palaestra vgl. MAIURI, Ercolano. I nuovi scavi (1927-1958), Rom 1958, 113-143; KRAUS, Pompeji 120 mit Abb. 149-151. Vgl. B. MAIURI, Ludi ginnico-atletici a Pompei, in: Pompeiana, Raccolta di studi per il secondo centenario degli scavi di Pompei, Neapel 1950, 167-205, bes. 195 und 204f. (Palaestra von Herculaneum); zur Organisation der Iuventus vgl. M. ROSTOVTZEFF, Römische Bleitesserae (Klio Beih. 3), Leipzig 1905, 59-93; DERS., Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich, übers. von L. Wickert, Bd. I, Leipzig 1929, 255 Anm. 4; M. JACZYNOWSKA, Les organisations des Iuvenes et l’aristocratie municipale, in: Recherches sur les structures sociales dans l’antiquité classique, Caen 25-26 avril 1969, Paris 1970, 265-274.

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Von diesen agonistischen Übungen in der Palaestra sind die Kampfspiele der Iuventus in der Arena des Amphitheaters zu unterscheiden.47 Während wir für Pompeji die große Bedeutung dieser spectacula gladiatoria – unterbrochen durch das strafweise Verbot von 59 infolge der blutigen Auseinandersetzung mit den Nucerianern (Tac. ann. 14,17) – kennen,48 verfügte Herculaneum im Gegensatz zu dieser Handelsstadt, soweit wir wissen, über kein Amphitheater. Die Gründe dürften in der unterschiedlichen Sozialstruktur gelegen haben.49 Die hervorragende Funktion der pompejanischen Zirkusspiele erfüllten in Herculaneum die Theateraufführungen. Daher stellt der letzte Beschluß des Stadtrates eine besondere Auszeichnung für Nonius Balbus dar. V. Im Theater solle zur Ehrung seines Andenkens bei Veranstaltungen seine sella curulis aufgestellt werden. Der Platz wird nicht näher bezeichnet, zweifellos handelte es sich aber um eine der abgetrennten Logen oberhalb der Parodoi.50 Hier wurde 1768 auf der linken Seite [177] die bereits erwähnte Ehreninschrift CIL X 1427 gefunden, die im Wortlaut mit der Inschrift der Reiterbasis CIL X 1426 übereinstimmt: M. NONIO M. F. BALBO PR. PRO COS. HERCVLANENSES.51 Dadurch liegt die Vermutung nahe, beide seien gleichzeitig konzipiert worden und dies sei nach dem postumen Ehrenbeschluß für Balbus durch die Decurionen geschehen. Eine erste Stütze findet diese Hypothese in dem Fundbericht von LA VEGA an den Marquis Bernardo TANUCCI vom 16. Jan. 1768, wo es heißt: „Questa iscrizione resta ancora nel suo proprio sito, che è propriamente sopra la porta sinistra dell’orchestra, non appunto in mezzo, in un risalto che a guisa di dado sporge da uno de’ sedili, e sopra questo credo vi doveva restare situata una statua che ora non si è trovata.“52 Ob dort tatsächlich eine Statue gestanden hat, scheint keineswegs sicher, viel eher könnte es sich um den Platz für den Ehrensessel handeln, der laut Dekret für Balbus beschlossen worden ist. Die Inschrift auf dem gegenüberliegenden Tribunal für App. Claudius Pulcher (CIL X 47 48 49 50

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Vgl. ROSTOVTZEFF, Bleitesserae 87ff.; M. DELLA CORTE, Iuventus, Arpino 1924, 14-16 u. 24-36; J. AYMARD, Essai sur les chasses romaines, Paris 1951, 95-98. Vgl. W.O. MOELLER, The Riot of A.D. 59 at Pompeii, Historia 19, 1970, 84-95. Zur Sozialstruktur von Herculaneum vgl. E. LEPORE, Sul carattere economico-sociale di Ercolano, PP 10, 1955, 423-439. Zur Anlage des Theaters vgl. F. MAZOIS, Les ruines de Pompéi, Vol. IV, Paris 1838, 71-76 mit Taf. 35-41, bes. S. 74f. u. Taf. 40f.; A. MAIURI, Herculaneum. Führer durch die Museen, Galerien und Denkmäler Italiens Nr. 534, Rom 1969, 74-77. Lediglich in der Anordnung der Zeilen divergieren beide Inschriften geringfügig, da in CIL X 1427 das Cognomen in die erste Zeile gesetzt wurde. Zit. nach RUGGIERO, a.a.O. 486; auch auf die wortgetreue Übereinstimmung mit der Inschrift der Reiterbasis wurde von LA VEGA bereits hingewiesen: „ . . . questa iscrizione è in tutto simile a quella che resta alla statua equestre.“

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1424) hat den Zusatz post mortem. Auch hier wurde keine Statue gefunden. Der Wortlaut besagt eindeutig, daß es sich um eine postume Ehrung für den Senator handelte, und es liegt nahe, beide Fälle in Analogie zu sehen. Für Pulcher und Balbus scheinen im Theater Ehrensessel aufgestellt worden zu sein, deren Basis jeweils die betreffende Inschrift trug. Während dieser Akt im Falle des Pulcher durch den Zusatz post mortem genauer spezifiziert werden mußte, erübrigte sich diese Maßnahme für Balbus durch das Ehrendekret vor der Porta Marina. Natürlich wäre es ideal, hätte man die betreffenden sellae curules ebenfalls in situ gefunden.53 Dies trifft leider nicht zu bzw. läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Tatsächlich fand man im Theater von Herculaneum zwei derartige Sessel,54 doch bezeichnet WEBER eins der tribunalia bzw. suggestus, die anonyme ‚Indicazione di una pianta del teatro‘ die Orchestra als Fundort dieser (?) beiden sellae.55 Ein Bezug auf den Ehrensessel des Balbus ist daher nicht herzustellen. Für die Hauptstadt Rom sind derartige postume Ehrungen für die hervorragendsten politischen Persönlichkeiten, im Prinzipat ausschließlich für Mitglieder des Kaiserhauses – z.B. für Caesar, Drusus, Marcellus, Germanicus, Faustina, Pertinax – in prunkvoller Ausführung, bekannt.56 Nun existiert eine Reihe von Zeug[178]nissen, auf denen eine ähnliche sella in Beziehung zu Personen außerhalb der kaiserlichen Familie abgebildet ist, so auf Aschenurnen und Grabreliefs von Seviri Augustales, aber auch von Senatoren.57 Letzteren ist gemeinsam, daß sie der Erinnerung an eine besondere Funktion oder Stellung des Verstorbenen dienen sollten – „... they commemorated a privilege on the tomb. In this they followed the pattern of other chairs represented on Etruscan and Roman ash urns and tombs in memory of an office, the most important event in the life of the dead in question.“58 Ganz anderer Art ist aber die Ehrung für Nonius Balbus in Herculaneum. Hier wurde nicht eines besonderen Amtes des Verstorbenen gedacht, sondern der leere Ehrensessel wurde ihm 53 54 55 56

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So A. MAU, Pompeji in Leben und Kunst2, Leipzig 1908, 542f. Inv.-Nr. 73152f. = Guida RUESCH Nr. 1790 u. 1792; die Sessel stammen aus Herculaneum, nicht aus Rom. Im Museum von Neapel befinden sich nur die beiden oben genannten sellae aus Herculaneum; zu diesem Problem vgl. RUGGIERO, a.a.O. XXIf. mit XXXIIf. und 381. Allgemein zur sella curulis vgl. Th. MOMMSEN, Römisches Staatsrecht I3, Leipzig 1887, 399-408; zum Ehrensessel der kaiserlichen Familie vgl. S. WEINSTOCK, The Image and the Chair of Germanicus, JRS 47, 1957, 144-154, bes. 146ff.; vgl. auch H. HERTER, Zum bildlosen Kultus der Alten, WS 79, 1966, 566f. Vgl. J.W. SALOMONSON, Chair, Sceptre and Wreath. Historical Aspects of Their Representation on Some Roman Sepulchral Monuments, Amsterdam 1956, bes. 11ff., 18ff., 32, 39f. und Fig. 9, 12, 15. Die erwähnten Senatoren sind die Prätorier M. Antonius Antius Lupus (PIR2 A 812) und L. Sinicius Reginus (PIR S 530). Die Insignien Sella, Zepter und Kranz beziehen sich nach SALOMONSON auf ihre Funktion als Leiter der öffentlichen Spiele in Rom (a.a.O. 31-41). Zit. nach S. WEINSTOCK, Germanicus 153.

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tatsächlich im Theater aufgestellt, ein, soweit ich sehe, im Westen bisher völlig singulärer Akt für eine Person außerhalb der kaiserlichen Familie. Die besondere Bedeutung des vorliegenden Dekrets liegt wie gesagt in der Fülle der postumen Ehrungen für einen römischen Senator. Hierbei sind zwei einander überlagernde Momente deutlich zu unterscheiden: einmal die typisch römische Haltung, manifestiert durch die Einbeziehung des Verstorbenen in die Welt der Lebenden. Diese Auffassung wird deutlich in der Aufstellung eines Ehrensessels im Zuschauerraum bei Theateraufführungen gemäß Verdienst und Rang des Toten. Wie Germanicus in der Tabula Hebana59 wird Nonius Balbus allem Anschein nach in Herculaneum als ein Mensch geehrt, der sich durch seine Stellung zu Lebzeiten die Auszeichnung nach dem Tode verdient hat. Demgegenüber ist ein griechisch-hellenistischer Einfluß bei der Abfassung des Beschlusses aber nicht zu verkennen. Hierfür bietet die Lage Herculaneums im Bannkreis Neapels eine naheliegende Erklärung. Die griechische Prägung der Ehrungen wird am deutlichsten in der jährlichen Pompa und der Verlängerung der gymnischen Spiele zu Ehren des Balbus. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Übertragung von Kultformen der Heroenverehrung,60 wie sie in Griechenland und Kleinasien verdienten Männern entweder noch zu Lebzeiten oder nach dem Tode zuteil wurde. Die bekanntesten Persönlichkeiten aus augusteischer Zeit sind hier die Philosophen Artemi[179]dorus von Knidos61 und Athenodorus von Tarsos,62 die Spartaner C. Iulius Eurycles und sein Sohn Laco63 oder etwas früher der Historiker Theophanes von Mytilene.64 Artemidor war wie sein Vater, der Mythograph Theopompus, entschiedener Parteigänger Caesars. Noch zu Lebzeiten faßten für ihn die Knidier einen epigra-

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EHRENBERG/JONES, Documents Nr. 94 a, § 5; vgl. WEINSTOCK, Germanicus 153. Vgl. Chr. HABICHT, Gottmenschentum und griechische Städte2 (Zetemata 14), München 1970, bes. 200-213; A.D. NOCK, Soter and Euergetes [1951], in: ders., Essays on Religion and the Ancient World II, Oxford 1972, 720-735; H. KASPER, Griechische Soter-Vorstellungen und ihre Übernahme in das politische Leben Roms, Diss. Mainz 1959, publ. München 1961; C.J. CLASSEN, Gottmenschentum in der römischen Republik, Gymnasium 70, 1963, 312-338. Vgl. G. HIRSCHFELD, C. Iulius Theupompus of Cnidus, JHS 7, 1886, 286-290; D. MAGIE, Roman Rule in Asia Minor II, Princeton 1950, 1259 Anm. 5. Vgl. P. GRIMAL, Auguste et Athénodor, REA 47, 1945, 261-273; 48, 1946, 62-79. Vgl. G.W. BOWERSOCK, Eurycles of Sparta, JRS 51, 1961, 112-118. Vgl. H.R. BREITENBACH, Kl. Pauly 5 (1975) 716f. s.v. Theophanes; vgl. auch G.W. BOWERSOCK, Augustus and the Greek World, Oxford 1965, bes. 117-121 mit weiteren Hinweisen, u.a. auf C. Iulius Xenon und die Kulte der römischen Statthalter.

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phisch überlieferten Ehrenbeschluß,65 dessen hier relevante Passagen im Wortlaut zitiert werden sollen: ... ἀναγορεύσεσ[ι κα]ὶ στεφαναφορίαις καὶ προεδρίαις [ἐν] πᾶσι τοῖς ἀγῶσι καὶ αὐτῷ καὶ [ἐ]κγόνοις ... καὶ ἐπεί κα μεταλλάξῃ τὸν [β]ίον, ταφᾷ δαμοσίᾳ καὶ ἐνταφᾷ κατὰ πόλιν ἐν τῷ ἐπισαμοτάτῳ τοῦ γυμνασίου τόπῳ. ἑστάκει δὲ [αὐ]τοῦ καὶ εἰκόνα χρυσέαν σύνναον [τᾷ] Ἀρτά[μ]ιτι [τ]ᾷ Ἰακυνθοτρόφῳ [κ]αὶ Ἐπιφανεῖ, ἇς καὶ αὐτᾶς ἱερεὺς [ὑ]πάρχει διὰ βίου. καὶ βωμὸν ἱδρυσάμενος καὶ θυσίας καὶ πομπὰν, καὶ γυμνικὸν ἀγῶνα πενταετηρικὸν ψαφ[ι]ξάμενος Ἀρτεμιδώρεια, τετιμάκει αὐτὸν τιμαῖς ἰσοθέοις.

Ähnliche Ehrungen, wenn auch nicht so ausführlich bezeichnet, beschloß Tarsos für Athenodorus nach dessen Tode: ... τιμὰς ὁ Ταρσέων δῆμος αὐτῷ κατ’ ἔτος ἕκαστον ἀπονέμει ὡς ἥρωι.66

Die lakonische Hafenstadt Gytheion zeichnete Eurycles postum und seinen Sohn Laco zu Lebzeiten durch die Feier der Εὐρύκλεια im Anschluß an die Spiele zu Ehren von Mitgliedern der kaiserlichen Familie aus.67 Die Erwähnung des Befreiers von Griechenland, T. Quinctius Flamininus, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle: Sie diente lediglich als Folie für Augustus in seiner Funktion als Soter. Eindeutig im Zeichen des Kaiserkults stand die jeden Spieltag einleitende Pompa, ein innerer Zusammenhang mit der Ehrung der Spartaner ist nicht gegeben. Für Personen außerhalb der Domus Augusta wäre eine solche Auszeichnung gerade durch den offiziellen Charakter des Dokuments einem Affront des Princeps gleichgekommen und somit undenkbar gewesen. Sogar für seine eigene Person übte Tiberius in diesen Fragen äußerste Zurückhaltung, wie nicht zuletzt die Inschriften aus Gytheion zeigen. In dem Majestätsprozeß gegen die Familie des Q. Pompeius [180] Macer (33 n. Chr.) gipfelte die Anklage in dem Vorwurf, daß der Urgroßvater Cn. Pompeius Theophanes in Mytilene nach seinem Tode göttliche Ehrungen empfangen hatte – caelestes honores Graeca adulatio tribuerat (Tac. ann. 6,18,2).68 Von den hier skizzierten Fällen weist der Beschluß der Knidier für Artemidorus die meisten Übereinstimmungen mit dem Dekret für Nonius Balbus auf. Dem griechischen Philosophen wurden zu Lebzeiten für den Fall seines Todes im 65

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P. LE BAS/W.H. WADDINGTON, Inscriptions grecques et latines recueillies en Asie Mineure, Paris 1870 (ND Hildesheim 1972), Nr. 1572 bis = E. SCHWYZER, Dialectorum Graecarum exempla epigraphica potiora, Leipzig 1923, Nr. 265. Ps.-Lukian, macrobii 21. SEG XI 923 = AE 1929, 99 = EHRENBERG/JONES, Documents Nr. 102; vgl. E. KORNEMANN, Neue Dokumente zum lakonischen Kaiserkult (Abh. d. Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 1), Breslau 1929, bes. 27f.; M. ROSTOVTZEFF, L’empereur Tibère et le culte impérial, RH 163, 1930, 1-23, bes. 8f. Vgl. Syll.3 753; zu den verwandtschaftlichen Beziehungen der Pompei Macri zu Eurycles und Laco vgl. VERF., Prosopographische Untersuchungen zur Besetzung der vier hohen römischen Priesterkollegien im Zeitalter der Antonine und der Severer (96-235 n. Chr.), Diss. Mainz 1973, 255f. und Stemma Anlage VII.

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171

voraus die folgenden Auszeichnungen zuerkannt: die Anlage eines Grabes und Bestattung auf öffentliche Kosten auf einem ausgezeichneten Platz des Gymnasiums und die Errichtung einer goldenen Statue im Tempel der Artemis; hinzu kamen als σόθεοι τιμαί ein Altar, Opferhandlungen, eine Pompa sowie alle vier Jahre 69 gymnische Spiele, die sogenannten Artemidoreia. Entsprechend wurde Balbus ausgezeichnet durch die Errichtung eines Reiterstandbildes quam celeberrimo loco, eines Altars, den Beschluß einer jährlichen Pompa zu seinem Grabe mit anschließendem Opfer und die Verlängerung der gymnischen Spiele um einen Tag zu seinen Ehren. Außerdem sollte ihm zu Ehren auch nach dem Tod die sella curulis bei Theateraufführungen aufgestellt werden,70 was für Artemidorus in dem Beschluß eines Ehrensessels für ihn und seine Nachkommen bei allen Spielen eine Entsprechung findet, ergänzt durch das Recht, einen Kranz zu tragen. Diese Gegenüberstellung gewinnt durch die Bezeichnung einzelner Ehren als ‚göttergleich‘ an innerer Brisanz. Ist es möglich, daß Decurionen einer italischen Stadt für einen römischen Senator im frühen Prinzipat σόθεοι τιμαί71 beschließen konnten? Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt in der äußeren Form des Dekrets aus Herculaneum. Die Inschrift erweckt zunächst keineswegs einen außergewöhnlichen oder unrömischen Eindruck, sieht man von der Vielzahl der Ehrungen einmal ab. Einzelne Elemente lassen sich ohne weiteres mit traditionell römischen Vorstellungen des Totenkults, die sich teilweise bereits im Kontakt mit dem hellenistischen Osten transformiert hatten, erklären. Hierfür finden sich auch in augusteisch-tiberischer Zeit Parallelen, z.B. die postume Ehrung des Germanicus in der Tabula Hebana oder die Einrichtung der Spiele für Eurycles und Laco in Gytheion. Diese Auszeichnungen können sich wie die Ehrung durch Statuen auf [181] die Stellung der betreffenden Persönlichkeit, d.h. des Menschen, zu Lebzeiten und auf ihre Verdienste um die Stadt beziehen.72 Die Problematik der Inschrift liegt in den beiden mittleren Satzgliedern: der Errichtung eines Altars an der Ustrina und dem Beschluß einer jährlichen Pompa. Zwar läßt sich der Terminus ara im Zusammenhang mit dem Totenkult schon in republikanischer Zeit nachweisen, bezeichnet aber immer den Grabal69 70

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Vgl. R.M. GEER, The Greek Games at Naples, TAPhS 66, 1935, 216. Derartige Reservierungen zu Lebzeiten waren durchaus häufig. Vgl. z.B. AE 1927, 158 mit dem Kommentar von A. DEGRASSI, Iscrizione municipale di Cuma [1926], in: ders., Scritti vari di antichità I, Rom 1962, 473-481, bes. 475f. Zur Definition vgl. E. KORNEMANN, Klio 1, 1901, 87f. Anm. 11; U. WILCKEN, APF 6, 1920, 286f.; C. CICHORIUS, Römische Studien, Leipzig/Berlin 1922, 379f.; Chr. HABICHT, Die augusteische Zeit und das erste Jahrhundert nach Christi Geburt, in: Le culte des souverains dans l’Empire Romain, Fondation Hardt, Entretiens 19, 1972, 76-79. Laut der Tabula Hebana werden die sellae für Germanicus [ . . . in memoriam] eius sacerdoti aufgestellt, in Gytheion sind die zusätzlichen Spieltage dem Andenken des Eurycles und der Ehrung des Laco gewidmet.

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tar, d.h. das eigentliche Grabmal, oder, wie im Falle des L. Caesar, das Kenotaph.73 Dieser Sprachgebrauch ist in erster Linie durch die formale und funktionale Ähnlichkeit dieser Monumente mit Götteraltären bedingt.74 Im Falle des Balbus kann es sich jedoch nicht um einen derartigen Grabaltar handeln, wie anhand sprachlicher und inhaltlicher Kriterien oben gezeigt wurde; auch ein Kenotaph wäre hier nicht sinnvoll, da sich das Grab ja in Herculaneum befand. Die Ara muß demnach eine andere Bedeutung, dem griechischen βωμός vergleichbar, gehabt haben. Wie diese Form der Ara ist auch die jährliche Pompa im römischen Totenkult ungewöhnlich. Daß diese hier in Verbindung mit der Feier der Parentalia gebracht wird, mildert zwar die Wirkung des Beschlusses, erklärt aber nicht ihre Funktion. Auch für C. und L. Caesar hatten die Pisaner eine jährliche Parentatio dekretiert, bezeichnenderweise jedoch ohne diesen Zusatz.75 Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Ehrungen kommt darin zum Ausdruck, daß die Feiern für die Adoptivsöhne des Augustus jeweils an ihrem Todestag, die für Nonius Balbus an den Parentalia stattfinden sollten.76 Die Pompa, hier der feierliche Zug zur Opferstätte, stellt ein typisches Element der Heroenverehrung wie des Herrscherkults77 dar und mutet daher in unserem Zusammenhang erstaunlich an. In erster Linie handelt es sich bei den Parentalia um ein Familienfest für die verstorbenen Angehörigen. Dadurch daß die Decurionen der Feier ihren privaten Charakter nahmen und durch einen offiziellen Akt ersetzten, blieb Nonius Balbus nicht länger nur pater seiner Familie, sondern wurde zum parens der Gesamtgemeinde, die ihn beim [182] Opfer am Grabe mit der feierlichen Formel begrüßte: Salve sancte parens! 78 Und tatsächlich hatte sich der Senator ja zu Lebzeiten als parens der 73

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Cic. Phil. 14,13,34; vgl. z.B. die Inschriften CIL V 1160; IX 3079; 3837; XIV 737; zum Kenotaph (Dig. 11,7,42) des L. Caesar in Pisa vgl. EHRENBERG/JONES, Documents Nr. 168, Zeile 17. Vgl. W. HERMANN, Römische Götteraltäre, Kallmünz 1961, 8, 60f., 74f. Vgl. oben S. 175 [hier 16] Zufällig fiel der Todestag des C. Caesar auf den 21. Februar, den letzten Tag der Parentalia. Daß aber tatsächlich der Todestag den Termin für die jährliche Parentatio bestimmte, wird im Dekret der Pisaner ausdrücklich vermerkt (EHRENBERG/JONES, Documents Nr. 69, Zeile 25): quo die C. Caesar obit, qui dies est a. d. VIIII k. Martias. Vgl. S. EITREM, Beiträge zur griechischen Religionsgeschichte III, Kap. 4: Die Prozessionen, Skrifter utgit av Videnskapsselskapet i Kristiania 1919, 2 (publ. 1920), 65-68; F. BÖMER, RE 21 (1952) 1900f. u. 1913ff. s.v. pompa. Vgl. H. WAGENVOORT, The Parentatio in Honour of Romulus, in: ders., Studies in Roman Literature, Culture and Religion, Leiden 1956, 290-297; allgemein zu diesem Thema vgl. A. ALFÖLDI, Der Vater des Vaterlandes im römischen Denken [1950-1954], Darmstadt 1971, bes. 89f., 121, 127ff. In Thyateira wurden in augusteischer Zeit C. Iulius Xenon als dem σωτὴρ καὶ εὐεργέτης καὶ κτίστης καὶ πατὴρ τῆς πατρίδος heroische Eh-

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Herculaner erwiesen, wie es in der Begründung des Ehrendekrets formuliert ist. Nicht in der Fülle einzelner Beschlüsse, sondern in dieser Umfunktionierung der Parentalia zu einem offiziellen Kultakt erfolgte gewissermaßen der ‚qualitative Sprung‘: die Stilisierung des römischen Senators und Patronus der Stadt zum ρως εεργέτης von Herculaneum.79 Unter diesen Voraussetzungen erscheinen die übrigen Bestimmungen in einem ganz neuen Licht. Es handelt sich nicht mehr nur um postume Auszeichnungen eines verdienten Bürgers, sondern um heroische Ehren. Insbesondere die Errichtung eines Altars am Platz der Einäscherung gewinnt jetzt an Interesse. Als Parallele drängen sich die Vorgänge nach Caesars Ermordung auf, als ihm Anfang April 44 das Volk einen Altar an der Stelle des Scheiterhaufens errichtete, der nach der Zerstörung durch Dolabella später (37 v. Chr.) wiederhergestellt wurde.80 Auch die in diesem Zusammenhang erwähnte columna findet in Herculaneum ein Pendant in der neben dem Altar gefundenen Statue des Balbus. Wie sich jetzt herausstellt, handelte es sich dabei wohl nicht um eine Panzerstatue, sondern eher um die Darstellung eines Typus in heroischer Nacktheit. Eine weitere Korrelation zwischen der Divinisierung Caesars und den Beschlüssen für Balbus bietet die Säuleninschrift vom Forum Romanum, deren Text Sueton überliefert: PARENTI PATRIAE (Suet. Caes. 85). Die Wurzeln beider Ereignisse sind also identisch. Die Vergöttlichung Caesars entspricht in ihrem inoffiziellen Stadium der durch unser Dekret intendierten kultischen Verehrung des Nonius Balbus. Auch die Aufstellung der leeren sella im Theater erhält nun einen anderen [183] Akzent. Es erscheint durchaus nicht mehr eindeutig, daß hiermit die Verdienste des Senators um die Organisation der szenischen Spiele gewürdigt oder priesterliche Funktionen in Erinnerung gerufen werden sollten. Tatsächlich



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ren erwiesen (IGR IV 1276). Die Bezeichnung pater patriae erscheint in diesem Zusammenhang zunächst ungewöhnlich; inhaltlich deckt sie sich mit dem Titel πατὴρ τῆς πόλεως, der im Prinzipat auch sonst für den griechischen Osten bezeugt ist, z.B. in severischer Zeit für Kallisthenes in Olbia (IGR I 854 = LATYSCHEV, IOSPE I2 Nr. 174,9; vgl. IOSPE I2 Nr. 42,16f.), zwei Anonymi ebenfalls in Olbia (IOSPE I2 Nr. 46 frgm. a; Nr. 54,7f.) und für Apollophanes in Syrien (IGR III 1162 u. 1164: 2. Hälfte des 1. Jh.s n. Chr.). In ihrem Gehalt sind diese Epitheta dem Titel πάτρων τῆς πόλεως verwandt, wie eine Inschrift aus Methone (IG V 1, 1417) zeigt. Das Epitheton ‚Euergetes‘ allein beinhaltet keine Heroisierung, sondern kann wie ‚Soter‘ auch Menschen auszeichnen; vgl. H. HEPDING, Der Kult der Euergetai, Klio 20, 1926, 480f.; NOCK, Soter and Euergetes 725-727. Hier geht es jedoch nicht um derartige Bezeichnungen, sondern um den Charakter der Ehrenbeschlüsse. Dazu vgl. auch CLASSEN, Gottmenschentum 335-338. Vgl. A. ALFÖLDI, Studien über Caesars Monarchie, Lund 1953, 70-76; DERS., Vater des Vaterlandes 90f.; WEINSTOCK, Divus Iulius 364-367 (mit Quellenangaben); H. GESCHE, Die Vergottung Caesars (FAS 1), Kallmünz 1968, 64-67 u. 92-95.

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haben wir in dieser Richtung auch gar keinen Anhaltspunkt. Dies legt die Alternative nahe, der Akt sei nicht mit der postumen Ehrung des Germanicus, sondern mit den Beschlüssen für Caesar in Analogie zu setzen, gehöre also ebenfalls der sakralen Sphäre an. 81 Ambivalent bleibt hingegen die Verlängerung der gymnischen Spiele zu Ehren des Balbus. Dieser Beschluß kann sowohl sakralen als auch profanen Charakter haben, wie überhaupt im Heroenkult mit fließenden Übergängen zwischen beiden Bereichen zu rechnen ist.82 Insgesamt wird Nonius Balbus durch den Beschluß kultischer Ehren in Herculaneum eine Position eingeräumt, die in augusteisch-tiberischer Zeit nicht einmal kaiserlichen Prinzen innerhalb Italiens zukam.83 Was die Herculaner zu einem solchen Akt veranlaßte, ist heute im einzelnen nicht mehr zu eruieren. Jedenfalls wurde der Text ungemein vorsichtig formuliert. Eingekleidet in die äußere Form eines durchaus üblichen munizipalen Ehrendekrets wird der eigentliche Gehalt dem Leser nur verschlüsselt mitgeteilt. Die Methode ist ebenso einfach wie bestechend. Dadurch daß einzelne Elemente griechischer Heroenverehrung mit genuin römischen Formen des Totenkults verbunden werden (pompa – parentatio) bzw. inhaltlich einander verwandt sind (ἥρως εὐεργέτης – parens patriae), lateinische Termini nur retrospektiv im Zusammenhang ihre spezifische Bedeutung erlangen (ara = βωμός) und die typisch heroischen Ehren im Wechsel mit postumen Auszeichnungen für hervorragende Persönlichkeiten aufgeführt sind, fügt sich unsere Inschrift zwar formal in den Rahmen ähnlicher Dekrete, geht aber inhaltlich weit über einen Ehrenbeschluß hinaus. In dieser Form kann das Dokument nur in einer Phase des Übergangs84 konzipiert worden sein, d.h. bevor die hier dekretierten Ehren ausschließlich dem Prin[184]ceps und seiner Familie vorbehalten waren. Auch indirekt wird so die Einordnung des Senators in den Anfang des 1. Jh.s n. Chr. bestätigt. 81 82

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Zur Aufstellung der sella Caesaris vgl. ALFÖLDI, Studien 77-81; WEINSTOCK, a.a.O. 283. Vgl. HABICHT, Gottmenschentum 211f.; hier sei nur an die Feier der Sebasta im benachbarten Neapel erinnert, die 2 n. Chr. zu Ehren des Kaisers Augustus begründet, nach dessen Tod zu Ehren des Divus (mit Opfer) weitergeführt wurden; vgl. GEER, Greek Games 218-221. Vgl. H. HEINEN, Zur Begründung des römischen Kaiserkultes, Klio 11, 1911, 176f.; zur Ablehnung von ἰσόθεοι ἐκφονήσεις (P. Germ. = SB I 3924 = EHRENBERG/JONES, Documents Nr. 320, Zeile 36) durch Germanicus in Alexandria vgl. D.G. WEINGÄRTNER, Die Ägyptenreise des Germanicus (Papyrologische Texte und Abhandlungen 11), Bonn 1969, 111-119. Vgl. z.B. auch J. BAYET, Les cendres d’Anchise: dieu, héros, ombre ou serpent? (Virgile, Enéide, V 42-103) [1961], in: ders., Croyances et rites dans la Rome antique, Paris 1971, 380f.; in späterer Zeit wurde die Bezeichnung ‚Heros‘ im griechischen Osten zu einem regelrechten Titel für verdiente Persönlichkeiten: z.B. für C. Stertinius Xenophon, den Leibarzt des Kaisers Claudius, der unter Nero in seiner Heimatstadt Kos geehrt wurde; vgl. R. HERZOG, Nikias und Xenophon von Kos, HZ 125, 1922, 240f.

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Ein Punkt sollte in dieser Untersuchung noch besonders herausgestellt werden: Nonius Balbus wurde keineswegs heroisiert oder gar vergöttlicht. Ein solcher Akt hätte ganz andere Voraussetzungen erfordert,85 z.B. auch den eindeutigen Beschluß des Stadtrates in dieser Richtung. Diese entfielen aber, wenn man sich mit der Zuerkennung heroischer Ehren begnügte, zumal der qualitative Unterschied zu anderen Auszeichnungen für hervorragende Bürger bewußt kaschiert wurde. Trotz der überlegten und vorsichtigen Formulierung seitens der Decurionen erscheint das Dekret in seinen einzelnen Bestandteilen eher als Ausdruck der Liebe und Verehrung des Volkes für seinen Patronus. Dies zeigen nicht zuletzt auch die analogen Aktionen der stadtrömischen Plebs für ihren ‚Heros‘ Caesar. Zusammenfassend läßt sich konstatieren, daß die Inschrift für Balbus unser Interesse nicht nur als Zeugnis für die Kulturgeschichte und Topographie Herculaneums rechtfertigt, sondern auch als wichtiges Dokument für die wechselseitige Durchdringung von griechischem Heroen- und römischem Totenkult, welche in ihrer Gesamtheit die Grundlage zur Ausgestaltung des Kaiserkults bilden.86

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Vgl. E. BICKERMANN, Die römische Kaiserapotheose, ARW 27, 1929, 1-34; DERS., Consecratio, in: Le culte des souverains dans l’Empire Romain, Fondation Hardt, Entretiens 19, 1972, 3-25. Der römische Charakter der Kaiserapotheose ist nach BICKERMANNs Untersuchung wohl unbestreitbar. Dies schließt jedoch nicht aus, daß bestimmte Riten und Symbole der griechischen Heroen- bzw. hellenistischen Herrscherverehrung im Kaiserkult verarbeitet wurden; vgl. dazu WEINSTOCK, Divus Julius 287-296.

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Abb. 1 [ersetzt; ursprünglich Taf. 13]: Herculaneum, Ehrendekret für M. Nonius Balbus. Foto: Jens WICKERT.

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Abb. 2 [ursprünglich Taf. 14]: Herculaneum, Platz vor den suburbanen Thermen mit monumenta Balbi. Foto: DAI Rom, Inst. Neg. 74.73.

Hausgesinde – Hofgesinde. Terminologische Überlegungen zur Funktion der f amilia Caesaris im 1. Jh. n. Chr.* „So ging die gesamte Macht des Volkes wie des Senates auf Augustus über, und seither bestand genau genommen eine Monarchie“ – auf diese einprägsame Formel brachte Cassius Dio (53,17,1) die Neuordnung des Jahres 27 v. Chr., die wir gewöhnlich als den Beginn des Principats werten. Aus der Rückschau des Historikers, dessen Einschätzung bereits Appian (praef. 6,22f. u. 14,60) vorweg genommen hatte, könnte man die Frage einer Differenzierung von ‚Haus‘ (domus) und ‚Hof‘ (aula) auf sich beruhen lassen, zumal Dietmar KIENAST dem Phänomen der ‚Hofhaltung und Entstehung einer Hofgesellschaft‘ ein eigenes Kapitel in seiner Augustus-Monographie gewidmet hat, welches er mit der plausiblen Feststellung einleitete: „Zu einer Monarchie gehört eine Hofhaltung und eine höfische Gesellschaft“.1 Allerdings indizieren die genannten antiken Autoren ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen vermeintlicher Wirklichkeit und ideologischer Fundierung der Herrschaft, wenn sie darauf verweisen (App. praef. 6,23; Dio 53,17,2), dass den Römern die Bezeichnung dieses Systems als ‚Monarchie‘ so verhasst gewesen sei, dass die Machthaber sich nicht als Könige (βασιλεῖς), sondern als Imperatoren (αὐτοκράτορες) bezeichneten und damit an Traditionen der ausgehenden Republik anknüpften. Mag man diesen Befund als ‚Etikettenschwindel‘ abtun, so stellt sich doch die Frage, ob Augustus und seine Nachfolger eine Demaskierung ihrer monarchischen bzw. monokratischen Stellung durch eine ‚Hofhaltung‘ billigend in Kauf nahmen oder gar förderten. Lag es nicht näher, auch in Bezug auf die Repräsentation ihrer Stellung als principes republikanische Traditionen fortzuführen, um den Eindruck einer Monarchie hellenistischer Prägung möglichst zu vermeiden? Konkret gefragt: Tragen Begriff und Vorstellung einer kaiserlichen

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[zuerst erschienen in: Heinz BELLEN / Heinz HEINEN (Hrsgg.), Fünfzig Jahre Forschungen zur antiken Sklaverei an der Mainzer Akademie 1950–2000. Miscellanea zum Jubiläum, (Forschungen zur antiken Sklaverei; 35) Stuttgart 2001, 331-352] Die Untersuchung nimmt Überlegungen auf, die am 11. Juni 1995 im Rahmen der 23. Tagung der Mommsen-Gesellschaft zum Themenbereich „Das Phänomen ‚Hof ‘ “ vorgetragen wurden. Die anregende Diskussion mit Aloys WINTERLING führte zu einigen Präzisierungen, teilweise auch Zuspitzungen, ohne dass sich unsere divergierenden Einschätzungen allerdings zur Deckung bringen ließen. D. KIENAST: Augustus. Prinzeps und Monarch. Darmstadt ³1999, bes. 78-98 u. 307319; vgl. bereits die erste Auflage (1982) 253-263. A. WINTERLING: Hof ohne „Staat“. Die aula Caesaris im 1. und 2. Jh. n. Chr. In: Zwischen „Haus“ und „Staat“. Antike Höfe im Vergleich. Hrsg. von A. Winterling (HZ-Beih. 23). München 1997, 91-112; DERS.: Aula Caesaris. Studien zur Institutio-

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Hausgesinde – Hofgesinde

‚Hofhaltung‘ zum besseren Verständnis der sozialen und politischen Wirklichkeit im frühen Principat bei als die Kategorie eines kaiserlichen ‚Haushalts‘? In mehreren eindrucksvollen Studien hat sich Aloys WINTERLING intensiv mit dieser Thematik auseinander gesetzt.2 Sein fundierter Versuch einer idealtypi[332]schen Bestimmung des Begriffes ‚Hof‘ verdeutlicht indessen bereits die Probleme einer terminologischen Anwendung für die Epoche des frühen Principats.3 Sprengt ein „Hof ohne Staat“ in der Spaltung von politischer und gesellschaftlicher Ordnung nicht unsere Vorstellungen der Begriffsbildung,4 wäre ein Gebilde sui generis?5 Wäre unter diesen Voraussetzungen terminologisch dann nicht domus mit dem Zusatz Augusta bzw. principis vorzuziehen, um das Phänomen zu bezeichnen? Diese Praxis böte den Vorteil, einerseits den Entwicklungsprozess zur Zeit des Übergangs von der Republik in den Principat einzubeziehen, andererseits die besondere Funktion der domus Augusta im Verhältnis zu den domus nobilium herauszustellen.6 Wie dem auch sei, wertete WINTERLING in seiner jüngsten und sicher profunden Monographie die aula Caesaris zwar nicht in augusteischer Zeit, aber doch seit der Herrschaft des Claudius als existent im Sinne eines ‚Kaiserhofes‘. Argumentativ bezog er sich auf die Verwendung des Begriffs aula in der antiken Überlieferung des 1. Jhs., vor allem bei Seneca.7 Wenn allerdings der Sprachgebrauch 2

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A. WINTERLING: Hof ohne „Staat“. Die aula Caesaris im 1. und 2. Jh. n. Chr. In: Zwischen „Haus“ und „Staat“. Antike Höfe im Vergleich. Hrsg. von A. Winterling (HZ-Beih. 23). München 1997, 91-112; DERS.: Aula Caesaris. Studien zur Institutionalisierung des römischen Kaiserhofes in der Zeit von Augustus bis Commodus (31 v. Chr. - 192 n. Chr.). München 1999. A. WINTERLING: „Hof“. Versuch einer idealtypischen Bestimmung anhand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte. In: Zwischen „Haus“ und „Staat“ (wie Anm. 2) 11-25. Vgl. etwa J. RÜSEN: Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung. Göttingen 1986, bes. 80-86; O. BRUNNER: Land und Herrschaft. Wien 51965, 146-163. Zur Kritik vgl. bereits KIENAST: Augustus (wie Anm. 1) 308, Anm. 321; zum spätantiken Kaiserhof vgl. etwa D. SCHLINKERT: Vom Haus zum Hof. Aspekte höfischer Herrschaft in der Spätantike. In: Klio 78 (1996) 454-482; Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes. Hrsg. von A. Winterling. Berlin 1998, bes. die Untersuchungen von K.L. NOETHLICHS (13-49) und D. SCHLINKERT (133-159). Überzeugend etwa R. RILINGER: Domus und res publica. Die politisch-soziale Bedeutung des aristokratischen Hauses in der späten römischen Republik. In: Zwischen „Haus“ und „Staat“ (wie Anm. 2) 73-90; zutreffend auch Chr. KUNST: Zur sozialen Funktion der domus. Der Haushalt der Kaiserin Livia nach dem Tode des Augustus. In: Imperium Romanum. Festschrift für K. Christ zum 75. Geburtstag. Hrsg. von P. Kneissl/V. Losemann. Stuttgart 1998, 450-471. WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 195-203; vgl. die umfangreiche Materialsammlung von B. TAMM: Aula regia, αὐλή and aula. In: Opuscula [Festschrift für K.

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durchweg die negative Wertung von Tyrannei und Gewaltherrschaft konnotierte, im Sinne von aula regia also den hellenistischen Königshof assoziierte (Sen. dial. 4,33,2; Lucan. 10,55; Iuv. 4,94 u. 6,486), sollte dieser Befund zur Vorsicht mahnen. In der Tat scheint Seneca (dial. 9,6,3) die Bezeichnung aula überhaupt nur einmal wertneutral verwandt zu haben in der Formulierung: quorundam contumacia non facit ad aulam. Immerhin stellt sich aber die Frage, ob aula hier überhaupt im technischen Sinne die aula principis bezeichnet oder nicht eine beliebige Empfangshalle für Klienten, etwa eine aula nobilium. Die als contumacia qualifizierte Charakterschwäche kennzeichnete ja allgemein Personen, die sich nur selten bei denjenigen zur salutatio einfanden, denen sie ihr Leben und ihre Stellung ver[333]dankten – quibus vitam aut dignitatem debe(ba)nt; indem sie vermeiden wollten, als Klienten zu gelten, hatten sie sich als undankbar (ingrati) kompromittiert (Sen. benef. 2,23,3). Entscheidend ist hier der Hinweis auf ‚Wohltäter‘ im Plural, was einen Bezug auf den Kaiser ausschließen dürfte. Auch Senecas singuläre Verwendung von aula im wertneutralen Sinne könnte somit durchaus als Synonym für das atrium einer hochstehenden Persönlichkeit außerhalb des ‚Kaiserhofes‘ (Hor. epist. 1,1,87; carm. 2,10,8; Gloss. V 269,27) gedeutet werden.8 In seiner ‚Trostschrift an Polybius‘, den einflussreichen Freigelassenen des Kaisers Claudius, hat Seneca (dial. 11[12],2,4) die kaiserliche Zentralverwaltung jedenfalls nicht als aula, sondern als domus principalis bezeichnet. Wenn der Titel meiner Überlegungen ‚Hausgesinde – Hofgesinde‘ weniger antike als mittelalterliche bzw. neuzeitliche Vorstellungen assoziiert,9 soll diese Formel die Fragestellung auf den Punkt bringen, ob wir in Bezug auf die unfreie bzw. freigelassene Dienerschaft des Kaisers im frühen Principat bereits zwischen domus und aula, d.h. zwischen ‚Kaiserhaus‘ und ‚Kaiserhof‘, differenzieren können, ob sich neue Entwicklungen für die Organisation des Dienst- oder Verwaltungspersonals abzeichneten und welche Konsequenzen sich daraus gegebenenfalls für das

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Kerenyi]. Hrsg. von G. Säflund (Stockholm Studies in Classical Archaeology 5). Stockholm 1968, 135-243, bes. 192f. Vorbehalte gegen WINTERLING auch in der Rez. von J.-A. DICKMANN, GFA 4 (2001) 1005-1013. Vgl. den Kommentar zu Hor. epist. 1,1,87 von A. KIESSLING/R. HEINZE. Berlin 51957, 18; dagegen TAMM: Aula regia (wie Anm. 7) 179f. Vgl. allgemein E. MEINEKE/M. LUNDGREEN: Gesinde. In: RGA XI (1998) 547-553; konkret J. HEERS: Esclaves et domestiques au Moyen Age dans le monde méditerranéen. Paris 1981; M. MITTERAUER: Familie und Arbeitsorganisation in städtischen Gesellschaften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Haus und Familie in der spätmittelalterlichen Stadt. Hrsg. von A. Haverkamp. Köln/Wien 1984, 1-36; R. SCHRÖDER: Gesinderecht im 18. Jh. In: Gesinde im 18. Jh. Hrsg. von G. Frühsorge u.a. Hamburg 1995, 13-19; K. KALTWASSER: Häusliches Gesinde in der freien Stadt Frankfurt am Main. Rechtsstellung, soziale Lage und Aspekte des sozialen Wandels 1815-1866. Frankfurt 1988.

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Selbstverständnis des Herrschers ergaben. Unabhängig vom personalen Status weisen die Begriffe familia Caesaris und ‚Gesinde‘ durchaus Gemeinsamkeiten auf: es handelt sich in der Regel um Fremde, die in einem Nah- und Abhängigkeitsverhältnis zu einem Herrn oder Patron stehen; entsprechend ihrer funktionsbedingten Nähe konnten sie über Einfluss verfügen, dadurch ihr soziales Prestige steigern, evtl. auch für administrative Aufgaben eingesetzt werden.10 Moderner Terminologie entsprechend fasse ich unter die familia Caesaris sowohl das unfreie Dienstpersonal als auch die freigelassenen Funktionäre des Kaisers.11 Streng genommen akzentuiert familia nach Ulpian in Bezug auf Sklaven [334] das Kollektiv (Dig. 21,1,25,2), in Bezug auf Freigelassene die Individuen innerhalb einer organisatorischen Einheit (Dig. 50,16,195,1). Gemeinsames Element für beide Gruppen ist ihre Funktion im Dienst des Kaisers, unabhängig davon, ob der Einsatz sich auf persönliche Dienstleistungen oder administrative Aufgaben bezog. Diese Ambivalenz hat bereits Theodor MOMMSEN im Grunde zutreffend erfasst, wenn er in Analogie zu den Sklaven und Freigelassenen republikanischer nobiles die kaiserliche Dienerschaft als ‚Hauspersonal‘ wertete, wobei „ein Grenzgebiet zwischen dem persönlichen und dem politischen Dienst freilich unvermeidlich blieb ...; so habe der kaiserliche Hausdienst vielfach in den eigentlichen Staatsdienst übergegriffen“.12 Gegenüber der unspezifischen Terminologie Ludwig FRIEDLÄNDERs, der wechselweise vom kaiserlichen „Hof“ und den „Beamten, Freigelassenen und Sklaven des kaiserlichen Hauses“ sprach,13 hat MOMMSEN also die privatrechtliche Bindung des ‚Gesindes‘ betont. Otto HIRSCHFELD hat diese These schließlich noch zugespitzt und den Schluß gezogen: „So umfangreich und mannigfach sich auch im Laufe der Zeit die Organisation des kaiserlichen Haushalts gestaltet hat, und so bedeutende Macht die 10 11

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Vgl. VERF.: Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien. München 2001; HEERS: Esclaves et domestiques (wie Anm. 9). Vgl. P.R.C. WEAVER: Familia Caesaris. A Social Study of the Emperor’s Freedmen and Slaves. Cambridge 1972; G. BOULVERT: Domestique et fonctionnaire sous le HautEmpire romain. La condition de l’affranchi et de l’esclave du prince. Paris 1974. Die Kritik von WINTERLING (Aula Caesaris [wie Anm. 2] 23-26) an der untechnischen Verwendung des Begriffs familia Caesaris rennt ‚offene Türen‘ ein, trägt aber nicht zur Entscheidung zwischen domus und aula Caesaris bei. Unter welchen Oberbegriff man die kaiserlichen Sklaven und Freigelassenen auch subsumieren mag, ändert dies nichts an ihrem Selbstverständnis als sozialer Gruppe und ihrer Bindung an den Kaiser. Schon der ältere Cato (agr. 141) bat Mars um wohlwollenden Schutz für sich, sein [334] Haus (domus) und seine Sklaven (familia), wobei die Freigelassenen, wenn er denn welche hatte, sicher in diese letzte Kategorie gehörten. Th. MOMMSEN: Römisches Staatsrecht II³. Leipzig 1887, 837, und ebd. I³. Leipzig 1887, 326; dazu WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 12-15 u. 84-86. L. FRIEDLÄNDER: Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms I9/10. Leipzig 1919, 34-37; dazu WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 15-18.

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Hofbediensteten unter schwachen Fürsten ausgeübt haben, so sind dieselben doch rechtlich nie als Beamte, sondern stets als kaiserliches Gesinde betrachtet ... worden.“14 Indessen gebrauchte HIRSCHFELD, wie im Übrigen auch MOMMSEN, durchaus die Formel des ‚Hofes‘ in zusammengesetzten Wendungen (‚Hofbedienstete‘/ ‚Hofämter‘), allerdings im untechnischen Sinne einer Zentralverwaltung. Der Befund einer zunehmenden Zentralisierung der Verwaltung steht auch für das 1. Jh. n. Chr. außer Frage, ebenso sicher ist davon auszugehen, dass hier auch politische, d.h. den ‚Staat‘ betreffende Entscheidungen fielen. Diese Aspekte zugunsten einer eher ‚unpolitischen Hoforganisation‘ – dem „Hof ohne Staat“ – herunterzuspielen,15 trägt m.E. nicht zu einer Klärung der Problematik bei. Wenn zudem der lexikalische Befund zeitgenössischer Autoren des 1. Jhs. eine eher abschätzige Wertung von aula indiziert und der Sprachgebrauch bei Plutarch, Tacitus und Sueton dieser Akzentuierung entspricht,16 so drängt sich die Empfehlung [335] auf, den problematischen Begriff des ‚Kaiserhofes‘ jedenfalls für diese Epoche zu vermeiden. Auch der Hinweis auf die Selbstreflexionen Mark Aurels (comm. 8,31) steht diesem Zwischenergebnis nicht entgegen. Wenn der Kaiser hier von einem ‚Hofe‘ (αὐλή) des Augustus spricht, handelt es sich offensichtlich um eine untechnische Verwendung des Wortes im gentilizischen Sinne einer domus. Dies verdeutlicht schon der gleichzeitige Bezug auf die αὐλή der Nachkommen des Pompeius Magnus: gemeint ist jeweils das ‚Verlöschen‘ einer gens, das Ende 14

15

16

O. HIRSCHFELD: Die kaiserlichen Verwaltungsbeamten bis auf Diocletian. Berlin ²1905, 307; dazu und zur weiteren Entwicklung der Forschungen WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 86-93. So behandelt WINTERLING (Aula Caesaris [wie Anm. 2]) ‚Militärische Organisation und politische Sekretariate‘ auf drei Seiten (93-96), widmet aber den „unpolitischen“ Stellen knapp zwölf Seiten (96-107); der folgende Abschnitt ‚Die Emanzipation der Organisation aus der familia‘ (108-115) steht seiner Grundthese, dass seit Claudius mit einer Institutionalisierung des ‚Kaiserhofes‘ zu rechnen sei, eher entgegen, bietet aber ein beachtliches Spektrum an Literatur. Der Befund des Philosophen Seneca wurde bereits angesprochen; in seiner Schrift „De ira“ (dial. 4,33,2) bezeichnet aula zwar einen „Herrscherhof“, doch legt der Kontext nahe, dass es [335] sich um eine allgemeine Sentenz in Bezug auf Auswüchse gewaltsamer Herrschaft handelt und konkret eher auf einen hellenistischen Hof zu beziehen ist: Notissima vox est eius, qui in cultu regum consenuerat; cum illum quidam interrogaret, quomodo rarissimam rem in aula consecutus esset, senectutem: ‚Iniurias‘, inquit, ‚accipiendo et gratias agendo‘. Dass Seneca die römischen Kaiser pauschal als reges im Sinne von Gewaltherrschern abqualifiziert hätte, passt nicht zu seiner Einstellung zum Principat, selbst wenn er im Anschluß an dieses Exempel eine besondere Grausamkeit des Caligula anprangerte: das Schicksal des römischen Ritters Pastor (vgl. Suet. Cal. 27,4); vgl. zurückhaltend auch WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 197 u. 201. Auf die Autoren des 2. Jhs. wird noch einzugehen sein (s. unten S. 350 [hier 20]).

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eines ‚Adelshauses‘ mit seinen gesamten Beziehungsgeflechten im republikanisch-dynastischen Sinne (ὅλης αὐλῆς θάνατος = ὅλου γένους θάνατος).17 Von anderer Qualität ist die wertneutrale Parallelisierung eines kaiserlichen Hofes unter Hadrian und Antoninus Pius mit den Herrscherhöfen des Kroisos, Philipps II. und Alexanders (comm. 10,27), so dass diese Akzentuierung in der Tat als Wandel im Selbstverständnis kaiserlicher Herrschaft gedeutet werden kann, der natürlich auch die politische Funktion des Hofes betraf. Bezeichnenderweise bezog sich Mark Aurel hier aber auf die Verhältnisse des 2. Jhs. n. Chr. und ließ den frühen Principat einschließlich der Flavischen Dynastie außer Betracht. Sofern sich hier ein Wandel in Verständnis und Repräsentation von Herrschaft abzeichnet, müsste sich dieser auch auf den organisatorischen Bereich, etwa auf eine zunehmende Vernetzung von persönlichen Dienstleistungen und administrativen Aufgaben, ausgewirkt haben. Exemplarisch bietet sich die familia Caesaris für diese Fragestellung an, da diese soziale Gruppe kaiserlicher Sklaven und Freigelassener sowohl in privaten wie öffentlichen Funktionen zum Einsatz gelangte. In Bezug auf Dienstleistungen im persönlichen Umfeld des princeps zeichnen sich trotz aller Unterschiede in Quantität und Ausdifferenzierung naturgemäß besonders deutliche Gemeinsamkeiten mit dem Dienstpersonal kaiserzeitlicher nobiles ab. Keller und Küche, Hausgerät und Geschirr, Kunstsammlungen, Garderobe und Toilette – alle Bereiche wurden durch meist unfreies Personal betreut und organisiert. Die engsten Kontakte zum Herrn ergaben sich natürlich im Rahmen persönlicher Aufwartung und des Dienstes bei der Tafel. [336] Die Gruppe der cubicularii erscheint in dieser Hinsicht repräsentativ. In epigraphischen Zeugnissen des 1. Jhs. n. Chr. ist sie ebenso für senatorische Haushalte wie für den kaiserlichen Dienst gut bezeugt, doch wurde diese Funktion im letzteren Bereich bereits zunehmend von Freigelassenen ausgeübt; wenige Beispiele dokumentieren die Parallelisierung:18 17

18

Irreführend die Übersetzung von R. NICKEL (Mark Aurel, Wege zu sich selbst. Zürich ²1990, 195), der den Eigennamen Πομπήϊοι auf die Stadt in Campanien bezog; der Paradigmenwechsel ist inhaltlich nicht nachvollziehbar. Zutreffend in Übersetzung und Kommentar bereits A.S.L. FARQUHARDSON: The Meditations of the Emperor Marcus Antoninus. 2 Bde. Oxford 1944, ND 1968, I 156f., II 768. Vgl. M. BUONOCORE: Schiavi e liberti dei Volusi Saturnini: le iscrizioni del colombario sulla Via Appia antica. Rom 1984; M.L. CALDELLI/C. RICCI: Monumentum familiae Statiliorum. Un riesame. Rom 1999; M. MAXEY: Occupations of the Lower Classes in Roman Society. Chicago 1938, ND New York 1975, bes. 45-47; S.R. JOSHEL: Work, Identity, and Legal Status at Rome. A Study of the Occupational Inscriptions. Norman/London 1992, bes. 156-158; J. MICHIELS: Les cubicularii des empereurs romains d’Auguste à Dioclétien. In: MB 6 (1902) 364-387; S. TREGGIARI: Jobs in the Household of Livia. In: PBSR 43 (1975) 48-77, bes. 52f. u. 73; vgl. auch oben Anm. 6 und 11. Zur βασιλικὴ τράπεζα in mit-

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a) domus nobilium: Apthonus cub(icularius) Tauri pat(ris) (CIL VI 6256) Clarus cubicular(ius) Tauri adulescentis (CIL VI 6257) Eros P. Octavi cubicul(arius) (CIL VI 9301) Herma Volusi Saturnini cubic(u)la(rius) (CIL VI 9304; vgl. 7287f.; 7369; 9295f.; 9303) b) familia Caesaris: Primus C. Caesaris Germanici f. cubicularius (CIL VI 4331) Callistus T. imp. ser. cubicularius (CIL VI 8780) Ti. Claudius Aug. lib. Chius cubic(u)l[arius] (CIL VI 8782) Ti. Claudius Neronis Augusti l. Hicelus cubic(u)larius (CIL VI 8783). Die Nomenklaturen der cubicularii von privaten Haushalten entsprechen denen der familia Caesaris und dokumentieren den engen Bezug zur Person des dominus bzw. patronus. Ebenso ist die Funktion des a cubiculo für Privatleute und den kaiserlichen Dienst bezeugt:19 a) domus nobilium: L. Volusius Heracla capsarius idem a cubiculo L(uci) n(ostri) (CIL VI 7368) L. Volusius Paris a cubicul(o) et procurator L(uci) n(ostri) (CIL VI 7370) Epaphroditus Q. Servaei Innocentis a cubiculo (CIL VI 9285) Selbst Musicus, der als Sklave des Tiberius die Funktion eines Rechnungsführers der gallischen Provinzialklasse ausübte und speziell für die Provinz Gallia Lugdunensis zuständig war (dispensator ad fiscum Gallicum provinciae Lugdunensis), verfügte unter anderen Bediensteten über zwei cubicularii und einen a cubiculo (CIL VI 5197). [337] b) familia Caesaris: Carinus Ti. Caesaris Aug. l. a cubiculo (CIL VI 4312) Epaphroditus Aug. l. a cubiculo (CIL VI 8759) (M. Ulpius) Phaedimus Aug. lib. a cubiculo (CIL X 6773; vgl. VI 8762).

telbyzantinischer Zeit vgl. W. SEIBT: Über das Verhältnis von κηνάριος bzw. δομέστικος τῆς τραπέζης zu den anderen Funktionären der βασιλικὴ τράπεζα in mittelbyzantinischer Zeit. 19

In: BZ 72 (1979) 34-38. Bezüglich der Vertrauensstellung vergleichbar wäre der a manu (AE 1975, 97; 1979, 65; 1980, 150 d; 1984, 90; 1995, 100).

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Der Befund mag damit hinreichend charakterisiert sein. In Bezug auf die Nomenklatur sind allerdings noch zwei Belege zu nennen, die für das kaiserliche Personal ein zweites cognomen als agnomen bezeugen: Cissus Caesaris Aug. cub(icularius) Sulleian(us) (CIL VI 8781a) C. Iulius Divi Aug. l. Felix Iu(v)atianus (= Iubatianus) decurio cubic(u)larius (CIL VI 5747) Beide gehören (wie CIL VI 3959: Nicodemus Sponsianus) in augusteische Zeit. Soweit ich sehe, sind nur für den Beginn des 2. Jhs. n. Chr. zwei weitere cubicularii mit doppelten cognomina bekannt: Alexander Marcellianus bzw. Encolphius Domitianus (CIL VI 8532); beide bezeichneten sich als Mitglieder der (kaiserlichen) familia castrensis (s.u.). Angesichts der zahlreichen einfachen Nomenklaturen sollten in diesem Funktionsbereich allerdings keine Rückschlüsse auf die vermutete Angleichung des Namenformulars kaiserlicher Sklaven und Freigelassener an das der servi publici gezogen werden.20 Näher liegt die Deutung als Hinweis auf den ehemaligen Eigentümer der Sklaven, die dessen Namen mit der Endung -ianus ihrem individuellen Sklavennamen anhängten: z.B. Felix, vormals Sklave des Königs Iuba (Iubatianus); Encolphius, vormals Sklave eines Domitius (Domitianus). Das zweite Feld persönlicher Dienstleistungen der familia Caesaris betrifft die kaiserliche Tafel. Hier sollen exemplarisch die Vorkoster (praegustatores) herausgegriffen werden, deren antike Belege überschaubar und für ‚höfische‘ Funktionen sozusagen typisch sind (Athen. 171 B; Iust. 12,14,9; Plin. n.h. 21,12). Plutarch (mor. 990 A; vgl. Philo sacr. 44) bezeichnet sie geradezu als ‚königliche Vorkoster‘ (βασιλικοὶ προγεύσται). Soweit ich sehe, sind keine Zeugnisse für ihren Einsatz in privaten Haushalten überliefert. Die insgesamt zehn epigraphisch nachgewiesenen praegustatores21 – hinzu kommt noch der literarisch bezeugte Ti. Claudius Halotus (Suet. Claud. 44,2; Tac. ann. 12,66,2) – gehören alle in das 1. Jh. n. Chr., beginnend mit Augustus (CIL VI 9005: Coetus Herodianus) bis zu Domitian (CIL VI 9003; AE 1976, 504: Ti. Claudius Zosimus). Spätere Belege für diese Funktion im kaiserlichen 20

21

Vgl. grundlegend H. CHANTRAINE: Freigelassene und Sklaven im Dienst der römischen Kaiser. Studien zu ihrer Nomenklatur. Wiesbaden 1967, 293-395, bes. 369-378; WEAVER: Familia Caesaris (wie Anm. 11) 90-92. CIL VI 602; 5355; 9003 (AE 1976, 504: idem); 9004 (2 x); 9005; X 6324; XI 3612; XV 7585; ILS 9504; vgl. VERF.: Der Grabstein des Ti. Claudius Zosimus aus Mainz. Bemerkungen zu den kaiserlichen praegustatores und zum römischen Sepulkralrecht. In: ES 11 (1976) 131-141 mit Taf. 21. Funktional wäre noch Lygdus zu nennen (PIR2 L 465).

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Dienst sind nicht bekannt. Bis auf die Sklaven Coetus Herodianus und Diadumenus Aemilianus (CIL VI 5355) haben alle die Freilassung erlangt. Dass für die meisten ‚Vor[338]koster‘ weitere Dienststellungen dokumentiert sind, mag Zufall sein, immerhin sind die Beförderungen bemerkenswert, da drei zu Prokuratoren-Stellen aufstiegen: Ti. Claudius Bucolas bis zum proc. castrensis (CIL XI 3612), Ti. Claudius Epinicus zur Domänenverwaltung in Pisidien (ILS 9504), Ti. Claudius Halotus zu einer procuratio amplissima unter Galba (Suet. Galba 15,2). Herodianus wurde vilicus der Sallustianischen Gärten (CIL VI 9005), Ti. Claudius Alcibiades a cubiculo unter Nero (CIL X 3624). Ti. Claudius Zosimus verstarb als proc. praegustatorum in Mainz (AE 1976, 504). Evtl. hatte er diese Stellung von Eridanus Aug. lib. übernommen, der als procurator für die Beisetzung des Chrysaorus Aug. lib. durch ein collegium praegustatorum verantwortlich zeichnete (CIL VI 9004). Aufgrund des Formulars ist die Inschrift in die zweite Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. datiert, so dass die Vermutung nahe liegt, die Stellung eines proc. praegustatorum sei unter den Flaviern geschaffen worden. Ob diese Organisationsform der kaiserlichen Vorkoster indessen schon die Vorstellung eines ‚Kaiserhofes‘ rechtfertigt, halte ich für problematisch, da wir von der weiteren Entwicklung nichts wissen. Nach Domitian sind praegustatores weder literarisch noch inschriftlich nachgewiesen.22 Wollen wir nicht einen prinzipiellen Verzicht auf diese ‚höfische‘ Institution unterstellen,23 so müssen seither andere Bedienstete die Aufgabe wahrgenommen haben, wenngleich sie auf die Funktionsbezeichnung verzichteten – ein sicher bemerkenswerter Befund. Evtl. hatte unter Trajan dessen Freigelassener M. Ulpius Phaedimus eine solche Vertrauensstellung inne, der in seiner Grabinschrift als a potione item a laguna et triclinarches bezeichnet wurde, dann als lictor proximus und a comment(ariis) beneficiorum des Kaisers im kilikischen Selinus den Tod fand (CIL VI 1884).24 Für das 1. Jh. n. Chr. bleibt jedenfalls aufschlussreich, dass sich aus der Funktion als 22 23

24

Die suspekten Verse Juvenals in der nach 115 n. Chr. publizierten ‚Weibersatire‘ (Sat. 6,632f.), die sich zudem auf einen Privathaushalt beziehen, lasse ich außer Betracht. Giftmordanschläge auf Herrscher sind für die folgenden Jahrhunderte kaum bekannt; vgl. L. LEWIN: Die Gifte in der Weltgeschichte. Berlin 1920, ND Köln 2000, bes. 199204 u. 397-400. Eine Ausnahme bildet nur Commodus (Dio 72,22,4; Aur. Vict. Caes. 17,8; Hdn. 1,17,8; Epit. de Caes. 17,5), dem seine Konkubine Marcia Gift in den Wein oder in die Speise mischte; eine ‚Vorkostung‘ erfolgte in diesem Falle offensichtlich nicht. Spätantike Hinweise auf Vergiftungen sind zu allgemein (Joh. Chrys. hom. 15,5 in Phil. epist.) oder zu vage (Sid. Apoll. epist. 5,8,2; Amm. 16,10,18; Greg. Tour. 3,31), als dass sie für die Fragestellung herangezogen werden könnten. Zum kaiserlichen Dienstpersonal bei Tisch vgl. demnächst K. VÖSSING: Mensa regia. Das Bankett beim hellenistischen König und beim römischen Princeps. Habil.-Schrift Düsseldorf 2001, Manuskr. 405-423 [publ. München/Leipzig 2004, hier 509-529]. Vgl. VERF.: Römische Inschriften. Stuttgart 22001, 278f. Nr. 216 (mit Literatur).

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Vorkoster persönliche Beziehungen zum Herrscher ergaben, die Sklaven zur Freilassung und weiteren Aufstiegschancen verhalfen. Ti. Claudius Bucolas wurde zum Aufseher der kaiserlichen Tafel (triclinarches: vgl. CIL VI 9083; III 536), dann zum proc. a muneribus befördert, d.h. mit der Geschäftsführung der kaiserlichen Gladiatorenspiele betraut. Anschließend erlangte er unter Domitian [339] die Stellung eines proc. aquarum (CIL XV 7279) und endlich die Position des proc. castrensis.25 Die Aufgaben dieses Amtes sind nicht eindeutig zu bestimmen, hängen prinzipiell auch vom Verständnis von castra ab, d.h. davon, ob dieser Begriff vor der Tetrarchie das Palatium bezeichnen kann, wie etwa Macrobius (Sat. 2,4,6) in Bezug auf Augustus formulierte, als dieser einen jungen Mann des ‚Hofes‘ verwies: castris excedere (scil. iussit).26 Tatsächlich sehe ich für diese These keinen Anhaltspunkt. Abgesehen von Juvenal – (ex hoc) / tempore iam, Caesar, figuli tua castra sequantur (Sat. 4,135) –, der die feldherrlichen Qualitäten Domitians persiflieren wollte, wurde selbst außerhalb Roms dieser Begriff nicht für den Aufenthaltsort bzw. die Begleitung des Kaisers verwandt, sondern palatium (Dio 53,16,6; HA Sev. Alex. 15,2), praetorium (CIL V 5050; Suet. Tib. 39) oder comitatus (CIL V 7506; Tac. hist. 1,23,1; AE 1949, 38) vorgezogen, wobei comitatus nur in der griechischen Paraphrase als τὸ στρατόπαιδον (!) = τὸ στρατοπέδιον (CIL III 12134,23; IG II/III² 1129,39) wiedergegeben wird. Die Formel der bekannten Sarkophag-Inschrift des M. Aurelius Prosenes (CIL VI 8498) – ordinatus in kastrense – hat den konkreten Grund, dass dieser Freigelassene von Commodus tatsächlich im Feldlager zum proc. vinorum ordiniert wurde.27 Die als Analogon postulierte Notiz der Historia Augusta (Hadr. 13,7) bezieht sich ohnehin auf das Standlager der legio XII Fulminata in Melitene. Bekanntlich akzentuierte auch der Titel mater castrorum, wie er der jüngeren Faustina und dann Iulia Domna verlie-

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Vgl. M. BANG: Die Reihenfolge der Ämter von kaiserlichen Freigelassenen. In: L. Friedländer: Darstellungen (wie Anm. 13) IV9/10. Leipzig 1921, 47-55, hier: 47-50; dazu K. WACHTEL: Freigelassene und Sklaven in der staatlichen Finanzverwaltung der römischen Kaiserzeit von Augustus bis Diokletian. Berlin 1966, 103, Anm. 313. Ergänzend DERS.: Sklaven und Freigelassene in der staatlichen Finanzverwaltung des römischen Kaiserreiches. In: AAntHung 15 (1967) 341-346. So HIRSCHFELD: Kaiserliche Verwaltungsbeamte (wie Anm. 14) 313-317; vgl. aber H. CASTRITIUS: Palatium. Vom Haus des Augustus auf dem Palatin zum jeweiligen Aufenthaltsort des Kaisers. In: Die Pfalz. Probleme einer Begriffsgeschichte. Hrsg. von F. Staab. Speyer 1990, 9-45; SCHLINKERT: Vom Haus zum Hof (wie Anm. 5) 458464; K.L. NOETHLICHS: Strukturen und Funktionen des spätantiken Kaiserhofes. In: Comitatus (wie Anm. 5) 15f. Vgl. H.U. INSTINSKY: Marcus Aurelius Prosenes – Freigelassener und Christ am Kaiserhof. Mainz 1964; VERF.: Römische Inschriften (wie Anm. 24) 287f., Nr. 225.

