Karl Philipp Moritz und die Ursprünge der deutschen Theaterleidenschaft [Reprint 2017 ed.] 9783111556932, 9783111186559

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Karl Philipp Moritz und die Ursprünge der deutschen Theaterleidenschaft [Reprint 2017 ed.]
 9783111556932, 9783111186559

Table of contents :
INHALT
VORWORT
EINLEITUNG
I. MENSCH UND WELT IM «ANTON REISER»
II. DIE GRUNDSPANNUNG DES MORITZSCHEN LEBENSGEFÜHLS ZWISCHEN «AUSBREITUNG» UND «EINSCHRÄNKUNG»
III. KARL PHILIPP MORITZ IN GEISTESGESCHICHTLICHEM ZUSAMMENHANG
IV. DIE LEBENSFUNKTION DES THEATERS BEI KARL PHILIPP MORITZ
V. DIE SEHNSUCHT NACH HARMONIE
VI. KARL PHILIPP MORITZ ALS SPIEGEL DER ALLGEMEINEN PROBLEMATIK DER ZEIT
ANMERKUNGEN
LITERATURNACHWEIS
PERSONEN- UND WERKREGISTER
SACHREGISTER

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ECKEHARD CATHOLY . KARL PHILIPP MORITZ

KARL PHILIPP MORITZ UND DIE URSPRÜNGE DER DEUTSCHEN THEATERLEIDENSCHAFT

von

ECKEHARD CATHOLY

MAX N I E M E Y E R VERLAG / T Ü B I N G E N 1962

Das Porträt von Karl Philipp Moritz ist eine Wiedergabe des farbigen Kupferstichs von Heinrich Sintzenidi (1793) aus den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar

Gedruckt mit Unterstützung der Deutsdien Forschungsgemeinschaft Copyright 1961 by Max Niemeyer Verlag, Tübingen Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany Gesamtherstellung: Graph. Kunstanstalt Jos. C. Huber KG., Diessen vor München

MEINEM

BRUDER

WILHELM

INHALT

EINLEITUNG

Ι

ι. Das Theaterproblem

ι

2. Probleme der Moritzschen Individualität

6

I . M E N S C H UND W E L T IM « A N T O N R E I S E R » II.

III.

D I E GRUNDSPANNUNG DES M O R I T Z S C H E N LEBENSGEFÜHLS ZWISCHEN « A U S B R E I T U N G » UND «EINSCHRÄNKUNG» . . .

11 .

29

ι. Der Vorrang der «Ausbreitung» 2. Symbole der «Einschränkung» im «Anton Reiser» . . . . 3. Symbole der «Ausbreitung» im «Anton Reiser» 4. Die Phantasie als Korrektiv

19 31 34 36

K A R L PHILIPP M O R I T Z IN GEISTESGESCHICHTLICHEM ZUSAMMENHANG

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1.Aufklärung 2. Nihilismus 3. Mystik 4. Romantik IV.

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D I E LEBENSFUNKTION DES T H E A T E R S BEI K A R L PHILIPP M O R I T Z

ι. Die funktionelle Bedeutung der Moritzschen Theaterleidensdiaft 2. Die auditive Grunddisposition der Moritzschen Individualität 3. Die theatralische Sdiöpfung als Verbindung von Klang, Farbe und Bewegung 4. Körperlich-seelische Voraussetzungen Moritzens für den Schauspielerberuf 5. Existenz-Gefühl und Idi-Erweiterung als Ziele schauspielerischer Betätigung 6. Gemeinsdiaftssehnen als Motiv der Theaterleidenschaft . 7. Der Machttrieb und seine Verwirklichung im schauspielerischen Schaffen 8. Der Mittelpunktsbegriff

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62 64 81 82

.

94 96 98 102

9· Theatersehnsucht und Palingenesie-Gedanke io. Scheitern und Entsagen V. VI.

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D I E SEHNSUCHT NACH H A R M O N I E K A R L PHILIPP M O R I T Z ALS S P I E G E L DER

117 ALLGEMEINEN

PROBLEMATIK DER Z E I T ANMERKUNGEN

(Bibliographie) ι. Benutzte Werke von Karl Philipp Moritz in chronologischer Folge 2. Zeugnisse der Zeitgenossen 3. Quellen 4. Werke über Karl Philipp Moritz 5. Allgemeine Literatur

LITERATURNACHWEIS

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131 137

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P E R S O N E N - UND W E R K R E G I S T E R

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SACHREGISTER

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VORWORT

Das W e r k des Karl Philipp Moritz hat in den letzten Jahren ein auffallendes Interesse gefunden: Innerhalb kurzer Frist wurden drei verschiedene Ausgaben des «Anton Reiser» einem größeren Leserpublikum angeboten. Eine Sammlung seiner ästhetischen Schriften, ja sogar ein fast verschollenes Novellenfragment aus der letzten Lebenszeit des Autors sollen in Kürze erscheinen. Ein Schriftsteller unserer Tage, Arno Schmidt, weckt die Erinnerung an Moritz, dem er den Ehrentitel eines «Schredcensmannes», also einer revolutionären Natur, gibt. Man wird nicht müde, in Essays und Dissertationen unter den mannigfachsten Gesichtspunkten den Romanautor, den Ästhetiker, den Freund Goethes zu analysieren und darzustellen. Ist es bei einer derart vielfältigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Moritz berechtigt, der Öffentlichkeit noch eine weitere Moritz-Studie vorzulegen, die vor mehr als zehn Jahren als Doktorarbeit entstanden ist und damals in wenigen Maschinenexemplaren nur einen kleinen Kreis von Lesern erreichte? Mehrere Gründe sprachen dafür: Die Untersuchung, die hier nun leicht umgearbeitet — und wie man zu sagen pflegt: auf den neuesten Stand der Forschung gebracht — als Buch vorliegt, behandelt ein Problem allgemeineren Interesses, jene Theaterleidenschaft, die in der deutschen Geistesgeschichte seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine so eigenartige Rolle spielte. Im Schauspieler-Aspiranten Moritz wird sie zum ersten Male ganz deutlich. Auch lassen sich bei ihm die Ursachen eines solchen Kunstdranges, dem keine künstlerische Begabung entspricht, und die Hoffnungen, die sich an die schauspielerische Tätigkeit knüpfen, besonders klar erkennen. Doch damit ist nur ein Anfang gemacht. Es würde sich lohnen, nach dem «Reiser» auch die anderen großen Zeugnisse der deutschen Theatromanie zu untersuchen. Vielleicht regt das Buch zur Weiterarbeit in Ergänzung oder Widerspruch an. Nodi etwas anderes war es, was den Verfasser zur Veröffentlichung ermutigte: die Tatsache nämlich, daß er in der glücklichen Lage war, neben dem «Anton Reiser» eine Anzahl fast gänzlich unbekannter Äußerungen Moritzens zu verwerten, die erst einen Einblick in die innere Bewältigung jenes furor theatralicus verschaffen, den der «Reiser» in voller Entfaltung zeigt Wie sehr dies Buch anderen Arbeiten verpflichtet ist, die sachliche oder methodische Hilfen und Anregungen boten, ergibt sich bei der Lektüre

von selbst. Ausdrüddidi und herzlich gedankt sei hier für entscheidende Förderung vor allem jedoch Klaus Ziegler. Dankbar verbunden fühlt sich der Verfasser aber ebenso Kurt May (t), Robert Minder, Günther Müller (+) und Walter Rehm, deren freundliche Ratschläge ihm von großem Wert waren. Der Deutsdien Forschungsgemeinschaft dankt der Verfasser für einen Druckkostenzuschuß. Bei der Korrektur leistete Rosemarie Baumann wertvolle Hilfe. Tübingen, September 1961

ECKEHARD CATHOLY

EINLEITUNG

ι. Das

Theaterproblem

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts herrscht in Deutschland ein allgemeiner Theaterenthusiasmus, wie er in der deutschen Geschichte bis dahin zu keiner Zeit zu beobachten war. Theatergeschichtlich bezeugt er sich in einigen Erscheinungen, die das Gesicht und die W i r k u n g der Bühne wesentlich verändern: Die deutsche Sprache siegt endgültig über lateinisches Jesuitendrama, italienische Oper und französisches Hofschauspiel; immer stärker macht sich die Forderung nach Aufhebung der ständischen T r e n nung der Bühnenformen in Kirchen-, H o f - , Gelehrten- und Pöbeltheater geltend; LESSING gibt nur der allgemeinen Stimmung und Sehnsucht Ausdruck, wenn er im 17. Literaturbrief die von Johann Elias SCHLEGEL zum ersten Male erhobene Forderung nach einem, dem nationalen Geschmack Rechnung tragenden Theater neu und mit verstärktem Nachdruck stellt. 1 Uberall regt sich der Wille, Bodenständiges an die Stelle von Stoffen und Problemen aus der höfischen Bildungswelt treten zu lassen; durdi die Idee des Nationaltheaters soll sowohl das Geschäfts- wie das aristokratische Standestheater überwunden werden; schließlich und vor allem zeigt sich in Drama und Darstellungsweise ein echtes Bemühen um eine wahre Volkstümlichkeit, die jeden Zuschauer befähigt, die Vorgänge auf der Bühne, die er mühelos auf seine eigenen inneren und äußeren Verhältnisse übertragen kann, in aller Unmittelbarkeit nachzuerleben. Hand in Hand mit diesen Errungenschaften und erst durch sie ermöglicht, breitet das Theaterwesen sich nun in bisher nicht gekannter Weise aus: Feste Bühnenhäuser und ständige Ensembles entstehen in den Städten, und mit ihnen ergibt sich zum ersten Male die Möglichkeit einer kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen Bühne und Gesellschaft, das heißt vor allem zwischen Schauspieler und Bürger. 2 In dieser Epoche ist es nämlich fast ausschließlich der Schauspieler als T r ä g e r der geschilderten, nach Verlebendigung, Beseelung und Vertiefung trachtenden Entwicklung, dem die ganze Aufmerksamkeit des bürgerlichen — und das heißt für die damalige Zeit fortschrittlichen — Publikums gilt. Konrad E k h o f , der Ahnherr der neuen bürgerlich-realistischen Schauspielkunst, beginnt in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts seine große W i r k u n g auszuüben, und sämtliche anderen Protagonisten sind Kinder dieser fruchtbaren revolutionären Epoche. Mögen die Ekhof und Schröder,

2

Einleitung

die Iffland und Fleck als Individualitäten noch so verschieden strukturiert sein, als Schauspieler dienen sie alle dem Neuen, das die Zeit ihnen entgegenbringt und von ihnen ersehnt! Verinnerlichung, Verlebendigung, Beseelung, Individualisierung, Charakterisierung heißen die Variationen des Leitmotivs ihres darstellerischen Wirkens, und man muß sich klar darüber sein, daß individuelles Fühlen bisher durchaus nicht dem Sdiauspielertum an sich und selbstverständlich verbunden galt. Mit diesem grundsätzlich neuen Element, dem Schauspieler im modernen Sinn, tritt Deutschland nun nach Jahrhunderten ständiger Aufnahme fremder Einflüsse in ein Stadium der Selbständigkeit seiner Theaterentwicklung, oder, genauer ausgedrückt: der Geschichte seiner Schauspielkunst; denn diesem neuen Typus des Darstellers sollte für noch lange Z e i t kein das Ganze des szenischen Kunstwerks umfassender Form willen entsprechen. Mit der Feststellung einer fast ausschließlich auf dem Wirken der schauspielerischen Persönlichkeiten beruhenden theatralischen Blütezeit wird das Rätsel dieser ersten modernen Theaterepoche Deutschlands jedoch nicht gelöst. W i r müssen vielmehr fragen, wie es kommt, daß die Deutschen — im Vergleich mit mimisch glücklicher begabten Völkern ihrer Anlage nach alles andere als komödiantisch — in einer bestimmten Periode ihrer G e schichte, die sich bis tief in die Romantik erstreckt, über eine so große Zahl schauspielerischer Genies und hochbegabter Talente verfügten, daß sich ein Theaterleben höchster Intensität und Extensität fast allein auf den Schauspieler-Persönlichkeiten aufbauen kann. Der bayrisch-österreichische Stamm, der noch am ehesten den mimischen Menschentyp innerhalb Deutschlands verkörpert, tritt in der deutschen Schauspielergeschichte dieser Zeit nirgends in solchem Maße in Erscheinung, wie es seiner Naturanlage entspräche. E k h o f , Friedrich Ludwig Schröder, Iffland und Sophie Schröder sind Norddeutsche, Fleck und Anschütz Ostdeutsche. Unter den Protagonisten findet sich kein Süddeutscher. W e n n aber naturgegebene Gründe diese Erscheinung nicht erklären, wo können wir sie dann zu fassen suchen? Die vorliegende Studie ist aus der Erfahrung erwachsen, daß man der zu behandelnden Frage mit ästhetischen und theatergeschichtlichen Kategorien allein nicht gerecht wird; denn nur ein T e i l des Problems kann durch Daten und Persönlichkeiten der Theatergeschichte erhellt werden. Der Zugang zu den verdeckteren, komplexeren und aufschlußreicheren Seiten liegt vielmehr in den Zeugnissen jener Individuen verborgen, die in der Theatergeschichte selbst nicht wirksam werden konnten, weil sie im Rausch theatralischen Schaffens oder Genießens allein die Begründung und Festigung ihres Ichs suchten. Sie sprechen zu uns aus Tagebüchern, Briefen und Lebenserinnerungen; und die große Zahl dieser nur auf der Suche nach ihrem eigentlichen Ich das T h e a t e r ersehnenden, meist an ihm scheiternden Menschen, zeigt deutlich, in wie hohem Maße es sich hier um ein Lebens- und

Das Theaterproblem

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nicht um ein Kunstproblem handelt. Die Problematik, die den Theaterenthusiasmus jener Zeit kennzeichnet, ist sogar heute noch in gewissem Grade aktuell; auf sie läßt sich der in Deutschland nicht seltene T y p des unkomödiantischen Schauspielers zurückführen, der mehr aus der Fülle seiner persönlichen Probleme, aus seinen ethischen Überzeugungen und aus seiner charakterlichen Geformtheit als aus der Magie der V e r w a n d l u n g heraus schafft. Es ist oft genug ausgeführt worden, in wie starkem Maße gerade die Schichten, aus denen sich die produktiven Kräfte des 18. Jahrhunderts entwickeln sollten, in Deutschland sozial gehemmt und unterdrückt waren. Die Unterdrückung durch die bestehende Gesellschaftsordnung war der Anlaß dafür, daß jene Kräfte in die Sphäre ausbrachen, die ihnen allein zur Wirksamkeit offenstand: das Reich des Geistes und der Kunst. V o r allem die Kunst erhielt jetzt eine Lebensbedeutung, die ihr unter anderen sozialen Bedingungen kaum zuerkannt worden wäre. Das unmittelbarste Sprachrohr dieser ästhetischen Revolution wurde das Theater. Kein anderes Publikationsorgan hatte zu damaliger Zeit gleiche Breiten- und Tiefenwirkung. U m die Bühne für ihre hohen Zwecke geeignet und bildsam zu machen, bedurfte es jedoch einer entscheidenden Umwandlung dieser uralten und so konservativen Einrichtung. Der Kampf G O T T S C H E D S , LESSINGS, G O E T H E S und SCHILLERS um eine Vertiefung und Veredelung des Theaters ist nicht so sehr eine Auseinandersetzung mit dem Begriff «Theater» an sich, als vielmehr der Versuch, diese Institution zum würdigen Sprachrohr ihrer ethischen Ziele zu machen. Diese Ziele blieben ihnen stets das Entscheidende. Daß es bei ihren dramatischen und theatralischen Bestrebungen weniger um das Theater an sich ging, erklärt manche Unzulänglichkeit ihrer dramatischen Produktion im rein theatralischen Sinne. Sie entstand ja nicht aus dem Geiste des Theaters und für das Theater, sondern aus der Idee, und sie kämpfte mit Hilfe des Theaters für eine breite W i r k u n g dieser Idee. Das Interesse für SHAKESPEARE und das tiefe Eindringen in die Probleme seines Verständnisses und seiner Darstellung ist nicht zuletzt ein Zeichen der klugen Einsicht in das, was dem Theater zu seiner wahren, lebendigen W i r k u n g nötig war, wenn man sich von seinem Dienst an der Idee Erfolg erhoffen wollte; gestaltete doch gerade SHAKESPEARE in seinen Dramen trotz der äußeren Bedeutung adliger Protektoren für deren Entstehung niemals nur die Ideale einer privilegierten Gesellschaftsschicht, sondern wurde er doch der menschlichen Wirklichkeit in allen ihren Abstufungen gerecht. Es ist bezeichnend, daß in Deutschland erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine wirksame Auseinandersetzung mit SHAKESPEARE einsetzt. Die Zeit eines G O T T S C H E D wurde gesellschaftlich nodi so ausschließlich durch die privilegierten Stände bestimmt, daß nur die diesen Ständen entsprechende Thea-

