Formationen der Mediennutzung III: Dispositive Ordnungen im Umbau [1. Aufl.] 9783839408674

Die dispositiven Ordnungen, in denen die Medien operieren, bilden in ganz entscheidendem Maße die Formen der Nutzung. Es

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Formationen der Mediennutzung III: Dispositive Ordnungen im Umbau [1. Aufl.]
 9783839408674

Table of contents :
Inhalt
Einleitung
STIMMFÜHRUNGEN
LautSprecher-Passagen. Zu den Umbauten eines Dispositivs der Massenkommunikation vor und nach 1945
»Such a sincere, patriotic voice«. Lord Haw-Haw, Kate Smith und die Intimität des Radios
Modern Talking. Wie aus einer Politik der reeducation eine Politik der reorientation wurde
Der ›unerlässlich ruhige Ton‹. Umbauten der Stimmkultur zwischen 1945 und 1952
»Was tun, wenn's klingelt?« Handy-Fernsehen
STEUERUNG UND TEILHABE
Zum Versprechen radiophoner Teilhabe. Der Hörer hat das Wort (1947-1958)
Video. Vom Alternativfernsehen zum Massenmedium
Tele-Dialog und das ›Stimmrecht‹ des Mediennutzers
Konvergenzen. Umbauten des Dispositivs Handy
UMBAUTEN DES STATISTISCHEN DISPOSITIVS DER MEDIENNUTZUNG
Auf den Spuren der Medienforschung. Zum Princeton Radio Research Project
Mediengeschichte des Messens. Zu den Umbauten der Media-Analyse
Herausforderungen der Medienforschung durch ›neue Medien‹
Autorinnen

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Irmela Schneider, Cornelia Epping-Jäger (Hg.) Formationen der Mediennutzung III

Formationen der Mediennutzung Herausgegeben von Irmela Schneider I Band 3

IRMELA SCHNEIDER, (ORNELIA EPPING-JÄGER (HG.)

Formationen der Mediennutzung 111. Dispositive Ordnungen im Umbau

[ transcript]

Gefördert durch das Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen. Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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© zoo8 transcript Verlag, Bielefeld Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfaltigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Umschlaggestaltung: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Umschlagabbildung: Nam June Paik: TV-Buddha; © Ken Paik Hakuta, Director Nam June Paik Studios, Inc. und© Picture-AlliancejdpajLehtikuva Satz: Anna Bienefeld Druck: Maju skel Medienproduktion GmbH, Wetzlar ISBN 978-3-89942-867-4 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Besuchen Sie uns im Internet: http:jjwww.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unter: [email protected]

INHALT

Einleitung 7

STIMMFÜHRUNGEN

LautSprecher-Passagen. Zu den Umbauten eines Dispositivs der Massenkommunikation vor und nach 1945 CORNELIA E PPING-JÄGER

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»Such a sincere, patriotic voice«. Lord Haw-Haw, Kate Smith und die Intimität des Radios ISABELL ÜTTO

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Modern Talking. Wie aus einer Politik der reeducation eine Politik der reorientation wurde CORNELIA EPPING-JÄGER

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Der •unerlässlich ruhige Ton•. Umbauten der Stimmkultur zwischen 1945 und 1952 CORNELIA EPPING-JÄGER

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»Was tun, wenn's klingelt?« Handy-Fernsehen CHRISTINA BARTZ

97

STEUERUNG UND TEILHABE

Zum Versprechen radiophoner Teilhabe. Der Hörer hat das Wort (1947-1958) IRMELA SCHNEIDER

115 Video. Vom Alternativfernsehen zum Massenmedium CHRISTINA BARTZ

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Tele-Dialog und das •Stimmrecht< des Mediennutzers IRMELA S CHNEIDER

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Konvergenzen. Umbauten des Dispositivs Handy ERIKA LTNZ

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UMBAUTEN DES STATISTISCHEN DISPOSITIVS DER MEDIENNUTZUNG

Auf den Spuren der Medienforschung. Zum Princeton Radio Research Project IRMELA SCHNEIDER

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Mediengeschichte des Messens. Zu den Umbauten der Media-Analyse ISABELL ÜTTO

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Herausforderungen der Medienforschung durch •neue Medien< MARIA EHRENBERG

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Autorinnen 251

EINLEITUNG lRMELA SCHNETDER/CORNELIA EPPTNG-JÄGER

Allgemeine Anmerkungen Mit der Expansion der Massenmedien seit Beginn des 20. Jahrhunderts, mit der Etablierung und Verbreitung zuerst des Films, dann des Radios und Fernsehens und schließlich des Computers als eines neuen Mediums, ist die Adressierung der Mediennutzer zunehmend problematisch geworden. Mit wachsendem Aufwand werden seit jener Zeit, um die Ungewissbeitell um den Adressaten abzumildern, unterschiedliche Verfahren erprobt, die den Mediennutzer sichtbar machen und ihm eine Gestalt verleihen sollen. Insbesondere drei Verfahren sind im Laufe des vergangenen Jahrhunderts auf- und ausgebaut worden und finden mittlerweile große publizistische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit: erstens die Ermittlung von Daten, die in Form von Statistiken, Grafiken oder Diagrammen den empirischen Nutzer sichtbar machen sollen; zweitens die publizistische Herstellung von Medienereignissen, an denen sich exemplarisch Umgangsformen mit Medien und mögliche Wirkungen von Medien verhandeln lassen; und drittens Veränderungen medialer Dispositive, die diskursiv vorbereitet und begleitet werden. Die Bedeutung dieser drei Verfahren gewinnt am Beginn des 21. Jahrhunderts, angesichts der fortschreitenden Digitalisierung, noch weiter an Gewicht. Der erste Band der Reihe Formationen der Mediennutzung hat ausgewählte Medienereignisse vorgestellt. Der zweite Band enthält eine Reihe von Fallstudien, in denen Strategien der Verdatung des Mediennutzers untersucht werden. In diesem dritten Band stehen unterschiedliche Situationen und Konfigurationen im Blickfeld, in denen dispositive Ordnungen verändert, variiert und umgebaut werden. Mit der Bezeichnung des Umbaus soll angezeigt werden, dass es nicht unbedingt um Zeiten eines grundlegenden Medienumbruchs geht, sondem dass wir uns auch fiir solche Veränderungen interessieren, die eher unscheinbar sind, sich nebenbei ergeben, die aber in ihren Effekten nicht minder nachhaltig sein können als der offenkundige und weithin sichtbare Wandel. Als mediales Dispositiv bezeichnen wir, Überlegungen der ActorNetwork-Theorie aufgreifend, ein Gefiige, das sich als ein Netzwerk aus

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IRMELA SCHNEIDER/(ORNELIA EPPING· JÄGER

Dingen, Zeichen und Personen begreifen lässt. Im Unterschied zu Denkfiguren, die von Medien als einer gegebenen Einheit ausgehen, verfolgen wir ein prozessuales Konzept von Medien. Knoten, Verbindungen, Kopplungen und Streuungen des medialen Dispositivs bleiben beweglich, disponibel, interagierend. Weder ein technisches Apriori noch die Nutzungsweisen, die Nutzer erproben, konstituieren je für sich ein mediales Dispositiv. Dieses ist vielmehr ein Effekt von diskursiven und technischen Prozessen, von sozialen und kulturellen Rahmungen. Dass der soziale und kulturelle Rahmen ein Publikum formiert und dass es in diesem Prozess immer auch um Macht geht, lässt sich an zahlreichen Episoden aus der Mediengeschichte rekonstruieren. Dass technische Prozesse allein keine Determinante von Nutzung bilden, zeigen - um ein bekanntes Beispiel aufzugreifen, das in diesem Band keine Rolle spielen wird - die wechselhaften Beziehungen, die zwischen dem kinematographischen Dispositiv und Dispositiven von Telemedien prozessieren. Bereits die Benennung des Ortes, an dem Filme gezeigt werden, weist darauf hin, dass die Attraktivität des Kinos in Großstädten erreicht werden soll, indem es als Hybrid aus Kino und Theater, eben als Kinotheater, konzipiert oder als Kinopalast zum Ort der Repräsentationskultur wird. Telemediale Dispositive konstituieren sich in ihren Anfängen nach diesem Vorbild, also kinematographisch: Das Publikum formiert sich als Versammlungsmasse des Saalradios oder in Fernsehstuben. Die Nutzung in privaten Räumen ist das Resultat eines Umbaus telemedialer Dispositive. Ebenso, wie der Besuch des Kinos mittlerweile nur eine der Möglichkeiten darstellt, einen Film zu sehen, haben sich im Laufe der Zeit, mit unterschiedlichen sozialen wie kulturellen Implikationen, auch die Nutzungsformen von Radio und Fernsehen in zahlreiche Varianten ausdifferenziert. Am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts gehören Prozesse der Digitalisierung zu den einschneidenden Veränderungen nicht nur der Medien, sondern aller sozialen Systeme der Gesellschaft. Exemplarisch werden solche Veränderungen sichtbar, wenn man das mobile Telefon als ein multimediales Gerät betrachtet oder wenn man sich die Spannbreite vor Augen führt, die zwischen IP-IV und Public Viewing oder zwischen stationärer und mobiler Mediennutzung liegt. Wie bereits Konfigurationen des 20. Jahrhunderts erkennen lassen, zeigt sich auch an solchen aktuelleren Situationen, dass die Annahme, ein linearer Prozess der zunehmenden Privatisierung und Individualisierung von Mediennutzung gehöre zu den Signaturen der Zeit, die Komplexität medialer Dispositive und damit zugleich Prozesse der Mediennutzung stark vereinfacht. Dieser letzte Gesichtspunkt lenkt den Blick auf eine der wichtigen Voraussetzungen, die unsere Überlegungen zu Formationen der Mediennutzung leiten: Mediennutzer bilden keine Subjekte, die Diskurse und

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EINLEITUNG

Dispositive als ihre Objekte verhandeln bzw. einbauen. Leitend ist vielmehr die Annahme, dass Mediennutzung nicht als isotierbare Einheit, sondern als Faktor jenes Netzwerkes verstanden werden muss, das Medien konstituieren. Konzepte und Vorstellungen von Mediennutzung bilden sich in einem komplexen Zusammenspiel von Dispositiven und Diskursen. Die Formuliemng, dass Diskurse und Dispositive Mediennutzung formieren, soll erstens anzeigen, dass diese Praktiken den Mediennutzer, den sie beobachten, zugleich herstellen und formen. Zweitens hält sie fest, dass solche Konstmktionen nicht ohne Effekte auf das Netzwerk bleiben, in dem sie operieren. Sie prozedieren auch als Techniken der Steuemng und der Macht.

Zum Aufbau des Bandes Die drei Sektionen, in die der Band aufgeteilt ist, nehmen aus je unterschiedlicher Perspektive Szenarien des Umbaus dispositiver Ordnungen in den Blick. Innerhalb einer jeden Sektion gibt es Fallstudien zu Umbauten unterschiedlicher medialer Dispositive. Ausgewählt wurden solche Situationen und Konstellationen, in denen Medienlmmmunikation durch eine Verschiebung der dispositiven Ordnung in ihrer Logik, ihrem Aufbau und Ablauf, modifiziert wird. Jede der drei Sektionen gibt einen Einblick in Konstellationen, die für das 20. Jahrhundert und seine (Massen-)Medien signifikant sind, und schließt mit einem Ausblick auf aktuelle Problemlagen, die im Prozess der Digitalisiemng entstehen. Wir verfolgen keine lineare Abfolge, sondern sind an >Geschichten< interessiert, die exemplarisch zeigen, wie Umbauten dispositiver Ordnungen ihr Konstmkt des Mediennutzers und der Mediennutzung neu formieren und den medialen Haushalt der Gesellschaft umorganisieren. Die erste Sektion - Stimmführungen - umfasst Medien-Szenarien, in denen die Relationen zwischen Mediennutzer und medialem Gefüge neu vermessen werden, da Vorannahmen und Erwartungen, die sich in der älteren und bewährten dispositiven Ordnung der Medien gebildet haben, nicht mehr zu jenen Prozessen passen, die durch eine veränderte Stimmführung innerhalb des medialen Raumes entstehen. Stimmführung bezieht sich dabei sowohl auf die menschliche Stimme und ihre Bedeutung und Rolle als Medienstimme als auch auf Prozesse diskursiver Lenkung von Medienstimmen. In einem ersten Beitrag zu »LautSprecher-Passagen« stellt Cornelia Epping-Jäger dar, wie sich die Beziehungen zwischen Mediennutzer und medialem Gefüge durch Umbauten des Dispositivs LautSprecher wandeln. Sie zeichnet nach, wie dieses Dispositiv von der Zeit des National-

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IRMELA SCHNEIDER/(ORNELIA EPPING· JÄGER

sozialismusbis in die 1960er Jahre hinein verändert worden ist, und entdeckt dabei Spuren der akustischen Ordnungen des alten NS-Regimes auch noch zu einer späteren Zeit, nämlich in den Kommunikationsräumen der DDR und BRD des ersten Nachkriegsjahrzehnts. Im Zentrum von Isabell Ottos Beitrag steht die internationale Radiopropaganda in der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus US-amerikanischer Perspektive. Die Propagandaforschung standangesichtsder Verbreitung des Radios vor neuen Aufgaben, da das Medium die Techniken der Propaganda veränderte. Einen Einblick in diese neue Situation gibt Isabell Otto am Beispiel zweier, damals weithin bekannter propagandistischer Stimmführungen: Es geht um Lord Haw-Haw und Kate Smith. Während die Propagandaforschung in Lord Haw-Haw die Stimme des Verräters, also feindliche Propaganda ausmacht, beschreiben US-amerikanische Diskurse der damaligen Zeit die radiophone Stimme der Kate Smith als >gute< Propaganda. An den Forschungen zu beiden Propaganda-Ereignissen zeigt sich, dass die Radiostimme nicht ohne Weiteres technisch definiert ist, sondern diskursiv formiert werden muss. Nur auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass Haw-Haws Kampagne dem amerikanischen Publikum fern und deshalb erfolglos und Kate Smiths Persuasion nahe und deshalb erfolgreich ist. In die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg führt der Beitrag von Comelia Epping-Jäger über »Modem Talking«. In dieser Studie geht es ebenfalls um Stimmführungen im Rahmen von Propaganda-Diskursen. Wie wird in den Nachkriegsjahren, so lautet die zentrale Frage, aus der »voice of reeducation«, die die Westalliierten anfangs einsetzten, eine »voice of reorientation« für die westdeutsche Bevölkerung? Der Beitrag verfolgt den Prozess am Beispiel der Filmpolitik, die die Westalliierten in den Jahren nach 1945 betrieben haben. Er verdeutlicht, in wie grundlegender Weise der Übergang von »reeducation« zu »reorientation« medien-politisch bestimmt und mit einer >demokratischen< Konfiguration von Mediennutzung verknüpft war. Die ersten Nachkriegsjahre greift auch der folgende Beitrag auf, in dem Comelia Epping-Jäger an drei unterschiedlichen Fallbeispielen darstellt, wie anfallig für Irritationen und entsprechend regelungsbedürftig >Stimmführungen< in der Zeit nach 1945 gewesen sind. Deutlich werden die Umstellungen vom rhetorischen Pathos der LautSprecher-Stimme auf den >Kammerton< der informativen Sachlichkeit, der als verlässliche Distanzgeste zur NS-Stimme galt. In Debatten, die am Anfang des 21. Jahrhunderts große öffentliche Aufmerksamkeit finden, führt der Beitrag von Christina Bartz. Ausgehend von einem deutschen Werbespot für Mobile-TV stellt sie die Komplikationen dar, vor denen in diesem Medienland das Vorhaben steht, das

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EINLEITUNG

Handy als Mobile-TV um- und auszubauen. Ein solcher Plan, so zeigt der Beitrag, kann sich nicht darauf beschränken, das Handy entsprechend >aufzurüstenangewachsene Fernseher< eingebaut wird. Die zweite Sektion des Bandes geht von der Beobachtung aus, dass dispositive Ordnungen, die umgebaut werden, das Verhältnis von Steuerung und Teilhabe verändern und neu justieren. An vier unterschiedlichen Szenarien werden Prozesse nachgezeichnet, die Mediennutzung als eine Handlungsmacht formieren, in der das Verhältnis zwischen medialer Steuerung und Teilhabe ständig neu ausgehandelt wird. Der erste Beitrag stellt dies am Beispiel der zu ihrer Zeit populären Radio-Sendung Der Hörer hat das Wort dar. Irmela Schneider geht es in ihrem Beitrag v.a. um die medienkommunikativen Praktiken, die erprobt werden, wem1 dem Hörer die Doppelrolle zugewiesen wird, sowohl Adressat des Mediums Radio wie Absender des Mediums Brief zu sein. Christina Bartz verfolgt in ihrem zweiten Beitrag Diskurse der späten 1960er und 1970er Jahre, die die Videografie als »Alternativfernsehen« beschreiben. Dabei zeigt sich, dass die Diskurse der Strategie folgen, die Medialität der Medienkommunikation auszublenden, um Teilhabe als >direkteStimmrechts< verknüpfen und welche Befürchtungen zugleich mit der Offerte eines solchen Stimmrechts einhergehen. Der TeleDialog, so eine der Thesen des Beitrags, stellt bereits jenen Rundfunkbegriff zur Disposition, der im Rundfunkstaatsvertrag bis ins 21. Jahrhundert hinein definiert ist. Wie in der ersten Sektion, so steht auch hier am Ende ein Beitrag zu aktuellen Debatten um das Handy. Erika Linz zeigt, dass das Handy von seinen Erfindern zwar als Medium des mobilen Mediennutzers konzipiert wurde, von seinen Nutzern aber zugleich als Medium stationär und sogar

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IRMELA SCHNEIDER/(ORNELIA EPPING· JÄGER

kollektiv genutzt worden ist. Der Beitrag diskutiert die in diesem Zusammenhang zentrale Frage, wie sich das Verhältnis von privat und öffentlich mit der Handy-Nutzung verändert. Das Handy zerstört nicht, so die These, den Raum der Privatheit, wie häufig kulturkritisch vermerkt wird, sondern schafft neue Formen und Räume von Privatheit und Intimität. Mediennutzung, so hat der zweite Band gezeigt, in dem es um Strategien der Verdatung ging, wird nahezu seit den AnHingen der Medienforschung in den 1930er Jahren aus der Sicht des statistischen Dispositivs beobachtet, das mit dem Ausbau der Demoskopie, der ebenfalls in jener Zeit erfolgte, auch in der öffentlichen Meinung zunehmend an Prestige gewinnt. Die dritte Sektion dieses Bandes nimmt das statistische Dispositiv erneut in den Blick und untersucht es aus einer veränderten und neuen Perspektive. Die Beiträge dieser Sektion verfolgen an ausgewählten Fallbeispielen, wie innerhalb der Medienforschung das statistische Dispositiv neu eingerichtet wird, wenn sich mediale Ordnungen und damit Praktiken der Mediennutzung verändern. Im ersten Beitrag steht das erste große Forschungsprojekt zum Radio im Mittelpunkt, das in den USA in den 1930er Jahren geplant, in seiner ersten Phase an der Princeton Universität durchgeführt und von der Rockefeller Stifiung gefördert wurde. Irmela Schneider rekonstruiert die Diskussionen, Kontroversen und Verhandlungen, die im Zuge der Planungen und in der ersten Phase des Projekts zwischen Vertretern der Wissenschaft, der Rockefeiler St!fiung und der Radioindustrie geführt worden sind. Sie beschreibt, welche disparaten Funktionen in der Allfangszeit dem Verfahren zugeschrieben wurden, Radionutzung mit statistischen Methoden zu ermitteln, welche Erwartungen und Befürchtungen den Aufbau eines statistischen Dispositivs der Mediennutzung begleiten und gegen welche Widerstände es eingerichtet wird. In einem zweiten Beitrag stellt Isabell Otto dar, welche Umbauten im Laufe der Zeit an der Media-Analyse vorgenommen worden sind. Bei der Media-Analyse handelt es sich um die Langzeituntersuchung der Mediennutzung, die seit Mitte der 1950er Jahre in jährlichen Erhebungen für die Werbewirtschaft und Medieninstitutionen die Frage zu beantworten versucht, wie durchlässig die unterschiedlichen Werbekanäle sind. Während Isabell Otto am Beispiel der Media-Analyse einen Beitrag zur »Mediengeschichte des Messens« verfasst, untersucht Maria Ehrenberg in ihrem Beitrag die Herausforderungen, vor denen das statistische Dispositiv am Beginn des 21. Jahrhunderts und dessen >neuer Medien< steht. Maria Ehrenberg diskutiert Probleme empirischer Forschungen, die die Nutzung von Online-Diensten ermitteln wollen. Angesichts neuer Medien, so zeigt Ehrenberg, ist eine Doppelbewegung signifikant: Neue Medien steigern auf der einen Seite die Anforderungen an empirische

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EINLEITUNG

Forschungen, die das Ziel verfolgen, die Nutzungsdimensionen eines Mediums zu erfassen. Andererseits eröffnen neue Medien neue Verfahren und Techniken der Datensammlung. Nicht nur Gedrucktes wie Fragebögen, sondern telefonische und computergestützte Interviews gehören am Beginn des 21. Jahrhunderts zu den Medien des statistischen Dispositivs, das Praktiken der Mediennutzung zu ermitteln versucht. Mediennutzung, so zeigen alle Studien in diesem und den vorangegangenen Bänden, ist keine gegebene Größe, die sich in ihren Ausmaßen vermessen und in ihren Funktionen und Effekten präzise erfassen lässt. Aussagen über Mediennutzung, so haben die Analysen ergeben, verdecken in der Regel die Aporien, in die sie sich verstricken. Sie blenden häufig aus, dass Mediennutzung mit jedem Verfahren, das ihr ein Profil geben will, neu und anders hergestellt wird. Mediennutzung wird diskursiv gebildet, und zugleich formieren Diskurse Praktiken der Mediennutzung. Die Beobachtung solcher Praktiken allerdings unterliegt der nicht hintergehbaren Bedingung, dass sie selbst in Medien fundiert und durch Medien formiert wird. Mediennutzung, so lautet unsere Bilanz, bildet ebenso wie ihre Beobachtung ein komplexes Gefüge. Mit den drei Bänden zu drei zentralen Verfahren, den Mediennutzer sichtbar zu machen und ihm eine Gestalt zu verleihen, wird die Aufmerksamkeit auf Dynamiken und Widersprüche, auf Regime der Macht und der Wahrheit gerichtet, die das Netzwerk konstituieren, in dem Mediennutzung sich bewegt.

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STIMMFÜHRUNGEN

LAUTSPRECHER-PASSAGEN. ZU DEN UMBAUTEN EINES DISPOSITIVS DER MASSENKOMMUNIKATION VOR UND NACH

1945

CORNELIA EPPING-JÄGER

Vorläufiges Ende 7. Oktober 1965: Die DDR begeht ihren 16. Gründungstag. Gefeiert wird mit einer Parade auf einem Truppengelände westlich von Berlin. Plötzlich ertönt infernalischer Lärm, der sehr allmählich nur das Trompetensolo aus dem Hollywood-Film Verdammt in alle Ewigkeit freigibt. Das Solo schlägt die Marschmusik. Durchsagen folgen: Diese Stimme kennt man in und um Berlin, auch wenn die NVA-Soldaten nicht sehen, wer spricht. Die Stimme gehört Heinz GeruH, dem sogenannten >SchallkämpferDemarkationslinie< entlangrollen und nicht nur den Osten mit 15-minütigen >Nachrichtensendungen< und dem immer gleichen Trompetensolo beschallen. Lautsprecherkrieg, denn die andere Seite bleibt nicht stumm, genauer: Sie hat sogar angefangen. Seit dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, spielen die 190 an der Grenzlinie angebrachten Lautsprecher DDR-Volksweisen, manchmal aber auch - wie beim Besuch Konrad Adenauers - Schlager: Da sprach der alte Häuptling der Indianer. Politische Parolen dagegen tönen eher aus den 15- >Rote Hugos< genannten- Lautsprecherwagen, dieperFunk an ihre >Sendeplätze< dirigiert werden. Der politische Lärm des 7. Oktobers 1965 jedoch ist ebenso ohrenbetäubend wie einmalig. Das Studio am Stacheldraht hat eine 5000-Watt-Lautsprecheranlage auf mehrere Lastwagen montieren lassen, eine Anlage, die akustisch über fünf Kilometer tief in Feindesland eindringt und die als Klangteppich alles übertönt - v.a. DDR-Kapazitäten, denn die >Roten Hugos< bringen es maximal auf 105 Phon. Waffenstillstand: Die DDR bietet an, weitere Visa-Stellen aufihrer Mauerseite zu eröffuen, wenn der Westen zukünftig auf den Lautsprechereinsatz verzichtet. 17

CORNELIA EPPING·JÄGER

Diese Episode erzählt nicht nur, dass der Kalte Krieg auch ein lauter Krieg war, sie erzählt zudem, dass sich zwei konkurrierende politische Systeme verabredeten, ein Mediendispositiv - den LautSprecher 1 - nicht mehr gegeneinander in Stellung zu bringen. Das ist im Zeichen geopolitischer Konfrontation zwar erstaunlich, fur den hier zu diskutierenden Zusammenhang aber von untergeordnetem Interesse, denn nicht das Ende, sondern das gleichsam miterzählte lange Leben des LautSprechers ist das Faktum, das Aufmerksamkeit verdient. Zu erwarten war diese Persistenz nicht, da das politische Ende des Nationalsozialismus (NS) auch die zentralen Kommunikationsmedien des Regimes nachhaltig diskreditiert hatte. Umso überraschender ist es daher, dass gerade Teile des mit dem NS so konstitutiv verknüpften Dispositivs nicht nur im Transitraum 1945/ 1949, sondern auch in den Anfangsjahren von BRD und DDR eine unüberhörbare Rolle spielten. Das Ende der nationalsozialistischen Stimm- und Medienpolitiken hatte ein Vakuum kommunikativer Nutzungsordnungen hinterlassen, in das sich unter quasi experimentellen Bedingungen veränderte dispositive Strukturen allererst (wieder) einschreiben mussten. An die Stelle etwa der auf entdifferenzierende Massenadressierung und Überwältigung ausgerichteten Stimmpolitiken traten nun von den Alliierten initiierte Umbau- und Remediationsprozesse, die- zumindest in ihrer westlichen Ausprägung - auf gesellschaftliche Differenzierung und individuelle Adressierung setzten. 2 Nicht zuletzt die Eingangsepisode macht jedoch deutlich, dass gleichzeitig mediale Fragmente des im Grunde bereits überkommenen LautSprecher-Dispositivs weiter fortbestanden, sodass die mit ihm in der Phase des NS verbundenen Stimmpolitiken einerseits zwar nachhaltig delegitimiert waren, dass ihre fortbestehenden medialen Fragmente zugleich aber unter veränderten Bedingungen weiter eingesetzt wurden. Insofern kann davon gesprochen werden, dass Spuren der akustischen Ordnungen des alten NS-Regimes noch über einen längeren Zeitraum in den neuen Kommunikationsräumen mitprozessiert wurden.

Diese Schreibweise wurde gewählt, um das Dispositiv LautSprecher von der technischen Apparatur Lautsprecher und von der Verwendung der Mikrofon/Lautsprecher-Konstellation im Rundfunk abzugrenzen. Wenn im Folgenden von LautSprecher die Rede sein wird, dann sind der dispositive Zusammenhang von technischer Apparatur und Stimmen der Redner, deren rhetorisch-ideologische Aufrüstungen sowie die kommunikativen Szenarien ihrer performativen Prozessierung in Massenveranstaltungen einschließlich deren Distribution über den Rundfunk angesprochen. 2 Vgl. dazu ausfuhrlieh Comelia Epping-Jäger: »Normalisierungszonen. Stimmtindung im Ausnahmezustand«, in: Christina Bartz/Marcus Krause (Hg.), Spektakel der Normalisierung, München: Fink 2007, S. 269-282. 18

LAUTSPRECHER· PASSAGEN

Bei diesen komplexen Remediationen handelt es sich um dispositive Umbauprozesse, um die Rekonfiguration einer »Gesamtheit von Praxen, Kenntnissen, Maßnahmen, Institutionen, deren Ziel es ist, das Verhalten, die Gesten und die Gedanken der Menschen zu verwalten, zu regieren, zu kontrollieren und in eine vorgeblich nützliche Richtung zu lenken«. 3 Wenn, wie Michel Foucault formulierte, Dispositive »immer eine konkrete strategische Funktion« im Kontext von Machtverhältnissen erflillen,4 stellt sich also mit Blick auf die Kontinuität und Diskontinuität des Dispositivs LautSprecher die Frage, worin das Überdauern alter und die Etablierung neuer >Notstände< (urgences) besteht, auf die der Prozess des kontinuierlich-diskontinuierlichen Umbaus antwortet.