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hen wurde, primär die Eintracht der Heeresgruppen und dann in zweiter Linie die concordia domus Augustae.28 Aufgrund dieser Voraussetzungen empfiehlt es sich, den Kaiserpalast nicht mit castra gleichzusetzen, sondern die Bezeichnung des proc. castrensis auf anderem Wege zu erklären. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass das kaiserliche Dienstpersonal wenigstens teilweise paramilitärisch organisiert war: optiones (CIL VI 8424a) und decuriones (CIL VI 8873; 9093) sind neben zivileren Bezeichnungen (praepositi/procuratores) gut bezeugt. Aus dieser Konstellation mag sich ergeben haben, dass die für die Abrechnungen des Gesamthaushalts zuständigen Funktionäre castrenses genannt wurden: familia (rationis) castrensis (CIL VI 8532f.; [340] 30911; vgl. 33469), fiscus castrensis (CIL VI 8516f.), tabularium castrense (CIL VI 8518; 8528-8530). So fasste denn auch Tertullian (cor. 12) diesen Dienst insgesamt als militia: Est et alia militia regiarum familiarum; nam et castrenses appellantur, munificae et ipsae sollemnium Caesarianorum. Wie für die meisten Freigelassenen markierte auch für Bucolas die Stellung als proc. (rationis) castrensis den Endpunkt seiner Karriere im kaiserlichen Dienst (z.B. CIL VI 652; 727; 8511f.; 8515; X 6005; ILS 8856). Wenige Funktionäre gelangten indessen auch in höhere Positionen: So stieg im 1. Jh. n. Chr. Ti. Claudius Aug. lib. Classicus vom a cubiculo des Titus über die Stellung des proc. castrensis und weitere Funktionen auf zum proc. Alexandriae unter Trajan (AE 1972, 574). Fast analog verlief die Karriere des kaiserlichen Freigelassenen Paean, der 103/104 n. Chr. ebenfalls die dem ordo equester vorbehaltene Position des procurator in Alexandria bekleidete (CIL XIV 2932).29 Der Befund konfrontiert uns mit dem Einsatz kaiserlicher Sklaven und Freigelassener im öffentlichen Bereich, betrifft konkret also die Nahtstelle zwischen persönlicher Dienstleistung und staatlicher Verwaltung im Auftrag des Kaisers. Die Abgrenzung zwischen den officia privata und den officia publica wird in manchen Details zwar kontrovers diskutiert, Übereinstimmung scheint aber darin erzielt, dass spätestens 68/69 n. Chr. die ‚Entprivatisierung‘ des kaiserlichen patrimonium – etymologisch als Stellung und Vermögen eines pater familias zu verstehen30 – abgeschlossen war. Die ‚Verstaatlichung‘ des Privatvermögens der Julisch-Claudischen Dynastie erfolgte in dem Sinne, dass der jeweils regierende Kaiser darüber verfügte und zur Verwaltung sein Dienstpersonal einsetzte,31 28 29 30 31

Vgl. H.U. INSTINSKY: Studien zur Geschichte des Septimius Severus. In: Klio 35 (1942) 200-219, hier: 201-203. Vgl. H.-G. PFLAUM: Les carrières procuratoriennes équestres sous le Haut-Empire romain. 3 Bde. Paris 1960/61; Supplément Paris 1982, 24-26, Nr. 70. Vgl. A. KRÄNZLEIN: RE Suppl. X (1965) 493-500, s.v. patrimonium. Vgl. H. BELLEN: Die ‚Verstaatlichung‘ des Privatvermögens der römischen Kaiser im 1. Jh. n. Chr. (1974), ND in: ders.: Politik – Recht – Gesellschaft. Studien zur Alten

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unabhängig davon, ob die Mittel für private Zwecke oder öffentliche Aufgaben verwandt wurden.32 Diese Einschätzung resultierte aus einer zunehmenden Orientierung des Gemeinwesens (res publica) auf die Person des Kaisers (princeps) – ein Phänomen, dessen Ursprünge Cicero (Marc. 22 u. 32) bereits für die ausgehende Republik konstatierte, wenn er den Diktator Caesar zum Garanten der salus publica stilisierte.33 Aufschlussreich für die unveränderte privatrechtliche Bindung [341] des Patrimonialgutes an die Person des regierenden Kaisers mit entsprechenden Konsequenzen für die Patronatsrechte ist etwa die schlichte Grabinschrift des C. Iulius Aug(usti) l(ibertus) Sam[ius], der von Caligula freigelassen unter dessen Nachfolgern Claudius und Nero als accensus diente, bevor er zum procurator avancierte (CIL XIV 3644 = Inscr. It. IV 1²,179). Die Kaiser wurden als seine patroni bezeichnet, haben also als Mitglieder der Claudischen Dynastie Patronatsrechte von dem Julier Caligula (C. [Iulius] Caesar Germanicus) übernommen, was ihre Qualifikation als heredes sui voraussetzen dürfte.34 Insgesamt zeigt sich, dass bereits damals das Vermögen der Kaiser, das patrimonium Caesarum (CIL XI 3885), ‚staatlichen‘ Charakter erhielt, wobei ‚staatlich‘ allerdings im Sinne von ‚kaiserlich‘ zu verstehen ist.35

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Geschichte. Hrsg. vom Verf. (Historia-Einzelschr. 115). Stuttgart 1997, 237-257; M. ALPERS: Das nachrepublikanische Finanzsystem. Fiscus und fisci in der frühen Kaiserzeit. Berlin 1995; dessen Kritik an der ‚diskretionären Klausel‘ (193f. Anm. 639) mag in Bezug auf Caligula, den Enkel des Tiberius per adoptionem, berechtigt sein, scheint mir aber bei der Nachfolge des Claudius eher problematisch. Zur Dichotomie von ‚öffentlich‘ und ‚privat‘ vgl. H. MÜLLEJANS: Publicus und privatus im römischen Recht und im älteren Kanonischen Recht. München 1961, bes. 4-61. Vgl. Cic. rep. 6,12; Suet. Caes. 86,2; zu Oktavian: Cic. epist. ad Brut. 9,1; Aug. r.g. 1; zu Domitian: AFA 54, 39f.; vgl. 55 II 3; zu Trajan: Plin. epist. 10,35 u. 52; Plin. Pan. 67,3 u. 6; 72,1; zu Mark Aurel: AFA 86,3; zu Caracalla: AFA 99 a 18; die Protokolle der fratres Arvales zitiert nach J. SCHEID: Commentarii fratrum Arvalium qui supersunt. Rom 1998. Zum Verständnis der [341] salus publica vgl. H.U. INSTINSKY: Kaiser Nero und die Mainzer Jupitersäule. In: JRGZ 6 (1959) 128-141, hier: 134f. Vgl. CHANTRAINE: Freigelassene und Sklaven (wie Anm. 20) bes. 78f. u. 251-253; B. BIONDI: Obbietto dell’ antica hereditas. In: Iura 1 (1950) 150-191, bes. 164f.; M. KASER: Das römische Privatrecht I². München 1971, 119; H.L.W. NELSON/ U. MANTHE: Gai Institutiones III 1-87. Intestaterbfolge und sonstige Arten von Gesamtnachfolge. Text und Kommentar. Berlin 1992, bes. 124-136. Zu App. b.c. 3,94,390 vgl. VERF.: Oktavian und das Testament Caesars. In: ZRG 116 (1999) 49-70, bes. 69f. [hier 71-91, bes. 89-91]; zu Dio 54,21,2-8 vgl. WACHTEL: Freigelassene (wie Anm. 25) 25-35; der bei G. FABRE (Libertus. Patrons et affranchis à Rome. Rom 1981, 330, Anm. 105) genannte C. Iulius Zoilus (J. REYNOLDS: Aphrodisias and Rome. London 1982, 161, Nr. 36) war natürlich ein Freigelassener des Augustus. In diesem Zusammenhang erübrigt es sich, auf die res privatae einzugehen, die vermutlich seit Antoninus Pius (CIL VIII 8810), spätestens aber seit Commodus (AE 1961, 280) einem proc. rationis privatae unterstanden; dazu PFLAUM: Carrières procuratoriennes

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Für die Fiskalgüter haben wir mit einer analogen Regelung zu rechnen.36 Den frühesten Hinweis bietet Seneca (benef. 7,6,3) mit seiner bekannten Sentenz: Caesar omnia habet, fiscus eius privata tantum ac sua; et universa in imperio eius sunt, in patrimonio propria. Im Ergebnis trifft die (scheinbare) Gleichsetzung von fiscus und patrimonium sicher das Richtige, akzentuiert die praktischen Konsequenzen, um den Unterschied zwischen kaiserlicher Gesamtverantwortung für das Römische Reich (imperium) und direkter Verfügungsgewalt über Fiskal- und Patrimonialgüter (fiscus/patrimonium) herauszustellen.37 Den aus philosophischer Sicht hier unerheblichen Unterschied von fiscus und patrimonium dokumentieren erst spätere Hinweise römischer Juristen. In seinem Kommentar zum Prätorischen [342] Edikt differenzierte Ulpian (Dig. 43,8,2,3f.) zwischen staatlichen Liegenschaften (loca publica) und Fiskalgut (fisci patrimonium);38 im zweiten Falle finde nach seiner Auffassung das Rechtsmittel des interdictum, ne quid in loco publico vel itinere fiat, keine Anwendung, da das Fiskalgut in der Quasi-Verfügungsgewalt des Kaisers stehe: res enim fiscales quasi propriae et privatae principis sunt. Deutlich wurde hier noch im 3. Jh. n. Chr. unter immanenter Bezugnahme auf das Patrimonialgut die analoge Regelung für das Fiskalgut zum Ausdruck gebracht. Rund fünfzig Jahre zuvor hatten Mark Aurel und Lucius Verus im Zusammenhang mit eventuellen Schatzfunden zwischen Fiskalgütern, öffentlichen bzw. sakralen Plätzen und Gebäuden oder Grabanlagen einerseits und den Patrimonialgütern andererseits unterschieden. Jeweils die Hälfte des Fundes falle dem Fiskus zu: Si in locis fiscalibus vel publicis religiosisve aut in monumentis thesauri

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(wie Anm. 29) III. Paris 1961, 1002-1007, Nr. 178 bis; M. CORBIER: L’aerarium Saturni et l’aerarium militare. Administration et prosopographie sénatoriale. Rom 1974, 290296, Nr. 58; W. ECK: RE Suppl. XIV (1974) 40f., s.v. Aius 2; vgl. grundlegend A. MASI: Ricerche sulla res privata del princeps. Mailand 1971; zur weiteren Entwicklung F. MILLAR: The privata from Diocletian to Theodosius. Documentary Evidence. In: Imperial Revenue, Expenditure and Monetary Policy in the Fourth Century A.D. Hrsg. von C.E. King. Oxford 1980, 125-140. Vgl. W. KERBER: Die Quasi-Institute als Methode der römischen Rechtsfindung. Diss. Würzburg 1970, bes. 75-109. Zutreffend ALPERS: Nachrepublikanisches Finanzsystem (wie Anm. 31) bes. 21-29; ihm folgt in den Hauptaspekten auch R. WOLTERS: Nummi signati: Untersuchungen zur römischen Münzprägung und Geldwirtschaft (Vestigia 49). München 1999, 174202; vgl. bereits MOMMSEN: Römisches Staatsrecht (wie Anm. 12) II³, 998-1003 (mit den Anmerkungen). Vgl. O. LENEL: Das Edictum Perpetuum. Leipzig ³1927, ND Aalen 1956, 456-461; A. BERGER: RE IX 2 (1916) 1609-1707, s.v. interdictum, bes. 1653-1656; M. KASER/K. HACKL: Das römische Zivilprozessrecht. München ²1996, 408-421; zum edictum perpetuum vgl. W. SELB: Das prätorische Edikt. Vom rechtspolitischen Programm zur Norm. In: Iuris professio. Festgabe für M. Kaser zum 80. Geburtstag. Hrsg. von H.P. Benöhr. Köln/Wien 1986, 259-272.

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reperti fuerint, divi fratres constituerunt, ut dimidia pars ex his fisco vindicaretur; item si in Caesaris possessione repertus fuerit, dimidiam aeque partem fisco vindicari (Dig. 49,14,3,10).39 Wären Fiskalgut und Patrimonialgut identisch gewesen, hätte sich der mit item angeschlossene Nachsatz erübrigt. Die von Ulpian in Bezug auf die res fiscales betonte Analogie zum patrimonium verdeutlicht indessen im Ergebnis die Kompetenz des Kaisers als Rechtssubjekt in beiden Bereichen. Seine Verfügungsgewalt über Patrimonial- und Fiskalgüter erstreckte sich auf Immobilien, bewegliches Vermögen und Sklaven gleichermaßen. Natürlich sind auch die Patronatsrechte, wie wir sahen, einzubeziehen. Hinsichtlich der Sklaven ist die Organisation der stadtrömischen Wasserversorgung von Interesse, die Funktionen und Aufgaben der familia Caesaris in einem Bereich der öffentlichen Verwaltung dokumentiert.40 Frontin (aqu. 116,3f.) unterschied zwischen zwei familiae servorum: altera publica, altera Caesaris. Publica est antiquior, quam ab Agrippa relictam Augusto et ab eo publicatam diximus;41 habet homines circiter [343] ducentos quadraginta. Caesaris familiae numerus est quadringentorum sexaginta, quam Claudius, cum aquas in urbem perduceret, constituit. Seitdem Claudius vermutlich 52 n. Chr. das Personal der Wasserversorgung um 460 Mann auf 700 aufgestockt hatte, wurde bis zum Beginn des 2. Jhs. n. Chr. regelmäßig zwischen der früheren Gruppe der ‚Staatssklaven‘ (familia publica) und der neuen Formation kaiserlicher Sklaven (familia Caesaris) unterschieden.42 Für erstere wurden Unterhalt und Ergänzung aus der Staatskasse (aerarium Saturni), für letzere aus der kaiserlichen Kasse (fiscus Caesaris) finanziert: Commoda publicae familiae ex aerario dantur ... Caesaris familia ex fisco accipit commoda (Frontin. aqu. 118,1 u. 4).

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Vgl. insgesamt G. HILL: Treasure-trove in law and practice from the earliest times to the present day. Oxford 1936, ND Aalen 1980, 1-47, bes. 20-24; D. NÖRR: Ethik und Jurisprudenz in Sachen Schatzfund. In: BIDR 75 (1972, publ. 1974) 11-40; S. PULIATTI: Il De iure fisci di Callistrato e il processo fiscale in età Severiana. Mailand 1992, 162-179, bes. 176-179, Anm. 67. Vgl. W. ECK: Organisation und Administration der Wasserversorgung Roms. In: Wasserversorgung im antiken Rom. Hrsg. von der Fontinus-Gesellschaft e.V. München/ Wien ³1986, 63-77; C. BRUUN: The Water Supply of Ancient Rome. A Study of Roman Imperial Administration. Helsinki 1991; zuletzt H.B. EVANS: Water Distribution in Ancient Rome. The Evidence of Frontinus. Ann Arbor 1994 (mit weiterer Literatur). Frontin. aqu. 98,1-99,1. Ähnlich war Augustus zunächst hinsichtlich der Feuerbekämpfung verfahren, indem er 22 v. Chr. den Ädilen 600 Sklaven aus seinem Vermögen zur Verfügung stellte (Dio 54,2,4), bevor er dann 6 n. Chr. eine dauerhafte Lösung traf (Dio 55,26,4f.; Suet. Aug. 30,1); vgl. dazu jetzt R. SABLAYROLLES: Libertinus Miles. Les cohortes de vigiles. Rom 1996, bes. 24-37. Vgl. W. EDER: Servitus publica. Untersuchungen zur Entstehung, Entwicklung und Funktion der öffentlichen Sklaverei in Rom. Wiesbaden 1980, bes. 108-111 u. 163-171.

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Gelder des fiscus wurden somit offensichtlich für öffentliche Aufgaben eingesetzt, zumal auch die laufenden Kosten der gesamten Instandhaltung (Baumaterialien, Blei, Werkzeug) aus der kaiserlichen Kasse bezahlt wurden: unde et omne plumbum et omnes impensae ad ductus et castella et lacus pertinentes erogantur (Frontin. aqu. 118,4).43 Im Bereich der Wasserversorgung sind inschriftlich sowohl servi publici als auch servi Caesaris bezeugt: a) familia publica: Barnaeus de familia public(a) reg. VIII (CIL VI 2342) Soter servos (!) publicus castellar(ius) aquae Annionis (!) veteris (CIL VI 8493) b) familia Caesaris: Panthagathus (!) Caes(aris) n(ostri) ser(vus) aquarius (CIL VI 7973) Clemens Caesarum n(ostrorum) servus castellarius aquae Claudiae (CIL VI 8494) Trotz gleicher Funktionen hebt sich das kaiserliche Personal in der Bezeichnung deutlich von den ‚Staatssklaven‘ ab, wobei hier wesentlich erscheint, daß öffentliche Aufgaben noch bis zum Beginn des 2. Jhs. n. Chr. aus unterschiedlichen ‚Töpfen‘ finanziert wurden: dem (republikanischen) aerarium Saturni und dem (kaiserlichen) fiscus, der zunehmend an Bedeutung gewann, schließlich die Finanzierung aus dem aerarium ganz überlagerte. In Bezug auf die Wasserversorgung sind evtl. infolge einer organisatorischen Umstrukturierung Trajans (Frontin. aqu. 87,2 u. 93,4) keine individuellen servi publici mehr nachzuweisen. Eine Entsprechung findet dieser Befund in der Organisationsstruktur der stadtrömischen Münze,44 deren Personal sich spätestens seit Trajan ausschließlich aus dem Kreis der familia Caesaris rekrutierte. Den Beginn dieser Entwicklung markierte bereits Caesar. Nach Sueton (Caes. 76,3) hatte der Diktator die Münzprägung zusammen mit der Verbuchung indirekter Steuern seinen Sklaven übertragen: praeterea monetae publicisque vectiga[344]libus peculiares servos praeposuit. Im Kontext kann diese Maßnahme nur so verstanden werden, dass die servi nach seinen Weisungen propagandistische Gestaltung, Gewicht und Feingehalt der Emissionen bestimmten, während die technische Ausführung durch das Personal der moneta unter Aufsicht der IIIviri monetales erfolgte. Augustus mag diesem Beispiel trotz seiner strikten Scheidung von patrimonium und aerarium personaltechnisch gefolgt sein, jedenfalls verwies er im Rahmen seiner testamentarischen Rechenschaftslegung auf die Namen von Freigelassenen und Sklaven seiner familia, a quibus ratio exigi posset, quantum pecuni43 44

Zutreffend ALPERS: Nachrepublikanisches Finanzsystem (wie Anm. 31) 124-126. Vgl. WOLTERS: Nummi signati (wie Anm. 37) bes. 85-97 u. 174-202.

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ae in aerario et fiscis et vectigaliorum residuis (Suet. Aug. 101,4). Über die weitere Entwicklung ist wenig bekannt, außer dass die Münzprägung dann insgesamt in die Zuständigkeit des a rationibus fiel, wie Statius (Silv. 3,3,105) in seiner Hymne auf den freigelassenen Vater des Claudius Etruscus bemerkte; das Münzpersonal rekrutierte sich ebenfalls aus der familia Caesaris. Unter Angabe ihres personalen Status stifteten 115 n. Chr. die officinatores und die subalterne Belegschaft der stadtrömischen Münze (signatores, suppostores, malliatores) zwei Altäre für Fortuna Aug(usta) und Hercules Aug(ustus).45 Federführend war jeweils Felix Aug. lib. als optio et exactor auri argenti aeris (CIL VI 43/44), der auch persönlich einen Altar für Apollo Aug(ustus) dedizierte. Insgesamt verdeutlichen Anlass – Trajans dies imperii am 28. Januar – und Adressaten der Weihungen die engen personalen Beziehungen der familia monetalis zum regierenden Kaiser. Ob erst Trajan die Münzprägung einem ritterlichen procurator monetae unterstellt hat, läßt sich nicht entscheiden;46 jedenfalls ist L. Vibius Lentulus als erster Angehöriger des ordo equester in dieser Funktion bezeugt (IK Ephes. 736; 2061 I; 3046). Ebenfalls dem Ritterstand gehörten seine direkten oder mittelbaren Nachfolger an: unter Trajan P. Besius Betuinianus (CIL VIII 9990), unter Hadrian L. Sempronius Senecio (AE 1975, 849) und M. Petronius Honoratus (CIL VI 1625). Innerhalb der kaiserlichen Finanzverwaltung stieg Vibius Lentulus über Prokuraturen in Pannonien/Dalmatien und Asien auf zum proc. a loricata. Die Bezeichnung dieser Funktion dürfte von einer Panzerstatue des Diktators Caesar auf dem nach ihm benannten Forum abzuleiten sein (Plin. n.h. 34,18; Plin. epist. 8,6,13), in deren Nachbarschaft ein Teil der kaiserlichen EdelmetallReserven eingelagert war: Hesychus Aug. l. pro(c). a loricata ex ration(e) peculiari (CIL XV 7143); ein weiteres Magazin befand sich wohl in den Substruktionen des Palatin, nahe dem Castor-Tempel (CIL VI 8688f.). Krönenden Abschluss der Karriere des Lentulus bildete dann seine Beförderung zum a rationibus durch Trajan (vor 114 n. Chr.).47 Spätestens unter diesem Kaiser wurde also die Leitung des zentralen Rechnungsamtes mit einem Ritter besetzt, wobei Lentulus vermutlich in Cn. Pompeius Homullus (CIL VI 1626) bereits einen Amtsvorgänger aus dem ordo equester [345] hatte.48 Der Befund ist deshalb von Interesse, weil damit eines der 45 46

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Vgl. VERF.: Sklaverei in der Antike (wie Anm. 10) 159-162. Vgl. M. PEACHIN: The Procurator Monetae. In: NC 146 (1986) 94-106, mit Hinweisen auf die grundlegenden Untersuchungen von PFLAUM: Carrières procuratoriennes (wie Anm. 29). Vgl. PFLAUM: Carrières procuratoriennes (wie Anm. 29) I 156-158, Nr. 66; ergänzend DERS.: Supplément, 38-40 (zu Nr. 119). Vgl. PFLAUM: Carrières procuratoriennes (wie Anm. 29) I 187-189, Nr. 89; W. SEITZ: Studien zur Prosopographie und zur Sozial- und Rechtsgeschichte der großen kaiser-

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kaiserlichen Zentralämter erstmalig auf Dauer in den ritterlichen cursus honorum eingebunden wurde, nachdem diese Funktion bislang ausschließlich mit kaiserlichen Freigelassenen besetzt war; als bekanntester Repräsentant darf M. Antonius Pallas gelten,49 dem Claudius die ornamenta praetoria verliehen hatte (Plin. epist. 8,6,4f.; Suet. Claud. 28). Die generelle Neustrukturierung der Zentralämter wird im Allgemeinen Hadrian zugeschrieben aufgrund einer Notiz der Historia Augusta (Hadr. 22,8): ab epistulis et a libellis primus equites Romanos habuit. Nimmt man diese Nachricht wörtlich, so bestätigt sie e silentio, dass die Position des a rationibus bereits vorher – soweit wir sehen: also unter Trajan – mit ritterlichen Prokuratoren besetzt wurde. Indessen finden sich in den beiden genannten Ressorts – ab epistulis und a libellis – auch schon vorher equites als Amtsleiter, wenngleich nur sporadisch.50 Zwei Funktionäre lassen sich hinsichtlich ihres Status nicht genauer bestimmen: der Rhetor Iulius Secundus, ab epistulis des Kaisers Otho (Plut. Otho 9,3) und der Grammatiker Dionysius Glaukou, der diese Aufgabe vermutlich unter den Flaviern wahrnahm (Suda p. II 109f. ADLER, s.v.).51 Als gesicherte Prokuratoren ritterlichen Standes verbleiben damit im Verlauf des 1. Jhs. n. Chr. für das Amt a libellis Sex. Caesius Propertianus (CIL XI 5028) unter Vitellius, für die Stellung des ab epistulis Cn. Octavius Titinius Capito (CIL VI 798; AE 1934, 154) unter Domitian, Nerva und Trajan. Beide Fälle sind als Ausnahmen von der Regel einer Besetzung dieser Zentralfunktionen mit Freigelassenen zu werten, wobei sich unterschiedliche Gründe für den Befund abzeichnen. Die Ernennung des Caesius Propertianus durch Vitellius erfolgte 69 n. Chr. offenbar noch im Rheinland, wo Propertianus seine militia equestris als praef. coh. III Hispanorum und trib. mil. leg. IV Macedonicae absolvierte.52 Wenn er mit der Stellung eines a libellis gleichzeitig auch die eines proc. a patrimonio et heredit(atium) erhielt, deutet dies darauf hin, dass Vitellius auf diese Weise personelle Engpässe zu beheben suchte. Insofern trifft die Wertung des Tacitus (hist. 1,58,1) – Vitellius ministeria principatus per libertos agi solita in equites Romanos [346] disponit – zwar

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lichen Zentralämter bis hin zu Hadrian. Diss. München 1970, 83-86, Nr. 45/46; zu Homullus vgl. noch PIR² P 617. Vgl. St.I. OOST: The Career of M. Antonius Pallas. In: AJPh 79 (1958) 113-139. Vgl. SEITZ: Studien zur Prosopographie (wie Anm. 48) 115-120. PFLAUM (Carrières procuratoriennes [wie Anm. 29] I 111f., Nr. 46) wertete Dionysius als eques, Iulius Secundus (ebd. I 90) als civis Romanus; abweichend urteilte SEITZ: Studien zur Prosopographie (wie Anm. 48) 55-57, Nr. 17, und 41-44, Nr. 7. Für unverbindlich halte ich die Schlussfolgerungen von C.P. JONES: Iulius Naso and Iulius Secundus. In: HSCPh 72 (1968) 279-288. Zur Karriere vgl. PIR² C 204; PFLAUM: Carrières procuratoriennes (wie Anm. 29) I 88-90, Nr. 37; H. DEVIJVER: Prosopographia militiarum equestrium IV Suppl. 1. Löwen 1987, 1482f., Nr. 44.

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zu, resultierte aber nicht aus einer grundsätzlichen Neuorientierung, sondern aus der Notlage, dass der Kaiser Schaltstellen der Zentralverwaltung mit Personen seines Vertrauens besetzten wollte. Auf die Freigelassenen des JulischClaudischen Hauses konnte er nicht zurückgreifen, da diese gerade von seinem Gegner Otho reaktiviert worden waren: procuratores atque libertos (scil. Neronis) ad eadem officia revocavit (Suet. Otho 7,1), er andererseits aber offenbar noch nicht über genügend qualifizierte eigene liberti verfügte, die diesen Aufgaben gewachsen waren. Der Hinweis Suetons (Vit. 12,1), Vitellius habe sich in der Verwaltung des Römischen Reiches großenteils auf die Beratung unwürdiger Personen gestützt, et maxime Asiatici liberti, spricht eine deutliche Sprache. Die Ernennung des Titinius Capito zum ab epistulis und gleichzeitig a patrimonio durch Domitian ist anders zu beurteilen.53 Suetons Bemerkung (Dom. 7,2), der Kaiser habe quaedam ex maximis officiis inter libertinos equitesque Romanos aufgeteilt (communicavit), ist in der Motivation so zu deuten, dass er seinen Freigelassenen misstraute (Dio 67,24,4) und deshalb diese Ämter teilweise auch mit equites besetzte. Tatsächlich verlieh Domitian diesen Funktionen damit eine neue Qualität, indem er sie von ‚Hausämtern‘ zu ‚Staatsämtern‘ aufwertete. Aufgrund persönlicher Eignung als intellektueller Literat (Plin. epist. 8,12,1), vor allem aber aufgrund seiner loyalen Haltung gegenüber Nerva nach der Ermordung Domitians blieb Titinius Capito auch unter dessen Nachfolgern als ab epistulis im Amt, bis ihn Trajan dann vor 103 n. Chr. zum praef. vigilum beförderte. Das Zentralamt wurde anschließend aber wieder mit Freigelassenen besetzt, bevor Hadrian eben den Historiker C. Suetonius Tranquillus als eques Romanus mit dieser Aufgabe betraute (AE 1953, 73; HA Hadr. 11,3).54 Natürlich stellt sich die Frage, weshalb die Kaiser des 1. Jhs. n. Chr. – abgesehen von den bezeichneten Ausnahmen – die einflussreichen Zentralämter durchweg mit Freigelassenen besetzten, obwohl der ordo equester ebenso qualifiziert wie loyal war.55 In Betracht kommen sowohl rechtliche als auch politische Gründe. In rechtlicher Hinsicht verdankten die liberti Aug(usti) ihre Freiheit eben dem Kaiser und schuldeten ihm obsequium, was wir seit der grundlegenden Untersuchung von Wolfgang WALDSTEIN als ‚Verpflichtung zur schuldigen Ehrerbie53

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Zur Karriere vgl. PIR² O 62; PFLAUM: Carrières procuratoriennes (wie Anm. 29) I 143-145, Nr. 60; SABLAYROLLES: Libertinus Miles (wie Anm. 41) bes. 76-79 u. 483f., Nr. 9; zu seiner Stellung ab epistulis vgl. G.B. TOWNEND: The Post ab epistulis in the Second Century. In: Historia 10 (1961) 375-381. Vgl. VERF.: Römische Inschriften (wie Anm. 24) 217f., Nr. 149. Vgl. generell G. ALFÖLDY: Die Stellung der Ritter in der Führungsschicht des Imperium Romanum. In: Chiron 11 (1981) 169-215, ND mit Nachträgen in: ders.: Die römische Gesellschaft (HABES 1). Stuttgart 1986, 169-209; P.A. BRUNT: Princeps and Equites. In: JRS 73 (1983) 42-75.

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tung‘ – munus debitae reverentiae (CJ 6,6,5) – fassen können.56 Konkrete operae [347] waren mit der manumissio nicht generell verbunden. Obsequium hatte gegenüber dem Kaiser allerdings eine andere Qualität als gegenüber Privatpersonen, für welche vermutlich die lex Aelia Sentia (4 n. Chr.) das Instrument einer accusatio ingrati liberti geschaffen hatte (Dig. 40,9,30). Die ihm ‚geschuldete Ehrerbietung‘ brauchte der Princeps nicht einzuklagen, sie lag im unmittelbaren Interesse seiner Freigelassenen, die Vermögen, Einfluss und Macht ihrem kaiserlichen patronus verdankten. Fielen sie in Ungnade, implizierte dies unabhängig vom Anlass in der Regel die physische Vernichtung, wie zahlreiche Beispiele dokumentieren.57 In diese Reihe gehörte auch Epaphroditus, a libellis des Kaisers Nero, den Domitian als patronus hinrichten ließ, weil der libertus Nero beim Selbstmord geholfen hatte (Suet. Nero 49,4; Dom. 14,4).58 Aus unterschiedlichen Gründen wurden natürlich auch Senatoren und Ritter zu Tode gebracht,59 doch erregten solche Fälle Aufsehen, während die Hinrichtung einflussreicher Freigelassener eher beifällig aufgenommen wurde. Insofern waren die kaiserlichen liberti in doppelter Hinsicht vom Herrscher abhängig. Wenn in Einzelfällen auch sie in Verschwörungen verwickelt waren (Fl. Ios. ant. Iud. 19,64; Suet. Cal. 56,1; Claud. 44,2), so stehen diesem Befund zahlreiche Beispiele bemerkenswerter Loyalität gegenüber. Phaon und Epaphroditus im Falle Neros (Suet. Nero 48f.; Tac. ann. 15,55,1), Narcissus beim Komplott der Messalina gegen Claudius (Tac. ann. 11,29,1-3).60 Wie man die Ergebenheit auch bewerten mag, standen die Freigelassenen in einem besonderen Vertrauensverhältnis zum Kaiser,61 verdankten ihm ihre Stellung und ihre Macht. Bei Bedarf – etwa im Falle des Vitellius (Tac. hist. 2,94,3) – konnten sie sich finanziellen Forderungen ihrer Patrone kaum entziehen, abgesehen davon, dass beim Tod

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W. WALDSTEIN: Operae libertorum. Untersuchungen zur Dienstpflicht freigelassener Sklaven. Stuttgart 1986, bes. 51-69; zur accusatio ingrati liberti ebd. 61 mit Anm. 111 u. 201-204; [347] zur Einschränkung der Klage vgl. G. HORSMANN: Die Divi Fratres und die redemptio servi suis nummis. In: Historia 35 (1986) 308-321. Vgl. etwa Suet. Aug. 67,2; Cal. 12,2; Philo leg. 204-206; Dio 62,14,2; 64,3,4; Plut. Galba 17,2. Zur Auszeichnung des Freigelassenen mit militärischen Orden (ILS 9505; Suda p. II 365 ADLER, s.v. Ἐπίκτητος; Tac. ann. 15,55,1) vgl. W. ECK: Nero’s Freigelassener Epaphroditus und die Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung. In: Historia 25 (1976) 381-384; VERF.: Römische Inschriften (wie Anm. 24) 227f., Nr. 158. Vgl. etwa Sen. dial. 4,33,3; Suet. Cal. 27,4; 57,3; Dom. 10,2; CIL V 875. Vgl. SEITZ: Studien zur Prosopographie (wie Anm. 48) 30-36, Nr. 2; 67f., Nr. 28; 78, Nr. 39. Vgl. M. WOLF: Untersuchungen zur Stellung der kaiserlichen Freigelassenen und Sklaven in Italien und den Westprovinzen. Diss. Münster 1965, bes. 43-59; BOULVERT: Domestique (wie Anm. 11) 199-209.

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ihr Vermögen entsprechend den Bestimmungen der lex Papia Poppaea von 9 n. Chr. dem Kaiser anteilmäßig zufiel (Gaius inst. 3,42). Wesentlicher als diese fiskalischen Gründe scheint mir indessen die Weisungskompetenz des Princeps gegenüber seinen liberti. Von daher ist es kaum zufällig, dass deren freigeborene Nachkommen (ingenui) weder beim kaiserlichen Dienstpersonal noch in der Verwaltung nachgewiesen sind. In Bezug auf Callistus, den Freigelassenen des Caligula, der später als Nachfolger des Polybius die [348] Funktion a libellis unter Claudius ausübte (Dio 60,29,3 u. 30,6 b),62 hat Flavius Iosephus (ant. Iud. 19,67f.) diese Situation zutreffend charakterisiert. Dessen Behauptung, Caligula habe ihm befohlen, den Claudius zu vergiften, doch habe Callistus diese Anordnung hintertrieben, wertete der Historiker als unglaubwürdig: Caligula hätte nämlich, zum Mordanschlag entschlossen, keine Ausflüchte geduldet, und Callistus hätte sich dem Befehl nicht widersetzt; falls doch, wäre er für seinen Ungehorsam sofort bestraft worden: κακουργῶν εἰς τοῦ δεσπότου τὰς ἐπιστολὰς οὐκ ἄν ἐκ τοῦ παραχρῆμα τὸν μισθὸν ἐκομίζετο. In dieselbe Richtung zielt die Episode des Plautius Lateranus,63 cos. des. 65, bei Epiktet (diatrib. 1,1,20). Als ihn Epaphroditus in seiner Funktion als Leiter des Zentralamtes a libellis aufsuchte, um ihn anlässlich der ‚Pisonischen Verschwörung‘ nach den Gründen seines Konfliktes mit Nero zu befragen, beschied ihn der Senator schroff: „Wenn ich etwas zu sagen wünschte, würde ich es deinem Herrn mitteilen“ – ἄν τι θέλω, ἐρῶ σου τῷ κυρίῳ. Beide Passagen verdeutlichen aus unterschiedlichen Perspektiven, dass die kaiserlichen Freigelassenen trotz allen Einflusses Funktionäre waren, gewohnt und willig, die Weisungen ihres ‚Herrn‘ umzusetzen. Außer dieser mentalen Grundbedingung mussten sie natürlich auch qualifiziert sein.64 Vernunft und Scharfsinn, Fleiß und Sorgfalt kennzeichneten den tauglichen Kandidaten, wie Fronto (ad M. Caes. 5,52, p. 79f. VAN DEN HOUT²) in seinem Empfehlungsschreiben für den kaiserlichen Freigelassenen Aridelus prägnant formulierte: Libertus vester est; procurabit (!) vobis industrie; est enim homo frugi et sobrius et acer et diligens. Dass diese Qualitäten auch im Ritter- und Senatorenstand reichlich vorhanden waren, steht außer Frage.65 Wenn dennoch die Zentralämter überwiegend mit Freigelassenen besetzt wurden, müssen politische Gründe eine entscheidende Rolle gespielt haben. Senatoren kamen für diese Positionen schon deshalb 62 63 64 65

Vgl. SEITZ: Studien zur Prosopographie (wie Anm. 48) 61-65, Nr. 24/25; PIR² I 229 u. P 558. PIR² P 468; zu seiner Ermordung: Tac. ann. 15,60,1. Vgl. BOULVERT: Domestique (wie Anm. 11) 161-180. Vgl. ALFÖLDY: Stellung der Ritter (wie Anm. 55); R.P. SALLER: Personal Patronage under the Early Empire. Cambridge 1982, bes. 119-143; R.J.A. TALBERT: The Senate of Imperial Rome. Princeton 1984, bes. 341-430.

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nicht in Betracht, weil damit das diffizile Verhältnis von Princeps und Führungsschicht belastet worden wäre: Die Unterordnung eines Senators als permanenter Sekretär des Kaisers ließ sich mit der augusteischen Konstruktion staatlicher Ordnung (Aug. r.g. 34; Nepos Att. 19,2; Plin. Pan. 42,3; 62,5) kaum vereinbaren. Hinzu kam, dass diese Gruppe ihren Anspruch auf Beteiligung an der Reichsverwaltung im cursus honorum gewährleistet sah. Bekanntes Beispiel ist der Schwiegervater des Tacitus, der nach seinen Erfolgen in Britannien den Abschluss seiner Karriere als proconsul von Asia bzw. Africa erwarten durfte (Tac. Agr. 42). Eine Ablösung im Amt, wie Nero sie ganz selbstverständlich für Pallas verfügte66 – demovet Pallantem cura rerum, quis a Claudio impositus velut arbitrium regni agebat (Tac. [349] ann. 13,14,1) – hätte in senatorischen Kreisen in Bezug auf einen Standesgenossen zumindest Unmut erzeugt. Davon abgesehen waren die Mitglieder des ordo senatorius einfach ambitionierter und eigneten sich schon deshalb nicht für diese Vertrauensstellungen. Im Falle des Ritterstandes war eine solche Gefahr im 1. Jh. n. Chr. nicht gegeben; als erster praefectus praetorio hat bekanntlich M. Opellius Macrinus die Kaiserwürde 217/218 n. Chr. usurpiert (Dio 78,11,6 u. 14,4).67 Dennoch wurden auch dieser Gruppe die Freigelassenen vorgezogen. Dieser Befund mag genetisch bedingt sein, insofern sich die kaiserliche Zentralverwaltung aus der ‚Hausverwaltung‘ entwickelte. Insgesamt erwies sich dieses System auch als funktional, obgleich schon Augustus seine Freigelassenen nicht besonders schätzte (Dio 56,33,5). Hadrian ist in dieser Hinsicht dem ersten Princeps vergleichbar (HA Hadr. 15,9 u. 21,2), hat aber andere Konsequenzen gezogen, indem er die Zentralämter dann durchweg mit Rittern besetzte. Den Ausschlag dafür gaben m.E. nicht persönliche Motive, sondern ein politischer Grund: das gespannte Verhältnis des Kaisers zum Senat,68 exemplarisch dokumentiert durch die Hinrichtung von vier angesehenen Konsularen zu Beginn seiner Regierung (HA Hadr. 7,2 u. 9,3) und die Verweigerung des Titels P(ater) P(atriae) bis 128 n. Chr. (HA Hadr. 6,4). Um ein adäquates Gegengewicht zu schaffen, bot sich die stärkere Einbindung des ordo equester in die Reichsverwaltung geradezu an, zumal die Freigelassenen Trajans durch den plötzlichen Tod des M. Ulpius Aug. l. Phaedimus (CIL VI 1884), der zeitlich mit dem Herrscherwechsel koinzidierte, irritiert sein mochten.69 66 67 68

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Vgl. OOST: Career (wie Anm. 49) bes. 135-139. Dies gilt trotz der relativierenden Einschätzung durch BRUNT: Princeps and Equites (wie Anm. 55) 63-66. Vgl. A. v. PREMERSTEIN: Das Attentat der Konsulare auf Hadrian im Jahre 118 n. Chr. (Klio-Beih. 8). Leipzig 1908; R. SYME: Hadrian and the Senate. In: Athenaeum 62 (1984) 31-60, ND in: ders.: Roman Papers IV. Hrsg. von A.R. Birley. Oxford 1988, 295-324; A.R. BIRLEY: Hadrian. The restless emperor. London/New York 1997, bes. 77-92 u. 189-202. Vgl. VERF.: Römische Inschriften (wie Anm. 24) 278f., Nr. 216.

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Die Neuorganisation der kaiserlichen Zentralämter durch Hadrian resultierte demnach auch aus der angespannten Situation zu Beginn seiner Herrschaft.70 Dass die equites sich den Aufgaben gerne stellten, deutete schon Tacitus (ann. 16,17,3) an, wenn er Annaeus Mela, den Bruder Senecas und Vater Lucans, tadelte, dieser sei aus Gewinnsucht als Ritter in kaiserliche Dienste getreten: adquirendae pecuniae brevius iter credebat per procurationes administrandis principis negotiis. Sein Reichtum wurde ihm schließlich zum Verhängnis, wobei es kaum überrascht, dass sein Ende dem in Ungnade gefallener Freigelassener vergleichbar war. Fassen wir den ausgebreiteten, sicher fragmentarischen Befund unter unserem thematischen Aspekt einer Differenzierung von ‚Hausgesinde‘ – ‚Hofgesinde‘ zusammen, so deutet m.E. alles darauf hin, dass die Kaiser des 1. Jhs. n. Chr. am Modell der ‚Hausverwaltung‘ auch im Bereich staatlicher Aufgaben festgehalten [350] haben. Dies gilt ebenso für autokratische Herrscher, die damit die tatsächlichen Machtverhältnisse kaschierten, um die Fiktion der augusteischen Ordnung aufrecht zu erhalten. Wenn noch Autoren des beginnenden 2. Jhs. n. Chr. Leben und Verwaltung eines Kaisers in Kategorien des hellenistischen Königshofes (aula regia) bewerteten, implizierte dies durchweg Kritik am autokratischen Herrschaftsstil, wie wenige Beispiele verdeutlichen. Claudius war das Gespött am ‚Hofe‘ des Caligula – inter ludibria aulae erat (Suet. Nero 6,2), während Vitellius sich der Gunst dieser aula erfreute (Suet. Vit. 4). Dem biederen Vespasian wurde die aula Neronis untersagt (Suet. Vesp. 14). Tacitus mokierte sich über die dynastischen Intrigen am ‚Hofe‘ (in aula) des Tiberius (ann. 2,43,5), geißelte die Missstände unter Nero und Galba – eademque novae aulae mala (hist. 1,7,3). Otho genoss die aula Neronis ut similis (Tac. hist. 1,13,4), seine vertrautesten Sklaven und Freigelassenen – corruptius quam privata domo habiti – lehrten ihn das Lasterleben der aula Neronis mit ihren Ausschweifungen, Ehebrüchen und den ceterae regnorum libidines (Tac. hist. 1,22,1). In der Wertung vergleichbar formulierte auch Martial (spect. 2,3) mit Bezug auf die domus aurea Neros: invidiosa feri radiabant atria regis. Die Beispiele dokumentieren hinreichend, dass aula bis zum Beginn des 2. Jhs. n. Chr. durchweg in negativer Konnotation verwandt wurde. Von Martial abgesehen, war Domitian für diese Autoren der Gewaltherrscher par excellence. Daher überrascht es nicht, dass ihm Sueton (Dom. 12,3) eine besondere Kleidung für seine Dienerschaft (ministri albati) zugeschrieben hat. Indessen folgt aus seiner Bemerkung, auch T. Flavius Sabinus – gener fratris – habe weiß gekleidete Diener eingesetzt, dass die Uniformierung nicht auf das kaiserliche Personal 70

Die von BRUNT (Princeps and Equites [wie Anm. 55] 44 u. 70) angeführten Belege für ritterliche Funktionäre in der kaiserlichen Zentralverwaltung vor Hadrian sind eben nicht als Regelfall, sondern als situationsbedingte Ausnahmen zu werten, wie unsere Überlegungen zu verdeutlichen suchten.

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beschränkt war.71 Diese Gruppe wurde später durch goldbestickte Kleidung ausgezeichnet (HA Sev. Alex. 34,5; CTh 10,21,2 = CJ 11,9,2). Domitian war es auch, der sich in Schreiben seiner procuratores als dominus ac deus apostrophieren ließ (Suet. Dom. 13,2).72 In Verbindung mit diesem Herrschaftsverständnis lässt die weiße Kleidung der Dienerschaft eine fast kultische Akzentuierung vermuten (vgl. Mart. epigr. 8,65,5), kennzeichnete aber im Unterschied zum limus der servi publici (limocincti) nicht die kaiserliche Dienerschaft als besondere Gruppe.73 Ausgeklammert wurde hier das Problem der räumlichen Unterbringung des kaiserlichen Personals. Ein ‚Hof‘ setzt m.E. auch eine Zentralisierung der in [351] Dienstleistung und Verwaltung eingesetzten Funktionsträger voraus,74 die sich in Bezug auf das Palatium des 1. Jhs. n. Chr. nicht nachweisen lässt – nicht einmal, soweit ich die archäologischen Befunde überschaue, für die domus aurea.75 Natürlich spricht alles dafür, dass im Palast hauswirtschaftliche Trakte vorhanden waren, auch Räume für die Zentralverwaltung, doch entziehen sich Details meiner Kenntnis. Dies gilt übrigens auch für die 400 Sklaven des Stadtpräfekten L. Pedanius Secundus. Gesichert ist lediglich, dass sich diese familia zum Zeitpunkt seiner Ermordung 61 n. Chr. sub eodem tecto (Tac. ann. 14,42,2; Dig. 29,5,1,26f.) befand.76 In Bezug auf das Büro des a rationibus läßt sich z.B. nicht entscheiden, ob

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Vgl. WINTERLING: Aula Caesaris (wie Anm. 2) 107; dort auch der Hinweis auf die θεραπεία βασιλική des Kaisers Nero (Plut. Galba 11,2). Zu Domitian immer noch grundlegend St. GSELL: Essai sur le règne de l’empereur Domitien. Paris 1894, ND Rom 1967 (Studia Historica 46), bes. 49-53. Zu den limocincti (FIRA I² 21: lex Urson. 62; AE 1986, 333: lex Irnit. 19; AE 1953, 124: frg. Lauriac. 3) vgl. EDER: Servitus publica (wie Anm. 42) 106 u. 145f.; F. FLESS: Opferdiener und Kultmusiker auf stadtrömischen historischen Reliefs. Mainz 1995, bes. 54-56 u. 75-77. Vgl. allgemein Le système palatial en Orient, en Grèce et à Rome. Actes du Colloque de Strasbourg, 19-22 juin 1985. Hrsg. von E. Lévy (Université des Sciences Humaines de Strasbourg. Travaux du Centre de Recherche sur le Proche-Orient et la Grèce Antiques 9). Leiden 1987. Vgl. B. TAMM: Auditorium and Palatium. A Study on Assembly-rooms in Roman Palaces during the 1st Century B.C. and the 1st Century A.D. (Stockholm Studies in Classical Archaeology 2). Stockholm/Lund 1963, bes. 56-90 u. 206-216; CASTRITIUS: Palatium (wie Anm. 26) 9-45; E. PAPI: Palatium (età repubblicana - V sec. d. C.). In: LTUR IV (1999) 22-38; A. CASSATELLA u.a.: Domus aurea, ebd. II (1995) 49-64; M. ROYO: Domus imperatoriae. Topographie, formation et imaginaire des palais impériaux du Palatin. Rom 1999. Vgl. H. BELLEN: Antike Staatsräson. Die Hinrichtung der 400 Sklaven des römischen Stadtpräfekten L. Pedanius Secundus im Jahre 61 n. Chr. (1982), ND in: ders.: Politik (wie Anm. 31) 283-297; H.G. WOLF: Das Senatusconsultum Silanianum und die Senatsrede des C. Cassius Longinus aus dem Jahre 61 n. Chr. (SHAW 1988,2). Heidelberg 1988; dazu meine Rez. in: ZRG 107 (1990) 641-645.

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er beim Castor-Tempel unterhalb des Palatin oder auf dem Caesar-Forum bei der Panzerstatue des Diktators amtierte.77 Wie dem auch sei: Aus senatorischer Sicht bestand das Ideal der Verwaltung in einer Trennung von öffentlichem Bereich und direkter Zuständigkeit des Kaisers. Discretam domum et rem publicam ließ Tacitus (ann. 13,4,2) Nero beim Regierungsantritt formulieren. Solange die Organisation der domus principis seinen Freigelassenen oblag, konnte trotz der tatsächlichen Machtverhältnisse an der Ideologie des primus inter nobiles festgehalten werden. Mit Freigelassenen war eben kein ‚Staat‘ zu machen. Noch der spätantike Scholiast zu den Satiren Juvenals (I 109d WESSNER) brachte dieses Spannungsverhältnis klar zum Ausdruck, wenn er bemerkte: Pallas et Licinus in aula Claudii Caesaris praepositi curam rei publicae gesserunt, cum libertini essent.78 Insofern blieb auch das Orakel des Basilides ganz den traditionellen Kategorien der ‚Hauswirtschaft‘ verhaftet, als der Priester vom Berge Karmel in der Formulierung des Tacitus (hist. 2,78,3) dem Vespasian die Herrschaft prophezeihte: Quidquid est, Vespasiane, quod paras, seu domum exstruere seu prolatare agros sive ampliare servitia, datur tibi magna aedes, ingentes termini, multum hominum. Das Bild der domus patris familias, [352] transponiert auf die domus principis – prinzipiell unterscheiden sich beide nur in der Dimension – wird hier zum Herrschaftsideal stilisiert. Die Ausformung eines ‚Kaiserhofes‘ erforderte m.E. zwei Voraussetzungen: einerseits die Einbindung der Verwaltungsfunktionen in eine sozial anerkannte und rechtlich definierte institutionelle Ordnung, andererseits eine dauerhafte räumliche Konzentration dieser Verwaltung. Beide Voraussetzungen sehe ich unter Hadrian erfüllt durch die Einbindung der Zentralämter in den ritterlichen cursus honorum und einen gewandelten Regierungsstil infolge der längeren Abwesenheit des Kaisers von Rom.79 Auswirkungen dieses Wandels zeichnen sich institutionell zwar erst für die Herrschaft des Antoninus Pius und Mark Aurels ab, doch waren mit Hadrian die Weichen für den Umbruch gestellt: Erst diese Entwicklung der domus zur aula principis implizierte den Wandel vom ‚Hausgesinde‘ zum ‚Hofgesinde‘.

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Vgl. oben S. 344 [hier 19]. Zu M. Antonius Pallas vgl. OOST: Career (wie Anm. 49) 113-139; bei Licinus handelt es sich um den Freigelassenen C. Iulius Licinus (PIR² I 381), dem Kaiser Augustus die Finanzverwaltung Galliens übertragen hatte (Dio 54,21,2-8); dazu WACHTEL: Freigelassene (wie Anm. 25) 24-35. Vgl. H. HALFMANN: Itinera principum. Geschichte und Typologie der Kaiserreisen im Römischen Reich (HABES 2). Stuttgart 1986, bes. 90-110, 151-156, 188-232; BIRLEY: Hadrian (wie Anm. 68); W. HÜTTL: Antoninus Pius. 2 Bde. Prag 1933/1936, ND New York 1975; A.R. BIRLEY: Marcus Aurelius. A Biography. London ²1987.

 Staatsdienst und Kooptation. Zur sozialen Struktur römischer Priesterkollegien im Prinzipat* ZUSAMMENFASSUNGEN Spätestens seit Augustus lag die Entscheidung, welcher Senator wann in welche Priesterschaft kooptiert wurde, de facto beim Kaiser. Weder für die amplissima collegia, noch die sacerdotia minora blieb die Zahl der Priesterstellen konstant, wurde indessen auch nicht unbegrenzt vermehrt, um die Exklusivität zu wahren. Bei der Besetzung wurden Dignitätsansprüche senatorischer Familien entsprechend der gesellschaftlichen Einschätzung der Kollegien in der Regel berücksichtigt. Methodisch eröffnet dieser Befund die Möglichkeit, für bestimmte Senatoren Priesterwürden aufgrund ‚dynastischer‘ Überlegungen zu vermuten. Am Beispiel der gens Volusia und der Familie des Herodes Atticus lassen sich diese Überlegungen konkretisieren. Since Augustus at the latest it had in fact been the decision of the emperor, when which senator was coopted in what kind of sacerdotal college. Neither for the amplissima collegia nor for the sacerdotia minora the number of priests remained constant; neither was the number enlarged indefinitely in order to preserve their exclusivity. According to the social status of the priestly colleges the claims of dignity of the senatorial families were generally respected. Methodically these findings offer the possibility of supposing priesthoods for certain senators on account of ‚dynastic‘ reflections. The cases of the gens Volusia and the family of Herodes Atticus may exemplify these considerations. Depuis le temps d’Auguste au plus tard c’était à l’empereur de décider, à quel moment quel sénateur fut admis par cooptation à quel collège sacerdotal. L’effectif des prêtres ne restait constant ni pour les amplissima collegia ni pour les sacerdotia minora, cependant il ne fut pas augmenté sans limitation pour préserver l’exclusivité. Concernant la distribution des prêtrises, les prétentions de dignité des familles sénatoriales furent en général respectées, conformes au prestige social des sacerdoces. Méthodiquement ce résultat nous offre la possibilité de supposer pour certains sénateurs des prêtrises pour des raisons ‚dynastiques‘. La gens Volusia et la famille d’Herodes Atticus fournissent des exemples pour illustrer ces considérations.

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[zuerst erschienen in: Atti del Colloquio Internazionale AIEGL su epigrafia e ordine senatorio, Roma, 14-20 maggio 1981 I, (Tituli; 4) Rom 1982, 251-269] 

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[252] Als Augustus anknüpfend an die lex Iulia de sacerdotiis seines Adoptivvaters1 die

römischen Sazerdotalkollegien reorganisierte und in das umfassende Konzept seiner religiösen Neuordnung einbrachte2, zielten seine Maßnahmen auf die Erneuerung des mos maiorum; gleichzeitig implizierte seine Reform in der Besetzung der Priesterschaften, mit der wir uns hier auseinanderzusetzen haben, eine Neuorientierung, insofern der Prinzeps als Mitglied dieser Kollegien zur entscheidenden Instanz wurde, wer zu welchem Zeitpunkt mit welcher priesterlichen Würde ausgezeichnet wurde. Formal blieb zwar der republikanische Modus der Ergänzung durch Kooptation weiterhin in Kraft3, in der Praxis aber verlor der bislang entscheidende Wahlvorgang durch die minor pars populi, wie ihn 63 v. Chr. das Plebiszit des T. Labienus erneut sanktioniert hatte4, an Bedeutung gegenüber den Möglichkeiten des Kaisers, Kandidaten seines Ermessens als Mitglied der betreffenden Priesterschaft regulär vorzuschlagen oder zur Wahl supra numerum zu präsentieren. Nominierungen durch andere sacerdotes, deren Vorschlagsrecht durchaus fortbestand, mussten gegenüber der auctoritas principis zwangsläufig in den Hintergrund treten oder kamen nur zum Zuge, wenn der Kaiser auf eigene Kandidaten verzichtete. Daß dieser Fall so gut wie nie eintrat, zeigt am deutlichsten das Beispiel des jüngeren Plinius, der Jahr für Jahr von zwei der angesehensten Senatoren, L. Verginius Rufus und Sex. Iulius Frontinus, nominiert worden war5, das Augurat schließlich aber der Gunst des Kaisers Trajan verdankte, dem er zuvor seine Bitte um eine Priesterwürde

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Das sonst unbekannte Gesetz Caesars erlaubte, sich in absentia um eine Priesterwürde zu bewerben; Cic. ad Brut. 1,5,3: ... Gaius enim Marius, cum in Cappadocia esset, lege Domitia factus est augur nec quo minus id postea liceret ulla lex sanxit. Est etiam in lege Iulia, quae lex est de sacerdotiis proxima, his verbis: ‚Qui petet cuiusve ratio habebitur‘. Aperte indicat posse rationem haberi etiam non praesentis ... Vgl. J. WILHELM, Das römische Sakralwesen unter Augustus als Pontifex Maximus, Diss. Straßburg 1915; zu den Sazerdotalkollegien J. GAGÉ, Les sacerdoces d’Auguste et ses réformes religieuses, in MEFRA 48, 1931, 75-108; M.W. HOFFMAN-LEWIS, The Official Priests of Rome under the Julio-Claudians (Papers and Monographs of the American Academy in Rome 16), Rom 1955, bes. 7-23 und 111-117. Zur religiösen Situation des 1. Jhs. n. Chr. vgl. A.D. NOCK, Religious Developments from the Close of the Republic to the Death of Nero, in CAH X, Cambridge 1934, ND 1952, 465-511 und 951-953. Vgl. etwa St.J. SIMON, The Greater Official Priests of Rome under the Flavian-Antonine Emperors, Diss. Loyola Univ. of Chicago 1973, 26-33; J. GUILLEN, Los sacerdotes romanos, in Helmantica 24, 1973, 5-76. Dio 37,37,1; zum Verständnis des Wahlvorgangs durch die 17 Tribus (Cic. leg. agr. 2,7,16-18) vgl. C. HUBER, Untersuchungen zu Caesars Oberpontifikat, Diss. Tübingen 1971, 32-46. Plin. ep. 2,1,8: ... sic illo die, quo sacerdotes solent nominare, quos dignissimos sacerdotio iudicant, me semper nominabat (scil. Verginius Rufus); Plin. ep. 4,8,3: mihi vero illud gratulatione dignum videtur, quod successi Iulio Frontino principi viro, qui me nominationis die per hos continuos annos inter sacerdotes nominabat ...

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brieflich vorgetragen hatte6. In diesem Zusammenhang verdient auch die vielleicht überspitzt formulierte Notiz des Cassius Dio Interesse, wonach Vespasians Konkubine Caenis großen [253] Reichtum durch den Verkauf nicht nur von Ämtern, sondern auch von Priesterwürden angehäuft haben soll7. In dieselbe Richtung weist Sueton: Ne candidatis quidem honores ... venditare cunctatus est (scil. Vespasianus)8. Auch diese Nachrichten bestätigen indirekt den maßgeblichen Einfluß des Kaisers auf die Besetzung der Sazerdotalkollegien. Unter Tiberius war der Wahlvorgang von den comitia auf den Senat übertragen worden9, doch hatte diese Modifizierung keine Auswirkungen auf den sich präsentierenden Personenkreis, sondern erleichterte den formalen Akt nur in verfahrenstechnischer Hinsicht. Der Senat zeigte sich in seiner überwiegenden Mehrheit als willfähriges Instrument kaiserlicher Personalpolitik. Die Kooptation in die Sazerdotalkollegien erfolgte letztlich also beneficio principis und wurde von den Zeitgenossen auch als solches verstanden10. Steigerung senatorischer dignitas erweist sich damit in erster Linie als Indiz für die Einschätzung der betreffenden Persönlichkeit durch den Kaiser, andererseits entwickelte sich infolge des gesteigerten Ansehens eine gewisse Eigendynamik, da der Prinzeps in der Regel Rücksichten auf das Standesbewußtsein der Adelsgesellschaft nahm und diesem durch weitere Auszeichnungen Rechnung trug. Auf unsere Problematik bezogen dokumentieren sich diese in der Verleihung zusätzlicher Priesterwürden an dieselben Personen oder in der Aufnahme von Nachkommen in Kollegien, denen bereits die Väter angehörten11. In seinem Tatenbericht bezeichnet sich Augustus selbstbewußt als Mitglied der folgenden Sazerdotalkollegien: Pontifex maximus, augur, XVvirum sacris faciun6 7 8 9

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Plin. ep. 10,13: ... rogo, dignitati ad quam me provexit indulgentia tua, vel auguratum vel septemviratum quia vacant adicere digneris ... Dio 65,14,3: ... πάμπολλα γὰρ παρὰ πολλῶν ἐλάμβανε, τοῖς μὲν ἀρχὰς τοῖς δὲ ἐπιτροπείας στρατείας ἱερωσύνας ... Suet. Vesp. 16,2. Tac. ann. 3,19,1: Caesar (scil. Tiberius) auctor senatui fuit Vitellio atque Veranio et Servaeo sacerdotia tribuendi. Vgl. H. SIBER, Die Wahlreform des Tiberius, in Festschrift für Paul Koschaker, I, Weimar 1939, 171-217, bes. 211-214. St.J. SIMON, op. cit. (supra Anm. 3), 26-33 betont m.E. zu Unrecht in diesem Zusammenhang den Begriff destinatio, wie überhaupt der Analogieschluss zu den ‚Wahlen‘ der Magistrate (Tac. ann. 1,15,1) unzulässig ist. Zum untechnischen Gebrauch von comitia vgl. R. FREI-STOLBA, Untersuchungen zu den Wahlen der römischen Kaiserzeit, Zürich 1967, 136f. und 154f.; D. FLACH, Destinatio und Nominatio im frühen Prinzipat, in Chiron 6, 1976, 198. Tac. ann. 1,3,1; Dio 55,9,4; Dio 58,7,4; Tac. hist. 1,77,3; Tac. Agr. 9,6; Suet. Galba 8,1; HA Sev. Alex. 49,2; CIL VIII 7062 = ILS 1143 = ILAlg II 648. Zur Julisch-Claudischen Dynastie vgl. J. SCHEID, Les prêtres officiels sous les empereurs julio-claudiens, in ANRW II, 16, 1, 1978, 631-640; für die Folgezeit VERF., Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69-235 n. Chr.), in ANRW II, 16, 1, 1978, 773-777; vgl. auch Text unten.

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dis, VIIvirum epulonum, frater Arvalis, sodalis Titius, fetialis fui12. In der Aufzählung fehlt die Patriziern vorbehaltene Würde eines salius Palatinus bzw. Collinus. Auch die späteren Kaiser gehörten diesen Sodalitäten nicht an, ein Befund, der sich am ehesten damit erklären lässt, daß die Mitgliedschaft mit der eines anderen Priesterkollegiums unvereinbar [254] war 13 . Ein direktes Nominationsrecht des Prinzeps für diese Priesterschaften entfiel daher, das Beispiel des jungen Mark Aurel, den Hadrian octavo aetatis anno in saliorum collegium rettulit, steht, was Alter, Voraussetzungen und Modus anbetrifft, völlig singulär und kann nicht als Paradigma für eine Bestellung der Salier durch den pontifex maximus in Anspruch genommen werden14. Der These, ein Senator Matidius sei von Claudius nicht nur in den Senat adlegiert, sondern auch patriziiert und mit der Würde eines Saliers ausgezeichnet worden, wurde eben von G. ALFÖLDY durch die Neuinterpretation seiner Grabinschrift aus Vicetia die Grundlage entzogen: Matidius gehörte der Priesterschaft in seiner Heimatgemeinde an15. Bei den stadtrömischen Saliern könnten also am ehesten Nominierungen der Mitglieder und der Einfluss der patrizischen gentes zum Zuge gekommen sein, in der Praxis werden diese sich indessen kaum einem entsprechenden Wunsch des Prinzeps hinsichtlich der Besetzung einer vakanten Stelle entzogen haben. In diese Richtung weist auch die oben angesprochene Aufnahme des minderjährigen Mark Aurel. Ganz andere Voraussetzungen waren bei der Konstituierung und Ergänzung der Sodalitäten des Kaiserkults, der sodales Augustales Claudiales, Flaviales Titiales, der Hadrianales und Aureliani Antoniniani, um nur die wichtigsten zu nennen, gegeben. Hier übten die Kaiser ganz unmittelbaren Einfluss auf die Besetzung aus; die Aufnahme eines Senators etwa als Gründungsmitglied deutet auf entschiedene Protektion durch den Prinzeps hin16. Im gesellschaftlichen Ansehen rangierten

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Mon. Anc. 7, I 45f. Vgl. G. WISSOWA, Religion und Kultus der Römer, 2. Aufl. (Handbuch der Altertumswiss. IV 5), München 1912, ND 1971, 494 Anm. 1. Gewöhnlich schieden die Salier auch mit der Bekleidung eines römischen Oberamtes aus, doch gibt es diesbezüglich Ausnahmen: Val. Max. 1,1,8; Macrob. sat. 3,14,14; dazu vgl. G.J. SZEMLER, The Priests of the Roman Republic. A Study of Interactions between Priesthoods and Magistracies (Coll. Latomus 127), Brüssel 1972, 71 u. 177. HA Marcus 4,2; vgl. VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 749. CIL V 3117 = ILS 968; vgl. G. ALFÖLDY, Ein Senator aus Vicetia, in ZPE 39, 1980, 255-266 mit Taf. XIII. Vgl. Tac. ann. 3,64,3f.; Dio 58,12,5; HA Marcus 7,11; ILS 8830; dazu M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 12-15; A. MOMIGLIANO, Sodales Flaviales Titiales e culto di Giove, 1935, ND in Ders., Quinto contributo alla storia degli studi classici e del mondo antico, Rom 1975, 657-666; H.-G. PFLAUM, Les prêtres du culte impérial sous le règne d’Antonin le Pieux, in CRAI 1967, 194-208; DERS., Les sodales Antoniniani à l’époque de Marc-Aurèle, Paris 1966.

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diese Priesterschaften neben, zeitweise auch über den amplissima collegia17, deren Rangfolge durch den Tatenbericht des Augustus fixiert ist. Die nach den epulones genannten Arvales, sodales Titii und fetiales fielen demgegenüber deutlich ab, wobei sich für die Arvalbrüder seit dem Ende der Julisch-Claudischen Dynastie am deutlichsten Prestigeverluste im sozialen Status ihrer Mitglieder abzeichnen18. [255] Die Zahl der zu besetzenden Priesterstellen insgesamt war begrenzt. Gerade diese Exklusivität begründete das Ansehen einer Kooptation, wobei die Steigerung senatorischer dignitas sich weniger in hervorragenden Funktionen des Staatskultes und persönlichen Privilegien19 dokumentierte als darin, in einem bestimmten Bereich collega des Kaisers zu sein und damit gewissermaßen besonderen Anteil an der Reichsverwaltung nehmen zu können. Zwar waren die hohen republikanischen Staatsämter wie auch die sacerdotia im wesentlichen ihrer inhaltlichen Funktionen und Kompetenzen beraubt, immerhin schufen sie in formaler Hinsicht für den Senator die Voraussetzung, überhaupt noch Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen zu können20. Da dies ausschließlich im Dienste des Kaisers möglich war, dessen Person immer mehr mit dem Staat identifiziert wurde, bedeutete der persönliche Kontakt mit dem Prinzeps, sei es als Kollege im Konsulat, sei es als Kollege in einer Priesterschaft, naturgemäß besondere Auszeichnung, manifestierten sich doch hier nicht nur eigene Qualifikation und Ansehen, sondern gleichermaßen Teilnahme am Staatswesen. Allerdings ist seit der ausgehenden Republik eine allmähliche Erweiterung zumindest der amplissima collegia zu beobachten. Sulla hatte 82 v. Chr. die Zahl der pontifices und augures auf je fünfzehn Mitglieder erhöht: pontificum augurumque collegium ampliavit (scil. Sulla), ut essent quindecim21. Auf seine Initiative hin dürften auch die XVviri sacris faciundis und die VIIviri epulonum auf fünfzehn bzw. sieben Stellen vermehrt worden sein: ... Sciendum sane, kommentiert Servius in der Lesung von P. BURMANN, primo duos librorum fuisse custodes, inde decem usque ad tempora Sullana, inde quindecim. Postea crevit numerus, nam et XVI fuerunt, sed remansit in his quindecim virorum vocabulum22. Aurelius Victor konstatiert: Numerum sacerdotum auxit (scil. Sulla)23. 17 18

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Vgl. VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 665 und 797-803. Vgl. W. ECK, Senatoren von Vespasian bis Hadrian. Prosopographische Untersuchungen mit Einschluss der Jahres- und Provinzialfasten der Statthalter (Vestigia 13), München 1970, 21-37; J.G. HARRISON, The Official Priests of Rome in the Reigns of Trajan and Hadrian, Diss. Univ. of North Carolina at Chapel Hill 1974, 375-379. Vgl. G. WISSOWA, op. cit. (supra Anm. 13), 494-543; St.J. SIMON, op. cit. (supra Anm. 3), 15-25. Vgl. G. ALFÖLDY, Consuls and Consulars under the Antonines. Prosopography and History, in AncSoc 7, 1976, 264-266. Liv. epit. 89. Serv. Aen. 6,73; vgl. J. MARQUARDT, Römische Staatsverwaltung III, 2. Aufl., Leipzig 1885, 381 Anm. 7. Aur. Vict. vir.ill. 75,11.

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Caesar vermehrte dann die pontifices, augures und quindecimviri um jeweils eine, die septemviri um drei Stellen24. Von J. SCHEID wurde kürzlich die These vertreten, diese Zahlen seien im Prinzip bis ins 3. Jh. n. Chr. konstant geblieben, während Mrs. M.W. HOFFMAN-LEWIS die durchschnittliche Besetzung der amplissima collegia in julisch-claudischer Zeit auf etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Priester berechnet hatte25. Aus mehreren Gründen erscheint mir der letztere Ansatz plausibler. [256] Unter den Senatsbeschlüssen des Jahres 29 v. Chr. berichtet etwa Cassius Dio, dem späteren Augustus sei damals das Recht verliehen worden, über die festgesetzten Quoten hinaus Priesterwürden zu vergeben, wann immer er dies für richtig halte. Der Historiker kommentiert den Beschluß mit der methodischen Bemerkung, in der Folgezeit sei von dieser Befugnis exzessiver Gebrauch gemacht worden: ὥστε μηδὲν ἔτι χρῆναί με περὶ τοῦ πλήθους αὐτῶν ἀκριβολογεῖσθαι26. Dios Darstellung wird durch Sueton bestätigt, der in Bezug auf Augustus feststellt: Sacerdotum et numerum et dignitatem sed et commoda auxit27. Abgesehen von diesen direkten Hinweisen lassen sich kaum Gründe finden, weshalb gerade Augustus und seine Nachfolger von der Praxis ihrer ideologischen Vorgänger abgegangen sein sollten, Persönlichkeiten ihres Vertrauens auch supra numerum mit priesterlichen Würden auszuzeichnen. Um die Exklusivität dieser Auszeichnungen zu wahren, empfahl sich andererseits natürlich keine unbegrenzte Erweiterung der Stellenzahlen; die Vermehrung erfolgte vielmehr nur in begründeten Einzelfällen. Streichungen einmal geschaffener Stellen sind, soweit ich sehe, nicht bezeugt28. Beispielsweise ließ Octavian schon Ende 36 v. Chr. den M. Valerius Messalla Corvinus für dessen militärische Leistungen im Krieg gegen Sex. Pompeius in das Auguralkollegium supra numerum kooptieren: ... αὐτὸς (scil. ὁ Καῖσαρ) τὸν Μεσσάλαν τὸν Οὐαλέριον ... ἐς τοὺς οἰωνιστὰς ὑπὲρ τὸν ἀριθμὸν ἐσέγραψε29. Ρ. Vitellius, Q. Servaeus und Q. Veranius wurden im Anschluss an den Piso-Prozess 20 n. Chr. von Tiberius mit Priesterwürden ausgezeichnet: auctor senatui fuit Vitellio atque Veranio et Servaeo sacerdotia tribuendi30. Gleichermaßen wurden Sejan und sein Sohn im Jahre

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Dio 42,51,4: τοῖς τε γὰρ ποντίφιξι καὶ τοῖς οἰωνισταῖς, ὧν καὶ αὐτὸς ἦν, τοῖς τε πεντεκαίδεκα καλουμένοις ἕνα ἑκάστοις προσένειμε (scil. ὁ Καῖσαρ); Dio 43,51,9: πολλοῖς γὰρ εὐεργεσίας ὀφείλων διὰ ... τῶν ἱερωσυνῶν ἀπεδίδου, ἐς τε τοὺς πεντεκαίδεκα ἕνα καὶ ἐς τοὺς ἑπτὰ αὖ καλουμένους τρεῖς ἑτέρους προσαποδείξας.