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Einleitung

terform Wirkungsmöglichkeit und Anziehungskraft besaß: das höfisch bestimmte Alexandriner-Theater jenes Landes, das Beispiel und G i p f e l dieser hodiblühenden Stände war: Frankreichs. W i e sehr die Bühne Attribut höfischer Geselligkeit war, zeigen die Schloßtheater: mit höchstem Prunk und erlesenem Geschmack ausgestattete Repräsentationsräume, die Anhängsel der Schlösser oder meist sogar nur Einbauten in diese waren. 8 Falsch w ä r e es jedoch, GOTTSCHED lediglich als Exponenten dieser Gesellschaftsschichten zu verstehen. E r ist schon Vorbereiter der kommenden K r ä f t e , indem er diesen die bildungsmäßigen und gesellschaftlichen Errungenschaften der privilegierten Schichten vermittelt. So gibt die französische Klassik trotz ihrer Gebundenheit an die Ideale des Absolutismus den nach oben drängenden Kreisen erst die Möglichkeit, sich f ü r den K a m p f mit dem Feudalismus die W a f f e n zu schaffen: intellektuelle und formale Verfeinerung. I m Umgang mit der französischen T r a g ö d i e und ihrer deutschen Nachfolge erwerben sich Schauspielerstand und Publikum etwas von jener Kultur, die bisher die Schichten f ü r sich in Anspruch nahmen, aus denen und f ü r die diese Form des Theaters entstanden w a r . Sieht man von den unterliterarischen oder den nur pädagogischen Z w e k ken dienenden A u f f ü h r u n g e n ab, so zeigt sich, daß u m 1 7 3 0 aus dem höfisch bestimmten Theater der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts das GoTTscHEDsdie Bildungstheater entstand, das Ausführende und Betrachtende an das bildungsmäßige und gesellschaftliche N i v e a u der herrschenden Klassen anzugleichen strebte. Diese Angleichung bringt die V e r p ö n u n g der rein mimischen Ausdrucksform mit sich. Die erstrebte pädagogische Breitenwirkung wird erst durch die deutsche Sprache ermöglicht, der sich das Theater im Gegensatz zur italienischen und französischen Sprache der höfischen Komödianten in immer höherem M a ß e bedient, die aber unter dem Einfluß des französischen Versmaßes und Sprachstils abgeschliffen wird. Die skizzierten Aufgaben der von GOTTSCHED dirigierten Theaterr e f o r m wurden bald erfüllt. Auf dem W e g e v o m Standestheater über ein bürgerliches Bildungstheater rationalistischer Prägung wurde eine neue Stufe erreicht mit LESSINGS 1755 zum ersten Male aufgeführter «Miss Sara Sampson«. Hier haben die nach oben drängenden Schichten die erste dramatische Schilderung ihrer selbst gefunden, und zwar nicht mehr in der französisch orientierten Form der GoTTSCHEDschen Tragödie, sondern in einer im wesentlichen auf LILLO zurückgehenden N e u f o r m , nämlich der des «bürgerlichen Trauerspiels». Damit w a r ein Prozeß eingeleitet, der in der Dramatik des Sturm und Drangs zu seiner stärksten Ausprägung kam. Das Bürgertum hatte sich das Theater erobert, sah jich von nun an auf der Bühne, wie es w a r oder w i e es doch zu sein glaubte und wünschte, und erlebte von der Bühne herab die Emanzipierung des Gefühls. In dieser Befreiung der emotionalen

Das Theaterproblem

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Kräfte sieht es immer wieder sein Urerlebnis verkörpert: das Ausbrechen aus der Einengung sozialer Unterdrüdcung und kleinstaatlicher Enge. Auf der Bühne sahen sich die Besten des aufbrechenden Standes so, wie sie sich von G o t t gemeint glaubten; hier fühlten sie sich über ihr tatsächliches Elend hinausgehoben, verstanden und angefeuert. Hatte das Theater bisher in erster Linie eine Bildungsfunktion im Sinne GOTTSCHEDS zu erfüllen gehabt, so war es in seiner neuen Form imstande, eine Lebensfunktion zu übernehmen. Die Bühne zeigte wahrhaftiges Leben in aller Ungeschminktheit und Natürlichkeit. Hier war der Mensch noch oder wieder wirklich Mensch mit all seinen Vorzügen und Fehlern. So ist es kein Wunder, daß die letzte Konsequenz dieser unmittelbaren, das ganze Wesen erfassenden, aufwühlenden und verwandelnden W i r k u n g das Streben war, alle diese Gefühle und Schicksale selbst zu erleben und damit das eigene Ich ins U n endliche zu erweitern. Das damalige Leben bot dem Bürger keinen Raum zur Erprobung und Bewährung der neuentdeckten Kräfte. W a s ihm blieb, war der W e g zu dem O r t , von wo aus ihm das neue Lebensgefühl zuerst und am nadidrüddichsten gepredigt, ja vorgelebt wurde: Befreiung, E r weiterung und Lockerung konnte er als «Handelnder» nur auf der Bühne selbst finden. W a r doch der Schauspieler der wahre Mensch, der in seinen Rollen alle Höhen und T i e f e n des Lebens durchschritten hatte und immer wieder durchschritt, der die ganze W e l t des Menschen mit allen ihren Gegensätzen umfaßte und der durch alles, was er gestaltete, wie man meinte, eine immer neue Erweiterung der eigenen Existenz bewirkte. Ein faustischer Drang lebte in dieser jungen Generation, die aus körperlicher und seelischer Verkümmerung aufbrach in das Reich der Freiheit. Eine wahre Religiosität des Gefühls wird von den Brettern herab gepredigt. Es ist kein Zufall, daß Iffland und MORITZ schwanken, ob sie Geistliche oder Schauspieler werden sollen, da sich in dieser Zeit die geistliche Praxis bühnenmäßiger Wirkungen ebenso bedient wie das Theater eines religiösen Pathos. Und es ist kein Zufall, daß die beiden größten Zeugnisse einer Jugendentwicklung dieser Zeit, «Wilhelm Meisters Lehrjahre» und «Anton Reiser», den W e g eines jungen Menschen zur Bühne schildern — und zwar in beiden Fällen junger Menschen, die nicht Schauspieler von Geblüt sind, sondern die Sehnsucht nach Totalität aus der Einseitigkeit und Engherzigkeit der bürgerlichen Lebensform auf diese Bahn führt, auf der sie Lebenssinn, Lebensgefühl und Lebenserweiterung zu finden hoffen. Das Gefühl einer «theatralischen Sendung» erweist sich indessen beide Male als Irrtum. Denn nicht um die objektive Macht des Theaters geht es hier, um einen Dienst, den der begnadete Jünger dieser Macht leistet, sondern um den Versuch, auf diesem W e g e Erlösung aus der Enge des gegebenen zur W e i t e eines ersehnten Lebens zu finden.4 So ist es verständlich, daß sogar der so streng bis in alle Einzelheiten wahrheits-

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Einleitung

getreu und plastisch abschildernde «Anton Reiser» als theatergeschichtliche Quelle im üblichen Sinne bloß geringen W e r t hat, gibt -er doch nur dürftige Daten und summarische Besetzungsangaben. U m so erregender ist jedoch die Fülle des Gewinns, wenn man in ihm nicht nach detaillierten Schilderungen von Fakten der Theatergeschichte fahndet, sondern nach der Funktion fragt, die das T h e a t e r für das Leben und für die Entwicklung einer Persönlichkeit dieser Z e i t übernimmt. Hier soll nun versucht werden, dies Problem an einem besonders fesselnden Beispiel zu beleuchten, an der Gestalt des K a r l Philipp MORITZ, die sich einer Deutung immer wieder entzieht, nach immer neuer Auseinandersetzung ruft. So möchte die vorliegende Studie die Persönlichkeit Karl Philipp MORITZ aus ihrer Theaterleidenschaft als Ganzes deutlicher machen. Zugleich aber hoffen wir, von dem individuellen Fall aus Einblicke in die Struktur der deutschen Theatromanie und Aufschlüsse über ihre U r sprünge zu gewinnen.

2. Probleme der Moritzschen

Individualität

Die schillernde, mannigfaltigste seelische und geistige Einflüsse in sich aufnehmende und verwandelnd ausstrahlende Gestalt Karl Philipp MoRiTzens unterlag seit Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Schaffen und seiner Persönlichkeit auch wiederum den mannigfaltigsten Deutungsversuchen. So wurden die Quellen seines W e s e n s in aufklärerischen und geniehaften, in rationalistischen und pietistischen, in sentimentalischen und mystischen Gründen aufgespürt; je nachdem, welches W e r k MoRiTzens dem Betrachter als symptomatisch für dessen W e s e n und geistige W i r k u n g erschien, fiel der Versuch einer Klassifizierung aus. U n d hiermit kommen wir auf ein Grundproblem der MoRiTZ-Forschung: Fast mit jedem seiner W e r k e zeigt uns der Autor ein anderes Gesicht. W i r können seine Gedichte auf Friedrich den G r o ß e n schwer auf einen Nenner bringen mit den «Beiträgen zur Philosophie des Lebens», der «Andreas Hartknopf» scheint in Grundstimmung und Lebensanschauung nur wenig Bezüge zum «Anton Reiser» zu haben, die W e l t seiner grammatischen Tagesschriften wiederum ist auf den ersten Blick der der Abhandlung « Ü b e r die bildende Nachahmung des Schönen» nicht vergleichbar. Hierin mag die Erklärung dafür liegen, daß trotz aller Vorarbeiten und Spezialstudien noch immer kein deutlich umrissenes MoRiTZ-Bild existiert. E s m u ß uns scheinen, als hätten wir es hier mit einer nach den verschiedensten Richtungen hemmungslos zerfließenden Persönlichkeit zu tun, mit einem Kampffeld großen Ausmaßes, auf dem wichtige Antithesen des L e bens und der Kunst in immer neuen Formen und Verbindungen ihre Feh-

Probleme der Moritzschen Individualität

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den austragen, ohne jemals eine Entscheidung erzwingen zu können. Die Schwierigkeit einer geistesgeschichtlichen Einordnung, einer Deutung des Entwicklungsganges dieser reizvollen und viele Erkenntnisse späterer Z e i ten ahnungsvoll vorwegnehmenden Erscheinung hat allen bisherigen Auseinandersetzungen, allen Bemühungen um ein angemessenes MoRiTZ-Bild zu schaffen gemacht. Ist diese geringe Faßbarkeit, dieses ständige Auseinanderlaufen, dieses vielfältige Schillern, diese Unvereinbarkeit schlechthin der Wesensgrundzug der MoRiTzschen Seele, des MoRiTzschen Geistes und der MoRiTzschen Formkraft, oder lassen sich doch verborgene V e r bindungslinien erkennen und damit geheime Zusammenhänge im W e s e n des Schöpfers wie in seinem W e r k ? E i n Blick auf die wichtigsten F o r schungen der letzten Jahrzehnte soll uns der Beantwortung dieser Frage näherbringen. J o s e f Nadler war der erste, der über die bereits angedeuteten, meist divergierenden Wesensbestimmungen hinaus auf eine neue, vorher von Dessoir, Eybisch und Brüggemann nur geahnte fruchtbare Beziehung deutlicher hinwies, indem er die Verwandtschaft MoRiTzens mit der Romantik a u f z e i g t e . 5 F ü r i h n w i r d MORITZ m i t J a k o b BÖHME, HAMANN u n d HERDER

zum wahren V o r f a h r e n dieser Geistesbewegung. I m «Reiser» sieht Nadler nicht mehr den pädagogisch-psychologischen R o m a n , der aus Aufklärungs-, Sturm und D r a n g - und Empfindsamkeitselementen wundersam widerspruchsvoll und ebenso abstoßend wie anziehend zusammengebraut ist, sondern den U r t y p der «romantischen Romandichtung». Das spezifisch Romantische in ihm wird gefaßt als die «Verschmelzung von Pietismus und Aufklärung im Zeichen der Freimaurerei». R u d o l f Unger, der Erspürer vorromantischer Seelen- und Geistesformen, hat diese Gedanken aufgenommen und an einem speziellen Problem weiterentwickelt: E r verfolgt das Wachsen des Palingenesie-Motivs vom V o r klang im «Reiser» über die Variierung in «Andreas Hartknopfs Predigerjahren» bis zur Durchführung in JEAN PAULS «Unsichtbarer Loge», die unter diesem Blickpunkt schon in allernächster Nähe zu der vollromantischen Prägung des Motivs in NOVALIS' «Heinrich von Ofterdingen» liegt. E i n e geheime Entwicklungslinie, die alles Einzelne in MoRiTzens W e r k , wenn auch kaum sichtbar, verbindet, hier scheint sie sich deutlicher abzuzeichnen. So unvereinbar anmutende W e r k e wie «Anton Reiser», «Andreas Hartknopf» und «Andreas Hartknopfs Predigerjahre» scheinen nun in einen engen seelengeschichtlichen Zusammenhang zu gehören. 6 R o m a n t i k schien jetzt die Zauberformel zu sein, die man nur auszusprechen brauchte, um das W e s e n der MoRiTzschen Individualität erfassen zu können — bis sich kritische Stimmen meldeten, die hiervor glaubten warnen zu müssen, wie es Franz Schultz tat, der meint, man sehe « . . . bisher noch nicht recht, an welchem Punkte sich die Spannungen seines einer glühend-

δ

Einleitung

bewegten Masse gleichenden Geistes in seiner eigenen Persönlichkeit zusammenschlössen». 7 Man könnte meinen, wieder am Ausgangspunkt sämtlicher verzweifelten Bemühungen zu stehen, wenn sich hier nicht ein neuer W e g zur Wesensbestimmung von Karl Philipp MORITZ auftäte. Eine bisher nur dunkel geahnte geistesgeschichtliche W i r k u n g wird jetzt der E r scheinung MoRiTzens zugesprochen. Aus dem blinden Spielball heterogener Geistesmächte und Seelenstimmungen wird ein sinnvolles, wenn auch unbewußtes Opfer der geistesgeschichtlichen Entwicklung, das mit dem E i n satz seines ganzen Wesens an dem Bau dieser Entwiddung arbeitet — freilich ganz unbeabsichtigt —, das sämtliche Strömungen in sich aufnimmt, umbildet, verwandelt weitergibt und so den großen Prozeß erst ermöglicht. 8 E i n unendlich schmerzhafter seelischer, geistiger und körperlicher Vorgang, für dessen T r ä g e r das Schicksal die reizbarsten und aufgeschlossensten Individuen zu bestimmen pflegt, die mit dem Verzicht auf persönliches Glück, seelische Harmonie und künstlerische Vollendung ihre Bestimmung für diese große Aufgabe bezahlen müssen und deren Leben meist nach kurzem Brennen verglüht, ehe sie sich im eigenen W e r k gültig aussprechen konnten, ja bevor sie das Land sahen, das mit ihrem Lebensblute erobert werden sollte. U n t e r diesem Blickpunkt betrachtet, findet s i c h M O R I T Z i n e i n e r R e i h e m i t G Ü N T H E R u n d HAMANN, m i t L E N Z , G R A B B E

und BÜCHNER, zu denen sich noch die große Gestalt HEBBELS gesellt, dessen Ausgangssituation der MoRiTZschen so tief verwandt ist.· Die Möglichkeit, in Karl Philipp MORITZ ein Bindeglied sich erst bekämpfender, dann sich gegenseitig durchdringender oder sich ablösender geistiger Epochen zu erkennen, barg nun wiederum eine neue Problematik: Verliert die Figur jetzt nicht ihre eigentümliche Färbung, ihre individuelle Struktur, um deren Erkenntnis man sich auf dem W e g e über die Romantik gerade bemüht hatte? W i r d sie nicht zum abstrakten Funktionsträger geistesgeschichtlicher Entwicklung? In diesem Stadium der Forschung erschien eine Arbeit von Robert Minder, die in erschöpfender Sicht MoRiTzens religiösen W e g auf Grund seiner autobiographischen Schriften, zu denen Minder auch die «Hartknopf»Bände zählt, aufzeigt und damit endlich den lange vergeblich gesuchten Schlüssel zur Erfassung der MoRiTZschen Individualität findet. Die Bedeutung des W e r k e s macht es unerläßlich, hier die Grundzüge seiner E r g e b nisse wiederzugeben. Rein methodisch zeigte sich der W e g der wechselseitigen Erhellung MoRiTZscher W e r k e als besonders fruchtbar. Genaue Analysen und Vergleiche erweisen nun plötzlich die bisher übliche strenge Scheidung der einzelnen Schriften in für sich bestehende, einander ausschließende geistige und seelische W e l t e n als ungerechtfertigt. Die Beziehungen der genannten autobiographischen W e r k e und der Abhandlung «Uber die bildende Nachahmung des Schönen» untereinander werden aufgedeckt