NS-Propaganda und Phonozentrismus Während der Jahre zwischen 1925 und 1945 fand in Deutschland ein von der NSDAP konzipierter medialer Großversuch statt, in dessen Verlauf sich die um die massenhafte Distribution von politischen Stimmen zentrierte Diskursapparatur LautSprecher etablierte. Die Fokussierung der NSDAP auf >Stimme(n)< war einer Reihe von - hier nur summarisch anzudeutenden- Umständen geschuldet. 5 Die Partei wurde 1925 explizit als Rednerpartei gegründet, als eine Partei also, die sich um den akustischen Wirkungsraum von Stimmen organisierte. Das hatte mit der Zentralstellung der propagandistischen Redefähigkeit Adolf Hitlers zu tun, die, akkompagniert von den Redemarathons der Parteigenossen, später denen der Rednerstoßtrupps oder den in der >Reichsrednerschule< ausgebildeten Gau-, Kreis- oder Reichsrednern, immer aber von public relations und Gewaltaktionen flankiert, öffentliche Aufmerksamkeit evozierte und sicherte. Als rednerzentrierte Hörgemeinschaft war das NS-System auf propagandistische Diskurstypen angewiesen, und der herausgehobene Stellenwert von >Propaganda< zeigte sich bereits 1925, als man einen Ausschuss flir Propaganda - ein Novum in der deutschen Parteiengeschichte - in der NSDAP-Satzung verankerte. In der Folgezeit organisierte die NSDAP den Prozess der Rekrutierung von Parteigängern über die Institutionalisierung propagandistischer Aktivität, d.h. über Instituierungsformen dessen, was man >die NS-Stimme< nennen könnte. In ge3 4 5

Giorgio Agamben: Was ist ein Dispositiv?, Zürich, Berlin: diaphanes 2008, S. 24. Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin: Merve 1978, S. 125. Vgl. dazu ausfUhrlieh Comelia Epping-Jäger: »Stimmgewalt. Die NSDAP als Rednerpartei«, in: Doris Kolesch/Sybille Krämer (Hg.), Stimme. Annäherungen an ein Phänomen, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2006, S. 147-171.

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CORNELIA EPPING·JÄGER

wisser Weise lässt sich sogar davon sprechen, dass die NSDAP ihr Selbstverständnis als sozial-revolutionäre Bewegung gleichsam aus diesem Phonozentrum bezog: Der propagandistische Einsatz von Rednern diente der Erzeugung einer neuen organisatorischen Struktur, die ihrerseits wiederum Propaganda generierte. Andere propagieren und mobilisieren aber konnte in der Selbstbeschreibung des NS nur, wer selbst bewegt war. Keine »toten Sprechmaschinen« etwa wollte die Reichsrednerschute ausbilden, sondern solche Redner, die »nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen reden«, solche, denen man anmerke, »dass sie von dem Glauben an das, was sie sagen«, erfüllt seien. 6 Dass »die Stimme über uns ist, ehe sie in uns schwingt«/ gehörte zum phonozentrischen Argumentationsbestand einer Medienpolitik, die die »kalten« Massenmedien- Film und Rundfunk, aber auch Presse, Flugblätter und Plakate - abwertete und ihnen häufig nur eine Rolle in der medialen Distribuierungsperipherie des akustischen Dispositivs LautSprecher zuwies. Die >kalten< Medien, so resümiert >Reichssendeleiter< Eugen Hadamovsky 1933 die bisherigen NS-Medienerfahrungen, erlaubten es nicht, jenen unmittelbaren »Kontakt« herzustellen, der den Einzelnen zur »Massenseele« verschmelze und es möglich mache, »eine Handlung auszulösen«; vielmehr ermöglichten sie dem Adressaten, selbst wenn sie in der »Vorspiegelung der Wirklichkeit höchste Vollendung erreich[t]en«, eine »innere Reserve«. 8 Eine solche Distanz zwischen Wort und Glaube aber konnte und wollte ein Regime nicht zulassen, das auf gesellschaftliche Entdifferenzierung, Erlebniskontakt und Konstruktion von Gemeinschaftserlebnissen setzte. Zumindest in den Propagandaphantasmen vom hörenden Mitreden des Publikums ist jede Form einer >inneren Reserve< getilgt, und Adressat und Adressant werden als miteinander zu einer einzigen Stimme verschmolzen konzipiert: Die Redner, argumentierte Hadamovsky, hörten sich ebenso in der Stimme des Publikums, wie dieses in ihren Reden mitzusprechen schien. Es ist sicherlich nicht unberechtigt anzunehmen, dass die mit der Einstimmigkeitsvorstellung verknüpfte Fiktion unentfremdeter Rede, der die Stimme zur Agentin des Authentischen in der Massenkommunikation gerät, einerseits eng an die Ideologie von >Gemeinschaft< und >Bewegung< gekoppelt war, dass die mit der Vorstellung des totalen Zugriffs auf Herz und Gesinnung verknüpfte Annahme von Stimmübertragung und Einstim6 Hugo Ringler: »Die Reichs-Rednerschule und ihre Aufgaben«, in: Unser Wille und Weg 5 (1935), S. 332f. 7 Preußische Zeitung, Amtliches Nachrichtenblatt für alle staatlichen und städtischen Behörden vom 11.3.1936. 8 Eugen Hadamovsky: Propaganda und nationale Macht. Die Organisation der öffentlichen Meinung für die nationale Politik, Oldenburg: Stalling 1933, S. 46.

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LAUTSPRECHER· PASSAGEN

migkeit im metadiskursiven Selbstverständnis des NS andererseits aber auch einen Versuch darstellte, die kommunikativen Distanzen abzuschmelzen, die die vorgeblich >kalten< Medien während der Weimarer Republik zwischen politischer Macht und >Massenseele< eingezogen hatten. Die »Masse«, so Hadamovsky, ist eine »Zusammenballung« von »besonderer Labilität, Beweglichkeit und Explosivität, in der der einzelne nicht fassbar ist. [ ... ] Die Einwilligung ist veränderlich wie Sandbildungen am Meeresufer.«9 Contre cceur thematisierte er damit das Problem des InszenierungsaufWandes, der notwendig wurde, wenn es galt, labile in gesicherte Zustimmungsbereitschaft zu überführen. Die massen-suggestive Evidenz der Rednerstimmen verdankte sich nämlich weniger dem behaupteten >Kurzschluss der Herzen< als vielmehr aufWendigen technischen und rhetorischen Verfahren zur Herstellung von Evidenz, d.h. einem differenzierten Inszenierungsaggregat der Stimme, das deren Adressierungsunwahrscheinlichkeit minimieren sollte. Wenn die >Adressierung der Herzen< überhaupt gelang, dann konnte sie nur in einem >Schall- und Resonanzraum< gelingen, in dem sich die Stimme des Redners in komplexen, technisch-medialen, dispositiven Strukturen zu inszenieren vermochte; dann aber war das, was als authentisch wahrgenommen und beschrieben wurde, immer nur Authentizitätszeichen, immer nur Effekt aufWendiger Vermittlungsleistungen. A la longue wird deutlich, dass das Kommunikationsphantasma einer unentfremdeten, ja >negativen Rhetorik< zwei Dimensionen medialer >Unsichtbarkeit< aufruft: zum einen das Verbot einer Thematisierung der kommunikativen Regie der Stimme- »Regiefragen«, hatte Goebbels dekretiert, »gehören grundsätzlich nicht in die Öffentlichkeit«. 10 Zum anderen verweist es darauf, dass Medien grundsätzlich in dem Maße, in dem sie problemlos funktionieren, in den Wahrnehmungen ihrer Betrachter und Nutzer >gelöscht< werden. Insofern blieb das - als kommunikative Evidenzmaschine operierende - mediale Dispositiv nicht nur als Medium für die zeitgenössischen Adressaten unsichtbar, sondern es entzog sich auch weithin dem nachträglichen historiografischen Blick auf die Kornmunikationsverhältnisse des NS. Als ftir den Nationalsozialismus kennzeichnendes technisches Massenmedium fokussierte man daher v.a. den Rundfunk, während die charakteristischen Massenkundgebungen kaum hinsichtlich ihrer konstituierenden technisch-medialen Bedingungen beobachtet wurden. Der im Dispositiv LautSprecher von der NSDAP me9 Ebd., S. 21. 10 Joseph Goebbels in einer Anweisung zur Reichspressekonferenz, zitiert nach Karlheinz Schmeer: Die Regie des öffentlichen Lebens im Dritten Reich, München: Pohl & Co. 1956, S. 28.

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dientechnisch organisierte Phonozentrismus präsenzöffentlicher Massenadressierung ging dem Zugriff auf den Rundfunk aber von Anfang an voraus. Das Dispositiv LautSprecher erwies sich als ein idealer Resonanz- und Organisationsraum, der sich auch nach 1933 nicht nur erfolgreich als Massenmedium neben dem Stimm-Medium Rundfunk behauptete. Er absorbierte vielmehr diesen darüber hinaus als Distributionsmedium und fugte ihn in sein eigenes operatives Netzwerk ein. Besser, als der Rundfunk dies vermocht hätte, gelang es mithilfe des LautSprechers, die mit Massenmedien strukturell verknüpften Adressierungsprobleme zu kontrollieren: Der LautSprecher nämlich vernetzte Formen der Massen-Adressierung, die in der Regel mit einer Zerdehnung der Kommunikation verbunden waren. Die durch die elektroakustische Wandlung vom Leib des Redners getrennte Stimme übernahm in den performativen Szenarien der Massenrede die Aufgabe, Massenkommunikation gleichwohl als leib-anwesende Kommunikation in Szene zu setzen, und sie konstituierte derart einen Wahmehmungsraum, der die räumliche Zerdehnung zwischen leib-anwesender Stimme und massenhaft Adressierten aufhob und so die tedmischen Leistungen des Massenmediums mit der Form einer >Kommunikation im Raum wechselseitiger Wahrnehmung< verknüpfte. 11

LautSprecher als Dispositiv Der Rückblick auf das Propagandaverständnis der NSDAP lässt die Funktion des LautSprechers als ein Mediendispositiv deutlich werden, das Integrations- und Konsolidierungsfunktionen für das politische System des Nationalsozialismus organisierte. Unabhängig davon, dass die Propaganda viel weniger, als es den Anschein hatte, ein überwältigtes Publikum effektiv adressierte, trug der LautSprecher als zentrales Mediendispositiv der Propagandakommunikation doch in wirksamer Weise zur Machtetablierung des NS-Systems bei, indem er den politischen Raum topografisch und zeitlich neu strukturierte. Dafür, dass es sich bei dem LautSprecher nicht lediglich um ein neues technisches Medium in der politischen Kommunikation, sondern um ein Dispositiv handelte, das Kommunikations- und Politikräume tiefgreifend restrukturierte, lassen sich verschiedene Indizien anfuhren. Bereits bei dem »Hitler über Deutschland« genannten Wahlkampf des Jahres 1932 11 Vgl. dazu ausführlich Corne1ia Epping-Jäger: »Laut/Sprecher Hitler. Über ein Dispositiv der Massenkommunikation in der Zeit des NationalsozialismusTag der Arbeit< begann um Mitternacht, als sich organisierte Feierkolonnen aus den verschiedensten Landesteilen Richtung Berlin in Bewegung setzten. Im Laufe des Tages marschierten Werktätige und Jugendliche, die man zu Marschsäulen a 60.000 Menschen formiert hatte, in sternförmiger Ausrichtung auf das Tempelhafer Feld zu. Aus Trichterlautsprechern klang Marschmusik, mit Großlautsprechern wurden Reden in den öffentlichen Raum übertragen; die in Fenster und Hauseingänge gestellten Rundfunkerupfanger übertrugen Reportagen, die darüber berichteten, wie die Kolonnen auf das Feld zumarschierten. Simultaninszenierung: Beinahe zwei Millionen Menschen hörten sich beim Marschieren zu. Auf dem Tempelhafer Feld wiesen Lautsprecher in die Standorte ein, darüber fliegende Flugzeuge fotografierten, in welcher Stärke die Betriebsbelegschaften antraten. Der Nationalsozialismus forcierte den Erlebnischarakter seiner Großveranstaltungen, und ihm war darum zu tun, aus bloßen Besuchern unmittelbare Teilnehmer zu machen. Daher hatte man ein aus Live- und Semi-live-Veranstaltungen zusammengesetztes Erlebnisprogramm entwickelt, das aus der Arbeiterbewegung bekannte und tradierte politische Inszenierungsformen und deren Semantik aufnahm, im Rahmen des Dispositivs LautSprecher jedoch mit medialen Restrukturierungen versah: So konnten etwa die Teilnehmer eines traditionellen Schalmeienzuges nun aus der Luft hören, was von ihrem Spiel zu halten sei, schwebte doch über ihnen das Luftschiff >Graf Zeppelin»Eine einzige jubelnde Stim-

me der Begeisterungan das deutsche Volk< enttäuschte ihre von den Rundfunkhörern als Nuscheln und Verschleifen wahrgenommene Spannungslosigkeit. Der Redner war kein Radiosprecher, denn seine >Selbstinduktion< entfaltete sich nur aus der Logik vorgetäuschter direkter Interaktion mit dem Publikum. Daher adressierten die Propagandastrategen der NSDAP die Hitler-Stimme von jetzt an, wann immer möglich, nicht mehr direkt und unmittelbar aus dem Studio an das anonyme Kollektiv der Hörer, vielmehr richtete man sie indirekt - als Exempel einer zuvor gelungenen Adressierung im Rahmen einer Massenveranstaltung - an das Rundfunkpublikum. Dieses hörte nun nicht mehr bloß die Stimme des >Führersan Alle< sendenden Rundfunks verknüpfen sollte. Die Lautsprecherindustrie hatte in enger Abstimmung mit den Propagandaexperteil des NS auf den >Tag der nationalen Arbeit< zugearbeitet und eine neue Übertragungstechnik entwickelt: die sogenannten >RundstrahlerGemeinschaftsempfangAktualismus des Dabeiseins< inszenierten. Die am 1. Mai 1933 in Ansätzen konstruierte Medien-Matrix stellte letztlich den ersten Großversuch dar, im Horizont des Dispositivs LautSprecher >Volksgemeinschaft< massenkommunikativ zu organisieren, blieb dabei aber auf iterative Verfahren angewiesen, sollte sie Wirkung zeitigen. So wie Propagandaparolen ständig mitgeteilt und wiederholt wurden, um behalten zu werden, so musste auch die Affirmation der Volksgemeinschaft in regelmäßigen Perioden als mediales Massenerlebnis eingeübt werden. Die Diskursform des Gemeinschaftsempfangs zieht sich daher wie ein rotes Band durch die Zeit des Nationalsozialismus: 1934 begannen Planungen, den öffentlichen Raum flächendeckend durch ein Netz von »Reichslautsprechersäulen« zu erschließen, das »die augenblickliche akustische Erfassung der gesamten Bevölkerung« ermöglichen sollte. 15 1936 warb Telefunken damit, viele Städte, Gemeinden, Schulen und Betriebe hätten bereits Lautsprecheranlagen gekauft, damit nach dem Wunsch maßgebender Stellen »wichtige Funkübertragungen [ ... ] allen Volksgenossen zugute kommen und nach Möglichkeit zu einem Gemeinschaftsempfang gestaltet werden« könnten. 16 Einige Zeit darauf demonstrierte die NS-Propaganda über Lautsprecher- und Rundfunkanlagen, zu welchen Einstimmigkeitsbekundungen sie fähig war: Anlässlich eines Hitler-Appells »an das ganze Deutschland« würden, schrieb die Preußische Zeitung, »sämtliche schaffenden deutschen Menschen in dieser historischen Stunde zum Gemeinschaftsempfang an den Lautsprecheranlagen versammelt sein«, um - so geschah es dann tatsächlich - »ein Signal zu hören, auf das hin im gesamten deutschen Reich eine Minute Verkehrsstille« eintreten sollte. 17 Das letzte und vielleicht paradigmatischste Beispiel für die Etablierung des LautSprechers als Mediendispositiv stellt der Reichs-Auto-Zug dar. Das von der NSDAP in Auftrag gegebene, Mitte der 1930er Jahre von Magirus gebaute und ab 1936 Einsätze fahrende technische Ensemble bestand aus vier Konvois zu je 20 Omnibussen und Lastwagen mit

15 Bundesarchiv Berlin (BArch) NS 10/46. 16 Telefunken Werbeprospekt, archiviert im Historischen Archiv des Deutschen Technikmuseums Berlin, Archiv-Nr. GS 5179. 17 Preußische Zeitung vom 18.3.1936. 26

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einer Gesamtlänge von mehr als drei Kilometern Fahrtstrecke. 18 Die Aufgabe des Reichs-Auto-Zuges bestand darin, ad hoc Massen(-rede)-Veranstaltungen - dazu gehörten etwa die Maifeiern, die Nürnberger Parteitage, die Olympiaden, aber auch Einzelreden, wie die von Hitler auf dem Wiener Heldenplatz gehaltene Rede aus Anlass des >Anschlusses< Österreichs - zu organisieren und übertragbar zu machen; eine Aufgabe, der die Vorstellung einer nahezu ubiquitären Mobilität zugrunde lag. Wie diese Beispiele deutlich machen, handelt es sich bei der für die NS-Propagandakommunikation konstitutiven Erfindung des LautSprechers nicht nur um eine technische Innovation, sondern um ein mediales Dispositiv, dessen zentrale Leistung in der multimedialen Vernetzung verschiedener Kommunikationsmedien bestand, einer Vernetzung, die zugleich die zeitliche Dynamik und die topografische Organisation öffentlicher Kommunikationsräume grundlegend verwandelte. Dass das Dispositiv LautSprecher dabei nicht einfach ein Medium der strategisch-propagandistischen effektiven Überwältigung eines Großpublikums vorstellte, sondern dass dieses Publikum seinerseits eine große Bereitschaft zur Rezeption propagandistisch-mediatisierter Botschaften zeigte, muss hier angemerkt werden. Sicherlich ermöglichte das Dispositiv LautSprecher Propaganda auf einem neuen Niveau, allerdings muss sein kommunikativer Erfolg auch in der affirmativen Resonanzbereitschaft des Publikums gesehen werden, die so lange anhielt, wie das mit dem Dispositiv verbundene use-and-gratification-Konzept funktionierte. Systematische Rezipientenforschung und die permanente Rückkoppelung von Massenkommunikation gehören zu den NS-Praktiken, die das Fehlen von Formen demokratisch-öffentlicher Resonanz kompensierten. In diesem Sinne übernahmen die vom Sicherheitsdienst der SS (SD) in Auftrag gegebenen Berichte aus dem Reich die Aufgabe, die NS-Führung in die Lage zu versetzen, »an Stelle einer öffentlichen Kritik die im Volke vorhandenen und entstehenden Auffassungen kennen zu lernen und zu berücksichtigen.« 19 Mit Thymian Bussemer, der die Verknüpfungen von NS-Propaganda und Populärkultur ausführlich analysiert hat, lässt sich argumentieren, dass die propagandistischen lnkorporationsbe18 Zu den technischen Daten des Reichs-Auto-Zugs vgl. Horst Hinrichsen: Reichsautozug »Deutschland« und Hilfszug »Bayern«. Die beiden größten Autozüge der Welt in den 30er Jahren, Wolfersheim-Berstadt: Podzun-Pallas 1998; sowie Comelia Epping-Jäger: »Stinune. Spur der Bewegung«, in: Gisela Fehrmann/Erika Linz/Cornelia Epping-Jäger (Hg.), Spuren Lektüren. Praktiken des Symbolischen. Festschrift für Ludwig Jäger zum 60. Geburtstag, München: Fink 2005, S. 133-152. 19 Zitiert nach Heinz Boberach: Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, Herrsching: Pawlak 1984, S. 533.

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mühungen des NS auch den Effekt hatten, den Alltag des »einfachen Volksgenossen spannender, erlebnisreicher und in mancher Hinsicht kosmopolitischer zu gestalten« als dies in der Weimarer Republik oder im Kaiserreich je der Fall gewesen wäre; dass sich die Deutschen »diese Gratifikation aber durch ihre Bereitschaft erkauft« hätten, die »von der Propaganda vorgeschlagenen Themen und Propaganda insgesamt als Kommunikationssystem zu akzeptieren. Als Gegenleistung bekamen sie vom Regime kommunikatives Material, das sich in ihre Bedürfnisse fügte.« 20 Für die Integrationspropaganda der Vorkriegszeit scheint das eine adäquate Beschreibung. Mit dem Beginn des Krieges aber ändern sich die Verhältnisse. In den ersten, erfolgreichen Kriegsjahren operierte das Dispositiv in bekannter Wirkungsmächtigkeit Noch funktionierte etwa das vielleicht erfolgreichste Produkt der NS-Propaganda, der Führer-Mythos, der die Person Hitlers über die Niederungen der Alltagspolitik hinausgehoben und seinen Namen zu einem Symbol für Deutschlands Wiederaufstieg geformt hatte. Zu diesem massenwirksamen Propaganda-Image gehörte, dass der Redner Hitler - so sehr das auch seiner wirklichen Gesinnung widersprach - als ein um die Erhaltung des Friedens besorgter Führer inszeniert wurde. Ian Kershaw hat gezeigt, dass das »Führer-Bild ebenso von der Bevölkerung geschaffen, wie propagandistisch in die Bevölkerung hineinprojiziert« wurde, dass es also Resultat sowohl der NSPropaganda als auch des politischen Verständnisses der Bevölkerung und ihrer Erwartungen war. 21 Das vermeintliche Umschwenken des >Führers< in der Kriegsfrage führte zu einem ersten Popularitätsschwund, wie sich in sehr vorsichtig formulierten Berichten aus dem Reich und sonstigen >Stimmungsberichten< nachlesen lässt.22 Vom frenetischen Jubel früherer Zeiten ist in diesen Berichten nicht mehr viel zu spüren. Auf die drohende Gefahr einer Destabilisierung des Führer-Mythos reagierte das NS-System mit einer umfassenden Inszenierung der Kriegserfolge in den durch das LautSprecher-Dispositiv organisierten Medienverbünden. Exemplarisch dafür ist etwa die Distribution einer Serie von vier Image stabilisierenden Reden, die Hitler Ende 1940 und Anfang 1941 hielt und die darauf abzielten, zurückliegende Kriegserfolge mit der Vorstellung eines grandiosen, vom >Führer< herbeigeführten Endsieges zu verbinden. Diese Reden wurden vor einem Massenpublikum gehalten, im 20 Thymian Bussemer: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2000,S.96f. 21 Vgl. !an Kershaw: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1980, S. 22. 22 Vgl. ebd., S. I 3, und Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2000, S. 432.

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Rundfunk - von einer Goebbels-Reportage eingeleitet - gesendet, sie wurden zum Gegenstand von Leitartikeln, in home-stories aber auch mit dem Stolz der Soldatenmütter auf ihre Söhne verquickt. Die Wochenschau wiederum lieferte zu den Tönen das BildmateriaL Da zur selben Zeit Wunschkonzert, der von Eduard von Borsody gedrehte Spielfilm mit Ilse Werner und Carl Raddatz in den Hauptrollen, in den Kinos anlief und sich schnell zu einem Kassenrenner entwickelte, erfuhr die RedeSerie eine weitere, wenn auch eher indirekte, Einbettung, lässt der Spielfilm das Dispositiv doch auf verschiedenen Ebenen sichtbar werden. In der Eingangssequenz zeigen Dokumentaraufuahmen den umjubelten Redner Hitler. Die Spielepisoden des Films wiederum zitieren zentrale Themen der Integrationspropaganda: die Einebnung gesellschaftlicher Hierarchien zugunsten der >Volksgemeinschaft< etwa oder die Ästhetisierung und Konstruktion von Erlebniswelten in Ringschaltungen. Zugleich wird im Film deutlich, dass sich das Mediensystem selbst reflektiert, indem es das Dispositiv zur Anschauung bringt: Medien zitieren Medien, der Dokumentarfilm den Live-Auftritt, der Spielfilm den Dokumentarfilm, das Radio den Gemeinschaftsempfang, die Radio-Show den Roman zur Sendung, die Frontpropaganda ihre Übertragung in den Spielfilm. Ein Funktionswandel des Dispositivs trat erst ein, als das use-andgratification-System aus dem Gleichgewicht geriet. Sobald die Realitätswahrnehmung des Publikums in eine grundlegende Differenz zur Propagandasemantik geriet, was mit fortschreitendem Krieg der Fall war, büßte das Dispositiv an sozialer Resonanz und perlokutionärer Wirksamkeit ein; seine Integrations- und Konsolidienmgsfunktion begann brüchig zu werden. Als Niederlagen an die Stelle von Siegen traten, mussten selbst »Parteiberichterstatter akzeptieren, dass die Reden >nicht mehr überall das verdiente Echo< fanden.« 23 Die von den Propagandastrategen befürchtete Distanz zwischen Wort und Glaube, die >innere Reserve< gegenüber dem NS-System machte sich erstmals als Reaktion auf eine Reihe von Reden bemerkbar, deren Ankündigungen von der Realität überholt wurden. Mit der ganzen Kraft des Dispositivs etwa übertrug man am 3. Oktober 1941 eine Hitler-Rede, in der Hitler erklärt hatte, Russland sei »bereits gebrochen« und werde »sich nie mehr erheben«; 24 kurz darauf verstärkte der >Reichspressechef< Otto Dietrich diesen Eindruck, die Zeitungen referierten auf seine Rede mit Schlagzeilen wie »Üstfeldzug entschieden - Der Bolschewismus militärisch erledigt«. 25 Hitler verfestigte

23 Vgl. Kershaw: Der Hitler-Mythos (wie Anm. 21), S. 224. 24 Max Domarus (Hg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Wiesbaden: Löwit 1973, S. 1762f. 25 Boberach: Meldungen aus dem Reich (wie Anm. 19), S. 182 u. S. 184.

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den entstandenen Siegeseindruck durch einen Appell an die Soldaten der Ostfront, in dem er von »dem letzten gewaltigen Hieb« sprach, der bevorstehe. Dieser Hieb blieb bekanntermaßen aus, und der SO berichtete bereits im November von umfassenden »Enttäuschungen« über den ausstehenden Sieg. 26 Weihnachten 1941 sprach ein Bericht bereits von »einem Tiefstand der öffentlichen Meinung«.Z7 Anfang 1942 meldeten die Berichte, dass viele Menschen »das Bedürfnis empfunden hatten, wieder einmal die Stimme des Führers zu hören und aus seinen Worten neue Kraft zu schöpfen«. 28 Hitler hatte angesichts der veränderten militärischen Lage in den letzten Monaten nicht mehr öffentlich gesprochen. Das Propaganda-System des NS nutzte deshalb die bislang so erfolgreich realisierte Möglichkeit des Dispositivs nicht, die Stimme des Führers in massenkommunikativen Szenarien als gleichsam leib-anwesende Kommunikation in Szene zu setzen. An die Stelle der in Präsenzöffentlichkeiten organisierten und >Gemeinschaft< inszenierenden Formen der Massenkommunikation trat in wachsendem Maße das Massenmedium Rundfunk, das viel weniger, als es die Kommunikationsformen des LautSprechers erlaubten, eine Kontrolle der Rezeption ermöglichte. Die ab 1942 stetig zunehmende, wenn auch verdeckt und subversiv geäußerte Kritik am Image des weitblickenden, unfehlbaren und von guten Absichten geleiteten >Führers< stellte bereits eine Konsequenz dieser eingeschränkten Dispositivnutzung dar, und zu einem Wendepunkt des Hitler-Mythos kam es nicht erst, wie in der Forschung häufig behauptet, mit der Niederlage von Stalingrad.

Passage an die Grenzen Der eingeschränkten Nutzung des Dispositivs innerhalb des Reichsgebietes standjedoch eine Nutzungsausweitung an den Grenzen gegenüber, denn der LautSprecher fand in den sogenannten Propagandakompanien (PK) an den militärischen Fronten ein neues Operationsfeld. Mit dieser Wauderbewegung des LautSprechers aus dem Bereich ziviler politischer Öffentlichkeiten hin zu den militärischen Grenzen wurde zugleich auch die für den NS charakteristische Machterwartung an die Medien, die Politik als Medienpolitik betrieb, auf den militärischen Bereich übertragen. Bereits die Konstitution der Propagandakompanien stellte so etwas wie einen wahr gewordenen goebbelsschen Medientraum dar: Eine mobile task-force - bestehend aus Rundfunkreportern, Journalisten, Bildbe26 Vgl. ebd., S. 184ff. 27 Kershaw: Der Hitler-Mythos (wie Anm. 21), S. 216. 28 Ebd., S. 216f.