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J. SCHEID, art. cit. (supra Anm. 11), 617 und 646; M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 12. Dio 51,20,3. Suet. Aug. 31,2. Vgl. Text unten S. 258 [hier 21]: zu L. Tampius Flavianus. Dio 49,16,1; zur Person vgl. J. CARCOPINO, Notes biographiques sur M. Valerius Messalla Corvinus (64 av. J.-C. - 8 apr. J.-C.), in Rev. Philol. 20, 1946, 96-117, bes. 106f. Tac. ann. 3,19,1.

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31 n. Chr., L . Calpurnius Piso wohl nach seiner Verbannung 68 n. Chr. kooptiert 31. Auch die Maßnahmen Othos 69 n. Chr. – pontificatus auguratusque iam senibus cumulum dignitatis addidit aut recens ab exilio reversos nobiles adulescentulos avitis ac paternis sacerdotiis in solacium recoluit32 – lassen es zweifelhaft erscheinen, daß bei diesen Gelegenheiten nur vakante Priesterwürden vergeben worden seien. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang die Besetzung der Arvalbruderschaft in der Zeit des Übergangs von der Julisch-Claudischen zur Flavischen Dynastie. Nach dem bei Gellius überlieferten Zeugnis des Masurius Sabinus zählte diese Priesterschaft zwölf Mitglieder: ... ex eo tempore (scil. Romuli regis) collegium mansit fratrum Arvalium numero duodecim ...33. Für das Vierkaiserjahr 69 n. Chr. lassen sich diese [257] identifizieren; in der Reihenfolge ihrer Kooptation handelt es sich um die folgenden Personen34: 1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8) 9) 10) 11) 12) 31 32 33 34

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A. Vitellius, cos. suff. 48; L. Calpurnius Piso, cos. ord. 57; L. Salvius Otho Titianus, cos. ord. 52, II suff. 69; C. Vipstanus Apronianus, cos. ord. 59; M. Salvius Otho, cos. suff. 69; M. Aponius Saturninus, cos. suff. vor 69; Q. Tillius Sassius, der nur durch die Arvalakten bezeugt ist: mag. fr. Arv. 63, mag. II 88, promag. 70, proflamen 87, mortuus 91; L. Vitellius, cos. suff. 48; Q. Postumius C. f., praet. um 65 (?); L. Maecius Postumus (pater), dessen cursus honorum bisher unbekannt ist35; P. Valerius Marinus, cos. des. 6936; M. Raecius Taurus, praet. vor 49 (?)37.

Dio 58,7,4f.; Tac. hist. 1,38,1 und ILS 240. Tac. hist. 1,77,3; vgl. Plut. Otho 1,4. Gell. n.A. 7,7,8. Zur Prosopographie vgl. C.W. HOUSTON, Roman Imperial Administrative Personnel during the Principates of Vespasian and Titus (A.D. 69-81), Diss. Univ. of North Carolina at Chapel Hill 1971, passim; J. SCHEID, Les frères Arvales. Recrutement et origine sociale sous les empereurs julio-claudiens (Bibl. de l’École des Hautes Études. Sect. des sciences religieuses 77), Paris 1975, bes. 254-286; R. SYME, Some Arval-Brethren, Oxford 1980. Sein gleichnamiger Sohn, cos. suff. 98, gehörte ebenfalls der Arvalbruderschaft an (IGLSyr. 768 = AE 1934, 248, Antiochia ad Orontem): Xvir stlit. iudic., trib. leg. XIII Geminae, quaest. divi Vespasiani et divi Titi, trib. pleb., praet., fr. Arv. Zur Identifizierung vgl. W. ECK, op. cit. (supra Anm. 18), 29f.; anders G.W. HOUSTON, op. cit. (supra Anm. 34), 152f., Nr. 84. Ein Sohn gleichen Namens bekleidete 91 n. Chr. den Suffektkonsulat mit D. Minicius Faustinus; vgl. A. DEGRASSI, I fasti consolari dell’impero romano (Sussidi eruditi 3), Rom 1952, 27. Es handelt sich um den Vater des M. Raecius Taur[i fil. G]al. Gallus, trib. mil. leg. VI Victr. vel VII Gemin. (Galbianae); vgl. G. ALFÖLDY, Fasti Hispanienses. Senatorische

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Allerdings sind von diesen Personen nur sieben in den Präsenzlisten von 69 aufgeführt. C. Vipstanus Apronianus (Nr. 4) und L. Calpurnius Piso (Nr. 2) bekleideten 68/69 bzw. 69/70 den Prokonsulat von Africa38, A. Vitellius (Nr. 1) war Ende 68 als Statthalter in die Germania inferior entsandt worden39, M. Aponius Saturninus (Nr. 6) führte als kaiserlicher Legat erfolgreiche Operationen gegen die Rhoxolanen in Moesien durch: am 1. März brachten die Arvales Opfer auf dem Capitol ob laurum positam40, der Statthalter wurde für diesen Sieg, der Otho als glückliches Omen für seine Herrschaft besonders wertvoll war41, mit den ornamenta triumphalia und einer Triumphalstatue auf dem Fo[258]rum ausgezeichnet42. Daß der sonst unbekannte Senator Q. Postumius, der in den Protokollen des Vierkaiserjahres als abwesend ebenfalls nicht genannt wird, damals der Priesterschaft noch angehörte, lässt sich aufgrund der überlieferten Akten nur vermuten43. Problematisch mag zunächst erscheinen, wenn A. Vitellius als hostis publicus44 in unserer Liste der Arvalbrüder aufgeführt wird. Trotz fehlender Hinweise in den Protokollen könnte man vermuten, daß dem Usurpator die Priesterwürde aberkannt45, an seiner Stelle ein anderer Senator kooptiert wurde. Daß diese Hypothese indessen nicht zutrifft, ergibt sich weniger aus der relativ späten hostis-Erklärung des Vitellius, die erst nach langwierigen diplomatischen Verhandlungen mit Otho erfolgte46, als aus einer Notiz des älteren Plinius, daß eine Relegation aus dieser Priesterschaft nicht möglich war: honos is (scil. fratris Arvalis) non nisi vita finitur et exules etiam captosque comitatur47.

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Reichsbeamte und Offiziere in den spanischen Provinzen des römischen Reiches von Augustus bis Diokletian, Wiesbaden 1969, 184f. Tac. hist. 1,76,3 und 4,38,1. 48,1; vgl. B.E. THOMASSON, Praesides provinciarum Africae, in OpuscRom 7, 1969, 168. Tac. hist. 1,9,1. 52,1; vgl. R. HANSLIK, in RE, Suppl. IX, 1962, s.v. Vitellius 7 b, col. 1709f. AFA ad ann. 69, p. XCIII HENZEN I 63-67. Vgl. die emphatische Formulierung des jüngeren Plinius Pan. 8,2: adlata erat ex Pannonia laurea id agentibus dis, ut invicti imperatoris exordium victoriae insigne decoraret. Tac. hist. 1,79,5; zur Datierung der Statthalterschaft vgl. W. ECK, op. cit. (supra Anm. 18), 112; zur Verleihung der Triumphalinsignien C. BARINI, Triumphalia, Turin 1952, 94f. G.W. HOUSTON, op. cit. (supra Anm. 34), 479, Nr. 425, nimmt ihn für Flavische Zeit noch in Anspruch; nach J. SCHEID, op. cit. (supra Anm. 34), 273, Nr. 53, starb er im Laufe des Jahres 69 n. Chr. Tac. hist. 1,85,3. Zur Relegation aus Priesterkollegien vgl. die lex col. Genet. 67, FIRA II2, 181; Dio 68,16,2; Plin. ep. 2,11,12; Plut. quaest.Rom. 99 (287 D); Cic. Brutus 33,127. Tac. hist. 1,74,1; Suet. Otho 8,1; Plut. Otho 4,4f.; Dio 64,10,1. Plin. n.h. 18,2,6; vergleichbar ist das Augurat Plin. ep. 4,8,1: Gratularis mihi quod acceperim auguratum ... quod sacerdotium ipsum cum priscum et religiosum tum hoc quoque sacrum plane et insigne est, quod non adimitur viventi.

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Da Otho, wie wir gesehen haben, schon vor seiner Erhebung dem Kollegium angehörte, war mit der Ermordung Galbas eine Stelle, die des 51 n. Chr. supra numerum kooptierten Nero48, vakant. Am 26. Februar wurde L. Tampius Flavianus in locum Ser. Sulpicii Galbae kooptiert und dieses Ereignis ins Protokoll aufgenommen49. Ohne hier auf die problematische Laufbahn des Flavianus und deren Datierung eingehen zu wollen50, erscheint seine Kooptation bemerkenswert, da mit ihm ein Senator den Platz einnahm, der ursprünglich für einen kaiserlichen Prinzen eingerichtet und dann dem Prinzeps vorbehalten war. Am konkreten Beispiel zeigt sich, daß einmal geschaffene neue Stellen nicht gestrichen, sondern gegebenenfalls anderweitig besetzt wurden. Wenn Domitian 81 n. Chr. den Platz seines Bruders im Augustalenkollegium nicht durch eine Privat[259]person einnehmen ließ51, mag dies als ein Akt der pietas verstanden werden und diente vor allem der Steigerung des kaiserlichen Ansehens. Nach Tacitus handelte es sich bei Tampius Flavianus um einen Verwandten des Vitellius, der wohl bereits von Galba als Statthalter nach Pannonien entsandt worden war52. Otho setzte mit seiner Aufnahme in die Arvalbruderschaft, die sicher in absentia des neuen Mitglieds erfolgte, also deutliche politische Akzente. Zwar verzeichnen die Akten nicht ausdrücklich eine Einflußnahme des Kaisers auf die Wahl der Person wie im Falle des C. Salvius Liberalis Nonius Bassus, der ex tabella imp. Caesaris Vespasiani Aug. missa anstelle des 78 n. Chr. verstorbenen C. Matidius Patruinus kooptiert wurde53, doch kann kein Zweifel bestehen, daß die Zuwahl auf Betreiben Othos erfolgte, der damals als magister II fungierte54. Möglicherweise versuchte er, den angesehenen Senator, der wohl bereits unter Nero procos. Africae gewesen war und jetzt eine Armee von zwei Legionen, die VII und die XIII Geminae in Carnuntum bzw. Poetovio kommandierte, trotz oder gerade wegen dessen Verwandtschaft mit Vitellius durch die Verleihung der Priesterwürde für sich zu

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BMC Emp., I, 176, Nr. 84-88: (Rev.) SACERD COOPT IN OMN CONL SVPRA NVM EX SC; vgl. CIL VI 921 = ILS 222, 4: Neron[i] Claudio Aug. f. Caesa[ri] Druso Germanic[o], pontif., auguri, XVir. s.f., VII ir. epulon., cos. [des.] principi iuentuti[s]; CIL VI 1984 = ILS 5025: Dec. XVII. [A]dlectus ad numerum ex s.c. [Nero Claudius] Caesar Aug. [f.] Germanicus [Ti.] Claudio Caesare Aug. German. V [Se]r. Cornelio Orfito cos. p. R. c. ann. DCCCIIII ...; vgl. insgesamt M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 100. AFA ad ann. 69, p. XCII HENZEN I 54-58. CIL X 6225 = ILS 985 = AE 1941, 68 (Fundi); vgl. G.W. HOUSTON, op. cit. (supra Anm. 34), 244-249, Nr. 139. CIL VI 1984 = ILS 5025 (Dec. XXVIII). Tac. hist. 3,4,1 und 2,86,3. AFA ad ann. 78, p. CII HENZEN, 21-25; weitere Fälle bei W. HENZEN, Acta fratrum Arvalium quae supersunt, Berlin 1874, ND 1967, 152f. AFA ad ann. 69, p. XCII HENZEN I 56; Othos Bruder Titanius amtierte als promagister.

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gewinnen55. Flavianus zeigte sich von dieser Auszeichnung indessen wenig beeindruckt; in den Auseinandersetzungen des Vierkaiserjahres agierte er zurückhaltend, später nahm er, soweit wir wissen, nie an den Sitzungen der Arvalbrüder teil. Q. Volusius Saturninus, cos. ord. 56, hatte 63 n. Chr. als frater Arvalis beim Opfer für Dea Dia mitgewirkt56; seitdem ist seine Teilnahme an den Sitzungen der Priesterschaft nicht mehr bezeugt, so daß J. SCHEID vermutete, der Senator sei um 66/68 n. Chr. verstorben. Von seinen Söhnen gelangte der ältere L(ucius) 87, der jüngere Q(uintus) 92 zum Konsulat, beide als ordinarii57. Eine Ehreninschrift aus der Villa der Volusii bei Lucus Feroniae erweist letzteren als augur und salius Palatinus bereits vor der Quästur58. Die zweite Priesterwürde war nach Dionys von Halikarnass an die Qualifikation des ἀμφιθαλής, des puer patrimus et matrimus gebunden59 und lässt dadurch Rück[260]schlüsse auf das Lebensalter des älteren Saturninus zu. Vorausgesetzt der Sohn bekleidete den Konsulat in der aetas legitima als Patrizier mit etwa zweiunddreißig Jahren, so dürfte er um 60 n. Chr. geboren sein60. Wäre der cos. ord. 56, wie SCHEID annimmt, im Zusammenhang mit der Pisonischen Verschwörung ums Leben gekommen61, müsste sein Sohn folglich mit fünf oder sechs Jahren als salius Palatinus kooptiert worden sein. Der Zeitpunkt erscheint mir als zu früh; soweit bekannt, fanden die frühesten Kooptationen überhaupt im Falle des späteren Kaisers Mark Aurel und des L. Iunius Silanus statt, die mit sieben bzw. elf Jahren unter die salii Palatini aufgenommen wurden62. Setzt man die Kooptation des Volusius Saturninus hingegen in die er-

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Vgl. A. MOCSY, in RE, Suppl. IX, 1962, s.v. Pannonia, col. 613; J. NICOLS, Vespasian and the Partes Flavianae (Historia-Einzelschr. 28), Wiesbaden 1978, 137f. AFA ad ann. 63, p. LXXVIII HENZEN; J. SCHEID, op. cit. (supra Anm. 34), 264-268. Seine Inschrift aus Lucus Feroniae weist den Senator aus als sodalis Augustalis, sodalis Titius, frater Arvalis: Journ. Rom. St., 61, 1971, 143, Fig. 14, 2 = AE 1972, 175; vgl. W. ECK, Die Familie der Volusii Saturnini in neuen Inschriften aus Lucus Feroniae, in Hermes 100, 1972, 461-484, bes. 475-477. Ob er außerdem noch dem Auguralkollegium angehörte, wird noch zu erörten sein. Vgl. A. DEGRASSI, op. cit. (supra Anm. 36), 26 und 28. Journ. Rom. St., 61, 1971, 143, Fig. 14, 3 = AE 1972, 176; vgl. W. ECK, art. cit. (supra Anm. 56), 477f. und 481f. Dionys. 2,71,4: χρῆν δὲ τούτους (scil. Σαλίους) ἐλευθέρους τε εἶναι καὶ αὐθιγενεῖς καὶ ἀμφιθαλεῖς. Diese Voraussetzung ist sonst nur noch für die virgines Vestales bezeugt; Gell., n.[260]A., 1,12,1f.: Qui de virgine capienda scripserunt, quorum diligentissime scripsit Labeo Antistius, minorem quam annos sex, maiorem quam annos decem natam, negaverunt capi fas esse; item quae non sit patrima et matrima. Vgl. W. ECK, art. cit. (supra Anm. 56), 482. J. SCHEID, op. cit. (supra Anm. 34), 267. HA Marcus 4,2; CIL VI 37162; zum Fragment der Salierliste vgl. Th. MOMMSEN, Bruchstücke einer saliarischen Priesterliste, in Hermes 38, 1903, 125-129. Statius rühmt den

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sten Regierungsjahre Vespasians, so muß dessen homonymer Vater, cos. ord. 56, im Vierkaiserjahr 69 noch gelebt haben, also Mitglied der Arvalbruderschaft gewesen sein. Die Zahl der fratres Arvales betrug demnach damals nicht zwölf, sondern mindestens dreizehn, einschließlich des problematischen Q. Postumius sogar vierzehn Mitglieder. Am konkreten Beispiel der Besetzung der fratres Arvales im Vierkaiserjahr 69 zeigt sich demnach, daß die Priesterschaft entgegen dem Zeugnis des Masurius Sabinus gelegentlich mehr als zwölf Mitglieder zählen konnte. Auch für sacerdotia minora entfällt damit die Möglichkeit statistischer Analysen auf der Basis fester Besetzungsquoten63. Erfolgte die Kooptation in die Sazerdotalkollegien, wie wir gesehen haben, in der Praxis beneficio principis, so bestand andererseits ein gewisser Anspruch der Adelsgeschlechter auf Wahrung bzw. Mehrung ihrer dignitas. Bezogen auf den konkreten Fall sazerdotaler Würden bedeutete dies, daß Nachkommen von Priestern damit rechnen durften, in dieselben Kollegien wie ihre Väter und Großväter oder gegebenenfalls in eine noch angesehenere Priesterschaft aufgenommen zu werden. Die literarische Überlieferung bietet hier überraschend vielfältige Nachrichten64, entweder mit speziellem Bezug auf die Kollegien der pontifices und augures oder in allgemeiner Formulierung, wie Servius im Kommentar zu Verg. Aeneis 11,768: Olimque sacerdos aut quia vetus sacerdos aut cuius etiam maiores sacerdotes fuissent, quibus apud veteres in sacra quoque succedebatur. Eine Notiz des Tacitus gibt näheren Aufschluss über die politische Relevanz dieser ‚Erb[261]folge‘: die Maßnahmen Othos, der 69 n. Chr. zur Stabilisierung seiner Stellung junge Senatoren, denen er die Rückkehr aus dem Exil erlaubt hatte, zur Entschädigung mit Priesterwürden auszeichnete, die schon ihre Väter und Großväter innehatten65. Plutarch engänzt diese Nachricht, wenn er in Bezug auf Otho bemerkt: ἱερωσύναις δὲ τοὺς καθ᾽ἡλικίαν προσήκοντας ἢ δόξαν ἐκόσμησε66. Wie schematisch und wenig flexibel derartige Dignitätsansprüche gehandhabt wurden, haben hinsichtlich des Vigintivirats die Untersuchungen von E. GROAG und E. BIRLEY erwiesen67. In seiner Arbeit über ‚Konsulat und Senato-

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16-jährigen (silv. 5,2,12) Vettius Crispinus als Mitglied der salii Collini in noch jugendlichem Alter (silv. 5,2,129-131). Für die amplissima collegia vgl. auch St.J. SIMON, op. cit. (supra Anm. 3), 32f.: „... it is impossible, during the imperial period, to establish the known number for membership in any of the greater priesthoods“. Cic., Phil. 13,5,12; Suet., Nero, 2,1; vgl. G. WISSOWA, op. cit. (supra Anm. 13), 484 mit Anm. 2. Tac., hist., 1,77,3. Plut., Otho, 1,4. E. GROAG, Patrizier und IIIviri monetales, in Arch. Epigr. Mitt. 19, 1896, 145f.; E. BIRLEY, Senators in the Emperor’s Service, in Pap. Brit. Sch. Rome 39, 1954, 197-214. Zu GROAGs These, in der Zeit von Vespasian bis Severus Alexander hätten Patrizier innerhalb des

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renstand unter den Antoninen‘ konstatierte kürzlich G. ALFÖLDY: „Der Sohn eines ordentlichen Konsuls besaß sogar ein Anrecht auf einen ebenfalls eponymen Konsulat, und falls im annus legitimus seines Konsulates keine ordentliche Konsulstelle frei war, konnte er später als consul II ordinarius entschädigt werden“68. Daß die Kaiser diesem dynastischen Denken der römischen Oberschicht auch bei der Vergabe von Priesterwürden Rechnung trugen, liegt nahe und läßt sich an Einzelbeispielen verifizieren69. Aufgrund dieses Befundes bietet sich andererseits methodisch die Möglichkeit, für Senatoren, deren Vorfahren und Nachkommen einer bestimmten Priesterschaft angehörten, die Mitgliedschaft in demselben Kollegium zu vermuten. Eine regelrechte Dynastie innerhalb der beiden ersten amplissima collegia bildete etwa die Familie der Volusii Saturnini. In augusteischer Zeit war L. Volusius Saturninus, cos. suff. 12 v. Chr., als VIIvir epulonum kooptiert worden70, sein homonymer Sohn, cos. suff. 3 n. Chr., gehörte bereits den augures an71, was eine deutliche Steigerung des gesellschaftlichen Ansehens der gens erkennen lässt. Von dessen Söhnen ist der ältere als pontifex bezeugt72, den jüngeren Q. Volusius Saturninus, cos. ord. 56, weist seine stark fragmentierte Inschrift aus Lucus Feroniae lediglich aus als sodalis Augustalis, sodalis Titius, frater Arvalis73. In der nächsten Generation gehörte der gleichnamige cos. ord. 92 dem Auguralkollegium und [262] den salii Palatini an74, die Laufbahn seines älteren Bruders L(ucius), cos. ord. 87, ist bisher unbekannt. Ein späterer L. Volusius Torquatus, präsumtiver Sohn des cos. ord. 87, ist wiederum als augur bezeugt75.

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Vigintivirats stets das Amt der Münzmeister bekleidet, vgl. VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 777, Anm. 482. G. ALFÖLDY, Konsulat und Senatorenstand unter den Antoninen. Prosopographische Untersuchungen zur senatorischen Führungsschicht (Antiquitas I 27), Bonn 1977, 127, vgl. auch 86-92. Vgl. J. SCHEID, art. cit. (supra Anm. 11), 631-640; VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 773-777. CIL III 727; vgl. R. BARTOCCINI, Atti del III congresso internazionale di epigrafia greca e latina, Rom 1959, p. XXXVIIIf.; M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 57, Nr. 8. CIL III 2975 = ILS 923; CIL III 2974 = ILS 923 a; vgl. AE 1972, 174; M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 42f., Nr. 31. CIL VI 7393; vgl. M.W. HOFFMAN-LEWIS, op. cit. (supra Anm. 2), 34, Nr. 40. AE 1972, 175. AE 1972, 176; vgl. VERF., Prosopographische Untersuchungen zur Besetzung der römischen Priesterkollegien im Zeitalter der Antonine und der Severer (96-235 n. Chr.), Diss. Mainz 1973, 45 B 3; St.J. SIMON, op. cit. (supra Anm. 3), 51f., Nr. 7; J.G. HARRISON, op. cit. (supra Anm. 18), 73-75, Nr. 3. CIL VI 31726 = ILS 924; zur Identifizierung vgl. VERF., op. cit. (supra Anm. 74), 221f.

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L. Volusius Saturninus cos. 12 v. Chr., VIIvir epulonum L. Volusius Saturninus cos. 3 n. Chr., augur

L. Volusius Saturninus pontifex

Q. Volusius Saturninus cos. ord. 56, sod. August. sodalis Titius, frater Arvalis

L. Volusius Saturninus cos. ord. 87

L. Volusius Torquatus augur

Volusia Torquata ∞ (M. Licinius) ∞

Q. Volusius Saturninus cos. ord. 92, augur

Licinia Cornelia M. f. Volusia Torquata

In der Auguralreihe fällt auf, daß der cos. ord. 56 bisher nicht als Mitglied dieser Priesterschaft nachweisbar ist. J. SCHEID hat den Befund der Inschrift aus Lucus Feroniae, welche lediglich drei Priesterwürden aufführt, vorsichtig für die hohe gesellschaftliche Einschätzung der Arvalbruderschaft in Anspruch genommen: „Comme son père avait été augur, sodalis Augustalis et sodalis Titius nous pouvons admettre que Q. Volusius lui succéda dans les dernières prêtrises, mais devient arvale au lieu d’augure. Faut-il y voir un hasard ou une intention?“76. Demgegenüber haben die Herausgeber der Année épigraphique die Hypothese formuliert, in der zweiten Zeile sei nach dem Konsulat das Augurat zu ergänzen77. Für diese Interpretation spricht einerseits die offenbar vorhandene Lücke78, andererseits die ‚dynastische‘ Argumentation. Allerdings muss die Klärung dieser Frage einer endgültigen Publikation der Inschrift vorbehalten bleiben. Der [263] Senator hätte damit vier römischen Priesterschaften angehört, wie dies sonst nur noch für den polyonymen cos. ord. 169, Q. Pompeius Senecio79, nachweisbar ist.

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J. SCHEID, op. cit. (supra Anm. 34), 267f. Kommentar zu AE 1972, 175. Vgl. die vorläufige Umzeichnung bei J. REYNOLDS, Roman Inscriptions, 1966-1970 in Journ. Rom. St. 61, 1971, 143, Fig. 14 b. CIL X 3724; CIL XIV 3609 = ILS 1104 = I. It. IV 12, Nr. 126; vgl. VERF., op. cit. (supra Anm. 74), 30 B 68 und 254-258; DERS., art. cit. (supra Anm. 11), 673, Nr. 80, und 802.

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Ausgehend von diesen Überlegungen ließe sich auch für L. Volusius Saturninus, cos. ord. 87, eine Priesterwürde vermuten, wobei die Analogie zur vorangehenden Generation am meisten für die eines pontifex spricht. Auch hier könnte nur ein Neufund mit dem cursus honorum des Senators Gewißheit geben. Die gens Volusia hätte demnach über wenigstens zwei Generationen hinweg Mitglieder der beiden angesehensten Sazerdotalkollegien gestellt, wobei der jeweils ältere Bruder den pontifices, der jüngere den augures angehörte. Ein ähnlicher Befund lässt sich für die Priesterschaft der XVviri s.f. nachweisen, wo die gens Nonia im 2. und 3. Jh. über vier Generationen vertreten war: zu Beginn des 2. Jhs. wurde M. Nonius Mucianus, cos. suff. 154, kooptiert; bereits vor der Quästur erhielt M. Nonius Arrius Mucianus, cos. ord. 201, diese Priesterwürde, ebenfalls vor der Quästur wurde sein Neffe (?) M. Nonius Arrius Paulinus Aper unter Severus kooptiert80. Ein Problem innerhalb des Quindecimviralkollegiums stellt die Mitgliedschaft des Sophisten L. Vibullius Hipparchus Ti. Claudius Atticus Herodes, cos. ord. 143, dar. Seitdem J.H. OLIVER aus attischen Inschriften, die den Senator als ὕπατος καὶ ἐξηγητής bezeichnen, auf dessen Zugehörigkeit zur Priesterschaft der XVviri s.f. geschlossen hat81, ist diese These in der neueren Literatur überwiegend auf Widerspruch gestoßen82. Aufgrund neuer Funde läßt sich OLIVERs Vermutung jetzt mit Hilfe ‚dynastischer‘ Überlegungen bei der Besetzung der Sazerdotalkollegien sichern. Eine bisher unpublizierte Inschrift der Eleer aus Olympia ehrt den athenischen Senator als Gemahl der Regilla und bezeichnet ihn als sodalis Augustalis, sodalis Hadrianalis83. Die vor diesen Priesterwürden erhaltene Buchstabenkombination BIPA kann nur auf die Mitgliedschaft in einem der amplissima collegia, dem der XVviri s.f. oder der VIIviri epulonum, bezogen werden. In griechischer Transkription wird das Septemvirat zwar in der Regel mit dem Zusatz ἐπουλώνουμ

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Vgl. VERF., op. cit. (supra Anm. 74), 208-210 mit Stemma Anlage V. IG II-III2, 4072 = Syll.3 857; AE 1947, 88; dazu Inschr. v. Olympia, bearb. von W. DITTENBERGER und K. PURGOLD (Olympia, Textband V), Berlin 1896 (zit. als Ol. V), Nr. 612; J.H. OLIVER, The Athenian Expounders of the Sacred and Ancestral Law, Baltimore 1950, 109-114. Vgl. H.J. MASON, Greek Terms for Roman Institutions. A Lexicon and Analysis (American Studies in Papyrology 13), Toronto 1974, 117; H. HALFMANN, Die Senatoren aus dem östlichen Teil des Imperium Romanum bis zum Ende des 2. Jh. n. Chr. (Hypomnemata 58), Göttingen 1979, 157. Die Inschrift, deren Kenntnis ich Herrn Alfred MALLWITZ verdanke, erscheint im XI. Bericht über die Ausgrabungen in Olympia (im Druck) [s.u. im Schriftenverzeichnis Nr. III.20.].

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bzw. ἐπουλών(ων) spezifiziert84, doch lässt sich in Analogie zur Benennung der Priesterschaft als οἱ ἑπτὰ (ἄνδρες) κα[264]λούμενοι bei Cassius Dio85 ohne weiteres auch die Bezeichnung σεπτέμουιρ ohne Zusatz vorstellen, wie etwa die Würde eines quindecimvir s.f. nur als κυινδεκίμουιρ transkribiert wurde86. Falls wir OLIVERs Argument, der Terminus ἐξηγητής bezeichne als Synonym per comparationem den XVvir s.f. 87, nicht akzeptieren, kann aufgrund des vorliegenden Befundes keine Entscheidung zwischen Quindecimvirat und Septemvirat getroffen werden. Um Herodes Atticus als Mitglied der angeseheneren XVviri s.f. zu erweisen, müssen wir etwas weiter ausholen. Wichtige neue Erkenntnisse über die soziale Stellung der attischen Senatorenfamilie vermittelt ein epigraphisches Zeugnis aus Olympia, das unser Problem einer Lösung zuführt. Es handelt sich um vier Fragmente einer Basisinschrift, von denen zwei bereits von W. DITTENBERGER als zusammengehörig erkannt und auf den Sophisten bezogen worden sind88. Die beiden anderen Bruchstücke hat Frau Renate BOL im Rahmen ihrer Arbeit über das Statuenprogramm des Herodes Atticus im Nymphäum seiner Gemahlin Regilla als Teile derselben Basis identifiziert und damit die Grundlage für eine neue Interpretation geschaffen89. Die erste Zeile bietet demnach die Nomenklatur des Geehrten im Akkusativ: [TI Κ]ΛΑΥΔỊΟΝ ATṬ[IKO]Ṇ ΗΡΩΔḤ[N]. Zugleich ist damit die Breite der Basis bestimmt, da Frgm. 622 c rechts mit dem Rand abschließt. In der zweiten Zeile steht gut lesbar das Demotikon ΜΑΡΑΘΩ[NION], davor sind Reste von Buchstaben zu erkennen, die von W. Dittenberger in Unkenntnis der Zugehörigkeit des Fragments als ΠΑΥΛΟ[N]

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Vgl. etwa die Inschriften des Pergameners C. Antius A. Iulius Quadratus: IGRRP IV 275, 373f., 383-385, 390 oder die Ehrungen für M. Roscius Lupus Murena: I. Cret., IV, 296 und AE 1933, 198. Dio 43,51,9; 48,32,4; 53,1,5. IGRRP III, 618 = ILS 8841 = ΤΑΜ II, 278; vgl. auch IGRRP IV, 372; anders AE 1979, 595. Zur griechischen Transkription römischer Termini vgl. insgesamt D. MAGIE, De Romanorum iuris publici sacrique vocabulis sollemnibus in Graecum sermonem conversis, Leipzig 1905, bes. 145f.; H.J. MASON, op. cit. (supra Anm. 82), 14f. und 116f. Vgl. Dionys., 3,67,3: ... μετὰ τὴν ἐκείνου τελευτὴν ἐν τοῖς Σιβυλλείοις εὑρεθῆναι χρησμοῖς οἱ τῶν ἱερῶν ἐξηγηταὶ λέγουσιν. H.G. MASON (loc. cit. 116) hat darauf hingewiesen, daß Dionys. (8,56,4) dieselbe Terminologie auch zur Bezeichnung der pontifιces verwandt hat. W. DITTENBERGER, Monumenta Herodis Attici et propinquorum (Index scholarum in Universitate litteraria Fridericiana Halensi cum Vitubergensi consociata per hiemen anni 1892-93), Halle 1893, p. Vf.; vgl. DERS., zu Ol. V, 622 a-c. Ol. V, 539 und 359; Frgm. Ol. V, 622 b passt an Ol. V, 543 und wurde von Frau BOL sicher der Basis Ol. V, 623 zugewiesen. Die Publikation der vorliegenden Basisinschrift aus dem Nymphäum ist im Rahmen der Untersuchung von Frau BOL zum Statuenprogramm des Herodes Atticus vorgesehen [s.u. im Schriftenverzeichnis Nr. III.7.].

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gelesen wurden90. Nomenklatur und Demotikon des Sophisten Herodes Atticus und seines Vaters stimmen überein91, so daß sich aufgrund der bisherigen Überlegungen keine eindeutige Entscheidung für die Zuweisung der Basisinschrift treffen lässt. Vor der Herkunftsangabe kann nur das Patronymikon gestanden haben. In attischen Inschriften nennt sich der Sophist Ἡρώδης Ἀττικοῦ Μαραθώνιος oder auch [265] Τ[ι. Κλαύδιος Ἡρ]/[ώδ]ης Ἀττι[κοῦ Μαραθώνιος]92. W. DITTENBERGER ergänzte daher diese Filiation auch in Ol. V 622, was indessen keineswegs mit den Buchstabenresten des zugehörigen Fragments Ol. V 359 zu vereinbaren ist. Der Vater des Sophisten bezeichnet sich in einer lateinischen Inschrift aus Korinth als Ti. Claudius Ti. Claudi Hipparchi f. Quir. Atticus, nach römischem Brauch sind hier Filiation und Tribusangabe dem Kognomen vorangestellt93. Griechen variierten ihre Nomenklatur ungezwungener. Der genannte Hipparchos errichtete seiner Tochter Claudia Alcia in Eleusis eine Statue als Τιβέριος Κλαύδιος Ἡρώδου υἱ[ὸς] Ἵππαρχος Μαραθώνιος94. Sein Kognomen fügt sich zwanglos in den freien Raum vor dem Demotikon der olympischen Basis: [ΙΠ]Π̣ẠΡ̣Χ̣Ọ[Υ] ΜΑΡΑΘΩ[ΝΙΟΝ ...]95. Der Geehrte ist somit als Vater des Sophisten identifiziert. Von Nerva (?) inter praetorios adlegiert gelangte er als erster Athener unter Trajan zum Suffektkonsulat96. 90 91

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W. DITTENBERGER, zu Ol. V, 359. Vgl. für den Sophisten IG II-III2, 3190 mit dem Zusatz νε(ωτέρου); 3603; 3733; 4780; 12568-9; für den Vater IG II-III2, 1073 = SEG XII, 94; IG II-III2, 3535; 3597 a-d; IG VII, 2509 = J. et L. ROBERT, Bull. épigr. 1966, Nr. 186; Bull. Corr. Hell. 71-72, 1947-48, 45 = AE 1950, 34; AE 1973, 493. IG II-III2, 3191 und 4780. AE 1919, 8 = Corinth VIII 2, 1931, 58. Eine Inschrift unbekannter Herkunft mit der Laufbahn des Sophisten (Syll.3 863, Anm. 1) ehrt diesen als L. Vibullium Hipparchum Ti. Cl. Ti. f. Quir. Atticum Heroden; dazu vgl. M. CÉBEILLAC, Les ‚quaestores principis et candidati‘ aux Ier et IIème siècles de l’Empire (Centro Studi e Documentazione sull’Italia Romana. Monografie a supplemento degli ‚Atti‘ 4), Mailand 1972, 124f., Nr. LVIII. Zur Familie vgl. auch H. HALFMANN, op. cit., (supra Anm. 82), 120-124, Nr. 27, und 155-160, Nr. 68. Syll.3 853 = IG II-III2, 3604 A; zur Person vgl. noch K.A. RHOMAIOS, in Ἀθηνᾶ 18, 1906, 439f.: Ἵππαρχος Ἀττικο(ῦ) πατήρ; Fouilles de Delphes, III 2, Nr. 66: Τι. Κλ. Ἵππαρχος Μαραθώνιος; Suda, p. 590 ADLER s.v. Ἡρώδης ... υἱὸς Ἀττικοῦ τοῦ Πλουτάρχου, γένος Αἰακίδης, Ἀθηναῖος τῶν δήμων Μαραθώνιος, σοφίστης, wobei die Filiation des Vaters als τοῦ Πλουτάρχου offensichtlich aus τοῦ Ἱππάρχου verschrieben ist. Zur Stellung der Filiation vgl. die oben zitierte Inschrift des Sophisten IG II-III2, 4780. Zum Problem der Statthalterschaft in Iudaea (Corinth, VIII 2, Nr. 58; Euseb. h.e. 3,32,3.6) vgl. E.M. SMALLWOOD, Atticus, Legate of Judaea under Trajan, in Journ. Rom. St. 52, 1962, 131-135; vorsichtige Zustimmung bei G. VERMES/F. MILLAR in E. Schürer, The History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ (175 B.C.-A.D. 135). A New English Version, rev. and ed. by G. VERMES and F. MILLAR, Edinburgh 1973, 516; anders H. HALFMANN, op. cit. (supra Anm. 82), 122f.

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Die Erwähnung des Konsulats darf auf dieser Basis sicher vorausgesetzt werden, zumal in der folgenden Zeile eine hohe römische Priesterwürde verzeichnet ist und dieses angesehenste Staatsamt auch in den vergleichbaren Inschriften des Vaters und des Großvaters mütterlicherseits der Regilla, App. Annius Gallus, cos. suff. 139, und M. Atilius Metilius Bradua, cos. ord. 108, erscheint97. In Zeile zwei ist nach dem Demotikon also [ΥΠΑΤΟΝ] zu ergänzen. Ob Atticus allerdings später von Hadrian mit dem iterierten [266] Konsulat ausgezeichnet wurde, halte ich trotz entsprechender Nachrichten bei Philostrat und in der Suda nicht mehr für sicher98. Gegebenenfalls müsste die Iteration [B] hinzugesetzt werden. Die nächste Zeile weist den Senator aus als Mitglied des Quindecimviralkollegiums, eine Würde, die für ihn bisher unbekannt war. Die Ergänzung [ΚΥΙ]ΝΔΕΚΕΜ[Β]ΗΡΑ darf durch Kontext und zur Verfügung stehenden Raum als gesichert gelten99. Ein Amt innerhalb des Vigintivirats als Xvir stlit. iudic., woran W. DITTENBERGER dachte100, scheidet schon deshalb aus, weil Atticus inter praetorios adlegiert worden war. Aus der griechischen Transkription des Quindecimvirats 101 folgt, daß die unmittelbar anschließende Bezeichnung IEPE[A] sich nicht auf das vorangehende römische Priestertum beziehen kann, sondern zwingend eine Ergänzung erfordert. Die Konzeption der Gesamtanlage legt einen Bezug auf den Kaiserkult nahe; zu denken wäre zunächst an die stadtrömischen Priesterschaften der sodales Augustales bzw. Flaviales102. Allerdings

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Ol. V, 619f.; zu den Verwandtschaftsbeziehungen des Herodes Atticus vgl. VERF., op. cit. (supra Anm. 74), 79 C 30, 200-204, 251f. und Stemma Anlage IV; S. FOLLET, Athènes au IIe et au IIIe siècle. Études chronologiques et prosopographiques, Paris 1976, 173-178. Mme. FOLLET vermutet eine Adoption des Sophisten durch L. Vibullius Hipparchos, archon unter Trajan. Die Nachkommen des Herodes Atticus wurden in letzter Zeit mehrfach untersucht von T.D. BARNES, Philostratus and Gordian, in Latomus 27, 1968, 581-597; A.J. PAPALAS, Herodes Atticus and His Son, in Platon 24, 1972, 244-251; I. AVONTINS, Bradua Atticus, the Consul of A.D. 185, and Bradua Atticus, the Proconsul of Africa, in Phoenix 27, 1973, 68-76; zuletzt G. DI VITA-EVRARD, Le proconsul d’Afrique polyonyme IRT 517: une nouvelle tentative d’identification, in MEFRA 93, 1, 1981, 183-226. Philostr. vit. soph., 2,1,1, p. II 55 KAYSER; Suda, s.v. Ἡρώδης, p. 590 ADLER; anders A. STEIN, in PIR2 C 801, p. 174; M. WOLOCH, Roman Citizenship and the Athenian Elite A.D. 96-161, Amsterdam 1973, 165, Nr. 30. Zweifel äußert auch S. FOLLET, op. cit. (supra Anm. 97), 31 Anm. 4; ablehnend H. HALFMANN, op. cit. (supra Anm. 82), 123. Zur Transkription des Quindecimvirats vgl. supra Anm. 86; die Lesung H statt des geläufigeren I empfiehlt sich aufgrund des Umfangs der Lücke. W. DITTENBERGER ZU Ol. V, 359; vgl. D. MAGIE, op. cit. (supra Anm. 86), 97; in der eleusinischen Inschrift IG II-III2, 4071 wird C. Claudius Titianus als δεκέμβερ bezeichnet. IGRRP IV, 372 und ΤΑΜ II, 278 jeweils ohne den Zusatz ἱερεύς. Zur Kumulation von Priesterwürden der amplissima collegia und des Kaiserkults vgl. VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 795-804. Die nächste Parallele bietet die Laufbahn des M. Pompeius Macrinus Neos Theophanes, cos. suff. 115, aus Mytilene, der in Tegea geehrt

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wird die vom Umfang der Lücke her naheliegende Ergänzung ἱερέ[α ἐν τοῖς Αὐγουσταλίοις bzw. τῶν Αὐγουσταλίων] problematisch angesichts des Sprachgebrauchs der übrigen olympischen Inschriften. Wie hier das Quindecimvirat werden auch Pontifikat und die Sodalitäten des Kaiserkults ins Griechische transkribiert, z.B. im Falle des M. Atilius Metilius Bradua, cos. ord. 108, den die Basisinschrift bezeichnet als ποντίφικα, σοδᾶλιν Ἁδριανᾶλιν103. Dieser Befund läßt eine andere Lösung geratener erscheinen, die man aus Platzgründen zunächst ausschließen möchte. Durch viele Zeugnisse ist Atticus als ἀρχιερεὺς τῶν Σεβαστῶν bekannt 104. Anstelle von ἀρχιερεύς bieten einige Inschriften auch die Bezeichnung ἱερεύς105. Zwar möchte ich im Falle unseres Atticus, der auf Stiftungen [267] anläßlich der Einweihung des Olympieions im Jahre 132 ebenfalls nur ἱερεύς genannt wird106, auf die naheliegende Analogie verzichten107, doch scheint der Sprachgebrauch insgesamt die Vermutung zu rechtfertigen, daß der Senator in Olympia als ἱερεὺς τῶν Σεβαστῶν geehrt wurde. Ein Fragment, das von Frau BOL ebenfalls für die Basis des älteren Atticus Herodes in Anspruch genommen wird, könnte diese Priesterwürde spezifizieren. Die Ortsangabe ΕΝ ΑΘΗ[ΝΑΙΣ] ist deutlich zu lesen, davor ein N zu erkennen. Bei dieser

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wurde als ὕπατος, ἱερεὺς ἐν τοῖς Αὐγουσταλίοις, ἱερεὺς ἐν τοῖς ιε᾽ ἀνδράσιν (IG V, 2, 151); vgl. auch AE 1979, 595 (Mytilene). Ol. V, 620; zu erwarten wäre also σοδᾶλις Αὐγουστᾶλις; vgl. auch die unpublizierte Inschrift des Sophisten; außerdem H.J. MASON, op. cit. (supra Anm. 82), 85 Anm. 1. Belege bei J.H. OLIVER, op. cit. (supra Anm. 81), 83; dazu noch AE 1950, 34 und AE 1973, 493. AE 1974, 598 bezieht sich eher auf den Sophisten; vgl. auch H. HALFMANN, op. cit. (supra Anm. 82), 122. IGRRP I, 632; III, 8, 66, 230, 582, 594, 909; IV, 180, 229; vgl. G. GEIGER, De sacerdotibus Augustorum municipalibus, Diss. Halle 1913, 7 und 19-21; J.H. OLIVER, op. cit. (supra Anm. 81), 95f. Eine Untersuchung der Kaiserpriester in Athen bietet auch die Arbeit von G.F. VELLEK, The Priesthoods of Athens 86 B.C. to 267 A.D., Diss. Johns Hopkins Univ. 1969, 4-25. In den mir zugänglichen Exemplaren fehlt allerdings jeweils die Seite 11, wo VELLEK auf Ti. Claudius Atticus Bezug nimmt. IG II-III2, 3295-3298 und 3307; vgl. A.S. BENJAMIN, The Altars of Hadrian in Athens and Hadrian’s Panhellenic Program, in Hesperia 32, 1963, 57-86. Möglicherweise ist dieses Priestertum auf das konkrete Ereignis zu beziehen, den Kult des Zeus Olympios und seines σύνναος, des Kaisers Hadrian (Dio 69,16,1; HA Hadr. 13,6; vgl. Paus. 1,3,2), der als σωτὴρ καὶ κτίστης auch mit der Epiklese Olympios belegt wurde; vgl. P. RIEWALD, De imperatorum Romanorum cum certis dis et comparatione et aequatione (Diss. phil. Halenses XX 3), Halle 1912, 332-335; P. GRAINDOR, Athènes sous Hadrien, Kairo 1934, ND New York 1973, 166f. Hinzuweisen wäre etwa auf Cn. Cornelius Pulcher, der sowohl ἀρχιερεὺς τῆς Ἑλλάδος als auch ἱερεὺς Ἁδριανοῦ Πανελληνίου war (IG IV, 1600).

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Zuweisung ließe sich die dritte Zeile folgendermaßen ergänzen: ... ἱερέ[α τῶν Σεβαστῶ]ν ἐν Ἀθή[ναις]108.

Lediglich der Umfang dieser Ergänzung wirft Probleme auf. Indessen zeigt ein Vergleich mit anderen Basisinschriften vom Nymphäum109, daß der Steinmetz bei Platzmangel gegen Ende der Zeile durchaus sehr gedrängt arbeitete und auch Ligaturen nicht verschmähte. Die verlorene Schlusszeile dürfte außer der Stiftungsformel in Analogie zu den anderen Statuenbasen der Familienmitglieder auch eine Angabe über das Verwandtschaftsverhältnis enthalten haben, in dem der Geehrte zum Stifter der gesamten Anlage stand. Zum Vergleich sei nur auf die Inschrift der Mutter des Sophisten, Vibullia Alcia Agrippina, verwiesen110. Die Basis ihres Gemahls Atticus, cos. suff. ca. 104 oder 108, bietet damit folgenden Wortlaut: [Tι. Κ]λαύδι ̣ο ν Ἄ ττ[ικο]ν̣ Ἡρώδ η̣ [ ν] [ Ἱ π ] π ̣ ά ̣ ρ χ̣ ̣ ο ̣ [ υ ] Μ α ρ α θ ώ [ ν ι ο ν ὕ π α τ ο ν ] [ κ υ ι ] ν δ ε κ έ μ [ β ] η̣ ρ α ἱ ε ρ έ [ α τ ῶ ν Σ ε β α σ τ ῶ ] ν ἐ ν Ἀ θ ή [ ν α ι ς ] [Ἡρώδου πατέρα ἡ πόλις ἡ τῶν Ἠλείων]

Als wichtigste Erkenntnis für die Laufbahn des Senators bleibt in unserem Zusammenhang festzuhalten, daß er dem Quindecimviralkollegium angehörte. Um auf die Inschrift des Sophisten in Olympia zurückzukommen, hat dieses Ergebnis auch Konsequen[268]zen für die Ergänzung seiner Priesterwürde. In der gesellschaftlichen Einschätzung der amplissima collegia rangierten die epulones immer an letzter Stelle111. Bei der Besetzung dieser Priesterschaft fällt auf, daß für die Kaiserzeit keine Beispiele von ‚Vererbung‘ bekannt sind. Die vornehmen Familien bemühten sich auch hier um sozialen Aufstieg, d.h. um Kooptation ihrer

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Ol. V, 492. Olympia in der Landschaft Elis gehörte zum achaischen Koinon, dessen ἀρχιερεῖς U. KAHRSTEDT (Das Koinon der Achaier, in Symb. Osl. 28, 1950, 70-75) ver-

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zeichnet. Atticus war Kaiserpriester in Athen, so daß eine Angabe zur Lokalisierung notwendig schien. Ol. V, 615f., 620, 625f. Ol. V, 621. Die Bitte des jüngeren Plinius (ep. 10,13) um Aufnahme in das Kollegium der augures oder der septemviri widerspricht dieser Einschätzung nur scheinbar: wichtig ist die Begründung quia vacant. In erster Linie ging es ihm um priesterliche Würde überhaupt, wobei ihm aufgrund seiner sozialen Stellung wohl eher die Kooptation in das letztere Priesterkollegium zukam. Als er schließlich das Augurat erlangte, pries er diese Würde als sacerdotium ... priscum et religiosum ... sacrum plane et insigne ... J. SCHEID (art. cit., supra Anm. 11, 635) folgert aus dem Brief zu Unrecht, „que le Romain du début du IIe siècle estimait également l’augurat et le septemvirat“.

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Nachkommen durch die pontifices und augures112. So wurde L. Cornelius Pusio, cos. suff. 90, ein Sohn des gleichnamigen VIIvir epul. zur Zeit Vespasians, Mitglied des Pontifikalkollegiums113. Die Nonii Asprenates stellten mit L. Nonius Asprenas, cos. II ord. 128, einen augur, sein Vater, cos. suff. ca. 70/71, war septemvir114. Bereits unter Tiberius war ihnen mit dem cos. suff. 29 der Zugang zum Augurat gelungen; dessen Vater, cos. suff. 6 n. Chr., ist in augusteischer Zeit wieder als Mitglied der epulones bezeugt115. Auf die gens Volusia wurde oben bereits hingewiesen. Die XVviri s.f. nahmen in der sozialen Einschätzung eine Mittelstellung ein. Zeitweise kamen sie den beiden ersten Kollegien in etwa gleich, wie das Beispiel des L. Aelius Caesar zeigt116, doch konnten sie ihren Rang auf die Dauer nicht behaupten. Immerhin hätte ein Senator, dessen Vater bereits quindecimvir war, in der Kooptation durch die epulones eine deutliche Einbuße seines gesellschaftlichen Prestiges verzeichnen müssen. Beispiele dieser Art sind nicht bezeugt. Im Falle des Herodes Atticus dürfen wir einen solchen Abstieg sicher ausschließen. Als sodalis Augustalis und wohl Gründungsmitglied der sodales Hadrianales gehörte er zu den angesehensten Senatoren seiner Zeit. Damit lässt sich für den Sophisten aufgrund ‚dynastischer‘ Überlegungen auch die Zugehörigkeit zum Quindecimviralkollegium sichern. Die Familie des Herodes Atticus mag hier beispielhaft für den sozialen Aufstieg eines Geschlechts griechischer Provenienz gewertet werden. Bereits seit der ausgehenden Republik pflegten die Vorfahren des Sophisten Kontakte zur römischen Senatsaristokratie117, unter der Julisch-Claudischen Dynastie sind Polycharmus und sein Sohn Herodes als Kaiserpriester in Attika und Asia bezeugt118. Letzterer erlangte von Nero [269] das römische Bürgerrecht; in Smyrna zeichnete er als Ti. Claudius Herodes in der Funktion eines σεβαστοφάντης καὶ [ἀρχιερεὺς] Θεᾶς Ῥώμης καὶ Θεοῦ [Σεβαστοῦ Καίσαρος] für einen Beschluss des commune Asiae unter dem Prokonsulat des M. Aefulanus verantwortlich119. Sein Vermögen soll sich auf 100

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Vgl. VERF., art. cit. (supra Anm. 11), 776f. AE 1915, 60; das Pontifikat seines Sohnes lässt sich aus den Kalatorenlisten von 101-102 n. Chr. erschließen; vgl. VERF., loc. cit., 698-726, bes. 724f. IRTrip. 346 und Forsch. in Ephesos III, 115, Nr. 27. ILS 151 und ILS 941. ILS 319. Cic. ad Att. 2,2,2; 6,1,25; 14,16,3; 15,16; 16,3,2; Plut. Cic. 24,8. IG II-III2, 3530; IGRRP IV, 1410; vgl. P. GRAINDOR, Un milliardaire antique. Hérode Atticus et sa famille (Université égyptienne. Recueil de travaux p. p. la Faculté des Lettres V), Kairo 1930, 8-11; H. HALFMANN, op. cit. (supra Anm. 82), 124, Nr. 27 b-e. IGRRP IV, 1410; vgl. R. MELLOR, ΘΕΑ ῬΩΜΗ. The Worship of the Goddess Roma in the Greek World (Hypomnemata 42), Göttingen 1975, 192f. und 219, Nr. 144; C. FAYER, Il culto della dea Roma. Origine e diffusione nell’Impero (Collana di saggi e ricerche 9), Pescara 1976, 121-123.

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Millionen Sesterzen belaufen haben120; unter Domitian wurde ihm dieser Reichtum zum Verhängnis; aufgrund einer maiestas-Klage fielen seine Güter an den kaiserlichen fiscus. Immerhin scheint er einen größeren Teil seines Vermögens diesem Zugriff rechtzeitig entzogen zu haben, sicher nicht zufällig fand sein Sohn T. Claudius Atticus in der Nähe des Dionysos-Theaters in Athen einen unermeßlichen Schatz. Als er in richtiger Einschätzung der politischen Lage seinen Fund dem eben zur Herrschaft gelangten Nerva meldete, garantierte ihm der Kaiser, um sich vom Gewaltregime seines Vorgängers zu distanzieren, die Eigentumsrechte121, so daß Atticus den Reichtum seines Hauses neu begründen und durch kluge Familienpolitik mehren konnte122. Mit der Aufnahme des Atticus in den Senat trug Nerva dem Vermögen und dem Ansehen der griechisch-römischen Familie Rechnung. Der Zugang zum Konsulat und die Kooptation durch das Kollegium der XVviri s.f. steigerten als Beweise besonderer Gunst des Kaisers die dignitas des Geschlechts innerhalb der Reichsaristokratie. Als der Sophist Herodes als Sohn des Atticus 143 n. Chr. den Konsulat, wie zu erwarten, als ordinarius antrat123 und außer der ‚ererbten‘ Mitgliedschaft im Quindecimviralkollegium auch zwei weitere angesehene Priesterwürden des Kaiserkults auf sich vereinigen konnte, hatten er und sein Geschlecht den Zenit gesellschaftlichen Prestiges erreicht. In allen Punkten hatten sich damit für ihn die ehrgeizigen Vorstellungen und Wünsche erfüllt, welche Seneca in den lamentierenden Klagen eines Senators formulierte: „Dedit mihi praeturam, sed consulatum speraveram; dedit duodecim fasces, sed non fecit ordinarium consulem; a me numerari voluit annum, sed deest mihi ad sacerdotium; cooptatus in collegium sum, sed cur in unum?“124

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Suet. Vesp. 13: ... Salvium Liberalem in defensione divitis rei ausum dicere: ‚quid ad Caesarem, si Hipparchus sestertium milies habet?‘ Et ipse laudavit. Zu vergleichbaren Vermögen vgl. die Liste bei R. DUNCAN-JONES, The Economy of the Roman Empire. Quantitative Studies, Cambridge 1974, 343f. (App. 7): The size of private fortunes under the Principate. Philostr. vit. soph. 2,1,2, p. II 55f. KAYSER; vgl. insgesamt J. DAY, An Economic History of Athens under Roman Domination, New York 1942, ND 1973, 242f.; zur Rechtslage vgl. D. NÖRR, Ethik und Jurisprudenz in Sachen Schatzfund, in Boll. Ist. Dir. Rom. 75, 1972, publ. 1974, 11-40. Vgl. S. FOLLET, op. cit. (supra Anm. 97), 175-178. CIL XIV, 3692 = I. It. IV l2, 189; CIL VI, 20217; 24162; 29335; vgl. Gell. n. A. 1,2,1. Den Konsulat bekleidete er zusammen mit C. Bellicus Torquatus (PIR2 B 104); vgl. G. ALFÖLDY, op. cit. (supra Anm. 68), 44f. und 144. Sen. de ira 3,31,2. Als Subjekt der Klimax ist deus zu ergänzen, wie der Kontext deutlich macht. Doch lässt sich die Klage absolut gesehen auch auf die reale irdische Macht des dis simillimus princeps (Plin. Pan. 1,3; vgl. Cic. pro Marc. 7,22; Cic. rep. 6,11) beziehen.

Die politische Stellung des D. Clodius Albinus (193-197 n. Chr.)* Wie das Vier-Kaiser-Jahr 69 markiert auch das Jahr 193 n. Chr. eine Zäsur in der Geschichte des Prinzipats1. Aus den Bürgerkriegen nach der Katastrophe Neros ging schließlich Vespasian als Sieger hervor und etablierte die Flavische Dynastie. 193 konnte sich Septimius Severus gegen mehrere Prätendenten durchsetzen und begründete das nach ihm benannte Herrscherhaus der Severer2. Gängige Überblicksdarstellungen zur römischen Geschichte qualifizieren diese Zäsur in ihrer tabellarischen Chronologie durchweg als Fünf-Kaiser-Jahr3, oft unter Bezeichnung der Herrscher: Pertinax, Didius Iulianus, Pescennius Niger, Septimius Severus, wobei als fünfter eben D. Clodius Albinus genannt wird. Erst in jüngerer Zeit scheint sich die zutreffende Beurteilung der Zäsur als Vier-Kaiser-Jahr 193 durchzusetzen4. Ziel dieser Überlegungen ist es, die politische Stellung des Clodius Albinus in den entscheidenden Jahren von 193 bis zu seiner Proklamation zum Augustus im Spätherbst 195 n. Chr. genauer zu beleuchten. Zwei Aspekte verdienen dabei besonderes Interesse und lassen sich nur im Kontext mit den Aktionen seines anfänglichen Partners und späteren Gegners L. Septimius Severus klären: 1. die Stellung des Clodius Albinus als Caesar; 2. Motive und Anlässe seiner Proklamation zum Augustus. Die thematisch übereinstimmende Skizze von Clifton E. VAN SICKLE aus dem Jahre 1928 bedarf hinsichtlich ihrer materiellen Grundlage und ihrer Wertungen

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[zuerst erschienen in: JRGZ 50, 2003, 355-369] Vgl. B. LEVICK, Vespasian (London 1999). – K. WELLESLEY, The Year of the Four Emperors3 (London 2000). Vgl. G. WALSER, Die Severer in der Forschung 1960-1972. In: ANRW II 2 (Berlin 1975) 614-656. – O. HEKSTER, Commodus. An Emperor at the Crossroads (Amsterdam 2002). Beispielsweise E. KORNEMANN, Römische Geschichte II. Die Kaiserzeit3 (Stuttgart 1954) 467. – H. VOLKMANN, Grundzüge der römischen Geschichte7 (Darmstadt 1980) 141 (irrational: 97). – H. BENGTSON, Grundriss der römischen Geschichte I. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr.3 (München 1982) 438. – J. BLEICKEN, Verfassungs- und Sozialgeschichte des römischen Kaiserreiches I4 (Paderborn 1995) 359. – A. HEUSS, Römische Geschichte6 (Paderborn 1998) 678 (besser: 354). – Vgl. auch H.-J. GEHRKE, Kleine Geschichte der Antike (München 1999) 199. Vgl. bereits H.-G. PFLAUM, Das römische Kaiserreich. In: G. Mann/A. Heuss (Hrsg.), Propyläen Weltgeschichte IV (Frankfurt/Berlin 1963) 317-428, hier: 391 (vgl. 665). – H. BELLEN, Grundzüge der römischen Geschichte II. Die Kaiserzeit von Augustus bis Diocletian (Darmstadt 1998) 172. – H.-J. Gehrke/H. Schneider (Hrsg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch (Stuttgart/Weimar 2000) 325 (P. HERZ).

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einer Revision5. Auch die maßgebliche Monographie von Anthony R. BIRLEY zur Herrschaft des Septimius Severus lässt sich in Bezug auf unsere Thematik ergänzen und in mancher Hinsicht noch präzisieren6. Wie notwendig deren erneute Untersuchung ist, dokumentiert etwa ein Aufsatz von Ursula SCHACHINGER7. Als die Nachricht von der Ermordung des Pertinax, der nach knapp dreimonatiger Herrschaft am 28. März 193 dem Mordanschlag einer Gruppe von Prätorianern zum Opfer gefallen war (Dio 73,10,3; HA Pert. 15,6)8, in Britannien eintraf, amtierte dort Clodius Albinus als Statthalter der Drei-Legionen-Provinz. Unter Commodus hatte er vermutlich vor 187 das Suffektkonsulat bekleidet, für eine vermutete [356] Statthalterschaft in Untergermanien gibt es keine Anhaltspunkte. Jedenfalls vertraute ihm Commodus spätestens 192 n. Chr. die Provinz Britannien an: Britannicos exercitus (scil. regebat) iussu Commodi (HA Alb. 13,4; vgl. Dio 74,14,3; Hdn. 2,15,1)9. Die historisch durchweg unzuverlässige Vita des Clodius Albinus in der Historia Augusta beginnt mit der Notiz: „Fast um dieselbe Zeit wurden nach Pertinax, der auf Veranlassung des Albinus getötet worden war – auctore Albino interemptus –, Iulianus in Rom vom Senat, Septimius Severus vom Heer in Syrien, Pescennius Niger im Osten, Clodius Albinus in Gallien zu Kaisern ausgerufen“. Die Nachricht scheint das vermeintliche Fünf-Kaiser-Jahr 193 zu bestätigen, doch erweisen sich die einzelnen Elemente bei genauerer Betrachtung als unhistorisch. Septimius Severus etwa wurde am 9. April 193 als Statthalter der Drei-Legionen-Provinz Pannonia superior, Pescennius Niger als legatus Augusti pro praetore provinciae Syriae in Antiochia am Orontes proklamiert (Dio 74,14,3; vgl. HA Sev. 5,1; Eutrop. 8,8,4). An der Ermordung des Pertinax hatte Albinus mit Sicherheit keinen Anteil, seine Lokalisierung in Gallien resultiert aus einer Kontamination mit seiner (späteren) Erhebung zum Augustus und seiner Niederlage bei Lyon (Lugudunum) am 19. Februar 197. Bemerkenswert erscheint dann allerdings das anschließende Kolon: Et Clodium quidem Herodianus dicit Severi Caesarem fuisse (HA Alb. 1,2). Dass Herodian, auf den der Autor der Historia Augusta seine abweichende Version zurückführt, die 5 6 7 8 9

C.E. VAN SICKLE, The Legal Status of Clodius Albinus in the Years A.D. 193-196. Class. Phil. 23, 1928, 123-127. A.R. BIRLEY, The African Emperor Septimius Severus² (London 1988). U. SCHACHINGER, Clodius Albinus. Programmatischer Friede unter der Providentia Augusti. Riv. Stor. Ant. 26, 1996, 95-122. Vgl. E. HOHL, Kaiser Pertinax und die Thronbesteigung seines Nachfolgers im Lichte der Herodiankritik. Sitzber. Dt. Akad. Wiss. Berlin 1956, 2 (Berlin 1956). Vgl. A.R. BIRLEY, The Fasti of Roman Britain (Oxford 1981) 146-149; zur Frage der niedergermanischen Statthalterschaft vgl. W. ECK, Niedergermanische Statthalter in Inschriften aus Köln und Nettersheim. Bonner Jahrb. 184, 1984, 97-115, hier: 97105; DERS. Prosopographica 3. Zur Laufbahn des Clodius Albinus. Zeitschr. Papyr. u. Epigr. 101, 1994, 230-232.

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Situation zutreffend charakterisierte, erweist die Rekonstruktion der Ereignisse. Für Septimius Severus kam es Anfang April 193 entscheidend darauf an, für seinen Marsch auf Rom, d.h. seine Auseinandersetzung mit Didius Iulianus, Rükken und Flanke zu sichern. Diesem Ziel dienten bereits im Vorfeld seiner Proklamation vom 9. April (Fer. Dur. II 3)10 die Botschaften, welche er nach Herodian (2,9,12) „an alle Statthalter der Rom unterworfenen Provinzen im Norden schickte und diese leicht durch große Versprechungen und Hoffnungen für sich gewann“. Im Falle des britannischen Statthalters hat der Historiker die allgemeine Notiz konkretisiert (Hdn. 2,15,3): „Indem Severus vorgab, Albinus mit Ehren zu entschädigen, zog er ihn auf seine Seite. ... Durch zahlreiche Versprechungen, die Severus in seinen Briefen machte, wurde Albinus, von Natur aus einfach und vertrauensselig, eingenommen. Severus ernannte ihn zum Caesar – Καίσαρα δὲ αὐτὸν ἀποδεικνύει – und kam so dessen Hoffnungen und Wünschen auf eine gemeinsame Herrschaft zuvor – φθάσας αὐτοῦ τὴν ἐλπίδα καὶ τὴν ἐπιθυμίαν τῇ τῆς ἐξουσίας κοινωνίᾳ“. Interessant ist die folgende Begründung des Aktes (Hdn. 2,15,4): „Severus bat Albinus in seinem sehr freundlichen Brief inständig, sich den Regierungsgeschäften zur Verfügung zu stellen: Gerade eines solchen Mannes von vornehmem Stande und im Zenit seines Lebens bedürfe er, da er selbst zu alt sei, an der Gicht leide und seine Kinder noch ganz unmündig seien – αὐτὸν ὄντα πρεσβύτην ... τῶν τε παίδων αὐτῷ ὄντων πάνυ νηπίων.“

Der Hinweis des damals fast 48jährigen Severus auf sein Alter wird Albinus, der maximal zwei Jahre jünger war, kaum besonders motiviert haben11. Wesentlicher erscheint das Argument der unmündigen Kinder. Caracalla war am 4. April 18812, Geta am 7. März 18913 geboren worden. Angesichts der Ausgangslage vom April 193 war nicht auszuschließen, dass Severus im Kampf mit Didius Iulianus und Pescen-

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Das Feriale Duranum wird hier zitiert nach R.O. FINK, Roman Military Records on Papyrus (Cleveland/Ohio 1971) 422-429 (Nr. 117). Zu den Daten vgl. allgemein D. KIENAST, Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie² (Darmstadt 1996) bes. 152-168; vgl. auch J. BALTY, Essai d’iconographie de l’empereur Clodius Albinus (Brüssel 1966) 12-15. Fer. Dur. II 2; Dio 78,6,5; zur Begründung dieser Datierung vgl. ausführlich G. ALFÖLDY, Nox Dea fit lux! Caracallas Geburtstag. In: Historiae Augustae Colloquium Barcinonense. N. S. 4 (Bari 1996) 9-36. Dio 77,2,5; Pass. Perp. et Fel. 7,9; vgl. T.D. BARNES, Pre-Decian acta martyrum. Journal Theol. Stud. 19, 1968, 509-531, hier: 522-525; J. AMAT, Passion de Perpétue et de Félicité suivi des actes (Paris 1996) 20f. und 218. Für die Datierung unerheblich sind die Notizen HA Maxim. 2,3f. und Iord. Get. 84.

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nius Niger den Tod fand, so dass Albinus dann eine Funktion als Vormund oder Interessenvertreter der beiden Knaben zugekommen wäre. [357] Für diesen Eventualfall zeichneten sich die Aussichten für Clodius Albinus also durchaus günstig ab. Indessen ließ er sich durch die Versprechungen des Severus zu weitergehenden Hoffnungen beflügeln. Wie bei Herodian zielten seine Erwartungen auch nach Cassius Dio/Xiphilinos (74,15,1-2) auf eine κοινωνία τῆς ἀρχῆς: „Severus ernannte Albinus zum Caesar – Καίσαρα αὐτὸν ποιῶν; ... dieser aber glaubte, er werde mit Severus auch an der Herrschaft teilhaben – ὡς καὶ κοινωνὸς τῆς ἀρχῆς τῷ Σεουήρῳ ἐσόμενος – und blieb deshalb in Britannien.“ Die Partizipialkonstruktion mit ὡς ist doppeldeutig. Sie kann wie in unserer Paraphrase den subjektiven Grund bezeichnen, andererseits (ὡς mit Part. Fut.) aber auch final gefasst werden: „Albinus blieb in Britannien, um an der Herrschaft teilzuhaben.“ Die Entscheidung müssen wir zurückstellen, um zunächst die Konsequenzen der Caesar-Erhebung zu beleuchten. Erste Aufschlüsse vermittelt die Historia Augusta unter Berufung auf Marius Maximus. Die zwar hypothetische, aber aufgrund propagierter Intentionen nachvollziehbare Notiz der Albinus-Vita (3,4) entspricht unseren bisherigen Schlussfolgerungen: „Severus habe sich mit dem Gedanken getragen, den Pescennius Niger und den Clodius Albinus zu seinen Nachfolgern zu bestellen, falls ihm etwas zustoßen sollte. Später aber habe er im Interesse seiner heranwachsenden Söhne und aus Neid auf die Beliebtheit des Albinus seine Meinung geändert“14. Pescennius Niger ist schon in der ersten Phase dieser Überlegungen ausgeschieden (Dio 73,15,2), der Sinneswandel in Bezug auf Albinus erfolgte, wie noch zu zeigen sein wird, erst später. Die Aussicht auf Nachfolge, die Severus nach dieser Überlieferung dem Albinus eröffnete, schließt eine Form der Mitregentschaft nicht aus, doch bleibt zu fragen, wie diese Konzeption inhaltlich zu fassen ist. Offenbar genügte dem Albinus einstweilen seine Stellung als Caesar und veranlasste ihn zum Wohlverhalten. Eine Vorstellung von den Modalitäten dieser Erhebung, die ja aufgrund der räumlichen Distanz zu Pannonien in Abwesenheit des Septimius Severus erfolgte, bietet ein fiktiver Brief des Commodus in der Albinus-Vita (2,2). Offensichtlich unzutreffend wird der Vorgang hier in die Zeit vor dem Vier-KaiserJahr projiziert, um dem Herrschaftsanspruch des Albinus im Hinblick auf den vermeintlichen Staatsstreich des Severus einen höheren Grad der Legitimation 14

Vgl. HA Pesc. Niger 4,7, wo sich der Autor auf die Autobiographie des Severus beruft; dazu Z. RUBIN, Civil-War Propaganda and Historiography (Brüssel 1980) 138144; zu Marius Maximus vgl. A.R. BIRLEY, Marius Maximus: the Consular Biographer. In: ANRW II 34,3 (Berlin 1997) 2676-2757.