Probleme der M o r i t z s d i e n Individualität

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und lassen eine deutliche innere Entwicklungslinie MoRiTzens erkennen. Das grundlegende, später immer wieder abgewandelte seelisch-geistige Erlebnis sieht Minder in der Begegnung MoRiTzens mit dem GuYONschen Quietismus seiner Kinder jähre, dessen positive Wesenszüge nach einer scharf ironischen Charakterisierung im ersten T e i l des «Reiser» in den folgenden Teilen dieses W e r k e s und den «Hartknopf»-Bänden sowie der ästhetischen Schrift MoRiTzens immer stärker in Erscheinung treten: « . . . er bahnt sich v o n der ganz introvertierten Mystik der Quietisten aus durch den Rationalismus hindurch den W e g zur weltoffenen, allbeseelenden Mystik des Panästhetizismus. U n d diese Entwicklung ist nicht nur eine Befreiung f ü r ihn selbst: sie ist auch eine W e g b e r e i t u n g für seine Zeitgenossen, ein V o r l ä u f e r t u m f ü r eine Epoche, w o die religiösen Elemente des Luthertums, die durch das "subjektive pietistische Empfinden bereits stark säkularisiert waren, durch das subjektive Denken der A u f klärung noch weiter erschüttert wurden und schließlich im W e i m a r e r Idealismus über Pietismus und über Rationalismus hinaus den Anschluß an eine tief erlebte, wenn auch vorwiegend ästhetisch begründete Mystik f a n d e n . » 1 0 D i e Betrachtung d e r I n d i v i d u a l i t ä t MoRiTzens u n d d i e Betrach-

tung seiner geistesgeschichtlichen Stellung laufen jetzt endlich zusammen. V o n einem seine ganze Entwicklung bestimmenden religiösen Grunderlebnis werden nun alle weiteren Bemühungen um die Kardinalfragen seiner Lebensform und seines W e r k e s auszugehen haben. W e n n die religiöse Ausgangssituation auch den ganzen «Anton Reiser» bestimmt, so sehen w i r neben den religiösen Problemen und diese bald überschattend das T h e m a «Theater» eine immer größere Bedeutung im Roman erlangen. Theatralische Betätigung wird zum größten Erlebnis Reiser-MoRifzens, wenn es heißt: «Diesem» (seinem Freund Philipp Reiser) «nun ein ganzes Stüde aus dem Shakespeare vorzulesen und auf alle dessen Empfindungen und Äußerungen dabei mit W o h l g e f a l l e n zu merken, w a r die größte Wonne, welche Reiser in seinem Leben genossen hatte.» («Reiser», S. 233). Hier ist unzweideutig ein Erlebnishöhepunkt v o n MoRiTzens Jugendentwicklung in die theatralische Sphäre verlegt, und w i r können mit Minder, dessen Einsichten diese Studie auch dort ständig verpflichtet bleibt, w o sie zu anderen Ergebnissen kommt, nicht übereinstimmen, w e n n er diesen Höhepunkt nicht im künstlerisch-theatralischen, sondern ausschließlich im philosophischen Erlebnis erblickt. 1 1 Schon der T i t e l des MoRiTzschen Romans scheint darauf hinzuweisen. SCHOPENHAUER w a r es zuerst aufgefallen, daß es einen Hamburger Pastor A n t o n Reiser gegeben hatte. L u d w i g Geiger konnte nachweisen, daß dieser Mann im Jahre 1681 eine theaterfeindliche Schrift unter dem T i t e l «Theatromania» erscheinen ließ. W e n n MORITZ sein W e r k «Anton Reiser» nennt, wird die Assoziation an den Begriff «Theatromanie» eine Rolle gespielt haben,

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Einleitung

b e w u ß t o d e r u n b e w u ß t . « T h e a t r o m a n i e » aber ist das W o r t , in dem die J u g e n d p r o b l e m a t i k Reiser-MoRiTzens symbolisiert sdieint. 1 2 M i t dieser Feststellung befinden w i r uns w i e d e r v o r einer unüberbrückbaren Antithese: auf der einen Seite äußerste E n t s e l b s t u n g und mystische V e r s e n k u n g in das Göttliche, auf der anderen leidenschaftlicher W i l l e z u m L e b e n und Gestalten im Bereich des T h e a t e r s . W i r w o l l e n versuchen, den Z u s a m m e n h a n g zwischen diesen beiden Seiten des MoRiTzschen L e b e n s g e f ü h l s zu erkennen. Methodisch unterscheidet sich die vorliegende A r b e i t dadurch von anderen B e m ü h u n g e n u m die G e s t a l t MoRiTzens, daß sie auf einem breiteren Material beruht. A u d i die neueren Forschungen, v o n denen hier besonders die Untersuchungen N a e f s , Fahrners, Blumenthals, K ö h l e r s , Menzers und Ghislers genannt seien, gehen doch im äußersten Falle meist nur auf den « A n t o n R e i s e r » , die « H a r t k n o p f » - B ä n d e und die A b h a n d l u n g « Ü b e r die bildende N a c h a h m u n g des Schönen» ein. 1 3 Nicht ausgeschöpft ist v o r allem bisher das « M a g a z i n zur E r f a h r u n g s s e e l e n k u n d e » , das eine verhältnismäßig lange Z e i t s p a n n e v o n MoRiTzens L e b e n begleitet ( 1 7 8 3 — 1 7 9 3 ) und daher besonders geeignet erscheint, Aufschlüsse über seine W e s e n s a r t und seine innere E n t w i c k l u n g zu g e b e n . 1 4 M i t der g r ö ß e r e n Breite des benutzten Materials in engem Z u s a m m e n h a n g steht erklärlicherweise, daß sich neue Seiten des W e s e n s MoRiTzens aufschlössen. V o r allem zeigte sich eine a u f f ä l l i g e B e s t i m m u n g durch die soziale P r o b l e m a t i k der Z e i t , die g a n z neue, bisher nicht gesehene Perspektiven e r ö f f n e t . F ü r unsere spezielle Fragestellung ergibt sich dabei eine besonders enge und aufschlußreiche V e r b i n d u n g v o n gesellschaftlicher U n terdrückung und Theaterleidenschaft. G e r a d e im Falle MoRiTzens zeigt sich, daß die geistesgeschichtliche M e t h o d e im geläufigen Sinne nicht ausreicht, w e n n man P r o b l e m - E n t w i c k l u n g e n innerhalb solcher Perioden zu verstehen sucht, deren gesellschaftliches G e f ü g e so stark im Flusse ist w i e in der zweiten H ä l f t e des 18. J a h r h u n d e r t s in Deutschland. E r s t dann, w e n n m a n die sozialen S p a n n u n g e n und ihre E i n w i r k u n g e n auf die Ideologien solcher Z e i t e n heraushebt, tritt der Lebenssinn dieser Ideologien, der über der rein theoretisch-inhaltlichen B e d e u t u n g liegt, h e r v o r . 1 5 In der E n t w i c k l u n g MoRiTzens sehen w i r somit religiöse

und

gesell-

schaftliche A n t r i e b e am W e r k e , die mit aller M a c h t zur A u s w i r k u n g drängen. Die G r ü n d e f ü r die U m s e t z u n g solcher elementaren seelischen B e w e gungen auf die S p h ä r e des T h e a t e r s möchte diese A r b e i t aufzeigen und damit die S t r u k t u r der MoRiTzschen Persönlichkeit w e i t e r erhellen. M i t der A n a l y s e der Theaterleidenschaft, w i e sie sich in der E n t w i c k l u n g M o RiTzens darstellt, h o f f t der V e r f a s s e r , zugleich zur grundsätzlichen K l ä r u n g dieses P r o b l e m s beizutragen, das f ü r seine E p o c h e und darüber hinaus von so großer allgemeiner B e d e u t u n g w a r .

I. M E N S C H U N D W E L T IM « A N T O N REISER»

Eine Grundaufgabe, vor die sich jeder Mensch gestellt sieht, ist die, in der Verbindung von persönlicher Veranlagung und Umwelt sein Selbst zu finden und zu gründen. Auch Karl Philipp M O R I T Z steht dieser Grundforderung gegenüber. Die Erforschung seines speziellen Entwicklungsproblems wird man also in zweifacher Weise versuchen: Neben die strukturelle muß die genetische Betrachtungsweise treten. M O R I T Z selbst, dessen Jugendentwicklung wir im «Anton Reiser» direkt geschildert finden, indirekt jedoch deutlich auch aus seinen anderen Schriften ablesen können, ist sich dieser doppelten Begründung seines inneren Weges wohlbewußt gewesen, wenn es dem Leser seiner Autobiographie auch anders erscheinen mag. Das Werden des jungen Reiser, das im Grunde ein einziges Leiden an der Verständnislosigkeit oder Böswilligkeit seiner Umwelt ist, wird von M O R I T Z zwar unter genetisdiem Gesichtspunkt betrachtet; und diese Einseitigkeit hat ihm schon zu Lebzeiten manche Verkennung eingetragen. So konnte es zu G L E I M S Epigramm «Audiatur et altera pars» kommen: «Mit aller Welt im Norden und im Süden Ist Anton Reiser unzufrieden. Sagt mir, Ihr Lieben, wenn Ihr's wißt, Ob sie mit ihm zufrieden ist.»18 Und der gleiche Vorwurf spricht aus H E I N E S ironischen Worten über den «Reiser», « . . . der die Geschichte des Verfassers enthält, oder vielmehr die Geschichte einiger hundert Taler, die der Verfasser nicht hatte, und wodurch sein ganzes Leben eine Reihe von Entbehrungen und Entsagungen wurde, während doch seine Wünsche nichts weniger als unbescheiden waren . . . » 1 7 M O R I T Z selbst muß sich jedoch bald über die Problematik einer so ausschließlich genetisch verfahrenden Betrachtungsweise klargeworden sein. Im Jahre 1786, nachdem also der erste, vielleicht audi schon der zweite und dritte Teil des «Anton Reiser» erschienen waren, stellt er im «Magazin zur Erfahrungsseelenkunde» die Fragwürdigkeit einer solchen Einseitigkeit fest: «Nun ist die Frage: ob die häufigen unangenehmen Eindrücke in der Kindheit, jene melancholische Stimmung des Gemiiths, oder ob die melancholische Stimmung des Gemiiths, welche vorher schon da war, die unangenehmen Eindrücke hervorgebracht habe?» Er ist sich dessen bewußt, « . . . daß die unangenehmen Eindrücke von seiner Kindheit an, bei ihm das Uebergewicht gehabt haben; nur bleibt es ihm noch immer

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Mensch und Welt im «Anton Reiser»

zweifelhaft, ob dieß Uebergewicht durch die größre

Menge

der unange-

nehmen Eindrücke, oder durch eine besondre melancholische Stimmung des Gemüths, b e w i r k t wurde, die vielleicht schon v o n seiner Geburt an, in sein Daseyn v e r w e b t war.» («Magazin». 4. Bd. 3. Stück. S. 15 f. — H e r vorhebungen im Original.) M a n darf sich also auf MORITZ selbst berufen, w e n n man nicht nur die Erlebnis-, sondern auch die Persönlichkeitsanalyse anwendet. E r s t bei Beachtung beider Gesichtspunkte können w i r einen umfassenden Eindruck v o n der notvollen Situation gewinnen, in der sich die M o R i T z s c h e Individualität an ihrem Ausgangspunkt befindet. E i n W e s e n v o n äußerster Reizbarkeit, geringer seelischer Widerstandskraft und g r o ß e r Labilität, wird er ständig hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach völliger Passivität und dem glühenden Wunsche zu wirken

— im Doppelsinne des W o r t e s . Die U m w e l t seiner Kindheit

und seiner Jugendjahre ist w e n i g dazu angetan, ihm die ersten Schritte aus der H ü r d e egozentrischer Individualität zu erleichtern: In der gesellschaftlichen R a n g o r d n u n g der Z p i t nimmt das Kleinbürgertum, dem er entstammt, eine besonders benachteiligte Stellung ein. Die Folge solcher Spannung zwischen dem W u n s c h zu wirken und der sozialen Realität ist ein tiefes Leiden an dieser Bedingtheit seiner Individualität. U n d doch erliegt MORITZ niemals ganz der V e r z w e i f l u n g , weicht er niemals endgültig der A u f g a b e aus, sich im fruchtbaren Widerspiel gegen die W e l t z u m Selbst zu formen, gibt er sich niemals endgültig mit einem gestaltlosen, rein vegetativen Dasein zufrieden. Immer wieder rafft er sich auf aus den A b g r ü n d e n der V e r z w e i f l u n g , immer wieder strebt er danach, in die W e l t zu w i r k e n und die W e l t auf sich w i r k e n zu lassen. M i t der genauen und schonungslosen Darstellung der eigenen Jugend gibt uns MORITZ selbst das Material, diese auch nach den niederdrückendsten Enttäuschungen immer neu aufflammende Auseinandersetzung seines Ichs mit der W e l t zu verfolgen. Zugleich zeigt sich im «Anton Reiser» aber, daß auf diesem W e g e , sein Selbst zu verwirklichen, unendlich viele U n t e r brechungen liegen, die einen ganz anderen T r i e b erkennen lassen, den W u n s c h nämlich, sich ganz in sich zurückzuziehen und zu entsagen. D o c h damit nicht genug: A m rätselhaftesten ist die Tatsache, daß beide gegensätzlichen Haltungen nun selten ganz rein und ungemischt erscheinen. D e r D r a n g nach W i r k u n g enthält zugleich die Sehnsucht nach Entsagung; die Einschränkung vermag in äußerste Expansion überzugehen. E s w i r d sich zeigen, daß die Anziehungskraft des Theaters auf MORITZ sich letztlich aus dem Streben nach V e r s ö h n u n g dieser ursprünglich unvereinbaren T e n d e n zen erklären läßt. Fragt man nach der frühesten F o r m des Selbstverwirklichungsdranges im menschlichen Leben, so w i r d man auf das Verhältnis des Kindes zu den Eltern gewiesen. Hier v e r m a g ja die Selbsterweiterung des Individuums

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zuerst ihr Ziel zu finden: Das Erlebnis der Elternliebe ist die Vorstufe jeglichen Gemeinschaftsdranges und jedes Gemeinschaftsgefühls, die sich später gegenüber den größeren Gemeinschaftsgebilden zu bewähren haben. V o n M O R I T Z aber konnte « . . . man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward . . . — Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner frühesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wußte nicht, an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte, da sich beide haßten und ihm doch einer so nahe wie der andre war . . . — Die ersten Eindrücke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden und haben sie o f t zu einem Sammelplatz schwarzer Gedanken gemacht, die er durch keine Philosophie verdrängen konnte.» («Reiser», S. 13.) Das Ausgeliefertsein des hilflosen Individuums an das Leben, ohne Schutz und ohne Halt an einer Gemeinschaft war also MoRiTzens früheste Lebenserfahrung. Welche Schäden ein solches Erlebnis f ü r die weitere Entwicklung mit sich bringen kann — im Sinne völliger Verkapselung oder im Sinne einer Hinwendung zu asozialen Lebensformen —, haben Psychoanalyse und Individualpsychologie gelehrt. Wieviel stärker mußte ein Individuum wie M O R I T Z hierdurch gefährdet werden, er, der solchem Schicksal wenig robuste Lebenskräfte entgegenzusetzen hatte. Eine weitere Behinderung des Dranges nach Umweltberührung war MoRiTzens skrofulöse Erkrankung mit der durch sie erzwungenen Absonderung. Sie ging so weit, daß er seine Umgebung « . . . beständig von sich wie von einem, der schon wie ein T o t e r beobachtet wird», reden hörte. («Reiser», S. 17.) Krankheit wurde überhaupt ständige Begleiterin seines Lebens. M a g auch manches Symptom von ihm hypochondrisch übertrieben worden sein, die ihm selbst nicht bekannte Tatsache, daß er nur eine halbe Lunge besaß, kann seine psychische Unausgeglichenheit, seinen Mangel an Konzentration, seine Überempfindlichkeit zum guten Teil erklären. 18 Etwas anderes trug dazu bei, M O R I T Z ZU keinem Kontakt mit seiner U m welt kommen zu lassen: « . . . die Scham wegen seiner armseligen, schmutzigen und zerrißnen Kleidung . . . » («Reiser», S. 15.) Da er den Menschen mißfiel, wurde er zu immer größerer Nachlässigkeit verführt, « . . . denn es war sehr natürlich, daß Reiser keine Lust zu seinem Körper hatte . . . » («Reiser», S. 176.) 1 9 Das Fehlen der mütterlichen Zärtlichkeit, die sich ganz einem später geborenen Sohn zugewandt hatte, drückt sich hier erschütternd aus. Alle diese seelischen Belastungen seiner Jugend, die sich gegenseitig verstärken, haben ein immer wiederkehrendes Grundgefühl MoRiTzens der Außenwelt gegenüber zur Folge: die Scham. Diese Scham ist die erste Reaktion auf sämtliche Begegnungen mit der Außenwelt, so daß M O R I T Z schließlich reale Begebnisse völlig umkonstruiert, damit sich ein Gefühl der Beschämung einstellen kann. Die Folge dieses Affekts ist bei ihm stets

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Mensch und Welt im «Anton Reiser»

eine längere oder kürzere Z e i t währende «Seelenlähmung». S. 185.)