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richtern, Kameramännern, aber auch Schriftstellern, Theater- und Filmregisseuren, Kunstmalern, Karikaturisten, Druckern und im weitesten Sinne Kulturwissenschaftlern - wurde ins Leben gerufen, um, so formulierte der Propagandaminister, »für alle Zeiten festzuhalten, was geschah«, denn »aus ihren Berichten und Bildern wird dereinst die Geschichte geformt werden.«29 Eine Vorform der Propagandakompanien hatte es bereits 1936 gegeben, bei der deutschen Besetzung der entmilitarisierten Rheinlande. Goebbels ließ eine 30 Mitglieder starke Gruppe von bekannten Medienberichtern, die nicht um ihre Zustimmung gefragt worden waren, unter strengster Geheimhaltung über Nacht nach Köln fliegen. Am Morgen filmten und fotografierten diese, wie deutsche Soldaten die internationale Absprache brachen und in die bislang französisch kontrollierte, militärisch aber neutrale Zone einmarschierten. Unter Missachtung realer Zeitverhältnisse verkündete Hitler am Mittag desselben Tages in einer vom Rundfunk gesendeten Rede vor den Reichstagsabgeordneten, dass deutsche Truppen soeben dabei seien, ihre >Friedensgarnisonen< im Rheinland zu beziehen. Der daraufbin unter den von dieser Aktion völlig überraschten Abgeordneten ausbrechende freudige Tumult wurde minutenlang über Radio und Gemeinschaftsempfang an ein ebenso überraschtes und feierbereites Publikum übertragen. Wenige Stunden darauf konnte man die in Bilder übersetzte Politik in Zeitungen und Wochenschau betrachten: Lachende, mit Friedensblumen bekränzte bewaffnete Soldaten zogen an irritierten französischen Mannschaften vorbei und in die Stadt Köln ein. Der Erfolg dieses gelenkten Medienverbundes, der die medialen Strukturerfahrungen des Reichs-Auto-Zuges aufnimmt, dürfte Goebbels wohl dazu angeregt haben, über Verstetigung nachzudenken. Nach einigen weniger gelungenen Versuchen mit zivilen Berichterstattern bei militärischen Manövern einigten sich Propagandaministerium und Wehrmacht 1938 auf die offizielle Gründung von Propagandakompanien: Propagandakrieg und Waffenkrieg galten fürderhin als gleichberechtigt. Da Propaganda zur militärischen Waffe erklärt wurde, stellten die PK eine eigenständige Waffengattung dar. Ihre Mitglieder, die Kriegsberichterstatter, erhielten eine militärische Ausbildung und wurden als Truppengattung Teil der kämpfenden Truppe; sie agierten unter dem Oberkommando der Wehrmacht und wurden medienpolitisch und medientechnisch vom Propagandaministerium betreut. Die Aufgabe der in Höchstzeiten bis zu 15.000 Personen umfassenden PK bestand in der propagandistischen Beeinflussung der deutschen Bevölkerung, deren Zustimmungs- und Opfer29 Zitiert nach Georg Schmidt-Scheeder: Reporter der Hölle. Kriegsberichter im 2. Weltkrieg, Stuttgart: Motorbuch Verlag 2003, S. 9. 31

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bereitschaft gestärkt werden sollte, in der Aufrechterhaltung der Wehrwilligkeit der deutschen Soldaten, sowie in der Tarnung der militärischen Absichten gegenüber den Gegnern des Nationalsozialismus. »Propaganda wirkt durch Wort, Bild, Film und Ton unmittelbar auf die Menschenmassen diesseits und jenseits der politischen Grenzen«/ 0 definierte ganz im goebbelsschen Sinne eine Verfügung des Oberkommandos der Wehrmacht. Ihren ersten großen öffentlichen Kriegsauftritt hatten die LautSprecher in der Frühe des 4. Septembers 1939 am deutsch-französischen Grenzübergang von Perl/Apach, als ein den PK gehörender Lautsprecherwagen anrückte, um - wie es in Penetrationsmethaphorik formuliert wurde - sogenannte >Aktivpropaganda in den Feind< durchzuführen. 31 Da die Wehrmacht sowohl Zeit flir den Krieg in Polen als auch Zeit dazu brauchte, den Aufmarsch an der Westgrenze vorzubereiten, erhielten die PK den Auftrag, die französischen Truppen in ihren Stellungen über die wahren Kriegsabsichten der Deutschen zu täuschen und sie hinzuhalten. >Wenn ihr uns in Ruhe lasstgreifen wir euch nicht an.< Die PK setzte LautSprecher-Propaganda ein: Im Sinne einer vorgetäuschten nachbarschaftliehen Verbrüderung spielte man zunächst La Marche Lorraine, danach setzte man einen auf Wachsplatte gesprochenen französischsprachigen Lautsprecheraufruf ein, mit dem man versicherte, nicht zu schießen, nicht anzugreifen und keinen Krieg führen zu wollen. Die LautSprecher-Stimme, die den Feind hier sehr zielgerrau adressierte, trat in seiner Sprache als Freund auf und behauptete Vertrautheit nicht nur mit der Sprache, sondern gleichsam auch mit den unausgelebten Sehnsüchten des Feindes: Parlez moi d'amour, das wehmütig schmeichelnde Chanson von Lucienne Boyer, erklang zum Abschluss der Szene. Die Augen kann man schließen, die Ohren nicht: Das Programm wurde wiederholt, mehrmals am Tag und an mehreren Tagen, und es hatte Erfolg. Die Franzosen schossen nicht, flihlten sich angesprochen, wollten Kontakt aufnehmen mit den vorgeblichen deutschen Kameraden. Ein Ziel der deutschen LautSprecher-Propaganda, die Konstitution einer emotional verständigten Kommunikationsgemeinschaft, ging auf, als sich deutsche und französische Soldaten auf einer Brücke trafen, miteinander rauchten, jedoch nicht redeten, denn nur der LautSprecher sprach französisch. Der mitgekommene >Bildberichten fotografierte, Zeitungen veröf-

30 Zitiert nach Hasso von Wedel: Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht, Neckargemünd: Kurt Vowinckel Verlag 1962, S. 20. 31 Vgl. die Schilderung dieser Szene in Ortwirr Buchbender/Horst Schuh: Die Waffe, die auf die Seele zielt. Psychologische Kriegsführung 1939-1945, Stuttgart: Motorbuch Verlag 1983, S. 74ff. 32

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fentlichten die Aufnahmen. Ununterbrochen lief die LautSprecher-Aktion in den nächsten Tagen; das lockte Neugierige an, zwei amerikanische Filmreporter verfolgten die Ereignisse mit Kameras, dies war in deutschem Interesse. Einige Tage später durchbrach ein mit drei Soldaten besetzter französischer Panzerwagen die vordere deutsche Minensperre; die Soldaten - von der Aktion animiert und dazu bereit, die Grenze zwischen Freund und Feind zu löschen- kamen, um zu sagen, ihre Kameraden seien durchaus mit dem Nichtkämpfen einverstanden, nicht aber die Stäbe. Diese erwägten bereits die Ablösung der Truppe und die Ersetzung der französischen durch marokkanische Mannschaften. Die drei Soldaten wurden arretiert, die deutsche Propagandaleitung änderte die Taktik und offerierte ein alternatives Feindbild: Nun sprach die Stimme über die Grenze hinweg von einem feindlichen Dritten, dem Engländer, für dessen Waffengeschäfte man nicht gedenke zu sterben. Die Franzosen versuchten, die Lautsprecher zu orten und abzuschießen, die Deutschen nahmen neue Schallplatten auf, verstärkten das Angebot von Identifikation und Emotion: »Erspart doch eurem schönen Frankreich den Krieg« schallte man auf die andere Grenzseite - und über allem, und immer noch, die Sehnsuchtsmelodie: Parfez moi d'amour, bis die propagandistische Waffe von militärischen Waffen abgelöst wurde. Bereits dieses Beispiel zeigt, dass der Kriegseinsatz des Dispositivs LautSprecher darauf zielte, die asynchronen Grenzen zwischen politischem Raum und Kommunikationsraum zu synchronisieren. Die Übernahme der Feindesstimme geht den militärischen Okkupationsversuchen voraus; die stimmliche Penetration des feindlichen Sprachraums bereitet den Einmarsch vor. Die LautSprecher-Propaganda bewährte sich als zentrales Moment der militärischen Strategie. Dies zeigte sich auch in dem Namenswechsel, den sie im Krieg gegen Russland erfuhr: Sie wurde von der >Aktivpropaganda< zur» Kampfpropaganda in den Feind«.32 Die Waffen-SS verfügte seit 1943 über eine Kriegsberichter-Abteilung, die sich aus freiwillig Dienst leistenden, infanteristisch ausgebildeten Wort-, Bild-, Film- und Rundfunkberichtern zusammensetzte. Durch einen Erlass Hitlers erhielt diese Abteilung den Ehrennamen SS-Standarte Kurt Eggers, und als solche übernahm sie ab 1944 die Initiative in der Kampfpropaganda. Zu den Grundüberzeugungen der Waffen-SS, »SSKriegsberichterabteilung, Gruppe Aktivpropaganda, Abteilung Front« gehörte hierbei die Annahme, dass die »Propagandawaffe« nur als in die übrige Kampfführung eingebettete Waffe sinnvoll eingesetzt werden konnte: »Oberstes Gesetz der propagandistischen Strategie ist das gemeinsame Operieren der Propagandawaffe mit der kämpfenden Trup-

32 BArch NS 19/2449, Blatt I und 2.

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pe.« 33 Bei allen Problemen, die sich mit dem fortschreitenden Krieg ergaben, blieb die Kriegspropaganda ein zentrales strategisches Element der Kriegsführung, das in seinen kommunikationstheoretischen Grundlagen und in seinen operativen Regeln differenziert konzipiert war. Zunächst fällt auf, dass in den kommunikationstheoretischen Überlegungen, die die praktische Propagandaarbeit leiteten, Konzepte deutlich wurden, die mit der späteren Massenkommunikationsforschung kongruieren. Die lassweHsehe Formel >who says what in which channel to whom with what effectFlugblattangriff< mit eigens entwickelten Propagandagranatwerfern regelmäßig der eigentlichen Lautsprecherpropaganda vorausging. Diese operierte ihrerseits mit einem ganzen Inventar von unterschiedlich adressierten Redegattungen, denn, so die Richtlinie, »in der Überläuferpropaganda hat es sich als zweckmäßig erwie33 34 35 36

BArch NS 19/2439, Blatt 3 und 4. Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch-MA) RW 4/v20. Ebd./v267. BArch NS 19/2439, Blatt 3 und 12.

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sen«, sowohl ein diversifiziertes Sprachprogramm einzusetzen als auch »die einzelnen Waffengattungen getrennt anzusprechen«.37 »Kurze Ansprachen mit ständig aktuellem Inhalt«, ausgerichtet an den militärischen und politischen Tagesereignissen, wurden, obwohl alle in »der Sprache des Feindes« gesprochen, etwa für Panzerbesatzungen anders formuliert als für Infanteristen; »Kriegsberichte« von fremden Frontabschnitten zeigten eine größere Wirkung, wenn sie mit den Ereignissen des >eigenen< Frontabschnittes verknüpft wurden. 38 Per Lautsprecher übertragene »Zeitfunkberichte« arbeiteten mit Live-Ansprachen, aber auch mit nachträglich eingesprochenen - so die SS-Selbstwahmehmung - »eindrucksvollen Erlebnisberichten«. 39 Überläuferlieder, Volkslieder und Arien schließlich wurden in Berlin »von heute im Reich lebenden bekannten russischen Sängern« gesungen und aufgenommen, dies v.a., wenn sie »eine kluge propagandistische Färbung im Sinne des Antibolschewismus haben.« 40 Neben dem informatorischen Darstellungsmoment der akustisch übermittelten Propagandainhalte, die als »klare, wahre, oder wahrheitserscheinende Grundparolen«41 ständig wiederholt werden sollten, setzte das kommunikative Konzept v.a. auf eine Erschütterung der Adressatenmoral durch den Einsatz emotional-appellativer Mittel. Was das hieß, kann ein unter der Bezeichnung >Überläuferlied< von der SS entwickeltes Szenario verdeutlichen: Der Soldat lebe von seiner Familie getrennt, das gelte es ebenso auszunutzen wie den Umstand, dass die Familien der auf der >anderen Seite< kämpfenden Ukrainer und Ruthenen etwa in den deutsch besetzten Ostgebieten lebten. »Ein Lied, von einer schönen Frauenstimme gesungen, inhaltlich auf das Heimweh, den sinnlosen Tod der Sowjetsoldaten und auf die friedliche Arbeit unter deutschem Schutz abgestellt, kann von großer Wirkung sein.« Mithilfe dieser »Melodie«, argumentierte der Propagandastratege, sei »dem Sowjetsoldaten der Überläufertext unvergesslich sicher einzuprägen.« Schließlich wäre es auch möglich, das Tagesfunkprogramm »mit diesem Lied beginnen und enden« zu lassen. Die Funktionäre könnten den Soldaten das Lesen von Flugblättern zwar verbieten, »einem Text aber, der ihnen hinübergesungen wird, stehen sie machtlos gegenüber.«42 Jedoch sollten nicht nur die Überläuferlieder, sondern auch die Frontnachrichten oder die Berichte aus dem alltäglichen Leben der Frauen, Kinder und Zivilisten unter deutscher Besat37 BArch NS 19/2449, Blatt 2. 38 Ebd., Blatt 11 f. 39 Von Wedel: Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht (wie Anm. 30), S. 116f. 40 BArch NS 19/2449, Blatt 10. 41 Ebd., Blatt 2. 42 Ebd., Blatt 7.

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zung von »temperamentvollen, mitreißenden Stimmen« vorgetragen werden, denn die Erfahrung habe gezeigt, »daß Fraueneinsatz in der Frontpsychologie besser und nachhaltiger wirken kann«, formulierte ein Dozent für Kampfpropaganda anlässlich seiner Überlegungen, anhand welcher Strategien den Sowjetsoldaten die Molotow-Note aus deutscher Sicht nahezubringen sei.43 Dass das Okkupatorische des eindringenden militärischen Aktes durch die Vertrautheit der Stimmen verdeckt werden sollte, gehörte dabei zur Grundlagentaktik »Im allgemeinen konnte festgestellt werden«, schreibt der >Chef der Propagandatruppe< an den >Reichsftihrer SS< Heinrich Himmler, »daß landeseigene Sprecher, vor allem Frauen, bei den Gegnern erhöhten Aufmerksamkeitswert erzielen.«44 Sicherlich erregten die - z.T. eigens ausgebildeten- Frauenstimmen auch das sexuelle Begehren der Soldaten, ein Effekt, den man schon deshalb gern hervorrief, weil er die Bereitschaft zum Überlaufen verstärkte. Daneben aber zeigt sich in diesem Vorgehen noch einmal der für das Dispositiv LautSprecher grundlegende Phonozentrismus des NS, der ja immer schon auf die affektive Überzeugungskraft der Stimme gesetzt hatte. »Man kann mit recht behaupten, daß ein Lautsprecherwagen den Einsatzwert eines Panzers besitzt. [... ] Bei klugem Einsatz kann er ein ganzes Regiment wert sein.« 45 In der Tat schien diese Strategie zunächst aufzugehen: Obwohl die russische Militärführung etwa die ukrainischen Truppen, die dem LautSprecher-Angriff über längere Zeit hinweg ausgesetzt gewesen waren, abzog, auf andere Einheiten verteilte und durch »Angehörige der Turkvölker« ersetzte,4 " verzeichnete die SS für das Jahr 1942 61 .346 Überläufer, d.h. Soldaten, die nachweislich auf Kampfpropaganda hin ihre Truppen verließen. 47 1943, endgültig jedoch 1944, gehen die Überläuferzahlen zurück, und eigentlich hätte nun deutlich werden müssen, dass der Traum von der Allmacht der Propaganda ausgeträumt war. »Wir haben in die vordringenden Russen unser Propagandamaterial geschossen und unter schwersten Bedingungen mit unseren Lautsprecherwagen gearbeitet«,48 rapportierte der Kommandeur der SS-Standarte an den Reichsführer SS im Frühjahr 1944, aber ohne großen Erfolg, denn nur noch 2.202 Überläufer waren zu vermelden. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass »die Erfolge der Kampfpropaganda [... ] je nach militärischer Lage« wechseln, dass sie sich je »nach Intensität der Propaganda« aber steigern

43 44 45 46 47 48

BArch-MA RH 2/2134, Blatt 44. BArch NS 19/ 2449, Blatt 5. BArch NS 19/2439, Blatt 3. BArch-MA RH 2/2108, Blatt 34. Vgl. BArch NS 19/2449, Blatt 2. BArch NS 2448, Blatt 2. 36

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ließen. 49 Das wurde zunehmend unwahrscheinlicher, und zwar nicht nur an den Grenzen, sondern auch im Inneren des Reiches. In kürzester Zeit nämlich war überaus deutlich geworden, dass die Kriegspropaganda, statt die Informationsbedürfuisse der Bevölkerung zu befriedigen, große Verluste verschwieg, Niederlagen kleinredete und Siege überhöhte, woraufhin sie rapide an Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit verlor. Zwar versuchte die NS-Propaganda an der inneren und äußeren Front auch weiterhin, über das Dispositiv LautSprecher Medienverbünde und Gemeinschaftsempfang zu organisieren, jedoch ohne durchschlagende Resonanz: Die im Rundfunk übertragenen Kriegsberichte und -reportagen wurden ebenso skeptisch rezipiert, wie die auf Schallplatten eingespielten politischen Reden selbst unter den Soldaten nicht mehr die gewohnte Resonanz fanden. 50 Der letzte große Kriegsauftritt des LautSprechers schließlich fand in Königsberg statt: Ende Januar 1945 standen die Divisionen der Zweiten Weißrussischen Front innerhalb der Reichsgrenzen, nur fünf Kilometer vom Stadtzentrum Königsbergs entfernt. Die Lage für das verbliebene Militär und die Bevölkerung war hoffnungslos. Gleichwohl suchte und fand man eine Durchbruchstelle. Da die russische Armee die tatsächliche Situation in der Stadt nicht kannte, sendete man Geräuschplatten, die Stellungsausbau und Transportbewegtmgen vortäuschten, und diese spielte man in den Nächten: Panzerkettenrauschen und Lkw-Rollen, Kommandorufe, Marschtritte. Auch nahm der bereits eingestellte Reichssender Königsberg seine Sendungen wieder auf, und ein Orchester spielte das von Willy Berking komponierte Festlied für die Festung. Im Schutz dieser akustisch vorgetäuschten Kampfstärke verließen die Truppen und Zivilisten die Stadt.

Endzeit: Umbauten nach 1945 Mit dem Verlust der beherrschenden Rolle, die das Dispositiv LautSprecher für die Organisation der öffentlichen politischen Kommunikation im Deutschen Reich innehatte, geht also eine Verschiebung der Propaganda an die militärischen Grenzen einher, die nicht nur der Einwirkung auf den Feind, sondern auch der inneren propagandistischen Meinungsbildung von den Grenzen her nach innen diente. Die mediale Form der öffentlichen Kommunikation, die durch das LautSprecher-Dispositiv ihre spezifische Ausprägung erhalten hatte, wurde also nicht erst nach 1945 durch das Ende des NS-Systems delegitimiert, sie hatte vielmehr bereits 49 BArch NS 19/2450, Blatt 16. 50 Vgl. BArch R 58/150/1, Blätter 25-28 und 116-118.

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CORNELIA EPPING-JÄGER

vorher an Wirksamkeit verloren. Gleichwohl behaupteten gerade jene Funktionen, die das Dispositiv in der Phase seiner Auflösung gegen Ende des Krieges in der Grenzkommunikation behalten hatte, eine überraschende Kontinuität nach 1945. Blickt man etwa auf das technische Equipment des eingangs bereits erwähnten Studios am Stacheldraht, dann fällt eine Kontinuität mit den Konstruktionsprinzipien des Reichs-Auto-Zuges ins Auge. Dieses, auf die jederzeitige Herstellung mobiler politischer Öffentlichkeiten ausgerichtete >Dispositiv in nuce< hatte über einen Rednerwagen verfügt, dessen Tribüne sich hydraulisch auf sechs Meter Höhe ausfahren ließ. Zur Ausstattung des Studios am Stacheldraht gehörten nun ebenfalls solche Tribünenwagen, die sich allerdings charakteristisch von denen des NS-Systems unterschieden. Ihre Tribünen waren zwar auf die doppelte Höhe ausfahrbar, das aber war nicht dem technischen Fortschritt, sondern einer veränderten Kommunikationsform geschuldet: Hier standen keine Redner mehr auf den Tribünen, sondern Lautsprecherbatterien, und diese adressierten keine Präsenzöffentlichkeiten mehr, sondern den politischen Gegner über Distanzen von bis zu fünf Kilometern. Kontinuität und Diskontinuität zugleich zeigt sich auch in einer zweiten Hinsicht: Der Reichs-Auto-Zug hatte als ein Medium fungiert, das sich im Interesse seiner Medialisierungsleistung unsichtbar gemacht hatte. Die Turmlautsprecherwagen dagegen stellten sich in ihrer Sichtbarkeit und ihrer technischen Überlegenheit geradezu aus: »Am 1. Mai waren von beiden Seiten (BRD und DDR) die Lautsprecherwagen aufmarschiert«, berichtete ein Beobachter des westdeutschen Verteidigungsministeriums. »Unter dem Eindruck des neuen und überlegen erscheinenden Turmwagen [sie] hat die kommunistische Seite die vermutlich beabsichtigten Störungen unterlassen.« 51 Neben der technischen lassen sich auch personelle und konzeptuelle Kontinuitäten und Verschiebungen feststellen: Das Studio am Stacheldraht wurde aufmerksam von dem Leiter des Referats Psychologische Kampflührung (PSK) des Verteidigungsministeriums, Major i.G. Trentzsch, beobachtet, für den der propagandistische Lautsprechereinsatz aus mehreren Gründen bedeutsam war: Die PSK war 1958 in Reaktion auf- so formulierte der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauss - »die Mittel« gegründet worden, deren sich »der aggressive Weltkommunismus bedien[e], um seine Ziele zu erreichen.« Konkret dürfte er damit die 1956 gegründete, später sogenannte 14. Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung im DDR-Ministerium für Staatssicherheit gemeint haben, die Aktionen zur »Masseninfiltration in die Bundeswehr« vorbereitete. Deren »Methodik«, so Strauss, gelte es zu erkennen und mit 51 BArch-MA BW 1/9020.

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einer eigenen »Psychologischen Verteidigung« in Form einer »psychologischen Kampffiihrung« zu begegnen. 52 Geopolitisches Blockdenken, umgesetzt in persuasive Rhetorik- dieser Maxime folgten in den 50er Jahren eben nicht nur die Werbe-, sondern auch die Militärstrategen, wenn sie PSK als »gewaltlose Einflußnahme auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen zugunsten eigener militärischer Ziele« definierten. 53 Oder, wie die Studie zur PSK in einer Sprache, in der der semantische Umbau der Propagandasprache nach 1945 noch wenig bemerkbar ist, formuliert: »Die psychologische Kampfführung ist der Kampf im politisch-militärischen Bereich mit geistigen Waffen und Massenbeeintlussungsmitteln, um die Meinung, die Haltung und das Handeln des Gegners zum Nutzen der eigenen Seite zu verändern. Sie ist im Frieden begrenzt und im Kriege voll durchführbar und ermöglicht eine Beeinflussung der Völker, ihrer Führer und Soldaten bis zur Lähmung ihres Angriffs- und Verteidigungswillens.Ostbüros< der SPD von einer >Aktion AutohupeBotschaft< der politischen Kommunikation zu beobachten. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts schenken sie dem »stimulus-carrier« 1 oder »medium of appeal«2 ihre Aufmerksamkeit und loten aus, wie unterschiedlich gut Flugblätter, Zeitungen oder Filme zur Beeinflussung der eigenen oder fremden Bevölkerung taugen. Hinsichtlich seiner Medialität, und damit über seinen Status als materieller Propaganda-Träger hinaus, wirdjedoch erst das Radio ausgiebig diskutiert. Im Ersten Weltkrieg technisch noch zu unausgereift, als dass ihm >Massenbeeinflussung< zugetraut wird, avanciert es in der Zwischenkriegszeit zum Leitmedium der amerikanischen Gesellschaft. Als die Bedrohung durch den Zweiten Weltkriegs greifbar wird, stellt das Radio die Propagandaforschung vor ganz neue Aufgaben. Das Medium ist mittlerweile nicht nur so prägend, dass von einem »war on the short-waves«3 gesprochen werden kann. Es ist zudem bereits derart mit den Strukturen der amerikanischen Gesellschaft verwoben, derart >angewachsenBlackface Voices< - >First Person SingularBotschaft< dieser Sendungen - so legen es die detaillierten Inhaltsanalysen des Centers offen - besteht darin, den Krieg als rein europäisches Interesse herauszustellen und Amerika von einer Einmischung abzuschrecken. Ein entscheidendes Mittel ist hierbei die Charakterisierung der Briten als amerikanische Erzfeinde, die einer Verteidigung nicht würdig seien. 8 Ab 1939 zeichnet das Zentrum Sendungen einer deutschen Propagandafigur mit dem Namen >Lord Haw-Haw< auf, die sich mit folgender Eingangsformel in akzentfreiem Englisch an ein britisches und indirekt auch amerikanisches Publikum wendet: >»Germany calling, Germany 8

Vgl. die Beschreibung bei Harold N. Graves: »Propaganda by Short Wave: Berlin Calling America«, in: Public Opinion Quarterly 4 (1940), H. 4, S. 601-619.

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calling, Germany calling! Here are the Reichssender Hamburg, station Bremen ... Wirrnie the WhopperWirrnie of Warsaw< oder >Ursula the Pooh< sind Namen, die Barrington vergibt. Am 14. September 1939 tauft er eine Radiostimme, wegen ihres aristokratisch-nasalen Englischs, >Lord Haw-Hawtatsächlich< verbirgt, welchen Träger die - aus Margret Boveris Sicht >mnwiderstehliche« 12 - Stimme verhüllt. Auch wenn Lord HawHaw zunächst eine Verschmelzung von Eigenschaften ist, die unterschiedlichen englisch sprechenden Moderatoren zugeschrieben werden, verdichtet sich die Figur immer mehr und wird schließlich mit dem faschistischen und antisemitischen Briten William Joyce identifiziert. Joyce, der zunächst der British Union ofFacists angehörte und später die British National Socialist League gründete, war 1939 nach Berlin getlo9

Zit. nach: John A. Cole: Lord Haw-Haw and William Joyce. The Full Story, London: Faber & Faber 1964, S. 110. Vgl. die in der Princetoner Universitätsbibliothek verzeichneten und beschriebenen Bestände: >»Schmidt and Smith< was a series of comic dialogues between a German and an Englishman who met in a Swiss Hotel and discussed the flaws of the British System. Lord Haw-Haw, (a.k.a. William Joyce) played the part ofthe Englishman, while Schmidt was played by one of his colleagues.« (Princeton University Library: Princeton Listening Center Records, 1939-1941: Finding Aid, unter http://diglib.princeton.edu/ead/eadGetDoc.xq?id=/ead/mudd/ univarchives/AC015.EAD.xml vom 2.5.2008). 10 Vgl. Mary Kenny: Germany Calling. A Personal Biography of William Joyce, >Lord Haw-Haw>Nazi traitor«/ 4 übernimmt den Namen >Haw-Haw< - als unfreiwilliges Geschenk der britischen Presse an die deutsche Radiopropaganda - und lässt seine Sendungen fortan unter diesem Pseudonym ankündigen. 15 Haw-Haw kann als eine Figur der Propagandawirkung verstanden werden, die publizistische Diskurse überhaupt erst herstellen. In Großbritannien wird dies als schwerwiegender Fehler der Presse verhandelt: »The effect, however, was agairr merely to call attention to stations which could never otherwise have attracted nationwide publicity.« 16 Entscheidender ist jedoch, dass die radiophone Haw-Haw-Stimme einen Raum der unkontrollierbaren, persönlichen Adressierung eröffnet. Lord Haw-Haws Sendungen beziehen sich - so entschlüsseln es die transatlantischen Beobachter im Princeton Listening Center - nicht nur auf außenpolitische Themen, indem sie die deutsche Überlegenheit propagieren, auf die alte Feindschaft zwischen Frankreich und Großbritannien hinweisen oder die Neutralität der USA im Kriegsfall behaupten. Sie versuchen auch, Unzufriedenheit zu säen und das Vertrauen der Briten, v.a. der britischen Arbeiter, in ihre Regierung zu unterminieren, indem sie diese als kapitalistisches Unrechtssystem darstellen. Dies geschieht durch direkte Ansprache bestimmter sozialer Segmente des Radiopublikums: »For the labor-minded, he praised the trade unions as >the only organized body< of popular opinion opposing the Govemment. For the middle class, he condemned - not profits, to be sure - but >enormous profits.< For the poor, he condemned niggardly pensions. For youth, he attacked >antiquated politicians< and wished on the day when >the young people of England< would take a hand in their own affairs.« 17 Die Frage, ob Lord Haw-Haw nun eine Unterhaltungsfigur und damit nicht weiter ernst zu nehmen oder aufgrund seiner Popularität und seiner 13 Kenny: Germany Calling (wie Anm. 10), S. 148. 14 Martin A. Doherty: Nazi Wire1ess Propaganda. Lord Haw-Haw and British Public Opinion in the Second World War, Edinburgh: Edinburgh University Press 2000, S. xvii. 15 Vgl. Kenny: Germany Calling (wie Anm. 10), insbes. S. 128-165, und Co1e: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), insbes. S. 110-119. 16 Doherty: Nazi Wireless Propaganda (wie Anm. 14), S. 91f., ZitatS. 91. 17 Harold N. Graves: »Lord Haw-Haw of Hamburg. 1. The Campaign Against Britain«, in: Public Opinion Quarterly 4 (1940), H. 3, S. 429-442, hier S. 431. Vg1. auch Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 116f.