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zu verleihen. Die Einlage nennt zunächst Absender und Adressat: „Kaiser Commodus grüßt Clodius Albinus“, um dann für den Fall einer Usurpation des Septimius Severus den Statthalter Britanniens zur Annahme des Caesar-Titels aufzufordern: ... tibi do facultatem, ut, si necessitas fuerit, ad milites prodeas et tibi Caesarianum nomen adsumas; Zeichen seiner Stellung solle der purpurfarbene Feldherrnmantel sein, allerdings ohne Goldbesatz. Zur Begründung wird dann ein Präzedenzfall angeführt, der uns hilft, den Vorgang inhaltlich zu erfassen: ... quia et proavus meus Verus, qui puer vita functus est, ab Hadriano, qui eum adoptavit, accepit. Die Notiz bezieht sich nicht auf Verus, den nachmaligen Mitregenten Mark Aurels, sondern auf dessen Vater L. Ceionius Commodus, dem die Historia Augusta ebenfalls den Beinamen Verus zulegte15. Mitte 136 (nach dem 19. Juni), hatte Hadrian diesen Ceionius Commodus adoptiert (HA Hadr. 23,11), als Adoptivsohn hieß Ceionius seither L. Aelius Caesar16. Die komplizierte Nachfolgeregelung Hadrians brauchen wir hier nicht zu erörtern17. Es genügt festzuhalten, dass Aelius Caesar nie Kaiser geworden ist, da er spätestens am 1. Januar 138 n. Chr. infolge eines Blutsturzes starb (HA Hadr. 23, 15f.). Hadrian adoptierte daraufhin am 25. Februar den T. Aurelius Antoninus (HA Ant. Pius 4,6), der am 10. Juli 138 (HA Hadr. 25,6; Fer. Dur. II 20) die Nachfolge antrat und uns als Kaiser unter dem Namen Antoninus Pius geläufig ist. [358] In Bezug auf Clodius Albinus bietet sich die Stellung des Aelius Caesar zum Vergleich an. Nach seiner Adoption betraute ihn Hadrian mit dem Kommando in den beiden pannonischen Provinzen: Adoptavit ergo Ceionium Commodum {Verum} ... eumque Caesarem appellavit ... ac statim Pannoniis imposuit (HA Hadr. 23,11f.). Dass Aelius Caesar in diesem Aufgabenbereich einen besonderen Status hatte, verdeutlicht die römische Reichsprägung. Die sog. Provinzserien Hadrians wurden teilweise in Gold bzw. Silber, überwiegend in Bronze jedenfalls in den letzten Jahren seiner Regierung zwischen 134 und 138 n. Chr. geprägt. Die Emissionen gliedern sich in zwei Hauptgruppen:18 15 16

17 18

Vgl. auch J. SCHWARTZ, Sur la vita Clodi Albini. In: Historiae Augustae Colloquium Genovese. N. S. 2 (Bari 1994) 197-202, bes. 200. Zu seiner Person und Stellung vgl. G.A. CECCONI, L. Aelius Caesar. Stud. et Doc. Hist. et Iuris 63, 1997, 477-494; W. ECK, Der angebliche Krieg des Aelius Caesar in Pannonien und die ornamenta triumphalia des Haterius Nepos. In: L. Borhy (Hrsg.), Von der Entstehung Roms bis zur Auflösung des Römerreiches. Diss. Pannonicae III 5 (Budapest 1999) 28-31 (für eine Kopie danke ich Werner RIESS, Heidelberg). Vgl. H.-G. PFLAUM, Le règlement successoral d’Hadrien. In: Bonner Hist. Aug. Coll. 1963 (Bonn 1964) 95-122. H. MATTINGLY, Coins of the Roman Empire in the British Museum (BMC Emp.) III. Nerva to Hadrian (London 1936, ND 1966) 487-526; vgl. P.L. STRACK, Untersuchungen zur römischen Reichsprägung des Zweiten Jahrhunderts II. Die Reichsprägung Hadrians (Stuttgart 1933) 139-166.

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1. ADVENTVI AVG bzw. RESTITVTORI mit dem Namen der Provinz im Genitiv (z.B. HISPANIAE); 2. Name der Provinz bzw. des Provinzialkomplexes oder der entsprechenden Heeresgruppe im Nominativ (z.B. HISPANIA bzw. EXERCITVS HISPANICVS). Von den bedeutenden Provinzen des Reiches wird nur Pannonien bzw. die pannonische Heeresgruppe ausgeklammert. Helmut HALFMANN hat diesen Befund vor einiger Zeit damit zu erklären versucht, dass der Kaiser Pannonien nur einmal zu Beginn seiner Herrschaft – auf dem Wege von Syrien nach Rom (117/18) – besucht habe19. Indessen wird die fehlende ‚Pannonia‘ in den Provinzserien Hadrians ersetzt durch Emissionen in Bronze, die im Namen des L. Aelius Caesar ebenfalls in Rom geprägt wurden. Sesterze und Asse bieten auf dem Avers das Bildnis des kaiserlichen Prinzen mit seinem Namen, auf der Rückseite seine Titulatur TR(ibunicia) POT(estate) CO(n)S(ul) II sowie eine weibliche Gestalt mit vexillum, die durch die Legende im Feld als PANNONIA identifiziert wird (BMC Emp. III 544, Nr. 1919–1924; 547, Nr. 1936–1938 A). Die Prägungen legen den Schluss nahe, dass die beiden Pannonien damals einen besonderen Status hatten und dem Kommando des Aelius Caesar in außergewöhnlicher Weise unterstellt waren. Als designierter Thronfolger – deputatus imperio (HA Ael. 3,2) – besaß Aelius ein imperium proconsulare und vermutlich seit dem 25. Februar 137 auch die tribunicia potestas20. Vergleichbare Präzedenzfälle aus augusteischer Zeit wären etwa Agrippa, Drusus, Tiberius und C. Caesar. Diesem Modell entsprechend ist die Ausnahmestellung des Aelius Caesar in Pannonien natürlich nicht im Sinne einer territorialen „Reichsgliederung“ zu verstehen21, sondern resultierte aus einem Verzicht Hadrians zur Aufwertung seines designierten Nachfolgers, dessen Amtsgewalt im gesamten Reich Geltung hatte. Eine Ehreninschrift, die der Kronprinz 137 n. Chr. seinem Adoptivvater Hadrian in Arrabona setzen ließ (CIL III 4366), bezeichnet den Stifter als L(ucius) Aelius Caes(ar) fil(ius) / trib(unicia) pot(estate), co(n)s(ul) II, / proco(n)s(ul), XVvir 19 20

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H. HALFMANN, Itinera Principum. Geschichte und Typologie der Kaiserreisen im Römischen Reich (Stuttgart 1986) 195. Die tribunicia potestas ist für Aelius Caesar nur in Verbindung mit dem iterierten Konsulat (137 n. Chr.) bezeugt. Allgemein wird die Verleihung auf den 10. Dez. 136 datiert, doch folge ich hier der redaktionell begründeten Argumentation von G. DI VITA-ÉVRARD, Les „fastes impériaux“ de Brescia. In: Epigrafia. Actes du colloque en mémoire de Degrassi (Rom 1991) 93-117, bes. 110-115; für die traditionelle Datierung plädierten KIENAST (Anm. 9) 132 und CECCONI (Anm. 13) 480f., Anm. 12. So E. KORNEMANN, Doppelprinzipat und Reichsteilung im Imperium Romanum (Leipzig/Berlin 1930) 72-74; zur Kritik vgl. STRACK (Anm. 18) 147, Anm. 327; A. STEIN, Rez. Kornemann, Philolog. Wochenschr. 51, 1931, 1080-1090, hier: 1084f.

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/ sacris faciund(is). Resultiert die Namensgebung aus der Adoption, so bezeugt die Titulatur einerseits die tribunizische Amtsgewalt, andererseits das imperium proconsulare, welches in der Münzprägung nicht eigens zum Ausdruck gebracht wurde. Aus der Stellung des Aelius Caesar in den beiden Pannonien erklärt sich etwa die singuläre Bezeichnung des [Claudius (?)] Maximus als iuridicus pr(o) pr(aetore) utriusqu[e] Pannoniae (CIL III 10336). Griechische Ehreninschriften belegen Gesandte kleinasiatischer Städte πρὸς τοὺς αὐτοκράτορες εἴς τε τὴν βασιλίδα ῾Ρώμην καὶ εἰς Παννονίαν (Inschr. v. Magnesia 180) bzw. πρός τε Λούκιον Καίσαρα εἰς Παννονίαν (und später) πρὸς τὸν μέγιστον αὐτοκράτορα Τί. Αἴλιον Ἁδριανὸν Ἀντωνεῖνον Σεβαστὸν Εὐσεβῆ εἰς [359] ῾Ρώμην (IGR IV 862). In den wesentlichen Kompetenzen ergeben sich somit deutliche Übereinstimmungen mit der Stellung des Tiberius unter Augustus als filius, collega imperii, consors tribuniciae potestatis (Tac. ann. 1,3,3) bzw. des Trajan, den Plinius (Pan. 8,6) nach der Adoption durch Nerva apostrophierte als simul filius, simul Caesar, mox imperator et consors tribuniciae potestatis. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich in Bezug auf die Ernennung des Clodius Albinus zum Caesar Gemeinsamkeiten und Unterschiede ab. Wie Aelius wurde Albinus mit einem zweiten Konsulat ausgezeichnet, das er 194 zusammen mit Septimius Severus als ordinarius bekleidete (z.B. CIL XVI 134; XIII 6740 b). Die Zusicherung des iterierten Konsulats muss mit der Caesar-Ernennung in den schriftlichen Vereinbarungen enthalten gewesen sein, die Severus nach seinem Einmarsch in Rom vom Senat sanktionieren ließ (Hdn. 2,15,5). Zusammen mit anderen Ehrungen werden in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Münzprägung für Clodius Albinus und die Aufstellung seiner Statuen genannt: νομίσματά τε αὐτοῦ κοπῆναι ἐπέτρεψε (scil. ὁ Σεβῆρος), καὶ ἀνδριάντων ἀναστάσεσι ταῖς τε λοιπαῖς τιμαῖς τὴν δοθεῖσαν χάριν ἐπιστώσατο. Prägungen im Namen des Caesar sind bekannt, auch einige Porträts lassen sich in ikonographischer Abgrenzung zu Septimius Severus für ihn sichern22. Insofern wird die Nachricht Herodians also durchaus auch materiell bestätigt. 22

Die seltenen Stadtprägungen des griechischen Ostens bedürften einer eigenen Untersuchung: Pautalia/Thrakien, Smyrna/Ionien, Saïtta/Lydien (Münzen und Medaillen Basel, Auktion 41, 1970, Nr. 431), Laodicea/Phrygien (Karl KRESS, München, Auktion 130, 1964, Nr. 404), Elaïussa/Kilikien (Slg. Walter NIGGELER 2, Münzen und Medaillen Basel, 1966, Nr. 648); vgl. ZEDELIUS (Anm. 36) 82; ergänzend L. RUZICKA, Die Münzen von Pautalia. Bull. Inst. Arch. Bulgare 7, 1932/33, 1-126, hier: 122, Nr. 439-441 mit Taf. X 17; V. GRIGOROVA, Neue Beiträge zur Erforschung der Münzprägung von Pautalia (Mailand 1998); M.-R. ALFÖLDI (Hrsg.), Griechisches Münzwerk, Berlin 2001, 24f. mit Abb. 29; D.O.A. KLOSE, Die Münzprägung von Smyrna in der römischen Kaiserzeit (Berlin 1987) 272; zur Fälschung der Homonoia-Prägung zwischen Side und Perge vgl. bereits BMC Lycia/Pamphylia 164, Nr. 129. Alexandria hat natürlich nicht für Clodius Albinus geprägt. Zu seinen Statuen vgl. BALTY (Anm.

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Andererseits scheint die angesprochene Ehrung des Caesar durch Statuen recht banal, sofern sich diese Notiz nicht auch auf den militärischen Kontext bezieht. Die gesicherten rundplastischen Porträts des Albinus befinden sich alle in musealen Sammlungen, so dass ihre Provenienz bzw. der Fundzusammenhang nur in Einzelfällen zu ermitteln ist; ein Kopf aus Thugga stammt vom dortigen Saturn-Tempel. Insofern lässt sich im Falle des Caesar Clodius Albinus also keine Sicherheit gewinnen, ob seine Statuen evtl. auch in den Stabsgebäuden der Garnisonen standen. Für die britannischen Legionen und ihre Auxiliarverbände möchte ich dies vermuten, vielleicht ist auch die spanische legio VII Gemina diesem Beispiel gefolgt und hat den Caesar in die Heeresreligion einbezogen. Auch in dieser Frage bietet sich der Befund des Aelius Caesar als Analogie an. Für ihn ist eine Statue durch die zugehörige Basis (CIL XIV 4356) in der Kaserne der vigiles in Ostia nachgewiesen; spätere Zeugnisse dieser Art für Caesares (z.B. CIL X 3339; XIV 4366; VIII 9833) können hier außer Betracht bleiben23. Die Truppen des Septimius Severus sahen andererseits sicher keine Veranlassung, auch dessen Caesar in ihre Gelübde einzuschließen. Keine Erwähnung findet in der literarischen Überlieferung eine Verleihung der tribunizischen Amtsgewalt an Clodius Albinus. Dieser negative Befund wird durch die Münzprägung bestätigt, die den Caesar 193 zunächst als D. CLODIVS ALBINUS CAES(ar), dann mit dem zusätzlichen Gentile SEPTIMIVS bezeichnet (BMC Emp. V 25f., Nr. 38 und 41), seit 194 unter Nennung des iterierten Konsulats (COS II) (BMC Emp. V 35, Nr. 88). Nur scheinbar widersprechen diesem Ergebnis zwei Einzelstücke. Ein Denar (BMC Emp. V 38, Nr. 103 [a] mit Taf. 8,8) zeigt auf der Vorderseite den barhäuptigen Kopf des Clodius Albinus n.r. mit der Legende D CLOD SEPT ALBIN CAES, die Rückseite bietet eine sitzende Felicitas mit der Umschrift PM TR P COS III, im Abschnitt FEL(icitas) P(opuli) R(omani). Ein [360] drittes Konsulat hat der Caesar nie bekleidet, ebenso wenig war er natürlich pontifex maximus. In der Tat handelt es sich hier um eine hybride Prägung, d.h. eine Stempelkopplung von einem Avers des Albinus mit einem Revers des Kaisers Hadrian (BMC Emp. III 272, Nr. 264-

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11) bes. 49-56; ergänzend und teilweise korrigierend noch A.M. MCCANN, The Portraits of Septimius Severus (Rom 1968) bes. 42, 61f., 80, 197-202. Den Begriff des „Bildnisrechts“ sollte man grundsätzlich vermeiden; vgl. Th. PEKÁRY, Das römische Kaiserbildnis in Staat, Kult und Gesellschaft, dargestellt anhand der Schriftquellen (Berlin 1985) 143-148. Vgl. R. SABLAYROLLES, Libertinus miles. Les cohortes de vigiles (Rom 1996) bes. 306 und 385-391; ergänzend zur Heeresreligion vgl. H. ANKERSDORFER, Studien zur Religion des römischen Heeres von Augustus bis Diokletian (Diss. Konstanz 1973) bes. 73-106; O. STOLL, Die Skulpturenausstattung römischer Militäranlagen an Rhein und Donau. 2 Bde. (St. Katharinen 1992) I 8-77.

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233

267 mit Taf. 51,17)24. Die in diesem Zusammenhang zitierte Aes-Prägung aus der Sammlung POYDENOT (COHEN III 418, Nr. 35 = BMC Emp. V 133, Anm. 533) lässt sich nicht mehr verifizieren. Angeblich lautete die Rückseitenlegende FORT(unae) REDVCI TR POT COS II SC. Ein Vergleich mit echten Stücken zeigt indessen, dass die Umschrift ohne Angabe der tribunicia potestas den verfügbaren Raum bereits ausfüllte, so dass die Erweiterung vermutlich auf eine Fehlinformation zurückgeht25. In Übereinstimmung mit der neueren Forschung dürfen wir also festhalten, dass dem Clodius Albinus im Unterschied zu Aelius Caesar die tribunizische Amtsgewalt vorenthalten blieb. Hingegen bedarf die herrschende Auffassung, er habe auch kein imperium proconsulare besessen, der Korrektur. Wenn in der Münzprägung generell auf den Titel proconsul verzichtet wurde, erlaubt dieser Befund in Analogie zu den Emissionen des Aelius Caesar keinerlei Schlussfolgerungen. Ebenso wenig signifikant sind die vereinzelten Inschriften, die Albinus als Caesar bezeichnen. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist vielmehr eine Notiz der Severus-Vita in der Historia Augusta (HA Sev. 6,9), deren überlieferter Wortlaut allerdings verderbt ist. Handschriften der Klasse P, vertreten durch den Codex Palatinus Latinus 899 (9. Jh.), bieten die Lesung ... cui (i.e. Clodio Albino) Caesarianum decretum † aut Commodianum † videbatur imperium; anstelle der Korruptel nach decretum indiziert die Klasse S eine Lücke. Von den Herausgebern hat Ernst HOHL den Passus † aut Commodianum † getilgt26, doch wird Commodus schon aufgrund der bereits angesprochenen fiktiven Briefeinlage in diesem Zusammenhang genannt gewesen sein. Ohne die Probleme der Textkritik hier vertiefen zu wollen, spricht unter paläographischen und inhaltlichen Gesichtspunkten am meisten für die von David MAGIE vorgeschlagene Konjektur: ... cui Caesarianum decretum auctore Commodo iam videbatur imperium – „(Albinus), dem offenbar auf Weisung des Commodus bereits das imperium als Caesar verliehen worden war“27. Historisch ist dieser Beschluss auf Severus zurückzuführen, doch bringt der Autor der Historia Augusta immerhin deutlich zum Ausdruck, dass nach seiner Auffassung Albinus als Caesar ein imperium besaß. Analog zu Aelius Caesar kann nur das imperium proconsulare gemeint sein. Auch in diesem Falle handelte es sich natürlich nicht um eine territorial auf Britannien begrenzte Amtsgewalt, sondern um ein umfassendes imperium proconsulare eigenen

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Im Ergebnis der Ablehnung zutreffend, doch falsch in der Begründung VAN SICKLE (Anm. 5) 125. Vgl. A. BANTI, I grandi bronzi imperiali. Commodus-Clodius Albinus (Florenz 1986) 310-312, Nr. 9-13. E. HOHL (Hrsg.), Scriptores Historiae Augustae4. 2 Bde. (Leipzig 1965) I 141 (Apparat). D. MAGIE (Hrsg.), The Scriptores Historiae Augustae. 3 Bde. (London 1921) I 384 (Text).

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Rechts, wie wir es im Falle des Aelius Caesar inschriftlich für das gesamte Römische Reich nachweisen können28. Seine gegenteilige Auffassung begründete Clifton E. VAN SICKLE damit29, dass Clodius Albinus die Siegerbeinamen des Severus Parthicus Arabicus, Parthicus Adiabenicus nicht geführt habe, was schon deshalb nicht relevant erscheint, weil sich zum Zeitpunkt ihrer Annahme durch den Kaiser bereits der Bruch mit Albinus abzeichnete. Angesichts der spärlichen epigraphischen Zeugnisse für Albinus, von denen kein einziges aus Britannien stammt, wird man auch kaum behaupten können, er habe den Titel proconsul nicht geführt. Die stark fragmentierte Bauinschrift des Saturn-Tempels in Thugga (CIL VIII 26498) legt ihm den Titel zwar nicht zu, doch fehlt er auch im Falle des Severus, der allerdings die Siegerbeinamen ex virtute führt. Auch in der Weihinschrift aus Aquae Flavianae in Numidien (CIL VIII 17726) wurde auf den Titel proconsul sowohl für Severus als auch für Albinus verzichtet, wenngleich der Dedikant C. Iulius (Scapula) Lepidus Tertullus ihn zeitgleich in einer anderen Inschrift (AE 1926,144) nur dem Severus, nicht aber dem Albinus zubilligte. Andere epigraphische Zeugnisse (CIL XIII 1755; XIV 6) sind für die Frage nicht relevant. Insofern möchte ich aus der Divergenz der Titulaturen in der angesprochenen (fragmentarischen) Inschrift aus El Kantara (AE 1926, 144) nicht den weit reichenden [361] Schluss ziehen, Albinus habe kein imperium besessen, zumal in seinem Falle andere politische Rahmenbedingungen gegeben waren. Möglichen Zweifeln an der Historizität dieser Wertung lässt sich mit dem Befund der sog. Legionsmünzen des Septimius Severus begegnen. In diesen Denar-Emissionen sind 15 Legionen genannt, welche an Rhein und Donau seine Erhebung unterstützt haben. Nicht bedacht wurde lediglich die in Vindobona (Pannonia superior) garnisonierte legio X Gemina, weil sie sich offenbar zu wenig spontan zum Treueid entschloss30. Zusätzlich wurden für fünf Legionen – die XIV Gemina in Carnuntum (Pannonia superior), die II Adiutrix in Aquincum (Pannonia inferior), die IV Flavia in Singidunum (Moesia superior), die VIII Augusta in Argentorate (Germania superior) und die I Minervia in Bonna (Germania inferior) – Aurei ge-

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Zu den Belegen vgl. CECCONI (Anm. 16) 477f., Anm. 2. VAN SICKLE (Anm. 5) 126. Einen Überblick bietet Ph.V. HILL, The Coinage of Septimius Severus and His Family of the Mint of Rome A.D. 193-217 (London 1964) 16, Nr. 30-46; vgl. BMC Emp. V 21-23, Nr. 7-25; dazu R. ZIEGLER, Die Legionsmünzen des Kaisers Septimius Severus. Münstersche Numismatische Zeitung (!). Beilage zu Münzhandlung und Numismatischer Verlag Holger Dombrowski, Lagerkatalog 41 (Münster 1971) 1-4; K. WITTWER, Kaiser und Heer im Spiegel der Reichsmünzen (Diss. Tübingen 1986) 131-135; Th. VERMEEREN, Le type legio dans le monnayage de Septime Sévère, Rev. Belge Num. 137, 1991, 65-91 mit Taf. IV (inhaltlich teilweise problematisch).

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prägt31, da sie sich als erste dem Putsch des Severus angeschlossen hatten32. Unberücksichtigt blieben die drei britannischen Legionen des Clodius Albinus: die II Augusta in Caerleon (Isca Silurum), die VI Victrix in York (Eburacum) und die XX Valeria Victrix in Chester (Deva). Sicher haben auch diese Einheiten infolge des Arrangements zwischen Severus und Albinus frühzeitig, d.h. vor dem 9. April 193, den Treueid auf Septimius Severus geleistet und ein entsprechendes Donativ erhalten. Wenn sie in den Legionsserien nicht genannt sind, resultiert dieser Befund m.E. aus denselben Gründen wie das Fehlen des exercitus Pannoniacus in den Provinzserien Hadrians. Offenbar scheute sich Severus einerseits, unmittelbar in die Kompetenz seines Caesar einzugreifen und die britannische Heeresgruppe damit für sich zu reklamieren, andererseits wollte er aber auch nicht die Stellung des Albinus durch entsprechende Prägungen mit dessen Porträt auf dem Avers aufwerten. In Analogie zu Aelius Caesar spricht der numismatische Befund also dafür, dass auch Clodius Albinus als Caesar ein imperium proconsulare besaß, das er primär in Britannien ausübte. Ob auch Gallien und evtl. sogar Spanien bereits zum damaligen Zeitpunkt eher zu ihm als zu Severus tendierten, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Die dem L. Novius Rufus als Statthalter der Hispania Tarraconensis (CIL II 4125) unterstellte legio VII Gemina hat sich später Albinus angeschlossen, doch könnte ihr Fehlen in den Legionsserien des Septimius Severus auch mit einer abwartenden Haltung bei dessen Erhebung begründet werden33. Letzteres gilt vermutlich für die legio III Augusta in Lambaesis, deren Legat L. Naevius Quadratianus (CIL VIII 10238) bereits 194 n. Chr. durch C. Iulius (Scapula) Lepidus Tertullus abgelöst war (CIL VIII 17726; AE 1955, 137)34. Hat Albinus somit als Caesar das imperium proconsulare besessen, wäre die Schlussfolgerung, er sei von Severus auch adoptiert bzw. besser: adrogiert wor-

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33 34

Bislang waren Goldprägungen nur für die drei in Carnuntum, Straßburg und Bonn garnisonierten Legionen bekannt (BMC Emp. V 22, Nr. 18 und 13; COHEN IV 31, Nr. 258 = BMC Emp. V 21, Nr. ‡). Zur LEG II ADIVT(rix) in Aquincum (Budapest) vgl. Numismatic Fine Arts, Auktion 25 (Nov. 1990), Nr. 414; zur LEG IIII FL(avia) in Singidunum (Belgrad) vgl. Peus Katalog 284 (Auktion Dez. 1974), Nr. 990. Der bisherige Befund lässt erwarten, dass auch in den beiden übrigen DonauProvinzen mit zwei Legionen (Tres Daciae und Moesia inferior) die Einheit mit Goldprägungen ausgezeichnet wurde, welche sich dem Putsch spontan angeschlossen hat. Vgl. G. ALFÖLDY, Fasti Hispanienses (Wiesbaden 1969) 42f.; PIR² N 189. Vgl. B.E. THOMASSON, Fasti Africani (Stockholm 1996) 168-170, Nr. 48 und 49. Als procos. Africae amtierte damals P. Cornelius Anullinus (CIL VIII 1170), der sich engagiert für Septimius Severus einsetzte (Epit. de Caes. 20,6).

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den35, verfehlt. Johannes HASEBROEK hat diese Konsequenz vor allem aus der Annahme des „Septimius“-Namens durch Clodius Albinus gezogen36. Indes[362]sen stehen dieser Interpretation schon allgemeinpolitische Überlegungen entgegen. Septimius Severus hätte damit praktisch seine leiblichen Söhne von der „Thronfolge“ ausgeschlossen, wie ein Vergleich mit bekannten Nachfolgeregelungen verdeutlicht. So hat Augustus den von ihm wenig geschätzten Tiberius nur unter der Voraussetzung adoptiert, dass dieser zuvor seinen Neffen Germanicus an Sohnes Statt annahm (Suet. Tib. 15,2; Inst. 1,11,11)37, um den Prinzipat den Nachkommen des Drusus zu „vererben“. Ebenso ist Hadrian verfahren, wenn er Antoninus Pius adoptierte, nachdem dieser seinerseits Lucius Verus und Mark Aurel adoptiert hatte (Dio 69,21,1f.; HA Ant. Pius 4,5f.)38. In beiden Fällen waren die direkten Nachfolger nicht die Wunschkandidaten ihrer kaiserlichen Vorgänger, sondern Platzhalter für die „Thronfolger“ der zweiten Generation. Hätte Septimius Severus ein solches Konzept vorgeschwebt, wären Caracalla und Geta zunächst von Clodius Albinus adoptiert worden, bevor dieser selbst Sohn des Severus geworden wäre. Dies ist mit Sicherheit auszuschließen. In Konsequenz ergibt sich daraus, dass Albinus den Gentilnamen lediglich angenommen hat, um seine Stellung als Caesar des Septimius Severus zum Ausdruck zu bringen. Auf den ersten Blick erscheint es natürlich ungewöhnlich, diese Wechselbeziehung durch den „Septimius“-Namen zu dokumentieren. Die Zielsetzung wäre evtl. auch durch eine Erweiterung der Nomenklatur des Albinus um das cognomen „Severus“ deutlich geworden. Vergleichbar wäre etwa das Epitheton „Germanicus“ des Vitellius, das die erfolgreiche Erhebung des Kaisers durch die germanische Heeresgruppe akzentuierte (BMC Emp. I 388, Nr. 97f.; Dio 65,1,2 a)39. Im Falle des Septimius Severus zielte die Annahme des „Pertinax“Namens auf den Anspruch der Rache für die Ermordung dieses Kaisers (BMC 35

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Zur terminologischen Differenzierung vgl. Gaius inst. 1,98-100; inhaltlich vgl. VERF., Oktavian und das Testament Caesars. Zeitschr. Savigny-Stiftung f. Rechtsgesch. 116, 1999, 49-70 [hier 71-91]. J. HASEBROEK, Untersuchungen zur Geschichte des Kaisers Septimius Severus (Heidelberg 1921) 28; vgl. KORNEMANN (Anm. 21) 83; unentschieden V. ZEDELIUS, Untersuchungen zur Münzprägung von Pertinax bis Clodius Albinus (Diss. Münster 1975, publ. 1977) 74 mit 116, Anm. 267; mit Recht skeptisch M.-H. PRÉVOST, Les adoptions politiques à Rome sous la République et le Principat (Paris 1949) 58; zutreffend BIRLEY (Anm. 9) 149. Vgl. H.U. INSTINSKY, Augustus und die Adoption des Tiberius. Hermes 94, 1966, 324-343, bes. 326-329. Vgl. PFLAUM (Anm. 17) 104f. Vgl. VERF., Römische Inschriften² (Stuttgart 2001) 78 (Nr. 10); unentschieden P. KNEISSL, Die Siegestitulatur der römischen Kaiser (Göttingen 1969) 38-41; unzutreffend B. RICHTER, Vitellius (Frankfurt 1992) 109-113.

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Emp. V 20, Nr. 1; Hdn. 2,10,1)40. Als Augustus usurpierte Opellius Macrinus für sich den „Severus“-Namen, für seinen Sohn Diadumenianus den „Antoninus“Namen, um an die Dynastie seines ermordeten Vorgängers Caracalla anzuknüpfen (BMC Emp. V 494, Nr. †; 509, Nr. †; HA Macrin. 5,7)41. Wenn Clodius Albinus also nicht das cognomen, sondern das nomen gentile des Septimius Severus wählte, um seine Stellung als dessen Caesar zum Ausdruck zu bringen, dürfte diese Präferenz einen Grund gehabt haben, den ich in der Person des gemeinsamen Gegners in Rom vermute. Dessen Nomenklatur lautete bereits vor der Erhebung zum Kaiser vollständig M. Didius Severus Iulianus (CIL VI 1401) und wurde in dieser Form auch auf Reichsprägungen seiner zweiten Emission präsentiert: IMP CAES M DID SEVER IVLIAN AVG (BMC Emp. V 12, Nr. 9; 15, Nr. 20). Die Bedeutung des „Severus“-Namens wird auch in einer Episode deutlich, welche die Historia Augusta (Did. Iul. 7,2) berichtet: Als der designierte Konsul am 28. März 193 den Antrag stellte, Didium Iulianum imperatorem appellandum esse, habe Iulianus ihm zugerufen: Adde et Severum, da bereits sein Groß- und sein Urgroßvater das cognomen geführt hätten. Se non è vero, è ben trovato! Insofern war „Severus“ als Beiname für den Caesar des Septimius Severus also diskreditiert, zumal über die Mutter des Didius Iulianus, Aemilia Clara, auch enge Beziehungen zu Hadrumetum bestanden, der Heimat des Clodius Albinus (HA Did. Iul. 1,2; Albin. 1,3)42. Die Wahl des nomen gentile „Septimius“ erklärt sich somit aus der politischen Rahmensituation und qualifizierte Albinus eindeutig als Caesar des Septimius Severus. Das Arrangement vom Juni 193 n. Chr. lässt somit gegenüber früheren Konzeptionen eine reduzierte Zielsetzung erkennen43. Der Verzicht auf die dynasti-

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Vgl. BIRLEY (Anm. 6) 97 und 105. Vgl. PIR² O 108; D. BAHARAL, The Emperor Macrinus. Imperial Propaganda and the Gens Aurelia. In: E. del Cavolo/G. Rinaldi (Hrsg.), Gli Imperatori Severi (Rom 1998) 47-65. Vgl. G. ALFÖLDY, Herkunft und Laufbahn des Clodius Albinus in der Historia Augusta. In: Bonner Hist. Aug. Coll. 1966/67 (Bonn 1968) 19-38, bes. 20-22; ergänzend A.R. BIRLEY, The Coups dʼEtat of the Year 193. Bonner Jahrb. 169, 1969, 247-280, bes. 265f. Als Terminus post für die Datierung dieses Arrangements muss der Einzug des Septimius Severus in Rom um den 1. Juni 193 n. Chr. (Dio 73,17,5; 76,17,4) gelten. Nicht überzeugend erscheinen mir die chronologischen Schlussfolgerungen von A. DAGUET-GAGEY, Adrastus et la Colonne Antoine. L’administration des travaux publics à Rome en 193 ap. J.-C. Mél. École Française Rome 110, 1998, 893-915, hier: 912-914: Adrastus, mag er nun L. Septimius [363] oder L. Aurelius geheißen haben, hätte sich und der Zentralverwaltung sicher keinen Dienst erwiesen, wenn er 193 n. Chr. den Caesar Albinus in seiner Nomenklatur oder in der Funktionsbezeichnung der rationales zum Mitherrscher des Severus, d.h. zum Augustus, aufgewertet hätte. Insofern muss die Redaktion dieses Teils der Inschrift (CIL VI 1585 b = ILS 5920, Z. 1-11) auf den Zeitpunkt der Aufstellung, frühestens 198 n. Chr., bezogen werden;

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sche Einbindung des Clodius Albinus durch Adro[363]gation verdeutlicht, wie Septimius Severus die Caesar-Ernennung einschätzte: als politisch und strategisch bedingtes Zugeständnis an einen potentiellen Konkurrenten ohne langfristige Perspektive. Die Stellung als Caesar eröffnete Albinus zwar formal die Aussicht auf interimistische Übernahme der Macht im Interesse der minderjährigen Söhne des Severus, blieb aber infolge mangelnder dynastischer Absicherung ohne Chance zur Realisierung. Lediglich unter der Voraussetzung, dass Severus in den folgenden Bürgerkriegen gefallen wäre, hätte Albinus seinem Anspruch Geltung verschaffen und sich evtl. auf Kosten Caracallas und Getas mit einem anderen Prätendenten arrangieren können. Die erforderliche Legitimation bot in diesem Fall das imperium proconsulare, dessen Verleihung der Senat im Juni 193 bestätigte. Ohne diesen Rechtstitel wäre Albinus beim vorzeitigen Tod des Severus nicht mehr gewesen als eben Statthalter der Provinz Britannien44, da seine Stellung als Caesar an die Person des Augustus gebunden war. Schon deshalb musste für ihn das imperium proconsulare essentieller Bestandteil seiner Absprachen mit Severus sein. Unter diesen Voraussetzungen spricht mehr für die finale Interpretation des angesprochenen DioZitats (73,15,2): „Albinus blieb in Britannien, um (dort) an der Herrschaft teilzuhaben“. Diese Teilhabe resultierte aus der Verleihung des imperium proconsulare und ihrer Bestätigung durch den Senat. Bekanntlich haben sich die Hoffnungen des Albinus auf die Zukunft nicht erfüllt. Bereits Ende März/Anfang April 194 (nicht erst im Mai) fiel die Entscheidung im Osten zugunsten des Septimius Severus bei Issos (Dio 74,7,1; Hdn. 3,4,2), der anschließend von seinen Truppen in Abwesenheit zum vierten Male als siegreicher Feldherr akklamiert wurde (BMC Emp. V 32f., Nr. 74-77)45.

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vgl. auch H. CHANTRAINE, Freigelassene und Sklaven im Dienst der römischen Kaiser (Wiesbaden 1967) 256-271. So VAN SICKLE (Anm. 5) 126f. Vgl. HASEBROEK (Anm. 36) 60f.; M. GRECO, Cronologia delle guerre civili di Settimio Severo (193-197 d.C.). Archivio Stor. Sicil. 4, 1978, 5-26, hier: 13; BIRLEY (Anm. 6) 112-114 mit Anm. 12-16 (S. 246). Auf den Anschluss der syrischen Heeresgruppe wird jetzt überwiegend der Eintrag des Feriale Duranum (II 10f.) zum 21. Mai bezogen; vgl. P. HERZ, Untersuchungen zum römischen Festkalender nach datierten Weih- und Ehreninschriften (Diss. Mainz 1975) bes. 92 und 440f., Anm. 8; BIRLEY (Anm. 6) 246, Anm. 15. Überzeugender scheint mir mit R.O. FINK gegen A.S. HOEY (The Feriale Duranum. Yale Class. Stud. 7, 1940, 128-136) der Bezug auf das Angebot der Mitregentschaft durch Didius Iulianus an Severus (Dio 73,17,2; HA Sev. 5,7). Obgleich Severus das auch vom Senat beschlossene Angebot zunächst ablehnte, musste es ihm nach Ausschaltung des Iulianus aus legalistischen Gründen willkommen sein, seine Anerkennung durch den Senat möglichst früh, d.h. auf den 21. Mai 193 n. Chr., zu datieren. Vitellius hatte 69 n. Chr. den Tag seiner Bestätigung durch den Senat (19. April) als dies imperii akzeptiert (AFA 40 I 85, SCHEID = VERF. [Anm. 39] 76-78, Nr. 10). Von anderer Qualität ist der 13. Februar (BGU 362 IV 6), der in

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Lediglich Byzanz leistete noch bis Ende 195 erbitterten Widerstand (Dio 74,12,1). Offenbar im Vertrauen auf die Absprachen, evtl. auch beeindruckt durch die Präsenz des Severus in Thrakien (Perinth), verhielt sich Albinus ruhig, so dass der regierende Kaiser 194 n. Chr. zunächst die Neuordnung Syriens und anschließend eine Strafexpedition gegen die parthischen Klientelkönige von Osrhoëne und Adiabene durchführen konnte46. Erst seit April des folgenden Jahres 195 n. Chr. zeichneten sich neue Entwicklungen ab, die eindeutig von Septimius Severus initiiert worden sind. Propagandistisch vorbereitet wurde der Konflikt durch dessen Anknüpfung an das Kaiserhaus der Antonine, wie sie erstmalig durch die Verleihung des Titels mater castrorum an Iulia Domna vom 14. April 195 indiziert wird (BGU 362 XI 15; CIL VIII 26498). Derselbe Titel „Mutter der Feldlager“ war zwanzig Jahre zuvor der jüngeren Faustina kurz vor ihrem Tode von ihrem Gemahl Mark Aurel verliehen worden (Dio 71,10,5), um Gerüchten ihrer Verbindung zum Usurpator Avidius Cassius zu begegnen und die Eintracht von Kaiserhaus und Truppen zu demonstrieren. Offenbar gehört in diesen Zusam[364]menhang auch die Legende vom Traum des Septimius Severus, Faustina habe ihm bei seiner Vermählung mit Iulia Domna das Brautbett im Tempel der Venus herrichten lassen (Dio 74,3,1)47. Auf das Verhältnis des Kaisers zu Albinus blieb diese erste Stufe der dynastischen Anknüpfung an das Herrscherhaus der Antonine noch ohne Auswirkungen. Die Weihinschrift vom Saturn-Tempel in Thugga (CIL VIII 26498) ist in die Zeit zwischen 14. April und 10. Dezember 195 datiert; sie wurde gestiftet für das Wohl des regierenden Kaisers Severus, des Clodius Albinus Caesar und der Iulia Domna als mater castrorum. Im Verlauf dieses Jahres kam es dann allerdings zum Bruch. Als Anlass wird in der neueren Forschung durchweg die Erhebung Caracallas zum Caesar postuliert und diese entsprechend auf 195 datiert48. Genau genommen stützt sich diese Hypothese auf eine einzige Inschrift aus Leányfalu (nördl.

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Ägypten als Tag des Anschlusses dieser Provinz vermutlich auf Initiative der legio II Traiana (DATTARI Nr. 4008) an Severus im Jahre 194 n. Chr. (vgl. CIL III 6580 = ILS 2304) noch später gefeiert wurde. Vgl. HALFMANN (Anm. 19) 216 und 219f. Vgl. H.U. INSTINSKY, Studien zur Geschichte des Septimius Severus I. Julia Domna als mater castrorum und als mater senatus, mater patriae. Klio 35, 1942, 200-211; R.O. FINK, Feriale Duranum I 1 and Mater Castrorum. Am. Journal Arch. 48, 1944, 17-19; E. KETTENHOFEN, Die syrischen Augustae in der historischen Überlieferung (Bonn 1979) 79-97; G. FIACCADORI, Dittico per Settimio Severo e Giulia Domna da Bostra (IGLS 9052/53). La Parola del Passato 54, 1999, 152-155. HALFMANN (Anm. 19) 220; BIRLEY (Anm. 6) 119f.; vorsichtig KIENAST (Anm. 11) 162.

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Aquincum), die Sándor Soproni 1980 publizierte und eingehend kommentierte49. Die Ehrung der cohors I milliaria Aurelia Antoniniana Surorum für den regierenden Kaiser Septimius Severus und dessen Sohn M. Aurelius Antoninus Caesar scheint durch die Angabe der fünften imperatorischen Akklamation des Severus – imp(erator) V – in den Frühsommer 195, zu Beginn des sog. „Ersten Partherkrieges“ (BMC Emp. V 39, Nr. 107), datiert50. Meine Zweifel an der Relevanz dieser Inschrift für unsere Fragestellung lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen: 1. Die Inschrift wurde offensichtlich nach 212 n. Chr. überarbeitet, um den Ehrennamen der Einheit ‚Antoniniana‘ einzubauen (Zeile 6); Schriftduktus und Ligaturen zeigen eine sehr provinzielle Arbeit des Steinmetzen. 2. Die Zählung der zweiten tribunicia potestas (Zeile 4) ist mit Sicherheit falsch, da sie in das Jahr 194 n. Chr. weisen würde. 3. Die Abfolge der Kaisertitulatur erscheint ungewöhnlich, da die Siegerbeinamen Arabicus Adiabenicus vom Namenteil durch den Titel pater patriae abgetrennt sind; das reguläre Formular lautete: Imp. Caes. L. Septimius Severus Aug. Arabicus Adiabenicus, pont. max., trib. pot. III, imp. ?, cos. II, p. p. (z.B. AE 1984, 373 und 919). 4. Die Münzemissionen dokumentieren die ungemein rasche Abfolge der fünften bis siebenten imperatorischen Akklamation innerhalb weniger Wochen während des sog. Ersten Partherkrieges (BMC Emp. V 38-42, Nr. 104-130). 5. Alle sonstigen Zeugnisse bieten die neue Nomenklatur Caracallas – darauf werden wir noch zurückkommen – und seine Stellung als Caesar nicht vor der siebenten imperatorischen Akklamation des Severus in Verbindung mit dessen dritter bzw. vierter tribunicia potestas (vgl. CIL X 3341). Unter diesen Voraussetzungen spricht nichts dafür, dass ausgerechnet eine Auxiliarkohorte in Unterpannonien genaue Informationen über den Verlauf des „Ersten Partherkrieges“ und die daraus resultierende Modifizierung der Kaisertitulatur besaß51, so dass die Angabe der fünften imperatorischen Akklamation nicht als Datierungselement verwendet werden darf, zumal die Zählung der tribunicia potestas mit Sicherheit falsch ist.

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S. SOPRONI, Die Caesarwürde Caracallas und die syrische Kohorte von Szentendre. Alba Regia 18, 1980, 39-49 (= RIU 840 = AE 1982, 817); mit anderer Argumentation vgl. aber bereits C.L. CLAY, Roman Imperial Medaillons: the Date and Purpose of their Issue. In: Proceedings of the 8th International Congress of Numismatics, New York-Washington Sept. 1973 (Paris/Basel 1976) 253-265, hier: 265. Vgl. HASEBROEK (Anm. 36) 73-81, bes. 79ff.; BIRLEY (Anm. 6) 115-119. Zur Einheit vgl. T. NAGY, Ulcisia castra. Budapest Régiségei 23, 1973, 39-57.

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Den Terminus post für die Erhebung Caracallas zum Caesar markiert also nach wie vor der Brief des Septimius Severus an die kleinasiatische Stadt Aizanoi (IGR IV 566 = ILS 8805)52. Die vollständige Kai[365]sertitulatur – [Αὐ]τοκράτωρ Καῖσαρ ... Λούκιος Σεπτίμιος Σεουῆρος Εὐσεβὴς Περτίναξ Σεβαστός, Ἀραβικὸς Ἀδιαβηνικός, ἀρχιερεὺς μέγιστος, δημαρχικῆς ἐξουσίας τὸ γ, αὐτοκράτωρ τὸ η, ὕπατος τὸ β, πατὴρ πατρίδος ... – datiert diese inschriftliche Kopie aufgrund der

dritten tribunicia potestas vor den 10. Dezember 195 (Dio 53,17,10)53. Die achte imperatorische Akklamation ist auf die Einnahme von Byzanz zu beziehen, die demnach ebenfalls vor dem bezeichneten Datum erfolgte (vgl. CIL VIII 8835). Auch Caracalla wird in diesem Zeugnis genannt, allerdings nicht als Caesar, sondern lediglich als Sohn – ὁ υἱός μου – des Severus, der die Nachricht vom Fall der Stadt Byzanz in Mesopotamien erhielt und seinen Truppen verkündete (Dio 74,14,2). Bedeutsamer als die Datierung erscheint die Nomenklatur des Kaisersohnes als M. Aurelius Antoninus. In Verbindung mit der Filiation des Severus als Sohn des vergöttlichten Mark Aurel und Bruder des vergöttlichten Commodus setzt die Namengebung die fiktive Adoption in das Kaiserhaus der Antonine voraus. Der Zeitpunkt dieses einseitigen Aktes lässt sich anhand der epigraphischen und numismatischen Parallelüberlieferung genauer bestimmen. Nachdem wir die Inschrift von Leányfalu als irrelevant außer Betracht lassen können, bietet als frühestes epigraphisches Zeugnis eine Inschrift aus Tipasa in Mauretanien die neue Ahnenreihe des Septimius Severus in Verbindung mit dessen VI. imperatorischer Akklamation (CIL VIII 9317). Ein Sesterz der stadtrömischen Münze bezeugt die Filiation DIVI M(arci) PII F(ilius) bereits in Kombination mit IMP(erator) V (BMC Emp. V 136, Nr. †). Der Befund verdeutlicht, dass Septimius Severus seine fiktive Adoption durch Mark Aurel jedenfalls im Verlauf des „Ersten Partherkrieges“ im Sommer 195 vollzogen und gleichzeitig die Divinisierung des Commodus proklamiert hat. Die literarische Überlieferung (Dio 75,7,4; HA Sev. 11,3-4) ordnet dieses Ereignis scheinbar erst nach der Katastrophe des Clodius Albinus bei Lyon ein. Cassius Dio hat damit indessen sicher nicht zum Ausdruck bringen wollen, die Proklamation sei erst im Februar 197 n. Chr. erfolgt, sondern dass damals die Rehabilitierung des Commodus erneut eingeschärft wurde, um den Senat in

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Das Zeugnis jetzt auch in J.H. OLIVER, Greek Constitutions of Early Roman Emperors from Inscriptions and Papyri (Philadelphia 1989) 430-433 (Nr. 213). Das Rechenmodell von E. MANNI (Per la cronologia di Settimio Severo e di Caracalla. Epigraphica 12, 1950, 60-84), wonach die Zählung der tribunizischen Amtsgewalt sich am dies imperii der Kaiser orientierte, überzeugt nicht; leider ist GRECO (Anm. 45) diesem Ansatz für die Jahre 193 bis 200 n. Chr. gefolgt.

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Schrecken zu versetzen54. Wie schon Johannes HASEBROEK erkannt hat, war dessen Konsekration unverzichtbares Element der fiktiven Adoption des Septimius Severus, welche inschriftlich bereits für das Jahr 195 in Nordafrika dokumentiert ist (CIL VIII 1333; 24004). Tatsächlich wurde auch Commodus schon damals als divus frater des Septimius Severus apostrophiert (CIL VIII 9317), was nur auf entsprechende Weisungen des Kaisers zurückgeführt werden kann, der sich keinen „Bruder“ leisten wollte, welcher der damnatio memoriae verfallen war (Aur. Vict. Caes. 20,30)55. Anfängliche Vorbehalte gegen diese Konsequenz der „Selbstadoption“ dürften Inschriften andeuten, die Commodus in der Ahnenreihe unerwähnt ließen (CIL V 4868; VI 954; VIII 24004; AE 1992, 1819), doch war bereits 196 n. Chr. diese Zurückhaltung nicht mehr gegeben (z.B. CIL X 1650; 3834; XIV 3450)56. Diesen Ansatz ergänzt eine entsprechende Notiz der Historia Augusta (Sev. 11,4), deren historische Einordnung sich aus unseren vorangehenden Ausführungen ergibt: „Schon vorher (d.h. vor der Katastrophe des Albinus)57 hatte Severus die Vergöttlichung des Commodus vor den Soldaten verkündet und dies dem Senat unter Beifügung seines Siegesberichts mitgeteilt“ – priusque inter milites divum Commodum pronuntiavit idque ad senatum scripsit addita oratione victoriae. Die Parallelüberlieferung verdeutlicht, dass der bezeichnete Sieg die fünfte imperatorische Akklamation zur Folge hatte. [366] Die dynastische Anknüpfung an das Kaiserhaus der Antonine wurde also im Sommer 195 zum Abschluss gebracht. Clodius Albinus sah sich durch diesen Akt mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Offensichtlich blieb er als Caesar von diesem einseitigen Arrangement ausgeschlossen, ebenso deutlich wurde der immer noch minderjährige Caracalla in die neue Genealogie einbezogen58. Ein Aureus des Severus, der den Kaiser 195 n. Chr. als IMP(erator) VII fei-

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Vgl. RUBIN (Anm. 14) 212-214; mit etwas anderer Akzentuierung auch F. KOLB, Literarische Beziehungen zwischen Cassius Dio, Herodian und der Historia Augusta (Bonn 1972) 85-92; zuletzt HEKSTER (Anm. 2) 189-191. HASEBROEK (Anm. 36) 88-91, der allerdings die fiktive Adoption unzutreffend mit der Erhebung Caracallas zum Caesar verknüpfte. Vgl. die umsichtige Studie von F. LOVOTTI, Per un arricchimento della documentazione originaria della genealogia „Antonina“ di L. Settimio Severo. Riv. Stor. Ant. 28, 1998, 221-227. Text und Übersetzung folgen der kritischen Ausgabe von HOHL (Anm. 26), der die Emendation von pri{m}usque in priusque durch R. HELM in seinen Text übernommen hat. Die mittelfristige Konsequenz der dynastischen Konstruktion für die Nomenklatur Caracallas (Bassianus) hat Herodian (3,10,5) zutreffend zum Ausdruck gebracht, wenngleich er das Ereignis zeitlich und inhaltlich falsch mit dem „Zweiten Partherkrieg“ und der Erhebung des Caracalla zum Augustus verknüpfte.

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erte (RIC IV 1, 99, Nr. 72)59, bietet auf dem Revers erstmalig das Porträt seines Sohnes mit der Umschrift SEVERI AVG(usti) PII FIL(ius). Obwohl die Legende noch auf den neuen Individualnamen M. Aurelius Antoninus verzichtete, ließen Prägungen dieser Art keinen Zweifel aufkommen, dass hier ein neues Konzept für die Nachfolge propagiert wurde. Dazu bedurfte es keiner zusätzlichen Aufwertung Caracallas60, dessen Erhebung zum Caesar jedenfalls zum Ausdruck gebracht worden wäre und seit 196 auch zum Ausdruck gebracht worden ist (CIL VI 40627; XIV 121; AE 1993, 1724)61. Wenn der Kaisersohn damals noch nicht als Caesar bezeichnet wurde, bleibt die Schlussfolgerung unausweichlich, dass die Erhebung erst später, vermutlich an seinem Geburtstag, am 4. April 196, in Viminacium erfolgte (HA Sev. 10,3). Belege zur Dokumentation dieser These finden sich naturgemäß selten, da die Zeitspanne zwischen fiktiver Adoption und der Erhebung Caracallas zum Caesar kaum mehr als ein halbes Jahr betrug. Außer dem Brief des Severus an die Stadt Aizanoi (IGR IV 566 = ILS 8805) und dem genannten Aureus mit der Legende SEVERI AVG PII FIL zur Bezeichnung Caracallas auf dem Revers (RIC IV 1, 99, Nr. 72) scheint mir aber ein dem Mars Aug(ustus) geweihter Altar aus Singidunum (Belgrad) pro salute M(arci) Aur(eli) Antonini unter Verzicht auf eine nähere Bezeichnung der Stellung des kaiserlichen Prinzen (AE 1989, 631) das Ergebnis unserer Überlegungen zu flankieren62. Die Dedikation des Altars muss demnach vor dem 4. April 196 n. Chr. erfolgt sein, bezeichnender Weise in der Moesia superior, wo dann die Erhebung Caracallas zum Caesar stattfand. Auf die zunächst alleinige Konsequenz des Namenwechsels Caracallas von Bassianus in Antoninus infolge der Selbstadoption des Severus könnte auch Aurelius Victor (Caes. 20,30) deuten, wenn in diesem Zusammenhang die Caesar-Ernennung nicht erwähnt wird, doch kann dieser Befund natürlich ebenso inhaltlich bedingt sein: (Marcum) adeo percoluerat (scil. Severus), ut eius gratia Commodum inter Divos referri suaserit fratrem appellans, Bassianoque Antonini vocabulum addiderit ... Mit der Präsentation seines leiblichen Sohnes bewegte sich Septimius Severus demnach formal durchaus im Rahmen seiner Verpflichtungen gegenüber Clodius Albinus: Dessen Stellung im Westen wurde nicht tangiert, die Caesar-Ernennung 59

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Vgl. CLAY (Anm. 49) 265 mit Taf. 27, Nr. 8; BMC Emp. V 43, Nr. †, hat die Münze irrtümlich als Silberprägung klassifiziert. Der Aureus wurde mehrfach auf Auktionen angeboten, zuletzt meines Wissens in New York bei Sotheby’s, The Nelson Bunker Hunt Collection, New York (4. Dez.) 1990, Nr. 83 (mit hervorragenden Abbildungen im Katalog). Unzutreffend MANNI (Anm. 53) 82. Vgl. A. MASTINO, Le titolature di Caracalla e di Geta attraverso le iscrizioni (Bologna 1981) bes. 83f. Die Inschrift wurde publiziert von M. MIRKOVIĆ, Starinar 39, 1988, 99-100 mit Abb. 1.

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blieb ihm vorbehalten. Andererseits konnte Severus aber kaum damit rechnen, dass Albinus die neue Situation akzeptieren würde – mit anderen Worten: Severus provozierte Albinus zum Präventivschlag, ohne formal den Boden der Legalität zu verlassen. Zutreffen hat Herodian (3,6,1-7) diesen Grundtenor in einer Rede erfasst, mit der er Severus seinen Bruch mit Albinus begründen ließ. Der Verzicht auf die dynastische Einbindung des Caesar wird damit in seiner langfristigen Konsequenz deutlich und erweist die Absprachen von 193 n. Chr. als bewusstes Täuschungsmanöver des Severus. Hätte Albinus angesichts der neuen Situation 195 n. Chr. nicht reagiert, wäre seine Ausschaltung ohnehin vorprogrammiert gewesen. Seine Reaktion erfolgte denn auch unmittelbar nach dieser propagandistischen Offensive. Als Ursache dürfen wir die fiktive Adoption des Severus durch Mark Aurel, als Anlass die Präsentation Caracallas als Sohn des Augustus festhalten. Albinus wurde dabei jeweils übergangen, seine Stellung als Caesar des Septimius Severus war damit faktisch obsolet geworden. [367] Bereits im Herbst 195 n. Chr. mobilisierte er seine Truppen und setzte auf den Kontinent über. In Gallien ließ er sich vermutlich in Lugudunum (Lyon) zum Augustus proklamieren (HA Sev. 10,1; Aur. Vict. Caes. 20,9)63. Ebenso zwangsläufig erfolgte seine Erklärung zum Staatsfeind durch Septimius Severus, bevor noch Byzanz im November/Dezember 195 erobert wurde (Hdn. 3,6,8-9). Auf die militärische Offensive des Clodius Albinus dürften die „Wunderzeichen“ zu beziehen sein, die Cassius Dio (75,4,2-7) beim letzten Wagenrennen vor den Saturnalien (17. Dez.), d.h. anlässlich der Feier des Geburtstages von Lucius Verus am 15. Dezember, in Rom als Augenzeuge erlebte64. Vor allem das Wetterleuchten im Norden legt die Vermutung nahe, dass in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 195 n. Chr. Gerüchte von der Landung des Albinus in Gallien und dem Abfall der Tres Galliae nach Rom gelangt waren: Die Hauptstadt rechnete mit einem neuen Bürgerkrieg ungewissen Ausgangs. Mit seinen britannischen Legionen und deren Auxiliarverbänden verfügte Albinus über eine schlagkräftige und offenbar auch motivierte Armee (Hdn. 2,15,1); große Teile der gallischen Provinzialbevölkerung unterstützten zudem seine Proklamation zum Augustus. Ein kleiner Taschenaltar, das bislang einzige inschriftliche Zeugnis für Clodius Albinus als Augustus, dokumentiert einen Atti63

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Auf Lyon als Ort der Kaiserproklamation weisen Prägungen des Albinus mit dem Genius Lugudunensis hin (BMC Emp. V 68, Nr. 285f.); der Statthalter der Gallia Lugdunensis, T. Flavius Secundus Philippianus, hatte sich offenbar rechtzeitig abgesetzt (CIL XIII 1673); vgl. HASEBROEK (Anm. 36) 86f. Vgl. dazu J. SÜNSKES THOMPSON, Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum. Die severischen Kaiser im Spannungsfeld innenpolitischer Konflikte (Bonn 1990) 106-108; chronologisch ist die Episode allerdings nicht auf 196, sondern bereits auf das Jahr 195 n. Chr. zu beziehen.

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cus aus Lyon, der dem Kriegsgott Mars ein Gelübde pro salute seines Kaisers eingelöst hatte65. Albinus genoss ferner die Sympathien großer Teile des Senats von Rom und konnte schließlich auch auf die Loyalität der Hispania Tarraconensis unter ihrem Statthalter L. Novius Rufus zählen66. Andererseits blieben die Legionen der Rheinarmeen dem Septimius Severus treu. Zwar musste Virius Lupus als Statthalter Untergermaniens eine empfindliche Niederlage gegen die Invasionsarmee des Albinus hinnehmen (Dio 75,6,2), doch gelang es der Mainzer legio XXII Primigenia unter ihrem Legaten Claudius Gallus, Trier erfolgreich gegen die Truppen des Usurpators zu verteidigen (CIL XIII 6800; AE 1957,123). Von Viminacium in der Moesia superior ist Septimius Severus nicht auf direktem Wege nach Gallien marschiert, sondern zunächst nach Rom (BMC Emp. V 45, Nr. 150; CIL VI 1408)67. Der junge Caesar dürfte ihn in die Hauptstadt begleitet haben68. Die Provinz blieb auch in den folgenden Jahren dem Kommando des Statthalters C. Gabinius Barbarus Pompeianus unterstellt69. Der Aufbruch des Kaisers nach Norden erfolgte vermutlich im Herbst 196 n. Chr. (BMC Emp. V 48, Nr. 170; ILA 455)70. Das Hauptheer war über Noricum und Rätien nach Westen vorgestoßen. Nördlich von Lyon (Lugudunum) kam es dann vermutlich an der Ausfallstraße nach Châlons-sur-Saône (Cabillonum) auf der Höhe von Tournus (Tinurtium) am 19. Februar 197 n. Chr. zur entscheidenden Schlacht unter Beteiligung des Septimius Severus (HA Sev. 11,1-7; Dio 75,6,1)71. Clodius Albinus gab sich nach seiner Niederlage den Tod (Dio 75,7,3), Lugudunum wurde von den siegreichen Truppen geplündert (Hdn. 3,7,7), die hier garnisonierte cohors XIII urbana (CIL XVI 133) durch Detachements der rheinischen Legionen ersetzt [368] (ILS

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AE 2000, 1848; der Altar wurde publiziert von W. SPICKERMANN, Weihung zum Heile des Clodius Albinus. Laverna 7, 1996, 92-102. Vgl. ALFÖLDY (Anm. 33) 42-45. Vgl. G. ALFÖLDY, Addenda zu CIL VI 1408, in CIL VI 8,3, p. 4693. Vgl. VERF., Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69-235 n. Chr.). In: ANRW II 16,1 (Berlin 1978) 655-819, hier: 756-759. Zum Itinerar des Kaisers vgl. schon HASEBROEK (Anm. 36) 93f.; HALFMANN (Anm. 19) 217. CIL III 14507 = IMS II 53; AE 1976, 610; vgl. B.E. THOMASSON, Laterculi praesidum I (Göteborg 1984) 128, Nr. 49. In der erstgenannten Inschrift aus Viminacium sollte statt der Ergänzung des Caesar-Titels für Caracalla die Bezeichnung Aug(usti) f(ilius) vorgezogen werden. Zu M. Rossius Vitulus (ILA 455 = IL Bardo 250) vgl. PIR² R 102. In der Zusammenfassung von Tinurtium und Lugudunum folge ich Z. RUBIN, Dio, Herodian, and Severusʼ Second Parthian War. Chiron 5, 1975, 419-441, hier: 432f.; DERS. (Anm. 14) 210.

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9493)72. Mit der Vernichtung der Anhänger des Albinus in der Hispania Tarraconensis wurde Ti. Claudius Candidus beauftragt (CIL II 4114)73. Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen, so wird die Stellung des Clodius Albinus als Caesar in den Jahren 193 bis 195 durch folgende Elemente charakterisiert: 1. Er besaß ein imperium proconsulare eigenen Rechts. 2. Ihm blieb die tribunicia potestas vorenthalten. 3. Als Caesar konnte er Anspruch auf die Nachfolge des Septimius Severus erheben, falls der Kaiser vorzeitig gefallen wäre. 4. Ohne dynastische Einbindung durch Adoption blieb dieser Anspruch politisch bedeutungslos. 5. Albinus wurde durch die dynastische Propagandaoffensive des Septimius Severus zum Präventivschlag provoziert, ohne dass dieser die eingegangenen Verpflichtungen formal gebrochen hätte. Seine Erhebung zum Augustus resultierte aus diesen für ihn prekären Voraussetzungen, wobei der Chronologie zentrale Bedeutung zukommt. Die vier Emissionen seiner Prägungen in Gold bzw. Silber dürften in Lyon erfolgt sein, ohne dass sich ihre Abfolge bestimmen ließe74. Mit wenigen Ausnahmen, die hier nicht zu behandeln sind75, bewegen sich die programmatischen Darstellungen und Legenden im Rahmen des Üblichen. Zu betonen bleibt, dass die entschei72

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Vgl. H. FREIS, Die cohortes urbanae (Köln/Graz 1967) 28-31; insgesamt auch J. ROUGÉ, Septime Sévère et Lyon. In: Lyon et l’Europe. Mélanges d’histoire offerts à Richard Gascon. 2 Bde. (Lyon 1980) II 223-234. CIL II 4114 = Inschr. von Tarraco 130; auch die legio VII Gemina hat sich damals unter ihrem Kommandeur (dux) Q. Mamilius Capitolinus für Severus entschieden (CIL II 2634); vgl. ALFÖLDY (Anm. 33) 43-45 und 90-92. Zu Loyalitätsbekundungen für Severus in den Rheinlanden seit 197 n. Chr. vgl. R. WIEGELS, Inschriften des Septimius Severus in den gallisch-germanischen Provinzen. Ant. Class. 42, 1999, 187-203. BMC Emp. V 63-71; vgl. H. MATTINGLY, Kommentar, ebd. CII-CVI; Prägungen in aes sind äußerst selten (BMC Emp. V 155, Nr. 622 [As]); ergänzend K. WITTWER (Anm. 30) 163-170; J.-B. GIARD, Le monnayage de lʼatelier de Lyon [2]. De Claude Ier à Vespasien et au temps de Clodius Albinus (Wetteren 2000) 162-178; zum hohen Silbergehalt (ca. 80%) der Denarprägung vgl. K. BUTCHER/M. PONTING, A Study of the Chemical Composition of Roman Silver Coinage. Am. Journal Num. II 9, 1997, 17-36. Zu den Münzhorten mit Prägungen des Clodius Albinus vgl. P. HAUPT, Römische Münzhorte des 3. Jhs. in Gallien und den germanischen Provinzen (Grumbach 2001) bes. 216f. (Kartierung) und 264-294 (Register aller Horte nach Fundorten: Bréval, Genas, Le Puley, Lyon 2, Montroty, Morsain, Nazelles, Reims 1, Ste.Jamme-sur-Sarthe, Wevelgem). Vgl. etwa HEKSTER (Anm. 2) 187f.; insgesamt ZEDELIUS (Anm. 36) 77-85; SCHACHINGER (Anm. 7) 118-122 (die Abbildungen 11-18 sind etwas unglücklich platziert).

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dende Schlacht bei Lugudunum aufgrund der skizzierten Zeitfolge nicht bereits am 19. Februar 196, sondern erst an diesem Tag des folgenden Jahres 197 n. Chr. stattgefunden haben kann; ebenso ist auf diesen Sieg die neunte imperatorische Akklamation des Septimius Severus zu beziehen76. Abschließend stellt sich die Frage, ob der Konflikt im Sinne des Thukydides (1,23,6) unvermeidlich war77. Seit dem Sommer 195 n. Chr. boten sich für Clodius Albinus infolge der neuen dynastischen Konzeption und ihrer Propagierung durch Septimius Severus keine Alternativen. Vor dieser Zuspitzung hätte er seine Position durch die Gewinnung der germanischen Heeresgruppen evtl. stärken können, doch hatte sich Severus deren Loyalität frühzeitig und dauerhaft gesichert. Insofern hätte eine Weichenstellung schon in der Anfangsphase der Erhebung gegen Didius Iulianus, d.h. im April 193 n. Chr. erfolgen müssen, als sich Albinus entschloss, das Angebot seiner Erhebung zum Caesar zu akzeptieren, „um (in Britannien) an der Herrschaft teilzuhaben“ (Dio 73,15,2). Eine Übertragung der tribunicia potestas zusätzlich zum imperium proconsulare hätte ihm faktisch allerdings kaum Gewinn gebracht. Der entscheidende Faktor wäre die dynastische Einbindung im Sinne der augusteischen oder hadrianischen Nachfolgeregelung gewesen78, die aber Albinus entweder nicht forderte oder deren Forderung Severus nicht akzeptierte. [369] Alternativ hätte sich Clodius Albinus auch an der Mucian-Rede des Tacitus (hist. 2,76,1-77,3) orientieren können, wo das Problem der dynastischen Qualifikation des princeps klar formuliert wurde: ... absurdum fuerit non cedere imperio ei, cuius filium adoptaturus essem, si ipse imperarem (Tac. hist. 2,77,1). C. Licinius Mucianus, damals Statthalter der Drei-Legionen-Provinz Syrien79, hat aus einer vergleichbaren Konstellation im Jahre 69 n. Chr. andere Konsequenzen gezogen als Clodius Albinus. Sein Engagement für Vespasian wurde von diesem dann durch die Auszeichnung mit einem zweiten und dritten Konsulat honoriert, politischer Einfluss blieb Mucianus indessen versagt. Seine letzten Lebensjahre nutzte er für literarische Arbeiten (Plin. n.h. 19,12). Hätte Clodius Albinus des76

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Zutreffend RUBIN (Anm. 14) 210; KIENAST (Anm. 11) 157. Einem Zirkelschluss aufgrund der Medaillon-Emissionen, die überwiegend auf den Jahreswechsel Bezug nahmen, scheint CLAY (Anm. 49) 260-265, erlegen zu sein; jedenfalls lässt sich sein Bezug der achten imperatorischen Akklamation des Severus auf den Sieg bei Lugudunum und dessen Datierung auf den 19. Februar 196 nicht mit der sonstigen Überlieferung vereinbaren. Diese Auffassung teilt offenbar auch M. HEIL, wenn ich den Titel seines Marburger Vortrages vom 10. Juli 2004 zutreffend deute: „Staatlichkeit in der Krise. Clodius Albinus und der Bürgerkrieg 197“. Vgl. M. OSTWALD, ΑΝΑΓΚΗ in Thucydides (Atlanta 1988). Vgl. oben S. 362 [hier 238]; INSTINSKY (Anm. 37) 326-329; PFLAUM (Anm. 17) 104-105. Vgl. PIR² L 216; E. DĄBROWA, The Governors of Roman Syria from Augustus to Septimius Severus (Bonn 1998) 58-60.

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sen Beispiel 193 n. Chr. beherzigt, wäre ihm vermutlich die Selbsttötung, dem Imperium Romanum dieser Bürgerkrieg erspart geblieben.

Chronologische Übersicht der Ereignisgeschichte 193-197 n. Chr. 28. März 193 9. Apr. 193 21. Mai 193

Ermordung des Pertinax (HA Pert. 15,6) dies imperii des Severus (Fer. Dur. II 3) Senatsbeschluss zur Erhebung des Severus zum Mitherrscher (Augustus) auf Antrag des Didius Iulianus (Fer. Dur. II 10f.) 1. Juli 193 Einzug des Severus in Rom, Ratifizierung der Erhebung des Albinus zum Caesar durch den Senat (Hdn. 2,15,5) 193/194 Siege bei Cyzicus und Cius/Nicaea (Severus: imp. II und III) 13. Feb. 194 Anschluss Ägyptens an Severus (BGU 362 IV 6) März/Apr. 194 Entscheidungsschlacht bei Issos (Severus: imp. IIII) 194/195 „Erster Partherkrieg“ (Severus: imp. V bis VII) 14. Apr. 195 Iulia Domna als mater castrorum Sommer 195 Fiktive Adoption des Severus (CIL VIII 9317; 24004; BMC Emp. V 136, Nr. †), Caracalla als M. Aurelius Antoninus (ILS 8805; AE 1989, 631) Herbst 195 Mobilisierung des Clodius Albinus, Übersetzen nach Gallien, hostis-Erklärung durch Severus (Hdn. 3,6,8f.) Nov./Dez. 195 Eroberung von Byzanz (Severus: imp. VIII) 15./16. Dez. 195 Nachricht von der Invasion Galliens durch Clodius Albinus bzw. seiner Proklamation zum Augustus gelangt nach Rom (Dio 75,4,2-7) 4. Apr. 196 Erhebung Caracallas zum Caesar in Viminacium (HA Sev. 10,3) Sommer 196 Severus in Rom (BMC Emp. V 45, Nr. 150) Herbst 196 Aufbruch des Severus nach Gallien (BMC Emp. V 48, Nr. 170) 19. Feb. 197 Niederlage des Clodius Albinus bei Lyon (HA Sev. 11,7) (Severus: imp. IX)

Die S icilia in Mainz-Bretzenheim. Zur Lokalisierung der Ermordung des Kaisers Severus Alexander* PROBLEMSTELLUNG

Fragestellungen des Historikers zielen in der Regel eher auf Hintergründe und Strukturen von Entwicklungen, Ursachen und Anlässe von Ereignissen bzw. deren Folgewirkungen oder unter biographischen Aspekten auf Wertungen von Persönlichkeiten. Zuweilen sind es indessen auch schlichte Entscheidungen, die wie in unserem Fall die Gemüter erregen: Entspricht die Gedenktafel des Steinmetzmeisters Kurt LENZ für den Kaiser Severus Alexander gegenüber dem Bretzenheimer Rathaus (Abb. 1) der historischen Wirklichkeit des Jahres 235 n. Chr., oder handelt es sich um eine Fiktion aufgrund einer „gelehrten Konstruktion des 19. Jhs.“1? Das Ergebnis meiner Überlegungen habe ich mehrfach publiziert, ausführlicher auch im Rahmen eines Vortrags im Landesmuseum Mainz (29.04.2003) begründet2, doch folge ich gerne dem Wunsch der Mainzer Zeitschrift und ihres Herausgebers, Wolfgang DOBRAS, meine Argumentation nochmals in schriftlicher Form darzulegen. Wenn ich die Begründung der Zweifler richtig verstanden habe, dass der Kaiser keinesfalls auf Bretzenheimer Gebiet erschlagen worden sein kann 3 , so basiert diese Auffassung hauptsächlich auf einem Schluss ex silentio, dem fehlenden archäologischen Fundmaterial. Methodologisch sind derartige Schlussfolgerungen natürlich problematisch. Wenn etwa der Palast (praetorium) des kaiserlichen Gouverneurs, des leg(atus) Aug(usti) pro praet(ore), bislang in Mainz nicht gefunden wurde, käme niemand auf die Idee, dessen Existenz (BRGK 58, 1977, S. 504f., Nr. 94) zu bestreiten4. Ebenso wird man das Festzelt (σκηνή) Alexanders d. Gr. bei der sog. Massen- * 1

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[zuerst erschienen in: MZ 99, 2004, 1-10]  So Astrid BÖHME-SCHÖNBERGER, Tatort Bretzenheim? Zum Tode von Severus Alexander. In: 1250 Jahre Bretzenheim, hg. vom Verein für Heimatgeschichte Bretzenheim und Zahlbach (Bretzenheimer Beiträge zur Geschichte 2). Mainz 2002, S. 27f., (Zitat: S. 28); vgl. dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.01.2002, die im Regionalteil Mainz (S. 61) titelte: „Kaiser Severus Alexander starb nicht auf Bretzenheimer Boden“. VERF., Römische Kaiser in Mainz. Bochum 1982, S. 88-92; DERS., Mogontiacum. Garnison und Zivilsiedlung im Rahmen der Reichsgeschichte. In: Die Römer und ihr Erbe. Fortschritt durch Innovation und Integration, hg. von Michael J. Klein. Mainz 2003, S. 1-28, hier S. 12f. und S. 26f., Anm. 42-48. Dies ergab sich aus den engagierten Diskussionsbeiträgen von Dr. Astrid BÖHMESCHÖNBERGER und Dr. Gerd RUPPRECHT im Anschluss an meinen Vortrag im Landesmuseum Mainz. Vgl. Rudolf HAENSCH, Mogontiacum als ‚Hauptstadt‘ der Provinz Germania superior. In: Die Römer und ihr Erbe (wie Anm. 2), S. 71-86.