(«Reiser»,

Eine fruchtbare Beziehung zu den Eltern also w a r dem Streben nach Selbstverwirklichung durch ein D u , wie es dem K i n d v o r allem in der M u t t e r begegnet, versagt. D a ß sich ein solcher Mangel auf die künftige E n t w i c k l u n g K a r l Philipps in ganz besonderer Hinsicht auswirken mußte, w i r d evident, w e n n man in der echten Entfaltung des K i n d - M u t t e r - V e r hältnisses eine erste E r f ü l l u n g des menschlichen Dranges nach Liebe erblickt. V o n der Möglichkeit und der A r t solcher frühen E r f ü l l u n g hängt die künftige Einstellung des Individuums z u m Liebesproblem in hohem M a ß e ab, und so ist es nicht überraschend, daß MORITZ sich dieser heftigsten und entscheidendsten Form der U m w e l t b e z i e h u n g später hilflos gegenübersieht. Unwirklichkeit charakterisiert sein Liebessehnen: «Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen W a n g e n und einer Miene voll himmlischer Andacht z u m A l t a r hinzutrat, machte zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. E r hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen.» («Reiser», S. 7z f.) Diese Stelle aus dem A n f a n g des Romans findet eine sehr aufschlußreiche Ergänzung am Schluß des Buches, w o es heißt: «Ganz an dem einen Ende des halben Zirkels stand ein Jüngling mit blassen W a n g e n v o n ausnehmend schöner Bildung. — Reiser konnte seine A u g e n nicht v o n den seinigen wenden, die er andachtsvoll gen Himmel schlug . . . Reisern schwebte das Bild dieses Jünglings von nun an beständig v o r der Seele. — M i t jenem Jüngling wollte er dort verblühen und dem G r a b e zuwelken — dort wollte er selber sein einsames Gärtchen bauen — den sanften Strahl der Abendsonne in seiner Z e l l e begrüßen — und allen irdischen W ü n s c h e n und H o f f n u n g e n entnommen mit Ruhe und Heiterkeit dem T o d e entgegensehen.» («Reiser», S. 397 f.) Auch hier ist es die sakrale Sphäre, in der ihm der Z a u b e r des Eros begegnet, denn neben dem äußeren Reiz ist es wiederum die religiöse Versunkenheit, die die Anziehungskraft beider begründet. 2 0 Auch in der Liebe fand der junge MORITZ, dessen Entwicklung bis etwa in sein 20. Lebensjahr der «Anton Reiser» schildert, nicht jene V e r w i r k l i chungs- und Entfaltungsmöglichkeit, um die es ihm bei all seiner Sehnsucht nach intensiver Beziehung zur U m w e l t ging. Minder nennt Reiser einen «Meister ohne Philine» und weist damit auf die Bedeutung des Erotischen im « W i l h e l m Meister» hin — im Gegensatz z u m «Anton Reiser». 2 1 In der Hinneigung W i l h e l m Meisters z u m T h e a t e r liegt ja ein gut T e i l Sehnsucht, aus der erotisch gehemmten bürgerlichen W e l t auszubrechen. Die Verquickung des Theatertriebes mit diesem erotischen T r i e b wird ganz deutlich am Schlüsse des 4. Buches v o n «Wilhelm Meisters Lehrjahren»:

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«War es denn bloß Liebe zu Marianen, die mich an's Theater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Mädchen festknüpfte? W a r jene Aussicht, jener Ausweg nach der Bühne bloß einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Verhältnisse der bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es Alles anders, seiner w ü r d i g e r ? » " Auch bei der Theaterleidenschaft MoRiTzens wird es sich um einen tief lebensmäßig bedingten Akt der Befreiung handeln — das Erotische jedoch findet in ihr keinen Klang. In der Liebe kann sich sein Expansionstrieb nicht auswirken. Eine wahre Befreiung und Lösung aus dem leidvollen Erlebnis der Individuation muß in anderen Sphären erhofft werden. Aus MoRiTzens Vergeistigungssehnsucht (mögen wir sie negativ als « . . . planvolles Verfehlen der Wirklichkeit» des nervösen Typs im Adlersdien Sinne2*, mögen wir sie positiv als religiöse Sehnsucht nach Entkörperlichung deuten) erklärt sich die unverhältnismäßig starke Kraft des Freundschaftstriebes in der im «Reiser» geschilderten Jugendepoche. V o r allem ist es der Wunsch, sidi führen zu lassen, nach einem Leitstern zu blicken, der in der Freundschaft eher seine Verwirklichung finden kann als in der Liebe: Es wird auch hier wieder die Form der expansiven Umweltbeziehung gewählt, die in der Art ihrer Realisierung zugleich eine Verwirklichung des Sehnens nach Hingabe, ja nach Selbstauflösung ermöglicht. Sind doch die Mischformen MoRiTzens eigentliche V e r w i r k l i c h u n g s -

weisen; sie schaffen wenigstens die Illusion einer Synthese. So tritt neben das frühe « . . . Bedürfnis der Freundschaft von seinesgleichen . . . » («Reiser», S. 14), das erst in dem Gedanken- und Seelenaustausch mit seinem Braunschweiger Mitlehrburschen Erfüllung findet, das Anlehnungs- und Verehrungsbedürfnis, das sich erst einem Lehrer, dann seinem Rektor zuwendet. Und noch die echte, die ganze Jugendzeit Antons begleitende Freundschaft mit Philipp Reiser — die Wahl des gleichen Namens für beide Freunde drückt den hohen Grad der Identifizierung aus — erklärt sich vor allem aus dem Wunsch, von dem Älteren, Gefestigteren geführt zu werden. 24 Kein Wunder, daß eine Individualität wie die MoRiTzens, deren Grundmerkmal der Mangel an «Existenz» ist 25 , in der Anlehnung an andere, in der Klärung durch andere danach strebt, ihres Selbst erst bewußt zu werden: «Wie öde, wie traurig ist hier alles um mich her! — Und ich muß verlassen und einsam hier herumirren — keine Stütze, kein Führer!» («Reiser», S. 238.) Die bitteren Erfahrungen, die er mit der Gemeinschaft seiner Schulkameraden gemacht, die Unfähigkeit, seine zerfließende Persönlichkeit einer Gruppe gegenüber zur Geltung zu bringen, lassen ihn Zuflucht immer nur beim Individuum suchen: «So ging ich und dachte, und finsterer Gram erfüllte meine Seele. — Als plötzlich ein Jüngling vor mir stand — den

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Mensdi und Welt im «Anton Reiser»

Freund verkündigte sein Blick — Empfindung sprach sein sanftes Auge — schleunig wollte ich entfliehn — aber er faßte so vertraulich meine Hand — und ich blieb stehn — er umarmte mich, ich ihn — unsre Seelen flössen zusammen. — Und um uns wards Elysium.» («Reiser», S. 239). Dies ist die Grundkonzeption des MowTZschen Freundschaftsgefühls. Ziel bleibt für MORITZ immer der Aufstieg der erst durch die Freundschaft ihres Selbst bewußt gewordenen Persönlichkeit über die Gemeinschaft gleichgestimmter Seelen zur Auflösung im All. Seine Freundschaftsauffassung gemahnt also eher an das Grundgefühl von SCHILLERS «Freundschaft» als an die süßlich-behäbige Freundschaftslyrik der Aufklärung. 2 · Zeydel trifft den Kern, wenn er sagt: «Moritz . . . like Schlegel, looks upon friendship as a means of achieving ». 27 In der Freundschaft gelingt MORITZ die erste und einzige Beziehung zur Welt (ihr Gipfel wird die Bindung an GOETHE), und so kann es uns nicht wundern, daß sich die «Hartknopf»-Dichtung zum Hymnus auf die Idee der Freundschaft in allen ihren Formen entwickelt. Die Sehnsucht nach Freundschaft wie nach Liebe ist Ausdruck eines Strebens aus der Individuation. In einer aktiv oder passiv betonten Beziehung zum Du soll sich die wahre Begründung des Ichs vollziehen. Welch geringe Verwirklichungsmöglichkeiten dieses Streben im Hinblidc auf MoRiTZens engste und nächste Gemeinschaft, die Familie, fand, wurde bereits erörtert. Neben diese engste Gemeinschaftseinheit treten später die Gemeinschaften von Schule und Lehre. Auch ihnen gegenüber hat er entweder die Empfindung beglückender Geborgenheit oder das Gefühl völliger Nichtigkeit, völliger Auslöschung seines Ichs. In seiner Braunschweiger Lehrzeit « . . . machte ihm der ordentliche Gang der Geschäfte, den er hier bemerkte, eine Art von angenehmer Empfindung, daß er gern ein Rad in dieser Maschine mit war, die sich so ordentlich bewegte . . . » («Reiser», S. 52). D. h. er empfindet in diesem Falle beglückend die so spezifisch MoRiTZsche Vermischung von Wirkungstrieb und Sehnsucht nach Hingabe. Eine andere Nuance des gleichen Grundtriebes zeigt sich in der Schilderung der Erfurter Immatrikulation: « E r stand nun wieder in Reihe und Glied, war ein Mitbürger einer Menschenklasse, die sich durch einen höhern Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben. Durch seine Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.» («Reiser», S. 389). Auch hier fühlt er sich wieder als «Rad in einer Maschine», doch nun handelt es sich nicht mehr um dienende, sich selbst aufgebende Einordnung, sondern um das Bewußtsein und den Wunsch, mittels dieser Gemeinschaft, die er als sozial gehoben empfindet, wirken, glänzen und herrschen zu können. Diesem positiven Gemeinschaftserleben, mag es sich nun in passiver oder

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a k t i v e r N u a n c i e r u n g äußern, steht jedoch ein negatives V e r h ä l t n i s zu den G e m e i n s c h a f t s f o r m e n gegenüber: O f t weicht die scheinbare B e f r i e d i g u n g seines drängenden Gemeinschaftssehnens sehr bald bitterer Enttäuschung, •wenn MORITZ e r f ä h r t , w i e seiner zerfließenden Individualität, die nie die z u m Bestehen innerhalb der Gemeinschaft erforderliche Dichte, Fülle und Festigkeit besitzt, eben diese so ersehnte Gemeinschaft als böse M a c h t begegnet. D a n n f ü h r t der k r a m p f h a f t e Versuch, sich dennoch durchzusetzen, innerhalb der Gemeinschaft sein Ich wachsen zu lassen, auf I r r w e g e . S o m u ß der A l k o h o l r a u s c h dazu dienen, das Ich zu kräftigen und zu erhöhen: « . . . die A u f m e r k s a m k e i t der übrigen auf ihn, die diesmal m e h r mit einer gewissen A r t v o n Beifall als mit Spott v e r k n ü p f t w a r , schmeichelte ihm . . . dies geheime V e r g n ü g e n , welches R e i s e r e m p f a n d , da es ihm zu gelingen schien, sich durch das Schlechte bemerkt zu machen, ist w o h l die gefährlichste K l i p p e der V e r f ü h r u n g , w o r a n die meisten jungen L e u t e zu scheitern pflegen.» («Reiser», S. 1 8 1 ) . A u f diese paradoxe W e i s e setzt MORITZ sich innerlich wieder in ausgewogene Beziehung zur

Ge-

meinschaft: H i e r v e r m a g sein durch den Rausch vitalisiertes Ich eine R o l l e zu spielen und in dieser R o l l e sich als Selbst zu fühlen. E s w i r d deutlich, w i e nahe eine solche A r t des Gemeinschaftssuchens und des Sich-Durchsetzens zur asozialen Betätigung in einer asozialen Gemeinschaft steht. D i e G e f a h r eines Versinkens im Kriminellen, die das Individuum u m lauert, das seinen D r a n g nach Beziehung zu einer Gemeinschaft nicht positiv betätigen kann, w i r d in besonders erhellender W e i s e o f f e n b a r bei einem Blick auf SCHILLERS «Verbrecher aus verlorener E h r e » . SCHILLER schreibt in einem Brief an Caroline v o n B e u l w i t z ( W e i m a r , 10. Dezember

1788):

«In R o m f a n d er» (MORITZ) «meine T h a l i a , und einige ähnliche E m p t i n dungsarten, die im Sonnenwirth (in meinem V e r b r e c h e r aus I n f a m i e ) ausgestreut sind und mit seinem Reiser übereintreffen überraschten ihn sehr.» 8 8 E i n kurzer V e r g l e i c h beider W e r k e soll dazu dienen, die G e f ä h r d u n g zu verdeutlichen, die v o n MORITZ im Gegensatz zur T i t e l f i g u r der SCHILLERschen E r z ä h l u n g ü b e r w u n d e n w i r d . «•Der V e r b r e c h e r aus verlorener E h r e » erschien zuerst 1 7 8 6 , also ein J a h r nach dem ersten T e i l des «Anton Reiser», und hat, w a s die Charakterentwicklung des H e l d e n w i e die Grundabsicht des W e r k e s angeht, u n v e r kennbare G e m e i n s a m k e i t e n mit diesem. 2 ' So ist die ScHiLLERSche E r z ä h l u n g genau wie der «Reiser» eine in hohem M a ß e soziologisch und psychologisch analysierende D i c h t u n g mit pädagogischem Z i e l , deren Untertitel

«Eine

w a h r e Geschichte» dasselbe besagen soll, w a s MORITZ im V o r w o r t zum 2. T e i l seines eigenen W e r k e s ausspricht, w o er darauf hinweist, sein R o m a n sei « . . . im eigentlichsten Verstände Biographie und z w a r eine so w a h r e und g e t r e u e Darstellung eines Menschenlebens bis auf seine kleinsten N ü a n c e n . . . als es vielleicht nur irgendeine geben kann.» («Reiser»,

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Mensch und Welt im «Anton Reiser»

S. 1 0 7 ) . SCHILLER betont den V o r r a n g der inneren Ursachen v o r den äußeren W i r k u n g e n : W i r müssen den Helden « . . . seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Thaten und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Thaten.» 3 0 Dasselbe meint MORITZ, wenn er in der Vorrede zum 1. T e i l sagt, sein Buch solle « . . . vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern . . . » («Reiser», S. 7); «der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. E r sucht sie in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten, und in diesen beiden findet er sie gewiß», heißt es bei SCHILLER, während MORITZ, w i e w i r sahen, die gesamte Entwicklung Reisers fast ausschließlich aus den — w i e SCHILLER es ausdrückt — «. . . veränderlichen Bedingungen . . . » ableitet: « W e m nun an einer solchen getreuen D a r stellung etwas gelegen ist, der wird sich an das anfänglich Unbedeutende und unwichtig Scheinende nicht stoßen, sondern in E r w ä g u n g ziehen, daß dies künstlich verflochtene Gewebe eines Menschenlebens aus einer unendlichen M e n g e von Kleinigkeiten besteht, die alle in dieser Verflechtung äußerst wichtig werden, so unbedeutend sie an sich scheinen.» («Reiser», S. 107). Beide Helden leiden von frühester Jugend an unter dem Mangel an «Existenz». («Reiser», S. 362). Beide beobachten wir nun auf der Suche nach Existenz, d. h. in dem Bestreben, ihr durch Veranlagung und äußere Einflüsse gehemmtes und unentwickeltes Ich zu einer gewissen Festigkeit zu bringen. Im «Verbrecher aus verlorener Ehre» haben wir die gleichen Stufen dieses Dranges v o r Augen wie im «Reiser». Denn halbbewußt liegt auch in MORITZ die Vorstellung eines gewaltsamen Ausbrechens aus der Gesellschaft, einer revolutionären Veränderung alles Bestehenden. So heißt es: « . . . als in der Stadt, w o seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine A r t von geheimen Wunsche, daß das Feuer nicht so bald gelöscht werden möchte. — Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahndung von großen Veränderungen, Auswanderungen und Revolutionen, w o alle Dinge eine ganz andre G e stalt bekommen und die bisherige Einförmigkeit aufhören würde.» («Reiser», S. 27). H i e r drückt sich nichts andres aus als das alte Leiden des Mangels an Existenz, die durch einen revolutionären A k t erfüllt und erweitert werden soll. (Bezeichnend ist auch hier wieder die Tatsache, daß MORITZ nicht in der L a g e ist, mit seinem ganzen Ich diese gewaltsame Umbildung durchzusetzen, sondern vor dieser letzten Form der Ausbreitung zurückschreckt und sie passiv abwartet, um sie nur zu benutzen, statt sie zu schaffen.)