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brisanten Themen eine tatsächliche Gefahr ist, gerät in Großbritannien zur politischen Streitfrage. Die Forderung wird laut, diese Frage mittels der >Objektivität< empirischer Zahlen zu klären. Diese Aufgabe übernimmt die 1936 gegründete Audience Research-Abteilung der BBC unter der Leitung von Robert Silvey. 18 Im April 1939 führt die BBC eine erste Untersuchung durch, um die Gefahr auszuloten, die mit der Haw-HawFigur einhergeht. Eine weitere Studie folgt im Oktober, die das British Institute of Public Opinion unternimmt. Silvey spricht nach den Ergebnissen dieser Untersuchungen von einem Anwachsen der Hörerzahl und veranlasst auf Anfrage des Ministry of Information eine umfassendere Studie, die auf Kapazitäten der BBC-Hörerforschung zurückgreift: Neben einer Befragungsgruppe des Institute of Public Opinion soll ein repräsentatives Sampie von 5600 Personen, das wöchentlich zum BBCProgramm befragt wird, nun Aufschluss über die Hörerschaft von HawHaw liefern. Das Ergebnis, das Silvey im März 1940 vorlegt, zeigt nach Aussagen der BBC-Forschung, dass die Hörerzahlen der Haw-HawSendungen zwar hoch sind, aber an die Zahl der BBC-Hörer nicht heranreichen.19 Diesen entwarnenden Forschungsergebnissen zum Trotz zeigt sich die britische Öffentlichkeit ebenso wenig beruhigt wie Autoritäten in Politik und Militär. Die offizielle Aussage der britischen Politik lautet zwar, Haw-Haw habe keine Wirkung auf die britische Bevölkerung, dennoch ist die Sorge nicht auszuräumen, das Phänomen sei eben doch ein Beweis für gelingende Nazi-Propaganda. Die BBC gerättrotzder offiziellen Entwarnung immer mehr unter Beschuss: Sie versage in ihrer politischen Aufgabe, weil sie keine wirkungsvolle Gegenpropaganda entwickle, um der Haw-Haw-Gewalt zu begegnen. 20 Das Propagandaereignis bekommt im Laufe des Jahres 1940 in Großbritannien zunehmende Brisanz. Haw-Haw wandelt sich von einer Unterhaltungsfigur zu einem Angst und Schrecken verbreitenden Phänomen. Er avanciert zu einem allwissenden Beobachter Großbritanniens, um dessen geheimes Wissen sich zahlreiche Gerüchte ranken: »There arose, in Britain, a legend that Lord Haw-Haw possessed occult power of 18 Vgl. zur BBC Audience Research Robert Si1vey: Who' s Listening? The Story ofBBC Audience Research, London: Allen & Unwin 1974. 19 »A representative samp1e produced estimates that of the who1e popu1ation over sixteen years of age, there were approximately six million people listening every day or nearly every day, eighteen million occasionallisteners and e1even million non-listeners. These figures compared with twenty-three million regular listeners to the BBC news and ten million occasionallisteners.« (Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 127; vgl. auch Doherty: Nazi Wireless Propaganda (wie Anm. 14), S. 92-99). 20 Vgl. Doherty: Nazi Wire1ess Propaganda (wie Anm. 14), S. 99-101.

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omniscience and prophesy«. 21 Der britische Kolunmist Bill Greig kommentiert im Daily Mirror, Lord Haw-Haw habe sich »from >England's biggest joke< to >a danger to the nationlf his broadcasts were jammed it would be impossible for Nazi slaves in this country to start such rumours and equally impossible for scatterbrained Britons to spread them.«Haw-Haw< anzuhören und sich jeglichem Gerücht entgegenzustellen. Die L eague fordert eine Distanznahrne von der gefährlichen Vertraulichkeit der Haw-Haw-Stimme. Jedes Mitglied muss zur Erinnerung an dieses Versprechen folgende Notiz an seinem Radioapparat anbringen: »[T]his set is Anti Haw-Haw. It hears no evil, speaks no evil. «27

Die Verlässlichkeit des Radiohörers Zu diesem Zeitpunkt ist auch die US-amerikanische Öffentlichkeit auf das Phänomen >Haw-Haw< aufmerksam geworden. Die amerikanische Zeitschrift Lije hat schon im April 1940 die beginnende Radiopropagan21 22 23 24 25 26 27

Kenny: Germany Calling (wie Anm. 10), S. 157. Bill Greig, zit. nach Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 155. Vgl. Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 155f. Vgl. Doherty: Nazi Wireless Propaganda (wie Anm. 14), S. 112. Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 149. Vgl. Doherty: Nazi Wireless Propaganda (wie Anm. 14), S. 110. Zit. nach Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 157.

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da kommentiert, wobei sie die Ergebnisse der empirischen Forschung in Großbritannien auf ihre Weise auslegt: »On this new psychological front, first blood now goes to Germany, which, like other belligerents, hires renegades and traitors to undermine their countrymen's moral. A smash hit is a mysterious nightly voice on the Harnburg wave length, the radio favorite star of 50% of all English listeners. >Lord Haw Haw of Zeesen< has an impeccable Oxford accent, cloaks his news and opinions with clever humor that Englishmen find irresistible.«28

Wenn Lord Haw-Haw auch in den publizistischen Diskursen der USA auftaucht, scheint dies sofort die Sorge nach sich zu ziehen, auch in den USA könne ein ähnliches Phänomen auftreten wie in Großbritannien. Kann nicht die Verlockung einer >mysterious nightly voice< auch ein amerikanisches Publikum dazu einladen, deutsche Radiopropaganda anzuhören? Die Sorge, dass die Presse des eigenen Landes dem feindlichen Propagandisten zuarbeiten könnte, der Verdacht, dass die >eigenen< Medien nicht vollständig verlässlich und die Mediennutzer den feindlichen Einflüsterungen nicht völlig unzugänglich sind, ist zumindest eine plausible Erklärung für das Paradebeispiel wissenschaftlicher Rhetorik, das sich im September 1940 in der Public Opinion Quarterly (POQ) vollzieht. Der Zeitschrift POQ ist die Analyse von Nazi-Propaganda und ihrer Wirkung auf die amerikanische Öffentlichkeit schon ab ihrem zweiten Jahrgang 1938 ein wichtiges Anliegen. In der Septemberausgabe von 1940 - im Schatten der ersten deutschen Luftangriffe auf Großbritannien - verhandelt Hadley Cantril, zu dieser Zeit Direktor des Princeton Public Opinion Research Project, den Krieg als Angelegenheit des öffentlichen Interesses in den USA: »America Faces the War«, so die Überschrift seiner Studie über die amerikanische Meinung zu einem Krieg, der die USA noch nicht unmittelbar betrifft. 29 In dieser Ausgabe befindet sich eine eigentümliche Zusammenstellung von amerikanischer und britischer Beobachtung zu »Lord Haw-Haw of Hamburg«: In einem ersten Teil beschreibt der Direktor des Princeton Listening Center, Harold Graves, Haw-Haws Propagandasendungen, die das Center protokolliert hat. Im zweiten Teil referieren Henry Durant, der Direktor des British Institute of

28 »Radio Traitors. German Lord Haw-Haw is England's Radio Favorite«, in: Life vom 22.4.1940. 29 Vgl. Hadley Cantril: »America Faces the War: A Study in Public Opinion«, in: The Public Opinion Quarterly 4 (1940), H. 3, S. 387-407.

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Public Opinion, und Ruth Durant über die im Auftrag der BBC durchgeführte empirische Untersuchung in Großbritannien. 30 Graves beschreibt die Anfänge der Haw-Haw-Figur, die Gegenpropaganda-Versuche durch die BBC, die wachsende Besorgnis in der britischen Öffentlichkeit und die Identifizierung Haw-Haws mit dem Briten William Joyce, um dann ausführlich Inhalt und rhetorischen Gestus der Propagandasendungen darzulegen. Graves beendet seinen Report mit der besorgten Feststellung, dass die Haw-Haw-Propaganda sich in jüngster Zeit zu einer Anstiftung zur Revolte zugespitzt habe. Es folgt jedoch keinerlei Kommentar zum Stellenwert des Phänomens in einer amerikanischen Fachzeitschrift, kein Verweis auch auf eine mögliche Gefahr für die amerikanische Bevölkerung. Graves schildert die Haw-Haw-Propaganda durchaus drastisch, ohne allerdings die ständig mitlaufende Frage überhaupt nur zu stellen, unter deren Vorzeichen das gesamte Heft der POQ im September 1940 steht: Was bedeutet Lord Haw-Haw zu einem historischen Zeitpunkt, an dem sich die USA mit dem Krieg konfrontiert sieht? Auch der zweite Teil des Artikels gibt keine Antwort auf diese Frage. Henry und Ruth Durant lassen dem Ereignis seinen Status als britisches Phänomen. Jedoch zeigt sich, dass der Artikel als Reaktion der empirischen Forschung auf die Bedrohung, die Graves dargestellt hat, durchaus eine spezifische Politik der Beeinflussung verfolgt, die eine Antwort auf die Frage, welche Gefahr für die USA besteht, zwar nicht formuliert, aber doch nahelegt Es gibt keinen Grund zur Sorge. Zunächst knüpft der britische Artikel allerdings an Graves Zeichnung einer Drohkulisse an, indem er herausstellt, wie gefährlich die Unterhaltungsfigur Haw-Haw sein könnte: »People tuned in >to have a good laugh,< but then, having acquired the habit, some began to think >there may be something in what he says. < The use of exaggeration and of humour to get the message across is an old advertising device.«31 Das zahlenmäßige Anwachsen der britischen Hörer von deutschen Propagandasendungen zwischen der ersten Untersuchung im Oktober 1939 und der zweiten im Januar 1940 forciert diese Sorge. Doch hierbei bleiben Duraut und Durant nicht stehen, sondern sie geben eine umfassende Entwarnung, die sich in mehreren Schritten vollzieht. In einem ersten Schritt referieren die britischen Meinungsforscher eine Korrelationsstudie. Dieser entnehmen sie, dass die Rezeption von Haw-Haw-Sendungen weder in einen Zusammenhang mit der politischen 30 Vgl. Graves: »Lord Haw-Haw ofHamburg« (wie Anm. 17); Henry Duranti

Ruth Durant: »Lord Haw-Haw of Hamburg. 2. His British Audience«, in: Public Opinion Quarterly 4 (1940), H. 3, S. 443-450. 31 Durant/Durant: »Lord Haw-Haw« (wie Anm. 30), S. 443. 51

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Meinung noch mit der Veränderung der Lebensverhältnisse durch den Krieg steht. In einem zweiten Schritt differenzieren die Autoren HawHaws Publikum. Dies geschieht in auffälliger Analogie zur individualisierten Ansprache, die Haw-Haw selbst in seinen Propagandasendungen vornimmt, wenn er, wie Graves beschreibt, unterschiedliche soziale Schichten Englands anspricht und in verschiedener Weise ihre Unzufriedenheit zu evozieren versucht: »[L]istening to foreign stationswas more frequent among the young than the old, among men than women, and less frequent among the poorer people than among the upper income brackets.«32 Henry und Ruth Durant investieren aber noch mehr, um das Haw-Haw-Publikum von dem Verdacht zu entlasten, es könnte den Verführungen des Programms erliegen: »[l]t was found that the people listening regularly to Haw-Haw were more critical in their political attitudes than those who listened only occasionally, and the latter were again more critical than those who never tuned in to Hamburg. [ ... ] They were in search of information and they listened to him because they wanted to hear yet another version of events, in addition to that given in the British press and by the BBC.«33 Diese Beschreibung setzt Haw-Haws kategorisierender Adressierung des britischen Radiopublikums eine alternative Sichtbarmachung entgegen, die ihre Glaubwürdigkeit aus empirischen Forschungsergebnissen bezieht. Was auf diese Weise vorgeführt wird, ist die misslingende Adressierung der deutschen Propaganda: Haw-Haw erreicht nicht die unzufriedene, arme Bevölkerungsschicht Großbritanniens, sondern die wohlhabenden, gebildeten und demzufolge kritischen Radiohörer. Der eigenen Argumentation misstrauend - »all this does not mean that in time Haw-Haw might not succeed in disturbing their morale« 34 führen Durant und Durant noch einen weiteren Punkt an, um die Gefahr zu entschärfen. Mit der Zuspitzung der Kriegssituation falle Haw-Haws Propaganda in Großbritannien nicht mehr auf fruchtbaren Boden: »People suffered from the transformation of a peace economy into a war regime, whilst carrying from the one to the other their peacetime attitudes. Hence, Haw-Haw, the social critic, could gain an audience. But when, with the intensification of the war, he became branded as the spokesman of a fiercely hostile

32 Ebd., S. 445. 33 Ebd., S. 448. 34 Ebd.

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power, when Nazi-Germany's destructiveness had been grasped, the receiving sets and the open minds were closed to him.«35

Durant und Durant kommen schließlich zu dem Schluss: Gegen die >harten Fakten< des Krieges kann keine Propaganda etwas ausrichten. Allerdings hätte die Gefahr der Wirkkraft feindlicher Propaganda bei anderem Kriegsverlauf durchaus bestehen können. Die britischen Meinungsforscher entwarnen zwar bezüglich der akuten Gefahr Lord Haw-Haws, sie sprechen der feindlichen Propaganda aber keineswegs völlig ab, eine mögliche Wirkung zu haben. 36 Der britische Haw-Haw-Artikel im amerikanischen Fachorgan POQ erwähnt mit keinem Wort die Veränderung des Phänomens durch die Legenden und Gerüchte, die zeitgleich in Großbritannien der britischen Stimme im deutschen Radio ein okkultes Wissen unterstellen. Dies erstaunt umso mehr, weil die Gerüchte um Haw-Haw inzwischen von der britischen Politik - unabhängig von allen Hörerzahlen und Wirkungsmessungen - als eine ernsthafte Gefahr angesehen werden. 37 Das merkwürdige Arrangement der Texte von Graves und Durant/Durant in der POQ, das mehr Fragen aufwirft, als es klärt, erhellt sich nur, wenn es als ein Fall von Wissenschaftsdiplomatie verstanden wird, die über ein konkretes Propagandaereignis ein politisch opportunes Propagandakonzept entwirft, das die unkontrollierbare Intimität der Radiostimme zügelt. Die eigentümlich mäandernde Argumentationsweise insbesondere im Text

35 Ebd., S. 449. 36 Vgl. ebd., S. 450. 37 Haw-Haws mediale Gewalt bekommt in Großbritannien schließlich den Status eines juristischen Faktums: William Joyce wird nach Kriegsende gefangen genommen und in London wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Der Prozess ist als langwierig ausgefochtener Präzedenzfall in die britische Rechtsgeschichte eingegangen und breit dokumentiert worden, denn ein Nachweis, dass Joyce in der Zeit seiner deutschen Rundfunktätigkeit tatsächlich britischer Untertan war, konnte nicht ohne Weiteres erbracht werden. Vgl. Carl Eric Bechhofer Roberts: The Trial of William Joyce. With Some Notes on Other Recent Trials for Treason, etc., London u.a.: Jarrolds 1946; Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 257-304; Kenny: Germany Calling (wie Anm. 10), S. 220-242. Zwar verhandelt das britische Gericht ausführlich und schließlich mit Erfolg, wie der bis zum Ende an seiner Sympathie für Hitler und an seinem Antisemitismus festhaltende Joyce ohne gültigen Pass für seine Taten als Lord Haw-Haw verantwortlich gemacht werden kann. Jedoch wird die Identifizierung von Joyce mit der Medienfigur und dem Schrecken, den sie erzeugt hat, als unbestrittenes Faktum vorausgesetzt: »How the Treachery Act would have applied to Joyce, unless the sound of his radio voice constituted an act within the United Kingdom, is not clear.« (Cole: Lord Haw-Haw (wie Anm. 9), S. 259).

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der britischen Autoren macht deutlich, dass hierbei eine nicht unerhebliche Anstrengung der Steuerung nötig ist.

Wahre und unwahre Propaganda Ein knappes Jahr nach den Haw-Haw-Artikeln im POQ gibt Harwood L. Childs, Research Director am Princeton Listening Center, Antworten auf eine Frage, die Graves und Durant/Durant nicht gestellt haben: Er referiert empirische Untersuchungen zur amerikanischen Rezeption deutscher Propagandasendungen. Es überrascht kaum, dass seine Entwarnung ähnlich aussieht wie die der britischen Meinungsforscher: Zum einen sei die Zahl der Kurzwellenhörer in den USA verschwindend gering, zum anderen rezipiere nur ein spezifischer Hörertyp die ausländischen Propagandasendungen. Dieser zeichne sich durch ein überdurchschnittliches Interesse für öffentliche Angelegenheiten aus und zeige zudem eher Sympathien für die Alliierten. Schließlich sei das Hören von nazideutscher Propaganda lediglich einem »desire for news« geschuldet, das nachlasse, wenn die Sendungen ihren Neuigkeitswert verlieren. 38 Dem amerikanischen Hörer, so Childs' abschließendes Statement, kann nichts passieren: »So long as the people of the United States are supplied with a better brand of news and entertainment over their domestic radio facilities, and retain confidence in the integrity of a free and uncensored press and radio, the impact of short-wave propaganda from abroad is not likely to be marked.«39 Mit Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg wird den eigenen Medien aber mehr abverlangt, als die amerikanische Gesellschaft von Sendungen des Feindes einfach nur femzuhalten: Aus ihrer defensiven Position werden die eigenen Medien in aktive Propagandainstrumente überführt, deren Qualität daran gemessen wird, wie gut sie in der Lage sind, entweder die Einwohner des feindlichen Landes oder die amerikanische Zivilbevölkerung oder drittens die eigenen Soldaten zu beeinflussen. Die Massenkommunikationsforschung spielt bei dieser Überführung, die auch eine politische Formierung der Medien bedeutet und sich damit konträr zu Childs' Beschreibung eines liberalen Mediengebrauchs verhält, eine entscheidende Rolle. 38 Vgl. Harwood Lawrence Childs: »Short-Wave Listening in the United States«, in: Public Opinion Quarterly 5 (1941 ), H. 2, S. 210-226, hier S.224f,ZüatS. 225. 39 Ebd., S. 226. 54

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Mit der Frage, wie die erfolgreiche Beeinflussung eines feindlichen Landes gelingen kann, beschäftigt sich ein Experiment, das Floye Allport und Mary Mathes Simpson im April 1942 an der Maxwell Graduale School ofCitizenship and Public Affairs der Syracuse University40 durchführen. Die Versuchsleiterinnen bemühen sich darum, die feindliche Propaganda umzukehren, indem sie diese analysieren, um sie für die eigene Propaganda nutzbar zu machen. Sie wenden feindliche Medienwirkung die sie hier konsequenterweise unterstellen müssen - in freundliche um: »Üne of the most important phases of psychological warfare is the broadcasting of suasive materials to enemy countries. What types of propaganda have been employed by Axis spokesmen to subvert our citizens, and what effect have they had? Was their psychology good, or did it misfire? And now that the tide has tumed, how can we influence the citizens of enemy countries most effectively toward speedy and unconditional surrender?«41 Im Versuchsverlauf sollen sich die Probanden Sendungen der Achsenmächte anhören und notieren, wie sehr sie die gehörte Propaganda akzeptieren bzw. nicht akzeptieren. Die Unterscheidung verschiedener Propagandastrategien in der Auswertung des Experiments ergibt, dass einige dieser Strategien als völlig wirkungslos zu bezeichnen sind: »They wasted good radio time«, 42 kommentieren Allport und Simpson. Hierzu zählen etwa Versuche, die alliierten Mächte gegeneinander auszuspielen, ihre Ziele als egoistisch und unglaubwürdig zu denunzieren oder die Achsenmächte aufzuwerten. Als starke und wirkungsvolle Strategie stellt sich allerdings die Abwertung oder Geringschätzung (>defeatismpropaganda< method, the Axis spokesmen might as well have saved their breath.« Dieses Ergebnis ermöglicht einen Umkehrschluss: Allport und Simpson stellen mit ihrer Untersuchung ein Instrument zur Gegenpropaganda bereit: »[T]he thing which does work is the truth, provided the truth which is uttered is also plausible from the standpoint of its hearers.«44 Da nur die Wahrheit zählt, so die beruhigende Botschaft, lässt sich feindliche Propaganda leicht in freundliche umkehren. Die Argumentationsfigur, nach der die eigene Propaganda mit der Wahrheit identisch ist bzw. jede Propaganda sich an den >harten Fakten der Realität< beweisen muss, formuliert im Kontext der amerikanischen Propagandaforschung im Zuge des Zweiten Weltkriegs ein entscheidendes Programm der sich nach dem Krieg institutionalisierenden Kommunikationsforschung: Die Identifizierung gelingender Propaganda mit der Wahrheit ist ein Verfahren der Unsichtbarmachung von Propaganda. Mit diesem Verfahren geht eine Entmilitarisierung des Propagandabegriffs ebenso einher wie dessen Ersetzung durch weniger kriegerische Begriffe wie >(mass) communication< oder >(mass) persuasionKommunikation< war einmal >Propaganda< gewesen, und der erste Propaganda-Effekt der >Kommunikation< war es, diesen Wechsel zu neutralisieren.«45 Die Verwandtschaft mit dem Propagandabegriff wird für den aus der Rhetoriktradition stammenden Begriff >Persuasion< durch eine definitorische Abgrenzung von diesem ausgeblendet. So beschreibt Robert K. Merton in der Studie Mass Persuasion, die kurz nach dem Krieg, herausgegeben von Paul F. Lazarsfeld, veröffentlicht wird, die Unterscheidung beider Begriffe folgendermaßen: »Though both seek to influence action, beliefs and attitude, persuasion differs from propaganda in two technical respects [ ... ]. It involves a higher degree of social interaction between the >persuaderpersuadee< and it permits the

44 Ebd., S. 223 u. S. 224. 45 Erhard Schüttpelz: »Von der Kommunikation zu den Medien/In Krieg und Frieden (1943-1960)«, in: Jürgen Fohrmann (Hg.), Gelehrte Kommunikation. Wissenschaft und Medium zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert, Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2005, S. 483-552, hier S. 511. 56

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persuader to adapt his argumentation to the flow of reactions of the persans he is seeking to intluence.«46

Die stärkere soziale Interaktion, die Persuasion- in diesem Verständnis47 - von Propaganda unterscheidet, lässt sich auch als Kennzeichnung von freundlicher Propaganda verstehen. Persuasion wäre dann eine Form der Propaganda, in der Kommunikator und Empfänger Teil desselben sozialen Gefüges sind. Dass nicht mehr von Propaganda die Rede ist, ist eine Strategie, den Aspekt des Zwangs, der auch dieser Form der freundlichen Propaganda innewohnt, zu invisibilisieren.

Die Persuasion des Patriotismus Die Untersuchung Mass Persuasion entsteht während des Krieges am Bureau ofApplied Social Research. Das Forscherteam unter der Leitung Mertons untersucht ein Ereignis gelingender Massenpersuasion, in dem dieser Aspekt des Zwangs noch nicht vollständig unsichtbar ist: Am 21. September 1943 veranstaltet das Columbia Broadcasting System (CBS) einen sogenannten >War Bond Dayc Einen ganzen Tag hindurch ist das Radioprogramm des Senders dem Versuch gewidmet, die amerikanischen Radiohörer zum Kauf von Kriegsanleihen zu bewegen. CBS setzt dazu Kate Smith ein, die bereits in den 1930er Jahren als Sängerin, Filmschauspielerin und Radiomoderatorin bekannt war und die insbesondere durch ihren Song God Bless America zum Inbegriff der patriotischen Amerikanerin wurde. 48 Kate Smith zelebriert am >War Bond Day< einen 18-stündigen Marathon: Von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts ist sie 65-mal für einige Minuten lang im Radio zu hören, um mit Ansprachen an das Radiopublikum und dem immer wiederkehrenden Slogan >Will you buy a bond?< die Hörer zum Kauf aufzufordern und sie zu bitten, dieses Vorhaben sofort dem Radiosender WABC, der New Yorker Niederlassung von CBS, telefonisch zu versprechen. Der direkte Appell eines bekannten Stars an 46 Robert K. Merton: Mass Persuasion. The Social Psychology ofa War Bond Drive, New Y ork, London: Harper 1946, S. 38f. 47 Dass es sich um ein durchaus gängiges Verständnis handelt, zeigt eine Studie von Garth S. Jowett und Victoria O'Donnell, in der die Begriffe auf dieselbe Weise unterschieden werden. Vgl. dies.: Propaganda and Persuasion, Newbury Park u.a.: Sage Publications 1986. 48 Vgl. Richard K. Hayes: Kate Smith. A Biography, with a Discography, Filmography and List of Stage Appearances, Jefferson/North Carolina, London: McFarland & Company 1995; vgl. zur Aktualität ihrer posthumen Prominenz die Biografie auf der Fanseite http://katesmith.org vom 2.5.2008.

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den Hörer, bei einem konkreten, eindeutig lokalisierten Radiosender anzurufen, verdeutlicht die gänzlich unterschiedlichen Stimmpolitiken der Propagandaereignisse um die okkulte Haw-Haw-Figur und Kate Smiths War Bond Day. Während die transatlantische Kurzwellen-Stimme sowohl ihre personale Quelle- patriotischer Brite oder Verräter im Dienst der Nazis -als auch ihren Adressaten -britisches oder amerikanisches Publikum- unklar hält, ist die Radiostimme im Fall des War Bond Day nicht nur mit einem bekannten >Körper< ausgestattet und institutionell lokalisiert, sie wendet sich auch in persönlicher Ansprache an ein Publikum der eigenen Nation. Aus der Perspektive der US-amerikanischen Beobachter bleibt das Haw-Haw-Ereignis eine ferne Begebenheit jenseits des Atlantiks. Kate Smiths Kampagne dagegen gewinnt durch örtliche Nähe eine emotionale Verbundenheit. Die Unterschiedlichkeit der beiden Radioereignisse erklärt sich nicht allein durch die technischen Bedingungen. Ferne und Nähe stellen sich nicht durch Kurzwellen einerseits und Radiowellen mit geringerer Reichweite andererseits her. Vielmehr zeigt der Aufwand, den insbesondere die zeitgenössische Kommunikationsforschung unternimmt, um die beiden Ereignisse politisch opportun auszulegen, dass die technischen Bedingungen eine steuernde Stimmfuhrung nötig werden lassen. Für die Radiostimme lässt sich Nähe und Ferne nicht ohne Weiteres technisch definieren: Durch diskursive Formierungen der unterschiedlichen Radiotechniken muss vielmehr sichergestellt werden, dass Haw-Haws Kampagne dem amerikanischen Publikum tatsächlich fem und deshalb erfolglos und dass Kate Smiths Persuasion nahe und deshalb erfolgreich ist. Die Intimität des Radios gilt es im Fall Haw-Haws einzudämmen, im Fall Smiths zu forcieren. Diese Forcierung geschieht zu einem entscheidenden Anteil durch die Sichtbarmachung mittels empirischer Daten, die das Bureau ofApplied Social Research gewährleistet. Smith gelingt es, an ihrem War Bond Day für die amerikanische Regierung Kriegsanleihen im Wert von 39 Millionen Dollar zu verkaufen. 49 Aufgrund dieser außergewöhnlich hohen Erfolgsbilanz sieht Merton in dem Ereignis eine besonders günstige Gelegenheit, um Massenpersuasion sozialpsychologisch zu untersuchen: u.a., weil es eine »>real-life< si49 Vgl. Merton: Mass Persuasion (wie Anm. 46), S. 2f. u. S. 33. Ab 1941 hat die amerikanische Regierung in mehreren Serien war bond-Appelle an die Bevölkerung gerichtet. Für die einzelnen Aufmfe wurden unterschiedliche Medien und verschiedene Personen des öffentlichen Lebens zum Einsatz gebracht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hat die amerikanische Bevölkerung über 185 Milliarden Dollar in den Krieg investiert. Vgl. W orld War Two Advertising History: Brief History of World War Two Advertising Campaigns. War Loans and Bonds, unter http://library.duke.edu/ digitalcollections/adaccess/warbonds.html vom 2.5.2008.

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tuation« bereitstelle und auf diese Weise die Künstlichkeit von Laborbedingungen vermeide. Darüber hinaus liefere das Ereignis einen klaren Index - den Verkauf von Kriegsanleihen -, mit dem die Wirkung von Persuasion messbar wird. 5° Dies ist besonders deshalb so außergewöhnlich, weil sich die meisten Propagandastudien bisher ausschließlich mit der Inhaltsseite der persuasiven Kommunikation beschäftigt und den diffusen, schwer messbaren Aspekt ihrer Wirkung nicht erforscht haben. In seiner Untersuchung des Ereignisses kombiniert Merton eine Inhaltsanalyse der aufgezeichneten Radiosendung - eine Untersuchung des »Stimulus pattem« - mit fokussierten Interviews, die Aufschluss darüber gegeben haben, warum es Kate Smith gelungen ist, mit ihrer Persuasion Wirkung zu erzielen und so viele Kriegsanleihen zu verkaufen. Dazu macht das Forscherteam »persons who had presumably been >persuaded< by Smith« über ihr telefonisches Kaufversprechen ausfindig. Die Vergleichsgruppe der »mnpersuaded< listeners«, also solche, die den Aufruf zwar gehört haben, ihm aber nicht nachgekommen sind, spürt das Team durch beharrliche Nachforschungen - »persistent inquiry in various neighborhoods ofNew York City« - auf. 51 In diesen Voruntersuchungen, die Maijorie Fiske und Alberta Curtis mit knapp hundert Radiohörern unternehmen, um die zentralen Hypothesen zu festigen, bevor ein Marktforschungsinstitut diese auf einer größeren Erhebungsgrundlage statistisch validiert, konturiert sich das Erfolgsgeheimnis der Propagandafigur >Kate SmithAs far back as I can remember when you think of Kate Smith you think of America. Didn' t President Roosevelt ask her to sing >Good Bless America< in >This is the Atmy? « >She's wonderful, a regular American Red Cross.< >She has such a sincere, patriotic voice.< The last quotation is interesting: because she has devoted so much time to patriotic causes, the sound of her voice alone now elicits the image, >the patriot,< Her [sie] song, >God Bless America,< is of course referred to many times. As a tried-and-tme patriot, she is naturally the super-saleswoman for bonds.«52

50 Vgl. Merton: Mass Persuasion (wie Anm. 46), S. 3. 51 Ebd., S. 12 u. S. 13. 52 Alberta Curtis: »Some Preliminary Observations on Kate Smith Listeners«, 24.1.1944, in: Bureau of Applied Social Research: Reports, Microfiche B0200-1, New York: Clearwater 1981 , S. 2.