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Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim

Abb. 1: Gedenktafel für den Kaiser Severus Alexander von Kurt LENZ (Mainz-Bretzenheim 1988).

hochzeit von Susa gegen den ausführlichen Bericht des Chares von Mytilene (FGrHist 125 F 4) kaum in Frage stellen wollen, obwohl der Befund archäologisch nicht dokumentiert ist5. Die Beispiele verdeutlichen den Wert schriftlicher Überlieferung auch in Bezug auf die Erfassung bzw. Deutung archäologischer Probleme, gleichermaßen erweist sich aber, dass die schriftlichen Zeugnisse jeweils auch der Interpretation bedürfen. Ohne Tacitus (ann. 2,83,2) und die Tabula Siarensis (AE 1991, 20) wären die Fundamente der mächtigen Bogenkonstruktion von Mainz-Kastel wohl kaum auf Germanicus bezogen worden, wenngleich die Zuweisung m.E. trügerisch ist6. [2] Mit diesen Vorüberlegungen konkretisiert sich die Frage nach dem Schauplatz der Ermordung des Kaisers Severus Alexander (Abb. 2). Ihre Beantwortung muss zunächst anhand der schriftlichen antiken Überlieferung erfolgen, die dann eventuell durch archäologisches Material flankiert werden kann. 5 6

Vgl. Franz STUDNICZKA, Das Symposion Ptolemaios II. Leipzig 1914, S. 24-30. Vgl. VERF., Mogontiacum (wie Anm. 2), S. 3f. und S. 24 (Anm. 9-15).

Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim

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Auch in diesem Fall bedürfen die schriftlichen Zeugnisse natürlich der kritischen Analyse. Die daraus resultierende Interpretation mag modifiziert oder auch falsifiziert werden, ein Verzicht auf die Auseinandersetzung mit ihren Grundlagen, d.h. hier vor allem der literarischen Überlieferung, dürfte allerdings nicht zum Erkenntnisgewinn führen. ANALYSE DES BEFUNDES

Ausgehend von den literarischen Quellen soll hier also die Lokalisierung des Kaisermordes im Jahre 235 n. Chr. untersucht und einem Ergebnis zugeführt werden. Zum besseren Verständnis erfolgt die Argumentation in fünf Schritten: 1) Regionale Eingrenzung des Geschehens; 2) Berichte der Hauptüberlieferung; 3) Inschriftliche Zeugnisse: Britto/Brittones; 4) Befund karolingischer Urkunden; 5) Sprichwörtliche Erklärung der scheinbaren Ortsbezeichnung Sicilia. 1) Regionale Eingrenzung Dass der Putsch des thrakischen Offiziers (praefectus tironum) Maximinus Ende Februar/Anfang März 235 n. Chr. im Zusammenhang mit einer geplanten Offensive des Kaisers Severus Alexander gegen die Germanen erfolgte7, ergibt sich aus der Darstellung des griechischen Historikers Herodian (6,7,5-6) eindeutig. Allerdings bietet der Bericht außer dem Hinweis auf die Ufer des Rheins (τοῦ Ῥήνου ὄχθαι) keine genaue Lokalisierung, sondern nur die Notiz, dass der Mordanschlag im Heerlager des regieren[3]den Kaisers nicht weit entfernt vom Ort der Erhebung des Maximinus stattfand (Hdn. 6,8,8). Bemerkenswert erscheint dann allerdings der Hinweis, dass die vom Usurpator beauftragten Mörder das Zelt (σκηνή) des Kaisers stürmten, um diesen zusammen mit seiner Mutter Iulia Mamaea (Abb. 3) und allen vermeintlichen Freunden und Günstlingen zu erschlagen (Hdn. 6,9,7).

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Vgl. Auguste JARDÉ, Études critiques sur la vie et le règne de Sévère Alexandre. Paris 1925, bes. S. 85-94; Cécile BERTRAND-DAGENBACH, Alexandre Sévère et l’Histoire Auguste (Collection Latomus 208). Brüssel 1990, bes. S. 184f.; Angela BELLEZZA, Massimino il Trace (Pubblicazioni dell’Istituto di Storia Antica e Scienze Ausiliarie dell’ Università di Genova 5). Genua 1964, bes. S. 64-73.

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Abb. 2: Bronzekopf des Kaisers Severus Alexander (Thessaloniki, Arch. Museum, Inv.-Nr. 4303).



Abb. 3: Mamorbüste der Kaiserin Iulia Mamaea (Wien, Kunsthist. Museum, Inv.-Nr. I 8).

Der Begriff σκηνή ist uns im Zusammenhang mit Alexanders Hochzeit von Susa bereits im Sinne von „Festzelt“ begegnet, hat hier aber offenbar eine anders akzentuierte Bedeutung, die der Erläuterung bedarf. Der geplanten Offensive gegen die Germanen ging zeitlich ein Perserfeldzug des Kaisers voraus (Hdn. 6,4,1-6,7,5; Aur. Vict. Caes. 24,2). Die militärischen Operationen hatte Severus Alexander hier seinen Generalen überlassen. Auf welchem Wege er selbst mit seiner Mutter nach Antiochia gelangte, lässt sich nicht entscheiden: Herodian (6,4,3) plädierte für den Landweg über Illyrien, Thrakien, Kleinasien, doch kann ebenso der Seeweg in Betracht gezogen werden8. Entscheidender ist ein epigraphisches Zeugnis (IGR III 1033), das später (um 232 n. Chr.) einen Aufenthalt des Kaisers in Palmyra dokumentiert. Sicher ist er nicht allein dorthin geritten. 8

Vgl. James David THOMAS/Willy CLARYSSE, A Projected Visit of Severus Alexander to Egypt. In: Ancient Society 8 (1977), S. 195-207, hier S. 198f.; Herodian folgte Karl HÖNN, Quellenuntersuchungen zu den Viten des Heliogabalus und des Severus Alexander. Leipzig 1911, ND Aalen 1982, S. 66-70; ebenso Vasilka GERASIMOVA TOMOVA/Lorenz HOLLENSTEIN, Neue Meilensteine aus Bulgarien. In: Epigraphica 40 (1978), S. 91-121, hier S. 110-115 (Nr. 6).

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Wie Helmut HALFMANN eindrucksvoll nachgewiesen hat9, reisten Kaiser seit Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. mit erheblichem Gefolge: Teile der Prätorianergarde, die equites singulares Augusti10, die comites Augusti mit Begleitpersonal11, das kaiserliche Hofgesinde (lecticarii, cubicularii, vestiarii, praegustatores, medici usw.)12 – alles in allem zählte diese Begleittruppe mehr als 5000 Personen, hinzu kam im Falle des Severus Alexander noch das Dienstpersonal der Mutter des Kaisers. Dass für Transport, Unterbringung und Versorgung (SB 9617; P. Oxy. 36023605) erheblicher Aufwand erforderlich war, liegt auf der Hand. In Bezug auf die kaiserlichen Itinerarien sind in der Regel die Zielorte (Hdn. 6,4,3; IGR III 1033; AE 1957, 135) genannt, selten Zwischenstationen bezeichnet13. Wenn Ortsangaben bezeugt sind, besagt dies indessen noch nichts über die tatsächliche Unterbringung des Kaisers und seines Begleitpersonals. So starb Trajan 117 n. Chr. in Selinus, einer Küstenstadt im westlichen Kilikien (Dio 68,33,3; Chron. a. 354, Chron. min. I 146). Der umfangreiche Tross – namentlich sind im Gefolge des Kaisers seine Gemahlin Plotina, seine Nichte Matidia, der Prätorianerpräfekt Acilius Attianus (Dio 69,1,2; HA Hadr. 5,9) sowie der Mundschenk M. Ulpius Phaedimus (CIL VI 1884) bezeugt – kann nur außerhalb der städtischen Siedlung untergebracht worden sein, wenn wir davon ausgehen dürfen, dass der Kaiser kaum auf dem Schiff verstorben sein wird14. Nur zufällig 9

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Helmut HALFMANN, Itinera principum. Geschichte und Typologie der Kaiserreisen im Römischen Reich (Heidelberger Beiträge und Epigraphische Studien 2). Stuttgart 1986, bes. S. 90-110; von grundsätzlicher Bedeutung ist die Studie von Helmut CASTRITIUS, Palatium. Vom Haus des Augustus auf dem Palatin zum jeweiligen Aufenthaltsort des römischen Kaisers. In: Die Pfalz. Probleme einer Begriffsgeschichte vom Kaiserpalast auf dem Palatin bis zum heutigen Regierungsbezirk, hg. von Franz Staab (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 81). Speyer 1990, S. 9-45. Vgl. Michael SPEIDEL, Die equites singulares Augusti (Antiquitas I 11). Bonn 1965; DERS., Riding for Caesar: The Roman emperors’ horse guards. London 1994. Dazu HALFMANN, Itinera principum (wie Anm. 9), S. 92-103; zur Spätantike vgl. Dirk SCHLINKERT, Dem Kaiser folgen. Kaiser, Senatsadel und höfische Funktionselite (comites consistoriani) von der „Tetrarchie“ Diokletians bis zum Ende der Konstantinischen Dynastie. In: Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes, hg. von Aloys Winterling. Berlin 1998, S. 133-159. Vgl. VERF., Hausgesinde – Hofgesinde. Terminologische Überlegungen zur Funktion der familia Caesaris im 1. Jh. n. Chr. In: Fünfzig Jahre Forschungen zur antiken Sklaverei an der Mainzer Akademie 1950-2000, hg. von Heinz Bellen und Heinz Heinen (Forschungen zur antiken Sklaverei 35). Stuttgart 2001, S. 331-352 [hier 1-20]. Vgl. Pieter Johannes SIJPESTEIJN, A New Document Concerning Hadrian’s Visit to Egypt. In: Historia 18 (1969), S. 109-118. Zur Lage von Selinus vgl. Friedrich HILD/Hansgerd HELLENKEMPER, Kilikien und Isaurien (Tabula Imperii Byzantini 5), 1-2. Wien 1990, hier 1, S. 407f.; zum Tode Trajans VERF., Römische Inschriften. 2. Aufl. Stuttgart 2001, S. 278f. (Nr. 216); Julian

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ist durch die Grabinschrift des Veteranen Ti. Claudius Maximus (AE 1969/70, 583) in Grammeni (Thrakien) bekannt, dass Trajan gegen Ende des Zweiten Dakerkrieges (106 n. Chr.) sein Hauptquartier zeitweise in „Ranaisstorum“ hatte, einem Ort, der bislang noch nicht lokalisiert werden konnte15. Ob militärische Offensiven oder Inspektionsreisen – festzuhalten bleibt, dass die Unterbringung des Kaisers und seines Gefolges ein mobiles Feldlager erforderte; insbesondere dann, wenn er von kaiserlichen Frauen begleitet wurde, werden diese und er selbst einen gewissen Luxus nicht verschmäht haben16. Se[4]verus Alexander und seine Mutter Mamaea dürften in dieser Hinsicht kaum als Ausnahme gewertet werden. Wenn die spätere Überlieferung demnach die Ermordung teils „in Mainz“ (Mogontiaci)17, teils „bei Mainz“ (apud Mogontiacum) lokalisierte18, braucht uns diese Divergenz nicht zu verblüffen, sondern sie entspricht durchaus dem Befund kaiserlicher Itinerarien. Zur Lokalisierung eines Aufenthalts genügte in der Regel die Ortsangabe, wobei der betreffende Autor keineswegs zum Ausdruck bringen wollte, der Kaiser sei mit seinem Gefolge in requirierten Gebäuden untergebracht worden oder habe sein Lager auf dem Marktplatz, dem forum bzw. der agora, aufgeschlagen. Dass auch Severus Alexander über ein mobiles Feldlager verfügte, ergibt sich bereits aus der Distanz zwischen Rom und der Mainmündung (HA Sev. Alex. 59,1), auch wenn die Zwischenstationen des Anmarsches unbekannt sind. Entscheidender für das Verständnis scheint daher der Hinweis des Eutrop (brev. 8,23), dass ihn die Katastrophe in Gallien ereilte: periit in Gallia militari tumultu. Der Autor präzisierte damit die Region als das linksrheinische Gebiet der Provinz Germania (superior)19. Inhaltlich vergleichbar formulierte die Historia Augusta (Ma-

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BENNETT, Trajan, optimus princeps. A Life and Times. Bloomington/Indianapolis 1997, S. 201f. Vgl. Michael SPEIDEL, The Captor of Decebalus. A New Inscription from Philippi. In: Journal of Roman Studies 60 (1970), S. 142-153; VERF., Inschriften (wie Anm. 14), S. 254-256 (Nr. 187). So etwa Mark Aurel und seine Gemahlin Faustina im Feldlager an der Donau (HA Marcus 26,4-9) bzw. Augustus und Livia auf ihren Reisen in Gallien und in den Ostprovinzen (Tac. ann. 3,34,6). Hieron. chron. p. 216 HELM; Chron. a. 354, Chron. min. I p. 147; Cassiodor. chron., Chron. min. II p. 146. Oros. 7,18,8; Prosper Tiro, Chron. min. I p. 437; vgl. insgesamt HÖNN, Quellenuntersuchungen (wie Anm. 8), S. 80-82. So lokalisieren spätantike Autoren etwa Mainz und Köln in Gallien (HA trig. tyr. 5,1; Epit. de Caes. 13,3; Eutrop. brev. 8,2,1; Oros. 7,17,2; HA Probus 18,5). Der Chattenkrieg führte den Kaiser Domitian 83 n. Chr. nach Mainz εἰς Γαλατίαν (Zonar. 11,19). Damit erledigt sich auch die Verlegung des Geschehens auf rechtsrheinisches Gebiet (Singelingen), die postuliert wurde von Joseph FUCHS, Alte Geschichte von Mainz, 1-2. Mainz 1771-1772, hier 1, S. 101; zur Person vgl. einstweilen Stephan

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xim. 6,4): Cum in Gallia esset et non longe ab urbe quadam castra posuisset (...), Alexander ad matrem fugiens interemptus est (...) – „Als er in Gallien war und nicht weit von einer gewissen Stadt sein Lager errichtet hatte (...), wurde Alexander, der sich zu seiner Mutter flüchtete, ermordet (...)“. Nun mag man darüber streiten, ob Mainz damals bereits als Stadt (urbs) gewertet werden kann20, jedenfalls wird deutlich, dass nach diesem Bericht das Feldlager des Kaisers nicht in, sondern außerhalb des Legionslagers und seiner Zivilsiedlung gelegen hat. Bei Georgios Syncellus (chron. p. 439 MOSSHAMMER) lässt sich nicht entscheiden, ob ἐν Μογοντιακῷ („in Mainz“) auf die Ermordung, d.h. auf das Prädikat ἀναιρεῖται, oder auf den Militärputsch, die στρατιωτικὴ ἐπανάστασις, zu beziehen ist. 2) Berichte der Hauptüberlieferung Unter diesen Voraussetzungen gewinnt die Notiz des Aurelius Victor (Caes. 24,4) besondere Bedeutung: (...) agentem (scil. Alexandrum) casu cum paucis vico Britanniae, cui vocabulum Sicilia, trucidavere (scil. milites) – „Als Alexander sich zufällig mit wenigen Begleitern in einer Siedlung Britanniens mit Namen Sicilia aufhielt, ermordeten ihn die Soldaten“. Historisch kann diese Lokalisierung aufgrund des einhelligen sonstigen Befundes 21 natürlich nicht zutreffen, abgesehen davon, dass die Mutter des Kaisers dann unter die pauci zu subsumieren wäre. Dies bemerkte schon der Autor der Historia Augusta (Sev. Alex. 59,6), der bei (fast) wörtlicher Übernahme des Zitats – denique agentem eum (scil. Alexandrum) cum paucis in Britannia, ut alii volunt in Gallia, in vico, cui Sicilia nomen est, (scil. occiderunt milites) – immerhin die abweichende Lokalisierung anderer Gewährsmänner vermerkte, die (zutreffend) von einem Anschlag in Gallien ausgingen22.



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PELGEN, Unser „erster Spatenstich“. Philipp von Zabern und die Archäologie. Eine Schriftgabe des Verlages Philipp von Zabern anlässlich seines 200jährigen Bestehens. Mainz 2002, S. 3-7. Franz Stephan PELGEN bereitet eine umfangreiche Arbeit zu Pater Joseph FUCHS vor [publ. Mainz 2009]. Vgl. Rudolf HAENSCH, Capita provinciarum. Statthaltersitze und Provinzialverwaltung in der römischen Kaiserzeit (Kölner Forschungen 7). Mainz 1997, S. 149-153; Carlrichard BRÜHL, Palatium und Civitas. Studien zur Profantopographie spätantiker Civitates vom 3. bis zum 13. Jh., 1-2. Köln/Wien 1975-1990, hier 2, S. 89-111. Allein Zosimus (1,13,1-2) lokalisierte die Usurpation des Maximinus (Thrax) im Donauraum; anschließend endete Severus Alexander durch Selbstmord, seine Mutter wurde zusammen mit den Prätorianerpräfekten erschlagen. Zu dieser singulären Version vgl. Zosime, Histoire nouvelle, hg. von François PASCHOUD, 1-3. Paris 1971-1989, hier 1, S. 139, Anm. 36. Vgl. Johannes STRAUB, Scurra barbarus. Zum Bericht der Historia Augusta über das Ende des Severus Alexander. In: Bonner Historia-Augusta-Colloquium 1977/78. Bonn 1980, S. 233-253; Adolf LIPPOLD, Kommentar zur Vita Maximini duo der Historia Augusta (Antiquitas. Reihe 4. Serie 3, Kommentare 1). Bonn 1991, S. 117 mit

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Hier muss nun die Interpretation einsetzen! Denn das Ergebnis der falsifizierten Notiz kann so kaum befriedigen. Vielmehr stellt sich die Frage nach den Gründen der Fehlinformation, die offenbar auf zwei konkreten Elementen basierte: einerseits dem vicus Britanniae, andererseits der Ortsbezeichnung Sicilia. Beide sind durch den Relativsatz nur locker miteinander verknüpft und können daher separat gedeutet werden. In seiner Grundbedeutung bezeichnet vicus einen „Häuserkomplex“, der sich innerhalb oder außerhalb einer größeren Zivilsiedlung befinden konnte23. [5] Innerhalb wäre der Begriff als „(Stadt-)Viertel“ zu fassen, außerhalb als „dörfliche Siedlung“ (Weiler). Die namengebende Konkretisierung konnte adjektivisch (novus, Apollinensis, Salutaris, Vobergensis) oder durch signifikante Produktionsstätten im Genitiv (vicus navaliorum als „Werftenviertel“) erfolgen, wie diese Bezeichnungen für die Mainzer Zivilsiedlung bezeugt sind24. Ähnlichen Prinzipien folgte in der Regel die Bezeichnung der »Weiler« (vici rustici), doch konnte hier auch die besondere Lage an einer Straßengabelung (CIL XIII 6315: vicani Bibienses) oder eine ethnische Bezeichnung namengebend gewesen sein: vicus Gallorum bei Carnuntum (CIL III 4407), vicus Voclannionum (CIL XIII 3648-3650), vicani Senotenses (CIL XIII 6329). Im Falle der vicani Aurelianenses (CIL XIII 6541) bzw. des vicus Aurelius (Öhringen) ist die Bezeichnung auf eine militärische Einheit, einen numerus Aurelianensis zurückzuführen25. Zusammen mit den Aurelianenses werden häufig die Brittones genannt (CIL XI 3104 [Falerii]; XIII 6542f. [Öhringen]). Ein vicus Brittonum ist bislang leider nicht bezeugt, doch liegt außer dem vicus Aurelius zumindest ein weiteres Beispiel der Bezeichnung eines vicus nach einer militärischen Einheit vor: der vicus classicorum (Independenta) in Untermösien (AE 1988, 986-991)26. Unter diesen Voraussetzungen halte ich es durchaus für plausibel, die Existenz eines bislang nicht bezeugten vicus Brittonum zu postulieren. Mit dieser Prämisse ließe sich die falsche Lokalisierung der antiken Überlieferung relativ einfach erklären. Aurelius Victor (Caes. 24,4) bzw. seine Quelle hätte den vicus Brittonum, zumal mit Sicilia eine scheinbare Ortsbezeichnung vor-

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Anm. 21. Die von LIPPOLD vertretene Frühdatierung der Historia Augusta halte ich für unzutreffend. Vgl. Alois WALDE/Johann Baptist HOFMANN, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 1-2. 3. Aufl. Heidelberg 1938-1954, ND 1966, hier 2, S. 782f. s.v. vicus; Michel TARPIN, Vici et pagi dans l’Occident romain (Collection de l’École Française de Rome 299). Rom 2002. Vgl. VERF., Mogontiacum (wie Anm. 2), S. 26, Anm. 36. Vgl. Ferdinand HAUG/Gustav SIXT, Die römischen Inschriften und Bildwerke Württembergs. 2. Aufl. Stuttgart 1914, S. 613-618 (Nr. 430-433). Dazu Alexandru SUCEVEANU/Mihail ZAHARIADE, Un nouveau vicus sur le territoire de la Dobroudja romaine. In: Dacia 30 (1986), S. 109-120.

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lag, als vicus Britanniae missverstanden und deshalb die Ermordung des Kaisers Severus Alexander in Britannien stattfinden lassen. Da andere Erklärungsmodelle fehlen, bleiben zunächst die einschlägigen Zeugnisse für den Nachweis von Brittones im Allgemeinen, besonders aber im Bereich der Germania superior zu prüfen. 3) Inschriftliche Zeugnisse: Britto/Brittones In der Tat ist diese ethnische Bezeichnung für militärische Einheiten, aber auch als Herkunftsangabe oder Beiname von Einzelpersonen in der römischen Kaiserzeit relativ gut dokumentiert. Eine vollständige Erfassung des Materials scheint für unsere Fragestellung nicht erforderlich und ist auch nicht beabsichtigt. Verbreitet ist der Beiname Britto als ethnisches cognomen27 vor allem in Spanien (CIL II 1072) und Nordafrika, wo in Lambaesis ein Q. Petronius Britto beigesetzt wurde (CIL VIII 18446). Als ehemaliger centurio der leg(io) XIIII Gem(ina) fand Flavius Britto seine letzte Ruhe in Rom (CIL VI 3594). Ein Mühlsteinfragment von der Saalburg dokumentiert vermutlich ein con(tubernium) Brittonis, d.h. die „Wohngemeinschaft“ eines Britto (CIL XIII 11954 a). Ebenso häufig sind Belege für die Herkunftsangabe (natio bzw. civitas) von Einzelpersonen aus Britannien28. In Rom bestattet wurde der kaiserliche Gardereiter (eques singularis Augusti) M. Ulpius Iustus, natione Britto (CIL VI 3301), ein Aurelius Atianus, nati(o)ne Britto, starb in Lyon (CIL XIII 1981), für den Auxiliarsoldaten D. Senius Vitalis, civis Britto, setzten seine Erben in Köln einen Grabstein (CIL XIII 8314). Die Zeugnisse indizieren zwar eine breite Streuung des Befundes, scheinen für Obergermanien aber nicht gerade spezifisch. Abgesehen von der im entscheidenden Teil stark fragmentierten Weihinschrift von Offizieren für Fortuna Reg(ina) Dux, wo die Ergänzung einer coh(ors) [mi]l(itum) B[rit(tonum)] eher problematisch erscheint (CIL XIII 6677 a), sind für Mainz und seine Umgebung bislang keine Brittones bezeugt. Häufig aber sind Offiziere (centuriones) der Mainzer legio XXII Primigenia nachgewiesen, die Einheiten (numeri) von Brittones kommandierten29. Zwei undatierte Weihungen der Brit-

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Vgl. Iiro KAJANTO, The Latin Cognomina. Helsinki 1965, S. 201. Zur synonymen Verwendung von Britto und Britannus (Auson. epigr. 116-121 GREEN; Isidor. orig. 9,2,102) vgl. schon Theodor MOMMSEN, Observationes epigraphicae. In: Ephemeris Epigraphica 5 (1884), S. 105-249, hier S. 177f., Anm. 1. Vgl. Pat SOUTHERN, The Numeri of the Roman Army. In: Britannia 20 (1989), S. 81-140, bes. S. 94-102 und S. 132-134; Marcus REUTER, Studien zu den numeri des Römischen Heeres in der Mittleren Kaiserzeit. In: BRGK 80 (1999, publ. 2001), S. 357-569, bes. S. 385-389 und S. 442-467. Zu einem soeben publizierten Militärdiplom Vespasians, das bereits für das Jahr 71 n. Chr. eine ala I Brittonum dokumentiert, vgl. Werner ECK, Eine Bürgerrechtskonstitution Vespasians aus dem Jahre 71 n. Chr. und

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tones Triputienses für Fortuna bzw. die Nymphen nennen auch die Kommandeure: T. Manius Magnus und M. Ulpius Malchus (CIL XIII 6502 und 6606). Für Apollo und Diana stiftete ein numerus Brittonum in Verbindung mit den exploratores Nemaningenses am 13. August 178 n. Chr. einen Votivstein; die Einheiten standen damals unter dem Befehl des T. Aurelius Firminus, centurio der leg(io) XXII Pr(imigenia) P(ia) F(idelis) (CIL XIII 6629). Eine Bauinschrift vom 13. August 232 aus Walldürn nennt unter anderen Auxiliartruppen auch Brittones mit ihrem Kommandeur T. Flavius Romanus, ebenfalls centurio der 22. Legion (CIL XIII 6592). Diese Beispiele dokumentieren hinreichend den mittelbaren Bezug der seit dem 2. Jahrhundert [6] n. Chr. in Taunus und Odenwald massierten numeri Brittonum über Offiziere der Mainzer Legion zum Lager der legio XXII Primigenia. Nach ihrer Entlassung aus dem aktiven Militärdienst könnten einige dieser Brittones die Nähe des Legionslagers ihren bisherigen Stationierungsorten vorgezogen haben, was dann zur Bezeichnung dieser Siedlung als vicus Brittonum führte. Aus dem regionalen Rahmen fällt die in Köln gefundene Weihinschrift des ordi(narius) Brit(t)o(num) Aurelius Verecundus (CIL XIII 8208), da die Funktion des Offiziers – seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. wurden die centuriones der numeri als ordinarii bezeichnet – am Sitz des untergermanischen Statthalters ungeklärt ist30. Natürlich wäre es zu begrüßen, wenn die Landesarchäologie eine vergleichbare Altarstiftung auch in Bretzenheim finden würde. 4) Befund karolingischer Urkunden Ohne derartig komplexe Vorüberlegungen hatte Friedrich LEHNE bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Existenz eines solchen vicus (Brittannorum bzw. besser: Brittonum) in der Nähe von Mainz aus der spätantiken Überlieferung (Aur. Vict. Caes. 24,4; HA Sev. Alex. 59,6) erschlossen und diese Schlussfolgerung mit drei karolingischen Kauf- bzw. Schenkungsurkunden in Beziehung gesetzt31,

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die Aushebung von Brittonischen Auxiliareinheiten. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 134 (2003), S. 220-238, bes. S. 223-225. Vgl. Brigitte und Hartmut GALSTERER, Die römischen Steininschriften aus Köln (Wissenschaftliche Kataloge des Römisch-Germanischen Museums Köln 2). Köln 1975, S. 27 (Nr. 79) mit Abb. Taf. 16; zur Bedeutung vgl. REUTER, Studien (wie Anm. 29), S. 462-464 (Nr. 39); zur kontrovers diskutierten Inschrift aus Walldürn, REUTER, Studien (wie Anm. 29), S. 550f. (Nr. 195). Friedrich LEHNE, Über die geographische Lage des alten Sicila, wo Kaiser Alexander Severus im Jahr 236 (!) ermordet wurde. In: DERS., Gesammelte Schriften, 1-3. Mainz 1836-1839, hier 3, S. 75-92; vgl. dazu Stephan PELGEN, Lieber guter Lehne ... Zehn Briefe als Quellen zur Biographie von Friedrich Lehne (1771-1836). In: Mainzer Zeitschrift 96/97 (2001/2002), S. 249-270, bes. S.256f. (Der Kaisermord in Bretzenheim). Bezüglich der Schreibweise von Sicilia als „Sicila“ folgte LEHNE den zu seiner

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welche die Gemarkung Bretzenheim als villa nominata Prittonorum, villa Brittanorum oder Brettanorum villa bezeichneten32. Die älteste dieser Urkunden, datiert auf den 18. Januar 752 n. Chr. (STENGEL Nr. 18), bot 2002 Anlass zur Festschrift „1250 Jahre Bretzenheim“, die Michael GOCKEL mit einer programmatischen Würdigung dieses Dokuments eröffnete. Hier braucht uns nur seine abschließende Stellungnahme zur Bezeichnung Bretzenheims als villa Prittonorum zu interessieren, die er als „scheingelehrte Spielerei“ eines Mainzer Schreibers wertete, der den Namen der Gemarkung „Brittinheim“ (in unterschiedlichen Schreibweisen) latinisiert habe33. Die Deutung des Namens als „Heim eines Britto“ geht auf Henning KAUFMANN zurück34, dessen Einschätzung auch von Ludwig FALCK vertreten wurde35. In KAUFMANNs klarer Formulierung ist „die mönchslateinische Umdeutung von Bretzenheim bei Mainz als villa Prittonorum nichts als die scheingelehrte latinisierende Umdeutung der Form Brittinheim“36. Da dem Urkundenschreiber die Texte des Aurelius Victor und der Historia Augusta sicher nicht bekannt waren37, wären seine latinisierende Umdeutung von Brittinheim und die literarische Lokalisierung des Kaisermordes also rein zufällig gewesen.



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Zeit verbreiteten Ausgaben der Historia Augusta, die aber durch die maßgeblichen codices (Palatinus 899, Admontensis 297, Parisinus Lat. 5897, Vaticanus Lat. 1897) nicht gestützt wird; vgl. bereits Heinrich JORDAN/Franz EYSSENHARDT, Scriptores Historiae Augustae. Berlin 1864, S. 259 (Z. 18). Auch im Falle des Aurelius Victor ist die Lesung Sicilia in der maßgeblichen Ausgabe Sexti Aurelii Victoris Liber de Caesaribus, hg. von Franz PICHLMAYR, Leipzig 1961, gesichert. Die Urkunden liegen jetzt publiziert vor in der Ausgabe von Edmund Ernst STENGEL, Urkundenbuch des Klosters Fulda (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck 10), 1. Marburg 1958, Nr. 18, 64, 248. Michael GOCKEL, Bretzenheim zur Zeit der Karolinger. Bemerkungen zur Ersterwähnung des Ortes vom 18. Januar 752. In: 1250 Jahre Bretzenheim (wie Anm. 1), S. 11-16, hier S. 16. Henning KAUFMANN, Rheinhessische Ortsnamen. München 1976, S. 27-31; DERS., Die Ortsnamen des Kreises Bad Kreuznach. München 1979, S. 61-63. Bretzenheim bei Bad Kreuznach scheidet für die Lokalisierung unseres Kaisermordes aus aufgrund der räumlichen Distanz zum Mainzer Legionslager und zum Aufmarschgebiet der geplanten Offensive gegen die Germanen. Ludwig FALCK, Geschichte von Bretzenheim – Ein Überblick. In: 40 Jahre gemeinsam Mainz-Bretzenheim (1929-1969), hg. von der Stadtverwaltung Mainz, Ortsverwaltung Mainz-Bretzenheim. Mainz 1969, S. 7-77, hier S. 11f. Zitat nach KAUFMANN, Ortsnamen Kreis Bad Kreuznach (wie Anm. 34), S. 63. Vgl. Peter Lebrecht SCHMIDT, Sex. Aurelius Victor, Historiae abbreviatae. In: Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, hg. von Reinhart Herzog und Peter Lebrecht Schmidt (Handbuch der Altertumswissenschaften 8), 1 und 4-5. München 1989-2002, hier 5, S. 198-201 (§ 537); der entsprechende Artikel zur Historia Augusta (§ 639) steht noch aus.

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Diese Konsequenz scheint mir indessen nicht unbedingt zwingend. Die Regel, dass fränkische Ortsnamen auf „-heim“ durchweg von Personennamen abgeleitet sind, soll keineswegs bestritten werden. Ebenso gilt allerdings die Erfahrung: Keine Regel ohne Ausnahme! Eine solche Ausnahme dürfte hier vorliegen und wurde von Wolfgang KLEIBER auch bereits postuliert38. Für literarische Produkte wird man mit gelehrten Latinisierungen rechnen dürfen, für Urkunden scheinen mir solche Spielereien eher [7] problematisch, da die Lage der Parzelle, in unserem Falle ein Weingarten (vinea) mit genauer Abgrenzung, die Bezeichnung der Gemarkung zwingend erforderte. Spielereien waren in diesem Kontext kaum angebracht, da sie allenfalls zu Vermögensauseinandersetzungen führten. Die Bezeichnung der Flur musste bekannt und geläufig sein, um Streitigkeiten zu vermeiden. Insofern gehe ich auch im Falle der Urkunde vom 18. Januar 752 von einer geläufigen Bezeichnung der Gemarkung außerhalb der Mainzer Stadtmauer (foris murum civitatis Mogontie) als villa Prittonorum aus, womit eben Bretzenheim eindeutig markiert war. Im Grunde erübrigt sich damit die Frage nach dem Verhältnis der Namenformen Brittinheim und villa Prittonorum, da sie auf eine Entscheidung der Priorität von Henne oder Ei hinausläuft. Britto wäre ja nur der Singular von Brittones, eine villa Brittonis (Brittinheim) damit pars pro toto für einen vicus Brittonum – ein Befund, den die karolingische Urkunde zur villa Prittonorum kombinierte. Unabhängig von Singular oder Plural ist für unsere Thematik entscheidender, dass die Gemarkung Bretzenheim ihren Namen einer antiken Siedlung verdankt, die als vicus Brittonum oder villa Brittonis bezeichnet wurde. In Bezug auf Aurelius Victor (Caes. 24,4), dessen Notiz vom Autor der Historia Augusta (Sev. Alex. 59,6) mit dem Zusatz einer modifizierten Bezeichnung der Region übernommen wurde, verdient m.E. die erstere Alternative – vicus Brittonum – den Vorzug, da sie auf direktem Wege die falsche Lokalisierung der Siedlung in Britannien (vicus Britanniae) zu erklären vermag. Dieser Fehler könnte auf Aurelius Victor oder seine Quelle zurückzuführen sein, wobei als Vorlage m.E. am ehesten die Chronik des Atheners Dexippos in griechischer Sprache in Betracht kommt39. Ob bereits Dexippos den vicus Brittonum als vicus Britanniae missverstanden hat, lässt sich nicht entscheiden. 38

39

Wolfgang KLEIBER, Frühgeschichte am unteren Neckar nach dem Zeugnis der Sprachforschung. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 117 (1969), S. 26-46, hier S. 43-46. Vgl. Fergus MILLAR, P. Herennius Dexippus: The Greek World and the Third-Century Invasions. In: Journal of Roman Studies 59 (1969), S. 12-29; François PASCHOUD, L’Histoire Auguste et Dexippe. In: Historiae Augustae Colloquium Parisinum, hg. von Giorgio Bonamente. Macerata 1991, S. 217-269. Unser Kaisermord wurde bislang nicht für die Chronik des Dexippos beansprucht.

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5) Sprichwörtliche Erklärung der scheinbaren Ortsbezeichnung Sicilia Als Argument gegen die Lokalisierung des Kaisermordes vom Jahre 235 n. Chr. in Bretzenheim wurde von Ludwig FALCK auch angeführt, „dass der eigentliche Name des Ortes ... ‚Sicilia‘ lautete. Nichts aber weist bisher darauf hin, dass es jemals einen solchen Ort bei Mainz gegeben habe“40. Im zweiten Teil trifft seine Einschätzung sicher zu, geht aber von der gängigen Voraussetzung aus, Sicilia (bzw. Sicila) bezeichne einen Ortsnamen41. Die Lösung des Problems liegt indessen auf einer anderen Ebene. Als am 28. März 193 n. Chr. der Kaiser Pertinax nach einer Herrschaft von nur 87 Tagen von Prätorianern ermordet wurde (Dio 73,10,3; HA Pert. 15,6), erfolgte dieser Anschlag mit Sicherheit im Kaiserpalast der Stadt Rom42. Während der Herrscher nach Darstellung der Historia Augusta (Pert. 11,6) hier das Hofgesinde zum Dienst einteilte, drangen die Soldaten in die Säulenhallen des Palastes ein bis zu dem Platz, der als „Sicilia“ und Speisesaal des Jupiter bezeichnet wird – ad locum, qui appellatur Sicilia et Iovis cenatio. Sicilia bezieht sich hier also eindeutig auf einen Teil des kaiserlichen Palastes, der als Bankettsaal genutzt wurde. Im Unterschied zum triclinium, einer Kombination von gewöhnlich drei Liegen für je drei Personen (meist innerhalb eines gleichnamigen Raumes), bezeichnet cenatio in der Regel den Saal für eine Vielzahl derartiger Liegegruppen (Serv. Aen. 698)43. Bereits der ältere Plinius (nat. hist. 36,60) staunte über die Ausstattung eines solchen Saales mit 30 Onyx-Säulen, wie ihn sich Callistus, ein Freigelassener des Kaisers Claudius, leistete. Säulen von numidischem Marmor (giallo antico) fingen in einer von Juvenal (Sat. 7,182f.) apostrophierten cenatio die Wintersonne ein, was der antike Kommentar (Schol. Iuv. p. 131 WESSNER) auch auf die Marmorinkrustationen der Wände übertrug. In unserem Text indiziert die cenatio Iovis schon in der Zuweisung an Jupiter als den erhabensten römischen 40 41

42

43

Zitat nach FALCK, Bretzenheim (wie Anm. 35), S. 12. So auch George MACDONALD, Sicilia 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). 2. Reihe = A, Bd. 2, Halbbd. 2. Stuttgart 1923, Sp. 2193; wie wir sehen werden, ist dieser Artikel zu streichen. Vgl. Ernst HOHL, Kaiser Pertinax und die Thronbesteigung seines Nachfolgers im Lichte der Herodiankritik (Sitzungsberichte der Deutschen Akademie, Geschichte, Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften 1956, Nr. 2). Berlin 1956; Anthony Richard BIRLEY, The African Emperor Septimius Severus. Neubearb. und erw. Ausg. London 1988, S. 89-95. Vgl. Katherine M.D. DUNBABIN, Triclinium and Stibadium. In: Dining in a Classical Context, hg. von William J. Slater. Ann Arbor 1991, ND 1995, S. 121-148 mit Abb. 1-36; Reinhard FÖRTSCH, Archäologischer Kommentar zu den Villenbriefen des jüngeren Plinius (Beiträge zur Erschließung hellenistischer und kaiserzeitlicher Skulptur und Architektur 13). Mainz 1993, S. 100-116; demnächst Konrad VÖSSING, Mensa regia – Das Bankett beim hellenistischen König und beim römischen Princeps. Ungedruckte Habilitationsschrift Düsseldorf 2001 [publ. München/Leipzig 2004].

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Gott eine prachtvolle Ausstattung. Eine Vorstellung vom Prunk kaiserlicher Bankettsäle vermittelt Sueton (Nero 31,2) im Zusammenhang mit dem „Goldenen Haus“ (domus aurea) des Nero44: „Die Speisesäle (cenationes) waren mit Platten von Elfenbein getä[8]felt, teils drehbar, so dass von oben Blumen gestreut werden konnten, teils mit Düsen ausgestattet, um wohlriechende Öle zu zerstäuben. Den Hauptsaal (praecipua cenationum) bildete eine Rotunde, deren Kuppel sich wie das Weltall bei Tag und Nacht drehte.“ Der Dichter Statius (Silv. 4,2,1-67) war von der prächtigen Ausstattung des Saales ganz ergriffen, als er von Kaiser Domitian einmal zu einem Bankett geladen wurde. Seit republikanischer Zeit stellte Sizilien und vor allem Syrakus für die Römer den Inbegriff von Luxus und Wohlleben dar45. So formulierte schon Plautus (Rud. 54): Eat in Siciliam: ibi esse homines voluptarios. – „Er solle nach Sizilien gehen: Dort seien die Menschen der Wollust ergeben“. Cicero (fin. 2,92; Tusc. disp. 5,100) verurteilte wie Platon (rep. 3,404 D) den üppigen Tafelluxus der Syrakusaner, der noch in der Kaiserzeit sprichwörtlich war. So verfügte Augustus in seinem Palast auf dem Palatin über ein Studio (technyphion), das er als Syracusiae bezeichnete (Suet. Aug. 72,2), weil es offenbar besonders luxuriös ausgestattet war. Als Zenobios zur Zeit Kaiser Hadrians die Sprichwörtersammlungen des Didymos und des Lukillos exzerpierte46, definierte er die „Syrakusanische Tafel“ (Συρακουσία τράπεξα) „als aufwendig und reich gedeckten Tisch; denn die Bewohner Siziliens übertreffen offensichtlich mit Abstand alle anderen (Griechen) an Luxus und Aufwand“ (Zenob. 5,94). Diese Einschätzung wurde von Syrakus dann auf ganz Sizilien übertragen, wenn Lukian von Samosata (dial. mort. 9,2 [360]) im 2. Jahrhundert n. Chr. einen Dialogpartner namens Polystratos formulieren ließ: „Zunächst konnte ich alles tun, was mir beliebte; ich konnte die schönsten Knaben in großer Zahl, die hübschesten Frauen, Salböle und edelste Weine genießen, eine ‚Sicilische Tafel‘ vom Feinsten“. Macrobius (Sat. 7,5,24) setzte die „Sicilische Tafel“ in Parallele zur ebenso üppigen, aber nicht sprichwörtlichen „Asiatischen Tafel“ und bemerkte: „Das rechte Maß aber wahrt, wer auch an der ‚Sicilischen oder Asiatischen Tafel‘ Selbstbeherrschung übt“ – qui sui potens est in mensa Sicula vel Asiana. In byzantinischer Zeit schließlich fasste das

44

45 46

Vgl. Larry Frederick BALL, The Domus Aurea and the Roman Architectural Revolution. Cambridge 2003; Paul ZANKER, Domitian’s Palace on the Palatine and the Imperial Image. In: Proceedings of the British Academy 114 (2002), S. 105-130, bes. S. 110-114.  Vgl. August OTTO, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer. Leipzig 1890, ND Hildesheim 1962, S. 321. Vgl. Hans GÄRTNER, Zenobios 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. 2. Reihe = A, Bd. 10, Halbbd. 1. Stuttgart 1972, Sp. 11f.

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Suda-Lexikon (p. 357 ADLER) die Σικελικὴ τράπεξα als sprichwörtliche Redewendung für außergewöhnlichen Luxus und Überfluss. Die Beispiele erklären hinreichend, weshalb ein kaiserlicher Bankettsaal vom Autor der Historia Augusta als Sicilia bezeichnet werden konnte. In Bezug auf Rom stand dessen Pracht, wie wir sahen, außer Frage. Wie ebenfalls deutlich geworden sein dürfte, hat der Kaiser Severus Alexander auch auf Reisen, zumal in Begleitung seiner Mutter Iulia Mamaea, einen gewissen Luxus nicht missen wollen oder können. Sein Bankettsaal im Felde wird vielleicht nicht so prächtig gewesen sein wie das Pendant der kaiserlichen Residenz in Rom. Er wird auch nicht ausschließlich für Bankette, sondern ebenso für Audienzen und Verhandlungen mit den Gegnern genutzt worden sein. Gerade in dieser Hinsicht aber war pompöse Prachtentfaltung sicher von Nutzen, schon um die Gegner zu beeindrucken. Wenn daher die antike Überlieferung den Mordanschlag in der Sicilia lokalisierte, war damit ursprünglich der Bankett- bzw. Audienzsaal des mobilen kaiserlichen Feldlagers gemeint, den Aurelius Victor (Caes. 24,4) bzw. schon seine Quelle Dexippos (?) und später die Historia Augusta (Sev. Alex. 59,6) als Ortsnamen missverstanden haben. Die Frage, weshalb der Autor der spätantiken Kaisergeschichte nicht die naheliegende Parallele zwischen der Pertinax-Vita (11,6) und der Vita des Severus Alexander (59,6) gezogen hat, erklärt sich vermutlich daraus, dass ihm für das Vier-Kaiser-Jahr 193 n. Chr. eine breitere und auch substanziellere Überlieferung (Cassius Dio, ein unbekannter „good biographer“, Marius Maximus) zur Verfügung stand47.

47

Vgl. Timothy David BARNES, The Sources of the Historia Augusta (Collection Latomus 155). Brüssel 1978; Ze’ev RUBIN, Civil-War Propaganda and Historiography (Collection Latomus 173). Brüssel 1980; Anthony Richard BIRLEY, Marius Maximus: the Consular Biographer. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. 2. Principat, Bd. 34, Teilbd. 3 (1997), S. 2678-2757. Das Problem der Quellen der Historia Augusta wird nach wie vor intensiv diskutiert.

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Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim ERGEBNISSE UND AUSBLICK

Das Ergebnis der hier vorgelegten Analyse ist natürlich nicht so spektakulär wie die These, Severus Alexander sei wo auch immer, jedenfalls aber nicht in Bretzenheim ermordet worden. Letztlich wurde hier ja nur bestätigt, was ohnehin schon allgemein bekannt war. Unter wissenschaftspolitischen oder -organisatorischen Aspekten mag man sogar in Frage stellen, ob unsere Untersuchung überhaupt als Forschung zu werten sei, da sie weder in ein interdisziplinäres Projekt eingebunden, noch in Bezug auf Drittmitteleinwerbung relevant ist. Tatsächlich lässt sich der faktische Gewinn dieser Studie auf den einfachen und bekannten Nenner reduzieren: Der Kaisermord erfolgte 235 n. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Mainzer Vorortes Bretzenheim. Entscheidender als das Resultat scheint mir indessen die Begründung, die in fünf Schritten erfolgte. Ausgehend von der antiken Überlieferung galt es zunächst, die Region des Geschehens bei Mainz (apud Mogontiacum) einzugrenzen, sodann die Formulierung der beiden literarischen Hauptquellen – Aurelius Victor/Historia Augusta – eingehender zu analysieren und zu interpretieren. Auf dieser Grundlage ergab sich die Einbeziehung der inschriftlichen Zeugnisse (Britto/Brittones), welche zumindest mo[9]dellhaft das Verständnis der Hauptüberlieferung flankieren. Bezüglich der karolingischen Urkunden wurde sowohl die „scheingelehrte“ Latinisierung des Ortsnamens als der Quellengattung unangemessen bestritten, als auch eine zufällige Kongruenz der Ortsbezeichnung in der römischen Kaiserzeit und im frühen Mittelalter aus Plausibilitätsgründen ausgeschlossen. Natürlich standen die karolingischen Urkunden nicht am Ausgangspunkt der Interpretation, sondern bieten lediglich einen Reflex der antiken Ortsbezeichnung, die nicht Sicilia, sondern vicus Brittonum lautete. Als Sicilia wurde vielmehr der kaiserliche Bankett- bzw. Audienzsaal bezeichnet, der in unserem Falle den zentralen Komplex des mobilen kaiserlichen Feldlagers auf Bretzenheimer Boden bildete, indessen bereits von den antiken Autoren als scheinbarer Ortsname missverstanden wurde. Wenn dieses Ergebnis bislang (noch) nicht durch archäologisches Fundmaterial verifiziert werden kann, resultiert dieses Defizit einerseits aus der temporären Nutzung des Feldlagers durch den Kaiser Severus Alexander, andererseits – natürlich! – aus der Überbauung der Siedlung Bretzenheim in Mittelalter und Neuzeit. Insofern dürfte sich die Suche nach den Pfostenlöchern der Sicilia problematisch gestalten. Nicht von ungefähr halten sich Funde der Römerzeit auf Bretzenheimer Boden in bescheidenen Grenzen.48 48

Vgl. Astrid BÖHME-SCHÖNBERGER, Die Römer in Bretzenheim. In: 1250 Jahre Bretzenheim (wie Anm. 1), S. 21f. Zu wünschen wäre ihr, endlich auch auf Bretzenheimer Boden eine englische Fibel zu finden; dazu vgl. Astrid BÖHME[-SCHÖNBERGER],

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Abb. 4a/b: Aureus des Kaisers Severus Alexander, 229/30 n. Chr. (BMC Emp. VI 176, Nr. 620). Vs.: Büste des Kaisers mit Lorbeerkranz n. r. „IMP SEV ALEXAND AVG“. Rs.: Kaiser in militärischer Tracht mit Lanze und geschultertem Tropaion n. r. schreitend. „PM TRP VIIII COS III PP“.

[10] Um die eingangs gestellte Entscheidungsfrage abschließend zu beantworten:

Die Gedenktafel von Kurt LENZ gegenüber dem Bretzenheimer Rathaus steht in ihrer Berechtigung außer Frage! Ihr schlichter Text (Abb. 1) lautet: SEVERUS / ALEXANDER / RŒMISCHER KAISER / 235 N. CHR. IM KRIEGS / LAGER ERMORDET „IN / VICO BRITANNIAE“ / – BRETZENHEIM – / IM 8. JH. N. CHR. „VILLA / BRITANNORUM“. Dies impliziert natürlich keine Schuldzuweisung: Severus Alexander (Abb. 4 a/b) wurde ja nicht von einem Bretzenheimer (Britto) erschlagen, sondern von römischen Soldaten (milites) auf Befehl des Usurpators Maximinus Thrax (Abb. 5). In der Formulierung von Gebhard KURZ lauten die einschlägigen Verse seines Bretzenheimer Fastnachts-Vortrages während der Kampagne 200249:

 49

Englische Fibeln aus den Kastellen Saalburg und Zugmantel. In: Saalburg-Jahrbuch 27 (1970), S. 5-20. Gebhard KURZ präsentierte seinen eindrucksvollen Vortrag unter dem Titel „Ein Römer-Forscher“; sein Typoskript stellte er mir am 29.04.2003 im Landesmuseum anlässlich meiner Erörterung des Kaisermordes zur Verfügung.

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Abb. 5: Mamorbüste des Kaisers Maximinius Thrax (Rom, Capitolinische Museen, Inv.-Nr. 473).

„Doch dann geschah an diesem Ort ein gar fürchterlicher Mord: Ein Kaiser wurde umgebracht! Wer hat denn so etwas gemacht? Ich halte das für ein Gerücht. So ’was tun Bretzenheimer nicht!“ Hinsichtlich des Ortsjubiläums hätte Bretzenheim also schon 1985 seine 1750-Jahrfeier begehen können, wäre der Nachweis des vicus Brittonum bereits für das Jahr 235 n. Chr. nicht zu Unrecht in Frage gestellt worden. Die Chance wurde damals leider vertan, vielleicht noch unter dem Eindruck der verfrühten 2000-Jahrfeier von Mainz im Jahre 196250. Indessen bleibt bis 2035 genügend Zeit zur Vorbereitung des Jubiläums – natürlich mit einer passenden Festschrift: 1800 Jahre Bretzenheim. 50

Vgl. 2000 Jahre Mainz am Rhein 1962, hg. im Auftrag des 2000-Jahr-Ausschusses der Stadt Mainz vom Städtischen Presseamt. Mainz 1962; Heinz LEITERMANN, Zweitausend Jahre Mainz. Bilder aus der Mainzer Geschichte. Mainz 1962; Hans JACOBI, Mogontiacum. Das römische Mainz, 1-2. Mainz 1996-2000, hier 1, S. 93-98.

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Abkürzungsverzeichnis AE Aur. Vict. Caes. Auson. epigr. BMC Emp. BRGK Cassiodor. chron. Chron. a. 354 Chron. min. Cic. fin. Cic. Tusc. disp. CIL Dio Epit. de Caes. Eutrop. brev. FGrHist Georg. Sync. chron. Hdn. HA Hadr. Maxim. Pert. Prob. Sev. Alex. trig. tyr. Hieron. chron. IGR Isidor. orig. Iuv. Sat. Lukian. dial. mort. Macrob. Sat. Oros. p. Plat. rep. Plaut. Rud. P. Oxy. SB Schol. Iuv.

L’Année Épigraphique Aurelius Victor, Caesares (Kaisergeschichte) Ausonius, Epigramme British Museum, Coins of the Roman Empire Bericht der Römisch-Germanischen Kommission Cassiodorus, Chronik Chronographus anni 354 (Chronograph des Jahres 354) Chronica minora, hg. von Theodor MOMMSEN Cicero, De finibus (Vom höchsten Gut und größten Übel) Cicero, Tusculanae disputationes (Gespräche in Tusculum) Corpus inscriptionum Latinarum Cassius Dio, Römische Geschichte Epitome de Caesaribus (Abriss der Kaisergeschichte) Eutropius, Breviarium ab urbe condita (Abriss der röm. Geschichte) Fragmente der griechischen Historiker, hg. von Felix JACOBY Georgios Syncellus, Chronik Herodian, Römische Geschichte seit dem Tod des Marcus (Aurelius) Historia Augusta (Kaiserbiographien) Hadrianus Maximini duo (Maximinus, Vater und Sohn) Pertinax Probus Severus Alexander triginta tyranni (Dreißig Tyrannen) Hieronymus, Chronik Inscriptiones Graecae ad res Romanas pertinentes (Griechische Inschriften mit Bezug auf Rom) Isidorus, Origines (Etymologien) Juvenal, Satiren Lukian, Dialogi mortuorum (Totengespräche) Macrobius, Saturnalien Orosius, Historiae adversum paganos (Weltchronik gegen die Heiden) pagina = Seite Platon, Politeia (Der Staat) Plautus, Rudens (Der Strick) Papyri aus Oxyrhynchus Sammelbuch griechischer Urkunden aus Ägypten Scholia (Erläuterungen) zu den Satiren Juvenals, hg. von Paul WESSNER

268 Serv. Aen. Stat. Silv. Suda Suet. Aug. Nero Tac. ann. Zenob. Zonar. Zosim.

Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis Statius, Silvae (Gelegenheitsgedichte) Suda-Lexikon, hg. von Ada ADLER Sueton Augustus Nero Tacitus, Annalen Zenobios, Sprichwörtersammlung Zonaras, Weltchronik Zosimus, Römische Geschichte

Zur ‚Apotheose‘ des Herrschers in der Spätantike* „Ich bin Jahwe, Dein Gott: ... Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Dieser Fundamentalsatz monotheistischer Religionen, wie ihn die Bibel für das Judentum formulierte (AT Exod. 20,2f.), gilt gleichermaßen für das Christentum (z.B. Firm. Mat. err. 28,7; Julian c. Gal. 152 C-159 E) wie später für den Islam (Koran, Sure 18,110). Mit dem Sieg Constantins an der Milvischen Brücke war 312 n. Chr. das Christentum zur religio licita geworden, ohne daß damit allerdings dem paganen Heidentum schlagartig die Existenzberechtigung entzogen worden wäre. Vielmehr wird man umgekehrt festhalten dürfen, daß die Anhänger der heidnischen Kulte damals zahlenmäßig den Anteil der Christen an der Reichsbevölkerung bei weitem übertrafen1. Erst in den folgenden Jahrzehnten verschoben sich die Relationen in zunehmendem Maße, doch verfügte das Heidentum auch gegen Ende des 4. Jhs. n. Chr. noch über beachtliche Nischen, die es gegen die christlichen Kaiser engagiert, letztlich aber erfolglos zu verteidigen suchte. Sicher wuchs die Zahl der Christen im östlichen Reichsgebiet erheblich schneller als im Westen, wo die Führungselite vor allem in Rom und Italien bis zur gescheiterten Usurpation des Eugenius den heidnischen Kulten trotz aller Rückschläge eine Existenz sichern konnte. Die Herrschaft Julians blieb allerdings, um Athanasius zu zitieren, in dieser Hin[106]sicht tatsächlich „ein Wölkchen, das sich rasch verzog“ – νεφύδριον γάρ ἐστι καὶ θᾶττον παρελεύσεται (Sozom. h.e. 5,15,3; Theodor. h.e. 3,9,2). Wenn auch die christlichen Kaiser auf die regionalen Besonderheiten religiöser Überzeugung Rücksicht nahmen, so resultierte diese ‚Toleranz‘ durchweg aus politischen Erwägungen, sei es, daß sie in der ersten Hälfte des 4. Jhs. noch nicht auf das Potential heidnischer Verwaltungsbeamter verzichten konnten, auf deren Unterstützung sie militärisch oder politisch – etwa beim Ausbau der neuen Hauptstadt Constantinopel – angewiesen waren, sei es, daß sie ihnen bei den innerkirchlichen Auseinandersetzungen zwischen Arianern und Orthodoxen als persönlich unbelasteten Vertretern der Reichsgewalt Ordnungsfunktionen übertrugen. Den entscheidenden *

1

[zuerst erschienen in: Giuliano CRIFÒ / Stefano GIGLIO (eds.), Atti dell’Accademia Romanistica Costantiniana. X convegno internazionale in onore di Arnaldo Biscardi, (Università degli studi di Perugia. Facoltà di giurisprudenza) Napoli 1995, 105-125]  Vgl. C. LEPELLEY, Les limites de la christianisation de l’état romain sous Constantin et ses successeurs in Christianisme et pouvoirs politiques. Études d’histoire religieuse, Lille 1972, 25-41; R. VON HAEHLING, Die Religionszugehörigkeit der hohen Amtsträger des Römischen Reiches seit Constantins I. Alleinherrschaft bis zum Ende der Theodosianischen Dynastie (324-450 bzw. 455 n. Chr.). Antiquitas III 23, Bonn 1978; T.D. BARNES, Christians and Pagans in the Reign of Constantius in L’Eglise et l’Empire au IVe siècle. Entretiens sur l’Antiquité Classique 34, Genf/Vandoeuvres 1987, 301-337.

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Bruch mit dieser Praxis markierte das einschneidende Religionsedikt de fide catholica des Kaisers Theodosius I. vom 27. Feb. 380 (CTh. 16,1,2), bevor schließlich Theodosius II. am 7. Dez. 415 ein generelles Einstellungsverbot für Heiden in den Staatsdienst verfügte (CTh. 16,10,21). In diesen rund 100 Jahren des religiösen Umbruchs – von der Tolerierung des Christentums bis zu seiner Etablierung als verbindlicher Staatsreligion – die ‚Kaiserapotheose‘ zu beleuchten, erscheint weniger unter dem Aspekt des Gegensatzes von polytheistischen und monotheistischen Glaubensüberzeugungen von Interesse als im Hinblick auf Modifizierungen ihres Verständnisses und ihrer Funktion. Im Kontext der Herrschaftslegitimation bzw. der Kontinuität des Imperium Romanum spielt auch die Einschätzung der vor 312 n. Chr. konsekrierten Kaiser eine Rolle2. Meine Überlegungen konzentrieren sich daher auf folgende drei Gesichtspunkte: 1) Grundzüge der ‚Kaiserapotheose‘ im Prinzipat; 2) Constantin als divus und entsprechende Epitheta seiner Nachfolger; 3) Konsekration und Divinisierung in heidnischer und christlicher Wertung. Um die spätantiken Befunde des Herrscherkultes deutlicher fassen und abgrenzen zu können, erscheint zunächst eine Bilanzierung der klassisch-heidnischen Kaiserkonsekration erforderlich, zumal deren Beurteilung in der neueren Forschung keineswegs eindeutig ausfällt3. Insofern bleiben die [107] hier formulierten Grundzüge notwendigerweise subjektiv, als Strukturmodell halte ich sie aber abgesehen von allen Detailproblemen für tragfähig. Traditionell werden in diesem Zusammenhang drei Elemente diskutiert, die in ihrer Abfolge und Wertung allerdings umstritten sind: a) Die Konsekration erfolgte aufgrund eines Beschlusses des römischen Senats (senatus consultum). b) Die Bestattung des Kaisers wurde in der Regel als Staatsbegräbnis (funus publicum) zelebriert. 2

3

Vgl. H. GESCHE, Die Divinisierung der römischen Kaiser in ihrer Funktion als Herrschaftslegitimation in Chiron 8, 1978, 374-390; allgemein F. PASCHOUD, Roma aeterna. Études sur le patriotisme romain dans l’Occident latin à l’époque des grandes invasions. Bibliotheca Helvetica Romana 7, Rom 1967. Vgl. neuerdings S. PRICE, From noble funerals to divine cult: the consecration of Roman Emperors in D. CANNADINE/S. PRICE (Hrsg.), Rituals of Royalty. Power and Ceremonial in [107] Traditional Societies, Cambridge 1987, 56-105; J. ARCE, Funus imperatorum. Los funerales de los emperadores romanos, Madrid 1988, bes. 125-157; dazu auch meine Rez. in Gnomon 61, 1989, 523-528. Zu den Anfängen des Herrscherkults vgl. VERF., Zum Herrschaftsverständnis Philipps II. von Makedonien in Historia 39, 1990, 426-445 [hier 29-50]; L.J. SANDERS, Dionysius I of Syracuse and the Origins of the Ruler Cult in the Greek World in Historia 40, 1991, 275-287 (mit weiterführender Literatur).

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c) Höhepunkt dieser Leichenfeier bildete die Einäscherung der Leiche (funus verum) bzw. eines Wachsbildnisses (funus imaginarium). In der Regel werden senatus consultum und consecratio gleichgesetzt, wobei der Senatsbeschluß teilweise vor, teilweise nach der Leichenfeier erfolgen konnte. Die zweite Alternative bot den Vorteil, daß der Konsekrationsbeschluß dann auf die durch einen Augenzeugen beglaubigte oder durch den vom Scheiterhaufen aufsteigenden Adler symbolisierte Entrückung des verstorbenen Kaisers (Suet. Aug. 100,4; Dio 56,42,3) Bezug nehmen konnte. Daß dieser Faktor indessen für das Votum des Senats entscheidend gewesen sein sollte, halte ich angesichts der abweichenden Überlieferung mit Wilhelm KIERDORF für fraglich, der mit guten Gründen eine Differenzierung zwischen dem die ‚Apotheose‘ initiierenden Senatsbeschluß und der eigentlichen Vergöttlichung durch einen Kultakt postulierte4. Seine Interpretation wird m.E. gestützt durch die umstrittene ‚Apotheose‘ des Diktators Caesar: 42 (?) v. Chr. war ein entsprechendes senatus consultum gefaßt worden (Dio 47,19,2f.), zum Gott wurde er aber erst durch die Umsetzung des Beschlusses, nachdem sich M. Antonius im Winter 40/39 v. Chr. als flamen Divi Caesaris inaugurieren ließ (Plut. Ant. 33,1); erst seit diesem Zeitpunkt konnte sich Oktavian als Divi filius bezeichnen5. Wenn Kaiser Titus, gestorben am 13. Sept. 81 n. Chr., am 1. Okt. des Jahres noch nicht Divus war (AFA p. CX 48 HENZEN), so bedeutet dies nicht, daß der Beschluß des Senats noch nicht erfolgt, sondern lediglich, daß die Kulteinrichtung noch nicht zum Abschluß gelangt war. [108] 193 n. Chr. beschloß der Senat Ende Mai gleichzeitig mit der Anerkennung des Septimius Severus als Kaiser weisungsgemäß auch die ‚Apotheose‘ des Pertinax (Dio 74,17,4), dessen bekanntes funus imaginarium, bei dem Severus die Leichenrede hielt (Dio 75,5,1), dann frühestens im Juni stattfand. Die Kulteinführung durch Errichtung einer aedicula im templum Divorum auf dem Palatin (Dio 75,4,1; 76,4,3), Inauguration des flamen Helvianus und Bestellung entsprechender sodales (HA Sev. 7,8; Pert. 15,4f.) erfolgte hier wohl unmittelbar im Anschluß an die Leichenfeier, so daß Pertinax ab sofort als DIVVS PERTINAX PIVS PATER apostrophiert werden konnte (BMC Emp. V 25, Nr. 36f.; 120, Nr. 479f.). Der skizzierte Befund hat Konsequenzen für die Wertung des sog. Konsekrationsbeschlusses, insofern dieses S(enatus) C(onsultum) primär nichts anderes war und immer geblieben ist als ein politischer Akt zur positiven Beurteilung des verstorbenen Herrschers durch den Senat. Als negative Entsprechung verfügte die damnatio memoriae die Tilgung der Erinnerung an einen von dieser Körperschaft 4 5

W. KIERDORF, ‚Funus‘ und ‚consecratio‘. Zu Terminologie und Ablauf der römischen Kaiserapotheose in Chiron 16, 1986, 43-69. Vgl. VERF., Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die auspicia des Augustus in Historia 34, 1985, 191-221, bes. 203-205 [hier 93-12, bes. 10-1].

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mehrheitlich abgelehnten Gewaltherrscher6. Lediglich im Falle des Tiberius war die Entscheidung zwischen beiden Alternativen unterblieben, weil einerseits der Senat eine damnatio nicht wagte, andererseits Caligula als Nachfolger kein Interesse an einer positiven Würdigung zeigte (Suet. Tib. 75; Dio 59,3,7; FO p. 37 VIDMAN2), die zur consecratio seines Vorgängers geführt hätte. Für die Vergöttlichung des Kaisers bildete ein entsprechendes S(enatus) C(onsultum) zwar die unabdingbare Voraussetzung, der eigentliche Akt vollzog sich indessen nicht mit dem Beschluß, sondern mit dessen Umsetzung in der Einrichtung eines Kultes. In bezug auf Hadrian hat die Historia Augusta diese Gewichtung zutreffend zum Ausdruck gebracht. Nur mit Mühe konnte Antoninus Pius den Senat zu einem positiven Votum über die Herrschaft seines Adoptivvaters bewegen (Dio 69,23,3; 70,1,2f.; HA Hadr. 27,2; Ant. Pius 5,1), so daß der für die Konsekration notwendige Beschluß erst längere Zeit nach der Beisetzung Hadrians (in Puteoli) erfolgte7. Die Einrichtung des Kultes geschah offenbar in unmittelbarem Anschluß an das SC durch den regierenden Kaiser in seiner Funktion als pontifex maximus: Templum denique ei pro sepulchro apud Puteolos constituit (scil. Antoninus Pius) et quinquennale certamen et flamines et sodales et multa alia, quae ad honorem quasi numinis pertinerent (HA Hadr. 27,3; vgl. Ant. Pius 5,2). Diese Maßnahmen cha[109]rakterisieren nach meiner Auffassung die Kultbegründung, d.h. den Vollzug der consecratio im engeren Sinne8. Eine ‚Doppelbestattung‘ in Form des funus imaginarium ist für Hadrian nicht überliefert9, erscheint angesichts der politischen Situation auch kaum wahrscheinlich, da sich der Senat in seiner Entscheidung wohl kaum durch den Adlerflug oder einen Zeugen hätte beeindrucken lassen. Daß dieses Ritual für den Beschluß auch nicht vorauszusetzen ist, bezeugen die Fasti Ostienses für weibliche Mitglieder der domus Augusta: Marciana wurde 112, die ältere Faustina 140 n.Chr. mit einem Staatsbegräbnis (funus censorium) geehrt10, nachdem der Konsekrationsbeschluß des Senats bereits einige Tage zuvor gefaßt worden war (FO p. 48 u. 49f. VIDMAN2). Die Zeitfolge ist deshalb von Interesse, weil sie eine Abkoppelung des S(enatus) C(onsultum) vom Ritual der Bestattung dokumentiert, die analog auf die Kaiserapotheose übertragen werden kann. Die Formel diva cognominata bzw. diva ap-

6 7 8 9 10

Vgl. F. VITTINGHOFF, Der Staatsfeind in der römischen Kaiserzeit. Untersuchungen zur damnatio memoriae, Neue Deutsche Forschungen A 2, Berlin 1936. Vgl. VERF. Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69-235 n. Chr.) in ANRW II 16,1, 1978, 655-819, hier: 745f. Vgl. H. DESSAU, De sodalibus et flaminibus Augustalibus in EphEpigr. 3, 1877, 205-229; H.-G. PFLAUM, Les prêtres du culte impérial sous le règne d’Antonin le Pieux in CRAI 1967, 194-208. Mit einem funus imaginarium rechnet H. CHANTRAINE, „Doppelbestattungen“ römischer Kaiser in Historia 29, 1980, 71-85, bes. 82f. Vgl. L. VIDMAN, Faustina die Ältere und ‚Doppelbestattungen‘ römischer Kaiser in Sodalitas. Scritti Guarino I, Napoli 1984, 403-414.