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Wie leicht M O R I T Z bei einer solchen seelischen Disposition in einen gewaltsamen Akt krimineller Art hätte verwickelt werden können, liegt auf der Hand. Diese Versuchung tritt an ihn heran in einer Lebensepoche äußerster Armut und völliger Seelenlähmung, die ihn in die Gesellschaft zweier asozialer Kameraden bringt. Die gesellschaftsfeindlidie Stimmung dieses Kleeblatts findet nun ihre relativ harmlose Lösung in einem Obstdiebstahl. «Es war, als hätte man eine Festung mit Sturm erobert . . . » , heißt es im «Reiser» (S. 201), und diesem seelischen Auftrieb ist eine Verlockung zur Wiederholung und Ausweitung des kriminellen Aktes schon immanent: «Reiser fand sich zu dergleichen Expeditionen gar nicht übel aufgelegt — dies deuchte ihm eigentlich nicht Diebstahl, sondern nur gleichsam eine Streiferei in ein feindliches Gebiet zu sein, die wegen des Muts, der dabei erfordert wird, immer noch eine ehrenvolle Sache ist.» («Reiser», S. 202). Dies bleibt zwar MoRiTzens einzige Entgleisung asozialer Art in der Realität. Die endgültige seelische Befreiung gelingt ihm jedoch erst nach einem Erlebnis, an dem er faktisch zwar unbeteiligt ist, das ihm seine Gefährdung aber blitzartig veranschaulicht: Der Hauptanstifter des Obstdiebstahls wird wenige Wochen danach als Kirchenräuber entlarvt. Dieses Geschehnis erst, das M O R I T Z tief aufwühlt, bringt den Umschwung in seiner Seele, die Abwendung von diesem Irrweg seines Wirkungsdranges: «Reisern ergriff Beben und Entsetzen, da er ihn hinführen sähe — und was das sonderbarste war, so machte der Gedanke, man möchte ihn etwa für einen Mitschuldigen des . . . Verbrechens seines ehemaligen Stubengesellsdiafters halten, daß sich gerade solche Merkmale der Scham und Verwirrung bei ihm äußerten, als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen wäre — so daß seine Angst beinahe so groß wurde, als ob er wirklich selbst ein Verbrechen begangen hätte . . . Reiser würde in dem nächtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als Niederträchtiges gefunden haben, und es würde G . . . vielleicht nicht schwerer geworden sein, ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf der Kirscheninsel zu bereden. — W e r weiß, ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewußtsein mit zu Reisers Verwirrung beitrug, sooft von G . . . gesprochen wurde — es deuchte ihm nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen, zu dem er hätte verleitet werden können, daß es ihm ging wie einem, dem» — man beachte audi hier wieder die ambivalente Einstellung MoRiTzens — «vor einem Abgrunde schwindelt, von welchem er noch weit genug entfernt ist, um nicht hereinzustürzen, der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam hingezogen fühlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt.» («Reiser», S. 214, 215). In der Entwicklung MoRiTzens darf man das Verbrecherische als Ausdruck eines «heroischen» Triebes, sich zu entfalten und zu wirken, nicht

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übersehen. Nicht nur moralische Feinfühligkeit bewahrt M O R I T Z jedoch, sondern ebenso die hier durchaus positive Funktion der Phantasie: In unmittelbarer Nachbarschaft der Stelle, in der M O R I T Z , von den Empfindungen bei dem Brand ausgehend, die geheime Verlockung revolutionärer Umwälzungen beschreibt, heißt es: «Das allergrößte Vergnügen machte es ihm, wenn er eine aus kleinen papiernen Häusern erbauete Stadt verbrennen und dann nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zurückgebliebenen Aschenhaufen betrachten konnte.» («Reiser», S. 27). Das ist die Abreaktion eines asozialen Dranges nach Wirklichkeit mittels der Phantasie. Viel später taucht noch einmal wie eine ferne Versuchung das Kriminelle auf, ohne sich nun jedoch mehr realisieren zu können. Deutlicher als je wird aber dort, was ihm die Verlockung zum Asozialen im tiefsten Sinne verheißt: Rettung vor der Unerfülltheit und Existenzlosigkeit des eigenen Ichs: « . . . er mußte irgendein Verbrechen begangen haben, das ihn in der Irre umhertrieb; ein solches Verbrechen dachte er sich nun aus . . . Und dies allein war es, was ihn von der Verzweiflung rettete; denn hätte er sich seinen Zustand völlig so leer und abgeschmackt gedacht, wie er wirklich war, so würde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken sein.» («Reiser», S. 378/379). Auch S C H I L L E R S Sonnenwirt leidet wie M O R I T Z von frühester Jugend an unter seiner körperlichen Inferiorität, «.. . welche alle Weiber von ihm zurückscheuchte und dem Witz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung darbot.»* 1 Auch hier also ein Zurückgestoßen-Werden aus den Gemeinschaftsformen der Liebe und der Freundschaft. Z u dem körperlichen tritt nun ein weiteres Motiv, das uns aus dem «Reiser» so vertraut ist: «. . . ihn selbst drückte Mangel, und der eitle Versuch, seine Außenseite geltend zu machen, verschlang noch das wenige, was er durch eine schlechte Wirtschaft erwarb.» 32 Diese Hemmungen körperlicher und sozialer Art verhindern ein Ausleben des Dranges, innerhalb sozialer Gemeinschaften sein Ich zu entfalten, führen den Sonnenwirt auf den W e g des Verbrechens und schließlich nach inneren Kämpfen zur Eingliederung in die Verbrechergemeinschaft der Festungshäftlinge: «Anfangs floh ich dieses Volk und verkroch mich vor ihren Gesprächen, so gut mir's möglich war; aber ich brauchte ein Geschöpf, und die Barbarei meiner Wächter hatte mir auch meinen Hund abgeschlagen . . . So gewöhnte ich mich endlich an das Abscheulichste, und im letzten Vierteljahr hatte ich meine Lehrmeister übertreffen.» 3 ' Die Grundsituation ist also die gleiche wie bei M O R I T Z . V o r allem e i η Motiv kehrt in beiden Werken wieder: Auf dem Höhepunkt der Verzweiflung wendet sich der Mensch, um das Gefühl seines Selbst nicht ganz zu verlieren, bewußt ins Negative und findet es nun im Amoralischen wieder. Mit anderen Worten: Dem Trieb, sich in der Beziehung zum Du oder zu einer Gemeinschaft zu entfalten, muß Genüge

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getan werden. Wenn dies in der sozialen Gemeinschaft nidit möglich ist, so ist Erfüllung und Bestätigung in der Welt des Asozialen letzte Rettung vor völliger Entleerung und Auslöschung: « . . . dies geheime Vergnügen, welches Reiser empfand, da es ihm zu gelingen schien, sich durch das Schlechte bemerkt zu machen, ist wohl die gefährlichste Klippe der Verführung, woran die meisten jungen Leute zu scheitern pflegen . . . » («Reiser», S. 1 8 1 ) , hieß es bei M O R I T Z , — im «Verbrecher aus verlorener Ehre» gleichsinnig: « . . . ich dürstete jetzt ebensosehr nach neuer Erniedrigung, als ich ehemals davor gezittert hatte . . . » oder: «Die Welt hatte mich ausgeworfen wie einen Verpesteten — hier fand ich brüderliche Aufnahme, Wohlleben und Ehre.» 84 Ein Vergleich beider Werke hat also Folgendes gezeigt: Die Gewalt des Triebes nach Umweltbeziehung drängt bei Verhinderung ins Asoziale. Diese Tendenz wird bei M O R I T Z sublimiert durch die Kraft der Phantasie, der moralische Wachsamkeit und intellektuelle Lauterkeit zur Seite stehen. Der Urtrieb aber, den eine Ablenkung auf das Gebiet der Phantasie auf die Dauer nicht zu befriedigen vermag, sucht sich andere Ventile. Die Geschlossenheit und Festigkeit des Ichs, wie sie der Verbrecher aus verlorener Ehre schließlich gefunden hat, ist aufs neue in Frage gestellt. Der Kampf um Überwindung der Individuationstragik in M O R I T Z dauert fort. Eine andere Möglichkeit bietet sich jedoch an: An die Stelle eines Aufschwungs durch gewaltsames Handeln tritt der völlige Verzicht auf Gemeinschaft, auf Füllung des leeren Seelengrundes mit sozialen Werten. Der W e g sieht jedesmal so aus: Sehnen nach der Gemeinschaft, A u f nahme in die Gemeinschaft, Verwerfung durch die Gemeinschaft, V e r kapselung in sich selbst, Gedanken an eine Selbstauslösdiung des eigenen Ichs, — oder mit MoRiTzens Worten: «Sein eignes äußres Schicksal war ihm daher so verächtlich, . . . daß er aus sich selbst nichts mehr machte . . . Nichts w a r ihm unausstehlicher, als, wenn die Lehrstunden geendigt waren, sich beim Herausgehen unter dem Schwärm seiner . . . Mitschüler zu befinden, von denen ihn keiner mehr an seiner Seite zu gehen würdigte — wie oft wünschte er sich in solchen Augenblicken endlich von der Last seines Körpers befreit und durch einen plötzlichen T o d aus diesem quälenden Zusammenhange gerissen zu werden.» («Reiser», S. 185/186). Gewiß ist die Gewalt des MoRiTZschen Gemeinschaftsstrebens nicht nur anthropologisch, sondern auch sozialgeschichtlich bedingt: Das Mitglied einer unterdrückten Klasse drängt in die gehobene Gesellschaft. MoRiTzens Sehnsucht nach Gemeinschaft, zunächst eine Form des Urtriebes nach Auswirkung und Entfaltung, zielt nämlich nach Aufstieg in höhere Schichten, um mittels dieser Schichten zu Ansehen, Glanz und Wirkung zu gelangen. So war es sein « . . . sehnlicher Wunsch, . . . dem Aufzuge mit Fackeln und Musik beizuwohnen und dort öffentlich mit in Reihe und

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G l i e d e zu g e h n . . . denn durch seine T e i l n e h m u n g an d e m A u f z u g e fühlte er sich gleichsam in alle Rechte seines Standes . . .

wieder

( « R e i s e r » , S. 2 1 9 ) . Die soziale Situation hat hier also w i e

eingesetzt.» später bei

HEBBEL die psychische Disposition z u m L e i d e n an der Individuation noch verstärkt. A u c h f ü r das Streben nach V e r w i r k l i c h u n g des G e m e i n s c h a f t s g e f ü h l s gelten MoRiTzens eigene W o r t e : « O f t will ich mich erheben U n d sinke s c h w e r zurück; U n d fühle dann mit Beben Mein trauriges Geschick.» ( « R e i s e r » , S. 265). T r e f f e n d s t e Charakterisierung w e r d e n diese V e r s e jedoch erst dann, w e n n m a n sie sich ständig wiederholt denkt, so daß auf das Stadium des Z u rücksinkens, das schließlich fast i m m e r mittels psychologischer Z e r g l i e d e r u n g ins Positive gewendet w i r d , ein neues Sicherheben f o l g t , auf dieses w i e d e r ein Zurücksinken und so f o r t . A u f die D a u e r kann MORITZ in Passivität und E n t s a g u n g keine G e n ü g e

finden;

alles drängt in ihm nach

größtmöglicher W i r k u n g in w e i t e r e n K r e i s e n . D i e K r a f t z u r wirklichen B e w ä h r u n g , zum Behaupten innerhalb der A u ß e n w e l t f e h l t jedoch. V e r letzt und enttäuscht zieht sich das I n d i v i d u u m auf sich selbst zurück: «Ihm fiel ein, daß verdrängt zu w e r d e n v o n K i n d h e i t an sein Schicksal gewesen w a r — w e n n er bei irgend etwas zusehen wollte, w o b e i es darauf ankam, sich hinzudrängen, so w a r jeder andere dreister w i e er und drängte sich ihm v o r — er glaubte, es sollte e t w a einmal eine L ü c k e entstehen, w o er, ohne jemanden v o r sich h i n w e g z u d r ä n g e n , sich in die R e i h e mit einfügen könnte — aber es entstand keine solche L ü c k e — und er z o g sich von selbst zurück und sähe nun in der F e r n e dem G e d r ä n g e zu, indem er einsam dastand.» («Reiser», S. 2 4 1 ) . In dieser enttäuschten A b w e n d u n g

v o n der G e m e i n s c h a f t spüren

wir

jedoch bereits eine, w e n n auch k r a m p f h a f t e W e n d u n g ins Positive: E s ist die willensmäßige Beherrschung, der stoische G e d a n k e , d e m E i t l e n und N i d i t i g e n entsagt zu haben; indem er sich v o n diesen äußeren G e g e b e n h e i ten f r e i macht, f ü h l t er sich selbst f r e i , ja w i r d zum H e r r s c h e r über die nur noch sekundäre Realität: « U n d w e n n er nun so einsam dastand, so gab ihm der G e d a n k e , daß er dem G e d r ä n g e nun so r u h i g zusehen konnte, o h n e sich selbst hineinzumischen, schon einigen E r s a t z f ü r die E n t b e h r u n g desjenigen, w a s er nun nicht zu sehen b e k a m — allein f ü h l t e er sich edler und ausgezeichneter als unter j e n e m G e w i m m e l verloren. — Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über den V e r d r u ß , den er zuerst e m p f a n d — daß er an den H a u f e n sich nicht anschließen konnte, drängte ihn in sich

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selbst zurück — und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen.» («Reiser», S. 241). Die Vertrautheit mit stoizistisdiem, mystischem, pietistischem und quietistischem Gedankengut, das in verschiedenen Graden und Formen die Wertlosigkeit der Welt und eines Wirkens in ihr lehrt, spricht sich in dieser ruhigen, neidlosen Abwendung vom Geräusch der Welt ebenso aus wie eine psychische Disposition, die bei M O R I T Z zuzeiten immer wieder an die Stelle des gewaltsamen Dranges nach Wirkung tritt. Freilich muß man sich bewußt bleiben, daß diese Haltung nicht in dem Sinne eine Entwicklungsstufe MoRiTzens ist, daß er von ihr aus kontinuierlich weiter auf dem Wege zur Idifindung und Lebensmeisterung schreitet. Sie ist Episode, die, wie sie auftaucht, auch wieder verschwindet und neuen oder alten Verhaltensweisen Platz macht. Zielten die bisher betrachteten Formen des MoRiTZsdien Gemeinsdiaftsdranges noch immer auf ein Wirken in der Gemeinschaft hin, verbindet sie also der Grundton einer Sehnsucht nach praktischer Bewährung in der Welt, sei es in der Form aktiven Hervortretens, sei es in der Form anonymer Einordnung, so dürfen wir doch einen anderen Klang nicht überhören. E r kommt ganz aus den Tiefen des Unbewußten, des Kreatürlichen und zeigt einen durch keinen Zweck und kein Ziel bestimmten instinktiven Anschließungstrieb. Es ist die animalische Wärme, die ihn in der Verwirklichung solchen irrationalen Dranges beglückt: «Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt voneinander gewesen wären; so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnügen daran zurückerinnern.» («Reiser», S. 356/357). Auch hier ist es nodi immer eine Gemeinschaft innerhalb des Personenreiches, die einen Augenblick des beglückenden vegetativen Ruhens schafft; aber sie wird nicht um irgendwelcher Klassen- und Standesvorrechte willen ersehnt und erstrebt; von ihr erhofft man sich nicht eine Möglichkeit zur aktivistischen Entfaltung in der Außenwelt. Die hier geschilderte Z u falls-Reisegemeinschaft versinnbildlicht für M O R I T Z vielmehr die Gemeinschaft alles Kreatürlichen schlechthin. Und das Glück, das er nun empfindet, ist das Glüdc, Teil eines in sich ruhenden, durch keine Zwecke und Zufälle gegliederten kreatürlichen Alls jenseits aller so schmerzhaft erlebten Individuation zu sein. Der Drang in die Kreaturwelt macht deshalb auch nicht an der Grenze des menschlichen Bezirks halt: «Wenn er von dieser Zeit an ein Tier schlachten sähe, so hielt er sich immer in Gedanken damit zusammen . . . » Der Ausgangspunkt dieser Einstellung ist auch hier egozentrisch: « . . . so ging eine ganze Zeitlang sein bloßes Denken dahin — den Unterschied

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zwischen sich und einem solchen Tier, das geschlachtet wird, auszumitteln. — E r stand oft stundenlang und sah so ein Kalb mit K o p f , Augen, Ohren, Mund und Nase an; und lehnte sich, wie er es bei fremden Menschen machte, so dicht wie möglich an dasselbe an, oft mit dem törichten Wahn, ob es ihm nicht vielleicht möglich würde, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres hineinzudenken — es lag ihm alles daran, den Unterschied zwischen sich und dem Tiere zu wissen —, und zuweilen vergaß er sich bei dem anhaltenden Betrachten desselben so sehr, daß er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben. — Kurz, wie ihm sein würde, wenn er ζ. B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein anderes Tier wäre — das beschäftigte von Kindheit auf schon seine Gedanken.» («Reiser», S. ζ jo). Der Wunsch und die Fähigkeit, in andere Wesen hineinzuschlüpfen, wird hier deutlich genug, ebenso deutlich aber auch das Fehlen eines editen, d. h. objektiven Verwandlungs- und Anpassungsvermögens, wie es Kennzeichen echter schauspielerischer Begabung ist. Grundzug des Triebes nach Einmündung in die Kreatur bleibt der Kampf um die Begründung des eigenen Ichs. So ist diese Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Kreatur immer dann am stärksten, wenn das eigene Ich vor der völligen Auflösung zu stehen scheint. Die angeführte Stelle finden wir in unmittelbarer Nachbarschaft einer Hinrichtungsszene, die M O R I T Z das Erlebnis der Nichtigkeit des eigenen Ichs erschreckend zum Bewußtsein gebracht hat. In dem Vergleich zwischen Kreatur und Ich sucht er nun ein neues Wertgefühl aus der Bestätigung, daß nur dem Menschen wahre Existenz gegeben sei: « . . . so war ihm nichts wichtiger, als zugleich irgend einen wesentlichen Unterschied zwischen sich und dem Tiere aufzufinden, weil er sich sonst nicht überreden konnte, daß das Tier, welches ihm in seinem Körperbau so ähnlich war, nicht ebenso wie er einen Geist haben sollte.» («Reiser», S. 230). Angstvoll bemüht M O R I T Z sich also, aus der Wertüberlegenheit des geistbegnadeten Menschen vor dem geistlosen Tier Bestätigung der eigenen werthaften Existenz zu finden. Selbst dieses Hinstreben zur Kreatur, die Einfühlungsbrunst, ist ganz ichgebunden und nur ein verzweifeltes Mittel, das eigene Ich zu erfassen, zu klären und schließlich zu festigen. Freilidi gibt es auch in diesem Bereich ein Widerspiel aller egozentrischen Tendenzen. W i r beobachten Augenblicke der völligen Selbstauflösung und des ich-losen Hinüberfließens in die Welt der Kreatur: Dann vergaß er sich « . . . ganz als Mensch und kehrte in seinen Gesinnungen und Empfindungen als Tier wieder heim. — Als Tier wünschte er fortzuleben; als Mensch war ihm jeder Augenblick der Fortdauer seines Daseins unerträglich gewesen.» («Reiser», S. 232). V o n dem positiven Impuls des Dranges nach Umweltbeziehung ist hier nichts mehr zu spüren. Dieses