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Wie ähnlich sich die Propagandafiguren >Haw-Haw< und >Kate Smith< bei allen Differenzen sind, wird jedoch deutlich, wenn in Betracht gezogen wird, dass auch Boveri dem irischstämmigen William Joyce eine »Liebe zu einem romantischen >Vaterlandhounded< by a radio broadcast? Why not escape by a wist ofthe dials?« 54 In seiner ausfuhrliehen Beschreibung des Wirkungsprozesses argumentiert Merton, wie die Zielgerichtetheit des Marathons die Hörer dazu veranlasst, Kate Smith immer wieder zuzuhören, wie Smith durch ihre mütterlich-patriotische Starpersona Vertrauen und Bekanntheit genießt und sich dadurch besonders gut als persuasiv-invasiver Kommunikator eignet. Merton veranschaulicht, wie sie die Hörer persönlich adressiert, um sie dann emotional unter Druck zu setzen. Dies geschieht etwa durch die Behauptung, eine Kriegsanleihe könne den Krieg beenden und so den Sohn an der Front schneller nach Hause bringen, oder durch Schilderungen der Opfer, die amerikanische Soldaten an der Front oder patriotische Zivilisten auf sich nehmen: »Early yesterday morning a man who had lost both legs in the war called in and said he wanted to buy a bond. He wanted to buy a bond with the money he had been saving for years to buy hirnself a pair of artificial limbs .. . making the supreme sacrifice, giving up the dream ofwalking once again. As he said himself: >My limbs can wait, butthiswar can't< ... What sacrifice are you or I or any of us making that would in any way compare with the self-sacrifice of this magnificent person? Surely, if a legless veteran can give up his dream of a lifetime, then we can give a little extra money to buy another bond. Don't delay, call Circle 6-4343 and give WABC your order for the biggest bond you can afford, or even more than you can afford. Will you buy a bond?«55 In der kritischen Analyse des Persuasionsereignisses tritt Smith einerseits als »national superego« auf, situiert ihre Persuasion aber scharf an der 53 Boveri: Der Verrat im 20. Jahrhundert (wie Anm. 12), S. 113. 54 Merton: Mass Persaasion (wie Anm. 46), S. 28. 55 Kate Smith, zit. nach ebd., S. 53.

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Grenze zu einer Verletzung des moralischen Codes, wie Merton zu bedenken gibt: »[W]hat are the effects, in addition to increasing the sale of bonds, of terrorizing the parents of boys in military service by the threat that only through their purchase of war bonds can they ensure the safety of their sons and their ultimate return home?«56 Mertons Kritik macht deutlich, dass auch erfolgreiche Persuasion, also Propaganda im politisch opportunen Sinn, nicht frei von Gewaltkommunikation ist: Kate Smith verbreitet nicht weniger Angst und Schrecken als Lord Haw-Haw. Beide Stimmen können dabei als >patriotisch< perspektiviert werden. In ihren differenten Ausgestaltungen als Propagandaprotagonisten in der amerikanischen Beobachtung verdeutlichen Kate Smith und Lord Haw-Haw, inwiefern Umstrukturierungen der medialen Dispositionen neue Strategien herausfordern, den Mediennutzer als verlässliches Subjekt zu formieren. Die neue dispositive Ordnung spannt einen Bereich der Intimität der Radiostimme auf, die durch Maßnahmen der Steuerung flankiert werden muss. Dies geschieht im Fall der beschriebenen Radiostimmen, indem die empirische Forschung die feindliche Stimme als falsche Einflüsterung, die freundliche Stimme als wahre Verlautbarung des Gewissens konturiert. Kate Smiths weitere Medienkarriere zeigt, dass solche Steuerungen auch erneute Umbauten der medialen Ordnung überdauern können. In den 1950er Jahren wendet sich die Patriotirr mit ihren Techniken der Persuasion in der Sendung Kate Smith Hour an ein Fernsehpublikum: »Smith's persuasive powers and >patriotic< associations convinced NBC that the same techniques that had persuaded America to buy war bonds could sell consumer products to a daytime television audience [ ... ] >Women have complete confidence in Kate Smith and what she says,< argued the network. >Her believability has made her one of the most effective sales men of our time«die Stimme< in einem überraschenden Maße als ein Zentrum der strategischen Überlegungen fungierte. Das wiederum steht in einem engen Zusammenhang damit, dass das alliierte Therapieprogramm in nicht unwesentlicher Hinsicht als ein Programm zum Umbau und zur Dekonstruktion des Dispositivs LautSprecher und des in dieses eingeschriebenen Phonozentrismus konzipiert wurde. 3 Die folgenden Analysen werden zeigen, dass ein zentrales Moment dieses Umbaus in einer Trans-Konfiguration der in das Dispositiv eingeschriebenen Adressaten besteht. Ziel war

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Reedukation wird im Folgenden als ein Terminus verstanden, der die unterschiedlichen Umbauprozesse in den östlichen und den westlichen Besatzungszonen kennzeichnen soll. Er meint nicht das reeducation-Programm der (anglo-)amerikanischen Alliietten im engeren Sinne, sondern die von den Besatzungsregimen ausgelösten gesellschaftlich-kulturellen Restrukturierungsprozesse. Der Terminus reeducation (in der englischen Schreibweise) wiederum meint die unter dem >psychiatrischen Etikett entworfene Rekonstruktion der politischen Kultur Deutschlandsinfmmatorischer Evidenz< für ein Publikum, das noch von den Evidenzordnungen des NS-Kommunikationssystems geprägt war. 5 Im August 1945 wurde das Projekt von General Dwight D. Eisenhower genehmigt. Die nun gegründete Opinion Survey Section sollte, so Eisenhower, durch Forschungsprojekte und Umfragen der Vorbereitung einer

Memorandum. From: Ambassador Murphy. To: Lieut. Gen. Lucius D. Clay. Subject: Recommendation to Incorporate the Morale Division of the U.S. Strategie Bombing Survey in the Political Division of the US GP CC/G, June 25, 1945, zit. nach Uta Gerhardt: Denken der Demokratie. Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007, S. 179. 5 Fünf Themenfelder sollten, so McClure, durch die Surveys erschlossen werden: 1. die Reaktion der Deutschen auf die alliierte Propaganda; 2. der Einfluss der Nazipropaganda auf den >gemeinen Manndemokratischen< als auch >friedliebenden< deutschen Gesellschaft dienen. 6 Im Transitraum zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrepublik entstanden 72 große Surveys, die in 191 Survey Reports analysiert und interpretiert wurden. 7 Zugrunde lag diesen Erhebungen die an der Columbia University im Umkreis der reeducation-Forschungen entwickelte German Attitude Scale. 8 Deren Dimensionen - Antisemitismus, Militarismus, Kriegsbewusstsein, aber auch Verhältnis der Geschlechter, innerfamiliäre Beziehungen, Einstellung zur Regierung, Demokratie und Autorität - galten als Gradmesser deutscher Demokratiefähigkeit und stellten den kategorialen Rahmen zur Auswertung der Fragebögen zur Verfügung. 1946 wurde der Survey Report No. 19, Basic Attitudes explored by the German Attitude Scale, veröffentlicht, in dessen Formulierungen demokratische Defizite der deutschen Bevölkerung klar benannt werden: Der typische Deutsche, »when faced with generalizations about democracy, will profess democratic and ethical ideals. However, when faced with specific situations with regard to the family, the authority of the father, [ ... ] the Nazis, the German govemment, other govemments or countries, and the like, reveal themselves to be anti-democratic.« Daher, so der Berichterstatter, müsse der Mentalitätswandel der Deutschen deutlich vorangetrieben werden. Da v.a. Bauern, Einwohner von Kleinstädten, niedrige Bildungsschichten, Jugendliche, aber auch Studenten bei den Befragungen auffällige antidemokratische Tendenzen gezeigt hätten, gelte es, den amerikanischen Einfluss zu verstärken, >>Until such time when the latter can be said to be ready to assume the duties of members of democratic society wisdom dictates that we dare not desert the minority democratic elements within the German society.« 9

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Vgl. Headquarters U.S. Forces, European Theater, AG 322.011 BIC-AGC, 28.8.1945; Gerhardt: Denken der Demokratie (wie Anm. 4), S. 251. Vgl. Anna J. Merritt/Richard L. MeiTitt: Public Opinion in Occupied Germany: The OMGUS Surveys, 1945-1949, Urbana, Chicago/Ill.: University of Illinois Press 1970. Vollständig werden die OMGUS Surveys im Zentralinstitut für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln archiviert. Ich danke Herrn Bauske in diesem Zusammenhang ftir die Möglichkeiten zur Einsichtnahme und die Überlassung von Kopien. Vgl. Surveys Branch, Office of Director of Information Control, !CD Opinion Surveys, 19 August 1946: »Basic Attitudes explored by the Geiman Attitude Scale«, Zentralinstitut fllr empirische Sozialforschung (wie Anm. 7), S. 1: »A questionnaire had been prepared by Dr. Krugman of Columbia University [... ] designed to test the attitudes of prisoners of war. [ ... ] The same questionnaire was given to a set of samples of populations in Germany.die Minderheit der demokratischen Elemente nicht im Stich zu lassenGermany After the War< formuliert worden waren. 10 Margaret Mead etwa, die an dieser Konferenz teilgenommen hatte, entwarf in ihren Regularities of German National Character das Konzept eines aus zwei unverbundenen Hälften bestehenden deutschen Sozialcharakters. Dessen ambivalente Konstitution, so analysierte Mead, berge für eine prospektive amerikanische Besatzungsregierung insofern ein ständiges Täuschungspotenzial, als man sich der tatsächlichen Einstellungen der Deutschen nie sicher sein könne. Daher müsse im Voraus gut durchdacht werden, wie sich diese Bipolarität überwinden und ein Sozialcharakter entwickeln lasse, bei dem >das Menschliche< und nicht >das nihilistisch Heroische< im Mittelpunkt stehe. 11 Ähnlich positiv wie Mead schätzte Brickner die edukativen Kräfte einer zukünftigen Besatzungspolitik ein. In seiner Analyse orientierte er sich einerseits an den sozialpsychologischen und medizinischen Modellen der späten 1930er Jahre und attestierte den Deutschen daher eine »paranoide Kulturmentalität«. Der zukünftigen Besatzungsregierung schlug er die Anwendung einer »psychiatrischen«, an der »Behandlung paranoider Individuen orientierten Therapie« vor. 12 In seinen1944 auf der Konferenz >Germany After the War< entwickelten und 1945 veröffentlichten - pragmatischen Varschlägen zur Umsetzung dieser Therapie wiederum folgte er dem zeitgenössischen Kommunikationsmodell des >two-step-flow of communicationPatienten< nicht als zweitrangig zu verstehen, sondern vielmehr als mit den großen politischen und ökonomischen Umbauten gleichberechtigt. 10 Vgl. Epping-Jäger: »Gegnerverdatungen« (wie Anm. 5). II V gl. Margaret Mead: »Regularities in German National Character«, in: Report of a Conference on Germany After the War, Appendix 1,13; zit. nach Gerhardt: Denken der Demokratie (wie Anm. 4 ), S. 70. 12 Richard Brickner: ls Germany Incurable?, Philadelphia: J. B. Lippincott Company 1943, S. 304. 13 Ebd. 66

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Natürlich lag es nahe, das >therapeutische Bündnis< mit >clear persons< zu schließen, die zugleich einen möglichst großen Multiplikatoreneffekt versprachen. Es ist deshalb kein Zufall, dass solche Mitarbeiter in den Massenmedien in den Fokus der Aufmerksamkeit der Militärregierung gerieten, die bereits als mehr oder minder rehabilitiert galten. Das therapeutische Programm wurde mithin medienpolitisch prozessiert: Da es sich bei dem Patienten nicht um eine therapiebedürftige Person, sondern um das Gesamtsubjekt >deutsche Nation< handelte, musste der ArztPatienten-Diskurs massenmedial organisiert werden, über die Presse, das Radio, insbesondere aber auch über das Medium Film. Im Interesse einer erfolgreichen therapeutischen Adressierung des Massenpublikums wurde zugleich die Durchführung einer Anamnese notwendig, d.h. es galt die >attitudesdeutschen Patienten< zu explorieren. Bereits die erste, von der Propaganda Warj(-tre Division noch vor Kriegsende durchgeführte Meinungsumfrage bewegte sich »in the field of radio listening and propaganda«. Sie zielte einerseits darauf zu erfragen, ob die Radio-Kriegspropaganda der zurückliegenden Jahre und die ihr zugrunde liegende >strategy of truth< Erfolg gehabt hatte, andererseits - und für die operative Besatzungspolitik wichtiger - galt es, die genauen Merkmale zu erkunden, aufgrund derer die Hörer bestimmte Meldungen und Nachrichten allererst für wahr gehalten hatten. 14 Auch die späteren, zur Zeit der Besatzungsregierung erhobenen Surveys demonstrieren den Rang der >Medienfragemedialer Behandlungsraum< erwies sich das Kino, das erstmals Mitte 1946 im Report »Preliminary Study of Motion Picture« nach folgenden Gesichtspunkten erkundet und vermessen wurde: »Motion picture attendance; Frequency of attendance and means of transportation; Reasons why people do not go to the movies; Reaction to the films shown; Preference for old German films; Reaction to the newsreel >Die Welt im FilmTo-

14 Vgl. Max Ralis: Über einige Erfahrungen aus der Praxis der Sozialforschung. >Kommunikationsverhaltenclear persons< im Feld der Adressaten setzte. Vorausgegangen war dem eine erste Phase, die im Grunde in den 1930er Jahren mit der von der Roosevelt-Regierung in Auftrag gegebenen erfolgreichen Popularisierung der Maßnahmen des New Deal durch Dokumentarfilme begonnen hatte. Documentaries galten den staatlichen Stellen von da an als Mittel, um gesellschaftliche Wandlungsprozesse voranzutreiben, und daher gab das Office of War Information - erfüllt von Siegeszuversichtbereits 1942 die Produktion von Filmen in Auftrag, die »das deutsche Denken von Versklavung durch nazistischeund militaristische Doktrinen befreien« sollten. 10 Die von Frank Capra realisierte Serie Why we .fight gehörte ebenso zu diesen documentaries wie der von dem Propagandaspezialisten Irwin Lerner gedrehte Film The Autobiography of a >JeepÖffnungen< der Konzentrationslager durch die Alliierten aber wurde das ganze Ausmaß der von Deutschen begangenen Gräuel offenbar. Die Alliierten reagierten mit der- in der Direktive JCS 1067 offiziell erhobenen- Kollektivschuldthese, die explizit alle Deutschen anklagte, die das NS-Regime gebilligt hatten. Filmpolitisch fand diese Entwicklung ihren ersten Niederschlag in Beiträgen zur Wochenschau Welt im Film, die noch vor der 15 Preliminary Study of Motion Picture Attendance and Attitudes, Report 20, 27.8.1946, Office ofthe Director ofinformation Control (OMGUS); Kopie des Zentralinstituts für Empirische Sozialforschung an der Universität zu

Köln. 16 Zit. nach Brigitte Hahn: »Dokumentarfilm im Dienste der Umerziehung. Amerikanische Filmpolitik 1945-1953«, in: Reiner Roß (Hg.), Lernen Sie diskutieren. Re-education durch Film. Strategien der westlichen Alliierten nach 1945, Babelsberg: Cinegraph 2005, S. 19-32, hier S. 20.

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Wiederinstandsetzung und -eröffnung der Filmtheater seit Mai 1945 in ausgewählten deutschen Städten gezeigt und von der Intelligence Section mit Fragebogenerhebungen begleitet wurden. 17 Obwohl Mitte 1945 bereits erste Umfrageergebnisse vorlagen, die deutlich machten, dass mit der >nihilistisch heroischen< Seite des deutschen Nationalcharakters nicht gerechnet werden musste und dass auch keine »german werwolfs« - im Untergrund marodierende unverbesserliche Nazis- versuchen würden, die deutsche Bevölkerung gegen das Besatzungsregime in Stellung zu bringen, waren die vorproduzierten Filme doch noch gerrau auf solche Adressatengruppen ausgerichtet. Die »Pragmatiker der Stunde Null« 18 aber, die sich längst für strategische Allianzen mit den Siegern entschieden hatten, die bayerischen Kinogänger des zitierten Report 20 etwa, mochten sich -wie ihre Bewertungen zeigtenin dem in die Filme eingeschriebenen Feindbild nicht wiederfinden und reagierten deutlich distanziert darauf: »A considerable proportion (30%) gave answers rauging from >all right< to >awful«Fernsehen< in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden, das dem von Thoma entworfenen Szenario entspricht. Dabei bezieht der Werbespot sich einerseits auf tradiertes Wissen um Fernsehnutzung und zeigt andererseits darin einen Umbruch. Der Spot offeriert im Zuge dessen zwei Arten der Beschreibung des Handy-Fernsehens. Er ruft die Frage auf, ob es sich bei Mobile-TV um eine neue Funktion auf einem alten Gerät oder um ein neues Gerät mit alten Funktionen handelt, wobei die Funktionsebene immer das Fernsehen benennt. Um diese Überlegungen zu verfolgen, wird der Aufbau des Spots analysiert. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, welches Medienwissen sich in der Werbung zeigt. Die LG-Werbung vermittelt, das Handy könne unterwegs das eigene Heim simulieren, denn der Slogan der Werbekampagne zum beworbenen Modelllautet schließlich: >Fernsehen wie zu Hause.< Auf diese Weise spielt sie mit zwei Sphären: Auf der einen Seite geht es um den Bereich des Hauses, dessen massenmediale Belieferung 3

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Vgl. zur Theoretisierung von Medienkonvergenz Martina Schuegraf: Medienkonvergenz und Subjektbildung. Mediale Interaktion am Beispiel von Musikfernsehen und Internet, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, S. 18-27. Unter http://www.eurorscg.de/ (vom 20.6.2008) ist die 25 Sekunden dauernde Werbung archiviert und zu sehen. Ihr Plot lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Ein Mann sitzt in einer Hotellobby und sieht über HandyTV eine spannende Fußballübertragung. Er ist wegen des Spiels so aufgeregt, dass er seine Umgebung vollkommen vergisst. Als ein Kellner vorbeikommt, spricht der Mann ihn folgendermaßen an: »Schatz, bringst du mir noch ein Bier?« Seine fehlerhafte Adressierung erkennt er erst, als das Klingeln seines Mobiltelefons die Übertragung unterbricht. Vgl. »Content is content is content«, unter http://www.medienforum. nrw.de/de/presse/pressemitteilungen/volltext/article/content-is-content-iscontent.html vom 29.4.2008.

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mit Großereignissen als spezifische Leistung des Fernsehens gilt. 6 Auf der anderen Seite steht das Mobiltelefon, das Erreichbarkeit an jedem Ort garantieren soll. Die Frage ist, wie die Werbung dieses Wissen um Medieneigenschaften aufgreift. Dies beinhaltet auch eine historische Perspektive: An welche Traditionen schließt sie dabei an? Dafür wird das Ensemble aus Haus, Fernsehen und Sportübertragung thematisiert. Im Anschluss wird die Analyse des Werbespots verlassen und stattdessen das Sendeformat der Sportübertragung, das die Werbung betont, aus einer anderen Perspektive betrachtet. Das Senden von sportlichen Großereignissen, das sich beim analogen Fernsehen als besonders erfolgreiches Format etabliert hat, stellt das Handy-TV und damit die Komponenten der Mobilität und Digitalität vor spezifische Herausforderungen, die es zu erörtern gilt.

Witz und Werbung als Manifestationen des Wissens Im Folgenden ist die These leitend, dass Massenmedien zum einen maßgeblich an der Verfertigung bzw. Produktion von Wissen beteiligt sind und zum anderen grundsätzlich als gesellschaftliche Zentralinstanzen für die Verbreitung von Wissen fungieren. In ihre Produktionen geht ein soziokultureller Wissensvorrat ein, der auf diese Weise Gestalt gewinnt und gesellschaftsweit in Umlauf gebracht wird. Die Werbung der Firma LG erfüllt diese Funktion der Manifestation von Wissen auf besondere Weise: zum einen als Werbung und zum anderen als Sketch, denn die gezeigte Handy-Reklame ist als witzige Erzählung gestaltet. Sowohl der Witz als auch die erzählende Werbung haben gemeinhin die Form einer dichten Narration, in der sich der Handlungsverlauf auf der Basis weniger Elemente erschließt. So wird im Witz durch die knappe Vorstellung eines Sachverhalts ein Erwartungshorizont geschaffen, der durch seine unvermutete Verbindung mit einem abliegenden Gebiet desavouiert wird. Im Witz werden also innerhalb einer kurzen Erzählzeit zwei getrennte Sphären in Relation zueinander gesetzt. Diese Sphären werden allein in Form einer groben Skizze der Situation und Handlung veranschaulicht. 7 In der LG-Werbung handelt es sich um die Bereiche

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Vgl. Monika Elsner/Thomas Müller: »Der angewachsene Fernseher«, in: Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig Pfeiffer (Hg.), Materialität der Kommunikation [1988], Frankfurt/Main: Suhrkamp 2 1995, S. 392-415. Vgl. Lutz Röhrich: Der Witz. Formen und Funktionen, München: DTV 1986; Eike Christian Hirsch: Der Witzabieiter und die Schule des Lachens, München: Beck 2001.

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des privaten und des öffentlichen Raums, deren Differenz von einem winzigen Gerät überspielt wird. Wichtig ist dabei, dass der Witz aufgrunddes Gebots der Kürze viel Wissen in wenigen Worten aktualisiert. Dies teilt er mit der Werbung, die ebenfalls in kurzer Zeit ein facettenreiches Wissensrepertoire nutzt. Roland Barthes hat dies anhand eines Werbebildes für die Produkte des italienischen Nudelproduzenten Panzani verdeutlicht. Darauf sieht manem »halbgeöffnete[s] Netz, das die Zutaten wie >beim Auspacken< auf den Tisch kollern läßt. Um dieses erste Zeichen zu lesen, genügt ein Wissen, das sozusagen in den Bräuchen einer sehr weitreichenden Zivilisation verankert ist, in der >auf den Markt gehen< im Gegensatz zur Schnellversorgung (Konserven, Tiefkühlkost) einer >mechanischeren< Gesellschaft steht.«8 Ein ganzes Gesellschaftskonstrukt verdichtet sich demnach im PastaBild, und die Farbgebung aus grün-weiß-rot bezeichnet zusätzlich »ItaIianität«. Italianität ist eine deutsche Übersetzung für eine Begriffsbildung, bei der das Suffix >-tät< »zur Bildung eines abstrakten Substantivs [ ... ] dient: Die Italianität ist nicht Italien, sie ist das kondensierte Wesen all dessen, was italienisch sein kann [ ... ].«9 Das Werbebild eröffnet so kulturell geformte Assoziationsfelder zum Italienisch-Sein, und dies über die Darstellung weniger Objekte und Farben. Was also Werbung und Witz eint, ist die Verbindung einer verknappten Ausdrucksform mit reichen Verweisstrukturen auf ein in der Gesellschaft zirkulierendes Wissen. Der Witz wie die Werbung sind für ihre Verständlichkeit auf einen weitgehend allgemein geteilten Wissensbestand inklusive Stereotypen angewiesen. Daher bietet die Handy-Werbung von LG einen ausgezeichneten Anlass um zu fragen, welches Wissen über Fernsehen darin kondensiert, eben weil sie als witzige Erzählung gestaltet ist. Mit Rekurs aufBarthes' Begriff der Italianität lässt sich anhand der Werbung die Televisualität im Sinne eines Bestandteils des gesellschaftlichen Wissensrepertoires untersuchen. Dabei liegt der Fokus im Folgenden zunächst auf der Beobachtung des Fernsehens, weil- wie die nun folgende Analyse des Spots zeigen wird - dies auch die Tradition ist, auf die die Firma LG in ihrer Werbung referiert.

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Roland Barthes: »Rhetorik des Bildes« [1964], in: ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1990, S. 28-46, hier S. 30. Ebd. 100

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Sportübertragung zu Hause und unterwegs Der Spot beginnt mit einer Nahaufnahme auf den Protagonisten, der seine Hand zum Mund führt, um etwas zu essen. Die Rezeption der Bildebene wird dabei stark über den Ton organisiert, der sofort verdeutlicht, worum es hier geht: Fußball, gerrauer Fußball-Übertragung, denn man hört weniger Stadiongeräusche als einen hektisch sprechenden Moderator. »Jetzt das deutsche Team über rechts. Flanke ... «,10 usw. Darüber wird der Blick auf den Protagonisten programmiert, dessen Essen so als Ausdruck von Aufgeregtheit angesichts einer spannenden Fußballübertragung zu werten ist. Dabei offeriert die Narration zunächst gleichermaßen eine auktoriale Erzählerposition und eine identifikatorische Nähe zum Protagonisten. Retrospektiv, also vom Ende der Erzählung her, wird dann aber deutlich, dass der Werbezuschauer seine Wahrnehmung mit dem Protagonisten geteilt hat. So bleibt der Hintergrund trotz zurückfahrender Kamera und dem damit verbundenen größeren Bildausschnitt undeutlich. Der Raum ist unbestimmt und auch eigentlich für den Zuschauer des Spots uninteressant, genauso wie für den aufgeregten Helden der kleinen Erzählung, der sich konzentriert auf das Spiel zeigt, welches während eines äußerst kurzen Gegenschusses auf dem Display seines Handys erscheint. Das Ensemble aus Zuschauer und Handy-TV ist durch diesen Gegenschuss auf das Display komplett. Und auch die Qualitätsbeschreibung des Handys erscheint insofern abgeschlossen, als dass seine Möglichkeit des Fernsehempfangs hervorgehoben wird. Dabei ist im Spot diese Einstellung auf das Handy-Display aber so kurz gehalten und die Stimme des Fußballkommentators so dominant, dass eher die Fernsehübertragung eines Fußballspiels als das Empfangsgerät in den Vordergrund tritt. Das heißt, bis zu diesem Zeitpunkt ist das Mobiltelefon in der Werbung eigentlich nicht präsent, sondern man sieht einen Komplex aus Sportereignis und Fernsehübertragung. Damit nimmt die Werbung auf eine klassische Inszenierungsstrategie Bezug, mit der seit Beginn des regelmäßigen Fernsehbetriebs in der Bundesrepublik die spezifische Leistung des Fernsehens als Echtzeitmassenmedium sichtbar und regelrecht spürbar gemacht wird. Und schon bei der Olympiade 1936 gilt Sport als ausgezeichnetes Mittel, um diese televisuelle Leistung - also die zeitgleiche Übertragung von Ereignissen - zu

I 0 Die Sätze erinnern weniger an einen Sportkommentar, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt, als dass die Beschreibungen zum Register des Hörfunks und seiner Vermittlung des Spielgeschehens gehören. Der konzentrierte Blick des Protagonisten verhindert aber die Verwechslung und macht deutlich, dass es hier um Fernsehen und nicht um Hörfunk geht. 101

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veranschaulichen, denn einerseits ist die Ereigniszeit planbar und andererseits besteht Ungewissheit darüber, wie der Wettstreit ausgeht. Diese Ungewissheit produziert Spannung, also eine Emotion, die beim Rezipienten fühlbar wird. Über das Moment der Spanmmg erhält der Fernsehzuschauer den Eindruck der zeitgleichen Partizipation am Ereignis, und dies wird als die spezifische Leistung des Fernsehens beworben, was dann im Ausdruck >Dabei-Sein< auf den Begriff gebracht wird. 11 Das Moment der Spannung als Vermittlungsinstanz für Echtzeit markiert den einen Bestandteil des Komplexes >Sport und FernsehenFrauenfunk< enthielt. Darin betont 102

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Fernsehen ist also zunächst ein Anlass flir Ehestreit, also ein heimischer Störfall, bevor es zum Medium der Biederkeit wird. Häuslichkeit und mediales Dabei-Sein werden erst einmal diskursiv kurzgeschlossen, und dies u.a. in Form von Werbung: »Am Brennpunkt des Geschehens sein - trotzdem die Gemütlichkeit Ihres Heims genießen«. 15 Mit diesem Motto adressiert die Firma Blaupunkt anlässtich der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 den Konsumenten. In solchen Werbetexten wird ein Zusammenhang aus Heimempfang und Teilhabe an Großereignissen gestiftet. Der Mehrwert dieses Zusammenschlusses, seine Qualität, liegt darin, dass das Empfangsgerät dem Zuschauer den mühevollen Weg zum Ort des Ereignisses und das strapaziöse Vor-Ort-Sein erspart, indem es eine virtuelle, weil wahrnehmungstechnisch gleichwertige Anwesenheit suggeriert. Fernsehen bedeutet damit v.a. eines: nicht unterwegs zu sein. Im gleichen Duktus preist Loewe sein Gerät an: »Den besten Tribünenplatz! (Im eigenen Sessel nämlich)«. 16 Nachdem der Zusammenhang aus Wohnzimmermöbel und Stadion einmal etabliert ist, kann Grundig 2008 dies in dem Slogan verdichten: »Great Sofa Viewing« - und wie selbstverständlich wird hier auch noch auf eine Differenz zum public viewing angespielt und so die grundlegende Unterscheidung der bürgerlichen Gesellschaft in öffentlich/privat evoziert. Fernsehen, Sport, Dabei-Sein und das eigene Sofa als Ausdruck maximaler Behaglichkeit bilden so eine Einheit, die jedem Mediennutzer auf Anhieb präsent ist. Es handelt sich um ein Alltagswissen von Televisualität, an das Werbung immer wieder anschließt, um spezifische Produktqualitäteil auszustellen. Bei diesen Referenzen und Zitaten ist zentral, dass es sich um Werbung für Fernsehgeräte handelt, aufwelche die Handy-Werbung von LG Bezug nimmt, wenn sie uns einen angespannt lmabbernden Protagonisten in Kombination mit einem gesprochenen Sportkommentar präsentiert. Die Gemütlichkeit des Heims muss die LG-Werbung gar nicht mehr eigens betonen. Da alle anderen Bestandteile des Komplexes Fußball und Fernsehen voll ins Bild gesetzt sind, steht zunächst außer Frage, dass es sich um eine heimische Atmosphäre handelt. Das Zuhause wird über das er die Notwendigkeit einer eigenen Programmsparte für Frauen, mit der Begründung, dass diese besonders häufig Radio härten, weil sie den ganzen Tag zu Hause seien. Vgl. Gerhard Eckert: Der Rundfunk als Führungsmittel, Heidelberg, Berlin, Magdeburg: Vowinkell941, S. 150-152. 15 Vgl. die Anzeige der Firma Blaupunkt in Der Spiegell9 (2.5.1966), S. 77. Eine Abbildung der Werbung ist auch einzusehen in Christina Bartz: »>Das geheimnisvolle Fenster in die Welt geöffnetSchatz< gegenüber. Demnach wähnt sich der Protagonistaufgrund der Fernsehübertragung zu Hause. Und dies macht dann eben gleichermaßen den Witz wie die spezifische Qualität des beworbenen Produkts aus. Die LG-Werbung schließt dafür nicht nur an ein etabliertes Wissen über Fernsehen und Sport, sondern auch über damit verbundene Geschlechterstereotypen an. Diese bestehen aus Bier trinkenden Männern und fürsorglichen Ehefrauen, die ihren Gatten auf Zuruf ein Bier bringen, auch wenn der Mann jede Höflichkeit vergisst und der Äußerung seines Getränkewunsches weder das Wort >bitte< noch einen Blick an die Adressatin hinzufügt. Es ist die öffentliche Zurschaustellung häuslicher Routinen inklusive der dabei fehlenden Manieren im Kontext des TV -Sports, die zum Lachen anregen sollen. Zum Lachen führt zweitens die Irritation des Zuschauers, der selbst erst mit dem Eintreten des Kellners in das Bildfeld den diegetischen Raum zuordnen kann. Bis dahin war seine Wahrnehmung des Orts, an dem sich der Protagonist befindet, noch ganz durch die Fernseh-Situation bestimmt, d.h. durch das über den Sportkommentar vermittelte Fernsehen. Mit dem Auftauchen des Kellners kann der Zuschauer die Situation aber besser überblicken als der Protagonist; er gewinnt einen Wissensvorsprung diesem gegenüber. Damit wechselt er zu einer Außenperspektive, die ihm erst jene Distanz gewährt, die ihn den Witz erkennen lässt. Vorher saß er einer ähnlichen Fehlwahrnehmung aufwie der Protagonist.