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pellata (a senatu) antizipiert entweder die Kulteinführung oder besagt, daß dieser Akt gleichzeitig mit dem Senatsbeschluß vor der pompa funebris erfolgt ist. Wenn nach dem Präzedenzfall des Augustus das Bestattungsritual (pompa funebris und crematio) für die Kaiserkonsekration nicht mehr konstitutiv war, wie außer den ‚Apotheosen‘ von minderjährigen Mitgliedern der domus Augusta (z.B. Claudia Neronis, Flavia Domitilla, Flavius Caesar) auch die verspäteten Vergöttlichungen der Livia, des Traianus pater, des Commodus, Caracalla, Severus Alexander nahelegen, so reduziert sich der Vorgang auf zwei entscheidende Elemente: den konstituierenden Senatsbeschluß und seine Umsetzung durch die Kulteinrichtung. Erschien aus christlicher Sicht die positive Würdigung eines Herrschers durch den römischen Senat unproblematisch, so konnte es bei dessen kultischer Verehrung keine Kompromisse geben. Dieser eigentliche Akt der Vergöttlichung (consecratio) blieb einem christlichen Kaiser schon von seinem Selbstverständnis her prinzipiell versagt11. [110] Wurde der heidnische Princeps nach seinem Tode unter die Götter versetzt (Tac. ann. 15,74,4; App. b.c. 2,148,618), bezeichnete man ihn als Divus (Serv. Verg. Aen. 5,45). Wenn Constantin und seinen Nachfolgern dasselbe Epitheton zuerkannt wurde, mußte zumindest für Christen die Möglichkeit zu einem neuen Verständnis gegeben sein, wobei davon auszugehen ist, daß der Kaiser nach seinem Tode nicht konsekriert wurde. Das in der vita Constantini des Euseb (VC 4,65-71; vgl. Julian, or. 1,16 D) ausführlich geschilderte Ritual der Bestattung können wir hier ausklammern12, weil der Vorgang trotz aller Reminiszenzen an die heidnische pompa funebris nach unseren bisherigen Überlegungen keine Rolle für die Problematik der Konsekration spielte. Der Bitte des Senats von Rom, den Leichnam in die alte Hauptstadt überführen zu lassen (VC 4,69), wurde nicht entsprochen, da der Kaiser selbst seine Beisetzung im Mausoleum der Apostelkirche zu Constantinopel verfügt hatte (VC 4,60). Ob der Senat dennoch einen Beschluß zur Würdigung Constantins gefaßt hat, läßt sich dem Enkomion des Euseb nicht entnehmen, blieb vielleicht auch absichtsvoll unerwähnt, um Assoziationen an einen Konsekrationsbeschluß zu vermeiden, der nach wie vor in die Kompetenz des römischen Senats fiel (Euseb. h.e. 2,2,2 u. 5; Tert. apol. 5,1; Joh. Chrys. PG 61, p. 580f.; Oros. 7,4,5). Wie dem auch sei, kann das SC diese Zielsetzung jedenfalls nicht zum Inhalt gehabt haben. Diese Fol11

12

Dazu vgl. bes. G. BONAMENTE, Apoteosi e imperatori cristiani in I Cristiani e l’Impero nel IVsecolo. Colloquio sul Cristianesimo nel mondo antico, Macerata 17-18 dicembre 1987, Macerata 1988, 107-142; DERS., L’apoteosi degli imperatori nell’ultima storiografia pagana latina in Studien zur Geschichte der römischen Spätantike. Festgabe für Professor Johannes Straub, Athen 1989, 19-73. Vgl. A. KANIUTH, Die Beisetzung Konstantins des Großen, Breslau 1941; J. ARCE (wie Anm. 3) 110-113 (mit weiterführender Literatur).

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gerung wird durch die Münzprägung bestätigt, die trotz des Epitheton DIVVS beim Namen des verstorbenen Kaisers generell auf die Legende consecratio (Revers) verzichtete, stadtrömische Münzen mit DIVVS CONSTANTINVS überhaupt nicht geprägt wurden. Insofern hat Eutrop (10,8,2) mit seiner Formel inter Divos meruit referri den Sachverhalt zutreffend charakterisiert: Constantin hatte aufgrund seiner Leistungen die ‚Apotheose‘ verdient, tatsächlich aber hat der Senat von Rom keinen Konsekrationsbeschluß gefaßt. Gegen diese Interpretation spricht m.E. nicht, daß Eutrop die Formel inter Divos meruit referri auch in bezug auf die Kaiser Decius (9,4) und Aurelian (9,15,2) gebrauchte13. In beiden Fällen sind zwar postume Inschriften mit dem Epitheton divus bezeugt – für Decius: CIL VI 36760; AE 1920, 32; für Aurelian: CIL VIII 10961; 11318; 17881; AE 1954, 132 b; AE 1969/70, 374; ANRW II 11,1 (1988) 602f., Nr. B 96 –, gleichermaßen [111] wurden aber auch die Namen eradiert (z.B. Decius: CIL VI 32557; XI 3088; XIII 6115; AE 1944, 56; IGR III 1185; MAMA VIII 424; Aurelian: CIL III 472 = IK Smyrna 815 b; 7586; 12736; V 4319; AE 1936, 129), was eine damnatio memoriae nahelegen könnte14. Den Grund für diese ambivalente Überlieferung wird man in den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen vermuten dürfen. Decius endete bei Abrittus durch den Verrat des Trebonianus Gallus, Aurelian wurde auf Betreiben einer Offiziersclique ermordet, ohne daß die Verantwortlichen unmittelbaren Gewinn aus den Aktionen ziehen konnten. Gallus mußte sich zunächst mit Hostilianus arrangieren, die Drahtzieher der Verschwörung gegen Aurelian konnten ihre Erwartungen gegen den Widerstand der Truppen nicht realisieren. Insofern blieb die Situation jeweils offen. Sicher hatte Trebonianus Gallus kein Interesse, für Decius einen Konsekrationsbeschluß zu erwirken, nach Aurelians Ermordung zögerte der Senat lange, einen Nachfolger zu nominieren. Schließlich wurde Tacitus zum Augustus erhoben, dem die Historia Augusta (Aurel. 41,3-15) einen 13

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Den brieflichen Hinweis (26 settembre 1988) verdanke ich Giorgio BONAMENTE; Literatur und hauptsächliche Überlieferung, wenngleich mit abweichenden Wertungen, bei D. KIENAST, Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie, Darmstadt 1990, 202ff. Mit einer damnatio rechnet F. HARTMANN, Herrscherwechsel und Reichskrise. Untersuchungen zu den Ursachen und Konsequenzen der Herrscherwechsel im Imperium Romanum der Soldatenkaiserzeit. 3. Jh. n. Chr., Frankfurt 1982, 69; dagegen allerdings K. WITTIG, Messius 9 (Decius) in RE XV 1 (1931) 1273-1276; ebenso J. REYNOLDS, Aphrodisias and Rome, London 1982, 140-143, Nr. 25. Datierungen des Jahres 251 n. Chr. nach ter et semel co(n)s(ulibus) sprechen jedenfalls eher gegen eine Konsekration (CIL X 3699; XI 4086). Zu Aurelian vgl. L. HOMO, Essai sur le règne de l’empereur Aurélien. 270-275, Paris 1904, ND Roma 1967, bes. 191-195 u. 325f.; dazu F. TAEGER, Zur Geschichte der spätkaiserzeitlichen Herrschaftsauffassung in Saeculum 7, 1956, 182-195, bes. 183ff.; J.R. FEARS, Princeps a diis electus. The divine election of the emperor as a political concept at Rome, Roma 1977, 281-289.

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Antrag auf Konsekration des Vorgängers in den Mund gelegt hat. Außer der Rede halte ich auch die Nachricht an sich für fiktiv. Für Aurelian hatte die Münzstätte Serdica bereits zu Lebzeiten Averse mit der Legende (IMP) DEO ET DOMINO NATO geprägt (RIC V 1, 299, Nr. 305f.) – ein Befund, dem inschriftliche Ehrungen korrespondieren (CIL II 3832; VIII 4877; AE 1938, 24 = 1972, 284). Ein vergleichbares Formular bieten Emissionen dieser Münzstätte für Probus: (IMP) DEO ET DOMINO PROBO (INVICTO) AVG (RIC V 2, 109, Nr. 841; 114, Nr. 885; NNB 40, 1991, 232f.). Entsprechende Averse mit DEO ET DOMINO CARO (INVICTO) AVG prägte Siscia für seinen Nachfolger. Von den genannten Herrschern wurde mit Sicherheit nur Carus auf Veranlassung seines Sohnes konsekriert, wie entsprechende Emissionen der Reichsprägung – Rom, Lugdunum (?), Siscia, Antiochia, Tripolis (RIC V 2, 138, Nr. 28-30; 140, Nr. 47-50; 147f., Nr. 108-113; 150, Nr. 126f. u. 129) – dokumentieren. Für seinen Vater wie auch für seinen Bruder Numerian (RIC V [112] 2, 196, Nr. 424-426) und sein Söhnchen Nigrinian (RIC V 2, 202f., Nr. 471-474) hat Carinus also Konsekrationsbeschlüsse des römischen Senats erwirkt, wenngleich von der literarischen Überlieferung nur der zeitgenössische Dichter Nemesian (cyneg. 64 u. 71) Carus als divus bzw. deus bezeichnet. Die späteren Autoren übergehen diesen Akt aus Antipathie gegen Carinus (Eutrop. 9,19,1; Epit. 38,7; Zosim. 1,72, p. 63 PASCHOUD) mit Schweigen. Eine dem Divus Carus in Puteoli gesetzte Inschrift (AE 1977, 203) wurde nach der Niederlage des Carinus gegen Diocletian eradiert. Unabhängig von dieser weiteren Entwicklung verdeutlicht das Beispiel des Carus, daß die Konsekration nur durch einen postumen Senatsbeschluß erfolgen konnte, auch wenn sich der Kaiser bereits zu Lebzeiten als DEVS ET DOMINVS feiern ließ. Einen vergleichbaren Befund bietet Diocletian, der nach seinem Tode (als privatus) konsekriert und damit zum divus wurde (Eutrop. 9,28), obwohl er sich schon als Kaiser wie ein Gott hatte verehren und anreden lassen (Aur. Vict. Caes. 39,4). Wie Aurelian (s.o.) wurde auch Probus in der späteren Überlieferung häufiger als divus bzw. deus bezeichnet (Pan. Lat. 8[5],18,3; HA Prob. 23,5; AE 1964, 223; 1903, 243), obwohl aufgrund der politischen Konstellation (Zosim. 1,71,4f.) eine tatsächliche Konsekration auf Initiative des Carus auszuschließen sein dürfte. Denkbar wäre ein späterer Beschluß auf Veranlassung Diocletians, wofür sich indessen keine Anhaltspunkte finden. Insofern spricht mehr dafür, alternativ eine untechnische Verwendung des Epitheton divus in Betracht zu ziehen: für die nachfolgenden Generationen galt Probus als positive Herrscherpersönlichkeit, bedeutender jedenfalls als Carus, der ihn nicht hatte konsekrieren lassen, und wurde deshalb als divus gewürdigt. Einen Reflex dieser Diskrepanz bietet der Autor der Historia Augusta (Prob. 23,5), wenn er bemerkt, daß es daneben aber auch Traditionalisten gab, qui divinitatem Probo derogent. Dieselben Voraussetzungen er-

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füllte Aurelian: auch er wurde aufgrund seiner Leistungen in zwei Gesetzen Diocletians und Constantins, die auf Divus Aurelianus Bezug nehmen (C. 12,62,4; 11,59,1), mit dem Epitheton ausgezeichnet, obwohl der Senat für ihn keinen Konsekrationsbeschluß gefaßt hatte. Ebenso erklärt sich der Befund in den Fasten des Philocalus, wo Aurelian und Probus im Verzeichnis der Kaisergeburtstage als Divi bezeichnet werden (CIL I2, p. 255), während Decius hier ungenannt blieb. Konsekrationsmünzen wurden für keinen der drei bezeichneten Kaiser geprägt. Angesichts dieser Voraussetzung scheint mir die Wertung des Eutrop (9,4; 9,15,2), Decius und Aurelian hätten eine ‚Apotheose‘ verdient, ohne daß sie tatsächlich erfolgte, den historischen Sachverhalt genau zu treffen. Die[113]selbe Formel wäre auch für Probus zu erwarten, doch begnügte sich der Historiker hier mit einer allgemeinen Charakteristik: vir acer, strenuus, iustus et qui Aurelianum aequaret gloria militari, morum autem civilitate superaret (Eutrop. 9,17,3). Der Vergleich mit Aurelian impliziert indessen, daß nach seiner Einschätzung auch Probus die Konsekration verdient hätte. Den verstorbenen Kaiser Constantin bezeichnet Euseb durchweg als μακάριος bzw. in der Potenzierung als τρισμακάριος (VC 4,67.69.71-73) und akzentuiert damit die christliche Sinngebung der Divinisierung15, die nun in der Aufnahme zu Gott bestand und mit Gottes Gnade erfolgte. Die Sterbeformel „Constantin wurde zu seinem Gott aufgenommen“ – πρὸς τὸν αὐτοῦ θεὸν ἀναλαμβάνετο (VC 4,64) – bezeichnet den Divus, qui caelo receptus est (vgl. NT Joh. 10,28 u. 34; Iren. haer. 4,38,4; 5,1,5; Hippol. haer. 10,34). In diesem Sinne interpretiert Euseb (VC 4,73) die Symbolik der Münzreverse mit der ‚Hand aus den Wolken‘, die den Kaiser auf seiner Quadriga aufnimmt (z.B. RIC VIII 447, Nr. 1 mit Taf. 21). Die Lösung besticht dadurch, daß auch Heiden dieses Motiv verstanden und akzeptierten, indem sie die ‚Hand aus den Wolken‘ als Wirken der höchsten Himmelsgottheit deuteten, wie dies 310 n. Chr. der Panegyricus auf Constantius Chlorus zum Ausdruck brachte (Pan. Lat. 6,7,3f. MYNORS; vgl. Tac. ann. 1,43,3; Suet. Caes. 88). Ähnlich hatte schon Plinius (Pan. 8,1) die Adoption Trajans nicht als Verdienst Nervas, (qui) tantum minister fuit, ut adoptaret, sondern als Wirken des Iuppiter Optimus Maximus stilisiert. Die Vorderseite der von Euseb zitierten Emission bietet das Bild des DIVVS CONSTANTINVS capite velato. Im heidnischen Kontext konnte die über den Hinterkopf gezogene Toga sowohl den verstorbenen als auch den opfernden Kaiser darstellen. Euseb begnügte sich hier mit der ersteren Deutung, faßte das Motiv als Bildnis des ‚seligen‘ Kaisers, des μακάριος Κωνσταντῖνος. In seiner Tricennalienrede (LC 2,5) hatte er diese Wertung theologisch begründet: Indem 15

Vgl. J. STRAUB, Divus Alexander – Divus Christus (1970), ND in Ders., Regeneratio Imperii I, Darmstadt 1972, 178-194.

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Constantin als Priester seine eigene Seele und seinen Gottes würdigen Geist dem (göttlichen) Weltenherrscher opferte, war er bereits zu Lebzeiten zum Eigentum des Christengottes, d.h. ‚geheiligt‘, worden16. Diese Deutung können wir im Zusammenhang der ‚Apotheose‘ nicht weiter vertiefen, sondern lediglich festhalten, daß [114] hier eine der Voraussetzungen für das christliche Verständnis der ‚Heiligkeit‘ des Kaisers und des Kaiserhauses faßbar wird. Das Epitheton divus eines verstorbenen Kaisers konnte also sowohl im heidnischen als auch im christlichen Sinne interpretiert werden, ohne daß die Bedeutungsvarianten für uns immer nachvollziehbar sind. Feinsinnig ließ schon Aurelius Victor (Caes. 41,5) die Alternative pro conditore seu deo habitus (scil. est Constantinus) offen. Die Inschrift des L. Turcius Secundus Asterius auf dem Augustus-Bogen von Fanum Fortunae (CIL XI 6219) wurde vermutlich kurz nach dem Tode Constantins (22. Mai 337) konzipiert, bevor seine Söhne zu Augusti erhoben wurden (9. Sept. 337). Das Formular Divo Augusto Pio Constantino, patri dominorum könnte eine Würdigung des römischen Senats im traditionellen Sinne als Konsekrationsbeschluß mißverstanden haben. Wie das stadtrömische Kollegium der Salzhändler (corpus salariorum), die dem Divus Constantinus Augustus einen Altar stifteten (CIL VI 1152), hat Asterius offenbar die Kulteinführung vorausgesetzt. Inschriften dieses Typs17 konzentrieren sich auf den Westen des Imperium, wo die Byzacena mit zwei Meilensteinen (CIL VIII 21934f.), Italien mit dem angesprochenen Zeugnis aus Fano (CIL XI 6219) und einer Stiftung des ordo Ples(tinorum) (AE 1977, 246), Rom (CIL VI 1152) und Ostia (CIL XIV 4406) mit je einer Dedikation vertreten sind. Im Osten ist, soweit ich sehe, nur Delphi mit einer postumen Ehrung eines vergleichbaren Formulars – [τὸν θ]ειότατον [κ]ύ-/ρ[ιον ἡμ]ῶν Φλάβιον / Κωνσταντῖνον (SEG XXII 468) – vertreten. Zutreffender hat Fl(avius) Crepereius Madalianus die neue Akzentuierung erfaßt, indem er 337 n. Chr. eine Inschrift für den Divus ac venerabilis princeps Constantinus setzen ließ und durch den erläuternden Zusatz venerabilis das Epitheton divus relativierte (CIL VI 1151; vgl. Firm. Mat. math. 1,10,13). Damit entspricht seine Version dem Formular späterer Prägungen der östlichen Münzstätten mit D(i)V(us) CONSTANTINVS P(a)T(er) AVGG(ustorum) / IVST(e) VENER(anda) MEMOR(ia), wo sich die Legende allerdings auf Vorder- und Rückseite verteilt18. Westliche Ge16

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18

Vgl. H.A. DRAKE, In Praise of Constantine. A Historical Study and New Translation of Eusebius’ Tricennial Orations, Berkeley/Los Angeles/London 1976, 86 u. 158f.; K.M. GIRARDET, Das christliche Priestertum Konstantins d. Gr. in Chiron 10, 1980, 569-592, bes. 580-583. Vgl. Th. GRÜNEWALD, Constantinus Maximus Augustus. Herrschaftspropaganda in der zeitgenössischen Überlieferung. Historia-Einzelschriften 64, Stuttgart 1990, 159-162 (mit allen Belegen im Anhang). Vgl. RIC VIII 433, Nr. 41 (Heraclea); 452, Nr. 62 (Constantinopolis); 474, Nr. 45 (Nicomedia); 491, Nr. 35 (Cyzicus); 516, Nr. 64 (Antiochia); 540, Nr. 28 (Alexandria); dazu P. BRUUN, The Consecration Coins of Constantine in Arctos 1, 1954, 19-31; L. KOEP,

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denkemissionen bevorzugen die Legende DIVVS CONSTANTINVS im Nominativ oder Dativ mit der ausgeschriebenen Form des Epitheton. [115] Wie bei Constantin bemerkt Eutrop (10,15,2) auch bei Constantius II., er habe die Konsekration verdient – meruitque inter Divos referri –, während er in bezug auf Julian und – erstaunlicherweise – auch auf Jovian die traditionelle Formel inter Divos relatus est (10,16,2 u. 18,2) gebraucht. Sicher liegt im Falle des Julian Apostata die Vermutung nahe, daß der römische Senat einen Konsekrationsbeschluß gefaßt hat19, obwohl der Kaiser bekanntlich bei Tarsos beigesetzt wurde (Amm. 23,2,5; 25,9,12f.; Zosim. 3,34,4; Socrat. h.e. 3,26)20. In seinem Epitaphios auf Julian spricht Libanius (or. 18,304) von kultischen Ehren, die dem Verstorbenen in vielen Städten zuteil geworden seien, mit bemerkenswerten Hinweisen auf die Akzeptanz dieser Verehrung bei der Bevölkerung21. Gegen die Würdigung allgemein hat Socrates in seiner Kirchengeschichte (h.e. 3,23) ausführlich Stellung bezogen und natürlich auch die Auffassung einer ‚Apotheose‘ Julians attackiert: der Sophist Libanius habe offenbar seinen Spott über die Christen, die einen Mann aus Palästina als Gott und Sohn Gottes verehrten, völlig verdrängt, wenn er nun selbst am Ende seiner Rede Julian unter die Götter erhebe – ἐκλελῆσθαι μοι δοκεῖ, ὅπως αὐτὸς ἐπὶ τέλει τοῦ αὐτοῦ λόγου τὸν ᾽Ιουλιανὸν ἀποθέωσε (ebd. PG 67, p. 445). Die Argumentation wirkt nicht gerade souverän, verdeutlicht aber den Zorn des Kirchenhistorikers über die heidnische Konsekration des Apostata. Als Zwischenergebnis unserer Überlegungen möchte ich gerade im Blick auf die postumen Ehrungen Julians terminologisch differenzieren zwischen heidnischer Konsekration und christlicher Divinisierung. Die der römischen Konsekration entsprechende griechische Bezeichnung ‚Apotheose‘ (Herod. 4,2,1; Tert. apol. 34; Schol. Hor. carm. 1,2,41; vgl. Polyb. 12,23,4) assoziiert zum Teil unzutreffende Vorstellungen, insofern der verstorbene Kaiser nach der bekannten Unterscheidung des Servius (Verg. Aen. 5,45) nicht zum Deus, sondern zum Divus wurde. Cassius Dio (56,46,1; 60,35,3; 74,5,5) bezeichnete den Vorgang präziser als (ἀπ)αθανάτισις und akzentuierte so den geborenen Menschen, der inter divos erho-

 19 20 21

Die Konsekrationsmünzen Kaiser Konstantins und ihre religionsgeschichtliche Bedeutung (1958), ND in A. Wlosok (Hrsg.), Römischer Kaiserkult, Darmstadt 1978, 509-527. Vgl. J. STRAUB, Die Himmelfahrt des Iulianus Apostata (1962), ND in A. Wlosok (wie Anm. 18) 528-550, hier: 537f. Vgl. Ph. GRIERSON, The Tombs and Obits of the Byzantine Emperors (337-1042) in DOP 16, 1962, 1-63, hier: 40f. Vgl. A.D. NOCK, Deification and Julian in JRS 47, 1957, 115-123.

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ben wurde22. Denselben Terminus verwandte der christliche Apologet Justin (apol. 1,21), ohne daß damit allerdings für ihn die ‚Vergöttlichung‘ akzeptabler wurde. [116] Jovian hat bekanntlich die Restriktionen seines Vorgängers hinsichtlich der christlichen Religionsausübung (Amm. 22,5,2; CIL III 10648 b) weitgehend revidiert (Amm. 25,10,15; Philostorg. h.e. 8,5) und wurde deshalb von der Kirche positiv beurteilt23. Um so erstaunlicher wirkt daher die Notiz Eutrops (10,18,2), der Kaiser sei nach seinem Tode unter die Götter erhoben worden: inter Divos relatus est. Allerdings wird diese Formel durch den Zusatz benignitate principum, qui ei successerunt, in ihrer Bedeutung relativiert. Natürlich könnte der römische Senat 364 n. Chr. noch im Hochgefühl der heidnischen Reaktion unter Julian auch für Jovian einen Konsekrationsbeschluß gefaßt haben, der möglicherweise von Valentinian I. und Valens aus politischen Gründen toleriert wurde. Diese Interpretation ließe sich damit begründen, daß sowohl in der Gesetzgebung (z.B. C. 1,4,1; 3,40,2; 4,63,1; 7,62,24; 10,32,25; 11,27,1; 12,31,1 usw.) als auch in epigraphischen Zeugnissen (z. B. CIL VI 1729; 32422) das Jahr 364 n. Chr. stereotyp Divo Ioviano et Varroniano co(n)s(ulibus) datiert wird. Selbst christliche Grabinschriften (z.B. DE ROSSI, ICUR 175; 1523f.) bezeichnen den Kaiser in diesem Kontext als Divus Iovianus. Andererseits wurde mit Sicherheit kein heidnischer Kult eingerichtet, sondern der Leichnam im Mausoleum der Apostelkirche beigesetzt (Amm. 26,1,3; Philostorg. h.e. 8,8). Wenn diese Grabrotunde, wie Agathe KANIUTH plausibel begründete 24 , von Constantin tatsächlich als Familienmausoleum konzipiert worden ist, wurde Jovian hier als erster Kaiser bestattet, der nicht der Flavischen Dynastie angehörte. Insofern kann Eutrop den entsprechenden Beschluß der neuen Herrscher unabhängig von seiner persönlichen Reverenz gegenüber Valens zutreffend als ‚Gnadenerweis‘ (benignitas) für den verstorbenen Vorgänger gewertet haben. Allerdings wäre anstelle des terminologisch festgelegten Partizips relatus eher das Kompositum translatus zu erwarten. Die für die letzten Ka22 23

24

Vgl. zuletzt G. WIRTH, Jovian. Kaiser und Karikatur in Vivarium. Festschrift Theodor Klauser zum 90. Geburtstag, JbAC Erg.-Bd. 11, Münster 1984, 353-384, bes. 372ff. Die Bemerkung von L. KOEP (RAC III, 1957, 286 s.v. ‚consecratio‘ II A 2), griechische Autoren hätten den Begriff der ‚Apotheose‘ nicht verwandt, ist angesichts der Überlieferung zu modifizieren: außer den genannten Belegen vgl. etwa FGrHist 90 F 119,2 (Nik. Dam.); Diodor 1,89,1; Strabo 6,3,9 (284); Plut. Numa 6,3; mor. 210 D u. 350 C; Dio 60,35,4 (Petr. Patric.); SB 1167,27; P Tebt. 5,78; MAMA VIII 545 u. 570. Polybios (6,54,2) gebraucht ebenso den Begriff ἀθανατίζειν; vgl. Plato, Charm. 156 D; Arist. Nicom. eth. 10,7,8; Athen. 15,697 B (Aristoteles); Strabo 15,1,73 (720); Diodor 2,20,2. Statt ἀποθανάτασις ist ἀπαθανάτισις (Dio 60,35,3 vgl. noch 45,7,1; 60,5,2; 59,11,2) zu lesen (vgl. Schol. Apoll. Rhod. 4,814 SCHÄFER). A. KANIUTH (wie Anm. 12) 26-34; vgl. P. STOCKMEIER, Herrscherfrömmigkeit und Totenkult. Konstantins Apostelkirche und Antiochos’ Hierothesion in Pietas. Festschrift für Bernhard Kötting, JbAC Erg.-Bd. 8, Münster 1980, 105-113, bes. 109-111.

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pitel Eutrops nicht erhaltene griechische Paraphrase des Paionius könnte den Sachverhalt zutreffender erfaßt haben. [117] Ammian (26,1,3) berichtet lediglich die Überführung des Leichnams von Dardastana, an der Grenze Bithyniens und Galatiens, nach Constantinopel, ut inter Augustorum reliquias conderetur. In bezug auf die geplante Beisetzung Valentinians I. im Mausoleum der Apostelkirche, die dann von Theodosius I. zum Abschluß gebracht wurde25, ist die Formel inter Augustorum durch inter Divorum (Amm. 30,10,1) ersetzt: Post conclamata imperatoris (scil. Valentiniani) suprema corpusque curatum ad sepulturam, ut missum Constantinopolim inter Divorum reliquias humaretur ... Der Befund könnte eine analoge Interpretation des Eutrop-Textes nahelegen, wobei die Notiz inter Divos relatus konkret als inter Divos translatus est zu verstehen wäre. Damit ergäbe sich eine ganz neue Akzentuierung, insofern nicht die Vergöttlichung Jovians, sondern seine Bestattung an der Seite der divinisierten Kaiser christlicher Prägung gemeint wäre, wie Ammian dies in bezug auf Valentinian zum Ausdruck brachte. Angesichts der spärlichen Überlieferung zur kurzen Herrschaft Jovians wird man auch die Frage seiner postumen Ehrungen nicht eindeutig entscheiden können. Persönlich ziehe ich die christliche Version vor, zumal Eutrop (10,18,3) das Jahr 364 n. Chr., mit dem er sein Breviarium enden ließ, nach Ioviano et Varroniano consulibus datierte, ohne den verstorbenen Kaiser im Unterschied zur sonstigen Überlieferung als Divus zu bezeichnen. Mag ein Konsekrationsbeschluß des römischen Senats erfolgt sein, so fehlte doch dessen Umsetzung, so daß sich Eutrop als Heide die christliche Deutung der Divinisierung nicht zueigen machen wollte. Immerhin verdeutlichen diese Überlegungen die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten des Epitheton divus in nachkonstantinischer Zeit. Seit 364 n. Chr. wurden die christlichen Kaiser nach ihrem Tode nur noch vereinzelt als divi bezeichnet, hauptsächlich in dynastischen Zusammenhängen, wo das Epitheton noch längere Zeit den verstorbenen Gründer einer Dynastie hervorhob (C. 11,71,1; 12,37,8; 11,14,2 pr.; vgl. 6,61,5 pr.). So wurde Gratian zwischen 375 und 378 n. Chr. als Divi Valentiniani Augusti filius (AE 1987, 435), Thermantia als Gemahlin des Divus Theodosius (pater) geehrt (CIL VI 36960), der 375 n. Chr. in Karthago hingerichtet (Oros. 7,33,6f.), von seinem Sohn aber rehabilitiert worden war. Das Epitheton wird hier nur noch als Distinktiv des wohlverdienten Verstorbenen verwandt, der in die Gefilde der Seligen eingegangen ist. Dieselbe Wertung faßt die Basis eines postumen Reiterstandbildes aus Canusium in die Formel inclytae venerand(a)eque memoriae viro Flavio Theodosio, geni[118]tori domini nostri (CIL IX 333). Als Dynastiegründer im eigentlichen Sinne 25

Vgl. Ph. GRIERSON (wie Anm. 20) 42; M.J. JOHNSON, On the Burial Places of the Valentinian Dynasty in Historia 40, 1991, 501-506.

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wird auch Theodosius I. mit der Epiklese divus ausgezeichnet. In bezug auf Stilicho werden einerseits seine verwandtschaftlichen, andererseits seine politischen Beziehungen zum Kaiserhaus betont, indem der ‚Reichsverweser‘ als Schwiegerenkel (progener) des Divus Theodosius (pater) und comes des Divus Theodosius Augustus gerühmt wird (CIL VI 1730; vgl. 1731). In diesem Sinne spricht auch Claudian (de cos. Stilich. 2,421-423; vgl. bell. Gild. 215f.) von den beiden Theodosii als den ‚seligen‘ Verwandten des Stilicho: Nec minor in caelo chorus est: exultat uterque / Theodosius divique tui ...26. Wie Claudian mögen auch andere Exponenten der paganen Kulte, etwa die Nicomachi Flaviani, die Wertung der beiden Theodosii als Divi als Reminiszenz vergangener Zeiten empfunden haben (CIL VI 1783), konnten sich aber mit der neuen Sinngebung ohne Schwierigkeiten arrangieren. Inhaltlich entspricht die Epiklese in dieser Zeit der Formel venerandae memoriae princeps (CIL IX 333), wie sie uns in der Constantinischen Epoche bereits begegnete (CIL VI 1151; Firm. Mat., math. 1,10,13; RIC VIII 433, Nr. 41). Praktisch erfolgte somit eine Angleichung an die traditionelle Bezeichnung des regierenden Herrschers als divinus princeps (CIL VI 1736; VIII 2722; 18328), die sich panegyrisch zur Vorstellung vom princeps Deo similis steigern konnte (Symm. or. 1,1)27. In Gigthi wurde für Valentinian II. eine Inschrift divina stirpe progenito gesetzt (CIL VIII 10489), die im Bezug auf den divinisierten Vater dieser Einschätzung entspricht. Seit Beginn der Valentinianischen Dynastie stand die christliche Sinngebung des divus princeps als Bezeichnung eines verstorbenen Kaisers außer Frage (ILS 818; CIL X 1341; XI 2583; V 6183 a). Unterschiedliche Auffassungen von Heiden und Christen konnten sich allenfalls in der ersten Hälfte des 4. Jhs. ergeben, insofern natürlich auch die konsekrierten Herrscher der Prinzipatszeit als Divi bezeichnet wurden. Den Umbruch verdeutlicht die Genealogie Constantins, der als Sohn des traditionell vergöttlichten Constantius Chlorus seinen Herrschaftsanspruch begründete und auch den Divus Claudius (Goticus) als Ahnherrn postulierte (CIL VI 31564; XI 9). Wenn unser umbrisches Spello in diesem dynastischen Kontext daher ein templum Flaviae gentis dedizieren und wie die Provinz Africa (Aur. Vict. Caes. 40,28) auch [119] Priester für die gens Flavia (CIL XI 5283) bestellen wollte28, konnte Constantin diesem Antrag nur entsprechen, allerdings mit der Einschränkung, daß keine blutigen Opfer gebracht werden durften: ... aedem quoque Flaviae, hoc est nostrae gentis, ut desideratis, magnifico opere perfici volumus, ea observatione 26 27 28

Vgl. A. CAMERON, Claudian. Poetry and Propaganda at the Court of Honorius, Oxford 1970. Vgl. A. PABST, Q. Aurelius Symmachus, Reden, Darmstadt 1989, 291-301. Vgl. Th. MOMMSEN, Analecta epigraphica (1850), ND in Ders., Gesammelte Schriften VIII, Berlin 1913, 24-45; J. KARAYANNOPULOS, Konstantin d. Gr. und der Kaiserkult (1956), ND in A. Wlosok (wie Anm. 18) 485-508; J. GASCOU, Le rescrit d’Hispellum in MEFRA 79, 1967, 609-659; Th. GRÜNEWALD (wie Anm. 17) 152f.

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perscripta, ne aedis nostro nomini dedicata cuiusquam contagiose superstitionis fraudibus polluatur (CIL XI 5265, Z. 42-47). Mit dieser Maßgabe wurde der Kult heidnischer Prägung substanziell vernichtend getroffen, das templum gentis Flaviae zur Memorialstätte der Flavischen Dynastie umfunktioniert. Mittelbar zielte dieser Akt auf die Einvernahme der noch im traditionellen Sinne konsekrierten Kaiser Constantius Chlorus und Claudius II. in das Konzept eines neuen, christlichen Selbstverständnisses der domus Augusta. Insofern führten die Söhne Constantins ihre Ahnenreihe denn auch problemlos über den Divus Constantinus christlicher Prägung auf Divus Constantius und Divus Claudius zurück, die im paganen Sinne konsekriert worden waren (Eutrop. 9,11,2; 10,1,3). Meilensteine des Constantius II. bezeichnen den regierenden Herrscher als imp(erator) Caes(ar) Fla(vius) Iul(ius) Constantius pius fel(ix) Aug(ustus), victor maximus, triumfator aeternus, divi Constantini optimi maximique principis (filius), divorum Maximiani et Constanti nepos, divi Claudi pronepos etc. (CIL III 3705; vgl. II 4844). Daß hier auch dem sicher nicht konsekrierten Maximianus Herculius (Eutrop. 10,3,2) das Epitheton divus zuerkannt wird, verdeutlicht die Tendenz dieser dynastischen Propaganda im Sinne von Herrschaftslegitimation und Kontinuitätsanspruch. Dieselbe Genealogie hat auch Constans, der Bruder des Constantius II., propagiert (CIL III 5207; II 4742). Frühere Inschriften für Helena und den Caesar Crispus als Mitglieder der domus Augusta verweisen auf Divus Constantius als Gemahl bzw. Großvater der Geehrten (CIL X 517; VI 1155). Constantins Schwester Constantia wurde lediglich apostrophiert als diva e prosapia genita (CIL VI 1153). Konnten die Söhne Constantins entsprechend der genealogischen Konstruktion ihres Vaters29 ihre Abstammung auf Claudius II. Goticus zurückführen, so war damit der entscheidende Schritt zur Integration eines heidnischen Kaisers in das christliche Konzept der Divinisierung vollzogen. Im Sinne der Kontinuität des Imperium Romanum konnte natürlich auch den Kaisern der ersten Jahrhunderte, soweit sie konsekriert worden [120] waren, nicht abrupt die Bezeichnung divus entzogen werden. Ihre Ehren- und Bauinschriften standen allenthalben noch vor Augen, ihre Gesetzgebung blieb im wesentlichen verbindlich30, Festkalender verzeichneten Geburts- und Ehrentage der divi principes. M.E. vollzog sich ihre Einvernahme nach demselben Muster wie die Integration des Claudius II. Goticus durch Constantin und seine Nachfolger, indem das Epitheton divus christlich umgedeutet wurde als Distinktiv für außerordentliche 29 30

Vgl. Th. GRÜNEWALD (wie Anm. 17) 46-50 u. 122f. Constantin stellte 314 n. Chr. seine Gesetzgebung in Parallele zum ius vetus und den rescripta divorum (principum) (C. 11,33,2,2). Justinian bezog sich u.a. auf die Divi Traianus und Claudius, Divus Hadrianus, Divus Marcus (Aurelius) und Divus Gordianus (C. 7,6,1; 4,18,3; 6,35,11; 6,30,22 pr.); frühere Gesetze nahmen allgemein Bezug auf scita und sanctiones divorum retro principum (C. 11,62,8; 1,51,10; 1,5,8,1).

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Herrscherpersönlichkeiten. In diesem Sinne hatte sich schon Constantin, vermutlich vor 324 n. Chr., sogar auf Aurelian, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht konsekriert worden war (s.o.), als Divus Aurelianus parens noster bezogen (C. 11,59,1). Um 365 n. Chr. bestätigten Valentinian und Valens privilegia des Divus Diocletianus für Truppeneinheiten in Syrien (C. 12,57,3). Wie marginal die Qualifizierung als divus allerdings bereits um die Mitte des 4. Jhs. geworden war, verdeutlicht das Verzeichnis der natales Caesarum bei Philocalus31. Im Falle von Mark Aurel und Antoninus Pius wurde Divus schlicht durch den Vornamen M(arcus) bzw. das Cognomen Pius ersetzt (CIL I2 p. 255). Beide werden auch im eigentlichen Kalender nur mit ihren Namen bezeichnet, während Constantius Chlorus und Constantin wie Hadrian mit einem D für Divus als konsekriert bzw. divinisiert gekennzeichnet sind. Das ausgeschriebene Epitheton findet sich hier nur bei Augustus (23. Sept.), Titus (30. Dez.), Lucius Verus (15. Dez.), Pertinax (1. Aug.) und Septimius Severus (11. Apr.). Vespasian, Nerva, Trajan, Severus Alexander, Gordian, Claudius Goticus, Aurelian und Probus sind im Kalender nicht ausdrücklich als Divi klassifiziert. Ein System läßt die Differenzierung nicht erkennen, zeigt aber, wie bedeutungslos der Zusatz bereits z.Z. des Constantius II. geworden war. Selbstverständlich waren nur die positiven Herrscher verzeichnet, die, auch wenn ihnen der Senat wie Aurelian keine Konsekration beschlossen hatte, vom Imperium christlicher Prägung vereinnahmt worden sind. Ein Grund für diesen unproblematischen Übergang scheint mir im Wesen der ‚Kaiserapotheose‘ selbst zu liegen, die ja zu keiner Zeit auf in[121]dividuelle Glaubensüberzeugung zielte32, sondern als Element der Herrschaftslegitimierung hauptsächlich im Dienste der dynastischen Propaganda und des Anspruchs auf politische Kontinuität gestanden hat. Insofern hat Herodian (4,2,1; vgl. App. b.c. 2,148,617f.) den Vorgang zutreffend charakterisiert, wenn er den Beschluß damit in Verbindung brachte, daß der verstorbene Kaiser leibliche oder – so muß man ergänzen – adoptierte Söhne als Nachfolger hatte: ἔθος γάρ ἐστι 33 ῾Ρωμαίοις ἐκθειάζειν βασιλέων τοὺς ἐπὶ παισὶ διαδόχοις τελευτήσαντας . Unter bestimmten politischen Voraussetzungen konnte die Konsekration auch mit einiger Verzögerung erfolgen, wie im Falle des Commodus, des Caracalla oder des 31

32

33

Vgl. G. BONAMENTE, L’apoteosi degli imperatori (wie Anm. 11) bes. 32-34; zum Kalender des Chronographen von 354 vgl. M.R. SALZMAN, On Roman Time. The Codex-Calendar of 354 and the Rhythms of Urban Life in Late Antiquity, Berkeley/Los Angeles/Oxford 1990, bes. 131-146. Vgl. bes. A.D. NOCK (wie Anm. 21) 115-123; zur Differenzierung von Staatskult und individuellen Kulten der römischen Oberschicht vgl. M.G. ANGELI BERTINELLI, I culti e le divinità dei senatori romani in Epigrafia e ordine senatorio I, Tituli 4, Roma 1982, 695-698. Vgl. H. GESCHE (wie Anm. 2) bes. 380ff.

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Severus Alexander, zuweilen setzte ein Herrscher neue Akzente, indem er sich von der Person seines Vorgängers distanzierte, ohne allerdings dessen ‚Vergöttlichung‘ zu revidieren. Eine der Methoden repräsentiert Senecas Apocolocyntosis Divi Claudi, eine andere die Relativierung des Divus Nerva durch die nachträgliche Konsekration des Traianus pater, so daß Trajan sich seither auf zwei ‚vergöttlichte‘ Väter – DIVI NERVA ET TRAIANVS PAT(res) – beziehen konnte (BMC Emp. III 100f., Nr. 498f.; vgl. schon Plin. Pan. 89,2)34. Die funktionale Zielsetzung der ‚Kaiserapotheose‘ erfüllte sich im offiziellen bzw. offiziösen Bereich, ihre Akzeptanz dokumentierte hier Loyalität gegenüber Herrscher, domus Augusta und Imperium Romanum, so etwa in Gebeten der Arvalbrüder oder Vereidigungsformeln für Truppen und Provinzialbevölkerung anläßlich der Neujahrsvota. Für die Entwicklung einer personalen religiösen Beziehung bot der Kaiserkult von wenigen Ausnahmen abgesehen, die m.E. eher Huldigung als religiöse Überzeugung zum Ausdruck brachten (Val. Max. 1,6,13; Paus. 8,9,7; AE 1951, 28; SEG XXVI 1346), kaum eine Basis35. Wenn Seneca (apocol. 11,4) den ‚vergöttlichten‘ Augustus beim himmlischen Totengericht über Claudius fragen ließ: Hunc deum quis colet? Quis credet? entspricht die Ironie der Realität darin, daß niemand gehalten war, im privaten Bereich einen bestimmten Divus oder die konsekrierten Kaiser insgesamt in seine religiösen Heilserwartungen einzubeziehen. Abschätzige Äußerungen heidnischer Autoren über die ‚Apotheose‘ und ihr Umfeld weisen ebenfalls in [122] diese Richtung. Von den ‚letzten Worten‘ des Divus Claudius ‚Vae me, puto, concavi me‘ (Sen. apocol. 4,3) über Vespasians ‚Vae, puto, deus fio‘ (Suet. Vesp. 23,4) zu Caracallas Sentenz über Geta ‚Sit divus, dum non sit vivus‘ (HA Geta 2,9) bezeugen die fiktiven Dicta eine gewisse Distanz zur Kaiserkonsekration, die auch rational begründet wurde (z.B. Plut. Rom. 28). In seinem satirischen Göttersymposion ließ Julian (Caes. 332 D) sogar den Archegten der römischen ‚Apotheose‘ – den Divus Augustus – von Silenus als ‚Puppenspieler‘ (χοροπλάθος) apostrophieren, weil er Götter geschaffen, nämlich Caesar zum Gott gemacht habe, wie Puppenspieler sich ihre Modelle anfertigten: ἔκπλαττες ἡμῖν ... ὥσπερ ἐκεῖνοι τὰς νύμφας, ὦ Σεβαστέ, θεούς, ὦν ἕνα καὶ πρῶτον τουτονὶ Καίσαρα.

Christliche Autoren honorierten derartig distanzierte Auffassungen im Heidentum nicht, sondern brandmarkten den Kaiserkult als Erscheinungsform des Götzendienstes. In Adaption des euhemeristischen Modells vom Ursprung der Götter (z.B. Min. Felix, Oct. 21,9; Tert. spect. 6,3f.), die wie Uranos, Kronos oder

34 35

Zur Konsekration des leiblichen Vaters Trajans vgl. M. DURRY, Sur Trajan père in Les Empereurs romains d’Espagne, Paris 1967, 45-54. A.D. NOCK (wie Anm. 21, bes. 119f.) verweist auf einige Beispiele der ‚Kaisermystik‘ im Zusammenhang mit Augustus und Antinous.

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Zeus als Herrschergestalten erst nach ihrem Tode vergöttlicht worden seien36, faßten sie die Kaiserkonsekration als Paradigma einer von Menschen geschaffenen Götterwelt. In diesem Sinne konnte auch die heidnische Topik ausgeschlachtet werden. So ironisierte etwa Minucius Felix (Oct. 24,2) das Spannungsverhältnis von menschlicher Todesfurcht und postumer ‚Vergöttlichung‘: Optant (scil. imperatores) in homine perseverare, fieri se deos metuunt, etiam iam senes nolunt. Ähnlich monierte Tertullian (apol. 34,4), die Bezeichnung des regierenden Kaisers als ‚Gott‘ gelte als Verwünschung, die von Ausnahmen (Domitian/Aurelian) abgesehen im Prinzipat als crimen maiestatis geahndet wurde. Hinreichend Gelegenheit, die Motivation der ‚Vergöttlichung‘ in Frage zu stellen, bot Antinous (z.B. Clem. Alex. protrept. 4,49; Justin, apol. 1,29; Orig. c. Cels. 3,36ff.; Hieron. comm. in Isaiam 1,2,7), obwohl der Liebling Hadrians sicher nicht nach römischem Ritus konsekriert worden war (Paus. 8,9,7f.; Dio 69,11,2-4; HA Hadr. 14,5-7; vgl. Athanas. c. gent. 9, PG 25, p. 20). Insofern hat Tatian (c. Graec. 10,4, PG 6, p. 828) diesen Vorgang mit Hinweis auf einen bezahlten Zeugen, der die Entrückung bestätigte, unzutreffend akzentuiert. Diese Beglaubigung ist offensichtlich dem weiteren Kontext des römischen Konsekrationsrituals entnommen [123] (Suet. Aug. 100,4; Sen. apocol. 1,3; Tert. ad nat. 1,10; Justin, apol. 1,21) und sollte die ‚Apotheose‘ insgesamt als Mummenschanz disqualifizieren. In bezug auf die eigentliche Kaiserkonsekration übten die christlichen Autoren eher Zurückhaltung: zwar wurde grundsätzlich die ‚Vergöttlichung‘ bestritten (Min. Felix, Oct. 24,1; Athanas. c. gent. 9f., PG 25, p. 21), doch geschah dies eher beiläufig, als daß gezielt einzelne Divi attackiert wurden (Lact. inst. 1,15,6 u. 24; Socr. h.e. 3,23, PG 67, p. 445). Beispielsweise zog es Laktanz (inst. 1,15,29f.) vor, den Triumvirn M. Antonius zu schmähen, der angeblich für die ‚Vergöttlichung‘ des Diktators Caesar verantwortlich gewesen sei – apud Romanos deus Iulius, quia hoc scelerato homini placuit Antonio –, ohne Augustus in diesem Zusammenhang auch nur zu erwähnen. Tertullian (ad Scap. 2,1) hat das Prinzip christlichen Glaubens klar formuliert: Nos unum deum colimus, um dann anschließend (ebd. 2,7) die loyale Haltung der Christen zum Kaiser zu betonen: Colimus ergo et imperatorem sic, quomodo et nobis licet et ipsi expedit, ut hominem a deo secundum et, quicquid est, a deo consecutum, solo tamen deo minorem. Die doppelsinnige Verwendung von colere als Anbetung Gottes einerseits, Verehrung des Herrschers andererseits kennzeichnet das Dilemma der Christen in einer heidnischen Umwelt: ihre Bereitschaft, auch für das Wohl eines

36

Vgl. H.F. VAN DER MEER, Euhemeros von Messene, Diss. Amsterdam 1949; S. SPYRIDAis Dead. Euhemeros and Crete in CJ 63, 1968, 337-340; P.D. HANSON, Rebellion in Heaven, Azazel and Euhemeristic Heroes in I Enoch 6-11 in JBL 96, 1977, 195-233; M. ZUMSCHLINGE, Euhemeros. Staatstheoretische und staatsutopische Motive, Diss. Bonn 1976.

KIS, Zeus

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heidnischen Kaisers zu beten (Theophil. ad Autol. 1,11)37, fand ihre Grenzen in der Praxis des paganen Götter- und Herrscherkults und wurde deshalb nicht anerkannt. Inhaltlich deckte sich die Auffassung Tertullians vom Imperator a deo secundus weitgehend mit der des Symmachus vom princeps deo proximus bzw. similis (Symm. or. 2,18 u. 1,1; vgl. Plin. Pan. 1,3)38, wenngleich Symmachus als Heide den christlichen Kaiser Valentinian I. apostrophierte, Tertullian als Christ einem heidnischen Kaiser Loyalität bekundete. Im Prinzip konnten die Christen des 4. Jhs. die Formel des Kirchenvaters Tertullian um so leichter akzeptieren, als die Herrscher sich mit Ausnahme Julians nun selbst zum ‚wahren‘ Glauben bekannten. Vorbehalte ergaben sich allenfalls aus den Spannungen zwischen Orthodoxie und Arianismus. Allerdings zielte die offizielle Ideologie stets auf den regierenden, d.h. lebenden Kaiser, wobei die Annäherung an Gott sich zuweilen sogar zur Vorstellung des Herrschers als Verkörperung Gottes im Diesseits steigern konnte. Im Zusammenhang mit dem Fahneneid begründete Vegetius (re mil. 2,5) die Verpflichtung zur treuen Ergebenheit damit, daß dem Kaiser gleichsam als irdischer Inkarnation Gottes – tamquam prae[124]senti et corporali Deo – gläubige Verehrung zu erweisen sei – fidelis est praestanda devotio. Die nahezu kultische Überhöhung des Herrschers fand mit dessen Tod ein abruptes Ende. Seine Divinisierung, verstanden als Aufnahme zu Gott, akzentuierte letztlich also die menschliche Komponente des Kaisers. Nach Euseb (VC 4,60) zielte schon die Beisetzung Constantins im Mausoleum der Apostelkirche darauf, daß der ‚selige‘ Kaiser teilhatte an den Gebeten, die dort zu Ehren der Apostel, nicht zu Ehren Constantins dargebracht wurden: μετὰ τελευτὴν ἀξιῶτο τῶν ἐνταυθοῖ μελλουσῶν ἐπὶ τιμῇ τῶν ἀποστόλων συντελεῖσθαι εὐχῶν.

Neben dieser offiziellen Version verdient indessen eine Notiz des Philostorgius (h.e. 2,17) Beachtung, wonach Christen (Χριστιανοί) dem Standbild Constantins auf der Porphyrsäule opferten – τὴν Κωνσταντίνου εἰκόνα τὴν ἐπὶ τοῦ πορφυροῦ χίονος ἱσταμένην θυσίαις ... ἱλάσκεσθαι – hier Gelübde wie für einen Gott ablegten – καὶ εὐχὰς προσάγειν ὡς θεῷ – und um Abwendung persönlicher Notsituationen baten39. Photius, der das Fragment überliefert40, hat diesen Be37 38 39

40

Vgl. H.U. INSTINSKY, Die alte Kirche und das Heil des Staates, München 1963, bes. 41ff. Vgl. J.R. FEARS (wie Anm. 14) bes. 121-315; A. PABST (wie Anm. 27) 291-301. Vgl. Th. PREGER, Konstantinos – Helios in Hermes 36, 1901, 457-469, bes. 464f.; dazu aber J. KARAYANNOPULOS (wie Anm. 28) 505-507; vgl. noch G. DAGRON, Naissance d’une capitale. Constantinople et ses institutions de 330 à 451, Bibliothèque Byzantine. Études 7, Paris 1974, 307-309. Zu den Kaiserstatuen der Spätantike vgl. CTh. 15,4,1 mit Komm. des Gothofredus. Inhaltlich würde der Vorwurf gut zu Julian passen, der (c. Gal. 201 E) die Christen offenbar aufgrund ihrer Märtyrer-Verehrung des Polytheismus bezichtigte, doch attackiert Photius hier den Eunomianer Philostorgius als θεομάχος; zu ähnlichen Wer-

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richt entschieden bestritten, doch könnte Philostorgius hier einen Hinweis auf Erscheinungsformen der Volksfrömmigkeit bieten, die nicht eindeutig zwischen Kult und Verehrung zu differenzieren wußte. Leider entzieht sich der Kontext dieser Notiz unserer Kenntnis, in Kombination mit einer Bemerkung des Theodoret (h.e. 1,32, PG 82, p. 989), daß noch zu seiner Zeit (um 450 n. Chr.) beim Grabe und Standbild Constantins eine wie immer geartete Verehrung des Herrschers – τὰ νῦν περὶ τὴν ἐκείνου θήκην καὶ τὸν ἀνδριάντα γινόμενα – zu beobachten war, halte ich es aber für sicher, daß sich auch Philostorgius auf eine postume Verehrung bezog. Unter diesen Voraussetzungen drängt sich ein Vergleich mit Julian auf, dessen Statuen die Bevölkerung nach Libanius (or. 18,304) göttergleiche Ehren erwies – ὡς τοὺς θεοὺς τιμῶσι – und Bittgebete an sie richtete – καὶ παρ᾽ ἐκείνου δι᾽ εὐχῆς ᾔτησέ τι τῶν ἀγαθῶν – die nicht vergeblich waren. Was im Falle der paganen Bevölkerung eindeutig als kultische Verehrung des konsekrierten [125] Kaisers zu fassen ist, möchte man in bezug auf die Christen eher als Form der Heiligenverehrung interpretieren41, doch scheint mir eine Abgrenzung dieser Varianten religiösen Ausdrucks bis in unsere Gegenwart hinein nicht immer einfach.



41

tungen des Kirchenhistorikers als φιλοψευδὴς Κακοστόργιος bzw. δυσσεβής vgl. Philostorg. h.e. 2,1; 6,2; 8,9; Suda, p. III 245 ADLER, s.v. Leontios; Nicetas Chon. thes. 5,38, PG 139, p. 1395; allgemein Photius, bibl. cod. 40. Vgl. J. KARAYANNOPULOS (wie Anm. 28) 506f. (mit weiterer Literatur); zuletzt Th. BAUMEISTER, Heiligenverehrung I in RAC XIV (1987) 96-105, bes. 109 u. 128-132.

 Antike und moderne Sklaverei. Strukturelle Überlegungen zum Phänomen der Unfreiheit* Sehr geehrter Herr Vizepräsident, Spektabilitäten, meine Damen und Herren! Non è facile presentare una conferenza inaugurale adeguata all’ universalità degli studi, ricerche ed interessi di Emilio GABBA, che ha illuminato tutta la storia greca e romana da quarant’ anni in qua. Inoltre anche per Lei, pregiatissimo collega, l’antichità fu sempre essenziale per meglio comprendere la storia contemporanea. Ecco, le sue riflessioni sulle attività commerciali a Roma (1980) o sulle colonie antiche e moderne (1994) costituiscono un buon documento. Perciò la mia relazione s’intende solamente come un tentativo modesto di comparare alcuni fenomeni sociali della schiavitù antica colle condizioni degli schiavi nell’economia e con la società degli Stati Uniti d’America meridionali. Spero che questo tema comparatistico risponderà tanto alle speranze di Emilio GABBA – oggi onorato come dottore honoris causa dell’ Università di Magonza – quanto agli interessi degli studiosi ed ospiti. Per rendere più chiaro il mio contributo per tutto l’ uditorio continuerò adesso in lingua tedesca. Keineswegs zufällig wird der Titel meines Vortrags Assoziationen mit dem bekannten Essay von Moses FINLEY „Democracy Ancient and Modern“ (1973) hervorrufen1. Tatsächlich verdanke ich seinen methodischen Ansätzen und Fragestellungen im Bereich der Sklaverei viele Anregungen, wenngleich seine Ergebnisse und Wertungen m.E. zu modifizieren sind. Meine Ausführungen will ich auf drei Komplexe konzentrieren, um ausgehend von den antiken Verhältnissen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Sklaverei in der Plantagenwirtschaft der amerikanischen Südstaaten zu beleuchten: [16] I. Quellen der Sklaverei und Sklavenverkauf; II. Arbeitseinsatz von Sklaven; III. Folgewirkungen möglicher Freilassungen.

*

1

[zuerst erschienen in: VERF. (Hrsg.), Ehrenpromotion Emilio Gabba am 19. Mai 1998 durch den Fachbereich Geschichtswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Reden zur Akademischen Feier, Mainz 1998, 15-26]  M.I. FINLEY: Democracy Ancient and Modern (New Brunswick/London 1973); dtsche. Übers.: Antike und moderne Demokratie (Stuttgart 1980); DERS.: Ancient Slavery and Modern Ideology (London 1980); dtsche. Übers.: Die Sklaverei in der Antike (München 1981).

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I. Auf den ersten Blick erscheint die Palette der Möglichkeiten, auf welche Weise ein freier Mensch – Frau oder Mann – versklavt werden konnte, für die Antike verhältnismäßig breit. Üblicherweise werden neben kriegerischen Konflikten und Seeraub die sogenannte ,Schuldsklaverei‘ bzw. besser: die ,Schuldknechtschaft‘, Kindesaussetzung und Kinderverkauf, strafweise Versklavung und der Sklavenhandel als sogenannte ,Kaufsklaverei‘ genannt. Daß der letztere Komplex als hauptsächliche ‚Quelle‘ außer Betracht bleiben muß, ergibt sich schon aus der Wortbildung, da der Handel mit Sklaven deren Zahl nicht vermehrt, sondern das vorhandene Potential lediglich neu verteilt. Das Problem der ,hausgeborenen Sklaven‘ in Griechenland und Rom (oikogeneis/vernae) führte zwar zu einer Ergänzung der Sklavenschaft, bei mehreren überlebenden Kindern auch zu einer Vermehrung, resultierte aber unabhängig von der Vaterschaft aus dem unfreien Stand der Mutter, dem die Kinder in der Regel folgten. Insofern kann dieser Befund nicht als Versklavung gewertet werden, sondern nur als eine durch Geburt konstituierte Unfreiheit. Damit lassen sich die genannten Möglichkeiten des Übergangs von der Freiheit in die Sklaverei auf zwei Haupttypen reduzieren, deren gemeinsames Element ein gewaltsamer Entzug personaler Rechte darstellt. Im ersten Fall erfolgt dieser Akt durch Personen oder Gruppen außerhalb der eigenen politischen Gemeinschaft, im zweiten durch die Gesamtheit oder mit deren Billigung durch Mitglieder der eigenen soziopolitischen Organisationsform. Als Prototyp der gewaltsamen Unterwerfung durch Fremde bietet sich der Komplex von Raub und Beute an. Systematisch gesehen fällt darunter auch die Kindesaussetzung als Äquivalent zur Tötung, da Findelkinder als Fremde nicht unter dem Schutz der Rechtsordnung standen, sondern als ‚Beute‘ demjenigen gehörten, der sie aufnahm. Wie er dann mit ihnen verfuhr – ob er sie versklavte oder evtl. an Kindes statt annahm – blieb ihm überlassen. Den Raub als kriminelles Delikt innerhalb einer Gemeinschaft können wir insoweit einbeziehen, als der Räuber durch seine Aktion die Rechtsordnung brach und damit zum Außenseiter der Gesellschaft wurde. In diesen Fällen konnte die Versklavung der geraubten Menschen nur im [17] (feindlichen) Ausland erfolgen, während die menschliche Beute von Raub- und Kriegszügen auch und vor allem in der Heimat absetzbar war. Als hauptsächliche Quelle der Sklaverei deckt dieser e x o g e n e K o m p l e x somit die folgenden drei Sachverhalte ab: a) Versklavung infolge militärischer Niederlagen einschließlich der sogenannten

,Massenversklavungen‘; b) Versklavung durch organisierte Räuber einschließlich der Piraten;

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c) Versklavung durch individuellen Menschenraub einschließlich der Aufnahme

von Findelkindern (kopriai/koprianhairetoi = expositi = ,Schutthaufenkinder‘). Der zweite Haupttyp der Versklavung in der Antike betrifft den gewaltsamen Entzug individueller Persönlichkeitsrechte durch die eigene Gemeinschaft bzw. innerhalb dieser Organisationsform, wobei die Versetzung in den Sklavenstand die Ausgliederung der Betroffenen implizierte. In diesem Bereich der e n d o g e n e n V e r s k l a v u n g können wir das Problem der umstrittenen ,Schuldknechtschaft‘ ausklammern, weil in Athen seit Solon ökonomische Zwänge nicht mehr in die Sklaverei mündeten, in Rom diese Konsequenz spätestens seit der zweiten Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. nicht mehr praktiziert wurde: Welchen Repressalien die nexi aufgrund einer Selbstverpfändung auch ausgesetzt waren, mit Sicherheit handelte es sich nicht um Sklaven, denn sie blieben Römische Bürger, leisteten Kriegsdienst und besaßen das Recht zur Klageerhebung. In Betracht käme noch der Verkauf von Familienangehörigen (Frauen/Kindern) in die Sklaverei, was aber weder für Athen noch für Rom praktisch eine Rolle spielte. Die spätantike Kaisergesetzgebung mag diese Praxis toleriert haben, doch verlor ein so verkauftes Kind den Status der freien Geburt (ingenuitas) nicht. Auch wenn dieser Befund nicht für die gesamte Antike repräsentativ ist, als w e s e n t l i c h e Quelle der Sklaverei können wir diesen Komplex außer Betracht lassen. Bleibt schließlich noch die strafweise Versklavung überführter Krimineller, die für Athen und die Römische Republik in Einzelfallen zu erschließen ist, aber erst in der Kaiserzeit in größerem Umfang zur Anwendung kam. Hinsichtlich der Quellen der Sklaverei verdeutlichen diese Überlegungen für die Antike deutliche Übereinstimmung mit den Verhältnissen in Mittel- und Südamerika bzw. in den Südstaaten der USA vom 17. bis zum 19. Jh. Entscheidend für die Ergänzung des Sklavenpotentials war der Komplex [18] der exogenen Versklavung, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, daß infolge des bekannten ‚Dreieckshandels‘ die Entfremdung der aus Afrika importierten Sklaven viel totaler war, als es die räumlichen Verhältnisse des Mittelmeergebietes überhaupt zuließen. Nicht nur im äußeren Erscheinungsbild, auch in Sprache, Kultur, mentalen und soziopolitischen Voraussetzungen unterschieden sich die Schwarzafrikaner von ihren weißen Herren so diametral, wie dies für das Verhältnis von Sklaven und Herren in der Antike nie zutreffen konnte. Natürlich sind in republikanischer Zeit auf Sizilien – um das bekannteste Beispiel herauszugreifen – keltische und thrakische, griechische und syrische, punische, ggf. auch farbige Sklaven zum Einsatz gekommen, unterschieden sich in ihrem ethnischen Selbstverständnis, ihrer Sprache, ihren Kulten, ihrer Physiognomie – doch waren die Unterschiede nie so grundsätzlicher Art, wie dies für die afrikanischen Sklaven auf den Antillen oder in den Südstaaten der Fall war. Aufgrund dieser

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strukturellen Entwurzelung – einer totalen Entsozialisierung – apostrophierte Henri GERBEAU (1967) die Sklaven als morts vivants – ,lebende Tote‘. Claude MEILLASSOUX und Orlando PATTERSON sind ihm in dieser Einschätzung gefolgt2. Im Grunde trifft dieses anthropologische Modell auch auf die antiken Verhältnisse zu, wenngleich eine unreflektierte Übertragung im Sinne einer Gleichsetzung von Sklaven mit Sachen der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Schon Homer sprach dem Sklaven nicht den gesamten, sondern nur die Hälfte seines menschlichen Wertes (arete) ab. Noch in römischer Zeit hat sich die Vorstellung vom Sklaven als ,halber Person‘ etwa im System der Belohnungen für besondere Leistungen im öffentlichen Interesse niedergeschlagen: Sklaven bekamen die Hälfte der Prämien von freien Personen, die andere Hälfte bestand eben in der Freilassung. Als persona und res mancipi zugleich war der Sklave direkt einer totalen, d.h. unbeschränkten und dauerhaften, Gewalt eines Herrn unterworfen, andererseits aber auch geschäftsfähig, sei es im Auftrag des dominus, sei es – praktisch gesehen – in bezug auf sein peculium. Diesen m.E. wesentlichen Unterschied zu nichtantiken Verhältnissen will ich hier nicht vertiefen, sondern mit dem Sklavenverkauf zu unserem zweiten Aspekt des Sklaveneinsatzes überleiten. Übereinstimmend schreiben griechische Autoren den Beginn des Sklavenhandels den Chiern zu: als erste unter den Hellenen hätten sie sich der Dienstleistungen gekaufter [19] Menschen bedient und seien dafür später von der Gottheit (Apollon?) mit Recht bestraft worden. Später galt die Insel Delos als Zentrum des Sklavenhandels: als eigentlicher Markt kommt nur die sogenannte ,Agora der Italiker‘ in Betracht, was Zweifel an den von Strabo berichteten Zahlen – täglich seien hier Tausende von Sklaven verkauft worden – aufkommen läßt. Interessanter als die üblichen Rechenexempel scheinen mir Einzelzeugnisse, die den konkreten Menschenhandel veranschaulichen: die Grabstele des A. Caprilius Timotheus aus Amphipolis etwa, der sich als somatemporos bezeichnete. Die Berufsbezeichnung des Sklavenhändlers – Homer verwandte den Begriff somata für (unbeseelte) Leichname – verdeutlicht am schärfsten das anthropologische Oxymoron von den ,lebenden Toten‘ in seiner Relevanz für die Antike. In den beiden unteren Bildebenen ist ein Kompensationsgeschäft – griechischer Wein gegen Sklaven aus dem Norden – dargestellt, das mit gewissen Abstrichen dem atlantischen Dreieckshandel vergleichbar ist. Die römische Bezeichnung mango im Sinne von ,Schlitzohr‘ akzentuiert eher betrügerische Machenschaften des Sklavenhändlers. Als Verkaufsszenen im engeren Sinne dürfen zwei Reliefs gedeutet werden, von denen das erste aus Arlon nur in einer Zeichnung des 17. Jhs. erhalten ist. Dargestellt sind drei männliche Personen, von denen die rechte eine Toga, die linke einen gallischen Kapuzenmantel trägt. In der Mitte steht in Rückenansicht eine etwas kleinere 2

H. GERBEAU: Un mort vivant: l’esclavage, PrésAfr 61,1 (1967) 180-198; O. PATTERSON: Slavery and Social Death. A Comperative Study (Cambridge, Mass./London 1982); C. MEILLASSOUX: Anthropologie der Sklaverei (Paris 1986, dtsche. Übers. Frankfurt 1989).

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Person, deren Hemd von dem links stehenden Mann bis zur Hüfte aufgekrempelt wurde, um das nackte Gesäß in Augenschein zu nehmen. Aus literarischen Quellen ist diese Praxis beim Sklavenkauf gut bekannt, so daß sich diese Interpretation anbietet. Analoge Szenen sind Ihnen beispielsweise aus „Uncle Tom’s Cabin“ geläufig. Unscheinbar wirkt zunächst das zweite Relief aus Capua. Es zeigt wiederum drei Männer, von denen der mittlere unbekleidet auf einem Podest (catasta) steht, während die beiden anderen sich dieser Person zuwenden. Auch hier handelt es sich um einen Sklavenverkauf, meines Wissens die einzige antike Darstellung mit einem Schaugerüst (catasta), dessen Zweck der Scholiast des Persius erläutert: „In früherer Zeit wurden Sklaven zum Verkauf auf eine Bühne gestellt, damit alle Körperteile inspiziert werden konnten“ – apud antiquos venales in catasta ponebantur, ut in eis possent omnia membra conspici. Zum Vergleich ist eine Szene aus den Südstaaten der USA heranzuziehen, die den Verkauf einer farbigen Familie zum Inhalt hat. Die Frau mit [20] einem kleinen Kind auf dem Arm steht neben ihrem Mann auf einem Podest, der Auktionator auf halber Höhe. Die Interessenten sitzen bzw. stehen zu ebener Erde, einer von ihnen inspiziert einen weiteren Sklaven, den er bereits gekauft hat oder noch kaufen will. Verkaufsannoncen dieser Zeit vermitteln ebenfalls Einblicke in die menschenverachtende Praxis dieser Geschäfte, preisen Herkunft, Ausbildung und Fähigkeiten des ,Angebots‘. In der Antike wird man sich ähnliche Anzeigen in Form von Dipinti vorstellen dürfen. Bisweilen trugen die zum Verkauf stehenden Personen auch kleine Täfelchen um den Hals, auf denen Alter und besondere Qualität der ,Ware‘ angepriesen wurden. In diesem Sinne wird man eine pompejanische Marktszene deuten dürfen, die aber nur in einer Umzeichnung des 18. Jhs. erhalten ist. Die Preise und auch der Arbeitseinsatz von Sklaven wurden dadurch entscheidend bestimmt. Natürlich spielte auch das Geschlecht eine Rolle. Praktisch kamen alle Bereiche der wirtschaftlichen Produktion in Betracht: Steinbrüche und Bergwerke, Landwirtschaft und Viehzucht, Handwerk und Manufaktur sowie der gesamte tertiäre Wirtschaftssektor (Haushalt, Handel, Verwaltung, Bildung, Unterhaltung). Daß überwiegend Frauen versklavt worden seien, wie kürzlich Walter SCHEIDEL postulierte mit der Begründung, Männer dächten alle fünf Sekunden an Sex, halte ich trotz seines komparatistischen Materials für kaum zutreffend3. Entsprechende Modelle lassen sich allenfalls in bezug auf archaische Gesellschaften verifizieren.

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W. SCHEIDEL: Sexualität, Ehe und Sklaverei. Zu einem zentralen Aspekt persönlicher Unfreiheit, Vortrag im Rahmen der Tagung ,Antike Sklaverei‘ der Kommission für Geschichte des Altertums der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz am 08./09. Okt. 1996.