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Eintauchen ins Reich des Animalisdien ist schon die letzte Stufe vor dem Wunsch nach Auslöschung des sinnlosen und zufälligen Ichs. W i r sahen, daß in MoRiTzens E n t w i c k l u n g der kommunikative G r u n d -

trieb nur in der Freundschaft eine gewisse Erfüllung findet. In allen anderen Beziehungen von Ich und Welt wird sie durch die äußeren Verhältnisse oder durch ein Vorherrschen der passiven Komponente seiner Seele verhindert. Ein Gefühl von Abschließung, Verzicht und Leere ist das Ende, und nur der selbstgewählte T o d scheint einen Ausweg aus dieser Qual zu bieten. In «Andreas Hartknopfs Predigerjahren» (1790) allerdings, die MoRiTzens Welt- und Lebensanschauung in seinen gereifteren Jahren widerspiegeln, hat die Sehnsucht nach Gemeinschaft sich verfeinert in einen Drang nach Vereinigung mit der Gemeinschaft der Geister. 85 Aber von Erfüllung ist er hier genau so entfernt wie in den Jugendjahren, und völlige Resignation spricht aus den freien Rhythmen, in denen M O R I T Z die rettungslose Vereinzelung und damit die Unmöglichkeit einer Uberwindung derlndividuationstragik, unter deren Zeichen sein ganzes Leben steht, beklagt: «Von wannen kömmt der Trost den Edlen, Die durch Schmach betrübt sind, Weil sie einsam stehen, Und in fernen Zonen Weit umher zerstreut sind — Sie sehnen sich im Stillen, Und wünschen sich zu kennen, Und möchten sich zu einem Chor vereinen, Und einer sich im andern wieder finden — Sie haben sich verlohren Und suchen sich vergebens . . . Ach, auf dem seeumspülten Felsen Möcht' ich gern die Hand dir reichen Der du hülflos, einzeln stehst — Aber die Parze hat ihn zerschnitten, Den Faden der mich an dich knüpfte — Zerrissen ist der Menschen Leben Von ihres Daseins Anbeginn — Sie müssen sich vergeblich sehnen, So lange der Tag am Himmel weilt Und wenn die Sonne untergeht, So haben sie noch nicht gefunden, Was sie bei Tagesanbruch suchten.

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Mensch und Welt im «Anton Reiser» Dies ahndet schon der Kindesseele, Die dunkel in die Z u k u n f t schaut, W e n n bei des Lichtes erstem G r u ß Das neugebohrne A u g e weint.» («Predigerjahre», S. 122—124. Hervorhebung im Original.)

Das immer aufs neue durchbrechende Sehnen nach W e l t und W i r k e n w i r d schon in der Namengebung der Hauptfigur des Romans deutlich genug angesprochen. Reiser ist tatsächlich v o r allem der Reisende, dem jede V e r änderung des Ortes die Möglichkeit einer E r f ü l l u n g vorgaukelt. Freilich f ü h r t ihn sein «Reisen» — das W o r t symbolisch genommen, wie es gemeint ist — nicht nur von Ort zu Ort, sei es in der Realität, sei es in der Phantasie, sondern ebenso von Mensch zu Mensch, von Beruf zu Beruf, von Geistesbewegung zu Geistesbewegung. «Bei seinen Spaziergängen fand er nun immer einen besondern Reiz darin, Gegenden in der Stadt aufzusuchen, w o er noch gar nicht gewesen w a r . Seine Seele erweiterte sich dann immer, es w a r ihm, als ob er aus dem engen Kreise seines Daseins einen Sprung g e w a g t hätte; die alltäglichen Ideen verloren sich, und große angenehme Aussichten, Labyrinthe der Z u k u n f t eröffneten sich v o r ihm.» («Reiser», S. 81/82.) «Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste, es mochte nun zu Fuß oder zu W a g e n sein, w a r unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschäftigsten — ein ganzer Z e i t r a u m seines verfloßnen Lebens stand v o r ihm da, sobald er die vier T ü r m e von H a n n o v e r aus dem Gesicht verlor — der Gesichtskreis seiner Seele erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen. — E r fühlte sich aus dem umschränkten Zirkel seines Daseins in die große weite W e l t versetzt, w o alle wunderbaren Ereignisse, die er je in Romanen gelesen hatte, möglich w a r e n . . . » («Reiser», S. 162). Die Vorstellung des Ortes hindert MORITZ stets am völligen Zerfließen der Persönlichkeit, zumal wenn ihm, wie so oft, die Zeitbegriffe verschwimmen: «Die einzelnen Straßen und Häuser, die Anton täglich wieder sähe, waren das Bleibende in seinen Vorstellungen, woran sich das immer A b wechselnde in seinem Leben anschloß, wodurch es Zusammenhang und Wahrheit erhielt, wodurch er das Wachen v o m T r ä u m e n unterschied. — In der Kindheit ist es insbesondre nötig, daß alle übrigen Ideen sich an die Ideen des Orts anschließen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz haben und sich an sich selber noch nicht festhalten können.» («Reiser», S. 80.) Im Orte findet MORITZ jeweils den Mittelpunkt, der ihn an die Realität bindet. Ohne die zentrale K r a f t des Ortes liefe sein W e s e n G e f a h r , sich zu verschleudern und aufzulösen. Sind die Orts-Ideen zerstört, so fühlt er sich dem Wahnsinn nahe. («Reiser», S. 327.) Das Reisen von Ort zu Ort aber bedeutet eine E r w e i t e r u n g des Ichs, eine

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für M O R I T Z besonders typische Art der Befriedigung des Weltdranges." Audi dieser Trieb nach Ortsveränderung, ein Zug, der M O R I T Z als V o r läufer romantischer Lebensführung erscheinen läßt, dient demselben Ziel wie alle bisher von uns betrachteten Impulse: der Anreicherung mit neuen Lebensinhalten und dadurch der Füllung und Festigung der eigenen Individualität, denn « . . . mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer gern eine neue Aussicht in das Leben.» («Reiser», S. 342.) Eine Bindung an die Idee des Ortes bedeutet bei Moritz demnach nie dauerhafte Bindung an einen bestimmten Ort. Das Erlebnis des jeweiligen Ortes wird bald genug schal oder drückend, und der Drang in die Weite regt sich dann von neuem. Das Ergebnis bleibt freilich immer das gleiche: «Da, wo du nicht bist, blüht das Glück.»' 7 Rastloses Schweifen kennzeichnet auch MoRiTzens schöpferische Bemühungen. Es gibt wohl kaum eine Gattung oder ein Gebiet, dem er sich nicht als Schriftsteller zugewandt hätte. In lyrischer, dramatischer, essayistischer, feuilletonistischer, epischer Form hat er sich versucht und die Felder der Grammatik, der Journalistik, der Sprachphilosophie, der Psychologie, der Pädagogik, der Allegorik, der Ästhetik, der Reisebeschreibung, der Literatur- und Theaterkritik und der Theologie beackert. Seine Sprachlehren des Englischen und des Italienischen sind ebensowenig allein vom Erwerbssinn diktiert wie seine Übersetzungen aus dem Englischen. Auch diese scheinbare Zersplitterung muß man aus dem Sehnen nach Ausdehnung und Totalität erklären, denn kein toter Enzyklopädismus wird hier erstrebt, sondern eine Umfassung des Alls im Ich. Hat der Entfaltungstrieb MoRiTzens über alle verfehlten Verwirklichungsversuche im Du, in der Gesellschaft, in der anonymen menschlichen oder kreatürlichen Gemeinschaft und im Raum hinaus nun zu einem rationalen Enzyklopädismus geführt, wie es bei einem Sohne der A u f klärungszeit wohl begreiflich ist, oder dringt M O R I T Z über die Grenzen von Physis und Ratio zur Metaphysik vor? Ungefähr aus dem zehnten Lebensjahre stammt die erste metaphysische Meditation: «Wenn oft der Himmel umwölkt und der Horizont kleiner war, fühlte er eine Art von Bangigkeit, daß die ganze Welt wiederum mit ebenso einer Decke umschlossen sei wie die Stube, worin er wohnte, und wenn er dann mit seinen Gedanken über diese gewölbte Decke hinausging, so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein vor, und es deuchte ihm, als müsse sie wiederum in einer anderen eingeschlossen sein, und das immer so fort. — Ebenso ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott, wenn er sich denselben als das höchste Wesen denken wollte. — E r saß einmal in der Dämmerung an einem trüben Abend allein vor seiner Haustüre und dachte hierüber nach, indem er oft gen Himmel blickte und dann wieder die Erde ansahe und

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bemerkte, wie sie selbst gegen den trüben Himmel so schwarz und dunkel war. — Über den Himmel dachte er sich Gott; aber jeder, auch der höchste Gott, den sidi seine Gedanken schufen, war ihm zu klein und mußte immer wieder noch einen höhern über sidi haben, gegen den er ganz verschwand, und das so ins Unendliche fort.» («Reiser», S. 35). Gott ist also hier das Unendliche, das in Freiheit über allen Hüllen der Einschränkung thront. Alles Existierende ist Einschränkung und wird als solche mit Bangigkeit empfunden. Jedes Ausbrechen aus einer dieser Hüllen führt nicht in die Freiheit, sondern nur wieder an die Grenze einer neuen Hülle. Gott allein ist über diese ineinander geschachtelten Hüllen erhaben, da er Unendlichkeit ist. Es ist verständlich, daß kein anderer Gottesbegriff dem gewaltigen und ungestillten Drang nach Ausbreitung genügen konnte; über Orthodoxie und Pietismus, die Gott noch in faßbaren Bezirken ansiedeln, geht MORITZ weit hinaus. Schon hier ist deutlich ausgesprochen, was wir aus dem Mißlingen der Ausdehnungsbestrebungen innerhalb der Welt ahnen mußten: Lösung und Befriedigung kann die Sehnsudit nach Expansion nirgends finden, es sei denn im Unendlichen, in Gott.

II. D I E

GRUNDSPANNUNG

DES M O R I T Z S C H E N ZWISCHEN

«AUSBREITUNG»

LEBENSGEFÜHLS UND

«EINSCHRÄNKUNG»

ι. Der Vorrang der « Ausbreitung» «Ausbreitung» und «Einschränkung» sind die immer wiederkehrenden Begriffe, zwischen denen MORITZ hin und her schwankt; sie sind die Pole, die seine Lebensproblematik v o r allem bestimmen. D a w i r den «Reiser» als authentisches Lebenszeugnis auffassen, müssen wir annehmen, daß beide Tendenzen sdion MoRiTzens Kindheit beherrschen und daß die ganze in der Autobiographie geschilderte E p o d i e seiner J u g e n d zwischen diese beiden Extreme der Lebensauffassung und des Lebensgefühls eingespannt ist.*8 Sie werden nicht erst im «Reiser» geprägt, sondern klingen schon in den «Reisen eines Deutschen in England im J a h r 1782» an, die bereits 1783 veröffentlicht wurden: «Wie ist doch dem Menschen nach der Ausbreitung die Einschränkung so lieb! W i e wohl und sicher ist's dem Wanderer in der kleinen Herberge, dem Seefahrer in dem gewünsditen Hafen. Und doch bleibt der Mensch immer im Engen, er mag noch so sehr im Weiten seyn; selbst das ungeheure Meer zieht sich um ihn zusammen, als ob es ihn in seinem Busen einschließen s o l l t e . . . » (S. 5). Im «Reiser» selbst kreisen nun ständig Gedanken und Gefühle um diese beiden Vorstellungen, ohne daß MORITZ zu einer endgültigen Entscheidung, geschweige denn zu einer Harmonie gelangen könnte. Während der Drang nach «Ausbreitung» der Impuls ist, der dem vitalen Urtrieb nach W i r k u n g auf die U m w e l t entspricht, liegt in der Sehnsucht nach Einschränkung eine Hemmung dieses allgemein menschlichen Grundtriebes oder doch dessen Verwandlung in ein passives Sichdurchströmenlassen von den außerhalb des Ichs liegenden Wirklichkeiten der Welt. Wenn in MoRiTzens J u g e n d nun die Expansionskraft die stärkere Bedeutung gewinnt, so liegt dies einmal daran, daß sie das Kennzeichen einer jeden Jugendentwicklung über alle Sonderveranlagung hinweg ist. 39 Adler stellt bei einer Betrachtung des Knabenalters fest: «Ein genauer Einblick ergibt ein Gemisch von passiven und aktiven Zügen, aber stets waltet die Tendenz vor, von mädchenhaftem Gehorsam zum knabenhaften T r o t z durchzubrechen.» 40 Die Berechtigung, sich der MoRiTZschen Problematik auch nach dem A u f hören seiner Kindheit im chronologischen Sinne mit Mitteln der Kindes-

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Die Grundspannung des Morítzsdien Lebensgefühls

und Jugend-Psychologie zu nähern, leitet sich aus der Langsamkeit seiner körperlich-seelischen E n t w i c k l u n g — im Gegensatz zur geistigen — her. S o lassen sich bis in den A n f a n g seiner dreißiger J a h r e bei ihm ausgesprochen jugendliche Z ü g e feststellen. D e m entspricht ein häufiger Hinweis der Z e i t genossen auf MoRiTzens «Naivität». 4 1 D e r späte Z e i t p u n k t erster Liebeserlcbnisse läßt gleicherweise auf eine unverhältnismäßig lange Fixierung des Jugendstadiums schließen. So sieht K i n d t in MORITZ den ewigen « J u gendlichen»: die typischen W e s e n s m e r k m a l e des Jugendlichen sind charakteristisch für die MoRiTZsdie Individualität. 4 2 Z u m anderen aber erklärt sich die G e w a l t des Ausdehnungsdranges aus den starken W i d e r s t ä n d e n , die MORITZ sowohl aus den äußeren Daseinsbedingungen als auch aus der eigenen introvertierten Anlage erwachsen. Schon die angeführte Stelle aus den «Reisen eines Deutschen in England» gibt der Ausdehnung den V o r r a n g . Alles drängt in MORITZ zur Ausdehnung; auf gescheiterte Ausdehnung folgt Sehnsucht nach Einengung, die, wenn sie verwirklicht wird, auch wieder unbefriedigt läßt und zu neuer Ausdehnung treibt, die in der Einsicht endet, daß umfassende Ausbreitung dem Menschen innerhalb der W e l t niemals gegeben ist. Selbst in der höchsten Ausdehnung bangt MORITZ um den V e r l u s t seines Ichs. U n r u h e und Z w e i f e l , Angst und N o t eines Schiffbrüdiigen sind die G e f ü h l e , die sich bei erreichter Ausbreitung einstellen. W i e d e r findet MORITZ im M e e r e das Symbol dieses Drängens nach E x p a n s i o n : «Aber wehe dem, der von unglücklicher N e u g i e r getrieben, sich über dies dämmernde G e b i r g e hinauswagt, das wohltätig seinen H o r i z o n t umschränkt.

— Er

wird auf einer

wilden stürmischen See von U n r u h und Z w e i f e l hin und her getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland, auf dem er so sicher wohnte, hat alle seine Reize für ihn verloren.» ( « R e i s e r » , S. 3 3 ) . D e r E r f ü l l u n g des Ausdehnungsdranges folgt also das Entsetzen über die U n f ä h i g k e i t des Menschen, die G e w a l t einer echten Expansion überhaupt zu ertragen. W e l c h unüberbrückbarer Gegensatz zu GOETHES W o r t von den «zweierlei G n a d e n des Atemholens», in dem der stete harmonische W e c h s e l beider Lebensimpulse als ein beglückendes Naturgesetz empfunden wird. Bei MORITZ dagegen bleiben sie einander ausschließende Haltungen, zwischen denen der Mensch verzweifelt hin und h e r strebt. Die Ausweglosigkeit aller Bemühungen um eine Synthese ist audi die U r sache des oft peinlichen, niederdrückenden oder sogar abstoßenden

Ein-

drucks, den der «Reiser» auf den naiven Leser ausübt. Versuchen w i r zusammenzufassen, so müssen wir zunächst das U b e r gewicht der Ausdehnung feststellen. Sie wird erlebt als glückverheißende All-Sehnsucht oder als All-Furcht. D i e Einschränkung, das rettende und beglückende Eiland der Seele, wird anderseits als Verkapselung und G e fängnis, schließlich als G r a b empfunden.