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Während der Zuschauer der Werbung mit dem Auftauchen des Kellners im Bildhintergrund die dargestellte Situation neu einschätzt, vollzieht der Protagonist diese Korrektur erst mit dem Klingeln des Handys, mit dem auch die Stimme des Sportkommentators abbricht. Jetzt erst tritt das Handy in Erscheinung, und zwar im Sinne eines Telefons, das dialogische Kommunikation organisiert, wie auch im Sinne der Möglichkeit ortsunabhängiger Erreichbarkeit, denn nun wird in einer Halbtotalen der Ort der Handlung gezeigt. Zu sehen ist ein öffentliches Lokal oder eine Hotellobby mit dem Protagonisten, der die Beine hochgelegt hat. Er knabbert, so zeigt sich nun, Granulat für Zimmerpflanzen aus einem Übertopf. Wenn sein irritierter Blick auf die Topfpflanze gezeigt wird, erkennt der Zuschauer, dass der Protagonist sich erst jetzt seines direkten Umfelds bewusst wird. Das heißt: Die Fernkommunikation schafft seine Wahrnehmung für die nahe Umgebung. Zentral ist aber v.a. seine Irritation angesichts des Mobiltelefons, das klingelt. Das Klingeln führt zum Erkennen des Handys, das bis dahin - obgleich er es bei der Fernsehübertragung ununterbrochen konzentriert angeschaut hat - für den Protagonisten nicht wahrnelunbar war. Die auf dem Tisch liegenden Beine und das fast leere Bierglas erzeugen wiederum den Eindruck von Behaglichkeit, während der Raum im Hintergrund so gestaltet ist, dass er einen der Orte vorstellt, an denen man auch stationär noch unterwegs ist. Es ist ein Ort der Passage ohne nähere Bestimmung. Mit dem französischen Anthropologen Mare Auge lässt er sich als Nicht-Ort bezeichnen, denn er besitzt keine Identität und dient nur dem provisorischen Aufenthalt während des Transits. Exemplarisch steht dafür bei Auge die Hotelkette, deren global gleichförmige Gestaltung keine Identifizierung des Orts zulässt. Der Ort ist zwar bekannt, aber es verbindet sich keine spezifische Erinnerung mit ihm. Für die Erinnerung ist er ortlos. Genau dieses transitorische und provisorische Verweilen manifestiert sich in der LG-Werbung, und zwar nicht nur in dem unzureichend bestimmten Hintergrund, der kaum Indizien für sein Erkennen bietet, sondern auch am Protagonisten und seiner leicht ungeordneten Businesskleidung. Dabei gehört das Fernsehen selbst zu den Nicht-Orten, insofern es eben für eine Ortsunabhängigkeit einsteht und die Anwesenheit an beliebigen Orten vorstellbar macht. 17 Die LGWerbung gibt dem Fernsehen aber wieder einen Ort, indem sie es zu einem Indiz für Daheim-Sein macht. Zu Hause ist, wo das Fernsehen ist, so ließe sich als Abänderung der Spruchweisheit >Horne is where the heart is< sagen.

17 Vgl. Mare Auge: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit [1992], Frankfurt/Main: Fischer 1994, S. 92-112.

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Fernsehen wird durchgängig unter der Perspektive beobachtet, es könne verschiedenartige Orte in Beziehung setzen. Über das Fernsehen wird spätestens seit den 1950er Jahren diskursiv der öffentliche Ort des Stadions mit der privaten Sphäre des eigenen Heims verbunden. So erspart das Fernsehen dem Zuschauer die Mühe, sich auf den Weg zu den Ereignissen zu machen. Daher reklamierte Günther Anders auch 1953, das Fernsehen habe die Welt weglos und den Menschen im Wortsinne unerfahren gemacht. 18 Die LG-Werbung stiftet diese Relation neu. In Anlehnung an Anders lässt sich formulieren, dass das Handy-Fernsehen den Heimatlosen, der immer unterwegs ist, virtuell wieder nach Hause bringt. Der Zuschauer ist im öffentlichen Raum zu Hause, so wie er mit dem herkömmlichen Fernsehen zu Hause an öffentlichen Ereignissen teilnimmt. Ging es ehemals darum, öffentliches Geschehen nach Hause zu holen, wird jetzt das eigene Heim in die Öffentlichkeit getragen: »Fernsehen wie Zuhause. Unterwegs und kostenlos« 19 - das ist der Slogan der LG-Werbung. Damit spricht die Firma LG in einer werbetypisch verdichteten Form ein kulturell spezifiziertes Alltagswissen von Televisualität an, das sie im gleichen Zuge neu modelliert. Die Reklame aktualisiert den Komplex Televisualität und bereitet ihn in einer spezifischen Weise auf, wodurch sie ihn modifiziert. Damit ist Werbung nicht nur eine Instanz der Manifestation von gesellschaftlichem Wissen, sondern ist auch an dessen Verfertigung beteiligt. Sie produziert ein Medienwissen, das spezifische Nutzungen des Handy-Fernsehens programmiert.

18 Vgl. Günther Anders: »Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen«, in: ders., Die Antiquiertheit des Menschen I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution [1956], München: Beck 1994, S. 97-211, hier S. 114f. 19 Der Hinweis auf den kostenlosen Empfang, der mit dem beworbenen Handy möglich sein soll, markiert eine spezifische Differenz, denn bis vor Kurzem war in der Bundesrepublik als Standard fl.ir das Mobile-TV DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handheld) angestrebt und damit eine kostenpflichtige Übertragungstechnik, die mit hoher Bandbreite interaktive Dienste anbieten kann. Jedoch wird dafür auch ein sehr dichtes Übertragungsnetz benötigt. Ein Konsortium, an dem u.a. Burda beteiligt ist und das den Namen Mobile 3.0. trägt, hat sich die Rechte an der Übertragung via DVB-H gesichert (dpa: »Burda und Holtzbrinck arbeiten bei Handy-TV zusammen«, unter http://www.faz.net/s/RubE2C6EOBCC2F04DD787CDC27 4993E94Cl /Doc- ECCED203COOE5446BA9Cl66A230AB9182- ATplEcommon- Scontent.html vom 27.6.2008). Dies motivierte die Konkurrenten, auf die Übertragungstechnik DVB-T (Digital Video Broadcasting über terrestrische Frequenzen) zu setzen, zumal hier ein weniger dichtes Netz benötigt wird, das bereits in Ballungszentren besteht. Auf der Basis von DVB-T war auch die Übertragung der Fußball-Europameisterschaft ein realistisches Projekt.

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Ein Gerät - zwei Medien Diese Programmierung von Mediennutzung ist gerade insofern interessant, als die LG-Werbung mit ihrem Bezug zur televisuellen Fußballübertragung eine Nutzungsform propagiert, die zunächst nicht für das Handy-TV angedacht war. Genauer: Sie konfligiert mit Überlegungen zum Handy-Fernsehen, die sich auf dessen spezifische Eigenschaften, dessen besondere Qualitäten und auch dessen Schwächen beziehen. Noch im vergangeneu Jahr wurde nämlich auf dem eingangs erwähnten Konvergenzkongress des medienforum.nrw die Zukunft des Handy-TVs insofern kritisch beurteilt, als dass das kleine Display des Mobiltelefons eben nicht dem Fernsehen adäquat sei. Handy-TV - so war man sich nicht nur in den Diskussionen des Kongresses, sondern auch in den Debatten allgemein einig - sollte weniger bedeuten, die Programminhalte des hergebrachten Fernsehens auf das Mobiltelefon zu übertragen, als vielmehr eigene Formate flir diese neue televisuelle Form zu entwickeln. 20 Diese spezifischen Formate werden v.a. auf der Grundlage der folgenden drei Punkte gefordert. Erstens: Die Akkulaufzeit war bis 2007 noch so beschränkt, dass an eine Übertragung von Fußballspielen nicht zu denken war, weil man sie nicht hätte in voller Länge schauen können. Dies stellt auf dem Hintergrund des gerade erörterten Zusammenhanges von Sport, Spannung und Fernsehen ein erhebliches Problem dar. Dieses Problem ist mit dem von LG beworbenen Mobiltelefon einigermaßen behoben, da der Akku zwei Stunden Laufzeit bietet.Z 1 Zweitens: Man geht davon aus, dass sich Nutzungsdauer, -kontext und -zeitpunkt beim Zuschauer, der das Programm über das Mobiltelefon empfängt, von denen des herkömmlichen Fernsehrezipienten unterscheiden. Dabei ist man sich allerdings nur äußerst selten einig, worin diese Differenzen genau liegen. Als einigermaßen unstrittig gilt, dass das Mobile-TV vornehmlich dann genutzt wird, wenn sich unterwegs ungefüllte Zeit ergibt. 22 Exemplarisch steht daflir die abendliche Heimfahrt mit der 20 Daher initiiert das medienforum.nrw 2007 den Kurzfilmwettbewerb >Made für Mobile< für den »besten Handyfilm [ ... ]. Ziel des Preises ist es, die Produktion von hochwertigem Content ftir mobile Endgeräte zu fördern und diese als kreative Plattform für neue spannende Erzählformen zu entdecken.« (»Made for Mobile Award 2007«, in: medienforum.nrw medienforum.newsletter 5 (2007); vgl. auch Andy Herzberg: Mobil-TV. Technik und Gestaltung, Saarbtücken: VDM 2007, S. 50-63). 21 Vgl. Lisa Brack: »TV mobil. Test: LG Electronics HB620T (Handy)«, unter http://www.chip.de/artikel/Test-LG-Electronics-HB620T -Handy_3117 7806.html vom 3.6.2008. 22 So schreibt Andy Herzberg, dass Mobile-TV dann genutzt würde, »wenn gerade eine zeitliche Lücke besteht, z. B. auf dem Weg zur Arbeit, im Bus

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Straßenbahn. 23 Aufgrund dieser Nutzungsperspektive wird in der Regel nicht mit einer langen Nutzungsdauer gerechnet. Diese verbreitete Annahme hemmte sicher auch bis vor Kurzem die Entwicklung eines Akkus mit längerer Laufzeit. Das heißt: Eine spezifische und nicht einmal unstrittige Vorstellung von den Nutzungsbedingungen führt zu einer Limitienmg der anvisierten Möglichkeiten. Ohne hier die Diskussion um die Frage der neuen Nutzungsmodalitäten vollständig nachzuvollziehen, sind mit Bezug auf die LG-Werbung und ihre Betonung der Fußballübertragung zwei Aspekte hervorzuheben. Mit Blick auf ein neues Nutzungsverhalten, das sich u.a. durch kürzere Sehdauer auszeichnen soll, werden für das Mobile-TV in der Regel Programmsegmentevon ca. 20 Minuten Länge produziert, die unterwegs zu schauen sind.Z4 Ein stationäres, langfristiges und auch hochkonzentriertes Fernsehen, wie es die LG-Werbung mit der Fußballsendung nahelegt und wie es zu den alten Registern eines gebannten Zuschauers 25 gehört, widerspricht diesem Nutzungskonzept, das die Programmplanung für das Mobile-TV bestimmt. Weiterhin wird an diesen Sendungen schon deutlich, dass es nicht darum geht, das bisherige Fernsehen auf einem neuen und eben mobilen Endgerät zu empfangen. Stattdessen wird für die neuen Geräte ein eigenes Programm produziert. Auch wenn es bereits eigene Produktionen für das Mobile-TV gibt, besteht dieses Programm häufig noch aus einer eioder in der Mittagspause [... ].« (Herzberg: Mobil-TV (wie Anm. 20), S. 50) lnuner wieder wird in solchen Äußerungen die Nutzung während des Unterwegs-Seins betont - so auch von Ki Soo Lim, Debuty Director bei der koreanischen Regulierungsbehörde KBC, in Ausführungen zum Sehverhalten in Korea: »Wie Untersuchungen zeigen, schauen mehr als sechzig Prozent der Koreaner mobiles Fernsehen in Bahn und U-Bahn.« (»Content is content is content« (wie Anm. 5)) Dieses Ergebnis wird dann einerseits als Prognose für die Nutzung in Deutschland gewertet. Andererseits stellt man fest, dass Mobile-TV hauptsächlich zwischen 21:30 und 22:30 Uhr geschaut wird und damit zu »einer Zeit, wo man davon ausgehen kann, dass die Mehrheit der Nutzer bereits zu Hause war und das klassische Femsehen hätte nutzen können.« (Herzberg: Mobil-TV (wie Anm. 20), S. 53) Solche Divergenzen in der Bestimmung des Nutzungsverhaltens sind weit verbreitet und haben eine lange Tradition. 23 Am Rande sei vermerkt, dass es im Rahmen der LG-Werbekampagne einen zweiten Fernsehspot gibt, der die Nutzung in der Straßenbahn thematisiert. 24 Exemplarisch stehen dafür die sogenannten Mobisodes, also Serien mit Cliffhanger, die aber jede Redundanz vermeiden und sich auf das Notwendigste einer Erzählung konzentrieren. Auch die geringe Displaygröße findet Berücksichtigung. Vgl. z.B. Herzberg: Mobii-TV (wie Anm. 20), S. 63. 25 Vgl. Christina Bartz: »Telepathologien. Der Fernsehzuschauer unter medizinischer Beobachtung«, in: lrmela Schneider/Peter Spangenberg (Hg.), Medienkultur der 50er Jahre. Zur Diskursgeschichte der Medien nach 1945, Bd. l, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 373-389. 108

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genen Zusammenstellung der Sendungen des herkömmlichen Fernsehprogramms. Dieses wird in der Regel als eine Endlosschleife oder OnDemand empfangen. 26 On-Demand - also die Möglichkeit des zeitlich flexiblen Abrufens von Programmteilen-gehört gerade zu den spezifischen Optionen, die das Mobile-TV als digitaler Dienst anbietet. 27 Dies bedeutet aber - das ist offensichtlich - eine vollkommen andere Nutzungsperspektive als das Einklinken in den Fernsehflow, wie es mit dem analogen Fernsehen etabliert wurde. Es geht nun nicht mehr um das Schauen einer vorweg definierten Reihenfolge. 28 Mit dem Verlust dieses Flusses ist das Fernsehen nur noch schwer als Echtzeitmassenmedium zu konzeptualisieren, weil der Zugriff zeitlich individualisiert wird. Diese Individualisierung der Empfangszeit eines Programmsegments bedeutet keinen Verlust der massenmedialen Qualitäten, sondern der Möglichkeit von Gleichzeitigkeit. Dies ist eine Absage an die spezifische Leistung, wie sie für das analoge Fernsehen entworfen wurde und die eben im Dabei-Sein besteht. Oder andersherum formuliert: Die Fußball-Übertragung ist eine Absage an die spezifischen Versprechen des digitalen Fernsehens, also an das Surplus, das es zu bieten hat. Drittens: Die größte Herausforderung für das Schauen eines Fußballspiels auf dem Handy ist jedoch das kleine Display. Es ist gerade diese Komponente, die Helmut Thomas Skepsis gegenüber dem Handy-TV provoziert hat, denn die Displaygröße ist entscheidend für eine Bildführung, wie sie für die schnellen Bewegungen des Sports und die Totalen des Fußballs angemessen ist. 29 Der Erweiterung dieser Gerätekomponente sind aber gewisse Grenzen gesetzt, und dies nicht nur, weil mit wachsender Größe des Displays die Portabilität des Mobiltelefons leidet. Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist, dass sich mit der Vergrößerung des Displays das Handy hinsichtlich seiner Fernsehfunktion dem Laptop annähert, sodass die beiden Geräte in ein Konkurrenzverhältnis eintreten - zumal auch der Laptop für sich Tragbarkeit und damit mobile Einsatzbereitschaft reklamiert. Beide Geräte, so lässt sich resümieren, dienen damit als Plattform für diverse Nutzungsoptionen, die sich z.T. überschneiden, die sie aber dann doch auf unterschiedliche Art erfüllen. So vereint 26 Vgl. Herzberg: Mobil-TV (wie Anm. 20), S. 61. 27 Vgl. Stephan Dieter/Dirk Schrameyer: IPTV- Über Internet anders fernsehen?! Mehrvvert oder nur mehr Kosten?, Düsseldorf: Landesanstalt für Medien 2008, S. 9-14. 28 Vgl. Hartmut Winkler: »Zugriff auf bewegte Bilder. Video on Demand«, in: Harald Hillgärtner/Thomas Küpper (Hg.), Medien und Ästhetik. Festschrift für Burkhardt Lindner, Bielefeld: transcript 2003, S. 318-331, hier S. 323. 29 Vgl. Eric Karstens: Fernsehen digital. Eine Einfiihrung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S. 87.

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das beworbene LG-Handy neben dem Telefon und dem Fernsehen noch weitere Angebote, wie Musik-Player und Internetzugang. Angesichts solcher Möglichkeiten schreibt das medienforum.nrw zur Ankündigung des diesjährigen Konvergenzkongresses: »Das Handy wird zum multifunktionalen Endgerät.« 30 Es wird eine multimediale Verschmelzung gefeiert, bei der aber irritierenderweise das Endgerät, das der Nutzer vor sich hat, als Handy identifizierbar bleibt. Das führt noch einmal zurück zur Werbung von LG, die sich so intensiv mit dem Fernsehen beschäftigt, um es als Bestandteil des Handys in Szene zu setzen. Aber bezüglich der Funktion des Telefonierens sorgt das Gerät für Evidenz. Im Werbespot ist ein Klingeln zu hören und anschließend das Handy zu sehen, das zum Ohr geführt wird, bevor der telefonische Dialog beginnt (der aber von der Off-Stimme abgebrochen wird). Geht es also um die Darstellung der Telefonfunktion, so scheinen keine komplexen Verweisstrukturen mehr nötig, weil das Gerät für diese Funktion einsteht. Das Gerät in der Hand und am Ohr garantiert Identifizierbarkeit. Die direkte Anschauung und Haptik sorgt für das Erkennen einer Einheit, nämlich der des Gerätes, das dann mehrere Nutzungsmöglichkeiten in sich vereinigen kann - eben Telefonieren und Fernsehen. Auf der einen Seite steht das Gerät, das in der konkreten Nutzung Form gewinnt, und auf der anderen steht ein Wissen über Einzelmedien. Dort also, wo der Mensch auf den Bildschirm schaut und auf Tasten drückt, stellen sich noch Grenzen ein, die aber andere als die Grenzen der Medien sind. Medien bestehen als Medienwissen, und dieses Wissen ist im Alltag v.a. durch die Funktionen und Nutzungen bestimmt. Diese Funktionen und Nutzungsangebote werden u.a. durch Werbung und andere massenmediale Produkte geformt und aktualisiert. Werbung ist eine der Instanzen, die Televisualität, wie auch anderes Medienwissen, manifestieren und modifizieren. Sie bringt eine Vorstellung von Einzelmedien hervor. Eine andere Instanz ist das Gerät, an dem u.a. in Form der Bedienung ebenfalls Medienwissen kondensiert. In der Interaktion von Körper und Gerät wird ein Wissen über die Nutzung von Medien generiert. So wie sich das Medienwissen auf ein Gerät beziehen kann, kann es sich auch wieder von diesem Gerät lösen. Das Handy-TV ist dafür ein gelungenes Beispiel, weil es anschaulich macht, wie Fernsehen ein Medium im Sinne einer Anwendungsfunktion des Mobiltelefons ist. Dabei ist auch diese Funktion ehemals an ein Gerät- nämlich den Fernsehempfänger in den 30 »Eröffnung Internationaler Konvergenzkongress: Microsoft, Google, Bertelsmann und Electronic Arts diskutieren ihre Konzepte für die konvergente Zukunft«, in: medienforum.nrw medienforum.newsletter I0 (2008).

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eigenen vier Wänden - gebunden gewesen, und diese Bindung galt es zunächst diskursiv zu etablieren. Nun übernehmen unterschiedliche Plattformen diese Leistung; Fernsehen ist jetzt nicht mehr nur auf dem Fernsehgerät zu empfangen. Wie schwer es jedoch sein kann, Medium und Gerät zu trennen, zeigt der Skeptiker Helmut Thoma, der eben nicht an das Handy-TV glaubt, wenn er fragt: »Wenn ich dort gerade was guckewas tun, wenn's klingelt?« Er sucht anscheinend nach zwei Geräten für zwei Medien.

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STEUERUNG UND TEILHABE

ZUM VERSPRECHEN RADIOPHONER TEILHABE.

DER HÖRER HAT DAS WORT (1947-1958) lRMELA SCHNEIDER

Das Radio im ersten Nachkriegsjahrzehnt Viele Volksempfangeraus der Zeit des Nationalsozialismus >überlebten< das Ende des Krieges. Diese Apparate sollten nun, so die Pläne der Alliierten, zum Informationsmedium werden, das dem Ziel verpflichtet ist, den Aufbau der Demokratie zu stützen. Zu den letzten Sendem des nationalsozialistischen »Großdeutschen Rundfunks«, die sich abschalteten, gehörte der Reichssender Hamburg. Er beendete sein Programm erst am Abend des 3. Mai 1945. Bereitsam 4. Mai, abends um 19:00 Uhr, meldete sich die Station wieder, und zwar mit der britischen Nationalhymne und der Ansage »Here is Radio Hamburg, a Station ofthe Allied Military Govemment«. 1 Die britische Besatzungszone erstreckte sich auf ein flächenmäßig sehr großes Gebiet und umfasste unterschiedliche, in der Nachkriegszeit neu gegründete Bundesländer. Im Unterschied zu späteren Praktiken, in denen der Rundfunk nach föderalen Prinzipien organisiert wurde, verfolgte die britische Besatzungsmacht eine einheitliche Organisation des Rundfunks in der britischen Besatzungszone. Fürs Erste wurde die Hamburger Sendestation fiihrend. Zugleich gab es den Plan, »die bevölkerungsreichen Städte am Rhein und an der Ruhr«, die zur britischen Besatzungszone gehörten, mit Programm zu versorgen. 2 Aus diesem Grund wurde ab Ende September 1945 aus dem behelfsmäßig hergerichteten Funkhaus Köln gesendet. Aus Radio Harnburg wurde der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR). Am 1. Januar 1948 trat die Verordnung Nr. 118 der britischen Militärregierung in Kraft, deren Anhang das sogenannte NWDR-Statut enthielt. Damit war der NWDR als erste öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Westdeutschland lizenziert.

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Zit. nach Peter von Rüden/Hans-Ulrich Wagner (Hg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Hamburg: Hoffmann und Campe 2005, S. 14. Ebd., S. 22. 115

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Nahezu seit Beginn stieß die Einrichtung des NWDR auf Kritik aus Nordrhein-Westfalen. Nach einer Phase der Konflikte und Verhandlungen trat am 1. Februar 1955 das Gesetz über den Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Kraft. Ebenfalls im Jahr 1955 wurden die Liquidation des NWDR beschlossen und der NDR gegründet. Am 1. Januar 1956 begann das Programm des WDR. Die Konflikte zwischen dem Hamburger und dem Kölner Standort sind im Laufe der Jahre von unterschiedlichen Seiten aus genährt worden. Drei zentrale Konfliktzonen lassen sich ausmachen: Neben den landespolitischen Interessen, die eine eigene Rundfunkanstalt anstrebten, standen an zweiter Stelle wirtschaftliche Interessen, da es in NordrheinWestfalen ein entschieden höheres Gebührenaufkommen gab als in Harnburg. Eine dritte Konfliktzone bildeten politische Differenzen zwischen den Verantwortlichen und Mitarbeitern der beiden Funkhäuser. Alle drei Interessenkollisionen verweisen auf die zentrale Bedeutung, die dem Radio im ersten Nachkriegsjahrzehnt zugeschrieben wird. Diese Bedeutung zeigt sich auf exemplarische Weise auch an der Sendereihe Der Hörer hat das Wort. Die folgenden Ausführungen stellen das Format vor und fragen nach Verfahren der Inklusion und Exklusion, die die Sendereihe praktiziert. In einem zweiten Teil geht es um die Optionen von Teilhabe, die mit dieser Form von radiophoner Kommunikation verbunden bzw. die mit Titeln wie Der Hörer hat das Wort wachgehalten werden. Die Sendereihe startet am 12. Januar 1947 als ein Programm des NWDR Hamburg, wird ab dem 29. Mai 1949 von Köln aus gesendet und findet am 28. Dezember 1958 zum letzten Mal statt. In den ersten Jahren verantwortet Watther von Hollander, der seit 1945 Redakteur bei Radio Harnburg ist, die Sendung. 3 In drei Artikeln der Zeit hat er seine Erfahrungen mit der Sendereihe dargestellt. 4 Die Kölner Produktionen betreut und moderiert Hans Otto W esemann.