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II. Die Römer unterschieden systematisch zwischen der familia rustica und der familia urbana. Unbestritten gestaltete sich die Lage der im landwirtschaftlichen Bereich eingesetzten Sklaven deutlich schlechter als die ihrer Leidensgenossen im Haushalt, selbst dann, wenn diese in stärkerem Maße der sexuellen Willkür ihrer Herren ausgesetzt waren. Ein schlimmeres Los traf nur die Sklaven in Bergwerken und Steinbrüchen. Damit stehen wir vor dem eigentlichen Problem einer vergleichenden Beurteilung von antiker und moderner Sklaverei! Denn: so reichhaltig un[21]sere Quellen in bezug auf den Einsatz von Sklaven im tertiären Wirtschaftssektor sprudeln, so spärlich informieren sie uns über die Lebensbedingungen der familia rustica, sieht man von den klassischen Agrarschriftstellern (Cato, Varro, Columella) einmal ab. Gerade dieser Bereich erscheint indessen für einen Vergleich mit der neuzeitlichen Plantagenwirtschaft von besonderem Interesse. Um die Untersuchung zu konzentrieren, will ich die griechische Epoche ausklammern, um mich direkt der späten Römischen Republik als der sogenannten ,Blütezeit der Sklavenwirtschaft‘ zuzuwenden. Hinsichtlich des Arbeitseinsatzes richteten die Agronomen ihr besonderes Augenmerk auf die effiziente Ausbeutung von Sklaven. Zahlenangaben betreffen hauptsächlich den Olivenanbau und die Weinkulturen. Im ersten Fall genügten für einen Bestand von 240 iugera (60 ha) acht Arbeiter, ein Eseltreiber und ein Schweinehirt; empfohlen wurde zusätzlich ein Schäfer, obligatorisch waren Verwalter (vilicus) und Wirtschafterin. Mehr Personal erforderte der Weinbau mit zehn Arbeitern auf einem Wingert von 100 iugera (25 ha). Leider fehlen Angaben zu anderen Landwirtschaftszweigen, insbesondere zur Getreidewirtschaft. Insofern lassen die Berechnungen von Andrea CARANDINI aufhorchen4, der ausgehend vom archäologischen Befund der Villa von Settefinestre (bei Cosa in Mitteletrurien) eine Belegung der Wirtschaftsräume mit vier Arbeitsgruppen zu zehn Mann, d.h. insgesamt 40 Sklaven, postulierte und auf dieser Grundlage versuchte, die Produktivität des einzelnen Sklaven zu ermitteln. Als moderne Parallele wären etwa die Verhältnisse von Zuckerrohr-Plantagen der Dominikanischen Republik heranzuziehen. Die Baracken der sogenannten ,Kongos‘ entsprechen unabhängig vom personalen Status dieser Arbeiter im Grundriß etwa dem Befund von Settefinestre: acht quadratische Räume von je 8 m2 sind hier zu einer Einheit zusammengefaßt, wobei jeder mit ca. zehn Personen belegt ist. Ohne derartige Analogien zu strapazieren, zeigt das Verhältnis, daß die von CARANDINI postulierte Belegung allenfalls hypothetisch sein kann und hier nicht weiter zu verfolgen ist. Definitiv ist nicht einmal festzustellen, wie die Wirt4

A. CARANDINI: Schiavi in Italia. Gli strumenti pensanti dei Romani fra tarda Repubblica e medio lmpero (Rom 1988).

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schaftsräume von Settefinestre genutzt wurden – ob es sich um Vorratskammern handelte oder um Personalunterkünfte, ob diese insgesamt oder teilweise mit Sklaven oder mit Saisonarbeitern (mercennarii) im Bedarfsfalle belegt wurden. Jedenfalls waren Prinzipien der Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen, was [22] für die gut dokumentierten Plantagen der Antillen und der amerikanischen Südstaaten sicher ermittelt ist5. In republikanischer Zeit hing die Getreideversorgung Roms seit dem 2. Jh. v. Chr. von Sizilien ab, später dann von Nordafrika und Ägypten. Von daher erscheint es verlockend, den ,Großen‘ Sklavenaufstand auf Sizilien (138-132 v. Chr.) mit der Zahl der hier eingesetzten Landwirtschaftssklaven in Beziehung zu setzen. Tatsächlich schlossen sich nach Poseidonios 20.000 Sklaven dem Aufstand an. Derselbe Autor stellte indessen fest, daß die Erhebung von Hirtensklaven ausging, die ein wesentlich ungebundeneres Leben führten als die schärfer zu kontrollierenden Sklaven der Feldbestellung, aufgrund ihrer funktionalen Bewaffnung auch bessere Voraussetzungen für den Aufstand hatten. Insofern wäre zunächst das Verhältnis von unfreien Hirten und Ackerbau-Sklaven zu ermitteln, um weitergehende Schlußfolgerungen für den zahlenmäßigen Einsatz der letzteren Gruppe ziehen zu können. Diese Überlegungen zielen keineswegs darauf, den Anteil der Sklaven in der Feldwirtschaft zu minimalisieren, sollen aber das Problem einer unreflektierten Analogie mit der Plantagenwirtschaft verdeutlichen. Die städtischen Sklaven haben sich der Erhebung auf Sizilien nur sehr zurückhaltend und keineswegs in ihrer Gesamtheit angeschlossen. Deren Zahlen und vielfältige Funktionen zeichnen sich in der antiken Überlieferung wesentlich deutlicher ab. Die sprichwörtliche Redewendung der Römer tot domi hostes esse quot servos bringt die latente Furcht der Herren eindringlich zum Ausdruck! Besonders mißlich wurde empfunden, daß man diese Sklaven in der Öffentlichkeit nicht erkennen konnte, unterschieden sie sich doch weder in der Kleidung noch in ihrem Auftreten von der freien Bevölkerung. Im Blick auf die republikanische Zeit stellte Appian fest: „Die Plebs hat sich mit fremdem Blut vermischt, Freigelassene besitzen (mit gewissen Einschränkungen) dieselben Rechte wie Römische Bürger, und Sklaven sind genauso gekleidet wie ihre Herren. Mit Ausnahme von Personen senatorischen Standes ist die Kleidung gemeinsam für Sklaven und freie Bürger“. Im Tenor deckt sich diese Beurteilung mit der Klage eines Athe[23]ners z.Zt. des Peloponnesischen Krieges: „Die Kleidung einfacher Bürger (in Athen) ist keineswegs aufwendiger 5

Vgl. J.R. MEYER/A.H. CONRAD: The Economics of Slavery (Chicago 1964); R.W. FOGEL/St.L. ENGERMANN: Time on the Cross. The Economies of American Negro Slavery. 2 Bde. (London 1974); H.G. GUTMAN: Slavery and the Number Game. A Critique of Time on the Cross (Urbana/Chicago/London 1975).

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als die der Sklaven oder Metöken, noch unterscheiden sie sich im äußeren Erscheinungsbild voneinander“ – ἐσθητά τε γὰρ οὐδὲν βέλτιον ὁ δῆμος αὐτόθι ἢ οἱ δοῦλοι καὶ οἱ μέτοικοι καὶ τὰ εἴδη οὐδὲν βελτίους εἰσίν. Dieser für die gesamte Antike geltende Befund, daß Sklaven dem Aussehen nach nicht von Freien zu unterscheiden waren, wird für die Kaiserzeit nochmals bestätigt: Ein Antrag im Senat, Sklaven durch eine bestimmte Kleiderordnung kenntlich zu machen, fand auch deshalb keine Mehrheit, weil zu befürchten stand, daß die Unfreien sich dann ihrer numerischen Potenz bewußt geworden wären – quantum periculum immineret, si servi nostri numerare nos coepissent. In diesem Befund wird ein weiterer, m.E. entscheidender Unterschied zur Sklaverei in den Südstaaten bzw. in Westindien deutlich. Einer Kleiderordnung bedurfte es hier nicht, um farbige Sklaven von ihren überwiegend weißen Herren zu unterscheiden. Das äußere Erscheinungsbild genügte hinreichend als distinktives Kriterium und wirkte sich selbst nach evtl. erfolgten Freilassungen noch diskriminierend aus.

III. Damit sind wir beim letzten Aspekt unserer Überlegungen angelangt: den Folgewirkungen möglicher Freilassungen. Nach griechischem Recht wurden freigelassene Sklaven zu Metöken, und Philipp V. von Makedonien konnte in seinem berühmten Brief an die Larissäer nur anerkennend auf die römische Praxis verweisen, wonach Freigelassene durchweg das römische Bürgerrecht (civitas Romana) erlangten. Die Modalitäten einer iusta manumissio können hier auf sich beruhen, entscheidend ist, daß ihr Umfang den römischen Staat schließlich zu restriktiven Maßnahmen veranlaßte: Die augusteische Gesetzgebung (lex Fufia Caninia [3 v. Chr.]; lex Aelia Sentia [4 n. Chr.]) verfügte Altersbeschränkungen und genaue Quoten für Freilassungen. Es liegt auf der Hand, daß Sklaven die Freiheit nicht nur aus altruistischen Motiven ihrer Herren zuteil wurde, sondern auch ökonomische Interessen eine Rolle spielten. Unter diesen Voraussetzungen ist kaum damit zu rechnen, daß einfache Landwirtschaftssklaven in größerem Umfang freigelassen wurden, es sei denn, ihre Produktivität rechnete sich nicht mehr, weil sie krank oder altersschwach waren. Persönliche Beziehungen zum dominus können wir hier im Regelfall ausklammern. [24] Anders lagen die Verhältnisse im sekundären und tertiären Bereich. Hier konnte es durchaus lukrativ sein, Sklaven freizulassen, um sie als liberti im Gegenzug zu Leistungen, den operae libertorum, zu verpflichten, d.h. sich Anteile an ihrem Arbeitsprodukt zu sichern6. Handwerk, Gewerbe und Handel, Bankgeschäfte und 6

Vgl. W. WALDSTEIN: Operae libertorum. Untersuchungen zur Dienstpflicht freigelasse-

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Dienstleistungen waren die Wirtschaftszweige, in denen Freigelassene große Vermögen erwerben und ihren sozialen Aufstieg sichern konnten. Hinzu kam ein enormes Know How mit guten Beziehungen, die sie noch als Sklaven geknüpft hatten. Beispielhaft sei nur auf die Erneuerung des Isis-Tempels in Pompeji verwiesen, die eben von einem Freigelassenen finanziert worden ist. Mittels der vertraglich vereinbarten operae sicherte sich der Freilasser (patronus) seinen Anteil an den Gewinnen, ggf. konnte er auch direkten Profit erzielen, wenn ein Freikauf aus dem sogenannten ,Eigenvermögen‘ (peculium) des Sklaven erfolgte. Derartige ,Spielregeln‘ sind für die moderne Sklaverei ebenfalls erkennbar, doch hielten sich individuelle Freilassungen zahlenmäßig in engen Grenzen. Mit der Antike gemeinsam ist die enge Bindung der manumittierten Sklaven an ihren ehemaligen Herrn – eine Bindung, die Orlando PATTERSON zur Unterscheidung von sonstigen Abhängigkeiten mit dem arabischen Begriff des ,wala-Verhältnisses‘ charakterisierte7. Die Südstaaten der USA sind in dieser Beziehung mit Südafrika in der Apartheid-Phase zu vergleichen. Freilassungen erfolgten spärlich, was aufgrund der Voraussetzungen der römischen Praxis im Bereich der Landwirtschaft entspricht. Unterschiedlich waren indessen die Folgewirkungen der Freilassung, insofern die römischen liberti in die Gesellschaft integriert wurden, die amerikanischen und südafrikanischen freedmen als Farbige aber Außenseiter blieben, sogar gefährlicher eingeschätzt wurden als Sklaven. Als Freigelassene in einer weißen Gesellschaft blieben sie, wie Ira BERLIN prägnant formulierte, ,slaves without masters‘8 und galten deshalb als besonders rebellisch. In dieser Einschätzung unterschied sich die Situation bezeichnenderweise auch von den Verhältnissen in der Karibik, in Südamerika oder Schwarzafrika. Die Gründe für diese Ausnahmestellung farbiger Freigelassener in den Südstaaten resultierten zunächst weniger aus rassistischen Einstellungen als aus den wirtschaftlichen Voraussetzungen: obwohl die Zahl der Skla[25]ven um die Mitte des 19. Jhs. (um 1860) mit knapp 4 Mio. beträchtlich war, stellten die Farbigen mit etwa 35 % der Gesamtbevölkerung nur eine Minderheit dar. Zwei Drittel waren Weiße, die auch außerhalb der landwirtschaftlichen Produktion in Handwerk, Gewerbe und Handel dominierten. Insofern war deren Furcht primär ökonomisch bedingt, vergleichbar mit mentalen Vorbehalten deutscher Arbeitnehmer gegenüber (türkischen) Gastarbeitern in unserer Gegenwart. Infolge des Sezessionskrieges mit erheblichen Verlusten der männlichen weißen Bevölkerung in den Südstaaten (ca. 260 000) veränderte sich die Relation zwi-

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ner Sklaven (Stuttgart 1986). O. PATTERSON (wie Anm. 2) S. 240ff. I. BERLIN: Slaves without Masters. The Free Negro in the Antebellum South (New York 1974, ND 1981).

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schen Weißen und den nun befreiten Farbigen zugunsten der letzteren Gruppe, die mit rund 3,5 Mio. jetzt etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachte. Erst mit dieser Entwicklung geriet das Sklavenproblem zum Rassenproblem, das bis heute praktisch nicht gelöst wurde. Versuche, die seit den 20er Jahren des 19. Jhs. auf eine Rückführung freigelassener Sklaven nach Schwarzafrika zielten, und 1847 in der Gründung der Republik Liberia gipfelten9, verdeutlichen ein gewisses Problembewußtsein, konnten aber der Ghettoisierung der Farbigen in den USA nicht wirksam begegnen. Die Desintegration der schwarzen Bevölkerung war total, auch die Staatsgründung konnte als Surrogat die verlorenen Stammes- und Familienbindungen nicht ersetzen, selbst wenn der Rebellenführer Charles TAYLOR seine Abstammung auf die Nachkommen dieser ehemaligen Sklaven zurückführte. Die Entwicklung der farbigen Bevölkerung in den USA kennzeichnet immer noch der programmatische Titel von August MEIER und Elliott RUDWICK: From Plantation to Ghetto10. Fassen wir die Ergebnisse unserer komparatistischen Skizze zusammen, die sicher in vielfacher Weise zu ergänzen wäre, so zeichnen sich Gemeinsamkeiten von Antike und Neuzeit hinsichtlich des Vorgangs der exogenen Versklavung als totaler Desintegration (alienation) und einer nur graduell unterschiedlichen Entpersonalisierung ab. Besonders deutlich bringt der Verkauf der menschlichen Ware diese Aspekte zum Ausdruck. Arbeitseinsatz und psychische Konditionierung – hier drängt sich ein Vergleich mit deutschen Konzentrationslagern auf – gestalteten sich im landwirtschaftli[26]chen Bereich durchaus vergleichbar11. Hirten- und Haussklaven, d.h. Teile der familia rustica und die gesamte familia urbana, hatten in griechischer und römischer Zeit bessere Lebensbedingungen, für die Südstaaten spielte diese Differenzierung eine nachgeordnete Rolle. Ein gravierender Unterschied beider Epochen ergibt sich aus den Zahlenverhältnissen: Arbeiteten in der Neuzeit die Sklaven überwiegend auf den Plantagen, so überwog in der Antike aufgrund abweichender Voraussetzungen die Zahl der im sekundären und tertiären Wirtschaftssektor eingesetzten Sklaven mit entsprechenden Folgewirkungen für eventuelle Manumissionen. Die Reintegration der Freigelassenen in die antike Gesellschaft – sei es als attische Metöken 9

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Vgl. Ch.H. HUBERICH: The Political and Legislative History of Liberia. 2 Bde. (New York 1947); R.E. ANDERSON: Liberia. America’s African Friend (Chapel Hill 1952, ND Westport 1976); Y. GERSHONI: Black Colonialism. The Americo-Liberian Struggle for the Hinterland (London 1985). A. MEIER/E. RUDWICK: From Plantation to Ghetto (New York 1966, ND 1976). Vgl. K.R. BRADLEY: Slaves and Masters in the Roman Empire. A Study of Social Control (Brüssel 1984); DERS.: Slavery and Society at Rome (Cambridge 1994); T.E.J. WIEDEMANN: Slavery 3(Oxford 1997).

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oder als cives Romani – hatte in der Neuzeit, soweit die Verhältnisse in den amerikanischen Südstaaten betroffen sind, keine Entsprechungen. Auch freigelassene Farbige blieben hier desintegriert, zunächst aus ökonomischen Motiven, später (nach dem Sezessionskrieg) aus rassistischen Gründen. Ihre Situation war gekennzeichnet durch den Titel des einschlägigen Sammelbandes von David W. COHEN und Jack P. GREENE: Neither Slave nor Free. The Freedmen of African Descent in the Slave Societies of the New World12.

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D.W. COHEN/J.P. GREENE: Neither Slave nor Free. The Freedmen of African Descent in the Slave Societies of the New World (Baltimore/London 1972).

Augusteische Propaganda und faschistische Rezeption* Augustus, so darf man den Tenor zahlloser Forschungen seit Theodor MOMMSEN resümieren, war ein geschickter Politiker und bedeutender Staatsmann, seine Epoche eine Blütezeit der Literatur, darstellenden Kunst und Architektur1. Die Einschätzung des Saeculum Augustum als eines ‚Goldenen Zeitalters‘ resultiert jedenfalls in bezug auf die politischen Verhältnisse auch aus dem gezielten Einsatz der Propaganda, deren Möglichkeiten der erste Prinzeps überzeugend zu nutzen verstand, um seine Stellung und das von ihm geschaffene Herrschaftssystem den Zeitgenossen und der Nachwelt als optimale (und einzige) Alternative zum Chaos der Bürgerkriege zu präsentieren. Mag der Begriff der (politischen) Propaganda Griechen und Römern unbekannt gewesen sein2, so war ihnen die Funktion der Werbung für geistige Zielvorstellungen, politische oder religiöse Ideen durchaus geläufig. Martin P. CHARLESWORTH hat dieses Phänomen 1937 wertneutral als ‚creation of belief‘ bzw. ‚creation of goodwill‘ definiert3. In dieser Beziehung erwiesen sich die Bemühungen des Augustus um positive Akzeptanz seiner neuen Ordnung zweifellos als erfolgreich und wirken bis in unsere Gegenwart. Wenn allerdings die exzellente Berliner Ausstellung ‚Kaiser Augustus und die verlorene Republik‘ in der Tagespresse unter dem Motto ‚Rom [308] feierte Augustus als den starken Mann‘ angekündigt wird4, vermag man sich eines leisen Unbehagens *

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[zuerst erschienen in: ZRGG 40, 1988, 307-330, Taf. I-IV] Die Untersuchung resultiert aus meiner Antrittsvorlesung an der Universität – GH – Duisburg (26.4.1988); für die Publikation wurde die Vortragsfassung überarbeitet und um die Anmerkungen ergänzt. Mein besonderer Dank gilt der Universität – GH – Duisburg, ohne deren großzügigen Druckkostenzuschuß die Untersuchung in vorliegender Form nicht hätte erscheinen können. Vgl. D. KIENAST: Augustus. Prinzeps und Monarch, Darmstadt 1982; G. BINDER (Hrsg.): Saeculum Augustum. 3 Bde., Darmstadt 1987ff.; I. STAHLMANN: Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945, Darmstadt 1988; ergänzend W. SCHMITTHENNER: Caesar Augustus – Erfolg in der Geschichte, Saeculum 36 (1985) 286-296. Vgl. L. FRAZER: Propaganda, London 1957; A. STURMINGER 3000 Jahre politische Propaganda, Wien/München 1960, bes. 67-115; H. BUCHLI: 6000 Jahre Werbung. 3 Bde., Berlin 1962-1966, bes. I 11-47; W. SCHIEDER/Chr. DIPPER: Propaganda, in: Geschichtliche Grundbegriffe V, Stuttgart 1984, 69-112. M.P. CHARLESWORTH: The Virtues of a Roman Emperor. Propaganda and the Creation of Belief, PBA 23 (1937) 105-130, dtsche. Übers. in: H. Kloft (Hrsg.): Ideologie und Herrschaft in der Antike, Darmstadt 1979, 361-387; vgl. J.R. FEARS: The Cult of Virtues and Roman Imperial Ideology, ANRW II 17,2 (1981) 827-948. Neue Ruhr Zeitung, 8.6.1988, S. 4 (H. SCHMIDT); in der Formulierung unbelastet sein Titel im Parlament (8.7.88): ‚Ein römischer Kaiser macht Furore‘ (freundlicher Hinweis J. PETERSEN, Rom). Das Klischee vom ‚starken Mann‘ ist schon durch die jüngste Vergangenheit diskreditiert; zu seiner Applikation auf MUSSOLINI vgl. etwa

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kaum zu erwehren. Absichtsvoll oder nicht verkehrt die Schlagzeile die augusteische Propaganda des princeps inter pares gerade in das Gegenteil. In der Zielsetzung unscharf, aber offensichtlich um Aktualisierung der Ausstellungsthematik bemüht, stilisiert ein anderer Journalist den Prinzeps zum ‚Kaiser der römischen Wende‘5. Die Formulierung soll die politische Wende von 1982 in der Bundesrepublik assoziieren, ob damit allerdings der Regierung Kohl ein Dienst erwiesen wurde, erscheint durchaus fragwürdig. Als Konsequenz der ‚römischen Wende‘ zeichnete sich für Tacitus jedenfalls eine weitgehende Entpolitisierung oder schärfer gesagt der Verlust der libertas ab: quanto quis servitio promptior opibus et honoribus extollerentur ac novis ex rebus aucti tuta et praesentia quam vetera et periculosa mallent6. Die bezeichneten Beispiele dokumentieren hinreichend den Einsatz, aber auch die Problematik antiker Propaganda in ihrer Adaption auf unsere Gegenwart7. Vor dem Siegeszug von Presse, Rundfunk und Fernsehen spielten alle Bereiche der Kunst eine entscheidende Rolle zur Vermittlung politischer Inhalte, wobei in der ausgehenden Republik und frühen römischen Kaiserzeit der Münzprägung besondere Bedeutung zukam8. Ihrer Funktion als Propagandaträger entsprechen in neuerer Zeit am ehesten die Briefmarken. Waren die Münzen auch in der Antike natürlich in erster Linie Zahlungsmittel, so dienen Briefmarken primär der Frankierung von Postsendungen. Darüber hinaus aber eignen sich [309] beide Objektgruppen auf-



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J. PETERSEN: Der italienische Faschismus aus der Sicht der Weimarer Republik. Einige deutsche Interpretationen, Quell. u. Forsch. 55/56 (1976) 315-360, bes. 336338. Zur Berliner Ausstellung vgl. den Katalog ‚Kaiser Augustus und die verlorene Republik‘, Mainz 1988, bes. den Aufsatz von M. CAGNETTA: Die Rezeption in Geschichtsschreibung und Politik der Neuzeit (612-619). Allgemeine Zeitung Mainz, 13.6.1988, S. 17 (E.-A. JAUCH); inhaltlich zutreffender: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 14.6.1988, S. 4: ‚Das Goldene Zeitalter Roms‘ (W.P.); vgl. Verg. Aen. 6,792-795 (Text: Anm. 112). Tac. ann. 1,2,1; vgl. Tac. Agr. 2,3: ... sicut vetus aetas vidit, quid ultimum in libertate esset, ita nos, quid in servitute ...; vgl. W. JENS: Libertas bei Tacitus, Hermes 84 (1956) 331-352, ND in R. Klein (Hrsg.): Prinzipat und Freiheit, Darmstadt 1969, 391-420. Vgl. G. ALFÖLDY: Der Sinn der Alten Geschichte, in G. Alföldy/F. Seibt u.a. (Hrsg.): Probleme der Geschichtswissenschaft, Düsseldorf 1973, 28-54; D. TIMPE: Die Alte Geschichte und das moderne Geschichtsbewußtsein, GWU 24 (1973) 645-658; R. THUROW: Zeitbezug, Aktualisierung, Transfer, AU 25,3 (1982) 57-79. Vgl. M. SORDI (Hrsg.): I canali della propaganda nel mondo antico, Milano 1976; J.E. BLAMBERG: The Public Image Projected by the Roman Emperors (A.D. 69-117) as Reflected in Contemporary Imperial Coinage (Diss. Univ. of Indiana 1976); L. MORAWIECKI: Political Propaganda in the Coinage of the Late Roman Republic, Wrozław 1983; J.D. EVANS: The Legends of Early Rome Used as Political Propaganda in the Roman Republican and Augustan Periods (Diss. Univ. of Pennsylvania 1985); N. HANNESTAD: Roman Art and Imperial Policy, Aarhus 1986. In bezug auf die Augustus-Ausstellung (vgl. Anm. 4) stellte P.H. GÖPFERT zutreffend fest: ‚Selbst die Münzen sind geprägt vom Machtkampf‘ (Welt, 16./17.6.1988).

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grund relativ hoher Auflagen in besonderem Maße zur Verbreitung von politischen Ideen und Programmen, zur Selbstdarstellung von Personen und ihren Erfolgen9. Für die Rezeption antiker Propaganda bieten Briefmarkenserien aus der Zeit des italienischen Faschismus hier besonders eindrucksvolle Beispiele. Unter Verwendung antiker Kunstprodukte (Plastik, Relief, Architektur) und literarischer Zeugnisse suggerieren sie dem Betrachter den Eindruck kultureller und politischer Bedeutung Italiens unter einem Regime, das nach Jahrhunderten des Niedergangs ein ‚Goldenes Zeitalter‘ begründet habe. In plakativer Anknüpfung an die Leistungen des Kaisers Augustus präsentierte sich MUSSOLINI als Schöpfer der neuen Ordnung10, die knapp fünf Jahre nach ihrem Höhepunkt 1938 bereits zerbrochen war. Willkommene Gelegenheit zur philatelistischen Selbstdarstellung boten die zahlreichen Geburtstage von Repräsentanten der augusteischen Klassik, die sich seit 1930 jeweils zum 2000. Male jährten. Eröffnet wurde die Reihe dieser Gedenkserien damals mit einem Briefmarkensatz zur 2000-Jahrfeier Vergils, der am 15. Oktober 70 v. Chr. bei Mantua geboren wurde11. Weitere Anlässe bildeten die Geburtstage des Horaz (geb. 18.12.65) und des Livius (geb. 59 v. Chr.) im Jahre 1936 bzw. 194112. Der ans Schwarze Meer verbannte Ovid wurde bezeichnenderweise übergangen. Unbestrittener Höhepunkt dieser Gedenkfeiern aber war der Bimillenario der Geburt des Augustus am 23. Sept. 63 v. Chr.13, dem 1937 pünktlich zum Tagesdatum zwei philatelistische Sonderausgaben gewidmet wurden, eine davon für den Luftpostverkehr14. Alle diese Briefmarken-Serien zeichnen sich dadurch aus, daß bildliche Darstellungen mit kurzen Texten der genannten antiken Autoren kombiniert sind und so die Wirkung der propagandistischen Inhalte steigern. Die Zitate des Normalsatzes zum Bimillenario Augusteo sind dabei einer einheitlichen Vorlage entnommen, die dem Anlaß in besonderem Maße entspricht. Es handelt sich um den berühmten Tatenbericht des Augustus (res ge9 10

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Vgl. etwa A. STURMINGER (wie Anm. 2) 338-351; N. HANNESTAD (wie Anm. 8) 9-14. Vgl. grundlegend Ph.V. CANNISTRARO: La fabbrica del consenso. Fascismo e mass media, Bari 1975; B. HINZ u.a. (Hrsg.): Die Dekoration der Gewalt. Kunst und Medien im Faschismus, Gießen 1979; M. CAGNETTA: Antichisti e impero fascista, Bari 1979; L. CANFORA: Ideologia del classicismo, Torino 1980; DERS.: Analogia e storia. L’uso politico dei paradigmi storici, Milano 1982; ergänzend auch A.L. GEORGE: Propaganda Analysis. A Study of Inferences Made from Nazi-Propaganda in World War II, Evanstown, Ill. 1959, ND Westport, Conn. 1973, bes. 67-95. Michel-Katalog, Italien Nr. 345-357; vgl. Enciclopedia Virgiliana II, Roma 1985, Taf. XXXV; J. CARCOPINO: Le Bimillénaire de Vergile, REL 9 (1931) 45-61; seine Berechnung des Geburtsjahres Vergils auf 71 v. Chr. ist zu korrigieren. Michel-Katalog, Italien Nr. 547-559 bzw. Nr. 629-632. An sich hätten die Geburtstage jeweils ein Jahr später gefeiert werden müssen, da bekanntlich das Jahr 0 nicht existiert. Suet. Aug. 5,1; vgl. D. KIENAST (wie Anm. 1) 1f. Michel-Katalog, Italien Nr. 576-585 u. 586-590 (s. Taf. II/III).

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stae), der gemäß letztwilliger Verfügung des Kaisers auf zwei Erzsäulen links und rechts des Eingangs zu seinem Mausoleum graviert wurde und so seine Leistungen für das Gemeinwesen dem Volk von [310] Rom verkündete. Uns ist eine Abschrift dieser res gestae vom Tempel der Roma und des Augustus in Ankara erhalten, wonach der Text auch als ‚Monumentum Ancyranum‘ bezeichnet wird15. Von seiner Zielsetzung her war das Selbstzeugnis des Kaisers natürlich auf Wirkung bedacht, wollte keinen kritischen Rechenschaftsbericht liefern, sondern ein positives Leistungsbild vermitteln16. Fälschungen im ereignisgeschichtlichen Bereich hätten der Glaubwürdigkeit dieser Bilanz bei den Zeitgenossen eher geschadet, ebensowenig wird man von ihr aber die ganze historische Wahrheit erwarten dürfen. ‚Creation of belief‘ vollzog sich bereits damals auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit. Ausgefeilte Formulierungen, doppelsinnige Partizipialkonstruktionen und Hypotaxen, überlegte Komposition, gezielte Überspielungen sollen den Leser davon überzeugen, Augustus habe die innere Stabilität der res publica langfristig gewährleistet, dem Herrschaftsanspruch von Senat und Volk von Rom Weltgeltung gesichert, die Republik in der Tat neu konstituiert. Unstrittig führte seine Konsolidierung des Imperium Romanum insgesamt zum Erfolg, allerdings um den Preis einer neuen Ordnung, die wir gewöhnlich als Prinzipat bezeichnen, obgleich es sich objektiv eher um eine Monokratie handelte17. Für MUSSOLINI spielte dieser aus republikanischer Sicht entscheidende Makel18 keine Rolle, da die Schaffung einer neuen Ordnung ohnehin erklärtes Ziel seines faschistischen Programms war: ‚Der faschistische Staat ist einzigartig und eine ursprüngliche Schöpfung. Er ist nicht reaktionär, sondern revolutionär – non 15

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Suet. Aug. 101,4; Mon. Anc. titulus; der Text des Mon(umentum) Anc(yranum) wird im folgenden zitiert als Aug. r.g. nach der Ausgabe von H. VOLKMANN (Hrsg.): Res gestae divi Augusti. Das Monumentum Ancyranum,3 Berlin 1969. Vgl. E. HOHL: Der Leistungsbericht des Augustus, NJAB 3 (1940) 136-146; J. REHORK: Tatenbericht und dichterisches Herrscherenkomion in augusteischer Zeit, in F. Altheim/R. Stiehl: Die Araber in der Alten Welt II, Berlin 1965, 379-417; F. HAMPL: ‚Denkwürdigkeiten‘ und ‚Tatenberichte‘ aus der Alten Welt als historische Dokumente, in Ders.: Geschichte als kritische Wissenschaft III, Darmstadt 1979, 167-220; Z. YAVETZ: The res gestae and Augustus’ Public Image, in F. Millar/ E. Segal (Hrsg.): Caesar Augustus. Seven Aspects, Oxford 1984, 1-36; E.S. RAMAGE: The Nature and Purpose of Augustus’ res gestae, Stuttgart 1987. Vgl. K. LOEWENSTEIN: Die konstitutionelle Monokratie des Augustus. Ein Beitrag zur Morphologie der Regierungstypen, in W. Schmitthenner (Hrsg.): Augustus, Darmstadt 1969, 531-564. Vgl. Tac. ann. 1,9-10 (‚Totengericht‘); anders akzentuiert Dio 56,43,4-44,4; vgl. B. MANUWALD: Cassius Dio und Augustus, Wiesbaden 1979, 140-167; R. URBAN: Tacitus und die res gestae divi Augusti, Gymnasium 86 (1979) 59-74; A. MEHL: Bemerkungen zu Dios und Tacitus’ Arbeitsweise und zur Quellenlage im ‚Totengericht‘ über Augustus, Gymnasium 88 (1981) 54-64.

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è reazionario, ma revoluzionario‘19. Stand diese Definition des Staates auch in diametralem Gegensatz zum [311] augusteischen Programm der res publica restituta20, so entsprachen die beiden ersten Aspekte des innenpolitischen Ausgleichs und des imperialen Anspruchs den von MUSSOLINI formulierten Zielvorstellungen: ‚Der faschistische Staat ist Wille zur Macht und Herrschaft ... Herrschaft erfordert Disziplin, gemeinsame Anstrengung, Pflichterfüllung und Opfer‘. Das antike Rom fungierte dabei als Leitbild und Verpflichtung: ‚La tradizione romana è qui un’ idea di forza‘21. Die Wurzeln dieser Hingabe an ein unreflektiertes Römertum reichen in die Anfänge der faschistischen Machtergreifung zurück; seit dem sog. ‚Marsch auf Rom‘ vom 28. Oktober 1922 bildete Romanità eine Konstante im politischen Konzept des Duce22. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1937/38 mit dem Bimillenario Augusteo. Die Stilisierung MUSSOLINIs als legitimer Erbe des ersten Prinzeps konnte sich damals zur Vorstellung vom Duce als Reinkarnation des Augustus steigern: ,... anche a Benito Mussolini, dico, Jesu Cristo, Figlio di Dio Salvatore, ha accordato un premio che riavvicina la sua figura agli spiriti magni di Augsto e di Costantino ...‘23. In den Grenzen ihrer Möglichkeiten hat die Sonderausgabe von Postwertzeichen diese Vision verarbeitet und propagiert. In der Gestaltung von Prof. Cor19

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B. MUSSOLINI: Fascismo. Dottrina, in: Enciclopedia Italiana XIV, Roma 1932, 847851, hier: 850 II. MUSSOLINIs ‚Dottrina del Fascismo‘ (MOO XXXIV 115-138; s.u. Anm. 27) wird im folgenden jeweils nach dieser Fassung zitiert; vgl. ergänzend B. MUSSOLINI: Der Faschismus. Lehre und Grundgesetze, Roma 1935; DERS.: Der Geist des Faschismus. Ein Quellenwerk, hrsg. von H. Wagenführ, München 1940. Aug. r.g. 34; Vell. 2,89,3; Fasti Praenest. (13. Jan.), Inscr. It. XIII 2, S. 114f.: Der Senat beschloß die Verleihung des Eichenlaubkranzes (corona civica) an Augustus, [quod rem publicam] p(opulo) R(omano) rest[it]u[it]; vgl. VERF.: Römische Inschriften, Stuttgart 1988, Nr. 8. B. Mussolini: Fascismo (wie Anm. 19) 851 I. Vgl. Ph.V. CANNISTRARO: Mussolini’s Cultural Revolution: Fascist or Nationalist?, J. Contemporary Hist. 7 (1972) 115-139; D. COFRANCESCO: Appunti per un’analisi del mito romano nell’ideologia fascista, Stor. contemporanea 11 (1980) 383-411; Ph.V. CANNISTRARO (Hrsg.): Historical Dictionary of Fascist Italy, Westport/London 1982, 461-463, s.v. Romanità. Rede des Kardinals Ildefonso SCHUSTER vom 26.2.1937 in Mailand (Castello Sforzesco), zitiert nach G. DE’ ROSSI DELL’ ARNO: Pio XI e Mussolini, Roma 1954, 134-138, hier: 137f. Bildnisse Constantins wurden in der postalischen Propaganda nicht genutzt, lediglich sein Triumphbogen erscheint in Verbindung mit einer Truppenparade: ‚Sulle orme delle antiche legioni‘ (Michel-Katalog, Italien Nr. 526; s. Taf. I 6). Ähnlich panegyrisch auch E. BALBO: Augusto e Mussolini, Roma 1937; die Schrift, deren Kopie ich J. PETERSEN, Rom, verdanke, wurde 1941 nachgedruckt unter dem Titel ‚Protagonisti dei due Imperi di Roma‘, Roma 1941; vgl. auch G. BUCHHEIT: Mussolini und das neue Italien, Berlin 1938, bes. 237, 269, 307-315. Bereits zu Beginn der 30er Jahre publizierte K. SCOTT einen amerikanischen Panegyricus auf den Duce: Mussolini and the Roman Empire, CJ 27 (1931/32) 645-657.

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rado MEZZANA24 zeichnen sich inhaltlich zwei Schwerpunk[312]te ab, welche die Parallelisierung von Augustus und MUSSOLINI durch bildliche Darstellung und signifikante Passagen aus dem Monumentum Ancyranum der italienischen Bevölkerung nahebringen: Koordination bzw. Gleichschaltung im Inneren und imperialen Herrschaftsanspruch. Im Sinne einer Breitenwirkung verzichtete MEZZANA mit wenigen Ausnahmen auf die antike Symbolik, um desto plakativer Elemente des Zeitgeistes zu integrieren. Nicht rationales Verständnis, sondern emotionale Wirkung war gefragt25. Materielle Grundlage faschistischen Herrschaftsanspruchs bildete damals der scheinbar erfolgreiche Abschluß der Invasion Äthiopiens26. Am 9. Mai 1936, vier Tage nach der Besetzung von Addis Abeba durch die Truppen BADOGLIOs, proklamierte MUSSOLINI unter dem Jubel ganz Italiens das Imperium: ‚Mit seinem Blute hat das italienische Volk das Imperium geschaffen ... In dieser höchsten Gewißheit hebt, Legionäre, empor euere Feldzeichen, die Waffen und euere Herzen, um die Rückkehr des Imperium nach 15 Jahrhunderten zu begrüßen auf diesen schicksalhaften Hügeln von Rom‘27. 24

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Bislang konnte ich die Person MEZZANAs nicht eindeutig identifizieren. Vermutlich handelt es sich um den Kunsthistoriker Prof. Corrado MEZZANA, dessen Diss. ‚La legislazione delle belle arti e dell’ antichità‘ 1913 in Rom erschien; vgl. DERS.: L’arte per la catechesi cristologica, Roma/Milano 1940. Inhaltlich verrät die postalische Propaganda die Handschrift des im Nov. 1936 ernannten Ministers für nazionale Erziehung, Giuseppe BOTTAI. Als erstes Heft der Quaderni Augustei erschien dessen Schrift ‚L’Italia di Augusto e l’Italia d’oggi‘, 2Roma 1937; hier erfolgte die Parallelisierung implizit durch eine Leistungsbilanz des Augustus, der ‚gleiche, ähnliche oder vergleichbare Probleme‘ gelöst habe (23) wie der ‚zweite große Führer‘ (MUSSOLINI). In seiner früheren Schrift ‚Mussolini costruttore d’Impero‘, Mantova 1926, hatte sich BOTTAI mit einer Skizze italienischer Kolonialpolitik seit 1851 begnügt und antike Analogien bewußt ausgeklammert (W. SCHIEDER, Trier, danke ich für eine Kopie). Vgl. D. BIONDI: La fabbrica del Duce, Firenze 1967, ND 1973, bes. 129ff.; P. MELOGRANI: The Cult of the Duce in Mussolini’s Italy, J. Contemporary Hist. 11 (1976) 221-236; eine eindrucksvolle Anthologie bietet A.B. HASLER: Das Duce-Bild in der faschistischen Literatur, Quell. u. Forsch. 60 (1980) 420-506; vgl. noch J. PETERSEN: Mussolini. Wirklichkeit und Mythos eines Diktators, in K.H. Bohrer (Hrsg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion, Frankfurt 1983, 242-260; E. GENTILE: Partito, Stato e Duce nella mitologia e nella organizzazione del fascismo, in K.D. Bracher/L. Valiano (Hrsg.): Fascismo e Nazionalsocialismo, Bologna 1986, 265-294, bes. 286ff. Zur Funktion der augusteischen Ideologie vgl. bes. M. CAGNETTA: II mito di Augusto e la ‚rivoluzione‘ fascista, QS 3 (1976) 139-181. Vgl. La guerra Italo-Ethiopienne, Paris 1936; A. MOCKLER: Haile Selassie’s War, Oxford 1984; M. TALAMONA: Addis Abeba capitale dell’Impero, Stor. contemporanea 16 (1987) 1093-1132. E. u. D. SUSMEL (Hrsg.): Opera omnia di Benito MUSSOLINI. 36 Bde., Firenze 19511963, XXVII 269; das Standardwerk wird jeweils als MOO zitiert. Die ideologische Be-

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Dieses Ereignis legitimierte gewissermaßen den Anspruch des Duce auf die Nachfolge des Augustus im außenpolitischen Bereich. In der postalischen Sonderausgabe nimmt die Marke zu 75 centesimi denn auch eine Schlüsselstellung ein. Sie zeigt den Bronzekopf des Augustus von Meroe (Sudan) zwischen zwei Palmen und paßt daher inhaltlich besonders gut zum Zitat des Monumentum Ancyranum27a: Meo iussu et auspicio [313] ducti sunt ... exercitus ... in Aethiopiam. 1937 war das Porträt als Leihgabe des British Museum (London) im Rahmen der Augustus-Ausstellung in Rom zu bewundern, und einige Kenner mögen die Vorlage der postalischen Darstellung erkannt haben. Für die Masse der Bevölkerung fiel indessen die Abweichung vom Haupttypus der berühmten Panzerstatue von Primaporta kaum ins Gewicht; entscheidend war die gesicherte Identifizierung des Kopfes als Porträt des Kaisers Augustus. Das genannte Zitat seines Tatenberichts lautet im Kontext einer deutschen Übersetzung: ‚Auf meinen Befehl und unter meinem Oberkommando wurden etwa gleichzeitig zwei Heere nach Äthiopien und in die Arabia Felix entsandt, in offener Feldschlacht viele feindliche Truppen beider Völkerschaften vernichtet und mehrere Städte erobert‘28. Die Feldzüge der Jahre 25 bis 22 v. Chr. führten nicht zu territorialen Gewinnen. In der Propaganda des Augustus diente das an sich ephemere Ereignis lediglich dem Beweis, daß seine Heere die Grenzen der Oikumene im Süden erreicht hatten29. Für MUSSOLINI bedeutete die Annexion Äthiopiens hingegen einen



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deutung des Ereignisses dokumentieren die Berichte über die Feiern in Rom (MOO XXVII 382-396). Die emphatische Schlußformel MUSSOLINIs wiederholte etwa D. MUSTILLI: Le imprese e la politica di Augusto nell’arte del suo tempo, L’Urbe 2 (1937) 2-10; vgl. DERS.: II Museo Mussolini, Roma 1939; das Vorwort (XIII-XV) datiert mit dem Natale di Roma (21. April) 1938 (= XVI der faschistischen Ära). Den Hinweis verdanke ich H.-W. RITTER, Marburg, anläßlich des Kolloquiums ‚Caesar und Augustus. Römische Geschichte und Zeitgeschichte in der deutschen und italienischen Altertumswissenschaft während des 19. und 20. Jhs.‘, Marburg, 4.-9. Sept. 1988. Zum Meroe-Kopf vgl. G.Q. GIGLIOLI: Mostra Augustea (wie Anm. 30) I 108 u. II 67 (Nr. X 15/16) mit Tav. XXV; K. VIERNEISEL/P. ZANKER (Hrsg.): Bildnisse des Augustus. Ausstellungskatalog der Glyptothek München, München 1979, Abb. 5, 12; zum Vergleich bietet sich ein kolorierter Abguß vom Kopf der Panzerstatue von Primaporta in München an (ebd. S. 55). Vgl. noch S. WALKER/A. BURNETT (Hrsg.): The Image of Augustus, London 1981, bes. 18-22. Michel-Katalog, Italien Nr. 582 (s. Taf. II 7); Zitat: Aug. r.g. 26: Meo iussu et auspicio ducti sunt duo exercitus eodem fere tempore in Aethiopiam et in Arabiam, quae appellatur Eudaemon, magnaeque hostium gentis utriusque copiae caesae sunt in acie et complura oppida capta ...; vgl. J. STROUX: Das historische Fragment des Papyrus 40 der Mailänder Sammlung. SDAW 1952, 2, Berlin 1953. Vgl. R. MOYNIHAN: Geographical Mythology and Roman Imperial Ideology, in R. Winkes (Hrsg.): The Age of Augustus, Providence u.a. 1985, 149-156 mit Abb. 16. Mittelbar resultiert der Anspruch des Augustus, die Grenzen der Oikumene erreicht zu haben, aus der Alexander-Imitatio; in bezug auf Pompeius vgl. Plin. nat. hist. 7,97-98; dazu H. BELLEN: Das Weltreich Alexanders des Großen als Tropaion

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ersten Höhepunkt faschistischer Weltmachtpolitik. Sein Motto, das über dem Eingang zur 1937 eröffneten Mostra Augustea della Romanità prangte, hatte hier glanzvolle Bestätigung erfahren: ‚Die Ruhmestaten der Vergangenheit seien übertroffen durch die Ruhmestaten der Zukunft‘30. In der Tat hatte er Augustus in Äthiopien überboten. Neben dem Text der Briefmarke weisen auf den ersten Blick nur die Palmen auf den Schauplatz des Geschehens in Afrika. Aus augusteischer Sicht würde man hier eher die beiden Lorbeerbäume erwarten, die laut Senatsbeschluß vom 16. Jan. 27 den Eingang zum Haus des Prinzeps auf dem Palatin flankierten31. Sie erscheinen auf einer gleichzeitigen Luftpostmarke mit den Horaz-Versen ... o tutela praesens / Italiae dominaeque Romae32. Den derzeitigen Schutz Italiens und der Herrschaft Roms aber garantierte MUSSOLINI als legitimer Erbe des Augustus, jedenfalls in der Propaganda. [314] Kehren wir aber nochmals zur ‚Äthiopien-Marke‘ zurück, so bietet die Darstellung bei genauerer Betrachtung einen weiteren Bezug auf Afrika. Im Hintergrund – gewissermaßen als Fernziel – sind die Pyramiden von Gizeh zu erkennen. Zusammen mit dem nördlichen Sudan liegt Ägypten geographisch zwischen Äthiopien, das am 1. Juni 1936 mit Somalia und Eritrea zur Africa Orientale Italiana (AOI) zusammengefaßt wurde, und den italienischen Kolonien Cyrenaica/Tripolitania im heutigen Libyen33. In der augusteischen Propaganda spielte die Annexion Ägyptens eine zentrale Rolle34, und MUSSOLINI mag es 1937 zutiefst bedauert haben, daß er diesen Erfolg nicht oder noch nicht für sich reklamieren konnte. Der unverhohlene Anspruch auf Erneuerung römischer Herrschaft in dieser Region, wie er schon 1932 anläßlich des 10. Jahrestages der faschistischen Regierung im Motto ‚Ritornando dove già fummo‘ propagiert wurde35, hatte sich fünf Jahre später noch nicht ver-

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im Triumphzug des Cn. Pompeius Magnus (61 v. Chr,), in W. Will/J. Heinrichs (Hrsg.): Zu Alexander d. Gr. Festschr. Gerhard Wirth, Amsterdam 1988, II 865-878. Vgl. G.Q. GIGLIOLI: Mostra Augustea della Romanità. Catalogo. 2 Bde., Roma 1937, XVI: ‚Le glorie del passato siano superate dalle glorie dell’ avvenire‘; zum Motto MUSSOLINIs vgl. auch U. SILVA: Kunst und Ideologie des Faschismus, Frankfurt 1975, 53, Abb. 84. Saal XXVI der Ausstellung war dem Thema ‚Romanità e Fascismo‘ gewidmet. Aug. r.g. 34; vgl. BMC Emp. I 63, Nr. 351; A. ALFÖLDI: Die zwei Lorbeerbäume des Augustus, Bonn 1973. Michel-Katalog, Italien Nr. 590 (s. Taf. III 15); Zitat: Hor. carm. 4,14,43f. Vgl. D. MACK SMITH: Mussolini’s Roman Empire, London 1976, 32-43 u. 107-123; A. MOCKLER (wie Anm. 26) 21-33 u. 148-155. Vgl. Suet. Aug. 31,2; Dio 55,6,6f.; Macrob. sat. 1,12,35; Liv. epit. 133f.; in den Fasten von Antium, Amiternum und Praeneste wird die Einnahme Alexandrias als Festtag gefeiert; vgl. G. GERACI: Genesi della provincia romana d’Egitto, Bologna 1983. Michel-Katalog, Italien Nr. 424 (s. Taf. I 5). Schon 1926 beklagte BOTTAI (Mussolini, wie Anm. 24, 10-12), daß Außenminister MANCINI 1882 auf eine mögliche Intervention in Ägypten verzichtet hatte.

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wirklichen lassen. Um so mehr wurde daher die Annexion Äthiopiens gefeiert. Auf diesen Erfolg ist eine zweite Marke zum Bimillenario Augusteo zu beziehen. Sie zeigt die Rekonstruktion des Capitolinischen Tempels zwischen Fasces, dem Kultsymbol des Regimes, davor drei Lorbeerkränze. Der Text erläutert Sinn und Bedeutung des Bildes: Laurum de fascibus deposui in Capitolio ... votis solutis36. Wie Augustus beispielsweise 13 v. Chr. nach der Neuordnung Spaniens und Galliens den Lorbeer, mit dem die Rutenbündel des erfolgreichen Oberbefehlshabers geschmückt waren, im Schoße des Capitolinischen Jupiter niederlegte37, so sollte die Darstellung den Erfolg des Duce in Äthiopien illustrieren. Indessen waren seine Ambitionen keineswegs auf den östlichen Mittelmeerraum beschränkt. Die postalische Propaganda läßt weitere Zielvorstellungen unschwer erkennen. Die Nachbildung der Ehrensäule für C. Duilius, der 260 die karthagische Flotte bei Mylae geschlagen hatte, bezieht sich noch auf das unmittelbare Umfeld Italiens38. Geschickt wird damit das Selbstzeugnis des Augustus kombiniert: Mare pacavi, dessen Kontext sich ebenfalls auf Mylae bezieht, wo Agrippa 36 v. Chr. den [315] Sex. Pompeius vernichtet hatte39. Die Verallgemeinerung hebt den Anspruch des Duce auf Befriedung des Meeres indessen auf eine höhere Ebene. Von den Zeitgenossen wurde er eher mit dem Mare Adriaticum im Osten Italiens verknüpft und auf Albanien bezogen. Die Invasion des Königreichs erfolgte zwar erst im April 1939 nach dem diplomatischen Erfolg MUSSOLINIs auf der Konferenz von München, doch galt Albanien bereits seit 1926/27 als Protektorat Italiens, als ‚italienische Provinz ohne Präfekt‘40. Ideologisches Ziel faschistischer Politik aber blieb die Vorherrschaft Italiens im gesamten Mittelmeerraum mit Zugang zum Weltmeer. In einer Rede vor dem Großrat hat MUSSOLINI am 4. Febr. 1939 die Konstante seines außenpolitischen Konzepts auf den Punkt gebracht: Italien werde von einem Binnenmeer begrenzt, das mit dem Ozean verbunden sei durch den Kanal von Suez und durch die Straße von Gibraltar, die von 36 37

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Michel-Katalog, Italien Nr. 585 (s. Taf. III 10); Zitat: Aug. r.g. 4: Laurum de fascibus deposui in Capitolio votis, quae quoquo bello nuncupaveram, solutis. Dio 54,25,4; vgl. Plin. nat. hist. 15,133f. Die immer noch maßgebliche Arbeit über die Liktorenbündel als antikes Kultsymbol des italienischen Faschismus wurde 1932 publiziert von A.M. COLINI: II fascio littorio di Roma ricercato negli antichi monumenti, Roma 1932. Michel-Katalog, Italien Nr. 576 (s. Taf. II 1); zum Seesieg des Duilius vgl. die Inschrift seiner Ehrensäule CIL I2 25 = ILLRP 319; Rekonstruktion bei H.D.L. VIERECK: Die römische Flotte, Herford 1975, Abb. 48. Aug. r.g. 25: Mare pacavi a praedonibus; vgl. B. SCHOR: Beiträge zur Geschichte des Sex. Pompeius, Stuttgart 1978, 47-54; J.M. RODDAZ: Marcus Agrippa, Roma 1984, 117131; VERF. (wie Anm. 20) Nr. 118. G. CIANO: Diario 1939-1943. 2 Bde., Milano 1946, I 37; vgl. D. MACK SMITH (wie Anm. 33) 149-158.

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Großbritannien beherrscht werde. Italien habe also keinen freien Zugang zum Weltmeer. Praktisch sei es ein Gefangener im Mittelmeer ... als Wächter fungierten Gibraltar und Suez ... Für Italien könne es daher nur eine Lösung geben: ‚Vormarsch zum Ozean! Zu welchem Ozean? Zum Indischen Ozean oder zum Atlantik. In beiden Fällen stoßen wir auf englisch-französischen Widerstand‘41. Die aus dieser Konstellation gezogenen Konsequenzen für die Achse Rom – Berlin können auf sich beruhen42, das Konzept aber wurde 1937 unter Berufung auf den augusteischen Tatenbericht propagiert43. [316] Eine der Sondermarken unserer Serie zeigt ein Geschwader römischer Kriegsschiffe unter Segeln mit dem Text classis mea per Oceanum44. Oceanus bezeichnet auch im Tatenbericht des Augustus den Atlantik, im engeren Kontext die Region von der Mündung des Rheins bis zum Gebiet der Cimbern in Jütland. Unmittelbar vorher sind die Grenzen der damals bekannten Welt von Cadiz bis zur Elbmündung markiert45. Jenseits lag nur noch Britannien, das Augustus unerwähnt ließ, MUSSOLINI aber als potenten Gegner seiner maritimen Ambitionen erkannte, den es auszuschalten galt, ‚wie einst Rom die Karthager vernichtet hat-

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F.W. DEAKIN: The Brutal Friendship, London 1962, dtsche. Übers. Köln/Berlin 1964, 23; vgl. J. PETERSEN: Gesellschaftssystem, Ideologie und Interesse in der Außenpolitik des faschistischen Italien, Quell. u. Forsch. 54 (1974) 428-470, bes. 458-461. Vgl. J. PETERSEN: Hitler – Mussolini. Die Entstehung der Achse Berlin – Rom 19331936, Tübingen 1973; DERS.: Gesellschaftssystem (wie Anm. 41) 428-470. In der postalischen Propaganda Italiens und des Deutschen Reiches wurde die ‚Achse‘ 1941 mit dem Slogan ‚Due popoli, una guerra‘ bzw. ‚Zwei Völker und ein Kampf‘ gefeiert (Michel-Katalog, Italien Nr. 623-625; Deutschland Nr. 763). Die Marken zeigen jeweils Doppelbildnisse HITLERs und MUSSOLINIs. Parallele Ausgaben erfolgten für die italienischen Kolonien (Michel-Katalog, Ital. Libyen Nr. 116-123; Ital. Ostafrika Nr. 55-63). Zum Vergleich bietet sich die 1988 gleichzeitig in Frankreich und der Bundesrepublik ausgegebene Gedenkmarke ‚25 Jahre Vertrag über die DeutschFranzösische Zusammenarbeit‘ mit Bildnissen ADENAUERs und DE GAULLEs an (Michel-Katalog, Frankreich Nr. 2636; BRD Nr. 1351). Trotz positiver Zielsetzung wird hier die Problematik personenbezogener Propaganda deutlich. Allerdings fällt entscheidend ins Gewicht, daß die abgebildeten Politiker bereits verstorben sind. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die bemerkenswerte Skizze der Entwicklung römischer Seeherrschaft in der Republik, die MUSSOLINI am 5. Okt. 1926 unter dem Titel ‚Roma antica sul mare‘ in der Universität von Perugia vortrug (MOO XXII 213-227); als Separatum wurde sie in der Reihe ‚Mussolinia. Biblioteca di propaganda fascista‘ publiziert. Michel-Katalog, Italien Nr. 583 (s. Taf. II 8); Zitat: Aug. r.g. 26: Classis mea per Oceanum ab ostio Rheni ad solis orientis regionem usque ad fines Cimbrorum navigavit ...; vgl. Vell. 2,106,3. Zur Funktion der Gliederung vgl. H. WENDT: Roms Anspruch auf Germanien (Masch. Diss. Hamburg 1960) 3-15; H. BRAUNERT: Omnium provinciarum populi Romani ... fines auxi, Chiron 7 (1977) 207-218.

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te‘46. Nach Eintritt Italiens in den 2. Weltkrieg brachte der Duce seine Vorstellung am 12. Jan. 1942 nochmals auf die eindrucksvolle Formel: ‚Dieser Kampf hat für uns einen ganz eigenen Charakter: den des 4. Punischen Krieges‘47. Die Option auf das westliche Mittelmeer schien durch Italiens Engagement im spanischen Bürgerkrieg gewahrt. Nach dem Erfolg in Äthiopien wurde jetzt im äußersten Westen des antiken orbis terrarum militärische Präsenz demonstriert. Eine Briefmarke zum Bimillenario Augusteo zeigt ein Siegesmal (Tropaion) mit dem ambitionierten Anspruch: Bella terra et mari ... toto in orbe terrarum saepe gessi victorque omnibus ...48. Der Text ist ein wörtliches Zitat aus dem Monumentum Ancyranum, wo Augustus zu Beginn seine militärischen Erfolge zusammenfaßte. Konnte der Kaiser – so stellt sich die Frage – fünf Jahre nach der VarusKatastrophe von sich behaupten, er sei aus allen Kriegen als Sieger hervorgegangen? Ganz Rom hätte hier die offensichtliche Geschichtsfälschung erkannt. Die Glaubwürdigkeit seines Tatenberichts wäre damit in Frage gestellt worden. Tatsächlich formulierte der Kaiser denn auch wesentlich differenzierter: ‚Kriege zu Lande und zu Wasser gegen innere und äußere Feinde habe ich auf dem gesamten Erdkreis oftmals geführt und als Sieger allen Mitbürgern Schonung gewährt, die darum baten‘49. Zweifellos dient auch hier die Wortfolge bella ... gessi victorque omnibus ... der Assoziation des siegreichen Feldherrn. Syntaktisch bezieht sich [317] victor allerdings prädikativ auf das zweite Kolon ... civibus peperci. Omnibus konnte als Ablativ natürlich auf victor bezogen werden und damit bella inhaltlich aufnehmen, indessen entspricht die Zuordnung des Adjektivs zum Dativ civibus veniam petentibus eher den historischen Voraussetzungen. Durch die pointierte Wortstellung ist es Augustus gelungen, den Eindruck der Sieghaftigkeit mit dem historischen Defizit einer gescheiterten Germanienpolitik so zu verquicken, daß die Aussage zwar doppeldeutig wurde, ohne aber – jedenfalls in bezug auf

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L’azione coloniale, 17.10.1935, S. 1; völlig konträre Akzente setzte MUSSOLINI in einem Artikel des ‚Popolo d’Italia‘ vom 16. Okt. 1935: ‚L’Italia non minaccia l’impero britannico, e l’impero britannico non è minimamente in pericolo‘ (MOO XXVII 165-168, hier: 166). Zu Britannien in der Außenpolitik des Augustus vgl. H.D. MEYER: Die Außenpolitik des Augustus und die augusteische Dichtung, Köln/Graz 1961, 9-13; C. DE FILIPPIS: Augusto e il problema britannica, RSC 24 (1976) 35-49. MOO XXXI 3: ‚... questa guerra universale ha per noi ancora un singolarissimo carattere: quello della quarta guerra punica‘; vgl. G. PINI/D. SUSMEL: Mussolini – L’uomo e l’opera IV, Firenze 1955, 161. Michel-Katalog, Italien Nr. 577 (s. Taf. II 2); Zitat: Aug. r.g. 3 (Anm. 49). Aug. r.g. 3: Bella terra et mari civilia externaque toto in orbe terrarum saepe gessi victorque omnibus veniam petentibus civibus peperci; vgl. Vell. 2,86,2.

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auswärtige Kriege – den Boden der Realität zu verlassen50: zweifellos ein Meisterstück verbaler Propaganda. Ihre faschistische Rezeption fällt dagegen in der Zuspitzung auf Militäraktionen außerhalb Italiens erheblich ab. Omnibus kann hier nur als Ablativ auf victor bezogen, d.h. im Sinne von ‚Sieger in allen Kriegen‘ verstanden werden. Auf Äthiopien mag dieser Anspruch zutreffen, auf dem zweiten Kriegsschauplatz Spanien entbehrte das Siegesdenkmal 1937 allerdings jeder Grundlage. Das faschistische Expeditionskorps hatte hier soeben unter General Mario ROATTA im März eine empfindliche Niederlage bei Guadalajara erlitten, die MUSSOLINI gegenüber der Öffentlichkeit nur mühsam verschleiern konnte51. Seine Propagandamaschinerie stilisierte auch diese Intervention zum Erfolg – als Beweis der Überlegenheit des faschistischen Regimes. Publizistisch gelang Emilio BALBO ein besonders peinlicher Vergleich zwischen MUSSOLINI und Augustus, indem er Parallelen zu dessen Cantabrer-Krieg in Spanien zog52. Im Unterschied zum Duce konnte der Prinzeps nämlich auch in der Anfangsphase dieser Kämpfe, die erst Jahre später zur ‚Befriedung‘ der Region führten, militärische Überlegenheit demonstrieren53. Darstellung und Text unserer Briefmarke gehören in denselben Zusammenhang, dienen dem Ziel, die Sieghaftigkeit MUSSOLINIs auch im Westen zu propagieren. Kritische Zeitgenossen konnten die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des faschistischen Erfolgs evtl. der [318] ausländischen Presse entnehmen, die Masse der Italiener vermochte sich der massierten Propaganda indes50

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Bezüglich der inneren Auseinandersetzungen der Triumviratsepoche ist die propagierte clementia (Aug. r.g. 34; AE 1952, 165) indessen zu relativieren. Neben den Proskriptionen (Sen. clem. 1,9,1; Suet. Aug. 27,1) ist besonders an die berüchtigten arae Perusinae (Dio 48,14,3f.) zu erinnern; vgl. B. MANUWALD (wie Anm. 18) 217f.; VERF.: Rez. F. Hinard, Les proscriptions de la Rome républicaine, Roma 1985, Gymnasium 95 (1988) 453-455. MOO XXVIII 198-201: ‚Guadalajara‘ (17. Juni 1937); vgl. P. BROUÉ/E. TÉMIME: Revolution und Krieg in Spanien (1961), dtsche. Übers. Frankfurt 1968, 319-323 u. 426-436; J.F. COVERDALE: The Battle of Guadalajara, 8-22 March 1937, J. Contemporary Hist. 9 (1974) 53-75; A. AQUARONE: Der Spanische Bürgerkrieg und die öffentliche Meinung in Italien (1966), in: W. Schieder/Chr. Dipper (Hrsg.): Der Spanische Bürgerkrieg in der internationalen Politik. 1936-1939, München 1976, 191-211. E. BALBO: Augusto e Mussolini (wie Anm. 23) 87f. u. 135; vgl. Sp. KOSTOF: The Emperor and the Duce. The Planning of Piazzale Augusto Imperatore in Roma, in H.A. Millon/L. Nochlin (Hrsg.): Art and Architecture in the Service of Politics, Cambridge, Mass./London 1978, 270-325, hier: 302. Vgl. insgesamt W. SCHMITTHENNER: Augustus’ spanischer Feldzug und der Kampf um den Prinzipat, in Ders. (wie Anm. 17) 404-485; VERF.: Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die auspicia des Augustus, Historia 34 (1985) 191-22, bes. 211-213 [hier 93-12, bes. 11-11].