Symbole der «Einschränkung» im «Anton Reisen

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2. Symbole der *Einschränkung» im « Anton Reiser» Während der Begriff der «Ausbreitung» bei aller Ambivalenz in der im «Reiser» geschilderten Entwicklungsperiode des Autors einen überwiegend positiven Gehalt hat, wird in der «Einschränkung» v o r allem das Beängstigende, Quälende, Hemmende, Unterdrückende, ja schließlich das A u f lösende schlechthin empfunden und gefürchtet. So wird das Bild des «Dunkels» f ü r Erlebnisse und Eindrücke der Eingeschränktheit gewählt, und zwar im Sinne von dunkler Geborgenheit wie auch im Sinne von dunklem Entsetzen. Dann kann es heißen: «Oft w a r ihm die geräumige Werkstatt mit ihren s c h w a r z e n Wänden und dem s c h a u e r l i c h e n D u n k e l , das des Abends und Morgens nur durch den Schimmer einiger Lampen erhellt wurde, ein Tempel, worin er diente.» («Reiser», S. 5 1 . Hervorhebungen vom Verfasser.) Ein stärkeres Bild der Geborgenheit als das des Tempels, der von Urzeiten her die Zufluchtsstätte der Verfolgten ist, war schwerlich zu finden. In gleicher Weise das Bild des Dunkels positiv akzentuierend, spricht M O R I T Z von der Bibel und den Liedern der Madame G U Y O N : « . . . wozu er wegen des r e i z e n d e n D u n k e l s , das ihm darin herrschte, seine Z u f l u c h t nahm.» («Reiser», S. 157. Hervorhebungen vom Verfasser.) Ein Beweis f ü r die primär negative Bewertung des Einengungsbegriffes ist jedoch diese Wahl einer Eigenschaftsbezeichnung, die f ü r den farbempfindlichen M O R I T Z ursprünglich einen negativen Sinn haben mußte. So finden w i r die Schilderung der «eingeengtesten» Lebensepoche MoRiTzens — zugleich den plastischsten und eindrucksvollsten Teil des Romans — durchsetzt mit einer Fülle der Sphäre des Dunklen entnommener Ausdrücke. E s handelt sich um die Lehrzeit bei dem Hutmacher Lobenstein in Braunschweig. Mit einer sicheren Bildgebung, die wir bei MoRiTzens aus dem Augenblick heraus schaffender, oft die Akzente verlagernder, allem Gliedern sowie Nachfeilen abholder Produktionsweise nicht als bewußte Kunstschöpfung auffassen können und die uns damit vielmehr als unmittelbarer Ausfluß seines Wesens bedeutsam ist, gibt er mit wenigen Andeutungen einen Eindruck der Atmosphäre, die ihn hier erwartet 43 : «Es fing schon an d u η k e 1 zu werden, als Anton mit seinem Vater über die großen Zugbrücken und durch die g e w ö l b t e η T o r e in die Stadt Braunschweig einwanderte. — Sie kamen durch viele e n g e Gassen, vor dem Schlosse vorbei und endlich über eine lange Brücke in eine etwas d u n k l e Straße, w o der Hutmacher Lobenstein e i n e m l a n g e n ö f f e n t l i c h e n G e b ä u d e gegenüber wohnte. — N u n standen sie vor dem Hause. E s hatte eine s c h w ä r z l i c h e Außenseite und eine große s c h w a r ζ e T ü r , die mit vielen eingeschlagenen Nägeln versehen w a r . . . — Ein altes Mütterchen, die Ausgeberin vom Hause, eröffnete ihnen die T ü r und führte sie zur rech-

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Die Grundspannung des Moritzschen Lebensgefühls

ten Hand in eine große Stube, die mit d u n k e l b r a u n angestrichnen Brettern getäfelt war, worauf man noch mit genauer N o t eine halb verwischte Schilderung von den fünf Sinnen entdecken konnte. 4 4 — Hier empfing sie denn der H e r r des Hauses. Ein Mann von mittlem Jahren, mehr k l e i n als groß, mit einem noch ziemlich jugendlichen, aber dabei blassen und melancholischen Gesichte, das sich selten in ein andres als eine Art von bittersüßen Lächeln verzog, dabei s c h w a r z e s Haar, ein ziemlich schwärmerisches Auge, etwas Feines und Delikates in seinen Reden, Bewegungen und Manieren . . . auch hatte er einen unerträglich intoleranten Blick, wenn sich seine s c h w a r z e n Augenbrauen über die Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder und insbesondere seiner Nachbarn oder seiner eignen Leute z u s a m m e n z o g e n . — Anton erblickte ihn zuerst in einer grünen Pelzmütze, b l a u e m Brusttuch und b r a u n e n Kamisol drüber nebst einer s c h w a r z e n Schürze, seiner gewöhnlichen Hauskleidung, und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen s t r e n g e n Herrn und Meister statt eines künftigen Freundes und Wohltäters gefunden hätte.» («Reiser», S. 49 f.). M i t dem «Dunklen» verbindet sich hier als Steigerung der Begriff des «Engen», der MoRiTzens innere und äußere Situation so treffend kennzeichnet und daher die mit dem Dunklen verschwisterten Unlustgefühle besonders individuell zu unterstreichen vermag. Die äußerste Krisis, die das Erlebnis der Einschränkung bei Reiser hervorruft und die ihn fast bis zum Gefühl völliger Vernichtung treibt, soll hier wegen der Prägnanz der Bilder wie um der genauen Ausmalung der Stufen der Einengung willen mit MoRiTzens W o r t e n in extenso wiedergegeben werden: « E r ging immer querfeldein, bis es d u n k e l wurde.— da kam er an einen breiten W e g , der zu einem D o r f e führte, das er vor sich liegen sähe — der Himmel fing an, sich immer d ü s t r e r z u u m z i e h n , und drohte R e g e n w e t t e r — die R a b e n fingen an zu krähen, und zwei, die immer über seinem K o p f e hinflogen, schienen ihm das Geleite zu geben — bis er an den k l e i n e n e n g e n K i r c h h o f des Dörfchens kam, welcher gleich vornean lag und mit unordentlich übereinandergelegten Steinen eingefaßt war, die eine Art von M a u e r vorstellen sollten. — Die Kirche mit dem k l e i n e n s p i t z e n Turme, der mit S c h i n d e l n gedeckt war, in der d i c k e n M a u e r nach jeder Seite zu nur e i n e i n z i g e s F e n s t e r c h e n , durch welches d a s L i c h t s c h r ä g h e r e i n f a l l e n konnte — die T ü r e wie h a l b i n d i e E r d e v e r s u n k e n und so n i e d r i g , daß es schien, man könne nicht anders als g e b ü c k t hineingehen, — Und ebenso k l e i n und u n a n s e h n l i c h , wie die Kirche war, so e n g e und k l e i n war auch der Kirchhof, wo die aufsteigenden Grabhügel d i c h t aneinander gedrängt und mit h o h e n N e s s e l n bewachsen

Symbole der «Einschränkung» im «Anton Reiser»

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waren. — Der Horizont war schon v e r d u n k e l t ; der Himmel schien in der t r ü b e n D ä m m e r u n g allenthalben d i c h t a u f z u l i e g e n , das Gesicht wurde auf den k l e i n e n Fleck Erde, den man um sich her sähe, b e g r e n z t — das W i n z i g e und K l e i n e des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare Wirkung — das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine S p i t z e hinauszulaufen — der e n g e d u m p f e S a r g war das letzte — hierhinter war nun nichts weiter — hier war die z u g e n a g e l t e B r e t t e r w a n d — die jedem Sterblichen den fernem Blick versagt. Das Bild erfüllte Reisern mit Ekel — der Gedanke an dies Auslaufen in einer solchen S p i t z e , dies A u f hören i n s E n g e u n d n o c h E n g e r e u n d i m m e r Engere — wohinter nun nichts weiter mehr lag — trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem w i n z i g e n Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der d u n k l e n N a c h t , als ob er dem Sarge, der ihn e i n z u s c h l i e ß e n drohte, hätte entfliehen wollen. — Das Dorf mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens, solange er es noch hinter sich sähe — auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt — was er so oft gewünscht hatte, schien ihm gewährt zu werden, das G r a b schien seine Beute zu fordern und noch stets, sowie er flöhe, hinter ihm seinen S c h l u n d zu eröffnen — erst da er ein andres Dorf erreichte, war er wieder ruhiger. — Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte, war die Vorstellung des K l e i n e n , die, sowie sie herrschend wurde, in seiner Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unerträglich war. — Das K l e i n e nahet sich dem H i ns c h w i n d e n , der V e r n i c h t u n g — die Idee des K l e i n e n ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt — das G r a b ist das e n g e Haus, der S a r g ist eine Wohnung, still, kühl und k l e i n — K l e i n h e i t erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit — Traurigkeit ist der V e r n i c h t u n g Anfang — unendliche Leere ist V e r η i c h t u η g. — Reiser empfand auf dem k l e i n e n Kirchhofe die Schrecken der V e r n i c h t u n g — der Übergang vom Dasein zum Nichtsein stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewißheit dar, daß seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu zerreißen drohte.» («Reiser», S. 324 f. Hervorhebungen vom Verf.) Mit einem horror vacui kosmischen Ausmaßes endet dieses aufwühlende und niederschmetternde Krisenerlebnis. Ein gewaltsames Zusammenraffen aller aktiven, auf Ausbreitung zielenden Kräfte seiner Seele erst vermag M O R I T Z vor dem Gefühl der völligen Vernichtung zu bewahren: Alle Einengungsvorstellungen und -quälen werden nun hinweggespült von dem hemmungslosen Trieb nach Ausdehnung, Tätigkeit, Wirken und Herrschen. Mit dem Entschluß, die Heimatstadt zu verlassen und in die Welt

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Die Grundspannung des Moritzschen Lebensgefühls

zu gehen, bricht MORITZ aus diesem Zustand extremster Einschränkung aus und wendet sich mit der ganzen W u c h t eines jugendlichen Entschlusses jener Lebensform zu, die ihm Expansionsmöglichkeit in höchster Potenz verheißt: der schauspielerischen.

3. Symbole der » Ausbreitung»

im * Anton

Reiser»

W i e bei MORITZ das Grab ein Bild der äußersten Einschränkung bis zur Auflösung des Ichs ist, so finden wir die gegensätzliche Gefühlsrichtung symbolisiert im Bilde des Gipfels, des T u r m s — einem Symbol übrigens, das den ganzen «Reiser» durchzieht und bezeichnenderweise in den «Hartknopf»-Bänden verschwunden ist. Es ist kein Zufall, daß sich der Expansionsdrang meist im Kirchturm verbildlicht, fand doch bei MORITZ das Streben nach Ausdehnung nicht in der Sehnsucht nach der W e l t Genüge. Die Kirche aber war sichtbarste Verkörperung des Sehnens nach Transzendenz in der W e l t der Realität und ihr T u r m wiederum sichtbarstes Symbol für das Hineinreichen der irdischen W e l t in das Reich des Jenseitigen. Dieser Funktion des Kirchturms ist sich MORITZ ganz im Sinne der Säkularisierungsbewegung seiner Zeit freilich kaum bewußt. E r erscheint ihm deshalb zugleich als Verbildlichung eines sehr diesseitigen Macht- und Geltungsstrebens. Am neuen Orte sind es immer die T ü r m e , deren Anblick MORITZ das Hochgefühl einer Lebenswende, einer neuen positiven Beziehung zur W e l t verschafft: «Je mehr sie sich Braunschweig näherten, je mehr war Antons Herz voll Erwartung. D e r Andreasturm ragte mit seiner roten Kuppel majestätisch hervor.» («Reiser», S. 48. Vgl. auch S. 374.) So, wie der T u r m die Stadt beherrscht, denkt er sich dann seine eigene Rolle innerhalb des Menschengetriebes. In den tiefsten Erniedrigungen seines Knabendaseins umträumt er das Bild des T u r m s , und am lockendsten muß ihm wiederum der Gipfel des Turms mit Galerie und Zifferblatt der U h r erscheinen. D e r Höhepunkt aller dieser Vorstellungen aber ist es, sich dort oben das geheimnisvolle W i r k e n der Glocke zu denken, deren alles erschütternder Klang («Reiser», S. 85) MORITZ SO stark bewegt. Hier ist die alles durchwirkende und durchklingende Macht, die das Treiben der W e l t von ihrem, allem Irdischen enthobenen Sitze aus überschaut und beherrscht, indem sie es durch ihre T ö n e in den harmonischen Ablauf der Zeit gliedert: « . . . von der Größe dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrößerte das Bild in seiner Seele noch zu unzähligen Malen, so daß er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen m a c h t e . . . Länger als ein J a h r hindurch versüßte ihm dies Spiel seiner Phantasie die trübsten Stunden seines Lebens . . . » («Reiser», S. 85/86).

Symbole der «Ausbreitung» im «Anton Reiser»

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Dieses Hochgefühl eines Überblicks über das Gewimmel der zufälligen Gegebenheiten der Realität wie das Bewußtsein, nicht mehr unter der Menge verloren, sondern aus ihr herausgehoben, von ihr beachtet zu sein und sie schließlich ständig zu beherrschen, gipfeln in der Vorstellung, alle Determinierung überwunden zu haben: «Er fühlte sich, indem er um sich her blickte, auf diesem Standpunkte über sein Schicksal erhaben — » («Reiser», S. 376). Es kann uns nicht überraschen, den Turm auch als Symbol für die Daseinsform zu finden, in der M O R I T Z den Gipfel der Expansionsmöglichkeiten überhaupt erblickt, ja: Turmmotiv und Theatermotiv vereinen sich schließlich, wenn ihm der T u r m des Gothaer Theaters nach langer, entbehrungsreicher Wanderung « . . . nun deutlich den Fleck . . . » bezeichnet, « . . . w o der unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen Jünglings gekrönt würden.» («Reiser», S. 360). Diesem Vorgefühl des Ruhms entspricht auf der anderen Seite die Empfindung, jetzt und hier endlich teilnehmen und mitwirken zu können an allen Erscheinungen der Welt: «Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Türmchens vom Gothaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte... — Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein König, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des Türmchens in Gotha umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft aufs neue vorspiegelten.» («Reiser», S. 360). Auch die Geltung des Turm-Bildes in MoRiTzens Phantasieleben ist jedoch mit dieser positiven Bewertung keineswegs erschöpft. Nicht nur der Glücksrausch einer positiven Weltbeziehung versinnbildlicht sich in den steinernen Gipfeln, die ihre Umgebung weithinaus beherrschen: «Insbesondre war ihm der hohe, eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze versehene Marktturm . . . ein fürchterlicher Anblick — . . . das Spotten, Grinsen und Auszischen seiner Mitschüler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele da — . . . kurz, dieser Marktkirchturm brachte alles in Reisers Phantasie zusammen, was nur fähig war, ihn plötzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu versetzen.» («Reiser», S. 188/189). Mit anderen Worten: Nicht mehr lockende Anziehungskraft, sondern die Erinnerung an die gefahrvolle Verführung zu einer Expansion, die mit völligem Versagen gegenüber der Realität endete, wird hier mit dem Bilde des Turms verknüpft; das Ergebnis solcher beschämenden Erniedrigung, die die Seele in ihrem glühenden Ausdehnungsdrang erfahren mußte, kann nur ein neues Flüchten in die Geborgenheit der Einschränkung sein. Diesem Scheitern des Ausdehnungstriebes MoRrrzens gibt nun eine Traumerfahrung Ausdruck, in der seinem Sehnen nach höchster Expansion der W e g versperrt wird: W i e eine Warnung muß M O R I T Z jener

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Die Grundspannung des Moritzsdien Lebensgefühls

T r a u m angemutet haben, « . . . w o er den T u r m hinaufstieg, auf der G a l e r i e stand, und mit unaussprechlichem V e r g n ü g e n das Z i f f e r b l a t t am T u r m e betastete und dann i n w e n d i g nicht n u r die g r o ß e G l o c k e , sondern noch unzählige andre kleinere nebst m e h r w u n d e r b a r e n D i n g e n dicht v o r A u g e n sähe, bis er e t w a mit dem K o p f e an den unübersehbaren R a n d der g r o ß e n G l o c k e stieß und erwachte.» ( « R e i s e r » , S. 86. — V g l . auch S. 34 dieser Arbeit.) Z w e i f e l l o s liegt diesem T r a u m das G e f ü h l zugrunde, selbst mit dem höchsten W i l l e n s a u f w a n d doch i m m e r n u r neue G r e n z e n zu erreichen. S o g a r w e n n MORITZ meint, in h o h e m metaphysischem A u f s c h w u n g bis ins U n endliche, ins A l l , in G o t t v o r g e s t o ß e n zu sein, w i r d ihm doch stets w i e d e r b e w u ß t , nur v o r H ü l l e n zu stehen, hinter denen sich G o t t jedem, auch dem gewaltigsten e x p a n s i v e n D r a n g e des Ichs unzugänglich und unerreichbar, verbirgt. U n d j e d e r vermeintliche Schritt v o r die T o r e dieses letzten Geheimnisses endet w i e sein T r a u m mit einem grausamen E r w a chen in den alltäglichen R e g i o n e n der Endlichkeit.