3

4

Für den Hinweis auf Watther von Hollauder als verantwortlich für die Hamburger Zeit der Sendereihe danke ich Dietrich Schwarzkopf. Weitere Informationen und Dokumente aus der Zeit, in der die Sendereihe in Harnburg produziert wurde, sind nach Auskunft von Hans-Ulrich Wagner, dem Leiter der Forschungsstelle zur Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland, nicht mehr verfügbar (E-Mai! an die Verf. vom 1 1.1 .2008). Vgl. Walther von Hollander: »Die Gerechtigkeit und das Vergessen. I. Querschnitt durch Hörermeinungen: Besitz, Neid, Regierung und Parteien, II. Querschnitt durch Hörermeinungen: Nationalismus und Frauenfragen, III. Querschnitt durch Hörermeinungen«, in: Die Zeit 4/24 (16.6.1949), S. 11; 4/25 (23.6.1949), S. 22; 4/26 (30.6.1949), S. 10; vgl. die Vorbemerkung zum zweiten Artikel: »Achttausend Briefe an den Rundfunk lieferten Watther v. Hollander das Material zur Auswertung der Hörermeinungen.« 116

ZUM VERSPRECHEN RADIOPHONER TEILHABE

Exkurs: Hans Otto Wesemann In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der zu W esemanns 60. Geburtstag erscheint, wird dieser »den publizistischen Vätern der sozialen Marktwirtschaft«5 zugeordnet. Der Artikel adressiert Wesemann als Wirtschaftsexperten, der in der Sendereihe nicht nur regelmäßig, sondern auch mit einem gewissen Schwerpunkt Wirtschaftsthemen verhandelt hat. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln verleiht Wesemann ein Jahr später, 1964, den Titel eines Ehrendoktors »in Anerkennung seiner publizistischen Tätigkeit im Rundfunk und seiner Stellungnahme zu Fragen der Wirtschaftspolitik.«6 Friedrich Wilhelm Hymmen bezeichnet Wesemann in seinem Nachruf als »parteilose[ n], liberal-konservative[n] Rundfunkdiplomat«; das >Diplomatische< bezieht sich v.a. auf Wesernanus spätere Tätigkeit als erster Intendant der Deutschen Welle, wo er »die unvermeidlichen Spannungen [ ... ] geschickt ausbalancierte.«7 Die Hinweise zu Wesernanus Biografie, die in Unterlagen des WDR und in Presseberichten zu finden sind, beziehen sich v.a. auf die Zeit vor und nach dem Nationalsozialismus. Über die erste Hälfte von Wesemanns Leben heißt es in einem Beitrag zu Der Hörer hat das Wort: »Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Soziologie in München, Berlin und Halle arbeitete Hans Otto Wesemann, gebürtig am 16. Dezember 1903 in Frankfurt am Main, in der sogenannten Enquete-Kommission zur Untersuchung der Produktions- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft in Berlin (1926-1930). Außerdem war er für die Redaktion der Wochenzeitschrift >Wirtschaftsdienst< in Harnburg sowie als Pressereferent großer Verbände tätig.«8 Die Informationen über Wesemanns Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 bleiben in manchem unklar. Aus der Zeit des Nationalsozialismus sind Wesernanus Tätigkeiten als Referent für Presse und Verkehrspolitik

Historisches Archiv (HA) des WOR, 0813: »Hans Otto Wesemann. 60 Jahre«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.2.1963, o.S. - Für Unterstützung bei den Archiv-Recherchen danke ich Petra Witting-Nöthen, der Leiterin des Historischen Archivs des WDR. 6 HA WOR, 0813, fff (vermutlich eine Meldung aus dem fff-Courier) vom 10.8.1964. 7 Friedrich Wilhelm Hymmen (gez. Hy.): »Zum Tod von Hans Otto Wesemann«, in: epd/Kirche und Rundfunk 89 (13.11.1976), S. 11. 8 Daniela Schumacher-Immel: >»Der Hörer hat das Wortstreut< sie aus, redet sie >in den WindNormalität< gehört und wer davon abweicht. Der Moderator urteilt in der Regel proto-normalistisch, und gleichzeitig hat der Hörer die Möglichkeit, seine Position, im Sinne eines flexiblen Normalismus, der Mehrheit oder aber Minderheit anzugleichen. 59 Das Sendeformat wird auf diese Weise zu einem wichtigen Beitrag im Normalisierungs-Diskurs der 1950er Jahre. Wenn man die Sendereihe aus zeitgeschichtlicher Perspektive untersucht, dann gibt sie Einblicke in Lebensbereiche des ersten Nachkriegs-

56 Vgl. ebd., S. 206, der 1. Korinther 14,9 zitiert; die Formulierung »For ye shall speak into the air« bildet das Motto des Kapitels »Radio: Broadcasting as Dissemination (and Dialogue)«. 57 Vgl. HA WDR, 4503 (Akten), Sendung vom 22.3.1953. 58 Vgl. HA WDR, 4489 (Akten), Sendung vom 14.8.1949. 59 Vgl. Jürgen Link: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2 1999; vgl. auch Christina Bartz/Marcus Krause (Hg.): Spektakel der Normalisierung, München: Fink 2007. 129

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jahrzehnts, die, wie es in der WDR-Bestandsübersicht heißt, »durch Quellen häufig unterrepräsentiert« sind. 60 Seide Perspektiven auf die Sendereihe- ihr Beitrag zum Normalisierungs-Diskurs und ihre zeitgeschichtliche Bedeutung - sollen in diesem Zusammenhang nicht weiter verfolgt werden. Hier geht es um Fragen danach, wie Teilhabe in diesem Sendeformat prozessiert und zugleich gesteuert wird. Briefschreiber, die im Medium des Briefes radiophone >Teilhabe< praktizieren, lassen sich danach unterscheiden, welche Erwartungen sie mit dieser Forn1 von >Teilhabe< verbinden. Zwei sich widersprechende Erwartungshaltungen sind dominant: Es gibt erstens Briefschreiber, die sich mit ihren Briefen einer >imaginären (Hörer-)Gemeinschaft Gleichgesinnter< anschließen. Im Unterschied dazu insistiert eine zweite Gruppe von Briefschreibern auf der Extravaganz ihrer Positionen. Diese Briefschreiber wollen keine Mehrheit repräsentieren, sie verweigern die Zugehörigkeit und insistieren auf ihrer Selbst-Exklusion aus einer imaginären Gemeinschaft. Zugleich wollen sie diese Selbst-Exklusion mitteilen. Exklusion und Inklusion gehen hier eine paradoxe Verbindung ein. Für die erste Gruppe ist die Rhetorik des Gemeinsamen, des Inkludierenden signifikant; die zweite Position pflegt die Rhetorik des Einspruchs und Widerspruchs. Die erste Gruppe vertritt Positionen, die >weit verbreitet< sind, wie z.B. das Krisen-Bewusstsein angesichts des politischen Desinteresses der Jugend, 61 oder die Briefe handeln von der »weitverbreitete[n] Lebensangst des modernen Menschen«.62 Die zweite Gruppe grenzt sich von solchen auf Konsens zielenden Beobachtungen gerade ab und erklärt, eine >ganz andere< Meinung als die Mehrheit zu vertreten. Da die Briefzitate so angeordnet sind, dass kontroverse Positionen zu Wort kommen, können Hörer, die die Sendung verfolgen, sich der einen oder anderen Position anschließen, sie ablehnen oder eine dritte Position 60 HA WDR, 8-4 Politik (wie Anm. 12), S. 104. 61 Vgl. z.B. HA WDR, 4508 (Akten), Sendung vom 9.12.1951 ; diese Sendung sammelt >KrankheitssymptomeInklusion< oder >ExklusionKakophonie< von Stimmen, sondern um ein begrenztes Repertoire, auf das die Hörer in ihren eigenen Deutungsoperationen referieren können. Das Sendeformat konstituiert einen begrenzten und damit regulierten semantischen Raum. In diesem semantischen Raum kann der Hörer sich bewegen und auswählen, welcher Position er zustimmt und von welcher er sich abgrenzt. Er kann sich als zugehörig zu einem Kollektiv imaginieren, das sich von >den Anderen< abgrenzt. Die Formierung eines imaginären Kollektivs kann »ZU Momenten der partizipativen Identität werden«, was meint, dass Individuen sich selbst über die Konstruktion von Trennungslinien zwischen Gruppen »als >Einheimischer< oder >Fremder< definieren.« 63 Auf diese Weise wird das Radio zu einer >identity-marketing agencyidentity-marketing< greift der Moderator immer wieder steuernd ein, wenn er seinerseits nicht nur Position bezieht, sondern zugleich den Wert einer Position taxiert. Am Ende der Sendung steht in der Regel ein Ranking des >identity-marketingge-

63 Alois Hahn: Konstruktionen des Selbst, der Welt und Geschichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2000, S. 33. 64 Zum Begriff der >identity-marketing agency< vgl. ebd., S. 235; Hahn bezieht sich auf Peter Berger/Thomas Luckmann: »Social Mobility and Personal Identity«, in: Archives Europeennes de Sociologie V (1964), Nr. 2, S. 331-344. 65 HA WDR, 4489 (Akten), Sendung vom 3.7.1949. 131

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pflegten Semantik< und lehnt die >primitiven Wege< und die >gröbere Form< ab, die er in manchem Brief entdeckt. 66 Alle werden aufgefordert, Briefe zu schreiben, und jeder Briefschreiber muss Rückfragen, Widerspruch und Ablehnung nicht nur durch andere Briefschreiber, sondern auch durch den Moderator einkalkulieren. Der Moderator besetzt im Laufe der Sendung unterschiedliche Positionen: Er tadelt und lobt, er nimmt für sich in Anspruch, zwischen kontroversen Positionen zu vermitteln und in Zweifelsfällen als Experte zu sprechen. Am Ende steht immer sein Urteilsspruch. Der Hörer hat das Wort spricht als radiophones Format »in den Wind« und adressiert mit seinem Titel und im Medium des Moderators den Hörer als singuläre Einheit. Im Medium des Briefs erteilt die Sendereihe dem Hörer >das Wort< und weist ihm die Doppelrolle zu, Adressat des Mediums Radio und Absender des Mediums Brief zu sein. Das Format setzt sich damit einer doppelten Gefahr aus: Ohne Hörer ist die Sendung als radiophones Format gefährdet; ohne Briefe von Hörern hat sie kein Sendematerial, also keine Existenzgrundlage.

66 HA WDR, 4489 (Akten), Sendung vom 10.7.1949; Wesemann moderiert einen Brief mit den Worten an: »Zu dem gleichen Ergebnis, wenn auch auf primitiverem Wege und in gröberer Form, gelangt Herr Gerhard Günther aus Hannover.« Das Briefzitat-es geht um das Thema Nationalhynmelautet: »Ein dreifach markiges Hurra dem wackeren Bürger, der da heute nach der großdeutschen Nationalhynme schreit. Warum auch nicht? Ist der Krieg doch schon so lange vorbei und die zackigen Lieder und Märsche verklungen, die uns Junge in das Grauen des Völkermordes trieben. Spielen Sie ihm nur seine Nationalhynme. Eines Tages wird ihmjedoch das Millionenheer der Arbeitslosen und Unterdrückten eine Hymne spielen, die ihm und seinen Standesgenossen wenig Freude bereiten wird.« Wesernarm vermerkt eigens, dass die Äußerungen von einem »Arbeiter« stammen. 132

VIDEO. VOMALTERNATIVFERNSEHEN ZUM MASSENMEDIUM CHRISTINA BARTZ 1982 titelt die Zeitschrift medium: »Video: Umschlagmarkt für Reizware« und spielt damit v.a. auf die pornografischen Inhalte von Kaufkassetten an. 1 Zwei Jahre später lautet eine Titelstory des Spiegel >»Zum Frühstück ein Zombie am Glockenseil«Zum Frühstück ein Zombie am Glockenseil«Verbreitungs-Niveau< eintritt, wie Siegfried Zielirrski dies ausdrückt. Nach einem >Erfindungs- < und >Innovations-Niveau< folgen, so Zielinski, drei Phasen der Verbreitung, deren letzte in der Bundesrepublik 1977 beginnt und in der »Durchsetzung des Videorecorders auf dem Massenmarkt der Unterhaltungselektronik«5 besteht. Genau diese Situation der Etablierung von Video als Massenmedium interessiert im Folgenden. Es geht um ein Umbauszenario, in dem die Videotechnologie von einem Nutzungszusammenhang in einen anderen wechselt. Bevor sich der Videorekorder nämlich zum Zweitverwerter von (z.T. fragwürdigen) Kinowaren und zum Abspielgerät von eigens für den Videomarkt produzierten Horror- und Pornofilmen entwickelt, wie es in den eingangs genannten Artikeln beklagt wird, wird er zunächst als eine Alternative zu massenmedialen, und das heißt zunächst v.a. zur televisuellen Verbreitungsform gesehen. Hans Magnus Enzensbergers 1970 publizierte Schrift Baukasten zu einer Theorie der Medien, in der er die >egalitäre< Strukturiertheit gerade >neuer Medien< in Abgrenzung zur Aufteilung in wenige privilegierte Produzenten und viele Konsumenten hervorhebt, ist nur ein besonders prominentes Beispiel für die in den 1970er Jahren präferierte Nutzungsmodalität von Video 6 In Anlehnung an Bertolt Brechts Radiotheorie formuliert Enzensberger die Utopie eines wechselseitigen Kommunikationsmediums in Differenz zu einem reinen 4

Vgl. Zielinski: Zur Geschichte des Videorecorders (wie Anm. 3), S. 317ff.; vgl. auch Ulrich Kirschner: »Die betriebswirtschaftliehen Vorteile der magnetischen Bildaufzeichnung«, in: Siegfried Zielinski (Hg.), Video- Apparat/Medium, Kunst, Kultur, Frankfurt/Main u.a.: Lang 1992, S. 59-65; Torsten Hahn/lsabell Otto/Nicolas Pethes: »Emanzipation oder Kontrolle? -Der Diskurs über >Kassetten-Fernsehensoziale Praxiseigentlichen Kommunikationdritte Verbreitungs-Niveau< überführen und zum Abspielgerät für filmische Massenware machen. Der Videorekorder findet Eingang in die bundesrepublikanischen Haushalte, und zwar weil er kostengünstig, leicht zu bedienen und klein ist. Wie diese Eigenschaften des Videorekorders von einem Diskurs um das Alternativfernsehen in einen (kulturkritischen) Diskurs um Unterhaltungsware, wie er eingangs vorgestellt wurde, über11 Vgl. z.B. Yvonne Spielmann: Video. Das reflexive Medium, Frankfurt/ Main: Suhrkamp 2005, S. 136-139, sowie Torsten Hahn/Nicolas Pethes/Ir-

mela Schneider: >»Verwaltung für menschliche Wünsche und Tatsachen»[ ... ] daß man z.B. auf der Straße ein Videoband abspielt, wo Gruppen von Leuten zusammenstehen, die das unmittelbar angeht. Z.B. macht man was in Kreuzberg und im Märkischen Viertel, und die Leute können miteinander sprechen, was man daraus flir Konsequenzen ziehen kann. Es gibt unmittelbare Formen des feed-backs.< [ ... ] >Bei einem Häuserabriß z.B. könnte man eine Aufzeichnung machen, sie schneiden, sie in der Uni zeigen und die Studenten auffordern, aktiv zu werden.< [ ... ] >Oder es wäre richtiger, in der Form des Lautsprecherwagens - wie mit dem Medienbus - durch den Stadtteil zu fahren und da die Leute zu informieren, was überhaupt los ist[ ... ].«»Es gibt was anderes, und das andere können wir selber machen das< wird in der Zitatensammlung nicht näher ausgeführt; es wird nicht erläutert, was >es< ist, was die Leute angeht und woraus sie Konsequenzen ziehen sollen; aber wahrscheinlich handelt es sich um eine Stadtteilsanierung, wie das Beispiel des Häuserabrisses nahelegt Gerd Conradt, also einer der Autoren des Artikels, ist gerade über seine Videoarbeit zur Stadtteilsanierung bekannt geworden. Der Videokünstler Conradt beschäftigt sich in seinem Werk Der Videopionier ebenfalls mit dem Einsatz von Video in Bürgerinitiativen. Thema der 1984 erstmals gesendeten Videoarbeit ist die Stadtteilsanierung von Berlin-Charlottenburg, deren Planung 1973 auf heftigen Widerstand der Bewohner stößt. Videoaufnahmen aus dem Jahr 1973 zeigen sechs Protagonisten der Auseinandersetzung zwischen den Bewohnern, den Architekten und den Politikern. Mit diesen Aufnahmen werden die Personen zehn Jahre später im Rahmen der Videoproduktion Der Videopionier konfrontiert, damit sie ihr damaliges Handeln kommentieren und mit ihrer aktuellen Situation vergleichen. Sie sind, vermittelt

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Video ist hier ein Zielgruppenprogramm, dessen Zielgruppe durch den jeweiligen Ort- z.B. den Stadtteil, der saniert werden soll- definiert ist. Dabei werden mehrere Vorteile von Video in die Diskussion eingebracht: Zum einen kann es vor Ort eingesetzt werden und so beispielsweise eine Sanierung medial begleiten. Die Mobilität, die Video zugeschrieben wird, steht im Zusammenhang mit der geringen Größe des Geräts, die es transportabel macht. 15 Über diese Verfügbarkeit an unterschiedlichen Orten scheint es weiterhin eine höhere Erreichbarkeit des Adressaten zu garantieren, da er in ein Interaktionssystem eingebunden ist. Dies bedeutet eine Absage an die massenmediale Form des Fernsehens, bei dem kein >Feedback< möglich ist und das zudem seine Inhalte streut, anstatt zielgruppenspezifisch zu adressieren. Drittens handelt es sich um ein Distributionsmittel, das aufgrund seiner einigermaßen geringen Kosten 16 eine hohe Zugänglichkeit garantiert. Den Bürgerinitiativen ist mit dem Videorekorder ein Mittel an die Hand gegeben, mit dem sie ihre Inhalte - wenn auch begrenzt - verbreiten können, ohne dass dies eine übermäßige finanzielle Belastung mit sich bringt. 17 Im Anschluss an die Idee vom »Video auf der Straße« wird auf dem Filmfestival das Konzept »Video über die Post« entwickelt, das sich maßgeblich mit der Etablierung eines Tauschsystems befasst. 18 Dabei steht nicht das Abspielgerät, sondern die Kassette im Mittelpunkt der Überlegungen. Aufgenommenes Material soll für Interessierte im gesamten Bundesgebiet via Post zugänglich sein. Wulf Herzogenrath fordert sogar dazu auf, dieses Tauschsystem zu internationalisieren, wenn er anlässlich einer Fernsehproduktion zur documenta 6 als Vorteile des postalischen Verschickens von Videokassetten erwähnt, dass es keinerlei Zollformalitäten bedürfe und dass sie im Übrigen überall abspielbar seien. Letzteres setzt eine globale Standardisierung der Geräte und Kassetten voraus. Im Unterschied zu Herzogenrath bevorzugt man in der Zeitschrift medium ein weniger expansives System: »Der Aufbau eines [... ] regionalen Netzes [ .. .] zum Austausch von Information ist nicht utopisch

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über ihr Bild auf dem Monitor, dazu aufgefordert, in einen Dialog mit ihrer damaligen Person zu treten. Vgl. hinsichtlich der Frage des mobilen Einsatzes auch Tillmann Römer: »>Was wir gesehen und gehört haben, verkünden wir< (I. Joh. 1,3). Alternative Medienarbeit in Kolumbien«, in: medium 2 (1979), S. 42-45. So kosten beispielsweise 1973 60 Minuten VCR 140 DM. Vgl. Hoffmann: Am Ende Video- Video am Ende? (wie Anm. 3), S. 201. Vgl. zum Stellenwert der Kostenfrage Gert Möbius: »Der >Schweigenden Mehrheit< eine Stimme geben. Über die Arbeit des Medienzentrums KreuzbergDistribution auf BestellungVideo über die Post< und >Video auf der Straße< obsolet, weil die Möglichkeit der Rückkopplung in die massenmedial vermittelte Kommunikation eingebaut sei. Explizit wird auf die >Unmittelbaren Formen des FeedbacksSchweigenden Mehrheit< eine Stimme geben« (wie Anm. 17), S. 30-35, sowie Ro1f Leg1er/Hansi Rui1e: »Von der Angst der Lehrer. Kommunikativer Einsatz von Videorecorder in der Lehrerausbildung«, in: medium 4 (1974), S. 31-36; Kopper: »Altro Video« (wie Anm. 19), S. 31. 24 Günther Stiller: »Spule oder Cassette? Überlegungen zum Kaufvon Videorecordern«, in: medium 2 (1973), S. 38. 25 Günter Knopf/Günther Stiller: »Fernsehen und Videorecorder im Religionsunterricht«, in: medium 6 (1972), S. 29-33, hier S. 29. 142

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des Materialverbrauchs«. 26 In diesem Zusammenhang wird v.a. betont, dass Kassetten mehrfach bespielbar seien, was für die Wirtschaftlichkeit der Kassette spreche. Als Konsequenz aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit der Finanzierbarkeit von Videosystemen wird regelmäßig die Möglichkeit des Löschens hervorgehoben: »[D]ie Bänder sind löschbar, wiederholt verwendbar [. .. ].«27 Und der damalige WDR-Redakteur Ludwig Metzger schreibt im Kontext seiner Ausführungen zur »Emanzipation vom Fernsehen«: »Videorecorder unterscheiden sich von anderen Speichergeräten durch die Möglichkeit, das einmal aufgenommene Programm wieder löschen zu können.Video über die Post< Thema war, soll v.a. den Adressatenkreis erweitern, indem die Post als Verteiler genutzt wird. Man sieht darin, wie bereits erläutert, die Möglichkeit, eine dialogische Kommunikation zu implementieren, die gleichzeitig eine Öffentlichkeit erreicht. Ein Dialog soll so auch zwischen den verschiedenen Gruppen des Alternativfernsehens hergestellt werden: »Wir glauben, im Laufe der Jahre würde sich ein Netz von freien Gruppen in der ganzen Bundesrepublik entwickeln, die dann untereinander austauschen.« 30 Immer steht der Austausch im Mittelpunkt, während der Aspekt der Speicherung in der Regel außer Acht gelassen wird.

26 Anton Bubenik: »Video zum Alltag. Zur Theorie von Video-Arbeit«, in: medium 9 (1974), S. 32-34, hier S. 32. 27 Ebd. Dieser Aspekt war auch schon im ersten Verbreitungs-Niveau von Interesse. 28 Ludwig Metzger: »Emanzipation vom Fernsehen. Möglichkeiten des Videorecorders«, in: medium 7 (1972), S. 31-33, hier S. 31. Vgl. auch Knopf/ Stiller: »Fernsehen und Videorecorder im Religionsunterricht« (wie Anm. 25), S. 30. 29 Bubenik: »Video zum Alltag« (wie Anm. 26), S. 32. 30 »Video= Ich sehe. Eine kommentierte Selbstdarstellung der West-Berliner Video-Gruppe Video Audio MediaN AMWelten< bildet und dass daher die Gefahr besteht, »die Einheit der Gesellschaft« werde zerstört. 1 Diese Gefährdungsvision kursiert seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, also seit den Anfängen massenmedialer Kommunikation. Mitteilungen in Form von Postkarten, Briefen oder Telefonaten stellen, so die tröstliche Annahme, eine Verbindung zwischen den beiden Welten her, die diese Gefahr mindert. Äußerungen von Mediennutzern, adressiert an Institutionen oder an Repräsentanten der Massenmedien, haben in aller Regel einen aktuellen Anlass. 2 Es kann um eine Reaktion auf zu späten (etwa bei Zeitungen) oder schlechten (etwa beim Radio) Empfang gehen, um ein Lob für Gelungenes oder um Kritik an dem, was gelesen, gehört oder gesehen wurde. Wenn man von der Option der >Unmittelbarkeit< ausgeht und darunter versteht, mit einer Mitteilung aktuell eingreifen und auf diesem Wege etwas ändern zu können, dann kommen solche Mitteilungen immer zu spät.

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Comelia Bohn: Inklusion, Exklusion und die Person, Konstanz: UVK 2006, S. 144. Zur Geschichte der Leserbriefkommunikation, die als mediengeschichtliches Phänomen erst seit kurzer Zeit erforscht wird, vgl. z.B. Julia Heupel: Der Leserbrief in der deutschen Presse, München: Reinhard Fischer 2007; Andrea Mlitz: Dialogorientierter Journalismus. Leserbriefe in der deutschen Tagespresse, Konstanz: UVK 2008; eine medienübergreifende Geschichte dieser unterschiedlichen Formen von Medienkommunikation steht noch aus.

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Im Zeitalter der Gutenberg-Galaxis adressieren Mediennutzer im Medium der Schrift und angewiesen auf das Verkehrssystem der Post ihre Zuschriften. Die Reaktion auf Gedrucktes erfolgt also ebenfalls im Medium des Geschriebenen, sei es hand- oder maschinenschriftlich. Mit der flächendeckenden Verbreitung des Telefons entsteht eine neue Möglichkeit der Reaktion: Mediennutzer können jetzt - wie es in den ersten Jahren heißt - zum >Hörer< greifen, >fernmündlich< Stellung beziehen. Für den Anbieter rückt ihre Stellungnahme auf diesem Wege in eine größere zeitliche Nähe zu dem, was sie kommentieren. Die zeitliche Distanz zwischen Mediennutzung und Kommentar verringert sich. Aber auch mit dieser Zeitnähe bleiben die Mediennutzer >außerhalb< des Geschehens sie bleiben, was sie immer >waren< bzw. genauer: als was sie immer schon bezeichnet wurden, Leser, Hörer, Zuschauer. Diese konstitutive Nachträglichkeit bestimmt die Printmedien bis heute und hat in ihren Anfangsjahren auch die Telemedien Radio und Fernsehen bestimmt. Verändert wird die Beziehung zwischen Mediennutzern und Medien durch einen grundlegenden Umbau des medialen Dispositivs, der zum ersten Mal während der Berliner Funkausstellung 1979 erprobt wurde. Eine begrenzte Zahl ausgewählter Mediennutzer kann sich jetzt per Telefonanruf in die laufende Sendung >einschalteninteraktives< Element, und sie wird mit diesem veränderten Dispositiv kybernetisiert, durch ein signalgesteuertes Feedback definiert. 4 Die Bezeichnung dieses Verfahrens als Tele-Dialog hebt die interaktive Komponente hervor und greift damit die Gefährdungsvision auf, die massenmediale Kommunikation begleitet. Das zeigen Pathosformeln, die die Einführung des Tele-Dialogs kommentieren, so z.B. wenn es heißt, dieser gebe »dem bis dahin sprachlosen TV-Publikum erstmals eine Stimme«5 und habe das Programmm »in Ansätzen[ ... ] sogar demokratisiert.«" 3

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Zum ersten Mal kam das Tele-Dialog-Verfahren in der Sendung Schauplatz Berlin vom 23.8.1979 zum Einsatz.- Zu Vorformen des Tele-Dialogs, z.B. in Form von Abstimmungen der Zuschauer über das Abschneiden von Spielergruppen, vgl. Axel Schock: »Ruf doch mal an. Vor 25 Jahren begann mit dem TED das Zeitalter des Zuschauer-Votings«, in: Berliner Zeitung, unter www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/ 2004/0821/index.html vom 21.8.2004. Zu Prozessen der Kybemetisierung vgl. Erich Höri/Michael Hagner: »Überlegungen zur kybernetischen Transfotmation des Humanen«, in: dies. (Hg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008, S. 7-37. Julia Jüttner: »TED ruft leider nicht zurück. Das Zuschauer-BefragungsSystem >Tele-Dialog< beeinflusst seit 25 Jahren das Sehverhalten«, in: Gong 34 (2004), S. 17. Kopien von Zeitungsartikeln zum Tele-Dialog konnte ich in der Abteilung Dokumentation der Media Perspektiven einse148

TELE-DIALOG UND DAS >STIMMRECHT• DES MEDIENNUTZERS

Der Name »Tele-Dialog« ruft nicht nur den Dialog auf, sondern auch die Feme. Er kombiniert die zum Dialog gehörende Nähe mit der an die Feme gekoppelten Telekommunikation. Die Wortschöpfung Tele-Dialog stellt eine begriffliche Verbindung flir das her, was in der Ideengeschichte der Kommunikation als unvereinbar gilt: die Intimität des Dialogs und die Distanz der Medienkommunikation. Auf eine Bedeutungsvariante der Vorsilbe >tele< verweist die Werbung der Post, wenn sie den Tele-Dialog als »schon ans Telepathische grenzende[s] Wunder« beschreibt. 7 Damit wird flir den Tele-Dialog eine spiritistische Dimension aufgemacht, die im 19. und auch noch frühen 20. Jahrhundert den Telemedien insgesamt zugesprochen wird, da sie einen mentalen Kontakt zwischen Kommunikationspartnern auch dann ermöglichen, wenn diese physisch nicht in Kontakt stehen. 8 Wie funktioniert das Verfahren des Tele-Dialogs? Im ZDF-Jahrbuch von 1979 wird der Ablauf folgendermaßen beschrieben: »Für rund 600 Berliner Zuschauer mit Telefonanschluß richtete die Deutsche Bundespost in den vier Fernmeldeämtern in Berlin eine Reihe von Anschlüssen ein, die über eine dreistellige Rufnummer erreichbar waren. Die letzte Ziffer entsprach dem Votum des Dialogteilnehmers. Für den Versuch wurden acht von theoretisch zehn Antwortmöglichkeiten vorgegeben, beispielsweise Abstufungen zwischen eindeutiger Zustimmung und Ablehnung oder bei einfachem >Ja< oder >Nein< die Unterscheidung nach Geschlecht und Alter. Beliebige Kombinationen, die zwischen dem ZDF und den Dialogteilnehmern vereinbart wurden, waren möglich. Die durch Anmf in den Fernmeldeämtern ankommenden Antworten [... ] erzeugten je nach Endziffer auf einem von acht Kanälen einen Zählimpuls. Die einzelnen Impulse wurden summiert, in den acht Kanälen in die Funkausstellung übertragen, von einer Zwischenelektronik verarbeitet und das Ergebnis über VITEX-System als farbiges Balkendiagramm dargestellt. Eine Auswertung der Umfrage lag regelmäßig nach etwa zwei Minuten vor. In jeder Sendung konnten die an dem Versuch Beteiligten somit eine Reihe