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sen kaum zu entziehen. Den elementaren Kenntnisstand – etwa zum Verständnis des Tropaion54 – vermittelte nicht zuletzt die grandiose Mostra Augustea della Romanità von 1937/38. Ihr Besuch wurde für die gesamte Bevölkerung Italiens mustergültig organisiert, um ‚die Massen in Romanità zu baden‘55. Auch ohne Vorbildung verständlich und in ihrer emotionalen Wirkung auf die Gesamtbevölkerung abgestimmt waren die vier monumentalen Landkarten an der Via dell’Impero, der heutigen Via dei Fori Imperiali, die das Mittelmeer zum Mare Italicum (mare nostrum) stilisierten56. Dieser Intention entspricht eine Luftpostmarke mit der Karte des Imperium Romanum, beherrscht von einem Legionsadler, bis ins Detail57. Der Vers aus Vergils Aeneis qui mare, qui terras omni ditione tenerent unterstreicht diesen Anspruch des faschistischen Italien auf den gesamten Mittelmeerraum auch literarisch58. Der zweite Schwerpunkt postalischer Propaganda bezieht sich auf die Parallelisierung von Augustus und MUSSOLINI im Bereich der inneren Neuordnung. In der augusteischen Selbstdarstellung markierte bekanntlich die Niederlegung der triumviralen Ausnahmegewalt am 13. Jan. 27 v. Chr.59 die entscheidende Wende 54

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Das bekannteste Monument dieser Art in Rom – ein unter der Bezeichnung ‚Trofeo di Mario‘ geläufiges Siegesmal des Kaisers Domitian – findet sich rechts der Treppe zum Kapitolsplatz; vgl. G. TEDESCHI GRISANTI: I ‚trofei di Mario‘. II ninfeo dell’acqua Giulia sull’Esquilino, Roma 1977, bes. 56-66; allgemein G.Ch. PICARD: Les trophées des Romains, Paris 1957, bes. 359-362. Ph.V. CANNISTRARO (wie Anm. 22) 127; zur Ausstellung vgl. den hervorragenden Katalog von G.Q. GIGLIOLI (wie Anm. 30). Zur Funktion der klassischen Bildung im Schulunterricht vgl. die Literaturangaben unter Anm. 82. Ein bemerkenswerter Mangel an faschistischer Ideologie zeichnet den Sammelband ‚Augustus. Studi in occasione del Bimillenario Augusteo‘, Roma 1938, aus. Den Karten, die heute noch in situ den Aufstieg Roms zur Weltmacht illustrieren (s. Taf. IV 4), entspricht die beleuchtete Schautafel im Museo della Civiltà Romana (Saal IV); vgl. den Museumskatalog, Roma 1958, 7. Zum archäologischen Befund und zur Anlage der Straße vgl. den Sammelband ‚Via dei Fori Imperiali. La zona archeologica di Roma: urbanistica, beni artistici e politica culturale‘, Venezia 1983. BOTTAI (Mussolini, wie Anm. 24, 30) brachte 1926 den desolaten Stand italienischer Kolonialpolitik auf die Formel ‚Non si dimentichi che il „mare nostrum“ non è nostro‘. Zum abweichenden römischen Verständnis des Mittelmeeres als mare nostrum vgl. V. BURR: Nostrum mare. Ursprung und Geschichte des Mittelmeeres und seiner Teilmeere im Altertum, Stuttgart 1932, bes. 117-131; vgl. noch M. REDDÉ: Mare nostrum. Les infrastructures, le dispositif et l’histoire de la marine militaire sous l’Empire romain, Roma 1986. Michel-Katalog, Italien Nr. 589 (s. Taf. III 14). Verg. Aen. 1,236; die hier verwandte Lesung folgt der Überlieferung des Codex Mediceus (5. Jh.); vorzuziehen ist trotz Serv. Verg. Aen. 1,236 die Lesung der Schedae Vaticanae (3./4. Jh.) qui mare, qui terras omnis dicione tenerent; jedenfalls muß im Abl. von dicio das ‚t‘ durch ‚c‘ ersetzt werden; vgl. ThlL V 1, 969 s.v. dicio. Aug. r.g. 34; Tac. ann. 3,28,3; Dio 53,2-4; Fasti Praenest., Inscr. It. XIII 2, S. 112f. Der sukzessive Abbau der triumviralen Ausnahmegewalt (29/28 v. Chr.) fand in der

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zur ‚Wiederherstellung‘ der Republik. Diesen Akt bezeichnete Augustus ausdrücklich als sein Verdienst. [319] Seither habe er an auctoritas alle übertroffen, an Macht aber nicht mehr besessen als seine jeweiligen Amtskollegen60. Daß diese Ideologie für eine Parallelisierung des Prinzeps mit MUSSOLINI völlig ungeeignet war, liegt zum einen am Selbstverständnis des Duce61, zum anderen im organisatorischen Bereich: außer seiner Stellung als Ministerpräsident leitete Mussolini in Personalunion bis zu acht Ministerien62 (1929). Unter diesen Voraussetzungen lag es auf der Hand, die Propaganda auf die ‚caesarische‘ Phase des Augustus im Konflikt mit Antonius abzustimmen63. Der für den Duce entscheidende Satz des augusteischen Tatenberichts bezieht sich auf diese Auseinandersetzung im Vorfeld der Schlacht bei Actium: ‚Den Gefolgschaftseid hat mir ganz Italien freiwillig geleistet und mich nachdrücklich als Führer gefordert für den Krieg, den ich bei Actium siegreich beendete‘64. Drei Punkte waren für MUSSOLINI entscheidend: 1.) die eidliche Verpflichtung, 2.) die Gesamtheit Italiens, 3.) die wörtliche Entsprechung mit seiner Person – ducem depoposcit. Demgegenüber war die Freiwilligkeit marginal, die Eingrenzung auf Actium ideologisch und propagandistisch unbrauchbar. Die bildliche Darstellung transponiert die Aussage auf eine allgemeingültige Ebene. Natürlich entspricht die Statue des Augustus von Primaporta nicht der Situation des Jahres 32, sondern nimmt im Relief des Brustpanzers Bezug auf den friedlichen Ausgleich mit dem Partherreich 20 v. Chr.65. Im bildlichen Kontext der Briefmarke zählte allein ihr Bekanntheitsgrad und der sieghafte Habitus des Kaisers66. Augustus wird hier

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Senatssitzung vom 13. Jan. 27 seinen spektakulären Höhepunkt; vgl. D. KIENAST (wie Anm. 1) 69-73. Aug. r.g. 34: ... Post id tempus auctoritate omnibus praestiti, potestatis autem nihilo amplius habui quam ceteri, qui mihi quoque in magistratu conlegae fuerunt. Vgl. oben Anm. 25. Die Ämterkumulation hatte 1929 ihren Höhepunkt erreicht. 1936 hatte MUSSOLINI seinen Schwiegersohn Graf CIANO zum Außenminister ernannt und die Ministerien der Kolonien und der Korporationen A. LESSONA bzw. F. LANTINI übertragen; vgl. R. DE FELICE: Mussolini il duce I, 2Torino 1974, App. 11,5. Michel-Katalog, Italien Nr. 581 (s. Taf. II 6); Zitat: Aug. r.g. 25. Aug. r.g. 25: ... Iuravit in mea verba tota Italia sponte sua et me belli, quo vici ad Actium, ducem depoposcit ...; zur Eidesleistung vgl. P. HERRMANN: Der römische Kaisereid, Göttingen 1968, bes. 78-99. Vgl. E. SIMON: Augustus. Kunst und Leben in Rom um die Zeitenwende, München 1986, 53-57 u. 253 mit Taf. 1; H. JUCKER: Dokumentation zur Augustusstatue von Primaporta, HASB 3 (1977) 16-37. Vgl. auch die Kollage von Panzerstatue, Truppenparade und dem Denkmal Victor Emmanuels; hier weist Augustus den italienischen Truppen den Weg nach Äthiopi-

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gewissermaßen getragen von einem Meer ihm zujubelnder Hände. Dieses genuin faschistische Arrangement findet in der antiken Bildersprache keine Entsprechung. Inhaltlich wurde das Bild offenbar durch den consensus universorum geprägt, mit dem Augustus seine Stellung vor Actium legitimierte67, doch war diedieser Kontext durch die unmittelbar folgende ‚Nie[320]derlegung der Macht‘ für das Selbstverständnis des Duce zu sehr belastet. Außerdem paßte die Partizipialkonstruktion potitus rerum omnium weder sprachlich noch inhaltlich zum ideologischen Anspruch MUSSOLINIs auf politische Normalisierung und Konsens68. Zum Jahrestag des sog. ‚Marsches auf Rom‘ (28.10.1922) erfolgte 1938 eine Briefmarken-Ausgabe, welche an die Proklamation des Imperium am 9. Mai 1936 erinnerte69. Wie nicht anders zu erwarten, spielte auch hier die propagandistische Anknüpfung MUSSOLINIs an Augustus eine zentrale Rolle. Die entsprechende Marke zeigt wiederum die Statue von Primaporta in leicht variierter Perspektive. Die Datierung 30 v. Chr. bezieht sich auf die endgültige Ausschaltung des Antonius in Alexandria und die Annexion Ägyptens. Den Hintergrund gestaltet eine Karte des Mittelmeerraumes von Gibraltar bis Suez. Keineswegs zufällig sind Spanien im Westen und Ägypten mit dem Nil im Osten deutlich hervorgehoben, markieren die Ziele imperialer Außenpolitik Italiens unter MUSSOLINI. Ergänzt wird dieses Ensemble durch ein markantes Zitat des Duce, der seine Vorstellung von innerer Neuordnung hier prägnant formuliert: ‚Coordinazione di tutte le forze sotto gli ordini di un solo – Ausrichtung aller Kräfte unter die Weisungen eines einzelnen‘. Inhaltlich korrespondieren Darstellung und Text der Marke zum Bimillenario Augusteo. Sind dort die Voraussetzungen für den Herrschaftsanspruch MUSSOLINIs betont, so zeichnen sich hier die Konsequenzen ab: Gleichschaltung und imperialistische Expansion. Deutlicher konnte der diametrale Gegensatz zwischen faschistischer und augusteischer Ideologie kaum formuliert werden. Hatte Augustus seine Propaganda ganz auf die res publica restituta abgestimmt70, um den Eindruck seiner faktischen Mono-

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en; Abb. bei G. DE LUNA: Mussolini, Reinbek 1978, 81 nach M(ilizia) V(olontaria per la) S(icurezza) N(azionale). A(frica) O(rientale) I(taliana) 17 (Addis Abeba 1940). Aug. r.g. 34; vgl. H.U. INSTINSKY: Consensus universorum, Hermes 75 (1940) 265-278, ND in H. Oppermann (Hrsg.): Römische Wertbegriffe, Darmstadt 1967, 209-228. Vgl. bes. R. DE FELICE: Mussolini (wie Anm. 62); der Untertitel lautet: ‚Gli anni del consenso 1929-1936‘. Michel-Katalog, Italien Nr. 605 (s. Taf. I 7); vgl. oben Anm. 26f. Vgl. oben Anm. 20. Entlarvend wirkt indessen eine augusteische Goldprägung (RIC I2 73, Nr. 413): die Rs. zeigt eine kniende weibliche Gestalt, die von Augustus aufgerichtet wird; die Legende im Abschnitt lautet RES PVB(lica), rechts aufwärts steht AVGVST evtl. zur Bezeichnung des Prinzeps. Kritischen Zeitgenossen dürfte sich die Verbindung der Legende zu res pub(lica) August(a) bzw. August(i) im Sinne von ‚Staat des Augustus‘ aufgedrängt haben. Zum Unikat vgl. C. VERMEULE: Un aureo

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kratie zu vermeiden, so propagandierte MUSSOLINI hier ungeschminkt seinen personalen Führungsanspruch. Die auctoritas des princeps wurde ersetzt durch die Befehlsgewalt des absoluten dux. Emotional stand MUSSOLINI der Persönlichkeit des Diktators Caesar näher als dem Architekten des augusteischen Prinzipats71. Indessen war [321] Caesar gescheitert, so daß schon aufgrund dieser Konstellation nur der Vergleich mit Augustus in Betracht kam, allerdings unter deutlicher Akzentuierung seiner caesarischen Phase vor der Begründung des eigentlichen Prinzipats. Einen panegyrischen Reflex dieses Kompromisses bietet Emilio BALBO, der MUSSOLINI charakterisierte als eine Symbiose von caesarischem Genius und augusteischer Pragmatik, wobei hier die Parallelisierung des Duce allerdings eindeutig auf den Diktator Caesar abgestimmt wurde: ‚Giulio Cesare, creando la sovranità dello Stato Romano, aveva virtualmente creato l’Impero. Augusto prosegue l’opera del suo grande prozio, fortifica l’impero ... Tentare un paragone, tra Caio Cesare Ottaviano e Mussolini, è cosa ardua e direi quasi impossibile: troppa differenza esiste tra il figlio adottivo di Giulio Cesare e il Duce del Fascismo, tra il buon senso del primo e il genio creatore del secondo. ... Il pronipote di Cesare è uno dei tanti momenti dello Impero Romano mentre Mussolini è il primo e l’unico momento del Fascismo da cui sorgerà il nuovo Impero Mediterraneo: ... per cercare l’uomo paragone di Mussolini bisognerebbe chiamare in causa Giulio Cesare. Genio contro genio, creazione contro creazione ...‘72 Im Spiegel postalischer Propaganda wurde Caesar deshalb als Vorläufer des Augustus gefeiert. Die entsprechende Marke zeigt die Panzerstatue des Diktators vom Senatorenpalast auf dem Capitol mit einem Emblem, das die Legende

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del magistrato monetario Cossus Lentulus, Numismatica 1 (1960) 5-11. Zu Restitutionsprägungen augusteischer Münzen unter Trajan vgl. BMC Emp. III 138, Nr. 694f. Vgl. A.B. HASLER (wie Anm. 25) 486-488; zu Caesar und Augustus zuletzt V. PÖSCHL: Caesar, Wandel einer Gestalt, A&A 33 (1987) 172-182; W. SCHMITTHENNER (wie Anm. 1) 286-296. Zur inhaltlichen Bestimmung des oft mißverstandenen Begriffs ‚Caesarismus‘ vgl. G.L. MOSSE: Caesarism, Circuses, and Monuments, J. Contemporary Hist. 6 (1971) 167-182; Z. YAVETZ: Caesar, Caesarism, and the Historians, ebd. 184-201; J. DÜLFFER: Bonapartism, Fascism, and National Socialism, ebd. 11 (1976) 109-128; R. FABER: Cäsarismus, Bonapartismus, Faschismus. Zur Rekonstruktion des Brechtschen ‚Cäsar‘-Romans, in L. Hieber/ R.W. Müller (Hrsg.): Gegenwart der Antike, Frankfurt 1982, 84-104. E. BALBO: Augusto e Mussolini (wie Anm. 23) 66 und 121; Sp. KOSTOF (wie Anm. 52) 302, bezieht sich auf das Vorwort zum Neudruck ‚Protagonisti‘ (wie Anm. 23) 13; vgl. auch T. VEZIO: Le due Marce su Roma. Giulio Cesare e Benito Mussolini, Mantova 1923; F. TEMPERA: Benito, emulo-superatore di Cesare e di Napoleone, Roma 1927.

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als Iulium sidus erklärt73. Diese Himmelserscheinung vom Sommer 44 v. Chr. verstanden bereits die Zeitgenossen unterschiedlich: als Gestirn schien das Zeichen Caesars Entrückung unter die Sterne, als Komet den Anbruch eines neuen Zeitalters zu symbolisieren74. In seiner Gestaltung als Stern mit umgelegtem Schweif hat MEZZANA sich für die zweite Version entschieden, die auch in der späteren Propaganda des Augustus bevorzugt wurde. Ein neues Saeculum eignete sich für die faschistische Zielsetzung in der Tat besser als die Apotheose Caesars, ‚dessen Werk (ja erst) von Augustus vollendet wurde‘75. Im Kontext des Tatenberichts bezieht sich dieses Zitat coepta profligataque opera a patre meo perfeci76 auf die Vollendung der vom Diktator Caesar begonnenen Tempelbauten; hier gewinnt es in der Isolierung allgemeinere, gesamtpolitische Bedeutung. Wie Augustus, so soll der Betrachter [322] folgern, das Werk Caesars vollendete, so erfüllte nun MUSSOLINI die Verheißung des Kometen in der Nachfolge des Augustus. Den ursprünglichen Kontext des Monumentum Ancyranum deuten nur noch die Säulenbasen im Hintergrund der Caesar-Statue an. In der Tat hat MUSSOLINIs Bauprogramm das Stadtbild Roms auf Dauer verändert77. Propagandistisch wurde besonders die Erneuerung bzw. die Rekonstruktion augusteischer Bauwerke genutzt78. Mit einigem Recht konnte der Duce für sich in Anspruch nehmen: Templa deum in urbe refeci79. Die entsprechende Briefmarke zeigt die Statue des opfernden Augustus von der Via Labicana vor einem Altar 73

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Michel-Katalog, Italien Nr. 580 (s. Taf. II 5); Zitat: Aug. r.g. 20 (Anm. 76); zur Statue vgl. K. STEMMER: Untersuchungen zur Typologie, Chronologie und Ikonographie der Panzerstatuen, Berlin 1978, 74, Nr. VI 3; zum Emblem vgl. BMC Emp. I 59, Nr. 323. Dio 45,7,1; vgl. I. HAHN: Die augusteischen Interpretationen des Sidus Iulium, ACD 19 (1983) 57-66. MOO XX 305 (4. Juni 1924): ‚... Giulio Cesare tracciava le linee dell’Impero ...‘; vgl. G. BUCHHEIT (wie Anm. 23) 314f.; zum historischen Befund W. HOBEN: Caesar-Nachfolge und Caesar-Abkehr in den res gestae divi Augusti, Gymnasium 85 (1978) 1-19. Aug. r.g. 20: ... Forum Iulium et basilicam, quae fuit inter aedem Castoris et aedem Saturni, coepta profligataque opera a patre meo perfeci ... Die Literaturfülle zur Baupolitik MUSSOLINIs würde den Rahmen dieser Überlegungen sprengen; lediglich einige Beiträge seien hier repräsentativ genannt: L. CURTIUS: Mussolini und das antike Rom, Köln 1934; H. DRAGENDORFF: Das neue Rom, Gymnasium 50 (1939) 46-58; C. DE SETA: La cultura architettonica in Italia tra le due guerre, Bari 1972; Sp. KOSTOF: The Third Rome. 1870-1950: Traffic and Glory, Berkeley 1973; A. CEDERNA: Mussolini urbanista. Lo sventramento di Roma negli anni del consenso,4 Bari 1980. Vgl. bereits MUSSOLINIs Rede zur Einsetzung von Filippo CREMONESI als ersten governatore di Roma am 31. Dez. 1925 (MOO XXII 47-49): ‚... Quindi la terza Roma si dilatera sopra altri colli, lungo le rive del fiume sacro, sino alle spiaggie de Tirreno ...‘ Aug. r.g. 20: Duo et octoginta templa deum in urbe consul sextum ex auctoritate senatus refeci ...; vgl. P. GROS: Aurea templa. Recherches sur l’architecture religieuse de Rome à l’époque d’Auguste, Roma 1976.

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mit der Inschrift SECVRITAT(i) AVG(ustae) SACRVM80. Grandiose Kulisse dieser Szene bildet der Tempel des Capitolinischen Jupiter im Modell des Architekten Italo GISMONDI81. Augustus ist hier beim Vollzug des Brandopfers für die personifizierte Securitas, d.h. die von ihm garantierte Sicherheit des Imperium Romanum, capite velato dargestellt. Die über den Hinterkopf gezogene Toga symbolisiert fromme Pflichterfüllung (pietas), eine der kaiserlichen Kardinaltugenden82. Dem breiten Publikum blieben solche Feinheiten sicher verborgen, ihre Wirkung bezog die [323] Darstellung aus dem Eindruck der kulturellen Bedeutung Roms, die MUSSOLINI für seine Ziele propagandistisch nutzte83. Einen besonderen Glanzpunkt in seinem Anspruch auf Nachfolge des Augustus setzte die Rekonstruktion der Ara Pacis. Diesen Friedensaltar hatte der Senat 13 v. Chr. anläßlich der Rückkehr des Kaisers aus Gallien beschlossen. Darauf nimmt der Tatenbericht Bezug: Aram Pacis Augustae senatus pro reditu meo consacrandam censuit 84. Inhaltlich scheint dieses Monument in einem gewissen 80

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Michel-Katalog, Italien Nr. 578 (s. Taf. II 3); Zitat: Aug. r.g. 20 (Anm. 79); zur Augustus-Statue (HELBIG III4 Nr. 2300) vgl. E. SIMON (wie Anm. 65) 64f. mit Abb. 7577; zum Altar vgl. etwa die Stiftungen von Praeneste für Securitas und Pax (CIL XIV 2898f.); allgemein H.U. INSTINSKY: Sicherheit als politisches Problem des römischen Kaisertums, Baden-Baden 1952. Das Modell befindet sich im Museo della Civiltà Romana (Saal XXXVI); vgl. Catalogo (wie Anm. 56) 406-409; Abbildungen bei F. COARELLI: Rom. Ein archäologischer Führer, Freiburg 1975, 42f. Vgl. Aug. r.g. 34; AE 1952, 165; vgl. VERF. (wie Anm. 20) Nr. 119f.; dazu J. LIEGLE: Pietas (1932), ND in H. Oppermann (wie Anm. 67) 229-273, bes. 258ff.; ergänzend Th. ULRICH: Pietas (pius) als politischer Begriff im römischen Staate bis zum Tode des Kaisers Commodus, Breslau 1930. In bezug auf die römische Antike ist das Bildungsniveau der italienischen Bevölkerung besonders in Rom z.Zt. des Faschismus sicher höher einzuschätzen als gegenwärtig in der Bundesrepublik. Die Monatsschrift ‚Capitolium. Rassegna di attività municipale‘ bietet im 1. Band (1925/26) eine Fülle von Beiträgen zu dieser Thematik, u.a. auch einen Artikel von C. GALASSI PALUZZI: Ut cognoscant et ament (482-485), der die Bedeutung der römischen Antike im Unterrichtskonzept der Grundschule dokumentiert; vgl. U. PIACENTINI: Über die Rolle des Lateinunterrichts und der römischen Geschichte im faschistischen Italien, Altertum 10 (1964) 117-126; M. OSTENC: L’éducation en Italie pendant le Fascisme, Paris 1980, bes. 318-330. Die Propaganda des Nationalsozialismus verzichtete aufgrund räumlicher Distanz, vor allem aber aus ideologischen Gründen (Caesarismus – Bonapartismus) auf eine direkte Nutzung römischer Analogien; vgl. J. VOGT: Unsere Stellung zur Antike, Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 110 (1937) 3-16; Probleme der augusteischen Erneuerung. Auf dem Wege zum nationalpolitischen Gymnasium 6, Frankfurt 1938; G. BINDER (wie Anm. 1) I 1-58, bes. 44ff.; I. STAHLMANN (wie Anm. 1) 176. Michel-Katalog, Italien Nr. 584 (s. Taf. III 9); Zitat: Aug. r.g. 12: ... Cum ex Hispania Galliaque rebus in iis provinciis prospere gestis Romam redi Ti. Nerone, P. Quintilio Varo consulibus, aram Pacis Augustae senatus pro reditu meo consacrandam censuit ad campum Martium

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Spannungsverhältnis zum Anspruch MUSSOLINIs auf weitere militärische Expansion zu stehen. Indessen relativiert sich dieser Eindruck, wenn wir berücksichtigen, daß auch 9 v. Chr. der Altar geweiht wurde, als Drusus im Auftrag des Augustus gerade die ‚Befriedung‘ Germaniens in Angriff nahm 85 . Insofern konnte sich die faschistische Interpretation des Monuments ‚als strahlendes Symbol römischer Herrschaft über die degenerierten Völker der alten Welt‘ durchaus auf die augusteische Realität berufen86. Der hier einschlägige VergilVers tu regere imperio populos, Romane, memento war schon zur 2000-Jahrfeier des Dichters 1930 genutzt worden87. Durch dasselbe Ereignis war auch das bekannteste Relief der Ara Pacis, die Darstellung der Tellus, [324] bereits besetzt. Das erläuternde Zitat aus Vergils Georgica fiel damals allerdings eher unpolitisch aus: Salve, magna parens frugum, Saturnia tellus88. Anläßlich des Bimillenario Augusteo entschied sich MEZZANA 1937 für eine Variante des Tellus-Motivs auf der Gemma Augustea89. Im Original sitzt die Gottheit mit dem signifikanten Füllhorn umgeben von zwei Kindern hier zu Füßen des Kaisers. Links im Bild verdeutlicht ein Adler den imperialen Anspruch. Den personalen Bezug auf Augustus bringt der Capricornus (Ziegenfisch) zum Ausdruck. Das Sternzeichen entspricht unserem Steinbock und ist auf den Tag der Konzeption des Kaisers (Jan. 63 v. Chr.) zu beziehen90. Symbo-

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...; vgl. G. MORETTI: Ara Pacis Augustae, Roma 1948; zur Rekonstruktion des Friedensaltars durch MUSSOLINI Sp. KOSTOF (wie Anm. 52) bes. 303ff. Zum historischen Kontext vgl. K. CHRIST: Zur augusteischen Germanienpolitik, Chiron 7 (1977) 149-205; zur Ideologie E.S. GRUEN: Augustus and the Ideology of War and Peace, in R. Winkes (wie Anm. 29) 51-72. C. CECCHELLI: L’Ara della Pace sul Campidoglio, Capitolium 1 (1925/26) 65-71, hier: 69; F. CREMONESI: Per la resurrezione della Roma imperiale, ebd. 393-402, hier: 394. Michel-Katalog, Italien Nr. 346 (s. Taf. I 1); Zitat: Verg. Aen. 6,851. Im Dez. 1941, als die italienischen Territorien in Afrika bereits verloren waren, wurde zum Bimillenario des Livius der imperiale Gedanke nochmals in der postalischen Propaganda strapaziert (Michel-Katalog, Italien Nr. 629-632; s. Taf. IV 1 u. 2); die Zitate sind einerseits der Freiheitsproklamation des T. Quinctius Flamininus entnommen (Liv. 33,33,7: ... ne quod toto in orbe terrarum iniustum imperium sit ...), andererseits der Rede des Samniten C. Pontius (Liv. 9,1,10: Iustum est bellum ... quibus necessarium). Michel-Katalog, Italien Nr. 348 (s. Taf. I 2); Zitat: Verg. Georg. 2,173; vgl. T. GESZTELYI: Terra Mater in der Religionspolitik des Augustus, ACD 17/18 (1981/82) 141-147. Michel-Katalog, Italien Nr. 586 (s. Taf. III 11); vgl. E. SIMON (wie Anm. 65) 156-160 u. 254 mit Taf. 11. Vgl. D. KIENAST (wie Anm. 1) 183, Anm. 52. MUSSOLINI wurde bekanntlich im Zeichen des Löwen (29. Juli 1883) geboren; vgl. seine Autobiographie ‚La mia vita dal 29 Luglio 1883 al 23 Novembre 1911‘ (MOO XXXIII 219); vgl. A.B. HASLER (wie Anm. 25) 431-434.

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lisieren Capricornus und Tellus gemeinsam das Glück des augusteischen Zeitalters, so bieten die Horaz-Verse gewissermaßen die Interpretation dieser Bildpropaganda: ‚Deine Epoche, Caesar, hat auch den Fluren wieder üppige Feldfrüchte geschenkt‘ – tua, Caesar, aetas / fruges et agris rettulit uberes91. Die Anrede ‚Caesar‘ brauchte nur durch ‚Duce‘ ersetzt zu werden, um etwa das anspruchsvolle Rekultivierungsprogramm MUSSOLINIs zu verherrlichen92. Die Ara Pacis selbst ist im Rahmen der Luftpostserie mit einem Relief vom Prozessionszug der kaiserlichen Familie vertreten93. Die Wahl des Ausschnitts wird durch die beiden Kinder im Zentrum bestimmt. Vermutlich handelt es sich um Germanicus und den jüngeren Drusus. Auch hier ergibt sich die Tendenz der Darstellung aus den erläuternden Horaz-Versen: ‚Gebt – gemeint sind die Götter – dem Volk des Romulus Wohlstand und Kindersegen und jegliche Ehre‘ – Romulae genti date remque prolemque / et decus omne94. Das Gebet zielte auf ein zentrales Problem augusteischer Innenpolitik, die strukturelle Entwicklung des populus Romanus. Bekanntlich blieb der Ehe- und Sittengesetzgebung des Kaisers [325] ein durchschlagender Erfolg versagt95. Die Führungsschicht verweigerte den moralischen Aufschwung, die Geburtenrate der römisch-italischen Bevölkerung stagnierte weiterhin. Jetzt – so jedenfalls das Postulat – sollte die innere Erneuerung im Zeichen des Faschismus erfolgen. Deutlichere Akzente als die Luftpostmarke setzte in dieser Richtung ein Motiv im Rahmen der Normalserie. Der Text des Monumentum Ancyranum – censum populi ... egi – erscheint auf den ersten Blick noch wenig signifikant96. Daß die drei augusteischen Schätzungen römischer Bürger zwischen 28 v. und 14 n. Chr. eine Steigerung um rund 21,5% ergaben, wertete der Kaiser zweifellos auch als Erfolg 91 92

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Hor. carm. 4,15,4f.; vgl. auch Michel-Katalog, Italien Nr. 348-350 u. 547f. Anläßlich des 10. Jahrestages der faschistischen Regierung 1932 wurde dieser Anspruch postalisch besonders herausgestellt: Michel-Katalog, Italien Nr. 415, 421, 423f., 433. Neben dem Straßenbau spielte die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe (vgl. Suet. Caes. 44,3; Plut. Caes. 58,4) eine zentrale Rolle: Michel-Katalog, Italien Nr. 423: ‚Le paludi redente‘ (s. Taf. I 4); vgl. I. SKONECZNY: Regionalplanung im faschistischen Italien. Die Besiedlung der Pontinischen Sümpfe, Berlin 1983; G. TRAINA: Paludi e bonifiche del mondo antico, Roma 1988. Michel-Katalog, Italien Nr. 587 (s. Taf. III 12); vgl. E. SIMON (wie Anm. 65) 73-76 mit Abb. 90/91; J. POLLINI: Studies in Augustan Historical Reliefs, Diss. Berkeley 1978, 75-172. Hor. carm. saec. 47f.; vgl. MOO XXVI 312-315: ‚La razza bianca muore?‘. Vgl. D. NÖRR: Planung in der Antike. Über die Ehegesetze des Augustus, in: Freiheit und Sachzwang. Festschr. Helmut Schelsky, Opladen 1977, 309-334; L.F. RADITSA: Augustus’ Legislation Concerning Marriage, Procreation, Love Affairs, and Adultery, ANRW II 13 (1979) 278-339. Michel-Katalog, Italien Nr. 579 (s. Taf. II 4); Zitat: Aug. r.g. 8: ... Et in consulatu sexto censum populi conlega M. Agrippa egi (28 v. Chr.).

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seiner Moralgesetzgebung97. Im Kontext der Briefmarke sind aber nicht diese Bürgerzählungen gemeint, sondern der weitaus bekanntere Provinzialzensus der Weihnachtsgeschichte: ‚Es begab sich aber, in jenen Tagen erging ein Erlaß des Kaisers Augustus, den ganzen Erdkreis aufzeichnen zu lassen. Diese Aufzeichnung war die erste und geschah, als Quirinus Statthalter von Syrien war‘98. Erst in dieser popularisierten Einengung ergibt die Verkürzung des augusteischen Tatenberichts überhaupt einen Sinn, der durch die Symbolik der Darstellung bestätigt wird. Das Bild zeigt ein monumentales Kreuz zwischen zwei ebenfalls monumentalen Legionsstandarten. Der Bezug zur Weihnachtsgeschichte ergibt sich aus dem Kometen im unteren Teil des Kreuzes, dessen Schweif deutlich zu erkennen ist. Es handelt sich um den bekannten ‚Stern von Bethlehem‘99, der hier aber über einer typisch faschistischen Stadtarchitektur schwebt. Die Profanierung dieser christlichen Symbolik wird durch das Spruchband zwischen den beiden Feldzeichen komplettiert: Iam nova [326] progenies caelo demittitur alto. Der Vers stammt aus der berühmten 4. Ecloge Vergils, deren religionsgeschichtliche Bezüge seit der Antike heftig diskutiert werden100. Im kosmologischen Kontext Vergils erfüllt sich mit dem Vers ‚Ein neues Geschlecht wird vom Himmel herabgesandt‘ die Prophezeiung der Sibylle von 97

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Vgl. Suet. Aug. 27,5. Die Zählung vom Jahre 28 v. Chr. ergab 4 063 000, der Zensus von 10-8 v. Chr. eine Steigerung auf 4 233 000 römische Bürger; 14 n. Chr. wurden schließlich 4 937 000 cives Romani gezählt (Aug. r.g. 8); vgl. P.A. BRUNT: Italian Manpower 225 B.C.-A.D. 14, Oxford 1971, 113-120, dtsche. Übers. in Saeculum Augustum (wie Anm. 1) I 210-222. Lukas 2,1; vgl. H. BRAUNERT: Der römische Provinzialzensus und der Schätzungsbericht des Lukas-Evangeliums, Historia 6 (1957) 192-214; H.U. INSTINSKY: Das Jahr der Geburt Christi, München 1957; L. DUPRAZ: De l’association de Tibère au principat à la naissance du Christ, Fribourg 1966, 100-141. Matthäus 2,1-10. Die Himmelserscheinung wird in der Regel als Komet dargestellt, so z.B. von Giotto in seinem Fresko der Anbetung der Hl. Drei Könige in der Capella degli Scrovegni all’Arena zu Padua; vgl. M. MARABELLI (Hrsg.): Giotto a Padova. Studi sullo stato di conservazione della Capella degli Scrovegni in Padova, Bollettino d’Arte 63 (1978, publ. 1982) Tav. VII. Die Gestaltung der Briefmarke mag unter dem Einfluß der Giotto-Ausstellung erfolgt sein, die 1937 in Florenz stattfand. Um welches Phänomen es sich tatsächlich handelte, scheint bislang nicht geklärt. Der Halleysche Komet dürfte nicht in Betracht kommen, da er bei einer Umlaufzeit von 76,02 Jahren bereits 12 v. Chr. erschien (Dio 54,29,8). Kepler vermutete eine Konjunktion von Jupiter und Saturn (7 v. Chr.), die sich zuletzt 1981 wiederholte, doch traten derartige Konstellationen auch für antike Astronomen nicht unerwartet ein. Vgl. E. NORDEN: Die Geburt des Kindes. Geschichte einer religiösen Idee, Leipzig/Berlin 1924, bes. 8-10 u. 46-50; K. BÜCHNER: RE VIII A 1 (1955) 1195-1212 s.v. Vergilius; W. KRAUS: Vergils vierte Ekloge: Ein kritisches Hypomnema, ANRW II 31,1 (1980) 604-645, bes. 608-612.

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der Geburt einer neuen Weltperiode, die der Dichter in der Aussöhnung der Triumvirn Oktavian und Antonius im Frieden von Brundisium 40 v. Chr. zu erkennen glaubte bzw. beschwören wollte101. Nach den bitteren Erfahrungen der Bürgerkriege sollte der Mensch des neuen Saturnischen Zeitalters vor allem friedvoll sein. In christlicher Deutung war diese Erneuerung des Menschengeschlechts hauptsächlich mit dem Gedanken der Erlösung verbunden. Faschistische Vorstellungen interpretierten den neuen Menschentyp als arbeitsam und gläubig, vor allem aber heroisch, wehrhaft und gehorsam bis in den Tod. Die zahllosen Plakate und Wandinschriften mit der Formel ‚credere, obbedire, combattere‘ (Glaube, Gehorsam, Kampf) lassen an dieser Ausrichtung keinen Zweifel102. Nur beiläufig sei betont, daß ‚Glaube‘ hier nicht im christlichen Sinne zu verstehen ist, sondern den Glauben an den Faschismus und den Duce meint103. Den militanten Charakter der neuen Generation hat MUSSOLINI in seiner Dottrina eindeutig bestimmt: ‚Der Faschismus fordert den aktiven, sich mit aller Energie einsetzenden Menschen ... Ihm ist das Leben ein Kampf ... Er glaubt weder an die Möglichkeit noch den Nutzen des ewigen Friedens; ... der Krieg allein bringt alle menschlichen Energien zur höchsten Anspannung und prägt den Völkern das Siegel des Adels auf, welche die virtù haben, dem Kampf die Stirn zu bieten‘104. Zur Friedenssehnsucht Vergils steht dieser Menschenschlag jedenfalls in krassem Gegensatz. Bildkomposition und Textauswahl unserer Briefmarke dokumentieren, in welchem Maße faschistische Propaganda neben antiken Elementen auch die christliche Symbolik für ihre Ziele einsetzte und zu nutzen verstand. Die Verbindung von Kreuz und Legionsstandarten sollte das [327] Neue Rom in doppelter Hinsicht legitimieren: politisch durch den Willen zur Erneuerung des Imperium Romanum, spirituell mit dem Hinweis auf die ungebrochene Tradition des ‚Römischen Stuhls‘. Schon 1922 hatte MUSSOLINI ‚die Universalität des Papst101 102

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Zum historischen Kontext vgl. VERF. (wie Anm. 53) 191-207 [hier 93-11]. Vgl. U. SILVA (wie Anm. 30) 105; R. VESPIGNANI: Faschismus, Berlin 1976, 153 u. 159; V. BILONI: Mussolini. ‚Credere, obbedire, combattere‘, 2Brescia 1938; A.B. HASLER (wie Anm. 25) 479. Eine Marke zum 10jährigen Bestehen des Regimes (27. Okt. 1932) zeigt eine Bibel (Evangelium) auf einem Altar mit einem Kreuz im Hintergrund (Michel-Katalog, Italien Nr. 420; s. Taf. I 3). Die Legende ... credere ... bezieht sich indessen ebenso auf die flankierenden Fasces und die Fahnen der faschistischen Miliz: das Arrangement von Kirche und Staat (unten Anm. 106) bezog den christlichen Glauben allenfalls ein, ohne indessen die Gewichtung zu verändern; vgl. auch A.B. HASLER (wie Anm. 25) 449f.: zum ‚Evangelium Mussolinis‘. B. MUSSOLINI: Fascismo (wie Anm. 19) 847 II u. 849 I; vgl. noch L. DIEL: Mussolinis neues Geschlecht. Die junge Generation in Italien, Dresden 1934; G. BUCHHEIT (wie Anm. 23) 174-177 u. 214-224; A.B. HASLER (wie Anm. 25) 459f. u. 471f.

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tums (als) Erbe des universalen Römischen Reiches‘ hervorgehoben105. Mit den Lateran-Verträgen von 1929 fand diese Kontinuität im Faschismus zu ihrer wahren Bestimmung106. Der Suggestion dieser Propaganda konnte sich die Masse der Bevölkerung kaum entziehen, zumal die offizielle Kirche hier keine Vorbehalte zu erkennen gab. Dem kritischen Katholiken war natürlich klar, daß Faschismus und Christentum einander ausschlossen, hatte MUSSOLINI doch selbst den Faschismus als religiöses Konzept definiert und damit die Ideologie zur Ersatzreligion erhoben107. Seine Stellungnahme zur Kritik der Lateran-Verträge aus den eigenen Reihen (3. Mai 1929) setzte denn auch deutliche Akzente: ‚Der faschistische Staat ist katholisch; er ist aber vor allem faschistisch, ja ausschließlich und im wesentlichen faschistisch‘108. In diesem Konzept kam dem Katholizismus lediglich eine Funktion als Mittel zum Zweck zu, und in der Tat eignete sich die katholische Morallehre gerade in Hinblick auf eine Steigerung der Geburtenrate. Als geschickter Demagoge wußte MUSSOLINI religiöse Überzeugungen effektvoll zu nutzen109. Nach eigenen Aussagen haben ihn die Untersuchungen von Gustave LE BON entscheidend geprägt, dessen ‚Psychologie der Massen‘ (1895) er immer wieder verinnerlichte110. Hier findet sich auch eine Definition des religiösen Gefühls, die den Duce mit Sicherheit tief beeindruckte: ‚Man ist nicht nur religiös, wenn man eine Gottheit anbetet, sondern auch dann, wenn man alle Kräfte des Geistes, alle Unterwerfung seines Willens, alle Gluten des Fanatismus dem Dienst einer Macht oder eines Wesens weiht, das zum Ziele und Führer der Gedanken und Handlungen wird‘111. Unter diesen Voraussetzungen stellt sich die Frage, ob unsere Deutung des ‚Sterns von Bethlehem‘ in bezug auf das neue Menschengeschlecht der Symbolik bereits ganz gerecht wurde. Eine weitergehende Interpretation läßt sich jedenfalls nicht ausschließen, resultiert allerdings aus dem 105 106

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MOO XVIII 16-18 (24. Jan. 1922); vgl. A.B. HASLER (wie Anm. 25) 465-467. Vgl. G. DE’ROSSI DELL’ARNO (wie Anm. 23) 32-35; R. DE FELICE: Mussolini il fascista II. L’organizzazione dello stato fascista 1925-1929, 5Torino 1968, 382-436; J.F. POLLARD: The Vatican and Italian Fascism 1929-1932. A Study in Conflict, Cambridge 1985. B. MUSSOLINI: Fascismo (wie Anm. 19) 847 II. MOO XXIV 89; vgl. R. DE FELICE (wie Anm. 106) 428-430. Vgl. seine Buchbesprechung von F. CUMONT, Le religioni orientali nel paganesimo romano (Avanti, 6.9.1913 = MOO V 278-283): ‚Come periono gli dei di Roma‘. Die immer noch maßgebliche Arbeit von CUMONT ist jetzt in Übers. zu benutzen: Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum,3 Leipzig 1931, ND Darmstadt 1969. MOO XXII 156: ‚... Ho letto tutta l’opera di Gustavo Le Bon; e non so quante volte abbia riletto la sua Psichologia delle folle. E un’opera capitale, alla quale ancora oggi spesso ritorno ...‘ (Anfang Juni 1926); vgl. P. MELOGRANI (wie Anm. 25) 227f.; J. PETERSEN (wie Anm. 25) 245f. G. LE BON: La psychologie des Foules, Paris 1895, I 4 (S. 50).

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Verständnis von progenies. Neben der Bedeutung ‚Menschengeschlecht‘ kann dieser Terminus auch [328] konkret im Sinne von ‚Nachkomme/Sproß‘ verstanden werden112. Aus christlicher Sicht sind Vergil-Vers und Kometen-Symbolik damit auf das Ereignis der Geburt Christi als des vom Himmel gesandten Menschensohnes zu beziehen113. Gläubige Faschisten brauchten sich dieser Version nicht unbedingt anzuschließen. Sie gaben evtl. einer zeitbezogeneren Deutung den Vorzug, verstanden progenies als den vom Schicksal erwählten Duce, in dessen Zeichen sich Rom erneuern werde. Immerhin hatte Papst PIUS XI. im Zusammenhang mit den Lateran-Verträgen MUSSOLINI 1929 als ‚Mann der Vorsehung‘ bezeichnet 114 . Diese schon blasphemische Interpretation sollte lediglich die Bandbreite der postalischen Propaganda andeuten. Die eigentliche Propagierung des Führerkults vollzog sich auf wesentlich niedrigerem Niveau, sprach die Massen emotional, nicht intellektuell an. Die religiöse Komponente dieser Propaganda bedarf allerdings keiner Erläuterung115. Bleiben wir bei der umfassenderen Bedeutung von progenies, so bietet eine Marke zur 2000-Jahrfeier des Horaz (1936) gewissermaßen den Prototyp dieses neuen faschistischen Menschenschlags: kraftvoll und unerschrocken trotzt er den Gewalten des Himmels, aus dem die Blitze des Jupiter zucken116. So mochte sich MUSSOLINI fühlen, als er gegen den Widerstand der Weltmächte England und Frankreich Äthiopien annektiert und das Imperium proklamiert hatte. Stolz verkündete wenig später die Propaganda zum Geburtstag des Augustus: ‚Segen112

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Zu progenies im Sinne von ‚Geschlecht‘ vgl. Verg. Aen. 1,19, im Sinne von ‚Sproß, Nachkomme‘ Verg. Aen. 10,471; dazu Verg. Aen. 6,789-795: ... Hic Caesar et omnis Iuli / progenies, magnum ventura sub axem. / Hic vir hic est, tibi quem promitti saepius audis, / Augustus Caesar, Divi genus, aurea condet / saecula qui rursus Latio regnata per arva / Saturno quondam, super et Garamantas et Indos / proferret imperium ... Der Ambivalenz der postalischen Symbolik werden die eindeutigen Bezüge der faschistischen Literatur auf MUSSOLINI (vgl. A.B. HASLER, wie Anm. 25, 493-495) nicht gerecht: z.B. G. STACCHINI (bei HASLER 423): ‚Nach 20 Jahrhunderten ist (mit Mussolinis Geburt) am Himmel Roms der Stern von Bethlehem wieder aufgegangen‘. In bezug auf Pompeius hatte schon Cicero (de imp. Cn. Pompei 41) die Metapher gebraucht: Itaque omnes ... Cn. Pompeium sicut aliquem non ex hac urbe missum, sed de caelo delapsum intuentur; vgl. Pan. Lat. 8(4),19,1: ... quem (scil. Constantium) ut caelo delapsum intuebantur ...; übertragen auf die Truppen Constantins Pan. Lat. 4(10),14,5: ... Illi (scil. exercitus) caelo lapsi, illi divinitus missi gloriebantur, quod tibi militabant. Vgl. R. DE FELICE (wie Anm. 106) 427; R. COLLIER: Der Duce, München 1974, 101; A.B. HASLER (wie Anm. 25) 425-427. Vgl. A. PAGLIARO: Duce, in: Dizionario di politica. A cura del partito nazionale fascista I, Roma 1940, 830; J. PETERSEN (wie Anm. 25) bes. 247f. u. 252; A.B. HASLER (wie Anm. 25) bes. 455-458, 478-485, 493-501. Zur bildhaften Umsetzung vgl. etwa R. DE FELICE/L. GOGLIA: Storia fotografica del fascismo, Bari 1981, Abb. III 41. Michel-Katalog, Italien Nr. 549 (s. Taf. IV 3); Zitat: Hor. carm. 3,3,7f. (Anm. 118).

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spendende Sonne, nichts Erhabeneres sollst du jemals erblicken als unsere Stadt Rom‘117. Leuchtendes Symbol dieses aufstrebenden Glanzes war die Quadriga des Sol vom Brustpanzer der Augustus-Statue von Prima[329]porta. Allerdings hatte MUSSOLINI den Sonnenwagen nicht ungestraft bestiegen. Wie Phaeton ereilte auch ihn die Katastrophe: Rom und Italien standen in Flammen. Die Briefmarke zur Horaz-Feier läßt somit fast divinatorische Fähigkeiten erahnen. Der faschistische Prototyp steht vor den Ruinen einer zerstörten Stadt. Der Horaz-Vers erläutert: Inpavidum ferient ruinae. Die Apokalyptik dieser Szene gewinnt im Kontext des Dichters ihre prophetische Bedeutung: ‚Selbst wenn der Weltbau krachend einstürzt, treffen die Trümmer noch einen Helden‘118. ‚Heldisch‘ hat sich MUSSOLINI der Katastrophe dann allerdings nicht gestellt119. Insgesamt darf man die postalische Propaganda zum Bimillenario Augusteo als effektiv beurteilen. Thematisch deckt sie die Bereiche der Außen- wie der Innenpolitik ab mit deutlicher Hervorhebung der Person MUSSOLINIs. Diese Zielsetzung wurde zweifellos durch den Text des augusteischen Tatenberichts begünstigt, hatte aber auch Auswirkungen auf Auswahl und Gestaltung der Bildmotive. Ideologisch besonders relevante Inhalte sind dabei geschickt auf die gängigen Mittelwerte der Ausgabe für den normalen Postverkehr verteilt (25125 centesimi)120. Für die Luftpostserie fiel dieser Aspekt weniger ins Gewicht. In den Motiven beschränkt sich die Bildgestaltung auf relativ wenige antike Zeugnisse, die sich zudem oft wiederholen. Die besonders bekannte Statue des Augustus von Primaporta wurde einschließlich der Teilansichten viermal, die Ara Pacis dreimal, die Nachbildung des Capitolinischen Tempels zweimal genutzt121. Diese Zurückhaltung verrät Methode. Als Wirkungsmittel der Führer, Volksmassen langfristig zu beeinflussen, hatte LE BON drei Arten bezeichnet: Behauptung, Wiederholung und Übertragung bzw. Ansteckung (l’affirmation, la répétition, la contagion)122. In bezug auf unsere Postwertzeichen läßt sich die Behauptung auf einen einfachen Kern reduzieren: der Duce hat das Erbe des Kaisers Augustus angetreten. Diese Behauptung wird in Bild und Text unter variierenden Aspekten wiederholt: Expansion, Herrschaftslegitimation, 117 118

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Michel-Katalog, Italien Nr. 588 (s. Taf. III 13); Zitat: Hor. carm. saec. 9-12: Alme sol, curru nitido diem qui / promis et celas aliusque et idem / nasceris, possis nihil urbe Roma / visere maius. Hor. carm. 3,3,7f.: Si fractus inlabatur orbis, / inpavidum ferient ruinae. Die Briefmarkenserie zum Geburtstag des Horaz (Michel-Katalog, Italien Nr. 547-559) wurde von G. RONDINI gestaltet und fällt gegenüber den Arbeiten MEZZANAs propagandistisch deutlich ab. Selbst die recht nebulöse Fernsehproduktion der RAI, die vom ZDF in zwei Teilen ‚Ich und der Duce‘ ausgestrahlt wurde (17./18.4.1988), läßt daran keinen Zweifel. Michel-Katalog, Italien Nr. 579-583 (s. Taf. II 4-8). Augustus-Statue: Nr. 581, (582), 588, 590; Ara Pacis: Nr. 584, (586), 587; Capitolinischer Tempel: Nr. 578, 585. G. LE BON (wie Anm. 111) II 3 § 2 (S. 82f.)

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Baupolitik, Gesetzgebung, moralische Erneuerung. Unter Übertragung verstand LE BON nicht die zeitbezogene Anpassung bestimmter Inhalte, sondern das Phänomen der Massenwirkung. Einer Epidemie vergleichbar sollte Propaganda die Massen infizieren, emotional ausrichten. In dieser umfassenden Zielsetzung vermochten Postwertzeichen natürlich nur einen bescheidenen Beitrag zu leisten. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten erfüllte aber auch [330] diese Propaganda eine zentrale Forderung von LE BON: sie war ‚einfach‘ und ‚bildhaft‘123. Bildhaft nicht nur im Sinne künstlerischer Gestaltung, sondern auch in den einprägsamen Augustus-Zitaten, die durch vermeintliche Authentizität vertrauensbildend wirkten. Roms Weltgeltung unter Augustus entsprach der historischen Realität. Der Propaganda stellte sich die Aufgabe, scheinbare Entsprechungen zwischen dem Kaiser und MUSSOLINI zur Vorstellung zu verdichten, Rom habe diese Weltgeltung nun im Zeichen des Faschismus zurückgewonnen, der Duce sei der neue Augustus. Rational war diese Parallelisierung natürlich nicht nachzuvollziehen, gerade deshalb, so hätte LE BON gefolgert, erwies sie sich als erfolgreich. Paul ZANKER hat soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel ‚Augustus und die Macht der Bilder‘124. Es wäre verlockend, diese Untersuchung rezeptionsgeschichtlich zu ergänzen unter dem Motto ‚Mussolini und die Macht der augusteischen Bilder‘.

G. LE BON (wie Anm. 111) I 3 § 1 (S. 42); zur entsprechenden Redetechnik MUSSOLINIs vgl. A. SIMONINI: Il linguaggio di Mussolini, Milano 1978. 124 P. ZANKER: Augustus und die Macht der Bilder, München 1987. M. SIEBLER hat die Formulierung ZANKERs bereits zur Würdigung der Berliner Augustus-Ausstellung 123



(oben Anm. 4) genutzt (FAZ, 24.6.1988, S. 29). Unter dem Titel ‚Ich Augustus‘ widmete auch G. PRAUSE in Analogie zu dem berühmten Roman von R. GRAVES der Ausstellung eine gehaltvolle Analyse (Zeit-Magazin, 29.7.1988, S. 18-27).

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VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN Briefmarken, Aufnahmen des VERF. Karten des Imperium Romanum, Aufnahme Olaf HEIN Taf. I 1: 2: 3: 4: 5: 6: 7:

Michel-Katalog, Italien Nr. 346 Michel-Katalog, Italien Nr. 348 Michel-Katalog, Italien Nr. 420 Michel-Katalog, Italien Nr. 423 Michel-Katalog, Italien Nr. 424 Michel-Katalog, Italien Nr. 526 Michel-Katalog, Italien Nr. 605

Taf. II/III 1-15: Michel-Katalog, Italien Nr. 576-590 Taf. IV 1: 2: 3: 4:

Michel-Katalog, Italien Nr. 630 Michel-Katalog, Italien Nr. 631 Michel-Katalog, Italien Nr. 549 Territoriale Entwicklung des Imperium Romanum in vier steinernen Landkarten MUSSOLINIs, Via dei Fori Imperiali, Rom. Dritte Karte von links: augusteische Zeit.

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Verzeichnis der Schriften von Leonhard Schumacher NB: Die in diesen Band aufgenommenen Arbeiten sind mit einem Asteriskus versehen. Neben den nach dem „Index des périodiques dépouillés“ der Année philologique aufzulösenden Abkürzungen der Zeitschriften und Akademieschriften wurden noch folgende Siglen verwendet: BEFRAR CEFR DNP FAS HdAW MAS PAwB

Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome. Collection de l’École française de Rome. Der Neue Pauly. Frankfurter Althistorische Studien. Handbuch der Altertumswissenschaft. Mainzer Althistorische Studien. Potsdamer altertumswissenschaftliche Beiträge.

I. Monographien 1. 2. 3. 4.a.

4.b. 5. 6.a. 6.b.

7. 8. 9.

Prosopographische Untersuchungen zur Besetzung der vier hohen römischen Priesterkollegien im Zeitalter der Antonine und der Severer (96-235 n. Chr.), phil. Diss. Mainz 1973. Römische Kaiser in Mainz im Zeitalter des Principats (27 v. Chr. – 284 n. Chr.), Bochum 1982. Servus index. Sklavenverhör und Sklavenanzeige im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom, (Forschungen zur antiken Sklaverei; 15) Wiesbaden 1982. Römische Inschriften. Lateinisch / Deutsch, ausgewählt, übersetzt, kommentiert und mit einer Einführung in die lateinische Epigraphik hrsg. von Leonhard SCHUMACHER, (Universal-Bibliothek; 8512) Stuttgart 1988. […] 2., durchgesehene und aktualisierte Ausgabe 2001. Inicjatywy socjalne cesarzy rzymskich w wietle róde numizmatycznych [Soziale Initiativen römischer Kaiser im Spiegel der Münzprägung], (Xenia Posnaniensia; 9) Pozna 1995. Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien, (Beck’s Archäologische Bibliothek) München 1991. Niewolnictwo antyczne. Dzie powszedni i los niewolnych, przekad Bolesaw MROZEWICZ, do druku poda Leszek MROZEWICZ, Pozna 2005 [polnische Übersetzung]. Faszystowska recepcja propagandy augustowskiej, (Xenia Posnaniensia; series altera 15) Pozna 2003 [polnische Übersetzung von III.11.a.]. Corpus der römischen Rechtsquellen zur antiken Sklaverei VI: Stellung des Sklaven im Sakralrecht, (Forschungen zur antiken Sklaverei. Beihefte; 3,6) Stuttgart 2006. Zabójstwo cesarza Sewera Aleksandra w „Sicilia” pod Moguncj, (Xenia Posnaniensia; series altera 28) Pozna 2006 [polnische Übersetzung von III.26.].

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Verzeichnis der Schriften

10. Wizerunek niewolnika. Rzymscy niewolnicy na obrazach [Das Bild vom Sklaven – Römische Sklaven im Bild], (Opuscula Gnesnensia; 13) Gniezno 2016 [polnische Übersetzung, überarbeitet, von III.35.]. 11. Trewir i ziemia Trewerów a Legiony z Mogontiacum [Trier und das Trevererland unter Kontrolle und im Schutz der Mainzer Legionen], (Opuscula Gnesnensia; 14) Gniezno 2017. 12. PILLEVS LIBERTATIS. Symbolika wolnoci na przestrzeni wieków [Pilleus libertatis. Freiheitssymbolik im Wandel der Geschichte], (Opuscula Gnesnensia; 16) Gniezno 2017 [polnische Übersetzung, gekürzt und überarbeitet, von III.14.].

II. Herausgaben 1. 2. 3.

4.

5.

Heinz BELLEN, Politik – Recht – Gesellschaft. Studien zur Alten Geschichte, (Historia-Einzelschriften; 115) Stuttgart 1997. MAS, St. Katharinen 1998ff. [in der Reihe wurden von Leonhard SCHUMACHER die ersten sechs Bände herausgegeben; vgl. hier die Nrn. II.3. und 5.] Religion – Wirtschaft – Technik. Althistorische Beiträge zur Entstehung neuer kultureller Strukturmuster im historischen Raum Nordafrika / Kleinasien / Syrien, (MAS; 1) St. Katharinen 1998. Ehrenpromotion Emilio Gabba am 19. Mai 1998 durch den Fachbereich Geschichtswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Reden zur Akademischen Feier, Mainz 1998. gemeinsam mit Oliver STOLL, Sprache und Kultur in der kaiserzeitlichen Provinz Arabia. Althistorische Beiträge zur Erforschung von Akkulturationsphänomenen im römischen Nahen Osten, (MAS; 4) St. Katharinen 2003.

III. Aufsätze 1.* 2.

3. 4.

Das Ehrendekret für M. Nonius Balbus aus Herculaneum (AE 1947, 53), Chiron 6, 1976, 165-184, Taf. 13-14. Der Grabstein des Ti. Claudius Zosimus aus Mainz. Bemerkungen zu den kaiserlichen praegustatores und zum römischen Sepulkralrecht, in: Auct. var., Epigraphische Studien. Sammelband, (Epigraphische Studien; 11) Bonn 1976, 131-141, Taf. 21. PROPINQVO ET AMBIBVLO COS. Methodische Überlegungen zur Datierung eines Ziegelstempels, ZPE 24, 1977, 155-163. Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den Severern (69-235 n. Chr.), in: Wolfgang Haase (Hrsg.),

Verzeichnis der Schriften

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Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung II 16,1, Berlin / New York 1978, 655-819, Taf. I-VIII. 5.* Staatsdienst und Kooptation. Zur sozialen Stuktur römischer Priesterkollegien im Prinzipat, in: Atti del Colloquio Internazionale AIEGL su epigrafia e ordine senatorio, Roma, 14-20 maggio 1981 I, (Tituli; 4) Rom 1982, 251-269. 6. Das Gebiet der Verbandsgemeinde Nieder-Olm in römischer Zeit (1. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.), in: Karl-Heinz Spieß (Hrsg., im Auftrag der Verbandsgemeinde Nieder-Olm), Nieder-Olm. Der Raum der Verbandsgemeinde in Geschichte und Gegenwart, Alzey 1983, 32-64. 7. Die Basisinschrift des älteren Atticus Herodes aus dem Nymphäum seines Sohnes in Olympia, in: Renate Bol, Das Statuenprogramm des Herodes-AtticusNymphäums, mit Beiträgen von Adolf Hoffmann und Leonhard Schumacher, (Olympische Forschungen; 15) Berlin 1984, 125-129, Taf. 9. 8.* Die imperatorischen Akklamationen der Triumvirn und die auspicia des Augustus, Historia 34, 1985, 191-222. 9.* Themistokles und Pausanias. Die Katastrophe der Sieger, Gymnasium 94, 1987, 218-246. 10.* Herrschaftsübertragung im frühen Prinzipat: Die Rolle von Senat, Volk und Heer bei der Kaisererhebung, Index 15 [= Hommages à Gérard Boulvert], 1987, 315-332. 11.a.*Augusteische Propaganda und faschistische Rezeption, ZRGG 40, 1988, 307-330, Taf. I-IV. 11.b. Augusteische Propaganda und faschistische Rezeption, (Universität – Gesamthochschule – Duisburg. Veröffentlichungen des Fachbereichs 1: Philosophie – Religionswissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 1) Duisburg 1989 [monographischer Nachdruck von III.11.a.]. 11.c. Augustan Propaganda and Mussolini’s Perception, in: Lars G. Svensson / Matthias Rohde / Karsten Eichner (Eds.), Historiography and Propaganda: Papers of the VIth International ISHA Conference, Mainz, Germany, April 7th-10th, 1995, (ISHA Journal; 4 = 2/95) Leuven 1995, 3-9 [Kurzfassung von III.11.a.]. 12.* Zum Herrschaftsverständnis Philipps II. von Makedonien, Historia 39, 1990, 426-445. 13. Europa: Vom Mythos zur geographischen Vorstellung, in: Kreta. Das Erwachen Europas, Begleitband zur Ausstellung im Niederrheinischen Museum der Stadt Duisburg, 22. April bis 29. Juli 1990, Duisburg 1990, 11-23, 24-28 [englische Übersetzung], 29-33 [französische Übersetzung]. 14. Libertas: Rezeption, Verständnis und Nutzung römischer Freiheitssymbolik in der Neueren Geschichte, in: Emilio Gabba / Karl Christ (eds.), Römische Geschichte und Zeitgeschichte in der deutschen und italienischen Altertumswissenschaft

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während des 19. und 20. Jahrhunderts II: L’impero romano fra storia generale e storia locale, (Biblioteca di Athenaeum; 16) Como 1991, 299-331, Abb. 1-13. Zur ‚Apotheose‘ des Herrschers in der Spätantike, in: Giuliano Crifò / Stefano Giglio (eds.), Atti dell’Accademia Romanistica Costantiniana. X convegno internazionale in onore di Arnaldo Biscardi, (Università degli studi di Perugia. Facoltà di giurisprudenza) Napoli 1995, 105-125. Makedonien: Vom hellenistischen Königreich zur römischen Provinz, in: R. Albert (Hrsg.), Rom und Rhein – Macht und Münzen. Festschrift zum 31. Süddeutschen Münzsammlertreffen 1996 in Mainz anläßlich des 75jährigen Bestehens der Numismatischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden von 1921 e.V., (Schriftenreihe der Numismatischen Gesellschaft Speyer e.V.; 38) Speyer 1996, 35-59. Die Religion, in: Heinrich Krefeld (Hrsg.), Res Romanae. Begleitbuch für die lateinische Lektüre, neue Ausgabe, Berlin 1997, 64-78 = [...], Ausgabe 2008, Berlin 2008, 67-82 = Res Romanae. Begleitmaterial für die lateinische Lektüre, compact: Schülerbuch mit CD-Rom, Berlin 2010, 73-88. Aurelian, 270-275, in: Manfred Clauss (Hrsg.), Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian, München 1997 = 2., durchgesehene Auflage 2001 = 3. Auflage 2005 = 4., aktualisierte Auflage 2011, 245-251, 471-472. Antike und moderne Sklaverei. Strukturelle Überlegungen zum Phänomen der Unfreiheit, in: [hier II.4.] 15-26. Eine neue Inschrift für den Sophisten Herodes Atticus, in: Auct. var., XI. Bericht über die Ausgrabungen in Olympia. Frühjahr 1977 bis Herbst 1981, Berlin / New York 1999, 421-437. Oktavian und das Testament Caesars, ZRG 116, 1999, 49-70. Die Herrschaft der Makedonen im Kanon der ‚Weltreich‘-Abfolge des Pompeius Trogus (Iustin). Grundlage – Gestaltung – Zielsetzung, ZPE 131, 2000, 279-291. Hausgesinde – Hofgesinde. Terminologische Überlegungen zur Funktion der familia Caesaris im 1. Jh. n. Chr., in: Heinz Bellen / Heinz Heinen (Hrsgg.), Fünfzig Jahre Forschungen zur antiken Sklaverei an der Mainzer Akademie 1950-2000. Miscellanea zum Jubiläum, (Forschungen zur antiken Sklaverei; 35) Stuttgart 2001, 331-352. Die politische Stellung des D. Clodius Albinus (193-197 n. Chr.), JRGZ 50, 2003, 355-369. Mogontiacum. Garnison und Zivilsiedlung im Rahmen der Reichsgeschichte, in: Michael J. Klein (Hrsg.), Die Römer und ihr Erbe. Fortschritt durch Innovation und Integration, Mainz am Rhein 2003, 1-28. Die Sicilia in Mainz-Bretzenheim. Zur Lokalisierung der Ermordung des Kaisers Severus Alexander, MZ 99, 2004, 1-10.

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27.* AVGVSTVS PONT. MAX. – Wie wurde ein römischer Kaiser pontifex maximus?, Klio 88, 2006, 181-188. 28. Archäologische Zeugnisse zum römischen Sklavenrecht: servi togati und SC Claudianum, in: Marc Mayer i Olivé / Giulia Baratta / Alejandra Guzmán Almagro (eds.), XII congressus internationalis epigraphiae Graecae et Latinae: provinciae imperii Romani inscriptionibus descriptae. Acta II, Barcelona, 3-8 Septembris 2002, (Monografies de la Secció Històrico-Arqueològica; 10) Barcelona 2007, 1331-1336. 29. Die siebente Liberalitas des Commodus auf einem Sesterz der Münzstätte Rom, in: Sven Günther / Kai Ruffing / Oliver Stoll (Hrsgg.), Pragmata. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte der Antike im Gedenken an Harald Winkel, (Philippika. Marburger altertumskundliche Abhandlungen; 17) Wiesbaden 2007, 89-96. 30.a. Glanz ohne Macht: Juba II. von Mauretanien als römischer Klientelkönig, in: Detlev Kreikenbom / Karl-Uwe Mahler / Patrick Schollmeyer / Thomas W. Weber (Hrsgg.), Augustus – Der Blick von außen. Die Wahrnehmung des Kaisers in den Provinzen des Reiches und in den Nachbarstaaten, Akten der internationalen Tagung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vom 12. bis 14. Oktober 2006, (Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen; 8) Wiesbaden 2008, 141-160. 30.b. Die fast perfekte Romanisierung des „Barbaren“, Bolletino di Archeologia on line. Volume speciale 2010, 56-65 [anders akzentuierte Kurzfassung von III.30.a.]. 31. On the Status of Private actores, dispensatores and vilici, in: Ulrike Roth (Ed.), By the Sweat of Your Brow: Roman Slavery in Its Socio-Economic Setting, (BICS Supplements; 109) London 2010, 31-47. 32. Slaves in Roman Society, in: Michael Peachin (Ed.), The Oxford Handbook of Social Relations in the Roman World, Oxford 2011, 58-608. 33. Die Bedeutung von Mainz für die Rhein-Main-Region in römischer Zeit, in: Frank M. Ausbüttel / Ulrich Krebs / Gregor Maier (Hrsgg.), Die Römer im Rhein-Main-Gebiet, Darmstadt 2012, 29-40, 213. 34. Zwangsweise fremd – Mobilität von Sklaven im Römischen Reich, in: Dirk Schmitz / Maike Sieler (Hrsgg.), Überall zu Hause und doch fremd. Römer unterwegs, Begleitbuch zur Ausstellung im LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten vom 7.6.2013 bis 3.11.2013, (Kataloge des LVR-RömerMuseums im Archäologischen Park Xanten; 5) Petersberg 2013, 104-115. 35. Möglichkeiten und Probleme der Ikonographie römischer Sklaven, in: Andrea Binsfeld/Marcello Ghetta (Hrsgg.), Ubi servi erant? Die Ikonographie von Sklaven und Freigelassenen in der römischen Kunst, (Forschungen zur antiken Sklaverei; 42) Stuttgart 2018 [in Druckvorbereitung].

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Verzeichnis der Schriften

IV. Rezensionen 1.

[zu James G. HARRISON, JR., The Official Priests of Rome in the Reigns of Trajan and Hadrian, phil. Diss. University of North Carolina at Chapel Hill 1974] Gnomon 49, 1977, 809-814. 2. [zu SPQR: Senatores procuratoresque Romani nonnulli, quorum cursus honorum munerumve post volumina Prosopographiae Imperii Romani edita aut innotuerunt aut melius noti sunt, quomodo rei publicae operam dederint breviter illustravit Benedictus E. THOMAE P P (= Bengt THOMASSON), Göteborg 1975] Gnomon 50, 1978, 604-606. 3. [zu Päivi SETÄLÄ, Private Domini in Roman Brick Stamps of the Empire: A Historical and Prosopographical Study of Landowners in the District of Rome, (Annales Academiae Scientiarum Fennicae. Dissertationes humanarum litterarum; 10) Helsinki 1977] HZ 229, 1979, 119-122. 4. [zu Barry BALDWIN, The Roman Emperors, Montreal, Québec 1980] Gnomon 55, 1983, 134-138. 5. [zu Henning WREDE, Consecratio in formam deorum. Vergöttlichte Privatpersonen in der römischen Kaiserzeit, Mainz am Rhein 1981] HZ 237, 1983, 674-675. 6. [zu Georges FABRE, Libertus. Recherches sur les rapports patron-affranchi à la fin de la république romaine, (CEFR; 50) Paris / Rom 1981] ZRG 100, 1984, 393-402. 7. [zu Joseph VOGT, Sklaverei und Humanität. Studien zur antiken Sklaverei und ihrer Erforschung, Ergänzungsheft zur 2., erweiterten Auflage, (HistoriaEinzelschriften; 44) Wiesbaden 1983] ZRG 100, 1984, 467-469. 8. [zu Leslaw MORAWIECKI, Ancient Coins I: The Coins of the Roman Republic, with Foreword by Tony HACKENS and History of the Collection by Stefan SKOWRONEK, (The National Museum in Cracow: Catalogues of the Collection; 2) Cracow 1982] Gnomon 57, 1985, 196-198. 9. [zu Walter AMELING, Herodes Atticus I: Biographie; […] II: Inschriftenkatalog, (Subsidia Epigraphica; 11) Hildesheim / Zürich / New York 1983] Gnomon 57, 1985, 35-42. 10. [zu Heinz HEINEN (Hrsg., in Verbindung mit Karl STROHEKER und Gerold WALSER), Althistorische Studien. Hermann Bengtson zum 70. Geburtstag dargebracht von Kollegen und Schülern, (Historia-Einzelschriften; 40) Wiesbaden 1983] ZRG 102, 1985, 729-733. 11. Antike Niedergangskonzeptionen und das Ende der Antike – eine stets aktuelle Problematik [zu Alexander DEMANDT, Der Fall Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt, München 1984, und Paul WIDMER, Die unbequeme Realität. Studien zur Niedergangsthematik in der Antike, (Sprache und Geschichte; 8) Stuttgart 1983], Gymnasium 93, 1986, 365-370.

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12. [zu Frank M. AUSBÜTTEL, Untersuchungen zu den Vereinen im Westen des Römischen Reiches, (FAS; 11) Kallmünz 1982] HZ 244, 1987, 397-399. 13. [zu K.R. BRADLEY, Slaves and Masters in the Roman Empire: A Study in Social Control, (Collection Latomus; 185) Bruxelles 1984] Gymnasium 94, 1987, 88-89. 14. [zu François HINARD, Les proscriptions de la Rome républicaine, (CEFR; 83) Paris / Roma 1985] Gymnasium 95, 1988, 453-455. 15. [zu Niels HANNESTAD, Roman Art and Imperial Policy, (Jutland Archaeological Society Publications; 19) Aarhus 1986] Gymnasium 95, 1988, 463-465. 16. [zu Jochen BLEICKEN (Hrsg.), Symposion für Alfred Heuß, (FAS; 12) Kallmünz 1986] ZRG 105, 1988, 974-975. 17. [zu Hermann BENGTSON, Die Diadochen. Die Nachfolger Alexanders (323-281 v. Chr.), München 1987] ZRG 106, 1989, 730-732. 18. [zu Javier ARCE, Funus Imperatorum: Los funerales de los emperadores romanos, (Allianza Forma; 68) Madrid 1988] Gnomon 61, 1989, 523-528. 19. [zu Rosmarie GÜNTHER, Frauenarbeit – Frauenbindung. Untersuchungen zu unfreien und freigelassenen Frauen in den stadtrömischen Inschriften, (Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Mannheim; 9) München 1987] Gnomon 61, 1989, 702-708. 20. [zu Joseph Georg WOLF, Das Senatusconsultum Silanianum und die Senatsrede des C. Cassius Longinus aus dem Jahre 61 n. Chr., (SHAW; 1988,2) Heidelberg 1988] ZRG 107, 1990, 641-645. 21. [zu Wilfried NIPPEL, Aufruhr und „Polizei“ in der römischen Republik, Stuttgart 1988] Gnomon 64, 1992, 71-73. 22. [zu Walter EDER (Hrsg.), Staat und Staatlichkeit in der frühen römischen Republik. Akten eines Symposiums, 12.-15. Juli 1988, Freie Universität Berlin, Stuttgart 1990] ZRG 110, 1993, 666-672. 23. [zu Dieter FLACH, Römische Agrargeschichte, (HdAW; 3,9) München 1990] ZRG 111, 1994, 519-521. 24. [zu John SCHEID, Romulus et ses frères. Le collège des frères Arvales, modèle du culte public dans la Rome des empereurs, (BEFRAR; 275) Paris / Rom 1990] HZ 258, 1994, 153-154. 25. [zu Werner ECK / Johannes HEINRICHS, Sklaven und Freigelassene in der Gesellschaft der römischen Kaiserzeit. Textauswahl und Übersetzung, (Texte zur Forschung; 61) Darmstadt 1993] Klio 77, 1995, 522-523 = [sic!] Klio 78, 1996, 273-274. 26. [zu Dietrich O.A. KLOSE / Gerd STUMPF (Hrsgg.), Sport Spiele Sieg. Münzen und Gemmen der Antike, München 1996] JNG 46, 1996, 211-212. 27. [zu Rez. zu Corpus Inscriptionum Latinarum II: Inscriptiones Hispaniae Latinae. Editio altera 7: Conventus Cordubensis, ed. Armin U. STYLOW, Berlin / New York 1995, und Corpus Inscriptionum Latinarum II: Inscriptiones Hispaniae Latinae. Editio altera 14: Conventus Tarraconensis 1: Pars meriodionalis conventus Tarra-

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28.

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31. 32. 33. 34.

35. 36.

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conensis, edd. Géza ALFÖLDY, Manfred CLAUSS, Marc MAYER OLIVÉ, Berlin / New York 1995] Klio 82, 2000, 289-291. [zu Corpus Inscriptionum Latinarum VI 8,2: Tituli imperatorum domusque eorum thesauro schedarum imaginumque ampliato, ed. Géza ALFÖLDY, Berlin / New York 1996] Klio 82, 2000, 291-293. [zu Alaric WATSON, Aurelian and the Third Century, London / New York 1999] Klio 85, 2003, 248-249. [zu Françoise VAN HAEPEREN, Le collège pontifical (3ème s. a. C. – 4ème s. p. C.). Contribution à l’étude de la religion publique romaine, (Études de philologie, d’archéologie et d’histoire anciennes / Studies over oude filologie, archeologie en geschiedenis; 39) Bruxelles / Rom 2002, und Ruth STEPPER, Augustus et sacerdos. Untersuchungen zum römischen Kaiser als Priester, (PAwB; 9) Stuttgart 2003] Klio 88, 2006, 274-278. [zu Marie-Laurence HAACK, Prosopographie des haruspices romains, (Biblioteca di «Studi etruschi»; 42) Pisa / Rom 2006] HZ 284, 2007, 427-429. [zu Page DUBOIS, Slaves and Other Objects, Chicago / London 2003] Gnomon 81, 2009, 656-658. [zu Richard ALSTON / Edith HALL / Laura PROFITT (Eds.), Reading Ancient Slavery, London 2011] IJCT 18, 2011, 599-605. Geraubte Kindheit [Rez. zu Heinz HEINEN (Hrsg.), Kindersklaven – Sklavenkinder. Schicksale zwischen Zuneigung und Ausbeutung in der Antike und im interkulturellen Vergleich, (Forschungen zur antiken Sklaverei; 39) Stuttgart 2012] Damals. Das Magazin für Geschichte 44,10, 2012, 47. [zu Henrik MOURITSEN, The Freedman in the Roman World, Cambridge 2011] Gnomon 86, 2014, 248-253. [zu Luca MAURIZI, Il cursus honorum senatorio da Augusto a Traiano. Sviluppi formali e stilistici nell’epigrafia latina e greca, (Commentationes Humanarum Litterarum; 130) Helsinki 2013] Klio 98, 2016, 777-780.

V. Sonstiges 1.

2. 3.

Römische Kaiser in Mainz im Zeitalter des Principats (27 v. Chr. – 284 n. Chr.). [Informationsheft zur] Münzausstellung vom 3.6.-15.7.1977 anläßlich der 500-Jahr-Feier der Johannes Gutenberg-Universität, veranstaltet vom Institut für Alte Geschichte in der Schalterhalle der Deutschen Bank, Mainz, Ludwigstr. 8-10, Mainz 1977. Münzen aus dem Altertum, JOGU. Zeitung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 77, Dezember 1981, 16-17. Münzen aus dem Altertum (II.), JOGU. Zeitung der Johannes GutenbergUniversität Mainz 78, Februar 1982, 12-13.

Verzeichnis der Schriften

4.

5.

6. 7. 8.

9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19.

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Zur Verbreitung der Reblaus. Prolegomena einer antiken Ökologie, in: Auct. var., Abwege der Forschung 0 [sic!], [Mainz] 1983, 1-6; Nachdruck in: Orgiastica. Zeitschrift für Orgiastik und Symposiologie 2, [Münster] 1994, 38-43. Institut für Klassische Altertumskunde, Abt. Alte Geschichte, in: Geschichte in Kiel. Forschungen und Forscher am Historischen Seminar, am Seminar für Osteuropäische Geschichte und am Institut für Klassische Altertumskunde, Abt. Alte Geschichte, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 1987, 16-20, 36-38 mit Tafel I-II, 49. Vorwort, in: [hier II.1.] VII-VIII. Themati