4. Die Phantasie als

Korrektiv

Ausdehnung also heißt das Lebensgesetz, dem MoRiTzens E n t w i c k l u n g u n t e r w o r f e n ist; die A n z i e h u n g s k r a f t der E i n e n g u n g bleibt d e m g e g e n ü b e r zeitlich beschränkt und endet stets mit einem neuen, u m so h e f t i g e r e n Ausbruch des D r a n g e s nach E x p a n s i o n . D a dieser T r i e b seine elementaren Z i e l e fast nie erreichen kann, bietet sich ihm als R e t t u n g aus dieser N o t die Einbildungskraft an, deren V o r h e r r s c h a f t nun freilich w i e d e r neue G e f a h r e n mit sich bringt. Sie bleibt v o n f r ü h e s t e n K i n d e s j a h r e n an MoRiTzens ständige Begleiterin, in ihr lösen sich die H e m m u n g e n der Realität eines Lebens, « . . . das durch tausend drückende Lagen einmal ganz unter die H e r r s c h a f t der Phantasie zurückgedrängt w a r . . . » A b e r die E i n b i l d u n g s kraft, «. . . die nun . . . ihre R e d i t e ausüben w o l l t e . . . » , ist es auch, die MORITZ oft in ein G a u k e l s p i e l v e r f ä l s c h e n d e r Selbstvorstellungen hineinzieht, aus dem ihm schwerste L e i d e n und bitterste Enttäuschungen

er-

wachsen. («Reiser», S. 3 1 5 ) . In der N a t u r erblickt MORITZ v o r allem ein Mittel, die B e t ä t i g u n g seiner Phantasie anzuregen und zu steigern. Sie ist ihm in erster L i n i e Instrument, das seine Seele in die f ü r die B e t ä t i g u n g der E i n b i l d u n g s k r a f t fruchtbare Stimmung zu versetzen hilft. So w i r d die N a t u r ihm der Schauplatz, auf dem er « W e r t h e r » , HORAZ und KI.OPSTOCK erst recht zu f ü h l e n v e r m a g und auf dem er schließlich zu eigenen dichterischen Versuchen

angeregt

w i r d . MORITZ und ein E r f u r t e r F r e u n d veranstalten « . . . nur g a r zu o f t zwischen sich und der N a t u r eine Szene, indem sie etwa bei Sonnenunter-

Die Phantasie als Korrektiv

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gang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem trüben Tage Zacharias Schöpfung der Hölle usw.» («Reiser», S. 4 1 1 ) . Jedoch auch dann, wenn M O R I T Z selbst die Natur poetisch zu gestalten sucht, naht er sich ihr nie, um in ihr Wesen einzudringen, sondern er erlebt sie überhaupt nur, soweit er sie als Abbild eigener Gedanken und Gefühle deuten und verwenden kann. Die Wirklichkeit der Natur ist ihm ebenso Spiegel seiner eigenen Seele und seiner jeweiligen Gefühlslage wie später die Wirklichkeit des Theaters. Diese Bewußtseinshaltung läuft in letzter Konsequenz auf einen schrankenlosen Solipsismus hinaus, der die letzten Fäden der Wirklichkeit zerreißt und die Welt nur noch als Schöpfung und Teil des Ichs zu betrachten vermag. Eine solche Hypertrophie der Phantasie auf Kosten eines echten Verhältnisses zur Wirklichkeit entspringt ebensosehr der gesellschaftlichen Lage der Zeit wie der Struktur der MoRiTzschen Persönlichkeit. In MoRiTzens Individualität, die ein reines Bild introvertierten Wesens gibt, gatten sich zwar Innerlichkeit und Bewußtsein, zum Sein an sich jedoch kommt es nie. Aus dieser Introvertiertheit erklärt sich zum guten Teil schon der Mangel an Unmittelbarkeit in MoRiTzens Beziehungen zur Umwelt. Audi sein Verhältnis zur Natur leidet hierunter. Erst in einer späteren, im «Reiser» nicht mehr dargestellten Periode seines Lebens, wandelten und vertieften sidi unter Mitwirkung G O E T H E S auch sein Naturgefühl und seine Naturauffassung. In der Abhandlung «Über die bildende Nachahmung des Schönen» (1788) erscheint die Natur als das große Symbol des Alls, dem sich M O R I T Z als Mystiker naht. 45 In eigentlichem Sinne entfaltet wird seine Phantasie jedoch bezeichnenderweise nicht in der Natur selbst, sondern in der Begegnung mit der bereits durch die Dichtung gestalteten Natur. Hier wird M O R I T Z der schöpferische Austausch von Ich und Welt, den er mit dem Einsatz der eigenen Person nicht zu vollziehen vermag, abgenommen, und er kann sich mit dem Genuß des Ergebnisses eines solchen Prozesses hinwegtäuschen über die eigene Unfähigkeit, sich zu einem Außer-Ich in fruchtbare Beziehung zu setzen. Nicht nur die Naturlyrik aber hat für M O R I T Z vorwiegend eine funktionelle Bedeutung, sondern die Dichtung, ja die Kunst schlechthin. Schon in der Form des Kinderbuches bietet ihm die Literatur mit der Befriedigung des Ausdehnungstriebes durch die Einbildungskraft einen Lebensersatz: «Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich f ü r alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte.» («Reiser», S. 16). Der Mangel an äußerem Leben steigert das überreiche Innenleben des Introvertierten bis zu dem Punkte, an dem Realität nur mehr Schein, der Schein der Buchwelt jedoch wahre Realität wird. Aus der Welt der Wirklichkeit flieht M O R I T Z deshalb immer wieder in

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Die Grundspannung des Moritzsdien Lebensgefühls

diese W e l t des Scheins, die er nun als unmittelbare Wirklichkeit empfindet. («Reiser», S. 16/17). Die Lektüre, die ihm ein Leben der Tätigkeit und der W i r k u n g wenigstens in der Phantasie ermöglicht, steigert jedodi anderseits diesen Drang in die Außenwelt wieder so stark, daß er nun eine Realisierung dieser Scheinwelt erstrebt. So sehen wir auch hier wieder, wie es MORITZ unmöglich wird, in e i n e r Sphäre zu verharren: Auf dem äußersten Punkt eines Phantasielebens angelangt, drängt es ihn, auszubrechen in die Außenwelt; in der Verwirklichung dieses Dranges aber muß er aufs neue scheitern. Aus allen Romanen und Erzählungen, die ihm begegnen, zieht er s e i n e Rolle heraus, die in der Realität zu spielen ihm versagt ist und die er zunächst in der Phantasie durchlebt: die Rolle in der großen W e l t , die ihm R u h m bringt. («Reiser», S. 31). Es kann jedoch nicht bei der Aufnahme und Ausschmückung von Phantasieprodukten bleiben, bald wird die so gereifte und geschulte Einbildungskraft selbst produktiv und berauscht sich an immer neuen Existenzmöglichkeiten und Erscheinungsformen ihrer selbst. Ein «furor poeticus» befällt ihn. («Reiser», S. 137). Hier aber schließt sich der Ring wieder, denn nicht höchste Form autonomer Phantasievorstellungen ist diese Leidenschaft zu dichten, sondern zugleich schon ein neuer Versuch, in der Wirklichkeit selbst Fuß zu fassen. Als Dichter erhofft sidi MORITZ die bedeutende Rolle in der W e l t , die zu spielen ihm bis jetzt versagt war. Der noch heftigere «furor theatralicus» zeigt die gleichen Ursachen, Symptome und Folgen. Hier aber liegt bereits der tiefste Grund für die Unerfüllbarkeit des MoRiTZschen Künstlertraumes: Künstlerische Leistung kann nur auf dem Boden echter künstlerischer Phantasie erwachsen; echte künstlerische Phantasie wiederum zielt auf die Kunstschöpfung und niemals primär auf die korrektive Befriedigung von in der Realität nicht zu verwirklichenden Trieben, geschweige denn auf eine W i r k u n g in der W e l t durch den E r f o l g des Kunstprodukts. Alle ihr nur zugänglichen W e g e beschreitet diese Phantasie, indem sie alle Realitäten umdeutet. Aus kleinen Spaziergängen werden «ordentliche Wanderungen», aus aufgefangenen W o r t e n Symbole höchster Bedeutsamkeit; der T r a u m hat die Intensität eines realen Erlebnisses. («Reiser», S. 94, 170, 358 f., 84 f., 31 f., 86 f., 35 f.). Die Gefahren, die eine solche übersteigerte Vorstellungskraft für den Menschen birgt, hat KEYSERLING deutlich genannt: «Ist die Vorstellung falsch, so rächt sich das irgend einmal: Selbstverwirklichung erweist sich als unmöglich, sei es im Sinn vollendeten Ausdrucks des Innersten, sei es im Sinn geglückter Selbstbehauptung in der W e l t . » U m beides geht es gerade MORITZ, an beiden wird er gehindert durch eine falsche Vorstellung von sich selbst. Bezeichnenderweise nennt KEYSERLING diese vorwiegend von der Einbildungskraft diktierte Lebensform eine s c h a u s p i e l e r i s c h e : « . . . der Mensch erlebt und handelt nicht entsprechend dem, was ihn tatsächlich von innen her treibt oder

Die Phantasie als Korrektiv

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von außen her beeindruckt, beeinflußt oder in Mit-Leidensdiaft zieht, sondern aus dem Geist erfundener Vorstellung heraus, als deren V o l l strecker.» 4 · E s ist tatsächlich kein Z u f a l l , daß MORITZ wesensgemäß auf die theatralische Auswirkung verfallen mußte. Für MORITZ liegt in der Einbildungskraft also die Rettung aus einer Einschränkung, die jede Entwicklung des Ichs zu verhindern droht; zugleich aber ist sie ein Hilfsmittel, den Expansionstrieb abzureagieren, der sich in der Realität nicht betätigen kann. Die Phantasie verselbständigt sidi jedoch immer mehr und verschiebt die Realität, um sie schließlich ganz aufzuheben. Niemals vermag sie jedoch das zu sein, was MORITZ sich von ihr erhofft: ein Mittel zur Selbstverwirklichung: «Je mehr Vorstellungskraft nun im Spiel ist, desto mehr bedeutet die Vorspiegelung gegenüber der ursprünglichen Wirklichkeit; desto mehr vitalisiert die Vorstellung alsdann das auf anderer Ebene freilich Vorhandene und übersteigert es ins Maß- und Sinnlose, oder aber es leitet es in dem eigenen Drang und Wunsche nicht entsprechende Bahnen.» 47 Das Leben MoRiTzens wird in der Folge immer mehr Kampf mit und Leiden an dieser extremen Form der Phantasie, die sich am stärksten in seinem Theatertrieb äußert. Dieses Leitmotiv der MoRiTZsdien Entwicklung können w i r dem «Reiser» nur in seinen Grundgegebenheiten ablesen; die Möglichkeit einer Lösung des Dilemmas ist in anderen W e r k e n angedeutet. Doch schon während der Niederschrift des ι . Teils des Romans — also bereits v o r der Begegnung mit GOETHE — waren MORITZ die Gefahren der Einbildungskraft bewußt, wenn er sagt: «So w a r d er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealische W e l t verdrängt, w o sein Geist f ü r tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können.» («Reiser», S. 1 6 / 1 7 ) . Besonders verderblich mußte diese wuchernde Einbildungskraft sich auf die religiöse und metaphysische Einstellung MoRiTzens auswirken. So gaukelt die Phantasie ihm religiöse Erlebnisse vor, die keine Realität in seiner Seele haben, v e r f ü h r t dadurch zur religiösen Eitelkeit und verbiegt und zersetzt schließlich jede religiöse Erlebnisfähigkeit: « . . . so weit ging die Täuschung seiner Einbildungskraft, daß es ihm zuweilen wirklich war, als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele v o r . . . E s waren also dergleichen eingebildete innere Gefühle immer eine süße Nahrung seiner Eitelkeit, und das innige Vergnügen, was er darüber empfand, wurde vorzüglich durch den Gedanken erweckt, daß er doch nun sagen könnte, er habe ein solches göttliches, himmlisches Vergnügen in seiner Seele empfunden . . . » («Reiser», S. 57). Zweifellos wirken hier verstärkend Einflüsse des Pietismus, der ja die unablässige Beobachtung der eigenen Seele verlangt, um den Augenblick der Erweckung genau fixieren zu können.

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Die G r u n d s p a n n u n g des Moritzschen Lebensgefühls

Seelische Gesundheit und Wahrhaftigkeit sieht der rüdcschauende M O R I T Z während der ganzen im «Reiser» dargestellten Epoche durch die «Leiden der Einbildungskraft» («Reiser», S. 78) gefährdet. Und wenn er dem letzten Teil seiner Autobiographie eine Abhandlung «Die Leiden der Poesie» («Reiser», S. 415—418) einfügt, so bedeutet das nichts anderes als eine endgültige Abrechnung am konkreten Beispiel mit diesen Leiden der Phantasie, welche die ganze Problematik seines Dichter- wie seines Schauspielertraumes erklären. Seine objektive Definition und seine Klärung findet dieses Leiden MoRiTzens an der Einbildungskraft in seiner «Bildenden Nachahmung». Wenn Klischnig sagt: «Im ewigen Kampfe mit sich selbst war er nicht leichtsinnig genug, ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen, und hatte doch auch wieder nicht Festigkeit genug, um irgendeinen reellen Plan durchzusetzen . . ,»·18, so muß das für die Entwicklung von MoRiTZens Lebensidee bedeuten: Moralisches Wertgefühl, soziales Bewußtsein und intellektuelle Klarheit waren zu ausgeprägt, um ihm ein völliges Versinken in seiner Individualität nicht gemäßen Phantasiebildern zu gestatten. Aber anderseits ist M O R I T Z doch von der Aufklärung bereits so weit entfernt, daß ihn ein hemmungsloses Schweifen in den Gefilden der Phantasie bis an die Grenze äußerster Gefährdung zu locken vermochte. Das Individuum MOR I T Z , noch nicht ganz der Romantik zu eigen und dodi schon der Aufklärung entwachsen, zerbricht nicht, sondern läutert sich, nachdem die geniehaften, rationalen und romantischen Elemente sich einzeln ausgewirkt und schließlich gegenseitig durchdrungen haben, unter dem Zeichen einer säkularisierten Mystik.

III. K A R L P H I L I P P M O R I T Z IN GEISTESGESCHICHTLICHEM

ZUSAMMENHANG

Das MoRiTZsche Grundproblem, der innere Kampf zwischen Ausbreitung und Einschränkung, stellt sich geistesgeschichtlich dar als ein Schwanken zwischen zwei Einflußgebieten. Einerseits schließt MORITZ sich den T e n denzen eines expansiven Geniewesens, wie es ihm in der Sturm- und DrangDiditung, zumal KLINGERS, begegnet, an; andererseits ist es der seit dem letzten Hervortreten in der Mystik BÖHMES und seiner unmittelbaren Nachfolger unterirdisch fließende, nun wieder ausbrechende mystische Strom, wie er ihn im Quietismus der Madame GUYON erlebt, der MoRiTzens W e sensart bestimmt. Dodi sind dies nur die Hauptkräfte, die auf ihn eindringen; hinzu treten der Pietismus seiner Mutter, der Volksaberglaube seiner sozialen Herkunftsschicht, das aus quietistischen, pietistischen und den Elementen dieses Volksaberglaubens gemischte Sektierertum des Braunschweiger Lehrherrn, die sdiwülstige W e l t der barocken Romane, der rhetorische Rationalismus seines großen Predigervorbildes Paulmann, der Freundschaftskult der Empfindsamkeit und die trockene Aufklärung des hannoverschen Schulwesens. G e w i ß lassen sich auch die Einflüsse profaner Natur letzten Endes auf ein gemeinsames religiöses Fundament zurückführen. Aber gerade in ihnen zeigt diese Religiosität sich bereits mannigfach gebrochen, zersetzt und modifiziert durch die Geistesbewegung, die als eigentlicher Ausdruck des Modernen in der damaligen Z e i t gegenüber den alten Geistesmächten um den Herrschaftsanspruch ringt: die materialistisdie Philosophie, die sowohl zur Verwirrung wie zur Entwicklung der traditionellen Grundlagen beiträgt. Alle diese Strömungen laufen nun nicht neben MORITZ her, wobei sie von ihm rational betrachtet und intellektuell ausgewertet werden, sondern sie dringen in ihn ein, sein Wesen ebenso verwandelnd, wie sie von diesem selbst beeinflußt werden.

ι.

Aufklärung

Auch MORITZ zollte der Aufklärung, die die bestimmende Geistesrichtung der Zeit und zumal seines späteren Aufenthaltsortes Berlin werden sollte, seinen T r i b u t . G e w i ß konnte seine so ganz gefühlsbetonte Individualität den Sirenenklängen der neuen Religion der Berliner Gesellschaft nie bedingungslos folgen. 4 · Ein bezeichnendes Zeugnis, das Henriette HERZ über-

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Karl Philipp Moritz in geistesgesdiichtlidiem Z u s a m m e n h a n g

liefert, m a g seine Einstellung s i n n f ä l l i g verdeutlichen:

«Als einst

Karl

Philipp M o r i t z eben bei mir w a r , trat H e r z , G ö t h e ' s Gedicht