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hen. Zitate aus Kopien dieser Abteilung sind mit dem Hinweis DMP ausgewiesen. Die Seitenzahlen der Zeitungsartikel sind in den Kopien in der Regel nicht angegeben. Für Unterstützung bei den Recherchen danke ich Renate zur Oeveste, der Leiterin der Dokumentationsstelle, und ihrem Team. Esther Kilchrnann: »Zweiseitig. Der Frageautomat >TED< bringt Zuschauer ans Telefon«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.7.2004, DMP. Jan Albers: »Warum Ted nur Minuten braucht«, in: Postmagazin vom 15.11.1981, S. 8, DMP. Vgl. John Durharn Peters: Speaking into the Air. A History of the Idea of Communication, Chicago, London: University ofChicago Press 2000, S. 5. 149

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von Fragen beantworten, wodurch das Fernsehen in einen tatsächlichen Dialog mit Zuschauern trat.«9 Sieht man einmal vom >tatsächlichen Dialog< -jener immer wieder eingebrachten Beschwörungsformel - ab, dann besteht die Kommunikation zwischen dem anrufenden Mediennutzer und dem den Anruf entgegennehmenden >Sender< aus folgenden Komponenten: Der Anrufer wählt eine spezifische Endnummer an, die registriert, gezählt und in Form eines Balkendiagramms den Zuschauern vor Augen gestellt wird. Der Kontakt zwischen dem anrufenden Mediennutzer und dem den Anruf empfangenden Sender ist ein Schaltprozess, ein Rechenvorgang. Es ist signifikant und zugleich symptomatisch, dass die Diskurse zum Tele-Dialog auf die Frage konzentriert sind, inwieweit dieser Schaltprozess einen >tatsächlichen< oder >echten< Dialog zwischen Sender und Empfänger ermöglicht. Diese Obsession erinnert an den Mythos der Partizipation, den Herbert Blau für die Geschichte des Theaterpublikums rekonstruiert hat und den er als »an unavoidable issue in any concept ofthe audience« beschreibt. 10 Es wird sich zeigen, dass diese Obsession von Partizipation, von dialogischer >Unmittelbarkeit< zwar auch in der Expansionsphase des TeleDialogs erhalten bleibt, zeitweise allerdings überlagert wird durch Probleme und Kontroversen, die aus anderen Diskursfeldern stammen: Das Verfahren des Tele-Dialogs berührt erstens die Debatten um den Rundfunkbegriff, die in der zweiten Hälfte der 1970er und der ersten der 1980er Jahre zu einer gewissen »Unruhe« führen. 11 Daten, die auf TEDUmfragen beruhen, werden zweitens unter >Manipulationsverdacht< gestellt. Kontrovers verhandelt wird drittens, ob ein >StimmrechtVideotextKabeltext< und >BildschirmtextWürzburger PapierSTIMMRECHT• DES MEDIENNUTZERS

Der Tele-Dialog auf der Berliner Funkausstellung 1979 Eine »vielbeachtete >WeltpremiereSchauplatz Berlin< offeriert das ZDF mit dem >Tele-Dialog< eine zukunftsträchtige Form der Zuschauerforschung.« 12 Der >»geistige Vatergeistigen Vater< und späteren Erfindungsgeschichten ist die Entwicklung des Tele-Dialogs an zwei basale Voraussetzungen geknüpft: Die Deutsche Bundespost und das ZDF müssen erstens beim Aufbau kooperieren. Zweitens gehört zu den Voraussetzungen, dass das ZDF über einen Computer verfügt. Diese Voraussetzung war seit 1976 erfüllt, seit die Wahlberichterstattung im ZDF computerunterstützt stattfand, und zwar von Mannheim aus, wo der Prozessrechner stand, den das ZDF für die grafische Darstellung von Hochrechnungen bei einer Bundestagswahl angeschafft hatte. 14 Die Vorgeschichte dieses Rechners und seines Standorts in Mannheim bildet die Forschungsgruppe Wahlen (FGW), die 1974 von einer Gruppe wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mannheimer Fakultät für Sozialwissenschaften gegründet wurde. Diese Initiative wiederum hat ihre Vorgeschichte in dem Mannheimer Wahlforschungsteam um RudolfWildenmann, der als ein Wegbereiter der deutschen empirischen Politikforschung gilt. 15 12 Wolfgang Sinemus: »Test mit dem Telefon. Das ZDF und die Zuschauerforschung: Gelungene Feuerprobe für den >Tele-Dialoggenuinen DenkensKonkurrenten< durch Schnelligkeit. Die Kriterien, nach denen die Daten aufbereitet und präsentiert wurden, waren, so Denninger, durch die Frage diktiert, »was die Maschine konnte«. Es gab damals ein Semi-Grafik-Programm, das nicht mehr als sechs Farben zur Auswahl hatte. Da es nicht mehr als sechs Parteien gab, die zur Wahl standen, ließen sich mit diesen sechs Farben alle beteiligten Parteien erfassen. Was nur allzu nahe lag: Die CDU erhielt eine schwarze Säule, die SPD eine rote. Die Kooperation mit der FGW bezieht sich nicht nur auf technisches Equipment, sondern verweist zugleich auf Ambitionen, die die Einführung des Tele-Dialogs begleitet haben. Am Anfang steht nämlich nicht nur die Frage, wie Teilnehmer durch die Möglichkeit anzurufen beteiligt werden können. Der Ehrgeiz richtet sich zugleich darauf, eine Gruppe von Anrufern auszuwählen, die dem Kriterium der Repräsentativität genügt. Der Tele-Dialog verfolgt also nicht nur Teilhabe, sondern auch Kontrolle über diejenigen, die teilhaben. Die Gruppe derer, die per Telefonanruf teilnehmen, soll nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern dem Imperativ der Repräsentativität folgen. Auch die Einheit, die als >imaginäre Gemeinschaft< der Anrufer hergestellt wird, basiert auf einer Rechenoperation. 17 Den eher inoffiziellen Charakter der Planungen schildert Denninger, wenn er erzählt, dass eine Tochter von Wildenmann »über den kurzen Dienstweg« 600 repräsentative Westberliner Mediennutzer ermittelte. Die Ausgewählten erhalten die ansonsten geheim gehaltenen Telefonnummern, verbunden mit der Aufforderung, während der täglich von der Berliner Funkausstellung ausgestrahlten Magazinsendung Schauplatz Berlin auch tatsächlich eine der Nummern anzurufen. 18 Die 600 Telefonanrufer, die ausgewählt sind, werden, wie Denninger betont, gehegt und

Durchführung und Auswertung sozialwissenschaftlicher Untersuchungen berät und auch eigene Untersuchungen durchführt. 16 Denninger hat als Bildingenieur den Tele-Dialog technisch betreut. Die Äußerung entstammt einem Gespräch mit der Verf. am 30.11 .2007. 17 Vgl. Blau: The Audience (wie Anm. 10), S. 4, der, mit einem kulturkritischen Gestus, diese Konstellation von »audience« als »largely statistical mass brought into being by the survey« als »a fabrication and a distortion, an aberration ofthe body politic« bezeichnet. 18 Die Funkausstellung fand vom 23 .8. bis 2.9.1979 statt. Die Live-Sendung Schauplatz Berlin wurde vom damaligen ZDF-Nachrichten-Chef Karlheinz Rudolph und von Horst Schättle moderiert.

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gepflegt, damit sie auch tatsächlich per Anruf teilnehmen. Das Vorhaben, Zuschauer zu beteiligen, so zeigen die Vorbereitungen, konstituiert ein Netzwerk, in dem die Handlungsmacht (»agency«) wechselt, in dem jeder der Beteiligten sowohl »actor« als auch »patient« ist. 19 Wenn ein Format davon >lebtstirbt< es, wenn nicht angerufen wird. Panel-Pflege gehört also zu den Konstituenten des Netzwerks. Dennirrgers Interesse richtet sich auf die technische Realisierbarkeit eines telefonischen »Rückkanals«. Ihn interessiert, was »technisch machbar« ist- die Kybemetisierung von Medienkommunikation. Er verfolgt keine interaktiven Elemente, die eine »Tele-Demokratie« begründen. 20 Beides - Experimente mit Feedback und der Traum von Medienkommunikation als Interaktion - laufen nicht nur parallel, sondern legitimieren und verstärken sich auch wechselseitig. Es geht also nicht um die ideologisch aufgeladene Alternative zwischen >echter< technisch-experimenteller Herausforderung und einem >falschen< Versprechen. Die experimentelle Herausforderung richtet sich auf die in der Geschichte der Kommunikation als Paradox gehandelte Verbindung von Nähe und Feme im und als Dialog.

Grenzziehungen für den Tele-Dialog Im Anschluss an die Berliner Funkausstellung von 1979 wird zwar im Erfahrungsbericht zur Funkausstellung notiert, dass das Verfahren weiterentwickelt werden solle, aber es gibt vorerst keine konkreten Planungen für ein Programmformat Im Herbst 1980 startet Wolfgang Penk, der seit Mai desselben Jahres als Redaktionsleiter in der Hauptredaktion Unterhaltung des ZDF arbeitet, eine neue Initiative in Sachen Tele-Dialog, und zwar im Rahmen der Planungen eines neuen Unterhaltungsformats mit dem Titel Wetten, daß .. ?. Mit der Etablierung von Wetten, daß .. ? wird aus dem Tele-Dialog die Abkürzung »TED«; die Grafik mit den TED-Ergebnissen wird als

19 Zum Begriff der »agency« und zur Unterscheidung zwischen »actor« und »patient« vgl. Alfred Gell: A1t and Agency, Oxford: Clarendon Press 1998, bes. S. 21-23. 20 Wie die Überschrift, die, wie Denninger mitteilt, nicht von ihm stammt, anzeigt: Manfred Denninger: »TED oder die Tele-Demokratie«, in: ZDF-Jahrbuch, Eigenverlag 2004, S. 7-8, DMP; zum Begriff des »Rückkanals« vgl. den Artikel von Alexander Roesler in: ders./Bernd Stiegler (Hg.): Grundbegriffe der Medientheorie, München: UTB 2005, S. 218-221.

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»TED-Männchen« bezeichnet. 21 Beides, die Abkürzung und die computergenerierte Grafik, deren Gestalt einem Hampelmann ähnlich ist, erinnern die Zuschauer an Kinderzeiten. Der Mythos der Partizipation wird zu einem Kinderspiel. Allerdings nur seinem Namen nach. Denn die Einführung führt zu manchen politischen Aktivitäten, die vor dem Hintergrund der damaligen Debatten um den Rundfunkbegriff gesehen werden müssen. Mit dem Ausbau der technischen Telekommunikationssysteme gewinnt die Verheißung an Kraft, dass im Rundfunk auch interaktive Elemente möglich werden. Zwar stehen diese Möglichkeiten (noch) nicht im Zentrum rundfunkpolitischer Debatten, doch sie gehören, wie die Planungen zum Einsatz von TED in Wetten, daß..? belegen, in dieses Diskursfeld. Das dokumentiert das »Würzburger Papier« von 1979, in dem es unter Berufung auf Art. 5 GG expressis verbis heißt: »Den Rundfunkbegriff erfüllt [...] jeder an die Allgemeinheit gerichtete Verteildienst [... ].Unter Verteildienst ist dabei die einseitig gleichzeitig an alle oder an einen beschränkten Teilnehmerkreis gerichtete Übertragung zu verstehen, auf deren Beginn und Verlauf der Teilnehmer keinen Einfluß hat.«22 Hier wird ein weiteres Mal beschworen und festgeschrieben, dass Mediennutzer nur programmbegleitend, aber nicht als lenkende Instanz in Programmformate integriert werden dürfen. Die Sorge, Entwicklungen wie der Tele-Dialog könnten Definitionen des Rundfunkbegriffs angreifbar machen und das damit einhergehende Konzept vom Rundfunk gefährden, sind also in den 1980er Jahren virulent. Dies zeigt auf deutliche Weise der Briefwechsel zwischen dem Bundespostministerium, dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalzund dem ZDF, der die Einführung und den Einsatz des Tele-Dialogs rahmt. Im Oktober 1980 fasst Penk in einem Brief an das Bundespostministerium die wichtigsten Punkte zusammen, die in Gesprächen zwischen Vertretern des Bundespostministeriums und des ZDF in Sachen Wetten, daß .. ? besprochen worden sind. Die »noch nie dagewesene Kommunikationsform >Teledialog Würzburger PapierSTIMMRECHT• DES MEDIENNUTZERS

ledialog angeschlossen sind und so als >des Volkes Stimme< ihre Meinung zu dieser Wette abgegeben haben.« Penk wirbt fur die Unterstützung durch die Post, wenn er darauf verweist, »daß bei einer derartig weitreichenden Kommunikation nicht nur eine indirekte sondern auch eine direkte Werbung fur die Deutsche Bundespost gegeben ist.« Dieser Werbeeffekt veranlasst Penk am Ende, seine Hoffnung auf »ein finanzielles Entgegenkommen« durch die Post zum Ausdruck zu bringen. Mit diesem Brief sind allerdings fur die Post nicht alle Unklarheiten beseitigt, denn ein paar Wochen später versichert Penk gegenüber dem Bundespostministerium, dass nicht die Absicht bestehe, »den Tele-Dialog, wenn er zum Einsatz kommt, als Instrument für politische, meinungsbildende Information zu benutzen. Das Ganze soll mehr oder weniger ein spektakuläres Live-Ereignis sein, um zu demonstrieren, wie weit die technischen Mittel in unsere Kommunikation hineinreichen. Der in unserem Hause klar abgegrenzte Programmauftrag verbietet bei Unterhaltungssendungen dieser Art jegliche plebiszitären Elemente.«24 Die Versicherung, dass es keinerlei plebiszitäre Elemente gebe, spielt auf die Definition des Rundfunkbegriffs aus dem » Würzburger Papier« an, in der festgelegt wird, dass Rundfunk eine Veranstaltung ohne interaktive Elemente ist, eine Form von Kommunikation, die von einem ausgeht und viele adressiert- >ane to multi-pointEntscheidungshilfe< legt der Intendant eine Kopie des Schreibens bei, das der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen im Februar desselben Jahres an den Fernsehdirektor des WDR gerichtet hat. Mit dem Schreiben stimmt Heinz Kühn, der NRW-Ministerpräsident, der »bei der WDR-Sendung >Anruf erwünscht< praktizierten >RückkanaltechnikWetten, daß .. ?< gilt.« Stolte versichert noch einmal, dass der »in der Sendung verwendete >Tele-Dialog< nach wie vor nicht als Instrument für politische meinungsbildende Informationen benutzt wird.« (ebd.); vgl. zur Frage nach dem Ende der Genehmigungs-Schreiben auch den bereits zitierten Briefvon Scheller an die Verf. (wie Anm. 25). 156

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Schwestern oder entfernte Verwandte- Sind wir noch eine Nation?, die innerhalb der Sendereihe 5 nach 10 ausgestrahlt werden sollen, keinen »plebiszitären Charakter« hätten. 29 Der Tele-Dialog wird zum »Kommunikationsinstrument«, mit dem ein »Stimmungsbild der Bevölkerung« erfragt werden soll. Die Befragung stelle »eine atmosphärische Ergänzung zu den Aussagen der Experten dar.« In den jeweiligen Genehmigungsschreiben des Ministerpräsidenten sichert auch dieser sich seinerseits ab, wenn er ausdrücklich »zur Kenntnis« nimmt, »daß die geplante Sendung keine plebiszitären Elemente mit politischem Charakter enthalten soll und nicht als Instrument für politische meinungsbildende Information benutzt wird und[ ... ] daß unter dieser Prämisse gegen das Vorhaben keine Bedenken bestehen.«30 Als Das aktuelle Sport-Studio in einer Sendung im März 1984 den Tele-Dialog einsetzen möchte, um Zuschauer zum Thema »Sport und Umwelt« zu befragen, bittet der ZDF-Intendant Dieter Stolte den Ministerpräsidenten nicht nur um seine Zustimmung, sondern er fügt als Anlage die von der Redaktion vorgesehenen Fragen bei. 31 Die Grenzziehungen, die für TED-Abstimmungen eingehalten werden sollen, sichert nicht nur das ZDF gegenüber der politischen Exekutive zu, sondern sie werden auch von der politischen Exekutive eingeklagt, sobald diese eine Grenzverletzung vermutet. So fordert der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Patema Anfang 1987 das Verbot der TED-Abstimmung. Er empört sich mit dieser Forderung darüber, dass während der NDR-Sendung Hamburger Journal im Februar 1987 die Zuschauer per TED darüber abstimmen konnten, ob sie dem nach der Bürgerschaftswahl im November 1986 ohne parlamentarische Mehrheit regierenden SPD-Senat eine Große Koalition von Sozial- und Christdemokraten vorziehen würden. Diese Frage wurde mehrheitlich mit »ja« beantwortet. 32 29 ZDF-Untemehmensarchiv, Bestand »Produktionsdirektor/Technischer Direktor«, Nr. 8: Reinhat·d Appel an den Ministerpräsidenten vom 27.7.1981. 30 Ebd.: Der Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz an den Intendanten des ZDF vom 23.9.1981. Das Schreiben bezieht sich auf die Anfrage wegen der Sendung Das Ringen um die Ringe (Sendereihe 5 nach 10). 31 Ebd.: Stolte an Vogel vom 27.3.1984; die drei Fragen lauten: » 1. Muß man vom Sport ausgehenden Lärm und Umweltstörung in Kauf nehmen, weil der Sport wichtig ist für die Gesundheit? 2. Ist der Sportplatz um die Ecke wichtiger als die Ruhe der Anwohner? 3. Welche der folgenden Sportarten stören nach Ihrer Meinung die Natur: Kanu, Motorsport, Reiten, Skilauf, Surfen, Waldlauf?«. 32 N.N.: »Fernsehen: Klimbim mit Ted. Unterhöhlen politische Meinungsfragen im Fernsehen das parlamentarische System? Die SPD plädiert für ein Verbot des Telephon-Computers >Tedmassiver Meinungsdruck, der die Unabhängigkeit von Abgeordneten gefährdetRückkanal< genutzt wird, so argumentiert der Spiegel-Bericht, dann passt die amtliche Begründung zum BTX-Staatsvertrag »freilich haargenau auch aufs Fernsehen«. 35 Der Art. 11 des BTX-Staatsvertrags, der sich auf Meinungsumfragen bezieht, lautet: »Meinungsumfragen mittels Bildschirmtext über Angelegenheiten, die in den gesetzgebenden Organen des Bundes, der Länder, in den entsprechenden Organen der Gemeinden, der sonstigen kommunalen Gebietskörperschaften, in den Bezirksverordnetenversammlungen oder Bezirksversammlungen behandelt werden, sind unzulässig.«36 Die Frage, die das Hamburger Journal gestellt hat, mag zwar auch in den hier angeftihrten Gremien verhandelt werden. Aber gehört sie damit automatisch ausschließlich in solche Räume? Unberücksichtigt bleibt in den Auseinandersetzungen auch, dass der Art. 1 des BTX-Staatsvertrags Bildschirmtext als ein »ftir jeden als Teilnehmer und als Anbieter zur inhaltlichen Nutzung bestimmtes Informations- und Kommunikationssystem« definiert. Der Rundfunk wird hingegen als »an die Allgemeinheit gerichtete[r] Verteildienst« bestimmt, der »einseitig« operiert. Es gibt ganz offensichtlich nicht nur eine Gefährdungsvision, was den Mangel an Unmittelbarkeit und die Einheit der Gesellschaft betrifft, sondern auch wachsende Sorgen vor Kontroll- und Steuerungsverlust

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Ebd. Ebd., S. 199. Ebd. »Staatsvertrag über Bildschirmtext (Bildschirmtext-Staatsvertrag)«, in: Media Perspektiven. Dokumentation 2 (1983), S. 130-133, hier S. 132.

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Zur Expansion von TED Am 14. Februar 1981 startet die erste Sendung von Wetten, daß.. ? mit fünf Wetten, die mit >ja< oder mein< beantwortet werden sollen. Die Gruppe, die als Anrufer ausgewählt wird, lässt sich nicht mehr, wie während der Berliner Funkausstellung, auf Westberlin begrenzen, sondern muss bundesweit gestreut sein. Wie während der Berliner Funkausstellung bleiben auch in der Anfangszeit von Wetten, daß.. ? die Anrufe kostenfrei. Die Zahl der Anrufer, so das Ergebnis der Verhandlungen mit der Post, wird nahezu verdoppelt: Rund 100 Fernsehhaushalte erhalten die ansonsten geheimen Nummern. Dieses Panel wird eine Woche vor der Sendung mit Unterstützung eines Meinungsforschungsinstituts ausgewählt. Bis zum Tag der Sendung werden die Mitglieder des Panels zweimal kontaktiert. Die Auswahl und Pflege des Panels gehört, so Denninger, zum »Teuersten an dem ganzen Unternehmen.« Das zweite Sendeformat, in dem TED im Bereich der Unterhaltung regelmäßig eingesetzt wird, ist die seit 1969 bestehende ZDF-Hitparade. Bis zum Einsatz des Tele-Dialogs ab 1982 konnte man bei dieser Sendung nur per Postkarte votieren. Auch für dieses Format wird anfangs ein Panel von rund 1200 Personen ausgewählt. Allerdings verläuft die Auswahl nach einem anderen Prinzip als für das Unterhaltungsformat Wetten, daß.. ?. Denn als Anrufer kommen nur Personen in frage, die zu den potenziellen Zuschauern der Hitparade gehören. Wer nie die Hitparade sieht, ist als Teilnehmer im Panel ungeeignet. Eine gezielte Auswahl war bei Wetten, daß.. ? in den Augen der Veranstalter verzichtbar, da das F ormat besonders in den Anfangsjahren so hohe Einschaltquoten erzielte, dass man von einem allgemeinen Interesse ausgehen konnte. Das Auswahlprinzip bei der Hitparade führte zu Protesten bei Zuschauern, die nicht mit in die Auswahl aufgenommen wurden. Sie fühlten sich von etwas ausgeschlossen, von dem sie sich bislang selbst ausgeschlossen hatten. Ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entfallen die Kosten für Panelauswahl und -pflege, denn der Ausbau des allgemeinen Telefonnetzes ermöglicht die Teilnahme aller Femsehzuschauer. Verbunden ist mit dieser >ÖffnunglndustrieteilhabenTeledialogSTIMMRECHT• DES MEDIENNUTZERS

Der zweite Effekt resultiert aus der Freigabe der Nummern für alle, die anrufen wollen. Dies führt dazu, dass die Leitungen häufig besetzt sind. Die technische Infrastruktur regelt auf ihre Weise Teilhabe und Nicht-Teilhabe, Inklusion und Exklusion. Dieser Effekt fiihrt zwar regelmäßig zu Klagen und Beschwerden, spielt aber in den Diskursen eine vergleichsweise geringe Rolle. Der dritte Effekt beschäftigt die Diskurse heftiger: TED wird unter einen generellen »Manipulationsverdacht« gestellt. 41 Die Wahl der Telefonnummern, so der Verdacht, sei durch technische Eingriffe steuerbar. Diese Art von Steuerung wird als »Manipulation« bezeichnet, die die Gemüter erregt: »Kaum ein Thema eint die Deutschen mehr, als wenn es in einer Unterhaltungsshow nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint. In Büros wird darüber diskutiert, Leser rufen bei ihren Zeitungen an, Zuschauer beschweren sich beim Sender oder in Internet-Foren, und >Bild< macht daraus ein Riesenthema.« 42 Der vierte Effekt wird ebenfalls breit verhandelt: Wenn jeder -je nach >Lust und Laune< - anrufen kann, dann entfällt das Prinzip der Repräsentativität und, so die Meinung der Meinungsforscher, das schadet dem Wahrheits-Regime der Demoskopie.

TED unter »Manipulationsverdacht« Die Abteilung Medienforschung des Südwestfunks formuliert 1990 »Erläuterungen zum >Teledialog-SystemTeledialogBlick< pausenlos anriefen und das Ergebnis entscheidend veränderten.«46 Der Journalist erntet Lob und Tadel: Der eidgenössische Journalistenverband ernennt ihn zum »Schweizer Günter Wallraff«; die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) entlässt ihn fristlos. 47 Als im gleichen Jahr der Schlagersänger und Komponist Drafi Deutscher »wegen angeblicher Manipulationen beim Münchner Vorwettbewerb zum Eurovisions-Festival in Zagreh [ ... ] Strafantrag erstattet«, 48 da er aus seiner Sicht allein durch die Manipulationen nicht gesiegt habe, melden sich die Experten. So nimmt der Informatiker Klaus Brunnstein diesen Fall zum Anlass, um das TED-Abfrage-System »hochgradig in Frage« zu stellen, »da es nicht unterscheiden könne, ob die Anwahl von einer Person oder einem Computer erfolge.«49 Dem setzen Medienveranstalter die Behauptung entgegen, TED sei »letztlich nur ein elektronischer und deshalb schnellerer Einsatz fiir die Postkarten-Aktionen der früheren Jahre.« 50 Die Annahme eines geraden Wegs von der Postkarte zur elektronischen Abstimmung verdeckt Unterschiede und Brüche, die mit dem Umbau des medialen Dispositivs von der postalischen Stellungnahme zur elektronisch gesteuerten Abstimmung verbunden sind. Der digitale Code, der ein begrenztes Set von Wahlmöglichkeiten offeriert, ist 44 Ebd. 45 Ebd., S. 5. 46 N.N.: »Der TED-Computer ist manipulierbar- Fernsehjoumalist entlassen. Dani Ambühl beeinflußte mit sieben Personal Computem >BlickTeledialogSTIMMRECHT• DES MEDIENNUTZERS

effizienter als die Alphabetschrift, da die Selektionsmöglichkeiten kalkulierbar bleiben und der Selektionsprozess beschleunigt wird. Die automatische Registrierung einer Telefonnummer verkürzt einen Vorgang, der bei Postkarten aus einer Fülle von Einzelschritten besteht: die Karte muss erworben und geschrieben, adressiert und verschickt, ausgeliefert und empfangen, gelesen und registriert werden. Wer an TED teilnimmt, benötigt ein Telefon, und der Anruf wird registriert. Die Entwicklung von der Postkarte zu TED folgt also einem Imperativ der Effizienzsteigerung durch Beschleunigung, Automatisierung und Standardisierung. Für dieses System ist die Frage irrelevant, ob die Auswahl von einer Person oder einem Computer erfolgt. Die Wahl für den Computer fällt nicht schwer: Er scheint berechenbarer, >objektiver< als Personen. Die Forderung, die Unterscheidbarkeit zwischen der Anwahl von einer Person oder von einem Computer müsse erhalten bleiben, übersieht die Prozesse der Kybernetisierung, die diese Form der Medienkommunikation von Beginn an bestimmen. Der Verdacht, TED lasse sich manipulieren, bezieht sich also de facto darauf, dass es sich um ein Verfahren der Steuerung handelt, das eine Ordnung erstellt. Diese Ordnung, so der Verdacht, kann gestört werden. Diese Störung produziert allerdings nicht, wie beim Inforrnationsfluss, ein Rauschen, das diesen Fluss behindert oder zerstört, sondern die Störung wird zur neuen Steuerung des Informationsflusses - z.B. für den Gewinner des Schlagerwettbewerbs. Auf einen weiteren und anders gelagerten Aspekt lenkt der Manipulationsverdacht gegenüber TED-Abstimmungen den Blick. Luhmann schließt seinem viel zitierten Satz, dass wir das, »[w ]as wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen [...], durch die Massenmedien« wissen, die Überlegung an: »Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, daß wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen fuhrt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt.«51 Der Manipulationsverdacht gegen TED-Abstimmungen versieht das Wissen »mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren« und müsste damit in die komplexen Probleme führen, die der Zweifel an allem Wissen zur Folge hat. Doch der bei den TED-Abstimmungen formulierte Manipulationsverdacht löst das Problem auf dem Wege, den die Schauerromane des 18. Jahrhunderts verfolgt haben und der, wie Luhmann vermerkt, heute keine Lösung mehr sein kann, »SO gerne selbst So-

51 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, Opladen: Westdeutscher Verlag 2 1996, S. 9.

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ziologen daran glauben möchten«: Der Manipulator ist ein »geheime[r] Drahtzieher im Hintergrund«. 52 Sieht man einmal ab von falschen oder richtigen Gewinnern, von dem Manipulationsverdacht und der Suche nach den Drahtziehern im Hintergrund, so rückt ein Problem ins Zentrum, das die Konflikte um die TED-Abstimmungen begleitet, seit jeder, der will, anrufen kann: Es geht um Bedenken dagegen, dass im Einsatz von TED das Prinzip der Repräsentativität verletzt wird. Was bedeutet es, wenn ein Publikum, das so unsichtbar ist wie die Mediennutzer, durch Methoden sichtbar gemacht wird, die nicht repräsentativ sind, die nicht den Durchschnitt der Bevölkerung, sondern vielleicht nur die Geschicklichkeit von Hackern >abbilden